August Lafontaine Quinctius Heymeran von Flaming Vorrede Erster Theil Zweiter Theil Dritter Theil Vierter Theil 5 Vorrede. Turpe est difficiles habere nugas Et stultus labor est ineptiarum. Martial Schon das Motto dieses Romans könnte zur Vorrede dienen; allein da Latein nicht aller Leser Sache ist, noch ein Paar Worte zur Erklärung desselben. Unsere Zeiten sind, bis auf einige Kleinigkeiten, recht hübsch. Eine dieser Kleinigkeiten ist ein unerträglicher Egoismus , dessen Mutter Unwissenheit, und dessen Glanz ein Paar Dutzend Worte sind, bei denen die Meisten, die sie am häufigsten im Munde führen, am wenigsten denken. Da blättert der Jüngling, der denken lernen sollte, ein Paar Journale durch, greift alles Paradoxe auf (und das Meiste, das Einfachste scheint ihm paradox, weil er es nicht versteht); übertreibt alles, was er liest und hört; ermüdet die Ohren aller Menschen mit den stolzen Wörtern: Weltbürgersinn, Freiheit, Gleichheit, Kritik der Moral, Kritik des Kriminalrechts, der Vernunft, Kritik der Kritik, Hyperphysik, Unglaube, Philosophie, objektive und subjektive Wahrheit, erkennbar, reine Vernunft, Menschen-Racen, und so weiter; redet ewig von allgemeinen Kenntnissen, und ist 6 höchst einseitig und langweilig; von Principien, und kann noch nicht Eine Sprache reden; athmet endlich in einem ganz gewöhnlichen Leben thatlos und gedankenlos fort, und – was der Eitle am wenigsten glaubte – stirbt unbedauert und unbekannt. Dies Buch soll ein Spiegel für diese Art junger Herren seyn; auch können es, denke ich, noch Andre, als diese, zum Spiegel gebrauchen. 7 Erster Theil . Ängstlich lief der Freiherr von Flaming das Zimmer auf und nieder. Bald blieb er vor dem Stammbaume seiner Familie, bald vor dem Stammbaume seiner Frau stehen, und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Endlich öffnete sich die Thür, und der Arzt trat mit einer Miene herein, in der so viel Böses als Gutes zu lesen war. »Nun, lieber Doktor«, rief der Herr von Flaming, »ist es ein Junge?« Ein lebendiger, starker Junge. Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer Vaterfreude. »Gott Lob und Dank, lieber Doktor! Ich war ja der letzte der Flaminge. Zwei Brüder, die ich hatte, starben ohne Erben. Sie sehen selbst, daß ich einen Sohn haben mußte. Der Junge ist also lebendig und stark? Doch auch wohlgestaltet, lieber Doktor? So weit ich meine Vorfahren kenne, war nicht Ein Krüppel darunter: alle groß, stark und ohne Fehl, wie Edelleute es seyn sollen. Zwar dieser« – er führte den Doktor zu seinem Stammbaume – »Wolfgang von Flaming – er starb früh, und that wohl daran; denn er war verwachsen. Wie gesagt...« – 10 Ihr Sohn ist ganz ohne Fehl; aber Ihre Frau Gemahlin... »Gott wird ihr helfen. Wenn der Junge nur gesund ist! Glauben Sie, mir wurde oft heiß und kalt bei der Sache. Acht Jahre verheirathet, und noch kein Erbe!« Nun, Ihr Sohn wird hoffentlich Ihr Geschlecht nicht aussterben lassen. »Meinen Sie, liebster goldener Mann? Gott sey Dank dafür! Also gesund, stark?« Aber Ihre Frau Gemahlin ist sehr schwach. Es hat schwer gehalten. »Ja, ja, große Kinder kosten den Müttern immer viel. Setzen Sie sich dreist zu mir her, lieber Doktor. Vor Zeiten waren ja die Doktores auch halbe Nobiles: das weiß ich aus Prauns adeligem Europa.« Halbe? Um Vergebung, Herr Baron: sie hatten sogar den Rang vor dem bloßen Edelmann. »Nur in einigen Stücken, lieber Doktor, und in einigen nicht.« Und in welchen denn nicht? fragte der Arzt etwas empfindlich. »Auf ein andermal davon«, erwiederte Flaming verlegen, und brummte in den Bart: das verwünschte Latein! – »Nun Gott Lob! Ich habe einen Erben; einen gesunden, tapfern, verständigen ...« – Tapferkeit und Verstand gebe ihm Gott! sagte der Arzt ein wenig ungeduldig. »Die hat ihm Gott gegeben, lieber Doktor. Tapferkeit, Verstand – damit und dazu wird der Edelmann geboren. 11 Ein Adler zeugt keine Krähen. Sehen Sie, schon von der Römer Zeiten her, ist mein Stamm ...« Von der Römer Zeiten? fragte der Doktor erstaunt. »Von der Römer Zeiten!« antwortete der Herr von Flaming mit einem ruhigen Lächeln. »Meine Familie stammt aus Rom ab. Die Flaminier waren da ein sehr berühmtes Geschlecht. Unter einem Römischen Kaiser, ich weiß nicht welchem, wurden die edlen Familien gedrückt. Nun gingen einige der ältesten nach Deutschland an den Rhein, wo sie große Güter bekamen, um die Gränze gegen die Deutschen zu vertheidigen. Unter diesen war auch mein Ahnherr Flaminius.« Flaminius! Aber Sie heißen ja Flaming! »Ganz recht, lieber Doktor. Nach und nach nahmen meine Vorfahren Deutsche Sitten an, und auch den Deutschen Nahmen. Aus dem Lateinischen us wurde das Deutsche ing: Flaminius, Flaming .« Aber woher wissen Sie denn das, Herr Baron? »Ei, so ist es vielen Familien gegangen. Aus Geminius wurde Gemmingen, aus Sicinius Sickingen. Sie lächeln? Nur Geduld! (Er zog ein Buch hervor.) Ich will Ihnen Reinhardi de Gemmingen Discursus zeigen; darin ist es hell und deutlich erwiesen. Sie können nichts Gründlicheres lesen.« Ich glaube Ihnen, Herr Baron, sagte der Doktor. Aber während wir hier von den todten Flamingen reden, stirbt vielleicht eine lebende, Ihre Frau Gemahlin. – Mit diesen Worten ging er hinaus. 12 Der Freiherr runzelte die Stirn, las noch einmal den Beweis, daß die Gemmingen von den alten Römischen Geminiis abstammen, schlug dann in Hofmanns geographischem Lexikon, und in Ferretii Musa lapidaria zum tausendsten Male die Römischen Senatsfähigen Geschlechter auf, lächelte bei jedem Flaminius, welcher Konsul gewesen war, und sagte einmal über das andere: »aus dem Geschlechte stammt mein Sohn!« »Was willst du?« rief er endlich erhitzt einem Kammermädchen zu, das sehr eilig und mit verstörtem Gesichte in das Zimmer kam. Ach, sagte das Mädchen ängstlich; die gnädige Frau ist sehr schlecht! »Schlecht? das wolle Gott nicht! Nun, ich will kommen.« – Er warf das Buch zu, sagte: » Quinctius soll er heißen!« und folgte dem Mädchen nach, das vor ihm her die Treppe hinauf ging. Da lag die Frau von Flaming, todtenblaß, beinahe ohne Lebenszeichen, und der Arzt goß ihr Arznei ein. Der Freiherr blickte sehr mitleidig auf sie, nahm dann seinen Sohn auf den Arm, und hatte vor Freude über ihn die Mutter beinahe wieder vergessen. Frau von Flaming schlug jetzt die Augen auf, und sah ihren Sohn an ihres Mannes Brust gedrückt. Sie lächelte über den Anblick, hob die schwache Hand, als wollte sie Beide segnen, und sagte leise: wenn ich auch sterbe, so ist doch dein Wunsch erfüllt, geliebter Mann; du hast einen Sohn. 13 »Und Quinctius soll er heißen, liebe Frau!« sagte er freudig. Wie? fragte eine alte Tante der Mutter; wie soll er heißen? »Quinctius!« antwortete der Freiherr triumphirend. Wie? fragten zehn adelige Damen aus der Nachbarschaft, die hier waren, und drängten sich um den Freiherrn her. »Quinctius!« war die Antwort. – Quinctius? wiederholten alle Damen erstaunt, schüttelten die Köpfe, und gingen eine nach der andern in ein Nebenzimmer. Nur die Mutter lächelte, und sagte leise: ein recht hübscher Nahme! Der Freiherr küßte seine Frau, und wollte dann wieder mit seinem Sohne spielen; der Arzt trieb ihn aber hinunter, weil die Wöchnerin der Ruhe bedurfte. Die Damen im Nebenzimmer schüttelten noch immer die Köpfe. Quinctius! sagte die eine; den Nahmen habe ich nie gelesen, im Kalender so wenig, als sonst wo. – Und im Kalender, sagte die gelbe Frau von Amsel, die so gern schmaus'te, muß doch jeder stehen; wie soll man sonst den Nahmenstag feiern? – Und ein Heidennahme ist es, wenn er nicht im Kalender steht, sagte die fromme Frau von Donner. Jetzt kam der Arzt, und gebot den Damen Stille; denn sie waren bei dieser Untersuchung ziemlich laut geworden. Man bat ihn, den Freiherrn doch von diesem Nahmen abzubringen. Er mußte es versprechen, wenn er Ruhe haben wollte; und so ging er zu dem Vater hinunter. Kaum fing der Arzt von dem Nahmen des Kindes an, 14 so unterbrach ihn der Freiherr mit großer Lebhaftigkeit: »Sagen Sie mir, lieber Doktor, kann ich einen besseren Nahmen für den Jungen in der ganzen Welt finden? Quinctius! Quinctius! Und ein Zufall hat mich daraufgebracht.« Aber woher haben Sie den Nahmen? und warum gerade den? »Eigentlich heißt meine Familie das Geschlecht der Quinctier. Sie theilte sich in drei Linien: Flaminius, Capitolinus und Cincinnatus. Sehen Sie, hier in diesem Buche finden Sie es gedruckt.« (Er zeigte ihm, was darüber im Ferretius steht.) »Sie werden nun sagen, so ist Quinctius eigentlich ein Zunahme, und kein Vornahme; aber bei den Römischen Familien stand der Zunahme immer voran. Darum, sehen Sie ...« – Nun gerieth der Freiherr so tief in diese Untersuchung, daß er zuletzt sogar auf dem Punkte stand, seinem Sohne auch die Nahmen der beiden andern Nebenlinien zu geben. Der Arzt lenkte schnell mit der Frage ein: wäre es nicht gut, wenn Ihr Sohn auch einen Nahmen aus der Familie Ihrer Gemahlin bekäme? Die Nothaffts, dachte der Arzt, werden doch nicht etwa auch aus Rom abstammen sollen? Und so bekommt der Knabe doch Einen Kalendernahmen. – Der Freiherr antwortete mit großer Freude: »Herrlich! herrlich! Ihr Einfall ist Geld werth.« Er riß ungestüm den Buzzelinus aus der Bücherreihe, um einen Nahmen aus der Familie Nothafft zu suchen, holte noch ein Paar andere Bücher, nahm endlich Rüxners altes Turnierbuch, blätterte lächelnd, und sagte dann: »Hier! hier! Sehen Sie, auf dem merkwürdigsten 15 aller Turniere, dem zu Heidelberg 1481, war ein Nothafft im Gefolge des Herzogs von Bayern; und nach dem soll mein Sohn genannt werden. Eben hieraus kann ich beweisen, daß die Familie meiner Frau eigentlich Nothafft zu Wernberg heißt. Sehen Sie hier, lieber Doktor.« – Der Arzt las: Heymeran Nothafft zu Wernberg. – »Wahrhaftig, Ihr Einfall ist nicht zu bezahlen. Der Junge soll heißen: Quinctius Heymeran von Flaming .« Man denke sich das Erstaunen des Arztes! Heymeran, gnädiger Herr? Auch der Nahme steht nicht im Kalender. »Aber im Rüxner. So hieß ein sehr edler Vorfahr meines Sohnes. Denken Sie nur! er ist bei dem Turniere gewesen, das der Pfalzgraf Philipp der löblichen Gesellschaft des Esels Die Ritter aus den vier Landen waren in Gesellschaften getheilt, welche ihren Nahmen von Thieren hatten; als Gesellschaft des Esels, des Steinbocks, des Einhorns, u.s.w. in Heidelberg gehalten hat. Und – allen Respekt für die Heiligen; aber ich will lieber im Rüxner stehen, als im Kalender.« Ich halte es überhaupt für kein Verdienst, im Kalender neben Heiligen, oder im Turnierbuche in der löblichen Gesellschaft des Esels zu stehen; allein ... – Der Baron warf unwillig den Rüxner zu. »Sie mögen es«, sagte er stolz und kalt, »für ein Verdienst halten, oder nicht: – genug, mein Sohn heißt, nach zweien seiner edelsten Vorfahren, Quinctius Heymeran von Flaming; und damit Basta!« 16 Und wirklich, das Kind wurde Quinctius Heymeran getauft, so viel auch die Pathen und der Prediger noch am Tauftage dagegen einzuwenden hatten. Die sanfte, verständige Mutter sagte gar nichts; und als man ihr Vorwürfe darüber machte, erwiederte sie: es ist meines Mannes Sohn; und wenn er ein redlicher Mann wird, wozu ich Gott um seinen Segen bitte, so mag er heißen, wie er will. Pathen und Nachbaren schalten Anfangs auf den Herrn von Flaming; er nahm aber jeden, der ihn tadelte, mit hinunter in sein Zimmer, und bewies, daß es Sünde und Schande wäre, seinen Kindern nicht die Nahmen ihrer Ahnherren zu geben. Man urtheilte nun milder über den Baron, und fing in Kurzem sogar an, ihn bei Taufen zu Rathe zu ziehen. So kamen in Flamings Nachbarschaft einige vergessene Nahmen, als Wolfgang, Edgar, Redgar u.s.w., wieder in Gebrauch, weil Bischöfe, Äbte und Turnierritter unter den Ahnherren einiger Familien so geheißen hatten; ja, Rüxner und die alten Turniere wurden damals dem umwohnenden Adel durch den Freiherrn von Flaming eben so bekannt, wie sie es jetzt der Deutschen Lesewelt durch ihre Ritterromane sind. Flaming galt um so mehr für ein Orakel in Adelsangelegenheiten, da er die Kunst verstand, das Siegel der Heiligkeit auf seine Bücher zu drücken; er gab Niemanden eins davon, am wenigsten das Turnierbuch, in die Hände. Jedesmal, wenn er dieses hervorzog, versicherte er, es sey das einzige in seiner Art, und seit dem letzten Turniere 1487 in ununterbrochener Reihe bei seiner Familie gewesen. 17 Dadurch machte er sich zum Schiedsrichter in allen Streitigkeiten der adeligen Familien über ihr Alter, und hatte oft die Freude, von ihnen bei Verheirathungen und in vielen andern Fällen um Rath gefragt zu werden. Jetzt fing man auch an, es für den unverschämtesten Neid zu erklären, daß einige bürgerliche Gelehrte behaupteten, keine adelige Familie könne ihre Ahnen weiter als bis in das vierzehnte Jahrhundert mit Urkunden belegen, da Rüxner doch viele Familien bis 939 beurkundete. Ehemals war die Verbindung des reichen Barons von Flaming mit dem armen Fräulein von Nothafft als eine Mißheirath angesehen worden; doch nun dachte man anders, da man im Rüxner schon 939 eine von Nothafft am Hofe des Kaisers fand. Die jetzige Frau von Flaming hatte als Fräulein mit ihrer Tante in einem Städtchen dieser Gegend sehr bescheiden und eingezogen gelebt, aber dennoch der Verläumdung nicht entgehen können. Sie war eben so gutherzig als reitzend, und gab von dem Wenigen, was sie hatte, den Armen des Städtchens ihren Theil. Man sprach daher Anfangs nur von dem wohlthätigen , aber bald auch von dem schönen Fräulein von Nothafft. Einige junge Herren sahen sie am Fenster, lobten ihr Gesicht, gingen und ritten die Straße, worin sie wohnte, täglich auf und nieder, brachten Nachtmusiken, und suchten Bekanntschaft in den Häusern neben an und gegen über, weil sie nun einmal nicht zu dem Fräulein kommen konnten. Das gab Aufsehen, und bald wurde auch zwei Meilen rund um das Städtchen her auf allen adeligen Rittersitzen von dem schönen Fräulein 18 gesprochen. Die Damen fingen an, ihr Gesicht zu tadeln; aber alle Männer vertheidigten es. Nun wollte man ihre Tugend verdächtig machen; allein auch das konnte nicht gelingen, da selbst die ärgste Bosheit nichts an ihrem Verhalten zu tadeln fand. Endlich griff man ihren Adel an. »Nothafft! Nothafft!« Niemand hatte diesen Nahmen schon sonst gehört. »Hm!« sagte ein Fräulein, mit gerümpfter Nase; »das Mädchen ist hübsch, arm und eitel. Nun möchte es gern eine gnädige Frau werden; darum giebt es sich für ein Fräulein aus.« Auch das wirkte abermals nicht lange; Todte und Lebendige vereinigten sich, das gute Mädchen in Schutz zu nehmen, und der alte Rüxner schien sein Buch recht absichtlich für sie geschrieben zu haben. Der Freiherr Flaming hörte in einer Gesellschaft das Fräulein von Nothafft nennen und ihren Adel verdächtig machen. Er schüttelte den Kopf, schlug zu Hause seinen Rüxner nach, blätterte, zählte, schrieb auf, und erstaunte, als er fand, daß zwei und dreißig Nothaffte turniert haben, und daß sogar bei dem ersten Turniere 939, unter Kaiser Heinrich dem Vogelsteller, zu Magdeburg, ein Fräulein Katharina von Nothafft aus Schwaben zur Helmschau gewählt wurde. Da er eben so wenig an der Ächtheit des Turnierbuches zweifelte, als die Verfasser unserer Ritterromane, die es ausschreiben, so empfand er auf einmal die größte Ehrfurcht für die Familie von Nothafft. Jetzt lag ihm sehr viel daran, zu erfahren, ob das schöne Fräulein sich den ehrwürdigen Nahmen Nothafft nicht etwa nur angemaßt habe. Daher ritt er schon den folgenden Tag in 19 das Städtchen, und ging gerade nach dem Hause, worin das Fräulein wohnte. Er traf die Tante allein, und leitete die Unterredung bald zu der Frage: »wo stammt denn Ihre Familie her, meine gnädige Frau?« – Aus Schwaben, antwortete die Tante, und erzählte ihm nun, da sie auf eins ihrer Lieblingskapitel gebracht war, Alles, was sie von der Familie ihrer Nichte wußte. Zuletzt zeigte sie ihm ihren Stammbaum, und ein Paar alte Urkunden: das einzige, was sie von dem Glanz ihrer Vorfahren noch übrig hatte. Jetzt kam das Fräulein selbst, und diese reitzende Blondine machte auf das Herz das Barons fast eben so tiefen Eindruck, als ihre Stammmutter Katharina im Rüxner auf ihn gemacht hatte. Im Gespräche nannte die Tante das Fräulein: Veronika. » Veronika heißen Sie?« fragte der Freiherr mit Erstaunen. – Der seltsame Nahme, erwiederte das Fräulein lächelnd, ist mit dem Nahmen Katharina in unserer Familie eisern. »O schön! schön!« sagte er. »Weiter brauche ich nichts zu wissen: denn, mein Fräulein, eine Katharina von Nothafft war 939 bei dem ersten Turnier in Deutschland; und bei dem dritten zu Kostanz 948 wieder eine Veronika von Nothafft. Wahrhaftig, man müßte Sie schon des Nahmens wegen lieb haben!« – Das Fräulein lächelte. Die Tante erzählte ihm die traurigen Begebenheiten, welche sie aus Schwaben bis hieher getrieben hatten. Hier sind wir nun, fuhr sie dann fort, ohne Freunde, ohne Bekannte, ohne Landsleute, ohne ... – »Landsleute?« unterbrach sie Flaming. Um Vergebung, die haben Sie hier 20 wohl. Meine Familie stammt ebenfalls aus Schwaben; doch eigentlich aus Rom.« Er setzte nun beiden Frauenzimmern die Geschichte seiner Familie aus einander, und untermischte sie beständig mit den ehrfurchtsvollsten Anerbietungen seiner Freundschaft. Endlich nahm er sehr zärtlich von seiner schönen Landsmännin Abschied. Doch schon nach einigen Tagen war er wieder bei ihr. Er fing an, ihren sehr vollständigen und schönen Stammbaum ordentlich zu studieren, und bat um Erlaubniß, sich eine Kopie davon machen lassen zu dürfen. Sein eigener Stammbaum, der im Tafelzimmer an der einen Spiegelwand hing, war fast eben so groß. Oft stand Flaming betrachtend vor ihm, und jedesmal sagte er in sich, oder halblaut: »wenn der Stammbaum des Fräuleins an der zweiten Spiegelwand hinge, so ...« – Er trat vor die zweite leere Spiegelwand, und schüttelte den Kopf. Einen Monat nachher war das schöne Fräulein seine junge Frau, und er wußte in der That nicht, ob er sich mehr über sie oder über ihren Stammbaum an der zweiten Spiegelwand freuen sollte. Natürlicher Weise gab das in der ganzen Gegend viel albernes Geschwätz; denn der Freiherr von Flaming war reich, und manche gnädige Frau hatte bisher noch immer gehofft, daß er ihr Schwiegersohn werden sollte. Fast alle Familien in der Nachbarschaft brachen ihren Umgang mit ihm ab, fingen ihn aber nach vier Wochen wieder an, weil sie neugierig waren, die Bettlerin kennen zu lernen, welche den reichen Flaming in ihr Netz geschwatzt hatte. So kam denn alles wieder in die vorige Ordnung; und nach der 21 Taufe des kleinen Quinctius Heymeran war man sogar billig genug, sich nicht mehr darüber zu wundern, daß der reiche Herr von Flaming das arme Fräulein von Nothafft geheirathet hatte. Die Unterthanen und die Domestiken des Freiherrn aber dankten schon früher Gott dafür, daß es geschehen war; denn sie beteten die gnädige Frau, als ihren Schutzengel, als ihre helfende Gottheit in allem Unglück, an. Der kleine Quinctius Heymeran wurde indessen von Tage zu Tage größer, und munterer. Er trieb mit Stecken- und Wiegenpferden einen so argen Lärm, daß Allen die Geduld verging, nur seinem Vater nicht. »Laßt ihn reiten!« sagte dieser; »ein Edelmann gehört auf den Sattel. Sein Pathe ist Heymeran, ein Turnierritter, und der Bürgermeister oder Konsul von Rom, Quinctius.« Haben denn die Bürgermeister von Rom auch so unbändig geritten? fragte die Mutter. »Bürgermeister, mein Kind«, erwiederte Flaming, »war so viel als Reichs-General-Feldmarschall; und es versteht sich, daß der reiten mußte. Dem Jungen steckt das Reiten im Blute.« So wurde der Knabe sechs Jahre alt, und kannte nun schon die edle Turnierkunst; denn sein Vater unterhielt ihn davon so oft, daß sogar den Bedienten und Wärterinnen die Turniersprache ganz geläufig wurde. Wenn das Kind mit nichts beruhigt werden konnte, so stellten Mägde und Bedienten mit ihm ein Stechen im hohen Gezeuge an. Ein Domestik trommelte aus Leibeskräften, ein Jäger blies das Horn, und der Knabe rannte einen Bedienten zu Boden. 22 Sobald der Freiherr die Trommel und das Horn hörte, stand er von jeder Arbeit auf, ging in die Kinderstube, und sah mit freudigen Augen den Thaten seines Sohnes zu. Die Mägde theilten am Ende den Dank aus, und man tanzte nach den fürchterlichen Tönen der Trommel und des Hornes. Oft fragte die Frau von Flaming ihren Mann in seinen zärtlichsten Stunden: soll denn unser Sohn nichts anderes lernen, als turnieren? Dann erwiederte er: »Quinctius ist ein Edelmann; der braucht nichts zu lernen, als reiten, fechten und tanzen. Darum nennt man das: die adeligen Exercitia , weil das ein Adeliger nothwendig können muß. Alles Übrige ist nicht nöthig.« Wie? fragte sie bestürzt, aber doch sanft: wie? nicht lesen, nicht schreiben? »Nun ja, das auch, versteht sich; aber damit hat es noch immer Zeit, liebe Veronika.« Sie versuchte es oft, ihren Gemahl ganz leise an die Vorstellung zu gewöhnen, daß ein Edelmann mehr als reiten, jagen, essen, trinken und schlafen können müsse, wenn er auf die Achtung der geringeren Stände Ansprüche machen wolle. Allein das war tauben Ohren gepredigt. »Lirum, larum!« sagte der Freiherr. »Mehr wissen? Darauf kommt es, Gott Lob! nicht an in der Welt. Sieh, mein Pastor, mein Justizamtmann, mein Aktuarius wissen alle mehr, als ich; und hast du schon gesehen, daß sie mir nicht die gehörige Achtung erweisen? Ich wollte ihnen aber auch nicht rathen, daß sie sich anders betrügen; denn ich bin Reichsfreiherr, 23 und sie leben meiner Gnade. Da steckt es, Veronika. Achtung! Narrenpossen! Der Edelmann ist Edelmann; darum muß ein Bürgerlicher ihn achten und ehren. Von Dummheit sage ich nicht; ein Dummkopf muß er nicht seyn. Aber gesunden Menschenverstand und einen Stammbaum, liebe Frau, und ein ehrliches Herz in der Brust: mehr braucht der Adelige nicht. Das Übrige gehört für den Bürger: predigen, richten und kuriren. Daß in jedem Kollegio ein Edelmann zum Präsidenten gemacht wird, ist gut; denn er hat Räthe und Sekretaire, die für ihn arbeiten. – Ja, sie sollten mir einmal die Achtung versagen, die ich als Freiherr fordern kann!« Lieber Mann, du weißt und verstehst aber, außer dem Reiten und so ferner, noch vieles Andre. »Nun ja, so ein wenig Wapenkunst; Geschichte, wie es in Deutschland hin und wieder zugegangen ist; Turnierkunst; und vom Papste, daß er keinem lutherischen Edelmanne das Turnieren verbieten darf; und so noch allerlei. Ja, das weiß ich aus Büchern. Aber, Veronika, dazu gehört nur gesunder Menschenverstand; denn ich habe mein Tage nichts gelernt, als lesen und schreiben. Das Alles soll Quinctius auch noch lernen, und er lernt es jetzt schon. Liebe Veronika, der Junge weiß ja mehr, als die meisten Adeligen in unsrer Nachbarschaft; er kann die sechs und dreißig Turniere in Deutschland beinahe auf den Fingern herzählen.« Aber, lieber Mann, wird ihn das glücklicher machen, als er ist? wird ihm das Muth im Unglück geben? 24 »Das Studieren auch nicht, wahrhaftig nicht. Ist er eine Memme, so heult er im Unglück; ist er ein Mann, so trägt er es still weg. Gerade die Gelehrten sind da die ärgsten Memmen.« Aber wie soll er Unglück vermeiden lernen? »Ei, so frag! ... Wenn er ein ehrlicher Mann ist, und kein Dummkopf dabei, so hat es mit dem Unglück nichts zu sagen. Und schlägt das Gewitter ein, brennt das Haus weg, oder richtet der Hagel eine Ernte zu Grunde, da ist ein Magister nicht um ein Haar klüger, als ein Edelmann.« Wenn er ein ehrlicher Mann ist, sagst du. Aber wer soll ihn lehren, ein ehrlicher Mann, ein guter Gatte, ein guter Vater, ein guter Herr, und ein guter Mensch zu werden? »Nun, dazu lernt er ja die Turniergesetze. Hält er die, so wird er kein schlechter Kerl seyn, vor dem die beiden Stammbäume da sich zu schämen hätten. Du glaubst nicht, was für Kraft in den Turniergesetzen steckt!« Aber, lieber Mann, die Turniere sind ja abgeschafft. »Leider! Allein von wem? Vom Pabste. Gott Lob! wir glauben nicht an den Pabst, und brauchen also auch seine Befehle nicht zu achten. Ein lutherischer Edelmann kann immer wieder turnieren, und das Corpus evangelicorum beim Reichstage muß ihn dabei schützen. ... Sage mir nur, wenn Quinctius ein ehrlicher Mann wird, gilt es dir nicht einerlei, wie er es geworden ist?« Das könnte mir wohl einerlei gelten; aber wenn er es nun auf eine andere Weise leichter würde, so ... – »Leichter? Das verstehst du nicht, liebe Frau! Mit einem 25 Bürgerlichen, der ein Schurke ist, hab' ich Mitleiden; ist aber ein Edelmann ein Schurke, so möcht' ich Gift und Galle speien: denn dem ist es doch zehnmal leichter, ehrlich zu seyn, als einem Andern. Will er einen schlechten Streich begehen, so muß ihm ja, wenn er kein Hurkind ist, das edle Blut in den Adern brennen. Die Ehre, die adelige Ehre, die kein Bürgerlicher hat, muß ihn ja mit Gewalt abhalten; alle Vorfahren müssen sich ihm in den Weg stellen. Nun sieh, die Ehre unseres Quinctius ist von Mutter-Seite – ich will nur vom ersten Turniere in Magdeburg an rechnen – achthundert, und von Vaters-Seite über zweitausend Jahre alt.« Aber, lieber Mann, giebt es denn nicht viele Edelleute, die, trotz ihrer alten Ehre, schlechte, unredliche Menschen sind? »Da steckt es ja eben, liebe Veronika! Diesen Leuten hat man ihre adelige Ehre nicht theuer, nicht heilig genug gemacht. Sieh, da predigte man ihnen: du mußt rechtschaffen seyn, weil es geboten, weil Rechtschaffenheit ein Vergnügen ist. An den Edelmann, an die adelige Ehre, an Stammbaum und Ahnen wurde mit keiner Sylbe gedacht. Recht thun ist ein Vergnügen. Ja, ja! Da kommen Fleisch und Blut, böse Gesellschaft und Verführung, und sprechen aus einem andern Tone; und da werden es schlechte Leute. Aber ich, sieh, Veronika, ich nehme unsern Quinctius vor, und mache das Gefühl seines Adels, seiner adeligen Ehre bei ihm rege; er muß in jedem Blutstropfen fühlen, daß seine Vorfahren in Rom und Schwaben Konsuln, Turnierhelden und edle Männer gewesen sind. Sieh, wenn er nun 26 da steht, wie ein lebendiger Stammbaum, dann hole ich den Rüxner, – er nahm das Buch in die Hand, und schlug auf – und lese ihm vor, wie folget. Höre zu, Veronika! ›1) Wer mit frevelen Worten oder Werken bekennt, daß er kein Christ ist; 2) wer wider sein Deutsches Vaterland öffentlich oder heimlich frevelt; 3) wer Frauen oder Jungfrauen entehrt oder schwächt, oder dieselben schmähet mit Worten oder Werken; 4) wer siegelbrüchig, meineidig und ehrlos erkannt, oder nur dafür gehalten wird; 5) wer seinen Herrn verräth, oder in der Noth verläßt, seine Unterthanen ohne Recht drückt und unglücklich macht; 6) wer seinen Freund verräth; 7) wer Kirchen, Witwen oder Waisen bekriegt; 8) wer im Kriege Äcker, Weinberge oder Früchte verheert, oder auf den Straßen raubt; 9) wer seinen Nachbaren Unrecht thut; 10) wer seinem Eheweibe nicht treu und hold ist; 11) wer bürgerliches Gewerbe treibt, und so den Bürgern schadet; und 12) wer nicht vier Ahnen von Vater und Mutter erweisen kann: der soll nicht zum Turnier einreiten, sondern öffentlich geschlagen, und auf die Schranken gesetzt werden.‹« Flaming blickte, als er das gelesen hatte, starr auf seine Frau. »Und nun«, fing er dann sehr ernst an, »sage mir, liebe Veronika, enthalten diese zwölf Turnierstücke nicht alles, was zu einem ehrlichen Edelmanne gehört?« Ganz recht! Wollte nur Gott, daß alle Adeligen diese Gesetze hielten! Aber, lieber Mann, wenn jemand sich vor der Hölle fürchten soll, so muß eine Hölle da seyn. Wo ist denn das Turnier, in das der Ehebrecher nicht einreiten darf? die Schranken, auf die ein Mädchenverführer gesetzt wird? 27 Der Freiherr wurde ein wenig verlegen. – »Darum sage ich eben, es ist ein Unglück, daß die Turniere abgeschafft sind; denn freilich, jetzt hält es ja mancher Adelige ordentlich für eine Ehre, wenn er Mädchen verführen kann. Aber was thut das! Ich werde sagen: Quinctius, das alles hielten deine Vorfahren; und darum, waren sie edle Leute. Wenn du also eins dieser Stücke brichst, so bist du nicht werth, ein Edelmann zu seyn; so mußt du jedesmal roth werden, wie ein gesottener Krebs, wenn man dich Herr Baron nennt, oder wenn du sagst: auf Kavalierparole; du mußt dich jedesmal an die Stirn schlagen, wenn du deine Kinder ansiehst.« Wenn nun aber Quinctius merkt, daß das nicht ist, was du ihm drohest? »Ei, wenn ihn Gewissen und Ehre nicht halten, so wird es auch Furcht vor der Hölle nicht thun.« Aber Gewohnheit zu arbeiten wird ihn abhalten, und eine ausgebildete Vernunft ihn sichern. Jeder Mensch, dünkt mich, sollte schon dazu viel lernen, daß er Beschäftigung hätte; denn Müßiggang, weißt du wohl, ist ... – »Eben darum turniert er ja jetzt; und wenn er älter ist, soll er reiten, fechten und tanzen. Du hast Recht. Holz hauen hilft mehr gegen Fleisch und Blut, als lesen, schreiben und studieren. Ja, ja, Turnier, Turnier! darin steckt es.« Man sieht, es wäre nur auf eine Erklärung zwischen dem Freiherrn und seiner Gattin angekommen, so hätten sich Beide mit einander vereinigt; denn was er Ehre nannte, war im Grunde einerlei mit ihrer ausgebildeten Vernunft. Sie wollte, weil sie ihren Sohn liebte, ihren Plan gern 28 durchsetzen; aber sie sah wohl, daß es mit Widerspruch nicht ging. Daher schwieg sie, und suchte es auf eine andre Weise dahin zu bringen, daß Quinctius nach ihrem Sinne erzogen würde. Der Freiherr saß oft bei einem Buche; und ihm gegenüber strickte oder nähete sie. Er machte während des Lesens von Zeit zu Zeit sehr verdrießliche Gesichter, und endlich warf er sogar den Quartanten, den er vor sich hatte, mit einer Art von Zorn an die Erde. Gefällt dir das Buch nicht? fragte sie mit ihrer beruhigenden Miene. – »Das Buch ist gut; aber das verwünschte Latein, das alle Augenblicke darin vorkommt! Man möchte toll werden. Ich bin, wie der Prinz in der Feengeschichte. Da steht die Prinzessin, in die er verliebt ist. Eben streckt sie die Arme aus, und will ihn umfassen; aber eine dicke Mauer fällt zwischen ihm und ihr nieder, und er küßt einen kalten Stein, anstatt der warmen Lippen. Das verwünschte Latein! Sieh, da habe ich mir schon seit acht Tagen den Kopf zerbrochen. Die Frau von Amsel will wissen, ob ein fürstlicher Rath adeligen Rang habe, oder nicht. Es ist wegen des Geheimenraths Müller, von dem man nicht weiß, ob man ihn bitten kann, oder nicht. Da finde ich nun eine Stelle, – er holte das Buch wieder – die das, wie ich denke, aus einander setzt. Ich lese und lese. Der eine sagt ja, der andre nein. Da ist nun ein Mensch, Namens Rhätius; der sagt: daß solche Leute, als Räthe und Doktoren, nur in etlichen Stücken dem Adel gleich gehalten werden. Recht, denke ich; nur in etlichen Stücken. Aber in welchen? Und gerade diese Stücke nennt 29 er, als ob er es mir zum Possen thäte, Lateinisch, wovon ich kein Wort verstehe. Ja, ja! das verwünschte Latein! Und das Buch ist doch für den Adel geschrieben!« Das ist aber auch einfältig, sagte die gnädige Frau mit einer schon triumphirenden Miene; und ich sähe es so herzlich gern, daß unser Quinctius recht erführe, wie er mit seinem Adel daran ist. Wirklich, er sollte Latein lernen; so erführen wir doch Alle, wie es damit steht. Kommt denn oft Latein vor? »Oft? O, das Latein hat mir in meinem Leben mehr üble Stunden gemacht, als Wind und Wetter. Sieh!« (Er rückte seinen Sessel neben seine Frau, und sah sie vertraulich an.) »Du wunderst dich vielleicht, warum ich dir so wenig von meinen Vorfahren erzählt habe; allein ich weiß nicht viel mehr von ihnen, als daß sie in Rom gelebt haben und berühmte Männer gewesen sind. Ihre Thaten sind, leider! in dem verwünschten Latein geschrieben. – Ach, Ronichen! (setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu) ich könnte ein großer Mann seyn, wenn ich Latein gelernt hätte! ... Ich wollte, daß der Mann, der die Sprache erfunden hat, in der untersten Hölle säße!« Aber so laß wenigstens Quintchen Latein lernen. Er muß doch wissen, wer seine Vorfahren gewesen sind. Denke nur, wenn er uns in den langen Winterabenden vorlesen könnte, was deine Ahnherren vor zweitausend Jahren gethan haben! Der Freiherr sprang auf, ging mit raschen Schritten im Zimmer hin und her, sann, lächelte, und warf sich in 30 die Brust, weil er die Thaten träumte, die seine Vorfahren gethan haben könnten. Auf einmal blieb er vor seiner Frau stehen und sagte: »Quinctius soll Latein lernen; doch nicht mehr, als ihm höchst nöthig ist. Geld will ich nicht sparen; aber einen Pedanten sollen sie mir nicht aus ihm ziehen. Ein Edelmann muß er bleiben. Er gehört auf's Pferd, und nicht hinter's Tintefaß. Ich weiß, bis auf das verdammte Latein, alles, was ein Edelmann wissen muß; und wenn die Thaten meiner Ahnen nicht von einem Narren Lateinisch beschrieben wären, so läge auch daran weiter nichts. Denn kurz und gut, mit dem heidnischen Werk und Wesen, Venus, Jupiter, und Aristoteles – weg damit! Wir sind Christen, und unsere Vorfahren, Veronika, haben bei allen Turnieren gelobt, das Christenthum aufrecht zu erhalten. Damit Basta! Latein soll er lernen; aber christliches Latein. Alle meine Vorfahren sind Christen gewesen, von dem ersten Flaminius an, bis jetzt.« Die Frau von Flaming war froh, daß sie ihren Endzweck wenigstens zur Hälfte erreicht hatte. Es wurde ein Hofmeister verschrieben, dabei aber sogleich die Bedingung gemacht, daß er den Junker nicht mehr lehren sollte, als der Vater bestimmen würde. Und nun ging der Baron sogleich an die schwere Arbeit, eine Instruktion für den Hofmeister aufzusetzen, die er auch nach vielem Ausstreichen und Umarbeiten endlich zu Stande brachte. Er besaß nicht ein einziges Buch, das von der Erziehung handelte; folglich konnte er seine Grundsätze darüber nicht geradezu entlehnen. Doch nützte er seine kleine Bibliothek, 31 besonders Rüxners Turnierbuch, Reinhards Grafen von Solms Ursprung des Adels, Spangenbergs Adelspiegel, Prauns adeliges Europa, und Lerchii de Dürnstein vom alten Herkommen des reichsritterlichen Adels. Diese Bücher, ferner einige schon genannte, und noch einige Lateinische vom Adel, die der Baron zwar nicht verstand, deren Titel er aber in der Instruktion sehr gelehrt mit anführte, machten seine ganze Bibliothek aus. Der verschriebene Hofmeister, Beyer, kam. Der Baron empfing ihn sehr adelig; er blieb in seinem sammetnen Lehnstuhle sitzen, neigte den Kopf sehr vornehm und sagte: »morgen werden Sie Ihre Instruktion von mir bekommen.« Die Frau von Flaming empfing ihn stehend, mit dem holden, gütigen Blicke, der ihr sogleich jedes Herz gewinnen mußte. Am folgenden Morgen bekam er die Instruktion durch einen Bedienten. Als er sie so eben durchsehen wollte, trat die Frau von Flaming in das Zimmer, und sagte mit ihrer sanften, liebkosenden Stimme: »Ehe Sie lesen, lieber Herr Beyer, muß ich Ihnen sagen, wer mein Mann ist – der edelste Mann auf der Welt, ehrlich, redlich, gütig, hülfreich, dankbar, offen. Fragen Sie seine Domestiken, seine Unterthanen; Sie werden nur Eine Stimme darüber hören. Bei allen diesen Tugenden hat er nur Eine Schwäche. Er liebt den Adel ein wenig zu sehr; doch ohne deshalb andere Menschen zu verachten. Sie sind der Erzieher meines Kindes; Sie mußten das wissen, um, wenn Sie seine Schwäche bemerken, darüber seine Tugenden nicht zu vergessen. Er wird thun, was Sie wünschen; nur richten 32 Sie es so ein, daß Ihre Wünsche seinem Vorurtheile nicht in den Weg treten. Sie werden meinen Mann achten, wenn Sie ihn kennen; mir aber, hoffe ich, werden Sie Ihre Freundschaft schenken. Der Lehrer des Sohns muß, dünkt mich, der Freund der Mutter seyn.« – Sie reichte Beyern die Hand, und ging nach einer freundlichen Verbeugung. Beyer fing nun an, seine Instruktion zu lesen. Den Eingang machte eine Betrachtung über den Unterschied der Stände und dessen Notwendigkeit. Hierauf folgte der Beweis, daß der Adel in der Natur des Menschen, in dem gesellschaftlichen Leben, und in der Deutschen Reichsverfassung gegründet sey. Dann kam der Freiherr auf die Erziehung eines Adeligen, und schloß aus dem Vorhergehenden, daß er anders erzogen werden müsse, als der Bürgerliche. Weiter untersuchte er die Pflicht, die Kinder zu erziehen, und berief sich auf Spangenberg über die Pflichten eines Adeligen gegen seine Kinder. Dann folgte das Detail der Erziehung. Der Baron verlangte, ganz gegen die damalige Sitte, für seinen Sohn eine Erziehung ohne alle Schläge. »Schläge«, sagte er, »gehören für Knechte und knechtische Gemüther, keinesweges für Edelleute, die nichts aus Zwang, sondern alles aus Liebe thun sollen.« Er berief sich auf die Reichsgesetze, welche verbieten, einen Edelmann zu stäupen; und setzte hinzu: »denn ein Edelmann darf in seinem ganzen Leben nur Einen Schlag leiden, den Ritterschlag; und den dürfen Sie, als ein Bürgerlicher, nicht geben.« Zweitens verlangte er eine nicht pedantische Erziehung. Er behauptete hier: Mutterwitz 33 sey mehr wert als Gelehrsamkeit und erlernter Wortkram; darum solle der Hofmeister alles so treiben, daß der Knabe kein Dummkopf werde. Bei dieser Gelegenheit kam er auf die Turnierspiele, schimpfte auf den Papst, der sie aus Neid, weil er nicht turnierfähig sey, abgeschafft, und behauptete nebenher, daß ein großer Theil des Adels sich zu Luthern geschlagen habe, um diesem Befehle des Papstes aus dem Wege zu gehen, und daß also jeder protestantische Geistliche durch Dankbarkeit verpflichtet sey, die Turniere in Ehren zu halten. Dann kam die Moral eines Edelmannes, aus Rüxners Turnierstücken geschöpft und nach Dürnstein erweitert. Eine Verbindung mit einem bürgerlichen Mädchen stand unter den Sünden eines Adeligen oben an. Der Freiherr nannte sie: »eine Beleidigung der Seligen im Himmel, der Nachkommen, und der göttlichen Gesetze.« Er bewies die Schwere dieses Verbrechens aus dem Moses, welcher sage, daß die Engel durch ihre Mißheirathen mit den Töchtern der Menschen, der Erde die Sündfluth zugezogen hätten. Bei diesem Punkte war der Freiherr sehr ausführlich und eifrig. – Dann kam das, was sein Sohn lernen sollte. Latein; hier waren die heidnischen Schriftsteller sämmtlich verboten, auch alle übrigen, die von etwas Anderem, als vom Adel handelten. Unter den Schriftstellern, welche schlechterdings gelesen werden sollten, weil sie von den Deutschen adeligen Familien geschrieben hätten, standen, zum Erstaunen des Hofmeisters, Livius, Tacitus, Dionysius und Plutarch oben an. Griechisch und Französisch wurde schlechterdings zu lehren verboten. 34 »Französisch macht liederlich, und Griechisch dumm«, sagte der Freiherr. Adelsgeschichte, Wapenkunde, Deutsche Reichsgeschichte, Deutsche Sprache, alte sowohl als neue, sollte der Hofmeister fleißig treiben. Wider die Jesuiten, die Zigeuner und den Papst sollte dem Junker der tiefste Haß beigebracht werden, damit er sich nie in seinem Leben mit einem von ihnen einließe: wider den Papst der Turniere wegen, wider die Jesuiten und Zigeuner, die er für Eins zu halten schien, ihrer Verstellung wegen. Hinterher kam noch die Ermahnung an den Hofmeister: den Knaben ja anzuhalten, daß er seine eigenen Gedanken schriftlich aufsetze, weil nichts schwerer sey, besonders wenn man über die Erziehung schreiben wolle. Beyer konnte sich kaum wieder von dem Erstaunen erholen, in welches diese seltsame Schrift ihn versetzt hatte; ja, er gerieth auf den ganz natürlichen Gedanken, daß der Freiherr ein wenig verrückt seyn müsse. Indeß, was wollte er machen? Er war nun einmal Hofmeister, und mußte sich in die Zeit schicken lernen. Doch bald erfuhr er auch, daß manche von den Widersprüchen in seiner Instruktion nur Mißverständnisse waren. Der Baron ließ ihn nach einiger Zeit rufen, und fragte: »Haben Sie meine Instruktion gelesen?« Gelesen, aber nicht ganz verstanden, Ew. Gnaden. Sie verbieten schlechterdings das Lesen aller heidnischen Schriftsteller, und ... »Ganz recht; mein Sohn ist ein Christ, und soll es bleiben, durchaus!« 35 Aber, gnädiger Herr, Sie selbst haben einige Schriften von Heiden ausdrücklich zum Lesen mit dem jungen Herrn vorgeschrieben. »Wie? Was hätt' ich? Wo? Zeigen Sie mir! Wo?« Beyer zeigte ihm die Namen: Livius, Plutarch, Tacitus, Dionysius. »Sind denn das Heiden gewesen?« fragte der Freiherr mit großen Augen. »Wie kommen denn die unvernünftigen Menschen dazu, über den christlichen Adel zu schreiben?« Über den Adel, Ew. Gnaden? fragte Beyer mit eben so großen Augen. »Über den Adel!« erwiederte der Baron, und schlug ein Register der Römischen patrizischen Familien auf, das, wie der Titel sagte, aus diesen Schriftstellern gezogen war. »Über den Adel, wie Sie hier sehen.« Ja, Ew. Gnaden, über den Römischen Adel. Beyer erfuhr nun den Zusammenhang, worin die Familie des Freiherrn mit Rom stand. Die Ableitung des Nahmens Flaming von Flaminius gefiel ihm gar nicht übel; denn das etymologische Studium war sein Steckenpferd, und er hatte eine Dissertation über das Entstehen der Deutschen Sprache aus der Hebräischen geschrieben, worin er noch ärger zu Werke ging, als der Baron. Im Fortgange des Gespräches zeigte er diesem, das Wort Adel komme von dem Hebräischen Worte Atsilim , die Vornehmsten, her: eine Ableitung, für die der Baron die seinige vom Adler gern aufgab. Ferner bewies Beyer, daß die Juden eben so gesprochen hätten, wie die alten Deutschen. Denn, Ew. 36 Gnaden, sagte er, der Adel bei den Deutschen beruhet auf Helm und Schild. So spricht auch der Hebräer; er nennt die großen Herren: Schilde . In der Bibel steht: »Gott ist sehr erhöhet bei den Schilden auf Erden;« so heißt Gott: unser Schild ; wie auch das Wort Schild ganz Hebräisch ist. Die Idee, daß Gott selbst den Adel eingesetzt habe, nahm den Baron sehr ein. »Sie sind ein lieber, gelehrter Mann!« sagte er auf einmal, und drückte Beyern die Hand. »Recht! der Adel stammt von Gott; und so könnte man sagen, Gott hätte den ersten Heerschild. Hören Sie, mein Sohn soll Hebräisch lernen; aber ein Jesuit soll er nicht werden!« Beyer gewann des Barons Gunst immer mehr, besonders als er ihn aufmerksam darauf machte, daß die Juden nach einem ausdrücklichen Befehle Gottes ihre Stammregister hätten führen müssen. »Es ist ein wahres Glück«, sagte der Baron bei dieser Gelegenheit, »daß es mit den Stammbäumen der Juden ein Ende genommen hat; sonst müßten wir uns ja zu Tode schämen: denn wie wenige Deutsche Familien kennen ihre Ahnen bis zu den Zeiten Abrahams? Indeß sieht man doch, daß das Stammbaumwesen etwas Göttliches ist. So lange die Juden noch das auserwählte Volk Gottes waren, hatten sie Stammbäume; und folglich ist jetzt der Adel von Gott zu seinem Volk auserwählt, weil er Stammbäume hat.« Wie konnte der Baron an der Geschicklichkeit eines Mannes zweifeln, der den Adel aus dem alten Testamente ableitete? Er drückte also ein Auge zu, wenn er sah, daß Beyer seinen Sohn anders unterrichtete, als er gewünscht hatte. 37 Endlich aber fragte er doch: »wann wird mein Quinctius denn anfangen im Livius zu lesen? Wahrhaftig, meine Vorfahren, die Flaminier, haben ja kaum so viel Zeit gebraucht, ihre Thaten zu thun, als Quinctius, sie kennen zu lernen.« Der Baron ließ sich auf eine Weile von Beyern beruhigen; doch endlich riß ihm die Geduld. »Aber, Herr Beyer, was lernt der Junge? A von, Abacus der Rechentisch, Abdomen der Schmerbauch: das hör' ich tagtäglich. Sollte man nicht meinen, alle Flaminier müßten Schmerbäuche gehabt haben? Herr, mein Quinctius soll nichts lernen, als die Thaten seiner Vorfahren. Sagen Sie mir, was soll er mit den tollen Wörtern im Kopfe? Kann sich ein Mensch dabei etwas denken? Das muß ja meinen Sohn zu einem Dummbart machen. Nominativo! Genitivo! Herr, Sie haben ihn zum Narren, und mich dazu. – Vier Stunden sitze ich hier täglich still wie ein Bild auf einem Grabstein, und horche. Flaminius war unser Kontrakt, Herr, und nicht Singularis. Ich habe den Livius kaufen müssen, und da steht er.« Er legte den Livius auf den Tisch, und suchte. »Hier seh' ich nicht ein Wort von Quinctius und Flaminius.« Beyer suchte im Register, schlug im zweyten Buch Kapitel 56 auf, und zeigte dem Baron den Nahmen: Titus Quinctius Capitolinus . »He!« rief der Baron mit funkelnden Augen; »da ist einer von meinen Vorfahren. Quinctius, komm her, und betrachte dir den Nahmen recht! Nun, lieber Herr Beyer! fangen Sie hier einmal mit ihm an.« Beyer behauptete: der Junker könne unmöglich da lesen; das sey zu schwer. Der Baron aber, der nun einmal den 38 Nahmen eines von seinen Ahnherren vor sich hatte, wollte ihn durchaus näher kennen lernen; und so mußte sich Beyer bequemen, dem Freiherrn die Stelle zu übersetzen. Er fing an zu lesen: daß die Patrizier, um dem Volero einen Mann entgegen zu stellen, der sich durch den Übermuth des gemeinen Volkes nicht schrecken ließe, den Appius Claudius zum Consul erwählt hätten. »Sein College war«, fuhr er dann fort, »Titus Quinctius, ein ehrwürdiger Senator, ein Mann von sanftem, edlem Herzen, und der Liebling des Volkes.« »Der Volero wird übel ankommen!« fiel der Freiherr ein; »denn Quinctius ist wohl sanft, aber gewiß kein Schaf, mit dem man spielen kann. Weiter, Herr Beyer!« »Die neuen Konsuln kamen zusammen, und hielten Rath, wie sie den ungerechten Vorschlägen des Volero ausweichen könnten. Appius rieth, einen Krieg anzufangen, um dem gemeinen Volke Beschäftigung zu geben; Quinctius aber widersprach diesem Vorschlage. Ich halte es, sagte er, für ungerecht, unschuldige Völker zu bekriegen, die dem Römischen Volke keinen Anlaß zu Beschwerden gegeben haben. Ja, ich finde diesen Rath auch unweise; denn das Volk würde unsere Absicht merken, und sich weigern, die Waffen zu ergreifen. Wir würden uns beschimpft haben, ohne die Unruhe zu stillen.« »Beyer, das ist ein braver Mann, der Quinctius! Für den habe ich allen Respekt. – Sie sagen: das hätte ein Heide geschrieben? Gehorsamer Diener! Ein Heide würde einen Christen, wie den Quinctius, so loben! Da kenne ich die Heiden besser! Gehorsamer Diener.« 39 Ew. Gnaden, Quinctius war ja selbst ein Heide; diese Geschichten haben sich ja noch vor Christi Geburt ereignet. Der Freiherr wurde tiefsinnig; denn das Alter der Familie war ihm eben so lieb, als ihr Christenthum. Er schwieg einen Augenblick; endlich sagte er: »aber er spricht doch gerade, wie ein Christ. Nun, so hat schon christliches Blut in seinen Adern geflossen. Ein Heide? O, wenn nur alle Christen so dächten! Weiter, Herr Beyer.« »Quinctius Vorschlag ging durch, und Appius wurde der bitterste Feind seines Kollegen.« »Der Esel!« rief Flaming dazwischen. »Es ist bloßer Neid, glauben Sie mir, Herr Beyer. Aber ich denke, Quinctius wird ihn bezahlen.« »Volero machte sich die Uneigennützigkeit der Konsuln zu Nutze, und that einen neuen Vorschlag, der die Rechte des Adels noch mehr einschränken sollte.« »Der Volero ist ja der Teufel selbst. Den Kerl sollten sie hängen! Aber so geht es, wenn man uneinig ist. Ich will doch nicht hoffen, daß Quinctius etwa seine Parthei genommen hat?« »Der Rath versammelte sich. Appius rieth: jeder, der sein Vaterland liebe, solle sich bewaffnen, um die andere Parthei zu Paaren zu treiben; allein Quinctius ...« »Beyer, große Männer können auch fehlen. Das ist nichts. Den Volero hätten sie hängen sollen.« »Allein Quinctius schlug den Weg der Güte ein, und der Senat folgte ihm.« 40 »Seine Ursachen muß er doch gehabt haben, weil ihm der Rath folgte. Nun, wir wollen hören.« »Das Volk wurde versammelt. Quinctius hielt eine rührende Rede an dasselbe; und es wäre alles gut gegangen, wenn nicht Appius in seiner Rede auf die Tribunen und das Volk sehr bitter geschimpft hätte. Ein Plebejer (Unadeliger) stand auf, hielt gegen den Appius eine eben so bittere Rede, und schloß endlich mit der Äußerung: aber was fechten wir mit Worten gegen eine solche wilde Bestie? Das ...« »Bestie?« unterbrach ihn Flaming, und sprang auf. »Was tausend Teufel! so ein Hund schimpft einen Edelmann, einen Konsul? Das ist ja nicht möglich. Das steht da nicht! Litt denn das der Adel? Geschwind! Ich muß doch sehen, wie es dem Satan geht. Lesen Sie. Wie nahm sich denn mein Ahnherr dabei? Geschwind!« »Das Schwert soll entscheiden, und euch vom Adel lehren, daß die Leute, die ihr Pöbel nennt, nicht so verächtlich sind, als ihr glaubt; soll euch lehren, daß wir ...« »Der Kerl hat ja eine Zunge so spitz, wie eine Nähnadel! An den Galgen mit ihm!« »Nun entstand eine Stille im Volke. Der Tribun hob seine Blicke gen Himmel, und schwor bei allem, was ihm das Heiligste war: den Vorschlag durchzusetzen, oder zu sterben. Dann befahl er dem Appius, die Versammlung zu verlassen.« »Das ist ja himmelschreiend. Herr, schweigt denn der Adel immer, und läßt den Esel so reden?« 41 »Appius verachtete den Befehl, und rief seine Verwandten, Freunde und Klienten (ist so viel als Vasallen) zusammen, um sich der Gewalt zu widersetzen. Der Tribun sandte einen Büttel, um den Appius in Verhaft zu nehmen.« »Beyer, Sie haben Recht; das sind Heiden, und keine Christen. Einen Edelmann mit einem Büttel! ... Weiter!« »Nun ging eine Schlägerei an, die allgemein wurde. Quinctius aber warf sich in den dicksten Haufen, rettete den Appius, und brachte ihn nach Hause.« »Ha! ha! Triumph! Sieh da, ein Meisterstück von dem Quinctius! Ho ho! ich dachte es wohl, daß der den Adel, trotz seiner Feindschaft, nicht würde stecken lassen. Hast du gehört, Quintchen? Sieh, das war dein Ur-ur-ur-ur-Ältervater. Das ist ein Kapitalbuch, der Livius! Wo der Mann nur das alles her haben mag, was die Leute gesagt und gedacht haben! Geduld! ... Friedrich! Eine Flasche von Nr. I.! Wir müssen auf des Quinctius Gesundheit eins trinken!« Sie tranken Beide sehr vergnügt. Der Freiherr blätterte von Zeit zu Zeit sehr aufmerksam im Livius, und bemerkte endlich zu Anfange des vierten Buches: Quinctiorum Cincinnati et Capitolini . »Hier«, rief er freudig, »habe ich meine ganze Familie beisammen. Da lesen Sie einmal.« Beyer blickte in das Buch, und sagte: es steht hier bloß, Ew. Gnaden, die Familie des Quinctius habe die harten Maßregeln des Senats nicht gebilligt. »Gewiß wieder so ein Zank! Lesen Sie nur. Ich muß doch hören ...« – 42 Beyer schlug ein Blatt zurück, und fing an: »Genutius und Curtius folgten im Konsulat. Das war ein unglückliches Jahr; denn der Volkstribun Canulejus schlug ein Gesetz über die Freiheit der Ehen zwischen Adeligen und Bürgerlichen vor, und dann...« – »Halt einmal, Herr Beyer. Waren denn in Rom solche Mißheirathen verboten?« Wohl ohne Zweifel, Ew. Gnaden, da man hier ... – »Ganz recht, lieber Beyer. Ein Kapitalbuch! das sollte jeder Edelmann auswendig lernen. Lesen Sie doch weiter!« »Und die neun andern Tribunen schlugen vor, jeder vom Volke sollte die höchsten Staatswürden bekleiden können.« »Nein, das muß ich sagen, lieber Beyer, da sind wir Adeligen doch jetzt besser daran, als die da in Rom. An so etwas denkt bei uns kein Bürgerlicher. Das ist unerhört. Es passirt wohl einmal, daß ein Edelmann eine Bürgerliche heirathet; aber im Ganzen genommen halten wir doch auf Ehre. Und mit dem andern, das ist nun gar nichts. Wie kann ein Bürgerlicher nur daran denken, Kammerjunker zu werden, oder gar Hofmarschall? Das ist ja unmöglich.« »Die Patrizier glaubten hingegen, daß solche Heirathen ihr Blut befleckten, und gegen die Rechte ihrer Familien wären, ja daß der Adel bald aus allen hohen Stellen verdrängt seyn würde, wenn die Plebejer Theil daran haben dürften.« »Ha! sehen Sie wohl, Beyer? Es freuet mich ordentlich, daß der Adel doch immer Adel ist. Der heidnische vor 43 Christi Geburt dachte doch gerade so, wie wir jetzt. Lesen Sie weiter. Das ist ein sehr wichtiger Punkt.« »Der Adel freuete sich also ungemein, als Rom von vier Völkern zugleich angegriffen wurde. Canulejus erklärte aber dem Senat sehr trocken: so lange er lebte, sollte die Bewaffnung des Volkes zum Kriege nicht eher geschehen, als bis diese Vorschläge zu Gesetzen gemacht wären. Im Senat hielt man heftige Reden gegen diese Vorschläge. Die Tribunen sind rasend, rief der Konsul. Wo soll das hinaus? Was verlangen sie? Eine schändliche Vermengung der Familien; die Aufhebung alles Unterschiedes. Wir sollen, wie die wilden Thiere, uns mit einander vermischen!« »Nein«, sagte der Baron gutmüthig; »das ist ein wenig zu stark, Beyer. Menschen sind es doch! Nur weiter. Sehen Sie doch einmal nach, steht da nichts von Dom-Stiftern? Denn das ist ein Hauptgrund gegen die Mißheirathen.« Domstifter, Ew. Gnaden, gab es damals noch nicht. Es war ja noch zu der Heidenzeit. – Nun folgt eine Rede des Tribuns. »Lassen Sie einmal hören, was sich dagegen sagen läßt. Was sagt der Mensch, der – wie heißt er doch?« Canulejus. »Er sagte zum Volke: Wie sehr die Adeligen euch verachten, das habe ich euch oft gesagt, und das sehet ihr an der Wuth, mit der sie meine Vorschläge aufnehmen. Warum aber wüthen sie so? Warum setzen sie Himmel und Erde in Bewegung? Warum drohen sie, lieber mit den Waffen in den Händen zu sterben, als meine Vorschläge durchgehen zu lassen? Der Staat kann nicht bestehen, sagen sie, 44 wenn ein würdiger Plebejer ein hohes Staatsamt bekleidet. Ihr geltet in ihren Augen den elendesten Sklaven gleich. Fühlt ihr nun, wie verächtlich ihr ihnen seid? Sie beneiden euch das Tageslicht; sie zürnen, daß ihr wie sie athmet, redet, und eine menschliche Gestalt habt. Eine Heirath des Patriziers mit einer Bürgerlichen ist unerlaubt? Kann eine Schmach niederdrückender seyn, als die, daß man es für Schande hält, wenn ein Staatsbürger sich mit einem andern verbindet? Niemand wird sie ja zwingen, unsere Töchter zu heirathen; aber es verbieten, das ist eine unerträgliche Schande. Warum gebt ihr denn nicht auch das Gesetz, kein Plebejer solle neben einem Adeligen wohnen, mit ihm gehen, mit ihm essen? Verführen sollen sie unsere Töchter; aber nicht heirathen. Kein Bürgerlicher wird es wagen, eine Patrizierin zu verführen; aber sie, unsere Herren, haben nur allzu oft Lust dazu.« »Hören Sie, Beyer, das letzte ist leider wahr; und ob ich gleich der bitterste Feind von allen Mißheirathen bin, so weiß ich doch nicht, was ich thäte, wenn ein Adeliger eine Bürgerliche verführt hätte. Denn daß sie nur dazu gut genug seyn sollen, ist unrecht! ... Aber der Kerl da im Livius redet doch so spitz wie eine Schlange. Ich mag nichts mehr hören. Am Ende könnte er mich wohl gar überreden, er hätte Recht. Den Quinctius lassen Sie nur lesen, was sie im Senat sagen; denn, sehen Sie, lieber Beyer, ein wahrer Adeliger muß eigentlich nicht einmal wissen, daß man etwas gegen die Rechte unsres Standes sagen kann. – Nun, und da haben meine Vorfahren wahrscheinlich etwas nachgegeben; 45 zum Exempel, daß wohl einmal ein Adeliger eine reiche Erbin aus einem bürgerlichen Hause heirathen darf? Aber sagen Sie nur, lieber Beyer, wenn man jetzt so dächte! – Gott Lob, daß wir hier noch anders stehen. Da sollte einem vor der spitzen Zunge eines solchen Menschen ja angst und bange werden! ... Aber«, fing er nun auf einmal an, nachdem er die ganze Stelle im Livius vor sich aufmerksam überlesen hatte – »Aber, lieber Beyer, hier auf beiden Seiten steht nicht ein einziges Mal Singularis, Nominativo, a, ab, abacus, abdomen . Wozu muß denn der arme Quinctius die verwünschten Wörter lernen? Sie haben mir mit dem Vorlesen eine große Freude gemacht. Aber so lassen Sie doch meinen Quinctius, wenn er denn nun einmal Wörter lernen soll, die lernen, die hier in der Stelle vorkommen; und wenn er sie weiß, so lassen Sie ihn die Stelle lesen.« Beyer wehrte sich, so gut er konnte. Er zeigte dem Baron, wie der Nominativus u.s.w. mit dem Livius zusammenhänge. Der Baron hörte aufmerksam zu; dann aber sagte er unwillig: »Aber Herr, wenn, zum Exempel, Quinctius sollte schwimmen lernen, und ich legte ihn hierher auf die Erde, und ließe ihn erst ein Jahr lang, oder gar zwei, alles machen, was er im Wasser thun muß, so wäre ich ein Narr. Ich bringe den Jungen in den Fluß, zeige es ihm da, und er kann schon nach einer Stunde über dem Wasser bleiben. Kurz und gut, der Junge soll im Wasser schwimmen, und nicht auf trockner Erde. Er soll im Livius unter seinen Vorfahren Latein lernen, und nicht in den kleinen Büchern, worin nichts steht, als was nicht zur Sache gehört.« 46 Beyer mußte sich die Methode, die der Baron ihm vorschrieb, gefallen lassen; doch nahm er ein leichteres Buch, als den Livius. So schwer es ihm Anfangs wurde, den Knaben auf diese Weise zu unterrichten, so gelang es ihm am Ende dennoch; und nun erstaunte er selbst über die Fortschritte des Knaben, der erst Latein, und dann die Regeln des Lateins lernte. Er fing nun an, hier sehr glücklich zu leben; nur Eins lag ihm noch auf dem Herzen. Der Prediger des Ortes hatte einen Sohn von Quinctius Alter. Als Beyer diesen zum erstenmale sah, freuete er sich über die Bildung des Kindes, aus dessen großen, schwarzen Augen Geist und Gutherzigkeit hervorleuchteten. Je öfter er zu dem Prediger kam, desto lieber gewann er den Knaben, und desto deutlicher merkte er auch, daß der Vater nicht im Stande war, ihm nur einen erträglichen Unterricht zu geben. Er trug sich lange mit dem Gedanken, daß der lernbegierige Knabe Theil an Quinctius Unterrichte nehmen könnte; allein der Freiherr wollte seinem Sohne schlechterdings keinen Umgang mit einem unadeligen Kinde erlauben, und machte jedesmal eine krause Stirn, so oft Beyer von weitem auf diese Idee anspielte. Einmal aber las Beyer dem Knaben in Gegenwart des Vaters eine Stelle aus dem Livius, die ich vergebens gesucht habe, Deutsch vor. In dieser Stelle wurde gesagt, der Konsul Quinctius Flaminius habe mit seinem Sohne einen jungen Menschen aus dem Volke erziehen lassen, weil der Adel, als der erste Stand, verpflichtet sey, für den Unterricht der andern Stände zu sorgen. »Wie war 47 das?« fragte der Baron. Beyer las die Stelle noch einmal, und berief sich auf den Adelspiegel, der eben das sage. »Spangenberg?« fragte der Baron, und schob seine Mütze unruhig hin und her .... »Aber, lieber Beyer, was meine heidnischen Vorfahren gethan haben, das ist alles aufgeschrieben, und die Welt kann es wissen, wenn sie will. Wer wird denn schreiben, was ich und meine Nachkommen thun?« Ja, Papa, fiel Quinctius ein, Sie müssen sich auch einmal mit ihren Bauern prügeln, wie der Urvater in Rom mit den gemeinen Leuten. Was soll man sonst von Ihnen aufschreiben? Der Baron erröthete, und ging verlegen im Zimmer umher. »Aber, Beyer«, fing er auf einmal an, »was kann unser einer Großes thun?« Großes wohl nicht; aber desto mehr Gutes , sagte Beyer. »Der Teufel hole den Papst, daß er die Turniere abgeschafft hat!« fluchte der Baron, und verließ das Zimmer. Er ging nun im Garten umher, wie es seine Gewohnheit war. Nach einer halben Stunde kam er wieder. »Sagen Sie mir, Beyer, womit kann ein Adeliger sich jetzt berühmt machen? Die Turniere sind abgeschafft. Kurfürst oder Fürstbischof werden? Dazu muß man katholisch seyn. Im Soldatenstande? General wird nur Einer. Ja, meine Vorfahren hatten es gut! Da gab es immer mit dem Volke zu zanken, das den Adel nicht leiden wollte. Der Quinctius sollte einmal hier auf meinen Gütern gelebt haben; kein Wort hätte Livius von ihm zu sagen gewußt!« 48 Freilich, sagte Beyer, und zuckte die Achseln; der einzige Weg ist noch Gelehrsamkeit. Entweder macht sich der Adelige durch Schriften, die seine spätesten Nachkommen noch lesen, berühmt; oder er wird Minister, regiert ein Land, schließt Frieden, erfindet neue Auflagen, oder giebt neue Gesetze an, die von ihm den Nahmen bekommen. Der Baron rieb sich die Stirn. »Quinctius!« fuhr er dann plötzlich auf; »lerne 'was! Du sollst ein Gelehrter werden. Mit dem Turnieren ist es doch am Ende nichts. Und wenn du Minister bist, so gebe Gott einen recht bösen Krieg, daß du den Frieden schließen kannst. Ich will thun, was in meinen Kräften steht, lieber Beyer. Ich will mit Quinctius einen aus dem Volke erziehen lassen. Da des Pastors Sohn. Er mag kommen, heute noch. Aber dann müssen sie Beide tüchtig lernen!« Beyer freuete sich, daß er seine Absicht erreicht hatte, und versprach dem Baron, daß sein Sohn Quinctius in Deutschland berühmter werden sollte, als alle Römischen Quinctier zusammen genommen. – Die Recensenten dieses Buches werden Schuld daran seyn, wenn er nicht Wort hält. Beyer holte nun den kleinen August Lissow sogleich mit Triumph in das Haus des Freiherrn. Er liebte die Erziehung leidenschaftlich, und wünschte, ungehindert auf Kopf und Herz eines Knaben wirken zu können; aber bei dem jungen Quinctius war das nicht möglich, da dessen Vater durch seine Eitelkeit alles wieder umriß, was er selbst erst mit großer Mühe gebauet hatte. Natürlicher Weise mußte es ihn nun sehr freuen, daß ihm ein Kind übergeben war, 49 dem die Thorheiten des Barons nicht schaden konnten; und bald sorgte er für den Knaben mit doppelter Liebe, da nicht lange nachher dessen Eltern starben. Beyer fing seinen Unterricht mit neuem Eifer wieder an. August holte den kleinen Quinctius in Kurzem ein, und nun kamen die beiden Knaben in ihren Kenntnissen augenscheinlich weiter. Freilich blieb Römische Geschichte, und besonders die Geschichte der Quinctier, die Hauptsache: allein die Knaben gewannen dadurch doch Geschmack an der Geschichte; und Beyer benutzte die Gelegenheit, auf ihr Herz zu wirken. Doch schon jetzt zeigte sich ein sehr auffallender Unterschied zwischen den beiden Knaben. Quinctius kannte die Begebenheiten und Thaten seiner Römischen Vorfahren so ziemlich. Wenn nun August mit freundlichen Augen sagte: »o das ist schön! das ist herrlich !« so sagte jener mit einem stolzen Blicke: »und das war einer von meinen Vorfahren!« oder: »und das that mein Ahnherr!« Der Freiherr konnte sich nicht mehr entschließen, dem Unterrichte beizuwohnen, seitdem August daran Theil nahm. Allein dafür erhielt Beyer den Befehl, die Thaten der Flaminier aus den verschiedenen alten Schriftstellern auszuziehen, damit der Freiherr doch endlich genau mit seinen Vorfahren bekannt würde. Täglich erinnerte der Baron Beyern an diese Arbeit, und sie war vollendet, als sich gerade eine große Gesellschaft von Adeligen im Hause befand. »Nun, lieber Beyer«, fragte der Baron, als Beyer zu Tische kam, »wie steht es mit meinen Vorfahren?« – Ich bin 50 fertig, gnädiger Herr. – Der Baron drückte sehr freudig dem Hofmeister die Hand, und jemand in der Gesellschaft fragte nach der Ursache seiner großen Freude. »Dieser Mann«, antwortete der Baron, »hat mir die Geschichte meiner Vorfahren aufgesetzt: eine Arbeit, wofür ich ihm ewig Dank schuldig bleiben werde.« Man wurde begierig, die Thaten der alten Flaminge zu hören, und der Baron versprach sie der Gesellschaft zum Nachtische. Beyer mußte, so viel er sich auch wehrte, seine Schrift holen. Nach dem Essen setzte man sich zurecht: die Damen nahmen ihre Strickzeuge zur Hand, die Herren ihre Pfeifen. Beyer saß in der Mitte, und neben ihm in einem Armstuhle der Baron von Flaming. »Ehe er liest, meine Damen und Herren«, fing der Baron an, »muß ich Ihnen sagen, daß meine Vorfahren, bis auf Christi Geburt, keine Christen, sondern Heiden waren, und in Rom unter einem Volke lebten, das ganz sonderbare Gebräuche hatte; als zum Exempel ... Doch das werde ich Ihnen schon während des Lesens zeigen. Nun, fangen Sie an, Herr Beyer.« Beyer erröthete, räusperte sich, und las: »Die merkwürdigen Thaten der Vorfahren und Ahnen des freiherrlichen Geschlechtes von Flaming , ehemals Quinctius , dann Flaminius , endlich von Flaming . – Die Familie der Quinctier gehört zu den ältesten und edelsten in Rom. Der erste Quinctius, dessen die Geschichte erwähnt, war Bürgermeister in Rom, ungefähr drei hundert Jahre vor Christi Geburt.« 51 »Sind zwei tausend Jahre bis jetzt«, unterbrach ihn der Freiherr. »Bürgermeister oder Konsul war ungefähr, was jetzt ein Reichs-General-Feldmarschall ist.« Beyer las nun die Geschichte des Quinctius vor, den wir schon kennen. »Eben dieser Quinctius«, fuhr er dann fort, »führte eine Armee gegen die Aequier, besiegte sie, und hielt einen Triumph in Rom.« (Jetzt erklärte Beyer der Gesellschaft, was ein Triumph gewesen sey, und der Freiherr sah in seinem Sessel so aus, als ob er selbst der Triumphator wäre.) »Um diese Zeit drang einer von den Volksvorstehern, die immer gegen den Adel waren, darauf, daß man feste Gesetze für Rom geben sollte, weil die willkührlichen Aussprüche des Adels eine unerträgliche Tyrannei wären. Der Adel widersetzte sich diesem Vorschlage, wie gewöhnlich.« »Diese Volksvorsteher, oder Tribunen, meine Damen, sind wahre Teufel an List und Neid gegen den Adel gewesen. O, Sie glauben nicht, was es meinen armen Vorfahren gekostet hat, den Adel aufrecht zu erhalten!« Aber, lieber Mann, sagte die Frau von Flaming, sie verlangen ja nur Gesetze; und das, dünkt mich, ist so unrecht nicht. Der Adel mußte doch kein gutes Gewissen haben, daß er die Forderung nicht zugestehen wollte. »Ist wohl wahr; aber der Teufel kommt noch. Höre nur zu! Nein, nein! Man muß nicht ein Haar breit von unsern adeligen Rechten vergeben. Siehst du, in Rom hatte man nun einmal keine Gesetze: das war Herkommen, und dabei muß es bleiben; sonst, liebes Kind, jagten die Bürger den Adel am Ende ganz zum Tempel hinaus. Weiter, Beyer.« 52 Beyer las mit krauser Stirn: »Nun hatte Quinctius einen Sohn, mit Nahmen Cäso: ein schöner, tapfrer, beredter Jüngling, der sich durch seine Stärke und Tapferkeit in mehreren Schlachten hervorgethan hatte. Das Volk versammelte sich, um über den Vorschlag zu rathschlagen; allein Cäso brach mit einer Anzahl junger Edelleute in den Haufen des Volkes ein, und prügelte es aus einander.« »Braver Cäso! Wahrhaftig, so sollte man es immer machen! ... Veronika, wenn du mir noch einmal einen Sohn bringst, so soll er Cäso heißen.« Dürfen denn die Bürgerlichen – fragte eine Dame, die den Kopf so hoch trug, als ob sie beständig die Sterne zählte – sich eigentlich nicht versammeln? – »Ohne Erlaubniß des Adels eigentlich nicht«, antwortete der Baron. – Nun so sehe doch einer! und in Berlin halten sie ordentlich Assembleen und Bälle! Man sollte doch den Leuten das verbieten! Die Meisten in der Gesellschaft lächelten. Der Freiherr sagte: »ei! hier ist nicht von Assembleen die Rede.« »Cäso«, fuhr Beyer fort, »wurde verklagt. Er erbitterte das Volk durch Übermuth und Unbesonnenheit noch immer mehr, anstatt es zu besänftigen. Als der Gerichtstag kam, hatte er auf einmal allen Muth verloren.« Der Freiherr machte große Augen, und horchte. »Er ging in Trauerkleidern unter dem Volke umher, und bat die Untersten der Gemeinen um Gnade.« Pfui! sagte eine adelige Dame, die bis jetzt den Triumph des Freiherrn mit neidischen Blicken angesehen hatte; pfui! ein niederträchtiges Gemüth! 53 »Gnädige Frau!« rief der Baron aufspringend. – »Was Teufel! Beyer, steht das da? Nimmermehr! Der Reichsadel braucht nach den Reichsgesetzen nicht zu widerrufen oder um Vergebung zu bitten.« Da haben Sie recht, Herr Baron! riefen jetzt Alle. Das kann nicht da stehen. – Man umringte Beyern, der mit vieler Geduld jedem zeigte, daß es da stand, und die Quelle der Nachricht angab. – Aber so lassen Sie ihn doch lesen, sagte die Frau von Flaming. Wer weiß, wie es noch kommt. Warum prügelt Cäso gleich? Ist es doch seine Schuld; was geht es uns an? Beyer las. »Als dies (nehmlich das um Gnade bitten) nicht half, und die Anklage verlesen war, wollte er sich dem Gerichte des Volkes nicht unterwerfen, sondern appellirte an den Adel, als seinen rechtmäßigen Richter.« Si judicandum de nobili, Judicium ad nobiles pertinet , sagte ein Präsident hier mit einer wichtigen Miene; ein Edelmann kann nur von seines Gleichen gerichtet werden. Der Cäso hat die jura nobilium sehr wohl gekannt! Aber, merkte die Frau von Flaming an, das alte Sprichwort sagt: eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus. Beyer fuhr fort. »Das Volk wurde dadurch noch aufgebrachter. Cäso's Vater, der ehrwürdige Titus Quinctius, suchte seinen Sohn in einer Rede zu vertheidigen. Mehrere vom Adel traten auf; alle gaben ihm das vortheilhafteste Zeugniß. Sie nannten ihn die Zierde, die Hoffnung, den Stolz des ganzen Römischen Volkes. Sie lobten seine 54 Tapferkeit, seine Schönheit, seinen Edelmuth, und schoben seine Unbesonnenheit auf die Hitze seiner Jugend.« »Da haben wir's!« rief der Baron mit einer Freudenthräne in den Augen. »Wahrhaftig Frau, noch einen Sohn! Er soll Cäso heißen, oder ich lasse unsern Quinctius umtaufen.« »Jetzt aber«, fing Beyer aufs neue an zu lesen – »jetzt nahm der Volksvorsteher das Wort. Er rief einen Römer hervor, der eine neue Klage gegen den Cäso hatte. Dieser Römer bestieg nun die Rednerbühne, und erzählte: als ich eines Tages in der Nacht von einem Freunde, bei dem ich gegessen hatte, mit meinem Bruder nach Hause ging, trafen wir dicht bei den öffentlichen (mit Erlaubniß der Damen) Hurenhäusern den Cäso an, der in Gesellschaft von mehreren jungen Edelleuten nach seiner liederlichen Weise im Bordell gewesen war. Sie fingen ...« »Auf ein andermal, Herr Beyer, sollen Sie weiter lesen«, unterbrach ihn der Baron mit krauser Stirn. »Der Volksvorsteher ist ein Flegel, und der Cäso ein Luriban, dessen Nahmen mein Hund nicht führen soll. Ich will nichts mehr wissen. Wären alle meine Vorfahren solche Kundleute gewesen, so ...« – (Beyer schlug seine Papiere zusammen) – »Recht! nur weg damit! ... Bordell! schöne Polizei in Rom! ... Aber, Herr, wenn ich's bedenke, was lesen Sie mir das vor?« Gnädiger Herr, Sie haben mir befohlen; und unter einer so langen Reihe von Menschen seit zweitausend Jahren her muß es hin und wieder auch wohl einen Wildfang geben. 55 Sie sollten nur weiter hören. Der Vater macht alles wieder gut. »Herr, wie kann ein Vater es wieder gut machen, wenn der Sohn des Nachts in den Bordellen herum liegt? Hätte ich damals ein Wort in meiner Familie zu sagen gehabt, wie jetzt: der Cäso sollte sich gewundert haben! ... Und Ihr Livius ist ein Hans Narr, daß er solche Teufeleien aufschreibt und ehrlichen Leuten noch nach zweitausend Jahren den Leib voll Ärger jagt. Pfui! ich will nichts weiter wissen. Der Teufel hole die ganze Verwandtschaft, die Quinctier sammt und sonders – meinen Quinctius ausgenommen!« Beyer erröthete, verbeugte sich einmal über das andere, und verließ das Zimmer. Ganze vierzehn Tage hindurch maulte der Baron mit seinem Hofmeister; doch endlich überwog die Neugierde seinen Verdruß. Er besuchte Beyer, brachte das Gespräch auf seine Römischen Anverwandten, und ließ sich aufs neue vorlesen; nur geschah es diesmal bei verschlossenen Thüren, und nicht wieder so feierlich. Beyer fuhr mit einer gewissen Angst da fort, wo er aufgehört hatte; denn mit Cäso war der Baron nun einmal über den Fuß gespannt, und er brummte, so oft der Nahme genannt wurde. Als er hörte, daß Cäso's ehrwürdiger Vater alle seine Güter verkauft habe, um die Bürgschaft für seinen Sohn zu bezahlen, sagte er: »der arme alte Mann! ein solcher Schlingel von Sohn ist es nicht werth.« Des Vaters Geschichte rührte ihn indeß. Zwar wollte es ihm nicht recht gefallen, daß der alte 56 Edelmann selbst pflügt; dafür machte aber die rührende Scene, wie die Römischen Gesandten, die ihn als Diktator nach Rom holen sollen, ihn beim Pflügen antreffen, so tiefen Eindruck auf ihn, daß er sich heimlich eine Thräne abwischte. »Was ist denn ein Diktator?« fragte er dann. Beyer erklärte ihm das Wort. »Ja«, rief der Baron; »das ist noch ein Ämtchen für einen Edelmann, wobei er Ehre hat!« Dieser Quinctius wurde ihm der liebste seiner Vorfahren. Nun kam Beyer, nach den Geschichten noch einiger Quinctier, endlich auf den Titus Quinctinus Flaminius, der den Macedonischen König Philipp besiegte und Griechenland frei machte. Auch diesen lobte unser Freiherr. Aber keine Rose ist ohne Dornen. Er hörte bald zu seinem Verdrusse, daß der Bruder dieses großen Mannes, Lucius , von dem Cato aus der Rolle der Senatoren gestrichen worden sey. Als er die Ursache davon erfuhr, spie er vor Ärger aus, und rief: »Pfui! das ist ein Schurke, ein Heide, eine Bestie! Lieber Beyer, lassen Sie das ja unter uns bleiben!« – Von dem Cajus Flaminius, der sich von Hannibal schlagen ließ, behauptete er, es wäre ein Dummhut. Indeß freuete er sich doch ungemein, daß schon einer seiner Ahnherren mit Hannibal Händel gehabt hatte. »Denn der Hannibal«, sagte er zu Beyern, »war der Teufel selbst.« So kannte nun endlich der Freiherr von Flaming alle seine Römischen Ahnherren. Er machte sich mit Hülfe des Hofmeisters sogar einen Stammbaum der drei Linien, welcher eigentlich richtiger war, als der an der Spiegelwand. Wenigstens wußte er von seinen heidnischen Vorfahren 57 tausendmal mehr zu sagen, als von seinen christlichen, die er nur dem Nahmen nach kannte. Er führte von nun an auch immer seine Römischen Vorfahren im Munde, und erwähnte ihrer bei allen Gelegenheiten. Von dieser Zeit an hieß in der Familie Flaming ein liederlicher Mensch: ein Cäso ; ein Schurke: ein Lucius ; und ein Dummkopf: ein Cajus . Sogar die Bedienten gebrauchten diese Benennungen. Während der Freiherr Stammbäume machte, und sich den Kopf zerbrach, wie er den Lucius, ohne dessen Bruder zu verlieren, aus dem Stammbaume wegschaffen sollte, studierten die beiden Knaben fleißig. Ihre Fortschritte waren ausgezeichnet, und Quinctius konnte, wenn er sich Zeit nahm, seinem Vater schon eine Lateinische Anmerkung in Prauns adeligem Europa verdeutschen. Sie fingen nun auch neuere Geschichte und Geographie an, so gut Beyer sie ihnen geben konnte. Nach den Unterrichtsstunden liefen beide Knaben entweder in den Garten und turnierten (denn das Turnier war, trotz den Quinctiern und ihren Thaten, noch immer die Lieblings-Idee des Barons); oder Quinctius ging zu seinem Vater, und blieb in dessen Gesellschaft. Der Freiherr sprach dann unaufhörlich von dem Adel seines Stammes, und von den großen Vorzügen eines Adeliggebornen; oder er hielt seinen Sohn an, einen Traktat de nobilitate , oder de privilegiis nobilium s. imperii romani zu übersetzen. Er bat ihn, er beschwor ihn, ja recht fleißig zu seyn, und mehr zu lernen, als alle seines Gleichen, damit er den Glanz seiner Familie noch größer machen könnte. »Was weißt du, mein 58 Sohn!« fragte er. »Latein? Das kann Lissow auch. Geographie? Die lernt er ja mit dir, und ist nur eines Predigers Sohn. Du aber bist ein Nachkomme des Titus Flaminius, der den König von Macedonien besiegte, Griechenland frei machte, und drei Tage hinter einander triumphirte. Du mußt ganz etwas Besonderes lernen, mein Sohn, damit ein Jeder sogleich sieht, daß du ein Flaming bist.« Diese Reden, die dem Knaben so oft wiederholt wurden, thaten große Wirkung, und machten ihn übermäßig eitel. So sehr seine verständige Mutter und Beyer sich auch bemüheten, diese Eitelkeit aus seinem Herzen wegzuschaffen, so war es dennoch vergeblich; sie bewirkten nichts weiter, als daß diese Eitelkeit nicht Hochmuth oder Egoismus wurde. Quinctius liebte den kleinen Lissow von ganzem Herzen. Er beschenkte ihn, theilte mit ihm das Liebste, was er hatte, und es traten Thränen in sein Auge, wenn Lissowen etwas fehlte; allein trotz seiner Liebe wollte er doch neben ihm glänzen. Hatte er irgend etwas gelernt, entweder in einer Unterredung seiner Mutter mit Beyern, oder bei einem Besuche, den sein Vater erhielt; so rühmte er sich gegen seinen kleinen Freund damit, als sey es ein eigner Gedanke. Er haschte nach allem Sonderbaren, und seine kindischen Plane gingen fast immer ins Ungeheure. Als Beyer von Columbus erzählt hatte, versicherte Quinctius, daß er schon als Kind einen unwiderstehlichen Trieb gefühlt hätte, neue Welten zu entdecken, und daß er nicht weniger beharrlich in seiner Unternehmung seyn würde, als Columbus. Das Unnatürlichste war ihm immer das 59 liebste. Er versicherte dem kleinen August, als Beyer von dem Genius des Sokrates erzählt hatte, in allem Ernst: auch ihn halte oft eine Stimme von etwas ab, das er thun wolle. Bei dem Unterrichte des Hofmeisters sann er immer darauf, wie er das, was er lernte, wieder anbringen und damit glänzen könnte. Alles fiel bei ihm bloß in das Gedächtniß, und seine Beurtheilungskraft blieb ungebildet. Er war sehr fleißig, fleißiger sogar als August, und lernte doch nicht eben so viel. Ohne so viel zu wissen, wie August, schien er noch einmal so gelehrt, als dieser: denn er prunkte bei allen Gelegenheiten mit dem, was er wußte, und suchte, eben weil er glänzen wollte, allem, was er sagte, eine gelehrte Form zu geben. Bei Allem faßte Quinctius die falsche Seite auf, wenn Beyer auch noch so oft auf die richtige hin gewiesen hatte. Seht, sagte Beyer, Cincinnatus wurde arm. Mit eben der Würde, mit der er triumphirend, unter dem Jauchzen des ganzen Volkes, in Rom eingezogen war, verließ er es jetzt, von seiner Gattin und einigen Sklaven begleitet, in der Stille, zog auf sein Gütchen, und pflügte mit eben der Hand, die vorher das Scepter von Italien geführt hatte. Was, liebe Kinder, erhielt diesen Mann in seinem Unglücke so standhaft? Noch mehr: was erhielt ihn so heiter? – Die Weisheit. Er wußte, wie wenig der Mensch bedarf, um glücklich zu seyn; er wußte, wie wenig Ruhm, Glanz und Bewunderung werth sind. Mit eben der ruhigen Heiterkeit, womit er seinen Acker bestellte, kehrte er als Diktator nach Rom zurück. Er verließ seine ländliche Ruhe nicht gern; aber er 60 that es, um seinem Vaterlande nützlich zu seyn: und unstreitig war es sein größter Triumph, daß er, als sein Vaterland durch ihn gerettet war, ruhig wieder auf sein Gut zurückkehrte. »Am besten«, sagte Quinctius zu August nach der Unterrichtsstunde, »gefällt es mir, wie die Gesandten aus Rom kommen, und ihm die Zeichen seiner Würde bringen. Seht ihr? wird er gedacht haben, Herr Beyer mag auch sagen, was er will ... seht ihr? nun könnt ihr doch ohne mich nicht leben!« – Nein, sagte August, mir gefällt es am besten, daß der alte Mann, ohne zu klagen, ein Landmann wird, und hinterher, da er wieder in Rom seyn darf, doch auf sein Gütchen zieht. Er hat gewiß mit seiner Frau da recht vergnügt gelebt, vergnügter als in Rom, wo er sich immer herumzanken mußte. So ungefähr urtheilten die Knaben von allem, und so zeigten sie sich auch in ihren Spielen. Quinctius war immer Columbus, oder Herkules, oder Alexander; August begnügte sich gern mit einer Nebenrolle. »Da sieht man das Blut!« sagte der Freiherr, wenn er das bemerkte. »Immer in die Höhe, immer voran! Ist es nicht, als wenn der Junge den Schimpf wieder gut machen wollte, den Hannibal seiner Familie angehängt hat? Immer voran! Recht, mein Sohn! Deine Ahnen waren auch nicht die Letzten.« So wuchsen die Knaben auf. Ihre Kenntnisse vermehrten sich; und dabei wurden Quinctius immer eitler, so wie August immer liebenswürdiger. Als Beide vierzehn Jahre alt waren, fing Quinctius an reiten zu lernen. August bekam 61 zwar, auf Vorbitte der Frau von Flaming, denselben Unterricht; allein Quinctius that es ihm darin weit zuvor, so wie im Tanzen und Fechten. Der Baron stieß Beyern an, als die Knaben ritten: »Nun Herr, erkennen Sie da den Edelmann? Sie loben den Lissow im Lernen aus den Büchern. Recht! die Feder in der Hand, die ist für Euch. Aber die Feder auf dem Hut, und dann auf dem Sattel – wie steht es da? Nun sehen Sie doch wohl, daß der Stammbaum reiten hilft?« Der Stammbaum, Herr Baron? Ihr Sohn hat mehr Lust, vielleicht auch mehr natürliche Anlage dazu. »Nun, das sag' ich ja eben. Es ist gerade wie mit den Mohren. Warum werden die hier nicht gleich weiß? Warum kennt man ihre Enkel vielleicht noch in hundert und mehr Jahren an der Farbe und an den dicken Lippen? Das sitzt im Blute. So sitzen da dem Quinctius alle seine Vorfahren im Blute, und darum lernt er so gut reiten. Setzen Sie zwei Menschen zu Pferde; den Edelmann will ich ohne Fehl herausfinden, wie einen Tartar aus Bauerpferden.« Um diese Zeit kam ein junges zwölfjähriges Fräulein von Nothafft, eine arme Verwandte der Frau von Flaming, auf dem Gute an. Sie war nach dem Tode ihrer Mutter bei einer sehr reichen, aber auch sehr geitzigen Tante gewesen, und hatte da alles, was einem verwaiseten Kinde Hartes begegnen kann, erfahren. Eine Kammerjungfer der geitzigen Tante, die von dem Glücke der Frau von Flaming hörte, wendete sich aus der Ferne schriftlich an sie, schilderte ihr das Elend des Kindes, und bat sie, wenn es möglich wäre, 62 sich dessen anzunehmen. Die alte Tante überließ der Frau von Flaming das arme Kind sehr gern, das nun mit der ersten Gelegenheit abreiste. Der Freiherr und seine Familie saßen eben bei Tische, als das Mädchen ankam, und ins Zimmer geführt wurde. Sie blieb an der Thüre stehen, und hatte Thränen in den schönen, blauen Augen, die sie an den Boden heftete. Frau von Flaming empfing sie sehr gütig. Der Baron war zufrieden, als er hörte, daß sie Katharina hieße, und bekümmerte sich dann nicht weiter um sie. Das arme Kind blieb immer bei der guten Tante, und hing schon nach vier Wochen an ihr mit unaussprechlicher Liebe. Es lernte mit erstaunlicher Leichtigkeit alle weibliche Arbeiten; aber zufällig entdeckte die Tante, daß es wenig oder gar nicht lesen konnte. »Nicht lesen? Armes Käthchen!« sagte die Frau von Flaming mitleidig, und bat den Hofmeister Beyer, sich doch des armen unwissenden Kindes anzunehmen. »Das wäre ein Geschäft für August«, setzte sie hinzu. Beyer ergriff diese Idee mit vieler Freude; denn er selbst hatte erfahren, wie nützlich das Unterrichten dem Lehrer ist. August mußte noch denselben Tag den Unterricht mit der kleinen Käthe anfangen, nicht allein im Lesen und Schreiben, sondern auch in andern Kenntnissen, und zwar zu der Zeit, da Quinctius sich bei seinem Vater befand. Anfangs wollte es eben so wenig mit dem Lehrer als mit der Schülerin fort. Käthchen und August kannten einander noch zu wenig, um ohne Ängstlichkeit in einem solchen Verhältnisse zu stehen. Er lehrte, was er wußte, und gerade so 63 wie er es von Beyern gehört hatte; sie hörte zu, und sagte nach, was er ihr vorsagte: Beide aber dankten dem Himmel, wenn die Stunde vorüber war. Nach und nach wurden sie indeß bekannter. Käthe fragte zuweilen über etwas, das sie nicht verstanden hatte, und August gab sich nun Mühe, es ihr deutlich zu machen. Schon nach vier Wochen erklärte Beyer, der bisher oft bei dem Unterrichte zugegen gewesen war, daß er Augusten unbesorgt das Lehreramt überlassen könne. Er saß nun ruhig in einem Nebenzimmer, trieb sein Lieblings-Studium, störte die beiden Kinder nicht, und lobte ihren Fleiß, wenn aus der Stunde, die August geben sollte, zuweilen anderthalb wurden. Die Frau von Flaming bewunderte Katharinens Fortschritte, und schrieb sie ihren guten Anlagen zu. – Sie sollten nur hören, sagte dann Beyer, wie August sich Mühe giebt deutlich zu werden, und wie es ihm gelingt! Er ist ein wahres Genie für das Unterrichten. Die gnädige Frau und Herr Beyer irrten sich Beide. Es war, mit Einem Worte, die Natur, welche sich in den Kindern regte. August unterrichtete Anfangs, weil es ihm befohlen war; und Käthchen lernte aus eben der Ursache. In der Schreibestunde zeigte der kleine Lehrer seiner Schülerin oft, daß sie fehlte. Ihm selbst, als er schreiben lernte, hatte Beyer zuweilen die Hand geführt. Das that August bei dem Fräulein aus Ehrerbietung nicht; endlich aber mußte er es dennoch wagen. Er nahm des Mädchens weiche Hand, und zeigte ihr bei einigen Buchstaben, wo die Feder leicht geführt und wo sie gedrückt werden müßte. 64 Diese Kleinigkeit war der Grund ihrer nachherigen Fortschritte. Als er erst einmal Käthens weiche, zarte Hand geführt hatte, wobei er gar nichts dachte, that er es öfter. Dadurch wurden aber Beide gegen einander dreister; und schon nach einigen Wochen fand August, ohne zu wissen warum, Vergnügen daran, des Mädchens weiche Hand oft eine ganze Zeile zu führen. Nun geriethen freilich die Buchstaben, die beide Hände zugleich schrieben, viel schlechter, als die andern; aber dennoch führte er die Hand des Mädchens wieder. Auch der Kleinen war es angenehm, wenn er das that; und wenn es eine Zeitlang nicht geschehen war, so schrieb sie vorsetzlich einige Zeilen schlecht, damit Lissow ihre Hand wieder führen sollte. Jetzt gewöhnten sich die Kinder einander ins Gesicht zu sehen, was sie vorher selten, und nie ohne Scheu, gethan hatten. Käthe lächelte mit ihren hellen blauen Augen dem kleinen Lehrer dankbar zu; und August beeiferte sich immer mehr, ihr das Lernen leicht und angenehm zu machen. Aus dem Unterrichte wurde oft ein freundliches Geschwätz. Käthe erzählte wohl bei Gelegenheit etwas Andres, und der Unterricht wurde vergessen, bis Beyer endlich rief: »August, keine Allotria!« War aber Beyer einmal gar nicht im Nebenzimmer, so fiel die Stunde wohl ganz aus, und Beide erzählten einander mancherlei, ohne weiter an das Lehren und Lernen zu denken. Kurz, Käthe und August gewannen einander so herzlich lieb, wie unschuldige Kinder es können. Die Schreibestunde war ihnen jetzt die angenehmste, und Käthe schrieb oft eine volle halbe Stunde, 65 ohne daß August ihre Hand los ließ. Sonst wagten sie es nicht, einander die Hände zu bieten; denn fast täglich hörte Käthe von dem Freiherrn, welch ein schreckliches Vergehen es sey, wenn ein Fräulein einem Unadeligen erlaube, ihre Hand zu fassen. Hier aber war es ja nöthig, und also gewiß kein Vergehen. Die unschuldigen Seelen! Ihr Herz empfand schon Liebe, und Niemand merkte etwas davon. Man sah nicht, wie ungeduldig Beide auf die Lehrstunde hofften, wie die kleine Käthe mit seelenvollem Lächeln an den Augen ihres Lehrers hing, und wie oft dieser über ihr Lächeln beim Unterrichten den Zusammenhang verlor; man hörte nicht, mit welcher sanften, einschmeichelnden, rührenden Stimme Beide sprachen. Außer den Unterrichtsstunden sahen die beiden Kinder aus einem natürlichen Instinkte der Klugheit, den die Liebe allemal giebt, und aus Furcht vor dem Baron, der beständig darüber redete, kaum an, oder doch nur so verstohlen, daß es Niemand merkte. Es ist hier nicht von einem Einverständnisse die Rede. August und Käthe wußten selbst nicht, was in ihnen vorging. Sie verlangten nach einander, ohne zu wissen warum; waren, wenn sie sich bei einander befanden, zufrieden und glücklich, ohne zu wissen wodurch; dachten an einander, und träumten von einander, ohne sich ein Wort davon zu sagen. Noch immer ging es mit ihrer Vereinigung nicht weiter, als daß August Käthens Hand beim Schreiben führte; aber dies Führen der Hand wurde mit jedem Tage bedeutender, und die Schrift während dieser süßen 66 Augenblicke immer schlechter. Ja, wenn Käthe jetzt sah, daß August ihr die Hand führen wollte, (und das bemerkte sie jedesmal an seinen starren Blicken vorher): so spritzte sie die Feder aus, um nicht, anstatt zu schreiben, Tintenflecke zu machen. Je mehr Beider Herzen einander anzogen, desto fremder schienen sie in Gesellschaft gegen einander zu seyn. Im Garten spielte Käthe nur mit Quinctius, und August stand ehrerbietig in der Ferne. Oft schüttelte die Tante sorgsam den Kopf über ihre Nichte, die sonst so dankbar war, und doch niemals, so oft sie auch Veranlassung dazu hatte, etwas Gutes von ihrem Lehrer sagte. Sie hielt das für Stolz, und bedauerte ihres Mannes unaufhörliches Reden über die Vorzüge des Adels, von dem sie glaubte, daß es Käthens Herz gegen Augusts Verdienste um sie kalt mache. Die gute Frau von Flaming merkte nicht, daß die Kleine nur gegen ihren Lehrer stolz war. Quinctius lernte unterdessen angestrengt, was er zu lernen hatte, und konnte seinem Vater jetzt schon Lateinische Noten erklären. Dabei wurde aber seine Sucht zu glänzen mit jedem Tage größer. Nach den Unterrichtsstunden lief er in den Garten hinunter; und wenn er sonst Niemanden traf, so suchte er einen Arbeiter auf, um dem zu wiederholen, was er wußte. So verfloß über ein Jahr ohne weitere merkwürdige Ereignisse; und nun kam die Zeit heran, da der fünfzigste Geburtstag des Freiherrn feierlich begangen werden sollte. Frau von Flaming wünschte, ihrem Manne eine vorzüglich 67 große Freude machen zu können, und bat Beyern, etwas zu erfinden, das Beziehung auf dessen Vorfahren hätte. Beyer sann hin und her; doch fiel ihm weiter nichts von den Flaminiern ein, das sich sinnlich vorstellen ließe, als der Triumph des Titus Flaminius. Schon früher hatte der Baron einen Kupferstich gekauft, der einen Römischen Triumph vorstellte; und danach wurde das Fest eingerichtet. Man schaffte eine große Menge Pappe an, woraus Helme und Schilde verfertigt wurden. Einen Triumphwagen bauete man aus leichtem Holze, und spannte, als er fertig war, vier Schimmel in einer Reihe zur Probe vor. Es sollten nur Kinder aus dem Dorfe die Schauspieler bei diesem Feste seyn; man war daher verlegen um den Kutscher des Wagens. Aber Quinctius, den man zum Triumphator bestimmt hatte, forderte die Rolle des Kutschers, weil es ihm ehrenvoller zu seyn schien, die vier Schimmel zu lenken, als zu triumphiren. Er bekam, weil er schlechterdings auf seinem Kopf bestand, einigen Unterricht von dem Kutscher im Hause, und fuhr in Kurzem mit den Schimmeln wirklich sehr gut. Nun schlug Beyer Augusten zum Triumphator vor. Die gnädige Frau aber machte ihn aufmerksam, daß ihr Mann es übel nehmen würde, wenn ein Bürgerlicher diese Rolle hätte. In dieser Verlegenheit wählte man endlich die kleine Käthe zum Triumphator, und es wurden ein goldner Harnisch und ein Helm mit einem Lorbeerkranze für sie verfertigt. Damit aber auch Lissow eine ausgezeichnete Rolle bei dem Feste hätte, so bestimmte man ihn zum Priester Jupiters. 68 Alles war in Bereitschaft, und jeder in seine Rolle einstudiert, als der festliche Tag heran kam. Die eingeladene zahlreiche Gesellschaft hatte sich versammelt, und nun lockte man den Baron unter einem Vorwande in den Garten. Da stand Käthe, wie der bewaffnete Liebesgott, an dem goldnen Wagen, und neben ihr, in einem weißen Leibrocke, der bis auf die Waden herunterhing, der Priester Jupiters, mit Blumen in den schwarzen Haaren, gleich einer Vestalin, die dem Amor opfern will. Schöner hätte Beyer das Costum nicht angeben können; wenigstens ließ Käthe den Priester mit seinem Korbe voll Blumen nicht aus den Augen. Hinter ihnen standen die Bauerknaben des Dorfes, die dem Wagen folgen sollten, mit Schwertern und Schilden bewaffnet, und mit Lorbeerkränzen in den Haaren. Quinctius hatte schon längst die Zügel der Schimmel mit stolzen Händen gefaßt. Jetzt wurde das Zeichen gegeben, und er winkte Käthen, einzusteigen. Der Priester Jupiters half dem zitternden Mädchen in den Wagen, und bat den Kutscher, ja vorsichtig zu seyn. Dann traten ein Paar Bauernknaben, wie moderne Herolde, in Wapenkleidern mit dem Kaiserlichen Adler, und mit Trompeten in den Händen, hervor. »Der Teufel!« rief Flaming; »was ist das? Aha! ein Paar Turnierherolde! Bravo, Ronichen! Ich habe etwas gemerkt. Ein Turnier zu meinem Geburtstage!« Hier unterbrachen ihn die Herolde, die mit bebender Stimme riefen: Stille, ihr Brüder von Rom! Sehet den Triumph des Titus Quinctius Flaminius, der den König von Macedonien besiegte! 69 »Gut gemacht, Herolde!« rief der Freiherr; und wendete sich dann sogleich lächelnd zu der Gesellschaft: »Der Titus Flaminius war mein Ahnherr.« Jetzt kam der Triumphwagen aus der Allee hervor. »Herrlich!« rief der Freiherr, und drückte seiner Frau die Hand. Der Wagen bewegte sich näher; der Priester trat vor ihn hin, und das nachfolgende Heer stellte sich in einer langen Reihe dahinter. Es lebe, rief August jetzt, der Konsul Flaminius und sein großer Enkel, der Freiherr von Flaming, hoch! In diesem Augenblicke schmetterten die Pauken und Trompeten in der Nebenallee. Durch den gräßlichen Lärm wurden die Pferde erschreckt, und liefen in vollem Galopp gerade auf die versammelte Gesellschaft los. Wie von Zauber getroffen, flogen Damen und Herren aus einander, und die meisten schrieen vor großer Angst. Die Musikanten setzten dazwischen ihr schreckliches Pauken und Trompeten fort. Die Pferde, die jetzt von den über einander fallenden Menschen noch mehr gescheucht waren, kehrten um, und flogen durch das Heer der Römer, das ebenfalls zu Boden stürzte, die Allee hinunter. Bei dem Umwenden war Quinctius vom Bocke gefallen, und lag im Sande; der Triumphator aber stand noch auf dem Wagen, und rief mit lauter Stimme um Hülfe. Alles war halb erstarrt vor Schrecken. Quinctius! lieber Quinctius! rief endlich die Frau von Flaming; und er warf sich unbeschädigt in ihre Arme. Jetzt kamen die brausenden Pferde mit dem halb zerschmetterten Wagen aus einer andren Allee wieder hervor. Man floh in das Haus, und auf dem Platze lagen Hauben, Schilde, Helme, Fächer, 70 Trompeten, Schürzen, Hüte, Schwerter und Pfeifen unter einander. Die Pferde blieben endlich stehen, weil ein Baum den Wagen aufhielt. Man sah einander an, zitterte, und lachte endlich, da man alles gesund fand. Endlich aber, als der erste Tumult vorüber war, sah man, daß der Triumphator noch fehlte. Mein Gott! wo ist Käthe? rief die Frau von Flaming, und wurde todtenbleich. Man stürzte nun mit neuem Tumult in den Garten und die Allee hinunter. Als man umbog, sah man Käthen in Augusts Armen auf dem Boden. Sie lag todtenbleich auf seinem Schooße, und hatte den einen nackten Arm um seinen Hals geschlagen. Er hielt sie mit beiden Armen umschlungen, und die starr auf sie gehefteten Augen hingen ihm voll Thränen. Beide waren blutig. Käthe wurde in das Haus geführt; August folgte ihr nach, und hatte noch immer seine Blicke auf sie geheftet. Man erkundigte sich nun bei ihr; sie wußte aber nicht, wie ihr geschehen war. August erzählte endlich. Als Käthe auf dem fliegenden Wagen schrie, stürzte er allein hinterher, und kam durch eine Nebenallee den Pferden vor. Ohne sich zu besinnen, sprang er ihnen entgegen, ergriff den Zügel des einen, und ließ sich ein Paar Sekunden lang fortschleppen bis endlich der Wagen stehen blieb. Springen Sie, Fräulein! rief er dem schreienden Mädchen zu. Sie sprang in die Arme, die er ihr entgegen breitete; und nun rissen die Pferde den Wagen aufs neue fort. August fragte ängstlich: Ihnen fehlt doch nichts? Sie sah ihn mit starren Blicken an, ohne zu antworten, und wurde 71 nun erst recht bleich. Er wollte sie niedersetzen, damit sie sich erholen könnte. Sie hielt ihn fest umschlossen, und er sank mit ihr auf den Rasen, wo man sie antraf. Aber Ihr blutet ja, Kinder! sagte die Frau von Flaming. August hatte sich an der Deichsel die Hand ein wenig aufgerissen; die Verletzung war indeß unbedeutend. Alle erholten sich bald, und man suchte die zerstreueten Sachen wieder zusammen. Die letzte Scene des Triumphs, worin das ganze Römische Heer seine Lorbeerkränze auf den Altar des Herrn von Flaming niederlegte, ging ohne Unfälle ab, und der Tag verfloß sehr heiter. Der Baron legte seinem Quinctius die Hand lachend auf die Schulter, und sagte: »Cajus Dummhut Flaminius! ... Wahr ist es«, flisterte er dann Beyern ins Ohr, »an Muth fehlt es ihnen nicht: der greift den Hannibal an; und Quinctius nimmt es mit den vier wilden Bestien auf. Es wäre auch alles gut gegangen, wenn die Pauken und die Trompeten ihm nicht in die Flanke gefallen wären. Gerade wie in der Schlacht am See Thrasimenus. Erst stürzte die Reiterei über einander her, (ich meine die Damen mit ihren Federn und Plümagen), und dann das Fußvolk. Schreiben Sie das doch auf, lieber Beyer, aber nicht Lateinisch; und erwähnen Sie nichts davon, daß Sie Käthen in einen General verkleidet haben. Hören Sie? Ich kann die Verkleidungen nicht leiden; das ist und wird nichts als Betriegerei, wie die Zigeuner, die heimliche Juden sind.« Käthe und August blieben, wie die andern Kinder, den Abend in ihrer Römischen Kleidung, und betrachteten 72 einander oft mit sehnlichen, liebevollen Blicken. August fühlte die Schmerzen an seiner Hand nicht, und dachte heute zum ersten Mal daran, daß er die schöne Käthe gern für sich gerettet hätte. Noch immer glaubte er mit ihr auf dem Rasen zu sitzen, und sah ihr bleiches Gesicht, die thränenvollen blauen Augen, den pochenden Busen. Er verlor sich den ganzen Abend in Träume, nahm an nichts Theil, und dankte dem Himmel, als er auf seiner Kammer allein war. Ach, Käthe! Mit diesem Seufzer setzte er sich zu neuen Träumen hin, bis endlich der Schlaf ihn überfiel. Nun wollte er sich niederlegen, und sah auf seinem Kopfküssen den vergoldeten Lorbeerkranz liegen, den Käthe getragen hatte. Er nahm ihn auf, betrachtete ihn mit leuchtenden Augen, drückte ihn an seine Brust, und legte ihn endlich nach einer süßen Stunde auf den Boden seines Koffers. Nun erhielten alle seine Gefühle Bestimmtheit; denn jetzt erst ahnete er, daß Käthe sie mit ihm theile. Als er sie am folgenden Tage wiedersah, überzog eine hohe Röthe Beider Wangen. In der nächsten Stunde, die er ihr gab, stockte er oft, und sie merkte es nicht. Beide sagten nicht ein Wort über die letzte Begebenheit. Er wünschte im Herzen, sie nur noch Einmal so in seine Arme schließen zu dürfen, und sah sie dabei mit glühenden Blicken an. Sie schlug das blaue, sanfte Auge nieder, seufzte leicht, und pflückte an der Schürze, als ob sie ihn verstanden hätte, und sagen wollte: es geht nicht, so sehr wir es auch wünschen! Unter beiden jungen Leuten entstand eine Liebe, die, so furchtsam, so wortlos, so unmerklich sie auch war, dennoch 73 mit jedem Tage mächtiger wurde. August und Käthe empfanden sehr wohl, daß ihre Gefühle das tiefste Geheimniß bleiben mußten, wenn sie sich nicht dem heftigsten Zorne des Freiherrn aussetzen wollten. Aber diese Gefühle schienen ihnen doch so natürlich, so überwältigend, daß sie nicht glaubten, dieselben jemals besiegen zu können, daß sie nur über ihr Unglück seufzten, und sich immer mehr von dem gewaltigen Zuge fortreißen ließen. Seltsam! Eltern fordern von ihren Kindern mit einer Dreistigkeit, welche nur die reinste Gerechtigkeit geben sollte, nicht ohne ihre Genehmigung zu lieben; und dennoch machen sie es durch ihre Unvorsichtigkeit den Kindern beinahe unmöglich, ihnen zu gehorchen. Alles was höchstens geschieht, besteht darin, daß die Mutter ihrer Tochter die Liebe lächerlich macht, und sie als eine bloße Grille behandelt, die sich ablegen lasse, wenn man nur Vernunft genug habe, Weiß von Schwarz unterscheiden zu können. Die Tochter legt bei einer solchen Predigt die Hand auf ihr heißes Herz, und denkt: predige nur, Mutter; ich fühle es anders. Ich habe Vernunft; doch auch ein Herz: und das fehlt dir. Die Folge davon ist, daß die Mädchen das Heirathen als eine allgemeine Mode betrachten, und dem Ersten, der sich anträgt, ihre Hand geben, oder sich durch einen unbesonnenen Liebeshandel, den sie darum verheimlichen, weil man ihn verspottet, unglücklich machen. Auch Käthe und August verheimlichten ihre Liebe allen Menschen, und hätten sie gern sich selbst verheimlicht; doch von dem Tage an, da der Jüngling das Mädchen in 74 seinen Armen gehalten hatte, war dies nicht mehr möglich. Beide gaben einander freilich noch nicht die Hände; Beide errötheten noch immer, wenn ihre Blicke sich begegneten: aber ihre Neigung zu einander bekam doch eine andre Richtung. Käthe saß dem Jünglinge gegenüber. Zufällig berührte sein Fuß den ihrigen. Rasch, als ob eine Schlange da läge, zog sie ihren Fuß an sich, und August erröthete. Nach und nach kam das Füßchen wieder hervor, und drückte den seinigen. Sie lasen in einem Buche, und hüteten sich Beide, einander mit ihren Händen, ihren Armen, ihren Schultern zu berühren; aber dennoch näherten sie sich leise, und schon nach einigen Stunden saßen sie Arm an Arm, Schulter an Schulter, in der vertraulichsten Stellung. Jetzt mußten sie langsamer lesen, weil ihnen der Athem gebrach. Beyer horchte von Zeit zu Zeit hin, hörte unterrichten, und war völlig zufrieden. Wenn die Frau von Flaming einmal kam, so fuhren die jungen Liebenden aus einander, als ob sie ein Verbrechen begangen hätten. So ging es einige Jahre fort; und die Frau von Flaming merkte noch immer so wenig etwas, als jeder Andre im Hause. Eines Tages, als Beyer hatte ausgehen müssen, sollte August Käthen in der Geographie unterrichten. Er stand gerade bei dem Schwäbischen Kreise. Schwaben, sagte Käthe, ist mein Vaterland. »Wo sind Sie geboren?« fragte August eifrig. Sie nannte den Ort, und man suchte ihn auf der Karte. »Hier!« sagte August, und unterstrich den Nahmen mit rother Tinte. Käthe kam nun sehr natürlich auf ihre Tante, und auf das Elend ihrer Kinderjahre. Sie 75 erzählte mit nassen Augen, und auch Lissow konnte sich kaum der Thränen enthalten. Ach! sagte sie, und legte die Hand vor die Stirn: Sie glauben nicht, wie unglücklich ich da war! Es ist ein Elend, in einem Hause zu seyn, wo man nur aus Gnade geduldet, und von keinem Menschen geliebt wird! August wurde durch diese Worte erschüttert, und stand auf. »Ja«, sagte er; »es ist ein großes Unglück. O, was Sie dort fühlten, das fühle ich hier! Glauben Sie, es thut mir weh, daß hier jeder mir meine Geburt vorrückt, daß man es mir als eine Gnade anrechnet, hier zu seyn.« Sie sind ungerecht, sagte Käthe, und stand ebenfalls auf. Nur der Onkle ist doch so gegen Sie. Die Tante hat Sie gewiß lieb; Herr Beyer und der Cousin Quinctius auch. »Wie aber? wie haben Sie mich lieb? Ich liebe die gnädige Frau, wie meine Mutter, und darf es ihr nicht sagen. O, ich möchte ihr zuweilen für mein halbes Leben nur die Hand küssen, und darf es nicht. Quinctius ist mit mir erzogen; ja, er hat mich lieb. Aber kann diese Liebe dauern? Er nennt mich Du ; ich muß ihn Sie und Junker nennen. Heimlich nenne ich ihn wohl Du , weil er es haben will; aber ... Nein, es thut weh! Ich darf hier Niemanden als Beyern sagen, daß ich ihn lieb habe; Niemanden weiter!« Bei diesen Worten drangen Thränen aus seinen Augen. Käthe blickte ihm mitleidig, wehmüthig lächelnd ins Gesicht. Ich ... fing sie abgebrochen und leise an; ich ... bin nicht stolz; mir dürfen Sie es sagen, wenn Sie mich lieb haben. (Kaum waren die Worte heraus, so erröthete sie hoch, und schlug die Augen nieder.) Denn auch ich, – setzte 76 sie hinzu, auch ich ... bin ja hier nur aus Gnade. O, seyn Sie doch wieder heiter. Sie hob ihren Arm ein wenig auf, als ob sie ihm die Hand geben wollte, zog ihn aber sogleich furchtsam wieder zurück. August lächelte ein wenig bitter. Sie fühlte den Blick, und reichte ihm die Hand wieder hin. Er nahm sie, drückte sie an seine Lippen, an sein Herz, und benetzte sie mit Thränen. Oh, sagte er dann mit unbeschreiblichem Eifer, darf ich es Ihnen sagen, liebes, theures Fräulein, wie lieb ich Sie habe? Lieber, lieber als alles auf der Welt! lieber als die gnädige Frau! lieber als Beyern! Die arme Käthe wußte nicht, was sie sagen, wohin sie ihre Blicke werfen sollte, und wendete sich mit dem Gesichte bald hierher, bald dorthin. Sie machte sogar einen ganz leichten Versuch, ihm ihre Hand zu entziehen; das konnte sie aber nicht: denn der Versuch bestand mehr in einem Vorsatze, als in Handlung. O, lassen Sie mich! sagte sie endlich mit einer Stimme, die gegen ihren Willen etwas Befehlendes bekam. August ließ, durch den kalten, gebieterischen Ton ihrer Stimme halb erstarrt, ihre Hand los, und erröthete vor Scham, sich so geirrt zu haben. »Ich verstand Sie nicht, mein Fräulein«, sagte er mit einer Verbeugung, und in einem bittern Tone. »Verzeihen Sie mir. Befehlen Sie, daß wir wieder anfangen?« Er wollte bei ihr vorüber gehen. – Lissow! rief sie jetzt, ihn zurückhaltend, und lächelte wehmüthig. Lissow! wiederholte sie noch einmal. »O, Fräulein«, sagte er: »Ihre Kälte ... Es hat mich sehr geschmerzt!« Sie legte die Hand an die Stirn, ging die Hälfte des Zimmers nachdenkend hinunter, und blieb so stehen. 77 Lissow stand im Fenster, und sah ihr mit unbeschreiblicher Unruhe in der Seele nach. Er wollte zu ihr hin, sie in seine Arme schließen, und ihr sagen, wie heiß er sie liebe, wie unglücklich er sey; denn das alles fühlte er in diesem Augenblicke ganz deutlich. Aber er blieb ruhig stehen, weil ihn ein andres Gefühl zurückhielt, welches ihm sagte, das sey jetzt ungroßmüthig. Sie empfand nur die Bewegung ihres Innern, ohne etwas dabei zu denken. Endlich wendete sie sich um, und reichte ihm die Hand. Lissow betrachtete sie einige Augenblicke. Sie lächelte, weil ihre Empfindungen süß waren, und weil er so finster da stand. Seine finstern Blicke erhellten sich nach und nach. »O Käthe!« sagte er dann mit Leidenschaft, und zog sie in seine Arme. Da umfaßte sie ihn sanft, legte ihre Stirn an seine Brust, und stand so eine lange glückliche Minute. Er beugte seine heißen Lippen auf ihre schöne Wange. Sie hob sich auf, sah ihn mit unruhigen und zärtlichen Blicken einige Pulsschläge lang an, sagte dann leise und betrübt: o Gott! und verließ das Zimmer. Auch er seufzte: o Gott! sah ihr nach, und warf sich schluchzend in einen Sessel. Sie ging auf ihr Zimmer, und setzte sich in ein Winkelchen, um über das Geschehene nachzudenken. Die Thür flog auf, und Quinctius sprang herein. »Hören Sie, Cousinchen, sagen Sie mir, was glauben Sie: ist ein Wort ein Körper, oder nicht?« O, lieber Vetter, ich weiß es nicht. Wozu soll ich das auch wissen? »Wozu? Nun, meinetwegen, wenn Sie nicht richtig wollen 78 reden lernen! Ich habe mir in dieser Stunde den Kopf zerbrochen und eine außerordentlich feine Erfindung gemacht. Ein Ton, liebes Käthchen, das haben Sie schon von Lissow gelernt, besteht aus bewegter Luft. Luft ist ein Körper; also ist ja auch jeder Ton, oder jedes Wort, ein Körper. Nun, Cousinchen? was sagen Sie dazu? Sehen Sie, das Feine bei der Sache ist, daß ein Ton ein Körper, oder auch kein Körper ist, je nach dem man spricht. Sagt man, ein Ton besteht aus bewegter Luft, so ist ein Ton ein Körper; sagt man, ein Ton ist die Bewegung der Luft, so ist er kein Körper. Da man nun Beides sagen kann, so ist ein Ton zu gleicher Zeit ein Körper und auch kein Körper; und so, liebes Käthchen, habe ich mit einemmale die ganze Philosophie umgestoßen, die allein auf diesem Satze beruhet.« Käthe rieb sich unruhig die Stirn und die nassen Augen, und schwieg. »Nun, Sie sagen dazu gar nichts, liebes Käthchen? Ich könnte Ihnen noch mehr sagen. Wo ist Ihre Seele?« Das weiß ich nicht, lieber Cousin! »Von mir könnten Sie es erfahren«, sagte er mit einem schlauen und starren Blicke auf sie. Käthe erröthete. Nun? fragte sie; und wo wäre sie denn? »Ja, Deutsch läßt es sich nicht gut sagen. Ihre Seele ist wo , aber nur nicht an einem Orte; ubi, aber nicht ...« So? erwiederte sie lächelnd. »Aber, Käthchen«, fing Quinctius auf einmal an: »Sie sehen heute, ich weiß selbst nicht wie, aus; so sonderbar! Ihre Augen glänzen, Ihre Wangen glühen wie Rosen. So 79 hab' ich Sie noch nie gesehen. Ich weiß nicht – so freudig, und doch auch so traurig! Was ist Ihnen denn begegnet? was fehlt Ihnen?« Nichts, lieber Cousin; nichts, in der That nichts. Setzen Sie sich zu mir; wir wollen ein wenig plaudern. – Sie sah ihn helllächelnd an, und drückte ihm die Hand. Er setzte sich mit Wohlgefallen zu ihr, weil ihre rührende Stimme, und das Leidenschaftliche in ihren Augen, in ihrem ganzen Wesen, seine Theilnahme erregten. Sie liebkoste ihm, um den Eindruck, den ihre Spannung auf seine Neugierde gemacht hatte, wieder zu vertilgen; und diese Liebkosungen waren noch jetzt von dem Geiste der Liebe angehaucht. Quinctius hatte das nie bei Käthen gefühlt, was er heute fühlte. Er verließ sie ungern; indeß wäre der Eindruck bei ihm sogleich wieder durch eine Schmeichelei von irgend jemanden verlöscht worden, wenn ihm nicht, als er Käthens Liebkosungen noch nicht vergessen hatte, eine lateinische Übersetzung des Plato in die Hände gefallen wäre. Beyer redete von dem Plato immer mit einer Ehrfurcht, die an Anbetung gränzte; man denke also, was sein Schüler von diesem Philosophen halten mußte. Quinctius fand eine Stelle, worin Plato die Liebe als die Quelle alles Großen, Vortrefflichen und Schönen empfiehlt. »Wo ist ein großer Mann«, so schloß Plato, »der nicht schon als Jüngling ein liebevolles Herz für einen geliebten, schönen Gegenstand gehabt hätte?« Quinctius schlug das Buch zu, und erröthete: denn er mochte nachdenken, so viel er wollte, er hatte noch nicht geliebt; und der große, göttliche Plato 80 machte doch die Liebe zum Kennzeichen eines großen Mannes. Da saß nun der eitle Jüngling, und verlangte nach Liebe. Wer konnte ihm einfallen, als seine schöne Cousine, deren Liebkosungen einen so angenehmen Eindruck auf sein Gefühl gemacht hatten? Schon am nächsten Morgen früh war er bei Käthen, faßte sie näher ins Auge, als sonst, und fand sie jetzt zum ersten Male sehr reitzend. In der Stunde, die er bei ihr blieb, erwies er ihr so viele Gefälligkeiten, und so auffallend, daß sie es merken mußte. Sie neckte ihn dafür; er aber fand, je länger er das trieb, desto mehr Geschmack an dieser Art von Unterhaltung, flatterte nun beständig um seine Cousine her, und verließ sie fast nicht anders, als wenn er seine Lehrstunden besuchte. Doch je öfter er bei ihr war, und je mehr Artigkeiten er ihr erzeigte, desto zurückhaltender, desto kälter wurde sie gegen ihn. Das that ihm freilich eben nicht weh; aber er wollte lieben, um ein großer Mann zu seyn: und so war es ihm doch unangenehm, daß Käthe so wenig auf ihn merkte. Von Zeit zu Zeit durchsuchte er Beyers' kleine Bibliothek, um etwas zu lernen, das Lissow nicht wußte. So war er auch einmal davor, und fand den Ovid de arte amandi (von der Kunst zu lieben). Augenblicklich steckte er den gefundenen Schatz zu sich, und ging damit in die fernste Laube des Gartens. Mit Heißhunger las er das Büchelchen halb aus, und fing dann sogleich an, die Lehren, welche Ovid den Römischen Jünglingen über die süße Kunst zu lieben giebt, zu befolgen. Er dachte mit keinem Gedanken daran, 81 daß Plato eine andere Liebe meinen könnte, als Ovid, und sagte freudig: »o, wenn es nur das ist, so will ich bald ein großer Mann seyn!« »Vereinige Neugierde mit Dankbarkeit«, sagt Ovid, »und laß die Geliebte nicht erfahren, wer ihr Geschenke macht.« Noch diesen Abend holte Quinctius eine große Menge Blumen aus dem Garten, wand heimlich, sobald alles schlief, Kränze daraus, und hängte sie an die Thür seiner Geliebten. Am folgenden Morgen fand Käthe die Blumenkränze. Sie erstaunte über die seltsame Galanterie, und rieth auf ihren Cousin, weil der ihr seit einigen Tagen unablässig nachgegangen war; allein Quinctius hielt sich an seinen Ovid, und versicherte mit der ehrlichsten Mine, daß er nichts davon wisse. Nun rieth Käthe auf Lissow, und dabei blieb es. Am folgenden Morgen hingen wieder eine Menge Blumenkränze an ihrer Thür. Sie schüttelte den Kopf über Lissows Dreistigkeit, so viele Blumen auf einmal aus dem Garten zu holen, besonders da der Baron sie liebte, und täglich nach ihnen zu sehen pflegte. Um nicht Verdruß zu veranlassen, versteckte sie die Kränze unter ihr Bett. Quinctius, der noch keinen Erfolg von seinem Gehorsam gegen Ovids Lehren sah, las wieder, und fand: »Sey standhaft in deinen Bemühungen, Jüngling. Geduld führt in den Hafen.« Er holte am Abend einen ganzen Korb voll Blumen, ging leise in Käthens Kammer, und bestreute ihr Bett, den Boden und alle Tische damit. Als Käthe am Abend in ihr Schlafzimmer trat, schlug sie in die Hände, und sagte: das ist doch sehr einfältig! – Sie legte die Blumen wieder 82 unter das Bett; aber am folgenden Morgen stand vor ihrer Thür abermals ein großer Korb voll. O wahrhaftig, er ist unklug geworden! dachte sie nun, und war in Ernst ein wenig böse, so lieb sie Lissowen auch hatte. Sie ging zu ihm in die eine Stunde, die er ihr jetzt noch im Deutschen Styl geben mußte. Beyer war heute zugegen; doch fand sie Gelegenheit in einer guten Wendung zu sagen: ich habe Blumen genug. Das half; am folgenden Morgen war die Thür, die sie furchtsam öffnete, nicht mit Kränzen behängt. Nun glaubte sie ganz sicher, daß diese Galanterie von Lissow hergekommen wäre, und daß die wenigen Worte, die sie ihm gesagt, ihr ein Ende gemacht hätten. Allein sie irrte sich. Der Baron hatte dem Gärtner noch den Abend vorher Befehl gegeben, mit einer Büchse im Garten zu patrouilliren, und dem Blumendiebe ohne Umstände die Waden voll Hagel zu schießen. – Quinctius, der den Befehl hörte, hielt es nicht für rathsam, in dieser Nacht seine Galanterie zu wiederholen; und die Thür seiner Geliebten blieb daher ohne Kränze. Am Morgen hörte Käthe den Baron auf den Blumendieb schelten. Sie gerieth darüber in große Angst, verschloß sich in ihre Kammer, versteckte die Blumen unter ihr Bettstroh, und verwünschte tausendmal die reichlichen Geschenke ihres Geliebten. Quinctius hielt sich noch immer an das constanter des Ovid; er holte nun am Tage ganze Taschen voll Blumen aus dem Garten, und bestreute damit wieder Käthens Bett und Fußboden. Sie wollte verzweifeln, als sie ihr Schlafzimmer öffnete. Heute sammelte sie die Blumen, 83 unter Thränen, sorgfältig auf, steckte sie wieder zu den verwelkten, und nahm sich vor, dem wunderlichen Menschen bei der ersten Gelegenheit einen recht nachdrücklichen Verweis zu geben. Als sie am folgenden Morgen die Thür öffnete, fürchtete sie, wieder einen Korb voll zu finden; damit war sie indeß doch verschont geblieben. Nun ging sie zu ihrer Tante. Nicht lange nachher kam der Baron, und lärmte aufs neue über den Blumendieb. »Er muß«, sagte der Baron, »nothwendig im Hause seyn; denn die ganze Nacht hindurch haben Leute im Garten gewacht.« Käthe wurde blaß und roth. Der Onkle bemerkte es, und fragte: »Püppchen? wie steht es um dein Gewissen? he? Ohnehin kramen die Jüngferchen immer gern mit Blumen. Weißt du um den Blumendieb?« Käthe sagte mit zitternder Stimme: nein, lieber Onkle. Der Baron wollte sich aber dabei nicht beruhigen; er nahm sie bei der Hand, und führte sie nach ihrem Zimmer. Sie ging ziemlich ruhig mit, weil sie glaubte, die Blumen recht gut verborgen zu haben. Kaum aber steckte der Baron den Kopf in die Thür, so rief er: »hier riecht es ja wie in einem Blumengarten!« Der Geruch führte ihn auch sogleich zu Käthens Bette. Als er einige Küssen aufhob, wurde der Duft beinahe betäubend. Nun fand er leicht die Blumen im Stroh, und erstaunte über die Menge. »Aber, Käthe«, fing er zornig an; »du mehr als Cajus, Lucius und Cäso« – Ach, liebster, gnädiger Herr Onkle, ich schwöre Ihnen, daß ich noch nie eine Blume abgerissen habe. 84 »So gesteh, wer sie dir gebracht hat!« Käthe erzählte, was sie wußte; und so sehr der Baron ihr auch zusetzte, so blieb sie dennoch dabei, daß sie nicht einmal vermuthen könne, wer ihr die Blumen bringe. Sie zitterte mehr für Lissow, als für sich selbst. Auch hatte sie die Sache so erzählt, als ob ihr jemand mit den vielen Blumen habe einen Possen spielen wollen. Man zerbrach sich im ganzen Hause vergebens die Köpfe darüber; der Thäter blieb verborgen. Käthe aber erstaunte, daß Lissow ihr das großmüthige Schweigen so wenig dankte. Quinctius schlug nun einen andern Weg ein. »Geschenke«, sagt Ovid, »sind die Heerstraße, welche die Liebe am liebsten geht. Ein weißes Nebelgewand, ein Kopfputz, eine Perlenschnur erhöhen des Mädchens Schönheit, und öffnen ihr Herz der Liebe, besonders wenn du schenkst, ohne Dank zu fordern, heimlich, wie die Flamme, welche dich verzehrt.« Quinctius ließ durch einen Jäger, der ihm treu war, alles, was Ovid angiebt, kaufen, und Käthe fand heute auf ihrem Bett ein schönes Kopfzeug, ein modernes Halsband, und eine andre, eben nicht wohlfeile, Kleinigkeit zum Putze. Jetzt ging Käthen ein Licht auf, da Lissow diese theuren Sachen unmöglich gekauft haben konnte. Sagen Sie mir, Lissow, fragte sie, haben Sie mir denn nicht die vielen Blumen auf mein Zimmer geschleppt? – »Ich? Nein!« – Haben Sie mir auch nicht Geschenke auf mein Bett legen lassen? – »Nein, gewiß nicht.« Käthe fragte den Cousin. Er leugnete mit einer sehr ehrlichen Miene, und sie wußte nun wieder nicht, woran sie war. 85 Quinctius dachte: »Ovid hat Recht. Es wirkt nach.« Käthe zeigte der Tante die Geschenke, und fragte sie um Rath. Auch dieser war die Sache ein unbegreifliches Räthsel. Lissow wurde eifersüchtig, und forschte nach dem unsichtbaren Liebhaber; aber vergebens. Quinctius verrieth sich nicht einmal mit einer Miene; er bedurfte keines Vertrauten, lobte Käthen nicht, und war sogar nicht mehr so oft um sie, als seit einigen Tagen. Endlich aber ertappte Käthe ihren Vetter auf der That. Nun gestand er zwar, was er nicht leugnen konnte: daß er die Blumen und die übrigen Sachen gebracht habe; allein über seine Absicht ließ er Käthen gänzlich in Ungewißheit: denn Ovid hatte nicht vorgeschrieben, wie der Liebhaber, wenn er ertappt werde, sich benehmen müsse. Quinctius sagte seiner schönen Cousine ganz ruhig: es wird sich schon zeigen, was ich damit habe sagen wollen; und ging dann seines Weges. Lissow'en, der Alles erfuhr, schien die ganze Sache sehr klar, und er wunderte sich, daß Käthe so unmäßig über etwas lachte, das er ganz und gar nicht lächerlich finden konnte. Sie sehen, mein Fräulein, sagte er bitter, der junge Herr von Flaming liebt Sie. Sie sehen – »Er liebte mich?« fiel Käthe ein; »Lissow, ich dächte, Sie sollten mir zutrauen, daß ich die Liebe wohl kennen müßte. Quinctius ist ein Narr, nichts mehr und nichts weniger.« Auch Narren sind zuweilen glücklich, sagte Lissow mit bedenklichem Kopfschütteln; und Käthe lachte laut. – »Überrasche«, sagt Ovid, »deine Geliebte, wenn sie schläft, drücke deine heißesten Küsse auf die Rosen ihres Mundes; 86 sie erwacht nicht. Schneide eine Locke von ihrem Haupt; sie erwacht nicht, und läßt deinen Händen das süße Unterpfand ihrer geheimen Liebe.« – »Nein«, sagte Quinctius; »das geht weit. Den Henker auch!« Er fand aber, daß Ovid mit vieler Sicherheit von dieser Unternehmung sprach, und traf im Weiterlesen noch dazu auf folgende Stelle: »Giebt die Geliebte deine Geschenke nicht ihrer Jungfer, trägt sie selbst und schont sie, so ist ihr Herz voll Liebe zu dir, und wenn ihre Lippen so rauh wären wie der Nordwind, der das Adriatische Meer peitscht.« Nun war unser Quinctius völlig von Käthens Liebe überzeugt. »Ja«, dachte er, »sie liebt mich! Alles trifft zu. Sie seufzt, hängt den Kopf, kann ohne zu arbeiten stundenlang in Träumen versenkt, dasitzen; sie antwortet verkehrt, ist zerstreuet, erröthet ohne Ursache, gestikulirt mit den Händen, rührt die Lippen, ohne etwas zu sagen, und spricht in einem Krankentone, ohne krank zu seyn. Gerade, wie Ovid es beschreibt. Gewiß, sie liebt mich! Ich muß die Überraschung wagen.« Quinctius hatte wirklich nicht falsch gesehen; Käthe war ein lebendiges Bild von seiner Schilderung. Sie hatte sich mit Lissow über Quinctius gezankt, weil er ihr Vorwürfe machte, sein Unglück beklagte, und sich, die Welt, und alle Mädchen verwünschte. Käthe wollte ihn beruhigen; er schalt aber alles, was sie sagte, Heuchelei. Nun wurde sie böse, gestand endlich spöttisch, daß sie den Cousin liebe, und fragte Lissow, ob er denn Ansprüche auf ihr Herz machen könne, da sie ihm niemals Liebe versprochen habe. Lissow wollte einlenken; aber nun wurde Käthe noch 87 aufgebrachter, vergoß einen Strom von Thränen, und schwor, nie wieder ein Wort mit ihm zu reden. So waren sie gestern aus einander gegangen; und seit diesem Augenblicke saß Käthe da, seufzte, hängte den Kopf, weinte, schalt, bat ab, und bereuete, was sie schon eine Minute nachher sich wieder vorsetzte. Auf diese Zeichen hin wollte Quinctius die Überraschung wagen. Er stand am Morgen bei Tagesanbruch auf, schlich, mit dem Ovid in der Tasche und einer Schere in der Hand, über den Saal, und öffnete leise Käthens Thür. In dem wenigen Lichte, das der Morgen durch die Jalousieen fallen ließ, sah er Käthen wie die Göttin der Liebe da liegen. Er ließ die Schere fallen, und wollte schon zur Thür hinaus; aber sie erwachte nicht. »O, mein Ovid!« sagte er leise, und schlich dem Bette näher. Käthe mußte einen süßen Traum haben; denn ihre Brust flog, und ihre Wange glühte. Quinctius trat nun mit leisen Schritten dicht an ihr Lager, hob zitternd eine der schönen, blonden Locken von ihrer Schulter, legte sie zwischen die Schere, schnitt zu, und – Käthe erwachte nicht, obgleich die Schere klirrte. »O mein Ovid!« sagte Quinctius leise, und bückte sich über das Gesicht des schönen Mädchens, das noch immer mit geschlossenen Augen und fliegendem Busen dalag. Er legte seine Lippen, Anfangs sanft, dann fester, auf die Rosen ihres Mundes; und sie erwachte nicht. Nun drückte er (was Ovid die Quintessenz der Liebe nennt) des Zahnes dauerndes Denkmahl so fest in die wächserne Schulter der schönen Schläferin, daß sie zuckte; aber dennoch erwachte sie nicht. Er 88 wunderte sich, daß Ovid so sehr Recht hatte, und konnte nicht begreifen, warum die Cousine gar nicht erwachte. »O, mein Ovid!« sagte er noch einmal leise, und schlich mit seinem Raube von dannen. Nun legte er die blonde Locke in das kleine Buch, stützte den Kopf auf, und sann nach, warum wohl Käthe nicht erwacht seyn möchte; denn daß sie ihn so heiß liebte, glaubte er doch nicht ganz. »Recht hat Ovid, das seh' ich nun wohl; aber warum es so ist, das begreif ich nicht.« Er brachte durch alles Sinnen nichts heraus, und beschloß nur, seinem Ovid mit blindem Köhlerglauben zu folgen. Käthe schlief wirklich sehr fest, als Quinctius herein trat; sie erwachte indeß, als die Schere zu Boden fiel. So wie sie die Augenlieder öffnete, sah sie die Figur einer Mannsperson, die sich bückte. »Ah, das ist Lissow!« dachte sie mit klopfendem Herzen, und schloß geschwind die Augen wieder zu. – Er faßte ihre Locke, und sie sah, als sie wieder ein wenig blinzte, daß die Hand mit einer Schere sich näherte. »Laß ihn schneiden«, dachte sie; »ich liebe ihn ja, und habe ihm zu viel gethan.« Er schnitt, und dann fühlte sie, noch immer bei fest zugedrückten Augen, seine warmen Lippen auf den ihrigen. So fest sie auch schlafen wollte, so verzog sich doch ihr Mund ein wenig. Dann fühlte sie den Biß auf der Schulter nach Römischer Sitte, und zuckte, weil er weh that. Endlich zog die Figur sich wieder zurück und ging zur Thür hinaus. Als Käthe sicher zu seyn glaubte, daß sie nicht behorcht würde, sprang sie auf, lief vor den Spiegel, besah ihr 89 blondes Haar, und rief ein wenig verdrießlich: aber, mein Gott, welche eine Menge Haare hat er mir weggeschnitten! Dann besah sie ihre Schulter, und bemerkte des Zahnes dauerndes Denkmahl. Das mag gelten, sagte sie; wenn ich angekleidet bin, sieht es niemand. Aber die schöne Locke! Nun, was hilft es? – Sie kämmte das übrige Haar mehr vorwärts, um den Raub zu verbergen, und stellte sich dann, als ob nichts vorgefallen wäre. Quinctius glaubte, doch endlich, als Käthe sich frisiren ließ, eine Klage über den Raub von ihr zu hören; sie ertrug aber ihren Verlust sehr geduldig. Er nickte mit dem Kopfe, und dachte: Ovid ist ein Wundermann! Als Käthe Lissowen zuerst wiedersah, erröthete sie; denn noch jetzt brannten seine Küsse auf ihren Lippen. Aber zu ihrem Erstaunen war sein Gesicht, anstatt heiter und entzückt zu seyn, finster und ohne Charakter. Nun war sie entschlossen sich zu stellen, als ob sie wirklich geschlafen hätte. Da aber Lissow schlechterdings kein Wort von seinem Glück erwähnte, so fing sie selbst an, auf den Verlust ihrer Locke Anspielungen zu machen. Als Lissow noch immer finster blieb, wurde sie sehr verdrießlich, und die Versöhnung, die sie schon im Herzen beschlossen hatte, kam nicht zu Stande. Beide verließen einander kalt und voll Unmuth. Bis hierher war Quinctius wirklich nur ein eitler Thor gewesen, den eine Stelle im Plato zur Liebe überredet, und der sie als eine Kunst hatte treiben wollen. Aber seit den heißen Küssen auf Käthens Rosenlippen bekam auch die Sinnlichkeit ihre Rolle bei dem Handel. Quinctius sah den 90 ganzen Morgen das schöne Bild seiner Cousine; er dachte mit ungewöhnlichem Vergnügen an die reitzende Lage ihrer Arme, an die schneeweiße Schulter, welche die abgeschnittene Locke bedeckt, und an die Küsse, die er auf ihre Lippen gedrückt hatte. Jetzt wünschte er sehnlich, daß er geliebt seyn möchte, gerieth in tiefes Nachdenken, und zog zum ersten Male sein Herz zu Rathe. Seine Eitelkeit sowohl als die Begebenheit dieses Morgens beredeten ihn, daß er geliebt werde; und dieser Gedanke machte ihm die innigste Freude. Er ging zu Käthen, als sie von Lissow zurückgekommen war. Sie saß mit finstern Blicken da, und hatte die Hände lässig auf dem Schooße liegen. Zum ersten Male näherte sich Quinctius ihr mit einer Art von Furchtsamkeit. Als er die Thür öffnete, erwartete Käthe von ihm die gewöhnlichen Possen; und sie war doch heute so wenig dazu aufgelegt. Aber sie irrte sich. Er trat an ihren Stuhl, nahm sanft ihre Hand, und sagte: »Ihr Kummer, liebe Cousine, läßt Ihnen so schön, daß man Ihnen auch den beneidet. Wenigstens wird jedes Herz ihn gern mit Ihnen theilen.« Käthe machte bei dem Komplimente große Augen, sah ihn lange starr an, und überlegte einige Sekunden, ob sie nicht Lissow's Eifersucht wahr machen sollte. Freilich nahm sie es sich nicht vor; aber gegen ihren Willen sprach sie doch mit Quinctius freundlicher, als gewöhnlich. Dann saß sie wieder einige Minuten in trübem Nachdenken. Quinctius, der das für den letzten Kampf ihres jungfräulichen, zögernden Herzens hielt, wäre ihr beinahe 91 zu Füßen gesunken, und hätte ihr seine Liebe gestanden. Er hielt sich indeß, und Käthe war zu zerstreuet, um etwas Andres zu bemerken, als daß ihr Vetter heute viel artiger und bescheidner war, als gewöhnlich. Einige Tage nachher machte Käthe endlich Frieden mit Lissow, weil sie der kummervollen Miene, den Seufzern und den heimlichen Thränen des geliebten Jünglings nicht länger widerstehen konnte. Aber was ist Ihnen, Lissow? fragte Käthchen, als sie in der Unterrichtsstunde mit ihm allein war. »Mir?« antwortete er, und es drangen Thränen aus seinen Augen. Das war der Anfang einer Scene, die mit großen Abwechselungen durch alle Arten des Vortrages, Amaramente, Furioso, Dolce u.s.w. ging, bis sie zuletzt mit einem Amoroso und einer zärtlichen Umarmung endigte. Beide versprachen einander, wie das Sitte ist, ewige Treue, Standhaftigkeit bei allem Unglück, und die heiligste Verschwiegenheit bis zu dem Zeitpunkte, da – man konnte nicht anders, es mußte heraus, so sehr Beide auch davor errötheten – da Lissow ein Amt haben würde, um seine Geliebte heirathen zu können. Käthe verließ um fünf Uhr ihren Unterricht, und nun hörte man ihre frohe Stimme im ganzen Hause. Sie drückte dem Cousin Quinctius, der ihr begegnete, zärtlich die Hand, tanzte mit ihm umher, und ließ sich aus lauter Freude Küsse von ihm stehlen. »Aber, sag mir nur« – so rief der Baron zur Thür hinaus, Quinctius entgegen, der jetzt auf dem Saal aus Leibeskräften sang: – »sag mir nur, was hast du denn zu schreien?« 92 Ich bin so vergnügt, Vater, so glücklich! Haben Sie nicht gehört, wie auch die Cousine gesungen hat? »Recht so! Die singt; und ich sorge, woher das Vögelchen ein Nest nehmen soll. Komm Quinctius, übersetze mir einmal. Da ist wieder ein Narr, der sich seiner Muttersprache schämt.« Er hatte in seinem Zimmer »Gehagens Untersuchung, ob adelige Töchter die Güter ihrer Vorfahren beerben können und sollen« auf dem Tische liegen. Käthens Tante in Schwaben wurde immer älter, und der Freiherr hatte einen Brief ohne Nahmen bekommen, der ihm Nachricht gab, daß sie Willens wäre, nicht Käthen, sondern einer weitläuftigen Anverwandtin, ihr Vermögen zu hinterlassen. Er schlug alle seine Bücher nach, und fand endlich den Gehagius, worin aber viel Latein vorkam. Quinctius übersetzte ihm, daß von Gottes und der Natur wegen Töchter Anspruch auf die Erbschaften der Vorfahren zu machen hätten. Gehagius bewies das aus der Bibel, Römer 8,17: »Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben.« »Wie?« rief der Baron eifrig, und stand auf: »es steht in der Bibel, daß die Töchter erben sollen? und die Alte wollte das Fräulein Katharina von Nothafft nicht erben lassen? Nein, Ihr Gnaden, dazu red' ich auch noch ein Wort. Nicht also! Sie werden doch in Schwaben die Bibel respektiren? Käthe soll erben! Lies weiter, Quinctius.« »Auch das Naturgesetz erklärt es für unmenschlich, Töchter ...« »Halt! das mag ich nicht wissen. Das Naturgesetz ist das einfältigste Gesetz von allen. Ich möchte wissen, welcher 93 Narr das gemacht hat. Den Teufel auch! Das Naturgesetz, sagt Maibom, nimmt keinen Adel an. Wie kann es also über adelige Streitigkeiten entscheiden? Es mag bei den Türken gelten, die keinen Adel haben; aber nicht bei uns Christen! Halt du dich an's Reichsgesetz, Quinctius! Menschlich, unmenschlich: Narrenpossen! Käthe soll erben! soll, sag' ich! Nun versprich mir, Quinctius, hier auf der Stelle, daß du, wenn ich früher sterbe, als die alte unchristliche Tante – daß du Käthen zu ihrem Rechte verhelfen willst, mit Gut und Blut.« Quinctius umarmte seinen Vater freudig, und sagte: O, ich nehme gewiß mehr Antheil an Käthens Glück, als irgend ein Mensch auf der Erde. Ich will Käthens Rechte vertheidigen, und sollte es mir künftig den letzten Stein meiner Güter kosten. Müßte ich sie auch mit meiner Hände Arbeit ernähren: sie soll nicht Noth leiden. »Wie?« rief der Baron mit großen Augen: »was sprichst du da? Wie war das? Da geht mir ein Licht auf! ... He! Quinctius, nun merk' ichs. Du quinkulirst, wie ein Vogel auf dem Dache; sie auch. Das läuft Treppauf, Treppab; und du wie ein Narr hinterher. Junge, du bist verliebt!« Ja, bester Vater, ich liebe meine Muhme von ganzem Herzen; und, wie Plato sagt, ... – »Plato? wer ist der Ehrenmann? was sagt er?« Der Vater der Philosophie. Er sagt, man könne ohne Liebe kein großer Mann seyn. Und, wie ich mich fühle, seitdem ich Käthen liebe, theurer Vater, hat er sehr Recht. »Du bist ein Narr, Quinctius. Was Plato! Was Philosophie! 94 Da hier!« – (Er führte ihn zu dem Stammbaume der Flaminge.) »Da stehst du, und neben dir ein leeres Schild, und über dir gar nichts. Sieh, Quinctius, darum mußt du lieben und heirathen, daß du den Stammbaum größer machst. Plato! Narrenpossen! Nun?« (Er sah ihn starr an.) »Wie alt bist du denn? he! Und wie alt ist denn Fräulein Katharina von Nothafft?« Ich bin neunzehn, und die Cousine sechzehn Jahre alt. »Hm! hm!« – Er trat zu dem Stammbaume, und betrachtete ihn sehr nachdenkend. – »Ja, ja ich möchte wohl noch einige Schilder darauf malen lassen. Nun, meinetwegen, Quinctius. Du sollst sie haben. Laß mich allein; ich muß doch die Sache näher überlegen. Haben sollst du sie, das ist richtig!« Quinctius flog singend zur Thür hinaus, und in dem Augenblicke hörte man auch Käthens helle Stimme. Eben trat Frau von Flaming zu ihrem Manne hinein. »Hörst du, Ronichen«, sagte er lachend, »wie die Beiden singen? Wie die Vögel, die sich paaren wollen.« Paaren? Quinctius und Käthe? Der Freiherr schlug ihr Römer 8,17 auf. »Da lies, Ronichen. ›Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben.‹ Käthe ist also gar nicht arm. Aber wenn sie auch nichts hätte – was schadet es? Sie ist ein Fräulein von Nothafft, und der erste Junge, den sie haben, soll Titus heißen, und das erste Mädchen Razilia; denn so hieß die Frau des großen Diktators Quinctius, ein sehr braves, herzensgutes Weib. Was sie für eine Geborne war, weiß ich nicht; indeß will ich ...« 95 Aber, lieber Mann, von wem sprichst du denn? wer soll denn heirathen? Quinctius und Käthe? »Nun ja doch, ja. Der Junge ist bis über die Ohren in sie verliebt.« Frau von Flaming erstaunte über die Neuigkeit, und bekam nun von ihrem Manne den Auftrag, Käthen sogleich ihr Glück anzukündigen. Käthe saß auf ihrem Zimmer. Quinctius hatte seinen Arm um ihren Leib geschlagen; und sie merkte es nicht, weil sie an Lissow dachte: »Sieh da!« sagte die Mutter; »ertappe ich Euch so?« – Käthe erröthete, riß sich los, und sprang auf. – »Nun, es ist keine Sünde, so zu sitzen, kleine Heuchlerin! Setze dich nur wieder. Und was gebt ihr mir, Kinder«, fuhr sie heiter fort, »wenn ihr von mir Erlaubniß bekommt, so vertraut zu seyn als ihr wollt?« Käthe erröthete, und Quinctius fiel seiner Mutter um den Hals. O Mutter! rief er, soll ich glücklich seyn? habe ich Ihre Erlaubniß, meiner geliebten Käthe meine Hand anzubieten? – Käthe erstarrte. – O, Käthchen, fuhr er fort, und küßte ihre Hand: geliebtes, theures Mädchen, sagen Sie mir endlich, daß Sie mich lieben, daß Sie mir erlauben, Sie glücklich zu machen. Käthe stand wie eingewurzelt. »Nun Käthchen?« fragte die Mutter, und nahm ihre Hand, um sie in Quinctius Hand zu legen: »soll ich? Erröthe nur immer, Tochter; du brauchst nicht ja zu sagen.« Käthe erröthete wie eine Sommerrose; aber sie riß ihre Hand los: O, um Gottes willen, theure, liebe Tante! rief sie mit einem Angstgeschrei, und flog von Quinctius fast mit Abscheu zurück. 96 Jetzt warf die Mutter einen Blick auf Quinctius, der lächelnd da stand. »Du scheinst deiner Sache so gewiß zu seyn, Quinctius?« Ich bin überzeugt, Mutter, sagte Quinctius, daß die Cousine mich liebt. – In diesem Augenblicke trat der Baron in das Zimmer. »Sie liebt dich?« fragte er. »Nun, Käthe, so gieb ihm die Hand! Geschwind! Ei, so mach doch fort!« Käthe zitterte wie ein Espenlaub. O theurer, gnädiger Herr Onkle, erlauben Sie, daß ich mich erhole. »Was, erholen! Narrenpossen! Erhole dich nachher! Komm, gieb deinem Bräutigam die Hand!« Quinctius flog mit Entzücken auf Käthen zu. Liebes Käthchen, rief er, o zögern Sie nicht länger; lassen Sie mich eine Minute früher aus Ihrem Munde hören, daß Sie mich lieben. Ich weiß es ja doch schon. »Nun, wenn er es weiß, so gieb ihm die Hand, Mädchen, und ziere dich nicht.« O, mein Gott! rief Käthe ängstlich; was weiß er denn? Nichts weiß er, nichts! Ich bitte Sie, Vetter. Liebstes Käthchen, sagte Quinctius gutherzig: warum wollen Sie jetzt ableugnen, was Sie mir so geheim, so schön, gestanden haben? Die theuren Unterpfänder Ihrer Liebe, die Sie mir zu nehmen erlaubten, sind ja noch in meinen Händen. Liebes Käthchen, seyn Sie doch aufrichtig! Wie? Unterpfänder meiner Liebe? Was haben Sie denn? Reden Sie! Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig! »Aber Hans Narr, wenn du Unterpfänder ihrer Treue, wenn du Versprechungen hast, so zeige sie.« 97 Quinctius griff unter seine Weste, und nahm zögernd Käthens lange blonde Locke hervor. Als Käthe sie erblickte, schrie sie voll Schrecken auf: O, mein Gott! ich bin verloren! Der Baron betrachtete das Ding, und rief mit Käthen zu gleicher Zeit: »ein Haarschwanz? was soll der? ist das ein Pfand auf die Treue?« Es ist eine Locke, sagte Quinctius ein wenig verlegen, eine Locke von Käthens Haar, die sie mir abzuschneiden erlaubt hat. »Aber seid ihr toll? Ihr schneidet einander aus Liebe das schöne Haar ab? Langes Haar ist ja ein Zeichen des Adels; man beschor Königen, die man absetzen wollte, die Köpfe. Wahrhaftig, ihr müßt toll seyn!« Lieber Vater, beim Turnier bekam ja doch oft ein Ritter von einem Fräulein eine Haarlocke, und trug sie dann auf dem Helm, zum Zeichen ihrer Liebe. So ... – »Aha! ja, das ist wahr! Nun, Käthe; nun bist du überführt. Du hast ihm den Haarschwanz – (Haarlocke, fiel Quinctius ein) – gegeben, und zwar aus Liebe. Ziere dich nicht länger.« Ach, gnädiger, bester Onkle! rief Käthe, und streckte die Arme nach ihm hin. »Die verdammte Verstellung! Mädchen, ich kann die Zigeunerstreiche nicht leiden. Wir wissen ja doch, daß du ihn lieb hast. Fort! du hast ihm die Haare gegeben; nun gieb ihm auch die Hand.« Nein, nein; ich habe ihm die Locke nicht gegeben; ich habe sie ihm nicht gegeben! 98 Ich habe sie ihr abgeschnitten, und sie ... o Käthchen, warum soll ich mein Glück nicht sagen? – sie erlaubte es. »Nun, so ist es einerlei. Hast du es erlaubt, Käthe? Thu den Mund auf! Ich will es wissen.« Nein, ... sagte sie zögernd und ängstlich; ich habe es ihm nicht erlaubt, gnädiger Onkle. »Hat er sie dir mit Gewalt abgeschnitten? oder hast du still gehalten? Denn gegeben, oder still gehalten: das ist einerlei.« Keiner antwortete. »Nun? wollt ihr reden? Ich will doch auf den Grund kommen! Hat sie still gehalten, Quinctius?« Ja, Vater! sagte Quinctius zögernd. Aber ich schlief! rief Käthe dazwischen. »Schliefst? wo war es denn? wo schliefst du? he! Wo war es? Wollt ihr antworten?« Ich schlief dort im Bett. Es war Morgens um drei Uhr. Ich weiß von nichts, gnädiger Onkle. »Aber du, Cäso, du Lucius! Was machst du des Nachts auf den Kammern der Jungfern? Je, das ist ja hier im Hause eine hübsche Wirthschaft! Was wolltest du denn da in der Nacht bei Käthen? Je, du wahrer Cäso!« Quinctius gerieth in eine nicht geringe Verwirrung. Ich wollte ... ich wollte ... Es war ein so schöner Morgen. ... Ich wollte sehen, ob Käthe schon aufwäre, um die Sonne ... Sie lag und schlief so schön. Die Locke hing ihr über die Schulter. Ich nahm die Schere, und schnitt sie ab, als ein Pfand ihrer Liebe. »Du bist ein Narr mit deiner Haarlocke. Laß mir das 99 Nachtwandeln bleiben! Gut, du hast ihr die Locke abgeschnitten, und sie schlief. Da gilt es nicht. Es ist nichts als ein Diebstahl. Gieb ihr die Locke wieder. Du bist ein Narr!« Die Mutter lachte. Das verdroß Quinctius, und setzte ihn in große Verlegenheit. Endlich sagte er, wieder zögernd: Käthchen, ich bitte Sie, seyn Sie aufrichtig! Sie machen mich lächerlich, und Sie ... Ich begreife Sie nicht. Ich schlief! ich schlief! ich schlief! rief Käthe; was weiß ich von der Locke! Sie wissen doch aber, daß es drei Uhr Morgens war! Cousinchen, warum zwingen Sie mich? Ich habe diese schönen, blauen Augen ein wenig blinzeln gesehen, und Sie verschlossen sie wieder, als Sie mich angeblickt hatten. Nein, ich schlief, ich schlief! sagte Käthe bestürzt und höchst verlegen. Wohl denn! Sie schliefen, als ich Ihnen die Locke abschnitt; Sie wollen es so. Aber, liebste Käthe, als ich meine Lippen auf ihren Mund drückte; als ich fühlte, daß Ihre Lippen mir meine Küsse wiedergaben; als ... – »Was, Teufel!« fuhr der Baron auf: »das wird ja immer ärger! He, Jungfer! nun nicht mehr geläugnet! Haare, das laß ich gelten, da fühlt man nichts. Aber Küsse? die hast du gefühlt.« Ach, gnädiger Herr Onkle, Quinctius küßte so leise, daß ich nicht davon aufwachen konnte. Vater, sagte Quinctius erhitzt, ich biß sie sogar in die Schulter: das Denkmahl meines Zahns muß noch an ihrer Schulter sitzen; und sie schlug die Augen nicht auf. 100 »Aber Herr Gott! das ist ja wie unter Kannibalen! Quinctius, erzähle nur auf einmal, was du alles noch gethan hast. Sprich! ... Veronika, noch heute sollen Französische Schlösser vor die beiden Schlafzimmer, daß sie nicht heraus können! Das ist ja abscheulich! Beißen sich, schneiden sich die Haare ab; und alles aus Liebe! Nun, Käthe? wirst du den Mund aufthun? Er küßte dich, du ihn wieder; er biß dich, und du schliefest immer fort?« Ach, gnädiger Herr Onkle, ich fühlte wohl, daß er mich küßte; aber es war mir sehr zuwider. »Zuwider? Das mach du einem Narren weis, aber mir nicht. Ich kenne euch Schreihälse recht gut. Wäre es dir zuwider gewesen, so hättest du die Kehle wohl aufgethan, oder ihn mit einem Paar derben Maulschellen weggeschickt. Ne, ne, Kind! ihr ließet euch ja lieber einen Finger abschneiden, als eine Handvoll Haare. Kurz und gut! Quinctius hat hier eine Handvoll Haare von dir, ist bei dir vor dem Bette gewesen, hat dich im Bette geküßt und gebissen, und du hast die Augen zugemacht, nicht geschrieen, nicht gekratzt, nicht geschlagen, sondern wieder geküßt. Das paßt zusammen, wie es soll. Also die Hand her!« – Er nahm ihre Hand; Käthe aber fing jetzt an so kräftig zu schreien, daß er sie mit den Worten: »alberne Trine! so hättest du damals schreien sollen!« fahren ließ. »Du kannst dich besinnen«, sagte er weiter. »Ich gebe dir acht Tage Bedenkzeit, oder meinethalben auch vier Wochen. Komm Quinctius, komm!« Beide gingen, und Käthe blieb mit ihrer Tante allein. 101 Frau von Flaming hatte wohl bemerkt, daß Käthe ihren Abscheu vor Quinctius nicht heuchelte, und kam nun bald auf die rechte Spur. Unter den mancherlei Fragen, die sie ihrer Nichte vorlegte, war auch die: hast du etwa Quinctius für sonst jemand angesehen? Käthe wurde bleich, wie die Wand, läugnete aber ganz dreist. Die Tante stellte sich, als glaubte sie Käthen, und ging weg. Im Gehen dachte sie: sollte wohl Lissow...? und dieser Gedanke fiel ihr schwer auf das Herz. Erst jetzt sah sie ein, wie unvorsichtig sie gehandelt hatte, die schöne Käthe zur Schülerin eines jungen hübschen Menschen zu machen. Sie ging gerade zu Beyern, wo Lissow war, und fing gleichgültig an: »Ganz etwas Neues, lieber Herr Beyer. Mein Mann denkt aus Quinctius und Käthen einmal ein Paar zu machen.« – Frau von Flaming schien nicht zu bemerken, daß Lissow bleich wurde, und sprach von etwas Andrem. Dann ging sie auf ihr Zimmer, wo sie mitleidige Thränen für Käthen und Lissow weinte. Sie wußte wohl, daß es schwer wäre, die Liebe der jungen heißen Herzen zu bekämpfen; aber sie glaubte, daß diese Liebe doch leichter zu unterdrücken seyn würde, als der Ahnenstolz ihres Mannes. Bei seiner Denkart konnte sie nicht zweifeln, daß er, trotz seinem guten Herzen, Lissowen, sobald er nur das Geringste von dessen Liebe merkte, aus dem Hause stoßen, und auch über Käthen in den heftigsten Zorn gerathen würde. Nothwendig mußte also das Verhältniß der beiden jungen Leute dem Baron unbekannt bleiben, und die Verbindung ihrer Herzen, wo möglich, getrennt werden. 102 Vielleicht ist die Leidenschaft, dachte Frau von Flaming, noch im Entstehen, und nur eine flüchtige Neigung. Allein sie irrte sich. Aus dem Wenigen, was wir von der Liebe der beiden jungen Leute gesagt haben, wird jeder, der das menschliche Herz kennt, leicht sehen, daß sie schon sehr tief eingewurzelt seyn mußte. Lissow war nun beinahe fünf Jahre Käthens Lehrer, und während dieser Zeit hatten tausend kleine unmerkliche, doch eben deswegen um so festere Bande ihre Herzen vereinigt: Unschuld der Kindheit, Wärme der Jugend, Gewöhnung an einander, und ein ähnliches Schicksal. Käthe fühlte und dachte wie Lissow, wußte was Lissow wußte; Beider Phantasie, Beider Gedanken nahmen immer Einen Weg. Zwar hatten sie einander erst vor Kurzem ihre Liebe entdeckt; allein ihr Herz empfand sie schon seit jenem Geburtstage des Barons, an welchem Lissow Käthen rettete. Endlich sagten sie einander, was sie fühlten; und seitdem hatten zärtliche Briefe, vertrauliche Liebkosungen, herzliche Umarmungen jene früheren Bande noch durch das festeste von allen, die Sinnlichkeit, vermehrt. In der That, es war nicht leicht, alle diese Bande zu zerreißen; aber dennoch versuchte es Frau von Flaming. Sie ließ zuerst Käthen zu sich kommen. »Höre, meine gute Tochter«, fing sie zärtlich an, »ich weiß, daß du Lissowen liebst.« (Käthe zitterte.) »Gesteh es mir offenherzig, liebes Kind. Ich will dir guten Rath geben; du brauchst ihn. Verschwiegenheit verspreche ich dir. Nicht wahr, du liebst ihn?« 103 Käthe schwieg mit niedergesenkten Augen, und weinte. Endlich sagte sie: ja, beste Tante, ich liebe ihn. Ach, ich bin sehr unglücklich! »Wie lange liebst du ihn schon?« So lange ich ihn kenne, liebste Tante; von dem Augenblick an, da ich ihn sah. »Aber wann merktest du zuerst, daß du ihm so gut warst?« An des Onkels Geburtstage, da er mich rettete. Ach, liebste Tante, ohne ihn lebte ich ja nicht mehr; ich muß ihn lieben! Die Tante setzte das Examen fort, und erfuhr bald, daß sie mit einer sehr starken Leidenschaft zu kämpfen hatte. Nun stellte sie Käthen, sanft und mitleidig, vor, daß ihre Liebe mit der Unmöglichkeit zu streiten habe. »Oder weißt du ein Mittel, glücklich zu werden?« fragte sie. Bei dieser Frage wurde Käthe auf einmal sehr beredt. Sie wußte tausend Mittel, die alle darauf hinausliefen, daß es ihr gleichviel gelte, in Armuth, in einer Wüste, in Verachtung, im Gefängnisse zu leben, wenn nur Lissow bei ihr sey. Dann machte sie eine so rührende Beschreibung von dem Glücke der Eintracht, der Freundschaft, der durch Liebe süßen und frohen Genügsamkeit, daß der Tante die Augen übergingen. »Aber, Mädchen«, fragte diese, »woher weißt du das alles?« Käthe legte die Hand auf ihre Brust, und sagte mit einem aufrichtigen, ehrlichen Blicke: aus meinem Herzen voll Liebe! Und sie sagte die Wahrheit; denn Romane gab es damals noch nicht. – Ihr Mütter, scheltet 104 nicht auf alle Romane; seid unzufrieden mit euch selbst, wenn ihr euren Töchtern vertraulichen Umgang mit Jünglingen erlaubt habt. Das Herz giebt der Jugend die Empfindungen der Liebe; Romane lehren sie nur anständig reden. »Aber meinst du, Käthe«, fuhr die Tante fort, »dein Onkle würde jemals zugeben...?« Das weiß ich, liebe Tante. Aber ich kann ja warten, und will es gern, zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Ich bin schon glücklich, wenn ich nur keinen andern Mann nehmen darf. »Und wirst darüber alt und grau!« O nein, liebste, gütigste Tante; glauben Sie mir, die Liebe und das Herz werden nicht alt. »Aber, Kind, wenn dein Onkle etwas erführe, so wäre Lissow unglücklich. Oder wenn er nun schlechterdings darauf bestände, daß du meinen Sohn heirathen solltest: wie dann? Du kennst den Onkle!« Dann, – sagte Käthe, und ihre Thränen standen auf einmal – dann, liebste Tante ... »Nun? dann? Sey ganz aufrichtig, liebe Käthe.« Dann ginge ich mit Lissow davon, und sollte ich mich irgendwo als Magd vermiethen. »Und fragtest nicht danach, wenn deine Verwandten vor Gram stürben; wenn deine Tante sich jeden Abend mit Thränen um dich niederlegte!« Ach, Tantchen, machen Sie mir das Herz nicht schwer. Wenn man liebt, so denkt man an so etwas gar nicht. Dachte Lissow damals, als er sich zwischen die wilden Schimmel 105 stürzte, und sich von ihnen schleifen ließ – dachte er damals: was werden deine Verwandten sagen, wenn sie hören, das du von den Pferden zertreten bist? Nein, er hatte mich lieb, und sprang, ohne sich zu besinnen, zwischen die Pferde. O, Tantchen bedenken Sie doch, ich muß ihn lieben. Die Tante schüttelte den Kopf; aber freilich konnte sie auf das alles nichts Rechtes antworten. Sie streichelte dem Mädchen die schöne Wange, und sagte mitleidig: »es ist doch unmöglich; du mußt vergessen.« Nun ließ sie sich von Käthen versprechen, Lissowen heute weder zu sehen, noch an ihn zu schreiben. Dann ging sie zu Beyern, und erzählte ihm ihre Entdeckung. Beyer machte große Augen, wollte erst nicht glauben, besann sich aber auf diese und jene Kleinigkeit, die er bemerkt hatte, und sagte endlich: ja, ja! nun ist es mir deutlich, warum der Lissow die Dichter den Prosaisten so vorzieht! Aber wart! ich will dir die Dichter anstreichen. Sie glauben nicht, Ihr Gnaden, wie er sie übersetzte! Darum las er auch Fräulein Käthen, des Styls halber, wie er sagte, den Virgil vor, und den Homer. Aber nur Geduld! den Boethius soll er mir auswendig lernen! »Hilft das gegen die Liebe, Herr Beyer?« Ja, das weiß ich nicht, Ihr Gnaden. Aber wer hätte das denken sollen! Verführt! ein Fräulein! ... Der Bube! »Wer spricht denn von Verführen! Die jungen Leute haben einander lieb.« Sie fing nun an, Beyern, der wohl seine Hebräischen Wurzeln kannte, aber die Liebe desto weniger, ein wenig zu belehren. »Ist denn unter allen Ihren 106 Büchern«, fragte sie endlich, »keins, das von der Liebe handelt?« Von der Liebe? Behüte Gott, Ihr Gnaden! Welcher ehrliche Mann wird denn davon ein Buch schreiben! »Aber diese Leidenschaft ist doch so gewaltsam und so schwer zu heilen. Ich sollte glauben, von der Liebe müßten hundert Gelehrte schreiben, damit wir armen Mütter uns Raths zu erholen wüßten.« Da haben Ihr Gnaden Recht. Ach, da besinne ich mich auf ein Buch. Ovidius de arte amandi. Richtig! – Beyer suchte, und das Buch fehlte. Er beschrieb es der gnädigen Frau: ganz klein, einen Finger lang, mit einem goldnen Schnitt. »Das liegt bei Quinctius«, sagte die gnädige Frau. – Wie? rief Beyer erstaunt: bei Quinctius? Das ist ja unerhört! Der eine treibt Liebeshändel, der andre liest sie! Wo habe ich die Augen gehabt! ... O Jugend! Jugend! Aber, nur Geduld! ich will euch schon besser hüten! Mit diesen Worten ging Beyer das Zimmer auf und nieder, indeß Frau von Flaming das Buch holte. Er blätterte ziemlich lange darin. Ja, hob er dann auf einmal an: wie man Liebe erregen soll, das steht hier; aber vom Vertreiben ... »Nun, lesen Sie doch einmal, wie man sie erregen soll. Ich bin neugierig auf das Buch.« Beyer sah die Stellen durch, die Quinctius mit rother Tinte unterstrichen hatte, und las: »Überfalle dein geliebtes Mädchen, wenn sie noch schläft; drücke deine brennendsten Küsse in die Rosen ihres Mundes« – (ist eine Figur, Ihr 107 Gnaden; es soll eigentlich heißen: küsse ihren rosenrothen Mund. – »Aber das erste klingt besser, Herr Beyer.« – Ja; das macht, weil es Verse sind. –) »Drücke deine brennendsten Küsse in die Rosen ihres Mundes: sie wird nicht erwachen.« (Hm! warum denn nicht? sprach Beyer dazwischen.) »Schneide eine Locke von ihrem Haupte; sie erwacht nicht, und läßt in deinen Händen das süße Pfand ihrer geheimen Liebe.« Die gnädige Frau lachte herzlich. »Denken Sie nur, Herr Beyer! gerade wörtlich so, hat es Quinctius mit Käthen gemacht. Gerade so.« Wie? wie hat es Quinctius gemacht? »Ich sage Ihnen ja, gerade wie es in Ihrem Buche steht. Er schleicht zu Käthen auf die Kammer, schneidet ihr eine Locke vom Kopfe, und küßt sie; eben so, wie Sie es da gelesen haben.« Und Fräulein Käthe? »Macht es gerade so, wie das Mädchen im Buche; sie erwacht nicht. O, lesen Sie, lesen Sie! Hätten Sie das wohl in Quinctius gesucht? Sehen Sie, der geht recht gelehrt zu Werke. Er liebt sogar Lateinisch.« Das verdammte Buch! ... Ich weiß von dem allen nichts, gnädige Frau. Der Quinctius ist sonst solide; aber ein solches Buch sollte wohl auch einen Engel verführen. »Nun, lieber Herr Beyer, das Buch ist vielleicht böse genug. Aber der Mann, der es geschrieben hat, muß doch bei dem allen ein gescheidter Kopf gewesen seyn und das menschliche Herz genau gekannt haben. Was er sagt, trifft 108 ja wörtlich zu. Sehen Sie doch einmal hinten hin, ob da nicht Mittel gegen die Liebe stehen. Dann sollte jede Mutter das Buch auf ihrem Tische liegen haben. Gebe der Himmel, daß der Rath, den es den Müttern giebt, nur halb so viel taugt, als den es meinem Sohne gegeben hat!« Beyer blätterte und las: »Willst du die Liebe aus des Jünglings Brust vertreiben, so laß ihn täglich viermal die gelbe Tiber schwimmend durchmessen. Dann zähme er zwei Stunden ein wildes Punisches Roß in dem Staube des Marsfeldes. Dann laufe er mit seinen Freunden zweimal die große Rennbahn aus. Ein hartes Lager von einem Bärenfelle empfange dann den Müden. Ehe noch der Sonne goldne Strahlen die Thäler erleuchten, wecke ihn aus den Armen des Schlafes zur Arbeit des vorigen Tages.« Beyer sagte lächelnd: Ihr Gnaden haben wohl nicht viel davon verstanden? »Alles, lieber Herr Beyer. Lesen Sie nur weiter. Der Mann gefällt mir.« Ey, ey! wie kämen Ihr Gnaden zu den Antiquitäten? Zum Beispiel: ein Punisches Roß, die gelbe Tiber, das Marsfeld, die große Rennbahn! »Das versteht sich ja sehr leicht: ein wildes, flüchtiges Pferd; ein Fluß, der eine gelbe Farbe hatte; das Marsfeld war ein großes Feld, und die Rennbahn ein Platz, wo sie um den Preis rannten. Nur weiter!« Ei, Ihr Gnaden, hätte ich doch nicht geglaubt, daß Sie in den Römischen Antiquitäten so stark wären! – »Hilft das nicht; steht der Jüngling noch da, auf einer Stelle, wie ein 109 Terminus; kreuzt die Arme über einander wie einer, der mit der Regierung schmollt; flieht die Menschen wie ein Pestkranker; redet kränklich wie ein Bettler: so verdopple die Arbeit. Laß ihn einen beladenen Kahn stromauf rudern, oder einen Morgen goldner Ähren absicheln; oder laß ihn das Holz spalten, das Lucull täglich in der Küche verbrennt; oder hilft nichts, so laß ihn Verse zusammenzählen wie ich, und wenn sie auch von der Liebe singen. Die Liebe fliehet aus müden Armen; sie verläßt die Brust, über die der Schweiß der schweren Arbeit in Strömen rinnt.« »O wahrhaftig, Herr Beyer, Sie haben kein besseres Buch in Ihrer ganzen Sammlung. Ich danke Ihnen von Herzen. Nun werde ich die beiden Leutchen hoffentlich kuriren. Also schwere Arbeit, die den Körper ermüdet. Gewiß, ich fühle zum Voraus, das Buch hat Recht. Aber wie fangen wir das an, lieber Herr Beyer?« Beyer sann lange nach. Endlich sagte er: Schwimmen und rudern geht nicht, weil es an Wasser fehlt. Mähen? Es ist Herbst; die Ernte ist vorüber. Aber Holz sägen, Ihr Gnaden, das macht müde Arme. Und ich dächte, wir säumten nicht, sondern schickten gleich morgen früh das Fräulein Käthe mit dem Lissow in den Holzstall; da könnten sie zusammen sägen, bis sie matt und müde wären. Die gnädige Frau mußte lächeln. »Zusammen, lieber Herr Beyer? Ja, das wäre das rechte Mittel gegen die Liebe! Sie sollten Noten zu dem Buche schreiben; da würden schöne Sachen herauskommen!« Ihr Gnaden verzeihen. Das könnte ich doch wohl, ohne 110 gerade zu wissen, was Liebe ist; und recht gelehrte Noten. Der Ovidius steht in einem so üblen Rufe. Aber das muß ich sagen, er hat den Lissow so natürlich gemahlt, als ob er vor ihm gesessen hätte! Und ich habe nichts gemerkt! ... Ich will doch den Ovidius künftig einmal lesen. »Darum bitte ich Sie. Geben Sie doch Acht, wenn er die Zeichen beschreibt, an denen man sehen kann, ob es mit der Liebe vorbei ist, und besonders, was er von den Mädchen in diesem Falle und von der Art, sie zu heilen, sagt.« Beyer las, als Frau von Flaming weggegangen war, weiter, und schon nach einer Stunde war er mit dem kleinen Buche von der Liebe in ihrem Zimmer. Die Zeichen der Gesundheit habe ich gefunden, Ihr Gnaden. Ich will sie Ihnen vorlesen. Nun können wir sogleich wissen, wann Lissow geheilt seyn wird. Arbeit, Ihr Gnaden, mag wohl die Liebe austreiben; nur fürchte ich, die Topik wird bei der Gelegenheit mit darauf gehen. Es ist ein kleines Stellchen. Hören Sie. »Habe deinen Sohn in Augen, traue ihm nicht, wenn er auf die Liebe schmält. Dieses Bild will ich dir mahlen. Glaube nicht eher, daß die Liebe von ihm gewichen ist, als bis er meinem Bilde ähnelt. Da kommt der Jüngling, der nicht an Amors Altären fröhnt. Er schreitet daher wie ein Numidischer Löwe, in trotzigem Gange. Seine Augen sind hell und blitzend, und schauen gerade vor sich hin, hangen nicht entzückt an den Wolken, oder düster am Boden. Jetzt sagt einer eine Posse: er lächelt nicht darüber; er lacht so gellend, wie der Hahn krähet, der die Sonne empfängt. Er heult nicht mit einem Unglücklichen; er tröstet ihn 111 männlich, und bleibt heiter. Er hat lange Weile, wenn er allein ist, neckt alle Dummköpfe. Bei einer wohlbesetzten Tafel nimmt er seinen Platz nicht zwischen den Mädchen, sondern da, wo der größte Becher und die schönste Schüssel steht. Er ißt wie ein Calabrier, singt mit lauter Stimme ein Trinklied, speiet mit Geräusch aus wie ein Reicher, mitten durch den Saal; und wenn er allein seyn muß, so zieht er seine Schreibtafel hervor, und berechnet seine Schulden mit lautem Lachen. Wenn er ...« In dem Augenblicke trat der Baron in das Zimmer. »Was lesen Sie da vor, Herr Beyer?« – Beyer wurde roth, räusperte sich, öffnete den Mund, und schwieg. – »Nun?« Ein Buch ... von der Liebe, Ihr Gnaden. »Von der Liebe? Also auch Sie mit meiner Frau von der Liebe? Ei, so wollt' ich doch –! Seid Ihr denn alle närrisch? Quinctius redet von nichts als von Liebe und dem Plato; und Sie ... Ja freilich! liest der Hofmeister der Frau im Hause von der Liebe vor, so ist es kein Wunder, wenn die Kinder des Nachts zu den Mädchen auf die Kammern laufen, Locken stehlen, Küsse geben, und so weiter.« Ihr Gnaden glauben doch nicht etwa, daß ich aus bösen Absichten der gnädigen Frau ...? »Herr, ich glaube, was ich Lust habe! Aber das weiß ich, die Liebe wird noch mein Haus umkehren. Wenn die Käthe den Quinctius nicht nimmt, so thut sich der Junge ein Leids, so verliebt ist er!« Das wird sich geben. Ihr Gnaden dürfen nur befehlen, daß der Junker, wenn er verliebt ist, ein paar Tage ein 112 wildes Roß zähmt, oder Holz spaltet. Lissow kann mit ihm zugleich sägen. Die gnädige Frau winkte Beyern. – Ich glaube noch gar nicht, lieber Mann, daß Quinctius verliebt ist. Da haben Ihr Gnaden recht; denn er kann entsetzlich weit ausspeien. Und Schulden hat er nur nicht, sonst ... – »Was, zum Henker, schwatzen Sie denn da? Was hat das Ausspeien mit der Liebe zu schaffen?« Die Frau von Flaming konnte vor Lachen nicht einfallen. Beyer fuhr ganz zuversichtlich fort: Das ist ein sicheres Zeichen, ob einer verliebt ist oder nicht, Ihr Gnaden. Speiet einer weit, so ist es nichts; aber speiet er leise und nahe vor sich, so ... – »Herr, speien Sie denn so erschrecklich? Und ich will doch nicht hoffen, daß Sie verliebt sind?« Hier steht es gedruckt, Ihr Gnaden. Ist es nicht wahr, so bin ich nicht Schuld. Die gnädige Frau aber hat nun einmal ihren Glauben darauf gesetzt. Es sind noch mehr Zeichen da, und eine ganze Kurart gegen die Liebe. »Wenn es mit der Kur eben so ist, wie mit den Zeichen, so werfen Sie das Buch nur ins Feuer.« Nein, die Kur ist probat. Lissow fängt sie morgen an mit Fräulein Käthe, und der Junker kann sie ja auch gebrauchen. Hilft es nicht, so schadet es auch nichts. »Nicht etwa das ganze Haus, wie eine Frühlingskur? Wozu denn Lissow und Käthe? sind die verliebt?« Die Frau von Flaming fiel hier zu rechter Zeit ein; sonst wäre das Geheimniß verrathen gewesen. Sie winkte 113 Beyern, daß er gehen sollte, und fing nun an, ihrem Manne ihre Meinung von Quinctius zu sagen. Ich glaube wirklich nicht, daß er Käthen liebt. Sieh, da hat er Beyern ein Buch genommen. Du weißt ja, lieber Mann, wie er ist. Was er irgendwo liest, das will er probiren. Nun findet er in eben dem Buche, das Beyer mir vorlas ... – Sie erzählte ihm, wie das mit dem nächtlichen Besuche bei Käthen gekommen war, schalt Quinctius einen Narren, sagte, daß Käthe ihn hätte zum Besten haben wollen, und stellte endlich den Baron zufrieden. »Nun ja«, sagte er: »das seh' ich wohl, der Junge ist ein Narr; aber im Grunde hat er doch mit aller seiner Narrheit Recht. Da hängt mein Stammbaum im Staube, und ich möchte so gern noch einen kleinen Flaming mit eigner Hand hinein schreiben! ... Er soll Käthen haben, kurz und gut!« Nun ja, ich sehe es recht gern, und Käthe nimmt ihn gewiß gern; denn vorhin zierte sie sich nur, das sah man wohl. Aber Quinctius ist noch nicht zwanzig Jahre alt; und früher, sagst du ja, durften die alten Deutschen nicht heirathen. War es nicht so, lieber Mann? »Ja, ja, richtig; so war es. Nun, so soll er noch ein Jahr warten; die Käthe läuft ihm ja nicht davon. Doch, wenn die alten Deutschen im neunzehnten Jahre solche Kerl gewesen wären, wie Quinctius – ich stehe dafür, sie hätten auch geheirathet. Na, er soll noch ein Jahr warten. Man muß die Alten ehren.« Und wäre es wohl nicht besser, da er doch noch ein Jahr 114 warten soll, man sagte ihm nicht, daß Käthe ihm zur Frau bestimmt ist, und Käthen eben so wenig? Beide sind jung und unbesonnen. Das Kammerschleichen hat mir nicht gefallen. Doch wie du willst, lieber Mann. »Da hast du Recht, Ronichen. Das sind dumme Dinge! Nein, ich nehme den Jungen vor, und sage ihm: du, mach dir keine Hoffnung auf Käthen; sie wird deine Frau nicht. Käthen sag du dasselbe. Dann Französische Schlösser an die Kammerthüren! Und Lissow ist ja vernünftig; der kann ihr einmal in einer Stunde vorstellen, wie häßlich es ist, wenn ein junges Mädchen solche Dinge macht. Und mit dem Ausspeien, da ist Beyer ein Narr. Die Liebe ist kein Husten. Sie sitzt im Herzen; und da hilft das Ausspeien nichts. Eine Kur gegen die Liebe! hat das je ein Mensch gehört! Sag ihm das, Ronichen. Nichts von einer Kur, und damit Amen.« – Mit diesen Worten ging er. Ich habe meinen Beyer oben einen philosophischen Kopf genannt. Die Recensenten, welche zuweilen ein Buch kommentiren, wie Beyer die Kunst zu lieben, könnten auf den Einfall kommen, zu behaupten, ein philosophischer Kopf müsse nothwendig die Liebe kennen; allein, mit Erlaubniß dieser Herren, das folgt nicht nothwendig. Beyer war von früher Kindheit an auf der Schulpforte erzogen, wo man damals aus den Dichtern nur Wörter und Redensarten lernte. Bis in sein zwanzigstes Jahr sah er kein andres weibliches Geschöpf, als eine alte Magd auf dem Kloster. Auf der Universität, wo er studierte, ging er in die Kollegia, und von da in eine öffentliche Anstalt zum Unterricht. Hier wohnte er 115 auch, und fand die Frömmigkeit dieser Anstalt gar nicht drückend, weil er wirklich fromm war, und äußerst einfach lebte. Von da zog er zu dem Baron von Flaming, wo er sein Lieblingsstudium, Hebräische Sprache und damalige Philosophie, fortsetzte. Die Kammerjungfern liefen von selbst vor seiner Perücke, seinem ernsthaften Gesicht, und seiner docirenden Stimme. Wo konnte er also die Liebe kennen lernen, oder Geschmack an den schönen Wissenschaften bekommen? Sobald davon die Rede war, ging es ihm, wie manchem jetzigen Gelehrten, wenn von Latein oder gar vom Griechischen die Rede ist: er schweigt, oder sagt etwas Albernes. – So viel von meinem guten Beyer, der erst im vierzigsten Jahre durch seine Braut die Liebe, und im sechzigsten durch seine Söhne die schönen Wissenschaften kennen und schätzen lernte. Frau von Flaming traf noch heute Anstalten, Ovids weise Lehren zu befolgen. Sie rief Käthen, und sagte ihr: »liebes Kind, du mußt von morgen an die Haushaltung besorgen. Es fragt sich, ob du einmal reich heirathest; und so ist es nothwendig, daß du die Haushaltung lernest, um nicht mit deinem künftigen Manne zu Grunde zu gehen.« Käthe zog aus diesen Worten, ich weiß nicht welche, Hoffnung für ihre Liebe und versprach fröhlich Gehorsam. Die Schlüssel wurden ihr also übergeben, ein Rechnungsbuch dazu; und, siehe da! Käthe flog die Treppe hinunter in die Küche, dann in den Keller, dann auf den Boden, gab heraus, schloß weg, holte Wein, nahm die Arbeit der Mägde in Empfang, und so weiter. An Lehrstunden wurde nun gar nicht mehr gedacht. 116 Abends war Käthe so müde, daß sie im Bette, nach einem kleinen Gedanken an Lissow, sogleich einschlief; und Morgens weckten die Mägde sie schon so früh, daß sie kaum einmal an Lissow denken konnte. Damit ihr Eifer nicht erkalten möchte, ließ ihre Tante sie fast niemals aus den Augen; und war sie eine Stunde frei, so wollte Tante spazieren gehen. Kurz, Käthe hatte alle Hände voll zu thun, so daß für die Liebe und für Lissow nur wenige Augenblicke übrig blieben. Dazu kam noch, daß auch mit Lissow eine große Veränderung vorgegangen war. »Was willst du werden, August? « fragte der Baron: »Prediger? Landprediger? Wohl! Beyer sagt, du wissest jetzt genug, die Universität zu beziehen. Das sollst du in Jahr und Tag, vielleicht mit Quinctius, vielleicht allein. Aber ihr Beide, du als Landprediger, und Quinctius als freier Reichsritter, braucht einmal Kenntnisse von der Landwirthschaft. Dies Jahr sollt ihr eure Freistunden dazu anwenden. Ich habe den Amtsverwalter schon deshalb instruirt.« Am folgenden Morgen um vier Uhr wurde Lissow geweckt. Der Verwalter ritt mit ihm um die ganze Flur des Gutes, und fing nachher seinen Unterricht ganz praktisch an. Quinctius und Lissow mußten pflügen lernen, dann eggen, dann säen; und sobald sie zu Hause kamen, trieb Beyer sie zum Studium der Topik und Philosophie. So ging es Tag für Tag. Alles, von dem Verwalter an, bis auf die Knechte, hatte von der gnädigen Frau geheimen Befehl, die beiden jungen Leute zu beschäftigen, so daß sie von einer 117 Arbeit zu der andern mußten. Käthe war auf dem Käseboden, und gab für die Haushaltung Käse heraus; Lissow stand mit seiner Schreibtafel auf dem Kornboden, und ließ messen. Käthe schrieb Eier ins Buch; Lissow die Herrendienste ins Register. Nur am Tische kamen sie zusammen. Aber da konnte Lissow zur großen Freude der gnädigen Frau einen Hammelbraten eben so sehnlich betrachten, als noch die Minute vorher Käthen; und Käthe vergaß doch nicht mehr ihre Suppe zu essen. »Ihr Ovid ist ein ganzer Mann!« sagte die gnädige Frau zu Beyern. »Geben Sie Acht, Lissow wird bald krähen wie ein Hahn.« Allein die gnädige Frau hatte sich doch geirrt. Auf einmal fing Käthe an die Treppe hinauf und herunter zu schleichen; hängte das Köpfchen wieder; schlug die Augen gen Himmel, wenn Lissow sie ansah; vergaß ihre Suppe, und aß nach Tische lieber unter Thränen ein Butterbrot. Auch Lissow fing wieder an zurückzufallen. Er ritt einen Schritt, anstatt seines gewöhnlichen Trabes; er ging in den Wald, anstatt nach dem Felde; er pflügte zu hoch oder zu tief: seine ganze schöne Ökonomie war vergessen; er stand, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hand vor die Stirn gelegt, und träumte. An allem diesem Unheil war Beyer Schuld. Er hatte einen so fürchterlichen Begriff von der Liebe, daß er sie für das größte Unglück hielt. Also mußte ihn wohl die Vorstellung quälen, daß Lissow, sein Liebling, in den fürchterlichsten Abgrund versunken sey. Man denke sich aber auch die Freude des guten Lehrers, als er seinen jungen Freund von 118 der gefährlichen Krankheit gänzlich befreiet glaubte! Er hatte der Frau von Flaming hoch und theuer versprechen müssen, Lissowen nicht eher etwas über die ganze Sache zu sagen, als bis dieser völlig geheilt wäre; und das hielt er redlich. Als er nun Lissowen einmal laut, schallend, lachen hörte, hielt er, in seinem festen Glauben an den Ovid, dessen Heilung für ganz vollendet, und trug nicht länger Bedenken, sein Herz zu erleichtern. Er sagte zu Lissowen, als er mit ihm allein war: Ich wünsche dir Glück, mein lieber Sohn, zu deiner Wiederherstellung. Gott gebe, daß du nun aus deiner Krankheit den gehörigen Nutzen für die Zukunft ziehen mögest! »Lieber Herr Beyer, ich bin ja nicht krank gewesen.« Ich meine die Krankheit deines Herzens, deiner Seele: deine Liebe zu Fräulein Käthe. Denkst du, ich habe das nicht gewußt? O, mein guter Jüngling, ich war besorgter um dich, als du selbst. – Er entdeckte ihm nun, welche Mittel er und die Frau von Flaming angewendet hätten, ihn und Käthen zu heilen. Lissow erröthete, mehr vor Verdruß, als aus Scham. – Schäme dich nicht, mein Sohn. Oder ja; schäme dich deiner vergangenen Thorheit. Thorheit sage ich; ich würde Bosheit sagen, wenn ich dein Herz nicht kennte. Denn wie konntest du nur einen Augenblick daran denken, ein Fräulein zu heirathen? Ich will nicht einmal von dem Verdrusse reden, den du deinem Wohlthäter, dem Baron, dadurch erregt hättest, wenn die gnädige Frau nicht so gütig gewesen wäre, es zu verschweigen. Danke dem Himmel und der gnädigen Frau, die dich gerettet haben! 119 Alles Blut in Lissows Adern wallte. Käthe hatte ihm in einem Briefchen die Hoffnungen mitgetheilt, welche sie von der Tante bei ihrer Bestallung als Wirthschafterin bekommen zu haben glaubte; und diese Hoffnungen waren eine von den Ursachen ihrer Heiterkeit gewesen. So oft Käthe und Lissow einander einen Augenblick allein sahen, sprachen sie von nichts, als von der schönen Aussicht in die Zukunft. Die gnädige Frau schien ihnen ein vom Himmel gesandter Schutzgeist. Sie wurden ihrer Sache noch gewisser, als Quinctius sich beklagte, daß sein Vater ihm alle Hoffnung auf Käthens Besitz genommen habe; und nun weckte Beyer Lissowen so plötzlich aus seinem süßen Traume. »Die gnädige Frau wird wissen«, sagte er kalt und bitter, »wie viel Dank sie von mir und Käthen verdient. Wie sie handelt, gerade wie sie, so will auch ich handeln: eben so ehrlich und offen.« – Das thu, mein Sohn, erwiederte Beyer; und du wirst ein redlicher Mann werden. So wie Lissow allein war, schrieb er Käthen die heimtückische Falschheit ihrer Tante. »Wir sind verrathen, von eben der Frau verrathen, der wir Menschlichkeit genug zutraueten, zwei Herzen nicht zu zerschmettern, die einander lieben und in ihrer einfachen Liebe so glücklich sind. Ja, wir sind verrathen! Man bestimmt Sie noch immer für Quinctius. Und mich? Mich wird man leicht wegschaffen können. Den lästigen, elenden Menschen, in dessen Adern kein hochfreiherrliches Blut rollt, und in dessen Herzen keine Tugenden leben, die von einem Stammbaum ihre Würde erhalten – den verstößt man, überläßt ihn seinem Elende, 120 seiner Verzweiflung, und raubt ihm das Herz, das sein Glück war und allein für ihn schlug.« Lissow steckte Käthen sein Briefchen noch heute zu. Sie machte am Abend ihre Rechnung, legte sich nieder, zog das Tischchen mit dem Lichte vor das Bett, und wollte den Brief ihres Geliebten lesen, um dann mit dem letzten Worte in den Augen einzuschlafen. Schon gähnte sie, als sie den Brief aus dem Busen zog; aber schnell war sie wieder munter, als sie nur eine Zeile gelesen hatte! Alles wurde ihr deutlich. Sie vergoß, seit langer Zeit zum ersten Male wieder, Thränen, und konnte, so müde sie auch war, nicht einschlafen. Noch in der Nacht schrieb sie Lissowen einige Worte, worin sie ihm von neuem feierlich ihre Treue zusicherte, auf die Tante, auf Quinctius, den Onkle, und alle Stammbäume in der Welt schmählte, und die Tochter eines Bauern zu seyn wünschte, daß sie ungehindert ihren theuern Lissow heirathen könnte, mit dem sie lieber in einer Bauerhütte leben wollte, als mit Quinctius auf einem Throne. Sie legte ihr Billet zusammen, steckte es in ihren Busen, sagte mit einer trotzigen Bewegung: ich will nun doch keinen Andern als Lissow! und schlief dann ruhig ein. Von diesem Abend an suchten Lissow und Käthe jeden Augenblick, den sie beisammen seyn konnten. Ihre Liebe, die nach Ovids Vorhersagung schon anfing, von Geschäften und Ermüdung erstickt zu werden, schlug wieder in hohen Flammen auf. Wer konnte die jungen Leute hindern, einander zu sehen, besonders da die Frau von Flaming voll guten 121 Zutrauens Käthen nicht mehr so scharf beobachtete? Lissow revidirte nun das Biergebräude gerade dann, wenn Käthe Bier für die Leute holen ließ. Er kam auf der einen Seite vom Kornboden, wenn sie auf der andern nach dem Tauben- oder Flachsboden ging. Da standen sie zwischen den brütenden und schnäbelnden Tauben, und liebkosten einander, wie diese. Ihr gegenseitiges Vertrauen stieg in dem Maße, als sie sich von allen andern Menschen verrathen glaubten. Sie nannten sich jetzt Du , was sie vorher nie gethan hatten; und ihre Küsse wurden, weil sie auf der Flucht genießen mußten, jetzt feuriger und sinnlicher als jemals. Auch ihre Plane verriethen Sinnlichkeit; denn alle liefen darauf hinaus, daß sie sich recht bald mit einander vereinigen wollten. »Ich kann Verwalter werden«, sagte Lissow. – Und ich eben da Wirthschafterin, fiel Käthe ein. – »Oder ich kann vom Unterrichten leben.« – Und ich vom Nähen, erwiederte Käthe. – Ach, wenn du erst ganz mein wärest! sagten dann Beide, und fielen einander in die Arme. Lange konnte der Frau von Flaming die vorgegangene Veränderung nicht verborgen bleiben. Zuerst wurde sie durch Käthens kaltes Mißtrauen aufmerksam, das gegen die vorige Liebe zu ihr so merklich abstach; dann sah sie Käthen seufzen und träumen; und endlich hörte man, daß die Mägde sich an der Bodenthüre nach Fräulein Käthen beinahe heiser riefen. »Fräulein Käthe!« wurde im Hause gerufen; und »Herr Lissow!« auf dem Hofe. Immer suchte man Beide zu gleicher Zeit. Frau von Flaming ging, wenn 122 endlich Käthe die Treppe herunterstürzte, wohl hinaus, um sie zu sehen; dann glühete Käthe wie eine Purpurrose, und erschrak vor der Tante. »Lieber Herr Beyer«, sagte Frau von Flaming, »ich komme, Ihren Ovid um Rath zu fragen. Das geht nicht mehr mit den jungen Leuten; es ist ärger als vorher.