Herr Lorenz Stark Charaktergemälde von Johann Jakob Engel 1. Herr Lorenz Stark galt in ganz H...., wo er lebte, für einen sehr wunderlichen, aber auch sehr vortrefflichen alten Mann. Das Aeußerliche seiner Kleidung und seines Betragens verkündigte auf den ersten Blick die altdeutsche Einfalt seines Charakters. Er ging in ein einfarbiges, aber sehr feines Tuch, grau oder bräunlich, gekleidet; auf dem Kopfe trug er einen kurzen Stutz, oder wenn's galt, eine wohlgepuderte Troddelperücke; mit seinem kleinen Hute kam er zwei Mal aus der Mode, und zwei Mal wieder hinein; die Strümpfe waren mit großer Zierlichkeit über das Knie hinaufgewickelt, und die stark besohlten Schuhe, auf denen ein Paar sehr kleiner, aber sehr hell polirter Schnallen glänzten, waren vorn stumpf abgeschnitten. Von überflüssiger Leinwand vor dem Busen und über den Händen war er kein Freund; sein größter Staat war eine feine Halskrause mit Spitzen. Die Fehler, deren dieser vortreffliche Mann nicht wenige hatte, und die Denen, welche mit ihm leben mußten, oft sehr zur Last fielen, waren so innig mit den besten seiner Eigenschaften verwebt, daß die einen ohne die andern kaum bestehen zu können schienen. Weil er in der That klüger war, als fast Alle, mit denen er zu thun hatte, so war er sehr eigenwillig und rechthaberisch; weil er fühlte, daß man ihm selbst seiner Gesinnungen und Handlungen wegen keinen gegründeten Vorwurf machen könnte, so war er gegen Andere ein sehr freier, oft sehr beschwerlicher Sittenrichter; und weil er, bei seiner natürlichen Gutmütigkeit, über keinen Fehler sich leicht erhitzen, aber auch keinen ungeahndet konnte hingehen lassen, so war er sehr ironisch und spöttisch. In seiner Kasse stand es außerordentlich gut; denn er hatte die langen lieben Jahre über, da er gehandelt und gewirthschaftet hatte, den einfältigen Grundsatz befolgt, daß man, um wohlhabend zu werden, weniger ausgeben als einnehmen müsse. Da sein Anfang nur klein gewesen, und er sein ganzes Glück sich selbst, seiner eigenen Betriebsamkeit und Wirthlichkeit schuldig war, so hatte er in früheren Jahren sich nur sehr karg beholfen: aber auch nachher, da er schon längst die ersten Zwanzigtausend geschafft hatte, von denen er zu sagen pflegte, daß sie ihm saurer als sein nachheriger ganzer Reichthum geworden, blieb noch immer der ursprüngliche Geist der Sparsamkeit in seinem Hause herrschend; und dieser war der vornehmste Grund von dem immer steigenden Wachsthum seines Vermögens. Herrn Stark waren von seinen vielen Kindern nur zwei am Leben geblieben: ein Sohn, der sich nach dem Beispiel des Vaters der Handlung gewidmet hatte, und eine Tochter. Letztere war an einen der berühmtesten Aerzte des Orts, Herrn Doctor Herbst , verheirathet: einen Mann, der nicht weniger Geschicklichkeit besaß, Leben hervorzubringen, als zu erhalten. Er hatte das ganze Haus voll Kinder und eben dies machte die Tochter zum Liebling des Alten, der ein großer Kinderfreund war. Weil der Schwiegersohn unfern der Kirche wohnte, die Herr Stark zu besuchen pflegte, so war es ausgemacht, daß er jeden Sonntag bei dem Schwiegersohn aß: und seine Frömmigkeit hätte zuweilen wol gern die Kirche versäumt, wenn nur seine Großvaterliebe den Anblick so werther Enkel und Enkelinnen hätte versäumen können. Es ging ihm immer das Herz auf, wenn ihm der kleine Schwarm, beim Hereintreten in's Haus, mit Jubelgeschrei entgegensprang, sich an seine Hände und Rockschöße hängte, und ihm die kleinen Geschenke abschmeichelte, die er für sie in den Taschen hatte. Unter dem Tischgebete schweiften zuweilen die Augen der Kleinen umher, und er pflegte ihnen dann leise zuzurufen: Andacht! Andacht! aber der gerade am wenigsten Andacht hatte, war er selbst; denn sein ganzes Herz war, wo seine Augen waren, bei seinen Enkeln. Mit seinem Sohne war dagegen Herr Stark desto unzufriedener. Auf der einen Seite war er ihm zu verschwenderisch, weil er ihm zu viel Geld verkleidete, verritt und verfuhr; insbesondere aber, weil er zu viel auf Kaffeehäuser und in Spielgesellschaften ging. Auf der andern Seite verdroß es Herrn Stark, daß der Sohn als Kaufmann zu wenig Unternehmungsgeist, und als Mensch zu wenig von der Wohlthätigkeit und Großmuth seines eigenen Charakters hatte. Er hielt ihn für ein Mittelding von einem Geizhalse und einem Verschwender; zwei Eigenschaften, die Herr Stark in gleichem Grade verabscheute. Er selbst war der wahre Sparsame, der bei seinem Sammeln und Aufbewahren nicht sowol das Geld, als vielmehr das viele Gute im Auge hat, das mit Geld bewirkt werden kann. Wo er keine Absicht fand, da gab er sicherlich keinen Heller; aber wo ihm die Absicht des Opfers werth schien, da gab er mit dem kältesten Blute von der Welt ganze Hunderte hin. Was ihn aber am meisten auf den Sohn verdroß, war der Umstand, daß dieser noch in seinem dreißigsten Jahre unverheiratet geblieben war, und daß es allen Anschein hatte, als ob er die Zahl der alten Hagestolzen vermehren würde. Der Vater hatte den Sohn zu keiner Heirath bereden, der Sohn keine Heirath ohne des Vaters Einwilligung schließen wollen; und Beide waren in Geschmack und Denkungsart allzuverschieden, als daß ihre Wahl oder ihr Wunsch je hätte übereinstimmen können. Herr Stark hatte seine ganze Handlung der Aufsicht des Sohnes übergeben, und ihm zur Vergeltung für seine Mühe einige nicht unwichtige Zweige derselben völlig abgetreten. Nur die Geldgeschäfte, deren er viele und sehr beträchtliche machte, hatte er sich selbst vorbehalten. Indessen unterließ er nie, besonders weil er in die kaufmännische Klugheit seines Stellvertreters nicht das meiste Vertrauen setzte, sich um die übrige Handlung, so wie um das ganze Leben des Sohnes, zu bekümmern; und da er ohne Unterlaß Etwas versäumt oder nicht ganz nach seinen Grundsätzen fand, so gab dies zwischen Vater und Sohn zu sehr unangenehmen Auftritten Anlaß, die am Ende von beiden Seiten ein wenig bitter und beleidigend wurden. Man sehe hier zur Probe nur einen der letzten dieser Austritte, der für die Ruhe und Glückseligkeit der Familie die bedeutendsten Folgen hatte. 2. Der junge Herr Stark hatte sein Wort gegeben, im öffentlichen Concert zu erscheinen, und sich zu diesem Ende in ein lichtbraunes sammtnes Kleid mit goldgestickter Weste geworfen. Er hatte sich über dem Anziehen ein wenig versäumt, und fuhr jetzt mit großer Eile in das gemeinschaftliche Arbeitszimmer, wo eben der Alte beim Geldzählen saß. – Friedrich! Friedrich! rief er, indem er die kaum zugeworfene Thüre mit Geräusch wieder aufriß. Gott sei bei uns! sagte der Alte; was gibts? – und nahm die Brille herunter. Der Sohn forderte Licht zum Siegeln, warf sich an seinen Schreibtisch, und murmelte dem Alten seitwärts die Worte zu: Ich habe zu arbeiten – Briefe zu schreiben. So eilfertig? sagte der Alte. Ich wiederhole es Dir schon so oft: bedächtig arbeiten und anhaltend hilft weiter, als hitzig arbeiten und ruckweis. –Doch freilich! freilich! Je eher man sich vom Arbeitstisch hilft, desto früher – – – Kommt man zum Spieltisch, wollte er sagen; aber weil eben Friedrich mit Licht hereintrat, so besann er sich und verschluckte das Wort. An wen schreibst Du denn da? fing er nach einiger Zeit wieder an. An Eberhard Born in S**. Den Sohn? Der Vater heißt August , nicht Eberhard . Gut! Meine Empfehlung an ihn! Ich denke noch oft an die Reise von vorigem Sommer, wo ich ihn kennen lernte. Es ist doch ein vortrefflicher junger Mann. O ja! murmelte der Sohn in sich hinein. Wer nur auch so wäre! Ein ordentlicher, arbeitsamer, gesitteter Mann, wie geboren zum Kaufmann. Voll Muths, Etwas zu unternehmen, aber nie ohne Bedacht; in seinem Aeußerlichen so anständig, so einfach; von Sammt und Stickereien kein Freund, und was ich an ihm ganz vorzüglich schätze – kein Spieler. Ich denke, er soll in seinem Leben noch sein erstes Solo verlieren. – Wenn er ja einmal spielt, so ist es nicht in der Karte, sondern mit seinen Kindern! Er hat so liebenswürdige Kinder! – Ach, und der Alte, sein Vater! Der kann so ganz aus vollem Herzen gegen ihn Vater sein. Das ist ein glücklicher Mann! – Ich kenne Väter, fuhr er ein wenig leiser fort, die sich an ihm versündigen, die ihn beneiden könnten. Schreib, oder – sagte der Sohn, indem er eine Feder nach der andern auf den Tisch stampfte und hinwarf. Der Alte sah das eine Weile mit an, – Du bist ja ganz ärgerlich, wie es scheint? Wer's nicht wäre! murmelte der Sohn wieder in sich. Bin etwa ich daran Ursache? Habe ich Deinen Geschmack nicht getroffen? – Er stand auf, und ging zum Tische des Sohns. – Ich weiß, Du bist von Winken und von Anspielungen eben kein Freund, und ich kann ja auch deutlicher reden. O, es braucht dessen nicht, sagte der Sohn, und schrieb fort. Der Alte nahm ihm ruhig die Feder aus der Hand, spritzte sie aus, und legte sie hin. – Sieh! fing er dann an: es wird mir von Tag zu Tag immer ärgerlicher, daß ich einen Menschen von so weitläuftigem Kopfe und von so engem Herzen zum Sohn haben muß. Einen Menschen, der für seinen Putz, sein Vergnügen, der in L'hombre und Whist ein Ducätchen nach dem andern, oft auch wol dutzendweise, vertändelt; der nur noch gestern wieder bis in die sinkende Nacht gespielt hat, und der, wenn er eine großmüthige Handlung thun sollte, vielleicht keines Thalers Herr wäre; – einen Menschen, der ewig ledig bleibt, weil keine Partie ihm reich genug ist, und der doch immer übrig hat, zu fahren, zu reiten, den Cavalier zu machen, Sammt und Stickereien zu tragen. – Ich muß wol nicht Unrecht haben, fuhr er nach einigem Stillschweigen fort; denn Du kannst mir nicht antworten. O, ich könnte, sagte der Sohn, indem er mit Hitze aufstand; aber – – So sprich! Was verhinderte Dich? Bei Gott! ich bin es müde, so fortzuleben. Daß ich das hoffen dürfte! Ich bin nun, denk' ich, ein Mann, und kein Kind mehr. Warum wird mir denn noch immer begegnet wie einem Kinde? Sohn! Sohn! Es gibt alte Kinder. Ich bin aufmerksam; ich versäume Nichts, was zu thun ist; ich setze nie die Achtung und die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen – Nur den Gehorsam ein wenig. Ich verwalte das Ihrige mit Redlichkeit und mit Treue: und doch – doch kann ich keine Stunde in Ruhe leben; doch wird mir durch Vorwürfe ohne Ende jeder Augenblick meines Daseins verkümmert; doch wird mir jede Zerstreuung, jedes elende Vergnügen gemißgönnt. Du sprichst sehr hart, aber sehr wahr. Jedes elende Vergnügen! Elend – weil es mir Nichts, oder eine Wenigkeit kostet. Was habe ich denn noch verloren, wenn ich verlor? Das Kostbarste, was wir haben: die Zeit. Und soll ich denn gar keinen Genuß meiner Jugend haben? Soll ich immer so fortarbeiten, wie Sie; mich eben so tragen, eben so einschränken, wie Sie? eben so – – Nun, was stockst Du? Sprich aus! Eben so – bei Thalern zusammensparen, um bei Hunderten wegzuwerfen? Wegzuwerfen! sagte der Alte, dem Nichts in der Welt so unerträglich schien, als daß Kinder ihre Eltern über den freien Gebrauch eines selbsterworbenen Vermögens richten sollten. – Dacht' ich es doch, daß der junge Mensch noch würde mein Vormund werden! Wegzuwerfen! Was verstehst Du darunter? Was heißt bei Dir wegwerfen? Sprich! – Er ging ihm nach, und hielt ihn etwas unsanft am Arme. – Seinen Beutel für jeden ehrlichen Mann offen halten, der Beistand braucht; etwa das? Ehrlich! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener Stimme. Wenn sie es Alle wären! O, ich bin noch wenig betrogen. Ich fasse meinen Mann erst in's Gesicht, ehe ich gebe. Und was nennst Du denn wegwerfen? Sprich! Sie borgen Allen – ohne das Geringste davon zu haben. Thor! Ohne das Geringste davon zu haben? – Er zog die Hand von seinem Arme, und gab ihm einen Blick voll Verachtung. – Ich habe das davon, zu sehen, daß es meinem Mitmenschen wohl geht. Rechnest Du das für Nichts? – Und wenn sie mich einst die lange Straße hinabtragen, und ich hier Alles dahinten lasse, so hoff' ich, es soll da Mancher mit Thränen in seinen Augen sprechen: Schade um den rechtschaffenen Mann! Ich hab' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand zu danken. Ich war in Noth und kam zu ihm; da half er mir auf, und ich konnte bei Ehren bleiben. – Bei Dir hingegen – – Doch was stehe ich da und predige in den Wind? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie, und wollte Gott, daß es eine gescheidtere wäre! – Nur immer wieder an Deine Arbeit! Schreib! Schreib! 3. Herr Stark setzte sich wieder ruhig an seinen Tisch, und achtete wenig darauf, daß der Sohn eine geraume Zeit mit großen, heftigen Schritten umherging. Er hatte den Grundsatz, daß man einem geschlagenen, weinenden Kinde Zeit lassen müsse, um auszuschnucken, und daß es unvernünftig sei, von einer aufgeregten Leidenschaft augenblickliche Stille und Ruhe zu fordern. Der Kampf im Herzen des Sohnes würde sich wahrscheinlich, wie schon so oft, zum Vortheil der kindlichen Liebe und Ehrerbietung entschieden, und Alles würde seine vorige Gestalt angenommen haben, wenn nicht unglücklicher Weise ein Mensch hereingetreten wäre, der dem jungen Herrn Stark aus mehr als einer Ursache verhaßt war. – Es war ein gewisser Herr Specht , einer der kleinen Anfänger, die auf die Güte des alten Herrn bei jeder Gelegenheit Anspruch machten, und die für die Wünsche des Sohnes nur allzuoft darin glücklich waren. Dieser hier hatte den Vorzug vor allen Uebrigen; denn er war Pathe und Gevatter zugleich: Verhältnisse, die dem Herrn Stark nach alter Sitte, noch sehr wichtig und ehrwürdig schienen. Was aber den Sohn besonders gegen ihn aufbrachte, war der aus gewissen aufgefangenen Reden geschöpfte Verdacht, als ob Herr Specht eine junge liebenswürdige Wittwe, Madame Lyk , die bei dem Sohne sehr viel und bei dem Vater sehr wenig galt, bei letzterem angeschwärzt, und ihm Veranlassung zu allen den bittern Glossen gegeben hätte, womit er dann und wann über sie herzufahren pflegte. Ei! sagte nach seiner gewöhnlichen gleißnerischen Art der Herr Specht , indem er gerade beim Hereintreten zu seinem großen Verdruß auf den Sohn stieß, der noch immer umherging: – Ei mein werthester Herr Stark ! Gleich hier an der Schwelle bin ich so glücklich – –? Seine tiefen Verbeugungen und seine süßen Mienen hatten dem Sohne noch nie so fade und unausstehlich geschienen, als jetzt. – Was gibt's? Was solls? fuhr er den ganz erstaunten und erschrockenen Besuch ein wenig unartig an. Himmel! sagte Herr Specht , und griff wieder nach dem Drücker der Thüre; ich hoffe doch nicht, daß ich ungelegen komme? daß ich Störung verursache? Es wäre möglich. Die Zeit ist edel, mein Herr. – Ja wol! ja wol Schon bei unser Einem; und erst vollends bei Ihnen! bei einem Manne, der solche Geschäfte macht, solch' ein Werk führt! – Wahrlich, ich begreife oft nicht – – Was es gibt? Was Sie wollen? hab' ich gefragt. – Borgen etwa? noch ehe die alte Schuld ganz getilgt ist? – Oder wieder Nachrichten von der Wittwe, Ihrer Nachbarin, bringen? – Da! Wenden Sie sich an meinen Vater, und nicht an mich! Indem noch Herr Specht mit den Augen in allen Winkeln war, und nicht wußte, ob er gehen oder bleiben, ob er schweigen oder antworten sollte, drehte der alte Herr Stark , dem nachgerade das Gehör ein wenig schwach ward, und der nicht wußte, ob er etwas und was er hörte, sich auf seinem Stuhle herum, und half ihm durch ein freundliches Willkommen! von seiner Herzensangst. – Der Sohn warf sich wieder an seinen Tisch, um weiter zu schreiben. Nun? Und was steht denn zu Diensten? sagte Herr Stark , nach mehreren unbedeutenden Fragen; – denn umsonst pflegt Er nicht zu kommen, mein lieber Pathe. Ich – ich wollte so frei sein, stotterte dieser, indem er schielende, mißtrauische Blicke nach dem Sohn zurückwarf – ich habe, diese Tage über, Gelegenheiten gefunden – so allerhand kleine Gelegenheiten – – Das versteh' ich ja nicht. Was für Gelegenheiten? Ich meine: einen vortheilhaften Handel zu schließen, mir einen kleinen Gewinn zu verschaffen – Ja so! – das ist mir lieb; das ist schön. – Immer zugegriffen, mein lieber Specht ! Aber – wie's denn bei Anfängern geht – die Beutel sind so eng und so flach. So, wie man hineingreift, hat man auch auf den Boden gegriffen. – Dies war, beiläufig zu sagen, einer der eigenen Einfälle des Herrn Stark , die Herr Specht sich sorgfältig zu merken und gelegentlich bei ihm selbst, mit immer gutem Erfolg, wieder anzubringen pflegte. – Und da wollt' ich denn also – wenn's ohne Beschwerden geschehen könnte – – Frischen Vorrath holen. Nicht wahr? – Nur heraus mit der Sprache! Herr Specht lächelte, und schlug den Alten mehrmals hinter einander, mit den äußersten Fingerspitzen, sanft und schmeichlerisch auf die Schulter. – Sie sind doch ein vortrefflicher Mann, liebster Herr Pathe – Ja, ja. Weil ich ein so guter Prophet bin. – Aber was war's denn, das Er vorhin mit meinem Sohne absprach? Hat Er sich dem schon entdeckt? Ich wollte. Ich hatte die Absicht, aber – der junge Herr – Wird vermuthlich bedauert haben? wird sich außer Stande gesehen haben, zu dienen? So schien's beinahe. – Es kann Ernst damit sein. – Die Zeiten sind sich nicht immer gleich, und ich denke, es mag ihm jetzt selber fehlen. Hehehe! liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch manchmal zu spaßen wissen! Zu spaßen? sagte der Alte, und wies nach dem andern Tisch auf die reichgestickte Weste hinüber. – Sieht Er denn nicht, daß mein Sohn sein Gold hat verarbeiten lassen? – Ein Jeder freilich nach seinem Geschmack! Der Eine hält's mit einer vollen, der Andere mit einer flimmernden Tasche. Dieses Wort, in keiner ganz üblen Laune und mit einem ziemlich gutmüthigen Tone gesagt – denn Herr Stark war wohl Spötter, aber kein hämischer; und wenn er im Verdrusse erst wieder witzig ward, so war das immer ein Zeichen seiner schon wiederkehrenden Ruhe – dieses Wort folgte auf zu bittere, zu ernstliche Vorwürfe, und ward in Gegenwart eines zu gehaßten, zu verachteten Menschen gesprochen, als daß es auf das Herz des Sohnes nicht eine sehr unglückliche Wirkung hätte thun sollen. Er sprang mit Ungestüm auf, murmelte heftige unverständliche Worte zwischen den Zähnen, und warf die Thüre. 4. Mein Gott! sagte Herr Specht , dem vor Schrecken beide Arme am Leibe niedersanken; der junge Herr war ganz erhitzt, ganz ergrimmt. Ich will doch nicht hoffen, daß meine Gegenwart – Nicht doch! tröstete ihn der Alte, den seine Uebereilung schon innerlich zu gereuen anfing: es ist nur seine Art so; er macht es nicht anders. – Dann gab er Herrn Specht die benöthigte Summe, mit hinzugefügter Warnung, daß er sein Geld nicht verstecken, sich nicht in mehr oder größere Geschäfte verwickeln sollte, als die er verstände, und übersehen könnte. – Uebrigens, sagte er, wünschte ich, um Lebens und Sterbens willen, eine kleine Verschreibung. Er kann sie mir diesen Nachmittag bringen. Gewiß! gewiß! sagte Herr Specht; und klopfte ihm wieder, wie zuvor, mit leichter, schmeichelnder Hand auf die Schulter. – Ich dacht' es doch gleich, liebster Herr Pathe, daß mir von Ihnen würde geholfen werden. Auch meine Frau sagte: Geh' immer! So ein Mann, sagte sie, wie der Herr Stark ist, lebt auf der Welt nicht weiter. – Nun, guten Morgen! guten Morgen! Er hätte ein Vieles darum gegeben, wenn er das unglückliche Wort von der Frau hätte zurückholen können; aber es war heraus, und mit dem Forteilen wollt' es nicht glücken. Herr Stark winkte ihm, wieder umzukehren, und drohte ihm, nicht ohne Ernst, mit dem Finger. – Weil Er doch selbst von ihr anfängt, mein lieber Specht , und weil ich's bisher immer vergessen habe; – sag' Er mir einmal recht aufrichtig: wär' Er nicht ein wenig verliebt in die Frau? Je nun, stotterte dieser – ein junger Ehemann – freilich – Der selige Lyk , denk' ich, war's auch. Und nun, die Wittwe – die ihm das Seinige vertändelte, verputzte, vertanzte, verschmauste – Er weiß ja wol besser, als ich's Ihm sagen kann, was dort für Umstände sind. Gar nicht mehr so glänzende, als vordem. – Nehm' Er sich also in Acht, lieber Specht ! Sei Er auf seiner Hut! Aber wie so, bester Herr Pathe? wie so? – Meine Frau – Ist mir gar sehr nach der Mode. Alles, was nur aufkommt, das macht sie mit. Und darum stell' ich mir vor – weil Er doch nur ein Anfänger ist, und weil ich Ihn doch sonst als guten Haushälter kenne – ich stelle mir vor: Er hat so eine gewisse schwache Seite, und die junge Frau hat die ausgekundschaftet. – Hab' ich's getroffen? Liebster, bester Herr Pathe – – Man gesteht das nicht gern. Schon gut! – Aber ich bitt' Ihn, als Freund, lieber Specht ! nehm' Er sich in Acht! Sei Er ein Mann! – Bei einer schlechten Wirthin geht der beste Wirth von der Welt zu Grunde; da ist kein Haltens. Er füllt da in ein löcherichtes Sieb: und wenn Er sich auch zu Schanden füllte, Er bringt in Ewigkeit Nichts hinein. – Ich weiß zwar wol, fuhr er nach einem Weilchen mit Schmunzeln fort, wie's die Weiber zu machen pflegen – Ja freilich, freilich, seufzte hier Specht, und fuhr sich mit dem Finger hinter die Ohren. Da steckt's! Wie sie den jungen Mann in die Enge treiben; Launen haben, Zufälle haben, Beklemmungen und Ohnmächten haben – Gott weiß, was Alles? – und wie dann auf einmal wieder das Wetterglas steigt und heitere Sommerluft wird; wie sie da schmeicheln, liebkosen, tändeln, und dann so unversehens, als wenn ihnen Nichts drum wäre, damit herausrücken: die da, die trägt Dies und trägt Das; die geht hier hin und dort hin; die macht Dies mit und Das mit: – die Närrin! – Unser Eine ist doch eben, was sie ist. – Nun wahrhaftig! rief Specht , dem über die gute Laune des Alten das Herz wieder ganz leicht ward: – Es ist, als ob Sie hätten dabei gestanden. Und wenn sie dann den guten Tropf in der Schlinge haben: wie sie da küssen, liebäugeln, herzen – Ganz, wie sie's zu machen pflegen! – indem er die größte Verwunderung vorgab – ganz nach der Natur! Zug vor Zug! Ei, ich weiß das. Ich bin ja alle die Schulen durchgegangen. – Aber, zum Henker, Pathe! Der Mann muß Mann sein; er muß ein Herz von Stahl und von Eisen haben. – Immer liebreich, nie verliebt: ist die Regel. – Und was verliert man denn nun, wenn man sich darnach hält? Man gewinnt! Denn wer der Frau nachgibt, der hat nur dann und wann gute Tage; wer sein Ansehen behauptet, der hat sie immer. – Oder meint Er etwa, daß die junge Frau des Mannes nicht eben so bedürftig ist, als der junge Mann ihrer? – Possen, Possen, mein lieber Specht! Eben so bedürftig; und unter uns: oft wol mehr! Nun wart! – sagte dieser, indem er hinter sich sah, und die strengste Miene zog, die in sein flaches Gesicht nur hineinwollte – an das Gespräch will ich denken. – Ich will Dich mir künftig anders ziehen. – Aber mit Art, versteht sich. Mit Art! Ei freilich! die Art ist die Hauptsache. Die muß nicht vergessen werden. – Und nun wandt' er Geschäfte vor, die ihn eiligst nach Hause riefen, und ging. Des festen Vorsatzes vermuthlich, Nichts zu wagen, was ihn vielleicht gereuen, und Nichts anzufangen, was er vielleicht nicht durchsetzen möchte. 5. Während Herr Stark über seinen Streifzug gegen das schöne Geschlecht aller Sorgen vergaß, ging der Sohn, voll der äußersten Erbitterung, auf seinem Zimmer umher. – So mich zu mißhandeln, rief er: seinen einzigen leiblichen Sohn; und das in Gegenwart eines so verächtlichen, eines so nichtswürdigen Menschen! Eines so unbedeutenden, armen Wichts! hätte er sagen können: der sich mit Bücklingen und Schmeicheleien durch's Leben windet, und der übrigens noch eine ganz gute, ehrliche Haut ist – Mich der Verachtung, dem Spott, dem bittersten Hohngelächter Preis zu geben; und das auf eine so hämische, so gesuchte, so recht ausgekünstelte Art! Auf eine freilich ärgerliche, aber dem Alten nun einmal gewöhnliche und hier von selbst sich darbietende Art, woher doch, wie sonst immer, der Ehre und des guten Namens geschont ward. – Mir in dem Augenblicke, wo ich mich hinsetze und für ihn arbeite, so grundlose, so aus der Luft gegriffene, so abscheuliche Vorwürfe zu machen! Grundlos nun in der That, wenigstens was Spiel und was Nachtschwärmen betraf; aber darum nicht aus der Luft gegriffen; denn unmöglich konnte der Vater von den jetzigen geheimen Gängen des Sohnes anders als nach Ähnlichkeit der ehemaligen urtheilen; und so waren sie in seinen Gedanken noch immer auf die Kaffeehäuser und zum Spieltisch gerichtet. – Daß jetzt wirklich die müßigen Augenblicke des Sohnes und mitunter auch halbe Nächte zu sehr lobenswürdigen, sehr edlen Handlungen verwandt wurden, das war Niemandem weniger als dem Vater bekannt; und diese lobenswürdigen, edlen Handlungen hatten auch so ein gewisses Aber, daß sie der Sohn für keinen Preis dem Alten hätte wollen bekannt werden lassen. – Doch zu Bemerkungen, die den Vater hätten entschuldigen oder gar rechtfertigen können, war für jetzt der Sohn nicht gestimmt: er sprach vielmehr sich selbst durch die heftigsten, überspanntesten Ausdrücke immer tiefer in den Verdruß hinein; und endigte zuletzt mit dem Entschluß, seine Lage auf einmal und so ganz zu verändern, daß er schlechterdings außer aller Verbindung mit dem Vater hinausträte, nicht blos das väterliche Haus, sondern auch die väterliche Stadt verließe, und an einem ganz fremden Orte mit dem Wenigen, was er vor sich gebracht hatte, ein eigenes Haus errichtete. Die Vernunft selbst, glaubte er, billigte nicht nur, sondern beföhle diesen Entschluß; denn seine vollen dreißig Jahre hatte er bereits verlebt, und zwar in so herznagendem Kummer, in so tödtenden Aergernissen und Sorgen, daß die zweiten dreißig zu hoffen Thorheit war; und warum er eines wunderlichen, grillenhaften, unverbesserlichen Vaters wegen mehr als die erste, schönste Hälfte seines Lebens aufopfern sollte, das konnte er nicht einsehen. Sein Herz sprach dagegen zu laut, und im Gesetz fand er's nirgends geschrieben. In der That war diese Trennung vom Vater kein neuer, sondern ein schon oft gehegter, und selbst bis zum vollständigsten Entwurf durchdachter Einfall, bei welchem das Wie? und Wohin? und durch was für Mittel? schon längst beantwortet, und nur das Wann? noch unentschieden geblieben war. Immer war indeß dieser Einfall mit dem Zorne, der ihn erzeugt, und mit dem Grolle, der ihn genährt hatte, wieder verschwunden. Wenn er sich jetzt in dem höchst erbitterten Gemüthe des jungen Mannes fester setzte als je, und in Kurzem zum entschiedenen, unwiderruflichen Vorsatze ward, so hatte das einen noch ganz anderen Grund, als die Launen des Vaters; aber einen Grund, womit Herr Stark sich so äußerst geheim hielt, daß er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte. Von jeher war es sein Lieblingsentwurf gewesen, sich mit einer der reichsten und glänzendsten Partien der Stadt zu verbinden: jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den muthwilligen, hämischen Streich, daß sie ihn mit allen seinen Neigungen zu einer Person hinriß, die von den Vorzügen, welche sonst Liebe entschuldigen, auch nicht einen besaß. Weder war sie von besonderer Schönheit des Gesichts oder des Wuchses, noch stand sie in der ersten Blüthe der Jugend, noch zeichnete sie sich durch große, schimmernde Geistestalente aus, die auch ohnehin an Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer möchten gefunden haben. Güter hatte diese Person vollends nur wenig außer solchen, die es eigentlich blos für den ersten Besitzer sind, und die auf Andere als Güter nie so recht übergehen können: ein Paar liebenswürdige Kinder. Kurz, es war eben die Madame Lyk , wegen deren Herr Specht so verhaßt war, und über die wir den Vater so streng haben kunstrichtern hören. Es ist bekannt, daß man in lebhaften Träumen zuweilen sich selbst fragt, ob man denn wache oder nur träume? und daß die Antwort immer das Gegentheil des wirklichen Zustandes auszusagen pflegt: man wache. Herr Stark hatte mehrmals, wenn er der Madame Lyk in sehr zärtlichen Empfindungen gegenüber saß, sich ganz ernstlich befragt, ob er noch frei oder verliebt sei? und immer war noch die Antwort gefallen: frei. Gleichwol war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz wohl zu Muthe; denn auf den zwar undenkbaren, aber doch an sich nicht unmöglichen, und nur zum Scherz so angenommenen Fall, daß er irre, konnte er alle die bitteren Höhnereien vorausdenken, womit ihn zu Hause der Vater, und außer dem Hause die vielen Familien verfolgen würden, die mit der beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Töchter auf einen so reichen Erben und zugleich so schönen, blühenden Mann, als Herr Stark , trotz allen vom Vater erlittenen Drangsalen, noch immer war, etwa ein Auge haben möchten. Das Beste wäre auf diesen Fall gewesen, Madame Lyk nicht weiter zu sehen; aber dieses ging, so lange man mit ihr an Einem Orte lebte, aus hundert Gründen nicht an: und so ward denn jenes erkannte, oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste dahin näher bestimmt, daß man sich von diesem Orte je eher je lieber müßte loszureißen suchen. – Doch, wie gesagt, mit diesem stärkeren, eigentlich entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewußtsein; Herr Stark hätte Leib und Leben darauf verschworen, daß es blos der wunderliche, unausstehliche Alte sei, der seinen verdienstvollen einzigen Sohn, welcher so lange Jahre für ihn und die Familie gearbeitet hatte, in die weite Welt jagte. Wie gut sein Herz sein müsse, erkannte er hierbei aus dem Kummer, womit er an den übelen Ruf und an die außerordentliche Verlegenheit dachte, in die der Alte unausbleiblich gerathen müßte; aber einmal wollte es dieser nicht anders haben, und der Sohn konnte nicht helfen. 6. Der Einzige in der Familie, der von dem Herzenszustande des jungen Herrn Stark zwar nicht völlige Kenntniß, aber doch ziemlich wahrscheinliche Spuren hatte, war der Schwager, Herr Doctor Herbst . Er hatte dem seligen Lyk , als Hausarzt, in seiner letzen Krankheit gedient; er wußte, daß wegen Handlungsverdrießlichkeiten große Feindschaft zwischen ihm und Herrn Stark dem Sohne geherrscht hatte, und er selbst war Vermittler bei der sehr rührenden Aussöhnung gewesen, die vor dem Tode des erstern vorhergegangen war. Bei dieser Aussöhnung hatte Herr Stark dem Sterbenden in die Hand versprochen, daß er, auf den Fall seines Hintritts, die Wittwe mit Rath und That unterstützen, und besonders die Handlungsangelegenheiten, von denen Herr Lyk gestand, daß sie in nicht geringer Unordnung wären, möglichst auf's Reine bringen wollte. Dieses edelmüthige Versprechen hatte Herr Stark mit dem größten Eifer erfüllt: er hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick, den er eigenen Arbeiten hatte absparen können, den Angelegenheiten der Wittwe gewidmet; und schon mehrmals hatte der Doctor, wenn er der sehr kränklich gewordenen Frau noch spät Abends einen Besuch gab, ihn in voller, eifriger Arbeit über ihren Büchern getroffen. Er hatte bei dieser Gelegenheit bemerkt, daß die wirklich großen und liebenswürdigen Tugenden, welche Madame Lyk in ihrer jetzigen traurigen Lage so viel Anlässe zu entwickeln fand, und welchen er selbst volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, das Herz des Schwagers nicht unberührt möchten gelassen haben. Besonders war ihm die Verwirrung und der rasche Unwille aufgefallen, womit einst Herr Stark eine ganz unschuldige, mehr im Scherz so hingeworfene Warnung, sich nicht zu verlieben, aufgenommen hatte; auch hatte er viel Licht aus der gleich darauf folgenden dringenden Bitte geschöpft, daß er doch, um des Himmels willen von dem ganzen Umgange mit Madame Lyk , in den er ja selbst ihn hineingezogen, der Familie, und besonders dem Vater, kein Wort verrathen möchte. Indessen, so gewiß, nach der Semiotik des Doctors, dieses Zusammentreffen von Diensteifer, Blödigkeit und Geheimthun auf Liebe hindeutete; so glaubte er's mit dieser Liebe doch keineswegs so weit gediehen, daß er sie in irgend einiger Verbindung mit dem Entschluß hätte denken sollen, den ihm jetzt der junge Mann zu seinem größten Mißfallen kund that. Herr Stark verlangte auch über diesen Entschluß das Geheimniß; aber dieses schlug der Doctor ihm förmlich ab: er versicherte sich vielmehr sogleich des lebhaftesten Beistandes der Frau und der Schwiegermutter, um den jungen Mann von einem so raschen und für die ganze Familie so höchst nachtheiligen Schritte zurückzuhalten. Daß es mit diesem Schritte voller Ernst sei, daran könnt' er nach Allem, was er sah und hörte, und besonders nach den Briefen, die man ihm vorgezeigt hatte, nicht zweifeln. Alle Mühe, die man nunmehr vereinigt anwandte, um Herrn Stark zu besänftigen und ihn von seinem Vorsatze abzuziehen, war rein verloren. Den Gründen des Schwagers setzte er andere Gründe, den Bitten und Thränen der Mutter die feurigsten Betheuerungen der Liebe und des Gehorsams, mit Ausnahme dieses einzigen Punktes, und den abwechselnden Liebkosungen und Spöttereien der Schwester Unempfindlichkeit und Unart entgegen. Man bemerkte, daß, je mehr man ihn zu beugen und zu erweichen suchte, desto steifer und hartnäckiger er auf seiner Meinung bestand; und so ward denn, in einer geheimen Familiensitzung zwischen Mutter, Schwiegersohn und Tochter beschlossen, daß man einen ganz andern Weg einschlagen, und da mit dem Sohne Nichts auszurichten sei, sein Heil mit dem Vater versuchen wolle. Man hielt sich versichert, daß auf das erste freundliche Zureden des Vaters der Sohn mit Freuden einen Entschluß würde fahren lassen, wobei er selbst am ersten und am meisten verlieren müßte; auch war man ganz darin einig, daß der hofmeisternde Ton und die spöttelnde Laune des Alten zuweilen in's Unerträgliche fielen; daß ein Sohn in männlichen Jahren anders, als im Knaben- und Jünglingsalter müßte behandelt werden; und daß jeder Mensch seine ihm eigene Sinnesart habe, die man wol in gewissen zufälligen Aeußerungen leiten, aber nie im Ganzen und im Wesentlichen umschaffen könne. Der Alte selbst, hoffte man, würde, nach seiner sonstigen Billigkeit und Vernunft, sich hiervon leicht überzeugen lassen. Doch, was die Leichtigkeit des Ueberzeugens betraf, so gerieth man bald wieder in Zweifel. Herr Stark hatte der Proben von Steifheit und Unbiegsamkeit des Charakters zu viele gegeben, und man ward daher einig, den Angriff auf ihn ja nicht übereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und methodisch zu machen. Die Beobachtungen, nach welchen man den Plan verabredete, waren folgende. Der Alte hegte von dem Verstande und der gesunden Beurtheilung des Doctors sehr vorteilhafte Begriffe; der Doctor demnach sollte zuerst erscheinen, ihm die Entschließung des Sohnes eröffnen, und ihn von der Notwendigkeit sowol als Billigkeit, sein Betragen zu ändern, mit Ehrerbietung, aber auch mit Nachdruck, belehren. – Das Wort der Mutter war in Familienangelegenheiten immer von größtem Gewicht gewesen, und schon oft, ob zwar nie in einem so kitzlichen Falle, war ihren dringenden Vorstellungen, wenn auch mit einigem Kopfschütteln, nachgegeben worden; die Mutter also sollte nach dem Doctor hereintreten, und wenn die Vernunft des Alten schon wankte, den Widerstand seines Herzens durch Bitten und allenfalls auch durch Thränen, zu brechen suchen. – Von der Tochter wußte man, daß sie mit ihren Schmeicheleien und Einfällen eine wunderbare Gewalt über den Vater hatte, und daß sie, wegen großer Übereinstimmung ihrer eigenen Gemüthsart mit der seinigen, sich in allen Krümmungen und Wendungen seiner Laune geschickt ihm nachzuschmiegen, und ihn fast immer zu ihrer Absicht herumzuholen wußte; die Tochter also sollte zuletzt erscheinen, und dem durch Mann und Mutter schon ganz erschöpften und abgematteten Eigensinne des Alten den letzten Gnadenstreich geben. Bei diesem ganzen schönen Entwurfe äußerte blos die Mutter noch etwas Furcht; der Doctor hielt sich, unter göttlichem Beistande, guten Erfolges versichert; und die Tochter vermaß sich mit großer Freudigkeit, daß keine – wenn nur erlaubte und ehrliche – Sache in der Welt sein müßte, wozu sie ihren lieben, alten, seelenguten Vater nicht hinschmeicheln oder hinbitten wollte. Doch säumen, meinte sie, müsse man nicht mit dem Angriff; denn der Bruder mache schon allerlei bedenkliche Anstalten, die auf eine nahe Abreise zielten; auch sei nur eben der jährliche Abschluß der Handlungsbücher geendigt, und dieser Zeitpunkt müsse dem Sohn zur Trennung vom Vater nothwendig der schicklichste dünken. Das Scharfsinnige dieser Bemerkung, die den beiden Andern entwischt war, ward erkannt und gelobt: ihr zufolge ward nun einmüthig festgesetzt, daß man gleich den andern Morgen sich frisch an das Werk machen wollte. 