Karl Emil Franzos Aus der großen Ebene Erster Band Neue Kulturbilder aus Halb-Asien 1888 Vorwort Den beiden Sammlungen von Kulturbildern aus dem östlichen Europa, welche ich unter dem Titel » Aus Halb-Asien « und » Vom Don zur Donau « habe erscheinen lassen, schließt sich das vorliegende Werk in gewissem Sinne als eine Fortsetzung und Ergänzung an. Es setzt bei dem Leser nicht die Kenntniß jener beiden ersten Werke voraus und darf als völlig selbstständig und in sich abgeschlossen gelten, da es fast durchweg andere Erscheinungen aus dem eigenthümlichen Leben jener Länder und Völker vorführt; auch in der Art der Behandlung wird ein Unterschied wahrnehmbar sein. Das Stoffgebiet im Ganzen und Großen aber ist dasselbe, und ebenso wird man das gleiche Gesammturtheil wiederfinden, welches ich dort über jenes sonderbare Gemisch von Kultur und Barbarei abgegeben. Dies Letztere zu betonen, erscheint mir schon mit Rücksicht auf den langen Zeitraum, welcher dies Buch von seinen Vorgängern trennt, nicht überflüssig. »Aus Halb-Asien« ist zuerst vor zwölf, »Vom Don zur Donau« vor elf Jahren erschienen. Wohl liegt zwischen der Entstehung der einzelnen Aufsätze, welche diese beiden Sammlungen enthielten, und jener des vorliegenden Werkes kein gleich großer Abstand; dieselben sind (ich habe die Jahreszahlen der ersten Veröffentlichung beigefügt) zum größeren Theile im vorigen Jahrzehnt, nur einige seither geschrieben, aber ich sammle sie eben deshalb in Buchform, weil ich sie auch heute noch vertreten kann. Nun sind zwölf Jahre eine lange Frist, besonders wenn sie sich zwischen das Erstlingswerk eines jungen Schriftstellers und ein Buch seiner reifen Mannesjahre legen, und es ist beinahe undenkbar, daß sich nicht während dieser Jahre seine Anschauungen vielfach vertieft, gemildert oder verschärft hätten. Dies ist, wie bei Jedermann, auch bei mir der Fall gewesen, und insbesondere wird mir hoffentlich keine einsichtige Prüfung das Zeugniß versagen, daß ich mich noch sorglicher als bisher gemüht, gerecht zu urtheilen und mein Urtheil zu begründen. Aber meine Anschauungen über Wesen und Werth der Kultur, meine Ueberzeugung, welche Entwicklung und Strömung im Volksleben nützlich und löblich, welche schädlich und verdammenswerth ist, haben sich nicht wandeln können, und weil sich die Zustände des Ostens im Laufe des letzten Jahrzehnts nicht erheblich verändert haben, so hat auch mein Urtheil dasselbe bleiben müssen und ich habe von jenen Worten, welche ich im Herbst 1877 im Vorwort zur Sammlung »Vom Don zur Donau« schrieb, auch jetzt nichts hinwegzunehmen: »Ich kann die Zustände des Ostens weder an sich erfreulich finden, noch scheinen sie mir für die nächste Zukunft zu frohen Hoffnungen zu berechtigen. Theils sind sie noch völlig barbarisch, theils durch eine Scheinkultur modifizirt, welche an den inneren Kern des Volksthums nicht rührt und vielfach weitaus mehr schadet als nützt. Zu einem organischen Fortschritt, zu einer Herausbildung nationaler Kulturen sind theils gar keine, theils nur sehr dürftige Keime zu gewahren. Kultur und Fortschritt sind eben nur durch ernste Arbeit zu erreichen. Diese Arbeit muß begonnen werden und darf, wo sie begonnen ist, weder in's Stocken gerathen, noch überhastet werden. Soll sie gelingen, so müssen vor allem zwei Vorbedingungen erfüllt sein: Erstens dürfen sich diese Völker westlicher Kultur nicht hochmüthig verschließen, aber sie dürfen auch nicht den Schein für das Sein nehmen und glauben, daß mit einer Nachäffung bloßer Formen Alles erreicht ist, sie müssen den Einfluß einer echten, großen Bildung auf sich wirken lassen, aber nur dazu, um ihre eigene schlummernde Kraft anzuregen und wachzurufen. Die deutsche Kultur scheint mir durch ihre Gründlichkeit und Selbstlosigkeit zu dieser Segensmission vor Allem berufen und darum kämpfe ich dafür, daß sich der slavisch-rumänisch-jüdische Osten zu seinem eigenen Heil dem Einfluß des deutschen Volkes nicht entziehe. Zweitens aber kann Kulturarbeit nur da glücken, wo Friede herrscht, darum kämpfe ich für die Gleichberechtigung der Nationalitäten und Religionen jenseits der Karpathen, darum stehe ich gegen die Unterdrücker für die Bedrückten. Ich bekämpfe den Druck, welchen die Russen auf die Kleinrussen und Polen üben, aber wo die Polen, wie dies in Galizien der Fall, ein Gleiches thun, da kämpfe ich gegen den Druck, welchen sie den Kleinrussen, Juden und Deutschen auferlegen. Ich trete für die Juden ein, weil sie geknechtet sind, aber ich greife die Knechtschaft an, welche die orthodoxen Juden selbst den Freisinnigen ihres Glaubens bereiten. Ich bin für den berechtigten Einfluß des deutschen Geistes im Osten, aber wo in seinem Namen gewaltsame Germanisirung versucht wurde, da geißele ich diese verhängnißvollen Bestrebungen.« Und wiederholen darf ich auch heute noch, was ich vor elf Jahren des ferneren ausführte, daß ich mich frei weiß von jeglichem nationalen oder religiösen Vorurtheil und, um nur ein Beispiel anzuführen, gewiß lediglich die ungerechte Hegemonie der galizischen Polen, nicht aber die Polen als Nation bekämpfe. Auch hinzuzufügen ist nicht viel, namentlich nicht viel Erfreuliches. Rußland und die Balkanländer stehen vielleicht nicht einmal materiell, geschweige denn kulturell höher und gefesteter da, als nach dem Berliner Congreß; in Rumänien haben sich die Zustände nur um ein Weniges stabilisirt und gehoben; Galizien aber bietet heute ein noch betrüblicheres Bild, als vor einem Jahrzehnt, weil der Rassen- und Glaubenshaß sich noch gemehrt hat und der Einfluß der deutschen Kultur, welche erziehend und vermittelnd wirkte, in stetem Sinken begriffen ist. Dies Letztere ist leider eine in allen Ländern des europäischen Ostens immer deutlicher hervortretende und im wahren Interesse dieser Länder kaum genug zu beklagende Erscheinung. Zwei Umstände waren es, welche einst die Einwirkung des deutschen Geistes auf die Kulturentwicklung Halb-Asiens ermöglicht und gesichert haben. Erstlich eine gewisse Sympathie für das Volk der Dichter und Denker, welche ebenso in der Anerkennung der Vorzüge des idealen deutschen Geistes, wie in einem gewissen Mitleid mit unserer politischen Ohnmacht ihren Grund hatte. Wir boten keinerlei Anlaß zu Furcht und Neid, im Gegentheil konnten sich die Halbbarbaren, wenn sie deutsche Lehrer, Aerzte, Ingenieure, Handwerker u.s.w. beriefen und dadurch das Uebergewicht des deutschen Volkes auf allen Gebieten menschlichen Schaffens anerkannten, durch billigen Spott über die »Nation von Ideologen« schadlos halten. Seit 1870 ist dies anders; begründeter Neid auf Deutschlands Größe und grundlose Furcht vor seiner Eroberungslust und Herrschsucht haben die Sympathie in Haß gewandelt; wo sich der Deutsche entbehren läßt, wird er verdrängt, wo er unentbehrlich ist, nach Kräften behindert und gedemüthigt. Man hat sich vor fünfzehn, vor zehn Jahren über diese Erscheinung damit getröstet, daß sie ja vernünftigerweise bald vorübergehen müsse; sie ist aber in steter Zunahme begriffen und der Deutschenhaß im Osten zu einer geistigen Krankheit geworden, deren Ende nicht abzusehen ist. Nun, wir Deutschen haben zwar sicherlich auch keinen Grund, uns dieser Strömung zu freuen, aber uns bleibt der doppelte Trost, diesen Haß nur eben unseren politischen Erfolgen zu verdanken und andererseits seine Consequenzen im Ganzen doch recht wohl ertragen zu können. Für Halb-Asien aber bedeutet die feindselige Ablehnung der deutschen Kultur einen unermeßlichen, auf Menschenalter hinaus wirkenden und in absehbarer Zeit nicht gutzumachenden Schaden. Sie verschuldet jene beiden Extreme, von denen kaum zu sagen ist, welches gefährlicher und thörichter ist: den blinden, unbedingten, haltlosen Anschluß an die Formen französischen Wesens, – und das Auftauchen der »autochthonen«, »ur-nationalen«, keines fremden Einflusses bedürftigen »Kultur«, mit welcher z.B. die Aksakow und Nachfolger Rußland beglücken möchten. Die Einen wollen um jeden Preis Pariser werden und die Anderen Barbaren bleiben – das langsame Heranreifen nationaler Kulturen unter der Aegide des deutschen Geistes, welcher sich gerade im Osten zumeist als selbstlos erwiesen, erscheint überall unterbrochen. Aber auch jener zweite Umstand, welcher einst den deutschen Einfluß im Osten begründet, hat sich in sein Gegentheil gewandelt: die innere Politik Oesterreichs. Die seit 1879 herrschende »Versöhnungs«-Aera hat überall einen selbst in diesem unglücklichen Staate unerhörten Hader der Nationalitäten herbeigeführt, mit den schlimmsten auch in Galizien und der Bukowina. Das Deutschthum, im Westen schwer bedrängt, liegt im Osten völlig zu Boden; jene edle Saat, welche der größte Habsburger, Josef II., ausgestreut und die auch seine nächsten Erben nie ganz vernachlässigt, wird heute zerstampft und zernichtet, während das Unkraut frech und fröhlich emporschießt. Kein Zweifel, der Traum vom deutschen Kulturstaat Oesterreich scheint wirklich zu Ende. Hoffentlich scheint dies nur so, denn ein Verharren auf den bisherigen Bahnen würde das altehrwürdige, im Interesse Europas notwendige Staatswesen zur Ohnmacht, wenn nicht zu schlimmerem Geschick führen. Eben deßhalb haben wir Deutschen in- und außerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle vollen Grund, die Taaffe'sche Politik zu bekämpfen, so weit uns die Kraft reicht. Man hört in Deutschland zuweilen äußern, das sei ein innerer Streit, welcher das reichsdeutsche Interesse nicht berühre: die äußere Politik sei eine tadellose und das genüge. Es genügt nicht; eine Politik, welche nach Außen als Bundesgenosse Deutschlands auftritt und im Innern das Deutschthum befehdet, krankt an einem Widerspruch, der sich früher oder später – möglicher Weise in einem sehr verhängnißvollen Augenblick – aus der Theorie in die Praxis übersetzen kann, und selbst wer dies leugnen wollte, muß zugeben, daß der Föderalismus die Kraft und Macht des verbündeten Staates schwächt. Stellt man sich vollends, was wir Deutsch-Oesterreicher von den Reichsdeutschen wohl fordern dürfen, auf den nationalen Standpunkt – wie werden Einem dann die heutigen Geschehnisse in Oesterreich erscheinen! Darüber auch noch des Weiteren zu sprechen, ist wahrlich überflüssig; wohl aber darf gefragt werden, wem diese Politik eigentlich dauernden Nutzen bringen kann. Den Deutschen sicherlich nicht, dem Staate ebenso wenig; und sind die Siege der Czechen, Polen und Slovenen nicht wahre Pyrrussiege, da sie ja auf Kosten der Kraft und Widerstandsfähigkeit jenes Reichs errungen werden, das allein im Stande ist, sie vor ihrem schlimmsten und gefährlichsten Feinde, dem Moskowitismus, zu bewahren?! Den schwersten Schaden aber erleidet heute weder Oesterreich, noch das Deutschthum, sondern die Kultur. So lange Galizien und die Bukowina im Sinne des Josefinismus von deutschen Beamten verwaltet wurden, herrschte Friede im Lande, Friede in nationalen und Glaubensfragen; der Wohlstand begann emporzukeimen; Gerichts- und Schulwesen standen auf derselben Höhe, wie im westlichen Oesterreich; der Pole, der Ruthene und Rumäne konnten, da Wind und Sonne unparteiisch zwischen ihnen getheilt waren, in friedlichem Wettstreit, vom deutschen Vorbilde angeeifert und geleitet, an der Entwicklung ihres geistigen Lebens arbeiten, der Jude sich der deutschen Kultur ausschließen. Wie anders heute! Die »polnische Wirthschaft« hat die materielle Lage verschlechtert; die Gerichte sind – eine offenkundige Thatsache! – zum beträchtlichen Theil corrumpirt; die nationalen Schulen schlecht oder mittelmäßig. Wenn es nun schon für den Polen ein fragwürdiger Profit bleibt, lieber von polnischen Lehrern einen mittelmäßigen, als von deutschen einen gediegenen Unterricht zu erhalten, und lieber im Schneckengange durch ein polnisches, als rasch durch ein deutsches Urtheil zu seinem Recht zu gelangen – was sollte vollends den Ruthenen und den Juden über diese Polonisirung trösten? Der Deutsche stand ihm unbefangen gegenüber und tastete an seine Nationalität nicht, der Pole ist sein nationaler Todfeind! Und wie viel Kraft, die sonst trefflich genützt werden könnte, verschlingt der wüste Glaubens- und Nationalitäten-Hader, der nun das Land durchtobt! .... Noch ist in der Bukowina die Sachlage etwas besser, aber auch dort hat die »Versöhnung« bereits recht bedenkliche Erfolge aufzuweisen. Schon stehen Rumänen und Ruthenen einander feindlich gegenüber; das Deutschthum, bisher das vermittelnde Element, wird nun von beiden Seiten befehdet, das Polenthum gewinnt an Einfluß und schon liegen sich in demselben Ländchen, welches noch vor zwölf Jahren ein Eldorado der unbedingtesten Toleranz gewesen, die Confessionen in den Haaren. Die deutschen Gymnasien der Bukowina waren einst Musteranstalten, denen die Schüler aus allen benachbarten Ländern zuströmten, heute ist ihr Ruhm verblichen. Und was hätte die deutsche Universität Czernowitz für den gesammten Osten bedeuten können, während sie jetzt, von der Regierung als Stiefkind betrachtet und auf das Kärglichste ausgestattet, ein armseliges Dasein fristet! Nur mit Wehmuth kann ich mich der Tage ihrer Gründung erinnern oder jene Blätter lesen, die ich in meinem Buche »Aus Halb-Asien« ihr und ihrer Kulturmission gewidmet. Gewiß, es wird Einem nicht fröhlich zu Muthe, wenn man sich dessen erinnert, wie die Dinge im Osten hätten kommen können und wie sie nun gekommen sind. Wir Alle, die wir an Österreich und seinen Kulturberuf im Osten geglaubt, und, Jeder an seiner Stelle und nach seiner Kraft, für denselben gekämpft, vermögen kaum ein Gefühl der Bitterkeit zu überwinden. Muthlos aber wollen wir nicht werden und den Kampf nicht aufgeben. Wir haben Schlachten verloren, nicht den Krieg. Man hat Österreich nicht umsonst das Land der Unwahrscheinlichkeit genannt; hat dieser Staat plötzlich und zu einer Zeit, da dies Niemand für möglich gehalten hätte, das Deutschthum im Osten und seine eigenen besten Interessen preisgegeben, so ist es möglich, daß sich ebenso plötzlich und zu einer Zeit, da dies nur Wenige mehr zu hoffen wagen, ein Umschwung vollzieht. Tritt derselbe nicht ein, bleiben die Polen und Rumänen Sieger und verschütten sie nun den Born der Bildung, aus dem sie sich Kraft getrunken, so wird uns der Trost bleiben, unsere Pflicht treulich bis zum Letzten gethan zu haben. Und wenn im » Exoriare aliquis ...« etwa auch ein Trost steckt, so wird uns auch dieser nicht fehlen – gewiß nicht! Noch ruhiger und zuversichtlicher sehe ich der Lösung einer anderen Kulturfrage des Ostens entgegen, mit welcher sich die vorliegende Sammlung in einer Reihe von Aufsätzen beschäftigt; ich meine die Judenfrage. Wie ich darüber denke, sagt dies Buch, namentlich der Essay: »Ein Befreier des Judenthums.« Und mag der Antisemitismus zeitweise noch so wüst emporflackern, im Westen wird er die vollständige Assimilirung der Juden nicht mehr zu hindern vermögen; die Zeit, wo man nicht mehr von deutschen, englischen oder französischen Juden, sondern jüdischen Deutschen, Engländern und Franzosen sprechen wird, wie man von katholischen und evangelischen Deutschen spricht, und genau nur in demselben Sinne, wie von diesen, wird kommen. Und gleich unerschütterlich ist meine Ueberzeugung, daß auch im Osten aus dem nationalen Juden dereinst ein gleichberechtigter und treuer Sohn jenes Volkes werden wird, unter dem er lebt und dem er sich anschließt. Welche Hindernisse sich diesem Endziel entgegenthürmen, verkenne ich nicht; es wird Jahrhunderte währen, bis es erreicht ist, aber erreicht wird es werden. Denn die Judenfrage ist lediglich eine Kulturfrage; sie hört auf eine Frage zu sein, sobald die Kultur zum vollen Siege gelangt ist. »Jedes Land hat die Juden, die es verdient«; so lange der Jude wie ein Paria behandelt wird, müssen in seinem Wesen einige Züge hervortreten, wie sie eine unterdrückte und mißhandelte Rasse im Kampfe um's Dasein entwickelt; aus den Juden gute und nützliche Staatsbürger zu machen, ist nicht etwa blos ein Gebot der Humanität oder der Gerechtigkeit, sondern noch weit mehr ein Gebot der Staatsklugheit; human, gerecht, staatsklug können Barbaren oder Halbbarbaren nicht handeln. Aber auch noch in anderem Sinne muß jenes Wort als ein Mahnwort gelten; der Jude ist bildungsfähig und kann bis zu einem gewissen Grade aus eigener Kraft fortschreiten; die rechte Kraft und der rechte Fortschritt kommen ihm nur aus der Kultur des Volkes, unter dem er lebt. Die Zustände des östlichen Judenthums lassen sich nur dann recht begreifen und gerecht beurtheilen, wenn man sie im Zusammenhange mit der gesammten Kultur-Entwicklung Halb-Asiens betrachtet. Wie diese im Allgemeinen keine erfreuliche ist, so ist auch über diese spezielle Frage aus letzter Zeit nicht viel Tröstliches zu berichten. Daß der Einfluß des deutschen Geistes im Osten eine so erhebliche Abschwächung erfahren, wirkt auch auf den Fortschritt der Juden in Galizien und der Bukowina höchst ungünstig ein. Wie corrumpirt auch ihr Jargon ist, so ist er doch ein deutscher Jargon und die Aneignung des Hochdeutschen fiel und fällt ihnen daher am leichtesten. Der Besitz einer Kultursprache ist freilich nur der erste, aber zugleich der wichtigste Schritt; die anderen folgen. Heute soll der Jude nicht mehr das Deutsche, sondern das Polnische oder Rumänische erlernen, und das fällt ihm nicht blos weit schwerer, sondern davon hat er auch weit weniger; statt direct auf sein Ziel, die Aneignung westlicher Bildung loszugehen, soll er es nun auf einem Umweg erreichen, dem er nicht ohne Grund mißtraut. Früher konnte man ihn vor die Frage stellen: »Willst du ein Jude bleiben oder ein Deutscher werden?« und ihn durch Vernunftgründe zu dem Letzteren zu bestimmen suchen; ein Pole oder Rumäne zu werden, erscheint ihm schon weniger lockend. Auch suchte jene Macht, welche das Deutschthum im Osten repräsentirte, die österreichische Regierung, ihm die Wege zum Anschluß zu ebnen; der Pole und der Rumäne jagen ihn mit Kolbenstößen in sein Ghetto zurück. Keine politische Allianz ist natürlicher als jene des parlamentarischen Polen-Clubs mit der orthodoxen Judenschaft – beide haben dasselbe Ziel: Aufrechterhaltung der Barbarei innerhalb des Judentums; beide handeln aus Egoismus, der Pole auch noch aus Judenhaß, der sich zudem durch die saubere Mode des Antisemitismus verschärft hat. Auch diese geistige Krankheit wuchert heute im ganzen Osten, gerade wie der Deutschenhaß und genau aus denselben Gründen: Neid und Furcht. Auch der Antisemitismus ist in stetem Wachsen begriffen und sein Ende nicht abzusehen. Aber er wird es finden, wie der Deutschenhaß – es gibt Zeiten, wo die Menschheit auf dem Kopfe zu stehen scheint, aber endlich stellt sie sich doch wieder auf die Füße und marschirt tapfer vorwärts. Im unerschütterlichen Glauben an einen Fortschritt, an eine Verbesserung und Veredlung der Völker des Ostens ist dies Buch geschrieben, aber eben weil es das Düster erhellen will, so weit ihm die Kraft dazu gegönnt ist, muß es auf dasselbe hinweisen und die Wahrheit bekennen. Sie findet sich überall in diesem Buche ausgesprochen, auch da, wo nach den bisherigen Erfahrungen die Gefahr einer böswilligen Mißdeutung nahe liegt. Man hat wiederholt einzelne Stellen aus meinen früheren Büchern, welche harte Urtheile über diese oder jene Unsitte der östlichen Juden ausgesprochen, aus dem Zusammenhang gerissen und auf die Juden des Westens angewendet, mit dem Beifügen, daß ja ich wohl meinen Glaubensgenossen kein Unrecht thäte. Ich kann Niemand verwehren, das Fälscherstück auch diesmal auszuführen und dadurch Sinn in Unsinn, Wahrheit in Lüge zu verwandeln. Aber daß dies eben nur ein Fälscherstück wäre, sei schon hier ausgesprochen. » Vincit veritas! « – mit diesem Wort habe ich das Vorwort meiner beiden ersten Sammlungen geschlossen und weiß auch für diese kein besseres. Es ist eine trübe Zeit, in der wir leben; wir aber wollen fortfahren an das Licht zu glauben und auf seinen Sieg zu hoffen. Vincit veritas ! Berlin, 24. Juni 1888. Der Verfasser. Der Geistertödter. (1878.) Es war im August 1875 und einer der schwülsten Tage jenes glutenreichen Sommers. Vom frühen Morgen an hatte die Sonne mit jener stechenden Kraft, welche ein Gewitter verkündet, in das enge Thal der Suczawitza niedergebrannt und auf das altersgraue Kloster, welches sich hier mitten im Karpathenwald erhebt, einsam und düster, die einzige Menschenwohnung auf weite Meilen in der Runde. Es ist ein mächtiger Bau, rauh, schmucklos und gewaltig, wie der Mann, der ihn gegründet: Michael der Streitbare, einer der wenigen starken und weisen Fürsten, welche das Schicksal bisher dem rumänischen Volke gegönnt. Nachdem er den Feind geschlagen, wo er ihn gefunden, nachdem er das junge Reich wieder aufgerichtet, hatte der müde Held an eine Ruhestätte gedacht, und hier, unfern der Nordgrenze der Moldau, ein Kloster gestiftet: Suczawitza. Zweierlei trug er den Mönchen auf: streng nach der Regel des heiligen Basilius zu leben und für das Fürstenthum zu beten – für seine eigene unsterbliche Seele glaubte er bei Lebenszeit genug gesorgt zu haben. Und dann ging er ruhig heim, einer der wenigen Menschen, von denen die Geschichte berichtet, daß ihnen das Sterben leicht geworden. Er liegt im Kloster begraben, genau an der Stelle, die er sich selbst erwählt; im Uebrigen ist sein letzter Wunsch schlecht erfüllt worden. Die Mönche haben nicht blos nach der Regel des heiligen Basilius gelebt, sondern auch nach der des Bacchus und der Venus – und was das Beten für das Fürstenthum betrifft, so haben sie es wohl gleichfalls nicht recht erfüllt oder vielleicht hat es auch nichts genützt: die Moldau ward bald eine Beute des Türken. Es ist zu hoffen, daß der Schlaf des alten Michael ein fester gewesen, und daß in seine tiefe, kühle Schlummerstätte weder der tolle Rundgesang der Mönche hinabgeklungen, noch ihr Jammergeschrei, wenn der Türken-Aga kam, den Tribut einzuheben. Denn es ging in diesen christlichen Landen in den ersten Jahrhunderten der Türkenherrschaft seltsam zu: die Klöster blieben aufrecht, die Mönche führten unbehelligt ein fröhlich Lotterleben, nur daß der Türke in angemessenen Pausen das warme Nest ausräumte, welches dann wieder von den gläubigen Bauern im Schweiße ihres Angesichts gefüllt werden mußte. In Bulgarien hat dies fröhliche Spiel bis in unsere Tage hinein gewährt, in der Walachei bis zum Antritt dieses Jahrhunderts, für Suczawitza freilich endete es schon im Spätherbst 1774, an jenem ersten October, da der Oesterreicher die nördliche Moldau, die »Bukowina«, in Besitz nahm. Kaiser Josef machte Ordnung im Lande: zuvörderst hob er alle Nonnenklöster auf und es lebt heute keine Spur mehr von ihnen, wenn man nicht das Sprichwort der rumänischen Bauern: »Weiber werden im siebzigsten Jahre keusch, Nonnen im achtzigsten« als solche gelten lassen will – von den Mönchsklöstern aber ließ er zwar drei bestehen, das fröhliche Leben jedoch hatte ein Ende. Nun kam wieder die Regel des heiligen Basilius zu Ehren und außerdem ordnete ein grausam strenges kaiserliches Statut das klösterliche Treiben der griechisch-orthodoxen Mönche. In diesem Starut las ich an jenem Augusttage – der würdige Jegumen (Abt), Konstantinowitsch de Grekul, hatte es bereitwillig mit einem ganzen Stoß sonstiger Klosteracten in die Zelle schaffen lassen, welche er mir gastlich eingeräumt. Auch lag da mein Notizheft vor mir aufgeschlagen, aber zur Arbeit kam ich doch nicht. Es war eine lähmende Schwüle in der Stube und draußen in dem Klosterhofe zitterte das Laub der Linden in der unsäglichen Hitze. Mein Gefährte, ein junger gebildeter Mönch, den mir der Abt als Helfer beigegeben, war sachte eingenickt, und ich hatte Mühe, nicht seinem Beispiele zu folgen, obwohl doch wahrlich aus den vergilbten Blättern, die ich durchlas, ein frischer, belebender Hauch drang, der Geist der einzigen großen Epoche, welche dem österreichischen Staate zu erleben gegönnt gewesen, der Geist des Josefmismus ... »Auch ist den Mönchen einzuschärfen, daß sie nur dem Glauben dienen dürfen, nicht dem Aberglauben ...« Ich nahm meinen Stift zur Hand, dies goldene Wort nachzuschreiben, aber ich kam nicht dazu. Durch die Todtenstille, die bisher über dem alten, heiligen Bau gelegen, klang plötzlich ein seltsamer, sehr unheimlicher Ton: ein Grunzen wie von einem Dutzend Schweinen. Genau so klang es, aber als ich an's Fenster trat, erkannte ich freilich, daß es ein Mensch war, welcher diese Laute hervorstieß. Ein Mensch, homo sapiens , noch dazu ein gottgeweihter Mensch, aber doch nur in kleinen Aeußerlichkeiten von der sus scropha domestica geschieden. Oder kurz und ohne alles Latein: da drunten wälzte sich eben aus einem Anbau ein dicker, schwer betrunkener Mönch hervor und auf den Klosterhof hinaus. Die Kutte war besudelt und zerrissen, das struppige Haupt, gegen die strenge Regel, unbedeckt... »Hm! hm!« klang ein verlegenes Räuspern hinter mir. Der junge Mönch war aus seinem Schlummer aufgefahren und blinzelte nun, offenbar tief beschämt, bald auf mich hin, bald auf seinen würdigen Bruder im Hofe, der sich indes, im buchstäblichen Sinne des Wortes, vorwärts wälzte, gegen den Springbrunnen zu, der neben dem Kirchenportal plätscherte. Der artige, gebildete Mensch dauerte mich. »Ihr Kotnaer,« sagte ich, »ist ein gefährlicher Wein – man weiß nie recht, wie weit man ihm trauen soll.« Aber mein junger Pater Stefanus zuckte energisch die Achseln. »Kotnaer?« meinte er lächelnd. »Unser Cyrill trinkt immer Schnaps, Kornschnaps, den stärksten, der drüben in Bessarabien gebrannt wird.« »Und das duldet Ihr Abt?« »Was soll er thun?« »Es verbieten!« »Allen Anderen ist es ja verboten!« war die Antwort. »Und bei vielen von uns ist wahrlich nicht erst ein solches Verbot nöthig. Aber mit dem Cyrill ist das eine besondere Geschichte –« er stockte verlegen. »Darf er trinken, so viel er will?« fragte ich. »Ja!« »Warum?« »Weil – hm! – er behauptet, daß es ihm für seine Arbeit nöthig ist. Der Abt empfindet es sehr peinlich, wir Andern auch, aber wir müssen es eben dulden!« Ich blickte ihn fragend an. »Ja – sehen Sie, die Einkünfte des Klosters sind so gering!« »Aber vermehrt sie dieser Mensch?« »Gewiß – er hat im ganzen Lande und bis in die Moldau hinein einen großen Ruf unter den Bauern –« »Doch nicht durch sein Schnapstrinken?« »Nein!« lachte der junge Mönch. »Aber wenn man ihm das Trinken verbietet, so bricht er zusammen, nur der Schnaps gibt ihm noch die Kraft zur Arbeit. Was thun? Ein Anderer kann solche Arbeit doch nicht verrichten!« »Welche Arbeit?« Der junge Mönch lächelte, aber es war ein mühsames und verlegenes Lächeln. »Wissen Sie es wirklich noch nicht? – Unser Cyrill ist ja ein Geistertödter, derzeit der einzige, wirklich tüchtige im Lande.« »Ein Geistertödter?« Ich sah erstaunt auf und stürzte an's Fenster hin – nun mußte mich ja dieses versoffene Subject ganz anders interessiren als bisher. Aber auch jetzt konnte ich nichts Merkwürdiges oder gar Dämonisches an ihm gewahren. Der dicke Cyrill – er mochte in den Vierzigen sein und trug auf einem Stiernacken ein rothes, weitläufiges und überaus plumpes Gesicht – hatte sich bis unter den Strahl des Brunnens geschleppt und sein Haupt darunter gesteckt. Das röthlich-violette Gesicht wurde bei dieser Procedur allmälig blasser, aber die Ähnlichkeit mit jenem Hausthier wahrlich kaum geringer. Ich trat zurück. »Sonderbar!« sagte ich zu meinem Gefährten. »So hätte ich mir einen »Geistertödter« nun und nimmer vorgestellt! Ich dachte, so oft ich davon hörte, an einen hohen, blassen, ascetischen Greis, der namentlich durch seine persönliche Würde wirkt und insbesondere durch die Macht seines Blicks!« Der Mönch lächelte. »Sie vergessen,« erwiderte er, »daß unser Cyrill nur mit Bauern »arbeitet«. Und denen imponirt in letzter Linie doch nur die Körperkraft!« »Also prügelt Ihr Bruder Cyrill die bösen Geister?« »Gewiß! Wenigstens in den meisten Fällen! Und wo er es nicht thut, ist alle Mühe ganz gewiß vergeblich!« »Und gibt es auch Fälle, wo sie nicht vergeblich ist?« »Ja!« Er sagte es laut, entschieden, im Tone der Ueberzeugung. Und als ich ihn ansah, schlug er den Blick nicht nieder. Ich gestehe, das war mir befremdlicher und unheimlicher, als seine Mittheilung über das Handwerk des dicken Cyrill. Davon hatte ich, wie jeder Mensch, der im Osten aufwächst, oft reden hören. Ein »Geistertödter« ist ein Mann, der durch die Kräfte des Gebets, des Himmels und der Heiligen den Fürsten der Hölle und sein schwarzes Heer bekämpft, wo immer sie sich offenbaren. Der Aberglaube, der über jenen armen Menschen liegt, wie ein finsterer Dämon, der ihr Gehirn mit düsteren Bildern, ihr Herz mit unheimlichen Gefühlen erfüllt – der Aberglaube sorgt dafür, daß der »Geistertödter« oft benöthigt wird. Wenn es in einem Hause spukt, wenn Vieh oder Menschen plötzlich erkranken, wenn ein Wüthen der Elemente das Werk des Menschenfleißes jählings vernichtet – der Teufel hat es gethan und kein Anderer. Und wenn vielleicht in relativ helleren Köpfen in solchen Fällen noch ein Zweifel obwaltet, so steht es doch gewiß Allen fest, bombenfest, daß nur der Satan die Menschen wahnsinnig macht. Er läßt einen seiner kleinen Geister in den Leib des Unglücklichen fahren und dieser tobt nun aus seiner Hülle heraus. Der Kundige braucht wohl kaum erst daran erinnert zu werden, daß diese Ueberzeugung aus verschiedenen, freilich gleich trüben Quellen fließt: aus dem uralten heidnischen Glauben an Dämonen, aus der unseligen Furcht, welche die christliche Kirche des Ostens in ihrer späteren Verbildung durch die Lehre von den Geistern über ihre Bekenner gebracht, endlich aus dem Hang des Naturmenschen, unheimliche und ihm räthselhafte Wirkungen auf eben so räthselhafte Ursachen zurückzuführen. Welcher dieser Factoren am meisten dazu beigetragen, den bösen Geist zu einem so häufigen Gast und den »Geistertödter« zu einem unentbehrlichen Menschen in Halb-Asien zu machen, mag dahingestellt bleiben – gewiß ist, daß fast jedes Dorf einen »Geistertödter« hat. Selten gibt sich – wenigstens in der Bukowina, in Rumänien ist es anders – der Geistliche dazu her; oft ist es der Küster; oft auch irgend ein alter, angesehener Bauer ohne jedes geistliche Amt. Die Regierung schreitet nicht dagegen ein – es fiele ihr auch schwer, denn wer der »Geistertödter« ist, erfährt schwerlich jemand, der nicht als Bauer unter den Bauern lebt. Viel eher kann man seinem Gegenpart, dem »Zauberer« auf die Spur kommen. Das ist ein Mensch, der auch gegen den Teufel operirt, aber nach dem Grundsatz: » Similia similibus « Teufelskünste anwendet. Er und der »Geistertödter« stehen sich feindlich gegenüber, nicht blos als Geschäftsconcurrenten – wer den Einen nutzlos consultirt, ruft dann oft den Anderen – sondern weil letzterer als der Mann, der »mit Gottes und der Heiligen Hilfe« arbeitet, auf den »Zauberer« verächtlich herabsieht. Dieser ist oft ein Zigeuner oder der Schinder des Ortes, oder eine sonstwie anrüchige Persönlichkeit, der »Geistertödter« hingegen stets ein höchst respectirter Mann, welcher auch da, wo er nicht zugleich Priester ist, als eine Art Vermittler zwischen Gott und den Menschen gilt. Kurz – der »Geistertödter« ist eine ganz aparte und eigenthümliche Erscheinung im Kulturleben der östlichen Völker. Und da man, wie erwähnt, so oft von ihm reden hört und so selten einen Menschen dieses Handwerks kennen lernen kann, so wird man es begreiflich finden, daß ich mindestens einen Versuch machte, mich diesmal näher zu orientiren. Der höfliche Stefanus kam mir auf halbem Wege entgegen. »Sie sind«, meinte er lächelnd, »offenbar sehr erstaunt, daß ich in die Kunst und Kraft des Trunkenbolds da unten einiges Vertrauen setze, und halten mich wohl gar für einen Heuchler. Das bin ich nun wahrlich nicht, habe auch keinerlei Gründe, für meinen Bruder Cyrill Reclame zu machen. Ich sage nur schlichtweg und nach eigener Ueberzeugung, daß dieser wüste Mensch auf andere Menschen Wirkungen übt, die geradezu verblüffend sind. Cyrill ist kein »Geistertödter« gewöhnlichen Schlages; gegen Verhexung, körperliche Krankheit oder Hagelschlag operirt er niemals, auch wenn man ihm oder dem Kloster noch so viel Geld bietet. »Das kann«, pflegt er zu sagen, »auch ein Anderer, dazu hat der Starke dort oben weder meinen Augen noch meinen Armen etwas von seiner Kraft geliehen.« Kurz – unser Cyrill geht dem Teufel nur in einzelnen Fällen zu Leibe, nur als Specialist und zwar als Specialist gegen Krankheiten des Geistes. Insbesondere behauptet er, Melancholie und Tobsucht heilen oder doch ganz gewiß lindern zu können ....« »Immer und ohne Ausnahme?« »Nach seiner Ueberzeugung: ja! Er ist ein ehrlicher Fanatiker dieser Ueberzeugung und schwört, daß ihn seine Kraft sofort verlassen würde, wenn er jemals an ihr zu Zweifeln anfinge. Wir Andern aber haben so oft zugesehen, wie sich seine Anstrengung nutzlos erwiesen, wie sie sogar – ich gestehe es offen – das Uebel momentan verschlimmerte, daß wir selbstverständlich diese Ueberzeugung nicht theilen können. Wohl aber wissen wir andrerseits aus dem, was unsere eigenen Augen gesehen, unsere eigenen Ohren gehört, daß Cyrill einige Tobsüchtige sanft und gefügig, einige Melancholiker heiter und verständig gemacht hat. Und zwar so wirklich und wahrhaftig, so unbestreitbar, daß wir an seiner Heilkraft in einzelnen Fällen so wenig zweifeln, als etwa daran, daß zweimal zwei vier ist!« »Und wie legen Sie sich die Sache zurecht? Doch nicht so, wie Cyrill selbst?« »Gewiß nicht«, erwiderte Stefanus. »Er ist überzeugt, daß ihm da wirklich im Kranken ein Teufel gegenübersteht, mit dem er ringen, den er besiegen muß. Ich aber glaube, um es kurz und bündig zu sagen, daß dem Manne eine ungewöhnliche magnetische Kraft eigen ist, welche auf den armen Kranken, gerade in dem Zustande maßloser Aufregung, in welchen ihn diese Cur bringt, doppelt stark wirken muß. Das heißt«, fügte er hastig hinzu, »so würde ich Einem, der nicht an Gottes Wunder glauben will, die Sache zurechtlegen.« Ich dachte mir mein Theil, schwieg jedoch, trat an's Fenster und blickte wieder nach dem Brunnen hin. Aber der »Geistertödter« war nicht mehr zu gewahren; er schien seine Toilette beendet zu haben und nur ein nasser Streifen auf dem Steinpflaster, der quer über den ganzen Hof hinzog, bewies, daß er sie gründlich verrichtet und dann mit triefendem Gewande langsam zurückgewandelt. Dieser Streifen wurde blässer, während ich darauf hinblickte, die Hitze sog ihn sichtlich auf. Denn sie wuchs immer mehr, und wie ein Gluthauch schlug die Luft durch das Fenster in die kühlere Zelle. »Ein Gewitter!« sagte Stefanus und wies nach dem Stücklein Himmel über dem Klosterhof. Da schob sich eben eine fahle gelblich-schwarze Wolke heran und breitete sich mächtig aus. »In einer halben Stunde bricht es furchtbar los! Es war schon am Vormittag mit Sicherheit zu erwarten, Cyrill aber scheint es schon gestern vorgefühlt zu haben.« »Wie so?« »Indem er bereits gestern Nachmittags einen Kranken für heute bestellte. Er »arbeitet« nämlich am liebsten während eines Gewitters, weil er behauptet, daß da die Kraft, welche ihm »der Starke da droben« verliehen, am mächtigsten in ihm ist. Er versichert, daß er beim ersten Blitz empfinde, wie ihn Gotteskraft neu durchriesle. Und Cyrill betrinkt sich fast täglich in bessarabischem Kornschnaps und ist ein roher Mensch, aber gelogen hat er sicherlich nie. Stimmt das nicht mit der Art, wie ich mir seine Kraft zu erklären suche?« »Ich gestehe Ihnen«, erwiderte ich, »daß ich ein gründlicher Ketzer bin. Ich glaube weder an Wunder, noch an Magnetiseure. Was ich von solchen gelesen oder selbst erfahren, lief doch immer auf Täuschung hinaus, im besten Falle auf Selbsttäuschung. Und daß Cyrill Gewitter voraussagt, ist mir kein Beweis für seine magnetische Kraft. Das trifft auch jeder alte Invalide, besonders im Sommer und im Gebirge, wo Gewitter so häufig sind.« »Wie Ihnen beliebt«, meinte der höfliche Mönch. »Ich kann Ihnen nur versichern, daß Cyrill diesbezüglich mit erstaunlicher Sicherheit prophezeit. Freilich nicht ganz direct, sondern, wie erwähnt, dadurch, daß er den Beginn der Cur auf einen Tag festsetzt, an dem es nach seinem Vorgefühl gewittern wird. Gestern brachten einige Bauern einen alten, riesigen Jäger aus der Luczyna auf einem Wagen gefesselt vor die Klosterpforte. Der Unglückliche war bereits vor einer Woche tobsüchtig geworden und lag seit drei Tagen mit Ketten und Seilen gebunden auf jenem Marterpfahl. Die Begleiter, darunter der Sohn des Kranken, flehten Cyrill an, sofort an's Werk zu gehen und boten ihm eine für ihre Verhältnisse sehr beträchtliche Summe. Aber dieser schüttelte den Kopf – »Morgen Nachmittags«, entschied er kurz und dabei blieb's trotz allen Flehens. Vergebens blieb auch ihre Bitte, den Kranken wenigstens zu besichtigen – Cyrill zeigt sich seinem –« Der Mönch suchte nach dem richtigen Ausdruck. »Opfer«, half ich ihm lächelnd ein. »Meinetwegen – seinem Opfer«, fuhr er fort, »nie eher, als bis er wirklich die Cur beginnt.« »Von Thierbändigern erzählt man Aehnliches«, bemerkte ich. »Aber ich will Sie nicht länger durch Zweifel belästigen, welche vielleicht unbegründet und ungerecht sind. Wir haben ja, nach Ihren Andeutungen, in der nächsten Stunde Gelegenheit, die Wahrheit zu erproben. Das Gewitter steht am Himmel – Cyrill wird wohl bald zu arbeiten beginnen?« »Ja – aber –« »Verbietet er das Zusehen?« »Nein – auch richtet sich in solchen Momenten seine Aufmerksamkeit so ausschließlich auf den Kranken, daß er niemand Anderen gewahrt. Aber«, fügte er hastig hinzu, »deßhalb darf ich Sie doch nicht hinführen – um keinen Preis! Was würde der hochwürdige Abt dazu sagen?« »Wir wollen ihn fragen!« »Aber wenn er erfährt«, meinte Stefanus zaghaft, »daß ich Ihnen davon berichtet –« »So wird er Ihnen nicht zürnen«, tröstete ich. »Wir kennen ja beide diesen trefflichen Mann. Was Ihr Herr Abt in seinem Kloster geschehen läßt, das kann er auch vor seinem Gewissen vertreten – das braucht nach seiner Meinung das Licht des Tages nicht zu scheuen!« Ich meinte es ernst und aus voller Ueberzeugung. Es gibt unter den Priestern aller Confessionen wenige, welche mir so unbedingte Hochachtung eingeflößt, als der Abt von Suczawitza, Herr Konstantinowitsch de Grekul. Er war ein milder, würdiger Diener des Herrn und dabei ein Mann voll ernster, thatfreudiger Energie, ein tiefgläubiges Gemüth, aber zugleich weltklug und welterfahren, ein Mann, welcher genau zu scheiden wußte, was Gott und der Kirche und was den Menschen und der Wissenschaft gehöre. Vielleicht traf er diesen richtigen Mittelweg – wie wenige wissen ihn zu wandeln! – deshalb mit so erfreulicher Sicherheit, weil er nicht in den Mauern eines Klosters alt geworden, sondern auf der Wahlstatt des Lebens. Er war einst Weltpriester, glücklicher Gatte und Vater, und Seelsorger einer großen Gemeinde gewesen, bis ihn das jähe Hinsterben seiner Angehörigen in's Kloster getrieben. Nachdem er dort lange Jahre nur seinem Schmerze gelebt, raffte er sich auf, ward Abt und bald darauf auch Abgeordneter zum Landtag, wo er mit gleicher sicherer Thatkraft wirkte, wie vormals in seiner Gemeinde und in den engen Mauern von Suczawitza. Ich spreche – leider! – von einem Todten; Abt Konstantinowitsch ist im Sommer 1877, nachdem er in den letzten Monaten seines Lebens auch als Landeshauptmann der Bukowina gewirkt, jählings von dieser Erde abberufen worden, auf der er nur lichte Spuren seines Wirkens hinterlassen ... Die kurze Unterredung, die ich an jenem Tage mit dem hochwürdigen Herrn hatte, entsprach völlig meinen Erwartungen. Ich brachte mein Anliegen ohne viele Umschweife vor und erhielt darauf ebenso bündigen Bescheid. »Es kann mir,« sagte der Abt, »nur angenehm sein, wenn sich einmal ein völlig Unbefangener ein Urtheil über die Sache bildet. Als ich ins Kloster kam und von dem Treiben Cyrill's vernahm, eiferte ich heftig gegen das Unwesen und bat den Abt, meinen Vorgänger, dem Trunkenbolde die Thür zu weisen. Der milde Greis schüttelte das Haupt und sagte nichts als: »Wiederhole mir Dein Anliegen nach drei Monaten!« Nun – ich habe es nicht wiederholt. Denn inzwischen hatte ich einen Heilerfolg Cyrill's mit angesehen, an den ich wohl oder übel glauben mußte. Ein junger, reicher Bauer, ein Ruthene aus dem Dorfe Hatna bei Suczawa, hatte jählings und wenige Wochen nach der Hochzeit sein Weib verloren; es war bei der Feldarbeit vom Blitze erschlagen worden. Der junge Wittwer verfiel in stumpfsinnige Trauer, aus der er sich nur dazu aufraffte, um wiederholt Selbstmordversuche zu machen, welche nur durch die liebevolle Bewachung seiner Eltern mit Mühe vereitelt wurden. Der Bezirksarzt von Suczawa rieth dringend, den Kranken in die galizische Irrenanstalt in Lemberg zu bringen – wir haben ja leider hier zu Lande noch kein solches Institut – die Verwandtschaft hingegen brachte ihn hierher, zu Cyrill. Dieser nahm den jungen Menschen, welcher geistig und körperlich gleich elend und herabgekommen war, in seine eigene Zelle auf und ließ ihn durch zwei Wochen nicht aus den Augen. Was er da mit ihm angestellt, weiß freilich Niemand genau, bald hörten wir sie zusammen beten, dann wieder lustige Lieder singen und gleich darauf jämmerlich stöhnen. Eines Tages drang so durchdringendes Jammergeschrei aus der Zelle, daß wir alle entsetzt in den Corridor eilten; ein Gewitter stand am Himmel, der Kranke weigerte sich, die Zelle zu verlassen, aber Cyrill trug ihn auf den Armen ins Freie und zwang ihn, da zu verweilen, bis sich das furchtbare Wetter völlig entladen. Das war die Krisis – von da an besserte sich der Zustand des Bauers, und drei Wochen, nachdem er gekommen, verließ er gesund das Kloster und lebt seitdem, just kein heiterer, aber ein ruhiger und fleißiger Mensch auf seinem Erbgut. Und ähnlicher Fälle könnte ich Ihnen ein gutes Dutzend erzählen. Darum lasse auch ich, seit ich Abt geworden, den Mann ruhig gewähren. Ich gestehe Ihnen offen, es wäre mir gegen das Gewissen gegangen, die einzige Hoffnung und den einzigen Rettungsanker vieler unglücklicher Familien im Lande zu vernichten! Ich weiß, was alles sich dagegen sagen läßt, aber bei Gott! – ich kann nicht anders!« »Und wie erklären Sie sich den Einfluß, den dieser rohe Mensch auf die Kranken hat?« »Ich weiß es nicht,« war die ehrliche Antwort. »Seine Körperkraft mag ihnen imponieren, auch hat er, sofern er nüchtern ist, einen starren, durchbohrenden Blick. Aber die Hauptsache scheint mir doch – lächeln Sie nicht! – sein felsenfester Glaube an sich und den göttlichen Ursprung seiner Kraft. Und wer offenen Auges durchs Leben geht, wird es nicht bespötteln; der Glaube kann auch in unseren Tagen noch Berge versetzen. Aber nun gehen Sie und prüfen Sie selbst!« .... Auf dem Corridor erwartete mich der junge Mönch – in einiger Angst, wie mir scheinen wollte. Ich beeilte mich, ihn zu beruhigen. »Wo arbeitet Cyrill?« fragte ich dann. »In einem winkeligen Höfchen,« war die Antwort, »dicht an der Klostermauer. Sonst pflegt es Niemand zu betreten. Aber wenn wir rechtzeitig kommen wollen, müssen wir rasch ausschreiten!« Ich folgte ihm einen langen Corridor hinab. Es ward immer dunkler um uns, während wir rasch dahinschritten, so jäh senkte sich das schwarze Gewölk tiefer und verschlang das Tageslicht. Und als wir die Treppe ins Erdgeschoß hinabeilten, ward die Dämmerung zur Nacht. Nun drangen auch die ersten Schläge des losbrechenden Gewitters dumpf dröhnend durch den weiten, hallenden Bau. Stefanus ergriff meine Hand und zog mich hastig vorwärts. »Wir versäumen sonst den ersten Act,« flüsterte er. »Den ersten Act!« wiederholte ich unwillkürlich und lachte halblaut auf. Ich kann kaum sagen, wie dankbar ich meinem Führer für dieses Wort war. Denn der seltsame Ausdruck, doppelt seltsam in diesem Munde, befreite mich von dem Bangen, welches sich in diesem hastigen Dahineilen durch dämmerige Räume, einem rätselhaften Ereignisse entgegen, drückend auf mich gelegt. »Der erste Act« – mich erwartet eine Comödie, dachte ich, eine grobe Mönchsposse, wie ihrer der grimmige Corvin in seinem »Pfaffenspiegel« so viele verzeichnet. Aber diese Stimmung währte nicht lange. Das befreiende Lächeln auf den Lippen und im Herzen erstarb mir, als wir wieder ins Freie traten, in den niederprasselnden Gewittersturm hinaus und dann rasch in die mächtige Klosterkirche. Der ungeheure Bau lag, während wir das Schiff durchschritten, bald in tiefer Finsternis, durch welche nur kärglich, schier nur so, um das Dunkel und die Unheimlichkeit zu mehren, das Licht zweier Ampeln strahlte, im Windhauch ängstlich aufzüngelnd oder furchtsam in sich zusammensinkend – bald wieder reckten sich, wenn der grelle röthlich gelbe Schein des Blitzes durch die schmalen Fenster schlug, die grauen Riesenpfeiler drohend vor uns auf und wie ein Riesengrab umstarrte uns, jählings enthüllt, der gewaltige Kuppelbau. Ich war, wenige Tage vorher, auf einem einsamen Ritt im Bergwald von einem ähnlichen Gewitter überrascht worden – schutzlos war ich seinem Wüthen preisgegeben gewesen und nicht 50 Schritte von mir hatte der Blitz eine Tanne zerschmettert, weit niedriger als jene, unter welcher ich stand, eng an mein zitterndes Roß geschmiegt – aber solche Schauer waren mir damals nicht durch die Seele gegangen, als heute in diesem ungeheuren, unheimlichen, von dumpfer, schwüler Stickluft erfüllten Bau. Dicht wie Hagelschloßen folgten sich die Blitze, daß wir von Schritt zu Schritt unwillkürlich den Fuß hemmten und die Augen zudrückten ... »Rasch!« rief mir Stefanus durch das Donnergetöse zu, von dem die Wölbung widerhallte und den Boden unter unseren Füßen zu erschüttern schien. »Wir haben ja einen Blitzableiter an der Kirche!« Er meinte es gut, der höfliche, vernünftige Stefanus, aber sein Trost nützte mir wenig. Denn jener Wunderdraht, welcher das Menschenherz von dem Eindruck eines gewaltigen Naturschauspiels befreien könnte, ist ja leider noch nicht erfunden! Wie weit dieser Eindruck auch im Folgenden, welches ich geschaut und nun schildern will, meinen Blick und meine Seele beeinflußt hat, weiß ich nicht genau zu sagen. Vielleicht sehr wenig, weil ich angestrengt nach nüchterner Klarheit rang, vielleicht sehr viel, weil Niemand so kräftig ist, um allen Mächten seines Innern urplötzlich wieder ihren ruhigen, festen Gang weisen zu können, wie einem Uhrwerk. Ich lege dies offene Bekenntnis ab, weil mir in Berichten, wie dieser hier, die Wahrheit das einzige Ziel ist, nach dem ich ringe – ängstlich, oft genug in peinlicher Selbstqual. Dem Schilderer fremder, abenteuerlicher, unbekannter Sitten, Menschen und Verhältnisse fällt ein schweres Amt zu; eben weil wenigen eine Controle möglich, weil eine Täuschung so leicht wäre, so thöricht leicht, desto ernster und heiliger muß ihm die Verpflichtung gegen sich selbst sein, ein gläubiges Vertrauen zu verdienen, nicht zu mißbrauchen. Aber mit dem guten Willen ist es nicht gethan. Ich bin entschlossen, die Dinge zu schildern, wie sie sind, aber ich bin ja selbst nur ein Mensch mit klopfendem Herzen und empfindsamen Nerven! Und ein Mensch kann nicht objective Wahrheit bieten, nur subjective, auch da wo er Erlebtes, selbst Geschautes berichtet. Ich will erzählen, wie ich den »Geistertödter« von Suczawitza habe arbeiten sehen – ich will nichts hinzufügen und nichts verschweigen. Aber während ich ihm zusah, haben sich meine Nerven schmerzhaft gespannt, hat mein Herz ungestüm geschlagen – und auch dieses muß der Leser wissen und in Rechnung ziehen ... ... Wir waren schrittweise unter dem peinlichen, blendenden Wechsel grellrothen Lichtes und tiefer Finsterniß bis an den Altar gekommen, vor dem jene beiden Ampeln trübe flackerten. Aber als nun wieder eine jähe Lohe durch den Raum schlug, da wich ich erschreckt zurück: eine bärtige Riesengestalt in rothem Mantel war mir einen Athemzug lang sichtbar geworden und es schien, als träte sie auf uns zu. Im nächsten Augenblicke faßte ich mich wieder. Der byzantinische Ritus baut hinter dem Altare eine hohe Bilderwand auf, den »Ikonostas«. Das Mittelbild, in übermenschlichen Proportionen ausgeführt, pflegt den Schutzpatron der Kirche darzustellen. So war es auch hier – ich erinnerte mich gleich, daß mir schon am Tage vorher, beim ersten Besuche der Kirche, der rothe Mantel des heiligen Michael aufgefallen. »Wir müssen uns rechts wenden,« rief mir Stefanus zu; er sparte die Lungen nicht und brachte den Mund dicht an mein Ohr, und doch verstand ich ihn kaum, so stark war das Gedröhne des Donners und dazu ächzte die Bilderwand im Windstrom. »Bald sind wir zur Stelle.« Er ergriff meine Hand und zog mich über mehrere Stufen und in einen Seitengang hinein. Hier waren keine Fenster angebracht, und darum konnten wir ungeblendet rascher ausschreiten. Auch das Gedröhne klang hier dumpfer und ferner. Da drang uns ein anderer Ton in's Ohr, plötzlich und schrill. Und dieser Ton war so furchtbar und grauenhaft, daß wir dastanden, wie versteinert vor Entsetzen. Ich kann nicht beschreiben, wie dieser rasch verhallende Ton klang – ich weiß nur, daß mir leise, leise, während ich seinem Ausklingen lauschte, ein Gefühl des Erkaltens durch die Glieder ging und an's Herz griff. »Was ist das?« schrie Stefanus auf und ergriff meine Hand. Da erklang jener Ton wieder, aber diesmal länger, durchdringender. Und nun konnte ich erkennen, woher er rührte. Es war ein Schreien aus Menschenbrust, ein Schrei der Noth, der Angst oder des furchtbarsten körperlichen Schmerzes. Das Letztere erschien mir, je länger ich lauschte, das Wahrscheinlichste. So schreit keine Seelennoth – so schreit nur das Thier im Menschen. Ich habe nie vorher, nie wieder Aehnliches vernommen. So mag sich die bis zum Wahnwitze erhitzte Phantasie jener ersten christlichen Asceten, welche die Hölle mit ihren Schrecken erdichtete, das Geschrei der Verdammten vorgestellt haben. »Cyrill arbeitet!« sagte ich vor mir hin und empfand dabei, wie jenes Erkalten gleich einer Faust mein Herz umkrallte, so daß es nun schwer und langsam zu schlagen begann. Aber dabei drängte es mich doch nach vorwärts – ich wollte nicht, ich mußte. Und in der That trieb mich hier eine Macht, die stärker ist als wir alle, alle, der Zug neugieriger Grausamkeit, der uns eingeboren ist, wie jedem anderen Wesen dieser jammervollen Welt, welche man zuweilen die bestmöglichste nennen hört. Mein Führer freilich empfand die Macht nicht, aber wohl nur deßhalb, weil ihn eine andere, gleich starke, aber noch mehr thierische Gewalt im Banne hielt: die abergläubische Furcht. Der kühle, scheinbar aufgeklärte Mensch geberdete sich nun wie wahnsinnig. Er war, ohne meine Hand fahren zu lassen, in die Kniee gesunken und stöhnte: »Der Teufel – kehren wir um – Cyrill kämpft mit ihm!