« Beyer erschrak, und wollte das nicht glauben; die gnädige Frau erzählte aber, und überzeugte ihn. Er hatte sich manche Stellen angemerkt; und jetzt war er, gänzlich gegen seine Erwartung, in dem Falle, sie lesen zu müssen. »Siehe, Römerin, du nähmest Lukretia, die Mutter der Gracchen, oder Cato's männliche Tochter zum Muster, nach welchem du deine Tochter erzogest. Aber nun sitzt sie da, heimlich weinend, mit Seufzern zwischen den Lippen. Sie verbirgt in ihrem Busen Briefe, die ihr ein Jüngling zusteckte, und die sie mit Thränen benetzt. Ihr Gang ist unstät: bald geht sie wie ein Mütterchen, das ein Jahrhundert auf dem Rücken fortschleppt; dann hüpft sie wie ein Spaz, der ein glänzendes Würmchen erblickt. Sie faltet die Hände, und schlägt wehmüthige Blicke auf den Boden, als ob sie die Rolle der Hekuba spielte. Auf einmal ist sie verändert. Sie singt, ist fröhlich, ausgelassen; ihre Wangen glühen; ihre Hände zittern; ihr Auge liegt voll stiller Wollust. Sie ist, als käme sie jetzt von der nächtlichen Feier der Isis. Du zitterst, Mutter, und fragst: was fehlt meinem Kinde? Zittre; denn deine Tochter ist verliebt.« »Weiter, Herr Beyer. Ihre Antiquitäten auf ein andermal.« 123 »Flistert dir ein guter Gott den Nahmen der Krankheit ins Ohr, oder entdeckt ein Zufall sie dir; Mutter, so hüte dich, deine Tochter zu schelten oder gar zu schlagen. Sieh, je mehr du das Eisen schlägst, desto glühender wird es. Nimm ihr den Griffel und das Wachs nicht weg, damit sie keine Briefe schreiben solle. Die Liebe kann mit Thränen in die Luft schreiben, und der Geliebte versteht die Briefe. Bedenke, daß alle deine Sklavinnen, deren Herzen noch unter einem vollen Busen schlagen, Freundinnen deiner Tochter sind. Sperre sie nicht ein; denke an Danae's Geschick! Suche insgeheim den Nahmen des geliebten Jünglings zu erfahren. Sprich von ihren Bekannten; und nennst du zufällig den Geliebten, so schlägt die Tochter das Auge nieder, erblaßt oder erröthet. Am besten, wenn sie erröthet; denn sie hat sich doch des Geliebten nicht zu schämen, wie Pasiphae von Kreta. Ist der Geliebte von ihrem Stande, und kein Ungeheuer, so sorge, daß des Mädchens Hand in die seine gelegt werde. So ist es am besten, und du kannst dann bald den lieben Nahmen Großmutter hoffen.« »Nun aber, nun weiter. Jetzt, denk' ich, muß es kommen.« »Aber ist es unmöglich, kannst du ihm deine Tochter nicht geben, oder ist sein Geschlecht für dich zu alt und zu reich: so zittre und folge! Schmähle nicht, tobe nicht wie ein Sturmwind, bitte nicht; die Liebe ist taub wie ein Fels, auch gegen Vorstellungen, deren Cato sich nicht zu schämen hätte. Schweig, und handle im Stillen. Beschäftige deine Tochter mit ermüdenden Arbeiten, raube ihr lachend die weichen Polster, auf denen sie ruhet, würze das Essen nicht, 124 das ihre Lippe berührt. Suche die Liebe zur Jagd bei ihr zu erwecken; aber sey zugegen, wenn sie jagt. Hilft dennoch das alles nicht, weil du des Jünglings Schritte nicht leiten kannst, so gieb vor, in Asien sey dir eine Erbschaft zugefallen, die du holen wollest. Setze dich mit deiner Tochter auf ein Schiff. Leg ein Meer zwischen die Liebenden, und eine Zeit von zwei Jahren; deine Tochter ist geheilt, wenn du sie zu zerstreuen suchst. Die Liebe ist wie Figuren in Eis geschnitten; der leichteste warme Hauch löst sie auf, und im Froste scheinen sie ewig halten zu wollen.« »Gut, lieber Herr Beyer, sehr gut. Die armen Kinder! Ich gehe auf mein Zimmer. Wenn Lissow kommt, so schicken Sie ihn doch sogleich zu mir. Aber lassen Sie Sich nichts gegen ihn merken!« Lissow war schon in einer Stunde bei der Frau von Flaming, die indeß alle Anstalten getroffen hatte, daß man sie nicht stören konnte. »Höre, lieber August, ich habe mit dir zu reden, wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Du hast, glaube ich, bei allen Gelegenheiten merken können, daß ich mütterlich gegen dich gesinnt bin. Nun, so vergilt mir das jetzt, und sey aufrichtig. Ich will mit dir über Käthen und eure Liebe zu einander reden. Diese Liebe ist mir schon seit langer Zeit kein Geheimniß. Ich selbst bin Schuld daran, daß sie entstanden ist; aber, mein Sohn, ich möchte mein Versehen nicht gern mit Käthens und deinem Unglücke büßen. Deine Miene sagt mir, daß du mißtrauisch bist; allein glaube mir, du hast es nicht Ursache, gewiß nicht, lieber August. Ich wünsche dein, ich wünsche Käthens Wohl; und wenn ihr 125 nicht anders glücklich werden könnt, so will ich selbst es dir leicht machen, Käthen einmal zu heirathen: denn unmöglich ist das nun eben nicht.« Lissow machte große Augen. »Du erstaunst? Ja, so denke ich, seitdem ich eure Liebe kenne. Ich habe sie meinem Manne verschwiegen, weil er heftig ist. Er würde dich einen Verführer, einen Betrieger, einen Undankbaren gescholten, oder dich wohl gar mitten auf der Laufbahn zu deinem Glücke verstoßen haben; und das wäre hart und ungerecht gewesen. Du bist kein Verführer, kein Undankbarer; nur ein Jüngling, dessen Herz nicht kalt genug ist, um gegen die Reitze meiner Käthe gefühllos zu bleiben. Deine Leidenschaft war schon allmächtig, als du sie vielleicht noch nicht einmal merktest. Diese Liebe scheint dir sogar eine Tugend; und wahrscheinlich ist sie es auch. Du willst Käthen glücklich machen, und fühlst mit Gewißheit, daß du allein das kannst. Solltest du nun dein, und, was dir gewiß noch mehr werth ist, auch Käthens Glück, aufopfern, solltest du dich und sie in Verzweiflung stürzen, um ein Vorurtheil des Ranges nicht zu verletzen? Das konntest du nicht; dazu liebst du Käthen zu sehr. Mit Einem Worte, du bist zu gut, zu edel, um das zu können. Nicht wahr?« Ja, Ihr Gnaden, ja, das bin ich. O, wenn es nur mich beträfe, nur mich ; wie gern wollte ich dann leiden! Aber ... »Siehst du, ich weiß genau, wie du denkst; denn ich selbst habe ein Herz, das, wenn es auch keine Leidenschaft hat, dennoch fühlt, wie dem zu Muth ist, der ein 126 unaussprechliches Gut, eine glückliche Liebe, aufopfern soll. Ich will dir beweisen, daß ich so denke. Mein Mann hatte deinem Freunde Quinctius Käthen zugesagt. Ich habe ihn von diesem Vorsatze wieder abgebracht; und hier gebe ich dir meine Hand darauf: so lange diese Augen offen stehen, soll Käthe nie gezwungen werden, einen Mann, gegen den sie Abneigung fühlt, zu heirathen.« – Lissow küßte die Hand, und benetzte sie mit Thränen, die aus seinen Augen hervorbrachen: mit Thränen der Dankbarkeit und des zärtlichsten Vertrauens. O, wie glücklich bin ich! sagte er laut; wie glücklich machen Sie mich! »Nur wirst du mir zugeben, daß es besser seyn würde, wenn Käthe von deinem Stande wäre. Nicht wahr?« Ach, Ihr Gnaden, wäre sie in der ärmsten Hütte geboren, die Tochter eines Bettlers, ich ... – »Du würdest ihr eine Krone zu Füßen legen, wenn du sie hättest: das weiß ich. Aber sie thut nicht weniger; sie opfert dir ihren Rang auf, und ein sorgenfreies, bequemes Leben, das ihr Quinctius in der Folge verschaffen könnte. Wie es dir in der Welt gehen wird, weiß sie nicht; und dennoch trägt sie nicht das mindeste Bedenken, dein Schicksal mit dir zu theilen. Vielleicht währt es noch zehn, noch zwanzig Jahre, ehe du dein Auskommen hast; und sie ist entschlossen, diese lange Zeit hindurch Reichthum und Glanz zu entbehren, um dann noch wenige Jahre in deinen Armen zu seyn. Sie will dieses Schloß mit hellen Zimmern und schönen Möbeln verlassen, um mit dir in einem kleinen Pfarr- oder Schulhause ärmlich, ohne Bequemlichkeit, zu 127 leben. Siehst du, mein Sohn? Deine Liebe zu Käthen, und wenn sie auch noch so heiß ist, kann nie so groß seyn, als ihr Edelmuth, ihre Entsagung. Du wirst immer gegen sie zurückstehen.« Ach, das fühle ich. Aber nie soll ein Mann so geliebt haben, wie ich Käthen; ihr Glück soll mich ohne Unterlaß beschäftigen. »Recht gut, Lissow; das traue ich dir zu. Aber du mußt doch fühlen, daß es besser seyn würde, wenn sie von deinem Stande wäre. Wir Beide wissen, was wir von dem Unterschiede der Stände denken sollen; allein ...« Ihr Gnaden glauben doch nicht etwa, daß Eitelkeit von meiner Seite, oder Hochmuth ... »Lieber Lissow, würde ich ein Wort mit dir reden, wenn ich das von dir glaubte? Aber, wie gesagt, besser wäre es doch, oder, was im Grunde wohl einerlei ist, wenn ihr einander nicht geliebt hättet.« Sie hielt hier einige Augenblicke inne. Lissow schien in Nachdenken zu versinken. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, um seine Aufmerksamkeit wieder zu erregen. »Denn denke dir den Fall, Lissow, du geriethest in Armuth, Käthe säße bei dir unter Mangel, Unbequemlichkeit, und so weiter. Mahle dir das Bild aus, wie du willst. Wie manchmal würdest du auf den, doch immer schrecklichen, Gedanken kommen: hätte ich sie nicht geliebt, so wäre sie vielleicht glücklicher; hätte sie mich nicht gesehen, so lebte sie jetzt in Überfluß! Ich glaube, dieser Gedanke müßte dir um so schrecklicher seyn, je mehr du sie liebtest.« 128 Lissow heftete seinen Blick auf den Boden des Zimmers. Frau von Flaming fuhr fort: »Glaube nicht etwa, ich meinte, daß Käthe aufhören würde dich zu lieben. Nein, die Liebe wird dann erst recht heilig, wenn sie Leiden mit tragen hilft. Aber denke dir, Käthe säße da auf einem Strohstuhle, ein Paar Kinderchen um sich her, denen sie nicht geben könnte, – ich will nicht sagen, was sie hier gehabt hat, (ob das gleich ihrem mütterlichen Herzen weh genug thun würde) sondern auch nicht einmal das Notwendigste. Denke dir, du hörtest ihre Seufzer, die sie zu verbergen suchte, du sähest ihre Thränen, die sie heimlich abtrocknete – wie lebendig müßte der Gedanke bei dir werden: ach, hätte sie dich nie gekannt! ... Sie hat dir alles aufgeopfert; und was hast du für sie gethan? Nichts, gar nichts! Du müßtest traurig da stehen und denken: ich habe sie in dieses Elend geschwatzt. Wenn ich ihr Zeit ließ, sie besann sich anders, und war glücklicher. Aber da, wirst du denken, da benutzte ich den Augenblick, wo das Herz am schwächsten ist. Sie war ein junges Mädchen, das nicht gehörig nachdachte und das Bittre der Armuth nicht kannte. Meine Liebkosungen gaben ihrer Leidenschaft die Stärke, daß sie über das mögliche Elend wegsah. Sie hätte sich sonst gewiß besonnen, und wäre nun glücklicher.« Nein, Ihr Gnaden, sagte Lissow betreten und mit furchtsamer Stimme; das thäte sie nicht, gewiß nicht, und wenn ich ihr zehn Jahre Zeit ließe. »Woher weißt du das, Lissow? Zuverlässig mußt du es doch wissen, wenn du nicht sehr ungroßmüthig gegen 129 Käthen seyn willst, die gegen dich so großmüthig ist. Woher weißt du so gewiß, daß sie sich nie anders besinnen würde?« Ach, Ihr Gnaden, sie liebt mich so innig! Ich bin ihr Alles! Alles! »Das bist du ihr jetzt; aber nach einem Jahre, wenn sie dich nicht mehr sähe, oder nach zehn Jahren, wenn sie recht über sich nachdenken könnte? ... Lieber Lissow, in der That, fast scheint es mir so, als wäre dir daran gelegen, die arme Käthe in diesem Zustande der Leidenschaft zu erhalten, damit du sie nur nicht verlierst, mag es ihr dann auch gehen, wie es will. Was hast du denn gethan, um überzeugt zu werden, daß sie dich über alles liebt, und daß ihre Liebe unveränderlich ist? Nichts; vielmehr das Gegentheil. Und Käthens Edelmuth verdiente doch wohl, daß du eben so edelmüthig wärest. Weißt du, ob nicht Ein oder zwei Jahre Trennung Käthen ganz von ihrer Liebe heilen würden, von dieser Liebe, die sie so unglücklich machen kann? Ja, wärest du einige Jahre von ihr entfernt gewesen, ohne ihr zu schreiben, ohne sie heimlich zu sehen, und ihre Liebe hätte dennoch fortgedauert, sie wäre dir dennoch treu geblieben, hätte dennoch jeden andern Vorschlag zurückgewiesen, weil ihr Herz nach dir allein verlangte, dich allein wollte, auf dich allein hoffte; o, Lissow, dann – bei Gott, der mich hört! – dann wollte ich Käthen, wenn ich nur wüßte, wo du wärest, in deine Arme führen, und sagen: nimm sie, Lissow; Gott und ihr Herz haben sie dir bestimmt! Dann wäre es teuflisch, dir dein Weib vorzuenthalten, das ohne 130 dich nicht glücklich seyn konnte; es wäre höllische Bosheit, Käthen darum unglücklich zu machen, weil du nicht von Adel bist. Und du, Lissow, hättest dann bei jeder Thräne, die sie vergösse, bei jedem Seufzer, der aus ihrem Herzen stiege, bei dem allerfürchterlichsten Elende, unter dem sie erläge, doch wenigstens den Trost, sagen zu können: ich bin nicht Schuld an ihren Thränen; sie würde noch unglücklicher seyn, wenn sie nicht meine Gattin wäre.« Lissow stand erschüttert, tiefsinnig da, und warf nicht einmal einen Blick auf die Frau von Flaming. »Das, Lissow«, fuhr sie fort, »wollte ich dir sagen. Ich liebe dich, ich liebe Käthen, und nehme Theil an euch Beiden; aber an eurer Liebe kann ich jetzt keinen Theil nehmen, weil sie nur noch eine Thorheit ist. Du sprichst Käthen heimlich, du schreibst ihr Briefe: das ist von dir ungroßmüthig. Aber nimm dich in Acht, daß du Käthen nicht früher unglücklich machst, als ich es fürchte! Es kann nicht fehlen, mein Mann wird eure Liebe bald merken; und du kennst ihn! Wie gern würde ich Käthen durch dich glücklich sehen, wenn ich nur überzeugt wäre, daß eure Liebe keine Laune der Jugend ist, sondern auch in der Entfernung dauern wird! ... Ich wollte dich warnen, Lissow, und zugleich dir sagen, wie sehr es mich kränkt, daß ein Jüngling mit einem Herzen wie das deinige so ungroßmüthig, so selbstsüchtig seyn kann. Itzt geh, mein Sohn. Dein Herz ist zu voll, als daß du mir mit gehöriger Überlegung antworten könntest. Wir wollen ein andermal weiter über die Sache sprechen.« Lissow ging, tief erschüttert. Er hatte geglaubt, sich 131 gegen die Frau von Flaming vertheidigen zu müssen; und nun forderte sie von ihm noch mehr Liebe: einen Beweis seiner Großmuth gegen das Mädchen. In allem, was sie gesagt hatte, fand er unverkennbare Wahrheit. Hätte sie verlangt, daß er seine Liebe unterdrücken sollte; so würde er unbedenklich gesagt haben: das ist unmöglich! Aber sie forderte ja nur einen Beweis seiner Liebe; und der mußte einem so guten, edlen Jünglinge, wie Lissow, die größte Kleinigkeit dünken. O, sagte er, nach langem Nachdenken, und legte die Hand auf seine Brust: »Käthe, du bist mein, wenn nur zweijährige Treue die Bedingung ist! Könnt' ich doch deiner Tante sogleich zeigen, daß keine Zeit, kein Leiden mir dein Herz nehmen kann!« Bei diesem Gedanken blieb er stehen. »Wie sagte die gnädige Frau? Sie selbst will mir dann Käthen in die Arme führen? Himmel! nur zwei Jahre! O, Käthe, ich will dich verdienen!« Er entschloß sich um so leichter, auf zwei Jahre das Gut des Barons zu verlassen, da er schon vorher oft den Gedanken gehabt hatte, mit Käthen zu entfliehen. Es ist wahr, dachte er, mit gestütztem Kopfe – kann sie dich vergessen, so muß es sich in zwei Jahren zeigen ... Und wenn sie dich vergäße! ... wenn Quinctius indessen ... – Er versank in noch tieferes Nachsinnen, und jetzt wurde ihm das, was ihm vorher ganz unmöglich schien, sogar wahrscheinlich. »Wohl denn! Vergissest du mich, Käthe, ... ich werde um dich weinen, so lange meine Augen offen stehen; aber du magst glücklich seyn. Glücklich! Ja, Käthe! Denn ich liebe dich!« 132 Er raffte das Nöthigste von seiner Wäsche zusammen, und steckte eine ziemlich beträchtliche Summe Geld ein, die er sich von den Geschenken des Herrn und der Frau von Flaming zu seiner Flucht mit Käthen gespart hatte. Abends blieb er unter einem Vorwande vom Tische weg. Nein, dachte er, ich will sie nicht einmal mehr wiedersehen, um gewiß zu erfahren, ob sie mir wirklich treu ist. Ach, Käthe, wenn dein Herz, dein treues Herz, diese Probe besteht! Du wirst weinen; aber hören deine Thränen nicht früher auf zu fließen, so werden wir die glücklichsten Menschen seyn! Er schrieb an die Frau von Flaming, und entdeckte ihr seinen Entschluß, Käthen zwei Jahre zu verlassen. »Ich werde zwei lange Jahre trauern, meine gnädige Wohlthäterin; aber diese Jahre sollen mir Ihre Achtung, und meiner Liebe einen mächtigen Schutzengel erwerben. Trösten Sie Käthen, dies theure Mädchen, das ich Ihrer Liebe übergebe. Ich habe sie nach unserer Unterredung nicht wieder gesprochen; auch gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich sie nicht wieder sprechen, und nicht eher an sie schreiben werde, als bis zwei Jahre vorüber sind. Dann aber, wenn sie mich nicht vergessen hat, soll mich nichts in der Welt abhalten, Käthen mein zu nennen; und ob sie mich vergessen hat, oder nicht, das will ich von Niemanden hören, als von Ihnen, meine gnädige Frau. Heute über zwei Jahre bin ich Abends unter der großen Eiche, am Hochwalde. O, meine Wohlthäterin, mit welchem von Furcht und Hoffnung zerrissenem Herzen werde ich Sie dort erwarten! Leben Sie wohl. Ich 133 sage das mit der Empfindung eines Sohnes, der sein geliebtes väterliches Haus verläßt.« Er wollte Käthen noch vor dem Anbruch des Tages verlassen. Je mehr er sich in diesem Entschlusse bestärkte, desto wahrscheinlicher ward es ihm, daß seine geliebte Käthe ihn vergessen könnte. Aber dennoch blieb er bei seinem Entschlusse; denn, trotz der Spitzfindigkeit, mit der sein Kopf zu Werke ging, wußte er nicht das mindeste auf die Vorstellungen der Frau von Flaming zu antworten, und sein Gewissen wiederholte sie ihm, so oft sein Herz wanken wollte. Um zwölf Uhr schlich er den Saal entlang, nach dem Zimmer der Frau von Flaming, steckte den Brief an sie durch eine Spalte in der Thür, flisterte Lebewohl, und ging den Gang hinunter. Vor Käthens Zimmer blieb er stehen, seufzte leise: o Käthe! und trat näher an die Thür, um zu horchen. Alles war todtenstill. Er legte die Hand auf den Drücker, zögerte ein Weilchen, und öffnete endlich die Thür. Nun sah er mit unbeschreiblichen Empfindungen, im hellen Mondlichte, seine Geliebte ruhig schlummern. Dies Mädchen, mit den Reitzen eines Engels, sollte er verlassen! Es war, als ob Bleigewichte an seinen Füßen hingen; und mit tausend Stimmen riefen Herz, Phantasie und Sinnlichkeit ihm zu: nur noch einen Abschiedskuß auf diesen holden Mund! Er trat näher hinzu, und schon berührte ihr Athem seine Lippen; doch er richtete sich wieder auf. Sein moralisches Gefühl erwachte, und erinnerte ihn an die Vorstellungen der Frau von Flaming. »Was ist meine Absicht? 134 Käthchen glücklich zu machen! Ja, das will ich, geliebtes Mädchen, und wenn du mich auch vergäßest. Leb wohl!« Er drückte seinen Mund auf die Spitze ihres Busentuches, die über das Bett her hing, und dachte: »nein, Thränen soll dir deine Liebe nicht kosten; mit Kummer sollst du mein Glück nicht bezahlen!« So stand er weinend vor ihr, und betrachtete sie aufmerksam. Er sah, daß eine blonde Locke über ihre Schulter herunter hing, wünschte sich das einzige Andenken von ihr, und schnitt mit einer Schere, die auf dem Tischchen lag, die Locke leise ab. »Leb wohl, theuerstes Mädchen«, sagte er, im Übermaße der wehmüthigen Leidenschaft, unwillkührlich. »Leb wohl! Und vergissest du mich, o Gott! vergissest du mich, so erfahre nie, daß ich mit diesem Herzen vor deinem Bette stand, und dann ging, und dich glücklich zu machen! ... Leb wohl, Käthe!« – Ach, dachte er nun, wenn sie doch erführe, daß ich hier gewesen bin; dann könnte sie mich nie vergessen. Er nahm das Rechnungsbuch, das bei Feder und Dinte auf dem Tische lag, und schrieb auf die erste leere Seite: »Bleib mir treu, Käthe, und leb wohl! Wir sehen uns wieder!« Nun warf er noch einen Blick auf Käthen, verließ ihr Zimmer und das Haus, ging durch den Garten, stieg über die Planke, und wanderte, mit seinem Päckchen Kleidung unter dem Arme, die große Heerstraße hin – bei vielen Thränen, doch mit dem unbeschreiblich süßen Gefühle, das ein Sieg über uns selbst uns immer giebt. So handelte Lissow, obgleich mancher Leser es unglaublich finden wird. Er kannte die Wollust nicht; und ein Herz, 135 das die nicht kennt, hat Kraft, zu thun, was die Pflicht gebietet. Am folgenden Morgen stand Käthe, als sie geweckt wurde, ruhig auf, ohne ihr Unglück zu ahnen. Sie wusch sich, eilte in die Speisekammer, gab heraus, sah sich nach Lissow auf dem Hofe um, ging dann zurück auf ihr Zimmer, nahm ihre Nachthaube ab, faßte nach ihrem Haar, und fühlte, daß ihr wieder eine Locke fehlte. »Mein Himmel!« sagte sie verdrießlich, »wenn das so fortgeht, so behalte ich kein Haar auf dem Kopfe! Ganz gewiß ist das Quinctius wieder gewesen! Aber diesesmal habe ich wirklich geschlafen; sonst hätte er es fühlen sollen, der alberne Mensch!« Nach einigen Minuten vergaß sie indeß ihre Locke, und ging ruhig auf den Boden, wo sie ihren Lissow erwartete. Nicht so ruhig war die Frau von Flaming. Als sie in ihr Zimmer trat, fiel ihr sogleich Lissows Brief in die Augen. Sie erstaunte beim Lesen, und ging dann zu Beyern hinüber. Lissow war nicht da, und niemand hatte ihn gesehen. Das lief gegen ihren Plan; sie hatte ihn entfernen, aber nicht hülflos in die Welt stoßen wollen. In großer Unruhe schickte sie heimlich ein Paar Reitknechte auf verschiedenen Wegen ab, und gab jedem ein Billet an den Flüchtling mit, worin sie ihn bat, ihr sogleich Nachricht von seinem Aufenthalte zu geben. Nun ging sie wieder in ihr Zimmer, saß, mit dem Briefe des Jünglings in ihrer Hand, traurig da, und dachte: Gott! wenn ihm ein Unglück zustößt, wer sonst ist Schuld daran, als ich? 136 Auf einmal stürzte Käthe athemlos und todtenbleich zu ihr herein. »Tante, er ist fort! er ist fort!« Sie streckte der Tante die Hände entgegen, und hatte große Thränen in den starren Augen. »Ach, liebste Tante, wohin ist er? Er ist gewiß fort!« Fast hätte Frau von Flaming es bereuet, die beiden jungen Leute getrennt zu haben: so rührte sie Käthens Anblick. Ich stehe dir dafür, sagte sie mit beruhigender Gewißheit, daß er wiederkommen wird. – »Gewiß? gewiß?« rief Käthe, und stürzte ihrer Tante beinahe sinnlos in die Arme. Frau von Flaming hatte Mühe, das arme Mädchen zu trösten; sie mußte in dieser Absicht sogar zur Unwahrheit ihre Zuflucht nehmen, und Käthen versichern, daß Lissow Abschied von ihr genommen habe. »Und von mir nicht, liebe Tante! von mir nicht! Was habe ich ihm denn gethan? Ich liebe ihn so herzlich. Mir hat er nicht ein Wort gesagt, nicht ein Wort; und er hatte mir doch versprochen ...« – Sie wollte hinzusetzen: mich mitzunehmen; besann sich aber. »O, liebe Tante, wohin ist er gegangen? wann soll ich ihn wiedersehen?« Das, liebes Kind, hat er mir nicht gesagt; ohne Zweifel wird er uns aber Nachricht geben. Das versprach er mir. Hat er dich seit gestern um vier Uhr nicht gesprochen? »Ach, nein! Gewiß wäre er sonst noch hier. Nichts, als die Locke hier hat er mir diese Nacht abgeschnitten, nichts weiter! Und ich habe geschlafen, und er hat mich nicht geweckt. O Tante, beste Tante! warum ist er fortgegangen! Mir schreibt er nichts, als: bleib mir treu, Käthe, und leb 137 wohl! wir sehen uns wieder! Das steht von seiner Hand in meinem Rechnungsbuche; weiter nicht ein Wort. Warum ist er gegangen? O, sagen Sie es mir!« Die Tante erzählte, warum. Es war ein Glück, daß Käthe so unruhig war; sie hätte sich sonst mit einer so widersprechenden Antwort nicht abfinden lassen. Mehr Mühe machte es, die Übrigen im Hause zu beruhigen. Seine Neigung, die Welt zu sehen, sagte die Frau von Flaming, einstimmig mit Beyern, war so groß, daß er sich vielleicht schon ein Jahr lang mit dem Gedanken trug, zu reisen. Er hat den Gedanken ausgeführt, und es zeigt doch, daß in seiner Brust Leben und That war. »Was Leben und That!« sagte der Baron. »Ein Cajus-, oder gar ein Cäso's-Streich! Leben und That! Den Teufel auch! Da mußte er hier arbeiten. Er will in der Welt herumdudeln, das ist es. Was hat so ein Mensch an der Welt zu sehen, von der ihm nicht ein Fußbreit gehört? Von Quinctius ließe ich das eher gelten; bei dem wäre es Leben und That: denn der Adelspiegel sagt, daß ein Edelmann nach dem Beispiele des Ulysses – ich kenne die Familie zwar nicht, thut aber nichts zur Sache – daß ein Edelmann die Welt sehen muß, weil die Welt dem Adel gehört. Der muß reisen, von Amts und Standes wegen; aber kein Andrer.« Auch die Handwerksburschen, Ihr Gnaden, fiel Beyer ein; sie bekommen sonst keine Arbeit. »Ei, die müssen wandern , und die Edelleute fahren . Da steckt der Unterschied. Ein Cajus-Streich ist es; ich will meinen Kopf dafür zum Pfande setzen. Nun, er mag laufen! 138 Ich hatte es gut mit ihm im Sinne. Es ist nur ein Glück, daß die Eltern todt sind; die würden sonst mit Gram in die Grube gefahren seyn. Dummheit, sonst nichts; Hochmuth, und so weiter. Da liefen ehedem auch Narren nach dem gelobten Lande, und es war keiner von Adel dabei. Aber man schlug sie in Ungarn todt, wie die Fliegen. So geht es, wenn Leute reisen, denen es nicht zukommt. Als die Edelleute nachkamen, ging es anders. Da hatte sogar der Kaiser in Constantinopel Respekt, und Jerusalem war erobert im Umsehen. Gebt Acht, wie es ihm gehen wird.« – Käthe wurde blaß und roth, als sie den Freiherrn so sprechen hörte. Die ausgeschickten Reitknechte kamen ohne Nachricht zurück; und nun war Frau von Flaming wieder in der ersten Unruhe. Käthe, die ihre Tante beständig in Augen hatte, brachte von den Reitknechten das Geheimniß bald heraus, und schwamm in Thränen. Selbst der ruhige Beyer ging kummervoll umher, und seufzte. Er wischte sich eine Thräne aus den Augen, und konnte nicht eine Viertelstunde bei seinem Hebräischen aushalten, ohne einmal das Fenster zu öffnen, und die Hofthür zu betrachten, durch welche Lissow geflohen war. Der Freiherr murrte. Beyer hatte ihm tausendmal versichert, daß Lissow ein großer Mann werden würde, und dann gutherzig hinzu gesetzt: sein Ruhm, Ihr Gnaden, wird ein neuer Glanz Ihrer Familie seyn. Die ganze Welt wird sagen: diesen Lissow haben wir dem Baron von Flaming zu danken. – »Dem Baron Hans von Flaming«, war dann der Baron lächelnd eingefallen: »so 139 muß man sagen; sonst weiß ja niemand, ob ich es bin, oder einer von meinen Vorfahren. Hans von Flaming, lieber Herr Beyer!« Man denke! nun war Lissow davon gegangen, und die ganze Welt konnte nichts von dem Baron Hans von Flaming sagen! »Der Teufel über den Narren! läuft davon und läßt mich im Stiche! Flickt er sich nun irgendwo ein, und sie geben ihm auch nur Kleider und Schuhe, so haben die den Ruhm davon, und ich nichts!« Schon die wenigen Worte der Frau von Flaming: »in seiner Brust ist Leben und That;« hatte Quinctius mit finstrer Stirne angehört; aber es kam noch ärger. Frau von Flaming setzte Beyern, der noch immer nicht recht zu begreifen wußte, wie Lissow auf einmal so aus der Art geschlagen und ein Landläufer geworden seyn könnte, die edle Handlung des Jünglings aus einander. Am Ende der Unterredung, die von beiden Theilen ein wenig warm geworden war, kam Quinctius in das Zimmer. So eben sagte Frau von Flaming mit vieler Empfindung: nein, Herr Beyer, seine Flucht, seine Abreise ist die edelste Handlung. Er hat meine ganze Achtung mitgenommen. – O ja, erwiederte Beyer, in seiner Seele liegt Stärke für jede Tugend, zu jeder edlen That. Quinctius war schon längst ein wenig auf die Gunst und Achtung neidisch gewesen, in der Lissow bei allen Menschen stand, die ihn kennen lernten. Und jetzt erhob man ihn wieder wegen einer Handlung, an der er doch nichts weiter zu bewundern sah, als den raschen Entschluß, in die Welt zu gehen, um sie kennen zu lernen. »Aber«, fragte er 140 sich selbst, »was ist denn nun Großes daran? Weglaufen kann doch wahrhaftig jeder, der ein Paar Beine hat! Und ohne Geld ist er nicht, das weiß ich. Also was fehlt ihm denn? Aber wenn sie ihn nur loben können! Hätte ich es gethan, sie sagten ganz gewiß kein Wort.« So waren die Empfindungen dieser fünf Menschen, aus denen der Zufall eine seltsame Begebenheit bereitete. Käthe kam den Abend weinend auf ihr Zimmer, und las noch hundertmal die Abschiedsworte ihres Geliebten. Es war und blieb ihr ein Räthsel, warum er sie verlassen hatte, ohne ihr ein Wort zu sagen und ohne sie mitzunehmen. In der nächtlichen Stille überlegte sie die Sache näher. Sie erinnerte sich noch sehr wohl, wie oft Lissow, bei ihren Gesprächen von einer Flucht, für sie gezittert hatte. »O Käthe! Käthe!« sagte er dann besorgt, mit seiner schönen Stimme: »du könntest unglücklich werden! Nein, unmöglich! ich kann deine Ruhe, dein Glück nicht auf das Spiel setzen!« Nur ihre Bitten, ihre Thränen und ihre Umarmungen hatten ihn bei dem Entschlusse, mit ihr zu fliehen, erhalten können. Daran erinnerte sich Käthe. »Aber, wenn er mich nicht unglücklich machen wollte, warum geht Er denn davon, und läßt mich allein?« Dies blieb ihr noch immer ein Räthsel. Auf einmal glaubte sie, es errathen zu haben, und klatschte in die Hände. »Jetzt weiß ich es! Er wollte mich nur nicht bereden mit ihm zu gehen; er überließ es meiner freien Wahl, ob ich ihm folgen würde oder nicht. Darum sagte er nichts, und darum schrieb er: bleib mir treu, Käthe, und leb wohl. Wir sehen uns wieder! O, da steht es 141 ja so deutlich; wenn ich ihm treu bin, so wird er mich wieder sehen; wenn ich ihm nachkomme, mit ihm fliehe. O Lissow, ich bin dir wohl treu! Ja, wir werden uns wiedersehen.« Sie sprang, wie von Sinnen, auf. Wiedersehen! dies war das einzige Wort, welches sie sagte und hundertmal wiederholte. Sie glaubte ihrer Sache gewiß zu seyn; denn sie wußte sogar auch den Ort, den sie einander zum Rendezvous gegeben hatten, wenn sie Beide fliehen würden. Es war ein Städtchen, drei Meilen weit von dem Gute des Barons. Da wohnte in dem ersten Häuschen vor der Ringmauer ein armer Mann, den Lissow, mit Hülfe der Frau von Flaming, aus großem Elende gerissen hatte. In dessen Häuschen, hatte Lissow gesagt, würde er sich, wenn er einst entflöhe, so lange aufhalten, bis Käthe nachkäme; denn er wollte einige Tage früher weggehen als sie, um vorher Anstalten zur Sicherheit ihrer Flucht zu treffen. Nun wußte Käthe gewiß, daß er sich dort befände und auf sie hoffte. Schnell steckte sie das Geld ein, das sie zu ihrer Flucht erspart hatte, und machte sich ein kleines Bündelchen Wäsche und Kleider zurecht. Den Weg kannte sie genau; ihr einziger Spaziergang war die Straße nach dem Städtchen zu, und wenn sie mit ihrer Tante ausfuhr, so war es fast jedesmal in diese Gegend. Lissow hatte ihr überdies eine kleine Karte von dem Weg gezeichnet, auf der jeder Baum, jeder Fußsteig, sehr genau angegeben war. Als es zwei Uhr schlug, und der Morgen anfing zu dämmern, nahm Käthe ihre Karte, ihr Geld, ihr Bündelchen Wäsche in die Schürze, und die Schuhe in die Hand, schlich 142 die Treppe hinunter, durch den Garten, zur hintern Pforte hinaus, und ging, so geschwind sie nur konnte, den Weg nach dem Städtchen. Am vorigen Abend war bei Tische wieder von Lissow's Flucht gesprochen worden. Der Baron nannte ihn Cajus , Cäso , ja im Zorne auch einmal Lucius , und schwor, daß er nicht mehr einen Groschen an ihn wenden wollte, wenn er auch zurückkäme oder schriebe. Frau von Flaming, der das wehe that, fing an, Lissowen zu loben, und prophezeiete dem Baron mit vieler Zuversicht in ihm einen großen Mann. Beyer erinnerte den Herrn von Flaming an den Glanz seiner Familie. »Nun ja!« erwiederte dieser endlich; »wenn wir ihn nur wieder hätten! Weit kann er nicht seyn; wenn wir nur wüßten, wo!« Käthe nannte aus Übereilung das schon erwähnte Städtchen, und erröthete. Der Baron sagte: »wohl möglich; es liegt an der Straße nach Berlin. Wenn wir ihn nur wieder hätten, den Cajus!« Mit diesen Worten ging er in sein Zimmer, und überlegte. Lissow's Flucht vereitelte ihm so Manches: Quinctius verlor seinen Freund, seinen Gefährten auf der Universität, seinen Rathgeber sogar; denn daß Lissow ein guter Mensch war, sah der Baron wohl ein. Er dachte lange nach. Um vier Uhr Morgens ließ er sich ein Pferd satteln, und sagte: »ich will doch sehen, ob der Hans Hasenfuß noch zu finden ist. Es sind drei Meilen; und sollt' ich auch sechse reiten und eine Nacht ausbleiben, was thut es?« Er steckte seine Schlafmütze ein, und ritt, mit seinem Reitknechte hinter sich, den Weg nach dem Städtchen zu. 143 Der arme Lissow! sagte Frau von Flaming, als sie zu Bett ging. Sie wollte schlafen, um ihn zu vergessen, aber vergebens. »Darf ich ihn denn vergessen?« sagte sie laut, und richtete sich im Bett auf. »Bin ich nicht Schuld daran, wenn er unglücklich wird? Was habe ich denn gethan, um mein Unrecht wieder gut zu machen? Die Reitknechte? die befolgen den Buchstaben; was kümmert die mein Herz und mein Gewissen! Und wußte denn nicht Käthe, wo er ist? Es sind nur drei Meilen. O Gott, wenn ich ihn anträfe! Mitnehmen würde ich ihn nicht; aber er sollte doch wissen, daß er eine Mutter hat, an die er sich im Unglücke wenden darf. Ich selbst will hin, und sollte es auch drei Meilen weiter seyn.« Um fünf Uhr stand sie auf, ließ sogleich anspannen, befahl ihrer Jungfer, auf allen Fall Nachtkleider für sie und sich einzupacken, und ging hinüber zu ihrem Manne, hörte aber, daß er ausgeritten wäre. Nun bestellte sie: man möchte ihm sagen, sie wäre ausgefahren, und würde vielleicht die Nacht nicht zurückkommen; setzte sich dann in den Wagen, und fuhr den Weg nach dem Städtchen. Quinctius hatte sich Abends bei Tische aufs neue gewundert, daß man den Einfall, wegzulaufen, so loben konnte; und natürlich gerieth er auf den Gedanken, dasselbe zu thun, um sich dadurch Lob zu erwerben. »Die Welt zu sehen: welche Freude! welches Vergnügen! und mit Lissow!« (Quinctius liebte, seines kleinen Neides ungeachtet, den Freund seiner Jugend brüderlich.) »Wir gehen nach Berlin, und von da nach Hamburg.« Bei diesem Nahmen fiel ihm die See und Columbus ein. Nun sah er sich schon 144 mit Lissow auf einer Entdeckungsreise, und die Welt mit seinem Ruhm erfüllt. Seine Phantasie war auch die Nacht hindurch in schönen Träumen rege. »Wo find' ich Lissow?« dachte er am Morgen. »In dem Städtchen, meinten sie gestern Alle; und, wenn da nicht mehr, doch auf dem Wege nach Berlin.« Er steckte sein Geld zu sich, ein Buch mit weißem Papiere zum Reisejournal, ein Fernglas, und ein Reißzeug; dann rollte er einen Haufen Landkarten zusammen, und nahm einige Bände von Hübners Geographie unter den Arm. So beladen, ohne alles Nachtzeug, ging er vom Schlosse hinunter, und wanderte den Weg nach dem Städtchen, wo Lissow sich befinden sollte. »Wie wird er sich freuen, wenn ich alles mitbringe, was unsere Reise erst recht nützlich und angenehm machen kann!« Weglaufen ist nichts; aber planmäßig weglaufen, nichts vergessen, und sagen können: omnia mea mecum porto! da steckt es!« Eine halbe Stunde nach ihm ging auch der gute Beyer. Er schrieb der Frau von Flaming, da sie ausgefahren war, in einigen Zeilen: vielleicht bleibe er zwei oder drei Nächte aus, weil er den edlen braven Lissow aufsuchen wolle, um mit ihm über sein Fortkommen Abrede zu nehmen. Es sey ihm unmöglich, den Jüngling so aufs Gerathewohl in die Welt hinein laufen zu lassen, da er vielleicht nur einige Meilen zu gehen brauche, den Verirrten in das Geleise des Nachdenkens und des Glückes zurückzubringen. – Beyer nahm seinen Stock, und ging mit kummervollem Herzen dem Städtchen zu. Käthe lief was sie konnte; aber schon nach zwei Stunden 145 fehlte es ihr an Kräften, da sie in der Nacht nicht geschlafen hatte, und des starken Gehens nicht gewohnt war. Das arme Mädchen konnte die Augen nicht mehr offen halten; sie setzte sich auf einen Stein hinter einem Busch, legte den Kopf auf ihr Bündelchen Wäsche, und schlief nach einigen Minuten ein. Indeß trabte der Baron die Straße daher, Käthen vorüber. Sie wachte von dem Getrappel der Pferde auf, sah durch den Busch, hinter dem sie lag, den gnädigen Onkle, und erschrak nicht wenig. Als sie ihn aus den Augen verloren hatte, ging sie behutsam weiter. Sie hielt sich immer hinter den Schwarzdornbüschen, welche den Weg einfaßten; und, so wie sie Jemanden sah, schlüpfte sie wie ein schüchternes Reh hindurch, und bückte sich, bis er vorüber war. Das mußte sie oft thun; sie kam daher nur so langsam vorwärts, daß auch die Tante sie überholte. Ach Gott! die Tante! sagte Käthe, und schlüpfte in die Büsche hinein, als sie die Füchse und den scharlachrothen Wagen von fern erblickte. Die Tante fuhr vorüber, und Käthe wagte sich wieder hervor. Aber es kamen viele Reiter und Fußgänger; und vor jedem mußte sie sich verbergen. Die Sonne stand hoch, und Käthe wurde herzlich müde. So eben bemerkte sie, daß wieder ein Wanderer kam, und bückte sich hinter dem Busche; unglücklicher Weise aber setzte sich der Wanderer gerade vor eben die Büsche, die sie verbargen. Er wird ja endlich weiter gehen, dachte Käthe; allein er ging nicht. Es dauerte ihr zu lange, und sie wollte hinter 146 den Büschen davon schleichen. Quinctius hörte rasseln, und fragte: »wer da?« Käthe erkannte seine Stimme, und lief vorwärts, so schnell sie nur konnte. Quinctius lief aus Neugierde auf der andern Seite der Büsche mit ihr um die Wette. Jetzt kam ein Feldweg. »Käthe, in aller Welt ...!« rief Quinctius. – Ach, Quinctius, um des Himmels willen! rief Käthe. Beide standen, und sahen einander verlegen an. »Wohin denn, liebe Cousine?« fragte endlich Quinctius. – Spazieren. – »So? ich gehe auch ein wenig; der Morgen ist so schön.« – Ja, das ist wahr! Sie gingen eine Weile mit forschenden Blicken neben einander her. Was haben Sie denn da? fragte Käthe. – »Ein Paar Bücher ... und eine Rolle Landkarten. Ich wollte hier ... die Gegend aufnehmen ... Und was haben Sie denn da in der Schürze?« – O, nichts! – »Aber das Papier da, was ist denn das? « – Auch eine Landkarte von dieser Gegend, sagte Käthe erröthend. Ich wollte sehen, ob sie richtig wäre. – »So? ... Zeigen Sie mir doch einmal die Karte.« Käthe reichte sie ihm in der Verwirrung hin. Quinctius wollte sie nehmen, und sein Hübner fing an zu fallen. Er griff darnach; aber da lagen die Karten auf der Erde, und der Hübner mit ihnen. Käthe wollte zufassen; ihre Schürze sank, und was darin war, lag nun gesellig bei den Karten. Quinctius machte große Augen, als er Wäsche und Kleider sah. »Aber, Cousine! was haben Sie vor?« Käthe stand wie versteinert, und betrachtete ihre Habseligkeiten. »Nicht wahr, liebste Cousine, Sie wollen davon gehen? ... 147 Antworten Sie doch! Ich selbst ... ich will Lissowen aufsuchen; und Sie?« – Nun bekam die Statue auf einmal Leben. Lissowen? Lissowen? O, lieber Cousin, ich, ich ... – »Sie wollen davon gehen, das sehe ich an den Kleidern, die Sie mitnehmen. Aber, Cousine, bedenken Sie doch, daß Sie ein Frauenzimmer sind! Ich bitte Sie, kehren Sie um; doch sagen Sie ja nicht, daß Sie mich angetroffen haben. Ich gehe auf eine Entdeckungsreise aus.« Käthe gestand, daß sie auf der Flucht begriffen sey; doch zum Umkehren war sie nicht zu bewegen. »Aber wohin wollen Sie?« – Zu Lissow. – »Was wollen Sie denn bei dem?« – Mit ihm durch die Welt gehen. – »Warum denn?« – Weil, weil ... ich habe es ihm versprochen. – Quinctius fragte so lange, bis er endlich so ziemlich Licht bekam. Er fühlte das Unschickliche, das Unrechte in Käthens Schritte. Aber was war zu machen? Sie wollte nicht hören, und schlug es sogar aus, mit ihm zurückzugehen. Quinctius gerieth in eine nicht geringe Verlegenheit. »Aber, Cousine, man wird zu Hause glauben, daß Sie mit mir davon gelaufen sind!« – Daran liegt mir nichts. Ich weiß, was ich thue. Quinctius drohete Käthen endlich, allein umzukehren. Sie besann sich einen Augenblick, weil sie befürchtete, alsdann verrathen zu werden; aber dennoch sagte sie: nach Ihrem Belieben, Cousin. Sie fürchten sich; ich aber nicht. Ich gehe! – »Fürchten?« rief Quinctius; »da irren Sie sehr! Ich bleibe bei Ihnen, und wenn Sie nach China wanderten.« – Nein, zu Lissow! – »Es ist doch aber ein rechtes Unglück! Ich will eine Entdeckungsreise machen; und zu Hause 148 werden sie nun glauben, ich bin mit Ihnen davon gelaufen. Liebe Cousine, das ist grausam. Lissow hat den Ruhm; und ich ...!« – Sie gingen weiter: Quinctius mit wachsender Verlegenheit, Käthe mit so leichtem Herzen, daß sie ihm ihre Liebe ganz offenherzig gestand. »Ja, liebe Cousine«, sagte Quinctius nun auf einmal: »ich gehe mit Ihnen; ich bin Ihr Beschützer, Ihr Führer, bis Sie Lissowen gefunden haben. Sie wissen, wie zärtlich ich Sie liebe, und daß ich lieber tausendmal mein Leben hingäbe, als Sie. Aber ...« Käthe blieb stehen, und sah ihn mit Verwunderung an. Nein, davon weiß ich kein Wort. Sie haben mir eine Locke vom Kopfe geschnitten, und mich beinahe mit Blumendüften getödtet; aber geliebt haben Sie mich nicht. Cousin, ich weiß, was Liebe ist. Quinctius betheuerte ihr jetzt seine heiße Liebe so feierlich, daß ihr angst und bange wurde; sie schwieg indeß, um zu hören, was noch folgen sollte. »Aber«, fuhr Quinctius fort, »Sie lieben meinen Freund. Ich trete nicht allein Ihr Herz an ihn ab; nein, ich will noch mehr thun: ich will das geliebte Mädchen in seine Arme führen.« Sein Auge blitzte, sein Gesicht glühete bei diesen Worten. Käthe wußte wirklich nicht, was sie von Quinctius denken sollte. Indeß, der Unglückliche ergreift ein Haar, um sich daran zu halten: sie dankte ihm für seine Großmuth, und ging mit ihm weiter. »Aber«, sagte er, »wie meine Mutter Lissows Flucht eine edle Handlung nennen kann, begreife ich doch nicht. Mich dünkt, Cousine ... Doch ich will schweigen, und Sie in seine 149 Arme führen. Wenigstens soll meine Mutter überzeugt werden, daß ihr Sohn ein Herz hat, worin Kraft und Leben ist zu jeder edlen That.« Die Vorstellung, eine Geliebte dem Freunde abzutreten und sie in seine Arme zu führen, hatte so viel Reitzendes für den eitlen Quinctius, daß er jetzt eben so gern ging, als Käthe. »Was wird Lissow sagen, wenn ich ihm Käthen bringe, und ihm erkläre, wie sehr ich sie liebe! Was wird meine Mutter sagen, wenn sie das erfährt!« Das waren seine Gedanken, und er eilte mit Käthen der kleinen Stadt zu, deren Thurm sie nun schon sehen konnten. Der erste im Städtchen war der Baron. Er ging in das einzige Wirtshaus des Ortes, und erkundigte sich nach Lissow; man wußte aber nichts von ihm. Nun erzählte er dem Wirthe, der mit entblößtem Kopfe vor ihm stand, erst von Lissow. Dann kam er auf die sechs und dreißig Turniere, gerieth in Eifer, und sagte dem Wirthe die Turnierstücke mit lauter Stimme her. Von da erhob er sich nach Rom, und erzählte von Hannibals Thaten und Grausamkeiten, daß dem Wirthe die Haut schauderte. »Aber, lieber Herr Wirth, es kommt immer einer über den andern. Ein Vorfahr von mir, ein Baron von Flaming, kam über ihn an einem See, und schlug ihn so tüchtig, daß er seitdem nie den Nahmen Flaming hat hören können, ohne zu zittern.« Dann zeigte er dem Wirthe die Schlachtordnung beider Armeen auf dem Tische: den See, das Gebirge, die Retirade Hannibals vom Tische hinunter; und endlich schloß er mit der Versicherung, daß seine Familie ihren Reichthum noch von dieser 150 Bataille her habe. »Denn mein Vorfahr«, sagte er, »bekam die ganze Kriegskasse, Bagage und allen Teufel auf einmal.« In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und seine Gemahlin trat mit der Kammerjungfer herein. »Ei, Ronichen! Du hier? woher? weswegen?« Das Fragen hatte kein Ende, und man lachte über den seltsamen Zufall. Der Baron fing endlich wieder an, dem Wirthe von Hannibal und seinen Vorfahren zu erzählen. Dann setzte er sich zu Tische, mit dem Rücken gegen die Thür, und die gnädige Frau ihm gegenüber. Die Thür ging auf. Quinctius trat mit einem Fuße herein, zog Käthen hinter sich her, und sagte: »Kommen Sie doch; Sie sind ...« In diesem Augenblicke bemerkte er seine Mutter, und das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Er war mit Käthen in dem Häuschen gewesen, wo Käthe ihren Lissow zuversichtlich erwartete; aber der Besitzer hatte ihn nicht gesehen. Nun hielt man Rath, was weiter zu thun wäre. Käthen war der Muth schon gesunken, und sie wünschte sich im Herzen zurück. Auch Quinctius drang gerade nicht auf das Weiterreisen; er rieth indeß, auszuruhen, im Wirthshause zu essen, und dann zu überlegen. Das Wort erstarb ihm auf der Zunge, als er seine Mutter sah. Käthe wurde todtenbleich, und die gnädige Frau erschrak so sehr, daß sie alle Besinnung verlor. Der Baron drehete den Kopf um. »Wie? Quinctius und Käthe? wo, der Henker! kommt ihr her?« (Beide standen wie Bildsäulen da, ohne ein Wort sagen zu können.) »Hast du sie mitgebracht?« fragte er seine Frau. Sie zögerte eine unglückliche 151 Sekunde, ehe sie Ja sagte, und die vorwitzige Kammerjungfer platzte heraus: nein, Ihr Gnaden, wir haben nur den zweisitzigen Wagen. »Nun, wollt ihr bald antworten? Wie seid ihr gekommen?« Zu Fuß, sagten Beide schüchtern. Jetzt fing die gnädige Frau an zu examinieren; und nun ging es besser, weil sie den Flüchtlingen sehr entschuldigende Antworten in den Mund legte. »Aber, was hast du da, Käthe?« hob der Baron auf einmal an, und nahm ihr die Schürze aus der Hand. Käthe war ohne Besinnung. »Was der Teufel! ein grünes Kleid, ein rothes, ein Nachtmieder, ein Rock, eins, zwei, drei, vier, fünf Hemden? Was, zum Tausend, ist denn das? Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« Frau von Flaming wollte dazwischen reden. »Ronichen, Ronichen! mausestill! mausestill, sag' ich. Das ist kein Spazierengehen, kein Verirren. Sieh einmal! was giebt es denn da noch? Eine Nachtmütze, ein Paar Schuh, Pantoffeln, Zwirn, Band, grüner, rother, gelber! ... Still, sage ich! ... Allongen Ein Putz der Frauenzimmer aus den Zeiten, in denen Käthe ein Mädchen war. , rothe, grüne? Und was ist denn in der Schachtel? Ha! ha! Italiänische Blumen, und Spitzenmanschetten! ... Still, Ronichen! ... Die Tasche auf, Käthe! Was, der Teufel! Silberne Schuhschnallen, der Brillanten-Ring von ihrer Mutter, eine Reihe Schottischer Perlen? Die andere Tasche her! Was zum tausend Henker!« Er zog einen Beutel mit Geld aus ihrer Tasche. »Schöne Dinge! das läuft am Ende 152 gar auf einen Dieb...« – In diesem Augenblicke bemerkte er den Wirth. »Was hat Er hier zu thun, Hans Hasenfuß? will Er zur Thür hinaus?« Der Wirth eilte, daß er weg kam, und erzählte draußen seiner Frau, die beiden jungen Leute hätten dem Baron Hannibals halbe Kriegeskasse gestohlen. Der Baron schüttete den Geldbeutel aus. »Goldstücke, Harzgulden, Medaillen. Nun, das ist eine hübsche Summe.« Die Frau von Flaming wollte wieder anheben. »Ich bitte dich, Ronichen, still! ganz still! ... Was ist denn das für ein Papier?« (Er besah es.) »Die Reiseroute wahrscheinlich.« (Er konnte sich nicht daraus finden.) »Nun ist die Reihe an dir, Junker. Landkarten, von Brandenburg, Hollstein, Holland, Amerika. Hübners Geographie! ... Halts Maul, Frau! Ich will jetzt nichts wissen .... Taschen her! Reißzeug, Fernglas. Ei! hier ist der rechte Schatz.« (Er schüttete einen Beutel aus.) »Das ist zu arg! Mußte mir's doch ein guter Geist eingeben, hieher zu reiten! Ein hübsches Sümmchen! Die andere Tasche! Ein Buch? Laß sehen!« – Der Baron las den Titel: »Reisen und Entdeckungen des Freiherrn Quinctius Heymeran von Flaming, von ihm selbst aufgesetzt, und der Welt zum Nutzen beschrieben.« »Den Teufel auch! Des Cajus Cäso: so muß es heißen! Wollen doch weiter sehen!« (Er las.) »Den 27sten August 174*. Mein Entschluß ist gefaßt. Ich verlasse das väterliche Haus. Ein unbekanntes Feuer, eine unwiderstehliche Neigung hat schon lange in meinem Busen gebrannt. Meine Eltern sind meinen Wünschen zuwider; aber ich will, ich muß glücklich seyn. 153 Leb wohl, väterliche Wohnung! lebt wohl, theure Eltern! Außer euch habe ich alles, alles was ich liebe, und wodurch ich glücklich seyn werde, bei mir. Lebt wohl! Ihr werdet von mir hören!« »Je!« rief der Baron; »so schlage doch das Wetter drein! Eine schöne, eine saubere Wirthschaft! Spazieren gehen! Nun, Ronichen? Nun sage, was du willst!« Er sah seine Frau an, die selbst nichts von dem Handel begriff. »Ein Cäso! « fuhr der Baron fort »geht bei hellem lichtem Tage mit einem Fräulein Nothafft durch! Großer Gott! Ein Flaming! und eine Katharina von Nothafft! laufen davon, wie ein Paar Bettelleute, zu Fuß, mit ihren Lumpen auf dem Rücken! Großer Gott! Ach, Ronichen, nun kann ich mir vorstellen, wie es dem alten ehrwürdigen Quinctius, meinem Ahnherrn, von dem da dieser Taugenichts den Nahmen führt, zu Muthe gewesen ist, als der Flegel von gemeinem Kerl anfängt von den schlechten Häusern zu erzählen, worin der liederliche Cäso die Nächte herum gelegen hat. Nun kann ich mir's vorstellen! Wenn er hier stände, er würde sagen: lieber Urenkel, mir ging es gerade wie Ihnen; ich hatte auch einen ungerathenen Sohn. Ach, Gott! wenn das die Katharina von Nothafft, deine Ältermutter, die schon 939 zu Magdeburg vom Kaiser zur Helmschau gewählt wurde – wenn die wüßte, was ihre Enkelin gethan hat: anspeien würde sie dich! O, nun danke ich Gott und dem Papste, daß die Turniere abgeschafft sind; ich müßte sonst die Schande erleben, daß sie den da aus den Schranken wiesen, oder ihn wohl gar auf die Schranken setzten und schlügen. 154 Ich unglücklicher Mann! Sprich, du ungerathener Mensch, sprich, wie heißt das dritte Turnierstück?« Quinctius sah beschämt zur Erde nieder, und schwieg. »Drittens«, fing der Baron nachdrücklich an, »wer Frauen oder Jungfrauen entehrt oder schwächt, oder dieselben schmähet mit Worten oder Werken, soll nicht zum Turnier einreiten, sondern öffentlich geschlagen und auf die Schranken gesetzt werden! ... Sieh, ein solcher Mensch bist du!« Aber, lieber Vater, sagte Quinctius furchtsam, ich habe daran keinen Gedanken gehabt. »Schweig nur, und sey nicht noch obendrein ein Lügner! Wie? bist du nicht mit der ... der ... der ... Feldgrille davon gelaufen? zu Fuß, wie ein Bettler? Beschimpft hast du den vierten Heerschild des heiligen Römischen Reiches, die ganze unmittelbare freie Reichsritterschaft! Wenn das Seine Kaiserliche Majestät erführe, oder die Ritterschaft in den vier Landen: ich müßte vor Gram vergehen. Großer Gott! da hängen gerade die Beiden meinen Stammbäumen einen Fleck an, den ich niemals wieder werde auslöschen können! Flaming und Nothafft! Ich wollte, ihr hättet mir lieber das Gut abgebrannt. Aber gnade Euch Gott, wenn wir zu Hause sind! ... Hättest du es wenigstens gemacht, wie Lissow: der geht wie ein ehrlicher Kerl; er will sich 'was versuchen in der Welt. Das lasse ich noch gelten. Aber du läufst wie ein Narr mit einem Mädchen davon, wie ein verliebter Narr, der weder Kopf noch Sinne hat.« Ich bitte Sie, lieber Vater, hören Sie mich nur! Sie wissen die Wahrheit nicht; ich habe ... – 155 Käthe, die wohl merkte, daß über sie das ganze Ungewitter mit verdoppelten Schlägen losbrechen würde, wenn Quinctius die Wahrheit sagte, zupfte ihn am Rocke. Sie zitterte vor dem Gedanken, der Freiherr könnte erfahren, daß eine Katharina von Nothafft einem Bürgerlichen nachgegangen sey. Quinctius sah sie an, als er das Zupfen fühlte, und traf auf einen solchen, Mitleid erregenden, sanft bittenden Blick, daß er nicht widerstehen konnte, und ihr mit den Augen Muth zuwinkte. »Ich wüßte die Wahrheit nicht?« rief der Baron. »Du Cajus! du Cäso! Als ob man sie besser zu wissen brauchte! Wozu hat denn die Gans da Hemden, Nachtzeug, all ihr Geld und die ganze Wirthschaft bei sich, wenn sie nicht mit dir hätte davon laufen wollen? Du Narr, wozu schriebst du denn hier ins Buch: ich verlasse mein väterliches Haus! Wozu? Steht hier nicht von heimlichem Liebesfeuer? steht hier nicht, daß du alles bei dir hast, was du liebst? ... Nun will ich einmal weiter fragen. Käthe, hast du weglaufen wollen, oder nicht? Unterstehe dich nicht zu lügen!« – Ja, flisterte Käthe. – »Warum? Antwort! Aus Liebe oder nicht?« – Aus Liebe, gnädiger ... – »Was gnädiger! Der Teufel ist gnädig; ich nicht. Antwort! Wohin habt Ihr laufen wollen?« – Wohin Quinctius mich brächte. – »Nun, du Erznarr? Da hörst du es ja! Und was wolltest du denn mit Käthen anfangen? Verführen? nicht wahr? he!« – Nein, mein Vater! – »Also heirathen?« – Ich weiß es nicht. – »Was? zum Teufel! das weißt du nicht? und läufst mit ihr davon? Willst du denn ewig läugnen?« – Käthe zupfte, und Quinctius sagte: wenn Sie 156 befehlen, ja, ich wollte sie heirathen – »Befehlen? Ich habe den Henker befohlen! Und du wolltest ihn auch heirathen? « – Ja, gnädiger Herr Onkle! Es kam so sonderbar. O gewiß, wir bereuen es von Herzen. – »Das sollt Ihr auch! Aber du Gans, wenn du ihn mit aller Gewalt heirathen wolltest, warum machtest du denn damals den Lärmen, als er dir die Locke abgeschnitten hatte? Da sollte sie, und wollte nicht. Weder Augen noch Lippen that sie von einander, als er des Nachts zu ihr geschlichen kam; und als ich ihr vom Heirathen sagte, schrie sie sich fast die Kehle ab. Du Schreihals! mußt du denn alles heimlich treiben? Ist es nicht, als ob ein Zigeuner dein Vater wäre? Warum hast du ihn damals nicht gleich genommen? He?« Ach, gnädiger Herr Onkle! »Ach, gnädige Fräulein Zigeunerin! Wart, ich werde dir die Verstellung austreiben! Fort, in den Wagen! fort! Veronika, gieb Acht! sie läuft sonst davon. Fort!« In diesem Augenblicke machte Beyer die Thür auf, und trat wieder zurück, als er Käthen bemerkte. Aha! rief er: hier ist Lissow! (Er vermuthete das aus Käthens Gegenwart.) Wo? riefen die Andern, und kamen in die Thür. Beyer wunderte sich, die ganze Familie hier zu finden. »Sie haben den Braten gerochen«, sagte der Baron, »und setzen nach. Die Vögel sind glücklich schon eingefangen. Sehn Sie nur die schöne Wirtschaft!« Beyer erstaunte, als der Baron ihm erzählte, und sah bald ihn, bald die gnädige Frau an, die sich selbst aus dem allen noch immer nicht recht finden konnte. Käthe mußte sich mit der Tante in den Wagen setzen, und 157 Quinctius auf das Pferd des Reitknechtes; die Jungfer, der Reitknecht und Beyer sollten zu Fuß nachkommen. So kehrten Alle wieder nach des Barons Gute zurück, und Lissow war vergessen. Im Wagen examinirte die Tante Käthen noch einmal, und erfuhr sehr leicht das ganze Geheimniß. Sie schilderte nun Käthen mit den lebhaftesten Farben, was alles aus diesem unbesonnenen Schritte für sie hätte entstehen können. Käthe umfaßte ihre Tante, und versprach unter aufrichtigen Thränen, nie wieder an einen solchen Schritt zu denken. Ich habe ja, sagte die Tante, gegen eure Liebe eigentlich nichts; es ist natürlich, daß Lissow dich liebt, und eben so natürlich, daß du ihn wieder liebst. Aber, auf die Paar Worte hin, die er in dein Rechnungsbuch schrieb, in die weite Welt hinein zu gehen, und Ehre, guten Nahmen, ja die Tugend selbst aufs Spiel zu setzen: das, liebe Käthe, war höchst unbesonnen, höchst kindisch, und ich hätt es dir nimmermehr zugetrauet. »Ach, liebste Tante, es schien mir so deutlich, so gewiß, daß er es so gewollt hätte. Jetzt freilich ...« Du siehst, liebes Mädchen, wie leicht ein volles Herz irren kann! Nun, ihr hattet eure Flucht verabredet, und wart dazu fest entschlossen, wie junge Leute überhaupt, ohne an die Folgen zu denken, sich zu dem entschließen, was ihnen ihr volles Herz als ein Glück vorspiegelt. Du siehst aber, wie leicht das volle Herz die festesten Entschlüsse auch wieder über den Haufen wirft. Ihr wart so fest entschlossen, sagst du, mit einander zu entfliehen; und Lissow, wie du siehst, 158 verläßt dich, flieht allein, und denkt nicht an alle die Verabredungen, auf die du so sicher bauetest. – »O, liebste Tante, er hat mich gewiß nicht aus Treulosigkeit verlassen; er ...« – Davon bin ich fester überzeugt, als du, mein Kind. Er liebt dich gewiß noch eben so zärtlich; allein wer weiß, welche Kleinigkeit ihn veranlaßte, seinen Entschluß zu ändern? Vielleicht dachte er einmal ernstlich daran, daß er durch seine Flucht mit dir seinen Wohlthäter, deinen Onkle, bitter kränken würde. Ein jugendliches Herz ergreift jeden Gedanken mit Heftigkeit. Er verließ seine Geliebte, um nicht undankbar gegen seinen Wohlthäter zu seyn. Nun, liebes Kind, setze den Fall, du wärst mit ihm entflohen, und er hätte das erst nachher einmal tief gefühlt. Lissow ist ein sehr edler Mensch. Wie würde ihn seine Flucht mit dir gereuet haben! Armuth, mein Kind, kommt bei der Liebe nicht in Betracht; die hätte er mit dir leicht ertragen. Aber Vorwürfe des Gewissens, Reue, Angst, und das Gefühl undankbar bleiben zu müssen! Kind, du wärest sogar in Gefahr gewesen, daß er dich als die Ursache seines Unglücks angesehen hätte. Und nun denke, wie elend du seyn würdest, wenn du den Beistand deiner Familie, und zugleich die Liebe deines Geliebten, verloren hättest! »Ach, nein, liebe Tante. Ich kenne ihn zu genau; seine Liebe zu mir ist unveränderlich. Gewiß, gewiß!« So? Woher weißt du das? Du glaubst es, wie du auch glaubtest, daß er dich mitnehmen wollte. Hast du dich Einmal in ihm geirrt, so kannst du es noch tausendmal. Liebe 159 Käthe, will es das Schicksal, daß du Lissow's Frau werden sollst, so werde ich dir gern meinen mütterlichen Segen dazu geben. Du wirst in seinen Armen, wenn er dich liebt, eben so glücklich seyn, als in den Armen des reichsten Edelmannes. Aber jetzt mußt du wenigstens abwarten, ob Lissow wiederkommt. Ich hoffe, er wird dich nicht vergessen, und du auch ihn nicht. »O, gewiß nicht, Tante, gewiß nicht, so lange wir Beide leben.« Nun, das werden wir sehen. Gut, liebes Mädchen, ich will dir helfen, deinen Wunsch zu erreichen. Hier hast du meine Hand darauf. Es soll mir lieb seyn, wenn du einmal Lissows Frau wirst, so viel ich auch dagegen haben sollte. Unter solchen Gesprächen kamen sie auf dem Gute an. Käthe schlüpfte geschwind in ihr Zimmer, um dem Baron nicht zu begegnen. Alles im Hause war still; nur der Baron ging umher, aber lachend und scherzend. Das Ungewitter schien vorüber zu seyn, und Käthe kam mit ganz leichtem Herzen zum Abendessen. Als sie gute Nacht sagte, folgte ihr der Baron auf dem Fuße nach bis an ihr Zimmer. Sie stand mit klopfendem Herzen in der geöffneten Thüre. Der Baron rief: »Marsch! hinein ins Bauer, Fräulein Zigeunerin!« zog dann die Tür zu, warf ein großes Hängeschloß vor, und wollte gehen. Aber, gnädiger Herr Onkle, rief Käthe; wenn nun Feuer auskäme, ich müßte ja verbrennen! »Besser verbrannt, als zur Schande deiner Anverwandten in der Welt herumgelaufen!« 160 Er ging, so viel sie auch noch bat, und schloß nun auch Quinctius ein. Aber – rief dieser ihm zu – wenn mir in der Nacht etwas zustieße, ich könnte ja Niemand rufen. »So wartest du, bis ich morgen aufschließe. Kurz und gut, du sitzest.« Der Baron glaubte halb und halb, Beide sönnen auf eine neue Flucht; doch wurde ihm vor einem Unglücke bange. Er überlegte, und sagte dann auf einmal vor sich: Narrenpossen! Der Junge ist in ein Paar Monaten zwanzig Jahr alt, und das Mädchen siebzehn. Bei Tage können sie mir so gut davon laufen, als bei Nacht, und es ist wahr, ein Unglück kann aus dem Einschließen entstehen. Verliebt sind sie nun einmal. Kurz und gut, sie sollen sich heirathen.« Am Morgen ließ er den Prediger rufen, und sagte: »Sie sollen trauen, Herr Pastor! Ich will die Gefangenen holen. Gehen Sie nur in den Saal.« Er schloß Quinctius Thür auf. »Angezogen! geschwind!« (Quinctius ließ sich das nicht zweimal sagen.) »Komm!« Beide gingen nun zu Käthen, die schon beim Ankleiden war. »Geschwind, Käthe! zieh dich vollends an!« Nun führte er Beide in den Saal, und rief einem Bedienten zu: »die gnädige Frau soll kommen!« Er stellte Käthen vor den Stammbaum der Nothaffte, und seinen Sohn vor den Stammbaum der Flaminge. »Da! betrachtet eure Ahnen, die ihr habt beschimpfen wollen! ... Guten Morgen, Ronichen! ich habe es den jungen Leuten vergeben. Sie sollen ihren Willen haben. Da ist der Pastor; der soll sie auf der Stelle zusammenschmieden. Dann mögen 161 sie laufen, wenn sie wollen.« – Die gnädige Frau erschrak; Käthe erblaßte, und Quinctius erröthete. Also der junge gnädige Herr, fing der Prediger an, sind der Herr Bräutigam, und ... »Da das Fräulein von Nothafft ist die Braut. Hier sind die Nahmen. Quinctius Heymeran von Flaming, und Katharina Maria von Nothafft.« – Der Prediger schlug das Buch auf, und suchte die Trauformel. »Nun, du ... du Wildfang, du Feldgrille«, hob der Baron an: »bet' ein Vaterunser; mit dem Fräulein hat es ein Ende. Wart! nun sollst du nicht mehr allein schlafen, damit sie dir keine Locken mehr abschneiden.« Er faßte ihre Hand, und fühlte, daß sie bebte. »Fürchtest du dich? Seh nur einer! nun willst du wohl gar thun, als ob du dich schämtest? Wo hast du denn eigentlich diese Nacht schlafen wollen? Und gar ohne Pastor! Na, sey nur lustig. Ist alles vergeben und vergessen. Komm, sollst deinen Willen haben.« Er zog sie an dem Arme. Käthe stand da, wie eingewurzelt, und war nicht aus der Stelle zu bringen. »Ist das Ernst? He, Käthe! Hier ist Ungarisch Wasser! Riech einmal! Was fehlt dir denn? Nun, Hasenfuß, du da, Quinctius! steht er nicht da wie eine vernagelte Kanone? So komm doch her, und führe deine Braut zu dem Herrn Pastor.« – Auch Quinctius rührte sich nicht von der Stelle, und sah mit einer höchst einfältigen Miene im Zimmer umher. Käthe fing immer stärker an zu zittern, und schwankte zuletzt, so daß der Baron sie zu einem Stuhle bringen mußte. 162 Laß sie sich doch erst erholen! sagte die Frau von Flaming höchst verlegen. »Höre Ronichen«, erwiederte der Baron; »wäre ich gestern nicht gewesen, sie hätten dir weis gemacht, daß sie mit Hemden und Kleidern und Landkarten und Gelde drei Meilen weit spazieren gewesen wären. Ich habe die Sache angefangen, und will sie aufs Reine bringen. Sey du nur unbekümmert. Erholen? Vom Heirathen ist noch kein Mädchen gestorben, und besonders keins, das mit dem Liebhaber bis nach Amerika laufen will. Nein, nein, das ist ein Freudenschrecken. Siehst du? Da kommt die Farbe schon wieder. Nun, frisch! sollst den Augenblick getraut werden, Käthe!« – Er faßte ihre Hand, und wollte sie vom Stuhle aufziehen. Ach allerbester, gnädigster Herr Onkle! »Ja, ja, nun da ich dem Kinde den Willen thue, bin ich der allerbeste Herr Onkle! Na, so komm! Halt den Herrn Pastor nicht auf. Komm, komm! Laß doch die Narrenpossen! Ziere dich heute Abend, so viel du willst, bei dem hölzernen Herrgott, der da steht, als ob er angefroren wäre. Ei, so mach!« – Er zog wieder; Käthe sträubte sich aus allen Kräften. – »Höre, Käthe, ich lasse wahrhaftig den Pastor wieder gehen; und dann ist es für heute vorbei.« Ach, rief Käthe jammernd, ach gnädiger Herr Onkle, lassen Sie ihn doch nur gehen! »Nun so sitz, du Hexe von Zigeunerin!« Er sprang zornig auf Quinctius zu. »Aber du Öhlgötze! Steht er nicht da, als ob man ihn aus der Erde hacken müßte, wenn er gehen soll? 163 Berede doch deine Amasia nur zu dem kurzen Gange. Hast sie ja zu einer Reise um die Welt beredet.« Er stieß ihn ruckweise vor Käthen hin. Quinctius sagte nicht eine Sylbe, weil er in der größten Verlegenheit war. Sein Vater drang in ihn, ein so reitzendes Mädchen zur Frau zu nehmen; und doch durfte er nicht. Er war entschlossen, Käthen in Allem zu folgen. Sagte sie Ja; so wollte er – das dachte er mit Entzücken – sich trauen lassen. Sagte sie nein; nun, auch gut. Er stand vor Käthen stumm da, und zeigte in seinen Mienen weder Verlangen, noch Widerwillen. »Abertausend Höllenteufel!« rief der Baron wieder; »wollt Ihr den Mund aufthun? Herr Pastor, verrichten Sie Ihr Amt, und reden Sie den jungen Leuten zu! Das ist ja eine Narrenbrut!« Hören Sie, mein gnädiger Junker, hob der Pastor an: es ist der Wille Ihres gnädigen Herrn Vaters, daß Sie gegenwärtiges Fräulein ehelichen sollen. Gewiß sind Sie überzeugt, so viele Abneigung Sie gegen das Fräulein auch fühlen mögen – Quinctius sah den Pastor starr an; und der Baron unterbrach ihn. »Abneigung? Abneigung? Herr, sie sind ja bis über die Ohren in einander verliebt! sie sind ja gestern mit einander durchgegangen, weil es ihnen mit der Hochzeit zu lange währte. Abneigung!« Ei, ei, Euer Gnaden, ich hätte nicht gedacht, daß es so stände; denn sonst pflegen Verliebte sich nicht lange zu diesem heiligen Werke nöthigen zu lassen. Also, mein Fräulein, scheuen Sie sich nicht. Sie sind nicht die Erste, die heirathet, und werden gewiß auch nicht die Letzte seyn; und es ist ja, wie der heilige Paulus sagt, besser freien, als 164 Brunst leiden, oder, wie es die Welt nennt, verliebt seyn. Heirathen, mein Fräulein, ist keine Schande; aber Verliebtseyn ist wohl mit Recht eine Schande zu nennen, weil ... weil ... »Da treffen Sie den rechten Punkt, Herr Pastor. Kapiteln Sie nur derb! Also Verliebtseyn ist eine Schande; weil? ... weil ...? Nun, warum denn, Herr Pastor? Sagen Sie doch!« Weil ... weil man dann gar leicht zu Thorheiten in Israel getrieben werden kann. »Als Weglaufen, Haarabschneiden, nächtliche Besuche machen, und so weiter.« Also mein gnädiges Fräulein, wiederhole ich noch einmal: da es Ihr Wille ist, gegenwärtigen jungen Herrn Baron von Flaming zu heirathen ... Nein, nein! rief Käthe laut; es ist mein Wille nicht! Ich will ihn nicht heirathen! »Nun aber, sag Ronichen, sollte einen nicht der Schlag rühren vor Ärger? Mädchen, wahrhaftig, zum letzten Male frage ich dich: willst du dich mit Quinctius trauen lassen?« Lieber sterben! Ach, gnädiger Herr Onkle, es ist mein Tod! gewiß, das ist es! Der Baron wurde blaß vor Zorn. Er sah Käthen lange starr ins Gesicht, und dann seinem Sohne. »Und du Quinctius?« fragte er endlich spitz; »denn an das Gänschen werde ich mich nicht kehren. Die hat nun einmal den Kopf darauf gesetzt, hinter einem Zaune, wie eine Zigeunerin, ihr Brautbett aufzuschlagen. Du also?« 165 Ich? sagte Quinctius. Ich? lieber Vater, es wäre unedel von mir, Käthen zu heirathen. Ich werde das nie thun, nie, weil ich nicht schlecht handeln will. Der Baron stand ohne Bewegung; er wollte reden, und konnte nicht. »Hannibal!« schrie er endlich. »Ja, und wenn der mich, wie den Cajus Flaminius am See Thrasimenus, zurichtete, so sollte es mich nicht so ärgern, wie diese Zigeunerstreiche! Trauen Sie los, Herr Pastor! auf mein Wort! Laßt euch trauen, und dann lauft meinetwegen in die Türkei, wo kein Adel ist. Ich will nichts sagen. Aber trauen sollt ihr euch erst lassen, oder ich lege euch an Ketten wie Haushunde. Gott vergebe mir die Sünde! Ich bitte euch, Kinder, laßt euch doch trauen. Kommen Sie, Herr Pastor! Kommen Sie! Geschwind!« – Er ergriff Quinctius Hand. Der Pastor kam, und Käthe lief wie ein Reh in die andre Ecke des Saales. »Potz Gift und Galle!« rief der Baron. »Mädchen komm! oder, wahrhaftig! ich streiche deinen Nahmen auf dem Stammbaume weg. Wahrhaftig, das thue ich!« Er nahm eine Feder mit Tinte, und näherte sich dem Stammbaume. Streichen Sie aus, rief Käthe; streichen Sie aus! O, ich wollte, ich hätte nie darin gestanden! Nun denn! nun ist es vorbei! Du niederträchtige Seele! Nun fall auf die Kniee, und bettle um Quinctius; du sollst ihn doch nicht haben! ... Gehen Sie nur nach Hause, Herr Pastor! ... Ein Karrnschieber war dein Vater, und kein Edelmann. Geh auf dein Loch, du Landläuferin! Fort!« Käthe lief aus dem Saale, und auf ihr Zimmer. 166 Der Baron trocknete sich den Schweiß ab; Quinctius zog eine krause Stirn, und die Mutter stand betrübt da. Der Prediger schlich sich davon, als der Baron mit Kopfschütteln die Stammbäume betrachtete. Auch Quinctius wollte weg; aber sein Vater rief: »Bleib! Quinctius, ich bitte dich, sage mir, was heißt das alles? Ihr lauft zusammen weg, und wollt einander doch nicht heirathen. Was heißt das?« Lieber Vater, ich versichere Ihnen bei meiner adeligen Ehre, daß ich nie wieder an einer Reise ohne Ihr Wissen denken werde. Ich will siegelbrüchig, wortbrüchig, ehrlos seyn, wenn ich irgend etwas gegen Ihren Willen unternehme. Befehlen Sie mir, was Sie wollen; nur erklären kann ich Ihnen die Sache nicht: Ich bin ein Edelmann, und habe mein Ehrenwort darauf gegeben. »Das begreife einer! Laufen weg, sind verliebt, und wollen einander nicht heirathen. Nun gut! Aber so laß auch die Liebeshändel mit dem verwünschten Mädchen; denn deine Frau wird sie nun nicht, auf Kavalier-Parole!« Auch das, lieber Vater. Ich verspreche Ihnen, nicht mehr an Käthen zu denken. – »Begreifst du etwas davon, Ronichen?« fragte der Baron, als Quinctius weggegangen war. »Ich nicht ein Wort, nicht eine Sylbe.« Leider, ich auch nicht! sagte die Frau von Flaming, mit geheimer Freude darüber, daß ihr Mann nichts von Käthens Liebe zu Lissow gemerkt hatte. Es sind Kinder. Quinctius hat ja immer so seltsame Einfälle. Du sagtest, als Lissow weggegangen war: Weglaufen und Reisen komme 167 den Adeligen zu. Das hörte Quinctius; und vielleicht ist es Schuld an dem ganzen Handel. Du weißt, wie er alles auffängt. Käthe ist unbesonnen. Quinctius wird ihr vielleicht das Reisen so süß gemacht haben. Sie hat mit gewollt; und Beide gehen davon, ohne zu überlegen, was sie thun. »Ja, wahrhaftig, Ronichen, so ist es am Ende. Nun denn, Gott Lob, daß sie wieder da sind! Man muß sich doch aber wahrhaftig mit Kindern in Acht nehmen, wie mit rohen Eiern. Ich sagte das so hin, ohne weiter daran zu denken.« Und sie thaten es so hin, ohne daran zu denken. Freilich, man muß vorsichtig seyn. So endigte sich der seltsame Handel, und Lissow wurde in der Verwirrung gänzlich vergessen. Der Baron war auch heute, wie immer, und wie ihn jeder im Hause kannte: in der ersten Minute heftig, und nach einigen Stunden wieder sanft, gutmüthig, heiter, wenn nur die Veranlassung seines Zornes nicht unmittelbar seine Stammbäume betraf. Schon den Mittag war wieder alles im vorigen Geleise. Niemand im ganzen Hause dachte weiter daran, daß heute eine Hochzeit hatte seyn sollen; nur Quinctius that es, und jedesmal mit Unmuth, wenn er seine reitzende Cousine ansah. Er würde jetzt förmlich in Käthen verliebt geworden seyn, wenn nicht ohne Unterlaß tausend andere reitzende Vorstellungen seine Phantasie in die abwechselndste Bewegung gebracht hätten. In diesem Augenblicke wünschte er mit Begierde, das reitzende Mädchen zu besitzen; aber, dann dachte er wieder: wenn du deinen 168 Wunsch unterdrückst, so wird man dich für großmüthig und für ein Muster der Freundschaft halten. »O Käthe«, sagte er den Abend, als er mit ihr allein war: »wenn Sie wüßten, was der heutige Morgen meinem Herzen kostet! Ist es nicht grausam? Ich selbst mußte das unglücklichste Urtheil über mich aussprechen; ich mußte Ihre Hand ausschlagen! O Käthe, wer wird mich dafür belohnen?« Ihr eignes Herz, lieber Vetter! Sie sind der großmüthigste aller Menschen. »Ach, Cousine, ich wollte, daß ich weniger großmüthig gewesen wäre; dann würde ich jetzt der glücklichste aller Menschen seyn. Aber ich will leiden, damit Sie glücklich seyn können; ich will ein Opfer der Freundschaft und der Liebe werden.« O Vetter, sagte Käthe mit großer Herzlichkeit: Sie sind ein sehr edler Mensch. Das sag' ich nicht allein; das sagte heute auch Ihre Mutter, mit Thränen der mütterlichsten Freude! »Wie? meine Mutter weiß ...?« Alles, alles! Sie kennt meine unglückliche Liebe, die Ursache meiner Flucht, Ihre Großmuth gestern und heute. Ihre Mutter bewundert Sie, wie ich Sie bewundere, und Lissow wird Sie anbeten. Unmöglich konnte Quinctius dem widerstehen. Er würde jetzt für Käthen sein Leben aufgeopfert haben, wenn sie es verlangt hätte; denn er wollte lieber bewundert, als geliebt seyn. 169 Nach und nach kehrte alles zur vorigen Ordnung zurück. Quinctius studierte die Topik mit außerordentlichem Fleiße. Den Boethius konnte er auswendig, den Agrikola trug er immer bei sich; Caussinus und Weisius lagen vor seinem Bette auf dem Tische. Als es in dem Felde der Topik nichts mehr für ihn zu thun gab, kam Raymundus Lullus an die Reihe; und den fand Quinctius so recht nach seinem Geschmacke. Er las, was über die große Kunst, durch Kombiniren zu denken, geschrieben ist, und arbeitete sich sogar durch dicke Folianten. Täglich verwendete er, ganz vor sich allein, einige Stunden auf die Übung, alle Methoden des Denkens zu vereinigen. Da lagen die bittersten Feinde friedlich neben und auf einander: die Weisianer, und der Anführer ihrer Feinde, Fabrizius. Jetzt stellte er sich mitten in sein Zimmer, gab sich selbst ein Thema auf, warf Blicke umher auf die Gegenstände, die ihn umringten, und hielt eine Rede nach der analogischen Redekunst; dann ging er den Lullischen Zirkel durch, führte dann eben denselben Gegenstand durch die Topik, und zwar mit so lauter Stimme, daß er die Aufmerksamkeit des ganzen Hauses erregte. Käthe kam zuweilen auf sein Zimmer, und hörte ihm eine halbe Stunde zu. »Sehen Sie, Cousine«, sagte er vergnügt: »so bin ich im Stande über alles Denkbare zu reden, und brauche dazu weiter nichts, als hier die Stühle, den Tisch, die Fenster, die Bücher, die Decke und so weiter. Was sagen Sie dazu?« Über Alles? Das glaube ich nicht. Zum Exempel wüßte 170 ich nicht, was Sie bei der Thüre, oder bei den Fenstern, von der Liebe reden könnten. Ja, von dem gelehrten Kram, das lass' ich gelten. »Nicht von der Liebe? O! von allem in der Welt, wie ich Ihnen sage. Hören Sie nur! ... Die Liebe, diese gewaltsame Leidenschaft, ach! wie viel Stärke des Geistes, wie viel Selbstüberwindung gehört dazu, sie zu besiegen, und eine Geliebte, eine heiß Geliebte, seinem Freunde abzutreten! Diese Leidenschaft zieht durch tausend Thüren (er zeigte auf die Thür) zum Herzen ein: durch das Auge, das mit langen, sehnlichen Blicken auf den Reitzen eines schönen, unschuldigen Mädchens hängt; durch das Ohr, welches die süße Stimme, den bezaubernden Gesang des Mädchens in das Herz führt; durch alle Sinne, die wie Thüren sich öffnen und die Liebe in das Herz einlassen. Bücher (er zeigte auf seine kleine Bibliothek) belehren den Menschen über die Liebe nicht, ausgenommen ein einziges. (Dabei dachte er an den Ovid.) Sie sollen ein Gegengift der Liebe seyn; aber, leider! sind sie nur ein sehr schwaches, wenn das Herz nicht stark ist. Die Liebe ist ein Buch, mit dem man nie zu Ende kommt, das man nie ausstudiert. Man kann Eine Seite dieses Buches tausendmal lesen, ohne lange Weile zu haben. (Ja, das kann man! sagte Käthe seufzend.) Die Liebe ist ein Buch voll geheimer kabalistischer Zeichen, die man nicht versteht, wenn man nicht eingeweihet ist. Aber die Liebe ist auch ein Bett (er zeigte auf sein Bett), auf dem sehr leicht Gewissen, Nachdenken, Freundschaft, Ehre, Tugend in den tiefsten Schlaf fallen können«, etc. 171 So hielt er eine Rede über die Liebe, und zuletzt mit einem solchen Enthusiasmus, daß Käthen, die dabei an Lissow dachte, die Augen übergingen. O Vetter, sagte sie, als er fertig war, sollte man das denken! Ich wollte Ihnen Tage lang zuhören, wenn Sie von der Liebe predigen! Der Freiherr selbst horchte zuweilen an der Thüre, wenn Quinctius sich durch alle Gemeinplätze der Topik oder durch den Zirkel des Lullus bewegte, und vergoß Freudenthränen. Er machte Beyern ein ansehnliches Geschenk, als er vernahm, daß diese Reden nicht etwa auswendig gelernt und studiert wären, sondern daß Quinctius sie aus dem Stegereife hielte, was in seinen Augen die schwerste aller Künste war. Nun zweifelte er nicht mehr, daß sein Sohn einst ein großer Mann werden würde, und sagte zu Käthen, als sie einmal Beide gehorcht hatten: »Du Trine! siehst du wohl? Den hast du dir aus dem Garne gehen lassen!« Aber obgleich der Herr von Flaming große Achtung für seinen Sohn zu fühlen anfing, so nannte er ihn doch mitunter noch Cajus Dummhut ; denn Quinctius übertrieb zuweilen die Gesetze der Philosophie so sehr, wendete sie so seltsam an, und war von der Unthunlichkeit mancher Dinge so schwer zu überzeugen, daß er oft den Unwillen oder das Gelächter des ganzen Hauses erregte. Indeß nun Quinctius sich Tag für Tag tiefer in die Gelehrsamkeit hinein arbeitete, schwand die arme Käthe immer mehr vor Liebe hin. Gleich von Anfang an hatte sie gemerkt, daß ihre Tante großen Einfluß auf Lissows Flucht gehabt haben mußte, und es war ihr Hauptverdruß, daß 172 sie nicht errathen konnte, welchen. Sie wurde mißtrauisch gegen die Tante, und hörte aus Klugheit auf, ihr etwas von ihrer Leidenschaft zu sagen. Als sie dann endlich gern wieder davon gesprochen hätte, schien die Tante Lissowen gänzlich vergessen zu haben. Quinctius war noch der Einzige, mit dem sie sich über diesen wichtigen Punkt einlassen konnte; allein dessen Antworten waren beinahe schlimmer als gar keine. Die arme Käthe stand mit gepreßtem Herzen vor ihm. Ach, lieber Vetter, sagte sie mit einem tiefen Seufzer und mit einer Thräne im Auge; wie sehr unglücklich bin ich! Meine Liebe ... »Ihre Liebe, Cousine?« antwortete Quinctius lächelnd; »ja, lassen Sie uns einmal ausführlich davon reden. Ihnen soll und muß geholfen werden. Setzen Sie sich. Ich will Ihnen helfen.« (Ein Strahl der reinsten Freude verbreitete sich bei diesem Anfange über das Gesicht des leidenden Mädchens.) »Wir wollen genau zu Werke gehen. Also zuerst: giebt es denn Liebe? und dann: ist Ihre Liebe zu Lissow da?« Lieber Vetter, Sie zweifeln ...? »Ei, Cousinchen, Ihre Liebe kann logisch da seyn, definitive, ohne wesentlich da zu seyn. Ehe wir Ihrer Liebe zu nützen suchen, müssen wir doch wissen, ob sie möglich, ob sie da, ob sie bei Ihnen da ist.« Ob sie da ist? Lieber Vetter, ich fühle sie in meinem Herzen. Ich kann nicht davor schlafen. Meine Brust ist so voll, so voll von ihr! Sehen Sie doch nur meine Thränen, meine Unruhe ... 173 »Ja, das ist ein Zustand, liebe Cousine, ein bloßer Zustand. Daraus folgt noch nicht, daß Ihre Liebe wesentlich ist. Aber angenommen, daß sie da sey; so antworten Sie: was ist Liebe im Allgemeinen, und was ist Ihre Liebe? Bestimmen Sie mir ihr Wesen, ihre Theile, ihr Geschlecht, ihre Art, ihren Unterschied.« Aber, mein Gott, mit dem Allen ist mir nicht geholfen. »Nicht? Da sind Sie sehr irre. Wie kann ich einem Dinge helfen, wenn ich es nicht kenne? Wie kann ich Ihren Wunsch erfüllen, wenn ich nicht weiß, was Sie wünschen, und wie Sie wünschen? Ach, liebe Cousine, es giebt noch tausend Dinge zu ebnen, ehe wir anfangen zu arbeiten. Da müssen wir erforschen, was Ihre Liebe erregt hat, die Form, die Materie, und den letzten Zweck Ihrer Liebe.« Käthe ging unmuthiger weg, als sie gekommen war. Ein andermal fertigte Quinctius das liebende Mädchen mit einigen Sentenzen aus dem Seneca ab, die aber eben so wenig wirkten, als seine philosophischen Untersuchungen. Sie zog sich endlich auch von ihm zurück, und ihr Herz nahm seine Zuflucht zu sich selbst. Von diesem Augenblicke an war Käthe ein ganz anderes Mädchen als vorher. Sie brachte jede Viertelstunde, die sie für sich haben konnte, auf ihrem Zimmer allein zu. Die wirkliche Welt, die sie nur in Lissow genießen zu können glaubte, verschwand vor ihren Blicken, und sie schuf sich aus den Träumen ihrer Phantasie eine neue, in der sie ihren Geliebten hatte und glücklich war. Da saß sie, in einen Winkel hingedrückt, den Kopf hinten über gelehnt, die großen blauen Augen voll 174 Thränen an die Decke geheftet, die Lippen in ein schönes zärtliches Lächeln verzogen, und träumte: – die letzte Zuflucht einer unglücklichen Liebe. Sie erfand hier eine Menge Romane, ohne einen einzigen gelesen zu haben. Wohl hundertmal floh sie mit Lissow, verbarg sich in einem Dorfe, und wurde eine Bäuerin, wie er ein Bauer. Hier lebte sie mit ihm, wie in Arkadien, und baute Lauben von Wein und Rosen auf der Flur, die sie bewohnte. Sie feierte in ihrem süßen Traume hundert kleine Feste, und suchte ihn sogar, so viel sie konnte, zu realisiren. Jetzt hatte sie sehr viel mit Blumen zu thun, und machte im tiefsten Gebüsche des Gartens einige Fasanen, die dort gehegt wurden, so zutraulich, daß sie sich täglich von ihr füttern ließen. Nach und nach schuf sie sich in ihrem Gebüsche auch eine wirkliche Welt aus den brütenden Vögeln, denen sie Futter brachte. Hier vergoß sie die süßesten Thränen, verträumte die glücklichsten Stunden, sah ihren Lissow, so oft sie wollte, und hielt die zärtlichsten Unterredungen mit ihm, und über ihn, ohne länger eines Vertrauten zu bedürfen. Sie hatte einen Goldfasan auf ihrem Schooße sitzen; dem klagte sie die Leiden ihrer Liebe, dem vergoß sie ihre Thränen, dem erzählte sie ihre romantischen Plane. Da stand sie an dem Neste eines zärtlichen Paars Vögelchen. Hier hatte sie das Bild und die Nahrung ihrer Liebe. So treu, so zärtlich, Lissow, – sagte sie, und hielt die bebende Hand segnend über das Nest – so treu, so zärtlich bin ich, bist du. Sieh her, mein Geliebter! Was bedarf der Mensch, um glücklich zu leben! Nicht mehr, als diese 175 Thierchen. Eine kleine Hütte; und wie klein könnte sie seyn, um mich und dich zu fassen! Nahrung? wie wenig ist das! O, Lissow, kehre zurück, und laß mich hier nicht trauern wie das Vögelchen, dessen Männchen der Jäger gestern tödtete. O, flieg zu ihm! Ich will dein Nest so lange behüten; ich will deine Kleinen so lange füttern. Flieg zu ihm, und sage ihm, wie ich hier um ihn weine. Solche Gespräche hielt Käthe in ihrer Einsamkeit alle Tage. Ihr bleiches Gesicht, der kranke singende Ton ihrer Stimme, und die leidende Ruhe, mit der sie alles, was man verlangte, that, ohne je ein Wort dawider zu sagen, erregten das Mitleiden der guten Tante. Beinahe hätte sich diese verleiten lassen, der sanft absterbenden Liebe durch die Entdeckung, daß Lissow in zwei Jahren zurückkehren werde, neues Leben zu geben; denn wirklich konnte sie die arme Käthe schon nicht mehr ohne Thränen der Reue ansehen. Beschäftigungen wollten nicht helfen. Käthe floh sie mit einem zu sichtbaren Widerwillen; und die Tante war nicht hart genug, sie ihr aufzudringen, so nöthig es auch gewesen wäre. Sie spähete Käthens Unterhaltungen im Gebüsch aus, und schüttelte den Kopf dazu; aber doch hatte sie nicht das Herz, mehr zu thun. Wie tausend Mütter in ähnlichen Fällen, dachte sie: nun, das ist doch ganz unschuldig. Zugleich fühlte sie aber mit einer Art von Scham, daß ein junges Mädchen nicht Zuschauerin bei den Mysterien der Ehe seyn darf, und wäre es auch nur die Ehe von Vögelchen. Eine Frau ihrer Art konnte solche feine Vorwürfe ihres Gefühls nicht lange unterdrücken. Sie 176 bemerkte sehr leicht, daß Käthe, so ruhig sie auch äußerlich war, desto thätiger mit ihrer Phantasie arbeitete. Ovid und Beyer konnten ihr diesmal kein Licht geben; aber sie fand von ungefähr in einem Buche folgende Stelle: »Wie wenig ist das menschliche Herz, auf das der Mensch oft eben so stolz ist, als ein kalter Weiser auf die thörichte Vernunft! Alle Saiten des Herzens sind in wildem Aufruhr. Der Sturm scheint ewig. Der Gegenstand der Leidenschaft wird entfernt, und das Herz wird ruhig. Die Phantasie spielt noch eine Zeitlang mit dem Gegenstande; aber das Spiel ist nichts mehr als die Leichenfeier der Leidenschaft. Die Thränen, zu welchen die Phantasie das Auge zwingt, sind die Thränen der jungen Wittwe, die sie dem neuen Liebhaber vorweint. Eine Zerstreuung, und auch die Phantasie wird ruhig; die Leidenschaft, die ewig schien, ist todt und vergessen wie ein Traum.« Zerstreuung! dachte die Frau von Flaming. Nun, die sollst du haben, Käthe, wenn du dadurch ruhiger werden kannst! – Sie brachte eine Reise nach Berlin in Vorschlag, und sah davon sogleich die glücklichsten Folgen. Käthe wurde heiter, als sie nur hörte, daß sie mit nach Berlin sollte, und nach jeder Meile, die sie der Hauptstadt näher kam, war sie fröhlicher. Diese Heiterkeit, meinte die Tante, wäre eine Folge der Zerstreuung; aber sie hatte einen andern Grund. Käthe hoffte, Lissowen auf dieser Reise wiederzufinden; denn er war ja den Weg nach Berlin zu gegangen. Sie fand Lissowen nicht; aber Quinctius fand etwas, das er gar nicht hoffte. 177 Frau von Flaming hatte ihren Mann nur dadurch bewegen können, diese Reise zu erlauben, daß sie ihm vorstellte, wie nöthig es sey, ihrem Sohne einige Menschen- und Weltkenntniß zu verschaffen. Nützen Sie diese Reise, hatte Beyer alle Tage zu seinem Zöglinge gesagt. Die Philosophie hilft Ihnen wenig, wenn es Ihnen an Menschenkenntniß fehlt. Quinctius, der immer gern den kürzesten Weg ging, erkundigte sich, wie man am geschwindesten zu dieser Kenntniß gelangen könne. Sein Vater, seine Mutter, und Beyer verwiesen ihn auf Zeit und Übung, womit er aber gar nicht zufrieden war. Er fand endlich unter Beyers Büchern einen alten Vorgänger Lavaters, den Physiognomisten Campanella, las dessen Bemerkungen über die Gesichter der Menschen mit großem Vergnügen, und fing sogleich an, die Gesichter seiner Familie mit den Bemerkungen des Schriftstellers zu vergleichen. Campanella sagt: »die Mienen des Gesichts, die Blicke der Augen, die Bewegungen des Mundes beim Reden, beim Lachen, bei dem Kummer, die Bewegungen der Arme, der Füße, der Schultern sind ein sehr richtiger Spiegel der Neigungen, der Gesinnungen, der Leidenschaften der Seele. Willst du wissen, was in dem Innern der Seele eines Menschen vorgeht, so ahme seine Gesichtszüge, seine Bewegungen, seine Stellungen nach; und du fühlst in dir eben die Leidenschaften, eben die Gesinnungen, wie der, den du nachahmst.« »O«, sagte Quinctius; »welch ein Schatz ist doch ein Kopf, und Aufmerksamkeit! Da hat Beyer das Buch, liest es, und macht keinen Gebrauch davon. Und ich? ich finde sogleich 178 den eigentlichen Punkt, auf den es ankommt. Seltsam! Das alles geht bei Andern doch immer verloren, nur bei mir nicht!« – Quinctius sagte nicht ein Wort von seiner neuen Entdeckung, und man merkte an ihm weiter nichts, als daß er die letzten Tage vor der Abreise alle Menschen starr ansah und Gesichter schnitt. Unterweges machte er allen Wirthen, bei denen man aß oder übernachtete, ihre freundlichen Gesichter nach, und fühlte bei den Mienen nichts von Wohlwollen. Es sind Schurken, sagte er: Schmeichler, die nur deshalb freundlich sind, weil ihnen unser Geld lieb ist. Man kam in Berlin an. Quinctius aß unten an der table d'hôte; die beiden Damen oben. Er sah am Tisch einen jungen Mann, dessen Gesichtszüge ihm sehr gefielen, und erzeigte ihn alle die kleinen Höflichkeiten, die man Jemanden beim Essen erzeigen kann. Auch der junge Mann, ein Herr von Graßheim, betrug sich gegen ihn sehr artig. Er war so schön, daß Quinctius sich nicht enthalten konnte, bei ihm an den Plato und dessen Liebe zu denken, die er nun besser kannte. Nach Tische tranken einige Gäste Kaffee. Quinctius ließ sich mit dem Herrn von Graßheim in ein Gespräch ein, und fand dessen Geist sehr gebildet. Jetzt fing er an, sich ernstlich um das Wohlwollen des jungen Mannes zu bewerben, und es gelang ihm nicht übel. Noch zu rechter Zeit erinnerte er sich an die Worte eines Alten: »schließe nicht eher Freundschaften, als bis du deinen Mann kennst.« Sogleich brach er mitten im Gespräch ab, entfernte sich von Graßheim, betrachtete ihn starr, lächelte, wenn jener im 179 Gespräche mit einem Andern lächelte, trommelte mit den Fingern auf dem Tische, wenn jener trommelte, stützte den Kopf auf, wenn jener ihn aufstützte, kurz, machte jede Bewegung, die jener machte. Graßheim würde das nicht bemerkt haben, wenn er nicht unsren Quinctius eben so im Auge gehabt hätte, wie dieser ihn. Er wußte nicht, was er aus dem seltsamen Mienenspiele machen sollte, und zog die Stirn kraus; sogleich hatte auch Quinctius eine krause Stirn. Der Mensch ist ein Narr, dachte Graßheim, und schwieg. Nach einigen Minuten war er in ein Gespräch mit einem Officier verwickelt, das sich nach und nach erhitzte. Es kam zu harten Worten, und endlich zu Drohungen von Seiten des Officiers, der mitten im Zimmer stand. Graßheim sprang heftig von seinem Stuhle auf; eben so heftig Quinctius, der sich nun hinter den Officier, Graßheimen gegenüber, stellte. Ich verbitte mir alle Drohungen, mein Herr! sagte Graßheim, und blickte spöttisch auf den Officier. Quinctius sah den Herrn von Graßheim eben so spöttisch an. Kind! Kind! sagte der Officier mit einem hämischen, aufreitzenden Phlegma: keine Gaskonade! Ich fürchte sie nicht. – Wie? Gaskonade? rief Graßheim außer sich, und knirschte mit den Zähnen. Aber auf einmal sprang er, zum Erstaunen aller Umstehenden, Quinctius an die Kehle, und warf ihn gegen die Wand. Daß der Officier so phlegmatisch blieb, verdroß ihn weniger, als daß Quinctius jede seiner Bewegungen kopirte. Es entstand ein lautes Gelächter. Herr! rief Graßheim; warum machen Sie mir jede Bewegung nach? – Quinctius 180 raffte sich auf. Er sah die Gesellschaft umher mit großen Augen an, schüttelte den Kopf, und antwortete, als Graßheim seine Frage wiederholte, sehr gutmüthig: »wahrhaftig, Herr von Graßheim, nicht, um Sie zu beleidigen.« – Und warum denn sonst? fragte Graßheim, noch immer erbittert. – »Um Sie kennen zu lernen«, antwortete Quinctius; und es entstand ein neues Gelächter. Gut, sagte Graßheim; Sie haben mich nun kennen gelernt, und wenn Ihnen damit noch nicht genügt, so stehe ich ferner zu Befehl. »Nein«, sagte Quinctius mit aller möglichen Gutherzigkeit; »ich kenne Sie schon so ziemlich. Sie sind, trotz Ihrem Zorne, sanft wie ein Lamm, gutmüthig wie ein junges Mädchen. Ihre Physiognomie ist die beste von der Welt, und Campanella selbst würde kein böses Haar an Ihnen finden.« Das Alles sagte er mit einer Aufrichtigkeit und einer Kälte, die Graßheimen sowohl als die Übrigen in Erstaunen setzte. »Kommen Sie«, setzte er dann hinzu; »ich wünsche näher mit Ihnen bekannt werden.« Ja, kommen Sie! rief Graßheim erhitzt; ich will Ihnen zeigen, welch ein Lamm ich bin! Quinctius führte den jungen Mann, der mit ihm zu einem Zweikampfe zu gehen glaubte, auf das Zimmer seiner Mutter. »Liebe Mutter«, sagte er im Hereintreten, und führte den Herrn von Graßheim nahe vor sie hin: »ich bringe Ihnen hier einen sehr edlen Mann.« Frau von Flaming verneigte sich sehr artig, und sagte dem Fremden etwas Verbindliches. Graßheim stand mit Blicken da, die sich nicht beschreiben lassen. Er betrachtete die Frau von Flaming, 181 dann die reitzende Käthe, dann Quinctius, einen nach dem andern, und stammelte dabei etwas her, das ein Entschuldigungs-Kompliment seyn sollte, wovon man aber nicht eine Sylbe verstand. Endlich erhielt er die Besinnung wieder, und brachte einige Stunden in der Gesellschaft der beiden Damen sehr angenehm hin. Von diesem Tage an wurde Graßheim unsres Quinctius Freund, und begleitete die beiden Damen auf allen ihren Spaziergängen und Fahrten. Seinem neuen Freunde machte er begreiflich, daß, so vortrefflich auch Campanella's Methode die Menschen kennen zu lernen seyn möchte, sie doch nothwendig, wenn sie ausgeübt würde, unzählige Händel veranlassen müßte. Während daß Quinctius Graßheims Freundschaft zu erhalten strebte, bewarb sich dieser um Käthens Liebe. Er ging aber sehr behutsam zu Werke; denn schon in der ersten Unterredung hatte er gemerkt, daß Käthe, selbst wenn er sie anredete, sehr wenig auf ihn achtete. Aus mehreren Umständen vermuthete er, daß sie schon liebe, und zwar unglücklich. Daher suchte er sich Anfangs nur ihr Vertrauen zu erwerben; und das erhielt er bei seiner Feinheit in Kurzem. Er nahm innigen Antheil an ihrem Kummer, und sprach von einer unglücklichen Liebe mit so vieler Rührung, daß Käthe bisweilen sogar in Begriff stand, ihn zum Vertrauten ihrer Leidenschaft zu machen. Den scharfen Blicken der Frau von Flaming entging die Neigung des jungen Mannes nicht. Sie erkundigte sich nach ihm, und alle Nachrichten stimmten dahin überein, daß er ein reicher, 182 verständiger und rechtschaffner Mann wäre, dessen Verbindung jedes Haus in Berlin wünschte. Der Monath, den der Baron zu der Reise bewilligt hatte, war verflossen, und die Frau von Flaming mußte nun wieder zurückkehren. Sie bat den Herrn von Graßheim, sie auf ihrem Gute zu besuchen, und er versprach es mit großem Vergnügen. Die Kur hatte bei Käthen angeschlagen; sie war auf der Rückreise heiterer, ja zuweilen muthwillig. Zu Hause erzählte man dem Baron, was man in Berlin gehört oder gesehen hatte, und Käthe hielt dabei dem Herrn von Graßheim eine feurige Lobrede. Der Baron ließ sie mitten in ihrer Rede stehen, und suchte die Graßheime unter den geturnierten Familien. Er schob die Mütze unruhig hin und her; denn es war darunter kein Graßheim zu finden. »Höre, Käthe«, sagte er auf einmal; »ich wollte, er hätte ein Paar Vorzüge weniger, und ein Paar Ahnen mehr. Nur ehrlich müßte er bleiben; denn ohne Ehrlichkeit sind alle Ahnen Narrenpossen. Graßheim! Graßheim! Das Haus ist nicht zweihundert Jahr alt.« Aber, gnädiger Herr Onkle, er ist doch sehr liebenswürdig; und das, sollte ich meinen, ... »Ja, ja! Ihr Mädchen, wenn Ihr heirathen wollt, fragt immer: kann er singen, pfeifen, tanzen und so weiter? Hat er eine hübsche Hand, einen hübschen Fuß? ... Aber – hat er einen Stammbaum? Das ist eine Kleinigkeit. Nu, blas nur nicht so auf, wie ein Truthahn! Du sollst ihn ja haben. Kannst du ihm doch ein Paar Ahnen abtreten!« 183 Käthe sagte, mit niedergeschlagenen Augen und hoch erröthend: wer redet denn von Heirathen! Ich habe daran nicht mit einem Gedanken gedacht. Und es wäre auch unmöglich, fiel Quinctius ein; denn Graßheims Herz ist nicht mehr frei. Käthe erröthete noch einmal, als Quinctius das sagte. »Desto besser!« sagte der Freiherr. » Heim ist zwar eine altadelige Endigung, so viel als Ingen oder Ing; aber im Turnierbuche steht doch kein einziger Graßheim. Desto besser!« Käthe ging unruhig auf ihr Zimmer, und vergoß ein Paar Thränen über die Zumuthung ihres Onkles, einen Andern, als ihren geliebten Lissow zu heirathen; indeß regte sich bei ihr doch eine nicht geringe Neugierde, zu erfahren, an wen wohl Graßheims Herz versagt seyn möchte. Wie würde sie gelacht haben, wenn sie gewußt hätte, daß Quinctius meinte, Graßheim habe ihm sein Herz geschenkt! Quinctius war voll der Platonischen Idee von reiner Liebe zu einem edlen Manne. Er lernte Graßheim kennen, prüfte dessen Herz nach Campanella's Methode, und fand es seiner würdig. Von nun an schwatzte er seinem neuen Freund ohne Unterlaß von seiner alles überwindenden Liebe zu ihm vor. Graßheim lächelte, und antwortete dem gutherzigen Menschen in gleichem Tone. Quinctius zweifelte nun nicht länger, in ihm die gleichgeformte Platonische Seele gefunden zu haben, der die sinnlichere irdische Liebe zu dem Weibe verachtenswerth seyn müsse. Es vergingen einige Monathe, in denen Quinctius mit 184 seinem Freunde Briefe wechselte. Auf einmal kam Graßheim selbst, und gefiel schon am ersten Abend dem Baron in einem hohen Grade; denn er hörte mit Entzücken diesen von den Thaten der Flaminier erzählen, und rief einmal über das andere: welch ein Mann sind Sie! – Er stand halbe Stunden vor den Stammbäumen des Barons, und schien in Betrachtungen über die Nahmen verloren. »O wahrhaftig!« sagte der Baron; »wenn Sie keine Ahnen hätten, Sie wären es werth, mehr als vier und sechzig zu haben.« Graßheim erzählte dem Baron gleich in den ersten Tagen seines Besuches eine Geschichte aus den Kreuzzügen, worin ein Graßheim Senior genannt wurde, setzte hinzu, daß aus diesem Worte der Titel Seigneur entstanden sey, und versprach sogar, das Buch, worin dies alles stehe, zu schicken. Nun war der Baron von seinem Gaste noch stärker eingenommen. »Mich ärgert es«, sagte er zu Käthen unter vier Augen, »daß Graßheim schon versprochen ist; denn seine Vorfahren sind mit vor Jerusalem gewesen. Und was du von ihm gesagt hast, ist wahr, Käthe: gelehrt ist er, erstaunlich gelehrt. Er weiß, daß man ehemals den Adel Senior nannte, woraus die Franzosen Seigneur, und die Italiäner Signore gemacht haben. Ich muß der Wahrheit die Ehre geben und gestehen, daß mir davon gar nichts bekannt war. Tausend Thaler wollte ich darum geben, wenn er noch nicht verplempert wäre; dann solltest du ihn bekommen. Turnier und Kreuzzüge! Sieh, da hätten wir die berühmteste Familie in der Welt! Rom, das erste Turnier und der erste Kreuzzug! Der Henker hole es, daß er schon verlobt ist!« 185 Käthe war jetzt nicht ganz so freundlich gegen Graßheim, als in Berlin; auch schien er gar nicht mehr ihr Herz gewinnen zu wollen. Er sprach kein Wort von Liebe, und nannte seine Empfindung für sie nur Ehrerbietung, Freundschaft. Warum, dachte Käthe, sollte ich die nicht annehmen? Graßheim erzählte so angenehm, blies die Flöte so schön, sang so rührend, wußte so viel tausend angenehme Kleinigkeiten zu sagen, zu thun und anzustellen, und konnte jedem Vergnügen, auch dem kleinsten, einen so eigenen Reitz geben, daß die ganze Familie ihn immer lieber gewann. Jetzt wurde er von dem Baron über eine zweifelhafte Stelle, über einen Nahmen, über eine Bedenklichkeit in irgend einer Adelsgeschichte zu Rathe gezogen, und wußte jedes Mal zu antworten. Dann saß er neben der Frau von Flaming, und philosophirte mit ihr über Menschen und Tugend; dann platonisirte er mit Quinctius, oder disputirte mit Beyern; dann saß er bei Käthen auf ihrem Zimmer, und las ihr Französische Gedichte Deutsch vor, lehrte sie singen, oder zerstreuete sie durch unterhaltende Erzählungen. Bei Käthen brachte er jeden Augenblick zu, den er den Andern entziehen konnte; aber dennoch glaubte keiner von ihm versäumt zu seyn, und wo man ihn hatte, herrschte die Freude. Anfangs verlor Lissow in Käthens Andenken noch nichts; denn kaum war sie allein, so eilten ihre Gedanken zu ihm. Aber schon nach einigen Wochen konnte sie einen ganzen Tag hindurch heiter seyn, ohne daß die Erinnerung an 186 Lissow sie nur eine Minute störte. Nun aber schien Graßheim Käthens Rolle übernommen zu haben. Er war in ihrer Gesellschaft zerstreuet, unruhig, still; er konnte sie stundenlang mit sehnsuchtsvollen, düstern Blicken betrachten, und endlich kam ein Seufzer aus seinen Lippen. – »Herr von Graßheim«, sagte Käthe dann; »wo sind Sie jetzt? Gewiß in Berlin! Ich sollte es übel nehmen, daß Sie bei mir so viele lange Weile haben.« Aber – sie nahm es nicht übel. Nach und nach bekam sie eine so schwermüthige Miene, wie er. Beide saßen nun stundenlang neben einander, ohne ein Wort zu sprechen, und seufzten um die Wette. Nicht lange, so wurden aus den Seufzern zärtliche Blicke, Händedrücke, und wie die Litanei der Liebe weiter heißt. Kurz, Käthe hatte ihren Lissow längst vergessen, als sie erst merkte, daß es geschehen war. Nun machte sich das gute Mädchen bittre Vorwürfe über ihre Untreue. Von diesem Augenblicke an wollte sie Graßheimen nicht wiedersehen. Sie floh vor ihm, und antwortete nicht eine Sylbe, wenn er sie rührend fragte: was habe ich Ihnen denn zu Leide gethan? Schon triumphirte sie; aber da stand Graßheim, sah ihr so wehmüthig bittend ins Gesicht, und flehete so dringend, daß ihr Vorsatz wieder dahin war. Sie gab ihm die schöne Hand, und er bedeckte sie mit Küssen. Jeden Abend bereuete sie mit heißen Thränen den verflossenen Tag, und zugleich fühlte sie mit Angst, daß es morgen Abend wieder etwas zu bereuen geben würde. Das Gewissen hatte eine Zeitlang Zahlung bekommen; und nun – wie es denn so geht – fing Käthe an sich zu entschuldigen. »Es ist ja unmöglich, 187 daß ich ihn je heirathen kann. Er würde mich unglücklich machen, und ich ihn verächtlich. Die Tante hat doch wohl Recht! Und dann, kann ich für mein Herz? habe ich es denn geschaffen?« Endlich – wie es ebenfalls so geht – war Lissow noch obendrein an allem Schuld. »Warum hat er mich verlassen? warum läßt er nicht ein Wort von sich hören? Vielleicht ist er mir schon längst ungetreu. Vielleicht? O nein; wahrscheinlich, gewiß! Soll ich nicht meine Liebe zu ihm überwinden, da es meine Verwandten, meine Wohltäter mir zur Pflicht machen?« Kurz, nach und nach riß jedes Fädchen, womit Zeit, Jugend, Eitelkeit, Gewohnheit und Phantasie ihr Herz an Lissow geknüpft hatten. Zwar kam die Reue zuweilen wieder; doch nur auf Augenblicke. Endlich aber wurde Käthe völlig heiter, als sie einmal auf den Gedanken gerieth, daß sie als Frau von Graßheim Gelegenheit habe, Lissowen aufzusuchen, und ihn glücklicher zu machen, als er jetzt wahrscheinlich seyn würde. Kaum hatte sie diesen Schlupfwinkel gegen die Angriffe ihres Gewissens gefunden, so verlor sie den Jüngling, den sie so eben nie zu vergessen beschlossen hatte, völlig aus den Augen. Jetzt fiel sie auf die zweite Vorstellung, an die sie bis dahin weniger gedacht hatte: ist Graßheim verlobt? »Unmöglich«, dachte sie; »wie wollte er sonst gegen mich so zärtlich, mir so ergeben seyn?« Käthe forschte ganz leise bei Quinctius nach, bekam aber nur räthselhafte Antworten. Doch endlich verschwanden alle ihre Zweifel, als Graßheim sich mit einer bestimmten Liebeserklärung an sie selbst 188 wendete. Käthe spielte die Rolle eines Mädchens: sie erstaunte, erröthete, blieb ohne Bewegung stehen, seufzte, und antwortete nur mit einigen zärtlichen Blicken. Jetzt mußte sie aber nothwendig einen Entschluß fassen. Sie schlich leise, heimlich, mit großen verlangenden Augen, um ihre Tante her, so daß diese bald aufmerksam wurde. Nun kam es zu einem Gespräche, worin freilich Käthe noch einmal versicherte, daß sie unmöglich ihrem Lissow ungetreu werden könnte, endlich aber doch den Vorstellungen und Bitten der Tante nachgab, weil sie dieser alle Schuld zuschreiben konnte. So war denn Lissows Unglück laut erklärt. Die Tante sprach nun mit dem Herrn von Graßheim, und verwies ihn an den Baron. Dieser umarmte den freudetrunkenen jungen Mann, und rief: »Senior! Seigneur! Signore! Ja, Sie sollen das Fräulein haben, das Fräulein Katharina von Nothafft zu Wernberg! Sie sind mit Gottfried von Bouillon, Herzog zu Lothringen, auf einem Kreuzzuge gewesen; allein dagegen war Käthens Stammmutter im Jahre 939 auf dem Turniere zu Magdeburg, unter Sr. Majestät Kaiser Heinrich dem Vogelsteller; und ihres Onkels Vorfahren triumphirten in Rom alle nach der Reihe. Denn daß der Cajus vom Hannibal geschlagen wurde, das ...« – Es ist noch immer Ehre, von einem Hannibal geschlagen zu werden. »Das sag' ich auch! Und dann, sehen Sie, wer das Terrain da kennt an dem verdammten See, zwischen den Felsen! Ich habe mir eine Spezialkarte von der Gegend für 189 schweres Geld machen lassen. Sehen Sie, links ist der See. Nun macht Cajus Front gegen den Feind. Ein Dummhut war er, daß er da Front machte, das ist nicht zu leugnen. ... Aber kurz, das Fräulein, die Käthe, sollen Sie haben trotz allen Hannibals, und allen Seen und Felsen in der Welt. Und die Kreuzritter haben auch nicht immer triumphirt, und da hat denn am Ende wohl Ihr Senior Graßheim meinem Cajus Dummhut nichts vorzuwerfen. Wir wollen die Fehler unserer Seniors durch die Hochzeit wieder gut machen. Und der Hannibal war doch im Grunde ein anderer General, als alle Türken.« Das war er, Herr Baron. Und das verdammte Terrain dazu! ... Also Fräulein Käthe ist mein? – der Baron gab ihm die Hand darauf, und die Sache war richtig. Nun ging es denn im Hause an das Glückwünschen. »Gott Lob!« sagte die Frau von Flaming zu Beyern heimlich: »Ihr Ovid ist ein großer Mann. Er hat zwei Menschen vor vielem Elend behütet.« – Ja, ja! sagte Beyer; wozu ein Ding nicht gut seyn kann! der Ovidius! ich hätte ihm das nimmermehr zugetrauet! – »Er macht jetzt ein glückliches Paar Menschen. Sehen Sie nur, wie Käthe und Graßheim da sitzen! Beide sind stumm; und doch sprechen sie große Dinge mit einander. So ist die Liebe!« – Ja, ja, sagte Beyer auf einmal pathetisch, und deklamirte mit aufgehobnem Finger die zwei Verse aus Opitz: Sie ist Eleusis, wo Geberden Ohne Mund gebrauchet werden. 190 Nur Schade, fuhr er fort, daß ich nicht recht dahinter kommen kann, was sie eigentlich bedeutet und ist, so viele Mühe ich mir auch darum gegeben habe, so viele Nächte sie mir auch kostet. »Wie, was Herr Beyer? die Liebe? Ihnen?« Ei, behüte Gott! Die heilige, geheimnisvolle Feier zu Eleusis. Ich bin ein Geistlicher, gnädige Frau; wie kann ich mich mit der Liebe abgeben? Die Eleusinischen Geheimnisse aber sind ein wichtiger Punkt. »O, nicht halb so wichtig, als die Gefühle des jugendlichen Herzens. Alle Gelehrten sollten sich bemühen, die Frage aufzulösen: was ist die Liebe? Denn diese Leidenschaft hat ja schon mehr Unheil gestiftet, als jede andre.« Beyer gratulirte nun dem jungen Paare, das endlich doch aus seinen stummen Träumereien erwacht war. Käthe sagte Beyern: sie wäre nun das glücklichste Mädchen der Erde. Er wünschte, daß sie es bleiben möchte, und setzte noch einige moralische Regeln hinzu, die sie mit solcher Gewalt an Lissow erinnerten, daß sie darüber roth und blaß wurde. Frau von Flaming unterbrach den gutherzigen Mann, weil sie merkte, daß er im Begriff war, allzu viel zu sagen. Aber bei einer schicklichen Veranlassung sprach sie selbst mit ihrer Nichte. »Sage mir einmal, Käthe, recht aufrichtig: bist du glücklich?« – O, Tantchen, so sehr man es seyn kann! – »Liebst du Graßheimen?« – Unaussprechlich. – »Wie ist es denn aber zugegangen, daß deine heiße Liebe zu Lissow, die du doch so oft ewig nanntest, so bald vergangen ist?« – 191 Käthe schlug das glänzende Auge nieder. Endlich sagte sie schüchtern: o Tante, das ist grausam! »Nein, liebe Käthe, nicht grausam. Ich hoffe, was du so nennst, soll Arzenei für dich werden. Du liebtest Lissowen eben so heiß, wie jetzt Graßheimen: eben so leidenschaftlich, mit eben der gewissen Überzeugung, daß deine Liebe nie wanken, und noch viel weniger vergehen könnte. Sie verging; denn in deinem Herzen ist für Lissow gewiß nichts mehr, als ein zärtliches Wohlwollen, und der heiße Wunsch, ihn so glücklich zu wissen, wie du es bist. Nicht wahr?« Ach, liebste Tante, Sie kennen mein Herz so genau. Ja, so ist es, und eine gewisse Unruhe, eine Reue, oder ... – »Nicht Reue, Käthe; denn du hast nicht unrecht gehandelt. Was du jetzt thust, wärest du, auch wenn du es nicht gern thätest, deinen Verwandten, deinem eigenen Glücke, schuldig gewesen. Aber davon jetzt nichts. Glaubst du nun wohl, daß deine Liebe zu Graßheimen eben so vergänglich seyn könnte, wie die zu Lissow?« Nein, theure Tante, gewiß nicht. Nein, die dauert, so lange ich lebe. »Warum denn, Käthe? ... Was du jetzt fühlst, hast du auch bei Lissow gefühlt; was du jetzt sagst, hast du auch damals gesagt. Die Liebe, gutes Kind, ist so vergänglich, wie alles Andere auf der Erde; aber ein warmes Herz befindet sich bei seinen Gefühlen so wohl, daß es denkt, es werde sie ewig behalten. Wo ist der Unterschied zwischen deiner jetzigen und deiner ehemaligen Liebe, der dir es so gewiß macht, daß die jetzige ewig dauern wird?« 192 Ach, Tantchen, Sie machen einen angst und bange. Aber ich fühle es doch. »Das fühltest du ja ehemals auch! ... Denke einmal nach, was die Ursache ist, daß deine Liebe zu Lissow aufgehört hat! Was meinst du wohl?« Ja, das mag der Himmel wissen; ich weiß es nicht. Oder ... wäre Graßheim wohl edler, besser, klüger, als Lissow? »Thue Lissowen kein Unrecht, Kind! Er war ein sehr edler, schöner, kluger, junger Mensch. Du glaubst zwar jetzt, Graßheim sey der edelste Mann auf der Erde, und thust wohl daran; allein eben das glaubtest du auch von Lissow, und das glaubt ein liebendes Herz allemal. Ich will es dir sagen. Die Liebe hört immer auf, wenn man lange von dem Geliebten getrennt ist. Man vergißt den Geliebten, wie man alles vergißt, wenn man nicht zuweilen durch irgend etwas an ihn erinnert wird. Drückte Lissow dir die Hand, so war das für dich eine süße Empfindung; küßte er dich einmal – (Käthe erröthete) – so hattest du den Himmel in deinem Herzen. Als er dich verlassen hatte, konnte er nicht mehr mit dir reden, deine Hand drücken, dich in seine Arme schließen; die angenehmen Empfindungen hörten nun auf. Deine Einbildungskraft wiederholte dir zwar alles das noch oft; aber nach und nach wurde die Erinnerung immer schwächer: so wie man nach einem großen Vergnügen einige Tage hinterher noch immer mit Freude daran denkt, aber endlich es ganz vergißt. Sieh, da saßest du hinten im Gebüsche, träumtest von Lissow, und wärest auch da noch glücklich. Endlich aber hörte das auf. Graßheim kam, und 193 machte dir andre Vergnügungen; nun wurde deine Liebe vergessen. So ging es ungefähr zu. Meinst du nicht, Käthchen?« Ja, liebe Tante, gerade so. Alle Tage dachte ich weniger an ihn, und immer mit mehr Ruhe; und jetzt ... – »Und jetzt gar nicht. Sieh also, deine Liebe zu Graßheim könnte auf gleiche Weise vergehen, und du wärest eben so wenig Schuld daran. Nun wirst du es wohl seltsam finden, daß Mann und Weib einander ewige Liebe versprechen müssen, da es doch eigentlich nicht in unsrer Gewalt steht, ewig zu lieben. Aber, giebt es denn gar kein Mittel, die Liebe dauernd zu machen?« Ich muß mich nie von meinem Manne trennen, denke ich; so kann die Liebe ewig währen. »Richtig, mein Kind. Du fühlst, wie glücklich dich jetzt die Liebe deines Graßheims macht. Erhalte sie dir also. Trenne dich so selten, so wenig von ihm als möglich; und damit er deine Gesellschaft unter allen am liebsten haben könne, so sey gegen ihn immer gefällig und heiter. Lebe häuslich, und mache dein Haus zu einem Aufenthalte des Friedens, der Ruhe, der stillen Freude. Erziehe deine Kinder mit der größten Sorgfalt. Wohlgezogene Kinder sind das festeste Band der ehelichen Liebe. – Aber nicht allein durch die Entfernung hört die Liebe auf, sondern auch durch den Besitz. Ein Vergnügen, das du ganz genossen hast, bleibt nicht länger so groß, als es Anfangs war. Die zärtliche Liebe, die Graßheim jetzt zu dir hat, hört vielleicht schon im ersten Jahre auf. Verdopple dann deine 194 Gefälligkeit, deine Heiterkeit, deine Güte gegen ihn. Wenn dein Händedruck ihn nicht mehr entzückt, so werde nicht mürrisch; sey desto heiterer, desto gefälliger gegen ihn. Du versprichst ihm ja ewige Liebe. Vielleicht liebtest du noch jetzt Lissowen, wenn du Graßheimen nicht hättest kennen und in einem vertrauten Umgange achten und lieben lernen. Dies Beispiel sey deine Warnung! Begieb dich nie in den Strudel der Vergnügungen, der häufigen Gesellschaften, der Bälle, des Spiels. Diese Zerstreuungen tödten in deinem Herzen die Liebe zu deinem Gatten. Fliehe den vertrauten Umgang mit jedem andern Manne; du bist nie Herr deines Herzens, wenn du ihn wagst. Aber, wenn du vorsichtig lebst, kannst du Herr deiner Tugenden seyn. Ein Weib, das einen fremden Mann ihrem Gatten nur gleichschätzt, ist in Gefahr, der Gesellschaft verächtlich, ihrem Gatten ein nagendes Gift, ihren Kindern die schlimmste Gesellschaft, und sich selbst eine schmerzende Wunde zu werden.« Das ungefähr sagte die Frau von Flaming. Käthens blaue Augen blieben – zu ihrer Ehre – nicht trocken und, was noch mehr ist, als Thränen, ihr Verstand begriff die Worte: »Das Weib soll alles in der Welt verlassen und an ihrem Manne hangen.« Quinctius nahm es sehr übel, daß Graßheim nicht beständiger in der Platonischen Liebe gewesen war. Er schrieb seinem Freunde eine stolze Epistel, worin er ihn noch einmal bei allem, was ihm heilig sey, beschwor, doch nicht der Liebe, durch welche Epaminondas, Alcibiades und alle 195 Helden des Althertums so groß geworden wären, die Liebe zu einem Weibe vorzuziehen. Beyer fand den noch unvollendeten Brief, und ihm fiel dabei das verächtlichste aller Laster ein, von dem er einmal mit Abscheu etwas gelesen hatte. Er blieb starr, wie eine Bildsäule des Schreckens, stehen, las dann den Brief noch einmal, und wurde immer mehr in seinem Wahne bestärkt. »Deine Schönheit, Graßheim«, schrieb Quinctius, »zog mich zu dir; und ich betete dich an, als ich erst dein Herz und deinen Geist kannte. Du Ungetreuer lehrtest mich die himmlische Liebe kennen. Wir waren in unserm Seelengenusse inniger vereint, glücklicher, als du je in den Armen des vollkommensten Weibes werden kannst.« Mit zitternder Hand warf Beyer den Brief ins Feuer, und stand nun unschlüssig da. Jetzt wollte er zu dem Baron, und ihm alles entdecken; aber er zitterte vor dessen Hitze. Dann wollte er zu der Frau von Flaming; aber da hielt ihn die Scham zurück. Als er mitten in dieser Unentschlossenheit war, kam Käthe von ungefähr in sein Zimmer. Kaum erblickte er das betrogene Mädchen, so trat eine Thräne des Mitleidens in sein Auge. Unwillkürlich ergriff er ihre Hand, sah sie mit stillen Blicken an, und sagte, beinahe ohne es zu wissen: unglückliches Mädchen! Sein Ton war so eindringend, daß er Käthen auffallen mußte. Sie bat Beyern, zu reden, brachte aber nichts von ihm heraus, als die beiden Worte, die natürlicher Weise große Ängstlichkeit bei ihr erregten. So eben war Quinctius von ihr weggegangen. Er hatte sie mit finstern Blicken angesehen, und dann beim Weggehn 196 mit einem tiefen Sinne zu ihr gesagt: »dachten Sie denn gar nicht an das Opfer, das ich Ihnen ehemals brachte?« Quinctius meinte, sie sollte fragen; dann wollte er ihr seine hohe, reine, himmlische Liebe zu Graßheim entdecken. Sie aber glaubte, er wolle ihr einen Vorwurf über ihre Untreue an Lissow machen, und fragte nicht. An jene Worte dachte sie jetzt wieder, und zitterte, ohne zu wissen, warum. Ihre Ängstlichkeit nahm zu; denn die Tante, zu der sie nun wieder ging, betrachtete sie mit einer seltsamen Unruhe, und einmal sagte sie sogar mit einem Seufzer: der arme Lissow! Das war ganz natürlich. Die Tante hatte an Lissowen gedacht, und auf einmal war ihr eingefallen, daß die Zeit, die er weg bleiben wollte, bald verflossen wäre. Nun kommt er zurück, dachte sie weiter, und findet die Geliebte, für die er zwei Jahre lang vielleicht das größte Elend erduldet hat, in den Armen eines Andern! »Der arme Lissow!« stieß sie heraus, als sie die reitzende Käthe in der vollen Blüthe ihrer Schönheit und Jugend vor sich sah; denn sie hatte ihm ja seine Geliebte geraubt. – Käthe ging mit gepreßter Brust auf ihr Zimmer, und weinte sich satt. Sie unterstand sich nicht zu fragen: was macht Lissow?, weil sie die Antwort befürchtete: er ist aus Liebe für dich gestorben. So saß sie, als der Oheim zu ihr in das Zimmer trat. »Nun Käthe, was weinst du? Bist du einmal wieder wunderlich? Was ist denn?« Käthe schwieg und weinte fort. »Aber, steckt dir etwas im Kopfe, so thu den Mund auf. Bist Braut, und weinst!« 197 Ach, daß ich Braut bin! eben daß ich Braut bin! sagte Käthe jetzt mit Herzensangst und schluchzend. »Daß du Braut bist? Mädchen, bist du wieder toll? He! denkst du etwa noch einmal die ganze Welt und den Pastor zu Narren zu haben? Sey nicht wunderlich! Wo in aller Welt sollen wir dir einen besseren Mann herschaffen? Bedenke doch nur! Unter Gottfried von Bouillon diente sein Vorfahr, und hatte den Titel Senior; daraus ist das Französische Wort Seigneur, und das Italiänische ...« Ach, Gott! gnädiger Herr Onkle, mir ist, als läge mir eine Welt auf dem Herzen! »Er hat ja Jerusalem mit erobert. Besinne dich doch!« Ach, ich wollte, ich läge im Grabe! »Ja, ja! und das heilige Grab dazu, und die heilige Lanze. Und der Papst Urban hat ihn 1095 selbst eingesegnet. Das war aber der Papst nicht, der die Turniere abschaffte. Sieh, du bekommst gar einen eingesegneten Mann.« Mir ist so angst, so bange. Ach gnädiger Herr Onkle! »Und die Parole hieß: Deus le volt; das heißt zu Deutsch: Gott will es! und mit dieser Parole haben sie die Türken besiegt. So sey doch ruhig! Die Parole hat er noch. Und mit den Fürsten und Herren ist er umgegangen, wie mit seinen Brüdern. Ich kann sie dir alle nennen. Da habe ich erst Familien kennen lernen, Käthe, von denen im Spangenberg nicht eine Sylbe steht, als zum Exempel Hunfred de Monte, Boello – Und kommst du in Wochen, so soll der Junge Boello heißen. Der Boello war ein Mann! So einer wird nicht wieder jung. In Köln hat er damals fünfzig Juden 198 niedergehauen. Und dieser Boello war sein Vorfahr! Nun sag, wie kannst du je einen besseren Mann bekommen?« Das Alles konnte die arme Käthe nicht beruhigen. Beyer hatte mit einem so rührenden Tone gesagt: unglückliches Mädchen! Quinctius, von Mitleiden durchdrungen, sie gewarnt, und die Tante leise geseufzt: der arme Lissow! – Sie weinte fort, wagte sich nicht von ihrem Zimmer, und zitterte vor einer Begebenheit, die sie von dem geliebten Graßheim trennen könnte. Dem Baron wurde bei Käthens Betragen wunderlich zu Muthe. Ihm fiel wieder ein, wie fest sie vor Jahr und Tag auf ihren Kopf bestanden hatte, sich trotz ihrer Liebe zu Quinctius nicht mit ihm trauen zu lassen. »Hat das Mädchen«, brummte er vor sich, »wieder einmal ihre Grille im Kopfe, so nimmt sie ihn nicht, und wenn er Jerusalem ganz allein erobert hätte.« Je mehr er darüber nachdachte, desto gewisser wurde es ihm, daß es so wäre. Er betrachtete seine Stammbäume mit schweren Blicken und noch schwererem Herzen. Graßheim, der ihn in diesen Empfindungen überraschte, und seine finstere Miene bemerkte, fing sogleich an, von Gottfried von Bouillon zu erzählen. Der Baron hörte mit Kopfschütteln zu, und hob dann verdrießlich an: »ja, ja! recht schön! Ich wünschte aber doch, daß ich das alles nicht wüßte.« – Wie so? fragte Graßheim. – Der Baron erwiederte unruhig: »es leuchtet ein böses Gestirn für Sie, Senior Graßheim! Wenn Sie nur das Mädchen noch bekommen!« – Graßheim war sehr betreten, und wollte fortgehen. – »Bleiben Sie hier, Herr von Graßheim. Vielleicht 199 giebt es sich von selbst. Dumme Streiche und kein Ende! Lassen Sie sich nichts merken, Senior! Denn haben die Leute erst von sich gesagt, daß sie dumme Dinge vorhaben, so hilft gewöhnlich kein Zureden mehr. Man muß es nicht so weit kommen lassen, daß sie es sagen können, so bleiben sie wohl noch aus Scham bei der Stange. Wie gesagt, lassen Sie sich nichts merken. Vielleicht ist es eine Posse, eine bloße Posse.« Graßheim drang sehr ängstlich in den Baron, erfuhr aber nichts. Er eilte nun, mit Schrecken im Gesichte, zu Käthen. Sie war eben ein wenig ruhiger geworden; aber Graßheims Betragen machte sie wieder unruhig: er war zerstreuet, betrachtete sie mit ungewissen, zweifelhaften Blicken, und bat aufs neue um ihre Liebe. O, sagte er, beinahe außer sich: werden Sie mir auch gewiß Ihre Hand geben, meine Geliebte? wird nichts, wird keine Begebenheit sie mir entreißen? Käthe sah ihn mit starren Blicken an. »Eine Begebenheit? welche, Graßheim? Ich bitte Sie, welche? Was wissen Sie?« So fragte sie ängstlich, und mit Thränen in den Augen. Was ich weiß, ist schrecklich, sagte er noch ängstlicher; was ich sehe, ist es nicht weniger. Käthchen, wenn Sie mich lieben, so trotze ich einer Welt. Man macht mich bange, ich werde Ihre Hand verlieren. Käthe wendete sich mit bleichem Gesichte von ihm; dann fiel sie ihm auf einmal um den Hals, und sagte leise: ich liebe Sie; aber jetzt lassen Sie mich allein. 200 Graßheim ging in großer Unruhe zu Beyern, bei dem er seinen Freund Quinctius zu finden hoffte. Beyer fuhr, so wie er den Verführer seines Zöglings erblickte, vor Schrecken zusammen, war kalt, räthselhaft, als dieser mit ihm sprechen wollte, und sagte zuletzt sehr nachdrücklich: »wenn Sie nur noch die mindeste Menschlichkeit haben, so denken Sie nicht länger an Fräulein Käthens Hand!« Mit diesen Worten ging er weg, und Graßheim stand wie versteinert da. Auch Frau von Flaming war eben so wenig ruhig, wie alle anderen Personen der Familie. Sie hatte Käthen weinen gesehen; dann war sie einige Minuten in Beyers Zimmer gewesen, und dieser hatte mit Bedeutung gesagt: man sollte der Vorsehung nicht in die Hände greifen! Wie? wenn nun Fräulein Käthe unglücklich würde! – Frau von Flaming hatte ein sehr rasches Gefühl, und dachte: »Käthe unglücklich! Lissow und Graßheim unglücklich! und alle drei durch mich!« Sie spann den Gedanken fort, und wünschte, daß sie weniger thätig gewesen seyn möchte, Käthens Geschicke eine andre Wendung zu geben. Jetzt trat Graßheim, mit einem Gesichte voll tiefer Besorgniß, zu ihr herein, betrachtete sie mit mißtrauischen Blicken, und runzelte die Stirn so oft, daß Frau von Flaming bald noch tiefer in ihre Träumereien versank. Endlich konnte Graßheim nicht länger schweigen. Ich glaube, gnädige Frau, fing er an, man hat mir den Zustand von Käthens Herzen verhehlt. Jedermann verbirgt mir, was ich befürchten muß; und daß ich viel zu befürchten habe, sagt mir seit diesem Morgen jeder Blick hier im Hause. Käthe windet sich aus meinen Armen 201 mit einer Ängstlichkeit, als ob ihre Liebe zu mir ein Verbrechen oder ihr Unglück wäre. – Frau von Flaming erschrak. – Sie erschrecken? fuhr Graßheim fort. Meine Vermuthung betriegt mich nicht. Sagen Sie mir aus Mitleiden: ist es wahr, was ich befürchten muß? wird Fräulein Käthe mir ihre Hand versagen? – »Und das befürchten Sie? « fragte die Frau von Flaming zitternd. – Ja! meine gnädige Frau. Reden Sie, sagen Sie mir, warum ... wie ... »Ach, das ahnete mir, das ahnete mir!« sagte die Frau von Flaming mit einem tiefen Seufzer. »Das unglückliche Mädchen! O Herr von Graßheim! wir verbargen Ihnen kein Verbrechen; nur ein Unglück: die Verirrung eines unschuldigen Herzens. Ach! ich glaubte, ich allein litte; aber auch Käthe leidet. Sagen Sie mir: wie ist Käthe? was macht sie?« Graßheim beschrieb Käthens Zustand, und – wie es denn geht, wenn man sich fürchtet – übertrieb ihn. Die Tante dachte mit Schrecken: sollte sie Lissowen gesehen haben? ist er etwa hier? »Herr von Graßheim«, sagte sie; »lassen Sie mir Zeit, ehe ich Ihnen sage, was ich denke. Es könnte etwas vorgefallen seyn, das mich unglücklicher machen würde, als Sie. Seyn Sie ruhig, aber seyn Sie auf alles gefaßt! – Wenn es wahr wäre! O Gott! wenn die Unglückliche Sie verloren hätte!« Frau von Flaming ging zu Käthen, und fand sie weinend, mit dem Tuche vor den Augen. »Käthe, um des Himmels willen!« rief sie mit ausgebreiteten Armen, und auch ihre Augen hingen voll Thränen. Nun glaubte Käthe, ihr Unglück sey gewiß, und die Tante komme, es ihr 202 anzukündigen. Sie sprang auf, warf sich heftig ihrer Tante an den Busen, und rief mit lauter Stimme: Lissow! – »Oh Gott! du Unglückliche!« sagte die Tante. – Käthe glaubte nun, er sey todt, aus Liebe zu ihr gestorben, und eilte in ihr Kabinet. Als die Tante noch überlegte, ob sie ihr folgen wollte, kam Beyer. »Wissen Sie, was hier vorgeht, Herr Beyer?« fragte sie sehr betrübt. »Ich fürchte, Käthens Heirath wird gestört.« – Danken Sie Gott, wenn das geschieht! erwiederte Beyer sehr ernst. Weiter kann ich nichts sagen. Aber danken Sie Gott dafür! – So eben riefen die Bedienten zu Tische. Frau von Flaming und Beyer gingen; Käthe aber ließ sich entschuldigen. Der Baron runzelte die Stirn, Frau von Flaming aß nicht einen Bissen, Graßheim sah auf den Teller vor sich nieder, Beyer spielte gedankenvoll mit seiner Tabaksdose; Quinctius allein aß, und redete dazwischen von dem Wankelmuthe der Männer. »Schert Euch hinaus!« rief der Baron den Bedienten zu, als der Braten aufgetragen war. – »Nun, was giebt es denn wieder mit Käthen? Da, hier der Senior läßt den Kopf hängen, wie Cajus am Thrasimenus. Der Teufel! ich will doch wissen, wie es steht. Warum ist Käthe nicht bei Tische? Wie? Nicht wahr, sie kommt wieder auf die alten Sprünge, und will ihn nun nicht, den Senior?« – Alle schwiegen. – »Nun, Senior, antworten Sie. Wie steht es mit Ihnen?« Ich, Herr Baron, ich fürchte leider, nachdem ich sie gesehen und gesprochen habe, daß ich der unglücklichste Mensch auf der Erde bin. 203 »Seht Ihr? Das dacht' ich gleich! Aber so soll doch das Wetter drein schlagen! Liebt und will nicht heirathen! Hat einer je eine solche Narrheit gesehen! Bist du bei Käthen gewesen, Ronichen? Will sie ihn, oder will sie ihn nicht?« Frau von Flaming zuckte die Achseln. Beyer sagte ganz ehrlich: ich glaube, Ihr Gnaden, sie nimmt ihn nicht, wenn sie erst alles weiß. »So hol es der Teufel!« rief der Baron, und warf die Serviette zornig hin. »Probiren wollen wir es indeß noch einmal. Aber geben Sie Acht, Graßheim, das Mädchen macht Ihnen Sprünge. Sie kennen den Starrkopf nicht!« Sie nimmt ihn nicht; ich weiß es gewiß! sagte Beyer. Da haben Sie Recht, sagte Quinctius, der auf einmal hoffte, seinen Geliebten wieder zu fesseln. Leider, sagte die Frau von Flaming, wird es noch Mühe genug kosten. Der Baron murrte aufs neue: »wir wollen's noch einmal probiren.« Er befahl, daß der Kutscher anspannen und den Pastor holen sollte. Frau von Flaming wollte weggehen. »Nichts!« sagte der Baron; »du mußt hier bleiben. Sie soll sich trauen lassen, oder gleich auf der Stelle zum Hause hinaus!« Als der Prediger gekommen war, stellte der Baron die Gesellschaft in Ordnung, und ließ dann Käthen durch einen Bedienten sagen: sie sollte den Augenblick kommen. Die Thür ging auf, und Käthe trat mit einem Gesichte herein, auf dem Niemand etwas Anderes als Verwunderung finden konnte, so starr man sie auch von allen Seiten ansah. 204 »Käthe!« hob der Baron in einem rauhen Tone an, und führte sie vor den Prediger hin: »wähle! Du läßt dich jetzt gleich mit dem Herrn von Graßheim trauen, oder ...« – Ich lasse mich gleich jetzt mit ihm trauen, sagte Käthe lächelnd. – Sie nimmt ihn doch! riefen alle aus Einem Munde. – Aber soll ich ihn denn nicht nehmen? fragte Käthe, und legte mit einem zärtlichen Blicke ihren Arm auf Graßheims Schulter. »Herr Pastor, um des Himmels willen!« rief der Baron; »geschwind, lesen Sie, was das Zeug hält!« Der Pastor las. Käthe antwortete hell und deutlich: Ja; und der Baron rief sogleich ganz laut: »Gott Lob und Dank! Ihr habt es Alle gehört!« – Das junge Paar war nun kopulirt, und Beyer allein murrte. Der Baron äußerte nach der Kopulation seine Freude, daß alles sich so glücklich geendigt hatte. »Diesmal, Gott sey Dank!« sagte er zu seiner Frau, »war unsre Besorgniß ungegründet.« – Gott Lob! sagte Frau von Flaming. Graßheim näherte sich dem Baron, und sagte lächelnd: ich erstaune jetzt mehr als vorher. Warum fürchteten Sie denn, daß meine Braut mich nicht nehmen würde? – »Ja«, sagte der Baron, »sie hat einen Abscheu gehabt, sich trauen lassen, daß ich es wohl fürchten konnte.« – Sich trauen zu lassen? fragte Graßheim. Ist ihr denn das schon öfter vorgekommen? – »Ei freilich! Da mit Quinctius sollte sie einmal getrauet werden; sie wollte aber nicht, und war ihm doch damals eben so gut, wie jetzt Ihnen.« Frau von Flaming mischte sich nun in das Gespräch, und erzählte Graßheimen den Handel so ziemlich aufrichtig, bis 205 auf Lissow's Antheil daran. Sie sagte: Käthe habe Quinctius nicht geliebt, und sich darum gegen die Trauung gesperrt. »Aber warum, liebe Frau, glaubtest du denn, sie würde ihn nicht nehmen? Wenn das ist, warum war denn der verdammte Lärm im Hause?« Graßheim sah die Frau von Flaming fragend an; sie schwieg verlegen. »Warum weintest du denn, Käthe? So antworte doch! Wir glaubten ja Alle, du wolltest ihn nicht nehmen. Warum glaubten wir denn das? Es muß doch eine Ursache haben. He! Auch Beyer und Quinctius glaubten es ja. Herr Beyer, lassen Sie doch hören!« Ich, sagte Beyer, ich, gnädiger Herr, ich glaubte, der Herr von Graßheim würde das Fräulein nicht nehmen. Und das war auch meine Meinung, lieber Vater, sagte Quinctius. Ich hatte mit Graßheim das reinste Bündniß der Freundschaft, der Tugend, des Edelmuthes geschlossen. Wir wollten uns bis in den Tod alles seyn, was je die edelsten Menschen auf Erden einander gewesen sind. Die Sinnlichkeit war ganz aus unserm Bunde verbannt. Graßheim vergaß aber der himmlischen Liebe über der irdischen; er vergaß des Mannes über einem Weibe, der Freundschaft über der Ehe, der Tugend über der Sinnlichkeit. Ich glaubte, Graßheim wäre ein zu edler Mann, als daß er je heirathen könnte. »Aber, was in aller Welt quackelst du da einmal wieder! Ist es denn ein Schurkenstreich, daß ich dich in einer ordentlichen Ehe, stiftsmäßig und stiftsfähig, in die Welt gesetzt 206 habe? Also, wer heirathet, ist ein Schurke? Höre einer nur die abscheulichen Dinge!« Vater, der göttliche Plato sagt ... »Ist ein Narr, wenn er das gesagt hat. Also du willst unverheirathet bleiben? Großer Gott, so stirbt ja mein ...« Nein, Vater, ich will heirathen, sobald Sie befehlen; allein ... »Keine Kinder zeugen? I, so wollt' ich – Das ist ja abscheulich!« Auch Kinder zeugen, Vater. Das fordert die Natur, dieser Körper, an den ich gefesselt bin, die Materie; allein der Geist will mehr, will die Liebe eines edlen Mannes, will die Verbindung, die geistige Ehe mit ihm, will ... »Mit einem Manne? ein Mann mit einem Manne? Seh' einer nur die verfluchte Gelehrsamkeit! Das ist ja ein abscheulicher Mensch, der Plato! Bei meiner Ehre, bei allen meinen Ahnen! der ist ja ärger als Cäso und Lucius. Daher kommt also der Lärm? Herr Gott, wenn das unsere Nachbaren erführen!« Man beruhigte den Baron endlich mit großer Mühe; doch zu einem Widerrufe, daß Plato kein Narr sey, ließ er sich nicht bewegen. Beyer sah nun wohl, wie unschuldig Graßheim war, und schämte sich herzlich, daß er sich durch Quinctius' Narrheit so hatte täuschen lassen. »Nun aber, Käthe«, fragte der Baron, »was heultest du denn diesen Morgen, und warum riefst du: eben weil ich Braut bin! Ich will doch endlich einmal wissen, was an dem Lärmen schuld ist.« Käthe sagte: Herr Beyer machte mich 207 so bange. Beyer, der die Ursache nicht sagen wollte, schob die Schuld weiter auf die gnädige Frau; die gnädige Frau auf Graßheim; Graßheim auf den Baron; der wieder auf Käthen; und so ging der Handel immer im Kreise umher, ohne daß jemand ihn ergründen konnte. Nach seiner Gewohnheit, stieß der Baron einen Stuhl zornig auf den Boden, ging mit schnellen Schritten in sein Kabinet, und rief noch in der Thür: »ihr seid alle Narren, besonders, wenn es an's Heirathen geht!« Nun nahm einer den andern in einen Winkel, und fragte: aber warum? Doch da Beyer sich schämte, die Sache aufzuklären, so blieb sie ein völliges Räthsel. Am folgenden Morgen fragte Graßheim seine junge Frau, warum sie den Tag vorher so unruhig gewesen wäre. Sie setzte ihm sehr weitläuftig die Ursache davon auseinander; weil sie aber nicht ein Wort von Lissow sagte, so konnte er sie freilich nicht verstehen. Nun wendete sich Graßheim an Beyern; und dieser erzählte ihm von Quinctius' Briefe, den er gefunden hatte. Graßheim glaubte, er habe das etwa der Frau von Flaming gesagt, und lachte herzlich über das Mißverständnis. Frau von Flaming konnte sich alles so ziemlich erklären, nur nicht Käthens schnellen Übergang aus dem trübsten Kummer in die heiterste Ruhe. Sie sprach heimlich mit der jungen Frau, und erfuhr nun alles. Käthe saß noch während der Tischzeit in dem tiefsten Gram auf ihrem Zimmer, und sann nach, was wohl vorgefallen seyn könnte. »Lissow ist todt, oder er ist hier und fordert mich zurück.« Beides dachte sie mit gleichem Schrecken. Auf einmal sah sie 208 durch das Fenster im Garten einen Menschen schleichen, der in seiner Gestalt Ähnlichkeit mit Lissow hatte. Sie würde ihn nicht bemerkt haben, wenn nicht ihre ganze Seele voll von dem Gedanken gewesen wäre: Lissow ist hier. Als sie endlich auch sein Gesicht sah, wurde sie todtenbleich. Es war Lissow. Er sprach mit dem Gärtnerburschen, gab ihm einen Brief, und ging dann schnell wieder weg. Käthe sank vor Schrecken beinahe zu Boden; doch hatte sie noch so viel Besinnung, daß sie dem Gärtnerburschen entgegen gehen, und ihm den Brief abnehmen konnte, von dem sie glaubte, daß er an sie gerichtet wäre. Sie lief nun auf ihr Zimmer, riegelte sich ein, erbrach den Brief, und sah erst jetzt, daß er an ihre Tante, und nicht an sie, geschrieben war. Sie las ihn, und ward beruhigt. – Lesen Sie ihn selbst, liebe Tante, so schloß Käthe ihre Erzählung; lesen Sie, und Sie werden einsehen, warum er mich beruhigte. Die Tante las: »Zehn Schritte von Ihnen, meine theuerste gnädige Frau, und, wenn Liebe und Ehrfurcht zu dem zärtlichsten aller Nahmen berechtigen, meine gütige Mutter, zehn Schritte von Ihnen sitze ich, schreibe an Sie, und versage mir die größte Freude meines Lebens, Sie wieder zu sehen, und von Ihnen zu hören, daß Sie mich noch lieben. Was soll ich Ihnen sagen? Ich bin wieder hier, und mein Schicksal ist entschieden. Meine Hoffnungen sind verschwunden, und Sie und Ihre Voraussagungen gerechtfertigt. Käthe hat aufgehört, mich zu lieben. Eine andere Hoffnung ist an die Stelle meiner allertheuersten Hoffnungen getreten: die , 209 daß Käthe glücklich seyn wird. Gezwungen ist sie nicht: Sie gaben mir einst Ihr Wort dafür. Wehe dem Menschen, der bei dieser Hoffnung seufzen könnte! Wenn ich klage, so klage ich über meine Thorheit, über meine Verirrung, die Ihnen vielleicht bittre Stunden gemacht hat. Ich bin glücklich; und wenn ich es noch nicht bin, so werde ich es doch in der Folge seyn. Wenigstens, theuerste Mutter, nehmen Sie die Versicherung, daß jetzt mein Herz zufrieden schlägt. Ich darf Sie nicht sehen, gnädige Frau. Der Augenblick würde, glaube ich vielleicht zu stolz, uns Beiden unnütze Thränen kosten; und Ihr Auge wenigstens sollte nie eine andere Thräne benetzen, als die Thräne der Freude über den Segen, den Ihr Herz verbreitet. Segen aber, Segen könnten Sie in dieser Minute nicht für mich haben, weil es die Minute meines Abschieds von Ihnen ist. Und ich, lassen Sie mich das gestehen, ich bin zu stolz, einem Andern zu klagen, als mir selbst. Diesen Mittag, wenn Sie essen, gebe ich meinen Brief ab. Noch einmal will ich den Garten und das Haus sehen, wo ich, wenn nicht glücklich, doch mäßig seyn lernte. Dieser Augenblick wird mir Thränen kosten; denn ich werde Ihnen Lebewohl sagen. Ihnen! Aber diese Thränen wird mir eben sowohl die dankbare Empfindung für Sie, die in meinem Herzen nie sterben kann, auspressen, als – die Trennung von Ihnen. Ach, ich hoffe, diese Thränen werden sehr süß seyn. Leben Sie wohl!« Frau von Flaming las den Brief mit sanften Thränen im Auge, und wagte es nicht, ihren Blick auf Käthen zu 210 richten. Es war ihr unbegreiflich, wie Käthe durch diesen Brief hatte können beruhigt werden. Sie wendete sich schweigend von ihr ab, und ging auf ihr Zimmer. Armer, unglücklicher Lissow! wiederholte sie hier noch einmal zärtlich. Wie viel mag deinem Herzen die verstellte Ruhe in diesem Briefe gekostet haben! Großmüthige Seele, mich wolltest du beruhigen? Ach, du sahest voraus, daß mir allein dein Geschick Sorge und Unruhe machen würde. Sie schüttelte über Käthen den Kopf, weil sie nicht bedachte, daß diese den Brief mit ganz anderen Empfindungen gelesen hatte, als sie. Käthe fand den Brief kalt, steif; ja, sie glaubte sich sogar halb und halb dadurch beleidigt, daß Lissow ihren Verlust so wenig fühlte. Beinahe ist es ja, dachte sie, als ob Tante seine Geliebte gewesen wäre! Von mir kaum ein einziges kleines Wörtchen. – Sie beurtheilte Lissows Empfindungen nach ihren eignen, und beurtheilte sie richtiger, als ihre Tante. So, dachte sie, schreibt kein Liebender, der seine Hoffnungen verliert. Sie dankte Gott, daß alles so gut ablief. Ihre Angst war jetzt auf einmal verschwunden, und sie ließ sich mit Freuden kopuliren. Die Tante erkundigte sich nun im Dorfe nach Lissow, und erfuhr, daß er unter einem fremden Nahmen da gewesen war. Die Frau, bei der er zwei Tage gewohnt hatte, sagte genug, um ihr einige sehr kummervolle Stunden zu machen. »Blaß, Ihr Gnaden, wie die Wand da, war er. Die Augen hingen ihm immer voll Thränen, wenn er glaubte, ich sähe nicht hin. Er muß seine Schwester sehr lieb gehabt haben, um die er so weinte. Der arme Mensch! Er hätte, sagte er, 211 ihren Tod ganz unvermuthet erfahren. Arm mußte er seyn, recht arm. Er aß Brot und Milch, weiter nichts; und dabei war er doch immer zufrieden.« – Frau von Flaming blickte gen Himmel, als wollte sie es dem auftragen, dem Jünglinge zu helfen, der sich ihrer Hülfe so geflissentlich entzogen hatte. Lissow war in der That ein sehr guter Jüngling, von reinem unverdorbenem Herzen. Er hatte gründliche Kenntnisse, und eine sehr gesunde Philosophie, freilich wohl nach der Topik zugeschnitten. Sein Herz war nicht allein weich genug, das Unglück seiner Nebenmenschen mitzufühlen; es hatte auch die Stärke, aus allen Kräften zu helfen. Der gute Beyer gab beinahe sein ganzes Gehalt an Unglückliche, und zwar mit einer so unverstellten Lauterkeit, einer so schönen Freude, daß Lissow und auch Quinctius sehr früh das Glück kennen lernten, welches die Natur in das Wohlthun gelegt hat. Die edle Frau von Flaming verstärkte das Beispiel noch. Lissow mußte menschlich werden; denn alle die Menschen, die er achtete, waren es. Liebe zu Käthen machte endlich die Eigenschaften seines Kopfes und Herzens zu einem Ganzen. Seine Empfindungen waren durch diese Liebe so zart und anständig geworden, seine Sitten so sanft und rein, sein Äußeres so gebildet und schön, daß er, wo er sich nur zeigte, nothwendig gefallen mußte. So war er schon, als er Flamings Haus verließ. Sein Selbstgefühl bekam etwas Großes, etwas Stolzes durch seine Flucht, die er als einen Sieg über sich selbst betrachten konnte. Zwar standen Thränen in seinen Augen, als er ging; aber 212 die frische, reine Morgenluft und das Gefühl seiner edlen That trockneten sein Auge bald. Ich werde sie wieder finden! sagte er bei dem zehnten Schritte. Endlich dachte er auch an die Zukunft, und nicht mit Ängstlichkeit: denn er war in einer edlen That begriffen; und Hoffnung, im edelsten Sinne des Wortes, Hoffnung auf eine leitende Vorsehung, ist immer der Lohn der Tugend. Er war entschlossen, nach Berlin zu gehen, ob er gleich noch nicht wußte, wovon er dort leben wollte. Ich kann ja arbeiten, dachte er lächelnd, und blickte auf seine Arme. Nach drei Tagen war er in Berlin, und durchwanderte neugierig die Straßen der Stadt. In einer kleinen Gasse hing an einem schmalen Häuschen eine Tafel mit den Worten: hier ist ein Zimmer zu vermiethen. Er ging in das Haus, und fragte. Man führte ihn in das dritte Stockwerk, und zeigte ihm ein Zimmerchen mit einer Kammer. Er miethete es auf der Stelle, bezahlte einen Monath voraus, und blieb sogleich da. Jetzt erkundigte sich der Wirth, ein Instrumentenmacher, nach seinen Umständen; und Lissow sagte ihm, so viel er wissen sollte. Man sprach über sein Fortkommen. Ich kann Kinder unterrichten, sagte Lissow; ich schreibe eine gute Hand, ich rechne sehr fertig und schnell: es wird sich schon etwas für mich finden. Und wirklich fand sich etwas; sein Wirth verschaffte ihm sehr bald von einem Rathe bei einer Kammer Rechnungen und Berichte abzuschreiben. Lissow verdiente zwar wenig, aber doch genug, um auf seine Weise leben zu können und sein kleines Kapital nicht 213 angreifen zu dürfen. Er war fleißig und aufmerksam, entdeckte in den Rechnungen Fehler, zeigte sie an, machte selbst über die Berichte, wo sie Rechnungen betrafen, seine Anmerkungen, und bekam nun mehr zu thun, sogar oft etwas, wobei er selbst denken mußte. Man gab ihm z. B. Rechnungen durchzuarbeiten und Auszüge zu machen. Jetzt erhöhete man seine Bezahlung, und er konnte Stunden für sich erübrigen, die er dem fleißigsten Studieren widmete. So lebte er zwei Monathe, mit seinen Arbeiten und mit seiner Liebe in der tiefsten Einsamkeit. Hinten hinaus in demselben Stockwerke wohnte noch eine Familie. Lissow kannte sie nicht, ob er gleich zuweilen einen alten Mann, und dann wieder eine alte Frau im Vorübergehen sah und grüßte. Eines Tages stand die alte Frau mit dem betrübtesten Gesichte von der Welt bei einem kleinen Geschäft, und weinte. Was mag die zu weinen haben? dachte Lissow, als er die Treppe hinunter ging, bei jedem Schritte. Er konnte nicht aus der Stelle, und kehrte wieder um. Die Frau stand auch jetzt noch bei ihrer Arbeit, und weinte. Er ging in sein Zimmer, sann auf einen Vorwand, unter dem er sie anreden könnte, und ging wieder hinaus; nun war aber die Frau nicht mehr da. Jetzt nahm er sein Licht, ging vor die Thür seiner Nachbaren, und pochte leise an. Man rief: herein! Der alte Mann saß auf einem Strohstuhle, den die Frau mit zwei an die Seiten gebundenen Tüchern zu einer Art von Armstuhle gemacht hatte. Er war krank: das sah man an seiner Farbe; an dem zufriednen Lächeln, das sein Gesicht belebte, gar nicht. In dem ganzen 214 Zimmerchen blickte überall die tiefste Armuth hervor. Die Frau saß mit nassen Augen an einem Spinnrade, und spann mit dem angestrengtesten Fleiße. In der Ecke lag ein kleines Strohlager an der Erde, und ein stark geflicktes Kopfkissen war das einzige Bett. Lieber Gott! seufzte Lissow, als er das Zimmer mit einem Blicke übersehen hatte. Dann blieb sein Auge mit freundlicher Gutherzigkeit auf dem Gesichte des Alten hangen, das dem seinigen an freundlicher Gutherzigkeit nichts nachgab. »Unser Herr Nachbar!« sagte der Alte mit einem Blick auf seine Gattin. »Gieb doch einen Stuhl, liebe Frau.« Die Frau gab Lissowen den Stuhl, auf dem sie saß, setzte sich auf einen Fußschemel, und spann wieder fort. O lassen Sie, sagte Lissow; ich kann mir einen Stuhl holen. Er brachte einen bepolsterten Armstuhl aus seinem Zimmer, und bat den Alten, den zu nehmen. Der Alte sagte scherzend: »ich darf mich nicht verwöhnen, guter junger Herr.« Aber nun stand die Frau auf, und bat ihren Mann bloß mit einer Miene, das Anerbieten doch nicht auszuschlagen. Der Alte mußte; beide Gesunde hoben ihn in den Stuhl. Man sah, daß der bequeme Sitz ihm wohl that, und die Frau äußerte ihre Freude darüber durch frohe Blicke. Sie sind krank, lieber Vater, sagte Lissow mit Rührung, und legte seine Hand auf die Hand des Alten. Ich wünschte ... ich ... Er schwieg verlegen, weil er nicht wußte, wie er hier eine Wohlthat antragen sollte; denn die Sprache des Alten verrieth einen Mann von nicht gemeiner Bildung, der ehemals bessere Tage gehabt hatte. Wollen Sie erlauben, 215 fragte Lissow endlich, daß ich meinen Thee hier trinke? In Gesellschaft schmeckt er besser, und ich habe keine Bekanntschaft. Die Frau wendete sich ab, um ihre Thränen zu verbergen. Der Alte sagte lächelnd: »von Herzen gern; aber mit der Bedingung, daß Sie mir eine Tasse abgeben: denn ich bin seit gestern fast verschmachtet.« Lissowen war das Herz voll. Er gab der Frau, die jetzt in ihrem Winkel laut weinte, die Hand, und sagte: kommen Sie, meine Gute; kommen Sie! – Sie mußte mit ihm an seinen Kamin gehen. – Legen Sie Holz auf; da brennen noch Kohlen. Er lief in sein Zimmer, holte alles Nöthige, und schon in einigen Minuten stand der dampfende Thee auf dem Tische. »Liebe Frau«, sagte der Alte in einer Freude, »setze dich zu uns. Wir wollen einmal thun, als ob wir reich wären.« Er trank in Absätzen, mit einem sehr sichtbaren Vergnügen, sprach nicht ein Wort, um ganz zu genießen, sah dann auf die Tasse, die vor ihm stand, und warf endlich einen lächelnden Blick auf Lissow. Dreimal zuckte seine Hand, und griff nach seiner kurzen, schwarzgerauchten Tabakspfeife, die vor ihm auf dem Tische lag; doch immer zog er die Hand langsam wieder zurück. Lissow gab auf alle seine Bewegungen Acht, und sagte der Frau: sie möchte Tabak und ein Paar Pfeifen holen. Sobald der Alte rauchte, war es, als ob sich neues Leben durch seine Adern ergösse. »Ich habe mir«, sagte er, »den Tabak, bis auf Eine Pfeife täglich abgewöhnt, so viel ich sonst auch rauchte; aber auch die hat mir seit einigen Tagen gefehlt. Lieber Gott! welch ein Vergnügen steckt im Entbehren, im Mangel, im Elende, wenn 216 ihm abgeholfen wird! Ein Augenblick, wie der jetzige, (er faßte seine Tasse an) bezahlt tausend bittere Stunden.« Der Frau rannen noch immer einzelne Thränen aus den verweinten Augen. »Liebe Frau, sey nicht wunderlich! Was sagtest du noch diesen Morgen, als du mir die Tücher da zu Lehnen an den Stuhl bandest? Gott thäte kein Wunder. Das muß ich Ihnen erzählen, lieber Herr. Ich war zu schwach geworden, mich auf dem Stuhle ohne Lehnen zu erhalten; und auf dem Stroh dort konnte ich nicht mehr liegen: dazu war wieder mein Geist zu stark. Nun hatte ich vier Stunden gelegen und nachgesonnen, was wohl zu thun wäre. Da sagte ich scherzend zu meiner Frau: wenn ich Wunder thun könnte, so verwandelte ich den Stuhl da in einen Armstuhl; oder wenn noch Wunder geschähen, so bäte ich Gott, dies für einen armen, kranken Greis zu thun. – Gott thut für uns keine Wunder, sagte meine Frau, und weinte dabei; denn sie ist weichherzig. Ich stritt mit ihr darüber, und wollte ihr begreiflich machen, daß Gott noch täglich Wunder für mich thue. Wie nun die Weiber sind – sie stritt und stritt, verwandelte unterdessen den Stuhl in einen Armstuhl, und that also das Wunder selbst, das sie nicht einmal dem höchsten Wesen zutraute. Nun wollte sie mir wieder nicht glauben, als ich sagte, es sey gerade das größte Wunder und die größte Barmherzigkeit Gottes, daß er mir eine solche Frau gegeben habe. Sie blieb dabei: Gott thut keine Wunder. Nun, Frau, mein Stuhl ist denn doch wirklich ein Armstuhl geworden, ohne dich, ohne mich; wir trinken Thee, ich habe eine Pfeife guten Tabak. Sind das keine Wunder Gottes?« 217 Das sagte der Alte in einem scherzenden Tone; die letzten Worte aber mit einer Stimme, die immer bebender und gerührter wurde. Er nahm dabei, mit einer Art von Andacht und mit einer Thräne im Auge, die Mütze von seinem weißen Kopfe, und hielt sie zwischen seinen gefaltenen Händen. Die Frau streichelte ihm lächelnd das Gesicht. Sogleich aber wurde seine Stimme wieder scherzend; und nicht lange, so brachte er Fröhlichkeit in das Zimmer, worin das Elend herrschte. Nun erkundigte man sich von beiden Seiten genauer nach einander. »Meine Umstände«, sagte der Alte, »sind, wie Sie sehen, nicht übel. Ein Lager von Stroh; eine Decke darüber her gegen alles Unwetter; eine gute, geliebte Frau, die täglich Wunder der Liebe, des Fleißes für mich thut, und die mir mehr ist als ein Königreich; von Zeit zu Zeit auch, was wir zum täglichen Unterhalte brauchen: denn daß es uns heute fehlte, daran war ich mit einem Anfalle von Fieber schuld. Meine gute Frau trug das Letzte in die Apotheke. Ich wurde gesund, ehe die Arzenei gemacht war, und mußte hungern, ohne krank zu seyn. Meine Frau spinnt. Ich habe sonst abgeschrieben. Jetzt freilich werden meine Augen zu schwach, und ich kann das nicht mehr. Dafür spinne ich; wenn ich gesund bin, mit meiner Frau um die Wette. Es hat mir Überredung, und meiner Frau Thränen genug gekostet, daß sie mich im Spinnen unterrichtete. Sie that es aber, und sieht nun ein, daß es wohlgethan ist. Die Bewegung bekommt mir besser, als die gekrümmte Stellung an meinem Schreibtische. Ich hebe mein Auge voll Dank zu dem Vater der Menschen auf, 218 meine Frau das ihrige voll Thränen. Und die Ursache? Sie sucht sich immer Menschen, mit deren Schicksal sie das meinige vergleicht, hier in Berlin und in den prächtigen Pallästen; ich aber richte meine Blicke nach Asien, Afrika und Amerika, wo Fürsten großer Völker mir mein Zimmerchen, meinen Stuhl, meinen Schlafrock, meine drei irdenen Teller und meine Pfeife beneiden würden. Fällt mir ja einmal ein Großer mit seinem Pallaste, seinen zehn Schüsseln und seinen seidnen Betten ein, so darf ich nur einen Blick auf meine Frau mit ihrem Herzen werfen, und ich lege mich heiterer auf mein Stroh, als der Reiche sich in seidne Betten.« So ist er nun! sagte die Frau weinend; und seit zwei Tagen hat er nichts genossen, als hartes Brot und Wasser. – »Du vergißt das Beste, liebe Frau«, fiel er ein. – Das Beste? was hätten wir denn mehr gehabt seit zwei Tagen? – »Was mehr? Deine Liebe, meine Heiterkeit; und jetzt, was ich in Jahr und Tag nicht hatte, eine Tasse Thee, und guten Tabak, in einem Armstuhle.« Lissow konnte nicht aufhören, den heiteren Alten mit Zärtlichkeit und Ehrfurcht zu betrachten. Ist es möglich? sagte er gerührt; kann man so unglücklich, und so glücklich zugleich seyn? Nun traf er Anstalten zu einer Mittagsmahlzeit, und bat, die beiden Alten möchten ihn mit sich essen lassen. Die Frau fing an verlegen zu werden, weil sie kein Tischzeug, und nur irdene Teller hatte, die überdies nicht einmal ganz waren. Indeß half man sich, so gut man konnte; und eine Flasche Wein, die Lissow selbst besorgte, 219 machte bald, daß die heiterste Fröhlichkeit mit den drei Menschen zu Tische saß. Nach dem Essen fragte Lissow den Alten: haben Sie keine Kinder? Diese Frage schien wie ein Dolch des Alten Herz zu treffen. Sein Auge wurde finster. Er beugte den Kopf auf die Brust, setzte ein Glas Wein, das er schon aufgenommen hatte, wieder hin, bewegte die eine Hand über die Stirn, und sagte seufzend: »ja, eine Tochter.« Lissow wollte einlenken, und stieß an: ein zufriedenes Herz! – »Nein, nun auch nicht einen Tropfen mehr!« sagte der Alte, und schüttelte betrübt den Kopf. Doch wurde er, weil Lissow ein andres Gespräch anhob, bald wieder heiter. Lissow sprach von seinen Geschäften. Der Alte fand seine Art, sie zu betreiben, nicht übel, gab ihm aber noch manchen Wink, wie er sie besser zu seinem Fortkommen nützen sollte. »Und können Sie Französisch?« fragte er auf einmal. – Nein. – »Das ist schlimm. Diese Sprache ist weit gebildeter, als die unsrige; und sie könnte Ihnen viel zu Ihrem Fortkommen helfen. Es ist überhaupt sehr wichtig, das, was man weiß, gut sagen zu können. Ich habe Menschen unglücklich werden sehen, die gut dachten, gut handelten, und nichts versahen, nur, was sie wußten und dachten, nicht ausdrücken konnten.« Von diesem Gespräche nahm Lissow Veranlassung zu der Bitte, daß Grumbach – so hieß der Alte – ihn Französisch lehren möchte. Dieser versprach es sehr gern. Nun erhob sich zwischen Beiden ein schöner Streit der Großmuth, worin Lissow am Ende siegte. Er zählte sich von dem 220 Augenblick an zu der Familie des alten Grumbach, aß mit ihm, und gab Geld zu der gemeinschaftlichen Haushaltung. Grumbach machte Anfangs Einwendungen dagegen. »Junger Mann«, sagte er, »wir haben fast ausgelebt, und Sie fangen das Leben erst an. Es ist nicht klug gehandelt, daß Sie Ihr Geschick an zwei Menschen fesseln, die Ihnen nichts vergelten können. Ihren Überfluß sollten Sie niederlegen für Zeiten der Noth. Sie haben keine Freunde, keine Anverwandten, die Ihnen forthelfen können; nichts als Ihre Kenntnisse und Ihren Fleiß: freilich ein großes Kapital, wenn es gut angewendet wird. Aber Sie wollen eine gesunkene Familie wieder aufrichten; und, noch mehr, Sie wollen die Stütze der Familie bleiben. Lieber junger Mann, da borgen Sie ein großes Kapital. Hören Sie mich nur aus! Ich sage, Sie machen dadurch Schulden, die Sie bezahlen müssen, Sie mögen wollen und können, oder nicht. Jetzt haben Sie uns getränkt, gespeist, und wir können noch morgen, noch übermorgen von Ihrer Güte leben. Wenn Sie uns nun auch nicht wiedersehen und sich nicht weiter um uns bekümmern, so sagen wir dennoch: es war ein Engel, den uns Gott sandte; so sagen wir in jeder Stunde der Freude, in jeder Stunde der Noth: könnte er die Freude mit uns theilen! wüßte er unser Elend! und wir setzen hinzu: Gott gebe ihm jetzt eine gute Stunde! Aber ganz anders ist es, wenn Sie schlechterdings unsere Stütze bleiben wollen. Wir setzen dann unsre Hoffnungen auf Sie, die Hoffnungen der Zukunft; und Sie müssen diese erfüllen, oder wir klagen Sie an, nicht mehr unser Geschick. Denn wer hieß Sie unsere 221 Hoffnungen, vom Himmel ab, auf sich ziehen? Eine fortgesetzte Wohlthat wird Gewohnheit, Schuldigkeit. Wir werden das fordern , wofür wir jetzt mit Rührung danken . Kurz, Sie laden sich eine Last auf, die Sie forttragen müssen bis an unsern Tod; denn werfen Sie die Last einen Schritt vor unserem Grabe nieder, so sehen wir nur den Weg, den Sie noch tragen sollten, nicht, den Sie getragen haben. Erzeigen Sie uns, wenn Sie wollen, Wohlthaten; aber verbinden Sie Ihr Schicksal nicht so genau mit dem unsrigen. Glauben Sie mir, der Mensch ist von Natur undankbar; er meint, alles, alle Schulden, mit Liebe bezahlen zu können. Wir werden Sie lieben, weiter nichts; und mit unserer Liebe, die Ihnen zu nichts in der Welt helfen kann, werden wir Sie hinlänglich belohnt glauben. Wie gesagt, handeln Sie klüger!« Lissow sah den Alten lächelnd an. Lieber Vater, sagen Sie mir nur das Einzige: ist es recht, wenn ich Ihre Stütze werde, wenn ich den Abend Ihres Lebens zu erheitern suche? Vorausgesetzt, daß ich es kann. Und zweitens: darf Undankbarkeit die Menschen abhalten, recht zu thun? – Der Alte sah vor sich nieder – Nehmen Sie mich, sagte Lissow überwallend, zu Ihrem Sohn an! Ich bedarf Liebe, und bin hinlänglich belohnt, wenn Sie mir die schenken. – »Sey mir willkommen, mein Sohn«, sagte der Alte nun auf einmal sehr ernst: »du bist ein Mensch!« Er breitete die Arme nach ihm aus; Lissow sank an sein Herz, und der Bund der Freundschaft war geschlossen. Grumbachs Zimmer wurde nun, zwar sehr einfach, aber 222 doch reinlich, möblirt, und die kleine Haushaltung schon den nächsten Tag angefangen. Lissow sah in Kurzem, wie reichlich er für seine Güte belohnt war. Der Alte hatte, ohne gerade ein Gelehrter zu seyn, beinahe in allen Fächern sehr praktische Kenntnisse. Er sprach auch sehr gut Französisch, und Lissow lernte, da es ihm nicht an Talent, Fleiß und Übung fehlte, sehr bald sich geläufig in dieser Sprache ausdrücken. Besonders war Grumbach im Kameralfache sehr bewandert; durch ihn lernte Lissow bei einer Rechnung von dem Ertrage der Ämter, die er ausziehen mußte, in einigen Stunden mehr, als vorher in der ganzen Zeit, die er allein gelebt hatte. Auch merkte das der Rath, für den er arbeitete, sogleich. Er sprach jetzt mit dem Jünglinge länger, als sonst, und machte ihm Hoffnung, ihm zu einem Amte zu verhelfen. Kleinigkeiten ließ er nun von Andern thun; Lissow bekam die wichtigsten Sachen zu bearbeiten, und zeigte dabei immer gleiche Sorgfalt, gleichen Fleiß. Die Liebe zu Käthen spornte ihn; nun hatte er die Aussicht, sie ernähren zu können. Alle Stunden verflossen ihm in der heitersten Zufriedenheit; aber auf einmal fand er den alten Grumbach bei dem Lesen eines Briefes finster und stumm. Lissow sah ihn nur besorgt und zärtlich an, ohne zu fragen, was ihn so finster mache. Grumbach legte den Brief vor sich auf den Tisch, betrachtete seinen jungen Freund mit zärtlicher Wehmuth, und sagte bewegt: »ich bin Vater; und das, ach! das ist der einzige Punkt, bei dem selbst der Glaube an die Vorsehung mich nicht beruhigen kann. Unter andern Umständen wäre 223 ich vielleicht der glücklichste Vater auf der ganzen Erde. Aber, was sonst meine Beruhigung, meinen Stolz ausmachte, ist jetzt meine Unruhe, mein Kummer.« – Lissow setzte sich horchend an seine Seite. – »Ich habe eine Tochter«, fuhr Grumbach fort. »Mit einem Vermögen, das zureichte, meine mäßigen Wünsche zu erfüllen, ging ich hieher, und lebte ganz für ihre Erziehung. Vielleicht wird nie wieder ein Mädchen so sorgfältig erzogen, wie meine Jakobine. Sie geht, so dachte der thörichte Vater, von mir in die Arme eines geliebten Mannes. In diesem Gedanken erhielt ich den Reitz ihrer Unschuld so rein, daß keine Ahnung, kein Traum ihn befleckte. Ach, sie wurde erzogen, erst das Glück ihrer Eltern, dann die Seligkeit eines Mannes und ihrer Kinder zu machen. Die Welt lehrte ich sie nicht kennen. Wozu, dachte ich, wäre das nöthig? Soll sie doch nie in der Welt leben. Vor einem Jahre stürzte das Gebäude meiner Glückseligkeit zusammen, dem ich ewige Dauer zutraute, weil die Glückseligkeit meiner Tochter darauf gegründet war. Ach, ich wußte, daß der Himmel Unbesonnenheiten und Irrthum eben so bestraft, wie Verbrechen; und dennoch war ich so stolz, so thöricht, zu glauben, der Himmel würde meinen seltsamen Plan begünstigen, weil ich eine gute Absicht dabei hatte. Das Vermögen, wodurch ich allein im Stande war, meine Tochter bei mir zu behalten, bis ich sie einst einem Manne abtreten könnte – mein Vermögen ging durch den Bankerott eines großen Handlungshauses verloren. Gott! durfte ich die Glückseligkeit meiner Tochter auf diesen flüchtigen Sand bauen? ... 224 Ich wurde ganz arm. Nun bat mich eine Dame um Jakobinen. Meine Frau drang in mich, sie hinzugeben; Jakobine selbst wollte es. Ich war schwach genug, es zu erlauben, nicht zu bewilligen. Dieses unschuldige, junge, fühlende Mädchen, das nur zur Liebe erzogen wurde, dessen Herz jedem freundlichen Blicke entgegen schlägt, das keine Falschheit, keine Betriegerei ahnet, weil es selbst keiner fähig ist – dies Mädchen lebt jetzt in der Welt unter Menschen, die es täglich betriegen, die es vielleicht verderben oder unglücklich machen. Glauben Sie mir, Lissow, und wenn Jakobine auch nicht meine Tochter wäre, die Tugend, die an ihr verloren geht, würde mir Thränen kosten. Lesen Sie diesen Brief, lesen Sie.« Lissow nahm den Brief mit auf sein Zimmer, und erstaunte über die Einfalt des schönen Herzens, aus dem er geflossen war. Die feurigste Liebe für Eltern, für Ruhe und Frieden, für Selbstgenuß in der Einsamkeit, hatte ihn auf das Papier gehaucht. Nur ganz von fern, ganz leise äußerte sich eine sanfte Klage über das Geräusch, worin sie lebte, und der Wunsch, einst wieder in der Stille des väterlichen Hauses seyn zu können. So denkt Käthe! sagte Lissow; so fühlt sie! Das ist ihr Herz, ihre Seele! Er legte den Brief hin, und träumte eine Stunde von seiner Geliebten. Endlich fiel ihm der klagende Vater wieder ein. Er sah freilich in der Lage des Mädchens nichts, was dessen Besorgnisse rechtfertigte, und glaubte, daß dieselben wohl nur von Sehnsucht nach einer geliebten Tochter herrührten. Doch dachte er sogleich an Mittel, des Alten Wunsch zu erfüllen. Er 225 überlegte, daß Jakobine den Haushalt vergrößern und die Ausgaben vermehren würde. Noch Eine Person, das sah er wohl, konnte allenfalls, obgleich kaum, von seiner Einnahme leben. Aber warum nicht Käthe? rief die Liebe ihm zu. Ein Theil der zwei Jahre, die er wegbleiben wollte, war verflossen; nur noch etwas über die Hälfte, und Käthe wurde sein. Schon oft hatte er in einsamen Stunden dem Himmel gedankt, der ihm mehr als seinen Unterhalt gab. Oft mahlte er sich in seiner Phantasie die Tage, wo Käthe bei ihm seyn würde, mit glänzenden Farben aus, und überrechnete dazwischen sorgsam, was sie wohl gebrauchen möchte. Wenn er dann fand, daß er, Grumbach, dessen Frau, und seine geliebte Käthe gerade genug hatten, um ohne Sorge leben zu können, sprang er voll Freude auf; und jetzt? Er rechnete wohl zehnmal; doch immer kam dasselbe Facit: Käthe, oder Jakobine. Unaufhörlich sah er dabei den alten Grumbach wieder, der mit bebender Stimme und einer Thräne im Auge sagte: sie werden meine Tochter vielleicht verderben oder unglücklich machen! Hätte Lissow das so fest geglaubt, wie der Vater, so wäre der Streit augenblicklich entschieden gewesen; er würde dann gedacht haben: ich sollte einen Menschen böse oder unglücklich werden lassen, den ich vielleicht retten kann? Aber, fiel ihm doch immer wieder ein: wenn der Alte Recht hätte; wenn sein Kind lasterhaft würde! Gott im Himmel! die Thräne des Vaters müßte ewig auf meiner Seele brennen! Ich konnte seine Tochter retten, und wollte nicht. O Käthe! ich will die Nächte durch arbeiten. Unser sind drei junge starke 226 Menschen; und wir sollten nicht Kraft genug haben, zweien Menschen das Leben zu erhalten? Ich Thor! ich rechne Zahlen, und denke mit keinem Gedanken an die Vorsehung und an das, was der Mensch kann, wenn er will. Nein, Jakobine soll kommen; ihr Vater muß aufhören zu trauern. Wir Alle wollen glücklich seyn. Er schlief die Nacht ruhig, und stand am Morgen heiter auf. Ich komme erst spät zu Hause, sagte er zu der Frau Grumbach, die aus ihrem Zimmer kam. Grüßen Sie den Vater. – Jakobinens Brief steckte er zu sich, miethete ein Kariol, und fuhr sogleich nach dem Gute, auf welchem sie lebte. Im Fahren sann er auf einen Vorwand, unter dem er Jakobinen holen könnte; aber, so viel er auch sinnen mochte, er konnte keinen finden. Er kam auf dem Gute an, und verlangte die Jungfer Jakobine Grumbach zu sprechen. Man führte ihn auf ein kleines Stübchen, wo er sie am Nähtische fand. Er war Anfangs so verlegen, wie sie. Endlich zog er ihren Brief aus der Tasche, zeigte ihr den, und sagte: Ihr Vater, Mamsell Jakobine, mein Freund, ... – »Sind Sie etwa ...?« fragte Jakobine lebhaft, sah ihn zitternd an, und hob die Arme, als wenn sie ihn umfassen wollte. Ich heiße Lissow, sagte er. – Nun verbreitete sich ein himmlisches Lächeln über das Gesicht des Mädchens. Sie wollte etwas sagen, und vermochte es nicht. Ihre Brust athmete nur schneller, und ihr freundliches Gesicht übergoß sich mit sanften Thränen. Endlich redete sie. »Mein Vater hat mir geschrieben, was Sie, Sie ... O, Gott! wie freue ich mich, daß ich Sie 227 nun auch einmal sehe! Ich freue mich sehr, gewiß sehr!« Ihr Auge glänzte von unbeschreiblicher Freude und Dankbarkeit. »Hätte ich gewußt«, fuhr sie nach einer Pause fort, »in welcher Noth meine guten Eltern waren, glauben Sie mir, ich wäre vor Angst gestorben.« Lissow konnte lange nicht vor dem Strome ihrer Dankbarkeit zu Worte kommen. Endlich erfuhr sie denn, daß sie in ihr väterliches Haus zurückkehren sollte, und war ganz außer sich. Nur auf Lissow's Verlangen ging sie zu ihrer Herrschaft, und sagte: »mein Vater will mich bei seinem Tode um sich haben.« Man meinte, er sey gefährlich krank, und hinderte sie nicht zu reisen. Sie kam gegen Abend mit Lissow in Berlin an. Er ging mit ihr von des Fuhrmanns Hause zu ihres Vaters Wohnung, und führte sie in dessen Zimmer. Hier ist Ihre Jakobine, sagte er: unschuldig und glücklich! »Jakobine!« – »Vater!« – »Mutter!« – Heilige Empfindungen der Natur, wie reich macht ihr den Menschen! wie genügsam! Da standen sie, umschlungen einer von des andern Armen, benetzt einer von des andern Thränen, und vergaßen alles, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, sich selbst, ja den Schöpfer ihrer Freude, Lissow. Endlich war der Sturm der Empfindung vorüber. Grumbach warf einen Blick, nur Einen, auf Lissow, mit einem solchen Blicke betrachtet der Sterbliche seinen Schutzengel, der ihm in der Gefahr erscheint und ihn rettet. Seine Frau wollte Lissowen danken. »Nicht ein Wort von Dank«, sagte der Alte lächelnd; »Lissow ist es werth, daß er keinen 228 andern Dank empfängt, als den Anblick unserer Freude. Er will nichts als unsere Liebe, und die – guter, heiliger Gott! – die hat er.« Lissow ging unbemerkt weg, und ließ die Familie allein. Er besorgte ein Bett für Jakobinen, an das die Eltern nicht dachten, und kam erst sehr spät wieder zu Hause. Bis zum Schlafengehen erzählten die Alten Jakobinen von Lissow. Der Vater sprach von seinem edlen Herzen, von seiner reinen Seele; die Mutter fiel ein, und nannte Stück für Stück, was dieser engelgleiche Mensch für sie und ihren Mann gethan hatte. Erst am folgenden Morgen sprach man über die Schwierigkeiten, die mit Jakobinens Aufenthalte bei ihren Eltern verbunden wären. Lissow, der dazu kam, faßte lächelnd Jakobinens Arm, hob ihn den Eltern entgegen, und sagte: kann diese Hand nicht arbeiten? sollte es diesem Herzen je an Muth dazu fehlen? Wir Alle können überdies entbehren; und wir wollten zweifeln? – »O, ihr Kleinmüthigen!« sagte der Vater. »Er hat Recht. Da fällt mir sogleich ein, daß Jakobine eine schöne Hand schreibt. Lissow hat viel mehr zu thun, als er bestreiten kann; sie mag ihm helfen.« Man setzte sich nun, und sprach mit mehr Ruhe über die Einrichtung der kleinen Wirthschaft. Die Familie Grumbach zog in Lissows Zimmer, weil es eine Kammer hatte. Die Mutter setzte sich an ihr Spinnrad, Jakobine besorgte das Mittagsessen, und um zwölf Uhr saßen Alle so vertraulich um ihre einzige Schüssel her, als ob sie schon jahrelang so gelebt hätten. 229 Nachmittags machte Jakobine unter ihres Vaters Anweisung die erste Probe mit dem Abschreiben. Am Abend, als Lissow mit seinen Papieren in der Hand herüber kam und ihre Arbeit sah, rief er voll Freude: vortrefflich! wir sind glückliche Menschen! Der Abend wurde ein fröhliches Fest, und Jakobine war dessen Königin. So lebte die Familie höchst zufrieden fort: der Tag war der fleißigsten Arbeit, die letzten Stunden des Abends dem heitersten Vergnügen gewidmet. Alle saßen um den Tisch her: Grumbach in seinem Armstuhle, Lissow und Jakobine neben ihm, die Mutter an ihrem Spinnrade. Man scherzte, lachte oder sang. Dann erzählte der Alte ein Stück aus seinem merkwürdigen Leben, und Lissow ging nie von ihm weg, ohne besser geworden zu seyn, oder etwas Nützliches gelernt zu haben. Hatte Lissow weitläuftige Rechnungen, so bat er Jakobinen, zu ihm zu kommen, und Beide verglichen. War dann ihre Arbeit vollendet, so saßen sie einander gegenüber mit heiteren Gesichtern, und redeten eine kleine Freude für die beiden Alten ab. Schon Morgens um sechs Uhr war Lissow bei der Familie. Jakobine schenkte den Thee ein, und strickte oder nähete dann emsig. Die Mutter besorgte die Haushaltung, und Lissow arbeitete auf seinem Zimmer, entweder allein, oder in Jakobinens Gesellschaft. Um zwölf Uhr rief die Mutter zu Tische. Man aß, arbeitete, und der Abend brachte dann die Glücklichen wieder zusammen. Die reinste Liebe umfing sie alle vier, und das Wesen dieser Liebe war Wohlwollen ohne Anmaßung, Leidenschaft 230 in der höchsten Ruhe, tiefe Empfindung mit der höchsten Zufriedenheit verschmolzen, ein heftiges Verlangen, aber nur, glücklich und zufrieden zu machen. Seelenvolle heitre Blicke fielen hier nur auf eben so heitre Blicke, und das Herz blieb in dem ruhigsten Schlage. Lissow drückte Jakobinens Hand; und ihr Blut wallte eben so sanft wie vorher. Beide waren höchst glücklich; sie liebten einander, wie Schwester und Bruder, oder wie ein Paar Gatten, deren erste stürmische Liebe die Zeit besänftigte, und deren Herzen nun die schöneren und festeren Bande der Tugend, der Freundschaft, der Elternliebe, des häuslichen Genusses, des gemeinschaftlichen Glückes und Leidens verbinden. Lissow vermißte indeß, so glücklich er sich auch fühlte, noch immer Käthen. Gleich Anfangs hatte er dem alten Grumbach seine Geschichte so erzählt, daß von ihr nicht ein Wort darin vorkam; und nun ließ er es dabei. Eine neue Freude, dachte er, wenn ich Käthen einst eben so unvermuthet bringe, als Jakobinen! Er konnte sich nichts Glücklicheres denken, als sein künftiges Leben zwischen diesen beiden Mädchen. Noch liebte er Käthen eben so zärtlich, wie ehemals; nur die einzige Veränderung war mit ihm vorgegangen, daß er nicht mehr, wie sonst, sein höchstes Glück in der Vorstellung fand, mit ihr von allen Menschen abgesondert zu leben, sondern jetzt in allen seinen Träumen von dem Glücke mit ihr, immer auch Jakobinen, wenigstens als Nebenperson, gebrauchte. O, wie wird sich meine Käthe freuen, dachte er, wenn ich sie zu diesem vollkommenen Mädchen führe! Wie werden Beide einander lieben! 231 Schwerlich würde indeß Käthe mit Lissow's Liebe zu Jakobinen zufrieden gewesen seyn, so rein, so sich selbst unbewußt diese Liebe auch seyn mochte. Er sprach selten von Jakobinens Schönheit; denn er würde in der That nicht mehr recht gewußt haben, ob sie schön sey, wenn er sich nicht erinnert hätte, daß sie ihm bei dem ersten Anblicke so vorgekommen war: aber er entbehrte manches Buch, das Grumbach ihm als nöthig empfahl, oder arbeitete wohl ein Paar Nächte durch, um Jakobinen ein Kleidungsstück oder etwas zum Putze zu kaufen; und dieser Putz stand ihr allemal so gut, daß der größte Kenner ihn nicht passender hätte erfinden können. Dafür saß aber auch Jakobine manche Nacht, um für Lissow ein Paar Manschetten auszunähen; und dann kam kein Schlaf in ihre Augen. Lissow machte jetzt am liebsten Rechnungen, weil Jakobine ihm dabei helfen mußte; und doch ging es dann langsam genug. Hatte Jakobine einige Stunden für sich gearbeitet, so sehnte sie sich nach Lissow. Sie ging über den Saal, steckte wenigstens den Kopf in die Thür, sah ihn freundlich an, und flüsterte: guten Morgen. Er blickte von seiner Arbeit auf, betrachtete sie eben so freundlich, bis sie die Thür wieder zumachte, und war nun wenigstens auf eine Viertelstunde gestört. Ging er einmal aus (denn sein Kammerrath bat ihn zuweilen, wenn er keine andre Gesellschaft hatte, zu Tische), so blieb Jakobine immer am Fenster. Kam er dann wieder; so wendete sie sich hüpfend zu ihren Eltern um, und sagte in einem Tone, den ihr Vater die Sprache der Seligkeit nannte: er kommt! Sie ging ihm bis an die Treppe entgegen, 232 und trat Hand in Hand mit ihm in das Zimmer. Er blieb dann den Abend gewiß bei ihr, bis der Vater in seinem Stuhle, und die Mutter an ihrem Spinnrade einschlief. Man sprach oft nur armselige Kleinigkeiten. »Ja, wenn Jakobine ein Klavier hätte!« sagte der Vater einmal im Gespräche. »Sie spielt recht gut.« – Ja, wenn ich ein Klavier hätte! wiederholte Jakobine; und schon an demselben Abend überrechnete Lissow seine kleine Kasse. Sie reichte nicht hin; aber doch war sein einziger Gedanke: ein Klavier. Den folgenden Tag trieb ihn Unruhe aus dem Hause. Er zog seine Uhr, ein Geschenk der Frau von Flaming, hervor, um zu sehen, wie spät es wäre. Wozu brauchst du die Uhr? rief es auf einmal in seinem Innern. Er verkaufte sie, und eilte dann wieder zu seinem Wirthe, um ein Klavier zu kaufen. Am Abend holte er dies selbst, und schlich damit auf sein Zimmer, weil er Jakobinen am Morgen, wenn sie ihn zum Thee riefe, damit überraschen wollte. Aber was trugen Sie denn vorhin? fragte Jakobine, die gerade die Thür ihres Zimmers aufgemacht hatte, als er in das seinige gegangen war. Er lächelte, nahm ihre Hand, und führte sie an das Klavier. Jakobine sagte mit freudigem Erschrecken: o mein Gott! sah ihn an, umfaßte ihn, und spielte dann mit lachendem Auge. Der Vater kam endlich, weil sie zu lange ausblieben, und lächelte. »Hm!« dachte er: »also doch? Aber der Liebe ist ja nichts unmöglich.« – Vater, die Musik macht Ihnen Vergnügen, sagte Lissow. – »Ja, das ist wahr; aber Sie haben doch das Klavier nicht geborgt?« – O nein! Sie wissen, daß 233 ich alles Schuldenmachen hasse. Tausendmal lieber wollte ich die Freude entbehrt haben, Jakobinen ein Vergnügen zu machen. Es kostet sehr wenig. – »Aber doch mehr, als Ihre Kasse betrug!« – Lissow erröthete. Wie ich Ihnen sage, es kostet sehr wenig; und sehen Sie nur, wie vergnügt Jakobine ist! Den folgenden Tag bemerkte der Vater (Jakobine nicht), daß ihm die Uhr fehlte. »Lieber Sohn«, sagte der Alte zärtlich, »mußt du uns denn alles opfern? Du hattest die Uhr so lieb, und giebst sie für Jakobinens Vergnügen hin!