7. Es war ein Capital zahlbar, und Herr Stark saß vor einem Tische voll sächsischer, brandenburgischer, hannoverischer und braunschweigischer neuer Zweidrittelstücke. Er zählte, da der Doctor hereintrat, das angefangene Häufchen von fünfzehn Stück geschwind zu Ende, und hieß ihn dann mit frohem Herzen willkommen. Seine erste Frage war nach ihm selbst und gleich die zweite war nach den Kleinen. Die sitzen zu Haufe über den Büchern, sagte der Doctor. Bravo! bravo! die fangen früh an; die werden schon vorwärts kommen. – Und ist denn wirklich Trieb da? ist Kopf da? So viel ich jetzt noch beurtheilen kann: Beides. Ich bin zufrieden mit meinen Kindern. Ich auch. Ich auch. – Ha, wenn ich die guten Kleinen nicht hätte! Wäre ich nicht da ein armer Mann mit alle dem Bettel? – indem er die Hand verächtlich gegen den Tisch warf. – Für wen in der Welt hätte ich gesammelt? gearbeitet ? Denn mein Sohn da, der Freigeist – – Eben von dem, bester Vater, möchte ich mit Ihnen reden. Sehr gern. Nun? Nur müssen Sie auch Geduld haben, mich anzuhören. Ich habe – Zeit und Geduld; alles Beides. Sie sind so eingenommen gegen den Sohn. Sie werfen die Schuld seiner Fehler immer auf ihn allein. – Sollte es nicht vielleicht einen Andern geben, der mit ihm theilte? Einen Anderen? Der möchte mir schwer zu errathen werden. Der ist –? Ein sonst guter, billiger, vortrefflicher Mann. – Denn um nur Eins zu erwähnen, und eben Das, was Sie doch am meisten auf ihn verdrießt: Ist's so ganz seine eigene Schuld, wenn er noch ledig blieb? Nun? ist es denn meine? Ein wenig, dächte ich. O ja! Oder wenn's um und um kommt, wol ganz. – Freilich, so ein Weib, wie man sie jetzt täglich zu seinem Aerger herumflattern sieht; – ein Weib mit Tausenden, das ihm Tausende durchgebracht hätte, das keinen Ball, keine Redoute versäumt, Triset und Liebesintriguen gespielt, weder Mann noch Kinder geachtet hätte; kurz, Herr Sohn – so ein Weib, wie sie die neueste Modeerziehung ausbrütet, und womit er am Ende wol gar – mir wird übel und wehe – zu Schimpf und Spott der ganzen Familie vor's geistliche Gericht hätte laufen müssen: so eins hätte er wol gern gehabt, von Herzen gern! Und konnte ich das zugeben? konnte ich's recht sprechen, daß er mit sichtlichen Augen in sein Verderben rennte? – Wenn ich zu ihm sagte: Sieh, Sohn! da ist ein hübsches, stilles, sittsames Mädchen, braver, ehrlicher Eltern Kind; – das wird zwar nur wenig haben, wird vielleicht Nichts haben; aber es ist in Gottesfurcht und in Einfalt erzogen: nimm's! und es wird dankbar gegen Dich sein; es wird Dich lieben, wird Deine Kinder lieben, wird sie erziehen, daß Gott und Menschen an ihnen Freude haben; wird Dir mehr Tausende ersparen, als Dir jenes zubringt: – konnte ich da durchdringen? – Stand er da nicht vor mir – mit einem Gesichte, mit einer Unterlippe – so hängend! so albern! Sie haben freilich Recht – völlig Recht – Nun dann! Aber wenn Sie's auch sonst in Allem, wenn Sie's in jeder erdenklichen Absicht hätten: – in einer einzigen, weiß ich doch nicht, ob Sie's haben? – Er sagte dies mit einem sehr bescheidenen, beinahe furchtsamen Tone. Die möchte ich doch näher kennen. Die ist – ? Ihre ganze Art, wie Sie sich mit ihm nehmen. Ihr Ton, worin Sie von früh bis in die Nacht mit ihm reden. Hm! – Aber ich bin nicht unbedeutsam; ich nehme Lehre an. – Wie soll er gestimmt sein, mein Ton? Liebreicher, freundlicher – väterlicher, wenn ich das sagen darf. Und ist er denn rauh? Ist er stürmisch? Wenn er das lieber wäre! – Dann und wann ein wenig Jähzorn, Unfreundlichkeit, Eigenwillen; wer verzeiht das nicht gern einem Vater und einem so guten Vater? Verzeiht das! – Drollig! Nur dann wieder Güte, Offenheit, Liebe, Vertrauen! – Aber Ihr schneidender, Ihr empfindlicher Ton – – Hier rückte der Alte am Stutz, und der Doctor fand für gut, etwas lindernde Mittel hinzuzusetzen – – Sie müssen mir das nicht ungütig nehmen; es geziemt mir freilich nicht, so zu reden; ich sage es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht – – Ihre ewig fortgesetzten Spöttereien und Anspielungen, die, gleich kleinen Schlägen, jeder an sich nur sanft sind, aber, zu schnell hinter einander und immer denselben Fleck treffend, zuletzt unerträglich werden; – kurz, Ihr Necken; Ihre witzigen Ausfälle – – Genug! sagte der Alte: genug! Dagegen läßt sich Nichts aufbringen. Sie haben Recht. Und dürfte ich denn also hoffen – ? Was? – was? – indem er ihn mit ein Paar großen und stieren Augen ansah, die den Doctor ganz irre machten: daß ich in meinen Jahren mich ändern; daß ein alter, verwachsener, knotiger Stamm sich nun noch biegen und ziehen sollte? – Das ist unmöglich, Herr Doctor; unmöglich! Nun ward der Doctor, der es so gut gemeint hatte, auch an seiner Seite verdrießlich. – Sie verfallen schon wieder in Ihren Ton. – Schon wieder? Und das mit Ihnen, mit dem ich doch sonst eben nicht witzele? – Er sagte das Wörtchen: witzeln, mit einem ganz eigenen Nachdruck. Nun, Sie sehen dann wol selbst: es ist unmöglich, unmöglich! – Gleichwol – habe ich Mitleiden mit meinem Sohn; und ich komme da eben auf einen Gedanken – auf einen, glaube ich, guten Gedanken – den aber nur Sie würden ausführen können. Nur ich? – Sie haben mir soeben Ihre große Gabe dazu bewiesen. Wie verstehe ich das? Welche Gabe? Je, die glückliche Gabe, Fehler zu sehen und zu sagen. Wie, wenn Sie nun gingen, und meinem Sohn auch die seinigen sagten? – denn daß er ihrer hat, dafür stehe ich. Recht derbe Fehler! – Wenn Sie zu ihm sprächen: »Sie müssen mir das nicht ungütig nehmen; es geziemt mir freilich nicht so zu reden; ich sage es nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht« – oder wie Sie es sonst herumbringen; wie Sie sonst Ihre Pille versilbern wollten: – Sie werden ja das wissen, Herr Doctor – Gut! gut! sagte dieser, und biß voll Unmuths die Lippen. Kurz, wenn Sie sprächen: »Die bewußte Unterredung mit unserem Alten habe ich gehabt. Es ist doch ein wunderlicher, eigenwilliger, hartnäckiger, alter Mann. Steif ist sein Rücken und steif ist sein Kopf. Beide würden eher brechen als biegen. – Wie, wenn lieber Sie, der jüngere Mann, die Fehler ablegten, die den grämlichen Alten auf Sie verdrießen? wenn Sie, zum Beispiel, ein gesetzterer Mensch, ein sparsamerer Wirth, ein aufmerksamerer Kaufmann würden? Ich stünde Ihnen dann mit meiner Ehre dafür:« und hier meine Hand, daß Sie Ihr Wort nicht bereuen sollten! – »ich stünde Ihnen mit meiner Ehre dafür; der Alte sollte uns anders werden; er sollte seinen Sohn lieber haben, als seinen Witz; er sollte keine größere Sorge auf dem Herzen tragen, als wie er den einzigen Erben seines Hauses und seines Namens glücklich machte.« – Hier drehte sich Herr Stark wieder gegen den Tisch und griff nach den Beuteln. – Denken Sie der Sache gelegentlich nach! Es ist ein Vorschlag zur Güte. Ich sehe wol, sagte der Doctor, der seinen Verdruß kaum mehr bergen konnte – es ist Nichts mit Ihnen zu machen. Finden Sie das? – Das hat schon Mancher gefunden. Das ist fast immer so mit Leuten, die nach Grundsätzen handeln. Und so muß ich's Ihnen denn nur grade heraussagen. Sie werden erschrecken; aber – – Ihr Sohn – – Mein Sohn? Er will von Ihnen – will fort! Dem Alten war jetzt eben ein Zweidrittelstück in die Hände gefallen, das ihm nicht so recht ächt schien. Er besah es von vorn und von hinten, warf es auf den Tisch, um den Klang zu hören, und musterte es endlich aus. – Dreizehn, vierzehn, fünfzehn. – Will von mir? Wohin? So gelassen dabei? – Aber Sie denken vielleicht: es sei nur Vorwand, nur Kunstgriff. Ich schwöre es Ihnen dann auf Ehre: er will fort, will nach Br**, auf nimmer Wiedersehen. Will er? – Hahahaha! Sie lachen? Ueber etwas sehr Lächerliches. Nun beim Himmel! So finde ich's nicht. Aber ich! – Lieber, lieber Herr Sohn! So Etwas für Ernst zu nehmen! Und wofür sonst? Für nichtigen, leidigen, elenden Trotz. Ich fürchte, Sie werden bald anders denken. – Ja, wenn es das erste Mal wäre, daß er den Einfall hätte! Aber er hatte ihn schon öfter. – Und so leicht es mir Anfangs ward, ihn zurückzuhalten, so schwer ward mir's nachher. Natürlich! Weil Sie sich gleich Anfangs zu viele Mühe gaben. Er geht aber. Denken Sie an mich, lieber Vater! Er geht! – Und nun – was wird die Welt davon urtheilen? Ihr Sohn ist für keinen üblen Mann bekannt, und Sie selbst werden ihn so nicht bekannt machen wollen. – Ihre Handlung werden Sie fremden Händen vertrauen müssen. Sie sind zu alt und mit anderen Geschäften zu überhäuft, um diese Hände genug zu beobachten. – Ihre Frau wird ihren einzigen Sohn – denken Sie selbst, wie ungern! verlieren; wir alle – Ach Thorheit! Thorheit! sagte der Alte, und zählte fort. Wenn Sie's so ansehen – – Wie anders? Ich habe dann das Meinige gethan, und muß schweigen. Lieber, lieber Herr Sohn! – und er drehte sich zu einem ernsthaften Gespräch herum, mit bei Seite gelegter Brille. – Ihre Gründe sind gut, sind vortrefflich; aber für wen? Für meinen Sohn oder für mich? Wenn ihn die Welt als keinen üblen Mann kennt, so hoffe ich sagen zu dürfen: mich kennt sie als einen guten. Auf wen wird also der meiste Vorwurf, der meiste Tadel fallen? – Wenn die Handlung zu Grunde geht, wer ist's, der den Schaden trägt? der verliert? Ich, der Greis, der sein Gutes genossen hat und nun auf die Grube geht? oder er, der Jüngling, der erst genießen soll, und – so gern genießen mag ? – Mit dieser einzigen, ihm ganz zufällig entfahrenen Spötterei war der Alte auf einmal wieder in voller Laune. – Was? was? fuhr er mit einer Art von komischem Unwillen fort: ein Mensch, der nicht das Herz hat, sich eine Frau zu nehmen, der hätte Herz, daß er davon ginge? daß er sich auf seine eigene Hand setzte? daß er hier Alles im Stiche ließe? – Ach Thorheit! Thorheit! 8. Madame Stark , die schon einige Zeit auf ihrem Posten gestanden hatte, glaubte jetzt eine unglückliche Wendung des Gespräches zu bemerken, und kam herein. Das Mutterherz war ihr übergetreten, und sie hielt das Tuch vor die Augen. Bist Du da, lieber Vater? Auch die? sagte der Alte in sich, und sah nun im Geist mit voller Ueberzeugung auch schon die Tochter kommen. – Ja, wie Du siehst, liebe Mutter. – Er stand auf und ging ihr freundlich entgegen. Diese Freundlichkeit beunruhigte Madame Stark : sie hätte, nach dem Antrage des Doctors, ihn weit lieber mürrisch und verdrießlich gefunden. – O ich sehe schon, sagte sie, ich werde wieder einmal vergeblich bitten. Warum? Weil ich freundlich bin, meinst Du? – Ich fürchte es beinahe auch, weil Du weinst. – So ein vierzig Jahre mit einander leben, macht doch sehr mit einander bekannt. – Wenn Du Dein Recht fühlst, weiß ich, da kommst Du so zuversichtlich, so freudig, und ich bleibe dann in meiner gleichmütigen Ruhe; aber wenn Du Dein Unrecht fühlst, da beweinst Du den schlechten Erfolg, den Du voraussiehst, und ich bin dann fein freundlich, um Dich zu trösten. – Nur gleich die Probe zu machen: Was gibt's? Dein Sohn will von Dir – fuhr sie mit großer Wehmuth heraus. Wenn er will ; – – Du weißt, er ist kein Jüngling mehr; er ist Mann. Freilich! freilich! Und eben darum – – Richtig! – Eben darum muß er wissen, was er zu thun hat. Aber ihn verlieren zu sollen! – Das ist nicht anders. Söhne gehen in die Welt. Wenn Du nur mit ihm reden, nur einziges Mal mit ihm freundlich sein, ihm Dein Wort geben wolltest – – Wie? – wie? – Nun da sieh einmal, Mutter! Sieh, wie Recht Du hast, daß Du weinst! – Ich mein Wort geben? ihm? Und worüber? – Der junge Mensch, sehe ich, wird mir sein aufsäßig, sein trotzig; es verdrießt ihn, einen so wachsamen Beobachter, einen so beschwerlichen Erinnerer zu haben; er möchte gar zu gern den Mund gestopft wissen, aus dem er so unangenehme Wahrheiten hört; er macht da Plänchen, mich in Furcht zu setzen, in Respect zu erhalten; er möchte mir – wie heißt doch die Redensart? – er möchte mir Brillen verkaufen. Eben jetzt hat er da eine fertig, wovon er glaubt, daß sie mir unvergleichlich stehen müßte; und da kommst Du nun, und bittest mit heißen Thränen, daß ich die Nase hinhalten soll, um sie mir aufsetzen zu lassen. – Sage: ist das recht, Mutter? Ist das vernünftig? Sie hören! sagte die Alte, und streckte die Hand mit dem Tuche gegen den Doctor. – So hat er es immer mit mir getrieben! Das gelte ich bei ihm! Das bin ich ihm werth! – So habe ich mich von jeher müssen verächtlich machen und mißhandeln lassen. Herr Stark bat, daß sie schweigen möchte; denn das Jammern sei ihm in der Seele zuwider, und Unvernunft höre er nicht gern; aber er bat umsonst, und er hätte selbst können schweigen. Endlich besann er sich, daß er ja auf dem einen Ohre taub sei, und daß er über das andere nur den Stutz ziehen dürfe: was er denn unverzüglich that, und sich gemächlich wieder an seine Arbeit setzte. 9. Wo sind sie denn? rief die Doctorin, indem sie den Kopf zwischen die Thürflügel steckte. – Ei sieh! Alle hier bei dem Vater? – Guten Morgen! guten Morgen! Schon so früh? sagte der Alte. Vor Tische? Ich hatte einzukaufen, mußte vorbei. Husch flog ich herein, um meinem Väterchen einen guten Morgen zu sagen. Denn ich weiß, er sieht mich so gern. Nicht wahr? Als ob das noch Fragens brauchte! Wenn ich nicht so ganz zufällig käme, so hätte mich eins von den Kleinen begleitet; das, was am artigsten oder am fleißigsten gewesen wäre. – Ich küsse Ihnen in Aller Namen die Hand. Danke. Danke. – Er sah sie bedenklich, aber nicht ungütig an. – Du thust ja heute außerordentlich freundlich? Ich thäte nur so? Ich bin's. Und hast hier noch Niemand gesehen? – Deinen Mann nicht? Den wol. Am Theetisch. Deine Mutter noch nicht? – Sie log mit einem Kopfschütteln, um nicht mit einem ausdrücklichen Nein zu lügen. – Dann ist's aber nicht artig, ihr nicht die Hand zu küssen. Ach verzeihen Sie! sagte die Tochter, und küßte ihr, seitwärts lachend, die Hand. Deinen Bruder wol noch viel weniger? – Gesehen; aber kein Wörtchen mit ihm gesprochen. Er lief mir da mit einem Gesicht vorbei, mit einem Gesicht! – Hui, dachte ich, was kümmern mich deine Gesichter? Lauf immer! – Aus meinem guten Humor bringt mich kein Mensch. Denn Sie wissen wohl: ich bin ganz Ihre Tochter. Bist Du? sagte der Alte, und lachte mit innigem Wohlbehagen. Immer munter, immer fröhlich und guter Dinge. Wer's nicht mit mir ist, mag seine Launen für sich behalten. Oder wenn ich mich ja mit ihm abgebe, so geschieht es nur, um ihn auszulachen. Da, der Herr – indem sie mit dem Finger auf den Doctor wies – hat die Erfahrung. Närrisches Weib! sagte dieser. Habe ich denn Launen? O, Du hast! hast! Du bist Mann. – Aber doch wirklich, mein lieber Vater; nahe geht's mir, daß ich den Bruder immer so unlustig sehe. Ich wollte von ganzem Herzen, er wäre glücklich. – Ich meiner Seits, wenn ich dazu helfen könnte – ich thäte Alles. Doch? Thätest Du Alles? – Ja ja! – Er war aufgestanden, und packte die Beutel zusammen. Wollen Sie denn fort, lieber Vater? Ich bin fertig. – Aber Sie könnten doch noch immer ein wenig bleiben. Wozu? – Er gab ihr einen scharfen, bedeutenden Seitenblick, und drohte ihr mit dem Finger. – Weib! Weib! Du hast mit Deinem Mann gesprochen, hast mit Deiner Mutter gesprochen, hast mit Deinem Bruder gesprochen. Sie meinen: heute? hier im Hause? – Nein wahrlich! Mit Mann und mit Bruder kein Wort. Also doch mit der Mutter! Nun? wäre denn das nicht recht? Gar sehr. – Aber da kommst Du nun mit eben der Bitte, wie sie; nur anders eingekleidet, versteht sich. Was sie tragisch gesagt hat, das willst Du komisch sagen. – Geh! geh! Mit denen da ward ich fertig; aber mit Dir – Da getrauen Sie sich nicht? Aus Ursache. – Denn sieh! wenn Du bittest, da bitten gleich alle Deine Kinderchen mit; und das möchte mir denn zu viel werden. – Geh! O, nun – nun kommen Sie mir gewiß nicht von dannen. Oder wenn Sie gehen, laufe ich nach. – Gutes, liebes, bestes Väterchen – – Schmeichlerin! Schmeichlerin? – Das bin ich nur dann, wenn Sie sich nicht erbitten lassen. Nun, was willst Du? Nimm Alles! – Er hielt ihr beide Geldbeutel hin. Nicht doch! Geben sollen Sie Nichts. Keinen Heller. Aber eine Thorheit begehen, für die ich hinterdrein, um sie nicht begangen zu haben, das Zweifache, Dreifache gäbe. Thorheit, sagen Sie? Lieber Gott! – Als ob's Thorheit wäre, einmal recht gütig, recht liebreich zu sein! – Sie sind das gegen mich; sind's so sehr: sein Sie es um meinetwillen auch gegen den Bruder! – Um meinetwillen! Denn Sie helfen mir da von der unangenehmsten Empfindung, die ich nur kenne. – Er beneidet mich – ich habe das mehrmals bemerkt; – er hat allerhand kleinen Argwohn, daß ich Ihrer wohlthätigen Zärtlichkeit mißbrauche: und fast – wenn man blos nach dem Scheine geht – hat er Ursache dazu. Denn sagt er nicht eben so gut Vater, als ich, und genießt doch so viel weniger Liebe? Er von der Mutter, und Du vom Vater. So ist's in der Ordnung. – Nein, ich bitte; bitte, so sehr ich kann: Machen Sie, daß er bleibt! daß er nicht fortgeht! Kann ich ihn halten? Mit einem einzigen guten Worte. Hm! – Das, meinst Du, soll der Vater dem Kinde geben! Gut heißt freundlich, nicht bittend. – Wahrlich, er hat Gefühl, er ist dankbar. Er wartet nur auf die erste Eröffnung des väterlichen Herzens, und Sie haben den besten Sohn von der Welt. – Wenn er nun glauben müßte, daß ich seine Entfernung zu seinem Schaden nutzte? daß ich Ihnen für mich und meine Kleinen abschmeichelte, worauf wir zwar Alle kein Recht haben, was aber doch ihm eben so gut zukommen würde, als mir ? – Sie wissen, daß das nicht ist , und daß ich dazu ganz unfähig bin; aber er würd' es doch glauben: er würd' es ganz sicher glauben; und meine Empfindung dabei – – Sie hatte Thränen im Auge. Diese Beweise von Zartgefühl, Schwesterliebe und Uneigennützigkeit, deren Wahrheit außer Verdacht war, freuten den Alten innigst, und er sah sie mit großer Zärtlichkeit an. Er glaubte nicht blos sein Fleisch und sein Blut, sondern auch sein Herz und seine Seele in ihr zu finden. Liebes, gutes, bestes Väterchen, fuhr sie fort, und nahm Alles zusammen, was sie im Tone Süßes und in der Miene Liebkosendes hatte – alle meine Kinderchen bitten mit. Könnten Sie's abschlagen? Je nun, sagte der Alte und fuhr sich mit den Fingern ein paar Mal über die grauen, etwas naß gewordenen Augenwimper – dran werd ich schon müssen. Ich will mit ihm reden. Gewiß? gewiß? Ja doch! – So freundlich, wie noch jemals in meinem Leben. Und bald? So bald sich's thun läßt. In diesen Tagen. Ein Mann, ein Wort? Schlagen wir ein? Da! – so freundlich, wie noch jemals in meinem Leben. Sie lächeln aber so in sich. Worüber? Ach – über mich selbst. – Laß das gut sein! – Er hatte schon ungefähr die Art, wie er sich nehmen müßte, im Kopfe und lächelte fort bis zur Thüre. Armer Mann! sagte er noch, im Vorbeigehen, zum Doctor; Sie sind gewaltig betrogen. Sie forderten von mir eine Frau, und ich habe Ihnen eine Schlange gegeben. 10. Nun? triumphirte die Doctorin, als der Vater hinaus war; hatt' ich nicht Recht, liebe Mutter? War's des Schreckens und des Aufhebens werth? – So ein kleiner Zwist in einer Familie gemahnt mich, wie ein Feuer in einer Brandmauer. Das brennt schon aus, ohne Lärmschlagen. Und Du glaubst Dich am Ende? sagte der Doctor. Völlig. Völlig. Der Vater hält Wort. Er müßte erst mehr versprochen haben. – Aber gesetzt auch, daß Du zu Deinem Zweck kommst, und daß der Bruder für diesmal bleibt – – Für diesmal? Warum denn nicht immer? Wird er von seinen Schwachheiten lassen? Wird der Vater von seinem Eigensinn lassen? Niemals! niemals! seufzte die Mutter. Schwerlich! stimmte die Tochter mit ein. Und also! Was sind wir weiter gekommen? – Wir wollten die innern Ursachen der Uneinigkeit heben, wollten die Quellen des Uebels verstopfen; und da uns nun das nicht gelang – da stellen wir uns hin, und pinseln und pflastern an einem Geschwürchen, das, wenn wir es heute heilen, morgen wieder aufbrechen wird. – Das ist falsche Heilart, fuhr er mit Kopfschütteln fort, wovon ich bei Zeiten zurücktrete, und sie Dir allein überlasse. Klug! klug und gelehrt! sagte die Frau. – Aber auch Pfuscherarbeit wird manchmal gute Arbeit. Laß mich nur machen! Wie aber, wenn Du ein Meisterstück machen könntest? Ein Meisterstück? – Nun? Er ging mit einem Blick voll Mißmuths umher, und rieb sich die Stirne. – Ach, es ist nicht zu machen. Ei? ist ein frommer Wunsch, weiter Nichts. – Heirathen, heirathen müßte der Bruder. Ein kluges, sittsames, zärtliches Weib müßt' er nehmen. So eins, wie Du hast. Nicht wahr? – Sie sah ihm freundlich lächelnd unter die Augen. Nun ja! Und wenn auch nur so eins – – Boshafter! – Er bot ihr liebreich die Hand, und zog sie in seine Arme. – So ein Weib würd' ihn zu Hause bei seinen Geschäften halten: denn zu Hause wäre ja sie: es würd' ihm alle die Vergnügungen, denen er jetzt nachläuft, verleiden: denn bei ihr fänd' er ja bessere; es würd' ihn von den kleinen Thorheiten des Putzes und der Modesucht abziehen: denn man putzt sich ja nicht für die Seinigen, nur für die Welt. – Er fand den größten Beifall mit dieser Rede. Die Frau liebkoste ihn, und die Schwiegermutter ertheilte ihm Lobsprüche. Alle Quellen des Mißvergnügens wären dann auf einmal verstopft. Der Vater und wir alle wären zufrieden – Ja, wenn es möglich wäre, fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort, indem er lebhafter umherging – wenn es möglich' wäre, daß er die Wittwe – die gute Wittwe – – Hier flogen beide Frauenzimmer zu ihm hinan, und brachten ihm ihre Gesichter so nahe, daß er erschrak und zurücktrat. – Was ist denn? Was hab' ich gesagt? fing er an. Die Wittwe! riefen sie Beide aus Einem Munde. – Sprachen Sie nicht von einer Wittwe, Herr Sohn? Erwähntest Du nicht einer Wittwe, mein Bester? – – – Der Doctor war unzufrieden, daß er sich mit seinem Geheimniß so bloß gegeben, und versuchte sein Möglichstes, um es noch festzuhalten. Er war durchaus nicht zu bewegen, daß er es im Ganzen, hätte herausgeben sollen. Indessen riß, durch das ewige Fragen, bald die Frau, und bald die Schwiegermutter, ein Stück davon ab; und so bekamen sie endlich so viel davon in die Hände, daß er nicht absah, warum er den unbedeutenden Rest nicht noch freiwillig dazu geben sollte. Ueberdies hatte man ihm das heiligste Stillschweigen gelobt, und Mutter und Tochter hatten einander selbst recht inständig darum gebeten. Jetzt, da die Frauenzimmer ihr Geheimniß zu besichtigen anfingen, fand sich, daß sie sehr wenig daran erbeutet hatten. – Die Wittwe hatte Kinder – war ohne Vermögen – war nicht mehr jung: – ihr vier oder fünf und zwanzigstes Jahr mochte sie immer schon zurückgelegt haben; – der Liebhaber schien noch gar nicht entschieden; – der Vater hatte Vorurtheile gegen die Frau; – ihn von Vorurtheilen zurückzubringen, war immer sehr schwer, fast unmöglich: – alle diese Umstände ließen von der Liebe des Sohns, wie aufrichtig und zärtlich sie übrigens sein mochte, keine Heirath, und noch weniger von so einer Heirath eine feste Grundlage für die Ruhe und Zufriedenheit der Familie hoffen. Man war also wieder in gleicher Verlegenheit, als zuvor. Indessen tröstete sich die Doctorin mit dem Gemeinspruche, daß der Mensch nicht zu weit vorausdenken, und wenn mir seine nächste Aussicht nicht trübe und gewitterhaft sei, sich beruhigen müsse. Voller Friede, meinte sie, sei wol freilich das Beste; aber auch Waffenstillstand – und diesen wenigstens glaubte sie für die Familie bewirkt zu haben – sei schon nicht zu verachten. 11. Abends bei Tisch erlitt der Muth der Frau Doctorin, durch einen einzigen Blick des Alten, einen gar unsanften Stoß. Es war Donnerstag, wo, nach der Regel, das ganze Herbstische Haus, bis auf das kleinste Enkelchen herunter, bei dem Alten versammelt, und dieser dann gemeiniglich sehr vergnügt und beredt war. Eins der ersten Gespräche pflegte von denjenigen Kranken des Doctors zu sein, die der Alte, wenn auch nur von Ansehen, kannte, und an denen er, theils dieser Bekanntschaft wegen, theils weil sie Kunden seines Schwiegersohnes waren, viel Theil nahm. Diesmal fragte er besonders nach einem »gewissen Herrn Heil , einem Manne von mittlern Jahren, der eine starke Familie hatte. Ach, der ! sagte der Doctor: der ist schon völlig außer Gefahr. Doch? Das ist mir eine sehr liebe Nachricht! – Der Mann hat viel Unglück gehabt, und es kann nur sehr wenig Vermögen da sein: was war' aus den vielen lieben Kindern geworden? – Es ist übrigens ein so rechtlicher, ein so stattlicher Mann: er hat mir Tag und Nacht in Gedanken gelegen. – Aber – wenn ich nicht irre, so sagten Sie ja nur noch vorgestern, er sei der Schlimmste von Ihren Kranken; es sei Ihnen ganz bange um ihn? Da stand's auch mit ihm so so. Er lag da eben in einer Krisis. Was heißt das? – Krisis! – Das Wort, däucht mir, hab' ich schon öfter gehört. Das Wort ist griechisch, mein lieber Vater. Ei meinetwegen arabisch! Ich möchte den Sinn davon wissen. – Ihr Herren nennt immer Alles mit fremden Namen; wozu das? – Eine deutsche Krankheit wird doch keine griechischen Zufälle haben? Aber Zufälle, die sich zu deutsch nicht so kurz wollen sagen lassen. – Krisis nennt man bei hitzigen Fiebern die letzte, stärkste Anstrengung der Natur, der Krankheit durch irgend eine hinreichende Ausleerung gekochter Krankheitsmaterie ein Ende zu machen. Gekochter Krankheitsmaterie! wiederholte der Alte langsam und wiegte mit dem Kopf vor sich hin. – Das ist nun deutsch; in der That! Deutsch, wie Griechisch. Nicht wahr? Beinahe. – Ich will mich näher erklären. Gekocht nennen wir eine Krankheitsmaterie, wenn sie sich von den gesunden Säften, denen sie beigemischt war, schon so abgesondert hat, daß der Körper sich ihrer entschütten, oder wo nicht völlig entschütten, sie doch nach außen hin absetzen kann. – Hat die Natur zu dieser Wirkung noch Kraft, so genest der Kranke; hat sie keine, so stirbt er. – So lange nun dieses glückliche oder unglückliche Bestreben der Natur fortdauert, sagt man von einem Kranken: er sei in der Krisis. Ja nun – nun wird's helle, Herr Sohn; nun versteh' ich. – Und so kann man denn auch in einer Krisis, wo es sich mit der Krankheit bessert, so herzlich krank sein? Nicht anders. – Während der ganzen Zeit, da die Materie gekocht, und dadurch die Krisis vorbereitet wird – Sie verstehen mich nun schon – – Vollkommen. Während dieser ganzen Zeit ist die Krankheit im Wachsen, im Zunehmen; und kurz vor der Krisis, oder vor dem glücklichen Auswurf der Unreinigkeiten, pflegen heftige, drohende Bewegungen zu entstehen, die das Uebel auf seinen höchsten Grad treiben, und die man füglich einen kritischen Tumult nennen kann. Bewahre Gott! rief der Alte, der einst einen Tumult erlebt hatte, und vor dem Worte erschrak. Nicht doch! – Helfe Gott! muß man sprechen. Was? Helfe Gott! zu einem Tumulte? – Doch freilich; wenn's mit dem Bewahren zu spät ist, da hat man schon recht, daß man um's Helfen bittet. – Und die Hülfe kommt denn wol durch den Doctor: nicht wahr? Der kann dabei wenig, sehr wenig. Das Meiste und das Beste muß die Natur thun. So! – Aber der Doctor nimmt doch sein Geld; und da, dächt ich, wär's denn auch Pflicht, daß er zur Hand wäre, und mit Allem, was er von Pulvern und Mixturen nur auftreiben könnte, wacker in den Tumult hineinwürfe, um desto eher Frieden zu stiften. Die Anwesenden lachten – bis auf den Sohn, der in Gedanken vertieft saß – und am meisten lachte der Doctor. – Sie wären mir ein trefflicher Arzt, lieber Vater. Wissen Sie, daß Sie durch Ihre zu große Thätigkeit die Krisis stören und dadurch den Kranken ins Grab bringen könnten? Ei wie so? Das möcht' ich doch ungern. Der arme Heil! Eine gestörte Krisis zieht immer entweder schleunigen Tod, oder doch gefährliche, in der Folge tödtliche Versetzungen nach sich, die wir abermals mit einem griechischen Worte Metastasen nennen. Genug! genug! sagte der Alte; kein Griechisch weiter! – Ich merke wol, Ihr Herren macht's Euch bequem, deckt Euren Kranken fein warm zu, und gebt mit untergeschlagenen Armen Achtung, wo die Natur hinaus will. Viel besser ist's wirklich nicht. Ich gesteh' es Ihnen. Je nun – Wenn's so am sichersten oder am heilsamsten ist, ist's am besten. – Er saß hier einen Augenblick nachdenkend, und spielte mit seinem Teller. – Lieb ist mir's denn doch, daß ich bei der Gelegenheit dahinter gekommen, wie ein kritischer Tumult muß behandelt werden. Ich hätte da einen erzeinfältigen Streich machen können. Wie so? fragte der Doctor. Ich hätte mich können verführen lassen, mitten in einer Krisis die Cur zu versuchen. Sie? fragte der Doctor noch ein Mal. Der Alte schwieg; aber ein bedeutender, lächelnder Blick, den er nicht sowol auf den Sohn, als nach der Seite hinwarf, wo dieser saß, ließ den drei Verbündeten keinen Zweifel, daß er mit seinen Reden auf den Zustand des Sohnes ziele: nur, wie er ihn in diesem Zustande zu behandeln denke, das blieb ein Räthsel. Nach Tische rieth man und rieth; aber mir allem Rathen ward die Neugier mehr gespannt als befriedigt. Endlich that die Doctorin, die gewissermaßen das Orakel der Familie war, und die seit dem Siege von diesem Morgen noch an Ansehen gewonnen hatte, den wirklich nicht üblen Vorschlag, daß man sich für jetzt den Kopf nicht weiter zerbrechen, sondern die eigne Erklärung, die der Vater durch sein Betragen geben würde, ruhig abwarten solle: ein Vorschlag, den Mutter und Mann höchlich billigten; denn daß diese Erklärung völlig befriedigend und völlig zuverlässig sein müßte, sprang in die Augen. 