« »Um so besser!« rief ich und riß ihn gewaltsam empor. »Den leibhaftigen Teufel kann man nicht alle Tage sehen!« Der Scherz kam mir nur gezwungen über die Lippen, aber er wirkte. Stefanus schämte sich und er ging wieder vorwärts. Wir hasteten den Gang hinab und dann einen anderen, der sich rechtwinklig anschloß. Hier aber schlug uns wieder der Schein der Blitze entgegen: am Ende dieses kurzen, schmalen, niedrigen Ganges war ein breites Fenster. Da blieb Stefanus stehen und blickte hinaus. »Ist dies die Stelle?« fragte ich. »Ja! ja!« rief er und faßte meine Hand wieder, »sehen Sie nichts?« Ich schüttelte den Kopf. Wir blickten offenbar in einen unbedeckten Raum; das bewies der Regen, der dicht vor dem Fenster niederprasselte, aber außer diesem nassen Schleier hemmte noch eine tiefgraue Dämmerung den Blick. Sie konnte nicht von dem Sinken der Sonne herrühren, denn es war kaum die fünfte Nachmittagsstunde, aber die Wetterwolken hingen so dicht herab. Erst als wieder ein Blitz niederzuckte, stand einen Augenblick alles klar vor mir, und dann vermochte sich mein Auge allmälig auch in dem Lichte zurecht zu finden. Ich blickte in ein enges, von hohen Mauern umschlossenes Höfchen, welches die Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks hatte. Von zwei Seiten war es von der alten, aus Granit und Backstein aufgehäuften Ringmauer des Klosters begrenzt, die dritte, an der wir standen, ward von der Kirche gebildet, die letzte, die sich im spitzen Winkel daran schloß, von einer kleinen Capelle. Die Thür dieser letzteren war der einzige Zugang zu dem wüsten, schlecht gepflasterten Raume und unser Fenster das einzige, welches sich dahin öffnete. Uns gegenüber nun, in dem Winkel, welchen die Ringmauer bildete, lag auf einem niedrigen Holzgestell eine gefesselte Gestalt. Die Gesichtszüge waren nicht zu unterscheiden, auch nicht die näheren Umrisse der Gestalt. Vielleicht um so tiefer empfanden wir den Eindruck der Stimme, welche in monotonen, langgezogenen Klagetönen erscholl, sich aber hinter jedem Blitze her zu jenem grauenhaften Schrei steigerte, der uns schon aus der Ferne Ohr und Herz zerschnitten. Das ist, was ich sah und hörte, und – soweit ich es zu schildern vermag; den Dunsthauch des Unheimlichen, des Grauenhaften, der über der Scene lag, kann ich nicht andeuten, geschweige denn anschaulich wiedergeben, das geht über die Kraft, die mir gegönnt ist. »Wo ist Cyrill?« fragte ich. Stefanus erwiderte nichts. Mit stieren Augen blickte er hinaus und ein Zittern überflog seine Glieder. »Ich weiß nicht,« murmelte er dann, »heute ist es anders als sonst. In der Regel läßt Cyrill den Kranken zwar auch gefesselt hierher bringen, pflegt aber mit dem ersten Donnerschlag vor ihm aufzutauchen und seine Ketten zu lösen. Und dann geht das Ringen los und dauert oft – – Hier ist er!« unterbrach er sich. Ein heller, rother Lichtschein brach plötzlich auf den Hof hinaus; er kam von unzähligen Kerzen, die in der Capelle brannten; die Thüre hatte sich geöffnet. Und im Portale stand Cyrill, hoch aufgerichtet, in engem, hellem Gewande, dem nur über die Brust hin ein großes Andreaskreuz aus schwarzer Leinwand aufgenäht war – ein weißer Schleier flatterte um das dunkle Haupt. Ein mächtiges Kreuz aus vergoldetem Metall blinkte in seiner Rechten, und er neigte es gegen den Wahnsinnigen und schritt langsam auf ihn zu. Dieser war jählings verstummt, als der rothe Schein seine Augen getroffen. Nun konnten wir deutlich seine Hünengestalt gewahren, und das braune, tiefdurchfurchte Antlitz, um welches wirr spärliches, weißes Haar flatterte und ein mächtiger, zottiger, grauer Bart. »Der alte Jäger,« flüsterte mir der Mönch zu, »sieht aus, wie Gott Vater auf unserem »Ikonostas«. Das heißt – Gott verzeihe mir die Sünde« – er stockte verlegen. Ich konnte die Richtigkeit dieser Bemerkung nicht controlliren, das Bild war mir unbekannt, aber ein Zug des Ursprünglichen, des Gewaltigen war in diesem Greisenantlitz selbst jetzt nicht zu verkennen, wo sich die unheimlich leuchtenden Augen beim Nahen des Priesters furchtsam zukniffen. Nun stand Cyrill vor ihm und ich erwartete eine feierliche Beschwörung, aber es kam anders. Schweigend streckte der Mönch das Kreuz aus und rührte mit dem kalten Metall an die Stirne des Greises. Vielleicht auch hatte er ihn hart damit angerührt – denn der Unglückliche zuckte empor, zerrte an seinen Ketten und stieß einen kurzen, schrillen Schrei ans. »Küsse das Kreuz!« rief Cyrill mit tiefer, dröhnender Stimme. Wieder derselbe Schrei und ein verzweifeltes Rütteln an den Ketten. Der Greis wand sich hin und her, und nun zum ersten Male hörten wir articulirte Laute aus seiner Kehle dringen. »Laß mich los, Teufel!« schrie er. »Der Blitz, ich fürchte mich vor dem Blitz.« »Der Teufel ist in Dir!« rief Cyrill. »Küsse das Kreuz, sonst lasse ich wieder einen Blitz niederfahren!« Der Wahnsinnige rollte die Augen wild – seine Brust keuchte. Wahrscheinlich faßte er den Befehl nicht und empfand nur Furcht vor der hellen, riesigen Gestalt. »Teufel!« schrie er und ein Schimpfwort dazu. Keine Miene zuckte in dem Antlitz des Mönches, aber er hob die Faust und ließ sie mit furchtbarer Wucht auf den Nacken des Unglücklichen niederfahren, daß sich dieser zusammenduckte und zu winseln begann, wie ein geschlagenes Thier. Mir krampfte sich das Herz zusammen. »Halt!« schrie ich überlaut. »Um Gottes Willen!« flehte Stefanus, »schweigen Sie! Sie wissen nicht, wessen Cyrill fähig ist, wenn man ihn stört!« Aber dieser hatte meinen Ruf nicht gehört, oder er war ihm doch nicht ins Bewußtsein gedrungen. »Küsse das Kreuz!« wiederholte er und beugte sich nieder, »sonst kommt der Blitz!« Und da war er auch wirklich, greller, blendender, als je vorher, und betäubend hallte der Donner nach; wahrscheinlich war ein Baum im Klostergarten zerschmettert worden. Als wir Auge und Ohr wieder der Scene vor uns zuzuwenden vermochten, hatte sich diese merklich verändert. Der Greis hatte in seiner Todesangst den Ledergurt gesprengt, mit dem er um die Mitte des Leibes an das Gestell gefesselt war und konnte sich nun freier bewegen. Er nützte dies, um auch seine weiteren Fesseln zu zersprengen. Die beiden eisernen Ketten natürlich, welche seine Hände und Füße verbanden, spotteten seiner Anstrengung. Aber die Ketten waren mit Seilen an das Gestell gebunden gewesen, und diese zerriß der Wahnsinnige vor unseren Augen, als wären es dünne Fädchen und richtete sich drohend auf. Aus seiner mächtigen Brust brach ein dumpfes Wuthgebrüll, die Augen flammten, und er stürzte auf seinen Peiniger zu mit gesenktem Haupte, wie ein gereizter Stier ... »Er wird ihn tödten!« rief ich angstvoll. Aber Stefanus schüttelte den Kopf. »Wenn es nur nicht umgekehrt kommt!« sagte er. In der That hatte sich das Ringen der Beiden binnen wenigen Secunden zu Cyrill's Gunsten entschieden – so rasch, daß wir den Kampf kaum deutlich gewahren konnten. Der Mönch hatte das Anstürmen des Wahnsinnigen scheinbar ruhig erwartet, nur das Kreuz hatte er achtlos aus der Hand sinken lassen, wie der Stierkämpfer das rothe Fähnchen wegwirft, sobald es zum ernsten Kampfe kommt. Dann hatte er beide Hände erhoben, daß der Gegner an seine Brust anprallte, hierauf die Arme fest um ihn geschlagen und ihn blitzschnell auf das Gestell gelegt. Nun kniete er über ihm und hielt sein Gesicht dicht über dem des Wahnsinnigen und bohrte seine Augen starren Blicks in die des keuchenden, verzweifelt um sich schlagenden Riesen. »Nun geben Sie Acht!« flüsterte mir mein Führer zu. In der That vollzog sich nun vor unseren Augen ein Schauspiel, welches der Beachtung werth war, ein räthselhaftes Schauspiel – ich wenigstens konnte es mir damals nicht erklären und kann es heute noch nicht und begnüge mich darum, ohne Commentar zu berichten, was ich deutlich gesehen. Ganz deutlich – denn jener überaus heftige Blitz war einer der letzten gewesen, das Gewitter begann sich zu verziehen, lichter wurden die Lüfte, und überdies waren die beiden Kämpfer von dem Widerschein jener vielen Kerzen in der Capelle beschienen. Aber was wir sahen, war kaum mehr ein Kampf zu nennen. Cyrill verhielt sich regungslos, er kniete über dem Unterlegenen so, daß derselbe zwischen seinen beiden Schenkeln lag, er hielt ihn dadurch an das Gestell gefesselt, im übrigen rührte er keine Hand, kein Muskel zuckte in seinem Antlitz, nur seine Augen bohrten sich unablässig in die wild rollenden Augensterne des Wahnsinnigen. Dieser aber schlug unbändig um sich, schrie und tobte und bearbeitete mit den Fäusten Brust, Arme, Bart und Antlitz des Mönches. Das dauerte vielleicht drei Minuten lang und schien sich sogar zu steigern. Es war peinlich, zuzusehen, wie der Wahnsinnige den Regungslosen mißhandelte, und als nach einem Faustschlag ins Antlitz des Mönchs das helle Blut zum Vorschein kam, mußte ich die Augen abwenden – ich ertrug es nicht länger. Stefanus aber war aus härterem Stoffe, oder vielleicht hatte er ähnliche Schauer schon durch die Gewohnheit überwinden gelernt – der junge Mönch sah den Qualen seines Ordensbruders ohne sonderliche Erregung zu, ja sogar, wenn man nach dem Ausdruck seiner Züge schließen wollte, mit einer Art vergnüglicher Neugier. Und nach einer Weile flüsterte er mir zu: »Sehen Sie nur, wie die Augen ihn bändigen – er tobt schon viel weniger!« So war es auch. Der Wahnsinnige schlug nur noch zeitweilig auf Cyrillus los, auch sein grelles Kreischen sank zu dumpfem Murren herab. Und wieder nach einer Weile war er fast so regungslos, wie der Mann über ihm, nur das Haupt warf er ungestüm hin und her – es war sichtlich, daß er jenem bohrenden Blick ausweichen wollte. Aber es gelang ihm nicht, und wenn er seine Lider schloß, so schien er den Blick durch diese hindurch zu fühlen, denn er schlug sie doch immer wieder auf und wandte das Haupt dann wieder ängstlich nach rechts oder links. Endlich hörte auch diese Bewegung auf, er lag starr, die Augen weit geöffnet, und nur ein leises, ängstliches Winseln bewies, daß er jene Pein noch empfand. Nun erhob sich Cyrill und stand mit einem Sprung auf den Füßen. Der Wahnsinnige zuckte empor, aber des Mönches Blick ließ nicht von ihm und winselnd sank er zurück. So vergingen wieder einige Minuten, dann hob Cyrill die Faust und ließ sie auf die Brust des Greises niederfallen. Es war ein furchtbarer Hieb – der Mann krümmte sich und stieß ein Geheul des Schmerzes aus, aber er machte keine Miene, sich aufzurichten – er blieb gehorsam liegen. Und dasselbe wiederholte sich, als Cyrill nun das Kreuz aufnahm und das Metall an die Lippen des Gebändigten legte. Der Mönch richtete sich hoch auf, einen Moment lang zuckte ein stolzes Lächeln über sein stumpfes Antlitz und die Augen leuchteten auf. Aber dann nahmen sie sofort wieder jenen bohrenden Blick an, unter dem der Wahnsinnige immer mehr zu erstarren schien. Denn als nun der Mönch, ohne das Auge von ihm zu verwenden, langsam hin und her zu gehen begann, da verfolgte er diesen ängstlichen Blickes, wagte aber keine Bewegung. Wieder trat Cyrill an ihn heran und löste ihm die Ketten, zuerst an den Händen, dann an den Füßen. »Hei!« rief Stefanus halblaut, »jetzt wird er aufspringen!« Aber es kam anders – der Wahnsinnige zuckte zusammen, aber er nutzte die Freiheit nicht. Der Mönch reckte sich zu seiner vollen Höhe auf und streckte die Hand gebieterisch gegen ihn: »Erhebe Dich!« rief er. Der Riese öffnete die Augen furchtsam und weit. Dann stieß er ein dumpfes Knurren aus und erhob sich zitternd. Eine Weile standen sich die Beiden regungslos gegenüber. Dann streckte Cyrill wieder die Hand und wies gegen die Capelle. »Jäger Joanu!« sagte er mit tiefer, fast milder Stimme, »komm! ich will für Deine Seele beten!« Ich weiß nicht, ob der Greis diese letzten Worte verstand – aber der Handbewegung gehorchte er. Demüthig geduckt, schwankenden Schrittes schlich er, mit seinen Augen beständig an jenen seines Bändigers hängend, der Capelle zu. Der Mönch trat hinter ihm ein und schloß die eisernen Thorflügel. Der rothe Lichtschein verschwand vom Hofe, aber durch das ziehende Gewölk schoß wieder der erste Sonnenstrahl herab. Ich athmete tief auf und starrte mit sonderbaren Empfindungen auf die düsteren Mauern und den wüsten Raum, in dem es nun heller und heller ward. Mir war's, als hätte ich nur so schauerlich geträumt. Aber diese erste Empfindung entschwand rasch, eine brennende Neugier verdrängte sie. »Können wir auch in die Capelle?« fragte ich. »Leider nein!« erwiderte Stefanus. »Wie Cyrill mit seinem Kranken betet, hat noch Niemand gesehen. Er pflegt die Thür schon beim Eintritt hinter sich zu verriegeln. Nur so viel wissen wir, daß er dann alle Kerzen entzündet und eine stille Messe celebrirt. Darauf geht er ans Werk, und wenn er den Kranken so weit gebracht, ihm in die Capelle zu folgen, so folgt wieder eine Messe. Ich denke, sie wird nicht immer ohne Störung abgelaufen sein, und die stummen Heiligen über dem Altare haben gewiß manche Scene gesehen, die wenig zur Würde des Ortes paßte!« »Wie lange pflegt eine solche Messe zu dauern?« »Je nach der Art der Krankheit – in der Regel eine Stunde.« »Und dann?« »Dann führt Cyrill den Kranken in seine Zelle.« »Können Sie mich an eine Stelle führen, welche sie auf diesem Wege passiren?« »Gewiß – es wird mir eine besondere Ehre sein,« erwiderte der höfliche Mann. »Sie schenken mir vielleicht in meiner Zelle das Vergnügen Ihres Besuches, wir halten die Thüre offen und lassen sie vorübergehen.« Wir gingen wieder durch die Kirche, welche auch jetzt noch, von den Strahlen der Abendsonne durchglänzt, unheimlich genug aussah, und dann in das Wohnhaus der Mönche. Stefanus suchte mir, während wir in seiner Zelle, einem geräumigen, hübsch eingerichteten Zimmer, auf- und abschritten, die Zeit zu kürzen, indem er mir noch Einiges über Cyrill erzählte. »Er ist ein Mensch ohne jede Bildung,« sagte er. »Sie wissen, es gibt in diesem germanisierten Lande sogar einzelne Bauern, welche deutsch sprechen können. Cyrill versteht nur die beiden Landessprachen, rumänisch und ruthenisch, sonst keine Silbe, auch altslavisch und griechisch nicht, so daß er die Formeln bei der Messe ohne Verständniß ableiert. Des Lesens ist er leidlich kundig, versteht auch vom Kirchengesang so viel, als bei unserem Ritus unbedingt erforderlich. Ob er jedoch schreiben kann, weiß ich nicht, bezweifle es aber!« Ich blickte ihn erstaunt an. Das Statut des großen Josef, welches ich eben gelesen, schreibt ja ausdrücklich vor, daß in der Regel nur derjenige als Mönch in ein Kloster der Bukowina aufgenommen werden kann, welcher die theologische Facultät ordnungsmäßig absolvirt. Nur mit besonderer Dispens der Landesbehörde kann auch ein Jüngling, der bloß das Obergymnasium mit gutem Erfolge beendet, Aufnahme finden, doch muß sich in diesem Ausnahmefall der Abt ausdrücklich dazu verpflichten, für dessen fernere Ausbildung bedacht zu sein. So war denn meine Frage wohl berechtigt, wie Cyrill dennoch habe Mönch werden können? »Ja, das ist eine eigene Geschichte,« meinte Stefanus und lächelte etwas verlegen. »Vor allem muß ich bemerken, daß jenes Statut in seiner vollen Strenge kaum durchgeführt werden kann, weil sonst unsere Klöster verödet ständen. Wer die theologische Facultät absolvirt hat, wird doch lieber Weltpriester, nimmt ein Weib und lebt behaglich als Pfarrer, als sein eigener Herr im Schoße seiner Familie, während der Mönch ein hartes, entbehrungsvolles Leben führt und obendrein völlig von dem Abte abhängt. Wenn man daher gleichwohl ziemlich viele theologisch gebildete Männer in unseren Klöstern findet, so erklärt sich dies daraus, daß ja unser Ritus dem Priester eine zweite Ehe verbietet. So entschließen sich denn jährlich einige kinderlose Wittwer, der Pfarre zu entsagen und aus ihrem verödeten Hause hierher zu ziehen, wo sie doch wenigstens Gesellschaft finden.« »Ist dies auch Ihr Fall?« unterbrach ich ihn. »Nein!« erwiderte er und wurde roth. »Ich bin nach absolvirten Studien hierher gekommen, weil – weil die höchsten Würden unserer Kirche bekanntlich doch nur von Mönchen erreicht werden können. Ich bin gewiß, in fünf Jahren Mitglied des Czernowitzer Domcapitels zu werden und in 20 Jahren ...« Er stockte. »Bischof!« ergänzte ich. »Ich gratulire im vorhinein! Aber wie war's mit Cyrill?« »Wie gesagt, eine eigenthümliche Geschichte. Er ist eines »Diaks« (Kirchensängers) Sohn aus dem Dorfe Michalcza und erbte natürlich, wie dies hierzulande üblich, das Amt seines Vaters. Schon dieser war daneben auch »Geistertödter« gewesen. Cyrill erbte auch diese Kunst und erwarb bald großen Ruf trotz seines wüsten Lebenswandels; denn er trank schon damals unbändig, fröhnte aber auch daneben noch einer andern Leidenschaft, welche unsere Bauern schwerer verzeihen: er lief, obwohl verheirathet und Vater zweier Kinder, doch allen Schürzen auf fünf Meilen in der Runde nach. Rechnen Sie hinzu, daß ebenso alle Weiber von der ältesten und häßlichsten bis zur hübschesten und jüngsten, wie besessen ihm nachrannten, so können Sie erwägen, wie viele Väter, Brüder und Gatten ihm fluchten und ihn zuweilen auch trotz seiner heiligen Qualitäten ganz entsetzlich prügelten. Doch schien er solche unangenehme Erfahrungen als nothwendige Schattenseiten seiner Freuden in Kauf zu nehmen – jedenfalls waren es nicht die vielen Knüttelhiebe, die ihn aus diesem Leben rissen, auch nicht der plötzliche Tod seiner Frau, sondern ein inneres Erlebniß, über welches freilich Niemand genau unterrichtet ist; man sagt, er habe am hellen Tage eine schauerliche Vision gehabt. So viel steht fest, daß er eines Tages urplötzlich ganz verstört hierher gelaufen kam und um Aufnahme bat. Als Laienbruder war er willkommen, weil er, wie bereits erwähnt, einen großen Ruf im Lande hatte. Daß er »Vater«, Mönch werden könnte, fiel weder ihm noch dem Abte bei. Cyrill wurde aufgenommen, leistete die Gelöbnisse der Keuschheit und des Gehorsams und hielt auch beide treulich; gäbe es in unserer Kirche ein Gelöbniß der Nüchternheit, so wäre ihm dies vielleicht gleichfalls zum Heile gewesen, so aber betrank er sich alle Tage. Weil er aber als »Geistertödter« von Jahr zu Jahr mehr leistete, so ließ ihn unser früherer Herr Jegumen gewähren. Da kam einmal der Herr Jegumen von Putna zu uns auf Besuch unter dem Vorwande, die Reliquien Michael des Streitbaren zu verehren, in Wahrheit aber, um den berühmten »Geistertödter« zum Uebertritt in sein Kloster zu überreden. Dieser Herr Jegumen war Landtags-Abgeordneter und hatte großen Einfluß bei der Regierung. Er versprach dem Cyrill, ihn zum »Mönch« zu machen, und hätte dies auch gewiß leicht durchgesetzt. Unser Cyrill aber war uns so weit treu, daß er vor unseren Abt trat und sagte: »Machst Du mich zum »Mönch«, so bleibe ich hier.« Sie werden begreifen, daß unser Herr sich einen so befähigten Menschen nicht entgehen lassen konnte – er fuhr nach Czernowitz, sprach mit dem Herrn Landeschef und brachte wirklich die Bestallung Cyrill's als »Vater« mit.« Unter diesen und ähnlichen Gesprächen war mehr als eine Stunde verflossen und schon drangen die Schatten der Dämmerung in die Stube. Da dröhnten schwere Schritte im Corridor, wir eilten zur Thüre und sahen in der That Cyrill und seinen Kranken uns entgegenschreiten. Der Mönch ging voraus, aber mit rückwärts gewandtem Gesichte, die Augen noch immer starr in jene des Jägers bohrend, der ihm wankenden Schrittes folgte. Beide kamen langsam an uns vorbei, ohne den Blick von einander zu wenden, ohne uns zu beachten. »Er führte ihn mit seinen Blicken,« meinte Stefanus, »wie der Herr den Hund an der Leine.« Ich fand das Gleichniß treffend, es gab in der That den Eindruck wieder, den Miene und Gangart des seltsamen Paares machten. »Gelingt die Zähmung immer so rasch ?« fragte ich. »Nur selten!« war die Antwort. »Sie können sich gratuliren, Sie haben heute zufällig einen der interessantesten und überraschendsten Fälle gesehen. Sonst pflegt der Kampf mehr eine regelrechte Balgerei zu sein. Heute zum ersten Male habe ich erlebt, daß Cyrill sich so lange geduldig schlagen ließ und fast nur durch seinen Blick wirkte. Vielleicht ist er da einem neuen richtigen Princip auf die Spur gekommen ... Zweifeln Sie noch immer,« setzte er hinzu, »daß seine Kunst auf den Geheimnissen des Magnetismus beruht?« Ich zuckte die Achseln und verabschiedete mich, denn ich sehnte mich nach einer einsamen Stunde auf meinem Zimmer, um dieser seltsamen Eindrücke Herr werden zu können. Als ich zum Abendessen ins Refectorium kam, sprachen alle Mönche nur von dem neuen großen Wunder, das Cyrill heute vollbracht, und erzählten, wie der alte Jäger bereits seit zwei Wochen beinahe ununterbrochen an Tobsucht gelitten. Der Abt allein schwieg. Nach dem Abendessen trat er auf mich zu. »Nun?« fragte er kurz. Ich gestand ihm offen, ich wüßte mir die Sache nicht zu erklären. »Vielleicht doch der Magnetismus! ...« sagte ich zögernd. »Aber sollte nicht Cyrill selbst darüber die beste Auskunft geben können?« »Können!« wiederholte der Greis sinnend – »aber wollen? – Das ist die Frage! Gleichviel – ich will um Ihretwillen morgen noch einmal ein Verhör mit ihm anstellen. Jetzt wäre es vergeblich, ihn zu citiren – er verließe den Kranken in diesem Stadium um keinen Preis. Widerstehen Sie auch der Versuchung, an seiner Thüre zu lauschen, er hört den leisesten Schritt und könnte in Wuth darüber gerathen. Aber kommen Sie morgen um neun Uhr zu mir!« ... Ich war am nächsten Tage zur festgesetzten Stunde im Zimmer des Abtes. Gleich darauf kam auch Cyrill, er pochte drei Mal demüthig an die Thüre, schlich endlich unter vielen Bücklingen herein, blieb aber trotz freundlicher Zurede seines Vorstehers an der Thüre stehen. Ich blickte ihn scharf an, aber an seinem Wesen war nichts Besonderes zu gewahren, der Mensch sah aus wie jeder Trunkenbold, wenn er zufällig nüchtern ist. Das Antlitz hatte eine widrige, grauviolette Färbung, die Augen waren wie überglast und die haarigen Hände zitterten ... »Cyrill,« begann der Abt, »Du hast gestern schwere Arbeit gethan?« »Nicht schwerere,« erwiderte der Mönch demüthig mit tiefer, etwas heiserer Stimme, »nicht schwerere als sonst, hochwürdiger Gebieter. Was auf Einen gelegt ist, muß er eben erfüllen!« »Wie geht es Deinem Kranken?« »Gut – er schläft. Ich habe ihn mühsam eingeschläfert, sehr mühsam, aber jetzt wird er wohl so bald nicht wieder erwachen, denn der arme Greis hat seit vierzehn Tagen keinen ruhigen Schlummer mehr gehabt!« Er sagte es langsam, leise und im Tone so aufrichtigen Mitleids, daß es mir an's Herz griff. Ich blickte ihn erstaunt an – diesen Ton hätte ich dem wüsten Menschen nicht zugemuthet. »Wird er genesen?« fragte der Abt. »Er wird – wenn mir Gottes Hilfe auch fernerhin zur Seite steht. Ich bitte Dich, flehe auch Du darum, hochwürdiger Gebieter!« Der Abt nickte. »Was ist es denn für eine Krankheit?« Ein Zucken überflog des Mönches Antlitz, als thue ihm diese Frage weh. Dann sagte er leise, ehrfurchtsvoll aber fest: »Keine Krankheit, Gebieter!« »Sondern?« Wieder überflog jenes Zucken sein Antlitz – dann warf er einen scheuen Blick auf mich, als störte ihn meine Anwesenheit. Der Abt bemerkte es. »Sprich nur, Cyrill,« sagte er, »dieser Herr kennt Dich schon, er hat Dir gestern zugesehen!« »Dann weiß dieser gnädige Herr ohnehin schon, daß es keine Krankheit war –« und seine Lippen preßten sich fest aufeinander. »War der Jäger vom Teufel besessen?« fragte der Abt. »Ja – was sonst? Aber,« fügte er hinzu, »nicht vom Teufel selbst, nur von einem seiner dienenden Brüder.« Ich mußte unwillkürlich lächeln. – Der Mann dachte sich die Ordnung im Höllenreich ähnlich wie die im Kloster! Ein »dienender Bruder«! Dann aber zwang ich mein Antlitz in ernste Falten. »Woher wißt Ihr das so genau, Vater Cyrill?« fragte ich. »An der Art, wie er mit mir kämpfte,« war die Antwort. »Er schlug mich entsetzlich, aber sehr bald wurde er müde und mußte ausfahren.« »Hast Du ihn ausfahren gesehen?« fragte der Abt. »Ja, hochwürdiger Gebieter, ich sah das blaue Flämmchen aus des Jägers Munde fahren. Gestank gab es diesmal nicht; es war keiner von den Geistern, welche stinken.« »Wenn der Geist schon aus ihm gefahren ist,« fragte ich, »dann müßte ja der Kranke auch schon jetzt völlig gesund sein!« Der Mönch schüttelte den Kopf. »Es sind ja noch,« erwiderte er überlegen, »die bösen Dünste zu vertreiben, die er ihm im Hirn zurückgelassen hat!« »Und wie bringt Ihr dies zu Stande?« »Durch Gebet und Fröhlichkeit.« »Fröhlichkeit?« fragte ich. »Ihr meint wohl einen guten Trunk?« »Ja – einen guten Trunk!« wiederholte der Mönch gleichmüthig. »Ich aber,« rief ich, »habe jenes Flämmchen nicht gesehen.« Cyrill lächelte, als hätte ich die größte Albernheit ausgesprochen. »Der gnädige Herr ist ja kein Geistertödter!« »Ich möchte es aber werden.« Er lächelte wieder. »Dem gnädigen Herrn ist es nicht Ernst damit. Und wenn er auch wollte, er könnte nicht. Viele wollen und können nicht – aber Andere –« fügte er hinzu, stockte wieder und fuhr dann fort, »Andere wollen nicht und müssen doch! Was Gott auf Einen legt, muß er erfüllen!« Er sagte es mit zitternder Stimme und über sein Gesicht breitete sich ein Zug tiefer Betrübniß. »Cyrill,« fragte der Abt gütig, »bist Du es müde?« »Ich bin es müde,« erwiderte der Mönch langsam und traurig. »Ich bin ja kein Jüngling mehr und habe schon an 80 böse Geister ausgetrieben. Und sie schlagen mich immer so sehr! Hochwürdiger Gebieter – ich bete oft und hoffe, daß es keine Sünde ist: »Nimm, Starker dort oben, die Kraft von mir und lege sie auf einen Andern!« Aber bisher bin ich noch nicht erhört worden ....« »Das äußert er seit einigen Jahren sehr häufig,« sagte der Abt in deutscher Sprache zu mir. »Ob er es ehrlich meint? Ich glaube – ja! Aber wünschen Sie den Mann noch ferner auszufragen?« »Nein,« erwiderte ich, »es ist ja offenbar vergeblich!« »Vergeblich,« wiederholte der Abt. Und dann sagte er wieder rumänisch zu dem Mönche: »Gehe mit Gott, Cyrill – und betrinke Dich wenigstens heute nicht!« »Heute nicht!« versprach dieser demüthig und schlich abermals unter zahllosen Bücklingen zur Thüre hinaus. »Der Mann,« sagte ich, »ist entweder ein Gläubiger oder ein Betrüger. Ich glaube – das erstere!« »Ich auch,« erwiderte der Abt. »Aber mag er nun ein Schwärmer oder ein Betrüger sein, wichtiger ist die Frage: wie, durch welche Kraft vollbringt er das, was Sie ja selbst gesehen?« Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Antwort auf diese Frage wußte, noch jetzt weiß. Nur eines habe ich noch zu berichten. Im nächsten Sommer, im Juni 1876, führte mich mein alljährlicher Streifzug durch den Osten wieder in die Bukowina und auf den Wochenmarkt im Städtchen Radautz. Mitten im Gewühle traf ich auf einen Mann, den ich sofort erkannte und vor dem ich darum entsetzt zurückwich, es war Joanu, der Jäger. Er aber lächelte freundlich vor sich hin und bot auch mir, wie den anderen Vorübergehenden, ein schönes Bärenfell an, das er über dem Arme trug. »Kaufe, Herr,« rief er mir zu, »ich kann Dir das Fell billig lassen, denn ich habe das Thier selbst erlegt!« Der Mann war offenbar so wenig wahnsinnig, wie etwa ich. »Seid Ihr wieder genesen, Joanu?« fragte ich. Und als er mich erstaunt ansah, fügte ich hinzu: »Ich war in Suczawitza, als Euch Cyrill heilte!« »Der hochwürdige Vater Cyrill!« rief der Jäger und seine Augen leuchteten. »Möge er gesegnet sein! In zwei Stunden hatte er den bösen Geist aus mir ausgetrieben und nach zwei Wochen auch dessen Dünste. Seitdem bin ich wieder gesund wie ein Bär!« »Und wie war der Geist in Euch gefahren?« fragte ich. »Im Urwald, droben in der Luczyna!« war die Antwort. »Da führte er mich zuerst drei Tage in der Irre, daß ich vor Hunger und Durst fast verkam und dann fuhr er in mich während eines großen Gewitters. Nun, Dank dem Vater Cyrill, es ist vorbei. Willst Du nicht das Fell kaufen, Herr – billig – sehr billig!« ... So – das ist Alles. Und nun mag der Leser selbst entscheiden, was als Motto für diese Zeilen paßt, ob eine Stelle aus Corvin's »Pfaffenspiegel« oder jenes Wort aus Hamlet, daß es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt! ... Der Galilei von Barnow (1879) Es war an einem Frühlingstage von 1879, in früher Vormittagsstunde, als schüchtern an die Thür meines Arbeitszimmers gepocht wurde. Daneben ließ sich ein langsames, aber deutliches Scharren mit den Füßen hören. »Herein!« Niemand erschien, nur das Scharren dauerte fort. Endlich wieder ein leises Klopfen. »Herein!« Nun endlich that sich die Thür auf. Aber der schüchterne Besucher ward auch nun nicht sichtbar. Nur seine Stimme ließ sich vernehmen. »Fünf Minuten! Verzählen möcht' ich Ihnen etwas thun! Nur fünf Minuten! Für die Zeitung – Gott! Augen werden Sie machen ...« Ich war nach der ersten Silbe nicht mehr im Unklaren, weß Glaubens und Landes der Gast sei. Und als er endlich auf einen dritten Zuruf in der Thürspalte erschien, auf einen vierten sich zögernd hereinwand, da erkannte ich, daß ich recht vermuthet. Schmachtlöcklein, Sammtkäppchen auf bärtigem Haupt, langer Kaftan; der Mann war ein israelitischer Halb-Asiate. Sogar ein sehr israelitischer – die Schaufäden, die minder Fromme versteckt halten, guckten bei ihm hervor. »Sie wünschen?« »Was soll ich wünschen? Genug Freud', daß ich endlich kann reden über mein Unglück! Wünschen soll ich mir noch was?« »Treten Sie näher!« »Näher? Warum? Bin ich ein Herr? Ich komme zu dem Herrn Wohlthäter, er wirft mich nicht hinaus – soll ich noch bis zum Tisch gehen, wie ein guter Freund?! Für mich, Gott sei gelobt, ist es schon ganz angenehm, hier zu stehen bei der Thür!« Aehnliches hat für mich wahrhaftig nicht mehr den Reiz der Neuheit, lächeln mußte ich diesmal doch. Vielleicht trug das Drollige des Aeußern hierzu bei; der Mann war von herkulischem Körperbau, zu welchem ein kleines, melancholisches Köpfchen und ein dünnes, zittriges Stimmchen in grellstem Gegensatz standen. »Mit wem habe ich die Ehre?« »Die Ehre? Entschuldigen Sie, was reden Sie da für Dummheiten? Ich habe die Ehre mit Ihnen!« »Gut – wie heißen Sie?« »Singmirwas, Jossef Singmirwas!« »Also aus Chorostkow?« »Gott über der Welt ...« Er trat in ungeheurem Erstaunen einen Schritt zurück... »Wirklich aus Chorostkow!« Sein Erstaunen war natürlich, aber mein Wissen nicht minder. Ein Gabriel Singmirwas aus Chorostkow war in den unteren Klassen des Gymnasiums mein Mitschüler gewesen. Und der sonderbare Name grub sich mir natürlich ins Gedächtniß. Uebrigens hatte dieser Name auch recht sonderbaren Ursprung. Der Ahn des Geschlechtes war ein »Chasan« gewesen, ein Vorbeter in der Synagoge. Der Ruhm und der Ruf seiner schönen Stimme war weit gedrungen, sogar zu dem Rittmeister-Präsidenten der Commission, welcher unter Joseph II. den Juden Galiziens Familien-Namen ertheilte. Als der »Chasan« vor der Commission erschien, rief der Rittmeister: »Jud', wie willst du heißen? – aber dann sing' mir was!« – »Sing' mir was?!« wiederholte der Chasan nach Art seiner Stammesgenossen zweifelnd und überrascht, vielleicht auch geschmeichelt. Der Rittmeister aber nahm es als Antwort auf seine Frage, oder stellte sich wenigstens so, um rasch fertig zu sein. »Meinetwegen »Singmirwas« – aber nun singe ...« »Was macht Euer Vetter Gabriel?« fragte ich. »Ga–gawril?!« Der Mann stand abermals starr vor Staunen. »Sie kennen meinen Gawril?!« Die melancholischen Aeuglein begannen zu glänzen, und die Riesenhände klatschten fröhlich ineinander. »Gott! die Freud'! Mir fallt ein Stein herunter vom Herzen, ein großer Stein! Wenn Sie meinen Gawril kennen, Herr Wohlthäter, dann kennen Sie mich auch und meine ganze Geschichte, und es ist gar nicht mehr nöthig, daß ich sie Ihnen verzählen thu'.« »Doch nicht so ganz ...« »Nicht? Scheint Ihnen nur so! Werd' ich Ihnen beweisen, daß Sie wissen schon Alles ...« Er trat einige Schritte vorwärts und pflanzte sich vor meinem Schreibtisch auf. »Herr Wohlthäter,« begann er mit überlegenem Lächeln, »sagen Sie mir zur Güte, was für ein Mensch Gabriel Singmirwas ist. Ich sage nicht »Gawril«, ich sage »Gabriel«. Antworten Sie zur Güte!« »Ich weiß nur, was er 1862 war. Da hatte er die Tertia des Czernowitzer Gymnasiums absolvirt, war fünfzehn Jahre alt und ein sehr fleißiger Schüler.« Jossef's Antlitz leuchtete. »Gut! also damals war er ein Deutscher, ein Gelehrter! Frage ich Sie, was ist er heute? Dann ist er auch noch heute ein Deutscher, ein Gelehrter! Denn wenn man etwas gelernt hat, so vergißt man es nicht und wird kein Chassid, kein Dunkelmann ...« »Gabriel hat nicht fortstudirt?« »Nein! Wozu?! Er weiß wirklich genug! Er ist heimgekommen nach Chorostkow, hat geheirathet und vom Vater das Specereigeschäft übernommen. Jetzt ist er noch außerdem Agent der Assecuranz und Gemeinderath und ein gebildeter Mensch. Er hält sich mit dem Pächter zusammen die »Neue Freie Presse«, und täglich liest er sie durch – ich sage Ihnen: von oben bis unten, kein Wort läßt er aus. Zuerst liest er allein und dann für die Anderen, es ist wirklich ein Vergnügen, wenn man kann zuhören, so gut erklärt er Alles. Erstens von den Russen und den Türken – dann was für Theater in Wien war oder etwas eine Geschichte – dann vom Kaiser oder was sich sonst thut in der Welt, dann wer in Wien sich aufgehenkt hat und die Processe und den Courszettel und was man verkaufen will – Alles, Alles, bis zum Schluß: Joseph Kohn hat sich verlobt mit Emma Silberstein – »Maseltow!« (Viel Glück!) Und jetzt frage ich Sie – ein solcher Mann, so ein Deutscher, so ein Gelehrter – kann der glauben, daß sich die Sonne um die Erde dreht? – Ja oder Nein?« »Nein!« »Also! Und nun frage ich Sie, bin ich der Vetter von diesem Goldmenschen oder bin ich es nicht? Ich bin es! Spricht er mit mir über Alles? Auf Ehre – ja! »Ein' eisernen Kopf hat mein Vetter Jossef«, sagte er, »Alles kann man ihm erklären thun!« Frage ich Sie weiter: kann ich glauben, daß sich die Sonne um die Erde dreht – ich , der Vetter von ihm ? Nein! – nicht kann ich es glauben! Und sehen Sie – das ist meine ganze Geschichte und mein ganzes Unglück! Jetzt verstehen Sie Alles! ...« »Doch nicht so ganz ...« » Nein !« fiel er mir heftig und entschieden in's Wort. »Alles verstehen Sie jetzt!« »Gut – aber was ist denn eigentlich Ihre Beschäftigung?« »Jetzt bin ich ein Ketzer .« Er sprach das Wort aus, wie man etwa ein Wort aus fremder Sprache citirt, und lächelte dazu, schmerzlich, aber selbstbewußt. »Was heißt das?« »Was das heißt? Ganz einfach: ich bin jetzt ein »Meschumed« (hebr. »Abtrünniger«). Mein Gawrilleben hat mir gesagt: auf Hochdeutsch bist Du jetzt ein »Ketzer«. Und er versteht Deutsch!« »Sind Sie das wirklich?« »Heißt eine Frag'! Nicht gestogen, nicht geflogen! Tragt das ein »Ketzer«?« Er zog die Schaufäden hervor! »Gottlob! Ich bin ein frommer, ehrlicher Jude! Aber mein Gawril hat mich aufgeklärt, und da hab' ich mir gedacht: es ist schad', daß die Barnower Leute dumm bleiben sollen, und da habe ich sie aufklären wollen. Denn ich bin aus Chorostkow, aber in Barnow habe ich gewohnt. Da stehe ich also vor acht Wochen am Sabbath Nachmittags vor der Schul und mit mir der rothe Avrumele und Jizchok der Dorfgeher und Nathan mit dem krummen Fuß und andere Nachbarsleut'! Da stehen wir also und reden so und warten und schauen zum Himmel und warten wieder. Aber nämlich worauf? Auf die ersten drei Sterne! Denn »Mincha« (das Nachmittagsgebet) hatten wir bereits gesagt und »Marew« (das Abendgebet) wollten wir sagen. Aber das darf man ja erst, wenn drei Sterne am Himmel stehen. Und wie wir so reden thun, stellt sich Roth-Avrumele hin und fängt an, als wenn er ein »Pilesof« (Philosoph) wär' und kein Schneider: »Gott!« sagt er, »wie groß ist die Welt und überall wohnen Juden. Gott! jetzt stehen gewiß auf der ganzen Erde Hunderttausend Juden, so wie wir, und warten, bis die drei Stern' aufgeh'n.« Da fang ich an zu lachen. Fragt er: »Warum lachst Du?« Sag' ich: »Lachen soll ich nicht, wenn Du so ein Esel bist?!« Sagt er: »Ich bin ein Esel? Warum? Du bist ein Esel!« Sag' ich: »Hör' zu, Avrumele, Du bist nur ein Schneider für alte Sachen, darum muß man Dir Deine Unwissenheit verzeihen. Nur die Juden in Polen stehen jetzt da und warten auf die drei Sterne. Andere Juden sitzen gerade schon beim Nachtmahl, wieder Andere schlafen schon. Aber Gegenden gibt es auch, wo sie jetzt »Mincha« beten, dann solche, wo sie gerade den »Schalet« essen und »Kugel« und andere gute Sachen, ferner auch Länder, wo sie gerade aufsteh'n und in Schul' gehen.« – »Gott über der Welt!« schreit Avrumele, »närrisch bist Du geworden.« Und die Anderen schreien: »Wie heißt? Warum glaubst Du das?« Und da hab' ich Mitleid mit ihnen und klär' sie auf und sag': »Weil nicht überall auf der Erde jetzt Abenddämmerung ist, sondern Mittag, Morgen, und in Amerikum ist Nacht oder früher Morgen. Denn was ist die Erde? Eine Kugel! Und woher bekommt sie ihr Licht? Von der Sonne! Und was thut die Erde? Sie dreht sich um die Sonne! Also wenn auf der einen Hälfte Tag ist, ist auf der andern Hälfte Nacht. Das weiß man in der ganzen Welt, das weiß man in Chorostkow, aber ihr in Barnow seid so zurück, daß ihr das nicht wiss't! Schämt euch!« – »Wer soll sich schämen?« schreien sie, »Du sollst Dich schämen! Denn Du thust Gott beleidigen, Du lügst! Weißt Du nicht, was geschrieben steht von Josua?!« – »Nicht werd' ich's wissen!« antwortete ich ruhig. »Aber das ist kein Beweis!« – »Was, Du Meschumed?« schreit Jizchok der Dorfgeher, welcher die ganze Bibel auswendig kann. Und stellt sich hin und schreit: »Im Josua, im zehnten Capitel, Vers zwölf und dreizehn, da steht zu lesen: »Da redete Josua mit dem Herrn an dem Tage, da der Herr die Amoniter überlieferte den Kindern Israels und rief vor Israel, welches dabei stand: Sonne, stehe still zu Gideon und, Mond, im Thale Ajalon! Da stand die Sonne und der Mond stille, bis sich das Volk an seinen Feinden rächte. Also stand die Sonne mitten am Himmel und verzog unterzugehen einen ganzen Tag.« Wer also sagt, daß die Sonne sich nicht dreht und stillstehen kann, der ist ein Lügner und lästert Gott.« – »Ich bin nicht dabei gewesen,« sag' ich. – »Was?« schreien sie, »Du zweifelst, daß Josua gerufen hat und der Herr hat's gethan?« – »Gerufen hat er vielleicht,« sag' ich, »der Mensch, wenn er nicht stumm ist, kann rufen, was er will; auch daß die Sonne stillgestanden ist, glaub' ich gerne, das thut sie ja immer; aber daß es Tag geblieben ist, das glaub' ich nicht!« – »Weh! weh!« schreien sie und laufen von mir fort, »ein Sünder ist in Israel, ein großer Sünder.« Nur Roth-Avrumele, welcher eigentlich mein guter Freund war und eine treue Seele, hat mich nach Hause begleitet und mir gesagt: »Gib Acht, Jossef, da hast Du Dir eine schöne Suppe eingebrockt. Für Jeden war's gefährlich, aber doppelt für Dich – Dir kann es an Dein Brot greifen.« Ich aber lache ihn aus und geh' ohne Sorgen schlafen und freue mich noch im Bett, daß Gawril's Vetter aufgeklärter ist, als alle Barnower zusammen. ...« »Was war denn Ihr Brot?« »Ich war ein »Katziw« (Fleischhauer). Mein Gawrilleben, was ein sehr witziger Mensch ist, hat später auf mich den Witz gemacht: früher »Katziw« jetzt »Ketzer«. Nämlich, warum bin ich ein Fleischhauer geworden? Weil mein Vater Mosche es auch war. Aber es ist kein Geschäft, bei welchem man reich wird; wir haben kaum das Essen gehabt, während sein Bruder Jonas, der Vater von Gawril, sich von seinem Specereihandel ein großes Haus gebaut hat. Darum sagt mir mein Vater: »Jossef,« sagt er, »geh' zu meinem Bruder in's Geschäft, es ist gescheiter für Dich, als wenn Du bei mir bleibst!« Ich aber habe meinen alten Vater sehr gern gehabt und hab' gewußt, daß er im Geheimen stolz ist auf sein Gewerb', und darum hab' ich gesagt: »Vater, was Du bist, will ich auch sein.« Da lacht mein Vater im Herzen, aber ganz wild sagt er: »Wenn der Vater ein »Chammer« (Esel) ist, soll es auch der Sohn sein?« Und ich darauf: »Ja, Vater!« – So bin ich auch Fleischhauer geworden, aber in Chorostkow hab' ich nicht bleiben können, weil dort schon ihrer zu viel waren. So bin ich nach Barnow gezogen und hab' geheirathet – Rosel, die Tochter von Nachman Wechsler, eine brave, schöne, dicke Maid. Sie hat mir drei Kinder geboren: Gerson, Riste und Mosche. Es ist mir nicht gut gegangen, aber auch nicht schlecht. Und immer hab' ich mein Handwerk ehrlich betrieben und alle Gesetze Mosis genau befolgt und alle Vorschriften der Talmodim. Es sind unzählige Vorschriften, aber alle kenne ich und alle habe ich befolgt, auch wenn es zu meinem Schaden war. Denn wenn in Barnow ein Stück »trefe« (für die Juden nicht eßbar) wird, was fangt man mit dem Fleisch an? Die Bauern essen kein Fleisch, und es gibt wenige christliche Herren in der Stadt, und die nehmen gern auf Borg. Aber ich kann beschwören, daß ich an Juden nie Fleisch verkauft habe, das nicht »koscher« (nach den rituellen Vorschriften erlaubt) war. Auf Ehre, und wenn Sie mir nicht glauben ....« »Ich glaube Ihnen,« versicherte ich. »Aber Sie sprachen von einem Unglück ....« »Ich sprach ? Ich spreche noch und ich schreie und ich werde sprechen und schreien und werde nie aufhören! O Herr, lieber Herr, wie weh ist mir geschehen – o wie weh!« Der Mann begann zu schluchzen. Dann faßte er sich und fuhr fort: »Am Sonntag nach jenem Sabbath, am frühen Morgen – wir liegen noch Alle im Bett – kommt mein Knecht Ruben und schreit: ›Herr, ich habe den grauen Ochsen zur Schlachtbank führen wollen, aber die Leute lassen mich nicht herein. Sie sagen: ›Der Rabbi hat es verboten, weil Ihr gestern Gott geschmäht habt!‹ – ›Wie heißt?‹ schrei' ich und spring' mit beiden Füßen aus dem Bett, und mein Weib springt auch heraus und meine Kinder und Alle fangen an zu jammern. Ich fahre in meine Kleider und stürze zur Schlachtbank. Da steht der »Gabe« (Gehilfe) des Rabbi und sagt: »Es thut mir leid, aber Rabbi Baruch Maier hat mich hieher gestellt, damit ich nicht zulasse, daß Dein Vieh geschlachtet wird!« Natürlich laufe ich nun zum Rabbi. Und der sagt mir: »Eben habe ich um Dich schicken wollen. Drei Männer haben ausgesagt, daß Du Irrlehren verbreitest und die Wunder Gottes leugnest. Ist das wahr?« – »Nein!« sage ich. – »So wird man Dir die Männer gegenüberstellen,« erwiderte der Rabbi; »ich werde die Gelehrten aus der »Klaus« berufen und Gericht über Dich halten. Erscheine um zwölf Uhr.« – »Gut,« sage ich und gehe ruhig fort. Aber auf der Straße wird es mir schon bänger; alle Leute weichen mir aus oder wenden mir den Rücken zu, wenn ich sie ansprechen will. Und wie ich heimkomme, zerfließen Weib und Kinder in Thränen. »Man sagt, der Rabbi wird Dich in den »Cherem« (Bann) thun, und dann sind wir brotlos!« Ich tröste sie, aber mir selbst ist das Herz schwer. »Leugne ab, was Du gestern gesagt hast,« bittet sie. – »Es sind ja Zeugen da,« erwidere ich. – »So sag', daß Du im Rausch gesprochen hast, und widerrufe!« – »Das kann ich nicht,« erwidere ich; »das kann Gawril's Vetter nicht thun. Aber sonst werde ich sehen, was sich machen läßt.« »Um 12 Uhr gehe ich zum Rabbi. Das Gericht ist versammelt, dann die Leut', mit denen ich gestern geredet, und viele Zuhörer. Zuerst fragt man Roth-Avrumele, aber der gute Mensch kann sich auf nichts erinnern. Dann Jizchok, den Dorfgeher, und der erzählt natürlich haarklein Alles, was ich gesagt habe, und noch mehr dazu. »Ist das wahr?« fragt mich der Rabbi. – »Zum Theil ja, zum Theil nein!« – »Leugnest Du, daß Gott ein Wunder machen kann, so daß die Sonne hoch am Himmel stehen bleibt?« – Ich denke reiflich nach. Dann erwidere ich nach meiner Ueberzeugung: »Bei Gott ist Alles möglich. Aber dann hat er das Wunder nicht dadurch bewirkt, daß die Sonne stehen geblieben ist, denn das geschieht ohnehin immer, sondern dadurch, daß die Erde im Drehen eingehalten hat und still gestanden ist!« – Der Rabbi lacht: »Du meinst, daß die Sonne sich nicht bewegt?« – »Das meine ich!« – »Aber ein Kind kann es ja sehen!« – »Das scheint uns nur so.« – »Aber in der Heiligen Schrift steht ausdrücklich geschrieben: »Das Wunder geschah, weil die Sonne stille stand.« Glaubst Du daran?« – »Nein!« – »Dann thue ich Dich in den »Cherem«: verflucht sei, wer mit Dir spricht, verflucht, wer berührt, was Dir gehört, verflucht, wer Dich nicht verfolgt, gesegnet, wer Dich schädigt. Geh'!« Da ist es mir schwarz vor den Augen geworden und ich bin ohnmächtig zusammengestürzt.« Er schwieg und starrte traurig vor sich hin. »Und wie kam es weiter?« fragte ich. »Weiter? Ha ha!« – er lachte bitter – »ein Fleischhauer im »Cherem« – was ist da viel zu erzählen? Ich war brotlos. Schon am nächsten Tage bin ich nach Chorostkow gefahren, zu meinem Gawril. Und der hat mir einen Rath gewußt, der Goldmensch. »Selbst wenn Du lügst und widerrufst,« hat er gemeint, »so kannst Du doch nicht mehr in Podolien bleiben. Denn ein jüdischer Fleischhauer muß bezüglich der Frömmigkeit einen Ruf haben, wie ein junges Mädchen bezüglich der Keuschheit. Es muß sich Beides von selbst verstehen – die Leute dürfen nie davon reden. Selbst wenn Du Dich demüthigst und aus dem »Cherem« entlassen wirst – die Leute werden Dein Fleisch nicht mehr kaufen. Du mußt in ein anderes Land, nach Böhmen oder Mähren. Dort wohnen Juden, welche nicht minder fromm sind, als die Barnower, aber gottlob nicht so dumm. Sie nehmen gern Fleischhauer aus Polen, weil diese geschickt sind und viele Uebung haben. Ich werde Dir Geld geben, fahre nach Wien und gehe dort zu Hirsch Blumenstock am Salzgries. Er wird Dir weiter helfen.« – So hat mein Gawril gesprochen, und darum bin ich hier –« »Und haben Sie eine Stelle?« »Nein, noch nicht. Aber morgen soll ich einem »Roschkol« (Gemeindevorsteher) aus Mähren vorgestellt werden. Und wenn mir dieser gute Hoffnung gibt, übersiedle ich mit Weib und Kind. Zu Ihnen aber bin ich gekommen, damit Sie Alles aufschreiben thun. Gott, was werden die Leut' Augen machen, Augen wie Räder! Mein Gawrilleben wird springen, und Rabbi Baruch Maier wird auch springen, aber vor Galle!« Ich sagte es ihm zu, der Mann empfahl sich. Er versprach auf meine Einladung wiederzukommen, wenn er morgen die Stelle nicht bekäme. Er kam zunächst nicht wieder. Ich aber hielt meine Zusage und veröffentlichte seine Leidensgeschichte in der »Neuen Freien Presse«, allerdings erst dann, nachdem ich mir aus authentischen Quellen die Ueberzeugung geholt, daß mein Gewährsmann nur eben die Wahrheit berichtet. Darauf erhielt ich einen Brief von ihm, worin er mir mittheilte, daß er jene Stelle in Mähren erhalten, und im vorigen Jahre fand er sich auch wieder persönlich bei mir ein. »Mir geht's gut,« sagte er, »aber wenn ich an die Leut' in Barnow denke, thut mir doch das Herz weh'! Es müßt' ja nicht so sein, und wird es je anders werden?!« Gewiß, mein guter Singmirwas, auch dort wird es einst lichter und besser werden! Aber hiezu bedarf es wohl noch der Arbeit eines Jahrhunderts, der ehrlichen Arbeit muthiger Werkleute, die sich nicht einschüchtern lassen, weder durch den wüsten Glaubens- und Rassenhaß der Andersgläubigen, noch durch den Fanatismus der eigenen Glaubensbrüder. Daran wollen wir halten und dafür kämpfen, jeder an seiner Stelle und nach seiner Kraft. Freilich, auch dieser Vorsatz kann uns nicht ganz davor bewahren, daß uns zwischendurch doch zuweilen das Herz wehe thut, wenn wir »an die Leut' in Barnow« denken ...« Der »Fehlermacher«. (1879.) Es war am Marktplatz zu Barnow, in der grauen, nebeligen Frühe eines Märztages, vor dem Gasthofe des Nathan Silberstein. Ich hatte da die Nacht verbracht, in jenen überaus unruhigen Träumen, welche über jeden Gast dieses Hauses kommen, seit es nicht mehr von Nathan selbst verwaltet wird, sondern von seinem schmutzigen Pächter. »Es ist nicht meine Schuld,« entschuldigte sich der Mann demüthig, »alle Woche werden die Zimmer gelüftet und alle vierzehn Tage die Betten frisch überzogen. Mehr kann man nicht thun!« Dann aber meldete er, der Kutscher erwarte mich bereits vor der Thüre. Es war dies der treffliche Hirsch Guldenmann, der mir noch aus jenen Tagen bekannt war, da ich selbst in Barnow gewohnt. Darum hatte ich ihn auch den Abend zuvor vor vielen Konkurrenten auserlesen und zur Fahrt nach Tarnopol gemiethet. »Ich nehme meine leichte Britschka,« hatte er versprochen, »und meine kleinen braunen Huzulen, und in sechs Stunden machen wir sechs Meilen.« Als ich nun vor die Thüre trat, war Hirsch zur Stelle, auch die kleinen, braunen Huzulenpferde, aber sie waren nicht vor das leichte zweisitzige Fuhrwerk gespannt, von dem Hirsch gesprochen, sondern vor einen schweren, uralten Landauer, der so mit Gepäck überladen war, daß es schien, als wollten einige Familien der Stadt mit mir ihren Auszug halten. Sogar zwei Hühnersteigen mit sehr lebendigem Inhalt waren zu oberst angebracht. Von Passagieren freilich ließ sich nichts blicken. »Was soll das heißen?« rief ich entrüstet. »Was?« fragte Hirsch so kindlich unschuldig, daß ihn jede Naive von Beruf um diesen Ton und Blick hätte beneiden können. »Ihr habt die Britschka versprochen!« »Versprochen? – ja!« rief Hirsch. »Werde ich ableugnen, was ich versprochen habe?! Gottlob, ich bin ein Ehrenmann! Aber antworten Sie mir zur Güte: wer regiert die Welt: ich oder Gott? Gott regiert die Welt! Also was wundern Sie sich, gnädiger Herr? Gott hat es so gewollt und die Britschka ist beim Einspannen zerbrochen. Was hätte ich da thun sollen? Den Landauer habe ich genommen. Der Herr hat mich gemiethet, hab' ich mir gedacht, vielleicht muß er heute noch in Tarnopol sein – ein ehrlicher Mann bin ich – hier ist der Landauer!« »Aber das Gepäck!« »Was reden Sie vom Gepäck? Sie sind Gottlob ein nobler Herr – was geht Sie das Gepäck von arme Leut' an? Hinten hängt es, lassen wir es hängen!« »Aber die Leute werden mitfahren wollen!« »Gottlob!« rief Hirsch gerührt, »Sie sind nicht, wie andere Herren! Andere Herren sagen: »Es darf Niemand mitfahren!« Ich aber kenne Sie, wie Sie noch ein Kind waren, so groß –« er zeigte den Daumen – »und schon damals waren Sie gut und klug. Gottlob, heute sind Sie es auch noch! Sie wissen, arme Leute haben auch Geschäfte, und Sie fragen gleich selbst, ob sie vielleicht mitfahren wollen. Natürlich wollen sie mitfahren und stehen schon und warten. Kommt!