« – Kann ich genug dafür geben, mein Vater? antwortete er zärtlich. Jakobine, der ein Paar Thränen im Auge funkelten, ging hinaus, um sie zu verbergen. Das Klavier war nun einmal da, und die Freude dadurch um vieles vergrößert. Nach und nach schaffte Lissow auch Musikalien an; und wenn Jakobine spielte, saß er ganze Stunden in der Ecke, und betrachtete sie. Sie spielte Anfangs die Noten, die vor ihr lagen; dann warf sie einen Blick auf ihn; dann verwirrte sie sich, und spielte nur, was ihr Herz ihr eingab: die zärtlichsten Melodieen. Auge hing an Auge, Seele floß in Seele, Empfindung schmolz in Empfindung über. Der Alte sah wohl, daß die beiden jungen Leute einander zärtlich liebten; aber das war schon lange sein Wunsch gewesen. Wem konnte er seine Jakobine lieber anvertrauen, als dem edlen Jünglinge, dem er alles, vielleicht gar das Glück seiner Jakobine, zu danken hatte! Wenn er sah, wie Beide einander zärtlich betrachteten, sich am Tone der 234 Stimme, an den leisesten Bewegungen verstanden; oder wie Jakobine ganz früh das Bett verließ, in einigen Minuten angekleidet war, um noch, ehe sie das Frühstück bereitete, eine kurze Zeit für Lissow allein zu haben; oder mit welcher List das unschuldige Mädchen, wenn früh Morgens zu thun war, den günstigen Augenblick, ihn auch nur zu sehen, von weitem vorbereitete, erlauerte, und, sobald sie diesen Augenblick hatte, wie ein Pfeil dahin flog, heiter wie der Morgen, der durch das Fenster leuchtete – wenn der Alte das sah, so falteten sich unbemerkt seine Hände, und er segnete die liebenden Herzen seiner Kinder. Er that, als merkte er nichts, und hatte sich auch von seiner Frau versprechen lassen, daß sie weder in Scherz, noch in Ernst, mit den jungen Leuten über den Zustand ihres Herzens reden, oder auch nur darauf hindeuten wollte. Aus der Ungezwungenheit, der Freimüthigkeit, womit Beide einander in seiner Gegenwart liebkosten, sah er wohl, daß es unter ihnen noch zu keiner Erklärung gekommen war, ja, daß sie selbst die Art ihrer Gefühle noch nicht kannten. Das freute ihn, weil er wünschte, Lissow möchte vorher eine feste Lage haben, ehe er Jakobinens Gatte würde. Er suchte auf alle Weise zu verhindern, daß seine Tochter durch nichts zu der Bekanntschaft mit ihren Gefühlen käme. Nie hatte er etwas dagegen, sie mochte so oft und so lange bei Lissow seyn, als sie wollte. Alle Einfälle, auf welche die Liebe das unschuldige Mädchen brachte, billigte er, nannte die zärtlichsten Äußerungen ihrer Leidenschaft für den Jüngling: Freundschaft, Dankbarkeit, Vertrauen; 235 sah nichts, hörte nichts, und wußte dann wieder die beiden Liebenden so fein zu beschäftigen, oder ihre Liebe selbst so zur Quelle ihrer Beschäftigungen zu machen, daß auch Müßiggang sie nicht über ihren Zustand belehren konnte. Auf die Frage seiner Frau: aber, was soll daraus werden? antwortete er immer: »Sey unbekümmert! Die Natur wird nicht schweigen. Laß sie , und die Herzen der beiden jungen Leute sorgen.« Lissow kannte die Liebe; aber, seltsam genug, wußte er dennoch nicht, daß er sie für Jakobinen fühlte. Seine Empfindungen für sie schienen ihm, wenn er ja zuweilen darüber nachdachte, mehr Empfindungen des Wohlthuns, der Menschlichkeit, als der Liebe zu seyn. Er bemerkte noch immer einen Unterschied zwischen seiner Liebe zu Käthen und zu Jakobinen; und dieser Unterschied machte ihn sicher. Im Grunde war das, worauf er sich verließ, nichts weiter als die Achtung für Käthens Rang, die man ihm von Jugend auf beigebracht, und das Sinnliche, das die Schwierigkeiten bei seiner Liebe zu ihr bewirkt hatten. Seine Achtung für Jakobinen war nicht geringer, aber so mit dem Vertrauen zu ihr, mit der Empfindung des Schutzes, den er ihr gab, verschmolzen, daß er sich der Achtung nicht besonders bewußt seyn konnte. Die Liebe zu Jakobinen war in seinem Herzen so leise, so nach und nach entstanden, fand so gänzlich kein Hinderniß, verlor sich so in dem Vertrauen zu ihren Eltern, in den Beschäftigungen, in der Ruhe ihres Lebens, in der Sicherheit, mit der er sich ihres Besitzes bewußt war, in der Zufriedenheit, der 236 unbesorgten, arglosen Unschuld Jakobinens, und besonders in ihrem gemeinschaftlichen Glücke der Gegenwart – daß kein Gedanke an die Zukunft seine Sinnlichkeit rege machen konnte, und daß also auch sein Herz über seine Gefühle unwissend bleiben mußte. Jakobine liebte Lissowen über alle Beschreibung, und war über alle Beschreibung unschuldig. Sie folgte dem Triebe ihres Herzens, ohne irgend etwas dabei zu denken; und dachte sie ja daran, so glaubte sie, Lissowen für alles Gute, das er ihr und ihren Eltern erzeige, noch immer nicht genug zu lieben. Ihre ganze Seele war voll von ihm; alle ihre Gedanken gingen von ihm aus, und kehrten wieder zu ihm zurück. Konnte sie dabei je auf den Gedanken fallen, daß sie Lissowen ausschließend liebe? Dachte sie an ihn , so mußte sie nothwendig auch an ihren Vater, an ihre Mutter denken. Sie sah ja überall sein Bild mit den freundlichen Bildern ihrer Eltern vereinigt; und die Farben des Bildes wurden durch diese Verbindung strahlender, lebendiger. Was konnte sie Arges daraus haben? Sie dachte so unschuldig an Lissow, wie an ihre Geschäfte. Man wird sich nun nicht wundern, daß ich bei Lissows und Jakobinens Liebe nichts von Unruhen, von zärtlichen Zänkereien, Versöhnungen, Eifersucht, wollüstigen Versuchungen und unwahrscheinlichen Siegen über das Herz zu erzählen weiß. Es war die ungekünstelte Liebe zwei schöner Herzen, die keinen Widerstand findet; und die ist immer ruhig. Lissow und Jakobine waren wie zwei Bäume, die nahe an einander aus einem fruchtbaren Boden 237 hervorgesproßt sind: sie haben sich vereinigt; Eine Rinde umschließt sie. Man kann nicht einmal sagen, ihre Zweige sind durcheinander geschlungen; nein, es sind die Zweige Eines Baumes. Ihre Liebe war ein Bach, der zwischen Blumen und Grase auf einer sanften Ebne dahin fließt: kein Steinchen hemmt seinen Lauf; kein Blinken einer hüpfenden Welle verräth sein Daseyn; ohne Geräusch fließt er sanft und ungehört dahin. Kein Schmerz, auch nicht der leichteste, störte die Zufriedenheit ihrer Herzen; nicht Eine heftige Begierde, nicht Eine stürmische Empfindung bewegte ihre Seelen. Was sollten sie begehren? was wünschen? Sie hatten ja alles, was unschuldige Herzen glücklich macht. Die zwei Jahre, welche Käthens Prüfungszeit seyn sollten, waren beinahe verflossen. Der Tag, an welchem Lissow, nach seinem Versprechen, wieder auf das Gut der Frau von Flaming zurückkehren mußte, kam näher. Nun wurde er tiefsinnig, und zuweilen zerstreuet. Alle Möglichkeiten, alles, was während der Zeit mit Käthen vorgefallen seyn könnte, beschäftigte ihn. »Wie?« dachte er; »wenn der Baron unterdessen gestorben wäre! wenn Käthe dein würde, du aber da bleiben solltest!« Er erschrak vor dem Gedanken, Jakobinen zu verlassen, und erklärte das schlechterdings für eine Unmöglichkeit. »Nein, Käthe muß mit nach Berlin! Wie aber, wenn sie nicht will?« Seine Miene wurde finster. »Sie wird wollen, wenn ich ihr sage, wie glücklich wir hier leben, wenn ich ihr von Jakobinen erzähle, von diesem reitzenden, liebenswürdigen Mädchen. O, sie wird wollen! 238 Jakobine wäre ja unglücklich, wenn sie mich nicht mehr hätte; und ich? Nein, Käthe muß mit mir, und wir werden glücklich seyn.« In dem fortgesetzten Laufe dieser und ähnlicher Gedanken mußte er nothwendig einsehen lernen, wie werth ihm Jakobine geworden war, wie innig und wie unzertrennlich fest sein ganzes Herz an ihr hing. Ja, einige Male überraschte ihn sogar die Vorstellung sehr lebhaft, er würde, wenn er zwischen Käthen und Jakobinen zu wählen hätte – Käthen wählen, sagte er laut. Aber da stand, wie hingezaubert, Jakobinens Bild, die edle, schlanke, zarte Figur, vor seiner Seele. Er zitterte vor Scham über das Unrecht, das er Käthen that, und suchte ihr Bild mit Gewalt herbei zu rufen. Sein Herz war zerrissen, als er zu seinem Erstaunen merkte, daß es zwischen Käthen und Jakobinen schwankte; zu gleicher Zeit fühlte er indeß wohl, wie er zu entschuldigen war. »Ich wußte es nicht, daß ich Jakobinen eben so heiß liebe, wie dich, meine Käthe.« Jetzt wußte er es freilich zu seinem tiefen Schmerze. Aber er hielt es nicht für unmöglich, dies Leiden zu ertragen und – treu zu seyn. Ach, nicht seine , nur Jakobinens Wunde schmerzte ihn. »Jakobine!« rief er weinend. »Und dennoch« – er sprang auf – »ich muß fort! Dein Schicksal machte dich unglücklich, Jakobine; nicht ich . O Himmel!« – seine Gedanken wendeten sich auf den Vater –: »sie werden mein Kind unglücklich machen, sagte der redliche Alte. Und ich, gerade ich muß der seyn, der es thut, ich, der ich ihn, der ich sie über alles liebe!« 239 So stürmten tausend Gedanken in seiner Seele. Jetzt, gerade in eben dem Augenblicke, da er Jakobinen verlieren sollte, fühlte er auf einmal seine unbegränzte Liebe zu ihr. Er entschloß sich, sie zu verlieren, oder vielmehr, er verlor sie nur: denn er konnte nicht anders als Käthen treu seyn, weil es recht war. Doch zuweilen hörte er auch die leise Stimme der Hoffnung. »Wenn Käthe«, dachte er, »mich vergessen, wenn Frau von Flaming Recht gehabt hätte!« Aber es schien ihm sogar schon Unrecht, diese Hoffnung auch nur zu denken. Alles, was er konnte, that er: er suchte sein Herz gegen Jakobinens Leiden zu verhärten; er verstopfte sein Ohr gegen ihre Klage. Ich muß! sagte er laut: ich muß! Nun warf er sich gegen vier Uhr ganz angekleidet auf sein Bett, doch ohne nur eine Minute schlafen zu können, weil er Jakobinens Leiden sah, und ihre Klagen hörte. Sein Herz war zerrissen; aber sein Entschluß, recht zu thun, blieb unerschüttert. Am Morgen erschrak Jakobine, als sie ihn bleich und entstellt sah. Er wollte lächeln, und konnte sein Auge nicht auf ihr fest halten. Sie näherte sich langsam, ohne zu fragen, und schien nur mit ihren Blicken in sein Inneres zu dringen. Dann nahm sie seine zitternde Hand, die sich sanft der ihrigen zu entziehen suchte. Sind Sie krank? fragte sie mit zärtlicher, unruhiger Besorgniß, und beugte sich vor ihm nieder, um sein Auge zu sehen, das er nicht aufhob. »Ich bin nicht krank, Jakobine«, hob er langsam an; »aber ... ich muß Sie auf einige Zeit verlassen.« Nun wurde auch Jakobine bleich, und schauerte zusammen; in ihrem Herzen 240 loderte diesen Augenblick die Flamme der Leidenschaft verzehrend auf. Verlassen? sagte sie langsam, mit bebender Stimme. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals, und drückte sein Gesicht an ihr Herz. Verlassen? sagte sie noch einmal, aber nun in dem Tone des bittern Vorwurfs. O was thaten wir Ihnen? rief sie, und ließ ihn los. »Ich muß, Jakobine!« sagte er sanft. »Dies Herz wird davon zerreißen, das fühl' ich; aber ich muß! Meinen Sie, ich würde nur einen Augenblick Sie und mein theuerstes Glück verlassen, wenn ich nicht müßte?« Dabei stiegen Thränen in seine düster flammenden Augen. – Aber wer zwingt Sie? fragte Jakobine furchtsam und mit gebrochener Stimme: wer zwingt Sie? – »Meine Pflicht!« antwortete Lissow mit einem Seufzer. – Pflicht? wiederholte sie zweimal, wendete sich von ihm ab, und fing an laut zu weinen. Auf einmal wendete sie sich heftig wieder zu ihm; ihr Gesicht glühete, ihre Brust flog, ihre Arme zitterten. Lissow! Lissow, ich liebe Sie! jetzt fühl' ich es! Ich liebe Sie mehr als alles auf der Welt. Bedenken Sie, daß ich nicht ohne Sie leben kann! – Sie riß sich gewaltsam aus seinen Armen, die sie umfaßten. Bedenken Sie das! rief sie noch einmal, und ging. »Was ist dir, Jakobine?« fragte der Vater, als sie in das Zimmer trat. Sie zeigte mit wilden Blicken auf die Thür hin, und rief: er will uns verlassen! Aber sagen Sie ihm, o sagen Sie ihm, Vater, daß es mein Tod ist! Gewiß mein Tod, das fühl' ich! – »Wie? verlassen? Lissow? Unmöglich! Dann, dann ...« – Das sagte der Greis mit ungewöhnlicher 241 Heftigkeit und zitternden Lippen. Er beruhigte sieh wieder, ließ sich erzählen, lächelte, und sagte: »sey ruhig, Jakobine; du hast ihn mißverstanden. Gewiß. Ich will zu ihm gehen. Halb und halb weiß ich schon, was es ist: nichts so Schlimmes, als du denkst. Sey ruhig.« Jetzt konnte sich der Vater kaum aus den Armen des wehmüthig frohen Mädchens los machen. Er ging zu Lissow hinüber, der noch, mit einer heimlichen Verzweiflung im Gesichte, auf derselben Stelle saß. Nach und nach drang sich der Vater mit Behutsamkeit in sein Herz, und erfuhr seine Geschichte. Er hatte noch tausend Fragen zu thun, die Lissow aufrichtig beantwortete. »Ja«, sagte er nun; »es ist deine Pflicht, lieber Sohn, uns zu verlassen. Du mußt gehen, und sollte ich auch durch deinen Abschied ein unglücklicher Vater werden. Lieber Sohn, du hast nicht unrecht gehandelt. Aber sieh nun, daß die Natur den Irrthum eben so bestraft, wie das Verbrechen, und oft den Irrthum eines reinen Herzens noch unerbittlicher, als das Verbrechen des Bösewichtes. Du lebtest mit Käthen; und es war natürlich, daß du sie liebtest. Deine Liebe zu ihr schien dir rechtmäßig. Du irrtest; denn die Umstände hatten ein ungeheures Hinderniß zwischen eure Herzen geworfen. Die edle Frau von Flaming belehrte dich über deinen Irrthum, und du folgtest, trotz deiner Leidenschaft, der Pflicht. Du hattest nichts verbrochen, mein Sohn; vielmehr sogar edel gehandelt. Aber dennoch wurdest du unglücklich, und Käthe mit dir. Siehst du, mein Sohn, wenn das einzige Gesetz der Natur Tugend war, so mußte sie nur 242 das Verbrechen mit Strafen belegen, und nicht auch den unwillkürlichen Irrthum. Aber das ewige Gesetz der Natur für den Menschen ist: Wahrheit und Tugend . Wer dieses Gesetz nur im mindesten übertritt, den bestraft die Natur unerbittlich, und sie muß es zum Wohl der Menschheit thun. Du hattest geliebt, Lissow; ein Irrthum in der Liebe hatte dich unglücklich gemacht. Warum dachtest du jetzt nicht über diese Leidenschaft nach? warum fragtest du nicht? So unschuldig bist du jetzt an Jakobinens Thränen nicht, als du an Käthens Thränen warst. Du wußtest nicht, daß du sie liebtest, daß sie dich liebte, sagst du? Ich glaube es, mein Sohn. Aber hättest du die Natur der Liebe untersucht, wie es jetzt deine Pflicht geworden war, so würdest du wenigstens begriffen haben, daß aus Jakobinens vertrautem Umgange mit dir Liebe werden mußte. Du irrtest zum zweiten Male; und nun müssen deine bittersten Thränen, und, ich fürchte, Jakobinens gebrochenes Herz, deinen Irrthum bezahlen. Auch ich, mein Sohn, kannte eure Liebe; allein ich glaubte, du wärest frei, weil du mir nichts von Käthen gesagt hattest. Das hätte ich nicht so fest glauben sollen! Wußte ich nicht, daß tausend Ursachen dich hindern konnten, ganz offen gegen mich zu seyn? Ich irrte, gleich dir, gab Eure Liebe zu, beförderte sie; und jetzt sind Jakobinens Thränen, ihr Unglück, und was daraus Trauriges entstehen kann, die Strafe meines Irrthums, meiner Nachlässigkeit. Lieber Sohn, der Schlag ist geschehen, das Unglück nicht mehr zu ändern. Aber lerne an diesem Beispiele, daß auch der Irrthum dem Gewissen Wunden schlägt. Der 243 Unterschied zwischen Bosheit und Irrthum ist nur der : jene schlägt Wunden, welche selbst die Ewigkeit nicht gänzlich heilen wird; dieser schlägt eben so schmerzende, welche aber ein glücklicher Zufall heilen kann, oder doch gewiß der Tod heilt. Denke dir nun den Fall, daß du Käthen treu findest. Jakobine wird von ihrer Leidenschaft überwältigt (es ist vielleicht die einzige in ihrem Herzen, und darum desto allmächtiger); sie verzehrt sich in Kummer, welkt hin, und stirbt vor Gram! Sage mir, mein Sohn, würde diese Wunde je wieder heilen, so lange du lebtest? Gewiß nicht. Nur erst in den Gefilden der Ewigkeit, wo dir Jakobine glücklich, heiter, entgegen käme, könnten die Folgen schwinden. Lissow rief in schmerzlichem Tone: o Gott! »Aber schon die Zeit kann die Folgen des Irrthums heben. Sieh, du kommst zu Käthen. Ihr ist es eben so gegangen wie dir. Sie hat dich so weit vergessen, daß sie dich aufopfern kann. Du kehrst zurück, und Jakobine wird deine Gattin.« Lissow sprang auf. O Gott! Vater, so wird es seyn! ... Ach, und wenn es nicht so wäre! sagte er still vor sich. »Nun denn, auch wenn es nicht so wäre; du mußt gehen, und deine Pflicht thun, so viel es dir auch kostet. Geh jetzt. Erspare dir und Jakobinen den Schmerz des Abschiedes.« Lissow schluchzte und ließ sich wie ein Opfer von dem Alten führen. Er streckte auf dem Saale noch einmal die Arme gegen die Thür des Zimmers aus, worin Jakobine wohnte. An der ersten Stufe der Treppe schloß ihn der 244 Alte in seine Arme. »Vergiß uns nicht, mein Sohn!« Lissow schwankte die Treppe hinunter, und der Alte ging zu Jakobinen. Grumbach war wirklich nicht so unruhig, wie er in diesem Gespräche scheinen mag. Aus Lissows Erzählung von der Art seines Liebeshandels mit Käthen, und aus dessen Unterredung mit der Frau von Flaming vor seiner Flucht, schloß er sehr richtig, daß Käthens Liebe zu dem Jünglinge wahrscheinlich schon vergangen wäre. Das hätte er Lissowen selbst sagen, und dadurch dem Jüngling einige sehr kummervolle Tage ersparen können: allein er wußte durch Erfahrung, welche Stärke das Herz und die Vernunft aus schweren Opfern, die der Mensch der Tugend bringt, gewinnen kann; und überdies wollte er den Jüngling die bittern Folgen seines Irrthums einige Tage fühlen lassen: darum ließ er ihn ohne Trost und ohne Hoffnung. Grumbach war ein seltsamer Mann. Mit keinem Grundsatze hielt er öfter und hitziger gegen jeden, der mit ihm darüber streiten wollte, auf dem Plane, als mit dem: Irrthum und Aberglaube, Unwissenheit und Unbedachtsamkeit sind eben so arge Ungeheuer und Menschenquäler, als Bosheit und Laster. Er war völlig überzeugt, daß die Vorsehung den Irrthum eben so schwer, und oft noch schwerer bestrafe, als das Laster. Daher nannte er Vernunft die einzige Tugend des Menschen, und alle guten Eigenschaften ohne Vernunft gebrechliches Stückwerk. Das: lerne dich selbst kennen! galt ihm über alles. Er meinte, diese Überschrift habe nothwendig an den Tempel des weisesten aller 245 Götter, der in die Zukunft sehen konnte, gehört; und dabei hielt der seltsame Alte es dennoch für eine Thorheit, wenn man den jungen Leuten in einer schulmäßigen Ordnung die Leidenschaften des Herzens zerlegte, die Tugenden, die Verstandeskräfte zergliederte. Das wäre, meinte er, als wollte ich einen in der Gartenkunst unterrichten, nähme ihn auf mein enges Stübchen, von wo er nicht einen Grashalm sehen könnte, und lehrte ihn nun, wo er Wälder, wo er Wiese, wo er Wasserfälle anlegen müßte, damit ein schönes Ganze entstände. Nein, sagte er, an Ort und Stelle muß ich das zeigen. Da nehme ich den Schüler mit in eine reitzende Gegend, lasse ihn selbst die Winke der Natur aufsuchen, die sie überall giebt, lasse ihn seine eigene Empfindung zu Rathe ziehen, die noch einmal so deutlich spricht, als die besten Gartenbücher. Und eben der Fall ist es mit der Menschenkenntniß. So war seine Jakobine erzogen. Von der Liebe hatte er nie mit ihr geredet; denn er meinte, sie bedürfe das noch nicht, da er ja bei ihr sey. Jetzt aber benutzte er die Gelegenheit, seine Tochter mit ihrem Herzen bekannt zu machen. Er gab ihr mit einem ziemlich beruhigenden Gesichte den Schlüssel zu Lissows Zimmer, und sagte: »Jakobine, du sollst diesen Schlüssel aufheben, bis Lissow wieder kommt. Er muß uns auf einige Tage verlassen. Ich soll dich von ihm grüßen. Abschied wollte er nicht von dir nehmen, um sich und dir den Schmerz zu ersparen.« Jakobine wurde bleich, und fing dann an zu jammern. Aber warum? warum, lieber Vater? Das fragte sie unaufhörlich. – »So bald du ruhiger bist«, 246 antwortete er, »werde ich es dir sagen. Jetzt, liebe Jakobine, ist dein Schmerz zu groß, als daß du mir zuhören und nachdenken könntest.« – Liebster Vater, ich bin ruhig. – »So? Nun, das beweise mir. Da liegen ja Lissows Rechnungen noch unvollendet. Geh, mache sie fertig. Auch läßt er dich bitten, Jakobine: wenn du ihn lieb hättest, so möchtest du die Paar Tage, die er abwesend wäre, für ihn arbeiten; er wollte dann sein Lebelang für dich arbeiten.« – Aber warum, lieber Vater, mußte er fort? – »Wie ich sage, mach die Rechnungen fertig, so seh' ich, daß du ruhig genug bist, mich zu verstehen.« Wenigstens heute konnte sie unmöglich rechnen; aber doch war der Vater nicht anders zu bewegen. Jakobine setzte sich zu der Arbeit; und, so schwer es ihr auch wurde – sie vollendete die Rechnungen, und brachte sie dem Vater. »Ist es möglich, Jakobine? du hast die Stärke gehabt?« Er blätterte die Rechnungen durch; dann küßte er Jakobinen, und sagte heiter: »ich habe eine Tochter, die den Schmerz zu überwinden weiß.« Aber nun, mein Vater: warum ...? »Sogleich, mein Kind. Zuvor etwas, das mich und dich näher angeht. Die Rechnungen sind fertig; und doch war dein Herz von allen Seiten bestürmt. Du hast Liebe, Kummer, Verzweiflung überwunden; denn das mußtest du, um so etwas rechnen zu können. Sage mir, Jakobine, wie fingst du das an? wie war dir das möglich? Hast du wohl auf deinen inneren Zustand Acht gehabt? Wie wurdest du so ruhig, das zu können?« 247 Ach, lieber Vater, ich konnte es: das ist alles, was ich weiß; ich konnte es, um endlich zu erfahren, warum Lissow ... – »Nun, so erinnere dich wenigstens an alles, was du noch wissen kannst. Ich will versuchen, dir deinen Zustand deutlich zu machen. Du ...« Ach, bester Vater, reißen Sie mich nur erst aus der quälenden Ungewißheit, warum Lissow ... – »Liebes Kind, war nicht immer, was ich that, dein Bestes? Eben mein Gespräch mit dir soll deine fürchterliche Ungewißheit endigen und dir die schönsten Hoffnungen geben. Nimm alle deine Besinnungskraft zusammen. Deine Empfindung war der tiefste Schmerz, der, wenn er fortdauerte, dir schlechterdings nicht erlaubte, die Rechnungen zu machen. Sie sind gemacht; der Schmerz hat also aufgehört. Weshalb? Du wünschtest zu wissen, warum Lissow uns verlassen habe. Wenn du es erfahren wolltest, so mußtest du nothwendig die Rechnungen vollenden, und also ruhig werden. Das überlegtest du. Dann nahmst du dir fest vor, deinen Schmerz so lange zu überwinden, bis die Arbeit gethan wäre: nicht wahr? Nun, antworte mir, liebe Jakobine. Hast du jetzt nicht die Erfahrung gemacht, daß der Mensch, wenn er gehörig überlegt, nachdenkt, und dann sich fest entschließt, jede, auch noch so gewaltige, Empfindung besiegen kann? Antworte mir! Aber ruhig!« Jakobinens Herz schlug ungestüm; allein sie faßte sich. Ihr Vater wiederholte, was er gesagt hatte; und sie antwortete: ja, ich glaube, es ist auf diese Art möglich. 248 »Und was machte es möglich? Denke nach, mein Kind. Ein bloßer Wunsch, etwas zu wissen. Wie? wenn nun die Tugend, die Pflicht, die Vernunft von dir gefordert hätten, deinen Schmerz zu mäßigen? Was meinst du? hättest du es auch dann gekonnt? Setze den Fall, Lissow wäre weggereist, weil er gemerkt hätte, daß er dich mehr liebte, als er durfte; setze den Fall, er hätte seine Liebe einem andern Mädchen versprochen, ehe er dich kennen lernte. Jetzt fühlte er, daß er dich liebte, und dich fliehen müßte, um seinem Worte und seiner Pflicht treu zu bleiben. Nun stände er hier vor dir, wollte gehen, und könnte nicht; denn er sähe deinen Schmerz, deine Verzweiflung. Er entschlösse sich, lieber die Tugend, die Pflicht, das Recht zu verlassen, als dich. Jakobine, setze den Fall. Du hast nun die Erfahrung gemacht, daß Schmerz und Verzweiflung sich überwinden lassen, wenn man muß und will. Jakobine, würdest du auch in diesem Falle deinen Schmerz überwinden, und zu Lissow, wenn er hier wäre, sagen können: geh! thue, was recht ist; ich werde ruhig seyn?« Jakobine wurde bleich, und bebte. Der Vater wiederholte die Frage. Sie antwortete leise: ich würde es sagen, und sterben! – »Sterben!« sagte der Vater ernst: »sterben, und mit deinem Tode dem Jünglinge, der dich über alles liebte, nur nicht mehr als die Tugend, einen siebenfachen Dolch in die Seele drücken, ihn für seine Liebe mit Gram, für seine Tugend mit dem Tode lohnen, da es doch in deiner Gewalt stand, den Kummer, die Verzweiflung zu besiegen, und der 249 wohlthätigen Zeit die völlige Heilung der Wunde anzuvertrauen! ... Ich will nicht erst von deinen Eltern reden; denn wer aus Bequemlichkeit nicht einmal des Geliebten schont, der wird noch weniger der Eltern schonen. – Jakobine, wie würdest du handeln?« Sie warf sich in seine Arme. O, sagen Sie es nur heraus: er hat mich auf immer verlassen; er floh mich, weil er ein anderes Mädchen liebt; er ist für mich verloren. O Gott! und ich soll nicht eine Thräne um ihn vergießen? ich soll mich freuen, daß er weg ist, daß ich unglücklich bin? O, was soll ich noch hören, ohne klagen zu dürfen!« Der Vater sah ihr schweigend und ernst ins Gesicht. »Jakobine, hab' ich das gesagt? Weißt du auch, was du sprichst? Klagen ist das geheiligte Vorrecht des Unglücklichen. Wie sollte die schönste Tugend, das Mitleiden, entstehen, wenn wir nicht klagen dürften? Klage, mein Kind, vergieß Thränen; aber stoß nicht muthwillig Hülfe, Trost und Hoffnung zurück, welche die Vernunft dir beut. Besiege den stillen Kummer nicht, nicht die sanfte Wehmuth: sie sind die Zeichen des fühlenden Menschen; aber besiege die Verzweiflung; denn die ist Strafe des Verbrechens, oder das Zeichen der Thorheit. Sage mir: worüber jammerst du jetzt? warum ringst du die Hände?« Ach, soll ich nicht klagen, daß ich ihn auf immer verloren habe? »Jakobine, ich sagte: setze den Fall. Woher weißt du denn, daß Lissow für dich verloren ist?« Sie sah ihn an, als ob sie die Bestätigung der Worte in 250 seinen Augen lesen wollte. Er lächelte ruhig. »Ich sage dir ja, es ist wahrscheinlich, daß er in einigen Tagen wieder hier seyn wird. Mit diesen Worten gab ich dir den Schlüssel zu seinem Zimmer.« Aber warum mußte er uns verlassen, mein Vater? warum ...? »Das sollst du erfahren, sobald du ruhig bist. Ich mag nicht gern eine edle That jemanden erzählen, der nur halb zuhört.« Jetzt sammelte Jakobine ihre Kräfte. Der Vater fing aufs neue an zu untersuchen, in wie fern und auf welche Art der Mensch seine Leidenschaften unterdrücken könne und müsse. Das Alles wendete er auf den vorliegenden Fall an. Dann untersuchte er mit Jakobinen das Wesen der Liebe; zeigte ihr, wie diese Leidenschaft bei ihr entstanden sey, auf wie mancherlei Weise sie entstehen könne; lehrte sie den Unterschied der Liebe, die aus Eitelkeit, Sinnlichkeit, Selbstsucht, langer Weile, Gewohnheit, oder aus Tugend und Schönheit entspringt; und sagte ihr dann, wie Liebe vergeht, wodurch sie stockt, und durch welche Mittel sie, wenn sie auch noch so heiß ist, sich mäßigen läßt. »Hat dir«, fing er dann auf einmal an, »Lissow niemals etwas von seiner ersten Liebe zu einem sehr hübschen Mädchen gesagt?« Er erzählte nun Jakobinen, wie Lissows Liebe zu Käthen entstanden wäre; und dann setzte er lächelnd hinzu: diese Liebe, die Lissow für ewig gehalten habe, sey, ohne daß er es gemerkt, durch den Umgang mit einer Andern nach und nach verschwunden. Zum zweiten 251 Male machte er nun seine Tochter aufmerksam darauf, daß der Mensch, wenn er die rechten Mittel gebrauche, Herr über seine Leidenschaften werde. Jakobine brach, so bald sie konnte, von diesem Gespräche ab, und fragte nach den näheren Umständen von Lissows Liebe zu Käthen. Sie erfuhr alles, doch nur als eine längst vergangene Geschichte, und zuletzt auch, daß Lissow Käthen verlassen habe, um seine Pflicht zu thun. – Und hat er sie denn nachher nie wieder gesehen? fragte Jakobinen nun. »Er hatte der Frau von Flaming versprochen, nach zwei Jahren wiederzukommen, um zu hören, ob ihm Käthe noch treu sey.« Nun? ging er denn nach zwei Jahren? »Kannst du so fragen, Jakobine, wenn davon die Rede ist, ob Lissow ein heilig gegebenes Versprechen halten wird, oder nicht! Es ließ sich vermuthen, Käthe würde ihn in den zwei Jahren gänzlich, oder doch so weit vergessen haben, daß sie keine Ansprüche mehr auf die Verbindung mit ihm machte, die ihren Verwandten so zuwider war, und die Lissowen ohne Zweifel der Rache des Barons ausgesetzt hätte. Allein das war nur Vermuthung, und Lissow hatte versprochen zu kommen, um zu erfahren, ob Käthe noch Ansprüche auf seine Hand mache, oder nicht.« Er ging also, lieber Vater? fragte Jakobine. (Sie dachte noch gar nicht, daß von der jetzigen Zeit die Rede war.) »Ja, meine Tochter, er ging, weil er mußte, und ging, – ohne Abschied von dir zu nehmen, weil er Standhaftigkeit zu 252 dieser Reise brauchte, und die Standhaftigkeit wünschte.« Bei diesen Worten stand Grumbach auf, küßte seine Tochter, und ließ sie allein. Vater, sagte Jakobine nach einer Stunde furchtsam, ist es unrecht, wenn ich wünsche, daß Käthe dem Verlangen ihrer Verwandten Gehör gegeben habe? – »Unrecht? Jakobine, du wünschest ja nur, daß Käthe vernünftig gewesen seyn möchte. Freilich thust du es aus einer Nebenabsicht; aber laß das. Glaubst du, daß Käthe das thun müßte, und thun könnte?« – O gewiß, sagte Jakobine. – Der Vater lächelte. »Nun, du glaubst weiter nichts, als daß man vernünftig seyn muß und kann. Wie aber, wenn Käthe nun die Forderung der Vernunft nicht erfüllt hätte? ... Dann würde ich von dir fordern, zu thun, was sie nicht thun wollte; und du, Jakobine?« Sie warf sich ihrem Vater in die Arme. Ich, sagte sie mit sanftem Weinen, ich würde klagen, weil ich unglücklich wäre; aber meines Vaters Rath würde mich vor Verzweiflung bewahren. »Nein, mein Kind«, sagte der Alte freudig; »du bedarfst jetzt deines Vaters nicht mehr. Du hast gezeigt, daß du deinen Kummer besiegen kannst, und würdest es wieder zeigen, wenn es nöthig wäre. Jetzt, liebe Jakobine, hast du meine Vatersorgen belohnt; ich nenne dich mit Stolz meine Tochter. Komm, mein Kind! Lissow thut seine Pflicht; laß uns die unsrige thun. Wir wollen für ihn arbeiten; arbeitete er doch so lange für uns!« Er setzte sich mit Jakobinen an den Schreibtisch, und diktirte ihr. Während des Schreibens rollte noch manche Thräne über ihre Wange; 253 aber endlich wurde ihr Auge trocken. Die Abende saß ihr Vater bei ihr, und hörte sie klagen, oder erzählte von Lissow und seiner Güte. Ihr Herz zerschmolz dann in Thränen, aber in Thränen einer süßen Wehmuth und der befriedigten Tugend. Lissow hatte unterdessen mit eben so wundem Herzen Berlin verlassen, und wanderte nun den Weg nach dem Gute des Barons. In dem Dorfe gab er sich einen andern Nahmen, und konnte das ganz sicher thun, da der Kummer ihn hinlänglich verstellt hatte. Er zitterte in dem Hause, wo er abgetreten war, so oft der Nahme Flaming genannt wurde. Schon den ersten Tag öffnete er wohl hundertmal die Lippen, um nach Käthen zu fragen, und immer verschloß er sie wieder. Er fürchtete zu hören, daß sie jammere und sich in Kummer verzehre. Endlich am dritten Tage, als er gegen Abend ein wenig um das Dorf gegangen war, sagte er zu seiner Wirthin zitternd: da begegnete mir heute Abend eine junge schöne Dame (er beschrieb Käthen sehr deutlich); war das etwa die Frau von Flaming, die sie immer so lobt? »Nein«, antwortete die Bäuerin; »das war Fräulein Käthe:« – er erblaßte – »eine Verwandte der gnädigen Frau. Ach, die hat ein Engelherz. Gott gebe ihr Glück! Sie ist jetzt Braut.« Braut? rief Lissow, und stellte sich mit glühendem Gesichte vor die Frau hin: Braut? war denn das ihr Bräutigam, der mit ihr ging? – »Ja wohl! Ein junger bildschöner Mann, ein Herr von Graßheim. O, sie sind immer zusammen. Das ist eine Liebe, ein Schönthun, eine Herzlichkeit unter den Beiden! Ja, sie war recht herunter, vor zwei Jahren, das 254 arme Kind. Blaß wie Papier, und krank, und mager, und sie konnte keinen Menschen ansehen ohne Thränen. Da war so eine Geschichte mit unserm jungen Herrn Quinctius, eine wunderliche Geschichte. Man kann nicht recht klug daraus werden. Sie wollte erst den jungen Herrn heirathen, und dann wieder nicht, als der Pastor schon da war, sie zu trauen. Man sagt, er soll es ihr angethan haben, mit einem Zopf Haare, den er ihr des Nachts vom Kopfe geschnitten hat, und mit einem kleinen Zauberbuche, worin das steht. Die Kammerjungfern haben lange nach dem Buche getrachtet; aber der Herr Informator hat es verbrannt. Und wie der Herr Pastor nun sagt: im Nahmen des dreieinigen Gottes; da ist auf einmal der Zauber vorbei, und sie will den jungen Herrn nicht. Und darum hat sich auch der junge Herr nicht wollen trauen lassen, sondern ist den Tag vor der Trauung mit ihr davon gelaufen. Aber der alte Herr Baron haschte sie auf. Wie ich sage, da war sie recht herunter. Sie weinte und jammerte, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Zwar hieß es einmal, sie hielte es mit des seligen Pastors Sohn. Aber der lief davon in die Welt, und hat sich nicht wieder sehen lassen. Nehmlich sie hatten einmal eine Prozession an des Herrn Barons Geburtstage, und Fräulein Käthe war die Jungfer Maria, und saß auf einem Wagen mit vier weißen Pferden. Da gingen die Pferde mit ihr durch, und der junge Mensch hat sie gerettet. Seitdem soll sie ihn so lieb gehabt haben. Genug, man kann nicht recht dahinter kommen. Jetzt ist sie nun Braut, und alles ist vergessen.« 255 So erzählte die Bäuerin fort. Als dann der Mann und noch einige Nachbarinnen dazu kamen, hörte Lissow auch von ihnen, daß Käthe ihren Bräutigam von Herzen lieb habe, daß die Hochzeit in ein Paar Tagen seyn werde, und so weiter. Er schrieb nun den Abend seinen Brief an die Frau von Flaming. Mittags brachte er ihn selbst dem Gärtnerburschen. Auf der Stelle, wo er Käthen an jenem Geburtstage in seinen Armen gehalten hatte, setzte er sich einen Augenblick, und sagte mit Kopfschütteln: o, wie ist doch alles so vergänglich! Hätte ich es je glauben sollen, daß wir, Käthe und ich, aufhören könnten, einander zu lieben? Was ist denn auf der Erde unvergänglich, wenn es die Liebe nicht ist? Und, Jakobine! sagte er, die Augen gen Himmel gerichtet: bist auch du veränderlich? ist auch deine Liebe vergänglich? Was würde Lissow gesagt haben, wenn er gewußt hätte, daß beinahe in eben dem Augenblicke, da er auf der Rasenbank im Garten saß, und über die Vergänglichkeit dachte, Käthe neben Graßheim vor dem Prediger stand und getrauet wurde! Er sprang auf, und eilte rasch fort, seiner Liebe, seiner Jakobine entgegen. Während Lissow mit Seufzern der Sehnsucht den Weg nach Berlin zurück ging, war das Haus des Barons voll lauter Freude. Die jungen Eheleute machten dann ihre Besuche bei dem umliegenden Adel, und endlich verließen sie das Gut des Barons, um nach Berlin zu reisen. Der Baron studierte jetzt sehr fleißig die Geschichte der Kreuzzüge. Er würde noch in seinem Alter das Latein 256 gelernt haben, wenn er gewußt hätte, daß unter Beyers alten Folianten die Gesta Dei per Francos befindlich waren. Aber, er kannte den Schatz nicht, der in den Ringmauern seines Hauses lag, und mußte sich überwinden, Joinville's Leben des heiligen Ludwig kommen zu lassen, welches ihm Graßheim als das einzige Buch über die Kreuzzüge, und über die adeligen Familien, die sie mitgemacht haben, zu empfehlen wußte. »Da muß ich doch«, sagte er vor sich, »den Ärger haben, ein Französisches Buch in meinem Hause zu wissen! Was soll ich armer Mann aber machen!« Er brachte es, sobald es angekommen war, mit einem höchst beschämten Gesichte seiner Frau, und riegelte vorsichtig die Thür hinter sich zu. »Höre, Ronichen«, fing er traurig an: »die Welt ist voll von Unglücksfällen; aber, was nicht zu ändern steht, da hilft kein Klagen und Jammern.« – Mein Gott! rief die Frau von Flaming: was ist denn vorgefallen? Ich bitte dich, sprich! – »Da hast du's!« sagte er, und reichte ihr das Buch hin. »Du weißt, ich kann das verwünschte Französische nicht leiden; und nun sehe ich mich doch endlich durch die Noth gezwungen, ein Französisches Buch ins Haus zu bringen. Ich bitte dich aber, Ronichen, sag es keinem Menschen! Du sollst mir das Buch hier ein wenig vorlesen; und habe ich die Familien erst heraus, dann wollen wir es verbrennen. Du kannst ja Französisch. Die Thür ist verriegelt.« Frau von Flaming sah nun ganz ohne ihr Zuthun einen schon lange von ihr genährten Wunsch erfüllt. Sie hatte alle mögliche List angewendet, ihren Mann zu bewegen, daß er 257 Quinctius Französisch lernen ließe; allein in diesem Punkte war er immer unerschütterlich gewesen. Jetzt nahm sie das Buch lächelnd, und las einige Zeilen, konnte aber nichts Verständliches hervorbringen. Theils machte ihr das Altfranzösische in der That zu viele Mühe; Theils wollte sie absichtlich nichts verstehen. Sie erklärte ihrem Manne, daß sie das Buch nicht verstände. Das half Anfangs nicht. Sie mußte übersetzen, was sie konnte, und der Baron suchte dann mit großer Geduld Sinn hinein zu rathen. Aber bald sah man, daß es nicht ging. Der Baron schüttelte traurig den Kopf. »Ja, es ist ein Unglück!« Er sah betrübt in das Buch. »Und Graßheim sagte, es gebe kein anderes Buch in der Welt, das von den Kreuzzügen handle.« Nun spielte die Frau von Flaming leise darauf an, daß Quinctius ja mit geringer Mühe Französisch lernen könnte; aber dazu hatte der Baron keine Ohren. »Das ist nichts, Ronichen! Hat denn der Junge nicht so schon den Kopf voll dummes Zeuges? Nun denke einmal, wenn er noch obendrein Französisch wüßte! Die Französischen Bücher stecken voll von dummen Dingen. Nichts, nichts! Er soll es nicht lernen, und wenn ich hieraus niemals einen Buchstaben erfahren sollte, so gern ich es auch möchte!« – Aber, lieber Mann, fragte die Frau von Flaming, die während dessen im Joinville geblättert hatte: sage mir doch, was ist denn die Oriflamme? – »Das will ich dir sagen, Ronichen. Es war das Panier der Könige von Frankreich, das sie in der Schlacht trugen. Steht etwas davon im Buche?« – O ja, antwortete sie treuherzig (sie wußte, wie sehr ihn nach 258 einem Buche verlangte, worin der Ritteranzug genau beschrieben war); o ja, hier steht ein ganzer Ritteranzug vom Kopf bis auf die Füße. – »Wo denn, Ronichen? wo denn? Lies doch einmal!« – Ja, davon versteh' ich nichts, lieber Mann. – »Sollte man sich nicht ärgern, Ronichen? Sieh, die Gelehrten, da lassen sie Bücher drucken von allem Plunder in der Welt, und Kupfer dabei, daß einem das Auge im Kopfe lacht. Aber was ist es? Schmetterlinge, oder Bilder von Hirschen und Elephanten und Papageien, und wie die Wilden in Amerika aussehen. Das wissen sie; aber was doch Kaiser und Reich angeht (du weißt, die Ritterschaft ist unter dem Reiche mit verstanden), von der Kleidung der alten Ritter, davon nicht ein Wort. Sieh, da frag' ich Beyern neulich, was denn ein Morgenstern gewesen wäre. Ich wußte es nun wohl so ungefähr. Die alten Ritter schlugen sich damit in den Schlachten die Köpfe zu Schande. Nun will ich es aber gern genau wissen, und frage Beyern darum. Der steht da, und spricht von der Venus und solchem Zeuge mehr, und sagt: des Morgens hieße so ein Ding Lucifer, das ist der leidige Teufel. Er will mir schlechterdings nicht glauben, daß der Morgenstern ein ander Ding gewesen ist, als der Gott sey bei uns. Sieh, da lassen sie in die Kalender hinein setzen von dem Schafdünger, von der Witterung, und so weiter. Gehört das dahin? O, wenn doch einmal ein Mann käme, und ließe so von alten Rittergeschichten in die Kalender setzen, zum Exempel, was ein Morgenstern für ein Ding gewesen ist, oder, was mir Graßheim sagte, woher das Wort Seigneur kommt. Das wäre so 259 recht für die Zeit! ... Also da steht es, Ronichen, was die Ritter getragen haben? ... Höre, Quinctius soll doch Französisch lernen. Aber lesen soll er weiter nichts, als dieses Buch; das sag' ich dir voraus.« Sogleich wurde an Graßheim geschrieben: er möchte aus Berlin einen Französischen Sprachmeister schicken. Der Sprachmeister kam an, und erhielt eine doppelte Instruktion, von dem Baron und seiner Gattin. Der Joinville lag zwar immer auf dem Tische; man las aber auch andere Bücher. Quinctius trieb die neue Sprache mit eisernem Fleiße. Sein Gedächtniß half ihm bald vorwärts, und er machte dem Vater in Kurzem die Freude, ihm ganze Stellen aus dem Joinville Deutsch vorzulesen. Der Sprachmeister las mit ihm Übersetzungen der Alten; heimlich aber, ohne Wissen der Mutter, welche Romane gänzlich untersagt hatte, gab er seinem Schüler dennoch dergleichen in die Hände. Quinctius' reitzbare Phantasie fand Geschmack an dieser Lektüre, und er las jede Stunde, die er allein seyn konnte, alle Romane, die sein Sprachmeister ihm zu verschaffen wußte. Kein Buch gefiel ihm aber mehr, als das glückliche Gärtnermädchen. Es zog alle seine Aufmerksamkeit auf sich, weil er sich in dem Buche so ganz wieder fand. Ein junger Marquis, ein Jüngling von großen Talenten, will alles sich selbst verdanken, nichts von Andern, nichts von dem Glücke nehmen, und schlägt die größten Stellen aus, die ihm der Hof und das Ansehen seines Vaters versprechen. Er liebt die reitzende Tochter des Gärtners in seines Vaters 260 Hause; und das Mädchen liebt ihn. Aber, als er um ihre Hand bittet, sagt sie: nicht eher, als bis Sie nichts mehr von dem Glücke besitzen, das Ihnen Ihre Geburt gegeben hat. Der junge Mensch ist von dem stolzen Gedanken seiner Geliebten bezaubert, nimmt unter einem fremden Nahmen Dienste als gemeiner Soldat, schwingt sich in die Höhe, wird von dem Könige geadelt, und heirathet, trotz allen Hindernissen seiner Familie, endlich seine schöne Therese. Er behält seinen erworbnen Adel, weil er den ererbten verachtet, giebt die Familiengüter seiner Schwester, und erwirbt sich neue. Endlich, als er Vater und Schwester, Schwager und Familie rettet, und sie mit sich aussöhnt, schlägt er stolz an seine Brust, und sagt: seht! alles was ich habe, ist mein, von mir erworben! Nichts danke ich der Geburt, dem Glücke, irgend einem Menschen. Ich habe mich und mein Weib geadelt, mich reich gemacht; ich bin das, was mein Ahnherr war: der Erste meines Geschlechtes; und wehe dem Manne, der weniger seyn mag! Dieser stolze, edle Jüngling schwebte Quinctius im Wachen und Schlafen vor. Oft stand er in einer Ecke des Zimmers, und träumte von seinem Marquis. Auf einmal murmelte er: »und wehe dem Manne, der weniger seyn mag!« Quinctius mußte bei der Erziehung, die er bekam, nothwendig einen übermäßigen Werth auf den Adel legen. Auch sprach er beinahe ebenso oft von seinen Ahnen, wie sein Vater; nur mit dem Unterschiede: dieser nannte die Nahmen seiner Ahnen her, Quinctius aber ihre Thaten , und 261 wollte sie an denen übertreffen. Bei dem allen brüstete sich Quinctius aber nicht selten damit, daß er von dem großen Cincinnatus abstamme. Durch seinen Lieblingsroman erlitt indeß seine Denkungsart eine gänzliche Veränderung. Er antwortete seinem Vater nicht mehr, wenn der ihn an die Menge und das Alter seiner Ahnen erinnerte; ja, er warf wohl die Nase dabei auf. Einmal, als sein Vater von dem Glücke sprach, einen solchen Stammbaum zu besitzen, sagte er sogar: hm! ich möchte doch lieber der Erste eines Stammbaumes seyn, als der Hundertste. – »Wie? was schwatzt der Bursche einmal wieder?« rief der Baron verdrießlich. – Lieber Vater, sagte Quinctius mit Stolz, es ist doch mehr Verdienst dabei, einen Stammbaum anzufangen, als ihn zu erben. Ein Flaming ist mein Vater: das ist Ihr Verdienst, und nicht das meinige. Der Stammbaum jagt mir, wenn ich ihn ansehe, allemal eine Schamröthe ab, daß ich noch so wenig gethan habe, um meinen Nahmen mit Ehren hinein schreiben zu können. »Nun, wer hindert dich denn? Aber, Quinctius, sey kein Narr, und werde nicht etwa Soldat! Wir haben den Adel nun einmal, und das Blut der alten Quinctier fließt in unsern Adern. Das Blut, mein Sohn, das ist es; das ehrt man in uns.« Und nicht meinen Geist, nicht meine Thaten? O pfui! So wollte ich lieber, ein Besenbinder wäre mein Stammvater gewesen; so – »Hölle und Teufel!« rief der Baron wüthend, und warf mit Ungestüm dem Philosophen Rüxners Turnierbuch nach dem Kopfe. »Ein Besenbinder, du elender Bube? Was wärst 262 du denn, du ungerathener Mensch? Nichts mehr als auch ein Besenbinder, der seine Besen so närrisch bände, daß er nicht Einen verkaufte: das wärst du! Was hast du denn gethan? sprich! Was sind denn deine Thaten? Ein Haarzopf, den du einem Mädchen abgeschnitten hast; ein Buch weißes Papier, mit einem närrischen Titel, in das du schriebst: ich bin a dato meinen Eltern weggelaufen; und deine tolle Liebe zu Graßheim – meinst du, dafür gäbe man Adelsbriefe? – Das konnte der Baron ihm lange nicht vergeben. Quinctius dachte: du sollst wohl noch sehen, daß ich der Erste eines neuen Stammes seyn werde! In der That fing er nun an, darüber nachzudenken, wie er in die Fußstapfen seines Helden treten könnte. Er machte tausend Plane, und ließ darüber einen Tag nach dem andern vergehen; doch in Einem Stücke befolgte er sehr rasch das Beispiel seines Helden. Die Tochter des Schulmeisters im Dorfe, ein sehr hübsches, artiges und gewandtes Mädchen, war in der Stadt bei einer Verwandtin erzogen, und erst nach deren Tode wieder zu ihrem Vater auf das Land gekommen. Sie wurde zuweilen von der Frau von Flaming bei feinen Nähtereien gebraucht. Quinctius hatte sie mehrere Male gesehen, ohne Acht auf sie zu geben. Jetzt aber, da ihn der Roman so sehr beschäftigte, sagte seine Mutter einmal in seiner Gegenwart: Schulmeisters Marie ist sehr hübsch und artig. Ich habe noch nie ein Mädchen von ihrem Stande gesehen, das ein so feines Gefühl des Schicklichen und des Unschicklichen gehabt hätte. – So wie Quinctius das hörte, stand 263 sogleich Therese lebendig vor ihm da, und er ging auf das Zimmer, wo Marie saß und arbeitete. Jetzt bemerkte er zum ersten Male, daß Mariens Figur edel und schlank, ihr Fuß schön und nett, ihre Hand weiß und zart, ihr Auge feurig und sprechend, ihr Mund klein und reitzend war. Er nahm ein Buch, setzte sich, und betrachtete sie von der Seite. Sie merkte es, und erröthete. Er ging, kam wieder, und heftete sein Auge immer auf Marien; doch hatte er nicht Dreistigkeit genug, sie anzureden. So währte es die zwei Tage fort, welche Marie im Hause blieb. Als sie ihre Arbeit vollendet hatte, kehrte sie zu ihrem Vater zurück. Schon eine Stunde nachher ging der junge Herr vor dem Fenster vorüber, an welchem sie nähete, und grüßte sehr höflich. Nicht lange, so kam er wieder, und sie hörte ihn mit ihrem Vater reden. »Wohnt Er denn gut, Schulmeister?« fragte Quinctius. – Wollen Ihr Gnaden mein Häuschen einmal ansehen? – Quinctius kam herein, und Marie erröthete. Er erkundigte sich nach des Schulmeisters Bienenzucht, und Marie mußte dem jungen Herrn Honig holen. Endlich redete er sie auch an, und sie konnte vor Erröthen kaum eine Sylbe sagen. Der Schulmeister mußte läuten; Quinctius blieb bei seiner Tochter. Er setzte sich neben sie, und betrachtete sie immer, ohne viel zu sprechen; sie konnte die Nadel kaum halten. Er ergriff ihre Hand; sie zog sie zurück. »Schade«, sagte Quinctius, »daß diese schöne Hand bestimmt seyn soll, für Brot zu arbeiten!« – Das ist mein Loos nun einmal, erwiederte Marie, und zog ihre Hand wieder weg. – 264 »Marie, Sie fühlen einen besseren Geist in Sich, als daß Sie ihn zu den Arbeiten einer gewöhnlichen Haushaltung verdammen sollten. Man darf Sie nur sehen, um zu wissen, wie fein Sie denken und fühlen. Nein, das ist Ihr Loos nicht.« – Marie schwieg, und sah ihn bisweilen unbemerkt von der Seite an. Der Vater kam endlich zurück. Quinctius ging nun mit der festen Überzeugung, daß er Marien über alles liebe. »O«, dachte er; »wie fein, wie zart, wie jungfräulich! So oft ich sprach, war ihr Gesicht von holder Schamröthe bedeckt. Sie fühlt gewiß, daß ich sie liebe.« Marie war wirklich ein feines, und auch ein züchtiges Mädchen. Sie merkte, daß sie Eindruck auf Quinctius gemacht hatte, war aber entschlossen, ihn abzuweisen: denn, dachte sie, was kann er wollen? Indeß schmeichelte es ihr doch, und sie lachte in sich, daß sie ihn so oft vor ihrem Hause vorüber gehen sah. Sie zog jetzt die kleine Gardine vor ihrem Fenster zu, aber, wenn er etwa allzu lange ausblieb, wieder auf, weil sie fürchtete, daß er glauben möchte, sie wäre nicht zu Hause. Sprach ihr Vater von der Gnade, die der junge Herr auf ihn geworfen hätte, so lachte sie zuweilen halb laut; und ging sie jetzt nach dem adeligen Hofe, so putzte sie sich noch einmal so gut, als ehemals. Quinctius bemerkte das sehr wohl, und Mariens Eitelkeit schien ihm der Anfang einer romantischen Liebe. Ihre Reitze fingen nun an, wenigstens eben so starken Eindruck auf seine Sinne zu machen, als sein Plan auf seine Phantasie. Er suchte Gelegenheiten, Marien zu sprechen, und entdeckte ihr sehr bald seine Leidenschaft. 265 Sie machte Scherz daraus; er drang aber in sie, und bot ihr unter solchen Betheurungen seiner Treue Herz und Hand an, daß sie wohl sah, es wäre sein voller Ernst. Nach diesem Triumphe war des Mädchens Eitelkeit lüstern gewesen. Wie können Sie mir, sagte sie, Ihre Hand anbieten, Herr Baron? Sie vergessen, wer ich bin, und daß eine ehrenvolle Verbindung unter uns unmöglich ist. – »Unmöglich?« fragte er; »wie aber, wenn sie nun doch möglich wäre? wenn ich sie möglich machen könnte?« – Das ist und wird sie nicht, Herr Baron, sagte sie sehr fest. »Antworte mir nur auf eine einzige Frage. Wenn ich nun von deinem Stande wäre, und dir meine Hand anböte, reitzendes Mädchen; was würdest du mir dann antworten?« Aber das sind Sie ja nicht, Herr Baron. »Wie aber, wenn ich es wäre? Setze den Fall, Marie, ich wäre ein Prediger, ein Kaufmann, oder dergleichen: was würdest du dann sagen?« Aber gnädiger Herr, fühlen Sie denn nicht, wie unschicklich es wäre, wenn ich darauf antwortete? Sie sind nicht von meinem Stande, das ist das Einzige, was ich Ihnen sagen kann. Es ist unmöglich, das ist alles, was ich weiß. »Aber du sollst antworten. Ich liebe dich zärtlich, There... Marie, wollt' ich sagen, zärtlicher als du denkst. Wie? wenn es nun ein Irrthum wäre mit diesem Stande, auf den du dich immer berufst? Wie, wenn ich auf einmal ein Bürger wäre: was würde dein Herz mir dann antworten? Marie wiederholte, was sie gesagt hatte; allein das half nicht. Er drang in sie; und um ihn los zu werden, sagte sie 266 endlich: nun, dann wäre es ein Anderes. – »Dann würdest du mich lieben?« fragte er weiter. Das wollte sie nicht gesagt haben; er wurde aber wieder dringend, und hielt sie an beiden Händen fest. Aber, sagte sie lächelnd, dann auch keine Frage weiter, Herr Baron. Das müssen Sie mir versprechen. – Er versprach es. – Wohl denn, Herr Baron; wenn Sie von meinem Stande wären, so ... würd' ich Sie lieben! Kaum waren diese Worte über ihre Lippen, so nahm Quinctius sie in seine Arme, drückte sie an sein Herz, und küßte sie, ehe sie es hindern konnte. »Vortreffliches Mädchen!« rief er mit Entzücken; »so habe ich dein Herz, deine Liebe, und deine Hand: denn ich bin von deinem Stande. Den Rang, den du so großmüthig ausschlägst, habe ich gar nicht. Das ist dir ein Räthsel, meine Geliebte: ich sehe es an deinen Blicken. Aber es soll sich bald auflösen. Der Liebe und der Ehrbegierde sind alle Wunder möglich. Du bist mein, süßes Mädchen, und keine Gewalt soll dich mir entreißen!« Diese Worte flossen, mit Küssen vermischt, so schnell von Quinctius' Lippen, daß die erstaunte Marie nichts antworten konnte. Er drückte sie noch einmal in seine Arme, rief: meine Geliebte! und eilte zum Hause hinaus. Was in aller Welt wird das? fragte Marie sich selbst. Ist er toll? Er wäre kein Edelmann? Nein, Herr Baron, dann kann doch nichts daraus werden! – Marie liebte schon längst den Jäger des Barons, einen guten und schönen jungen Menschen. Sie hatte ihm Quinctius' Zudringlichkeit 267 nicht verhehlt, und mit ihm darüber gelacht. Indeß, so ganz richtig war das nun wohl nicht, was sie dem Jäger versicherte: daß die Bewerbungen des jungen Herrn ihr gar nicht gefielen. Sie fand doch ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt, daß sie so unterschieden ward. Aber so weit hatte sie es eben nicht treiben wollen; und als sie es nun recht überlegte, als sie sich dessen erinnerte, was Quinctius mit so vieler Zuversicht gesagt hatte, wurde ihr in der That ein wenig bange. Nein, dachte sie; mit dem jungen Herrn darf man nicht scherzen. Sie floh jetzt alle Gelegenheiten, wo Quinctius sie allein sprechen konnte. Hätte sie ihn vorher nur halb so behutsam vermieden, so wäre er noch nicht im Stande gewesen, ihr nur ein Wort von Liebe zu sagen. Quinctius zweifelte gar nicht, daß Marie ihn liebte, und hielt ihre Zurückhaltung nur für Bescheidenheit, für Edelmuth. Nach tausend vergeblichen Versuchen, sie allein zu sprechen, schrieb er ihr, fand aber alle seine Briefe unerbrochen auf seinem Zimmer, wohin der Jäger sie heimlich brachte. Doch endlich wußte Marie schlechterdings nicht mehr, wohin sie sich retten sollte; denn Quinctius war an allen Orten. Der Jäger wurde nun eifersüchtig. Hättest du, sagte er, ihm nie weder durch Mienen noch durch Worte Hoffnung gegeben, so müßte er toll seyn, wenn er dir so nachginge. Marie entschloß sich nun, es der Frau von Flaming zu klagen. Frau von Flaming erschrak, besonders als Marie ihr auch sagte, daß er ihr sogar seine Hand angeboten hätte. Allein sie erinnerte sich des Ovids noch zu gut, um den Muth zu 268 verlieren. Sie machte ihren Mann aufmerksam auf Quinctius' Alter, und wußte ihn mit Feinheit dahin zu bringen, daß er sich entschloß, seinen Sohn auf eine Universität zu schicken. »Er soll sogleich hin«, sagte der Baron; »denn wahrhaftig, ich will noch einen Enkel sehen, dessen Nahmen ich mit eigener Hand in den Stammbaum schreiben kann. Laß Quinctius zu mir kommen.« Aber wie erstaunte er, als Quinctius geradezu erklärte, er würde keine Universität besuchen. Die Mutter dachte an Marien, und lächelte. Nicht wahr, Quinctius, fragte sie bedeutend, um ihn wo möglich zu schrecken: du hast geheime Ursachen, hier bei uns zu bleiben? Hier zu bleiben? antwortete Quinctius sehr ruhig: mit nichten, liebe Mutter; ich will, ich muß von hier weg. »Aber was willst du denn werden?« fragte der Vater. Ein Kaufmann, antwortete Quinctius wieder sehr ruhig. Der Vater erstarrte. Die Mutter sah ihn errathend an, weil sie vermuthete, daß er einen Vorwand hier zu bleiben suche. »Ein Kaufmann?« sagte der Vater langsam. »Quinctius, du bist ein Freiherr!« In England, Vater, handelt jeder Edelmann. Der erste Pair des Reiches hält es für eine Ehre, Theil an dem Handel zu haben, der für alle Nationen die Quelle des Reichthums und des Wohls ist. Wenn der stolze Engländische Edelmann sich nicht schämt ... »So sollst du dich schämen, du, ein Römischer , ein Deutscher Edelmann! So sollst du dich schämen, einen deiner Vorfahren in der Erde zu beschimpfen, der das Gesetz gab, 269 daß keiner von Adel Handel treiben soll. Sieh, Ronichen, von meinem Nahmen heißt dies Gesetz das Flaminische. Der Konsul Flaminius, der über die Insubrier triumphirte, gab es; und – pfui! – sein Urenkel will ein Gesetz brechen, das alle Edelleute bis jetzt heilig gehalten haben. Sieh, Ronichen, es ist der größte Glanz meiner Familie, daß alle Edelleute, Grafen und Barone einem meiner Vorfahren gehorchen müssen bis an den jüngsten Tag. Ein Flaminius verbot dem Adel, Handel zu treiben, und der Adel gehorcht; nur der, der ausgeartete Mensch da, der Urenkel des Gesetzgebers, will das Verbot übertreten. Der Bube weiß es; er hat es mir noch vor einem Monathe vorlesen müssen.« Aber Vater, gab denn dieses Gesetz nicht eben der Cajus Flaminius, den Sie immer Cajus Dummhut nennen? dieser Schmeichler des Volkes, den das Volk eben deswegen wieder zum Konsul wählte, weil er dem Adel das heilige Recht zu handeln raubte? dieser Tollkopf, der sich von Hannibal in den engen Pässen schlagen ließ? dieser ... »Sieh, Ronichen! Schimpf und Schande habe ich davon, daß der Junge Latein gelernt hat. O, ich sagte es gleich! Nun stellt er sich her, und kapittelt seine Vorfahren ab, bringt seine eigene Schande unter die Leute. Sieh, Ronichen, ich wollte es dir mit Vorsatz nicht sagen, daß es Cajus war, um dich nicht damit zu ärgern. – Doch halt! warum willst du ein Kaufmann werden?« Um mir Reichthum zu erwerben. Ich bin arm, und will arm seyn. Das Vermögen, das Sie besitzen, gehört nicht mir. Ich sehe es als ein heiliges Familien-Depot an, das 270 ich meinen Enkeln geben muß, wie ich es empfangen habe. Was ich gebrauche, will ich verdienen. Der große Quinctius, mein Ahnherr, gab das Familienvermögen hin, um die Strafe seines Sohnes zu bezahlen. Er lebte von seiner Hände Arbeit, und war der Stolz Roms, wie er der Stolz jeder Nation seyn würde. »Ja, Ronichen, das ist richtig. Es war ein großer Mann, vor dem ganz Rom und alle die tollen Tribunen zitterten.« Und so will auch ich leben: von meiner Arbeit. Er trieb den Pflug, und ich will handeln. »Aber, Quinctius, bedenke doch! Ein Flaming gab das Gesetz ...« Und ein Flaming soll es wieder aufheben, weil es tyrannisch ist. »Lieber Gott! du verlierst ja den Adel, wenn du handelst. Bedenke doch das, mein Sohn!« Quinctius lächelte. Das weiß ich, Vater. Ich verliere dadurch den Adel; aber ich will ja eben Kaufmann werden, um ihn zu verlieren, und mir dann durch mein Vermögen, durch meine Talente, einen neuen Adel zu erringen. Dann bin ich, was keiner von meiner Familie war: der Letzte meines Stammes, und zugleich der Erste. Dann habe ich, was ich haben will, den Adel des Verdienstes, und gebe meinen Vorfahren zurück, was ihnen gehört, ihre Verdienste. – Jetzt fing die Frau von Flaming an, aufmerksam zu werden. Ihr Mann schien das nicht ganz zu mißbilligen, was Quinctius sagte. Ein doppelter Adel, ein Nahme in zwei Stammbäumen! Er überlegte das mit Kopfschütteln. »Aber 271 Quinctius«, warf er ein, »wenn du dir nun keinen neuen Adel erwirbst?« So war ich des alten nicht werth. O wehe, Vater, wehe dem Manne, der weniger will! »Was, der Teufel!« schrie der Vater jetzt; »ich wäre also meines Adels nicht werth? und du wolltest dann als Kaufmann leben und sterben, und mein Nahme Flaming sollte untergehen? Ungerathner Bube!« – Nach einer Pause fing er wehmüthig wieder an: »Quinctius, mein Sohn, ich bitte dich. O, ich will meinen Kopf zum Pfande setzen, das ist wieder so ein Stück von Plato, oder wie der Mensch sonst heißt. Seht, daran ist die verfluchte Gelehrsamkeit Schuld! Denn, Ronichen, du magst sagen, was du willst, hat er nicht alle die dummen Streiche aus den Büchern? O, ich weiß, wie das zugeht! Gerade wie der Papst. Weil der nicht turnierfähig war, so brachte er die Turniere in Mißkredit, legte einen Bann darauf, und erreichte nachgerade seinen Zweck. Sieh, so ist es auch mit den Gelehrten und ihren verwünschten Büchern. Stiftsfähig sind sie nun einmal nicht, und ihre Würde erbt nicht fort, ob sie wohl in etlichen Stücken dem Adel gleich geachtet werden; denn sie wurden vor Zeiten, wie der Adel, Ihr , und nicht Du , genannt. Wie heißt der Ausdruck, Quinctius?« Vossitantur. »Recht, so heißt es, Ronichen. Und sie durften adelige Kleider tragen. Damit hätten sie sollen zufrieden seyn, die Neidhardte. Aber nein. Sieh! da schreiben sie: die hohen Domstifter wären jetzt nichts mehr, als verkehrte 272 Einrichtungen, um einige Faulwänste zu mästen. Aber ich setze meinen Stammbaum da zum Pfande, mache einer einmal die Gelehrten zu Domherren: sie schweigen mäuschenstill. Und dann schreiben sie wieder in die Welt hinein: der Adel, ohne Verdienste, wäre der Vorrechte nicht werth, die seine Ahnherren durch große Thaten erworben hätten. Dummes Zeug, und kein Ende! als ob beim Adel von Verdiensten die Rede wäre! Das alte Blut, Ronichen, das alte Blut – das ist es. Und der Glanz von Kaiser und Reich, der allein vom Adel herkommt: daran denken sie mit keiner Sylbe. Und dann ist ja das ganze Reich auf den Adel gegründet, und die ganze Bibel, wie Beyer mir bewiesen hat, ebenfalls auf Schild und Helm. Da steckt es! Wenn die Feinde, die Türken, hereinbrechen, dann sitzen die Gelehrten mäuschenstill, und rufen nach dem Adel, und wir müssen dann mit Gut und Blut abwehren. Hinterher schneiden sie ihre Federn, und schelten, was sie nur können. Der Adel soll Verdienste haben. Ja, die hat er von seinen Vorfahren her um Kaiser und Reich. Und wie viele Gelehrte giebt es denn nicht, die keine Verdienste haben! Von allen sieben Künsten, die sie wissen sollten, wissen sie nicht Eine, und heißen doch Magister, Professor, und Doktor! Sieh, in so einem verdammten Buche hat der Narr das aufgegabelt, von dem Adel des Verdienstes, und so weiter. Darum will er ein Kaufmann werden! ... Du verlangst nichts von deinen Vorfahren, sagst du? Nichts? auch nicht das edle Blut, das in deinen Adern fließt? So laß es dir abzapfen, wie ein Mensch, den ein toller Hund gebissen hat; denn das Blut, 273 du ungerathener Bube, gehört deinen Vorfahren. Es ist ein heiliges Depot, das du nicht beschimpfen darfst. Das Blut! das Blut! da steckt es! Antworte darauf, wenn du kannst.« Lieber Vater, Lucius Flaminius verlor den Adel, weil er ein Bösewicht war, ein elender niederträchtiger Bösewicht. Er hatte doch in seinen Adern das Blut der Quinctier so rein, wie Cincinnatus. Warum verlor er also den Adel? Er war an Verdiensten seinen Vorfahren nicht gleich. Bin ich es denn? was hab' ich denn gethan? Nichts, gar nichts. Ich lege meinen Adel so lange ab, bis ich ihn mit Ehren wieder aufnehmen kann. Sie schelten mich ja einen Narren, einen ungerathenen Buben. Soll ...? »Sieh nur, Ronichen, die Spitzfindigkeiten! Nein, mein Sohn, Quinctius, ich will dich nie wieder so nennen. Du bist ein guter, edler Edelmann. Aber ich bitte dich, Quinctius, was erwähnst du es denn wieder, daß der Lucius zu unserer Familie gehört hat? Und wer weiß, ob er nicht ein Bastard gewesen ist, oder ob nicht die Gelehrten den ganzen Handel aus Neid gegen meine Familie erlogen haben. Laß doch die dummen Dinge! Und so ist die Sache abgethan. Ein Kaufmann wirst du nicht, damit holla! Und mach mich nicht ärgerlich! Und, Ronichen, das von dem Lucius – hörst du? – das muß unter uns bleiben!« Quinctius ging, ohne ein Wort zu erwiedern. Sonst ward der Baron nach einer solchen Scene immer bald wieder heiter; aber jetzt blieb er still und finster sitzen. Er sah seine Frau an, und schüttelte den Kopf; er sah seine 274 Stammbäume an, und schüttelte den Kopf. »Ach, Ronichen! der Quinctius macht mir viele Sorge. Sieh, da hangen die prächtigsten Stammbäume, die je einer besessen hat, nur die Juden ausgenommen, die ehemals ihre Abstammung bis auf Adam beweisen konnten. Darum waren sie auch das auserwählte Volk, und es kamen weit und breit Könige und Königinnen zu ihnen, und alle Völker ehrten sie, und sie besiegten alle Völker der Erde. Ronichen, sieh! als nun meine Vorfahren Jerusalem verbrannten, da wurden die Stammbäume wahrscheinlich mit verbrannt, und seitdem hatten die Juden kein Glück und Stern mehr. Daß mit der Zerstörung Jerusalems auch ihre Geschlechtsregister aufgehört haben, das kann ich dir vorlesen aus einem Buche. Und mit ihren Geschlechtsregistern war auch ihr Muth weg, und sie hatten keinen Tropfen Ehre mehr im Leibe. Das ist auch ganz natürlich. Weiß ich, wer mein Ur-ur-Ältervater gewesen ist, so schäme ich mich doch, weniger zu seyn als er. Du siehst also, was ein Stammbaum zu bedeuten hat! Darum sind auch die Juden jetzt aller schlechten Streiche fähig, und lassen sich schimpfen und stoßen, ohne sich zu rühren ... Sieh, wollt' ich sagen, also habe ich, die ehemaligen Juden ausgenommen, die herrlichsten Stammbäume in Europa. Denn die Gemmingen und die Sickingen sind wohl eben so alt, wie die Flaminge; aber nicht Einer ihrer Vorfahren reicht unserm Cincinnatus und dem Titus das Wasser. Und von Lucius, Cäso und Cajus weiß Niemand ein Wort, als wir und Beyer; und es muß auch nicht auskommen. Sieh, dein Stammbaum ging nur bis 1600, und meiner nicht 275 einmal so weit. Nun habe ich deinen aus dem Rüxner, dem Spangenberg und andern Büchern ausgezogen. Wo ich nur einen Nothafft fand, da nahm ich ihn; und Gott Lob! es ist mir gelungen. Dein Stammbaum geht nun bis 939. Mit meinen Vorfahren hatte es keine Noth. Der Livius war wohl nur ein Heide, aber doch ein ganzer Kerl. Indeß, lieber Gott! wie es überall geht – bei jedem Glück ist auch ein Unglück. Ich muß es dir entdecken, Ronichen; aber schweig davon, und laß es nicht über deine Zunge kommen. In allen Büchern, die vom Deutschen Adel handeln, habe ich auch nicht ein einziges Mal den Namen Flaming finden können. Ach, Ronichen! das hat mir schon lange schwer auf dem Herzen gelegen. Nicht ein einziges Mal! Bei keinem Turnier war ein Flaming, bei keinem! Ein paar Flemminge waren da, und ich war schon ein Paarmal Willens, aus dem e ein a zu machen; aber ich wollte doch nicht Fremden ihre Ehre stehlen. Das konnte ich nicht, Ronichen.« Und das wird dir Gott belohnen, liebster Mann! sagte die Frau von Flaming. Sie fühlte das wahrlich schwere Opfer, das ihr Mann hierbei der Redlichkeit und der Gerechtigkeit gebracht hatte. Aber, sagte sie, vielleicht waren die Flaminge nicht in Deutschland? – Der Baron schüttelte den Kopf. »Das dachte ich Anfangs auch, und darum ließ ich mir den Joinville kommen. Ich habe ihn ganz durchgelesen, ohne ein Wort zu verstehen, weil ich den Namen Flaming zu finden hoffte. Aber er steht nicht darin. Das Wort Flamme fand ich wohl hundertmal; und das, sagst du mir ja, heißt Feuer. Nun siehst du, wie der Quinctius ist: den Lucius, den Cäso, 276 den Cajus führt er immer im Munde. Ich habe nun so eine kleine Familiengeschichte aufgesetzt, die ihr nach meinem Tode bei meinem Testamente finden werdet. Sieh, Ronichen, der Menschen wegen, nicht wegen der eitlen Ehre, habe ich hinein geschrieben, daß 939 ein Flaming im Stechen den Preis erhalten habe von einem Fräulein Nothafft. Du weißt, wie lieb ich dich habe. Sieh, es war immer mein Wunsch, daß unsere Vorfahren sich gekannt hätten. Und nachher habe ich noch ein Paar Flaminge bei Turnieren zugegen seyn lassen. Ich thäte doch keinem Unrecht, dachte ich. Kommt nun aber Quinctius nach meinem Tode einmal über das Turnierbuch (bis jetzt habe ich es immer weggeschlossen), und findet, daß kein Flaming turniert hat: so – du kennst ihn – so spricht er von nichts, als daß seine Vorfahren nicht turniert haben, und mein ganzer Stammbaum wird dadurch ungewiß. Sieh, liebes Ronichen, deswegen bitt' ich dich, sobald ich todt bin, verbrenne den Rüxner und Spangenbergs Adelspiegel, daß der Junge sie nicht in die Hände bekommt. Darauf gieb mir die Hand, liebes Ronichen.« Sie that es mit Rührung. – »Aber höre, Ronichen, verbrenne um des Himmels willen die Bücher nicht eher, als bis du gewiß weißt, daß ich todt bin. Manchmal liegen die Leute in Ohnmacht, und leben hernach wieder auf. Also, Ronichen, nicht eher, als an meinem Begräbnißtage.« Frau von Flaming versicherte ihm das, und er wurde in dieser Rücksicht wieder ruhig, so sehr es ihn auch quälte, daß kein Flaming turniert hatte. – Doch bald zerstörte das Schicksal seine unschädlichen Freuden. 277 Frau von Flaming machte alle mögliche Versuche, Quinctius vom Hause zu entfernen; aber es gelang ihr nicht. Ihr Mann war jetzt eben so sehr gegen die Universität, wie Quinctius selbst. »Die verfluchte Gelehrsamkeit!« sagte er; und Quinctius blieb fest bei seinem Vorsatze, ein Kaufmann zu werden. »Dann verliere ich den Adel«, dachte er; »dann wird Marie mein. Und wie ich den Handel treiben will, kann es nicht fehlen, er muß mich bereichern. Ich will werden, was ehemals die Fuggers waren. Man wird meine Verdienste belohnen, und mein Vater soll sich freuen, wenn er seinen Sohn doppelt geadelt sieht.« Diese kleine Abweichung von der glücklichen Gärtnerin erlaubte er sich, weil es ihm an Mut fehlte, und weil er also keine Wahrscheinlichkeit hatte, als Soldat bald so in die Höhe zu steigen, wie er es wünschte. Da seine Mutter ihn nicht entfernen konnte, so fing sie an, ihn zu beschäftigen, was ja bei Lissow geholfen hatte. Quinctius arbeitete mit unverwüstlicher Geduld: allein nach jeder Arbeit suchte er Marien eben so emsig auf, wie vorher; und wenn er ihrer habhaft werden konnte, so gab er ihr die ruhigsten Versicherungen, daß der Zeitpunkt bald da sey, wo er sich mit ihr verbinden dürfe und wolle. Marie wußte nicht aus und ein. Sie mochte dem jungen Herrn jetzt noch so viel versichern, daß er nie ihre Hand erhalten würde; er lächelte, und glaubte es nicht. »Ich weiß, Marie, wie du denkst und fühlst«, sagte er mit unerschütterlicher Zuversicht. »Die Zeit wird alles aufhellen.« Frau von Flaming hatte Marien befohlen, ihn verächtlich 278 zu behandeln. Marie versprach es zwar; allein sie that es nicht. Denn, sagte sie zu sich selbst: er ist doch ein Baron, und vielleicht hängt meines Geliebten Glück bald von ihm ab. Sie war ehrerbietig gegen ihn, wenn er sehr in sie drang, oft verlegen, wie sie ihn überhaupt behandeln sollte. Quinctius schloß hieraus auf ihre Liebe, und nannte ihre Verlegenheit: das letzte Wanken ihres liebenden Herzens. Seine Mutter wußte nicht, was sie von ihm denken sollte. Mariens verächtliches Betragen (denn das, sagte Marie, beobachte sie gegen ihn) schreckte ihn nicht ab; die Beschäftigungen machten ihn nicht kälter, und änderten in seinem Verhalten nichts. Er arbeitete den Tag über mit musterhafter Ruhe und Besonnenheit. Aber kaum war er fertig, so schlich er zu Marien, suchte eben so ruhig und besonnen Gelegenheit, sie zu sprechen, und redete dann zu ihr mit einem so leidenschaftlichen Feuer, daß sie seiner Mutter nicht genug davon sagen konnte. Der ganze Ovid war an ihm verloren. O, dachte seine Mutter, so giebt es doch eine Seite dieser wunderbaren Leidenschaft, welche ein solcher Kenner des menschlichen Herzens nicht kannte! Sie irrte sich sehr; denn Quinctius liebte Marien nicht. Er redete, wie sein Roman ihn lehrte; trieb seinen Liebeshandel, wie ein Geschäft, sehr ordentlich und besonnen; schlief die Nächte durch sehr ruhig, und dachte an Marien nicht anders, als an jeden Gegenstand seiner Eitelkeit. Selbst die Sinnlichkeit, die durch Mariens Reitze mit ins Spiel kam, wurde bei ihm nie überwiegend. Er konnte, wenn ein Geschäft seine Eitelkeit rege gemacht hatte, Marien sogar 279 vergessen, ob er gleich sich selbst überredete, daß er sie unendlich liebe. Die Mutter würde nun wahrscheinlich Anstalt gemacht haben, Marien zu entfernen, wenn nicht andere Gegenstände ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätten. Frau von Amsel lebte mit ihrem Manne und ihrer Tochter in der Nähe des Flamingischen Gutes. Sie hatte schon, als Flaming sich verheirathete, das Gift ihrer Zunge über das gute Fräulein Veronika von Nothafft ausgegossen, und ihren Adel bezweifelt, weil es ihr Plan gewesen war, daß der Baron ihre Schwester zur Frau nehmen sollte. Indeß der Umgang mit Flaming und seinem Hause ging wieder an, so sehr es sie auch ärgerte, daß sie es ihm an Aufwand nicht gleich thun konnte. Frau von Flaming wußte das; sie kleidete sich daher, wenn sie zu Amsels fuhr, immer sehr einfach, und steckte nur ihren schlechtesten Ring an den Finger. Das verdroß die Frau von Amsel aufs neue. Ich glaube, sagte sie, die Närrin verachtet uns; sie kommt ja immer wie eine Bürgersfrau aufgezogen. Noch mehr aber verdroß es sie, daß der Baron seine und seiner Gattin Familie aus dem grauesten Alterthume herleitete. Sie wurde immer grüngelb, wenn er von den Quinctiern anhob, was er sicher in jeder Gesellschaft that; und dennoch war niemand geschäftiger, als eben sie, die kleinsten Umstände davon herauszubringen. Der Baron hatte ihr schon hundertmal im Rüxner sowohl die Katharina, als die Veronika von Nothafft zeigen müssen, ob ihr gleich all ihr Blut ins Gesicht stieg, wenn sie die Nahmen 280 erblickte. »Ja, ja!« sagte dann der Baron wohl: »alter Wein, gnädige Frau, und alter Adel, das sind die zwei edelsten Dinge in der Welt!« Noch hatte sie nicht gefragt, ob die Amsels nicht ebenfalls auf Turnieren gewesen wären. Sie fürchtete, der Baron möchte ihr nein antworten, und wenn sie auch zehnmal im Rüxner ständen; denn sie fühlte, daß sie selbst einer solchen Unwahrheit fähig wäre. Endlich aber fragte sie doch einmal, nachdem sie dem alten Baron eine Stunde lang die größten Schmeicheleien gesagt hatte: haben denn auch Amsels turniert? Der Baron strich sich unruhig über das Gesicht. »Hm! gnädige Frau«, hob er stockend an: »der Nahme Amsel steht zwar nicht im Turnierbuche; allein es mögen doch wohl Einige von der Familie turniert haben. Man hat die Nahmen vielleicht nicht aufgeschrieben.« Der gutherzige Baron wollte die Pille versilbern; aber er schlug in die Kohlen. So? sagte die Frau von Amsel spitz. Also meines Mannes Vorfahren waren nicht so viel werth, daß man ihre Nahmen aufschrieb? Aber Ihre Vorfahren, ja, die verdienten es! O, wer weiß, welcher schlechte Kerl das Lügenbuch gemacht hat! (Sie schlug dabei auf den Rüxner.) Warum sollten denn die Amsels nicht so gut turniert haben, wie Ihre Vorfahren? Da sieht man's: Lügen sind es! Lügen! Sie hätte dem Baron ins Gesicht sagen können: er lüge; es würde ihn nicht so aufgebracht haben, als daß sie den Rüxner des Lügens beschuldigte. »Ho! ho! meine gnädige Frau!« sagte er, und schob das Buch auf die andere Seite des Tisches: »Kerl? Nehmen Sie nicht ungnädig, Rüxner 281 hat das Buch geschrieben, nicht erfunden. Die ersten Turnierstücke sind von Meister Philips, Kaiser Heinrichs Kanzler. Und wenn Sie's denn wissen wollen, so sind die Amsels eine neue Familie, wie man es auch dem Nahmen gleich anhört. Denn kein Adeliger wählte vor Alters den Nahmen eines so kleinlichen, geschwätzigen Vogels, wie eine Amsel. Eigentlich gar keinen andern Vogelnahmen, als von Raubvögeln, z. B. Aarhorst, Falkenstein, Geiersbach. Nein, nein, dem Rüxner können Sie trauen, wie der Bibel. Ich lasse ihm kein Haar krümmen. Die Amsels sind neu, meine gnädige Frau.« Man denke sich den Zorn der Frau von Amsel! Sie warf ihrem Manne den Abend, als sie zu Hause war, hundertmal seinen närrischen Nahmen vor. Lieber Gott! sagte der Herr von Amsel betrübt: das ist ja doch nicht meine Schuld. Ich wollte, daß ich Bachstelze hieße, oder Staar, oder wie du sonst willst. Mir wäre es recht. – Das ärgert mich gerade nicht, rief sie voll Grimm; aber ich weiß, die Amsels haben turniert, so gut wie die Flamings. Der alte neidische Kerl will es nur nicht gestehen. Sieh, Amsel, wenn du wieder einen guten Tag haben willst, so schaffe mir das verdammte Buch, mit dem der Baron so groß thut. Ich will doch wissen, ob die Amsels turniert haben oder nicht! Der Herr von Amsel versprach, es zu schaffen, und wendete sich deshalb an den Prediger des Dorfes. Dieser bemühete sich um das Buch, und erhielt es auch schon in einigen Tagen von einem benachbarten Antiquarius, mit dem er in Verkehr stand. Nun hatte es die Frau von Amsel, 282 und, was noch mehr war, in den beiden dicken Quartbänden zwanzig andere Schriften über den Adel dazu. Sie suchte, und suchte, und konnte es nicht gebrauchen. Der Prediger mußte selbst kommen, und sich Vorwürfe machen lassen, daß er ein unbrauchbares Buch gekauft hätte. Er schlug der Frau von Amsel das Turnierbuch auf, und las ihr die Nahmen aller darin stehenden Ritter vor. Da kam Katharina Nothafft; dann Veronika Nothafft. O weiter! rief sie: suchen Sie Amsels! Amsels suchen Sie! – Da war kein Amsel; aber Nothaffts die Menge. Sie wollte verzweifeln, setzte sich selbst vor das Buch, suchte, und fand keinen Amsel. – Aber jetzt fiel ihr ein, daß auch kein Flaming vorgekommen war. Sie las in drei Tagen das Register noch einmal durch, und fand keinen Amsel, aber zu ihrem Triumphe doch auch keinen Flaming. Nun fuhr sie zu dem Baron. Richtig war der nach einigen Stunden wieder bei den Römern und den Turnieren. Frau von Amsel lächelte. Aber, Herr Baron, haben denn auch einige von Ihrer Familie turniert? Diese Frage hatte noch niemand an den Baron gethan. »Hm! hm! von meiner Familie? Ei nun ja! das versteht sich.« – So? Ich habe ja das Turnierbuch auch, und da will sich kein Flaming finden. – Dem Baron war, als ob ihn der Schlag rührte. Frau von Amsel hatte ihr Turnierbuch im Wagen mitgebracht, und ließ es holen. Er lebte wieder auf, als er die Quartanten sah; denn er besaß die Ausgabe in Folio. »Das ist mein Lebtage kein Turnierbuch«, rief er freudig. Aber wie sank ihm der Muth, als die Frau von Amsel es aufschlug und vorlas! 283 Leider war es das Turnierbuch. Zeigen Sie mir einmal Ihres, sagte die Frau von Amsel eifrig: ob da ein Flaming steht! – »Ach!« seufzte er laut, und der Schmerz riß an seinem Leben. »Die Flaminge«, hob er endlich mit matter Stimme an, »waren damals, zu den Zeiten der Turniere, in Frankreich. Das steht in einem Französischen Buche, dem Joinville.« – Zeigen Sie einmal, rief die Frau von Amsel, die desto eifriger wurde, je mehr der Baron den Sieg fahren ließ: wo steht das? Mein Mann kann Französisch. – »Ach!« seufzte er wieder sehr tief, und wurde blaß: sein Gewissen schlug ihn aus diesem Winkel. Frau von Flaming nahm nun den Faden des Gespräches auf, ob sie sich gleich sonst nie in Adelsangelegenheiten mischte. Und wenn auch meines Mannes Vorfahren damals nicht in Frankreich gewesen sind, so müssen sie doch irgendwo gewesen seyn; denn ehe noch an einen Nothafft gedacht war (und meine Familie steht doch in Ihrem Buche), hatten die Flaminge schon in Rom ganze Nationen besiegt, Triumphe gehalten, Gesetze gegeben, regiert, und so weiter. »Das Gesetz, daß kein Adeliger Handel treiben darf, Ronichen!« sagte der Baron matt. Das Gesetz gab Cincinnatus, und – »Nein, ein Flaminius, Ronichen; den Vornahmen aber weiß ich nicht. Und Titus Flaminius, Ronichen ...« Ja, Frau von Amsel. Titus Flaminius, das war ein Mann! Er that Dinge, die man noch jetzt bewundert. 284 »Besiegte den König Philipp von Macedonien, Ronichen, und machte Griechenland frei bis auf den heutigen Tag; und Cincinnatus ...« Ja, und Quinctius und Capitolinus! Einer von ihnen that mehr, als alle Deutschen Edelleute zusammen gethan haben. Ja, aber turniert haben sie doch nicht! sagte die Frau von Amsel ein wenig kleinlaut. Hm! erwiederte die Frau von Flaming: das ist sehr natürlich; es war niemand da, mit dem sie es der Mühe werth finden konnten zu turnieren. Vielleicht zählten sie tausend Ahnen, und die Deutschen Edelleute, selbst die ältesten, als die Nothaffte, zählten erst vier . Die Flaminge wollten nicht turnieren, das war es. Mit allen seinen Adelskenntnissen hätte der Baron so etwas nicht hervorgebracht, das nun die Frau von Amsel vollkommen in die Flucht schlug. So? sagte diese; so? Und sie konnte, so lange sie blieb, kein Wort mehr finden. Der Baron hatte zwar gesiegt; aber der Sieg war ihm sehr hoch zu stehen gekommen. Er betrachtete seine geliebten Stammbäume noch eine Stunde mit tiefen Seufzern, und schüttelte bei allen Trostgründen, die ihm seine Frau sagte, ungläubig den Kopf. »Sie haben den Rüxner; und Spangenbergs Adelsregister steht hinten daran im zweiten Theile. Ich habe es gesehen. Und kein Flaming ist darin! Und des Grafen Solms Register; und kein Flaming! Und das Verzeichniß aller Bischöfe! Die Turniere sind das Wenigste, Ronichen; ich könnte sagen, meine Familie wäre aus 285 Sachsen. Die Sachsen haben nicht turniert. Aber, Ronichen, das Verzeichniß aller Bischöfe in Lübeck, Halberstadt, Magdeburg, Naumburg und so weiter; und überall kein Flaming, kein Flaming an allen Orten! Ach, Ronichen, die Amsel bringt heraus, daß man nirgends einen Flaming findet. Es ist vorbei! Gott sey Dank, Ronichen, daß ich nur dich habe! Sie können mir doch nicht abläugnen, daß eine Katharina von Nothafft Anno 939 auf dem Turniere zu Magdeburg gewesen ist. Gott Lob!« Der gute Alte tröstete sich zu früh damit. – Frau von Amsel kam wüthend zu Hause, und erzählte ihrem Manne heulend, welche Beschimpfung die Bettelprinzessin, die Flamingen, ihr angethan hätte. Ihr Mann sowohl als der Prediger, der gerade bei ihm war, suchten sie zu beruhigen; aber vergebens. »Glauben Sie denn in Ernst, gnädige Frau«, sagte endlich der Prediger lächelnd, »daß eine Nothafft in Magdeburg auf dem Turniere gewesen ist? Das ist ja eine lächerliche Fabel, die ein Kind widerlegen kann. – Es steht ja da gedruckt. Lesen Sie doch nur! – »Es ist viel gedruckt, Ihr Gnaden; aber es fragt sich, ob es auch wahr ist.« – Herr Pastor, wenn Sie das beweisen können, so soll mein Mann Ihnen den Acker pflügen, und Sie den Prozeß gewonnen haben! – (Der Prediger führte schon seit zwei Jahren einen Prozeß mit der Frau von Amsel über das Pflugrecht des Pfarrackers: mit dem Herrn von Amsel nicht; der zuckte die Achseln, wenn von der Sache die Rede war. Nun ließ der Prozeß sich sehr leicht beendigen.) Der Prediger nahm die 286 Quartanten mit nach Hause, blätterte, und fand gleich in der Vorrede die Versicherung, daß Meister Philipsens Turnierstücke unecht wären. Er setzte etwas darüber auf, das diese Versicherung noch mehr ins Licht stellte. Beim weiteren Lesen fand er, daß Rüxner selbst in seinem Turnierbuche die Echtheit derselben bezweifelte; ja, noch mehr, daß die größere Hälfte der Turniere eine Erfindung der späteren Schriftsteller sey. Er sammelte die Zeugnisse darüber, erhob die Zweifel zur Gewißheit, und erbot sich endlich, um die Frau von Amsel vollkommen zu überzeugen, ein Responsum darüber von jeder Universität zu schaffen, wenn sie die Kosten anwenden wolle. Am folgenden Morgen trug er seine kleine Schrift mit den beiden Quartanten zu der Frau von Amsel, und ließ sie selbst die dahin gehörigen Stellen in dem Buche lesen. Er überzeugte sie so schnell von der Wahrheit seiner Behauptung, und sie hatte eine so große Freude darüber, daß sie ihr Wort nicht wieder zurücknahm, was er befürchtet hatte. Aber jetzt mußte der Prediger sie recht gründlich unterrichten; und nach drei Tagen war sie im Stande, den Beweis so gut zu führen, wie er selbst. Herr von Amsel mußte sich noch andre drei Tage mit dieser Auseinandersetzung quälen lassen. Die Frau von Amsel ging im ganzen Hause umher, schlug Knipschen, und rief: Meister Philips hat gelogen! Die Domestiken im Hause wünschten nichts mehr, als daß Meister Philips, den sie übrigens nicht kannten, alle Tage lügen möchte; denn es regnete jetzt keine Ohrfeigen. 287 Nach vier Wochen – die Frau konnte wirklich ihren Triumph so lange aufschieben, um ihn desto vollendeter zu haben – war ihr Geburtstag. Auch Flamings wurden zu der großen Gesellschaft eingeladen, die das Fest bei ihr feiern sollte. Der Baron trat mit einem ahnenden Schauder in das Haus, und wurde von der Frau von Amsel äußerst freundlich empfangen. Zum ersten Male sprach er heute bei Tische nicht von Rom und den Turnieren; und kam man von ungefähr darauf, so lenkte er das Gespräch geflissentlich ab. »Nein, nein«, hatte er zu seiner Frau schon im Hinfahren gesagt: »ich will mich hüten. Die Amsel ist ein Hannibal. Ich werde klüger seyn, als Cajus Dummhut, und nicht Front gegen sie machen. Ronichen, du mußt niemals den Vornahmen mit nennen, wenn du etwa von dem Flaminischen Gesetze sprichst. Sie soll mich nicht wieder in die Enge bringen, wie damals. Es liegt mir noch in den Knochen. Aber wer konnte auch denken, daß der Drache den Rüxner hatte! Ein wahrer Volkstribun ist die Amsel. Gott behüte jeden Menschen vor dieser Frau! Ich fürchte mich gerade nicht vor ihr: denn mit dem Übrigen hat es seine Richtigkeit; und Lügen, Ronichen, hat all mein Tage nicht gut gethan. Das hab' ich empfunden!« Nach Tische, als die Gesellschaft bei dem Kaffee saß, konnte Frau von Amsel nicht länger schweigen. Sie lobte des Barons große Kenntniß in Adelssachen; und die ganze Gesellschaft stimmte mit ein. Aber doch Eins, Herr Baron, fuhr sie freundlich fort: wir haben uns nun seit der Geburt Ihres Sohnes – ach, lieber Gott! warum haben Sie denn 288 aber den jungen Herrn nicht mitgebracht? – ja, seit Ihres Herrn Sohnes Geburt haben wir uns nun Alle auf das Turnierbuch verlassen, und den Junkern und Fräulein Nahmen daraus gegeben. Und nun denken Sie einmal, Herr Baron, an dem ganzen Buche ist nicht ein wahres Wort. So kann man sich irren! – Der Baron lächelte. »Ei! Sie haben das Buch ja selbst. Warum sollt' es denn nicht wahr seyn!« – Ja das Buch, lieber Herr Baron, ist wohl da; aber es steht nichts darin als Lügen. Der Baron fing Feuer. Seine Frau wollte das Gewitter ableiten; aber er sagte: »Ronichen, laß nur! Hier bin ich auf freiem Felde. Hier kann man mit Gott und Ehren Front machen. Was? Lügen ständen in dem Buche?« Ja, zu Magdeburg ist ja niemals ein Turnier gewesen. »Ha! ha! ha! Die Stammmutter meiner Frau, Katharina von Nothafft, hat ja die Helme mit beschaut. Geben Sie doch her!« Er schlug das Turnier auf, las mit lauter Stimme, hielt den Finger unter den Namen Nothafft , ging rund herum, und zeigte ihn jedem in der Gesellschaft. »Sehen Sie doch nur. Konnte denn wohl der Kanzler eines Kaisers so unverschämt seyn? Da würde ja der Kaiser gesagt haben: Meister Philips, Ihr lügt! (Denn die Bürgerlichen in Amt und Würden hießen alle Ihr , wie der Adel.) Ihr lügt ja ganz abscheulich. Was? ich hätte zu Magdeburg turniert? Es ist ja nicht wahr!« Die Gesellschaft nickte ihm Beifall zu. Nun aber schlug die Frau von Amsel ihm eine andere Stelle auf. Lesen Sie doch dies, Herr Baron. Flaming fing an, die Stelle zu lesen, 289 worin die Artikel des Meister Philips für eine Fabel erklärt werden; und das Buch sank ihm aus der Hand, ehe er noch zu Ende war. Frau von Amsel las die Stelle ganz aus. Man stritt nun dafür und dawider. Der Baron saß wie ein Geist da, und hörte stillschweigend zu; seine Frau allein kämpfte noch ritterlich. Aber die Frau von Amsel war ihrer Sache zu gewiß. Sie las nun Rüxners Behauptung: das alte Turnierbuch sey erdichtet. Da stand der Baron noch einmal auf, und las die Stelle selbst. Ein tiefer Seufzer entfuhr seiner Brust; seine Arme sanken schwach und matt an ihm nieder. Er setzte sich langsam zu seiner Frau, und flisterte ihr zu: »das ist mein Tod, Ronichen! Rüxner sagt es selbst!« Während dessen überzeugte die Frau von Amsel die Gesellschaft vollkommen, und rief triumphirend: Meister Philips hat gelogen! – Ja, ja! Meister Philips hat gelogen! sagte die ganze Gesellschaft nach. – Sie sehen, liebster, bester Herr Baron, fing die Frau von Amsel wieder an: mit den Turnieren der Nothaffte ist es eben so weit her, wie mit den Turnieren der Flaminge. »Nun denn, so hol es der Teufel!« rief der Baron auf einmal heftig. »Laß anspannen, Ronichen!« Er schwankte in ein anderes Zimmer, und es wurde eine Unruhe in der Gesellschaft. Frau von Flaming sagte, als sie von der Amsel Abschied nahm: ich wünsche ihnen in der That, wohl zu leben. In der That! Und das ist, wie Sie wohl einsehen werden, jetzt sehr viel von mir. Wie so, meine gnädige Frau? Kann ich denn dafür, daß 290 kein Nothafft turniert hat? Und dann bleiben ja Ihrem Herrn Gemahl noch immer seine Römischen Vorfahren! Ja, die bleiben ihm; und, was noch mehr ist, als alle Vorfahren bis zu Adam, auch das Gefühl bleibt ihm, daß er immer Leute zu Tische bat, um ihnen Vergnügen zu machen, und nicht, um sie zu ärgern. Sie verbeugte sich und ging. – Die Närrin! rief Frau von Amsel hinter ihr her: es ist ja Christenpflicht, dem Hochmüthigen seinen Hochmuth zu benehmen. Der Baron fuhr schweigend nach Hause, und antwortete auf Alles, was seine Frau ihn fragte, nur mit Seufzern. Dann ging er tiefsinnig im Saale auf und nieder, und schien den Anblick seiner Stammbäume zu vermeiden. »Ach«, sagte er endlich: »hätte ich sie nicht so sehr geliebt! ... O, so ist denn alles vergänglich! auch sogar die Stammbäume! Ach, worauf ist nun noch in der Welt zu bauen, da Meister Philips oder Rüxner mich betrogen hat! Gleich viel, wer. Nun will ich auch keinem Buche mehr trauen! Ach, Katharina, Veronika, Heymeran, Adolph, und ihr andern zwei und dreißig Nothaffte, ach! ihr wäret mein Stolz, der Glanz meiner Familie; und nun es um und um kommt, seid ihr nicht einmal da gewesen! Wie hat ein Kanzler so lügen können! Was soll man von den andern Büchern sagen, wenn Meister Philips gelogen hat! Kein Flaming nach Christi Geburt, als ich, mein Vater, mein Großvater, und Quinctius! Denn ob sie meine heidnischen Vorfahren in den Stiftern gelten lassen, das weiß ich nicht. Ach, war das nicht Elends genug? Und nun, die zwei und dreißig Nothaffte dazu! Ich armer 291 Mann!« So klagte der Baron in lauter Absätzen den ganzen Abend durch. Das Alter und eine anhaltende Schwäche hatten schon lange an seinem Leben genagt, und es bedurfte nur noch eines kleinen Schlages, um den Faden abzureißen. Er befand sich die Nacht durch sehr übel; aber doch war er am Morgen nicht im Bette zu halten. Man mußte ihn vor seine Stammbäume hinsetzen; und nun berechnete er mit wachsendem Schmerze die großen Lücken, welche die Frau von Amsel hinein gearbeitet hatte. Der Stammbaum seiner Veronika mußte bis auf den Ältervater gestrichen werden; alles Übrige war von dem Baron, Theils aus dem Rüxner, Theils aus Sagen seiner Frau, Theils aus eigener Erfindung gezogen und aufgeschrieben. Es blieb ihm nichts übrig als sein Römischer Stammbaum. Wenn er lange seinen schweren Blick auf die Lücken gerichtet hatte, so wendete er ihn wieder auf die Heiden, um seinen Schmerz zu lindern. »So hab' ich«, sagte er, und hielt beide Hände schützend gegen den Römischen Stammbaum: »so hab' ich doch euch noch, und besonders dich, Cincinnatus! Wie oft hast du triumphirt! unzählige Male! Wie oft hast du Rom gerettet! unzählige Male! Sechsmal bist du Konsul gewesen, dreimal Diktator, das letztemal im achtzigsten Jahre; und das alles 452 Jahre vor Christi Geburt! In allen Kriegen haben deine Kinder, deine Nachkommen gedient, und gesiegt, den Cajus ausgenommen. Je nun! ward doch auch der große Eugen geschlagen, und bleibt immer der große Eugen! Schlug doch Cajus die Insubrier am Po, und triumphirte! Nun Gott 292 Lob und Dank, daß ihr mir bleibt!« So triumphirte der Baron wieder mit seinen Ahnen; aber es war der Triumph der Hoffnungslosigkeit. Quinctius kam zu ihm. Sogleich wendete der Baron seine Blicke von den Stammbäumen ab, und sah zu Boden. Ihm grauete davor, seinem Sohne, diesem Feinde des ererbten Adels, sein Unglück zu erzählen. Man sprach von anderen Dingen. Quinctius hatte schon zehnmal im Gespräche gefragt: ja, Vater, was ist denn wahr? Mit dieser Frage quälte er Beyern seit drei Tagen. Er hatte einen kleinen Französischen Traktat voll witziger Spötteleien über die Wahrheit gelesen, worin alles, was der Mensch ist, weiß und fühlt, lächerlich gemacht wurde. »Der Dummkopf«, hieß es in einer Stelle, »glaubt alles; das Genie zweifelt an allem, weil alles zweifelhaft ist. Die einzige Wahrheit auf der Erde ist die, daß wir nichts zuverlässig wissen.« Diese Sätze, und die Beweise dafür, hatten sich tief in Quinctius' Seele gedrückt. Erst quälte er Beyern; dann fing er mit seiner Mutter an. Die aber fragte: in welchem Buche hast du das wieder gelesen? Er schämte sich, daß sie ihm sogleich auf die Spur kam, und ging zu seinem Vater. Als dieser nicht auf seine Frage merkte, rückte Quinctius näher. Was ist wahr? Glauben Sie mir, mein Vater, die Philosophie ist so schwankend, wie alles in der Welt. Der Eine bildet sich Wirbel ein, und beweist sie; der Andere Atomen, und beweist sie so gut wie jener; und keiner kann recht angeben, was er will. Der ist ein Materialist, jener ein Spiritualist; und Beide wissen nicht, was Materie, was Geist ist. »Gott Lob und Dank«, 293 sagte der Baron, »daß du endlich auf die rechten Sprünge kommst! Es ist freilich das dümmste Zeug. Ich verstehe nichts davon, so oft du mir auch von den Dingen, Atomen und Monaden, und wie sie alle heißen, vorerzählt hast. Sagte ich nicht immer: das ist ja rasendes Zeug? Aber da sollt' ich nicht Recht haben. Und siehst du? nun kommst du selbst dahin. Das ist gut, mein Sohn!« Ja, Vater, ich komme dahin; aber auf einem ganz anderen Wege , als Sie. »Das ist einerlei, wenn wir nur da sind. Die ganze Philosophie geb' ich für einen Vorfahren mehr.« Nein, ich frage: was ist wahr? Und die Antwort ist: nichts; nichts in der Welt. Alles ist zweifelhaft. Der Baron seufzte tief auf. »Auch sogar Rüxners Turnierbuch. Das ist eben das Unglück!« Rüxners Turnierbuch? Das ist nun gar Geschichte. In der sieht es noch windiger aus, als in der Philosophie. Da frag' ich: was ist in der Geschichte wahr? Nichts; alles darin ist zweifelhaft, oder ein Gott hätte sie schreiben müssen. Der Mensch? O, da lobt er einen Bösewicht, weil er ihn fürchtet, und tadelt einen Tugendhaften, weil er ihn beneidet. Er schiebt den handelnden Personen seinen Geist, seine Empfindungen unter, setzt Umstände hinzu, weil sie ihm zu einer schönen Tirade Anlaß geben, läßt eine wichtige Begebenheit weg, weil er auf die Festung käme, wenn er sie schriebe, wie er sie weiß. Lesen Sie die Geschichte eines Krieges, von den beiden Partheien aufgesetzt. Sie würden nicht glauben, daß es Eine Begebenheit seyn solle, 294 wenn nicht Nahmen und Jahrzahlen übereinstimmten. Jede Parthei schreibt die Vortheile der andern dem Glücke zu, beschuldigt sie der größten Grausamkeit, der Feigherzigkeit, und behält alle Tugenden für sich. Jedes Glück ist ein Plan gewesen, und jedes Unglück ein Zufall. Was soll man also glauben? Nichts; denn alles ist zweifelhaft. So räsonnire ich. »Das ist wahr. So ging es im Kriege mit den Zeitungen; man wußte mein Tage nicht, wer gesiegt hatte. Aber was ist auch an dem ganzen Kram gelegen? Wenn nur die Nahmen wahr sind! Denn darauf kommt es doch am Ende nur an, ob man weiß, daß mein Vorfahr in dem und dem Kriege kommandirender General gewesen ist, und so oder so geheißen hat; dann bleibt doch der Stammbaum gewiß.« Auch bei den Nahmen frage ich: was ist wahr? Nichts; denn alles ist zweifelhaft. In der Geschichte kommen Personen vor, die gar nicht gelebt haben. (Er dachte an die Mythologie der Alten.) So zum Beispiel ... – Der Baron wurde bleich; er glaubte, Quinctius wisse sein Unglück schon. Mit einem tiefen Seufzer sagte er: »ach ja; das ist mein größtes Unglück! Alle zwei und dreißig Nothaffte, und darunter auch dein Pathe, Heymeran von Nothafft zu Wernberg! Leider, ich weiß es schon, Quinctius.« Quinctius erstaunte, und bat seinen Vater um Erklärung. – Sehen Sie wohl? fuhr er dann fort. Es freuet mich, daß Sie selbst ein so auffallendes Beispiel ... – »Je, du Rabensohn! das freuet dich? das freuet dich? Ach, Gott! welches Elend! Es freuet dich, daß ich und du 295 den besten Theil unserer Ahnen verloren haben? Höre doch einer den Menschen! Das will mein Sohn seyn!« Nein, Vater, das freuet mich nicht; ich sage bloß: da es nun doch einmal ist, so kann es dazu dienen, Sie zu überzeugen, wie zweifelhaft selbst die Nahmen in der Geschichte sind. Was werden nun die Begebenheiten nicht seyn! »Den Teufel auch! Hat einer aufgeschrieben, wann ich geboren und gestorben bin: wie kann das noch zweifelhaft seyn? Man darf ja nur das Kirchenbuch nachschlagen; da muß es doch gewiß werden!« Wie aber? wenn nun das Kirchenbuch verbrannt ist; alle Urkunden von Ihnen mit verbrannt sind: wie soll man da ...? »Du bist ein Narr! Müssen denn nun eben alle Kirchenbücher verbrennen? Ich spreche nur von Nahmen und Stammbäumen; nicht von Begebenheiten. Was geht es mich an, ob unser Vorfahr Cincinnatus durch dumme oder kluge Streiche gesiegt hat, wenn ich nur sagen kann, in dem und dem Jahre hat Cincinnatus triumphirt! Sieh, davon rede ich.« Ich aber, Vater, ich frage: was ist wahr? und antworte: nichts; am wenigsten die Geschichte. Ich frage: hat Cincinnatus gelebt? hat er triumphirt? und antworte: ich weiß es nicht, ich glaube es nicht. »Wie? was?« schrie der Baron, und sprang auf: »was sagst du? Alle Höllenteufel! du glaubst nicht, daß Cincinnatus, dein großer Ahnherr, gelebt hat? Du Narr! du Bube! Ich will dir beweisen, daß er gelebt hat. Es steht in hundert Büchern, und alle Menschen sagen, daß es wahr ist.« 296 Hören Sie mich doch nur. Livius selbst erzählt, daß, als Rom von den Galliern erobert wurde, alle öffentlichen Dokumente, alle öffentlichen Verhandlungen, alle schriftlichen Nachrichten mit verbrannt sind. Er selbst sagt, daß die Römische Geschichte erst nach dieser Zeit anfange, gewiß zu werden. Cincinnatus hat vor der Eroberung Roms gelebt. Die Geschichte von ihm ist also nur Volkssage, Tradition. Woher soll nun die Gewißheit kommen? Quinctier haben vor jener Periode gelebt, das ist ausgemacht; denn sie waren zu der Zeit, als die Geschichte anfängt, gewisser zu werden, da, und beriefen sich auf ihr altes Geschlecht. Der Baron, der blaß und zitternd da gesessen hatte, erholte sich. »Gott Lob!« sagte er, »daß du wieder einlenkst! Also Quinctier, das hast du selbst gesagt, waren da. Nun, es soll weiter nichts thun, daß sie nicht alle triumphirt haben, wenn sie nur da gewesen sind. Ja, ja; nur da gewesen, mein Sohn! Laß sie gethan haben, was sie wollen. Ob es der Hasenfuß, der Livius, aufgeschrieben hat oder nicht! Laß das. So viel ist denn doch wahr, daß die Quinctier und die Flaminier gelebt haben, und meine Vorfahren gewesen sind.« Lieber Vater, Sie behaupten, die Flaminier wären Ihre Vorfahren gewesen. Woher wissen Sie das? wo sind die Dokumente, die es beweisen? Sie sagen: die Flaminier wären mit Cäsar und Drusus an den Rhein gezogen. Die Geschichte schweigt davon. In der Römischen finde ich keinen solchen Flaminius, in der Deutschen keinen Flaming. Die Flaminge müßten am Rhein Güter gehabt haben; und 297 davon weiß ich nichts. Sagen Sie mir, was Ihnen davon bekannt ist; und Sie sollen sehen, wie ungewiß es wird. Mit matter Stimme, mit starren Augen, hob der Baron leise an: »Mein Vater hat es mir gesagt. Quinctius, ich bitte dich, mache deinen Großvater nicht in der Erde zum Lügner.« Zum Lügner nicht, Vater; behüte Gott! Sie erzählten einmal, mein Großvater habe Gemmingens Traktat von dem Alter seiner Familie fleißig gelesen, und dann gesagt: gerade so, wie die Gemmingen von Geminius, stammen wir von dem Flaminius ab. Mein Großvater hat das gewünscht, weil er ein altes Geschlecht für einen Vorzug hielt. Was man wünscht, glaubt man leicht: (eine neue Quelle des Unwahren.) Es ging dem Großvater mit dem Flaminius, wie Ihnen mit den Nothaffts. Gemmingen selbst giebt ja seine Stammherleitung nur für eine Vermuthung, nicht für Wahrheit aus; und er hat doch den Grund für sich, daß seine Familie am Rhein große Güter besitzt, und daß er seinen Nahmen in den ältesten Urkunden findet. Von dem Allen können Sie nichts für Ihre Behauptung anführen. Noch mehr, lieber Vater – hob er auf einmal triumphirend an; denn in diesem Augenblicke fiel ihm sein Plan mit Marien ein, und er vergaß seinen Traktat von der Wahrheit – Noch mehr, lieber Vater! Sie sehen nun, wie durchdacht es ist, wenn ich mir alle Mühe gebe, das zu erfüllen, was ich Ihnen neulich sagte, wenn ich mit dem von Ihnen ererbten Adel den neuen Adel des Verdienstes verbinden will. Der Adel der Flaminge ist ungewiß; allein der neue, den ich mir erwerben will, ist 298 gewiß, weil ich ihn mit dem Adelsbriefe werde beweisen können. Meinen Sie nicht, daß ich Recht habe? – Der Baron antwortete mit einem Seufzer, und reichte seinem Sohne die kalte Hand. Sein Stolz war gebrochen, und mit dem hatte sich auch seine Hitze gelegt. Er lächelte; aber – es war das Lächeln des geheimsten, verschwiegensten Schmerzes, der das Leben zerreißt. Quinctius merkte das nicht; er glaubte vielmehr, seinen Vater überzeugt zu haben. Auf dieses zufällige Gespräch bauete er in seiner Phantasie einen neuen romantischen Plan: den , seinen Vater zu bereden, daß er gänzlich auf den Adel Verzicht thun, und sich einen neuen erwerben sollte. Was wird Marie sagen, dachte er, wenn sie auf einmal erfährt, daß wir Bürgerliche sind! – Er wollte von neuem anheben; aber sein Vater winkte ihm, daß er weggehen möchte. Der Baron wußte seinem Sohne auf dessen Grunde nichts zu antworten; denn so, wie Quinctius gesagt hatte, verhielt es sich. Gemmingens Abhandlung vom Alter seines Geschlechtes hatte den Vater des Barons verleitet, eine ähnliche Ableitung seiner Familie erst zu vermuthen, dann zu behaupten. Daran erinnerte sich der Baron noch sehr wohl. So war nun sein ganzer Stolz dahin: die zwei und dreißig Nothaffte, und alle Quinctier, mit ihren Thaten! Er ließ sich in sein Schlafzimmer bringen, legte sich auf das Bett, fühlte sich sehr matt, und seufzte unaufhörlich. Alle seine Kraft war gebrochen, seine Stärke vertrocknet. Immer tönte es schrecklich in seine Ohren: der Adel der Flaminge ist ungewiß! und jedesmal fuhr er zusammen, ohne daß er es 299 wagte, sich gegen diesen ihm so schrecklichen Gedanken aufzulehnen. Er glaubte, man würde seinen Adel gar nicht mehr anerkennen. So lag er einige Stunden allein, und fühlte sich immer tiefer in sein Elend versunken. Endlich klingelte er mit matten Händen. Mariens Bräutigam, der Jäger, kam. Der Baron sagte ihm, er sollte die Stammbäume in das Schlafzimmer bringen; und sein Ton war dabei so sanft, so gütig, daß der Jäger Muth faßte, heraus zu sagen, was ihm seit einer Stunde schwer auf dem Herzen lag. Quinctius war von seinem Vater sogleich zu Marien gelaufen, die ihn Morgens, weil er da beschäftigt war, nicht erwartete. Er fand sie allein, und in einem reinlichen, sehr netten Morgenhabite. Sie hatte nehmlich von der Frau von Flaming einen ihrer Anzüge erhalten, um etwas daran zu nähen. Als er fertig war, zog sie aus einem Zuge von Eitelkeit die Kleidung der gnädigen Frau an, stellte sich vor ihren kleinen Spiegel, nahm ihre Haube ab, und wollte gerade ihrem Haar eine Form geben, die zu der Kleidung paßte, als Quinctius zu ihrem Schrecken die Thür aufriß und hereinflog. Sie war in diesem Anzüge wirklich äußerst reitzend. Ihre Locken, die sie eben aufnehmen wollte, fielen auf die weißen Schultern, und über den schönen Busen. Quinctius' schon vorher glühendes Auge brannte bei diesem Anblicke noch mehr. Er nahm Marien in seine Arme, und es regnete Küsse auf ihre Lippen, ohne daß sie sich von dem ungestümen Menschen losmachen konnte. »O, wie schön, Marie«, sagte er, »wie schön bist du! Wie hast du es 300 errathen können, liebes Mädchen, daß ich dir eine so frohe Nachricht zu bringen habe! Jetzt wird dein bescheidnes Herz nicht länger sich mir verschließen, und mir endlich die Liebe gestehen, die ich schon so lange verdiene. Höre, Marie, der Adel, den du an mir so hassest, ist abgelegt; ich habe meinen Vater überzeugt, daß unser Adel eine Thorheit, eine Fabel ist. Jetzt bin ich dir gleich, Marie: nicht mehr gnädiger Herr, sondern Herr Flaming. Das Wunder, das du für unmöglich hieltest, ist geschehen. Ich bin von deinem Stande, und der glücklichste Mensch auf Erden. Wenn du willst, so führe ich dich den Augenblick zu meinem Vater. Er wird dich segnen; denn was könnte ihn jetzt noch abhalten, dich seine Tochter zu nennen, da er einsieht, daß ich nicht mehr bin als du?« Marie blieb bei seinen Worten noch starrer und überraschter stehen, als bei seinen Liebkosungen. Es wurde Ernst, das sah sie wohl, ob sie gleich nicht begriff, wie. Sie blickte ihn an, fürchtete sich, etwas zu sagen, und konnte auch nichts hervorbringen, so erschrocken war sie. In dem Augenblicke sah sie den Jäger über den Kirchhof auf ihr Haus zukommen. Mein Vater! rief sie; gehen Sie durch den Garten! – »Nein«, sagte Quinctius; »er soll alles wissen!« – Aber mein Gott! rief Marie ängstlich; wenn er mich so antrifft! Sie bedeckte mit der linken Hand die schöne Brust, und drängte mit der rechten Quinctius gegen die Thür. Gehen Sie, wenn Sie mich lieben! sagte sie. – Quinctius eilte durch den Garten, und Marie ging ihrem Geliebten entgegen. 301 Länger durfte Marie nicht schweigen. Sie erzählte dem Jäger Alles; und Beide wurden eins, daß er es, da die gnädige Frau nicht helfen wollte oder könnte, bei der ersten Gelegenheit dem alten Baron sagen sollte. Die Gelegenheit fand sich schon zwei Stunden nachher, als der Jäger dem Baron die Stammbäume in das Schlafzimmer bringen mußte. Ihr Gnaden, Herr Baron, fing der Jäger an, nehmen es nicht ungnädig. Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Der junge Herr Baron ist jetzt immer hinter Schulmeisters Marien her. Das arme Mädchen wehrt sich, so gut sie kann; aber es hilft nichts. Heute nun hat der junge Herr Marien gesagt: er wäre kein Adeliger, er wäre ein Bürgerlicher; und sie soll ihn mit Gewalt heirathen; und Ihr Gnaden wären auch nicht von Adel, und die gnädige Frau auch nicht. »Gott! meine Stammbäume!« rief der Baron, faßte sie mit bebenden Händen, drückte sie auf sein brechendes Herz, zuckte ein Paarmal, und sein Geist verließ den durch einen Schlagfluß getödteten Körper. Der Jäger schrie laut um Hülfe; und das ganze Haus kam zusammen. Die Frau von Amsel! jammerte die Wittwe. Quinctius warf sich mit schlagendem Herzen bei dem Leichnam seines Vaters nieder, versöhnte dessen Schatten mit aufrichtigen Thränen, und verbrannte gleich nachher den Traktat von der Wahrheit. Der Jäger bereuete seine Unvorsichtigkeit; denn nun war sein Nebenbuhler sogar sein gebietender Herr geworden. Marie wurde tiefsinnig, als sie den Tod des alten Barons erfuhr. Sie saß ein Paar Stunden schweigend da, und 302 kämpfte mit sich selbst. Noch diesen Abend sagte sie dem Jäger sehr freundlich, daß er jetzt mit seinen Besuchen ja vorsichtig seyn möchte, weil er sonst sich und sie in das größte Unglück bringen könnte. Als der Leichenzug nach der Kirche ging, stand sie sehr reitzend gekleidet in der Thür, und betrachtete den jungen Baron wenigstens eben so freundlich als den Jäger. Ihr Vater mußte sich auf ihren Rath den folgenden Tag eine Vermehrung seines Gehaltes von dem jungen Baron ausbitten. Geh Er nur, lieber Vater, sagte sie lächelnd, und fordere Er; der gnädige Herr schlägt es Ihm nicht ab. Der Schulmeister bekam wirklich sogleich eine Zulage. Marie erkundigte sich, ob der Baron ihm sonst nichts gesagt hätte. – Nun, was sollte er mir denn sonst noch sagen? fragte der Vater. Marie erröthete lächelnd. Schlich der Jäger sich jetzt auf den Kirchhof, so sprang sie den Augenblick in ihre Kammer, zog den Schlüssel ab, und der Jäger suchte sie im ganzen Dorfe vergebens. Acht Tage hatte das so gedauert, und der Baron kam noch immer nicht zu Marien. Sie war schon Willens, für den Jäger wieder zu Hause zu seyn, und sich nicht mehr so sorgsam anzukleiden. Aber eines Abends, als sie allein war, ging die Thür auf, und der junge Baron trat herein. »Marie!« sagte er, und reichte ihr die Hand. Sie glühete, legte ihre zitternde Hand in die seinige, und schlug die Augen nieder. Er zog sie zu sich, schlang seinen Arm um ihren Leib, und drückte seine Lippen auf ihren Mund. Nun wurde die Statue belebt: sie gab ihm seine Küsse wieder, und umarmte ihn innig. 303 Marie war wirklich eine schöne, edle, volle Figur, und hatte sich jetzt nach ihren besten Kräften reitzend gekleidet. Sie gab sich erst schweigend dem Jünglinge ganz hin, und riß ihn dann durch ihre Liebkosungen noch weiter fort. Was er jetzt fühlte, hatte er noch nie gefühlt: ein süßes Entzücken, ein sehnliches Verlangen. Er wußte nicht, wie er dem reitzenden Mädchen seine Leidenschaft deutlich genug sagen sollte. »Meine Marie! meine theure Marie!« rief er. »Bald mein Weib, mein geliebtes Weib! Nicht wahr Marie? Bald! O sag es, sag es mir! laß endlich deine Lippen bekennen, daß du mich liebst! Liebst du mich, Marie?« Sie seufzte: ja! und küßte ihn noch heißer. Aber, gnädiger Herr, hob sie an, werden ... »Gnädiger Herr? Marie! wie nennst du mich! Hast du vergessen, daß ich von deinem Stande bin? Nenne mich Geliebter, nenne mich Quinctius, oder Flaming; nur gieb mir nicht den elenden Titel, den ich bald ablegen werde.« Warum denn ablegen? dachte Marie. Sie sagte es nicht, und schien zu vergessen, was sie hatte fragen wollen. Nach einigen Versuchen nannte sie ihn: Geliebter, Quinctius, Theurer; und besiegelte jeden dieser Nahmen mit heißen Küssen. Er verließ endlich seine Geliebte, als ihr Vater kam; und sie warf sich in dem stolzen Traume, bald gnädige Frau zu seyn, in ihr kleines Bett. Quinctius liebte Marien in der That nicht; er fühlte nur Sinnlichkeit. Da er aber noch für kein Mädchen eigentliche Liebe empfunden hatte, so konnte er diese Leidenschaft nicht mit der Sinnlichkeit vergleichen; und diese wurde 304 bei ihm um so heftiger, da sie das einzige Gefühl seines Herzens war und sich mit seiner Eitelkeit vereinigte. Noch nie hatte er auch die Freude, geliebt zu seyn, so wahr, so entzückend gefühlt, als diesen Abend in Mariens Armen. Er kam wonnetrunken zu Hause, und verschloß sich in sein Zimmer. Wohl hundertmal stand er schon auf dem Punkte, wieder zu Marien hin zu gehen, so spät es auch war, er schämte sich nur vor Marien selbst. Erst spät schloß er das Auge, und schlief dann in unruhigen, und dennoch süßen Träumen. Am folgenden Morgen war er früh bei seiner Geliebten, die ihn aus ihrem feinen Instinkte erwartet hatte. Ihr Vater war abwesend, und sie – der Instinkt leitete sie auch hier sehr richtig – sehr reinlich, aber gar nicht so gekleidet, daß sie schicklich Besuch von einem Manne annehmen konnte. Sie trug ein sehr enges Mieder ohne Ärmel, und ihr Hemde reichte nicht einmal bis an den Elbogen. Sie hatte sich ja so eben erst die Hände gewaschen, und es war noch so früh. Was konnte sie also dafür, daß ihr das schöne Haar noch frei um den Nacken und um die Schultern schwamm? was dafür, daß ein weißes kurzes Röckchen den schönsten Fuß zeigte? was dafür, daß nur ein leichtes Tuch den Busen kaum verhüllte? So sollte Quinctius denken, meinte sie; und sie irrte sich nicht. Freilich hatte sie diesen Anzug mit Vorbedacht gewählt, weil sie den verliebten Baron ganz in ihr Netz ziehen wollte. Man tadle mich nicht, daß ich Marien oben ein züchtiges Mädchen genannt habe. Sie war das wirklich; und wenn 305 Quinctius sie hätte verführen wollen, so würde er ein böses Spiel mit ihr gehabt haben. Allerdings brauchte sie jetzt Buhlerkünste; aber nur, weil sie den Baron, dessen Frau sie zu werden Lust hatte, nicht liebte. Hätte sie ihn geliebt, so wäre sie auf sein Herz losgegangen; aber sie wollte sich nur durch seine Hand glücklich machen. Der Eigennutz will nichts als die Sinne bestricken, oder es muß eine ausgelernte Buhlerin im Spiele seyn; und dennoch wird diese eben so starke Angriffe auf die Sinne machen, als auf das Herz. Die unschuldige Liebe allein schmückt sich, um zu gefallen; sie ist ihres Sieges gewiß. Der Eigennutz schmückt sich, um zu reitzen; er fürchtet, den Raub zu verlieren. Als Quinctius die Thür öffnete, schrie Marie ein wenig auf, und wollte entfliehen; aber er hielt sie. »Wie?« rief er, und küßte die runden, weißen Arme mit Entzücken: »entfliehen willst du? O Marie, weißt du nicht, daß du so am schönsten bist? So! so!« Er betrachtete sie mit verschlingenden Blicken, und verlor sich im Anschauen, in Liebkosungen. Ihr Sieg war ungezweifelt; denn wenn sie es verlangt hätte, er würde sich auf der Stelle mit ihr haben trauen lassen. Sie erhielt jetzt, was sie wünschte: ein sehr bestimmtes Versprechen, daß er sie heirathen wollte. – Aber, mein Geliebter, was wird Ihre Mutter dazu sagen! – »Was sie will, Marie; und ich glaube, nicht viel. Schweig nur noch einige Tage, bis ich für mündig erklärt bin; dann kann Niemand in der Welt etwas dagegen einwenden, daß ich das schönste aller Mädchen liebe, daß du mein Weib wirst.« 306 Marie verabredete jetzt mit ihm einen so überlegten Plan, wie sie einander, ohne bemerkt zu werden, sehen könnten, daß Quinctius hätte überzeugt werden müssen, sie wolle nur seine Hand, wenn er nicht von seiner Sinnlichkeit verblendet gewesen wäre. Diese war bei ihm so heftig aufgereizt, daß Beide jetzt gefallen seyn würden, wenn Marie ihn geliebt hätte, oder wenn sie nicht so züchtig gewesen wäre. Sie blieben einige Stunden beisammen, und Marie erhielt eine Summe Geld von ihm, um sich bessere Kleider dafür anzuschaffen. Mariens Plan, wie sie einander unbemerkt sehen wollten, schien ihm wohl gut; es war ihm aber nicht möglich, ihn auszuführen. Er fühlte in den Stunden, wo er seine Marie gar nicht, oder doch nicht allein sah, ein unerträgliches Mißbehagen. Marie wollte gern der Frau von Flaming ihre Absicht verbergen, bis Quinctius für mündig erklärt wäre; seine Besuche bei ihr wurden aber so häufig, daß sie nicht verborgen bleiben konnten. Schon längst hatte der Jäger Unrath gemerkt; denn seit des alten Barons Tode war Marie niemals für ihn zu Hause. Er schüttelte bedenklich den Kopf, wenn er die Thür wieder verlassen mußte, die ihm sonst zu allen Zeiten offen gestanden hatte. Jetzt fing er an, Zweifel in Mariens Treue zu setzen, und sagte der Mutter des jungen Barons seine Meinung darüber. Frau von Flaming hielt den Liebeshandel ihres Sohnes mit Marien für gänzlich geendigt, weil diese davon schwieg. Sie erfuhr nun, welchen Antheil der Jäger an der Sache nahm. Ohne ihm etwas anders als: es ist gut! geantwortet zu haben, überlegte sie die Sache, und traf die Wahrheit 307 ziemlich richtig. Das beunruhigte sie sehr; denn sie sah jetzt wohl, daß die reitzende Marie alle Mittel anwenden würde, ihren Sohn fest zu halten. Sie ließ Marien zu einer Arbeit rufen, wies ihr ein abgelegenes Zimmer an, und sagte freundlich: ich werde mit meinem Sohne eine kleine Fahrt machen, und dann zusehen, mein Kind, ob du fleißig gewesen bist. Marie hörte den Wagen vorfahren, sah ihren Geliebten mit seiner Mutter einsteigen, und das Herz klopfte ihr vor Freude, wenn sie daran dachte, daß sie selbst bald in eben dem Wagen sitzen würde. Kaum waren sie vom Hofe herunter, so fing die Frau von Flaming ruhig an: Höre, lieber Quinctius, der Jäger hat mich gebeten, bei dir ein gutes Wort für ihn einzulegen. Er will heirathen. Der Bursche ist gut; ich dächte, lieber Quinctius ... – »Mit Freuden, liebe Mutter. Wen will er denn heirathen?« – Schulmeisters Marien, sagte sie ohne alle Schärfe. Ein hübsches Paar! – »Wie? Marien? Das ist nicht möglich. Der Kerl ist ein Narr! Ich soll für ihn anhalten?« – O nein, lieber Sohn; ein so hübscher Bursche spricht in solchen Fällen beredter für sich, als sein Herr. Mit Marien ist er richtig. Er will von dir nur ein Versprechen auf die Försterstelle. – »Liebe Mutter, Marie nimmt ihn nicht.« – Er versicherte aber, daß sie ihn liebt. Quinctius hieß den Jäger einmal über das andere einen Narren, und läugnete Mariens Liebe zu ihm. Ganz ruhig sagte die Frau von Flaming: den Beweis, glaube ich, müßte ich dir sogleich geben können. Der Jäger sollte mitfahren; er gab aber mit einer so verlegenen Miene Geschäfte vor, 308 daß ich wohl sah, er hatte nicht Lust dazu. Dann schlich er schon vorhin um das Zimmer her, worin Marie arbeitet. Ich wollte darauf wetten, daß er bei ihr ist. Laß uns durch den Garten zurückgehen, und – sie ließ halten, und stieg mit ihrem Sohne aus. Beide gingen durch den Garten, die Treppe hinauf, in ein Zimmer, das von dem, worin Marie nähete, nur durch eine Bretterwand getrennt war. Im Gehen aber bat die Mutter ihren Sohn, seine Anwesenheit durch nichts zu verrathen. Der Jäger, sagte sie, ist unser Domestik, und wir behorchen ihn; ich möchte nicht gern, daß er es erführe. Sie waren im Zimmer, und Marie sang bei ihrer Arbeit. Nach einigen Minuten kam auch der Jäger, und ging auf Marien zu, die äußerst verlegen wurde. »Marie«, sagte er mit zärtlichem Tone: »was habe ich dir gethan? Sag! ist das die Liebe, die Treue, die du mir versprochen hast?« – Quinctius horchte hoch auf. Marie sah ängstlich umher. Es war, als ob ihr ahnete, daß man sie behorche. Der Jäger wiederholte seine Vorwürfe. Marie sagte endlich: Aber wenn ich nun auch einmal mit Ihm scherzte, muß denn das sogleich Ernst seyn? – Quinctius sah seine Mutter triumphirend an. »O Marie, wie oft hast du mich geküßt, und mir ewige Treue geschworen! Und jetzt soll das Scherz gewesen seyn? Glaubst du, ich wüßte nicht, warum du dich so geändert hast? Hochmuth ist es! Du willst gnädige Frau werden. O, ich weiß sehr wohl, daß der junge Herr Morgens früh und Abends spät bei dir ist.« – Die Mutter sah 309 ihren Sohn mit Erstaunen an, und er schlug die Augen nieder. Gut! rief Marie; wenn Er's denn weiß, so weiß Er's, und so laß Er mich in Ruhe! »In Ruhe? O Marie, daß du mich liebst, weiß ich; daß du mich nur aus Hochmuth verlässest, weiß ich auch.« (Die Thränen standen dem armen Menschen in den Augen.) »Sieh, Marie, ich kann ohne dich nicht leben. Ach, wenn du wüßtest, wie herzlich ich dich liebe, du würdest mich nicht um den Baron vertauschen, das würdest du nicht. Ist es recht, Marie? ist es recht? Du hast oft Gott angerufen, er sollte Zeuge seyn, daß du mir treu wärest und mich mehr liebtest, als alle Könige und Kaiser; und jetzt lachst du über mich, daß ich der unglücklichste Mensch auf der Welt bin! Sieh, Marie, ich bitte dich hier zum letzten Male: bleib mir treu. Was hab' ich dir denn gethan? Ich habe dich geliebt, ich liebe dich noch, mehr als mich selbst; und du?« – Man hörte Marien schluchzen. »Weinst du, Marie?« fuhr der Jäger fort. »O nein, weine nicht! Ach, bleib mir treu, ich bitte dich; denn ich liebe dich gar zu sehr. Sieh, ich will dich auf meinen Händen tragen; ich will dich ehren, wie den lieben Gott! Marie! liebe Marie!« Ich kann nicht, schluchzte sie; ich darf nicht, Karl! Es ist vorbei! Nein, ich kann nicht. Gott mag es mir vergeben! »Du kannst nicht? Nun, so ist das meine letzte Stunde. Meine Flinte hab' ich geladen. Ohne dich leben mag ich nicht. Sieh, du bist Schuld an meinem Tode. Marie, gieb mir 310 nur noch einen Kuß; dann will ich mir eine Kugel durch das Herz schießen, und dich vor Gottes Gericht verklagen, daß du mich so weit brachtest. Mich hast du betrogen; den Baron betriegst du auch: denn wer Einem nicht treu ist, der ist Keinem treu. O, ich will bald von der falschen Welt kommen!« Karl! rief Marie: willst du denn meinem Glücke im Wege stehen? Ich will dich glücklich machen. Habe nur Geduld! »Glücklich kann ich nicht seyn ohne dich. Gott mag es dir vergeben! Adieu! Mich siehst du nicht wieder!« Er eilte davon, und Marie ihm nach. Sie umfaßte ihn; er riß sich aber aus ihren Armen, und Beide verließen das Zimmer. Schweigend stand die Frau von Flaming auf. Mit Thränen in den Augen ging sie auf ihren Sohn zu, und schloß ihn in ihre Arme. Wir haben, sagte sie gerührt, Beide hier mehr gehört, als wir wollten. Aber jetzt weiß ich, was mein Sohn thun wird; denn er ist ein edler Mann. Eine Leidenschaft konnte ihn verblenden; doch nimmermehr kann sie ihn von dem Wege des Edelmuthes ableiten, den er immer gegangen ist. Marie – das weiß ich, mein Sohn – wird meine Tochter nicht. Ich will ausfahren, und Quinctius wird, wenn ich zu Hause komme, die Sache geendigt haben. Er ist so groß wie Scipio, der einem Feinde die von ihm selbst angebetete Geliebte wiedergab. – Sie führte ihn auf Mariens Zimmer, zog die Thür hinter ihm zu, ging in den Garten, stieg in den Wagen und fuhr ganz ruhig spazieren. Quinctius stand wie betäubt in dem Zimmer da. Er sah wohl, daß Marie in einen Liebeshandel mit dem Jäger 311 verwickelt gewesen war, aber dennoch beredete ihn seine Sinnlichkeit, daß die Sache geendigt wäre. Sein Herz wurde hin und her gerissen: jetzt von der Begierde nach Marien; dann von der Eitelkeit, einem Helden wie Scipio zu gleichen. Das Vertrauen, welches seine Mutter auf ihn, auf seinen Edelmuth setzte, rührte ihn. »Wie würde sie erstaunen«, dachte er, »wenn ich, während sie spazieren fährt, Marien an den Jäger verheirathete!« So stand er, und seine Brust hob sich von Stolz; aber jetzt riß ihn wieder die Begierde mächtig fort. Auf einmal öffnete sich die Thür, und Marie trat mit nassen Augen und klopfender Brust herein. Der Stolz schwieg bei Quinctius, und nur die Sinnlichkeit redete. Zugleich erwachte auch die Eifersucht, wie von einem Zauberschlage erweckt, in seiner Brust. Marie erschrak, als sie den Baron sah, und suchte ihre Thränen zu verbergen. »Was weinst du, Marie?« fragte er jetzt. – Ich komme aus der Küche, antwortete sie stockend; und die ist voll Rauch. Als sie das sagte, betrachtete er sie mit brennenden Augen. Sie sah ihn, weil sie gleich Anfangs den Ernst in seinen Blicken bemerkt hatte, mit einem zauberischen, liebevollen Lächeln an, dem auch ein Andrer wohl nicht leicht widerstanden hätte. Er breitete seine Arme aus; sie sank hinein, und legte sich zärtlich an seine Brust. So zauberisch waren ihre Liebkosungen noch nie gewesen! Frau von Flaming rechnete doch zu viel auf Quinctius' Eitelkeit; sie wußte nicht, daß Sinnlichkeit der stärkste von allen Trieben ist. Ohne an seine Mutter zu denken, hielt 312 Quinctius die Geliebte in seinen Armen, und vergaß selbst den Jäger. Marie hätte vollkommen gesiegt, wenn sie eine Buhlerin gewesen wäre. Sie beruhigte mit großer Innigkeit jeden Zweifel in seiner Seele; und schon regte sich in seinem Kopfe der Gedanke, sich auf der Stelle mit ihr trauen zu lassen. Er betrachtete sie mit brennenden, entzückten Blicken. Sie unterbrach den Lauf seiner Gedanken nicht, weil sie fühlte, daß sie nichts so Fesselndes sagen konnte, als er selbst dachte und empfand. Er drückte sie an seine klopfende Brust; und sie lag in seinen Armen, wie schlummernd: ihr Auge allein, das sie mit zärtlicher Liebe zu dem seinigen erhob, war belebt. Jetzt hörte Marie des Jägers Fußtritte auf der Treppe. Sie hatte ihn erst so eben, als sie hinter ihm her lief, durch ein Paar freundliche Worte beruhigt. Hätte sie in diesem Augenblick etwas gesagt, um ihn zu belehren, daß der Baron bei ihr sey: er wäre weggeblieben, und sie hätte gesiegt. Allein sie wurde ängstlich, wand sich aus den Armen des Barons, und machte mit einer verlegenen Miene ein Paar Versuche, ihn zu entfernen. Noch immer war der Baron nicht aufmerksam; aber trennen konnte er sich von dem schönen Mädchen nicht. Es kommt Jemand, sagte sie jetzt, und machte sich aus seinen Armen los. »Wer? wer kommt?« fragte der Baron, und horchte. (Er hörte den Fußtritt.) Gewiß die Jungfer der gnädigen Frau, sagte Marie erröthend. – »So?« erwiederte Quinctius mit gerunzelter Stirn: »wenn es nicht der Jäger ist!« Eine Todtenblässe zog sich über ihr Gesicht, und verrieth 313 nur allzu deutlich die innere Schuld ihres Herzens. Hätte sie die Kunst verstanden, welche die große Welt lehrt, nur dann zu erblassen und zu erröthen, wenn man es nöthig hat, so wäre alles gut gegangen. Aber sie war wie vernichtet, und wagte es nicht, ihr Auge zu erheben. »Du hast den Jäger geliebt?« fragte der Baron. Sie fühlte sich schuldig, und schwieg. Aber in dieser demüthigen Stellung lag so viel Reitzendes, und das blasse Gesicht, über welches langsam Thränen herabrollten, war so schön, daß die Eifersucht des Barons zur Hälfte wieder gelöscht wurde. Sie hätte das an dem Tone hören können, womit er sagte: »Marie, du bist falsch!« Jetzt mußte sie sich in seine Arme werfen, und rufen: nein, ich liebte den Jäger nicht; aber ich wollte ihm meine Hand geben, um durch die Pflicht meine Liebe zu dem edelsten aller Menschen, dem Baron von Flaming, zu unterdrücken. Hätte sie das gesagt, so wäre sie in einer Stunde des Barons Frau gewesen. Aber sie schwieg erst, und dann sagte sie das Unschicklichste, was sie sagen konnte: ich habe den Jäger, seitdem Sie mir die Ehe versprachen, nie wieder allein gesehen, außer nur heute. Und diese Worte sagte sie so zitternd, daß man die Schuld sogar in ihrer Stimme hörte. Noch war nicht alles verloren. »Und du liebst ihn noch heimlich?« fragte der Baron. »Ich habe dein ganzes Gespräch mit ihm gehört!« Nun verlor Marie alle Besinnung. Aus des Barons Betragen hätte sie schließen können, daß sie noch nicht zu viel gesagt hatte; aber sie war zu unschuldig dazu, und ihr Herz erinnerte sie, daß sie den Jäger noch liebte. Ach, gnädiger Herr, sagte sie und 314 hob die Hände bittend zu ihm auf: ich war Ihnen doch auch gut, gewiß, das war ich, eben so gut wie Karin. Der Baron runzelte die Stirn, ging an die Thür, und öffnete sie. – »Komm herein!« rief er dem Jäger zu, der unentschlossen auf dem Saale stand. – Ach, vergeben Sie mir nur, fing Marie schluchzend an, und machen Sie mich nicht unglücklich! Noch sann der Baron auf eine Ausflucht; noch einmal sprach sein Herz für das geliebte Mädchen. Er fragte bitter: »willst du den Jäger heirathen?« Sie antwortete mit verschämten Blicken: ja! – Nun ging der Baron verdrießlich an die Thür, wendete sich noch einmal um, und sagte zu dem Jäger: »hole den Herrn Pastor; er soll die Agende mitbringen.« Dann ging er in sein Zimmer, und dort erwachte bei ihm die Eitelkeit wieder. Seine Eifersucht, sein Verdruß wurde schwächer, als er daran dachte, wie seine Mutter ihn bewundern würde, wenn sie Marien und den Jäger schon getrauet fände. »Ja, ich will Scipio seyn!« sagte er laut, und ging stolz lächelnd im Zimmer auf und nieder. Quinctius führte den Prediger zu Marien, und in einer Viertelstunde war sie des Jägers Frau. Jetzt warf er noch einen finstern Blick auf das reitzende Mädchen, das an des Jägers Seite so verschämt erröthend da stand. Sein Herz empörte sich aufs neue; sein Zorn gegen das junge Ehepaar erwachte. Nun hörte er den Wagen seiner Mutter auf den Hof rollen, und erheiterte sein Gesicht gewaltsam. »Du bist Förster auf dem Vorwerke!« sagte er zu dem Jäger; »führe dich gut auf, und ich will für dein Glück sorgen. Hier, zum 315 Anfange eurer Wirthschaft!« (Er gab dem jungen Paare einige Goldstücke.) »Sey deinem Manne treu!« sagte er zu Marien. – O gewiß, antwortete sie; gewiß! denn ich liebe ihn über alles. Er verließ schnell das Zimmer, und führte seine Mutter, die ihm auf der Treppe begegnete, zu dem jungen Paare. »Wollen Sie nicht Marien Glück wünschen?« fragte er. »Sie hat den Förster auf dem Vorwerke geheirathet.« Frau von Flaming drückte ihrem Sohne die Hand. Er ging nun auf sein Zimmer. Den ganzen Tag über mischte sich unaufhörlich Schmerz in den Triumph seiner Eitelkeit; ja, es gab Minuten, worin er das Opfer, das er gebracht hatte, stark bereuete. Er sah Marien als junge Frau wieder, und sie schien ihm so reitzend, daß er sein Auge abwenden mußte. Weil er sich nicht die Stärke zutrauete, lange in der Nähe der reitzenden jungen Frau zu seyn und zu schweigen, so gab er dem Förster bestimmten Befehl, je eher je lieber nach dem Vorwerke abzugehen, das eine Stunde weit von dem Dorfe lag, und bei dem eine sehr beträchtliche Forst war. Frau von Flaming befürchtete, daß aufs neue die Idee, Kaufmann zu werden, bei ihm erwachen würde; allein mit Mariens Liebe war auch sein ganzer romanhafter Plan verschwunden, und seine Mutter konnte ihn nun desto leichter bereden, eine Universität zu besuchen. Beyer bekam gerade damals eine Predigerstelle. Quinctius nahm mit Thränen von seinem alten Lehrer Abschied. Sie haben ein gutes Herz, sagte Beyer: Gott erhalte es Ihnen, Herr Baron! 316 Suchen Sie sich besonders noch Menschenkenntniß zu erwerben; die fehlt Ihnen. Auch müssen Sie nicht das Neue immer für das Beste halten. – »Menschenkenntniß, lieber Beyer«, antwortete Quinctius, »soll mir nicht fehlen. Campanella's Methode ist untrüglich. Ich bin nur Einmal in meinem Leben von einem Menschen betrogen worden (er dachte an Marien); und eben bei diesem einzigen wendete ich Campanella's Methode nicht an, weil mir das Herz zu voll war.« Ich kenne diese Methode nicht, erwiederte Beyer; aber ist sie untrüglich, so vergessen Sie nicht, sie bei jedem Menschen zu gebrauchen, wenn Ihnen das Herz auch noch so voll seyn sollte. Trauen Sie nie dem ersten Eindrucke, lieber Herr Baron; überlegen Sie alles, was Sie thun, reiflich. Folgen Sie lieber den betretenen Wegen, als den ungebahnten. Ihr Geist lockt Sie ohnehin zu viel von den ebenen Straßen ab. Die letzten Worte verloren sich in ein doppeltes Schluchzen. Noch gerührter aber war Beyer, als er sein Pfarrhaus sehr artig möblirt, seine Böden, seine Keller, seine Vorrathskammern gefüllt fand, und als ihm, so wie er sein Schreibpult öffnete, eine Schrift in die Augen fiel, wodurch ihm eine jährliche Pension von vierhundert Thalern versichert wurde. Beyer dankte der gnädigen Frau, weil er glaubte, das alles käme von ihr; aber sie wußte nichts davon. Als sie es ihrem Sohne mit Freudenthränen sagte, antwortete er: »von meinem Vater erhielt ich das Leben; von Beyern mehr als das: den Geist, das Leben zu nützen.« 317 Die Rührung der Mutter verschwand, als er das sagte; sie meinte, er habe so gehandelt, um Alexanders Worte anbringen zu können. Damit that sie ihm Unrecht; er hatte, als er für Beyern sorgte, gar nicht an Alexander gedacht, und war nur dem Drange seines Herzens gefolgt. Aber er konnte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, etwas anzubringen, das einmal ein berühmter Mann gesagt hat. Bei seiner Abreise auf die Universität bat ihn seine Mutter, in dem Umgange mit dem weiblichen Geschlechte vorsichtig zu seyn. Er lächelte. »Man hat mich zweimal betrogen, liebe Mutter: Käthe und Marie. Ich weiß, was ich von den Weibern zu denken habe.« Und was denkst du denn von ihnen, mein Sohn? »Daß Sie eine Ausnahme von Ihrem Geschlechte sind.« Was denkst du denn aber von den andern? Ich bitte dich, sag es mir. »Wenn Sie es mir nicht übel nehmen wollen? ... Sie, theure Mutter, nehme ich gänzlich aus. Schon alte Weisen sagen, daß die Weiber falsch und treulos sind. Bei dieser Überzeugung, denke ich, wird mir das weibliche Geschlecht nicht gefährlich seyn.« Lieber Sohn, wer schlecht von dem weiblichen Geschlechte denkt, ist der Raub jeder feilen Kreatur, die dreist genug ist, sich ihm aufzudringen, und klug genug, sich zu verstellen. Wer die Weiber für Betriegerinnen hält, wird gewiß betrogen, und verdient das auch! ...Wann, mein Sohn, wirst du doch einmal für dich selbst denken, und nicht immer wie deine Bücher? – »Ist es denn eine Schande«, 318 antwortete er, »zu denken, wie die Weisesten dachten?« – Er reiste nach der Universität, welche damals die berühmteste in Deutschland war.   Ende des ersten Theils.   319 Zweiter Theil . Der Baron brachte viele Sprachkenntnisse auf die Universität mit; auch hatte er alle Spitzfindigkeiten einer scholastischen Philosophie im Kopfe, und seine Menschenkenntniß vermehrte er ferner nach Campanella's Methode, die ihm freilich noch manche lächerliche Händel zuzog. Zuerst trieb er mit großem Fleiße Philosophie; allein er ließ bald nach: denn sein Lehrer darin, ein heller Kopf, war ein Anhänger von Hume, und spottete über die scholastischen Träume. Freilich gefiel es Anfangs dem Baron, hier sein Ungläubigkeits-System, womit er seinem Vater einmal alle Vorfahren raubte, erweisen zu hören; da aber die meisten Studenten eben dem System anhingen, und da er noch mit keinem Professor Umgang hatte, welcher es bestritt, so konnte er nicht damit glänzen. Er forderte zwar, wenn er mit Leibnizianern in Gesellschaft war, sie auf, die Notwendigkeit der Ur-Ideen zu beweisen; allein die Studenten waren ihm nicht gewachsen, und hörten ihm entweder gar nicht, oder doch sehr gleichgültig zu. Daher verließ er die rauhen Felder der Weisheit bald. Nun studierte er die Alterthümer. Der Lehrer derselben war der abgesagteste Feind aller neuen Sitten, 322 Gewohnheiten, Kleidungen, Speisen, und Regierungsformen. Er bewies seinen Zuhörern täglich mit großem Eifer, daß nur die Griechen gegessen, sich gekleidet, und gelebt hätten; und daß die von ihnen entlehnten zwölf Tafeln der Römer mehr Weisheit enthielten, als die sämmtlichen Gesetzbücher der neueren Nationen. Die Eleusinischen Geheimnisse setzte er dem Christenthum an die Seite; und von Pythagoras' Zahlen redete er mit solcher Ehrfurcht und in einem so heiligen Dunkel, daß er um nichts verständlicher war als Pythagoras selbst. (Von diesem Augenblick an aß der Baron keine Bohnen mehr, und nahm ein Kollegium über die Algebra. Er begriff nichts davon, sprach aber doch beständig von den heiligen Zahlen.) »Die Ägypter, meine hochgeehrtesten Herren«, sagte der Professor, »die Ägypter haben mehr Weisheit in ihre Pyramiden und Obelisken eingegraben, als jetzt in allen Büchern der Welt steht; so wie eine Rhapsodie des Homer größeren Werth hat, als die sämmtlichen Bücher, die seit den letzten siebzehn Jahrhunderten geschrieben worden sind. Eine Lesart im Homer zu berichtigen, den Sinn eines Hieroglyphen an einem Obelisk zu entdecken, ist wichtiger als Luthers Reformation. Ach, meine Herren, was sind doch die großen Männer der neuen Zeit gegen die Alten! Nichts. Leibnitzen will ich ausnehmen; der wird unsterblich bleiben, wenn auch seine Philosophie gänzlich vergessen ist, die er freilich nur den Alten nachschrieb, ohne sie zu verstehen. Ein Gedanke hat ihn unsterblich gemacht, der eines Plato, eines Pythagoras würdig ist: der Gedanke, eine allgemeine Sprache, 323 eine Ideen-Schrift zu erfinden. Eine Hieroglyphen-Schrift! Wehe dem Jahrhundert, das diese große Erfindung so kalt aufnahm, so leichtsinnig verwarf! Wer wird sie ausführen, diese große Idee! wer wird sich dadurch den Dank der Welt und der Nachwelt verdienen!« Ich! dachte der Baron; und nun mochte der Professor deklamiren, so viel er wollte, der Baron war in den Gedanken an eine allgemeine Sprache versunken. Er eilte nach Hause, schloß sich ein, nahm Papier, und mahlte, dachte und träumte einen ganzen Monat nichts als Hieroglyphen. Seine Bedienten, welche bei ihm Papier, Wände und Tische mit seltsamen Figuren vollgezeichnet sahen, glaubten, und schrieben nach Hause, ihr junger gnädiger Herr lerne jetzt das Zaubern. Der Baron schrieb in dieser Zeit an seine Mutter, und sie fand, anstatt der gewöhnlichen Wörter, Kreise, Dreiecke, Vierecke, Zahlen. Ein Postskript belehrte sie von der Idee ihres Sohnes; sonst hätte sie ihn für wahnsinnig gehalten. Nach einem Monate ging er mit seiner Arbeit zu seinem Lehrer, und zog ihn zu Rathe. Ich bitte Sie, Herr Baron, sagte der: wie kann man Ideen, etwas Unsichtbares, mit Zeichen, etwas Sichtbarem, darstellen, so daß diese Zeichen allgemein verständlich wären? »Sie sagten aber in den Alterthümern, es würde ein Verdienst um die Menschheit seyn, diese allgemeine Sprache zu erfinden.« Ei! Herr Baron, das war auch in den Alterthümern bei Gelegenheit der Hieroglyphen. Da sagt und lobt man viel! 324 Wer will sich mit so etwas den Kopf zerbrechen! Ich kann Ihnen keinen Rath geben; denn den Leibnitz habe ich nicht selbst gelesen, und die Hieroglyphen hat schon mancher feine Kopf erklären wollen, ohne es zu vermögen. Man ist ja noch in Streit, was die Pyramiden eigentlich sind. Vielleicht waren sie nur ein Einfall der Ägyptischen Priester, bei dem sie selbst nichts gedacht haben. Es geht den Herren Geistlichen manchmal so! ... Was wollen Sie sich darüber den Kopf erhitzen! Essen Sie mit mir, Herr Baron. – Man trug eben ein Gericht große Bohnen auf, die der Professor, dem weisen Pythagoras zum Trotze, sehr gern aß. Der Baron verließ den Professor mit Verachtung, und besuchte dessen Stunde nicht wieder. Aber so ganz konnte er die Idee, eine allgemeine Sprache zu erfinden, doch nicht fahren lassen. Ihm fiel die Lehre ein: »Thu das Gegentheil von dem, was gethan wird, wenn du erfinden willst!« Und in diesem Augenblicke trat der erste Gedanke an eine allgemeine Empfindungssprache vor seine Seele. »Wie!« dachte er; »kann ich doch, wenn ich die Bewegungen eines Andren nachmache, in mir die Empfindungen erregen, die er hat! ... Sieh da!« rief er nach einigem Sinnen, und klatschte in die Hände: »hättest du wohl gedacht, großer Campanella, daß deine Methode der Keim einer Wissenschaft werden sollte, die vielleicht den ganzen Erdball umändert? Die Empfindungen jedes Menschen sind in mir selbst lesbar, sobald ich seine Bewegungen nachmache. Was bedarf ich weiter? Nichts, als mich nur im Lesen, und dann im Sprechen zu üben. Das kann so schwer nicht seyn. 325 Und da« – fuhr er fort zu grübeln – »nach dem großen Hume, alle Ideen von den Erfahrungen durch die Übung abgezogen sind, also doch einmal Empfindungen gewesen seyn müssen; so kann es nicht fehlen, jeder, auch der allerfeinste, abgezogenste Begriff muß seine Miene haben, die ihn auf dem Gesichte abspiegelt. Und so könnte es dahin kommen, daß meine Gesichtsbewegungs-Sprache die ganze Philosophie reinigte, ihre Gränzen bestimmte, das Denkbare und Undenkbare festsetzte, allen Wissenschaften, der Philosophie, ja der Religion selbst und der Moral, Gewißheit gäbe, ihre Principien entwickelte und ...« – Er sprang mit Entzücken auf, jauchzte vor Freude, und fing sogleich seine Arbeit an. Schade, daß seine Aufsätze, seine Bemerkungen darüber, deren eine ungeheure Menge wurde, nicht in unsere Hände gekommen sind! Ganz unbekannt mögen sie indeß nicht geblieben seyn; des Barons Geist und Schriften scheinen mehrere Gelehrte beseelt zu haben: denn seitdem wurde die Physiognomik ausgearbeitet, und man las durch bloße Berührung der Schrift sogar unbekannte Sprachen. Natürlicher Weise trieb der Baron jetzt das Nachmachen der Mienen, der Bewegungen und der Stellungen in allen Gesellschaften sehr lebhaft. Besonders war er sehr eifrig, wenn er hörte, daß zwei Menschen sich in einer ihm unbekannten Sprache unterredeten. Dann stand er neben ihnen wie festgezaubert, und keine ihrer Bewegungen entging ihm. Sein Gesicht wurde so gelenksam, so geschmeidig, daß man ihn nicht ohne Erstaunen ansehen konnte. Und 326 was war seinem Entzücken zu vergleichen, als er einige Male wirklich den Gegenstand eines Gespräches errieth, das zwei Leute in einer fremden Sprache führten! »Ist es möglich?« dachte er; »blieb es mir vorbehalten zu entdecken, was die Gabe der fremden Sprachen bei den ersten Christen gewesen ist? Sie war nichts als meine allgemeine Bewegungssprache; und so ist das Wunder erklärt.« Er fing jetzt an, mit seiner Erfindung laut zu werden. »Warum«, sagte er, »sind alle wilden Völker so pantomimisch? warum reden sie mehr mit Gesicht, Händen und Füßen, als mit der Zunge? Natürlich! sie sprechen noch die Sprache, welche die Natur dem Menschen gab, und welche er durch seine so doppelsinnige Wortsprache verdrängt hat.« Der Baron wurde über diese Äußerungen bald verspottet. Besonders verfolgten ihn in allen Gesellschaften die Frauenzimmer mit ihren Einfällen. Er machte ihre Mienen nach, und wurde immer mehr von Mahomeds Satze überzeugt, daß die Weiber von Natur ungeheuer falsche, verläumderische, thörichte Spötterinnen alles Guten und Edlen sind. Das Alphabet der neuen Sprache war nun fertig, und bestand in lauter Gesichtern mit verzerrten Mienen, die ein Mahler nach des Barons Gesichte gezeichnet hatte. »Das Gesicht ist der Spiegel der Seele; was also wirklich in der Seele ist, zeigt sich auf dem Gesichte. Denkt die Seele etwas, das nicht wirklich ist, so kann es sich auch nicht auf dem Gesichte abspiegeln. Was also auf dem Gesichte keine Bewegung macht, ist nicht wirklich da.« Dies waren die 327 Hauptsätze, welche unser Baron immer mehr und mehr ausarbeitete. Aber nach und nach mußte sein Eifer erkalten; denn Niemand wollte seine Sprache mit ihm reden, nur seine beiden Bedienten ausgenommen, die endlich seine Verzerrungen des Gesichtes verstehen lernten. Auf diese beiden Bedienten berief er sich immer, wenn man über seine neue Sprache spottete. Hiermit ging es endlich so weit, daß ihm die Kinder auf der Gasse in den Weg traten, und ihm Fratzengesichter machten. Er wurde der Märtyrer seiner Erfindung, tröstete sich aber damit, daß es allen großen Männern auf ähnliche Art gegangen sey. So wählte auch er das Mittel, das sie wählten, wenn sie konnten: er entfloh, und ging auf eine andere Universität, mit dem festen Vorsatze, seine Erfindung zu verschweigen. Allein er wurde auch hier bald zum Gespötte, da er die Gewohnheit nicht ablegen konnte, sogleich, wenn er Leute reden sah, das Gesicht zu verzerren, zu lachen, wenn sie lachten, den Kopf zu schütteln, wenn sie ihn schüttelten, sich zu bewegen, wie sie sich bewegten. Haben Sie den Baron von Flaming schon gesehen? fragte man überall. Man bedauerte ihn, und nannte seine Gewohnheit: Nervenschwäche, Krankheit. Nur ein Professor der Theologie wurde aufmerksamer auf ihn. Ist er etwa aus Amerika? fragte er jemanden, der den Baron kannte. – »Nein; er ist ein Deutscher.« – Oder seine Vorfahren? fragte der Professor weiter. – »Auch nicht.« Nun, ein Mongol muß er doch seyn! murmelte der Professor vor sich, und suchte 328 Gelegenheit, den Baron zu sehen, die er auch in Kurzem fand. Der Professor sah den Baron starr an; sogleich betrachtete dieser ihn mit eben so starren Augen. Um Vergebung, Herr Baron, ist das Ihr eigenes Haar? fragte der Professor, und betrachtete Flamings blonden Kopf. – »Ja, Herr Professor. Warum? Meinten Sie ...?« – Ich dachte, weil es blond ist ... – »Darf man kein blondes Haar tragen?« – Man darf wohl; allein ich glaubte, Sie müßten schwarzes haben. – »Ich, schwarzes? Warum denn eben ich?« Der Professor wurde verlegen, entfernte sich, und betrachtete den Baron mit Kopfschütteln. Herr Baron, fing er bald nachher wieder an, sind Sie aus Deutschland gebürtig? – »Ihnen aufzuwarten.« – Aber Ihre Vorfahren können doch nicht aus Deutschland seyn. – »Warum denn nicht?« – Ich glaubte, aus Amerika, sagte der Professor, und betrachtete den Baron wieder sehr aufmerksam. – »Aber warum aus Amerika?« – Der Professor wurde wieder verlegen, und ging. Flaming bemerkte, daß der Professor ihn immer in den Augen behielt. Geschwind machte er dem Manne alle Mienen nach, und hatte dabei keine üble Empfindung. Das Gesicht des Professors sagte ihm nur: ich bin aufmerksam auf dich, und werde an dir irre. Der Baron trat zu dem Professor hin, gab ihm die Hand sehr freundschaftlich, und sagte: »Sie finden etwas an mir, das Sie sich nicht erklären können.« Der Professor gestand das ganz offenherzig, und ging nun mit ihm in ein Fenster. Nicht wahr, Herr Baron, 329 sagte er, Sie haben ein starkes Gedächtniß? Sprachen sind so recht Ihre Sache? Flaming stutzte. Hm! dachte er, weiß der etwa ...? – »Nun ja, ich kann Ihnen das wohl gestehen, Herr Professor. Aber warum fragen Sie danach?« Ich errieth es aus Ihrem Wesen, sagte der Andre freundlich lächelnd. Der Baron erstaunte noch mehr. Er hatte schon von dem Professor als von einem großen Gelehrten, der aber manche seiner Kenntnisse dem Publikum gänzlich entzöge, sprechen hören. Sollte er etwa, dachte Flaming, gerade eben meine Wissenschaft verheimlichen? Aber, fing der Professor wieder an, aus Amerika muß doch einer Ihrer Vorfahren gewesen seyn? »Nein, gewiß nicht.« Der Professor schüttelte den Kopf. Haben Sie denn die Gewohnheit, alle Mienen nachzumachen, von Jugend auf? Der Baron lächelte. »Nein, ganz und gar nicht.« O, so vergeben Sie mir, sagte der Professor gutherzig. Also eine Krankheit? »Auch das nicht. Ich thue das vorsetzlich; es ist Wissenschaft.« Wie so? fragte der Professor neugierig. »Alle wilden Völker, Herr Professor, reden mehr durch Mienen, Geberden, ...« Nicht alle, nicht alle, fiel der Professor lächelnd ein; die vom Celtischen Völkerstamme gewiß nicht: darauf verlassen Sie sich, Herr Baron. Menschen von edleren Racen 330 haben die Geschmeidigkeit des Körpers nicht, die dazu gehört. Die Celten auf der untersten Stufe ihrer Kultur redeten nie durch Mienen und Bewegungen; sie erfanden, aber sie ahmten nicht nach. »Aber ich habe ja die Geschmeidigkeit, und bin ein Deutscher. Oder sind die Deutschen keine Celten?« O ja, Herr Baron. Eben deswegen fragte ich nach Ihrem Gedächtnisse, nach Ihren Vorfahren. Ich muß Ihnen in Vertrauen sagen, Herr Baron (er sah sich unruhig um), daß ich nun vierzig Jahre damit zugebracht habe, eine Wissenschaft zu studieren, die vielleicht einmal – jetzt sind die Zeiten noch nicht – hellen Tag in die Geschichte des Menschen bringen wird. »Gewiß ist das eine allgemeine Sprache für alle Menschen der Erde durch die Bewegungen ...« Allgemein, Herr Baron? Wenn ich Ihnen nun beweise, daß die Menschen in Racen abgetheilt sind, die sich durch wesentliche Absonderungen der Natur stärker von einander unterscheiden, als die Racen der Thiere; so werden Sie mir leicht zugeben, daß eine allgemeine Sprache für das menschliche Geschlecht nicht möglich ist. »Wenn Sie mir das beweisen, Herr Professor!« Das kann ich. Kommen Sie doch zu mir. Aber unsere Gespräche müssen unter uns bleiben, ganz unter uns! Der Professor war wirklich ein sehr gelehrter Mann. Von Jugend auf hatte er am liebsten Reisebeschreibungen und historische Schriften gelesen. Nichts war ihm dabei unbegreiflicher, als daß die Kultur in Asien, dem am längsten 331 bewohnten Lande, keine, und in Europa so schnelle Fortschritte gemacht hat. Er dachte diesem Räthsel lange nach; auf einmal fuhr ihm wie ein Blitz der Gedanke durch die Seele: wie, wenn wir Europäer ganz andere Menschen wären, als die Asiaten! Sogleich fing er an, alle seine Kenntnisse unter diesem Gesichtspunkte noch einmal zu wiederholen, zu ordnen, und fest zu stellen. Alles wurde ihm nun klar: die verschiedenen Farben der Menschen, die verschiedene Form der Gesichter, die verschiedenen Sitten und Gewohnheiten, die verschiedene Stärke und Schwäche des Geistes bei den Völkern. Zwar erschrak er ein wenig, als er seine neue Theorie durchdachte, und sich dabei erinnerte, daß er Professor der Theologie war. Aber nein! rief er; es ist nicht möglich, daß Neger und Amerikaner, Kalmycken, Morgenländer, Griechen und Deutsche Alle von Adam abstammen können. Die Morgenländer, das gebe ich zu, und das ließe sich erweisen; aber nicht die Celten, nicht die Slaven. Er brachte nun sein System in Ordnung, und theilte die Menschen in vier Hauptstämme: in Mongolen (wozu er Neger und Amerikaner rechnete), in Morgenländer, Slaven, und Celten . Jeder Klasse gab er ihre Kennzeichen, ihre Farbe, ihre Sprache; ja, er unterschied sie durch die geringsten Kleinigkeiten. Je mehr er las, desto fester, desto unumstößlicher wurde ihm seine Theorie. Fand er etwas, das nicht hinein paßte, so machte das eine Ausnahme. Erzählte ein Reisebeschreiber Umstände, die sein System zum Wanken brachten, so hatte der Mann nicht die Wahrheit gesagt, 332 oder nicht recht gesehen. Kurz, der Professor ging von seiner Hypothese aus, und wußte die Fakta nach ihr zu bilden. Jetzt hatte er sein System in Ordnung gebracht, und die vier Menschen-Racen in gehörige Schranken abgesondert, welche sie nicht überschreiten konnten, weil ihre innere Organisation sie an ihre Unvollkommenheiten band, und diese verewigte. Bald ließ er nun in Gesellschaft mit anderen Professoren etwas von seinem System merken; und nicht lange, so machte er auf dem Katheder das Dogma von der Erbsünde durch die Bedingung: »wenn alle Menschen von Adam abstammen«, zweifelhaft. Mit jedem halben Jahre wurde er dreister, wie das bei den meisten Ketzern der Fall ist. Diesmal griff er die Erbsünde an; im folgenden halben Jahre zog er bei dem Hauptartikel der Dogmatik solche Folgerungen aus seiner Hypothese, daß den Studenten, welche es merkten, die Haare zu Berge standen. Kurz, nach einigen Jahren behauptete er ohne Scheu: für die Celten sey kein Erlöser nöthig gewesen; in Adam hätten nur die Morgenländer gesündigt. Das kam denn endlich aus. Nun bedauerte die theologische Fakultät nichts mehr, als daß man nicht mehr verbrennen dürfe. Die Mediciner behaupteten nach der Sektion eines Negers, aus dem Magen desselben, daß er gerade eben so denken müsse, wie ein Deutscher. Die Philosophen wollten nicht mit der Sprache heraus; als sie aber hörten, daß schwarzes Haar ein Zeichen von unedler Abkunft seyn sollte (alle vier Professoren der Fakultät hatten unglücklicher Weise schwarzes Haar): schlugen sie sich zu den 333 Theologen. Die Juristen schrieen am meisten; denn, sagten sie, es geht gegen das Herkommen. Der einzige Kameralist, der vom Hofe zuweilen Aufträge im Finanzfache bekam, hielt es mit dem Professor, weil dieser ihm sagte, daß die Regierung mit gutem Gewissen jedem Schwarzkopf eine doppelte Kontribution auflegen könne. Man stritt und schrie so lange, bis der Hof sich ins Mittel legte. Der Professor mußte widerrufen, und durfte nicht mehr über die Dogmatik lesen. Nun brach die halbe Stadt ihren Umgang mit ihm ab, und der Kameralist zuerst. Man denke sich das Elend des guten Professors, der etwas Unerhörtes, noch nie Gesagtes, lehren konnte, und nicht durfte! Doch er hielt sich dadurch schadlos, daß er wenigstens manchem Einzelnen, zu dem er Vertrauen hatte, etwas von seinem System entdeckte. So auch bei dem Baron, an dem er seinen rechten Mann gefunden hatte, und dem er, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, alle seine Geheimnisse, alle seine Kollektaneen aus Reisebeschreibungen, mittheilte. Der Baron zog zu dem Professor ins Haus, nahm bei ihm ein Privatissimum über die neue Wissenschaft, und studierte mit solchem Eifer, daß er bald eben so weit war, wie sein Lehrer; ja, es gingen nur wenige Monate hin, so übertraf in der Anwendung des neuen Systems der Schüler seinen Meister. Der Professor lehrte ihn die Kennzeichen der verschiedenen Menschen-Racen. Der unedelste Menschenstamm, sagte er unter andern, hat wollichtes, starkes, schwarzes 334 Haar, Stutznasen, dicke Lippen, große Beißmuskeln, starke Kinnladen, weißere Zähne, größere Köpfe, dicke Haut, runden Bauch, große Ohren, eingedrückte Stirnen, kleine tiefe Augen, und so weiter. Der Baron kehrte, nach seiner Lebhaftigkeit, den Satz um. »Wer«, sagte er, »eine Stutznase, dicke Lippen und so weiter hat, gehört zu dem unedelsten Menschenstamme. Ja, ja! darum betrog mich Marie; sie hatte schwarzes Haar und schwarze Augen. Jetzt seh ich's ein.« Er träumte nun von nichts als von Menschen-Racen, und fing an, alles in dieses System hinein zu zwingen. Jetzt hatte er wieder jedermann in Augen, nicht um zu erfahren, wie er dächte, sondern um zu sehen, ob nicht ein Zeichen von unedler Abkunft an ihm zu entdecken wäre. Indeß war er doch mit dieser Hypothese ein wenig behutsamer, als mit der vorigen, so viele Mühe es ihm auch kostete, seine neuen Kenntnisse zu verbergen. Ich würde unglücklich werden, hatte der Professor zu ihm gesagt, wenn es auskäme, daß ich Sie unterrichtet habe. Der Baron schwieg daher und studierte desto emsiger mit seinem alten Freunde; doch endlich wurde es ihm allzu sauer, etwas zu verbergen, das er allein wußte. Er entschloß sich, die Universität zu verlassen, wo seine Eitelkeit so sehr in der Presse war, nahm von seinem Lehrer Abschied, und ging in die Residenz eines kleinen Deutschen Fürsten, in dessen Lande er vor Kurzem ein Gut von einem weitläuftigen Verwandten geerbt hatte. Nun miethete er ein Haus, ließ sich mehrere Domestiken, Equipage, und Möbel kommen, und richtete sich für die 335 damalige Zeit sehr elegant ein. Bald wurde er bei Hofe vorgestellt, und gefiel sehr wohl. Natürlicher Weise bewarb man sich um seine Bekanntschaft, da man wußte, daß er sehr reich war. Alle Fräulein am Hofe warfen ihr Netz nach ihm aus; aber ein so seltsamer Mensch, wie der Baron, war ihnen noch nicht vorgekommen. Sobald er in eine Gesellschaft eintrat, schien er mit seinen Augen alle Anwesende verschlingen zu wollen, und besonders ließ er sie auf den Mädchen haften. Jedes Fräulein glaubte, wenn es seinen starren Blicken begegnete, ihn schon erobert zu haben; aber den Augenblick nachher war er so kalt, als ob Haubenköpfe rings um ihn wären. An dieser sah er schwarzes Haar; dort schreckten ihn zwei Reihen sehr weißer Zähne zurück; bei der schauderte er vor einer vollen Brust; diese war ihm zu rund; jene hatte eine Stutznase, eine andere zu dicke Lippen; kurz, an jeder war wenigstens Ein Kennzeichen von Slavischer Abkunft, das ihn abhielt, sich näher mit ihr einzulassen. Überdies steckte ihm noch immer der Koran im Kopfe, und vergiftete alles, was seine jetzige Hypothese ihm etwa Gutes von einem Mädchen sagte. Die Männer fand er etwas besser; nur beleidigte er auch bei ihnen sehr oft die gewöhnlichen Sitten. Man hielt den Baron für einen gelehrten Sonderling; und die Lebensart, die er in seinem Hause führte, rechtfertigte diese Benennung. Es wurde bei ihm sehr gut und eine Menge von Schüsseln gegessen; nur bekam man nie fettes Fleisch, und den Sallat beinahe ganz ohne Öl. Er gab sehr guten Wein, aber leichten, und wenig. Nach Tische 336 wurde Limonade, oder ein andres kaltes Getränk präsentirt; Kaffee und Thee waren nicht bei dem Baron zu finden, und eben so wenig Karten. Man mochte ihm vorstellen, so viel man wollte, daß er sich nach der Mode richten müsse; er hatte immer nur die Eine Antwort: »ich bin ein Celte, und will einer bleiben.« Das ganze Jahr hindurch stand er sehr früh auf; und legte sich um zehn Uhr nieder. Er war ein Feind aller Komplimente, und würde selbst zu dem Fürsten, wenn dieser ihn besucht hätte, nur gesagt haben: »seyn Sie mir willkommen!« Jeder Unglückliche konnte sich dreist an ihn wenden, und bekam gewiß Hülfe, wenn er blondes Haar hatte. War er auch so unglücklich, ein Mongolisches Abzeichen an sich zu tragen, so half der Baron ihm wohl, aber doch nur mit einer gewissen Härte. Diese Verschiedenheit in seinem Betragen wußte niemand zu erklären, da der Baron bisher noch wenig von seinem System geäußert hatte. Man lachte über ihn, und auch über die seltsame Dekoration seiner Zimmer. An den Wänden hingen Kupferstiche und Zeichnungen von Menschenköpfen und Kleidungen, Hütten, Kähnen, Geräthen aus alten Ländern; auf dem Tische standen drei oder vier Todtenköpfe: einer von einem Kosaken; die anderen von Deutschen. Zwischen Büchern aller Art, doch meistens seltenen, lagen ganze Stöße Papiere voll der sonderbarsten Figuren, noch aus den Zeiten her, da der Baron sich mit der allgemeinen Sprache beschäftigte. Er lächelte immer sehr zufrieden, wenn jemand alles das betrachtete, ohne errathen zu können, was es bedeute. 337 So hatte es ungefähr ein Jahr lang fortgedauert, als seine Hypothese losbrach. Die einträgliche Pfarre auf seinem Gute wurde vakant, und ein Kandidat in der Residenz wendete sich an die Geliebte des Fürsten, daß sie ihm eine Empfehlung verschaffen möchte. Der Fürst ließ den Baron durch den Hofmarschall ersuchen, dem Kandidaten die Pfarre zu geben; und der Baron versprach es halb und halb. Aber nun kam der Kandidat selbst zu ihm: ein Mensch mit einer Stutznase, kleinen schwarzen Augen und pechschwarzem Haar. Gnädiger Herr, hob er an, ich bin der Kandidat, dem Sie die Pfarre in ... – »Das sind Sie?« sagte der Baron. »So bedaure ich; Sie können mein Pfarrer nicht werden.« Er machte ihm eine ganz kalte Verbeugung, und ließ ihn gehen. Noch denselben Tag war der Hofmarschall bei dem Baron. Nun, lieber Herr Baron, ist der junge Mann bei Ihnen gewesen? Der Fürst verläßt sich darauf, daß Sie ihm die Pfarre geben. Er hat noch heute mit mir davon gesprochen. »Ich bedaure – der Mann wird mein Pfarrer nicht.« Was sagen Sie, Herr Baron? Nicht möglich! Ich habe dem Fürsten Ihr und mein Wort darüber gegeben. »Das thut mir in der That leid; aber mein Pfarrer wird er nicht: das ist so gewiß, als ich hier stehe.« Herr Baron, bedenken Sie auch ...? Sie werden den Fürsten beleidigen! »Sehr möglich.« Der Fürst hat dem jungen Mann versprochen, daß er die Pfarre bekommen soll. 338 »Das durfte der Fürst nicht; denn ich habe die Pfarre zu vergeben, und ...« Sie scherzen, Herr Baron. Der Fürst hat doch Ihr Wort; und das müssen Sie halten. »Ich gab ihm mein Wort nur unter Bedingungen. Wie ich Ihnen sage, es ist nicht möglich.« Aber warum nicht? Bedenken Sie, der Fürst ... Warum denn nicht? »Der Mensch hat eine Stutznase, große dicke Lippen, schwarzes Haar, kleine schwarze Augen.« Nun sehe ich, daß Sie scherzen, Herr Baron; denn was kann der Mensch dafür, daß er schwarze Augen hat? »Ich eben so wenig. Soll ich denn aber zum Reiten ein elendes Pferd nehmen, wenn ich einen Normann haben kann?« Was hat denn die Stutznase mit dem Predigen zu thun? »Sehr viel, Herr Hofmarschall: mehr als Sie glauben; und die dicken Lippen dazu.« Der Mensch ist sehr geschickt, das versichere ich Ihnen. Fünf Sprachen soll er sprechen. »Gedächtniß können die Stutznasen wohl haben. Ein Japaner, der Europa durchreiste, lernte jede Sprache in vier Wochen fertig reden; und die Japaner sind noch schlimmer daran, als Ihr Kandidat.« Aber, Herr Baron, bedenken Sie doch: der Fürst ...! Und dann kennen Sie ja den jungen Mann nicht. »Herr Hofmarschall, er wird mein Pfarrer nicht; denn er hat alle Kennzeichen einer unedlen Abkunft an sich.« 339 Muß denn Ihr Pfarrer von Adel seyn? Das ist wieder etwas Neues! »Herr Hofmarschall, er soll mir seine Ahnen nicht beweisen; mir ist es gleich, ob sein Vater ein Tagelöhner war. Aber vom edlen Menschenstamme muß er seyn; kurz, ein Celte.« Sie haben ja nur drei Worte mit ihm gesprochen, als er bei Ihnen gewesen ist. Sprechen Sie einmal länger mit ihm! Ein gefälliger Mensch, Herr Baron; er läßt sich alles bieten, ist so geschmeidig – »Ja, ja, das dacht' ich! Ganz recht! Und wenn er mir auch gefallen hätte, jetzt würde er doch nicht mein Pfarrer!« Weil er eine Stutznase und schwarzes Haar hat? Seltsam, Herr Baron! Die ganze Stadt wird darüber lachen, und der Hof dazu. »Hof und Stadt lachen über mehr ernsthafte Dinge. Das mögen sie. Genug, mein Pfarrer wird der Kandidat nicht.« Der Fürst muß das ressentiren. Bedenken Sie, Herr Baron! Vielleicht kann er eben so wenig blaue Augen, lange Nasen, blondes Haar leiden; und Sie haben das alles. »Von Nasen und Augen«, fuhr der Baron erhitzt auf, »ist hier die Rede nicht; sondern von den Kennzeichen des innern Menschen, von edler oder unedler Race. Sehen Sie hier, Herr Hofmarschall!« – Er stellte zwei Schedel vor ihm auf den Tisch. – »Finden Sie keinen Unterschied zwischen diesen beiden Schedeln? Sehen Sie hier den Backenknochen! wie stark an diesem, wie flach an jenem! Sehen Sie diese beiden Stirnen, diese Nasenbeine, diese Kiefern, diese ganze Form der Köpfe. Wie verschieden! Der Fürst 340 empfehle mir einen Menschen mit einem solchen Schedel, mit einer solchen Stirn; und ich schenke ihm vier Sprachen von fünfen.« Sie redeten ja nur so eben von der Nase und von der Farbe des Haars; und jetzt ... »Rede ich von nichts Anderem; denn dieser Schedel kann kein anderes Haar treiben, als blondes, keine andere Nase bilden als eine edle lange; und das Gehirn in diesem stolz gewölbten Schedel kann keine andern Gedanken schaffen, als feine, edle, tugendhafte. Nun sehen Sie den andern Kopf! Hat die Natur nicht die Kinnladen auf Kosten des Übrigen so vergrößert, als ob der, dem dieser Schedel ehemals gehörte, nichts zu thun haben sollte, als zu fressen und zu sterben?« Aber Herr Baron, wie gehört das hieher? Was hat denn dieser Todtenkopf mit dem Predigen zu thun? Sagen Sie um des Himmels willen! »Die Natur, Herr Hofmarschall, schuf mehrere Menschenarten, wie mehrere Thierarten: eine edler als die andre, eine unter ihnen die edelste. Sie gab allen Arten ihre körperlichen Kennzeichen, wie Sie dieselben hier an diesen Köpfen sehen können. Dies ist der Schedel eines edlen Deutschen; und jener eines unedleren Kosaken. Nun, hoffe ich, wird man es mir nicht übel nehmen, wenn ich meinen Unterthanen einen Prediger aus dem edelsten Menschenstamme geben will.« Herr Baron, neu ist das alles, was Sie mir sagen; ist es aber auch gewiß? Wäre es das, so könnte der Fürst die 341 Räthe entbehren, welche die Kandidaten examiniren müssen. Ist es wirklich gewiß, Herr Baron? »So gewiß, als Erfahrung und Nachdenken irgend etwas machen können.« Der Baron setzte nun mit einer triumphirenden Beredtsamkeit dem Hofmarschall die Kennzeichen der edleren und unedleren Menschen-Racen aus einander. »Sehen Sie«, schloß er zuletzt, »so steigt die Natur von den Insekten, die ganz Magen sind, bis zu den Thieren, bei denen der Kopf sich von dem übrigen Körper unterscheidet, und von dem untersten Thiere wieder bis zu dem edlen Pferde, oder Hirsche, welche die Köpfe empor heben; von da zu dem Affen, der von allen vierfüßigen Thieren allein aufrecht geht, bis zu dem Menschen. Im Menschen selbst geht die Natur den ganzen Raum, den sie schaffend durchlaufen hat, wiederholend durch, und bildet noch einmal die ganze Schöpfung. Da steht, von ihr geschaffen, der unedelste Menschenstamm. Bei ihm sind alle zum Essen nöthigen Theile des Kopfes größer und stärker, als bei den edleren Menschen. Die Beißmuskeln, die scharfen, spitzen, zackigen, weißen thierischen Zähne, die starken Backenknochen, die dicken, weiten Lippen, die sammetartige, undurchdringliche, schwarze Haut, der starke Bauch, das leblose Auge, die thierische hinten übergedrückte Stirn, das platte, runde Gesicht, die krummen Beine aller Negern, Amerikaner und südlichen Asiaten, zusammen genommen mit ihrer Reitzbarkeit, ihrem scharfen Sinnen, ihrem bloßen Wortgedächtnisse, ihrem Mangel an sittlichem Gefühl und Nachdenken, und den daraus folgenden Lastern: dies alles 342 beweist hinlänglich, daß die Natur mit ihnen den Raum zwischen dem Thier und den edleren Menschen ausfüllen wollte. So steigt die Natur, vielleicht mit zwanzig verschiedenen Arten, bis zu dem Celten hinauf, der an seiner edlen schlanken Gestalt, auf seiner weißen zarten Haut, in seinem strahlenden blauen Auge, auf seiner erhabenen Stirn, in den blonden Haarlocken, auf der hohen Brust, auf dem schönen Oval seines Gesichts, auf den feinen, lächelnden Lippen den Stempel der vollendeten Schöpfung trägt, und durch Erfindungskraft, durch feines, zartes und rasches Gefühl für Schmerz und Sittlichkeit, durch Liebe zu Ordnung und Schönheit, durch zartere Lebenskraft, durch höhere Freude in Übung seiner Geisteskräfte, durch leichten Überdruß im Genusse der Sinne sich auch des Vorrechtes werth macht, der Liebling des Himmels und der Herr der Schöpfung, selbst seiner unedleren Brüder, zu seyn.« Des Barons Gesicht glühete bei dieser Rede vor Stolz und Freude. »Und somit«, fing er nach einer Pause wieder an, »sehen Sie wohl, kann ein Mensch, der die Kennzeichen einer unedleren Race an sich trägt, mein Pfarrer nicht werden.« Der Hofmarschall machte noch einige Versuche, mit seinem Verlangen durchzudringen; allein Flaming blieb fest, und der Kandidat mit der Stutznase wurde wirklich sein Pfarrer nicht. Natürlicher Weise machte unser Baron sich nun den Fürsten zum Feinde, und nicht allein den , sondern auch einige Dutzend Räthe, Kammerherren, Ärzte und Prediger, die 343 entweder Stutznasen, oder schwarzes Haar, kurze Stirnen, runde Bäuche, starke Backenknochen, oder dicke weitgeschlitzte Lippen hatten. Zwar glaubte niemand an des Barons Eintheilung der Menschenstämme, welche bei dieser Gelegenheit durch den Hofmarschall und den Kandidaten allgemein bekannt geworden war; aber dennoch wurde sie von einigen Spöttern gebraucht, um Lachen damit zu erregen. Unglücklicher Weise ließ sich des Barons Folgerung aus dicken Lippen, kurzen Stirnen, dicken Bäuchen u.s.w. sogar auf einige von jenen Herren anwenden; es ist also leicht zu errathen, was von ihm und seinem Systeme gesprochen wurde. Nun hatte man des Herrn von Flaming Sonderbarkeit heraus, und erklärte ihn für einen ausgemachten Narren, wie der Fürst selbst ihn genannt hatte. Die Spötter in der Stadt und am Hofe suchten ganz hinter die Vorstellungsweise des Barons zu kommen. Überall, wo er sich sehen ließ, mußte er sein System aus einander setzen; und er that es mit der Eitelkeit eines jungen unerfahrnen Mannes. Jedes Mal, wenn er auf diesen Gegenstand kam, gerieth er in Feuer, und konnte also freilich nicht mit Behutsamkeit reden. Man widersprach; aber dann bewies er aus zehn Reisebeschreibungen, daß er Recht habe. Er erklärte alle Laster, alle Thorheiten, jeden Aberglauben, jede einfältige Gewohnheit, aus seiner Hypothese, mischte sie in alles, wendete sie auf alles an, und löste durch sie alles auf, was in der Stadt und bei Hofe an diesem und jenem Menschen für ein Räthsel galt. Sprach man z. B. von der Armuth der 344 Unterthanen, so fand er die Ursache davon in dem dicken Bauche und den großen Ohren des ersten Geheimen Rathes. Der Geheimerath erfuhr, daß Flaming ihn für einen Mongolen erklärt hatte; und er war der Mann nicht, den man ungestraft beleidigen durfte. Augenblicklich sann er auf ein Mittel, sich zu rächen, und er fand es endlich in Verbindung mit einer gewissen Frau von Hausen. Die Frau von Hausen war erst nachher, als man das System des Barons schon kannte, in der Residenz angekommen. Sie nahm, als die Frauenzimmer den Baron in einer Gesellschaft neckten, sein System in Schutz, und ließ es sich geduldig von ihm aus einander setzen. Es war ihr nicht schwer, den gutherzigen, leichtgläubigen, eitlen jungen Mann in ihm zu erkennen; daher schien sie von seinen Sätzen ganz entzückt, und sprach den Nachmittag fast nur mit ihm. Man glaubte, sie wolle sich über ihn lustig machen; aber das war ihre Meinung gar nicht. Sie kannte den großen Reichthum des Barons von Flaming, und entwarf auf der Stelle den Plan, ihn für ihre Tochter einzufangen. Beim Weggehen drückte sie dem Baron die Hand, und bat ihn, sie zu besuchen. Man wird, sagte sie, von den meisten unserer jungen Herren so fade unterhalten, daß ich mich freue, Sie hier gefunden zu haben. Ich werde Ihre gelehrige Schülerin seyn. – Dieser Weihrauch ging nicht verloren; der Baron küßte ihr die Hand, und sagte: »wenn Sie es erlauben, so komme ich morgen zu Ihnen.« Jettchen, sagte die Frau von Hausen diesen Abend zu ihrer Tochter, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die 345 dich sehr interessirt: mit dem Baron von Flaming. Er ist ein sehr reicher Kavalier, gewiß der reichste im ganzen Fürstenthume; denn das Gut in unserem Lande ist nicht sein einziges. Du hast wohl von seinen Grillen gehört, von seinen Menschenstämmen. Nun ja, er ist ein wenig ein Thor, aber ein so gutherziger, daß man ihn lieben muß. Ich dächte, Jettchen, das wäre eine Partie für dich. Du hast nicht viel Vermögen, und die Besoldungen am Hofe sind knapp. Überleg es dir. Morgen kommt der Baron zu uns. Jettchen rümpfte die Nase; um einen Thoren war es ihr denn doch auch nicht zu thun! Indeß sie überlegte die Nacht hindurch, und den folgenden Mittag kam sie so schön frisirt, so geschmackvoll geputzt zum Vorschein, daß ihre Mutter sie über die rothe Wange streichelte. – Du bist wirklich heute bezaubernd, Jettchen. Wenn ich das Kirchenfenster-Gesicht, die Emilie, dagegen betrachte! Die zieht sich immer an wie ein Bauernmädchen. Von Jettchen solltest du lernen! Aber an dir ist Hopfen und Malz verloren. Wir werden dich wohl todt füttern müssen; denn wer wird dich nehmen? Nackt wie eine Made, und dann noch obendrein stolz! – »Liebe Tante«, sagte Emilie sanft, »ich habe ja den Putz nicht, den Jettchen hat.« – So? Sehe nur einer, noch obendrein trotzig! Nicht wahr, ich soll es meinem Kinde entziehen, und dir geben? Nein, mit nichten. – »Ach, liebste Tante, ich bin ja zufrieden mit dem, was ich habe.« – Und was hast du denn, Fräulein Armuth? Was du hast, ist von mir. Ein Kleidchen, eine elende Fahne von 346 Batavia-Taffent, brachtest du zu mir ins Haus. Aber so geht es. Hätte dein Vater nicht dem Bettelvolke alles zugesteckt, so brauchte ich mir nicht das Brot abzudarben, um dich zu kleiden. »Ach, gnädige Tante, ich habe meinen Vater so sehr geliebt!« – So? Den, der dich in Armuth versinken ließ, den liebst du; mich aber nicht, und ich vertrete doch Mutterstelle bei dir. O; laß nur das Weinen! Ich kenne ja deine Krokodillsthränen schon. – »Mein Vater hatte ja sein Unglück nicht verschuldet. Der Brand, die Feinde ...« – Ei was! schweig! ... Jettchen, wie ich dir gesagt habe. Flaming ist ein sehr reicher Mann. Stoß dich nicht an seinen Grillen. Glaube mir, eine solche Grille ist oft besser, als gar keine. – Jettchen lächelte schon triumphirend. Hätte die Frau von Hausen die Grille des Herrn von Flaming genauer gekannt, sie würde ihrer Tochter den Rath gegeben haben, den betriegenden Flor auf der Brust etwas weniger zu blähen; denn auch ein Griechischer Busen gehörte bei ihm zu den Kennzeichen des Celtischen Stammes. Man empfing den Baron sehr artig, und die Frau von Hausen brachte das Gespräch dann bald auf die Menschen-Racen. Der Baron sprach mit Eifer. Die Mutter machte Einwürfe, ließ sich erklären, und hörte dabei zu ihrer großen Freude, daß langes blondes Haar ein sicheres Kennzeichen von Celtischer Abkunft wäre. Nun, so ist meine Tochter gewiß eine Celtin; denn die hat Haar, Herr Baron – schöner muß es keine Kaiserin haben. Das sah der Baron; aber zu gleicher Zeit bemerkte er an Jettchen, die er noch nicht 347 aufmerksam betrachtet hatte, runde, zum Kuß gewölbte Lippen, und einen Busen, der eben auch nicht Celtisch schien. Nun? sagte die Frau von Hausen; Sie betrachten gewiß Jettchen, ob sie eine Celtin ist. Ja, das ist ein Deutsches Mädchen! So Deutsch eben nicht, dachte Flaming; und in diesem Augenblicke sah er, weil Jettchen einmal lachte, ihre nichts weniger als weißen Zähne. »Ihre Zähne, gnädiges Fräulein«, hob er gutherzig an, »haben eine schöne Farbe.« Jettchen verlor beinahe die Besinnung, und die Mutter wußte nicht, was sie dazu denken sollte. »Denn weiße, glänzende Zähne«, setzte der Baron hinzu, »sind allemal das Zeichen eines thierischen Gemüths.« Beide Damen erholten sich. Da haben Sie Recht, Herr Baron. Da ist meines Bruders Tochter hier im Hause; die hat Zähne im Munde, wie Alabaster so blendend weiß. Sehe doch einer! Ich hielt bis jetzt weiße Zähne für eine Schönheit, und habe das Mädchen manchmal darum beneidet. »Da irrten Sie sehr, meine gnädige Frau. Alle Mohren haben blendend weiße, spitze Zähne, gleichsam um anzuzeigen, daß sie noch den Thieren ähnlich sind, und nur leben, um zu essen. Kein Wilder weiß von Zahnweh und übeln Zähnen. Das ist kein gutes Zeichen. Indeß Ihre Nichte ...« Nein, bei der trifft es auf ein Haar zu; sie weiß nichts als essen. Du mein Gott! sollte einer denken, daß Sie das 348 alles so auf ein Haar wissen! ... Und bei meiner Tochter hat kein Zahnpulver, kein Abfeilen geholfen. Sagen Sie mir doch, wie haben Sie denn das alles gelernt? Der Baron war zu gutmüthig, und hatte zu wenig Weltkenntniß, um auch nur die Absicht eines so gemeinen Weibes, wie die Frau von Hausen, durchzusehen. Er ließ sich den Weihrauch wohlgefallen, den Mutter und Tochter an ihn verschwendeten, und nahm endlich mit dem Versprechen, recht oft wieder zu kommen, von ihnen Abschied. Er war bei der Frau von Hausen zu vergnügt gewesen, als daß er nicht hätte Wort halten sollen. Erst ging er alle acht, dann alle drei Tage, endlich sogar täglich hin, und immer fand er Jettchen reitzend gekleidet und freundlich. Mit jedem Male wurde sein Verlangen, sie wieder so reitzend und so freundlich zu sehen, stärker. Jetzt ließ sie schon zuweilen Launen blicken; aber er merkte sie nicht. Sie hatte die Migraine, wenn er kam, und lag auf ihrer Bergere, in einem reitzenden Nachtkleide, wie eine schlummernde Venus. Er saß eine Stunde neben ihr, tröstete sie, und drückte ihr die Stirn, ohne nur einen Augenblick an sein System zu denken. Die Frau von Hausen durfte es jetzt schon wagen, ihren Triumph öffentlich zu zeigen, und lud eine große Gesellschaft zum Diner ein. Der Baron konnte an diesem Tage kein Auge von Jettchen verwenden, die wie eine Prinzessin gekleidet war. Er hätte jetzt darauf geschworen, sie habe die feinsten Lippen von der Welt; auch fing er an, ihren Busen schön zu finden. Endlich war die Suppe aufgetragen. 349 Jettchen nahm gleichgültig des Barons Arm, den er ihr mit Ehrerbietung bot, und ließ sich von ihm zu Tische führen. Als die Gesellschaft sich hinter den Stühlen ordnete, ging die Thür noch einmal auf. Emilie trat furchtsam herein, und machte der Gesellschaft eine stumme Verbeugung, die nicht Einer, den Baron ausgenommen, erwiederte. Ihr Kleid war nur von wollenem Zeuge und schlecht gemacht; aber dennoch konnte es die schlanke Gestalt des Mädchens nicht verbergen. Ihr blondes Haar war leicht frisirt, ganz ohne Schmuck und Kunst, und ein weißes, einfaches Tuch bedeckte den Hals bis unter das Kinn; aber, was man vom Halse sah, hatte die schönste Weiße. Sie schlug das Auge fast immer nieder; doch wenn sie es einmal erhob, strahlte eine so sanfte, wehmüthige Seele daraus hervor, daß man Mitleiden mit ihr hatte, ohne daran zu denken. Ein Officier bot ihr, als man sich setzen wollte, eine bessere Stelle; aber die Tante rief laut von oben herunter: Emilie! Wo denkt das Mädchen hin? Dort ganz unten ist dein Platz! Emilie setzte sich mit der größten Sanftheit. Man sah nichts auf ihrem Gesichte, keinen Unmuth, keinen Trotz, nur eine leichte Röthe, die über ihre Wange flog, sich aber den Augenblick wieder in die blendend weiße Farbe ihres Gesichtes verlor. Der Baron hatte zwar die Frau von Hausen und Jettchen oft von Emilien, und nicht zu ihrem Lobe, sprechen hören; aber gesehen hatte er sie noch nicht, so oft er auch da gewesen war. Jetzt – er wußte selbst nicht, wie es zuging – hingen seine Blicke immer an dem schönen Mädchen; so ungefähr, in dieser schlanken, leichten, 350 reitzenden Gestalt, hatte er sich immer das Ideal seiner Celtin geträumt. Die Frau von Hausen wußte schon aus Erfahrung, daß man bisweilen Jettchen über Emilien vergessen konnte; daher hatte sie den Anzug der letztern selbst besorgt. Sie wollte es recht gut machen, und machte es in der That recht schlimm, als sie Emilien anhielt, ihre Brust bis an den Hals zu verhüllen. »Welch eine jungfräuliche Züchtigkeit!