12. Herr Stark , der Sohn, war mit seinen Anstalten zur Abreise bis auf's Einpacken fertig; er war nur noch unschlüssig, wie er Abschied nehmen sollte. Heimlich sich aus dem väterlichen Hause wegzuschleichen, in welchem er kein anderes Andenken, als an geleistete gute Dienste zurückzulassen sich bewußt war, fiel ihm nicht ein; auch legte ihm sein Herz die Verbindlichkeit auf, eh' er ging, seinem Vater für die erhaltenen vielen Liebesbeweise so ehrerbietig als zärtlich zu danken. Er hatte sich eine Art von Anrede ausgedacht, die dem Alten gleich sehr die Festigkeit und Unabänderlichkeit seines Entschlusses, als die rechtschaffenen, kindlichen Gesinnungen eines Sohnes beweisen sollte, den er so hartherzig aus seinem Hause stieße. Die Ausdrücke, womit er besonders den letzten Zweck zu erreichen hoffte, waren die gewähltesten, die er hatte finden können; und beim Zusammensetzen derselben war ihm eine Menge Thränen entflossen, die in so fern wahre Freudenthränen waren, als sie ihm für unverkennbare Beweise des vortrefflichsten Herzens galten. Indessen ward, schon bei dieser Vorbereitung, dem jungen Manne immer mehr bange und ängstlicher, je lebhafter in seiner Einbildung die Züge des ehrwürdigen väterlichen Gesichts hervortraten; und als er sich endlich zusammennahm, um wirklich sein Wort an den Mann zu bringen, so gerieth das so äußerst übel, daß der Alte keinen geringen Schreck davon hatte. Die ersten Worte der Anrede: »Mein lieber« – kamen so ziemlich heraus, und ein Mann von etwas schärferm Gehör, als Herr Stark , möchte sie haben verstehen können; dann aber gerieth der Redner plötzlich in so ein Stottern, Zittern und Erblassen, daß der Alte, der von den Ursachen dieser Erscheinung keinen Verdacht hatte, mit großer Beängstigung auffuhr, dem Sohne kräftigst unter die Arme griff, und durch sein Rufen um Hülfe das ganze Haus auf die Beine brachte. Das eigene Zittern, das bei dieser Gelegenheit den Alten befiel, die Eile und Sorgfalt, womit er selbst einige dienliche Arzeneien mit Allem, was zum Einnehmen nöthig war, herbeischaffte, und die unablässigen liebreichen Fragen: wie dem Sohne jetzt sei? und wie der Zufall ihn angewandelt? machten es diesem, der nicht wenig dadurch gerührt ward, unmöglich, von dem eigentlichen Grunde der Sache mir ein Wort zu erwähnen. Lieber bestätigte er den Alten in der Voraussetzung, daß eine Lieblingsspeise, wovon des Mittags zu reichlich genossen worden, an dem ganzen, übrigens unbedeutenden Zufalle Schuld sei, und ließ sich eine lange, nachdrückliche Ermahnungsrede gefallen, deren Inhalt das Lob der Mäßigkeit war. Da er wol sah, daß es mit dem mündlichen Vortrage durchaus nicht gehen würde, so entschloß er sich nun, zu schreiben, und eh' er in den Wagen stiege, den Brief an Monsieur Schlicht , einen alten invaliden Handlungsdiener, zu geben; der, nach geschwächtem Gesicht und Gedächtniß, in dem Hause des Herrn Stark eine Art von Haushofmeister vorstellte, sich zu allerhand kleinen Geschäften willigst gebrauchen ließ, und, trotz seines wunderlichen Wesens, das Vertrauen der Eltern, aber noch mehr der Kinder, in hohem Grade besaß. Ein anderer peinlicher Abschied, den Herr Stark unmöglich anders als persönlich nehmen konnte, weil ein schriftlicher, nach dem bisherigen engen Verhältniß, allzukalt würde geschienen haben, war der von der Wittwe. Die gute Frau befand sich eben in einer sehr beunruhigenden Lage. Ein harter, ungestümer Gläubiger, der an das Lykische Haus eine zwar nur unbeträchtliche Forderung hatte, bestand durchaus auf Befriedigung; aber die Kasse hatte schon zu ansehnliche Zahlungen geleistet, um auch noch diese leisten zu können. Die Wittwe wußte, daß, wenn alle außenstehenden sichern Schulden eingegangen und dadurch die fremden Forderungen völlig getilgt wären, ihr nur wenig zu ihrem eigenen und ihrer Kinder Fortkommen übrig bliebe; sie wußte, daß auch dieses Wenige unausbleiblich verloren gehen und zu dem Elende der Armuth noch die Schande eines öffentlichen Bruches hinzukommen würde, wenn das Beispiel von nur Einem Gläubiger alle übrigen ermunterte, ohne Zeitverlust auf sie einzubrechen. Der natürlichste Weg, aus dieser Verlegenheit herauszukommen, war der, sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden; auch könnt' es kein Hinderniß für sie sein, daß die Entdeckung ihrer Noth in der That nur eine versteckte Bitte um thätigen Beistand war; denn Niemand wußte so gut als Herr Stark , daß bei den Vorschüssen, die er ihr etwa machen könne, Nichts zu verlieren stehe. Sie setzte sich also nieder, ihn um seinen freundschaftlichen Rath zu ersuchen; allein sie brachte kein Wort auf's Papier; ein noch nie gefühlter, unüberwindlicher Widerwille zwang sie, von ihrem Schreibtische wiederaufzustehen. So ging es ein, so ging es mehrere Male. Endlich fiel natürlicher Weise die Aufmerksamkeit der Wittwe von ihrer äußern auf ihre innere Lage; sie befragte sich selbst wegen der Ursache eines Widerwillens, den wenigstens ihr Freund durch sein Betragen nicht verschuldet haben konnte, da er immer die Güte und die Gefälligkeit selbst gewesen. Sollte sie die Schuld etwa blos in ihrer Bescheidenheit, in dem Gefühle suchen, daß es empfangene Freundschaftsdienste sehr schlecht erkennen heiße, wenn man so leichtsinnig bereit sei, immer neue zu fordern? Ihr inneres, besseres Bewußtsein überzeugte sie, nicht zwar von der Falschheit, aber doch von der Unzulänglichkeit dieser Erklärung. Sie ward endlich zu einem Geständniß genöthigt, welches ihr, so einsam sie war, vor Scham das Blut in die Wangen jagte; zu dem leisen, unwillkommenen Geständnisse: daß sie ihren Freund mit etwas zärtlichern, als blos freundschaftlichen Augen betrachte, und daß sie nur darum, weil sie ihn liebe, ihm so ungern in ihrer Blöße erscheine. Ihre nach Entschuldigung umherspähende Selbstliebe fand indessen den Grund dieser Leidenschaft – die sie zwar auf's Aeußerste bekämpfen zu müssen einsah – nicht allein verzeihlich, sondern selbst lobenswürdig, dankbare Empfindungen, und mehr noch für die ihren kleinen Waisen erwiesene Liebe und Achtung, als für alle ihr selbst erzeigte große, nie zu vergeltende Gefälligkeiten, hatten ein Herz verstrickt, das sich noch immer jeder guten und edlen Empfindung ohne Rückhalt hingegeben hatte. Diese nur eben geendigte Selbstprüfung gab der Miene der Wittwe, als Herr Stark hereintrat, eine Schamhaftigkeit und Verlegenheit, ihrem Ton eine Sanftheit und Weichheit, wodurch sie einem Manne, der ihr ohnehin schon so sehr ergeben war, äußerst reizend erscheinen mußte. Er forschte nach der Ursache ihres kränklichen Aussehens und ihrer Blässe; sie schlug voll Verwirrung die Augen nieder. – Er bat, wenn sie irgend einen geheimen Kummer nähre, sich ihm mitzutheilen, und seine Dienste, falls er ihr nützlich sein könne, nicht zu verschmähen; sie dankte ihm mit inniger Rührung, aber ohne den Muth zu haben, mit ihrem dringenden wichtigen Anliegen herauszugehen: – Er gestand ihr die Absicht, worin er komme, und daß er nicht lange mehr so glücklich sein werde, ihr seine Dienste persönlich anzutragen; sie war sichtbar erschrocken, forschte nach den Ursachen eines so unerwarteten Entschlusses, bat ihn, wenn es irgend möglich sei, davon abzustehen, und klagte, da ihr Bitten vergeblich war, mit nassen Augen ihr Schicksal an, das sie, nach so mancherlei harten Prüfungen, nun auch ihres besten, ihres einzigen Freundes beraube. – Ohne Zweifel hatte das unglückliche Verhältniß mit ihrem Gläubiger, aus welchem sie nun durch Herrn Stark herausgerissen zu werden nicht mehr hoffte, oder doch, bei seinen jetzt eintretenden eigenen Bedürfnissen, auch nur von fern darauf anzutragen nicht die Dreistigkeit hatte, den größten Antheil an ihrer Wehmuth; Herr Stark indessen, der von jenem Verhältniß nicht im mindesten unterrichtet war, konnte unmöglich anders, als ihre Rührung ganz auf Rechnung ihrer innigen Dankbarkeit, ihrer zärtlichen Freundschaft setzen; und durch diesen Irrthum stieg seine eigene Rührung zu einem so hohen Grade, daß er, nach mehreren fruchtlosen Versuchen ein Lebewohl hervorzustammeln, und nach nur Einem, aber desto heißeren, Kusse auf ihre Hand sich eiligst von ihr losreißen mußte. Er segnete, indem er auf die Straße hinaustrat, die schon eingebrochene Dunkelheit, die es ihm erlaubte, unbemerkt hinter seinem Tuche zu weinen. Dann erlauschte er vor dem väterlichen Hause den Augenblick, wo er ungesehen in sein Schlafzimmer entschlüpfen konnte, warf sich, nur halb entkleidet, auf's Bette, und erleichterte sein gepreßtes Herz durch Seufzer und Thränen. Er ward von mancherlei zärtlichen Wünschen, von mancherlei schmeichelhaften Hoffnungen bestürmt; aber endlich gelang es ihm, durch die Rückerinnerung an seine ausgestandenen Leiden, sie alle von sich zurückzuweisen, und dadurch eine Seelenstärke und Entschlossenheit an den Tag zu legen, wie er sie, nach der sonstigen Weichheit seines gar zu guten Charakters, in sich selbst kaum gesucht hatte. Er sprang auf, zog noch diesen Abend den Reisekoffer aus seiner Kammer, öffnete Kasten und Schränke, und belegte alle Stühle mit Wäsche und Kleidungsstücken, um sie am folgenden Morgen beim Einpacken sogleich zur Hand zu haben. Nein! sagte er, während dieser Arbeit, zu sich selbst: wer nicht die Kraft hat, sich fest und unwandelbar zu entschließen, der bleibt, was er zu bleiben werth ist: ein Sclave. – Ich habe angefangen; ich muß hindurch. – Mag es doch mein Vater nun mit Andern versuchen! Mag er es doch erfahren, was für ein Unterschied zwischen einem Diener und einem Sohn ist! Mag er es doch erfahren, und mich zurücksehnen, so viel er will! Ich werd' ihm nicht kommen. – Hab' ich denn sonst keine Pflichten zu erfüllen, als nur gegen ihn? keine gegen mich selbst? – 13. Laß Er's doch gut sein! sagte der Alte zu Monsieur Schlicht , als ihm dieser in voller Bestürzung die auf dem Zimmer des Sohnes gemachte Entdeckung mittheilte, und nicht fertig werden konnte, das Haus seines guten alten Wohlthäters zu bejammern, wenn es mit dem jungen Herrn seine erste und festeste Stütze verlieren sollte. Er sah es in Gedanken schon von allen Seiten baufällig werden und in Trümmer zerfallen. Hat Nichts zu sagen! meinte der Alte, der sich hinsetzte, um für seinen Sohn einen offenen Wechsel zu schreiben. Nichts zu sagen! erwiderte Schlicht, und war unschlüssig, ob er über die Gleichgültigkeit des Alten mehr erstaunen oder sich ärgern sollte. – Nichts zu sagen, Herr Stark? So erwägen Sie doch – – Daß Dich! rief hier der Alte: – da muß ich nun den Wechsel, der beinahe schon fertig war, wieder zerreißen, und einen andern anfangen. – Kann er denn keinen Augenblick schweigen? Ist Ihm denn das Plaudern so zur andern Natur geworden? – Monsieur Schlicht hatte das Eigene, daß er die Wörter: Plaudern und Schweigen, wenn sie mit Beziehung auf ihn selbst gesagt wurden, gar nicht hören konnte, ohne mißlaunig und stöckisch zu werden. Er hatte, in jüngern Jahren, sich lange und viel in der Welt umhergetrieben; hatte, wie er immer zu rühmen pflegte, seine Äugen nie in die Tasche gesteckt; und wenn andere Leute sich Einsichten und Erfahrungen gesammelt hatten, so hatt' er's wol auch. Ein solcher Mann, meinte er, müßte Freiheit zu reden haben, oder es hätte sie Niemand, und alle Welt müßte schweigen. Er kehrte kurz um und wollte fort, als Herr Stark ihm ernstlich befahl, zu warten, und ihn dann zu seinem Sohne zu begleiten, wenn sich etwa noch Dieses oder Jenes zu veranstalten fände. – Die übrige Familie, die Monsieur Schlicht schon etwas früher, als den Vater, von seiner Entdeckung benachrichtigt hatte, war eben in vollem fruchtlosen Kampf mit dem Sohne, als Herr Stark , in Begleitung des alten Handlungsdieners, hereintrat. Seine Erscheinung auf einem so abgelegenen Zimmer, das er gewiß seit der Blatternkrankheit der Kinder mit keinem Fuße mehr betreten hatte, setzte Alle in die größte Erwartung, und den Sohn in eine sichtbare Verwirrung. So gut es indessen in der Geschwindigkeit möglich war, raffte sich dieser zusammen um den Vorwürfen oder Vorstellungen des Vaters, und wenn er die letztern auch noch so kräftig mit dem vollen Beutel in seiner linken Hand unterstützen sollte, nachdrücklich entgegenzuarbeiten. – Das sind viel Sachen, Monsieur Schlicht , sagte der Alte, indem er die Augen auf die vollen Stühle umherwarf: und ich sehe hier Nichts, als den einzigen kleinen Koffer. Da gehen sie ja unmöglich alle hinein. So bleiben sie heraus, murmelte Schlicht , ohne daß es der Alte hörte; warum ist er nicht größer? Wäre denn sonst keiner da? Denn in diesen hier bringt Er ja kaum das Drittel von allen den Kleidungsstücken. Das könnt' Er, dächt' ich, mit halben Augen sehen. Ach, ich – mit meinen Augen, Herr Stark – ich sehe nur mein Leiden an der Geschichte. Warum denn aber? – Sei Er nicht wunderlich, Freund! Geb' er mir Auskunft! Der alte Mantelsack mag noch da sein, den Sie vor etwa dreißig oder vierzig Jahren auf Ihren Reisen brauchten. Er war ja schon damals in lauter Fetzen. Der Alte konnte sich kaum enthalten zu lachen. – Ich weiß nicht, wie Er mir manchmal vorkommt, Monsieur Schlicht . Solche feine und kostbare Kleidungsstücke – denn Er sieht ja wol, daß das eine Garderobe ist, die für keine tausend Thaler geschafft worden – die will Er in den schmutzigen alten Mantelsack schnüren? Ich nicht. Ich will hier weder packen noch schnüren. Noch einmal: Sei Er nicht wunderlich, Freund! Steck' Er Geld ein, und geh Er zu dem Manne gegen der Börse über! Der hat Koffer, den ganzen Laden voll, von allerhand Größe und allerhand Art: da such' Er sich einen aus! – Zu hoch und zu breit, denk' ich, wird Er ihn wol nicht nehmen können; aber mit der Länge wird Er sich vorzusehen haben. – Am besten, Er geht vorher in den Schuppen, und nimmt an meiner Chaise das Maß. An welcher Chaise? – Der Alte sah ihn einen Augenblick an, und schüttelte mit dem Kopfe. – An der zerbrochenen nun doch wol nicht? denn von der ist ja Nichts als der Kasten übrig. Nun, ich höre ja wol! An der neuen, die Sie zur Reise von vorigem Sommer kauften. Richtig! – Ich mache sie meinem Sohn zum Geschenk; denn mir steht sie da nur im Wege: mit meinen Reisen ist's aus. Und, Monsieur Schlicht – daß Er mir das ja nicht vergißt! – Laß Er vorher erst recht nachsehen, ob auch noch Alles in haltbarem Stande ist; Riemen und Eisenwerk, Räder und Achse. Nichts ärgerlicher, als wenn man unterwegs mit seinem Fuhrwerk in Krüppeleien geräth. – Die Chaise, fuhr er mit unwilligem, verweisendem Tone fort, hat mir da, den ganzen Sommer hindurch, in der Trockniß gestanden. – Woran ich selbst nicht denke, denkt Niemand. Ich wollte, sie wär' in tausend Trümmern, brummte Schlicht vor sich hin, und verließ das Zimmer in einer noch weit übleren Stimmung, als worin er's betreten hatte. Sich Mangel an Aufmerksamkeit auf das Haus oder irgend etwas zum Hause Gehöriges, oder sonst unter seiner Aufsicht Befindliches, Schuld geben zu lassen, war ihm ganz unerträglich. Ein getreuerer Aufseher und ein besserer Oekonom, als Er, sollte auf Erden noch erst gefunden werden. – Uebrigens ließ er es bleiben, zur Abreise des lieben jungen Herrn auf irgend einige Art zu helfen; den Koffer für ihn mochte ein Anderer schaffen. – Der Alte sah mit einem trüben, mitleidigen Lächeln hinter ihm her. – Wie schwach Einen doch manchmal das Alter macht! sagte er dann, mit einer Wendung gegen den Doctor. Der gute, ehrliche Schlicht ist meinem Sohne so herzlich, so herzlich ergeben, daß er ihn, vor lauter Ergebenheit, lieber hier würde umkommen, als auswärts sein größtes Glück machen sehen. – Nein, Gott Lob! da bin ich festerer Natur. – Es ist freilich wol angenehm, die lieben Seinigen immer um sich zu haben: aber, wenn das einmal nicht sein kann – – Und warum nicht? Warum kann das nicht sein? fragte die Alte, die ihre Bewegung nicht länger bergen konnte. – Aus mehr als einer Ursache nicht, gute Mutter. Darf ich die hören? – Nur eine Einzige, bitt' ich. Alle! – Es sind ja keine Geheimnisse. Nun? – Zuerst schon deswegen nicht, weil ich und er, wenn wir hier länger zusammenblieben, uns einander das Bischen Leben nur schwer machen würden. Das sei Gott geklagt! Und die Schuld? – Die ist mein. Das versteht sich. – Ferner deswegen nicht, weil ich so oft ihm vorgeworfen, daß es ihm an Entschluß und Unternehmungsgeist fehle, und weil es seltsam herauskommen würde, wenn ich gerade beim ersten Beweise vom Gegentheil – wie nun dieser auch immer sein mag, – ihm durch den Sinn fahren wollte. Endlich und hauptsächlich deswegen nicht, weil die Errichtung eines neuen Handlungshauses und der dazu nöthige Vorschuß ihn zu einer Thätigkeit zwingen, ihn zu einer Sparsamkeit und Ordnung gewöhnen werden, wie ich sie ihm hier, mit allem meinem Predigen, nicht habe beibringen können. Ich hoffe, er soll mir jetzt eine ganz andere Denkungsart annehmen; soll mir jetzt ganz so werden, wie ich ihn immer wünschte. Und Deine Handlung? fuhr die Alte mit etwas gesunkenem Tone fort: Deine Geschäfte? – Die, Mutter, sind meine, nicht Deine Sache! Wer sie so lange gut zu führen gewußt hat, wird es auch jetzt wol noch wissen. – Denke Du lieber an das, was Dir noch wird zu besorgen bleiben. Mir? – Und das ist? Du wirst ihn doch nicht so trocken abfertigen wollen? wirst ihm doch zu guterletzt noch einen Abschiedsschmaus geben? – Ich hoffe, Sie kommen dazu auch, lieber Doctor. – Und Du – indem er die Tochter ansah – und Euer ganzer kleiner Anhang, versteht sich. – Er lächelte mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit gegen sie hin. – Da wollen wir noch einmal recht von Herzen mit einander vergnügt sein. – Vergnügt? Recht von Herzen? seufzte die Mutter. – Wirst Du das können? Warum nicht? Was in der Welt soll mich hindern? – Der Ort, wohin er zieht, liegt ja so nahe. Wir dürfen nur auf die Post schicken und anspannen lassen, wenn uns künftig einmal das Herz so groß wird; wir dürfen nur zu ihm fahren. – Ja, wenn es zur See nach Amerika, oder gar bis nach China ginge! oder gar bis nach der Botauybai! Behüte Gott! rief die Alte. Amen! Amen! Und nun keine Seufzer weiter! Es ist genug! – – Du hörst, fuhr er dann fort, indem er sich mit gütigem Ernst gegen den Sohn herumwandte, daß ich von Deinen Absichten weiß, und daß ich sie, nach Lage der Umstände, wie diese nun einmal sind, eben nicht tadele. – Geh mit Gott, mein Sohn! Meinen Segen zu Deiner Reise! – An Deine Stelle hier kann der erste Buchhalter treten, Monsieur Burg : den kennst Du selbst als einen gewandten, thätigen, rechtschaffenen Mann; und ich, so alt ich bin, habe doch auch noch Kräfte, um arbeiten, und Augen, um nachsehen zu können. Für meine Handlung also sorge nur nicht; aber wie es mit Deiner gehen wird? – Aller Anfang, sagt man, ist schwer; und was Du Dir selbst, bei so mancherlei Nebenausgaben, erübrigt haben kannst, mag Dich eben nicht drücken. – Da! indem er den ziemlich schweren Beutel, den er bisher gegen die linke Hüfte gestützt hatte, auf den Tragkasten unter den Spiegel setzte – eine kleine Erkenntlichkeit für geleistete Dienste! Ich hob sie Dir immer auf, um eine Zeit damit abzuwarten, wo sie Dir eben gelegen käme; und diese, denk' ich, ist jetzt. – Aber, da es Dir doch noch fehlen, und Dieser oder Jener, wegen unserer unvermutheten Trennung, bedenklich werden und Dir sein Zutrauen versagen möchte; so ist hier noch ein offener Wechsel, der hoffentlich allen Bedürfnissen abhelfen und alles Mißtrauen entfernen wird. Der Alte schwieg, und schien einen Augenblick auf die schuldige Danksagung des Sohnes zu warten; aber es erfolgte Nichts als eine steife, ungeschickte Verbeugung. – Ich sehe wol, sagte er dann, daß ich Dir in einer Arbeit gekommen bin, worin man sich eben darum so ungern stören läßt, weil man sie so ungern anfängt. – Ich will Dich jetzt länger nicht aufhalten. Wenn Du hier fertig bist, sprechen wir einander schon weiter. – 14. Die Verbündeten sahen dem Alten, als er das Zimmer verließ, mit sehr verschiedenen Empfindungen nach. Die Mutter war voll Aergers und Jammers, daß er dem Sohne, den er sollte zu halten suchen, selbst das Fortgehen erleichterte; die Tochter voll Empfindlichkeit und Beschämung, daß sie mit dem guten Worte, welches ihr versprochen und in gewisser Absicht freilich gehalten worden, so schlau hinter das Licht geführt war; und der Doctor, voll stiller Bewunderung des scharfen, richtigen Blicks, womit der Vater den Charakter seines Sohnes mußte gewürdigt haben. So wie man diesen nur ansah, entdeckte man sogleich sein ganzes Inneres in seinem Aeußern. Das Licht der Augen, die bedeutungslos vor sich hinstarrten, schien bis auf den letzten Funken verlöscht; aus den Gesichtsmuskeln war alle Festigkeit, alle Spannung verschwunden, und die Arme hingen an beiden Seiten so schlaff und welk wie die Zweige einer Zitterespe herunter. Erst, als Mutter und Schwester zu ihm hinantraten, um ihre Theilnahme an seiner Entlassung zu bezeugen, kam auf einmal in die todte, seelenlose Gestalt wieder Leben; er bat sie, mit abwärts gekehrtem Blick und hinter sich ausgestreckter verwandter Hand, daß sie, wenn sie noch einige Zärtlichkeit für ihn hegten, ihn auf der Stelle verlassen möchten. Diese Bitte ward von dem Doctor, der selbst voranging, mit Wink und Blick unterstützt; er urtheilte, daß der Schwager noch ein wenig mehr beschämt als gekränkt sei: und Scham, glaubte er, sei eine Empfindung, bei der man überhaupt keine Zeugen, und am wenigsten die mitleidigen, liebe. Wirklich war die Art, wie sich der Alte benommen hatte, eben weil sie so äußerst nachgebend und sanft schien, für die Eitelkeit des Sohnes sehr verwirrend. So wenig auch dieser die Absicht gehegt hatte, seinem Vater wehe zu thun – denn dazu war er, wie wir aus der besten Quelle, nämlich von ihm selbst, wissen, viel zu gut und zu fromm; – so lag es doch leider! in der Natur der Sache, daß der Alte für so manche Kränkungen, die er erwiesen, jetzt an seinem Theil eine empfinden mußte; und da hätt' es der Anstand nun wol erfordert, daß er sich diese Kränkung auch ein wenig hätte merken lassen. So ohne die mindeste Einwendung und ohne eine Spur von Mißmuth und Kummer in den Abgang des Sohnes einwilligen, das hieß von den Verdiensten desselben um die Handlung sehr herabwürdigend denken, und gegen seine Unentbehrlichkeit, die doch so vollgültig durch die Unruhe der Familie und durch das Schrecken des alten Schlicht bestätiget war, sehr beleidigende Zweifel äußern. Noch mehr mußte es schmerzen, daß der Alte durch sein Betragen eine heimlich genährte sichere Hoffnung des Sohns, die zwar dieser sich selbst noch nicht bekannt hatte, geradehin für eitel und thöricht erklärte. Die Unentbehrlichkeit des Sohnes einmal festgesetzt, ließ es sich nämlich voraussehen, daß der Alte sich alle ersinnliche Mühe geben würde, ihn zurück zu erhalten: und da hätte dann Jener, nach seinem so vorzüglich guten Charakter, sich gewiß am Ende bewegen lassen, über alles Vergangene einen Schleier zu werfen, und auf gute vorteilhafte Bedingungen wieder an seinen alten Platz zu treten. Jetzt, da sich einmal der Alte so ganz anders erklärt hatte, war bei seiner störrischen Sinnesart Nichts gewisser, als daß er sich in Ewigkeit nicht zum Ziele legen, sondern, wenn Noth an Mann ginge, lieber seine Geschäfte äußerst zusammenziehen, als das geringste gute Wort gegen den Sohn verlieren würde. Und so stand denn dieser mit seiner Wahl zwischen den zwei gleich unangenehmen Entschlüssen mitten inne: entweder Reue zu zeigen, und das Joch, das er hatte abschütteln wollen, ganz geduldig wieder auf seinen Nacken zu nehmen; oder auch den unglücklichen Vorsatz zur Abreise ins Werk zu setzen, ohne daß er davon die beabsichtigten Vortheile hätte. Er bereute es jetzt zu spät, daß er sich das prophetische Herzklopfen bei dem versuchten Abschiede vom Vater nicht ein wenig mehr hatte warnen lassen. Was ihm diese Unannehmlichkeiten noch weit peinlicher machte, war der Umstand, daß seine Gesinnungen in Betreff der Wittwe nicht mehr völlig die alten waren. Von den Schwierigkeiten, die einer Verbindung mit ihr entgegenstanden, hatten die meisten, durch das längere und öftere Betrachten, wie das so oft zu geschehen pflegt, an ihrer Wichtigkeit schon verloren; und vollends seit gestern, wo sich die Wittwe so äußerst liebenswürdig gezeigt hatte, waren sie fast gänzlich verschwunden. Ueber den Mangel an Vermögen konnte ein Mann, der dessen selbst genug hatte, hinwegsehen; die Kinder, da sie Ebenbilder einer so liebreizenden Mutter waren, schienen eher eine angenehme als eine beschwerliche Zugabe; und durch das Gerede einer albernen Menge, das ohnehin nie lange Dauer hat, läßt kein Kluger sich irren. Es blieb also von allen Steinen des Anstoßes nur der größte, der zu fürchtende Widerspruch des Vaters, übrig: und diesen wegzuräumen, war wol schwerlich ein besseres Mittel, als daß man die Verbindung mit Madame Lyk zum ersten und wesentlichsten Vergleichspunkte bei der gehofften triumphirenden Wiederkehr machte. Statt also, wie es der anfängliche Wunsch des Herrn Stark gewesen war, seiner Liebe aus dem Wege zu gehen, wollt' er jetzt dieser Liebe vielmehr entgegeneilen; es war Nichts als eine der Selbsttäuschungen, denen der junge Mann so sehr unterworfen war, wenn er sich am vorigen Abende zu einem so herrlichen Siege seiner Vernunft über seine Schwachheit Glück wünschte; denn gar nicht die Vernunft, sondern die Schwachheit hatte gesiegt, und in dem Entschluß zur Trennung hatte die Hoffnung der Vereinigung versteckt gelegen. Seine vielen Thränen hatte ihn weniger der Schmerz des Abschiedes, als der heimliche Gedanke entlockt, daß sein Entwurf nicht vor aller Gefahr des Scheiterns gesichert sein möchte; wenigstens, wie es jetzt leider! am Tage lag, wäre so ein Gedanke nicht ganz unvernünftig gewesen. – – Der Doctor, der die Gemüthslage des Herrn Stark , bis auf den Punkt von der Wittwe durch und durch sah, kam jetzt in der Absicht zurück, ihm mit seinem guten Rathe zu dienen. – Es wandelte ihn einige Verachtung an, als er den Schwager, in armselig zusammengekrümmter Gestalt, auf dem zugeworfenen Koffer sitzend fand, wie er mit der einen Hand auf das Knie griff, und mit der andern das schwere, sorgenvolle Haupt unterstützte. Er sah wol, daß so einem Manne sich der Rath unmöglich geben ließe, den er sich selbst, unter ähnlichen Umständen, in die er aber nie hätte gerathen können, ganz gewiß gegeben hätte; nämlich: einen Entwurf, mit dem es einmal so weit gediehen, trotz allen Unannehmlichkeiten lieber durchzusetzen, als schimpflicher Weise davon zurückzutreten. Für den Schwager, glaubte er, sei nichts Anderes zu thun, als daß er irgend eine erträgliche Wendung ausspürte, womit er sich dem Vater, ohne zu große Beschämung, wieder anbieten könnte; und diese Wendung schien ihm durch die großmüthigen Geschenke des Vaters, gleichsam absichtlich, vorbereitet. Es war natürlich, daß das Herz des Sohnes davon gerührt werden mußte, und eben so natürlich, daß diese Rührung das Verlangen erzeugte, einen so edeldenkenden Vater lieber nie verlassen zu dürfen. Wenn man dann, dem Alten noch in dem Hauptpunkte willfahrte und sich geneigt zu einer Heirath erklärte, so ließ sich erwarten, daß dieser mit Freuden einschlagen, und daß er dem Sohne wol gar seine Handlung, mit dem einzigen Vorbehalt der Geldgeschäfte, völlig abtreten würde. Herr Stark hörte diesen Entwurf, den ihm der Doctor mit aller möglichen Feinheit und Schonung vortrug, zwar nicht ohne Scham, aber doch mit Gelassenheit an; nur bei dem Worte Heirath stieß er auf einmal einen so mächtigen, so tief aus dem Herzen geschöpften Seufzer aus, daß der Doctor sogleich einen neuen Sorgenstein argwöhnte, der härter als alle übrigen drücken müsse. Er ließ jetzt, im Fortgange der Rede, ein Wörtchen von Madame Lyk und ihrer Liebenswürdigkeit fließen. – Die Wirkung davon übertraf alle Erwartung; Herr Stark riß sich vom Koffer auf, floh in ein Fenster, und entdeckte durch laute Thränen, wie weit es mit seinem Herzen schon müsse gediehen sein. Jetzt ward nun guter Rath etwas theurer, und der Knoten verwickelte sich allzusehr, als daß der Doctor ihn auf der Stelle zu lösen gewußt hätte. – Um Zeit zu gewinnen, fiel er auf das Mittel, daß er sich, als Bruder und Arzt, für die Gesundheit des Schwagers besorgt stellte, ihn um seine Hand bat, und in seinem Pulse fieberhafte Bewegungen entdeckte. Herr Stark , als ob er schon sehnlich auf einen Vorwand, seine Reise aufzuschieben, gewartet hätte, ergriff dieses Wort des Doctors mit vielem Eifer; er ließ sogleich einen kleinen freiwilligen Frost über sich hinschaudern, setzte sich, wie ermattet, nieder, und versicherte, daß er wirklich seit einigen Tagen etwas Fieberhaftes verspüre. Der Doctor verschrieb ihm nun Arzneien, die weder helfen noch schaden konnten; und Herr Stark fing an, eines Flußfieberchens wegen, worüber die Familie sich nicht sonderlich beunruhigen durfte, das Zimmer zu hüten. 15. Was gibst Du mir, wenn ich Dir eine Entdeckung mache? – sagte der Doctor, als er zu seiner Frau zurückkam. Laß hören! – Vielleicht eine Gegenentdeckung. Der Bruder ist sterblich verliebt in die Lyk. – Die Lyk ist sterblich verliebt in den Bruder. – Ist's möglich? – Und nun erfolgte von beiden Seiten eine Herzenserleichterung, die mit allen Holdseligkeiten ehelicher Vertraulichkeit gewürzt war. – Sie ist krank, sagte die Doctorin, herzlich krank; ich habe die Freundin von ihr, die eben da war, um Dich zu ihr zu bitten, über alle Umstände befragt; sie hat gestern Abend – und merke Dir's wohl: weil eben der Bruder von ihr gegangen – – Der Bruder? Da hat er Abschied genommen! Natürlich! – Sie hat, sagt mir die gute Freundin, gar nicht aufhören können zu weinen; die ganze Nacht hindurch hat sie kein Auge geschlossen; alle Munterkeit, alle Eßlust ist bei ihr fort; – dazu hat sie Krämpfe – die schrecklichsten! – Krämpfe? Hm! Kurz: das arme Weib steckt in Liebe bis über die Ohren. – Und nun bitte ich Dich, Herzensmann! laß Essen und Alles, und mache, daß Du hinkommst, damit wir Das näher erfahren! Sie ist ohnehin nicht die stärkste, sagte der Doctor, der ein wenig ungläubig schien; – sie ist dem Bruder ungemein viel Verbindlichkeit schuldig; – sie hat ein dankbares Herz – Eben deswegen! Solche Herzen sind Dir die brennbarsten; die fangen Feuer, wie Zunder. – Der Bruder ist ein ganz artiger Mann. – Das wol. Und ich kenne Dir Eine, die Anfangs auch nur dankbar war, weil ein Gewisser – ein noch artigerer Mann – ihr von einem bösen Fieber geholfen hatte, und die nachher – – Das verdiente einen Kuß, der gegeben ward, und der Doctor flog fort. Er fand die Wittwe freilich nicht wohl; aber so krank denn doch nicht, als die gute Freundin und dann weiter die Frau Doctorin es gemacht hatten. Sie gestand nach einigem Kampf mit sich selbst, daß der Hauptgrund ihres Uebelbefindens in einer Unruhe des Herzens liege. Der Doctor horchte mit beiden Ohren; denn er glaubte schon den außerordentlichen Fall vor sich zu haben, daß ein Frauenzimmer die Schwachheiten seines eigenen Herzens verplaudere; aber als das Geheimniß an den Tag kam, war es weiter Nichts, als ihr Verhältniß mit ihrem Gläubiger. Der Doctor war Hausarzt des Mannes und hatte ihm und seiner Familie große Dienste geleistet: die Wittwe gründete hierauf die Hoffnung, daß ein von ihm eingelegtes gutes Wort ihr Nachsicht auf einige Wochen bewirken könnte; und sie beschwor ihn um dieses Wort, als um eine Freundschaft, die ihre Genesung mehr als alle Arzneimittel befördern würde. Ihre Lage, sagte sie, sei die dringendste von der Welt, aber nichts weniger als verzweifelt: sie sei im Stande, wenn man ihr Zeit lasse, alle ihre Schulden bis auf den letzten Heller zu tilgen; und sie berufe sich deswegen auf das Zeugniß seines Schwagers, des Herrn Stark – wenn er anders noch hier sei. – Das Eigene in der Modulation der Stimme, womit sie diese letzten Worte aussprach, zusammengenommen mit einem kleinen übel verhehlten Seufzer, und mit dem Niedersinken ihres bis dahin aufgehobenen Blicks in den Busen, schien dem Doctor eine Indication zu geben, die er sich nicht dürfe entschlüpfen lassen. Ich bin zu Ihrem Befehl, sagte er, liebe Freundin, aber ich bitte Sie zu erwägen, daß die Summe, die Sie mir angeben, von keinem Belang, und daß der Mann, mit dem wir zu thun haben, von rauher, unfreundlicher Art ist. So wenig ich zweifle, meinen Antrag bei ihm durchzusetzen, so könnte er doch leicht sich herausnehmen, bei dieser Gelegenheit Dinge zu sagen, die mir wehe thun würden. – Warum denn auch einen rauhen, beschwerlichen Umweg zum Ziele gehen, wenn ein gerader, gebahnter Weg offen da liegt? Welcher? seufzte die Wittwe. Sie nannten vorhin einen Freund, dem jede Gelegenheit, Ihnen gefällig zu werden, das größte Vergnügen' erweckt. Ich bürge Ihnen für seine Gesinnungen gegen Sie. Dieser Freund – – Gönnen Sie ihm doch das Glück, Madame, Ihnen dienen zu können! Das Glück? – Aber wenn's denn ein Glück ist, so gestehen Sie: er hat es nur zu reichlich genossen. – Ich erliege unter der Last meiner Verbindlichkeiten. Ich kann sie ewig nicht tilgen. – Und will er jetzt nicht fort, dieser Freund? Will er uns nicht verlassen? Wird er des Geldes genug nur zu eigener Einrichtung haben? – Ihre Stimme schwankte, und sie schien in außerordentlicher Bewegung. Es mangelt ihm nicht, Madame; ganz gewiß nicht! – Geben Sie ihm die Freude mit auf den Weg, Ihre Wohlfahrt gesichert zu haben! Lassen Sie mich hin, ihm es vorzutragen! Es ist in wenig Augenblicken geschehen. – Er stand auf und machte Miene, sich zu entfernen. Nein! Nein! – war Alles, was die Wittwe hervorbringen konnte. Sie hatte die Hand des Doctors, um ihn zurückzuhalten, mit einer ihr ungewöhnlichen Hitze ergriffen. Er fühlte das Brennen und Zittern der ihrigen, und bat sie, ihrer schwachen Gesundheit zu schonen. – Ich rede dann, weil Sie's so wollen, mit Ihrem Gläubiger, und ich halte die Sache mit ihm für so gut wie berichtigt. Werden Sie ruhiger, liebe Freundin! – – Der Doctor hatte an diesem Wenigen schon genug, um bei seiner Nachhausekunft seiner Frau zu sagen, daß sie wol schwerlich geirrt haben möchte. – Aber, setzte er hinzu, wie in aller Welt soll das werden? Wo soll das hinaus? Du fragst? – Wenn sie wirklich so liebenswürdig und sanft und gut ist, wie Du sie mir immer gerühmst hast – – Das ist sie wahrlich! wahrlich! Nun so läßt man den dritten Mann kommen, den Priester. Der weiß Mittel für solche Uebel. Mir wär's recht; in der That! Ich nennte die gute Frau mit Vergnügen Schwester. – Aber ich gestehe Dir, daß ich zittere, wenn ich an Deinen Vater denke. O, der wunderliche, alte – liebe, böse Mann der, der Vater! – Ich bin so erbittert auf ihn; ich möchte ihn gleich – – ja, was möchte ich, ich Närrin? – – Aber je lieber ich ihn habe, desto abscheulicher war's, mich so herumzuführen, so zum Besten zu haben. – Ich vergesse ihm das nicht; nimmermehr! Ich spiele ihm irgend einen Gegenstreich, und einen recht argen. – Wart! Eben mit der Lyk muß ich ihm einen spielen. – Wie? Soll denn darum, weil er sich gegen die arme Frau eine wunderliche Grille in den Kopf gesetzt hat – – Und eine falsche. Denn nicht sie hatte Hang zur Verschwendung, aber der Mann. Nun ja! – Und soll denn darum die arme Frau ein so schönes Glück nicht machen, das sich ihr anbietet? Soll darum der Bruder eine Leidenschaft aufgeben müssen, die den schönsten, edelsten Grund von der Welt hat? – Da sitzt er nun in seinem Käfig, der arme Narr, und hängt das Köpfchen. – Hahahaha! Es ist doch ein närrisches Ding um's Verliebtsein. – Aber Geduld nur! Geduld! Er soll mir heraus, und soll mir in's Ehebett zur Lyk , oder ich will nicht das Leben haben. Du unternimmst da viel, sagte der Doctor. Wie willst Du Deinen Vater gewinnen? – Was Zureden bei ihm vermag, hast Du erfahren; und daß Du mit List ihn fangen solltest? – ich fürchte: er geht Dir in keine Falle. Gestehe nur: es ist doch ein kluger, ein außerordentlich kluger Mann, mein Vater. Der klügste, den ich in meinem Leben gekannt habe. Sieh in mir seine Tochter! Sie setzte ihren Zeigefinger auf die Brust, und streckte ihre kleine Figur in die Höhe. Ah! – sagte der Doctor, der sich verbeugte, und über ihr komisches Pathos von Herzen lachte: alle Verehrung, Madame! Aber darf man denn Dieses oder Jenes von Ihrem Plane voraus wissen? So bald er da sein wird; ja! – Weißt Du indessen, was vor allen Dingen zu thun ist, und was von Niemandem so gut gethan werden kann, als von Dir? –Bringe dem Vater bessere Begriffe bei von dem Bruder! Erzähle ihm sein Betragen gegen den seligen Lyk ! Ich bin versichert, das wird ihm gefallen, recht sehr gefallen. – Auch das erzähle ihm, wie edelmüthig er sein Versprechen erfüllt, und wie treu er ganze Monate lang für die Wittwe gearbeitet hat. Solche Züge, weiß ich, freuen den alten Mann in die Seele, und ein wildfremder Mensch, von dem er so etwas hört, wird auf der Stelle sein Blutsfreund. – Gewiß, er hätte das schon früher erfahren sollen. Und würde auch, so wie Ihr alle, wenn ich nicht dem Bruder hätte mein Wort geben müssen, zu schweigen. – Jetzt, so bald ich Gelegenheit dazu finde – – Willst Du thun, was Dein braves Weib Dir aufgibt? Nicht wahr? Schuldiger Maßen. Schön! – Und ich will Bekanntschaft mit unserer Wittwe machen, ehester Tage! Ich habe es mit der Freundin von ihr schon eingeleitet. Ich bin ganz neugierig auf sie. – Da sind auch die beiden Kleinen von ihr, die hier täglich vorbei in die Schule müssen; ein Paar Engel von Kindern! Morgen rufe ich sie mir herein, und da will ich sie herzen und lieb haben, als ob's meine eigenen wären. 