« rief er laut, »der Herr hat es erlaubt!« Und darauf traten aus dem nächsten Hausthor hervor: eine alte Jüdin mit einem Korb voll Enten, eine junge Jüdin mit einem Korb voll Hühnern, ein alter Jude mit einem Pack Waaren und ein junger, der nur ein bescheidenes Päckchen unter dem Arm trug. Ich mußte lachen, trotz meines Aergers. »Und wie wollt Ihr uns sitzen lassen?« fragte ich. »Wie? Nach dem Verstand! Oben Sie und neben Ihnen Reb Mendel, weil er ein alter Mann ist. Gegenüber die beiden Weiber. Und Reb Chaim, den nehme ich auf den Bock! Es wird prächtig gehen!« »Gut!« sagte ich. »Aber ich fahre nicht mit!« Und ich befahl meinen Koffer wieder abzuschnallen. »Ich fahre nur in einer Britschka und nehme Niemand mit!« »Herr!« rief Hirsch stehend, »denken Sie an Gott, nehmen Sie die Sünde nicht auf sich! Wissen Sie, was geschieht, wenn Sie nicht fahren? Dann fahre ich auch nicht! Und was geschieht, wenn ich nicht fahre? Dann bleibt Reb Mendel's Tochter sitzen, denn er fahrt nach Tarnopol, um einen Bräutigam für sein Kind! Dann können die Leut' in Tarnopol nicht Sabbath machen, denn wenn sie auf den Markt kommen und fragen: ›Wo sind die Enten und die Hühner?‹ – kein einziger Flügel ist da! Herr!« –er rang die Hände – »nehmen Sie keine solche Sünde auf die Seele! Stören Sie keine Hochzeit! Stören Sie keinen Sabbath! Aber der Wichtigste ist Reb Chaim da!« Er wies auf den jungen Menschen. »Er will ja blos bis Tluste mitfahren, und was geschieht, wenn er heute nicht in Tluste ist – es ist nicht auszudenken. Hundert junge Menschen warten dort auf ihn, wie man auf den Messias wartet, denn wissen Sie, was Chaim ist?« »Nun?« Der Fuhrmann beugte sich vor und flüsterte dumpf: »Ein Fehlermacher ist er! Jetzt werden Sie nichts dagegen haben!« »Ein Fehlermacher?« fragte ich erstaunt. Von diesem Beruf hatte ich noch nie gehört. »Was heißt das?« »Fehler macht er!« flüsterte Hirsch geheimnißvoll. »Ein geschickter Mensch – merkwürdig, sag' ich Ihnen! Es ist wirklich der Mühe werth, daß er es Ihnen erzählen thut! Also – die Britschka will ich schnell flicken und einspannen, aber Reb Chaim darf mitfahren bis Tluste, nicht wahr? Sie werden Mitleid haben mit die armen jungen Leut' von Tluste. Was wird das für ein Weinen und Zittern sein, wenn er heut' nicht kommt!« »Meinetwegen!« gab ich endlich zu, weniger aus Mitleid, als aus Neugierde, »aber rasch müßt' Ihr machen!« Eine halbe Stunde später fuhren wir aus dem Städtchen auf die kothige Heerstraße hinaus. Auf dem Kutschbock saß neben Hirsch der geschickte Mensch, auf den die jungen Leute in Tluste so sehnsüchtig warteten, damit er ihnen Fehler mache. Es war ihm aber gar nicht anzusehen, daß er ein so merkwürdiges Handwerk betrieb. Er hatte ein recht alltägliches Gesicht und glotzte aus großen, schläfrigen Augen einfältig vor sich hin. »Hört, Reb Chaim!« begann ich. »Ihr seid also ein ›Fehlermacher?‹« »Ich?« rief er. »Gott soll mich behüten! Meine Feinde sagen es, aber beweisen kann man mir nichts!« »So, was seid Ihr denn in Wirklichkeit?« »Cyrulik!« (Bader.) »Und wozu fahrt Ihr nach Tluste?« »Barbieren – zur Ader lassen – Hühneraugen schneiden – was man braucht! Auf Ehre!« »Sonst nichts?« »Sonst nichts! So wahr mein Weib leben soll und gesund sein!« »Aber Hirsch!« sagte ich, »dann seid Ihr ja ein erbärmlicher Lügner!« Hirsch überhörte es, er hatte mit den Pferden zu thun. »Ein niederträchtiger Lügner,« schrie ich ihm in's Ohr. Diesmal hörte er, aber falsch. »Hat er gelogen, Herr?« fragte er unschuldig. »Warum habt Ihr gelogen, Reb Chaim!« »Wer hat gelogen?« rief dieser. »Ihr habt gelogen!« »Ich hab' gelogen? Ich hab' ja noch kein Wort gesprochen!« Und er beschäftigte sich wieder sehr eifrig mit den Pferden. Bei mir waren die beiden Herren denn doch an den Unrechten gekommen. »Halt!« rief ich in einem Tone, daß der Kutscher sofort gehorchte. Wir hielten auf freiem Felde, die Straße war ein Kothmeer. »Ihr werdet augenblicklich absteigen,« befahl ich dem jungen Manne, »ich habe nur einen ›Fehlermacher‹ mitgenommen, keinen ›Cyrulik‹! Augenblicklich – macht fort!« Bestürzt blickten die Beiden einander an, dann begann Hirsch zu jammern. »Recht hat der Herr,« schluchzte er. »Ich bin ein Ehrenmann und sage ihm die Wahrheit – aber Ihr wollt Euch verstellen – was nützt es Euch? Ihr seid doch ein ›Fehlermacher‹ auf zwanzig Meilen im Umkreis. Sogar ein geschickter, der von Stanislau und der von Tarnopol verstehen es nicht so gut! Und was fürchtet Ihr Euch? Wird Euch dieser Herr verrathen? Ein nobler Herr thut das nicht. Also seid kein Narr, Reb Chaim!« »Nun ja!« sagte dieser weinerlich, »im Frühling und im Herbste mache ich Fehler, aber sonst bin ich ein Cyrulik!« »Ihr habt bei Eurem Weibe geschworen!« hielt ich ihm vor. »Ich bin ja Wittwer,« lächelte er schamhaft. Dann aber meinte er dienstfertig: »Also, was will der Herr wissen?« »Was macht Ihr für Fehler?« »Verschiedene – je nach dem Menschen. Dem Einen Krampfadern, dem Anderen Säbelbeine, dem Dritten eine Lungensucht –« »Wa–as?« »Eine Lungensucht,« wiederholte er ruhig. »Dem Vierten einen Staar, dem Fünften eine Lähmung, dem Sechsten wieder nur Plattfüße –« »Und das lassen sich die Leute gefallen?« rief ich, »Natürlich! – sie brauchen es ja!« »Wozu?« »Für die Rekrutirung.« Mich faßte und schüttelte ein gründlicher Abscheu. Aber die Sache war interessant genug, um mehr darüber zu hören. »Ich bin im Lande aufgewachsen,« sagte ich, »und habe nie von diesem Handwerk gehört. Wie kommt das?« Er zuckte die Achseln. »Man spricht nicht gern davon, weil es so viele böse Menschen gibt, die gleich zum Bezirksgericht laufen und denunziren. Und dann – früher war das Fehlermachen nicht so nothwendig – früher hat man die ganze »Assent-Kommission« bestochen und die Sach' war in Ordnung. Jetzt geht das nicht mehr. Es sind Untersuchungen gewesen in den letzten Jahren und Prozesse und die strengen Befehle – die Herren nehmen kein Geld mehr. Da muß man sich Fehler machen lassen; denn ›Sellner‹ (Soldat) werden ist ja doch noch viel schlechter!« Was ich dabei dachte und empfand, sagt sich wohl der Leser selbst. Dann aber fragte ich: »Ihr macht verschiedene Fehler?« »Wie es eben nothwendig ist!« erklärte er. »Ist Jemand ohnehin ein schwächlicher Mensch, so mache ich ihm nur Krampfadern. Das geht, wenn man gewisse Adern wochenlang unterbindet und dann mit hellblauer Farbe Striche darüber zieht. Meine Krampfadern werden Sie nicht von den natürlichen unterscheiden – so soll ich selbst leben und gesund sein! Ist der Fall gefährlicher, so mache ich Säbelbeine. Das ist aber sehr unangenehm, weil das betreffende Jüngel wochenlang täglich zehn Stunden auf einem Holzblock reiten muß und drei Tage vor der Assentirung kommt es gar nicht mehr vom Block herunter. Ist Jemand blaß, aber sonst ganz gesund, so mache ich ihm die Lungensucht. Da muß man aber schon sehr vorsichtig sein. Denn warum? – aus dem Spaß kann leicht Ernst werden ....« »Wie macht Ihr das?« »Er trinkt Essig und ißt wenig, – das macht ihn blaß. Dann muß er ein Pulver einnehmen, das Husten macht. Sehen Sie, so ein Pulver –« Er holte es aus der Tasche hervor. Eine gelbliche Mischung von peinlichem Geruch. »Was ist das?« fragte ich. »Pulver, Tabak, Pfeffer und der Samen von einer Stachelpflanze, die am Wege wächst (den Namen wußte er nicht). Nach zwei Tagen ist ein furchtbarer Husten gemacht. Noch gefährlicher ist der Staar, den mache ich nur bei ganz gesunden Burschen, für die es sonst keine Rettung gibt. Ich sage aber gleich: »Es kann gefährlich ausgehen«. Und wenn er doch einverstanden ist, streiche ich ihm von diesen Tropfen da in's Auge. Das Auge trübt sich und nach einer Woche sieht es aus, als wäre da ein unreifer grauer Staar. Dann muß es sich der Mensch von den Doktoren kuriren lassen, – bei Manchen gelingt es, bei Manchen nicht!« »Und der Mann wird blind?!« rief ich. »Nur auf einem Auge!« sagte er beschwichtigend. »Und wie werden Lähmungen gemacht?« »Man schneidet den Muskel durch,« sagte er kaltblütig. »Ich bin ein geschickter Cyrulik!« »Ein Hund seid Ihr,« rief ich, »ein Schurke, den ich anzeigen werde!« Der Mann wurde bleich. Dann aber sagte er: »Das werden Sie nicht thun! Was haben Sie davon? Ich komm' nicht in's Kriminal, denn beweisen kann man mir nichts. Und wenn ich schon eingesperrt werde, was haben Sie davon?! Meinen Sie, das Fehlermachen hört auf? Die Leut' wollen es, und so wird sich in zwei Wochen ein Anderer finden, der es thut!« Ich lehnte mich schweigend zurück, was sollte ich auch erwidern?! Der Schurke hatte ja Recht! Wir fuhren lange schweigend dahin, endlich wandte er sich wieder zu mir: »Ist es denn ein gar so großes Unrecht?! Ich helfe eben den armen Burschen!« Mit dem Mann in moralische Erörterungen einzutreten, hatte ich geringe Lust. »Habt Ihr nur Juden in Eurer Kundschaft?« fragte ich. »Nein, im Gegentheil!« rief er eifrig. »Mehr Christen, als Juden! Die Bauern und die Polen gehen auch nicht gern in die Fremde, um sich da todtschießen zu lassen! Freilich zahlen sie schlechter, als die Juden!« »Warum bedient Ihr sie billiger?« »Erstens, weil sie weniger Geld haben, zweitens, weil sie sich sonst selbst helfen, freilich nicht so geschickt, wie ich! Da haut sich der Eine den Finger ab, der Andere die Zehe! Der Jude aber zahlt gerne, nur um wenigstens von einem geschickten Menschen bedient zu werden. Und ich, Herr, ich bin wirklich ein geschickter Mensch ....« »Das Gewerbe ist einträglich?« »Gottlob, ja, es kommt schon etwas zusammen. Wenn nur die Christen so gut zahlen möchten, wie die Juden! Aber so: immer die Hälfte! Jüdische Krampfadern zehn Gulden, christliche fünf; christliche Säbelbeine zehn Gulden, jüdische zwanzig; der christliche Staar hundert Gulden, der jüdische bis zu dreihundert Gulden .... Man hilft sich durch, wie man kann,« fügte er mit behaglichem Lächeln hinzu. »Und wie Viele bereitet Ihr jährlich vor?« »Weiß ich? Zählen thu' ich's nicht und aufschreiben gewiß nicht. Hundert Stück werden es immerhin sein ....« »Bei jeder Assentirung?!« rief ich entsetzt. »Natürlich!« nickte er vergnügt. »Warum wundern Sie sich darüber? Der Mensch hilft sich, wie er kann!« Wir fuhren in Tluste ein. Vor der Schenke sprang der ›Fehlermacher‹ ab. Im Thorweg standen einige Bursche, Bauern und Juden, die offenbar bereits sehnsüchtig seiner harrten. Aber Reb Chaim war ein höflicher Mann, er trat an den Wagenschlag, um sich von mir zu verabschieden. »Denken Sie nichts Böses von mir!« bat er. »Ich verführe ja Keinen, sie laufen mir freiwillig zu. Wäre ich so dumm, sie abzuweisen, so gingen sie zum heiligen Hawrilo, obwohl er nichts kann ....« »Wer ist das?« »Der Kirchensänger von Brolówka, ein dummer, ungeschickter ....« »Also gibt es auch christliche Fehlermacher?« »Natürlich! Aber sie arbeiten nur mit der Hand, und wir auch mit dem Verstand!« Und stolz schritt er auf seine Clientel zu. Ich fuhr weiter, in das Kothmeer der Ebene hinein. Aber wozu noch diesen Sumpf schildern? Er ist selbst in den trübsten Tagen des Vorfrühlings weit minder tief und abscheulich, als jener, in den ich den Leser soeben habe blicken lassen. Ach! was liegt Alles in diesem schlimmeren Kothmeer begraben! Nicht etwa bloß der »Charakter« Reb Chaims und seiner Metiergenossen, sondern auch das Pflichtgefühl seiner Mitbürger und die moralische Kraft des Staates, der nach einer mehr als hundertjährigen Herrschaft die Beherrschten so wenig emporzuheben vermocht, daß ihnen sein Dienst schrecklicher erscheint, als die Kunst des ›Fehlermachers!‹ .... Ein Zündhölzchen. (1879.) In der nördlichen Moldau, nahe der österreichischen Grenze und seit etwa zehn Jahren durch einen Schienenstrang mit der Czernowitz-Jassyer Bahn verbunden, liegt in fruchtbarem, aber wenig kultivirtem Ackerlande die Stadt Bottuschany, die zweitgrößte des oberen Rumäniens. Dem Auge des europäischen Reisenden dürfte freilich das Gewirre erbärmlicher Hütten und Häuschen, planlos auf einen großen Raum verstreut, kaum als eine Stadt erscheinen. Denn es fehlt an regulirten Straßen und Plätzen, an Kanälen und Anlagen, und die Zwischenräume der Häuser und Gehöfte dienen als Stapelplatz für mancherlei Dinge, die weder dem Auge, noch der Nase des Besuchers sonderlich angenehm sein können. In der kurzen Sommerzeit versinkt der Fuß im Staube, während des langen Winters im Schnee und den Rest des Jahres im Kothe, dessen Unergründlichkeit nur Jenem glaublich sein kann, der ihn selbst durchschwommen und durchwatet. Ebenso jämmerlich ist das Innere der meisten Hütten – da herrschen Armuth und Rohheit, und in ihrem Gefolge Schmutz und Verwahrlosung. Wie könnt' es auch anders sein! Die Regierung thut nichts für diese armen Leute, sie sorgt weder für Schulen, noch für öffentliche Gesundheitspflege, und ihre Unterthanen stehen zu tief, um sich aus eigener Kraft die Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins zu erkämpfen. Vielleicht ahnen sie zuweilen, wie traurig ihr Leben ist und wie tief der Sumpf, in dem sie stecken, aber zu klarer Erkenntniß ihres Elends bringen es nur Wenige, und kaum einer von Tausenden rafft sich daraus empor. Dieß gilt in gleicher Weise von den Christen wie von den Juden. Denn die Bauern in den Vorstädten werden nicht bloß durch ihre Armuth niedergehalten, sondern auch durch Trägheit, Völlerei und Aberglauben, und ebenso lastet auf den Juden neben dem Druck der Noth auch noch der Druck der Verachtung und gleich schwer ihr eigener religiöser Fanatismus ... So bietet diese Stadt reichlichen Stoff zu Bildern der Barbarei und des Elends. Doch sollen diese hier nicht ausgemalt werden, sondern nur eine Folie sein für die Erzählung von einem bescheidenen Lichtlein, welches mitten in der tiefen Nacht aufglomm und sich durch ein kurioses Mittel siegreich behauptete. Dies Mittel war ein Schwefelhölzchen, und der es anwandte und damit seinem düsteren Schicksal eine bessere Wendung gab, ein blasser, hagerer Jüngling von siebzehn Jahren, Aaron G. mit Namen. Was mich hindert, hier auch seinen Familiennamen zu nennen, ist ein erfreulicher Grund, der dem Leser am Schlusse einleuchten wird. Es genüge, zu bemerken, daß die Bedeutung dieses Namens, welcher auf vielen Besitz hinweist, ein höchst ironisches Widerspiel bildete zu der großen Armuth, in welcher der Knabe aufwuchs. Denn sein Vater, Mosche G., ein kleines, geknicktes, melancholisches Männlein, hatte leider einen Beruf ergriffen, welcher selbst im günstigsten Falle nicht viel abwirft, und war dann noch obendrein durch das Walten eines tückischen Geschicks daran verhindert worden, diesem Beruf obzuliegen. Der kleine Mann hatte sich nämlich in seiner galizischen Heimath zum Vorsänger in der Synagoge ausgebildet, aus keinem andern Grunde, als weil sein Vater gleichfalls Vorsänger war und die uralten Melodieen, welche das Volk Gottes seit Jahrtausenden bewahrt, so wunderschön zu trillern wußte, daß seine Gemeinde stolz auf ihn war und ihn weniger hungern ließ, als dies sonst bei Vorsängern üblich und hergebracht. Diese wunderschönen Triller erlernte Moschee bald, dazu all' die sonderbaren Sprünge und Verneigungen, welche ein solcher Würdenträger während des Gebetes vor der Bundeslade exekutiren muß, auch sein heller Knabensopran ließ sich ganz angenehm hören. Aber als er zum ersten Male nach überstandener Stimmutirung an der Seite des Vaters vor die Gemeinde trat, da ging gleich nach den ersten Takten ein Aufschrei des Unwillens durch die Versammlung, und er selbst erschrak tödtlich vor den krächzenden Lauten, die ihm aus der Kehle drangen. Was nützte ihm nun all' seine Kunst, was die gewandten Sprünge? Mosche war in Verzweiflung, denn jeder andere Beruf war ihm so gut wie verschlossen. Um ein Handwerk zu erlernen, war er zu alt, um Wucher zu treiben zu arm, um Heirathsvermittler zu werden zu wenig gewandt und lebenskundig, und um sich endlich als Talmudist von der Gemeinde ernähren zu lassen, dazu reichte zwar sein Wille aus, aber nicht seine Gelehrsamkeit. Kurz – es blieb ihm nichts Anderes übrig, als Vorsänger zu bleiben, und da er nicht hoffen durfte, in Galizien unterzukommen, so wanderte er nach Rumänien aus, denn dieses Land ist das Eldorado aller gestrandeten Existenzen des Ostens und namentlich der Juden Galiziens, der Bukowina und Ungarns. Wer daheim mit den Gesetzen in Konflikt gerathen ist oder daran verzweifelt, sich in der gewohnten Umgebung durchzuschlagen, wandert nach Rumänien aus, weil die dortigen, wenig konsolidirten Verhältnisse den Kampf um's Dasein leichter erscheinen lassen. Einigen erfüllt sich wohl auch diese Hoffnung; die Meisten aber helfen nur jenes Proletariat vermehren, an welchem das unglückliche Land dahinsiecht. Zu den Letzteren gehörte auch der Vater unseres Helden; die rumänischen Juden waren in Bezug auf künstlerische Leistungen lange nicht so anspruchslos, als er vorausgesetzt hatte; in jeder Synagoge, wo er auftrat, erhob sich ein Murmeln, aber es war nicht gerade der Ausdruck mühsam zurückgedrängter Begeisterung. So verweilte der arme Mensch viel mehr auf der Heerstraße, als in Städten, und mußte obendrein diese Kunstreisen nicht allein machen, sondern in Begleitung eines Weibes und bald auch eines Kindes, denn trotz seiner bitteren Armuth hatte er sich in seinem neunzehnten Lebensjahre verheirathet, weil er sonst unter seinen Glaubensgenossen ganz unmöglich geworden wäre; ein orthodoxer Jude darf nicht bis in sein zwanzigstes Jahr hinein ledig bleiben, es gilt dieß als eine Todsünde vor Gott und den Menschen. Nachdem er so das ganze Land durchzogen, ließ er sich endlich in Bottuschany nieder; nicht etwa in der Hoffnung, daß in dieser größeren Stadt die Kunst genügen werde, welche selbst in kleineren Flecken so wenig Anwerth gefunden, sondern im felsenfesten Vertrauen auf den Wohlthätigkeitssinn seiner Glaubensbrüder. In der That trog dieses nicht ganz, die Familie hungerte zwar, aber sie verhungerte nicht und litt wenigstens am Sabbath keinen Mangel. Der arme Exkünstler trug dieses herbe Loos leichter, als zu vermuthen war, ihn labte in allem Jammer eine freudige Zuversicht, die ihm allmählig zur fixen Idee wurde: die glänzende Zukunft seines Sohnes als »Leuchte in Israel«, als gelehrter Rabbi. Darum ließ er sich auch die fromme Erziehung desselben mit einem Eifer angelegen sein, den ein minder kräftiges Kind wohl nicht hätte überdauern können. Bald wußte der kleine Aaron nicht bloß sehr viel, sondern verstand auch das Gelernte selbstständig und mit großer Spitzfindigkeit zu verwerthen. Und so fiel durch ihn, je mehr er heranwuchs, immer hellerer Schein in das armselige Leben seiner Eltern, sein Ruf wuchs, schon in seinem zehnten Jahre wurden ihm rituelle Fragen zur Entscheidung vorgelegt, und als er ein Jahr später mit einem zugereisten Rabbi aus Polen eine Disputation bestanden hatte und siegreich aus derselben hervorgegangen war, da zweifelte Niemand mehr an seiner großen Zukunft, und der verachtete Mosche wurde von Allen beglückwünscht und geehrt. Der kleine Mann ertrug dies mit derselben ruhigen Würde, mit der er seine Bettlertage überdauert – »ich hab's ja gewußt!« pflegte er gleichmütig zu erwiedern. Sogar eine weit größere und völlig unerwartete Ehre brachte ihn nicht außer Fassung. Der alte Simon B., einer der reichsten Männer der Gemeinde, wünschte den Wunderknaben zum Schwiegersohn und bot den Eltern für ihre Einwilligung freie Wohnung in einem seiner Häuser und eine ganz ansehnliche Rente. Wer die Sitten des Ostens kennt, wird über diesen Antrag nicht staunen – rabbinische Gelehrsamkeit gilt unter den orthodoxen Juden als einziger und höchster Adel, und ein reicher, aber ungebildeter Mann kann seinen Ehrgeiz nicht besser befriedigen, als indem er sich einen solchen Schwiegersohn kauft. Auch darin ist nichts Besonderes zu erblicken, daß der elfjährige Knabe mit einem gleichaltrigen Mädchen verlobt werden sollte – die Juden des Ostens pflegen über ihre Kinder auch noch viel früher zu verfügen. Mosche überlegte sich den Antrag, mäkelte an den Bedingungen und willigte endlich ein, natürlich ohne den Sohn zu fragen – derlei ist in jenen Kreisen ausschließlich Sache des Vaters. Auch hatte Aaron nichts dagegen, obwohl seine Braut Gitel just keine Schönheit zu werden versprach; er war, wenngleich in allen geistigen Dingen entsetzlich frühreif, doch noch ein unverdorbenes Kind und freute sich, künftig Braten zu essen statt trockenen Brodes. Er sollte aber doch bald zu Letzterem zurückkehren, und zwar, wie die Leute von Bottuschany klagten, durch eigene Schuld. Wir freilich werden darüber anderer Ansicht sein und dem armen Aaron nicht zur Last legen, daß sich sein Geist selbstständig entwickelte und andere Bahnen einschlug, als die vorgeschriebene. Er begann zu kritisiren, was ihm bisher heilig gewesen und seiner Umgebung für unantastbar galt, seine Zweifel, von Geringem ausgehend, rührten endlich auch an das Höchste, und in dem Maße, als ihn seine Ueberzeugung von dem Werthe der bisher betriebenen Studien verließ, wuchs auch sein Sehnen nach anderem Wissen. Nicht äußere Einflüsse hatten dieß bewirkt; Aaron hatte kaum je Werke einer lebenden Sprache gesehen, geschweige denn gelesen, ebensowenig hatte ihn der Umgang mit aufgeklärten Leuten verführt, weil er keine solchen kannte, – nur aus den Talmudfolianten waren jene Geister aufgestiegen, welche ihm das Hirn verdüsterten, wie die Leute klagten, oder klar machten, wie er selbst glaubte. Nicht willig gab er sich ihnen gefangen, das dreizehnjährige Knabenherz ward von tiefschmerzlichen Kämpfen durchwühlt, endlich siegten jene Geister doch, und da es nicht in seiner Art lag, zu heucheln, so erfuhren der Vater und die Lehrer sehr bald, wie es um ihn stand. Im ersten Entsetzen versuchten sie es mit dem Stock, dann mit gütlicher Ueberredung und endlich mit Hunger. Diese Energie resultirte nicht allein aus dem frommen Eifer, einen Verirrten wieder auf den rechten Pfad zu bringen, sondern auch aus einem weltlichen Grunde; für Mosche stand seine ganze Versorgung auf dem Spiel, denn der reiche Simon hatte seine Gitel nur der künftigen »Leuchte in Israel« verlobt, nicht aber einem Abtrünnigen. Dies Moment wirkte auch auf den Knaben stärker als Schläge und Entbehrung; es that ihm weh, die Hoffnung der Eltern zu vernichten, sie wieder dem Elend preiszugeben, und so erklärte er denn eines Tages, er wolle gegen die Versuchung ankämpfen und bei seinen Studien bleiben. In dieser Art ging die erste Katastrophe vorbei, anscheinend ohne eine Spur zu hinterlassen; Aaron saß wieder über seinen Folianten, disputirte und kommentirte, erfüllte alle rituellen Ceremonien mit ängstlicher Treue und schien mit jenen Zweifeln auch den Durst nach christlichem Wissen verloren zu haben. Aber es schien nur so und der Knabe verhielt sich nur deßhalb ruhig, weil er Mittel gefunden hatte, jenen Durst zu stillen. Da lebte nämlich zu Bottuschany als Erzieher im Hause des Präfekten ein junger Theologe aus Norddeutschland, welcher, menschenfreundlich und ohne Vorurtheil, auch gern mit den Juden der Stadt verkehrte, weil er hier reiche Gelegenheit fand, seine Kenntnisse in den semitischen Sprachen, namentlich im Hebräischen und Aramäischen zu vermehren. Die Leute aus dem Ghetto, durch das Wohlwollen christlicher Männer nicht gerade verwöhnt, begegneten ihm anfangs mit großem Mißtrauen, bis sie seine harmlosen Absichten erkannten und dieselben nun gern nach Kräften förderten. So ward ihm auch Aaron G. vorgeführt, weil dieser als der tüchtigste Sprachkundige des Ortes galt, und der junge Theologe gerieth, je öfter er sich mit ihm unterhielt, in immer größeres Erstaunen über den seltenen Geist und die umfassenden Kenntnisse des Knaben. So lernten die Beiden einander näher kennen und verbanden sich endlich zu gegenseitigem Unterricht. Natürlich hielten sie diesen Plan geheim, die Zusammenkünfte wurden Nachts abgehalten und im Hause des Präfekten. Sicherlich war der Theologe taktvoll genug, den armen Jungen nicht etwa durch tendenziöse Lektüre und Belehrung bekehren zu wollen, Beide vermieden es im Gegentheil so viel als möglich, über religiöse Fragen zu sprechen, aber die bescheidenen Kenntnisse, die Aaron im Lesen, Schreiben, in der Geschichte und Naturkunde erwarb, waren natürlich genügend, um ihn in seiner Abneigung gegen die streng orthodoxe Richtung zu bestärken und ihm den Ausblick zu eröffnen in ein lichteres und freieres Dasein. Niemand in der Gemeinde ahnte etwas von diesen nächtlichen Studien, auch Mosche nicht, weil er in jenen Jahren selten zu Hause verweilte; er hatte mit einem kleinen Kapital, welches ihm Simon B. vorgestreckt, einen Tabakhandel begonnen und bewies dabei, daß auch Künstler praktisch sein können, denn er verdiente bald eine ganz stattliche Summe. Freilich war der Handel nicht ganz gefahrlos – er kaufte den türkischen Latakia in Galatz und schmuggelte ihn bei Suczawa nach Oesterreich – aber der kleine Mann hatte Glück und wurde nie von den k. k. Finanzwächtern ertappt. Niemand war erfreuter über dies Gedeihen als sein Sohn; nun Mosche nicht mehr von der künftigen Heirath abhing, hatte auch er keine Rücksicht mehr zu nehmen. Eines Tages war er aus Bottuschany verschwunden, ohne Abschied, spurlos. Er hatte sich zu Fuß gegen die Grenze aufgemacht, um die nächste deutsche Stadt, Czernowitz, zu erreichen. Sein Unglück wollte, daß er auf diesem Wege dem heimkehrenden Vater begegnete. Wie warm ihn dieser begrüßte, mag sich der Leser selbst ausmalen. An den Wagen gebunden, kehrte der arme Junge in die Stadt zurück. Was nun folgte, muß wohl noch schlimmer gewesen sein, weil es selbst die eherne Willenskraft dieses Knaben brach. Aaron schwur den Eltern zu, daß er nie wieder ohne ihre Erlaubniß die Stadt verlassen werde, und befolgte pünktlich ihre Befehle, so tief sie ihn auch verletzten. Wieder schien er die vermessenen Gedanken aufgegeben zu haben und that Alles, um bald eine »Leuchte« und der Gatte der Gitel B. zu werden. Gleichwohl hatte er just kein angenehmes Leben und wurde auf Schritt und Tritt überwacht. Nur einmal gelang es jenem Hofmeister, einige Worte mit ihm zu wechseln. »Was ich will, wird doch geschehen!« flüsterte ihm Aaron zu. »Aber Du hast Deinen Eltern geschworen –,« begann Jener zögernd. »Den Schwur halte ich natürlich!« versicherte Aaron und huschte, ohne diesen Widerspruch zu erklären, eilig von dannen. Einige Wochen später, nachdem Aaron bereits sein siebzehntes Jahr beendet hatte und demnächst unter den Trauhimmel treten sollte, enthüllte er aller Welt sein Mittel, den Eid nicht zu brechen und doch sein Ziel zu erreichen. Es war an einem Sabbathnachmittag, in der halbstündigen Pause zwischen dem Nachmittags- und Abendgebete, welche in der Regel von der ganzen Gemeinde dazu verwendet wird, um vor der Synagoge vergnüglich zu plaudern. Aaron war so lustig, wie man ihn selten gesehen, versammelte einen großen Kreis um sich und unterhielt ihn mit den fröhlichsten Schwänken. »Und nun will ich euch noch etwas zeigen!« sagte er lächelnd, zog eine Schachtel Zündhölzchen aus der Tasche hervor, strich eines derselben an und hielt es brennend den Zuschauern entgegen. Am Sabbath Licht machen! eine größere Sünde kann ein orthodoxer Jude kaum begehen. In der That herrschte zuerst tiefes Schweigen, einige Sekunden lang lähmte das Entsetzen den ganzen Kreis. Dann freilich brach ein wirres, hundertstimmiges Schelten, Jammern und Fluchen los. »Er hat den Sabbath geschändet,« schrieen Alle, »schlagt ihn todt!« Aaron aber hatte wohlweislich den Effekt seiner That nicht abgewartet, er war so rasch, als ihn seine Füße tragen wollten, nach Hause geeilt. Dort erwartete er in großer Erregung, aber nicht sonderlich gespannt, die Heimkehr des Vaters aus der Synagoge. Er wußte, daß ihn dieser aus dem Hause werde weisen müssen. In der That hatte die Gemeinde in diesem Sinne entschieden, und Mosche gehorchte. Noch in derselben Nacht mußte Aaron Bottuschany verlassen ... Das hat sich im März 1865 begeben. Im März 1879 war in den Wiener Zeitungen zu lesen: »Dr. Adolf G., ein junger, ausgezeichneter Anatom und bisher Privatdozent an der Universität X., ist als außerordentlicher Professor an die Universität Y. berufen worden.« Hoffentlich ist er seither auch Ordinarius geworden. Namensstudien. (1880.) Auf einem Balle zu Tarnopol in Ostgalizien, bei welchem viele jüdische Honoratioren der Stadt anwesend sind, wird ein fremder Student einer jungen reizenden Dame vorgestellt, überhört jedoch ihren Namen. Während der Quadrille erlaubt er sich, darnach zu fragen. Das hübsche Kind blickt ihn treuherzig an und flüstert erröthend: »Küsse mich!« – »Sie ... Sie meinen?« stottert der Jüngling. – »Küsse mich!« wiederholte sie etwas lauter. – »Pst!« flüstert er unwillkürlich. »Ich – gerne – aber –« – »Nannette Küssemich,« wiederholt sie zum dritten Male lachend. »Ich bin die Tochter des Kaufmanns Abraham Küssemich!« – Der Student seufzt tief auf, erröthet heftig und schleicht nach der Quadrille in einen Winkel. Unfern von ihm sitzt ein jüdisches Mädchen, offenbar nicht gerade den gebildeten Ständen angehörig, aber so hübsch und rund, daß er sie für den Walzer zu engagiren beschließt. Er tritt vor sie hin und nennt mit tiefer Verbeugung seinen Namen. – Sie schnellt auf, erröthet und sagt vernehmlich: »Grober Klotz!« – »Wie ...?« stammelt er bestürzt. – »Grober Klotz!« wiederholt sie und fügt, als sie seine Verblüffung gewahr wird, hinzu: »Wann Sie mir Ihren Namen sagen, muß ich Ihnen meinen Namen sagen: ich heiß' Sarah Groberklotz und bin die Tochter vom Glasermeister Rüben Groberklotz!« – Die zweite Quadrille endlich beschließt der Geprüfte mit einer jungen Frau zu tanzen, verlangt aber, durch Erfahrung gewitzigt, ihren Namen nicht zu wissen. Die Dame erweist sich als so geistreich und gebildet, daß er auch nach dem Tanze an ihrer Seite bleibt und endlich den Muth faßt, ihr seine beiden eben erlebten Abenteuer zu erzählen. Aber wie bestürzt ist er, als sich ihre lächelnde Miene immer mehr verfinstert und sie endlich spitz sagt: »Es ist ein billiges Vergnügen, Jemand seines Namens wegen zu verhöhnen. Dafür kann doch wirklich kein Mensch. Ich hätte Sie, mein Herr, für taktvoller gehalten!« Und als er sich zu entschuldigen beginnt, dreht sie ihm den Rücken. Betroffen eilt er zu dem Freunde, der ihn in die Gesellschaft eingeführt, und erzählt ihm den peinlichen Vorfall. »Ja!« lacht dieser, »man darf eben im Hause des Gehenkten nicht vom Stricke reden! Die Dame heißt Auguste Mist, geborene Wohlgeruch, Tochter des reichen Gutsbesitzers Adolph Wohlgeruch aus Podolien ...« Diese Historie pflegen die guten Leute von Tarnopol den Besuchern ihrer Stadt selbst zu erzählen; Zweifel an ihrer Echtheit werden gleichwohl gestattet sein. Was aber die vier Namen betrifft, welche darin eine Rolle spielen, so sind diese keineswegs erfunden. Die Familien Küssemich, Groberklotz, Mist und Wohlgeruch blühen in der That in Oesterreichisch-Podolien, Die seltsamsten Namen sind es übrigens noch lange nicht, wie die folgenden, völlig authentischen Listen ergeben. Bei dem Wiener Bezirksgericht für die innere Stadt wurde vor mehreren Jahren eine Injurienklage verhandelt, bei welcher Kläger, Beklagte und Zeugen sämmtlich am Salzgries wohnhafte Juden aus dem Osten des Kaiserstaats waren. Moses Pulverbestandtheil und seine Gattin Rebekka, geborene Rebenwurzel, Händler mit »jüdischen«, d. h. nach den Vorschriften des Talmud geschlachteten Gänsen, klagten gegen ihren Konkurrenten, den Chaim Maschinendraht und dessen Ehegattin Susi, geborene Blum, wegen Ehrenbeleidigung, respektive Geschäftsstörung, weil diese Letzteren das Gerücht verbreitet, die Firma Pulverbestandtheil verkaufe auch solche Gänse, deren Genuß orthodoxen Juden nach den Speisegesetzen nicht gestattet sei. Als Belastungszeugen fungirten diese: Nathan Feingold und dessen Gattin Rosel, geborene Nußknacker, die Schwester des Ersteren, Sarah Schulklopfer, geborene Feingold, und die Schwester der Frau Nathan's, Mirjam Weisheitsborn, geborene Nußknacker. Hingegen wurden von dem Angeklagten als Entlastungszeugen aufgeführt: Joseph Ehrlich, Simon Goldtreu und endlich der für eine solche Mission allerdings mit einem ominösen Namen behaftete Ruben Reinwascher. Die Verhandlung mag hier ungeschildert bleiben; der Richter wie die Advokaten beider Parteien vermieden es nach Kräften, die einzelnen Personen mit ihren Namen anzureden, aus Besorgniß, den nöthigen Ernst nicht bewahren zu können. Uebrigens muß sich die Trias Ehrlich-Goldtreu-Reinwascher in der That trefflich bewährt haben, denn sie siegte sogar über den Weisheitsborn; Maschinendraht wurde freigesprochen, Pulverbestandtheil in die Kosten verurtheilt. Vor mir liegen die Jahresberichte von etwa zwanzig Mittelschulen des österreichischen Ostens. Ein Durchblick der betreffenden Namenslisten ergibt folgende Blütenlese: Einem Arthur Veilchenduft steht ein Rudolph Stinker entgegen, was aber dadurch wieder in ein treffliches Odeur umgewandelt wird, daß sich auch drei Rosenthal, vier Rosenblum, ebenso viele Rosenberg, ein Blumenstock, zwei Blumenfeld, ein Veilchenthal, endlich zwei Schöndufter in den Listen finden. Der einzige Bettelarm und der ebenso vereinzelte Hirsch Nothleider werden glänzend aufgewogen durch drei Gold, zwei Goldreich, einen Goldmann, zwei Reichmann und einen Bernhard Geldschrank, während drei Diamant, drei Smaragd, zwei Edelstein, zwei Karfunkel und ein Goldader das schöne pecuniäre Resultat noch vermehren helfen. Hingegen halten sich bezüglich der Moral leider Laster und Tugenden so ziemlich das Gleichgewicht: einem Galgenvogel, einem Galgenstrick, einem Todtschläger, einem Lumpe, einem Taschengreifer stehen eben nur ein Biedermann, ein Wohlthäter, ein Ehrlich, ein Sanftmuth und ein Armenfreund gegenüber. Auch zwei Heinriche gleichen sich gegenseitig aus: Heinrich Sparmann und Heinrich Verschwender. Zwischen Durst und Hunger jedoch scheint ein entschiedenes Mißverhaltniß zu bestehen, denn auf einen Hungerleider und einen Fresser kommen drei Säufer, drei Trinker, ein Weinfaß, ein Weinglas, ein Weinstock, zwei Weinblum, zwei Rebenstock, zwei Rebenwurzel, ein Rebenlaub, ein Rebenblüt, ein Rebenblum, ferner ein Schnapser und ein Biermann. Beweisen schon die bisherigen Proben, daß Stein- und Pflanzenreich ansehnlich vertreten sind, so müssen sie doch hinter dem Thierreich zurückstehen, denn diesbezüglich ergeben die obigen Listen folgendes überraschend große Resultat: fünf Löw, sechs Bär, ebensoviele Hirsch, vier Katz, drei Hund und ein Hundling, sechs Tauber, ein Drach, sechs Adler, zwei Geier, zwei Ochs, vier Fuchs, fünf Wolf, ein Vogel, drei Nachtigall, drei Lamm, ein Schmetterling, ein Elephant, zwei Nashorn, ein Pferd, ein Eselskopf, ein Maulthier, ein Maulwurf, zwei Käfer, ein Kleinkäfer. Die Jagd ist hingegen nur durch einen Hirschtödter und einen Wanzenknicker (Samuel Wanzenknicker, derzeit praktischer Arzt in Galizien) vertreten. In einer gewissen Beziehung zum Thierreich stehen endlich auch, wenn man das gelten lassen will, die Brüder Adolph und Moritz Saumagen. Berufe und Gewerbe, die in Deutschland am häufigsten zu Familiennamen verwendet worden (Müller, Meyer, Schulze, Schmidt, Schuster, Schneider, Glaser, Becker), finden sich spärlich: ein Glaser und – den Landesverhältnissen entsprechend – ein Wucherer und ein Vorbeter. Ueberaus oft finden sich hingegen Ortsnamen als Familiennamen: Würzburger, Lemberger, Krakauer, Frankfurter, Brodyer, Pariser, London, Breslauer, Berliner, Wiener, Hamburger, Kordober (Cordova), Koritschoner, Serether, Mannheimer, Posner, Belzer – wie man sieht, unerhört bunt aus Ost und West zusammengewürfelt. Nicht minder oft haben Länder- und Völkernamen zum Substrat gedient: Schottländer, Engländer, Oesterreicher, Dänemark, Welsch (Italien), Ungar, Pollak, Franzos, Ruß, Deutsch und Preuß. Namen dieser Art – und die vorstehende Liste ließe sich schier bis in's Endlose vermehren – sind größtenteils so komisch (wenigstens für Jene, die sie nicht tragen, die Inhaber können sich in der Regel nicht sehr daran belustigen), daß man über dem Lachen oder Lächeln vergißt, nach ihrem Ursprung zu forschen. Wie kommt's, daß sich diese Familiennamen so sehr von allen anderen unterscheiden? Wie kommt's, daß sie sämmtlich Nebenbedeutung haben und nun gar oft so seltsame, komische oder peinliche Bedeutung? Die Antwort lautet dahin, daß diese sonderbaren Namen auch auf sonderbare Weise entstanden sind. In Deutschland haben sich die Familiennamen im Laufe der Jahrhunderte langsam und organisch herausgebildet. Ehe der Staat den betreffenden Namen gleichsam legitimirte, indem er ihn von seinen Organen, dem Pfarrer, dem Steuereinnehmer ec. offiziell in die Bücher eintragen ließ, führte ihn die Familie in privater Weise, d. h. er diente in der Gemeinde zu ihrer Bezeichnung. Willkürlich erfunden war derselbe niemals; die Leute hielten sich an bestimmte unterscheidende Merkmale: Stand, Gewerbe, Besitz, Herkunft, zuweilen auch an körperliche Eigenschaften. Wer zum Schulzen gewählt wurde, hieß nicht bloß während seiner Amtsführung so, sondern auch später, ja die Erinnerung an seine Würde ging als Name auf seine Nachkommen über. Ganz ebenso ging es mit den Handwerken und Gewerben, einen Müller und einen Maier (Verwalter) gab es in jedem Dorfe, und darum gibt es jetzt deren so viele in Deutschland, ebenso einen Schmied, Schuster, Schneider, Schreiner, Glaser, Bäcker ec. Siedelte sich ferner Jemand von der Fremde her im Orte an, so haftete an ihm der Name seiner Heimath. So erklärt es sich, daß man in jedem Orte Deutschlands Familien findet, deren Name an den eines benachbarten Dorfes, einer nahen Stadt anklingt. Die überaus häufigen Namen »Groß« und »Klein« endlich rühren, wenigstens in den meisten Fällen, von der körperlichen Beschaffenheit eines der Familienhäupter her. Irgend ein Georg hieß im Dorfe der Große, und wenn sein Sohn gleichfalls ein stattlicher Mann war, so hieß der Enkel sicherlich bereits auch Georg Groß, selbst wenn er zufällig ein Liliputaner war. Der Unterschied zwischen den christlich-germanischen Familiennamen und den oben mitgeteilten liegt also nicht darin, daß letztere eine Nebenbedeutung haben, erstere nicht. Jeder Name bedeutet ursprünglich etwas, sonst wäre er eben gar nicht zur Charakterisirung einer bestimmten Familie angewendet worden, nur ist bei den germanischen Namen im Laufe der Jahrhunderte diese Bedeutung oft in Vergessenheit gerathen oder durch falsche Orthographie und dergleichen verdeckt. Ein interessantes Beispiel hiefür bildet der Name unseres größten Dichters: »Goethe«. Derselbe hat sicherlich auf den ersten Blick keinerlei Bedeutung. Versuchen wir es gleichwohl, diese zu ergründen, so gerathen wir auf jene Vermuthungen, die der bekannte Herder'sche Vers angibt: »Der du von Göttern stammst, von Gothen oder vom Kothe –« Der Name hat aber mit all' dem nichts zu thun. Wie mühsame Forschungen festgestellt, hießen die Vorfahren Goethe's das siebzehnte Jahrhundert hindurch mit dem Vornamen »Götz«, wurden daher »Götzens« genannt, worauf dann durch Abschleifung der nachmalige Familienname entstanden. Hier haben wir also Gewißheit, weil es sich um einen ausgezeichneten Mann handelt, für gewöhnliche Menschenkinder gibt man sich natürlich keine solche Mühe. Und doch wäre diesen Namen manches interessante Stücklein Kulturgeschichte abzufragen! Jede Familie, auch wenn sie sonst keine Dokumente zu ihrer Geschichte bewahrt, besitzt doch mindestens eines in ihrem Namen, der sicherlich auf irgend eine That, einen Besitz, eine Würde oder irgend einen Zustand ihrer Vergangenheit zurückdeutet. Der Unterschied zwischen den christlich-deutschen und jüdisch-deutschen Namen liegt darin, daß der Staat diese letzteren nicht etwa als gegebene Thatsache hinterdrein legitimirte, sondern diese Thatsache selbst schuf und den Respekt vor ihnen mit aller Pression, die ihm zu Gebote stand, erzwang. Die jüdischen Familiennamen sind während kurzer zwei Jahre, 1782 und 1783, in den östlichen Provinzen Österreichs den Ahnen ihrer gegenwärtigen Träger oktroyirt worden. Was Kaiser Joseph II. hiezu bewog, sind zum geringeren Theil Gründe der Humanität, zum größeren solche der Staatsraison. Die Juden Ungarns, Galiziens und der Bukowina (die beiden letzteren Länder waren bei seinem Regierungsantritt erst vor sieben, beziehungsweise fünf Jahren an Österreich gekommen), standen damals wohl im Durchschnitt auf keiner niedrigeren Kulturstufe, als die andersgläubigen Bewohner dieser Provinzen, aber auch keineswegs auf einer höheren, und darum sehr tief. Mit wahrhaft unsäglichem Drucke beladen, waren sie eine große Familie Unglücklicher, innerhalb deren es geringe Verschiedenheit der Berufe gab, (fast Alle lebten von Handel oder Unterricht) und ebenso geringe Verschiedenheit der Bildung; dieselbe wurzelte einzig in ihren heiligen Büchern, die auch der Unwissendste zum Theil kannte. Die Verschiedenheit des Besitzes aber konnte schon deßhalb nicht viel bedeuten, weil ja auch der Reiche keinen Augenblick vor der plündernden Horde geschützt war, die ihn jählings wieder zum Bettler machen konnte. In solcher Gemeinschaft kann selbstverständlich jener Gedanke, welcher der Grundpfeiler unserer modernen Weltanschauung ist, der Gedanke von dem Werthe, der Bedeutung und der Würde des Einzelwesens, noch nicht erwacht sein und darum auch noch nicht das Bedürfniß nach scharf unterscheidenden Namen, welches überall erst mit jenem Gedanken zum vollen Durchbruch kam (in Deutsch-Oesterreich zum Beispiel mit der Reformation). Hiezu kam noch, daß ja der Orient keine Familiennamen kennt, sondern jedes Individuum bloß mit dem eigenen Vornamen und dem des Vaters benennt, und daran hielten die Juden durch all' die Jahrhunderte fest. Höchstens fügten sie noch den hebräischen Namen des Landes bei, aus dem sie nach dem Osten eingewandert, und so hieß zum Beispiel »Mosche ben Avruhom Aschkenasi« zu Deutsch: Moses, Sohn des Abraham, dessen Familie aus Deutschland gekommen. Uebrigens waren die Juden nicht die einzigen neuen Staatsbürger Österreichs, die keinen Familiennamen kannten; auch bei den Armeniern, Rumänen und der gesammten Bauernschaft des Ostens gab es solche nur ausnahmsweise. Welche Rücksichten der Civilisation und Humanität die Beseitigung dieser Zustände forderten, braucht nicht erst ausgeführt zu werden, aber noch schwerer wog, wie erwähnt, die Staatsraison, weil ja die Erhebung der Geld- und Blutsteuer, geordnete Verwaltung und Gerichtspflege ohne dieses Substrat nicht möglich waren. Darum ordnete Joseph II. mit jener Energie, aber leider auch mit jener hastigen Ueberstürzung, die all' sein Thun aufweist, die sofortige Namensgebung in den neuen Provinzen an (in Ungarn wurde dieselbe gleichzeitig, aber lässiger in Angriff genommen) und trug dem Hofkriegsrath auf, die Maßregel binnen zweier Jahre durchzuführen, Zunächst bezüglich der Juden. Diese Behörde war die kompetente, weil die beiden neuen Provinzen noch unter Militäradministration standen, und sie kam auch dem Befehle mit militärischer Raschheit und Entschiedenheit nach. Galizien und die Bukowina wurden in mehrere Sprengel getheilt, für jeden derselben eine Kommission, bestehend aus einem Rittmeister, einem Lieutenant, einem Auditor und zwei Unteroffizieren als Schreiber ernannt, und diesen Kommissionen aufgetragen, von Ort zu Ort zu reisen, in jeder Gemeinde einen christlichen und einen jüdischen Einwohner als Vertrauensmann beizuziehen und sämmtliche Juden zur Wahl von Familiennamen zu verhalten. Wolle oder könne der Betreffende keinen Namen ausfindig machen, so habe ihn die Kommission zu ertheilen; für Fälle von Renitenz war sie überdieß zur Verhängung strenger Disziplinarstrafen autorisirt. Diese Vorsicht war nicht überflüssig, denn schon die erste Kunde von der neuen Maßregel weckte unter den Juden panischen Schreck, ja Verzweiflung. Das Ungewohnte schreckt immer; hier aber wirkten noch besondere Gründe. Daß die neue Maßregel als Substrat der Geldsteuer dienen sollte, darein hätten sie sich noch gefunden, aber vor dem Militärdienste, zu dem sie bis dahin nie herangezogen worden, empfanden sie, schon aus religiösen Gründen, wahre Todesfurcht. Unüberwindlich war ferner ihr Abscheu dagegen, neben ihre »heiligen«, d. h. hebräischen Namen, nun auch einen »heidnischen«, deutschen Namen setzen zu müssen. Wie tief dieser Abscheu wurzelt, beweist die Thatsache, daß sich orthodoxe Juden noch heute im gewöhnlichen Verkehr nie ihres Familiennamens bedienen und ihn nur mit Widerstreben nennen. Fassen wir dieß zusammen und konstatiren wir, daß die Maßregel jählings von ungeduldigen Kriegsleuten und an einer widerstrebenden Bevölkerung vollzogen wurde, so wird uns das Auftreten so willkührlich ersonnener Namen kaum mehr wundern. Einen weiteren Erklärungsgrund gibt uns die Instruction des Hofkriegsraths an die Kommissionen. Es wird denselben mit Hinblick auf den Zweck der Maßregel aufgetragen: erstens die Zulassung oder Bestimmung häufig gebrauchter Namen (z. B. Müller, Maier, Schulze, Schmied ec.) zu vermeiden und solche Namen zu wählen, die »möglichst große Besonderheit« haben; zweitens möglichst viele Familiengruppen zu bilden und die wiederholte Wahl desselben Namens innerhalb ihres Sprengels zu verhüten. Da darf man wahrlich nicht mehr darüber staunen, daß der betreffende Herr Auditor seiner Phantasie freien Lauf ließ, daß er sie, wenn sie zu erlahmen drohte, zu kuriosen Bocksprüngen aufstachelte, daß endlich Judenhaß, Kasernenwitz und – Habgier gleichfalls oft genug zu Worte kamen. Vergegenwärtigen wir uns an der Hand eines der Protokolle den Hergang der Sache. Die Kommission begann im Städtchen X. oder Y. ihre Thätigkeit. Vor Allem wurden die Familienväter zusammengetrieben, und ihr jüdischer Name, ihr Besitz, eventuell auch ihr Spitzname aufgezeichnet. Dann erfolgte die Zusammenstellung der einzelnen Individuen zu Namensgruppen, wobei einerseits die Verwandtschaft, andererseits die Tendenz, möglichst viele Gruppen zu bilden, ausschlaggebend war. So wurde denn eine Familie, bestehend aus einem Vater und fünf Söhnen, von denen drei verheirathet waren, zwei die Wohnung des Vaters theilten, in vier Gruppen eingetheilt, weil sie in vier getrennten Haushalten lebte: der Vater und die beiden ledigen Söhne wurden für einen gemeinsamen Namen vorgemerkt, wogegen jeder der verheiratheten Brüder einen besonderen Namen zu erhalten hatte. Proteste gegen eine solche willkührliche Zerreißung der Familienbande, die ja in der That später oft genug auf die civilrechtlichen Verhältnisse der Betroffenen den peinlichsten, verwirrendsten Einfluß geübt, blieben in der Regel wirkungslos; sie wurden zu Protokoll genommen, aber mit Hinweis auf jene Instruktion des Hofkriegsraths abschlägig beschieden. Findet sich einmal eine günstige Entscheidung in den Acten, so betrifft sie stets nur ungewöhnlich wohlhabende Leute, was im Zusammenhalt mit der Thatsache, daß diesen oft weit minder berechtigte Aenderungen gewährt wurden, als die Armen vergeblich erbaten, mit Sicherheit auf Bestechung schließen läßt; eine Annahme, die zudem völlig durch die Tradition bestätigt wird. Uebrigens wurde den Herren Auditoren noch weit Schlimmeres nachgesagt: planmäßige Erpressung – und auch für diese Anschuldigung finden sich in den Protokollen genügende Anhaltspunkte. Der folgende Fall ist diesbezüglich sehr instructiv. Eine reiche Witwe im Czortkower Kreise lebte mit ihrer noch unvermählten Tochter im Hause ihres verheiratheten Sohnes. Den drei Personen wurde eröffnet, daß sie jede einen besonderen Namen erhalten würden, was ja nicht bloß der Vernunft, sondern auch allen speziellen Normen widersprach. Die Familie legte Protest ein, und aus dem dringlichen, ja flehentlichen Tone dieser Eingabe läßt sich unschwer entnehmen, daß die Betroffenen bereits eine weitere Gefahr ahnten, die Gefahr, mit lächerlichen oder gar schimpflichen Namen betheilt zu werden. Der Protest wurde mit einer Begründung abgewiesen, die zur Charakteristik des Geistes, in dem die Maßregel vielfach durchgeführt wurde, mitgetheilt zu werden verdient. Der Bitte von Mutter, Sohn und Tochter, als eine einheitliche, in demselben Haushalt lebende Familie angesehen zu werden, könne schon deßhalb nicht willfahrt werden, weil die Gemeinsamkeit des Haushalts eine »zufällige« sei: die Mutter könne täglich eine andere Wohnung beziehen und von der Tochter sei dieß sogar für den Fall der Verheirathung mit Sicherheit vorauszusetzen, »daher nur durch Ertheilung dreier verschiedener Namen der Ordnung Genüge geschieht.« Die Familie fand – eine vereinzelte Erscheinung! – den Muth, sich mit diesem Erlaß nicht zufrieden zu geben, und dictirte, offenbar von einem Rechtskundigen inspirirt, einen neuerlichen Protest zu den Acten, worin sie u. A. neben den rechtlichen Gründen auch betonte, daß ja zwei der Namen ohnehin in kurzer Frist erlöschen würden, der Name der Mutter durch den Tod, jener der Tochter durch die Verheiratung. Nun verlor der Herr Auditor die Geduld und gab folgende Entscheidung, die man gelesen haben muß, um sie für möglich zu halten: Es bleibe definitiv bei den besonderen Namen; läge den beiden Frauenspersonen so viel an deren längerer Conservirung, so stände dieß in ihrer Macht, denn nach österreichischem Recht erhielten außereheliche Kinder den Namen der Mutter!! ... Dies scheint der Familie endlich die Augen darüber geöffnet zu haben, welchen Schlages der Mann war und was er eigentlich wollte; zwei Tage später schreibt der Würdige lakonisch: »Die Bitte wird denen Petenten nach mündlicher Vernehmung gewillfahrt.