« dachte Flaming. »Welch ein Celtischer Busen! Welch eine hohe Gestalt! So züchtig war Herrmanns Gattin, Thusnelda, gekleidet! So trug sie gewiß ihr blondes Haar, nicht mit dem häßlichen Firlefanz bedeckt, durch den Jettchen das ihrige immer entstellt!« (Er sah Emilien essen; man bemerkte es kaum.) »Welche Lippen! so zart! Der Mund so klein! Die Stirn, wie edel!« Solche Anmerkungen machte der Baron in jeder Minute, die Jettchen, seine Nachbarin, ihm nicht mit Fragen raubte; diese war aber ihres Sieges schon viel zu gewiß, um etwas zu bemerken oder von ihm zu befürchten. Einige Male begegneten Emiliens Augen den seinigen, und es schien ihm, als wäre ihr Blick nachdenkend und bittend. Das erregte seine Neugierde. Zum Glück fiel ihm seine Empfindungssprache wieder ein. Als er die Züge ihres Gesichtes, die Lage ihrer Augen, nachmachte, fühlte er, daß nur ein Unglücklicher so aussehen könne, und daß sie um Schutz, um Hülfe bitte. Emilie bemerkte, daß der Baron sie fast immer ansah, und erröthete. Das war sehr natürlich. Wohl hundertmal hatte die Tante zu ihr gesagt: heirathet Jettchen 351 den Baron, so zieh' ich auf seine Güter, und du auch, wenn meine Kinder dich haben wollen. Aber, füttert der Baron dich nur erst – du sollst wohl noch sehen, was ich bin, und was fremde Leute sind! – Nun sah Emilie den Baron heute zum ersten Male, und blickte ihn darauf an, was sie von ihm zu erwarten hätte. Als sie von ihm beobachtet wurde, erröthete sie, und dachte nichts weniger, als daß er sie bewunderte. Des Barons Mitleiden, und sein Verlangen ihr zu helfen, wurden immer größer; denn das Schelten der Tante über den ganzen Tisch hin nahm kein Ende. Brauchte jemand etwas, so rief sie: »aber, Emilie, wie sitzest du da? Ein Mädchen, wie du, muß die Augen allerwärts haben!« Versah der Bediente etwas, so schrie sie: »Emilie, von dir hat man doch auch gar keine Hülfe! Sieh doch, was Johann da macht! Ja, ich thäte wohl, wenn ich dich bediente; du bist zur Prinzessin geboren.« Ein alter Officier, der das mit Verdruß hörte, und jedesmal Emilien mitleidig ansah, machte endlich die Frau von Hausen still. Sie erzählte, daß im dreißigjährigen Kriege die Güter ihrer Vorfahren von den Kaiserlichen ganz und gar verheert und abgebrannt wären. Und wer war Schuld daran? fuhr sie fort. »Da unten, das schöne Mädchen, das an allem in der Welt Schuld ist«; sagte der Officier sehr trocken, und sah die Frau von Hausen starr an. Sie warf einen wüthenden Blick auf Emilien. Der Officier fühlte, daß er das Übel noch verschlimmert hatte, und gerieth darüber in Verwirrung. Er suchte nun seinen Fehler durch Artigkeit gegen die Frau 352 von Hausen wieder gut zu machen, und es gelang ihm, so seltsam er sich auch dabei nahm. Die Frau von Hausen wurde über seine Komplimente so heiter, daß sie Emilien ein halbes Glas Wein schickte. Diese trank es nur halb aus, und ließ, wie Flaming und der alte Officier bemerkten, eine Thräne hinein fallen. Als das Dessert kam, stand sie auf und ging aus dem Zimmer. Nach Tische nahm der alte Oberste heimlich Emiliens Glas mit der Neige Wein, und trank es mit Vergnügen aus. »Sie haben das beste Glas Wein getrunken«, redete Flaming ihn an. – Haben Sie es auch bemerkt? fragte der Alte, und gab dem Baron die Hand. – Wie so? fragte Jettchen; was war es denn für Wein? – »Hm!« erwiederte der Baron; »haben Sie je von der Kleopatra gehört? Die löste echte Perlen in Wein auf, und trank sie. Auch in diesem Weine, mein Fräulein, war eine Perle aufgelöst, und die köstlichste von der Welt.« Der Oberste schlug den Baron herzlich auf die Schulter, und rief: Bravo! Ich kenne Sie zwar nicht; allein Sie haben Herz für so etwas. Wir müssen Freunde werden. Kommen Sie! Noch eine Flasche Wein auf die Gesundheit des lieben Mädchens! – Der Baron begriff nicht, wie ein Slave (wofür er den Obersten wegen seines Trinkens hielt) einer so feinen Empfindung fähig seyn konnte. Er lehnte dessen Aufforderung ab, drückte ihm indeß recht herzlich die Hand, ob er gleich ein Slave war. Hm! – dachte der Oberst, der sich bei Einigen in der Gesellschaft nach dem Baron erkundigt, und von ihnen gehört hatte, daß er ein ausgemachter Narr sey: – hm! das 353 Herz ist doch ein gutes Ding; es macht auch den Thoren menschlich. Der Baron trat gleich nachher an ein Fenster, und schien die Scheiben zu zählen. Er dachte an nichts als an Emilien, die den tiefsten Eindruck auf ihn gemacht hatte. »So ist es!« murmelte er. »Der Adel dieser Celtin ist bei dem ersten Anblicke sichtbar! Mein Auge hing an ihr, als sie in den Saal trat; und sogar ein Slave, der dickbäuchige, schwarzhaarige Oberst, fühlte die Würde des besseren Menschenstammes, und demüthigte sich vor ihr.« Er nahm den Obersten, der ihn jetzt aufsuchte, bei Seite, und fragte neugierig: »aber woran merkten Sie sogleich die Vortrefflichkeit des Mädchens? An dem schönen blonden Haar, oder an der Kleidung?« Der Oberst sah ihn verwundert an. Ei, Herr Baron, ich weiß nicht einmal, ob das Mädchen eignes Haar hat oder eine Perücke trägt. Kleidung? Was kann man daraus sehen? Gar nichts. – Der Baron erwiederte lächelnd: »Wie geht es denn aber zu, daß der Slave auch in wärmeren Gegenden seinen Schafpelz nicht ablegt, wenn nicht die Kleidung ...?« Was der Schafpelz mit dem lieben Mädchen zu thun haben soll, begreif ich nicht; aber stecken Sie das Mädchen in zehn Schafpelze, ich finde es dennoch heraus. Wie es zugeht, darauf kommt nichts an. Hm! dachte Flaming, auf Eine Art muß er doch errathen haben, daß Emilie eine Celtin ist! Woher denn die Ehrfurcht, die jeder Mohr, jeder Amerikaner dem Europäer, wenn er ihn zum ersten Male sieht, sogleich erzeigt? Irgend eine Stimme in seinem Innern muß ihm sagen: beuge dich, 354 hier ist ein Celte! ... »Aber, Herr Oberst«, hob er auf einmal wieder an, »ihr helfen wollen und müssen wir. Die Eine Thräne, die sie weinte, hat mir das Herz umgewendet. Wehe dem Manne, der hier gleichgültig zusähe! Sie lebt in der Sklaverei einer tyrannischen Tante; aus der müssen wir sie erlösen. Was meinen Sie, Herr Oberst?« Was ich meine? Daß Sie recht haben. Ich gebe von Herzen gern, was ein alter Kriegsmann hat: gute Wünsche, und ein ernstes Vorwort. Aber erlösen? Lieber Herr, ich habe sechs Kinder, und stehe auf Gnadengehalt. »Und ich bin zu jung, sie zu mir zu nehmen! ... Doch, einen Vorschlag, Herr Oberst. Nehmen Sie Emilien zu sich, und ich bezahle für sie. Geben Sie ihr Liebe, indeß ich ihr Unterhalt gebe. Ich beneide Sie, Herr Oberst. Wahrhaftig, ich wünschte, das Mädchen dürfte von Niemand anders etwas empfangen als von mir! ... Sind dreihundert Thaler jährlich genug? Für die Kleidung sorge ich natürlicher Weise außerdem.« Der Oberst konnte den Baron nicht begreifen, und schüttelte wieder den Kopf. – Laß seyn! – sagte er auf einmal ganz laut, und küßte den Baron – laß seyn! Ich halte mich an Ihr Herz! Leise setzte er hinzu, weil er merkte, daß die Gesellschaft anfing zu horchen: Wer keine Thränen sehen kann, ohne sie trocknen zu wollen, mag meinethalben Gras wachsen hören. Sie sehen so; ich anders. Nun, das ist Eins, wenn wir nur auf gleiche Weise handeln. Jetzt bildeten sie Beide den Plan aus, Emilien von ihrer Tante wegzubringen. Dreihundert Thaler waren dem 355 Obersten zu viel; aber der Baron sagte: »sie wird das Übrige schon noch brauchen.« Alles war unter ihnen verabredet; doch auf einmal dachte der Baron daran, daß der Oberst ein Slave war. Der ganze Handel wäre wieder rückgängig geworden, wenn er Emilien bei einem Blondkopfe für sechshundert Thaler hätte unterbringen können; jetzt aber mußte er sich freilich den Slaven gefallen lassen! Der Oberst suchte nun Emilien auf, und fand sie in einem kleinen Stübchen, wo sie an einem Kleide für die Tante nähete. Hören Sie, liebes Kind, sagte er: kann man wohl ein Wort in Vertrauen mit Ihnen sprechen? Bleiben Sie sitzen. Nähen Sie fort in Gottes Nahmen. Ich begreife wohl, daß Sie nicht viel Zeit übrig haben; und ein Geplauder mit einem alten Manne ersetzt die Schelte der Tante nicht. Ja, wenn es ein junger Herr wäre! ... Ich habe den Plan gemacht, Sie zu entführen, wenn Sie nichts dagegen einwenden. Sie kennen meine ältesten Töchter; wollen Sie mit denen leben? Ich will Ihr Vater seyn. Sie haben lange nicht empfunden, was Liebe heißt, und müssen es endlich wieder lernen. Nun, liebes Kind? Emilie ließ ihre Arbeit aus den Händen fallen, und blickte, mit Thränen des Leidens und der Dankbarkeit in den Augen, den Obersten an. Sie ergriff seine Hand, und küßte sie, eh' er es hindern konnte. Dann aber sank sie langsam zurück; und die Freude, die ihr Gesicht einige Augenblicke erheitert hatte, ging wieder in Kummer über. – »Nun, liebes Kind? Antworten Sie doch!« – Emilie sagte entschlossen: ich kann nicht, Herr Oberst. 356 »Nehmen Sie mir's nicht übel, Kind: das ist Ziererei. Sie leben hier bei Ihrer Tante in der Hölle. Warum können Sie nicht? Heraus mit der Sprache! Sie sind ein ehrliches Mädchen. Heraus!« Emilie erröthete. Herr Oberst, meine Tante ist hart gegen mich; sie bezahlt sich selbst die Schulden, die ich bei ihr mache. Sie aber, Sie würden gütig gegen mich seyn; und wie sollte ich es da ertragen können, Ihnen zur Last zu fallen! Sie haben Kinder ... »Und sind ein armer Teufel, wollen Sie sagen, gutes, liebes Kind. Das ist nicht unwahr. Aber, sehen Sie« – fuhr er in einiger Verwirrung fort: »Ihr seliger Vater ... war ein edler Mann. Sie ... haben wohl nie davon gehört, wie viele Verbindlichkeit ich ihm schuldig bin. Er sprach von seinen edelsten Handlungen nicht. Ich bin zwar wohl nicht reich, aber doch ehrlich; und so kann ich meine Schulden nicht unbezahlt lassen. Ihr Vater rettete mich einmal; was kann ich nun weniger thun, als seine Tochter aus einer Hölle retten? Behelfen sollen Sie Sich, sogar Ihren Unterhalt verdienen. Meine jüngsten Mädchen brauchen Unterricht, Erziehung ...« Emiliens Gesicht fing an heiter zu werden. Sie ergriff mit Feuer des Obersten Hand, und sagte: Ja, unter der Bedingung, daß Sie mich Ihre Haushaltung führen lassen. Ach, wie gern werde ich mit dem Freunde meines edlen Vaters gehen! Sie kannten ihn? »Hören Sie, liebes Kind, lügen kann ich nicht, um keinen Preis. Ihren Vater habe ich nicht gekannt; aber ich kenne Sie . Seyn Sie meine Tochter. Sie selbst sind nicht arm. Hier 357 meinen alten Kopf zum Unterpfande, daß Sie jährlich dreihundert Thaler haben.« Emilie erstaunte, und drang mit Fragen in ihn. Der Oberst, der so ungern eine fremde edle That verschwieg, platzte endlich mit dem Geheimnisse heraus. Mit Thränen der Dankbarkeit in den schönen Augen, aber auch mit entschlossenem Tone schlug es Emilie nun ab, mit ihm zu gehen. Als der Oberst das Ziererei nannte, sagte sie bittend: geben Sie meiner Weigerung nicht diesen bösen Nahmen. Möchten Sie wohl, daß eine Ihrer Töchter einem jungen Manne verbindlich würde? Der Oberst schwieg nachsinnend. »Sie haben Recht«, sagte er endlich leise. »Aber sieh, meine Tochter«, hob er nun desto feuriger an – »nun lasse ich dich gar nicht los. Es ist wahr, was brauchst du einen jungen Laffen, und selbst mich? Da ist meine Cousine, die Gräfin Löwenhelm, eine sehr edle Frau. Die sucht eine Freundin, eine Gesellschafterin. Bei der , Emilie, bist du an deiner rechten Stelle. Sprichst du Französisch, liebe Tochter?« Emilie bejahete diese Frage, und willigte in den Vorschlag, weil sie die Gräfin, eine vortreffliche Frau, schon kannte. Der Oberst sollte nun die Tante um Erlaubniß bitten, Emilien mit sich nehmen zu dürfen; und er that das noch in derselben Viertelstunde. Frau von Hausen sah ihn darauf an, machte Einwürfe, und verlangte einige Zeit sich zu bedenken. Sie fühlte doch einige Scham, ihres Bruders Tochter zu einem Fremden zu schicken, der überdies nicht halb so viel Vermögen hatte, als sie selbst. Allein sie hoffte, einen Vorwand 358 zu finden, durch den sie den Tadel der Menschen von sich abwenden könnte. Gegen Abend verlor sich ein Theil der Gesellschaft, und die Wenigen, welche blieben, setzten sich zum Spiele. Der Oberst bat den Baron, eine Partie mit ihm und Jettchen zu machen. Das hätte aber der Baron beinahe übel genommen; er sagte: »Herr Oberst, ein Celte spielt nicht«; und ging in das Nebenzimmer, um seinen Grillen nachzuhangen. Diese brachten ihn bald auf Emilien. »O, sie spielt gewiß nicht«, dachte er, trat dann zu Jettchen an den Spieltisch, und sagte: »mein Fräulein, geben Sie mir doch den Schlüssel zu Ihrem Zimmer. Ich will ein wenig lesen, und hier, wo die Bedienten immer hin und her laufen, ist es mir zu unruhig.« Jettchen gab ihm den Schlüssel, und er ging langsam über den Saal nach ihrem Zimmer zu. Nicht weit davon hörte er eine weibliche Stimme singen, näherte sich, und sah durch eine halb offne Thür, daß Emilie leise singend bei einer Arbeit saß. Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf, und er betrachtete sie lange mit Vergnügen und Wohlwollen, ohne sie anzureden. »Emilie!« sagte er endlich, nicht in seinem gewöhnlichen Tone, sondern mit einer sehr natürlichen Rührung. Emilie stand auf, und erröthete. Er trat in das Zimmer, zog die Thür hinter sich zu, und küßte Emiliens Hand. »Endlich«, sagte er, »habe ich gefunden, was ich so lange suchte: ein edles Mädchen!« Sie verstand nicht, was er damit sagen wollte, und erröthete aufs neue. »O, erröthen Sie nur, Emilie; ja erröthen Sie: aber erschrecken 359 Sie nicht! Denn ich bin Ihrer nicht unwerth. Warum soll ich Ihnen nicht sagen, was ich fühlte, als ich Sie zum ersten Male sah? Daß wir Beiden zusammen gehören, daß wir für einander geschaffen und durch ein besseres Band verbunden sind, als Sie durch die Bande des Bluts mit Ihren Verwandten: durch Ähnlichkeit, durch Verwandtschaft unsrer Herzen, unserer Seelen.« Dabei hielt der Baron ihre Hand, und drückte sie zärtlich. Emilie glaubte eine Liebeserklärung in bester Form zu hören; und der Baron sprach von nichts als von seinem System. Sie wußte nicht, wohin sie ihre Augen wenden, und noch weniger, was sie sagen sollte. In ihrer Verlegenheit sann sie nach, was sie erwiedern könnte; und darüber ging die Zeit zur Antwort hin. »Ich weiß nicht«, hob Flaming wieder an, »ob der Oberst von Brensen ... – Er sah an Emiliens Erröthen, daß er das nicht hätte sagen müssen. Mein Geschick, sagte Emilie sanft, muß sich bald von selbst bestimmen. Sie waren sehr gütig, Herr Baron. »Gütig? Was ich that, das hätte ich gethan, und wenn Sie auch nicht einen Zug dieses hohen, edlen Geistes an sich trügen; das hätte ich gethan, auch ohne Sie gesehen zu haben; das war Pflicht gegen das menschliche Geschlecht. Daß ich aber« – er beugte sich tief vor ihr, und küßte ihre Hand mit Ehrerbietung – »daß ich meine Ehrfurcht für Sie äußere, mich vor Ihnen beuge, wie ich mich vor keiner Fürstin beugen würde, wenn sie nicht so wäre wie Sie: auch das ist Pflicht, doch Pflicht gegen die edelste Gattung meines 360 Geschlechts. Jenes war ich den Menschen schuldig; dies Ihnen , Emilie!« Er küßte ihr noch einmal die Hand. In diesem Augenblick öffnete Frau von Hausen die Thür, und sagte in einem freundlichen Tone, aber mit einem grimmigen Blicke auf Emilien: So, so! Machen Sie den Mädchen auf ihren Kammern die Cour, Herr Baron? Kommen Sie doch, kommen Sie! Sie zog ihn fast mit Gewalt aus Emiliens Zimmer, und schrie dann zehnmal aus Leibeskräften: Jettchen! bis ihre Tochter endlich kam. Hier! sagte die Mutter in einem widerlich scherzhaften Tone, und winkte Jettchen mit den Augen zu – hier hast du einen Gefangnen; er war bei Emilien, und küßte ihr die Hand. – Jettchen machte eine seltsame Miene, und nahm den Baron mit in das Spielzimmer. Die Frau von Hausen ging wieder zu Emilien, und ließ ihren Zorn aus. »Mannssüchtig bist du«, rief sie; »denn wer wird zu dir kommen, wenn du ihn nicht lockst? Aber da stellt sie sich hin, wo sie nur eine Mannsperson wittert, und singt! O, ich kenne deine Künste wohl! Ja, du mit deinem papiernen Gesicht, und mit der Hopfenstangen-Figur!« Der sanften Emilie riß endlich die Geduld. Mit einem vor Scham und Verdruß glühenden Gesichte sagte sie: O Tante, ich schmeichle keinen Männern, um sie an mich zu ziehen; eine Tochter habe ich nicht, und ich selbst verlange nicht zu heirathen. »Verlange? verlange? Was sagte der Fuchs zu den Weintrauben, die er nicht erreichen konnte? Verlangen! Seh doch einer! ... Was hast du mit dem Baron gesprochen? 361 Sag es ja ehrlich, das rath' ich dir! Denn er muß doch mit der Sprache heraus, wenn Jettchen ihn fragt.« Er sagte mir ... er sagte: wenn er eine Tochter hätte, er wollte sie lieber ermorden, als sie bei seinem Tode einer Schwester übergeben! »Das sagte er?« fragte die Frau von Hausen spöttisch. »So sag du ihm, dies hätte ich geantwortet.« Sie schlug Emilien wüthend ins Gesicht, und goß einen Strom von Scheltworten über sie aus. Am Abend, als die übrigen Gäste weggefahren und der Baron noch allein bei der Frau von Hausen und Jettchen war, fing man an ihn sehr strenge zu examiniren. Gleich auf die erste Frage der Mutter: wie Emilie ihm gefiele? antwortete er sehr offen: über alle Beschreibung. Auf Jettchens Frage, was er bei Emilien gemacht hätte, erwiederte er: ich habe ihr gesagt, wie sehr sie mir gefällt. Die Mutter zählte nun an Emilien so viele Fehler und Laster auf, daß selbst Jettchen davor erröthete, und ihrer Mutter ein- oder zweimal ins Wort fiel. Der Baron behauptete aber ganz ruhig: »was Sie da sagen, ist nicht möglich; denn sie ist eine reine Celtin!« Zum ersten Male widersprachen Mutter und Tochter dem Menschenracen-System. Der Baron erwiederte lächelnd: »glauben Sie, was Sie wollen; aber Emilie ist das edelste Mädchen, das ich jemals gesehen habe.« Sie soll zum Obersten Brensen, Jettchen, sagte Frau von Hausen, als er fort war; und wenn die ganze Welt mich eine Rabenschwester nennte. Nein, die Liebe fängt von sich selbst an. Sie soll zu Brensen! 362 Noch mehr wurde sie in ihren Gedanken bestärkt, als der Baron am folgenden Tage wohl hundert Versuche machte, Emilien zu sehen, so daß sie ihn nur mit vieler Mühe davon abbringen konnte. Er sprach heute auch sehr ernsthaft über ihre Härte gegen Emilien; und sie mußte freundlich bleiben, ob es gleich in ihrem Herzen kochte. Ich habe kein Vermögen, sagte sie; ich kann ihr keine bessere Kleidung geben, als sie hat. Daß der Anzug ihr nicht besser steht, ist nicht meine Schuld. Das Mädchen hat einen Leib, auf den nichts paßt und dem nichts sitzt. »Wie?« fragte der Baron erhitzt: »wie? die Kleidung stände Emilien nicht? Gnädige Frau, sie war ja gestern gekleidet wie ein Engel. Von der Kleidung rede ich nicht. Diese schöne schlanke Gestalt; dieser Griechische Busen; dieser ...« Busen? Wo Sie doch wohl die Augen gehabt haben mögen, Herr Baron! Je, Mama! wenn nun der Herr Baron Emilien schön findet, wer kann es ihm wehren? »Ja, Fräulein Jettchen, Sie wissen, wie gut ich Ihnen bin; aber seitdem ich Emilien gesehen habe, ist es mir noch mehr aufgefallen, daß Sie Sich fehlerhaft kleiden.« Je, Herr Baron, Sie dürfen ja nur sagen, wie Jettchen sich anziehen soll. Sie wissen, daß sie alles thut, was Sie wünschen. Was haben Sie denn an Jettchens Anzüge auszusetzen? »Wie läßt sich das sagen! Sehen Sie, Emilie trat herein – ihr weißes Tuch verbarg die Brust bis an den Hals; ihr 363 Busen war höchstens an einer ganz leichten Erhöhung zu bemerken. Jettchens Brust – das weiß ich jetzt von neulich her, wo ich sie Morgens noch ganz im Negligé antraf – ist eben so schön Celtisch; aber da hat sie die Grille, Flor, Tücher, und ich glaube gar Drath, unter ihr Tuch zu falten, bis sie den Busen einer häßlichen Lappländerin oder gar einer Kalmyckin bekommt.« Aber, mein Gott, das ist ja die neueste Mode, lieber Herr Baron! Was soll man denn machen? »Mode, oder nicht! Ich will meinen Kopf zum Pfande setzen, eine wollüstige Slavin, die das blinde Schicksal irgendwo an einen Hof geworfen hatte, brachte diese Mode zuerst auf. Man lasse ihr das! Die Natur gab ihr diesen Busen, um die fürchterliche Leidenschaft der Wollust zu bezeichnen, die in ihren Adern wüthet. Was soll man von den jungen Mädchen jetzt glauben? Doch wohl nichts anders, als daß sie bei dem männlichen Geschlechte keine bessere Leidenschaft, als die Wollust, erregen wollen, weil sie selbst nichts als wollüstig sind.« Ja, Herr Baron, so denken Sie nach Ihrem System. Aber Andere kennen das nicht; die denken anders. »Nein, gnädige Frau. Ich habe das System ausgearbeitet; aber jeder vernünftige Mann, wenn er es auch nicht kennt, fühlt es. Warum macht Emilie die Mode nicht mit? Es ist kein Tropfen Blut von einem Slaven in ihr. Holde Schamhaftigkeit begleitet alle ihre Schritte. Jettchen ist eben so keusch wie Emilie, das weiß ich; aber die verwünschte Mode! Wenn Jettchen geht, seh' ich allemal den Fuß; von 364 Emilien nie. Das Gewand bedeckt ihr, wie einer Vestalin, auch die Spitze des Schuhes.« Ja, sagte die Frau von Hausen, weil sie einen Fuß hat, wie ein Trampelthier. Gieb doch einmal einen Schuh von ihr her! ... Da sehn Sie nur! Und hier haben Sie einen von Jettchen. Der da ist eine Hand breit länger. »Wieder ein neuer Zug in dem Gemählde einer vollkommenen Celtin. Hätte Jettchen keinen größern Fuß, als er nach diesem Schuhe seyn müßte, so wäre er für ihren Wuchs zu kurz. Nur die Slavischen Völker, oder gar die Mongolen, als die Sinesen, binden sich die Füße, weil sie einen kleinen Fuß für eine Schönheit halten. Emiliens Fuß wird gerade die Länge der Schönheit haben.« Jettchen riß ihm die Schuhe aus der Hand. Sie wollen heute nun einmal Emilien loben! Nun meinetwegen! Gute Nacht! Ich bin müde. Jettchen wollte schlechterdings mit dem Baron brechen; die Mutter gab ihr aber zu bedenken, daß sein großes Vermögen keine Kleinigkeit sey. Am nächsten Morgen machte Frau von Hausen beim Ankleiden ihrer Tochter die Kammerjungfer; und wirklich gerieht der Baron in Entzücken, als er Jettchen sah, die heute Reifrock, Italiänische Blumen, Allongen, Busen und das ganze Modewesen abgelegt hatte. Dafür war aber dem Bedienten befohlen, heute jedermann abzuweisen; denn man schämte sich, natürlich zu seyn. »Nun sollen Sie sehen«, sagte der Baron, »daß Jettchen viel Ähnliches mit Emilien hat. Lassen Sie doch Ihre Nichte einmal kommen.« Aber Emilie war zu einer Freundin 365 gegangen, und blieb so lange aus, daß er sie nicht abwarten konnte. Wahrscheinlich würde der erste Eindruck, den Emilie auf des Barons Herz gemacht hatte, durch die Bemühungen der Frau von Hausen wieder erloschen seyn, wenn nicht die Kammerjungfer sich seiner aufkeimenden Liebe angenommen hätte. Jungfer Lieschen war die Vertraute ihrer gnädigen Frau, und wußte also recht gut, was diese fürchtete. Aber sie sprach bisweilen auch mit Emilien vertraut, sah ihre Thränen, und war die einzige im Hause, die Mitleiden für sie fühlte. Sie hatte Emiliens Gespräch mit dem Obersten an der Thür behorcht, und dachte nun dem allen nach. Wie? der Baron will jährlich dreihundert Thaler Kostgeld für das Fräulein bezahlen? Das thut man nicht aus bloßem Mitleiden. Dahinter steckt mehr, als das Fräulein glaubt. Lieschen klatschte vor Freude in die Hände: denn erstlich hatte sie Emilien herzlich lieb; zweitens sah sie voraus, daß es hier nothwendig eine Intrigue geben mußte; und drittens steckte ihr eigner Vortheil mit darunter: sie war nehmlich des Lebens bei der Frau von Hausen überdrüssig, und wünschte sich eine Herrschaft, wie die sanfte Emilie. Um die Bahn zu brechen, sagte sie bei der ersten Gelegenheit zu dieser: wenn Sie erst Frau von Flaming sind, gnädiges Fräulein, so empfehle ich mich in Ihre Dienste. Emilie sah sie mit kaltem Ernst an, und befahl ihr zu schweigen; aber Lieschen fing an ihr System aus einander zu setzen, und gab ihr versteckt den Rath, das Eisen zu 366 schmieden, weil es warm sey. Emilie wurde böse, und drohete mit der Tante. Lieschen schlich davon, maulte, und – wurde wieder gut. Nun fiel sie auf einen Plan, der noch verwickelter und ihr eben deswegen desto angenehmer war: Emiliens und des Barons Liebe zu befördern, ohne daß Beide es wüßten. Als der Baron eines Abends wegging, ließ sie sich von ihm versprechen, daß er sie nicht verrathen wolle, und steckte ihm dann einen Zettel zu, worin sie ihm den Haß der Frau von Hausen gegen Emilien, und die Leiden des armen Mädchens klagte. Sie beschwor ihn, der Unglücklichen zu helfen, die auf ihn mit großem Zutrauen rechne. Auch sagte sie: man entferne Emilien durch alle möglichen Kunstgriffe von ihm, weil man fürchte, er werde ihre Vollkommenheiten bemerken, und ihr helfen. Noch setzte sie hinzu: sie ginge an den Abenden, wenn Assemblee wäre, mit Emilien auf dem Weidendamme vor dem Thore spazieren; wollte er sie sprechen, so wäre dies der rechte Ort. Zum Schlusse bat sie ihn dringend, Emilien ja zu verschweigen, daß sie ihm etwas von ihr gesagt hätte; denn Emilie wäre über diesen Punkt sehr empfindlich, und würde es ihr nie vergeben, wenn sie jemals etwas von dem Billet erführe. Der Baron las den Zettel zu wiederholten Malen. »Ja«, sagte er dann; »eine wahre Celtin! Sie ist unglücklich, und schweigt. Sie weiß, daß ich ihr helfen will, und schweigt dennoch! ... Ich will sie sehen.« – Am Assemblee-Tage ging er nach dem Weidendamme, wo er seine Celtin und die Kammerjungfer antraf. Emilie erschrak, als er sie anredete, und 367 nahm zitternd den Arm, den er ihr bot. Aber schon nach einigen Schritten sagte sie ängstlich, doch in einem sehr sanften Tone: ich muß Sie bitten, Herr Baron, mich zu verlassen. Meine Tante weiß nicht, daß ich hier mit Ihnen gehe. Ich darf es ihr auch nicht sagen; und was man nicht sagen darf, ist, dünkt mich, allemal unrecht. »Edle, reine Seele!« sagte der Baron mit Bewunderung, und ließ ihren Arm fahren. »Aber helfen will ich Ihnen, wenn ich Sie auch nie wieder sehen sollte. Darf ich Ihnen schreiben, mein Fräulein?« Ich dürfte meiner Tante nicht sagen, daß Sie mir geschrieben haben! ... Überlassen Sie eine Unglückliche ihrem Schicksale. Es kann nicht immer so hart bleiben; die Zeit wird es lindern. »Nein, Deutsches Mädchen, Mädchen von dem edelsten Menschenstamme, nicht die Zeit soll Ihr Schicksal lindern; ich will das thun. Ich!« Er hatte bei diesen Worten Thränen in den Augen. Sie verneigte sich gegen ihn, um Abschied zu nehmen. – Aber, sagte Lieschen; das begreife ein Christenmensch! So reden Sie doch erst ab, wie ihr geholfen werden kann, da der Zufall Sie nun einmal zusammen geführt hat. – Emilie ging schon; aber Lieschen rief laut: nein! und wenn ich morgen meinen Dienst verlieren sollte, so muß ich meinen Willen haben. In einer Stunde bin ich wieder hier, und hole Sie ab, gnädiges Fräulein. Mit diesen Worten eilte sie davon, als ob Feinde hinter ihr her wären. Emilie war sehr bestürzt über Lieschens Streich. Indeß, sie konnte nicht mit dem Baron, und eben so wenig allein, 368 zurückkehren; Beide gingen also auf dem einsamen Weidendamme hin und her. Der Baron setzte nun Emilien sein Menschen-Racen-System aus einander, und erklärte ihr, warum sie einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hätte. Jetzt sah Emilie wohl, daß er nicht Liebe für sie fühlte, und ihr wurde leichter um das Herz. Sie verstand zwar nicht recht viel von seinem System; er sagte ihr aber doch: »Sehen Sie nun wohl, daß es meine heiligste Pflicht ist, Sie zu retten? und daß mich keine Umstände, keine Ausreden davon losmachen können? Sie sind eine Celtin. O, es wäre grausam, wenn Sie länger klagen müßten! Und ich? ich sollte Ihre Klagen hören, ohne Ihnen mehr als Mitleiden zu geben? Nein, Emilie, wenn Sie wollen, so führe ich Sie itzt gleich zu dem Obersten. Er ist zwar ein Slave; allein fürs erste müssen wir nehmen, was wir haben, bis es mir gelingt, Sie wieder zu Ihres Gleichen zu bringen. Doch hat mir der Oberst gesagt: alle seine Töchter wären Blondinen; und so hielten Sie Sich an die , und nicht an den Vater. Sein Herz ist edel, ist Celtisch, das gestehe ich; aber seine Sitten und sein Körper sind durchaus Slavisch.« Emilie erklärte ihm, daß der Oberste heute wieder mit der Tante gesprochen hätte, und daß diese ihre Einwilligung wohl geben würde, daß aber sie selbst sich nicht zu dem Schritte entschließen könnte. So seltsam ihr übrigens alles klang, was sie von dem Baron hörte, so konnte sie doch nicht läugnen, daß ein recht guter Sinn darin lag. Man setze für Celte , dachte sie, ein guter Mensch ; dann ist es doch rührend, die Rettung eines unglücklichen Guten für die heiligste Pflicht erklären 369 zu hören. Genug, Emilie war geneigt, das schön zu finden, was der Baron sagte; und sie fand es so. Noch nie hatte ihr Herz die thätige Hülfe eines Menschen empfunden; und hier stand ein Mann, der sich mit vollem Herzen zu ihrem Schutz erbot, der es auf ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Augen, ihr Haar hin that. Welchem Mädchen ist das nicht schmeichelhaft, besonders wenn es, wie Emilie, fühlt, daß sein innerer Werth der Voraussetzung nicht widerspricht! Emilie hatte wirklich sehr tiefen, innigen Eindruck auf den Baron gemacht: nicht bloß durch ihre Schönheit, sondern hauptsächlich durch ihr Leiden, und durch die Geduld, mit der sie es ertrug. Als er nun bei der Unterredung mit ihr den reinen Ton ihrer Stimme hörte, ihr unschuldiges Gesicht, ihr frommes Auge, ihren freundlichen Mund, ihre wahrhaft schöne Gestalt erblickte, wurde der erste Eindruck noch tiefer, noch inniger. Nun hatte er ihr heute mehr zu sagen, als gewöhnlich Anderen; und er sagte ihr alles in einem Tone, dem sein bewegtes Herz etwas Natürliches, etwas Rührendes gab, das er sonst nicht hatte. Er sprach wieder von seinem System; aber es mußte Emilien ja schmeicheln, daß er in ihr sein Ideal fand. Über die Art, wie ihr zu helfen wäre, wurde nichts ausgemacht, sondern Beide kamen bald auf andere Gegenstände. Emilie erzählte von ihrem seligen Vater mit einer Herzlichkeit, die auch den Baron nicht kalt bleiben ließ. Er vergaß wirklich auf eine Viertelstunde sein System und seine Eitelkeit, um Emilien zu trösten, und erzählte ihr dann seine 370 Jugendbegebenheiten, seinen Liebeshandel mit Käthen. Sie lächelte. »Ach«, sagte der Baron seufzend, »ich wußte damals nicht, was Liebe ist; allein ...« Emilie sah ruhig und ernst vor sich auf den Weg, und er hatte nicht den Muth heraus zu sagen, was er sagen wollte: »jetzt kenne ich sie.« Nach einer Stunde kam Lieschen wieder, und der Baron trennte sich von Emilien. Lieschen sagte: künftige Woche hier wieder, wie heute! Emilie hörte es nicht, weil sie in Träume versunken war. Auch der Baron kam träumend zu Hause, mit einer Empfindung, die er bei Marien nie gehabt hatte: mit einem heiteren, fröhlichen Verlangen, Emilien wieder zu sehen, sie immer so bei sich zu haben, wie heute, ihre Hand auf seinem Arme ruhen zu lassen, und vertraulich mit ihr zu plaudern. Auf einmal haßte er die Frau von Hausen und Jettchen, obgleich Emilie sich nicht über sie beklagt hatte. Aber trotz dem allen beschloß er, – wie fein die Liebe macht! – morgen, so früh als es der Wohlstand erlaubte, wieder hin zu gehen und gegen Jettchen sehr freundlich zu seyn. Frau von Hausen empfing den Baron sehr zweideutig, und Jettchen verließ das Zimmer mit rothen Augen. Herr Baron, sagte die Mutter, wir haben einen Verdruß gehabt, den ich Ihnen nothwendig entdecken muß. Man beschuldigt Jettchen am Hofe eines zu vertrauten Umganges mit Ihnen. Es war gestern ein Gezischel über sie. Ich fragte, und erfuhr endlich, daß der gute Nahme meiner Tochter verloren sey, wenn sie nicht Ihre Hand erhalte. Es ist wahr, Herr Baron, der Hof hat nicht Unrecht. Sie ... 371 »Wie? nicht Unrecht? Ich mit Jettchen einen zu vertrauten Umgang? Wer sagt das? wer ...?« Der ganze Hof. Man hat auch Ursache dazu. Sie sind alle Tage in unserm Hause, sind Jettchens Moitié bei allen Partieen, sitzen bei Tische immer neben ihr. Natürlicher Weise fragt man: warum? Das hat man schon lange gefragt, und ich selbst habe Sie darauf aufmerksam gemacht. (Wirklich hatte sie dem Baron verschiedene Male in Scherz etwas davon gesagt; aber immer mit dem Zusatze: mögen sie reden!) Dennoch setzten Sie Ihre Besuche fort. Was sollte ich davon denken? Natürlicher Weise dachte ich, Sie würden dem Gerede des Hofes durch eine Heirath ein Ende machen. Dazu berechtigte mich Ihr vertrauter Ton. Sie nannten meine Tochter, sogar auch in Gesellschaft: Jettchen. Gestern war ich am Hofe im Gedränge, und sagte, Jettchen wäre Ihre Braut. Das mußte ich thun, um die Ehre meiner Tochter zu retten; und Sie, Herr Baron, was Sie thun müssen, das wird Ihnen Ihr Herz sagen. Der Baron stand da wie eine Bildsäule, sah die Frau von Hausen mit großen, stieren Augen an, und sprach nicht eine Sylbe. Vor acht Tagen dieselbe Scene; und er hätte sich auf der Stelle mit Jettchen verlobt. Aber jetzt war seine Liebe zu Emilien in ihrer vollen Stärke, und er fühlte, daß sie seine Frau werden müsse, wenn er glücklich seyn wolle. Nun trat Jettchen selbst, mit Thränen in den schönen blauen Augen, herein. Meine Ehre ... schluchzte sie; weiter konnte sie nichts sagen. Die Frau von Hausen wurde sehr verlegen, als der Baron noch immer auf derselben Stelle 372 stand, und erst sie, dann Jettchen ansah, endlich aber gar nach Hut und Stock in die Ecke blickte. Jettchen faßte eine seiner Hände, und ihre Mutter die andere; – er zog sie beide zurück. Reden Sie, Herr Baron! sagte Jettchen schluchzend; – er sah Jettchen an. Reden Sie! rief die Mutter; – er sah die Mutter an. Herr Baron! fuhr diese heftig fort: Jettchen wird Ihre Gemahlin, oder Sie sind ein Bösewicht! Jettchen umfaßte ihn; er zog aber mechanisch den Kopf in die Höhe, damit Sie ihn nicht küssen sollte. Sieh! heulte die Mutter jetzt, und faßte ihre Tochter heftig an; ermorden will ich dich, wenn der Bösewicht dich nicht heirathet! – Ach ja! rief Jettchen; lieber will ich mich ins Wasser stürzen, als in Schande leben. Der Baron sah wieder nach seinem Hute in die Ecke. Jettchen sank vor Schmerz auf einen Stuhl; die Mutter streckte die Arme nach ihm aus. Beide thaten alles Mögliche, um ihn zu rühren; aber er war weder aus seiner Stellung, noch aus seinem Schweigen zu bringen. Also Sie wollen Jettchen nicht? fragte die Mutter endlich in einem spitzen Tone. Er schüttelte den Kopf. Ha! ha! ha! lachte die Mutter. Ha! ha! ha! lachte die Tochter. Den Baron überfiel ein Grauen. Aber Emilien wollen Sie? fragte die Mutter höhnisch; die schöne, schlanke Emilie? die reitzende, vollkommne Celtin, die mit Ihnen an den Assemblee-Abenden in den dunklen Weiden umher läuft? Ach, lieber Gott, über die keusche Celtin! ... Fühlen Sie denn nicht, Herr Baron, daß man zuweilen Narren zum Besten hat, um lachen zu können? So macht es ja der ganze Hof mit Ihnen! 373 Ihr System ist bekannt genug. Aber Emilie ist selbst für einen Thoren zu gut. Nicht wahr: der Oberst sollte sie mitnehmen, um sie Ihnen in die Hände zu spielen? Nein! Sagen Sie dem Herrn Obersten nur: Emilie wäre in guten Händen. Sie haben uns zum letzten Male gesehen, mich, Jettchen, und Emilien. Jetzt bekam er endlich die Sprache wieder. »Emilien nicht, gnädige Frau, ich stehe Ihnen dafür; und, beim Himmel! Sie sollen mir für jede Thräne, die sie vergießt, Rechenschaft geben.« Die Frau von Hausen lachte mit erstickter Wuth. Ich wäre eine reiche Frau, wenn ich für jede Thräne, die Emilie seit gestern weint, und noch weinen wird, einen Thaler hätte. Leben Sie wohl, Herr Baron, und grüßen Sie Ihre Celten! Für die Celtin, die Närrin, Emilie, will ich sorgen, daß sie den Weidendamm nicht wieder sehen soll. – Jettchen öffnete dem Baron die Thür, und er ging langsam weg. Dicht hinter ihm wurde Lieschen aus dem Hause gestoßen. Kupple wieder! rief die gnädige Frau ihr nach, und die Thür flog hinter ihr zu. Der Baron nahm Lieschen mit nach seiner Wohnung, und ließ sich von ihr den Zusammenhang der Sache erzählen. Frau von Hausen hatte auf der Assemblee wirklich Verdruß gehabt, und sie noch vor Tische wieder verlassen. Sie hörte, daß Lieschen und Emilie spazieren gegangen wären, und wollte nun mit Jettchen auch noch ein wenig ins Freie. Das Ungefähr führte sie von hinten auf den Weidendamm, und da sahen sie Emilien am Arme des Barons vertraulich gehen. Jettchen wollte hin, und dem Baron seine 374 Niederträchtigkeit vorwerfen; die Mutter hielt sie aber zurück. Beide gingen nach Hause, überlegten, und machten einen Plan. Abends examinirte die Tante erst Emilien, dann Lieschen, und erfuhr durch die Wahrheitsliebe der ersten die ganze Sache. »Laß nur, Jettchen!« sagte die Mutter. »Er ist ein Narr. Wir wollen ihm morgen das Gewissen so rühren, daß er Gott danken soll, wenn er mit der Verlobung loskommt.« Sie redeten ab, was wir schon wissen; und damit ihr Plan nicht gestört würde, bekam der Bediente Befehl, das Haus verschlossen zu halten, und niemanden weder aus- noch einzulassen, bis der Baron dagewesen wäre. Der Baron eilte nun zum Obersten, um sich bei dem Raths zu erholen. Was ist Ihnen begegnet? fragte der Oberst, als er den Baron todtenbleich sah. »Emilie ist für uns verloren!« rief dieser, und erzählte das Vorgefallene. Ho! rief der Oberst; hier gilt es Entschlossenheit. Die alte Zigeunerin, die Ihnen ihre Tochter aufkuppeln wollte, wird Himmel und Erde in Bewegung setzen, ehe sie uns Emilien ausliefert. Ich armer Sünder bekomme sie nun nicht, das seh' ich; denn sie wird sagen: ich bin ihre Tante; mein Bruder hat mir sein Kind übergeben. Sie aber bekämen sie wohl; denn Sie könnten sagen: Emilie soll meine Frau werden! »Ja, bei Gott, liebster Freund, das soll sie! das soll sie!« – Nun, wie stehen Sie denn mit dem Mädchen? Liebt Emilie Sie? Wird sie auch Ja sagen? – »Das weiß der Himmel! Mein Vermögen gäb' ich darum, wenn ich wüßte, daß sie mich liebte!« 375 Wissen müssen wir das vorher schlechterdings; sonst ... Was sollen wir thun? Es wird Künste kosten, zu Emilien durchzudringen! Da haben Sie Recht, eine Mongolin ist die Alte, trotz ihren blonden Haaren! Sehen Sie, Herr, das hatt' ich weg, als sie mir das erste Wort sagte. Eine Mongolin! Und wenn es noch elendere Menschen auf dem Erdboden giebt, so dürfen wir sie dreist dazu rechnen, ohne ihr Unrecht zu thun. »O, lassen Sie die Frau seyn, was sie will, und geben Sie Rath. Wie Sprech' ich Emilien? wie seh' ich sie?« Lieber Baron, daß muß Lieschen uns sagen. Dazu sind wir Beide nicht pfiffig genug. Schicken Sie mir Lieschen. – Der Baron eilte nach Hause, und erfüllte dieses Verlangen. Frau von Hausen fuhr noch denselben Morgen umher, und erzählte überall: daß der Baron von Flaming um Jettchen angehalten, und daß sie auch nichts dagegen gehabt hätte. Auf einmal aber – fuhr sie fort – komme ich dahinter, daß er meines Bruders Tochter, Emilien, verführen will, oder – verführt hat, Gott mag es wissen. Wenn ich mit Jettchen in Gesellschaft bin, läuft er mit Emilien in der Stadt umher, oder sitzt bei ihr auf der Kammer. Sehen Sie, das ist der Mensch, der immer von Tugend spricht, der uns alle für Slaven, Mohren und Mongolen erklärt! Was konnte ich machen? Ich verbat mir seine Besuche, und das arme verführte Mädchen muß ich nun hüten, wie mein Auge im Kopfe. Ich bin es ja meinem seligen Bruder in der Erde schuldig. 376 Das erzählte sie auch dem ersten Geheimenrathe, aus dessen dickem Bauche und langen Ohren der Baron die Armuth der Bauern im Fürstenthum erklärt hatte. »Das ist ja unerhört!« rief der, und legte beide Hände gefalten über seinen Bauch. Und denken Ew. Excellenz, er drohet mir die empfindlichste Rache; er drohet, Emilien zu entführen. Ins Gesicht hat er mir gesagt, daß er sie mir zum Trotze haben will! »Ei! lassen Sie ihn nur. Er soll schon empfinden, daß die Gerechtigkeit in unsrem Lande nicht eingeschlafen ist. Geben Sie mir nur sogleich Nachricht, gnädige Frau, wenn etwas in der Sache vorfällt. Es ist doch gut, wenn man Se. Durchlaucht prävenirt. Ein unverschämter Mensch ist er, dieser Herr Baron, der sich über alle Leute aufhält, und selbst den Fürsten nicht verschont.« Ja wohl! Denken Sie nur, was ich mehr als Einmal aus seinem Munde gehört habe. Ich schäme mich, es nachzusagen. »Nein, nein, erzählen Sie nur, erzählen Sie. So etwas muß an's Sonnenlicht. Was sagte er denn?« Die Frau von Koch (so hieß die Geliebte des Fürsten) wäre ... eine krummbeinige ... Ach nein! ich kann das häßliche Wort nicht über meine Zunge bringen. Wirklich hatte der Baron sehr oft in Gesellschaften behauptet: man finde hundert schwarzhaarige, runde, fette, krummbeinige, stutznasige und rundlippige H...n gegen Eine schlanke, langnasige, dünnlippige Blondine, die sich liederlich aufführe. Er dachte dabei an keine Person 377 insbesondre. Die Zuhörer wollten aber vor Lachen fast ersticken, wenn er das sagte; denn Frau von Koch, die Geliebte des Fürsten, war brünett, etwas korpulent und rundlippig. Bis jetzt war der Geliebten des Fürsten diese Äußerung des Barons verschwiegen geblieben; denn wer hatte das Herz, ihr etwas davon zu sagen? Nun aber spielte die Frau von Hausen diese unschuldige Bemerkung des Barons, und zwar hämisch verdrehet, in die Hände des Geheimenraths. Von ihm flog die Bemerkung in das Vorzimmer der Frau Geheimeräthin; von da kam sie zu der Kammerjungfer der Frau von Koch; und die lief hinauf, schlug in die Hände, und erzählte die Bemerkung, natürlicher Weise mit allen den Zusätzen, welche sie auf dem Wege zu ihr erhalten hatte. Die Mätresse war außer sich vor Zorn. Frau von Hausen machte den andren Tag einen Besuch bei ihr, und äußerte, daß der Baron nicht empfindlicher zu bestrafen wäre, als wenn man ihm Emilien, die er liebte, vorenthalten könnte. Nun wendete man sich an den Geheimenrath. »Hm!« sagte der; »wenn das Fräulein ihn, und er das Fräulein will, so ist es nicht zu hindern, oder es müßte durch einen Machtspruch von obenher geschehen.« Aber wie kann ich dem Menschen meines Bruders Tochter geben? Er hat ja den Verstand verloren! Er ist ein Narr! »Das müssen Sie gerichtlich erweisen. Ihre Niece hat kein Vermögen. Wahrhaftig, wenn er den rechten Weg geht, so gewinnt er.« 378 Er soll sie nicht haben, rief die Frau von Koch, und wenn er Himmel und Erde umkehrte! Er soll nicht! – Der Geheimerath zuckte die Achseln. Habe ich denn nicht Mutterrecht über ein Mädchen, das ich ganz erhalten muß? Er soll sie nicht haben! »Ja, die Gesetze fragen nach den Gründen, warum er sie nicht bekommen soll; und an denen fehlt es! Hat ihm denn Fräulein Emilie ihr Wort schon gegeben?« Noch nicht. Er kam in mein Haus, um Jettchen zu heirathen, und heimlich verführt er mir meine Nichte. Der alte Herr ließ sich erzählen. »So, so!« sagte er. »Das ist ein Andres! Hinter Ihrem Rücken? verführt? und betriegt Fräulein Jettchen? Das ist ein Andres! O, lassen Sie nur. Da sollen die Gesetze schon gegen ihn sprechen. Das hieße ja der Verführung Thür und Thor öffnen, wenn man einen hinterlistigen Menschen seinen Zweck erreichen ließe. Des Exempels wegen, der Sitten wegen, die ohnehin schon verderbt genug sind, können die Gesetze und das Konsistorium das nicht erlauben. Nein, nein! Da er sich auf krummen Wegen hat wollen verheirathen, und noch obendrein, durch eine vorgespiegelte Verbindung mit einem andren Mädchen, die mütterliche Autorität hintergangen, betrogen, ja Ihres Bruders Tochter verführt hat; nein, das ist ein Andres. Er soll sie nicht haben! Lassen Sie mich nur sorgen!« So sprach der Geheimerath. Der Oberst hingegen sagte: Sie müssen das Mädchen haben, Baron. Vor allem brauchen wir aber Emiliens Jawort. Dann halten Sie bei der Tante 379 ordentlich an. Sie bekommen abschlägige Antwort. Nun wohl! dann nehmen wir einen Advokaten, und der beweist, daß ein Mann, der liebt und geliebt wird, einem Mädchen näher ist, als alle Tanten in der Welt, besonders als so ein Satan von Tante, wie diese, die blondes Haar hat, und doch ein Satan ist. »Und dann, lieber Oberst? dann?« fragte der Baron eifrig. Dann? Wenn die Gesetze klug sind, und die Tante mit den blonden Haaren nicht etwa der Gerechtigkeit ein Bein unterschlägt, so treiben sie uns nicht aufs äußerste, sondern geben uns Emilien heraus, und wir machen Hochzeit. »Lieber Oberst, der Geheimerath, auf den doch alles ankommt, hat einen gar zu dicken Bauch.« Ei, zum Teufel, dicker ist er doch nicht als meiner. Und was hat Ihnen mein Bauch je Übles gethan? He? »Das ist wahr; aber ich gäbe viel darum, wenn Sie ihn nicht hätten. Denn ...« Ei, das wollt' ich auch: denn er ist mir sehr unbequem; aber Ihnen nicht. – Wollen die Gesetze uns nicht hören, wie es sehr leicht der Fall seyn kann, so entführen wir die schöne, unglückliche Emilie; und dann ... »Dann eile ich mit ihr über die Gränze. Da lernt sie mich erst kennen, ob ich ihrer, und ich sie, ob sie meiner werth ist.« Halt! Das ist nichts! Über der Gränze werdet ihr getrauet, und dann lernt einander kennen, so viel ihr wollt. 380 Was kennen lernen! Warum nicht lieber gar erst ein Probejahr! Nichts, nichts! Gleich getrauet! »Ich habe gerade nichts dagegen, wenn Emilie will; sonst sind die Probejahre sehr Celtisch, und gerade da noch Sitte, wo sich das reinste Celtische Blut erhalten hat: auf dem Schwarzwalde, in der Schweiz, in Schottland und Irland. Ich will Ihnen Reisebeschreibungen leihen; daraus können Sie sehen, daß die Sitte rein Celtisch ist. Wenn also Emilie selbst mich näher kennen lernen wollte, so ...« So hätten Sie nichts dagegen? Ich dann auch nichts. Aber ich stehe Ihnen dafür, daß Emilie, so eine reine Celtin sie auch seyn mag, nichts davon wird hören wollen. Den Teufel auch! das sollte sie erfahren! Sie schlüge sich den Augenblick auf die Seite der Schwarzköpfe, und lachte den Blondkopf aus. Den Teufel auch, mit Ihren Probejahren! »Aber sie sind rein Celtisch, und müssen folglich auch weise und edel seyn.« Nun, wenn Sie noch immer nicht begreifen wollen, daß Ihr System hinkt, so weiß ich nicht, wie es mit Ihren Augen steht. Ein Paar Celtinnen haben Sie häßlich betrogen, und peinigen ein armes, unschuldiges Mädchen aufs Blut; hier steht ein Slave vor Ihnen, wie Sie mich nennen, und risse sich gern das Herz aus der Brust, um es mit eben dem Mädchen zu theilen. »Ja, Sie sind ein edler Mann, liebster Herr Oberst, und ich begreife wahrhaftig nicht, wie Sie schwarzes Haar haben können. Aber lassen Sie das gut seyn, und sagen Sie mir, was zu thun ist. Wie bekommen wir Emiliens Jawort?« 381 Das müssen Sie holen, und, wenn die Spartaner Celten gewesen sind, auf eine Celtische Weise. Sie steigen diese Nacht mit einer Leiter an Emiliens Fenster in die Höhe, (aber nicht etwa hinein), wechseln Ringe mit ihr, geben ihr einen Kuß, machen kein Geräusch, und lassen diese Schrift von ihr unterschreiben, wozu Sie eine Feder voll Tinte mitnehmen müssen. Emilie ist schon unterrichtet. Lieschen hat ihr einen Brief in die Hände zu spielen gewußt, der ihr von allem Nachricht giebt. Sie wird mit Ihnen gehen und Ihnen das Fenster zeigen. Dann haben wir Brief und Siegel, und fangen an zu trotzen. Es war alles so, wie der Oberste sagte; nur wußte er zwei kleine Umstände nicht: daß Emilie das, was dem alten biedern Manne so natürlich vorkam, für höchst unschicklich hielt; ferner, daß Frau von Hausen sie beim Lesen des Billets ertappt, und es ihr weggerissen hatte. Emilie wurde nun auf eine andere Kammer gebettet. Frau von Hausen nahm mit Jettchen und einigen Anverwandten Besitz von der, worin Emilie bisher geschlafen hatte, und wartete mit Ungeduld auf den Baron. Um halb zwei Uhr legte dieser eine Leiter an, und stieg in die Höhe. Das verabredete Zeichen, ein weißes Tuch, hing zum offnen Fenster heraus, und der Baron kam mit dem Kopfe davor. Kommen Sie herein! rief eine weibliche Stimme. Der Baron kletterte in das Fenster, sprang auf den Boden, nahm Emilie in die Arme, und drückte – nicht Einen Kuß auf ihre Lippen, wie der Oberst ihm befohlen hatte, sondern zehn und mehr. Die vermeinte Emilie schrie. Nun flog eine Nebenthür auf, und der Baron 382 stand – in den Armen der Frau von Hausen, von zehn Menschen umringt, deren jeder ein Licht in der Hand hielt. Ha! der Baron Flaming! rief die Frau von Hausen. Was wollen Sie hier, mein Herr? – »Was ich will?« sagte der Baron bestürzt. – Ja, was Sie wollen! sagte ein Anderer. – Ich werde mich bei dem Fürsten über Sie beklagen, Herr Baron, und das liederliche Mädchen werde ich weg schaffen. – »Liederlich?« rief der Baron ergrimmt. »Wer sagt das?« – Nun fing Jettchen an: ein Mädchen, das des Nachts Besuche durch das Fenster von einem jungen Manne annimmt ... – Der Baron fiel ein: »das Mädchen ist keuscher als Sie, mein Fräulein.« Was? was? schrie Jettchen, und schien ihm die Augen auskratzen zu wollen. – Die Mutter machte die Thür auf, und ein Herr leuchtete. – Gehen Sie, Herr Baron. Sie sollen morgen mehr hören! riefen ihm noch einige Stimmen nach, als er aus dem Zimmer ging. Man begleitete ihn die Treppe hinunter, und öffnete die Hausthür. Er stand unten auf der Straße, und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Am folgenden Tage erhielt er ein Billet von dem dicken Geheimenrathe, worin ihm im Nahmen des Fürsten angedeutet wurde, »die Frau von Hausen und ihre ganze Familie künftig mit allen Anträgen, von welcher Art sie auch seyn möchten, in Ruhe zu lassen, da Se. Durchlaucht sehr ernstlich gewillet wären, nicht zu leiden, daß zügellose junge Herren hinter dem Rücken der Eltern, oder derer, die Eltern-Stelle verträten, Mädchen verführten, sich bei nächtlicher Zeit heimlich in die Häuser schlichen, so den 383 Ungehorsam der Kinder gegen die Eltern und nächsten Anverwandten bestärkten, und Schande in die Familien brächten, weil selbst die Glückseligkeit des Staates auf dem kindlichen Gehorsam, auf der häuslichen und Familien-Eintracht, und auf einfachen unschuldigen Sitten beruhe. Dem Baron sey ja ein rechtlicher Weg offen gewesen, wenn er Absichten auf die Tochter oder Bruderstochter der Frau von Hausen gehabt habe; da er aber den strafbaren Weg der Verführung eingeschlagen, so würden die Gesetze, Andern zum Beispiel, nicht zugeben, daß ungehorsame Anverwandte, die ihre Pflegeeltern betrögen, Verbindungen vollführen könnten, wenn auch diese Verbindungen sonst nichts gegen sich hätten. Er habe also jede andere Verbindung, welche er wolle, ordentlich zu suchen; allein dagegen solle er alle Hoffnung fahren lassen, sich wider den Willen der Frau von Hausen mit ihrer Tochter zu verbinden.« Der Baron fand, als er dieses Billet gelesen hatte, daß der Weg Rechtens ihm nun gänzlich abgeschnitten wäre. Er eilte zum Obersten, erzählte ihm seine nächtliche Begebenheit, gab ihm das Billet, und bat ihn um Rath. Herr, sagte der Oberst, wenn ich mit Fleisch und Blut überlege, so sag' ich: nun genug! Wir haben gethan, was wir sollten. Der Fürst, und, was noch schlimmer ist, seine Geliebte, die Sie einmal eine Hure genannt haben sollen, weil sie schwarzes Haar und dicke Lippen hat, sind gegen uns. Sogar die Justiz nimmt, so unschuldig wir auch sind, Parthei wider uns. Der Geheimerath ist erschrecklich erbittert gegen Sie. Sie haben seine Ohren und seinen Bauch getadelt; also ... 384 »Aber ist es denn nicht wahr? Er hat ja einen Bauch wie eine Tonne; und wie geht es im Lande zu? Und hat denn nicht die Geliebte des Fürsten, wie Sie die Frau nennen, einen pechschwarzen Kopf, und Lippen wie eine Negerin?« Ja, ja! Aber so trösten Sie sich denn. Ihr System hat Sie um Ihre Geliebte gebracht, denn wenn Sie wußten, wie sehr elende Menschen die Rache lieben, so konnten Sie ja gleich befürchten, daß es mit Ihren Angelegenheiten schlecht stände. »Aber ohne mein System hätte ich auch Emilien nie geliebt!« Herr, Sie lieben Emilien, weil sie liebenswürdig ist. Wären ihre Augen schwarz, und hätten so unschuldig geweint, wie die blauen: Sie würden das Mädchen eben so geliebt haben, dafür steh' ich Ihnen. »Nein, liebster Oberst. Ich muß doch wissen, wie ich mit meinem Herzen daran bin. Es steckt ein gewisser Zug, ein gewisser Instinkt in uns, den Sie nicht abläugnen werden. Tausend Menschen haben sich auf den ersten Blick in ein Mädchen verliebt. Wie wollen Sie das anders erklären, als gerade dadurch?« Wodurch denn? wodurch? »Sehen Sie, die edelste Menschennatur hat etwas, das an sich zieht, das Ehrerbietung und Vertrauen erregt, und zwar auf den ersten Blick.« Warum nicht gar wie der Basilisk durch ein Gift, das aus den Augen strömt! Seltsamer Mensch, warum suchen Sie denn immer meilenweit von sich, was Ihnen so nahe 385 liegt? Ja, jeder edle Mensch hat etwas an sich, das anzieht und Vertrauen erregt: nehmlich die Gutherzigkeit auf dem Gesichte, die Redlichkeit im Auge, die Herzlichkeit im Blicke. »Das ließe ich wohl bei einigen Menschen gelten; doch nicht bei allen : denn woher hätten die Indianer für die Europäer den überaus großen Respekt, der so weit geht, daß sie es für eine Ehre halten, wenn der Europäer bei ihren Weibern und Töchtern schläft? Doch wohl nur daher, weil sie ihre Nation durch besseres Blut veredeln wollen.« Aber, da müßte ja der Indianer, wenn das seine Absicht wäre, Ihr System von Grund aus kennen! ... Sehen Sie, die rohen wilden Matrosen stiegen unter den friedlichen, nackten, wehrlosen Indianern ans Land. Ihre Flinten, ihre Kartätschen, ihre Grausamkeiten, ihre unerhörte Barbarei verschafften ihnen bald Respekt. Nun griffen die wollüstigen Europäer nach den nackten Weibern, und ein Mann, der das nicht leiden wollte, wurde todt geschlagen. Das ist das ganze Räthsel. Die armen Indianer bringen den Europäern ihre Weiber, nicht um ihren Stamm zu veredeln, sondern, wie sie ihnen ihr Gold bringen, um das Leben zu behalten. Als ich noch jung war, kamen einmal Kosaken in meine Gegend. Sie sollten gesehen haben, welchen Respekt jedermann für diese rohen Leute hatte. Schlief ein solcher Kerl bei einem blonden Bauermädchen, so sagte der Vater kein Wort dazu, und wenn er auch dabei stand. Aber das thaten die Bauern wahrhaftig nicht, um ihr Blut zu veredeln; sondern, weil sie die langen Messer fürchteten, mit 386 denen die Kerl den Leuten die Köpfe abschnitten. Wo ist denn nun Ihr geheimer Sinn, Ihr Instinkt? »Ja, ja, zur Noth läßt sich das hören. Aber, Herr Oberst, warum soll ich diese Erklärung wählen, da ...« Warum? Weil sie die simpelste, weil sie deutlich ist, weil sie in die Augen springt. »Aber sie paßt nicht in mein System, und das ist doch in tausend andern Fällen richtig.« Recht! Darum hole der Teufel alle Systeme; nur unser Planetensystem nicht! Da zerret Ihr so lange, bis alles hinein geht, es mag zu lang oder zu kurz seyn, wie der Räuber in dem Märchen, der ein eisernes Bett für alle Reisende hatte. Den Kleinen stampfte er so lange, bis er paßte; und dem Großen schnitt er so viel von Kopf und Füßen ab, daß auch er die rechte Länge bekam. So ein Bett ist Ihr System. »Um des Himmels willen, lieber Oberst, ereifern Sie sich nur nicht!« Nicht ereifern? Wir sollten alle Tage den lieben Gott auf den Knieen bitten, daß er unsere Herzen mit Bruderliebe erfüllte, weil ohnehin Geitz, Haß, Neid, Reichthum und Armuth, Stolz und Narrheit dieser Liebe in den Weg treten; Sie aber kommen daher und schreien, wenn einer seine milde Hand öffnet: vorgesehen! der ist dein Bruder nicht! es ist ein Slave! ein Mongole! Sieh nur das schwarze Haar, den dicken Bauch! ... Ohnedies horchen jetzt die Menschen, wenn ihrer zwei zusammen kommen, erst hin, von welcher Religion, von welchem Stande, und wie ihre 387 Meinungen sind. Nun sollen sie gar erst nachsehen, ob der Andre schwarzes Haar hat oder blondes. Baron! Baron! »Die Wahrheit muß ich lehren, wenn sie auch noch so schrecklich ist; und darum ...« Die Wahrheit, Herr, ist nie schrecklich; denn sie kommt von Gott. Ich lasse Ihren Satz einmal gelten. Aber bei einer schrecklichen Wahrheit muß ich doch wohl erst recht genau untersuchen, ob sie Wahrheit ist ; und kann ich das Ding auf irgend eine andre Art erklären, so muß ich: sonst bin ich ein Unmensch, oder, nach Ihrer Sprache, ein Mongol. Ich allein müßte im Stande seyn, Ihr System zu stürzen, weil sie in meinem dicken Leibe ein Herz, und in meinem schwarzen Kopfe Gehirn gefunden haben. Die Tante Hausen hat einen Kopf so blond wie ein reifes Kornfeld, und ist ein Satan. Das sind so ein Paar Exempel, Herr; und deren giebt es noch tausend. »Mein System, Herr Oberst, wird ja nie Volks-System werden; und so kann es nicht schaden.« In Ihren Händen wohl nicht, weil Sie zum Glück ein Herz haben, das über Ihr System lacht. Aber denken Sie nur, wenn einmal ein Mensch, wie zum Exempel die Tante Hausen, Ihr System annähme, und eine Emilie ein Schwarzkopf wäre: was dann? Oder gar ein Fürst! Das gäbe eine herrliche Finanz-Spekulation! Jeder müßte sein schwarzes Haar und seinen Bauch verzollen. Visitatoren liefen im Lande umher, und mäßen Bauch und Brust und Beine; sie witterten aus, wo ein braver schwarzköpfiger junger Mensch eine Blondine heirathen wollte, und er müßte Lizent dafür 388 bezahlen, oder er wäre gezwungen, sich schlechterdings in einen Schwarzkopf zu verlieben. »O«, rief der Baron, »das wäre sehr gut. Und spricht denn hier die Natur nicht deutlich? Es werden mehr Knaben geboren als Mädchen; aber nur in Europa, wo die Celten wohnen: in Asien, wo die Vielweiberei Statt findet, mehr Mädchen als Knaben. Wie wollte sonst die Vielweiberei dort herrschen können? Sehen Sie, die Natur hat sich entschieden erklärt. Die Knaben, die in Europa mehr geboren werden, bestimmte sie dazu, nach und nach die Nationen von schlechterem Stamme zu veredeln, bis nicht ein Tropfen unedles Blut mehr auf der Erde seyn wird. Und sehen Sie – ich habe in diesem Augenblick einen herrlichen Gedanken – darum eben war es bei unsern Vorfahren den Adeligen so streng verboten, eine Bürgerliche zu heirathen. Da steckt es. Der Adel enthielt das reine Blut der Celten. Slaven und Wenden hatten sich über Deutschland verbreitet. Man suchte durch Gesetze das Celtische Blut unvermischt, und mit ihm die edelsten Tugenden rein, zu erhalten.« Ei, lassen Sie uns davon schweigen! »Nein, liebster Oberst, ich bitte Sie, lassen Sie uns das Gespräch fortsetzen. Der Adel ...« Und Emilie mag weinen, während Sie philosophiren! Nicht wahr? »Emilie! O Himmel! wie befreien wir sie? Ich bin reich, Herr Oberst, sehr reich. Brauchen Sie mein Vermögen. Handeln Sie, als ob Emilie Ihre Tochter wäre. Leiden soll sie nicht länger. Ich weiß, was die Frau von Hausen will, ich 389 soll das himmlische Mädchen nicht haben. So eben fällt mir ein Gedanke ein, liebster Oberst. Wenn ich mich nun verbindlich machte, Emilien nie zu heirathen – sollten wir sie auch dann nicht aus den Klauen der Tante retten können?« Den Teufel auch! So bekämen Sie ja Emilien nicht; und Sie lieben das Mädchen doch! ... Das ginge freilich, wenn es Ihr Ernst wäre. »O, retten Sie! Brauchen Sie mein ganzes Vermögen; retten Sie Emilien! Ich will mich verbindlich machen, nie ihre Hand zu besitzen. Wenn ich sie nur zuweilen sehen kann, und wenn sie nur ruhig und glücklich lebt! Ach, Herr Oberst, ich liebe das Mädchen über alles; aber ...« Aber du Wetterjunge, rief der Oberst, und drückte den Baron fest an sein Herz: fühlst du denn nicht, daß ein solcher Entschluß mehr werth ist, als alle Systeme, die du erfinden kannst? Nein, du sollst Emilien haben, und wenn sie mit Ketten an die Tante gebunden wäre! Lieschen zog, auf des Obersten Befehl, Nachrichten von Emilien ein, die aber nicht sehr tröstlich waren. Die Tante Hausen marterte die Unglückliche auf alle nur ersinnliche Weise, und wollte sie zwingen, einen Eid abzulegen, daß sie nie an eine Heirath mit dem Baron denken würde. Emilie hatte das bestimmt abgeschlagen, und seitdem war ihr Zustand noch härter geworden. Der Baron wurde durch diese Nachricht sehr gerührt; dann aber erwachte sein Zorn, und er drohete sogar, die Tante zu ermorden, wenn er Emilien nicht anders retten könnte. Schöne Menschen! sagte der Oberst zornig; die Tante 390 und ihre Tochter! Ich wollte ja lieber mitten in der Mongolei wohnen, lieber unter den Kamtschadalen, als unter solchen Celten! »Nein!« sagte der Baron: »die Hausen ist keine Celtin; sie ist eine Kakerlake, eine Spielart der Natur!« So behüte uns Gott, daß die Natur nicht die Spielsucht bekommt, wenn diese Bestie eine Spielart ist! Noch Einen Gang für das Mädchen; und wenn der nicht hilft, so wollen wir die Domestiken der Hausen bestechen, so ungern ich alter, grauer, ehrlicher Kerl mich auch zu Spitzbübereien verstehe. Aber, soll nicht alles um einen her zu Grunde gehen, so muß man schon ein Spitzbube, ein Celte, mit seyn. Im Kriege war es immer, als ginge ich zum Tode, wenn ich mit meiner Schwadron marschiren mußte, um einer Stadt die Kontribution anzusagen. Doch, bei meiner Seele! über einen Auftrag hieher könnte ich mich jetzt freuen. Die Tante sollte ihren Teufel an mir haben! ... Meinen Pallasch, Johann! ... Ich wollte ihr die wildesten Kerl auf den Leib hetzen! ... Den Hut, den Stock! ... Sie sollte an den Husaren-Obersten denken! ... Bleiben Sie, Baron! Ich bin in einer halben Stunde wieder hier. Dann Viktoria; oder wir schießen mit goldnen Kugeln! In diesem Eifer ging der alte Baron zum Fürsten, ließ sich melden, und wurde vorgelassen. Ew. Durchlaucht, hob er ehrerbietig an, ich komme nicht in meiner eigenen Sache; und Gott sey Dank, daß es nicht meine eigene ist: sonst stände es schon toller oder gut! Ich komme, einige Worte für den Baron von Flaming zu reden. 391 »Der Baron Flaming ist ein zügelloser junger Mensch, Herr Oberst. Doch das bei Seite. Was wollen Sie für ihn?« Gerechtigkeit, Ew. Durchlaucht; nichts weiter. Der Baron ist mein Freund; und wenn graues Haar und ein, funfzig Jahre mit Ehre getragenes Portd'epee bei Ewr. Durchlaucht etwas gelten, so werden Sie mir glauben, daß Flaming ein edler Mann ist, der freilich seine Grillen hat, aber es wahrhaftig mit der Welt gut meint. Er liebt ein Mädchen, die Bruderstochter der Frau von Hausen. Ew. Durchlaucht, am ganzen Hofe sind vielleicht nicht zwei Damen, die so viele Achtung verdienen, als dieses Mädchen. Der Baron liebt sie, und sie ihn. Die Frau von Hausen, die nicht werth ist des Mädchens Tante zu seyn, widersetzt sich dieser ehrenvollen Verbindung; ich weiß nicht, warum. »Der junge Mann hat das Mädchen, von dem Sie reden, verführt. Sie scheinen nicht zu wissen, daß er des Nachts zu ihr ins Fenster gestiegen ist.« Das weiß ich, Ew. Durchlaucht; denn ich selbst habe dem jungen Manne gesagt: steigen Sie ins Fenster. Ew. Durchlaucht, es ist eine Husaren-Regel: wenn der Feind von vorn nicht zu attakiren ist, so geht man ihm in die Flanke. Der Baron war die Nacht auf einem ehrlicheren Wege, als Mancher, der am hellen, lichten Tage, vor aller Menschen Augen, in die Hausthür geht. Er wollte ein unglückliches Mädchen aus der grausamsten Sklaverei befreien, worin Neid und Haß, Rache und Eifersucht es halten. Nun erzählte er den ganzen Vorgang der Sache. Der Fürst, trotz seinen Schwächen ein edler Mann, sah jetzt 392 Alles in einem andern Lichte, und fragte: »verhält es sich so, Herr Oberst?« Ew. Durchlaucht, ich bin ein alter Officier, und kann wahrhaftig nicht lügen. Es ist so, wie ich sage. Und Sie dürften nur das Mädchen einen Augenblick sehen, um überzeugt zu seyn, daß die Frau von Hausen Ewr. Durchlaucht Schutz zu einer Büberei gebraucht. »Ich wäre doch neugierig«, sagte der Fürst lächelnd, »ein Mädchen kennen zu lernen, das einen alten Husaren so in Feuer setzen kann!« Ich will sie holen, Ew. Durchlaucht, wenn Sie mir ein Paar Zeilen an die Tante mitgeben wollen. Der Fürst besann sich einen Augenblick. »Befehlen kann ich in diesem Falle nicht; nur im Nahmen meiner Gemahlin bitten. Aber Frau von Hausen muß nicht gekränkt werden. Nehmen Sie ... ja, nehmen Sie den Kammerjunker mit.« Er ging in das Vorzimmer, und sagte dem diensthabenden Kammerjunker: »Begleiten Sie den Herrn Obersten zur Frau von Hausen, und sagen Sie ihr, daß alles, was er thut, mein Wille ist.« Der Oberst stieg mit dem Kammerjunker in den Wagen. Frau von Hausen wurde blaß, als sie ihn in ihr Zimmer treten sah. »Gnädige Frau, Se. Durchlaucht wünschen Fräulein Emilien zu sehen. Wir sollen Sie sogleich mitbringen. Sie werden doch nichts dagegen haben? Wo ist das Fräulein?« Die Tante ließ sie rufen, freilich sehr erbittert über den Obersten und über den Fürsten. Emilie kam mit Kummer im Gesichte, und mit Thränen in den Augen. »Wie?« 393 rief der Oberst, als er sie sah, und drückte ihr die Hand: »Thränen, mein gutes Kind? Aber gewiß es sind die letzten, die du weinst! Von nun an soll nur die Freude und die belohnte Tugend dir Thränen auspressen. Komm, meine Tochter.« – Emilie sah rings umher Alle an, und konnte sich kaum besinnen. Die Tante stand da, wie eine häßliche Bildsäule, und rührte sich noch nicht, als der Wagen mit Emilien und ihren beiden Begleitern schon wieder die Straße hinunter nach dem Schlosse hin rollte. Emilie wollte fragen: bringen sie mich zu dem Baron? Aber sie erröthete nur, ohne zu sprechen, weil sie zu verschämt war, in Gegenwart des Fremden die Frage zu thun. – Auf dem Schloßhofe nahm der Oberst ihren Arm, und führte sie die Treppe hinauf in das Zimmer des Fürsten. Dies ist Emilie, sagte er mit einem triumphirenden Blick auf sie. – »Fürchten Sie nichts, mein Kind«, redete der Fürst sie an, und beobachtete sie sehr aufmerksam: »ich bin Ihr Freund!« Emilie erkannte ihn an dem Orden. Sie mußte sich sammeln, ehe sie sprechen konnte. Endlich sagte sie, halb zu dem Fürsten, halb zu dem Obersten: ich bin sehr unglücklich. O, ich bitte, gönnen Sie mir nur eine Freistätte, wo ich einsam seyn darf; glücklich will ich nicht werden. Der Fürst ergriff ihre Hand. »Mein schönes Fräulein, wer so viele Freunde hat, wie Sie, darf mehr fordern. – Sagten Sie nicht von einem jungen Manne, den sie liebt, Herr Oberst?« Emilie erröthete. »Sieh da! nun weiß ich auch, wie dieses schöne blasse Gesicht aussehen wird, wenn die 394 glückliche Liebe es gefärbt hat. Hören Sie, mein Fräulein, ich dächte, Sie ließen den Alten fahren, und schenkten mir Ihre Freundschaft. Wir wollten der bösen Tante schon vergelten.« Emilie ergriff mit rascher Zärtlichkeit des Obersten Hand, und sagte bestürzt: es ist mein Vater! Ja, rief der Oberst: das bin ich; und was ich habe, ist dein, Emilie: ein Herz voll Muth und Liebe! »Und ich«, sagte der Fürst scherzend zum Obersten, »könnte ihr dennoch mehr geben, als Sie. ... Meinen Sie nicht, Fräulein, daß die Hand des jungen Barons mehr wäre, als die Liebe des alten Soldaten?« Emilie erröthete. Der Fürst wiederholte die Frage. »Nun? lieben Sie den Baron? Seyn Sie aufrichtig, Fräulein!« Mein Herz ist so voll von Dankbarkeit, sagte sie, daß ... – »Daß die Liebe keinen Platz mehr darin hat?« fiel der Fürst ein. Daß auch meine Liebe nichts ist als Dankbarkeit, erwiederte sie leise. Ich habe ja von meinem Vater alles! setzte sie, mit einem zärtlichen Blick auf den Obersten, hinzu. Ach, Ew. Durchlaucht, ohne ihn wäre mein Unglück so groß! Der Fürst sah nach der Uhr. »Ihr Unglück, liebes Kind? Ich glaube, ich selbst habe dazu beigetragen. Aber Geduld! Die Stunde ist gekommen, da Ihr Glück anfängt; und damit Sie diese Stunde nicht vergessen, so tragen Sie diese Uhr zum Andenken daran.« Er hängte ihr die Uhr in das Schürzenband, ging in sein Kabinet, und schrieb auf eine Karte 395 an die Frau von Hausen: »Ich bin Emiliens Freund, und hoffe, niemand wird das von jetzt an vergessen. Von Zeit zu Zeit werde ich mich nach Emiliens Zustand erkundigen, und es Ihnen danken, wenn er glücklich ist.« ... »Geben Sie diese Karte Ihrer Tante«, sagte der Fürst zu Emilien; »und nun leben Sie wohl. Es soll alles gut gehen.« Er führte sie in das Vorzimmer, und befahl dem Kammerjunker, sie nach Hause zu begleiten. »Nun, Herr Oberst, war es so recht? In der That, ein sehr liebenswürdiges Mädchen! Nach der kletterte ich selbst wohl einmal durch das Fenster.« Der Oberst stand kalt da. Und nun Ew. Durchlaucht? Ich muß doch etwas ausgerichtet haben! »Nun ja, die Frau von Hausen wird jetzt dem Baron die Hausthür wohl wieder öffnen; und quälen wird sie das Mädchen auch nicht mehr. Was kann ich mehr thun? Man muß doch das Aufsehen vermeiden. Es soll alles gut gehen. Leben Sie wohl.« Emilie war indessen zu Hause gekommen, und die Tante durchbohrte sie fast mit den Augen. »Hast du den Fürsten gesprochen?« fragte die Tante in einem spitzen, giftigen Tone. – Ja, meine liebste Tante, antwortete Emilie zärtlich; und er läßt sich Ihnen empfehlen. Der Oberst hatte ihn, glaube ich, an meinen seligen Vater erinnert, den er gekannt hat. Nun war er neugierig, mich zu sehen. Emilie war entschlossen, ihrer Tante die Karte des Fürsten nicht zu geben; und dieser großmüthige Entschluß bewirkte bei ihr eine gewisse Herzlichkeit. Sie küßte der 396 Frau von Hausen die Hand, und sagte: liebste Tante, seyn Sie doch ein wenig gütig gegen mich; ich liebe Sie ja. Jetzt erblickte Frau von Hausen die Uhr. »Was ist denn das?« fragte sie mit einem Tone, worin Erbitterung mit einer falschen Freundlichkeit rang. – Der Fürst hat mir diese Uhr geschenkt. Sie soll ein Andenken seiner Freundschaft für mich seyn. – Die Tante wurde glühend roth, bald aber wieder grünlich blaß. Jetzt war sie verlegen, wie sie Emilien behandeln sollte. Sie fuhr nach ihrer Gewohnheit auf; doch plötzlich wandelte sich ihr heftiger Ton in den sanftesten um, den sie nur erzwingen konnte. Nach einigem Kampfe ließ sie sich von Emilien ihre Unterredung mit dem Fürsten ausführlich erzählen, und wurde immer freundlicher, als Emilie noch ein Paarmal erwähnte, daß der Fürst sie seines Schutzes, seiner Freundschaft versichert hätte. Jettchen, die von einem Gange zurückkam, erstaunte über Alles, was sie hörte. Die Mutter flisterte eine halbe Stunde mit ihr allein; und nun nannte Jettchen Emilien zum ersten Male: liebste Cousine. – Emilie wurde durch die zweideutigen Zeichen einer falschen Freundlichkeit so gerührt, daß sie die Uhr abband, und sie Jettchen schenken wollte. Diese weigerte sich, freilich mit habsüchtigen Blicken. »O nehmen Sie«, sagte Emilie mit Thränen; »und schenken Sie mir Ihre Liebe dafür.« Jettchen erröthete, und nahm die Uhr mit ungewisser Hand. Sie machte wirklich eine Bewegung, als wollte sie Emilien die Hand küssen; es wurde indeß eine Umarmung 397 daraus. In diesem Augenblicke schalt die gnädige Frau den Bedienten sehr nachdrücklich, daß er für Fräulein Emilien kein Weinglas hingesetzt hatte. Sie und ihre Tochter waren den ganzen Tag hindurch äußerst verlegen, und wußten gar nicht, wie sie sich gegen Emilien betragen sollten. Der Oberst ging nach seiner Unterredung mit dem Fürsten zu dem Baron. »Nun?« rief dieser ihm lebhaft entgegen: »wie ist es? wie steht's?« Ja, wie steht es! Gut, könnt' ich sagen; und, was Emilien betrifft, so steht es wirklich so. Ihr Fürst ist ein guter Mensch; ich wollte, ich könnte sagen: ein guter Fürst . Er hat Emilien gesehen, und sie feierlich seines Schutzes versichert. Wenn es nur hilft! »O, warum nicht, lieber Herr Oberst? warum nicht? Weg mit den Runzeln von Ihrer Stirn! Ich bin so glücklich! Jetzt trägt die Tante Hausen Emilien gewiß auf den Händen. Was haben Sie denn gegen den Fürsten?« Was ich gegen ihn habe? Er war aufgebracht über Sie und Emilien. Man hatte ihm euch Beide gewiß nicht vorteilhaft geschildert. Ich beredete ihn, Emilien zu sehen. Er bewunderte sie, und hielt ihre Sache, ohne sie zu kennen, für gerecht, weil Emilie ein schönes Auge und eine schöne Figur hat! – Was soll man davon denken? »Lieber Oberst, es ist ja beinahe, als ob Sie mir die schnelle, unerwartete Hülfe nicht gönnten!« Wenn es Hülfe ist, sage ich. Der Fürst denkt gut, denkt menschlich; aber, Baron, ein Fürst soll kalt urtheilen, kalt wie ein geschriebenes Gesetz, ehe er warm fühlt. Hätte 398 er ruhig da gestanden, gezweifelt, gefragt, Emiliens Unschuld, Ihre Unschuld geprüft, sich überzeugt, und dann erst versprochen: so wollte ich hier einen Ehrensprung thun, und Sie müßten eine Flasche Wein auf sein Wohl mit mir trinken, oder sich mit mir schlagen. Aber nein; er sah Emilien, fand sie schön, und erklärte sie auf der Stelle für unschuldig. Ein Fürst muß keine Augen haben! »Da sehen Sie ja, liebster Herzens-Oberst, was Sie immer nicht glauben wollen: die Wirkung der edlen Celtischen Natur. Der Fürst sah die Celtin mit der Empfindung, womit er ein höheres Wesen, einen Geist, erscheinen gesehen hätte: mit Ehrfurcht.« Ei was! Ich sehe nichts weiter, als daß der Fürst jedem Eindrucke folgt. Eine gefährliche Eigenschaft! Der Eindruck verfliegt; ein andrer schöner Mund behauptet, es sey nicht so: und der Fürst vergißt Emilien wieder. Doch wir wollen das Eisen schmieden, weil es warm ist. Auf morgen Nachmittag lassen wir uns bei der Tante melden. Jetzt zittert sie und giebt uns Emilien; dann wollen wir dem Fürsten danken, daß es so gegangen ist. »Ja, das wollen wir«, rief der Baron, und drückte dem Obersten die Hand. »Ich bin glücklich, daß ich Emiliens Auge nur ohne Thränen weiß. O, mein Vater! mehr als mein Vater! Emiliens Retter! wie dank' ich Ihnen!« Der Oberst hatte mit seinem Urtheile über den Fürsten nicht Unrecht. Bald nach der Unterredung mit Emilien fuhr dieser zu seiner Geliebten, und erzählte ihr sogleich die kleine Begebenheit. »Nein, meine Liebe«, sagte er; »Sie 399 haben in der That keinen Begriff von der ganz eigenen Schönheit dieses Mädchens. Sie war blöde. Aber denken Sie ja nicht an die Blödigkeit, die so albern aussieht, an die dumme Ziererei, die närrische, lächerliche Verlegenheit, mit der ein Landmädchen sich zum ersten Male der Fürstin und dem Hofe präsentiren läßt! Gar nicht. Es war liebliche, sehr liebliche Unschuld. Und was sie sagte, kam so tief, so ohne Zwang aus der Seele hervor, und war so schön gesagt, daß sie schon dadurch höchst interessant werden mußte. Glauben Sie mir, Sie haben sich arg von der Hausen betriegen lassen. Ich will meine Ehre zum Pfande setzen, daß dieses Mädchen so tugendhaft als schön ist. Man darf nur ihre Stimme hören. So etwas Interessantes, ein so reiner, so inniger Ton, ist mir noch nie vorgekommen. Glauben Sie mir, Liebe, wären Sie nicht mein – zu der stiege ich selbst ins Fenster, und wenn ich zuverlässig wüßte, daß ich den Hals brechen würde.« Nun wahrhaftig, wo Sie doch die Augen zuweilen haben! Ein blasses, hageres Gesicht, ohne alles Feuer, ohne ... »Aber das weiß ich: die Hausen ist kokett mit ihrer Tochter, wie sie es noch vor einigen Jahren auf ihre eigne Rechnung war; und so ein Gegenstück, wie Emilie, kann schaden. Geitzig ist die Frau dazu. Sie sollten nur die ärmliche Kleidung des Mädchens gesehen haben! Doch trotz der Kleidung eine Figur! o, eine Figur, so schlank, so edel!« Die Geliebte suchte das Gespräch auf etwas Andres zu leiten; doch vergebens. Der Fürst fing immer aufs neue an von Emilien zu sprechen. Er saß sogar einige 400 Minuten schweigend da, und dachte an sie; denn mitten im Nachdenken sagte er auf einmal wieder: sie ist wunderschön! Mit einem solchen Enthusiasmus hatte der Fürst noch nie von einem Mädchen gesprochen. Der Frau von Koch wurde bange bei dem Handel, zumal da sie schon seit einiger Zeit gemerkt hatte, daß der Fürst in seinem Betragen gegen sie nachlässiger wurde. Sie zitterte, als er sagte: »ich werde mich genau erkundigen lassen, wie die Hausen das Mädchen behandelt. Zwar denke ich, jetzt recht gut: denn ich habe Emilien eine Karte an sie mitgegeben; allein ich werde sie nächstens selbst überraschen, um zu sehen, wie man meine Befehle achtet.« Den ganzen Abend sprach er von nichts, als von Emilien. »Wenn Sie die Frau von Hausen sehen«, sagte er noch beim Abschiednehmen, »so eröffnen Sie ihr meine Meinung.« Frau von Koch schlief sehr unruhig. Am folgenden Morgen fuhr sie ziemlich früh zu der Hausen, und war sehr artig, sehr freundlich. Sie kam bald auf Emilien, und horchte bei der Tante hin. Diese seufzte: was soll ich machen? Das Mädchen hat seinen Willen, und lacht mich obendrein aus. Die Koch lächelte. »Fürchten Sie Sich vor der Karte, die der Fürst Ihnen geschrieben hat?« – Welche Karte? – Man erklärte sich, und Emilie mußte die Karte hergeben. Frau von Koch rückte immer näher. »Jetzt freilich«, sagte sie, »ist wohl eigentlich nichts zu thun. Der Baron wird uns Beide auslachen. Ich bedaure nur Ihr armes Jettchen, wenn er das Mädchen bekommt. Das wird am 401 Hofe einen Lärm geben!« – Ja, das Mädchen ist ordentlich zu meinem Unglück geboren, seufzte die Tante. In diesem Augenblicke ließen der Oberst und der Baron sich auf den Nachmittag melden. Die Hausen sah die Frau von Koch verlegen an. »Sie müssen verbitten lassen, aber höflich!« meinte diese. Die Hausen bedauerte; sie wünschte die Ehre auf ein andermal zu haben. Frau von Koch drang nun darauf, daß sie dem Baron Emilien abschlagen sollte. »Folgen Sie mir, Frau von Hausen; ich stehe für alles. Wenn Sie nicht Muth genug haben, so habe ich ihn. Geben Sie mir Emilien. Ich will sie fortschicken. Der Baron soll sie nicht bekommen, der unverschämte Geck! Und hier bleiben darf sie nicht. Nein, nimmermehr!« Frau von Koch wurde noch besorgter, als der Fürst auch heute wieder anfing von Emilien zu sprechen. »Sind Sie bei der Hausen gewesen? Was macht Emilie? Wie gefällt sie Ihnen? Sie wird doch gut gehalten?« So kam Frage auf Frage, bis Frau von Koch endlich ungeduldig wurde. Ja, sagte sie; ich habe das Mädchen gesehen. Sie ist niemals schlecht gehalten worden, und die Frau von Hausen beklagt sich bitter, daß Sie mit einer Karte, und obendrein mit einer unversiegelten, ihre Haushaltung und Kinderzucht reguliren wollen. »Aber das Mädchen ist wahrhaftig unschuldig, liebste Frau von Koch! Sie sollten es nur gesehn haben.« Nun ja; ermordet hat sie keinen. Sie hat einen Liebeshandel hinter dem Rücken ihrer Tante getrieben, der Oberst, Ew. Durchlaucht, mag auch sagen, was er will. Ins Fenster 402 ist der Baron doch geklettert. Nun lassen Sie die jungen Herren und die jungen Mädchen nur erfahren, was vorgefallen ist. Man braucht nur hübsch seyn, zum Fürsten zu gehen, und bei ihm zu klagen, so schreiben Se. Durchlaucht dem Mädchen einen Erlaubnißschein, durch Thür und Fenster so viele Liebhaber zu sich kommen zu lassen, als es nur will. Das wird eine schöne Kinderzucht werden! So hab' ich heute schon an drei Orten gehört. »Wie, meine schöne Frau? Das hätte Jemand gesagt? Nicht möglich!« Warum nicht? Was wäre denn Unmögliches daran? Der Oberst hatte von dem reichen Baron ein Versprechen auf eine Pension von dreihundert Thalern jährlich bekommen. Dafür, hieß es, sollte er Emilien zu sich nehmen; denn das Mädchen zu heirathen, fiel dem Baron erst hinterher ein. Er wollte Emilien bei dem Herrn Obersten besuchen. Da war freilich keine Tante mehr, die ihn auffing, wenn er Nachts in das Fenster stieg. So stand es. Und nun geht auf einmal in der Stadt das Gerede, Se. Durchlaucht haben der Hausen befohlen, ihres Bruders Tochter schalten und walten zu lassen. Die Hausen ist eine Plaudertasche, und boshaft dazu. Da setzt sie sich hin, erzählt von Ihrer allerliebsten Karte und verdreht aus Bosheit den Sinn Ihrer Worte. Ich möchte immer in die Erde sinken, wenn ich solche schiefe Urtheile über Ew. Durchlaucht hören muß. Der Fürst runzelte die Stirn. »Aber, wer mich kennt – und meine Unterthanen kennen mich ja –, der wird doch 403 wissen, daß ich kein toller Tyrann bin, der den Eltern in ihre Erziehung greifen will!« Ja, wer kennt Sie denn so, wie ich! »Was konnte ich denn anders thun? Das Mädchen redete wie ein guter Geist; der Oberst wie ein Buch. Ich hätte darauf schwören wollen, und will es noch, daß Emilie unschuldig ist.« O ja, das geb' ich zu. Wie gesagt, die Hausen ist boshaft und geitzig; sie mag das arme Mädchen genug gequält haben: denn sie wünschte sich den reichen Flaming zum Schwiegersohn. – Davon rede ich nicht; sondern von dem tollen Geschwätze, das in der Stadt auf Ihre Rechnung umherläuft. Ich habe mir heute schon das undankbare Geschäft gemacht, an drei Orte hin zu fahren, und dem Geschwätze laut zu widersprechen. Lassen Sie sich doch, sagte ich überall, von der Hausen die Karte Sr. Durchlaucht zeigen; eher müssen Sie nicht glauben. »Nun, die Hausen wird das thun.« Das wird sie nicht. Hier ist die Karte. Es hat mir Mühe genug gekostet, sie der Frau aus den Händen zu schwatzen. Der Fürst nahm die Karte und zerriß sie. »Sie sind eine liebenswürdige Frau! Aber was ist nun anzufangen?« Das Böse wieder gut zu machen, so viel es sich thun läßt. Der Baron kann für jetzt Emilien schlechterdings nicht bekommen. Wer weiß im Grunde auch, ob er sie will! Der Mensch ist ein Narr, und ich glaube, ein böser Mensch obendrein. »Das glaube ich nicht, meine Liebe. Ein Narr, das gebe 404 ich zu, mit seinen Menschen-Racen. Aber ein Mann, der den Armen so viel Gutes thut, und jedem Unglücklichen Hülfe und Schutz giebt, ist kein Bösewicht, gewiß nicht! Gäbe doch der Himmel, daß alle meine Unterthanen solche Bösewichter wären; ich wollte viel mit ihnen ausrichten!« Nun, Emilien kann er fürs erste doch nicht bekommen, oder Sie beleidigen Ihr Kabinet, Ihr Konsistorium, und, was noch schlimmer wäre, sich selbst. Die ganze Stadt weiß, was erst vor einigen Tagen geschehen ist. »Freilich wohl, es ist ein fataler Handel. Ich wollte, der Baron hätte das Mädchen, und ich wäre aus dem Spiele.« Auch muß er sie haben; denn warum sollte man das Mädchen, dem hämischen Neide der Frau von Hausen zu gefallen, nicht glücklich machen? Aber nur jetzt nicht. Bleibt Emilie hier, so hat der Baron ja Ihre Einwilligung. Er entführt das Mädchen vor den Augen der Tante, und beruft sich dabei auf Sie. Was wollen Sie dann machen? »Ei, die Frau von Hausen wird ja ein Mädchen hüten können! Nur so lange, bis die Sache sich verblutet hat.« Da dauert mich wieder das Mädchen, das die Hölle in dem Hause haben würde. Doch lassen Sie mich nur machen. Die Tante muß ihren Willen nicht haben, und Ihr Wort soll gerettet seyn. »Sie sind wahrhaftig die klügste Frau von der Welt. Machen Sie nur, Liebe, daß Niemanden wehe geschieht. Jede Klage meiner Unterthanen scheint mich zu treffen; und wenn ich es bedenke, so ist es auch so: denn bin ich 405 nicht der Fürst, der Vater des Landes? Hören Sie, daß ja Niemanden wehe geschieht!« Der Fürst war, wie diese Unterredung deutlich zeigt, ein recht guter, obgleich ein sehr schwacher, Mann. Auch umgaben ihn keine Bösewichter; nur Menschen, und in manchem Betrachte sogar gute Menschen. Selbst Frau von Koch war nicht schlecht. Man hatte Mühe gehabt sie in des Fürsten Arme zu liefern. Seitdem sie sich ihm auf vieles Zureden einmal ergeben hatte, betrachtete sie sich als seine Gattin, und war ihm pünktlich treu. Aus diesem Gesichtspunkte her hielt sie sich selbst für das züchtigste Weib im ganzen Fürstenthume. Sie konnte Beleidigungen ertragen; doch war sie unversöhnlich, wenn man ihre Tugend nur in den geringsten Zweifel zog. Aber nie mischte sie den Fürsten unmittelbar in ihre Händel. Sie nutzte sein Ansehen, um sich zu rächen; doch schonte sie dabei seiner Ehre. Der Fürst wußte das, und setzte um so größeres Vertrauen in sie. Der Baron hatte sie »eine H..e« genannt. Das glaubte sie um so fester, da er sie, wie jede Brünette, in Gesellschaften sehr nachlässig behandelte. Was Wunder, daß sie alles aufbot, den ersten Wunsch des Barons, Emiliens Besitz, zu vereiteln! Aber, dachte sie, die arme Emilie! Nun ich halte sie ja dadurch schadlos, daß ich sie von ihrer bösen Tante wegbringe. Mit ihrem Gesichte und ihrer Figur bekommt sie noch immer einen Mann, der klüger ist, als der Baron. Hier bleiben kann sie nun einmal nicht; ich muß sie dem Fürsten aus den Augen schaffen. 406 Am folgenden Tage machte die Tante Hausen der Frau von Koch ihren Gegenbesuch, und hörte von ihr, daß der Fürst es gern sähe, wenn Emilie entfernt würde. Die Tante hatte nichts dagegen; nur bat sie, Emilien gut zu halten, weil sie doch ihres Bruders Tochter wäre. Frau von Koch lächelte, und sagte ein wenig boshaft: »seyn Sie unbesorgt. Ihre Nichte soll wenigstens nichts verlieren.« Nun wurde ein Plan verabredet, von dem selbst Jettchen nichts wissen sollte. Am nächsten Morgen mußte diese einen Besuch machen, und Frau von Hausen ging mit Emilien spazieren. Vor dem Thore begegnete Frau von Koch diesen Beiden, und lud sie auf ihr Gartenhaus ein. Man unterhielt sich sehr angenehm, und Frau von Koch bat nun beide Damen zu Tische. Die Tante konnte nicht, weil sie in Gesellschaft mußte; Emilie aber blieb, mit ihrer Genehmigung. Sobald die Koch, in der That eine sehr liebenswürdige Frau, mit Emilien allein war, fing sie an mit ihr zu plaudern, machte sie treuherzig, ließ sich erzählen, und vergoß wirklich aufrichtige Thränen des Mitleidens. Bald drückte sie die arme Verlassene an ihre Brust, streichelte ihr die Wangen, und trocknete ihr die Augen; kurz, nach einer Stunde hatte sie Emiliens ganzes Herz. Beide aßen allein in einem Kabinette von Rosensträuchen. Seyn Sie heiter, liebe Emilie, sagte Frau von Koch; hier wird Ihnen nichts zu leide geschehen. – »Ach«, erwiederte Emilie, »könnte ich hier, oder an irgend einem andern Orte der Erde, der so schön wäre, wie dieser, immer 407 leben!« – Frau von Koch schloß das Mädchen in ihre Arme, und sagte: höre, liebe Emilie, sey meine Tochter, – oder meine Schwester, was du am liebsten willst. Du bist sechzehn Jahre, ich sechs und zwanzig. Das ist kein großer Unterschied. Schwester also. Oder willst du lieber Tochter? – »Tochter!« stammelte Emilie; und die Frau von Koch hatte eine Thräne im Auge. – Nun wohl, meine Liebe. Also von nun an meine Tochter! ... Deine Tante, gutes Kind, haßt dich. Sie glaubt, du habest Jettchen um den reichen Baron gebracht; und das vergiebt sie dir nie. Seit vorgestern war freilich alles in einem ziemlich guten Geleise. Der Oberst Brensen hatte das Eis gebrochen. Aber, sag mir, liebst du wirklich den Baron so innig? Dann wäre mein Plan nicht viel werth. Emilie antwortete gutmüthig: »ich liebe ihn; denn er wollte mich ja von der Sklaverei meiner Tante befreien. Ach, gnädige Frau!« Mütterchen, willst du sagen. »Mütterchen, Sie liebt jedermann; aber ich Arme, ich hatte auf der weiten Welt keinen Menschen, der mich liebte, der zu meiner Rettung nur einen Finger bewegt hätte. Glauben Sie mir, Mütterchen, manchmal war ich beinahe überzeugt, der Himmel müsse sich meiner annehmen und mir einen Retter schicken. Ach, wie will ich ihn lieben! dachte ich. Da kamen der Baron und der Oberst. – Sie wissen es nicht; nein, Sie können es nicht wissen, wie einer Verlassenen ist, wenn sie nun endlich Jemanden findet, der ihr Liebe zeigt.« 408 Die Frau von Koch trocknete sich die Augen. Beinahe hätte der Baron gesiegt; sie wankte schon sehr stark. »Sehen Sie«, fuhr Emilie fort; »meine Tante verdrehet mir alles. Ich hatte den Baron von ungefähr auf dem Weidendamme getroffen; und nun, o Gott! nun schalt sie mich ein liederliches Mädchen, nannte mich öffentlich so. Denken Sie nur!« Der Entschluß der Frau von Koch wurde wieder fest. Der Narr, dachte sie, hat mich eine H..e geheißen; er soll sie nicht haben! Er soll nicht! Eine krummbeinige H..e! Hat der Narr meine Beine je gesehen? Ja sieh, liebes Töchterchen, wie es steht. Der Baron ... Gut, ich will glauben, daß er dich liebt. Aber heirathen? Ich zweifle, ob es gehen wird. Der Fürst hat es ihm schlechterdings untersagt; und wenn er es auch jetzt, da er dich kennt, erlauben wollte, so kann er doch nicht gut, eben weil er es verboten hat. Die Hausen dringt mit aller Gewalt darauf, daß der Baron dich nicht haben soll. Was läßt sich nun machen? Es ist ein dummer Handel. Und zu jung bist du im Grunde auch wohl. Nach einigen Jahren, freilich, da ließe sich eher etwas thun. Aber du willst nicht warten. Emilie erröthete. »Nicht warten, liebste Mutter? O, sagen Sie das nie wieder! Warten will ich noch zehn Jahre, ja Lebenslang, wenn ... wenn ich ... nur nicht mit der Tante leben muß.« Gut, liebe Emilie; so fasse einen raschen Entschluß. Aber Kind, schweigen mußt du; oder du machst mich unglücklich! 409 »Schweigen wie das Grab, liebste, gütigste Mutter.« Ich habe heimlich ein Gut gekauft in der schönsten, angenehmsten Gegend der Welt. Da will ich meine Tage beschließen. Vielleicht ziehe ich bald, sehr bald dorthin, oder bin gezwungen es zu thun. Dahin geh, Emilie. Baue, verschönere das Paradies, das du dort finden wirst. Ich habe dort einen Verwalter, und weiß nicht, ob er mir treu ist, noch weniger, ob er die Unterthanen drückt. Sey die Aufseherin des Mannes, und die Mutter der Armen und Unglücklichen. Bringe alles in Stand. Ich hoffe und fürchte (setzte sie mit Thränen hinzu), ich werde dir bald nachkommen ... Du sollst alles erfahren, Emilie (fuhr sie nachdenkend, und mit niedergeschlagenen Augen fort); denn auch ich bedarf Liebe. Du kennst den Fürsten. Der Staat gab ihm eine Gemahlin; die Liebe gab ihm ein Weib, mich. Ach! ich liebte ihn, und liebe ihn noch. Ich zittre vor dem Augenblicke, da der Tod oder seine Untreue ihn von mir trennen wird; und doch kann dieser Augenblick schon nahe seyn. Gott Lob! ich habe nie einen Menschen beleidigt, nie die Gelder des Staates verschwendet, nie jemanden gedrückt. Aber dennoch weiß ich, daß ich verachtet und gehaßt seyn werde, so bald er stirbt, oder aufhört mich zu lieben. Auf diesen Fall, Emilie, habe ich mir das Gut gekauft, sogar ohne des Fürsten Wissen. Dort will ich einst meine Thränen verbergen. Dorthin, Emilie, geh, daß ich dann eine Freundin finde, an deren Busen ich weinen kann. Frau von Koch, die jetzt einen von ihren schwärmerischen Augenblicken hatte, zerfloß bei diesen Worten in 410 Thränen, drückte Emilien an ihr Herz, küßte sie, und war außer sich. Emilie hing, wie alle Unglücklichen, auch ein wenig zur Schwärmerei hin, und weinte mit ihrer schönen Mutter. »Ja«, sagte sie: »ich will hin; Sie sollen dort ein Paradies finden, und ein Herz, das keine andere Freude kennen wird, als Sie zu erheitern.« Die Domestiken nahmen nun das Essen ab, und man plauderte von dem Wetter. Nach dem Kaffee überlegte man alles gehörig. Die Erlaubniß deiner Tante habe ich, Emilie. – »Und der Baron, und der Oberst?« – Schreib ein Billet, und nimm darin auf einige Jahre Abschied. So hast du obendrein den Vortheil, die Treue deines Geliebten prüfen zu können.« Frau von Koch mahlte die letzte Vorstellung noch aus, und Emiliens warme Phantasie ergriff sie lebhaft. »Ja«, sagte diese, »ich werde, wenn er mir treu bleibt, die seltene Gewißheit haben, daß er mich wirklich liebt. Aber, Mütterchen, wenn der Baron nun glaubte, mein Billet wäre erzwungen! Er trauet meiner Tante alles zu; sie könnte also Verdruß davon haben.« Beide waren jetzt zu allen romantischen Planen gestimmt. Frau von Koch schlug vor, und fand bei Emilien keinen Widerspruch. Sie ließ einen Miethswagen holen. Emilie stieg am Thor ein, hielt ein von ihr geschriebenes Billet in der Hand, und fuhr vor des Barons Haus. Ein sehr treuer Bursche der Frau von Koch, der, in einem Überrocke, hinten auf dem Wagen stand, ging hinein. »Herr Baron, eine Dame will Sie auf einen Augenblick sprechen. 411 Sie hält unten im Wagen vor der Thüre.« Der Baron sprang hinunter. Emilie lächelte ihm aus dem Wagenfenster zu, und reichte ihm die Hand, die er küßte. Sie gab ihm ihr Billet mit den Worten: »lesen Sie das, Herr Baron, und folgen Sie mir nicht.« Nun fuhr der Wagen schnell wieder weg. Der Baron sah ihm nach, bis er verschwand, und ging dann langsam auf sein Zimmer. Es war Emilie! rief er dem Obersten entgegen; und hier ist ein Billet von ihr. Er riß es auf, und las: »Ich verlasse Sie auf einige Zeit, mein theuerster, großmüthiger Freund: freiwillig; denn ich brachte Ihnen mein Lebewohl selbst. Seyn Sie nicht unruhig meinetwegen; ich bin glücklich. Sie lieben mich, und ich kenne keine größere Freude, als Ihnen die Treue aufzubewahren, die Ihnen mein Mund und mein Herz jetzt freiwillig geben. Von meinem zweiten Vater, dem Obersten, nehme ich mit Thränen Abschied. Sagen Sie ihm, daß ich zufrieden leben werde, bis mein vollendetes Glück mich Sie wieder finden läßt. Wir sehen uns wieder. Ihre treue Emilie.« Der Baron konnte vor Stammeln das Billet kaum auslesen. Was, in aller Welt, ist das? rief der Oberst. Wo war sie? wer saß bei ihr im Wagen? – Der Baron erzählte. – Ganz allein? So hat man sie nicht gezwungen, das Billet zu schreiben. Aber warum verläßt sie uns? – Jedes Wort in dem Billet wurde nun abgewogen, untersucht; doch man kam damit nicht weiter. Emilie war nun wieder zu der Frau von Koch gefahren, und diese hatte während der Zeit alles Nöthige zu ihrer 412 Reise besorgt. Nachts um zwölf Uhr stiegen Beide in den Wagen: die Frau von Koch in schwermüthigem Nachdenken; Emilie mit fröhlichem Herzen, weil die schönsten Bilder eines freien, heiteren, dem Wohlthun gewidmeten Lebens in bunten Farben vor ihrer Seele schwebten. Als der Morgen anbrach, fand Emilie einen kleinen Wagen, der voraus gegangen war, und trennte sich nun von ihrer Freundin mit heißen Thränen. Sie fuhr, in Begleitung eines alten Bedienten, den die Frau von Koch in Ruhe setzen wollte, mit Postpferden weiter, und die letztere kehrte zurück. Niemand in der Stadt konnte errathen, wo Emilie geblieben war. »Nun wird mir der Oberst Brensen wieder zusetzen!« sagte der Fürst verdrießlich zu der Frau von Koch. »Das arme Mädchen muß sich aus einem Winkel in den andern werfen lassen, weil Sie eine Grille im Kopfe haben!« Der Oberst wird Ihnen nicht zusetzen! Für Sie und Ihre Ehre habe ich gesorgt, so viel es mir auch gekostet hat. In acht Tagen sollen Sie einen Brief von Emilien lesen, woraus Sie sehen werden, daß sie ganz gern in dem Winkel ist, in den ich sie gestoßen habe. Meine Grille führte ich aus, um mir tausend andere zu ersparen, wozu ich leicht hätte Anlaß bekommen können. Es ist alles so besser. Wir, die Hausen, ich, und Emilie selbst, sind zufrieden; es wäre doch seltsam, wenn Sie allein unzufrieden wären. – Der Fürst schwieg, las wirklich nach acht Tagen einige Worte von Emilien, war zufrieden, und – vergaß sie. Der Baron allein und der Oberst waren unzufrieden. Ha! 413 sagte dieser eifrig; dahinter steckt etwas. Emiliens Entschluß wegzureisen, kommt nicht von ihr selbst; sie ist viel zu einfach, um solche seltsame Einfälle zu haben. Ich setze meinen Kopf daran, die Tante ist im Spiele. »Sie soll es gewiß verlieren! Ich will nicht eher ruhen, als bis ich Emilien finde.« So sprachen Beide bis um Mitternacht hin. Am folgenden Morgen setzte sich der Baron zu Pferde, und sprengte die Straße hinunter, die Emilie gefahren war, zum Thor hinaus. Nicht weit davon theilte sich der Weg. Der Baron legte, weil er keine Gründe zur Wahl hatte, seinem Pferde den Zügel auf den Hals; und es ging gerade aus. Nun fragte er jeden Menschen, der ihm begegnete, ob er nicht einen Wagen mit einem Frauenzimmer gesehen habe; galoppirte hinter jeder Kutsche her, die er bemerkte, sah in jedes Kutschfenster, und – erfuhr nichts. So ritt er acht Tage auf allen Landstraßen die Kreuz und Quer, und erregte bei seinem Reitknechte den Argwohn, es müsse mit seinem Kopfe nicht richtig seyn. Abgemattet kam er endlich wieder zurück, und rief dem Obersten betrübt zu: »ich habe sie nicht gefunden!« – Wo haben Sie Emilien denn gesucht?« – »Überall; in jedem Wagen, dem ich begegnete.« – Aber Sie müssen doch irgend eine Vermuthung gehabt haben, der Sie nachgeritten sind; sonst ... »Nein, die hatte ich freilich nicht. Mein Engländer wird an den Kreuzzug denken! ... Sie ist verloren!« Jetzt theilte der Oberst ihm seine Vermuthungen mit. Er hatte Lieschen auf Kundschaft ausgesandt, und durch sie erfahren, daß Frau von Koch bei der Hausen, und dann 414 diese wieder bei der Frau von Koch, gewesen war. Lieschen wußte auch, daß beide Damen mit großem Eifer von Emilien gesprochen hatten. Dann war Emilie mit ihrer Tante spazieren gegangen, und seitdem nicht zurückgekommen. Nun wurde der Miethkutscher ausgefragt. Er hatte das Fräulein vor dem Neuthore abgeholt, und es auch wieder auf eben die Stelle hingefahren. Vor diesem Thore lag das Gartenhaus der Frau von Koch, und Emilie hatte da gegessen. Frau von Koch war in der Nacht verreist, und erst am Mittage zurückgekommen. Wohin aber? das konnte man nicht heraus bringen, weil der Kutscher, der sie gefahren hatte, völlig verschwiegen war. Kurz und gut, sagte der Oberst, Frau von Koch hat Emilien weggebracht. »Sehen Sie nun wohl?« rief der Baron. »Dachte ich es doch! Die Frau hat pechschwarzes Haar, dicke Lippen, eine ganz Slavische Nase, einen Fuß, so klein wie eine Chinesin, und Zähne wie Alabaster!« Aber zum Teufel, die Tante! Was hat denn die? Blondes Haar, und gar keine Zähne! »Aber dicke Lippen, und einen Leib wie eine Trommel. Sie ist eine Spielart, wie eine Schecke.« Warum hatte denn aber die Allerwelts-Slavin, die Koch, nicht den gehörigen natürlichen Respekt für Emiliens edle Celten-Natur? He? »Keinen Respekt? Hat sie es denn gewagt, Hand an Emilien zu legen? Überlistet wurde das arme Mädchen, daß sie mich freiwillig verließ. Gewalt würde sie gegen Emilien nie gewagt haben.« 415 Nun, bei Gott! brummte der Oberst vor sich; einem Thoren fehlt es doch nie an einer Antwort! ... Meinetwegen! sagte er laut. Die Frau von Koch soll zuweilen Anfälle von Großmuth haben, und sie alsdann sehr weit treiben. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, und Emilien liebte, ich suchte die Freundschaft der Frau zu gewinnen. »Ja, liebster Oberst, das will ich!« Und lassen Sie das ewige Schimpfen auf schwarzes Haar, und so weiter. Bis jetzt haben Sie Sich dadurch nur Feinde gemacht. Der Baron versprach, weil er Emilien liebte, was der Oberst verlangte. Er drängte sich in alle Gesellschaften, wo er die Frau von Koch zu finden hoffen konnte, bezeigte ihr viele Aufmerksamkeit, und hütete sich vor allen Ausfällen gegen schwarzes Haar und volle Busen. Frau von Koch näherte sich dem Baron nach und nach, zumal da Emiliens schwärmerische Briefe fast nur ihn betrafen. Sie machte auf einmal die Bemerkung, daß Flaming kein so übler Mann wäre, als man ihn ihr geschildert hätte. Und wie schnell that sie ihm Schritte entgegen, als sie ihn einmal eine ihr sehr wichtige Meinung mit unverstelltem Enthusiasmus vertheidigen hörte! Man sprach von einem jungen Manne, der ein Mädchen ohne Vermögen und von geringer Herkunft geheirathet hatte. Der Mensch ist ein Narr! hieß es. »Aber ich sehe doch nicht«, sagte Flaming, »warum er ein Narr seyn soll.« Man setzte alle Gründe auseinander. »Wie?« rief Flaming mit Eifer; »deswegen? Bei Gott! Sie müssen hier eine 416 sonderbare Vorstellung von der Ehe haben. Wenn ich bedenke, was die Ehe nach den heiligen Gesetzen der Natur, die sie den edleren Völkerstämmen tief in die Seele drückte, seyn soll, so muß ich behaupten, daß tausend förmlich kopulirte Paare nicht in der Ehe leben. Der heirathet, um ein Haus zu machen; der , um bequeme Tage zu haben; jener aus politischen Gründen; dieser aus Geitz; ein Anderer, um in eine mächtige Familie zu kommen; Tausende, weil es Mode ist; Tausende aus Wollust. Sind das Ehen? Wenn man sie so nennt, bei Gott! so mißbraucht man einen der heiligsten Nahmen. Werfen Sie Ihre Augen auf die elendesten Völker der Erde. Sie heirathen alle aus eben diesen Gründen: die Mongolen, um Sklavinnen an ihren Weibern zu besitzen; die Morgenländer, ihre thierische Wollust zu befriedigen, oder um Nachkommen zu hinterlassen; die Amerikaner aus Trägheit, oder um doch auch ein Weib zu haben, wie Andre, so kalt sie auch sind. Lesen Sie den Gumilla oder den Charlevoix darüber. So sind die Ehen der allerverächtlichsten Völker auf dem Erdboden: von Eitelkeit, Hochmuth, Geitz, Tyrannei und Wollust gestiftet. Darum herrscht dort auch die Vielweiberei, und hier, wo man die Sitten dieser elenden Menschen nachahmt, die Untreue. Nein, die heilige, sanfte Flamme reiner Liebe, gegenseitiger Achtung und Freundschaft, das uneigennützige Vertauschen der Herzen gab die Natur nur ihren Lieblingen, den edelsten Menschen. Bei denen fragt der Mann seine Geliebte nicht: welchen Rang hast du? wie groß ist dein Vermögen? wirst du Kinder gebären können? hast du Reitze, die Wollust zu 417 befriedigen? Er schauet dem holden, sittsamen Mädchen durch das Auge in die Seele, und fragt nur: bist du edel gesinnt wie ich? hast du die Tugend der edelsten Menschen? fließt dein Blut so rein wie das meinige durch dein Herz? liebst du mich, um mir alles in der Welt aufopfern zu können, das Scepter über die Erde für eine Hütte, in der ich lebe? Antwortet das Mädchen ihm Ja, schlingt es den Arm um seinen Hals, und drückt ihn an die keusche Brust, so ist die Ehe geschlossen. Die Natur beugt sich lächelnd und segnend auf die Liebenden herab; und dies ist die einzige wahre Ehe, im schönsten Sinne des Wortes. So heiratheten unsere edelsten Vorfahren; und darum wohnten Keuschheit, Zufriedenheit, Freiheit und Tugend mit ihnen in ihren Eichenwäldern.« Aber unsere Vorfahren verboten ja die Mißheirathen. Kein Adeliger durfte eine Bürgerliche zur Gattin nehmen. »Ganz recht. Aber damals enthielt der Adel den edelsten Menschenstamm, und war vollkommen tugendhaft. Doch wie ist er jetzt von seiner Höhe herabgesunken! Man sieht ja ...« Hier brach er ab; er wollte sagen: eben so viele Schwarzköpfe unter dem Adel, als Blondköpfe unter den Bürgern. Doch zum Glück dachte er an die Frau von Koch, die ihm mit großem Wohlgefallen zuhörte. – »Jetzt«, fuhr er fort, »wohnt die Tugend überall; und wohl dem, der sie zu finden weiß! Nach den Gesetzen der Natur könnte jetzt ein Fürst sein Herz einem Bauernmädchen anbieten; und die Natur, die Vorsehung, die Vernunft, alle Schutzgeister der Menschen würden diese Ehe rechtfertigen.« 418 Frau von Koch erröthete vor Freude. Ja, dachte sie triumphirend, so ist es; so bin ich des Fürsten Weib, und die Fürstin ist – die Fürstin. Von diesem Augenblicke an war des Barons Glück bei ihr beschlossen. Sie schrieb an Emilien ganze Seiten voll, über den guten, liebenswürdigen Flaming; und sie hätte sogleich Emilien wiederkommen lassen, wenn ihr nicht die Vorstellung schwer geworden wäre, das Mädchen, das sie wirklich liebte, zu verlieren. Der Baron rückte täglich in ihrer Gunst so sichtbar vorwärts, daß er selbst die schönsten Hoffnungen faßte. Frau von Koch fing sogar schon freiwillig an, mit ihm von Emilien zu sprechen. Sie scherzte mit ihm, zeigte ihm mitunter schon, wenn er mit ihr allein war, einige Zeilen aus Emiliens Briefen; und diese Zeilen machten seine Liebe noch stärker: denn Emilie sprach von ihm mit einer Schwärmerei, wie ein reines Herz voll Liebe und Dankbarkeit sie immer hat. Er schrieb schon an den Obersten, der wieder abgereist war, sein Triumphlied. Aber auf einmal brach er selbst allen Umgang mit der Frau von Koch ab. Er war kalt, mißtrauisch gegen sie, und überlegte jetzt alles, was er ihr sagte, äußerst sorgfältig. Frau von Koch drang in ihn: er sollte ihr sagen, womit sie ihn beleidigt hätte; aber er zog dabei allemal die Stirn kraus, und schwieg. An den Obersten schrieb er: »Liebster Oberst, ich habe meinen Umgang mit der Frau von Koch, von dem Sie Sich so viel versprachen, aufgeben müssen. Sie ist viel zu wollüstig, als daß ich ihr je trauen könnte. Ich habe sie einmal beleidigt; und ein Wollüstiger ist durchaus unversöhnlich. 419 Emilien erwarte ich von der Hand des Schicksals, von ihr selbst, und von ihrer Liebe zu mir. Warum soll ich auch aus den Händen einer elenden Buhlerin ein Geschenk annehmen, das sie nur beflecken kann? Nein, ich traue jedem Menschen, nur dem Wollüstlinge nicht; er kann nicht vergeben. Ich trage geduldig, mit Fassung; aber Emilie ist mein: das fühl' ich wie mein Daseyn.« Was den Baron auf einmal so umgestimmt hatte? Er las, ich weiß nicht in welchem Buche: »übergebogene Nägel auf den Fingern von sehr todtenweißer oder blauer Farbe, wären ein untrügliches Zeichen von der Liederlichkeit eines Weibes.« Jetzt nahm er in jeder Gesellschaft, so viel er nur konnte, die Hände aller Mädchen, und besah die Nägel auf ihren Fingern sehr aufmerksam. Fast überall glaubte er todtenweiße oder blaue Nägel zu finden, und erstaunte nun über die Zügellosigkeit der Sitten unter dem weiblichen Geschlechte. »Hm!« sagte er, wenn von einem Mädchen die Rede war: »ihre Unschuld ist dahin; denn ihre Nägel, ihre Nägel!« Das wurde bekannt. Nun liefen die Mädchen vor dem Baron, als ob er die Pest hätte. Die jungen Herren machten es ihm nach; und seitdem trugen die Mädchen in Gesellschaften Fingerhandschuhe: nicht aus bösem Gewissen, sagten sie; aber wer will sich immer taxiren lassen! Der Baron hatte auch die Nägel der Frau von Koch besehen, und sie übergebogen, sehr todtenweiß gefunden. Er sagte nichts, und dachte bloß: »Hm! bei der ist es kein Wunder; sie ist eine Slavin, und muß also wollüstig seyn. 420 Wenn doch nun der Oberst noch hier wäre, und mit eignen Augen sähe, wie mein System so gänzlich zutrifft!« Der Baron hatte jetzt keine schlechtere Meinung von der Frau von Koch als vorher. Aber er las gerade damals Cromwells Leben. Die Freunde dieses Usurpators riethen ihm, sich mit Karln II. zu vergleichen, ihm die Hand seiner Tochter und mit ihr die Krone zu geben. Cromwell überlegte den Vorschlag sehr lange. »Nein«, sagte endlich dieser Kenner des menschlichen Herzens: »nein, Karl Stuart wird mir nie verzeihen; auch wenn er wollte, auch wenn er es verspräche. Er ist unversöhnlich, und ich darf ihm nie trauen; denn er ist ein Wollüstling.« Der Baron begriff nicht, warum ein Wollüstling unversöhnlich seyn müsse; aber eben darum hatte diese Maxime so großen Reitz für ihn, und er wünschte sich eine Gelegenheit, sie wieder anzubringen. Jetzt dachte er an die übergebogenen Nägel der Frau von Koch. »Nein«, sagte er; »ich kann ihr nie trauen: denn sie ist ein wollüstiges Weib!«, und so brach er allen Umgang mit ihr ab. Vielleicht wäre dennoch alles gut gegangen, wenn er nur hätte schweigen können. Man fragte ihn um die Ursache seines Bruches mit der Frau von Koch. Er äußerte, was er dem Obersten geschrieben hatte: »ich habe die Frau von Koch einmal beleidigt. Sie ist, wie ihre Nägel beweisen, wollüstig, und also durchaus unversöhnlich. Traue ihr, wer will; ich nicht!« Ein junger Mann, der sich einbildete, daß der Baron Flaming durch die Frau von Koch ein Amt suchte, welches 421 er selbst gern haben wollte, wußte ihr diese Äußerung zu hinterbringen. Man denke an ihre Empfindlichkeit in dem Punkte! Daß dieses Urtheil von dem Baron herrühre, daran konnte sie nicht zweifeln; denn sie erinnerte sich genau, daß er auch ihre Nägel besehen hatte. O, dachte sie; der elende Heuchler! Erst nennt er mich eine reine, unschuldige Seele, meine Verbindung mit dem Fürsten eine Ehe, welche die Natur mit lächelnden Blicken heilige; und jetzt? – Der elende Bösewicht geht umher, und nennt mich ein liederliches Weib, eine wollüstige Kreatur. Nein, er soll Emilien nicht haben! Sie verbarg nun ihren Haß gegen den Baron gar nicht mehr, sondern zeigte ihn öffentlich. Hierauf hatten seine zahlreichen Feinde nur gewartet, um ihm allen ersinnlichen Verdruß zu erregen. Er mochte nun thun, was er wollte; alles wurde schief ausgelegt und verlästert. Der Baron schrieb an den Obersten: »Wie sehr hatte ich Recht, daß ich mich von der Koch trennte! Ein wollüstiges Weib ist unversöhnlich. Alles hat sich gegen mich verschworen. O, Sie glauben nicht, wie viel Slavisches Blut hier fließt! Und wenn ich noch nicht von meinem System überzeugt gewesen wäre, so würde ich es jetzt seyn. Die Koch mit ihrem schwarzen Haare, der Geheimerath mit seinem dicken Bauche, Jettchen mit ihrem Lappländischen Busen, und die Hausen mit ihren Negerlippen machen mir so viel Verdruß, daß ich meines Lebens nicht mehr froh werde. Wehe! wehe! daß die Slaven in Deutschland eindringen mußten! Wenn mich Emilie nicht 422 hielte, glauben Sie mir, ich zöge heute nach Biscaya oder Asturien, und schlüge meine Hütte dort auf, wo jeder, auch der Viehhirt, ein Edelmann ist; ich zöge in eins von den beiden Ländern, in denen man das Celtische Blut noch allein unvermischt und rein antrifft, so rein, wie es vielleicht vor Jahrtausenden in den Adern der Einwohner vom Kaukasus floß: unter die Menschen, die Spanien seinen Stolz nennt, unter die edlen Biscayer. Ach, jetzt sehe ich erst, wie recht Sie einmal hatten, als Sie in Scherz sagten: ›man sollte jede Ehe zwischen einem Blondkopf und einem Schwarzkopf als Blutschande verbieten; und jeden Mann, der Mongolische Kennzeichen an sich trüge, ließe ich, wenn ich Fürst wäre, in meiner Kapelle Diskantsänger werden.‹ Das wäre Aufklärung, wahre Menschlichkeit; und wenn nun einmal stehende Heere nothwendig sind, so müßte in meinem Lande jeder Schwarzkopf Soldat werden. Sie bewundern jetzt den großen König; ich bewundre ihn mit Ihnen. Aber betrachten Sie seinen Kopf, sehen Sie seine himmelblauen, großen, schön gespaltenen Augen, sein blondes Haar, seine edle Nase; dann werden Sie den Muth begreifen, womit er seine Feinde besiegt, und die Weisheit, womit er seine Völker glücklich macht. Er ist ein reiner Celte. Leben Sie wohl. Ich bleibe Emilien treu: das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.« Den Entschluß, die Residenz zu verlassen, hatte Flaming schon gefaßt; nur wußte er noch nicht, wohin er sich wenden, und was er unternehmen sollte. Er machte tausend Plane, und verwarf sie alle wieder. Eines Abends fiel ihm 423 beim Lesen eines Buches folgende Stelle in die Augen: C'est à la campagne, que les écrivains acquièrent plus de noblesse et d'élevation dans les idées, deviennent plus forts et plus touchans; c'est-là que se developpent toutes les forces de l'âme Auf dem Lande bekommen die Schriftsteller mehr Adel und Hoheit der Ideen; dort werden sie stärker und rührender; dort entwickeln sich alle Kräfte der Seele. . Diese Stelle wirkte mit großer Gewalt auf ihn. Er stützte den Kopf in die Hand, und las sie noch dreimal. Schon längst war er Willens gewesen, seine Ideen über die verschiednen Menschen-Racen zu Papier zu bringen, und hatte sogar schon angefangen; aber es fehlte ihm an Erhabenheit, und seine Ideen blieben so kalt. Hier wurden ihm nun Stärke, Rührung und Erhabenheit versprochen. Verwirrte Bilder eines philosophischen, ruhigen, gelehrten Lebens auf dem Lande, erhellt von dem Glanze eines unsterblichen Ruhms, flogen durch seinen Kopf. »Aber«, dachte er, »da wird dich niemand sehen, als die wenigen Bauern, die nicht wissen, wer du bist; die in dir nur ihren Gutsherrn, und nie den Mann achten, der die größte Revolution auf der Erde bewirken will: nehmlich das Laster, den Aberglauben in ihren Quellen zu verstopfen, und die Reinheit des menschlichen Geschlechtes wieder herzustellen.« Er schüttelte traurig den Kopf, und las weiter: Enseigner la saine morale, combattre la superstition et le fanatisme, ruiner de vieux préjugés, rendre les hommes respectables! quel bien peut faire un philosophe à la campagne, s'il 424 réunit un esprit juste à un cœur honnête! Eine vernünftige Moral lehren, Aberglauben und Fanatismus bekämpfen, alte Vorurtheile vernichten, die Menschen achtungswerth machen – wie viel Gutes kann ein Philosoph auf dem Lande bewirken, wenn er richtigen Verstand mit einem edlen Herzen verbindet! Dieser Schlag traf auch sein Herz, das so reitzbar für alles Gute war, und es entstand ein fröhlicher Tumult in seiner Seele. Er sah sich schon als den Schutzgeist von Hunderten guter Menschen, die ihn anbeteten, weil er sie ihren Werth fühlen und glücklich seyn gelehrt hatte. »Ja!« rief er entzückt; »ich will die Welt unterrichten, und ihr zugleich ein Beispiel geben, wie man die Menschen glücklich machen soll!« Sein Entschluß, die Residenz, worin er lebte, zu verlassen, wurde fest. Er verkaufte in aller Geschwindigkeit das Gut, das er in dem Fürstenthume geerbt hatte, weit unter dem Werthe, nahm sich kaum die Zeit seine Sachen in Ordnung zu bringen, packte seine Bücher, Todtenköpfe, Papiere und Instrumente ein, machte keine Abschiedsbesuche, und reiste in aller Stille nach seinem Geburtsorte ab, den er nun in sechs Jahren nicht gesehen, und den auch seine Mutter fast zu gleicher Zeit mit ihm verlassen hatte, weil sie Theils bei der Frau von Graßheim in Berlin, Theils auf einem ihr gehörigen Landhause in Schlesien leben wollte. An einem schönen September-Abende kam er vor dem Dorfe an, und dachte mit leuchtenden Augen: »da wohnen die Menschen, die ich glücklich machen will!« Er ließ den Wagen halten, und stieg aus, um durch das Dorf zu gehen. 425 Gleich an dem ersten Hause begegnete ihm ein Bauerbursche mit blondem Haar und blauen Augen. Das nahm er als ein gutes Vorbedeutungszeichen auf. Er blieb stehen, und sah dem Burschen nach. »Ist es nicht abscheulich?« rief er laut, und schlug die Hände zusammen. »Diese Menschen mit den Kennzeichen der edelsten Abkunft, geboren zu Glück durch Tugend, Weisheit und Selbstgefühl ihres Werthes, leben, um die schönsten Anlagen ihrer Seele unter niederdrückenden Arbeiten zu tödten! ... Aber«, rief er noch lauter, »es soll anders werden!« Die Fenster in den Hütten öffneten sich, und man betrachtete den Fremden, der auf der Gasse mit sich selbst sprach. Flaming nickte jedem Gesichte einen freundlichen Gruß zu, und ging langsam weiter. Jetzt kam ihm ein Mädchen, die hübscheste Blondine im ganzen Dorfe, entgegen. Er erstaunte; denn sie hatte alle Zeichen der edelsten Abkunft an sich: eine schlanke Gestalt, einen Griechischen Busen, ein feines Gesichtchen, einen edlen Gang mit kleinen Schritten, und eine Kleidung von hellen Farben. »O!« sagte er so laut, daß die Blondine es beinahe hörte: »der Himmel gebe mir hier zehn solche weibliche Geschöpfe, und ich trotze mit ihnen einer Welt voll Slaven!« Das Mädchen sah seine bedeutenden Blicke, und wollte ihm ausweichen; er trat ihr aber in den Weg, sah sie lächelnd an, umfaßte ihren schlanken Leib, und sagte dann, wie entzückt: »Liebes, liebes Mädchen!« Sie erröthete und wand sich aus seinen Armen. »Recht, recht! liebes Deutsches Mädchen!« rief der Baron, und ließ sie los; »ich ehre die 426 keusche Unschuld deiner Seele. Du bist vom edelsten Adel, mein Kind!« – Sie sah ihn mit großen Augen an. Ich von Adel? fragte sie lächelnd, und wollte gehen. – »Ja, von Adel!« sagte Flaming, und ergriff ihre Hand. »Wie heißest du, mein Kind?« – Rosine Herrmann, antwortete das Mädchen verschämt. – »Herrmann? Herrmann? Richtig! Alles stimmt zusammen; auch der Nahme. Herrmann! Dein Gesicht kann deine Geburt nicht verläugnen. Dein Vater, Mädchen, sage ich dir, ist vom edelsten Adel, edler als du glaubst. Du denkst, er ist ein Bauer; aber ich sage dir ...« Das Mädchen entschlüpfte ihm, und ging in ein nahes Haus. »Ist der Mensch ein Narr?« fragte der Besitzer dieses Hauses Rosen. »Du von Adel? Nahme und Gesicht stimmten zu? Dein Vater wäre ein Edelmann?« – Ei, sagte Rose, der Mensch ist nicht gescheidt. Man sah dem Baron nach, und er blieb wohl noch zehnmal bei der Jugend seines Dorfes, besonders bei der weiblichen, stehen. Die Bauern in den Fenstern und vor den Thüren schüttelten die Köpfe über den Fremden, der während dessen immer auf den Edelhof zu ging. Nach einer halben Stunde wußte das ganze Dorf, daß der Fremde, der heute alle Mädchen angehalten hatte, Quinctius, der junge Baron, wäre. Jetzt wurde das Kopfschütteln der Bauern noch stärker und allgemeiner. Alle Nachbarn traten zusammen. Väter und Mütter fanden an der Freundlichkeit des gnädigen Herrn gegen ihre schlanken Töchter gar kein Behagen; und die jungen Bauerkerl, die vorher gelacht hatten, noch weniger. Aber am größten war die Unruhe bei 427 Rosens Eltern. Rose hatte ihr Gespräch mit dem Baron ihrer Mutter erzählt; der Bauer, der es mit angehört hatte, ihrem Vater. Dieser stützte den Ellbogen auf den Tisch, und schüttelte bedenklich den Kopf. »Rosens Vater soll ein Edelmann seyn? Herrmann? So heißt kein Anderer hier im Dorfe. Das ist doch seltsam!« Er sprach mit seiner Frau darüber. Sie läugnete, daß der Baron so etwas gesagt habe. Das vermehrte seinen Argwohn, und brachte ihn in Hitze. »Läugne nur nicht!« rief er; »ein Hurkind hat er Rosen geheißen. Veit hat es gehört. Nahme und Gesicht, hat er gesagt, träfen zu. Ein Edelmann, hat er gesagt, wäre ihr Vater!« Die Mutter weinte und schimpfte; der Vater fluchte und lärmte. Auch Rose weinte; und nun kam ihr Bräutigam zu dieser Scene. Schon sein Gesicht sagte ihr, er wolle mit ihr zanken, daß sie sich von dem Edelmanne auf öffentlicher Straße habe in die Arme nehmen lassen. Kurz, die ganze Gemeinde dachte nichts weniger, als daß ihr Edelmann auf das Land gekommen sey, sie glücklich zu machen; und wo unser Baron, der am Abend spät noch einmal durch das Dorf ging, auf einen Bauer traf, da sah er auch ein kaltes, mürrisches Mißtrauen in dessen Gesichte. Die Mädchen aber liefen vor ihm, als ob er die Pest an sich hätte. Er konnte keine von allen Blondinen mehr zur Sprache bringen, und freute sich über ihre keusche Zurückgezogenheit, ohne an ein Verbot der Eltern und der jungen Bauerburschen zu denken. So bald er die nöthigen Einrichtungen zu seinem häuslichen Leben gemacht hatte, stellte er sich an das Fenster, 428 und sah mit einer sehr fröhlichen Miene auf die Hütten herunter, die in dem blassen Lichte des Herbstabends ruhig vor ihm lagen. Tausend verworrene Bilder, Plane und Wünsche drängten sich vor seine Seele. Mit wohlwollenderem Blick und Herzen hat vielleicht nie ein Herr auf die Wohnungen seiner Unterthanen herabgesehen, als jetzt Flaming; und mit mehr Widerwillen haben wohl nie Unterthanen an ihre Herrschaft gedacht, als jetzt die seinigen. »Genug«, rief Flaming endlich den Hütten zu; »ich will euch glücklich machen. Euch habe ich meine heiße Begierde nach Ruhm und nach Ehre aufgeopfert! Euer Glück soll mein Stolz seyn; und wenn mein Nahme nur in diesen Hütten mit dankbaren Thränen der Freude genannt wird, so mag die übrige Welt immerhin nicht wissen, daß ich gelebt habe!« Diese so wohlthuenden Gefühle der Liebe gaben seinem Herzen eine stolze Fröhlichkeit. Er ging heiter im Zimmer auf und nieder, und sah entzückt rings umher, als ob er unter seinen glücklichen Unterthanen ginge. »Und der Welt will ich zeigen«, rief er jetzt stillstehend, mit einem stolzen Lächeln, »zu welchem hohen Grade der Vollkommenheit der Mensch steigen kann, wenn ein fühlendes Herz, wenn die Weisheit sich seiner annimmt.« Der Zuwachs dieser Idee, von der Welt bewundert zu werden, hob seine Empfindung, so hoch sie steigen konnte. Er warf sich sogleich an den Schreibtisch, um nachzudenken, wie seine Unterthanen glücklich zu machen wären. »Alles«, rief er, nachdem er eine halbe Stunde den Kopf gestützt hatte, »alles beruhet 429 im Grunde doch darauf, der Natur zu folgen. Sie zeichnete den Weg zum menschlichen Glücke so deutlich vor; und nie hat ein Philosoph einen andern finden können. Es kommt nur darauf an, meine theuren Unterthanen zum Gefühl ihres hohen Werthes zu bringen; sie zu der Vollkommenheit zu heben, welche der edelste Menschenstamm erreichen kann; alles wegzuschaffen, was Sitte der unedleren Slaven, oder gar Verderbniß Mongolischer Nationen ist. Nachkommen von Wenden, Polen, Böhmen, Russen oder andern Slavischen Nationen werden, leider, gewiß noch unter meinen Unterthanen seyn!« Er erinnerte sich jetzt, daß er sogar schon einige Bauern mit schwarzen Köpfen, Stutznasen, starken Backenknochen, oder krummen Beinen gesehen hatte. »Wohl!« rief er; »auch sie sind da, um glücklich zu seyn. Ich will diesen versäumten Kindern der Natur ein zärtlicher Vater werden, und sie veredlen, ohne meinen Unterthanen von besserem Stamme zu schaden. Meine und deine Kinder, Emilie, sollen dann nur noch wenige Tropfen unedles Bluts aus meinem Dorfe wegzuschaffen haben!« Nun brachte er an seinem Schreibtische die halbe Nacht damit zu, einen Plan auszuarbeiten, wie er seine Unterthanen glücklich machen könnte; und hiermit wollte er schon den nächsten Tag anfangen. Er hatte den Justizamtmann ganz früh zu sich bestellen lassen; und am Morgen studierte er noch auf eine kleine Rede an ihn. Seine Theorie von den Menschen-Racen, ganz kurz gefaßt, lag bereit, daß er sie dem Amtmanne sogleich mittheilen könnte. Darin 430 waren alle körperliche und moralische Kennzeichen der Menschenstämme angegeben, und es ließ sich nun mit einem Blick übersehen, was für Reformen noch auf dem Gute zu machen wären. Endlich wurde der Amtmann gemeldet. Flaming eilte, mit seinen Papieren in der Hand, mit geöffneten Lippen, auf die Thür zu. Sie ging auf; und ein kleiner, dickbäuchiger Mann mit schwarzem Haar, schwarzen Augen, und einem spitzen Kinne, trat ihm mit einigen tiefen Verbeugungen entgegen. Der Plan von Glückseligkeit, der groß und lebendig in Flamings Seele lag, schrumpfte, als er den Dickbauch erblickte, über die Hälfte zusammen. »O weh!« sagte er laut, und wendete sich, durch den ganz unerwarteten Anblick allzu sehr überrascht, unmuthig von ihm ab. Der Justizamtmann, der erst seit einigen Jahren hier stand, folglich den Baron noch nicht kannte, und ihm, nach den Erzählungen der Bauern im Dorfe, wenigstens keinen Glückseligkeitsplan für seine Unterthanen zutraute, war schon ohnedies sehr verlegen in das Zimmer getreten. Er wurde noch verlegener, als der Baron sich mit einem: »o weh!« von ihm wendete. Indeß fing er doch an zu reden, und wünschte dem Baron Glück zu seiner Ankunft. Seine Verlegenheit stieg aber mit jeder Minute, da Flaming keine Sylbe sagte, sondern mit krauser Stirn bald ein Papier, das er in der Hand hielt, bald ihn sehr starr betrachtete. Flaming konnte nicht antworten; denn er hatte nichts gehört. Er sah mit Verdruß, daß er dem Amtmanne seine Theorie von den 431 Menschenstämmen nicht mittheilen konnte, ohne ihm wehe zu thun, weil an ihm selbst die meisten Kennzeichen einer Slavischen Abkunft in die Augen fielen. Wissen muß ich es doch, dachte er mit Kopfschütteln; und so fragte er auf einmal: »was für ein Landsmann sind Sie, Herr Amtmann?« Zu gleicher Zeit fing er an den Kopf des Mannes mit dem Kosaken-Schedel, der nebst andern Todtenköpfen schon ausgepackt war und auf dem Tische stand, zu vergleichen. – Ein Sachse, Herr Baron. – Flaming schüttelte den Kopf, und sah auf den Schedel. »Aber Ihre Vorfahren?« – Aus Preußen. – »Hm! ganz recht! ganz recht! Das konnte nicht anders seyn!« sagte Flaming, und lächelte, daß seine Theorie sich so gut hielt. Er ging einen Augenblick im Zimmer umher, und nickte sich freundlich Beifall zu. Dann zeigte er auf den Kosaken-Kopf, und sagte: »das hab' ich wohl gedacht; das hab' ich wohl gedacht!« Der Amtmann folgte dem zeigenden Finger des Barons, bemerkte die Todtenköpfe, und wurde noch verlegner. Flaming hatte in diesem Augenblicke seinen Plan vergessen, und lächelte sehr freundlich, daß seine Theorie sich so richtig bewährte. »Nicht wahr, Herr Amtmann«, fuhr er mit funkelnden Augen und einem gutherzigen Tone fort: »Sie essen gerne fette, öhlichte Speisen? nicht wahr, ich hab' es erraten?« Der Amtmann erröthete, weil er die Frage für Spott über seinen Bauch hielt, und verbeugte sich mechanisch. »O, ich will Ihnen wohl noch mehr sagen, Herr Amtmann«, fuhr der Baron sehr eifrig fort. »Sie trinken lieber 432 warme Getränke als kalte: nicht wahr? – Sie mögen Kleider von dunklen Farben lieber leiden, als von hellen: nicht wahr? Sie tragen gern weite Beinkleider: nicht wahr?« Der arme Amtmann, der ohnedies nicht zu den Dreistesten gehörte, hatte bei diesen Fragen, von denen er auch nicht das Mindeste begriff, fast die Besinnung verloren. Er wollte etwas sagen; es wurde aber nur eine Verbeugung daraus. Diese hielt der Baron für ein Ja. Nun legte er dem Amtmanne die Hand auf die Schulter, fuhr fort, und sah dabei von Zeit zu Zeit in sein Papier. »Hören Sie nur zu, Herr Amtmann: Sie sind eifersüchtig, sehr eifersüchtig. Und« – er sah wieder in sein Papier nach einem neuen Kennzeichen des Slavischen Völkerstammes – »Sie sind doch verheirathet? ... Nun – seyn Sie einmal aufrichtig – Sie legten einen eingebildeten Werth auf die Jungferschaft Ihrer jetzigen Frau.« Aber, gnädiger Herr ... fing der Amtmann erröthend an, und konnte nicht endigen. Der Baron fuhr fort. »Sie rauchen gern Taback, starken Taback? Und dann, nicht wahr: Sie sind ein Freund von starken Getränken?« Der Amtmann, der den Baron immer in das Papier blicken sah, glaubte bei ihm verläumdet zu seyn. Er unterbrach ihn hier: Trinken, gnädiger Herr, ist mein Fehler nicht. Zum Beweise dient meine feste Gesundheit; ich bin noch niemals in meinem Leben krank gewesen. »Recht, recht!« rief der Baron noch erhitzter; »auch das hab' ich gewußt.« Um den Amtmann zu überzeugen, daß er es wirklich gewußt habe, ließ er ihn auf dem Papiere 433 folgende Worte sehen: »er wird nie oder selten krank; und wird er es einmal, so bedarf er keiner Arzeneimittel. Die Natur ist sein Arzt; denn er hat sehr viel thierische Lebenskraft.« ... »Ist es nicht mit Ihnen so, wie es hier steht?« Jetzt versank der Amtmann in ein Erstaunen ohne Gleichen. Er war fest überzeugt, das Er auf dem Papiere solle ihn bezeichnen, da es doch nichts anders als der Slave bedeutete. Den letzten Umstand, der ihm vorgelesen war, gestand er ein, und erwartete nun ängstlich, was für Beschuldigungen diese Denunciation noch weiter enthalten würde. Der Baron glühete vor Freude, daß seine Hypothese so bestätigt wurde; allein auf einmal fiel ihm sein Glückseligkeitsplan in die Augen. Er legte seine Theorie von den Menschen-Racen hin, kreuzte die Arme über einander, seufzte tief, und sagte langsam: »es ist doch Schade, sehr Schade!« Gnädiger Herr, was denn? fragte der Amtmann, dem der Muth bei des Barons Freundlichkeit gewachsen war. Was ist denn Schade? »Daß Sie, daß Ihre Vorfahren aus Preußen abstammen, daß ... daß ... Sie können ein ehrlicher Mann seyn, Herr Amtmann, und ich wollte darauf schwören, daß Sie es sind; aber ...« Man hat mich verläumdet, Herr Baron! sagte der Amtmann mit einer Art von Heftigkeit. »Verläumdet?« Jetzt erst merkte Flaming, was der Amtmann von seinen Fragen denken mußte. »Seyn Sie ruhig, Herr Amtmann«, sagte er mit Güte. »Ich meine wahrhaftig 434 nichts Übles. Es sollte mir nahe gehen, wenn ich Sie beleidigt hätte; denn was können Sie für die Ähnlichkeit?« Er sah aufs neue den Kosaken-Kopf an. Flaming suchte wirklich – so gutherzig war er – ein Mittel, den Mann zu rechtfertigen. Vielleicht, dachte er, war seine Mutter eine Deutsche; und dann ist er doch halb ein edler Celte. »Wo stammt denn Ihre Mutter her?« fragte er jetzt; »doch gewiß aus Deutschland!« Nein, sie war eine Polin. »Ei, so hol's der Henker!« rief der Baron. »Eine Polin? Ich wollte, daß ... Nun, zu ändern ist es nicht. Lassen Sie es gut seyn! Sie können nicht dafür, und ich eben so wenig.« Mit diesen Worten ging er heftig im Zimmer auf und nieder, und brummte von Zeit zu Zeit: »eine Polin! Hol's der Henker!« Der Amtmann wurde von Sekunde zu Sekunde verlegener, und dem gutherzigen Baron, der es bemerkte, ging seine Verlegenheit nahe. Er trat von neuem freundlich zu ihm hin, um ihm so schonend als möglich die Ursache seines Verdrusses zu entdecken. »Sehen Sie, lieber Herr Amtmann«, fing er zutraulich an; »ich bin hieher gekommen, meine Unterthanen so glücklich zu machen, als Menschen es nur seyn können. Mein Herz empfindet tief, unter welchem Elende, welchen Bedrückungen der edle menschliche Geist erliegt. Glückliche Zufälle und ein anhaltendes Studium haben mich mit den Hauptursachen des menschlichen Elendes, und mit den wahren Mitteln, ihnen abzuhelfen, bekannt gemacht. Ich bin reich genug, es mit allen 435 Hindernissen aufzunehmen.« (In dem Laufe dieser Ideen vergaß er, daß er einen Slaven vor sich hatte. Der Glückseligkeitsplan füllte seine Seele, und die Augen leuchteten ihm von Gutherzigkeit.) »Ich will«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »der Wohlthäter meiner Unterthanen seyn. Sie sollen mich wie ihren Vater lieben. Ihrer Glückseligkeit habe ich eine Laufbahn voll Ehre, eine heiße Leidenschaft, ein Leben voll Bequemlichkeit, voll der feinsten Freuden, auf die mein Stand, mein Reichthum und meine Verbindungen mit den größten Gelehrten mir Ansprüche gaben, aufgeopfert; ich will die stillern und ruhigern Freuden, welche Unschuld, Einsamkeit, Verborgenheit und die Natur geben, mit meinen Unterthanen theilen, und ihre Glückseligkeit soll meine einzige Belohnung dafür seyn. Sie, Herr Amtmann, müssen das Vertrauen belohnen, das ich Ihnen schenke, indem ich Ihnen einen Theil von der Glückseligkeit meiner Unterthanen anvertraue; Sie müssen mit mir gemeinschaftlich arbeiten, denken, wachen und ausführen. Meine Unterthanen sind meistens des höchsten menschlichen Glückes fähig; denn sie sind meistens reine Deutsche. Ich, Herr Amtmann, und Sie selbst ...« Auf einmal schwieg er mitten in dem feurigsten Strome seiner Beredtsamkeit. Er wollte sagen: Sie selbst sind ein Deutscher; und nun fiel ihm ein, daß ein Slave vor ihm stand. Er sah den Amtmann mit einer Miene an, die ihn und auch seine Unterthanen bedauerte. Der Amtmann war während der kleinen Anrede wieder zu sich selbst gekommen. Er nickte freundlich mit dem 436 Kopfe, sann schon hin und her, welche Vorschläge er seinem enthusiastischen Edelmanne zum Wohl der Bauern zuerst thun wollte, und sagte, da der Baron nun schwieg, sehr gutherzig: Was ich zur Ausführung Ihrer edlen Absichten thun kann, gnädiger Herr, will ich sehr gern thun. Ihr Vertrauen ist mir sehr schmeichelhaft. »Legen Sie mir nur nichts dabei in den Weg«, erwiederte Flaming mit einer so empfindlichen Kälte, daß dem Amtmanne das Wort zwischen den Lippen blieb. Der Baron machte eine Verbeugung. Der Amtmann dankte Gott, als er im Freien war, ging augenblicklich zu dem Prediger hin, und fluchte unterweges von Herzen auf den tollen Baron, der ihn so geängstigt hatte. »Nun? wie haben Sie unsern jungen gnädigen Herrn gefunden?« fragte der Prediger; und dessen Schwester kam bei dieser Frage aus dem Nebenzimmer hervor. Ja, wie hab' ich ihn gefunden! antwortete der Amtmann mit gerunzelter Stirn. Bei Verstande kann er unmöglich seyn, unmöglich; denn so durch einander spricht kein vernünftiger Mensch. Entweder hat er mich zum Narren gehabt, oder ich bin bei ihm verläumdet. Sehen Sie, diesen Augenblick ist er so freundlich, wie ein Mensch nur seyn kann, und spricht wie ein Buch; aber dann fährt er unvermuthet auf, man weiß nicht warum, und thut Fragen, als ob er nicht bei Sinnen wäre. Ja, sagte des Pastors Schwester; es wird wohl ein Wildfang seyn, der keinen Menschen ungeneckt lassen kann. Gestern hat er ja alle Mädchen angehalten. 437 Das kann wohl seyn, erwiederte der Amtmann; ein Paar Äußerungen von ihm klangen nicht sehr ehrbar. Er sagte mir mit einem spöttischen Lachen: ich sey eifersüchtig; und hernach hielt er sich darüber auf, daß meine Frau noch Jungfer gewesen wäre, als ich sie geheirathet hätte. Glauben Sie mir, wir werden unsere Noth mit ihm haben. Er sagte mir ins Gesicht, ich tränke. »Es soll indeß ein gelehrter Mann seyn«, sagte der Prediger. Nun so hat er den Verstand wegstudiert. So etwas muß es auch seyn. Er hatte drei oder vier Todtenköpfe auf dem Tische stehen. Jetzt sprach er von anhaltendem Studium und von Verbindungen mit den größten Gelehrten; und dazwischen wieder das tollste Zeug. Der Amtmann ging sehr verdrießlich nach Hause. Der Prediger schüttelte schweigend den Kopf, und zog sich an, um selbst zu dem Baron zu gehen. So eben wollte er weg, als Flaming zu ihm kam. Das Herz schlug dem Baron, als der Amtmann von ihm gegangen war. Er fühlte, daß er den Mann beleidigt hatte, und daß er ihm Genugthuung geben mußte. Sogleich ging er nach dessen Wohnung, mit dem festen Vorsatze, seine Härte wieder gut zu machen und gar nicht an die Menschenstämme zu denken. Anstatt des Amtmannes, fand er dessen Frau, ein hübsches Weib, mit zwei liebenswürdigen Kindern, deren blondes Haar ihn völlig mit dem schwarzköpfigen Vater versöhnte. Er setzte sich bei ihr nieder, scherzte so vertraulich mit den Kleinen, und sagte der 438 Mutter selbst so viel Gutes, daß diese ganz von ihm eingenommen wurde. Von ihr ging er, weil der Amtmann ihm zu lange ausblieb, zu dem Pfarrer, und traf diesen an der Thür. Auch bei dem war Flaming sehr artig und zutraulich. Mit ihm sowohl als mit seiner Schwester, einem liebenswürdigen Mädchen, das zwar dunkelbraunes Haar, aber doch blaue Augen hatte, schwatzte er so heiter und so unterhaltend, daß Beide nicht wußten, was sie von den Äußerungen des Amtmanns denken sollten. Er war gegen Karolinen (so hieß das Mädchen) sehr bescheiden, und redete, als es eine Veranlassung dazu gab, von der Verführung und der Wollust mit einem so unverstellten Abscheu, daß sie anfing die Erzählungen der Bauern im Dorfe von gestern Abend zu bezweifeln. Genug, Beiden gefiel der Baron; und als sie Nachmittags den Amtmann besuchten, sprachen sie so einmüthig und so hitzig gegen dessen Behauptungen und Zweifel, daß er schweigen mußte. Flaming war unterdessen zu dem festen Entschlusse gekommen, die Theorie, auf welche er das Glück seiner Unterthanen gründen wollte, gänzlich zu verschweigen; denn überall traf er auf Umstände, die ihn dazu nöthigten. Der Amtmann war ein förmlicher Slave. Der Prediger hatte zwar blondes Haar und blaue Augen; allein in der Stunde, die der Baron mit ihm zugebracht, und in der er bei ihm über seine Hypothese ganz von weitem hingehorcht, hatte er auch bemerkt, daß der Mann steif und fest an eine gemeinschaftliche Abstammung des 439 Menschengeschlechtes von Adam glaubte, und, was noch mehr war, diese Meinung mit seltener Gelehrsamkeit zu verfechten wußte. Trotz der Gelehrsamkeit des Predigers aber, und trotz dem schwarzen Haare, dem Slavischen Kinne und Gesichte des Amtmanns, würde Flaming dennoch mit seiner Hypothese auf den Kampfplatz gerückt seyn, wenn ihn nicht die Furcht, des Pastors Schwester zu beleidigen, davon abgehalten hätte. Er konnte sich nicht läugnen, daß an Karolinen manches Zeichen eine Slavische Abkunft verrieth; aber diese Slavischen Eigenthümlichkeiten standen dem Mädchen so gut, daß bei einem andern Manne, als unser Baron, dadurch die ganze Hypothese in Gefahr gerathen wäre. Flaming traf Karolinen in dem ungekünstelten Morgenanzuge. Ihr dunkelbraunes Haar ringelte sich auf einem weißen Halse so schön, daß in der That das blondeste diese Wirkung nicht hätte hervorbringen können. Ihr Busen war voll, wie ihre ganze Gestalt etwas üppig; ihr Arm und ihre Hand schön geformt und fleischig; ihre Lippen rosenroth und wie zum Kusse gewölbt; und über ihren Lippen stand ein hübsches Stutznäschen, das ihr Gesicht äußerst witzig machte. Wuchs und Gesicht, Arm und Busen waren nicht Celtisch, das sah Flaming wohl; aber – wie es zuging, das mag die Natur verantworten, die schon mehreren Systemen böse Streiche gespielt hat – er heftete seine Blicke mit Wohlgefallen auf diese reitzende Slavische Figur; und in manchem Augenblicke hätte er für alle Schätze der Welt ihr nicht Eins von allen diesen Zeichen eines unedlen Geschlechtes nehmen lassen. Dabei war Karoline sehr heiter. 440 Sie lachte und plauderte, wenn sie einmal hineinkam, ohne Aufhören fort; aber sie zeigte beim Lachen einen Mund voll so schöner weißer Zähne, und beim Plaudern wurden Auge und Gesicht so angenehm lebendig, daß der Baron keinen Blick von ihr wendete, ob er gleich Plaudern, Lachen und sehr weiße Zähne ebenfalls für Zeichen einer unedlen Abkunft hielt. Kurz, er konnte schlechterdings nicht mit seinem System hervorrücken, weil es ihm unmöglich war Karolinen zu beleidigen. So entschloß er sich denn, die Glückseligkeit seiner Bauern ganz in der Stille zu gründen, ohne seine Theorie bekannt werden zu lassen; und damit machte er unverzüglich den Anfang. Den nächsten Tag ließ er die Hausväter und Hausmütter des Dorfes auf den großen Saal in seinem Schlosse zusammen kommen. Mißtrauisch standen die Alten in einem engen Kreise da, und flisterten mit einander. Noch mißtrauischer waren die jungen Männer junger hübscher Weiber; sie sahen jedem Bedienten, der durch den Saal ging, bedenklich nach. Endlich kam der Baron. »Guten Tag, meine lieben Freunde und Kinder!« sagte er mit einem zutraulichen Tone. Aber da war kein Blick, der ihm antwortete, kein Mund, der seinen Gruß erwiederte. Der Baron trat mitten unter die Bauern, und auf sein Winken schlossen sie einen Kreis um ihn her. »Ich habe«, fing er freundlich an, »die Stadt verlassen, meine Freunde, um in eurer Mitte glücklich zu seyn und mein Leben unter euch zu beschließen. Hier bin ich nun: nicht, wie viele meines Gleichen, euch zu drücken, eure Ernten durch meine 441 Jagden zu zerstören; nein, euch glücklich zu machen. Ich verlange nichts von euch, als daß ihr meinem Rathe folgt, der nur auf euer Glück abzweckt. Um gleich meine Ankunft in eurer Mitte durch eine Wohlthat zu bezeichnen, will ich einigen von euch die Frohndienste erlassen, die ihr mir zu thun schuldig seyd. Ihr könnt leicht denken, daß ich Gründe haben muß, warum ich sie nicht allen erlasse; aber ich hoffe, daß es bald in meiner Gewalt stehen wird, gegen jeden von euch gleich gütig zu seyn.« Die Bauern, die das nicht erwartet hatten, sahen einander an und schwiegen, besonders als sie bemerkten, mit welcher Aufmerksamkeit der Baron sie alle, vorzüglich aber die jungen Weiber, betrachtete. Jetzt ließ sich der Baron das Dienstbuch bringen, und es mußte ein Hausvater nach dem andern mit seiner Frau herzutreten, wie ihre Nahmen im Buche folgten. Er betrachtete jedes Paar sehr lange, und schrieb dann etwas auf ein Blatt Papier. Es war eine Todtenstille im Saale, so lange die Musterung währte. Der Baron untersuchte bei jedem Paare ganz genau die Kennzeichen ihres edleren oder unedleren Ursprunges, um die Größe seiner Wohlthat darnach abzumessen. Er war vollkommen überzeugt, daß alle Menschen von unedleren Stämmen keine Ansprüche auf die Rechte und Freiheiten der edlen Celten machen könnten; ja, auch davon, daß die Slavischen Bauern seine Wohlthaten nur mißbrauchen würden. So hatte er denn an den Frohndiensten einen Zaum, mit dem er die unsittlichere Natur der Schwarzköpfe 442 bändigen konnte. Es lag ihm sehr viel daran, diesen Unterschied gleich Anfangs fühlbar zu machen, damit der bedeutendste Theil seines Planes, die Heirathen zwischen den edleren und unedleren Menschen auf seinem Gute zu hindern, desto leichter auszuführen wäre. Jetzt las er die Nahmen der Glücklichen, denen er alle Frohndienste erlassen wollte, laut vor. Man kann leicht denken, daß es nur Blondköpfe mit blauen Augen waren. Den Köpfen mit braunem Haar erließ er die Hälfte, und allen Schwarzen doch etwas; nur bei Einem, der ein gar zu negerartiges Gesicht hatte, schüttelte er wohl zehnmal den Kopf, und erließ ihm gar nichts. Der Amtmann, welcher gegenwärtig war, um der Handlung gerichtliche Kraft zu geben, schüttelte den Kopf eben so oft als der Baron. Er sann hin und her über die Ursachen, die der Baron haben könnte, diesem zu erlassen und jenem nicht; aber er sann nichts heraus. Der alte Mann mit dem Negergesichte trat endlich bescheiden an den Tisch, und fragte den Baron mit bebender Stimme: »was hab' ich denn Böses gethan, Ihr Gnaden, daß Sie mich vor der ganzen Gemeinde beschimpfen? Ich bin ein ehrlicher Mann, und seit zwanzig Jahren hier Schulze im Dorfe. Ihr hochseliger Herr Vater gab mir das Zeugniß der Ehrlichkeit dadurch, daß er mich zum Schulzen machte. Ich verlange keinen Erlaß meiner Dienste: denn Sie sind Herr zu schenken, wem Sie wollen; aber, Ihr Gnaden, bitten kann ich Sie doch wohl, daß Sie erklären, ob Sie mich für einen ehrlichen Mann halten, oder nicht.« 443 Der Baron gerieth in Verlegenheit, als der Amtmann und die Gemeinde unaufgefordert dem Schulzen das beste Zeugniß gaben. Er war überzeugt, daß er diesem Negergesichte kein Unrecht gethan haben konnte; und doch erhob sich in seinem Innern eine Stimme, die für den Alten sprach. Also erklärte er öffentlich, daß er nichts gegen den Schulzen habe. Mehr wollte dieser nicht. Er schlug es sogar, doch ohne alle Bitterkeit, aus, als der Baron ihm eben so viel erlassen wollte, wie den übrigen Schwarzköpfen. Nun stand Flaming auf, und erklärte der Gemeinde noch zuletzt, daß er ihr eine Bedingung bekannt machen würde, die jeder beobachten müßte, wenn er die Freiheit auf seinem Gute behalten wollte. »Die Bedingung ist nicht schwer, meine Freunde«, sagte er. »Es ist eine Kleinigkeit, welche nichts als die natürliche Ordnung der Familien betrifft.« Die Blonden dankten jetzt dem Baron, und die Schwarzhaarigen schüttelten die Köpfe. Der Baron verließ zufrieden den Saal, und alle Bauern gingen mit mannigfaltigen Gedanken und Empfindungen nach Hause. Die Schwarzköpfe blieben auf dem Kirchhofe stehen, und sahen mit finstern Blicken den Blondköpfen nach, die fröhlich zu ihren Hütten eilten. Was meint Ihr dazu? fragte ein Alter. Wie nennt Ihr das? – Alle kamen überein, daß der Baron sehr partheiisch wäre. Man ging die Lebensläufe der Blondköpfe durch, und fand schlechterdings keine Ursachen darin, die sie zu dem so ausgezeichneten Vorzuge berechtigten. Warum aber hat der Baron den Unterschied gemacht? fragte jeder. Es kamen so viele Hypothesen zum 444 Vorschein, als Schwarzköpfe da waren; allein jede hatte ihre Schwierigkeiten. Einige meinten, die andere Parthei müsse sie verläumdet haben; aber das war nicht möglich: denn niemand hatte den Baron vorher gesprochen. Kurz, man stritt, man erhitzte sich, ohne etwas auszumachen, und am Ende ging jeder Schwarzkopf, mit Erbitterung gegen Flaming im Herzen, nach Hause. Auch die Blondköpfe nahmen die Ursache ihres Glückes in Überlegung, und brachten eben so wenig heraus. Indeß sie ließen es dahin gestellt seyn, und waren zufrieden. Natürlicher Weise erregte die Partheilichkeit des Barons auf der einen Seite Neid, auf der andern Stolz; und noch denselben Abend brachen ein Paar Weiber los. Die Brünette schrie der Blonden zu: ja, du hast eine hübsche Tochter; und wir wissen wohl, daß der Baron schon den ersten Tag freundlich mit ihr gesprochen hat. Eine Hand wäscht die andere; und wer giebt, will haben. Hätte ich eine hübsche Tochter, ich dürfte auch nicht mehr zur Frohne. Da, Herrmann ist auch los davon, und Veit und Richter. O, der gnädige Herr weiß wohl: wer fahren will, muß schmieren. Herrmanns Rosen hat er ja vor aller Menschen Augen in die Arme genommen; mit Richters Trinen hat er vor der Scheune geschwatzt, und Veits Dorthen sogar über den Steig geholfen. O ja, verkauft ihr nur euer Fleisch und Blut um Sündengeld! Wir wollen sehen, wer am weitsten kommt. Dieses Geschwätz der Weiber traf; denn so viel war richtig: die Eltern aller der Mädchen, mit denen der Edelmann die beiden Tage hindurch freundlich gesprochen hatte, 445 waren unter der Zahl der Glücklichen. Die Töchter der Schwarzköpfe hingegen hatte er nicht angesehen, wenn sie ihm auch begegnet waren. O, man sieht es ja, hieß es schon den andern Tag im Dorfe allgemein: den Vätern schenkt der Baron die Frohndienste; aber die Töchter sollen sie bezahlen. Pfui, das Sündengeld! Obgleich diese Erklärung von des Barons Partheilichkeit auf keine Weise durch ihn selbst bestätigt wurde (denn alle Mädchen sahen sehr bald, daß sie vor ihm völlig sicher waren): so blieben dennoch die Schwarzköpfe bei ihrer Behauptung, weil sie auf solche Art wenigstens ihre Rache an den Blonden befriedigten. Die Bedingung, welche der Baron nun bekannt machte, vergrößerte die Erbitterung noch mehr. Sie setzte nehmlich fest, daß jeder, dem die Frohndienste erlassen waren, sogleich dieses Vorrecht wieder verlieren sollte, wenn er in eine Familie heirathete, welche dieses Vorrechtes nicht genösse. Der Baron hatte dabei eine doppelte Absicht: einmal, seine Celtischen Unterthanen unvermischt zu erhalten; und dann, durch Vortheile und Wohlthaten junge Blondköpfe aus den benachbarten Dörfern anzulocken, daß sie die schwarzköpfigen Mädchen seines Dorfes heiratheten, und so das Slavische Blut veredelten. Unmöglich konnten die Schwarzköpfe diese Verachtung mit Geduld ertragen. Der Haß gegen den Baron und gegen die glücklichen Blonden wurde glühend. Es kam zwischen beiden Theilen zu Neckereien, zu Händeln, zu Stößen, und zuletzt zu Schlägen. Natürlich waren die Schwarzköpfe 446 allemal die Anstifter der Schlägereien; natürlich folgte die bürgerliche Strafe des Amtmanns; natürlich vergrößerte das den Triumph der einen, und den Haß der andern Parthei; und eben so natürlich wurde der Edelmann in seinem Glauben bestärkt, daß die Schwarzköpfe durch ihre Organisation mehr zu Lastern geneigt, und von unedlerer Natur wären, als die Blondköpfe, weil jene immer den Streit anfingen, und sich in ihrer Rache gar nicht mäßigen konnten. »O«, sagte er, als ihm der Amtmann wieder einen Bericht von einer neuen Schlägerei brachte, »da streiten die Philosophen schon Jahrtausende über die Ursachen der Freiheit und des Despotismus, über den Sklavensinn der Asiaten, und über das unauslöschliche Gefühl der Freiheit in der Brust der Europäer, über die Grausamkeit, den unbeugsamen Trotz so mancher Völker, und über die Humanität, die Lenksamkeit andrer; und hier, in meinem Dorfe, ist das Räthsel aufgelöst. Wohlthaten und Freiheiten sind die Bewegungsgründe zu allem Guten für meine edleren Unterthanen; und Kerker und Schläge können die wenigen Nachkommen eines unedleren Stammes nicht bändigen. Zufälle, sagen die Philosophen. Organisations-Unterschied, Racen-Unterschied, sag' ich. Da steckt es! Denn, Herr Amtmann«, – fuhr er eifrig fort, – »hätte bei den Hindus, unter dem schönsten Himmel, wo die ganze Natur so sanft ist, der harte, dem Anscheine nach so unmenschliche, Casten-Unterschied entstehen können, wenn nicht die Natur selbst durch ihre Bildung der Menschen diese Scheidewand geheiligt hätte? Warum konnte sich der alte Deutsche Adel 447 so hoch über die andern Stände erheben? Warum bestrafte Infamie die Verbindung eines Edeln mit einer Unedeln?« – Es war doch hart! erwiederte der Amtmann. – »Hart? Mit nichten, sage ich Ihnen. Der alte Adel hatte edleres Blut; eine edlere Organisation hob ihn empor, nicht Sitten, nicht Stolz, nicht Gebräuche. Warum sinkt jetzt der Adel immer tiefer? warum hat er die ehemalige große Verehrung verloren? An Stolz, an Ansprüchen darauf fehlt es ihm wahrhaftig nicht; aber die Unmöglichkeit stellt sich ihm in den Weg. Als der erste Adelsbrief für Geld gegeben wurde, war der Adel vernichtet. Edles Blut vermischte sich mit dem unedleren; es floß in alle Stände über, und mit ihm alle Tugenden des besseren Blutes. Das unedlere Blut hingegen mischte sich auch mit dem edleren: der Adel fühlte sich erniedrigt, und der unedlere Menschenstamm erhoben. O, glauben Sie mir, ich kenne nichts Abscheulicheres, als eine Mißheirath. Sie ist das größte, das einzige Verbrechen gegen die Natur. Aber, bei Gott! hier in meinem Dorfe soll es nicht Statt haben. Keine Mißheirath! das rath' ich Ihnen!« – Mag er doch das halten, wie er will! dachte der Amtmann, der sehr wenig von des Barons Deklamation verstanden hatte, und gar nicht einmal daran dachte, daß er bei Mißheirath auch an seine Bauern denken könnte. Der Baron hatte Recht: täglich gab es Händel oder blutige Köpfe; und immerfort waren Schwarzköpfe die Anstifter. Er schärfte die Strafen für sie, und nahm sich der Blondköpfe bei allen Gelegenheiten an. Ja, er war parteiisch in der Gerechtigkeitspflege; denn er glaubte, daß einen 448 Blondkopf ein Vorwurf, ein Tadel, eben so stark bestrafe, als einen Schwarzkopf acht Tage Gefängniß bei Wasser und Brot. Darüber nahm die Erbitterung der Schwarzköpfe, und der Stolz der Blondköpfe mit jedem Tage zu. Beide Partheien kamen nicht mehr zusammen, weder in der Schenke, noch auf den Feldern. Alle Verbindungen unter den Familien hörten auf, und der Unterschied zwischen beiden Arten wurde täglich größer, so wie man die Denkart des Edelmannes allmählig näher kennen lernte. Der Baron haßte alles, was den Wenden, Polen, oder Russen kenntlich macht. Die Blondköpfe, die ihren großen Vortheil dabei sahen, wenn sie die Wünsche ihres gütigen Herrn erfüllten, schafften nach und nach alles ab, was er nicht leiden konnte. Sie wählten zu ihrer Kleidung helle Farben; denn sie waren gewiß, daß der Baron ihnen dann die Hälfte der Kosten wiedergab. Die Mannspersonen trugen im Winter keine Schafpelze mehr; die Mädchen Röcke, welche wenigstens eine Handbreit länger waren, als sonst, und Schuhe mit hohen Absätzen. Sie suchten ihre Taille zu verlängern, schnürten sich fester, und machten, wenn sie gingen, kleinere Schritte. Der Baron war dafür bei allen Gelegenheiten ihr Wohlthäter. Er stellte Versuche an, den Schwarzköpfen eben diese Sitten angenehm zu machen; aber sie thaten gerade das Gegentheil, weil sie jetzt ein Mittel wußten, ihm Verdruß zu erregen. Die Mannspersonen dieser Parthei trugen sogar im Sommer Pelze und weite Beinkleider, und Schwarz wurde ihre Lieblingsfarbe. Die Mädchen machten 449 ihre Röcke noch kürzer als sonst, banden sie hoch hinauf über die Hüften, und vergrößerten sowohl diese als den Busen durch eine Menge Röcke und Tücher über einander. Auch trugen sie ganz platte Schuhe. »Sehen Sie doch nur!« sagte der Baron zu dem Obersten Brensen, der ihn einmal besuchte, um etwas von Emilien zu erfahren. »Finden Sie einen Blondkopf in meinem Dorfe, den Sie nicht sogleich auch an der Kleidung erkennen, so will ich mein System aufgeben. Ich bitte Sie, versuchen Sie es. Gehen Sie ein Paarmal im Dorfe auf und ab; und sind Sie dann nicht überzeugt, so will ich nie ein Wort mehr darüber verlieren.« Der Oberst that das; und zu seinem Erstaunen sah er einen so auffallenden Unterschied in der Kleidung und dem Benehmen der Schwarz- und der Blondköpfe, daß er nicht mehr wußte, was er sagen sollte. Jetzt triumphirte der Baron sehr laut, und trieb seinen Satz so weit er konnte. Selbst die Zwietracht unter den beiden Partheien mußte zu seinem Triumphe beitragen. »Die Natur hat sie getrennt«, sagte er, als er in Gegenwart des Obersten wieder Nachricht von Händeln unter beiden Partheien erhielt. Die Natur? erwiederte der Oberst; das ist nicht! das kann nicht seyn! Wie? die Natur, die unablässig das schöne Band der Liebe um alle Menschen zu schlingen bemühet ist, die Natur sollte hier Widerwillen, gegenseitigen Haß geschaffen haben und befestigen? Wenn das Wahrheit wäre, so hätte die Vernunft des Menschen nie etwas Schrecklicheres erdacht. 450 Der Baron zuckte die Achseln. »Der freien Vernunft«, sagte er mitleidig lächelnd, »ist die schrecklichste Wahrheit lieber, als der angenehmste Traum.« Das mag seyn, erwiederte der Oberst, wenn ich streng, sehr streng beweisen kann: was ich glaube, sey Wahrheit. Ich bitte Sie, lieber Baron, bedenken Sie, was aus Ihren Sätzen folgt. Dem schrecklichsten Despotismus öffnen Sie Thor und Pforten. Sie erniedrigen Millionen Menschen auf einmal; rechtfertigen die Barbarei des einen gegen den andern; heiligen die Sklaverei, die Bedrückungen; setzen vielleicht auf zwei Drittel der Menschen das ewige, unauslöschliche Brandmahl der Leibeigenschaft, indem Sie die Natur zur Schöpferin der Sklaverei machen; Sie geben der Bosheit, der Gewinnsucht die sichersten Waffen, und bedecken sie mit dem Schilde eines Naturgesetzes. Der Baron zuckte die Achseln. »Freilich, es thut mir weh um den armen Neger; allein die Natur schuf auch Esel und andere Lastthiere. Können wir sie zwingen, es anders zu machen?« Pfui! rief der Oberst: pfui! Esel und Menschen! Herr, lassen Sie uns davon schweigen! Traurig genug, daß ich mich vor dem Arme der Vorsehung in den Staub beugen muß, wenn er ganze Geschlechter von Menschen zerschmettert; aber fluchen würde ich der Vorsehung, wenn ich glauben müßte, daß Elend und Schande des halben menschlichen Geschlechtes ihr ewiges Gesetz wäre. »Lieber Oberst, Sie reden von Elend, von Schande, und bedenken nicht, daß die Menschen von niederen Racen 451 der Schande und der Härte, womit sie behandelt werden müssen, eine unüberwindliche Gefühllosigkeit entgegen setzen, die ihnen von der Natur als eine Entschädigung gegeben wurde; Sie bedenken nicht, daß diese Härte, diese Strenge, welche Sie Barbarei und Grausamkeit nennen, für die Mongolen nothwendig ist. Lesen Sie nur etwas über den Charakter der Negersklaven.« Recht! über ihren Charakter, den eure Grausamkeit ihnen giebt, so wie die Härte der Eltern die Kinder tückisch, starrköpfig und gefühllos macht! ... Guter Gott! dieser Mensch, der auf sein Herz stolz seyn könnte, künstelt in sich selbst eine unnatürliche Grausamkeit hinein, und beschuldigt die sanfte, liebende Natur einer Härte, deren er selbst nicht fähig ist! ... Herr, lassen Sie mir die Natur zufrieden! »Wie aber, lieber Oberst, wenn wir besseren Menschen nun da wären, unsere versäumten Brüder zu veredeln? Unter den Celtischen Völkerschaften werden mehr Knaben als Mädchen geboren: das sagt Ihnen jede Todtenliste. Unter den Mongolen, Morgenländern u.s.w. mehr Mädchen als Knaben; denn sonst wäre die Vielweiberei bei ihnen nicht möglich. Wie? wenn die überzähligen Celtischen Männer von der Natur dazu bestimmt wären, durch Verbindungen mit den überzähligen Mädchen der unedleren Nationen diese nach und nach zu veredlen (wie es denn in Amerika und Ostindien schon der Fall ist), bis endlich die unedleren Menschen von der Erde weggeschafft würden?« 452 Die Natur schafft nichts, was weggeschafft werden soll; sie macht keine Fehler, die wir zu verbessern hätten. Wehe dem Menschengeschlechte, wenn die Natur dessen Glückseligkeit dem Verstände der Menschen anvertrauen müßte! Nein, Herr, ich will Ihnen sagen, wie es ist. Sie putzen Ihr System mit allen Künsten, die Sie wissen, aus, um etwas Neues sagen zu können. Sie wollen Beweise für Ihr System, und finden sie. Ein ehrlicher Mann unter den Negern, Ein großer Mann unter den Amerikanern stürzt Ihr ganzes System, das ohnehin von der ewigen Güte schon verdammt ist, weil ich, zum Beispiel, wenn Ihr System ausgemacht richtig wäre, mit meinem schwarzen Haar und dicken Bauche die größten Bosheiten vertheidigen könnte. Die Vorsehung wäre ja dann die Mitschuldige der Mörder; der Richterstuhl des Ewigen würde ja umgestürzt: denn der Ewige hätte ja bei der Schöpfung der Mongolen das Laster gerechtfertigt und gesegnet. Herr, diese Lehre könnte nur ein Teufel erfinden, und ein Elender glauben, weil sie ihm Hoffnung gäbe, mit ihr die Wunden seines Gewissens zu heilen. Oder meinen Sie, daß ein Mensch, und wenn sein Haar auch so blond wäre, wie Flachs, sein Auge so blau wie dort der Himmel, und seine Nase so lang so fein, wie ... wie – meinen Sie, daß ein solcher Mensch noch einen Augenblick glauben könnte, Tugend sey Befehl der ewigen Güte, wenn er zugleich überzeugt wäre, daß Gott andere Menschen, Menschen, sage ich, vernünftige Wesen, durch ihre Organisation gezwungen habe, zugleich vernünftig und lasterhaft zu seyn? 453 »Sie werden hitzig, lieber Oberst. Wie kann ich mit Ihnen fortdisputiren?« Ei, gewisse Dinge sind so toll, daß sie jeden ehrlichen Mann mit toll machen! So – und, zum Henker! wer möchte da kalt bleiben? – könnte eben so gut ein Fürst auf den Einfall kommen, den Krieg und das Ermorden in Schlachten zu einem Gesetze der Natur und der Vorsehung zu machen, weil die Natur bei uns mehr Knaben als Mädchen geboren werden läßt. Die Natur ersetzt die Lücke, die der unmenschliche Krieg macht; aber sie schafft nicht, damit geschlachtet werden solle. So verhärtet die Natur auch Menschen, die unmenschlich behandelt werden; aber sie schafft sie nicht hart, um sie unmenschlich behandeln zu lassen. Was Sie zur Ursache machen, ist Wirkung . Kurz, Herr, so lange noch ein Menschenverstand etwas, und hätte es auch nur das Gewicht eines Sandkorns, gegen Ihr System aufbringen kann, so lange sollte kein ehrlicher Mann dies System behaupten, weil es abscheulich ist. Der Baron lächelte und schwieg. Er glaubte, der Oberst vertheidige das Gegentheil um seines eignen schwarzen Haares willen, und hörte nicht auf zu triumphiren. Eben dieser Triumph gab ihm auch die Stärke, jetzt den Bitten einer ganzen Familie, und, noch mehr, den Empfindungen seines eignen Herzens zu widerstehen. So groß auch der Haß beider Partheien im Dorfe gegen einander war, so hatte dennoch die Liebe einige junge Leute vor diesem Hasse bewahrt. Der Schulz mit dem Mohrengesichte war des blonden Herrmanns Nachbar. Sein Sohn 454 und Herrmanns Tochter hatten als Kinder zusammen gespielt. Als Knabe und Mädchen waren sie immer zusammen im Garten, auf der Wiese, im Felde, auf der Scheuer. Sie hatten einander immer etwas zu sagen, das Niemand hören; immer etwas (eine Blume, ein Band, eine Hutschnalle) zu schenken, das Niemand sehen; sogar immer etwas mit einander zu zanken, in das sich Niemand mischen durfte. Unter diesen Vertraulichkeiten und kleinen Händeln waren Rosine und Konrad zwanzig Jahre alt geworden, ohne daß ihnen jemand dabei etwas in den Weg gelegt hatte; denn die Eltern waren beinahe eben so gute Freunde, wie die Kinder. Nun trennte sich das Dorf, wie gesagt, in zwei Partheien. Lange noch hielt sich der Schulz, ohne von dem Hasse der seinigen mit fortgerissen zu werden. Endlich aber mußte er, trotz seiner Gutmüthigkeit, dennoch die seinige ergreifen; denn auch er litt von den Bedrückungen des Barons. Flaming machte Anstalt, den Negerkopf des Schulzenamtes zu entsetzen, und es Herrmannen zu geben. Das merkte jener. Nun entstand die erste Kälte zwischen den beiden Nachbaren, die dann bald in den entschiedensten Haß überging. Der Schulz wies Rosinen mit Härte von seinem Brunnen weg, wo sie Wasser schöpfen wollte. Sie hatte in ihrem Hause die Meinung geltend zu machen gewußt, daß Schulzens Brunnen für Vieh und Menschen der gesundeste im Dorfe wäre; und wollte Jemand einen Trunk Wasser haben, so holte sie sogleich frisches von dessen Hofe. 455 So wie der Schulz sie von seinem Brunnen gewiesen, sie darüber geweint, und ihren Vater mit Thränen gebeten, ja die alte Freundschaft wieder anzuknüpfen, aber von ihm den Befehl erhalten hatte, keinen Fuß mehr über des Schulzen Schwelle zu setzen; so konnte sie sich auch ohne Wasser aus dessen Brunnen behelfen, und bot Niemanden mehr ein Glas davon an. Dagegen aber war sie nun desto thätiger für die Haushaltung. Wenn ihre Eltern zu Bett gingen, rief sie: wie sieht das hier aus! und fing an, mancherlei, was von ihr selbst in den Weg gestellt war, wegzuräumen, hatte sich dann noch nicht ausgezogen, oder erschrak, wenn sie sich ausziehen mußte, über ein Loch in ihrer Schürze, suchte Nadeln und Zwirn, schlich aber, wenn die Eltern fort waren, zur Thür hinaus, streichelte den Hofhund, und ging an den Zaun, wo Konrad schon auf sie wartete. Konrad fluchte dann über den Baron, und wußte keinen andren Entschluß mehr, als Soldat zu werden und Rosinen mitzunehmen; sie aber fand in ihrer sanfteren Brust noch immer Hoffnungen, mit denen sie ihn hinhielt. Die Liebe der beiden jungen Leute bekam nun erst ihre größte Stärke durch die Schwierigkeiten, welche man ihr in den Weg legte, durch die verstohlnen Besuche, durch die gegenseitigen Tröstungen; und die furchtsame Rosine wurde durch ihre Liebe dreist, so wie der unbesonnene Konrad durch die seine vorsichtig. Der alte Schulz ertappte das liebende Paar eines Nachts, als die Pferde lärmten, und er endlich aufstand, um seinen 456 Konrad zu wecken. Rosine entfloh, und Konrad hörte nur halb die Drohungen seines Vaters. Am andern Morgen hob der Schulze wieder an, und drohete seinem Sohne die härtesten Strafen, wenn er noch mit einem Gedanken an das Mädchen denken würde. Die Mutter, die ihren Sohn kannte, und einen Sturm zwischen ihm und dem Vater befürchtete, erstaunte, als Konrad ganz ruhig dastand und seinen Vater, ohne ihn zu unterbrechen, ausreden ließ. Vater, sagte dann Konrad, ich habe Euch angehört; nun hört auch mich an. Rosinen hab' ich lieb gehabt, das wißt Ihr, von Jugend auf. Ihr hattet zwanzig Jahre nichts dagegen. Nun auf einmal fordert Ihr, ich soll sie nicht mehr lieb haben, und Rosine hat mir doch nichts Leides, sondern alles Liebes gethan. Ihr könnt viel fordern; aber es ist doch auch die Frage, ob ich es thun kann. Seht, Vater, ich habe recht ordentlich überlegt, ob ich wohl von Rosinen lassen könnte; allein hier in meinem Gewissen ist eine Stimme, die ruft, wenn ich so überlege: nein! Ich habe es ihr hundertmal geschworen, sie nicht zu lassen; und ein ehrlicher Kerl will ich bleiben. Wollt Ihr es nun nicht zugeben; gut! so sagt es mir ordentlich und ein- für allemal: dann gehe ich unter das Volk. In den Zeitungen steht ja so, daß es in Ungarn bald wieder losbrechen wird. Gott mag mir und Euch dann gnädig seyn! Werd' ich todt geschossen, so war es Gottes und Euer Wille; und dann – fuhr er mit stillen Thränen fort – bitte ich Euch, nehmt Euch meiner lieben Rosine an, wenn sie wiederkommt: denn sie geht mit mir, das hat sie mir heilig geschworen. 457 Dieser ruhige Ton und diese stillen Thränen (Konrad war sonst eben nicht für das Weinen) wirkten auf den Vater. Die Mutter hing schon an ihres Sohnes Halse, und schwor ihm, Rosine sollte sein werden, trotz dem Vater, dem Baron und Rosinens Eltern. Der Vater drehete sich bedächtig ab, murmelte etwas von ungerathnen Kindern, und die Sache blieb unentschieden. In Rosinens Hause ging eine beinahe ähnliche Scene vor. Der alte Herrmann, der von des Nachbars Hofe her ein Paar kräftige Ermahnungen bekommen hatte, auf seine Tochter zu achten, daß sie nicht des Nachts ehrliche Bursche an sich zöge, fragte und erfuhr. Er lief zornig in das Haus, und stürzte auf Rosinen zu. Rosine gab nun alles verloren, und in dieser Vorstellung fand sie eine ungewöhnliche Stärke. Sie sprang hinter ihrem Rade auf; ihr sanftes blaues Auge blitzte, und ein ungewöhnliches Feuer goß sich auf ihre Wangen. Ja, rief sie auf einmal mit einer Stimme, die man an ihr sonst gar nicht kannte: ja, ich habe ihn lieb, und werde ihn ewig lieb haben, und einen Eid habe ich darauf geschworen, daß ich seine Frau werden will; und wollt Ihr nicht, so wird er Soldat, und ich gehe mit ihm. Der Vater machte einen Versuch, den Muth seiner Tochter nieder zu schelten; aber vergebens. Sie versicherte sehr feierlich, daß sie mit Konraden nach Ungarn gegen die Türken gehen würde. Und bin ich da unglücklich, sagte sie, so habt Ihr es auf Eurem Gewissen! Mit diesen Worten ging sie zur Thür hinaus, auf den Hof. Konrad sah sie, und sprang an den Zaun. Sie sprachen da öffentlich mit 458 einander, und gaben sich die Hände. Die Väter bemerkten es durch die Fenster, schüttelten die Köpfe, und schwiegen. Einige Tage sahen die Väter dem Umgange der jungen Leute stillschweigend und unthätig zu, dann grüßten sie einander über den Zaun hin, sagten ein Paar Worte, und versöhnten sich endlich vollkommen. Man sprach nun hin und her über die Verbindung der jungen Leute, und kam zuletzt überein, dem Baron die Sache vorzutragen. (Der alte Herrmann fand das nöthig, weil er die Freiheit seines Gutes nicht gern wieder verlieren wollte.) »Wie?« sagte der Baron; »Eure Rosine und des Schulzen Sohn? Das ist nicht möglich! Herrmann, Ihr seyd betrogen, und Eure Tochter beschwatzt! Wie? dieser schwarze Krauskopf, dieses Gesicht mit den dicken Negerlippen? Herrmann, lieber gebt sie dem Teufel!« – Herrmann kreuzte sich. Es ist aber doch ein Christenmensch, Ihr Gnaden. – »Das ist wohl wahr; aber der Himmel mag wissen, wie dieser Mensch aus der Mongolei hierher nach Deutschland hat gerathen können. Nein, Herrmann, kurz und gut, Rosinen bekommt er nicht, wenn Euch noch das Geringste an meiner Freundschaft gelegen ist.« Herrmann schlich nach Hause. Die beiden Familien wendeten sich um Vorbitte an den Amtmann, an den Prediger; der Baron blieb aber standhaft bei seiner Weigerung. Man wendete sich endlich an den Obersten. Da sehen Sie ja nun, hob dieser an, daß es nicht an der Natur liegt, wenn Ihre Schwarzköpfe von den Blondköpfen getrennt sind. Ein einziger solcher Fall, wie dieser, wo eine Blondine einen Schwarzen liebt, zeigt denn doch ... 459 »Liebt?« fragte der Baron lächelnd. »Von dem Negerkopfe glaube ich wohl, daß er die Celtin lieben mag; aber für das Mädchen stehe ich. Sie ist gezwungen von den Eltern, oder beschwatzt. Denn Sie sollten dieses Mädchen kennen: schön wie eine junge Nymphe, schlank, fein, züchtig! Kurz, es ist nicht möglich.« In dem Augenblicke ließ sich der Sohn des Schulzen melden. »Nun sollen Sie sehen«, sagte der Baron. »Geben Sie auf diesen Menschen mit seinem Negergesichte Acht, und dann bemerken Sie seine Äußerungen, seinen Charakter. Ich hoffe, er soll ihn zeigen.« Konrad kam. Der Baron fuhr ihn an, um ihn furchtsam zu machen. »Ich weiß, was du willst: Herrmanns Rosinen. Aber ich gebe meine Einwilligung niemals.« Der junge Mensch blieb bescheiden, doch ohne Furcht, vor dem Baron stehen. Ja, Ihr Gnaden, ich will Sie bitten, meiner Heirath mit Rosinen nichts in den Weg zu legen. Eigentlich, Ihr Gnaden, wenn alles Recht wäre, was in der Ordnung ist, weiß ich nicht einmal, ob ich einen Menschen auf der Welt um seine Einwilligung zu bitten hätte. Ich habe Rosinen lieb, Rosine mich. Wir sind Beide im vernünftigen Alter. Ich kann arbeiten, sie auch. Ich bin ein ehrlicher Kerl, sie ein ehrliches Mädchen. Ich muß sie haben oder sterben, das fühl' ich hier in meiner Brust, so gut wie ich fühle, daß ich lebe. Sie sagt dasselbe; und mehr, Ihr Gnaden, glaube ich, fordert Gott nicht von einem Paar Menschen, die einander heirathen wollen. Der Oberst schlug die Arme unter, und lächelte. Der 460 Baron sah es, und das Lächeln verdroß ihn. »Höre«, wendete er sich zu dem Burschen: »überleg, was ich dir sagen will. Was soll ich dir geben, wenn du Rosinen fahren lassest?« – Wie? erwiederte Konrad, und das Blut stieg ihm ins Gesicht: – da sind Sie, da ist die ganze Welt zu arm, mir Rosinen zu bezahlen. Ja, dann verdient' ich Rosinen nicht, wenn ich sie verkaufen könnte! – Der Oberst lächelte noch mehr. »Ich glaube, Bursche«, rief Flaming mit gerunzelter Stirn, »du trotzest?« – Ich habe nichts Übles gethan, erwiederte der Jüngling, und weiß also nicht, wovor ich mich fürchten sollte. »Du fürchtest also gar nicht, daß ich dir Rosinen abschlagen werde? Wohl denn! ich thu' es.« Das können Sie, Ihr Gnaden, sagte der Bauer mit fester Stimme; wenn aber der Vater will – »Ich stehe dir dafür, der Vater wird nicht wollen. Du bekommst sie nicht.« Das können Sie nicht sagen, auch wenn ihr Vater nicht will. So lange Rosine mich lieb hat, und so lange diese beiden Arme (er hielt sie dem Baron geballt entgegen) arbeiten können, so lange kann kein Kaiser sagen, ich soll sie nicht haben. Unsre Eltern können uns enterben; das ist alles. Brot wächst auf der ganzen Erde für Menschen, die ehrlich und fleißig sind; das kann Rosine mit mir finden. Aber ob sie ohne mich einen Mann wieder findet, der sie so liebt wie ich ... – Ich fürchte mich nicht: also Ihr Gnaden ... »Ich sage dir, du bekommst Rosinen nicht, und damit gut!« – Der Bauer lächelte und ging. 461 Gott segne mir, sagte nun der Oberst, die Mongolen, wenn sie alle so sind! Was haben Sie gegen den Burschen, Baron? edel, furchtlos, bestimmt, kalt, wie ein Mann seyn muß. Nun? »Aber sahen Sie nicht das Gesicht? die dicken Lippen, das wollichte Haar, die kleinen brennenden Augen?« Recht verliebte Augen, voll Muth und Entschlossenheit, und ein Paar runde Lippen, recht zum Küssen. »Ich sage Ihnen, das Mädchen liebt ihn nicht, so sehr der Bursche auch von ihr windbeutelte.« Man entschloß sich, das Mädchen holen zu lassen. Rosine kam, und bat den Baron mit allem, was die unglückliche Liebe, was der wahreste Schmerz, was die Furcht, ewig von dem Geliebten getrennt zu werden, was die Thränen eines gebrochenen, natürlichen Herzens, was Tugend, Schönheit nur Rührendes haben, sie ihrem Geliebten zu geben. »Mädchen«, fragte der Baron hundertmal: »wie ist es möglich? wie kannst du das Mohrengesicht lieben?« Aber Rosine hielt dem Gesichte ihres Konrads eine eben so große Lobrede, als seinem Herzen, und fiel dann dem Baron zu Füßen. Er war gerührt, und konnte kaum widerstehen. – Diese Ehe, lieber Baron, sagte der Oberst, soll Sie künftig immer am Ohre zupfen, wenn Sie mit Ihrem Systeme schwärmen. »Schwärmen?« erwiederte der Baron, und das Mitleiden verschwand aus seinen Augen. »Meinen Sie, daß die Thränen einer verirrten Thörin das Gebäude der Weisheit stürzen können? Es bleibt dabei« – so wendete er sich an Rosinen – »ich werde nie meine Einwilligung in eure Ehe geben. 462 Das sag deinem Vater und dem jungen Menschen. Ich bedaure dich, armes Kind, aber es ist zu deinem Besten.« Rosine stand auf, trocknete geschwind ihre Augen, sah den Baron mit einer Art von Abscheu an, und sagte dann mit Heftigkeit: gut! ich will ... Sie erröthete, endigte nicht; und ging. Baron, fing nun der Oberst an, so hole doch der Teufel alle Systeme, wenn eins im Stande ist, ein solches Herz, wie das Ihrige, so von Grund aus zu versteinern! Wie können Sie des Jünglings Edelmuthe, seinem festen männlichen Trotze, wie den rührenden Thränen dieses Mädchens voll Liebe, dieses sanften Geschöpfes, widerstehen? Sie selbst müssen zugeben, daß Ihr System auf schreckliche Folgen führt. Sie können nicht läugnen, – denn, beim Himmel! in Ihrer Brust ist mein Zeuge – daß der Bursche mit dem Negergesichte sich wie ein edler Mensch betrug; nicht läugnen, daß die Celtin da den Menschen, trotz seiner Mongolen-Organisation, heftig und mit voller Seele liebt. Das ist Ein Beweis gegen Ihr abscheuliches System; und Ein Beweis dagegen muß Ihnen so viel seyn, als tausend, eben weil es abscheulich ist. Aus Ihrem eignen Systeme will ich Ihnen denn sogar beweisen, daß Sie selbst ein Mongol sind. Sie, Sie selbst ... »Wie? ich?« fragte der Baron voll Verwunderung. Ja, Sie selbst! Da liegt der Beweis, da unter Ihren Füßen. (Er zeigte auf einen Pudel, den der Baron unbeschreiblich lieb hatte.) Wohl hundertmal haben Sie mir gesagt, es sey ein sicheres Kennzeichen eines unedleren Stammes, wenn 463 man große Liebe und Achtung für Thiere bezeige. Der Asiat trauet dem Elephanten Menschenverstand zu; der Araber verehrt sein Kameel, sein Roß; der Peruaner sein Lama; der Lappe sein Rennthier; der Kamtschadale seinen Hund, der ihn zieht und nährt. Alle lieben diese Thiere mehr als ihre Weiber. Sie haben mich aufgefordert, unter den Celtischen Nationen nur Eine zu nennen, welche die Thiere so verehre, wie jene die ihrigen. Da sind Sie selbst! Stunden lang können Sie von Ihrem Pudel reden, von seiner Treue, von seinem Verstande, von seiner Klugheit. Mehr kann der Peruaner sein Lastthier nicht lieben, als Sie Ihren Pudel. Entweder geben Sie zu, daß es mit den Kennzeichen der unedleren Menschen-Racen, und also mit Ihrem ganzen Systeme, nicht richtig ist, oder gestehen Sie, daß Sie selbst ein Mongol sind. »Aber, Herr Oberst, sehen Sie denn nicht, daß alle diese Nationen mit ihren Thieren anders umgehen, als ich mit ...?