16. Die Gelegenheit, sein gegebenes Wort zu erfüllen, fand sich für den Doctor gar bald. – Willkommen! Willkommen! sagte der Alte, als jener das nächste Mal zu ihm hineintrat: wie stehts? – Und vor Allem, Herr Sohn: wie stehts mit unserm kritischen Kranken? Ich sehe ja die Mutter noch keine Anstalten machen. Anstalten, lieber Vater? Wozu? Zu dem Abschiedsschmause, den ich bestellt habe. Hat er denn immer noch Fieber? – Ein ihm eigenes flüchtiges Muskelnspiel um die Gegend der Lippen schien anzudeuten, daß er die Krankheit des Sohns eben nicht für die ernsthafteste halte. Es steht, wie es steht, sagte der Doctor, der diese Gelegenheit, für den Schwager zu reden, um so lieber ergriff, da der Alte nur eben seinen schwersten Posttag abgefertigt hatte, und jetzt, seiner Gewohnheit nach, im Sessel der Ruhe pflegte. In solchen Augenblicken, wußte er, war das Herz des Alten für Eindrücke des Angenehmen und Guten immer am meisten offen; denn die Gegenwart, die allein ihm zuweilen zur Last fiel, hatte er dann bei Seite geschafft; und in die Vergangenheit pflegte er immer mit großer Gemüthsruhe zurück, so wie in die Zukunft mit froher Hoffnung vorwärts zu blicken. Sie reden ja ganz bedenklich, erwiderte er dem Doctor. Es wird doch nichts Schleichendes werden? – Da möcht' es mit der vorhabenden Reise noch langen Anstand haben. – Er lächelte wieder. Bis jetzt ist es Flußfieber; sonst Nichts. – Daß sich etwas Schlimmeres dahinter versteckt halten sollte, will ich nicht hoffen. Indessen hat man der Fälle. Aber es läßt sich doch vorbauen? Nicht? Allerdings. – Auch wüßt' ich nicht leicht, für welchen Kranken, wenn es zum Ernst kommen sollte, ich treuer und herzlicher sorgen würde, als für den Bruder. Ich lieb' ihn gar sehr; denn so wenig ich seine kleinen Schwachheiten an ihm verkenne, so weiß ich doch, daß er zu unsern rechtschaffensten, selbst zu unsern edelsten jungen Bürgern gehört. Das klingt gar schön; in der That! Und am schönsten wol in dem Ohr eines Vaters. Sie haben mich fast abgeschreckt, über den Bruder mit Ihnen zu reden. Wie das? – Wenn Sie mir solche Dinge von ihm zu sagen, und noch mehr, wenn sie mir Beweise davon zu erzählen haben; so reden Sie bis in die sinkende Nacht! Ich will hören. – Leider würden solche Dinge für mich nur zu sehr den Reiz der Neuheit haben. Und woher wollten Sie auch, daß sie Ihnen bekannt sein sollten? – Ihr Sohn ist mit dem Guten, das er gethan hat, nie laut geworden. Das klingt ja immer noch schöner. – Er beugte sich gegen den Doctor vor, und setzte mit einem kleinen ungläubigen Kopfschütteln hinzu: Sie haben mich ganz neugierig gemacht. Was für Wunderdinge werde ich denn hören? Der Doctor hatte keine Noth, unter den Beweisen von dem Edelmuthe seines Schwagers zu wählen; er hatte nur Einen, aber auch desto wichtigern, in seinem Gedächtniß.– Sie erinnern sich doch, fing er an, des unglücklichen Verhältnisses, worin Ihr Sohn mit dem seligen Lyk stand? Sie wissen doch, zu welchen boshaften, verleumderischen Briefen nach A ... sich dieser leichtsinnige Mann durch kaufmännischen Eigennutz hatte verleiten lassen? Ich weiß das freilich, Herr Sohn. Aber ich bitte, wenn's zu Ihrem Zwecke nicht unumgänglich nöthig ist, so lassen Sie's ruhen! – Als der Mann sich hinlegte und starb, ging mir das nahe, und da gab ich ihm die Erinnerung daran in sein Grab. Edel! – Und wahrlich! will dort ich sie nicht wieder hervorziehen. – Nur gestehen Sie, daß es noch edler, als bloses Vergessen ist, wenn man so bittere Beleidigungen, die für den Menschen nicht minder kränkend als für den Kaufmann waren, mit den wichtigsten, langwierigsten, mühsamsten Diensten erwidert. Und wer that das? fragte der Alte begierig. Ihr Sohn. – Meine wenige Hoffnung, den seligen Lyk zu retten, da sein Fieber so heftig und sein Körper so sehr entnervt war, ward mir noch vollends durch eine ganz sichtbare Unruhe seines Gemüths vereitelt. Ich suchte ihr auf den Grund zu kommen, und es fand sich, daß er die schmerzlichste Sehnsucht fühlte, sein dem Bruder erwiesenes Unrecht wieder gut zu machen, und daß er nicht ruhig glaubte sterben zu können, wenn er nicht durch die aufrichtigste und wehmüthigste Bitte um Vergebung sein Gewissen erleichtert hätte. Ich erbot mich zum Mittelsmanne, und ich ward mit Freuden dazu angenommen. Wenn der Bruder nicht gleich auf mein erstes Wort bereit war, den unglücklichen Mann zu besuchen, so lag das nicht, wie ich Anfangs glaubte, an einem Rest von Rachgier oder an einer natürlichen Herzenshärte, sondern blos an seinem allgemeinen Abscheu vor allen Krankenzimmern, und an der Furcht vor dem zu heftigen Eindrucke, den ein Sterbender auf ihn machen könnte. Als er sich endlich entschloß, mir zu folgen, und nun den Unglücklichen ansichtig ward, der ihm unter lautem Schluchzen die zitternden Arme entgegenstreckte, da war auf einmal jener Abscheu und jene Furcht aus seinem Herzen so rein verschwunden, daß er mit der lebhaftesten Begierde auf den Kranken zustürzte, und ihn mit Inbrunst umarmte. Das Menschliche, Edle, Großmüthige seines Benehmens rührte jeden Gegenwärtigen, und auch mich, der ich wahrlich! nicht der Weichmüthigste bin, bis zu Thränen. Wie viel Mühe gab er sich, den armen Leidenden zu beruhigen und ein Bekenntniß zurückzuhalten, das für ihn so beschämend und kränkend sein mußte! Aus wie vollem Herzen strömte ihm das Wort der Versöhnung, als ihm seine innere Erschütterung es endlich auszusprechen erlaubte! »Fordern Sie,« sagte er, »fordern Sie einen Beweis von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen; und wenn er irgend in meinen Kräften steht, so betheure ich Ihnen vor Gott: ich will ihn mit Freuden geben. Kann ich Ihnen , kann ich den Ihrigen dienen? Kann ich's in diesem Augenblicke? kann ich's in Zukunft? Womit? Womit? – Ich erwarte nur Ihr Wort, bester Lyk; und was es auch immer sein mag – –« Der Alte saß in seinem Sessel, vor lauter Zuhören, so still, daß er kein Glied bewegte. Nur war er sich gleich Anfangs mit der Hand nach dem Stutz gefahren, um ihn von dem guten Ohre ein wenig zurückzustoßen, und jetzt auf einmal fuhr er sich mit den Fingern an seine Augenwimper. Der Sterbende, fuhr der Doctor fort, nutzte die Erklärung des Bruders zu einer Bitte, deren Wichtigkeit ich erst hinterher aus der ungeheueren Arbeit kennen lernte, die ihre Erfüllung kostete. Er gestand, daß seine Handlungsgeschäfte in Verwirrung, seine Bücher in nicht geringer Unordnung wären. Das will ich glauben, sagte der Alte. – Er bejammerte das Schicksal seiner Frau und seiner unmündigen Kleinen, wenn ihn Gott von der Welt rufen sollte. Und das mit Recht! Ich denke, er war nicht weit mehr vom Bruche. Der auch wol sicher erfolgt wäre, wenn die unermüdbare Geschäftigkeit Ihres Sohnes nicht gethan hätte. Wie? Das Geständniß des Sterbenden war kaum abgelegt, als Ihr Sohn ihm sein heiliges Wort gab, daß er auf den Fall seines Todes nicht ruhen wolle, als bis er Alles, so gut er es immer möglich finde, in Ordnung gebracht habe. Und er hielt's? rief der Alte hitzig. Mit der pünktlichsten Treue. Ganze Monate lang brachte er, Abend vor Abend, in jenem Hause der Trauer unter den verdrießlichsten Geschäften zu, verglich Brüche, zog Rechnungen aus, schrieb oder beantwortete Briefe; indessen Sie, mein lieber Vater, ihn auf Bällen, oder in Concertsälen, oder an Spieltischen glaubten. – Es wäre besser gewesen, wenn der Doctor diesen unnöthigen Zusatz unterdrückt hätte; denn ohne dem Schwager damit zu nützen, that er sich selbst damit Schaden. Er brachte sich um ein Fäßchen Weins, oder um irgend ein anderes Geschenk, das er sonst für seine angenehme Erzählung gewiß erhalten hätte. Ich habe denn eben keinen Wahrsagergeist, sagte der Alte empfindlich. – Die Thorheiten meines Sohns, die mich verdrießen mußten, durft' ich erfahren; aber sein Gutes, das mir hätte können Freude machen – – Der Doctor entschuldigte sich, wegen seines Geheimhaltens, mit dem abgenöthigten Versprechen, zu schweigen; einem Versprechen, das er vielleicht zu gewissenhaft bis auf den Vater ausgedehnt habe. Die kleine Falschheit, die in dieser Erklärung lag, da vorzüglich um des Vaters willen jenes Versprechen war gefordert worden, glaubte er sich vergeben zu können. – Bald darauf erinnerte er sich einiger Kranken, denen er noch Besuche zu geben hatte, und empfahl sich dem Alten. – Er war schon mehrere Minuten hinaus, als Herr Stark noch in seinem Sessel, von dem er beide Arme bequem herabhängen ließ, mit feuchtem Blick vor sich hinschmunzelte, und in Gedanken das unbegreifliche Bild seines geputzten und gepuderten Sohnes anstaunte, wie er vor dem Krankenbett eines Feindes edelmüthige Thränen vergoß, und ganze Monate lang alles Vergnügen aufgab, um in das Chaos vernachlässigter Handlungsbücher Licht und Ordnung zu bringen. – Er ward durch den Besuch von ein paar Fremden gestört, die für die abgebrannte Kirche zu L.. und die mit abgebrannten Pfarr- und Schulgebäude milde Beiträge sammelten. Er nahm sie mit vieler Leutseligkeit auf, und statt dreißig oder fünfzig Reichsthaler, die er sonst vielleicht geschrieben hätte, schrieb er jetzt volle hundert. – Der erste Buchhalter, Monsieur Burg, trat herein, und suchte mit verlegener Miene einen Brief vorzubereiten, worin ein Verlust von mehreren Tausenden als höchst warscheinlich vorausgesagt ward. – So etwas fällt in einer Handlung schon vor, sagte der Alte und gab ihm den Brief nach nur flüchtiger Durchsicht mit einer Freundlichkeit wieder, als ob er die angenehmste Nachricht von der Welt enthielte. Den ganzen Abend hindurch war er über die Entdeckung, die er so unvermuthet gemacht hatte, ungewöhnlich heiter und froh; es war ihm, als ob ihm erst jetzt in seinem hohen Alter ein Sohn wäre geboren worden. Als er in seine Schlafkammer ging, gab er vorher der Alten, die solcher ehelichen Zärtlichkeiten schon seit lieben langen Jahren entwöhnt, und daher nicht wenig, aber auch nicht unangenehm erstaunt war, einen recht herzlichen Kuß. Das Einzige, was ihn noch innerlich ärgerte, war der Umstand, daß an einer Waare, die doch tiefer hinein ein so gutes und seines Gespinnst zeigte, gerade das Schauende so schlecht sein mußte. 17. Unter so angenehmen Vorstellungen der Alte eingeschlummert war, unter so unangenehmen wachte er auf. Da er sein Herz von der Erzählung des Doctors voll hatte, so versetzte ihn ein Traum in das Lyk'sche Haus, wo er das Vergnügen genoß, seinen Sohn, mit Schweiß und Staub bedeckt, unter einem Haufen ganz verschiedenartiger, höchst unordentlich durch einander geworfener Waren zu sehen, die er mit großem Fleiß aus einander suchte. Er wollte so eben zugreifen, um ihm zu helfen, als in seiner Einbildung die mit dem Namen Lyk verbundenen Bilder lebendig wurden, und ihn auf's Bitterste den Entschluß bereuen ließen, in ein Haus voll so toller Verschwendung und so ärgerlicher Ausschweifungen zu treten. Indessen hielt er den Anblick der prächtigen Zimmer, die in seinen Gedanken sich eher für einen Fürsten, als einen Kaufmann schickten, der mit größtem Ueberflusse besetzten Tafeln, der umherschwärmenden Bedienten, ja sogar der wilden, lärmenden Trinker, die Champagner wie Wasser hinunter gossen, eine Zeit lang aus; aber als endlich sein Sohn mit der Hausfrau süße Blicke zu wechseln anfing, und Beide auf einmal in bebänderten Domino's, mit Masken in den Händen und rothen Absätzen unter den Schuhen, vor ihm standen, so stürzte er, voll des äußersten Widerwillens, zur Thüre, und dankte dem Himmel, auf die große Hausflur hinauszukommen, die ihm aus frühern Jahren, von den Zeiten des alten Lyk her, so wohl bekannt war. Er hob hier sorgfältig beide Rockschöße auf, und drückte sie dicht an den Leib, um unbeschmutzt durch die Packen und Ballen und Kisten und Fässer zu kommen, zwischen denen ehemals nur ein ganz schmaler Weg hindurch ging; aber plötzlich ward er zu seinem Erstaunen inne, daß seine Vorsicht unnütz, und daß die ganze Flur von Waaren so ausgeleert war, wie eine Schatzkammer nach einem Kriege von Gelde. Alle Wände umher hingen voll angezündeter Lampen, und nicht lange, so ertönte aus dem Hintergrunde des Saals – denn das war die Flur nun geworden – eine lustige Tanzmusik: Paar an Paar hüpften, wie unsinnig, gegen und durch einander; und als er sich leise niederdrückte, um wo möglich hinter ihnen weg und zum Hause hinauszuschleichen, tanzte ihm unversehens eine der muntersten und galantesten Frauen der Stadt, von gar nicht gutem Rufe, entgegen, riß ihn, wie sehr er sich sträubte, in die Reihe hinein, und wirbelte dann, in Verbindung mit der ganzen Gesellschaft, den guten Alten, der nie als in seiner Jugend ein Tänzchen, und auch da nur ein Ehrentänzchen, gemacht hatte, so unbarmherzig auf und nieder, daß er bei seinem endlichen Stillstehen kaum wieder Athem gewinnen konnte. Er fand sich hier einem Spiegel gegenüber, der ihm seine ganze gegen die übrige Gesellschaft so abstechende Gestalt, zugleich mit seinen grauen Wimpern und den ehrwürdigen Runzeln seines Alters zeigte: ein Anblick, worüber er augenblicklich wach ward, und sich völlig so athemlos und so eingefeuchtet fand, als ob die geträumte heftige Leibesbewegung wirklich Statt gehabt hätte. Gott Lob! rief er, indem er die Augen weit aufthat, und sich des einsamen Schimmers seiner Nachtlampe von Herzen freute, es war nichts, als ein Traum. Hätt' ichs doch kaum geglaubt, daß man im Traume ein so schweres und angreifendes Stück Arbeit machen könnte! – Die tollen, rasenden Menschen! – Und nun fing er an, weil die Wallung in seinem Blute noch fortwährte und die verhaßten Bilder noch ihre volle Lebhaftigkeit hatten, sich recht ernstlich über den Unsinn zu ärgern, womit so Mancher für die läppischen, armseligen Vergnügungen, denen er nur eben beigewohnt hatte, Vermögen und Gesundheit und ehrlichen Namen auf's Spiel setze. Er dachte sich mit dem äußersten Abscheu die Möglichkeit, daß auch sein so sauer erworbenes Gut eben wie das Lyk'sche , in wenig Jahren verpraßt, und der Name Stark , den er bisher in Ehre und Ansehen erhalten, mit Schimpf und Schande belegt werden könnte. Hier fielen ihm die süßen, zärtlichen Blicke auf's Herz, die er seinen Sohn mit Madame Lyk hatte wechseln sehen. Es fuhr ihm kalt über den Rücken. Doch tröstete ihn wieder die Betrachtung, daß die Liebe zum Gelde in dem Herzen seines Sohnes keine schwächere Leidenschaft, als die Eitelkeit sei, und daß es ihm jene gewiß nicht erlauben werde, sich mit einer Frau von so mittelmäßigen Umständen – denn was konnte eine so weit getriebene Unordnung und Verschwendung zurückgelassen haben? – und noch obendrein mit einer Mutter von Kindern, zu belasten. So weit, sagte er, kann sein Geschmack an Galanterie ihn doch unmöglich verleiten. Zwar, wandt' er sich wieder ein, hat er ja meine Erwartung schon in einem Stücke getäuscht; und so könnt' er es leicht auch in diesem. – Doch ich träume noch, glaub' ich; die Fälle sind einander zu ungleich. Das Opfer, das er bei so einer Heirath brächte, wäre zu groß; auch hat er hier volle Zeit zur Besinnung – denn in eine Liebe verstrickt zu werden, die ihn aller Besinnung beraubte, sieht ihm nicht ähnlich; – und welche Wahl er treffen kann, wenn ihm nur die Besinnung frei bleibt, ist keine Frage. Am Krankenbett des seligen Lyk sah er sich überrascht; er ist nur ein eitler und schwacher, kein verderbter, kein boshafter Mensch: es war natürlich, daß der erschütternde, ihm so neue Anblick eines Sterbenden, und die dringende Aufforderung, die so sehr zu rechter Zeit an sein Herz erging, ihn zu einem Versprechen hinrissen, das er bei kalter Ueberlegung wol schwerlich gethan hätte, das aber, einmal gethan, nicht unerfüllt bleiben durfte, wenn er nicht geradezu als ein Mann von schlechter Gesinnung erscheinen wollte. Und warum sollt' er denn nicht auch freudig gethan haben, was einmal gethan werden mußte? Warum sollt' er nicht, während er's that, in dem Bewußtsein seiner Rechtschaffenheit und in der Achtung, die er gegen sich selbst empfinden mußte, sich so wohl gefallen haben, daß er immer freudiger fortfuhr? Ich danke dem Himmel, wenn er bei dieser Gelegenheit in den Geschmack des Guten gekommen. Vielleicht, daß ihn das edlere Vergnügen wol noch ganz von den armseligen Eitelkeiten abzieht, zu denen er bisher einen so unglücklichen Hang hatte; und dann vollends – leben Sie wohl, Madame Lyk , mit aller Ihrer Feinheit und Ihrem Weltton und mit dem ganzen Gefolge von Liebenswürdigkeiten, das hinter Ihnen drein treten mag! Für meinen Sohn sind Sie nicht. – Wenn diese Gedankenfolge des Herrn Stark , so richtig und bündig sie schien, dennoch nur wenig zutraf, so lag das an den beiden so gewöhnlichen Fehlern, daß er einen Charakter, der sich bis jetzt nur von gewissen Seiten entwickelt hatte, und von andern sich selbst noch ein halbes Räthsel war, als schon völlig bekannt und ergründet voraussetzte; und daß er in die Vorstellung der Verhältnisse, worin er diesen Charakter handeln ließ, einige bedeutende Irrthümer brachte, deren Entstehungsart wir vielleicht künftig erfahren werden. Genug, daß für den Augenblick Herr Stark sich beruhigt fühlte, und wieder einschlief; doch hatten wirklich die aufgestiegenen Dünste seinen Horizont ein wenig getrübt, und Sonnenaufgang war daher nicht ganz so heiter, als man bei Sonnenuntergang hätte erwarten sollen. 18. Frau Doctorin Herbst hatte den Besuch, den sie der Wittwe zugedacht hatte, jetzt wirklich abgelegt; und kam mit Gesinnungen von ihr zurück, die sich aus denen, womit sie hinging, errathen lassen. – Die Frau war gerade nicht schön, aber reizend; es gab wol andere Frauen, die, wenn auch nicht jetzt, wenigstens ehemals, bei der Vergleichung mit ihr gewonnen hätten, und die trotz allen Verwüstungen, welche ein zu häufiger Ehesegen anzurichten pflegt, sich noch immer zum Verwundern erhielten. Allein das Sanfte und Einnehmende in der Miene und dem Betragen der Lyk , ihre vortreffliche Kinderzucht, ihre Achtung gegen das Andenken eines Mannes, der durch seine sinnlose Verschwendung sie unglücklich gemacht, der sie aber gleichwol geliebt hatte, ihre innige Dankbarkeit gegen den bewußten Freund, von dem sie nicht ohne Thränen im Auge reden konnte: alles Das war von höherem Werthe als Schönheit; und die Doctorin fühlte sich in solche Begeisterung dadurch gesetzt, daß sie ihrem Manne wiederholt erklärte, sie würde ihr Haupt nicht eher sanft legen, als bis sie die Verbindung zwischen ihrem Bruder und der Wittwe zu Stande gebracht hätte. – Es ist kein Weib auf Erden, sagte sie, womit der Bruder glücklicher leben könnte; sie besitzt in ihrem natürlich-guten Verstande, in ihren durch Erfahrung bestätigten Grundsätzen, in ihrem zur Ruhe und zur Häuslichkeit so ganz sich hinneigenden Charakter, gerade das, was dem Bruder Noth thut, und was der Vater selbst an der Gattin seines Sohnes nicht besser wünschen könnte. Der Doctor nickte hier und da mit dem Kopfe und murmelte Ja, ging aber nachdenkend und verdrießlich umher. – Was ist Dir? fragte die Doctorin endlich. Ich komme von dem Gläubiger unserer Wittwe, dem Horn . Du weißt, er hat für gegenwärtigen Augenblick ihr Wohl und ihr Wehe in Händen. Nun? O der nichtswürdige Mensch! Kennst Du ihn denn? Aus seinem Gesichte nicht, aber aus Deinem. – Was gilt's, er will ihr nicht länger nachsehen, will sie zu Grunde richten? Das nun nicht; dazu ist er zu gottesfürchtig. Er will nur sein Geld. Und aus ihr mag werden, was will! Nicht wahr? Kümmert das einen Kaufmann? Die Doctorin bat in hohem Tone um Ausnahme für ihren Vater, die der Doctor mit Freuden machte; und nun fuhr sie ganz unbarmherzig über den Gläubiger her. Ohne daß sie diesen Horn je gesehen hatte, ward er vor ihrer Phantasie eines der häßlichsten, zurückschreckendsten Gesichter der ganzen Stadt. – Ich möchte, sagte sie, Wunders halber den Elenden doch kennen lernen, der ein so braves, liebenswürdiges Weib, eine Mutter von zwei unmündigen Waisen, so schändlich verfolgen kann. – Aber nein! nein! Mich schaudert, wenn ich mir das Ungeheuer nur denke. Kind! Es ist ein ganz gemeines, plattes Menschengesicht, aus dem in der Welt Nichts hervorsieht, weder Gutes noch Böses. Ein Gesicht, wie es unter den leeren Geldseelen so viele haben, und wie man sie an Börsentagen zu Dutzenden kann herumlaufen sehen. Aber, fuhr sie fort, dachte denn der Mensch mit keiner Sylbe an die Verbindlichkeiten, die er gegen Dich hat? an die Krankheiten seines Weibes und seiner Kinder, wo Du Tag und Nacht, mit Gefahr Deiner eigenen Gesundheit – – Ach schweig doch! Das ist ja Alles bezahlt. Bezahlt? – Läßt sich so Etwas bezahlen? Und vielleicht, wenn er in seinem Buche mein Folium aufschlägt, bin ich bei ihm noch tief, tief in der Schuld. Denn: hat er mich nicht zu Tische gebeten? Habe ich nicht in Gesellschaft von Rathsherren und Matadors Fasanen bei ihm gegessen? Tokaier bei ihm getrunken? Der Elende! – Ehre mir Gott meinen Vater! Still! Wer wird in solcher Gesellschaft ihn nennen? – Aber, mein Kind – damit wir das Wichtigste nicht vergessen – – Ja wol! Wie wir die arme Wittwe ans seinen Klauen reißen. Die nicht mehr; aber mich. – Meine Gutherzigkeit hat mir einen sehr üblen Streich gespielt, und ich kann darüber leicht in's Gefängniß wandern. Um's Himmels willen! Du hast Dich an dem Menschen doch nicht vergriffen? Pfui! Dazu acht' ich meine Hände zu hoch. – Ich habe nur aus Verdruß, weil Nichts mit ihm auszurichten war, Feder und Tinte gefordert, habe mir den Betrag der Schuld auf Mark und Schilling angeben lassen, und habe ein Wechselchen ausgestellt – auf mich selbst; von etwas über dreitausend Mark; in acht Tagen zahlbar. Bravo! sagte die Doctorin, und flog ihrem Mann an den Hals. – Aber ist es möglich, daß der gefühllose Mensch den Wechsel annahm? von Dir! Warum nicht? Ich habe das schöne Haus hier, und habe Dich. Ein drei-, viertausend Mark, und wenn auch noch etwas mehr, bin ich ihm werth; unbesehens! Hast Du denn aber Geld, zu bezahlen? Da steckt der Knoten. – Keine dreihundert Mark. Mann! Mann! So lieferst Du ja dem Unholde Dich selbst in die Hände. Freilich! – Denn was ich seit einiger Zeit gesammelt hatte, ist vorige Woche, wie Du weißt, zu Capital gemacht und ausgethan worden. Neue Einnahme, wenigstens beträchtliche, sehe ich für's Erste nicht ab; und geschrieben ist nun einmal der Wechsel, und will bezahlt sein. – Indessen – weißt Du, worauf ich mein volles Vertrauen setze? Nun? Auf einen Rest von Scham bei dem Horn ? Nicht doch! – Auf die kluge Tochter des klugen Herrn Stark , die ich glücklicher Weise zur Frau habe. – Die, mit ihrem Kopfe, hilft mir sicherlich durch. – Eigentlich hatte der Doctor einen Anschlag auf den vollen runden Beutel gemacht, den der Vater, beim Besuche des Sohnes, unter den Spiegel gestellt hatte, und der seines Wissens noch unangerührt dastand. Allein die Doctorin, die nach abgestattetem Danke für das so gütige als gerechte Vertrauen, welches man in ihren Verstand setzte, ein wenig nachgesonnen hatte, schlug auf einmal in die Hände, und rief: Ich hab's! Das Geld? fragte der Doctor. Nein, aber die Art und Weise, wie wir's bekommen. Die Wittwe selbst schafft es an. Die Wittwe? – Und das von unserm Alten. Von meinem Vater. Von Deinem Vater? – Nun ja! ja! Was gibt's denn da zu verwundern? – Einmal ist's doch nothwendig, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, daß der Alte die Wittwe kennt; und eine bessere Gelegenheit dazu, als diese, wird sich nicht finden. – Kurz, sie macht einen Besuch bei dem Vater, bittet den Vater, gefällt dem Vater, bezahlt ihre Schulden, heirathet den Bruder. Himmel! rief der Doctor, und ich habe noch kein Kleid auf die Hochzeit. – Die kommt mir rasch über den Hals. Ich will nur gleich in den Laden. Haha! – Aber spotte nur! spotte! Die Sache ist so gut wie geschehen. Es ist unmöglich, wenn der Vater die Wittwe sieht, daß sie ihm nicht gefalle, und auf dieses Gefallen bauen wir dann weiter fort, bringen ihn von allen seinen Vorurtheilen zurück, lassen ihn die Heirath nicht blos genehmigen, sondern selbst wünschen. Wenn er nun aber die Wittwe nicht vorläßt, wie da? Leere Grille! – Oder wenn er wol gar – was wir doch wirklich zu fürchten haben – sie ungütig aufnimmt? Wenn Er –? Sie stand hier einen Augenblick still, und sah auf den Boden. – Mann! rief sie dann aus: Du bist mitunter doch allerliebst. Ich möchte Dich küssen für Deinen Einfall. Für welchen? Daß er sie ungütig aufnehmen könnte. – O, wenn der Himmel das wollte! Versteh Euch Weiber ein Anderer! – Komm! Ich eröffne Dir das Verständniß. – Nicht wahr? Wenn der Vater sie ungütig aufnimmt, so begeht er ganz gegen seine sonstige Art einen Fehler, den er durchaus, es koste auch, was es wolle, wieder wird gut machen wollen; so setzt er sich selbst aus der guten Laune heraus, in der es immer so schwer wird, ihn zu fassen und mit ihm fertig zu werden; so sind wir auf ein Mal und gleichsam durch einen Sprung an dem Ziele, zu dem wir uns sonst – wer weiß wie langsam und durch wie viele Schwierigkeiten? – hindurchwinden müßten. Alles gut! sagte der Doctor. Wenn nur nicht zu besorgen wäre – – Freilich! – Daß er den Fehler nicht macht. Ganz im Gegentheil! – Daß er ihn nicht für Fehler erkennt. Ach, wenn er ihn nur erst macht! Die Erkenntniß wollen dann wir ihm verschaffen. – Aber, mein Kind – indem er bedenklich den Kopf schüttelte und eine sehr ernsthafte Miene annahm – dem eigenen Vater eine Falle zu legen – ich weiß nicht – – Eine Falle! – was nun das wieder ist! Eine Falle! – Ich sinne in der Welt auf nichts Arges, nur auf Liebes und Gutes; und da kommt der Mann und erhebt ein Geschrei, als ob ich über Tücke und Hinterlist brütete. – Wer hat mir denn das Basiliskenei in mein Nest geschoben, als eben Er? Wer hat den unglücklichen Einfall gehabt, als ob der Vater sich übel benehmen könnte? Er wird sich sehr gut benehmen, sehr gut. Das soll der Herr Doctor nur wissen! – Mit diesen Worten ergriff sie ihre Enveloppe, und war schon längst auf der Straße, als der Doctor noch immer den Faden suchte, woran er seinen casuistischen Knäuel entwirren könnte. 19. Die Verwunderung, womit Madame Lyk ihre neue Freundin so schnell zurückkommen sah, ging in Freude über, als sie den glücklichen Ausgang der Unterhandlung mit Horn erfuhr; aber diese Freude wieder in Unruhe, als die Doctorin fragte, ob sie außer diesem Horn , den sie nun freilich für's Erste los sei, nicht noch andere Gläubiger habe? Ich hoffe, sagte die Wittwe, keine so dringende und so ungestüme. Gesetzt aber, daß ihrer mehrere aufwachten, wie da? – Wäre es nicht für Ihre Ruhe sehr wesentlich, meine Freundin, lieber allen auf einmal den Mund zu stopfen? Wenn mir das möglich wäre, wie gern! – Aber ohne Zeit, die man mir läßt, und ohne Zutrauen, das man mir schenkt – – Kennen Sie meinen Vater? fiel die Doctorin ein. Der Person nach – kaum. Sehr von Weitem. Aber dem Charakter nach? der Denkungsart nach? Da habe ich die höchste Meinung von ihm. Ich schließe auf den Vater von seinen Kindern. Die gerathen nicht immer. Glauben Sie mir: die Kinder des alten Stark könnten besser sein, wenn sie dem guten Vater ähnlicher wären. Sie sagen für meine Erkenntlichkeit allzu viel. Für mein Herz allzu wenig. – Und nun fing sie an, ein Gemälde zu entwerfen, das zwar wirklich dem alten Herrn ziemlich ähnlich sah, das aber gleichwol für ein Bildniß, wofür es doch gelten sollte, zu wenig Eigenes und Unterscheidendes hatte. Eine zu gerührte kindliche Dankbarkeit und eine zu lebhafte Begeisterung, die immer idealisirt und verschönert, hatten die Farben gemischt und den Pinsel geführt. Indessen war eben durch diesen Fehler das Gemälde um so geschickter, der Wittwe ein unbedingtes Vertrauen einzuflößen, und eine lebhafte Begierde nach einer so vortrefflichen Bekanntschaft bei ihr zu wecken. Wäre mitten unter den schönen Zügen des verständigen, menschenfreundlichen, großmüthigen Mannes, auch die ernste Falte des Sittenrichters und das heimliche Lächeln des Spötters, die doch so sehr zur Physiognomie des Herrn Stark gehörten, sichtbar geworden: so würde freilich jenes Vertrauen sehr geschwächt, und diese Begierde sehr gedämpft worden sein. Die Wittwe bezeugte in den kräftigsten Ausdrücken ihre Bewunderung, ihre Verehrung, und war nicht wenig neugierig, wohin Das alles gemeint sei. Kennen Sie – muß ich noch weiter fragen – das Blumische Haus? O sehr wohl. Ich bin Schuldnerin auch von ihm. Und wie nimmt es sich? Gut? – Mehr als gut; äußerst edel. Es hat mir die großmüthigste Nachsicht von vielen Monaten bewilligt. Blose Pflicht, meine Freundin! – Es hat sich, wie ich sehe, seiner eigenen Geschichte und der großen Verbindlichkeiten erinnert, die es ehemals gegen den guten seligen Lyk , Ihren Schwiegervater, hatte. Davon weiß ich Nichts, sagte die Wittwe. Mir schwebt es vor, wie im Traume. – Ich war noch ganz jung, als einst mein Vater sehr spät von der Börse kam, und den ganzen Tag von Nichts als von einem gewissen Blum sprach – dem Großvater des jetzigen – der seine Zahlungen eingestellt hatte, und dessen Fall man für unvermeidlich ansah. – Mein Vater, obgleich in keiner Handlungsverbindung mit ihm, nahm den lebhaftesten Antheil an seinem Schicksal, und zeigte sich höchst erbittert gegen gewisse heimliche Neider, die den ehrlichen schuldlosen Mann verfolgten, und seinen Fall zu befördern suchten. Er faßte den Entschluß, ihn wo möglich zu retten; und der alte Lyk , immer vertrauter Freund unseres Hauses, war von gleicher Gesinnung. Mein Vater untersuchte hierauf die Bücher von Blum , fand seine Rettung, wenn er gehörig unterstützt würde, sehr möglich, so wie ihn selbst an seinem Falle – oder ich sollte sagen, an seiner Verlegenheit – völlig unschuldig. Die Wittwe sah bei diesem letzten Zuge nieder und seufzte. Und nun nahm er in Verbindung mit Lyk die ganze Schuldenlast auf sich, bezahlte die Ungeduldigen baar, setzte den Anderen Termine, und machte mit einem Worte der Verlegenheit und der Verfolgung des Mannes ein Ende. – Was mir, als Kind, diesen Auftritt tief in's Gedächtniß prägte, war mein Erstaunen, einen alten ehrwürdigen Mann mit schlohweißen Haaren, der meines Vaters Vater hätte sein können, so bitterlich weinen zu sehen. Der gute Mann war ganz aufgelöst in Dankbarkeit und in Rührung. – Er betrat nachher unser Haus sehr oft, der alte freundliche Blum , und befestigte sein Andenken bei mir durch eine Menge kleiner Spielsachen und Näschereien, die er mir immer zuzustecken pflegte. – – Nun, meine Freundin? Darf ich noch erst sagen, wo ich hinaus will? – Mein Vater ist noch immer der Alte, sein Wille zu helfen der alte, sein Vermögen dazu – aber nein! das ist nicht mehr das alte; das hat sich indeß verdoppelt, vielleicht verdreifacht: und also – was kann Sie hindern, ihm ohne Umstände den Antrag zu thun, daß er an Ihnen, wie ehemals an Blum handeln, und alle Ihre Schulden übernehmen wolle? – Ihre Kinder sind seines Freundes Enkel; überlegen Sie das! Die Wittwe war über diesen Vorschlag nicht blos erstaunt, sondern erschrocken. Ihre Dankbarkeit trieb sie an, den Rath einer so wohlmeinenden, so zärtlich um sie bekümmerten Freundin nicht zu verachten; und doch zeigte ihre natürliche Blödigkeit ihr die Befolgung dieses Rathes als für sie unthunlich, als beinahe unmöglich. Kann, ich – fing sie zu stottern an – kann ich den Muth haben, Frau Doctorin – ich eine Fremde – eine ihm völlige Unbekannte – Sie dürfen sich in der That nicht bedenken. Der Dienst, der Ihnen geleistet wird, ist zwar dankenswerth, aber nicht groß. Ihre Sachen, hör' ich, sind durch meinen Bruder bereits in Ordnung; eine Durchsicht Ihrer Bücher ist nicht mehr nöthig; Gefahr zu verlieren ist bei Ihnen keine: und also – – Ich lasse nicht ab, liebe Freundin. Ich bin ein eigensinniges Weib. Sie müssen mir Ihr Wort darauf geben, daß Sie morgen am Tage zu meinem Vater gehen. Der Wittwe stand der Schweiß vor der Stirne. Aber die Doctorin, obgleich nicht ohne Mitleiden mit ihr, hörte nicht auf, ihr zuzusetzen. Freilich, sagte sie, wär' es natürlicher, Sie an meinen Bruder, als an meinen Vater zu weisen; denn jenen kennen Sie schon, und ohne Zweifel wissen Sie selbst, wie viele Hochachtung er gegen Sie hegt, mit welcher Herzlichkeit er Ihnen ergeben ist. – – Eine feurige Röthe, die sogleich wieder in Blässe überging, flog der Wittwe über die Wangen. Die Doctorin wollte nicht das Ansehen haben, sie zu bemerken. Allein der seltsame Mensch – Gott mag wissen, aus welcher Grille? – will ja von hier, will sich von seinem Vater trennen, und eine Handlung unter eigner Firma errichten. – Außer daß er den Einfluß und das Gewicht nicht hat, wie mein Vater; so braucht er gegenwärtig sein Bischen Armuth für sich: und so sehen Sie wol – – Ich sehe Alles, sagte die Wittwe. Ich bin Ihnen für Ihre Theilnahme, für Ihre so unverdiente, grenzenlose Güte unaussprechlich verbunden: allein, da doch gegenwärtig noch keine Noth ist; da Horn, wie Sie selbst mich versichern, für's Erste schweigt, und da die übrigen Gläubiger mich nicht drängen – – Die Doctorin, ob sie gleich sehr ungern diesen Schritt that, sah sich genöthigt, mit der vollen Wahrheit herauszugehen, und der Wittwe zu sagen, daß, wenn sie den Gang zu ihrem Vater verweigerte, ihr guter Mann, wegen eines für sie ausgestellten Wechsels in's Gedränge kommen, und nicht wissen würde, wie er den ungestümen, hartherzigen Horn befriedigen solle. – Dieses einzige, unerwartete Wort war entscheidend; die Wittwe versprach nun heilig, obgleich mit schwerem, muthlosem Herzen, daß sie morgen im Tage dem alten Herrn Stark ihre Ehrerbietung bezeugen wolle 20. Es war um Theezeit; und die Doctorin, die sich den Mund ganz trocken gesprochen, aber bei der Wittwe den Thee verbeten hatte, kam auf den Einfall, ihn bei der Mutter zu trinken. Sie fand hier zugleich den Vater, der dann und wann bei der Alten ein Schälchen nahm; und zufälliger Weise auch Monsieur Burg , den Madame Stark soeben wegen eines Gerüchtes ausfragte, das ihr zu Ohren gekommen war. Es hieß: ein ziemlich bemittelter Oheim von Burg , den dieser zu beerben gehofft hatte, sei noch in seinen alten Tagen schlüssig geworden, sich zu verheiraten. – Ist das