« Diese Aufhebung einer »definitiven« Entscheidung in Folge »mündlicher Vernehmung« in einer fast durchweg schriftlich geführten Amtsverhandlung beseitigt jeden Zweifel darüber, welche neuen triftigen Gründe es gewesen, durch deren – Aufzählung die Bittsteller den Herrn Auditor umgestimmt. Der k. k. Militär-Richter war übrigens mit der Zahl dieser Gründe noch immer nicht zufrieden, wie der weitere Verlauf der Sache beweist. Die Familie optirt den Namen »Holzer«, derselbe wird nicht gewährt, weil er »zu häufig vorkommt« und der Name »Galgenholz« octroirt. Die Familie protestirt, aber vergeblich, der Herr Auditor entscheidet, daß der Name »Galgenholz« eine »durchaus nicht penible Bedeutung« habe. Und wieder zwei Tage später dieselbe Komödie: »Der Name »Holzer« wird denen Petenten nach mündlicher Vernehmung gewillfahrt« ... Daß dieser Fall kein vereinzelter ist und, wie die Gruppirung, so auch die Nomination selbst von den Regierungs-Kommissären zu schnödem Mißbrauch ausgenützt wurde, steht fest, auch wenn dieß jetzt natürlich nicht mehr in aller Form Rechtens constatirbar ist. Als Regel aber dürfen wir diese traurige Erscheinung schon deßhalb nicht betrachten, weil der größte Theil der Einwohnerschaft viel zu tief stand, um diesbezüglich einen Willen zu äußern, ja sich überhaupt eine Ansicht hierüber zu bilden. Eintragungen, wie die beiden folgenden, kommen am häufigsten vor und entsprechen sicherlich der Wahrheit: »Vorgerufen wird der Judt Eliuser, Sohn des Naphtali, ein Levite. An die fünfzig Jahr alt. Spitzname: Der Lahme. Hat ein Eheweib Rebekche und Tochter Gitel. Wohnt im eigenen Häusel am Wasser (dem Seredfluß). Betreibet Talmudlehre und Bibelschreiben. Wird befraget, wie er heißen wöllt. Gibt keine Antwort. Wird nochmals befraget. Weinet und stöhnet, gibt keine Antwort. Wird ihm für sich und eheliche Nachkommen der Name »Weinstein« aufgetragen und eingeschärfet.« »Vorgerufen wird der Judt Smulko (Samuel), Sohn des Moschmendel (wohl: »Moses Mendel«) eines Rabbi, ein gemeiner Israelite (d. h. weder dem Priester- noch Levitenstamme angehörig, sondern nur eben ein Abkömmling des Stammes Israel). Wohl an die vierzig Jahr alt. Spitzname: Der »Fohnie«. (Es ist dieß kein Spitzname, sondern nur eben die unter den galizischen Juden gebräuchliche Bezeichnung für ihre aus Rußland stammenden Glaubensbrüder.) Hat ein Eheweib Rosele und fünf verheiratete Kinder (folgen deren Namen.) Ernähret sich vom Tauschhandel mit denen Pauern, wohnt gleichfalls im eigenen Häusel am Wasser. Wird befraget, wie er heißen wollt. Gibt an, solches einer hochlöblichen Kommission zu überlassen: Wird ihm für sich und die beiden ehelichen Nachkommen Ruben und Surka, so noch keine eigene Heerdstelle besitzen, der Name »Steinwein« aufgetragen und eingeschärfet.« »Weinstein«, »Steinwein« – man sieht, der Herr Auditor macht sich die Sache nicht allzuschwer. Von den anderen »Judten«, die theils »im eigenen Häusel«, theils in »Miethe oder Aftermiethe am Wasser« wohnen, erhält der Erste den Namen »Blaustein«, der Zweite wird »Steinblau«, der Dritte »Grünstein«, der Vierte »Steingrün«, der Fünfte »Steinroth«, der Sechste »Goldroth«, der Siebente »Rothstein«, der Achte »Rothgold« genannt. Das deutet, wie erwähnt, auf keine böswillige Absicht, sondern nur eben auf eine erschöpfte Phantasie, die uns im vorliegenden Falle nicht Wunder nehmen darf; wie das Protokoll beweist, sind in dem Sprengel, bevor die Leute »am Wasser« an die Reihe kamen, bereits alle edlen Metalle und Steine, alle Blumen, Berge und Thäler zur Vertheilung gekommen. Kein Wunder auch, daß nun so sonderbare Mineralien zum Vorschein kommen, während in der nächsten Gasse, dem »Schulgässel« wieder auf das Thierreich zurückgegriffen wird, und zwar, da die gewöhnlichen Spezies bereits verbraucht sind, gleichfalls in curioser Kombination: »Kuhschwanz«, »Ochsenschwanz«, »Drachenblut«, »Tagfalter«, »Nachtfalter«, »Rosenkäfer«, »Nachtkäfer«, »Singvogel«, »Schwalbenschwanz« u. s. w. Zwei Fragen drängen sich uns bei der Lectüre dieser Listen unwillkürlich auf. Die Maßregel wurde in Ländern mit überwiegend nicht deutscher, und zwar slavisch-rumänischer oder slavisch-magyarischer Bevölkerung durchgeführt; wie kommt's, daß die Juden fast durchweg deutsche Namen wählten oder erhielten? Die Antwort lautet, einfach genug, dahin, daß ja nicht bloß diese Commissionen durchweg aus deutschen Offizieren bestanden, sondern daß auch ein deutscher Jargon die Muttersprache der osteuropäischen Juden war und ist. Jetzt sind Viele von ihnen (aber selbst in unseren Tagen noch kaum die Hälfte!) auch der Landessprachen mächtig; damals beschränkte sich die Kenntniß derselben auf das Notwendigste und wurde nur von Jenen erworben, die ihrer im Handel und Wandel mit den Adeligen und Bauern bedurften. So kommt's, daß wir äußerst wenigen undeutschen Namen begegnen, die sich zudem durchweg auf Ortsnamen zurückführen lassen, zu welchen sich die slavische Schlußformel wie von selbst fügte: »Krasnopolski«, »Warszawski«, »Brodski« u. s. w. Überhaupt haben Ortsnamen viel öfter, als auf den ersten Blick erkennbar, als Grundlage der Nomination gedient; der Name »Mezriczewski« z. B. hat anscheinend keinerlei geographischen Beigeschmack und erklärt sich doch daraus, daß die Familie aus Meseritsch in Mähren eingewandert. Wie erklärt sich, müssen wir ferner fragen, das komisch Pompöse, das Duftige und Klingende der meisten dieser Namen? Warum begegnen wir just im Ghetto des Ostens so vielen Blumen und Blüthen, Rosen und Veilchen, warum just hier, wo Reichthum nur Wenigen zufällt und bitterste Armut der Meisten Loos ist, so vielem Gold, Silber und Edelgestein? Entstammen diese Namen der Laune der Betheiliger oder dem Geschmack der Betheiligten? Aus den Protocollen gewinnen wir die Antwort, daß beide Factoren zusammengewirkt. Hier und da wurde, der orientalischen Phantasie, wie der Geschmacksstufe der Leute entsprechend, ein solcher Name frei gewählt, ungleich öfter octroyirte ihn die Commission, in gutmüthigem Humor oder in boshafter Ironie: je verwahrloster sich der betreffende pater familias repräsentirte, um so duftiger fiel sein Name aus, je zerrütteter seine Verhältnisse waren, um so werthvoller der Edelstein, nach dem er fortab in den Amtslisten figurirte. Derselbe mäßige Witz der Herren Auditoren äußert sich auch darin, daß sie so oft an den »Spitznamen« des »Judten« anknüpfen und ihn in's Gegentheil verkehren. Ein greiser Rabbi, der »Fromme« zubenannt, erhält den Familiennamen »Gottlos«, ein Hinkender wird »Schnellläufer«, ein Trunkenbold »Nüchtern«, ein Wucherer »Ehrlich«, ein Krösus seines Städtchens »Bettelarm« genannt, und die noch blühende Familie »Wohlgeruch« hat ihren schönen Namen nur dem Umstände zuzuschreiben, daß ihr Ahn, seinem Spitznamen zufolge, bei seinen Mitbürgern in bedenklichem Geruche stand! ... Man sieht, die Herren suchten sich ihre Arbeit nach Kräften zu würzen; daß sie sich keine besseren Mittel hiezu wußten und in dieser Art an einer ohnmächtigen, ihrer Willkühr preisgegebenen Bevölkerung ihren »Witz« übten, stellt freilich ihrer Humanität, wie ihrem Geschmack ein gleich schlechtes Zeugniß aus. Andere Namen wieder sprechen geradezu gegen die Ehrlichkeit der Commission: sie wurden notorisch nur zu dem Zwecke gegeben, um »nach mündlicher Vernehmung« wieder aufgehoben zu werden. Ob der vielfach als Anekdote erzählte Fall »Schweinskopf« und die allmählige Metamorphose in »Kopf« – es soll dabei successive immer nur je ein Buchstabe, zuerst das »n«, dann das »w« u.s.w. fortgefallen sein – historisch ist, weiß ich nicht zu sagen, aber ähnliche Dinge lassen sich allerdings actenmäßig nachweisen. So wird ein achtbarer Mann zuerst »H–nwirth« und dann erst »Wirth« schlechtweg, ein anderer »Blutsauger« und dann »Säugling« genannt. In sehr vielen Fällen blieben jedoch die unanständigen oder doch peinlichen Namen bestehen, weil die Opfer ihre Reclamation nicht genügend durch klingende Motive zu unterstützen vermochten oder dieselbe ganz unterließen, sicherlich zum guten Theil deßhalb, weil ihnen der angethane Schimpf gar nicht recht verständlich war. Kamen dann sie oder ihre Kinder zur rechten Erkenntniß dieses Danaergeschenks, so bemühten sie sich – und meist mit Erfolg – bei dem Lemberger Gubernium, die Aenderung zu bewirken. Die meisten Namen dieser Kategorie sind allmählig verschwunden; nur zuweilen taucht noch der oder jener auf, als Denkmal der Schändlichkeit jener Männer, die ihr Amt so brutal gemißbraucht. Diese Aenderungen sind aber zugleich die einzigen, die stattgefunden. In Ungarn sind jene oktroyirten Namen fast ganz verschwunden; die Juden der Stefanskrone haben zuerst ihren Namen, dann auch, so weit dies glücken wollte, sich selbst magyarisirt, hingegen halten die Juden jener slavischen Länder, von denen wir in diesem Buche vornehmlich sprechen, die »alten« Namen fest. Es geschieht dies zum großen Theil wohl deßhalb, weil sie sich daran gewöhnt, weil eine Aenderung immerhin mit Kosten und Mühen verbunden ist, andererseits aber auch, weil hier jenes Moment wegfällt, welches in Ungarn so mächtig eingewirkt. Der Jude in Galizien, der Bukowina, Rumänien u. s. w. hat geringe Lust, sich zu polonisiren oder zu rumänisiren, – und hat er sie je empfunden, so ist sie ihm doch gründlich ausgetrieben worden durch die Liebenswürdigkeit, mit der jene Völker seine Assimilirungs-Versuche aufgenommen. Gleichwohl ist zu wünschen, daß mindestens die krassesten dieser Namen allmählig verschwinden mögen. Sie bilden ja nur eine Scheidewand mehr zwischen ihren Trägern und den anderen Staatsbürgern! Dieser Effekt ist sicherlich das Gegenspiel dessen, was der große Kaiser durch jene Maßregel erzielen wollte. Daß es so gekommen, kann freilich nicht überraschen: das ist ja der Erbfluch dieses räthselhaften Staatswesens! ... Volks- und Schwurgerichte im Osten. (1879, 1887.) Es war im Juli 1872, als ich, der Einladung eines Schulfreundes folgend, einige Wochen auf seinem Gute im südöstlichen Galizien verbrachte. Das Dorf liegt am nördlichen Abhang jener zerklüfteten Hügelkette, welche den Lauf des Dniester begleitet; seine Bewohner sind Klein-Russen oder, wie sie die k. k. offizielle Ethnographie nach dem Jesuitenlatein des XVII. Jahrhunderts benannt, Ruthenen. Mit Bauern dieses Stammes kann der Gutsherr leicht Frieden halten, sofern er nur gerecht und ruhig ist; vermag er zu diesen Eigenschaften auch noch ein wenig Wohlwollen und Herzlichkeit zu fügen, so kann er vollends auf diese Leute, als seine treuergebenen Freunde und Helfer zählen. Denn kein anderer slavischer Stamm vereint mit so unbegrenzter Gutmüthigkeit ein so peinlich waches und reges Rechtsgefühl. In diesem letzteren liegt freilich zugleich der Grund, warum das Verhältniß der polnischen Herren zu den ruthenischen Bauern oft genug ein überaus unerquickliches ist. Die Erbfeindschaft zwischen beiden Nationen macht den Landmann im Vorhinein mißtrauisch, und läßt sich nun der Edelmann irgend eine Ungerechtigkeit zu Schulden kommen, vielleicht nicht gerade aus Bosheit, sondern nur eben unbedachtsam oder jener Tradition seines Standes und Volkes folgend, die in dem Ruthenen noch immer den rechtlosen Hörigen steht, so ist der Friede für immer zerstört, und Kleinigkeiten, die anderwärts durch einiges Geld und mehrere gute Worte ausgeglichen wären, führen hier zu blutigen Gewaltthaten oder doch zu langwierigen Prozessen, die von den Streitenden mit steigender Erbitterung durch alle Instanzen gezerrt werden. So stellt sich das Verhältniß zwischen dem Herrn und den Bauern immer als ein Extrem dar, im Guten oder im Bösen. Entweder ist ihnen der Gutsbesitzer ein Teufel, ein »schwarzer Teufel, dem Gott im Schlafe die Erlaubniß gegeben, auf Erden zu wirtschaften,« oder ein Engel, ein »geliebtes Väterchen,« ein »goldenes Seelchen,« das nur ein Unhold kränken könnte. So ein »Väterchen« war denn auch mein Freund, obwohl er gerade volljährig geworden und ein »goldenes Seelchen« dazu, obwohl sein Wesen von herber, strenger Prägung war. Aber den armen Bauern genügte die Thatsache, daß er ihnen kein Unrecht that und zuweilen freundlich mit ihnen sprach. »Die Leute gingen für mich durchs Feuer,« sagte er mir stolz, als ich zum ersten Male mit ihm über die Felder ritt, und es war leicht, wahrzunehmen, daß er nicht prahlte. Gleichwohl sollte sich schon wenige Tage nach meiner Ankunft ein Conflict ergeben und aus ganz seltsamen Gründen. Der Kutscher meines Freundes war krank geworden, und der Hausjude, der kleine Baruch, brachte am nächsten Tage einen Stellvertreter auf den Hof, den er in Zaleszczyki gemiethet. Es war dies ein schöner, starker Mensch im Anfang der Dreißig, Hritzko Boriuk mit Namen, aus der Zloczower Gegend gebürtig, der als Corporal bei den Ulanen und später als Leibkutscher bei mehreren Edelleuten gedient, zuletzt auch in der Moldau. Er machte den Eindruck eines tüchtigen, intelligenten Menschen, auch seine Zeugnisse lauteten überaus günstig. Auffallend war es nur, daß er in jedem galizischen Dienstorte höchstens drei Monate geblieben; nur in der Moldau hatte er durch ein Jahr ausgeharrt. Gleichwohl beschloß mein Freund, es mit ihm zu versuchen und hatte dies nicht zu bereuen. Hritzko erwies sich als geschickter Automedon, hielt Stall und Pferde prächtig in Ordnung und machte sich auch sonst im Hause nützlich. So verging etwa eine Woche. Da trat der Mann eines Morgens, als wir am Frühstückstische saßen, mit bleichen, entsetzten Mienen vor uns hin. »Herr,« stammelte er, »sie sind da!« »Wer?« fragte mein Freund erstaunt. »Der Richter und die Aeltesten,« erwiderte Hritzko leise, aus gepreßter Kehle, und schielte scheu nach der Thüre. »So laß sie eintreten!« sagte der Gutsherr. »Warum zitterst Du so? Und warum meldest Du sie? Ist nicht Janko im Vorzimmer?« »Freilich ist der Janko draußen, aber ich bin statt seiner gekommen, um noch meine Bitte ..... Herr!« rief er plötzlich schrill auf und sank in die Kniee, »ich flehe Sie an, behalten Sie mich in Ihrem Hause ...« »Was hast Du?« fragte der Gutsherr, »ich denke nicht daran, Dich fortzuschicken ....« »Thun Sie's auch nicht, was immer Ihnen die Leute sagen mögen!« flehte Hritzko. Aber ehe wir ihn noch weiter befragen konnten, hatte er sich erhoben und war hinausgestürzt. Wir blickten ihm erstaunt nach. Da klopfte es aber auch schon demüthig an der Thüre und herein traten unter unzähligen Bücklingen und Segenssprüchen drei Greise in festlicher Tracht: hohen Stiefeln, Linnengewand und weithin duftendem Schafspelz. Der Richter des Dorfes, Harasim Pomenko und zwei der Aeltesten. Das lange silberweiße Haar, der tiefe Ernst der Mienen, das blitzende Handbeil in der Rechten gab ihnen den Ausdruck des Ernsten und Ehrwürdigen. »Herr!« begann der Richter, »Du bist unser Vater und wir Deine Söhne! Du bist unser Gebieter und wir Deine Knechte. So war es und so ist es! Und auf daß es so bleiben möge – erfülle uns eine Bitte!« »Sprich!« befahl mein Freund. »Wir bitten Dich, Deinen Kutscher Hritzko zu entlassen, heute lieber als morgen und in dieser Stunde lieber als in der nächsten!« »Warum?« »Weil er eine schlechte That begangen hat und nicht werth ist, Dein Diener zu sein!« »Was hat er Euch gethan?« »Uns – nichts!« Und mit überlegenem Lächeln fuhr der Greis fort: »Er hat ja nur mit wenigen Menschen im Dorfe gesprochen und kaum etwas berührt, was uns zugehört – wie könnte er uns etwas gethan haben?« »Warum verfolgt Ihr dann einen Unschuldigen?« »Bewahre uns Gott, der Allmächtige,« rief Harasim und schlug ein Kreuz. »Bewahre uns Jesus Christ vor solcher Sünde! Einen Unschuldigen verfolgen! Aber – sieh, Väterchen, das ist ja die Sache – er ist kein Unschuldiger, sondern ein Sünder, ein Verurtheilter!« »Das muß ein Irrthum sein!« erwiderte der Gutsherr. »Ich habe seine Papiere, seine Zeugnisse! Er scheint mir ein braver, unbescholtener Mensch ...« »Herr!« sagte Harasim bedächtig, und wieder glomm jenes überlegene Lächeln in den düsteren, scharfgeschnittenen Zügen auf, »wie sollte denn in seinen Papieren Etwas davon stehen? Er ist ja nicht von des Kaisers Schreibern gerichtet worden, sondern von uns! Das heißt, nicht von mir oder dem Olexa hier, aber von unseren Leuten!« »So?« Der Edelmann trat einen Schritt zurück, sein Antlitz verfärbte sich. Aber dann richtete er sich auf. »Und das wagt Ihr mir einzugestehen?« »Warum nicht? Du bist ja unser Freund! Und Dein Freund ist ein Deutscher – was geht ihn die Sache an! Er verräth die Sache nicht und Du nicht!« »Und wenn ich es dennoch thäte?« »Dann kämen wir, einer oder der andere, vielleicht in den Kerker. Vielleicht auch nicht! Du aber, gnädigster Herr Wohlthäter –« »Nun – ich? – Du drohst?« »Davor bewahre mich der Himmel! Ich wollte nur sagen: Du hättest auch Verdruß davon, aber die Schreiber würden doch nichts herausbringen!« »Also besteht das Unwesen noch?« »Darauf, vielvermögender Herr Wohlthäter,« erwiderte Harasim demüthig, aber entschieden, »darauf wäre zweierlei zu erwidern. Erstlich, daß es kein Unwesen ist, sondern ein Wesen, ein heiliges Wesen, weil es von den Vätern auf uns gekommen und durchaus immer mit Ehrlichkeit gehandhabt wurde. Und zweitens: ja, es besteht und wird mit Gottes und der Heiligen Hülfe immer aufrecht bleiben!« »Wozu?« »Damit Gerechtigkeit auf Erden ist!« »Aber dafür sorgt des Kaisers Gericht!« »Ja – soweit es kann, aber wo es nicht richten kann oder nicht richten soll, da ist unser Gericht nöthig!« »Nicht richten soll?« »Ja«, erwiderte Harasim schlicht und entschieden, »wo es nicht richten soll. Aber nun ist genug darüber geredet. Wozu willst Du noch länger fragen, da ich ja doch, wie Du weißt, nicht antworten darf!« »Gut – aber bezüglich des Hritzko müßte ich doch Näheres wissen, wenn ich Euch den Gefallen thun soll!« »Das ist ein gerechter Wunsch,« erwiderte Harasim, sich tief verneigend, »frage, Herr Wohlthäter!« »Nun denn, wer hat den Hritzko verurteilt?« »Unsere Leute,« erwiderte der Richter demüthig, und verbeugte sich tief. »Die Namen weiß ich selbst nicht! Was liegt auch daran, wer es war? Sicherlich waren es ehrliche Männer, denen es zustand! Und daß es bei dem Gerichte ordentlich zuging, nach Recht und Gerechtigkeit, das kann ich Dir beschwören, Herr!« »Wie kannst Du das?« »Weil es dabei immer ordentlich zugeht!« »Wo und wann ist er verurtheilt worden?« »Daran liegt ja nichts – der Ort ist gleichgültig. Aber zufällig kann ich Dir die Frage beantworten: in seiner Heimathgemeinde im Zloczower Kreise und vor drei Jahren.« »Und was war seine Schuld?« »Ich weiß es nicht!« »Du lügst!« Der Greis lächelte mild, fast mitleidig. »Ich habe weiße Haare,« sagte er, »und stehe bald vor Gott! Wie sollte ich in einer solchen Sache lügen? Wenn ich es wüßte, aber nicht sagen dürfte, so würde ich Dir dieses antworten. Aber ich weiß es wirklich nicht, und Niemand weiß es, außer jenen Leuten, die ihn gerichtet haben, und ihm selbst und jenen, an denen er seine Sünde gethan. Aber weder seine Richter, noch seine Opfer würden Dir seine Schuld verrathen! Denn also halten wir es: wer verurtheilt ist, dem darf seine Schuld nicht mehr nachgesagt werden! Und es ist recht so, recht und gerecht!« »Und zu welcher Strafe wurde er verurtheilt?« »Er ist ausgestoßen! Er darf nicht bleiben und verweilen, weder in seiner Heimath, noch in einem anderen Dorfe, soweit eben unser Gericht gilt!« »Auf wie lange?« »Auf Lebenszeit!« »Du weißt es genau?« »Ja! So ist es mir vermeldet worden.« »Das begreife ich nicht! Du hast, ehe er hierher kam, nicht um seine Schuld gewußt! Und er ist kaum acht Tage hier. Binnen einer Woche kann doch schwer eine mündliche Nachricht den Weg von hier nach Zloczow doppelt zurücklegen! Oder habt Ihr schriftlichen Verkehr, etwa ein Verzeichnis der Schuldigen?!« »Nein! Alles ist mündlich. Aber ich weiß es doch, und hätte es jedenfalls mit der Zeit erfahren. Es ist ja auch an früheren Orten aufgekommen, wenn auch erst nach zwei, drei Monaten. Daß ich es schon nach einigen Tagen weiß, ist freilich nur ein Zufall. Nämlich – ich war am Jahrmarkt in Ulaszkowce, und da erfuhr ich's!« »Gut – aber was geht die Sache mich an? Warum haltet Ihr Euch nicht an ihn ?« »Das ist geschehen. Er ist vorgestern verwarnt worden, aber, wie Du siehst, nicht gegangen!« »Das hätte er denn doch nicht so plötzlich thun können, sondern erst kündigen müssen.« »Freilich – wenn er ein Freier wäre! Aber er ist ja ein Ausgestoßener. Der braucht keine Verpflichtung einzuhalten, weil er sie nicht eingehen darf. Dir hätten wir sofort einen anderen Kutscher gestellt. Mein eigener Sohn hätte ihn vertreten.« »Er scheint sich also nichts aus Eurer Verwarnung zu machen?« »O doch! Er hat seit vorgestern keinen ruhigen Athemzug gethan, und kein Schlaf ist über seine Augen gekommen. Auch hat er sich mir heute am frühesten Morgen zu Füßen geworfen und hat mein Mitleid angefleht! Der Thörichte! als ob ihm –« der Greis lächelte wehmüthig – »mein oder irgend eines Menschen Mitleid etwas nützen könnte! Verurtheilt und ausgestoßen, daran könnte höchstens der Allerbarmer im Himmel etwas ändern. Ich aber muß ja meine Pflicht erfüllen und das Urtheil seiner Gemeinde an ihm vollbringen, sowie jene Leute dort unser Urtheil an einem Schuldigen vollbringen würden!« Er verstummte, auch der Gutsherr blickte lange schweigend vor sich hin. »Höre,« begann er endlich, »ich bin Euer Freund, und darum will ich es so halten, als hätte ich nichts von dem gehört, was Du mir eben gesagt. Das ist aber auch Alles, was ich mit gutem Gewissen thun kann. Der Büttel Eures Gerichts kann und will ich nicht werden. Es ist eine Sache zwischen Euch und dem Hritzko. Machet sie mit ihm ab. Will er selbst aus meinem Dienste gehen, so werde ich ihn nicht zurückhalten. Ich aber schicke ihn nicht fort!« Er richtete sich hoch auf. »Und so lange er in meinen Diensten steht – merket wohl – steht er auch unter meinem Schutze! Wer unter meinem Dache wohnt, darf diesen Schutz von mir fordern, und ich werde ihn auch dem Hritzko nicht weigern können und wollen.« Harasim verbeugte sich tief, wie zum Abschied. Er machte einen Schritt zur Thüre, die beiden Aeltesten folgten ihn. Dann blieben sie doch wieder, wie unschlüssig stehen, und abermals trat der Richter vor. »Gnädigster Gebieter,« begann er im Tone flehentlicher Bitte, »nur Eins noch höre gütig an! Wir sind ja Deine Kinder und Knechte, Deine Nachbarn und Freunde, Du hast sonst ein Herz für uns, habe es auch in dieser Noth!« »Die Noth sehe ich eben nicht!« »Und doch ist sie so klar einzusehen! Also der Hritzko ist ausgestoßen, er hat sein Leben behalten, seine Freiheit, sein väterliches Erbe, nur das Eine ist ihm verwehrt, unter solchen Leuten zu wohnen, wo unser Gericht gilt. Niemand also hindert ihn, über die Waldberge nach Ungarn zu gehen, oder über den Pruth zu den Moldauern, oder über Lemberg hinaus zu den »Ljachen« (Polen). Nur unter uns darf er nicht bleiben. Aber sieh', er bleibt doch. Das dürfen jedoch wir nicht dulden, denn auf Gerechtigkeit ist die Welt gebaut und ein Urtheil darf nicht zum Spotte werden. Es muß uns gleichgültig sein, aus welchen Gründen er nicht aus unserem Volke weichen will, fortbringen müssen wir ihn. Dies kann durch Güte oder durch Gewalt geschehen. An den Orten, wo er früher war, ist es stets durch Güte geglückt; er ist auf die Verwarnung hin gegangen oder der Gutsherr hat ihn auf unsere Bitte weggejagt. Aber jetzt will er nicht selbst gehen. Und Du willst ruhig zusehen, was sich begibt. Daher unsere Noth. Denn bleibst Du, Gnädigster, bei Deiner Weigerung, dann muß Gewalt helfen. Das ist ein leichtes Ding für »Hajdamaken« (Räuber), aber ein bitter Ding für Greise, für Christen, für Familienväter, wie wir sind. Erspare uns Herr, diese Bitterkeit und –« »Was heißt das?« rief der Gutsherr dazwischen. »Ihr wollt ihn tödten?« Der Greis blickte starr und düster vor sich hin. »Auf unseren Willen,« sagte er dumpf, »kommt es nicht an, wir wollen nicht, wir müssen . Aber zum Todtschlagen kommt es in solchen Fällen selten. Man ergreift ihn, bindet ihn und führt ihn davon. Höchstens, wenn ihn Andere befreien wollten oder er selbst Lärm schlüge ... aber wozu davon reden! Du wirst unsere Noth erkennen und ihn fortweisen von Deiner Schwelle, auf der Segen sei in alle Ewigkeit!« Wieder folgte ein langes Schweigen. Mein Freund schritt unschlüssig auf und ab. Endlich blieb er vor Harasim stehen. »Du kannst nicht verlangen,« sagte er, »daß ich mich gleich entscheide. Vorher muß ich den Hritzko darüber anhören. Das fordert ja die Gerechtigkeit!« Der Richter schüttelte das Haupt. »Ich will nicht gleich Deine Entscheidung erbitten, sondern morgen um dieselbe Stunde. Aber warum Du den Hritzko zuerst hören mußt, begreife ich nicht. Was er Dir auch sagen mag, unsere Noth bleibt ja dieselbe!« Die Bauern gingen. Kaum war die Thüre hinter ihnen geschlossen, als der junge Mann heftig zur Klingel griff und nach dem Kutscher schellte. Hritzko trat ein, noch immer bleich, aber das Antlitz war ruhiger, der Blick sicher. Er hatte ein offenes, gutmüthiges, gescheidtes Gesicht, welches gewiß kein Mensch für eine Verbrecher-Physiognomie hätte halten mögen. »Du weißt, was die Leute bei mir wollten?« begann sein Herr. »Ja!« »Du bist also wirklich ein Verurtheilter?« »Ja!« »Ist Dir Unrecht geschehen?« »Nein!« »Warum nimmst Du denn die Strafe nicht auf Dich?« »Ach Herr!« rief der Mann, und plötzlich verließ ihn die erkünstelte Ruhe, die Züge verzerrten sich schmerzlich und aus den Augen brachen jählings die Thränen. »Ach Herr! Die Strafe sollte man nie ertheilen. Denn einem schlechten Menschen thut sie gar nicht wehe und einem besseren ist sie schlimmer, als der Tod! Ich habe es ja in der Fremde versucht, aber das Heimweh hat mir das Herz abgedrückt und mich zurückgezogen wie mit Ketten. Auch hat mich eine Hoffnung zurückgeführt. Sehen Sie, Herr, ich bin kein armer Knecht, ich habe einen Grundbesitz, der an 6000 Gulden werth ist. Die Hälfte davon möchte ich meiner Gemeinde abtreten, wenn sie dieses Urtheil wieder aufhebt. Dazu bin ich jetzt aus der Moldau zurückgekommen, habe mich aber doch nicht in mein Dorf zurückgetraut!« »Und glaubst Du, daß Dein Verbrechen durch Geld zu sühnen ist?« »Nein, Herr, bloß der Schade, den ich meinen Leuten angethan, ist durch Geld zu sühnen. Mein Verbrechen jedoch sühnt nur die Reue, und vielleicht ist mir Gott barmherzig!« »Was ist's für ein Verbrechen?« Der Mann wurde roth und wieder bleich. » Diebstahl! « sagte er endlich tonlos. »Wie?« rief der Gutsherr enttäuscht und verächtlich zugleich. »Und Dich habe ich schützen wollen! Geh, geh!« »O Herr!« flehte Hritzko, und es war ein Ton der Verzweiflung in seiner Stimme, der unwillkürlich ans Herz griff, »urtheilen Sie nicht, ehe Sie mich hören. Ich bin kein gewöhnlicher Dieb. Ich habe es nie nöthig gehabt, nach fremdem Gut zu greifen, mein Vater war der Richter im Dorfe und hatte das größte Ansehen, ich bin sein Aeltester und hätte das Haupttheil geerbt. Sehen Sie, Herr, mein Unglück kam auf besonderem Wege. Als im Freiheitsjahre die Hörigkeit von uns fiel, da wurden die Aecker und Hutweiden zwischen uns und dem Herrn getheilt, einem Polen, dem Grafen Z. Es sei dabei nicht redlich zugegangen, sagte mein Vater immer, und die anderen Bauern stimmten ihm zu und wollten einen Prozeß beginnen. Nun war aber der Graf ein guter und gerechter Herr, er kam in's Dorf und berief die Gemeinde und sagte: »Höret, Leute, wir wollen den Advocaten und Schreibern nichts zu verdienen geben. Vergleichen wir uns in Güte!« Und er verglich sich mit uns und gab uns ein Papier darüber. Leider hat aber unser guter Graf sonst nur allzuviel mit Advocaten und Schreibern zu thun gehabt, denn er gab so viele Wechsel aus, als Haare in seinem buschigen Schnurrbart waren, nämlich, weil er's leichtsinnig mit den Frauen trieb. Und endlich fügte es sich mit ihm, wie es bei solcher Wirtschaft ergehen mußte; das Gut kam unter den Hammer, den größten Theil erstand ein benachbarter Gutsbesitzer, der ihn mit seinem Besitz vereinigte, und den kleineren ein Armenier Anton Harasimowiz, der früher irgendwo Verwalter gewesen war und dabei soviel zusammengestohlen hatte, um sich endlich selbst ein Gut zu kaufen. Er war sehr süß gegen uns, der Herr Anton, aber wir hatten ihm nicht recht getraut, schon weil das Sprüchwort noch nie gelogen hat: »Ein Armenier ist schlimmer als zehn Juden!« Die Anderen sind bei diesem Mißtrauen geblieben, nur ich habe mich mit dem Schurken befreundet. Freilich war es nicht er, der mich so umstrickte, sondern ein schönes Mädchen, seine Nichte, welche als Wirthschafterin in seinem Hause lebte, denn er war seit Jahren Wittwer. Herr, ich war schon damals ein ausgedienter Soldat, ich war in allen Provinzen gewesen, ich hatte genug schöne Mädchen gesehen, aber so schön wie diese Anielka war keine! Wenn sie mich ansah, so siedete mein Blut auf, als hätte ich Feuer in den Adern, wenn sie mir winkte, so mußte ich ihr folgen, auch wenn sie mich in die Hölle geführt hätte. Herr, es ist nicht zu beschreiben, wie schön dieses Teufelsweib war! Freilich warnte mein Vater. »Heirathen«, sagte er, »kannst Du sie nicht, denn obwohl sie bettelarm ist, so ist sie doch eine Städtische, die sich für einen Bauern zu gut hält, und selbst wenn sie Dich wollte, so darfst Du sie nicht nehmen, denn die Leute sagen ihr nach, daß sie dem schwarzen Hallunken nicht bloß das Bett macht, sondern auch mit dem eigenen Leibe wärmt! Das waren kluge Worte, aber ich schlug sie in den Wind. Denn sie hatte mir ja unter Thränen geschworen, daß ihr die Leute Unrecht thäten mit diesem Verdachte, und ich hätte schon einem Worte von ihr geglaubt, geschweige denn einer Thräne und einem Schwur! Und was das Heirathen betrifft, so gab sie freilich keine bestimmte Antwort, machte aber doch immer wieder Anspielungen, so daß ich hoffen konnte. Denn so schlau ist noch nie ein Weib gewesen, Herr, sie versprach mir nichts, sie gewährte mir nichts, und doch hätte ich täglich schwören mögen, daß ich morgen Alles bei ihr erlange. Kurz, mich hätten keine zehn Teufel mehr von ihr fortreißen können, und ich ging im Hause aus und ein, auch nachdem es das Haus unseres Todfeindes geworden. Der Armenier forderte nämlich von uns jene Aecker und Wiesen, die uns der Graf im Vergleich abgetreten hatte, er behauptete, sie seien im Grundbuch zu seinem Eigenthum verzeichnet. So war es auch; das Dorf hatte versäumt, das Papier am rechten Orte vorzuweisen. Aber dies konnte nachträglich geschehen, wir besaßen es ja, mein Vater verwahrte es im Namen des Dorfes. Unter den Bauern war große Erregung, man sprach von einem Prozesse, und mein Vater verbot mir, zum Armenier zu gehen. »Sohn,« sagte er, »auch ich bin Soldat gewesen, wir wissen Beide, was sich in Kriegszeiten gebührt. Wer da in des Feindes Land geht, ist entweder ein Spion oder ein Ueberläufer, und das ist beides unehrliches Handwerk. Als Spion brauchen wir Dich nicht, denn unsere Sache ist rein und gerecht, und ein Ueberläufer, ein Lumpenhund wirst Du nicht werden wollen.« »Gewiß nicht,« sagte ich und ging selbigen Abends doch zur Anielka. Es war zum ersten Mal, daß ich stundenlang allein mit ihr blieb, zum ersten Mal, daß sie mir einen Kuß gab, und wenn ich schon früher gefügig, wie ein Sclave, gegen sie war, so trank sie mir mit diesem Kusse vollends allen Willen und alle Ehre aus dem Leibe. Sie sah, wie ich nur ein Werkzeug in ihrer Hand war, und nützte es sofort. Von dem drohenden Prozesse begann sie zu sprechen, und wie sehr sie dies bedaure, weil nun die Hoffnung auf die Heirath mit mir unerfüllt bleiben müßte. »Ich kenne meinen Onkel,« sagte sie. »Wenn der Prozeß wirklich beginnt, so hält er alle Bauern für seine Feinde, verbietet Dir sein Haus und gibt seine Einwilligung nie und nimmer. Und doch meint er es sonst gut mit uns und ist auch mit unserer Verbindung ganz einverstanden. Erst gestern hat er mir gesagt: der Hritzko ist ein tüchtiger Mensch und wenn er ernstlich um Dich wirbt, so gebe ich Dich ihm, und als Mitgift bekommst Du die Gründe, die mir zugehören und von den Bauern mit Unrecht in Besitz genommen sind; ich will der Gemeinde beweisen, daß ich nicht aus Eigennutz auf meinem Rechte bestehe!« Ach, Herr, kein Wort kann sagen, wie mir dabei zu Muthe wurde, ich wurde wie toll voll Glück und Liebe. »Und es ist so leicht,« sagte sie weiter, »den Prozeß zu verhüten. Die Gemeinde wird ihn ohnehin verlieren, aber wenn jenes Papier nicht wäre, so könnte sie ihn gar nicht führen!« – »Aber leider ist es da!« sagte ich, »es liegt in meines Vaters Truhe.« Da fiel sie mir um den Hals und weinte und küßte mich und lachte, und beschwor mich, es ihr zu bringen. Und ich – sagte zu! Ich glaube, ich hätte ihr in jener Stunde nicht widerstanden, wenn sie einen Mord von mir verlangt hätte. Und am nächsten Abend« – die Worte kamen heiser, fast zischend aus seiner Kehle – »am nächsten Abend stahl ich das Papier und brachte es ihr. Das war mein Verbrechen ....« Dem Manne versagte die Stimme, die Erregung übermannte ihn, und er griff mit zitternder Hand an den Thürpfosten, um sich zu halten. Der Gutsherr blickte ihn mitleidig an. »Das ist freilich anders, als ich dachte!« sagte er mild. »Die Schlange hatte Dich überlistet, nicht wahr?« »Ja, Herr. Nachdem sie das Papier erlangt, bekam ich freilich noch manchen Kuß, aber von Verlobung und Heirath sprach sie nicht gerne mehr. Dennoch schöpfte ich kein Mißtrauen; erst viel später und urplötzlich sollte ich erkennen, in welche Hände ich mich da gegeben hatte; ein Vierteljahr später. Das war im Herbste; ich arbeite am späten Nachmittag auf einem unserer Aecker an der Straße, da sehe ich von der Ferne Staub aufwirbeln, es ist meines Vaters Wägelchen, und er peitscht unsere Braunen im Galopp von der Kreisstadt her dem Dorfe zu. Das fällt mir auf, denn ich weiß ja, daß er zum Wochenmarkt hingefahren ist, und da pflegt er sonst erst am späten Abend zurückzukommen und hübsch im Schritt, wie eben die Pferde gehen wollen – Sie verstehen mich, Herr? Ich laufe also an die Straße und er hält an, wie er mich gewahrt. Ganz verstört ist der alte Mann und zornroth im Gesichte. »Sohn!« sagte er, »der Prozeß ist da. Der Armenier hat die Klage überreicht! Ich fahre zurück, mit den Aeltesten zu berathen!« Ich werde todtenbleich, meine Kniee schlottern, mein Herz steht still. Er merkt es nicht, haut in die Pferde ein und fährt davon. Ich aber sinke am Rain nieder und sitze da eine Weile regungslos, vernichtet von Schmerz, Wuth und Reue. Dann raffe ich mich auf, es kann ja nicht sein, tröste ich mich, »so viel Niedertracht trägt die Erde nicht!« – und eile zum Gutshof. Es ist in der Dämmerung. Anielka und der Armenier sitzen vor der Thüre, und vor ihnen stehen zwei ihrer Knechte und erzählen eifrig; ich komme näher, sie erzählen von der Nachricht, welche mein Vater gebracht und verstummen, als sie mich gewahren. »Anielka!« rufe ich, »ist es denn wahr? Hast Du mich betrogen?« Sie schaut mich erstaunt an und schweigt, ihr Onkel aber sagt: »Mein geehrter Herr Bauernlümmel,« sagt er, »belieben Sie sich gefälligst höflich und verständlich auszudrücken. Zu meiner Nichte sagt man übrigens »Fräulein!« – »Metze und Schlange sagt man zu ihr,« rufe ich wüthend. »Ihr Hunde, gebt mir das Papier zurück!« – »Welches Papier?« fragt sie und er: »Bursche, Du bist verrückt! Packe Dich!« Und als ich mich auf ihn stürzen will, fassen mich die Knechte und überwältigen mich und stoßen mich aus dem Hofe. Ich aber gehe langsam gegen das Dorf zurück, und auf halbem Wege sinke ich nieder und lasse wir willenlos meine wüsten Gedanken durchs Hirn zucken. Wohl an die zwei Stunden bin ich dagelegen in der Dunkelheit und habe mich am Boden gewunden und geächzt, wie ein verwundetes Thier, und was auch in der Folge Schweres über mich gekommen ist, das waren doch die bittersten Stunden meines Lebens. Endlich war mein Entschluß gefaßt. Ich wollte zu meinem Vater gehen, meine Schuld gestehen, und als Sühne der Gemeinde mein Erbtheil anbieten, und dann wollte ich meine Büchse laden und die beiden Verruchten im Gutshofe niederschießen. Darüber hinaus dachte ich nicht; was mit mir geschehen sollte, war mir gleichgültig; es bleibt wohl noch eine dritte Kugel für mich übrig, meinte ich. Und in diesen Gedanken ging ich heim. Aber« – fuhr der Unglückliche fort – »es sollte anders mit mir kommen. Als ich in die Stube trete, finde ich sie hell erleuchtet; die beiden Aeltesten sitzen am Tische; mein Vater aber steht über die Truhe geneigt und wühlt verzweiflungsvoll darin umher. »Es ist ja nicht möglich!« stöhnt er. »Ich kann es nicht verloren haben, es muß sich finden.« Das Blut schießt mir ins Gesicht, daß es mir vor den Augen flimmert, und die Kehle ist mir wie zugeschnürt. Aber ich überwinde es und sage laut und heiser: »Vater, Ihr braucht nicht länger zu suchen! Ich habe das Papier gestohlen!« Die beiden Männer fahren auf und fluchen, er aber windet sich langsam und lautlos zu mir heran und starrt mir in's Gesicht; todtenbleich ist sein Antlitz und die Augen drängen aus den Höhlen. Ich nehme meine Kraft zusammen und berichte Alles und füge hinzu, wie ich es sühnen will. Die Männer werfen Flüche dazwischen, während ich erzähle, und nachdem ich geendet, spucken sie vor mir aus und ballen die Hände gegen mich; mein Vater aber kann noch immer kein Wort finden, wie versteinert liegt das Entsetzen und der Abscheu auf seinem Gesichte. Endlich hebt er die Hand, aber da verzerrt sich das Gesicht noch furchtbarer, und er schwankt und fällt auf der Diele hin, plump und schwer, wie ein gefällter Baum. »Du hast ihn getödtet!« rufen mir die Männer zu. Aber er war nicht todt. Zwei Stunden lag er in tiefer Ohnmacht, dann raffte er sich empor. Und so eisern war sein Wille, daß er alle Schwäche überwand. Kaum steht er auf den Füßen, als er zu befehlen beginnt. Mir sagt er: »Ein Verbrecher richtet sich nicht selbst, Du rührst Dich nicht, bis ich es befehle!« und meinem Bruder Janko: »Spanne die Braunen vor den Wagen und den Schimmel vor die Britschka!« – »Richter,« sagt einer der Aeltesten, »es geht auf Mitternacht!« – »Gleichviel,« erwidert er, »am frühen Morgen sind wir in der Stadt. Ihr Beide, ich und der Dieb da. Durch meine Schuld soll in dieser Sache keine Stunde Verzug sein!« – »Aber wozu beide Wagen?« fragt mein Bruder schüchtern. – »Weil ich keinem ehrlichen Manne zumuthen kann, neben einem Verbrecher zu sitzen! Mach rasch!« Und eine halbe Stunde später fahren wir in die Nacht hinaus, voran die Männer, hinterher ich allein. Morgens sind wir beim Advokaten. »Höret Leute,« sagt er, nachdem ihm mein Vater Alles berichtet, »hier ist nichts zu machen! Selbst wenn sich Dein Sohn selbst des Diebstahls anklagen wollte, so könnte er kaum verurtheilt werden, weil das Mädchen leugnen würde, nach dem Papiere gestrebt und es bekommen zu haben. Noch weniger könntet Ihr die Beiden auf Herausgabe des Papiers verklagen, beweisen läßt sich ihnen nichts. Ohne die Urkunde aber ist der Prozeß nicht zu führen; sparet Euer Geld, Leute!« – »Und hätten wir,« fragt einer der Aeltesten, »den Prozeß gewonnen, wenn das Papier noch vorläge?« – »Darauf,« erwidert der Advokat, »ist die Antwort schwer, man müßte das Papier gesehen haben. Vielleicht war es rechtskräftig abgefaßt, vielleicht nicht!« Mit diesem Bescheide fuhren wir zurück, und am Abend dieses Tages, Herr – am Abend haben sie mich gerichtet.« »Wie ging es dabei zu?« Hritzko blickte seinen Herrn demüthig bittend an. »Fragen Sie nicht, Herr,« bat er, »Sie wissen es ja wohl, daß ich es nicht verrathen darf!« »Willst Du gegen Deine Peiniger Rücksicht haben?« »Deßhalb bleiben sie doch meine Leute,« erwiderte der Mann fest, »und nach bestem Wissen und Gewissen haben sie mich gerichtet. Wie ehrlich es dabei zuging, mögen Sie daraus erkennen, daß sie allen Ersatz des Schadens abwiesen, obwohl mein Vater und ich mein Erbtheil anboten. »Das können wir nicht nehmen,« sagten die Richter, »denn der Advokat hat gemeint, daß auch mit dem Papier der Entscheid zweifelhaft wäre. Unzweifelhaft ist blos der Diebstahl und der Verrath an der eigenen Gemeinde!« Und dafür stießen sie mich aus, weil ihnen diese Strafe die richtige schien.« »Du möchtest Dir eine Umwandlung erbitten?« »Ja, Herr, im Namen des Allerbarmers will ich meine Leute um Barmherzigkeit anflehen. Sie mögen die Hälfte meines Erbtheils nehmen oder auch das Ganze, und dafür den Fluch von mir nehmen!« »Warum verkaufst Du nicht lieber Dein Gut und siedelst Dich anderwärts an, in der Bukowina, in Ungarn ...« »Herr!« erwiderte er seufzend. »Der Spatz fühlt sich nur unter Spatzen wohl!« »Und was kann ich für Dich thun?« »Dulden Sie mich eine Weile in Ihrem Hause und verwenden Sie sich für mich. Die hiesigen Leute, bitte ich, mögen den Meinigen berichten, daß ich jetzt ein reuiger gebesserter Mensch bin. Sie mögen mit mir verkehren und mich kennen lernen!« »Gut,« schloß der Gutsherr; »ich stehe mit meinen Bauern gut und hoffe, Dir dies erwirken zu können!« Er hatte zu viel versprochen, so weit reichte seine Macht nicht. Als sich Harasim und die Aeltesten am nächsten Morgen wieder einfanden, da verlangten sie nur Eins zu wissen, ob der Herr ihnen willfahren wolle oder nicht. »Alles Andere,« meinte der Richter, »ist nicht unsere Sache. Seit dieses heilige Wesen besteht, hat man noch nie von der Aenderung eines Urtheils gehört. Die Richter überlegen und beschließen, und das Beschlossene gilt. So war es, so ist es, so wird es sein. Der Hritzko ist eines Richters Sohn und ein gescheidter Mensch, er weiß dies ebenso gut, wie wir. Will er dennoch eine Aenderung versuchen, so ist dies seine Sache; und seiner Leute Sache wird es sein, ob sie darauf eingehen wollen oder nicht. Wir aber wollen nichts damit zu thun haben. Was uns obliegt, ist nicht, ihn kennen zu lernen und dann über ihn zu berichten, sondern das gültige Urtheil, welches über ihn ausgesprochen wurde, für unser Theil zu erfüllen. Seine Gemeinde hat uns nicht darum gebeten; wir haben es zufällig erfahren, aber schon daraus erwächst uns unsere Pflicht. Also, gnädigster Herr, zwinge uns nicht, Gewalt zu gebrauchen, befreie uns im Guten aus dieser Noth.« Dagegen half keine Widerrede, keine Bitte, kein Zuspruch, kein Befehl. Je mehr sich der Edelmann ereiferte, desto gleichmüthiger erwiederten die Bauern ihr Sprüchlein: »Befreie uns aus unserer Noth!« »Ist dies Euer letztes Wort?« fragte der Herr endlich zornglühend. »Wir können nicht anders!« »Dann geht! Wir haben einander nichts mehr zu sagen!« Der Greis verbeugte sich demüthig. »Wie Du willst, Herr,« sagte er. Und fast feierlich fügte er hinzu: »Gott wird uns milde richten, wenn wir thun, was wir müssen!« Sie gingen. Mein Freund blieb in heftiger Erregung zurück. »Was ist hier zu thun?!« rief er heftig. Auch ich wußte keinen Rath. Es war klug, dem Unglücklichen zu sagen: »Geh', Dir nützt Dein Verbleiben nichts und mir schadet es!« Aber edel und würdig war es nicht. Während wir noch so unschlüssig debattirten, trat Hritzko ein. »Herr!« sagte er, »wenn ich um meine Zeugnisse bitten dürfte ...?« »Du willst gehen?« fragte mein Freund erstaunt. »Ja. Ich will's. Der Richter Harasim hat eben mit mir gesprochen. »Wenn Du bleibst,« hat er mir gesagt, »so zerstörst Du den Frieden zwischen dem Gutsherrn und uns, bringst uns ruhige, ehrliche Leute in's Unglück und nützest Dir doch nicht das Geringste. Ich will Dir sagen, was wir thun werden – es ist kein Geheimnis, Du kannst es Deinem Herrn erzählen. Wir werden zuerst jede Verbindung mit dem Gutshofe abbrechen, und wenn dies nichts nützt, so werden wir Dich gewaltsam wegführen!« So hat er gesprochen, und ich sehe ein, Herr, er kann nicht anders. Darum will ich gehen!« »Wohin?« »Nach Hause!« »Du willst es wagen?« »Ja. Höchstens kann es mich mein Leben kosten. Und ein Leben, wie ich es in den letzten Jahren geführt habe, ist ohnehin nicht werth, gelebt zu werden!« »Einen Mord werden sie ja nicht wagen!« tröstete der Edelmann. »Höchstens machst Du die Reise nutzlos.« »Wie Gott will!« erwiderte der unglückliche Mann düster. »Also – wenn ich bitten darf« Mein Freund gab ihm die Zeugnisse, schrieb einige lobende Zeilen und legte einen vollen Monatslohn auf den Tisch. Aber Hritzko nahm nur, was ihm zukam. »Wer weiß, ob ich es brauche ...«, sagte er mit trübem Lächeln und wandte sich dann zum Gehen. »Du mußt mir in einigen Wochen schreiben, wie es Dir ergangen ist!« rief ihm der Edelmann nach. »Hörst Du? Und ich wünsche, Du könntest mir Fröhliches schreiben!« ... Er konnte es nicht. Etwa zwei Monate später kam sein Brief, aus einem Dorfe Ober-Ungarns. »Sie haben,« hieß es darin, »mir daheim gesagt: »Wenn Du nicht sofort gehst, müssen wir Dich mit Gewalt fortschaffen, und wenn Du Lärm schlägst, so müssen wir Dich tödten. Also geh' – denn Du hast auch ohnehin genug Unglück über uns gebracht!« So bin ich denn gegangen, weil ich nicht die Bürde auf mich nehmen wollte, mich selbst zu morden!« Ich habe diesen Einzelfall deshalb den Thatsachen gemäß und in voller Ausführlichkeit mitgetheilt, weil er durchaus typisch ist und über das Wesen der Volksgerichte, wie sie noch heute im Osten bestehen, vollkommen zu orientiren vermag. Einige Andeutungen werden genügen, das Bild zu vervollständigen. An sich kann die Existenz von Volksgerichten auf dem Boden Halb-Asiens natürlich nicht verwundern. Sie fanden und finden sich überall dort, wo noch ein Volk an seinen ursprünglichen Anschauungen festhält und in der angestammten Unkultur verharrt: die Befugniß des Richtens und Strafens steht im Urzustände der Menschheit überall zuerst der Familie, dann dem Geschlecht, hierauf der Gemeinde zu; sie verbleibt im weiteren Verlauf der Entwicklung entweder dieser letzteren oder fällt dem einzelnen Gewalthaber zu, wo dieser die Herrschaft an sich reißt, bis sie endlich an die Vereinigung Aller, den Staat, fällt, der die Befugniß dann nach geschriebenem Gesetz und durch bestimmte Beamte ausübt. Aber auch wo dieser Kulturzustand bereits erreicht ist, währen die Volksgerichte überall dort fort, wo das Volksbewußtsein ein begründetes Mißtrauen in die Macht oder den guten Willen des staatlichen Richters setzt, ja über diese Zeit hinaus und nachdem dieses Mißtrauen längst ein unberechtigtes geworden, weil es ja im Wesen jeder Volksseele liegt, am Alten festzuhalten, welches einst natürlich und vernünftig war – nur das, was niemals natürlich und vernünftig gewesen, vergeht so rasch, wie es gekommen. Ebenso liegt es auf der Hand, daß diese Gerichte, die vormals die öffentlichen und gesetzlichen gewesen, unter dem Drucke der Staatsgewalt, welche derartige Eingriffe in ihre Rechtspflege nicht dulden darf, zu heimlichen, zu Vehmgerichten werden müssen. Erwägt man ferner, daß es in dem Lande, welches hier zunächst in's Auge gefaßt ist, der österreichischen Provinz Galizien, erst seit kaum vierzig Jahren eine ausschließliche und völlig geordnete Rechtspflege des Staates giebt, während er dieselbe von der Besitzergreifung des Landes bis zur endgültigen Organisirung der Justiz (1850) mit den Gutsbesitzern theilte und der Rechtszustand vor der österreichischen Herrschaft vollends ein gänzlich willkührlicher und ungeordneter war, so würde es uns höchstens befremden, wenn wir auf diesem Boden keine Vehmgerichte mehr fänden. In der That giebt es solche nicht bloß unter den Slaven, sondern auch unter den orthodoxen Juden; über diese letzteren habe ich bereits in meinem Buche »Aus Halb-Asien«, in dem Abschnitt »Ein jüdisches Volksgericht«, einige Mittheilungen gemacht. Bei beiden Völkern darf als erste und wichtigste Ursache für das Fortleben des alten Brauchs die zähe Beharrlichkeit gelten, mit welcher sie, wie in jeder anderen Lebensbeziehung, so auch in dieser am Hergebrachten hängen, erst in zweiter Linie wäre das Mißtrauen zu nennen, welches sie dem »Schreiber« des Kaisers entgegenbringen – ein Mißtrauen, welches leider mit den Jahren nicht schwindet, sondern zunimmt oder sich doch zum mindesten gleich bleibt. So lange es deutsche oder deutsch sprechende Richter in Galizien gab, festigte sich auch allmählich das Vertrauen in die Gerechtigkeit des Spruches, welchen sie im Namen des Kaisers fällten, heute, wo die Amtssprache die polnische, der Richter ein Pole, also ein Sprößling jenes Volkes ist, in welchem Ruthenen und Juden den Erbfeind ihres Volksthums und ihres Glaubens erblicken, wird auch dem Einzelnen der Gang zum k. k. Bezirksgericht immer schwerer, selbst wenn es eine durchaus gerechte Sache ist, die er vorzubringen hat. Daneben wirkt auch ein anderer, völlig unpolitischer Grund, den man sich auszusprechen scheuen müßte, wenn er nicht so offenkundig zu Tage läge: die Verlangsamung und Verschlechterung der Rechtspflege seit der Zeit, da sie ein polnisch-nationales Gepräge erhalten. Geht es noch lange so fort oder verschlimmert sich gar dieser Zustand, dann werden wohl auch die Volksgerichte zu erhöhter Wichtigkeit kommen und eine Erscheinung werden, mit welcher sich der Politiker, wie der Gesetzgeber ernstlich werden zu beschäftigen haben. Vorläufig kommt ihnen diese Bedeutung nicht zu; noch hält sich das Bestreben nach Selbsthilfe in sehr bescheidenen Grenzen, in jenen, welche neben dem wirklichen Bedürfniß auch die Tradition gesetzt hat, und Juden, wie Ruthenen rufen das Gericht der Volksgenossen nur in jenen Fällen an, wo auch nach der Meinung der Altvordern das Gericht des Staates »nicht richten kann oder soll«. Es sind dies also zunächst diejenigen Vergehen, welche das Volksgemüth als solche empfindet, während der Schuldige vor dem ordentlichen Gerichte entweder straflos ausginge oder doch mit einer ganz gelinden Buße wegkäme, welche zur Schwere des moralischen Vergehens in keinem Verhältniß stünde. Ein solcher Fall ist z. B. gleich der oben geschilderte. Hritzko Boriuk hat sich thatsächlich schwer an seiner Gemeinde vergangen, er ist an ihr zum Verräther geworden, was in den Augen seiner Volksgenossen, welche die Heiligkeit des Gemeindebandes nach altslavischer Sitte kaum minder hoch halten als jene der Blutsverwandtschaft, ein furchtbares, ja geradezu entsetzliches Verbrechen ist, aber vom Standpunkte des formalen Rechts hat er seinem Vater lediglich aus einer Truhe ein Dokument von zweifelhaftem Werthe enttragen, und selbst wenn dieser gegen den Sohn die Anzeige wegen Hausdiebstahls beim Bezirksgericht erstattet hätte, zu welcher Strafe hätte ihn der Richter verurtheilen können?! Im Wesen ähnlich liegt die Sache im nachstehenden Falle, welcher sich in meiner Heimath, dem Czortkower Kreise, zugetragen. Ein junger schöner Bauernknecht von wüsten Sitten hatte das Glück gehabt, der alternden und häßlichen Tochter seines Brotherrn zu gefallen. Nach dem Tode ihrer Eltern heirathete sie ihn, trotzdem alle Leute des Dorfes, bei denen sie ihrer Gutmüthigkeit und Wohlthätigkeit wegen sehr beliebt war, ihr dringend davon abriethen. In der That hatte sie den Schritt bitter zu bereuen; der schlechte Mensch mißhandelte sie in jeder möglichen Weise und hatte die Rohheit, ihr und Allen, die es hören wollten, offen zu sagen, daß er bald der alleinige Herr des stattlichen Bauerngutes zu sein hoffe; sie hatte ihn nämlich im Ehevertrag als Mitbesitzer aufgenommen und ihm für den Fall ihres kinderlosen Hinsterbens den alleinigen Besitz zugesichert. Da es nun aber trotz der Kränklichkeit des armen Weibes und der vielen Mißhandlungen, die es zu erdulden hatte, doch nicht so rasch ging, als der Unhold wollte, so nahm dieser seine Geliebte als Wirtschafterin in's Haus und suchte mit deren Hilfe sein Weib so rasch als möglich zu Tode zu quälen, was ihm denn auch nach einiger Zeit gelang. Die Empörung über seine Handlungsweise war so groß, daß die Bauern – ein überaus seltener Fall – die Anzeige an das Bezirksgericht machten, worin sie ihn ganz unverhüllt des Mordes beschuldigten. Die Untersuchung wurde eingeleitet, mit allem Eifer durchgeführt und endete mit einer Einstellung des Verfahrens, da sich dem Angeklagten keine Handlung nachweisen ließ, welche den Tod direkt herbeigeführt oder auch nur beschleunigt hätte. Triumphirend kehrte er auf seinen Hof zurück und ließ sich vom Pfarrer mit seiner Geliebten aufbieten, aber Hochzeit hat er im Dorf selbst nicht gefeiert. Das Volksgericht verurtheilte ihn zum Exil, sowie zur Abgabe der Hälfte seines Gutes an die Verwandten der Todten; die andere Hälfte mußte er, da sich kein Käufer zum richtigen Preise dafür fand, endlich um ein Spottgeld losschlagen und mit diesem kargen Rest seines einstigen Besitzes das Weite suchen. Eine dritte Begebenheit ähnlicher Art trug sich vor etwa zehn Jahren in einem Dorfe am Dniester zu. Der griechisch-katholische Pfarrer, der dort hauste, war eine Ausnahme von der Regel, wonach die – sämmtlich verheiratheten – Priester dieses Bekenntnisses bezüglich ihrer sittlichen Führung durchaus makellos sind und höchstens die Schwäche haben, den feuchten Freuden dieser Welt allzu ausgiebig nachzugehen. Obwohl gleichfalls verheirathet, war dieser Seelenhirt ein rechter Schürzenjäger und bereitete, da er kraft seines Amtes, sowie durch seine stattliche Erscheinung großen Einfluß auf die Weiber hatte, den Hausvätern des Dorfes viel Kummer und Schande. Nachdem alle Verwarnungen, sowie eine Anklage beim Consistorium wirkungslos geblieben, brachte ein Volksgericht rasche und gründliche Abhilfe. Der Pfarrer kam selbst um seine Versetzung in eine andere Gegend ein und mußte sein Vermögen opfern, um einige uneheliche Kinder, die er bisher nicht anerkannt, zu versorgen. Wie man sieht, durchweg Fälle, in welchen das Gericht nicht einschreiten oder doch nicht vollen Erfolg erzielen konnte und bei welchem das Volksgericht thatsächlich nur dem verletzten Rechtsgefühl zum Siege verhalf. Würde es sich lediglich auf Dinge dieser Art beschränken und wären die Urtheile immer gerecht und nicht allzu streng, so wäre gegen die Erscheinung an sich nicht viel einzuwenden. Bedenklicher liegt die Sache schon in jenen Fällen, wo das Gericht nach Ansicht der Bauern nicht einschreiten soll, dies heißt, wo ein unzweifelhaft Schuldiger dem Arm der staatlichen Gerechtigkeit aus welchem Grunde immer entzogen wird. Dieser Grund ist fast stets in der persönlichen Sympathie, welche sich der Verbrecher bei seinen Dorfgenossen erworben, oder darin zu suchen, daß die Andern seine That zwar nicht billigen, aber gewissermaßen doch als im Namen Aller verübt betrachten. Auch hiefür seien einige Beispiele angeführt. Auf einem Gute bei Trembowla in Ost-Galizien war ein Förster angestellt, der sich durch seinen Eifer und seine Härte bei den Bauern sehr mißliebig gemacht. Die Entrüstung gegen ihn steigerte sich derart, daß ihm eines Tages die Warnung zukam, er möge sich seiner Kinder erbarmen und milder werden. Er that dies nicht und wurde kurz darauf im Walde erschossen vorgefunden. Alle Bauern des Dorfes kannten den Thäter, doch nannte ihn keiner. Die einzige Buße, die sie ihm auferlegten, bestand darin, daß er einiges Geld für die Kinder des Erschossenen opfern mußte, welchen Betrag dann der Richter des Dorfes dem Gerichte unter der Angabe übergab, daß ihm derselbe zur Nachtzeit durch einen Unbekannten in's Fenster hineingereicht worden. Alles Inquiriren blieb nutzlos. War es hier die Sympathie mit der That, welche den Schuldigen schützte, so im nachstehenden Falle jene mit der Familie des Thäters. Ein sehr angesehener Bauer im Dorfe Biala bei Tluste hatte das Unglück, einen ganz entarteten Sohn zu haben, der sich an einem Nachbar, welcher ihm ein Darlehn verweigert, dadurch rächte, daß er ihm den rothen Hahn auf's Dach setzte. Auch hier wußte alle Welt, wer das Verbrechen verübt, aber eine Anzeige an das Gericht wurde nicht erstattet, und als das Bezirksamt über Anzeige des Agenten der Feuerversicherung die Untersuchung eröffnete, wollte Niemand eine Ahnung davon haben, selbst der Beschädigte nicht. Seine Einbuße, so weit sie nicht durch die Versicherung gedeckt war, hatte ihm der Vater des Brandstifters ersetzt, weiter ging sein Begehren nicht. Mein Vater, welcher als Bezirksarzt mit den Bauern wohl bekannt war und ihr volles Vertrauen genoß, fragte den Mann in meinem Beisein, ob er keine Vermuthung über den Thäter habe. »Nein,« erwiderte er wörtlich, »ich hatte sie wohl, aber ich habe sie nicht mehr.