« Ei ja! sie haben aber auch ganz andere Dienste von ihren Thieren, als Sie von dem Pudel. Und wie viel anders denn? Ich habe Sie schon Viertelstunden lang mit dem Pudel reden hören. Das kann eigentlich nur ein Rasender. Ich weiß wohl, man vergißt in einem solchen Augenblicke, daß man ein Thier vor sich hat. Jene Nationen auf ihrer Stufe der Kultur, die mit den Thieren aufgewachsen, an die Unterhaltung mit ihnen gewöhnt sind, von ihnen genährt und bekleidet werden: mich dünkt, man kann sie immer mit uns Menschen seyn lassen, und das Räthsel dennoch 464 auflösen. Der Asiat liebt seinen Elephanten, wie Sie Ihren Pudel. »Sie spotten, Herr Oberst! Ich liebe meinen Pudel nicht im mindesten, wenn Sie es so nehmen.« Wohl denn, Baron! so geben Sie ihn mir. Sie wissen, wie gern ich ihn schon lange gehabt hätte. Da Sie ihn nicht lieben, so verlieren Sie ja an ihm nichts. Flaming lächelte, lockte den Pudel an sich, und streichelte ihn. »Ich muß Ihnen den Pudel abschlagen; wenn ich auch den Hund nicht liebe, so liebt der Pudel doch mich . Es würde dem armen Thiere nahe gehen; wenn es von mir getrennt würde. Der Pudel kann nicht eine Stunde ohne mich seyn, obwohl ich ohne ihn.« O pfui, Baron! Also dem häßlichen Thiere dort thut es weh, wenn es von Ihnen getrennt wird, und da fühlen Sie Mitleiden; aber, wenn zwei Menschenherzen von einander gerissen werden, die ohne einander unglücklich sind, da bleiben Sie hart? Großer Gott! dieser Mensch hat ein System erfunden, nach welchem es ihm erlaubt ist, gegen eine Bestie gütiger zu seyn, als gegen ein Geschöpf, in dessen Herzen sein Blut fließt, Menschenblut! Zum Teufel! ich will mich nicht weiter ärgern; und wenn Emilie nicht wäre, Sie sollten mich niemals wiedersehen! – Der Oberst ging voll Zorn hinaus. Flaming wurde nachdenkend: nicht über die Richtigkeit seines Systems (denn daran zweifelte er auf keine Weise, und er hatte sich so hinein gearbeitet, hatte alles in der Welt in so genaue Verbindung mit seinem System gebracht, 465 dachte nichts in der Welt, las nichts, als nur in Beziehung auf sein System, so daß jeder Angriff darauf vergeblich seyn mußte); aber Rosinens Thränen, und der Kummer des jungen Menschen über die Trennung von seiner Geliebten lagen schwer auf seinem Herzen. Trotz seinem Systeme würde er dennoch zuletzt in die Verbindung der beiden jungen Leute gewilligt haben, wenn er nicht befürchtet hätte, daß er dann jedem erlauben müßte, eine Slavin, ja noch etwas ärgeres, wohl gar eine Zigeunerin (die er nicht wie sein Vater für Juden, sondern für die elendeste Caste der Hindus hielt), zu heirathen. Er seufzte tief. »Lieber Gott! muß ich nicht hart seyn? kann ich die Glückseligkeit meiner Unterthanen so leichtsinnig aufs Spiel setzen? es wagen, daß einmal einer von den elenden Mongolen, die hier in Horden umherziehn ...? Nein! der Bursche ist ein Slave, und der Liebe nicht fähig. Sie wäre unglücklich mit ihm: denn sie forderte Liebe, Achtung; und er würde sie nach seiner Natur zur Sklavin erniedrigen. Sie wäre mit ihm unglücklich. Nein! nein!« Er ließ den alten Herrmann holen, und suchte ihn von der Idee, seine Tochter dem jungen Menschen zu geben, abzubringen. Der Alte aber blieb dabei, seine Tochter würde davon gehen. Warum, fragte er endlich, wollen es denn Ihr Gnaden nicht zugeben? – »Herrmann«, sagte der Baron, »nur um Eurer Tochter willen. Wenn Ihr es denn wissen wollt ... Aber ich sage Euch, schweigt! Seht doch nur dem Schulzen ins Gesicht! Bemerkt Ihr denn da gar nichts?« 466 Nein, Ihr Gnaden, nicht das Mindeste. Er sieht aus wie alle andre Menschen. »Herrmann, der alte Schulz sieht aus wie ein Zigeuner. Die Farbe, die Nase, die Augen, die Lippen ...« Behüte Gott! Ihr Gnaden wollen ihn doch nicht zu einem Diebe und Mörder machen? »Ich nicht; aber daß er von Zigeunern abstammt, das weiß ich, und daß Art von Art nicht läßt, das weiß ich auch. Ihr, Herrmann, Ihr ein Abstämmling von den freien Sachsen, wie es Eure blauen Augen und Euer helles Haar beweisen – wollt Ihr Eure Tochter einem Abkömmlinge von Zigeunern, oder doch wenigstens einem Wenden, geben, so thut es; aber ich erlasse keinem Wenden die Frohndienste. Und Eure Tochter sollte doch von Euch erben, was Ihr von Euren Voreltern ererbt habt: reines Deutsches Blut!« Der alte Herrmann wischte sich die Stirn. Er sann einige Augenblicke nach, und dachte daran, daß der Baron keinem Schwarzkopfe die Frohndienste erlassen hatte. Auf einmal war ihm nun das Betragen des Barons deutlich. Kennt man denn die Wenden, fragte er, am schwarzen Haar, Ihr Gnaden? »Nicht am Haar allein, Herrmann; noch an tausend anderen Zeichen. Aber ich bitte Euch, schweigt davon!« Nicht ein Wort, Ihr Gnaden! Und der Konrad soll sie nicht haben! Der Teufel traue den Wenden! Herrmann fand, als er zu Hause kam, Konraden, faßte ihn stillschweigend beim Arm, öffnete die Thür, und sagte: du bist zum letzten Male hier gewesen; meine Tochter ist 467 nicht für dich! Damit warf er ihn zur Thür hinaus. Die Frau fragte ihn um die Ursache seiner schnellen Veränderung; er antwortete aber nur in Räthseln, und so wenig sie als Rosinens Thränen brachten etwas von ihm heraus. Der Schulz kam selbst; allein Herrmann behandelte den Alten so stolz, daß dieser seinem Sohne ebenfalls verbot, weiter an Rosinen zu denken. Konrad sprach seine Geliebte einige Augenblicke durch ein Loch, das in den Stall ging. Nachts um zwölf Uhr stand er, mit einem Pack Kleider und Wäsche unter dem Arm, und einem Bündelchen Geld in der Tasche, draußen vor dem Dorfe. Rosine kam eben so bepackt, warf sich in Konrads Arme, und benetzte ihn mit Thränen der Angst. »Weine nicht, Rosine«, sagte er zuversichtlich, und hob ihr Gesicht gen Himmel. »Da sieh hin! Gott ist uns gnädig; aber ich wollte alle mein Geld wegschenken, wenn er uns ein Zeichen seiner Gnade gäbe, damit du ruhig wärest.« In diesem Augenblicke schneuzte sich ein Stern, und zog sich am Himmel herab, nach der Gegend, wohin sie wollten. Sieh, sieh! Gott ist uns gnädig! rief Rosine jauchzend. Er zeigt uns den Weg! – Konrad nahm die Geliebte in seine Arme, und sie flogen unter Liebkosungen den Weg, den ihnen die Lufterscheinung zeigte. Dies Ende hatte so wenig Herrmann als der Baron erwartet. Der Alte hätte, um es zu verhüten, seine Tochter lieber einem wirklichen Zigeuner gegeben; und der Baron konnte einige Tage hindurch den Gedanken nicht aus der Seele los werden: wie wird es den unglücklichen 468 Flüchtlingen, wie nun den kinderlosen Eltern gehen! Und wer ist Schuld daran! – Noch tiefer und schmerzlicher drückte sich dieser Gedanke in sein Herz, als ein Bedienter ihm erzählte, daß der alte Schulze aus Kummer über die Flucht seines Sohnes sterbenskrank sey. Er verfinsterte die Stirn, ging den ganzen Tag unruhig, voll Reue, umher, verwünschte in Gedanken sein System, und erzeigte einigen Schwarzköpfen, die ihm in den Weg kamen, mit ausgezeichneter Güte Wohlthaten. Sobald er hörte, daß der alte Schulz wirklich dem Tode nahe wäre, drängte ihn sein Herz, den Mann zu besuchen und ihn um Vergebung zu bitten. Er ging zu ihm, so sehr er auch vor dem Anblick des unglücklichen Vaters zitterte. Da lag der Alte bleich auf dem Bette, kraft- und muthlos. Ach! auch das noch? rief er schauernd, als er den Baron erblickte, und versuchte sich umzuwenden. »Nein«, sagte auf einmal der Baron mit dem Tone der Reue, der gutherzigsten Liebe, ging auf das Bett zu, und ergriff des Kranken Hand: »nein, lieber Schulz, Ihr sollt nicht aus der Welt gehen, ohne mir vergeben zu haben. O, wendet Euer Auge nicht von mir! laßt mir die Hand! Denkt, Euer Sohn stände hier, und bäte um Euren Segen.« Ach, mein Sohn, mein armer Sohn! seufzte der Alte. Da wird er liegen auf dem Schlachtfelde, verwundet! Und niemand bringt ihm eine Erquickung, niemand verbindet ihn! niemand! Jammern wird er nach Trost und Hülfe; und niemand, niemand! – Diese Töne des bittersten Schmerzes, mit dem Accente des stärksten Jammers aus der Brust des Sterbenden hervorgehaucht, zerrissen des Barons Herz. 469 »Nein«, sagte er laut, und beugte sich über den Kranken: »ich will dir deinen Sohn wiederschaffen. Du sollst nicht ohne ihn, nicht trostlos sterben!« Ein Strahl von Freude stieg in das erloschne Auge des unglücklichen Vaters. Er ergriff des Barons Hand, und drückte sie an seine kalten Lippen. »Gott!« seufzte Flaming; »was hab' ich gethan!« – Er riß sich los, eilte nach Hause, und ließ satteln. Alle Bedienten, so viel ihrer da waren, mußten aufsitzen. Er vertheilte sie auf alle Straßen, und bat den Obersten, mit ihm selbst zu reiten. – Wohin? Zu Emilien? fragte dieser. »Nicht zu Emilien. Ich suche die unglücklichen Liebenden auf, um sie ihren Eltern wiederzugeben, ihren Eltern, die ich unglücklich gemacht habe. Lassen Sie uns eilen!« Der Oberst umarmte den Baron, und sagte: »jetzt, Baron, wären Sie mir ein Celte, und wenn Sie das Gesicht eines Mopses hätten. Zum Teufel! sehen Sie wohl, daß ich Recht habe? Sie reden oft, daß einem schaudern möchte. Aber Empfindung, sag' ich, Handeln, macht den Menschen, nicht das System: eben so wenig, wie eine Mopsnase, krumme Beine, gelbe Farbe, oder ein dicker Bauch. Lassen Sie uns reiten. Haben wir den Jungen mit seinem Mädchen wieder, so sollen Sie dem Negermaule einen Bruderkuß geben, und damit Ihr System den Abschied bekommen. Flaming sah und hörte nicht, sondern eilte vorwärts. Nach acht Tage langen vergeblichen Bemühungen kam er wieder zu Hause, und erfuhr zu seinem Schmerze, daß der Schulz vor einer Stunde gestorben war. Auch die Bedienten kamen zurück, ohne von dem jungen Paare Nachricht zu 470 bringen. Der Baron that alles, um beiden Familien das Unrecht zu vergüten, das er ihnen gethan hatte. Er folgte der Leiche des Schulzen, und schämte sich der Thränen nicht, die er weinte, als man den Sarg versenkte. Doch endlich heilte die Zeit die Wunde aus, welche diese Begebenheit seinem Herzen geschlagen hatte; und so fing denn auch sein System allmählich wieder an empor zu kommen. Dadurch machte er aber seine Bauern immer unzufriedner. Ob er gleich die Blonden unter ihnen durch unerwartete, ja durch unnöthige Wohlthaten vor den Schwarzen auszeichnete, so war er dennoch auch für diese bei jedem Unglücke, das sie traf, ein hülfreicher Vater. Allein er verdarb jede Wohlthat, die er den Schwarzen erzeigte, durch sein Betragen dabei, durch eine Art von Verachtung; und wohl hundertmal mußte er ausrufen: »die undankbaren, gefühllosen Seelen!« Jetzt wurde auch das System des Edelmanns unter den Bauern bekannt; denn der alte Herrman war in seinem Schmerze über den Verlust seiner Tochter plauderhaft gewesen. Die Blonden sagten einander ins Ohr: der Edelmann habe in seinem Familienarchiv alte Nachrichten, woraus erhelle, daß die Vorfahren aller derer, denen er die Frohndienste nicht erlassen hätte, Zigeuner gewesen wären, wie man denn das auch noch aus dem schwarzen Haare dieser Leute sehen könne. Und wahr ist es, rief ein alter Bauer; denn denkt nur zurück: der selige Baron haßte nichts mehr als die Juden und die Zigeuner. Er hat es seinem Sohne noch auf dem Sterbebette anbefohlen, uns Andern die Frohndienste zu erlassen, und 471 den Schwarzen nicht. – Das blieb Anfangs wie ein dumpfes Gespräch unter den Weißen; dann aber verbreitete es sich auch unter die Schwarzen, und endlich kam das Gerücht als Injurienklage vor den Amtmann. Ja! rief der Verklagte; ja, es ist wahr. Der gnädige Herr weiß es am besten. Im alten Buche steht es. Alle die mit schwarzen Köpfen sind Zigeuner; und darum müssen sie zur Frohne, und wir nicht, und darum dürfen wir ihnen auch unsere Töchter nicht geben. – Der Amtmann wollte lachen; allein die weitere Auseinandersetzung des Bauern überzeugte ihn bald, daß mehr an diesem Geschwätze seyn müsse. Er verglich die Partheien, und nun erinnerte er sich aller Reden des Barons. Auf einmal wurde ihm alles hell: die Auszeichnung der Blonden, die seltsamen, räthselhaften Gespräche des Edelmanns, das Heirathsverbot, und manche andere Dinge. Er ging zu dem Prediger, und sagte ihm seine Vermuthungen. Man lachte. Aber der Amtmann wurde ernsthaft genug, als sich von Tage zu Tage die Klagen über das Zigeunerschelten vermehrten, und jeder Verklagte sich auf den Baron und das alte Buch berief. Er sah sich endlich genöthigt, mit dem Baron darüber zu sprechen. »Die Bauern haben so Unrecht nicht«, fing dieser lächelnd an. Er setzte nun so mild als möglich sein System von den Menschen-Racen auseinander. Indeß, so mild er es auch gethan hatte, so erröthete der Amtmann doch vor Verdruß, als er sah, daß auch er selbst von dem Baron mit zu den schlechteren Menschen gerechnet wurde. Dieser Gedanke 472 brachte ihn nach und nach in Hitze, besonders, als der Baron bei der Erklärung seines Systems immer mehr vergaß, wen er vor sich hatte. Ich habe, hob er auf einmal an, schon manchen Narren mit blondem Haar und blauen Augen gesehen, Ihr Gnaden, das versichere ich Ihnen. »Das haben Sie nicht, Herr Amtmann«, antwortete Flaming sehr gelassen. »Es ist Ihnen so vorgekommen; denn um einen Menschen von der edelsten Race richtig zu beurtheilen, muß man selbst ein Celte seyn.« Ho! ho! rief der Amtmann, dem die Geduld verging; um einen Narren richtig zu beurtheilen ... »Muß man selbst ein Narr seyn«, unterbrach Flaming den Amtmann ruhig, und legte die Hand auf dessen Arm. Wie? rief der Amtmann erhitzt; bin ich hier, um mich von Ihnen schimpfen zu lassen? »Schimpfen?« fragte der Baron befremdet; denn er hatte an nichts weniger gedacht, als den Amtmann zu beleidigen. »Schimpfen? Wahrhaftig, ich weiß nicht, was Sie wollen, lieber Herr Amtmann. Denken Sie doch nur nach! Um einen Narren richtig zu beurtheilen, daß heißt, um einzusehen, wie seine Narrheiten in sich zusammenhangen, muß man etwas Ähnliches bei sich fühlen, also auch ein Narr seyn, so wie man durchaus ein Mensch seyn muß, um den Menschen richtig zu beurtheilen. Um also einen edleren Menschen richtig zu beurtheilen, muß man durchaus ein eben so edler Mensch seyn, eben die Reife der Urtheilskraft haben: sonst kann freilich der Celte oft dem Slaven wie ein Narr erscheinen, ohne daß er es ist.« 473 O, alle diese Spitzfindigkeiten – fing der Amtmann erbittert, und doch verlegen an – »Scheinen Ihnen nur so, lieber Herr Amtmann. Wer richtig und rein denken kann, redet nie so wie Sie. Die falschen Ausdrücke, die unbestimmten Worte, die man wählt, haben immer ihren Grund in verwirrten Vorstellungen. Man redet richtig, wenn man richtig denkt. Sehen Sie, lieber Herr Amtmann, sicher fließt schon in Ihren Adern edles, Celtisches Blut; es würde also nur auf Sie selbst ankommen, so rein und hell zu denken, wie es Ihnen möglich ist. Merken Sie nur fürs erste die neun Lateinischen Wörterchen, die wahrlich einen großen Sinn enthalten: an, quid, cur  ...« Herr Baron! sagte der Amtmann entrüstet; ich bin der Schule entwachsen! »Ich nie, Herr Amtmann«, antwortete der Baron lächelnd; »und das, seh' ich jetzt, ist unser Unterschied. Ich lerne noch immer, weil ich noch immer lernen kann. Indeß, wie Sie wollen, Herr Amtmann.« Er verbeugte sich. Der Amtmann ging, und der Baron sagte mitleidig: »lieber Gott, wie sie einander ähneln, diese vernachlässigten Menschen-Racen! Gerade wie der Sinese, der, wenn er die Form kennt, in der er seine Verbeugungen zu machen hat, den edlen Celten mit seinem offnen freien Wesen verachtet!« Der Amtmann lief zornig zu dem Prediger, und klagte dem sein Leid. Der Letztere ließ sich weitläuftig alles erzählen, was der Baron gesagt hatte. Nun, meinte er dann, im Ganzen mag der Baron nicht Unrecht haben; denn in 474 Absicht des ordentlichen, hellen Denkens seyd Ihr Juristen fast alle ein wenig Mongolisch. »Herr Gevatter«, rief der Amtmann, »bleiben Sie damit weg! Wenn Ein Stand in der Ordnung denkt und schreibt, so ist es der unsrige. Wir müssen ja alles bis ins Unendliche abtheilen.« Ihr schreibt freilich: erstlich, zweitens, und so weiter; aber das kommt mir, wenn ich eine juristische Schrift lese, gerade so vor, als wenn ich mit einem Rasenden rede, der seine tollen Ideen in einem guten Style vorträgt. Ein wenig Philosophie könnte wahrhaftig der ganzen Fakultät nicht schaden. – Der Prediger fing nun an das System, so viel ihm der Amtmann davon mittheilen konnte, zu studieren; und dann ging er zu dem Baron, ihm zu sagen, daß die ganze Gemeinde durch das System in Verwirrung geriethe. Er redete alle Sonntage von der Verträglichkeit, und hatte den Verdruß zu sehen, daß die jungen Bursche einander noch auf dem Kirchhofe vor seinen Augen bei den Köpfen nahmen, und die blonden und schwarzen Haare ausrauften. Der Baron setzte dem Prediger mit großem Triumphe sein System auseinander. »Sie, lieber Pastor, werden es richtig beurtheilen; denn Sie selbst sind ein edler Celte.« Ihr System mag einmal wahr seyn; aber man sollte es doch verschweigen, wie den bösesten und schädlichsten Irrthum. Es sind nur erst ein Paar Züge davon unter Ihren Unterthanen bekannt geworden, und schon liegen beide Partheien einander alle Tage in den Haaren. Denken Sie sich nun den Fall, die Blondköpfe erführen Ihr System 475 in seiner ganzen Ausdehnung; sie erführen, daß sie ganz andere Menschen sind als die übrigen, daß sie von edleren Urmenschen abstammen, daß die andere Parthei sie an Verstandeskräften nie erreichen kann, daß sie zu größeren Genüssen, daß sie zum Beherrschen der andern Parthei geboren sind: so werden ... »So werden sie«, fiel der Baron ein, »die Väter, die Lehrer, die Freunde, die Beschützer ihrer vernachlässigten Brüder werden.« Ja, wahrhaftig! sagte der Prediger; das sehen wir jetzt alle Tage! Die edlen Celten behandeln ihre von der Natur vernachlässigten Brüder mit aller Härte und Verachtung, die nur der dümmste Stolz geben kann; und die Andern bezahlen ihnen mit dem glühendsten Hasse. Wie soll das aber auch anders seyn? Warum soll ich den nicht verachten, den die Natur verachtet hat? warum den nicht hart behandeln, den die Natur hart behandelte? O, lassen Sie erst Ihr System bekannt seyn, und Sie sollen sehen, wie Grausamkeit, Stolz, Wollust, Härte, Bosheit diese Sätze brauchen werden, um alle ihre Verbrechen zu vertheidigen. Ich predige: liebet alle Menschen; denn es sind eure Verwandten, eure Brüder! Die Menschen werden dann sagen: nein, es sind Fremde, die ich beleidige; nicht meines Blutes, nicht Gesellen meiner Natur, halbe Thiere. Ich predige: liebet den Menschen; denn Gott, die Liebe, hat sie mit Vollkommenheit, zum Glück, erschaffen. Sie werden mir antworten: Gott schuf diese Menschen zur Sklaverei, zu unsern Knechten, und uns zu ihren Herren. Das wird die Folge seyn. Wen 476 man verachtet, den kann man nicht lieben; und wer uns hasset, dem können wir nicht wohlthun. »Wenn mein System wahr ist, lieber Prediger«, antwortete der Baron ganz kalt, »so lassen Sie es immerhin bekannt werden. Die Natur mag die Folgen verantworten; was kümmern den Philosophen die Folgen der Wahrheit!« Der Prediger mochte die Wirkungen des Systems von Menschen-Racen auch noch so schrecklich mahlen; der Baron blieb immer gleich kalt. Er mußte endlich das System selbst angreifen. Da hatte Flaming ihn erwartet. Sie stritten und stritten; aber am Ende blieb jeder bei seiner Meinung. Die Unruhen, die Schlägereien unter den Bauern im Dorfe wirkten indeß auf den Baron doch so viel, daß er nichts weiter von seinem Systeme sprach; und da die schwarze Parthei der weißen drohete, ihre Sache an das höchste Landestribunal zu bringen, und von dem Baron den Beweis zu verlangen, daß schwarzes Haar eine Schande sey; da ferner der Amtmann dem Baron vorstellte, daß er leicht zu einer Ehrenerklärung angehalten werden könnte, indem sein System noch nicht privilegirt sey: so erging ein strenger Befehl an die Blonden, Niemanden sein schwarzes Haar weiter vorzuwerfen. Als dann der Amtmann den ersten Schuldigen wirklich ernstlich bestrafte, wurde die Ruhe leidlich wieder hergestellt. Nur hatte der Baron den Verdruß, daß jetzt auch die Blonden, trotz seinen Wohlthaten, ihn verlästerten. Die Liebe der Blonden zu dem Baron verwandelte sich 477 endlich sogar in Haß. Es kam ein Officier in das Dorf, um die junge Mannschaft zu messen. Der Baron, bei dem er aß, erkundigte sich, welche Leute er zu Rekruten wählen würde. Der Officier nannte ihm zwei Schwarzköpfe und einen Blonden. Eben der zum Soldaten bestimmte Blonde stand, als dieses Gespräch anhob, vor der Thüre des Eßzimmers, weil er den Baron um seine Fürsprache bitten wollte. Er verlor kein Wort von der Unterredung. »Auch die Beiden haben Sie gewählt?« fragte der Baron, als er die Nahmen der Schwarzköpfe hörte, und zuckte die Achseln. Meinen Sie nicht, erwiederte der Officier, daß ich gut gewählt habe? »Wenn die Größe den Soldaten macht, Herr Lieutenant, so haben Sie gut gewählt. Fordern Sie aber Muth, Treue, Entschlossenheit, Vaterlandsliebe, dann, freilich, haben Sie nicht gut gewählt. Unser König ist ein Deutscher; er will auch Deutsche haben, um sein Land zu beschützen: und diese beiden Menschen ...« Sind es Ausländer, Herr Baron? Freilich, dann – »Sie heißen Deutsche, sind hier geboren und erzogen; allein ... Sehen Sie, Herr Lieutenant ...« – Nun war er in seinem System, und bewies dem Officier, daß eine Armee mit blondem Haar und blauen Augen noch einmal so treu, so muthig, so einsichtsvoll, so entschlossen, so ausharrend fechten müsse, als eine mit schwarzem Haare. »Freilich«, fuhr er fort, »ist es auf der andern Seite Schade, daß solche Soldaten der Kriegesgefahr ausgesetzt werden, da es besser wäre, wenn sie alle das Leben zum Fortpflanzen 478 behielten. Indeß ... Übrigens kostet eine solche Armee mehr; denn der Celte kann sich nicht mit den elenden Nahrungsmitteln begnügen, mit denen ein Slave zufrieden ist. Eine Russische Armee lebt beinahe von nichts; ein Paar Zwiebeln, eine Handvoll Wurzeln nähren den Kosaken ganze Tage. Das kann ihm kein Deutscher nachthun; aber er kann ausharren, fechten, ohne je den Muth zu verlieren: das kann der Russe nicht. O, lebte Tacitus noch, und sähe jetzt eine Deutsche Armee, vor der Rom sonst zitterte; sähe er die vielen Schwarzköpfe darunter – er würde ausrufen: Schande für Deutschland! Das sind keine Teutonen mehr; das sind verächtliche Hunnen oder Sarmaten! Die fechten um Sold; nicht mehr für Freiheit und Vaterland!« Der Enthusiasmus des Barons wirkte auf den jungen Officier. Sie haben Recht, Herr Baron, sagte dieser. Wahrhaftig, man vergißt das alles, wenn man nichts als die Zolle, die der Bursche mißt, im Kopfe haben muß. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, von nun an nehm' ich nie einen andern Rekruten, als einen mit blondem Haar und blauen Augen. Für die beiden Schwarzköpfe wähle ich noch heute zwei Blonde. In diesem Augenblick entsprang der Weißkopf, der von dem Gespräche nichts weiter begriff, als daß der Baron dem Officier zugeredet hatte, nur Blondköpfe zu Soldaten auszuheben. Seine Erzählung davon durchlief das Dorf wie ein Blitz. Man glaubte sie nicht, weil man der Gunst des Barons zu gewiß war; aber wie erstaunten die Blonden, und wie triumphirten die Andern, als der Offizier, anstatt der 479 beiden schwarzköpfigen Rekruten, ein Paar blonde nahm, und mit ihnen abmarschirte! Nun erwachte der Haß der Blondköpfe gegen ihren Beschützer fürchterlich. Die Eltern der beiden neuen Rekruten liefen heulend zu dem Baron, und machten ihm die bittersten Vorwürfe. Nie war er so in Verlegenheit gewesen, wie jetzt. Die Thränen, das Jammern der Eltern über ihre Söhne drang ihm durch das Herz, so unceltisch es ihm auch vorkam, daß sie gar nicht auf seine Vorstellung achteten, wie ehrenvoll es für sie und ihre Kinder sey, wenn ihnen, und nicht den Schwarzköpfen, das Vaterland seine Vertheidigung anvertraue. Er mußte ihnen zuletzt versprechen, sie wieder los zu machen; das allein konnte die Eltern beruhigen. Nun aber ging der Lärmen zwischen beiden Partheien aufs neue los. Die Schwarzen lachten und jubelten laut, und spotteten über die Gunst des Barons, der seine lieben Kinder unter die Soldaten bringe. Die Weißen riefen: euch will ja der König nicht! Schande genug für euch, daß der König euch nicht für werth hält, ihm zu dienen! – O, das mag er thun! antworteten die Schwarzen triumphirend. »Die Elenden!« rief der Baron. »Wie? und man will noch mein System angreifen? will noch nicht sehen, wie feigherzig, wie gefühllos gegen die Schande diese Nachkommen der Slaven sind?« Der gute Baron vergaß, wie gern seine blonden Unterthanen in dem Falle gewesen wären, eben das sagen zu können, was die Schwarzen sagten, und sah nicht, wie sehr sie ihn haßten, weil er sie in den Fall gesetzt hatte, sich so tapfer stellen zu müssen. 480 Indeß, trotz allen Schwierigkeiten, die dem Baron in den Weg gelegt wurden, genoß er doch des Triumphes, seinen Glückseligkeitsplan immer mehr ausgeführt zu sehen. Das Herz lachte ihm vor Freude, wenn er seine Blondinen in ihren engen hellfarbigen Miedern und langen Röcken, mit kleinen Schritten, oder wenn er die jungen Bursche in hellblauen Röcken, engen Beinkleidern und Filzhüten über die Gassen gehen sah. »Sehen Sie«, sagte er dann dem Obersten Brensen jedesmal, und drückte ihm die Hand; »sehen Sie, wie schön der Strohhut über den blauen Augen steht!« Und darin hatte er Recht. Die Mädchen putzten sich wie die Bräute; denn ihr Putz kostete ihnen nichts. Sie schonten Hände und Haut, denn der Baron gab ihnen so reichlich, daß sie keine harte Arbeit zu thun brauchten. Auch den Triumph hatte der Baron erlebt, daß sogar die Brünetten anfingen etwas von ihrer Liebe zu der Slavischen Kleidung nachzulassen. Er war fest überzeugt, daß seine Vorstellungen das bewirkt hätten; allein die armen Brünetten mußten wohl nachgeben, wenn sie nicht alle ihre Liebhaber verlieren wollten, denen die schlanken, wohlgekleideten Blondinen sehr in die Augen stachen. Fielen den Weißköpfen ihre Häuser zusammen, so unterstützte der Baron sie mit Geld und Baumaterialien, wenn sie so baueten, wie er wollte. Folglich ließ jeder Weißkopf sein Haus mit der Front, und nicht, wie sonst, mit dem Giebel, nach der Gasse hin bauen. Die Häuser bekamen hohe und helle Fenster. Das Vieh wurde weiter von dem Wohnhause abgesondert, und die Bauern befanden sich jetzt in ihren 481 Celtischen Häusern wirklich besser, als vorher in ihren Slavischen Hütten. Dem Schwarzen hingegen gab der Baron bei einem Baue gar nichts, oder so wenig, daß er bei der vorigen Bauart bleiben mußte. »Sehen Sie?« sagte der Baron zu dem Obersten; »selbst in diesen Kleinigkeiten hat die verschiedene Organisation den Celten von dem Slaven getrennt. Geben Sie Acht. Aus diesem neuen Hause en front, aus diesem hohen hellen Fenster, sieht gewiß ein Blondkopf; dort aus jenem Hause, das ebenfalls erst gebauet ist, das den Giebel auf die Gasse kehrt und so kleine dunkle Fenster hat, sieht ein Schwarzkopf. Nun? Was sagen Sie dazu?« Jener Mann wird wohlhabender seyn, als dieser. »Mit nichten. Sie sind Beide gleich wohlhabend; allein die Organisation treibt jenen, sich hell und licht, und diesen, sich versteckt und dunkel anzubauen.« Der Baron verschwieg sehr sorgfältig, daß er selbst das helle Haus gebauet hatte. Bei einem solchen Falle mußte der Oberst sich immer gefangen geben, weil er wirklich nichts davon begriff. Er schüttelte nur stillschweigend den Kopf über die seltsame Erklärung. Der Baron sah das Kopfschütteln, lächelte und sagte: »warum bauet der Biber in Kanada und an der Elbe einerlei Gebäude? warum die Bienen in meinem Garten und in Asien gleiche Zellen? warum der Sperling in Europa und in Afrika ein ähnliches Nest? Die gleiche Organisation treibt sie dazu. Sehen Sie, aus demselben Grunde bauet der Slave in Asien eben das Haus, das der Slave auf meinen Gütern bauet: dunkel, eng und schmutzig; und der Celte am Kaukasus, wie in 482 Deutschland, hell, groß, und reinlich. Zweifeln Sie noch? Ich könnte Ihnen das mit tausend anderen Fällen belegen, mit der Kleidung, mit dem Schnitte der Haare, mit den Möbeln, mit der Art zu sitzen, zu gehen, zu tanzen und so weiter, die allen Slaven und allen Celten eigenthümlich sind.« So hole der Teufel den Menschen, der bauen, essen, sitzen, tanzen, denken, fühlen und handeln muß, wie seine Organisation ihn zwingt! Fühlen Sie denn nicht, wozu Sie den Menschen machen? Zu einem Stocknarren der Natur, zu einer Marionette, die das hölzerne Maul aufreißt, und von Vernunft, von Moralität spricht, bloß um damit zu lachen zu machen. Herr, ich würde mir eine Kugel durch den Kopf jagen, wenn ich Ihr System glauben müßte. Nein, zu allem Glücke sehen auch noch Weißköpfe aus engen, dunkeln Häusern hervor. Aber gewiß haben Sie nie einen Fuchs aus einem Bibergebäude hervorschauen sehen. Und das beweist eins für alles. »Ich stehe Ihnen dafür, das Haus hat dann gewiß ein Slave gebauet, kein Celte; und nur davon ist die Rede.« – Die Weißköpfe auf dem Gute des Barons lebten besser als die Schwarzen. Ihre Wohlhabenheit kam so schnell, so ohne Mühe, daß sie anfingen mehr auf Essen, Trinken und Betten zu wenden als sonst. Sie waren bequemer, als die Schwarzen. Der Oberst, der jetzt, wenn er bei dem Baron war, sich mehr um die Bauern bekümmerte, sagte ihm das, und warnte ihn vor ihrem Luxus. »Sehen Sie, ein neuer Zug des Celten! Er muß besser essen, er kann nicht so hart liegen, als der Slave. Mit Einem 483 Worte: der Celte ist weicher, zarter. Das werden Sie bei allen meinen Weißköpfen finden.« Aber Ihre Celten werden zuletzt verhungern müssen, wenn Sie fortfahren so zart zu seyn. »Sorgen Sie nicht! Der Slave verschwelgt das auf einmal, wovon der Celte einen Monat lang genießt. Sehen Sie zu. Sie werden meine Weißköpfe wenigstens in eben so gutem Vermögenszustande finden, als die Schwarzen. Der Celte genießt mäßig; der Slave verschlingt, frißt. Bei den Mongolen ist das noch sichtbarer. Alle Theile des Kopfes, die zum Essen gehören, Beißmuskeln, Zähne, Backenknochen, sind bei ihnen um vieles größer und stärker, als bei den Celten. Sagen Sie selbst, muß ich nun nicht schließen, daß die Natur sie zum Verschlingen, zum Fressen, zu den elendesten Nahrungsmitteln bestimmt habe?« Aber, zum Teufel, Herr! wer heißt Sie so schließen? Die Mongolen sind durch den Grad ihrer Kultur, durch Klima, Beschäftigung, Lage, Umstände gezwungen, die härtesten Nahrungsmittel, rohes Fleisch, gedörrte Fische, Wallfischspeck, harte Wurzeln und dergleichen, zu verzehren. Ein Kind sieht ja ein, daß ein Mensch, der nur Suppen, Spinat, weich gekochtes Fleisch und Biskuit ißt, seine Beißmuskeln nicht so ausarbeiten kann, wie ein junger Mongol, dem die Mutter ein Stück rohes Fleisch zum Frühstücke giebt. Wer wird denn wohl, wenn er eines Bauern Hand und Arm befühlt, sagen: diese Hand ist härter, größer, muskulöser, stärker, knochiger, als meine; darum hat die Natur den Mann zu harten Arbeiten bestimmt, und mich für den Sofa! 484 Des Mannes Hand ist durch die Arbeit härter geworden, wie des Mongolen Beißwerkzeuge durch die Arbeit stärker. Mit ihrer Art zu schließen könnte ich ja von einem Geräderten behaupten: die Natur hat diesen Unglücklichen bestimmt, auf das Rad geflochten zu werden; denn seht einmal her, wie viel geschmeidiger seine Knochen sind, als die meinigen! sie lassen sich biegen wie eine Weidenruthe. »Ihre Vergleiche, Herr Oberst, sind so seltsam ...« Wie Ihre Beweise, Herr Baron. So zankten sie sich täglich; allein der Baron blieb unerschüttert. Er genoß des hohen Triumphes, fast alles, was Slavisch war, aus seinen Dörfern weggeschafft zu haben. Schon dreimal hatte er sogar das Glück gehabt, von auswärts her junge Blondköpfe mit drei Brünetten in seinem Dorfe zu verheirathen. Die Eltern sahen das gern; denn, so sehr sie die Blondköpfe auch haßten, so fühlten sie doch, daß es jetzt ein Glück sey, blondes Haar zu haben, besonders da der Baron die Befreiung von den Frohndiensten zum Preise dieser Verbindungen machte. Ein Paar Schwarzköpfe suchten voll Verdruß darüber, daß sie so zurückgesetzt wurden, ihre Höfe los zu werden. Der Baron kaufte sie, und verkaufte sie mit Schaden wieder, aber an die beiden blondesten Jünglinge, die in der Gegend zu finden waren. So sah er fröhlich dem Tage entgegen, da er rufen konnte: alle meine Unterthanen sind die edelsten Celten! Die Prophezeiungen des Amtmanns, der dem Dorfe den vollen Untergang verkündigt hatte, trafen nicht ein. Die Schwester des Predigers nahm den Baron sogar in Schutz. 485 »Ich verstehe von seinem Systeme nichts«, sagte sie, »und mag nichts davon verstehen; aber daß Ihr Beide das System in die Hölle verdammt, begreife ich doch auch nicht. Der Baron ist nur zwei Jahre hier, und das Dorf hat zehn neue Häuser, in denen man nicht vor Gestank vergeht. Die Mädchen im Dorfe kleiden sich niedlich; die jungen Bursche auch: das mag ich leiden. Die Schulden des Dorfes sind bezahlt, und keiner hier leidet noch Noth. Nehmt es mir nicht übel; bringt ein System das in zwei Jahren hervor, so kann man ihm wohl zu gute halten, daß es schwarzes Haar und Augen verdammt, und dicke Bäuche haßt, obgleich Ihrer, Herr Amtmann, Ihnen recht hübsch läßt. Ich selbst mag lieber einen schlanken jungen Menschen leiden, als einen kurzen, dicken. – Die Bauern prügelten sich sonst alle Tage; aber das ist nun vorbei. Daß der Baron die Schwarzen aus dem Dorfe nach und nach wegschafft, kann ihm Niemand verdenken. Du schaffst ja nach und nach alle Pergamentbände aus deiner Bibliothek, und nimmst Franzbände; und da der Amtmann schafft alle Blumen, die nur einen gelben Punkt haben, ohne Gnade ab. Es sind aber Menschen, sagt Ihr. Nun wohl! Der Baron thut doch Keinem Unrecht, und jagt doch Keinen fort. Er kauft die Güter, und setzt, was Ihr nicht läugnen könnt, sehr hübsche junge Männer wieder hinein.« Aber, sagte der Prediger, was hätte mit eben dem Gelde, das dies alles kostet, nicht können gewirkt werden! »Gebe der Himmel, daß erst alle Edelleute ihr Geld nur so anwenden, wie der Baron! Er läßt es sich etwas kosten, 486 blonde Bauern in sein Dorf zu ziehen; aber er macht sie wohlhabend und glücklich. Andre Edelleute schaffen für ihr Geld Hunde, Pferde, Möbeln, und machen ihre Bauermädchen liederlich, ihre Bauern arm. Das System ist noch gut genug.« Wenn es nicht bekannter wird, sagte der Prediger, und es nur dabei bleibt; was ich aber nicht glaube! Bald nach dieser Unterredung hatte der Baron einen ziemlich lebhaften Streit mit dem Prediger, den er besuchte. Er behauptete: »es sey ein Merkmahl unedler Abkunft, wenn ein Bräutigam ein sichtbares Zeichen der Keuschheit von seiner Braut fordere. Der Celte schätze nur die jungfräuliche Unschuld, ohne sich um ein sichtbares Zeichen der Jungferschaft zu kümmern.« Der Prediger erwiederte: aber was wäre denn unser Brautkranz anders? Der Baron mußte am Ende zugeben, daß der Prediger Recht habe; und von diesem Augenblick an lag ihm der Brautkranz, als die letzte Spur von Slavischen Sitten in seinem Dorfe, sehr schwer auf dem Herzen. Bald nachher sollte eine Hochzeit seyn. Er ließ den Bräutigam zu sich rufen, und sagte: »höre, du sollst mir einen Gefallen thun.« Der Bauer lächelte. »Eine Kleinigkeit, die nichts in der Welt auf sich hat ... Du bist doch fest überzeugt, daß deine Braut noch Jungfer ist?« – Der Bauer stutzte. O ja, Ihr Gnaden; ja, das bin ich. – »Und du würdest doch gewiß kein Mädchen heirathen, von dem du vermuthen könntest, daß es sich schlecht aufgeführt hätte?« – Nein, sagte der Bauer; 487 wahrhaftig nicht! Glauben Ihr Gnaden, das thät' ich nimmermehr. Das weiß das ganze Dorf, so wie es weiß, daß meine Braut sich immer ehrlich aufgeführt hat, und unschuldig wie ein neugebornes Kind ist. »Desto besser, wenn das Dorf so von dir und deiner Braut denkt! Um so leichter wirst du mir den Gefallen thun können, den ich von dir verlange. Laß dich mit deiner Braut trauen, ohne daß sie eine Brautkrone trägt; ich will dir auch ein ganz neues Wohnhaus bauen lassen.« – Der Bauer stutzte wieder. Ihr Gnaden, sagte er mit argwöhnischen Blicken, wissen Sie etwa 'was, haben Sie 'was gehört, so sagen Sie. Wie? keine Krone? So weit wär' es? Der Baron beruhigte den Bauer. »Eben weil wir, du, ich und das ganze Dorf, überzeugt sind, daß deine Braut eine reine Jungfer ist, so kann es dir ja einerlei seyn, ob sie eine Krone trägt oder nicht. Wie gesagt, ich will dir ...« Aber der Bauer schlug es kurz ab. Der Baron bat, befahl, drohete vergebens. »Wenn nun aber deine Braut will?« fragte er endlich. – Ihr Gnaden, erwiederte der Bauer erbittert: wenn meine Braut ohne Kranz in die Kirche käme – ja, bei meiner Seele! anstatt ihr die Hand zu geben als Mann, wollte ich sie zur Kirche hinaus prügeln! »Aber, Mensch, wenn sie nun ein ehrliches Mädchen ist: kann es dir denn nicht gleichgültig seyn, ob ...?« Ob sie einen Kranz trägt? gleichgültig? Nein! nimmermehr! Wenn sie mir heute gestände: sieh, Hans, ich habe einmal gefehlt, ich bin einmal zu Falle gekommen; und es wüßte keiner darum, das wollt' ich ihr vergeben. Aber ohne 488 Kranz in der Kirche – ich stieße sie mit den Füßen vom Altare weg! das thät' ich! »Aber du Narr«, rief der Baron hitzig; »ist dir denn das Zeichen der Sache lieber, als die Sache selbst?« Ei was! Sache hin, Sache her! das sind Possen. Darnach hör' ich nicht. Aber an den Brautkranz, nicht rühr an! Der ist das Beste an der ganzen Hochzeit; das ist ja ordentlich das Christenthum dabei. Lieber die Hand hier, als den Kranz! Ei, seh doch einer! ohne Kranz! lieber mein Leben! Der Baron machte einen neuen Versuch, der aber noch übler ablief. Er wurde endlich durch des Menschen Unvernunft, durch eine so unbegreifliche Anhänglichkeit an das Slaventhum, so erbittert, daß er schimpfte. »Gestohlen«, rief er, »gestohlen hast du das blonde Haar, die blauen Augen! Ein Bankert, ein Bastart bist du, du unvernünftiger Mensch! ein Hurkind! Ein Kakerlake war dein Vater. Alles an dir lügt. Und den Brautkranz soll deine Braut nicht tragen, und keine mehr im Dorfe, so lange ich lebe; oder ich lasse euch die Kirche verschließen! Keine, weder deine, du Elender, noch eine andre!« Der Bauer eilte wüthend zu Hause, und fand da eben seine Braut mit ihren Eltern und Anverwandten. »Daß dich die Pest!« rief er beim Hereintreten. »Denkt nur! Der Edelmann will meiner Braut verbieten, sich in einem Kranze trauen zu lassen!« – Alle sprangen auf, und schrieen durch einander: Wer, wie, was? Sie soll keinen Kranz tragen? – Wer? meine Tochter? was? hat sie sich nicht ehrlich aufgeführt? Das hat er gesagt, der Baron? – »Das hat er gesagt!« 489 rief der erhitzte Bräutigam. »Und mich hat er ein Hurkind genannt, hat gesagt, Ihr wärt mein Vater nicht, sondern ein – ich weiß nicht mehr, wie mein Vater heißen sollte.« Es entstand ein neuer Lärm. Du ein Hurkind? Wie? Ich wäre dein Vater nicht? – Des Bräutigams Mutter fing an eben so kräftig zu schreien, als der Braut Mutter schon schrie. Die Väter fluchten unter einander. Den Teufel auch! das wollen wir ihm wohl zeigen! Sie soll einen Kranz tragen; zwei, wenn wir's wollen! – »Ja, seht nur zu!« rief der Bräutigam: »er will uns die Kirche vor der Nase zuschließen lassen.« – Je, das ist doch unerhört! riefen die Alten. Unsere Kirche? Gebt Acht, das geht immer weiter! Zuerst hat er uns beredet, die Schwarzköpfe wären Zigeuner ... – Ja, ja, da seht Ihr's nun! hob ein alter Schwarzkopf an, ein Verwandter der Braut. Den seligen ehrlichen Schulzen hat er auch auf den Kirchhof gebracht! Wer weiß, wo sein Sohn jetzt modert, und Herrmanns Tochter in der Irre herumläuft! Herrmann sprang auf. Das ist wahr, rief er; durch ihn bin ich um meine Tochter gekommen. Ich leid' es nicht, das sag' ich. Ja, ja! Und darf er uns denn befehlen, an wen wir unsre Kinder verheirathen sollen? Das thut ja der König nicht einmal; und der Edelmann nimmt sich das heraus! Und hat er nicht Jost und Hennig so lange geplackt, bis sie ihm die Höfe verkaufen mußten? Und nachher handelt er mit unsern Gütern! Ist das recht? Und wir dürfen nicht tragen, was wir wollen! keine 490 Pelzmützen! Und der Schäfer sogar hat müssen seinen Schafpelz ablegen! Und sagt noch lange, er ist uns gut, und bringt unsere Kinder unter die Soldaten! Und jetzt will er uns gar verbieten, unsere Töchter in Kränzen trauen zu lassen, als ob sie Huren wären! und da, den Bräutigam heißt er ein Hurkind! Das Schreien dieser Leute, die sich unter einander immer stärker erhitzten, zog mehr Leute herbei; und jedem wurde mit tausend Zusätzen erzählt, daß der Baron den Bräuten verwehren wolle, einen Kranz aufzusetzen. Endlich entschlossen sich die Väter des Brautpaares, zu dem Edelmanne zu gehen, und ihn zu fragen, ob das wirklich seine Meinung wäre. Der Baron saß eben und ärgerte sich über den Triumph, den der Prediger haben würde, wenn die Braut nun doch einen Kranz trüge. Er sann auf Mittel, die Eltern mit Güte auf seine Seite zu bringen, als gerade die beiden Väter zu ihm herein kamen. Sie fragten mit scheinbarer Unterthänigkeit, ob er den Bräuten verboten habe, Kränze zu tragen. Der Baron wollte versuchen, was Entschlossenheit ausrichten würde. Er sagte: »ja, ich habe es verboten; und künftig trägt keine Braut einen Kranz mehr.« – Und wollen denn Ihr Gnaden uns die Kirche zuschließen lassen? fragten die Bauern weiter. – »Ja!« sagte der Baron kurz ab; »wenn Ihr nicht gehorchen wollt, ja!« – Wir wollen Ihr Gnaden Antwort sagen, erwiederten die Bauern, und gingen. Sie kamen zu Hause, und brachten den Bescheid. Nun beschloß man allgemein, den Baron bei der Regierung zu 491 verklagen. Der alte Schwarzkopf, auf dessen Verschmitztheit und Rachbegierde man sich verlassen konnte, erhielt den Auftrag, in einer benachbarten Stadt eine Klage von einem Advokaten aufsetzen zu lassen. Man gab ihm dazu eine Vollmacht; und der Alte ging unverzüglich mit dem Bräutigam und dem Vater der Braut nach der Stadt. Sie wendeten sich an einen Winkeladvokaten, den sie schon länger kannten, und der Muth genug hatte, selbst den König bei dem Könige zu verklagen; aber sogar dieser Mann erstaunte über die seltsame Klage der Bauern, und fragte mehrere Male: Leute, lügt Ihr auch nicht? Das ist ja nicht möglich! – Sie erzählten indeß so viele kleine Umstände, setzten alles so genau auseinander, und waren in ihrer Aussage so einstimmig, daß der Advokat nicht länger zweifeln konnte, und die Klage aufsetzte, so wie die Bauern sie haben wollten. Der Advokat war eine von jenen boshaften Seelen, die keine Gelegenheit vorüber gehen lassen, ehrliche Leute zu necken, von denen sie beleidigt zu seyn glauben. Der Regierungs-Präsident hatte ihn schon einige Male sehr ernstlich über sein Aufhetzen der Bauern zur Rede gestellt. Jetzt fand der Advokat eine Gelegenheit, sich an ihm, auf Kosten eines Dritten, so bitter zu rächen, als er nur wünschte. Boshaft lächelnd schrieb er, und reichte die Klage ein. »Hier ist«, sagte der vortragende Rath in der nächsten Session, »eine so seltsame Klage, daß man kaum seinen eigenen Augen trauet. Die Gemeinde in Zaringen beschwert sich, daß ihr Gutsherr, der Baron von Flaming, sie seit zwei 492 Jahren auf die unerhörteste Art gemißhandelt und unterdrückt habe, und bittet um schleunige Hülfe. Sie sagt: Erstlich habe der Baron alle Familien gegen einander aufgehetzt, Haß und Zwietracht in der Gemeinde verbreitet, und seine Freude an den Schlägereien der Bauern gehabt, wie das die Akten des Justizamtmannes bewiesen, die man mit den Akten vor der Ankunft des Barons vergleichen müsse, um zu sehen, wie ruhig und friedlich die Gemeinde vorher gelebt hätte. Um diesen Haß recht glühend zu machen, habe der Baron den Bauern mit blondem Haar und blauen Augen vorgespiegelt: die mit schwarzem Haare wären Nachkommen von Zigeunern, und müßten eigentlich nur Leibeigene der andern seyn; so wie er denn auch alle Menschen, die schwarzes Haar und schwarze Augen, einen dicken Bauch und dicke Lippen hätten, und gar schwarze Kleider trügen, bitter haßte, und sie geradehin für Dummköpfe, Mörder, Hurer und Diebe erklärte, in welchem Stande und Würden diese Menschen auch lebten«; (Hier verzogen alle Anwesende die Lippen zum Lächeln, ausgenommen der Präsident, auf den die Beschreibung, selbst bis auf das schwarze Kleid, das er immer trug, völlig paßte. Bei diesem Punkte hatte der Koncipient der Klage sich auch am weitläuftigsten ausgelassen, weil es der Punkt seiner Rache war) – »wie der Baron denn auch sogar den Justizamtmann damit verächtlich zu machen gesucht. Und so habe denn auch kein Bauer, der so unglücklich sey, schwarzes Haar zu haben, Gerechtigkeit erhalten, sondern wäre bedrückt, und oft ganz unschuldig mit Gefängniß und 493 andern harten Strafen belegt worden, wie sich das aus den Akten des Dorfes ergeben würde. Der Baron habe ferner alle Heirathen zwischen Weiß- und Schwarzköpfen bei harter Strafe verboten, wie er denn auch ein Paar junge, gute Leute, den Sohn des Schulzen im Dorfe, und die Tochter des Bauern Herrmann, die mit Einwilligung ihrer Anverwandten sich verlobt gehabt, an ihrer Heirath gehindert, und sie endlich auf eine tyrannische Weise gezwungen, in die Welt zu gehen, worüber der alte Schulz vor Gram gestorben, und sein Hof noch leer stehe, weil man nicht erfahren können, wohin der junge Mensch gegangen sey. Überhaupt habe der Baron seine Unterthanen von schwarzer Farbe so gedrückt, daß sie sich aus Noth entschließen müssen, ihm ihre Güter zu verkaufen, und das Dorf, worin sie geboren worden, und ihre Familien zu verlassen. Zu diesen unerhörten, sinnlosen Bedrückungen gehöre, daß der Baron den Mannspersonen verboten habe, Pelzmützen, Pelze, weite Beinkleider und Röcke von schwarzer oder dunkelblauer Farbe zu tragen; die Mädchen hätten müssen in Einem Rocke, und beinahe ohne Bedeckung auf der Brust gehen. (Ein allgemeines Gelächter.) Sie hätten kein fettes Fleisch essen dürfen, und was dergleichen noch mehr wäre. Die Blonden hätte er auf eine andere Weise gedrückt. Er habe bei Aushebung der Rekruten den dazu kommandirten Officier zu bereden gewußt, nur Weißköpfe zu nehmen, und die Schwarzköpfe zu verschonen. Ferner habe er die Weißköpfe in ihrem Glauben irre gemacht, da er ohne Scheu öffentlich behauptet: sie stammten nicht von Adam 494 ab, und die wahre Erbsünde sey ein dicker Bauch und schwarzes Haar. (Gelächter.) Er mache die Familien irre, indem er behaupte, daß der und der ein Bastart sey. Jetzt habe er nun gar jeder Braut verboten, einen Kranz zu tragen, und wolle dadurch die ehrlichen Mädchen zu Huren herabwürdigen; ja, er gehe in seiner Tyrannei so weit, daß er schon gedrohet habe, die Kirche, welche doch der Gemeinde gehöre, verschließen zu lassen. Die unglückliche und ganz verlassene Gemeinde von Zaringen bitte nun um Hülfe, Untersuchung ihrer gerechten Klagen, und schleunige Abhelfung ihrer Beschwerden, weil jetzt eine Braut befürchten müsse, ohne Kranz zur Trauung zu gehen, und sich dadurch auf ihr ganzes Leben zu beschimpfen.« Die ganze Versammlung sah einander an, lachte, und zweifelte. Dieser dachte sich den Baron so, jener anders. Ein junger Rath sagte mit funkelnden Augen: »das ist ein boshafter Mensch, der sein Vergnügen daran findet, Menschen zu martern, ein Ungeheuer, wenn nur die Hälfte von dem Allen wahr ist!« – »Ich vermuthe«, sagte ein anderer schmunzelnd, »es ist ein Bon vivant, ein Mädchenjäger. Er zwingt die Mädchen, halb nackend zu gehen. Die Bauern sind eifersüchtig. So läßt sich das Andere erklären.« – »Ein Spottvogel«, rief ein dritter, »der den Prediger, den Amtmann und die ganze Welt zu Narren macht. Das wird es seyn; denn es ist gar zu toll.« – »Oder der Baron muß den Verstand verloren haben«, sagte ein vierter. – »Ich setze meinen Kopf zum Pfande, er ist alles zusammen«, sagte der Präsident; »und ein neumodiger Philosoph dazu, der es 495 gern sähe, wenn die Räthe der Landeskollegien in Reitjacken gingen! Der Narr, der!« Ein Rath bekam nun den Auftrag, die Klage an Ort und Stelle zu untersuchen; und dem Prediger in Zaringen wurde sogleich befohlen, die Braut mit einem Kranze zu trauen, wenn sonst nichts im Wege stände. Der deputirte Rath schickte dem Baron die Klage der Gemeinde nebst seinem Kommissoriale zu, und bestimmte den Tag, wann er in Zaringen eintreffen würde. Die Klage kam dem Baron so unerwartet, daß er kaum seinen Augen traute, als er sie las. Er schickte zu dem Amtmanne, der eben so sehr erstaunte. Als dann der Prediger dazu kam, fand man die Ursache der Klage so ziemlich aus. Auch die Gemeinde erhielt das Kommissoriale von der Regierung; und so geschäftig der Baron mit dem Amtmann und dem Prediger war, einen Entschluß zu fassen, so thätig waren auch die Urheber der Klage, die übrigen, welche noch nichts von der Sache wußten, auf ihre Seite zu bringen. Die Weißköpfe ließen sich überreden, weil man ihnen vormahlte, daß der Baron jetzt gezwungen werden solle, die Befreiung ihrer Güter von Frohndiensten ganz unbedingt fest zu setzen. Der Amtmann machte einen Versuch, die Gemeinde zu bereden, daß sie die Klage zurücknehmen möchte. Der Prediger aber versprach sich davon nichts; und seine Prophezeiung traf ein. Die Bauern wurden jetzt erst recht eifrig; sie hielten diesen Vorschlag für eine Anerkennung, daß sie den Prozeß gewinnen müßten. Der Prediger erkundigte 496 sich heimlich nach der eigentlichen Absicht der Bauern; denn so viel sah er wohl ein, daß sie selbst es mit dieser Klage nicht recht ernstlich meinen, und höchstens, weil der Schein für sie war, eine Demüthigung des Edelmannes bewirken konnten. Er brachte bald heraus, daß sie hofften, bei dieser Gelegenheit unbedingte Befreiung von den Frohndiensten zu erhalten. Dies sagte er dem Baron, und stellte ihm zugleich vor, daß er, da der Schein ganz gegen ihn sey, in diesem Prozesse eine schlechte, demüthigende Rolle spielen werde. Er gab ihm sogar zu verstehen, daß er mit einem kleinen Opfer, welches er den Bauern freiwillig brächte, sie leicht bewegen würde, die Klage zurückzunehmen. »Wie?« sagte Flaming: »diese Undankbaren sollten mich zwingen , ihnen die Wohlthaten zu geben, die ich ihnen freiwillig antrug, nur unter der Bedingung, daß ich sie glücklich machen dürfte? Nimmermehr! Habe ich denn Unrecht? O, die Undankbaren! Da stehen, anstatt verfallener Hütten, reinliche Häuser; anstatt unfruchtbarer Äcker, reiche Ernten. Da gehen sie, sonst wie zerlumpte Bettler, jetzt anständig und reinlich gekleidet! und mich, der ich ihnen das alles gab, mich klagen sie als einen Tyrannen, als einen Rasenden an? O, lassen Sie mich! Ich werde stillschweigend den Kommissarius bei der Hand nehmen, und ihm die reinlichen Häuser zeigen, die Ställe voll Pferde, die Heerden Kühe und Schafe, die Äcker voll Dünger und Saat. Ich werde ihm die Bücher aufschlagen, ihm die Schulden zeigen, welche die undankbaren Menschen seit den zwei 497 Jahren, die ich hier bin, abbezahlt haben. Dann will ich ihn fragen: bin ich ein Tyrann, bin ich ein Rasender? und die Elenden werden verstummen.« Sie kennen die Bauern nicht! sagte der Prediger. Trotz dem Allen werden die Ihrigen auf Untersuchung der einzelnen Klagepunkte dringen! und da ist der Schein gegen Sie, Herr Baron. »Nein, nein! das können sie nicht. Menschen mit blondem Haar, mit blauen Augen! das können sie nicht! Wahrhaftig, es wäre ein Mongolen-Streich!« Bauern, Ew. Gnaden, sind Mongolen, so lange sie nicht besser erzogen werden. Der Mensch ohne Bildung der Seele ist immer mehr oder weniger Mongol. Der gebildete Mann ist der einzige Celte auf der Erde. Hier unterbrach der Amtmann den Baron, der so eben anfangen wollte, sein System zu vertheidigen: Mir fällt etwas ein. Ew. Gnaden haben Recht. Abzwingen muß man sich nichts lassen. Versprechen Sie den Weißköpfen die vollkommene Freiheit von dem Frohndienste, so machen wir die Gemeinde uneinig, und der Sieg ist unser. Die Weißen treten dann auf unsere Seite, dafür steh' ich Ihnen. Der Baron sah den Amtmann verächtlich an: »Wie? ich soll mich zu Künsten herablassen? den Betrieger spielen? ... List und Verschmitztheit, Herr Amtmann, sind nicht die Waffen, womit ein Celte sich vertheidigt. Hätte ich Unrecht, so würde ich geradezu sagen: ich bin schuldig. Allein ich habe Recht; und das Recht geht keine Schleifwege. Wie? sollen meine Unterthanen von mir lernen, daß 498 Betriegen erlaubt ist? Lassen Sie mich! Ich werde mich vertheidigen. Und was sorg' ich? Ich will der Regierung mein ganzes System vorlegen; ja, vielleicht ist dies der Zeitpunkt, den die Vorsehung herbei führt, das Auge des Staates auf mein System zu richten.« Der Prediger schwieg mit einer bedauernden Miene, und ging; denn hier war jetzt kein Rath mehr möglich. Aber er ging, mit Achtung für das Herz des Barons. Flaming war nun fest entschlossen, die Sache ihren Gang gehen zu lassen; aber dabei wurde auch die Vorstellung sehr rege, daß er sich bisher durch sein System nichts als bittre Feinde gemacht hätte. Seine natürliche Gutherzigkeit führte ihn zugleich auf den Gedanken, daß sein System auch Andern eben so vielen Verdruß erregt habe, als ihm selbst. »Ja«, dachte er; »es ist wahr! Wie weh muß es nicht einem Manne thun, wenn er sich auf einmal aus der Klasse der besseren Menschen weggestoßen sieht! ... Wohl! noch einmal also will ich mein System vorlegen, und dann es auf ewig in meine Brust verschließen. Unbemerkt will ich thun, was ich kann; verborgen will ich jede Ehe der Celten mit den unedleren Slaven verhindern. Alles Andre überlasse ich der Vorsehung.« Er stand auf, und ritt sehr ruhig durch die Fluren seines Dorfes. Von einer Anhöhe betrachtete er die schönen Häuser, welche aus den üppigen Blüthen der Fruchtbäume hervorsahen. »Sey es, wie es sey; sie sind jetzt glücklicher, als ehemals. Undank belohnte von jeher die Wohlthäter der Menschen; und ihr Undank soll mich nicht abhalten, ihnen Gutes zu erweisen. Ja, ihr sollt frei 499 seyn von allen Frohndiensten! Ihr haßt mich, und ich will euch wohlthun!« Dieses Gefühl gab ihm jenen edlen Stolz, der das Herz erhebt. Langsam ritt er durch die Gassen seines Dorfes, freuete sich über den Wohlstand seiner undankbaren Bauern, und beschloß, gleich nach Beendigung des Prozesses Schwarzen und Blonden die Freiheit von allen Diensten unbedingt zu geben. Der zur Untersuchung bestimmte Tag rückte heran. Der Regierungsrath hatte ein elendes, verfallenes Dorf erwartet, und fand zu seinem Erstaunen große, reinliche Häuser. Sein Begleiter, ein junger Referendar, machte ihn aufmerksam auf die wohlgekleideten Bauermädchen, und auf die frohen, gesunden Kinder, die vor den Häusern spielten. Der Baron empfing sie mit Anstand, bescheiden, ohne jene falsche Höflichkeit, die den Richter bestechen, ohne den erborgten Trotz, der ihn schrecken soll. Doch fuhr er ein wenig zusammen, als er sah, daß der Regierungsrath mehrere Kennzeichen einer Slavischen Abkunft an sich hatte. Er war Willens gewesen, ihm sein System, ganz ins Kurze gezogen, nebst einer Vertheidigung gegen die einzelnen Klagpunkte, vorzulegen. Aber nun schob er sein Heft unter seine andern Papiere. Himmel! seufzte er heimlich; ist es nicht, als ob mir alle Slaven auf den Leib gebannt wären? »Meine Bauern«, fing er endlich an, »haben mich angeklagt, ich sey ihr Tyrann, ihr Unterdrücker, ein Rasender, der sein Vergnügen daran finde, sie unglücklich zu machen. 500 Über die einzelnen Punkte müssen wir freilich auch reden; allein erlauben Sie, Herr Regierungsrath, daß ich zuerst im Allgemeinen meine Vertheidigung führen darf.« Die Bauern wurden auf das Schloß beschieden. Als sie da waren, wollte der Regierungsrath anfangen protokolliren zu lassen; allein der Baron hielt ihn davon ab. »Was ich sagen will, mag ungeschrieben bleiben. Es betrifft nur mich.« Er ließ das Hypothekenbuch bringen, schlug einen Bauern nach dem andern auf, und zeigte dem Regierungsrathe die Summen, die jeder vor zwei Jahren schuldig gewesen war, und nun schon abbezahlt hatte. Dann setzte er dem Regierungsrath aus einander, und zwar in Gegenwart der Bauern, daß er ihnen Summen ohne Zinsen, oder doch zu ganz unbedeutenden, vorgeschossen, und die Bezahlung in Korn zu hohen Preisen zurückgenommen habe. Kurz, er machte dem Rathe deutlich, daß die Bauern durch ihn schuldenfrei waren. Sie gestanden das zu; und der Regierungsrath wendete sich nun zornig zu ihnen. »Ich bitte Sie«, sagte der Baron; »weiter!« – Jeder Bauer mußte angeben, wie viel Vieh er vor zwei Jahren gehabt, und wie viel er jetzt habe. Der Unterschied war auffallend. Alle gestanden ebenfalls, daß der Baron es ihnen Theils zu sehr mäßigen Preisen auf Kredit verkauft, Theils auch völlig geschenkt hätte. – »Sie selbst«, fuhr der Baron fort, »sind durch die Flur gekommen, und werden nun leicht begreifen, warum sich die hiesigen Felder vor den benachbarten auszeichnen. Das Dorf haben Sie gesehen, Herr Rath; ich wollte, Sie hätten es auch vor zwei Jahren gesehen. Die Häuser hab' ich Theils ganz 501 auf meine Kosten bauen lassen, Theils die Baumaterialien dazu geschenkt. Wenn einer – hier stehen sie Alle, sie mögen reden – wenn einer von ihnen ein Unglück hatte, Hagelschlag oder Überschwemmung, so habe ich den Schaden ersetzt. Wenn einer von ihnen krank lag, so habe ich den Arzt holen lassen, ihn und die Arzenei bezahlt. In jeder Noth konnten sie sich frei an mich wenden, und niemand kann sagen, daß er ohne Hülfe von mir gegangen ist.« Die Bauern schwiegen. »Einem Theile von ihnen«, hob der Baron nach einer Pause wieder an, »hab' ich die Dienste erlassen, die sie mir schuldig waren. Jetzt, Herr Rath, kennen Sie den Tyrannen, den Unterdrücker dieser Menschen. Das hab' ich ihnen gethan.« Nun wollte der Regierungsrath anheben. Der Baron aber fiel ein: »Nein, Herr Rath, seyn Sie ruhig. Dies ist nichts als ein Privatakt. – Jetzt mit euch ein Paar Worte, ihr Undankbaren! Ich habe euch Gutes erzeigt, das werdet ihr nicht läugnen. Zum Dank dafür verschreiet ihr mich als ein Ungeheuer. Aber ich will Frieden. Wollt ihr eure Klage zurücknehmen?« – Es entstand ein Gemurmel. – »Jetzt keine Antwort. Besinnt euch. Nachmittags sagt mir, was ihr thun wollt.« Die Bauern gingen, und auch der Baron entfernte sich, um keinen Verdacht zu erregen. Der Rath konnte sich von seinem Erstaunen nicht erholen. Er sagte zu dem Prediger, der zur Gesellschaft bei ihm blieb: das ist mir unbegreiflich; die Klage der Gemeinde ... Ist, unterbrach ihn der Prediger, einzeln genommen, so wahr, wie des Barons Vertheidigung. 502 Das ist nicht möglich, sagte der Rath: denn das sind Handlungen eines rasenden Tyrannen; und Ihr Baron ... Ist ein edler Mann, wollen Sie sagen, und Sie haben Recht. Eine einzige Grille von ihm, seltsame Zufälle, einzelne Handlungen, die rasend scheinen, ohne es zu seyn, unzusammenhängend, und sehr wohl zusammenhangen, haben die Klage veranlaßt, die, so seltsam sie auch klingt, dennoch wahr ist. Die Bauern haben Recht, und der Baron nicht weniger. Ich glaube übrigens, Herr Regierungsrath, auch Sie müssen auf Ihrer Hut seyn, daß die Grille des Barons Sie nicht mehr beleidigt, als eine bloße Grille es eigentlich sollte. Doch verzeihen Sie. Vielleicht nehmen die Bauern ihre Klage zurück; und dann ist jedes Wort, das ich gesagt habe, und das nicht zu des Barons Lobe ist, schon zu viel. Die Bauern nahmen, so sehr auch das Betragen des Barons sie in Bestürzung gesetzt hatte, ihre Klage nicht zurück, weil der Schwarzkopf seine Rachsucht allen Andern mitzutheilen wußte. Sie ließen Nachmittags dem Baron sagen: die Sache wäre einmal angefangen, und sollte den Weg Rechtens gehen. »Die Undankbaren!« rief der Baron mit Unwillen: »die Elenden! die Niederträchtigen! Wohl denn! von nun an will ich ihr Herr seyn! Sie stoßen die Würde, welche die Natur ihnen gegeben hat, von sich. Wohl denn! so sollen sie mir die Dienste leisten, wozu die Natur nur den Slaven verdammte. Ich habe ihnen einen Vergleich angeboten; das soll meine letzte Güte gegen sie seyn!« Aber da dachte er wieder an 503 den Rath mit dem schwarzen Haar. Er stützte nachdenkend den Kopf in die Hand. »Also bin ich gezwungen, noch einmal einem Menschen wehe zu thun, der in dem glücklichen Wahne ist, zu den besseren Menschen zu gehören?« Dieser Gedanke fiel sehr schwer auf das Herz des Barons. – »Nein!« rief er bald; »er bleibe in dem süßen Wahne!« – Es kostete ihm nicht viele Mühe, seine Begierde nach Rache an den Bauern zu unterdrücken. Er eilte zu ihnen. »Ihr sollt euren Willen haben«, sagte er ohne alle Hitze. »Laßt eure Töchter mit Kränzen trauen; ja, meinetwegen hängt ihnen das Laken des Brautbettes um, und führt sie so mit Trompeten im Dorfe umher; kleidet euch in Pelz, wenn ihr wollt: ich will es gern sehen. Zieht euren Töchtern zehn Röcke über einander an, mir soll es künftig gleichgültig seyn. Gebt euren Töchtern meinethalben Neger zu Männern. Aber nehmt eure Klage zurück; und ich erlasse dafür euch Allen, Schwarzen und Blonden, die Frohndienste.« Doch ohne alle Bedingung? fragte der Schwarzkopf. »Ohne alle Bedingung, wenn Ihr die Klage zurücknehmt.« Die Bauern thaten das, und der ganze Handel endigte sich mit einem »Vivat hoch!«, das sie dem Baron brachten, sobald sie das Instrument, welches ihnen die Freiheit sicherte, in Händen hatten. Noch an eben dem Tage gab der Baron ihnen einige Tonnen Bier zu trinken, wobei denn natürlicher Weise auch getanzt wurde. »Sehen Sie«, flisterte er dem Prediger zu; »sie sind doch nicht so undankbar, als Sie glauben. Ich kannte sie dennoch besser, als Sie.« 504 Beinahe hätte er ihnen noch mehr gegeben, als sie verlangten; denn sogar die Töchter der Schwarzköpfe waren heute beim Tanze so schlank und so hellfarbig gekleidet, wie die Blondinen. Reitzende Mädchen! sagte der junge Referendar zu dem Baron. Solche allerliebste schlanke Bauernmädchen hab' ich in meinem Leben nicht gesehen. – »Ich bin's«, sagte der Baron mit Stolz, »der sie so reitzend gemacht hat; und eben darum haben die Väter mich verklagt!« Am andern Morgen fuhren der Rath und sein Gehülfe wieder ab, bezaubert von dem Edelmuthe des Barons, und noch immer in Ungewißheit, wie eine solche Klage gegen ihn möglich gewesen sey. Der Baron war durch die anscheinende Dankbarkeit seiner Bauern völlig mit ihnen ausgesöhnt, und sann schon die Nacht hindurch wieder auf Mittel, sie zu völligen Celten zu machen. Die Bauern aber handelten gerade wie alle rohe Menschen. Sie fühlten, daß sie den Baron beleidigt hatten, und glaubten, ihn zu seiner letzten großen Wohlthat gezwungen zu haben; daher erwarteten sie jetzt von ihm alles mögliche Böse. Sie setzten sich gegen ihn gewissermaßen in Vertheidigungsstand, waren völlig entschlossen, ihm so viel Verdruß zu machen, als sie von ihm befürchteten, und fingen, nach Art aller rohen Menschen, unverzüglich mit der Ausführung an. Zu gleicher Zeit glaubten sie, das wahre Mittel gefunden zu haben, wie sie von dem Baron alles erlangen könnten, was sie wollten; und das, meinten sie, wäre Trotz, und die Drohung zu klagen. Nachdem einige Tage 505 ruhig verlaufen waren, hatte die Gemeinde eine Forderung an den Baron. Er war in der Stimmung, sie ihnen zu gewähren; allein sie machten die Forderung mit einem solchen Ungestüm, daß er beinahe nicht umhin konnte, sie ihnen abzuschlagen. Der Abgeordnete der Bauern drohete nun sogleich in sehr harten Ausdrücken dem Baron mit einer Klage. Dieser verlor die Geduld, warf den Bauer zum Zimmer hinaus, und ließ ihn einstecken. Jetzt war der Krieg öffentlich erklärt. Die Bauern klagten wirklich, und wurden abgewiesen. Nun schlug die Flamme der Rache hoch auf. Der bestrafte Abgeordnete, ein Blondkopf, trug schon an eben dem Tage, da er aus dem Gefängnisse gekommen war, einen Schafpelz und weite Beinkleider. Seine Töchter mußten, schwarz gekleidet, mit wenigstens sechs hoch hinauf gebundenen Röcken, dem Baron überall begegnen. Der Baron ließ sich seinen Verdruß darüber zu sehr merken; und jeder Bauer, dem er auch das Unmögliche abschlug, kroch nun sogleich mit seiner Familie in Schafpelze und dunkelfarbige Kleider. Wollte das nicht helfen, so drohete er mit einem schwarzköpfigen Schwiegersohne; ach! und der Baron mußte in der That sehen, daß zwei seiner schönsten Blondinen an Schwarzköpfe verheirathet wurden, ohne daß er es hindern konnte. Diese Unannehmlichkeiten verleideten ihm den Aufenthalt auf seinem Gute. Er war entschlossen, es zu verlassen; nur hatte er noch keine bestimmte Vorstellung, wohin er sollte. Emiliens reitzendes Bild, das bis jetzt unter dem Plane, seine Bauern zu veredeln, begraben gelegen hatte, 506 hob sich jetzt wieder mit hellen Farben in seiner Phantasie hervor. Aber wo wollte er Emilien finden? Der Oberst hatte die Frau von Koch wieder gesprochen, und sie zu einer Versöhnung mit dem Baron geneigt gefunden. Machen Sie ihr doch, sagte er zu Flaming, nur einen Besuch. Während Sie sich hier mit Ihren Bauern zanken, um eine Handvoll blondes Haar mehr in ihr Dorf zu schaffen, könnten Sie selbst schon ein Paar Jungen oder Mädchen von Emilien im Hause herumlaufen haben, die ja, wenn Ihr System nur halb richtig ist, um den Kopf so blond seyn müssen, wie Kanarienvögel. Wie gesagt, machen Sie der Koch einen Besuch. Die Frau ist so schlimm nicht, wie Sie glauben. »Nie mit der Koch ein Wort von Emilien, Herr Oberst! Ich habe sie beleidigt; und wollüstige Menschen, wie ich Ihnen sage, können nie vergeben, auch wenn sie schwören, auch selbst wenn sie wollen.« Aber, zum Teufel, Baron ... »Fluchen Sie, so viel Sie wollen. Das kann mich nicht dahin bringen, von meiner Überzeugung abzugehen. Emilie soll mein seyn, ohne die Frau von Koch.« Der Oberst schwieg, reiste aber bald wieder nach der Residenz des kleinen Fürsten, um für den Baron thätig zu seyn. Als er dahin kam, war die Frau von Koch kurze Zeit vorher auf einmal verschwunden. Der Fürst hatte ein schönes Mädchen sehr ausgezeichnet unterschieden. Frau von Koch versuchte erst alle Mittel, ihn von seiner Leidenschaft zurückzubringen; als sie das unmöglich fand, verkaufte sie 507 ihr Haus, ihre Möbeln, und reiste in aller Stille ab, ohne daß man errathen konnte, wohin. Man wollte wissen, daß ihre Entfernung dem Fürsten Thränen gekostet hätte. So viel behauptete man mit Gewißheit, daß er kein Geld gespart habe, den Weg, den sie genommen, und ihren Aufenthalt aufzuspüren. Ob es ihm gelungen sey, konnte man nicht sagen. Er war eine Zeitlang weg gewesen, man wußte nicht wo, und dann in sehr übler Laune zurückgekommen. Mit diesen Nachrichten reiste der Oberst wieder zu dem Baron, und theilte sie ihm ganz kalt mit. Die Einzige, – so endigte er – die Emiliens Aufenthalt wußte, ist nun verschwunden, und also ... Ich wasche meine Hände in Unschuld. Der Baron antwortete sehr ruhig: »Nun wohl! so suchen wir sie auf. Sie wird doch irgendwo auf der Erde zu finden seyn; und dann hab' ich der Frau von Koch, die ich nun einmal hasse, nichts zu verdanken. In einigen Tagen reis' ich ab; und wahrhaftig, lieber Oberst, ich werde nicht eher zurückkehren, als bis ich Emilien gefunden habe.« Sie verwickeln sich da in unendliche Schwierigkeiten. In dem weiten Deutschland ein Mädchen aufzusuchen! »Emilie verdient es. Seyn Sie ganz ruhig; ich werde sie finden.« Der Oberst begriff nicht, warum der Baron auf einmal mit solchem Enthusiasmus Emilien aufsuchen wollte. Allerdings war dem Baron die Idee interessant, seine Geliebte als den Preis seiner Reise zurückzubringen; aber zugleich hatte er auch noch einen andren Zweck: seine Theorie 508 durch die Praxis zu bestätigen. Der Prediger hatte ihm oft den Einwurf gemacht: Sie reden mit solcher Gewißheit von den Sitten der Celten und Slaven, als ob Sie Ihr ganzes Leben hindurch auf Reisen an Ort und Stelle Versuche mit Ihrer Theorie angestellt hätten; und doch haben Sie seit der Erfindung Ihres Systems noch nicht mehr als zwei oder drei Punkte von Ihrem Vaterlande gesehen. Wohl! dachte der Baron nun; so will ich denn Deutschland durchstreifen, überall die Slaven und die Celten belauern, und dann endlich den Unglauben völlig besiegen! Ja, ich will die Celten aufsuchen, wo sie noch echt und ungemischt sind: in den geistlichen Fürstenthümern. An ihrem Urbilde will ich mein Auge üben, bis ich selbst den kleinsten Zug der Celtischen Schönheit in dem Nebel der Slavischen Gestalt auffinden kann. – Aber noch mehr. Erst vor einigen Tagen war der Baron in einer benachbarten Stadt gewesen, und man hatte da in einer Gesellschaft über den Werth der alten und der neueren Gelehrten gesprochen. Wie ist es möglich, sagte ein sehr gelehrter Mann von großen Kenntnissen, daß die jetzigen Gelehrten den Alten gleich kommen können? Unsre Philosophie schwebt ewig in dem Gebiete des Himmels; die Alten hatten wirkliche Lebensphilosophie: und daher denn die Energie, die hohe Einfalt in ihren Schriften. Wie ist es dagegen bei uns? Der Gelehrte muß ein Amt annehmen, das ihn an sein Zimmer, an seinen Wohnort fesselt. Er lernt die Menschen, für die er arbeitet, nicht anders kennen, als aus Büchern. Wie dürftig sind daher bei uns die 509 Moralphilosophie und die Gesetzgebung, die beiden Wissenschaften, auf denen die Glückseligkeit des menschlichen Geschlechtes beruhet! Der Gelehrte hat selten Leidenschaften, und den Menschen in der Welt sieht er nie; er kennt also die Kraft des Hebels nicht, der den Menschen in Bewegung setzt: die Gewalt, das Wesen der Leidenschaften. Die Erziehung und die Moral überläßt er daher dem Zufalle, und die Gesetzgebung dem Finanz-Minister. Er selbst bringt sein Leben damit zu, neue Lesarten zu finden, eine verlorne Stelle in einem Schriftsteller zu ergänzen, oder Dinge zu erklären, die sich nicht erklären lassen. Der Griechische Philosoph lebte unter seinen Mitbürgern; kannte sie, ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche, ihre Leidenschaften; kannte die Verfassung seines Vaterlandes und der benachbarten Staaten. Er machte weite Reisen, untersuchte an Ort und Stelle, sah den Menschen in allen Verhältnissen; und dieser Mensch und dessen Herz war sein Studium. Wehe uns, wenn die alten Schriftsteller verloren gingen, oder wenn wir uns einbildeten, wir könnten ihrer entbehren! Mit ihnen ginge alle Moralphilosophie, alle Gesetzgebung verloren; denn was der Gelehrte von dem Menschen noch weiß, hat er nur aus den Alten. Wo ist denn der Reiche unter uns, der einen Theil seines Vermögens aufwendete, um sein Vaterland, und die Menschen, auf Reisen zu studieren? Man geht an die Höfe, besieht die Bildergalerien, besucht die Vorzimmer der Großen, und kommt zurück, ohne einen Menschen gesehen zu haben. Wo ist denn bei uns ein Montesquieu? 510 Das Herz schlug dem Baron ungestüm. Er drängte sich begierig an den Mann, der gesprochen hatte, schnitt ihn von der übrigen Gesellschaft ab, und bemerkte Niemanden als ihn allein. Bald zog er den Mann in ein tiefes Gespräch, und sagte ihm dabei mit innerer, heimlicher Freude: »ich bin schon lange entschlossen, eine solche Reise zu machen, wie die, von der Sie gesprochen haben.« Er bat sich den Rath des Gelehrten aus. Dieser freuete sich, daß ein Mann, von dessen Kenntnissen er schon viel gehört hatte, ihn um Rath fragte, und hielt dem Baron also eine Vorlesung über die Einrichtung einer solchen Reise. Der Baron schien aufmerksam zuzuhören; er dachte aber an nichts, als an das Erstaunen, worein der Gelehrte gerathen müßte, hier einen Montesquieu, einen Xenophon, vor sich zu sehen. »Gewiß«, sagte der Baron beim Abschiede zu ihm: »ich komme nicht eher wieder, als bis ich unter den Menschen die Gründe der Moral und der Gesetzgebung gefunden habe.« Am folgenden Morgen ging er zu dem Prediger, um dem seinen Plan zu einer philosophischen Reise mitzutheilen. Er fand ihn nicht, wohl aber dessen Schwester bei einem Buche, das sie mit Thränen benetzte. »Warum weinen Sie?« fragte er. – O, erwiederte Karoline: wenn ich reich und ein Mann wäre! – »Nun? dann würden Sie ...?« Das thun, sagte das Mädchen mit großer Rührung, was hier in diesem Buche ein sehr edler Mensch thut. Ein sehr reicher junger Mann, den Ehre und Liebe locken, verläßt alles, und macht eine Reise durch Frankreich, um die Orte des Elendes aufzusuchen, die Gefängnisse, die Hütten der 511 Armen, der Kranken, die Strohlager der Bettler, den Aufenthalt der Unterdrückten. Ach, Sie glauben nicht, Herr Baron, welche rührende Scenen das veranlaßt! Hören Sie nur! – Sie las ihm einige solche Scenen vor; und der Baron wurde gerührt. – O, Herr Baron, ist es nicht wahr, was er sagt? Sie las aus l'homme voyageur . »Jedes Fest, das ein Reicher feiert, ist die schreiendste Ungerechtigkeit, so lange noch in dem ganzen Umfange Frankreichs ein Mensch lebt, der ohne Brot sich auf sein Bund Stroh wirft; jeder Pallast ein Denkmahl der Grausamkeit, so lange noch eine Familie im Königreiche ohne Obdach, dem Sturm, dem Regen ausgesetzt, umher irrt; jeder Edelstein blitzt zu eurer Schande, so lange noch eine Mutter aus Verzweiflung schreiet, daß sie keine Lumpen hat, ihr Kind einzuhüllen. Tausend reisen: der, um die Gelehrsamkeit mit unnützen Schlüssen zu verwirren; jener, um die Verzeichnisse der Bildsäulen zu vermehren; dieser, um sagen zu können, er habe auf den Alpen gestanden; der, um die Verfassung seiner Nachbaren kennen zu lernen. Ach, wann wird denn einmal ein Mensch zu Menschen und um Menschen reisen! wann wird der Schmerz eines Elenden, der im Gefängnisse wehklagt, eines Armen, der um Brot schreiet für seine Kinder, wenn sie ihre um Hülfe jammernden Blicke auf ihn wenden – wann wird dieser Schmerz einmal einem Reisenden so interessant seyn, wie der todte Schmerz des Laokoon! Wann wird eine Mutter, die an der Leiche ihres Kindes sich das Haar ausrauft, weil sie es vor Hunger mußte sterben lassen, eure grausamen Blicke von der marmornen 512 Mutter, der Niobe, und ihren Kindern abziehn! Wer wird der erste Mensch seyn, der als Mensch reist!« »Ich«, rief der Baron; »ich will der erste seyn!« Der Baron mußte Karolinen die Hand darauf geben, daß er eine solche Reise machen wollte. Er that es von Herzen; nur bat er sie, die Absicht seiner Reise zu verschweigen. Sie versprach das; allein er mußte ihr dagegen versprechen, daß er ihr alle Scenen, die er sehen würde, ausführlich erzählen wollte. Nach einigen Tagen wurden die Anstalten zur Reise gemacht. Der Baron brachte alle seine Kapitalien, um seine Angelegenheiten leichter übersehen zu können, bei einem großen Handlungshause unter, und setzte sich dann, mit guten Wechseln, in den Wagen. In der einen Tasche des Wagens steckten Montesquieu, und Emiliens Brieftasche mit ihrem Portrait, die sie ihm von dem Gute der Frau von Koch geschickt hatte; in der andern l'homme voyageur , und das System von den Kennzeichen der Menschen-Racen. Der Baron hatte also die vierfachen Absichten seiner Reise immer bei der Hand. »Ja«, sagte er vor sich, »Emilie! deinetwegen verlasse ich meine Ruhe, um sie wieder mit dir zu theilen!« Nach einigen Augenblicken flisterte er: »so in Bücher und Kapitel, wie Montesquieu, theile ich meine Bemerkungen nicht ein; das macht den Styl trocken.« Nun sah er zum Wagen hinaus, ob sich nicht bald ein Unglücklicher finden würde, dem er helfen könnte; und dann zog er sein System hervor, schlug frohlockend auf die Hefte, und rief: »es soll mich doch wundern, wie die Domherren in Mainz 513 aussehen werden!« – So rollte der Wagen immer den Weg nach Berlin zu. Er kam in Berlin an, und wunderte sich selbst darüber, daß er nicht Eine Gelegenheit gehabt hatte, irgend etwas Anderes in sein Taschenbuch einzuzeichnen, als die Nahmen der Poststationen. »O, wahrhaftig«, dachte er, »wenn das so fortgeht, so weiß ich, und wenn ich auch Jahre lang reise, nichts zu sagen, als daß ich Jahre lang gereist bin. Da ist kein Dorf, in welchem nicht dem homme voyageur aus einer Hütte das Geschrei eines Elenden entgegenschallt. Entweder es muß im Preußischen anders seyn, als in Frankreich, oder ich bin unter einem Unglücksgestirne geboren.« Wirklich hatte der Baron, so oft bei einer Brücke oder sonst irgendwo ein Armer seine Hand bittend ausgestreckt, still halten lassen, den Armen angeredet, und ihn befragt, um eine interessante Begebenheit zu hören; aber alle diese Bettler wiederholten immer nur ihr: Gott wird's vergelten! Davon ließ sich nun nichts aufschreiben, oder erzählen. Kurz, der Baron war in Berlin, und hatte zu seinem Verdrusse keinen recht Unglücklichen gesehen, keiner Mutter seinen Mantel geben können, um ihr Kind darin einzuhüllen. Er stieg bei der Frau von Graßheim ab, und die Freude, einander wiederzusehen, war auf beiden Seiten sehr groß. Käthe erzählte von ihrer Kindheit, und ließ sich von Quinctius erzählen. Ach, sagte sie zuletzt mit einem sehr sehnsuchtsvollen Blicke: die Freuden der Kindheit, lieber 514 Vetter, sind doch das Einzige, warum es werth ist, gelebt zu haben! ... Haben Sie nie wieder etwas von Lissow gehört? fragte sie dann mit ungewisser Stimme. »Nicht das mindeste«, antwortete der Baron; und ein kleiner Seufzer stahl sich aus ihrem Busen hervor. Käthe war nicht unglücklich: sie hatte Überfluß, und ihr Mann liebte sie; allein er war an das Stadtleben gewöhnt, und sie an die Ergießungen eines immer vollen Herzens in ruhiger Einsamkeit. Sie hatte vielleicht seit Jahren nicht an Lissow gedacht; jetzt aber berührte der schöne Geist der Kindheit ihre Seele, und durch des Barons Gegenwart wurden alle die alten Eindrücke, alle die alten Gefühle, wieder lebendig. Käthe nahm den Baron immer allein, um ihn an dies oder jenes zu erinnern; und der Herr von Graßheim gab ihm zu Ehren eine Fete nach der andern, wobei sie lange Weile hatte, weil sie nicht von Lissow, von ihrer Schreibstunde u.s.w. erzählen konnte. Der Baron versicherte Käthen, daß es eine Hauptabsicht seiner Reise sey, Lissowen aufzusuchen; und er versprach ihr, nicht ohne ihn zurückzukommen. Einmal möchte ich ihn wohl noch sehen! sagte Frau von Graßheim. Ob er wohl verheirathet seyn mag? ... O, ich wünsche ihm eine Frau, die ihn liebt, und ... die er liebt, setzte sie seufzend hinzu. Der Baron wurde bald von den Spaziergängen und Spazierfahrten, die er mit Käthen machen mußte, bald von den Bällen und Gesellschaften, die Graßheim seinetwegen gab, so beschäftigt, daß er noch immer nicht Einen Elenden zu Gesichte bekam; und in Berlin hatte er sich doch eine 515 Menge der rührendsten Begebenheiten versprochen! – Er philosophirte auch nicht über die Einwohner der großen Stadt, und sogar sein Veredlungs-System vergaß er halb und halb. Als er sich nach Emilien erkundigte, hatte niemand auch nur ihren Familien-Nahmen gehört. Kurz, es wollte mit seiner Reise nicht gehen, so viele Zwecke er auch dabei hatte. Er wünschte sich von Berlin weg, und nur Käthens herzliche Bitten hielten ihn noch. Eines Tages machte er mit ihr und ihrem jüngsten Knaben wieder eine Spazierfahrt über Friedrichsfelde. Käthe ließ in diesem Dorfe halten, um dem Kleinen, der sie in ihren Gesprächen immer mit Fragen störte, Kirschen zu kaufen. Man stieg aus. Jedesmal, wenn ich ein Dorf mit einem Schlosse sehe, sagt Käthe, fällt mir Zaringen ein; und – nicht wahr, lieber Vetter, so ungefähr lag unser Schloß, wo wir in der Jugend so vergnügt waren? O lassen Sie uns einmal durch das Dorf gehen! Sie hängte sich an des Barons Arm, schlenderte die Gasse hinauf, und behauptete von jeder Gruppe Bäume, daß auch in Zaringen da oder dort eine ähnliche gestanden habe. Der Baron lächelte. – Auf einmal blieb Käthens Sohn stehen, zeigte auf ein Paar Kinder, die vor einem kleinen Hause spielten, und sagte sehr freudig: Mama, das sind Kinder, die beiden! Soll ich ihnen Kirschen abgeben? – Thu das! erwiederte seine Mutter. Der Knabe lief auf das Haus zu, blieb einige Schritte weit von den Kindern stehen, und hielt ihnen stumm den Hut hin. Da! rief er endlich, als sie ihn nur betrachteten und nicht näher kamen: Kirschen! 516 Sehen Sie den Alten, lieber Vetter! sagte Käthe, die mit dem Baron stehen blieb. – Der Mann saß mit gefaltenen Händen auf einem Rasen vor dem Hause unter einem Baume, und hatte den Blick an den Boden geheftet. In dieser Stellung war etwas sehr Rührendes. Der Baron machte sich von Käthen los, weil ihm auf einmal sein l'homme voyageur einfiel, und trat dem alten Manne näher, der nun aufblickte, und seine Mütze von einem schneeweißen Haare nahm. Er war reinlich, aber sehr ärmlich gekleidet; die Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, schön wie Amor und Psyche, eben so, und in Trauer. Der Baron fragte den Alten etwas Gleichgültiges, um nur ein Gespräch mit ihm anzufangen. Käthe setzte sich nieder, nahm die beiden Kinder vor sich, liebkos'te ihnen, drückte sie an sich, und rief einmal über das andere: welch ein Paar Engel! Der Alte schien mit einer gewissen Ängstlichkeit zu reden, und das Gespräch gern abbrechen zu wollen; Flaming aber war, nach seinem gewöhnlichen Ungestüm, gar nicht Willens, das geschehen zu lassen. Er setzte sich vertraulich zu dem Alten auf den Rasen. »Lieber Vater, Ihr scheint unglücklich. Ich bin ein Mensch. Faßt Vertrauen zu mir! Kann ich Euch helfen?« – Der Alte schüttelte traurig den Kopf. Der Baron wurde noch eifriger. »Ich bin reich, sehr reich!« – Armuth? sagte der Alte, und lächelte mit einem unbeschreiblich rührenden Ausdruck im Gesichte. O, ich wollte mit diesen beiden Kindern von einem Hause zum andern 517 gehen; mein graues Haar und ihre Unschuld würden Tausende rühren. Armuth ist kein Unglück. »Nun? was denn sonst?« fragte der Baron sehr innig gerührt, und faßte des Alten Hand. Käthe näherte sich jetzt. »Was ist denn sonst Unglück?« fragte der Baron zum zweiten Male. Verzweiflung an der Menschheit, sagte der Alte mit bebender Stimme, und mit Thränen in den Augen. » Hier ist ein Mensch!« rief der Baron, und zeigte auf sich. Der Alte sah durch seine Thränen den Baron lächelnd an. Ich danke Ihnen, mein Herr; aber ich muß Sie bitten, uns zu verlassen. Wir sind so unglücklich (seine Stimme wurde schluchzend), daß ... daß ... Die Hoffnung, die Sie uns geben könnten, wäre nur ein Dolch mehr, der durch unser Herz führe. Ich bitte Sie, uns zu verlassen. Geht hinein, Kinder; geht, und sucht den Vater. – Die Kleinen gingen, und der Alte stand auf. Ist den Kindern etwa die Mutter gestorben? fragte Käthe gerührt; sie sind in Trauer. Der Alte winkte, und antwortete leise: ja! Nun wissen Sie unser Unglück; und nun bitte ich Sie ... Das ist zwar sehr traurig, sagte Käthe beruhigend; aber die Zeit wird ... Sterben ist kein Unglück, erwiederte der Alte; man begräbt ja seinen geliebten Todten neben seinem eigenen Grabe. Aber dieser Tod ... Nun denn? fragte Käthe: was ist denn das Traurige an diesem Tode? Laßt es uns doch wissen, lieber Vater. 518 »Darf ich nicht einen Augenblick eintreten?« fragte der Baron. »Wenn Geld nicht helfen kann, so hab' ich Mitleiden, Thränen.« Er näherte sich der Thür. Der Alte faßte seine Hand, und hielt ihn auf. Ich bitte Sie, thun Sie es nicht. Der Unglückliche, den Sie sehen wollen, haßt die Menschen. Ihr Anblick würde ihn zu sehr erschüttern; ja, ich kann Ihnen nicht dafür stehen, ob er Sie nicht beleidigte. »Ich gehe, ihm ein Herz anzubieten; mich wird er gewiß aufnehmen.« Er bot Käthen, deren Brust von Mitleiden gepreßt war, seinen Arm, und ging mit ihr durch das Haus in den offenen Garten. Als sie hinein traten, sahen sie hinten in einem kleinen, finstern Gebüsch einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Rasenhügel saß, und die Stirn in seine Hand niedergebeugt hatte. Sie gingen langsam den Gang zu ihm hinunter, und der Alte folgte ihnen, mit dem kleinen Mädchen an der Hand. Der schwarz gekleidete Mann hörte endlich jemanden kommen. Er hob sein bleiches Gesicht, stand dann auf, und machte eine Wendung in einen andern Gang. Der Baron eilte zu ihm, und faßte seine Hand. Käthe blieb einige Schritte weit von ihm stehen. Der Mann riß die Hand los, und fragte mit einem finstern Blick auf den Baron: was wollen Sie von mir? »Gott im Himmel!« rief der Baron: »Lissow! Lissow!« Käthe hörte den Baron diesen Nahmen ausrufen, warf einen Blick auf den Unglücklichen, erkannte ihn, hob die Arme, ließ sie sinken, und stammelte leise: Lissow! Lissow! Sie konnte vor Schrecken kaum stehen. Auf einmal brachen 519 Thränen aus ihren Augen, und das Geschrei: »Lissow! Lissow!« aus ihren Lippen. In einer Sekunde lag sie an seiner Brust. Der unglückliche Lissow stand betäubt in des Barons und Käthens Armen. Befremdet betrachtete er jetzt den Baron, noch befremdeter die Dame, die an seinem Halse hing und ihn mit Thränen benetzte. Er schien wie aus einem tiefen Traume zu erwachen. Käthe?! sagte er endlich sanft, halb fragend, halb versichernd. Das war sein alter Ton. Käthe umfaßte ihn nun inniger, und sagte noch einmal sehr zärtlich: Lissow! Jetzt legte er seine Arme um sie, drückte sie an sich, und seufzte schwer. O Lissow, sagte Käthe endlich, und machte sich sanft aus seinen Armen los: Sie sind unglücklich? Sogleich wurden seine Blicke, die sich ein wenig erheitert hatten, wieder finster, und hefteten sich an den Boden. Jetzt betrachtete Käthe ihn genauer. Er trug einen schwarzen Rock, und sein blasses Gesicht schien durch diese Farbe seiner Kleidung noch bleicher. Sein langes Haar lag ungebunden und verwirrt auf dem Rücken. In den Augen brannte ein unstetes Feuer; die Züge um Nase und Mund schienen wie von Thränen eingegraben. Die erste Empfindung des Wiedersehens hörte bei Käthen auf, und machte dem zärtlichsten Mitleiden Platz. »Lissow!« sagte sie gerührt; er hörte nicht, »O Lissow!« wiederholte sie mit einem zerschmetternden Tone; sein Haupt sank noch tiefer. Sie ergriff seine Hand. »O, um Gottes willen, Lissow! hören Sie mich! Käthe redet ja mit Ihnen.« Er stand schweigend, mit starren Blicken, da. Jetzt 520 brachte der Alte das kleine Mädchen, legte es in Käthens Arme, und flisterte ihr zu: das Kind heißt Jakobine! – Sie drückte das Kind innig an ihre Brust. »O Lissow!« sagte sie; »sehen Sie her! Ihre Tochter auf Käthens Arme, an Käthens Herzen! Lissow, ich bin Jakobinens Mutter!« Jakobine! rief er schmerzlich, und blickte wild gen Himmel. »Jakobine!« sagte Käthe nach. »Hier, Lissow, hier ist Ihre Jakobine!« Er warf einen Blick auf seine Tochter, sah sie in Käthens Armen, schien ruhiger zu werden, trat näher hinzu, streichelte dem Kinde die Wangen, küßte es, und benetzte es mit Thränen, die gewaltsam aus seinen Augen hervorbrachen. Die Kleine umfaßte ihn mit den Händchen, und stammelte: Lieber Vater! ich habe wieder eine Mutter! – Sanft nahm er das Kind in seine Arme, legte es an sein Herz, und führte dann Käthen nur mit Winken zu dem Rasenhügel. Der Baron trocknete sich die Augen. Käthe setzte sich, beinahe schluchzend, neben Lissow auf den Rasen, nahm das Kind auf ihren Schooß, drückte es mit der einen Hand an ihre Brust, warf die andere um Lissows Schultern, und zog ihn so zu dem Kinde. Hier! rief er jetzt, und zeigte auf den Rasen. »Was ist da?« fragte Käthe. – Da ist meine Mutter begraben, sagte das Kind. Käthe wurde von einem seltsamen Schrecken ergriffen, und sprang auf. – O meiner Jakobine Grab! rief Lissow jammernd, und verbarg sein Gesicht. Das Kind suchte mit seinen Händchen ihn aufzurichten, und sagte lächelnd: ich bin ja deine Jakobine! Er sah es lange starr an, und seine Blicke wurden freundlicher. 521 Dann nahm er das Kind auf seine Arme, drückte es an sich, benetzte es mit Thränen, und ging schnell in einen anderen Theil des Gartens. Gott segne Sie! sagte der Alte, und beugte sich auf Käthens Hand; Sie haben sein Herz zerschmettert. Gott Lob! er hat noch nicht alles Gefühl verloren. Aber jetzt, ich bitte Sie, verlassen Sie ihn; er möchte sonst unter der Last seiner schrecklichen Empfindung erliegen. »Was ist ihm denn begegnet?« fragte Käthe weinend. – Morgen! sagte der Alte. Sie sollen alles erfahren. Doch jetzt verlassen Sie uns! Er nahm Lissow's Knaben, und ging mit ihm dem Vater nach. Der Baron führte Käthen zu ihrem Wagen, und sagte: ich bleibe hier. Käthe erwiederte: thun Sie das; verlassen Sie ihn nicht. Sie stieg, mit dem Tuche vor ihren Augen, ein, und versank bald in seltsame Träumereien, bei denen sie nichts deutlich dachte: »Ach«, sagte sie dann auf einmal, »so würde er auch mich geliebt haben!« Sie beneidete das Weib, auf dessen Grabhügel sie gesessen hatte. Der Baron kehrte wieder in das Haus und in den Garten zurück. »Ich gehe nicht von hier weg«, sagte er zu dem Alten, der ihm am Eingange begegnete. »Auch die Nacht will ich bleiben.« – Lassen Sie, erwiederte jener, den Unglücklichen sich wenigstens wieder erholen. Jetzt muß er allein seyn. – Der Baron setzte sich auf die Rasenbank vor dem Hause, und zog seine Schreibtafel hervor, um diese Begebenheit aufzuzeichnen; allein das konnte er nicht: die Gefühle seines Herzens waren stärker, als seine Eitelkeit. 522 Ungefähr nach einer Stunde kam Lissow mit seinen beiden Kindern aus dem Garten, und ging in das Zimmer. Auch Flaming trat, auf einen Wink des Alten, hinein. Lissow sah ihn an. Wo ist Käthe? fragte er, sich besinnend; und ohne die Antwort abzuwarten, fuhr er fort: habt ihr euch des Unglücklichen einmal erinnert? Mit diesen Worten reichte er dem Baron die Hand. »Lieber Lissow«, sagte der Baron, »ich könnte fragen: erinnerst du dich unser noch? Doch vergiß alles, und laß uns einmal wieder in die Zeiten unsrer Kindheit zurückkehren. Beyer lebt noch, und liebt dich wie ehemals.« Und ist glücklich? fragte Lissow lebhaft. »Sehr glücklich.« – Lissow lächelte. Und deine Mutter, lieber Flaming? – »In einigen Tagen sollst du sie sprechen; sie kommt nach Berlin, und wird sich freuen, dich wieder zu sehen.« – Weinte nicht Käthe? fragte Lissow auf einmal, als ob er sich besönne. – Ja, sie weinte, mein Sohn, sagte der Alte. Dein unvermutheter Anblick traf ihr Herz. – Sie ist doch glücklich? – »Wie eine Frau es seyn kann. Sie liebt ihren Gatten, hat vier gesunde Kinder, und ...« – Wie ist es? fragte Lissow; hab' ich nicht einen Knaben bei ihr gesehen? – »Das war ihr jüngster Sohn.« Lissow lächelte, und die finstre Falte des nagenden Grames verlor sich von seiner Stirn. Wenn er ja wieder in Träume versank und nicht mehr hörte, so gab der Alte der kleinen Jakobine einen Wink. Sie trat dann zu ihrem Vater, faßte seine Hände, und sagte: Vater, ich bin ja deine Jakobine. So wie Lissow diesen Namen hörte, blickte er auf, 523 faßte die Kleine in seine Arme, küßte sie, und nahm dann einige Zeit wieder Theil an dem Gespräche. Ach, lieber Flaming, sagte Lissow endlich; wenn du wüßtest, was ich leide! – Sein Ton bei diesen Worten war sanft und klagend. »Sey ein Mann!« sagte der Baron. »Du hast eine schmerzende Wunde; aber die Freundschaft wird sie heilen.« Bei dem Worte Freundschaft verdunkelte sich Lissows Gesicht auf einmal wieder, und sein Auge flammte wild. Er sprang auf, und verließ das Zimmer. Vermeiden Sie, sagte der Alte, die Wörter Freundschaft und Freund ; sie erschüttern seine Gefühle allzu stark. Der Alte – es war Jakobinens Vater – erzählte nun dem Baron Lissows Geschichte in wenigen Worten. Nachher suchte man den Unglücklichen im Garten auf; aber die kleine Jakobine sagte: der Vater hat mir gute Nacht gewünscht; er ist schon zu Bett. Noch lange blieb der Baron mit dem Alten sitzen. Er erbot sich zu allem, was geschehen könnte, um Lissowen zu helfen. Der Alte faßte seine Hand, und sagte: Sie hat der Himmel zu uns geführt; er wollte ein solches Herz nicht ohne Tröstung bleiben lassen. – Mit Zittern nehme ich die Feder, um Lissow's Schicksal zu erzählen. Der Leser wird sich noch erinnern, daß er an dem Tage, da Käthe Frau von Graßheim wurde, Zaringen wieder verließ, und nach Berlin zurück ging. Jakobine war in seiner Abwesenheit ruhiger geworden. Sie saß so eben bei Rechnungen, als Lissow wiederkam. Auf einmal horchte 524 sie, legte die Feder nieder, wechselte die Farbe, und wendete ihr Gesicht gegen die Thür hin. »Was ist dir, Jakobine?« fragte ihr Vater. Sie hatte recht gehört; es war Lissows Fußtritt auf der Treppe. Er öffnete die Thür, und Jakobine flog ihm fröhlich entgegen. Sein heiteres Gesicht, und die Wärme, mit der er Jakobinen an sein Herz drückte, sagten mehr, als Worte hätten sagen können. Der Vater bewillkommte den Jüngling, und ging dann einen Augenblick hinaus. Seine Frau fand ihn mit entblößtem Haupte, mit gen Himmel gerichteten Augen am Fenster stehen. Jakobine war vor Freude außer sich; sie konnte ihren Geliebten nicht aus den zitternden Armen lassen. Beinahe, rief sie, und hielt ihn fest umschlossen: beinahe hätt' ich Sie verloren! Ach, und was wäre dann aus mir geworden! Aber nun! nun habe ich Sie ja wieder! O, sehen Sie, lieber Vater; er ist da! Er ist da, liebe Mutter!« Man konnte wirklich nicht bestimmen, ob sie weinte oder lachte. Blickte man ihr in das Gesicht, so sah man Thränen über ihre Wangen rollen, und ihre Lippen bei jedem Worte vor Weinen beben; hörte man sie aber, so waren es Töne einer Jauchzenden, mit dem Accente des Triumphes. Lissow befand sich in einem eben so leidenschaftlichen Zustande. Beide hörten nicht auf einander zu betrachten, als ob sie sich ein Jahrhundert nicht gesehen hätten. Endlich erzählte Lissow, und Jakobine wurde jedesmal bleich, wenn sie an den Fall dachte, daß er bei Käthen in Zaringen geblieben wäre. Der Alte sah ein, daß jetzt, da die beiden jungen Leute mit 525 ihren Gefühlen bekannt geworden waren, ihr Umgang für sie gefährlich werden könnte. Er sprach mit Lissow; und dieser drang nun in seinen Gönner, seine Versprechungen zu erfüllen. Der Kammerrath trug nach einigen Monaten Lissowen, den er gern in seiner Nähe behalten wollte, eine kleine Stelle an, bei der er in Friedrichsfelde wohnen mußte. Der alte Grumbach sagte: »zweihundert Thaler sind zwar wenig; aber Unschuld und Liebe brauchen auch nicht viel: und dieses immer sichre, baare Kapital habt ihr von der Natur zur Ausstattung bekommen.« Jakobine und Lissow hatten nun alles erreicht, was ihr Herz sich wünschte. O ihr heiligen, seligen Stunden, wer kann euer Glück aussprechen! ihr Stunden von dem Augenblicke an, da der Vater mit segnenden Blicken, mit betender Seele, vor die Liebenden trat, und mit gebrochener Stimme zu Lissow sagte: »nimm sie, und liebe sie, wie ich sie liebe!« bis zu dem Augenblicke, da Jakobine mit ihrem Geliebten vor dem Prediger stand, die letzte, ganze Kraft ihrer Seele in ein »Ja!« zusammen drängte, und dann bleich, matt und bebend sich auf den Geliebten stützte! O ihr goldenen Träume süßer Stunden, warum ließ das Schicksal euch nur Träume bleiben! Da saßen die Liebenden, gleich den Eltern des Menschengeschlechtes, in der weiten Schöpfung allein, mit sich zufrieden. Sie sprachen von ihrer Liebe, und von ihrem Glücke. Ihrer Herzen, ihrer Liebe waren sie sicher; und nun glaubten sie, auch ihres Glückes, ihrer Freuden, sicher zu seyn. Ach, warum erlaubte der Himmel dem Unschuldigen nur ewige unwandelbare Liebe, und machte das Glück 526 so veränderlich! Warum ist das Herz so stark, und das Glück des Menschen so schwach! Wer kann glücklich zu seyn hoffen, wenn Unschuld und Verborgenheit keine Schutzwehr gegen das Elend sind! Lissows und Jakobinens Herzen fühlten eine Liebe, welche ihre Phantasie sich auch in den schönsten Träumen nicht gemahlt hatte; jeder Augenblick knüpfte ein neues festes Band um ihre Seelen, und hob eine neue Blüthe ihres Glückes hervor. Jakobine wurde die Gattin ihres Geliebten. Mehr sein , als vorher, glaubte sie nicht werden zu können: und doch war sie mehr sein , als sie ihm zur Seite beim Erwachen die schönen Augen öffnete, sich halb aufrichtete, und die Arme über ihn ausbreitete; als sie sich mit pochender Brust über ihn beugte, leise mit dem Schlafenden redete, ihm die Haarlocken, den säuselnden Athem küßte, nicht die rothen Lippen, um ihn nicht zu erwecken; als sie endlich, hingerissen von dem Gefühle, ganz die Seinige zu seyn, ihn mit Küssen und Freudenthränen erweckte, und nun sogleich der holde Nahme: mein Weib, meine Jakobine! freudig von seinen Lippen zitterte. Glücklicher, als jetzt, glaubte sie nicht werden zu können; und doch wurde sie es, als sie an Lissows Hand in das Haus, in das Zimmer trat, das sie mit ihm bewohnen, in den verwilderten Garten, den nun ihre und Lissows Hände bearbeiten sollten. Mit zitternder Hand brach sie zwei blühende Zweige von einem Baume, kränzte mit dem einen Lissow, mit dem andern sich selbst, umfaßte ihn dann, und nahm so gleichsam feierlich Besitz von dem Garten, den die Liebe zu einem Garten 527 Gottes machte. Sie wollte sprechen, und konnte nicht. Noch immer schweigend, umfaßte sie den Geliebten, lächelte ihm zu, und seufzte; ihre Brust schlug hoch, ihr Glück war ihr zu groß. Sie führte ihn in ein Gebüsch, warf sich auf ein Knie nieder, und hob die Hände gefalten zu ihm auf, ohne zu wissen, ob sie vor ihm oder vor dem Himmel knieete. Jeder Tag war Beiden ein Fest der heiligsten Liebe, das die rührendste Unschuld, die ganz sich hingebende Vertraulichkeit, und der immer neue Reitz schamhafter Keuschheit verschönerten. Jedes kleine, unbedeutende häusliche Geschäft erhielt durch sie ein rührendes Interesse; jeder schwere Augenblick floh durch sie mit leichten Flügeln vorüber; jedes Mittagsessen wurde durch sie zu einem Gastmahle. – Wehe dem Menschen, der das Leben verläßt, ohne in dem Zauberkreise der Liebe empfunden zu haben, welch ein Schatz es ist! Wenn der frühe Morgen die Glücklichen zu dem Genusse des heiteren Tages erweckte, und Jakobine nach einigen Augenblicken den dampfenden Thee in die Laube trug; wenn Lissow dann, Hand in Hand mit ihr, auf und ab ging, bis seine Geschäfte ihn riefen; wenn sie ihm mit ihrer Arbeit zur Seite saß, und ihre hellen, freundlichen, zärtlichen Blicke, so oft er aufsah, wie belebende Sonnenstrahlen, auf ihn fielen; wenn sie ab und zu ging, den Tisch deckte, das einzige Gericht auftrug, und Lachen, Scherz, Vertraulichkeit, Liebe den Tisch umflogen: dann sprang Lissow oft auf, drückte Jakobinen an sein Herz, und rief: ist es möglich? sind wir noch Menschen? sind wir auf der Erde? 528 Am Abend saßen sie vor der Thür unter ihren Bäumen, und sprachen oder sangen. Der Alte schlich leise weg, wenn Jakobine sich auf Lissows Knie setzte, ihre Wange an seine Brust lehnte, und süße Worte mit ihm flisterte. Sie selbst lächelten, wenn sie sich wieder besannen; denn es war Mitternacht. – Heilige Freuden der Unschuld und Liebe! Du kannst nur immer an ein Bettchen denken, sagte die Mutter einmal zu Jakobinen. Die liebenden Eheleute sprangen bei diesen Worten auf, und standen, in sprachlosem Entzücken, eins in des andern Armen. Jetzt war Jakobine ihrem Manne heilig. Ihre Freude, von der sie geglaubt hatten, daß sie auf dem höchsten Gipfel wäre, nahm einen anderen Charakter an, und wurde noch einmal so entzückend. Jetzt faßte Lissow die Hand der Gattin mit einer so zarten Ehrerbietung, und seine Liebkosungen waren so innig, so unbeschreiblich rührend, daß Jakobine sich oft aus seinen Armen reißen mußte, weil sie verzweifelte, ihm seine Liebe vergelten zu können. »Mutter!« lispelte er ihr zuweilen in der süßesten Vertraulichkeit zu; und dann schloß er sie sanft in seine Arme, und küßte ihre Hand mit dem innigsten Ausdrucke der Dankbarkeit, der Freude. Er hatte sie Braut und Gattin genannt. Sie glaubte, daß nun kein Nahme mehr da sey, der ihrem Herzen größere Freude geben könne; aber er nannte sie: Mutter ; und der ganze Himmel floß in ihre Seele über. Jakobine gab ihrem Gatten einen Sohn. – Wer kann die Wonne der Seligen beschreiben! Lissows Hütte war ein Tempel der Ruhe, der Freude, der Tugend, der schönsten 529 Menschlichkeit, und jedes mütterliche Geschäft ein Fest für die glücklichen Eltern. Die Mutter legte den Knaben an ihren keuschen Busen, und ihre lächelnden Blicke hingen segnend auf ihm, Lissow stand in der Ferne, verloren in den Anblick, mit frohen, dankenden Augen. Dann trat er langsam näher, setzte sich zu Jakobinen, bald auf die Lehne des Stuhls, bald zu ihren Füßen, und drückte sanfte Küsse auf ihre Locken oder auf ihr Kleid. Jakobine drückte ihm indessen die Hand; aber ihr Auge hing unverwendet an ihrem Sohne. Die Mutterwürde gab ihr einen neuen Charakter: ihr Wesen erhielt etwas Erhabenes; ihre Fröhlichkeit verwandelte sich in eine heilige Ruhe; ihr Blick glich dem Blick einer jungfräulichen, keuschen Vestalin. So war Lissow noch nicht geliebt, wie jetzt, da sie sich zwischen ihn und seinen Sohn theilte. Sie gebar ihm eine Tochter. Lissow nannte sie Jakobine; er liebte Mutter und Tochter mit doppelter Liebe, und auch er schien nun sein Herz zu theilen. Sein Glück war so groß, daß nichts in der Welt seine Ruhe stören konnte, als nur der Gedanke an seinen oder Jakobinens Tod. Er schien sein Schicksal zu ahnen und zitterte davor. Wohl hundertmal sang er mit bewegter Stimme ein Liedchen, das er gemacht hatte, als er das erste Mal seinen Sohn an Jakobinens nährendem Busen liegen sah. So oft er es sang, wurde sein Auge naß; und Jakobine hörte es doch so gern. Mit diesem Liede, mit dem ersten Tone davon, hätte er sie können aus dem Todesschlummer erwecken. Es hieß so: 530 Siehst du die Thräne wohl, die mit Entzücken Mein volles Herz in diese Augen gießt? Der Mutter wein' ich sie, die, Segen in den Blicken, Ihr Kind so sanft an ihren Busen schließt? – Geliebtes Weib! Der Himmel gab uns Beiden Am Grabe schon der Engel Seligkeit; Warum verlieh er uns zu diesen Engelfreuden – Warum nicht auch, ach, die Unsterblichkeit! Um diese Zeit machte Lissow die Bekanntschaft, welche sein ganzes Glück zerschmettern sollte. Er ging an einem kalten Wintertage nach Berlin, um Rechnungen, die er ausgezogen hatte, dahin zu bringen. In einer engen Gasse sah er ein Schauspiel, das ihn aufhielt. Ein Mann stürzte aus einem kleinen Häuschen, und hinter ihm her ein ärmlich gekleidetes junges Weib, das ein Kind auf dem Arme trug, und dem ein anderes Kind laufend folgte. »O, um Gottes willen !« rief das Weib, und ergriff den Mann am Arme; »wohin willst du? Bedenke mich, bedenke deine Kinder!« Der Mann, in dessen Gesicht entschlossene Verzweiflung lag, antwortete: euch bedenk' ich; darum laß mich gehen! ... Wollt ihr da im Schnee umkommen? setzte er in einem bittern Tone hinzu. Ich muß! – Er riß sich los, und eilte die Gasse hinauf. Lissow, der noch in einiger Entfernung war, wollte so eben das Weib befragen; da hielt ihn ein junger Mann an, und erkundigte sich, was es hier gäbe. »Unglück! Elend!« antwortete Lissow; »ich will sehen, ob ich helfen kann.« Er eilte zu dem Weibe; und der junge Mann blieb stehen, die Scene abzuwarten. 531 Lissow redete die Frau, die mit immer ängstlichem Blicken die Gasse hinauf ihrem Manne nachsah, freundlich an, und erfuhr endlich, was er wissen wollte. Des Mannes Krankheit hatte die Familie in die größte Noth gebracht. Ihr Wirth fürchtete, um seine Hausmiethe zu kommen, die sie seit einem Jahr schuldig war, klagte, ließ sie auspfänden, und wollte sie zum Hause hinaus werfen. Lissow fragte die Frau, wie viel Geld sie fürs erste gebrauche, um die Auspfändung zu hindern. »Ach!« antwortete sie; »es ist viel, sehr viel! Zwanzig Thaler! wer wird mir die geben!« Lissow zog seine Börse hervor, und schüttete, was darin war, der Frau in die Hand. Es mochten ungefähr drei Thaler seyn. Das ist alles, was ich habe, sagte er betrübt. Doch, hob er auf einmal freudig wieder an: warte Sie hier nur eine halbe Stunde auf mich. Ich werde Ihr das Übrige schaffen können. – Er wollte zu dem Kammerrathe gehen, um von dem die zwanzig Thaler zu borgen. Aber jetzt hielt ihn der junge Mann aufs neue an, und fragte: wohin wollen Sie? – O lassen Sie mich, sagte Lissow; oder leihen Sie mir zwanzig Thaler für die Frau dort. – Der junge Mann lächelte. Warum nicht? Er zog seine Börse, gab Lissowen vier Louisd'or, und sagte: geben Sie das der Frau, und dann kommen Sie zu mir. Ich gehe in das Kaffeehaus hier um die Ecke. – Man kann leicht denken, welche Wirkung eine so unverhoffte Hülfe auf die Frau machte. Lissow entzog sich ihrem Danke, so geschwind er nur konnte. Vor dem Kaffeehause wurde er von dem jungen Manne, der ihm das Geld geliehen hatte, gerufen, und ging hinein. 532 Der Freiherr von Rheinfelden – so hieß der junge Mann – hatte aus einer Grille seines Vaters, der durch eine Erbschaft von einem alten Malteser-Ritter, seinem Oheim, reich geworden war, ebenfalls Malteser-Ritter werden müssen, und lebte jetzt in Berlin, weil er sich da besser fühlte, als in seinem südlichen Vaterlande. Dieser junge Mann war, bei vielem Geist und vielem Edelmuth, ein wenig wild und ungebunden. »Dafür«, sagte er scherzend, »bin ich ein Malteser-Ritter, verdammt, ewig allein zu leben, ein Zwitterthier, eine Pflanze ohne Blüthe, ohne Frucht, bestimmt unbeweint zu verdorren. Ich habe mein Kreuz auf mich geladen, und muß ein wenig tollen, um es mir zu erleichtern. Was geht es Euch an? Habe ich doch Niemanden in der Welt, vor dem ich mich zu schämen, dem ich Rechenschaft zu geben hätte! Ihr werdet Männer, Ehegatten, Väter, Großväter; und es ist gut, daß ihr auch weise werdet. Ich aber bleibe ewig ein Jüngling, und Jugend hat keine Tugend.« Er blieb, von dem Anblicke der Frau gerührt, bei Lissow stehen, und redete sie nur darum nicht an, weil sich Leute sammelten. Indeß hörte er Lissows Gespräch mit ihr, hielt ihn dann auf, um ihm das Geld zu geben, und bestellte ihn in das Kaffeehaus, um durch ihn der Familie, deren Schicksal ihn gerührt hatte – oder, wenn wir recht aufrichtig seyn wollen, der artigen Frau, die ihm gefiel – wieder aufzuhelfen. Er trank eine Tasse Chokolate, trat an ein Fenster, und sagte lächelnd: wie alles so seltsam vertheilt ist! Dem armen Teufel standen Thränen des 533 Mitleidens in den Augen; er wollte gern helfen und konnte nicht. Ja, der Himmel vertheilt den Reichthum, wie die Ordenskreuze! Lissow kam. »Hören Sie«, sagte der Ritter freundlich, »was für Sicherheit geben Sie mir denn für meine vier Louisd'or? Ihr gutherziges, ehrliches Gesicht? ... Nun, trinken Sie nur eine Tasse Chokolate! Wie steht es denn eigentlich mit der Familie?« – Wollen Sie hier eine halbe Stunde verziehen, antwortete Lissow, so will ich Ihnen das Geld wiederbringen; ich hoffe, es geliehen zu bekommen. Eine halbe Stunde freilich muß Ihnen mein Gesicht zur Bürgschaft dienen. Ich heiße Lissow, und bin Inspektor bei *** in Friedrichsfelde. »Wahrscheinlich noch unverheirathet? Denn sonst würde das Weibchen zu Hause eine Gardinenpredigt halten!« Ich habe eine Frau und zwei Kinder, sagte Lissow mit einem heitern Gesichte. Aber eben das; der Gedanke an sie – O, mein Herr, es ist das Schrecklichste in der Natur, wenn ein Mann seine Frau und seine Kinder unglücklich werden sieht; ohne Hülfe zu finden. Ich selbst bin arm; und so könnte ... »Arm? und Sie borgen zwanzig Thaler, um Andern zu helfen? Wenn das auch edelmüthig seyn mag, so ist es doch unüberlegt, Herr Lissow.« Wohl wahr; aber wenn wir immer rechnen wollten ... Und überdies, glaube ich, rechnen in einem solchen Falle ist schon unmenschlich und grausam. Rechnet denn der Himmel mit uns? 534 »Nun, Sie sagen ja selbst, daß er mit Ihnen sehr karg gerechnet hat; und so ...« Karg? mit mir? fiel Lissow ein, und seine Augen leuchteten vor Freude. Nein, mein Herr: Sie reden mit dem glücklichsten Manne, den je die Erde getragen hat. Glücklicher, als ich bin, kann ich nie werden. »Wahrhaftig, das muß man Ihren Augen ja wohl glauben, wenn man auch zweifeln wollte. Nun, mit den vier Louisd'or hat es keine Eil. Sie können mir sie nach Ihrer Bequemlichkeit wieder geben. Erkundigen Sie sich doch einmal nach den Umständen der Familie, wie ihr zu helfen wäre. Morgen um diese Zeit bin ich wieder hier. Wenn es nöthig ist, so will ich mein Scherflein so gut geben, wie Sie, ob ich gleich weniger glücklich und reich bin, als Sie. Bei mir hat der Himmel seltsam gerechnet; er gab mir ein Kreuz zu tragen, das ich erst im Grabe los werden kann, so schwer es mir auch wird.« Lissow sah ihm mitleidig ins Gesicht. Darf ich fragen, fing er gutherzig an, was ...? »Lieber Mann«, erwiederte der Ritter; »mir ist nicht zu helfen. Ich muß mein Kreuz forttragen bis an meinen Tod, so gut oder so schlecht ich es im Stande bin. Adieu. Morgen sehen wir uns, wenn Sie mir mein Geld bringen.« Er ging, und schon auf dem Wege bedauerte er es, daß er sich nicht näher nach Lissow erkundigt hatte, der so gut und in einem so gebildeten Tone sprach. Sollte er mir wohl die zwanzig Thaler wiederbringen? dachte er. Am folgenden Morgen war Lissow schon früh auf dem 535 Kaffeehause. Er legte, als der Ritter kam, die vier Louisd'or auf den Tisch, und dankte ihm für sein Zutrauen. Der Ritter ließ das Geld liegen. »Und unsre unglückliche Familie?« fragte er. Lissow lächelte. Sie ist nicht mehr unglücklich, mein Herr; indeß, wenn diese vier Louisd'or zu Ihrem Überflusse gehörten ... »Sie gehören dazu, Herr Lissow.« Und Ihnen daran gelegen wäre, eine tugendhafte Familie ganz gerettet zu wissen, so ... – Lissow setzte dem Ritter die Umstände, die Bedürfnisse der Familie aus einander, und zeigte ihm mit hinreißender Beredtsamkeit, daß vier Louisd'or dem Manne Mittel geben würden, wieder arbeiten und sich nähren zu können. Ich, so schloß Lissow mit einem Seufzer, ich habe nicht einen Heller mehr; sonst ... »Nicht einen Heller mehr? Seltsamer Mann! Sie haben alles weg gegeben, und, wenn ich recht verstanden habe, mehr, als Sie gestern schon gaben? Aber denken Sie denn nicht daran, daß Sie selbst Mangel leiden können?« Das war Überfluß, mein Herr. Zwar hatte ich die Summe schon bestimmt; doch ... »Bestimmt? wozu?« Zu einem besseren Klaviere für meine Frau. Aber ich kann wohl noch warten; ich bin glücklich. Der Ritter war bewegt. »Das sind Sie«, sagte er; »wahrhaftig das sind Sie, oder niemand in der Welt ist es! ... Ja«, sagte er dann nach einer kleinen Pause Französisch, wie vor sich selbst: »die Tugend, sie sey auch was sie sey, macht glücklich.« 536 Und wenn die Tugend uns auch nicht immer glücklich macht, hob Lissow an, so macht sie uns doch zufrieden . Der Ritter wunderte sich, daß Lissow Französisch verstand. »Und Inspektor sind Sie nur?« fragte er, als er noch eine Stunde mit Lissow über mancherlei gesprochen und in ihm einen Mann von sehr vorzüglicher Geistesbildung und von edlem Herzen gefunden hatte. Er gab Lissowen eine beträchtliche Summe, und sagte: lassen Sie das in Ihren Händen wuchern. Sie haben mir zum ersten Male gezeigt, daß die Tugend mehr ist, als Heuchelei; denn Sie sind wahrlich tugendhaft. Leben Sie wohl!« Lissow erstaunte über die Summe, die der Ritter ihm in die Hand gedrückt hatte. Er ging zu der unglücklichen Familie, übertraf alle ihre Hoffnungen, und entzog sich durch schnelles Weggehen ihrem Dank und ihren Thränen. Drei Tage nachher wurde Lissow'en ein Silbermannisches Klavier nach Friedrichsfelde gebracht. Jakobine nahm einen Zettel, der durch die Saiten gezogen war, und las: »Eine schönere Harmonie liegt nicht in diesen Saiten, als in dem Herzen des Mannes, dem ich mit diesem Instrumente einen Beweis geben will, daß ich der wahren Tugend huldige.« Jakobine drückte mit Stolz und Entzücken den Geliebten an ihre Brust. Lissow mußte ihr den Mann beschreiben, der seine Tugend so geehrt hatte. »Ich wollte viel darum geben«, sagte sie, »wenn ich ihm einmal sagen könnte, wie gut ich ihm dafür bin, daß er dich liebt, daß er dich achtet. Weißt du denn seinen Nahmen nicht?« Lissow hatte ihn nicht darnach gefragt. 537 Der Ritter vergaß in den Zerstreuungen des Winters seinen seltenen Inspektor bald; aber Lissow den Ritter nicht. Er war ihm noch Rechnung von der Summe schuldig, die er mit der feinsten Behutsamkeit angewendet hatte; und auch Dank für das Vergnügen, welches das Klavier Jakobinen machte. Lissow ging, so oft er nach Berlin kam, auf das Kaffeehaus, und fragte nach dem Fremden; allein man hatte ihn nicht wieder gesehen. Endlich begegnete er ihm einmal zufälliger Weise. Dem Himmel sey Dank! sagte Lissow laut: da find' ich Sie! – Der Ritter erkannte ihn. »Sieh da, Herr Inspektor! wie geht es?« – Ich habe Ihnen viel zu sagen. – »Nun, so kommen Sie mit mir nach Hause.« Lissow übergab ihm eine Berechnung über die von ihm erhaltene Summe. Der Ritter wunderte sich, daß so viel Gutes mit dem Gelde gethan war. »Wahrhaftig, Herr Lissow«, sagte er; »ich habe Summen verschleudert, und nicht Glückliche, sondern Unverschämte oder Undankbare gemacht. Wie fangen Sie es an, die Menschen in der That glücklich zumachen?« Ich liebe den Unglücklichen, mein Herr, sagte Lissow sanft. Sie gaben vielleicht, ohne ihn zu lieben. Der Ritter erröthete. »Sie haben Recht. Aber uns Reichen fehlt es meistens an Zeit, uns so genau zu erkundigen.« An Zeit, Gutes zu thun? fragte Lissow betrübt. Von Ihnen hör' ich das ungern. »Warum von mir? warum das?« Weil ... weil es schmerzt, sich geirrt zu haben. Doch nein! 538 Sie sind gewiß edel; denn Ihr Herz ist dazu geschaffen, das Unglück Anderer tief zu empfinden. Der Ritter lächelte; doch fühlte er sich verlegen, was er in der That nicht oft war. »Sie sind ein seltsamer Mann«, sagte er, und reichte Lissowen die Hand. »Aber, um recht aufrichtig zu seyn – ich bedarf, trotz der Menschlichkeit, die Sie mir zutrauen, dennoch eines solchen Mannes, wie Sie. Hier, lieber, guter Lissow, ist eine gleiche Summe; vertheilen Sie auch die, und rechnen Sie jeden Monath auf eine ähnliche. Fällt etwas Außerordentliches vor, so gehört es nicht in die Rechnung. Dann kommen Sie zu mir. Ich traue meiner eigenen Tugend nicht so viel, wie der Ihrigen, und ich will einmal mit einem fremden Herzen handeln.« Oder einen fremden Nahmen gebrauchen, um unerkannt ... »Wie Sie wollen. Mögen Sie mich doch für besser halten, als ich bin. Schaffen Sie mir aber noch Einen solchen Menschen, wie Sie sind, so geb' ich Ihnen mein Wort, ich bin der Dritte; denn da würde es sich schon der Mühe verlohnen, tugendhaft zu seyn.« Lissow verschwieg, was ihm auf der Zunge schwebte: die Nahmen seines Schwiegervaters, seiner Gattin, und der Frau von Flaming. – Von einem Domestiken erfuhr er den Nahmen des Ritters. Hm! sagte er im Gehen; das ist doch zu weit getriebene Bescheidenheit. Solche Summen monathlich an Unglückliche, und er sagt: er traue seinem eignen Herzen nicht! Der Ritter stand lachend auf, als Lissow das Zimmer 539 verlassen hatte, und trällerte ein Liedchen. Bei dem allen fand er indeß, daß Lissow ein sehr ausgezeichneter Mann war. »Das wäre doch seltsam!« dachte er, und nahm den Hut; »was ich verzweifelte zu finden, hätte ich gefunden: einen Tugendhaften? Thorheit! wer kennt ihn denn so genau? Eine feine Eitelkeit; weiter nichts!« Er eilte seinem Vergnügen zu. Als er nach Hause kam, fielen ihm Lissows Rechnungen wieder in die Hände. »Und ist das wirklich so?« fragte er zweifelhaft. Er suchte einige von den darin genannten Leuten auf, und fand, daß Geld nur das Geringste an den Wohlthaten gewesen war, welche die Unglücklichen von Lissow empfangen hatten. Lissow war durch manche seiner Arbeiten so genau mit dem Umfange der Gewerbe bekannt geworden, daß der Rath, den er den Handwerkern gab, ihnen den Zustand sicherte, worein das ihnen geschenkte Geld sie versetzte. Ja, wahrhaftig, sagte der Ritter auf dem Rückwege nachdenkend: er hat Recht; denn ohne den Unglücklichen zu lieben, wäre doch das ein mühsamer Triumph für die Eitelkeit. Aber wie fängt dieser Mensch es an, Unglückliche zu lieben, die durch Roheit, Schmutz und ihre langweiligen Klagen bei mir noch nichts erregt haben, als den Wunsch, mich so schnell als möglich von ihnen zu befreien? Hm! er selbst ist aus diesem Stande; in einer schmutzigen Armuth erzogen, fühlt er den Ekel nicht, den uns die Armuth erregt. Das nächste Mal, als Lissow wieder zu ihm kam (und er kam bald), betrachtete der Ritter seinen Anzug genau. 540 Lissow war zwar einfach, aber sehr reinlich gekleidet, und seine Wäsche sogar sehr fein. Der Ritter fragte; und Lissow erzählte, daß er bei dem Baron von Flaming in dem größten Überflusse erzogen worden sey. »Nun«, sagte der Ritter, und reichte ihm die Hand; »es mag seyn. Was will ich auch die Fäden aufsuchen, von denen das Herz bewegt wird! Die Menschen, denen wir helfen, stehen sich darum nicht schlechter und nicht besser. Besser sogar, will ich behaupten. Und habe ich je einen Freund nöthig, so gebe der Himmel, daß ich so einen finde, wie dieser ist!« Lissow verstand von diesem Geschwätze nichts. Er hielt sich an des Ritters Handlungen, und übersah dessen Worte; so stieg denn seine Achtung für Rheinfelden von Tage zu Tage. Dieser mochte wollen oder nicht: er konnte sich gegen Lissows Tugend, und noch mehr gegen Lissows Liebe, die ihn so sichtlich umfaßte, am Ende nicht länger vertheidigen. Zwar lachte er selbst über seine Kinderei, wie er es nannte; aber er fing an, sich dem edlen Manne hinzugeben. An die Stelle des persiflirenden Tons, den er vorher gegen Lissow angenommen hatte, weil er ihn für einen gutherzigen Thoren hielt, trat ein edlerer Ton, der von Tage zu Tage freundschaftlicher, und endlich, zum Erstaunen des Ritters, vertraut, ja, leidenschaftlich wurde. Es gab Stunden, wo es ihn dünkte, als ob er eben so gut ein Schwärmer in der Tugend und in der Freundschaft sey, wie Lissow. Das kam ihm, weil er beständig Rechenschaft von seinem Herzen zu fordern gewohnt war, seltsam genug vor. Er haßte nichts mehr als Schwärmerei; und für diese hielt 541 er beinahe jede Empfindung, welche nicht unmittelbar vom Körper ausging. Durch den Umgang mit Lissow fühlte er sein Herz erwärmt, und erröthete dafür. Er konnte die Ursache nicht finden. »Hm!« sagte er endlich: »der Enthusiasmus theilt sich mit, weil der Mensch ein geselliges Thier ist.« Er folgte dieses Mal dem Zuge seines Herzens, weil es ihm wohlthat. Achtungsbezeigungen hatte er bisher überall erhalten; aber noch nie Liebe, weil sein kaltes Herz alle Herzen, die sich an ihn hängen wollten, zurückstieß. Hier fand er zum ersten Mal eine zärtliche, innige, zutrauliche Liebe, ein Herz, das ihm immer offen stand. Umsonst suchte er irgend einen eigennützigen Bewegungsgrund auf, der Lissowen an ihn ziehen könnte. »Eitelkeit?« fragte er sich. Aber Lissow hatte lange nicht einmal seinen Nahmen gewußt, und ging jedes Mal wieder weg, wenn er hörte, daß der Ritter Gesellschaft hatte. Er war nur unter vier Augen Freund; sobald jemand dazu kam, war er der Inspektor, welcher des Ritters Geschäfte besorgte. Die Kälte des Ritters war nur erkünstelt; sein langer Aufenthalt in Frankreich, seine Lektüre, eine glänzende, aber falsche Philosophie, und der Stolz selbstständig zu seyn, hatte sie um sein Herz gezogen. Die Eisrinde fiel jetzt von seinem Herzen ab; er überließ sich seinen natürlichen Gefühlen, und wurde nun wirklich Lissows Freund. Jetzt war er – denn er pflegte immer zu weit zu gehen – unzufrieden, daß Lissow ihn nur selten besuchte. Er lud ihn oft zu Gesellschaften ein, that sogar stolz mit ihm, und 542 sagte mit Vergnügen: dies ist mein Freund, der Inspektor Lissow aus Friedrichsfelde. Jetzt, da das schöne Frühlingswetter die Zerstreuungen in der Stadt verminderte, fiel er endlich auf den Gedanken, das häusliche Leben seines Lissow einmal mit eigenen Augen zu sehen. Er warf sich eines Tages auf ein Pferd, ritt nach Friedrichsfelde, ließ sich nach Lissows Hause führen, und trat in das kleine Zimmer. Das ist er, Jakobine! sagte Lissow fröhlich: das ist mein Rheinfelden! Jakobine neigte sich mit einer seelenvollen Freundlichkeit vor dem Ritter. Dieser hatte freilich aus Lissows Erzählungen kein unangenehmes Bild von Jakobinen in der Seele; aber wie wenig war es dem Weibe ähnlich, das jetzt mit dieser bezaubernden Unschuld, mit diesem seelenvollen Gesichte vor ihm stand! Er hatte eine niedliche, kleine Frau erwartet, die blöde und verlegen seyn würde; und da stand die schlanke, edle Figur eines holden Weibes mit süßer Unschuld vor ihm. Seyn Sie uns willkommen! sagte sie mit einem Wohllaut in der Stimme, der in die Tiefen seiner Seele drang, um da ewig zu tönen. Er konnte sein Auge nicht von ihr wenden, und dennoch seinen Blick nicht fest halten. Zum ersten Male in seinem Leben war er blöde. Lissow machte endlich seiner Verlegenheit ein Ende, da er ihn in ein Gespräch zog, das bald allgemein wurde. Des Ritters Verwunderung über diese Familie nahm immer mehr zu, je näher er die einzelnen Personen kennen lernte. Seine Blicke wurden mit Gewalt von Jakobinen auf den Alten gezogen, als diesen ein Paar Fragen von Lissow zur 543 Theilnahme an dem Gespräche veranlagten. Die anspruchlose, reife Klugheit des Greises; seine genaue Bekanntschaft mit der Welt; seine treffenden Urtheile; seine Bekanntschaft mit dem Herzen, den Leidenschaften der Menschen, und den verschiedenen Systemen der Lebensphilosophie; die Ruhe, mit der er alles ansah und beurtheilte; seine Billigkeit gegen Thorheiten: das alles erregte des Ritters Bewunderung; seine leidenschaftliche Stärke und Wärme des Herzens, sein Enthusiasmus für das Gute, seine tiefe Ehrfurcht für jede Tugend erfüllten ihn mit Achtung. Lissow hatte ihm Liebe für den Tugendhaften abgezwungen; der Alte zwang ihm Liebe für die Tugend ab. Er sah hier, was er zu sehen verzweifelt hatte: einen Mann, der mit der tiefsten Weltkenntniß die Tugend des einfachsten Herzens verband. Der Ritter saß stumm, horchend, nachdenkend; er war ernster, und doch auch heiterer, als je. So gern er wollte, konnte er sich doch des Gefühls nicht erwehren, daß er in dieser Gesellschaft sehr wenig bedeute. Von dem allen, was ihm sonst eine Gesellschaft angenehm machte, war hier nichts. Hier hatte er nicht geglänzt, nicht gespottet, nicht die Gesellschaft mit sich weggerissen; er folgte dem sanften Zuge eines zufälligen Gespräches, und die Stunden flogen dahin, wie Augenblicke. Er bat um Erlaubniß, wieder kommen zu dürfen; und zum ersten Male wünschte er, von Menschen, wie diese, nicht nur geachtet, sondern auch geliebt zu werden. Auf dem Rückwege legte er seinem Pferde den Zügel auf den Hals, und stützte lässig die Hände auf den Sattel. 544 Jetzt konnte er sich nicht länger läugnen, daß es ein Glück giebt, welches nur Unschuld, Familieneinigkeit, Liebe und Tugend ertheilen. Er wiederholte sich alles Gesehene. Es war nichts, als was er auch in hundert andern Häusern schon sonst sah: eine Frau, die ihren Mann liebte; ein Alter, der mit den Kindern spielte; eine Familie mit ihren kleinen unbedeutenden Geschäften. Aber der Geist, der hier den Vater, die Mutter, die Kinder und den Großvater belebte, der aus jedem Auge hervorleuchtete, aus jeder Bewegung sprach – der Geist heiterer Liebe, der ungezwungensten Zufriedenheit, des schönsten Vertrauens: dieser Geist hatte ihm alles bedeutend gemacht. Der Ritter untersuchte, und fand, daß auf die Länge ein solches Leben ohne alle Abwechslung langweilig werden müßte. Aber, trotz diesem Urtheile war Lissows Haus für ihn so unterhaltend, daß er es nicht mehr entbehren konnte. Er lachte über sich selbst; und dennoch ging, ritt oder fuhr er fast alle Tage nach Friedrichsfelde. In Kurzem war er gleichsam ein Mitglied dieser Familie geworden, und verdiente, es zu seyn. Die beiden Kinder saßen eben so gern auf seinem als auf ihres Vaters Schooße, und zuletzt gingen sie und Jakobine ihm auch wohl ein Viertelstündchen entgegen, wenn er zu lange wegblieb. Er erhielt, was ihm hier zu erhalten der feurigste Wunsch war: die Liebe des ganzen Hauses. Auch der alte Grumbach sah den Ritter sehr gern. Manches, was er über die Menschen sagte, ging bei Lissow und Jakobinen verloren, weil Beide die Welt zu wenig kannten, 545 um seine Bemerkung fein zu finden. Bei dem Ritter war das nicht der Fall. Er und der Alte untersuchten stundenlang die Leidenschaften des Herzens, den Zweck des Lebens, den Weg zum wahren Glücke, während daß Jakobine und Lissow ihn nur gingen. Diese Beiden hatten indeß nun jemand, dem sie sagen konnten, wie sehr, und mit welchem Rechte, sie einander liebten. Jakobine erzählte Rheinfelden von Lissow, wie er sie und ihre Eltern gerettet habe, wie edel sein Herz, wie gut er sey; und Lissow sprach etwas Ähnliches. Rheinfelden erzählte gut, blies die Flöte vortrefflich, scherzte äußerst fein, und brachte überdies unmerklich Wohlhabenheit in Lissows Haus. Zuweilen saß er bei Jakobinen, hielt ihr, wenn Lissow abgerufen wurde, den Zwirn, den sie aufwickelte, und fand das Geschäft nicht langweilig; denn Jakobine stand mit holder Freundlichkeit vor ihm, und ihre runden Arme bewegten sich so reitzend vor seinen Augen, und ihre rothen, frischen Lippen plauderten so angenehm. Das Vertrauen wurde von beiden Seiten unbegränzt. Rheinfelden nannte sie, wie Lissow: Jakobine. Sie nannte ihn: Rheinfelden. Jetzt pflanzte er mit ihr im Garten, dann jagte er sich mit ihr, ihren Kindern und ihrem Manne. Er wußte nicht, wen er mehr liebte, Lissow'en, Jakobinen, oder den Alten. Sein Untersuchungsgeist, sogar seine Zweifelsucht, plagte ihn jetzt seltner. Er war glücklich, er war gut, ohne sich zu fragen, wodurch und warum. »Kinder!« sagte er wohl hundertmal: »ihr habt mich zu einem Menschen gemacht!« Eben so oft küßte er Jakobinen die Hand mit ruhiger 546 Zärtlichkeit, und sagte: »Sie, liebe Jakobine, haben mich gelehrt, daß in einer Weiberbrust ein Herz schlagen kann, dem man Ehrfurcht schuldig ist.« Jetzt fing Jakobinens Liebenswürdigkeit an, immer tiefern Eindruck auf ihn zu machen. Er fühlte Liebe für sie, aber jene ruhige, heitre, wie der Bruder sie für seine liebenswerthe Schwester empfindet. Sein Herz war voll von Jakobinen, seine Sinne aber gar nicht mit ihr beschäftigt. Und wie hätte auch ihre stille Unschuld, ihre keusche Einfalt, Begierden bei ihm erregen können? Jakobine wußte nicht einmal, was gefallen wollen heißt. Sie war schön, reitzend, in der frischen Blüthe ihrer Jugend; aber sie hing an ihrem Manne mit unaussprechlicher Liebe, und für den Ritter war sie nichts als gütig, heiter, freundschaftlich. So blieb seine Sinnlichkeit ruhig, und sein steter Umgang mit Jakobinen war bloße Gewohnheit. Wehe dem Herzen, das einmal seine Unschuld verloren hat! Ein Zufall, eine bloße Kleinigkeit, kann den alten Sturm der Leidenschaft wieder rege machen. Der Ritter war vorher in Absicht der Liebe einem sehr sinnlichen Systeme gefolgt. Sein unglücklicher Stand verbot ihm die Ehe. Wie leicht mußte er nun durch seine Lage in der Welt (er war jung, schön und reich) auf den Gedanken gerathen: Liebe sey nichts als Wollust! Hier in Lissows Hause lernte er zuerst, was Liebe ist; und jetzt sah er mit Verdruß, welches Glückes sein Stand ihn beraubte. Je mehr er Jakobinen kennen lernte, desto gewisser wurde er auch, daß sie nicht wollüstig war. Anfangs freilich, wenn sie so 547 zutraulich mit ihm ging, oder mit ihm allein in der Laube saß und schwatzte, stieg wohl leise der Gedanke bei ihm auf: wer weiß? Aber nun kam Lissow. Jakobinens Ruhe, ihr unveränderter Ton, und ihr Betragen gegen ihn in dessen Gegenwart, machten ihn wieder irre; und sehr bald sagte er sich mit voller Überzeugung: sie ist das unschuldigste Weib, das ich jemals gesehen habe. Er wurde bei Jakobinen so ruhig, wie er noch nie bei einem schönen Weibe gewesen war; ihre Unschuld schläferte seine Sinne ein. Eines Tages war er wieder da, und es kamen mehrere Umstände zusammen, das Elend der Glücklichen anzufangen. Lissow und der Alte hatten dringend zu thun. Rheinfelden saß mit Jakobinen im Garten, in den vertraulichsten Gesprächen. So anhaltend, so ungestört hatte er noch nie mit ihr gesprochen; und die Reitze ihres schönen Geistes brachen, wie die Sonne nach einem lange anhaltenden Nebel, völlig hervor. Sonst war das Gespräch getheilt gewesen; heute mußte Jakobine allein ihn unterhalten. Sie wurde immer lebendiger, und er um so einsylbiger. Unter andern erzählte sie ihm von dem Tode ihrer Mutter, die ungefähr ein Jahr nach ihrer Verheirathung gestorben war. Ihr Herz schlug, ihre Augen füllten sich mit schönen Thränen. In der Hitze des Gespräches faßte sie des Ritters Hände, und drückte sie, als ob es die Hände ihrer Mutter wären. »O«, schloß sie zuletzt, »lieber Rheinfelden, der Tod ist nicht schwer, wenn die Liebe eines Mannes, die Liebe der Kinder am Sterbebette steht. Man schließt das Auge in dem süßen Gefühle, daß man geliebt ist. Und auch ich bin 548 Gattin und Mutter.« Sie nahm ihre kleine Tochter, die neben ihr auf der Erde saß, drückte sie innig an ihre Brust, ging dann ein Paar Male den Garten auf und nieder, und sprach, wie es schien, mit sich selbst. Auf einmal trat sie an das Fenster von ihres Mannes Arbeitszimmer, das in den Garten sah, öffnete es, reichte ihm mit dem zärtlichsten Blicke ihre Hand hinein, und kam dann wieder in die Laube. Der Ritter sagte, als sie im Garten auf und nieder ging: welch ein Weib! Er betrachtete sie mit wohlwollender und heißer Sehnsucht. Sie schien ihm reitzender, schöner, erhabner. Welch ein Weib! sagte er noch einmal. Der Glückliche! setzte er still hinzu. – »Kommen Sie, Rheinfelden!« sagte Jakobine; »das Gespräch hat mich zu sehr bewegt. Lassen Sie uns ein wenig Musik machen. Ich habe es nicht gern, daß mir die Luft meine Thränen abtrocknet, sondern Lissows Hand; und eben so wenig mag ich eine süße Empfindung, wie die jetzige, so im Plaudern auf einmal zerstören. Die Musik hallt die Töne der Empfindung noch immer nach.« Sie gingen. Jakobine spielte auf ihrem Klaviere mit so tiefer Wahrheit, daß der Ritter ihre Finger hätte küssen mögen. Er legte ihr ein Paar Gesänge vor, welche die Empfindung nicht störten. Endlich ließ er die Flöte ganz sinken, um nur Jakobinen zu hören. So hatte sie nie gesungen, und so hatte auch das Herz des Ritters noch nie gepocht, wie jetzt. Er beugte die Stirn in seine Hand, und murmelte zweimal vor sich: o, der glückliche Lissow! Sein Herz, seine ganze Empfindung war rege gemacht. Er küßte, als sie fertig war, ihr Gewand, ohne daß sie 549 es merkte. Ein Gewitter zwang sie aufzuhören, weil der Donner ihren Gesang überstimmte. Jetzt kamen Lissow, der Alte und die Kinder. Jakobine flog ihrem Manne in die Arme. Das hatte sie immer gethan, ohne daß es dem Ritter aufgefallen war; aber heute bemerkte er es. O, dachte er; wenn ein solches Weib mir nach vollendeter Arbeit in die Arme fiele! Er stand auf, und ging zwei- oder dreimal das Zimmer stillschweigend auf und nieder. In seiner Empfindung war kein Neid; nur der Wunsch, so glücklich zu seyn, wie Lissow. Das Gefühl seines Standes fiel zum ersten Male drückend schwer auf ihn. Er wollte fort, und rief nach seinen Pferden. Man bat ihn, erst das Gewitter vorüber gehen zu lassen. Er lächelte. »Wird es denn einmal vorüber gehen?« fragte er zweideutig. Nun, erwiederte Jakobine, so bleiben Sie ganz und gar hier; und unter der Bedingung mag es fort donnern. Schlagen Sie ein! Sie hielt ihm die Hand hin. Er nahm die Hand, und küßte sie feuriger, als er es sonst zu thun gewohnt war. Das Gewitter ging wirklich nicht vorüber, und er mußte sich wider seinen Willen entschließen zu bleiben. Das gab eine Art von Fest im Hause. Der Knabe holte dem Ritter Pantoffeln; Jakobine brachte ihm mit heitern Scherzen einen Nachtanzug von ihrem Lissow, und man zwang ihn, um ihn gewiß zu behalten, es anzuziehen. Spät gegen Abend verschwand Jakobine auf einige Augenblicke, und kam dann in einem leichten, sehr reinlichen Nachtkleide wieder. Sehen Sie, sagte Jakobine, daß ich nicht so umständlich 550 bin, wie Sie! Nun plaudern wir noch ein Stündchen. Wir nennen das hier unsere Feierstunden. Der Ritter betrachtete Jakobinen in dem leichten Nachtkleide, worin sie erst recht reitzend war. O, das schöne Weib! dachte er, und seine Phantasie gerieth in eine lüsterne Bewegung. Bald versank er in düstre Träume, aus denen ihn weder Jakobine, noch der Alte herausschwatzen konnten. Er warf brennende Blicke auf das reitzende Weib, belauerte alle ihre Bewegungen, ging im Zimmer auf und nieder, um sie von jeder Seite zu sehen, und antwortete verkehrt auf alle Fragen, mit denen man ihn zu zerstreuen suchte. Der Ritter wurde endlich von Lissow auf eine Kammer geführt, wo er schlafen sollte. Er warf sich in einen Stuhl, und konnte Jakobinens Gestalt nicht vor seinen Augen los werden. Immer sah er, wie Lissow sie mit Innigkeit umarmte. O, murmelte er halb, nur Einmal möchte ich meinen Arm so um sie schlagen, Einmal sie an dieses Herz drücken! Er warf sich unruhig in sein Bett; seine aufgeregte Phantasie verfolgte Jakobinen bis auf ihr Lager, bis in die Arme ihres Mannes, und füllte seine Brust mit Neid und wildem Feuer. Am andern Morgen erwachte er früh. Sein erster Gedanke war die reitzende Jakobine: nicht mehr, wie sonst, die unschuldige Gattin, die sanfte Mutter; nein, das reitzende Weib, mit der schlanken Gestalt, dem vollen Busen, den runden Armen. Noch einmal möchte ich sie so sehen, dachte er, und sprang auf. Er warf sich in die Kleider. 551 Sie muß doch, ehe sie sich ankleidet ... – Er hörte die Gartenthür aufgehen, und schlich an das Fenster. Es war Jakobine in der leichten Morgenkleidung; ihr Haar hing, in der schönen Unordnung der Nacht, auf ihre Schultern herunter. Ihr Mieder umgab den schönen Leib und die keusche Brust so eng. – Ohne Geräusch trug sie Stühle in den Garten, daß ihr Gast dort des schönen Morgens genießen könnte. Er wollte sie so in der Nähe sehen, und eilte zu ihr hinunter. Als Beide einander einen guten Morgen gewünscht hatten, ging Jakobine in das Haus. Nach einigen Minuten kam sie gekleidet wieder, und erzählte Lissowen, daß der Ritter sie noch im Nachtkleide überrascht habe. Mit größerer Freundlichkeit, als er wirklich fühlte, bot der Ritter Lissowen die Hand. War dies der Augenblick, wo er sein Verbrechen ahnete? wo das Herz, im Vorgefühle seines künftigen Entschlusses falsch wurde? Wer mag es bestimmen! – Der Ritter selbst dachte noch nichts Arges; er war sich seines eigenen Zustandes nicht bewußt. Eine unbekannte, nahmenlose Empfindung stieg von Zeit zu Zeit leise und schmerzhaft in seiner Seele auf. Er war nicht so heiter wie sonst, und wollte noch heiterer scheinen als gewöhnlich. Wenigstens wurde er falsch. War das noch Tugend, Genugthuung für seine Begierden, oder schon der Anfang seines Betruges? – Wer kann die feine Linie bezeichnen, welche das Gute und das Böse scheidet! Der Ritter blieb noch einige Stunden. Eine seltsame Unruhe, deren er nicht Herr werden konnte, trieb ihn endlich fort, so sehr ihn Lissow auch bat, daß er bleiben und 552 Jakobinen Gesellschaft leisten möchte, weil er auch noch heute mit dem Vater dringende Arbeit zu thun hätte. Zu Hause fühlte der Ritter wohl, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war; allein er floh mit Vorsatz die Untersuchung seines Zustandes, ob er gleich sonst seine Empfindungen gern anatomirte: so wie ein unglücklicher Spieler sein Geld nicht nachzählen will, weil er mehr verloren zu haben fürchtet, als er jetzt noch glaubt. Er suchte sich von dem Gedanken an Lissow und an Jakobinen los zu machen. Sonst dachte er an Beide mit gleicher Empfindung, mit heiterer Zufriedenheit; jetzt aber an Jakobinen mit brennender Sehnsucht, an Lissow mit leiser Unruhe. Er flog heute und den folgenden Tag von Gesellschaft zu Gesellschaft; er suchte die Vergnügungen auf, welche ihm sonst die schmackhaftesten gewesen waren: doch überall blieb er gleich zerstreuet, und Jakobinens Gestalt, wie er sie den Morgen gesehen hatte, verfolgte ihn. Abends warf er sich auf seinen Sofa, halb entschlossen, sich dem Laufe seiner Phantasie zu überlassen. Sie führte ihn zu Wünschen, zu Vorstellungen, die – das fühlte er sehr hell – für seinen Freund sehr grausam waren; und dennoch überließ er sich diesen Vorstellungen, oder – sie rissen ihn, wie er glaubte, gewaltsam mit sich fort. Was ich für ein Kind bin! dachte er. Ist es, wenn ich eine reitzende Frau sehe, nicht natürlich, zu wünschen, daß sie meine Frau seyn möchte? Soll die Tugend blind, stumm, taub, und steinern machen? Hab' ich nicht hundertmal eben so gewünscht, Jakobinens Vater möchte mit mir leben? 553 Hab' ich nicht selbst gegen Lissow diesen Wunsch geäußert? Hab' ich ihm nicht gesagt: ein Weib, wie Ihre Jakobine, würde mich in einem Abgrunde von Elend glücklich machen? Und hat er mich dafür nicht an seine Brust gedrückt? Das war ein Wunsch im Allgemeinen. Wohl! Aber mußte nicht das Herz endlich einzelne Züge von dem Glücke, dieses reitzende Weib zu besitzen, hervorheben? mußte es sich nicht an diese einzelnen Züge fester hängen, als an das Allgemeine? O, ich bin ein Kind. Ich wünsche mir ein Weib, so sanft, so unschuldig, so tugendhaft, wie Jakobine. Man hat nichts gegen den Wunsch, man belächelt ihn, und hält ihn für einen Beweis meiner Tugend. Und nun, wenn ich mir diesen Wunsch, wie es natürlich ist, vereinzele; wenn ich hinzu setze: ich würde sie unendlich lieben, ich würde meine Arme um sie schlingen, sie an mein Herz drücken, von ihren Lippen tausend Küsse nehmen; so schreiet man: der Bösewicht! Was thu' ich denn jetzt mehr? Ich wünsche mir den Besitz des Weibes. Darf mein Auge nicht schön finden, was schön ist? Soll mein Herz allein kalt bleiben bei dieser jugendlichen, frischen, reinen, lieblichen, unschuldigen Schönheit? Seltsame Forderung! Ich wünsche mir, dieses reine Herz zu besitzen; ich wünsche, diesen Busen, unter dem ein solches Herz schlägt, in ewiger inniger Umarmung an mein Herz drücken zu dürfen. Kommt das nicht auf Eins? kann das Eine ohne das Andere Statt finden? Ja, wenn ich ausschließend ihren Besitz mir wünschte; ihren Mann haßte, weil er ihr Mann ist: dann wäre ich ein Verbrecher! dann! 554 So philosophirte der Ritter. Allein er konnte die Unruhe nicht vertreiben, die ihn immer mit schmerzhaften Schlägen an seinen Freund erinnerte; und trotz seiner Philosophie stellte sich ihm etwas in den Weg, das ihn hinderte, nach Friedrichsfelde zu reiten, so groß auch der Zug seines Herzens dahin war. Erst am dritten Tage kam er wieder dahin. Mit einer unruhigen Empfindung sah er die Freude der Familie, die ihm entgegen eilte. Lissows Vorwürfe, daß er so lange weggeblieben wäre, drangen wie Dolche durch sein Herz. Kaum konnte er sein Auge auf ihm festhalten. Er wünschte, nicht gekommen zu seyn, Lissowen nie gesehen zu haben. Heute vermied er es sogar, Jakobinen beim Kommen zu küssen; desto zärtlicher war er aber gegen Lissow. Er gab, wenn er mit diesem sprach, seinem Tone etwas Rührendes. Alle seine Bewegungen waren gespannter; und wirklich wurde durch dieses Opfer, das er Lissowen brachte, und das er der Tugend zu bringen glaubte, seine Unruhe milder. Er schwankte zwischen beiden. In dem Augenblicke, da er Lissowen die Hand mit heftiger Freundlichkeit reichte, wendete er sein Auge unmuthig ab; denn Lissow zog mit der andern Hand Jakobinen zu sich, und drückte sie an seine Brust. Diese Scenen wiederholten sich einige Male. Jakobine bemerkte des Ritters Innigkeit gegen Lissowen. Er hat ihn in drei Tagen nicht gesehen, dachte sie; o, wie muß er ihn lieben! Sie trat vor den Ritter hin. Lieben Sie ihn denn, fragte sie mit funkelnden Blicken, wirklich so zärtlich? lieben Sie meinen Mann? – Der Ritter erröthete, wurde 555 verlegen, und warf verstohlen einen Blick auf sie. Ja, sagte er feurig; ich liebe ihn, und will ihn ewig lieben! Sie haben mein Wort: ich liebe ihn. – Sein Herz wurde jetzt noch stürmender, seine Unruhe schmerzlicher, und er eilte nach Berlin. Jakobinens Frage: lieben Sie meinen Mann wirklich? brachte ihn zu sehr heilsamen Untersuchungen. Es lag in dieser Frage ein so tiefer Vorwurf, daß sie seine ganze Seele erschütterte. »Und hat sie nicht Recht? liebe ich ihn so zärtlich, wie ich ihn zu lieben gern scheinen möchte?« Seine Eigenliebe konnte ihn gegen die Wahrheit dieses Vorwurfes nicht vertheidigen. Wirklich fand er in seinem Innern einen geheimen Neid, eine verborgne Eifersucht gegen Lissow. Er fühlte, wohin diese gehässigen Empfindungen ihn führen könnten, und fühlte es mit dem Unmuth eines Herzens, das Betriegereien haßt: denn er war nicht niederträchtig. Bei dem Allen konnte er sich aber dennoch nicht von der Sehnsucht nach Jakobinen befreien. Er wollte mit Gewalt seinen vorigen Zustand wieder herstellen; aber da stand Jakobine in der reitzenden Morgenkleidung vor ihm. Seine verderbte Phantasie warf die festesten Entschlüsse seines Pflichtgefühls um. Er kämpfte immer matter und matter, und hielt zuletzt, um sich zu beruhigen, den Sieg für unmöglich. Ja, dachte er, nachdem er noch einige Male in Friedrichsfelde gewesen war: ja, ich liebe sie von ganzer Seele, und bin unglücklich, doch nicht lasterhaft ... Nein, nicht 556 lasterhaft! Wie könnt' ich dem Zauber dieser himmlischen Unschuld, wie der Allmacht dieser seelenvollen Reitze widerstehen? Liebt nicht auch Lissow sie? sagt er nicht, gerade wie ich: man muß sie lieben? Wir lieben sie Beide: der ganze Unterschied ist der, daß er sie zuerst sah. Er würde sie auch, wenn sie mein Weib wäre – o Himmel! wenn sie mein Weib wäre! – ja, er würde sie auch dann lieben. Und soll ich sie nun nicht lieben? soll ich die Seligkeit nicht lieben, weil sie nicht mein ist? nicht meine Arme nach dem Himmel sehnend ausstrecken, weil Engel ihn bewohnen und nicht ich? Nein, ich muß, ich will sie lieben, und unglücklich, aber nicht lasterhaft seyn. Verschließen will ich das brennende Verlangen in meine Brust; aber sehen will ich sie, sehen, anbeten, mich nach ihr sehnen, und sterben! Ja, ich verrathe die Freundschaft, betriege das Vertrauen der Glücklichen; ja, ich liebe ihn nicht mehr, beleidige ihn: denn in Gedanken strecke ich die Arme nach seiner Glückseligkeit aus. Freilich, ich würde den ermorden, der nur von ferne sie liebte, wenn sie mein Weib wäre. Ja, Lissow ist beleidigt; aber das Schicksal führt den Streich, nicht meine Hand. Das Schicksal beleidigt ihn durch mich, und mich macht es zur Strafe unglücklich. Jetzt schrieb der Ritter den Haß, die Eifersucht gegen Lissow, die er zuerst ein Verbrechen nannte, dem Schicksale zu. Läugnen konnte er sein Unrecht nicht; aber er suchte es zu vertheidigen. Wann hätte es der Leidenschaft je an Gründen gefehlt! Das Herz ist eben so spitzfündig, wie der Verstand, wenn es ein Verbrechen entschuldigen will. 557 Er war nun fest entschlossen, seine Leidenschaft zu verbergen. Sein Glück soll mir heilig seyn, wie meine Liebe! dachte er; kein Seufzer soll ihm mein Elend und seinen Triumph verrathen. Die Gerechtigkeit fordert von mir nur, ihn des Guten nicht zu berauben, das mich unendlich glücklich machen würde. Wenn ich ihn auch nicht mehr liebe, so bin ich doch gerecht gegen ihn; und welch ein Opfer ist hier nicht die Gerechtigkeit! Alle Spitzfündigkeiten schützten ihn nicht gegen die stillen aber gewaltigen Vorwürfe, die in dem Zutrauen lagen, womit Lissow ihn aufnahm. Seine Heiterkeit war dahin, und er saß stumm, ohne Theilnahme, unter der glücklichen Familie da. Lissows sorgende Freundschaft, seine mitleidigen Fragen: was fehlt Ihnen? erhielten bei dem Ritter den Entschluß, seine Liebe zu verbergen; ja, sie erregten noch zuweilen bei ihm den Gedanken, sie zu bekämpfen, oder zu entfliehen, um durch seine Stimmung die reine Zufriedenheit der glücklichen Familie nicht länger zu stören. Er fing den Kampf mit kaltem Herzen an, und seine Flucht bestand darin, daß er einige Tage wegblieb. Länger konnte er die Sehnsucht, Jakobinen zu sehen, nicht unterdrücken. Er ritt nach Friedrichsfelde, mit dem Entschlusse, heiter zu scheinen; aber seine Heiterkeit war eine spottende Ausgelassenheit. Wäre Jakobine nicht in so hohem Grade unschuldig gewesen, sie hätte seine brennende Leidenschaft endlich merken müssen. An ihm lag es nicht, wenn ihr seine Liebe verborgen blieb. »Was fehlt Ihnen, Rheinfelden?« fragte sie 558 und betrachtete ihn mit gütigen, tröstenden Blicken. – »Seyn Sie doch heiter«, sagte sie dann wieder, »damit auch ich es seyn kann; oder vertrauen Sie wenigstens Ihren Kummer einem von Ihren Freunden, die Sie so herzlich lieben!« Er stand zitternd, mit glühenden, still verlangenden Blicken, vor ihr, und legte seine brennenden Lippen auf ihre Hand. Dann riß er sich rasch von ihr los, und ging allein im Garten auf und nieder. Er war im Begriff gewesen, sich vor ihr nieder zu werfen, und zu rufen: »du, Jakobine, fehlst mir! du!« Nur mit Mühe hatte er sich gehalten. Wenn er in ihrem Auge die zärtliche Theilnahme las, ihren Händedruck fühlte, die bewegten Worte hörte, welche sie mit dem Accente der Liebe zu ihm sagte; so stieg auch wohl der Gedanke bei ihm auf: wie, wenn sie mich lieben könnte! wenn diese zärtliche Theilnahme die hervorkeimende Knospe ihrer Liebe wäre! Er sah sie rathend darauf an. Gern hätte er sie an seine Brust gerissen, und ihr gesagt: ich liebe dich! Aber er wagte es nicht; denn sie hing noch immer mit unsäglicher Innigkeit an ihrem Manne, und dachte, wenn dieser ihr zulächelte, nicht einen Augenblick an Rheinfeldens Kummer. Und soll ich denn immer leiden und schweigen? flisterte er ergrimmt, und beugte die Stirn in seine Hand nieder. Soll sie es denn nie wissen, nie ahnen, daß ich um ihretwillen mich verzehre? Ach, ihr Mitleiden würde mich aufrichten, ihre Theilnahme mich glücklich machen, ihre Bitte mir den Muth geben, daß ich meine Liebe aufopfern könnte. Jetzt – o, das ist die Hölle! das ist die Hölle! – jetzt drückt 559 sie mir die Hand, umarmt mich, und facht in meiner Brust die Flamme dreifach an. Wenigstens darf ich ihr doch sagen: verbirg dein Auge, gieb mir diese schöne Hand nicht mehr, biete mir nie mehr diese holde Wange; sey kalt, sey hart gegen mich! Das ist doch kein Verbrechen? Ich will ihr selbst die Waffen gegen meine Liebe, gegen mein Glück, darreichen. Sie soll mich zerschmettern, wenn sie mich nicht retten kann! Nein, geschehe was da will, sie soll wissen, daß meine Verzweiflung ihr Werk ist. Ich werde sie dann nicht mehr sehen; sie wird mir das Haus untersagen, und der Glückliche seinen Schatz vor mir verschließen. Mag er. Wohl denn! desto dreister kann ich es ihr sagen. Ich opfere mich selbst; und das ist doch kein Verbrechen? Aber der Ritter meinte das so ernstlich nicht. Er zitterte vor dem Gedanken, Jakobinen zu meiden. Auch mischte sich ganz leise die Eitelkeit ins Spiel. Jakobinens Mitleiden schien ihm immer mehr als Mitleiden. Nun wagte er es, sie seine Liebe ahnen zu lassen; ja, er fing sogar an, dem Alten und Lissowen, besonders dem ersteren, seine üble Laune zu verbergen. Jetzt versank er nur dann in eine traurige Stellung, wenn er wußte, daß Jakobine allein ihn bemerkte. Dadurch wollte er ihre Aufmerksamkeit erregen, und es gelang ihm. So ging er, wenn Lissow arbeitete, und der Alte die Kinder unterrichtete, allein im Garten umher. Jakobine lief von ihrem Manne zu ihren Kindern, und sah dann auf einen Augenblick nach ihrem Freunde. Er warf sich in eine Laube, stützte den Kopf auf, und saß unbeweglich, in Kummer 560 verloren, da. Jakobine sah ihn schon in der Ferne, und kam mit theilnehmenden Blicken näher. Vor der Laube stand sie still, und betrachtete ihn. Lieber Rheinfelden! sagte sie auf einmal. Er fuhr zusammen, nahm eine heitre Miene an, und that einige Fragen. Jakobine setzte sich zu ihm. Sie haben Kummer, lieber Rheinfelden, und seit einigen Tagen verbergen Sie ihn uns. Das ist noch schlimmer, als vorher! Er lächelte. »Sollen denn meine Schicksale Ihre Zufriedenheit stören? Sie sehen, Jakobine, daß ich heiter bin.« Nein, Rheinfelden; ich mag die Verstellung nicht, auch wenn sie Edelmuth ist. Kummer mit einem Freunde zu theilen, ist angenehmer, als Sie denken. Wir theilen ja unsere Freuden mit Ihnen; warum wollen Sie karger seyn als wir, und uns noch obendrein täuschen? Rheinfelden erröthete; dieser Anfang paßte gar nicht in seinen Plan. »In der That, Jakobine«, sagte er sehr ruhig, »ich bin heiter, und verspreche Ihnen, es noch mehr zu werden. Kommen Sie, lassen Sie uns ein Stündchen plaudern.« Sie sind nun einmal zu unserm Glücke nothwendig, und darum sollen Sie mit uns zufrieden und glücklich seyn. »Ach, Jakobine, wollte der Himmel, ich könnte so glücklich werden, wie Sie, wie Lissow! Alle Schätze der Welt gäbe ich darum, so zu leben wie Sie, in der stillen Einsamkeit, in dem heitern Genusse der Liebe, der Freundschaft und der Thätigkeit!« Nicht wahr? sagte Jakobine mit lächelnden Augen. O, wohl hundertmal habe ich mir das so gedacht, und, glauben 561 Sie mir, das Herz pochte mir dabei vor Freude: Sie müßten mit uns in Einem Dorfe wohnen, hier oder anderswo, gleichviel; nur uns gegenüber. Ihre Kinder, meine Kinder, Ihre Frau, ich, Sie und Lissow, wir machten durch Liebe, Freundschaft, Zufriedenheit Eine Familie aus. O, meinen Sie nicht, daß uns die Engel beneiden sollten? Denken Sie einmal in Ernst: Sie hätten eine Frau ... »Wenn Sie eine Schwester hätten, Jakobine«, sagte der Ritter wirklich in Ernst; »ich wollte sie um ihr Herz bitten, und dann mit Euch glücklich seyn.« Ich habe noch viele Schwestern. Suchen Sie nur! »Die haben Sie nicht, Jakobine, bescheidne, demüthige Frau. Gäbe es eine, die nur die Hälfte Ihrer Tugenden besäße; ich würde nicht ruhen, bis ich sie gefunden hätte. Dann wollte ich sie Ihnen bringen, und da an Ihrem Garten meine Hütte bauen. Diese Laube müßte gemeinschaftlich seyn; hier wollten wir leben, uns lieben und mit Zufriedenheit den Tod erwarten. Mein Ordenskreuz, das mich zu einem Leben ohne Liebe verdammt, wollte ich abreißen, und zu einem Spielzeuge meiner Kinder machen.« Wie? fragte Jakobine erstaunt. Sie sagten schon neulich einmal so etwas. Dürfen Sie denn nicht heirathen? »Nein«, erwiederte der Ritter. »Ich bin ein Malteser. Dies Kreuz, das die Thorheit erfand, das Europa Millionen Menschen kostet, verbindet mich, allen Freuden, welche die heiligsten Verhältnisse der Menschen geben, zu entsagen. Ich darf nicht Geliebter, nicht Gatte, nicht Vater seyn, kein Herz haben. Fühlen Sie nun, Jakobine, warum ich traurig 562 bin? Hier, Jakobine, bei Ihnen, habe ich gelernt, welch ein Glück es ist geliebt zu werden. Hier sah ich zuerst ein Weib, das mir dieses Kreuz verhaßt machte. Hätte ich Sie nie gesehen, Jakobine; nie gesehen, was ein Weib dem Manne seyn kann: o dann ...« Jakobine gerieth in einen seltsamen Zustand der Empfindung. Was sollte sie zu dem allen sagen? Er hatte ja Recht; und Trost, wie Hoffnung, war hier unmöglich. Sie schwieg, warf einen mitleidigen Blick auf den Ritter, drückte ihm die Hand, und schlug dann ihr Auge nieder. Sie wagte es nicht, den Unglücklichen wieder anzusehen, dem sie gar nicht zu helfen wußte. – Diesen Händedruck der guten Jakobine, ihr Stillschweigen, ihre Seufzer, die verstohlnen Blicke, mit denen sie ihn heimlich betrachtete, legte der Ritter falsch aus, und es erhob sich in seiner Seele der fröhlichste Tumult von Hoffnungen. Jakobine erzählte dieses Gespräch ihrem Vater und ihrem Manne. Man fand es natürlich, daß der Ritter, der in dieser Familie das höchste irdische Glück so wahr, so lebendig sah, eben so glücklich zu seyn wünschen müßte; und alle Drei vereinigten sich, durch die innigste Freundschaft ihm sein hartes Geschick so viel als möglich zu erleichtern. »Aber wie?« fragte Jakobine; »wenn der Ritter ein Mädchen liebte, und geliebt würde: wäre es gar keine Möglichkeit, daß er ...« Wie du fragen kannst, meine Tochter! Hatte er früher ein Herz in der Brust, oder sein Kreuz auf dem Kleide? Wenn er liebte, wenn Liebe ihm Alles wäre, wie sie zum Beispiel 563 dir Alles ist, so würde er das Zeichen von seines Vaters Thorheit nicht länger am Rocke dulden, und sollte er sich mit seiner Gattin, mit seinen Kindern in eine Wüste verbergen. Jakobine würde viel darum gegeben haben, wenn ihr Jemand hätte sagen können, ob Rheinfelden wohl liebe. Sie betrachtete jetzt den Ritter oft, mit Nachdenken auf der Stirn, mit rathenden, verstohlnen Blicken. O, wenn er wirklich liebte, dachte sie: wie unglücklich wäre er dann! Sie behandelte ihn nun mit dem zärtlichsten Mitleiden, und kam seinen kleinsten Wünschen zuvor. Wenn sie mit ihm sprach, so war alles, ihr Ton, ihre Blicke, ihre Bewegungen, affektvoll, beinahe gespannt, nicht mehr so ruhig, so gelassen, wie ehemals. Der Ritter schwamm in einem Meere von Wonne. Er hielt ihr Mitleiden für hervorbrechende Liebe, ihre zurückhaltende Schonung für Kampf mit sich selbst, ihre stillen Blicke voll freundschaftlichen Kummers für liebevolle Sehnsucht. Jetzt würde er sich ihr zu Füßen geworfen, und ihr seine Leidenschaft bekannt haben, wenn nicht eine Bemerkung ihn zurückgehalten hätte. Jakobine war in Gegenwart ihres Mannes immer ruhig, unverstellt zufrieden, und hing noch eben so innig, wie vorher, an seinem Halse. Ihre Stirn wurde heiter, ihr Gesicht strahlte von Freude, wenn Lissow nach einer Abwesenheit wieder kam. Das allein machte den Ritter ungewiß. »Wie? diese unschuldige Seele, die so überspannte Begriffe von Treue und Tugend hat, liebte mich, und hinge dennoch so heiter, so ruhig, in den Armen ihres Mannes? Bei ihr sollte 564 sich nie eine Spur von Reue, von Unruhe zeigen? Die unschuldige Jakobine, diese Seele ohne Falsch, sollte Meisterin in der Buhlerei seyn, und den Mann, den sie doch wenigstens achten muß, da sie ihm Glück und alles schuldig ist, – diesen Mann sollte sie lächelnd betriegen? Unmöglich! Das kann Jakobine nicht!« Er faltete die Stirn vor Verdruß. Und dennoch saß sie wieder bei ihm, drückte seine Hand, und betrachtete ihn mit sehnsuchtsvollen Blicken, mit stillem Grame, den sie vergebens zu verbergen suchte. Endlich stand sie sogar auf, und verließ ihn, um ihre heftige innere Bewegung nicht merken zu lassen. Was war das? wie sollte er sich das erklären? Ja, rief er endlich: die unschuldige Seele liebt mich, ohne es zu wissen. Sie ist ruhig, weil sie ihre Liebe für Freundschaft hält; sie denkt nicht, daß die Küsse, die Liebkosungen, die sie ihrem Manne giebt, nur Gewohnheit sind. In der holdesten Unschuld folgt sie dem Zuge ihres Herzens, und ahnet nicht, daß grausame, selbstsüchtige, tyrannische Menschen diesen schönen Drang des Herzens ein Verbrechen nennen. Verbrechen! Kann Jakobine mit ihrem schönen reinen Herzen ein Verbrechen begehen? An dieses Selbstgespräch, das des Ritters Brust mit neuen entzückenden Hoffnungen belebte, knüpfte sich die Vorstellung, die einem nicht ganz verwahrlosten Herzen so natürlich war: »wenn nun Jakobine endlich erfährt, daß sie mich liebt; wenn sie nun weiß, daß sie ihren Mann betriegt: wie wird ihr dann seyn?« Jakobine, mit ihrem 565 empfindlichen, zarten Herzen, – das konnte er sich nicht läugnen – mußte dann in einen entsetzlichen Zustand gerathen. Er sah, daß diese Liebe, ehe Jakobine dadurch glücklich werden konnte, ihr feines Tugendgefühl und ihre Unschuld zerstören mußte; und dennoch – o der entsetzlichen Wollust! – riß ihn seine Leidenschaft nach einigen vergeblichen Kämpfen mit sich dahin. »Ihr Herz wird bluten«, rief er giftig, durch den Widerspruch seines Gewissens erbittert; »aber ihr Verstand wird und soll die Wunde heilen. Ist ihr Herz, mit seinen Leidenschaften, ihr Werk? kann sie denn dafür, daß der Himmel sie so machte? Sie that, was sie konnte, was ich that: sie kämpfte mit allen Kräften ihrer Seele. Ist es denn ihre Schuld, wenn sie endlich in diesem ungleichen Kampfe erliegt? ist es ihre Schuld, wenn thörichte Menschen den Gehorsam gegen die ewigen unwiderstehlichen Gesetze der Natur und unsres Herzens Verbrechen nennen? ist es ihre Schuld, wenn sie sich dem Manne hingiebt, der sie mit unaussprechlicher Liebe umfaßt? Denn – ist das Liebe, was dieser kalte Glückliche für sie empfindet? Nein, ich allein liebe sie. Er kann sie so nicht lieben, wie ich. Nur Zufriedenheit, Ruhe, ist das Gefühl, das ihre Umarmung in ihm erregt. Mit einem freundlichen Lächeln belohnt er sie, wenn sie die schönen Arme um ihn schlingt. O Himmel! Zufriedenheit? Lächeln? Mit tausend Leben, mit dem Himmel selbst, würde ich eine Umarmung von ihr erkaufen! Ist sie eine Verbrecherin, wenn sie ihr Herz dem Manne nimmt, der es wie ein Hausgeräth betrachtet, und es dem giebt, in dessen Brust ein ähnliches 566 schlägt? Soll die heiße Liebe um kalte Worte buhlen? Nein, Jakobine, in deinen Armen liegt der Himmel; ich sehe ihn, sinke nieder, und bete ihn an!« Indeß hielt Menschlichkeit Rheinfelden doch ab, Jakobinen mit ihrem eigenen Zustande und mit seiner Liebe bekannt zu machen. Er beschloß, die Entwickelung ihr selbst zu überlassen. Wohl! dachte er; kalt will ich hier stehen, kalt wie ein Marmorbild, und die Flamme nicht anfachen, die mit verborgener Gewalt in ihrem Busen lodert; kein Wort, kein Seufzer von mir soll die Rechte der Freundschaft beleidigen. In stiller Unterwerfung unter das Gesetz, das man Tugend nennt, will ich harren. Aber wenn ihr Herz endlich unter dem gewaltigen Drucke der Natur erliegt, sich öffnet, und die Flamme ihrer Liebe hervorbricht; wenn ihre Arme sich freiwillig heben, mich zu umfassen: o, dann soll kein Mensch und kein Gott mich hindern, die Seligkeit ihrer Liebe zu erringen; dann flieg' ich an ihre Brust, und wenn die Blitze des Ewigen dahin führen, wo sie steht, und mir die Arme entgegen streckt! Der Ritter irrte sich. Jakobine war gegen ihn wohl zärtlich; aber ihr Herz öffnete sich nie in Liebe zu ihm. Er rechnete jeden Tag auf ein deutlicheres Zeichen von Jakobinens Liebe, und wußte nicht zu begreifen, wie es möglich war, daß sie noch immer so ganz sich gleich blieb. Ihr Zutrauen zu ihm war ohne Gränzen, ihre Zärtlichkeit kam aus dem Herzen: das sah er an ihren Blicken, das hörte er an ihrem Tone; und dennoch blieb alles unverändert. Er hatte, ohne zu handeln, glücklich werden wollen; jetzt aber mußte er 567 die Unthätigkeit, hinter der er sein Gewissen verbarg, fahren lassen. Er erstaunte über die hohe Unschuld, die Jakobinen den Zustand ihres Herzens so sehr und so anhaltend verbergen konnte, und trat ihr nun einen Schritt näher. Von jetzt an war er um sie, wie ihr Schatten. Sie hatte nicht den leisesten Wunsch, den er nicht errieth und befriedigte. Er schloß sich immer mehr an Jakobinen an, und schien sich nur an die Familie im Allgemeinen anzuschließen. Um des Vaters Freundschaft bewarb er sich nun noch emsiger, und es gelang ihm damit nur allzusehr. Auf eine sehr unmerkliche Weise erregte er in dem Kopfe des Alten die Idee, daß er ganz nach Friedrichsfelde herausziehen möchte. Der Alte trug das seinen Kindern vor, und sie wunderten sich, daß man nicht schon längst auf diesen Gedanken gekommen war. Der Ritter hatte, als man den Wunsch äußerte, allerlei dagegen, bis Jakobine sagte: thun Sie es uns zu gefallen. Nun drückte er ihr die Hand, und sagte: wohl! so bin ich denn auf ewig der Eurige! Man dankte Jakobinen, daß sie den Ritter dazu bewogen hatte, und sie lächelte zufrieden. Er zog nun nach Friedrichsfelde, und jetzt hob dort ein andres Leben an. Fast alle Tage waren Feste, und Jakobine bei jedem die Königin, obgleich der Ritter bald den Alten, bald Lissowen, bald die Kinder zum Anlasse seiner Feste gebrauchte. Jakobine sah wohl, daß er nur ihr Vergnügen hauptsächlich im Sinne hatte, und ein seelenvolles Lächeln belohnte ihn dafür. Wem hätte je die Liebe eines Menschen nicht geschmeichelt? – Nun gab der Ritter Jakobinen die 568 Summen, die sonst Lissow unter die Armen in Friedrichsfelde vertheilte. Er hatte mit Jakobinen immer seine kleinen Geheimnisse: bald ein heimliches Fest, Lissowen zu überraschen; bald die Angelegenheiten eines Unglücklichen, und die Art ihm zu helfen. Jetzt saßen Beide in der Laube, und flisterten; dann war er schon mit dem Aufgange der Sonne bei ihr, wenn noch alle Anderen im Hause schliefen, und sie ließ sich in ihrem Morgenanzuge beim Frühstück überraschen: so lange hatte sie mit Rheinfelden geplaudert. Aber dennoch kam er mit ihr nicht weiter. Sie sprach oft ganze Morgen mit ihm, allein von nichts als von Lissow, oder von einem Unglücklichen. Brachte er ein anderes Gespräch auf die Bahn, mochte es auch noch so interessant seyn, so bemerkte sie bald, daß sie noch nicht angekleidet war. Nur einige Minuten warten Sie, sagte sie dann; ich bin bald wieder bei Ihnen. – So ein Weib hatte er noch nie gesehen, das ihm, wenn er es recht fest zu halten glaubte, immer wieder entschlüpfte. Nach und nach, theils aus Empfindung, theils mit Vorsatz, spielte er seine Rolle wieder ins Tragische über. Er verlor alles bei Jakobinen, Geduld, Hoffnung, Mühe, Nachsinnen; nur seine Liebe nicht. Sie ward vielmehr eine glühende, verzweiflungsvolle Leidenschaft, je näher er Jakobinen kennen lernte, je mehr sich ihr Geist, ihr Herz mit immer neuer Liebenswürdigkeit vor ihm entfalteten, je mehr er sie in jedem Verhältnisse sah, mit den Reitzen der blühendsten Jugend und der holdesten Schönheit bekleidet. Oft stand er verzweifelnd auf seinem Zimmer, murmelte 569 unvernehmliche Worte, und verwünschte Jakobinens Unschuld, die doch der Reitz seiner Liebe war. Sein Gemüthszustand wurde immer unleidlicher; und dennoch mußte er ihn in eine Hülle von Heiterkeit und Freundschaft kleiden. Die Anstrengung, die ihm das kostete, erbitterte ihn noch mehr, und er fing nun an, Lissowen förmlich zu hassen. Mit Verzweiflung, in die sich eine Art von Beschämung mischte, dachte er daran, daß ihm dieses einfache, so leicht zu berückende Herz endlich dennoch entschlüpfen könnte. Zum ersten Male flog die Idee, Jakobinen zu verführen, – halb als Gedanke, halb als Entschluß – durch seine Seele. »Meines Vaters Thorheit, oder mein Schicksal, hat mich verdammt, die Hände an fremdes Gut legen zu müssen. Das Geschick mag es verantworten. Warum gab es mir dieses Herz mit der verzehrenden Flamme, und das Todtenkreuz des widernatürlichen Ordens? Ist es ein Verbrechen, so begeht es der Himmel!« – Die Freundschaft verrathen! sagte leise eine Stimme in seinem Innern. Er schlug beschämt und erbittert den Blick zu Boden. »Verrathen? Nun, was heißt das eigentlich? Ich nehme ihm ja nichts. Ist nicht der Verlust, den er erleidet, bloße Einbildung des Stolzes, der Selbstsucht? Wie leicht wäre es überdies nicht, ihm den Verlust zu verhehlen! und dann litte er gar nichts.« – Ihn betriegen! sagte die Stimme wieder. »Himmel!« rief er, mit dem Füße stampfend; »soll denn an diesen Menschen, diesen kalten Menschen, der mit jedem Weibe glücklich seyn würde, solche unbegränzte Seligkeit verschwendet seyn? Soll denn der blinde Zufall, 570 der über Geburt und Reichthum entscheidet, auch über das Einzige entscheiden, was dem Leben Werth giebt, über Herzen? Er sah Jakobinen früher als ich: das ist sein ganzes Verdienst. Er lächelt ihr zu; mehr konnte er nicht. Er bietet ihr seine Hand, weil ihr Besitz seine Zufriedenheit nicht stören wird; sie giebt sie ihm, weil sie nie fühlte, was Liebe heißt. So ist es. Und nun stehe ich da mit diesem glühenden Herzen, kann ihr ein Glück bieten, das sie in seinen Armen nicht ahnet, kann in ihren Armen ein Glück finden, dessen er nicht fähig ist, und soll verzweifeln, weil ein Zufall ihn früher auf den Platz warf, den die Vorsehung, wenn anders eine über den Menschen waltet, mir bestimmen mußte! Himmel und Hölle! Da steht sie vor ihm! Alle Freuden des ganzen Lebens, alle Seligkeiten des ganzen Himmels locken in ihre Arme, an ihre Brust; und er bietet ihr gleichgültig die Hand mit einem Lächeln, das kaum hinreichte, die Liebkosung eines gemeinen Weibes zu bezahlen. O, mit einem Dolche in der Hand möchte ich mir den Eingang in dieses Paradies eröffnen, dessen Blüthen ungenossen verwelken, dessen goldene Früchte ungenossen abfallen! Da stehen wir Drei, von einem grausamen Geschicke zusammen gestellt, in seinem Netze gefangen, von ihm verdammt, zwischen Verbrechen und Verbrechen zu wählen! Sie würde an meinem Herzen, in meinen Armen, durch meine heiße, ewige Liebe das höchste Loos des menschlichen Glückes erreichen; ich würde vergehen vor Entzücken, um in ihren Armen, an ihren Lippen, zu lebendigem Entzücken wieder zu erwachen; er würde über den Verlust ein Paar kalte 571 Klagen seufzen und sich mit der Fügung der Vorsehung trösten, oder wohl gar den Verlust ihres Herzens nicht einmal merken, und mit uns glücklich seyn. O! und ich darf nicht! ich soll verzweifeln, weil ein barbarisches Vorurtheil die erhabenste Liebe ein Verbrechen nennt, und nur die Liebe billigt, welche eine kalte Ceremonie geheiligt hat!« Finster, unentschlossen ging er umher; er wurde kalt und bitter, zuweilen sogar gegen Jakobinen. Jetzt verhärteten sich immer mehr Fasern seines Herzens. Er verwünschte sich selbst, daß er nicht stark genug war, den Entschluß, seinen Freund zu verrathen, fest zu halten. Wenn Lissow ihm die Hand so zutraulich bot, wurde sein Herz erschüttert; und zugleich zerriß auch der feste Entschluß, ihn zu betriegen. O, Dank sey dem Himmel, es ist nicht leicht ein Bösewicht zu seyn! Das Verbrechen siegt nur nach langen Kämpfen, und zugleich öffnet es das Herz wieder der Reue, indem es selbst das Glück zerschmettert, für dessen Besitz es kämpfte. Rheinfelden ließ sich unthätig von dem Sturme der Leidenschaft treiben. Jetzt, wenn Jakobine neben ihm saß, seine Hand drückte, und ihn mit ihrer sanften, liebevollen Stimme fragte: was ist Ihnen? Seyn Sie heiter; wir lieben Sie ja so herzlich! – jetzt war der Entschluß da: sie soll mein seyn. Wenn ihm dann wieder Lissow sagte: hat denn die Freundschaft alle Gewalt über Ihren Kummer verloren? dann reichte der Ritter ihm die Hand, stand auf, entfernte sich, und schwor: ich will ihn nicht verrathen! und mit 572 jedem Schwure wurde sein Herz schwächer. Er erklärte sich sogar, weil er mußte, über die Ursache seines Kummers. »Ich fühle«, sagte er zu dem Alten, »wie glücklich man seyn kann, wenn man Gatte, wenn man Vater ist. Hier seh' ich alle Tage, wie unter dem belebenden Sonnenscheine der Liebe, des häuslichen Glückes, alle Tugenden keimen und gedeihen, und nur unter ihm gedeihen können. Aber mich hat das Geschick ausgeschlossen aus diesem allgemeinen Paradiese; es verdammt mich entweder zu Verbrechen, oder zu einem freuden- und tugendlosen Leben!« Oder, setzte der Alte lächelnd hinzu, zu einer großen Handlung: Schranken, die Ihnen die Thorheit bauete, mit einem Male zu überspringen, in nahmenloser Verborgenheit die Freuden der Liebe, der Freundschaft, die Tugenden der Natur, des Herzens zu suchen, und trotz Ihrem Ordenskreuze glücklich zu seyn. Der Ritter schüttelte den Kopf. Das Ordenskreuz hätte er gern und leicht weggeworfen, wäre nur sein Gewissen eben so leicht wegzuwerfen gewesen. Der arme, unglückliche Rheinfelden! sagte der Alte nachher, als er sein Gespräch mit ihm seinen beiden Kindern erzählte. Redet ihm nicht zu, fuhr er fort, überlaßt Alles ihm selbst. Die Natur allein und sein Herz müssen ihm den Muth geben, seinen Stand abzuwerfen und seine Verhältnisse zu vergessen; sonst war er der Natur und seines Herzens nicht werth. Ich vermuthe sogar aus einem gewissen Umstande, daß sein Herz nicht mehr frei ist. (Er schloß das aus des Ritters Worten: »mich verdammt das Geschick zu Verbrechen!«) 573 Da war die alte Idee wieder in Jakobinens Kopfe: wie? wenn der Ritter liebte – wie unglücklich müßte er dann seyn! Sie versprach zwar, wie ihr Mann, den Ritter und seinen Kummer sich selbst zu überlassen; allein die Begierde, zu wissen, ob er wirklich liebe, und der Wunsch, ihn mit einer Gattin glücklich zu sehen, wurden bei ihr so stark, daß sie sich kaum enthalten konnte, ihn zu fragen. Sie sprach von dieser Idee so oft mit Lissow und ihrem Vater, daß dieser sie noch einmal erinnern mußte, alles dem Ritter selbst zu überlassen. »Das Opfer, das er der Natur bringen muß, ist schwer, mein Kind. Er soll seiner Familie, seinem Nahmen, seinem Stande, allen seinen Hoffnungen in der Welt, entsagen. Sein Weib, seine Kinder und die Verborgenheit, in der er lebt, müssen das Einzige seyn, worin er bis an seinen Tod sein Glück findet. Sein Herz hat noch andere Wünsche als das deinige, Jakobine: es ist an Ehre, an Glanz, an Achtungsbezeigungen gewöhnt; das deinige kennt nichts als die Liebe. Unser wird er immer bleiben, er sey Ritter oder Mensch. Überlaß ihn sich selbst. Sein Herz muß den Kampf allein kämpfen, und siegen oder sinken. Wir werden mit ihm glücklich seyn, oder ihn trösten.« Jakobine erinnerte sich immer der kummervollen Tage, da sie von Lissow getrennt war, dachte sich das Leiden des Ritters, wie das ihrige, und hielt es für Pflicht, ihn wenigstens zu trösten, wenn sie ihm auch nicht rathen sollte. Jetzt schloß sie sich aus Mitleiden noch inniger an den Ritter, und ihre Freundschaft wurde so zart, so herzlich, daß aufs neue bei ihm die Hoffnung erwachte. 574 Jakobine war ein Weib: sie sagte dem Ritter nichts; aber zuweilen machte sie doch eine feine Anspielung auf eine unglückliche Liebe, und jedesmal that sie das mit einem tiefen Seufzer. Rheinfelden verging beinahe vor Freude bei diesem ersten Strahle der Seligkeit. Er sah sie an, ergriff diese Anspielung, und war eben im Begriff loszubrechen. Jakobine merkte es, und zitterte vor dem Vertrauen, das schon auf seinen Lippen schwebte, weil sie fürchtete, ihm alsdann rathen zu sollen. Der Ritter sah ihre Unruhe, und hielt das Geständniß seiner unglücklichen Liebe zurück. Laß ihre Empfindung erst ihr Herz zersprengen! rief ihm der Instinkt zu. Er schwieg mit einer kummervollen Miene, und drückte nur wild Jakobinens Hände. Jetzt zweifelte Jakobine nicht mehr, daß der Unglückliche ein Mädchen liebe. Sie wäre ruhig geworden, wenn sie nur noch gewußt hätte, ob er wieder geliebt werde. Dem Mädchen, das sie sich dachte, lieh sie alle Reitze, und die Thränen, die sie selbst ehedem vergossen hatte. Sie liebte es schon im voraus, und lispelte still: o sie soll mich lieben, und wir wollen glücklich seyn! Wenn der Ritter bei ihr allein war, sah sie nicht, wie seine Blicke voll Sehnsucht auf ihr hingen; sie dachte nichts bei seinen Händedrücken, bei seiner stummen Verzweiflung. Man hätte Jakobinen sagen können: der Ritter liebe sie; gewiß würde sie es niemanden, ja kaum ihm selbst, geglaubt haben. Sie hatte gar keinen Begriff davon, wie man die Gattin eines Andern lieben könne. Ihr schönes Herz war für die Tugend geschaffen; und sie hielt ein Verbrechen bei jedem, den sie liebte, für 575 unmöglich. So bahnte sie selbst in der heiligsten Unschuld, in dem zärtlichsten Mitleiden, den Weg zu ihrem Verderben. Der Ritter wollte die Hoffnung, die Jakobine, wie er glaubte, ihm gegeben hatte, nicht wieder fahren lassen, und ging seinen Weg fort. Jetzt entfuhr ihm eine Anspielung auf eine unglückliche Liebe; dann nannte er sich den unglücklichsten aller Menschen. Jakobine, die nichts mehr sagen wollte, seufzte doch, wenn sie das hörte; ihr Busen schlug, und zuweilen rann sogar eine Thräne des Mitleidens aus ihrem Auge. Jetzt klagte er, daß sich ein Vorurtheil so grausam seiner Glückseligkeit in den Weg stelle. (Er meinte die eheliche Treue, und sie dachte an sein Ordensgelübde.) Sie seufzte. »Aber«, sagte er dann, »sollen Vorurtheile die Seligkeit zweier Herzen zerstören?