wahr? fragte die Alte. Leider wahr! sagte Monsieur Burg . Aber wie in aller Welt kommt er auf den Gedanken? Ich hätt' ihn für vernünftiger angesehen. Wie? sagte der Alte, den die Lust, sie ein wenig zu necken, ankam. Ist Heirathen Unvernunft, Mutter? Behüte! Es wäre Lästerung, das zu sagen. Ehe ist ja eine Einsetzung von Gott. Das mein' ich! Und eben deswegen, Mutter – weil der alte Oheim, nach langer Verblendung, das endlich einsieht, so bereut er sein bisher geführtes sündliches Hagestolzenleben, und kriecht zu Kreuze. Ja ja! rief hier Monsieur Burg , dem der wahrscheinliche Verlust der Erbschaft schwer auf dem Herzen lag; – Kreuz soll er schon finden, denke ich, das soll er finden! Lieber Monsieur Burg ! sagte die Alte, und nahm einen andächtigen Ton an: auf Erden hat wol Jeder sein Kreuz; und was der Himmel dem Oheim auferlegt, muß er tragen, und muß darüber nicht murren. Das ist Pflicht eines Christen. Die Doctorin hatte Noth, nicht zu lachen. – Aber, sagte der Alte, Du hörst ja, daß er der Trübsal willig entgegengeht, und daß er sich ganz demüthig in die Schule der Geduld begibt. Was verlangst Du denn mehr? – – Alberne Menschen übrigens sind diese Hagestolzen; das ist gewiß. In der Jugend hüten sie sich sorgfältig vor einer Thorheit, und im Alter begehen sie dafür eine Narrheit. Ei ei! rief die Doctorin aus. Lieber Vater! Was ist? – Sie waren ja sonst ein so großer Freund, ein so eifriger Vertheidiger des Ehestandes! War ich? – Nun, so will ich's auch bleiben, und will die Thorheit geschwind zurücknehmen. Doch die Narrheit, Kind, mußt Du mir lassen. Drollicht! – Aber ich bin's zufrieden. Es gilt. – Und ist's denn wahr, fuhr die Alte zu untersuchen fort, daß die Person, in welche sich der Oheim verliebt hat – – Verliebt, Mutter? Hat er sich denn wirklich verliebt? – Ich dachte, er heirathete blos aus Zerknirschung. Wenigstens, sagte Monsieur Burg , kann die Zerknirschung noch kommen. Das Weib soll häßlich sein, wie die Nacht. – Und Kinder bringt sie ihm obendrein in das Haus. Ganzer zwei. Wirklich? – Nun, das war's, sagte die Alte, was ich im Sinn hatte, und wonach ich vorhin Ihn fragen wollte. – Also eine Wittwe nimmt er zur Frau? und eine Mutter von Kindern? – Hm! – Von zwei lebendigen Kindern. Hm hm! – Scheint Dir das sonderbar, Mutter? Mir nicht. Mir scheint es das Vernünftigste bei der Sache. – Wenn Kinder da sind, so wird denn doch der Alte mit Ehren Vater. – Eine Wittwe zu heirathen, ist immer die beste Art, zu fremden Kindern Vater zu werden. Und was gibt's denn für eine andere? fragte die Alte ganz ehrbar. – Ach ja! – indem die Tochter, die sich nicht länger halten konnte, von Herzen zu lachen anfing, und der Vater mit einstimmte. – Das treuherzige Ach ja! war nicht gemacht, dieses Lachen zu dämpfen; und die Mutter, so sehr sie sich Anfangs dagegen sträubte, lachte am Ende mit. – Herr Stark , wie man sieht, war in seiner Feiertagslaune; aber sicher hätte er ihr nicht den Zügel schießen lassen, und hätte sich keins seiner Späßchen erlaubt, wenn nicht Herr Wrak , der alte Oheim von Burg , ein bekannter Ausschweifling gewesen wäre, der die Hochachtung von keinem Menschen, und also auch nicht von dem Neffen, hatte. – Indessen, als in der Folge des Gesprächs sich der gekränkte Eigennutz des jungen Mannes immer stärker verrieth, und er sich endlich zu bittere, zu unanständige Glossen erlaubte, wies ihn Herr Stark , zwar liebreich, doch alles Ernstes zurecht. – Er berührte zuerst den Hauptpunkt der wahrscheinlich verlorenen Erbschaft, und erklärte diesen Verlust für Nichts weniger als ein Unglück: denn, meinte er, Monsieur Burg sei ja Manns genug, um durch eigene Kräfte sein Glück zu machen; und so ein Glück habe immer mehr Werth, als ein anderes, das durch Erben oder durch Heirathen erlangt werde. – Wenn man, sagte er, die hiesigen großen Häuser der Reihe nach durchgeht, so findet man, daß sie alle entweder vom lebenden Stifter selbst, oder höchstens vom Vater her sind: die vom Großvater her sind schon alle wieder im Abnehmen, im Sinken. Selbst ist der Mann! sagt ein Sprichwort, das für alle Stände, und besonders auch für den unsrigen, wahr ist. – Dann kam Herr Stark auf die Liebesgeschichte des Herrn Wrak , und fand auch an ihr eine Seite, von der sie ihm gar nicht mehr so thöricht und lächerlich vorkam. – Der Bräutigam, sagte er, ist freilich ein altes morsches Geripp von Manne, das eher für den Sarg als für's Ehebett taugt, und die Braut eine ziemlich mißgeschaffene, klapperdürre Schöne, deren hervorstehender Zahn und blinzelndes Auge nicht den besten Hausfrieden verspricht; aber, Monsieur Burg ! seh' Er einmal – ich bitt' Ihn – von diesen Hauptpersonen ein wenig ab auf die Nebenpersonen, die kleinen hülflosen Kinder! Wie, wenn die Mutter bei sich selbst überlegt hätte, daß sie nur herzlich arm, und daß Armuth eine rauhe Witterung ist, worin solche zarte junge Pflänzchen leicht ersterben oder verkrüppeln? wenn sie die ihrigen an die sanftere, mildere Luft der Wohlhabenheit hätte bringen wollen, um ihnen ein froheres Wachsthum, ein schnelleres Gedeihen zu sichern? Dann wäre, von ihrer Seite, die Heirath schon nichts so gar Thörichtes mehr, eher etwas sehr Mütterliches und Kluges. – Und von Seiten des alten Wrak ? Wie, wenn auch der sich durch Gründe hätte bestimmen lassen, die weit mehr unsere Billigung, als unsern Tadel, verdienten? wenn er, nach einem Leben voll Ausschweifungen, noch zu guter Letzt etwas Verdienstliches hätte thun, und das Glück von ein Paar unschuldigen Wesen hätte gründen wollen, die es vielleicht erkennen und sein Andenken in Ehren halten? Freilich kränkt er darüber den guten Neffen, der sonst sein nächster Erbe gewesen wäre; aber – mag er gedacht haben – ein Mann wie der, der so reiche Hülfsquellen in sich selbst hat, und der zu so einem Verluste nur lacht – – O, das thu' ich auch; das thu' ich recht von Herzen sagte Monsieur Burg , indem er mit grinsender Miene, die ein verachtendes Lachen ausdrücken sollte, sein Oberschälchen umwandte, und sich empfahl. – Die Tochter ergriff die Hand des Vaters, um sie zu küssen. – Das thu' ich im Namen der Kleinen, sagte sie, für die Sie sich so nachdrücklich erklärt haben. – Ach was solche arme kleine Waisen mich jammern! – So oft mir dergleichen vorkommen, möcht' ich gleich einen recht wackern jungen Mann zur Hand haben, den ich ihnen wieder zum Vater gäbe. – Und der Wittwe zum Manne; nicht wahr? Denn warum er sonst eben jung sein sollte – – Wie? Das sehen Sie nicht? – Damit er mir nicht zu früh wieder wegstürbe; und ich dann neue Noth mit den Kindern hätte. Sieh, sieh! sagte der Alte. Kommt's so herum? Fein genug! Aber Sie wollen vielleicht, daß Wittwen nur lauter schwache, gebrechliche Männer heirathen sollen; Krückenstößer, wie diesen Wrak , die zu Nichts weiter taugen, als fremder Leute Kindern Brod zu verschaffen? – Die armen Wittwen! – Ei nicht doch! nicht doch! Wenn sie nur selbst noch nicht alt sind – – denn das gesteh' ich Dir! eine Heirath zwischen einem jungen Manne und einem alten Weibe ist mir zuwider. – Das ist sie wol Jedem. – Nein; meine Wittwen sind so im Anfang der zwanzig, sind überdies noch brav, gefällig, haushälterisch, fromm – – Aber häßlich; nicht wahr? Behüte Gott! Eher schön. Nun, was fragst Du denn lange? – Gib sie an wen Du willst, an die jüngsten und die wackersten Männer! Ich bin es herzlich zufrieden. – Brav, Väterchen! Herrlich, Väterchen! dachte die Tochter: wir wollen Dir dieses Wort zu seiner Zeit wieder vorhalten. Es geht Dich näher an, als Du wol denkst. – Und nun machte sie sich auf leichten Füßen davon, um nach Art braver Eheweiber, die für den Mann ihres Herzens keine Geheimnisse haben, dem ihrigen alles Vorgefallene zu berichten. 21. Ist wol nicht möglich! – sagte Herr Stark , als Monsieur Schlicht mit der Nachricht hereintrat, daß Madame Lyk ihn zu sprechen wünsche. – Er wird sich verhört haben, mein lieber Schlicht . Meinen Sohn wird sie sprechen wollen. Nein, Sie! Sie! Ich habe ausdrücklich gefragt. Hm! Also mich? In der That? – Nun, so führe Er sie gegenüber in das Besuchzimmer. Ich werde erscheinen. – Was in aller Welt kann das sein? Wie komme ich zu einer so galanten Visite? – Es ist ja wol kaum halb zehn – indem er nach seiner Uhr sah; – und die Frau ist schon auf? ist schon angezogen? hat schon ihre Chocolade getrunken? Das ist ja ganz außer der Regel! – Er trat seiner Gewohnheit nach vor den Spiegel, um sich den Stutz gerade zu rücken. – Wirst schon wieder schief zu stehen kommen, sagte er lächelnd; aber mein guter Stutz – – Glück werden wir ohnehin nicht mehr machen. Wir sind zu alt, und sind zu sehr außer der Mode. – – Ich sollte erröthen, sagte die Wittwe, die durch das Studium einer ganzen langen Nacht keinen besseren Eingang hatte ersinnen können; ich sollte wegen der Störung und des Zeitverlustes, die ich verursache – – Die Verlegenheit und die Furcht der guten Frau hatten ihre Stimme so sehr gedämpft, daß der Alte, der nach Art der Schwerhörigen ihr scharf in's Gesicht sah, und dadurch ihre Verlegenheit noch vermehrte, nur aus der Bewegung ihrer Lippen abnahm: sie müsse reden. Auch das Zurückstoßen des Stutzes ließ ihn nur ein leises, undeutliches Murmeln, keine eigentlichen Töne vernehmen. – Ich muß Sie bitten, fing er jetzt an, mir eine Schwachheit des Alters zu Gute zu halten; ich habe, wenn die Witterung kalt wird, einen Fluß auf dem rechten Ohre, der aber Gott Lob! so arg nicht ist, daß ich, wie mein Nachbar, ein Hörnchen mit mir herumtragen dürfte. Haben Sie nur die Gefälligkeit, ein wenig lauter zu reden, und ich werde Sie hören. Diese Aufforderung zum Lautreden vermehrte das Herzklopfen der Wittwe, die schon so des Athems wenig genug, und dabei ein Anliegen hatte, das seiner Natur nach nicht wollte geschrieen werden. Es kam ihr äußerst gelegen, daß eben jetzt Herr Stark sie zum Niedersitzen auf das altmodische, rohrgeflochtene Kanapee einlud; denn kaum erhielt sie bei ihrer heftigen inneren Bewegung sich auf den Füßen. Es gelang ihr jetzt, dem alten Herrn zu bedeuten, daß ihre große Verpflichtung gegen seinen würdigen Sohn, der durch lange mühsame Arbeit sie aus einer höchst unangenehmen Verwirrung gezogen, ihr ein gerechtes Vertrauen auch gegen den Vater einflöße und daß sie hoffe – – Hier sank ihr die Stimme wieder; und Herr Stark brachte nicht heraus, was sie denn hoffe: daß er nämlich gleiche Großmuth beweisen, und wenn sie von diesem oder jenem ihrer Gläubiger gedrängt werden sollte, ihr seinen einsichtsvollen Rath und selbst seine thätige Unterstützung nicht versagen werde. Er bezog die Paar Wörter, die er verstand: Großmuth, Rath, Unterstützung, noch immer auf seinen Sohn, und deutete, weil sie jetzt auch von Dank sprach, ihre Hoffnung blos dahin, daß er ihren Besuch gütig aufnehmen, und sich ihren Dank für die ihr erwiesene Hülfe werde gefallen lassen. Dem gemäß erwiderte er zu nicht geringem Erstaunen der Wittwe, daß sie sich in ihm ganz an den Unrechten wende, indem er Alles, was sein Sohn für sie gethan, erst spät hinterher erfahren, und daß er also ihren Dank unmöglich annehmen könne. – Unsere jungen Herren, sagte er, pflegen die Väter nicht zu ihren Vertrauten zu nehmen; sie fürchten, daß man jede Art von Eröffnung als schuldige Rechenschaft von ihrem Thun und Lassen ansehen werde; und sich einem solchen Zwange zu unterwerfen, sind sie ganz und gar nicht gemeint. – Die Wittwe rang in einer ziemlich langen, ängstlichen Pause mit sich selbst, wie sie das nehmen, und ob sie im Gespräche fortfahren oder es abbrechen solle. Sie konnte kaum anders, als das trockne Hinweggehen über den Hauptpunkt in ihrer Anrede für ein geflissentliches Ausbeugen und Ablehnen zu nehmen; und was der Vater vom Sohne sagte, schien sogar das Betragen desselben zu mißbilligen. Indessen war es möglich, daß Herr Stark nur übel gehört hatte; und so raffte sie sich zusammen, um auf einem anderen Wege das Gespräch wieder einzuleiten. – Die Doctorin, sagte sie, habe ihr die Freundschaft gerühmt, die ehemals zwischen Herrn Stark und ihrem verstorbenen Schwiegervater, dem alten Lyk , geherrscht habe; und sie lebe der Hoffnung – – Auf dieses Wort, welches Herr Stark vollkommen verstand, gab er die passende Antwort, daß er den alten seligen Lyk von seiner Kindheit an gekannt und schon in den ersten Schuljahren sein Freund gewesen; daß sie nachher ihr ganzes Leben hindurch in sehr enger Verbindung gestanden, und daß sie gewiß in vorkommendem Falle ihre gegenseitige herzliche Freundschaft sich auf's Thätigste würden bewiesen haben. – Aber, sagte er, so ein Fall kam, Gott Lob! nicht vor; wir hielten Beide unsere Geschäfte in guter Ordnung, und verschlemmten und verschleuderten nicht: und wo das ist, da ereignen sich die Umstände nicht leicht, in welchen der Freund dem Freunde einen ausgezeichneten Dienst leisten oder wol gar eine Aufopferung für ihn machen könnte. – Wenn gleich diese Anmerkung nichts weniger als Schmeichelei sein sollte, so hatte sie doch bei weitem den Sinn nicht, den die Wittwe ihr gab, und den sie nach dem obigen Mißverstande – oder jetzt kaum mehr Mißverstande – fast gezwungen war, ihr zu geben. Sie glaubte einen bitteren Vorwurf über die Unordnung zu hören, die ihr verstorbener Mann in seine Geschäfte hatte einreißen lassen, glaubte sich zum zweiten Male empfindlich zurückgewiesen, und erblaßte und erröthete im Gefühl ihrer peinlichen Lage eins um das andere. Herr Stark , der ohne Brille nicht scharf mehr sah, ward von ihrem Zustande Nichts inne. Sie haben, fing er nach einigen Secunden wieder an, den guten alten Schwiegervater wol nicht mehr gekannt? Nie – sagte ihm ein stilles, schwaches Kopfschütteln der Wittwe. Und seine Frau, die alte redliche Mutter Lyk , wol eben so wenig? Eben so wenig – sagte ihm ein abermaliges Kopfschütteln; denn die Wittwe, der das Herz immer voller und schwerer ward, war nicht im Stande zu reden. – Hätte Herr Stark von der jetzigen wirklich bedrängten Lage der Wittwe, und besonders von ihrer Absicht auf ihn nur die mindeste Ahnung gehabt, so würde er, bei seiner wahrhaft großmüthigen Denkungsart und seiner Achtung für Unglückliche, ihrer sorgfältig geschont und jedes seiner Worte genau bewacht haben; aber so hielt er, in seiner Unwissenheit über beides, es gar nicht für übel gethan, wenn er ihr von seinen Gedanken über ächten weiblichen Werth eine kleine Eröffnung machte. – Sie haben, sagte er, viel verloren, Madame; Sie hatten eine sehr vortreffliche Schwiegermutter. – Freilich war sie im Grunde nur Hausfrau; aber mehr zu sein kam ihr auch nie in den Sinn: der Mann, glaubte sie, gehöre der Welt; die Frau dem Mann und den Kindern. Das war so der ehemalige alte Glaube, worin man die Töchter erzog, und wobei nun freilich die Mädchen nicht so fein und niedlich wie jetzt, aber dafür desto braver und wirthschaftlicher, und einem Manne, der an sein Fortkommen dachte, desto lieber und werther wurden. Der alte Lyk sagte mir oft, daß er diese herrliche Frau als seinen besten Segen von Gott betrachte, und daß er ohne sie bei weitem nicht in so guten Umständen sein würde, als er es wäre. Er liebte und achtete sie ungemein; auch wol mit deswegen, weil sie ihm viele Ehre machte; denn sie galt in der ganzen Stadt für die beste und erfahrenste Wirthin, und war für unsere Weiber in jeder häuslichen Angelegenheit das allgemeine Orakel. – Dabei war sie nichts weniger, als peinlich, oder gar mürrisch: Sie hätten sehen sollen, Madame, mit wie einnehmender Freundlichkeit sie den Gästen entgegen kam, die der alte Lyk fast jedesmal von der Börse mit sich brachte; wie sie sich freuen konnte, wenn bei der Bewirthung, die immer nur bürgerlich, aber reichlich und anständig war, ihre Gerichte schmeckten, und wenn die kleine Gesellschaft während des Essens recht gesprächig, recht laut ward. Sie fragte dann mit den Augen ihren Mann, der alle ihre Blicke verstand, und sobald er gewinkt hatte, war sie in zwei, drei Sprüngen zum Keller hinunter, und holte selbst von dem besten alten Rheinwein herauf, der uns dann noch beredter, noch fröhlicher machte. – Sehen Sie, Madame! Mit so einer liebreichen, frohen, wirthschaftlichen Hausfrau waren wir damaligen Männer über und über zufrieden, und nannten sie, wie sie's auch wirklich war, unseren Schatz und unser Herz: heutzutage, wo sich der bürgerliche Ton immer mehr in den adligen, auch wol hier und da in den fürstlichen hinaufzieht, wären das gemeine, abgeschmackte Ausdrücke; da nennt man, glaube ich, die Frau mein Kind; aber ich weiß doch kaum, wen ich glücklicher preisen soll, ob den ehemaligen Mann mit dem Schatze, oder den jetzigen mit dem Kinde. – Doch Sie verzeihen, Madame; ich plaudere da ein Langes, ein Breites, und weiß selbst nicht, wozu? Denn daß andere Zeiten andere Sitten bringen, ist ja natürlich. – In dieser Art von Standrede auf die verstorbene Schwiegermutter fand sich wieder so manches Empfindliche, daß die Wittwe den Zweck ihres Besuchs nun völlig aufgab, und sich Herrn Stark auf der Stelle würde empfohlen haben, wenn nicht ein jäher Schwindel, in welchem Alles vor ihren Augen zu taumeln und zu tanzen anfing, ihr das Aufstehen verboten hätte. Gleichwol mußte sie dieses Aufstehen versuchen, als sie sich Plötzlich von zwei weiblichen Stimmen begrüßen hörte, worunter sie die der Doctorin sogleich unterschied. Die liebe Neugier hatte Diese und die Mutter herbeigeführt: die Eine, um zu erfahren, wie es stände, und um nötigenfalls die Wittwe zu unterstützen; die Andere, um eine Person näher kennen zu lernen, die ihrem Sohne so verpflichtet, und wie man ihr nicht verborgen hatte, zugleich ihm so werth war. Mein Gott! was ist Ihnen? rief die Doctorin aus. die den Zustand der Wittwe auf den ersten Blick erkannte, und ihr rasch entgegensprang, um sie zu halten. – Wo gar in Ohnmacht? fragte erschrocken Madame Stark ; und: Nimmermehr! rief verwundert der Alte, während die Kranke aus den Armen der Doctorin auf das Kanapee glitt, und plötzlich ohne Athem und Farbe, wie eine Leiche da lag. Die Doctorin rief nun laut nach Hirschhorngeist; die Mutter eilte in die Küche nach frischem Wasser; Herr Stark holte Hofmannschen Liquor; und in Kurzem war auch Monsieur Schlicht und das ganze Haus in Bewegung. – Endlich war Madame Lyk in so weit wieder hergestellt, daß sie sich getraute, zu Fuß und ohne Begleitung nach Hause zu kommen. Aber das gab Niemand zu, und am wenigsten der alte Herr Stark , der sich überhaupt so gütig und herzlich benahm, daß die Wittwe an seiner Gesinnung gegen sie ganz wieder irre ward. Er ließ einen Wagen holen, in welchen nach seiner Anordnung die Doctorin zuerst hineinstieg, um, während man der Wittwe von außen nachhülfe, ihr von innen die Hand zu reichen. Auch Monsieur Schlicht , der trotz seines Alters noch sehr berührig und kraftvoll war, mußte hinein mit der Anweisung: sobald der Wagen hielte, herauszusteigen, um Madame Lyk den Arm zu bieten, aber ja, wenn sie wieder schwächer würde, erst Hülfe aus dem Hause zu rufen, und sich nicht zu viel auf eigene Kraft zu verlassen. Nun? fragte der Alte, sobald er sich mit der Mutter wieder allein sah: kannst Du mir sagen, was das hieß? was das vorstellen sollte? Ich für meinen Theil verstehe kein Wort. – Die Frau kommt am frühen Morgen gegangen, und reißt mich aus meinen Geschäften; ich denke nicht anders, als sie will Wechsel auf England oder auf Holland kaufen, aber am Ende – was hat sie bei mir zu thun? – In Gottes Welt Nichts, als in Ohnmacht zu fallen. – Ist das etwa jetzt neuer Ton? Macht man zu London und zu Paris solche Morgenvisiten? Wie Du nun bist! sagte die Alte. Ein Frauenzimmer wandelt ja leicht Etwas an. Ein Frauenzimmer! – Warum denn aber Dich und die Doctorin nicht? Je nun – Eine ist ja nicht wie die Andere. Mutter! – Wenn alle die Weiber, die den ganzen Tag, mit Roman und Komödie in der Hand, auf dem Sopha liegen, oder die auch den Morgen am Putz- und den Abend am Spieltisch vergeuden; wenn sie hübsch, wie Du und die Doctorin, von früh bis spät auf den Beinen wären, um sich in ihrer Wirtschaft herumzutummeln: ich wette, wir würden von keinen Krämpfen und Schwindeln und Ohnmachten, und wie das Zeug alles heißt, weiter hören. – Zwar ein Mal – er drohte ihr erst mit dem Finger, und nahm dann ihre dürre, welke Hand, um sie zu liebkosen – einmal spieltest Du mir auch einen Streich; da war ich in rechtschaffener Angst. – Doch das war auf dem Bette der Ehren, bei der Niederkunft mit der Tochter; und für so eine Ohnmacht alle mögliche Hochachtung! Die hat denn doch Hand und Fuß. Böser Mann! sagte die Alte mit einer Miene, die halb schmunzelte und halb schmollte: laß doch solche Dinge nun aus dem Kopfe! Das sind ja alte Geschichten. 22. Bald nach dem Mittagsessen erschien der Doctor: theils um sich nach der Gesundheit, theils – oder wol eigentlich und hauptsächlich – um sich nach der Gesinnung des alten Herrn zu erkundigen. Er fragte fast in einem Athem: Wie befinden Sie sich? und: Wie gefiel Ihnen die Wittwe? Auf das Erste lautete die Antwort: Wohl! und auf das Zweite: Nicht übel! Sie werden gefunden haben, daß es eine sehr feine Frau ist. Nicht wahr? Fein? Je nun ja! Wie Sie wollen. Figur und Gesichtchen sind ganz erträglich. – Es läßt sich schon denken, wie so eine Frau einen schwachen thörichten Mann hat so weit bringen können, sich um ihretwillen zu Grunde zu richten. – Der Doctor, der sich einer günstigern Antwort versehen hatte, war ein wenig betreten. Indessen hielt er es nicht für gut, in gerader Richtung über den Strom zu schwimmen. – Sie ist zugleich von sehr sanfter Art; meinen Sie nicht? Sie scheint es. Die Weiberchen scheinen Manches, Herr Sohn. Aber sind doch Manches auch wirklich? Wie man das nimmt. – Was sie jedes Mal sind, sind sie wirklich. Heute Dies, morgen Das. Mein Gott! Sie sind doch auch sehr gegen die Weiber. Für sie, für sie, Herr Sohn! Ich schätze an dem lieben Geschlechte nicht blos die Tugenden, sondern auch die Schwachheiten; aber wohl gemerkt! Diese mit jenen verbunden. Die Welt- und die Modeweiber, die nur die Schwachheiten, aber nicht die Tugenden und eben darum jene im höchsten Grade haben, die, Herr Sohn – wie Sie schon längst gemerkt haben könnten – sind mir zuwider. Und zu Diesen, glauben Sie, gehöre die Lyk ? Ob noch jetzt? kann ich nicht sagen. Ich bin Arzt in dem Hause. – Da wissen Sie Bescheid um ihre Gesundheit. Ja. Aber auch wahrlich um ihre Denkungsart, ihre Sitten, ihren Charakter. – Ein Arzt hat manchen geheimen, vertraulichen Augenblick mit den Weibern. So? – Und das sagen Sie mir so frei in's Gesicht? Warum nicht? Mir, dem Vater von Ihrer Frau? – Wenn ich nun der es wieder sage? Gern! gern! In Gottes Namen! Der muntre, freudige Ton des Doctors rührte den Alten und er ergriff seine Hand. – Lieber, guter Doctor, sagte er, Sie und meine Tochter machen zusammen ein braves, ein herrliches Paar. – Gott erhalte Euch so! Ich habe ja außer Euch keine Freude. – Er hatte große Lust, auf den Sohn zu kommen, dessen noch fortdauerndes Flußfieber ihm sehr zu mißfallen anfing; allein der Doctor ließ ihn nicht los von der Wittwe. Nehmen Sie einmal an, sagte er, daß die Frau wirklich ist, was sie scheint: sanft, liebreich, nachgebend, gefällig; – wäre da der unsinnige Aufwand im Lykischen Hause nicht auch ohne sie zu erklären? Ließe sich's nicht denken, daß eine so geartete Frau ihre eigene Neigung dem eitlen, auf lauter Pracht und Vergnügen erpichten Manne hätte aufopfern können; daß sie sich blos durch ihn, ohne den mindesten innern Trieb von einer Gesellschaft zur andern, einem Schmause zum andern, einem Balle zum andern hätte fortreißen lassen? Die Wirtschaft aber ging nach der Heirath erst an. – Natürlich! Denn da wird das Haus erst ein Haus. Die Frau erst macht es dazu. Und der ganze Aufzug – der Staat – die glänzende Equipage – Das alles scheint mir mehr auf weibliche, als auf männliche Neigung zu deuten – Kam aber doch lediglich von dem Manne. Hm! – Zwar sind manche Männer Weiber, und ärger als Weiber. – Das mein' ich! Und dann, liebster Vater: was hätte die Tochter eines armen Landpredigers – denn das ist die Lyk – was hätte ein Mädchen, das weder Vermögen noch Aussteuer in's Haus brachte, für große Ansprüche machen können? Ungeheure! Das verstehen Sie nur nicht. – Die Waare der eitlen Weiber hat keinen bestimmten Preis, aber in ihren eigenen Augen einen unermeßlichen Werth. Wenn für so ein Figürchen oder ein Lärvchen – und oft für noch weniger, für ein Bischen Geschwätz oder Geziere – ein Baron seine Baronie oder ein Graf seine Grafschaft vertändelt; so haben sie dabei noch immer verloren, sich noch immer zu wohlfeil weggegeben: denn mit eben diesen – Herrlichkeiten oder Armseligkeiten – hätten sie ja ein ganzes großes Fürstenthum unter kaiserlichen Sequester bringen können. Wir reden aber hier von keiner Buhlerin, sondern von einer Frau – Alle Achtung! Und deren Glück oder Unglück, Ehre oder Schande, hängt ja so innig mit Glück oder Unglück, Ehre oder Schande des Mannes zusammen. Wird denn das überlegt? – Hier wahrlich, hier ward es sehr überlegt. – Daß sich Anfangs das junge, unerfahrne, in der Welt noch ganz neue Landmädchen in den Strom von Vergnügen kopfüber hineinstürzte und nur an den jetzigen süßen Genuß, nicht an die künftigen herben Folgen dachte: das, hoff' ich, wird ein Menschenkenner, wie Sie, eben so leicht verzeihen als begreifen. – Aber das Ding währte fort – immer fort – ohne Ende. Blos durch Schuld des Mannes, mein lieber Vater. – Die Frau ward schwanger und kränklich und ich war nun fast täglich im Hause. Wie oft bezeugte sie mir ihre Sättigung, ihren Ueberdruß, ihren Ekel! Wie herzlich wünschte sie sich das geräuschlose, häusliche, thätige Leben zurück, woran sie von jeher gewöhnt war! Aber dazu ihren Mann zu bereden, war keine Hoffnung; denn gleich ihr erster Versuch, ihn umzustimmen, erregte seinen heftigsten Zorn. Sie liebte den Mann; sie war schwach; sie war der Armuth wegen, worin sie zu ihm gekommen war, scheu und blöde: Er dagegen – er war stolz, gebieterisch, auffahrend, gegen die Liebkosungen und die Thränen der Frau wenig empfindlich. Ich sah das nur zu sehr, als er von ihrer Mutterliebe das Opfer forderte, den künftigen Säugling nicht mit eigener Brust zu ernähren. Und auch das ließ sie gut sein? gab nach? Was sollte sie machen? – Der Alte schüttelte mißbilligend mit dem Kopfe. Die Wirtschaft ging indeß ihren Gang immer fort, immer dem Abgrunde zu: und es mußte doch wahrlich großes Vermögen da sein, daß der Mann seine Verschwendung ganze Jahre lang durchsetzen konnte. Das war auch; das war! rief der Alte. Ungemeines Vermögen! Indessen ward die Frau durch manche Beispiele gewarnt; sie ahnte traurige Folgen: allein da das Gesicht des Mannes heiter blieb, so verschloß sie, mit ihrer gewohnten Furchtsamkeit, alle Besorgnisse in ihr Herz. – Endlich, als wirkliche Verlegenheiten eintraten, denen nur der äußerst vortheilhafte Verkauf des Gartens ein Ende machte, wirkte sie durch die nachdrücklichsten, zärtlichsten, wehmüthigsten Vorstellungen wenigstens einige kleine Einschränkungen aus, und für die Zukunft Versprechungen, die aber nur zu bald wieder vergessen wurden. Wäre nicht noch zu rechter Zeit der Tod in's Mittel getreten, so hätte sie wahrscheinlich den vollen Bruch des Hauses und tiefe, bittere Armuth erlebt. Nur wahrscheinlich? Sagen Sie: gewiß und unfehlbar! – Aber daß die Schuld so ganz nur des Mannes gewesen wäre, nicht ihre eigne – – ich gestehe Ihnen, Herr Sohn, das will mir gar nicht recht in den Kopf. Ich habe Nachrichten, die anders lauten, ganz anders. Von wem? – Ich bitte Sie, lieber Vater – Von – Von dem Wolf in der Fabel, hätte er sagen können; denn eben, als schon der Name ihm auf den Lippen schwebte – – 23. Trat Herr Specht in das Zimmer, und ward von dem Doctor sogleich als derjenige Mann, an den er sich halten müßte, auf's Korn genommen. Es sei nun, daß die süße Miene und die schmeichlerischen Demüthigungen des Herrn Specht , oder daß gewisse Aeußerungen des Schwagers, die ihm noch dunkel im Gedächtniß schwebten, diesen Verdacht bei ihm rege machten. Herr Specht setzte mit wichtiger Miene einen großen Beutel Geld auf den Tisch; äußerst froh, wie es schien, dem liebwerthesten Herrn Pathen seine bisherige Schuld bei Heller und Pfennig abtragen zu können. – Er hatte bei einer kleinen Speculation mit Waaren, die gerade damals gesucht wurden, ein ansehnliches Sümmchen gewonnen, er eilte also, sich durch Abbezahlung die Geldquelle zu reinigen, die er bei längerer Vernachlässigung leicht einmal hätte verstopft finden können. – Ei potz, potztausend! sagte der Alte, indem Herr Specht den Beutel ausschüttete; das ist ja gewaltig viel Geld! Das ist ja ein Reichthum, wie des Mannes im Evangelium! Wo hat Er das alles her? Hehehe! Liebster, bester Herr Stark ! Wie Sie doch immer so gern spaßen! – Reichthum? Daran fehlt viel. Lieber Gott! Aber man thut denn das Seinige, und wenn ein Körnchen zum andern kommt, sagte einmal der Herr Pathe, und immer neue Körnchen dazu – – Ja, sieht Er? Da wird am Ende ein Haufen. Das ist ganz richtig. – Indessen zählte Herr Specht munter fort, und sah sich dann und wann nach dem Sohne um, den er diesmal eben so gern, als sonst ungern, hätte kommen sehen, um sich einmal in seinem Glanze vor ihm zu zeigen. – Die Summen wurden richtig befunden, das Geld wieder eingesackt, und die eingerissenen Papiere zurückgegeben. Nun? sagte der Doctor – weil ich sehe, daß Sie mit Ihrem Geschäfte fertig sind, mein Herr Specht – wie befinden Sie sich? Specht , unter tiefer Verbeugung, wobei sein Kopf eine Art von Schneckenlinie beschrieb, dankte tausend Mal für gütige Nachfrage, und versicherte, er sei wohl. Und zu Hause – die Frau Liebste? die Kinder? Alles, Alles wohl, mein verehrtester Herr Doctor. Nun, das ist schön; das erfreut mich. – Wie sieht's denn jetzt in Ihrer Nachbarschaft aus? Was macht Madame Lyk ? Hehehe! Die lebt denn immer so fort, ganz im Stillen. – Wie's einer Wittwe denn auch nicht anders ziemt. Ganz im Stillen. Vormals war es dort nicht so still. Da war gewaltiger Lärm. Ach, das sagen nur der Herr Doctor noch einmal! Lärm bei Nacht, wie bei Tage. Keinen Augenblick hatte man Ruhe. – Das war ein Geschrei, Gefahre, Gelaufe, Getümmel, und wenn Ball oder Maskerade war, ein Gefiedel, Geflöte, Geblase, Gepauke – man hätte mögen von Sinnen kommen. Meine Frau hat dabei in dem einen Wochenbette was Rechts gelitten. Sie nahm es dem Herrn nicht so sehr übel, als der Madame, daß man so gar keine Rücksicht hatte, und so schnell nach ihrer Niederkunft ein solches Spectakel anfing. – Sie konnte seitdem die Frau nicht mehr ansehen. – Es war auch wirklich recht gottlos. Freilich! Die kurzen sechs Wochen über hätte man sich schon ein wenig still halten können. – Aber ob denn die Wirtschaft nicht bald wieder angehen wird? Damit hat's denn wol so seinen Haken. – Er kniff das eine Auge ein wenig, und glaubte Wunder, wie verschlagen er aussähe. Wie so? – Der Mann ist doch lange genug unter der Erde. Die große Trauer ist aus. Das wol; aber – – Er schob den Daumen der rechten Hand ein paar Mal über den Zeigefinger, und zuckte dabei die Achseln. – Wo einmal Das fehlt, mein lieber Herr Doctor – – Ja, das ist wahr; da fehlt Alles. – Und aufgeräumt mag die Frau unter den Beuteln des alten Schwiegervaters ein wenig haben; das will ich glauben. Ein wenig? Hehehehe! – Aber wenn nur noch etwas, auch nur noch ganz wenig da ist; ein kleines unbedeutendes Restchen: – solche Menschen, die einmal in der Jugend nicht rechnen gelernt haben, sind wie vom Bösen besessen. Sie haben nicht eher Ruhe noch Rast, als bis sie Alles, schlechterdings Alles, auch den letzten Pfennig durchgebracht haben. Erst müssen die Gerichtssiegel an Kisten und Kasten kleben; eher ist kein Aufhörens bei ihnen. Ja, das kann auch hier noch so kommen. Ich widerspreche keinen Augenblick, mein Herr Doctor. – Der Alte, der sehr wohl merkte, wo der Doctor hin wollte, hatte sich im Rücken des Herrn Specht auf seinen Sorgenstuhl gesetzt, und hielt sich ganz ruhig. – Eins wüßte ich nur für mein Leben gern, hob der Doctor wieder an: nicht, wer von beiden Theilen allein und ausschließend; – denn daß Beide nicht viel getaugt haben, ist mir gewiß – aber wer wol so am meisten und vorzüglich an dem ewigen Schmausen und Tanzen und Tollen in dem Hause Schuld gewesen ist: ob die Frau oder der Mann? Die Frau! die Frau, mein lieber Herr Doctor. Doch? – Sie sind freilich der nächste Nachbar; Sie können das wissen. So wie die Frau nur den Fuß in's Haus setzte, ging's los. Ja, das sagt man. – Aber ich habe neulich ein paar recht wackere Männer über die Frage streiten hören, und da meinte der eine: dieser Umstand beweise wenig, beweise Nichts; es sei ganz und gar nicht die Frau, sondern – was ich nun freilich für übertrieben halte – einzig und allein der Mann gewesen, der allen den Unfug getrieben. Ach, wer das auch mag gesagt haben, mein liebwertester Herr Doctor – mit aller Hochachtung von ihm gesprochen – – Nehm' Er sich in Acht, sagte der Alte aus seinem Hinterhalte. Rede Er nicht allzuviel! Wie so? wie so, mein bester Herr Pathe? Ich hatte nichts Böses im Sinne. – Die Frau ist von Ansehen recht artig, und ich möchte fast sagen, schön – was ich mir zwar zu Hause bei Leibe nicht dürfte merken lassen, hehehe! – und da, meinte ich, könnte einer der jungen Herren, die immer um sie herum waren – – Sich in sie vergafft haben? rief der Alte mit Lachen; ja ja! – Und so einer will denn Nichts auf sie kommen lassen. Das ist begreiflich. – Ich selbst kenne einen sonst braven Mann, der sich gewisser vertraulicher Augenblicke mit allerlei Damen rühmt: und eben der – – Der wird's sein, sagte Herr Specht ; der wird's sein: ganz gewiß! Der Alte und der Doctor lachten von Herzen, und Herr Specht blieb ihnen sein Hehehe auch nicht schuldig. – Er trocknete sich die thränenden Augen, und versicherte, daß er nirgends in der Welt so froh sei, als bei dem liebwerthesten Herrn Pathen. Aber, nahm der Doctor wieder das Wort: nun einmal im Ernst, lieber Herr Specht ! – Daß Sie keinen Grund zu Ihrer Behauptung haben sollten, läßt sich von einem so vernünftigen Manne, wie Sie, nicht wol denken. Vermuthlich hat einmal in einem vertraulichen Abendstündchen der selige Lyk Ihnen geklagt, daß er mit dem Wildfang von Frau gar nicht fertig zu werden, sie gar nicht zu bändigen wisse. Geklagt, mein Herr Doctor? Mir? In einem vertraulichen Abendstündchen? So vor der Thür, meine ich. – Bei einem Pfeifchen. – Da schwatzen ja Nachbarn wol Eins zusammen. Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Wo denken Sie hin? – So ein vollwichtiger Mann bei der Börse, so ein angesehener Kaufherr; der sollte sich gegen mich kleinen Anfänger so herabgelassen, so erniedrigt haben? – Nein, da ist nur unser einziger Herr Stark , der gegen jedes Kind freundlich ist, und der auch den kleinsten Bürger etwas gelten läßt; den Ruhm hat er ganz allgemein: – Sehr verbunden! sagte der Alte. Die anderen Herren – es scheint ihnen schon zu viel, unser Einen nur ansehen zu sollen. Der höflichste, unterthänigste gute Morgen wird mit einem Wesen erwidert, mit einer Miene – – Er quälte sich, eine recht stolze, recht verachtende anzunehmen; aber einmal ging in sein Gesicht außer der Specht'schen Original-Miene keine andere hinein. Nun, dann merke ich schon – dann haben gewiß die Handlungsdiener, oder Andere im Hause, die um die Sache Bescheid wußten, ein wenig geplaudert. Die Handlungsdiener ? – Ja mein Gott! das sind nun vollends die rechten. Die sind wo möglich noch aufgeblasener, als ihre Herren, oder wenigstens unerträglicher ; denn mit allen ihren hohen Salairs – was sind sie? – Diener , sagt meine Frau, weiter Nichts. Unser Einer, sagt sie, wenn er auch nur schmale Bissen ißt, schneidet sie doch von seinem eigenen Brode; aber ein solcher Miethling – – keinem zu nahe gesprochen! setzte er furchtsam hinzu. – Alles wahr! Alles schön, mein Herr Specht ! Aber ich habe damit immer noch keine Antwort. – Sie wissen die Gesinnung der Frau und ihren Hang zum Verschwenden nicht durch den Mann, nicht durch Vertraute des Hauses; und woher denn sonst? – muß ich Sie fragen. Durch Ohrenbeichte, sagte der Alte ein wenig bitter, weil er schon merkte, daß ihn Specht hintergangen habe. – Die Lyk ist heimlich katholisch, und dieser Specht ist ihr Pater. Ach um Gottes willen! rief Specht , indem er mit wahrhaft protestantischem Schrecken zurücktrat: wenn das der Herr Hauptpastor hörte! oder gar meine Frau! – Ich ein Pater? Das Lachen der beiden Herren, das zwar bei dem Alten ein wenig verstimmt klang, brachte ihn bald wieder zu sich. – Nein, sagte er, mein Herr Doctor; was ich weiß, das weiß ich aus sehr erlaubter und sehr zuverlässiger Quelle. Nun? – Darf man denn nicht erfahren – – Kaum daß ich Herrn Stark von der tollen Wirthschaft im Lyk'schen Hause die erste Nachricht brachte, so rief der Herr Pathe sogleich: das kommt von der Frau her! Das ist die neue Modewirthschaft der Weiber! Da geht nun wieder einmal unter Tanzen und Frohlocken ein Haus und ein so herrliches Haus zu Grunde. – Und als ich das bei Tische wieder erzählte, sagte meine Frau augenblicklich: Er hat Recht, der Herr Pathe! Er hat ganz Recht! Ja so – allerliebst! – Und da schoben Sie denn nachher jede ähnliche Ausschweifung ganz getrost der Frau auf den Hals? Lieber Gott! Wie denn anders? – Meinem Herrn Pathen muß ich doch glauben; denn der hat Erfahrung – o, der kennt die Welt; der weiß Alles. Ist Er toll? fragte der Alte, indem er zu großem Schrecken des armen Specht sich voll Unmuths aus seinem Sessel aufhob. Liebster, bester Herr Pathe – – Wahrlich! das wird lustig, sagte der Doctor. Sie, mein lieber Vater, haben die Sache von Herrn Specht , und Herr Specht hat die Sache von Ihnen. Der Doctor bekam einen sehr unfreundlichen, und der Pathe, der wie versteinert da stand, einen ganz vernichtenden Blick. – Er ist – murmelte der Alte zwischen den Zähnen – mit allen seinen Höflichkeiten und Reverenzen – – Hier begriff er sich noch, riß den Geldbeutel mit Heftigkeit zu sich, und ging davon. 24. Sie sehen den Lohn der Welt! – sagte der Doctor, indem das Schweißtüchlein des Herrn Specht in voller Bewegung war; – das ist nun der Dank für alle Ihre mühsamen Gänge und Ihre gegebenen Nachrichten! Mein Herr Doctor! rief Specht , und drehte dabei die Augen gen Himmel: – Wenn ich nicht so unschuldig bin, wie ein neugeborenes Kind – – O das sind Sie! Das will ich Ihnen bezeugen. Wenn nicht der Herr Pathe Alles, Wort vor Wort, so gesagt hat, wie ich's da wieder sagte. – Er legte zu einer feierlichen Betheuerung die Hand auf die Brust. – Keine Schwüre, Herr Specht ! Ich glaube Ihnen, eben um Ihrer Unschuld willen. – Mein Schwiegervater hat Alles gesagt, was Sie ihn sagen ließen; vielleicht noch mehr: aber wissen Sie auch, warum? – Weil eben damals zwei nicht unansehnliche Häuser gebrochen waren, und zwar, wie die ganze Stadt wußte, durch Eitelkeit und Verschwendung von Weibern, die aber der Lyk so ähnlich sahen, als die Sünde der Tugend. Das eine war eine verlaufene Engländerin, das andere eine Tänzerin aus der Oper. Narren von Männern hatten solche Weiber geheirathet. – Diese Vorfälle lagen dem alten Mann auf dem Herzen; und auch die Lyk war eine aus der Fremde hierher Gekommene, eine ihm völlig Unbekannte. – Was er zu Ihnen sprach, war nur als Frage zu nehmen, die Sie nicht so leichtsinnig und so beharrlich zum Nachtheil einer würdigen Frau – denn das konnte sie wenigstens sein, und das ist sie – hätten beantworten sollen. Aber ich wußte ja nicht, mein Herr Doctor – ich wußte so wenig, als der Herr Stark – – So wußten Sie doch dies, daß Sie nicht wußten. – Und eben dies, mein Herr Specht , war die Wahrheit, die Sie als ehrlicher Mann hätten bekennen müssen. Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Da hätt' ich ja doch widersprochen. Nun? Und wenn Sie nun widersprachen? So einem Manne? so einem Herrn? In alle Ewigkeit nicht. Wahrheit, Herr Specht – merken Sie sich das für die Zukunft! – Wahrheit nach Ihrer besten Erkenntniß sind Sie nicht blos Ihrer Ehre, sondern auch Ihrer Glückseligkeit schuldig. Eben mit ihr fahren Sie sicher am besten. – Die Art, wie man die Wahrheit sagt, macht den Unterschied; sonst sagt man sie dem Könige, wie dem Bettler. Ach mein Herr Doctor! Wenn Sie doch nur wären, wie ich! Sie sind sehr gütig. – Da sitzt man und sorgt und grübelt, und hat Frau und Kind auf dem Halse, und weiß oft vor Angst nicht, wo aus wo ein: und wenn man denn da in so ein Haus kommt, und alle die großen Kisten sieht, und die ungeheuren Ballen mit Waaren, und das Gerenne und Getreibe der Leute, und die Frachtwagen, die ab- und die aufgeladen werden, und das ganze volle Dutzend Pferde davor: – ach Herr Doctor! es wandelt Einen eine Ehrfurcht an, ein Respect! – wo um Gottes willen! nähme man da den Muth her, auch nur zu mucksen? Der Doctor faßte jetzt seinen Mann ein wenig scharf in's Gesicht, und wollte kein Wort weiter an ihn verlieren. Er versprach ihm auf sein ängstliches Bitten, bei dem alten Herrn Alles wieder in's Gleis zu bringen, schrieb ihm ein Recipe zu einem niederschlagenden Pulver, das er sich in der nächsten Apotheke sollte machen lassen, und wünschte ihm wohl zu leben. 25. Obgleich wirklich Herr Stark mehr durch sein eigenes Vorurtheil, als durch den armen Tropf von Pathen hintergangen war, so war doch der blose Schein von dem Letztern ihm ärgerlich; und noch ärgerlicher, daß er bei dieser Gelegenheit die Fassung verloren und dadurch jenen Schein bestätigt hatte. Er fühlte recht gut, daß er die Sache nach seiner gewöhnlichen Art, mit lachendem Munde, hätte abmachen können. Indessen gereichte dieser Fehler, wenn es ja einer war, ihm zur Ehre: denn der Grund davon lag weit weniger in seiner gekränkten Eigenliebe, als in der Rechtschaffenheit seines Herzens, das ihm alle gegen die Wittwe begangenen Ungerechtigkeiten auf einmal bitter vorwarf und ihm Denjenigen, der dazu mitgewirkt hatte, in einem nicht mehr lächerlichen, sondern gehässigen Lichte zeigte. Die Tochter, die theils durch Madame Lyk , theils durch ihren Mann, von allem Vorgefallenen genau unterrichtet war, glaubte die Herzensstimmung, worin sie den Alten vermuthete, zu ihrem Zweck benutzen zu müssen. Sie machte ihm einen nur ganz kurzen, flüchtigen Besuch, bei dem sie sich nicht einmal setzte, aber gleichwol mit sicherer Hand alle die Saiten anschlug, die sie in dem Herzen des Vaters als die empfindlichsten kannte. Den Vorwand zu diesem Besuche mußte die Bitte geben, die der Alte des Morgens beim Abfahren des Wagens an sie gethan hatte, ihm von dem Befinden der Wittwe Nachricht zu bringen. Entschuldigen Sie mich, sagte sie, lieber Vater, daß ich Ihren Befehl erst so spät erfülle. Aber am Vormittage machten es mir Geschäfte, die ich nicht aufschieben konnte, unmöglich; auch hielt ich mich da bei der Wittwe nicht lange auf: diesen Nachmittag habe ich mich etwas länger verweilt, und komme so eben – aber ich muß sagen, mit recht schwerem, recht bekümmertem Herzen von ihr. Wie so? fragte der Alte nicht ohne Theilnahme. Hat der Zufall sich wiedergefunden? Das nicht. Sie leidet nicht sowol am Körper, als am Gemüthe. – Das arme Weib fürchtet zu Grunde gerichtet zu. werden, weil ein gewisser Horn , der ihr Gläubiger ist, entweder bezahlt sein, oder gegen sie losbrechen will. Horn ? – Wenn sie mit dem zu thun hat – – Leider! Da beklag' ich das gute Weib. Nachsicht ist bei dem nicht zu hoffen. – Aber ist denn die Lyk noch immer in Verlegenheit, in Verwirrung? Ich glaubte, Dein Bruder hätte Alles in Ordnung gebracht. Das glaubt' ich auch; aber – er mag Termine gesetzt haben, die nun nicht ganz können gehalten werden. Das sollte mir leid um ihn thun. Oder er mag – – Ja, wenn ich Handlungskenntnisse hätte; da riethe ich weiter, mein lieber Vater. Laß gut sein! Es ist da Mehreres möglich. – So viel weiß ich denn jetzt, warum die Wittwe diesen Morgen bei Ihnen gewesen ist. Nun? – Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn . – Den Bruder zu sich bitten zu lassen, ging seiner Unpäßlichkeit wegen nicht an; ihn zu besuchen, da er noch ledig ist, schien gegen den Anstand zu sein: und doch war die Sache dringend, und die Wittwe – ich wiederhole ihre eigenen Worte – die Wittwe fühlte durch das edle Benehmen des Bruders, wovon sie nie anders als mit inniger Rührung spricht, ihr ganzes Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt. Sie wollte also diesmal bei dem Vater suchen, was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuließen: Rath, Hülfe, Vermittlung, Unterstützung. Und hat geschwiegen? Weßwegen? Sie hat gesprochen, wie sie mir sagt. Nein! – Sie hat wol sicher gesprochen; aber – – Nein! – wiederholte der Alte mit einem Nachdrucke, der seine noch fortdauernde ärgerliche Stimmung verrieth. Ich denke, mein guter, lieber Vater hat sie nur nicht gehört, nicht verstanden. Dann hat sie auch nicht gesprochen, sondern gemurmelt. Die verwünschte Gewohnheit des Murmelns wird von Tage zu Tage ärger. In meiner Jugend sprach man zum Maule heraus. – Am Ende, wahrhaftig! fordern die Menschen noch, man soll ihre Gedanken hören. Sie ist furchtsam, das arme Weib. Verzeihen Sie ihr! Sie selbst haben sie dann noch furchtsamer gemacht. Ich? – Weißt Du, was Du da sprichst? – Ich mache Niemanden furchtsam, der Etwas zu bitten hat, sondern ich muntere ihn auf und höre ihn an; und wenn sich's ohne meinen eigenen zu großen Nachtheil thun läßt, helf' ich ihm ohne Umstände und gern. Die elende, nichtswürdige Kunst, durch Achselzucken und Sauersehen und langes Bedenken seinen Gefälligkeiten Werth zu geben, hab' ich niemals verstanden. – Das hätte die Frau Tochter wissen und der Wittwe schon sagen können. Hab' ich's denn nicht? – Werden Sie doch nicht unwillig, mein lieber Vater! Unwillig! Nun werd' ich gar unwillig! – Wie kommst Du mir heute vor? Ach, ich kann wol Unrecht haben; ich glaub' es selbst. – Hätt' ich mich recht bedacht, so wär' ich lieber gar nicht gekommen. Ich bin so unglücklich gestimmt. Ueber die Wittwe? – Ja. – Und dann – wie die kleinsten Umstände das Herz oft am meisten rühren – – Nun? Ich sah, eh' ich in das Wohnzimmer der Lyk trat, ein paar Augenblicke durch das Spiegelglas in der Thüre. – Da saß die gute Frau, in die eine Ecke des Sopha gedrückt, den Arm auf ein Kissen gestützt, und ein Tuch in der Hand, um sich die Thränen zu trocknen. Ihr zur Seite saßen, jedes auf seinem Schemelchen, die zwei unschuldigen Kleinen, die sonst immer so froh um sie herumschwärmten, aber jetzt, wie es schien, an das Spiel gar nicht dachten; sie sahen so still in den Schooß nieder, als ob sie den Herzenskummer der guten Mutter theilten, und blickten dann endlich, weil diese vielleicht eben einen tiefen Seufzer ausstieß, von der Seite zu ihr hinauf, mit einem Ausdruck in ihren Augen! in ihren großen, blauen, himmelreinen Augen! mit einer Bänglichkeit, einer Zärtlichkeit, einem Ernst! – ich dachte an meine eigenen Kleinen, und dachte an Sie. Wenn Sie das gesehen hätten; mein lieber Vater! – Sie riß das Tuch heraus, und fuhr sich damit an die Augen. Sind's denn so artige Kinder? – fragte der Alte mit einem Tone, der auf einmal wieder ganz weich war. Ach so wohlgezogen und artig! – freilich hat die Frau nur diese Beiden zu übersehen, und ich ihrer mehrere: aber dennoch erkenn' ich sie in der Kunst der Erziehung für meine Meisterin; sie regiert die Kleinen mit einem Blicke, mit einem Winke, und das niemals im Bösen, immer in Liebe. – Doch ich stehe und plaudere, und vergesse, daß meine Kleinen zu Nacht essen wollen. – Ich muß fort, lieber Vater. Leben Sie wohl! Verzeihen Sie, wenn ich mit meiner üblen Laune Sie heute angesteckt habe! Es soll nicht wieder geschehen. – Sie küßte seine Hand, und verschwand. – – Das Herz des Alten war ein an sich so guter und jetzt durch die gehabten kleinen Erschütterungen so trefflich aufgelockerter Boden, daß es gar nicht anders sein konnte, als der hineingestreute Same des Mitleids mußte reichliche Früchte tragen. – Herr Stark konnte zu Abend nicht essen, und die Nacht über nicht schlafen. Immer schwebte ihm die kleine Gruppe vor, die ihm die Tochter geschildert hatte, und immer war's ihm, als ob er hin müßte, um der Wittwe das Tuch aus der Hand und die kleinen lieben Waisen auf seine Arme zu nehmen. Außer diesem Bilde waren es noch Gedanken anderer Art, die ihn beunruhigten, und von einer Seite zur andern warfen. – »Die Wittwe fühlte ihr Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt.« – Das schien ihm gleichsam ein Schuldbrief zu sein, ein Wechsel, den der Glaube an Tugend auf seine Ehre gezogen hatte, und den er unmöglich anders, als honoriren konnte. – »Sie hatte bei dem Vater suchen wollen, was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuließen.« – Wie konnte er sich's nur denken, daß der Vater in Beweisen von Edelmuth hinter einem Sohne zurückbleiben sollte, den er seiner Engherzigkeit wegen so oft getadelt hatte? – Dann noch der Name der Frau, der ihn an seinen ehemaligen vertrautesten Freund, den guten redlichen Lyk , erinnerte; ihre große, bis zur Ohnmacht gehende Schüchternheit, fremde Hülfe zu suchen, die er als einen sichern Beweis edler Denkungsart ansah; ihre Thränen, die er zum Theil wol selbst durch gewisse Züge in der Unterredung mit ihr mochte hervorgelockt haben; das mannichfaltige Unrecht, das er ihr, von Vorurtheil geblendet, durch Spöttereien gethan, die sie so ganz nicht verdiente, und für die nun sein eigenes Herz, ob sie gleich das Ohr der Unschuldigen nie erreicht hatten, Genugtuung forderte; die Gelegenheit, die sich eben im Hause der Lyk gefunden, das verborgene Gute in dem Charakter seines Sohnes, das ihm so große Freude gemacht hatte, an's Licht zu bringen; – alle diese und ähnliche Betrachtungen hielten den Alten bis nach Mitternacht wach, und ließen ihn auch dann noch keinen festen Schlaf, nur einen unruhigen Schlummer finden. – 26. Hier herein, Monsieur Schlicht ! – sagte am folgenden Morgen Herr Stark , dessen Gesicht noch alle Falten und Runzeln vom vorigen Abende hatte. Ich hab' ein Wörtchen mit Ihm zu reden; und in diesem Zimmer – es war das Schlafzimmer, das er ihm öffnete – sind wir noch am ersten allein. Dem alten Handlungsdiener, der nicht das beste Gewissen hatte, war bei dieser Anrede nicht wohl. Er war dem Schlafzimmer von alten Zeiten her gram; denn er hatte hier schon manchen schweren Kampf mit Herrn Stark zu bestehen gehabt; und eben jetzt war ihm wieder vor einem Examen bange, worin die Falschheit seines Vorgehens, daß der junge Herr noch immer unpäßlich sei, an's Licht kommen konnte. Er warf sich in den Trotz Kains, der bekanntlich Nichts als verkappte jämmerliche Furcht war, und fragte, auf beide Beine gesteift: Was soll ich? – Monsieur Schlicht , muß man wissen, war treu wie Gold; und wenn das Interesse seines lieben alten Wohlthäters mit irgend einem fremden in Streit gerieth, so war er im Stande, für jenes Leib und Leben zu lassen. Aber wenn im Innern des Hauses ein solcher Streit entstand, so war er sicher von der Partei der Kinder gegen den Vater; und würd' es auch gegen die Mutter gewesen sein, wenn nicht diese eben so treu als er es mit den Kindern gehalten hätte. Er hatte die letztern ungeboren gedacht, und sie so oft auf seinen Armen getragen, hatte ihnen tausend kleine Dienste und Gefälligkeiten erwiesen, und tausend kleine Schmeicheleien und Liebkosungen dafür wieder erhalten. Noch jetzt, da sie schon längst erwachsen waren, nannten sie ihn immer Du, und lieber alter Vater; was dem fast siebzigjährigen Junggesellen, der es, bei allem guten Willen, nie bis zum Heirathen und bis zum eignen Kinderzeugen hatte bringen können, jedes Mal in der Seele wohlthat. Auch vergaßen die Kinder nie, was er selbst immer richtig vergaß: seinen Geburtstag; wenigstens erinnerte die Doctorin daran ihren vergeßlichern Bruder: und das ward dann ein Tag froher Feier, wo der alte Schlicht bei den Geschenken, die ihm reichlich dargebracht wurden, und die für seine Bedürfnisse sorgfältig ausgewählt waren, nicht selten Freudenthränen vergoß, und von der Doctorin, wenn er dieser zum Dank die Hand küssen wollte, wol gar ein Mäulchen davon trug. Durch solche Bande, die weit zarter, aber eben darum auch fester, als die der Ehrerbietung waren, die ihn an seinen Brodherrn knüpften, hing er unauflöslich an beiden Kindern; auch hatte er eine Schrift auf das Rathhaus getragen, worin er sie zu alleinigen Erben des nicht ganz kleinen Kapitals einsetzte, das er sich in seinen vieljährigen Diensten gesammelt hatte. – Vermöge dieser Anhänglichkeit vertuschte Monsieur Schlicht , ehe der Sohn mit zunehmenden Jahren dreister ward, manche geheime Ausflüge desselben, und hatte darüber, wenn es herauskam, in dem oberwähnten Schlafzimmer manchen harten Stand mit dem Vater. Jetzt war er abermals Vertrauter des Sohnes, und hatte selbst die Chaise anspannen lassen, worin der junge Herr vor ein paar Tagen zu einem Freunde auf's Land gefahren war, weil es ihm gleich Anfangs unerträglich geworden, ohne Frost und Hitze ein Fieber zu haben, und wie ein Uebelthäter zwischen vier Mauern zu sitzen. Monsieur Schlicht lebte diese Zeit über in großer Unruhe, daß der Alte dahinter kommen, und es dann wegen seiner falschen Nachrichten vom Sohne sehr derbe Vorwürfe absetzen möchte. Indessen kam er dieses Mal mit dem Schrecken davon. – Ich habe Etwas vor, sagte Herr Stark , wozu ich einen Mann brauche, auf den ich mich verlassen kann, und der zugleich um sich weiß, und in Handlungsgeschäften gewiegt ist. Dieses herzerhebende Wort war Trost und war Balsam für Monsieur Schlicht . Seine Kenntnisse und Einsichten geehrt zu wissen, war ihm nie gleichgültig, und im gegenwärtigen Augenblick höchst erfreulich – Befehlen Sie, befehlen Sie, sagte er, mein lieber Herr Stark ! indem er ganz nahe zu ihm hintrat, um gleichsam jedes Wort ihm von den Lippen zu horchen. – Er erfuhr nunmehr, was Madame Lyk am gestrigen Tage bei dem Alten gewollt habe; erfuhr ihre unangenehme Lage mit Horn , und vielleicht mit noch andern Gläubigern, die Herr Stark nur näher zu kennen wünschte; erfuhr die großen Dienste, die der junge Herr der Lyk'schen Handlung geleistet hatte, nebst der Neigung des alten Herrn, das vom Sohne angefangene gute Werk zu vollenden, und der Verlegenheit der Wittwe, durch Verwendung seines Credits für sie, ein Ende zu machen. Die Herzensfreude des guten Schlicht über Alles, was ihm vertraut ward, am allermeisten aber über die Ehre dieses Vertrauens selbst, war so groß, daß Herr Stark den Strom der Beredsamkeit, womit sich der alte Mann über jeden einzelnen Punkt dieser Erzählung auszubreiten im Begriff war, durch ein stets wiederholtes und immer stärkeres: Hör' Er doch! Wir werden ja vor Abend nicht fertig! kaum zu hemmen vermochte. – Aber wie plötzlich stand und gefror dieser Strom, als Herr Stark hinzu setzte, daß er nicht gesonnen sei, blindlings zu verfahren, sondern vor allen Dingen erst von dem Sohne wissen wolle, ob die Activa der Wittwe ihre Passiva wenigstens balancirten, und in wie kurzer oder wie langer Zeit etwa Hoffnung sei, daß sie völlig auf's Reine kommen und mit allen ihren Gläubigern aus einander sein werde. Da mein Sohn, sagte er, die Lykischen Bücher durchgearbeitet, und also von der ganzen Lage der Handlung die vollständigste Kenntniß hat: so ist dies von ihm ohne Zweifel besser, als von der Wittwe selbst oder von ihrem Buchhalter zu erfahren, der wol ohnehin nicht der thätigste und geschickteste sein mag. Geh' Er also gleich zu meinem Sohne hinauf, Monsieur Schlicht , und laß Er sich über die angegebenen Punkte – er wiederholte ihm diese Punkte langsam und deutlich – eine recht bestimmte, ausführliche Nachricht – hört Er? recht bestimmt und recht ausführlich – geben. Ich muß jetzt fort; aber in einer Stunde längstens bin ich zurück, und erwarte alsdann Seine Antwort. Nachdem die lauten wird, will ich Ihm dann schon weiter sagen, was Er zu thun hat. – Es wäre unmöglich gewesen, daß Herr Stark die plötzliche und totale Gesichtsverfinsterung des alten Handlungsdieners nicht hätte bemerken und irgend etwas Unheimliches wittern sollen, wenn nicht eben jetzt, zu großem Glück für Monsieur Schlicht , die alte Wanduhr geschlagen, und mit ihrem ersten lärmenden Streich auf die Glocke den Gedanken des alten Herrn plötzlich eine andere Richtung gegeben hätte. Es war die höchste Zeit geworden, auf die Börse zu gehen, wo Herr Stark gerade heute ein Geschäft von so großer Wichtigkeit hatte, daß er nicht schnell genug glaubte hineilen zu können. Mit einem kurz abgebrochenen: Adieu! Mach' Er Seine Sachen gut! griff er hastig nach Hut und Stock; und verließ den armen rath- und hülflosen Monsieur Schlicht , der unbeweglich wie eine Salzsäule dastand, und das einzige Wörtchen Ja! – bis zu welchem seine ganze Beredsamkeit jetzt versiegt war – mit immer längeren Pausen und immer schwächerem Tone hinter dem Alten her sprach. 27. In seiner Seelenangst, da er sich das ehrenvolle Zutrauen des alten Herrn so gern erhalten hätte, und doch auch nicht wußte, wie er es anfangen sollte, irrte Monsieur Schlicht , wie ein Unkluger, im ganzen Hause umher; und kam zuletzt auch vor das Zimmer des jungen Herrn, ohne selbst zu wissen, was er da wollte – Man denke sich sein Erstaunen, als er das Zimmer geöffnet, und den Gegenstand seiner Sehnsucht mit aufgestütztem Arme am Tische dasitzend fand. Er kreuzte und segnete sich, ehe er ihm näher trat, und ihn mit zitternder Stimme fragte: ob er's denn wirklich wäre? Du glaubst doch nicht an Gespenster? sagte der junge Herr Stark . Ach mein Gott! Wenn's nicht heller, lichter Tag wäre; man möcht's beinahe. – Wie, um's Himmels willen! kommen Sie hier herein? Von hinten, mein lieber Schlicht . Durch den Thorweg. Ha! – Stand der offen? Sperrweit. – Nun, so soll doch auch den Knecht gleich auf der Stelle der Henker holen! Er hat Holz gefahren, der Schlingel! und hat mir den Thorweg offen gelassen. Monsieur Schlicht , in seiner ökonomischen Wuth, wollte augenblicklich hinunter, um den Knecht rechtschaffen auszufenstern. – Aber, sagte Herr Stark , ist's Dir denn nicht lieb, alter Vater, daß ich mich auf diese Art habe in's Haus schleichen können? Ach ja! ja! erwiderte Monsieur Schlicht : gar zu lieb! und ich will ja auch dem Kerl noch ein Trinkgeld, ein gutes Trinkgeld, geben; mit tausend Freuden! – Aber ausschimpfen muß ich ihn erst, und muß erst sehen, ob Alles zu ist. Wir haben Diebsbanden hier in der Stadt. – – Das Geheimniß von der frühen Zurückkunft des Herrn Stark war kein anderes, als seine zur vollen Leidenschaft gediehene Liebe zur Wittwe. Diese machte ihn für jede Gesellschaft, so wie jede Gesellschaft für ihn, ungenießbar. Sein Freund, der die unglückliche Stimmung seines Gemüths bald genug inne ward, suchte ihn auf alle mögliche Weise zu zerstreuen und aufzuheitern: er brachte Gespräche auf die Bahn, in denen Herr Stark seine Handlungskenntnisse entwickeln konnte; er stellte eine eigene kleine Jagdpartie für ihn an; er schlug gesellschaftliche muntere Spiele vor, bei denen sonst Lachen und Scherz nie fehlen: aber Alles vergebens. Im Gespräch gab Herr Stark , wenn von Java die Rede war, über Jamaica Antwort; auf der Jagd ließ er die Hasen, die man ihm fast vor die Füße trieb, ungesehen davon laufen; und zu den Spielen war er so unlustig oder nahm sich dabei so linkisch, daß sie fast eben so schnell wieder abgebrochen, als angefangen wurden. Endlich, wie leicht zu erachten, ward man der undankbaren Mühe, ihm Vergnügen zu machen, überdrüssig; und Herr Stark hätte noch ein wenig zerstreuter sein müssen, als er es war, um nicht zu merken, daß er seinem Freunde zur Last, und was noch mehr ihn kränkte, seinen Mitgästen lächerlich ward. Er packte also schnell wieder zusammen, und nahm schon am dritten Tage von seinem gütigen Wirthe Abschied, der zwar Ehren halber seine zu frühe Rückreise tadelte, aber im Grunde des Herzens froh war, ihn wieder los zu werden.– – Herr Stark hatte nunmehr die völligste Ueberzeugung, daß er mit seiner Leidenschaft nur vergebens kämpfe, und daß er ohne den Besitz der Wittwe unmöglich leben könne. Es waren drei Fälle, die bei der Bewerbung um sie Statt finden konnten; und für jeden war sein Entschluß schon gefaßt. Wenn der Vater seine Einwilligung abschlug, aber die Wittwe sie gab, so setzte er sich mit den Vormündern der Lykischen Kinder, und zog zu der Wittwe in's Haus, um ihre Handlung, die er genugsam hatte kennen lernen, zu übernehmen und fortzuführen. Wenn der Vater, wie er zwar innig wünschte, aber zu hoffen sich nicht getraute, seiner Wahl aus vollem Herzen beistimmte – denn ein nur gezwungener oder gar erbettelter Beifall genügte ihm nicht – so schlug er die Lykische , ohnehin gesunkene Handlung so vorteilhaft los als möglich, und führte die Geliebte seines Herzens in das väterliche Haus ein, wo er dann mit verdoppeltem Eifer sich seinen Geschäften widmen, nur ihnen und seiner Liebe leben, und den Vater überzeugen wollte, daß es ihm so wenig an Talenten als an Tugenden fehle. Wenn unglücklicher Weise die Wittwe selbst – sie, für die er so viel gethan hatte, und die er so innig liebte – seinen Wünschen abhold war; so blieb er keinen Augenblick länger in einer Stadt, wo er das Weib seines Herzens ohne Hoffnung des Besitzes vor Augen haben, oder wol gar einen Dritten – er knirschte bei dieser Vorstellung – in ihren Armen glücklich sehen müßte. Er begab sich alsdann, wie er bisher gewollt hatte, nach Br .., wo schon Alles zu seiner Aufnahme bereit war, und wohin er den Briefwechsel mit seinem Geschäftsträger eben in dieser Hinsicht noch fortsetzte. So weit stand der Entschluß des Herrn Stark ohne zu wanken fest; und schon dies beruhigte gewissermaßen sein Herz: aber noch erhielt ihn die Ungewißheit, welche von den aufgezählten Möglichkeiten zur Wirklichkeit kommen würde, in jenem finstern, schwermüthigen Staunen, worin ihn der alte Schlicht überrascht hatte. Um auch dieser Ungewißheit los zu werden, beschloß er jetzt, sobald der Vater zu Tische säße, in das Haus des Schwagers zu eilen, der um das Geheimniß seines Herzens nun einmal wußte, und der ihm seines vollen, unbedingten Zutrauens werth schien. Mit ihm wollte er sich über die Art und Weise besprechen, wie er am besten die Gesinnung der Wittwe und dann auch die des Vaters erforschen könnte. 28. Alles gut! alles sicher! sagte Monsieur Schlicht , indem er mit geriebenen Händen und frohem Angesichte wieder hereintrat. – Der Knecht hat seinen Ausputzer, und hat sein Trinkgeld weg; der verwünschte nachlässige Kerl! Den Ausputzer, sagte Herr Stark , hättest Du sparen können. Nein, nein! Das Trinkgeld eher; denn das hatte der Zufall verdient, aber den Ausputzer er selbst. – – Ach, was ich mich freue, mein lieber, lieber Herr Stark , daß Sie wieder zurück sind! Ich war in gewaltiger Noth. Um mich? – Mir fehlte Nichts, lieber Vater. Aber mir desto mehr. – Denken Sie sich nur um's Himmels willen! was für einen Auftrag mir da der alte Herr gibt. Nun? – Ich soll zu Ihnen heraufgehen – zu Ihnen, den ich nicht hier wußte! Wie ward mir dabei! – und soll Sie recht genau und recht umständlich befragen, wie es mit der Handlung der Madame Lyk steht, um derentwillen ich so oft habe wachen müssen. Was? rief Herr Stark , und fuhr mit großer Bewegung vom Stuhle. Ja ja! – Ob die Activa die Passiva wenigstens balanciren, und in wie kurzer oder wie langer Zeit sie etwa realisirt haben werde? Schlicht ! – Er faßte den alten Handlungsdiener bei beiden Armen. – Mich, mich sollst Du darum befragen? Mich? Wen denn sonst? – Ihr Vater weiß alle Ihre Gänge zur Wittwe. Sie selbst scheint ihm davon gesprochen zu haben. Sie selbst? – Ich glaube bei Gott, Alter! es ist nicht richtig mit Dir: Du bist von Sinnen. – Wie kommt mein Vater zur Wittwe? Hören Sie, junger Herr; sagte Monsieur Schlicht , und schüttelte ärgerlich mit dem Kopfe; das von Sinnen sein lassen Sie weg! Das bitte ich mir aus. Ich habe Gott Lob! so alt ich bin, meine fünf Sinne so gut, wie ein Anderer. Aber noch einmal, Schlicht ! – Antworte, und sei dann böse, so viel Du willst! Wie kommt mein Vater zur Wittwe? Habe ich denn schon gesagt, daß er zu ihr kam? Sie kam zu ihm . Sie zu ihm? – Gestern Vormittag. Hierher in's Haus. – Und kam hier schlimm genug wieder weg. Ha! rief Herr Stark , und erröthete über und über. Oder eigentlich stattlich genug. Denn die Frau Doctorin und ich brachten sie in einer Kutsche nach Hause. In einer Kutsche! Warum? – Er fing an zu erblassen. Je, sie lag ja in einer Ohnmacht, die arme Frau! daß man geschworen hätte, sie wachte vor dem jüngsten Tage nicht wieder auf. Großer Gott! – Vielleicht der Vorbote von einer Krankheit, von einer tödtlichen Krankheit! Ach, hat sich etwas! – Er warf den Kopf in den Nacken. – Sie denkt Ihnen an keine Krankheit. Sie war kaum wieder zu Hause, so war sie flink wie ein Vogel. Ist das wahr? Ist das sicher? Wird denn Schlicht Sie belügen? – Aber sagen muß ich Ihnen noch, mein lieber, lieber junger Herr, was ich für eine große, für eine ausnehmende Freude gehabt habe. Du? – Ihr Vater hat in Ausdrücken von Ihnen gesprochen; in Ausdrücken! – Er nahm hier einen pathetischen Ton an. – »Mein Sohn hat so rechtschaffen gehandelt – mein Sohn hat sich so brav bewiesen – mein Sohn hat die Großmuth gehabt.« – – Sehen Sie, mein lieber, lieber junger Herr! So hatte ich noch in meinem Leben von Ihnen nicht reden hören. Herr Stark hätte sich gern ein wenig geschämt, wenn er vor Vergnügen dazu hätte kommen können. Er sah den Nebel, der über seiner Zukunft lag, sich schon ziemlich erheitern, sah den liebsten seiner Wünsche zur Hoffnung werden, und bestürmte nun den alten Schlicht mit einer Menge von Fragen, die aber größtentheils ohne Antwort blieben. – Wenn ich doch nur wüßte, sagte er endlich, was in aller Welt die Wittwe hierher gebracht, was sie gewollt hat? O, was das betrifft, damit kann ich aus dem Munde des alten Herrn Ihnen dienen. Sie ist in Verlegenheit wegen eines gewissen Horn , der ihr zusetzt. Horn ? rief Herr Stark , und trat mit Heftigkeit gegen den Boden. – Ha! der elende, nichtswürdige Geizhals! So hat er mir doch das Wort nicht gehalten, das ich so mühsam, mit so vielem Zureden von ihm erpreßte! – Ich Thor! Warum bezahlte ich auch den Bettel nicht gleich? – Und was beschließt denn mein Vater? Was will er thun? Er reißt die Wittwe heraus; ganz gewiß! – Ich werde schon hören, sobald er von der Börse zurückkommt. Bleibt er dort lange? Was meinst Du? Ich denke. Er schien ein Geschäft von Wichtigkeit vorzuhaben. Er eilte sehr. So will ich zu meiner Mutter hinunter. Vielleicht weiß sie mehr, lieber Alter, als Du. Oder, wenn auch sie Nichts weiß – dann zum Schwager, zur Schwester, zur Wittwe selbst! Halt! halt! rief Monsieur Schlicht , indem er ihn noch glücklich bei dem einen Rockschoß erwischte: so haben wir nicht gewettet, junger Herr; so kommen Sie mir nicht fort! Erst Nachricht, ob die Activa der Wittwe ihre Passiva – – Nur decken, meinst Du? – Es bleibt noch Kapital-Conto. Nicht wenig. Schön! – Und die Zeit, wann sie realisirt haben wird? Drei, vier Monate längstens. Vortrefflich! – Aber nun möchte ich noch einige Umstände wissen; als Erstens – – Fort war Herr Stark ! Fort ist er! brummte Monsieur Schlicht , und sah mit Kopfschütteln hinter ihm her. – Das ist mir denn doch wahrlich zu bunt. Dahinter liegt mehr verborgen. – Junger Herr! junger Herr! Sie haben der Wittwe zu tief in die Augen gesehen. Sie sind verliebt. – – Je nun – wenn er's denn einmal ist – was für ein Unglück? – Eine hübsche, wackere Frau ist die Wittwe; das ist gewiß: und wenn sie ihm ansteht – – Sie hat viel Lebensart, muss ich sagen; sie dankte mir gestern gar höflich; sie nannte mich einen lieben Herrn Schlicht über den andern: – Also – wenn sie ihm ansteht – warum soll er sie nicht zur Frau nehmen? Wer wird's ihm wehren? – Immer zu, mein Herr Stark ! Immer zum Werk geschritten! Das Junggesellenleben ist ein langweiliges Leben. – Haha! – Da kann ich alter Kindernarr noch in meinen siebziger Jahren etwas zu tragen und zu hätscheln bekommen. – In Gottes Namen! – Ich wollte, sie wären schon da, die kleinen niedlichen Püppchen, und könnten schon laufen. 