« – »Warum?« – »Weil man es mir verboten hat.« – »Wer?« – »Wer eben derlei zu verbieten hat,« war die Antwort. Das Wort Volksgericht wagte er selbst meinem Vater gegenüber nicht über die Lippen zu bringen. Aber auch viel schlimmere Thaten sind dadurch der Thätigkeit der Gerichte entzogen; ohne Sühne geblieben sind sie allerdings nicht, aber man wird die Strafe schwerlich als eine ausreichende befinden können. So erschlugen zwei junge Bauernsöhne gleichfalls im Czortkower Kreise vor nun etwa zwanzig Jahren einen jüdischen Pferdehändler, der sie angeblich übervortheilt, nachdem er sie durch die Weigerung, den Handel rückgängig zu machen, in Zorn gebracht. Beide wurden lediglich in die Verbannung geschickt und dies ist, wie unser Hritzko Boriuk nicht mit Unrecht bemerkt, eine Strafe, welche man nie ertheilen sollte, da sie gerade einem schlechten Menschen gar nicht wehe thut. Diese Strafe gilt als die höchste; daneben werden nur Geld- oder Besitzbußen verhängt. Kerkerstrafen können selbstverständlich nicht in Anwendung kommen und daß die Gerichte auf körperliche Züchtigung erkannt hätten, ist mir wenigstens nie bekannt geworden. Daß auch jemals die Todesstrafe verhängt wird, ist an sich höchst unwahrscheinlich und die Leute läugnen es auch mit größter Entschiedenheit, wie es denn überhaupt jeder Kenner des Landes als ganz unmöglich darstellt. Zum Aeußersten also scheinen diese Vehmgerichte nur dann zu schreiten, wo der Verurtheilte der Strafe trotzt; hat er dieselbe abgebüßt, so ist es strengstens verboten, ihn an seinen Frevel zu erinnern. Mehr weiß ich über die Volksgerichte der Ruthenen nicht mit Gewißheit mitzutheilen, alles Uebrige, was man hierüber hört, ist entweder offenbare Erfindung oder gehört zu jenen Ausschmückungen eines dürftigen Kerns, zu welchem sich phantasievolle Naturen gerne hinreißen lassen, wo die Erkundung des Thatsächlichen Schwierigkeit macht. Diese Schwierigkeit aber ist gerade diesem Brauche gegenüber eine ungemein große, ja geradezu nicht zu besiegende; über die Form dieser Gerichte z. B. habe ich absolut gar nichts Gewisses in Erfahrung bringen können; ich vermuthe bloß, daß es kein besonderes Richterkollegium gibt, sondern daß höchst wahrscheinlich die Gesammtheit der Männer unter Vorsitz des Richters urtheilt. Mit vollster Bestimmtheit glaube ich aussprechen zu dürfen, daß es weder besondere Bannformeln, noch Boten gibt. Aehnlich steht es bei den Slovenen, hingegen ist die Frage, ob auch andere nord- und westslavische Stämme als die Ruthenen noch heute die Einrichtung der Volksgerichte kennen, eine offene; unwahrscheinlich ist dies nicht. Es mag unentschieden bleiben, ob die Volksgerichte bisher mehr Nutzen oder Schaden gebracht. Erwägt man, daß die Vorurteilslosigkeit und das Gefühl der Verantwortlichkeit die unbedingten Erfordernisse jedes Richter-Collegiums sein müssen, so wird man von vornherein gegen eine Einrichtung, welche sich im Dunkel birgt, starke Bedenken haben und dringendst wünschen müssen, daß sie trotz des einzelnen Guten, das sie unzweifelhaft im Gefolge hat, doch baldmöglichst verschwinde. Dies aber kann nicht durch polizeiliche Maßregeln und gerichtliche Strafen bewirkt werden, sondern lediglich durch die fortschreitende Cultur und das wachsende Vertrauen in die Gerechtigkeit der amtlichen Richter. Daß hiezu derzeit weniger Hoffnung vorhanden ist, als vor dreißig Jahren, ist eine der traurigsten Thatsachen, welche dies Buch zu berichten hat. Auch auf dem Gebiete der Rechtspflege erweist es sich, daß Halb-Asien das Land der Gegensätze ist, auch in dieser Hinsicht dürfen wir uns keiner stetigen allmähligen Entwicklung erfreuen, auch hier wohnen autochthone Barbarei und bloße Nachäffung der Formen des Westens hart neben einander. Deß werden wir inne, wenn wir uns von den Volksgerichten zu den Schwurgerichten wenden. Die Jury ist auf dem Kontinent allüberall eine relativ junge Einrichtung, und es hat lange gewährt, bis die Ueberzeugung zur That geworden, daß die Gesellschaft selbst dazu berufen sei; direct, durch Einzelne ans ihrer Mitte, und nicht blos durch gelehrte Richter, ihr Urtheil über Verbrechen zu fällen, welche an ihr begangen worden. Bei dem heutigen Stande der Frage wäre es wohl überflüssig, die Berechtigung dieser Anschauung erst noch zu vertheidigen. Um diesen Punkt hat sich auch der Kampf, welcher der Einführung der Jury in Frankreich und Italien, Deutschland und Oesterreich voranging, nicht mehr gedreht, nur darüber wurde debattirt, ob bereits die nöthige Vorbedingung erfüllt sei. Diese Vorbedingung läßt sich bekanntlich kurz dahin zusammenfassen: daß das Rechtsgefühl eines Volkes ein genügend geklärtes und gefestigtes sein müsse. Der Geschworene taucht nur für die Dauer einer Verhandlung aus der Masse hervor und verschwindet nach derselben wieder in der Masse – er ist Niemand für seinen Spruch verantwortlich, als dem eigenen Gewissen – sein Spruch gilt unabänderlich, es gibt in den wenigsten Fällen noch ein Rechtsmittel dagegen. Das ist eine schwere, oft genug furchtbar schwere Bürde, und eine solche soll man nur auf Schultern legen, welche stark genug sind, sie zu tragen. Der Geschworene muß ein gerechter Richter sein, aber die gute Absicht reicht da nicht aus – dieser Mann muß frei sein von Vorurtheilen des Standes, der Religion, der Nationalität, der politischen Ueberzeugung, oder es muß wenigstens die Kraft seiner Seele eine genügende sein, um diese Vorurtheile in sich zu besiegen, wenn und so lange er diese Bürde trägt. Ob diese Fähigkeit im Volke vorhanden, nicht etwa bloß in vielen Einzelnen, sondern in den Meisten – darüber allein ist im westlichen Europa gestritten worden. Und erst als man nach gewissenhaftester Prüfung geglaubt, die Frage bejahen zu können, erst dann sind die Schwurgerichte in den Kulturländern eingeführt worden. Sie haben sich, man darf dies ruhig als Thatsache aussprechen, trefflich bewahrt – die Geschworenen in Europa sind gerechte Richter. Und die Geschworenen in Halb-Asien? Auch dort arbeitet seit etwa zwanzig Jahren die Jury. Aber ähnliche Debatten wie in Europa sind ihrer Einführung in jenen Ländern der Halbcultur und Uncultur nicht vorangegangen. Dort hatte man keinerlei Bedenken, ob das Rechtsgefühl der Masse ein genügend starkes sei. »Frankreich und Deutschland,« meinte man dort, »lassen nur durch Männer aus dem Volke die Schuldfrage entscheiden. Das entspricht den modernen Anschauungen, das ist ein Fortschritt. Und wir wollen auch fortschreiten! ...« So geschah es in Rußland, in Rumänien, in Ungarn. Nur in Österreich hatte man einige Bedenken, ob die neue Institution auch auf die östlichen Provinzen ausgedehnt werden dürfe. Man scheint sie als grundlos befunden zu haben, denn das Gesetz wurde für das ganze Reich erlassen. War aber in der That in Halb-Asien jede Debatte überflüssig ? Handelte man, als sie völlig unterlassen wurde, bloß in gerechtem Selbstbewußtsein oder in – unverantwortlicher Gewissenlosigkeit? Ist das Volk in Rußland, Rumänien und Galizien ebenso reif für die Jury, als jenes in Frankreich und Deutschland? Haben sich die Geschworenen in Halb-Asien als gerechte Richter erwiesen? Zwanzig Jahre find keine allzu lange Zeit, aber doch immerhin genügend, ein Urtheil zu ermöglichen. Ich will es zunächst nicht selbst formuliren, sondern nur einige Thatsachen bieten. Seit lauge sammle ich aus den Zeitungen jener Länder authentische Berichte über Verhandlungen, welche mir als Material für ein solches Urtheil geeignet scheinen. Aus diesen Berichten greife ich drei heraus und gebe sie hier wieder, was die Thatsachen betrifft. Die Namen der Angeklagten glaube ich weglassen zu sollen. Die Dinge werden dem Leser des Westens geradezu unglaublich klingen. Gleichwohl darf ich mich mit Recht gegen die Muthmaßung verwahren, nur grelle Ausnahmefälle zu bieten; gerade die beiden bezeichnendsten Verhandlungen, welche ich in meiner Mappe finde, lassen sich an dieser Stelle, vor einem Leserkreise, der sich nicht bloß aus Männern zusammensetzt, gar nicht wiedergeben. Ferner habe ich alle politischen Prozesse grundsätzlich ausgeschlossen, weil ja bei diesen Seelenkräfte in Thätigkeit kommen, deren Niemand völlig Herr ist – auch nicht die Geschworenen in Europa. Ich berichte Thatsachen, welche keineswegs unerhört oder gar zu selten sind. Aber selbst wenn dies zuträfe, was ich der Wahrheit gemäß nachdrücklich bestreiten muß, sie wären doch kein verwerfliches Material, denn es gibt Dinge auf Erden, bei welchen schon das bloße Faktum, daß sie geschehen sind, also geschehen konnten, mit tausend Zungen spricht! ... Hier die Geschichten. Es war im Frühling 1879, als eine Stadt des westlichen Galiziens durch die plötzliche Verhaftung ihres reichsten und angesehensten Bürgers in größte Aufregung versetzt wurde. Der Mann – ich will nur seinen Vornamen Thaddäus hiehersetzen – bekleidete ein wichtiges Ehrenamt, war Vorstand einiger wohlthätiger Vereine und galt nicht bloß als der reichste, sondern auch als der ehrenwertheste Mann der Stadt. Täglich ging er zur Messe und hatte sowohl die Kirche als einige nationale Institute mit reichen Spenden bedacht. Besonders das Letztere hatte ihn in den Augen seiner polnischen Mitbürger hoch erhoben, denn schöne Worte für die heilige Sache der Nation hört man dort zu Lande häufig, aber die Thaten sind spärlich. Was Herrn Thaddäus zu solchen Opfern bewogen, war sicherlich nur sein Herz und nicht etwa die Stimme des Blutes, denn er führte einen urdeutschen Namen und war der Sohn deutscher Eltern. Vielleicht eben darum gab er sich doppelt eifrig als polnischen Patrioten. Dieser Mann nun wurde eines Tages als Untersuchungsgefangener aus seinem stattlichen Hause in's Kriminalgebäude übergeführt. Das regte seine Freunde und Mitbürger nicht bloß deßhalb auf, weil man Herrn Thaddäus keiner Missethat fähig hielt, sondern namentlich, weil eine Untersuchungshaft nach der milden und an sich gewiß nicht tadelnswerthen Praxis der dortigen Gerichte nur dann verhängt wird, wenn ein Fluchtverdacht besteht, ein Fall, welcher hier durch Stellung und Besitz des Angeklagten von vornherein fast undenkbar war. Es erwies sich aber bald, daß das Gericht zu dieser Maßregel genöthigt gewesen. Herr Thaddäus war des Meineids angeklagt und hatte den Versuch gemacht, einen Belastungszeugen durch Geld und gute Worte zu seinen Gunsten zu stimmen. Der Sachverhalt war folgender. Herr Thaddäus dankte sein Vermögen einer trüben Quelle, er war der listigste und grausamste Wucherer des Kreises, und seine Deklamationen gegen »die verdammten Juden, welche das Land aussaugen«, waren weniger durch sittliche Entrüstung hervorgerufen, als durch den Neid des Konkurrenten. Seit vierzig Jahren hatte er sein Handwerk mit steigendem Erfolg getrieben, seine Klientel, welche namentlich aus masurischen Bauern der Umgebung, ferner aus Edelleuten und Beamten bestand, ging zwar an ihm zu Grunde, ergänzte sich jedoch immer wieder durch neue Opfer. Herr Thaddäus wuchs an Reichthum und Ansehen und blieb dabei außer jeder Gefahr, denn so lange die Wuchergesetze in Oesterreich bestanden, wußte er seine Geschäfte zu maskiren, ließ dann, als diese Gesetze im Juni 1868 unglückseligerweise aufgehoben wurden, die Maske fallen, und nahm dieselbe, als am 19. Juli 1877 abermals ein Wuchergesetz für das östliche Cisleithanien in Kraft trat, seufzend, aber gefaßt wieder vor das biderbe Antlitz. Hatte er in der glücklichen Zwischenzeit, wo man öffentlich beliebig hohe Prozente fordern und einklagen konnte, von den Schuldnern die Wechsel nur in der Höhe der wirklich empfangenen Valuta ausstellen lassen und dann die hundert, zweihundert oder vierhundert Prozent ruhig dazu geschlagen, so mußte er nun wieder zu dem alten Mittel greifen: der Schuldner stellte den Wechsel gleich auf den doppelten oder dreifachen Betrag des wirklich Empfangenen aus und unterschrieb überdies eine Bestätigung, daß ihm diese Wechselsumme baar und ohne jeden Abzug eingehändigt worden. Konnte er am Verfalltage nicht zahlen, so klagte Herr Thaddäus den Wechsel mit sechsprozentigen Zinsen ein und war dann erst recht ein Ehrenmann. Denn Sechs vom Hundert sind in jenen Ländern mit barbarischen Kreditverhältnissen ein unerhört milder Zinsfuß. Nach diesem Rezept hatte der Mann auch im August 1877 ein Geschäft mit einem Beamten der Karl-Ludwigs-Bahn abgeschlossen, einem älteren Manne aus Steyermark, der durch verschiedene Unglücksfälle in so schwere Noth gerathen war, daß ihm selbst die Hülfe unseres edlen Menschenfreundes willkommen kam. Der Beamte hatte zweihundert Gulden erhalten und dafür einen Wechsel von vierhundert Gulden ausgestellt, im November zahlbar, dazu jene Bestätigung. Als er am Verfalltage nicht zahlen konnte, hatte ihm Herr Thaddäus großmüthig bis zum Februar prolongirt, nur lauteten jetzt Wechsel und Bestätigung auf sechshundert Gulden. An diesem zweiten Verfalltage erbot sich der Beamte, dreihundert Gulden sofort, die andere Hälfte im Herbst 1878 zu zahlen. Herr Thaddäus war es zufrieden, wenn ihm der Schuldner für den Herbst wieder Wechsel und Bestätigung auf sechshundert Gulden ausstelle. Darauf konnte der unglückliche Mann nicht eingehen und Herr Thaddäus klagte den Wechsel sammt sechsprozentigen Zinsen ein. Nun gieng der Beamte zu einem Advokaten und erzählte ihm den Fall. Es war dies ein junger, eifriger und ehrlicher Mann, der sich sofort mit größter Energie für seinen Klienten einsetzte. Nachdem eine gütliche Ausgleichung mißglückt war, erhob er gegen die Klage die »Einwendung der nicht vollständig erhaltenen Valuta«; Herr Thaddäus lächelte Hohn und rückte mit der Bestätigung heraus. Als aber der Advocat seine Einwendung festhielt und Schwur und Zeugenbeweis anbot, daß nur zweihundert Gulden wirklich entlehnt worden, da lächelte Herr Thaddäus nicht mehr, verlor den Kopf, gab seinem Advocaten die widersprechendsten Informationen und brachte es durch sein Ungeschick dazu, daß der Rechtsfreund des Gegners sogar den Spieß umkehren und ihm den Eid zuschieben konnte. Nun stand die Sache so: leistete Thaddäus den Eid, so erhielt er sein Geld und war auch im Uebrigen geborgen, leistete er ihn nicht, so war sein Gewinn verloren und überdies stand dann die Anklage wegen Wuchers in Sicht. Der fromme Thaddäus besann sich nicht lange: er beschwor es, daß der Schuldner wirklich baare sechshundert Gulden erhalten. Und dieser wurde sachfällig und war ein ruinirter Mann. Das konnte auch jener junge Advocat nicht ändern, machte aber nun im Namen seines Klienten gegen Herrn Thaddäus die Anzeige wegen Meineids. Die Untersuchung begann und ergab sehr bald gravirende Resultate. Wohl war der einzige Mensch, welcher außer den Betheiligten bei Abschluß des Geschäfts zugegen gewesen, – gleichfalls ein Eisenbahnbeamter aus den deutschen Provinzen, – deßhalb nicht ganz verläßlich, weil auch er ganz in den Händen desselben Gläubigers war – immerhin war dem Manne zuzumuten, daß er seine ehrliche Seele mit keinem Meineid belasten werde. Diese Sachlage war bedenklich und Herr Thaddäus wählte jedenfalls das ungeschickteste Mittel, sie gefährlicher zu gestalten: er bestürmte jenen Zeugen mit Drohungen und Versprechungen. Dieser machte Anzeige davon und der angesehene Bürger mußte verhaftet werden. Die drei Wochen, welche zwischen diesem Ereignis und der Schwurgerichtsverhandlung lagen, vergingen nicht bloß der Hauptperson, sondern auch der Bürgerschaft in fieberhafter Aufregung und Spannung. Denn der Ausgang war keineswegs so gewiß vorauszusehen, als der Leser nach dem Thatbestande vermuthen könnte. Dem reichsten, populärsten Bürger der Stadt, standen da zwei »fremde Hungerleider« gegenüber, zwei »verdammte Deutsche«, und es war den Geschworenen freigegeben, wem sie größeren Glauben schenken wollten. Daß jene beiden Männer Eisenbahnbeamte aus den deutschen Provinzen waren, entschied die Sache in den Augen jedes Bürgers der Stadt zu ihren Ungunsten. Wären nur polnische Bürger zur Jury berufen, Herr Thaddäus hätte selbst auf seinem harten Lager ruhig schlafen können. Aber zu diesem Amte waren ja auch Juden beigezogen, welche diesem Manne, als ihrem grimmigsten Feind, unmöglich gut sein konnten, ferner wohlhabende masurische Bauern, die an dem biederen Thaddäus das harte Schicksal manches ihrer Brüder zu rächen hatten. In welcher Stärke diese drei Schichten unter den Geschworenen vertreten waren, davon hing das Schicksal des Angeklagten ab. Und darum hatte bei dieser Verhandlung nur ein Moment entscheidendes Interesse, welches im Westen fast nebensächlich ist: die Bildung der Geschworenenbank. Das wußten Staatsanwalt und Vertheidiger und handelten darnach. Jede dieser Parteien hat das Recht, sechs Geschworene abzulehnen. Und so ergab sich denn die merkwürdige Thatsache, daß die ersten zwölf ausgeloosten Männer sämmtlich abgelehnt wurden. War es ein Pole, so verwarf ihn der Staatsanwalt, war es ein Masure oder Jude, so legte der Vertheidiger sein Veto ein. Die nächsten Zwölf konnten dann freilich ohne Einspruch Platz nehmen, wie das Loos fiel. Dasselbe bestimmte fünf Juden, zwei Bauern, fünf Polen zu dem Amte. Der Vertheidiger athmete auf, der Staatsanwalt blickte düster vor sich nieder. In der That war die Anklage bereits von vornherein verloren. Denn obwohl die Verhandlung die Schuld des Angeklagten bis zur Evidenz darlegte, lautete das Urtheil doch, wie vorauszusehen war: Sieben Stimmen »Schuldig!«, fünf Stimmen »Nichtschuldig!« Eine Verurtheilung kann nur mit Zweidrittelmajorität erfolgen – Herr Thaddäus war frei, und wenn er nicht gestorben ist, so wuchert er noch heute ... Man hat nur einen Trost bei dieser seltsamen Historie, jenes schöne Wort, welches Kaiser Joseph 1782 an seinen Staatsrath geschrieben: »Lieber mögen hundert Schuldige von der irdischen Gerechtigkeit nicht erreicht werden, als daß ein einziger Unschuldiger verurtheilt wird!« Aber im folgenden Falle, welcher sich 1876 vor einer rumänischen Jury ereignete, fehlt uns auch dieser Trost. Die Zigeuner sind die verachtetsten Menschen in Rumänien, mit ihnen verglichen sind sogar die Juden jenes Landes beneidenswerthe Leute, was wahrlich nicht wenig sagen will. Das rumänische Volkssprüchwort spiegelt jene Thatsache in drastischer Weise wieder, aber es gibt auch theilweise ihre Gründe an. Da hören wir zum Beispiel: »›Man muß zuerst an die Verwandten denken,‹ sagte der Zigeuner, als er Sultan wurde, und ließ seine Brüder aufhängen.« – »Stehlen wie ein Zigeuner.« – »Um einen Groschen verkauft der Zigeuner seine Seele, um einen Heller seine Tochter.« – »›Ach, wie es regnet, das thut den Feldern gut,‹ sagte der Zigeuner, als ihm Alle in's Gesicht spieen« u. s. w. Ich zitire aus der Erinnerung, habe sicherlich nur relativ wenige rumänische Sprüchwörter im Gedächtniß und könnte gleichwohl noch ein gutes Dutzend ähnlicher Sentenzen hierhersetzen. Man könnte die rumänischen Sprüchwörter wahrhaftig in zwei Gruppen eintheilen, solche, welche den Zigeuner geißeln, und solche, die es ausnahmsweise nicht thun. Wer erwägt, welch' treuer Spiegel der Volksseele das Sprüchwort ist, wird jedenfalls schon aus dem Bisherigen genügend über die Art instruirt sein, wie der Rumäne den Zigeuner beurtheilt und behandelt. Dieses Urtheil, diese Behandlung sind im Ganzen und Großen – das wird jeder Unbefangene zugeben müssen – nicht unverdient. Wie freilich diese armen Nomaden, wenn man sie fortwährend als unreine Bestien mißhandelt, jemals gesittete Menschen werden können, ist eine andere Frage. Dieselbe ist keineswegs eine müßige, wenn man wahrnimmt, daß gerade jene Familien dieses Volkes, welche bleibende Wohnsitze aufgeschlagen und also den ersten Schritt zur Kultur gethan, am meisten unter dem Vorurtheil und Haß gegen ihre Rasse zu leiden haben. Mögen die Zigeuner eines Dorfes brav und ehrlich oder schlimm und unehrlich sein, mögen sie vorwiegend vom Diebstahl leben oder vom Fleiß ihrer Hände – auf ihre soziale Stellung innerhalb der Gemeinde hat dies leider geringen Einfluß. Sie bleiben stets die Parias, die Auswürflinge, und ereignet sich im Dorfe ein Diebstahl oder eine schwere Unthat, so lenkt sich doch zunächst der Verdacht gegen sie. Daran wird man denken müssen, um das Folgende nicht für die Ausgeburt einer wüsten Phantasie zu halten. In einem Dorfe bei Roman lebte eine Zigeunerfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Söhnen, Olexa und Stephan, der Erstere zwanzig, der Letztere neunzehn Jahre alt. Die Jünglinge waren die Ernährer des Hauses, sie arbeiteten als Taglöhner bei dem Bojaren des Dorfes, welcher ihnen eine verfallene Hütte eingeräumt. Der Vater war an den Füßen gelähmt und die Mutter eine greise, gebrechliche Frau, welche selbst diesen kümmerlichen Haushalt nur mit Anstrengung besorgte. Die Leute hielten sich brav, waren jedoch gleichwohl bereits einige Male, so oft ein kleiner Diebstahl im Dorfe vorfiel, von den Bauern heftig mißhandelt worden. Es hatte sich ihnen aber nie auch nur die geringste Unehrlichkeit wirklich nachweisen lassen. Am 22. März 1876 ward am frühen Morgen auf der Straße, welche von dem Dorfe nach Roman führt, die Leiche eines Mannes aufgefunden, dessen Kopf durch Keulenhiebe bis zur völligen Unkenntlichkeit zertrümmert war. Erst als man die Leiche in's Dorf geschafft, erkannte eine Bäuerin trotz der grauenhaften Verstümmelung die Züge ihres Gatten. Es war dies ein ziemlich wohlhabender, aber durch den Trunk herabgekommener Grundbesitzer, Doxaki M. Der Mann war am Tage vorher zum Markte in Roman gewesen und hatte sich dann in einer Schenke gütlich gethan. Dort war er noch am späten Abend von einigen seiner Nachbarn gesehen worden. Als sie ihn aufgefordert, den Heimweg mit ihnen anzutreten, hatte er sich willig erhoben, war aber in Folge des schweren Rausches beim ersten Schritte zu Boden gestürzt. Die Nachbarn ließen ihn liegen und gingen heim. Es war offenbar, daß der Mann, nachdem er den ersten Rausch ausgeschlafen, mitten in der Nacht aus der Stadt aufgebrochen und dann auf der einsamen Straße Räubern in die Hände gefallen war. Daß ein Einzelner die Unthat verübt, war fast undenkbar, denn Doxaki war ein riesiger Mensch und überdies, nach der Sitte der Landleute jener Gegend, stets mit einem Handbeil bewaffnet. In der That waren auch die Bauern sofort überzeugt, daß zwei Menschen den Raubmord verübt: jene beiden Jünglinge. Denn erstens waren sie ja Zigeuner und zweitens hatten sie mit Doxaki kurz vorher heftigen Streit gehabt. Der Bauer hatte nämlich ihrem greisen, gelähmten Vater, als er ihn vor der Hütte im Sonnenschein sitzen sah, in's Antlitz gespieen, ohne jeden Grund, bloß zum Vergnügen. Das nahmen die Jünglinge übel und stellten Doxaki zur Rede. Nachdem Dieser das Erstaunen überwunden, daß ein Zigeuner einen so harmlosen Scherz übel nehme, packte er den Olexa mit der Rechten, den Stephan mit der Linken und warf dann den Olexa in den linken, den Stephan in den rechten Straßengraben; denn er war stärker als die Beiden zusammen. »Die Zigeuner haben es gethan,« riefen also die Bauern an jenem Morgen und stürmten zur Hütte, wo die Parias wohnten. Nur die Eltern waren zu Hause und diese betheuerten hoch und heilig, daß ihre Söhne keine Mörder seien, Olexa habe die Nacht zu Hause zugebracht, Stephan im Stalle des Bojaren. Darauf hörten aber die Bauern nicht, sondern riefen nur immer: »Gebt das Geld des Doxaki her, sonst geht es euch schlimm!« Und da die Alten das Geld gleichwohl nicht geben konnten oder, wie die Bauern meinten, nicht geben wollten, so begann nun eine ganz gräßliche Scene. Den beiden greisen, gebrechlichen Menschen wurden Qualen angethan, welche es fast unglaublich erscheinen lassen, daß sie überhaupt mit dem Leben davonkamen. Doch gehört dies eigentlich nicht her, denn darüber wurde nie eine Untersuchung geführt, eine Anklage erhoben. Und ebensowenig bezüglich dessen, was nun geschah. Die Bauern stürmten nach dem Gutshof, wo die Brüder arbeiteten und begannen dieselben ganz entsetzlich zu prügeln. Nur die Dazwischenkunft des deutschen Inspektors rettete den Gequälten das Leben. Er verbürgte sich den Bauern dafür, daß er die beiden Jünglinge sofort an das Gericht in Roman abliefern werde, und hielt sein Wort gerne, weil das der einzige Ausweg war, einen Akt der Lynchjustiz hintanzuhalten. Die Brüder saßen im Gefängnis und die Untersuchung gegen sie wurde eingeleitet. Daß dies geschehen, kann nicht wundern, denn alle Bauern des Dorfes bezeichneten sie als die Thäter und auf Andere lenkte sich nicht der leiseste Verdacht. Doxaki hatte sonst mit Niemand einen Streit gehabt und an Raubmord aus Gewinnsucht war schwer zu denken, weil die Straße sonst völlig sicher war und der Ermordete überdies ärmlich gekleidet einherging und gewiß nicht den Schein erwecken konnte, daß viel bei ihm zu holen sei. Wenn man jedoch andererseits erwägt, daß weder in der Hütte der Zigeuner noch sonstwo auch nur eine Spur der geraubten Sachen entdeckt werden konnte, daß ferner Stephan ein Alibi durch die Aussage der anderen Knechte, welche mit ihm im Stalle geschlafen, überzeugend darthun konnte, daß endlich Olexa ein schwächlicher Mensch war, dem wahrlich kaum zuzumuthen war, daß er allein den Riesen angefallen und getödtet, so ist es höchst befremdlich, daß dieser Letztere doch von dem Hüter des Gesetzes, dem Procurator, vor die Assisen gestellt wurde. Dies ist höchst befremdlich. Mit welchem Ausdruck ich aber das Urtheil der Geschworenen bezeichnen soll, weiß ich wahrlich nicht. Es waren dies acht Bauern, vier Städter. Der Zigeuner Olexa wurde, obwohl sich mit Ausnahme jenes vorhergegangenen Streites nicht der geringste Verdachtsgrund gegen ihn ergab, obwohl der Präsident die Bemerkung eines Zeugen: »Jemand muß es doch gethan haben und nur ein Zigeuner ist so schlecht!« heftig getadelt, von den Geschworenen mit acht gegen vier Stimmen des Raubmords schuldig erkannt und zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit in den Salzbergwerken von Okna verurtheilt. Der dritte und letzte Fall, den ich hier berichten will, hat sich im Sommer 1878 ereignet. Vor dem Schwurgerichte einer ostgalizischen Stadt steht ein hübscher Mann in Jägertracht. Er ist noch sehr jung, hat nie eine Forstakademie besucht, bekleidet jedoch gleichwohl bereits das ansehnliche Amt eines Oberförsters bei einem der reichsten polnischen Magnaten. Das darf nicht wundern, denn er ist von altem Adel und seine Manieren sind entzückend, was sich selbst heute nicht verleugnet. Und selbst heute kann man erkennen, wie sehr die Frauen für ihn schwärmen. Die vornehmsten Damen des Kreises sitzen, dicht aneinandergedrängt, auf den niedrigen, unbequemen Bänken des Zuhörerraums, und zwischen diesen Bänken und dem Sessel des Angeklagten ist ein eifriger Verkehr in Blicken und Grüßen. Es ist offenbar, daß alle diese Herrschaften in der Veranlassung, welche den jungen Edelmann auf den verhängnißvollen Sitz gebracht, vielleicht ein Unglück erblicken, aber sicherlich keine Schande. Und als sich eine der Damen erhebt und dem schönen Manne ein kleines Bouquet hinüberwirft, geht sogar ein Murmeln des Beifalls durch die Reihen. Er fängt die duftige Gabe gewandt auf, führt sie an die Lippen und befestigt sie stolz im Knopfloch. Es ist aber auch kein gewöhnliches Bouquet: eine junge Rose von Lorbeerblättern umgeben ... Liebe und Ruhm! Steht der junge Mann hier, weil er den Beleidiger seiner Ehre ritterlich zum Duell gefordert? Oder hat ihn sein heißblütiger polnischer Patriotismus in Konflict mit den k. k. Behörden gebracht? Wer auf die Bank der Zeugen blickt, kann diese Vermuthungen schwer aufrecht erhalten. Die vier Personen, die dort sitzen, können wohl weder bei einem Duell, noch bei einer politischen Unternehmung eine Rolle gespielt haben. Es sind dies drei ruthenische Bauern, welche dumpf und stumpf vor sich hinstarren, und eine alte verkrüppelte Judenfrau, der die Thränen unablässig aus den rothgeränderten Augen über die Wangen fließen. Nicht selten auch stöhnt die Greisin laut, und so oft dieser Ton das Ohr des Angeklagten trifft, stemmt er das Monocle in's Auge und besieht die Schluchzende mit vielem Interesse. Der Gerichtshof tritt ein, der Staatsanwalt, der Vertheidiger. Die Sache wird aufgerufen. Der elegante Mann ist eines schweren Verbrechens bezichtigt, des gemeinen Mordes, begangen an dem Juden Simon W. Dann werden die Geschworenen in den Saal geleitet, eine sehr gemischte Gesellschaft: da steht der polnische Kleinbürger im Kaputrock, der Jude im Kaftan, der Städter in seiner französischer Tracht. Die Ausloosung beginnt, aber die Bank der Geschworenen füllt sich doch nur langsam, denn während der Staatsanwalt sich völlig passiv verhält, macht der Vertheidiger von dem Rechte der Ablehnung größtmöglichsten Gebrauch: er lehnt jeden Juden ab, bis sein Recht erschöpft ist. Dann muß er sie freilich dulden. Endlich ist die Bildung der Geschworenenbank vollzogen; drei Juden, neun Christen haben Platz genommen. Der Staatsanwalt verliest die Anklage. Sie stützt sich auf die Aussagen der vier Thatzeugen und das unumwundene Geständniß des Mörders. Der Sachverhalt ist in Kürze folgender: Der Jude Simon W. war der Pächter der Fähre, welche bei dem Dorfe K. den Verkehr über den Dniester vermittelte, und wohnte daselbst in einem einsamen Häuschen mit seiner alten Mutter. Der Oberförster kam an einem Märztage in seiner Kalesche vorgefahren und wünschte übergesetzt zu werden. Nun war die Fähre einige Tage vorher durch den Eisgang beschädigt worden und erst kümmerlich ausgebessert. Simon W. bat also den Herrn, daß zuerst das Gespann, dann der Wagen hinübergeführt werden möge, weil er sonst die Verantwortung nicht übernehmen könne. Obgleich die drei christlichen Knechte, welche die Fähre lenkten, gleichfalls auf das Bestimmteste vor größerer Belastung warnten, gerieth der Edelmann gleichwohl über diesen Vorschlag in heftigen Zorn, weil er glaubte, daß der Jude ein doppeltes Fährgeld erlisten wolle. »Du jüdisches Hundsblut!« rief er dem W. zu, »Du willst mich nur betrügen!« – »Ich will Sie nicht betrügen,« erwiderte der Jude ruhig, »auch bin ich kein Hund, sondern ein Mensch!« – »Alle Juden sind Hunde!« schrie darauf der Edelmann heftig, »schweige, sonst geht es Dir schlimm!« – »Ich fürchte mich nicht vor Ihnen!« erwiderte darauf Simon gelassen. – »Schweig'!« schrie der Edelmann, »sonst werde ich Dir zeigen, wie man Juden und Hunde traktirt!« – Darauf erwiderte der Pächter nichts mehr, sondern zuckte die Achseln und lächelte. Der Edelmann aber eilte zum Wagen, riß die Hundspeitsche herab, welche am Sitze lag, und hieb dem Juden über's Antlitz. Dieser entriß ihm die Peitsche, warf sie zu Boden und schrie: »Ein Hund bist Du selbst!« Der Edelmann eilte wieder zum Wagen und riß die Flinte hervor, welche dort lag. Als der Jude dies sah, flüchtete er in's Haus. Es sollte ihm nichts nützen. Denn der Oberförster lud die Flinte, erbrach mit seinem Kutscher die Thür, drang in's Haus und schoß den Simon W. durch den Kopf, so daß dieser sofort, ohne Schrei, todt zu Boden sank. Nachdem dies geschehen, fragte der Mörder die Knechte noch einmal, ob die Fähre Gespann und Wagen tragen könne. Als Diese verneinten, ließ er beide getrennt hinüberbringen und fuhr dann zu einem Freunde, wo er am nächsten Tage zu einer Jagd geladen war und dann zu einem Ballfeste. Bei diesem Feste war er verhaftet, aber gegen sein Versprechen, sich jederzeit dem Gericht zu stellen, sofort wieder freigegeben worden. So die Anklageschrift. Nun begann das Verhör des Angeklagten, welches jedoch sehr kurz dauerte. »Bekennen Sie sich schuldig?« fragte der Präsident. »Ja!« erwiderte der Edelmann laut, mit höflicher Verbeugung. »Empfinden Sie Reue über Ihre That?« »Nein!« erwiderte der Angeklagte lächelnd. »Ich würde heute ebenso handeln. Wenn ein Jude zu einem polnischen Edelmann ›Hund‹ sagt, so halte ich diesen berechtigt, dies Ungeziefer zu zertreten!« Leise Heiterkeit und ein Murmeln des Beifalls ging durch den Zuschauerraum. Der Präsident befahl Ruhe und begann das Zeugenverhör. Es bot keinerlei neue Momente und ließ die Zuhörer völlig gleichgültig. Nur als die greise Jüdin aufgerufen wurde und nun die laute Wehklage erhob, daß ihr der einzige Sohn, der Ernährer, ermordet worden, als sie schluchzend erzählte, wie brav und gut ihr Simon gewesen, ging laute Heiterkeit durch den Raum. Aber der Präsident erhob sich wieder. »Schweigen Sie,« rief er den vornehmen Damen zu, »schämen Sie sich!« Ob sie sich schämten, ist ungewiß, jedenfalls verstummten sie. Freilich nicht für lange. Nur die Rede des Staatsanwalts wurde schweigend angehört; sie war sehr kurz. »Hier ist ein Mord geschehen,« sagte der Beamte, »Ihnen, meine Herren Geschworenen, liegt es ob, daß der Mörder nicht straflos bleibe.« Hingegen wurde das Plaidoyer des Vertheidigers mit Beifall überschüttet. Freilich war das auch ein berühmter Advokat und sprach sehr schwungvoll. Zuerst erörterte er die Frage, was die Juden seien und kam zu dem Resultate, sie seien jedenfalls keine Menschen, »wenn auch vielleicht nicht alle Hunde sind.« Dann gab er eine poetische Schilderung seines Klienten, den er einen »Rächer seiner Ehre«, ferner auch einen »modernen Achilles« nannte. Aber besonders wirksam war der Schluß: »Sie sind der Majorität nach Christen, meine Herren Geschworenen, sorgen Sie dafür, daß hier nicht ein Christ durch jüdische Tücke zu Grunde gehe!« Der Präsident gab sein Resumé, kurz und thatsächlich. Nur ein Passus machte Sensation. »Es schiene mir eine herbe und ungerechte Beleidigung für Sie, meine Herren Geschworenen, wenn ich sie erst daran erinnern würde, daß Christen und Juden Menschen und Staatsbürger sind, deren Leben in gleicher Weise unter dem Schutze des Gesetzes steht!« Die Geschworenen, die neun Christen und drei Juden, zogen sich zur Berathung zurück. Dieselbe dauerte nur fünf Minuten. Der Obmann verkündete: »Drei Stimmen ›Schuldig!‹, neun Stimmen ›Nichtschuldig!‹« Ein Jauchzen ging durch den Saal. Es übertäubte den Jammerruf der Greisin, ja selbst die Stimme des Präsidenten, welcher nach dem Urtheil der Geschworenen den Angeklagten sofort freisprechen mußte. – Auch diese Verhandlung ist wirklich und wahrhaftig geführt worden. Aber hier fühle ich die Nothwendigkeit, dem Vertrauen des Lesers in meine Wahrheitsliebe nicht zu viel zuzumuthen – und hielte er mich für die personifizirte Wahrheit, er müßte den Kopf schütteln. Darum setze ich hier ausnahmsweise Ort und Datum her. Diese Verhandlung wurde am 4. Juli 1878 zu Stanislau durchgeführt. Dies die drei einzelnen Fälle, auf deren Mittheilung ich mich beschränken will. Verwerfliches Material, habe ich bereits betont, wären sie auch dann nicht, wenn sie unerhörte Ausnahmsfälle wären. Dies aber sind sie nicht; ähnliche, ja noch grellere Fälle haben sich vielfach begeben, wie selbst jeder Zeitungsleser weiß, geschweige denn jeder Kenner des Ostens. So ist zum Beispiel der Mordproceß gegen Moses Ritter und Genossen in den weitesten Kreisen bekannt geworden. Dieser jüdische Mann, welcher in einem westgalizischen Dorfe lebte, wurde bekanntlich beschuldigt, seine christliche Magd, nachdem er sie verführt und zur Mutter gemacht, theils aus egoistischen, theils aus rituellen Gründen mit unerhörter Grausamkeit ermordet zu haben. Er läugnete hartnäckig und die Untersuchung ergab auch nicht den Schatten eines wirklichen Beweises. Vor gelehrten Richtern wäre ein Schuldspruch unmöglich gewesen, die Geschworenen sprachen Ritter schuldig. Der Oberste Gerichtshof in Wien kassirte das Urtheil und ordnete eine neue Verhandlung an. Sie hatte das gleiche Resultat. Wieder wurde das Urtheil kassirt und der Prozeß zum dritten Male, diesmal vor einem anderen Schwurgerichte, abgehandelt. Das Ergebniß war dasselbe. Nun erst kassirte der Oberste Gerichtshof nicht bloß das Urtheil, sondern sprach auch Ritter endgiltig frei. Ohne dieses Eingreifen der obersten Gerichtsbehörde wäre das Urtheil vollstreckt und damit unzweifelhaft ein Justizmord gräßlichster Art verübt worden. Auf die Akten dieser Justizstelle darf ich mich berufen, so weit es sich um die Beantwortung der hier angeregten Culturfrage in Betreff Galiziens und der Bukowina handelt. Die Zahl der Urtheile, welche der Oberste Gerichtshof für ungültig erklären muß, ist geradezu eine erschrecklich hohe und beweist unwiderleglich, daß die Schwurgerichte thatsächlich ihrer Aufgabe, das Recht zu schützen, das Unrecht zu strafen, nur dann nachkommen, wenn keinerlei Vorurtheil des Standes, des Glaubens oder der Rasse ins Spiel kommt. Wie oft aber spricht dieses Vorurtheil in dem halbasiatischen Lande, in welchem der Glaubenshaß wild wuchert und die sozialen Gegensätze unüberbrückt sind, mit! Ein äußeres Zeichen genügt, dies anschaulich zu machen. Die Bildung der Geschworenenbank ist nirgendwo ganz gleichgiltig, in Halbasien ist sie – wie bereits angedeutet – geradezu die Hauptsache. Ist ein Jude der Beschuldigte, so lehnt der Staatsanwalt, ist er der Beschädigte, so lehnt der Vertheidiger jeden jüdischen Geschworenen ab. Aehnlich steht die Sache, wo es sich um Deutsche gegen Polen oder Ruthenen gegen Polen handelt u. s. w. Dies einzige Faktum macht eigentlich jede weitere Erörterung überflüssig. Für Oesterreich bietet der Oberste Gerichtshof einen gewissen Trost. Er verhütet zum mindesten das Schlimmste, obwohl es ihm natürlich schon formell unmöglich ist, jedes Urtheil zu prüfen, da nur jene zu seiner Kenntniß gelangen, bezüglich deren von Staatsanwaltschaft oder Vertheidigung die Nullitätsbeschwerde erhoben wird. Wie aber steht es um Rumänien, wie um Rußland? Hier fehlt selbst dieser karge Trost. Der Deutsche, der Jude und der Pole sind vor einer moskowitischen Jury übel daran und ein Eingreifen der obersten Gerichtsbehörde findet äußerst selten, ja fast nur dann statt, wenn der Fall ungeheures Aufsehen erregt und man sich vor dem Ausland zu schämen beginnt. Ein derartiger Fall hat sich im Februar dieses Jahres in Moskau begeben und ist sicherlich allen Lesern dieser Zeilen noch in lebhafter Erinnerung. Ein Postbeamter unterschlug einen Geldbrief, welcher bei der deutschen Gesellschaft Victoria versichert worden war. Er war der That geständig, aber sein Vertheidiger betonte, daß sein Klient doch nur deutsches Geld gestohlen, und dies genügte für den edlen Patriotismus der Jury, den Dieb freizusprechen, so daß er auch das Gestohlene hätte behalten dürfen. Nur deshalb, weil die deutschen Börsen auf die Kunde dieses Urtheils hin den Cours des Papierrubels stark hinuntertrieben, sah sich der Justizminister veranlaßt, das Urtheil aufheben zu lassen und eine neue Verhandlung anzuordnen. Vermuthlich wird der Dieb diesmal nicht straflos ausgehen und die deutsche Gesellschaft zu ihrem Gelde gelangen. Aber wer zählt die Fälle, wo es anders kam und ein Frevel an den verhaßten Deutschen ungerächt blieb, ja vom wahnwitzig aufgestachelten Nationalhaß als eine Bethätigung patriotischer Gesinnung gefeiert wurde! Die Frage, ob die Schwurgerichte im Osten sich bewährt, wird nur von Jenen bejaht werden, welchen die Kultur- und Rechtszustände Halb-Asiens unbekannt sind. Der deutsche Teufel. (1888.) Wie kein Staubkorn, wenn es der Wind noch so wild und weit umherwirbelt, aus dem Erdkreis fällt, so kann kein Mensch abfallen von seinem Volke. Mag ihn fremde Hand oder das eigene Herz von der heimischen Scholle reißen – und wenn auch auf immer! –; mag ihn sein Wahn oder äußerer Zwang bewegen, sein Volksthum abzuthun und ein anderes einzutauschen; mag er selbst felsenfest glauben, daß er dies vollbracht – gelungen ist es doch nicht, ihm und keinem, nirgendwo und nimmer. Denn dagegen wirkt ein Gesetz in unserer Brust, welches uns bindet, ebensosehr wie das Gesetz der Schwere jenes Staubkorn. Die sichtbaren Bande kann man abthun, Sprache, Tracht und Brauch, aber tausend unsichtbare Fäden lassen sich nicht zerschneiden und es kommt die Stunde, wo sie fühlbar werden, wo des Abtrünnigen Herz, welches sie fesseln, in Scham und Reue zuckt. Und wie Niemand sein Volksgefühl ganz abtödten kann, so kann auch Niemand dem äußeren Einfluß entrinnen, welchen diese Zusammengehörigkeit auf sein Geschick übt. Freilich wirkt dieser Einfluß oft so unscheinbar, auf so tief verborgenen Wegen, daß er kaum der eigenen Erkenntniß klar wird, geschweige denn fremdem Blick. Aber auch er wirkt immer und überall, selbst auf den Armen, Beladenen, in dessen dunkles Leben der lichte Gedanke einer Volksgemeinschaft nie gedrungen, selbst auf den Stolzen, Mächtigen, den Glück und Geburt auf freie Höhe gestellt, fast schicksalslos, hoch über alle Bande, welche andere umschlingen. Und hat sich ein einsamer Sonderling von seinen Volksgenossen geschieden und in einem abgelegenen Winkel fremder Erde sein Geschick gestaltet, seltsam und eigenartig, wie er selbst, es kommt doch die Stunde, wo jener Einfluß wirkt und sein Geschick wendet, leise oder gewaltig, zum Guten oder zum Bösen. Es hat im Laufe allen Lebens wohl nur Wenige gegeben, an welchen sich diese Wahrheiten so sichtlich, so stark und so seltsam erfüllt haben, wie an jenem Manne, von dem hier berichtet werden soll. Vielleicht wäre es auch ohne diese Beziehung lohnend, von ihm zu erzählen. Denn er hat in unsere Tage nüchterner Flachheit hineingeragt wie einer jener Felsen räthselhafter Herkunft, die man in manchen Gegenden mitten in der Ebene findet, und wie diese fremden, einsamen Riesen die verschiedensten Gesteinsarten vereinen, so war sein Charakter aus Güte und Rohheit, aus Grausamkeit und Milde, aus Adel und Gemeinheit wirr zusammengefügt. Wie er so eigen geworden, so hatte werden können, darüber haben die Unzähligen, die ihn kannten – drüben in der armseligen Landschaft des Ostens, in der er sich austobte – selten oder nie gegrübelt. Sie nahmen ihn hin wie einen rätselhaften, unheimlichen Dämon, an den kein irdisches Maaß paßt, und nannten ihn darum kurzweg den »deutschen Teufel«. Denn er war ein Sohn unseres Volkes, ein deutscher Fürstensohn. Wenn der riesige wetterharte Greis von diesem Beinamen sprach, strich er sich zornig den borstigen Schnauzbart: »Teufel! – meinetwegen! aber »deutsch«?! – ich will den Rackers austreiben, mich noch immer zu beschimpfen!« ... Aber er trieb's den fremden »Rackers«, unter denen er seine reiche Kraft vergeudete, den polnischen Edelleuten, ruthenischen Bauern, jüdischen Händlern, dann den österreichischen und russischen Offizieren sein Leben lang nicht aus, daß er ein Deutscher sei – und sich selber auch nicht: das hat sein Tod bewiesen! Es war ein merkwürdiges Sterben – sein letzter Narrenstreich, meinten die Leute in Podolien; uns Deutschen muß es in hellerem Lichte erscheinen: als die selbstbewußte Sühne für die halb unbewußten Irrthümer eines ganzen langen Lebens. Und wie dieser jähe Tod, so rückt uns auch sein wirres Leben in klarere Beleuchtung, wenn wir jene Beziehung festhalten, deren oben gedacht ist: das Verhältniß dieses Mannes zu unserem Volksthum. Wohl bleibt auch dann noch manches in seinem Wesen räthselhaft, Kleinliches und Aeußerliches, aber die Hauptzüge werden verständlich. Wie eine liebvertraute Landschaft im Gewittersturm dem flüchtigen Blick fremd erscheinen mag, bis wir bei längerem Anschauen gewahren, daß nur die Beleuchtung ungewohnt, Berg und Baum jedoch die alten guten Bekannten, so blickt uns auch, je tiefer wir dieses Mannes Wesen zu ergründen suchen, durch alle Schleier entstellender Leidenschaften immer klarer das deutsche Gemüth entgegen, das gute, echte tiefe Gemüth! Ja! an diesem wüsten, scheinbar so fremd gearteten Manne, an diesem »deutschen Teufel« waren die Teufeleien doch eigentlich nur Staubflecken, die ihm der scharfe Wind einer barbarischen Fremde angeweht, der Hauptzug war seine Deutschtheit, auch in jenen Tagen, da er sich von seinem Volke gewendet. Vielleicht in jenen Tagen am meisten. Das klingt sonderbar, aber es ist doch so. Und wer sein Ohr darauf geschärft hat, mitten durch den wirren Lärm dieses scheinbar regellosen Erdentreibens das Klirren jener Kette herauszuhören, welche sich unerbittlich und unzerreißbar aus Ursachen und Wirkungen zusammengefügt und allem Menschenstreben, ihm selber unbewußt, die Wege weist, welche es gehen muß; wer sich die schmerzliche und doch tröstliche Erkenntniß erkämpft, daß weder blinder Zufall noch bewußter Wille unser Leben formt, sondern einzig die eherne Nothwendigkeit: dem wird auch das Geschick dieses Mannes, obwohl scheinbar ein unerhörter Ausnahmefall, mehr sein als das eines einzelnen Menschen. Das Leben dieses fürstlichen Abenteurers, dem flüchtigen Blick nur eine Folge toller Willkührthaten des Helden und nicht minder toller Schicksalslaunen, ist doch eigentlich im tiefsten Kern nichts anderes als ein Stück Geschichte des deutschen Volkes, und wer es recht erfaßt, der hört daraus trotz aller fremdartigen Zuthat den Ton eines bekannten Liedes herausklingen, eines alten, traurigen Liedes, das nun freilich gottlob für immer verstummt ist, des Liedes von der deutschen Schmach, die uns schwach, uneinig, hilflos gemacht und unsere besten, thatkräftigsten Söhne hinausgestoßen in die Fremde, daß sie da versumpften und verdarben. Dem einsamen Grabhügel in der podolischen Haide, unter dem dies heiße Herz ausruht, gebührt kein Denkstein der Verehrung, aber immerhin ein Kranz theilnahmsvoller Erinnerung. Verlassen und einsam liegt dieser Hügel, ganz einsam, mitten in der unendlichen Oede der braunen Haide. Keine Straße, kein Pfad lenkt den Wanderer daran vorbei, nur die Schmuggler bergen sich hier von der Dämmerung bis zur Mitternacht, wenn sie über die nahe Grenze wollen, und an Sommertagen kommt vielleicht ein Hirtenknabe langsam mit seiner Heerde gezogen, setzt sich auf den Hügel, bläst auf der Schalmei seine eintönigen, melancholischen Weisen und nickt endlich ein, eingeschläfert von der Hitze und der Stille, die über der Ebene brüten. Er ahnt nicht, daß es ein Grab ist, darauf er ruht – wie sollte er es auch erkennen? Hier blinkt kein Denkmal, hier hebt sich kein Kreuz, nicht einmal eine Holztafel, wie sie sonst auch dem Aermsten in dieser Landschaft gegönnt ist. So hat nur die Haide selbst das Grab in ihre Hut genommen und es geschmückt, so gut sie gekonnt: auf dem Hügel blühen ihre armen duftlosen Blumen und ringsumher wächst dicht der Wachholder und der wilde Flieder. Heute findet wohl selbst das schärfste Aug' nicht mehr die Spur, daß hier einst Menschenhände den Boden aufgewühlt und einen Todten darin gebettet. Und doch sind es kaum achtzehn Jahre her! Am 5. September 1870, drei Tage nach Sedan, haben sie hier, ein Häuflein Offiziere, Russen und Oesterreicher, den »deutschen Teufel« heimlich bestattet. Heimlich – im Morgengrauen – ohne Priester und Gebet, ganz wie er es selbst gewünscht. Das Gericht wurde dann hinterdrein verständigt, zunächst brauchte es nicht bemüht zu werden – war doch alles in Ehren abgelaufen! »In Ehren! in Ehren!