« Sie sah ihn nachdenkend von der Seite an, seufzte wieder, stand auf, und ging, weil sie an ihres Vaters Rath, den Ritter sich selbst zu überlassen, dachte. »Ja, sie liebt mich!« sagte der Ritter mit stolzer Freude. »Die Strahlen ihrer Liebe brechen schon gewaltig aus ihrem Herzen hervor. O ich Glücklicher! Was kann die Freundschaft, was die Tugend nun noch fordern? Soll ich ihr Herz unter einer Liebe, deren Allmacht ich so gut kenne, brechen lassen, damit ich ihm eine kalte Klage erspare? Soll dieses Weib unglücklich werden, dieses Weib, das der Himmel zum Genusse des höchsten Glückes schuf? Ist unsere Liebe ein Verbrechen, so hat die tugendhafte Jakobine mit ihrer Unschuld sie zur Tugend geheiligt. Jakobine liebt; sie ist keines Verbrechens fähig, und jetzt 576 will ich meine Liebe gegen den Himmel vertheidigen. Die Eine Thräne, die sie weinte; hat alle Schuld von ihrem und von meinem Herzen abgewaschen. Mehr als diese kostbare Thräne können das beleidigte Vorurtheil und die beleidigte Freundschaft nicht fordern. Sie haben ihr Opfer: diese Thräne. Und nun soll die allmächtige Liebe den langen Kampf zweier Herzen, welche die Natur für einander bestimmte, belohnen!« Er warf sich, wie ohne Bewußtseyn, auf die Kniee, als ob er vor Jakobinen läge. Im Übermaße seiner Freude sah er den Augenblick ganz nahe, da Jakobine, von Liebe überwältigt, ihn an den schönen Busen drücken würde; und eilte mit seiner aufgereitzten Phantasie diesem großen Augenblicke vor. Mit Entzücken dachte er sich die Gewalt der Leidenschaft, womit sie, dieses Weib, das nichts als Liebe war, an ihm hangen würde; dann bebte er wieder vor Furcht, daß eben diese Gewalt ihrer Leidenschaft sie verrathen möchte: denn sogar in Lissows Gegenwart warf Jakobine Blicke der kummervollsten Liebe auf ihn. Jakobine fühlte wirklich das zärtlichste Mitleiden für den Unglücklichen, und zeigte, weil sie nichts von des Ritters Gedanken ahnete, ihm offen, was sie fühlte. Er freuete sich, daß Lissow noch immer nichts merkte, am meisten aber darüber, daß auch der feine Alte sich von ihm betriegen ließ. Beider gutmüthige Sicherheit war ihm so wichtig, daß er sich alle Mühe gab, sie darin zu erhalten. Gegen Lissow war er, so schwer es ihm auch wurde, jetzt freundschaftlicher und zärtlicher als je. Um ihn zu betriegen? Über diesen 577 Gedanken flog er weg. Sonderbar genug heuchelte er sich selbst vor, daß er Freundschaft für Lissow fühlte. Er tröstete sich mit dem Beispiele Jakobinens, die, wie er sah, noch eben die Zärtlichkeit gegen Lissow zeigte, wie sonst. Noch einmal warnte ihn sein Genius. Wenn die Familie Abends zusammen war, machte man Musik oder plauderte, oder las die Reihe herum vor. Unsre Deutsche Litteratur blühete damals erst auf; man las daher gewöhnlich Französisch. Eines Abends mußte Jakobine lesen. Der Alte saß mit seiner Tabackspfeife neben ihr; und gegenüber der Ritter, der seine Hand vertraulich auf Lissows Knie ruhen ließ. Sie gaben einander Zeichen bei jeder schönen Stelle, oder so oft Jakobine etwas vorzüglich gut deklamirte. Jakobine las mit immer steigendem Enthusiasmus; ihre Augen blitzten, ihr Busen klopfte, ihre Stimme wurde immer lauter und inniger. Lissow sah mit zärtlichen Blicken auf seine reitzende Gattin, seufzte leise dem Ritter ein frohes Ach zu, und drückte ihm zärtlich die Hand. Der Ritter erwiederte den Händedruck. In diesem Augenblicke las Jakobine mit beinahe erstickter Stimme die beiden Verse: Sans crainte, sans soupçon, au milieu du danger, Il caresse la main qui le doit égorger Schon von Gefahr umringt, frei von Verdacht und Furcht, Liebkos't er noch der Hand, die ihn ermorden soll. . Der Gedanke fiel mit solcher Gewalt, und so überraschend, an des Ritters Herz, daß er aufsprang und sich eilig 578 entfernte. Er ging auf sein Zimmer; da stand sein Verbrechen in der ganzen Abscheulichkeit, unbeweglich, vor seiner Seele. Wohin er sah, was er auch denken mochte: immer kam der Vers, » il caresse la main qui le doit égorger «, wieder in seine Seele. Jetzt erwachte sein Gewissen noch einmal, und rief ihm furchtbar zu. Er verhüllte sein Gesicht, und wiederholte laut, mit bitter klagender Stimme, die beiden Verse. O, abscheulich! abscheulich! sagte er dann. Ich grabe einen Abgrund unter den Füßen des Mannes, der mich liebt, der voll Zutrauens an meinem Herzen schlummert! Nein! sterben kann ich; und bis über das Grab hinaus wird mich ja diese fürchterliche Liebe nicht verfolgen. Fort von hier! fort! Diese Hand, die ihm ewige Freundschaft gelobte, soll ihn nicht ermorden! Lissow kam zu ihm, um zu erfahren, ob ihm etwas zugestoßen sey. Der Ritter sagte: »vergebt mir die Unruhe, die ich euch mache. Mein unglückliches Gestirn! Nein, es soll euch nicht länger quälen. Seyd glücklich. Ich will, ich muß mein Glück, meine Ruhe aufsuchen. Vielleicht finde ich sie wieder.« – Was hoffen Sie zu finden? Rheinfelden, ich beschwöre Sie, seyn Sie aufrichtig! Vielleicht können wir Ihnen helfen. – Der Ritter schüttelte den Kopf. – Nun denn, sagte Lissow, der jetzt durch des Ritters eigene Worte die Vermuthung, daß er geliebt hätte, und die Geliebte aufsuchen wollte, bestätigt glaubte: nun denn, ich will nicht weiter in Sie dringen. Nur schonen Sie Jakobinen; sie nimmt größeren Theil an Ihrem Zustande, als Sie vielleicht wissen. Ihre Heftigkeit hat sie sehr erschreckt. 579 Der Ritter schwieg, und seine Empfindung heftete sich mit neuer Gewalt an Jakobinen. Sein Entschluß zu gehen, war dahin. Er verwünschte seine Heftigkeit, und lächelte dann mit heimlicher Freude über Lissows Mißverständniß. Als Jakobine schlafen ging, und vor seiner Thüre mit zärtlicher Stimme fragte: ist Ihnen nun besser, lieber Rheinfelden? sprang er an die Thür, und riß sie auf. Kaum sah er die reitzende Jakobine, so schwor er schon wieder im Herzen: sie soll mein seyn! – O, die Wollust ist das schrecklichste von allen Lastern. Sie verspottet die donnernde Stimme des Gewissens, die warnende Stimme des Himmels; und nichts ist ihr heilig, wenn sie nur ihre Begierde stillen kann. »Jakobine ist sehr erschrocken über meine Heftigkeit? sie nimmt mehr Theil an mir, als ich weiß?« Aus diesen beiden Vorstellungen schuf sich der Ritter die Nacht hindurch wollüstige Träume; und der Morgen fand ihn schon entschlossen, sie nicht bloße Träume bleiben zu lassen, sollte auch Lissows Herz in Verzweiflung darüber brechen. Über die letzte Vorstellung schlüpfte er weg; seine lüsterne Begierde verschlang alle andern Gedanken. Er flog jetzt den Weg des Verbrechens, den er vorher nur langsam gegangen war. Lissow ging nach Berlin, und der Alte mußte indessen seine Geschäfte verrichten. Mit glühender Freude setzte der Ritter sich in die fernste Laube des Gartens. Er war, obgleich mit quälender Unruhe, und zitternd, entschlossen, heute den entscheidenden Schritt zu thun. Jakobine mußte 580 sich den Vormittag mit Rechnungen, die fertig seyn sollten, beschäftigen. Sie kam wohl einige Male, aber nur einen Augenblick, und vertröstete ihn auf den Nachmittag und Abend. Gegen vier Uhr hatte sie endlich jene Arbeit fertig, und kam mit ihrer weiblichen zu ihm. Auf ihrer Stirn lag Unruhe; sie heftete ihre Blicke fest auf den Ritter, und alles an ihr war in einer gespannten Bewegung. Mit einer kleinen Verwirrung setzte sie sich zu ihm, und sah ihn gerührt an. Lissow hatte Jakobinen gebeten, dem Ritter sein Geheimniß zu entreißen. Was auch der Vater dagegen haben mag, Jakobine, sagte er zu ihr allein: sein Zustand ist zu wild, zu heftig, als daß wir länger ruhig zusehen könnten, wie es enden wird. Du hast sein Vertrauen mehr als wir alle. Suche sein Geheimniß zu erfahren. Gewiß, er liebt; und sein Herz erliegt unter der Unentschlossenheit. Gieb dir Mühe, Jakobine; er kann es deiner Freundschaft nicht abschlagen. Jetzt war Jakobine endlich auf dem Punkte, auf dem sie schon lange zu seyn gewünscht hatte: sie sollte nun erfahren, wen der Ritter liebte, und ob sie Hoffnung hätte, bald an Rheinfeldens Gattin eine Freundin zu bekommen. Wir werden ungestört bleiben, lieber Rheinfelden, fing sie mit großer Freundlichkeit an: die Kleinen hab' ich meinem Mann entgegen geschickt, und mein Vater hat Geschäfte. (In des Ritters Auge glänzte auf einmal ein heller Strahl von Freude; denn klang das nicht, als ob sie ihm andeuten wollte: jetzt ist es Zeit, mir Ihr Herz zu entdecken?) Nun, sagen Sie mir doch endlich, fuhr sie noch zärtlicher fort: 581 was machte Sie gestern so wild? Sie sollten sich selbst gesehen haben! Was war Ihnen denn, lieber Rheinfelden? »Die Verse, die Sie lasen, Jakobine«, fuhr er unbedachtsam heraus. Jakobine schwieg nachsinnend. Sie wollte sich der Verse erinnern. Die Verse? sagte sie. Es waren, wie mich dünkt, die: sans crainte, sans soupçon , und wie es weiter heißt: er liebkos't noch der Hand, die ihn ermorden soll. Weshalb fielen Ihnen denn die Verse so auf? »Ich war ein Kind«, sagte der Ritter einlenkend, »als ich meinem Vater das Versprechen geben mußte, Malteser zu werden. Ohne zu argwöhnen, wie unglücklich das Kreuz mich machen könnte, ließ ich mich von ihm zum Altare führen, und küßte die Hand, die mein Glück zerstörte. Das fiel mir ein; dieses Gefühl meines Elendes ergriff mich.« Ihres Elendes, lieber Rheinfelden? (Sie ließ ihr Strickzeug in den Schooß sinken.) Wenn Sie wüßten, wie das Wort mich schmerzt! Ist denn Ihr Elend so gewiß? Hoffnung hat ja jeder Mensch; und Sie allein hätten keine? »Ich allein habe keine: Die jammervollste Verzweiflung ist mein Loos.« Nein, Rheinfelden, sagte Jakobine sehr bewegt; verzweifeln müssen Sie nicht. – Sie faßte seine Hand, und drückte sie. Er ergriff die Hand, und führte sie zu seinen Lippen. »Ach, wenn Sie mein Elend kennten, Jakobine!« rief er schmerzlich. – Sie sah ihn mitleidig von der Seite an, und schwieg. Er fuhr fort: »Aber ich muß schweigen und verzweifeln. Meine Wünsche sind Unmöglichkeit, mein Elend ohne Hoffnung.« 582 Sie seufzte, und nun schwiegen Beide ziemlich lange. Jakobine sann darauf, wie sie es anfangen sollte, ihm das Geheimniß zu entreißen, das er ihr nicht sagen konnte. »O Jakobine«, hob er nach einiger Zeit wieder an, »wenn Sie in diese Brust sehen könnten. Sie würden Mitleiden mit mir haben.« Sie ließ ihre Arbeit sinken, und sah ihn wehmüthig lächelnd an. Ach, sie wissen nicht, sagte sie beinahe weinend, was ich für Sie empfinde. Aber so entdecken Sie mir doch: was ist Ihnen? »Ich liebe!« rief er und sprang auf; »ich liebe mit unsäglicher Leidenschaft, und bin unglücklich!« Nun verließ er die Laube, und ging wild den Garten auf und nieder. Jakobine saß still da, und betrachtete den Unglücklichen mit tiefem Schmerze. Sie faltete die Hände auf ihrem Schooße, und es flossen milde Thränen über ihre Wangen. Jetzt wußte sie gewiß, was sie vorher schon vermuthete; aber sie zitterte vor der weitern Erklärung. Sie konnte leicht einsehen, daß die Geliebte des Ritters, auch wenn sie eine eben so glühende Leidenschaft hätte, wie er, in Verhältnissen seyn könnte, die es ihr unmöglich machten, ihm in die Verborgenheit zu folgen, wohin er doch mußte, wenn er seinem Orden entsagte. O! seufzte sie, und schlug die Hände zusammen: der Unglückliche! Sie blieb zitternd in der Laube sitzen; denn was sollte, was konnte sie ihm sagen? Der Ritter sah sie die Hände ringen, und triumphirte schon: »ja, sie liebt mich!« Sogleich ging er wieder zu ihr, setzte sich neben sie, und beugte die Stirn in die Hand. O Rheinfelden, sagte sie seufzend, ich bitte Sie, nicht diese 583 hoffnungslose Stellung! Seyn Sie großmüthig; schonen Sie meiner! »Ich liebe«, sagte er, ohne seine Stellung zu verändern; »und der Himmel selbst kann meine Liebe nicht verdammen: denn ich liebe ein Herz, eine Seele, eine Unschuld, die selbst Engel anbeten würden, wenn sie unter Menschen wallten.« Jakobine seufzte aufs neue. So hatte sie sich die unbekannte Freundin gedacht, die sie an Rheinfeldens Geliebter zu bekommen hoffte. Sie fragte, halb schon die Antwort ahnend: und es wäre unmöglich? – »Ja! und das eben ist mein Elend! ... Ich Unglücklicher!« Er wollte aufspringen. Sie ergriff zitternd seine beiden Hände, und sagte: O Rheinfelden, ich weiß, was Sie leiden. Auch ich kenne diese Thränen. – Sie versank in stille Träume an jene Stunden, wo Lissow sie verlassen hatte, und Thräne auf Thräne rollte von ihrer Wange, als sie endlich langsam aufstand. Er faßte ihre Hand, und stammelte: »Ihr Mitleiden, Jakobine ... Ihr schönes Mitleiden ... Nein, Sie kennen meinen Schmerz nicht; was ich fühle, hat nie ein Mensch gefühlt. Ich war dazu aufbehalten, den ganzen Zorn des Himmels in seinem bittersten Kelche zu leeren!« – Ich muß mich erholen, Rheinfelden, sagte Jakobine sanft. Werden Sie ruhiger, ich bitte Sie, werden Sie ruhiger! Nachdenken findet den Weg zum Glücke, den die Verzweiflung übersieht. – Sie drückte seine Hand, und ging, zärtlich nach ihm zurücksehend, in das Haus. Wie? dachte er, als sie verschwunden war: wie war das? Nachdenken findet den Weg zum Glücke, den die 584 Verzweiflung übersieht? Das war so hoffnungsreich, und doch so ruhig gesagt. Er hatte auf einen fürchterlichen Sturm bei Jakobinen gerechnet, und sah nun gerade das Gegentheil. »Hat sie mich nicht verstanden? Aber ihr Betragen, ihre Seufzer, ihre Thränen, ihre Worte! Auch sie kennt meine Thränen! Und ihr Händedruck zuletzt!« Es blieb ihm etwas Räthselhaftes in Jakobinens Betragen; indeß war nun doch die wildeste Freude in seiner Brust. »Noch eine solche Stunde«, dachte er, »noch eine solche Unterredung; und sie ist mein!« Nichts rechnet falscher, als die Begierde. Ein einziger Gedanke an Jakobinens Unschuld hätte ihn überzeugen müssen, daß sie nicht fähig war, ihre Kinder wegzuschicken, um mit ihm ungestört allein zu seyn, und ihm es dann noch zu sagen. Er verlor sich in sein erträumtes Glück; aber ein plötzlicher Schlag stürzte das ganze Gebäude seiner Hoffnungen wieder um. Noch immer saß er im Garten, und hoffte auf Jakobinen. Endlich kam sie; allein an der Hand des verhaßten Lissow. Sie ging gerade auf die Laube zu, worin der Ritter saß, nahm mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit seine Hand, und sagte in dem sanftesten Tone: Sie haben mich zu Ihrer Vertrauten gemacht, lieber Rheinfelden, und ich kann nun nicht wieder zufrieden seyn, wenn ich nicht hoffen darf, Sie glücklich zu sehen. Ja, Lissow, ich weiß unseres Freundes Geheimniß. Er liebt ein unschuldiges, tugendhaftes Mädchen, und ein Zufall, ein Vorurtheil, stellt sich seinem Glücke in den Weg. Wenn dieses Kreuz das Hinderniß Ihres Glückes ist, lieber Rheinfelden, so zögern Sie nicht; reißen Sie es ab, 585 und tauschen Sie dafür den Himmel ein, dessen Seligkeit Sie (und darauf bin ich stolz) durch mich und Lissow kennen gelernt haben. Ich bin zur Trösterin der Unglücklichen nicht geboren; denn, lieber Lissow, ich habe heute Nachmittag mehr Thränen vergossen, als er selbst. Er hat mir beinahe das Herz gebrochen. Ich dankte Gott, als ich allein war. Ihr seyd zwei Männer; doch das will wenig sagen. Aber ihr seid Freunde, und Freunde, die Männer sind: was wäre denen unmöglich? Sie können nicht überlegen, das weiß ich, lieber Rheinfelden. Ihr Zustand ist mir nicht fremd; ich habe Ihre Thränen selbst geweint. Aber Lissow soll mit Ihnen überlegen. Schon vorhin habe ich Ihnen gesagt: Nachdenken findet den Weg zum Glücke, den Ihre Verzweiflung übersieht. Und nun, bedenken Sie, zu meinem Himmel fehlt noch Eins: eine Freundin; und, Rheinfelden, die will ich Ihnen zu danken haben. Ich bitte Sie, setzte sie schmeichelnd hinzu, nehmen Sie Lissows Rath an. Auch Ihr Glück muß möglich seyn, lieber Rheinfelden. Nein, ich zweifle nicht mehr daran. – Sie schlug ihr Auge gen Himmel, und eine Thräne rollte über ihre Wange. – Sie können glücklich werden; nur müssen Sie Ihren Freunden trauen. Das sagte Jakobine mit einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, in den sich aber noch immer ein zärtliches Mitleiden mischte; und nun ließ sie die beiden Freunde allein. So zu verfahren, hatte sie in der Zeit, da sie von Rheinfelden ging, bis Lissow kam, beschlossen. Man denke sich, was der Ritter in diesem Augenblick empfinden mußte! So wie Jakobine anfing zu reden, 586 erschrak er heftig; als er aber endlich begriff, was sie wollte, als nun das stolze Gebäude seines Glückes zusammen stürzte, stand er da, der beschämte Verbrecher, mit dem bittern Gefühle seiner Nichtswürdigkeit und seiner Schande: den Blick auf den Boden geheftet, bleich, zitternd, ergrimmt vor Verdruß, sich so geirrt zu haben, vergebens ein Elender, ein Nichtswürdiger gewesen zu seyn. Wäre seine Hand in diesem Augenblicke bewaffnet gewesen, so hätte er in seinem Grimme, gleichviel wen, sich, oder Lissow, oder Jakobinen, ermorden können. Er stand wie eingewurzelt; die betrogene Freundschaft, die beleidigte Liebe, das verrathene Zutrauen waren in diesem Augenblicke bitter gerächt. Mein Gott! rief Lissow; Rheinfelden! Kommen Sie zu sich! Was starren Sie so zu Boden? Wenn Sie nicht glücklich sind, so seyn Sie wenigstens ein Mann, so verdienen Sie wenigstens durch Standhaftigkeit, es zu seyn! – Es dauerte lange, ehe er Lissowen nur hörte. Giftige Empfindungen der Nachbegierde hoben sich, wie stürmende Wellen, in seiner Brust, und wurden wieder von Scham, von Selbstverachtung verschlungen. Wahrlich, er war in diesem Augenblicke ein Bösewicht. Sein Ehrgefühl zerriß, und mit ihm das festeste Gewebe seiner Tugend. Er empfand noch Liebe für Jakobinen; aber sie war eine fürchterliche Leidenschaft geworden: Wollust, mit Haß und Rachbegierde vereinigt. Seine Schande gab er dem Weibe Schuld, das ihn so freundschaftlich liebte; und seine wollüstige Begierde wurde nun durch die Begierde nach Rache noch schärfer 587 und gewaltiger. – Aus welchen seltsamen Fäden sind die Verbrechen der Menschen gewebt! Endlich verschaffte sich Lissow Gehör. Er drang mit allem, was die Freundschaft Rührendes hat, in den Ritter, und suchte das Herz, das sich ihm verschloß, zu öffnen. »Ja, ich liebe«, sagte endlich der Ritter, weil er fühlte, daß er jetzt sprechen mußte: »ja, ich liebe ein Mädchen mit der glühendsten Leidenschaft! ... Ich bin unglücklich«, setzte er bitter hinzu: »zerschmettert, vernichtet! Lassen Sie mich. Sie kämpfen so gut mit der Unmöglichkeit, wie ich. Ich werde nie glücklich seyn; doch nie können Sie von mir die näheren Umstände meines Elendes erfahren. Ihre Freundschaft martert mich, ohne mich zu trösten. Sie wissen nun die Ursache meiner Verzweiflung. Ich liebe ein Mädchen, liebte es schon, ehe ich mit Ihnen bekannt war, und vergaß es aus Leichtsinn. Ihr Glück, Lissow, hat mich wieder an die Verlorne erinnert, mit der ich eben so glücklich hätte seyn können. Meine Leidenschaft, die nur schlummerte, ist erwacht, und ich bin ohne Hoffnung ihr Raub. Jetzt haben Sie meine Wunden gesehen; gönnen Sie mir nun auch Zeit, sie zu verbinden.« – Er ging auf sein Zimmer, und kam den Abend nicht wieder zum Vorschein. Die ganze Nacht hindurch dauerte der Sturm seiner wilden Empfindungen fort. Der Schlaf nahm seinem Hasse die schärfste Spitze; Eigenliebe, die Schwester der Tugend sowohl als des Lasters, besänftigte auch seinen Haß gegen Jakobinen. »Kann nicht Jakobine eine Absicht gehabt haben, die ich nicht weiß? Und wenn auch das nicht, so fängt 588 doch ihr Herz an, so lebendigen Antheil an mir zu nehmen, daß ...« Es stiegen neue Hoffnungen, freilich mit bitterer Scham gemischt, bei ihm auf. Sie unterdrückten zwar seinen Grimm; allein seine Empfindungen behielten doch alle eine Spur von dieser gehässigen Leidenschaft. Jetzt schien es ihm, als ob seine Ehre an Jakobinens Besitze hafte. Die Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, vernichtete zwar seine Rachsucht; aber der Gedanke, Jakobine könnte ihm entgehen, entzündete sie sogleich wieder. Durch das Zusammentreffen aller dieser Empfindungen hatte er jetzt eine bestimmte Absicht bekommen, Jakobinen um jeden Preis zur Seinigen zu machen. Er wollte sich von dem Lächerlichen, sich so seltsam in ihr geirrt zu haben, befreien, und seine Eigenliebe so gut als seine Begierde nach dem schönen Weibe befriedigen. Nun trat alles in seiner Seele, was vorher noch leise oder laut widerstanden hatte, auf die Seite seiner Wollust. Die Erfüllung seines Wunsches befriedigte nicht mehr allein seine Begierde; sie rächte ihn auch an Jakobinen, die ihn so empfindlich getäuscht hatte, sie befriedigte auch seinen gekränkten Stolz. Wie konnte die leise Stimme seines Gewissens sich noch in dem Sturme dieser drei wilden Leidenschaften – der Wollust, der Rachsucht und des Stolzes – Gehör verschaffen? Es schwieg, von dem Tumulte betäubt. Er trug nun die Maske fort, die ihm der Zufall gegeben hatte. Jetzt konnte er mit Jakobinen frei von seiner unglücklichen Liebe reden. Er mahlte ihr ein Bild von seiner Geliebten, worin sie hätte sich selbst erkennen müssen, 589 wenn sie weniger bescheiden gewesen wäre. Sie erstaunte voll Ehrfurcht vor ihren eigenen Tugenden, bewunderte das Herz, das sie selbst hatte, und fand zum ersten Male die heißeste Liebe nicht genug für ihre eigenen Vollkommenheiten. Nun drang sie mit neuer Gewalt in den Ritter, ihr zu sagen, warum er an dem Besitze dieses liebenswerthen Geschöpfes verzweifle. Er ließ sich lange bitten; doch endlich wagte er es, ihr das Geheimniß zu entdecken. »Meine Geliebte«, sagte er, als Jakobine wieder lebhaft in ihn drang: »meine Geliebte ... ist schon verheirathet.« – Jakobine warf einen heftigen Blick auf ihn, nur Einen; dann stand sie auf, und ging von ihm weg. Der Ritter konnte sich den Blick nicht erklären. Es war ein Blick, als ob sie heftig überrascht, heftig erschreckt wäre. »Wie?« fragte der Ritter sich selbst: »sollte sie gemerkt haben, daß ich sie meine?« Jakobinens Betragen schien ihm das zu bestätigen. Sie vermied es sichtlich, mit ihm allein zu seyn; und war sie durch Umstände dazu gezwungen, so suchte sie mit allen Zeichen einer ängstlichen Verlegenheit dem Gespräche von seiner Liebe zu entgehen. Aber dennoch war sie noch eben so zärtlich gegen den Ritter, wie sonst; ja, ihre Zärtlichkeit hatte sogar etwas Geheimnißvolles, etwas sehr Rührendes, bekommen. Der Ritter forschte jetzt ganz fein, ob sie ihrem Manne oder ihrem Vater etwas gesagt hätte; allein Beide wußten nicht das Mindeste. Er fühlte, daß er mit einem seltnen Weibe zu thun hatte, und daß er sehr behutsam seyn müßte. Zwar stieg seine 590 Hoffnung wieder; allein er überließ sich ihr nur mit Mißtrauen. Freilich konnte er beinahe nicht mehr zweifeln, daß sie nun sein Herz kenne: warum sollte sie ihn sonst vermeiden, warum ein Gespräch fliehen, woran sie vorher so großen Antheil genommen hatte? Sie schien unruhig, verlegen, wehmüthig, und dennoch zärtlich. War das Liebe, mit dem Gefühl ihres Unrechtes? Was konnte es anders seyn? Er glaubte es mit Freude, und zitterte dennoch. Kaum hatte er den Muth, sie anzusehen, wenn sie so unruhig neben ihm saß; noch weniger wagte er es, mit ihr von seiner Liebe zu sprechen, weil er sich mit Verdruß seines ersten Irrthums erinnerte. Jakobine hatte keine Ahnung davon gehabt, daß seiner Liebe ein solches Hinderniß im Wege stände. Sein Ordensgelübde, oder so etwas, das sich durch eine entschlossene Handlung wegräumen ließe, war alles, was sie sich dachte. Sie entsetzte sich, als der Ritter ihr sagte: meine Geliebte ist schon verheirathet; und sie würde sich mit dem entschiedensten Abscheu von ihm gewendet haben, wenn sie nicht die Vorstellung gehabt hätte: der Ritter habe der Hand seiner Geliebten um seines Ordens willen entsagen müssen. Seinen Kummer hielt sie für Reue über die Aufopferung seiner Liebe. Des Wunsches, die Gattin eines Andern zu besitzen, glaubte sie ihn gar nicht fähig, und rechnete es ihm hoch an, daß er nicht einen Schritt that, sich seiner Geliebten wieder zu nähern. Sie achtete ihn dafür, daß er in seiner Verzweiflung dennoch stark genug sey, in Friedrichsfelde, getrennt von seiner Geliebten, zu leben, und daß er Berlin 591 (wo diese nach ihrer Meinung war) verlassen habe. Freilich hielt sie es für Unrecht, daß er, wenn auch ganz heimlich, die Gattin eines Andern liebte. »Aber«, sagte sie traurig, »er ist ja ein Mensch! Und wenn Lissow nicht zurückgekommen wäre – würde ich je so stark gewesen seyn, ihn nicht zu lieben? Er thut nicht recht; aber wie schwer ist hier die Tugend!« Aus Mitleiden, aus Freundschaft für den Ritter, verschwieg sie das Geheimniß ihrem Vater und ihrem Manne, weil sie deren brennenden Haß gegen jeden kannte, der das Eigenthum eines Andern auf irgend eine Art verletzte. Sie wollte dem Ritter nicht noch obenein den Trost der Freundschaft und das Bedauern der Tugend entziehen. Für ihr Theil vermied sie es indeß von jetzt an, mit ihm allein zu seyn, weil sie davor zitterte, einmal mehr hören zu müssen, als sie wünschte. Sie war zu gut, um ihm zu sagen: Sie thun Unrecht! Der Ritter hoffte noch immer, Jakobine sollte sich ihm allmählig mehr nähern; aber vergebens. Sie wurde, als er von seiner Liebe schwieg, sogar wieder ruhiger. Nun glaubte er, noch einen Schritt thun zu müssen; und er that ihn mit Zittern. »Ihre scheue Tugend«, sagte er, »muß sich nach und nach an den Anblick des – Verbrechens, wollte auf seine Zunge springen; er unterdrückte das Wort mit gerunzelter Stirn – an den Gedanken gewöhnen, daß es kein Verbrechen ist, dem Zuge seines Herzens zu folgen.« In einem Gespräche mit ihr über die Gewalt der Leidenschaften sagte er, nachdem er ihr mehrere auffallende Beispiele erzählt hatte: »wollen Sie, Jakobine, Sie gütige, mitleidige 592 Seele, ein Weib verdammen, wenn es sich einer glühenden Leidenschaft hingiebt, die das Werk des Himmels ist, von dem es sein Herz bekam? Wollen Sie das Weib verdammen, das endlich nach einem langen, schweren Kampfe unter einer verzehrenden Liebe erliegt? das mit heißen Thränen, mit ganz aufgelöster Seele, endlich gesteht: die allmächtige Natur ist stärker, als ich? das nun endlich, nach dem ohnmächtigen Ringen mit der Natur, mit seinem Herzen, mit seiner Liebe, mit dem was die Menschen Tugend und Treue nennen, sich an das Herz des Mannes wirft, der es Jahre lang anbetete? Wollen Sie ein solches Weib verdammen, wenn es endlich das ihrem Manne so unvorsichtig gegebene Wort bricht, ihn ewig zu lieben, ihn, der ja durch Kälte und Gleichgültigkeit beweist, daß er ihrer Liebe überdrüßig ist?« Jakobine sprang mit sichtlichem Abscheu auf. Ich bitte, Rheinfelden, sagte sie mit funkelnden Augen: ich bitte, schweigen Sie! Die elendeste, verächtlichste Leidenschaft, die Wollust, nennen Sie ein Werk des Himmels? diese Abscheulichkeit nennen Sie Liebe? Wie? ich sollte ein so verächtliches Geschöpf, das sich wollüstig in die Arme eines fremden Mannes wirft, ihre Treue bricht, ihren Mann verächtlich macht, ihr häusliches Glück stört, den Nahmen Mutter schändet, alle Bande der Natur zerreißt, um ihrer Begierde zu fröhnen – ein solches Weib sollte ich nicht verachten? nicht hassen? Ich bitte Sie, reden Sie nicht mehr davon. Es ist gräßlich! »Ich rede nicht von Wollust, Jakobine«, sagte der Ritter 593 einlenkend; »sondern von einer reinen, keuschen Liebe, von dieser höchsten Liebe der Seele, die der Stolz des Menschen ist.« Nun, so haben Sie sich sehr seltsam ausgedrückt; so paßt nichts von dem, was Sie sagten. Sie lieben mich, nicht wahr? Ich liebe Sie wieder, und gewiß, Rheinfelden, von ganzem Herzen. Wohl hundertmal haben wir Ihnen gesagt, wie nothwendig Sie zu unserer Zufriedenheit sind. Aber diese Liebe hat mir noch nicht den geringsten Kampf gekostet; sie stimmt mit meinem Herzen überein, mit meiner Tugend, mit dem Himmel, mit der Natur, mit Allem, was Sie vorhin nannten, und wovon Sie sagten, daß man damit kämpfen müsse. Meine Freundschaft zu Ihnen vermehrt meine Zufriedenheit, und macht mir keine Unruhe. »Aber«, sagte der Ritter bestürzt und lauernd, »setzen Sie den Fall, Jakobine, Sie bemerkten an mir mehr Vollkommenheiten als an Ihrem Manne: ich wäre wohlthätiger, edler, großmüthiger, gütiger, klüger, gebildeter; nehmen Sie die Eigenschaft, die bei Ihnen den größten Eindruck machen müßte, geben Sie mir die, so – Sie können nicht läugnen, so könnte bei Ihnen doch der Wunsch aufsteigen ...« Jakobine lächelte. Ei nun ja! Und der Wunsch, lieber Rheinfelden, steigt wirklich oft bei mir auf. Wohl schon hundertmal habe ich gewünscht, daß Lissow so viel Musik, so viele Sprachen verstehen möchte, als Sie. Aber was hat das damit zu thun? Ich würde dann wünschen, auch mein Mann möchte die Eigenschaften haben, die Sie da nannten. 594 »Sie wollen mich nicht verstehen, Jakobine!« sagte der Ritter empfindlich. – Nun? fragte Jakobine. – Der Ritter fuhr fort: »So könnte doch wohl bei der tugendhaftesten Frau der Wunsch aufsteigen, dem vollkommneren Manne ihre Hand gegeben zu haben. Wenn nun, setzen Sie den Fall, dieser fremde Mann an dem Weibe Vollkommenheiten bemerkte, die er noch nirgends gefunden hätte; wenn seine wohlwollende Empfindung für das Weib immer wüchse, und Liebe, heiße Liebe, würde ...« Nun? fragte Jakobine wieder. – Der Ritter schwieg einige Augenblicke; dann fuhr er fort: »so könnte doch der Wunsch bei ihm entstehen, dieses Weib zu besitzen. Wenn nun das Weib, mag es so tugendhaft seyn, wie es will, seine Liebe bemerkte, ihn schätzte, ihm Dankbarkeit schuldig zu seyn glaubte; wenn nach und nach die Empfindungen sich erhöheten, verfeinerten; wenn die gegenseitige Liebe Leidenschaft, eine verzehrende Flamme würde: so ...« Ich verstehe Sie wirklich nicht, so gern ich Sie auch verstehen möchte. Nun ja, eine Frau kann tausend gute Eigenschaften an einem Manne bemerken, die ihr Gatte nicht in einem so hohen Grade hat (obgleich selbst das schwer ist, wenn eine Frau ihren Gatten wirklich liebt: denn ich glaube, schon die Eigenliebe verdeckt der Frau die Fehler ihres Mannes). Indeß kann doch die höchste Werthschätzung eines andern Mannes nicht den Grad der Liebe erreichen, den das innige Vertrauen der Ehe, und die Liebe zu gemeinschaftlichen Kindern – o, die Stärke dieser Liebe kennen Sie gar nicht, Rheinfelden! – zwischen Mann und Weib 595 hervorbringen. Welche fremde Liebe könnte stark genug werden, die heiligen, vielfachen Bande, welche Natur, Liebe, Hoffnung, Zufriedenheit Dankbarkeit, Vertrauen um Mann und Frau geschlungen haben, zu zerreißen? ... Ich weiß wohl, daß es geschieht; ja, mein Vater sagt, es geschehe sogar häufig. Wollust! sagte er. Nun denn, so ist diese Wollust das abscheulichste Laster, eben weil es alle Bande der Natur zerreißt. O Himmel! wie wäre es mir möglich, je zu vergessen, daß ich Lissows glückliche Frau, daß ich Mutter seiner Kinder bin, daß ich ihm, seiner Liebe und meiner Liebe, alles, jeden Genuß, jede Hoffnung, jede Tugend sogar, verdanke! Der Ritter schwieg erstaunt und erbittert über die hohe Unschuld dieses Weibes, das ihn nun schon zweimal so beschämend getäuscht hatte; aber eben diese hohe Unschuld wurde für seine Wollust ein Reitz mehr. »Welch eine Seligkeit«, dachte er in seinen grausamen Träumen, »wenn nun endlich dieses Weib im Kampfe mit der Liebe erliegt; wenn diese schönen Arme, widerstrebend, endlich von der Liebe gehoben, mich zitternd umschlingen; wenn ihre schöne Brust voll Liebe und voll Angst an meinem Herzen schlägt!« – Der Wollüstling ist der grausamste Egoist: er zerstört, um zu genießen; er hauet den Baum nieder, um seine Früchte zu pflücken; er kennt nichts, er will nichts, als sich selbst. Der Ritter sah nun wohl, daß er nicht zum Zwecke kommen würde, wenn er nicht Jakobinens reine Seele vergiftete. Er schwieg eine Zeitlang gänzlich von seiner Liebe; 596 aber desto mehr suchte er, in öfteren Unterredungen mit Jakobinen, den Grund ihrer Tugend, ihre Vorstellungen von der Tugend, zu erschüttern. Er fühlte wohl, daß er auf diesem Wege sehr leise gehen mußte, um sie nicht gänzlich und auf einmal von sich zu entfernen. Ganz fein schob er in seine Gespräche Anmerkungen und Fragen ein, welche die Tugend zweifelhaft, ja lächerlich machen sollten. Jakobine bemerkte dies an ihrem Freunde, und zitterte für ihn. Sie vermuthete, daß Leidenschaft für seine Geliebte sein Herz irre führe, und fing einige Male an, mit ihm über diesen Gegenstand zu streiten; allein der Ritter war ihr zu gewandt; sie konnte zuletzt gewöhnlich nichts weiter sagen, als: es ist nicht so; das fühl' ich! es ist abscheulich! Sie schwieg ganz über diesen Punkt; desto mehr aber bedauerte sie im Stillen ihren Freund, daß sein Herz diese falsche Wendung bekommen hatte. Sie freuete sich nur darüber, daß ihr Mann und ihr Vater nichts von diesen Grundsätzen des Ritters merkten; besonders ihr Vater, dem aber doch seit einiger Zeit in dem Benehmen des Ritters etwas Zweideutiges aufgefallen zu seyn schien. Sie wollte den Ritter warnen, und schlug ihm eines Abends vor, Pope's Versuch über den Menschen zu lesen, den er in einer Französischen Übersetzung bekommen hatte. Schon von Anfang an las sie mit gerührter Stimme. Auf einmal wurde sie unruhig; ihre Hand zitterte, ihr Busen klopfte, ihre Stimme wurde affektvoller, ihre Augen funkelten. Sie warf einen sprechenden Blick auf den Ritter, und las nun den Vers: 597 Prétendrez – vous qu'il n'est ni vices, ni vertus Es gebe, sagest du, nicht Laster, Tugend nicht? ? Sie machte eine lange Pause, in der sie sich zu erholen schien. Dann legte sie die Hand auf die Brust, und las mit sanfter Stimme weiter: L'esprit veut-il prouver une telle chimère, Le coeur le contredit, et le force à se taire Will diesen Trug mir auch der Kopf als Wahrheit zeigen, So widerspricht das Herz, und zwinget ihn zu schweigen. . Mit einem tiefen Seufzer fuhr sie fort, und ihre Augen schimmerten von Thränen: Le vice est regardé comme un monstre odieux Dans le premier instant qu'il paroit à nos yeux; Mais l'horreur qui le suit, par degrés diminue; Nous nous accoûtumons à soutenir sa vue: Bientôt le coeur pour lui se laisse interesser, Et notre aveuglement va jusqu'à l'embrasser Erhebt das Laster sich zuerst vor unsrem Blick, So schaudern wir vor ihm, dem Ungeheu'r, zurück. Doch immer schwächer wird der starke Abscheu täglich, Und durch Gewohnheit ist der Anblick dann erträglich. Ja, bald kann unser Herz, verblendet, weiter gehn; Was ihm abscheulich war, das findet es nun schön. . Sie konnte vor Rührung nicht weiter lesen, warf noch einen Blick durch ihre rinnenden Thränen auf den Ritter, und 598 schlug das Buch zu. Der Ritter erröthete; er fühlte sehr deutlich, daß diese Lektüre ihm bestimmt gewesen war. Der Alte fragte Jakobinen, was sie in dieser Stelle so Rührendes fände. – »O«, erwiederte sie, »ist es nicht schrecklich, daß ein edler Mann am Ende so weit kommen kann, das Laster, das Verbrechen, lieb zu gewinnen?« Man sprach nun über diese Stelle, über die Gewalt des Lasters; doch der Ritter schwieg, weil sein Herz auf der Folter war. Das Verbrechen, sagte der Alte, wird dem Menschen gewöhnlich sehr leicht. Der erste Schritt dazu ist der schwerste; die übrigen folgen von selbst. – »Nun, so behüte Gott«, sagte Jakobine gerührt, »uns Alle vor dem ersten Schritte!« Sie sah den Ritter, der mit finstern nachdenkenden Blicken an den Boden hing, noch einmal flüchtig an, und lächelte, weil sie sein Herz getroffen zu haben glaubte. Ach, die arme Jakobine kannte den Wollüstigen nicht! Den ersten Schritt, von dem sie ihn abhalten wollte, hatte er längst gethan; er stand schon am Ziele des Verbrechens. In diesem Augenblicke, da sie ihn gerührt glaubte, brannte die abscheuliche Flamme in seinem Inneren noch lodernder. Ihre schöne Stimme, nicht die Worte, die sie las, brachte sein Herz in eine zitternde Bewegung. Ihr pochender Busen rührte ihn nicht; der Anblick erregte in ihm die heißesten Begierden. Er brauchte die Waffen, womit Jakobine für die Tugend streiten wollte, gegen sie. Was Jakobine las, wendete er auf sie an. Es war ihm der Schutzbrief seines Verbrechens, und reitzte ihn zu einem neuen Angriff auf ihre Unschuld. 599 »Ja«, sagte der Ritter, als er allein war, »ja, so ist es. Die Untreue gegen ihren Mann scheint ihr ein abscheuliches Ungeheuer. Aber man darf ihren Blick nur daran gewöhnen, so verschwindet die häßliche Gestalt; und zuletzt wird sie meine Liebe für das Glück ihres Lebens halten. Richtig! der erste Schritt ist der schwerste, und zu dem werde ich ja das gute, arglose Weib verleiten können!« Schon längst hatte den Ritter sein guter Genius verlassen. Arzenei wurde ihm zu Gift; und Jakobine, die seine Tugend retten wollte, riß den letzten Keim davon aus seiner Seele. Der Wollüstige findet in dem besten Buche, wie überall, Nahrung für seine Flamme. Selbst die Leiche eines schönen Weibes entflammt seine Begierde, und eine weinende Magdalena lockt ihn mit ihren frommen Thränen nur zu Sünden. Der Ritter schwor es sich, Jakobinen, die jetzt neue Reitze für ihn hatte, zu besitzen; aber bald mußte er die Hoffnung, sie zu verführen, gänzlich aufgeben. Die tiefe Ehrerbietung, die er ihr bezeigte; die innige Anhänglichkeit, womit er sich ihr hingab; die feinsten Schmeicheleien, die er ihrer Schönheit, ihrem Geiste machte, um nur ihre Eitelkeit zu erregen: alles wurde zu nichts an dieser demüthigen, reinen, treuen Seele. Mit Verzweiflung sah er sich weiter als jemals von seinem Ziele entfernt. Er besaß Jakobinens Achtung wieder: denn er schwieg jetzt von seinen Grundsätzen; – ihr Vertrauen: wem trauete ihr argloses Herz nicht! – ihre Liebe, ihre reine Liebe: denn sie glaubte, ihn der Tugend gerettet zu 600 haben – Aber Lissow, dieser Glückliche, hatte ihre ganze Seele ungetheilt. Die Unmöglichkeit machte Rheinfeldens Begierden noch glühender. Er verzehrte sich in der Hölle, die in seinem Busen brannte. Seinen Haß, seine Eifersucht gegen Lissow mußte er in seine Brust einkerkern. Die Verzweiflung drohete sein Herz zu zersprengen, und sein Gesicht mußte lächeln. Er brachte der Erfüllung seiner Begierde fürchterliche Opfer; aber desto unumstößlicher wurde auch sein Entschluß, diese Begierde zu befriedigen. Jakobine kämpfte nun nicht mehr mit dem Laster: sie kämpfte mit der Verzweiflung. Ihre Unschuld konnte Rheinfelden nicht zerstören; aber ein unglücklicher Zufall lehrte ihn ein Mittel, ihre Ruhe zu vernichten. Er that es im wilden Taumel seiner Verzweiflung, als sein moralisches Gefühl nicht mehr reden konnte. – Dahin führt die Wollust! Eine junge Frau, Lissow's Nachbarin, lag an einer schweren Krankheit, und Jakobine war die Zeit über täglich in ihrem Hause. Anfangs hatte die Kranke fürchterliche Angst vor dem Tode; sie wurde aber kränker, und mit jedem Tage ruhiger. Ihr Mann kündigte ihr mit Händeringen den Tod an; sie lächelte, und versank sogleich wieder in den Schlummer, worin sie nach einigen Tagen auch starb, ohne, wie es schien, den Tod zu bemerken, der ihr Leben endigte. »Ach, wie schrecklich ist der Tod!« sagte Jakobine, als sie von dem Sterbebette der Frau zu Hause kam. Sie sah mit ängstlichen Blicken auf ihren Mann, und reichte ihm beide Hände zu. Lissow nahm sie in seine Arme; sie 601 schloß sich fest an ihn, und der Ritter trat unmuthig an das Fenster. Für wen schrecklich? fragte der Alte, der keine Gelegenheit vorüberließ, wo er Bemerkungen machen konnte. Für den Zurückbleibenden: das geb' ich zu. Aber für den Sterbenden? wo ist für den das Schreckliche? »Wenn ich Lissow, wenn ich meine Kinder, euch Alle, verlassen sollte! O Gott!« – Sie schauderte. Die Natur würde dir leicht über diesen Augenblick helfen, Jakobine. Sie verläßt ihre Kinder auch im Tode nicht. Da ist ihre segnende Hand um nichts weniger mächtig, als im Leben. – Wie starb die Frau? Jakobine erzählte. Nun, siehst du? sagte der Alte triumphierend. In diesen schweren Augenblicken nimmt die gütige Natur den Sterbenden sanft in die Arme, an ihren mütterlichen Busen. Schlummernd betritt er die Gränze des Lebens, vor der er bebte. Er lächelt noch bei dem letzten erlöschenden Funken des Lichtes, und fühlt nicht, daß es der letzte ist. Dieser Schlummer, der alle Krankheiten endet, ist das Opium, das dir der Arzt bei deiner letzten schweren Geburt gab, um dich zu betäuben. Du fühltest die Schmerzen der Geburt so wenig, wie der Sterbende, wenn die Natur ihm ihr Opium gegeben hat, die Schmerzen des Todes. Diese unglückliche Vergleichung zerschmetterte das Glück der Familie. Der Ritter horchte hoch auf. Er dachte: Opium betäubte sie so, daß sie die Schmerzen der Geburt nicht fühlte? Glühend heiß floß ein Gedanke durch seine 602 Seele. Ihn schauderte vor dem gewaltsamen Mittel; nur die Verzweiflung streckte die Hand, aber nicht ohne Zittern, darnach aus. Er schwankte schrecklich. Seine Tugend erhob noch einmal die unterdrückte Stimme, und rief ihm zu: Ungeheuer! – Nein! rief er, und sprang mit Heftigkeit und rollenden Augen auf. Er wollte dem schrecklichen Gedanken mit Gewalt entfliehen; aber immer kam er nach kurzen Zwischenzeiten wieder. So oft er Jakobinen sah, fiel ihm der Gedanke aufs neue ein, und jedesmal ergriff ihn dabei eine fürchterliche Angst. Nach und nach verlor der Gedanke bei ihm sein Schreckliches; allein noch immer dachte der Ritter ihn nur als eine Möglichkeit, die allenfalls in einem Romane zu gebrauchen wäre. In Berlin sprach er mit einem Arzte darüber, nur um gewiß zu werden, ob Opium die Wirkung thun könne oder nicht. Er erkundigte sich genau nach allen Vorsichtsmaßregeln, die man dabei beobachten müsse; und noch immer überredete er sich selbst, daß er nie im Stande sey, ein solches Mittel zu gebrauchen. Jetzt bestürmte er mit aller Gewalt, mit aller möglichen Zärtlichkeit Jakobinens Herz, und gab sich keine Rechenschaft davon, wie es zuging. Schon lange hatte er die Untersuchung seines Inneren gescheuet; er hätte sonst leicht einsehen können, daß dieses der letzte Versuch auf ihr Herz seyn sollte. Jakobine blieb sich vollkommen gleich. »Wahrlich!« rief er nun, im Schmerze der Verzweiflung: »sie zwingt mich, grausam zu seyn.« Immer näher erkundigte er sich nach dem Gebrauche des 603 betäubenden Mittels, und verschaffte es sich. Er wurde todtenbleich, wenn er es sah, und legte es tief unter andre Sachen. Bald holte er es wieder hervor, betrachtete es mit wilden Blicken, warf es mit Abscheu von sich, rang die Hände, und konnte dennoch nicht Herr seines Gedankens werden. Er kämpfte mit der Wuth eines Verzweifelten, und wurde immer matter. Fort über die Geschichte des abscheulichsten Verbrechens! Die Qualen einer dreifachen Hölle ergriffen den Ritter schon, ehe es begangen war. Es wurde an einem Tage vollführt, da Lissow in Geschäften auf einige Tage verreisen mußte. Jakobine bekam noch Abends spät einen Brief von Lissow, und lief zu dem Ritter, ihm den Brief zu zeigen. Ihre Fröhlichkeit reitzte die Begierde des Bösewichts, und erleichterte ihm die abscheuliche That. Sie trank das betäubende Gift in einem Glase Wein auf Lissows Gesundheit. Bei jedem Tropfen, den sie hinunter trank, wälzte sich die Hölle mit ihren Qualen in das Herz des Verbrechers. Er hätte ihr beinahe das Glas wieder entrissen. Wehe ihm! Ein Mittel, welches die Natur gab, den Schmerz zu lindern, brauchte er, Schmerz zu schaffen! – Das Opium that seine Wirkung; das abscheulichste Verbrechen wurde begangen. Einen Augenblick, aber nur einen Augenblick, triumphirte das Laster; die Reue fiel mit Geierklauen in des Ritters Herz, sobald die That verübt war. Jakobine erwachte aus der Betäubung. Ein Blick auf sich, auf den Ritter, auf den Ort, wo sie war, überzeugte sie von ihrer Schande, und von der an ihr verübten Abscheulichkeit. Todtenbleich, an 604 allen Gliedern zitternd, flog sie vom Lager auf, und warf einen Blick auf den Ritter. In seinem bleichen Gesicht, in seinen scheuen Augen war sein Verbrechen unverkennbar. Er hob die Hände zu Jakobinen auf. »Verzeihung!« seufzte er leise; »meine verzweiflungsvolle Liebe!« Er wollte Jakobinens Hand ergreifen. Seine Bewegung gab der bleichen Bildsäule wieder Leben; sie zog ihre Hand heftig zurück, und blickte auf ihn mit Zorn, Verachtung, Ekel, Betrübniß und Verzweiflung. Er starrte den Boden an. Heiliger Gott! rief sie. Mit langsamen, ungewissen Schritten, die geballte Hand fest auf ihr Herz gedrückt, schwankte sie zum Zimmer hinaus, und eine starre Thräne kalter Verzweiflung stand in ihrem matten Auge. Der Ritter verhüllte mit beiden Händen das Gesicht. Ihm war, als ob die Decke auf ihn herabstürzen wollte. Eine unnennbare Angst ergriff ihn; ihn dünkte, als höre er Jakobinens Klagegeschrei mit dem Heulen der Hölle. Die Stimme verfolgte, trieb und ängstete ihn. Er konnte nicht länger im Hause bleiben. Mit zitternder Hand schrieb er auf ein Papier: »Sie sind gerächt, unschuldige Jakobine. Die Hölle ist in meiner Brust. Ich will sie tragen; nur werden Sie nicht unglücklich!« Mit diesem Billet schlich er langsam nach Jakobinens Zimmer, und öffnete es leise. Jakobine lag vor dem Bette ihrer beiden Kinder auf den Knieen, und hatte ihr Gesicht in die gefalteten Hände gelegt. Ihr Athem flog laut und ängstlich. Er knieete hinter ihr nieder, und streckte die Arme nach ihr aus. Drückende Angst lag wie ein Felsstück auf seinem Herzen. Sie sah sich mit einem wilden Blicke 605 um. Das Papier fiel ihm aus der zitternden Hand; er sprang auf, verließ das Zimmer, taumelte zum Hause hinaus, den Weg nach Berlin, und blickte immer hinter sich, weil er den schweren Gang der Rache zu hören glaubte. Ermattet, bleich, verstört, wild kam er mit dem Morgen nach Berlin. Er schloß sich in sein Zimmer, und wurde erst am Abend sichtbar. Seine Bedienten kannten ihn kaum: so war er entstellt! Am folgenden Morgen fand der Alte, dem Jakobine zu lange ausblieb, die Unglückliche am Bette ihrer Kinder knieen. «Jakobine«, fragte er, »was machst du?« Sie wendete sich zu ihm hin. Der Vater erschrak, als er das bleiche Gesicht voll starrer Wildheit sah. »Was machst du, Jakobine?« fragte er noch einmal, und reichte ihr die Hand. Ich bete! sagte sie in einem sehr ungewöhnlichen Tone. Er hob sie auf, nahm sie an seine Brust, und rief: »Jakobine, liebste Jakobine!« Sie antwortete nicht. Er faßte ihren Puls, der wild und fieberhaft flog. »Du bist krank, mein Kind«, rief er ängstlich. »Ich bitte dich, Jakobine, lege dich nieder.« Er führte sie an ihr Bett; sie sank matt hinein, und schloß das starre Auge. Der Alte lief nach dem Zimmer des Ritters, und fand ihn nicht. Er schickte einen Boten in die Stadt an den Arzt, und einen an Lissow. Der Arzt fand Jakobinen in dem heftigsten Fieber, und zuckte die Achseln. Als Lissow am Abend kam, wollte der Arzt ihn vorbereiten; aber Lissow riß sich mit heftiger Gewalt von ihm los, und stürzte in Jakobinens Zimmer. »Jakobine!« rief er, als er das Zimmer öffnete. Er hob die Arme auf, und blieb, als 606 er ihr Gesicht sah, starr und bleich, an der Thüre stehen. »Jakobine!« schrie er verzweifelnd. Sie schlug das Auge auf; aber sogleich sank es wieder. Lissow jammerte, und rang die Hände. Schweigend drückte er dem Arzte die Hand, und konnte nichts sagen. Er zeigte nur auf die Kranke, und sein Athem flog eben so schnell, wie der ihrige. Der Arzt wurde von dieser stummen Verzweiflung gerührt, und blieb sogar die Nacht da. Das Fieber währte sieben Tage. Lissow saß ununterbrochen an ihrem Bette, und sah mit starren Augen nach ihr hin. So blieb er, fast ohne Nahrung und ohne Schlaf. Am achte Tage sagte der Arzt dem Alten: entfernen Sie den Mann; die Frau stirbt. »Stirbt?« fragte der Alte mit keuchender Brust. »O, lieber Herr, dann ist es Eins, ob wir Alle einen Tag früher, oder einen Tag später sterben.« Er eilte von dem Arzte weg in das Zimmer, warf sich am Bette seiner Tochter nieder, ergriff ihre heißen Hände, benetzte sie mit Thränen, und rief schluchzend: »o Jakobine! Jakobine! muß ich dein Grab noch sehen! Sie stirbt! Lissow, sie stirbt!« Lissow saß ohne Bewegung da. Auf einmal riß er sich die Weste und das Hemde auf, um seiner Brust Luft zu schaffen. Man hätte sein Gesicht für ruhig halten sollen; doch endlich stürzte er mit dem schmetternden Jammergeschrei: »o Jakobine!« an ihr Bett. Sie schlug die Augen auf, betrachtete ihn, reichte ihm langsam, in matten Absätzen, die Hand, und wollte lächeln; aber sie konnte nur den Mund freundlich verzucken. Lissow riß sich von ihr los, und warf sich laut jammernd zu Boden. Man mußte ihn halten. 607 Aber Jakobine verlangte ihn zu sprechen; und sogleich war er sanft wie ein Lamm. Er trat an das Bett, und hielt sein Ohr an ihren Mund. Sie lispelte leise, doch verständlich: »Ich bin unschuldig, liebster Mann. Bei Gott, vor dem ich nun bald stehe: ich bin unschuldig! Der Abscheuliche hat mich entsetzlich betrogen. Denn sieh, ich wußte nichts von meinen Sinnen. Es ist mein Tod! Ich bin dir treu gewesen bis an den letzten Hauch meiner Brust.« Lissow mußte sich anstrengen, sie zu verstehen. Wer denn, arme Jakobine? fragte er. »Rheinfelden!« sagte sie; und in das leidenschaftslose, aufgelöste, bleiche Gesicht stieg noch einmal ein Zug von Unmuth, von verzeihendem Hasse (so möchte ich ihre Miene nennen), als sie den Nahmen Rheinfelden nannte. »Ich habe ihm vergeben«, fuhr sie fort. »Sag ihm das, Lissow; aber ich danke Gott, daß ich sterbe! Ich bin ... deine Jakobine.« Sie wollte die Arme aufheben, und konnte nicht. »O Lissow, nimm mich noch einmal in deine Arme.« Sie brachte mühsam ihre Hände um seinen Nacken. Seufzend suchten ihre Lippen die seinigen, und fanden sie. »Lissow!« seufzte sie, und drückte die kalten Lippen auf seinen Mund. Ein leiser Hauch flog aus ihrer Brust, und sie hing entseelt in seinen Armen. Lissow hielt sie noch immer sanft umschlossen, an seinen Lippen, und sprach mit ihr. »O, meine geliebte Jakobine«, sagte er; »nein, du stirbst nicht! Nein! nein! Gott wird dich mir erhalten!« O Gott! rief der Alte, welcher sah, daß sie schon todt war: kannst du des Unglücklichen noch spotten? Sohn! sagte er 608 laut; sie ist todt! – »Wer ist todt?« rief Lissow, und ließ Jakobinen fallen. Er sah sie an, und schüttelte den Kopf zu wiederholten Malen. Seine Miene würde man ein Lächeln genannt haben, wenn man die andern Gesichter und die Leiche nicht gesehen hätte. Er betrachtete sie starr, faßte mit zweifelndem Gesicht ihren Puls, und legte seine Hand auf ihr Herz. »Sie ist wirklich todt, Vater!« rief er noch einmal, und drückte den Alten wild an seine Brust. Es kostete Mühe, ihn los zu reißen; ihn aus dem Zimmer weg zu bringen, war unmöglich. Kaum konnte man ihn bereden, sie in den Sarg legen zu lassen. Er saß neben der Leiche, und führte mit ihr so seltsame, und doch so rührende Gespräche, daß niemand ihn mit trocknen Augen sehen oder hören konnte. Er verliert den Verstand, sagte der Arzt, wenn wir nicht ein Mittel finden, ihm eine andere Idee interessant zu machen. Der Alte fing an von dem Ritter zu reden, den jeder, nur er nicht, gänzlich vergessen hatte. Sobald Lissow den Nahmen Rheinfelden hörte, wurde sein Gesicht auf einmal gespannt. Er horchte, und schien sich tief zu besinnen, legte die Hand an die Stirn, und schüttelte den Kopf, als ob er sich nicht an das erinnern könnte, was er wissen wollte. So saß er eine ganze Weile und sprang dann plötzlich auf. Man trug einige von Jakobinens Kleidungsstücken aus dem Zimmer. Er nahm sie und packte sie in einen Schrank. Dann suchte er alles zusammen, was Jakobinen gehört hatte. Jedes Bändchen, jedes Stückchen Papier, auf dem ihr Nahme stand, drückte er mit wilden Geberden an 609 seine Lippen. Auf einmal bemerkte er noch ein Papier in einem Winkel. Es war Rheinfeldens Billet. Er las es, las es wieder, und seine Augen fingen an zu funkeln. Jetzt lief er aus dem Zimmer. »Wo ist Rheinfelden?« rief er. In Berlin, antwortete dessen Knecht, der wohl wußte, daß sein Herr immer dort war, wenn er sich nicht in Friedrichsfelde befand. Lissow eilte in den Stall. Dort fand er Rheinfeldens Pferd gesattelt, weil man nach der Stadt geschickt hatte. Im eiligsten Galopp flog er nach Berlin, und vor Rheinfeldens Wohnung. Die Bedienten freuten sich, als sie Lissowen sahen, weil sie glaubten, daß er ihren Herrn, der seit acht Tagen kein Wort gesprochen hatte, aufmuntern würde. Sattelt eurem Herrn ein Pferd! rief Lissow; geschwind! Dann stürzte er nach des Ritters Zimmer, und riß die Thür auf. Der Ritter wurde todtenbleich. »Sie wollen Rache, Lissow?« sagte er bitter lächelnd, als er des sanften Lissows wildes Gesicht sah. »Sie sind schon gerächt; mein ...« Ich muß wissen, ob Jakobine unschuldig ist! sagte Lissow kalt und grimmig. Ich will Licht, Licht will ich! »Jakobine ist unschuldig, wie ein Engel Gottes«, erwiederte der Ritter, kalt betheuernd. Das sollen Sie in Jakobinens Gegenwart sagen. Die Welt soll es wissen, daß sie unschuldig ist! »Soll ich sie noch einmal sehen?« fragte der Ritter schmerzhaft. »Auch das! Ich werde doch ein Wort der Vergebung von ihren Lippen hören, wenn sie meine Verzweiflung sieht.« Er ging mit Lissow hinunter, und Beide setzten sich zu Pferde. Lissow antwortete auf alles, was der Ritter 610 fragte, verkehrt; ja, er schien ihn zuweilen nicht zu kennen. Der Ritter befand sich in der That in einem bedauernswürdigen Zustande. Sein ganzes Herz, seine ganze Seele war Eine brennende Wunde; eine immer lebendige Hölle in seiner Brust rächte Jakobine fürchterlich. Er suchte unterweges durch das wiederholte Geständniß seines Unrechtes Lissowen zu rühren; aber dieser blieb immer gleich seltsam. Als sie in Friedrichsfelde ankamen, eilte Lissow die Treppe hinauf, und Rheinfelden hinter ihm her. Jener öffnete die Thür, und stürzte hinein; dieser folgte ihm auf dem Fuße. Beide sahen zugleich den Sarg, worin Jakobine, noch immer schön, im weißen Sterbekleide lag. »Barmherziger Gott!« riefen sie Beide mit Einem Schrei; »ist sie todt?« Beide stürzten ohnmächtig an der Seite des Sarges nieder. Lissow hatte, wie es schien, Jakobinens Tod vergessen, und sich bloß mit der Idee ihrer Unschuld, und mit dem Ritter beschäftigt. Rheinfelden hingegen, welcher nichts von Jakobinens Tode ahnte; nichts vermuthete, als eine kleine Streitigkeit zwischen beiden Eheleuten, die sein Zeugniß beilegen sollte; nichts fürchtete, als die seltsame Wildheit des Mannes, aber entschlossen war, ihm jede Genugthuung, auch eine blutige, zu geben – Rheinfelden trat wirklich etwas beruhigter in das Zimmer; und da lag Jakobine todt, und starr, vor ihm. Fürchterlicher ist wohl nie ein Mensch überrascht worden, fürchterlicher hat die ewige Gerechtigkeit wohl nie gestraft, als hier. Der Ritter sah, schrie auf, und sank betäubt zu Boden. 611 Man hatte Mühe, sie Beide zu sich selbst zu bringen. Lissow beugte sich sogleich über Jakobinens Leichnam, benetzte ihn mit heißen Thränen, verlor wieder jede andere Idee als ihren Tod, rief ihr zu, versicherte jedem mit den gräßlichsten Schwüren, sie müsse wieder erwachen, wenn eine Vorsehung sey, und zerriß sich das Haar, so oft ihn die starre Kälte des Leichnams von ihrem Tode überzeugte. »Sie ist todt, lieber Sohn!« sagte der Alte; »todt!« – Lissow sah ihn an. Wirklich todt? jammerte er. Nun denn, rief er mit heftigem Schmerze: so ist die Krone der Schöpfung dahin! – Lissows Sohn, ein Knabe von fünf Jahren, warf sich ihm schreiend in die Arme. Was willst du noch länger leben? rief der Vater. Geh ihr nach! Er ergriff den Knaben so wüthend, daß man ihn kaum seinen Händen entreißen konnte. Dann trat er wieder zu der Leiche, und sank matt neben ihr nieder. In einem Winkel des Zimmers saß der Ritter, todtenbleich, die Augen an den Boden geheftet. Er zitterte an allen Gliedern; sein Auge war starr, die Lippen blau, die Hände konvulsivisch zusammen geballet. Er wagte es, seine Blicke bis an den Fuß des Sarges zu heben; höher nie: dann schlug er die Augen wieder zu Boden, und bebte wie ein Verbrecher, der die strafende Rache vor sich sieht. Kein Wort war aus ihm zu bringen, kein Seufzer, keine Thräne. Wenn Lissow sich ihm von ungefähr näherte, wurde er noch bleicher, und verbarg sich feigherzig. Jakobinens Tochter, die an ihn so gewöhnt war, kam heimlich, an der Wand sich hindrängend, zu ihm. Guter Ritter, sagte das Kind weinend, 612 und faßte seine Hand: mach die Mutter wieder lebendig. Ich habe keinen mehr, der mich auf den Schooß nimmt! Da sprang er auf. »Auch du?« rief er wimmernd, und verhüllte sein Gesicht. »Noch nicht genug, strafende Gerechtigkeit?« Trotzig sprang er vor Lissow hin, und rief mit furchtbarem Tone: »Lissow! ich bin Jakobinens Mörder! ich gab ihr Opium! ich entehrte sie! Sie ist unschuldig!« Lissow hörte nicht; er saß bei der Leiche seiner Jakobine, und horchte, ob nicht ihr Herz wieder schlagen würde. Der Alte faßte des Ritters Arm, und zeigte auf Jakobinen. Da sieh hin! sagte er; da sieh hin, Elender! Du bist Jakobinens Mörder. Willst du ihn nun zu deinem Mörder machen? Geh! und die Hölle sey mit dir! Der Ritter nahte sich bebend der Thüre. Geh, rief der Alte ihm nach, und betritt dieses Haus nie wieder! – Man half dem Ritter auf sein Pferd, und er sprengte davon. Jakobine mußte endlich beerdigt werden. Der Alte schlug Lissowen vor, sie im Garten an ihrem Lieblingsplatze zu begraben, und den Hügel dann mit Rosen zu bepflanzen. Das geschah wirklich, so ungewöhnlich ein solches Begräbniß auch war. Von jetzt an saß Lissow, weinend, klagend, in seinem Trauerkleide, den ganzen Tag und halbe Nächte auf dem Grabe. Er rührte seine Arbeit nicht an, und hörte kaum hin, wenn der Alte davon sprach. Ein einziges Mittel gab es, ihn zu sich selbst zu bringen; und das war seine Tochter Jakobine. Die Mutter hatte das Kind sehr lieb gehabt; und der Alte machte oft die Bemerkung, daß es der Seligen sehr 613 ähnlich sähe. Das Kind schickte man zu ihm; es liebkoste dem Vater, sagte zu ihm: ich bin Jakobine, bat ihn um das, was man von ihm wollte; und er that es. Lissows erster sinnenloser Schmerz ging endlich vorüber, weil der Alte ihn zu erschüttern wußte. Eines Abends saß er, wie gewöhnlich, am Grabe seiner Frau. Der Alte führte beide Kinder hinzu, und sagte laut: »da knieet hin auf das Grab eurer Mutter!« Die Kinder knieeten, und Lissow sah es lächelnd. »Bittet eure Mutter Jakobine, daß sie euch nachhole; denn euer Vater, Jakobinens Mann, stirbt unthätig in Kummer, läßt euch verhungern, läßt ein Paar Kinder von Jakobinen verhungern und ohne Erziehung aufwachsen, weil es ihm Mühe macht, ein Mann zu seyn.« Lissow nahm die beiden Kinder auf seine Arme, drückte sie schweigend an seine Brust, weinte, und fand in seinen Thränen Erleichterung. Er setzte sich sogar zum ersten Male wieder an den Schreibtisch. Der Alte dankte dem Himmel, als Lissow nur mit Mühe sein Amt versah; an Nebenarbeiten durfte man nicht mehr denken: denn in allen Stunden, die seine Geschäfte ihm übrig ließen, saß er schwermüthig auf Jakobinens Grabe. So war nun etwa ein Jahr hingelaufen, als Flaming und Frau von Graßheim zu ihm kamen. Der Alte freuete sich, weil er hoffte, daß sie Lissows Herz aufs neue beleben würden. Er erzählte dem Baron das Wesentliche von Lissows Geschichte, doch ohne dabei Rheinfeldens Stand zu bestimmen; und Beide sannen nun auf Mittel, wie Lissow der Welt wiederzugeben wäre. 614 Am folgenden Morgen trat Lissow heiterer als gewöhnlich in das Zimmer. Er reichte dem Baron freundlich die Hand, und blieb heiter, bis Flaming ihn fragte: »wie ist es dir denn gegangen?« Lissow antwortete nicht. Er nahm seine Tochter auf den Arm, zeigte auf den Alten, und ging nach Jakobinens Grabe. Sehen Sie, sagte der Alte; so ist er! ... Härter konnte der Himmel die Erde nicht strafen, als mit dem fürchterlichsten aller Triebe, mit der Wollust, die lachend das Glück ganzer Familien zertrümmert! »Ja!« rief Flaming; »Sie haben Recht, lieber Alter. Der feine Menschenkenner Cromwell schlug jede Versöhnung mit Karln II. aus, weil dieser ein Wollüstling war. Die Wollust macht zu allen Verbrechen fähig! ... Ich selbst«, fuhr er traurig fort, »bin durch ein wollüstiges Weib elend geworden, und meine tugendhafte Geliebte lebt leider noch in der Gewalt dieses Weibes. O Himmel! mit der Wollust würde der größte Theil der Verbrechen die Erde verlassen. Ach! und sie greift immer weiter um sich, da die Eltern bei den Heirathen ihrer Kinder so unverantwortlich gleichgültig sind. Die Wollust wird Familienfehler.« Sehr wahr! sagte der Alte; man darf nur die Familienportraits in verschiedenen Häusern aufmerksam betrachten: hier hangen lauter keusche, unschuldige Gesichter; dort spricht aus jedem Gesichte der Vorfahren schon deutlich die Wollust. Beinahe ließe sich bestimmen, mit welcher Person die Wollust in eine Familie eingedrungen sey. Die Geschichte des Originals von jedem Familienportrait in den Häusern müßte interessante Aufschlüsse geben. 615 »Himmel!« rief Flaming, fröhlich erstaunt: »Sie bringen mich auf eine Idee, die nicht mit Golde zu bezahlen ist. Diese Familienportraits sind die wahren, sichersten Urkunden zu der moralischen Geschichte jeder Familie. Ich brauchte nichts weiter als die Portraits der Menschen, die zu allen Zeiten gewirkt haben; und alle historischen Werke könnten für mich immerhin untergehen. Aus den Portraits allein wollte ich eine Weltgeschichte schreiben, gegen die sich Bossuet und Rollin verkriechen sollten. Warum erhielten die Alten – o, sehen Sie, wie ein so zufälliger Gedanke Licht über tausend Dinge verbreitet! – warum erhielten die Alten das Andenken ihrer großen Männer in Statuen und Gemählden? Warum bezeichnet Homer an seinen Helden so genau die Farbe des Haars und der Augen? Warum beschreibt er ihre Gestalt, ihren Gang, ihre Schultern so weitläuftig? warum die Wunden, woran seine Helden starben, so genau, als ob er Wundarzt gewesen wäre? Wir sollten über seine Helden in keinem Zweifel bleiben. Ein einziger Umstand dieser Art, ob ein Mensch an einer solchen Wunde stirbt , oder ob er aufkommt , sagt mir mehr von seinem Charakter, als zwei Seiten darüber; denn die thierische Lebenskraft steht immer mit dem moralischen Innern in Verhältniß. Ein Mensch, der an schweren Wunden fällt, zwei Tage auf dem Schlachtfelde liegt, dann erst verbunden wird, und doch davon kommt, ist ein unedler Mensch, ein Irokese, und wenn er das Heer kommandirt hätte. Paris ist wollüstig und feige; und die Wunde, die er bekommt, heilt unmittelbar wieder. Sehen Sie da den Slaven! Sehen 616 Sie, wie genau Homer von den unterschiednen Menschen-Racen und ihren Kennzeichen unterrichtet war, und warum er gleichsam die Portraits aller seiner Helden so genau gemahlt hat! – Ein großer Gedanke mit den Familienportraits!« Der Alte begriff nicht, wie das Alles, was er da hörte, zusammenhing. Er erwiederte lächelnd: dem sey, wie ihm wolle. Wenn wir nur ein Mittel hätten, diesen fürchterlichen Trieb der Wollust sicher zu leiten! Der Baron war schon auf dem Wege, mit seinem Plane hervorzurücken. »Es sind Mittel da«, fieng er an; »allein sie hangen mehr von den Fürsten ab, als von uns. Da giebt es Domherren, Mönche von allen Farben« – Der Alte horchte auf, und gerade trat Lissow in die Thür. Flaming fuhr fort: »da giebt es Deutsche Herren, Malteser-Ritter ...« Richtig! sagte der Alte, und Lissow seufzte. Richtig, Herr Baron! Sie fassen das Ding am rechten Ende. Der Baron lächelte. »Merken Sie etwas? hab' ich etwa schon davon gesprochen? Also diese Domherren, Mönche, Malteser, Deutsche Herren, die jüngeren Söhne aus den adeligen Familien, die nicht heirathen können, Soldaten werden ...« Recht! recht! sagte der Alte, und nickte mit dem Kopfe; gerade die sind es, die ich meine. O, in die tiefsten Abgründe der Hölle mit ihnen allen! rief Lissow, und verließ das Zimmer. »Was ist ihm jetzt wieder«, fragte der Baron, »daß er die Leute, die ich genannt habe, verwünscht?« 617 Nun, sagte der Alte; Rheinfelden, Jakobinens Mörder, dieser wollüstige Bösewicht, war ein Malteser. Und sind es denn nicht gerade jene Menschen, welche in die Familien brechen und den giftigen Samen der Wollust darin aussäen? Der Baron schwieg. Ein Malteser! und, als er sich genau erkundigte, ein sehr blonder, blauäugiger Malteser! Das war zu arg; denn nun konnte er mit seinem Plane, von eben diesen Rittern und Domherren die Keuschheit des menschlichen Geschlechtes behüten zu lassen, gar nicht hervor rücken. Der arme Baron! er schwieg, um seinen Freund nicht zu kränken. Indeß bildete er den Plan mit den Familienportraits aus. Manchmal, dachte er, ist doch wohl auch in die älteste Deutsche Familie Slavisches Blut gekommen; denn dieser Malteser, dieser Rheinfelden, zum Exempel, muß, trotz seinen zwei und dreißig Ahnen, doch nicht echt Celtisch gewesen seyn. Ganz gewiß hat seine Mutter oder seine Großmutter die eheliche Treue gebrochen. Oder wer weiß, woran es sonst liegt! Hätte ich die Portraits seiner Vorfahren, ich wollte wohl sagen, wer eigentlich Schuld daran ist. O Himmel, daß die Menschen auch die besten Gewohnheiten untergehen lassen! Die Ahnen aus Wachs in den Vorsälen der Römer: welch eine weise Einrichtung! Da hatte man auf einmal die Geschichte der Familie vor sich. Darum erhielten sich in Rom auch die Tugenden so lange, und mit den Tugenden die Freiheit. Beide sanken, als die Geschlechter nicht länger rein blieben. Unsere Stammbäume bedecken die Verbrechen der Urmütter mit 618 prächtigen Nahmen. Eine Stutznase, ein schwarzer Bart auf einem Familienbilde hätte sie der Welt gezeigt, und die Familie der Schande Preis gegeben! Die Idee von den Familienportraits drückte sich tief bei ihm ein. Einige Tage nachher kaufte er in ganz Berlin alle Portraits, die er nur immer aufzutreiben wußte, und schickte sie nach Hause. Sein Verwalter wunderte sich, als ganze Kisten voll alter Köpfe in allerlei Kleidungen, gut und schlecht gemahlt, ankamen, und der Baron dabei befahl, diese Köpfe wohl aufzubewahren; noch mehr aber wunderte er sich, als Lissow, dessen beiden Kinder, und ihr Großvater in Zaringen anlangten, und auf Befehl des Barons von den besten Zimmern im Schlosse Besitz nahmen, so wie auch von den sämmtlichen Einkünften der Güter, worüber sie nur dem Baron Rechnung abzulegen brauchten. Trotz den seltsamen Ideen, die der Baron im Kopfe hatte, und die er zuletzt wirklich gegen den Alten äußerte, gelang es doch seiner Herzlichkeit, seiner unverstellten Liebe zu Lissow, dessen ersterbendes Herz wieder zu erquicken, wobei Käthe ihn mit dem freundschaftlichsten Eifer unterstützte. Da saßen Käthe und der Baron neben ihm: sie drückte seine Tochter auf dem Schooße an ihre Brust; er hatte seinen Arm um Lissow geschlungen, und gegenüber saß der Großvater, mit dem Knaben auf seinen Knieen. Man erzählte von Käthens und Lissows Liebe, wobei Käthen noch jetzt das Herz schlug; man sprach von Jakobinen, ihrer Tugend, ihrem Schicksale: und die Thränen der 619 Andern milderten Lissows stummen Schmerz. Sein Kummer wurde zum ersten Male menschlich und mild. Zum ersten Male nahm er auch wieder Theil an seinen übrigen Verhältnissen und Geschäften. »Nein«, sagte der Baron, »diese Arbeit ist nicht für dein Herz, Lissow. Weinende Augen können nicht rechnen, und ein kummervolles Herz erliegt unter dem Geldzählen. Ich will dich in eine Lage setzen, die für dich paßt. Geh auf meine Güter. Dort sind Gegenstände für dein Herz: Unglückliche. Versuch es, ob meine Unterthanen von deiner Hand die Wohlthaten annehmen wollen, die ich ihnen vergebens anbot. Das wird dich erheitern. Ich kenne dich.« Und, lispelte Käthe, da werden die guten Geister unsrer kindischen Freuden sie umschweben, lieber Lissow: die Geister einer zärtlichen Freundschaft. Ach! setzte sie seufzend hinzu; es waren sehr glückliche Zeiten! Zwar kostete es Mühe, Lissowen zu bereden, daß er Jakobinens Grab verließe; allein es gelang den Vorstellungen des Alten, und den herzlichen Bitten des Barons. Er netzte das Grab noch einmal mit Thränen des tiefsten Schmerzes, besuchte noch einmal alle die theuren Stellen, wo er mit Jakobinen so glücklich gewesen war; dann stieg er schweigend mit seiner Familie in den Wagen, und fuhr nach Zaringen ab. Der Alte dachte heimlich: Gott sey Dank dafür! Er wird glücklich werden! Und Käthe, die herzliche Käthe, seufzte: es ist gut, daß er weg kommt; denn ich habe ihn doch einmal recht innig geliebt, und er ist so unglücklich! 620 Desto mehr ließ Käthe sich nun mit ihrem Vetter, dem Baron, ein, dessen gutes Herz sie bei dieser Gelegenheit aufs neue bewundert hatte. Mit großer Geduld hörte sie alle seine Grillen an. Sein System gefiel ihr sogar: denn ein Paar Berlinische Damen, denen ihr Mann mehr als gewöhnliche Höflichkeit erwies, hatten schwarzes Haar; und nun konnte sie doch mit gutem Gewissen auf die Brünetten schimpfen. Das aber gefiel ihr an dem System nicht allein; sie gründete darauf das Glück ihrer Freundin Auguste von Breitenbach. »Liebe Auguste«, sagte sie lebhaft, und faßte sie bei der Hand: »sey nicht wunderlich! Ich will dich nicht ausbieten. Aber es ist ja keine Sünde, wenn man sich so benimmt, wie es die Männer nun gerade wollen. Mein Vetter ist wahrhaftig der beste, gütigste, edelste Mann, sogar der vernünftigste, sein Steckenpferd ausgenommen, daß er die Menschen eintheilt, wie die Hunde, in Mopse, Pudel, Spitze. Liebe? Ach, gute Auguste! Ja, du hast Recht! Eine Liebe, wie der Lissow sie hatte, von dem ich dir erzählt habe, ja, die ist freilich ein Glück. Aber die meisten Männer? Glaube mir, es ist tausendmal sicherer, einen guten Mann zu haben, als einen Mann, der uns ein Paar Monathe liebt, und dann thut, was er Lust hat, ohne sich weiter um uns zu bekümmern. Thu, was ich dir sage. Betriegerei ist es wirklich nicht. Sieh, ich würde dir ohne Bedenken rathen, dich in die Farbe zu kleiden, die mein Vetter liebte; und du würdest ohne Bedenken gehorchen. Die Portraits, die du kaufen sollst, sind ja wahrhaftig nichts anderes, als ein Band auf 621 eine Haube, die dich kleidet. Ich liebe meinen Vetter von Herzen; was kann ich Besseres für ihn thun, als ihm eine edle Frau geben, deren er sehr bedarf? Sieh, ich habe oft überlegt, ob es Recht wäre. Aber er fällt gewiß in die Hände einer Betriegerin, wenn ich ihn nicht verheirathe.« Auguste von Breitenbach hatte freilich noch viele Einwendungen; allein sie trug ihre Einwürfe nur vor, um sie widerlegt zu sehen. Sie war reitzend, aber arm; und der Baron mochte seyn wie er wollte – in seinem Gesichte lagen Unschuld und Güte sehr offen da. Überdies hatte er Augusten, eine helle Blondine, sogar schon ausgezeichnet. Käthe studierte jetzt des Barons System; und was sie lernte, lehrte sie ihre Freundin. Nun ging sie einmal mit ihm spazieren, und hatte unterweges den Einfall, ihre Freundin zu besuchen, vor deren Hause sie vorüber kamen. Sie haben ja meine Freundin Auguste von Breitenbach wohl schon gesehen, Vetter? fragte sie gleichgültig. Des Barons Blicke fielen sogleich auf dreißig Portraits, die im Zimmer umher hingen, und die Käthe in zwanzig Trödelladen zusammen gekauft hatte, um sie für Augustens Ahnen gelten zu lassen. Es waren die unschuldigsten Gesichter, die man nur hatte auftreiben können; und ein Mahler hatte an einigen sogar die schwarzen Augen blau, und das schwarze Haar blond färben müssen. Eine solche Folge von Blondköpfen hatte der Baron noch nie gesehen. Seine Augen blieben starr auf die Bilder gerichtet. Die häßlichen Bilder, sagte Käthe, fallen doch jedermann auf. Laß sie doch weghängen! 622 Auguste erröthete. Warum? erwiederte sie; meine Vorfahren sind mir heilig. Der Baron fing an, Augusten mit den weiblichen Köpfen zu vergleichen, und lächelte. »Ihre Vorfahren?« fragte er. »Ich glaube, kein Mensch in der Welt hat einen so glänzenden, reinen Stammbaum, wie Sie, mein Fräulein. O sagen Sie mir, wie kommen Sie zu diesem Stammbaume? Der erste, den ich von der Art sehe!« Mein Urältervater, sagte Auguste stockend und erröthend, schrieb seinen Nachkommen vor, diese Familiengemälde immer fortzusetzen. Er hatte sogar die Sonderbarkeit, daß er sie verpflichten wollte, die blonde Farbe, die Sie an allen Köpfen bemerken werden, in der Familie zu erhalten. Meine Vorfahren richteten sich wirklich darnach, und heiratheten, wie Sie sehen, lauter Blondinen. Es war eine Grille, Herr Baron; allein ... – »Eine Grille?« sagte der Baron lächelnd. »Um Vergebung, mein theures Fräulein; vorausgesetzt – Doch woher wissen Sie das?« Auguste erröthete. Käthe fiel ein: Gustchen, war es nicht der da mit der Halskette, der die seltsame Grille hatte? Sehen Sie, Vetter, wir haben oft darüber gelacht, als Augustens Mutter noch lebte. Er hat sogar behauptet, Kain habe schwarzes, und Abel blondes Haar gehabt, und er stamme von Abel, alle Schwarzköpfe aber von Kain ab. »In der Idee, als Allegorie genommen, ist so viel Unrichtiges nicht, wie Sie glauben, liebe Cousine. – Wie hieß der Vorfahr?« 623 Auguste erröthete. Bodo von Breitenbach, sagte sie endlich, als Käthe winkte. »Dieser Bodo war ein großer Mann!« erwiederte der Baron. Er nahm ihn herunter, verglich ihn mit seinen Enkeln, mit Augusten selbst, faßte Augustens Hand, führte sie zu allen ihren Stammmüttern, verglich ihr Gesicht mit den Bildern, und fand überall Ähnlichkeit. Die Portraits hielten ihn so fest, daß er sich nur mit Mühe von ihnen losreißen konnte. Auf dem Rückwege erkundigte er sich mit leidenschaftlicher Hitze bei Käthen, ob das Fräulein diese Sammlung von Bildnissen wohl verkaufen würde. Das wohl nicht, antwortete Käthe; aber wer ihre Hand bekommt, bekommt auch ihre Bilder. Das arme Mädchen hat nur diesen Brautschatz. Der Baron sagte mit einem Seufzer: »Der reichste Brautschatz, von dem ich jemals gehört habe! ...Und sie selbst, liebste Käthe«, fuhr er eifrig fort, »das Fräulein selbst, verdient eines Königs Hand; denn diese Ahnen, diese Ahnen ...« Käthe lächelte; sie wußte am besten, wie viel sie kosteten. »Erlaubt Ihre Freundin wohl, daß ich sie öfter besuche?« Sie, oder ihre Ahnen? Doch, lieber Vetter, Sie besuchen wohl beide. Es sah höchst drollig aus, als Sie die hübsche Auguste da rings im Zimmer umher führten, und sie mit den alten Köpfen verglichen. Ich hätte mir das nicht gefallen lassen; aber Auguste folgte Ihnen mit einem so freundlichen Gesichte, daß sie nicht angenehmer aussehen könnte, wenn sie als Braut mit Ihnen bei den Verwandten komplimentirte. – Mir ist an den Köpfen die Unschuld in allen den 624 Gesichtern aufgefallen, nicht das blonde Haar und die blauen Augen; ja, die Unschuld! die Unschuld! »Das ist einerlei, liebe Käthe, blondes Haar oder Unschuld, wie ein heller Himmel das Zeichen von gutem Wetter ist. So seh' ich in dem Fräulein selbst das unschuldigste, süßeste Geschöpf unter der Sonne. O, Käthe, wie glücklich muß der Mann seyn, dem sie zu Theil wird!« Es ist noch die Frage, ob sie überhaupt Jemanden zu Theil wird. Unsere jungen Herren fragen nichts nach goldenem Haar; und ich glaube, das ist das einzige Goldne, was Auguste hat. Sie lebt von einer Pension. Der Baron hörte nicht auf, von Augusten und von ihren Vorfahren zu reden. Bald ging er wieder zu ihr, und behandelte sie mit der zärtlichsten Ehrerbietung. Sie erröthete, wenn Käthe in die Hände klatschte und sie schon im voraus Frau von Flaming nannte. Aber Käthe wurde doch an dem Baron irre; denn bei aller Zärtlichkeit gegen Augusten kam er niemals näher. Diese hatte ihre Freundin gebeten, ihn nicht weiter zu treiben; Käthe aber trieb ihn dennoch weiter. Eines Morgens kam sie auf sein Zimmer, und leitete das Gespräch bald auf Augusten. Nun, sagte sie, kann die Reihe an die Schwarzköpfe kommen; und es müßte sehr lächerlich seyn, wenn nach ein Paar hundert Jahren bei einer Enkelin von Augusten eben so viele Schwarzköpfe hingen, als jetzt bei ihr Blondköpfe. Der Baron fragte; und Käthe erzählte ganz kalt: ein Mann, der einen Kopf hat so schwarz wie eine Steinkohle, und Augen, wie die Nacht, bewirbt sich um Augusten, und ... 625 »Um Augusten?« rief der Baron; »um Augusten! Das kann nicht seyn! Und Auguste? Sagen Sie, Cousine!« Freilich gäbe sie ihre Hand lieber einem Andern; allein wie soll das arme Mädchen sich helfen? Man drängt sie. Sie hat kein Vermögen. Wenn sie zu leben hätte, so könnte sie es abwarten. »Nein, beim Himmel!« rief der Baron; »gezwungen soll dieses unbeschreiblich liebenswürdige Mädchen nicht werden. Sagen Sie mir, liebe Cousine: was braucht Auguste, um bequem, in Überfluß zu leben? Großer Gott! reichen denn Schönheit, Tugend und die höchste Unschuld nicht mehr hin, die Blicke der Männer auf sich zu ziehen? Wohl! besser kann ich das verächtliche Metall nicht gebrauchen, als um Augusten, diese schöne, reine Celtin, aus den wollüstigen, zerstörenden Armen eines Slaven zu retten! Sagen Sie, Käthe, wie spielen wir Augusten eine Summe in die Hände, ohne daß sie weiß, von wem sie kommt? Ich bitte, suchen Sie ein Mittel auf. Bestimmen Sie die Summe, so groß Sie wollen.« Aber, Vetter, Sie sind doch höchst seltsam! Was soll Augusten Ihr Geld helfen? Wenn nun kein Andrer kommt als ein Schwarzkopf? Ein Schwarzkopf ist am Ende doch besser, als gar keiner; und heirathen muß ein Mädchen. »Dafür lassen Sie dann Augusten und das Schicksal sorgen. Ich stehe Ihnen dafür, ein Schwarzkopf erhält ihre Hand nicht.« Er lächelte mit solcher Zuversicht, daß Käthe nun gewiß glaubte, er selbst habe Absichten auf die schöne Blondine. Sie wurde ruhig; und um Augusten vor einer 626 Verlegenheit zu sichern, sagte sie nachher: ihre Freundin hätte den Schwarzkopf abgewiesen. »Sehen Sie«, erwiederte der Baron. »Oh, das vortreffliche Mädchen! könnte ich es doch dafür belohnen!« Der Baron wurde nun zärtlicher gegen Augusten. Käthe gab sich alle Mühe, ihm jeden Schritt, den er vorwärts thun sollte, zu erleichtern. Auguste war täglich in ihrem Hause, und immer des Barons Moitié. Er machte ihr wirklich auf eine sehr feine Weise große Geschenke, weil Käthe erklärt hatte, daß sie sich nicht in Geldsachen mischen wollte. Nichts wäre gewisser, dachten beide Frauenzimmer, als daß der Baron sich bald erklären würde; aber es geschah dennoch nicht. Käthe mußte wieder einen Schritt thun. Jetzt bewarb sich ein Blondkopf heimlich um Augustens Liebe. »So?« sagte der Baron seufzend; »wenn ich nur die Köpfe hätte! – Welch ein Schatz sind die!« Aber, seltsamer Mensch! so nehmen Sie doch die Köpfe, und Augustens Hand dazu! »Ich? – Ich habe schon eine Braut, liebe Cousine.« Das sagte er so trocken, wie die unbedeutendste Nachricht. Käthe war wie aus allen Wolken gefallen. Eine Braut? rief sie mit Unwillen und Verwunderung. Und das sagen Sie erst jetzt? »Die schönste Blondine, die ich über alles in der Welt liebe. Ach, Sie sollten sie kennen, liebe Käthe! noch blonder beinahe als Ihre Freundin! Hätte sie einen Stammbaum, wie Auguste, und wüßte ich, an welchem Orte der Erde sie ist, so wäre ich der glücklichste Mensch von der Welt.« 627 Der Baron mußte Käthen erzählen; und nach der Art, wie er es that, verzweifelte sie gar nicht daran, ihren Wunsch mit Augusten noch zu erreichen. Ohne sich an die verlorne Emilie zu kehren, arbeitete sie immer gerade auf des Barons Herz los. Sie brachte ihn so oft mit Augusten in Gesellschaft, und warf so viele Fäden, von Schmeichelei und Lob gedrehet, für ihn aus, daß sie in der That sein Herz nahe genug zu ihrer Freundin hin zog. Auch die dreißig Portraits thaten ihre Wirkung. Kurz, der Baron wäre allem Anscheine nach unthätig in Berlin geblieben, wenn der Oberst ihn nicht durch die dringendsten Bitten fortgetrieben hätte. Käthe ließ sich indeß nicht irre machen. Sie schlug einen Briefwechsel zwischen Augusten und dem Baron vor, der von Beiden angenommen wurde. Augustens Dankbarkeit für des Barons Güte gegen sie war wirklich schon der Liebe ähnlich; auch hatte die Ehrerbietung, die er ihr bei allen Gelegenheiten bezeigte, einen tiefen Eindruck bei ihr gemacht. Freilich waren es nur dreißig in allen Trödelbuden zusammen gekaufte Gesichter, um derentwillen er sie achtete; aber, liebe Himmel, hat der Baron nicht Brüder, die eine Reihe ungewisser Nahmen eben so tief verehren, als er die Köpfe? und ist es nicht dem Menschen gewöhnlich gleichviel, warum er geachtet wird? Beide nahmen in der That sehr zärtlich von einander Abschied. Auguste vergoß einige Thränen, und auch der Baron war gerührt. Er küßte ihre Hand mit Herzlichkeit, und sagte: »o, warum sah ich Sie so spät! oder warum sah 628 ich Sie jemals! Und wenn ich Sie sehen mußte, Auguste – warum ist es mir nicht erlaubt, wie jenem glücklichen ...« Er brach ab, versank in stille Träume, drückte Augustens Hand, und sagte schnell Lebewohl. Noch im Reisewagen wiederholte er: »warum ist es mir nicht erlaubt, wie jenem glücklichen Gleichen, zwei Weiber zu nehmen! ... Nicht aus Wollust thu' ich diesen Wunsch, das weiß der Himmel; auch nicht aus Stolz, wie ein unedler Slave: nein, aus dem edlen Verlangen, eine reine Celtin zu retten.« Er beschäftigte sich mit den Mitteln, dies möglich zu machen, und so kam er immer weiter von Berlin und der schönen Auguste.   Ende des zweiten Theils.   5 Dritter Theil . Im Wagen überlief der Baron nun noch einmal seinen Reiseplan, den Auguste mit ihren blonden Ahnen, und Lissows Unglück einigermaßen in Vergessenheit gebracht hatten. Schon war er Monathe lang abwesend, und hatte Karolinen noch nicht eine einzige Anekdote à la l'homme voyageur schreiben können. Er blieb in Treuenbriezen, in Wittenberg, in Düben jedesmal einen Tag, und brachte ihn damit hin, daß er im Orte umherschlenderte, vor allen kleinen, verfallenen Häuschen stehen blieb, und wartete, ob nicht ein junges Mädchen laut schreiend heraus stürzen und ihn um seine Hülfe anflehen würde. Aber die Thüren blieben verschlossen, oder die Menschen, die heraustraten, sahen zum Theil so vergnügt, zum Theil so gleichgültig aus, daß keine Hoffnung war, einen Brief über sie zu schreiben. Bei jedem Menschen, in dessen Gesichte der Baron nur die kleinste Spur von Kummer sah, blieb er stehen, redete ihn an, und fragte; doch immer bekam er eine beißende Antwort, oder die Versicherung: ich bin vergnügt. »Das ist doch sonderbar!« rief er ärgerlich; »giebt es denn nicht 8 mehr so viel Unglück in der Welt, daß man einen Brief darüber schreiben kann? ... Großer Gott!« setzte er hinzu: »hier bin ich, entschlossen zu helfen; und nun – was das für Menschen sind! – ist kein Unglücklicher zu sehen!« Doch schon in demselben Augenblicke fühlte er mit Beschämung die Unbarmherzigkeit seines Wunsches. Er machte die Reise nach Leipzig, ohne weiter etwas Merkwürdiges zu thun, als daß er sich zwischen Wittenberg und Düben auf den Stein setzte, auf dem der Reformator Luther so oft gesessen haben soll, da nachsann, die Stirn rieb, und endlich sagte: »hier saß ehemals Luther; jetzt ich! Und wer weiß, ob nicht einmal nach Jahrhunderten ein Reisender sagt: hier saß der große Flaming, der Erfinder des Systems, die Menschenstämme zu veredeln!« – He! Ihr Gnaden, sagte der Postillion, als Flaming wieder im Wagen saß, und zeigte mit der Peitsche nach dem Steine – so ein Mann kommt auch nicht wieder! Ich sage immer: der selige Doktor Luther, und der Mann, der die Kartoffeln erfand, haben nicht ihres Gleichen; der eine hat die Seele, der andere den Magen satt gemacht: und darüber geht doch in der Welt nichts. Ja, wenn ich so mit der Postkalesche an dem Steine wegfahre, und daran denke, daß der kleine Bursche, der so ein Mann wurde, da gesessen hat; dann wünsch' ich immer: wärst du doch damals schon Postillion gewesen! Ich hätte ihn jedesmal frei mit nach Wittenberg genommen, ohne mich an das Verbot des Postmeisters zu kehren. Nun könnte ich doch sagen: den großen Mann hab' ich gefahren! – 9 »Schwager«, erwiederte der Baron; »vielleicht hat Er schon einen größern Mann gefahren, als Luther gewesen ist.« Der Postillion schüttelte den Kopf. Ne, ne; das hätte ich ja merken müssen. Kaufleute und Juden, die schwere Menge; auch Edelleute, Officier, Frauenzimmer von allerlei Ständen: aber noch keinen großen Mann. »Noch keinen, meint Er? Er kann ja nicht wissen, wen er heute fährt!« Der Postillion wendete sich geschwind um, sah den Baron starr an, dann wieder vorwärts, und schüttelte den Kopf. Nun? fragte er auf einmal; wer sind Sie denn, Ihr Gnaden? Was haben Sie denn gethan? Großes, mein' ich. »Ei, lieber Schwager, hatte denn Luther in seinen jungen Jahren schon etwas Großes gethan? Und das Große lag doch schon in ihm.« Ist wohl wahr; aber ich will darauf wetten, Luther hat damals auch noch nicht gesagt oder gedacht: ich bin ein großer Mann. – Flaming erröthete. – Das will ich thun! fuhr der Postillion fort; lieber Gott, wenn's darauf ankäme, so wären alle Menschen Luthers. Nein, Hunde, die bellen, beißen nicht. Ich will wohl behaupten, Ihr Gnaden, daß Luther erst daran gedacht hat, ein großer Mann zu werden, als er es schon war. Ja, es kann wohl seyn, daß Sie noch einmal große Dinge thun in der Welt; aber dann ist es doch gewiß das nicht, was Sie jetzt denken. Denn das Große, was in einem Menschen steckt, das muß, denk' ich, so auf einmal heraus, wie die Funken aus dem Feuerstahle. Man muß 10 nicht eher davon reden, als bis es da ist; das Andere ist bloße Eitelkeit. Als zum Exempel mein Junge zu Hause: der will immer General werden. Ich lache dazu. Der Baron schwieg den übrigen Weg beschämt, und gab dann dem Postillion ein doppeltes Trinkgeld, um sich selbst zu beweisen, daß er keinen Groll auf ihn habe. In Leipzig war es Flamings erstes Geschäft, in den engen Nebengassen auf und ab zu gehen, um Stoff für Briefe an Karolinen zu sammeln. Wirklich fand er hier, was er suchte: einen Unglücklichen; aber sein eigenes Herz litt dabei nicht wenig. Aus einem kleinen Hause kam ein armer Mann, mit tiefem Kummer in seiner Miene. Flaming, der jeden starr ansah, betrachtete auch ihn genau, und erinnerte sich dunkel, ihn schon gesehen zu haben. Auch der Mann betrachtete den Baron starr, als ob er sich auf das Gesicht besinnen wollte. Auf einmal schien er den Baron zu erkennen, und zugleich wurde seine Miene Widerwille, Zorn und Abscheu. »Er scheint mich zu kennen, mein Freund!« hob Flaming an, und nicht sehr freundlich, weil der Mann ein sehr negerartiges Gesicht hatte. – Ja, leider, kenne ich Sie, erwiederte der Andre; und Flaming erkannte ihn nun sogleich an der Stimme. Es war Konrad, des Schulzen Sohn, der mit Rosinen, Herrmanns Tochter, Zaringen heimlich verlassen hatte. »Ach, Konrad!« rief der Baron mit gutherziger Freude, und bot ihm die Hand. »Gott Lob! ich sehe dich gesund wieder! Deine Rosine ist doch auch gesund? Geschwind, Konrad, antworte! Seyd ihr glücklich? Nun, lieber Konrad, es ist 11 wahr, ich habe dich beleidigt; aber ich will alles wieder gut machen.« Gut machen? sagte Konrad, und trocknete sich mit einem kleinen Schnupftuche, das er hervorzog und lange betrachtete, die Augen. Gut machen? wiederholte er noch einmal, und schüttelte sanft den Kopf. Ach, das hab' ich ja nicht gekonnt; wie wollten Sie es denn, Ihr Gnaden! Zwar sind Sie wohl am meisten Schuld daran; aber ich doch fast so viel als Sie. Gott mag es mir vergeben! Das Unglück ist geschehen! – So schloß er mit einem tiefen Seufzer. »Ist Rosine todt?« fragte Flaming furchtsam. – Ach, wollte Gott! sagte Konrad, und sein stilles Weinen wurde ein heftiges Schluchzen. – »Aber so rede doch! wo ist sie?« – Konrad zeigte mit der Hand nach dem Hause, aus dem er gekommen war, und sagte: da, unter dem Dache! Flaming ließ ihn stehen, und ging in das Haus, lief die Treppen hinan, so hoch er kommen konnte, und öffnete die Thür einer Dachkammer. Da saß Rosine an einem Spinnrade, ein wenig bleich, mit schlaffen Gesichtszügen und matten, halb erloschenen Augen. Flaming sah sie an, um die Ursache heraus zu bringen, warum Konrad wünschte, daß sie todt seyn möchte. Eben kam Konrad die Treppe herauf. »Nun?« fragte Flaming ihn, mit einem Blick auf Rosinen: »was ist ihr denn?« – Rosine sah Beide wechselsweise an. Konrad war verlegen, und zupfte den Baron am Kleide, daß er die Kammer verlassen möchte; allein der Baron trat auf Rosinen zu. Jetzt sah er freilich, daß eine große Veränderung mit ihr 12 vorgegangen war. »Du bist krank gewesen, armes Mädchen?« fragte er gutherzig. – Ja, antwortete Rosine mit einem empfindlichen Tone; aber was geht das Sie an? – »Mich, liebes Kind? Viel, sehr viel! ... Und ich bin hier, es wieder gut zu machen; denn ich bin ja Schuld an deinem Elende, an deiner Krankheit.« Sie? fragte Rosine, und betrachtete den Baron, den sie noch immer nicht erkannte, genauer. Wenn Sie es wissen – es hat dem armen Menschen (auf Konraden zeigend) an fünfzig Thaler gekostet, und seitdem bin ich nicht wieder gesund geworden. ... Ich wollte, fuhr sie weinend fort, daß ich mein Tage keinen von Ihnen gesehen hätte. Ihr, ihr habt mich auf der Seele. Ach, Konrad, wäre ich dir gefolgt, und nicht den abscheulichen Bösewichtern! – Sie verbarg ihr Gesicht in ein kleines Tuch, und schluchzte. Flaming stand, wie von einem Blitze getroffen, und sah Konraden an. – Rosine! sagte Konrad, besinne dich doch! Das ist ja keiner von den abscheulichen Menschen, die dich unglücklich gemacht haben; es ist ja der gnädige Herr von Zaringen. Jetzt erkannte ihn Rosine, und eine glühende Schamröthe überzog ihr Gesicht. Sie wimmerte mit den Tönen eines vor Scham und Reue gebrochenen Herzens, legte die Stirn auf einen kleinen Tisch, und winkte mit der Hand, daß sie gehen sollten. Konrad faßte den Baron an, und flisterte leise mit flehenden Blicken: kommen Sie, um Gottes willen, Ihr Gnaden! Ihr Anblick muß dem armen Mädchen das Herz vollends brechen. So zog er den Baron sanft zur Thür hinaus, und dieser folgte ihm, ohne es zu 13 wissen. Er ging neben Konraden her, die Gasse hinauf, nach seinem Wirthshause zu, schüttelte einmal über das andere den Kopf, und sagte schmerzlich: »ach Gott!« Konrad wollte ihn vor der Thür verlassen; allein Flaming hielt ihn fest. »Nein«, sagte er mit tiefer Rührung; »nein, Konrad, du bleibst bei mir! O, ihr Unglücklichen, wie soll ich das wieder gut machen, was ich euch zu leide gethan habe! ... Ich will Alles wissen, Alles! ... So unglücklich, und – durch mich!« Er faßte Konrads Hand, und zog ihn so mit sich in sein Zimmer. Hier warf er mitleidige Blicke auf Konraden. »Armer, armer Mensch!« sagte er, und seine Augen benetzten sich mit edlen, schönen Thränen; »ich weiß, ich ahne, was ich hören werde. Ach, guter Gott! das reitzende Mädchen krank, in Lumpen, vielleicht ohne Nahrung, ohne ... Konrad, ich habe kein Bett bei ihr gesehen!« Konrad zuckte die Schultern. »Barmherziger Gott!« rief Flaming, und eilte die Treppe hinunter zu dem Wirthe. Mit Thränen in den Augen rief er, und drückte dem Manne die Hand: »ein Zimmer, Herr Wirth! ein Bett, so weich Sie es nur haben, für eine Unglückliche, die durch mich unglücklich ist! Ich bitte, eilen Sie; und ich will doppelt zahlen.« Voll von dem Gedanken an die Unglückliche und an sein Unrecht, lief er nun zu Rosinen. »O, du armes, bedaurungswürdiges Mädchen!« sagte er, als er in ihre Kammer trat, und faßte ihre Hand; – »komm in meinen Schutz, in den Schutz des Mannes, durch den du unglücklich geworden bist! Ich habe ein Herz, ich habe Thränen und Reue für dich.« Er blickte in der 14 Kammer umher, sah ein Strohlager mit Lumpen bedeckt, und schlug langsam die Hände zusammen. »O Gott!« flisterte er leise; »wie soll ich das wieder gut machen!« Nun faßte er Rosinen an, führte sie behutsam die Treppe hinunter, und ging mit ihr über die Straße, ohne nur einmal zu bemerken, daß die Vorübergehenden stehen blieben, und sich über die Bettlerin an dem Arme eines sehr reich gekleideten Mannes wunderten. Rosine wußte nicht, wie ihr geschah; sie wollte ihm nicht folgen, und war schon mit ihm an der Thüre des Wirthshauses. Der Baron führte sie auf ihr Zimmer. »Hier, meine gute Rosine, hier ruhe dich aus, und erhole dich von deinem Elende! Sag, was du gebrauchst: Alles sollst du haben. Ich bitte dich, liebes Mädchen, lege dich nieder.« Er bestellte Essen, Kleider, einen Arzt, und alles, was zu Rosinens Bequemlichkeit dienen konnte. Dann ging er wieder auf sein Zimmer zu Konraden, und bestand darauf, daß dieser mit ihm essen sollte. Als sie nach Tische allein waren, bat er Konraden, ihm seine und Rosinens Schicksale zu erzählen. »Glaube mir, Konrad«, sagte er, und legte ihm die Hand auf die Schulter; »von nun an sollt ihr nichts erfahren, als Glück und Überfluß. Erzähle; verschweige mir nichts: und – wenn auch mein Herz darüber zerreißen müßte.« Konrad sah erst eine Zeitlang zu Boden, als ob er sich sammeln wollte; dann trocknete er sich die Augen, und fing mit Ehrfurcht und wohlwollender Empfindung an. Ich und Rosine gingen aus Zaringen weg. Wir konnten Ihnen nicht gehorchen, Ihr Gnaden. Ach, Sie glauben gar 15 nicht, wie lieb ich damals Rosinen hatte, und Rosine mich! Sie hätte, trotz meinem Mohrengesichte, das ich ja haben soll, nicht von mir gelassen, und wenn ich auch noch obendrein schwarz wie ein Mohr gewesen wäre. (Bis dahin hatte der Baron mit keinem Gedanken an sein System gedacht, und in Konraden nur den Menschen gesehen; jetzt aber fiel ihm dessen Gesicht wieder sehr auf, und er wurde desto begieriger auf die Geschichte.) Wir gingen in das Sächsische nach Düben, wo ein Bekannter von mir wohnte. Da wollten wir uns nun sogleich trauen lassen; das ging aber nicht, weil es im Sächsischen viele Umstände macht. Sie verlangten Scheine aus Zaringen; und die konnten wir nicht schaffen. Das war das erste Unglück. Ich wurde Knecht in Düben; Rosine wohnte ein Paar Häuser weit von mir, und spann. Wir konnten leben, da wir fleißig waren. Um einen Thaler Geld beizulegen, behalf ich mich elend, und that es mit Freuden. Der Baron nickte. »Ja, ja! das Behelfen wird euch nicht schwer!« Es wurde mir sehr leicht, fuhr Konrad fort; denn ich that es aus Liebe zu Rosen. Eine Zeitlang ging Alles gut; nun aber sah ich, daß Rose ein Band hatte, dann ein Tuch, dann wieder sonst etwas, ohne es von mir bekommen zu haben. Sie ging jetzt zu Tanze mit den Soldaten, die in Düben standen. Ich hatte nichts Arges daraus, und war desto sparsamer. Sie ist jung, dachte ich; laß sie vergnügt seyn. Dabei blieb es aber nicht. Ein junger Officier war hinter ihr her. Ich schüttelte wohl den Kopf, wenn ich sie des Abends mit 16 ihm vor der Thüre antraf; aber sie lachte mich aus, und es war wieder gut. Endlich wurde es immer ärger und ärger. Ich warnte Rosinen; und als das nicht half, sagte ich ihr: wir wollten von Düben wegziehen in das Preußische, wo es mit dem Trauen doch nicht so gar schwer hält. Da drohete der Officier mit Schlägen. Rosine wollte nicht von Düben weg. Ich sah wohl, daß sie es nicht mehr so recht mit mir meinte; – (der Baron nickte) – aber verlassen konnte ich sie doch nicht, sie mochte auch thun, was sie wollte. Das hatte ich mir selbst geschworen; denn sie war ja mir zu Liebe aus Zaringen weggelaufen. Ich bat sie mit Thränen, wieder zu werden wie sonst. Aber nun wurde sie empfindlich, gab mir spitze Worte, und that hinterher doch, was nicht recht war. Ach! ich wurde wohl manchmal bitter und böse auf sie; doch dann fiel mir immer ein, daß ich sie zum Weglaufen beredet hatte, und ich blieb geduldig. Endlich mußte die Garnison von Düben weg. Ich dankte Gott dafür recht herzlich. Nun, dachte ich, soll alles wieder ins Geleise kommen. Denn lieb, das wußte ich, hatte sie mich noch immer; aber Fleisch und Blut mochten ihr wohl zu mächtig werden. »Du meinst, guter Konrad, sie wäre wollüstig gewesen? Nein, das war sie nicht; dafür stehe ich dir.« Ach, Ihr Gnaden, leider war sie es; sie hat es mir nachher selbst gestanden. Freilich war sie verführt, das weiß ich wohl; aber in ihrem Blute muß es doch gelegen haben. Warum blieb ich ihr denn treu? ... Es wurden mir viele Vorschläge gemacht, weil ich fleißig und ordentlich war. Nun fand ich Rosinen immer still und unruhig, wenn ich zu 17 ihr kam, und ganz besonders. Sie nahm mich in ihre Arme, und drückte mich an ihre Brust; aber dabei standen ihr Thränen in den Augen. Das machte ihr Gewissen, und dann noch immer die alte Liebe zu mir; denn sehen Sie, da hatte sie schon den Anschlag gemacht, mit dem Officier nach Leipzig zu gehn. Die Soldaten zogen ab, und den andern Tag war auch Rose fort. In der ersten Hitze schwor ich, mich nie wieder um sie zu bekümmern; aber schon nach vier Wochen war ich anders gesonnen. Ich überdachte ihr Schicksal, und – glauben Sie mir, gnädiger Herr, ich habe darüber die Thränen geweint, die sie hätte weinen sollen. Mit meiner Liebe war es freilich vorbei; aber desto herzlicher wurde nun mein Mitleiden. Ich stellte mir schon vorher vor, wie es mit Rosen kommen würde: liederlich, verschwenderisch, krank, und zuletzt arm. Nun darbte ich mir jeden Heller ab, um Geld zu haben, wenn das unglückliche Mädchen von allen Menschen verlassen seyn würde. Der Bauer, bei dem ich diente, bot mir seine Tochter an, weil ich so treu und fleißig war. Ich hätte das Mädchen wohl genommen; aber ich konnte nicht: denn ich mußte ja nur für Rosinen leben und arbeiten. Ich zog nach Leipzig, wo Rosine war, und vermiethete mich in einem Gasthofe als Hausknecht, um bei der Hand zu seyn. Der Officier bezahlte da eine Stube für sie. Ich hätte sie fast nicht gekannt, als ich ihr zum ersten Male begegnete: so geputzt ging sie. Sie wurde roth, als sie mich sah. Ach, sie schämte sich doch noch! ... Ich redete sie an, 18 und sagte ihr mit Thränen vorher, wie es ihr gehen würde. Sie weinte wohl; aber meine Vorstellungen halfen nicht, da sie nun schon an das Wesen gewöhnt war. Das Herz wollte mir brechen, wenn ich an sie dachte. Auf einmal verschwand sie aus dem Hause, und ich konnte lange nicht erfahren, wo sie wäre. Der Officier war ihrer überdrüßig geworden. Lieber, barmherziger Gott! meine Rosine steckte in einem liederlichen Hause. Glauben Sie, ich habe vor ihr auf den Knieen gelegen, und sie gebeten, das Haus zu verlassen. Dann weinte sie; aber es war, als ob sie an Gott und Menschen verzweifelt wäre. Lange nachher hat sie mir gestanden, sie hätte mir nicht getrauet, sich zu sehr vor mir geschämt und mir keinen Dank schuldig seyn wollen. Endlich schickte sie zu mir, und ließ mich rufen. Ach, den Tag werde ich mitten im Himmel nicht vergessen! Sie war in Lumpen gekleidet, mager, blaß und matt. Mit keinem Auge konnte sie mich ansehen. Ich bin krank, sagte sie, und lachte so halb und halb dabei. Mir gingen die Augen über bei dem Lachen. Mich hungert so sehr, sagte sie nun, und fing an, fürchterlich zu weinen, und die Zähne zusammen zu stoßen, als ob sie das Fieber hätte. Ach, ich mußte laut schreien, so weh that mir das Herz. Sie stieß gegen den Officier, von dem sie verführt war, einen Fluch aus, daß mir die Glieder vor Angst zitterten. Ich nahm sie mit mir in das Haus, und dankte Gott auf den Knieen, daß ich mir etwas gespart hatte; denn nun konnte ich ihr doch Gutes thun. Aber der Arzt, die Arzenei, und einige Kleidungsstücke, die ich ihr kaufte – das alles nahm mein Bißchen 19 Geld bald weg. Ach, Ihr Gnaden, heute hatte ich nichts mehr für sie. Noch nicht einen Bissen habe ich heute genossen, außer hier bei Ihnen; mein Essen hat sie bekommen. Ich selbst bin elend bei dem Leben geworden. Sehen Sie, am Tage hatte ich die schwere Arbeit im Hause; dann, wenn alles zu Bette war, saß ich in meiner Kammer, und spann Wolle bis Mitternacht, ja manchmal bis des Morgens, um sie nur ernähren zu können. O, wie manchen Tag habe ich von Wasser gelebt, und ihr am Abend mit Freuden mein Essen hingetragen! Konrad fing nun an laut zu weinen. Flaming wendete sich ab, um die Thränen zu verbergen, die auch über seine Wangen strömten. Auf einmal wendete er sich zu Konrad, schloß ihn zärtlich in seine Arme, und sagte: »o, du edler, du guter, großmüthiger Mensch! wie beneid' ich dir das reine, edle, große Herz, das in deiner Brust schlägt!« Konrad versprach, als er wegging, den andern Morgen wieder zu kommen. Flaming legte sich nieder; aber er konnte kein Auge zuthun, weil Rosinens Schicksal ihm zu schwer auf der Seele lag. Er fühlte sein Unrecht, und sann auf Plane, es wieder gut zu machen. Dabei dachte er auch mit Bewunderung an Konrads reinen Edelmuth: »Welch ein großer Mensch!« sagte er die Nacht hindurch wohl hundertmal zu sich selbst. Doch, als er eine Stunde geschlafen hatte, war seine Bewunderung schon weniger lebendig. »Dieser schwarze Negerkopf?« dachte er: »wie ist das möglich! Und diese schlanke, blauäugige Blondine? Noch unmöglicher!« Er grübelte stundenlang, wie das mit seinem 20 Systeme zu vereinigen wäre. »Es ist nicht so«, rief er endlich, »wie Konrad es mir erzählt hat. Ich thue am besten, wenn ich zu Rosinen hinüber gehe; da werde ich ja hören!« Er ging zu Rosinen, und ihre Augen füllten sich mit dankbaren, zärtlichen Thränen, sobald er nur von Konrad anfing. Sie hob die gefalteten Hände zum Himmel auf, betete rührend für den edlen Menschen, und klagte sich der grausamsten, abscheulichsten Undankbarkeit gegen ihn an. O, rief sie zuletzt mit einer furchtbaren Überspannung, mit flammenden Augen, hochschlagender Brust, und erschütternder Stimme: o nein, keine Mutter, kein Vater, kein Engel hätte so an mir gehandelt, wie Konrad! Und ich weiß, Gott hat mir meine Sünden um seinetwillen vergeben! Ach, – sagte sie nun wieder, mit einem Strome heißer Thränen, und mit erstickter Stimme, in das Betttuch verhüllt, die Hände schmerzlich ringend: – ach, wie habe ich ihn beleidigt! wie gequält! wie betrogen! Nein, nein! Gott kann mir nicht vergeben! Ihr Enthusiasmus riß den Baron aufs neue mit hin, so daß er in Lob, in Bewunderung des edlen Menschen ausbrach. Jetzt öffnete Konrad die Thür, und ein seelenvolles Lächeln, demüthige, anbetende Blicke des Mädchens empfingen ihn. Konrad drückte dem wohlthätigen Baron die Hände, als er Rosinens jetzigen Zustand sah. Flaming ließ Beide allein. Das Negergesicht verschwand in seiner Phantasie, und anstatt dessen sah er einen Apollokopf mit goldenen Locken auf Konrads Schultern. »Eine Ausnahme von der Regel!« sagte er endlich, mit sich zufrieden. 21 Rosine erholte sich unter der Pflege eines vernünftigen Arztes, und bei besseren Nahrungsmitteln. Die Farbe kehrte wieder auf ihre Wangen, das Feuer in ihr Auge zurück. Flaming ließ ihr gute Kleider machen, und bemerkte jetzt erst, daß sie noch immer ein sehr reitzendes Geschöpf war. Ihr ehemaliger jungfräulicher Blick, und die frische, glänzende Farbe der Unschuld, wurde durch einen Zug von sanfter Traurigkeit, von stillem, geduldigem Gram freilich nicht ersetzt, doch wenigstens darüber vergessen. Je gesunder Rosine wurde, und je mehr die Züge der Schönheit in ihr Gesicht zurückkehrten, desto trauriger wurde sie, und auch Konrad. Der gute Mensch behandelte Rosinen mit einer zärtlichen Freundlichkeit, aber zugleich auch vorsichtig zurückgezogen; sie hingegen ihn mit einer brennenden Leidenschaft, die indeß zu feierlich war, um etwas mehr zu seyn, als die höchste Dankbarkeit. Flaming hielt dies Betragen für zurückkehrende Liebe, weil er nicht merkte, daß ihrer Empfindung von beiden Seiten die schönste Blüthe, das Vertrauen, fehlte. Er glaubte, Beide hätten nur nicht den Muth, sich gegen einander zu erklären, und ergriff daher die erste Gelegenheit, dies zu bewirken. Konrad fragte einmal Rosinen, wie sie sich befände; und sie antwortete lächelnd: besser als ich es verdiene. Nun brach der Baron los. »Ich weiß, was euch Beiden fehlt, Kinderchen«, sagte er, und nahm erst Konrads, dann Rosinens Hand. »Diese beiden Hände muß ein Prediger zusammenlegen. Nicht wahr, Rosine? nicht wahr, Konrad?« – Konrad sah vor sich nieder, und schwieg; doch zog er die Hand nicht zurück. Rosinens 22 Hand fing an heftig zu zittern. »Nun, Konrad?« sagte der Baron; »rede!« Konrad antwortete langsam: wenn es Rosinen glücklich machen kann, so sey es! Rosine zog ihre Hand heftig zurück, und wurde bleich. Sie wollte reden, konnte nicht, sank, die Hände ringend, auf einen Stuhl, und sah den Baron mit wilden, bittenden Augen an. »Rosine«, sagte der Baron; »sey keine Thörin! stoß dein Glück nicht von dir!« – Nein! nimmermehr! rief sie endlich schluchzend. Der Baron drang in sie; Konrad aber sagte mit großer Rührung: Ihr Gnaden, verschonen Sie Rosinen. Sie wird, sie kann nie einwilligen! Aber, rief sie heftig, deine Magd seyn, Konrad, so lange dies Auge Thränen weinen kann. Nicht Magd, Rosine, sagte Konrad, und reichte ihr die Hand; mein Liebstes auf der Welt, mein Alles. Nein, das Andere würde dein Herz brechen. Rosine, das verlang' ich nicht. Nein, Rosine, traue mir! Nimmermehr! Nimmermehr? O, Konrad, gewiß? niemals? und wenn ich vor deinen Augen darüber sterben sollte? Niemals! sagte Konrad feierlich. – Da flog Rosine in des Jünglings Arme, und hing mit fröhlichen Blicken an seinem Halse, zum ersten Male, seitdem sie ihm ungetreu gewesen war. Nicht deine Frau, Konrad! rief sie mit großem Entzücken. O Gott, nun bin ich glücklich! Und du auch, Konrad? Ich bin glücklich. Und nun sey nicht mehr traurig, Rosine. 23 Sie wurde in der That von dieser Stunde an heiter, und Konrad sagte hinterher zu dem Baron: es war unmöglich, Ihr Gnaden. Ich habe Rosinen sehr lieb. Aber meine Frau? ... Der Nahme hätte sie ja auf der Stelle tödten müssen. Nun sind wir glücklich. Der Baron hätte dem Schwarzkopfe die Zartheit der Empfindung nicht zugetrauet. »Wie dieser Mensch«, dachte er, »zu dem kohlenschwarzen Kopfe, den kleinen Augen, und den dicken Mohrenlippen kommt, ist mir doch ein unauflösliches Räthsel. Aber es wird sich wohl geben. Die Negernatur bricht am Ende gewiß noch durch.« – Er irrte sich. Konrad und Rosine zogen, nachdem sie ihr Vermögen in Zaringen zu baarem Gelde gemacht hatten, auf ein Sächsisches Dorf, kauften sich dort an, und lebten als Bruder und Schwester, in der zärtlichsten Liebe, in der rührendsten Einigkeit. Der Gram nagte an Rosinens zerstörter Gesundheit, und sie starb nach einigen Jahren. Als der Arzt ihr den Tod angekündigt hatte, warf sie einen lächelnden Blick auf Konrad. Noch einige Tage, lieber Konrad! sagte sie mit zärtlicher Stimme. Wirst du im Himmel ganz mein seyn? – (Er schwamm in Thränen.) – Konrad, nun hab' ich noch Einen Wunsch. Ach, ich wollte, du erriethest ihn! Sagen will ich ihn nicht. – Sie streckte ihm die Hand aus dem Bette lächelnd zu. Er ging lächelnd hinaus, und kam nach einer Weile mit dem Pfarrer wieder. Nicht wahr, liebste Rosine? sagte er voll Schmerz; das ist dein Wunsch? du willst als meine Frau sterben? Sie richtete sich noch einmal mühsam im Bette auf, 24 und streckte Konraden die Arme entgegen. Konrad, Gott wird es dir vergelten, daß du mich noch im Tode glücklich machen willst! Noch einmal kehrte die Farbe des Wohlseyns auf ihre Wangen zurück. O, sagte sie, und hob die flammenden Augen gen Himmel: hab' ich das Glück verdient? – Der Prediger fing an die Trauformel zu lesen. Konrad hielt Rosinens Hand, und alle Kräfte ihrer Seele erhoben sich noch einmal. Ihr Blick war Freude, ihre Brust schlug hoch und entzückt, ihre Lippen beteten mit unaussprechlichem Gefühle laut nach, was der Prediger las. Sie steckte mit zitternder Hand den Trauring an ihren Finger, und gab Konraden die Hand. Er sagte schmerzlich: ja. Als der Prediger die Frage an sie richtete, wurde die Spannung in ihrem Gesicht immer stärker, und alle ihre Bewegungen heftig. Sie rief laut, als ob Himmel und Erde es hören sollten: ja! Konrads Frau! Dann lächelte sie ihrem Manne zu, und sagte abgebrochen: nun! nun! Konrad! Mann, Frau! Habe Dank. Jetzt streckte sie ihre Arme Konraden entgegen, und rief: geschwind! Er sank hinein, und sie starb, als er ihren Mund berührte; die Freude hatte sie getödtet. Selbst der Prediger zerfloß in Thränen – nicht des Mitleidens, sondern der erhabensten Rührung. Er bat Konraden, ihm seine Geschichte mitzutheilen; denn bis dahin hatte man im Dorfe Beide für Eheleute gehalten. Als Konrad erzählt hatte, fragte der Prediger: Aber, lieber Konrad, wie konntet Ihr Euch des Mädchens so zärtlich annehmen, da Ihr so bitter betrogen wart! – Ich preise Gott, antwortete Konrad, daß ich es konnte, daß ich sie dazu lieb genug 25 hatte. Wenn ich mich ihrer nicht angenommen hätte – was würde aus ihr geworden seyn? Sie wäre, verlassen von allen Menschen, im Elende umgekommen, oder, wenn sie sich erholt hätte, ein Teufel geworden. Glauben Sie mir, Herr Prediger, meine Treue hat ihr nicht allein Leben und Gesundheit gerettet, sondern auch die Seele. Ein so schändliches Gewerbe, wie sie trieb, kann wohl schamlos machen und frech; aber boshaft, teufelisch, werden solche Geschöpfe erst dann, wenn alle Welt sie ganz verläßt. Rosine wurde nie ganz böse; denn sie hatte noch immer einen Menschen, der es gut mit ihr meinte. Dankbarkeit gegen einen guten Menschen – und gewiß, Herr Pfarrer, ich war gut – läßt eine Seele nie ganz sinken. Ach, sie wußte, was ich für sie that; darum hatte sie mich auch so unbeschreiblich lieb. – Edler Mensch! sagte der Prediger gerührt; Gott mache Euch glücklich! Konrad wurde es. Er heirathete nach einigen Jahren ein gutes Mädchen aus dem Dorfe, mit dem er lange zufrieden lebte, wurde Vater von sieben Kindern, erzog sie gut, und nannte seine älteste Tochter Rosine. Der Baron gab Rosinen und Konraden eine große Summe Geldes, mehr als ihr Vermögen in Zaringen betrug, und hielt sich, als Beide Leipzig verlassen hatten, noch einige Zeit dort auf. Der Vorfall mit Konraden erschütterte sein System ein wenig; er hatte den Gedanken, die geistlichen Fürstenthümer zu besuchen, um dort die reinen Celten in den Domherren kennen zu lernen, halb und halb schon aufgegeben, weil er beinahe fürchtete, diese möchten das System noch stärker angreifen, als der Ritter Rheinfelden 26 mit blondem Haar und zwei und dreißig Ahnen, und als Konrad mit seinem Mohrengesichte. Doch eine Bekanntschaft mit einem Buchhändler brachte das System wieder zum Stehen. Der Baron erkundigte sich auf eine geheimnißvolle Weise, wie viel der Druck eines Werkes koste. Der Buchhändler fragte, und der Baron gestand, daß er sich wohl entschließen könnte, selbst etwas drucken zu lassen, das aber, wie er leise hinzusetzte, vielen Lärmen und Widerspruch erregen würde. »Sehen Sie«, sagte er, »es greift alle jetzige Art zu philosophiren an, und enthält, wenn Sie wollen, die ärgsten Ketzereien; kurz, es stellt die Welt auf den Kopf.« Der Buchhändler fragte eifrig, und der Baron fing an ihm sein System aus einander zu setzen. »So etwas«, schloß er zuletzt, »ist noch nicht geschrieben; die ganze Welt wird sich dawider regen, besonders alle Schwarzköpfe.« Und alle Schwarzröcke, fiel der Buchhändler ein. Unvergleichlich, Herr Baron! Führen Sie die Idee ja aus! Hier fand der Baron doch endlich einen Menschen, der sein System billigte, und – was noch mehr zu bewundern war – der es mit großer Unpartheilichkeit sehr richtig fand, obgleich er selbst schwarzes Haar hatte. Nun war des Barons System wieder so fest als je, und sein Entschluß, an den Rhein zu reisen, unumstößlich. Er packte zusammen, vergaß sogar seinen l'homme voyageur , und es ging im Fluge auf Eisenach los. Dort besah er weder die Wartburg noch den Mädelstein. In ganz Eisenach fand er nichts Merkwürdiges, als daß die Weiber ihre Lasten auf 27 dem Kopfe trugen, und nicht auf dem Rücken. Er blieb in Zweifel, ob dies eine Celtische oder Slavische Sitte sey, und machte in seinem Tagebuche ein großes Notabene. Vor Berka brach der eine Baum an seinem Wagen. Er stieg aus, und ging in die Stadt hinein, auf die Post zu, die zugleich ein Gasthof ist. Auf dem Hausflur des Posthauses stand ein Kreis von Leuten, die sehr laut zusammen sprachen. – »Es ist doch ein Mensch!« rief ein Mann in Zorn; »und das heißt ja, einen ärger behandeln, als einen Hund! Heidin her und Heidin hin! das arme Geschöpf ist ein Mensch, sag' ich. Aber so machen es die reichen Leute! Ein Schoßhund hat es bei ihnen besser, tausendmal besser, als ein armer fremder Mensch.« Nun ja! erwiederte ein langer dürrer Mann, der Postmeister. Aber ich soll sie doch wohl nicht behalten? Wie käme ich denn dazu? Sie muß hinterher, sag' ich, und wenn es ihr auch beide Füße kostete. Hat sie nicht Branntwein bekommen zum Waschen? Nun hab' ich gethan wie der barmherzige Samariter, Wein und Öl in die Wunden gegossen; und damit holla! »Nein, Postmeister!« rief die erste Stimme; »der Samariter tat mehr: er gab dem Wirthe zwei Groschen, und ...« Da sind zwei Groschen; und nun marsch! Mag sie doch sehen, wie sie die Leute einholt. Sie bleiben die Nacht auf der nächsten Station. Christlich bin ich auch; das muß mir jedermann nachsagen. Frisch! die Füße gewaschen, und dann fort! Jetzt trat der Baron in den Kreis. Auf einem Poststücke 28 saß, oder lag vielmehr, eine junge Mohrin, von oben bis unten mit Koth bespritzt, ohne Schuhe und Strümpfe. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, und erhob sie nur, um den anzusehen, der eben sprach. »Was giebt es denn hier?« fragte Flaming; und die Mohrin erhob still ihr Auge, um ihn anzusehen. Zehn Stimmen fingen nun an, eine die andre verbessernd, dem Baron zu erzählen. So viel er begriff, war die Mohrin mit einer fremden Herrschaft gereist. In Eisenach sollte diese ihretwegen ein Pferd mehr nehmen; nun mußte die Mohrin neben dem Wagen her laufen. Bis hieher war sie in dem schlechten Wege gekommen, obgleich ganz abgemattet. Als der Wagen weiter fuhr, lief sie wieder neben her. Aber schon an der Fulda blieb sie vor Entkräftung liegen. Dort fand sie ein Mann, eben der, welcher sich ihrer annahm, und brachte sie in das Posthaus zurück. – Na, lieber Herr, sagte der Postmeister; kann ich sie denn nun behalten? Der Streit erhob sich jetzt aufs neue. Der Postmeister vertheidigte, um seine eigene Härte zu entschuldigen, die Grausamkeit der Herrschaft, welche die Mohrin bei sich gehabt hatte. Der Andere aber rief: ei, sie ist so gut ein Mensch, wie wir! gerade so gut, wie ich und wie der Herr! Nicht wahr, mein Herr? Mit dieser Frage wendete er sich triumphirend an den Baron, in dessen Augen sich schon das gutherzigste Mitleiden zeigte. »Halt, halt, guter Freund!« rief Flaming: »sie ist eine Negerin; und so hat sie durchaus nicht eben die Ansprüche auf Mitleiden und Schonung, wie wir. Sie gehört zu einer 29 ganz andern Menschen-Race, gegen die man nothwendig hart seyn muß.« Die Mohrin sah den Baron mit einem flehenden Blicke an. – Na, seht Ihr? sagte der Postmeister. Er nahm eine Peitsche von einem Nagel, trat auf die Schwarze zu, hob den Arm auf, und rief: Marsch, sage ich! Die Mohrin warf sich dem Manne, der sie vertheidigt hatte, zu Füßen, und umfaßte seine Kniee. Der Baron aber hatte, vor Zorn brennend, dem Postmeister schon die Peitsche aus der Hand gerissen, und ihn an der Brust gepackt. »Unmensch!« rief er laut und erbittert; »wag es nicht, Hand an die Unglückliche zu legen! Sie soll bleiben!« Aber, der Teufel, Herr! eben sagten Sie ja ...? – Doch was geht es mich an! Wollen Sie für das Mädchen bezahlen? »Das will ich, du Unmensch! das will ich! Die Mohrin ist mein, in meinem Schutze. Komm, du Kleine!« Die Mohrin bewegte sich auf den Knieen bis zu Flaming hin; dann kreuzte sie beide Arme über die Brust, beugte sich nieder, um seine Füße zu küssen, und rief mit einer ehrfurchtsvollen Stimme sehr feierlich den gewöhnlichen türkischen Gruß: Selam eon aleikon! (Friede sei mit dir!) – »Sprichst du Deutsch?« fragte der Baron. Sie bejahete es, ohne ihre Stellung zu verändern. – »Wie heißest du?« – Iglou. – »Aus welchem Lande bist du?« – Aus Habesch (Abyssinien.) »Wie bist du nach Deutschland gekommen?« – Mein Vater todt, meine Brüder todt. Sie schleppten mich nach Skanderi (Alexandrien.) Da kaufte mich ein Christ. Ich kam nach Wien. Mein Herr war gut. Ich trug Seide und 30 Gold. Er verschenkte mich an den Unbarmherzigen. Iglou konnte nicht mehr laufen; ihre Füße bluteten. Sie schlugen Iglou erst; dann fuhren sie weg. ... Du bist mein Herr! Das alles sagte die Mohrin in richtigem Deutsch, nur fremd accentuirt, und mit großer Leidenschaft, tief aus der Seele hervor. »Steh auf!« sagte der Baron freundlich. Sie erhob sich; aber sie schwankte, und zuckte mit dem Munde vor Schmerz an den Füßen. Der Baron ließ sie in ein Schlafzimmer bringen, und ihr die Füße mit Wein waschen; dann mußte sie sich zu Bett legen. Sie blieb noch lange wach, und sang mit wenigen Tönen, in großer heftiger Bewegung, ein kurzes Lied, das sie mehrere Male wiederholte. Indessen kam des Barons Wagen an, und nun fand sich, daß vor dem folgenden Mittage nicht an die Abreise zu denken war. Der Baron hatte nur die Absicht gehabt, die Mohrin ihrer alten Herrschaft zu überliefern; jetzt, da er bleiben mußte, gerieth er in große Verlegenheit, was er mit ihr anfangen sollte. Das Abendessen wurde gebracht. Iglou trat in das Zimmer, stellte sich mit gekreuzten Armen an den Tisch, und wartete auf, wobei sie die Augen immer auf den Baron heftete. Der Baron machte indessen den Plan, sie bei dem Postmeister so lange zu lassen, bis er zurückkäme, oder bis er erführe, wer ihre Herrschaft wäre. Er legte sich endlich nieder. Iglou ließ es sich von dem Bedienten durchaus nicht nehmen, ihm zu Bette zu leuchten; sie ging erst, als Flaming es ihr ausdrücklich befahl. Am andern Morgen erwachte Flaming sehr früh, und öffnete die Thür, um seinen Bedienten zu rufen. Das erste, was 31 er sah, war Iglou, die, in einen Mantel gehüllt, quer vor seiner Thür am Boden auf einer Decke lag und schlief. Diese ergebene Dankbarkeit des unglücklichen Mädchens rührte ihn. Er betrachtete sie lange, mit Thränen in den Augen. »Guter Gott!« sagte er; »ein Mensch, und von seinen Brüdern verkauft! ... O, es ist abscheulich!« rief er dann laut, und Iglou öffnete die Augen. Sie sah die Thränen ihres Herrn, das Mitleiden, womit er sie betrachtete; und sie sprang auf, umfaßte seine Kniee, und fing an heftig zu weinen. Es lag in ihrer Bewegung, in ihren Tönen, etwas äußerst Rührendes, das den Baron augenblicklich überwältigte. Er richtete Iglou auf, nahm sie in seine Arme, drückte sie an seine Brust, und sagte liebkosend: »nein, ich will dich nicht verlassen, armes Geschöpf!« Iglou beugte sich vor ihm, ohne ein Wort zu sagen; aber ihre nassen Augen, ihr fliegender Busen, und ihre auf der Brust bebenden Hände zeigten die heftige Bewegung von Dankbarkeit und Liebe, in die seine wenigen Worte sie versetzt hatten. Der Baron mußte sich mit Gewalt losreißen; so sehr zog dies dankbare, heftige Geschöpf ihn an. Er ging ein wenig ins Feld; und Iglou folgte ihm von weitem, ohne ihn aus den Augen zu verlieren. Bei dem Frühstücke verrichtete sie alle nöthigen Dienste sehr aufmerksam und mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit. Nun wollte auch der Bediente sie etwas für sich thun lassen; aber sie sagte ihm ernst und mit einer Art von Würde: ich bin meines Herrn Iglou! Sie bemerkte jeden Dienst, den er dem Baron leistete; und das zweite 32 Mal that sie ihn selbst, noch ehe dieser befohlen hatte. Flaming sagte ihr endlich: er würde sie hier lassen, bis er zurückkäme. Aber sogleich rollten Thränen aus ihren zu Boden geschlagenen Augen, und sie sagte schmerzlich: meine Füße sind gesund; ich kann wieder nebenher laufen. O, verlaß mich nicht! Diese Worte rührten den Baron, und er versprach ihr, sie mitzunehmen. Freudig sprang das Mädchen nun auf, eilte zu dem Wagen, half mit packen, und rief dabei oft: mein Herr verläßt Iglou nicht! Als Flaming an den Wagen trat, erhob sich eine neue Verlegenheit. Er wußte nicht, wo Iglou sitzen sollte. Der Bock war von dem Postillion und dem Bedienten besetzt, und hinten stand der Koffer. – Du kannst nirgends sitzen, rief der Bediente unwillig; nirgends, du schwarzer Teufel! Iglou warf einen furchtsamen Blick auf den Baron, und sagte: ich darf beiher laufen. »Nein«, erwiederte Flaming, und stieg in den Wagen – »komm zu mir herein, Iglou. Auf der nächsten Station können wir ein Pferd mehr nehmen. Komm!« Iglou zögerte; doch auf seinen Befehl stieg sie ein, und setzte sich zitternd neben ihn. Als der Wagen fortrollte, überlegte der Baron, lächelnd und den Kopf schüttelnd, warum er nicht lieber seinen blonden, edlen, Celtischen Bedienten in den Wagen genommen hätte, als diese schwarze, unedle Mohrin. »Sie ist ein schwaches Mädchen«, dachte er endlich; »sogar noch krank von der gestrigen Reise. Morgen wird es anders seyn; Beide sollen an ihren rechten Platz: Heinrich hieher, und die Mohrin auf den Bock.« 33 Unter diesen Gedanken war er eingeschlummert; doch von einem Stoße des Wagens erwachte er wieder. Da saß Iglou vor ihm auf dem Boden, in der unbequemsten Stellung, und hatte seine Füße auf ihrem Schooße, so daß er besser liegen konnte. Mit einer Empfindung von Scham zog er sogleich die Füße zurück, und machte wieder auf dem Sitze Platz. Er fühlte etwas Widriges bei Iglou's sklavischen Dienstleistungen, ja, gegen seinen Willen eine Art von Achtung für sie, die sich einige Male sogar ganz bestimmt äußerte. Jetzt wollte er ihre Geschichte ausführlicher hören; und sie erzählte mit großem Feuer von ihrer Kindheit, und von der Liebe, die ihre Eltern zu ihr gehabt hätten, wobei ihre Augen in heißen Thränen funkelten. Mit tiefer Wehmuth erzählte sie dann, wie sie von ihrer geliebten Schwester getrennt worden sey. Ach, sagte sie leise, ich hielt sie fest umschlossen, und mein Mund preßte den ihrigen. Da rissen die harten Kaufleute unsere Arme, unsere Lippen, unsere Seelen aus einander. Iglou! schrie sie noch einmal, und man trug mich ohnmächtig aus dem Han (Markt) auf das Schiff. Ach, ich liebte meine Schwester, wie ich jetzt dich liebe! Denke, wenn man mich von deinen Füßen risse! Iglou würde vergehen! – Nun erzählte sie ihm von der Härte ihrer letzten Herrschaft, wie man sie mit Schlägen gemißhandelt, und wie oft sie habe hungern müssen. Iglou, sagte sie dann, wußte vorher nicht, was Hunger ist; wir hatten Datteln genug und Reiß. Iglou hatte nie Hunger gefühlt! »Du sollst ihn nie wieder fühlen, mein Kind«, sagte der 34 Baron, und streichelte ihr mitleidig die Wangen. Sie ergriff seine Hand, küßte sie, warf sich dann, als ob sie ein Verbrechen begangen hätte, vor ihm nieder, und umfaßte seine Kniee. Er richtete sie lächelnd auf, und bat sie, ihm noch mehr von ihrem Vaterlande zu erzählen. Sie beschrieb die Sitten ihres Volkes. Richtig waren es eben die, welche der Baron schon kannte: die Sitten der elendesten Race. Iglou erzählte aber mit einer Erhabenheit der Ideen, daß seine Achtung für sie um so mehr zunehmen mußte, als er sich überzeugte, daß sie zu dem elendesten, verderbtesten Menschenstamme gehöre. Kurz, der Celte blieb auf dem Bocke, und die Negerin im Wagen. Zu seiner Entschuldigung dachte Flaming: ich lerne ja von ihr die vernachlässigten Kinder der Natur und ihre Sitten näher kennen. So kamen sie in Frankfurt an. Iglou hatte, Theils mit Gewalt, Theils durch Bitten und Liebkosungen, den Bedienten fast von seinem Herrn verdrängt. Sie reinigte des Barons Kleider, machte sein Frühstück, wartete am Tische auf, leuchtete ihm zu Bette, und schlief, so viel er auch befehlen mochte, jede Nacht auf seiner Thürschwelle. Auch folgte sie ihm überall, wohin er ging. Da die Begleitung einer jungen, edelgestaltigen Mohrin jedermann auffiel, so ließ der Baron ihr Mannskleider machen. Iglou zog sie nur mit Thränen und auf wiederholten Befehl an. Ach, sagte sie schluchzend; soll ich denn deine Iglou nicht mehr seyn? Aber der Baron hatte sie ja so kleiden lassen, um sie immer bei sich haben zu können. 35 Sie begleitete ihn nun wie sein Schatten, und war ihm unbeschreiblich treu. Iglou's Seele hängte sich mit allen ihren Gefühlen an den einzigen Menschen, der ihr zum ersten Male seit ihrer Kindheit wohlthat. Ihre Liebe zu dem Baron war Überspannung, Fanatismus der Dankbarkeit; und eben diese heftige Liebe, diese große Ehrfurcht, erregte in des Barons Herzen ganz natürlich Wohlwollen und Gegenliebe. Auch er hatte jetzt zum ersten Male das völlig unzweideutige Gefühl, geliebt zu seyn; kein Wunder also, daß er Neigung zu dem Geschöpfe bekam, dessen ganze Seele schon ein freundlicher Blick von ihm belebte. Durch einen Vorfall, der sich jetzt ereignete, wurde Flamings Wohlwollen für das Mädchen noch größer. Er fuhr in einem Nachen den Main hinunter nach Mainz, und stand auf, die schöne Gegend umher zu betrachten. Iglou saß zu seinen Füßen, und ihre Blicke hingen an seinen Augen. Der Schiffer war nicht ganz mit dem Flusse bekannt, und fuhr gegen einen Baum unter dem Wasser, wodurch der Nachen einen heftigen Stoß bekam. Der Baron stürzte in den Fluß, und der hohe Strom riß ihn mit sich fort. Alles schrie, und blieb vor Schrecken unthätig; Iglou aber sprang ihrem Herrn nach, ergriff ihn, hielt ihn über dem Wasser empor, erreichte so das Ufer, und brachte ihn hinauf, obgleich, weil er alle Besinnung verloren hatte, nur mit großer Mühe. Endlich öffnete er die Augen wieder, und sein erster Blick traf auf Iglou, deren Gesicht, mit großen Thränen auf den Wangen, über ihn her hing. Als sie das erste Zeichen des Lebens bei ihm sah, schrie sie vor Freude, sprang auf, 36 tanzte umher, fiel auf die Kniee, lachte, weinte, und rief dazwischen mit dem Tone des brünstigsten Gebetes: Allah ekber! (Gott ist groß!) Dann lief sie wieder zu dem Baron, knieete neben ihm nieder, benetzte ihn mit ihren Thränen, und küßte seine Hände, seine Kniee. Er seufzte, und sah sich um, ob er nicht liegen könnte. Augenblicklich warf Iglou sich neben ihm zu Boden, nahm seinen Kopf auf ihren Schooß, und wand das Wasser aus seinen Haaren. Während dieser zärtlichen Scene war der Nachen an das Ufer gekommen; der Bediente, der Schiffer stiegen aus, und der Baron verlangte trockne Kleider. Aber auf einmal wurde der Nachen, den niemand hielt, von dem Strome ergriffen und fortgetrieben. Iglou stürzte sich sogleich wieder hinein, schwamm dem Kahne nach, erreichte ihn, ruderte ihn an das Ufer, und eröffnete, als er nun angebunden war, des Barons Koffer. Man zog dem Baron andre Kleidung an, und brachte ihn hierauf nach Höchst, einer kleinen Stadt am Main, von der man kaum noch hundert Schritte entfernt war. Iglou half auch dabei noch, so viel sie konnte. Kaum lag aber der Baron im Bette, so taumelte sie, wurde gelb, zitterte, und sank erschöpft zu Boden. Man brachte sie mit Gewalt in ein Bett; denn sie wollte schlechterdings nicht aus des Barons Zimmer. Einige Stunden, so lange ihre erschöpften Kräfte ihr jeden Widerstand versagten, hielt sie sich ruhig; dann aber verlangte sie mit Heftigkeit wieder nach ihrem Herrn. Der Baron hatte sich unterdessen völlig erholt. Man erzählte ihm nun, wem er seine Rettung verdanke, und sagte 37 ihm, daß Iglou durchaus nicht im Bette bleiben wolle. Er ging sogleich zu Iglou, bat sie, ruhig zu seyn, setzte sich vor ihr Bett, faßte ihren Puls, und drückte ihr dabei zärtlich die Hände. Sobald er mit ihr allein war, küßte er, mit den Worten: »meine edle Retterin!« ihre vollen Lippen. Iglou warf in heißer Leidenschaft ihre Arme um seinen Nacken, drückte ihn an ihre Brust, ließ dann die Arme sinken, verhüllte ihr Gesicht, und fing an laut zu weinen. Nach einer halben Stunde kam endlich ein Arzt. Er erklärte, daß die Kranke in einem heftigen Fieber läge, und ging mit dem Baron auf sein Zimmer, um ihr etwas zu verschreiben. Der Baron sagte lächelnd: »lieber Herr Doktor, Ihre Mittel möchten wohl bei dieser Menschen-Race wenig anschlagen. Bedenken Sie doch die große thierische Lebenskraft solcher Schwarzen! Ihre Arzenei ist für die zarten Gefäße und Säfte der Celtischen Nationen berechnet; und diese Abyssinierin ...« – Nun wohl, sagte der Arzt, und nahm die Feder; wir wollen die Dosis verdoppeln. Der Baron wurde blaß vor Schrecken. »Nein, Herr Doktor! halten Sie ein!« rief er zitternd. »Sie könnten das Mädchen tödten. Ich bitte sie inständigst, ja nicht mehr, als Sie dem zartesten Frauenzimmer verordnen würden!« Flaming selbst gab Iglou die Arzenei, und nur die Hälfte von dem, was verordnet war; aber doch zitterte er, daß es zu viel seyn könnte. Iglou sagte, als sie die Arzenei nahm, mit einem leidenschaftlichen Blicke: ich bin längst gesund; dein Mund hat mich gesund gemacht. Der Baron sah sich um, ob ihn niemand bemerkte, beugte sich dann leise über 38 sie hin, küßte noch einmal die häßlichen Negerlippen, und ging dann, vor sich selbst erröthend. Einige Minuten nach ihm kam Iglou völlig gekleidet in sein Zimmer, und warf sich dankbar vor ihm nieder. Der Baron fühlte am Abend einen leichten Anfall von einem Fieber, und beschloß, wieder nach Frankfurt zu gehen. Er schickte seinen Bedienten zu Wasser dahin, und er selbst fuhr mit Iglou in einem Miethswagen. Anfangs saß er ganz still; denn er war sich so wohlwollender Empfindungen für die Mohrin bewußt, daß er es nicht wagte, sie anzureden. Fast immer sah er aus dem Schlage des Wagens, und nur verstohlen zuweilen auf Iglou; dann aber traf er jedesmal auf einen Blick der Liebe und des dankbarsten Wohlwollens. Ohne zu wissen, wie es zuging, umfaßte er die Mohrin, drückte sie an sich, küßte sie, und sagte leise: »meine gute Iglou!« Doch eben so ohne alle Veranlassung ließ er sie wieder fahren, und sah aus dem Schlage in das Feld. In Frankfurt schenkte er Iglou'n, um sie zu belohnen, eine Börse mit Gold. Sie legte die Börse furchtsam auf den Tisch, und sagte mit einem Seufzer: ach, ich war so glücklich! Soll ich es nicht mehr seyn? »Um dein Glück zu vermehren, gute Iglou, gebe ich dir ja das Gold. Bezahlen kann ich dir mein Leben nicht.« Sie schob die Börse wieder zurück. Nimm dein Gold wieder, sagte sie; denn ich habe dich lieb. Sie drückte die Hand auf ihre Brust, und fuhr in großer Bewegung fort: dies Herz, diese Seele, dieses Leben ist dein. O, nimm dein Gold 39 zurück; und nimm mein Herz, meine Seele, mein Leben! Nun ergriff sie seine Hand, und legte sie unter ihren vollen, pochenden Busen, als sollte Flaming ihr Herz schlagen hören. Es war zerbrochen, sagte sie dann wehmüthig und zitternd; du hast es geheilt. Ach, zerbrich es nicht aufs neue! O, nimm dein Gold, und erlaube, daß ich zuweilen deine Hand küssen darf. – Mit diesen Worten drückte sie einen brennenden Kuß auf seine Hand. Der Baron gerieht in Verwirrung. »Ich dachte«, sagte er, »Iglou wollte gern wieder zuweilen Frauenzimmerkleider tragen; und dazu war das Geld bestimmt.« Mit fröhlicher Eil griff sie jetzt nach der Börse, und fragte: darf ich wieder deine Iglou seyn? – »Ja, Iglou«, antwortete Flaming verlegen; »aber nur, wenn wir allein sind.« Nach einigen Tagen war Iglou geheimnißvoll und fröhlich. Sie fehlte einige Male, wenn der Baron klingelte. – Eines Abends, als er schon abgegessen hatte, ging die Thür seines Zimmers leise auf, und Iglou trat in sehr vorteilhafter weiblicher Kleidung, halb Türkisch, halb Französisch, in sein Zimmer. Sie trug ein blaßrothes seidenes Leibchen, das unter der Brust mit einer weißen Binde gegürtet war und von da zu einem faltenreichen Rocke hinabhing; darüber einen weißen Doliman, der hinten weg fiel, und von ihrer schönen Gestalt nichts verbarg. In das Haar hatte sie Perlen geflochten, und ein Tuch, wodurch es fest gehalten wurde, fiel hinten lang hinunter. So schwebte das schlanke Mädchen von edler Gestalt mit Entzücken auf den Baron zu, knieete vor ihm nieder, faßte seine Hand, und 40 drückte sie feurig an ihren Mund. »Mädchen«, sagte der Baron, indem er sie mit Wohlgefallen betrachtete, und ihre beiden Hände faßte; »wenn dich jemand gesehen hätte!« Niemand! Niemand hat Iglou gesehen, als du. – Sie holte einen Mantel herein, den sie vor der Thür abgeworfen hatte, und mit dem sie sich des Nachts bedeckte. So ging ich hierher, sagte sie. Ach, nur deine Iglou bin ich! – Nun warf sie den Mantel wieder ab, und stand mit leuchtenden Blicken vor ihm. Der Baron betrachtete die schlanke, volle Gestalt des Mädchens, da so ganz Liebe für ihn war, aufs neue mit großem Wohlgefallen. Seine Arme hoben sich ein paarmal, sie zu umfassen; doch er hielt sie, um es nicht zu thun, auf den Rücken. »Nun geh, Iglou, geh!« sagte er. – Sie blickte ihn traurig an. Ach, du siehst mich doch lieber, wenn ich nicht Iglou bin! – »Ich sehe dich immer gern«, erwiederte er, umfaßte sie, und drückte sie mit Innigkeit an seine Brust. Sie umschlang ihn noch inniger, und er schob sie sanft von sich. »Nun geh, Iglou! geh! gute Nacht!« – Gute Nacht! seufzte sie, hüllte sich in ihren Mantel, und ging langsam und traurig aus dem Zimmer. »Die häßlichen Negerzüge«, sagte der Baron, »hat sie doch wahrhaftig nicht. Ihre Augen sind offen und groß; ihre Gestalt ist edel und fein. Wenn ich nur wüßte, welches Volk Abyssinien bevölkert hat; ich wollte wohl sagen, warum ihre Züge nicht so häßlich sind, und warum ihr Herz dieser zarten Empfindungen fähig ist.« Er fing an seine Kollektaneen zu Hülfe zu nehmen; aber Iglou's Vaterland lag und blieb unter dem Fluche der Natur. 41 Jetzt fragte er sie nach ihrer Familie. »Höre, liebe Iglou, besinne dich! Nicht wahr, dein Vater hatte andere Sitten, er lebte anders, als seine Landsleute? Besinne dich recht!« – Sie besann sich, und schüttelte den Kopf. Wir wohnten wie die übrigen, sangen, spielten, schliefen, wie es bei uns Sitte war; wir aßen rohes Fleisch wie die übrigen; wir ... »Rohes Fleisch?« rief der Baron ungeduldig, und sprang auf. »Auch du, Iglou? auch du? auch dein Vater?« Ich habe nie gewußt, daß man Fleisch anders essen kann, als bis ich nach Skanderi kam. »Aber Iglou, sey nicht seltsam! Wie könntest du, wenn du rohes Fleisch gegessen hättest, so dankbar, so sanft, so gut seyn? wie mich so herzlich, so treu lieben?« Weil du gut bist; weil du dich der verlassenen Iglou so gütig angenommen hast. Flaming schüttelte empfindlich den Kopf, und hieß sie gehen. »Liebe wäre das? Dankbarkeit? Und sie hat rohes Fleisch gegessen? Nein, unmöglich! Liebe kann es nicht seyn; höchstens thierische Wollust. Wollust! O wahrhaftig, das ist es auch! Wo hab' ich die Augen gehabt!« Jetzt fiel ihm ein, mit welcher unbeschreiblichen Leidenschaft das Mädchen ihn umarmt hatte, als sie den Abend so reitzend, so lockend gekleidet, und so heimlich, so verstohlen, so kurz vor dem Niederlegen, zu ihm gekommen war. Auch dachte er mit Schamröthe daran, daß sie sich ihm so gern in weiblicher Kleidung zeigte, ihm immer auf sein Zimmer leuchtete, so gern allein bei ihm seyn mochte. »Da hab' ich die Negerin, die wollüstige Negerin, die sich dem Manne zu 42 Füßen wirft, und in der niedrigsten Stellung um die Freuden der Wollust bettelt! O, wie blind bin ich gewesen! Diesen abscheulichen, thierischen Trieb hielt ich für Dankbarkeit; das heiße Rollen des Blutes für die zarte Empfindung eines liebenden Herzens. Abscheulich! abscheulich!« Am andern Morgen behandelte er die zärtliche Mohrin kalt, herrisch, sogar hart. Iglou bebte, warf einen furchtsamen Blick auf ihn, und ließ trauernd den Kopf auf ihre Brust sinken. Schweigend und ehrerbietig verrichtete sie ihre Geschäfte. Dann suchte sie die Einsamkeit, und weinte schmerzliche Thränen, die niemand sah, und die sie jedem, am sorgfältigsten ihrem Herrn, zu verbergen suchte. Sie zwang sich heiter zu scheinen, wenn sie dem Baron aufwartete; aber er hörte Nachts, wenn sie auf seiner Thürschwelle lag, ihre Seufzer. Einmal stand er aus dem Bette auf, schlich an die Thür, und horchte. Er hörte sie leise weinen, sogar leise sprechen; und an dem Tone ihrer Stimme, wie an dem Worte Allah, das oft vorkam, merkte er, daß sie betete. O, sagte sie endlich Deutsch, wenn ich stürbe, er liebte vielleicht die arme Iglou wieder, wenigstens aus Mitleiden! Über die rührenden, das Herz durchdringenden Accente, mit denen sie diese Worte sagte, vergaß der Baron sein System und die Negerin wieder, und sah in Iglou nur das trostlose, liebende Mädchen. Er öffnete die Thür, und sagte: »trockne deine Thränen, Iglou; ich liebe dich.« Schon bei dem ersten Worte sprang sie auf, und dann drang sie durch die Thür zu ihm. 43 O, du liebst mich wieder? ich bin keine Verlassene mehr? sagte sie mit froher, zitternder Stimme, ergriff seine Hand, und drückte sie an ihr weinendes Auge, und dann an ihre heißen Lippen. Dem Baron schlug das Herz vor seltsamen Empfindungen. Er nahm sie in seine Arme, und rief einmal über das andere unter den zärtlichsten Liebkosungen: »Iglou! meine liebe, theure Iglou!« In der Dunkelheit sah er weder das schwarze Gesicht, noch die negerartigen Lippen. Er fühlte nur den runden, weichen Arm, der seinen Hals umschlang, den vollen, jugendlichen Busen, der an seinem Herzen schlug; und alle Triebe der Sinnlichkeit wurden in ihm rege. Iglou lag in dem leichtesten Gewande, ganz Liebe, ganz Hingebung, an seiner Brust. Er nahm sie auf seinen Schooß, drückte brennende Küsse auf ihre Lippen, auf ihre Schultern, hob sie auf, und führte sie unter den zärtlichsten Benennungen näher zu seinem Lager. Aber auf einmal war ihm das Mädchen, wie ein Aal, aus den Händen entschlüpft. »Iglou!« rief er, als sie die Thür öffnete, und das Zimmer verließ. Er horchte, und hörte das Rauschen ihres Gewandes. Nach einigen Minuten war Iglou wieder da: eben so seelenvoll, eben so zärtlich wie vorhin, aber züchtig gekleidet, und den Busen in ein dichtes Tuch gehüllt. – Du kannst nicht schlafen, sagte sie mit höchst zärtlichem Tone: soll deine Iglou dir von ihrem Vaterlande erzählen? Lege dich nieder. – Er that es beschämt, und sie setzte sich an sein Bett. Anfangs war ihre Stimme freilich nicht ganz passend; aber sie kam hinein, und nun erzählte sie von den Festen und den 44 unschuldigen Freuden ihrer Landsleute mit so vieler Theilnahme und einer so sichern Ruhe, daß endlich auch in seiner Brust der Sturm der Sinnlichkeit sich legte, der freilich immer aufs neue erwacht war, so oft er ihre Hand oder ihren Arm berührt hatte. Er schlummerte zuletzt unter ihren Erzählungen sanft ein; und am Morgen fand er sie vor seinem Bette, in ihren Mantel gehüllt, ruhig schlafen. Jetzt, da er sie sah, reitzte sie seine Sinnlichkeit nicht mehr, und er erröthete vor sich selbst, daß dieser Trieb ihn so weit hatte fortreißen können. Er richtete sich im Bette auf, stützte den Kopf mit der Hand, betrachtete die Negerin, die da so ruhig schlummerte, und fühlte in seinem Herzen innige Achtung für sie. Der Wechsel von Empfindungen in seiner Brust war seltsam. Diese Nacht hatte er – dessen erinnerte er sich sehr bestimmt – für Iglou Liebe, zärtliche Liebe, gefühlt, wie noch niemals für irgend ein weibliches Geschöpf, selbst für Emilien nicht. Er konnte ganz bestimmt die Wollust von diesem Gefühle unterscheiden; es waren die zärtlichsten Wünsche, ewig ungetrennt, in der innigsten Verbindung mit Iglou zu leben. Kurz, er hatte Liebe für sie empfunden, ehe der Sturm der Sinnlichkeit anhob, und auch noch, als unter ihrem Erzählen schon längst das Zittern der Wollust aufgehört hatte. Er war sogar im Begriff gewesen, ihr seine Liebe zu gestehen, und nur Erinnerung an Emilien hatte ihn davon abgehalten. Jetzt aber, da sie neben ihm schlummerte und er sie betrachtete, jetzt fühlte er, zu seinem Befremden, Wohlwollen, Achtung für das Mädchen, aber nicht mehr Liebe, nicht 45 mehr den alles ausschließenden Wunsch, sie zu besitzen. Er sah nicht, was zu sehen so natürlich war: daß die Dunkelheit der Nacht seiner Phantasie, anstatt der edlen, aber schwarzen Iglou, eine edle, aber blendend weiße untergeschoben, und daß allein das Gefühl, nicht das Auge, seine Empfindungen rege gemacht hatte; daß sein Wohlwollen, seine Achtung, seine Dankbarkeit gegen Iglou, seine Eitelkeit sich geliebt zu sehen, Liebe werden mußte, so bald Iglou seine Sinnlichkeit erregte; daß aber seine Sinnlichkeit ganz natürlich aufhörte, sobald er die Mohrin mit den häßlichen Negerzügen sah, und daß ohne Sinnlichkeit die Liebe nicht dauern konnte. Der Baron war aber gewohnt, in alles sein System zu mischen; so erklärte er sich denn auch dieses Wunder aus seinem Systeme. Er dachte, der Anblick dieser dicken Lippen, dieser schwarzen Farbe, dieser wollichten Haare, dieser großen Backenknochen, muß doch körperlich den Ekel vor einem solchen Geschöpfe erregen. Diese Form ist an sich häßlich, nicht durch Vergleichung; und so hat schon die Natur ihr geliebteres Kind, den edlen Celten, gegen jede Erniedrigung verwahrt. Diese Form erregt Widerwillen, und tödtet die Liebe, welche die Nacht hervorbringen konnte. O Himmel, wie die Natur doch den Celten selbst durch unbegreifliche Wunder gesichert hat! Und mein System soll nicht wahr seyn? Da liegt der Beweis! – Er legte den Finger auf Iglou's Stirn, und sie erwachte. Ihr Auge und ihr lächelnder Mund boten ihm einen guten Morgen. Als sie dann aufstand, mit liebenden Blicken sich 46 zu ihm hin beugte, und ihn mit zärtlicher Stimme fragte: bin ich noch deine liebe Iglou? da vermehrte sich sein Wohlwollen für sie aufs neue. Er reichte ihr die Hand, und sagte: »o, Mädchen, wenn du weiß wärest! wenn blonde Locken um deine Stirn schwebten! wenn ...« – O, sagte sie mit schmerzlichem Tone: ist denn das Herz deiner Iglou nichts? ... Duftet nicht auch die Nachtviole? – Sie verbarg ihre weinenden Augen mit der Hand, und ging traurig hinaus. Er fing an über seine Ideen zu philosophiren und sie auf ein Blatt Papier zu werfen. Durch die lange Spekulation erhitzte er sich; seine spitzfündigen, wortreichen Schlüsse wurden ihm volle Wahrheit, so nebelartig, so dunkel sie auch noch vor seiner Seele schwebten. Um ihnen eine deutlichere Form zu geben, und um ihnen zugleich einen Bewunderer zu verschaffen, nahm er die Feder, und schrieb an Lissow, dem er schon vorher von Zeit zu Zeit geschrieben hatte Ich rathe jedem Frauenzimmer, und auch jedem Manne, der nicht mit den Thorheiten bekannt ist, zu denen das System eines großen Denkers vielen jungen Leuten Veranlassung gegeben hat, nachstehenden Brief zu überschlagen. Sie würden ihn für unmöglich halten. . »Liebe, diese vielgestaltete Leidenschaft, dieser tausendfarbige Chamäleon, dieser unhaltbare Proteus – was ist sie? Schon Jahrtausende philosophiren die Weisen über diese Leidenschaft unserer Seele, beschreiben ihre Äußerungen, ihre Wirkungen, schließen von da auf ihre Ursache, und wundern sich, daß die Liebe sich hier und dort nicht nach 47 ihren Systemen bequemen will. Aber noch kein Philosoph gerieth auf die so nothwendige Frage: wie ist Lieben möglich? welches sind die Gränzen dieser übermächtigen Kraft? welches sind die nothwendigen Bedingungen des Liebens? – So tappte man auf einem unbekannten Lande mitten im Dunkeln umher. Wirklich waren Philosophen auf dem Wege, die Principien der Liebe zu entdecken, welche dem gesunden Menschenverstande so nahe lagen. ›Der Mensch liebt das Schöne‹, sagt man; und hatte Recht: ›die schöne Form‹; und hatte wieder Recht. Aber was ist das Schöne? was ist die schöne Form, die man liebt? Diese Frage blieb unbeantwortet. Man erfand die Linie der Schönheit; man berechnete die schöne Form nach zwei gleichseitigen Dreiecken, die auf einer geraden Linie unter einander und einander gegenüber stehen, und um die man mit der längsten Ausdehnung des Dreiecks Zirkelbogen schlug. Man glaubte, so das Verhältniß der Schönheitslinie, folglich auch die schöne Form, gefunden zu haben; und diese Erfahrungssätze trug man aus der Sinnenwelt – mit Recht oder mit Unrecht, das wird sich finden – auf die Ideenwelt über. Man fand das Schöne, das sich so bestimmt durch die Form bezeichnet, auch an der Seele, die keiner Form fähig ist; man verwechselte Vollkommenheit mit Schönheit, die Wirkungen mit den Ursachen. Man suchte nach einer Form, die für alle Menschen schön seyn sollte, glaubte sie gefunden zu haben, und dachte nicht daran, daß der Chinese seine runden eckigen Linien die Form der Schönheit nennt, daß jedes Volk, ja fast jeder Mensch, 48 einen andern Begriff von der Schönheit hat. Die häßlichen Götzenbilder der Mexikaner, der Hindus und der Ägypter, gegen einen Antinous! Eine Moschee mit ihrem unförmlich langen Thurme, gegen einen Tempel der Minerva, gegen das Pantheon! Man hätte begreifen müssen, daß es keine allgemeine Form der Schönheit giebt. – Dann rechnete man Farbe, Härte, Weiche, Kraft, Gesundheit mit zu dem Wesen der Schönheit; und so mußte die Liebe immer ein Gespenst bleiben, das bald aus einem Nebel hervorschwebt, bald wieder von ihm verschlungen wird. O, lieber Lissow, mir war es aufbehalten, die Principien der Liebe zu entdecken, alle dies Räthsel aufzulösen, und die ersten Grundzüge einer Wissenschaft zu entwerfen, die allen andern Wissenschaften eine neue Form geben muß. Ich kann dir für jetzt nur einen unvollendeten Grundriß zeichnen; aber ich bin dabei, alles in Ordnung zu bringen. Hier nur diese Resultate! Ich sehe körperliche Gegenstände, und lege ihnen Eigenschaften bei, ohne zu untersuchen, ob diese Eigenschaften sich an den Gegenständen, die ich sehe, befinden, oder ob sie Eigenheiten des betrachtenden Sinnes sind. Eine solche Eigenschaft ist die Form der außer mir befindlichen Gegenstände. Was meiner Empfindung von einem äußeren Gegenstande an eben demselben korrespondirt, ist das Eigenthum des Gegenstandes. Nenne das, wenn du willst, das Wesen , oder die Materie des Gegenstandes. Das aber, welches macht, daß das Mannigfaltige des Gegenstandes in gewissen Verhältnissen geordnet werden kann, nenne seine Form . Da das, worin die 49 Empfindungen sich ordnen, und in gewisse Form gestellt werden können, nicht selbst wieder Empfindung seyn kann, so ist uns, wie du nun einsiehst, die Materie des Gegenstandes aus der Erfahrung gegeben; die Form der Gegenstände aber liegt schon vor aller Erfahrung in der Seele des Betrachtenden, und kann daher ganz abgesondert von den Gegenständen gedacht werden. Sondre von der Vorstellung eines Körpers alles das ab, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Theilbarkeit, etc.; ingleichen, was die Sinne daran bemerken, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe, etc: so bleibt dir doch noch etwas übrig, nehmlich Ausdehnung und Gestalt. Fasse das genau, lieber Lissow, und das Andere wird dir leicht werden. Du siehst also, die Form, die Gestalt eines Gegenstandes, liegt nicht im Gegenstande selbst, sondern in der Seele des Betrachtenden. Ich gebe dir nur Resultate; denn ich müßte ein Buch schreiben, wenn ich dir alles erweisen wollte. Du kannst das aber selbst thun, wenn du nachzudenken Lust hast. Weiter. Du siehst also, was wir Form nennen – Schönheit, Linien, schöne Linien, Verhältnisse der Ausdehnung –, liegt nicht in den Gegenständen, sondern im Gemüthe des Betrachtenden; das Mannigfaltige im betrachteten Gegenstande macht nur, daß wir es so oder so, in diesem oder jenem Verhältnisse zu der Gestalt, zu der Form, zu der Schönheit, ordnen. Du wirst fragen: was gewinnen wir dadurch? – Viel, sehr viel, mein Lieber. Erstlich die Gewißheit, daß schöne Form der Beweis von innerer Vollkommenheit ist; und bei dem 50 Menschen? – daß in einem schönen Körper auch eine schöne Seele wohnt. Zweitens. Da das Ideal der schönen Form in unserm Gemüthe liegt, bei dem einen Volke aber diese Linie das Ideal der schönsten Form ist, bei einem andern Volke jene : so bestimmt das Ideal der schönen Form, welches jedes Volk im Gemüthe hat, den Stammunterschied der Menschen. Gott schuf verschiedene Menschenarten. Jede Art bekam ihr Ideal des Schönen tief in die Seele gedrückt. Der vollkommenste Menschenstamm erhielt das Gefühl für die schönste Form; der unvollkommnere das Gefühl für die minder schöne, und so weiter, bis zu dem häßlichen Feuerländer hinunter, dem vielleicht der Zirkelkreis die schönste Linie ist. Durch dieses Gefühl für ihr eigenthümliches Schöne sonderte die Natur die Menschenstämme von einander ab, zwang den vollkommnen Celten nur zur Liebe für die schöne Form der Celtin, den Vollkommensten allein zur Liebe für die Vollkommenste. Die Stämme vermischten sich, wie natürlich. So entstanden in den Seelen der Menschen Schönheitslinien, die ihre Ideale waren, nach denen sie suchten, die sie liebten, denen auch ihre innere Vollkommenheit korrespondirte, und die allein sie lieben konnten. Und wie weise, Lissow! So sucht der vollkommne Mann nur das vollkommne Weib auf der ganzen Erde, und ruhet nicht eher, als bis er es gefunden hat. Ihr Bild liegt schon, noch ehe er sie sah, in seiner Seele. Sobald das Mädchen mit den inneren Vollkommenheiten, die zu den seinigen passen, 51 ihm zu Gesichte kommt, ordnet sein Gemüth die Vollkommenheiten zu der Form, die ihm das höchste Ideal der Schönheit scheint. Er betet an, wo Andere kalt bleiben, hat nun seine Hälfte gefunden, und ist glücklich. So findet der Neger seine dicke, rundköpfige Negerin schön, weil diese Form ihm das höchste Ideal ist. So muß die wahre Liebe immer nur auf einmal, und immer nur durch die körperliche Schönheit, entstehen. Sieh, wie viele Wahrheit nun auf einmal die schönen, unerklärbaren Mythen der Griechen enthalten! Venus Urania, die reinste Liebe, die Seelenliebe, ist nichts als die schönste Form, ohne alle Hülle, ohne Eltern aus dem Meere geboren. Sie ist die Göttin der Schönheit; die holden Grazien sind ihre Dienerinnen. Die personificirte Wollust hingegen, Amor, trägt die brennende Fackel, die tödtlichen Pfeile der Leidenschaft, des ungeleiteten Geschlechtstriebes. Aber seine Augen sind verbunden: er sieht die schöne Form nicht, welche die Liebe beseelen soll; er ist blind, und seine Liebe nichts als thierische Wollust. Sieh die reitzende Fabel: Amor und Psyche, die Wollust und der Mensch. Wie lehrreich! Sobald Psyche den Geliebten sieht, hört die Wollust auf; Amor entflieht, und in Psychens Seele bleibt nichts zurück als das Verlangen, die Sehnsucht nach dem Geliebten. Sie irrt über die ganze Erde, um ihr Ideal zu suchen, und ist unglücklich, weil sie der Wollust fröhnte. Noch täglich bestätigt die Erfahrung diese lehrreiche Fabel. Die Nacht, die Finsterniß, ist die Zeit und der Schauplatz der Wollust, der Ausschweifungen, und für die Unschuld am gefährlichsten. Natürlich! Man sieht die 52 schöne Form nicht, die allein man lieben kann; die Phantasie hängt das innere Ideal über den Gegenstand der Wollust, wie einen glänzenden Schleier, und betriegt die Seele mit erborgter Schönheit. Ich glaube, man wäre im Stande in der Dunkelheit der Nacht selbst eine Negerin reitzend zu finden; aber der erste Strahl des Tages zerstört diese unnatürliche Liebe wieder, und man schämt sich seines augenblicklichen Irrtums.« Emilie schien unserm Baron nun das Ideal zu seyn, das er suchte; »denn«, sagte er, »als ich den ersten Blick auf sie warf, liebte ich sie. Ihre Gestalt schlummerte in meiner Seele; so, und nicht anders, hatte ich mir immer die vollkommne Celtin gedacht.« Das träumte er so lange und so stark, bis er endlich wieder die heißeste Sehnsucht nach Emilien fühlte. Er war traurig, hielt sich für unglücklich, und wurde es in der That. Indeß blieb Iglou, die jede Nacht vor seinem Zimmer lag, noch immer eine gefährliche Nebenbuhlerin für Emilien. So oft er ihre Athemzüge säuseln hörte, mahlte seine geschäftige Phantasie ihm jedesmal die nächtliche Scene vor; und trotz seinem Ideale mußte er manche Nacht kämpfen, daß er nicht die schlanke Iglou durch irgend ein Geräusch in sein Zimmer lockte. Um dieser Versuchung seiner Sinnlichkeit zu entgehen, ließ er des Nachts Licht brennen. »So«, dachte er, »seh' ich sogleich, wie weit Iglou von meinem Ideale absteht, wenn auch der Zufall sie einmal zu mir führen sollte.« Aber Iglou selbst ersparte ihm die Versuchung; sie war seit jener 53 Scene scheuer, und kam nicht mehr so oft, so spät zu ihm, besonders wenn er sich allein befand. Dadurch gewann aber das arme Mädchen nichts; denn sie war ja eine Mohrin, und mußte also nothwendig wollüstig seyn. Diese Vorstellung, verbunden mit großem Wohlwollen für die arme Iglou, veranlaßte den Baron zu dem Wunsche, sie von dem Übermaße der Sinnlichkeit zu heilen. Aber wie war das anzufangen? Er las mancherlei über Seelenliebe, schöne Form, Wollust, und dergleichen; und nun fand er – der Himmel mag wissen in welchem Buche – die Behauptung: Lateinlernen und der Generalbaß wären das wirksamste Mittel gegen die Wollust Diese Behauptung hat sich sogar bis auf unsere Zeiten erhalten. Einer von den ersten Schriftstellern unserer Nation empfahl noch vor Kurzem die Sprache der Römer, und den Generalbaß, als die sichersten Gegengifte gegen die Wollust. . Der Baron stutzte; denn dieser paradoxe Satz stand da ohne allen Beweis. Er sann auf den Grund für diese seltsame Behauptung; und – was findet man nicht, wenn man Lust hat zu finden! »Apollo stillte mit den Tönen seiner Lyra die wilden Leidenschaften der rohen Griechen, bildete sie durch Musik zu Menschen. Orpheus zähmte Löwen mit seiner Musik.« Der Baron sprang triumphirend auf, als er das gedacht hatte. Er philosophirte: »Schönheit ist Mannigfaltigkeit, harmonisch zu Einem geordnet. Der Generalbaß ist die Lehre der Harmonien. Töne erregen Bilder; harmonische Töne harmonische Bilder, oder schöne Formen. Alle rohen Völker haben nur ein Paar Töne; und ihre Musik ist einstimmig. Die 54 Kalmykken halten unsere Musik für abscheulich; aber auch unsere schöne Form. O Himmel! wie doch alles zusammen stimmt, wenn man Geist hat zu denken! Schönheit, Musik, Mahlerei, Baukunst, alles, alles!« Mit dem Lateinlernen wollte das Erklären weniger gehen; er fand schlechterdings keinen Grund, warum die Lateinische Sprache die Wollust ausrotten sollte. Nicht lange, so fiel er auf den natürlichen Gedanken, daß die Römer also das keuscheste Volk auf der Erde gewesen seyn müßten. Und die Zeiten des Perseus? Das war zu arg! »Aber«, rief er endlich aus, » waren denn die Römer nicht das keuscheste Volk der Erde? wenigstens in den früheren Jahrhunderten? Wurde nicht die erste Ehescheidung als eine wichtige Begebenheit betrachtet? Haben nicht die Geschichtsschreiber den ersten Ehebruch als etwas Merkwürdiges aufgezeichnet? Wann riß die Wollust unter den Römern ein? Als sie mit den Griechen bekannt wurden, als sie die Griechische Sprache annahmen. Genug, die Römische Sprache mußte also etwas an sich haben, das die Wollust hinderte; das ist ja augenscheinlich.« Nun sprach er einige Tage hindurch von nichts anderem als von dem Generalbasse und der Lateinischen Sprache. Er bat Iglou, in beiden Unterricht zu nehmen, und sie that es mit der Heftigkeit, welche heiße Liebe immer giebt. Der Baron fürchtete, daß sie bei ihrer Negernatur nicht viel lernen würde; aber sie machte reißende Fortschritte. Für die Laute bekam sie sogar einen brennenden Enthusiasmus; auch fing sie an zu singen, was sie bei ihrer reinen, 55 zärtlichen Stimme und ihrem Herzen voll Flammen bald sehr vorzüglich konnte. Ihr Lehrmeister erstaunte über die Leichtigkeit, womit Iglou begriff. »Ach, das Mechanische«, sagte Flaming seufzend, »begreift sie wohl: die Melodie; aber die Musik selbst, die Harmonie – da wird es nicht gehen!« Es ging auch mit der Harmonie, und eben so mit der Lateinischen Sprache. Der Zufall hatte dem Mädchen einen guten Kopf zum Lehrer gegeben; und sie lernte von ihm nicht bloß Lateinisch, sondern auch denken, fühlen, wie eine Römerin. Sie las jeden Augenblick, den sie der Laute und ihrem geliebten Herrn abstehlen konnte; und ihre melancholisch schwärmerische Seele erhielt jetzt durch die Römischen Geschichtsschreiber einen Zug von Größe. Iglou fing auch an zu zeichnen, und zwar unter des Barons Anleitung. Dieser schüttelte den Kopf, als sie an der Schlangenlinie, trotz seinem Demonstriren, nichts Schönes finden wollte. Wie kann eine Linie schön seyn? fragte sie, und blieb bei ihrem Unglauben. »Du armes Geschöpf!« sagte der Baron mitleidig. »Ach, Iglou, deine Mühe wird vergeblich seyn; du wirst nicht zeichnen lernen.« Aber trotz der Schlangenlinie lernte Iglou zeichnen. Nun sagte Flaming, sie fühle nichts bei den schönsten Zeichnungen. – Und was soll man dabei fühlen? fragte Iglou; es sind ja nur Bilder: und mein Herz gehört den guten Menschen! Unter diesen Beschäftigungen waren mehrere Monathe verflossen. Der Baron überzeugte sich von Tage zu Tage immer stärker, daß Iglou zu den niedrigsten Menschen 56 gehöre, und aus Wollust, aus allen Lastern zusammengesetzt sey; aber dennoch gewöhnte er sich so sehr an ihre Gesellschaft, daß er nicht ohne sie leben konnte. Er stand hinter ihrem Stuhle, wenn sie zeichnete, saß horchend da, wenn sie sang, und ließ sich auch von ihr vorlesen, wobei sie denn immer tausend Fragen zu thun hatte, die er mit der größten Geduld beantwortete. So las Iglou ihm eines Abends eine von Seneca's Controversen vor. Ein Tyrann hetzte die Sklaven auf, die Töchter ihrer Herren zu schänden. Die Bürger fliehen. Ein Sklav schützt die Tochter seines Herrn gegen die Schande. Der Tyrann wird getödtet, die Bürger kehren zurück, die treulosen Sklaven werden hingerichtet; nur der treue Sklav, der die Jungfrau beschützt hat, erhält ihre Hand von ihrem Vater. Der Sohn klagt den Vater an, und das Mädchen wird dem Sklaven durch einen Urtheilsspruch der Stadt wieder genommen. O, das ist grausam! rief Iglou. Konnte der Vater den Edelmuth des Jünglings anders belohnen, als mit der Hand des Mädchens? – »Nein, Iglou!« sagte der Baron heftig; »ein weiser, ein gerechter Urtheilsspruch! O Himmel!« fuhr er fort, und stand auf; »da liegt ja mein ganzes System in dieser Verhandlung. Nein, nein, auch nicht Aufopferung des Lebens giebt dem unedlen Menschen Recht auf den Besitz eines edleren Mädchens. Weise geurtheilt! O, ihr wußtet, was ein Sklav ist!« Und bin auch ich eine Sklavin? fragte Iglou mit langsamer Stimme, und sah den Baron starr an; und deine 57 Sklavin? Also ...? – Sie wurde bleich, und legte die eine Hand auf die Stirn, die andere auf ihr Herz. – Also weil der Jüngling nicht frei geboren war? fragte sie nach einer Pause, in der sie nachzudenken schien ... Und er mochte der edelste, großmüthigste Mensch seyn? – »Der edelste, großmüthigste Mensch? – Dann wäre er nicht Sklav gewesen!« Nicht? rief Iglou mit brechender Stimme. O, ich Unglückliche! So hab' ich wenigstens eine Hand, – fuhr sie mit funkelnden Augen und heftiger Geberde fort – die stark genug ist, dies Herz, das du verachtest, zu durchstoßen. Mit diesen Worten ergriff sie ein scharfes Messer. Der Baron erstarrte; er wußte noch nicht einmal, daß Iglou beleidigt seyn konnte: denn er hatte an nichts als an sein System gedacht. Schnell fiel er ihr in den Arm, entriß ihr das Messer, umfaßte sie, und drückte sie an sein Herz. Iglou zerfloß an seiner Brust in heißen Thränen. Hundertmal rief sie jammernd: o, ich Unglückliche! Der Baron liebkoste ihr, trocknete die Thränen von ihren Wangen, nannte sie seine theure, seine liebe Iglou, sogar seine Freundin; und es gelang ihm, sie vollkommen zu beruhigen. Aber dennoch hatte dieser Umstand eine so große Wirkung auf Iglou gethan, daß sie bei der kleinsten Gelegenheit aufs neue trauerte. Flaming sann darauf, sie ganz zu beruhigen, und schenkte ihr in Gegenwart seines Bedienten und des Hauswirthes ihre Freiheit. Iglou's Augen funkelten vor Freude. Nun, rief sie laut; nun bin ich, was du bist: ein Mensch! Habe Dank! Sie nahm seine Hand, und drückte sie an ihre 58 Brust; aber sie warf sich nicht vor ihm nieder, wie sie es sonst zuweilen gethan hatte. Doch als Wirth und Bedienter hinaus gegangen waren, sank sie vor ihm auf die Kniee, und sagte: du hast mich frei gegeben, und jetzt macht mich die Dankbarkeit, dieses Herz, ewig wieder zu deiner Sklavin. Flaming fühlte sich durch dies alles auf eine sonderbare Weise gerührt; aber sobald er allein war, hielt er sich wieder an sein System. Er lächelte. »Setze«, sagte er, »einen Sklaven auf einen Thron, und er wird sich freiwillig seiner Freiheit begeben; er kann nichts anderes als Sklav seyn: denn die Natur hat ihn dazu bestimmt.« Iglou's Liebe hielt er für ihre sklavische Natur. Einige Monathe nach dieser Scene trat er in einen Putzladen, um für Iglou etwas zu kaufen. Er blieb starr vor Verwunderung stehen; denn da war die Frau von Koch, und handelte. Schon zog er sich leise wieder zurück, um nicht von ihr bemerkt zu werden und ihr dann heimlich bis in ihre Wohnung zu folgen. Aber in eben dem Augenblicke sah die Frau von Koch sich um, und erkannte ihn sogleich. Ah, Herr Baron! rief sie freudig, und trat auf ihn zu. Gott Lob, daß ich Sie finde! Wie glücklich wird Emilie seyn! Kommen Sie, kommen Sie! Sie müssen noch heute zu ihr! – Diese Sprache war dem Baron so unerwartet, daß er nicht wußte, was er sagen sollte. Frau von Koch nahm seinen Arm, und ließ sich von ihm gerade in sein eigenes Wirthshaus führen. Sie konnte die Zeit nicht erwarten, und es mußte sogleich angespannt werden. Iglou sprang, ohne daß es ihr befohlen war, auf den Bock, und die Reise ging nach dem Gute der 59 Frau von Koch, die zu Büdesheim, etwa vier Stunden von Frankfurt, in einer sehr reitzenden Gegend wohnte und sie zu einem kleinen Paradiese verschönert hatte. Frau von Koch sagte dem Baron unterweges viel Angenehmes von Emilien, und er gerieth in Zweifel, ob er ihr nicht Unrecht gethan haben könnte. Diese wollüstige Frau, die Beischläferin eines Fürsten, hatte seine Beleidigungen vergessen? Das schien ihm ein Traum. »Nicht wahr?« sagte er, und faßte ihre Hand; »die Musik ist wohl eine Lieblingsunterhaltung für Sie in Ihrer Einsamkeit? Ich seh' es Ihnen an, meine theure Frau von Koch, Sie verstehen den Generalbaß aus dem Grunde.« Sonderbarer Mensch! sagte die schöne Frau; müssen Sie denn immer den Leuten etwas ansehen und sich immer irren? Musik ist meine Sache gar nicht. Ich habe sie hundertmal angefangen; aber ich muß gar keinen Sinn dafür haben. – Der Baron ließ den Kopf hangen, als er diese Erklärung hörte. Indeß, was war zu thun? Er kam durch die wollüstige Frau doch zu Emilien, dem Ideale der Schönheit, das er suchte. Als sie am Dorfe waren, ließ Frau von Koch halten, und ging an der Nieder mit ihm hinauf, bis zu dem Garten. Hier traten sie in ein kühles, duftendes Gebüsch, durch das ein Labyrinth von gewundenen Gängen führte. Frau von Koch bat den Baron, in einer dunkeln Laube zu bleiben, und sich nicht zu verrathen. »Iglou«, sagte der Baron; »freue dich! denn ich bin so glücklich. Heute soll ich meine theuerste Freundin wiedersehen, von der ein hartes Geschick mich 60 trennte. O Iglou, dir würde so seyn, wenn du auf einmal deine Schwester hier anträfest!« – Iglou zitterte vor wehmüthiger Freude, und drückte theilnehmend des Barons Hände. Aber, fragte sie herzlich, wirst du nun auch deine Iglou nicht vergessen? – »Ich werde dich nie vergessen, liebe Iglou!« erwiederte er; und sie überhäufte ihn mit den zärtlichsten Liebkosungen. Doch jetzt mußte er schweigen, da er Emiliens Stimme hörte. Frau von Koch unterredete sich mit Emilien von dem Baron. Sein Herz hob sich vor Entzücken; denn seine Geliebte sprach von ihm mit der zärtlichsten Rührung. O, mein halbes Leben gäbe ich darum, wenn er hier wäre! sagte sie, als sie an der Laube wegging, die den Baron verbarg. Frau von Koch hielt Emilien hier auf, und jetzt hatte der Baron Zeit, seine Geliebte zu betrachten. Nicht leicht konnte ein Mädchen reitzender seyn, als Emilie. Sie war sehr ungewöhnlich, aber äußerst lieblich, gekleidet. Um ihr blondes Haar zog sich ein Kranz von Purpurrosen und Kornblumen; ein weißes, mit Blumen gesticktes Kleid umfaßte nur so eben den schönen schlanken Leib; und das lange blonde Haar ringelte sich über beide Schultern den Nacken hinab. Jetzt erst fiel dem Baron ein, daß das Fremde, was er an der Frau von Koch bemerkt hatte, ebenfalls von ihrer ungewöhnlichen Kleidung herrührte, die aber auch ihr sehr gut stand. Er betrachtete mit frohen Blicken das schöne Mädchen, das so zärtlich von ihm sprach; aber dennoch scheuete er sich hervorzutreten, bis die Frau von Koch hinter Emiliens Rücken ihm winkte. Nun ging er endlich auf Beide zu. 61 »Emilie!« sagte er in einem wirklich schönen Tone; »bin ich dieses Andenkens von Ihnen werth?« Er beugte sich auf ihre Hand. Emilie erröthete. Frau von Koch sagte ihr einige Worte ins Ohr; nun lächelte Emilie ihr zu, erröthete aufs neue, breitete die Arme aus, drückte den Baron an ihre Brust, und sagte: so, hab' ich meiner Freundin versprochen, meinen Retter zu empfangen. Der Baron verging fast vor Entzücken, als Emiliens Lippen die seinigen berührten. Er ergriff ihre schöne, weiße Hand, legte seinen Mund darauf, und zitterte. Ihm fiel ein, wie kalt er gegen Emilien in der Entfernung gewesen war, und er sagte aufrichtig: »nein, theuerste Emilie; diesen Empfang von Ihnen habe ich nicht verdient. Doch von nun an sollen Sie mein einziger Gedanke seyn, mein einziger Wunsch, meine Welt, mein Alles!« Und Iglou? und Iglou? – Mit diesen Worten stürzte Iglou aus der Laube, und fiel ihm zu Füßen, wobei Thränen aus ihren blitzenden Augen strömten. Sie ergriff des Barons Hand, und drückte sie schmerzlich an ihre Brust. – Und Iglou ist vergessen! sagte sie in einem klagenden, vorwerfenden Tone. Emilie sprang einen Schritt zurück bei dem Anblicke dieser Gestalt, und fragte zitternd: wer ist das? »Dieser Knabe«, antwortete der Baron verlegen, »hat mir das Leben gerettet. – Meinst du, Iglou, daß ich dich je vergessen könnte?« Er erzählte Emilien von Iglou; doch verschwieg er ihr Geschlecht, ob er gleich selbst nicht wußte, warum er das that. Iglou warf einen Blick auf ihn, und dann ging sie langsam wieder in das Gebüsch. Der 62 Baron mußte nun Emilien die Begebenheit ausführlich erzählen. Als er damit fertig war, kam Iglou, in sich gekehrt, so eben den Gang zu ihnen her. Emilie ging auf sie zu, und sagte: Fürchte nichts! Dein Herr wird dich nie vergessen; und auch ich, mein edler Iglou, bin dir Dank schuldig für meines Freundes Leben. Sie zog einige Goldstücke hervor, und legte sie in Iglou's Hand. Iglou gab sie ihr mit Kopfschütteln zurück. Als dann Emilie in sie drang, daß sie nehmen sollte, stürzten auf einmal wieder Thränen aus ihren Augen, und sie sagte mit einer Art von Bitterkeit: Staub für Liebe! für dies Herz Metall! ... Ich liebe ihn, setzte sie, auf Flaming zeigend, hinzu. Behalte dein Gold, Weiße. In meinem Lande hatte ich Gold die Menge; aber ich gab Liebe für Liebe! Ihr Alle wißt nicht, wie es hier schlägt! Sie legte die Hand auf das Herz, und ging tiefsinnig in das Gebüsch zurück. Emilie war von dem stolzen Gefühle des Knaben gerührt, und sah ihm mit zärtlicher Empfindung nach. Frau von Koch führte nun den Baron im Garten umher, und Emilie erzählte ihm mit Entzücken, wie zufrieden und glücklich sie hier lebte. Die Nieder, ein kleiner Fluß, machte die Gränze des Gartens. Ein dichtes Gebüsch von allerlei blühendem Gesträuch faßte das Ufer ein. Gewundene Gänge stahlen sich hier in das dichte Gebüsch; dann liefen sie am Wasser weg, dann endigten sie sich unter einer Gruppe von Bäumen, in einer kühlen Laube, oder auf einer Höhe, welche die ganze Gegend beherrschte. Der Garten war Emiliens Werk; sie und der alte Gärtner hatten ihn angelegt. Man konnte 63 nicht zwanzig Schritte darin gehen, ohne zu bemerken, daß ein fühlendes, sanftes Herz ihn für die frommen Spiele einer wehmüthigen Phantasie geschaffen hatte. Alles war still, ohne Pracht, heimlich und einfach. Das Haus, zu dem ein dunkler Gang von hohen Ulmen führte, paßte zu dem Garten. Es war ehemals ein Kloster gewesen, und Frau von Koch hatte, so wie Emilie, alles gethan, das stille, klösterliche Ansehen nicht verloren gehen zu lassen. Sobald Frau von Koch von der Untreue des Fürsten überzeugt war, betrachtete sie sich als eine Wittwe; und vielleicht haben wenige Wittwen den Tod ihres Mannes so aufrichtig betrauert, wie Frau von Koch die Untreue ihres Geliebten. Sie ging nach Büdesheim, und fand den Garten passend für ihre Stimmung. Vom ersten Augenblick an hängte sie sich nun mit aller Empfindung ihres vollen Herzens an Emilien, deren Liebe sie schon lange hatte. Beide lebten hier in verschlossener Einsamkeit; Frau von Koch betrauerte, und Emilie erwartete ihren Geliebten. Man kann leicht denken, daß jene Anfangs gar nicht des Barons Parthei nahm; Emilie aber, die ihm so viel zu verdanken hatte, vertheidigte ihn immer so lebhaft, daß endlich auch ihre Freundin für ihn gewonnen wurde. Frau von Koch bewirkte bei Emilien weiter nichts, als den Entschluß, des Barons Liebe auf die Probe zu setzen. Sieh, mein Kind, sagte Frau von Koch; wenn er dich liebt, so wird er dich so lange suchen, bis er dich findet. – Emilien, deren Herz nur Dankbarkeit und Achtung für den Baron empfand, gefiel diese Probe als etwas Romantisches; die Vorstellung, sich 64 von einem treuen Geliebten suchen zu lassen, war ihr wenigstens eben so angenehm, als die, ihn in ihren Armen zu halten. Sie dachte sich den Baron immer in ihrer Nähe, und vergaß, daß es ihm sehr schwer seyn mußte, sie aufzufinden. Überhaupt hatte Emiliens Phantasie schon vom Anfang an in dieser lieblichen Einsamkeit etwas Romantisches bekommen. Die Idee, hier für ihre Freundin und für den Geliebten zu leben; der ehemalige Druck, unter dem sie gewesen war, und ihre jetzige Freiheit dagegen; der stille einsame Genuß der schönen Natur; die Treue, zu der sie ihrem Geliebten verpflichtet zu seyn, und die sie schon durch den bloßen Umgang mit einem andern Manne zu brechen glaubte: alles das füllte ihre Seele mit schönen, an Genuß reichen Gefühlen, welche aber durch die Einsamkeit zu Schwärmerei wurden. Nie kam sie aus Büdesheim weg. Ihr Leben verfloß unter Gärtnerei, Lektüre, und der Beschäftigung, einige hübsche Mädchen im Dorfe, die sie an sich gezogen hatte, zu unterrichten. Sie ging nur vom Zimmer in den Garten, aus dem Garten in das Zimmer, und vermied auch deshalb allen Umgang, weil Frau von Koch ihr, je mehr sie des Fürsten Kälte merkte, in jedem Briefe schrieb: »o Emilie, fliehe die Menschen, diese treulosen, verrätherischen Geschöpfe! Ja; bald wollen wir uns allein, uns selbst, der Freundschaft leben! Kein Mensch soll seinen Fuß in das Paradies setzen, das du verschönerst.