29. Von der Mutter war wenig oder Nichts zu erfahren; und so eilte Herr Stark durch den Thorweg, den Monsieur Schlicht ihm öffnen mußte – denn wenn er von vorn ging, konnt' er dem Vater in den Wurf kommen – zur Schwester. Diese, die von seiner Reise gewußt hatte, schien über seine Rückkunft verwundert. Sie konnte sich's nicht versagen, den ungeduldigen Liebhaber mit seiner Leidenschaft ein wenig zu necken, sich eben so brennend-neugierig zu stellen, als er selbst brennend-verliebt war, und ihm auf seine Fragen über die Wittwe lauter Gegenfragen über die Reise zurückzugeben. Doch am Ende brach ihr das mitleidige Schwesterherz; und sie machte ihn durch die Entdeckung, daß, nach ihrem und ihres Mannes Dafürhalten, die Wittwe wol eben so verliebt sei als Er, über alle Beschreibung glücklich. Sie selbst war es in hohem Grade durch das stolze Gefühl, das immer ihrem Geschlechte so wohl thut, einen Mann in den Fesseln eines Weibes sich krümmen und winden zu sehen: doch fühlte sie zugleich, wie alle wohldenkenden Damen, einen lebhaften Trieb, den Leiden des armen Schmachtenden, so schön und so lieblich anzuschauen sie auch waren, ein baldiges Ende zu machen. Sie versprach ihm mit Hand und Mund, daß sie Nichts, was in ihren Kräften stehe, unversucht lassen wolle, um das Schifflein seiner Liebe, wenn nur nicht Wind und Wetter allzusehr entgegen wären, glücklich in den Hafen zu steuern. Bei der Nachhausekunft des Doctors kamen die drei Entwürfe zur Sprache, die Herr Stark auf die oberwähnten drei Fälle bei sich festgesetzt hatte. Der Doctor wollte durchaus, daß er sich vor allen Dingen mit dem Vater verständigen und seine Geschäfte wieder antreten sollte, wo denn die Einwilligung zur Heirath mit der Wittwe gewiß nicht fehlen würde. Herr Stark hingegen wollte vor allen Dingen der Gesinnung der Wittwe versichert sein, um zu wissen, ob er den Ort seines Aufenthalts nicht verändern müsse, und wie er sich gegen den Vater zu nehmen und zu erklären habe. In sein altes Verhältniß, sagte er, trete er für keinen Preis wieder zurück, was auch immer sein Schicksal sein möge; und die Billigung seiner Liebe betreffend, kenne er die unüberwindliche Beharrlichkeit des Vaters in seinen einmal gefaßten Vorurtheilen. Der Doctor erzählte ihm jetzt, wie sehr das Vorurtheil gegen die Wittwe bei dem Alten bereits erschüttert worden, und bestand noch ein Mal darauf, daß sein erster Schritt die Aussöhnung mit einem Vater sein müsse, der von nun an gewiß auf einem ganz andern Fuß mit ihm leben würde. Die Rückkehr des alten Verhältnisses, meinte er, sei durchaus nicht zu fürchten, sobald nur nicht der Sohn selbst daran arbeite, es wieder herzustellen. Ob der Vater ihn liebe? sei nicht die Frage; nur habe dieser Liebe bisher ein nothwendiger Zusatz gemangelt, und dieser Mangel sei die Ursache alles Verdrusses und aller Erbitterung geworden. – Herr Stark bestand darauf, daß der Doctor sich näher erklären sollte; und dieser versprach es, wenn er zuvor das feierliche Wort erhielte, daß ihm seine Freimütigkeit nicht sollte übel gedeutet werden. Dieses Wort ward gegeben. – Nun dann! sagte der Doctor: der Liebe Ihres Vaters mangelte, was jetzt schon in hohem Grade da ist, und was Sie noch täglich zu vermehren in Ihrer Gewalt haben werden: Hochachtung für Sie. Wahr! Mehr als zu wahr! Er hat mich von jeher verachtet. Er hat von jeher gewünscht, Sie innigst hochachten zu können . – Fragen Sie sich selbst, in welchem Maße Sie ihm das, möglich machten! Hab' ich ihm Schande gemacht? rief Herr Stark , indem er mit großer Bewegung aufstand. Hab' ich Lasterthaten begangen? Ist von Schande die Rede? Werden Sie den schon hochachten, der sich mit keinen Lasterthaten befleckt hat? Gehört zur Hochachtung nicht mehr? Herr Stark erinnerte sich der Freude des alten Schlicht über den Ton, worin sein Vater von ihm gesprochen hatte, ward besänftigt, und setzte sich wieder. – Ich habe Ihr Wort, daß Sie meine Freimüthigkeit mir verzeihen wollen, und so lassen Sie mich ein für alle Mal, um Ihrer und Ihres Vaters Zufriedenheit willen, über diesen Punkt meine geheimsten Gedanken sagen! – Ihr Vater hielt Sie für keinen bösen, aber für einen schwachen, für einen auf sich selbst beschränkten, zur Sinnlichkeit, Weichlichkeit, Eitelkeit ganz sich hinneigenden Charakter. Nach Dem, was er von Ihnen sah, von Ihnen hörte – denn Ihr Gutes verbargen Sie ja vor ihm – konnt ' er kaum anders, sondern mußte Sie dafür halten. Er dachte Sie im vollen Gegensatz mit sich selbst; und sich selbst konnt' er doch wahrlich! auch bei der strengsten Unparteilichkeit, mit keinen andern Augen ansehen, als womit alle Welt ihn ansieht: mit Augen der Billigung und der Achtung. Daher sein Ton gegen Sie: ein wirklich empfindlicher, ärgerlicher, kränkender Ton, der mir von jeher mißfiel, den ich gegen meinen Sohn, wie ich auch immer von ihm urtheilen möchte, ewig nicht brauchen würde, auch freilich, weil mir Witz und Laune dazu versagt sind, nicht brauchen könnte ; der aber aus dem ganzen Geiste und Herzen des Alten zu natürlich hervorging, als daß die Abänderung desselben, so lange er Sie in dem alten Lichte betrachtete, je gehofft werden durfte. – Ihm diesen Ton zu nehmen, war kein anderer Weg, als ihm sein Urtheil von Ihnen zu nehmen; und dieses – Er ergriff hier die Hand des Schwagers, und drückte sie ihm mit Wärme – dieses ist ihm genommen. – Herr Stark hatte mit Ruhe gehört, und schwieg auch noch jetzt. Der Doctor bekannte ihm, daß er die ganze Geschichte der Aussöhnung mit Lyk , nebst Allem, was darauf gefolgt sei, dem Alten erzählt habe, und schilderte ihm die große Rührung desselben nicht ohne eigene Rührung. – Treten Sie ihm jetzt unter die Augen, und Sie werden einen ganz andern Blick von ihm sehen. Reden Sie jetzt mit ihm, und Sie werden einen ganz andern Ton von ihm hören. – Wahrlich, Herr Bruder! wenn Sie auch alle die kleinen – Schwachheiten will ich nur sagen – beibehielten, die er sonst an Ihnen bespöttelte, er würde sie nicht mehr bespötteln; er würde sie immer noch weg wünschen, aber sie dem uneigennützigen, großmüthigen, edelthätigen Mann, den er jetzt in Ihnen erkennt, mit Freuden zu Gute halten. Nur Annäherung, Aussöhnung, Vertrauen! – und ich schwöre Ihnen, Sie gelten ihm künftig mehr, als wir Alle; Sie führen ihm jede Gattin, die Sie wollen, als seine Tochter zu; Sie sind Herr aller Ihrer Handlungen, so lange Sie in dem Geiste, wie seit Lyks Tode, handeln; Sie haben an ihm keinen Tadler und Sittenrichter mehr; nur einen liebenden Freund, einen zärtlichen Vater. So gern Herr Stark dieses Alles nicht blos als Liebhaber, sondern auch als Sohn hörte, dessen Gefühle der Natur und der Pflicht nie völlig erstorben waren, so nahm er es doch mehr für angenehme Vorspiegelung, als für wirkliche Hoffnung. Er beharrte darauf, daß sein erster Schritt sein müsse, von der Gesinnung der Wittwe gewiß zu werden, um bei dem Versuche der Aussöhnung mit dem Vater sogleich seine Liebe erklären zu können: weil diese Aussöhnung, wenn man hinterher seine Liebe verwürfe, von keiner Dauer, und wenn die Wittwe selbst ihm ihre Hand verweigerte, von keinem Nutzen sein würde. Er sei in dem letztern Falle nun einmal entschlossen, seinen Aufenthalt zu verändern. – Man stritt noch eine Weile hin und her; aber jeder blieb, wie gewöhnlich, bei seiner eigenen Ansicht, bis die Doctorin, die sich ihrer Wirthschaft wegen hatte entfernen müssen, wieder hereintrat, und Mann und Bruder zu Tische abrief. Sie sagte ihnen, daß sie den Kindern besonders habe decken lassen, und daß sie Drei allein sein würden, um mit voller Freiheit zusammen zu rathschlagen. Der Streit zwischen dem Doctor und Herrn Stark ward ihr jetzt zur Beurtheilung vorgelegt, und sie entschied, nach kurzem Besinnen, für Beide und wider Beide. – Ihr könnt Euch nur darum nicht vereinigen, sagte sie, weil Ihr Männer, daß heißt, weil Ihr Starrköpfe seid, die, wie sie einmal ein Ding gesehen und gefaßt haben, es immer sehen und immer fassen. – Mein Gott! So werft doch Euer beider Meinungen in eine zusammen, und Ihr seid ja fertig. Wie zusammen? fragten hier Beide. Wie geht das an? Ja, wenn wir Weiber nicht wären! – Ihr holden Friedensstifterinnen! sagte der Doctor und lachte. Das sind wir, mein Herr; das sind wir. Davon sollen Sie gleich die Probe sehen. – Du, Bruder, willst vorher der Liebe Deiner Wittwe gewiß sein, ehe Du mit dem Vater sprichst. Nicht? Allerdings. Und Du, Herr Gemahl, willst den Bruder vorher mit dem Vater einverstanden wissen, ehe er mit der Wittwe Richtigkeit macht? Nicht anders. Nun, was zankt Ihr Euch denn? Da gibt's ja gar keine Schwierigkeiten. Das geht ja ganz vortrefflich zusammen. – Ich schaffe dem Bruder die vollkommenste Gewißheit von dem Ja der Wittwe, ohne gleichwol dieses Ja ausdrücklich zu fordern; und der Bruder, wenn er diese Gewißheit hat, gönnt dem Vater vorher das Wort, ehe er der Wittwe seine Anträge macht. Dann wird er ja hören, und nachdem er hört, kann er handeln. Der Vater darf nicht klagen, daß der Sohn ihn vernachlässigt habe, und der Sohn darf nicht fürchten, daß er von einer oder der andern Seite in Verlegenheit komme. – Läßt sich etwas Leichteres, etwas Einfacheres denken? Aber ich sehe nicht ab, sagte der Doctor, wie Du ohne förmlichen Auftrag des Ja der Wittwe gewiß werden kannst. Armer Mann! Das siehst Du wirklich nicht ab? – Sage mir doch: wie nanntest Du jüngst ein Gesicht, woran Du gewiß vorher weißt, daß Dein Kranker Dir sterben werde? Ein hippokratisches etwa? So ungefähr. Ja, so klang's. – Nun, die Freiheit der armen Mädchen und Wittwen, wenn sie im Abfahren begriffen ist, hat eben ein solches hip – hip – wie heißt es? Hippokratisches Gesicht. Richtig! – Und darauf verstehen nun wir Weiber – wir klugen meine ich – uns eben so gut, als Ihr Euch, Ihr gelehrten Herren Doctoren, auf jenes. – Heute Abend, Bruder, hast Du von der Wittwe volle Gewißheit, ohne daß ich gleichwol das Mindeste mit ihr richtig mache. Aber, Schwester, sagte Herr Stark , wenn Du Deine Güte gegen mich vollenden wolltest – ich wünschte von Dir noch Eins. Und was? Daß Du, ehe ich mit dem Vater spräche, auch seine Gesinnung in Absicht dieser Heirath – nicht eben geradezu, nur von weitem, ganz von weitem erforschtest. – Ach, das würde mir die Unterredung mit ihm so unaussprechlich erleichtern. Kann geschehen, sagte die Schwester. Er soll ja sein Vorurtheil gegen die Wittwe schon halb verloren haben? Das hat er. Schon mehr als halb. – Aber, lieber Mann, wie ist's denn mit Dir? Du wirst doch auch etwas thun? Was in meinen Kräften steht – gern. Ich bin des Unfriedens in der Familie schon so überdrüssig! – Morgen, weißt Du, ist Sonntag, und der Vater ißt hier zu Mittage – Wie, wenn Du ihn da in Dein Zimmer nähmst, und ihn zur väterlichen, freudigen Wiederannahme des Bruders zu stimmen suchtest? Wenn Du ihm den Bruder von seinem letzten Geschenke so gerührt schildertest, so dankbar, so gut – Daß er ihn selbst wieder zurücksehnte? Nun ja. Mit Vergnügen. – Aber dann wird er sogleich, wenn er den Bruder gesund glaubt, ihn rufen lassen, oder wenn er ihn noch für krank hält, zu ihm hinaufgehen und ihn umarmen. Er umarmt nicht so leicht. – Nein, nein, sagte Herr Stark . Verschone mich, Schwester! – Auch hast Du mir ja versprochen – – Wahr! Ihn der Heirath wegen erst auszuholen. Und dazu will Zeit sein. So Schlag auf Schlag geht das nicht. – Und doch möchte ich so ungern, daß der Sonntag, wo wir ihn hier allein haben, und wo er gemeiniglich so vergnügt ist, für die Hauptunterredung verloren ginge. – Halt! Du warst ja auf dem Lande, Bruder? Bei einem Freunde? Nun freilich. Besinne Dich! Du warst nicht, sondern Du bist auf dem Lande. Mein Mann hat Dir zu der Reise gerathen, und heute oder gestern – mag es doch heute sein, heute nach Mittag! – bist Du von hier gefahren. Indessen bleibst Du bei Deiner Schwester und kannst wieder zur Stadt kommen, sobald Du willst. Schlicht soll Bescheid darum wissen. Ich glücklicher Mann! sagte der Doctor. Was für eine Frau ich doch habe! Nicht wahr? – Eine kluge, eine herrliche Frau! – Von einer Erfindungskraft! einer Geistesgewandtheit! Bosheit! Bosheit! rief sie. Nichts weiter! – Da will er mich nun verführen, daß ich ihm einmal sagen soll, was eine Frau doch so ungern sagt: Mann! Du hast Recht. Die süße Miene, womit sie jetzt aufstand, versprach einen Kuß, und der Doctor fuhr sich schon mit der Serviette über die Lippen; aber plötzlich wandte sie sich gegen die Thür, befahl den Pudding zu bringen, und setzte sich ganz ehrbar wieder an ihre Stelle. 30. Komm' ich nicht ein wenig zu oft? sagte die Doctorin, indem sie einen Augenblick an der Zimmerthüre der Wittwe stillstand. Werden Sie sich nicht bald meine Besuche verbitten? O meine Freundin! Mir Ihre Besuche verbitten! Ich, die ich mich lieber niemals von Ihnen trennte! – Sie thun mir da eine Frage – – Die übler klingt, als gemeint ist. Weiß ich's nicht schon, daß Sie mich recht gern ertragen? Ertragen! – Nun kommen Sie mir vor Mitternacht nicht von dannen. Ich Arme! Da wär ich ja schrecklich gestraft. – Man nahm jetzt Platz, und die Doctorin wollte so eben auf ihr Hauptthema einlenken, als ein Lehrling aus der Lyk'schn u Handlung hereintrat, und den alten Mann von gestern ansagte, der Madame Lyk aus dem Wagen gehoben habe. Der Doctorin schoß auf der Stelle das Blatt. Schlicht ? rief sie aus. Der kommt nicht anders, als wenn er geschickt wird. Was kann der wollen? Er will, sagte der Lehrling, und schielte seitwärts die Doctorin an, Madame Lyk unter vier Augen sprechen. Nicht unter sechsen? Ei mein Gott! da muß ich ja fort. Das ist übel. – Doch wenn Sie erlauben, Freundin, so schleich ich mich hier in dies Seitenzimmer, und wahrlich! wahrlich! ich will dort recht fromm sein. Ich will an's Fenster und nicht an die Thüre treten. Wie Sie mich quälen! sagte die Wittwe. Bleiben Sie doch! – Was für Geheimnisse kann er denn haben? Wer weiß? Er mag wol einmal auch nicht geschickt sein. Er ist noch Junggeselle. Leichtfertige Freundin! – Sie trat jetzt mit vieler Höflichkeit in die Thüre, und nöthigte den Alten herein, der sogleich durch die Heiterkeit seines Gesichts die gute Beschaffenheit seiner Botschaft ankündigte, und die Doctorin in ihrer Ahnung bestärkte. Sieh da, sagte diese: lieber, guter alter Vater! Bist Du's denn wirklich? – Ach mein Himmel! Und geputzt wie ein Bräutigam, oder wie ein Brautwerber. Was stellt das vor? Der alte Schlicht lachte herzlich. – Wirklich, so galant hab' ich Dich in meinem Leben noch nicht gesehen. Man hat gut galant sein, liebe Frau Doctorin, wenn man Gönner hat, die auf Einen etwas halten. – Er sah hier, wie verstohlen, auf seine neue atlaßne Weste und von der Weste nieder auf seine Wohlthäterin; mit einem Ausdruck von Dank und Liebe, der ein noch älteres Gesicht, als das seinige, hätte verjüngen können. – Die Weste war ein Angebinde der Doctorin an seinem letzten Geburtstage gewesen, und er trug sie, um seiner Sendung Ehre zu machen, heute zum ersten Male. Die Doctorin, von seiner Pantomime gerührt, schlug ihn sanft auf die Schulter. – Aber ist es denn wahr, lieber Alter, daß Du mit Madame Lyk ganz allein sein willst? daß ich hier fort muß? Wie so? Wie so? Der Handlungsbursche, der Dich hier anmeldete, sagte – – Ach, der Handlungsbursche ist – – Bei einem Haare hätt' er ein Kraftwort herausgestoßen; aber zum Glück besann er sich noch, übersetzte den Narren, den er im Sinne hatte, in: nicht recht klug, und versicherte, daß die Frau Doctorin sein ganzes Anbringen hören dürfe; sie komme selbst darin vor. – Mit großer Ernsthaftigkeit hielt er dann seinen Vortrag. – Sein Principal, sagte er, der Herr Stark , bedaure ganz ungemein, daß er gestern, wegen zunehmender Gehörsschwäche, die eigentliche Absicht des von Madame ihm gegönnten angenehmen Besuchs nicht verstanden, sondern diesen Besuch für eine blose überflüssige Höflichkeit genommen habe. Er sei nachher durch seine Frau Tochter, die hier anwesende Frau Doctorin Herbst die bei dieser Gelegenheit einen sehr herzlichen Blick erhielt – über jene Absicht näher belehrt worden; und da er nun ihn, den Monsieur Schlicht , theils als einen Handlungskundigen, theils als einen treuen und verschwiegenen Diener, aus vieljähriger Erfahrung kenne, so habe der Herr Prinzipal eben ihm den Auftrag gegeben, der Madame die Versicherung seiner vollkommenen Bereitwilligkeit zu ihren Diensten zu überbringen, auch demnächst sich in das Comptoir des Herrn Horn zu verfügen, um sofort die etwanige Schuld bei diesem ungestümen, dem Herrn Stark von der schlechten Seite schon wohlbekannten Manne, durch Wechsel oder baar, wie er selbst es wollen würde, zu tilgen. Uebrigens bitte sein Herr Prinzipal, wenn ähnliche Fälle mit noch andern Gläubigern eintreten sollten, daß Madame sich nur gleich an ihn wenden, und ihn überhaupt wie ihren Curator betrachten wolle, als wozu er sich mit Vergnügen erbiete. Zugleich wünschte er mit allem Dank verschont zu bleiben, weil er durch den Herrn Sohn sehr wohl unterrichtet sei, daß er in keinem Falle bei der Unterstützung von Madame Etwas wage, und sich also bei dieser kleinen Gefälligkeit eigentlich gar kein Verdienst um sie beimessen könne. – Er, Monsieur Schlicht , ersuche jetzt um beliebige genaue Angabe der ganzen Hornischen Forderung, damit er dem noch übrigen Theile seines Auftrages genügen, und dem Herrn Prinzipal die ganze Sache als völlig abgemacht berichten könne. – – Kaum hatte Monsieur Schlicht mit vielem Wohlbehagen seinen Vortrag geendigt, so ergriff die Doctorin die Hand der Wittwe, und fragte, nicht ohne töchterlichen Stolz im Herzen: Hatt' ich nun Unrecht? – O meine Freundin! – Eine solche Großmuth an einer Fremden, an einer fast gänzlich Unbekannten! – Aber ich weiß ja, wem ich diese Hülfe zu danken habe. Wem? Wem? – indem sie sich vor ihrer Umarmung zurückbeugte. – Meinem Vater; sonst Keinem. Er hat die edelste Tochter. – Kennen Sie die? – Eine Schwätzerin ist's, die Nichts auf dem Herzen behalten kann; die dem Alten Alles vorplaudern muß, was sie weiß, und die ihm denn auch gesagt hat, was sie von der unangenehmen Lage ihrer Freundin und von der Absicht des gestrigen verunglückten Besuches wußte. – Das ist Alles gewesen; ich versichere Sie. Kein Wort von Fürsprache, von Aufmunterung, Ihnen zu helfen; kein Gedanke daran! Das hätte die Freundin herabgesetzt und den Vater beleidigt. Der handelt nicht, wie es ihm Andere eingeben; der handelt nach seinem eigenen Herzen. Ich höre Sie mit einer Bewunderung – einer Empfindung – – Lassen wir Das! – und nun umarmte sie die Witwe mit wahrer, herzlicher Freundschaft. – Mein guter Schlicht , der nie viel Zeit hat, wartet auf Antwort; und ich denke doch, Sie werden ihn durch keine abschlägige kränken? Die Witwe bat jetzt Monsieur Schlicht , seinem Herrn Prinzipal ihre innige Verehrung, ihre tiefe Rührung über den unverdienten Beweis seiner Gewogenheit zu versichern; aber zugleich ihm zu sagen, daß der Gehorsam gegen den einen Teil seines Befehls ihr den Gehorsam gegen den andern unmöglich mache. – Ich werde Sie selbst, lieber Herr Schlicht , mit einigen Zeilen von meiner Hand beschweren, die Sie ihm zu überreichen die Güte haben werden. Den persönlichen Dank behalt' ich mir vor. – Sie erlauben doch, beste Freundin? – mit einer Wendung gegen das Seitenzimmer. Gehen Sie, gehen Sie nur! Sie tun etwas sehr Ueberflüssiges; aber ich weiß, Sie würden es doch nicht lassen. – Die Doctorin nutzte die Augenblicke, da sie mit Schlicht allein war, um ihn von Allerlei zu unterrichten, was ihm zu wissen Not tat: von dem Wechsel, den ihr Mann an Horn ausgestellt hatte, um die Witwe außer Gefahr zu setzen: von ihrem Wunsche, daß der Vater davon nichts merke, und also nicht ihr Mann quittirt werde, sondern die Witwe; von ihrer Absicht, den Bruder noch einige Tage vorgeblich auf's Land zu schicken, bis ein gewisser Entwurf gereift sei, der ihn von seiner Grille, nach Br .. zu gehen, unfehlbar zurückbringen werde; endlich von der aufhörenden Notwendigkeit, das Wohlbefinden des Bruders und seine Abfahrt auf's Land, die aber erst diesen Nachmittag mußte geschehen sein, vor dem Vater geheim zu halten. – Monsieur Schlicht , mit seiner gewöhnlichen Gefälligkeit, versprach, sich das alles zu merken und fand die Anschläge seiner lieben Frau Doctorin ganz vortrefflich. Madame Lyk trat mit einem Briefchen und einem Zettelchen in der Hand, ans welchem die Hornische Schuldforderung verzeichnet war, wieder herein, und gleich nach ihr erschien ein Mädchen mit einer Flasche süßen Weins und mit Gläsern. Die Doctorin verbat, indem sie ihren Widerwillen gegen starke Getränke – Monsieur Schlicht , indem er seine Geschäfte zu Hause vorschützte, wo er noch so Manches zu thun habe, daß die Stelle ihm unter den Füßen brenne. Die Wittwe, die sich ihm für seine Mühe so gern erkenntlich bewiesen hätte, bot alle ihre Beredtsamkeit gegen ihn auf, und schon gerieth er mit der seinigen sehr in's Stocken; aber die Doctorin, um mit der Wittwe allein zu sein, schlug sich auf seine Seite, und half ihm durch. – Ich kenne, sagte sie, meinen lieben, guten Schlicht : er thut Alles, was ihm obliegt, mit großer Treue, mit großem Eifer; und da ihm das Haus meines Vaters zur Aufsicht übergeben ist, so hängt er daran nicht anders, als ob er, wie die Schnecke, damit verwachsen wäre. Er trägt es zwar nicht auf dem Rücken, aber er trägt es dafür auf dem Herzen. Ihm ist nicht anders wohl, als wenn er darin steckt. Das war einmal ein Lob, ganz nach dem Sinne von Monsieur Schlicht , und er dankte dafür, indem er es ehrlich annahm, mit vieler Freude. Auch Madame Lyk sagte ihm noch beim Abschiede viel Schönes; sie erinnerte sich alles des Guten, was sie aus dem Munde des Herrn Stark von ihm gehört hatte, und freute sich, die Bekanntschaft eines Mannes gemacht zu haben, der einer so hochachtungswürdigen Familie, als die Starkische , so vorzüglich werth sei. – Kein Madera, noch Cyper, noch Syrakuser, noch was sonst die Flasche der Wittwe enthalten mochte, hätte das Herz des alten Schlicht mehr erquicken, oder ihm den Kopf mehr benebeln können, als diese lieblichen Worte, denn wirklich schien er, als er auf die Straße hinaustrat, ein wenig berauscht. Er sprach in einem fort mit sich selbst, und gesticulirte dabei so lebhaft, daß mehrere der Vorübergehenden stillstanden und ihm mit Lachen nachsahen. Der Inhalt seines Selbstgespräches war: daß von allen Frauen der Stadt die Frau Doctorin ohne Widerrede die beste, aber gleich nach ihr Madame Lyk die liebenswürdigste und vortrefflichste sei. – Indem er sich dachte, daß irgend Jemand so frech sein könne, ihm das zu läugnen, stieß er mit dem Stock so heftig gegen das Pflaster, und schnitt so wilde Gesichter, daß ein Paar spielende Kinder vor Schrecken zusammenfuhren, und mir Geschrei in die Häuser liefen. 31. Es war der Doctorin peinlich, daß die Wittwe kein Ende finden konnte, die Großmuth ihres Vaters und ihre eigene Freundschaft zu rühmen; aber wie viel sie auch bat und ablenkte, immer kam die Rede darauf zurück. – Ich hätte, sagte die Doctorin endlich, so gern über meinen Bruder mit Ihnen gesprochen, aber wie ich wol sehe – – In dem Augenblick schloß sich der Mund der Wittwe, und desto offner stand nun ihr Ohr. – Sie glauben wol nicht, daß hinter der scheinbaren Heiterkeit, womit ich zu Ihnen kam, sich ein sehr bitterer Verdruß versteckte? Gleichwol ist es nicht anders. Ich habe über meinen Bruder zu klagen, recht sehr zu klagen. Unmöglich! Ueber so einen Bruder? Ja ja! Ueber so einen: – Eben daß er so einer ist – – Liebe Frau Doctorin! – Sie war ganz sichtbar gekränkt. Ich kann mir nicht helfen; ich trage mein Herz auf der Zunge. – Sehen Sie, Freundin! Nichts in der Welt thut mir weher, als wenn man mir meine guten Gesinnungen nicht erwidert, wenn man mich für meine Offenheit mit Verschlossenheit, für mein herzliches Zutrauen mit kaltem Mißtrauen belohnt. – Sagen Sie, was Sie wollen: so etwas ist ärgerlich, ist abscheulich. Will ich es denn vertheidigen? Aber daß Ihr würdiger Bruder – – O, ich sehe schon: Sie werden auf ihn Nichts kommen lassen; Sie sind zu sehr seine Freundin. Wenn ich's nicht wäre! – Sie hatte Thränen im Auge. Indessen sind Sie doch auch Freundin von mir , und Sie werden gerecht sein. – Ich will das Aergste setzen, was doch sicher nicht ist: daß mein Bruder eine Sache auf dem Herzen trüge, die ihm eben nicht Ehre machte; kennt er denn nicht seine Schwester, seine liebreiche Schwester, die Alles in der Welt eher thun würde, als ihn verrathen? Kennt er nicht seinen redlichen Schwager, der von jeher so innig Theil an ihm nahm, und der ihn auch jetzt mit Rath und That so gern unterstützen würde? Muß er auf tausend Fragen, auf tausend Bitten, daß er sich öffnen wolle, noch immer verschlossen bleiben? Aber darf ich denn hören –? Da ist sehr wenig zu hören. Leider weiß ich oder errathe ich nur das ganz Allgemeine: Er liebt! Er – liebt? – fragte die Wittwe, nicht ohne Stocken; denn in dem Augenblick sah sie ihn vor sich, den biedern, den edlen Freund, wie er beim Abschiede die Hand ihr so glühend küßte, daß auch sie sich im Herzen sagte: Er liebt! Alle Anzeichen sind wenigstens da: ein unablässiges Seufzen; ein stieres Hinblicken auf einerlei Fleck; eine weiche, kränkliche Sprache; ein feuchtes, schmachtendes Auge. – Aber wen er liebt, wen? – mit keinem Bitten, keinem Zureden ist das herauszubringen. – Es wird doch wol in Ewigkeit keine Person sein, die nicht mehr frei wäre? die ihr Herz schon verschenkt hätte? O gewiß nicht! gewiß nicht! sagte die Wittwe – und gerieth über dieses rasche, ihr entfahrene Wort in eine Verlegenheit, eine Verwirrung – Also Sie wissen? – indem sie ihr näher rückte. Nichts, liebe Freundin. Ich weiß davon Nichts; aber – – ich schließe aus seiner Denkungsart, seinem Charakter, daß – wenn er so etwas merkte – – Nun, dann rathe ich nicht länger. Denn daß er eine Person lieben sollte, die er zu nennen mit Recht Bedenken trüge, die seiner unwürdig wäre: – nein, das will und das mag ich nicht rathen. Ich bitte Sie. Keinen solchen Gedanken! – Sie enthielt sich kaum einer Thräne; denn so möglich es blieb, daß nicht sie diese Person war, so konnte sie doch nicht umhin, sich an deren Stelle zu setzen. Lassen Sie mich ganz freimüthig herausgehen! Ich wende mich nicht ohne Ursache an Sie. Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit über, da er Ihre Bücher berichtigte, fast gar nicht gesehen; er war hier jeden Abend bei Ihnen. – Natürlich ward er mit Ihnen vertraut. Die Wittwe zitterte vor Dem, was nun folgen würde. Sie erröthete und erblaßte. Sollte da in so manchem Gespräche, in so manchem ungezwungenen, unbelauschten Gespräche – denn Sie waren ja wol meistens mit ihm allein – – Das freilich; aber – – Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verrathen haben? Sollte nicht irgend ein Wörtchen gefallen sein, das uns Licht geben könnte? Ich wüßte nicht. Ich müßte zurückdenken, sagte die Wittwe. Doch überhaupt – – Was überhaupt, liebe Freundin? Er hatte hier Arbeit vollauf; er hatte zu rechnen. Es ward sehr wenig gesprochen. Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein. Aber bei alle dem – der Anfang seiner Leidenschaft fällt gerade in die Zeit, da er bei Ihnen rechnete; denn bis dahin war er noch heiter und munter. Gewiß hat er, neben den Zahlen und Brüchen, noch an etwas Anderes gedacht. – Können Sie sich nicht erinnern, ob Sie einmal Gesellschaft hatten? ob Frauenzimmer darunter waren? Ich hatte – niemals Gesellschaft. – Sie wußte sich keinen Rath mehr. Sie pflückte und zupfte an ihren Kleidern. Nun, so werde ich wol auch hier Nichts erfahren. Ich werde so klug wieder gehen, als ich kam. – Mein Trost muß sein, daß die Zeit endlich Alles an's Licht bringt, und daß auch diese Liebe nicht ewig Geheimniß sein wird. – Indessen glauben Sie nur nicht, daß mich blose Neugier zu Ihnen geführt hat; es war eben so sehr zärtliche Besorgniß um einen Bruder, den ich Thörin noch immer liebe, so wenig er es auch werth ist. Sie sind hart. – O mein Gott! Ich sehe ihn blässer, magerer werden; sehe ihn alle Heiterkeit, allen Frohsinn verlieren; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit: wie kann ich da ruhig bleiben? Hinwelken! – Liebe Frau Doctorin! Nicht anders. Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann: das geht nicht; das thut auf die Länge nicht gut; der Bruder muß sich nothwendig erklären. Die Wittwe gerieth hier in eine Wehmuth, die sie kaum mehr bezwang. Auf Erklärung freilich kam's an: und daß er diese zurückhielt; daß er sich lieber in heimlichem Gram verzehrte, als seine Liebe bekannte: was sollte sie daraus schließen? – Mißbilligte er selbst diese Liebe? Stand ihm ihr zu geringes Vermögen; standen ihm ihre Kinder im Wege? – Eigennutz mischt sich denn auch mit in's Spiel; ich will es nicht läugnen. – Ich hatte einst eine Schwester, die ich an den Blattern verlor; ach ein Geschöpf, liebe Freundin! – von einer Sanftheit, einer Gefälligkeit, einer Seelengüte! – Wie gern hätte ich so eine Schwester wieder! Wie hoffte ich immer, daß mein Bruder sie mir zuführen sollte! Wie würde ich sie und um ihretwillen auch meinen Bruder geliebt haben! Auch ich – sagte die Wittwe – hatte – Und nun zog sie ihr Tuch hervor, und weinte es so über und über voll, daß sie es wegwerfen und sich ein frisches nehmen mußte. Gewiß war Madame Lyk , das Wenige ausgenommen, was von Verstellungskunst jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist, nicht im mindesten Heuchlerin; und ihre Thränen flossen also ohne Zwang, aus der Hülle des Herzens; aber gewundert würde sich, wenn sie hier hätte zugegen sein können, die kleine Amalie ein wenig haben, daß, im achten Jahre verstorben, und seit vierzehn Jahren nicht mehr erwähnt, sie noch jetzt ein so reichliches Thränenopfer erhielt. Auch die Doctorin zog nun ihr Tuch hervor, aber in etwas anderer Absicht; sie verbarg ein Lächeln dahinter. – Lassen Sie uns, fing sie dann an, von diesem Gespräche abbrechen; denn wozu einander wehmüthig machen? Wir wollen denken: was hin ist, ist hin, und was im Grabe liegt, kommt nicht wieder. Das kommt freilich nicht wieder, schluchzte die Wittwe. Hingegen wo noch Leben ist, da ist Hoffnung. – Mein Bruder ist wol auch nicht so hinfällig, als meine Besorgniß ihn macht; wenigstens, wie ich diesen Mittag sah, hat er noch gute Eßlust: und die, denke ich, ist eben kein Zeichen zum Tode. Sie lächelte. – Uebrigens wird er jetzt schwerlich nach Br.. gehen; er wird, denke ich, hier bleiben: und da – – Er wird hier bleiben? fragte die Wittwe, und schien durch dieses Wort ein wenig getröstet. Ich denk' es, sagt' ich. – Und da wird denn mein Mann, der sich auf solche Krankheiten versteht, ihn unter der Aufsicht behalten, und wird ihm schon wieder zu Kräften helfen. Vernünftig wird er ja auch wol am Ende werden, und wird sich erklären. Meinen Sie nicht? – Sie lächelte wieder. Die Wittwe gerieth über die plötzliche Veränderung des Tons und der Geberde der Doctorin in nicht geringe Verwirrung. Fast mußte sie glauben, daß nicht des Bruders, sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei, und daß jener seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklärt haben müsse. Diese Vermuthung bestätigte sich, als die Doctorin mit voller Heiterkeit fortfuhr: ich bekomme denn doch noch wol eine Schwester; o! ich bekomme sie ganz gewiß; eine eben so gute, sanfte, liebreiche Schwester, als die ich verloren habe. Mich däucht, ich sehe die holde Seele schon vor mir. – Sie hatte die Hand der Wittwe genommen, der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab; und die Wittwe, unbewußt, was sie that, und zu spät darüber erschreckend, erwiderte nicht allein diesen Druck, sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein sanftes Lächeln. Sie war böse über die Hinterlist ihrer Freundin, und war's doch auch nicht; sie ärgerte sich über die heitere Miene derselben, und war doch auch froh darüber; sie wußte selbst nicht recht, wie sie gesinnt war. Aber allein wäre sie gern gewesen, um alles Gesprochene noch ein Mal zu überdenken, und bei sich auszumachen, wie viel oder wie wenig sie wol von ihrem Herzen verrathen habe. Die Doctorin, als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen hätte, stand auf, um Abschied zu nehmen. Es wird spät, sagte sie; ich muß fort. Leben Sie wohl, meine gute, sanfte, liebe – – ach mein Gott! ich hätte bei einem Haare gesagt: Schwester! Sie sehen wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit meines Bruders habe. – Was meinen Sie? Soll ich ihm ganz wieder gut sein? Ach liebe Freundin! Sie waren ihm noch keinen Augenblick böse. Nicht? Wirklich nicht? – und nun erfolgte eine wärmere, längere Umarmung, als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte. Auf der Flur fand die weggehende Doctorin den ältesten Sohn der Lyk , den sie aufhob und küßte. Der jüngere lag an einer kleinen Unpäßlichkeit nieder. Sie hatte den schnellen Einfall, die Mutter zu bitten, daß es ihr morgen früh erlaubt sein möchte, den Kleinen holen zu lassen, um ihn einem der größten Kinderfreunde, ihrem guten, alten Vater, zu zeigen, der an der schönen Gestalt und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergötzen würde. – Er kann, sagte sie, mit meinem eigenen Kleinen spielen, und kann bei uns essen. – Die Mutter bewilligte das, und der Knabe hüpfte und sprang vor Freuden. – – Zu Hause machte die Doctorin ihren Mann, aber noch mehr ihren Bruder, durch die mitgebrachten Nachrichten sehr glücklich. Besonders rührte den Letztern die Unterstützung, die sein Vater der Wittwe hatte angedeihen lassen; er empfand darüber eine Freude und eine Dankbarkeit, wie er sie über die größte, ihm selbst erwiesene Wohlthat nickt würde empfunden haben. Aber unzufrieden war er, daß die Schwester mit dem Inhalte des Gesprächs, welches zwischen ihr und der Wittwe vorgefallen war, so sehr zurückhielt, und daß er mit allem Forschen Nichts weiter herausbrachte, als blos: er werde geliebt; er werde ganz sicher geliebt; und sie, die Schwester, stehe ihm für ein freudiges Ja, sobald er es fordern würde, mit ihrem Leben. Was die Wittwe Alles gesagt, und durch was für Züge sie ihr Herz verrathen habe: das verhüllte auch ihm ob er gleich Bruder und Liebhaber war, der Schleier des weiblichen Zartgefühls; nur dem Ehemanne ward, im vertraulichen Schlafkämmerlein, dieser Schleier ein wenig gelüftet. 