« – so wiederholte wenigstens der dicke Rittmeister Stroganow von den Smolensk-Dragonern wohl ein Dutzendmale, weil ihm die sonstige Rede, die er hatte halten wollen, entfallen war. »In Ehren!« rief auch der junge Graf Wolkenstein von den österreichischen Trani-Ulanen und heftete dabei seine blitzenden Augen fest auf den blassen, eleganten Offizier, der am Fußende des Grabes stand. Das waren Seine Durchlaucht der Fürst Sergei Wassilewitsch Palusew, Oberst in der Petersburger Garde, Liebling des Zaren, Besitzer von Millionen. Ein reicher, kostbarer Pelz hing ihm um die Schultern, aber es fror ihn doch in der kalten Morgenluft, denn er war bleich, sehr bleich, und zuweilen überflog seinen Körper ein leises Zittern. Er schaute nicht auf, er sah den feindseligen Blick des Grafen nicht, er starrte unverwandt auf den Holzsarg in der Grube. Und dabei hörte er unablässig, so sehr er sich dagegen sträubte, eine leise Stimme in seinen Ohren: »Du hast dich vor ihm gefürchtet, wie ein Bube vor einem Manne. Deine Kugel hat ihm das Herz durchbohrt, aber wäre es umgekehrt gekommen, dann wäre der schlechtere Mann gefallen!« Es war ein Duell gewesen; ein regelrechtes Duell mit ernster Veranlassung und geordnetem Verlaufe. Aber nur die aufgeklärten Leute in Ostgalizien und den angrenzenden russischen Gouvernements glaubten daran, daß ein irdischer Gegner den »deutschen Teufel« in's Herz getroffen. Und es gibt dort nicht viele aufgeklärte Leute. Die Bauern und die Bürger schüttelten den Kopf und bekreuzten sich, die Juden bekreuzten sich nicht, aber sie murmelten scheu jenen Spruch, der die »Unheimlichen« abwehrt, die Kräfte, die nicht von Gott sind und doch auf Erden wirken. Welches Ende der Greis genommen, darüber dachten sie freilich verschieden, wenigstens in den ersten Monaten, da sie ihn nicht mehr sahen. Nur so viel wußten sie: eine Kugel konnte es nicht gewesen sein – lächerlich das! der Mann war ja hieb-, stich- und kugelfest gewesen, gefeit gegen alle Kräfte der Natur und der Menschen, keinem Ermüden, keinem Siechthum, keinem Altern unterworfen. Nun also meinten die einen: er war ein Teufel, sein Herr, der Oberteufel, hat ihn geholt – das ist alles. Anderen, der Mehrzahl, lag der Fall nicht so einfach: wer immer er war, er hatte ja auch Gutes gethan, Werke der Menschenliebe und des Erbarmens – das hätte er ja als Teufel schlechtweg nicht thun können und wollen! Wenn er aber kein Teufel gewesen und auch sicherlich kein Engel, weil er lästerlich fluchte, geschmuggelten Tabak rauchte und überaus viel trank, was sonst? Die Leute grübelten lange nach und stritten viel darüber, die Bauern am Sonntag in den Schnapsstuben, die Juden am Sonnabend in den Vorhallen der Synagogen. Wenn sich die öffentliche Meinung eines Landes so viel mit einer Angelegenheit beschäftigt, dann muß allmählig eine Klärung der Meinungen Platz greifen und die richtige Ueberzeugung zum Durchbruch kommen. Seit vielen Jahren wissen die Leute in Podolien, dies- und jenseits des Grenzflüßchens Podhorze, welches auf der Karte so grell durch die bunten Linien der beiden Kaiserreiche hervorgehoben erscheint, als schiede es zwei Welten, in der That aber ein unansehnliches Haidesflüßchen ist, rechts und links dieselbe armselige Ebene und dasselbe Düster über den Seelen der Menschen – jetzt, sag' ich, wissen die Leute, wie es mit dem »deutschen Teufel« stand – ganz genau wissen sie es. Er war auch nur ein Mensch, sogar ein guter wackerer Mensch, aber er hat leider in seiner Jugend einen Pakt mit dem Teufel gemacht: »Du gibst mir Riesenstarke, Allgegenwart und Geld – ich dir meine Seele. Ich darf auf Erden thun, was ich will, auch Gutes – und wenn meine Zeit um ist, so darfst du mich zur Hölle holen!« Das sind aber nur die Grundzüge dieses Vertrages; manche Bauern setzen ihn so genau auseinander, wie wenn sie als erbetene Gerichtszeugen ihre Kreuzlein als Namensunterschrift darunter gemalt hätten. »Nun, da hat ihn eben der Teufel geholt!« schließen sie. »Es ist ewig schade, aber der alte Herr hätte es sich früher überlegen sollen!« Daneben gibt es aber auch Leute, die ihn wieder gesehen haben: in dunkler Nacht am Kreuzweg, das greise, düstere Haupt stolz erhoben, die kurze Pfeife im Munde, dasselbe Reitergewand und derselbe Schimmel, ganz wie im Leben, aber aus den Nüstern des Schimmels brach schwefliges Feuer – es war ein Höllenroß ... In einem Menschenalter wird er nur noch in dieser Gestalt fortleben und man wird vergessen, daß er einst wirklich auf Erden gewesen. Und dann, nach hundert Jahren, kommt irgend ein Forscher, der die Sage aufzeichnet, und irgend ein Gelehrter, der sie deutet: »Die merkwürdige Sage vom »deutschen Teufel«, die sich im podolischen Landvolke findet, läßt sich schwer erklären. Es ist dies ein Gespenst in Menschengestalt, welches in Sturmnächten auf feurigem Roß über die Erde dahinbraust. Das Einfachste wäre wohl, darin eine Personifikation des Blitzes zu erblicken, worauf auch der Glaube hindeutet, daß der »deutsche Teufel« oft jählings den Bösen und Ungerechten vernichtet, weil ebendasselbe in jenem Gau auch vom Blitze erzählt wird. Aber woher der Name? Ich für mein Theil bin überzeugt, daß die Gothen bei ihrem Durchzug durch die Karpathenländer den Eingeborenen auch Einiges von ihrem Götterglauben mitgetheilt. So ist denn wohl der »deutsche Teufel« der Podolier kein Geringerer als der altgermanische »Thor«, und der Name deutet auf die längst verschüttete nationale Quelle dieses Volksglaubens. Ich unterbreite die Hypothese dem Urtheile meiner Herrn Fachkollegen« ... Und sie werden des Weiten und Breiten darüber sprechen, die Herren Fachkollegen; sie haben sich in solchen Dingen selten vergeblich bitten lassen ... Du armer Fürstensohn vom Rhein! – ich fürchte, du wirst in gar sonderbarer Weise unsterblich werden: durch die vergleichende Mythologie... Ob dir dies nicht in anderer Art möglich gewesen wäre, vielleicht sogar in der Geschichte deines eigenen Volkes? – Wer wüßte das zu entscheiden! Aber wenn man erwägt, wie du einst gewesen, gut und stolz, stark und thatkräftig; wenn man erwägt, wie du als Jüngling gewesen... Doch davon später! Hier muß ja zunächst berichtet werden, wie der Mann zu solcher Rolle im Volksglauben gekommen. Denn wohl liegen die Nebel des Aberglaubens über jenen Menschen so dicht und düster, wie der graue Haiderauch im Herbste über ihrer Ebene liegt, aber selbst auf diese rohen Gemüther mußten besondere Gründe eingewirkt haben, ehe sie dazu kamen, in diesem alten kaiserlich-königlichen Reiterobersten des Ruhestandes einen Dämon zu erblicken. In der That, es waren besondere Gründe. Nur das Augenfällige sei zunächst hervorgehoben: die Gestalt, die Lebensweise und die Art, wie er mit den anderen um ihn her Verkehr gepflogen. Abenteuerlich, phantastisch war schon seine äußere Erscheinung, sein An- und Aufzug. Die Natur hatte ihm Riesenkraft und Riesengröße gegeben, weithin überragte er die Eingeborenen, welche kaum mittleren Schlages sind, gleich allen Slaven der Ebene. Wie ein Hecht unter Häringen bewegte er sich in ihrem Kreise; nicht bloß hoch, sondern auch von stattlicher Breite; die Glieder gigantisch, die Hände hart und rauh, wenn auch auffallend klein und wohlgebildet. Das war das Einzige, was auf seine vornehme Abkunft deutete, die Züge waren nicht »aristokratisch«, mindestens nicht im üblichen Sinne des Worts, sofern man eben dadurch nur Feinheit, Glätte oder Hochmuth zu bezeichnen beliebt. Aber in seiner ursprünglichen Bedeutung genommen, könnte kein anderes Wort dies Haupt und Antlitz schärfer charakterisiren; das waren wirklich die Züge eines Herrschenden, der kraft seiner Eigenart gebot, nur eben deßhalb, weil er stärker an Leib und Willen war als die Uebrigen. Gleichgültig und unbewegt mag wohl kein Mensch geblieben sein, wenn er in dieses Mannes Antlitz geschaut, besonders in den späteren Jahren, als Zeit, Klima und Leidenschaft es immer herber geprägt. So herb und scharf, daß fast alle Leute denselben Eindruck davon empfingen; nur daß sie dann freilich, jeder in seiner Art, verschiedene Worte und Bilder brauchten, um ihn zu schildern. »Wie ein Löwe,« hörte man häufig in den Synagogen; nicht etwa deßhalb, weil sich unter den polnischen Juden zahlreiche Löwenjäger oder auch nur Menagerie-Besucher finden, sondern weil der Talmud dies Thier so oft als Sinnbild der Wildheit und Stärke nennt. »Wie Gott Vater«, sagten die Bauern und dachten dabei an die Bilder in ihren Dorfkirchen, wo Jehova als ein alter, hoher, wohlbeleibter Herr mit langem weißem Bart und Haar abgebildet ist, rothbackig, aber mit finsterem Blick und gewöhnlich einen russischen Kantschu in der Faust, mit dem er einen nackten Jüngling bearbeitet. Denn die Kunst soll moralisch wirken und darum findet sich in jeder Kirche die Austreibung Adams aus dem Paradiese. »Wie Gott Vater« – dieser Vergleich paßt schon besser, aber das bezeichnendste Wort hat mir einmal mein Freund Iwon Megega, der Dorfrichter von Biala, gesagt: »Er hat ausgesehen, wie Gott Vater, wenn sich dieser als Hajdamak sein Brod auf Erden hätte verdienen müssen.« Nun bezeichnet »Hajdamak« einen Auswürfling der Ebene, der sich rastlos in den Bergen herumtreibt und sein Brot erwirbt, wie er kann, kurz nicht viel Besseres als einen wilden Strolch. So unerhört nach dieser Erläuterung der Ausspruch des guten Iwon klingen mag – er gibt den Eindruck dieser Züge annähernd wieder, denn in ihnen waren zwei ungeheure Gegensätze vereint: Ehrwürdigkeit und unheimliche Wildheit. Ganz verwischten sie sich nie; im Lächeln blieb die Wildheit im Zorn die Ehrwürdigkeit auf diesem stolzen Antlitz. Ich sage dies aus eigener Kenntniß, obwohl ich den »deutschen Teufel« nur zweimal gesehen, und zuerst in einer Lage, welche schlecht zu ruhiger Betrachtung taugte. Das war in meiner Knabenzeit, an einem glühheißen Augusttag, unweit des Städtchens Barnow und am Ufer des Sered. Es ist dies ein stilles, träges Flüßchen, welches seine Wogen langsam von Nord gegen Süd wälzt, aus dem Brodyer Haidelande dem Dniester zu; ein melancholisches Gewässer, welches trefflich zu dieser Landschaft paßt und zu ihren Bewohnern. Rasch und lustig ist es nicht einmal in seiner Kindheit: langsam rinnen die Wasser aus einem tiefen Weiher hervor und wallen in breitem Bette so langsam, daß das Auge die Strömung kaum gewahren kann; in dieser Landschaft scheint Alles stille zu stehn, sogar der Fluß. Ganz ohne Reiz ist übrigens der Sered nicht; wer seinen Lauf von einem der niedrigen Hügel überschaut, wird die weit ausgegossenen Wogen, an beiden Ufern von breiten Bändern gelber und weißer Sumpfblumen umsäumt, vielleicht sogar schön finden, aber diese Schönheit ist manchem gefährlich geworden – ich sollt' es an jenem Tage mit ansehen. Da gingen wir, einige sieben- bis achtjährige Knaben, mit unserem Lehrer den Fluß entlang und prügelten uns unaufhörlich; der Mann, ein Handschuhmachergeselle aus Sachsen, der auf seiner Wanderschaft nach Barnow gekommen und dort in Ermangelung stärkerer Träger deutscher Kultur ein Jugendbildner geworden, nannte dies »Anschauungsunterricht im Freien« und pflegte sich zu solchen Gängen so ausgiebig zu stärken, daß er alle Schönheit doppelt sah. Der besondere Schutzengel, der über Kindern und Betrunkenen wacht, hatte bisher uns alle während dieser kuriosen Lehrstunden vor dem gefährlichen Ufer bewahrt, diesmal aber gerieth ein schöner blondlockiger Junge plötzlich in den Sumpf hinein, aus Uebermuth oder um eine der großen dunkelgelben Blüten zu brechen; als wir ihn gewahrten, war er schon mitten darin und schnellte, da ihn der Boden nicht trug, das leichte geschmeidige Körperchen an den Weiden immer weiter dem Wasserspiegel zu. Da aber, etwa fünfzig Schritte vom Festland, zehn von dem Flusse, blieb er stecken und begann vor unseren Augen langsam zu sinken. Wir erhoben allesammt ein furchtbares Jammergeschrei, am lautesten schrie unser plötzlich nüchtern gewordener Mentor; wie aber zu helfen sei, wußten wir allesammt nicht. Die Sache lag verzweifelt; schon war das arme Kind so tief gesunken, daß wir kaum noch das Blondhaar zwischen den Gräsern hervorschimmern sahen, da erhob sich plötzlich auf der lichten röthlichen Haide am gegenüberliegenden Ufer ein dunkler Schatten und kam näher und näher; unser Lehrer gewahrte ihn zuerst und schrie durchdringend auf; es war ein Reiter auf weißem Roß ... Was nun folgte, währte vielleicht nicht dreimal so lang, als ich brauche, es zu erzählen. Der Reiter hält am Ufer drüben, hält die Hand vor die Augen, wie um besser zu sehen; dann winkt er uns zu, wendet sein Pferd und fliegt wie der Wind den Fluß empor, das Ufer entlang, bis zu einer Stelle, wo das Sumpfland schmal ist. Dort nimmt er einen Anlauf und sprengt in einem ungeheuren Satz in's Flußbett hinein; das Pferd überschlägt sich und wirft ihn ab, er taucht empor, faßt die Zügel und schwimmt neben ihm her, immer näher an uns heran. Endlich ist er an der Stelle, wo der arme Knabe sich im Schlamme abmüht, kriecht glatt auf dem Bauche dicht an ihn heran, umspannt ihn, reißt ihn empor, legt sich das Kind flach auf den Rücken und kriecht wieder, wie ein Krebs, rücklings bis ans Wasser heran. Hier nimmt er den Knaben auf den Arm, schwingt sich aufs Pferd und läßt sich von dem halb schwimmenden, halb schreitenden Thier den Fluß hinabtragen. Wir laufen ihm nach, in derselben Richtung, dem Städtchen zu. Am Schwimmbade, wo der Schlamm ausgehoben ist, gewinnt er das Ufer wieder und kommt uns entgegen. Ein furchtbarer Anblick – Roß und Reiter von Schmutz starrend, der mächtige Weißbart an's Gewand geklebt, aber ich sehe alles wie durch einen Schleier, nur eines glaube ich noch heute zu fühlen – den Zornblick der blauen Augen, wie er sich auf uns und namentlich auf unseren käsebleichen Mentor richtet. Er reicht ihm den Knaben herunter, der nun erst laut zu heulen anfängt. »Wir sprechen uns morgen,« sagt er dem Lehrer, wirft das Pferd herum und verschwindet in der Haide. Am nächsten Morgen fehlte nicht bloß der blonde Wladyk, den zum Glück nur ein gewaltiger Schnupfen abhielt, sondern auch unser Lehrer im Schulzimmer. Der Fürst hatte sein Versprechen wahr gemacht und mit ihm gesprochen. Von seinem Rettungswerke hinweg war er, schlammbedeckt und bis auf die Haut durchnäßt, nach Tluste geritten, hatte sich dort in seinem Absteigquartier umgekleidet, war zum Abendessen an der Offizierstafel in Jagielnica erschienen, hatte die Nacht über mit den Herren »Färbel« – ein aufregendes Hazardspiel – gespielt, war aber, ganz gegen seine Gewohnheit, schon um vier Uhr Morgens vom grünen Tisch aufgestanden: er habe in Barnow ein Geschäft. Dort kam er nach fünf Uhr an, weckte unseren Sachsen aus dem Morgenschlummer und lud ihn zu einem Spaziergang am Sered ein. Als sich der erschreckte Mann weigerte, zwang er ihn mit vorgehaltener Pistole, sich sogleich anzukleiden und mit ihm zu gehen. So passirte das seltsame Paar die noch unbelebten Straßen der Stadt, voran der an allen Gliedern zitternde Schulmeister, hinter ihm der »deutsche Teufel«, den Finger am Drücker der Pistole. Als sie an jene Stelle kamen, wo sich tags zuvor die schreckensvolle Scene abgespielt, sagte der Fürst mit sehr ruhiger, aber auch sehr entschiedener Stimme: »Herr Schullehrer, holen Sie mir die gelbe Blume da!« Er deutete auf eine Blüthe, die etwa zehn Schritte vom festen Boden ab wuchs. »Erbarmen!« flehte der Sachse, »dort versinke ich ja!« – Der Fürst hob zur Antwort nur die Pistole, bis der geängstigte Mann in den Sumpf hineinwatete und die Blume brach. Zurück konnte er nicht, das Moor hielt ihn fest. In dieser Lage beließ ihn der Fürst einige Minuten, bis er an die Kniee eingesunken war, dann half er ihm selbst wieder heraus. »So –,« sagte er zu dem halb ohnmächtigen Menschen, der an allen Gliedern zitterte, »das war mein ›Anschauungsunterricht im Freien‹.« Zum zweiten- und letzten Male habe ich den »deutschen Teufel« neun Jahre später wieder gesehen, im Juli 1865. Ich fuhr zum Besuche eines Kollegen mit einigen Freunden in einem Lohnwägelchen die staubige Heerstraße dahin, welche aus dem podolischen Tiefland gegen Tarnopol führt. In einem Dörfchen am Wege – Bossowka, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht – herrschte sichtlich große Bewegung; um die Dorflinde vor der Schenke standen heftig gestikulirende Gruppen; aus den Hütten, bei denen wir vorbeifuhren, traten Männer und Weiber den Weg zum gleichen Ziele an. »Was gibt's im Dorfe?« fragten wir. Ein eisgraues Männchen trat an den Schlag heran und winkte uns vergnüglich zu. »Unsern Pfarrer wird heute der Teufel holen!« sagte er behaglich. »Das gibt's!« Mit der Blumensprache des Ostens vertraut, deuteten wir dies dahin, daß der Pfarrer von Bossowka unbeliebt sei und auf dem Sterbebett liege. Im Marktflecken Trembowla aber, wo wir eine Stunde später zur Mittagsrast eintrafen, erfuhren wir den Sachverhalt. Im Hofe des Wirthshauses führte ein Reitknecht einen prächtigen Schimmelhengst auf und nieder. »Das ist das Pferd des »deutschen Teufels«,« flüsterte uns der Wirth zu, »er hat es sich telegraphisch aus Skalat herbestellt, damit er schneller nach Bossowka kommt, wohin ihn die Bauern gegen ihren Pfarrer berufen haben. Seit fünf Tagen liegt dort ein Todter auf der Bahre und der Pfarrer will ihn nicht begraben, weil er mit der Gemeinde über seine Gebühren im Prozeß liegt.« – »Warum wenden sich die Leute nicht an den Bezirkshauptmann?« – »Wer wird,« erwiderte der Jude überlegen, »den Bezirkshauptmann rufen, wenn er ihn rufen kann?« Wenige Minuten später kam der Gewaltige herangebraust wie ein Sturmwind, er hielt vor dem Hause, das Pferd, von dem er abstieg, war schaumbedeckt. Ich könnte sein Antlitz zeichnen, so klar steht es vor mir: das kahle Haupt, die mächtige tiefgefurchte Stirne, Backenknochen und Kinn wuchtig vorspringend, die Nase kühn und frei geschwungen, der weiße Bart in zwei Wellen bis an den Gürtel herabfluthend. Wahrlich, »wie Gott Vater« – und doch mußte ich an Iwons Wort vom Hajdamaken denken. Das bewirkten diese stahlblauen, durchdringend blickenden und doch unstäten Augen und das fortwährende Zucken in den Zügen; auch die Kleidung wirkte befremdend: Stulpenstiefel, Lederhose, ein braunes, abgetragenes Tuchwams mit breitem Ledergurt, an dem eine Pistolentasche hing, auf dem Haupte eine Tuchmütze. »Wein!« rief er dem Wirt zu, reckte die Glieder und bestieg das bereitgehaltene Pferd. Regungslos stand es unter der gewohnten Last; unheimlich aber war die Unruhe des Reiters; die Stirn furchte und entfurchte sich, die Lippen preßten sich aufeinander und öffneten sich wieder, die Augen aber blickten wild und groß umher und starrten dann wieder fast gläsern, wie gebrochen unter den matt herabhängenden Lidern. Hier glimmt ein Feuer, empfand jeder, Gnade dem, gegen den es aufloht. Der Wirth brachte die entkorkte Flasche und ein Glas; der Fürst griff nur nach der Flasche, leerte sie in einigen mächtigen Zügen fast bis zum Grund und schmetterte sie auf die Steinfließen des Hofes, daß sie zerschellte. Dann warf er dem Wirth die Bezahlung zu und stürmte davon. Wir sahen ihm bange nach – wie einem Blitzstrahl, der treffen muß ... In der That hat er an jenem Tage furchtbares Gericht gehalten; es wird in Podolien noch lange unvergessen bleiben. Er reitet in Bossowka ein, von den Bauern mit betäubendem Urrahah empfangen. »Ist das Grab bereit?« fragt er. – »Längst!« – »Dann grabet sofort ein zweites, dicht daneben!« – »Herr, wir haben nur einen Todten.« – »Thut, wie ich befehle!« – Dann reitet er zum Pfarrer, der erschreckte Mann weigert sich nicht, legt sein Ornat an, segnet die Leiche im Hause ein und begleitet sie zum Friedhof; es ist ein seltsamer Leichenzug; hinter dem Sarge reitet der Fürst, die Pistole in der Hand, ihm nach drängen die wild erregten Bauern. Nachdem die Ceremonie auf dem Friedhof beendet, der Grabhügel geschichtet ist, wendet sich der Fürst zum Pfarrer. »Hochwürdiger Herr, Sie sind, Ihre Weihen in Ehren, ein Lumpenhund. Sie haben Ihren Prozeß mit der Gemeinde durch eine Erpressung gewinnen wollen. Sie haben sich geweigert, den Todten zu begraben, ich will es mit dem Lebenden thun. Sie werden jetzt in das andere Grab hier gelegt werden, ob es zugeschaufelt wird oder nicht, hat die Gemeinde zu entscheiden.« Der Pfarrer wirft sich ihm zu Füßen; sein Flehen ist vergeblich; die Bauern werfen ihn auf des Fürsten Befehl in die Grube. Nun eröffnet der Fürst die Verhandlung – es wird dafür und dagegen gesprochen; nach einer halben Stunde entscheidet der Fürst: »Wir schenken ihm das Leben«, und läßt den Unglückseligen, der vor Todesangst fast wahnsinnig geworden, wieder hervorholen. Als dies im Lande ruchbar wurde, meinten viele, daß nun die Gerichte doch gegen den »deutschen Teufel« einschreiten würden. Sie thaten es auch diesmal nicht, ebensowenig wie in anderen, sehr grellen Fällen. Wo kein Kläger, dachten sie wohl, ist kein Richter, und eine Klage ist meines Wissens gegen den gewaltthätigen Mann niemals eingelaufen, sicherlich nur deßhalb, weil er nicht bloß Furcht, sondern auch Ehrfurcht einflößte, Ehrfurcht vor dem gesunden, nie trügenden Gerechtigkeitsgefühl, mit dem er seines freigewählten Amtes als Volksrichter waltete. Seine Handlungen waren immer eigenmächtig, fast immer brutal, nicht selten grotesk, ja ungeheuerlich, aber niemals ungerecht, obwohl Verschulden und Strafe zuweilen in argem Mißverhältniß standen. »Womit du gesündiget, damit sollst du gestraft werden« – dies war, wie wir an unserem durstigen Kulturträger und dem habgierigen Pfarrer gesehen, sein leitender Gedanke, und ähnliche Rechtssprüche hat er zu Dutzenden gefällt und selbst vollstreckt. Da lebte im Kolomeaer Kreise ein knickeriger und hartherziger Gutsbesitzer, der seinen Bauern, obwohl ihm nach Aufhebung der Dominial-Gerichtsbarkeit jedes Recht dazu fehlte, dennoch, seinen vormärzlichen Gepflogenheiten gemäß, bei dem geringsten Verschulden eine bestimmte Anzahl Stockstreiche versetzen ließ. Eines Tages läßt sich der »deutsche Teufel« bei ihm für den nächsten Sonntag zum Mittagessen anmelden; das wundert den Mann, da er den Fürsten nur flüchtig kennt, wurmt ihn auch, weil er seinen Ungarwein kaum sich selbst gönnt, geschweige denn anderen; doch zwingt er sich zu einer guten Miene und lädt obendrein noch einige Nachbarn ein, um des Alleinseins mit dem nicht immer behaglichen Gaste überhoben zu sein. Die Herren erscheinen; zuletzt reitet auch der Fürst ein, diesmal in seiner Galauniform als Dragoneroberst und von zwei Reitknechten begleitet. Das Mahl verläuft sehr heiter, nur der Hausherr fühlt sich bei den vielen Toasten des Fürsten etwas unbehaglich, da dieser ihn rastlos, in immer neuen Wendungen, als »Vater seiner Unterthanen« feiert, wobei die anderen Herren ironisch zustimmen. Nach dem schwarzen Kaffee wünscht der Fürst die »berühmte Bank« zu sehen, wo die Bauern gehauen würden. Der Hausherr weigert sich, muß aber, da die andern Gäste beistimmen und der Fürst immer dringlicher wird, die Gesellschaft in die Scheune führen, wo auf sein Geheiß schon so viele Hiebe verabreicht worden, gewöhnlich in der altehrwürdigen k. k. Militärzahl – fünfundzwanzig. Da steht die Bank mit den Ledergurten zur Festhaltung des Körpers, auch die Haselstöcke liegen bereit. »Das müssen wir probiren,« sagt der Fürst, winkt seinen Reitknechten, läßt den Gutsbesitzer festschnallen und ihm auf seiner eigenen Bank ›fünfundzwanzig‹ aufmessen, während die anderen Gäste sich entfernen oder doch nichts zur Rettung des Hausherrn zu thun wagen. Der Mann hat von jenem Tage ab die »berühmte Bank« nie wieder benutzt. Nicht ebenso drastisch, aber gleich empfindlich strafte der Fürst eine Dame des Zloczower Kreises für ihren Adelshochmut. Barouin Sz. hatte einem trefflichen und begüterten Manne die Hand ihrer Tochter trotz der innigen Herzensneigung des jungen Paars blos deshalb verweigert, weil er bürgerlich war, obwohl ihr eigener Vater nur eben ein reich gewordener armenischer Schweinehändler gewesen. Der »deutsche Teufel«, der den jungen Mann kannte und schätzte, beschloß, sich ins Mittel zu legen. Von da ab konnte die Baronin keine Gesellschaft besuchen, ohne durch eine überlaut vorgetragene Lobrede auf ihren verstorbenen Vater erfreut zu werden – »diesen großartigsten Schweinehändler der Erde.« Daneben erfreute er sie durch kleine, sinnige Geschenke: einen Fächer aus Borstenhaar, eine Bonbonière, auf deren Seidendeckel zwei fröhliche Mastschweine das freiherrliche Wappen hielten, endlich durch eine Schminkquaste in Form eines Ferkelschwänzchens. Der Baronin blieb nur übrig, fortab wie eine Einsiedlerin zu leben oder nachzugeben; sie wählte das letztere. Bei der Hochzeit aber erschien der Fürst nicht, obwohl er geladen war und den Bräutigam wie einen Sohn liebte, wie denn überhaupt Feingefühl und Brutalität in ihm ganz seltsam vereinigt erschienen. Als zum Beispiel zwei seiner Reitknechte einen alten jüdischen Hausirer, den sie auf der Heerstraße trafen, durch Drohungen zwangen, eine Wurst zu verschlingen, bestrafte sie der Fürst, als er dies erfuhr, nicht allein durch ganz furchtbare Prügel, sondern machte auch dem alten Manne in voller Uniform und mit all seinen Orden geschmückt einen Entschuldigungsbesuch. »Vielleicht,« sagte er ihm, »fühlen Sie sich in Ihrem Gewissen bedrückt, weil Ihre Furcht vor den beiden Halunken größer war als jene vor den Vorschriften Ihrer Weisen; kann ich nach dieser Richtung etwas für Sie thun?« Der Greis, der der Schwärmersecte der Chassidim angehörte, erwiederte, er wünsche zu seiner Entsühnung zum Wunderrabi von Belz zu wallfahrten, worauf der Fürst zwar bemerkte: »Gestatten Sie mir den Ausdruck des Bedauerns, daß Sie ein so abergläubischer alter Esel sind und das Geld nicht lieber einem wahrhaft frommen Zwecke zuwenden,« aber dafür Sorge traf, daß die Wallfahrt auf seine Kosten erfolgte; sogar das Geschenk für den Rabbi bezahlte er selbst. Er kannte kein Vorurtheil des Glaubens und Standes; niemand war ihm zu gering, um sich mit ihm, wenn es die Gelegenheit fügte, stundenlang zu unterhalten, freilich auch niemand, um sich an ihm, wie er es ausdrückte, »nützlich zu machen.« Er konnte einen mehrstündigen Ritt machen, nur um einen Bauer, welcher sein Weib in einer Art mißhandelt, welche selbst das im Osten übliche Maß von ehelicher Zärtlichkeit überstieg, eigenhändig zu züchtigen, und als einst eine Zigeunerbande in einem Grenzdorfe bei Hussiatyn arge Diebstähle und schließlich sogar eine Brandlegung verübt und dann nach Rußland geflüchtet war, da bot er, obwohl an der Sache gänzlich unbetheiligt, seine Knechte auf, brach über die Grenze, nahm die Bande tief in Wolhynien gefangen und lieferte sie an das nächste österreichische Bezirksgericht ab. Allerdings stand ihm auch niemand für diese Thätigkeit zu hoch, und ein solcher Fall war's auch, der seiner militärischen Laufbahn in verhältnißmäßig jungen Jahren ein Ende machte. In dem Regimente, welches er kommandirte, diente als Lieutenant der Sprößling eines der ältesten und reichsten Adelsgeschlechter der Monarchie, dessen Oheim zudem damals einer der mächtigsten Männer in Oesterreich war. Der junge Mensch vergaß sich aus gekränkter Eitelkeit so weit, ein braves Mädchen des Bürgerstandes, welches seine galanten Anträge zurückgewiesen hatte, zu verleumden. Der Fürst zwang ihn nicht bloß zur Abbitte, sondern berichtete auch nach Wien, man möge den jungen Mann entfernen; »solche Kerls kann ich in meinem Regiment nicht brauchen.« Der Oheim des jungen Mannes ließ sich herbei, dem Fürsten einen begütigenden Brief zu schreiben, den dieser sehr höflich, aber mit der kategorischen Wiederholung seines Ersuchens beantwortete. Der Lieutenant wurde versetzt, aber der Fürst kurz darauf pensionirt. Das war im Jahr 1853 – von da ab bis zu seinem Tode, also durch siebzehn Jahre hat der Mann jenes Leben geführt, welches auf civilisirtem Boden ganz undenkbar wäre, aber selbst in jener Landschaft mit ihren wenig geordneten Zuständen, ihrem Ueberfluß an abenteuerlichen und sonderbaren Menschen als ein unerhörter Ausnahmefall dasteht. Daß er überhaupt irgendwo ein bleibendes Heim hatte, wußten die wenigsten, in der That machte er von demselben sehr geringen Gebrauch. Unmittelbar nach seiner Pensionirung hatte er ein kleines Anwesen bei Buczacz gekauft und dort ein kleines Häuschen mit einem großen Stall erbaut, den letzteren als Pflegestätte für seine Pferde, deren er etwa ein halbes Hundert besaß, sämmtlich edelstes Vollblut. Hierher wurden die Rosse geschafft, die er halb zu Schanden geritten, um wieder herausgefüttert zu werden, hier genoß sein »pensionirtes Viehzeug«, wie er es nannte, sein Gnadenbrod, und zwar ein wahrhaft fürstlich bemessenes – weiß Gott, es haben's die meisten Menschen in Podolien am Festtag nicht so gut, wie es die Pferde des »deutschen Teufels« alle Tage hatten. Aber in dies Heim kam er nur, um das »Viehzeug« zu besuchen oder sich aus der großen Truhe österreichische Gulden oder russische Rubel zu holen, dann zog er wieder kreuz und quer, zweck- und ziellos durch das weite Gebiet, welches er sich als Wohnstätte erkoren und in dem er buchstäblich von jedermann gekannt war, während er Tausende und aber Tausende kannte: das östliche Galizien südwärts von Lemberg, die nördliche Bukowina und einen breiten Saum der russischen Grenzgouvernements. Nach Lemberg kam er nicht, weil ihm die große Stadt unangenehm war, in die Berge nicht, well er stets nur seine eigenen Pferde ritt, die auf den Saumpfaden schlecht vorwärts gekonnt hätten, und die südliche Bukowina vermied er, weil er das Rumänische nicht verstand und sich nur da wohlfühlte, wo er mit Jedermann sprechen konnte – aber sein Wohnraum war deßhalb wahrlich noch weit genug. Auf dieses Gebiet hatte er seine Absteigequartiere verteilt, deren er zeitweilig bis zu zwanzig hatte, alle ganz gleich eingerichtet. Ein Stall, in dem zwei Pferde standen, eine Kammer für den dort stationirenden Reitknecht, die er stets aus alten österreichischen Kavalleristen rekrutirte, endlich ein Zimmerchen für ihn selbst, in welchem neben Feldbett und Waschtisch nur ein Schrank und eine Truhe stand – das war alles. In dem Schrank hing neben der Oberstenuniform jener sonderbare Anzug, in dem wir ihn gesehen; in der Truhe lag eine Summe in Banknoten. Seine Geldwirthschaft war überaus einfach; was ihm als Apanage von seinem Geschlechte ausbezahlt wurde oder als Ertrag seiner Güter am Rhein einfloß, wurde dort in österreichisches und russisches Geld umgewechselt und ihm zugesendet; die eine Hälfte kam in die große Truhe bei Buczacz, die andere wurde in die zwanzig kleinen Truhen vertheilt, eine größere Summe trug er zudem immer bei sich. Das Geld in eine Bank zu legen, eine geordnete Verrechnung zu führen, fiel ihm nicht bei. – »Hoho!« pflegte er auf solche Vorschläge zu erwidern, »das mögen die Junker, die Hungerleider thun – mir stünde es nicht gut an. Die Kerls bauen ja sogar Zuckerfabriken, da mögen sie auch mit ihrem Gelde wuchern.« Die »Junker« – er meinte darunter den norddeutschen, insbesondere den altpreußischen Landadel. Daß er trotz solcher Gebahrung nie in ernste Verlegenheit geriet, lag natürlich nur an seinem Reichthum, nicht an seiner Sparsamkeit. Schon seine unstäte Lebensführung, der Troß von Reitern und Rossen verschlang gewaltige Summen; hiezu kam, daß er nie Gastfreundschaft in Anspruch nahm, ohne sie reichlichst zu vergelten; die Diners, die er in den Hotels der Kreisstädte dem Adel, der Beamtenschaft und den Offizieren gab, waren in ihrer Art berühmt; eine Einladung zu erhalten, galt als eine Ehre, sowie auch niemand seinen Besuch anders als eine Auszeichnung auffaßte – der Mann war wild, unberechenbar, eben ein »Teufel«, aber ein Gentleman durch und durch, dazu der Sprößling eines erlauchten, erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts mediatisirten Geschlechts. Er konnte seinen Ahnenstolz schroff herauskehren, wenn er dazu irgendwie gereizt wurde, aber derselbe Mann, der einst einem Erzherzog seine eigene erlauchte Abkunft in geradezu grotesker Weise in Erinnerung gebracht, pflegte in der Gesellschaft demonstrativ jede bürgerliche Dame auszuzeichnen, wenn sie seines Erachtens von seinen Standesgenossen hochmüthig behandelt wurde. Der Verkehr mit Menschen jeglicher Art war ihm Bedürfniß; er hatte einen Heißhunger nach ihnen, und seine verblüffende Vertrautheit mit dem Wesen und den Lebensverhältnissen so unendlich vieler erklärte sich gewiß auch durch sein natürliches Interesse an jedem einzelnen; ein erstaunliches Gedächtniß war ihm dabei hilfreich. Aber er gebrauchte es nicht bloß zu seinem Vergnügen und um sich an dem und jenem »nützlich zu machen«, ihn zu strafen, wo kein Gericht strafte, zu züchtigen, wo sich kein Kläger fand, sondern auch zu Werken des Wohlthuns: erkannte jeden wahrhaft Bedürftigen und erinnerte sich seiner immer wieder, genau zur rechten Zeit. Derselbe Mensch, welcher einem Schuldigen gegenüber zuweilen eine unheimliche Wildheit und Rohheit bethätigte, konnte dem Unglück so zartfühlend und erbarmungsvoll beistehen, wie dies sonst nur ein edles Frauenherz vermag. Die Familie eines sehr geachteten Anwalts in Tarnopol war nach dem Tode ihres Ernährers in bedrängter Lage zurückgeblieben und konnte von den Zinsen des winzigen Vermögens ihren Hunger nur nothdürftig stillen; gleichwohl wies die Wittwe eine Rente, welche ihr der Fürst anbot, zurück. Einen Tag lang trieb er sich fluchend und wetternd in der Stadt herum, dann kam ihm ein Einfall, der ihm die gute Laune wiedergab. Er bewog einen Kaufmann, der mit dem Verstorbenen befreundet gewesen, sich von der Wittwe ihr kleines Kapital zur Verwaltung übergeben zu lassen, statt der fünf Prozent erhielt sie nun zwanzig, die Differenz zahlte der Fürst. Erst nach dem Tode der würdigen Frau erfuhr man, wie sie von dem »deutschen Teufel« überlistet worden. Er aber, der sich gerade seiner schrecklichen Richterthaten, so jenes Begräbnisses in Bossowka, am lautesten zu rühmen pflegte, sprach davon oder von einer anderen edlen That nie ein Wort und konnte entsetzlich grob werden, wenn ihn jemand pries. Landbekannt war seine Liebe für Kinder; fast in jedem Dorfe hatte er einen Pflegling, der auf seine Kosten herangezogen wurde; Eltern, die ihre Kinder mißhandelten, züchtigte er oft genug zur Vergeltung mit eigener Hand, und ebenso war er der Schrecken aller pflichtvergessenen Lehrer im Lande – unser Sachse war nicht der einzige, der schaudernd des »deutschen Teufels« gedachte ... Heute ein brutaler Rächer, morgen ein zartfühlender Wohlthäter, heute einsam durchs Land jagend und in einer elenden Schenke übernachtend, morgen im Treiben der reichsten Gastlichkeit – so ist er volle siebzehn Jahre durchs Land gebraust, recht einer Naturkraft vergleichbar, die ja auch Segen und Zerstörung zugleich bringt, und dem Auge der staunenden Menschen beinahe eben so unverwüstlich erscheinend wie eine solche Kraft. Sein hellblondes Haar färbte sich immer lichter und wurde schließlich weiß, das war aber auch die einzige Veränderung, die man an ihm wahrnahm; sein Auge bewahrte den Glanz, sein Körper die Kraft und Geschmeidigkeit der Jugend; auch sein Herz wollte nicht kälter, sein Sinn nicht zahmer werden; der Siebzigjährige trieb's, wie er es seit Jahrzehnten gethan – jene Kugel des Russen hat einen Mann von unerhörter Lebensfülle gefällt. Auch nach dieser Richtung schien sein Reichthum unerschöpflich; er mochte vergeuden, wieviel er wollte, eine Minderung gewahrte Niemand, wie er selbst sie nicht empfand. Nur in einer Beziehung enthaltsam – er war ein keuscher Mensch und soll seit einem Erlebniß, welches in seine Manneszeit fällt und von dem später berichtet werden soll, nie wieder eines Weibes Lippen berührt haben – war er sonst in allem unmäßig: in den körperlichen Anstrengungen, die er sich auferlegte, im Reiten und Jagen, Fechten und Schwimmen, wie in Speise und Trank. Was er auf einem Sitz vertilgen konnte, ohne auch nur rascher zu athmen als vorher, grenzt ans Unglaubliche; er soll – erzählt man – einmal ein Dutzend Flaschen Champagner geleert haben und dann in dunkler Nacht den schwierigen Weg zu seinem nächsten Absteigequartier allein zurückgeritten sein. Daß er – wie gleichfalls, und zwar von gebildeten Leuten, die ihn genau gekannt, berichtet wird – eine Woche lang des Schlafs habe entbehren können, ist sicherlich Uebertreibung, aber auch darin war er gewiß nicht denselben körperlichen Gesetzen unterworfen wie wir anderen. Einen tagelangen Ritt zu machen, die Nacht zechend zu verbringen und am nächsten Tage irgend einem Zwecke nachzuziehen, welcher die volle Kraft erforderte, war ihm in jenen Zeiten, wo er, wie er sich ausdrückte, viel »Arbeit« hatte, sogar die Regel – die Tage gehörten nun einmal der »Arbeit«, dem Richten und Wohlthun, zur Erholung blieb ihm nur die Nacht. Ein leidenschaftlicher Spieler war er gerade nicht, weil ihm Gewinn und Verlust grenzenlos gleichgültig waren und seine Nerven nicht dieser Aufstachelung bedurften, doch schloß er sich nie aus, wie er sich denn überhaupt gern in der Anderen Art schickte, soweit es sein Wesen zuließ. Nur wo es sich um eine »Arbeit« handelte, durfte man ihm nicht hindernd oder auch nur mahnend in den Weg treten, aber da dies ohnehin Niemand wagte, so ging er in jenem Abschnitt seines Lebens, von dem ich hier erzähle, fast ohne Händel mit Gleichgestellten durchs Leben. Die wenigen Duelle aber, die er hatte und die sämmtlich auf dieselbe Veranlassung zurückzuführen waren, deren später gedacht werden soll, endeten für ihn glücklich, wie er aus jeder anderen Lebensgefahr, in die er sich stürzte, heil hervorging. Wer all dies zusammenfaßt, wird begreiflich finden, daß dieser Mensch allmählig dem abergläubigen Blick als Dämon erscheinen konnte, ja mußte. Was aber die geklärteren, die gebildeten Menschen betrifft, mit denen er verkehrte, so war ihre Ansicht über ihn eine sehr verschiedene. Die Einen staunten ihn nur gedankenlos an, Andere fürchteten ihn und suchten sich diesen Druck von der Seele hinter seinem Rücken durch Spott hinwegzulächeln, was ihnen freilich schlecht gelang; wieder Andere, die Besten, wandelte oft ein Gefühl des Mitleids an oder doch ein aufrichtiges Bedauern über die Verzettelung so reicher Gaben. Diese Wenigen mochten vielleicht auch zuweilen darüber grübeln, wie er so geworden, hatte werden können – im allgemeinen aber ist die Lösung seelischer Räthsel gerade keine Lieblingsaufgabe polnischer Edelleute und österreichischer Kavallerie-Offiziere. Bezeichnend jedoch ist, daß nur eben Neulinge den Fürsten kurzweg für »verrückt« erklärten; wer ihn sprechen, sein Wesen beobachten, seine Thaten prüfen konnte, mochte ihn immerhin für unerhört excentrisch halten, aber an seinem gesunden Verstande zweifelte er sicherlich nicht. Im Gegentheil! dieser Scharfblick in der Erkenntniß der Menschen, diese Geistesgegenwart in den schwierigsten Lagen, diese fast untrügliche Folgerichtigkeit des Denkens mußten unwillkürlich auch Respekt vor seiner geistigen Kraft einflößen. Nur eines schien krankhaft und war auf den ersten Blick glattweg unerklärlich: das war sein Haß gegen seine Heimath und seine Volksgenossen. Es war ein wilder, ja geradezu wahnwitziger Haß, der alle Grenzen überstieg. Den »Rackers« auszutreiben, ihn einen Deutschen zu nennen, das war, sagt' ich schon, sein ernstes Mühen; ja sogar der einzige Lebenszweck, den er gleich ernsthaft nahm wie seine Arbeit. Er suchte dies vor allem dadurch zu erreichen, daß er jeden neuen Bekannten, wer immer es sein mochte, sehr höflich bat, gütigst zur Kenntniß nehmen zu wollen, daß er »die Ehre habe, kein Deutscher zu sein« – bei jeder ferneren Anspielung aber wurde er mehr oder minder grob, je nach ihrem Inhalt. Nannte man ihn bloß einen Deutschen schlechtweg, oder zählte man ihn den Deutsch-Oesterreichern bei, so wehrte er dies nur eben scharf ab: »Das ist nicht wahr! Oesterreicher – ja, aber ein Deutscher – nein, dreimal nein!« und ließ erst dann ein Donnerwetter folgen, wenn man etwas dagegen einwenden wollte: »Zum Henker, Herr, haben Sie nicht genug Grütze im Kopf, um es zu verstehen, daß sich jemand bloß als Mensch und treuer Diener seines Kaisers fühlen will?!« Wer ihn aber vollends als Preußen ansprach und an seine Verwandten erinnerte, von denen einige in preußischen Staatsdiensten standen, dem schrie er entgegen: »Vorsicht, Herr! Wer mich zu jenen knechtischen Junkern zählt, beleidigt mich! Noch ein Wort davon und Sie sollen mich kennen lernen!« Seine Ansicht über das Volk, dem er entstammte, pflegte er, wie folgt, zusammenzufassen: »Vollmenschen sind die Deutschen allesammt nicht. Warum? Weil sie Kerls ohne Saft und Kraft sind, zahmes Lastvolk, das nur den Weg zur Krippe kennt; ein thatkräftiger Mensch, der unter sie geräth, muß sich wie ein Roß im Eselstall vorkommen. Wollten sie sich als Menschen fühlen, was könnten sie unter den Völkern bedeuten, während sie jetzt die Bedientennation Europas sind, die Narren und Schleppträger des Auslands, – in seiner vollen Liebe hat sie Gott der Herr geschaffen; zum Bubenspott haben sie sich selbst gemacht.« Uebrigens ließ auch er Unterschiede gelten und hatte sich eine Art Stufenleiter ausgedacht, die er seinen Freunden so oft und stets mit denselben Worten erklärte, daß ich nach ihren Mittheilungen auch diese Aeußerung ziemlich getreu wiedergeben kann: »Gar keine Menschen sind die protestantischen Junker in Preußen und jene katholischen, die ihnen nachäffen – Pflichtmaschinen, ohne eine Flamme im Herzen und einen eigenen Gedanken im Hirn. Alles platt wie ihr Land – so ein Wesen geht durch's Leben wie ein Automat, immer hinter dem Vater her, wie dieser hinter dem Großvater: zuerst Soldat, dann Landwirth, Familienvater – mehr als seine Pflicht zu thun, fällt ihm gar nicht bei! Sagen Sie so einem Wesen, daß der Bürger und Bauer Menschen sind, wie er, und Sie werden eine kuriose Antwort bekommen; fragen Sie es, ob es ein Deutscher ist, und Sie werden hören: ›Nein, ein Preuße!‹ Alles eng, nüchtern, sogar das Verhältniß zum lieben Gott! Dreiviertel Menschen sind die Bürgerlichen im Norden – die denken doch zuweilen ein wenig nach, auch thut hier und da einer, wie ihm sein Herz gebietet; noch häufiger findet man dies im Süden und in Oesterreich; auch im Glauben ist da mehr Schwung und Feuer – das sind doch so wenigstens halbe Menschen. Ich aber mag und will nichts mehr mit ihnen zu thun haben – von diesem Volk von Duckmäusern und Leisetretern, das eigentlich gar kein Volk ist, hab' ich mich für immer geschieden – es ist ja eine Schande, dazu zu gehören.« Es war ein ehrliches, wenn auch unvollständiges Bekenntniß; den letzten und tiefsten Grund seines Hasses deckte er nur Wenigen gegenüber auf. Aber bei bloßen Worten ließ er es nicht bewenden, auch in Thaten kam dieser Haß zum Ausdruck. Mit jenen Verwandten, die in preußische Dienste getreten, hielt er keinerlei Gemeinschaft; seine Güter in Preußen, die ihm später zufielen, hat er nie gesehen; begegnete er in der Gesellschaft einem Norddeutschen, so wich er ihm aus; ergab der Zufall dennoch eine Berührung, so führte dies leicht zu einer peinlichen Scene, was vollends unausbleiblich war, wenn es sich um einen preußischen Adeligen handelte. Er konnte in solchen Fällen ohne jede Veranlassung eine geradezu wüste Rohheit herauskehren, so daß selbst jener Kreis, in dem er lebte, ihm dies ernstlich verargte und des Fremden Partei nahm. Man weiß, daß noch heute im polnischen Adel ein wahrhaft giftiger Preußenhaß wuchert und auch die österreichischen Offiziere waren damals von dieser Empfindung nicht frei; gerade jene katholischen Adeligen aus Süd- und Westdeutschland, welche, der alten Ueberlieferung folgend, habsburgische Kriegsdienste genommen, waren diesbezüglich die schlimmsten, aber selbst die Herren, die nach Lebenslage und Gesinnung dem Fürsten am nächsten standen, wußten für sein Gebahren kaum noch ein Wort der Entschuldigung. Die wenigen Duelle, die er nach seinem Austritt aus der Armee hatte, entstammten sämmtlich nur dieser Veranlassung. Wie sein Haß vor keiner Rohheit zurückscheute, so vor keiner Kleinlichkeit; er mochte z. B. kein preußisches Geld berühren, und die Rechnungs-Abschlüsse, die ihm von seiner Gutsverwaltung am Rhein zugeschickt wurden, mußten auf österreichische Konventionswährung umgerechnet werden. Von diesem Vorurtheil ließ er sich in allem leiten, sogar in seiner »Arbeit«. Der Mann, der sonst mit fürstlicher Freigebigkeit jeden Bedürftigen beschenkte, ohne nach Glauben oder Volksthum zu fragen, hat einem Armen aus Norddeutschland niemals auch nur die geringste Gabe gereicht; allerdings wäre ihm auch bei gutem Willen selten dazu Gelegenheit geworden, da in Galizien nur slavische Vaganten aus Oberschlesien häufiger anzutreffen sind. Selbst sein Gerechtigkeitsgefühl trübte dieser Haß; auch dafür sind nur zwei Proben bekannt geworden, aber sie find beweiskräftig genug. Ein polnischer Adeliger im Wolhynischen Gouvernement hatte aus Thüringen einen Hauslehrer für seine Kinder bezogen, die Gattin desselben wurde gleichzeitig engagirt, weil der Gutsbesitzer in seinem Dorfe irgend einen Zweig weiblicher Hausindustrie einbürgern wollte. Nach wenigen Wochen gerieth das deutsche Ehepaar mit dem Polen in Streit und dieser war brutal genug, die beiden nicht mehr jungen und obendrein kränklichen Leute mitten im härtesten Winter ohne jede Entschädigung vor die Thür zu setzen. Mit Mühe erreichten sie den österreichischen Boden. Einen rechtskräftigen Vertrag besaßen sie wohl, aber eine Klage – die Klage eines armen deutschen Lehrers gegen einen begüterten Adeligen vor einem russischen Gerichtshofe! – verhieß keinen Erfolg. Da wurde den Hilflosen gerathen, sich an den »deutschen Teufel« zu wenden, der zufällig in demselben Grenzstädtchen verweilte. Der Lehrer begab sich zu ihm: »Da Eure Durchlaucht unser Landsmann sind« – begann er demüthig, weiter kam er nicht. »Der Teufel mag Ihr Landsmann sein!« brach der Fürst los und wies ihm in rohen Worten die Thüre. Tief betrübt kehrte der arme Mann in die Herberge zurück; seine Frau aber beschloß trotzdem ihrerseits den Versuch zu wiederholen. »Eine kranke, alte Frau,« sagte sie, »wird kein deutscher Edelmann hinauswerfen.« Das that denn auch der Fürst nicht; nur bat er sie – und zwar in einer Tonart, wie man sie selten so weich von ihm gehört – nicht weiter in ihn zu dringen. »Ich kann Ihnen nicht helfen,« versicherte er, »ich müßte einen Eid brechen, den ich mir selbst geschworen habe.« Leider verbot ihm dieser Eid nur, einem Deutschen gegen Unrecht beizustehen, nicht aber, den Richter über Deutsche zu spielen. Ein armenischer Gutsbesitzer hatte mit einer Dorfgemeinde einen langwierigen Prozeß um einen Wald geführt und gewonnen; die Bauern, die schon früher das strittige Gut als ihr Eigenthum betrachtet, hielten den Spruch für ungerecht und kehrten sich nicht an denselben. Da ließ der Armenier einen Förster aus Pommern kommen, gab ihm einige verläßliche Heger bei und machte ihn für jeden Wild- und Baumfrevel verantwortlich. Der Mann, an preußische Zucht gewöhnt, that strengstens seine Pflicht und machte sich daher bei den Bauern bald ebenso gefürchtet als verhaßt. Da er weder durch Drohungen, noch durch Bitten abzuhalten war, die Schuldigen dingfest zu machen und dem Bezirksgericht einzuliefern, so beschlossen die biederen Landleute, einen Teufel durch den andern auszutreiben. Der Fürst hätte sich sonst sicherlich sehr genau erkundigt, ob der Mann härter gewesen, als ihm seine Pflicht geboten; bei einem Preußen hielt er dies von vornherein für ausgemacht. »Binnen drei Tagen habt ihr Ruhe,« versprach er, vielleicht das einzige Mal, wo er zu viel versprochen. Bereits am nächsten Tage ritt er, diesmal zufällig von zwei Offizieren begleitet, die er auf dem Wege getroffen, die Straße durch den Wald und begegnete dem Förster, der eben, das Gewehr auf dem Rücken, seinen Rundgang machte. Er bat die Offiziere voranzureiten und stellte den Mann. »Sie Hundekerl,« begann er, »ich möchte zunächst in Güte mit Ihnen reden.« Diesmal war er an den Unrechten gekommen. »Wer einen ehrlichen Mann,« erwiderte der Pommer, »ohne Grund so beschimpft, ist selber ein Hundekerl. Uebrigens bin ich einem gütlichen Wort nicht abgeneigt.« Der Fürst schäumte wild auf. »Du bist kein ehrlicher Mann, sondern ein Leuteschinder, wie es die Preußen alle sind. Die neidigen Hungerleider-Moden von dort her wirst Du mir aber hier nicht einführen! Hier richtet man einen Menschen eines Astes oder eines Hasen wegen nicht zu Grunde.« – »Was steckst Du Deine Nase,« war die Antwort, »in Sachen, die Dich nichts bekümmern? Ich thue, wie mir mein Herr und das Gesetz gebieten, und bin nur diesen beiden verantwortlich, nicht Dir. Und nun – aus dem Weg!