« Das schrieb Frau von Koch endlich immer bestimmter, und Emilien wurde es leicht, die Wünsche ihrer Freundin 65 zu erfüllen. Sie war ja so glücklich, und sehnte sich nach keiner Gesellschaft. Weil sie nun einmal ganz sich lebte, so fing sie endlich auch an, sich nach ihrer Phantasie zu kleiden. Zuerst ging sie Morgens früh unfrisirt in den Garten. Dann nahm sie eine kleine Änderung mit dem steifen, unbequemen Anzuge vor; und so bekam ihre Kleidung nach und nach einen ganz ungewöhnlichen Schnitt. Diese Kleidung war leicht und bequem, wie eine Griechin unter dem rauheren Himmel Deutschlands sie würde getragen haben. Als Frau von Koch endlich in Büdesheim ankam, fand auch sie Geschmack an dieser seltsamen Art zu leben, weil sie den Verlust des Fürsten, den sie aufrichtig geliebt hatte, ungestört betrauern wollte. In der ganzen Gegend umher wurde nun von den beiden schönen Frauenzimmern gesprochen, die so verschlossen wie ein Paar Nonnen lebten. Viele Leute suchten ihre Bekanntschaft; aber sie mußten die Hoffnung dazu endlich ganz aufgeben, da die Frauenzimmer schlechterdings keinen Besuch annahmen, und fast nie aus Büdesheim heraus gingen. Nur ein einziger junger Mann war so glücklich, Umgang mit ihnen zu erhalten. Hilbert, der Sohn eines reichen Kaufmanns in Frankfurt, hatte eine sehr ausgezeichnete Erziehung gehabt. Er war durch ganz Europa gereist, und gesund, froh, mit vielen praktischen Kenntnissen bereichert, zurückgekommen. Nun wollte er den Handel, der ihn in Verbindung mit der ganzen Erde brachte, und den er deshalb wirklich liebte, auf einem edlen Fuße führen; allein sein Vater, ein Mann nach der alten Sitte, stimmte nicht 66 dazu, woran er vielleicht wohl that. Er ließ den Sohn an sein Sterbebett kommen, und sich von ihm versprechen, daß er immer mit dem Manne seiner Schwester in Verbindung bleiben, und eben diesem auch die Besorgung des Handels überlassen wollte. Der junge Hilbert versprach das, und hielt Wort, ohne je seinen geheimen Verdruß zu äußern. Er arbeitete, wie der erste Faktor der Handlung; doch wurde ihm zuletzt das Geschäft so widrig, daß er seine frohe Laune darüber verlor. Seine Schwester bat ihn selbst, sich die Arbeit leichter zu machen. Er that es, überließ die Handlung ganz seinem Schwager, und zog nach Burggräfenrode, wo die Familie ein artiges Landhaus besaß, um da den Sommer über zu leben. Seine Familie bat ihn oft, zu heirathen. Er schlug es nicht ab; allein er kannte kein Mädchen, dem er sein Glück hätte anvertrauen mögen. Bei der Ernte streifte er einmal im Felde umher, und betrachtete die Schnitter mit einer Art von Rührung. So führte ihn der Zufall bis an die Nieder, wo sie den Garten der Frau von Koch einschließt. Er setzte sich unter die Weiden am Ufer; und auf einmal erblickte er Emilien, die, ohne ihn zu bemerken, aus dem Gebüsch im Garten an das jenseitige Ufer des Flusses trat. Die Schönheit des Mädchens, ihre natürliche Kleidung, die Gutherzigkeit und Sanftmuth in ihrem holden Gesichte – alles machte einen tiefen Eindruck auf ihn. Er erkundigte sich in Büdesheim nach ihr, und wurde noch neugieriger auf ihre Bekanntschaft, als er hörte, daß sie mit ihrer Mutter in der tiefsten Verborgenheit lebte. Ohne 67 große Schwierigkeit erhielt er ihre Bekanntschaft, da er ein ähnliches Leben auf seinem Gütchen zu führen schien; und je näher er Emilien kennen lernte, desto inniger liebte er sie, ob er gleich seine Liebe ihr und der Mutter gänzlich verhehlte. Natürlicher Weise ging er nun nicht eher nach Frankfurt, als bis der Schnee ihn verjagte. Im Frühlinge kam er mit den Lerchen auf sein Landhaus zurück, und sein erster Gang war zu der Frau von Koch. Er erhielt bald die Achtung und das Vertrauen seiner neuen Bekanntinnen, obgleich Frau von Koch wohl einsah, daß er nicht ganz so dachte, wie sie, und das Romantische in ihrer Lebensart nicht billigte. In Kurzem stritten sie oft darüber. »Nein«, sagte Hilbert; »hätten Sie auch das Recht, Madame, sich von den Menschen abzusondern, was doch ein guter Mensch nie hat: so haben Sie doch kein Recht, dies Mädchen der Welt zu entziehen, und dessen Kopf, dessen Herz mit Träumen anzufüllen, die nur, wenn auch alle Zufälle sich nach Ihrem Plane ordnen, sie höchstens nicht unglücklich machen. Die Mamsell in ihrer Einsamkeit verfehlt ihre Bestimmung gänzlich.« Man bestand darauf, daß Abgeschiedenheit von den Menschen erlaubt sey. Hilbert behauptete das Gegentheil; doch nebenher wußte er die Eitelkeit der Frau von Koch so fein zu beschäftigen, daß sie, trotz seiner Halsstarrigkeit, nicht böse auf ihn seyn konnte. Er kam wieder, und Frau von Koch sagte: er liebt dich, Emilie. – Oder Sie, Mütterchen! erwiederte diese. Hilbert lief mit Beiden im Garten umher, plauderte mit Beiden, und gestand Beiden, daß, wenn er 68 sich in die Einsamkeit vergraben müßte, er es doch nur mit ihnen Beiden könnte. Er war das Band, das die beiden Einsiedlerinnen an die Welt knüpfte; denn er erzählte ihnen die Begebenheiten der ganzen Gegend umher. Hilbert fand ihre Kleidung sehr schön! »denn«, sagte er, »sie ist bequem, anständig und natürlich.« – Sehen Sie nur, erwiederte die Koch, wie Sie Sich selbst widersprechen! Warum finden Sie denn das Andre an uns, was nicht gewöhnlich ist, so lächerlich? – »Warum, Madame? warum? Ich finde Ihre Kleidung hier schön; aber ich würde sie nicht so finden, wenn Sie in der Welt lebten. Ich finde es himmlisch, wenn Sie und Emilie zwischen den jungen Bauermädchen sitzen und unterrichten, obgleich auch das ungewöhnlich ist. Ich finde es spaßhaft, wenn Emilie den Vögelchen, die Junge haben, Futter zuträgt, da es ihnen im ganzen Garten nicht daran fehlt. Ich finde es lächerlich, daß Emilie die Obstbäume lieber von den Raupen abfressen läßt, als daß sie eine tödtet. Aber« – setzte er mit blitzenden Augen hinzu – »ich finde es abscheulich, ja mehr als abscheulich, wenn Emilie in einer entlegenen Laube sitzt, über eine abgefallene Blüthe Thränen vergießt, oder ihr Herz mit einer Wehmuth ohne Gegenstand abmattet, und ganze Tage mit den Bildern ihrer hochgespannten Phantasie zwischen den Engeln verträumt. Die Thränen gehören den Unglücklichen; und so lange noch eine gute That unter Menschen zu thun bleibt, ist es Sünde von Thaten unter den Engeln zu träumen.« Sie sind ein Mensch ohne Gefühl! sagten beide 69 Frauenzimmer zugleich; und er antwortete: »wenigstens fühle ich sehr tief, daß es andere, bessere Träume giebt, als diese überirdischen, durch die Sie noch unglücklich werden können, meine gute Emilie. Ich fühle, daß eine Frau wie Sie, Madame, mit Ihrem Herzen, Ihrem Verstande, Ihren Reitzen, mehr thun könnte, als Blumen an Stäbe binden und junge Bäume stützen. Sie könnten das Glück einer Familie machen; Menschen lieben, anstatt ihrer Blumen; häusliches Glück haben, anstatt ...« Häusliches Glück? Sie sind seltsam! Wer hat das mehr als wir? Wer liebt es mehr als wir? »Einsamkeit ist nicht Eingezogenheit, und häusliches Glück verträgt sich am wenigsten mit Menschenfeindschaft. Wer wird dem Einsiedler, der seine Klause nicht verläßt, und keinen Menschen durch Freundschaft, Liebe und Beispiel glücklich macht – wer wird den häuslich nennen?« So sprach Hilbert oft; doch es war vergeblich: die beiden Frauenzimmer blieben bei ihrer Art zu leben. Emilie sann wohl zuweilen nach, was sie anders thun könnte, als in der dunkeln Einsamkeit trauern, oder an ihren geliebten Flaming und selbst an Hilbert denken; doch hatte sie das Herz nicht, den jungen Mann darum zu fragen. Man gestand sich in Kurzem heimlich, und zuletzt ganz offen, daß man ihn gern sähe. Emilie saß, wenn sie ihn erwarten zu können glaubte, wohl eine Stunde auf dem Hügel im Garten, und betrachtete den Weg, der aus dem Hochholze hervorbrach, und den er von Burggräfenrode kommen mußte. 70 Hilbert suchte sich Emiliens Freundschaft immer mehr zu erwerben, und erhielt sie. Mit Vergnügen bemerkte er zuweilen sogar eine Spur von Liebe in ihrem Auge; doch oft glaubte er wieder, sich geirrt zu haben. Von einer bestimmteren Erklärung hielt ihn der Umstand ab, daß er nicht wußte, wer Emilie und ihre Mutter waren. Niemand konnte ihm Auskunft geben, und er sah, daß Beide es vorsetzlich vermieden, darüber zu sprechen. So überließ er denn seine Liebe und Emiliens Herz der Zeit. Als endlich der Baron kam, erhielt Hilbert Aufschluß. Den Tag nach dessen Ankunft besuchte er die Frau von Koch, und sah Emilien mit dem Baron sehr vertraut im Garten auf und nieder gehen. Frau von Koch führte ihn zu dem Paare, und unterweges sagte sie ihm: das ist der Baron von Flaming, den uns der Zufall zugeführt hat, unser Freund und wahrscheinlich Emiliens ... Sie brach ab. – »Künftiger Gemahl?« fragte Hilbert sehr dringend. – Wenn Sie schweigen wollen, ja, Emiliens künftiger Gemahl! antwortete sie ihm, und stellte ihn dann dem Baron vor. Hilbert hatte alle seine Stärke nöthig, um bei dieser ihm so schrecklichen Erklärung nicht ganz die Fassung zu verlieren. Kaum konnte er einige Worte sagen, welche die Höflichkeit forderte; dann ging er unter einem Vorwande sogleich weg, und die Allee auf und nieder, um sich zu erholen. Er fühlte eine Art von Haß gegen den Baron in seiner Seele aufwallen; und das brachte ihn wieder zu sich selbst. Nun blieb er an einer Laube stehen, legte die Hand vor die Stirn, und sagte halb laut vor sich, mit trauriger, 71 doch fester Stimme: »soll ich darum hassen, weil ich nicht geliebt werde? ... Nein!« setzte er mit Thränen in den Augen hinzu. – Nein! nein! wiederholte eine traurige Stimme dicht bei ihm. Er sah auf, und Iglou stand in der Laube. Sie legte die Hand auf die Brust, als wollte sie ihr Herz zerdrücken. »Wer bist du?« fragte Hilbert, und betrachtete den Mohren. – Ich bin ... unglücklich; mein Herz wird brechen. Auch du weinst! Hilbert zitterte vor dem Tone, mit dem der Mohr das sagte. »Aber was fehlt dir, armer Knabe?« fragte er, und faßte Iglou's Hand. Sie blickte die Allee hinunter auf den Baron, der Emilien umfaßte, schüttelte sanft den Kopf, lächelte, und sagte: ach, da sieh! – Mit diesen Worten riß sie sich von ihm los, und eilte in das Gebüsch. Die arme Iglou liebte den Baron mit der heißen Gluth des Himmels, unter dem sie geboren war. Und das konnte fast nicht anders seyn. Man hatte sie aus ihrem Vaterlande, aus den Armen ihrer Schwester weggerissen, von allen Menschen, die sie liebte, getrennt, zu einer harten Knechtschaft verdammt; nun fühlte die Unglückliche sich ganz verlassen, und ihr Herz voll heißer Liebe zerbrochen. Alle Menschen, denen sie sich näherte, verachteten, verabscheuten und mißhandelten sie. Dadurch bekam ihr Herz, das zur heftigsten Liebe oder zum tödtlichsten Hasse geschaffen war, eine Bitterkeit, die an ihr selber nagte. Der Baron war der erste, der sie wieder mit Menschlichkeit behandelte, alle Wunden ihres Herzens heilte, und sie an seine Brust 72 aufnahm. Sie fühlte dafür unbeschreibliche Dankbarkeit; und diese Dankbarkeit mußte in einem so heißen Herzen bald Liebe werden. In der ganzen Welt war Flaming der einzige Mensch, an dem ihre Hoffnung sich hielt, die Quelle, aus der ihre Gefühle Nahrung sogen. Er hatte sogar ihre Liebe mit erfreulichen, entzückenden Hoffnungen genährt, sie an seine Brust gedrückt, sie geküßt, sie unterrichten lassen, sie selbst unterrichtet, und ihr die Freiheit geschenkt. Durch das alles war ihre Leidenschaft noch glühender geworden; ach, und nun sah sie ihn Emilien umfassen, hörte seine liebkosenden Worte, sah seine zärtlichen Blicke! Ihr Herz zerriß vor Eifersucht und Verzweiflung. Sie ging immer mit Thränen in den Augen umher, suchte die Einsamkeit, und kehrte dennoch wieder zu dem Baron und zu Emilien zurück. Iglou, die unsre bürgerlichen Verhältnisse nicht kannte, dachte nichts deutlich, am wenigsten daran, den Baron zu heirathen. Sie liebte ihn nur, und wollte nur geliebt seyn. Haß gegen Emilien fühlte sie bei ihrer Eifersucht nicht, sondern nur den Schmerz, daß Flaming etwas Anderes außer ihr lieben konnte. Diesen ganzen Tag hatte er noch nicht ein Wort mit ihr gesprochen und sich sogar von einem Bedienten im Hause aufwarten lassen. Er war den Morgen, den Mittag, den Nachmittag bei Emilien gewesen, ohne die arme Iglou anzusehen, ohne einen freundlichen Blick auf sie zu werfen. Wie sollte das ihr Herz ertragen? Sie saß, bald seufzend, bald erbittert, in der Laube, und ihre Leidenschaft führte sie auf seltsame Ideen. Wenn die Weiße nicht wäre, dachte sie, und sah mit 73 starren Blicken auf Emilien: – er würde mich nicht verlassen! ... O, wenn ich hier einen Giftpfeil hätte! Sie sah Emilien fallen, sterben, und – schlug die Hände vor das Gesicht. Tödten! dachte sie nun; tödten, die er liebt? weil er sie liebt? O abscheulich! In diesem Augenblicke sagte Hilbert vor sich: »soll ich darum hassen weil ich nicht geliebt werde? – Nein!« Iglou sprang betäubt auf, rief mit Thränen in den Augen: nein, nein! und eilte, als sie einige Worte mit Hilbert gesprochen, in das Gebüsch, sich da ihrem Schmerz und ihrer Reue zu überlassen. Sie war nun schon über ein Jahr unterrichtet, und ihr Lehrer hatte zugleich ihr für die Tugend geschaffnes Herz gebildet. Hilbert sah Iglou'n nach, und begriff nicht, was ihr Ausruf bedeuten könnte. Er hielt sie für einen Knaben von dreizehn oder vierzehn Jahren; und doch machte ihn der leidenschaftliche Ton ihrer Stimme irre. Mit dem Entschlusse, seine Liebe aufzugeben, ging er wieder zu Emilien, und stellte sich heiter, so viele Mühe es ihm auch kostete. Nicht lange, so war er es wirklich, und er wurde es noch mehr, als er eine geraume Zeit mit dem Baron allein sprach, und in jedem Worte seine Gutherzigkeit bemerkte, ohne zugleich etwas von seinen Thorheiten, zu denen das Gespräch keine Gelegenheit gab, zu erfahren. Sie wird glücklich, dachte er, und drückte dem Baron die Hand. Er dankte dem Himmel, daß Emilie seine Liebe noch nicht wußte. Der Baron mußte den jungen Hilbert, trotz seinem dunkelbraunen Haare, sehr liebenswürdig finden; denn Emilie 74 erzählte ihm eine ganze Stunde lang von dessen edlem Charakter, den sie nicht kannte, und von dessen feinem Gefühle, an das sie nicht glaubte. Ihre Innigkeit hatte sich dem Baron mitgetheilt; er umarmte daher Hilberten mit voller Seele, und bat aufrichtig um seine Freundschaft. Hilbert, der gern mit sich selbst Versuche machte, blieb den Abend da. Er hörte den Baron mit Emilien von seiner Liebe unverhohlen sprechen, und Emilien, als auf etwas Bekanntes, mit Zärtlichkeit antworten. Das Zuhören wurde ihm zuletzt ein wenig schwer. Er ging hinaus in den Garten, um seine Kräfte aufs neue zu sammeln, setzte sich in eine Laube, stützte den Kopf auf, und träumte von dem Glücke, das er an Emiliens Herzen gefunden haben würde. In diese Träume verloren, blieb er bis gegen Mitternacht sitzen. Man glaubte, er wäre schon weggegangen, und alle Lichter im Hause wurden ausgelöscht. Auf einmal hörte er neben der Laube ein Seufzen, das bald ein trauerndes, heftiges Schluchzen wurde, und dann auch einige unvernehmliche Worte, aber mit dem rührenden Tone des tiefsten Jammers gesprochen. Nun wurde es still. Dann erklangen einige Lautentöne, als ob eine Hand, ihrer selbst unbewußt, einige Accorde griffe. Bald hob eine wilde und doch sanfte Melodie an, die in das Herz drang, weil sie aus dem Herzen kam. Diese Melodie wurde einige Male wiederholt, und nur von Seufzern begleitet. Dann aber sang auf einmal eine sanfte, reine Stimme, von Thränen unterbrochen, nachstehende Worte: 75 O weh! o weh! mich fesseln harte Bande! So lebe wohl, mein stilles Palmenthal! Die Sohle brennt in glühend heißem Sande, und mich verzehrt der Sonne Feuerstrahl.     Da schlug der Schmerz     So wund mein Herz;     Da legte er     Mein Herz, so schwer,     So wund, so treu,     An seine Brust;     Und unbewußt     Drückt Er das treue Herz entzwei! O weh! o weh! Sie reißen meine Hände Aus deinen los! Sie schleppen dich zurück! Ach zögert noch! Geliebte Schwester, wende Noch einmal nur auf mich den letzten Blick!     Wie schlug der Schmerz     So wund mein Herz!     Da legte Er     Mein Herz, so schwer,     So wund, so treu     An seine Brust;     Und unbewußt     Drückt er das treue Herz entzwei! O weh! o weh! Sieh, meine Füße bluten! Mein Busen fliegt, vergeblich ist mein Schrei'n. 76 Dem Wagen nach muß ich durch Regenfluthen, Durch Dornen gehn, und über Fels und Stein.     Wie schlug der Schmerz     So wund mein Herz!     Da legte Er     Mein Herz, so schwer,     So wund, so treu,     An seine Brust;     Und unbewußt     Drückt Er das treue Herz entzwei! O weh! o weh! Und da nahm er das arme, Verlaßne Kind – ihn jammerte mein Schmerz – So liebevoll in seine Vaterarme, Und legte sanft mich an sein warmes Herz.     Da schlug der Schmerz     Nicht mehr mein Herz.     Da heilte Er     Mein Herz, so schwer.     Es schlug beglückt     An seiner Brust,     Und unbewußt     Hat er das treue Herz zerdrückt. Nun folgte ein Nachspiel, das immer trauernder, immer langsamer wurde, und sich zuletzt in einzelne leise Töne verlor. Hilberten war es, als ob noch immer rings um ihn her von der ganzen Natur, leise aber schrecklich, »o weh! 77 o weh!« gerufen würde. Die Worte des Liedes konnte er nicht verstehen; doch der höchste Schmerz hatte es gesungen, und seine Brust wallte von Mitleiden über. Er stand auf, ging um die Laube hin, und war entschlossen, der Unglücklichen seine Theilnahme zu bezeugen. Als er ein Geräusch hörte, sagte er mit sanfter Stimme: »o bleiben Sie! bleiben Sie, holdes zärtliches Mädchen! Sie haben auch mein Herz mit Ihrem entzückend traurigen Gesange zerdrückt. Wenn Mitleiden Sie trösten kann, so bleiben Sie, theures Mädchen!« – Er fand Iglou's zitternde Hand, und drückte sie an seine Brust. Die arme zärtliche Iglou lehnte ihren Kopf an das Herz, das ihr Mitleiden bot. Hilbert fühlte, daß ihre Thränen flössen, und drückte sie innig an sich. So saßen sie einige Minuten schweigend. Auf Hilberts Lippen schwebte die Frage: wer sind Sie? aber dennoch wagte er die Frage nicht. O mein Herz! sagte Iglou schluchzend, nahm ihre Hand aus der seinigen, und hielt sie auf ihre Brust. – »Dein Herz, armes Mädchen?« wiederholte Hilbert. »Komm, lege dieses heiße Herz an die Brust der Freundschaft, wenn die Liebe es verstößt!« Er umfaßte sie, und seine Hand lag auf einem vollen jugendlichen Busen. – Nein! nein! rief Iglou, und machte eine Bewegung, als wenn sie aufstehen wollte. »Holdes Mädchen«, sagte Hilbert zärtlich; »der Zufall hat mich zu Ihrem Vertrauten gemacht. Seyn Sie meine Freundin. An dieser Brust, liebes Mädchen, sollen Sie Mitleiden, Trost und Liebe finden.« Er zog Iglou in seine Arme; doch sie rief mit dem Tone der Verzweiflung: nein, nein! und riß 78 sich von ihm los. »O«, sagte Hilbert, und stand auf: »stoßen Sie die Freundschaft nicht von Sich. Welche andre Hülfe hat der Unglückliche, als das Mitleiden eines Freundes? Sie lieben ohne Hoffnung. Sagen Sie, theures Mädchen, was bleibt Ihnen anders als ...?« In diesem Augenblicke merkte er, daß sie beide Arme zum Himmel empor hob. Sie wendete sich von ihm ab, und sagte leise, wie vor sich, mit einem so festen Tone, daß Hilbert zitterte: Cato, qua exeat, habet Cato hat einen Ausweg! ! und mit diesem Ausruf entfloh sie. Hilbert verstand die Anspielung auf Cato's freiwilligen Tod. »O, unglückliches Mädchen!« sagte er, unaussprechlich gerührt: »wenn dir kein anderer Ausweg übrig bleibt, als das Grab!« Er wartete noch eine kleine Weile, und ging dann. Auf dem Rückwege nach Burggräfenrode überdachte er sein Abentheuer mit der unglücklichen Sängerin. Er musterte alle weiblichen Geschöpfe im Hause der Frau von Koch, und es war nicht Eins darunter, dem er diese zarte Empfindung hätte zutrauen können. Die so stolz angebrachten Lateinischen Worte machten ihn noch neugieriger, die Unglückliche kennen zu lernen. Er interessirte sich unglaublich für seine Unbekannte, und konnte doch nicht einmal vermuthen, wer sie seyn möchte. Endlich dachte er, Frau von Koch, oder Emilie, müßte durchaus darum wissen. In dieser Meinung lenkte er, als er am folgenden Tage eine Viertelstunde mit Beiden allein war, das Gespräch auf die Musik, und von da auf die Laute. »Die Laute scheint das 79 Instrument der Unglücklichen zu seyn«, sagte er, und heftete seinen Blick auf beide Damen; aber weder Emilie, noch die Frau von Koch, hatte jemals eine Laute gesehen. Er fing auf eine andre Weise an zu forschen, überzeugte sich aber bald, daß Beide nichts von der Laute wußten. Die Sache wurde für ihn immer räthselhafter. Er betrachtete die Kammerjungfer und jedes Hausmädchen; doch an keiner war auch nur eine Spur von Unglück und Empfindung zu bemerken. Hilbert blieb heute wieder bis Mitternacht im Garten, und hörte abermals eine trauernde Melodie, und dann ein Lied, welches eben erst aus dem Stegreife gemacht zu werden schien. Es war ohne Reime, mehr Recitativ als Gesang, und enthielt die Empfindungen einer auf ewig scheidenden Geliebte, die nun das Leben wie eine schwere Bürde von sich wirft, und über die Treulosigkeit des Geliebten jammert. Hilbert wollte sich der Sängerin nähern; aber das erste Geräusch brachte sie zum Fliehen. Er folgte ihr, und sie lief in das Haus, die Treppe hinauf, wo sie dann leise eine Thür verschloß. Nachdenkend und voll seltsamer Vorstellungen ging er endlich nach Hause. Er lauerte wieder einige Nächte; aber vergebens: es ließ sich keine Sängerin, kein Lautenton hören, und er mochte sich erkundigen, so viel er wollte, man wußte nichts von einem Mädchen, das Musik verstände. Die arme Iglou verbarg ihre Laute, so schwer es ihr auch wurde, sich von ihr zu trennen. Der Baron wollte schon den ersten Abend nach seiner Ankunft in Büdesheim Iglou aus seinem 80 Schlafzimmer entfernen. Er hatte ihr ein eignes Zimmerchen anweisen lassen, weil er sehr wohl einsah, daß ihre nächtlichen Besuche, wenn ihr Geschlecht bekannt würde, einen sehr widrigen Verdacht bei Emilien erregen könnten. »Ich schlafe allein!« sagte er mit halber Stimme und abgewendetem Gesichte; denn er hatte nicht den Muth, dem zärtlichen Mädchen geradezu das zu verbieten, was ihr so theuer war. Iglou schwieg, der Baron ebenfalls. Als er sich nach einer langen Pause umsah, lag sie hinter ihm auf den Knieen, und hatte die weinenden Augen mit beiden Händen bedeckt. – »Liebe Iglou«, sagte er nun verlegen; »es geht doch in der That nicht! Wenn man nun erführe, daß du ein Mädchen bist!« Ach, erwiederte sie geduldig, ist es dir eine Schande, daß ein Mädchen dich liebt? O, lieber Herr, laß mich vor Gram sterben; aber verschmähe meine Liebe nicht, verstoß mich nicht! Ich will auf deiner Schwelle liegen, schlafen, sterben! Sie bat so demüthig, so geduldig, daß die Verlegenheit des Barons zunahm. »Iglou«, sagte er, und ergriff ihre Hand; »weißt du denn von unsren Europäischen Sitten noch so wenig, daß du ...? Liebes Mädchen, sieh, diese Emilie ...« – Iglou fing an zu zittern, und sagte dann mit zurückgehaltnem Schmerze: diese Weiße wird mich tödten! Und, glaube mir, sie hat mein Herz nicht! ... Ach, setzte sie hinzu, wenn ich weiß wäre! wenn blonde Locken um meine Stirn schwebten! wenn mein Herz unter einer weißen Brust schlüge! dann, dann! ... Nein, ich bleibe hier; und morgen will ich der Weißen diese Brust zeigen, die sie 81 zerfleischt, und ihr sagen: laß uns mit Treue um seine Liebe kämpfen, mit Gehorsam, mit Liebe! Und trägt ihre weiße Haut, ihr blaues Auge, ihr blondes Haar den Sieg davon, so will ich diese Brust mit meinem Blute färben, ihr den Stahl geben, und sagen: da, stirb für ihn, wenn du ihn liebst wie ich! – Iglou war außer sich; sie stand da, als ob sie den Dolch schon höbe. »Iglou«, sagte Flaming, und umfaßte sie sanft; »ist es möglich? du könntest deinen Freund so schmerzlich betrüben?« Der Ton seiner Stimme besänftigte ihre Heftigkeit. Sie legte ihr Gesicht an seine Brust, und weinte stille Thränen. Du hast mich geliebt, sagte sie mit sanfter Klage. Ach, in jener Nacht fühlte ich das! Und nun, nun opferst du mich dieser Weißen, die dich nicht liebt! So bestimmt hatte Iglou nie mit ihm gesprochen; aber nie hatte sie auch so bestimmt gefühlt, was sie wünschte, als da der Baron sich auf Emiliens Hand niederbeugte, und sie mit Ehrfurcht küßte. In diesem Augenblicke flog ganz deutlich der Gedanke durch ihre Seele: es sey ihr Unglück, wenn der Baron einer Andern gehöre als ihr. Flaming sah bei den letzten Worten das Mädchen starr an. Es war ihm widrig, daß Iglou nur glauben konnte, er habe sie einmal geliebt; und dennoch hatte er nicht die Stärke, ihr zu widersprechen. Er bat sie, jetzt zu gehen und auf ihrem Zimmer zu bleiben; dahin war sie aber selbst durch Befehle und Bitten nicht zu bringen. Alles, was der Baron von ihr erhielt, war das Versprechen, ihr Geschlecht so 82 behutsam als möglich zu verbergen, jeden Abend auf ihr Zimmer zu gehen, und nicht eher als um Mitternacht, wenn alles schliefe, wiederzukommen. Der Baron mußte dies zugeben, so sehr er auch davor zitterte, daß man es entdecken möchte. »Indeß«, dachte er, »ich kann ja des Nachts immer Licht brennen; und so ist aller Verdacht leicht wieder gehoben.« Das arme Mädchen sah am folgenden Tage wohl, daß Emilie sie besiegt hatte, und starrte mit wilden Blicken auf sie und auf den Baron. Trostlos ging sie auf ihr kleines Zimmer, das im Gebäude ganz abgesondert lag, weil niemand von dem Hausgesinde in der Nähe eines Schwarzen schlafen mochte. Sie schloß sich ein, nahm die Laute, weinte, sang, dichtete, und ging dann wieder in den Garten. Für nichts hatte sie Augen, außer für Emilien und den Baron. Hilberten sah sie nicht einmal; auch wußte sie kaum, daß sie schon einige Worte mit ihm gesprochen hatte. Um Mitternacht schlich sie mit der Laute in den Garten, und sang ihren Gram, ihre Verzweiflung. Sie entfloh, so wohl ihr auch Hilberts Mitleiden that, um sich ihm nicht zu entdecken, weil sie dem Baron versprochen hatte, ihr Geschlecht zu verbergen. Welchen andern Ausweg haben Sie? fragte Hilbert; und sie antwortete kühn, was sie dachte: den Tod! Daß sie so seltsam Lateinisch antwortete, war ganz natürlich. Sie hatte am Morgen ihrem Herrn aus dem Seneca die Untersuchung über die Vorsehung vorlesen müssen. Die schöne Stelle: »o ein Schauspiel, würdig, von der Gottheit selbst beobachtet zu werden: ein edler Mann, der mit 83 seinem unglücklichen Schicksale ringt!« machte einen tiefen Eindruck auf sie. Sie erhob sich, und ihre Stimme wurde laut, als sie von Cato las, daß er mit stolzer Stirn aufrecht unter dem zusammenstürzenden Vaterlande dasteht. Ihre Augen flammten; und dennoch zitterte sie, als die Worte kamen: Cato hat einen Ausweg – den Tod! Sie machte eine lange Pause, sah vor sich nieder, hob dann das Auge auf den Baron, und sagte bedeutend: der Unglückliche hat einen Ausweg! Der Baron bemerkte so wenig ihren Blick, als er ihre Worte hörte. In seiner Seele tönten noch immer die Worte: es ist das erhabenste, göttlichste Schauspiel, wenn ein Edler männlich mit dem Unglück ringt! Er stand mechanisch mit Iglou zugleich auf. Sie dachte an den letzten Ausgang aus ihrem Unglücke; und er: wie er unglücklich werden, und dann in sich der Welt, der Gottheit das erhabenste, göttlichste Schauspiel geben könnte. Er verfinsterte die Stirn, und schüttelte den Kopf. Wie konnte er unglücklich werden, da er reich, gesund, geliebt, unverfolgt und frei war! »Iglou«, sagte er zuletzt; »ich wollte, daß ich der unglücklichste aller Menschen wäre!« Ach, nein! nein! »Verlassen von der ganzen Welt!« Iglou faßte seine Hand. – Ich verließe dich nicht. »Und um mich her stürzte alles in Trümmer!« – O, mein Herz bliebe dir! sagte Iglou mit einem Seufzer. »Es möchte zusammenstürzen; ruhig, mit erhabner Stirn, würd' ich versinken!« 84 Ich stürzte mich dir nach! »Nein, auch du, Iglou, solltest mich verlassen, und dennoch ...« O, du Undankbarer! rief Iglou laut weinend. »Iglou, und du würdest mich nicht bewundern, wenn ich männlich kämpfte?« – Bewundern, wenn du wünschest, daß ich dich verlassen soll? Beide verstanden einander nicht. Er stellte sich, als hätte er Geschäfte, damit Iglou weggehen sollte. Dann verfolgte er den Gedanken, durch Ruhe bei dem größten Unglück die Bewunderung der Welt zu werden. Schnell durchlief seine Phantasie alle seine Verhältnisse, um zu sehen, ob nicht irgendwo ein schweres Unglück ihm drohe. Doch er sah überall nichts als Glück und Hoffnungen. »Ist es nicht ein Unglück, daß ich so glücklich bin!« flisterte er. Dieser sonderbare Gedanke fiel ihm selbst auf. Doch bald rief er lauter: »ja, es ist so! Es liegt Wahrheit in dem Gedanken; denn« – er schlug den Seneca wieder auf – »hier steht es: Marcet sine adversario virtus Unglück stärkt die Tugend. ! Wenn ich mein Vermögen verlöre – in Berlin, öffentlich auf den Straßen, wollt' ich Holz spalten; ... nur müßte Lissow nicht unglücklich werden. – Wenn ich das Opfer eines Fürsten würde; lachend wollte ich allen Menschen meine Fesseln zeigen, und der Kerker sollte für mich ein Paradies seyn. Wenn ich unter dem Schwerte des Henkers sterben müßte; ruhig wollte 85 ich hinknieen, und dem Nachrichter sagen, wie Morus – nein, wie Sokrates – oder Schach wollte ich die Stunde vor meinem Tode spielen, oder – ja, so etwas wollt' ich. Wenn Emilie einen Andern liebte ! ... Nun, auch das! Ich wollte ruhig, lächelnd sogar, von hier abreisen. – Aber dann wüßte sie ja nicht, wie unglücklich ich wäre. Nein, holde Emilie, du wirst keinen Andern lieben! nein!« Kurz, die neue Idee, durch Seelenstärke im höchsten Unglücke selbst die Catonen zu übertreffen, riß seine Blicke völlig von den gespannten Empfindungen seiner treuen Iglou weg, und er zerdrückte in der That das Herz dieser Armen, weil er so wenig Theil an ihr zu nehmen schien. Selbst Emilien vergaß er über den Seneca. Er las einige Tage nachher, daß der Weise weder durch Schmerz, noch durch Glück in seiner Ruhe gestört werde. »Ein gleicher, ruhiger Ernst«, sagte Seneca, »ist der Charakter des Weisen.« Und natürlich war der Baron dieser Weise. Er schien bei Emiliens zärtlichsten Liebkosungen kalt und ungerührt da zu stehen, obgleich sein Herz in Entzücken schwamm. Emilie, die ohnedies nicht durch Liebe, sondern nur durch Dankbarkeit, mehr durch den Verstand, als durch ihr Herz, sich zu ihm hin gezogen fühlte – Emilie sagte zu der Frau von Koch: glauben Sie mir, er liebt mich nicht; und so sehr ich ihn auch liebe, so sehr ich ihm verbunden bin: so fühle ich mich doch stark genug, ihn seines Wortes zu entlassen, so bald es ihm auch nur die kleinste Aufopferung kostet. Der Baron liebte Emilien wirklich, nehmlich, so viel ein Mann wie er lieben konnte. Emilie war indeß schon zu lange 86 an die Vorstellung seiner Liebe gewöhnt, und hatte schon zu lange sich selbst überredet, sie liebe ihn leidenschaftlich, als daß es ihr ganz gleichgültig hätte seyn können, ob er zärtlich gegen sie war, oder nicht. Sie vergoß Thränen über seine Kälte. Doch glaubte sie, diese Kälte nicht bestrafen zu dürfen. Vielmehr verdoppelte sie ihre Liebkosungen; und, siehe da! der Baron, der sich auf diese Wirkung seiner Weisheit etwas zu gute that, wurde noch ruhiger und kälter. Emilie machte ihm endlich sogar kleine Vorwürfe. Das war es, was seine Eitelkeit erwartete; denn nun konnte er doch sagen: ich bin ein Weiser! »Ich erkenne Ihren Werth, Emilie«, sagte er lächelnd, und küßte ihre Hand; »aber soll ich wie ein Knabe vor Entzücken vergehen? Wer ehrt Sie mehr , Emilie: der Mann, der Ihnen zu Füßen fällt, der das Glück, Sie die Seinige zu nennen, nicht ruhig ertragen kann, und Ihnen eben dadurch den Beweis giebt, daß er kein Mann ist; oder der Mann, der ihren Werth schätzt, der Sie liebt, dessen Brust aber gegen das Übermaß des Entzückens, wie gegen das Unglück, gleich stark bleibt?« – Wer mich, erwiederte Emilie, mehr ehrt , das weiß ich nicht; aber jener würde mich mehr lieben . – Nun setzte der Baron ihr die Pflichten eines Weisen aus einander. Emilie dachte, als er geendigt hatte, mit einem Seufzer: ach, mehr Liebe und weniger Weisheit würden mich doch glücklicher machen! Die Liebe kann nicht so reden, so ruhig denken. Sie schüttelte den Kopf; indeß beschloß sie, freilich mit einigem Widerwillen, den Baron auch so, wie er nun einmal war, zu lieben. 87 Iglou, die den Baron fast ununterbrochen beobachtete, zog aus seiner Kälte wieder einen Strahl von Hoffnung für sich. Sie eilte an dem Abend, da sie diese Bemerkung zuerst gemacht hatte, in das Zimmer ihres Herrn, und sank ihm voll Freude zu Füßen. Im Übermaß ihres Entzückens verrieth sie ihre Gedanken; aber zu ihrem Schrecken erklärte ihr der Baron nun mit der größten Apathie: er liebe Emilien unbeschreiblich, und sie solle seine Gattin werden. – Und das, erwiederte Iglou mit Erbitterung, sagst du mir so kalt? das Gift tröpfelst du mir so ruhig in die Seele? – »Gift?« hob der Baron an, und überströmte nun die glühende Iglou mit Seneca's kalten Sentenzen: Fa nos ducunt , liebe Iglou, sagt Seneca; ideo fortite romne ferendum est. Olim constitutum est, quid gaudeas, quid fleas Das Schicksal führt uns; daher müssen wir alles standhaft ertragen. Schon lange wurde bestimmt, worüber wir uns freuen, worüber wir weinen sollen. . So fuhr er eine Zeitlang fort, Sentenz an Sentenz zu reihen, und Iglou sah ihm dabei starr in das Gesicht. Endlich schwieg er. – »Nun?« fragte er lächelnd; »nun Iglou? was sagst du dazu?« Ihr Busen hob sich ungestüm, und ihre Blicke wurden Flammen. Mit kalter Stimme sagte sie endlich: ein Gott mag so sprechen; aber ein Mensch, der einem Verzweifelnden nichts weiter, als das zu sagen hat, ist ein Bösewicht. Du hast mein Urtheil gesprochen. Ich habe dich mit brennender Seele geliebt; und noch jetzt, Undankbarer – sie warf sich ihm zu Füßen – flammt diese 88 Brust für dich, diese Brust, die du so kalt mir befiehlst zu durchbohren. »Befiehlst? Iglou! ich?« rief Flaming. Der kalte, bittre Ton des Mädchens, die Entschlossenheit in ihrer Stellung und Stimme, brachte ihn zum zittern. »Iglou, ich bitte dich! Befiehlst, Iglou?« – Ja, meinen Tod hast du befohlen, Unmensch! sagte Iglou noch kälter. Ich hoffte, du solltest meine blutige Brust mit Thränen waschen. Geh! ich will trostlos sterben. – Sie riß sich aus seinen Armen. »Sterben, Iglou?« – Er lief ängstlich an die Thür, als wollte er Hülfe holen; dann lief er zu Iglou zurück, umarmte sie, und beschwor sie mit Thränen, leben zu bleiben. Er stellte ihr sogar das Verbrechen des Selbstmordes vor. Sie hörte nicht ein Wort von allem, was er sagte, und stand beinahe fühllos, mit gesenktem Kopfe und in finsterer Stille, da. Ihr ganzes Innere war durch seine erkünstelte Kälte tief erschüttert, gekränkt, zerrissen. Endlich ergoß sich ihr Schmerz in Thränen, und zugleich sagte sie langsam, wie mechanisch, ebenfalls eine Stelle aus dem Seneca, von der Flaming nichts verstand, als die schrecklichen Worte: patet exitus! Quod tam cito fit, timetis diu Leicht ist der Weg in das Grab! Ihr bebt; und der Tod ist ein Augenblick? ? Ängstlich sah Iglou umher, fing an zu zittern, und wendet sich, mit Hülfe suchenden, in die Höhe gehobenen Händen, nach allen Seiten. Erst jetzt schien sie den Baron zu sehen. Du? rief sie, wie verwundert, und streckte ihm beide Arme 89 entgegen. Ah, nein! sagte sie dann auf einmal, als ob sie sich besönne, und wollte fort. Aber Flaming sank in die Arme, die sie ihm entgegen gebreitet hatte, drückte sie fest, innig an seine Brust, und benetzte sie mit seinen Thränen. In einem Augenblicke hatte er den Seneca, den Weisen, vergessen, und war wieder der gutherzige Flaming, der keinen Unglücklichen sehen konnte, ohne ihm sein Mitleiden zu zeigen. Er nannte sie: »liebe Iglou! theure Freundin!« zog sie auf seinen Schooß, und versicherte ihr, daß sein Leben an das ihrige geknüpft sey. Anfangs saß Iglou da, ohne Theil zunehmen; dann sah sie ihn an, wenn er sie seine geliebte Iglou nannte, als suchte sie die Bestätigung dieses Beiwortes in seinen Augen; dann vergoß sie einen Strom von Thränen an seiner Brust; dann umfaßte sie ihn, und gab ihm seine Liebkosungen zurück. O, sagte sie zweifelnd: warst du vorhin ein Betrieger, oder bist du es jetzt? »Glaubst du meinen Thränen nicht, liebe Iglou?« fragte er. O, du grausamer Mensch! erwiederte sie; warum wolltest du denn deine Iglou ermorden? Das Herz glaubt so gern, was es wünscht. Auch bei Iglou wirkten des Barons Thränen, und die Versicherungen, daß er sie liebe. Die Scene endigte sich mit einer zärtlichen Versöhnung. »Nein«, sagte Flaming am folgenden Morgen, als Iglou weggegangen war; »da kann doch kein Mensch kaltes Blut behalten! Seneca sollte einmal ein Mädchen vor sich gehabt haben, das alles so ernsthaft genommen hätte, wie Iglou; sein patet exitus würde ihm wohl nicht so leicht aus 90 der Feder geflossen seyn. Wahrhaftig, mit Iglou darf ich den Philosophen nicht spielen!« Aber mit Emilien spielte er ihn desto mehr. Immer unterhielt er sie von nichts als von der Seelenruhe eines Weisen, von dem ewigen göttlichen Gleichgewichte, das weder Glück noch Unglück, selbst die entzückendsten Umarmungen einer Geliebten nicht stören könnten. Er wollte sich Emiliens Achtung erwerben, und sah nicht, wie sie mitten in seinen besten Deklamationen die Hand vor den heimlich gähnenden Mund hielt; wie kalt sie selbst bei seiner Kälte wurde. Frau von Koch fing nach gerade an, sich über ihn zu ärgern, besonders da er in der Hitze eines Gespräches mit Hilbert einmal wieder behauptete, daß Gleichgültigkeit gegen den Generalbaß unfehlbar eine bestimmte Neigung zur Wollust verrathe. Sie sagte zu Emilien: dein Philosoph, Emilie, ist ein Narr; und er würde ein höchst unerträglicher seyn, wenn er nicht so gutherzig wäre. Auch Hilbert fing an den Kopf über den Baron zu schütteln, je mehr er dessen Art zu denken kennen lernte. An diesen Thoren, sagte er mit Unwillen, soll das liebenswürdige Mädchen, diese reine, einfache Seele, verkauft werden? Aber sie liebt ihn. Ich Unglücklicher! Doch, ist es möglich? liebt sie ihn wirklich? kann sie ihn lieben? Er beobachtete Emilien genauer, und in seiner Brust erhob sich ein kleiner Zweifel gegen die Wahrheit ihrer Liebe. Bald bemerkte er auch des Barons Kälte, und nun wurde sein Herz mit neuen Hoffnungen belebt. 91 Emilie sprach einmal mit ihm über ihre Liebe zu dem Baron. »Ich zweifle, Fräulein«, sagte Hilbert zitternd, »ob Sie den Baron wirklich so heiß lieben, wie Sie sagen und vielleicht auch glauben.« Emilie erröthete, und schien das sehr übel zu nehmen. »Und ob der Baron selbst«, fuhr Hilbert entschlossen fort, »auch Sie so liebt, wie Sie vorgeben.« Das nahm Emilie noch mehr übel, und sie gerieth darüber in ein lebhaftes Gespräch, worin sie des Barons Kälte mit dessen eigenen Gründen vertheidigte. Hilbert schwieg. Als Emilie in ihn drang, zu antworten, sagte er: »Lassen Sie mich; meine Antwort könnte uns leicht zu weit führen.« Emilie ließ noch immer nicht nach. »Wenn Sie zufrieden sind«, sagte Hilbert zuletzt empfindlich; »was sollte ich es nicht seyn? Aber ich fühle, daß ich Sie anders lieben würde, wenn ich Sie liebte. Ich fände den Himmel, die höchste Seligkeit in Ihrem Besitze.« Diese Vorstellung riß ihn fort. »Emilie«, sagte er mit bebender Stimme, und nahm ihre Hand: – »wenn dieses Herz mein wäre; o Gott! wenn Sie mit einer der Liebkosungen, die Sie dort verschwenden, mich beglückten: mein Herz würde die Seligkeit nicht tragen.« Bei diesen Worten flammten seine Augen, und füllten sich mit ein Paar Thränen. Auf einmal ließ er ihre Hand fahren. »Verzeihen Sie mir meine Unbesonnenheit, schöne Emilie. Ich vergaß, daß mein Unglück nur durch Schweigen für Sie einen Werth hat.« Emilie stand mit niedergeschlagenen Augen, mit einer schönen Blässe im Gesichte da, und zitterte ein wenig, doch nur ganz unmerklich. Sie wäre gern weit weg gewesen, und 92 wußte doch nicht, wie sie es anfangen sollte zu gehen; auch fühlte sie, daß sie böse werden müßte, und konnte es doch nicht. Ihre Brust wurde ihr zu enge. Sie war sehr verlegen, öffnete die Lippen, verschloß sie wieder, und ärgerte sich über sich selbst, daß sie schlechterdings nicht wußte, was sie thun sollte. Das gab ihrer Miene etwas Finsteres. »Sie sind beleidigt«, sagte Hilbert ruhiger; »und Sie haben Ursache es zu seyn. Was geht es Sie an, ob mein Herz unter seiner Last zerdrückt wurde oder nicht! ... Emilie, ich will gehen, auf immer gehen; aber ich möchte nicht gern mit dem Hasse eines Mädchens beladen seyn, dem ich nichts Böses that, das ich nur mit der Schwäche meines armen Herzens beleidigte. Ach, hätte ich Sie einige Jahre früher gesehen! ... Emilie, sagen Sie mir: adieu! Dies Wort soll mich in meine stete Einsamkeit begleiten. Ich bitte Sie darum.« Adieu! hauchte Emiliens Lippen leise; und schnell flog über das blasse Gesicht eine hohe Röthe, die sich aber sogleich wieder in Blässe verlor. »Leben Sie wohl, Emilie«, sagte Hilbert zögernd. »Ach, wenn Sie wüßten, wie viel mir dieser Augenblick kostet!« Er zog sein Tuch hervor, und bedeckte die Augen. »Doch, ich soll gehen! ... Nun denn!« rief er schnell; »leben Sie ewig wohl!« Eben so schnell hob sie ihre Augen auf ihn, in denen Thränen standen. Hilb... Sie endigte den Nahmen nicht; und Hilbert beugte sich auf ihre Hand. Der Baron ist ein sehr edler Mann, sagte Emilie sanft; ich bin ihm Alles, mein Glück, mein Leben, meine Zufriedenheit und meine Liebe schuldig. 93 »Schuldig?« fragte Hilbert. – Schuldig, erwiederte Emilie; und ich liebe ihn von ganzer Seele. Lassen Sie uns nicht wieder davon sprechen. Kommen Sie! – So eben kam Frau von Koch die Allee herunter, auf sie zu. Hilbert wußte in der That nicht, was er thun sollte. Emilie war gegen ihn freundlich, wie vorher; nur schlug sie ihr Auge nicht auf ihn, und wenn sie es einmal that, so erröthete sie leicht. Als er gehen wollte, lud Frau von Koch ihn auf morgen ein. Er blickte Emilien an, als fragte er sie, ob er die Einladung annehmen solle. Sie lächelte ein wenig, verbeugte sich, und erröthete über sich selbst, daß sie es gethan hatte. Hilbert ging mit dem festen Entschlusse, nicht wieder zu kommen; allein am folgenden Morgen fand er tausend Gründe, seinen Vorsatz zu brechen. Er ging; doch wachte er so unablässig über sich, daß ihn auch nicht ein Blick verrieth. Um sich bei Emilien nicht zu vergessen, hängte er sich an den Baron. Er fand immer mehr, daß dieser voll der seltsamsten Grillen war, und begriff durchaus nicht, wie Emilie ihn lieben konnte; aber doch mußte er sich auch gestehen, daß der Baron, trotz seinen Grillen, der gutherzigste, edelste, wohlthätigste Mann wäre. Hilbert stellte ihn auf hundert Proben, und hörte nun zuweilen die härtesten Urtheile, über die er erstarrte; doch, führte er den Baron zu einem Unglücklichen, so leuchtete die Flamme der Liebe, der reinsten Menschlichkeit, in dessen Augen, und alle seine Grillen waren vergessen. »Aber« – so zankte Hilbert oft mit sich selbst – »laß ihn 94 doch die Menschen eintheilen, wie er will, in Teufel und Engel; wenn er sie nur als Menschen, als seine Brüder, behandelt. Laß ihn doch den Generalbaß und die Lateinische Sprache für Mittel gegen die Wollust halten. Der sonderbare Mensch versteht selbst keine Musik; doch seine Gesundheit, seine Farbe, sein Abscheu vor der Wollust zeugen von der Reinheit seines Herzens. Laß ihm doch sein seltsames System von der Liebe, von der Schönheit, die närrische Grille, daß wir in lauter Schlangenlinien fühlen, seine allgemeine Völkersprache, seinen Stoicismus aus dem Seneca; vergießt er doch Thränen bei dem Anblicke des menschlichen Elendes, behandelt er doch seinen Mohrensklaven wie sein Kind! Er ist ein edler Mensch. Und kann denn nicht die Grille, Schmetterlinge, Kupferstiche oder Münzen zu sammeln, eben so vielen Schaden anrichten, wie die seinige? Beim Lichte besehen, sind die Grillen, auf die manche Gelehrten einen so hohen Werth legen, im Grunde wohl eben so unbedeutend. Da untersucht einer sein ganzes Leben hindurch, ob Homer existirt habe oder nicht, ob er in dieser Stadt oder in jener geboren sey; und hält den für einen Unwissenden, für einen Barbaren, der sich an Homers Gedichten genügen läßt, und über diese wichtigen Untersuchungen, so wie über den Lärmen, den sie erregen, lächelt. Nein, in der That, viele Leute könnten eben so gut Quinctius Heymeran von Flaming heißen, als mein Baron. Der ganze Unterschied liegt darin, daß er seine Narrheiten, seine Grillen für sich allein hat. Aber ist eine Narrheit darum keine Narrheit, weil in ihrem Gefolge Hunderte eben 95 dieselbe Schellenkappe tragen? Er nennt die Schlangenlinie eine wesentliche Form des Empfindens, die unserem Gemüth angeboren ist. Wahrhaftig, unsere Philosophen reden eben so unverständlich, und läugnen uns den gesunden Menschenverstand ab, wenn wir nicht gerade so reden wollen wie sie. Er betrachtet die Nase eines edlen Mannes, mißt die Höhe seiner Backenknochen, und vergißt darüber seinen Charakter; und jener weiß am Sophokles nichts Merkwürdiges zu finden als einige Varianten, und schreiet noch ärger als der Baron: seht hier, Leute! ich bin der Entdecker! Nein, so ein wenig von Quinctius haben wir Alle mehr oder minder. Der kleinste Thor ist der, der am wenigsten Werth auf seine Thorheiten legt. Jeder schreiet seine Arbeiten für Riesenwerke aus, hängt das Wohl der Welt daran und ruft über die Beschäftigungen der Andern: Zeitverlust, Possen! Der Dichter zählt Sylben, hungert, und ist glücklich; der Finanzier lacht darüber, weil er nicht begreift, wie man etwas anderes zählen kann als Geld. Der Philologe beschreibt genau, Stück für Stück, wie Achilles gekleidet war; und er selbst zieht einen braunen und einen schwarzen Strumpf an. Der Arzt spricht vom Nervensafte, den er nicht gesehen hat. Der Theologe begreift alle Wunder; nur nicht, wie die vielköpfigen, durch Anlage und Kultur so unterschiedenen Menschen verschieden denken können. Der Philosoph läugnet alle Wunder, und erklärt die Einfachheit der Seele mit einer Behendigkeit, als ob er ein Taschenspieler wäre. Der Historiker würde den Dichter verbrennen, wenn er dürfte, weil der zuweilen Dinge sieht, 96 die nicht auf Pergament beurkundet sind. Der Jurist vertheidigt seinen barbarischen Styl, den er der Deutlichkeit wegen für nöthig hält; und noch nie hat ein Klient von den Akten, die sein Leben, seine Ehre oder sein Vermögen betreffen, mehr verstanden, als von dem Recepte seines Hausarztes. O, wollte Gott nur, daß alle diese Menschen so edel wären wie der Baron! Mit ihren Narrheiten wollten wir noch wohl zurecht kommen.« So dachte Hilbert von dem Baron; und eines Abends, als er von Emilien Abschied nahm, sagte er, ob es ihm gleich nicht wenig sauer wurde: »Sie haben Recht, Emilie; der Baron ist ein sehr edler Mensch.« Emilie drückte ihm die Hand für dieses Lob. Hilbert mußte sich auch gestehen, daß Emilie mit dem Baron glücklich seyn würde, als er nur einmal mit demselben von seiner Liebe zu ihr gesprochen hatte. Der Baron, der in vielen Stunden, gegen Emilien selbst, so kalt schien, sprach von ihr mit der innigsten Zärtlichkeit, und mit schönen Thränen in den Augen. Hilbert konnte nicht länger an dessen Liebe zu ihr zweifeln, und seine Hoffnungen auf Emiliens Herz sanken gänzlich. Die kleinen Äußerungen ihrer Zuneigung, die sonst seine Hoffnung belebt hatten, hielt er jetzt – für Freundschaft, und manche kalte Äußerung gegen den Baron für Wirkung von dessen eigener Kälte. Er war, so unglücklich er sich auch fühlte, dennoch edel genug, im Herzen Emilien und dem Baron aufrichtig Glück zu wünschen, ja selbst Emiliens kleine Bedenklichkeiten, die Flamings Philosophie erregt hatte, zu zerstreuen. Alles fing nun an freier und glücklicher 97 zu athmen. Selbst der Baron verlor, je mehr er Emilien und ihre liebenswürdige Seele kennen lernte, seine stoische Gleichgültigkeit. Er fing an Emilien wirklich zu lieben, und die Liebe schien alle seine Grillen nach und nach zu überwinden. Die einzige Unglückliche war Iglou. Sie zog sich immer mehr von dem Baron zurück, und weinte in der tiefen Einsamkeit. Er aber achtete ihrer Gefühle nicht, weil er der schwarzen Brust keine Empfindung zutrauete. So lieb er die Mohrin auch hatte, – und durch ihre Anhänglichkeit, ihre feste, niemals wankende Treue, ihre hoffnungslose Liebe war sie ihm werther geworden, als er selbst wußte: – so überredete er sich doch, ihre Liebe sey nichts als Wollust, ihre Anhänglichkeit nichts als Äußerung ihrer Sklavenseele. Iglou's öftere Anspielungen auf ihren Tod bestärkten ihn, so sehr er auch davor zitterte, noch mehr in seiner Meinung; denn er fand in seinen Heften auch den Charakterzug der Mongolischen Völkerstämme, daß sie sich um Kleinigkeiten willen, aus Feigheit, aus Furcht, das Leben nähmen. Er kannte Iglou's unglaubliche Treue gegen ihr gegebenes Wort, und entlockte ihr daher, als sie einmal voll unaussprechlicher Zärtlichkeit zu seinen Füßen saß und ihm von ihrem Vaterlande erzählte, das Versprechen: nie freiwillig ihr Leben abzukürzen. Sie legte bei dem Versprechen ihre Hand auf sein Herz, und sagte mit seelenvoller Rührung: ja, ich will bei dir aushalten, ja! Und wenn diese Brust von tausend giftigen Schlangen der Verzweiflung zerrissen wird, so will ich lächeln, bis ich hinsinke und sterbe. Nur verstoß mich nicht! 98 Die arme Iglou wurde bald auf die Probe gesetzt. Des Barons Kälte gegen Emilien, aus der sie vorher noch einige Hoffnung geschöpft hatte, verschwand, und Liebe leuchtete in seinen Augen. Iglou lächelte, um Wort zu halten, wenn der Schmerz an ihrem Leben nagte. Sie zog sich von dem Baron zurück, ging träumend und still umher, und hatte die Augen immer voll Thränen. Nur wenn sie ihn sah, zwang sie ihre Lippen zum Lächeln. Das Einzige, wozu kein Befehl des Barons, kein Liebkosen sie brachte, war, Emilien einen kleinen Dienst zu leisten. Sie wurde überhaupt nicht recht als ein Bedienter angesehen. Auch bekümmerte man sich wenig um sie; und Flaming sah das gern, weil er noch immer vor der Entdeckung ihres Geschlechtes zitterte. Man saß einmal Mittags bei Tische. Der Baron kam auf Musik, sprach mit Entzücken von ihren Wirkungen, und bat Emilien, Unterricht darin zu nehmen. Welches Instrument wünschen Sie, daß ich lernen soll? fragte die gehorsame Emilie. »Die Laute«, meinte der Baron; »denn in keinem Instrumente liegt eine vollkommnere Harmonie als in diesem.« Sogleich stand die unglückliche Lautenschlägerin wieder vor Hilberts Seele. Ich möchte wohl noch einmal eine Laute hören, sagte er. »Das können Sie leicht«, erwiederte der Baron; »hier im Hause ist jemand, der sie gewiß nicht mittelmäßig spielt.« Hilbert sah ihn starr an. »Iglou!« rief der Baron. – »Hole deine Laute, Iglou!« – Ihr Auge bat ihn; er wiederholte aber den Befehl. Ich spiele nur dir, sagte sie sanft; ich hole die Laute nicht. »Iglou!« rief der Baron, zum ersten Male ernst. Sie zitterte, ging, und brachte die 99 Laute, aber in großer Bewegung und mit Thränen in den Augen. Der Baron legte ihr die Hand auf die Schulter, und flisterte: »Iglou, spiele gut, und sing! ich werde dich nie verstoßen.« Sie hob das nasse Auge zu ihm auf. »Etwas Heiteres!« sagte der Baron laut. Soll ich gut spielen, erwiederte Iglou leise, so laß es mein Herz thun. Sie fing sanft an zu präludiren; doch bald wurde ihr Spiel lebhafter, erhabener. Immer tiefer ließ sie ihr Haupt auf die Brust sinken, immer trauernder wurden ihre Töne. Hilbert erstaunte; eben so hatte seine Unglückliche gespielt. Endlich sang Iglou mit der rührendsten Stimme, die in jedes Auge Thränen lockte: Der Morgen glüht, Die Rose blüht So roth im Morgenthaue. Du schaust erfreut: Sie sinkt, und streut Die Blätter auf die Aue. Die Sonne geht; Der Wind verweht Das Röschen. Weh! o wehe! Dahin! dahin! Die Ros' ich bin! Ich blühe und vergehe. Hilbert zweifelte nicht einen Augenblick länger, daß Iglou ein Mädchen wäre. Er betrachtet mit innigem Mitleiden die Unglückliche, die da saß, und noch immer ihr Instrument 100 mit heißen Thränen benetzte. Hoffnungslose Liebe, die Treulosigkeit eines Geliebten, war ihr Unglück, das sah er deutlich; aber wer war der Geliebte? Iglou ging weg, und im Vorübergehen sagte sie zu dem Baron unbemerkt: ich lächle auch jetzt noch! Hilbert, der auf sie achtete, hörte die Worte. Nun erinnerte er sich seiner ersten Scene mit ihr, und ihrer Empfindlichkeit gegen Emilien; so kam er sehr leicht auf den Gedanken, daß wohl gar der Baron der Gegenstand ihrer Liebe seyn möchte. Er fragte den Baron um Iglou's Schicksale. Dieser erzählte ihm, was er wußte; doch verschwieg er ihr Geschlecht. Jetzt verstand Hilbert Iglou's ganzen Gesang, und war überzeugt, daß sie den Baron liebte. Er suchte sie im Garten auf, redete sie an, ohne sich merken zu lassen, daß er ihr Geschlecht kenne, und sprach mit ihr über die Musik, über den Ausdruck der Leidenschaften. Nach einer Stunde war seine Brust voll Achtung für den hohen Geist, und voll Mitleidens mit dem Unglücke des Mädchens. Zwar begriff er eigentlich noch nichts von der Art ihrer Verbindung mit dem Baron; aber er war ja in einer ähnlichen Lage mit ihr, und das machte sein Mitleiden noch zarter. Emilie empfand einen kleinen Widerwillen gegen die Unglückliche, weil sie den feindlichen Geist derselben gegen sie nur zu oft bemerkt hatte. Zwar war sie heute bei der Allgewalt des Gesanges nicht fühllos geblieben; aber sie hielt die Trauer in dem Liede für eine Art von Wahnsinn, und sagte das Hilberten. Hilbert sprach mit ihr so geheimnißvoll von dem Mohren, daß es ihre Aufmerksamkeit erregte. 101 Sie wurde ein wenig empfindlich, als er sogar Flamings Betragen gegen Iglou hart nannte. Die Männer werden doch durch ein einziges Talent sogleich sehr eingenommen! sagte sie. Der Schwarze spielt die Laute nicht schlecht; und Hilbert spricht von ihm mit einer Achtung, die ... »Nicht wegen seines Lautenspiels, sondern wegen seines Unglücks. Emilie, wenn Sie wüßten, wie unglücklich dieser Knabe ist!« Nun, wie unglücklich denn? Sein Herr liebt ihn wie sein Kind; er kann thun, was er will, gehorcht nur, wenn er Lust hat; er ... »Emilie, dieser Mohrenknabe ist ein sehr unglückliches Mädchen mit einer hohen Seele, mit einem zerrissenen Herzen. Ihr Geschlecht soll ein Geheimniß seyn, so viel sehe ich wohl; oder vielleicht weiß der Baron selbst nicht, daß sie ein Mädchen ist.« Wie? ein Mädchen? fragte Emilie. – Eben kam der Baron. »Sobald wir allein sind«, flisterte Hilbert ihr noch zu, »will ich Ihnen sagen, wie ich zu dieser Entdeckung gekommen bin.« Ein Mädchen? dachte Emilie, und sah den Baron darauf an, ohne es glauben zu können. Sie suchte Hilberten zu sprechen, und erfuhr nun sein nächtliches Abentheuer mit Iglou. Beide kamen, nachdem sie alles überlegt hatten, dahin überein, daß der Baron selbst Iglou wohl nicht kennen möchte. »Ein Mädchen?« dachte Emilie, als sie am Abend allein war; »und Flaming sollte das nicht wissen, da doch die Schwarze schon zwei Jahre bei ihm ist? Wenn sich Hilbert 102 nur nicht geirrt hat!« Eben hörte sie Iglou von dem Baron herauskommen, und öffnete leise die Thür, um sie beim Vorübergehen darauf anzusehen, Iglou schlüpfte über den Gang weg zu ihrem Kämmerchen. Emilie horchte, zögerte, ging den Gang halb hinunter, kehrte wieder um, ging noch einmal, weiter, als vorher, und hörte nun in der Ferne die sanften Töne der Laute. Sie schlich leise vor Iglou's Zimmer, und horchte auf das Spiel. Iglou sang mit schwacher Stimme und traurig. Emilie, die sich von den lieblichen Tönen nicht losreißen konnte, trat in ein Fenster, das den Gang sparsam erhellte; und bei tausend unruhigen Gedanken über Iglou verging ihr die Zeit sehr schnell. Auf einmal schwieg die Laute, und die Thür öffnete sich leise. Emilie drückte sich an die Wand, und sah die Mohrin im Dunkeln dem Gange zuschleichen, auf welchem der Baron wohnte. Sie hörte eine Thür öffnen, schlich sehr beunruhigt auf ihr Zimmer, und ließ die Thür angelehnt, weil sie mit jedem Augenblicke hoffte, daß die Mohrin zurückkommen würde. Aber der Morgen fing an zu dämmern, und Iglou kam noch immer nicht. Endlich, als die Lerchen sangen, öffnete sich des Barons Thür. Emilie lauschte, und sah Iglou den Gang nach ihrem Zimmer zurückgehen. Sie warf sich bestürzt in einen Stuhl, und zerfloß in Thränen des Verdrusses und des Kummers. »Das also«, dachte sie, »ist die Ursache seiner Kälte gegen mich! das ist seine Philosophie! seine Gleichmüthigkeit bei meiner Liebe! Gott, eine häßliche Mohrin! und zehn Schritte weit von mir, unter meinen Augen!« – Alles wurde ihr nun hell: des Barons Kälte, Iglou's unfreundliche Blicke, 103 ihre Trauer, ihr Trotz gegen den Baron. »Abscheulich!« sagte sie; »der Mensch ist nicht werth, daß ich an ihn denke!« In ihrem Herzen regte sich eine sehr bittre Empfindung gegen den Baron. »Eine häßliche Mohrin!« rief sie noch einige Male, ehe sie einschlummerte. Am Morgen überlegte sie, wie sie sich gegen den Baron betragen, und ob sie Frau von Koch oder Hilbert zu Rathe ziehen sollte. Ein Kenner des menschlichen Herzens würde schon daraus, daß sie der Überlegung fähig war, haben schließen können, sie liebe den Baron nicht so heiß, wie sie selbst es noch glaubte. Als sie mit dem Baron allein war, konnte sie es doch nicht unterlassen, auf die Heuchelei und Treulosigkeit der Männer zu sticheln. Er fiel sogleich ein, sprach gegen die Treulosigkeit mit so unverstelltem Eifer, und ließ dabei sein Auge so gutherzig, so flammend, so redlich auf ihren beobachtenden Blicken hangen, daß sie wieder auf den Gedanken kam, der Baron müsse Iglou's Geschlecht nicht kennen. »Nein, Emilie«, sagte er mit funkelnden Augen: »ich könnte vielleicht jedes Verbrechen begehen; nur Sie betriegen, eine so einfache, zutrauliche, schöne Seele – das allein könnte ich nicht. Bei Gott! das wäre mir von dem Unmöglichen das Unmöglichste!« Emilie wußte nicht mehr, was sie denken sollte. Bald nach diesem Auftritte begegnete sie Iglou im Garten, und redete sie mit aufrichtiger Freundlichkeit an. Es gelang ihr, den Widerwillen der Mohrin nach wenigen Minuten zu besiegen; denn welches Herz konnte der sanften Emilie widerstehen? »Iglou«, sagte sie vertraulich, und faßte ihre 104 Hand – »nicht wahr, du bist sehr glücklich?« Iglou schüttelte den Kopf. Mich wundert, armer Knabe, daß du so traurig seyn kannst, da doch kein Mensch so viele Ursache zur Freude hat wie du. Der Baron liebt dich unaussprechlich.« Bei diesen Worten stieg ein Strahl von Freude in Iglou's finsteres Auge, und sie drückte Emilien die Hand. Emilie fuhr fort: »gewiß, er liebt dich; er spricht ja von dir mit einem solchen Feuer, daß kein Liebender von seiner Braut begeisterter sprechen könnte. Noch eben jetzt hörte ich ihn sagen: er würde alles, alles auf der Welt, mit Ruhe verlieren und entbehren können; nur seinen Iglou nicht. Ja, Iglou, es freuet mich, daß er dich so liebt. Und du liebst ihn doch wieder? nicht wahr?« Iglou legte die Hand sprechend auf das Herz, und ihr Auge wurde naß. »Nun, Iglou«, fuhr Emilie fort, als ob sie scherzte: »wir wollen wetteifern, ich und du, wer ihn am meisten lieben kann. Zwar fast sollte ich eifersüchtig auf dich werden; denn manchmal scheint er dich mehr zu lieben als mich. Traure nicht mehr, guter Iglou. Gewiß, ich wünsche dein Glück von Herzen.« Iglou warf sich mit Leidenschaft vor Emilien nieder, drückte das Gesicht an ihre Kniee, und rief, ganz außer sich: o du! o ich! – Die glühende Leidenschaft überwältigte sie. Es fehlte der vollen, stürmenden Brust an Athem. Eine Bewegung, um sich das Athmen zu erleichtern, öffnete die Weste, und Emilie erblickte einen weiblichen Busen. Sie nahm mitleidig ihre Nebenbuhlerin in die Arme, und sagte, als ob sie nichts bemerkt hätte: armer Iglou! Aber doch fühlte sie bei diesem Mitleiden den Stachel der Eifersucht, 105 und machte sich, sobald sie konnte, von Iglou's Gesellschaft los. Sie hatte also eine Nebenbuhlerin; ob eine geliebte, eine glückliche: das war nicht eher zu entscheiden, als bis sie wußte, ob der Baron Iglou's Geschlecht kenne, oder nicht. Iglou's Verzweiflung schien für ihn zu sprechen; aber ihre nächtlichen Besuche! – Emilie legte tiefsinnig die Stirn in die Hand, und blieb lange so sitzen. Um Mitternacht hörte sie Iglou wieder in des Barons Zimmer schleichen, und folgte ihr leise und zitternd. »Ach«, seufzte sie; »hier ist es nicht unrecht zu horchen.« Sie legte das Ohr an die Thür, und hörte den Baron fragen: »wie geht es zu, daß du heute so glücklich bist?« – Glücklich! ja glücklich! antwortete Iglou; denn ich weiß, daß du mich wieder liebst. Die Weiße hat es mir selbst gesagt. – »Und konntest du je daran zweifeln, meine treue, gute Iglou?« fragte der Baron. Nun ging Emilie mit der gewissen Überzeugung, daß der Baron sie betriege, auf ihr Zimmer. Wie unglücklich bin ich! sagte sie traurig; und in dem Augenblicke stieg Hilberts Bild in ihrer Phantasie auf. Sie gab sich Mühe, über die Untreue des Barons recht sehr betrübt zu seyn, und stellte sich recht lebhaft vor, wie er in den Armen seiner Schwarzen ihrer spotte. Bei diesem Gedanken fühlte sie ihre Eitelkeit beleidigt, aber weiter auch nichts. Sie untersuchte den Zustand ihres Herzens genau, und fand mit Erschrecken, daß es ihr nicht viel kosten würde, die Hand des Barons aufzuopfern. Freilich schrieb sie diese Empfindung von Kälte seiner Untreue zu; aber sie erröthete doch ein wenig, daß Hilbert ihr immer einfiel, wie 106 er mit flammenden Augen vor ihr stand, und mit schöner Verwirrung, mit dem innigsten Tone sagte: »o, wenn Sie mich mit der Huld beglückten, die Sie dort verschwenden; meine Seele würde die Seligkeit nicht tragen!«Kurz, Emilie zürnte die ganze Nacht hindurch auf den Baron und auf sich selbst. Am folgenden Morgen war sie noch gar nicht entschlossen, was sie thun sollte. Der Frau von Koch die Ausschweifungen des Barons anzuvertrauen, das erlaubte ihre Dankbarkeit gegen ihn nicht; und mit dem Baron selbst darüber zu sprechen, dazu war sie zu stolz. Wohl hundertmal fiel Hilbert ihr ein. Sie wollte ihn gerade nicht zu ihrem Vertrauten machen, ob sie gleich von ihm den besten Rath erwarten konnte: aber genug, sie dachte an ihn. Frau von Koch trat herein; und schnell trocknete Emilie ihre Thränen ab, die sie bloß darüber weinte, daß sie sich zu nichts entschließen konnte. Aber Frau von Koch bemerkte sogleich ihre trüben Augen, forschte nach der Ursach ihres Verdrusses, und lockte endlich das Geständniß ihrer Eifersucht von ihr hervor. Emilie sagte nach und nach alles, bis auf ihr Horchen. Die Koch erstarrte bei der Entdeckung, und Emilie konnte sie durch alles Bitten und Vertheidigen kaum abhalten, sogleich zu dem Baron hinüber zu laufen und ihn aus ihrem Hause zu weisen. Emilie erzählte nun, um die Hitze der Frau von Koch zu mäßigen, eine Menge Umstände, die zu des Barons Vertheidigung dienen sollten, die aber so seltsam zusammen gesetzt waren, daß der ganze Handel noch unbegreiflicher wurde. Man beschloß, erst zu überlegen. Frau von Koch wollte sich selbst von Iglou's nächtlichen Besuchen überzeugen, und bis dahin zurückhalten. Emilie wurde bleich, und die Koch dunkelroth, als der Baron kam, und »guten Morgen, liebe Emilie!« sagte. Jene sprach gar nicht; diese aber sagte sehr viel, besonders derbe Anmerkungen über die Treulosigkeit der Männer. Emilie zitterte; denn jeden Augenblick schien es, als ob ihre Freundin losbrechen würde. Nach Tische kam Hilbert. Emilie erröthete, und konnte ihn nicht ansehen; aber dennoch dankte sie dem Himmel, daß er da war, weil Frau von Koch nun schweigen mußte. Diese war gleich nach Tische auf Iglou's Zimmer gewesen, hatte dort die weiblichen Kleider gefunden, war nun völlig überzeugt, und wollte eben losbrechen, als Hilbert zu ihrem großen Mißvergnügen in das Zimmer trat. Der Baron, der noch immer von nichts wußte, war ganz unbefangen. Emilie antwortete ihm seufzend; und die Koch konnte nur mit Mühe ihren Zorn verbergen. Hilbert stellte sich an ein Fenster, und betrachtete Emilien, die jedes Mal erröthete, so oft sie ihn ansah. Iglou brachte ihrem Herrn ein Glas Wasser; die Frau von Koch machte eine boshafte Bemerkung über den Charakter des Mohren, und der Baron übernahm dessen Vertheidigung. Sie müssen doch auf eine ganz eigene Art Theil an diesem widerlichen Geschöpfe nehmen, sagte die Koch höhnisch. Wahrscheinlich haben Sie zwei verschiedene Systeme: eins, nach welchem Sie die Mohren hassen; und ein andres, nach welchem Sie diese Menschen lieben. »Hassen?« erwiederte der Baron. 108 »Ich versichere Ihnen, gnädige Frau, daß ich kein fühlendes Wesen hasse. Und nun gar dieses treue, geduldige, gehorsame Geschöpf! Wenn ihm auch die Reitze fehlen, die wir so besitzen, so ...« So hat es doch andere, fiel die Koch boshaft ein, die im Dunkeln ihren Werth haben. »Ganz recht, ganz recht! Sehen Sie, Herr Hilbert, wie der gesunde Menschenverstand immer meine Sätze bestätigt! Sobald die Dunkelheit nicht erlaubt, mein Ideal von Schönheit, meine subjektive Schlangenlinie im Gemüthe, mit der Form des Gegenstandes zu vergleichen, so ...« Ich glaube, Sie wollen spotten! rief Frau von Koch erhitzt. Die Rede ist hier nicht von Schlangenlinien, sondern von einer Schlange, die wir in unserem Busen erwärmt haben: von diesem schwarzen Mädchen! Gestehen Sie nur, dies widerliche Geschöpf, das Sie so lebhaft vertheidigen, das Sie so lange für einen Knaben gelten ließen, ist ein Mädchen! Oder ist sie es nicht? – Das kam dem Baron ganz unvermuthet. Er warf einen Blick auf Emilien, die ihre Augen bedeckte. »Emilie!« sagte er; »seyn Sie ruhig! ... Ja, meine gnädige Frau, Iglou ist ein Mädchen.« Hilbert verbeugte sich, und wollte gehen. Emilie, die durch den rauhen Ton der Frau von Koch betrübt war, nahm die Hand von den Augen, und blickte um sich, als ob sie Hülfe suchte. O Hilbert, sagte sie bittend, bleiben Sie. Hilbert blieb verlegen. Also ein Mädchen? fuhr die Koch fort. Und das sagen Sie so kalt? Fühlen Sie denn nicht, Herr Baron ...? »Dies Mädchen hat mir das Leben gerettet. Sie hängt 109 an mir mit unbeschreiblicher Innigkeit, und keine Gewalt, keine Vorstellung konnte sie von mir trennen. Ich gab ihr männliche Kleider, um ... um ... mit einem Worte, um einem widrigen Verdachte zu entgehen.« Und um diesem Verdachte zu entgehen, lassen Sie das Mädchen auch wohl jede Nacht heimlich in Ihr Schlafzimmer kommen! »Auch das wissen Sie?« sagte er, ein wenig verwirrt. »Aber, was Sie auch denken mögen – ja, das ist der Grund, warum sie sich zu mir schleicht.« Nicht wahr, die Elende hängt an Ihnen so innig, daß sie auch des Nachts nicht von Ihnen zu trennen ist? »Gerade so ist es, gnädige Frau; das versichre ich Ihnen. Ich hoffe nicht, daß Sie einen schimpflichen Verdacht auf mich werfen können.« Nicht? ha! ha! ha! Ein Mädchen schläft jede Nacht bei ihm, und ... Herr Baron, Sie sind unverschämt! »Wenn ich Ihnen nun sage, gnädige Frau, daß ich jede Nacht Licht brenne; so hoff ich, Sie werden ...« Licht? jede Nacht? Nun, Herr Baron, soll das Licht etwa ihre Unschuld bezeugen? »Ja, meine gnädige Frau, das soll und wird es, wenn Sie ruhig genug sind, mich anzuhören. Wäre Emilie die Nächte bei mir gewesen, so hätten Sie in der That Ursache, einen Verdacht zu fassen; denn da würde selbst das Licht der Sonne nicht mein Schutz gewesen seyn.« Sie sind eben so unverschämt als ausschweifend, sagte hier Emilie sehr bitter, und wollte aus dem Zimmer. 110 Der Baron vertrat ihr den Weg. »Nein, Emilie, nein! Geliebte, theure Emilie, nein, Sie müssen bleiben. O, auch Sie halten mich in diesem abscheulichen Verdachte? Sie, Emilie, sollten doch aus sich selbst wissen, ob ich einer Untreue fähig bin, oder nicht.« – Emilie erröthete. – »Bleiben Sie, Emilie! Sie, Hilbert, sind mein Zeuge, daß ich schon längst das glaube, was ich jetzt sagen werde.« Frau von Koch gerieth ein wenig in Verlegenheit darüber, daß der Baron so freimüthig war, und sich so dreist auf Hilbert berief. Sie setzte sich in eine horchende Stellung, und er fing an: »Jeder Mensch, meine gnädige Frau, hat im Gemüth ein Ideal der Schönheit, eine Form, eine Linie, außer der er keine lieben kann.« Nun setzte er der Frau von Koch sein System von der Liebe sehr weitläuftig auseinander. »Sie sehen also, meine theure Frau von Koch«, so endigte er, »daß ich Iglou ruhig in mein Zimmer, selbst an meiner Seite, konnte schlafen lassen. Sobald das Licht nur hell genug brannte, ihre Form zu unterscheiden, war Emilie vor aller Untreue von mir sicher. Und wenn dieser Satz auch nicht bloß mit Gründen unbezweifelt erwiesen werden könnte, so erweist ihn doch meine und aller Menschen Erfahrung hinlänglich. Die Finsterniß ist die Freundin der Wollust; und eine besorgte Mutter hat, wenn sie ihre Töchter vor jedem unbesonnenen Schritte sichern will, in der That nichts weiter zu thun, als ihnen ein Nachtlicht zu geben: nur nicht, wenn die echte Liebe schon da ist. Wahrhaftig, meine theure Emilie, ich bin unschuldig; und ich hoffe, Sie selbst werden jetzt davon überzeugt seyn. 111 Übrigens, Emilie, glaube ich nicht, daß Sie wirklich eifersüchtig sind. Seyn Sie eben so offen wie ich, und Sie werden das gestehen.« Emilie erröthete. Frau von Koch war durch des Barons Gründe, von denen sie nichts verstanden hatte, gar nicht beruhigt; aber sein ehrlicher, fester, zutraulicher Ton, sein Gesicht dabei, und der Abscheu, mit dem er von der Wollust sprach, verdrängten endlich fast jeden Zweifel aus ihrer Seele. Sie sah Emilien an, um in ihren Augen zu lesen, ob des Barons Entschuldigungen sie befriedigt hätten. Emilie warf einen Blick auf Hilbert; und Hilbert, so sehr er auch bei dieser Untersuchung interessirt war, biß sich, um nicht zu lachen, auf die Lippen. Lieber Baron, sagte Hilbert, Sie sind unschuldig, dafür will ich mein Leben zum Pfande setzen; aber Sie trauen, glaube ich, einem brennenden Lichte allzu viele Kraft zu. Ich lasse es gelten, wenn Sie in einem solchen Falle noch einen dritten Mann haben, der das Licht schneuzt, damit die Form, die Sie in Versuchung führt, immer recht deutlich bleibe. Aber, Herr Baron, sagte Frau von Koch, müssen Sie denn alles in der Welt so höchst seltsam anfangen? Emilie wäre in der That eine Thörin, wenn sie Ihnen ein Wort glaubte. Zwei Jahre mit einem Mädchen in einem Zimmer allein! und wenn das Mädchen auch zehnmal schwarz ist, oder die Form nicht hat, wie Sie da sagen. »Die Farbe, gnädige Frau, hat nichts damit zu thun; die ist bloß ein Racen-Kennzeichen. Ich könnte eben so ruhig 112 bei einem weißen, schönen Mädchen schlafen, wenn sie die Form nicht bei mir hervorbrächte, die nun einmal mein Ideal ist.« Meinetwegen, wenn Emilie will! Wir wollen nicht näher untersuchen, Herr Baron, sondern Ihnen glauben. Aber einen Beweis fordre ich in Emiliens Nahmen: die Schwarze muß fort! – Das schlug der Baron bestimmt ab, so viel Frau von Koch auch sagen mochte. Emilie hatte noch immer geschwiegen; jetzt aber näherte sie sich dem Baron. Ich will Ihrer Großmuth keine Schranken setzen, sagte sie; aber der Mann, dem ich meine Hand geben soll, muß selbst nicht den Verdacht einer Untreue auf sich haben. Machen Sie die Mohrin so reich, als Sie wollen, theilen Sie Ihr Vermögen mit ihr; aber Ihr Vertrauen muß sie nicht mit mir theilen. Entlassen Sie Iglou; das soll mir ein Beweis Ihrer Treue und Ihrer Liebe seyn. Der Baron stand verwirrt da. Endlich faßte er Emiliens Hand, und sagte in einem herzlichen Tone: »O, Emilie, fordern Sie von mir, was Sie wollen; ich kann für Sie Alles, nur nicht eine Unglückliche betrüben, nur nicht ihr Herz zerbrechen. Gewiß, Emilie, ich liebe Sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit.« Geben Sie mir diesen Beweis Ihrer Liebe! Entweder ich oder Iglou! Eine von uns Beiden müssen Sie verlieren. »Emilie, Sie selbst waren einmal ohne einen Freund! ... Wenn Sie wüßten, wie dieses Herz Sie ehrt, und wie unglücklich das Mädchen ist, das ich verstoßen soll! ... Nein, ich darf nicht so unmenschlich seyn.« 113 Emilie verlor den Muth, auf ihrer Forderung zu bestehen. Der Baron schilderte sehr rührend, in welche Verzweiflung Iglou gerathen würde, und vergoß Thränen, als er ihre Geschichte noch einmal erzählte. Er wendete sich bald an die Koch, bald an Emilien, bald an Hilbert, und that alles nur Mögliche, sie zu rühren. Hilbert stand schweigend da, und runzelte die Stirn; die Koch blieb dabei, daß Iglou weg müsse. Emilien stiegen Thränen in die Augen; Frau von Koch machte indeß ihre Empfindlichkeit immer wieder aufs neue rege, und aus Furcht vor dieser forderte Emilie, doch sehr sanft, Iglou's Entfernung. Endlich hob der Baron in tiefer Bewegung seine nassen Augen gen Himmel, und hielt sie eine ganze Zeit so. »Wohl, Emilie!« sagte er: »Sie sollen den Beweis meiner Liebe haben. Ich gebe Ihnen viel, Emilie, sehr viel; ach! und wenn ich das heiße Herz recht kenne, das ich zerschmettern soll, vielleicht die ganze Ruhe meiner Seele.« Emilie wankte aufs neue; aber die herrschenden Blicke der Frau von Koch gaben ihr Festigkeit, und sie blieb bei ihrer Forderung. Sie glaubte überdies nicht einmal recht an das heiße, empfindliche Herz der Mohrin. Frau von Koch öffnete das Fenster, und winkte Iglou, die unten war. Der Baron wurde bleich, als Iglou in das Zimmer trat. Er zitterte, und versank in ein tiefes, schmerzliches Nachdenken. Höre, Schwarze, fing Frau von Koch mit kaltem Tone an; du bist ein Mädchen. Dein Herr heirathet das Fräulein dort; und da die Frau vom Hause die weiblichen Domestiken zu wählen hat, so ... 114 »Halten Sie ein, Frau von Koch!« sagte der Baron. »Sie soll aufgeopfert werden; aber bei Gott! kein Hohnlachen soll ihre Seufzer begleiten.« Er faßte Iglou, die erwartend dastand, in seine Arme. »Hast du mich lieb, meine gute, edle Iglou?« fragte er mit halb erstickter, zärtlicher Stimme. Lieb? erwiederte Iglou; lieb? Sie stürzte vor ihm hin, umfaßte seine Kniee, und benetzte seine Hände mit ihren Thränen. Der Baron wendete sein Gesicht ab, und drückte nur ihre Hände. Diese Scene gegenseitiger Zärtlichkeit fing an Emilien zu beleidigen, so gerührt sie sich auch fühlte. In einem Aufwallen der Empfindlichkeit – und wie natürlich war das in diesem Falle auch dem sanftesten Herzen! – trat sie auf Iglou zu, und sagte in gerührtem Tone: »du sollst von mir hören, Iglou, was man von dir fordert. Noch heute mußt du fort von hier, von dem Baron!« – Iglou sprang auf, betrachtete Emilien mit einem verachtenden Blicke, und sagte bitter: du hast mir nichts zu befehlen, Weiße! ... Schlange, giftige Schlange! setzte sie wild hinzu; war das deine Freundlichkeit? Herr Baron, sagte Emilie, wollen Sie mich nicht wenigstens vor Beschimpfungen sichern? Der Baron schwieg eine Zeitlang, und sah erst Emilien, dann Iglou an, die ihr Gesicht in ihre Hände verbarg. »Iglou«, sagte er endlich sanft und zärtlich: »wir müssen uns trennen.« – Das Mädchen schauderte heftig zusammen. – »Es thut dir weh; aber mir nicht weniger. Doch wir müssen, wenn ich glücklich seyn soll. Iglou, sag, willst du meinem Glücke dieses Opfer bringen?« 115 Deinem Glücke? fragte sie traurig und leise. Kannst du nicht anders glücklich seyn? »Ich liebe Emilien, Iglou, und werde ohne ihren Besitz nie glücklich. Sie verlangt, daß wir uns trennen sollen; und ich würde vor Gram sterben, wenn ich sie verlöre.« Iglou hob die Augen und die Hände gen Himmel. O, die Unmenschen! rief sie endlich. Das verlangst du, Weiße? und das nennst du, ihn lieben? Lerne von mir, was Liebe heißt. Sie warf Emilien einen kleinen scharfen Dolch vor die Füße. Das war für dein Herz bestimmt, und dann für das meinige. Aber er würde vor Gram sterben, wenn du stürbest. Das rettet dich! ... Ich kann – sagte sie in Absätzen zu dem Baron – ich kann für dich sterben; laß die Weiße denn für dich leben und dich glücklich machen: so will ich ihr verzeihen, daß sie mein Herz zerbrochen hat. Leb wohl! Sie griff heftig zitternd nach seiner Hand, rief noch einmal: leb wohl! und schwankte gegen die Thür hin. »Nein Iglou, bleib!« rief der Baron laut; »bleib! Bei Gott! bei dem Glücke der Menschheit! du sollst mich nicht verlassen, so lange ich lebe. Nein, Emilie! ich wäre Ihrer Hand nicht werth, die Furien würden mich sogar in Ihren Armen finden, wenn ich dieses Herz zerschmettern könnte. Ich liebe Sie unaussprechlich, Emilie; doch die Retterin meines Lebens lasse ich nicht. Wollen Sie mir darum Ihre Liebe nehmen? Wohl! ich werde ewig um Ihren Verlust trauern; aber es wird mein Trost seyn, daß ich Ihnen entsagte, um Ihnen und mir eine Unmenschlichkeit, den Tod dieses unschuldigen Mädchens, zu ersparen.« 116 Edler Mensch! rief Hilbert, und warf sich in des Barons Arme. Ich liebe Emilien, vielleicht noch inniger, als Sie; aber – kommen Sie, Emilie! geben Sie dem edelsten Menschen Ihre Hand. Emilie sank, betäubt von mancherlei Empfindungen; an des Barons Brust. Dann legte sie ihr Gesicht auf Iglou's Schulter, und weinte laut. Frau von Koch schüttelte zwar den Kopf; doch sagte sie, mit Thränen in den Augen: Ihr seyd wunderliche Menschen! ... Und Sie lieben Emilien, Hilbert? – Jetzt nicht mehr, antwortete Hilbert; sie ist die Braut meines Freundes. Ich sage das zwar mit zerrissenem Herzen; aber ...! – Er umarmte den Baron noch einmal, und eilte dann, verstohlen weinend, aus dem Zimmer. Der Baron hielt Emilien umfaßt; und die Koch umschlang sie Beide. Iglou schlüpfte zur Thür hinaus; nach einer halben Stunde kam sie in Mädchenkleidern wieder, und ging auf Emilien zu. Mache ihn glücklich, sagte sie in einem edlen Tone; und ich will deine Sklavin seyn. – Edle Seele! sagte Emilie weinend, und umfaßte sie: nicht meine Sklavin; meine Freundin! Und nichts soll dich von ihm trennen! ... Aber jetzt muß ich mich erholen. Sie ging auf ihr Zimmer, und fing nun an, die Empfindungen in ihrer Brust von einander abzusondern. Zwar mußte sie zugestehen, daß der Baron wirklich ein edler Mann sey; indeß fand sie es doch ein wenig allzu stark, daß er sie für Iglou hatte fahren lassen. Sie war von dem Baron aufgeopfert, und von Hilbert auch; aber sie fühlte doch einen Unterschied zwischen Beiden. Daß Hilbert sie aufgegeben 117 hatte, erregte in ihrem Herzen eine süße Empfindung; doch an des Barons Entsagen konnte sie nicht ohne alle Bitterkeit denken. Sie wollte es sich nicht deutlich machen, daß Hilbert sie um eines Mannes, der Baron aber um eines Mädchens willen aufgab. Je länger sie darüber nachsann, desto edler und größer fand sie Hilbert, der immer vor ihrer Seele schwebte, wie er mit Thränen in den Augen das Zimmer verließ. Bei dem Urtheile über Flamings Benehmen trat ihr unaufhörlich Iglou in den Weg. Sie wußte sich nicht heraus zu finden, nahm sich vor, nicht mehr daran zu denken, den Baron recht herzlich zu lieben, und des armen Hilberts – Freundin zu seyn. Ach, sagte sie noch zuletzt, als sie diese Gedanken nicht mehr denken wollte; wenn der Baron mich so liebte, wie Hilbert: wie glücklich wäre ich dann! ... Wenn Hilbert mich nur vergäße! dachte sie jetzt; und doch wünschte sie auch das Gegentheil. Sie fütterte, um sich zu zerstreuen, die Kanarienvögel, die Nachtigall, nahm ein Buch, ihr Strickzeug; aber sie zerstreuete sich nicht: Hilbert und der Baron füllten wechselsweise ihr unruhiges Herz. Iglou kämpfte während der Zeit im Garten mit sich selbst. Sie ging zuerst langsam, dann schnell, setzte sich, sprang wieder auf, trocknete die Augen. Auf einmal stand sie still, und schüttelte sich, als wollte sie Fesseln oder eine schwere Last abwerfen. Dann ging sie langsam zu Emilien, und fragte ruhig: darf ich auf deinem Zimmer schlafen? Emilie reichte ihr die Hand, und antwortete: wo du willst. – Iglou brachte ihr Bett, ihre Laute, ihre Bücher, auf 118 Emiliens Zimmer. Von jetzt an, sagte sie mit festem, entschlossenem Tone, bin ich dein, und will dich lieben. Er opferte seine Liebe für mich ; ich opfere die meinige für ihn . Gewiß, Emilie, ich werde dich lieben, und dir gehorsam seyn! Diese Großmuth wirkte gewaltig auf Emiliens Herz, und sie beschloß, auch von ihrer Seite der Tugend ein Opfer zu bringen. Ich will, dachte sie, (freilich seufzend) den Baron mit der fleckenlosesten Treue lieben! Sie sprach heute von nichts als von dem Baron, und der Nahme Hilbert kam den ganzen Abend nicht über ihre Lippen. Am folgenden Morgen behauptete Emilie, daß Hilbert nie wieder nach Büdesheim kommen würde! Der Baron meinte das Gegentheil, und, um es ihr zu beweisen, ging er nach Burggrafenrode. Hilbert empfing ihn sehr zärtlich; und das Gespräch kam natürlicher Weise sogleich auf die gestrige Begebenheit. Aber läugnen können Sie nicht, lieber Baron, sagte Hilbert ernst, daß Sie die gestrige Scene, die so viel Elend verursachen konnte, muthwillig herbei geführt haben. Nach Allem, was ich von Ihnen weiß, scheinen Sie Ihre Freude daran zu finden, durchaus anders zu denken und zu handeln, als der große Haufe. »Gar nicht anders, lieber Hilbert, wenn der große Haufe die Wahrheit denkt. Aber kann ich dafür, daß er das selten thut?« Das meine ich nicht. Sie lieben Emilien, und, wie ich jetzt sehe, herzlich. Sie fühlen bei Ihrer Liebe gerade eben so, wie wir übrigen Menschenkinder; aber Sie pressen ihre Empfindungen in Ihr Herz zusammen, und stellen sich kalt. 119 Warum thun Sie das? Lassen Sie mich aufrichtig reden! Weil Seneca sagt: caret perturbatione vir erectus Der erhabne Mann hat keine Leidenschaft. , oder so etwas. Das lesen Sie, und wollen seyn, was nie ein Mensch war, auch Seneca nicht. Sie erregen bei Emilien Zweifel an Ihrer Liebe, nähren eine fremde Liebe mit Hoffnungen, die sich auf Ihre Kälte gründen, und bringen, zwar unwissend, aber doch muthwillig, drei Menschen der Verzweiflung nahe. Noch mehr. Sie lassen ein Mädchen auf Ihrem Zimmer schlafen, verkleiden es in einen Knaben, und ... »Aber, ich ließ ja des Nachts immer Licht brennen! Wie oft soll ich das noch sagen!« Sie sind ein seltsamer Mann, lieber Herr Baron. Bauen Sie doch Systeme, so viel sie wollen; aber muthen Sie den Menschen nur nicht zu, darnach zu handeln und zu urtheilen. Merken Sie doch auf sich selbst! Sie behaupten von allen Negern, daß sie eine elende Menschen-Race sind; und eine Mohrin ist Ihre Freundin, die Sie zärtlich lieben, die Sie ... »Hilbert, ich liebe Iglou, wie ich meinen treuen Pudel liebe. Darf ich darum nicht sagen ...« Pfui, Herr Baron! pfui! Der Mann, der so edel handelt, giebt sich selbst ein so schlechtes Zeugniß, um nur nicht gestehen zu dürfen, daß er geirrt habe! Die Wahrheit liegt nicht so weit, als Sie glauben. Der gesunde Menschenverstand findet sie am sichersten, und sie ist nicht ein Geschenk, das die Vorsehung nur einzelnen Menschen gab. 120 Welcher Philosoph hat nicht sein System erwiesen, oder doch zu erweisen geglaubt? Unsere Vernunft kann vieles, sehr vieles, sogar als strenge Wahrheit erweisen, ohne, daß es darum menschliche Wahrheit wird. Das Herz ist der Probierstein der menschlichen Wahrheit. Unsere für die Ewigkeit, für jeden Zustand geschaffne Vernunft, muß, wenn sie sich anstrengt, Regeln, Principien für den Willen erblicken, die ihn vielleicht einst, nach Millionen Jahren, wirklich bewegen werden, ohne daß sie deshalb schon jetzt, da unser Herz so und nicht anders in unsrer Brust schlägt, die Gründe unseres Handelns seyn können. Sie sehen zum Beispiel ein, sobald sie an Gott glauben, daß alles, was geschieht, gut ist. Wollen Sie darum zu den Menschen sagen: höret auf mitleidig zu seyn; denn der unglückliche Zustand des Menschen, der eure Thränen hervorlockt, ist kein Übel, sondern ein Glück! Ihr dürft nicht mitleidig seyn, wenn ihr an die ewige Güte glaubt! – Sehen Sie, so urtheilt unsre Vernunft, wenn sie sich an die Stelle der höchsten Vernunft setzt; und das kann sie, das mußte sie können, weil wir steigen, immer steigen sollen. Gott sieht kein Unglück; Alles ist ihm die höchste Ordnung, die höchste Vollkommenheit. Man kann nicht sagen, Gott sey des Mitleidens fähig. Wer aber würde es am Menschen göttlich nennen, wenn er das Elend der Einzelnen mit ungestörter Ruhe sehen könnte? ... Noch einmal, lieber Baron, das menschliche Herz ist der Probierstein der menschlichen Wahrheit, die Vernunft mag sagen, was sie will. Die Tugend eines höhern, eines vollkommneren Geistes könnte in unsern Herzen hier auf der 121 Erde ein Verbrechen seyn. Das Gesetz der Vernunft, an sich betrachtet, wirft die Schande eines Fehlers auf die heiligen Bande des Blutes, auf die Liebe zu Eltern, Geschwistern, Weib und Kind; denn die Vernunft befiehlt ewig nur das Vollkommne zu lieben, und nennt die stärkere Liebe zu dem Unvollkommenen einen Fehler. Auch für das menschliche Geschlecht werden die Zeiten kommen, da der edelste Geist unser Bruder, unser Verwandter seyn wird; aber hier auf der Erde wäre es ein Verbrechen, seinen Bruder verschmachten zu lassen, um einen edleren Mann zu unterstützen. Die Vernunft des Menschen steht an der Seite des Ewigen, und ruft ihre Befehle, ihre Gesetze aus, die durch alle Ewigkeiten gelten sollen; das Herz steht hier unten an der Seite des schwachen Menschen, und wiederholt die Gesetze der Vernunft, aber nur die, welche für den engen Raum zwischen der Wiege und dem Sarge passen. Die Vernunft zeichnet den Weg der Tugend mit einer ewigen Linie, wie einen Grundriß; das Herz bepflanzt den Weg mit Rosen, und mahlt den Grundriß zu einer Ansicht, die das Auge reitzt. Die Vernunft nennt die Tugend den Lohn der Tugend; das Herz stellt am Ende des menschlichen Lebens, durch das es uns leiten soll, das Glück als den Lohn der Tugend auf. Die Vernunft befiehlt; das Herz lockt mit Liebkosungen. Die Vernunft ist ewig; das Herz für dieses Leben, für die Kinderjahre des menschlichen Geschlechtes, bestimmt. Hilbert hätte noch eine Stunde so fortreden können, und wäre einem Philosophen, zumal einem von dem Schlage 122 des Barons, doch nicht beigekommen. »Eben das«, sagte der Baron lächelnd, »ist das Kennzeichen des Philosophen, daß er nur das Gesetz der Vernunft hört, und nicht das schwache menschliche Herz. Non respicit quid homines turpe judicent, aut miserum: non ut qua populus: sed ut sidera contrarium mundo iter intendunt, ita hic adversus opionionem omnium vadit Der Philosoph nennt etwas ganz Anderes Schande und Unglück, als was die Welt so nennt. Er geht immer seinen eigenen Weg; und so wie die Sterne sich gerade der Erde entgegen wälzen, so geht er gerade den Meinungen Aller entgegen. . Sehen Sie, das ist ein Philosoph! Und sagen Sie selbst, ob nicht alle Philosophen von jeher so waren.« Leider! erwiederte Hilbert seufzend. Man sollte glauben, diese Stelle wäre eine Satire auf unsere Zeiten. Doch lassen sie uns abbrechen. Ich sehe wohl, wir werden einander nicht bekehren. Der Baron lächelte triumphirend; er glaubte, den Sieg davon getragen zu haben, und ging, zufrieden mit sich selbst, nachdem er Hilberten noch sehr angelegentlich um die Fortsetzung seiner Freundschaft gebeten hatte. In Büdesheim nahm nun die Frau von Koch sogleich Emiliens Verbindung vor, und sprach mit ihr von ihrem Hochzeittage. Emilie setzte, ohne selbst zu wissen warum, den Tag noch weit hinaus. Sind Sie meiner müde, Mütterchen? fragte sie zuletzt; und das wirkte. Frau von Koch entwarf nun den Plan, daß Emilie noch ein Jahr in Büdesheim bleiben, der Baron während der Zeit die Reisen, von denen er so viel sprach, machen, und daß dann Emilie mit ihm auf 123 seine Güter gehen sollte. Nachher wollten Frau von Koch und Emilie sich ein Jahr um das andere besuchen. Der Baron war nun über zwei Jahre auf Reisen, und hatte von dem Allen, was er thun wollte, gar nichts gethan. Er kannte noch nicht die Verfassung eines Dorfes, und Montesquieu's Buch las er gerade am wenigsten. Am Rhein, wo die echten Celten wohnen, war er noch nicht gewesen, und der l'homme voyageur hatte in einer Woche mehr Unglücklichen geholfen, als Er in vollen zwei Jahren. Unser Baron schämte sich ein wenig, als er das dachte, und es war ihm lieb, daß ihm noch ein Jahr zu seiner wichtigen Reise vergönnt wurde. In der größten Geschwindigkeit machte er nun auch Anstalten dazu. »Nein, Emilie«, sagte er; »halten Sie mich nicht länger. Ich bin zu mehr geboren, als nur in Ihren Armen mich glücklich zu fühlen. Die Menschheit ruft mich. E republica humani generis sum! das heißt: ich bin ein Weltbürger!« Beide redeten noch einen pünktlichen Briefwechsel ab. – Nun in der That, sagte die Frau von Koch, ich freue mich auf Ihre Briefe. Sie sind ein so seltsamer Mensch, daß Ihnen bei jedem Schritte eine sonderbare Begebenheit vorkommen muß. Iglou war die Tage vor des Barons Abreise unruhig umher gegangen. Eines Abends stürzte sie zu Emilien in das Zimmer, und rief: ich will bei dir bleiben, und dein seyn. Meine Augen voll Thränen sollen ihn nicht länger martern. Ich will dir von ihm erzählen, bis mein Herz bricht! – Sie blieb bei ihrem Entschlusse, und riß sich mit Gewalt aus 124 des Barons Armen. Emilie und die Koch begleiteten ihn an den Wagen. Als er schon eingestiegen war, rief die Koch ihm zu: l'homme voyageur , Baron! Was gehen uns die Gesetze an, und die Celten! Schreiben Sie fleißig und ausführlich. – Sonst glaub' ich, setzte Emilie hinzu, Sie haben wieder irgendwo eine Iglou gefunden. Leben Sie wohl. – Der Wagen rollte schnell dahin. Sobald der Baron aus Büdesheim hinaus war, zog er seinen Montesquieu hervor, ließ langsam fahren, und fing an zu lesen. Schon die beiden ersten Kapitel von den Gesetzen aller Wesen und der Natur füllten seine Phantasie. Hier konnte er ja sein ganzes System von den Menschen-Racen, und von der subjektiven Schönheit anbringen. »Armer Hobbes!« sagte er; »und armer Montesquieu! Nicht Krieg, nicht Friede, ist Naturgesetz! Ihr mußtet weiter ausholen.« Er sann der Idee nach, und wollte nun hundert Dinge auf einmal. »Ich will die Verfassung meines Vaterlandes untersuchen, seine Gesetze, seine Verhältnisse. Nichts soll mir entgehen. Ich will keine Mühe scheuen, und meinem Vaterlande ein Werk geben, das ihm alle Völker der Erde beneiden sollen!« Er sprang im Wagen hoch auf bei dem Gedanken an seinen Ruhm. Auf einmal störte ihn das Geschrei von einigen hundert Menschen, die auf einer Wiese bei dem Dorfe Vilbel versammelt waren. Er ließ halten, ging zu dem Haufen, und fragte, was es da gäbe. Man antwortete ihm nicht, sondern schrie und zankte nur. Er drängte sich durch den Kreis in den Mittelpunkt. Da lag ein todter Esel halb auf dem Ufer der 125 Nidda, halb in dem Flusse selbst, und Soldaten, die als Wache umher standen, ließen Niemanden sich nähern. »Was stehen die Soldaten da?« fragte er einen rechtlich gekleideten Mann. Dieser lächelte, und runzelte dann die Stirn. Sie bewachen den Esel, der da liegt. – »Wie? den Esel? Nicht möglich!« – Leider! Und sehen Sie nur meine schöne Wiese! Die ist darüber ganz niedergetreten. – Der Baron wollte das näher erklärt haben, und ging mit dem Manne die Wiese auf und ab. Sehen Sie, da kommt vor acht Tagen ein alter Mann mit diesem Esel hieher, der Töpfe zu Markt bringen soll. Er legt sich Nachts auf der Wiese nieder, und läßt den Esel weiden. Der Esel geht zu nahe an den Fluß, und ersäuft, weil das Ufer gewichen ist. Nun entsteht unter den beiden Abdeckern des Ortes, dem Hessischen und dem Mainzischen, ein Streit, wem die Haut des Esels gehöre. Grund und Boden ist gemeinschaftlich Hessisch und Mainzisch; der Fluß aber ausschließend Mainzisch. Der Hessische Abdecker sagt: der Esel liegt auf dem Lande; wir theilen die Haut. Nein, sagt der Mainzische: er liegt im Flusse; die Haut gehört mir. Nun mischt sich die Obrigkeit hinein. »Wie? in diesen lächerlichen Handel? Guter Freund, Er will mir etwas aufbinden.« E s kommt hier nicht auf den Esel an, sondern auf die Verfassung, auf die Rechte der Grundherren. Die Frage kann nicht so schnell gelös't werden; deshalb wird der Esel bewacht. Meine Wiese ist zertreten; und wenn es noch lange dauert, so wird der Geruch des Esels mich am Ende von hier wegjagen. 126 »Aber die Haut, lieber Mann, wird während der Zeit verderben.« Ich wollte, sie wäre schon verdorben. Meine arme Wiese! »Das wird Kosten machen.« Freilich macht es die. Aber man muß doch einmal wissen, wem der Fluß zugehört. »Nun, wem gehört er denn?« Der Eine sagt so, der Andere so. Man hat sich hier in dem Gasthofe schon die Köpfe blutig geschlagen über den Esel. Mich dauert bei dem Handel nichts als meine Wiese, meine Nase, und der arme alte Mann, der mit dem Thiere seinen Lebensunterhalt verloren hat, und jetzt vor Schrecken krank liegt, weil ihm einige Spötter gesagt haben, er werde die Kosten des Prozesses bezahlen müssen. Ach, lieber Herr, wenn doch endlich einmal ein Mensch die Rechte, die Verfassung von ganz Deutschland in Ordnung bringen wollte! Wie manche Wiese mag es kosten, daß man nicht weiß, wem dies und das eigentlich zusteht! Der Baron lächelte. »Gerade mit dem Manne, der das thun wird, redet Er, guter Freund!« Schnell nahm der Mann seinen Hut ab. Gott sey Dank! Nun? und wem kommt denn die Haut des Esels zu? »Noch weiß ich das nicht, mein Freund; aber ich hoffe es zu erfahren.« Und was wird bis dahin mit meiner Wiese, meiner Nase und der Eselshaut? Der Baron erröthete. Nun hatte er doch aber Gelegenheit, sogleich bei einem Streitpunkte seine Kenntniß von 127 der Verfassung Deutschlands anzufangen. Er ging in Vilbel hinein, traf in dem Gasthofe, wo er füttern ließ, die obrigkeitliche Person des Ortes, und erkundigte sich nach der Verfassung des Dorfes. Die Justizperson lächelte zufrieden, forderte noch einen Schoppen Wein, rückte den Stuhl zurecht, und sagte: ich will sie Ihnen aus einander setzen. Er fing von den Hauptsachen an, kam nachher zu dem Einzelnen, und versicherte jedes Mal, so oft er einen neuen Punkt anhob: glauben Sie mir, ich könnte Ihnen Monate erzählen, und würde doch nicht fertig. Der Baron fand tausend Mißbräuche und Ungerechtigkeiten. Die Justizperson zuckte die Achseln: ja, aber sie sind verfassungsmäßig, und lassen sich nicht heben, ohne Ungerechtigkeiten zu begehen. Dann fiel der Wirth ein, und erinnerte noch an dies und jenes. Kurz, man wurde nicht fertig. Der Baron, der sich nicht undeutlich hatte merken lassen, daß er reise, um die Staatsverfassung Deutschlands zu studieren und Mittel gegen die Mängel derselben anzugeben, schlug allerlei Reformen für Vilbel vor; aber nicht einer von seinen Vorschlägen erhielt den Beifall seiner Zuhörer, ob er sich gleich auf Platons Republik berief, und sogar zum großen Erstaunen der Justizperson einige Male Stellen daraus Griechisch anführte. Besonders machte der Gastwirth, ein Mann von vieler gesunder Vernunft, bei allen seinen Vorschlägen Einwürfe, die der Baron in der That nicht zu heben wußte. Er dankte dem Himmel, als sein Bedienter ihm endlich sagte, es sey angespannt. Ein gelehrter Herr! sagte der Amtsschreiber zu dem 128 Wirthe, als der Baron im Wagen saß. Ei nun ja, erwiederte der Andre; wie sie alle sind! Ich will wohl ein Stückfaß Hochheimer gegen ein Maß Werthheimer wetten, daß er mit allem seinem Hebräischen, oder was es sonst seyn mochte, den Esel nicht aus der Nidda bringen würde. Sie sollen sehen, die Fische bringen ihn hinein, ehe noch die Sentenz kommt, wer die Haut haben soll! Der Baron überlegte auf dem Wege nach Frankfurt ernsthaft seine Absicht, die Verfassung von Deutschland zu studiren. Ein einziges Dorf, ein Punkt gegen Deutschland, hatte ihm schon so viel zu schaffen gemacht. »Ja«, sagte er brummend, und zog den Montesquieu hervor – »über die Regierungsformen ganzer Länder, ganzer Welttheile, hatte er gut schreiben! Aber wäre er nur, wie ich, in Vilbel gewesen: ich zweifle, ob er sich so gut aus dem Handel gewickelt hätte.« Er sah nun ein, wie schwer es ist, einem Dorfe eine leidliche Verfassung zu geben. »Ja«, murmelte er; »hier steht einem auch alles in der Welt im Wege. Da hebt ein Kloster den Zehnten, dort eins. Die Garben müssen auf dem Felde stehen bleiben, bis alles geerntet ist. Nein, eine Verfassung für ein Dorf zu machen, ist mir zu schwer. Ich will eine für die Welt schreiben; da geht es ins Große, ins Erhabene, und ich bin durch nichts gehindert. Kein Esel kann da eine Prozeß verursachen; denn die Flüsse, die Seen, sollen dem gehören, dem Grund und Boden gehört. O Montesquieu, du schreibst die Gesetze, wie sie sind; ich will der Welt Gesetze vorlegen, wie sie seyn sollen!« 129 In dem Gedanken, nichts mit der Verbesserung der bestehenden Verfassungen zu thun zu haben, sondern eine ganz neue zu schaffen, wurde er noch mehr bestärkt, als er sich ein wenig um die Verfassung von Frankfurt bekümmerte. Er hätte sein Leben damit zubringen können, das Innere dieser Stadt, deren Gebiet nur einige Stunden im Umfange beträgt, zu studieren, und würde – das fühlte er – dennoch manches dem Zufalle haben überlassen müssen. »Nein«, sagte er; »was geht mich Frankfurt mit seinen Schöffen an! Ich bin ein Weltbürger, und will die Welt reformiren, nicht einzelne Dörfer und Städte.« Er setzte sich, und schrieb Fragmente eines Buches nieder, das den Titel bekommen sollte: civitas perfecta Der vollkommne Staat. . Jetzt las er alles, was er über diesen Gegenstand finden konnte: freilich nicht viel, da die Zahl der Weltreformatoren damals noch nicht so gar groß war. Besonders studierte er Platons Republik. Des göttlichen Philosophen philosophische Regenten gefielen ihm außerordentlich, und er sagte sich ganz leise, daß, wenn die Reihe zu herrschen einmal an die Philosophen käme, auch er selbst herrschen würde. Er bewies allen Königen, daß sie, wenn die Welt glücklich werden sollte, ihre Throne verlassen müßten, um ihm und den andern Philosophen Platz zu machen. Auch mit Platons Gemeinschaft der Güter war er zufrieden; nur die Gemeinschaft der Weiber und der Kinder hatte für ihn etwas Anstößiges. »Den Henker auch!« rief er; »was hat der große Mann da gemacht! Die Weiber 130 zu verloosen, das ist zu arg! Ich könnte ja so unglücklich seyn, gerade eine schwarzhaarige, runde, vollbrüstige Wendin zu bekommen; und Emilie, meine schöne Emilie, würde vielleicht die Beute eines kleinäugigen, fettwanstigen Mongolen-Sprößlings. Gehorsamer Diener! Hätte Plato mein System gekannt, er würde das nicht geschrieben, oder, anstatt der Dichter, alle Schwarzköpfe aus seinem Staate verbannt haben!« Er ließ sich durch die Deklamationen des Philosophen nicht hinreißen. »O ja«, sagte er, »es ist recht gut, daß alle Kinder mich Vater nennen, daß alle Bürger des Staates Brüder und Schwestern seyn sollen. Aber da hat denn doch Aristoteles, so wenig ich den kalten Schwätzer auch leiden kann, wohl recht, wenn er behauptet, daß diese Einrichtung die Liebe der Alten zu den Kindern zerstören würde. Nein, nein, alles gemein, nur nicht die Weiber!« Der Baron blieb diesmal nicht lange in Frankfurt. Er suchte nun in Speier, Worms, Mainz, Trier, Köln, Koblenz und allen Städten am Rhein, worin es hohe Domstifte gab, reine Celten auf; aber endlich gestand er sich, das adelige Blut am Rhein müsse sehr mit Slavischem vermischt seyn. Dieser Domherr hatte schwarzes Haar; jener hielt sich mehrere runde Beischläferinnen; viele andre waren, weil sie nichts zu thun hatten und nichts zu wissen brauchten, um reich und geehrt zu seyn, auf mancherlei Dinge gefallen, die, nach des Barons Meinung, für den Celten Unmöglichkeiten sind. In großem Ärger schalt er auf die Domstifte, und rief voll Schmerz: »nein; die echten Celten sind hier nicht mehr: denn alle diese Menschen am Rhein, in denen 131 ich blauäugige, goldhaarige Deutsche zu finden hoffte, haben ja Köpfe so schwarz wie Steinkohlen. Ach, sie sind gefallen, die edlen Celten, in den Schlachten bei Gellheim, Tübingen, Sempach, Eßlingen und besonders bei Reutlingen! Da sank der Deutsche Adel. Wie könnten sonst Schwarzköpfe in den Stiften sitzen? wie könnten Menschen mit zwei und dreißig Ahnen sich Beischläferinnen halten? nichts thun als jagen, trinken, essen und schlafen?« In Oppenheim brachte er, zum Erstaunen des Küsters, drei Tage lang mit dem größten Vergnügen in dem Beinhause zu, worin einige Tausend Köpfe stehen, und zwar, wie man sagt, von Spaniern, welche Gustav, der Retter Deutschlands, da erschlagen haben soll. Er kaufte sich von dem Küster zehn der edelsten Köpfe, das Stück zu einem Louisd'or, und ließ sie vorsichtig in eine Kiste packen. In Koblenz bekam er Händel mit dem Pöbel. Bei einer Procession auf die Karthause wollte er in allen den Gemählden, die dort längst dem Gange an der Seite aufgestellt sind und die Passion abbilden, keine Figur edel finden, als gerade den Judas und die beiden Schacher, weil nur diese Drei gelbes Haar und gelbe Bärte hatten. Er sagte laut: »die Bilder hat ein Dummkopf gemacht; denn unter allen diesen Figuren ist kein ehrliches Gesicht, ausgenommen Judas und die beiden Schacher.« Ohne Zweifel wäre er hier der Märtyrer seines Systems geworden, wenn nicht ein Geistlicher, der ihn kannte, ihn gegen den Pöbel in Schutz genommen hätte. Der Geistliche verwies ihm nachher seine Unwissenheit. Das sollte, sagte er unwillig, ein 132 Protestant doch wenigstens wissen, daß Judas einen Fuchskopf hatte! – »Hätte er einen Fuchskopf gehabt, Herr Pater«, erwiederte der Baron, »so würde er seinen Meister nicht verrathen haben. Ich sage Ihnen, schwarzes glänzendes Haar hatte er, kleine Augen, und krumme Beine.« Der Pater kreuzte sich, und verließ ihn. Während Flaming das alles that, den Plato las, Staatsverfassungen stürzte und baute: während dessen gingen in Büdesheim Dinge vor, die ihn mehr interessirten, als Judas und sein Bart, als die Celten, die Domstifte, und die unglücklichen Schlachten, die er so laut bejammerte. Kaum hatte er Büdesheim verlassen, so kehrte Frau von Koch wieder zu ihrer vorigen Lebensweise zurück. Hilbert blieb aus; allein da sie nun einmal ganz an seine Gesellschaft gewöhnt war, so bat sie ihn dringend, den Umgang fortzusetzen. Als das nichts half, mußte Emilie, ob sie gleich sehr viel dagegen einzuwenden hatte, ihn einladen. »Sie stehen für die Folgen, Mütterchen!« sagte Emilie seufzend. – Bitte ihn nur recht sehr, Emilie; ich stehe für Alles. Emilie schrieb ihm ein Billet, und suchte es recht kalt einzurichten; aber nun wurde es so unverständlich, so geheimnißvoll, daß ein Geck es leicht hätte falsch erklären können. Hilbert dachte nach kurzem Überlegen: ich will hin! Und wenn sie mich sogar wieder liebte – ich kenne mein Herz; es ist wenigstens keiner Niederträchtigkeit fähig. Man ging in Büdesheim spazieren, plauderte, ließ sich von Iglou vorspielen, und las. Hilbert vermied es, mit Emilien allein zu seyn; ja, er hütete sich, was gewiß nicht leicht 133 war, selbst bei den natürlichsten Veranlassungen auf seine Leidenschaft anzuspielen. Das Vertrauen, die Unbefangenheit wurde, wie das guten Menschen so natürlich ist, sehr bald wieder hergestellt. Frau von Koch glaubte, weil sie beide Leutchen so vernünftig und ruhig sah, alle Gefahr wäre vorüber. Sie neckte Emilien mit ihrer Ängstlichkeit, und erzählte Hilberten lachend, daß sie hätte für ihn Bürge werden müssen. Hilbert sah Emilien lächelnd an; und sie erröthete. Auf dem Rückwege nach Hause überlegte Hilbert nun noch einmal, und brachte andere Resultate heraus. »Sie stehen für die Folgen! hat Emilie gesagt? Was kann sie damit gemeint haben? Wenn sie ihres Herzens gewiß wäre, wie könnte sie dann vor den Folgen besorgt seyn! Sollte etwa auch Emilie ...? Ich bin ein Thor! Aber doch – sie erröthete und erblaßte, als ich damals ... Sie zürnte nicht, spottete nicht; sie vermied mich bloß. O Himmel! wenn ... wenn ... Und wie seltsam betrug sie sich bei der Entdeckung, daß Iglou ein Mädchen war! so kalt! so ruhig! O, wenn es wäre! ... Sie verlangte ein Jahr Aufschub, wendete gegen des Barons Reise nichts ein, und nahm so kalt von ihm Abschied!« Emilie hatte in der That Ursache, sich zu fürchten. Ein Mann, der schweigend liebt, in der Stille anbetet, ist für das Herz eines Mädchens vielleicht noch gefährlicher, als ein Andrer, der seine Liebe erklärt und um Gegenliebe flehet. Jener ehrt zugleich durch seine stille, schweigende Liebe den Gegenstand, den er anbetet. Es liegt so etwas Schmeichelndes, so etwas Rührendes in diesem stillen, geduldigen 134 Leiden; und die Geliebte möchte den Liebenden so gern dafür belohnen, sollte es auch nur seyn, weil er den Muth nicht hat, Belohnung zu verlangen. Diesen Zustand sah Emilie täglich an Hilbert. War er still, so machte ihn sein Leiden so; war er in seiner natürlichen Stimmung, so zwang er sich, heiter zu scheinen, um ihr seine Liebe zu verhehlen. Er mochte thun, was er wollte – Emiliens Herz, Emiliens Weiblichkeit, legte alles zu seinem Vortheile aus. Und welches Herz hätte das nicht gethan? und welches Mädchen wäre hier ungerührt geblieben? Freilich, als Hilbert nur Einmal wieder in Büdesheim gewesen war, fühlte Emilie ihre Unsicherheit wohl. Sie merkte in ihrem Herzen eine geheime Theilnahme an ihm, die Neigung, einen Blick in sein Inneres zu thun; und schon diese Theilnahme hielt sie für ein Verbrechen an dem Baron. Daher blieb sie immer von Hilbert entfernt und niemals einen Augenblick mit ihm allein. War Frau von Koch nicht da, so hatte Emilie, wenn Hilbert kam, gewiß Iglou bei sich. Sie dachte sich ihn gefährlicher, als er war; und in dem Maße, wie sie das dachte, wurde er ihr wirklich gefährlich. »Es ist in der That ein schöner Mann; seine Stellung so edel, sein Blick so ruhig, so groß!« Bei diesen Gedanken drückte sich Hilberts wirklich schöne Figur tief und mit glühenden Farben in ihre Phantasie. »Welch ein edler Mann! wie gerecht, wie billig! wie sehr Herr über sich selbst! Er liebt mich so heiß, und war der Einzige, der dem Baron Gerechtigkeit widerfahren ließ! Und dieser Mann ist mein täglicher Gesellschafter; täglich bin ich Zeuge seines 135 Edelmuthes, seiner Güte, seines Duldens und Schweigens! Natürlicher Weise mußte Hilbert Emilien, je länger sie das dachte, desto gefährlicher werden. Doch that sie alles, was sie nur zu thun wußte, ihn wieder aus ihrem Herzen zu verdrängen. Sie las jeden Tag die Briefe, die sie von dem Baron bekam. Aber welche Briefe! sie enthielten fast weiter nichts als Betrachtungen über die Gesetzgebung, über das wesentliche Schöne, über den Plato. Freilich waren sie, nach den Wünschen der Frau von Koch, bogenlang; auch sprach der Baron darin mit der größten Zärtlichkeit von seiner Liebe: doch immer nur nebenher. Von der Urschönheit, nach der er strebte, kam er auf Emiliens Schönheit; aber alles war so unter einander geworfen, daß Emilie nicht wußte, ob er sie oder die Urschönheit mehr liebe, ob sie ihm theurer sey, oder der Staat , den er stiften wollte. Mit allen diesen langen Briefen verglich sie ein kleines Billet von Hilbert (das einzige, das sie von ihm hatte), worin er ihr Nachricht gab, daß er heute nicht kommen könne, weil Theilnahme an einer unglücklichen Familie ihn hindere. »Ach, Emilie!« schrieb er; »da stehe ich zwischen den Unglücklichen. Sie danken mir für meine Freundlichkeit, die mir so leicht ist, für eine Summe Geldes, die ich nicht auf höhere Zinsen anlegen konnte, als wenn ich ihrer Noth damit abhalf. Und für das schwere Opfer, das ich den Unglücklichen bringe, Sie, Emilie, heute nicht zu sehen: dafür dankt mir kein Mensch. Ich trockne die Thränen des Kummers, und möchte selbst Thränen vergießen; ich mache eine Familie glücklich, und bin selbst – zufrieden, weil Ihr Herz 136 mir danken wird, Ihr fühlendes Herz, das keine größere Freude kennt, als Menschen glücklich zu machen!« Dies Billet schien Emilien nichts als sie allein zu enthalten. Mitten unter den Unglücklichen stand sie neben Hilberten. Sie hatte Theil an seiner Wohlthätigkeit, war die Quelle seines Gefühls, seiner Gedanken, seiner Handlungen. Und nun des Barons Briefe! Sie schüttelte den Kopf. »Komm Iglou«, sagte sie endlich; »laß uns von deinem guten Herrn plaudern! Komm, erzähle mir von seiner Güte, von seiner Menschlichkeit, von seinem Edelmuthe.« Iglou erzählte mit funkelnden Blicken und heftigen Bewegungen, wie der Baron sie gefunden, sich großmüthig ihrer angenommen, und ihr gebrochenes Herz geheilt habe. Sag', wie kann ich anders als ihn lieben? – Emilie stand auf, trat an das Fenster, und dachte seufzend: heilte er nicht auch mein gebrochenes Herz? – »Ja«, rief sie, und umfaßte Iglou mit weinenden Augen; »ja, er ist ein edler Mann! Wir wollen ihn lieben; denn er that uns Beiden wohl. Komm, liebe Iglou; wir wollen von nichts sprechen, als von ihm, an niemanden denken, als an ihn. O, ich möchte mit dir in der tiefsten Einsamkeit, in deinen brennenden Sandwüsten seyn, um immer nur von ihm zu sprechen, an ihn zu denken! Ach Iglou, wie undankbar bin ich gegen ihn!« – Du undankbar? fragte Iglou. – »Ja«, erwiederte Emilie verwirrt »du rettetest ihm das Leben; und was that ich für ihn?« Du machst ihn glücklich, sagte Iglou, und schlug die Augen nieder. Er liebt dich; und ich! ich! Doch ich bin zufrieden, wenn er mich nur nicht verstößt. – »Liebt er 137 mich wirklich, Iglou?« fragte Emilie. »Ich bitte dich, sprich von seiner Liebe zu mir; erzähle mir alles, was du weißt.« Emilie wollte ihr Herz mit dem Gedanken füllen, wie sehr sie geliebt sey; aber Iglou wußte ihr nichts zu erzählen. Nein, sagte diese; er hat dich nie genannt, nie deiner erwähnt. Ach, er wollte mich nicht kränken! »Nie mich genannt? nie meiner erwähnt? nie gesagt, daß er mich suche? daß er ohne mich nicht leben könne?« Niemals, sagte Iglou nach einigem Besinnen. Ob er die Hoffnung aufgegeben hatte, dich zu finden? Ich war immer bei ihm, und folgte ihm, wohin er ging; aber nie suchte er dich, nie nannte er deinen Nahmen. O, er war sehr verschwiegen mit seiner Liebe! Ich habe oft mit ihm über diese Leidenschaft gesprochen, und dennoch erwähnte er deiner nie. – »Nie erwähnte er meiner?« Emilie erkundigte sich jetzt nach allen kleinen Umständen, die des Barons Umgang mit Iglou betrafen, und diese mußte ihr jede kleine Scene, die sie mit dem Baron gehabt hatte, erzählen. »Aber Iglou«, sagte Emilie dringend, doch ohne alle Heftigkeit – »wie du erzählst, so scheint der Baron dich ja schon zärtlich geliebt zu haben!« – Ach, erwiederte Iglou seufzend; oft glaubte ich das selbst, besonders in einer Nacht. Nie werde ich diese heiligen Stunden vergessen. O Emilie, da war ich so glücklich! so glücklich, wie du jetzt! – »Erzähle mir! erzähle!« sagte Emilie, und schlang ihre Arme um Iglou's Nacken. Iglou erzählte mit stiller froher Erinnerung. Ach, setzte sie traurig hinzu; sollte ich da nicht glauben, daß er mich liebte? Sag' selbst! Er drückte mich so innig an seine 138 Brust, die so stark schlug, und küßte meinen Mund, meine Schultern, mein Herz. Ach, warum that er das! warum zeigte er mir das hohe Glück, wenn er es wieder zerstören wollte! Doch ich habe ihm vergeben. Er sah diese schwarze Farbe nicht, die er so sehr haßt. Vielleicht glaubte er, dich in seinen Armen zu halten. Ach, noch am andern Morgen sagte er: wenn du weiß wärest, Iglou! wenn blonde Locken um deine Stirn schwebten! Und dabei betrachtete er mich mit Blicken, in denen noch ein Schimmer seiner sterbenden Liebe glänzte. Ja, rief Iglou, und legte weinend das Gesicht an Emiliens Brust: wenn ich weiß wäre, er hätte mich geliebt! Ich wäre das glücklichste Geschöpf auf der Erde! Emilie nahm die Unglückliche in ihre Arme, an ihren Busen; und die Thränen der beiden gefühlvollen Seelen mischten sich. »Ach«, sagte sie schluchzend: »du kannst noch glücklich werden, Iglou; aber ich! ich!« Sie ging weinend in ihr Kabinet, und verlor sich in stille Träume voll Wehmuth und leiser Hoffnungen. »Er hat nie meinen Nahmen genannt? Ist das Liebe? Und wenn Iglou eine Weiße ... Ach, wollte Gott, sie wäre es gewesen; so ...Wenn er mich nicht liebte; wenn er sich nur durch sein Wort an mich gebunden glaubte: wie unglücklich würde ich, wie unglücklich er selbst seyn! Und hat er denn Iglou nicht geliebt? O gewiß, gewiß! Die Nacht, die Worte: wenn du eine Weiße wärest! – Und dann ... O, ich Unglückliche! ... Ja, jetzt erinnere ich mich. Als er hierher kam, und ich ihn mit so treuer Liebe in meine Arme schloß: gestand er da nicht selbst, daß er mich vergessen hätte? sagte er nicht selbst: 139 ich bin so vieler Liebe nicht werth? ... O Himmel! welch ein schreckliches Licht! Wie kalt war er nachher gegen mich! Hilbert sagt zwar, er habe da den Philosophen spielen wollen; aber konnte er das, wenn er mich liebte? Und dann – hat er mich nicht aufgeopfert um dieses Mädchens willen? ... Nein, er liebt mich nicht; sein Herz hängt an der zärtlichen, treuen Iglou. Und natürlich! sie hat ihm das Leben gerettet! Konnte er ihre unendliche Liebe anders als mit Liebe belohnen? Wer kann sich ihr nahen, ohne sie zu lieben? Sie ist meine Nebenbuhlerin; und dennoch liebe ich sie. Ja, er liebt die zärtliche Iglou. Ach, wenn sie weiß wäre! ... Und nun seine Briefe! so kalt, so gelehrt! Wenn ich Hilberts Billet .. .« – Sie holte es, las es durch, und benetzte es mit Thränen. »Der Unglückliche! ... Ach, Hilbert, du bist nicht allein unglücklich!« Sie erschrak vor sich selbst, als sie das gesagt hatte, und legte schnell das Billet wieder weg. »O, der Himmel mag es mir vergeben! Aber wenn er mich nicht liebte, so wollte ich, um ihn von lästigen Banden zu befreien, meine Liebe aufopfern, um ihn trauern, und mich glücklich dünken, wenn er es nur wäre! ... Wie kalt war sein Abschied! wie trieb er, daß er fort kam! Ach, Hilbert geht auf eine Nacht trauriger von mir weg als der Baron auf ein Jahr!« Dies dachte Emilie tausendmal, in verschiedenen Gestalten; und immer war das Resultat: der Baron liebt mich nicht! An dieses Resultat hängte sich denn ein Gedanke, freilich ohne Worte gedacht, freilich in dem Innersten des Herzens nur ganz heimlich ausgebrütet: der Gedanke an 140 Hilbert und seine Liebe. Zwar bebte, als er nun zum ersten Male wieder kam, Emilie vor ihm zurück wie vor einem Gespenste. Aber was war denn nun Unrechtes an ihrer Freundschaft für ihn, wenn der Baron sie nicht liebte? Und daß er sie nicht liebte, fing jetzt an ihr sehr gewiß zu werden. Sie zitterte schon weniger, wenn sie an Hilberts Liebe dachte, und gewöhnte sich zuletzt an diesen Gedanken, doch noch immer mit dem festen Entschlusse, ihr Schicksal dem Willen des Barons zu überlassen, und alle Vertraulichkeit mit Hilberten gänzlich zu vermeiden. Sie scheuete sich, so oft ein Brief von dem Baron ankam, ihn zu öffnen, weil sie befürchtete, er möchte diesesmal zärtlicher geschrieben haben als sonst; und es machte ihr augenscheinliches Vergnügen, wenn sie dann wieder eine Abhandlung über den Plato fand. Frau von Koch sagte: aber, Emilie, du bist doch die Geduld selbst, daß du mit solchen Briefen zufrieden seyn kannst! Dein Baron ist in der That ein seltsamer Thor, daß er einer Braut solches Zeug über die Regierungsformen schreibt. Wahrhaftig, man sollte darauf schwören, er wäre so kalt gegen dich, wie Eis. Emilie ließ sich durch diese Bemerkungen in ihrem Vergnügen nicht irre machen; sie war ja doch um so weniger schuldig! Wie bebte sie aber, als eine Kiste von Flaming mit einem Briefe an sie ankam. Noch ehe sie den Brief erbrach, hatte Frau von Koch die Kiste schon öffnen lassen, die äußerst vorsichtig gepackt war. Er ist doch galanter, als ich dachte, sagte diese; und Emilie hielt den Brief noch immer 141 ungelesen. Auf einmal schrie die Koch vor Schreck laut auf; denn sie hatte den Schedel eines Spanischen Soldaten in ihren Händen. Sie war außer sich vor Zorn und Schrecken. Nein, rief sie; der ist ja ärger als Nero! Er läßt nicht einmal die Todten in Ruhe. Rasend muß er seyn, daß er uns zehn Todtenköpfe über den Hals schickt! Aber Emilie, wo ist denn der Brief? Lies doch, was wir damit sollen. Emilie erbrach, und las: »Vergeblich, liebe Emilie, ist meine Reise in diesem Paradiese Deutschlands. Ein blaues Auge ist eine Seltenheit, blonder Haarwuchs gar nicht zu sehen. Was soll man von Menschen sagen, die den Kopf zu weiter nichts zu haben scheinen, als Lasten darauf vom Felde nach Hause zu schleppen? In unserm nördlichen Deutschlande trägt das Weib die Lasten im Arm oder auf dem Rücken; hier arbeitet man, wie der Stier am Pfluge, mit der Stirn. Schwarze Farben, schlechte Nahrungsmittel, Bedrückungen aller Art sind hier zu Hause, und bezeichnen deutlich die Slaven. Ich habe die Domherren gesehen. Ach, wohin ist der Deutsche Adel! Wehe dem Menschengeschlechte! Geben Sie Acht, Emilie, die Domstifte, sonst die Treibhäuser der edelsten Menschen, werden untergehen. Ach, wäret ihr nicht gefallen, ihr Gundelfingen, ihr Hohensteine, ihr Lustenaue, ihr Lichtenecke, ihr Sternenfelse; es würden nicht so viele Sünden in den heiligen geistlichen Stiftsstädten begangen werden!« »O, Emilie, lassen Sie uns fliehen, das Land fliehen, wo die Slaven und ihre Verbrechen herrschen! Die Laster 142 verbreiten sich, und schaden durch ihre Nähe auch dem Besseren.« »Hier, Emilie, sende ich Ihnen zehn edle Schedel von Spaniern. Da sehen Sie die echte Deutsche Struktur des Kopfes an dem edelsten Menschenstamme: die lange hoch gehobene Stirn, das schmale, längliche, schöne ovale Gesicht! Mit Wollust stand ich da vor den fünf tausend Köpfen in Oppenheim, und konnte nicht satt werden, ihre Schönheit zu bewundern; besonders den einen, meine reitzende Emilie, den ich mit einem Kreuze gezeichnet habe. Ich setze mein Leben zum Pfande, es ist der Kopf eines Asturiers. O Emilie, als ich diesen edlen Schedel in die Hände nahm, und diese stolze, erhaben gewölbte Stirn betrachtete, das gebieterische Nasenbein, wie es sich an diese feinen Wangen angießt; da rief ich laut: so reitzend ist Emilie! das ist ihre Stirn, das ihre edle Nase, das ihre feine, sanft gehobene Wange! O Emilie, wie lebendig erinnerte mich dieser Schedel an meine reitzende Celtin! Ich konnte mich nicht von ihm losreißen. Nein, rief ich; mögen Andre nach Rom gehen, und vor der Bildsäule Apolls in Entzückungen gerathen: ich habe hier eben so viel Ursache entzückt zu seyn! Gewiß, Emilie, ich konnte Ihnen nichts Schöneres schicken, als diese herrlichen, erhabnen Palläste der edelsten Seelen. Der kleinste darunter scheint mir ein Schwedischer Schedel zu seyn.« »Setzen Sie diese Köpfe auf ihren Putztisch, und studieren Sie die schöne Form daran. Nachher vergleichen Sie einmal zur Probe mit einem dieser Schedel den – Doch 143 nein! Grüßen Sie meine gute Iglou, und sagen Sie ihr, daß sie den Generalbaß und die Lateinische Sprache fortsetzen soll. Vielleicht vergäße sie weniger, wenn Frau von Koch sich entschließen könnte, sich in Beidem von ihr unterrichten zu lassen. Bereden Sie die Frau von Koch dazu; denn ich liebe meine Freunde, und vorzüglich die Beschützerin meiner Emilie. Leben Sie wohl, Emilie. Sorgen Sie ja für die Köpfe und für Ihre Gesundheit.« Nun, in der That, Emilie, sagte Frau von Koch sehr ernsthaft; ich weiß nicht mehr, was ich davon denken soll. Das geht doch allzu weit. – In diesem Augenblick öffnete Hilbert die Thür. – Emilie, fuhr die Koch mitleidig fort, ob es nicht dein Unglück ist, daß du den Baron kennen gelernt hast? – Emilie schwieg mit einem tiefen Seufzer. – Urtheilen Sie einmal, Hilbert. Der Baron schickt Emilien ein Geschenk, und das besteht – in zehn Todtenköpfen. Aber, was noch ärger ist, einer, den er gezeichnet hat – der hier! Holen Sie ihn doch hervor, Hilbert. Sehen Sie, dieser Kopf, schreibt er mit dürren Worten, habe die auffallendste Ähnlichkeit mit Emilien, und sey eben so reitzend. In der That, Hilbert, ich glaube, es wird eine Gewissenssache, Emilien von dem Baron los zu machen, besonders da sie selbst ... »Mütterchen, ich bitte Sie! Nein, ich liebe ihn in der That. Ach, was wäre ich ohne ihn! Lassen Sie ihn doch! Was schaden mir denn seine Grillen?« Hilbert erröthete, und las, um es zu verbergen, den Brief. Nun, Hilbert? sagen Sie selbst! Ist es nicht zu arg? »Nichts weiter«, sagte er lächelnd, »als gewöhnlicher 144 Künstler-Enthusiasmus. Diese Thorheit ist so selten nicht, als Sie zu glauben scheinen. Hören Sie einmal jemanden, der in Rom gewesen ist! Er erzählt Ihnen mit einem Entzücken, das an Raserei gränzt, von einem Kopfe – aus Stein oder Knochen geformt, das ist wohl so ziemlich einerlei – und findet in Apolls Gesichte Stoff zu tagelangem Nachdenken, zu den erhabensten Empfindungen. Sollten Sie den Apoll selbst sehen, so würden Sie glauben, der Mensch sey nicht bei Sinnen gewesen. Aber er lächelt und bemitleidet Sie, wenn Sie nicht niederfallen und anbeten. Glauben Sie mir, neun und neunzig von Hunderten, die sich in Rom aufgehalten haben, sind des Barons leibliche Brüder. Der ganze Unterschied besteht darin, daß dort Hunderte an einerlei Narrheit leiden, und daß hier der Baron seine eigne für sich hat. Künstler-Enthusiasmus; weiter nichts!« Sie sind ja selbst in Italien gewesen, Hilbert, sagte Emilie mit einer Verbeugung, und freute sich, ihm das Kompliment machen zu können. »Ja, mein Fräulein; aber es hat mir auch Mühe genug gekostet, wenn jemand den blauen Himmel hier lobte, nicht sogleich einzufallen: der Himmel in Italien ist blauer, der Boden grüner, der Mensch edler! Und die Antiken! o Gott! die Antiken! ... Auch ich hätte die Leute gern von Florenz nach Rom, und von da nach Neapel durch alle Kabinette führen mögen. Wir Männer sind so eitel auf unsere Reisen, wie die Weiber auf ihre Liebhaber. – Der Baron ist ein Enthusiast für Hirnschedel, und das mag eine Thorheit seyn; aber er ist auch ein Enthusiast, wenn er Augen in Thränen 145 sieht. Er vergißt über die Todtenschedel die Lebendigen nicht, und eilt mit funkelnden Augen den Leidenden zu Hülfe; während tausend andere eben so arge Thoren beim Bewundern der marmornen Bildsäulen ihr Herz zu Marmor machen, nur Freude, Entzücken für eine Statue, für ein Gemählde, für eine Münze, für eine Aufschrift, für eine Variante, für einen wohlklingenden Vers, für eine spitzfündige Schlußfolge haben, nur dem Laokoon eine Thräne weinen, und den Unglücklichen mit kaltem Achselzucken verlassen. Der Baron hat ein Herz, das viel, viel werth ist, und tausend Thorheiten gut macht. Zwar – wer könnte sagen, daß er Emilien verdiene!« – Emilie erröthete wieder, und verbeugte sich. Sie wollte etwas sagen, und schwieg doch. Meinetwegen macht, was ihr wollt! sagte Frau von Koch. Ich weiß, was ich thäte, wenn ich Emilie wäre. Sein Handel mit der Mohrin, und hätte er auch sein Zimmer illuminirt gehabt; seine Kälte hier, und in allen Briefen! Ich glaube, er könnte Emilien für einen Todtenkopf vertauschen, wenn er am Kaukasus – so heißt ja wohl der Berg, wo die edelsten Menschen und, ich glaube auch der Vogel Greif wohnt? – gefunden wäre. Hilbert, ich wollte, Sie hätten einen solchen Kopf! Dann sollten sie sehen! Und Sie würden doch mit dem Tausche zufrieden seyn? – Hilbert gerieth in Verwirrung. Emilie erröthete einmal über das andere, und sagte endlich: o, Mütterchen! »Gnädige Frau, schonen Sie wenigstens Emiliens. Frei heraus! eine solche Meinung könnte dem Baron in Emiliens 146 Herzen schaden. Sie beurtheilen ihn sehr falsch. Er würde Emilien nicht für eine Welt hingeben. O wer, wer würde das! Ja, Emilie es ist unbescheiden, wenn ich Ihnen die Liebe des Barons zusichere; aber er liebt Sie in der That. Er gab sein Herz für Sie auf.« Sein Herz für mich? fragte Emilie; wie verstehen Sie das? Ich weiß zwar, daß er mich liebt; aber ... »Sein Herz, Emilie! Er gab Ihnen unendlich viel: das Leben seiner Iglou, des Mädchens, das sein Leben gerettet hatte.« Mich dünkt, es war umgekehrt, erwiederte Emilie. – So scheint es mir auch, sagte Frau von Koch. »Das wurde es, als Iglou mit einer Größe, die ich ewig bewundern werde, sich für ihn hingab. Er wäre ein Unmensch gewesen, wenn er dagegen ausgehalten hätte. Emilie, er sagte Ihnen damals: ich gebe Ihnen viel! Er hat Ihnen viel gegeben. Seine Briefe sind kalt; aber sein Herz ist es nicht. Doch, verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich mich an Sie wendete. Der Streit gilt ja nur die Frau von Koch.« Wenigstens wünsche ich, sagte Frau von Koch mit Kopfschütteln, daß es anders wäre. – Emilie und Hilbert seufzten zu gleicher Zeit, und errötheten, als ihre Blicke einander begegneten. Emilie ging auf ihr Zimmer, und träumte. So hatte nun selbst Hilbert ihre leisen Hoffnungen zerstört, die Hoffnungen, die sich auf des Barons Kälte gründeten! Sie nannte zwar ihre Empfindungen nicht Hoffnung; aber es that ihr doch weh, sie zerstört zu sehen. So edel es auch von 147 Hilbert war, des Barons Rechte zu vertheidigen: so fand doch Emilie seinen Edelmuth diesmal sehr strafbar. Wohl denn! sagte sie; so will ich den Baron lieben! will, was Hilbert wünscht, kalt gegen ihn seyn! – Sie hielt Wort, und that noch mehr, als das; sie wurde nicht nur kalt gegen Hilbert, sondern auch empfindlich, oft sogar ein wenig bitter. Und nun war es auf einmal, als ob sich alles gegen ihre Meinung verschworen hätte. Es kam ein Brief von dem Baron, den folgenden Posttag wieder einer, und so immer fort. Emilie wurde mit Briefen überschüttet, und alle athmeten die höchste Leidenschaft, die heißeste jugendlichste Liebe. Der Baron klagte mit dem tiefsten Schmerze über seine Entfernung von Emilien, und aus manchen Stellen blickte sogar Verzweiflung hervor. Der Celten erwähnte er kaum mehr; auch suchte er nicht länger die Domherren auf. Er lebte in der wildesten Gegend auf dem Hundsrück; da benetzte er die Felsen mit seinen Thränen, und wünschte sich hinab in die Mosel, um seinen Schmerz über die Trennung von Emilien in den Wellen endigen zu können. Ja, sagte die Frau von Koch, Hilbert hat doch Recht! Das sind noch Briefe an dich, wie sie seyn müssen, Emilie! Konnte der wunderliche Mensch nicht immer so schreiben? Die lese ich mit Vergnügen! Emilie schien von dem Geiste des Widerspruches beseelt zu seyn. In des Barons ersten kalten Briefen fand sie, trotz dem, was die Koch auch sagte, noch immer Wärme genug; in diesen feurigen aber wollte sie die heiße Leidenschaft schlechterdings nicht finden. Sie studierte die Briefe recht 148 absichtlich, um eine kalte Wendung darin zu entdecken; und zu gleicher Zeit war sie doch so boshaft, Hilberten zu sagen: Sie haben Recht gehabt; der Baron liebt mich. Lesen Sie diese Briefe von ihm! – Hilbert las sie, und schwieg. – Ihr Schweigen, Hilbert, – das habe ich Ihnen schon abgemerkt – sagt immer nicht viel Gutes. Ich bitte um Ihre Meinung, lieber Hilbert. »Der Baron verzweifelt darüber, daß er von Ihnen entfernt ist; und er darf nur Postpferde nehmen, um seine Verzweiflung zu endigen!« Sie halten also diese Briefe für erkünstelt, für affektirt? Frau von Koch ist nicht Ihrer Meinung; sie wartet mit Ungeduld auf jeden Posttag. Hilbert hatte wirklich Recht. Die Briefe waren weiter nichts, als Folgen von einem neuen Einfalle des Barons. Er hatte einen neuen Französischen Roman, die Geschichte zweier Liebenden in Briefen, bekommen. Seine Phantasie wurde, als er das Buch las, ergriffen. Ein solches Buch schreiben, oder einen solchen Roman spielen: – welches von beiden war die interessanteste Idee? Spielen und schreiben zugleich. Emilie – so träumte er – habe ihn ein Jahr lang von sich verbannt; er verzweifle, suche die wildeste Gegend im Gebirge auf, und schreibe da zwischen den Felsen. Hätte Emilie den Roman gekannt, sie würde ganze Stellen daraus in Flamings Briefen wiedergefunden haben. Emilie fühlte sich durch diese leidenschaftliche Sprache doch ein wenig gerührt, und auch ihre Briefe wurden wärmer. Der Baron freute sich wie ein Kind, seinen Roman so 149 hübsch in Gang gebracht zu haben, und es ahnete ihm nicht, daß seine ersten so kalten Briefe noch einen zweiten Roman eingeleitet hatten, der zwar sehr geheim, selbst ohne Wissen der Helden, aber doch sehr lebhaft gespielt wurde. Hilbert schwieg, wachte sogar über seine Blicke, war nie mit Emilien allein, und vertheidigte den Baron, und dessen Rechte auf ihr Herz; aber – er seufzte, so oft er das that. Ganz kalt, unbefangen und arglos sprach er einige Zeit mit Emilien vom Wetter, von dem Garten, von ihren Kanarienvögeln; und plötzlich, wenn er sie einmal lange ansah, fing er an unruhig zu werden, verlor den Zusammenhang, und sprach mit bebender Stimme. Er ging unter dem ersten besten Vorwande hinaus in den Garten. Emilie stand dann heimlich am Fenster, sah ihn zwischen dem nackten Gebüsch auf und nieder gehen, die Hand an die Stirn legen, oder sein Auge trocknen; und – was das Seltsamste war – sie sah das mit einer Art von geheimen Vergnügen: auch sie fühlte ihr Herz ungestüm schlagen, auch sie legte ihre Hand an die Stirn, und hatte Thränen in den Augen. Hilbert kam endlich heiter wieder; und nun nahm Emilie seine Rolle: sie erröthete, seufzte, war unstät, ungleich, ging auf ihr Zimmer, und endigte da jedes Mal mit einem Strome von Thränen. – Bisher hatte Emilie nur gewußt, daß Hilbert sie liebe; aber jetzt kam sie in gewissen Augenblicken auf den Gedanken, daß auch sie Hilberten liebe. Sie bebte, rang die Hände, weinte; und dieser Kummer gab ihr neuen Muth. Nach einem solchen Augenblicke schwor sie dem Baron jedes Mal unverbrüchliche Treue, und fühlte sich wirklich 150 stark genug, den Schwur zu halten. Dann beruhigte sie sich wieder, und sagte zu sich selbst: »bin ich nicht eine Thörin, daß ich vor einem Schatten zittre! ich fürchte, daß die Liebe des armen Hilbert mein Mitleiden zu sehr erregen möchte; und nenne dieses Mitleiden Liebe.« So war sie wechselsweise ruhig und unruhig, zufrieden mit sich und unzufrieden; und so gewöhnte sie sich immer mehr an ihr Verhältniß zu Hilbert, und an den Umgang mit ihm. Ihre Betrachtungen über des Barons Benehmen gegen sie, gegen Iglou, und über seine kalten Briefe, füllten ihre Brust mit leisen Hoffnungen. Sie hing diesen zwar nicht weiter nach; aber ihr Betragen gegen Hilbert bekam doch dadurch etwas Vertrauliches, und sie schien jetzt ruhiger, als sie war. Hilbert selbst hatte vorher bei ihrer Unruhe manchmal den Gedanken gefaßt, daß sie ihn heimlich liebte; doch diese Ruhe, dieses unbefangene Vertrauen gegen ihn, benahm ihm den Gedanken wieder. In seinen Schmerz darüber mischte sich – zu seiner Ehre – dennoch Freude und Zufriedenheit. » Sie fühlt doch die Qualen nicht, die ich fühle!« sagte er. Nun kamen zärtliche Briefe von dem Baron, und Emiliens Unruhe zeigte sich aufs neue. Sie hielt diese Briefe, was auch Hilbert über sie urtheilen mochte, für Beweise von des Barons Liebe; natürliche Eitelkeit, und die Furcht, daß es so seyn möchte, überredeten sie davon. Jetzt brach aber ihre Liebe, die bis dahin auf Hoffnungen in ihrem Herzen verborgen geruhet hatte, gewaltsam hervor, da des Barons Brief ihr alle diese Hoffnungen raubten. Sie fühlte 151 sich zum ersten Male unglücklich; fühlte deutlich und bestimmt, daß sie Hilberten liebte, und überließ sich nun zum ersten Male ohne Widerstand diesem Gefühle. Jeder neue Brief schlug ihre Hoffnungen noch mehr nieder, und vergrößerte zugleich ihre Liebe, ihren Kummer. Alles Vertrauen, alle Unbefangenheit gegen Hilbert verschwand; sie wurde einsylbig, wortarm, unruhig, heftig, empfindlich, bitter sogar, wenn sie mit ihm sprach. Oft standen ihre Augen ohne alle Ursache voll Thränen; sie hörte nicht, was er sagte, und unterbrach ihn, wenn er etwas Munteres erzählte, auf einmal mit einem Seufzer. Sie mochte gern allein seyn, und ließ sich, wenn Hilbert da war, nicht sehen; doch, blieb er einen Tag weg, so war sie an das Fenster gebannt, und starrte auf den Weg hin, den er kommen mußte. Kurz, sie beging alle Thorheiten der Liebe. Aber auch Hilbert wurde von ihr mit in den Sturm der Leidenschaft hinein gezogen. Alle Tage nahm er sich vor, ruhig zu bleiben, und blieb es Anfangs auch so ziemlich. Er that, als sähe er die Thränen in Emiliens Augen nicht, erzählte fort, wenn sie auch nicht zuhörte, und nahm, wenn sie sich gar nicht sehen ließ, alle seine Stärke zusammen, aufmerksam mit der Frau von Koch Piket zu spielen. Frau von Koch merkte seine Unruhe wirklich nicht, und sagte am Abend zu Emilien: Hilbert kann doch alles, und alles vortrefflich! Er hat heute wieder gewonnen! Emilie war darüber verdrießlich, und maulte ein wenig. Sie hielt Hilberts Ruhe für ein Verbrechen, und ahndete es mit Kälte, die dann gewöhnlich zu einer empfindlichen Bitterkeit wurde. 152 Hilbert bemerkte die Veränderung, die mit Emilien vorgegangen war, und legte sie, wie gewiß jeder Mann in seinem Falle, zu seinem Vortheile aus. Mit Entzücken sah er sich geliebt, und hätte sich gern Emilien zu Füßen geworfen; aber – er dachte an den Baron, und erstarrte. Zwar führte ihm seine Leidenschaft sehr bald Gründe vor, mit denen er seine Liebe vertheidigen konnte; doch er war gewohnt, sich an die alten Vorstellungen von Gerechtigkeit und Pflicht zu binden. Nach einem sehr langen Kampfe mit sich selbst, rief er laut, und heftiger, als er jemals gewesen war: »ja, ich liebe sie! Auch das ist vielleicht schon unrecht; aber, was es mir auch kosten mag – und ich fühle, es wird mir vielleicht alles kosten –: ich werde nie ungerecht seyn! Die Leidenschaft soll meine Vernunft nicht überwältigen! ... Emilie ist Flamings Eigenthum. Wie erworben, wie verdient: das kümmert mich nicht. Sie ist sein Eigenthum, und soll es bleiben!« Mit diesem Vorsatze brachte er seine Leidenschaft freilich nicht zur Ruhe; aber er fühlte doch auf einmal die Stärke, ihr nicht nachzugeben. Er ging nach Büdesheim, setzte sich zu Emilien, und erzählte ihr Geschichtchen aus der Nachbarschaft, so daß er selbst über seine Stärke erstaunte. – Wie eitel ist der Mensch! Gewöhnlich treibt er auch den kleinsten zweideutigen Triumph zu weit. Hilbert faßte Emiliens Hand, was er lange nicht gethan hatte, und fühlte, daß sie ein wenig zitterte. Noch verlor er den Muth nicht; er schlang seinen Arm um ihren Leib, und erzählte dabei gleichgültig eine Anekdote. Emilie sah ihn an, als ob 153 sie zuhörte. Auf einmal brachen Thränen aus ihren Augen, und ihr Busen flog. Sie sprang auf, und sagte schmerzlich: Sie spotten meiner! Diese Worte brachten Hilberten völlig um seine Ruhe, um seine Stärke. »Spotten, Emilie?« sagte er mit einem Gesichte, auf dem der Schmerz nicht zu verkennen war. »Ach, wenn Sie wüßten, wie viel dieser Spott mir kostet; Sie würden ...« Er hielt inne, und schlug die Augen nieder. Auch Emilie heftete schweigend ihren Blick auf den Boden. Beide seufzten, und wendeten sich trostlos von einander ab. Wohl hundertmal hatten sie Beide den Vorsatz, sich zu vermeiden, oder doch wenigstens kalt gegen einander zu seyn; und eben so oft brachen sie ihn wieder. In einer Stunde wechselten sie zwanzigmal die Rollen. Jetzt war Hilbert kalt, ruhig, besonnen; und Emilie unstät, empfindlich, bitter. Dann wurde Hilbert weich, traurig, zärtlich, und Emilie in eben dem Grade kalt, streng, ruhig, bis er endlich die Geduld verlor, und nun ebenfalls empfindlich, bitter wurde. So liefen sie unaufhörlich in dem Kreise von guten Vorsätzen, die der eine brach, wenn der andere sie hielt, vor und hinter einander her. Beide marterten sich ab mit Entschluß und Reue; und am Abend gestanden sie heimlich sich selbst ihre Schwäche. Die Liebe führte sie nach und nach immer näher zusammen. Jeden Tag wurde ihr Herz weichlicher, ihre Standhaftigkeit geringer, ihr Muth schwächer, ihre Unruhe größer, und die Vorwürfe ihres Herzens leiser. Sie sahen schon das Ende voraus, und zitterten davor. An jedem Morgen sagte 154 Hilbert: »heute ist vielleicht das Bubenstück schon vollbracht, und der Baron von mir betrogen!« und Emilie: heute entdeckt er mir vielleicht sein Herz; und, ach! ich fühle, daß ich treulos seyn werde! Ich Unglückliche! Noch einmal trat die Tugend, in Iglou's Gestalt, wie ein drohender Engel, vor sie hin. Hilbert fand eines Tages Emilien nicht zu Hause, weil sie mit der Frau von Koch ausgefahren war. Iglou sagte zu ihm: Emilie läßt dich bitten, sie zu erwarten. Sie sah ihn bei diesen Worten starr an; und der edle Hilbert konnte ihren Blick nicht ertragen. Er reichte ihr erröthend von der Seite die Hand, und sagte mit Kopf schütteln: »wenn ich die Stärke hätte« – Iglou sah ihm, als er abbrach, noch einmal starr ins Gesicht, und sagte langsam, feierlich: du bist ein Mann! – Er seufzte, und eilte, wie in Verzweiflung, auf Emiliens Zimmer. Dort stützte er in großem Schmerze die Stirn in die Hand. Um sich von seinen quälenden Gedanken loszumachen, griff er nach Beschäftigung. Er blätterte in Iglou's Papieren, die gerade neben ihm lagen. Eine stark unterstrichne Stelle fiel ihm auf. Er las sie, und seine Seele wurde von Entsetzen ergriffen. Iglou hatte die Stelle in der Zeit ihrer Verzweiflung abgeschrieben, weil sie zu ihrem Herzen, zu ihren damaligen blutigen Vorsätzen paßte. Sie hieß: patet exitus; si pugnare non vultis, licet fugere Ihr habt einen Ausweg; wollt ihr nicht kämpfen, so könnt ihr doch fliehen. . Er ließ zitternd die Papiere fallen, und ihm war, als ob sein Schutzgeist diese 155 Worte donnernd in seine Seele gerufen hätte. Bleich, starr, vergehend, stand er da. »Fliehen!« brachte er endlich mit bebender Stimme hervor, und eilte aus dem Zimmer. Er begegnete Iglou, und umfaßte sie mit solcher Heftigkeit, daß sie erschrak. »Patet!« rief er; »du hast recht, Iglou!« Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinunter, durch den Garten, und nach Hause. Als Emilie zurückkam, fragte sie nach Hilbert, und erfuhr, daß er schon weggegangen wäre. Er war heute so seltsam, sagte Iglou noch; so sehr seltsam! Eine Stunde lang wartete er auf dich; dann kam er mit rollenden Augen, bleich, umarmte mich heftig, und eilte nach Hause. Emilie antwortete nur: »so?« ging auf ihr Zimmer, und sah nach ihm aus dem Fenster. Anstatt seiner, kam bald sein Bursche mit einem Papier in der Hand. Das fiel ihr aufs Herz, und sie eilte in den Garten, dem Burschen entgegen. Ohne zu fragen, riß sie ihm das Billet weg, erbrach es und las die Worte, die eine zitternde Hand geschrieben hatte: »Emilie, ich muß fort! ich muß! Ihre und meine Tugend zu retten. Leben Sie wohl. Ach, ich breite meine Arme nach Ihnen aus; und dann möchte ich sie gegen mein eignes Herz, gegen mein Leben wenden! Eine wüthende Leidenschaft hält und treibt mich. Ach! wohin! Wollte doch der Himmel, in die Arme des Todes! Leben Sie wohl! Hilbert.« Emilie hatte, als sie das las, dem Burschen den Rücken zugekehrt. Jetzt, da sie den Geliebten verlieren sollte, erwachte bei ihr die Leidenschaft auf einmal in voller Stärke. »In die Arme des Todes!« seufzte sie nach, und ihre Augen 156 wurden dunkel. Sie hielt sich an einem Zweige. Durch den Sturm, der in ihrer Seele tobte, hörte sie, wie aus der Ferne, die Frage: bekomme ich Antwort? Sie wendete sich um, sagte Ja, lief in ein Gartenhaus, nahm eine Bleifeder, und schrieb, ohne zu denken: »Gehen Sie nur! Sie werden mich tödten, Undankbarer! Gehen Sie! Ich will unglücklich seyn!« Sie schlug das Billet zusammen, drückte es mit der Oblate wieder zu, und gab es dem Burschen. »Lauf! gieb das deinem Herrn! Sag ihm ... Lauf! gieb ihm das! Ich bitte dich, lauf!« – Mein Herr, erwiederte der Bursche, mit einem starren Blicke auf sie, will noch heute abreisen. – »Nein, das wird er nicht!« sagte Emilie; »das soll er nicht! Darum lauf; eile!« – Der Knabe lief in vollen Sprüngen. Nach und nach, als der erste Taumel vorüber war, besann Emilie sich; und nun schlug ihr das Herz vor bittrer Reue. Zwar wußte sie nicht, was sie in dem Billet geschrieben hatte; aber sie hätte alles darum gegeben, wenn es wieder in ihrer Gewalt gewesen wäre. Sie rang die Hände, weil Reue, Scham, Verdruß und Angst sie quälten. Mit heißeren Thränen, mit heftigerem Schmerze ist nie ein Vergehen gebüßt worden als jetzt Emiliens Untreue. Ihre Gewissensangst wurde so groß, und ihr Puls flog so fieberhaft, daß sie sich zu Bett legen mußte, wo sie sich tausendmal den Tod aufrichtig wünschte. Das ganze Haus kam in Aufruhr; Iglou knieete weinend an Emiliens Bette, und Frau von Koch wollte einen Arzt holen lassen. Emilie betheuerte aber mit ungewöhnlicher Heftigkeit: sie würde sterben, wenn ein Arzt käme. In der 157 Angst wußte Frau von Koch nicht, was sie thun sollte. Sie schickte heimlich zu Hilbert, und ließ ihn bitten, sogleich herüber zu kommen, weil Emilie sehr krank geworden wäre. Das allein fehlte noch, um die Leidenschaft der Liebenden auf den höchsten Grad zu treiben. Hilbert hatte Emiliens Zettel schon bekommen, und die wenigen Worte mischten in seine Verzweiflung die höchste Freude. Es war ein unbeschreiblicher Tumult in seinem Herzen; denn nun wußte er gewiß, daß sie ihn liebte. Er ließ die Pferde wieder abbestellen. Sein Bursche sagte: das meinte das gnädige Fräulein auch. »Was?« rief Hilbert heftig; »was meinte das Fräulein?« Der Bursche antwortete erschrocken: ei nun, als sie Ihr Billet gelesen hatte, und so blaß war, daß es einen Stein hätte jammern mögen – sehen Sie, die Augen standen ihr so starr, als ob sie todt wäre, und doch flog die Brust, als ob sie ihr das Herz zerschlagen wollte –: da sagte ich in der Angst, Sie wollten abreisen; und da rief sie: nein! das soll er nicht! – O, bleiben Sie doch hier! Hilbert wendete sich ab. Er las das Billet wieder, fiel auf die Kniee, und schwor, nun nichts als seine Liebe hören zu wollen. Dann schlug er sich vor die Stirn, nannte sich einen Bösewicht, schwor, Emilien nicht wieder zu sehen, und bedeckte dabei die Buchstaben, die ihre Hand geschrieben hatte, mit Küssen und Thränen. Dazwischen rief er: »patet exitus! das hat mein Schutzgeist gerufen! Ich muß fort!« So tobte er von Entschluß zu Entschluß, und blieb. Nun kam der Bote der Frau von Koch. Kaum hatte Hilbert die Worte gehört: Emilie ist sehr krank geworden; so 158 eilte er schon zum Zimmer hinaus, warf sich auf des Boten Pferd, und sprengte vom Hofe hinunter. Es war schon sehr spät, als er nach Büdesheim kam. Ach, lieber Hilbert, hob Frau von Koch an, als sie ihn empfing. Er ließ sie nicht ausreden. »Krank? sehr krank?« fragte er mit schrecklichen Blicken. »Wohl schon todt!« setzte er mit ängstlicher, bebender Stimme hinzu. Frau von Koch antwortete lächelnd: ich bedaure, daß ich Ihnen den Schrecken verursacht habe. Emilie hat sich erholt, und schläft jetzt. Gewiß, lieber Hilbert! Sie sollen es sehen. Kommen Sie! – Als sie Emiliens Thür aufmachten, winkte Iglou ihnen zu, da sie still seyn möchten. Hilbert trat an das Bett, horchte auf ihren Athemzug, seufzte tief, und sagte ängstlich: »sie ist so roth!« Frau von Koch wollte ihn wieder mitnehmen; aber er war nicht wegzubringen. Sie sagte endlich scherzend: nun, lieber Hilbert, wenn Sie wachen wollen, meinetwegen! Iglou ist ja hier, und es brennen zwei Lichter! Machen Sie den Baron ja nicht zum Lügner! Die Erinnerung an den Baron kam sehr zu unrechter Zeit. Hilbert faßte die Hand der Frau von Koch, und sagte schmerzhaft: »o, schonen Sie meiner!« Aber, erwiderte Frau von Koch; was thu' ich denn? Nun, meinetwegen; ich will den Baron nicht mehr nennen. Da liegen Bücher. Aber kein Wort mit Iglou, das sag' ich Ihnen! Emilie könnte sonst aufwachen. Hilbert sah kein Buch an, und bemerkte Iglou kaum; seine Blicke waren starr auf Emiliens verschlossene Augen und auf ihre sich sanft hebende Brust gerichtet. Er wollte 159 vor Wehmuth vergehen. Nach Mitternacht war auch Iglou auf dem Sofa sanft eingeschlummert, und Hilbert saß noch immer in seiner ersten Stellung. Jetzt machte Emilie eine Bewegung, und legte sich auf die Seite, mit dem Gesichte zu ihm gekehrt. Er erschrak, stand auf, und beugte sich über sie hin. Endlich knieete er an dem Bette nieder, um sich das Behorchen ihres Athems bequemer zu machen. Emiliens zarte, weiße Hand lag vor ihm auf dem Bette. Er berührte, als er eine Weile so geknieet hatte, leise mit einem Finger ihren Puls, und zählte Schlag an Schlag mit großer Freude. In dem Gefühle seiner Wonne vergaß er sich, und legte sanft seine Lippen auf ihre Hand. Jetzt öffnete Emilie mit einem tiefen Seufzer die Augen. Sie erschrak und wollte schon aufschreien; doch schwieg sie, hoch erröthend, als er mit dem Tone der höchsten Ehrerbietung und der innigsten Zärtlichkeit, »Emilie!« sagte. »Emilie!« wiederholte er noch einmal, und legte seine nassen Wangen auf ihre Hand. Ach, Hilbert! seufzte sie leise, und verbarg ihr glühendes Gesicht in das Küssen. »Nein, Sie können mir nicht vergeben! sagte er wehmüthig. Emilie drückte ihm leise die Hand, hob langsam ihr Gesicht auf, und warf durch ihre Thränen einen furchtsamen Blick auf ihn. Er sah sie wehmüthig lächelnd an. »Sie sind krank, Emilie; und durch meine Schuld!« Er beugte sich wieder auf ihre Hand, und so fest, daß sie ihm mit dieser Hand kein Merkmahl der Verzeihung geben konnte. Sie erhob die andere, und legte sie um seinen Nacken. Er richtete sich auf, und sah mit Entzücken sich auf einmal von ihrem Arm umfangen. » Emilie!« 160 sagte er schnell, streckte seine Arme nach ihr aus, und umfaßte sie. – Hilbert! Hilbert! sagte sie seufzend. Sein Nahme sollte ein Vorwurf seyn; aber er wurde ein Seufzer der Liebe. Sie hing entzückt in seinen Armen; ihre Lippen an den seinigen. »Und nun! nun!« hob er leise, aber mit festem Tone an – »nun, o Himmel, laß mich sterben! Ich habe an Emiliens Herzen geruhet!« – Nicht sterben! seufzte sie leise, legte die zarte Hand an seine Wange, und betrachtete ihn mit verschämten, und doch lächelnden, traulichen Blicken. In Beider Augen schwamm die Wonne der befriedigten, glücklichen Liebe: in den seinigen mit Dankbarkeit, in den ihrigen mit zarter Scham gemischt. Je länger sie einander betrachteten, desto dunkler wurden nach und nach ihre Blicke. Bald schlug Emilie die Augen nieder, schüttelte schwermüthig den Kopf, winkte verneinend mit der Hand, und seufzte: ach, ich Undankbare! Sie drängte langsam Hilberts Hand von sich weg, und drückte sie dabei zärtlich. Lassen Sie mich, Hilbert! sagte sie nun; und die Scene endigte sich, weil Iglou anfing laut zu gähnen. Hilbert setzte sich, und Emilie verschloß die Augen. Iglou kam vorsichtig näher, und fragte: schläft sie noch immer? Hilbert zeigte auf Emilien. Iglou befühlte sanft ihre Hand, und sagte besorgt: sie hat große Hitze. Höre, wie schnell die Brust klopft! Hätte Iglou nicht Hilberten angesehen, so würde sie bemerkt haben, wie Emilie erröthete. Sie führte nun Hilberten fast mit Gewalt auf den Sofa, daß er schlafen sollte, und setzte sich an Emiliens Bett. Endlich war der Morgen da, und nun kam Frau von Koch. Emilie 161 versicherte, sie wäre gesund; Iglou hingegen sagte mit großer Lebhaftigkeit: sie ist noch krank; denn sie hat die ganze Nacht geseufzt, und sich im Bette hin und her geworfen. Doch Emilie bewies bald, daß sie gesund war; sie stand auf. Als sie dann zu der Frau von Koch kam, die Hilberten mit auf ihr Zimmer genommen hatte, glänzte eine schöne Röthe auf ihren Wangen, und ihr Auge brannte in ungewöhnlichem Feuer. Frau von Koch sagte: du bist sehr krank , Emilie, oder sehr gesund . Bist du krank, so bitte den Himmel, daß er dich immer so bleiben läßt; denn du bist schön wie ein Frühlingsmorgen, schön wie die Liebe. Die arme Emilie wußte nicht, wohin sie die Augen wenden sollte. Das Gefühl der befriedigten Liebe füllte ihre ganze unschuldige Seele aus. Sie war so glücklich, daß die Unruhe über den Baron die Wonne, unter der sie sonst erlegen wäre, gleichsam nur bis zum Genusse mäßigte; und dann hatte sie sich ja in der Morgenstille vorgenommen, mit dem frohen entzückenden Genusse dieser Nacht zufrieden zu seyn, und nichts mehr zu wünschen. Ich bin nun einmal glücklich gewesen, sagte die gute Emilie, ehe sie aufstand, leise vor sich und mit gefalteten Händen: nun weiß ich ja, wie sehr ich geliebt bin, und auch er weiß, wie unaussprechlich ich ihn liebe. Von nun an will ich dem Baron treu seyn. Sie fühlte sich so glücklich, daß sie in ihrer unschuldigen Einfalt glaubte, sie bedürfe zu ihrem Glücke nichts weiter als das Andenken an diese Stunde. Nun wollte sie dem Baron ja wieder treu seyn, nie wieder ihre Arme um den geliebten Hilbert schlagen. 162 Alle ihre Begierden waren jetzt befriedigt. Eine einzige Stunde hatte sie für ihr Herz gehabt; ihr ganzes übriges Leben sollte nun dem Baron und der Treue gewidmet seyn. Dieser Entschluß, den sie gleichsam betend faßte, und der ihr so leicht auszuführen schien, söhnte sie mit sich selbst aus, und machte das Glück in ihrer Brust fester; daher kam sie mit dem heitersten, vergnügtesten Gesichte zu Hilbert und der Frau von Koch in das Zimmer. Hilbert, der ganz etwas Anderes von dem reitzbaren Gewissen des frommen Mädchens erwartet hatte, der schon glaubte, ihre Augen würden in Thränen seyn, ihre Brust unaufhörlich seufzen, und der vor ihrem ersten Anblick zitterte, – Hilbert erstaunte, als er ihr frohes Auge bemerkte. Er ging ihr entgegen, und küßte ihr die Hand. Sie lächelte ihm zu, wie ein segnender Engel, und sagte ihm: »lieber Hilbert!« mit einer Stimme, worin die Liebe so hörbar war, daß er einen furchtsamen Blick auf die Frau von Koch warf. Noch mehr erstaunte er aber, als Emilie ganz offen sagte: ich bin sehr glücklich! gewiß, sehr glücklich! Er küßte ihr noch einmal die Hand, im Grunde nur, um seine Verlegenheit zu verbergen. Aber was war dir denn, liebe Emilie? fragte die Koch, die sich herzlich freuete, daß sie ihre Freundin wieder so gesund und heiter sah. – Ich weiß es selbst nicht, erwiederte Emilie lächelnd. Sie setzte sich mit froher Miene an ihre Arbeit, und warf von Zeit zu Zeit einen dankbaren Blick auf Hilbert. Frau von Koch ging einmal hinaus; und nun näherte sich Hilbert Emilien, nahm ihre Hand, und sagte: 163 »wie glücklich bin ich!« – Auch Sie, Hilbert? Ich bin es sehr. Sie stand mit lächelndem, frohem Blicke auf. Hilbert breitete, überwältigt von so vieler Liebe, seine Arme aus, sie zu umfassen; aber sie trat einen Schritt zurück. Nein, Hilbert! von nun an gehöre ich dem Baron. Ich bin glücklich gewesen, und werde es ewig bleiben. Seyn Sie nur mein Freund! – Hilbert ließ die Arme sinken, und konnte dem Grunde von Emiliens Fröhlichkeit nicht auf die Spur kommen. Endlich sagte er: »Emilie, Ihr Wille muß mir ewig ein Gesetz seyn. Verlangen Sie, daß meine Hand nie wieder die Ihrige berühren soll, so gehorche ich, und wenn es mir auch mein Leben kosten sollte.« – Die Hand? erwiederte Emilie freundlich; die Hand kann ich Ihnen ja geben, Hilbert. (Sie faßte seine Hand, und drückte sie.) Seyn Sie mein Freund, mein Bruder; aber mein Herz gehört von nun an dem Baron. Ich werde meinen Entschluß ausführen können; denn Sie sehen ja, daß ich so ruhig bin. – Hilbert sah sie lange an. »Emilie, ist es so, dann sind Sie allmächtig. O, welch ein Geschöpf, welch ein Herz hab' ich dann verloren!« – Verloren, Hilbert? Nicht doch! Ich bin Ihre Freundin. Lassen Sie uns glücklich seyn! Hilbert stand wie bezaubert vor diesem Mädchen, das mit einer glühenden, alles wegreißenden Leidenschaft, wie mit einem Vogel am Bande, spielte, und so ruhig lächelte, indeß Er in dem Sturme der Leidenschaft erliegen zu müssen glaubte. »Welch ein Herz!« dachte er; »welch eine Kraft! welch ein Charakter! Ach, dies Mädchen liebt mich; und ich muß es verlieren!« – Aber Emilie spielte nur einen 164 Augenblick mit dieser verzehrenden Leidenschaft, und war gerade so glücklich wie ein Kind, das jauchzend in die Hände klatscht, wenn es die Flammen sieht, durch die seine Ernährer zu Bettlern werden. Sie fand zu ihrem Erschrecken bald, daß ihr Herz, ihre Liebe, Hilberten zugehörte, und dem Baron weiter nichts als ihre Dankbarkeit, ihr Wohlwollen. Nun verdrängten wieder Reue und Gram das Glück aus ihrer Brust, das ihre nichts Böses ahnende Unschuld auf kurze Zeit hervorgezaubert hatte. Sie sah sich als den hülflosen Raub der Leidenschaft, die sie verabscheuete; und, was ihren Schmerz noch schärfte, was ihrer Reue den spitzesten Dolch gab, war der Gedanke, daß Hilbert, wenn sie ihn nicht zurückgehalten hätte, abgereist wäre. Hilberten sah sie also mit hoher einfacher Großmuth im Lichte der Unschuld, und nur sich als Verbrecherin. Ein Ungefähr leitete sie auf den Gedanken. Sie fragte Hilberten einmal in einer ruhigen Stunde, gleichsam als scherzend: ob er denn wohl wirklich abgereist seyn würde, wenn sie ihm nicht einige Zeilen mit Bleistift geschrieben hätte. Er antwortete bestimmt Ja, weil er aus der Frage nichts Arges hatte; und nun versank Emilie in einen tiefen Gram, dessen Ursache sie Anfangs selbst Hilberten verschwieg. Als er sie endlich erfuhr, entstand ein rührender Kampf der Großmuth zwischen den beiden Liebenden, da jeder die Schuld des Andern tragen wollte. Sie untersuchten, wie vielen Theil jeder von ihnen an ihrem Vergehen hätte; und dabei lernten sie denn, wenn auch sonst nichts, doch wenigstens, welche unmerkliche Kleinigkeiten die 165 Leidenschaften erregen und das Glück oder Elend eines ganzes Lebens bestimmen. Noch immer kämpften sie Beide gegen ihre Leidenschaft; doch, eben wenn sie glaubten, ihrem Zwecke näher zu kommen, wurden sie aufs neue weggerissen: wie zwei Menschen, die mit den stürmenden Wellen des Meeres ringen, jetzt das Land erreichen, schon jauchzen wollen, und von einer neuen Welle noch weiter in das Meer zurückgeworfen werden. Hilbert berührte zuweilen den Gedanken an Trennung. Emilie sagte nichts dazu; aber ihre Augen standen dann in Thränen, und ihr Kummer wurde unbeschreiblich. Ach, ihre Leidenschaft schien ihr ewig; und so war es ein Trost für sie, mit ihm elend zu seyn. Des Barons Nahme wurde nicht mehr genannt, weil er Beiden die Losung zum größten Schmerze war; doch desto öfter rief ihn ihr Herz in den stillen einsamen Stunden, und dann durchfuhr allemal ein Schwert ihre Seele. Durch den ewigen Kampf mit der unbesiegbaren Leidenschaft ermattet, verlor Hilbert zuerst den Muth, gegen sie zu kämpfen. Er ließ sich vom Sturme treiben, und bekam nun mehr Ruhe, doch ach! nur die Ruhe der finstersten Verzweiflung. Emilie behielt noch den Muth, sich selbst aufopfern zu wollen. Sehen Sie, Hilbert, sagte sie einmal mit feierlichem Tone, mit schlagender Brust, und zum Himmel gehobenen Armen: kommt der Baron zurück, so geb' ich ihm meine Hand, und – das schwör' ich Ihnen bei Gott! – nicht ein Seufzer soll ihm verrathen, was es mir kostet. Ich bin sein, werde seine Gattin, und mache ihn 166 glücklich. Er muß es nicht ahnen, wie unglücklich ich bin. Mein Elend soll tief hier im Herzen wohnen, keine Klage über meine Lippen kommen, und noch mein letzter Blick ein Lächeln für ihn seyn! Hilbert, das habe ich fest beschlossen. Hilbert schwieg. Sein Kopf war voll von Planen, Emilien die Seinige nennen zu können, und wohl hundert schienen ihm einen glücklichen Erfolg zu versprechen; doch nie hatte er den Muth, gegen Emilien nur von fern den Wunsch zu äußern, daß sie dem Baron ihre Hand entziehen möchte. Auf einmal zeigte sich wieder ein neuer Schimmer von Hoffnung. Die Briefe des Barons, die bisher so häufig gekommen und so lang gewesen waren, wurden jetzt selten und kurz. Diese Veränderung erfolgte nicht stufenweise, sondern plötzlich, auf einmal; und die Ursache davon war unbegreiflich. Emilie fürchtete, daß Iglou dem Baron ihre Liebe verrathen haben möchte; doch auch das war unwahrscheinlich. Iglou sah wohl zuweilen Emilien bedenklich an, wenn sie Hilberten in einer leidenschaftlichen Stunde bei ihr antraf; aber sie hatte gar keinen Begriff davon, wie man etwas anderes als den Baron lieben könnte, und glaubte, die ganze Natur müsse ihre Empfindung mit ihr theilen. Auch gab sie zu wenig auf Emilien Acht. Sie saß ganze Tage bei ihrer Laute, und bei Lateinischen Schriftstellern; denn Flaming verlangte es ja. Überdies war sie selbst in allen Stücken so leidenschaftlich, daß ihr Emiliens Betragen, so lange sie nichts Bestimmtes wußte, gar nicht auffallen 167 konnte. Sie liebte Hilberten nächst dem Baron am meisten. Wenn sie bei ihm saß, ihm ihre Schicksal erzählte, und er dann sagte: »ich sehe wohl, armes Kind, warum du deinen Herrn so liebst!« so warf sie sich heftig in seine Arme, und vergoß Thränen an seinem Herzen. Fand sie nun auch Emilien und Hilberten einmal in Thränen, Beide in Gram versenkt, oder hingerissen von der Heftigkeit ihrer Liebe, so schien ihr das weiter nichts Besonderes. Wirklich hatte sie keine Schuld an des Barons kurzen Briefen, die auch überdies gar kein Mißtrauen verriethen. Man sann lange nach, und fiel nicht darauf, daß diese Briefe einer von den gewöhnlichen Streichen des Barons seyn könnten. Er schrieb lange zärtliche Briefe, als er den neuen Roman las. Nun fand er auf einmal eine Stelle, worin der Verfasser es geradezu für das Zeichen von Dummheit erklärte, wenn jemand gern und lange Briefe schreibt. Diese Behauptung war paradox; der Baron griff sie daher sogleich auf, und schrieb nun Emilien nur selten, und kurze Zettel. Natürlicher Weise wurden diese Zettel auch kalt, und Emiliens Hoffnungen stiegen. Aber endlich enthielt eins von diesen Blättchen die schreckliche Nachricht, daß er an seine Rückreise denke. Emilie wurde bleich, als sie das las. Auch Frau von Koch las den Zettel, und betrachtete nun Emilien lächelnd. »So blaß? und dein geliebter Baron kommt zurück? ... Nun Emilie, ich habe deinem Spiele lange zugesehen. Hast du mir nichts zu entdecken?« Nichts, Mütterchen. 168 »Auch nicht, daß du vor der Ankunft des Barons zitterst? nicht, daß du Hilberten liebst?« Nein, auch das nicht! sagte Emilie entschlossen. »Auch nicht, wenn ich dir verspreche, daß du Hilberts Frau werden sollst?« Auch dann nicht, Mütterchen; denn ich werde Flamings Frau. Gewiß, ich gebe ihm meine Hand, und nichts in der Welt könnte mich bewegen, sie Hilberten zu geben. »Du hast dich gewiß mit Hilberten gezankt!« Gezankt mit ihm? ... Doch da ist er ja selbst. Hilbert, der Baron kommt zurück. (Hilbert wurde bleich, wie vorher Emilie, und Frau von Koch lächelte.) Wer erhält meine Hand, Hilbert? – Ohne Stocken, aber mit einem tiefen Seufzer, antwortete Hilbert: der Baron! Frau von Koch machte große Augen. »Hört, Kinderchen, ich glaube, ihr wollt euch wohl gar bitten lassen, einander zu heirathen! Denkt ihr denn, ich habe nichts gesehen? Und wenn ich auch nichts gesehen hätte – du wirst bleich, Hilbert wird bleich bei der Nachricht; und ...« Mütterchen, sagte Emilie feierlich; was Sie auch gesehen haben – und wenn die Erde unter mir in Trümmer fiele, ich gäbe dennoch dem Baron meine Hand. »Aber, Emilie, höre doch nur!« Nein, Mütterchen, ich habe darüber nichts zu hören. Gott ist mein Zeuge, ich gebe dem Baron meine Hand.« Darf ich Sie bitten, Emilie, sagte Hilbert sanft, die Frau von Koch wenigstens auszuhören? »Emilie, ich weiß, daß du Hilberten liebst, und daß du mit 169 dem Baron unglücklich seyn wirst. Ich verspreche dir, die Sache so einzurichten, daß es scheinen soll, als rührte sie von dem Baron selbst her. Laß mich nur machen! Ich kenne ja seinen Edelmuth!« Und seinen Edelmuth, seine Güte sollte ich mißbrauchen, ihn zu betriegen? Nein, Mutter! Wenn jemand ihm nur ein Wort sagte, was es auch wäre – glauben Sie mir, die Verzweiflung könnte mich tödten. Thun Sie es ja nicht! Hilbert, ich entsage Ihnen feierlich; denn ich gehöre dem Baron ... Wie, Hilbert? Sie schweigen? Hilbert sagte leise: »Sie fordern es, Emilie. Wohl, ich entsage Ihrer Hand. Werden Sie denn, was Sie seyn wollen, des Barons Gattin!« Er wendete sich ab; und alle Drei vergossen Thränen. Frau von Koch wollte noch Einwürfe machen; aber Emilie drohete so feierlich mit dem Allerschrecklichsten, daß jene ihr heilig versprach, dem Baron nicht ein Wort zu sagen. Trostlos gingen sie aus einander. Emilie folgte Hilberten in den Garten, und lange saßen Beide schweigend unter einem blühenden Apfelbaume. – Wie die Blüthen fallen! fing Emilie endlich wehmüthig an, und reichte Hilberten ein Blüthenblatt hin. »Ach, so schnell!« sagte Hilbert ... »Wahrhaftig, man sollte sie nicht abreißen und zertreten!« setzte er bitter hinzu. Geht das nicht auf mich, Hilbert? Ich liebe den Baron nicht; ich liebe Sie . Gewiß sterbe ich vor Gram, wenn ich des Barons Gattin werde; aber dennoch werde ich es. Hilbert, lassen Sie uns die letzten Augenblicke nicht mit Bitterkeit 170 verderben! Ich bin, was Sie auch sagen mögen, fest entschlossen. Und, Hilbert, – wäre ich Ihrer werth, wenn ich anders dächte? Noch einmal ... »Wohl! ich werde dem Baron sagen: Emilie liebt mich, ich liebe Emilien; und dann, wenn er will, mögen die Blüthen fallen!« Sie fallen, Hilbert, sie fallen gewiß! sagte Emilie mit nassen Augen, doch fest. Ich werde dem Baron sagen: Hilbert irrt sich; ich fühle nichts als Freundschaft für ihn, und liebe ihn nicht! ... Die Blüthen fallen gewiß! »Emilie, das wollten Sie dem Baron sagen? das könnten Sie?« Es würde mein Herz zerreißen; aber dennoch sagte ich es ihm. Zwingen Sie mich nicht dazu! Hilbert stand trostlos auf. »Emilie, ich beschwöre Sie, zerbrechen Sie nicht muthwillig auch Ihr Herz! Das meinige mögen Sie zerbrechen!« Er ging in großer Bewegung einige Schritte abwärts an das Ufer der Nieder, die von dem Regen im Gebirge hoch angeschwollen war. Ganz nahe am Ufer blieb er stehen. Emilie erschrak vor dem Lächeln, mit dem er das reißende Wasser betrachtete. Sie verstand den Blick und seine innere Bewegung. Hilbert! sagte sie: nicht so! treten Sie von dem Ufer weg. – Hilbert gehorchte ohne Affektation. Ich weiß, sagte Emilie, Sie würden das nie. – »Nie!« versicherte Hilbert fest. – Aber mich ängstet es schon, daß Sie etwas Ähnliches nur denken könnten. – Hilbert lächelte. »Es kann einen Schmerz geben«, sagte er, »der den Menschen da hinabstürzt. Aber das ist nicht mein 171 Schmerz, Emilie. Dann muß der Mensch sich selbst erst verlassen haben. Obwohl ...« – setzte er, die Hand an die Stirn legend, hinzu: – »denn, was ist der Mensch!« fuhr er, wie vor sich selbst, fort. »O Emilie, ich habe einen Unglücklichen gesehen. ... Gott behüte Sie und mich vor diesem Drucke unseres Schicksals! ... Emilie, ich muß Sie noch Einmal fragen: thun Sie recht? thue ich recht, daß ich schweige? ... Ich habe einen Unglücklichen gesehen, Emilie, den wahrscheinlich eine hoffnungslose Liebe ...« – Er faßte mit Wildheit ihre Hand. Emilie fragte. Hilbert stand an, ob er ihr weiter etwas sagen sollte. Sie drang in ihn. Seine Erzählung erregte ihre ganze Aufmerksamkeit; sie bestand darauf, den Unglücklichen selbst zu sehen, und Hilbert führte sie nun zum Garten hinaus. Kaum waren sie fort, so trat Iglou, die das ganze Gespräch der beiden Liebenden mit Erstaunen gehört hatte, aus dem Gebüsche hervor. »Ist es möglich?« sagte sie finster vor sich. »Sie betriegen den edelsten aller Menschen? ... Und dies Herz, dies treue Herz, das nichts kennt als ihn, hat er verworfen!« – Sie stand ernst an dem Flusse da. »O, abscheulich! Hier!« (sie betrachtete sehnsuchtsvoll den Fluß.) »Ich möchte, wovor Emilie zitterte! ... Nein, ich versprach ihm, zu leben. Er wollte mich nicht verstoßen; und er verstieß mich doch! Hat Er auch sein Wort gebrochen – ich will es halten!« Sie ging langsam durch den Garten in das Haus zurück, und sah von oben aus dem Fenster den Liebenden nach. Ihr fiel wieder ein, daß Hilbert gesagt hatte: dort lebt 172 ein Unglücklicher! Sie gab genau Acht, welchen Weg Beide gingen, und sah endlich, daß sie auf einem Holzwege im Hochholze verschwanden. Trauernd ging Hilbert neben Emilien her, ohne ein Wort zu sprechen. Eine unglückliche Liebe? fragte Emilie ihn von Zeit zu Zeit. Er führte sie durch Gebüsch fort, bis in den dicksten, finstersten Theil des Waldes, der zu seinem Gute gehörte. Hier, in einem schauerlichen Kreise von Bäumen, pfiff er laut; und es kam ein Jäger. »Was macht dein Wilder?« fragte Hilbert. Der Jäger zuckte die Achseln, und erwiederte: er bleibt noch immer so, wie er war. »Können wir ihn unbemerkt sehen?« O ja, wenn Sie mir nur folgen wollen. »Weißt du noch nicht, wer er ist?« Das ist unmöglich von ihm zu erfahren. »Du behandelst ihn doch so, wie ich dir gesagt habe: gütig, sehr gütig? Sieh ihn ja an wie mich selbst, Wilhelm!« Er hat ganz seinen Willen; aber er mag keine von den Bequemlichkeiten, die ich ihm tausendmal angeboten habe. »Ich sage dir Wilhelm, behandle ihn ja gütig!« O, lieber Herr Hilbert, das thäte ich auch ohne Ihren Befehl. Unglücklicher kann ja kein Mensch auf Erden seyn als dieser. Es thut ihm niemand etwas zu leide. Der Jäger führte sie durch Umwege seinem Hause zu, um einiges Gebüsch weg. Sehen Sie! sagte er nun auf einmal; und zehn Schritte von ihnen saß der Unglückliche, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt. Das Gesicht des 173 langen, hagern Mannes konnte ehedem sogar schön gewesen seyn; jetzt aber war es verfallen, die Haut gelb und gespannt. Die Haare hingen ihm verwirrt um die Stirn; sein Rock war ohne Farbe und zerrissen, der ganze Anzug unordentlich. Den Elbogen hatte er auf das Knie gestützt, und die Wange in die Hand gelegt, als ob er tief nachsönne. Er machte weiter keine Bewegung, als daß er das Gesicht aus einer Hand in die andere legte, um sich die Stellung so zu erleichtern. So sitzt er ganze Tage, flisterte der Jäger. – Aber wer ist er? fragte Emilie. – Das weiß niemand. Er spricht immer nur ein Paar Worte, und, wenn er es vermeiden kann, gar nicht. Was er genießt, reicht kaum zu, das Leben hinzuhalten. Er schläft auf Stroh, und im vorigen Sommer, als er hier ankam, schlief er meistens sogar unter freiem Himmel. Im Winter wäre er erfroren, wenn ich ihm nicht auch Nachts das Stübchen hätte heitzen lassen. Ich habe ihm oft das Bett angeboten, das Sie ihm geben wollen; allein er schüttelt den Kopf, und wirft sich wieder auf sein Stroh. Wie kam er hierher? fragte Emilie. Eines Abends, entgegnete der Jäger. Es war ein fürchterliches Wetter; der Regen goß in Strömen, und es donnerte Schlag auf Schlag. Die Hunde fingen auf einmal an zu bellen. Da kam der Mensch an die Thür. Ich erschrak, als ich sein Gesicht sah; aber doch nahm ich ihn auf. Er forderte Brot. Ich gab ihm, was übrig geblieben war; doch er aß nur Brot, und trank Wasser dazu. Das Wetter hörte nicht auf; ich mußte ihn bei mir behalten. Und nun blieb er 174 von der Stunde an, ohne mich eigentlich zu fragen. Er legt mir von Zeit zu Zeit ein Goldstück ins Fenster, vermuthlich als Bezahlung für seinen Unterhalt. Ich habe nicht die mindeste Last von ihm; er kostet in Essen und Trinken nicht so viel wie ein Jagdhund. Der Wilde – so nannte ihn der Jäger – veränderte seine Stellung nicht, als sie näher traten. Der Jäger redete ihn an: Guten Morgen! Der Wilde nickte mit dem Kopfe, ohne aufzusehen. – Nimm dich in Acht! es ist noch zu feucht am Boden. Setze dich doch dort auf die Bank; die habe ich ja für dich machen lassen. – Es ist gut! antwortete der Unglückliche mit ernstem, halb ersticktem Tone. – Sieh dich doch um, Wilder! Hier ist mein Herr; er meint es gut mit dir. – Der Mann wendete sich langsam um, sah Emilie mit einem scheuen, furchtsamen, starren Blicke an, und richtete sich dann langsam auf. Emilie trat mit einer Art von Ängstlichkeit hinter Hilberten. Er sah ihr starr nach, sagte traurig: o, fürchten Sie Sich nicht! und schien nun sein Nachdenken anzuspannen. Nein, sagte er dann leise vor sich hin: sie ist es nicht! ... Nein! nein! rief er mit Heftigkeit, schlug die Arme über einander, ging langsam der Bank zu, und setzte sich in seine alte Stellung. Hilbert trat mit Emilien hinter ihn, und bat sie leise, ihn anzureden. Emilie sagte: wir sind hier, dem Unglücklichen Trost zu geben. Er blickte um sich, verfinsterte die Stirn, und sagte murmelnd: Gott! nur Einsamkeit! ... O, ich bitte Sie! hob er nun mit einer heftigen Bewegung an, und zeigte auf Emilien. 175 Dann seufzte er tief: ach! seyn Sie menschlich! lassen Sie mich allein! und ging langsam in das Gebüsch. Emilie und Hilbert kehrten zurück. Eine unglückliche Liebe ist das nicht, sagte Emilie unterweges sehr bedeutend. – Hilbert schwieg. – Ich bitte, Hilbert, fing sie aufs neue an: reden Sie. Nein, dahin kann eine Liebe, wie die Ihrige, nicht führen. Wir können trauern, aber nicht verzweifeln. So kann die Tugend nicht sinken. – Hilbert umfaßte sie, und sagte versichernd: Sie haben Recht. Wir werden trauern, aber nicht unglücklich seyn. – Ach, sagte Emilie: wenn ich den Baron betröge, dann Hilbert, dann wäre ich unglücklich. Sie gingen nun beide schweigend neben einander her, Beide entschlossen, der Tugend das Opfer zu bringen. Als Emilie auf ihr Zimmer kam, fiel sie Iglou um den Hals, und sagte: Ach; ich habe einen Unglücklichen gesehen! Eine hoffnungslose Liebe macht ihn elend! Ich bitte dich, Iglou, nimm deine Laute. Spiele mir das sanfteste Lied, das du weißt. Ich bin sehr traurig. – Iglou nahm die Laute, und spielte eine sanfte, klagende, aber beruhigende Melodie; dann sang sie mit ihrer schönen, rührenden Stimme ein Lied, das sie selbst auf ihren Schmerz gemacht hatte. Der Sonne helles Strahlenlicht, Des Mondes lächelndes Gesicht sieht meine Thränen fließen. Die hoffnungslose Liebe wacht, Umhüllet mich die Mitternacht 176 Mit ihren Finsternissen: Doch fällt die Reue nicht mit Dolchen an mein Herz; Mein Herz war treu! leicht ist der Liebe Schmerz! Höre auf! rief Emilie, und nahm traurig dem Mädchen die Laute aus der Hand. Deine Töne zerschlagen mein Herz. Ich bitte dich, schweig! – Iglou umfaßte sie mit Zärtlichkeit, und sagte in großer Bewegung: Emilie, verletze die Treue nicht; dann ist dein Leben nicht hoffnungslos! Emilie legte ihre Wange an Iglou's Brust, als wollte sie von dem treuen Herzen des Mädchens Treue lernen. Dann richtete sie sich auf, trat in die Mitte des Zimmers, blickte mit den großen, blauen, in Thränen schwimmenden Augen gen Himmel, und rief: mein Herz ist treu! leicht ist der Liebe Schmerz. Sie ging nun im Zimmer auf und nieder, und kämpfte mit sich selbst. Ihr Auge wurde heiter. Sie ging an den Schreibtisch, und schrieb an Hilbert: »Von diesem Augenblick an, Hilbert, bin ich das heilige Eigenthum des Barons. Wenn Sie die Ruhe des Gewissens, – ach! wird die Reue sie mir wieder geben! – wenn Sie den Schmerz einer Unglücklichen achten, so sagen Sie mir niemals wieder das Wort Liebe. Emilie.« Sie schlug das Papier zusammen, und bat Iglou, es Hilberten zu geben, der im Garten war. Er las es, hielt es lange vor seine nassen Augen, nahm dann ein Bleistift, und schrieb darunter: »Wohl denn, Emilie! Seyn Sie ruhig. Ich will von Ihnen ruhig seyn lernen. Leben Sie wohl.« Hilbert reichte Iglou die Hand, sagte ziemlich gelassen: 177 »Grüß Emilien von mir«; verließ nun eilig den Garten, und kam gar nicht wieder. Frau von Koch schmälte über Emiliens Eigensinn, als sie bemerkte, daß Hilbert ausblieb. Emilie antwortete darauf nur: »es mußte so seyn, liebe Mutter!« – Das Opfer war gebracht, und Emilie fühlte sich in den ersten Tagen wirklich ruhiger. Sie blieb viel allein, und dankte dem Himmel, daß selbst Iglou ihres Schmerzes schonte, und häufig abwesend war. Als Frau von Koch ihr erzählte, daß Hilbert nach Frankfurt abgereist sey, sagte sie lächelnd: »Gott Lob, daß er nicht in dem Hochholze lebt! Er ist ein edler Mann! ...