32. Die Kirche war aus, und die Straße fing an, sich mit wohlgekleideten Leuten zu füllen, denen es Niemand ansah, wie sehr sie ihrer Sünden wegen waren gescholten worden – als einer der kleinen Herbste von seinem Posten am Fenster, wo er Wache gestanden hatte, in Eile gegen die Thür rannte, und nun auf einmal der ganze unruhige Schwarm ihm nach auf die Hausflur stürzte, um den kommenden Großvater und die begleitende Mutter – die aber Sonntags, ihrer Alltäglichkeit wegen, nur wenig galt – mit Freudengeschrei zu bewillkommnen. Der Alte empfing die Kleinen mit den gewöhnlichen scharfen Verweisen wegen ihres ungebührlichen Lärmens, aber zugleich mit einer Freundlichkeit, die den Eindruck jener Verweise augenblicklich wieder verwischte. Er wollte jetzt anfangen, seine Tasche für ihre Leckermäuler und seinen Geldbeutel für ihre Sparbüchsen zu leeren, als er auf einmal im Hintergrunde einen holden Knaben einsam und dem Scheine nach traurig dastehen sah, und seine Tochter fragte, wer denn das wäre? Ach ein lieber, süßer Junge, sagte die Doctorin: der älteste kleine Lyk ; ein Schul- und Spielgenosse meines Wilhelms . Lyk ? rief der Alte; o laß den Kleinen doch näher kommen! Er kam auf den Ruf der Doctorin, und ging, nach ihrer Anweisung, zum Alten, dem er mit all dem Anstande und der Ehrerbietung die Hand küßte, wozu ihn die Mutter gewöhnt hatte. Wirklich, wirklich, ein allerliebster Knabe! – Herr Stark theilte ihm jetzt, wie den Uebrigen, mit; und hob ihn dann auf einen Tisch, der im Vorsaale stand, um, wie er sich ausdrückte, zu sehen, ob er ihn kenne. – Ja ja! rief er, lieber, süßer Kleiner! wir sind schon alte Bekannte. – Sieh her, liebe Tochter, sieh her! Wie doch das nachartet! – Diese Stirne und dieses Kinn – – Ganz des alten Lyk ; unverkennbar! Spiel der Natur! rief Herr Stark . Ordnung der Natur! rief die Tochter; und setzte auf eben den Tisch eins ihrer eigenen Kinder, das wirklich in seiner Gesichtsbildung eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte. – Der Alte liebkoste jetzt beide, und war ausnehmend vergnügt. Aber, sagte er, wenn der alte gute Lyk den Mund zum Lachen verzog, da hatt' er so ganz etwas Eigenes in seiner Oberlippe. Ob auch wol der Kleine das hat? – Lieber Kleiner! thu mir den Gefallen und lache! Hörst Du? Der Kleine blieb ernsthaft; denn er hatte keinen Anlaß zum Lachen, und war noch nicht fein genug, um in der Aufforderung selbst diesen Anlaß zu finden. – Ich will Dich schon dazu bringen, sagte der Alte, und zog aus seiner Börse einen neuen, spiegelhellen Doppelducaten, den er ihm zu geben versprach, wenn er ihm den Gefallen thäte und lachte. – Der Knabe verläugnete hier das mercantilische Blut nicht, aus dem er entsprossen war, sondern lachte den schönen Ducaten mit sichtbarer Begierde an, ihn aus der fremden Tasche in die seinige zu spielen; und nun riß Herr Stark ihn mit vieler Wärme an seine Brust, um ihn zu küssen. – Sieh! sieh! sagte er zu der Tochter. Dem Großvater wie aus den Augen geschnitten! Nicht wahr? – Da nimm hin, lieber Kleiner, und wenn Du nach Hause kommst, so gib den schönen Ducaten der Mutter, und bitte sie, ihn in Deine Sparbüchse zu stecken. – Bei Tische war der Alte so ganz in seiner heitersten Laune, sprach und scherzte mit den Kinder so viel, und machte zu der Nachricht, die man ihm von dem Wohlbefinden und der kleinen Erholungsreise des Sohnes gab, eine so gute Miene, daß die nachmittägliche Unterredung zwischen ihm und dem Doctor unter keinen günstigern Vorzeichen hätte beginnen können. Der Doctor fing damit an, daß er dem Alten im Scherz zu der vortrefflichen Behandlung seines kritischen Kranken Glück wünschte, dessen Uebel er mit dem richtigsten Blicke gefaßt, und wie es nicht anders scheine, aus dem Grunde gehoben habe. Doch? sagte der Alte lächelnd. Hab' ich einige Anlage zur Kunst? Was Anlage! Sie sind Meister darin. Also Alles glücklich vorüber? Alles. Die ganze Krisis. Der Trotz zum Herzen heraus? Völlig, völlig heraus. Und das Herz im frischesten, gesundesten Zustande. Voll Liebe, Dankbarkeit, Ehrerbietung für einen Vater, der statt zu zürnen, wie er gekonnt hätte, nur edel wohlthat. Aber, Herr Sohn, noch bin ich mit meiner Cur nicht am Ende. Sie haben durch so manche Ihrer Krankheitsgeschichten mir verzweifelt bange vor Recidiven gemacht; und da will ich denn, Sicherheits halber, meinem Kranken noch eine kleine Nachcur verordnen, von der ich hoffe, daß sie ihm gute Dienste thun soll. Für jetzt wäre wol das Beste, daß Sie ihn stärkten. Meinen Sie? Und wodurch? Durch volles Vergessen, volle zärtliche Vaterliebe. Wenn's nur damit nicht noch zu früh ist! – Nein, nein! Ich habe die Sache nach meinem eigenen Kopfe angefangen, und so will ich sie nun auch durchführen. Ich will den Vortheil nicht ungenutzt lassen, daß der junge Herr durch seinen Trotz sich mir in die Hände gegeben hat, und daß er nun schon muß, wie ich will. War er denn nicht immer in Ihren Händen? Nicht ganz. Ich mußte Rücksichten nehmen. – Gesetzt, daß ich in unserer ehemaligen Lage gesagt hätte: Sohn! Das und Das ist mein Wille; darauf besteh' ich durchaus; so und so sollst Du's machen, oder ich jage Dich aus dem Hause, schicke Dich an einen Ort, der Dir nicht ansteht, vor dem Dir graut: – denn unter uns! daß ihm vor seinem Br .. graut, weiß ich sehr sicher; – sagen Sie mir, was würden die Mutter, die Schwester, Sie selbst, alle Menschen von mir gedacht haben? Ein Tyrann, ein Barbar, ein harter, unnatürlicher Vater wär' ich gewesen. – Vor seinem Trotz so zu handeln, war in der That ohne Härte nicht möglich; nach seinem Trotze kann und darf ich so handeln, und ich will Den sehen, der mich tadelt. Einer wird es doch, lieber Vater. Wer? – Ein Mann von dem edelsten Herzen: Sie selbst. Falsch! Mit mir selbst bin ich einig. – Ich werde meinem Sohne gerade heraussagen: mit unserer Verbindung ist's aus; auf die rechne nicht länger; in mein Haus, in meine Handlung kommst Du nicht wieder. Lieber Vater! sagte der Doctor. Das steht fest. Das ist nun einmal entschieden. Der Doctor war nicht wenig erschrocken. – Sie werden mich wenigstens anhören, hoff' ich, und dann weiß ich gewiß: Sie werden ganz anders denken. Sie anhören? Das will ich gern. Hier sitz' ich! – Aber ganz anders denken? Da müßten Sie mir doch etwas sehr Sonderbares zu sagen haben. Nichts sehr Sonderbares, aber sehr Wahres. Schön! Ich bin neugierig darauf. Sie können's nicht sonderbar finden, wenn ich behaupte, daß eine einzige That, zu welcher glückliche oder unglückliche Umstände einen Menschen hinrissen, ihn von Grund aus verändern, ihm gleichsam eine neue Seele einhauchen kann. Bewußtsein einer ehrlosen, schändlichen Handlung kann den Menschen auf immer verschlechtern; Bewußtsein einer guten und großen ihn auf immer veredeln. Wohin zielt das? fragte der Alte. Sie erinnern sich, was ich Ihnen von dem Benehmen Ihres Sohnes am Sterbebette und nach dem Tode des seligen Lyk erzählte. Das war schön! Das war edel von ihm! Hätten Sie's jemals in ihm gesucht? Nie. Auch wahrlich; Er in sich selbst nicht. Ein unerwarteter, ihm ganz neuer Eindruck, ein unwiderstehliches Gefühl rissen ihn hin. Aber einmal gethan, diese That, sollte sie ohne Spur, wie ein Blitz, haben verschwinden können? sollte sie kein Andenken an sich zurückgelassen, nicht durch dieses Andenken mächtig auf ihn eingewirkt haben? – Glauben Sie mir, das Bewußtsein von Werth, Güte, Tugend, das Ihr Sohn aus dem Lykischen Hause mit sich nahm, ist für ihn unendlich wohlthätig geworden, es hat ihn von seiner ehemaligen Kleinlichkeit, Eitelkeit, Selbstsucht schon um Vieles geheilt, und noch immer wirkt es zu seiner Besserung, seiner Veredelung fort. – Was Sie sonst mit so vielem Recht an ihm aussetzen, ist schon alles ganz anders: seine ehemaligen Gesellschafter hat er verlassen; Spiel und Tanz sind ihm gleichgültig, und gegen den Putz ist er kälter geworden: schon seit Monaten kein neues Kleid mehr! seit Monaten kein Gang mehr, als in den Concertsaal, den unschuldigsten aller Vergnügungsörter! Sein jetziger herrschender Trieb ist: zu wirken, nützlich zu werden, Hochachtung und Beifall von Andern, wie von sich selbst, zu verdienen. – Ist nicht in Diesem allen die Wirkung jenes Augenblicks, wo er sich selbst in einem so neuen Lichte und die Tugend in ihrer Würde und Schönheit sah, unverkennbar? Der Alte, der mit großer Aufmerksamkeit zuhörte, winkte dieser Entwickelung Beifall; und doch war sie, wenn auch nicht falsch, wenigstens sehr einseitig und unvollständig. Die Hauptbildnerin an dem Herzen des Sohnes, die Liebe, war aus guten Gründen vergessen. Selbst das, fuhr der Doctor fort, daß er die Thorheit beging, Ihnen zu trotzen, stößt meine Meinung von ihm nicht um, sondern bestätigt sie eher. Eben weil er jetzt edler und also stolzer geworden war, konnt' er die Behandlung, die er vormals verdient hatte, nicht mehr ertragen; eben weil er Hochachtung gegen sich selbst zu fühlen anfing, wollt' er auch Hochachtung von Andern, selbst von seinem Vater, genießen; und so entstand denn, bei der gewohnten traurigen Entfernung von Ihnen, und bei dem unseligen Mißtrauen, womit er Sie im Irrthum über sich gleichsam vorsätzlich erhielt, jener Trotz, jener nicht zu rechtfertigende, übereilte Entschluß, den Sie durch Ihr weises Benehmen ihn so sehr haben bereuen lassen. – Aber, mein bester Vater – wollten Sie einen Fehltritt aus solchen Gründen, an einem solchen Sohne, der Ihrer täglich würdiger wird, jetzt so grausam bestrafen? Was? rief der Alte, indem er mit lebhafter Bewegung aufstand, was reden Sie, lieber Doctor? Was fällt Ihnen ein? Sie sagten: in Ihr Haus, in Ihre Handlung käm' er nicht wieder. Das soll er auch nicht, muß er auch nicht. Sind Sie denn noch immer erbittert? – Erbittert? Ich? – Nun, beim Himmel! Wenn alle Väter sich so erbittern wollten, das wäre den jungen Herren, ihren Söhnen, wol eben recht. Wie versteh' ich denn aber –? Ich will aus der Verbindung mit ihm heraus, und will mich zur Ruhe setzen. Mein Haus soll das seinige , meine Handlung die seinige werden. Verstehen Sie jetzt? Ja, mein Gott! rief der Doctor freudig; wenn Sie sich so erklären! – Der Text war dunkel; die Auslegung ist sonnenhell. – Aber Ihr armer Sohn! Was wird er nicht für ein Schrecken haben! Scherzen Sie nicht zu früh! Die Bedingungen sind zurück. O, die wird ein Vater, ein edler, großmüthiger Vater, machen. Ich bin sehr ruhig darüber. Daß sie auf sein Bestes berechnet sind, können Sie denken. – Ich habe ihn jetzt, wie gesagt, in meiner Gewalt, und so bestehe ich durchaus darauf, er soll thätiger werden; er soll die Handlung, wenn sie die seinige wird, mit mehr Ernst und mit mehr Eifer führen, als unter mir; er soll dem abgehenden einen Buchhalter, keinen Nachfolger geben, weil er dessen Arbeiten mit den seinigen zugleich verrichten kann, ohne daß eben der Schreibtisch eine Galeere werde; er soll dem Umherschweifen in Gesellschaften und an öffentliche Oerter entsagen, und sich sein Haus dadurch anziehender machen, daß er ein Weib – aber kein Modeweib, keine Putz-, auch keine Büchernärrin – nimmt, sonder ein braves, häusliches, herzliches Weib, das er lieben, das aber auch ich schätzen und ohne Erröthen Tochter nennen kann. – Fügt er sich in diese Bedingungen: – gut! so übergebe ich ihm Alles, beziehe meine eigene Wohnung für mich, und betreibe meine übrigen Geschäfte in Ruhe. – Fügt er sich nicht : – nun, so kann ich weiter nicht helfen; ich arbeite dann mit meinen Buchhaltern fort, und ihn schicke ich – wohin der junge Herr nicht mag, und wohin er mir doch zu gehen gedroht hat: nach seinem Br .. In mein Haus, so lange es das meinige bleibt, kommt er nicht wieder. Das also, das Ihre Nachcur, mein lieber Vater? Das! – Wird sie ihm anständig sein? Er wird darin gleich sehr Ihre Liebe und Ihre Einsicht erkennen. – Bereiten Sie sich vor, den dankbarsten, den gerührtesten Sohn zu umarmen! Meinen Sie? – nun, so bereiten auch Sie sich vor, einen Mann zu erblicken, der Haus und Handlung verliert, und der dazu lächelt! Wie freue ich mich dieser Ihrer Laune, mein Vater! – Aber ich mich gar nicht Ihrer Meinung von mir. – Was? Erbittert wäre ich gewesen? Erbittert gegen einen einzigen Sohn, von dem Sie mir Dinge erzählt hatten, die mir Freudenthränen in's Auge lockten? erbittert gegen ihn, über den Sie schon längst mein Wort hatten, daß, wenn er würde, wie ich ihn wünschte, es meine erste, herzlichste Sorge sein sollte, wie ich ihn glücklich machte? – Ein solches Wort, meinen Sie, spräche der alte Stark in den Wind? Ein solches Wort könnte er brechen? – Gehen Sie! – Gehen Sie! – indem er sich selbst zum Gehen anschickte – Sie haben mein Herz verkannt, meine Ehre gekränkt; und nun komme ich Ihnen – er schien sich einen Augenblick zu besinnen – in vollen acht Tagen nicht wieder! Der Doctor lächelte, und ergriff die Hand des Alten, um sie zu drücken; denn Umarmungen waren zwischen ihnen nicht Sitte. Die Herzlichkeit des Gegendrucks, den er erhielt, überzeugte ihn von der großen Zufriedenheit, womit sein vorteilhaftes Zeugniß über die veränderte Denkungsart des Sohnes war angehört worden. Gleich sehr überzeugte ihn davon ein angenehmes Geschenk, das ihm noch diesen Abend gebracht ward; ein großer Korb voll des herrlichsten alten Rheinweins, woran, wie die Träger sagten, sich der Herr Doctor erquicken sollte. 33. Je wichtiger durch die Erklärung des Vaters der Punkt von der Heirath geworden war, desto begieriger ward der Sohn, die Meinung desselben über die Wittwe zu wissen, und desto scheuer die Tochter, sie zu erforschen. Gleichwol wagte sie am folgenden Nachmittage beim Thee einen Versuch, mit dem es aber nicht zum glücklichsten ablief. Wissen Sie schon, fing sie an, lieber Vater, was sich gestern für eine wichtige, für eine denkwürdige Begebenheit zugetragen hat? Nein, sagte der Alte. Der edle Liebesritter Wrak hat seine reizende Dulcinea glücklich zum Altar geführt. Hat er? – Der alte, armselige Stümper! O spotten Sie seiner nur nicht! Er soll sich so glücklich, so überschwenglich glücklich fühlen – – Je nun – er ist dem Himmelreich nahe. Dem künftigen, meinen Sie? Ich zweifle, daß er daran noch denkt. – Doch was geht mich der alte Wrak an zusammt seiner Liebesgeschichte? Ich sehe nur, wie mich mein guter Vater gelehrt hat, auf die unschuldigen kleinen Waisen, die doch nun wieder einen Beschützer haben. – Ach das liebe kleine Waischen von gestern! Nicht wahr? wenn doch auch das wieder einen Beschützer hätte! Die Mutter gab der Tochter einen abmahnenden Wink, und der Vater ward auf einmal sehr ernsthaft. – Dafür, sagte er, ließest Du wol am besten den Himmel sorgen. In solche Sachen sich einzumischen – – Aber was will ich? Ich bin wol thöricht, sehr thöricht. Lieber Vater! sagte die Tochter verlegen. Ich hätte beinahe einer Frau wie Dir eine Klugheitsregel gegeben. Als ob Du deren bedürftest! Von wem nähme ich sie lieber an, als von Ihnen? Nein, nein! Das hieße ja wol, dem Tage ein Licht anzünden. – Auch bist Du für solche Thorheiten noch viel zu jung. Das Heirathsstiften ist nur Sache für alte, abgelebte Matronen. Die spitzfindige Miene, die er bei diesen Worten zog, und die unwillige, ärgerliche der Mutter machten der Tochter so bange, daß sie auf der Stelle verstummte. Es mußte etwas Unangenehmes zwischen den Eltern vorgefallen sein, das sie durch ihr Gespräch wieder aufgeregt hatte; und das war ihr außerordentlich traurig. – Um's Himmels willen! fing sie an, sobald der Vater hinaus war: was habe ich gemacht, liebe Mutter? Ja, der wunderliche, grillenhafte Alte, Dein Vater! Wird man je aus ihm klug? – Ich glaube, wenn ich hundert Jahre mit ihm lebte, ich lernte ihn dennoch nicht aus. – Denke Dir nur, was ich gestern der Wittwe wegen für einen Verdruß mit ihm hatte! Der Wittwe wegen? – Das ist das Unangenehmste, was Sie mir sagen könnten! Er fand sie hier wartend, als er aus Deinem Hause zurückkam. – Nicht möglich! Sie wollte ihm danken, daß er sie aus ihrer Verlegenheit mit Horn gerissen; aber das verbat er, und hörte kaum danach hin; er kam sogleich auf ihren ältesten Kleinen, den er bei Dir hatte kennen lernen, und sagte von dem Kinde so viel Liebes und Schönes, daß er der guten Frau das Herz abgewann, und sie recht munter und zutraulich machte. Er zog sie dann aus einem Gespräch in das andere, und war so zufrieden mit ihr, so zufrieden – O mein Gott, liebe Mutter! Sie machen mich unaussprechlich neugierig. Sagen Sie mir doch nur Dies und Jenes, was vorfiel! Gern. Wenn ich's nur wieder zusammenbringe! – Von der Wirtschaft ihres Vaters, glaube ich, war gleich zuerst die Rede; ja ja! Und sie wußte zu antworten? wußte Bescheid? Um Alles. Bis in's Kleinste hinein. Ah! da begreife ich. Das wird ihm gefallen haben. Gar sehr. – Dann kam er auf den plötzlichen Wechsel, da sie durch ihre Heirath von der Arbeit weg mitten in lauter Vergnügen versetzt worden, und meinte, dieser Wechsel sei ihr doch wol äußerst reizend gewesen? sie hätte wol für keinen Preis auf's Land zurückgehen mögen? Sieh den Alten! Da legte er ihr eine Schlinge. Ob sie so etwas merkte, oder – genug, sie ward ganz niedergeschlagen, und versicherte ihm, daß sie mitten im Wohlleben nie ohne Sehnsucht an das väterliche Haus zurückgedacht habe. Der Mensch, sagte sie, sei zur Arbeit geschaffen, und nur Arbeit erhalte ihn glücklich! das Vergnügen, wie sie aus eigener Erfahrung wisse, sei nur Würze, und wolle nur als Würze genossen werden: wer es zur Nahrung mißbrauche, zerstöre seine Gesundheit, und nehme dem Vergnügen selbst allen Reiz. Jetzt, da sie von sich selbst abhänge, sei es ihr wieder vergönnt, ein thätiges Leben zu führen, und eben jetzt, sobald sie nur von drückenden Sorgen frei sei, führe sie auch wieder ein glückliches Leben. Schön! herrlich! Das war ihm wie aus der Seele gesprochen. Damit fiel denn das Gespräch auf ihre Handlungsgeschäfte, in die sie sich schon so hineingearbeitet hatte, so vollkommen Bescheid darum wußte, daß er ihr recht große Lobsprüche ertheilte. Aber die lehnte sie alle ab, und gab sie ihrem Lehrer, wie sie ihn nannte, Deinem Bruder, zurück, von dem sie nun anfing, mit so herzlicher Dankbarkeit, mit so inniger Rührung zu reden, daß auch ich und Dein Vater nicht wenig davon gerührt wurden. Sie konnte am Ende vor Wehmuth nicht weiter und mußte schweigen. Aber, liebe Mutter! in Dem allen sehe ich noch nicht den mindesten Anlaß zu einem Streite. Der ist auch gar nicht gewesen. Nicht? – Aber Sie äußerten doch – – Höre nur erst zu Ende! – Als die Wittwe hinweg war, ging Dein Vater hier noch eine Weile herum, und sprach sehr rühmlich von ihr, und dann auch von Deinem Manne, der sich auf die Menschen sehr gut verstehe, und ihm diese wackere Frau zuerst in dem rechten Lichte gezeigt habe. – Ewig Schade, setzte er hinzu, daß sie an einen Menschen, wie diesen Lyk , hat gerathen müssen, der ihrer so wenig werth war, und der sie sammt ihren Kindern an den Bettelstab hätte bringen können. – Da nutzte ich denn die Gelegenheit, und fing an: Was meinst Du, Vater? das wäre so recht für unsern Sohn eine Frau gewesen. Und da sie jetzt Wittwe ist, so dächte ich immer, wir machten ihm einen Antrag darüber: denn sie ist doch noch jung, und es gäbe gewiß eine recht gute Ehe. Ach, liebe Mutter! das, fürchte ich, war zu rasch, war zu deutlich. Freilich wol! Aber, Du lieber Gott! ich sah das Eisen so herrlich glühen, daß ich's für Sünde gehalten hätte, nicht zum Hammer zu greifen und ein wenig zu schmieden. Ja, wenn nur nicht die Funken umherflögen! Es ist so eine Sache damit. – Aber was hatte er denn gegen die Heirath? Was brachte er denn vor? Das! sagte Madame Stark , und fuhr mit der flachen Hand über den Theetisch. Wie? Er antwortete nicht? Kein Sterbenswörtchen. Aber dafür sah er mich an – Du weißt, wie er Einen ansehen kann! – mit einem Paar Augen! – Ich dachte Wunder, was jetzt herauskommen würde; aber Nichts! nicht ein Laut! Er zog mir nur ein saures, äußerst saures Gesicht, und ging mit Kopfschütteln davon. Das ist doch seltsam, sehr seltsam. Was gäbe ich darum, daß er gesprochen hätte! Abends bei Tisch kam denn so Etwas hervor. Da war er wieder in seiner gewöhnlichen Laune, und schwatzte von der Thorheit des Heirathstiftens, wobei des Danks so wenig und des Undanks so viel zu gewinnen stehe, und von alten Mütterchen, denen ihr eigenes Liebesfeuer ausgegangen wäre, und die so gern ein fremdes anzündeten, um sich daran zu wärmen und an die eigenen besseren Tage dabei zurückzudenken; kurz, so ärgerliches und spitzfindiges Zeug, daß ich's machte wie er, und ihm auch ein recht saures Gesicht zog und auch mit Kopfschütteln davon ging. Immer gut, liebe Mutter! Immer besser, als wenn Sie gesprochen hätten! – Aber wenn ich doch nur begriffe –! Und hiermit fingen die Damen an, sich in scharfsinnigen Muthmaßungen über die eigentliche Ursache zu erschöpfen, warum dem Alten die vorgeschlagene Heirath mit der Wittwe so mißfalle – denn daß sie ihm mißfalle, setzten sie als erwiesen voraus. – Waren's etwa die beiden kleinen Kinder der Wittwe? Das glaubte die Doctorin nicht. War's noch ein Rest des alten Vorurtheils gegen sie? Das glaubte Madame Stark nicht. Waren's die zu geringen Vermögensumstände der Frau? Das glaubten die Damen alle beide nicht. – Kurz, der Alte war ihnen auch diesmal, wie sonst schon öfter, ein Räthsel. Als der Doctor hinzukam, wurden diese Muthmaßungen um noch eine vermehrt. Er sah von der Wittwe und ihren Umständen ab, und glaubte, daß nicht sowol die Heirath dem Vater mißfalle, als das Vorschlagen derselben, das Anmahnen und das Bereden dazu. Er will gewiß, sagte er, daß der Bruder völlig frei, ohne fremden Einfluß und Antrieb handeln, und eine Wahl ganz nach seinem eigenen Herzen treffen soll. – Hätte der Doctor noch hinzugesetzt, daß vielleicht das Kopfschütteln des Alten weniger der Wittwe, als dem Sohne, gegolten, und daß seiner geäußerten Unzufriedenheit wol nicht so sehr Mißbilligung jener, als Mißtrauen gegen diesen, zum Grunde gelegen; so hätte er vermuthlich statt der halben die volle Wahrheit getroffen. Der Alte konnte es für möglich halten, daß der Sohn sich zu dieser Heirath bereden ließe, aber zugleich nach seinem Charakter für wahrscheinlich, daß er in der Folge diesen Schritt bereute, und dann seine Ehe unglücklich würde. – Auf dem Heimwege wurden Doctor und Doctorin einig, daß der Bruder nur das vorteilhafte Urtheil des Vaters von der Wittwe, nicht den kleinen Vorfall mit der Mutter erfahren müsse. Sein Muth, wie Beide sehr richtig urtheilten, war eher zu stärken als niederzuschlagen. Uebrigens, da jetzt Alles erschöpft war, was zur Vorbereitung eines guten Ausganges nur immer geschehen konnte, so hielten sie es für nothwendig, daß der Bruder ein Ende machte, und so bald als möglich dem Vater vor Augen träte. 34. Gleich am folgenden Tage kam Herr Stark angeblich wieder zur Stadt, und ließ gegen Abend durch Monsieur Schlicht den Vater fragen, ob er so glücklich sein könne, ihn ohne Zeugen zu sprechen. Er ward augenblicklich angenommen, und fand das Wort des Doctors bestätigt, daß, wenn er jetzt dem Vater vor Augen träte, er einen ganz andern Blick von ihm sehen, wenn er jetzt mit ihm redete, einen ganz andern Ton von ihm hören würde. Der Empfang war bei allem Ernste so gütig, und die Frage: welche Wirkung in der nicht mehr angenehmen Jahreszeit die Landluft auf ihn gehabt habe, ward mit so vieler Theilnahme vorgebracht, daß die Aengstlichkeit des Sohnes sich um ein Großes verminderte. Um sein Herz noch mehr zu erleichtern, trat er sogleich auf den Vater zu, und fing eine Bitte um Verzeihung alles Vorgefallenen an, die aber der Vater großmüthig genug war, ihn nicht vollenden zu lassen. – Hast Du, fiel er ihm in die Rede, mit Deinem Schwager gesprochen? Hat er Dir meine Absichten mit Dir entdeckt?' Ja, mein Vater. Und Deine Meinung darüber? – Ich habe für meine Erkenntlichkeit keine Worte. – Er ergriff die Hand des Alten, und küßte sie ihm mit eben so viel Ehrerbietung, als Rührung. Hast Du auch die Bedingungen erfahren, die ich Dir mache? Ich werde sie heilig erfüllen. Nicht blos als Ihre Befehle, auch als Wünsche meines eigenen Herzens. – Thätig zu werden, ist jetzt mein einziger Trieb. – Und da mich Ihre Einsicht, Ihr väterlicher Rath, wie ich hoffe, bei jedem wichtigern Schritte leiten wird, so verspreche ich mir den besten, glücklichsten Erfolg meiner Bemühungen. Es wird mein eifrigstes Bestreben, mein Stolz, meine höchste Zufriedenheit sein, Ihnen Freude zu machen. Die werd' ich haben, wenn es Dir wohlgeht. – Aber warum erwähnst Du einer der Hauptbedingungen nicht, Deiner Heirath? – Hast Du noch keine Wahl getroffen? Mit der gewöhnlichen Schüchternheit, womit Fragen dieser Art pflegen beantwortet zu werden, sagte der Sohn: Ich habe. Kenn' ich Deine Geliebte? Mit noch größerer Schüchternheit brachte er die Antwort hervor: Seit Kurzem. – Aber äußerst schnell flossen ihm auf einmal die Worte, als er anfing die Tugenden seiner Geliebten zu preisen, und auf die Bosheit gewisser Elenden zu schelten, deren tückischen, giftigen Pfeilen auch die reinste, unbefleckteste Tugend nicht entgehe. Diese Vorrede, sagte der Alte, könnte mir bange machen. – Ich bitte um den Namen Deiner Geliebten. Es half dem Sohne nichts, daß er den Namen der Wittwe nur mit ganz leiser, gedämpfter Stimme aussprach. Er war genöthigt, ihn desto lauter zu wiederholen. Also die! sagte der Alte ernsthaft, indem er mehrere Schritte umherging: die Wittwe! – Ist das blos Nachricht, die Du mir gibst; oder – – Es ist Vortrag meines innigsten, herzlichsten Wunsches, für den ich um Ihren gütigen Beifall, um ihre väterliche Bestätigung bitte. Unter Euch selbst, hoff' ich, ist doch schon Alles ausgemacht? Ihr seid einig? – Wie freute sich jetzt der Sohn, dem Rathe seines Schwagers gefolgt zu sein, und dem Vater mit voller Wahrheit betheuern zu können: auch nicht das erste Wort von Liebe sei zwischen ihm und der Wittwe gewechselt worden! auch nicht einmal vorläufig, unter vorausgesetzter Zustimmung des Vaters. Um so besser! sagte der Alte. So braucht Nichts erst zurückzugehen. Zurückzugehen, mein Vater? – Sollte es denn das? Müßte es denn das? Ich sehe den Gang, den diese Liebe genommen, ganz deutlich. Du hast an der Wittwe mit einer Rechtschaffenheit, einem Edelmuthe gehandelt, wovon Dein Herz Dir das Zeugniß gibt, daß sie Dir zur Ehre, zur größten Ehre gereichen. So ist natürlich ihr Anblick Dir werth geworden; denn er erinnert Dich an die beste That Deines Lebens: aber eigentliche herzliche Leidenschaft, eigentliche innige Liebe, die bis in das Alter ausdauern und Dich für Alles entschädigen könnte, was Du ihretwegen entbehren und aufopfern müßtest – nein, mein Sohn! die kann ich hier unmöglich voraussetzen; unmöglich! Warum unmöglich, mein Vater? – Und was müßt' ich denn ihretwegen entbehren? Was müßt' ich ihr aufopfern? – Ich sehe Nichts. Ist Dir der Reichthum Nichts, den so manche Andere Dir zubringen würde? – Die Wittwe an sich selbst ist ohne Vermögen. Wahr! aber – – Was von den armseligen Trümmern des ehemaligen Lykischen Reichthums auf ihr Theil kömmt, ist nach unseren Rechten die Hälfte. Wie viele der Fonds, die ich aus der Handlung herauszuziehen vielleicht gezwungen bin, glaubst Du damit decken zu können? Ich werde mich einschränken, mein Vater. Ich werde die Handlung so viel als nöthig, und mein Hauswesen auf's Aeußerste einschränken. Ich werde im höchsten Grade sparsam und thätig werden. Gut! aber Das alles, wirst Du am Ende fragen, und muß jetzt ich fragen: für wen? – Für eine Frau, die schon jetzt nicht die jüngste mehr ist, und von deren Schönheit vielleicht nach wenig Jahren kaum noch einzelne Spuren da sind. Ist's denn ihre Schönheit, auf die ich sehe? – Gott ist mein Zeuge! noch hab' ich sie mit keiner Andern verglichen. Was mich gerührt und mich ihr auf ewig gewonnen hat, sind die Tugenden, die sie in so mancher traurigen, prüfenden Lage bewiesen, und von denen ich Monate lang ein naher, glücklicher Zeuge gewesen. Der Alte ging von Neuem umher und schwieg. – Sie hat Kinder, fing er dann wieder an. Die vermehren meine Liebe zu ihr. Es sind ein Paar Engel. Aber Engel, die Bedürfnisse haben. – Laß das Wenige, was aus der Verlassenschaft des Vaters für sie übrig bleibt, durch Zufälle schwinden, so haben Dich diese Kinder Vater genannt, und Du wirst verpflichtet sein, als Vater für sie zu sorgen. Das werd' ich gewiß, und werd' es mit Freuden. Mit Freuden? – Was Du ihnen zuwendest, werden Deine eigenen Kinder verlieren. An fremdes Blut wirst Du thörichter Weise wegwerfen, was Deinem eigenen zu Gute kommen könnte. – Ich bitte Dich, wie kannst Du einen solchen Gedanken nur fassen? ihm nur einen Augenblick Raum bei Dir geben? Der Sohn kannte den Vater zu gut, um nicht äußerst betroffen zu werden. – Sie reden da nicht aus Ihrer eigenen Seele, mein Vater; unmöglich! – Was heißt das? Aus welcher, als aus seiner eigenen, kann man reden? Sie schaffen sich eine fremde, enge, äußerst beschränkte Seele, die Sie mir als die meinige leihen. Aus ihr nehmen sie Das, womit Sie mich zu verwirren oder zu überzeugen glauben. – Ich sehe, ich habe Ihre Achtung ganz, und habe sie auf immer verloren. Ich werde meinen eigenen Weg gehen müssen. Ich will es. – Mein einziger Wunsch zu Gott ist – indem er die Hände mit Kraft in einander faltete – daß Sie noch lange, lange leben und noch mit eigenen Augen sehen, wie sehr Sie sich in mir irrten, wie sehr Sie mir Unrecht thaten. – Er wandte sich von dem Vater ab gegen das Fenster mit einem ganz zerrütteten, von den widrigsten Empfindungen zerrissenen Herzen. Mehr, als einen solchen Beweis seiner Gesinnung und der gänzlichen Umwandlung seines Charakters konnte der Vater nicht fordern. – Nach einer tiefen, feierlichen Stille, worin er dem Sohne Zeit ließ, sich wieder zu sammeln, rief er ihn sanft bei seinem Vornamen: Karl ! Durch das Weiche, Zitternde dieses Tones fühlte sich der Sohn gleichsam unwillkürlich herumgerissen. Wie ward ihm, als er den guten, ehrwürdigen Alten da stehen sah, die Augen mit Thränen gefüllt, und die Vaterarme weit gegen ihn offen haltend! Karl ! rief der Alte noch ein Mal: warum hast Du Dich mir so lange verborgen? – Und nun stürzte der Sohn, von Empfindung überwältigt, obgleich noch ungewiß, was er zu hoffen habe, auf den Vater zu, ergriff mit beiden Händen eine der seinigen, und bedeckte sie ihm mit Küssen. Willst Du, sagte der Alte, in dieser schönen, uns Beiden gewiß unvergeßlichen Stunde, mir schwören, mir heilig schwören, daß Du nie anders denken willst, als Du Dich jetzt erklärt hast? daß Du nie, auch nicht im Innersten Deines Herzens, der guten Lyk ihren Mangel an Vermögen oder ihre Kinder vorwerfen willst? daß Du Liebe und Tugend ihr für mehr als alles Vermögen anrechnen, und ihre Kinder stets so ansehen willst, als ob sie die Deinigen wären? – Der Sohn war nicht blos gerührt, er war erschüttert. – Ich will, ich will, stammelte er, und vermochte kein Wort weiter hervorzubringen. Ich nehme Deine Rührung für Eidschwur. – Und nun warf er die eine Hand ihm auf die Schulter, zog ihn an sich, und küßte ihn wiederholt und von Herzen. – Wegen der Art, wie ich Dich setze, verlaß Dich auf mich; ich bin kein ungroßmüthiger Vater: und so nimm mein Haus und meine Handlung hin, und obendrein – meinen zärtlichen Vatersegen zu Deiner Liebe! – Ein so rascher und so mannichfaltiger Wechsel der Gefühle war mehr, als das Herz des Sohnes ertrug. Statt dem Vater zu danken, wankte er rückwärts, um einen Stuhl zu gewinnen, auf den er sich halb athemlos hinwarf. Ein plötzlich hervorbrechender Strom von Thränen erleichterte ihn, während der Alte, der sich neben ihn setzte und ihm selbst seine Thränen trocknen half, ihm unablässig zuredete: Laß doch! laß! Sei ein Mann! Trockene ab, lieber Karl ! Wir müssen ja wahrlich zu Deiner Mutter, um ihr Antheil an unserer Freude zu geben. – Wer weiß, wie lange und wie ungeduldig sie unser schon wartet? – Und wenn mich nicht Alles täuscht, so finden wir dort noch zwei Andere, die unser beider Erscheinung mit Sehnsucht entgegenharren. 35. Wirklich hatten sich bei der Mutter auch der Doctor und die Doctorin eingefunden, um von dem Ausgange der Unterredung, von der sie wußten, daß sie vorfallen würde, desto eher unterrichtet zu sein. Wie gespannt ihre Erwartung war, läßt sich aus dem großen Antheil, den sie bisher an dem Bruder genommen, und aus der mannichfaltigen Mühe, die sie sich seinetwegen gegeben hatten, ermessen. Sie glaubten überwiegende Gründe zu haben, den besten Ausgang zu hoffen, und doch ließen sie, eben wegen der Größe ihres Interesse, sich ein wenig in die Furcht und Aengstlichkeit der Mutter hineinziehen, die, weil ihr Interesse das noch größere, noch lebhaftere war, Nichts als traurige Ahnungen hatte. – Desto angenehmer war für Alle die Ueberraschung, als jetzt der Vater in Gesellschaft des Sohnes hereintrat, und ihnen sogleich durch sein Lächeln seine Zufriedenheit, durch seine feuchten, gerötheten Augen seine Rührung verrieth. Er hielt den Sohn an der Hand, der sein Gesicht noch mit dem Tuche verdeckte, und führte ihn der Alten mit den Worten zu: Hier, liebe Mutter! hier bringe ich Dir einen guten, einen würdigen Sohn, der auf Dein Alter Bedacht nimmt, und Dich von den Wirthschaftssorgen befreien will, die Dir schon lange zu lästig fielen. Er will sie einer jungen, wackeren Frau übertragen, die er Dich bittet zur Tochter anzunehmen, und Deinen Muttersegen über seine Liebe zu sprechen. – Errathen wirst Du wol seine Wahl nimmermehr; und Du, gewiß auch nicht, indem er sich gegen die Tochter umwandte, und Beide zwar anlächelte, aber ihnen zugleich mit dem Finger drohte. Der Sohn konnte unter den Segenswünschen der Mutter und den Antheilsbezeigungen der Schwester und des Schwagers seine Augen so bald nicht trocknen. Alle vereinigten sich endlich, dem Vater zu danken und ihn zu liebkosen, der sie der Reihe nach küßte, aber in seine gewöhnliche muntere Laune für diesen Abend nicht wieder hineinkam. Die Empfindungen, die bei der Unterredung mit dem Sohne ihn tief durchdrungen hatten, waren von zu ernsthafter Natur gewesen, als daß er sogleich wieder zu den muthwilligen kleinen Scherzen hätte zurückkehren können, womit er sonst seine Gespräche zu würzen pflegte. Er ließ es sich nicht nehmen, am folgenden Tage in eigner Person den Freiwerber seines Sohnes zu machen. – Ob Madame Lyk von diesem Besuche angenehm oder unangenehm überrascht war; ob sie eine bejahende oder verneinende Antwort gab? wird wol Niemand erst fragen. – Die Ehe ward eine der glücklichsten in der Stadt. Die Familie hing, jedes Glied mit jedem, durch die zärtlichste Liebe zusammen. Herr Stark erfreute sich bis in's höchste Alter hinauf des Wohlstandes und der vollkommenen Eintracht aller der Seinigen, und genoß das süße, kaum mehr gehoffte Glück, Enkel an seine Brust zu drücken, die nicht bloß seines Blutes waren, sondern auch seinen Namen trugen. Ende .