« – »Kanaille!« stieß der Fürst zornbebend hervor und riß die Pistole aus dem Gürtel; flugs hatte auch der Förster den Flintenlauf an der Wange; der Fürst drückte los, der Förster that das gleiche; wie durch ein Wunder fehlten beide. Im nächsten Augenblick waren die Offiziere zur Stelle und trennten sie ... Von da ab ließ der Fürst den Mann ungeschoren, sicherlich nur deßhalb, weil ihm dessen Benehmen hinterdrein bei ruhiger Ueberlegung achtungswerth erschien, wie denn auch der Förster zu sagen pflegte: »Verrückt, aber doch eigentlich ein ganzer Kerl.« Und ganz ähnlich urtheilte jene deutsche Lehrerin, welche ich später in Czernowitz kennen lernte: »Er machte mir den Eindruck eines warmherzigen Menschen, der eben nur in diesem einen Punkte nicht zurechnungsfähig war.« Aber an einen solchen krankhaften Wahn zu glauben, fällt schwer, wenn man an sein Ende denkt; derlei pflegt sich im Gehirn eines Greises nie wieder zu lichten. Vielleicht wird uns seine Handlungsweise verständlicher, wenn wir sein Leben betrachten – verständlicher und darum verzeihlicher ... Er ist nicht ganz siebzig Jahre alt geworden, war also zu Beginn dieses Jahrhunderts geboren und zwar, wie bereits erwähnt, als der Sprößling eines ehemals reichsunmittelbaren Fürstengeschlechts, dessen Macht und Einfluß freilich weniger in jenem winzigen Territorium, wo es »von Gottes Gnaden« regierte, als in seinem reichen Landbesitz in Preußen und Oesterreich und seinen mächtigen Familienbeziehungen wurzelte. Immerhin gab diese Souveränetät dem Geschlechte erst den rechten Glanz, und man wird es begreiflich finden, wie tief es den Verlust derselben durch die Eroberung des Ländchens seitens der Franzosen empfand. Zur Rheinbundzeit wurde es dann ein Bestandteil des Königreichs Westphalen; des Fürsten Vater wählte sein Exil in Preußisch-Schlesien und ließ lieber die Konfiskation eines großen Theils seiner Privatgüter über sich ergehen, als daß er dem Usurpator gehuldigt hatte. Im Haß gegen Napoleon, im Vertrauen auf Preußen erzog er seine Söhne, von denen unser Held der drittgeborene war. Daß der alte Herr, obwohl Katholik, sich nach Preußen und nicht nach Oesterreich gewendet, hatte in der festen und innigen Jugendfreundschaft seinen Grund, die ihn mit einem der preußischen Prinzen verband, dann aber in einer Art deutschen Nationalgefühls, welches er, im Gegensatz zu seinen meisten Standesgenossen, lebhaft und ehrlich empfand ... »Siegt Preußen, dann erhalten auch wir unser Land wieder« – das heranwachsende Kind bekam diesen Satz im Vaterhause täglich zu hören und lernte daran glauben, wie an's Evangelium. Als der Befreiungskrieg losbrach, zog sein Vater mit den beiden älteren Brüdern – er selbst war kaum zehnjährig – mit in's Feld; auch soll das Geschlecht schwere Geldopfer für die Ausrüstung des preußischen Heeres gebracht haben. Ein noch schwereres Opfer legte ihm das Schicksal auf; der älteste Sohn, der Erbprinz, starb am Lazarettfieber. Als ein Mann, der das Seine gethan und das Seine erwartete, begab sich der Fürst nach errungenem Sieg zum Wiener Kongreß; sein Land, seine Souveränetät mußten ihm nun werden; was ihm daneben vorschwebte, war die Wiederherstellung des römisch-deutschen Reichs mit einem Wahlkaiser aus dem Hause Habsburg-Lothringen. Man weiß, daß es anders kam; vom deutschen Kaiserthum wollten wenige etwas wissen, von der Herstellung der Duodez-Staaten vollends nur die mediatisirten Herren selbst, und zwar jeder auch nur für sein eigen Theil. Vergeblich verwies der Fürst auf sein Recht, seine Verdienste, seine Opfer, vergeblich suchte er die preußischen Diplomaten für seine Sache zu bestimmen; er mußte erfahren, daß gerade sie es waren, die seine Bemühungen vereitelten, weil das Ländchen nach seiner geographischen Lage an Preußen fallen mußte. Das Geschlecht gehörte zu jenen, denen die Ebenbürtigkeit mit den regierenden Geschlechtern zuerkannt wurde, das was alles. Wildester Schmerz und Grimm erfüllte die Brust des greisen Mannes; er hielt sich für verrathen und überlistet, nach seiner Auffassung hatte ihm Preußen mit schnödem Undank gelohnt. Darnach handelte er nun; er lehnte die Würden und Auszeichnungen, die ihm von diesem Staate angeboten wurden, schroff ab, verkaufte seine Güter in den altpreußischen Provinzen und siedelte sich in Österreich an; nur die ehemals souveränen Domänen behielt er zur Wahrung seines Rechtsanspruchs und »in der Hoffnung auf bessere Tage.« In dieser Anschauung erzog er seine Söhne; der Mann, der später der »deutsche Teufel« wurde, hat es als Knabe einst täglich aus dem Munde seines Vaters vernommen: »Wir haben für unser Recht und ein deutsches Kaiserthum gekämpft; der König von Preußen, der nur eben ein Reichsfürst war, wie wir, hat, nachdem wir ihm sein Land zurückerobern geholfen, das unsere an sich gerissen, mit genau demselben Recht wie einst der Korse.« Daß hier die Sache denn doch anders lag, daß man mit dem Wahlkaiserthum und den kleinen Herrschaften nur eben Gespenster eingesargt und keine lebenden oder lebenswerthen Einrichtungen, – dies konnte dieser Mann unmöglich fassen, und auch seinen Söhnen dämmerte zunächst die Erkenntniß nicht auf. Beide Jünglinge traten in österreichische Kriegsdienste; der ältere, eine sanftmüthige, beschauliche Natur, wäre viel lieber Landwirth geworden, der jüngere, hochbegabt, thatkräftig, von loderndem Feuer erfüllt, war gleichsam zum Soldaten geboren, oder zum regierenden Herrn, wie sein Vater seufzend meinte. Ihm wandte sich die Liebe des Greises voll und ganz zu, weil er bei ihm nach seinem Temperament ein weit besseres Verständniß für seinen Haß, seine Rachepläne und Hoffnungen fand, als bei dem zahmen Erbprinzen. »Mit Gewalt ist uns unser Recht genommen worden, – es kann ein Tag kommen, da wir es mit Gewalt zurückerobern können!« – von diesem Gedanken erfüllt, suchte der Jüngling sich zu einem ernsthaften Militär heranzubilden, und man muß es ihm lassen, daß er das Seine dazu gethan. Damals war er ein Musterbild treuer Pflichterfüllung, nützte seine reichen Gaben zu vernünftigen Zwecken und wußte sein ungestümes Wesen selbst trefflich im Zaume zu halten. »Du wirst uns rächen,« das war das letzte Wort, das er von den Lippen seines sterbenden Vaters vernahm. »Auf deinen Bruder ist nicht zu hoffen.« In der That legte der Erbprinz wenige Monate nach des Vaters Tode die österreichische Uniform ab, kehrte an den Rhein zurück und übernahm die Verwaltung seiner Güter. Schon dies bewirkte eine Entfremdung zwischen den Brüdern, sie wurde zum völligen Bruch, als der Aeltere sich mit einer Dame aus dem märkischen Adel vermählte und einen hohen preußischen Orden annahm. »Nun habe ich auch keinen Bruder mehr« – mit diesen Worten berichtete der Jüngere seinen Kameraden die Nachricht von dieser Ordensverleihung. Doch sollte es allmählig doch wieder zu einer Annäherung zwischen beiden kommen; der Aeltere war's, der sie zuerst anbahnte, ja zu diesem Zweck selbst nach Österreich gereist kam; es war um 1835. Er fand den Bruder als Rittmeister in einem entlegenen ungarischen Dorfe, auf den Verkehr mit wenigen Kameraden, den Dienst und seine strategischen Bücher angewiesen – eine Existenz, wie sie kaum öder, an geistiger Anregung und echten Lebensfreuden ärmer gedacht werden konnte. »Wie kannst Du das Leben ertragen,« mahnte er, »Du, den das Schicksal doch wahrhaftig zu Besserem geschaffen hat, als ungarischen Bauernknechten das Reiten beizubringen und zur Erholung Hazard zu spielen?« – »Ich bin mit Leib und Seele Soldat,« war die Antwort, »ich muß es sein – der Zukunft wegen!« – »Diese Zukunft wird nie kommen!« mahnte der Aeltere. »Es ist ein Wahn, ein Nichts, dem Du Deine besten Jahre opferst! Unsere einstigen Unterthanen sind gute Preußen, die wenigen, die es etwa nicht sind, träumen von einer deutschen Republik, aber doch wahrlich nicht von der Wiederherstellung unserer Souveränetät! Und wer in Deutschland denkt heute anders!« – »Ich müßte mir,« erwiderte der Rittmeister, »eine Kugel vor den Kopf schießen, wenn ich Dir glauben sollte. Denn dann hätte mein Leben keinen Zweck mehr!« – »So gib ihm einen anderen Zweck! Das kann Dir nicht schwer werden – wen hatte die Vorsehung günstiger gestellt und reicher ausgestattet als Dich!« – »Die Vorsehung hat mir meine Aufgabe angewiesen; ich warte und bereite mich vor, bis ich sie erfüllen kann.« – »Aber so warte doch wenigstens anderswo, warte in Wien! Man wird Dich ja versetzen, wenn Du es nur verlangst!« – »Darunter könnte meine Karriere leiden. Und es ist meines Erachtens nicht gleichgültig, ob ich Rittmeister oder General bin, wenn es einmal zu einem Krieg zwischen Oesterreich und Preußen kommt.« – »Mensch!« rief der andere, »wer denkt heute an einen solchen Krieg! Und wenn er käme, was hätten wir davon! So sieh Dir doch nur einmal die Verhältnisse bei uns an!« Davon wollte der Rittmeister nichts wissen, aber die Unterredung wirkte doch mächtig in ihm nach. Er hatte die Zweifel und Gedanken, die ihn im Stillen gefoltert, nun laut aussprechen hören; auch das armselige Leben, zu dem er sich verdammt, erschien ihm nun im richtigen Lichte. Gleichwohl währte es noch lange fünf Jahre, bis er sich – er war inzwischen Major geworden – einen Urlaub erbat und zum Besuche des Bruders an den Rhein kam. Er that es nicht eher, als bis er die Oede des Looses, ein österreichischer Friedenssoldat in ungarischen oder galizischen Garnisonen zu sein, bis auf's Letzte durchgekostet. Dieser Besuch in Deutschland hat nahezu ein Jahr gewährt; es war die Zeit, wo der tiefste Schmerz und das größte Weh in dies Leben kamen. Der Mann erkannte, daß er sein bisheriges Dasein thatsächlich einem Wahn geopfert, und fühlte sich unter der Wucht dieser Erkenntniß fast zernichtet. Was sollte er nun aus sich machen? In die erbärmliche Garnison zurückkehren, wieder Rekruten drillen und zur Abwechslung irgend eine Beziehung zu einer leichtfertigen ungarischen oder polnischen Dame unterhalten?! Sollte er in Preußen bleiben, das er ja wahrlich nicht plötzlich lieben lernen konnte, und seine Güter selbst verwalten? Das besorgte der Bruder weit besser für ihn; auch taugte er so ganz und gar nicht zum Landwirth. Preußische Kriegsdienste zu nehmen, lag ihm vollends himmelweit, und fast ebenso fern mußte diesem Mann, welcher bisher nur Soldat gewesen, der Gedanke bleiben, sich irgend einer Kunst oder Wissenschaft zuzuwenden. Da kam die Liebe über ihn und enthob ihn zunächst dieser qualvollen Fragen; er lernte eine Verwandte seiner Schwägerin, gleichfalls eine märkische Dame, die zu Besuch am Rhein war, kennen und lieben; sie erwiderte seine Neigung; als sie heimkehrte, folgte er ihr, um sich die Einwilligung ihrer Eltern zu erbitten. Die Werbung endete schlimm; beide Theile, das protestantische urpreußische Edelhaus und der katholische Preußenhasser, hatten von vornherein ein starkes Vorurttheil gegeneinander, und die persönliche Berührung verstärkte es nur. In diesen Tagen wuchs in dem Fürsten jene Anschauung, auf Grund deren er später den preußischen Adel als »Leuteschinder« und »Pflichtmaschinen« bezeichnete, und ihnen mißfiel der »Ketzer«, der »Feind des Königs«, der Mann von heißem ungestümem Wesen, der nicht straflos jahrzehntelang in halbasiatischer Umgebung gelebt, gleichfalls auf das gründlichste. Vergeblich suchte das Fräulein, welches ihren Erkorenen wahrhaft und von ganzem Herzen liebte, zu vermitteln; der Gegensatz wurde immer schärfer, und als sich der Fürst trotzdem zur Werbung entschloß, wurde dieselbe abgelehnt, obendrein auch noch in schroffer, ja unverzeihlich grober Art. Noch einen letzten Schritt that der Fürst, sich die Geliebte zu gewinnen; daß er dies vermocht, beweist, wie sehr er sie geliebt, mehr als sich selbst. Er bat sie, in das Haus seines Bruders zu kommen und sich dort mit ihm trauen zu lassen. Aber auch sie war, wie er's nannte, eine »Pflichtmaschine«, eine brave, gehorsame Tochter, welche lieber ihre Herzensneigung opferte, als gegen den Willen der Ihrigen zu handeln. Als ein wenig beneidenswerther Mann war der Fürst aus Oesterreich gegangen, – tief unglücklich, haltlos und gebrochen kehrte er nach zehn Monaten zurück. Von nun ab gewann sein Preußenhaß jene wahnwitzige Färbung: es war die Rache für den »Raub«, der an ihm begangen worden, den Raub seines Fürstenrechts, seiner Liebe, seines Lebens. Auch seines Lebens, wie er es auffaßte – an die große Stunde, wo es von Wichtigkeit sein konnte, daß er österreichischer General war, konnte er ja nun gleichfalls nimmermehr glauben. Aber der ungeheure Thatendrang, der in ihm lebte, schmachtete nach irgend einer Möglichkeit sich zu offenbaren, und da ihm eine ernste und würdige versagt war oder sich doch nicht finden ließ, so entlud sich dieser Drang in thörichten oder doch unnützen Handlungen. Zunächst mochte er nicht weiter Friedensfront sein, nahm daher seinen zeitweiligen Abschied aus österreichischen Diensten und ging nach Aegypten, nach Syrien, von da nach Spanien, endlich in den Kaukasus, wo es eben blutige Arbeit gab – für wen er sie verrichtete, mochte ihm zu jener Zeit ziemlich gleichgültig sein. Am liebsten hätte er natürlich gegen Preußen gekämpft, aber dazu bot sich ihm damals, in der ersten Hälfte der vierziger Jahre, keine Gelegenheit. Nachdem er noch eine Reise nach Amerika gemacht, kehrte er 1847 nach Österreich Zurück; kurz darauf fiel ihm durch den Tod eines Oheims jenes reiche Erbe am Rhein zu, welches ihn zum vielfachen Millionär machte. Der Bruder bat ihn, nach der Heimat zurückzukehren, er beantwortete den Brief mit den Worten: »Ich überschreite die preußische Grenze nur noch, wenn ich viele tausend Gefährten habe, jeder, gleich mir, gut bewaffnet.« Da sich jedoch dazu auch im Frühling 1848 keine Gelegenheit bot, so trat er, vielleicht aus Anhänglichkeit an den Staat, der seinem Vater und ihm ein Asyl geboten, vielleicht auch, weil er nichts Besseres mit sich anzufangen wußte, wieder als Major in die österreichische Armee und that sich auf der lombardischen Ebene unter Radetzky durch wilde Tapferkeit und Energie so sehr hervor, daß er noch im Spätherbst desselben Jahres Oberst wurde und sein eigenes Regiment erhielt, ein böhmisches, weil kein ungarisches frei war und er ein deutsches nicht mochte. Aber die Nachrichten, die aus Deutschland herüberklangen, machten ihm doch einen tiefen Eindruck; den Traum seiner Souveränetät hatte er für immer verwunden, aber jenes, wenn auch sehr unklare, deutsche Nationalgefühl, welches ihm gleichfalls vom Vater überkommen, und das sich bis dahin nur in bitteren Hohnworten über die Schlafmützigkeit und Uneinigkeit der Deutschen geäußert, wollte sich wieder in seinem Herzen regen, als er von den Berliner Tumulten, der Bewegung am Ober-Rhein, den Verhandlungen in der Paulskirche las. Als er im Spätherbst 1848 nach Ungarn versetzt wurde, schwankte er, ob er nicht lieber seinen Abschied nehmen und sich in Deutschland irgendwie nützlich machen sollte, und noch stärker war der Kampf in seiner Brust, als im Frühling des nächsten Jahres die badische Revolution losbrach. »Endlich,« rief er, »endlich steht Deutschland gegen Preußen in Waffen! – freilich,« fügte er etwas kleinlaut hinzu, »sind die Kerls in Rastatt Gesindel, die ihrem eigenen Landesherrn die Treue gebrochen.« Nur aus diesem letzteren Grunde mag er damals in Ungarn geblieben sein; was ihn aber dann, nachdem der Aufstand der Magyaren niedergeschlagen war, bewog, im Dienste zu verharren, war sicherlich nur die Zuspitzung der Beziehung zwischen Oesterreich und Preußen, die ihm Hoffnung auf Verwirklichung seiner Lieblingsidee gaben. Aber es blieb bei dem »Schimmel von Bronzell« – der Fürst war tief betrübt – »thut nichts,« sagte er dann, »was kommen muß, wird kommen;« und darin sollte er ja recht behalten, wenn es dann auch ganz anders kam, als er und mit ihm alle jene, denen der Blick für die ehernen Gesetze der nationalen Entwicklung nicht erschlossen war, dachten. Als dieser große Moment der Entscheidung über Deutschlands Zukunft kam, war der Fürst, wie man weiß, bereits seit dreizehn Jahren nicht mehr Soldat, sondern nur noch der »deutsche Teufel«. Obwohl er den Abschied unfreiwillig erhalten und der österreichischen Heeresleitung darum eben nicht sonderlich grün war, begab er sich doch sofort nach Lemberg und stellte sich dem dort kommandirenden General zur Verfügung – »als Oberst oder als Gemeiner, wie Sie wollen.« Nun war aber dem Manne die Ursache, um derentwillen der Fürst in Ungnaden gefallen, sehr wohl bekannt, er dachte nicht an die Noth des Vaterlandes, welches wahrlich keiner tüchtigen Kraft entrathen konnte, sondern an die Gefahr, bei jenem hochgestellten Herrn, welcher den Fürsten haßte, mißliebig zu werden, und erklärte daher, er müsse vorher in Wien anfragen. Dies that er denn auch nach zwei Wochen, in Wien aber hatte man damals wahrlich nicht die Zeit, sich über derlei Kleinigkeiten schlüssig zu machen, und der Feldzug war zu Ende, ehe der Fürst auch nur eine Antwort erhalten. Diese Wochen des Harrens und noch mehr die Monate, die ihnen folgten, waren wohl mit die schlimmsten Zeiten dieses freudlosen Lebens. Der Fürst schien gebrochen, selbst die »Arbeit« freute ihn nicht mehr – in düsteres Grübeln verloren ritt er im Lande umher, wich den Menschen aus, oder vermied doch, wenn er mit jemand sprechen mußte, jede Anspielung auf den unglückseligen Krieg und seine Folgen. Ein alter Kamerad, der nun gleichfalls seinen Aufenthalt in Galizien genommen und ahnen mochte, was in dem Unglücklichen vorging, suchte ihn auf. »Nun sprich Dir einmal den Zorn von der Seele herunter,« ermunterte er. Der »deutsche Teufel« schüttelte düster das Haupt. »Da könnt' ich reden, solang die Welt steht, und würde nicht fertig. Uebrigens bin ich schon so heruntergekommen, daß ich nicht einmal mehr zornig sein kann. Sentimental bin ich geworden, wie ein Weib, und möchte darüber weinen, daß der Alte gestorben ist.« – »Wen meinst Du?« fragte der andere befremdet. – »Nun, den Herrgott dort oben; wenn er leben würde, so hätte er das Unrecht nicht siegen lassen.« – »Ach was! sei kein Narr, nimm's Dir nicht so zu Herzen!« – »Warum sollt' ich nun plötzlich kein Narr mehr sein?« fuhr der »deutsche Teufel« auf, »ich war's ja mein Leben lang! Jawohl – eins von beiden, entweder ist der Herrgott todt, oder ich war immer ein Narr!« Damals ist der Greis vielleicht dem Selbstmord nicht fern gewesen. Doch überwand er allmählig auch diesen schwersten Schlag und begann wieder zu »arbeiten« und sich zu Vergnügen, wie sonst, kurz, seinem Thatendrang nach Kräften wieder Genüge zu thun. Sein Deutschenhaß schien derselbe, nur daß er es nun fast ängstlich vermied, politische Gespräche zu führen. Höchstens sagte er zuweilen: »Brutal waren ja die Kerls immer, nun sind sie auch noch Heuchler geworden. ›Norddeutscher Bund‹ nennen sie's – Großpreußen ist's! Aber die Süddeutschen werden sich nicht foppen lassen! Und wer weiß, wie es dem zusammengestickten norddeutschen Karren geht, wenn er einmal auf einen großen Stein am Wege stößt.« Der Juli 1870 war gekommen, die Kriegserklärung Frankreichs erfolgt, ganz Deutschland erhob sich glorreich zur Abwehr; so weit Deutsche wohnten, fühlten sie, wenn sie ihres Namens würdig waren, die Wucht dieser Tage mit; die Anderen jedoch, Magyaren und Slaven, wünschten Frankreich unverhohlen den Sieg. Darin waren sogar Polen und Russen einig; es war eine häßliche Stimmung im Osten, ein wahres Bacchanal des widrigsten Neides und Hasses. Der »deutsche Teufel« aber that wieder, wie er nach Sadowa gethan: er ging jedermann aus dem Wege. Nur eine Aeußerung wurde in jener Zeit von ihm bekannt; sie wurde lachend weiter erzählt, als ein neuer Beweis, welche sonderbaren Einfälle der Greis zuweilen habe. Bei einem Offiziersmahle, dem er sich nicht entziehen konnte, kam die Rede auf Bismarck. »Schweigt mir von dem,« brauste er auf, »ich kann nicht von ihm reden hören!« – »Nun,« meinte Jemand, »wir alle lieben ihn ja nicht, aber reden kann man ja auch über Einen, den man haßt.« – »Aber nicht über Einen, den man beneidet!« sagte der Fürst dumpf. – »Sie beneiden ihn?!« riefen die Herren belustigt und erstaunt. – »Ja! ja!« erwiederte er, »und wie ich ihn beneide! Was hat der Mensch für Glück gehabt.« – »Nun ja, seine Erfolge –« – »Ach was! Schon bei der Geburt hat er Glück gehabt. Laßt mich an seiner Stelle dort zur Welt kommen – –« Er brach ab, die Herren sahen ihn befremdet an, so schmerzlich war sein Antlitz. »Und an meiner Stelle,« schrie er auf, »wär' auch er nicht mehr geworden als ich!« Er sprang auf, verließ das Zimmer und ritt in die Nacht hinaus. Wie er sein Ende gefunden, weiß man; hier der Verlauf der Scene, die zum Duell geführt. Es war am Abend des 4. Septembers 1870, als einige Offiziere des österreichischen Ulanenregiments Graf Trani in einem Gasthause dicht an der russischen Grenze mit einigen Herren von den russischen Smolenskdragonern ein kameradschaftliches Mahl abhielten, wie dies damals nicht selten geschah; den Beschluß sollte das Hazardspiel machen. Es kam diesmal nicht dazu. Die Herren saßen eben beim Dessert, als der »deutsche Teufel« in die Stube trat. Die Kunde von Sedan war am Nachmittage in der Gegend eingetroffen, man hatte während des ganzen Mahles von nichts anderem gesprochen und so rief denn auch ihm der junge Graf Wolkenstein sofort entgegen: »Nun, Fürst, was sagen Sie dazu?« Der alte Mann sah sehr bleich und verstört aus. Er schenkte ein Wasserglas mit Champagner voll, trank es aus und sagte dann nur: »Eine große Sache! Man erlebt was, wenn man alt wird.« »Ich habe mich grün und blau geärgert,« rief der russische Rittmeister Stroganow, und der junge Graf Palusew, der irgend eines leichtsinnigen Streichs wegen für einige Monate an die Grenze versetzt worden, rief: »Hoch der ›deutsche Teufel‹, aber ein Pereat den Deutschen!« Er hielt dem Fürsten sein Glas zum Anklingen hin. Dieser füllte das seine und stellte es dann vor sich hin. »Warum stoßen Sie nicht mit mir an? Sie hassen doch das Gesindel auch?« »Welches Gesindel?« fragte der Fürst. »Die Deutschen! Nieder mit ihnen!« Nur einige stimmten ein, aber auch diese brachen kurz ab, als sich der Fürst erhob. »Und ich rufe: Hoch mein tapferes, herrliches deutsches Volk, das sich endlich ermannt hat! Daß ich diesen Tag erlebt habe, werd' ich Dem da droben immer danken. Er lebt – ich aber war ein Narr!« Darauf folgte wildes Schreien und Rufen. Nur der Fürst stand stumm, regungslos da. Er war bis an die Lippen erbleicht. »Und wem sein Leben lieb ist,« fuhr er mit dröhnender Stimme fort, »wird nun in meiner Gegenwart kein Wort mehr gegen die Deutschen sagen.« Wieder verworrenes Rufen, Graf Palusew aber schrie: »Sollen wir alle plötzlich verrückt werden, weil Sie es geworden sind! Nieder mit dieser Nation von Schuften und Feig –« Weiter kam er nicht, der Fürst hatte ihm in's Gesicht geschlagen. Ein wilder Tumult brach los, der Graf stürzte nach seinem Degen in der Ecke des Gemachs. Ruhig schritt der Fürst auf den Grafen Wolkenstein zu, die Andern gaben unwillkürlich Raum. »Ordnen Sie die Sache für morgen in aller Frühe. Den Bescheid bringen Sie mir in das Zimmer des Gasthofes, das ich mir öffnen lasse. Die Waffenwahl hat jener Herr dort, aber ich halte Pistolen und eine kurze Distanz für selbstverständlich.« Dies fanden auch die Herren von der Gegenpartei. Schon nach einer Viertelstunde konnten Graf Wolkenstein und ein anderer Offizier von demselben Regiment dem Fürsten in sein Zimmer die Nachricht bringen, daß alles für den nächsten Morgen geordnet sei – zehn Schritte Distanz, dreimaliger Kugelwechsel. Der Fürst dankte ihnen. »Und nun laßt mich allein, Ihr Herren, ich habe noch viel zu thun.« Er schrieb zuerst sein Testament nieder – zu Universal-Erben setzte er seine Neffen ein, mit denen er bis dahin jede Beziehung vermieden. Ihnen überließ er auch die Versorgung seiner Dienerschaft – eine sehr bedeutende Summe setzte er zu »irgend einem patriotischen Zweck« aus; das Nähere sollten die Erben nach eigenem Gutdünken verfügen. Dann schrieb er einen sehr langen Brief an seine Neffen – er hatte ihnen wohl viel zu sagen; als die Sekundanten mit grauendem Morgen in die Stube traten, trafen sie ihn noch am Schreibtisch. Er war sofort bereit. »Graf Wolkenstein,« sagte er, »nehmen Sie diese beiden Schriftstücke hier in Empfang und befördern Sie sie dann an ihre Adressen. Sobald der Arzt meinen Tod konstatirt hat, mögen Sie mich sofort in der Haide begraben, wo es eben ist. Die Federfuchser mögen ihre Protocolle nachträglich schmieren. Ein Denkstein soll mir nicht gesetzt, meine Leiche nicht nach Deutschland überführt werden.« »Sie befürchten doch keinen ernsten Ausgang für sich? Sie, der beste Schütze im Land! Da hat Graf Palusew mehr zu fürchten!« »Er kann ruhig sein. Meinen Tod aber befürchte ich nicht, ich erhoffe ihn. Und da ich nun weiß, daß der Alte oben lebt, so hoff' ich gewiß nicht vergeblich. Kommen Sie, meine Herren!« Seine Hoffnung hat ihn nicht getrogen. Beim ersten Kugelwechsel schoß der Fürst in die Luft, der Graf fehlte. Beim zweiten schoß der Fürst abermals in die Luft; Palusew traf ihn in die Nähe des Herzens. Der »deutsche Teufel« war nicht sogleich todt, doch währte der Todeskampf nur wenige Minuten. Er ist in den Armen eines Landsmanns, des Grafen Wolkenstein, gestorben. »Mein armer Vater ...« murmelte er, und dann: »Es ist gut so, ganz gut...« Und endlich: »Gott – Gott segne ...« Das letzte Wort war nicht mehr verständlich ... Gott segne Deutschland! Nathan der Blaubart. (1878.) Und schließlich habe ich noch von einer lustigen Hochzeit zu berichten. »Judas Makkabäus« – Du weißt wohl noch, daß er mit seinem bürgerlichen Namen Nathan Segenswunsch heißt – hat im Herbste trotz (nicht etwa wegen) meiner Bemühungen sein Weib verloren und in voriger Woche wieder geheiratet. Ein junges, kugelrundes Mädchen aus Buczacz. Ganz Buczacz und ganz Barnow schwammen in Wein, Stolz, Schnaps und Fröhlichkeit. Du kannst Dir hoffentlich auch noch genau ausrechnen, die wievielte Hochzeit der Makkabäer da gefeiert hat. Die sechste ! Als ich ihn nach der Trauung beglückwünschte, sagte ich ihm, er sei eigentlich ein Stück Kulturgeschichte des östlichen Judenthums. Er nahm mir dies jedoch gewaltig übel und meinte, er sei ein angesehener israelitischer Bürger von Barnow und keine Kulturgeschichte. Hm! ich glaube – doch! ...« So schreibt mir mein lieber Schulfreund, der Arzt von Barnow, dem sein Schicksal, welches all seine stolzen Träume geknickt und ihn zu einem podolischen Landdoctor gemacht hat, den guten Humor nicht hat trüben können. Und ebensowenig den klaren Blick. Dieser gute Nathan, der in seinem dreißigsten Jahre das sechste Weib gefreit hat, wandelt wirklich als ungeschriebenes Kulturbild auf Erden herum. Nicht etwa schlichtweg um dieses Factums willen. Wäre er ein Blaubart, wie er im Märchen spukt oder bei St. Peter in Salzburg begraben liegt, hätte er aus Sinnlichkeit oder Habgier ein Opfer nach dem andern unter den Trauhimmel geschleppt, dann wäre er nur der Held einer Schauergeschichte, welche sich zufällig wirklich begeben hat. Aber Nathan ist ein gewöhnlicher Mensch mit gewöhnlichen Schicksalen; seine sechsmalige Verheirathung hat sich, ohne daß er Besonderes dazu gethan hätte, just eben durch die Verhältnisse und Anschauungen seines Lebenskreises gefügt; kein Jude in Podolien findet etwas Merkwürdiges daran. Und darum hat der Stadtarzt von Barnow Recht: dieser Mensch ist ein Stück Kulturgeschichte des östlichen Judenthums. Kein lustiges Stück trotz der sechs Hochzeiten. Im Gegentheil: das ist eine traurige, ja trostlose Geschichte. Nathan Segenswunsch gehört zu meinen ältesten Bekannten. Ich vermuthe sogar, daß ich ihn früher kennen gelernt, als mich selbst, zu jener Zeit nämlich, da ich noch im Flügelkleide ging und in der dritten Person von mir sprach. Denn wir waren gleichaltrig, Nachbarskinder und Spielgenossen. Sein Vater Luiser war ein dicker, freundlicher Mann mit langem Bart und blaurother Nase, welche Färbung sich durch sein Handwerk erklärt; er war Weinhändler und versorgte die Keller aller Adeligen des Kreises. Ich mag in die Nebel meiner Kindertage noch so weit zurückblicken, die rothe Nase leuchtet mir doch immer entgegen, und daneben taucht der schwarze Krauskopf meines Gespielen auf. Er war ein lustiger, kräftiger Junge; er, ich und des Postmeisters Sohn, Wladyk, waren ein Kleeblatt unzertrennlicher Freunde, und wie wir einander gepufft, gekniffen und gehauen haben, ist gar nicht zu erzählen. Diese Idylle nahm leider bald ein Ende; der blonde Wladyk starb am Scharlach, Nathan besuchte eine Thoraschule, und ich kam unter die harte Hand der Patres Dominicaner. Beiläufig um dieselbe Zeit ward Luiser Segenswunsch ein reicher Mann; er hatte 1854 die Schnapslieferung für die österreichische Occupations-Armee übernommen, und sein patriotischer Grundsatz, daß unverdünnter Aquavit dem Soldaten den Kopf schwer mache, hatte ihm ein Vermögen eingebracht. Dieser jähe Umschwung änderte die Lebensweise der Familie nicht, übte jedoch einigen Einfluß auf den Bildungsgang meines Freundes. Wenn ein chassidischer Jude in Galizien reich wird, so sorgt er dafür, daß sein Sohn die deutschen Gesetze lesen und verstehen lerne. Und so erfuhr ich die Genugthuung, bald in Nathans Händen dasselbe Büchlein zu erblicken, um dessentwillen er mich so oft einen »Abtrünnigen vom Glauben« gescholten: die Fibel. Freilich war sein Lehrer nicht ein christlicher Mönch, sondern der Schreiber der Judengemeinde, Leib Rosenberg. Dieser kleine, verschmitzte Mensch verstand sich auch auf die »Gesetze« sehr gut und konnte, namentlich was das Strafrecht betrifft, auf eine stattliche, langjährige, allerpersönlichste Erfahrung zurückblicken. Die Fibel und die gemeinsamen Betstunden brachten uns wieder zusammen, und ich muß leider bekennen, daß binnen kurzer Frist die Fensterscheiben unserer Vaterstadt Proben dieser neubegründeten Freundschaft aufzuweisen hatten. Von einer Schaar wackerer Mitstrebender unterstützt, gaben wir täglich nach der Schule Vorstellungen in der Kunst, mit Schneeballen und unreifem Obst die schönsten Beulen zu erzeugen. Weil aber Uebung auch hier den Meister macht und Nathan weit mehr freie Zeit hatte, als wir Anderen, so erwarb er sich bald den Ruf des wildesten und ungezogensten Rangen von Barnow. Man hätte es dem auffallend kleinen, blassen Kerlchen kaum angesehen, wie viel Kraft und Verwegenheit in ihm steckte. Die fortgesetzten Proben dieser Eigenschaften und die strengen Verbote unserer Eltern machten ihn allmählig freilich zu einem General ohne Armee. Doch focht ihn dies nicht an; er machte seine Streiche auf eigene Faust und improvisirte zuweilen, wenn er das Bedürfniß nach Geselligkeit hatte, einen kleinen Zweikampf, dem der Friedlichste kaum ausweichen konnte. So war es auch an einem Sonntag im Frühling 1859. Die Sonne schien warm und spiegelte sich freundlich in den sumpfigen Lachen des Marktplatzes. Ich stand vor dem Thore unseres Wohnhauses, sah zu, wie die Honoratioren von Barnow aus der Kirche traten, und hielt dabei ernste Gespräche mit unserem Kutscher Stephan. Dieser alte, treue Mensch, welcher die Woche über von exemplarischer Nüchternheit war, pflegte sich stets am Sonntag Vormittag eine kleine Erheiterung anzutrinken oder, wie man in seinem Falle sagen muß, eine kleine Betrübniß. Denn er wurde dann regelmäßig tiefsinnig und grübelte über Zweck und Ziel des Daseins. Natürlich in seiner Art. »Junger Herr,« begann er eben, »wenn man es recht bedenkt, so ist das Leben eine Reise, und mir hat Gott leider eine lahme Schindmähre vor den Wagen gespannt.« »Aber Stephan –«, tröstete ich. »Ja – eine Mähre – und jetzt steckt mein Wagen bis über die Räder im Schlamm –« Er machte wieder eine Pause, aber ich konnte sie nicht mehr zu einer Tröstung benützen. Denn urplötzlich kam mir etwas an den Kopf geflogen, schlug mir schmerzhaft an die Wange und kollerte nieder. »Nathan!« rief ich, indem ich mich nach dem Wurfgeschoß bückte. Es war eine getrocknete Birne. »Nathan!« wiederholte ich und schürzte die Aermel meiner Jacke auf. Aber der Feind ließ sich nicht blicken. Einen Augenblick stand ich verblüfft, dann lief ich zum Nachbarhause. Und da lehnte Nathan wirklich im Thorweg und blickte arglos vor sich hin. »Du hast das Ding geschleudert!« rief ich und stürzte auf ihn zu. »Geschleudert?« fragte er erstaunt. »Ich? Wer hat geschleudert? Was hat man geschleudert? Ich hab' nichts geschleudert!« »Du lügst!« rief ich und wollte ihn an den Wangenlöckchen fassen. Da streckte er ängstlich die Arme vor. »Lass' mich!« bat er. »Du weißt, ich prügle mich gerne – den ganzen Nachmittag will ich mich mit Dir herumschlagen. Aber jetzt – siehst Du nicht, wie ich angezogen bin?« In der That fiel es mir erst jetzt auf, wie festlich angethan er war. Nicht einmal am Sabbath ließ sonst Frau Esther Segenswunsch ihren Erstgeborenen solche Pracht entwickeln. Der Knirps trug einen langen Kaftan aus schwarzer Seide, mit einer Atlasschärpe derselben Farbe gegürtet, auf dem Haupte eine prächtige Pelzhaube, an den Füßen reich gestickte Pantoffel. »In einer Stunde ist meine Trauung,« erklärte er. Ich blieb einen Augenblick starr vor Staunen. »Du lügst,« wiederholte ich dann zornig und erhob die Fäuste. »Ich lüge nicht,« betheuerte das Bübchen. »Ich heirate unsere Köchin!« »Die Chane?« rief ich. »Die könnte ja Deine Großmutter sein!« »Das thut ja nichts!« erwiderte er überlegen. »Sie ist ja Witwe!« »So eine alte Braut!« rief ich verächtlich. »Das verstehst Du nicht, du Ungläubiger! Eben weil sie alt ist und einen Haufen Kinder hat! Eben deßhalb!« »Deßhalb!« »Ja! Mein Vater sagt, daß die Chane sehr gut dazu taugt. Ist arm, alt, hat unversorgte Kinder! Auch Leib der Schreiber sagt es, und der versteht doch gewiß Alles! Reb Mosche der Glaser hätte sie gleichfalls gern für seinen Ruben genommen. Aber weil sie bei uns dient, so heiratet sie mich!« »Aber warum – warum?« Er verstand die Frage anders. »Sie thut es ja nicht umsonst. Sie bekommt heute von meiner Mutter das Hochzeitskleid und vom Vater zehn Gulden. Und während unserer Ehe eine Zulage von zwei Gulden monatlich.« »Aber Du? – sie ist ja triefäugig – warum sucht man Dir nicht eine Junge?« »Eine Junge bekomme ich später,« sagte er stolz. »Eine Schöne, Reiche, Dicke – meine Mutter hat es mir versprochen.« »Und Du läßt Dich so foppen?« rief ich höhnisch, »Du Esel! man darf ja nicht zwei Frauen haben!« »Selbst ein Esel,« sagte er gelassen. »Ich werde ja nur wegen der »Gesere« (Verfolgung) mit der Chane getraut. Und wenn die »Gesere« vorüber ist, so werde ich natürlich gleich von ihr geschieden.« »Welche »Gesere«?« »Mit Dir kann man nicht reden! Weißt Du nicht, was in der Welt vorgeht? Der Moskal (Russe) ist auf uns bös und der Franzos und noch andere Kaiser. Es wird ein Krieg sein!« »Und darum –?« Er antwortete nicht mehr. In den Thorweg traten eben einige alte, festlich gekleidete Männer – die ersten Hochzeitsgäste. Nathan geleitete sie in's Haus. Wohl blickte er in der geöffneten Thür noch einmal nach mir um, aber nur, um mir die Zunge entgegenzustrecken. »Also Nachmittag!« rief er dann, ballte die Faust und verschwand. Ich blieb stehen und starrte auf die geschlossene Thür. Ein elfjähriger Bube macht sich nicht viele Gedanken über das Heiraten und hat sehr unklare Anschauungen über die Bedeutung dieses Schrittes. Auch war ich ja im Städtchen aufgewachsen und wußte, daß die Chassidim ihre Knaben bereits im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre zu verheiraten pflegen. Aber daß dieser kleine, blasse Knirps, dieser Gassenjunge – ich stand starr vor Staunen. »Es ist doch eine Lüge,« dachte ich. Aber da kamen immer mehr Gäste, und endlich wurde auch das rothseidene Tuch mit den Haltsäulen, der Trauhimmel, an mir vorbeigetragen, in's Haus hinein. Nun konnte ich nicht länger zweifeln und eilte heim, die unerhörte Nachricht zu verkünden. Auf der Steinbank am Thor saß noch der alte Stephan und spann murmelnd im Selbstgespräch sein pessimistisches System weiter aus. »Junger Herr,« seufzte er, »an meinem Wagen hält der Teufel die Zügel!« Ich erzählte ihm rasch meine Geschichte. »Ja, ja!« sagte er; »die Juden werden immer kecker, weil sie wissen, daß es der alte Herr (Gott Vater) noch immer heimlich mit ihnen hält.« Weiter nahm er keine Notiz davon. Auch meine Mutter war nicht überrascht; sie hatte die Sache bereits einige Tage vorher, anläßlich der Verlobung, erfahren. »Es ist ein Verbrechen,« sagte sie, »aber Dich geht es weiter nichts an.« »Ein Verbrechen?« fragte ich doch eifrig. Ich kannte nur Eine Sorte von Verbrechern, die Gefangenen des Bezirksamtes, welche in Ketten die Straßen fegen und Holz hacken mußten. »Wird Nathan auch Straßenkehrer werden?« »Der Bub' ist ja unschuldig,« sagte sie lächelnd; »die Verantwortung trifft nur den alten Luiser. Es ist unbegreiflich – der Mensch ist sonst so klug, so schlau, aber dieser Wahnsinn war ihm nicht auszureden. Dein Vater hat sich wahrlich genug Mühe mit ihm gegeben!« Meine Mutter hatte Recht: es war ein Wahnsinn. Aber nicht ein Wahnsinn des Einzelnen, sondern der Masse, der gesammten jüdisch-orthodoxen Bevölkerung des österreichischen Ostens! Wie viele und welche Ehen da im Frühlinge 1859 geschlossen wurden, gehört schlichtweg zu dem Unsagbaren; dies Unerhörte, Ungeheuerliche muß man mit eigenen Augen gesehen haben, um es zu glauben. Wer einen Knaben hatte, welcher das zehnte Jahr bereits überschritten, der suchte nach irgend einem ledigen Weibsbild und verheiratete ihn – um jeden Preis. Daß man fünfzehnjährige Knaben mit sechsjährigen Mädchen, achtzehnjährige Mädchen mit zehnjährigen Knaben vermählte, das war nichts Besonderes, das kam in jeder Gemeinde zwei Monate hindurch fast alle Tage vor. Sogar der Fall unseres Nathan, dessen Braut eine fünfzigjährige Witwe war, gehört noch nicht zu dem Seltsamsten. Je älter und gebrechlicher so ein armes, alleinstehendes Weib war, für je mehr Kinder sie sorgen mußte, desto höher stand ihre Hand im Preise. Man hat damals Paare zusammengekuppelt, wie sie die Sonne noch nie beschienen. Ueberhaupt hat diese alte Dame schwerlich bereits Tolleres auf Erden gesehen ... Und warum begab sich dies Alles? Die Antwort ist mit wenigen Worten gegeben. Als Österreich vom März ab energisch für den italienischen Krieg zu rüsten begann, da erlaubte sich irgend ein Mensch im Lande den bodenlos schlechten Witz, auszusprengen, daß Österreich diesmal genöthigt sein werde, als Reserve eine Knabenlegion zu bilden. Nur verheiratete Knaben werde man schonen und als befreit gelten lassen. Und dieser Scherz wurde ernst genommen und geglaubt, geglaubt von diesen sonst so klugen, scharfgeistigen, mißtrauischen Menschen! Dieses Factum muß dem Leser des Westens an der ganzen Historie entschieden als das Merkwürdigste und Räthselhafteste erscheinen. Zur Klärung desselben muß auf drei Dinge hingewiesen werden. Erstens haben die Juden des Ostens im Allgemeinen eine unsägliche Furcht vor dem Soldatenrock, und der bloße Gedanke daran macht ihnen das Hirn wirbelig. Es geschieht dies nicht blos aus Mangel an persönlichem Muth, obwohl natürlich auch dies Motiv bei einem sklavischen, seit Jahrhunderten unmenschlich behandelten Volke mitwirkt, sondern in erster Linie aus religiösen Gründen; wer Soldat wird, kann die Vorschriften bezüglich Speise, Tracht, Gebet, Heiligung der Festtage u.s.w. nicht mehr einhalten, hört also auf, rechtgläubiger Jude zu sein, und verliert somit den Anspruch auf die Freuden des Himmels. Ich habe die Anschauung, welche der Jude des Ostens vom Soldatenstande hat, und die Verwicklungen, die sich daraus für den Einzelnen und die Gesammtheit ergeben, in meiner Erzählung » Moschko von Parma « (2. Aufl. Stuttgart 1886) darzustellen versucht. Man vergleiche auch im vorliegenden Buche die Skizze: »Der Fehlermacher.« Gewiß ein entsetzliches Los in den Augen eines Volkes, welches nur um des Glaubens willen lebt und so wenig irdische Freuden kennt! Zweitens hatte wenige Jahre vorher in einem benachbarten Staate, in Rußland, eine solche Razzia auf Kinder thatsächlich stattgefunden. Czar Nikolaus hatte Tausende von jüdischen Knaben im Alter von acht bis vierzehn Jahren den unglücklichen Eltern entrissen und in die Militär-Colonien schaffen lassen »zum Zwecke militärischer Erziehung und zur Heranbildung einer wehrhaften Generation«. Bei der Solidarität der Juden hatten Alle wie eine einzige Familie das grauenvolle Leid mitgefühlt, welches Einzelnen widerfahren; Hunderte von flüchtigen Kindern aus Rußland lebten in Galizien, der Bukowina, Rumänien und Nord-Ungarn, einzig auf die Barmherzigkeit ihrer Glaubensgenossen angewiesen, aber auch von diesen genügend versorgt; der Schrecken war noch lebendig in den Gemüthern und – warum sollte Oesterreich nicht thun, was Rußland gethan? Hier wie dort ein absoluter Staat, hier wie dort grimmiger Judenhaß – der Unterschied zwischen beiden Staaten, der schärferen Augen immerhin auch während der allerschwärzesten und allergelbsten Reactionszeit sichtbar blieb, war diesen armen Menschen nicht klar! ... Endlich wirkte noch ein zufälliges, an sich sehr unbedeutendes Motiv mit, das tolle Gerücht glaubhaft zu machen. Gerade damals wurde nämlich ein Cadetten-Institut begründet oder erweitert, einige in Galizien stationirte Officiere und Beamte bewarben sich für ihre Söhne um Aufnahme in dieses Institut und erhielten dieselbe; man sah zuweilen in den Städten Galiziens einen solchen putzigen kleinen Krieger in neuer Uniform – Grund genug, daß sich die Juden sagten: »Seht, sogar christliche Knaben werden schon assentirt!« So erklärt es sich, warum mein elfjähriger Spielkamerad Nathan Segenswunsch sich erst am Nachmittag mit mir prügeln wollte, weil er vorher mit der alten Köchin Chane getraut werden mußte. Wie diese Trauung verlief und ob alle Anwesenden den nöthigen Ernst bei der feierlichen Handlung bewahrten, vermag ich leider nicht zu sagen, meine Mutter verbot mir strengstens, hinzugehen. Aus demselben Grunde mußte ich leider auch auf die Vergnügung am Nachmittag verzichten und seufzend aus dem Fenster zusehen, wie sich Nathan – wieder in seinem gewöhnlichen Costüme – auf dem Marktplatze herumtrieb und mir allerlei einladende Geberden machte. Meine Eltern mochten wohl fürchten, daß der Umgang mit einem verheirateten Knaben nicht eben günstig auf die Reinheit meiner Phantasie einwirken könnte. Ich glaube – mit Unrecht. Ich bin überzeugt, daß Nathan damals und in den nächsten Jahren nicht mehr von den Geheimnissen der Liebe und Ehe wußte, als andere Kinder seines Alters. Auch in seinem sonstigen Wesen änderte sich nichts, am wenigsten in seinen Beziehungen zu Chane. Als ich am Montag, also am Morgen nach der Hochzeit, zur Schule ging, scholl mir aus dem Thorwege des Nachbarhauses klägliches Geheul entgegen: die Köchin hatte eben ihren gestrengen Eheherrn auf das Knie gelegt und bearbeitete seine fleischigste Partie mit einem Stöckchen. »Ich werde Dir das Naschen abgewöhnen!« rief sie grimmig. Er hatte ihr aus der Küche ein Stück Zucker entwendet! Sie blieben eben trotz der traurigen Posse, zu welcher das heiligste Institut der Erde zwischen ihnen herabgewürdigt worden, genau dasselbe, was sie bisher gewesen: sie die alte treue Dienerin des Hauses und er das ungezogene Kind, das oft ihre knochige Hand zu fühlen bekam. Aehnlich erging es in den meisten dieser »Gesere«-Ehen. Oft genug sahen sich Braut und Bräutigam zum ersten- und zum letztenmal unter dem Trauhimmel. Eine halbstündige Posse also, die weiter keine Folgen hatte, sofern man es nicht als schwerwiegende Folge gelten lassen will, daß dadurch in den Augen von Tausenden und aber Tausenden die Ueberzeugung von der Ehrwürdigkeit eines solchen Bundes getilgt wurde. Aber dieser Satz bedarf einer Einschränkung, und davon später. Hier nur die Bemerkung, daß der tolle Rummel ungeschwächt bis in den Sommer jenes Jahres hinein währte. Die Hiobsposten aus der lombardischen Ebene vermehrten ihn sogar: nun, wo der Kaiser so viel erwachsene Soldaten verloren, werde er gewiß auch die Knaben recrutiren lassen! Endlich begann es an Frauen zu fehlen, und diese Noth haben erfinderische Hochstaplerinnen gehörig ausgenützt. So erzählte mir erst vor Kurzem ein verläßlicher Gewährsmann von einer Krakauer Hebamme, die damals im Lande umherzog und sich gegen eine Taxe von zwanzig Gulden Oesterreichischer Währung in jedem Städtchen mit einem andern Knaben trauen ließ. Natürlich gab sie sich überall für verwitwet aus. Das Stückchen soll ihr an die vierzig mal gelungen sein! Also nicht eine Bi-, Tri- oder Tetra-, sondern sogar eine Tessarakonta-Gamistin! Gewiß ein Ungeheuer, welches die ausschweifendste Phantasie nicht hätte erzeugen können. Nur das Leben wagt es, solche Erscheinungen vor uns hinzustellen! Erst der Friede von Villafranca rückte diesen unheimlich komischen Alp hinweg von der Brust der Bethörten. Wie es früher Trauungen geregnet, so hörte man nun überall von Scheidungen sprechen. Dies hatte, abgesehen davon, daß meistens im vorhinein eine Abmachung für diesen Fall getroffen war, auch sonst keine sonderlichen Schwierigkeiten, weil nach dem gegenwärtig unter dem Chassidim geltenden Gebrauch zur Scheidung kein ernstlicher Scheidungsgrund nöthig ist, ja nicht einmal der beiderseitige Wille, sondern nur die Entschließung des Mannes. Er hat der Gattin in Gegenwart zweier Zeugen unter Aussprechung einer bestimmten Formel den sogenannten »Get« (Scheidungsbrief) zu übergeben, und nimmt sie ihn an, so ist sie nach orthodoxer Ansicht rechtskräftig von ihm geschieden. Die Chassidim gehen so weit, nicht einmal vorzuschreiben, daß die Frau den Inhalt des Papiers kenne. Nimmt sie es in die Hand, so ist der Gatte aller Bande ledig; nur wenn Kinder aus der Ehe stammen, so haben diese Ansprüche an den Vater, nicht aber die Gattin. Diese gegenwärtig unter den Chassidim – wenn auch nur in Ausnahmsfällen – geübte Praxis steht bekanntlich mit der biblischen Satzung in keinem Widerspruche. »Wenn jemand ein Weib nimmt und ehelicht sie und sie nicht Gnade findet vor seinen Augen ..., so soll er einen Scheidebrief schreiben und ihr in die Hand geben und sie aus seinem Hause lassen« (5. Mose 24). Verboten ist nach mosaischem Gesetze nur, die Verstoßene, nachdem sie inzwischen eines Andern Weib gewesen, wieder zu ehelichen, während es einem Priester (Kohen) überhaupt verboten ist, eine geschiedene Frau zu heirathen. Hingegen nahm sich die rabbinische Tradition der Frauen kräftig an. »Das Heiligthum Gottes klagt, wenn eine Scheidung stattfindet,« sagt der Talmud und statuirt zur Erschwerung die Einwilligung der Frau, welche dieselbe mit lauter Stimme vor dem »Besdin« (dem aus drei Rabbinern zusammengesetzten Ehegericht) auszusprechen hat. Weigert sie sich und liegt kein religiöser Grund vor, so kann sie nur dann zur Scheidung gezwungen werden, nachdem hundert Rabbiner die Gründe des Mannes als triftig anerkannt. Doch ist diese letztere Bestimmung wohl sehr selten zur praktischen Ausführung gekommen. Gegenwärtig gilt unter den Juden in civilisirten Ländern, sie mögen sonst welcher Richtung immer angehören, die Einwilligung der Frau als unbedingt nöthig , auch kann von ihr die Initiative zur Scheidung ausgehen. Das Gleiche gilt unter den aufgeklärteren Juden des Ostens. Was nun speziell den »Chassid« betrifft, so sucht in der Regel auch er sein Weib durch gütliches Uebereinkommen zur Scheidung zu bewegen; ist dies vergeblich, so wählt er unbedenklich jenes oben erwähnte Mittel. Nimmt nun das Weib den Scheidebrief aus seiner oder seines Boten Hand in Gegenwart zweier Zeugen entgegen, so ist er frei und jeder weiteren Verpflichtung entbunden; die Einwendung der Frau, sie habe weder geahnt, noch ahnen können, was jenes Papier enthalte, gilt vor dem geistlichen Gerichte nichts und kann vor den weltlichen nur eben die Regelung der civilrechtlichen Folgen beeinflußen: die Rückgabe der Mitgift, etwaige Abmachungen des Ehevertrags bezüglich der Versorgung ec. Doch kommen solche Processe äußerst selten vor, hingegen ist der Fall gar nicht selten, daß die Frau die Absicht des Mannes wittert und so vorsichtig ist, die Annahme jedes Papiers zu verweigern! Dann freilich nützt ihm, da sie dazu nicht gezwungen werden kann, auch jenes Mittel nichts und er muß abermals den Weg friedlicher Verhandlung betreten. Auf den gleichen Weg ist die orthodoxe Jüdin gewiesen, wenn sie sich aus drückenden Ehebanden befreien will; ihre Klage vor dem »Besdin« kann wohl nur im extremen Falle des » matrimonium non consumatum « auf Erfolg zählen; in der Regel muß sie sich mit dem Gatten über die Ausstellung des Scheidebriefs gütlich vereinbaren. Verweigert er dieselbe, oder verweigert andererseits das Weib die Annahme des Scheidebriefs, so dauert die Ehe eben fort; hier weiß die Satzung keine Hülfe mehr! – Form und Inhalt des Scheidebriefs sind durch die Tradition streng geregelt. Derselbe muß auf einem rechteckig zugeschnittenen Pergament-Streifen mit Druckbuchstaben chaldäischer Form und in chaldäischer Sprache geschrieben sein, und darf nur zwölf Zeilen enthalten; die dreizehnte Zeile dürfen nur die Namens-Unterschriften der beiden Zeugen bilden. Auch der Inhalt ist bis in's kleinste Detail vorgeschrieben; ein Pünktchen zu viel oder zu wenig, eine verwischte oder radirte Stelle macht den »Get« ungiltig; die Frau ist dadurch so wenig gebunden, als wenn sie ihn nie berührt hätte. Warum es gerade zwölf Zeilen sein müssen, hiefür ist ebensowenig ein Grund auffindbar, als für die Bestimmung, daß der Brief in einer solchen Gemeinde geschrieben und ausgestattet sein muß, welche an einem fließenden Wasser liegt; die Uebergabe kann jedoch an einem beliebigen Orte erfolgen. Ausstellung und Übergabe müssen nicht an einem und demselben Tage erfolgen, wohl aber ist die Uebergabe nur dann rechtskräftig, wenn sie an jenem Tage erfolgt, der in der Urkunde genannt ist; dieselbe kann also im Voraus angefertigt werden, bleibt aber nutzlos, wenn der darin bezeichnete Tag keine günstige Gelegenheit zur Uebergabe bietet. Die Formel lautet: »Am (z.B. Montag) der Woche (folgt die hebräische Bezeichnung der Woche nach dem Sabbath, der sie einleitet), am (sechsten) des Monats (Adar) im Jahre (5642 = 1882) seit Erschaffung der Welt, wie wir hier zählen in der Stadt (Barnow), welche am Flusse (Sered) liegt und Brunnenwasser hat. Ich (Nathan) Sohn des (Luiser) heute ansässig in (Barnow), welche Stadt an dem Flusse (Sered) liegt und Brunnenwasser hat, mache Dich, Du Frau (Chane), die Du wohnst in der Stadt (folgt der Name des wirklichen Wohnorts der beiden Gatten, der ja mit dem, wo der Mann »heute ansässig« ist, nur dann identisch sein darf, wenn auch dieser faktische Wohnort an fließendem Wasser liegt,) und bis zu diesem heutigen Tage meine Ehefrau gewesen bist, gänzlich frei, los und ledig, also daß Du über Dich gebieten und schalten darfst und daß Dich jeglicher Mann, wer immer es sei, zur Ehefrau nehmen darf. Niemand soll Dir dies verwehren, von heute ab und in alle Zeit. So nimm denn von mir entgegen Rolle und Brief der Freiheit und der Scheidung nach dem Gesetze Mosis und Israels. (Folgen die Namen der beiden Zeugen.)« Der Brief kann an jedem Tage, den Sabbath ausgenommen, übergeben werden; auch bezüglich der Stunde besteht keine Beschränkung, doch sind die officiellen Gebetsstunden durch den Usus ausgenommen. Schließlich sei noch bemerkt, daß sogar bezüglich der Zusammenfaltung dieser Briefe eine feststehende Norm herrscht. Geht derselbe von einem Abkömmling des Priesterstandes aus, so wird er (die Schrift der zwölf Zeilen nach innen) zwölfmal fächerförmig zusammengefaltet, dann so zusammengeheftet, daß nichts von der Schrift sichtbar ist. Dies Letztere darf auch bei dem Brief eines Andern nicht vorkommen; er wird zu gewöhnlicher Briefform zusammengelegt, jedoch so, daß die freigebliebenen breiten Ränder über der Schrift zusammengeschlagen werden und diese letztere keinen Bug erleidet. Man sieht, die »Gesere«-Ehen konnten noch leichter getrennt werden, als sie geschlossen worden. Nur zuweilen ergaben sich Schwierigkeiten und führten komische Vorfälle herbei, sofern freilich überhaupt noch solche Thatsachen komisch genannt werden können, welche gleichzeitig den Einblick in so traurige Zustände eröffnen. Ich theile zwei solcher Fälle mit, weil sie auch sonst recht charakteristisch sind. Der Glasermeister von Barnow, Mosche Strisower, ein wohlhabender Mann, hatte einen Knaben von zwölf Jahren, Ruben. Aus der triumphirenden Mittheilung unseres Nathan wissen wir bereits, daß Mosche für diesen um die Hand der Köchin warb, aber von derselben aus Treue für ihre Herrschaft abgewiesen wurde. In seiner Noth mußte er endlich leider zu einer jungen, kinderlosen Witwe greifen, der Tochter des Schulklopfers, einem armen Weibe, welches froh war, auf diese leichte Art einige Gulden zu verdienen. Natürlich blieben beide Gatten in ihren elterlichen Häusern und sahen sich während der wenigen Wochen ihrer Ehe nicht anders, als vielleicht zufällig auf der Gasse, wie andere Bewohner einer und derselben Stadt. Als nun aber die »Gesere« zu Ende war und Mosche Strisower, wie früher verabredet, die Schwiegertochter in sein Haus lud, um da die Scheidung vorzunehmen, da lehnte Miriam die Einladung freundlich ab: sie habe keine Lust, sich scheiden zu lassen, auch gefalle ihr Ruben recht gut, und sie wolle geduldig warten, bis er zum Jüngling herangereift. Der alte Mosche schäumte vor Wuth, und obwohl er recht gut wußte, daß sich die Sache durch zwanzig Gulden würde gütlich begleichen lassen, so beschloß er doch, sein Ziel durch List zu erreichen. Er lud die Tochter zu einer Besprechung in sein Haus, hielt dabei jedoch den Sohn, den Scheidungsbrief und die Zeugen wohl vorbereitet im Hinterhalte. Ruben wurde dahin dressirt, sich unversehens heranzuschleichen und den Brief seiner Gattin in die Hand zu drücken. Miriam erschien, und die Unterredung begann sehr freundlich. Als aber die Frau den Knaben hinter dem Ofen hervorschleichen sah, da verschränkte sie die Arme ruhig auf dem Rücken und faltete die Hände fest ineinander. Ruben stand rathlos, Mosche wußte sich vor Wuth kaum zu fassen, indeß er dabei doch fortfahren mußte, gelassen zu reden. Da zog einer der geladenen Zeugen den Knaben beiseite und gab ihm den Rath, sich sachte hinterrücks an die Frau heranzuschleichen und ihr den Brief zwischen die Hände zu schieben. Behielt die Verblüffte das Dokument auch nur einen Augenblick lang in der Hand, so war ja die Aufgabe vollzogen! Die Frau that, als ob sie nichts bemerkte, und gab auf die süßen Reden des Alten süße Antwort – wie sie aber die erste Berührung des Papiers an ihrer Handfläche spürte, da wendete sie sich jählings um und gab dem Knaben eine so wuchtige Maulschelle, daß er in eine Ecke flog. Sie selbst lief rasch zur Thür hinaus. Natürlich erweckte diese mißglückte Scheidung ungemeine Heiterkeit im Städtchen, und da der Glasermeister auch sonst lebhaft wünschen mußte, seinen Ruben freizumachen, weil sich just Aussicht auf eine andere günstige Verlobung bot, so entschloß er sich, in den nun doppelt sauer gewordenen Apfel zu beißen und von Miriam die Annahme des Scheidungsbriefes zu erkaufen. Diese aber, gereizt und erbittert, steigerte ihre Forderungen dergestalt, daß Mosche endlich froh sein mußte, als sie sich mit zweihundert Gulden begnügte. Durch diese Summe wurde sie nun aber selbst eine »gute Partie« und heiratete bald darauf – einen jüngeren Bruder des Glasermeisters, mit dem sie denn auch glücklich und zufrieden lebte. Löste sich hier der Knoten durch das allmächtige Geld, so in dem andern Falle, der scheinbar verzweifelt lag, durch eine talmudistische Spitzfindigkeit. Einer der ärmsten Hausväter von Barnow, Reb Esra Bendiner, seines Zeichens »Melamid« (Lehrer) und Besitzer eines »Cheder« (Schulstube), welches jedoch nur von wenigen Kindern besucht wurde und kärglichen Ertrag abwarf, hatte einen sechzehnjährigen Sohn, Chaim, für den er bis dahin trotz aller Mühe keine Braut hatte auffinden können. Denn der arme Junge war kränklich, verwachsen, auch seine geistigen Gaben waren sehr gering. Wohl fungirte er angeblich in der Schule seines Vaters als »Belfer« (corrumpirt aus »Behelfer«, Unterlehrer), doch beschränkte sich seine pädagogische Mithilfe während der Lehrstunden darauf, den Buben vor Beginn ernster Proceduren, wie sie in solchen Anstalten sehr oft stattzufinden pflegen, die Höschen abzuziehen. Diese Fertigkeit schien den Vätern heiratsfähiger Mädchen vielleicht mit Recht nicht genügend, um ein Weib zu ernähren, und so wurde allmälig der arme Reb Esra mindestens nach Einer Richtung hin reich: an Körben, die er sich für seinen Sohn geholt. Als nun zudem die »Gesere« hereinbrach und er doppelte Anstrengungen machte, wuchs dieser Reichthum zum Ueberfluß. Wohl sah sein Chaim wahrlich nicht danach aus, um die Wehrkraft Oesterreichs durch sein Zuthun erheblich vermehren zu können, aber wenn andere Väter für zehnjährige Knaben zitterten, wie hätte Esra nicht für diesen Jüngling ängstlich sein sollen? In verzweiflungsvollem Brüten ging der alte Mann umher; er hatte ja kaum so viel, um das tägliche Brot und die tägliche Zwiebel erschwingen zu können, und so viel Geld, als nöthig war, um eine Braut zu miethen, hatte er vielleicht in seinem Leben nie beisammen gesehen, geschweige denn je besessen! Denn unter den Juden finden sich nicht blos die reichsten, sondern auch die allerärmsten Menschen der Erde, und von der Noth, welche in vielen Kreisen des östlichen Ghetto zu finden, kann kaum ein Wort die genügende Anschauung geben. So herrschte tiefer Jammer im Hause Bendiner; die Mutter, Frau Gittel, weinte sich die Augen aus, der blasse Chaim zitterte vom frühen Morgen bis zum späten Abend bei dem Gedanken an die Vertheidigung des Vaterlandes so stark, daß er nicht einmal seine einzige Fertigkeit ausüben konnte, und Reb Esra verwechselte aus Betrübniß in den Lehrstunden die verschiedenen Abschnitte der Thora und verlor allen Respekt bei seinen Schülern. Da ereignete sich plötzlich etwas, was den Bedrängten wie ein Wunder erscheinen mußte: der vornehmste Heiratsvermittler des Kreises, Herr Isaak Türkischgelb, den Esra gar nicht um seine Hilfe anzuflehen gewagt, weil dieser einflußreiche Mann nur reiche »Partien« zu arrangiren pflegte, erschien eines Tages in der Hütte des Melamid und warb um Chaim für die einzige Tochter eines wohlhabenden Schankwirthes bei Tluste. Die Hochzeit wolle der Vater der Braut bestreiten und stelle die einzige Bedingung, daß Chaim sofort nach der Trauung wieder nach Barnow zurückkehre und sich nie wieder bei seiner Gattin blicken lasse. Esra und Gittel stimmten freudig bei. Chaim hörte auf, vor Angst zu zittern, und zitterte vor Jubel. – »Ein Wunder!« rief die Familie wie aus Einem Munde. »Gott hat sich unserer Noth erbarmt!« Als sich Reb Esra jedoch nach der Zukünftigen seines Sohnes zu erkundigen begann, da wurde ihm freilich allmälig klar, daß die Sache nicht ganz so wunderbar sei, und endlich erschien sie ihm so natürlich, daß der Jubel in Jammer umschlug, Jener Schankwirth bei Tluste, Hirsch Wechselreiter, war wirklich wohlhabend, aber woher seine Schätze rührten, bewies sein Beiname, unter dem er in weitesten Kreisen verachtet war: »Roth Ganefel« (Rothes Diebchen), wovon sich das erste Wort freilich auf eine Eigenschaft bezog, für die er nichts konnte: die Farbe seines Bartes. Was aber gar seine einzige Tochter betrifft, so war dies Mädchen freilich schön, stark und kerngesund, aber sie war bereits vierundzwanzig Jahre alt geworden, ohne einen Gatten finden zu können, woran nicht ihr Vater, sondern sie selbst Schuld trug. Ihr Ruf war arg bemakelt. Das ist eine seltene Erscheinung im Familienleben der östlichen Juden, und sie strafen eine solche Ausschreitung hart, ja grausam. Die Eltern Chaim's stritten einen harten Kampf mit ihrem eigenen Herzen, endlich siegte die Zärtlichkeit für den Sohn; es schien ihnen doch leichter, über ihre Schwiegertochter zu erröthen, als den Sohn beweinen zu müssen. Einige Tage darauf holte Herr Türkischgelb die Familie in einer stattlichen Kutsche ab, die Ceremonie wurde im Hause der Braut vollzogen und darauf sofort die Rückfahrt angetreten. Im Städtchen hatten sie viel Hohn und Spott zu erdulden: Reb Esra schluckte auch diese Pillen schweigend hinab; als aber die »Gesere« vorüber war, da begann er darüber zu grübeln, wie diese schlimmen Bande zu zersprengen wären. Vor Allem versuchte er es mit Güte und machte dem biederen Hirsch einen verwandtschaftlichen Besuch. Der Schänker hörte ihn mit dem freundlichsten Lächeln an und wies dann stumm nach der Thür. Hierauf wendete sich Esra an den Rabbi und klagte auf Scheidung, weil die Frau sich weigere, in das Haus ihres Ehegatten zu ziehen. Aber der Schänker erklärte, sie werde dies mit Vergnügen thun, sofern nur Chaim sich ausweise, daß er sie ernähren könne. Das war jedoch nicht möglich, und die Klage wurde abgewiesen. Da sollte dem Melamid unvermuthet doch noch die Rettung kommen, und zwar aus dem Munde desselben Mannes, der ihm schon einmal wie ein Bote des Himmels erschienen. Er traf nämlich eines Abends bei einer fröhlichen Hochzeit mit dem einflußreichen Türkischgelb zusammen und machte ihm bittere Vorwürfe. »Ich begreife Euch nicht,« sagte dieser humoristische Mann, »es kann Eurem Sohne nur schmeichelhaft sein, daß seine Miriam Gittel sogar einigen christlichen Herren gefällt!« – »Was –?« rief Esra, und sein Antlitz strahlte. »Miriam Gittel, heißt sie wirklich so?« – Türkischgelb schaute ihn verwundert an. »Ihr werdet doch wissen, wie Eure Schwiegertochter heißt?« – »Miriam,« war die Antwort, »aber sie hat zwei Vornamen, sagt Ihr – o Gott! – Miriam Gittel ?« Der alte Mann zitterte vor jäher Freude. – »Ja!« erwiderte Türkischgelb verblüfft, »aber seid Ihr meschugge (verrückt)? Was kann euch das freuen?« Aber dieser gab keine Antwort mehr, er machte noch einen Freudensprung und rannte dann wie besessen zur Thür hinaus. In der That war nun sein sehnlichster Wunsch erfüllt. Die talmudischen Gesetze verbieten nämlich aus mystischen Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen würde, nicht blos, daß der Sohn denselben Namen erhalte wie der Vater oder die Tochter den Vornamen der Mutter, sondern sie stellen es auch als Ehehinderniß hin, wenn die Braut zufällig denselben Namen führt, wie die Schwiegermutter. Wird eine solche Ehe dennoch geschlossen, so ist sie ein Frevel, »schreit gegen Gott« und muß gelöst werden. Als daher Reb Esra am nächsten Morgen wieder vor dem Rabbi erschien, hatte er gewonnenes Spiel; auch seine Frau hieß »Gittel«. Nun nahm der Rabbi »um Gotteswillen« die Sache in die Hand, und als Hirsch Wechselreiter sich dennoch sträubte, da wurde ihm mit dem »Cherem« (Bann) gedroht, und er fügte sich. In drei Wochen war Chaim wieder frei. Luiser Segenswunsch hatte keine solchen Fatalitäten. Die alte, treue Dienerin stand selbst dabei, als der »Get« geschrieben wurde, und nahm das Document lächelnd aus den Händen des Knaben. Wenn ihr etwas dabei wehe that, so war es der Umstand, daß sie nun aus dem Hause mußte. Geschiedene Ehegatten dürfen nach rabbinischer Satzung nicht unter Einem Dache leben. Doch entließ sie Luiser reich beschenkt, und so löste sich die erste Ehe Nathan's in beiderseitiges Wohlgefallen auf. Auch die weiteren Ehen meines Spielgefährten verdienen eingehend geschildert zu werden. Sie sind fast alle mehr oder minder sonderbar und merkwürdig, aber wieder liegt das Sonderbare einzig in den Verhältnissen, keineswegs in den Individuen. Die einzige Eigenschaft, durch welche sich Nathan von dem großen Haufen unterschied, sein persönlicher Mut, spielt keine Rolle in diesen Geschichten. Als ich im Herbste 1859 zur lateinischen Schule abging, war der Knabe bereits wieder ledig, und als ich im nächsten Juli wiederkam, war weder in dieser Beziehung noch sonstwie eine Veränderung eingetreten. Er war noch immer ein wilder Range, der die stärksten Beinkleider binnen wenigen Tagen zu Schanden riß und mit Vorliebe barfuß lief. Auch hielt er an der Gewohnheit fest, mir getrocknete Birnen an den Kopf zu werfen, nur daß ich jetzt den Fehdehandschuh nicht mehr aufheben konnte, weil dies meine Würde als absolvirter Parvist – Parva oder Prima heißt in Oesterreich die unterste Gymnasialklasse – nicht zuließ. Auch im Juli 1861 fand ich ihn wieder in derselben Verfassung. Schon als Stephan mit mir ankam, lief der Junge, zerlumpt wie gewöhnlich, neben dem Wagen her. Als ich am Nachmittage auf den Marktplatz trat, rekelte er eben auf der steinernen Bank vor seinem Elternhause. Neben ihm saß ein blasses, krankes Kind, ein Mädchen. Wenigstens schienen die Glieder so zart und schwächlich wie die eines Kindes. Das Antlitz freilich zeigte so welke, gefurchte Züge, wie man sie an Zwergen findet. Neugierig besah ich mir die seltsame Erscheinung. Das Kind war offenbar krank – es blickte stumpf und trüb vor sich hin, und zuweilen überflog ein Zittern seinen Körper, als friere es trotz der drückenden Juligluth. Nathan bemerkte es, daß ich hinübersah, und kam langsam zu mir geschlendert. »Du Aff,« sagte er statt aller Begrüßung, »Du brauchst nicht so stolz zu sein, ich kann jetzt auch schon Deutsch lesen. Ganz gut – Du kannst mir das »Bürgerliche Gesetzbuch« aufschlagen, wo Du willst – ich kann es auf jeder Seite lesen. Verstehen kann ich noch nichts, aber mein Lehrer Leib sagt, daß ich auch das bald lernen werde, und was Leib sagt, das ist wahr.« »Nathan!« rief das Mädchen. Dieser that, als hörte er es nicht. »Nathan!« wiederholte die Kranke in ungeduldigem, weinerlichem Tone. Er zuckte die Achseln – »Wart',« sagte er zu mir und ging auf sie zu. »Führe mich hinein!« befahl sie kreischend. »Ich bin schläfrig! Warte nur, ich werde es der Mutter sagen, daß Du mich zweimal hast rufen lassen!« Er zuckte schweigend die Achseln, schlang den Arm um das Mädchen, hob es hinab und geleitete es hinein. Die Ärmste konnte sich offenbar nicht ohne fremde Hilfe bewegen. Er war gleich darauf wieder bei mir. »Wer ist das?« fragte ich. »Nun – unsere Surke!« (Diminutiv von Sarah.) »Aber wer ist sie?« »Meines Vaters Bruderstochter.« »Ist sie schon lange bei euch?« »Seit sechs Monaten.« »Ist sie krank?« »Hast Du's nicht gesehen? Sehr krank. Kann sich nicht rühren!« »Wie alt ist das Mädchen?« »Fünfzehn Jahre. Aber sie ist ja kein Mädchen.« »Sondern?« »Meine Frau!« »Du lügst!« Das Wort entfuhr mir ganz unwillkürlich. Die Kunde von seiner ersten Vermählung hatte mich seinerzeit nicht in so große Verblüffung versetzt, als diese letztere. Denn wohl war er nun dreizehnjährig, aber ich hatte die beiden letzten Jahre in einer andern Luft verbracht, in einer gebildeten deutschen Stadt, und so war mir jetzt klar, daß diese Ehe ein Frevel sei oder besser: ein schlichtweg unglaublicher Unsinn. Er lachte. »Nach Purim (Fastnacht) war die Trauung. Sehr lustig – die ganze Stadt war dabei. Nun, mein Vater hat es thun können. Die Surke hat zehntausend Gulden ...« »Hast Du sie deshalb genommen?« »Ich? Was habe ich dabei zu sagen gehabt? Mein Vater hat es befohlen.« »Aber ich hätte nicht gehorcht!« »Warum nicht? Mein Vater hat mir gesagt: ›Du wirst die Surke heiraten, weil sonst das Geld an Andere fällt. Du bist eben erst zwölf Jahre alt geworden, es kann Dir noch durch einige Jahre gleichgiltig sein, wer Dein Weib ist.‹ Da habe ich nichts weiter gesagt – wozu auch!« »Aber Deine Mutter hat Dir ja einmal eine Schöne versprochen?« »Die bekomme ich auch noch!« »So? Wirst Du Dich auch von der Surke scheiden lassen?« »Nein! Das geht ja nicht – mein Vater müßte ja sonst die Mitgift herausgeben! Aber sie wird bald sterben!« Ich wendete mich in höchster Entrüstung ab. Von da ab sprach ich durch einige Wochen kein Wort mehr mit dem Jungen. Die Sache verhielt sich übrigens nicht ganz so widrig und empörend, als sie mir damals erschien, obwohl immerhin widrig genug. Der Bruder des alten Luiser Segenswunsch, ein wohlhabender Handelsmann in Kolomea, war mit Hinterlassung einer einzigen Tochter gestorben. Diese, ein armes, mißbildetes Kind, war nun selbstverständlich die Erbin seines Vermögens. Ihre Mutter, obwohl bereits in vorgerückten Jahren und von abstoßendem Aeußern, fand gleichwohl bereits nach wenigen Monaten einen stattlichen Freier und vermählte sich mit ihm. Sie hatte nur sehr wenig eigenes Vermögen, aber der würdige Mann rechnete auf den baldigen Tod ihres Kindes, dessen gesetzliche Erbin sie dann war. Weil aber das arme Kind ihm nicht so bald, als er gehofft, den Gefallen erwies, zu sterben, so begann er es schlecht zu behandeln, und schließlich so empörend, daß die Sache ruchbar wurde und Luiser in Barnow davon erfuhr. Er reiste sofort nach Kolomea, entriß die unglückliche Surke ihrem Peiniger und brachte sie in sein Haus. Hier schaffte er ihr, soweit dies durch Geld und liebevolle Pflege möglich, ein behagliches Dasein, consultirte auch mehrere Aerzte und befolgte pünktlich ihre Anordnungen, obwohl ihm Keiner verhehlte, daß das kranke Mädchen durch die sorgsamste Pflege höchstens noch ein paar Monate am Leben erhalten, aber nicht wiederhergestellt werden könne. Er war aufrichtig darüber betrübt, verheiratete die Nichte aber doch gleich darauf mit seinem Nathan. Zahlreiche und merkwürdig verschiedene Motive bestimmten ihn zu diesem Schritte; er schlug da nicht weniger als vier Fliegen auf Einen Schlag. Erstlich befriedigte er die Rache an dem Peiniger seiner Nichte, indem er ihm seine Hoffnungen auf die Erbschaft vernichtete. Zweitens befriedigte er die eigene Habgier, indem er im Ehevertrage die gegenseitige Beerbung der Gatten festsetzte; drittens vollführte er in der That ein Werk der Barmherzigkeit, weil die unnatürliche Mutter bereits Schritte that, ihr Kind zurückzufordern, damit es in ihrem Hause und unter ihren Augen rascher zu Tode gefoltert werde; viertens glaubte er zum mindesten eine fromme That zu vollführen. Denn die Ehe ist nach der Ansicht des orthodoxen Judenthums so wohlgefällig, daß es fast eine Sünde ist, wenn ein fünfzehnjähriges Mädchen noch nicht vermählt ist. Uralte Traditionen, aus südlichen Ländern mitgebracht, wo die Menschenpflanze früher reift, mögen hier mit wirksam sein ... Daß es nicht die Habgier allein war, welche Luiser bestimmte, bewies die Behandlung, welche er der Kranken widerfahren ließ. Es geschah nicht blos, was ihr heilsam und von den Aerzten geboten war, sondern auch Alles, was sie wollte. Die arme, bedauernswürdige, unausstehliche Surke war die Gebieterin des Hauses und brachte Familie und Dienerschaft durch ihre Launen oft zur Verzweiflung. Da sie die Tage fast ganz verschlief, so fehlte ihr Nachts der Schlummer, und dann schrie und weinte sie so lange, bis ihr Wunsch erfüllt war; alle Hausleute mußten sich im hell erleuchteten Zimmer um sie versammeln und mit ihr plaudern oder jene Arbeiten verrichten, die sie anbefahl. Das kam so oft vor, daß sich Luiser bei den Nachbarn kaum noch darüber beklagte. Aber auch an außergewöhnlichem Vergnügen fehlte es ihm nicht. Da hörte die Nachbarschaft einmal urplötzlich um Mitternacht Tanzmusik im Hause ertönen, und als einige Neugierige eintraten, bot sich ihnen ein seltsames Schauspiel: in der festlich erleuchteten Stube drehte sich der alte, dicke Mann mit seinem Nathan im Tacte, daß ihre Gesichter glühten und die Kaftane nur so in der Luft flogen. Außer den Musikanten waren nur noch zwei Menschen in der Stube: Frau Esther Segenswunsch, welche den curiosen Sprüngen ganz melancholisch zusah, und Surke, die vergnügt in die Hände klatschte. Sie hatte sich urplötzlich erinnert, wie lustig es gewesen, als ihr Onkel bei ihrer Hochzeit umhergesprungen, und hatte eine Wiederholung des Schauspieles anbefohlen. Und Luiser hatte sich gefügt, »weil die Aufregung der Kranken sonst schaden könnte«. Ein andermal liefen Frau Esther, Nathan und die Köchin wie verzweifelt im Städtchen herum und kauften alles Geflügel zusammen, dessen sie habhaft werden konnten. Surke hatte den Entschluß ausgesprochen, künftig nur Hühnerleberchen zu essen, und nachdem sie durch zwölf Stunden jede andere Nahrung zurückgestoßen, mußten sich ihre Pfleger entschließen, den kostspieligen Wunsch so lange zu erfüllen, bis das Mädchen – oder richtiger: das junge Weib – selbst davon abkam. Das Schlimmste hatte wohl Nathan unter diesen Eigenthümlichkeiten seiner Cousine und Gattin zu erdulden. Er war ihr zur Gesellschaft zugetheilt, und daß er jeden ihrer Wünsche erfüllte, daran hatte ihn Luiser in seiner bestimmten, nicht mißzuverstehenden Weise gewöhnt. Da die Beiden die wenigen Tagesstunden, wo Surke nicht schlief, auf dem Bänkchen vor dem Hause verbrachten, so war ich oft Zeuge der Qualen, welche sie ihrem Gefährten anthat. Es war dem unruhigen Jungen schon Qual genug, wenn sie ihn stundenlang, oft in vertrackter Lage, regungslos neben sich hocken ließ, noch härter fiel ihm wohl die Art, wie sie ihn zuweilen beschäftigte. So sah ich einmal zu, wie er ihr Fliegen fangen mußte, welche sie dann langsam tödtete; war sie mit einer Fliege fertig, ehe er ihr eine neue zubringen konnte, so hielt sie ihm Mund und Nase zu, bis sich sein grünlichblasses Gesicht roth färbte. Ein andermal vergnügte sie sich damit, ihm die Haare auszuzupfen – eine Weile hielt er still, bis er plötzlich laut aufweinend ins Haus stürzte, während Surke ihrerseits auf dem Bänkchen ein Höllengezeter anhub. Der alte Luiser stürzte aus der Stube und trug sie unter zärtlichen Worten ins Haus zurück. Nach einer Weile trat Nathan kleinlaut mit rothgeweinten Augen vor die Thür. Da überwog mein Mitleid die einstige Entrüstung, und ich trat auf ihn zu. »Das mußt Du Dir nicht gefallen lassen,« sagte ich. Er zuckte die Achseln. »Meines Vaters Kantschu thut noch mehr weh!« sagte er seufzend. »Das braucht man doch von einer Frau nicht zu dulden!« sagte ich mit der Entschiedenheit eines erfahrenen Mannes. »Auch wenn sie krank ist ...« »Das versteht Du nicht,« erwiderte er. »Wäre sie nur meine Frau, so würde ich in einem solchen Falle sie prügeln, nicht sie mich. Aber die Sache ist ganz anders. Wir haben sie ins Haus nehmen müssen, weil sie meine Base ist und in Kolomea todtgeprügelt worden wäre. Wäre sie nicht mit mir verheiratet, so müßten wir doch Alles thun, was sie will, weil das ihr Leben verlängert. Nur bekäme dann noch obendrein ihr Stiefvater das Geld. So wenigstens bekommen wir es, wenn sie stirbt.« »Hoffst Du auf ihren Tod?« »Gott bewahre!« rief er überlaut. Dann sagte er ganz leise: »Oft kommt mir so ein Gedanke, aber der Vater hat es strenge verboten –« »Den Gedanken?« »Ja! Er sagt, für jeden solchen Gedanken muß ich nach meinem Tode ein Jahr in den »Gehenim« (Höllenräumen) sitzen. Und das wäre unangenehm, weil es dort furchtbar kalt ist ...« Nach der Vorstellung der »Chassidim« sind die »Gehenim« eisige, nachtdunkle Räume, in welchen der Verdammte unausgesetzt arbeiten muß. Gewiß eine charakteristische Anschauung für ein aus dem heißen, trägen Orient stammendes Volk. Als der Herbst hereinbrach und meine Ferien zu Ende gingen, erschien Surke nicht wieder auf dem Bänkchen. Sie lag immer fiebernd im Bette. Bald darauf erlöste sie der Tod von ihren Qualen. Im Sommer 1862 traf ich unseren Nathan nicht blos als Witwer wieder, sondern schon zugleich als glücklichen Bräutigam. »Nun endlich,« sagte er mir stolz, »bekomme ich eine solche Frau, wie sie mir die Mutter versprochen hat. Ein dickes, gesundes Mädchen. Sie hat zwar nur achttausend Gulden, ist aber von »Jichus« (vornehmer Abkunft): sie stammt von einem großen Rabbi. Hast Du nie von Reb Mendele Suchower gehört?« »Nein!« »Weil Du ein Ungläubiger bist! Das war ihr Urgroßvater. Ganz Polen ist noch heute voll von seinen Wundern. Mit dem deutschen Namen heißen sie Rosmarin. In Tarnopol wohnen sie, also in einer großen Stadt, sind aber doch die »koscherste« (frömmste) Familie!« »Wie hast Du Deine Braut kennen gelernt?« »Wie heißt: kennen gelernt?« Er schien sehr erstaunt über diese Frage. »Isaak, der »Schadchen« (Heiratsvermittler, nämlich der bereits erwähnte Türkischgelb), hat die Sach' ins Reine gebracht. Dann ist mein Vater hingefahren und hat sich das Mädchen angeschaut, und sie hat ihm sehr gut gefallen ...« »Aber wenn sie Dir nicht gefällt!« »Stuß!« (Unsinn) erwiderte er unwillig. »Gefällt sie meinem Vater, warum soll sie mir nicht gefallen? Bin ich klüger als mein Vater?« »Und wenn Du ihr nicht gefällst?« »Das ist mehr als Stuß,« schrie er, »das ist Verrücktheit. Ein Mädchen wird sich so was erlauben? Hat man je gehört, daß man ein Mädchen um seinen Willen fragt? Übrigens hat ja ihr Vater, Reb Srul, erst in voriger Woche Schabbes bei uns gemacht (den Sonnabend zugebracht) und große Freude an mir gehabt. Warum hätte er nicht Freude an mir haben sollen? Schau' mich nur an!« Ich lachte ihm ins Gesicht, mußte ihm aber dann doch zugestehen, daß er sich zu seinem Vortheile verändert. Nicht blos in der Tracht – er ging nun reicher, eben wie ein jüdisch-orthodoxer Elegant: in tadellosem Kaftan und mit sorglich gedrehten und eingeölten Wangenlöckchen – sondern auch in seinem Wesen. Er war ernster und gesetzter geworden, und die Prügelei, an welcher er sich zuletzt, vor wenigen Monaten, betheiligt, gereichte ihm keineswegs zur Unehre. Das war am »Purim«-Feste gewesen, wo die Juden ihre Freude über die Hinrichtung des schlimmen Haman durch Trinkgelage und Maskeraden zu feiern pflegen. Einen solchen festlichen Zug hatte auch Nathan arrangirt und war als König Ahasverus an der Seite seines jüngeren Bruders, welcher die Esther vorstellte, würdevoll einhergeschritten, als plötzlich einige christliche Lehrjungen aus dem Hinterhalte hervorbrachen und auf die maskirten Knaben einzuhauen begannen. Haman, Esther und das Gefolge ergriffen unter durchdringendem Jammergeschrei die Flucht, Ahasverus aber hielt Stand und gebrauchte sein Scepter so wacker, daß die Angreifer von ihm abließen. Das imponirte in weiteren Kreisen, und Herr Thaddäus Williszewski, der Schöngeist von Barnow, sagte kurz darauf bei einer Soirée, welche die Frau Bezirksrichterin gab: »Meine Damen! – auf Ehre! – ich möchte gewiß alle Juden ausgerottet sehen – aber dieser kleine Nathan – ein Judas Makkabäus – auf Ehre.« Und seitdem wurde der älteste Sprößling des Hauses Segenswunsch von allen »Gebildeten« in Barnow nur mit diesem Kriegsnamen genannt. Er sah aber doch noch immer recht klein und unansehnlich aus, und wie das Bürschchen so protzig vor mir stand, kam mir unwillkürlich die Frage auf die Lippen: »Wie alt ist Deine Braut?« Er wurde verlegen. »Ich weiß es nicht ganz genau,« sagte er dann zögernd. »Also beiläufig?« »Beiläufig siebzehn Jahre.« Und dann fuhr er rasch und trotzig fort: »Ganz genau: achtzehn Jahre! Du darfst aber deßhalb nicht glauben, daß ein Makel an ihr ist.« Diesen Beisatz mochte er für mich, bei dem er trotz der »Ungläubigkeit« einige Kenntniß der Verhältnisse voraussetzen mußte, nicht für überflüssig halten. Das Befremdende lag übrigens nicht in dem Umstande, daß sie älter war, als der Bräutigam, sondern darin, daß sie, »dick, gesund, mit achttausend Gulden Mitgift« und noch obendrein die Urenkelin eines Mannes, von dessen Wundern »Polen noch voll war«, bis in ihr achtzehntes Jahr hinein unvermählt, ja unverlobt geblieben! »Hm!« sagte ich, »sie wird vielleicht gar nicht so dick sein oder es ist sonst etwas nicht in der Ordnung!« »Du!« rief er drohend und ballte die Fäuste. »Alles in Ordnung!« rief er. »Und für ihren Bruder kann sie doch nichts!« »Was ist's denn mit ihrem Bruder?« »Er ist ein »Apokoiris« (Abtrünniger),« erwiderte Nathan grimmig. »War noch vor acht Jahren ein ganz braver Mensch, ein gelernt Jüngel, fromm und still, die »Schadchonim« (Heiratsvermittler) haben sich die Füße abgelaufen um ihn. Aber mein Schwiegervater Reb Srul hat immer gesagt: »Wer meinen Hirsch zum Eidam will, muß ihn mit Gold aufwiegen!« Aber wie das Jüngel siebzehn Jahre alt wird, verwirrt Gott seinen Verstand und er geht zu seinem Vater und fängt an zu reden von der neuen Zeit und von Bildung und daß er will studiren auf einen Doctor. Da erschrickt Reb Srul und rauft sich den Bart und fängt an zu weinen. »Hirschleben,« weint er, »das wär' ja die größte Schand' und das größte Unglück, wenn der Urenkel von Reb Mendele Suchower möcht tragen einen deutschen Rock und »trefe« essen und am Sabbath Recepten schreiben! Hirschleben, thu' mir das nicht an!« Schweigt das Jüngel und sagt dann: »Vater, weine nicht, ich werde nie etwas Schlechtes thun!« Ist Reb Srul wieder getröstet. Aber drei Tage darauf ist Hirsch weg gewesen – nicht im Haus und nicht in Tarnopol – als wär' er in die Erd' gesunken. Srul läuft herum, die Gemeinde läuft herum, die Gendarmen laufen herum – Alles umsonst. Da hört man auf einmal: Hirsch sitzt in Lemberg und studirt die »Gumnasia« und tragt einen kurzen Rock. Reb Srul reißt sich die Haut vom Leib: » Mein Sohn ein Tatsch« (Deutscher, Aufgeklärter) und fährt nach Lemberg. Wie trifft er Hirsch? In einem Bodenzimmer, im größten Elend, mit noch drei anderen solchen Studenten. »Vater,« sagt er, »es ist alles Reden umsonst – ich bleibe hier. Denn hier thu' ich glücklich sein, und nach Jahren komme ich wieder!« Da sagt Reb Srul: »Ich hab' keinen Sohn mehr« – und geht. Mein Schwiegervater ist ein eiserner Kopf, er hat sein Wort gehalten durch alle die acht Jahre, die seitdem vergangen sind. Anfangs sind noch Briefe gekommen, aber obwohl sie verzahlt waren, hat er sie doch nicht angenommen. Nur von fremden Leuten hat man gehört, daß Hirsch nach Wien gefahren ist, und jetzt schneidet er dort – Gott soll uns bewahren! – Todte auf und heißt Heinrich. Wenn man aber sagt, daß er sich hat taufen lassen, so ist das eine Lüge – nur unsere Feinde sprengen das aus. Es ist ja ohnehin bitter genug, einen solchen Schwager zu haben, und deßhalb hat auch Reb Srul bisher keinen Bräutigam finden können für seine Malke. Aber mein Vater hat gesagt: »Das ist ein Unglück und keine Schande, und Reb Srul bleibt doch immer der Enkel vom großen Suchower Rabbi, und es ist mir eine Ehre, sich mit ihm zu verbinden.« Und so sind die »Tnoim« (Verlobungsbriefe) ausgetauscht worden, und in vier Wochen ist in Tarnopol die Hochzeit.« »Und bleibst Du in Tarnopol?« »Nein!« »Also werdet ihr hier wohnen?« »Ja!« Er wurde sehr verlegen, und sein Gesicht färbte sich hochroth. »Das heißt – ich. Aber sie bleibt noch zwei Jahre bei ihrem Vater. Man sagt – ich bin noch zu jung. Aber,« sprang er rasch auf ein anderes Thema über, »weißt Du – ich kann schon die deutschen Gesetze verstehen ...« ... Bald darauf reiste die ganze Familie Segenswunsch in Begleitung des Herrn Türkischgelb zur Hochzeit nach Tarnopol. Luiser bewies da, nebenbei bemerkt, wirklich einige Vorurtheilslosigkeit. In den orthodoxen Kreisen des östlichen Judenthums herrscht noch immer der größte Abscheu gegen das Studiren, weil es dem Glauben entfremde. Kann sich eine solche Familie vollends der Verwandtschaft mit irgend einem Wunderrabbi oder sonstigen frommen Gauner rühmen, so wird Alles aufgeboten, um den »Bethörten« zu bekehren, und gelingt es nicht, so ist er für seine Angehörigen todt. Mancher Wiener Mediciner aus Galizien und Ungarn, welcher sich überaus mühselig durchbringt, ist der Sohn vermöglicher Eltern und könnte daheim als Wucherer oder Talmudist in Kaftan und Pantoffeln ein sehr behagliches Leben führen. Statt dessen leidet so ein armer Mensch einsam und verlassen, nur von seinem eigenen Wissenstriebe aufrechterhalten, in der Großstadt Hunger und Kälte und denkt doch nie reuig an die Fleischtöpfe der Heimat zurück. Ach ja, diese Juden sind doch ein seltsames Volk! ... Ich konnte in jenem Jahre die Rückkunft des Vermählten nicht abwarten. Aber um so ausführlicher berichtete er mir im Sommer 1863 von der Pracht der Hochzeit und der Schönheit seiner Gattin. Sogar poetisch wurde er dabei. »Malke heißt sie,« rief er, »und eine Malke ist sie. (Das Wort heißt hebräisch: Königin.) Ihr Haar ist wie die Nacht und ihr Gesicht ist wie der Tag! Und ihre Stimm' – wie eine Flöt' ...« »Habt ihr viel mit einander gesprochen?« »Viel nicht; vor der Trauung hat es sich nicht geschickt, und nach der Trauung sind wir auch nie allein gewesen. Weißt Du – ich hab' mich geschämt, weil ich noch so jung bin ... Aber geredet haben wir doch – natürlich! Sie hat mich gefragt: »Ich höre, daß Ihr Deutsch lesen könnt, Nathan, ist das wahr?« – »Natürlich,« sag' ich. – »Und was habt Ihr gelesen?« fragt sie. – »Die Fibel,« sag' ich, »und das Lesebuch und das bürgerliche Gesetzbuch, und jetzt werde ich noch das Strafgesetz lesen.« – »Sonst nichts?« fragt sie. – »Was sonst?« frag' ich erstaunt. Hat sie geschwiegen; dann frag' ich: »Könnt Ihr Deutsch lesen, Malke?« – »Ja,« sagt sie. – »Wozu?« frag' ich. Was braucht Ihr die Gesetze?« Hat sie wieder geschwiegen ...« »War das Alles?« »Alles?« »War sie heiter?« »Ich weiß nicht ... aber warum soll sie nicht heiter gewesen sein?« »Hast Du sie geküßt?« »Nein!« sagte er erröthend. »Ich hab' nicht den Muth gehabt. Auch waren ja immer Leut' da. Aber sie kommt nächstens mit ihrer Mutter hieher, uns zu besuchen, und da werd' ich mir den Muth fassen.« Ob er seine Absicht verwirklichte, weiß ich nicht, vermuthe jedoch das Gegentheil. Denn als Malke mit ihrer Mutter kam und mit dem Gatten die obligaten Besuche machte, wagte er es kaum, den Blick zu erheben, geschweige denn, sie anzureden. Es war ein sonderbares Paar und ein größerer Contrast kaum erdenkbar – der blasse, unreife Knabe neben dem neunzehnjährigen, herrlich erblühten, jungfräulichen Weibe! Malke war sehr schön – auch jetzt noch, da sie statt ihres natürlichen Haarschmuckes einen »Scheitel« aus Seide trug – ihr Haar war bei der Vermählung nach der barbarischen Sitte der Orthodoxen unter der Scheere gefallen! Es war wohl kohlschwarz gewesen, man sah es an den Augenbrauen, deren Farbe seltsam mit dem tiefen Blau der Augen kontrastirte. Solche Augen trifft man selten unter den Frauen dieser Race; im Uebrigen repräsentirte Malke den Typus der östlichen Jüdin, aber den Typus in seiner reizendsten Verkörperung. Nach Einer Richtung blieb sie entschieden hinter dem Schönheits-Ideal ihres Volkes zurück; sie war nicht dick, nicht einmal voll, sondern von strengstem Ebenmaß der Formen. Schon die äußere Erscheinung gewann ihr Aller Herzen, noch mehr die Art, wie sie sich in ihre, im Grunde lächerliche Situation an der Seite dieses Gatten fügte; sie benahm sich mit freundlicher, ruhiger Sicherheit; nur zuweilen, wenn Nathan eine Bemerkung hervorstotterte, wie sie seinem Alter und seiner Anschauungsweise entsprach, preßte sie die Lippen fest aufeinander, und ein Schatten überflog ihre schöne Stirne. Sie gab sich so bescheiden als möglich, gleichwohl hörte man es ihren Antworten, ihrer dialektfreien Aussprache an, daß sie sich einige Bildung erworben. Meine gute Mutter faßte gleich bei der ersten Begegnung tiefstes Mitleid mit dem armen, schönen Opfer einer barbarischen Convenienz, und Malke mochte dieses Wohlwollen rasch herausgefühlt haben, denn sie verbrachte während der wenigen Tage ihrer Anwesenheit manche Stunde bei uns. Ich war selten dabei, und dann erzählte Malke auch nur Gleichgiltiges, doch hörte ich einmal ohne mein Zuthun durch die dünne Thür die Bruchstücke eines Gespräches, welches mich sehr interessirte. Ich konnte nicht verstehen, was das junge Weib heftig, hastig, mit thränenerstickter Stimme erzählte, hörte aber zwischendurch die tröstende Stimme meiner Mutter: »Dann kann ja noch Alles gut werden! Sie haben ja noch ein volles Jahr Frist, da kann sich Vieles wenden! Ich bin überzeugt, daß sich in Ihrem Vater die Stimme des Herzens regen wird, wenn Ihr Bruder nach so langer Zeit wieder heimkehrt. Und dieser wird Ihnen dann eine Stütze sein in dem harten Kampfe, den Sie freilich werden bestehen müssen! Ihres Adolph sind Sie sicher?« – »Ja!« rief Malke laut, fest, freudig. – »Dann weinen Sie nicht länger, mein Kind!« schloß die alte Frau. »Gott wird das Vertrauen Ihres starken, treuen Herzens nicht zu Schanden werden lassen!« »Wer ist Adolph?« dachte ich neugierig, mochte aber meine Mutter nicht fragen. Noch weniger natürlich den Herrn Gemahl. Ich sollte es aber doch erfahren, und nicht in allzu langer Zeit. Im nächsten Frühlinge erhielt ich in Czernowitz einen Brief meiner Mutter, und darin stand als Nachschrift: »Das Neueste aus Barnow ist, daß die Ehe zwischen Nathan und der schönen Malke wieder getrennt wurde. Es ist Alles im Frieden abgegangen und rascher, als man hätte glauben sollen. Malke heiratet einen Mann, der ihrer würdiger ist, einen jungen Arzt, Dr. Adolph Goldberger.« Bei meiner Heimkunft erfuhr ich die näheren Umstände. Dr. Goldberger war der Sohn eines gebildeten Mannes in Tarnopol. Er hatte schon als Student eine tiefe Neigung zu der schönen Tochter des frommen Srul Rosmarin gefaßt und war auch heimlich für ihre Bildung thätig gewesen. Gegen ihre Vermählung hatte er, selbst noch Student, freilich nichts thun können, ebensowenig sein Freund und College Heinrich Rosmarin, obwohl dieser stets in heimlichem Briefverkehre mit der Schwester gestanden. Erst als Adolph sein Doctorat gemacht, hatten Beide handelnd eingegriffen. Zuerst erschien Heinrich plötzlich wieder im Hause seines Vaters, und die jähe, so lange vermißte Freude seines Anblicks machte den alten Vater weich und ließ ihn seinen Fanatismus niederkämpfen. Und dann gelang es auch, ihn für die Verbindung seiner Tochter mit dem »Deutschen« zu gewinnen. Er selbst leitete die Verhandlungen mit Luiser Segenswunsch. Sie waren sehr langwierig und kamen erst zu einem Resultate, als Reb Srul schweren Herzens auf die Rückgabe der Mitgift Verzicht leistete. Auch mein einstiger Spielgenosse faßte die Sache nicht sentimental auf. »Malke hat mir sehr gut gefallen,« sagte er mir, »und darum hätte ich in die Scheidung unter keiner Bedingung gewilligt, wenn sie auch sonst zu mir gepaßt hätte. Aber ich habe mich immer vor ihr gefürchtet, sie war so stolz, und dann habe ich auch schöne Geschichten von ihr erfahren! Schöne Geschichten – Gott soll alle jüdischen Kinder davor bewahren. Weißt Du, was sie schon als Mädchen gethan hat und dann später, wie sie schon mein angetraut Weib war?!« »Gewiß nichts Schlechtes!« rief ich unwillig. »Schlechtes? – Verbrechen! Sie hat deutsche Bücher gelesen, schlechte Bücher, in welchen die »Liebe« beschrieben ist, und andere solche schamlose Sachen. Ich hab' auch gewußt, wie solche Bücher heißen ...« »Romane?« fragte ich. »Ja – Romanen! Vielleicht zehn Romanen hat sie als mein Weib gelesen! Wie ich das gehört hab', hab' ich meinem Vater gesagt: »Ich brauch' ein ehrlich jüdisch Weib und keine solche Person. Kann ich die Mitgift behalten, so ist es gut, denn ich will nicht zwei Jahr umsonst ihr Narr gewesen sein, wenn nicht – auch gut – aber jetzt will ich endlich ein Weib, mit dem ich wirklich verheiratet bin.« Nun – mein Vater hat die Sache so gerichtet, daß ich das Geld behalte – desto besser! Und jetzt sucht mir Isaak der Schadchen ein wirklich frommes Kind!« Dieser einflußreiche Mann löste seine Mission in der That binnen kurzer Frist glücklich und zu beiderseitiger Zufriedenheit. Im Winter 1864 feierte der sechzehnjährige Nathan seine Vermählung mit einem gleichaltrigen Mädchen aus der Kreisstadt Zalesczyki. Sie hieß Taube und machte ihrem Namen keine Unehre – ein blondes, hübsches, sanftes Geschöpf, welches keinen anderen Willen hatte, als den ihres Eheherrn. Doch nützte dieser seine Überlegenheit in keiner Weise aus; er und seine Eltern behandelten das kleine Frauchen mit überströmender Sorgfalt und Güte. Sie vergalt dies, so gut sie konnte; es war eine stille, glückliche Ehe, und da bei der Anschauung jenes Kreises Niemand in Barnow an der Jugend der Beiden Anstoß nahm, so sprach auch in der ersten Zeit Niemand von der vierten Frau des Nathan. Später freilich begannen die Leute zu flüstern und mitleidig den Kopf zu schütteln. Der junge Ehemann, obwohl ihm sein Getreidehandel reichen Gewinn abwarf, ging betrübt umher, der alte Luiser betete daheim und in der »Schul« inbrünstiger als je, und die arme Taube hatte oft rothgeweinte Augen. Es kam dies nicht daher, weil Unfrieden, Abneigung oder gar Untreue in die Ehe gekommen. Die Beiden hatten sich bei der Verlobung zum ersten- und unter dem Trauhimmel zum zweitenmale gesehen; sie hatten sich erst kennen gelernt, als sie aneinander gekettet waren, aber mit keinem Hauch waren sie von der Idee berührt, daß dies anders sein könnte oder müßte. Sie waren nun einmal verheirathet und schickten sich ineinander, und Jedes bestrebte sich ehrlich, nur das Gute an dem Andern zu sehen, nicht das Schlimme. »Seltsames Weben in der Seele eines Volkes!« habe ich vor Jahren über die Juden-Ehe geschrieben. »Auf die Gottheit und allein auf diese überträgt es alle Glut und Sinnlichkeit seines Herzens und seines Geistes. Demselben Volke, welches einst das hohe Lied gedichtet, den ewigen Hymnus der Liebe, und die Geschichte der Ruth, die schönste Idylle der Weiblichkeit, demselben Volke ist in der tausendjährigen Nacht, Bedrückung und Ruhelosigkeit die Ehe ein Geschäft geworden, geschlossen, um Geld zu erwerben und um die Auserwählten Gottes nicht aussterben zu lassen. Und sie ahnen nicht einmal den entsetzlichen Frevel, der darin liegt!« Von diesen Worten habe ich auch heute nichts zurückzunehmen. Aber hinzufügen muß ich, daß die Reinheit des Familienlebens nicht darunter leidet. Es gibt selten so treue Gatten und gewiß nirgendwo so zärtliche Eltern, als unter den polnischen Juden. Das wird bei der unwürdigen Art, in der die Ehen geschlossen werden, dem Leser des Westens wie ein Rätsel erscheinen. Die Lösung ist leicht. Dieselbe, sagen wir patriarchalische Sitte, welche die Wahl des Bräutigams oder der Braut nicht dem eigenen Herzen, sondern der Einsicht der Eltern überläßt, dieselbe Sitte gebietet es auch dem Gatten, die Gattin zu ehren, zu pflegen, zu schützen. Sie zwingt zu dem Ersteren, aber auch zu dem Letzteren. Und ferner: derselbe Druck von Außen, welcher alles Sinnen auf den Erwerb concentrirt und darum auch die Heirathsfrage zu einer Geldfrage macht, derselbe Druck hat auch das Band der Familie unzerreißbar fest gemacht. Außer der Glaubenskraft seines Herzens hat der Jude der Verfolgung von Außen her die Macht des Geldes und die Reinheit seiner Sitten entgegengesetzt, und – er hat sie überdauert. Nicht deßhalb also ist die derzeitige Art der Eheschließung und Ehelösung im Judenthum verwerflich, weil sie etwa Unsittlichkeit herbeiführt. Nirgendwo ist Ehebruch seltener als im Ghetto des Ostens. Aber aus anderen Gründen ist diese Erscheinung höchst betrübend. Daß der Jude des Ostens baldmöglichst zum Bewußtsein seiner Menschenwürde gelange, daß er mit eigener Hand die Binde von seinen Augen reiße, welche eine harte Zeit um sie gelegt – das ist die höchste Frage, um die es sich derzeit im Culturleben des Judenthums handelt. Und darum, im Interesse dieser Entwicklung, muß eine Anschauung bekämpft werden, welche ihm eine Handlung, in der er sich nach ethischen Gesetzen die Freiheit und Würde eines Individuums äußern sollte, zu einem Handelsvertrag macht. Daneben haben natürlich diese Ehen zwischen unreifen Jünglingen und Mädchen, welche obendrein nicht nach den Gesetzen der natürlichen Zuchtwahl, sondern nach fremdem Willen geschlossen werden, auch eine traurige physiologische Folge; die Rasse degenerirt! Das sind wahrlich Gründe genug, um eine Aenderung lebhaft wünschen zu lassen, aber wie kann, wann wird es anders werden?! Erst dann, müssen wir antworten, wenn sich dereinst die Juden im Osten entnationalisirt und europäischer Bildung erschlossen; partiell ist dies Symptom so wenig zu beheben, wie irgend ein anderes! Jener Prozeß der Entnationalisirung wird sich vollziehen; aber wann er sich vollziehen wird, liegt nicht allein in der Macht und dem Willen der Juden, sondern hängt noch weit mehr von der Cultur-Entwicklung jener Völker ab, unter denen sie leben. Doch habe ich diese Anschauung an anderer Stelle dieses Buches so nachdrücklich verfochten, daß ich sie hier nicht weiter zu begründen habe. So bleibt es dem Menschenfreunde nur übrig, sich bis dahin mit dem einen Troste zu begnügen, daß weder diese geschäftsmäßige Schließung der Ehen, noch ihre rasche Lösbarkeit der Volksseele jene Makel aufgedrückt, die an sich so begreiflich wären. So wäre es z.B. wahrlich nicht verwunderlich, wenn wir da in jeder Gemeinde einem wirklichen und wahrhaftigen »Blaubart« begegneten – oder gar mehreren! Wollte der Jude des Ostens seine Sinnenlust nach dem alten Recepte: » variatio delectat « befriedigen, so stünde ihm die Satzung nicht entgegen, er könnte sich allmonatlich eine andere Jungfrau rechtmäßig antrauen lassen; ein »Get« ist ja leicht geschrieben und nicht allzuschwer eingehändigt. Aber was die Satzung nicht verbietet, verhindert die Sitte, die moralische Empfindung des Volkes. Mir ist kein solcher Fall aus eigener Anschauung bekannt geworden, auch vom Hörensagen weiß ich nichts davon zu berichten. Nur in der »St. Petersburger Zeitung« vom Sommer 1869 fand ich in einem Artikel über das Eheleben der polnischen Juden die Thatsache angeführt, daß ein jüdischer Schuhmacher, Chaim, mit dem Beinamen »Cholewka« (Schäftchen) »nicht weniger als dreißig Frauen nach einander geheirathet habe.« Dieser jüdische »Blaubart«, fügt der Verfasser hinzu, »welcher ein unstetes Leben führt und sich noch in den besten Jahren befindet, soll das Maß seiner Sultanslaunen noch nicht gefüllt haben.« Ich bezweifle die Richtigkeit der Angaben nicht, betone aber, daß es sich hier um einen unerhörten Ausnahmsfall handelt. In der Regel findet sich im polnischen Ghetto, wenn überhaupt, dann nur jene ungefährliche Spezies des »Blaubart«, die unser Nathan repräsentirt. Kehren wir zu ihm und seiner Taube zurück. Wenn sich ihr Eheglück allmälig trübte, so lag der Grund nicht darin, weil sie einander nicht frei gewählt, sondern weil der Hauptzweck ihrer Verbindung nicht erfüllt wurde: sie blieben kinderlos. Nun sind Kinder dem orthodoxen Juden nicht blos ein Glück, sondern ein Verdienst vor Gott, eine kinderlose Ehe also nicht blos ein Unglück, sondern eine Sünde. Schon als das erste Jahr verstrichen war, wurde Luiser unruhig; als auch das zweite nicht den gehofften Segen brachte, wurden auch die jungen Eheleute von tiefer Trauer ergriffen. Die Aerzte riethen das und jenes. Taube reiste nach Dorna Watra, dem Franzensbad des Ostens. Als aber auch das dritte Jahr verstrich und die Aerzte keinen weiteren Rath wußten, fuhr Frau Esther mit ihrer Schwiegertochter nach Sadagora, zum Wunderrabbi. Dieser fromme Gaukler ist ja diesen verblendeten Menschen in allen Dingen die höchste Instanz, und darum, meinen sie, vermag auch sein Segen unfruchtbare Frauen fruchtbar zu machen. Er erhielt ein schönes Geschenk und sprach darum über das blasse, traurige Weib einen sehr kräftigen Segen – aber es nützte nichts. Nathan harrte noch zwei Jahre, dann gab er dem Drängen der Verwandtschaft nach. Taube erhielt mit dem Scheidungsbrief ihre Mitgift wieder und kehrte in das Haus ihrer Eltern zurück. So stand Nathan im Alter von einundzwanzig Jahren, nachdem er vier Frauen unter den Trauhimmel geführt, wieder unbeweibt und noch immer kinderlos da. Der Vater drängte zu einer neuen Verbindung, und Nathan war nicht abgeneigt. Nach wenigen Monaten vermählte er sich wieder. Von dieser Ehe ist nur wenig zu berichten und nur Gutes. Als ich im Jahre 1875 nach Barnow kam, zeigte mir mein einstiger Spielgenosse stolz seine Häuser und Fruchtschober, noch stolzer sein üppiges, gesundes Weib, am stolzesten aber seine drei Jungen. »Gottlob! ich werde das halbe Dutzend nicht voll machen,« sagte er mit fröhlichem Lachen, als ich ihn an den Tag seiner ersten Hochzeit erinnerte. In der That sah Frau Rachel aus wie das liebe Leben. Nun, der Leser weiß, daß es leider anders gekommen. Das halbe Dutzend ist voll. Möge es dabei bleiben! Ich schließe. Nicht jeder orthodoxe Jude in Galizien führt so viele Frauen nach einander heim. Nathan Segenswunsch ist immerhin eine seltene, wenn auch keineswegs beispiellose Erscheinung. Aber, wiederhole ich, seine sechsmalige Verheirathung hat sich, ohne daß er Besonderes dazu gethan hätte, just eben durch die Verhältnisse und Anschauungen seines Lebenskreises gefügt; kein Jude in Podolien findet etwas Merkwürdiges daran. Und darum, nur darum glaubte ich seine Geschichte niederschreiben zu sollen, denn nur eben darum ist sie ein Stück Kulturgeschichte des östlichen Judenthums.