« Mütterchen, überlassen Sie mich nur wenigstens fürs erste der Einsamkeit. Gott! nur Einsamkeit! sagte der Wilde. Jetzt sehe ich, was er damit meinte. – Frau von Koch verstand sie nicht. Iglou fragte Emilien nach dem Unglücklichen, den sie gesehen hatte. Emilie erzählte ihr mit einigen Worten, was sie wußte, und Iglou's Herz wallte von Mitleiden über. Sie erkundigte sich näher nach ihm bei Hilberts Jäger, und ihr Mitleiden wurde immer größer. Als sie nun nachforschte, was man gethan hätte, den Unglücklichen zu trösten, hörte sie, daß man nichts aus ihm bringen könnte. Sie fragte, wie man mit ihm gesprochen habe, und sah nun bald, daß mehr Neugierde als Mitleiden die Menschen geleitet hatte. Hilbert war viel zu sehr mit seinem eigenen Unglücke beschäftigt gewesen, als daß ihn ein fremdes so sehr hätte interessiren können. Iglou kannte das Unglück aus eigner Erfahrung. Hülfe , 178 sagte sie mitleidig, würde mein gebrochenes Herz nicht geheilt haben. Nein! ich bedurfte eines Herzens , um das meinige daran ruhen zu lassen; ich bedurfte zärtlicher Liebe. Die heilte mich; die erhielt mich aufrecht bei dem drückenden Gefühle, von allen Menschen um mich her gehaßt zu seyn. – Sie beschloß, dem Unglücklichen im Walde ihr Herz, ihre Liebe zu bringen. Er spricht mit Niemanden, sagte der Jäger; er antwortet nicht; kurz, er fliehet alle Menschen wie die Sünde. Iglou sann auf ein Mittel, das gefühllose Herz des Unglücklichen erst wieder des Trostes bedürftig und empfänglich zu machen; und dieses Mittel fand sie endlich in ihrer Laute. Ach, sagte sie, die Musik lös't das vertrocknete Gefühl in Thränen auf, mildert den Kummer, macht den Menschen des Menschen und seiner Liebe bedürftig und fähig. Ich will es versuchen, das kranke Herz des Unglücklichen zu heilen; ich will wiedergeben, was ich empfangen habe. Sie ging gegen Abend, mit ihrer Laute unter dem Arme, dem Hochholze zu. Der Jäger zeigte ihr von weitem den Unglücklichen, der unter seinem Baume in der gewöhnlichen Stellung saß. Iglou setzte sich in einiger Entfernung von ihm nieder, hob einen sanften Trauergesang an, und hatte dabei immer den Unglücklichen im Auge. Als sie anfing zu spielen, schien er nichts zu hören; aber bald erhob er langsam den Kopf, doch ohne das Gesicht nach ihr hin zu wenden. Nun fing Iglou auch an, den Klagegesang eines Unglücklichen zu singen, worin sie aber die Anspielungen auf einzelne Umstände mit allgemeinern Empfindungen 179 vertauschte. Kaum hatte sie eine Zeile gesungen, so ließ der Wilde den Kopf auf die Brust sinken, legte die Hand an die Stirn, und saß so ohne Bewegung da. Iglou hörte auf, und legte die Laute in ihren Schooß. Der Wilde wendete sein Gesicht nun nach der Gegend hin, wo Iglou saß. Sie fing wieder an zu singen und zu spielen; aber sehr leise. Iglou schwieg, und ging auf einer anderen Seite näher zu ihm. So wie sie aufs neue anfing zu singen, wendete er sein Gesicht zu ihr, und horchte. Nach einer Stunde verließ Iglou den Wald, ohne ihn angeredet zu haben. Am Abend fragte er den Jäger: was war das heute? – Was denn? – Die Musik. – Der Jäger sagte, er hätte nichts gehört. Am andern Morgen kam Iglou wieder, und spielte. Nach einiger Zeit stand der Wilde auf, und sah sie an. Sie that erst, als merkte sie ihn nicht, und sang zu ihrer Laute fort; dann aber stand auch sie auf, ging neben ihm weg, und sagte sanft zu ihm: die Musik thut dem wunden Herzen wohl; ich stille meinen Kummer damit. – Er schüttelte den Kopf, und ging. Iglou setzte sich unter den Baum, wo er zu sitzen pflegte, und spielte aufs neue. Er näherte sich allmählich, und endlich stand er nahe bei Iglou. Sie fragte: thun die Töne auch deinem Herzen wohl? Ich bin unglücklich, wie du! – »Hast du einen Menschen ermordet?« fragte er in einem gräßlichen Tone. Iglou sprang voll Schrecken auf, als sie das hörte; und er entfernte sich langsam. Ermordet? sagte Iglou ängstlich, und mit Thränen in den Augen. Sie ging zitternd zu dem Försterhause, und ließ sich 180 von dem Jäger nach Hause begleiten. O, ich dachte, er wäre unglücklich, sagte sie; und er ist ein Mörder! Nein, ich gehe nicht wieder hin. Nach einigen Tagen kam der Förster zu Iglou, und erzählte ihr: der Wilde habe ihn gefragt, wo sie geblieben sey. Sie ist fort! hatte der Jäger gesagt; und der Wilde erwiederte: alles, alles fort! Mich verläßt alles! Das rührte Iglou unaussprechlich. Nein, sagte sie; ich will dich nicht verlassen, Unglücklicher! Wie dein Schutzgeist will ich um dich schweben, und den bösen Dämon von dir abhalten. – Sie ging sogleich mit dem Jäger nach dem Walde. Ermordet! dachte sie unterweges. Aber wer weiß, wie? unter welchen Umständen? Ach, und braucht nicht selbst des Verbrechers Herz den Trost der Tugend, um die Tugend zu lieben? Nein, ich will ihn nicht verlassen! Das Verbrechen hat sein Herz zerbrochen; die Tugend soll es heilen. – Er saß auf der alten Stelle. So wie er den ersten Ton der Laute hörte, wurde er aufmerksam, kam näher, und setzte sich einige Schritte weit von Iglou in das Gebüsch, als ob sie ihn nicht sehen sollte. Iglou spielte und sang: Reue löscht Verbrechen aus, Und versöhnt den Himmel! Reue, Reue wäscht den Mord Von den blut'gen Händen. Sieh, die Rache hebt den Dolch Hoch für das Verbrechen; Doch die Reue führt die Hand, Und die Rache segnet. 181 Flieh Verbrecher! zitternd flieh! Mörder! flieh, verzweifle! Donnernd weckt vergoßnes Blut Die entschlafne Rache! – Sieh, sie folgt dir, hebt den Dolch! Weine und bereue! Reue löscht Verbrechen aus, Und versöhnt den Himmel! Sie hatte kaum geendigt, da hörte sie den Wilden schon sanft weinen. Er stand auf, näherte sich Iglou, warf sich ihr zu Füßen, und rief mit ängstlichem Tone, wie der Todesverbrecher Gnade ruft: »Reue löscht Verbrechen aus, und versöhnt den Himmel!« Iglou schien ihm ein Engel des Himmels zu seyn, der ihm Vergebung ankündigte. Er küßte ihr die Hand, die sie ihm hinreichte. Komm, sagte Iglou sanft; setze dich zu mir. Ich will dich trösten, armer Unglücklicher! – »Reue löscht Verbrechen aus?« fragte er wild und heftig; »auch mein Verbrechen? auch meins?« Auch deins! erwiederte Iglou beruhigend. – »Nein, nein!« sagte er zweifelnd. Iglou lockte sanfte Töne aus ihrer Laute; und seine wilden Blicke wurden ruhiger, sein Auge vergoß Thränen. Endlich stand sie auf. »Kommst du wieder?« fragte er betrübt. Ich verlasse dich nicht, antwortete sie, und reichte ihm die Hand. Er faßte sie zitternd, und sagte eifrig: »vergiß die Laute nicht!« Iglou erwiederte: ich vergesse sie nicht. – Begleite mich aus dem Walde. 182 Iglou glaubte ihn unterweges in ein Gespräch verwickeln zu können; aber dazu war es noch zu früh. Er ging stumm neben ihr her, hielt ihre Hand, und sah sie mit ehrerbietigen Blicken von der Seite an. Sie sagte ihm: morgen komme ich wieder; aber du mußt mich hier erwarten. Er versprach es. Als Iglou ging, sah er ihr nach, und kehrte dann langsam und traurig in den Wald zurück. Er erkundigte sich bei dem Förster nach Iglou; doch dieser versicherte ihm, daß er sie nicht kenne. Nun versuchte er einige Male ihren Gesang nachzusingen; und als er nicht konnte, sagte er ungeduldig: »ach, wenn ich eine Flöte hätte!« In Burggräfenrode lag eine Flöte, die Hilberten gehörte. Der Förster holte sie; doch gab er sie dem Wilden nicht, weil Iglou ihn gebeten hatte, nichts ohne ihr Wissen zu thun. Am folgenden Morgen ging der Wilde Iglou entgegen. Sie kam, mit der Laute im Arme. Der Förster näherte sich in dem Augenblicke, da der Wilde Iglou wieder verließ, sagte ihr dessen Verlangen nach einer Flöte, und steckte ihr die aus Burggräfenrode zu. Iglou spielte den gestrigen Gesang; und der Wilde horchte mit heitern Blicken. Nun zog sie die Flöte hervor, und sagte: Spiele; ich will singen. Der Wilde sah Iglou mit Erstaunen an, nahm die Flöte zitternd, wollte hinein hauchen, und vermochte es nicht. Iglou that, als ob sie es nicht bemerkte. Sie spielte ihm die Melodie noch einige Male vor; und endlich blies er die beiden letzten Reihen mit: »Reue löscht Verbrechen aus, Und versöhnt den Himmel!« 183 Es war, als ob ein neues Leben ihn beseelte, so wie er die Töne hervorbrachte. So ging Iglou täglich auf eine Stunde zu ihrem Wilden, und es gelang ihr, durch Mitleiden und Liebe seine Verzweiflung abzustumpfen; doch über seinen Kummer konnte sie niemals Herr werden. Er blieb immer gleich traurig, und schwieg hartnäckig über die Ursache seines Grames. Indeß gelang es dem zärtlichen Mädchen, ihn mit der Flöte zu beschäftigen; sie lehrte ihn Lieder, die zu seiner Empfindung paßten. Er spielte sie ganze Tage lang, wurde gesprächiger, redete wieder mit dem Förster, nahm allerlei kleine Arbeiten im Hause vor, und fing sogar an, sich reinlicher zu kleiden. Sein Verstand hatte nicht gelitten; aber durch Schweigen, Einsamkeit, und ewiges Brüten über das Eine Bild, das ihm ohne Zweifel immer vor Augen schwebte, war er geschwächt. Er glich jetzt einem Kinde, nur nicht an Unschuld und Heiterkeit. Iglou stellte neben das schwarze, schreckliche Bild seines unbekannten Verbrechens die frohe, lichte Gestalt der Hoffnung, und zwar mit solchen Farben gemahlt, wie sie auf sein schwaches Auge wirken konnten. Die höchste Weisheit hätte nichts Besseres thun können, als was hier das Mitleiden eines gutherzigen Mädchens that; doch, ist nicht Menschlichkeit immer Weisheit? Ein kummervolles Herz weiß den Unglücklichen am sanftesten zu behandeln. Der kalte Weise würde den Wilden aufgesucht, und, wenn er auch herausgebracht hätte, was den Armen drückte, ihm gesagt haben: beruhige dich, Unglücklicher; verzweifle nicht! Der Mensch kann 184 fallen; aber Reue versöhnt alle Verbrechen. Das wäre kaum in des Wilden Ohr, und gewiß nicht in seinen Geist gekommen. Doch Iglou, die weiche, selbst verlassen gewesene Iglou, trat, wie ein Geist aus höheren Weiten, neben ihn hin. Ihre sanften Lautentöne öffneten erst das starre Herz des Verzweifelnden, und lockten erleichternde Thränen aus seinen Augen. Sie suchte sein Herz nicht, und fand es eben darum. Als er erweicht, und jedes Eindruckes fähig war, blieb ihr die Ursache seiner Leiden nicht verborgen. Sie sagte ihm nicht, was ihn trösten könnte, sondern sang es ihm in einer herzlichen Melodie mit den einfachen Worten zu: »Reue löscht Verbrechen aus!« Diese Worte drangen, auf den Schwingen der Musik, als hätte sie ein Engel vom Himmel herab gesungen, in sein Herz; er glaubte dem anscheinenden Zufalle, was er der Weisheit nicht geglaubt haben würde. – Der Unglückliche will ja nicht bloß einsehen ; er will fühlen , was ihn trösten soll. O, laßt uns, wenn wir der Vernunft den Thron der Erde geben, nicht vergessen, daß wir Menschen sind, und dem Herzen eben so viele Tugenden, eben so viel Glück verdanken als der Vernunft! Iglou hatte sein Herz geöffnet, und mit ihrer milden, tröstenden Stimme wieder Gefühl in seine kalte Brust gehaucht. Nun gab sie ihm eine Beschäftigung, die ihm Bedürfniß war, und durch die sein Herz geheilt werden konnte: die sanfte Flöte. Die Verzweiflung hatte ihn zu einem Kinde gemacht; Iglou verlangte nicht mehr von ihm, als er seyn konnte, und behandelte ihn als ein Kind. Sie 185 lehrte ihn Lieder, band ihn durch Güte, Liebe und Theilnahme an sich, und sprach wenig mit ihm über seinen Zustand; aber immer hatte sie eine Thräne für seinen Gram, ein Lied für seine Zweifel, eine Melodie, die seine Gewissensangst verjagte. Ihm fehlte nun nicht länger ein menschliches Geschöpf, das er lieben konnte; und ein Mensch, der noch ein fremdes Herz lieben kann, verzweifelt nicht. Iglou war so ganz mit dem Wilden beschäftigt, daß sie kaum mehr an Emilien und Hilbert dachte; daher bemerkte sie nicht, wie still Emilie jetzt für sich hin lebte. Hilbert war fort, und nun nagte der Gram verborgen, aber gewaltig, an Emiliens Herzen. Frau von Koch schwieg jetzt ebenfalls gänzlich; denn Emilie hatte für sie immer nur die Antwort: ich werde Flamings Gattin. Die Koch berief sich auf des Barons kurze und kalte Briefe; allein Emilie war durch Hilberten überzeugt worden, daß man sich bei dem Baron auf nichts der Art verlassen könne. Kurz, Emilie blieb ihrem Gram überlassen. Aber Frau von Koch war, ob sie gleich schwieg, gar nicht Willens, ruhig bei dem Handel zu bleiben. Sie fing damit an, daß sie alle Zettel des Barons auffing, an denen Emilie in der That nichts verlor. Das völlige Ausbleiben aller Briefe von dem Baron sollte Emilien wieder eine kleine Hoffnung geben; und ihr Gram wurde in der That dadurch vermindert. Frau von Koch hatte indeß noch andere Absichten bei dem Auffangen der Briefe. Sie wollte den Baron sprechen, ehe Emilie ihn sähe; und dann sollte auch Emiliens 186 Stillschweigen – denn natürlicher Weise schrieb auch sie ihm nicht, da sie keine Briefe von ihm erhielt – bei dem Baron die Idee rege machen, daß sie doch wohl untreu werden könnte. Darauf hatte sie ihren Plan gebauet. Die gute Frau von Koch! Endlich bestimmte Flaming den Tag seiner Ankunft in Büdesheim. Frau von Koch bat Hilberten schriftlich, er möchte doch dann und dann nach seinem Landgute gehen und einige Tage da bleiben. Die Antwort verbat sie sich; aber sie verlangte Gehorsam und Verschwiegenheit. An dem Tage, da der Baron ankommen wollte, wußte Frau von Koch Emilien zu einer Reise nach Friedberg zu bereden. Emilie fuhr ab, und nahm Iglou mit. Nun will ich doch sehen, sagte Frau von Koch triumphirend, ob es mir mißlingen soll! Ich müßte den Baron nicht kennen! Und wahrhaftig, es möchte meinethalben auch ein Andrer seyn; ich wollte hier mit jedem Manne fertig werden. Der Baron kam an, und Frau von Koch empfing ihn. »Wo ist Emilie? wo Iglou?« Nicht hier, und aus Absichten nicht hier. Hören Sie, lieber Baron, Niemand in der Welt kennt das menschliche Herz so wie Sie. Es haben sich hier, indeß Sie weg gewesen sind, Dinge zugetragen ... Der Baron wurde blaß. »O Gott, Emilie ist todt! Jetzt seh' ich es. Sie hat nicht geantwortet!« Sie lebt, und ist gesund; aber sehr unglücklich. Wenn ich Sie nicht als den alleredelsten Mann kennte – in der That, so würde ich das arme Mädchen von Herzen beklagen. 187 »O, ich bitte Sie, schnell! Was ist ihr? Sagen Sie.« Lieber Baron, Sie sind ein Mann, den ich schon lange wegen seiner Stärke, wegen seiner Standhaftigkeit bewundert habe. Mit Ihnen kann man aufrichtig verfahren, wo man mit jedem Andern erst Umschweife machen müßte. »O, so seyn Sie doch aufrichtig! Mein Gott, man kann ja wahrhaftig nicht mehr Umschweife machen als Sie! Ich bitte Sie: wo ist Emilie?« Frau von Koch irrte sich schon zu Anfange ganz und gar in dem Baron, da sie seine Eitelkeit rege machen wollte. Er hatte Eitelkeit; aber nur, wenn sein Herz nicht in Bewegung war. Sie lobte seine Menschenkenntniß, seinen Edelmuth, seine Standhaftigkeit; und er hörte nicht darauf: denn Emilie war unglücklich. Nun fuhr sie schon mit mehr Verlegenheit fort: Emilie liebt einen Andern ... mit Einem Worte, Hilberten. – Der Baron erschrak, und wurde bleich wie die Wand. »Liebt einen Andern?« wiederholte er langsam, und blickte zu Boden. Doch auf einmal sah er die Frau von Koch lächelnd und heiter an. »In der That«, sagte er; »Sie haben mich doch auf einen Augenblick aus dem Gleichgewichte gebracht. Aber, merken Sie Sich das, nur auf einen Augenblick. Wo ist Emilie? Wie konnte ich das nur eine Sekunde lang glauben?« Wie, lieber Baron? Sie wollen es nicht glauben? »Nein, so wenig als wenn Sie mir sagten, ich liebte Emilien nicht mehr.« Ich schwöre Ihnen aber ... »Und ich glaube Ihnen nicht.« 188 Lieber Baron ... »Es ist gar nicht möglich, gnädige Frau!« Aber ... »Ich sage Ihnen, es ist nicht möglich!« Sie liebt ... »Mich, mich! keinen Andern auf der Erde!« Herr Baron, wollen Sie mich anhören? »Anhören wohl, aber nicht glauben.« Nun so lassen Sie mich ausreden! Zuerst kamen – Sie sind selbst Schuld an Emiliens Schwäche – zuerst kamen Ihre Briefe, die Abhandlungen über Gott weiß was, enthielten; dann ... »Emilie hat doch das alles aufgehoben? Es wäre ein unersetzlicher Verlust, wenn sie es verloren hätte!« Sehen Sie, Emilie schloß aus diesen Briefen, aus Ihrer Begebenheit mit Iglou, aus Ihrer Kälte, als Sie noch hier waren – aus dem allen schloß sie, und zwar mit Recht, daß sie Ihre Liebe nicht mehr hätte. »Das haben Sie Sich nur eingebildet, meine liebe Freundin. Emilie weiß von dem Allen nicht ein Wort.« Aber, Herr Baron, wie können Sie denn das so sicher behaupten? »Ereifern Sie Sich nicht, gnädige Frau. Ich sage Ihnen, Sie haben Sich das nur eingebildet. Emilie weiß, daß ich sie liebe; sie muß das wissen, so zuverlässig wissen, als ich weiß, daß Sie Sich das alles nur eingebildet haben. Ich bitte Sie, liebe Frau von Koch, hören Sie doch nur ein einziges Mal meine Auseinandersetzung der Liebe: wie sie entsteht; 189 was eigentlich schöne Form , was die Form ist, die ich allein lieben kann. Ich will mich kurz fassen.« Verschonen Sie mich, Herr Baron! Man hört sich in der That die ewige reine Form, die subjektive Schönheit, und wie alle die Herrlichkeiten weiter heißen, zum Ekel. Lassen Sie das. »Recht gern; aber dann sind Sie auch nicht im Stande zu wissen, ob Emilie mich liebt, oder nicht.« Wahrhaftig, Herr Baron, Sie werden mich noch aufbringen! »In Gottes Nahmen denn! Reden Sie, so viel Sie wollen; nur verlangen Sie nicht, daß ich ein Wort glauben soll.« Er setzte sich. Aber, warum wollen Sie denn nicht glauben, daß Emilie einen Andern liebt? »Mit Ihnen ist wirklich recht schwer zu disputiren. Eben wollte ich Ihnen ja die Gründe sagen, warum Emilie keinen Andern lieben kann, als mich. Da mochten Sie nicht hören; und jetzt ...« Nun? so sagen Sie her! »Sehen Sie, die Form, die Gestalt, die Ausdehnung, die wir an den Gegenständen und auch am Menschen sehen, gehört nicht dem zu, an dem wir sie sehen, sondern sie liegt im Gemüthe des Betrachtenden; denn ...« Um Gottes willen, Herr Baron, sagen Sie mir das anders! Denn, wenn es auch wahr wäre, so ist es doch eine Raserei so zu reden. Sagen Sie mir das doch mit verständlichen Worten! 190 »Also, Frau von Koch, wenn Sie mir erzählten, Emilie wäre vor Ihren Augen am Platfond, mit den Füßen oben und dem Kopfe unten, umhergegangen, so würde ich sagen: das ist unmöglich; denn nach den ewigen Gesetzen der Schwere geht es nicht. Eben so unmöglich ist es, daß Emilie einen Andern liebt. Ich errege bei ihr meine Gestalt; sie bei mir die ihrige. Nun ist es unmöglich ...« Wahrhaftig, das ist doch nicht auszuhalten! Ich betheure Ihnen, so hoch ich kann: sie liebt Hilberten. »Ein Schwur macht keine Unmöglichkeit möglich.« Wollen Sie denn Hilberten glauben? »Wenn Hilbert mir sagte, Emilie sey am Platfond ...« Aber so nehmen Sie doch, mir zu gefallen, einmal an, Emilie liebte einen Andern ... »Den Fall kann ich nicht annehmen, so gern ich auch wollte. Ich kann ja nichts absolut Unmögliches als möglich voraussetzen.« Aber, lieber Baron, es wäre ja doch wohl möglich, daß Emilie Sie nicht liebte; und wenn sie nun Sie nicht liebte ... »Sehen Sie, da machen Sie das Bedingte zur Bedingung!« Lieber Gott, thun Sie mir es nur einmal zu gefallen, und nehmen Sie den Fall an. Ich bitte Sie. »Gut, gnädige Frau; ich will es thun, um aus der Sache zu kommen. So muß ich also den Fall setzen, ich wäre rasend; denn anders läßt es sich nicht machen.« Nun denn, wenn Emilie Sie also nicht liebte – was wäre die Folge davon? 191 »Die Folge? Das ist eine seltsame Frage! Folge? Das Ding hat keine Folge. Sie liebte mich nicht; das allein ließe sich sagen.« Mich dünkt, es würde doch daraus etwas folgen; zum Beispiel: würden Sie dann Emilien heirathen wollen? – Sie glaubte ihn nun gefaßt zu haben, und sah ihn scharf an. »Heirathen? Aber, in aller Welt, was für höchst seltsame Fragen können Sie thun! Man möchte die Geduld tausendmal verlieren. Heirathen, wenn ich sie nicht liebte? Ich begreife doch gar nicht, durch welchen wunderlichen Zusammenhang man nur einmal auf die Idee kommen könnte, die Frage an sich zu thun, ob man wohl ein Mädchen heirathen wolle, das man nicht heirathen wolle.« Ich sage ja nicht, ein Mädchen, das Sie nicht lieben , sondern ein Mädchen, von dem Sie nicht geliebt werden . »Aber sehen Sie denn nicht, daß das vollkommen dasselbe ist? Ich liebe Emilien, oder Emilie liebt mich. Das ist ja so eins, wie a ist gleich a.« Guter Gott, gieb mir Geduld! – So nehmen Sie mir zu gefallen noch einmal an, Sie liebten Emilien, Emilie aber Sie nicht; was würden Sie ...? »Gnädige Frau, in der That, ich stehe hier wie versteinert. Das heißt: ich soll einmal annehmen, daß ich Emilien liebe, und auch wieder nicht liebe. Lassen Sie uns doch aufhören! Genug, Emilie liebt mich ; denn ich liebe sie .« Also glauben Sie schlechterdings nicht, daß ein Mädchen einmal in ihrer Treue gegen den Geliebten wanken kann? »Treue? das ist etwas anderes! Allerdings kann die 192 Sinnlichkeit die geliebte Form leicht verdunkeln, und ein Mädchen treulos seyn.« Gott sey Dank! endlich! Nun so setzen Sie den Fall, daß Emilie die Form verdunkelt hat. War es nicht so? »Ich verstehe Sie; und das ist hinlänglich. Ich soll also den Fall setzen, Emilie sey während meiner Abwesenheit liederlich geworden.« Wer sagt das? Behüte Gott! Liederlich nicht! »Was denn?« Nun, es giebt ja ein Drittes. Ich meine, Emilie hätte nur Neigung zu Hilberten. Verstehen Sie mich? »O ja; ich soll den Fall setzen, Emilie wäre in meiner Abwesenheit nicht liederlich, aber doch wollüstig geworden, und hätte Neigung liederlich zu werden.« Aber, sie soll ihn ja nur lieben . »Lieben? – Wie oft soll ich das sagen! lieben kann sie nur mich! nur mich! Die Neigung – wenn Sie denn die thierische Empfindung so nennen wollen – die Neigung zu jedem andern Manne wäre nichts als Wollust, Hang zur Liederlichkeit. Frau von Koch seufzte; aber es war nicht anders: sie mußte ihm folgen, wenn sie ihren Zweck erreichen wollte. Gut also! Setzen Sie den Fall, Emilie wäre wollüstig geworden, ihre Sinnlichkeit hätte sie zu Hilberten gewendet, und sie bildete, von dieser Sinnlichkeit verführt, sich nur ein, daß sie Hilberten mit aller Leidenschaft liebe. Und da Sie es auf keine andere Weise hören wollen, so muß ich es Ihnen auf diese sagen: es ist so; ist in der That so! 193 Der Baron sah die Frau von Koch starr an. Endlich rief er: »Guter Gott! diese reine, fleckenlose Seele wollüstig! – O, sagen Sie mir, hat sie Hilberten oft gesehen?« Sehr oft; alle Tage. »Auch des Nachts im Finstern?« Sind Sie unsinnig, Baron? Meinen Sie, daß Emilie, daß ich ...? Wahrhaftig Sie sind von Sinnen. »Nun«, sagte der Baron gelassen; »wenn die Form sichtbar ist, so ...« Frau von Koch sah ein, daß er ihr aufs neue entschlüpfen würde; sie gab daher geschwind nach, so weh es ihr auch that, von Emilien so sprechen zu müssen. Ja, wenn sie es so meinen, mit der Form. Das Gebüsch im Garten kann freilich alle Formen verwirren, so groß ist die Dämmerung darin. Sehen Sie, die arme Emilie wußte das Geheimniß mit der Form nicht. Sie sind Schuld an ihrer Untreue. Warum sagten Sie ihr nicht vorher, daß sie mit Hilberten in der Sonne bleiben sollte! »Nicht das!« erwiederte der Baron mit Kopfschütteln. »Ach, ich glaubte, ihre Seele wäre zu rein dazu; sonst hätte sie sogleich Latein und den Generalbaß anfangen sollen. Und das soll sie noch! morgen schon! O, ich Unglücklicher!« Ich bedaure Sie in der That, lieber Baron. Aber was fragen Sie nach allem Unglück! Ein Weiser – wie heißt doch die Stelle, die Sie uns öfters angeführt haben? – Ich kann mir gar keine Vorstellung davon machen, wie ein Mann das standhaft ertragen kann! 194 »Sie haben auch Recht. Der Weise erträgt Unglück, Schande, Schmerz, Armuth, Verfolgung, und lächelt; doch er trauert, wenn eine so reine Seele zu Lastern hinabsinkt!« Aber, lieber Baron, was wollen Sie nun dabei thun? Ich ahne Ihren Entschluß schon. Sie werden großmüthig Emilien, was es Ihnen auch kosten mag, Hilberten abtreten. »Das wäre in der That sehr unweise gehandelt! Das hieße Emilien unglücklich machen! Ich will Ihnen sagen, was ich thun muß. Die Sinnlichkeit hat auf eine kurze Zeit Emilien den Anblick der reinen Schönheit entzogen. Mein Anblick wird in ihrer Seele die Sinnlichkeit ersticken, und ihre Liebe zu mir wieder erregen. Nach einiger Zeit wird sie selbst nicht begreifen, wie sie hat glauben können, Hilberten zu lieben.« Ich sage Ihnen, lieber Baron, Sie irren Sich sehr. Emiliens Leidenschaft ist so stark, daß keine Macht ihr Herz von Hilbert losreißen wird. Und in diesem Falle? »Über Ihre wunderlichen Voraussetzungen! Gut! in diesem Falle will ich alles thun, was Sie wollen. Sind Sie nun zufrieden?« O, Sie sind der vortrefflichste, edelmüthigste Mann, den ich kenne! »Aber glauben Sie mir, Sie haben sich geirrt. Ich will Ihnen sagen, wie alles kommen muß. Emilie wird heftig erschrecken, wenn sie mich sieht. Ich werde ihre Hand nehmen, mit ihr an ein Fenster treten, sie bitten, mich anzusehen, und sie dann fragen: Emilie wollen Sie meine 195 Gattin werden? Emilie wird sich wie von einem bösartigen Zauber erlöst fühlen, und antworten: ich will Ihre Gattin werden. Was wollen Sie darauf wetten?« Frau von Koch wurde blaß vor Schrecken und Ärger; denn Emilie hatte noch heute betheuert: sie werde allen Menschen zum Trotze behaupten, daß sie den Baron liebe. Der Eigensinn des Mädchens traf seltsam mit der Grille des Barons zusammen. Frau von Koch sah nun wohl, daß sie gefangen war, anstatt ihn zu fangen. Sie hob aufs neue an zu versichern, zu beschwören, daß Emilie Hilberten unaussprechlich zärtlich liebe; aber der Baron war seiner Sache so gewiß, daß er lächelte, und nur antwortete: »lassen Sie Emilien kommen, so werden Sie sehen, daß ich Recht habe.« Frau von Koch wußte voraus, daß Emilie gerade so handeln würde, wie der Baron versicherte. Sie verlor die Geduld, schalt den Baron, und weinte sogar. Mitten in dieser Unterredung rollte der Wagen mit Emilien auf den Hof, und Frau von Koch wurde immer bleicher. Emilie trat allein in das Zimmer, weil Iglou sogleich in den Wald zu dem Wilden gegangen war. Sie erblaßte, als sie den Baron erblickte. Er lächelte der Frau von Koch zu, faßte schweigend Emiliens zitternde Hand, führte sie mit einem triumphirenden Blicke an ein Fenster, stellte sich vor sie hin, sah ihr in das niedergeschlagene Gesicht, und sagte ruhig: »sehen Sie mich an, Emilie!« Emilie that es. »Nun?« – Frau von Koch unterbrach ihn. Ehe Sie sprechen, noch ein Wort mit Emilien. Emilie, ich habe dem Baron gesagt, daß du Hilberten mit der allerhöchsten Leidenschaft 196 liebst. Mache nicht mit einer Grille drei Menschen unglücklich ! Spiele nicht mit deinem Schicksale! Die Vorsehung hat es jetzt in deine Hand gelegt. Emilie, spotte ihrer nicht mit deinem Eigensinne, der wahrhaftig ein Verbrechen ist! Der Baron sagte: »Emilie, Ihre Phantasie hat sie verführt. Hier stehe ich jetzt vor Ihnen, und frage Sie: wem wollen Sie Ihre Hand geben? Hilberten oder mir?« Emilie zitterte. Auf einmal sah sie ihn offen, mit flammenden Augen an, und antwortete: Ihnen, Flaming! Ich habe Hilberten geliebt; aber jetzt liebe ich Sie . – »Nun, gnädige Frau? wer hatte Recht? Sehen Sie nun wohl, was die reine Form vermag, an die Sie nicht glauben wollen?« Die Koch betrachtete ihn mit finstern Blicken. Sie sind ein Thor, rief sie endlich mit Unwillen; und Emilie eine Thörin. Meinetwegen! Sie verließ, außer sich vor Verdruß und Ärger, das Zimmer; und noch im Gange rief sie: macht euch unglücklich! ich bin unschuldig. Emilie stand vor dem Baron wie eine Verbrecherin. »Nicht wahr, Emilie«, fragte er sanft, und drückte sie an seine Brust: »jetzt schämen Sie Sich Ihrer Verirrung? Aber, seyn Sie ruhig, ich kenne ja Ihr Herz, und ich habe Ihnen vergeben.« Diese Güte, anstatt deren Emilie Vorwürfe erwartet hatte, vollendete des Barons Triumph. Emilie warf sich vor ihm nieder, und rief schluchzend: nein, keine Reue kann groß genug seyn, mich Ihrer wieder werth zu machen. Ach, ich habe Sie beleidigt, tief beleidigt. O, helfen Sie mir, lieber, edler Mann, meine Treulosigkeit wieder gut machen. »Das will ich, Emilie. Seyn Sie ruhig. Morgen sollen Sie 197 Latein anfangen, und Iglou wird Sie im Generalbaß unterrichten.« Ja, sagte Emilie. Beschäftigungen! Ich will alles, alles thun, was Sie wollen. Gewiß, ich werde Sie lieben! – Sie schlang ihre Arme um ihn, und verging fast an seiner Brust vor Reue, vor Dankbarkeit und Wehmuth. Frau von Koch kam wieder, und sah sie in dieser zärtlichen Stellung. Emilie, sagte sie unwillig: was bist du mehr? eine Heuchlerin oder eine Unsinnige? – O Mutter! Mutter! rief Emilie; ich liebe ihn wieder! – »Hören Sie?« sagte Flaming; »gerade wie ich es Ihnen voraus sagte!« – Frau von Koch lachte über das Mißverständnis, und weinte zugleich vor Verdruß. Emiliens Betragen bestärkte den Baron noch immer mehr in dem Glauben an seine Grillen. Er schob das Fremde, das Gezwungene ihrer Liebkosungen auf ihre reuige Scham, triumphirte nun laut, und verfolgte die arme Frau von Koch mit einer Menge von Spöttereien über ihre Versicherungen. An seinem eigenen Gefühle, als Iglou zu Hause kam, hätte er merken sollen, daß Frau von Koch Recht hatte. Iglou hörte unten im Hause, daß der Baron da sey, und sogleich stürzte sie mit lauter Freude zu ihm in das Zimmer. Sie flog an seine Brust, knieete, sprang wieder auf, jauchzte, weinte, und warf sich in seine Arme, sobald er sie ihr nur entgegen hielt. Wohl tausend Fragen that sie an ihn, ohne eine Antwort zu bekommen. Auch in des Barons Brust hob sich eine reine Freude, ein ungemischtes inniges Wohlwollen für das fröhliche, glückliche Geschöpf. Iglou war nicht von seiner Seite zu bringen; 198 sie verdrängte Emilien, die sich auch geduldig verdrängen ließ. Sie aß nicht, sie trank nicht, sie sprach nicht. Ihre Augen voll Gutherzigkeit, Glück und Liebe waren immer auf den Baron geheftet. Sie sah und hörte nichts als ihn. Am Tische stand sie hinter seinem Stuhle, seitwärts, daß sie ihn betrachten konnte, und legte ihre Hand sanft auf seine Schulter. Sie mußte ihn berühren. Von Zeit zu Zeit schlug auch er die von Dankbarkeit leuchtenden Augen auf sie, und ein seelenvolles, heitres Lächeln empfing seine Blicke. Emilie saß mit niedergeschlagenen Augen stumm an seiner Seite. Sie verweigerte ihm ihre Hand nicht, aber bot sie ihm auch nie. Wenn er sie lächelnd ansah, lächelte sie wieder; allein man hätte ihr Lächeln für den Anfang des Weinens halten können. Der Baron erzählte, und Niemand hörte ein Wort. Frau von Koch aß, ohne aufzusehen, warf Messer und Gabel hin, und war müde bis zum Einschlafen. Sie konnte sich kaum überwinden, gute Nacht zu sagen. Iglou hüpfte mit dem Lichte vor Emilien und dem Baron her. Sie spielte die halbe Nacht fröhliche Melodien, und Emilie vergoß die halbe Nacht hindurch bittre Thränen. Am folgenden Morgen stand Iglou mit der Dämmerung auf, und das erste Geräusch in des Barons Zimmer zog sie hinein: Sie war noch außer sich vor Freude. Dar Baron fragte nach Emilien. Iglou antwortete; und dann sagte sie auf einmal: siehst du, die Weiße hat doch mein Herz nicht! »Ihr Herz verirrte sich. Jetzt liebt sie mich wieder.« Mein Herz aber verirrte sich nie; ich habe dich immer geliebt. Emilie hat mein Herz nicht: sie liebt Hilberten. 199 »Jetzt nicht mehr Iglou.« Nicht mehr? Nun, so ist ihr Herz unbeständig wie eine Welle in der See. Ich hörte, wie sie zu ihm sagte: ich liebe den Baron nicht; ich liebe dich unendlich. Ihre blauen Augen standen dabei voll Thränen, und ihre Brust war voll Verzweiflung. Sie sagte, ich muß vor Gram sterben, wenn ich des Barons Gattin werde; aber ich will es werden. Der Baron setzte Iglou weitläuftig aus einander, warum Emilie nicht sterben würde. Iglou lächelte: wenn die Weiße deine Gattin wird, und der Gram sie dann verzehrt, die Verzweiflung ihre Kräfte austrocknet; wenn sie nun da liegt, ihre schönen blauen Augen gebrochen und erloschen sind, das schöne Gesicht bleich, starr und kalt – wird es dich trösten, wenn du sagst: sie liebt mich? Sieh hin, wie bleich sie ist, wie ihr Auge immer voll Thränen hängt, wie sie mit Heftigkeit die Arme um sich schlingt, als suchte sie in einem fremden Herzen die Ruhe, die das ihrige nicht hat! Ist das Liebe? Sie liebt Hilberten, theurer Herr. »Du sollst sehen, Iglou, sie wird mir ihre Hand geben.« Das wird sie, und dann sterben. Konnte ich doch dich verlassen; liebe ich dich darum nicht? »Ein Anfall von Wollust hat Emilien ...« Wollust? rief Iglou erstaunt; Wollust? O, theuerster Herr, ich bitte dich. Ach, Emiliens Herz ist so rein, wie das Feuer der Sonne, so rein wie das meinige, rein, wie der blaue Himmel. Ich kenne Emilien, Herr. Ihre Unschuld ist fleckenlos, himmlisch. Liebster Herr, tödte Emilien: aber lästre ihr reines Herz nicht. – Der Baron gerieth in Verwirrung. 200 Nun erzählte Iglou ihm die Scene zwischen Emilien und Hilberten, wobei sie Zeuge gewesen war, und sagte dann: sie liebt Hilberten; sie opfert dir ihre Liebe, und wird sterben. Iglou schlug ihn ganz aus seinen Vortheilen; denn sie setzte sein Herz in Bewegung. Er sah die sterbende Emilie, und sein Herz zerfloß in Mitleiden; er sah auch die untreue Emilie, und Schmerz und Eifersucht fielen mit scharfen Bissen sein Herz an. Aber dennoch hob sein System sich wieder aus dem Mitleiden und der Eifersucht siegend empor. »Es ist nicht möglich, Iglou!« sagte er mit starren, kummervollen Blicken. – Ach, wie es möglich ist, daß sie aufhören konnte, dich zu lieben, das weiß ich nicht, das kann ich nicht wissen. Aber hat sie dich geliebt? jemals geliebt? Ich glaube es nicht. Dankbarkeit! Auch die nicht einmal; denn ich weiß, was Dankbarkeit ist. Sie ist sehr, sehr unglücklich. Der Baron gerieth in tiefes Nachdenken. Was er der Frau von Koch nicht geglaubt haben würde, und wenn sie eines Engels Zunge gehabt hätte, das fing er an, bei Iglou's Thränen nicht mehr ganz unmöglich zu finden. Er machte zwar seiner Iglou die gewöhnlichen Einwürfe; sie ließ sich aber nicht darauf ein, sie zu bestreiten, sondern wendete sich allemal wieder an sein Herz. Ach, sagte sie treuherzig, du kannst in Allem, in der Hauptsache, Recht haben; aber wenn du dich in einem kleinen Nebenumstande geirrt hättest, und Emilie, die gute, die unschuldige, unglückliche Emilie, ins Grab sänke, weil du glaubtest nicht irren zu können! Ich sehe sie, wie sie dir die zitternde Hand giebt, 201 schweigt, Kummer und Thränen verbirgt, verzweifelt und stirbt! O, denke dir, ich sollte eines andern Mannes Weib werden! Gewiß, ich verginge! »Aber Iglou, sie würde mich lieben lernen.« Habe ich dich vergessen lernen? Das Herz lernt nichts; es ist, was es ist. Ich liebte dich; und habe dich nicht lieben gelernt . – Der Baron schwieg. – Iglou hob wieder an: ich bitte dich, ehe du handelst, prüfe Emiliens Herz, prüfe ihre Liebe! Sobald der Baron allein war, erwachten alle natürlichen Gefühle seines Herzens in ihrer ganzen Stärke: Eifersucht, Liebe, Mitleiden, Großmuth. »Emilien Hilberten geben?« sagte er. »Nein! Der Verführer! Bei Gott! ihr Herz war mein. Der Heuchler hat es mir geraubt, wenn es nicht mehr mein ist! ... Aber Emilie sterbend! Schrecklich! ... Doch, kann Iglou nicht irren?« – Er beschloß, Emilien zu prüfen, und ging sogleich zu ihr. »In Thränen, Emilie? und ich bin da? Sind Thränen der Empfang des Mannes, den Sie lieben?« Emilie schlug die Augen nieder. Lassen Sie mich weinen, lieber Baron. Habe ich nicht zu bereuen, daß ich Sie nur einen Augenblick vergessen konnte? »Und jetzt, Emilie?« Ich werde Sie , ich werde mich nie wieder vergessen. Jetzt bin ich meines Herzens gewiß. – Sie ging, als er sie in den Garten führen wollte, geduldig wie ein Lamm mit ihm. Er fragte in hundert Wendungen, ob sie ihn liebe. Sie blieb ihrem Entschlusse getreu, und antwortete immer auf Eine Weise: Ja; und sie wolle seine Gattin werden. »Wohl, liebe 202 Emilie!« sagte er auf einmal; »so lassen Sie uns alle Zweifel heben: meine, Ihre, und unserer Freundin, der Koch. Geben Sie mir noch heute Ihre Hand.« Emilie erschrak, und wurde blaß. Sie antwortete zitternd: ich bin bereit! Doch bald sagte sie entschlossen, mit funkelnden Augen und in einer edlen, herrschenden Stellung: ja, ich bin bereit; diesen Augenblick, wenn Sie wollen! Sie reichte ihm beide Hände, und sank an seine Brust. »Ich wollte«, dachte der Baron, »Iglou hätte das gehört und gesehen!« Er schloß Emilien zärtlich in seine Arme, und sagte: »Genug, Emilie! Ich kenne Sie nun ganz. Heute nicht, auch morgen nicht! Sie sollen sich erst völlig erholen.« »Nun, Iglou?« sagte der Baron nachher, als er ihr seine Unterredung mit Emilien erzählte: »glaubst du jetzt, daß sie mich liebt?« Iglou schüttelte den Kopf. Ich wollte, du könntest Emilien einmal mit dem Gegentheile prüfen. »Du bist eine Thörin mit deinem Gegentheile! Jetzt redet und thut, was ihr wollt: ich weiß, daß Emilie mich liebt. Wie hab' ich auch nur zweifeln können, bei der Evidenz meines Systems!« – Iglou redete wieder so nachdrücklich auf sein Herz ein, daß von neuem ein kleiner Zweifel bei ihm rege wurde. Er suchte Emilien auf. Das arme Mädchen hatte nun durch das Betragen des Barons alle, auch die geheimsten Hoffnungen verloren, und eben das gab ihr Muth, das Opfer ihrer Liebe, ihres Herzens, mit Anstand zu bringen. Ich bin unglücklich, sagte sie; aber ich will ihn nicht unglücklich machen. Nein, nein! (Sie trocknete mit Heftigkeit 203 die Augen.) Keine Thränen! meine Augen sollen trocken seyn. (Sie legte heftig die geballte Hand auf die Brust, als ob sie das widerstrebende Herz niederdrücken wollte.) Der Mensch treibt, wenn er im Gange ist, alles zu weit; selbst seine Tugenden. So auch Emilie. Sie suchte, obgleich ihre Brust zerrissen war, dennoch heiter zu scheinen, kleidete sich sehr reitzend an, wozu die Verzweiflung ihr Kräfte lieh, und wendete alle Kraft ihres Lebens auf eine Rolle die ihr Gewissen ihr zur Pflicht machte. Jetzt kam der Baron mit seinen neuen Zweifeln. Emilie eilte ihm entgegen, an seine Brust. »So geschmückt?« fragte er; und sie lächelte, obgleich ihr Herz in dem Lächeln beinahe brach. – Soll Ihre Braut sich nicht schmücken? erwiederte sie mit einer ziemlich natürlichen Heiterkeit. Sie ließ einige kleine Seufzer nur bis an ihre Lippen dringen, und spielte sonst ihre erhabne, schwere Rolle so gut, daß der Baron in Entzücken zerfloß. Jeder Mann würde getäuscht worden seyn; und nun gar Flaming mit seinem Systeme! – Emilie hing an seinem Arme, und drückte ihm die Hände. Sie rang wie eine Verzweifelte, und siegte über ihren Schmerz. – Es giebt Augenblicke, in denen der Mensch seine Allmacht fühlt. Emilie hatte einen solchen Augenblick; und das Bewußtseyn, wie stark, und welcher Aufopferung sie fähig wäre, mischte zu der Hoffnungslosigkeit in ihrem Herzen den hohen Triumph der Tugend. Einige Stunden lang hielt sie ihre Rolle so gut, daß sie sogar die Frau von Koch täuschte. Du Flatterhafte! sagte diese nach Tische; und Emilie hatte den Muth zu 204 antworten: liebste Mutter, in der That, ich habe mich geirrt. Ich liebte den Baron mehr, als ich glaubte. Flaming war außer sich vor Entzücken. Er fühlte sich in dem Besitze Emiliens aus tausend Ursachen glücklich; und jetzt war er ihrer Liebe so gewiß, auf diese unzweideutige Art so gewiß! »Nun, Frau von Koch?« sagte er. Sie haben Recht gehabt, erwiederte diese. Ob ich es gleich nicht begreife. »Sie begreifen es noch nicht? Mich dünkt, es ließe sich nun mit Händen greifen. Ich führte Emilien ans Fenster. Die Form der Schönheit in ihrem Gemüthe mußte ...« Sie haben Recht; nur bleiben Sie mit Ihren Formen weg! Iglou allein ließ sich nicht täuschen. Sie hielt sich an Emiliens und Hilberts Gespräch, an Emiliens ihr nicht verhehlte Thränen und Seufzer, an ihre eigene Empfindung; und immer sagte sie zu dem Baron: sie liebt dich nicht; sie wird sterben! Der Baron wurde endlich heftig. »Iglou, glaube mir, ich habe ihr Herz geprüft.« Ihren Muth . Prüfe ihr Herz , und du wirst erfahren, daß sie Hilberten liebt. »Sie liebt mich . Du sollst sehen, morgen wird sie mir ihre Hand geben.« Das wird sie; aber prüfe sie, ob sie dir ihr Herz giebt. »Iglou, du bist sehr zanksüchtig geworden! Was nennst du denn: ihr Herz prüfen?« Ja, ich fühle es wohl; aber ich weiß es nicht zu sagen. Der Schmerz prüft es nicht; denn ich sehe, sie ist entschlossen, 205 jeden Schmerz mit Lächeln zu dulden. Die Freude allein könnte es. Auf Freude, auf Glück ist sie nicht gefaßt. Du würdest sehen, daß ich Recht habe, wenn man ihr so auf einmal die Gewißheit geben könnte, daß sie Hilbertens Gattin werden sollte. Der Baron lachte. »Gewiß, Iglou, sie sagte Nein!« Gewiß nicht, wenn sie glaubte, es wäre dein Wunsch, du liebtest sie nicht mehr. Sie würde mit dem Entzücken des Himmels in Hilberts Arme sinken, das weiß ich. Wäre die Probe nur möglich! »Möglich? warum nicht möglich? Aber sie ist unnütz. Ich wollte, Hilbert wäre zur Stelle.« Hilbert ist in Burggräfenrode. Ich habe gestern seinen Jäger gesprochen. »Wohl, Iglou, ich will dich überzeugen. Wie fange ich es wohl am besten an?« – Aber Emilie muß nicht merken, daß sie geprüft werden soll, nicht merken, daß du sie mit dem kleinsten Opfer glücklich machen willst. Sie muß glauben, daß du sie nicht mehr liebst. Der Baron lachte wieder: »Ich will es ihr wenigstens sagen. – Was für seltsame Menschen ihr seyd! Du sollst sehen, daß ich meine Rolle vortrefflich spielen werde!« Er übersann den Plan, bildete ihn aus, und theilte ihn Iglou mit, die ihn dann noch verbesserte. Nun wurden alle Anstalten getroffen, und der Baron harrte sehnlich seinem Triumphe entgegen. »Liebe Emilie«, sagte er, »wollen Sie mich nicht schon morgen zum glücklichsten Manne 206 machen? oder, Liebe, wünschen Sie noch Aufschub?« – Emilie erwiederte leise: ich wünsche nichts, als was Sie wünschen. Morgen, mein Geliebter, morgen oder heute. Und gewiß, setzte sie mit erstickter Stimme hinzu: nie soll am Altare ein Mädchen gestanden haben, das fester entschlossen gewesen ist, seine Pflicht zu erfüllen! Morgen bin ich Ihre Gattin. O, daß ich Sie doch recht glücklich machen könnte! – Sie legte sich an seine Brust. »Daß doch Iglou niemals Zeuge von so etwas ist!« dachte der Baron, als er Emilien an seinem Herzen hielt. »Das sollte sie hören: wie würde sie sich dann ihrer Zweifel schämen!« – Der Prediger wurde auf den folgenden Tag zur Trauung bestellt. Frau von Koch widersetzte sich zwar; aber Emilie drang durch. »Emilie!« sagte Frau von Koch, als sie ihre Freundin einen Augenblick allein hatte, mit warnender Stimme: »Emilie! hast du auch überlegt? hast du dein Herz geprüft?« Ich werde es morgen prüfen! erwiederte Emilie lächelnd. »Morgen erst? – Emilie! du wagst alles! Ich bitte dich.« Ich wage nichts, liebe Mutter, wozu ich nicht Kraft in mir fühle. Glauben Sie mir, ich bin nicht so schwach, wie Sie denken, auch nicht so unglücklich. »Und du zitterst, Emilie?« Zitterten Sie nicht, als Sie dem Fürsten Ihre Hand zum ewigen Bunde reichten? Iglou ging mit ihrer Laute zu dem Wilden, und ließ Hilberten durch den Förster sagen, daß sie ihn auf einen Augenblick zu sprechen wünschte. Hilbert kam, und sein 207 Anblick erregte ihr Mitleiden. Sein Gesicht war bleich, seine Augen erloschen, sein Gang langsam. Iglou ging ihm entgegen, ergriff seine Hand, und fragte ihn: bist du überzeugt, Hilbert, daß Emilie dich liebt? – Er sah Iglou lange an. »Warum fragst du das, Iglou? ... Doch dein Herz kennt das Unglück. Ja, ich bin davon überzeugt.« Hast du Muth, für Emiliens Besitz morgen ... »Für Emiliens Besitz? Muth, Iglou, in den Tod zu gehen! Sag, was soll ich.« Geduld! Hast du Muth für die Hoffnung auf Emiliens Besitz – so wollte ich sagen – vielleicht Zeuge zu seyn, daß sie des Barons Gattin wird? »Für die Hoffnung? So ist noch Hoffnung da? O, für diese Hoffnung, Iglou, will ich ... Rede!« Komm morgen um acht Uhr an die Linde im Garten. Du findest einen Kahn, und schiffest über. Im Garten bei der großen Linde erwarte ich dich. Nicht früher als um acht Uhr; auch nicht später! Du schweigst, Hilbert, und hoffest. Mit Niemanden mußt du sprechen, selbst nicht mit Emilien, wenn der Zufall sie etwa in den Garten führen sollte. Morgen ist Emiliens Hochzeit. »Hochzeit, Iglou?« Hochzeit mit dem Baron! Du schweigst und hoffest. Hast du mich verstanden? »Hochzeit mit dem Baron? und ich soll hoffen? ... Iglou, spotte nicht eines Menschen, der verzweifelt!« Schweig und hoffe! Es ist die letzte Hoffnung, Hilbert. Noch einmal: hast du Muth auf ein Vielleicht Emilien am 208 Altare, ja auch wohl als des Barons Gattin, zu sehen? Und wenn sie das würde – hast du dann Stärke genug, ihr Herz nicht mit dem Anblicke deiner Verzweiflung zu zerreißen? Hast du Muth, für die Hoffnung, Emilien dein zu nennen, ruhig zu sehen, daß sie auf ewig für dich verloren ist? Antworte! »Verloren, und hoffen? Unbegreifliches Geschöpf, rede deutlicher! Bedenke, daß diese Ungewißheit zerstörender ist, als meine Verzweiflung. Sie wird bis morgen mein ganzes Wesen vernichten.« Ich habe den Plan, dich und Emilien glücklich zu machen; nur das kann ich dir sagen. Es ist möglich, daß er mißlingt; und dann bedarf Emilie des Trostes, dich gefaßt zu sehen. Hast du Muth, wie dein Schicksal auch fällt, muthig zu scheinen? Hilbert faßte Iglou's Hände, benetzte sie mit Thränen, und drang mit Bitten und Beschwörungen in sie, um ihren Plan zu entdecken. Sie wendete sich hin und her, weil sie des Barons ebenso wie Hilberts zu schonen hatte. Genug, sagte sie endlich versichernd: du hast Ursache zu hoffen. Um acht Uhr morgen früh an der Linde! an der großen, die sich über die Nieder beugt! – Sie verließ ihn schnell, weil sie sich zu schwach fühlte, seinen Thränen, seinen Bitten länger zu widerstehen. Nun sagte sie dem Baron, daß sie auf eine gute Art Hilberten nach Büdesheim bringen würde. »Iglou«, erwiederte er, »du wirst sehen, es ist vergeblich. Sie liebt ihn nicht. Wärest du nur zugegen gewesen!« 209 Iglou sagte ruhig: Wohl! ich bin dann überzeugt, daß du Emilien nicht unglücklich machst, und auch du bist es. Diese Probe ist nöthig, so nöthig, wie wir sie verabredet haben. Die Koch, Hilbert, Emilie – Alle werden dann sehen, daß du dein Glück nicht auf das Elend Anderer bauen willst. Hilbert wird weinen; aber er wird dich segnen. Und deine Iglou? o, die ist glücklich, wenn du es bist. – »Ich werde es seyn!« sagte der Baron. Die arme Emilie war nun, als sie sich allein auf ihrem Zimmer befand, der Raub ihrer zerstörten Hoffnungen. Die Nähe ihres vollendeten Unglückes entriß ihrem Herzen Seufzer, die sie vergebens unterdrücken wollte. Ihre Kraft ermattete nun, und sie erlag, schwach wie ein Kind, unter ihrem Schmerze. Iglou kam endlich in das Zimmer. Sie ergriff ihre Laute, und versuchte den Gram der Unglücklichen zu mildern. Ihr Busen brannte von Liebe zu Emilien, von Mitleiden und Freude; und doch mußte sie ihre Freude verbergen, und durfte Emiliens verstorbene Hoffnungen nicht wieder beleben. Sie nahm die Laute, und sang mit ihrer reinen Stimme zu einer sanften, ruhigen Melodie: Du weinst, du ringst verzweiflungsvoll die Hände, Und hoffnungslos schlägt dir das bange Herz; Wenn nun schon längst dein Schutzgeist bei dir stände, Zu lindern und zu enden deinen Schmerz? Verzweifle nicht, wenn auch das Herz dir bricht! Dein Schutzgeist nah't: hoff und verzweifle nicht! 210 Emilie merkte Anfangs nicht auf diese Worte, obgleich Iglou sie mehrere Male sang. Endlich fragte sie: »hab' ich auch einen Schutzgeist?« Iglou flog auf sie zu, und rief herzlich: wenn du auch keinen hättest, Emilie; ich will dein Schutzgeist seyn! »Recht, Iglou! du hast die Farbe meines Geschickes. Du bist mein Schutzgeist.« Ja, dunkel ist meine Farbe, aber hell meine Hoffnungen. Ich will dein Schutzgeist seyn, und so dir zurufen: Emilie, hoffe! hoffe! Iglou rief die Worte in einem solchen, Vertrauen erregenden Tone, daß Emilie aufsah und einen scharfen Blick auf sie warf. »Hoffe?« fragte sie; »kannst du machen, daß morgen nicht ist, nicht wird?« Das wollte ich nicht, wenn ich es auch könnte, weil ich dein Schutzgeist bin. Aber dein Schutzgeist ruft noch einmal: Emilie, hoffe! Thränen, Emilie, sind die Aussaat, Freuden die Ernte. Soll ich dir das Lied singen? »Nein, deine Laute stimmt nicht.« Meine Laute stimmt, Emilie; aber dein Herz ... »So stimme die Laute nach meinem Herzen! Ach, dann würde ihr erster Laut mich tödten. Ich bitte dich, Iglou, nenne das Wort Hoffnung nicht wieder, und laß uns schlafen. Du weißt nicht, wie sehr ich müde bin.« So sey dein Schlummer süß! sagte Iglou, und zerfloß in Thränen; dein Schutzgeist wird für dich beten! Emilie hatte noch kein Auge geschlossen, als der schreckliche Morgen erschien. Sie hörte den Gesang der 211 erwachenden Vögel, den Schlag der Nachtigall, die vor ihrem Fenster brütete, mit fürchterlicher Angst. In Burggräfenrode fing es an zu läuten. »Läutest du zu meinem Tode, Hilbert?« fragte sie und starrte über den Wald hin. Jetzt schien sie sich von allen Menschen verlassen, und fing an laut und schmerzlich zu weinen. Iglou sprang von ihrem Lager auf, und faßte Emilien in ihre Arme. Unglückliche, sagte sie schnell und heftig: weine nicht! Du brichst mir das Herz! Sieh da! da! (Sie zeigte auf die Linde an der Nieder.) Der Ewige gießt Licht auf die ganze Erde; meinst du, er habe dein Herz allein vergessen? Sieh, wie es durch die dunkeln Wolken bricht! Ist dein Kummer undurchdringlicher? Hoffe, Emilie! Du hast der Treue dein Herz zum Opfer gebracht; wird der Ewige, der auf den gute Willen segnend herabsieht, dies Opfer zerschmettern, weil du es bringst, du Stolze? Hoffe, Emilie, um nicht zu erröthen, daß du verzweifeln konntest! Noch einmal: hoffe! Emilie warf einen nachdenkenden Blick auf Iglou, deren Augen flammten, und deren Stimme erhaben, rührend, voll Zuversicht war. Auf einen Augenblick traf ein Strahl von Hoffnung ihr Herz; aber der Gedanke, daß Iglou gar nicht einmal wisse, warum sie traure, verschlang ihn wieder. Sie sagte: kennst du meine Thränen, Iglou? Iglou erwiederte lächelnd: komm Emilie! ich will dich ankleiden helfen. Sey stark! Du wurdest zu Leiden, zu Hoffnungen, zu Freuden geboren; und zu allem gehört Kraft. Komm, sey stark! du bist es meinem gütigen Herrn schuldig. 212 Die letzten Worte erinnerten Emilien wieder an ihren Entschluß, das große Opfer mit Standhaftigkeit zu bringen. Sie trocknete ihre Augen, und sammelte allen ihren Muth. Iglou sah Emiliens bitterm Kampfe mitleidig zu, und hätte ihr gern ihre Hoffnungen mitgetheilt; aber sie scheute des Barons Veränderlichkeit, und selbst Emiliens Starrsinn. Emilie kleidete sich an, wobei Iglou ihr half. Als sie fertig war, brachte Iglou einen Brautkranz hervor. Emilie wurde bleich; doch faßte sie sich wieder. »Zeig einmal!« sagte sie; »was hast du zu dem Kranze genommen?« – Iglou erwiederte lächelnd: das menschliche Leben; einen Kreis von Hoffnungen und Thränen: Rosenknospen in einen Zypressenzweig geflochten. Es soll dich lehren, Emilie, bei den Thränen an die Hoffnungen, und bei den Freuden an die Thränen zu denken. – »Muß auch ich an Hoffnungen denken?« fragte Emilie. Doch ja; an die Hoffnung, daß der Kranz welkt. »Setz ihn mir auf, Iglou.« So spielte Iglou mit Emiliens Kummer, und hielt sie dadurch im Zimmer, weil sie fürchtete, daß der Baron sich verrathen möchte. Nun ging sie auf eine Viertelstunde zu dem Baron hinunter und fand ihn nachdenkend sitzen. So nahe seinem Glücke, so nahe der Stunde, da er die schönste Celtin in seine Arme schließen sollte; und nun! – Er fing an es zu bereuen, daß er versprochen hatte, Emiliens Liebe auf die Probe zu setzen. »Iglou«, sagte er; »sollte die heutige Probe Emilien nicht beleidigen?« Iglou bemerkte seine Unruhe, seine Reue, und zitterte für ihn und für Emilien. Mit wankender Stimme, mit schlagendem Herzen, sagte sie 213 die erste Unwahrheit in ihrem Leben. Das glaube ich kaum. Beleidigen? wenn du ihr lieber entsagen, als sie unglücklich sehen willst? Zwar fange ich an zu glauben, daß du Recht hast, daß Emilie dich liebt. – »Mich liebt?« fiel der Baron ein; und sein Gesicht erheiterte sich. »Nein, Iglou, ich verlange Gewißheit. Wir wollen die Probe machen; du sollst dich überzeugen.« Iglou erhielt diesen Gedanken bei ihm lebendig. Als der Prediger kam, holte Iglou Emilien ab, faßte sie in ihre Arme, und sagte: der Prediger ist da! Nun, Emilie, sey stark, sey groß! Emilie fragte zitternd und ängstlich: und ich sollte hoffen? – Hoffnung ist der Lohn der Stärke! erwiederte Iglou. Bei jedem Schritte, den Emilie dem Baron näher kam, war ihr, als ob die Erde unter ihr sänke. Frau von Koch, der sie sich in die Arme warf, flisterte ihr leise zu: noch ist es Zeit, dich zu retten! Diese Worte gaben Emilien ihre Fassung wieder. Sie wendete sich zu dem Baron, und sagte leise, mit einem Tone, den er für zärtlich hielt, der aber aus einem trostlosen, kranken Herzen kam: hier ist meine Hand! ... und hier mein Herz! setzte sie mit einer Umarmung schnell hinzu. Man ging auf den Saal. Emilie war blaß, und zitterte, wie jede unschuldige Braut. Der Prediger trat mit der Agende an den Tisch; und nun fing der Baron, der seiner Sache jetzt völlig gewiß war, mit fester Stimme an: »Bis hieher, Emilie! Die Stärke, deren Sie über ihr Herz fähig waren, sey meine Rache und Ihr Triumph. Sie lieben mich nicht, 214 Emilie; Sie lieben Hilberten. Ihre Pflicht hat Sie bis hieher geführt; nun führe die Liebe Sie vor den Altar. Sie sind frei, Emilie; der Prediger ist da, der Altar wartet Ihrer ...« Und hier ist Hilbert! rief Iglou, die in diesem Augenblicke mit Hilberten in die Thür trat. Emilie stand wie eine Bildsäule, mit schlaff hangenden Armen, da. Ihre Farbe wurde immer weißer und weißer, als der Baron sprach. Er glaubte, sie sollte ihn unterbrechen; aber sie sagte kein Wort, und nur ihr Busen flog in großer Bewegung. Bei Iglou's Ausruf: hier ist Hilbert! schrak sie zusammen, und hob die Arme auf, als ob sie sich vor ihm scheute. Sie warf einen unbeschreiblichen Blick auf den Baron, neben dem Iglou stand, und streckte ihm die Arme entgegen. »Siehst du, daß ich Recht habe?« flisterte der Baron Iglou zu, ohne seinen Blick von Emilien abzuwenden. »Siehst du, wen sie liebt?« – Auf einmal goß sich Leben in die Bildsäule. Emilie eilte freudig auf Flaming zu, und sank ihm zu Füßen. O, ist es wahr, edelster der Menschen? rief sie; und neben ihr lag Hilbert auf den Knieen vor dem Baron; ist es wahr? O, gütiger Gott! ist es kein Traum? »Emilie«, sagte der Baron, sehr bestürzt über die Scene. »beruhigen Sie Sich! Sagen Sie doch deutlich, was Sie wünschen.« Wünschen? O, großmüthigster der Menschen, hab' ich noch etwas zu wünschen. Sind nicht alle Wünsche dieses Herzens gesättigt? O Gott! Hilbert soll mein seyn! – Mit diesen Worten sank sie in Hilberts Arme. Sie rief: o, geliebter Hilbert! und er: o, theure Emilie! 215 Siehst du? sagte Iglou mit funkelnden Augen: siehst du, daß sie ihn liebt? – Sie eilte in die Umarmung der Liebenden. Frau von Koch ging schnell auf den Baron zu, umarmte ihn mit thränenden Augen, und sagte: Flaming, die Erde trägt einen so edlen Mann nicht mehr als Sie. O, wahrhaftig, auch ich möchte knieen und Ihnen die Hände küssen. – Sie fiel mit ihrer gewöhnlichen Heftigkeit wirklich auf die Kniee vor ihm. Der Baron stand wie versteinert da, und warf finstre Blicke umher. Der Prediger kam und gratulirte ihm zu seiner edlen That mit vielen Verbeugungen; dann wünschte er dem liebenden Paare Glück zu der so schnellen Verbindung. Er ging immer um die Knieenden her, und hörte nicht auf sich zu verbeugen. Endlich fragte er: ist es denn Euer Gnaden Wohlmeynen, daß Dieselben sogleich getrauet werden wollen? In dem Falle müßten Sie Sich doch wohl ein wenig von der Erde erheben. Er merkte am Ende wohl, daß er tauben Ohren redete, und sagte es nun auch der Frau von Koch. Ja wohl! rief diese: auf der Stelle! Sie zog Emilien und Hilberten in die Höhe. Emilien schloß den Baron freudetrunken in die Arme; und Hilbert drückte dessen Hand an seine Lippen. Der Baron ertrug alles geduldig, und sah starr vor sich hin, ohne eine Bewegung zu machen. Frau von Koch zog nun das Paar zu dem Prediger. Alles war im höchsten Taumel der Freude, und niemand merkte, wie wenigen Antheil der Baron nahm. Nach der Trauungs-Ceremonie, die Flaming mit starren Augen angesehen hatte, hüpfte Emilie sogleich zu ihm, und rief frohlockend: 216 nun! nun, edelster Mann! Jetzt erwachte er endlich halb aus seiner Betäubung. »Also, Sie lieben mich nicht?« fragte er mit trauriger Stimme; und in dem Augenblicke rief Iglou Emilien zu: »hoff und verzweifle nicht!« damit sie des Barons Frage nicht hörte. Emilie flog in Iglou's Arme. Ach, mein Schutzgeist! geliebte Iglou! Du wußtest es, du Grausame! und ließest mich verzweifeln! – Mit einem lauten und langen Ach! erwachte der Baron endlich aus seiner Träumerei. Frau von Koch hängte sich den Augenblick an seinen Arm, und rief: in den Garten! Man folgte ihr; aber der arme Baron ging, als er an seiner Thür war, mechanisch in sein Zimmer, warf sich da auf einen Stuhl, und fing aufs neue an, vor Verdruß, Scham und Kummer in seltsame Grillen zu versinken. Er war wie vernichtet. Iglou kam, und erzählte ihm, wie Emilie, wie Hilbert ihn anbeteten, wie innig sie seine Großmuth bewunderten; daß Emilie ihn den besten der Menschen, und Hilbert ihn einen Gott auf Erden nennte. Aber, so wohl ihm das auch that, so heilte es dennoch seine Wunde nicht. Er war von zu vielen Seiten, und so unvermuthet, getroffen. »Eine so reine Celtin!« rief er; »o Himmel! in den Armen eines – höchstens nur Halb-Celten! Ach, ich könnte ihr Brautbett mit eben der Trauerempfindung betrachten wie das Schlachtfeld bei Tübingen! ...Wie wird nun die Frau von Koch über meine Form der Schönheit spotten! Und hat sie nicht Recht dazu? Da geht das ganze schöne System verloren! Hätte Emilie die Harmonie verstanden; gewiß wäre sie mir dann nicht 217 untreu geworden.« – Er hatte jetzt an seinen Systemen, in welche Emilie mit ihrer Treulosigkeit große Lücken gerissen hatte, so viel auszubessern, daß er seinen Schmerz nur halb fühlte. Die Sache war nun einmal geschehen; er spielte daher den Großmüthigen fort, und Iglou verrieth ihn nicht mit einem Blicke. Die beiden Liebenden verehrten ihn in der That mit der heißesten Dankbarkeit und Freundschaft. Frau von Koch erzählte ihnen in seiner Gegenwart ihre Unterredung mit ihm. Warum, fragte sie dann, behaupteten Sie denn aber so heftig das Gegentheil von dem, was Sie doch wußten? »Ich wollte Emilien den Triumph der erfüllten Pflicht zu ihrem Brautschatze geben.« – Nein, sagte die Koch aufrichtig und mit wahrem Erstaunen: in der That, einen Mann, der so sehr gegen alle Erwartung seinen Weg geht, kenne ich nicht. Sie sind mir unbegreiflich, Baron! Noch unbegreiflicher wurde ihr und Allen des Barons Großmuth, als sie sahen, wie viel ihm Emiliens Verlust wirklich kostete. Er blieb meistens allein, und sehr oft überraschte man ihn in der kummervollsten Stellung. Wenn er die Liebkosungen des jungen Paares sah, mußte er seine Augen abwenden. Emilie fragte ihn einmal um die Ursache seiner Trauer; denn sie war fest überzeugt, daß er sie nicht mehr geliebt hätte. »Ach!« sagte er; und sein Auge wurde naß: – »soll ich nicht über den Verlust meiner Emilie trauern?« Emilie legte, ohne darauf zu antworten, einen Augenblick ihre Wange an seine Brust. Ihre Dankbarkeit wurde 218 Leidenschaft, und sie versäumte sogar ihren Mann, um den edelmüthigen Flaming zu erheitern. Wirklich konnte er dem Gedanken, wie glücklich Emilie und Hilbert durch ihn geworden waren, der vereinigten, zärtlichen Liebe, der rührenden Dankbarkeit aller Menschen nicht lange widerstehen. Er wurde wieder heitrer. Seine Liebe zu Emilien verwandelte sich in die Zärtlichkeit eines Vaters, und sie begegnete ihm mit der liebevollen Ehrfurcht eines dankbaren Kindes. Frau von Koch behandelte ihn mit einer Achtung, die ihn um so mehr ehrte, da er der einzige Mann war, den sie so auszeichnete. Ja, sagte sie oft, ein Mann, der so, mit dieser Sicherheit, mit dieser Großmuth, mit dieser Aufopferung handeln kann, ist ein Weiser. Hilbert war zu dankbar gegen den Baron, als daß er ihm ferner hätte widersprechen sollen; und so genoß denn der Baron zum ersten Male des so reitzenden Vergnügens, in einem Kreise von Menschen zu seyn, die ihn sagen ließen, was er wollte, ohne dabei zu gähnen, oder ihn durch Widerspruch in Verlegenheit zu bringen. Das einzige Unangenehme war ihm am Ende nur noch, wenn Emilie auf Hilberts Schooße saß, und ihr blondes Haar sich mit dessen braunen Locken mischte. Dann stand er wohl auf, und dachte mit Verdruß: »welche Celten sind da verloren gegangen!« – Frau von Koch hatte große Ehrerbietung für des Barons Weisheit. Nur Ein Punkt verwickelte sie wieder mit ihm in neue Streitigkeiten. Man sprach einmal von Hilberts Kindern, die vielleicht kommen könnten, und Frau von Koch drang auf eine Amme. Diese 219 Vorstellung war dem Baron abscheulich. »Ich beschwöre Sie, Emilie«, sagte er eifrig; »sollten Sie Mutter werden, so säugen Sie Ihr Kind selbst! Sonst, bei Gott! geht der Celte ganz und gar verloren!« Frau von Koch kämpfte dagegen; doch Flaming zog auch Hilberten auf seine Seite. Er las ihm aus dem Aulus Gellius ( Noctes Atticae XII, 1. ) vor, und beweis ihm: die Alten wären schon längst seiner Meinung gewesen, daß die Ammen den Kindern ihren niedrigen Charakter mittheilten. Er übersetzte der Frau von Koch und Emilien diese Stelle. Von jetzt an trug er den Gellius immer bei sich, und sobald die Frau von Koch wieder von einer Amme sprach, zog er ihn hervor. Emilie endigte den Streit durch die Versicherung: sie wolle ihr Kind selbst säugen; und in dem Falle, daß es unmöglich wäre, sollte doch die blondeste Amme in ganz Deutschland verschrieben werden. Hilbert bekräftigte das Versprechen seiner Frau mit einem Handschlage, und Flaming war nun zufrieden, da man doch Emiliens Kinder wenigstens so Celtisch machen wollte, als es noch möglich war. »Ganze Celten«, dachte er, »werden sie freilich nicht; denn Hilberts Haar ist allzu braun, als daß ich ihm trauen sollte!« Der Baron gewöhnte sich nach und nach so sehr an diese Familie, als ob er bestimmt wäre, ewig mit ihr zu leben. Seine Grillen verloren unter diesen Menschen allmählich ihr Auffallendes, ob er sie gleich nicht fahren ließ. Je näher Hilbert den Baron kennen lernte, desto mehr schätzte er ihn wegen seines guten Herzens, seiner uneigennützigen Wohlthätigkeit, und selbst wegen seiner mannichfaltigen 220 Kenntnisse. Er suchte ganz von weitem seinen Grillen beizukommen; aber das war nicht möglich. Wenn des Barons Systeme durch Hilberts, immer als Lernbegierde eingekleidete, Einwürfe auf der einen Seite etwas verloren, so gewannen sie auf der andern wieder desto mehr. Selbst Emilie lernte durch den langen Umgang mit dem Baron, und aus den Gesprächen mit ihrem Manne, dessen Grillen kennen, und versuchte ihn zu heilen; doch es war vergeblich, da die Grillen allzu fest saßen. Iglou, die nun schon ganz mit zur Gesellschaft gehörte, Emiliens Freundin, und noch immer ihr zärtlicher Schutzgeist – Iglou war der Meinung, man sollte seine Grillen unangetastet lassen. Hört ihn, sagte sie, über die Schwarzen sprechen, so werdet ihr glauben, er könne keinen Mohren sehen, ohne ihn zu tödten. Und wie liebt er mich! wie zärtlich ist er für mich, für meine Zufriedenheit besorgt! Ach, bei Tausenden ist das Herz schlechter als der Kopf; und was wolltet ihr lieber? Er läßt alles fahren, nur seine Grillen nicht. Aber wie ist es möglich, sagte Emilie, daß er gar nicht merkt, in welche Widersprüche er sich verwickelt! »Dem Gelehrten, liebe Emilie,« erwiederte Hilbert, »ist alles möglich. Glaube mir, der Baron hat auf Erden unendlich viele Brüder. Herbert von Cherbury, ein gelehrter, edler Mann, voll der eifrigsten Wahrheitsliebe, schrieb ein Buch, worin er die Wahrheit der Wunder in der Bibel bestreitet. Als er sein Buch vollendet hatte, stand er an, ob er es bekannt machen sollte oder nicht, weil es vielleicht Schwachen anstößig seyn könnte. Sieh, Emilie, welch eine 221 Zartheit des edelsten Gefühls! Er konnte seine Zweifel nicht auflösen. Und was that er nun? Er warf sich auf die Kniee, und bat Gott, ihm durch ein Wunder ein Zeichen zu geben, ob sein Buch nützlich sey oder nicht. »Gott that das Wunder, das ich verlangte«: so schreibt der Mann in eben dem Buche, worin er die Wahrheit der Wunder bestreitet. Kannst du dir einen auffallendern Widerspruch denken? Ein Buch gegen Wunder zu schreiben, und zu glauben, daß des Buches wegen eins geschehen sey!« – Kurz, man ließ den Baron in Ruhe, und bisweilen wußte man wochenlang kaum, daß er Grillen hatte. Iglou war das Leben dieses kleinen Kreises von Menschen. Die Römischen Schriftsteller, die sie eifrig studierte, hatten ihr eine Bildung des Geistes gegeben, wie Frauenzimmer sie nur selten erhalten. Sie sprach gut; aber ihre Art sich auszudrücken, war etwas sonderbar: kräftig, voll Sentenzen. Die Laute spielte sie höchst vortrefflich, und trennte sich nur selten von ihr. Ihre Leidenschaftlichkeit in allen Empfindungen war dabei jetzt so gemäßigt, daß sie nur eine hohe Begeisterung für alles Schöne und Gute schien; und eine sanfte Melancholie, eine Folge des Schicksals, gab ihrem ganzen Wesen etwas Erhabenes, etwas Geheimes, Räthselhaftes. Sie schien, wenn sie ihre Einsamkeit verließ, die sie noch immer gern suchte, aus einer andern Welt zu kommen. Die Unterhaltung nahm, sobald sie hereintrat, etwas Feierliches an; und fühlte sie sich durch irgendeinen Gedanken gerührt, so griff sie in die Saiten ihrer Laute, und theilte ihre Empfindung den Andern mit. 222 Ich weiß nicht, sagte die Koch, wie es zugeht! Wenn Iglou kommt, so ist es, als ob man sich schämte, von etwas Anderem zu sprechen, als von Tugend, von Menschlichkeit. – Und so war es wirklich. Iglou begeisterte Alle; ihre Lautentöne, ihre Gesänge erhoben die Herzen ihrer Freunde, und füllten sie mit den Ahnungen, den Empfindungen einer besseren Welt. Das einzige Gefühl, das der erhabnen Iglou den Stempel des Menschlichen aufdrückte, war ihre Liebe zu dem Baron. In diesem Gefühle glich sie einem spielenden Kinde, einem jungen zärtlichen Mädchen. Eine Liebkosung des Barons, ein finstrer Blick von ihm setzten sie außer sich; doch in der Einsamkeit bekam sie ihren Charakter wieder. So wie sie der Schutzgeist von Emiliens Liebe gewesen war, so blieb sie noch immer der Schutzgeist des Wilden im Walde. Ihre Laute, ihre Gespräche, ihre begeisterte Theilnahme hatten das Herz des Unglücklichen wieder erwärmt, und seine finstre Verzweiflung vertrieben. Sie besaß eine unbeschreibliche Gewalt über ihn; aber dennoch gelang es ihr nie, zu erfahren, wer er wäre, und welch ein Verbrechen auf seinem Herzen läge. Wenn sie das Gespräch von fern dahin leitete – denn geradezu fragte sie nie –, so senkte er das Haupt auf die Brust, blickte wild um sich, und war nur mit großer Mühe wieder zu beruhigen. Sie vermied daher zuletzt jeden Anlaß, ihn an sein Verbrechen zu erinnern. Die Flöte war seine Beschäftigung, und das einzige Buch, das er las und sich von Iglou forderte, Pope's Versuch über den Menschen. Iglou hätte ihm gern 223 das Buch wieder genommen, weil es ihn aufs neue in den alten Trübsinn zu stürzen schien; aber er ließ es sich nicht nehmen. »Dies Buch«, sagte er einmal sehr bedeutend zu Iglou, »veranlaßte mein Verbrechen, und ist jetzt dessen Rache.« Iglou verstand ihn nicht. Sie suchte nach und nach seine Blicke wieder auf das thätige Leben zu lenken; aber er schüttelte den Kopf, und sagte: »Alles was ich thue, ist vergiftet. Hier muß ich sterben!« Er wurde nie heiter; seine Empfindung war nichts als eine traurige Geduld des Leidens. »Hoffnung ist nicht mehr!« sagte er; »du bist meine einzige Hoffnung.« Und das war Iglou wirklich. Schon ihr Anblick riß den Wilden aus den Träumen auf, in die er versank, wenn sie nicht da war. Er floh alle Menschen, nur Iglou nicht. Hilbert mußte endlich die Sorge für ihn, die er gern mit ihr getheilt hätte, ihr allein überlassen; und sie ließ, selbst bei schlechtem Wetter, selten einen Tag vergehen, ohne ihren Unglücklichen zu besuchen. Man lebte in dem Hause der Frau von Koch zufrieden und heiter; und die Heiterkeit wurde durch Emiliens Zustand bald noch vermehrt. Sie fühlte, daß sie Mutter werden würde; und natürlich verschlang diese Idee alle übrigen. Nie hat eine vielfachere und zärtlichere Liebe einem Kinde entgegen geharrt als diesem. Flaming, der immer sehr methodisch verfuhr, fing an alles über die Erziehung zu lesen, was er nur kannte, besonders Locke und Rousseau. Er theilte seinen Enthusiasmus den Übrigen mit, so daß sie gemeinschaftlich die Erziehung studierten. Emilie ließ sich 224 jede Methode gefallen, weil alle darin einig waren, daß Kinder mit Liebe erzogen werden müssen. Dagegen erhoben sich heftige Streitereien zwischen dem Baron, Hilberten und der Frau von Koch. Flaming verlangte, daß alles, was sich dem Kinde näherte, blond seyn sollte. Aber Iglou? fragten Hilbert, Emilie, die Koch, und Iglou selbst, zu gleicher Zeit. Nun freilich; die sollte eine Ausnahme machen. Das ließ man hingehen; doch außerdem that der Baron so seltsame Vorschläge, und drang auch zugleich so lebhaft auf Vorkehrungen dazu, daß Hilbert, so gern er auch gewollt hätte, nicht still schweigen konnte. Man fing an zu disputiren; man wurde zuletzt hitzig. Frau von Koch war auf Hilberts Seite, Iglou und Emilie standen zwischen Beiden. In der Hitze des Streitens ließ der Baron einmal ein Wort von dem schwarzen Haare und der vollen Brust der Frau von Koch fallen; und sie sagte ihm: wenn Sie selbst Kinder haben, so erziehen Sie sie meinetwegen wie Hunde oder wie junge Katzen! Diese Worte machten den Baron still und in sich gekehrt. Er trat in ein Fenster. »Ist es denn nicht wahr?« fragte er sich selbst. »Da predige ich Leuten ohne Sinn höhere Weisheit, und ich sehe voraus, daß die Frau von Koch mit ihrem schwarzen Haare doch Unkraut zwischen den Weizen säen wird. Warum gehe ich nicht lieber, zeuge selbst Kinder, und erziehe sie nach einem vollkommenen Plane?« Ganz lebendig stand auf einmal Auguste von Breitenbach vor seiner Seele, und rings um sie her ihre blonden blauäugigen Ahnen. Es war ihm unbegreiflich, wie er nicht schon längst 225 an sie hatte denken können. Er ging auf sein Zimmer, überlegte, sann; und bald war sein Plan gemacht, sein Entschluß gefaßt. Schon nach einer Stunde erklärte er seinen Freunden, daß er morgen nach Berlin abreisen würde, um der Welt zu zeigen, wie man Kinder erziehen müsse. Er packte seine Bücher, seine Todtenköpfe, und einige Knochen, die er bei Tübingen auf dem Schlachtfelde gefunden hatte, mit großer Sorgfalt ein. Auch Iglou machte Anstalten zur Reise. »Du willst mit mir, Iglou?« fragte er: »mich dünkt, du lebst hier so glücklich. Ich habe dir deine Freiheit gegeben. Wenn du bleiben willst, Iglou ...« Ich bin dein bis an den Tod! sagte das treue Mädchen; wo du nicht bist, kann ich nicht glücklich seyn. Sie ging noch einmal zu ihrem Wilden. Als sie ihm ihre Abreise ankündigte, hob er seine Blicke in die Wolken, und sagte langsam, traurig: »noch immer richtest du mich!« dann blickte er auf Iglou. »Geh! mein Schicksal ruft dich!« Er wendete sich um, und ging still und traurig in das Gebüsch. Iglou hob die Hände zum Himmel, als ob sie für ihn betete; dann ging sie eben so traurig. Die Stunde des Abschiedes war sehr schmerzlich. Iglou hatte wieder Mannskleider angezogen. Emilie schenkte ihr einen Ring von großem Werthe; aber von größerem war das Gefühl, mit dem sie ihre Freundin umarmte, mit dem sie sagte: sey glücklich, edle, theure Iglou! mit dem sie sich gewaltsam von ihrer Brust riß. Iglou sagte: wir finden uns einmal wieder, Emilie! Die Hälfte meiner Seele bleibt bei dir. Sie riß sich los, und sprang in den Wagen, der schnell dahin rollte. 226 Ununterbrochen ging die Reise fort. Nichts hielt den Baron auf; Auguste und ihre Ahnen waren das Ziel seiner Gedanken. Endlich sah er Berlin vor sich, und legte sich nachdenkend in die Ecke des Wagens. Er hatte nun seine dreijährige Reise vollendet; und es war sehr natürlich, daß er sich fragte: was hast du gewollt? was hast du gethan? Emilien wollte er aufsuchen und mitbringen; und anstatt der reinen, blonden, edlen Celtin saß neben ihm eine unedle, schwarze, dicklippige Mohrin. Er wollte die Staatsverfassungen von Europa studieren, und wußte nicht einmal von Deutschland etwas mehr als die Verfassung des Dorfes Vilbel, bei dem er doch auch nicht mit Gewißheit sagen konnte, wem die Haut des Esels eigentlich gehörte. L'homme voyageur ? Ach, bis auf Rosinen und Konrad (von denen er aber nicht gern sprach), und bis auf Iglou, war ihm nicht Ein recht Unglücklicher aufgestoßen. Er wollte reine Celten an Ort und Stelle kennen lernen; und anstatt ihrer hatte er Menschen gefunden, die lebten, um zu essen, zu trinken und ein Paar Mätressen zu halten. Einige edle, wohlthätige Domherren galten ihm für nichts. »Es ist wahr«, dachte er zu seiner Beruhigung, »ich habe nichts von den Absichten meiner Reise erreicht; aber unnütz ist sie darum doch nicht gewesen. Die Spanischen Schedel, welch ein Schatz! Und mein System über die Liebe! Freilich bedarf es wohl noch einer Verbesserung; oder ich müßte Emilien unter die Ausnahmen rechnen. Aber, wenn auch das alles nicht wäre, so bring' ich doch Mittel gegen die Wollust mit: die Römische Sprache, und den 227 Generalbaß; und die hat doch die Erfahrung bewährt. Wie keusch ist nicht meine Iglou! wie rein sind alle ihre Gedanken, wie erhaben alle ihre Begierden! Wenn das die Wirkung bei einer Negerin war; was wird sie nicht bei einer Celtin seyn! Ja, ja, meine Reise ist belohnt genug. Unter diesen Gedanken kam er zu Berlin an. Er fand Käthen und ihren Mann nicht, weil sie nach Schlesien zu seiner Mutter gereist waren; daher trat er in einem Wirthshause ab. Schon am folgenden Morgen ging er, so früh er es schicklicher Weise konnte, zu Augusten. Er pochte an ihre Thür, und eine angenehme Stimme rief: herein! – Als er öffnete, kam ihm ein junges schönes Mädchen, aber nicht Auguste, entgegen. Er fragte nach dem Fräulein von Breitenbach. Das Mädchen wußte von ihr nichts. – »Sie hat hier vor Ihnen gewohnt.« – Vielleicht weiß mein Bruder davon, erwiederte das Mädchen, und öffnete eine Nebenthür. Der Bruder wußte eben so wenig. Während daß beide Männer miteinander sprachen, trat das Mädchen an das offne Klavier, und trillerte eine Italiänische Opernarie. Der Bruder erbot sich, die Wirthin zu rufen, und ging hinaus. »Welch ein seltsames Geschick!« sagte der Baron halb vor sich, halb zu dem Mädchen, das jetzt wieder zu ihm trat. – Das Mädchen interessirt Sie sehr, wie ich sehe. – »Sehr! Ich bin in Berlin, ihr meine Hand anzubieten.« Jetzt kam die Wirthin vom Hause, und der Baron hörte zu seinem nicht geringen Erstaunen, daß Auguste einen Herrn von Pleß geheirathet habe. – »Geheirathet?« fragte er mit einem tiefen Seufzer. Das Mädchen lachte ganz laut, und sagte: 228 ich bedaure Sie. Er kommt hierher, – so wendete sie sich zu ihrem Bruder – um das Fräulein zu heirathen. »Sie hatte«, fuhr der Baron fort, »hier im Zimmer eine Menge Portraits hangen. Wissen Sie nicht, was aus denen geworden ist? ... Ach, sagen Sie mir doch: hat der Herr von Pleß schwarzes Haar, oder blondes?« So viel ich mich erinnere, schwarzes. Es ist kein junger Mann mehr: ein dicker Herr, klein dabei. Ja, was wollte sie machen? Sie hatte kein Vermögen. »Großer Gott! Und die Portraits?« Stehen auf dem Boden hier im Hause. »Wie? Ich meine die Portraits, die hier im Zimmer hingen? Der Bodo von Breitenbach ...« Eben die. »Unmöglich! denn diese Portraits sind unschätzbar. Geschwind lassen Sie mich sie sehen. Sie gehören Ihnen?« Ja. Die Frau von Pleß hat sie mit anderem unbrauchbaren Zeuge hier gelassen. »Madame, ich kaufe sie, für welchen Preis Sie wollen.« Nun, hoch will ich eben nicht mit ihnen hinaus; sie stehen mir ohnedies im Wege. Dem Baron glänzten die Augen vor Freude. »Für welchen Preis?« Ich will sie holen lassen. Für einen Louisd'or sind sie Ihre. Es mögen wohl zwanzig seyn! »Also zwanzig Louisd'or«, erwiderte Flaming. – Die Wirthin sah ihn groß an; sie hatte Einen Louisd'or für alle gefordert. 229 Der Baron betrachtete die Portraits, die in den Vorsaal gesetzt wurden, mit neuem Entzücken. »Sehen Sie«, sagte er zu dem Mädchen und ihrem Bruder, die mit ihm aus dem Zimmer gegangen waren –: »Sehen Sie, das ist der Bodo! Welch ein Gesicht! welch eine Erhabenheit! Sehen Sie die blonden Locken, die blauen Augen! Der hatte den großen Gedanken, seine Nachkommen zu verpflichten, daß sie edle Menschen bleiben sollten. Dieser Kopf ist mehr werth, als zehn Raphaels.« Das Mädchen lächelte. Welch ein Kopf! hob sie auf einmal, wie begeistert, an. Wahrhaftig, man sollte niederfallen und anbeten. Was je Großes und Erhabenes geschehen ist, hat dieser Mann gethan! Und mehr als das! Man kann nicht sagen, was er gewesen ist. Fürsten würden sagen: er war ein großer König! Gelehrte: ein großer Gelehrter! Mädchen: ein großmüthiger Liebhaber! Und ich? ich sage: er war ein großer Koncertmeister, ein großer Virtuose, ein Generalbassist, größer als Sebastian Bach. Ich habe nie etwas Schöneres, Erhabneres, Lieblicheres gesehen. Steht ihm nicht die goldene Halskette wie keinem Kaiser der Reichsapfel und das goldene Zepter? Der Baron bezahlte Stück für Stück sehr froh mit einem Louisd'or. Die Wirthin sagte, als sie das Geld einstrich: nein, ein Koncertmeister war er nicht, Mamsell Hedler; es ist meines Mannes Großvater, ein Huf- und Waffenschmid, der reich bei seinem Handwerke wurde. Die Kette hatte ihm Fräulein von Breitenbach erst mahlen lassen. – Mamsell Hedler erwiederte lachend: was thut das, Madame? 230 Er war ein großer Schmid, ein erhabner Schmid. Was für Hufeisen muß der gemacht haben! Der Baron betrachtete die Frau mit starren Augen. »Wie? ein Hufschmied? dieser Bodo?« – Ja, dieser mit der Kette. Wir hatten ihn oben vor ein Dachfenster gestellt. Da kaufte ihn das Fräulein von mir, als sie die anderen Bilder zusammen suchen ließ. Unser Nachbar gegenüber, der Mahler, mußte allen blonde Haare und blaue Augen machen. Hier, der da, meines Mannes Großvater, hatte sonst Haar, so schwarz wie seine Kohlen. – »Madame, Sie lügen!« rief der Baron erhitzt. – Nun, sagte die Frau, die für ihr Geld besorgt wurde: meinetwegen mag er Kaiser gewesen seyn! Unser Kauf ist richtig. Mamsell Hedler ist Zeuge. – Aber, fing Mamsell Hedler wieder an, sagen Sie mir doch, warum ließ denn das Fräulein Ihren Großvater zum Blondin machen? – Das weiß ich nicht, Mamsell. Sie kaufte diese Portraits hier und da zusammen, und der Mahler drüben gab ihnen blaue Augen und Flachshaar. – Der Baron stand wie betäubt da. Mamsell Hedler wendete sich an den Baron. Nun sagen Sie mir doch, mein Herr, warum in aller Welt ...? Ich bin so neugierig! »Eine höllische Betriegerei«, rief Flaming wild, »wenn es so ist! ... Madame, können Sie mir den Mahler schaffen?« – Der Mahler kam, und bestätigte, was die Wirthin erzählt hatte. So aufgebracht war der Baron nie gewesen. Er tobte, und stieß das Bildniß des vermeinten Bodo mit den Füßen entzwei. Mamsell Hedler half ihm treulich, und zertrat die 231 meisten Portraits. Ganz außer Athem, zog sie ihn endlich in ihr Zimmer, und bat ihn, nun zur Dankbarkeit ihr auch den Zusammenhang der Begebenheit zu erzählen. Der Baron erwiederte: sie möchte ihn verschonen; die Geschichte wäre ihm unglaublich unangenehm. Die Wirthin fragte sehr demüthig an, ob sie das Geld behalten solle. »O ja, freilich! und die Portraits dazu!« rief der Baron unwillig, weil man ihn noch einmal daran erinnerte. Das fand Mamsell Hedler sehr großmüthig. Hier also – sagte sie in einem lustigen Tone – hier wohnte die Ungetreue, welche die Betriegerei mit den Portraits ... Ach, die verwünschten Portraits werden mich noch um Schlaf und Essen bringen, so neugierig bin ich! Jetzt fing der Baron an sich näher um die Leute zu bekümmern, bei denen er sich befand. Das Mädchen war eine reitzende Blondine, mit muthwilligen blauen Falkenaugen, und frischen, rothen Lippen, von schlankem Wuchse, schnell und leicht in ihren Bewegungen, mit runden vollen Armen, und in einer Kleidung, zwischen Nachtanzug und Negligé. Aber diese Kleidung; ihr Tuch, das nur über den Busen und die Schultern geworfen war, und das sie alle Augenblicke wieder aufs neue überschlagen mußte, weil ihre schnellen und häufigen Bewegungen es immer verschoben; der eine Rock, der ihr um die Füße schlug, und, wenn sie in dem Zimmer hin und her flog, wie im Winde flatterte; die Frisur nur halb gepudert, weil sie auf dem Sofa gelegen hatte: das alles ließ dem Mädchen außerordentlich gut und natürlich. Der Bruder, eine edle Figur, mit Feinheit 232 und Anstand in allen Bewegungen, war ernst, seine Blicke scharf, der Ton seiner Stimme angenehm. Er erkundigte sich nach des Barons Nahmen und Umständen, aber ohne unbescheiden zu seyn, und, wie es schien, ohne gerade etwas wissen zu wollen. Schon nach einer halben Stunde hatte er einen Theil von den Grillen des Barons weg. Die Schwester nahm wenig Theil an dem Gespräche. Sie jagte sich mit einem Schooßhunde umher, trällerte ein Liedchen, klimperte ein anderes auf dem Klaviere, und pfiff mit einem Kanarienvogel um die Wette. Dann warf sie sich einmal neben den Baron auf den Sofa, schlug die Arme über einander, als ob sie zuhören wollte, besah des Barons Points, und lief wieder davon. Der Bruder sprach mit dem Baron sehr gut von den Wirkungen der Musik; er zweifelte, daß so große, wie der Baron behauptete, möglich wäre. Zwar, setzte er hinzu, habe ich in einzelnen Fällen von dieser schönen Kunst Wirkungen erlebt, die für Sie sprechen; aber es ist die Frage, ob sie von den Tönen, oder von der Stimmung des Menschen, der sie hörte, herrührten. Nun erfuhr der Baron, daß Herr Hedler ein Virtuose auf der Geige, und mit seinem Instrumente durch halb Europa gereist war. Man kam auf den Generalbaß. Hedler gab sogleich zu, daß die Harmonie das sicherste Mittel gegen Ausschweifungen sey. Ja, sagte er; das ist die göttliche Kraft der Musik! ein geheimer Zauber! Ich möchte nur wissen, Herr Baron, wie es zugeht, daß man nach einer guten Musik so zart, so seelenvoll fühlt, so über alle Sinnlichkeit erhaben ist! 233 Der Baron suchte ihm das zu erklären. Hedler gestand aufrichtig, daß er wenig von dem begreife, was der Baron sagte. Allein, setzte er hinzu, da Sie ein so warmer Freund meiner Kunst sind, so hoffe ich, Sie wieder zu sehen, Herr Baron; und, was ich heute nicht begriffen habe, begreife ich dann vielleicht morgen. Meine Schwester singt nicht übel, und hat vielleicht mehr Talent als ich. Er bat Julchen – so hieß die Schwester – eine Probe zu machen. Sie sprang an das Klavier, und spielte und sang in der That zum Entzücken des Barons, der hinter ihren Stuhl getreten war. Bald zog sie mit der linken, bald mit der rechten Hand, je nachdem die eine oder die andre pausirte, ihr Halstuch zusammen; aber alle Augenblicke sah der Baron bald die linke, bald die rechte Schulter, rund und weiß wie Alabaster. Er küßte Julchen die Hand für ihr bezauberndes Spiel, und bat sehr angelegentlich um die Erlaubniß, wiederzukommen. Die gab ihm Julchen, doch unter der Bedingung, daß sie die Geschichte mit den Portraits erfahren müßte. Er versprach das, und ging. »Das ist ein feiner Kopf, der Hedler!« sagte er den Morgen wohl noch zehnmal. Den folgenden Tag machte Hedler ihm einen Gegenbesuch. Man sprach über die Musik, und stritt zuletzt mit der Heftigkeit; aber dennoch hatte Hedler des Barons ganzen Beifall. Beide verabredeten, einander oft zu sehen, so lange der Baron in Berlin wäre. Flaming ging nun fleißig zu Hedler, und gefiel sich da immer mehr. Der denkende Ernst des Bruders zog ihn eben so stark an wie die 234 natürliche Heiterkeit der Schwester, und es währte nicht lange, so machte er ihnen täglich Besuche. Hedler war ein sehr geschickter Violinist, und dabei ein sehr feiner Kopf, der aber die große Untugend hatte, nirgends recht zufrieden zu seyn. Er war der Sohn eines Musikers in Wien, und kam schon als ein junger Mensch von achtzehn Jahren in die dortige Kapelle. Freilich hatte er unläugbare Geschicklichkeit in seiner Kunst; aber er war auch unbeschreiblich stolz und eitel, und dabei von Jugend auf an ein ganz regelloses Leben gewöhnt. Er verlor seine Stelle, weil er durchaus dem Kapellmeister nicht gehorchen wollte, und ging nun nach Italien. Dort war er bald reich: und dann spielte er den großen Herrn; bald wieder arm: und dann gab er Koncerte, oder suchte sein Glück in den Karten, oder hängte sich an irgend einen reichen Müßiggänger, dessen Launen er schmeichelte, um auf seine Kosten zu leben. Als sein Vater in ärmlichen Umständen starb, hatte er gerade einem reichen Engländer, an den er sich jetzt machte, das Leben gerettet. Der Engländer bezahlte ihm diesen Dienst mit verschwenderischer Großmuth. Nun ging Hedler nach Wien zurück, fand dort seine Schwester zu einer aufblühenden Schönheit heran gewachsen, spielte mit dem Gelde des Engländers den Lord, beleidigte seinen alten Feind, den Kapellmeister, und mußte endlich Wien aufs neue verlassen. Er nahm seine Schwester mit sich, durchzog Frankreich unter mannichfaltigen Begebenheiten, spielte bald den Baron, war bald wieder Künstler, und fuhr, so wie es sich nun gerade traf, jetzt in einer Equipage, 235 oder ging dann mit der Geige unter dem Arme zum Unterrichte. Auf diese Art bekam er nach und nach tiefe Weltkenntniß und einen schnellen Takt, Menschen zu beurtheilen und zu behandeln, wovon er aber weiter keinen Nutzen hatte, als daß er von Zeit zu Zeit einmal wieder den reichen Mann spielen konnte. Dadurch gerieth er natürlicher Weise immer tiefer in den Taumel. Er wurde es gewohnt, sich ewig von dem Zufalle treiben zu lassen. Zwar betrog er nicht geradezu; aber er machte sich doch auch kein Gewissen daraus, einen reichen Thoren in den Abgrund der Verschwendung zu stürzen. Seine Schwester gewöhnte sich mit ihm an diese umherschwärmende Lebensart, an den Genuß der Vergnügungen, an Putz, an Verschwendung. Sie war nicht liederlich, aber in der That auch nicht unschuldig. Ein junger hübscher Franzose in Paris erhielt ihr Herz, und ihre Unschuld dazu. Sie liebte ihn nach ihrem Systeme, um zu genießen, und würde ihn geheirathet haben, wenn ihr Bruder es hätte zugeben wollen. Der junge Mensch hatte nichts als eine hübsche Figur, und Julchen war gewohnt zu verschwenden; so konnte denn aus einer Heirath mit ihm nichts werden. Sie sank nie zu den Buhlerinnen hinab, die sich jedem ergeben, wenn er bezahlt. Nein, sagte sie: auch mein Herz muß sein Theil haben. Aber freilich war ihr Herz nichts, als ihre Sinnlichkeit . Sie ergab sich einem reichen, jungen Engländer, und liebte ihn zärtlich; denn er machte um ihretwillen ungeheuern Aufwand. Alle Künste der Buhlerei verstand sie aus dem Grunde; aber wenn sich ihr Herz nicht von selbst für den Mann, den sie fangen sollte, 236 interessirte, so war sie viel zu leichtsinnig, ihre Rolle durchzuführen, ob sich gleich ihr Bruder viele Mühe gab, sie dahin zu bringen, daß sie ihren Vortheil immer im Auge behielte. Sie plünderte ihre Liebhaber: nicht aus Habgierde; nein, aus Sucht zu glänzen, oder zu genießen. Nie hatte sie über ihr Leben nachgedacht. Sie war leichtsinnig, heiter, ausgelassen, gutherzig, großmüthig, verschwenderisch; kurz, sie suchte Genuß, und weiter nichts. So war sie endlich nach Berlin gekommen, freilich nur mit einigen kleinen Überresten ihres vorigen Glanzes. Julchen gab einen Ring, eine Uhr nach der andern her, und bat den Bruder nur, ihr nichts vorzujammern. Sie fuhr spazieren, lief zu allen Lustbarkeiten, putzte sich, aß und trank gut; und so mußte sie einen Ring nach dem andern aufopfern. Endlich war sie doch ein wenig aufmerksam auf die Zukunft geworden, als der Zufall den Baron mit ihr bekannt machte. Der Bruder zog Erkundungen über des Barons Vermögen ein, und sie fielen so aus, wie er sie wünschte. Nun hielt er der Schwester eine Vorlesung über des Barons Charakter und über seine Grillen. Julchen gähnte. Lieber Himmel, sagte sie; was brauche ich das alles zu wissen? Alle Männer haben für uns nur Einen Charakter. Jeder hat ein Herz ; und das ist sein Charakter. Der Baron sieht recht hübsch aus. Laß mich nur! Ja doch, ja! ich will so züchtig seyn wie ein Bild. Aber Julchen machte bald die Erfahrung, daß es Männer giebt, die einen andern Charakter haben, als den sie für den allgemeinen hielt. Der Baron saß zu jeder Tageszeit 237 stundenlang allein bei ihr, weil der Bruder bald Briefe zu schreiben hatte, bald einen Freund besuchen mußte. Dann spielte sie ihm vor, und sang mit der zärtlichsten Stimme, mit Blicken, die, wie sie glaubte, jedes Männerherz schmelzen mußten. Nachher setzte sie sich wieder neben ihn, plauderte, erzählte ihm tausend Schnurren, gab ihm Räthsel auf, und wollte sich todt lachen, wenn er sie nicht errathen konnte. Ein solches Geschöpf hatte der Baron noch nicht gesehen. Sie knieete vor ihm hin, legte die runden Arme auf seine Kniee, und fuhr so fort zu plaudern und zu erzählen. Kam er nach Tische, so gähnte sie eine Zeitlang; dann warf sie sich auf den Sofa, legte ohne Umstände das schöne Gesichtchen an seine Brust, sagte: gute Nacht, Baron! und schlief wirklich ruhig ein. »O, die holde, nichts besorgende Unschuld!« sagte der Baron, wenn sie so schlief; er blieb ruhig eine halbe Stunde sitzen, und hörte nicht auf, die schöne Gestalt zu betrachten. Immer sah er sie mit wohlwollenden Blicken an, drückte ihr die Hände, und kam gewöhnlich nur in Stunden, wo sie, wie er wußte, allein war. Er brachte ihr Putz, Kleider, Ringe, Handschuhe; ja, er vergaß die Nadeln nicht, die sie brauchte. Nun, siehst du, Bruder? sagte Julchen. Ein Mann wie alle! – Julchen war dankbar für des Barons Geschenke, drückte ihm die Hände, nannte ihn: ihren lieben Baron, und ließ sich sogar ein paarmal in sehr leichter Kleidung von ihm überraschen. Sie sang , sie lachte ihm zu, daß sie ihm wohl wollte. Auch er wollte ihr wohl: das sah sie augenscheinlich; aber – weiter ging er auch nicht. Er verlangte 238 nichts von ihr, als diese süße Vertraulichkeit, und blieb dagegen taub bei allen Einfällen ihrer Verschwendungssucht. Ich glaube, sagte sie zuletzt, der Mensch ist ein Narr, oder er denkt mich zu heirathen. – Dies Wort griff der Bruder auf. »Wenn du wolltest, Julie«, sagte er; »wenn du deinen Leichtsinn mäßigen könntest!« Ich glaube, du schwärmst, Bruder. Heirathen! Ich würde eine schöne Hausfrau seyn? – »Julchen, eine Hausfrau, wenigstens mit fünftausend Thalern Einkünfte, und in der Folge mit noch mehr, hätte es so übel just nicht.« – Je nun ja; wenn ich sie in Paris verzehren könnte! So weit Julchen den Gedanken, den Baron zu heirathen, Anfangs wegwarf, so sah sie ihn doch allmählig in einem anderen Lichte. Sie konnte ja eine gnädige Frau werden! und so viel traute sie sich wohl zu, daß sie den Baron dahin bringen würde, sich in Paris aufzuhalten. Jetzt griff sie den Handel mit Überlegung planmäßig an. Ihr Bruder mußte ihr des Barons Lieblingsneigungen sagen; denn sie selbst konnte mit einem Manne Jahrelang umgehen, ohne mehr von ihm zu wissen, als daß er in sie verliebt war. Nun sprach sie mit dem Baron aus einem andern Tone. Sie machte seine lehrbegierige Schülerin, setzte sich ihm gegenüber, oder neben ihn, streichelte mit ihrer zarten Hand seine Wangen, und bat ihn freundlich, ihr dies oder jenes zu erklären. Mit den hellen, blauen, lebendigen Augen hing sie an seinen Blicken und seinem Munde. Bei einer Idee, die sie schön finden wollte, oder von der sie wirklich überrascht wurde, sprang sie auf, warf sich, wie begeistert, an sein Herz, blieb 239 so liegen, und bat ihn dann mit der größten Ruhe, weiter fortzufahren. Sie begriff freilich nicht viel von des Barons Systemen, warf im Gespräche fast alles unter einander, trieb nebenher tausend Possen, und neckte ihn, wenn ihr Geist sie ergriff, unbarmherzig mit seinen eigenen Ideen. Die Menscheneintheilung nach Haar, Augen und Farbe, verstand sie; und darin war sie so eifrig wie der Baron selbst. Aber mit den Formen, die im Gemüthe des Betrachtenden sind, wollte es gar nicht gehen. Sie hüpfte laut lachend im Zimmer umher, und rief dabei: also, ich hüpfe jetzt in Ihnen umher, und nicht im Zimmer? ich sitze also in Ihnen , und Sie in mir? Aber ich sehe Sie ja doch von außen, und Sie mich! Der Baron erklärte ihr Stunden, Tage lang an dieser Lehre; aber das alles half nichts: sie blieb dabei, daß sie nicht in ihm wäre. Er gab indeß nicht alle Hoffnung auf, sie endlich noch zu überzeugen. Mit dem Generalbasse war es etwas Anderes; das konnte Julchen begreifen. Davon, sagte sie, bin ich ein lebendiges Beispiel, liebster Baron. Ich weiß nicht, was Liebe ist. – »Ei, Liebe , Mamsell Julie, meine ich nicht; eben der Generalbaß kann sogar zur Liebe reitzen. Ich rede von dem thierischen Genusse in der Liebe.« – Ha! ha! von dem! Ja, das ist bei mir alles gleich, liebster Baron; denn wenn einer erst liebt, so ist er, denke ich, auch nicht weit von jenem. Darüber entstand nun ein neuer Streit, von dem Julchen eben so wenig begriff wie von den inneren Formen. Der Baron bewies ihr sehr umständlich, daß Liebe etwas ganz Anderes sey als Wollust, und am Ende schien sie ihn doch 240 einigermaßen zu fassen. Aber, rief sie, und schlang den runden Arm um des Barons Hals, und drückte ihn an ihren schönen Busen: – wenn das Leib ist, bester Flaming, so muß ich Ihnen gestehen, daß ich Sie von Herzen liebe; denn, sehen Sie, alles das, was Sie da sagten, von Seelenliebe, Urschönheit, Sphärenmusik, Geistesvereinigung und so weiter – sehen Sie, das alles habe ich hier in meiner Brust so lebendig, wie Sie es schildern, recht, als ob Sie hinein gesehen hätten. So eine Bemerkung, die Julchen oft machte, brachte den Baron allemal richtig aus seinem Demonstriren. Er saß dann stumm neben ihr, spielte mit ihren runden Fingern, mit der alabasternen, seidnen Hand, mit den goldnen Locken; und Julchen, das unschuldige, arglose Mädchen, ließ ihn ruhig spielen. Sie legte ihr Gesicht auf seine Schulter, oder sang mit ihrer schönen Stimme eine rührende Arie; und dem armen Baron war es, als ob er den Sphärengesang hörte. Er umschlang das reitzende Mädchen, das ihn, ohne es zu wissen, so rein, so seelenvoll liebte. Während daß die reitzende Julie den Baron, wie eine Spinne ihre Beute, auf allen Seiten mit tausend Fäden fest an sich hielt, saß die treue Iglou zu Hause einsam, und theilte ihre Zeit unter Studieren und Musik. Der Baron hatte sie gebeten, ihn nicht mehr zu begleiten; und Iglou selbst, die sich jetzt mehr ehrte, sah ein, daß der Wohlstand es nicht erlaubte. Zwar fiel es ihr auf, daß der Baron so wenig zu Hause blieb, und es ging ihr nahe, daß er so wenig Werth auf ihre Gesellschaft legte; aber sie war es ja nun 241 schon lange gewohnt, übersehen zu werden. Sie hatte es sogar schweigend ertragen, als der Baron von seinem Plane, Augusten zu heirathen, mit ihr sprach. Ihre Liebe zu ihm nahm jetzt den bessern, edleren Charakter der Freundschaft, des reinen Wohlwollens, der Dankbarkeit an. Freilich kostete es ihr noch immer Thränen, wenn sie sich ihn verheirathet dachte; aber sie weinte nicht länger, wenn ihr die Phantasie ihn glücklich zeigte. Jetzt zwang sie sich, ihn weniger zu sehen, und suchte einen kälteren Ton gegen ihn anzunehmen, damit er sie nicht für unglücklich halten und dadurch leiden möchte. Sie wollte allein , und ganz in sich, unglücklich seyn. Einmal war sie im Zimmer bei dem Baron – und, was er auch sagen mochte, sie hatte wieder Frauenzimmerkleider angezogen –, als Hedler zu ihm kam. Dieser hörte noch die letzten Töne der Laute, auf welcher Iglou spielte. Er sprach mit dem Baron über das Instrument, und bat Iglou, ihn etwas hören zu lassen. Sie spielte ein Adagio, und Hedler bewunderte ihren reinen, richtigen Vortrag. Als sie das Zimmer verlassen hatte, fragte er nach dem Verhältnisse des Barons zu ihr. Der Baron erzählte. Hedler theilte es seiner Schwester mit, und diese äußerte gegen den Baron das Verlangen, Iglou einmal spielen zu hören. Der Baron versprach, daß er sie mitbringen wollte. Er bat Iglou, mit ihm zu Julchen zu gehen, und machte ihr eine Beschreibung von des Mädchens Charakter, wobei er freilich mit zu schönen Farben mahlte. Sie wird meine Freundin werden, erwiederte Iglou, wenn sie so ist, wie du 242 sagst. Eines Abends nahm sie ihre Laute, und ging mit ihm. Als sie in Julchens Zimmer trat, warf sie lange einen durchdringenden Blick auf das reitzende Mädchen, ohne ein Wort zu sagen. Man bat sie, zu spielen; sie that es, und ihre Musik hatte einen ernsten erhabnen Gang wie ihre Seele. Nun legte sie die Laute nieder, und sagte zu Julchen: auch du spielst, und schön, habe ich von meinem Herrn gehört. Julchen lief an das Klavier, und spielte und sang das Glück der Liebe. Hedler holte seine Violine, um Iglou's Laute zu begleiten, und Julchen sang. Dann sangen sie Beide ein Duett. Hedler tadelte Iglou's Gesang als zu einfach. Sie sagte nach einem langen Gespräche mit Hedler, in einem ernsten Tone: die wahre Schönheit ist einfach. Man stritt darüber hin und her; doch Iglou sagte nur sehr wenig. Julchen, der das Gespräch zu langweilig war, trieb tausend Possen, und sang hüpfend und springend ein Paar Französische Vaudevilles, bis die beiden Herren aufhörten zu sprechen, weil sie einander vor Julchens Lärmen nicht mehr verstehen konnten. Iglou hörte nicht auf, das Mädchen zu beobachten, und verwendete fast keinen Blick von ihr. Julchen wollte sogar auch Iglou mit in ihre Wildheit hineinziehen; aber diese blieb ernst, und sagte zuletzt: du bist sehr schön, Mädchen; aber sehr leichtsinnig! – »Und du sehr schwarz, mein Kind«, antwortete Julchen ohne alle Bitterkeit; »aber sehr weise! ... Doch trotz dem«, setzte sie hinzu; »spielst du die Laute wie ein Engel, und dieser Mund – sie küßte Iglou's Lippen – singt besser als er spricht .« 243 Der Abend verging wie eine Stunde unter Musik, Gespräch und Lachen. Julchen bekam Lust, die Laute zu lernen. Sie knieete zu Iglou hin, und sagte: »du mußt mich unterrichten.« Ihr ins Ohr setzte sie hinzu: »dir, als einem Mädchen, darf ich es wohl sagen: die Laute stellt einen hübschen Arm recht ins Licht.« Aber noch mehr ein schönes Herz! erwiederte Iglou. Julchen nahm die Laute, setzte sich dem Baron gegenüber, und figurirte mit ihren schönen Händen. Der Baron sah dem Spiele lächelnd zu. »O«, rief Julchen, und sprang auf: »was wird es erst seyn, wenn diese Finger nicht mehr stumm sind!« – Sie ließ sich sogleich die Handgriffe auf der Laute zeigen, und der Baron versprach ihr eine, wenn sie fleißig seyn wollte. Man ging spät aus einander. Der Baron fragte nun Iglou, was sie von Julchen dächte. Sie ist nicht böse, sagte Iglou. »Und du solltest ihren Geist kennen, ihre reine Unschuld, ihr edles Herz, Iglou!« Ich werde sie kennen lernen; aber Emiliens prunkloses, einfaches Herz hat sie nicht. Sie sieht aus, als ob sie nicht lieben könnte. »Nicht lieben, Iglou? Da irrst du dich in der That. Ihr Herz ist für die Liebe geschaffen: nicht für jene heiße, verlangende; sondern für die reine Liebe des guten Geistes. Und dabei so unschuldig, Iglou! Sie liebkos't mir so unbefangen, so arglos, so zutraulich, als ob ich ihr Bruder wäre. Aber dafür ist sie auch Meisterin, ich glaube sogar deine Meisterin, im Generalbasse. Meinst du nicht?« 244 Sie spielt schön, sie singt unvergleichlich; aber ihre Musik – wie soll ich es sagen? – liebkos't, schmeichelt dem Herzen. Ihr Gesang ... »Nun, soll denn die Musik das nicht Iglou?« Die Musik soll das Herz rühren, erschüttern, für alles Edle und Gute; sie soll wie der Klang aus der Geisterwelt seyn, wie das Rauschen der Ewigkeit, welches das Herz erweckt. Der Gesang des schönen Mädchens schien das Herz einschläfern zu sollen. Fühlst du das nicht auch, so habe ich vielleicht geirrt. Aber mein Herz fing an zu pochen bei ihrem Gesange, ohne sich gehoben zu fühlen. »Das ist natürlich, Iglou; sie sang den Genuß der Liebe.« Aber jener Liebe, die sich über das Grab erhebt, hier duldet und schweigt, und in der Ewigkeit die erste Umarmung des Geliebten hofft – sang sie den Genuß der Liebe? Ich glaube, nein. »Du nimmst auch alles sehr genau, Iglou! Julchen hatte nicht ganz unrecht, als sie dich zu ernst nannte. Wer wird bei einem Kunstwerke so streng seyn?« Streng, bei einem Kunstwerke, das die ganze Seele für sich einnimmt, und, wenn es nicht den heiligsten Charakter der Tugend trägt, sogleich Verbrechen ist! – Würdest du deinem Sohne, oder deiner Tochter, Properzens Elegieen in die Hand geben? Du nahmst sie sogar mir, und warfst sie ins Feuer. Ich will Allen, selbst dem Philosophen, verzeihen, wenn er das Laster anpreist ; aber nicht dem Künstler, nicht dem Dichter, wenn er das Laster nur reitzend mahlt . Jener mag das Laster preisen; das Herz widerlegt ihn. Der 245 Künstler aber besticht das Herz; und so vergiftet er die Kraft der Vernunft, und tödtet die Stimme des Gewissens. Doch ich werde dir mehr sagen. Hedler richtete nun bald eine musikalische Gesellschaft ein, um den Baron ganz in der Ordnung an sich zu ziehen, und übertrug ihm die Einrichtung und Form derselben. Auf einmal schlug Julchen dem Baron vor, in ihre Nähe zu ziehen. Wir sind nun täglich zusammen, sagte sie. Sie haben mich die Musik von einer ganz anderen Seite kennen gelehrt. Vorher tändelte ich nur mit den Tönen; und Ihre Schwarze hat Recht, daß die Musik, wenn ihr der edle Charakter fehlt, ganz hin ist. Seitdem ich das fühle, sitze ich hier oft, und phantasiere; dann wird meine Seele groß, und mein Herz erweitert sich. Meine nassen Augen sagen mir, daß ich etwas Gutes spiele. Wohnten Sie nun in der Nähe, oder gar hier im Hause, lieber Baron, so riefe ich Sie, und theilte die Gefühle meiner Brust mit Ihnen , dem ich diese hohen, reinen Empfindungen verdanke. Es hatte Julchen unendliche Mühe gekostet, das, was sie da sprach, auswendig zu lernen. Ihr Bruder mußte es ihr wohl zehnmal vorsagen; und sie wollte sich zwischen her darüber todt lachen, daß nur jemand glauben könne, die Musik solle etwas anderes, als bloß unterhalten. Hedler hatte ganz richtig gerechnet. »Das ist auch wahr, liebes gutes Julchen«, sagte der Baron schnell; »und wenn Zimmer hier im Hause offen wären, ich zöge noch heute herein.« Es waren Zimmer unbesetzt, und der Baron zog wirklich noch denselben Tag zu Julchen. 246 Jetzt, liebe Schwester, sagte Hedler, ist der Baron unser, wenn du dich in Acht nimmst. Er liebt dich noch nicht, wie du glaubst; aber er ist auf dem Wege dich zu lieben, und gewiß recht zärtlich, von ganzem Herzen. Beobachte nur von Zeit zu Zeit Iglou, und lerne ihre Sprache, diese hohe Dichtersprache, von ihr. Ich bitte dich, Julchen, lies wenigstens jetzt zuweilen den Corneille, so viele lange Weile er dir auch macht. Das ist die Sprache, mit der du den Baron bezaubern kannst. Aber besonders, liebes Julchen, nimm dich vor der Schwarzen in Acht! Sie nennt den Baron ihren Herrn ; und sie ist des Barons Herr . Glaube mir, das Mädchen zerreißt sonst das ganze Gewebe, das du um den Baron her spinnst. Julchen lachte über ihren Bruder mit seinem Corneille; aber sie sah wohl ein, daß er Recht hatte, und versprach ihm, die Rolle einer tragischen Heldin zu übernehmen. Der Bruder setzte noch die Warnung hinzu, sie möchte diese Rolle wenigstens bei Iglou nicht übertreiben, in der er die Feindin aller seiner Plane ahnete. Julchen fing ihre Rolle an, und es machte ihr innerliches Vergnügen, als sie bemerkte, daß der Baron ganz davon hingerissen wurde. Sie saß am Klaviere, (der Baron neben ihr), und spielte eine Zeitlang. Auf einmal fing ihr Busen an sich gewaltsam zu heben; sie stand auf, sah dem Baron mit einem rührenden Blicke ins Gesicht, und schlug dann das Auge zu Boden. Bat der Baron sie, fortzufahren, so sagte sie seufzend: nein, ich darf nicht; das Gefühl würde mein Herz zersprengen. In diesem mächtigen Gefühle setzte sie 247 sich zu ihm, schlang in hoher Vergessenheit ihren Arm um seinen Nacken, blickte an die Decke, und zog den gutherzigen Baron, dem die Augen naß wurden, an ihre klopfende Brust. Nun rief er, ganz außer sich: »welch ein Reichthum von Gefühlen liegt in Ihrer heißen Brust, Julchen! Wie ist es möglich! bei solcher Fröhlichkeit diese hohen Gefühle! bei solcher Ruhe diese erhabne Bewegung!« Alles ging mit dem Baron vortrefflich; er gerieth immer tiefer in die Netze des schönen Mädchens. Schon Morgens früh hörte er unten Julchens schmeichelnde Stimme, und ging zu ihr hinunter. Er fand sie jetzt nie mehr in einem üppigen Anzuge; aber desto reitzender war sie für ihn. Ihr blondes Haar hing noch unfrisirt in natürlichen Locken um das schöne, heiter lachende Gesicht; ein enges Nachtmieder bedeckte, und zeigte zugleich die schlanke, leichte Gestalt. Sie schien ihm nie schöner als in dieser Kleidung, und war auch niemals schöner. Abends spät ging Iglou zuerst weg, weil sie immer eine Stunde vor dem Schlafengehen noch zu lesen pflegte. Dann schlich Hedler sich davon, und Julchen blieb mit dem Baron allein. In der Dämmerung eines Lichtes, in der geräuschlosen Stille, in dem engen Umfange des Zimmers, war es nun, als ob auf einmal ein andrer Geist, der Geist der zärtlichsten Liebe, das Mädchen beseelte. Ihre Stimme war jetzt so schmeichelnd, so zärtlich, so langsam, ihre Bewegungen so gemäßigt, ihr Gang so leise, so still, ihre Ruhe so wehmüthig, ihr Gespräch so voll Gefühl, daß der Baron jeden Tag auf diese Stunde wartete wie auf das Heil des Himmels. 248 Und bei dieser äußeren Stille, in welche sie ihn einwiegte, erregten zugleich ihr zärtlicher Händedruck, ihre gepreßten Seufzer, und die einzelnen Gänge, die sie auf dem Klaviere anschlug, bei ihm die stärksten Gefühle. Nach einem leisen Gesange, den sie nur mit sterbendem Athem zu hauchen schien, setzte sie sich zu ihm auf den Sofa, lehnte sich an seine Brust, seufzte, schwieg, umarmte ihn schnell und heftig, und ließ in wieder fahren. Kurz, es gelang ihr vollkommen, die Rolle zu spielen, die der Bruder ihr vorgeschrieben hatte: sie erregte bei dem Baron alle Begierden der Sinnlichkeit, ohne sie befriedigen zu wollen. Wurde er zu heftig, so zog sie sich zitternd, furchtsam aus seinen Armen zurück. Nein, sagte sie dann; ich darf nicht mehr mit Ihnen allein seyn. – Sie nahm ihr Strickzeug, setzte sich weit von ihm still nieder, und arbeitete emsig mit den schönen weißen Händen. Der Baron verließ sie jeden Abend verliebter, und der Zustand seines Herzens fing an ihm deutlich zu werden. Sie war so blond, ihr Auge so blau, ihre Gestalt so schlank! Zwar hatte sie sehr weiße Zähne; aber – der Himmel mochte wissen, wie das zuging – auch bei Emilien mußte er ja diesen Fehler übersehen. Ihr Fuß war für eine Celtin zu klein; doch bei dem allen so schön, so reitzend. Genug, Julchen gehörte zu den reinsten Celtinnen; und nun dazu ihre Kenntniß in der Musik, ihre erhabene Seele, ihre äußerst große Heiterkeit, die Wirkung ihres reinen Herzens! »Es ist wahr«, sagte der Baron; »Iglou fühlt jetzt eben so erhaben wie sie; ihre Seele ist durch Musik und die Römische 249 Sprache erhöhet: aber, ihr fehlt doch noch immer Julchens Heiterkeit, die stille, fröhliche Ruhe, welche ihrer gewiß ist. Es scheint, als ob Iglou's Seele über die Bande ihres vernachlässigten Körpers trauerte; Julchens Seele hingegen triumphirt über die edlere Natur, die ihr zu Theile wurde. Und, o! sie liebt mich, die schöne Seele!« Er hätte Julchen längst die Empfindungen seines Herzens entdeckt und ihr seine Hand angeboten, wenn Iglou nicht gewesen wäre. Julchen selbst erwartete mit jeder Stunde seine Liebeserklärung und das Anerbieten seiner Hand, weil er schon Anspielungen darauf gemacht hatte; aber Iglou hielt ihn noch immer davon ab, und, ohne zu wissen wie es zuging, folgte er dem treuen Mädchen. Was der Baron nicht sah, das war dem hellen Auge der eifersüchtigen Iglou nicht entgangen. So sehr auch Julchen, wenn Iglou sie beobachten konnte, sich in Acht nahm, so brach doch zuweilen ihre natürliche Lebhaftigkeit durch; und Iglou benutzte diese Augenblicke, um tiefe Blicke in ihr Herz zu thun. Sie würde sogleich Julchen für eine Buhlerin erklärt haben, wenn der Bruder nicht die Thorheiten seiner Schwester wieder gut gemacht hätte. Er zitterte vor der stillen Aufmerksamkeit, vor dem ruhigen Umherschauen der Schwarzen, zumal, als er erst bemerkte, wie viele Gewalt sie über den Baron hatte. Nun schloß er sich sogleich, doch mit aller Besonnenheit, an Iglou an, wozu die Laute ihm eine sehr natürliche Veranlassung gab. Er bewunderte ihr Spiel, doch ohne zu schmeicheln, kam dann von der Musik auf andre Gegenstände, und fühlte nach jedem 250 Gespräche mehr Achtung für Iglou. Er lobte sie nicht, und widersprach ihr sogar oft; aber er schien gern in ihrer Gesellschaft zu seyn. In der That erwarb er sich Iglou's Wohlwollen in einem hohen Grade. Er führte die Rolle, welche er bei ihr übernommen hatte, mit großer Feinheit durch. Zwar machte er nicht den großen, tugendhaften Helden; aber doch den redlichen, aufrichtigen, arglosen Mann, der gern gesteht, daß er ein Mensch ist, weil er nichts Böses thut. Er erzählte Iglou nach und nach seinen Lebenslauf, und nahm durch seine traurige Schicksale, die er freilich nicht auf seine eigne Rechnung setzte, das weiche Herz des Mädchens für sich ein. Endlich bat er Iglou sogar, seine Schwester von ihrem Leichtsinne zu heilen. Das Mädchen, sagte er, hat ein sehr reines Herz; nur giebt ihr Mund zuweilen ihrem eigenen Herzen das schlimmste Zeugniß. So sprach er oft mit Iglou ganz unbefangen. Iglou gerieth in Zweifel, was sie thun sollte. Hatte sie den Bruder gesprochen, so schien ihr alles, was er sagte, so wahr. Sah sie dann aber die Schwester wieder allein, und verwickelte sie in ein nur etwas lebhaftes Gespräch; dann vergaß Julchen ihre Rolle, und schien ihr offenbar eine Buhlerin, ein Geschöpf ohne alles Herz. Iglou beschwor den Baron, vorsichtig zu seyn. Ich bat dich ehemals, sagte sie, Emiliens Liebe zu prüfen; und ich hatte Recht. Jetzt bitte ich dich, prüfe erst Julchens Charakter , ehe du ihre Liebe prüfst! »Ihren Charakter, Iglou? Kann ein Mensch blonder seyn als sie? versteht sie nicht den Generalbaß?« 251 Du irrtest dich in Emiliens Herzen, und warst deiner Sache doch so gewiß. Aber wenn du hier irrtest, im Charakter! Schrecklich! Und ich fürchte, du irrst dich! Glaube mir, sie hat kein menschliches Herz. Sie will nur sich , nur genießen! »Iglou, das Laster kann nicht so heiter seyn.« Ich sage nicht, daß sie lasterhaft ist; aber ich fürchte, sie ist nicht tugendhaft . Sie ist nichts: das Schlimmste von Allem. Ich bitte dich, sey vorsichtig. »Iglou, sie spricht von der Tugend ...« Wie von einem Mährchen, das mit ernsten Mienen erzählt werden soll. Ihr Herz hat nie für etwas Anderes geschlagen als für ihr Vergnügen. Ich bitte dich, sey vorsichtig. Zögre. Warte noch einige Wochen, ehe du dich erklärst. Sie kann die Rolle nicht lange mehr halten. Julchen ihrer Seits hätte ebenfalls beinahe Lust bekommen, Iglou als eine Betriegerin zu betrachten. Überhaupt wußte sie nicht, wie sie mit dieser Art von Leuten daran war. Sie hatte nie Menschen gesehen, die für etwas Anderes als für ihr Vergnügen lebten. Tugend, Aufopferung seines Glückes, Reinheit der Seele waren für sie bloße Wörter, die nur in Romane, und nicht in die wirkliche Welt, gehörten. Ihre ganze Moral bestand in wenigen Gesetzen; keinen Menschen zu ermorden, nicht zu stehlen, nicht auf eine grobe Weise zu betriegen. Dabei war sie äußerst mitleidig und bis zum Übermaße gutherzig. Mit einem Unglücklichen, der sich nur ein wenig darauf verstand, sie zu rühren, theilte sie ihr letztes Goldstück. Ihr Bruder hatte sie in 252 solchen Fällen oft eine tugendhafte Närrin geheißen; und sie gestand sich selbst, daß er Recht hätte. So hielt sie sich denn für nicht wenig tugendhaft. Alles Andre gehörte zu ihrem Vergnügen; und es war ihr noch niemals eingefallen, darüber nachzudenken. Ihr Spiel mit dem Baron hielt sie ganz und gar nicht für etwas Unrechtes. »Ich brauche Geld, um zu leben, einen reichen Mann, um glücklich zu seyn; und er ein hübsches Weib, das ihn glücklich macht. Ich ziehe ihn an mich, bringe sein Herz in Bewegung, und überzeuge ihn, daß ich ihn glücklich machen kann. Er ist reich; ich bin schön. Er liebt mich; ich werde seine Frau. Er giebt mir zu leben, Kleider, Ringe, Equipage, Bedienten; und ich gebe ihm dafür mich selbst. Es fragt sich noch, an welcher Seite das Opfer größer ist.« So würde sie raisonnirt haben, wenn es ihr jemals hätte einfallen können, nachzudenken. Kurz, Julchen dachte, fühlte und handelte gerade so, wie jetzt die meisten Europäer. Nun stieß dieses Mädchen mit ihrem Moral-System auf ein Paar Menschen, die so ganz anders fühlten als sie. Mit dem Baron wurde sie bald fertig; sie erklärte ihn geradezu für einen Narren, und warf seine Tugend zu seinen andern Grillen, die sie belachte. Aber nun lernte sie Iglou kennen; und auch die zu verlachen, das war unmöglich. Als sie endlich Iglou's Geschichte mit dem Baron halb und halb erfuhr, rief sie: ha! ha! hab' ich dich? Sie ist eine Heuchlerin, die dem Baron die Tragödien-Rolle nachmacht, und seine Geldbörse plündert! – Sie erstaunte, als sie hörte, daß alle Einkünfte des Barons durch Iglou's Hände gingen; da auf einen 253 bestimmten Befehl von ihm Iglou's Unterschrift hinlänglich war, die größten Summen von seinem Gute und von den Banquiers in Berlin zu beziehen; noch mehr aber, daß Iglou nie Rechnung abgelegt hatte, und es nie zu thun brauchte. Sie äußerte dem Baron ihre Verwunderung über sein großes Zutrauen zu Iglou, und meinte, er habe doch immer Ursache zu zweifeln. Bei dieser Erinnerung zeige sich in seinen Augen ein Blick des Unwillens, und er antwortete mit edlem Eifer: »in den Händen der Vorsehung liegt mein Vermögen nicht sicherer als in Iglou's Händen! Sprechen sie davon nicht mehr!« Aber die Schwarze könnte Ihnen doch einen großen Verlust zuziehen! »Verlust? Wenn sie wollte, so wäre ich in einem Augenblick ein Bettler. Ein Federzug von ihrer Hand; und ich bin um mein ganzes Vermögen.« Das heißt viel gewagt! »Nichts gewagt, Julchen; ich habe mit Iglou zu thun. Was ich mein nenne, ist das ihrige!« Aber, wenn sie nun die Verschwendung liebte? »Liebe Julie, Iglou spart, geitzt sogar; und vielleicht von der Hälfte meiner Einkünfte, die sie überspart, erfahre ich nicht, wo sie bleibt.« Die Hälfte Ihrer Einkünfte? Lieber Baron, welche Vergnügungen könnten Sie dafür genießen! Und Sie fragen nicht, wo das Geld bleibt? Des Barons Auge glänzte. »Wo es bleibt? O Himmel! Iglou trägt es in die Hütten der Unglücklichen; ihre 254 wohlthätigen Hände vertheilen es unter die Kinder des Unglücks, der Armuth, der Dürftigkeit. Während ich hier bei Ihnen so glücklich bin, durchläuft meine gute Iglou die Stadt und sucht Hülfsbedürftige, Elende auf. Während Ihre schöne Hand aus den Saiten des Klaviers süße Töne hervorlockt und mein Herz mit Entzücken füllt, macht auch Iglou Glückliche, trocknet Thränen, wird die Stütze wankender Familien, giebt Kindern ihre Eltern zurück, und segnet, wie ein guter Geist, tausend Herzen.« Julie zweifelte; aber der Baron sprach mit so vielem festen Glauben von Iglou's unerschütterlicher Tugend, daß sie schweigen mußte. Sie erzählte das ganze Gespräch ihrem Bruder und lächelte über des Barons Treuherzigkeit. Hedler, der es sehr gern gesehen hätte, wenn der Baron von Iglou los gewesen wäre, wurde aufmerksam. Iglou ging oft aus, und zwar immer in der äußersten Stille. Er spürte ihren Gängen nach, und sah zu seiner großen Beschämung, daß es Gänge der edelsten Menschlichkeit waren. Bei seinen Erkundigungen und seinem Nachforschen fand er immer dasselbe: Menschen, die mit Thränen des Dankes, mit der höchsten Liebe, mit begeistertem Gebete von der Schwarzen sprachen. Zu gleicher Zeit fand er auch, daß Iglou auf diese Weise große Summen ausgab. Er erzählte Julien seine Entdeckungen. Ich dachte, sagte er, die Schwarze, die uns im Wege steht, zu ertappen; aber in der That, der Baron versichert nicht zu viel von ihr. Es ist so; sie vertheilt sein Geld unter die Armen. Julie erstaunte, als ihr der Bruder einzelne 255 Fälle erzählte, über Iglou's Art zu denken und zu handeln. Sie selbst gab gern, wenn sich Gelegenheit dazu zeigte; aber wie man sich überwinden könnte, den Unglücklichen auszuforschen, aufzusuchen, in die kleinen, dürftigen Wohnungen des Elendes zu gehen, den Armen mit Feinheit zu unterstützen, ein Vergnügen darüber aufzuopfern: das war ihr schlechterdings unbegreiflich. Daher glaubte sie, es müsse nothwendig noch ein anderer Grund da seyn, der Iglou antriebe, so zu handeln. Sie sprach mit Iglou über die Wohlthätigkeit, und hörte nun zum ersten Male die Worte: Tugend, Pflicht, mit einer großen Bedeutung nennen. Die Pflicht zwingt dich dazu, liebe Schwarze? fragte Julchen, und sah Iglou starr an; die Pflicht? wie kann dich etwas, das in dir ist, zwingen? »Zwing dich nicht deine Begierde, auf einen Ball zu gehen, von dem du dir Freude versprichst?« Ei, das ist auch eine unendliche Freude! »Unendliche? Sie dauert vier Stunden, und Kopfweh oder ein Keichhusten bezahlt sie.« Aber du, Iglou, hast doch gar nichts zum Ersatze für das Kopfweh, das du dir aus den übel riechenden Krankenstuben der Unglücklichen holst. »Doch! Etwas, für das du freilich wohl nicht den Besatz deines Kleides gäbest: das Gefühl, meine Pflicht gethan zu haben.« Schon wieder Pflicht! Nimm es mir nicht übel, liebes Kind: das bildest du dir ein; sonst müßte auch ich es fühlen. 256 »Wir sangen neulich das schöne Duett, und dein Bruder vergoß beinahe Thränen, der Baron küßte dir entzückt die Hände. Auch der Bote von Zaringen stand da. Du fragtest ihn, wie ihm das gefiele? Er schüttelte lachend den Kopf, und meinte, sein Schleifer bei dem Pfingstbiere ginge doch besser. Glaubst du, daß die Empfindung, die bei dem Duett unsre Busen zusammenpreßte, darum Einbildung ist, weil der Bauer nichts dabei fühlte?« Ja, es ist ein eigener Sinn für die Musik nöthig, Iglou. »Wie für die Tugend, schöne Julie! Die Tugend ist die Musik der Seele; sie kommt herüber aus den Gefilden der Ewigkeit. Ein Mensch, der, wie jener Bauer, an die wilden Tänze der Freude gewöhnt ist, schüttelt den Kopf dabei. Nur ein Herz, dem das Leben wenig, das Grab viel, die Ewigkeit alles gilt, versteht die holden Töne der Tugend. O Julie, wie wenig verstehst du dich auf das Glück des Lebens, daß dir das Wort Pflicht nichts als ein Ton ist! So schön diese Stirn, so voll, so schön dieser Busen; und das Herz darunter so leer! Armes, unglückliches Mädchen!« – Iglou umfaßte bei diesen Worten mit Thränen auf den Wangen das staunende Julchen. Julchen konnte keine Thränen sehen, ohne sogleich mit zu weinen. Iglou küßte ihr nasses Auge. »Sieh«, sagte sie gerührt; »diese Thränen machen dich schöner als alle Reitze deines Körpers.« Sie glaubte Juliens leichtsinniges gefühlloses Herz getroffen zu haben; und Julie dachte nichts, gar nichts, bei ihren Thränen. Sie umarmte Iglou, drehte sich um, hüpfte auf ihr Zimmer, sang: 257 Ils sont partis les Jeux, les Ris, les Graces, etc. und damit hatte sie Iglou, die Tugend, und Alles vergessen. Armes, unglückliches Mädchen! wiederholte sie spottend, und fing an, laut zu lachen. Iglou glaubte auf Juliens Herz wirken zu können, und gebrauchte ihre Laute wieder; doch es war alles vergeblich. Julie hörte, lächelte und schwieg. Ihr Herz war in der That nicht böse; aber Genuß, Zerstreuungen der großen Welt hatten es mehr gegen die Stimme der Tugend verhärtet, als selbst Verbrechen das gekonnt hätten. Sie begriff wirklich nicht, ob das, was Iglou sagte, ihr Scherz oder ihr Ernst sey. Ihr Bruder bat sie, sich ein wenig an diese Sprache zu gewöhnen; aber selbst das war ihr bei ihrem Leichtsinne unmöglich. Sie fragte den Bruder einmal: aber sage mir doch, ist das Heuchelei von Iglou, oder fühlt sie es wirklich? Sie fühlt es, antwortete Hedler: wie ein Mensch, der seine Träume für Wahrheit hält. – Nun, rief Julie, und tanzte umher: so gebe der Himmel, daß ich so träume, wenn ich dreißig Jahre alt bin! So lange wird doch mein Gesichtchen wohl dauern. Wie einer zufrieden seyn kann, ohne Vergnügen zu haben, das begreife, wer will; ich nicht! Das Mädchen und der Baron sind ein Paar seltsame Menschen. Das waren sie; denn Julie konnte auch mit dem Baron nicht ganz fertig werden. Er war freigebig, großmüthig gegen sie, und erhielt Hedlers ganze Wirthschaft; sie durfte nur einen Wunsch äußern, der Baron erfüllte ihn, wenn er nicht gar zu ausschweifend war. Das alles that der Baron, und verlangte von ihr dafür weiter nichts, als 258 Freundschaft und Vertrauen. Eine solche uneigennützige Liebe hatte sie noch nicht gesehen; und sie konnte davon um so weniger begreifen, da, wenn er sich allein bei ihr befand, ganz augenscheinlich seine Begierden aufgeregt waren. Sie hatte, um ihn noch mehr zu reitzen, ihm hundertmal gesagt, daß sie ihn liebe; und dennoch kämpfte er seine Begierden zu Boden. Er riß sich mit Gewalt aus ihren Armen, und floh das Glück, das er, wie seine brennenden Augen zeigten, sehnlich wünschte. Julie ließ beinahe schon die Hoffnung fahren, mit dem Baron weiter zu kommen; aber, was ihr den Muth nahm, gab dem Bruder die besten Hoffnungen. »Er liebt dich, Julie«, sagte er; »und, noch mehr: er achtet dich. Du bist gewiß auf dem Wege, seine Hand zu erhalten.« Julie schüttelte den Kopf, und erwiederte: wenn er mich zu seiner Frau machen will, warum erklärt er sich denn nicht? Ich sage ihm ja täglich, daß ich ihn liebe. Hedler hielt Iglou für das Hinderniß; und sie war es. Sie fühlte, daß sie sich der Liebe des Barons nicht entgegen setzen dürfte, da sein Herz nun einmal nicht ihr war; aber sie wollte wenigstens, daß seine künftige Gattin ihn wirklich lieben sollte: und das traute sie Julien nicht zu. Betrübt, und doch lächelnd, sagte sie: gebe der Himmel, daß sie deines Herzens werth ist! Aber ich fürchte, sie ist es nicht. Der Baron behauptete das Gegentheil, und berief sich immer auf Juliens blondes Haar und ihre Stärke im Generalbasse; Iglou dagegen auf Gespräche mit Julien, auf Urtheile, die ihr entschlüpft waren, auf kleine 259 Begebenheiten, bei denen Julie sich wenigstens nicht edel benommen hatte. Der Baron konnte das nicht leugnen, nannte es aber Leichtsinn. Iglou erwiederte: Leichtsinn entspringt bisweilen aus Mangel an Überlegung, aber noch öfter aus einem kalten, gefühllosen Herzen. Laß dir doch Zeit, zu finden, welcher Leichtsinn Julien beherrscht. Der Baron war überzeugt: der gute. Er wurde zuletzt ungeduldig, und wollte durchaus nicht länger mit seiner Erklärung gegen Julien warten. Iglou warf sich ihm zu Füßen, umschlang mit bebenden Händen seine Kniee, und beschwor ihn mit heißen Thränen, nur noch eine kurze Zeit zu zögern. Ach, sagte sie: ich habe dich unendlich geliebt; ich liebe dich noch, und meine Liebe wird erst mit meinem Leben enden. Diese Liebe habe ich dir aufgeopfert. Ich weiß, daß du mich nie lieben wirst; aber so laß mir wenigstens den Trost, daß ein Herz wie das meinige deine Liebe erhält, und nicht die Buhlerei einer herzlosen Puppe. Iglou's Thränen drangen dem Baron endlich das Versprechen ab, sich noch nicht zu erklären, und erst Überzeugung abzuwarten, ob Julie seiner werth sey, oder nicht. Julie, die vorher des Barons Liebeserklärung schon auf seinen Lippen zu sehen geglaubt hatte, merkte jetzt, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war; und seine häufigen Gespräche über Leichtsinn zeigten ihr auch die Quelle derselben. Sie begriff ganz und gar nicht, wie Iglou solche Gewalt über den Baron haben konnte. Der Bruder lockte endlich von ihm sein eigentliches Verhältnis zu Iglou heraus; und nun war ihm alles deutlich. »Die Schwarze«, 260 sagte er zu Julien, »ist deine Nebenbuhlerin.« Julie lachte laut auf. »Deine Nebenbuhlerin«, wiederholte er kalt; »und zwar eine sehr gefährliche.« Er erzählte Julien Iglou's Begebenheiten mit dem Baron. »Sieh, der Baron liebte Emilien innig; und diese tugendhafte Mohrin hatte Geschmeidigkeit und List genug, beide noch an eben dem Tage, da sie sich verheirathen wollten, zu trennen.« – Du scherzest Bruder! Die Schwarze hätte das gekonnt? – »Sie hat es gekonnt, und wird es auch bei dir können, wenn du nicht vorsichtig bist.« – Julie wurde ernsthaft. Nach und nach war es ihr ein sehr interessanter Gedanke geworden, Frau von Flaming zu werden, Güter zu besitzen; und nun, da sie des Barons Hand wünschte, sollte sie ihn verlieren, noch dazu durch ein so häßliches Geschöpf? Alles stand jetzt auf dem Spiele; und – wie Julie nun einmal war – sie setzte Alles an Alles. Laß mich! sagte sie, und sang ein lustiges Liebesliedchen; laß mich! es soll Alles gut gehen. Sie erinnerte sich eines Gespräches zwischen dem Baron und ihrem Bruder über die Verführungen der Sinne. Der Baron behauptete: es sey unmöglich, seine Sinnlichkeit in dem Grade zu reitzen, daß er falle. Hedler behauptete das Gegentheil. »Es würde mich unglücklich machen«, fuhr der Baron fort, »wenn ich so schwach wäre. Liebte ich das Mädchen, so müßte ich jammern, es so schwach gefunden und mich so sinnlich gezeigt zu habe; liebte ich es nicht, so wäre ich noch unglücklicher: was dürfte ich dem Mädchen zum Ersatze meiner Schwäche anbieten als meine Hand?« – Wie? fragte Hedler erstaunt; Ihre Hand? – 261 Der Baron erzählte ihm seine Begebenheit mit Iglou, und sagte dann sehr ernst: »ich würde ihr meine Hand gegeben haben, wenn ich schwach genug gewesen wäre, der Sinnlichkeit zu erliegen.« Auf diese Äußerung bauete Julie ihren Plan. Der Baron fand in der ganzen Völkergeschichte nichts so interessant als die alten Deutschen; Hermann war sein Held, und Thusnelde seine Heldin. Er hatte Hermanns Begebenheit sogar in Verse gebracht, und Iglou mußte ihm ein Paar Gesänge in Noten setzen: unter andern den, mit welchem er Thusnelden nach der Schlacht mit Varus den Sieger Hermann empfangen ließ. Es war ein edles Lied, worin die Liebe zu dem Jünglinge mit dem Stolz über den Gatten wetteiferte. Eine schönere Musik kannte der Baron nicht; und Iglou durfte nur die ersten Töne davon anschlagen, so sagte er zu allem Ja. Eines Abends, gerade an ihrem Namenstage, war Julie, als der Bruder sich wegbegeben hatte, vorzüglich zärtlich gegen den Baron. Er hatte ein Paar Gläser Champagner getrunken; sein Blut floß daher leicht, und seine Sinne waren geöffnet. Das Gespräch wendete sich ganz natürlich auf Hermann, und der Baron bat Julien, Thusneldens Lied zu singen. Sie hatte den Einfall, ob man nicht einmal ganze Stücke davon aufführen könnte. Dem Baron gefiel diese Idee. Mitten in der Unterredung sprang Julie, wie begeistert, auf, und rief: ich will Ihnen die Thusnelde zeigen. Sie flog in ihr Kabinet, und der Baron wartete mit großer Ungeduld. 262 Auf einmal öffnete sich die Thür, und Julie trat, wie Thusnelde gekleidet, mit einem Kranze von Blättern in der Hand, herein. In der That ein reitzendes Geschöpf! Sie trug ein leichtes, dünnes Kleid von feiner Leinwand, unter dem Busen mit blaßrothem seidnem Bande gegürtet. Die Arme waren fast bis an die Schultern bloß. Das blonde Haar floß in seiner natürlichen Farbe und in leichten Locken über den schönen Busen, und hing auf die weißen runden Arme. Die Füße waren nackt, und mit Bändern geschnürt; das Gewand ging nur bis auf die Knöchel hinunter. Kurz, die reitzende Gestalt mußte alle Sinne aufregen. Flaming flog auf sie zu. Sie wich zurück. Nein, sagte sie: anrühren dürfen Sie mich nicht; sonst gehe ich den Augenblick weg. Er setzte sich wieder, und weidete seine Augen an der reitzenden Gestalt. Auf einmal erhob sie die liebliche Stimme, und sang, wie begeistert, mit den leichtesten, schönsten Bewegungen des Körpers, Thusneldens Lied. Sie wendete sich an den Baron, als ob er Hermann wäre. Bei den Worten: »Hier bring' ich dir den Kranz des Ruhms!« flog sie zu dem Baron hin, und setzte ihm den Kranz auf. Dann sang sie weiter: »und meine Liebe ...« Sie hielt inne, als ob sie vor Empfindung nicht weiter singen könnte. »Und meine Liebe ...« fing sie noch einmal an. Sie schloß mit einem Seufzer. Ach, Hermann! flisterte sie leise; und so, von Liebe überwältigt, sank sie an des Barons laut schlagende Brust. Er hielt das reitzende, so lockend gekleidete Geschöpf in seinen Armen. Noch wollte er widerstehen; aber sein Kampf machte den Sieg 263 der Zauberin desto gewisser. Er trank an Juliens Lippen ein wollüstiges Vergessen der Tugend, und der Schutzgeist seiner reinen Unschuld entfloh. – Am Morgen erwachte der Baron in den Armen der reitzenden Geliebten. Ein schmerzlich süßes Gemisch von Vorwürfen und Entzücken füllte sein Herz. Er wollte sich aus Juliens Armen reißen, und drückte sie nur noch fester an sich. Sie spielte ihre Rolle unvergleichlich. Zärtlichkeit und Reue, Thränen und Umarmungen wechselten bei ihr ab; sie nannte sich das glücklichste und das unglücklichste Geschöpf der Erde. Der Baron tröstete sie. »Du bist mein, holde Julie!« sagte er mit den zärtlichsten Liebkosungen. »Du bist mein Weib! mein geliebtes, theures Weib! Die Liebe, holdes, gutes Geschöpf, hat uns betrogen, oder vielmehr, sie ist unserm Schicksale um einige Tage zuvorgekommen.« Julie drang auf eine bestimmte Erklärung: der Baron gab sie sehr offen, und wiederholte ihr ein förmliches Eheversprechen in den bündigsten Ausdrücken. Julie warf sich an seinen Hals, und vergoß an seiner Brust Thränen des Entzückens. Der Baron seufzte aus vollem Herzen: »o Gott! wie glücklich bin ich!« Er fühlte sich wirklich in diesem Augenblicke sehr glücklich, ohne alle Beimischung von Reue glücklich; denn so eben waren ihm die Probenächte und Probejahre in dem Schwarzwalde, in der Schweiz und in Schottland eingefallen. Nun schloß er Julien zärtlich in seine Arme, und flisterte ihr zu: »sey heiter, sey ruhig, liebstes Julchen! Laß dir von deinem zarten Gewissen keine Vorwürfe 264 machen. Was wir thaten, thun alle Hochschotten, die meisten Schweizer, und die Bauern im Schwarzwalde. Es ist echt Celtisch, holdes Mädchen.« Julie lächelte. Die Schweizer nur? dachte sie. Was der die Menschen kennt! Der Bruder, der am Morgen das Vorgefallene aus der Vertraulichkeit des Barons errieth, fragte ihn: wie es zugehe, daß er sich so schnell entschlossen habe, Julien seine Hand anzubieten. Er gab Julien einen feinen Wink, zu gestehen. Sie bedeckte das Gesicht mit ihrem Taschentuche, als ob sie ihre Schamröthe verbergen wollte, und schluchzte. Der Bruder drang in den Baron, in seine Schwester; und Julie verrieth sich durch ein Paar Worte, die ihr entfuhren. Das eben wollte Hedler. Wie? rief er; Baron, ist es möglich, was ich fürchte, wovor ich zittre, was mich ewig unruhig machen wird? O Baron, wie schlecht haben Sie dann das Zutrauen vergolten, mit dem eine Familie, die nichts hatte als ihre Ehre, Sie in Ihren Schooß aufnahm! Wie unglücklich bin ich! Ach, ich hätte Ihrer Tugend nicht so viel trauen sollen! O, du armes Mädchen! hab' ich dir nicht dein Unglück, deine Schande vorausgesagt? Konnte es anders enden bei der heißen Leidenschaft, die du fühltest? Gott! ich bin so schuldig wie ihr! – Er umarmte in wildem Schmerze seine Schwester, die nicht begriff, wozu dieser Akt der Komödie noch nöthig war. Der Baron sagte ganz ruhig: »ja, es ist so, wie Sie vermuthen. Julie, die gute, schöne Julie, ist mein Weib. Aber seyn Sie doch ruhig; ich ...« 265 Nein, nein! ich werde nicht eher ruhig, als bis Sie förmlich mit ihr verbunden sind. Gut, ich liebe euch, meine Theuern, und will darüber wegsehen. Es ist nun einmal nicht zu ändern. Aber eilen Sie Baron; geben Sie meiner unglücklichen Schwester ihre Ruhe, ihre Unschuld wieder: das Gefühl, daß sie nichts verbrochen hat! Noch heute, Baron! »Noch heute? Lieber Hedler, wie ist das möglich? Ich muß doch erst meiner Mutter ...« Heute, Baron. Machen Sie Ihre Unbesonnenheit durch die gesetzliche Trauung wieder gut. Ich thue auf alles Verzicht: Aufgebot, Brautkranz, Ankündigung ... »Recht, lieber Hedler! ohne Brautkranz! Und wenn ich auch die Schwäche nicht gehabt hätte, wenn Julie nicht mit mir gefallen wäre: so dürfte sie dennoch keinen Brautkranz tragen; denn sie ist ...« – Hedler wurde todtenbleich; Julie schrie auf, und schloß den Baron heftig in ihre Arme: Beide durchfuhr in diesem Augenblick der Gedanke, der Baron wisse ihre Begebenheiten – »eine Celtin«, wollte der Baron sagen; aber Juliens Schrei verschlang das Wort. Der Baron nahm Julien in seine Arme, und nannte sie hundertmal: seine unschuldige, seine geliebte Julie. Hedler, der noch immer nicht wußte, was der Baron damit gemeint hatte, daß Julie ohnedies keinen Brautkranz tragen dürfe, drang nicht mehr so dreist auf die augenblickliche Trauung, und der Baron konnte nun dem Gedanken an einen Probemonath ohne Störung nachhangen. Er versprach noch einmal feierlich, Julien zu heirathen; und 266 Hedler schien sich zu beruhigen, da er dem Baron auch das Versprechen abgelockt hatte, selbst Iglou'n nichts von seinem Vorsatze zu sagen. Hedler bat indeß Julien, weil er noch immer etwas besorgt war, die Trauung, so viel es nur möglich sey, zu betreiben, und dem Baron von jetzt an jede Gunst zu versagen, um ihn nicht mit Genuß zu überfüllen. Julie versprach das, und fing sogleich an, ihre Rolle zu spielen. Sie saß trauernd da; und fragte der Baron sie um die Ursache ihre Kummers, so seufzte sie, schloß ihn in ihre Arme, sagte ein Paar Worte, ohne zu endigen, und trocknete die Augen, in die freilich keine Thräne gekommen war. Der Baron drang ihr endlich das Geständniß ab: sie könne nicht eher ruhig werden, als bis sie mit ihm getrauet sey. Ihre Klagen waren so rührend, so zärtlich, daß sie dennoch, Trotz der großen Lust des Barons die Celtischen Probezeiten wieder herzustellen, ihren Zweck würde erreicht haben, wenn er nicht zufällig ihre Eitelkeit mit ins Spiel gebracht hätte. »Heimlich trauen?« sagte er; denn sie hatte das Wort: heimlich , gebraucht, weil ihr Gewissen es ihr in den Mund legte. »Heimlich? Nein, Julie! Warum heimlich? Mit aller Pracht, mit allem Glanze, der meinem Stande und deinen Tugenden angemessen ist, sollst du mir deine Hand geben. Ich will dich nicht in meine Familie hinein stehlen. Öffentlich will ich dich unter meine Verwandten führen, und rufen: seht, welch ein Weib! Adel? Liebste, beste Julie, dein blondes Haar, dein blaues Auge ist ein alter Stammbaum; dein Blut so edel wie das meinige. Nein, auf meinen Gütern, 267 mitten unter meinen und deinen Unterthanen, soll der Altar unsere Hände vereinigen. Heimlich? Nimmermehr! So öffentlich wie möglich sollst du den Nahmen Frau von Flaming annehmen.« Dieser Versuchung konnte Julie nicht widerstehen. Sie sah im Geiste sich schon wie eine Fürstin geschmückt, mit Edelgesteinen bedeckt; und die Vorstellung: Unterthanen! schmeichelte ihrem Stolze. Ja, rief sie; du hast Recht, Geliebter! Kein Wort weiter davon! Nur so bald als möglich. – Und das über den Baron zu vermögen, traute Julie sich wohl noch zu. Der Abend kam heran; und der Baron, der den ganzen Tag lang den Gedanken an das Probejahr der Celten nicht hatte los werden können, erröthete, als endlich der Bruder von Julien wegging. Er stand schon auf, um ebenfalls zu gehen: so widrig schien ihm jetzt die Vorstellung; indeß eine heimliche Begierde hielt ihn. Julie spielte, sang, umarmte ihn, und entschlüpfte ihm dann wieder; aber dennoch war sie äußerst zärtlich. Er bat, sie möchte sich ihm noch einmal als Thusnelde zeigen. Sie sah ihn zögernd an, als ob sie mit sich selbst kämpfte. Ach, sagte sie endlich, diese Thusnelde hat mir viel gekostet! Doch – was könnte ich dir abschlagen! Sie kam in dem reitzenden Gewande einer alten Deutschen Kriegerin, aber mit traurigen Blicken, wieder, nahm die Laute, die sie schon recht gut spielte, und setzte sich dem Baron gegenüber. Seine Augen flammten, als er nun mit Muße die schöne, liebliche Figur betrachtete, die er 268 gestern nur verworren sehen konnte. Sie hatte das holde Gesicht auf den jugendlichen Busen niedergebeugt, die runden, weißen Arme um die Laute geschlungen, die kleinen Füße lässig über einander gelegt, und sang nun mit langsamer, sanfter, leiser und trauriger Stimme Thusneldens Lied während der Schlacht: Wenn nun ein Römerschwert ihn trifft! O Götter! Götter! rettet ihn! Thusnelde nun verlassen traurt! Verlassen? Nein! ich folge ihm! Diese Zeilen sang sie halb recitirend, mit niederhangendem Haupte. Bei dem Worte: »verlassen?« richtete sie langsam den Kopf in die Höhe, und warf traurige Blicke auf den Baron. Sie schloß mit einem tiefen Seufzer; dann sank die Laute aus den weißen Armen auf den Boden. Verlassen? sagte sie; ach, könntest du mich verlassen, mein Geliebter? Der Baron sprang auf, warf sich vor ihr auf die Kniee, und rief mit nassen Augen: »nein, geliebte, theure Thusnelde, nimmermehr!« Sie schlang die weißen Arme um seine Schultern, und hing an seinen Lippen. Der Baron sprang auf, faßte sie in seine Arme, und zog sie auf seine Kniee. Alle seine Begierden stürmten, als er das reitzende Mädchen so an seiner Brust hielt. Ihre Liebkosungen entflammten seine Begierden noch mehr; aber auf einmal entzog sie sich seinen Armen. Er eilte ihr nach. Sie legte die flache Hand vor seine Brust, und hielt ihn von sich ab. Nein, rief sie, beinahe schluchzend; ich bitte dich, geh! 269 geh! Soll wieder die Reue mein Herz zerreißen? Sie schlug die Hände zusammen, hob sie gefaltet auf, und beugte den Kopf zur Seite nieder, daß die blonden Locken über den schönen Nacken schwammen. Was den Baron abhalten sollte, reitzte ihn noch mehr. Er faßte sie wieder in seine Arme, und sie riß sich wieder von ihm los. »Höre mich, geliebte Thusnelde!« fing er an; »setze dich zu mir!« Nun erklärte er ihr mit stockender Stimme – er wußte die Worte dafür nicht zu finden –, daß sie ja sein Weib sey, und daß sie als eine Celtin schlechterdings nichts gegen eine solche vorläufige Ehe haben könne. Aber das alles war in den Wind gesprochen; Julie setzte seinen Gründen Thränen, seinen Vorstellungen Seufzer, seinen Bitten Händeringen entgegen. Er gab endlich nach, so wenig er auch zu begreifen wußte, wie seine so reine Celtin einen echt Celtischen Gebrauch so abscheulich finden konnte. Nach Mitternacht verließt er Juliens Zimmer, und wirklich mit großer Achtung für ihre reine, fleckenlose Seele. »Welch eine unbesiegbare Keuschheit!« rief er aus. Er hätte sich nun gern auf der Stelle mit Julien trauen lassen, und beschloß wenigstens sogleich Anstalten zu treffen, daß sie ganz die Seinige würde. Julie war nun vollkommen überzeugt, daß der Baron ihr nicht entgehen könnte, seine Schwüre in dieser Nacht, seine Versicherungen, sein Entzücken, alles machte sie ihrer Sache gewiß. Der Sieg war errungen; und sie berechnete schon, mit welcher Pracht, mit welchem Aufwande sie leben wollte. Ich werde, dachte sie, Paris endlich wiedersehen, und als Baronin von Flaming! 270 So oft Julchen die stille Iglou sah, fiel ihr auch ein, daß dies ihre Nebenbuhlerin war, und sie bekam jedesmal Lust, über ihren Sieg zu triumphiren. Nur das Verbot, die Bitten ihres Bruders hielten sie zurück; aber ganz konnte sie ihrer Eitelkeit den Triumph doch nicht versagen: sie machte Anspielungen, durch die Iglou aufmerksam wurde. Iglou hatte schon bemerkt, daß nicht alles so war, wie es seyn sollte. Sie sah, in welcher großen Vertraulichkeit der Baron mit Julien lebte, und wie sichtlich er sich bemühete, das Gespräch von dem Mädchen zu vermeiden. Juliens Anspielungen gaben ihr nun volles Licht. Sie benutzte die erste Gelegenheit, da sie den Baron allein hatte, (was jetzt nicht oft mehr der Fall war), und fragte ihn: du liebst Julien? Der Baron bejahete es. Du hast ihr gesagt, daß du sie liebst? »Liebe Iglou, höre mich an!« O, ich bitte dich, theuerster Herr, Vertrauen bist du deiner Iglou schuldig. Du hast es ihr gesagt? hast ihr deine Hand versprochen? »Ja, Iglou; Julie ist mein, und ich bin der glücklichste Mann auf der Erde. Julie ist mein, und ... ja, Iglou, ich will offenherzig reden – sie ist mein Weib.« Iglou schrie auf, und fuhr zurück. Unglücklicher! was hast du gethan! Der Baron erzählte ihr seine Begebenheit. »Nun siehst du selbst, Iglou, daß sie mein Weib ist.« Iglou blickte gen Himmel, und rief: abscheuliche Buhlerin! 271 »Buhlerin?« fragte der Baron sanft. »Iglou, ich kann es nicht ertragen, wenn du ungerecht bist!« Ungerecht? Theurer Herr, ich bin nicht ungerecht. Aber du erzählst ja selbst, daß sie als Thusnelde so reitzend gewesen ist. Sag mir doch: wie kam das keusche Mädchen sogleich zu dieser lockenden Kleidung? Sie wurde gemacht, dich zu locken. Der Plan, dich zu fangen, war mit buhlerischer Kälte ersonnen. Wir haben hundertmal Thusneldens Lieder gesungen; warum kam sie nie mit dem Anzuge zum Vorschein? warum in der Nacht? O, listige Buhlerin! Abscheuliches Gewebe von Bosheit! »Du bist ungerecht, Iglou! Ist denn nicht schon lange die Rede davon gewesen, einmal Scenen aus meinem Hermann aufzuführen? Haben wir nicht schon längst von dem Costüme gesprochen? Natürlicher Weise läßt Julie sich eine solche Kleidung machen, und zieht sie an, als der Zufall unser Gespräch auf Thusnelden bringt. Wir waren den Abend so heiter gewesen.« Glaubst du mich zu überreden, die Begebenheit dieser Nacht sey bloßer Zufall? Ich kenne ja diese Julie. Ich kenne sie! »Iglou, muß ich dich denn an jene Nacht erinnern, da eine ähnliche Verirrung der Sinne dich beinahe zum Opfer deiner Schwäche ...« Ja, das Herz kann weit treiben! Ich läugne es nicht, theurer Herr, meine Sinne waren dahin; und wenn du gewollt hättest, so wäre ich gefallen. Nur ein Glück, ich gestehe es, rettete deine und meine Unschuld. Aber Julie selbst, ihre 272 List, nicht ihr Herz, riß dich dahin. Sie triumphirt über deine Schwäche; ich würde darüber trostlos gewesen seyn. »Trostlos, wenn du mein Weib geworden wärest? Sieh, Iglou, wie der Eifer dich ungerecht macht!« Du würdest mich geheirathet haben? fragte Iglou mit großen erwartenden Augen; das würdest du? »Natürlich! ich hätte dich ja als mein Weib betrachten müssen, und folglich auch geheirathet. – Was sinnst du nach?« Und hättest mich auch geliebt, wenn ich dein Weib gewesen wäre? fragte Iglou mit sehr bewegter, langsamer, feierlicher Stimme. »Geliebt oder nicht geliebt, Iglou! Ich würde gethan haben, was meine Pflicht war. Du wärst mein Weib geworden.« Iglou warf sich vor ihm nieder. O, theuerster Herr, wenn du das Glück kenntest, das für mich in dem Gedanken liegt, dein Weib zu seyn! O, Erde und Himmel! Meine Seele wäre vergangen unter der Wonne! Dein Weib! ... Und dennoch – setzte sie finster hinzu – würde ich deine Hand ausgeschlagen haben. Das weiß ich, das fühle ich, so gewiß ich fühle, daß ich bin. Sterben kann ich für dich, aber nimmermehr dich unglücklich machen. Nein, nein, (fuhr sie schwermüthig fort); deine Liebe ist der Preis, nach dem ich ringe, nicht deine Hand . Julie ringt nach deiner Hand, nicht nach deiner Liebe; und o! sie liebt dich nicht: sie will nichts als dein Vermögen. »Iglou! Schwärmerin! Ich weiß, daß du meine Freundin bist, und daß dir an meiner Freundschaft genügt. Du 273 verstehst deine eigenen Gefühle nicht; denn wie könntest du mich lieben, da du nicht einmal von meinem Stamme bist! Liebe Iglou, was du von mir wünschen kannst, das hast du: meinen Schutz.« O, das weiß ich, erwiederte Iglou. Aber daß diese Julie, die deinem und meinem Herzen, die der Tugend und der Liebe fremd ist – daß diese mit den Künsten der Buhlerei dies Herz, dies Herz voll Liebe besiegen soll, das schmerzt! O, wenn nun einmal die schöne Larve von ihrem Gesichte fällt, wenn du nun mit gerungenen Händen dastehst vor dieser todten, leeren Gestalt, und die Liebe forderst, die ihr blitzendes Auge dir log; dann wirst du rufen: Iglou, wo find' ich dein Herz! und dies Herz wird in Asche zerfallen seyn. – Sie hielt die Hände vor ihr Gesicht, und verließ schluchzend das Zimmer. Der Baron sah ihr tiefsinnig nach, und sein Herz empfand die mitleidigste Rührung. Iglou ging in die Einsamkeit. Sie war sich eines tiefen Hasses gegen Julien bewußt; und für Emilien hatte sie Liebe gefühlt. Unrecht thäte ich dem Mädchen? sagte sie zu sich selbst. Unrecht? – Sie war gewohnt, einen solchen Gedanken nicht fallen zu lassen, und übersann noch einmal Juliens ganzes Benehmen. In der That konnte sie doch nichts Böses von ihr sagen. Julie war ein leichtsinniges, eitles Geschöpf, das übrigens mit der ganzen Welt gern in Frieden lebte, Niemanden beleidigte, und, wenn sie sich nur geputzt hatte und ein Vergnügen vor sich sah, gutherzig genug war alles Andere wegzugeben. Es fehlte ihr auch nicht an Geist. Freilich hatte sie ihren Verstand nicht zum 274 Nachdenken gewöhnt; aber sie schwatzte doch recht angenehm, und ihre Possen gefielen. Sie war nicht edel , das konnte Iglou selbst mit dem zartesten Gefühle der Billigkeit behaupten; aber auch nicht böse . Konnte sie dabei nicht immer den Baron lieben? und wenn sie ihn liebte, konnte sie ihn nicht glücklich machen, und selbst durch seine Liebe veredelt werden? Diese Frage wußte Iglou nicht zu beantworten. Iglou kam von selbst auf den Gedanken, ob wohl bei ihr nicht Eifersucht mit im Spiele seyn könnte. Sie stützte den Kopf lange in die Hand, und mußte sich zuletzt freilich gestehen, daß diese Leidenschaft ihre Gefühle schärfte. Aber Emilien hatte sie nicht gehaßt, und jetzt doch Julien! Ein neues Räthsel. Sie fand endlich, daß Juliens triumphirende Anspielungen auf ihren Sieg hauptsächlich ihren Haß erregt hatten. Doch sie fühlte auch Verachtung gegen Julien; und diese entstand aus der Überzeugung, daß Julie den Baron nicht liebte, sondern nur, weil er reich war, ihm Liebe heuchelte. »Aber thut sie das?« Schon zum zweiten Male stieß Iglou auf diese Frage, und wußte sie nicht zu beantworten. Sie zitterte, daß sie ihrer Feindin Unrecht thun möchte. Wie konnte sie darüber Gewißheit bekommen? Der Baron war, das fühlte sie, diesmal zu keiner Probe zu bewegen; denn er betrachtete ja Julien schon als sein Weib. Sie überlegte, und fand sich nicht heraus. Nur noch Zeit! rief sie; Zeit, um ihn zu retten! Sie fiel endlich auf einen Plan. Er war schwierig, gefährlich; und dennoch beschloß sie, ihn auszuführen. Aber auf einmal stieß sie auf die Frage: leitet dich nicht Eigennutz, Iglou? 275 liegt nicht die Hoffnung im Hintergrunde, den Baron von Julien loszureißen und ihn dann selbst zu behalten? – Sie ging schwermüthig auf und ab, und mußte sich mit schlagendem Herzen gestehen, daß diese reitzende Hoffnung tief in ihrer Seele läge. Jetzt gab sie den Gedanken, ihn zu retten, wieder auf. Aber wenn sie nun aufs neue dachte, daß er die Beute einer Buhlerin werden, daß ihn ein Herz ohne Liebe, ohne Tugend, betriegen sollte; dann ergriff sie den Plan, den sie entworfen hatte, mit neuem Eifer. Nein, sagte sie zuletzt, erst will ich mein eigenes Gewissen sichern. Ich gebe ihn auf, um ihn retten zu dürfen. Wie die Begebenheiten auch fallen mögen; von nun an entsage ich seiner Hand und seiner Liebe. Er soll nie mein seyn! nie, nie! Die Tugend hat meine Versicherungen gehört. Ich will ihn retten – und sterben! Iglou fühlte sich nun, da sie ihr eignes Glück aufgeopfert hatte, muthig und stark, alles zu wagen. Sie ging zu dem Baron, und sagte ihm mit Ruhe und Offenheit: ich weiß, daß du Julien heirathen willst. Wohl denn! ich bin ruhig, so ruhig als ich seyn kann, wenn dein Glück auf einem so gefährlichen Spiele steht. Bestimme mir den Tag deiner Hochzeit. Wir, Julie und ich, passen nicht für einander. Ich kann dir auch das letzte Opfer bringen: dich verlassen. – Davon wollte der Baron nichts hören; aber Iglou überzeugte ihn sehr bald, daß es seyn müßte. Ihr Ton war räthselhaft; und sie wählte diesen Ton mit Vorsatz. Zuletzt fragte sie ihn noch sehr feierlich: hast du deine Iglou lieb gehabt? (Er umfaßte sie recht herzlich.) Nun denn! Das 276 Leben ohne dich hat noch einen Reitz für mich. Ich kann, wenn nicht glücklich, doch zufrieden werden; oder soll ich das nicht? – »Fordre Iglou! ich kann alles für deine Zufriedenheit; nur nicht gegen Julien ungerecht seyn!« Du wärest also im Stande, auch deiner Iglou ein Opfer zu bringen? – »Iglou, ich bitte dich, rede.« – Sie drückte ihm die Hand. Du sollst es erfahren. Iglou verläßt dich; aber dein Schicksal falle, wie es wolle, ich sehe dich wieder, wenn meine Gegenwart dir Freude bringen kann, Theil an deinem Glücke zu nehmen, oder mit dir zu weinen! ...Wann wirst du Julien deine Hand geben? – Der Baron wollte noch einen Monath warten, um Anstalten zu treffen, seiner Mutter zu schreiben, und alles einzurichten. – Einen Monath? Versprichst du mir das? fragte Iglou. – Der Baron gab ihr die Hand darauf. Ich wünsche dir Juliens Liebe, theurer Herr, und ich will sie anbeten. – Sie verließ ihn mit Thränen in den Augen. Nun aber ging sie rasch an die Ausführung ihres Planes. Sie schrieb an Emilien, erzählte ihr die ganze Begebenheit mit Julien, setzte ihre Besorgnisse, daß der Baron betrogen würde, aus einander, beschwor Emilien, ihn retten zu helfen, und nahm diese zur Zeugin, da sie der Hand, der Liebe des Barons entsage und nicht aus Eigennutz handle. »Emilie«, schrieb sie; »er brachte deinem Glücke seine Liebe zum Opfer. Thue nicht weniger für ihn, und opfere ihm einige Bedenklichkeiten auf, die du freilich, das sehe ich vorher, wohl haben wirst.« Sie unterrichtete Emilien von allen Theilen ihres Plans auf das genaueste, und sagte ihr 277 dabei, daß der Plan wegen Kürze der Zeit nicht mehr umgeändert werden könnte. Als Iglou mit Thränen geschrieben und ihren Brief geendigt hatte, nahm sie ihn in ihre Hand, hob ihn gen Himmel, und rief: o Ewiger! gieb ihm die Kraft zu rühren! Dann schickte sie ihn mit einer Stafette an Emilien. Emilie fühlte bei dem Briefe eine sanfte Rührung; und doch schien ihr Iglou's Vorschlag unmöglich auszuführen. Sie ging zu ihrem Manne. Lieber Hilbert, ich habe einen Brief von der guten Iglou. Sie fing an zu erzählen. »Hedler?« sagte Hilbert, als ob er sich besönne; »Mamsell Hedler? Stehen keine näheren Umstände von ihr in dem Briefe? Hat sie nicht einen Bruder, einen vortrefflichen Violinspieler?« Ganz recht, lieber Hilbert; und Iglou meint, der regiere alle Fäden der Betriegerei. Kennst du die Leute? »Sehr genau, liebe Emilie; von Paris her. Sie ist eine ungemein schöne Blondine, eine wahre Celtin, wie unser guter Baron sagt.« Emilie gab ihrem Manne den Brief. »Der Plan ist toll genug«, sagte er; »und – soll ausgeführt werden. Lustig, liebe Emilie! Wir wollen nach Berlin. Packe nur deinen Jungen ein. Der Baron soll sehen, was für einen Celten wir in die Welt gesetzt haben. O, Emilie, ich freue mich in der That, den edlen Thoren wiederzusehen, dem ich das Glück meines Lebens, dem ich dich verdanke. Noch mehr aber freue ich mich darauf, daß ich im Stande bin, ihn aus den Händen eines Mädchens zu retten, das erst sein Vermögen 278 mit der sinnlosesten Verschwendung gänzlich zu Grunde richten und dann ihn ohne Bedenken verlassen würde.« Mein Gott! in den Händen einer solchen schwarzen Seele ist er? O, laß uns eilen! »Schwarzen Seele, Emilie? Das nun wohl nicht. Wahrhaftig, diese Julie würde das Vermögen der ganzen Erde verthun, ohne etwas Arges daraus zu haben, und hinterher mit jedem Unglücklichen weinen, den sie an den Bettelstab gebracht hätte. Das Mädchen hat gar keine Seele. Sie will genießen, mit allen Sinnen genießen; und darum ist der reichste Mann ihr der willkommenste. Laß uns eilen, Emilie! Vielleicht verschafft Iglou's Plan uns noch obendrein das Glück, einen Freund auf Erden zu wissen, der sich für uns aufopfert. Sieh, Emilie, ich bin vergnügt wie ein König. Komm Junge! komm! Du sollst dem Manne, ohne dessen Edelmuth du nicht hier wärest, zur Dankbarkeit für deine Existenz die Ohren voll schreien.« Mit diesen Worten nahm Hilbert seinen Sohn auf, und eilte aus dem Zimmer. Die Anstalten zur Reise wurden gemacht, und schon am folgenden Morgen saß die Familie im Wagen. Nun ging es von früh Morgens bis spät in die Nacht auf Berlin zu, das sie am sechsten Tage gesund erreichten. Iglou, die schon durch eine Stafette Nachricht hatte, empfing die Fremden im Wirthshause. Es war ein rührender Anblick, wie Iglou und Emilie, fest von einander umschlungen, laut schluchzend da standen, bis endlich Hilbert Iglou'n seinen Knaben zeigte. Mein Sohn! sagte Emilie; und Iglou streckte die Arme nach ihm aus. Der Knabe bog sich zurück, fing an 279 zu schreien, und äußerte den stärksten Abscheu. Emilie wollte ihn mit Gewalt der Schwarzen geben; aber diese sagte mit einem sanften Lächeln: das ist mein Geschick nun einmal! – Aber wer dich kennt, Iglou, erwiederte Emilie weinend, wer dein Herz kennt, der liebt dich wie ich, der theilte sein Leben mit dir. Iglou erkundigte sich nach ihrem Wilden. Hilbert zuckte die Achsel, und sagte: ihm fehlt dein Herz, Iglou, dein feines, geschmeidiges, zärtliches Herz. Emilie wollte deine Rolle übernehmen; aber, gute Iglou, wer kann das Werk endigen, das dein Herz begonnen hat! Er ist völlig wieder so wie im Anfange, ausgenommen, daß er jetzt häufig deinen Nahmen nennt, und mit dem allein beruhigt werden kann. Man ging nun Iglou's Plan genauer durch, und schritt dann sogleich zur Ausführung. Daß Hilbert Julien schon kannte, verschwieg Emilie auf seine Bitte. Als Iglou wieder nach Hause gegangen war, schrieb Emilie folgenden Brief an den Baron: »Theuerster Freund, hier sitze ich verlassen, in den Thränen des allerschrecklichsten Elendes gebadet, und ach! von den Vorstellungen einer noch schrecklicheren Zukunft gefoltert. Die einzige Hoffnung, die mich in dem Sturze meines Glückes noch aufrecht hält, sind Sie, Sie, schon einmal der Retter meines Glückes, und meiner Ruhe. Mein unglücklicher Mann, Hilbert, Ihr Freund, lieber Flaming! schmachtet in einem Kerker. Der Fall eines Handelshauses und seine Großmuth stürzten auch ihn. 280 Er wollte seinen Freund retten, und verbürgte sich für ihn mit Wechseln. Bei seiner freundschaftlichen Hitze vergaß er sich zu erkundigen, ob er Bezahlung hoffen könnte; und jetzt büßt er seine Großmuth mit dem Gefängniß. Ein ungeheurer Verlust meines Schwagers raubte ihm die Mittel, die Wechsel zu bezahlen. O Flaming, was habe ich gelitten, als man ihn aus meinen Armen, aus den Armen meines Sohnes riß! Er warf einen sterbenden Blick auf mich, und rief mir zu: Flaming! Dieser Name war sein Trost, und ist meine Hoffnung. O Flaming, wenn Sie das Elend kennen sollten, in das ich versunken bin! Hundertmal habe ich meinen Sohn gen Himmel aufgehoben, und um Erbarmen für das unschuldige Kind geflehet. Ach! es lächelt; und sein Lächeln stürzt mich in Verzweiflung. Man sagt mir, und ein Billet meines Mannes, das ich Ihnen beilege, bestätigt es, daß sechzig tausend Thaler ihn retten würden, und daß diese Summe, wenn man sie schnell anschaffte, sogar sein ganzes Glück wieder herstellen könnte. Ich weiß nicht, ob es so ist. Man bedauert mich, wenn ich klage, macht sogar meinem Manne über seine Großmuth Vorwürfe, und zuckt die Achseln, wenn ich um Hülfe bitte. O, liebster, edelster Mann, erbarmen Sie Sich einer Mutter, die längst im Elende vergangen wäre, wenn sie nicht Ihr Herz kennte. Ich zähle die Augenblicke an meinen Thränen, an dem ängstlichen Schlagen meines zerrissenen Herzens. Ihre unglückliche Emilie.« »O, ich bitte Sie, verschweigen Sie jedem Menschen unser Unglück!« 281 Ein Briefträger brachte den Brief, als der Baron bei Iglou war. Er las ihn, wurde blaß, und rief, mit hellen Thränen in den Augen: »Iglou! Emilie ist unglücklich! Gott Lob, Gott Lob! O, ich bin ein glücklicher Mensch! ich kann ihr helfen. Sag' Julien, daß ich heute Abend nicht zu Tische komme. Gott Lob, Emilie! ich kann dir helfen.« Er steckte den Brief in die Tasche, und eilte zum Hause hinaus. Iglou zerfloß in Thränen, und rief: edler Mensch! und dich sollt' ich nicht lieben? Nein, so lange dieses Herz schlägt, liebe ich dich, und theile mit dir, was ich habe, Leben und Seele! Am Abend spät kam er matt, und dennoch fröhlich, zurück. »Emilie ist gerettet«, sagte er. »Hier, Iglou, sieh! (Er zog Wechsel auf sechzig tausend Thaler hervor.) Verschließ diese Papiere, Iglou, und laß auf morgen eine Stafette bestellen! ... Ich will nur auf einige Augenblicke zu Julien.« Sein Auge glühete, und seine Brust hob sich vor Freude. Er ging zu Julien hinunter, und blieb einige Minuten mit der innigsten Zärtlichkeit bei ihr. »O«, sagte er, als er wieder weggehen wollte; »Julie, wie fühle ich jetzt, daß nur der Tugendhafte der Liebe fähig ist! Wie unendlich, Julie, wie unbeschreiblich süß ist heute meine Liebe zu dir!« Er eilte weg, schrieb einen rührenden Brief an Emilien, und lief dann auf Iglou's Zimmer. Sie war ausgegangen, und hatte den Schlüssel zu dem Schreibtische, worin die Wechsel lagen, mitgenommen. Er wartete Eine Stunde, zwei Stunden; Iglou kam nicht. Nun wurde er unruhig; doch gegen Morgen legte er sich nieder, und befahl, wenn Iglou käme, 282 ihn sogleich zu wecken. Iglou war auch am Morgen nicht da. »O, mein Gott!« rief er ungeduldig; »sucht sie!« Er lärmte, er rief. Julie und ihr Bruder gingen zu ihm. Was haben Sie vor, lieber Flaming? – »Iglou hat den Schlüssel zu dem Schreibtische. Ich brauche ihn so nothwendig!« – Nun, lassen Sie ihn doch aufbrechen. Als das geschehen war, fand der Baron nur für zwanzig tausend Thaler Wechsel, und einen Zettel von Iglou's Hand. Er wurde todtenblaß, und machte den Zettel mit Zittern auf. Iglou schrieb ihm: »Theuerster Herr, ich habe dich verlassen müssen, weil ich nicht länger sehen konnte, daß du eine Andere liebst. Mein Herz zerriß unter den vielfachen Wunden, die deine Hand ihm gab. Ich habe vierzig tausend Thaler mitgenommen; nicht für mich: ich bedarf nichts; nein, um den einzigen Wunsch, den mein Herz mitten in seinem Elende noch fühlt, befriedigen zu können: der Trost, die Hülfe Unglücklicher zu werden, da ich selbst nicht glücklich seyn kann. Dies ist das letzte Opfer, von dem ich dir neulich sagte, daß du es mir bringen solltest. Ich bitte, forsche nicht nach mir. Gönne meinem zerbrochenen Herzen die letzte Freistätte. Morgen bin ich weit von Berlin. Lebe wohl! O, wenn ich nur erfahren hätte, wodurch Emilie unglücklich geworden ist! Auch den Kummer sollte ich noch mit mir nehmen! Du hattest nicht Zeit, es deiner Iglou zu sagen; du gingest zu Julien, und sahest Iglou's letzte Thränen nicht. Lebe wohl. Wir sehen uns wieder. Gewiß, wir sehen uns wieder, wenn du glücklich oder unglücklich bist! Iglou.« 283 Des Barons zitternde Hand konnte kaum das Papier halten; der Angstschweiß brach in Tropfen aus seiner Stirne hervor. Endlich rief er: »o Gott! Gott im Himmel! sie ist fort! Gott! großer Gott! die unglückliche Emilie! O, es ist schrecklich! sehr schrecklich!« Er warf sich trostlos in einen Stuhl. Julie und ihr Bruder drangen in großer Bestürzung mit Fragen in ihn. »Iglou ist fort«, sagte er unruhig; »und die Unglückliche hat mir vierzig tausend Thaler mit genommen, die bestimmt waren ... Ich bin in der fürchterlichsten Unruhe.« – Vierzig tausend Thaler? rief Hedler erstaunt; lieber Baron versäumen Sie keinen Augenblick! Lassen Sie der Betriegerin nachsetzen! – »Betriegerin?« fuhr der Baron auf; »nein, das ist sie nicht! O wenn sie wüßte, wozu das Geld bestimmt war! ... Großer Gott! welche Thränen wird ihr das einmal kosten!« – Versäumen Sie keinen Augenblick, lieber Baron! Vierzig tausend Thaler! Liebster Baron, wenn ihnen auch jetzt die Augen über den Charakter der Schwarzen nicht aufgehen! Kommen Sie mit zum Polizei-Präsidenten! – »Was soll ich da? Hat er Geld? Geld brauche ich, und noch heute! diese Stunde!« Hedler erfuhr endlich nach vielem Fragen den Zusammenhang der Begebenheit. Er suchte nun mit allen möglichen Gründen den Baron zu bewegen, daß er Iglou als einer Betriegerin nachsetzen ließe. Nichts ist leichter als das, sagte er; eine Mohrin verräth sich überall durch ihre Farbe. Der Baron fuhr eifrig auf; und als Hedler gar das Wort Steckbrief gebrauchte, warf der Baron einen 284 zornigen, verachtenden Blick auf ihn und Julien, die ihres Bruders Meinung war. »O, Iglou!« sagte er laut: »ist es möglich? kann man es wagen, mir einen solchen Vorschlag zu thun?« Julie beruhigte ihn wieder. Hedler sagte empfindlich: ich begreife nicht, Herr Baron, in welchem seltsamen Verhältnisse Sie mit dieser Mohrin stehen, daß es Sie so nachsichtig macht. Das Mädchen stiehlt Ihnen eine ungeheure Summe, setzt Sie dadurch, wie Sie selbst sagen, in unbeschreibliche Verlegenheit; und Sie? Sie wissen nicht, ob Sie den Diebstahl nicht lieber gar eine tugendhafte Handlung nennen sollen! In der That, die Tugend kann, wenn sie zu weit getrieben wird, Thorheit werden. »Tugendhaft nenne ich die Handlung nicht; eine Unbesonnenheit ist es. Und mein Verhältniß mit diesem Mädchen, das Sie nicht begreifen können? Nun, es ist das Verhältniß der Natur. Das Mädchen liebt mich.« – Eine schöne Liebe, die Sie bestiehlt! – »Bestiehlt?« rief der Baron in der That sehr zornig. »Wollen Sie die Güte haben und in anständigem Ausdrücken von einem Mädchen reden, das ich meine Freundin nenne? ...Wie?« – fuhr er sanfter fort; »Iglou hat mir das Leben gerettet: und ich sollte sie der harten Gerechtigkeit überliefern, die so wenig auf des Mädchens Gründe zu dieser Unbesonnenheit, als auf meine Empfindungen Rücksicht nehmen würde? Nennen Sie das meinetwegen Narrheit. Aber genug, ich will nicht Liebe mit Haß, Güte mit Grausamkeit, Tugend mit Gefängniß belohnen. Glauben Sie mir, diese Iglou, die Sie des Diebstahls beschuldigen, würde jetzt mit Freuden ihr Blut für meine 285 Ruhe aufopfern. Meinen Sie denn, sie hätte mich auf immer verlassen?« Hedler lachte laut. Julie fragte den Baron: was ist denn das für eine Emilie, die Sie vorhin nannten? »Eben die Unglückliche, der die sechzig tausend Thaler bestimmt waren. Ihr Mann sitzt wegen einer Wechselschuld im Gefängniß. Diese Summe konnte ihn retten. Eben gestern hatte ich sie zusammen gebracht; und heute wollte ich sie abschicken.« Sechzig tausend Thaler? fragte Hedler erstaunt. Und welche Sicherheit haben Sie dafür? – »Sicherheit? Emilie schreibt mir, daß dies Summe vielleicht das Glück ihres Mannes wieder herstellen könne.« – Und auf dieses Vielleicht hin wagen Sie eine so große Summe? Wahrhaftig, Herr Baron, mich wundert nur, daß Sie bei dieser seltsamen Großmuth noch eine solche Summe wagen können . Jetzt fange ich an einzusehen, daß Sie der Mohrin Dank für ihren Diebstahl schuldig sind; sie hat sich doch mit vierzig tausend begnügt! – »Und setzt mich in die Verlegenheit, aufs neue vierzig tausend zu borgen« – Aufs neue? und das wäre Ihr Ernst? Der Baron setzte ihm nun aus einander, wie sehr er Emilien liebe; und dabei traten ihm wieder Thränen des Mitleidens in die Augen. Er schwor, er betheuerte Emilien, als ob sie gegenwärtig wäre, daß er ihr helfen wolle. Julie sagte mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit: ich sehe, lieber Flaming, man muß sich weit eher wünschen, ihre Freundin zu seyn, als ihre Frau! 286 »Julie«, sagte der Baron mit Zärtlichkeit; »dir würde ich mein Leben aufopfern!« Hedler verlangte von ihm einen Überschlag seines Vermögens. Er rechnete, und fand sehr bald, daß dem Baron nach dem Verlust der beiden Summen nicht gar viel mehr übrig bleiben würde. »Aber«, sagte der Baron; »die Summen sind nicht verloren.« – So gewiß verloren, daß ich Ihnen darauf nicht eine zerrissene Quinte von meiner Geige borgte. Ich bitte Sie, lieber Baron, machen Sie Sich nicht zum Bettler. Und wenn Sie auf Sich selbst nicht achten, so vergessen Sie doch Julien nicht! Julie liebt Sie; aber sie ist auch gewohnt in Bequemlichkeit zu leben. Seyn Sie nicht ungerecht gegen Ihre Geliebte, gegen Ihr Weib, um verschwenderisch gegen Ihre Freunde zu seyn. – Ich werde doch sehen, sagte Julie, wen er mehr liebt: diese Emilie oder mich! Der Baron stand unentschlossen da. Er warf einen Blick auf Julien, dann einen auf Emiliens Brief. »Nein«, sagte er endlich; »und gesetzt auch, daß die beiden Summen verloren gingen, so bliebe mir noch immer so viel übrig, daß ich mit Julien auf dem Lande anständig leben könnte.« Auf dem Lande? erwiederte Julie; lieber Flaming, das ist mir unmöglich! – »Nun, Julie, auch in der Stadt. Aber, wenn du das Land kenntest! Sieh, mit der Sonne ständen wir auf, baueten selbst unser Feld, gingen ...« – Flaming, Sie sind doch wahrhaftig nicht gescheidt! Ich das Feld bauen? O, ich müßte mich ja vor dem lieben Gott schämen, der mir die feine Haut, den schönen Teint gegeben hat. Lieber Baron, lassen Sie doch die Possen! Meinen Sie denn, ich soll vom 287 Winde leben, mich von dem Regenbogen kleiden, und mit den Mücken in der Luft auf Bälle gehen? Behalten Sie Ihr Geld! Sie sind ja ohnedies schon um vierzig tausend Thaler ärmer. Hedler fing nun an aus einem andern Tone zu sprechen. Er stellte dem Baron vor, daß Julie, so sehr sie ihn auch liebe, dennoch nicht die Seinige werden könne. In der That, lieber Baron, sagte er, Julie bringt Ihnen ein Opfer, wenn Sie dann Ihre Hand ausschlägt; doch – sie ist nicht daran gewöhnt sich einzuschränken. »Aber, wenn sie nun schon meine Frau wäre, und ich würde arm?« Davor behüte Sie der Himmel! Dann aber wäre sie nun einmal Ihre Frau. »Sie ist es ja jetzt schon.« Nun, eben deswegen müssen Sie Ihre Frau nicht unglücklich machen. Wählen Sie, Baron! Hier stehen Sie zwischen Julien, Ihrer Geliebten, und Emilien, Ihrer Freundin. Bedenken Sie doch! Sie wollen Sich arm machen, damit Ihr Freund reich werde; Sie wollen mit Ihrer Frau in Mangel leben, damit Ihr Freund Überfluß habe. Die Thorheit springt ja in die Augen. Bieten Sie Ihren Freunden einen Zufluchtsort auf Ihren Gütern an, und ... O, zum Teufel! wenn wir nur die vierzig tausend Thaler wieder hätten! Ich beschwöre Sie, Baron, lassen Sie der schwarzen Heuchlerin nachsetzen! Der Baron stand nachdenkend da. Er begriff, daß Hedler nicht Unrecht hatte; und dennoch fühlte er wieder sehr 288 bestimmt, daß er Emilien nicht in Noth lassen dürfte. Sein Herz war mit seinem Verstande in Streit. »O Emilie!« rief er; »wenn dieser Schlag des Schicksals mich allein, und nicht auch Julien träfe, mit Freuden wollte ich das Grabscheit in die Hand nehmen. Ich Unglücklicher! O Gott! wem soll ich folgen!« Julie umarmte ihn, und heftete ihre Lippen auf seinen Mund. Hedler redete ihm zu. Auf einmal rief der Baron mit schmerzlicher Stimme: »ja, Julie; ich will hart seyn. Aber, Julie, Julie! wenn nun Emilie versinkt unter der Last ihrer Verzweiflung; wenn der Kummer, der Gram, die Angst ihr Herz bricht; wenn sie stirbt, und ihr Schatten uns Beiden erscheint; wenn sie seufzend mir vorwirft, daß ich kein Freund war, daß ich mein Glück dem ihrigen vorzog; wenn ich dann verzweifle: – wer wird mich retten!« Julie erschrak vor den Bewegungen des Barons, der mit rollenden Augen die Hände von sich streckte, als ob Emiliens blutiger Schatten vor ihm stände. Meinetwegen, rief sie; so thun Sie, was Sie wollen! Aber ... – Ein finstrer Blick von ihrem Bruder unterbrach sie. Er sagte versichernd: Sie sehen Gespenster Ihrer Phantasie, Baron. Es sind schon unzählige Familien arm geworden, und darum nicht gestorben. Man arrangiert sich, so gut man kann, und vergißt über neue Entwürfe zum Glücke, daß man schon einmal glücklich war. »Nun ja! aber ich würde nicht unglücklich seyn; ich würde in Juliens Armen nicht nöthig haben, Entwürfe zu machen, wie ich glücklich werden wollte. O, Julie, ich 289 beschwöre dich, laß mich durch dieses Opfer, das ich der Freundschaft bringe, dir den Beweis geben, daß ich nur durch dich glücklich bin. Gieb du mir selbst den Beweis, daß du mich liebst, und in meinen Armen dein Glück findest.« – In Ihren Armen, Baron, ist es recht gut, und ich bin da gewiß sehr glücklich. Aber meinen Sie denn, daß mich in Ihren Armen nicht hungern wird? Wie gesagt, geben Sie Alles weg; aber ... – Ein Blick von dem Bruder gebot ihr wieder Stille. Kurz, Hedler bewog den Baron zu dem Entschlusse, daß er erst an Emilien schreiben und sich näher erkundigen wollte. Der Baron blieb allein mit seiner Unruhe. Julie sagte zu ihrem Bruder: Iglou ist klüger, als wir Alle. Ich wollte, ich hätte die vierzig tausend Thaler, und Iglou seine Hand; denn der verschenkte mir ja am Ende die Ringe von den Fingern, die Kleider vom Leibe. Iglou war indeß, mit einer Kappe vor dem Gesichte, daß man sie gar nicht bemerkte, noch Abends spät zu Hilberts gekommen, und von einem treuen Bedienten eingeführt worden. Sie erzählte mit Thränen die Großmuth des Barons, und zeigte die Wechsel vor. Emilie fiel Hilberten, vor Freude laut weinend, in die Arme. Hilbert sagte mit tiefer Rührung, und wie begeistert: »welch ein Herz! O, wer kann sich eines solchen Freundes rühmen!« Daß der Baron, wie Iglou glaubte, noch einmal die Summe zusammen bringen würde, um Emilien zu retten, bezweifelte Hilbert. O, er wird es! rief Iglou; er muß es! oder mein Plan ist zerstört, und Julie wird sein Weib. Man schickte am folgenden 290 Morgen den treuen Bedienten aus, um Acht zu geben, ob der Baron ausgehen würde. Der Bediente kam am Abend zurück und brachte die gewisse Nachricht, daß der Baron den ganzen Tag nicht aus dem Hause gekommen wäre. Siehst du, gute Iglou? sagte Hilbert; du forderst mehr von ihm, als der Mensch leisten kann. Iglou legte die Hand auf ihre Brust, und erwiederte mit weinender Stimme: ich bin ein Mensch, und fühle, daß ich mehr als das für ihn thun würde. Und gewiß, auch er thäte es, wenn Emilie wollte. – Nun, was soll denn Emilie? – Ihn retten; zu ihm gehen. – Emilie, sagte Hilbert schmeichelnd, hast du Muth genug, die Rolle zu spielen? Ich möchte doch einmal erfahren, wozu Flamings Herz fähig ist. Emilie, ich bitte dich, plündere ihn bis auf den letzten Pfennig. Nimm deinen Sohn mit. Ich beneide dich im Voraus, daß du einen Menschen sehen wirst, welcher der Freundschaft Alles, seine Liebe, seine Hoffnungen, aufopfert. Hilbert unterrichtete Emilien ganz genau von ihrer Rolle; und sie ging noch den Abend, von dem Bedienten begleitet, und mit ihrem Sohne auf dem Arme, nach Flamings Wohnung. Die Wirthin wies sie in Juliens Zimmer. Die Empfindung der Dankbarkeit, der Liebe zu dem Baron, ihre Furchtsamkeit; der Anblick Juliens, die neben dem Baron saß, und ihn in ihren Armen hielt, sein kummervolles Gesicht, und ihre eigene Erwartung, gaben der Rolle, die sie spielen sollte, viele Natur. Sie zitterte, als sie die Thür öffnete, wurde blaß, fing an heftig zu weinen, und blickte dem Baron schweigend ins Gesicht. Ihre Lippen bebten; sie 291 konnte nicht sprechen. »Gott, Emilie!« rief der Baron, sprang auf, und flog ihr entgegen. Er nahm sie zärtlich in seine Arme. »Gott, Emilie! wie unglücklich bin ich!« Emilie beugte sich auf ihren Sohn, und sagte mit zitternder Stimme: ach, so lerne unglücklich seyn, mein Kind! Er kann nicht helfen, der Mann, an den der sterbende Blick, das letzte Wort deines Vaters uns verwies! Er kann uns nicht helfen! Julie stand in der Ferne da, und sah Emilie mit gutherzigen Blicken an. Der Baron warf in der Betäubung matte Blicke auf Emilien. Auf einmal wendete er sich zu Julien, nahm ihre Hand, und führte sie zu seiner unglücklichen Freundin. »Sieh, Julie«, sagte er; »sieh diese unglückliche Mutter! O Julie, erbarme dich ihrer! Auch du wirst einmal Mutter seyn. O, erbarme dich ihrer!« Emilie hielt diese Gelegenheit für sehr vortheilhaft, Julien in ein übles Licht bei dem Baron zu bringen, und ging auf sie zu. O, wenn Sie helfen können, wer Sie auch sind, erbarmen Sie Sich einer unglücklichen Mutter, einer verzweifelnden Gattin! Sehen Sie, dieses unschuldige Kind streckt seine Arme nach Ihnen aus. Haben Sie Mitleiden mit dem Kinde. – Emilie glaubte, Julie würde sie mit Härte von sich stoßen; aber da hatte sie sich geirrt. Die gutherzige Julie war durch Emiliens unvermuthetes Erscheinen überrascht, und die reitzende Frau in Thränen rührte sie außerordentlich. Thränen konnte sie niemals sehen, ohne selbst zu weinen. Sie nahm Emiliens Kind auf ihre Arme, bedeckte es mit Küssen, und hatte in einem Augenblicke 292 alle Lehren ihres Bruders vergessen. O Flaming, rief sie, retten Sie! hier, ich will Ihnen geben, was ich habe. O, retten Sie! ich kann die Frau unmöglich länger weinen sehen. Emilie sah Julien mit Verwunderung an. Der Baron warf sich in ihre Arme, und rief: »o, meine göttliche Julie, ich kannte ja dein vortreffliches Herz! Sehen Sie, Emilie, das ist meine Julie, das edle, großmüthige Mädchen. Kommen Sie.« – Er führte Emilien zu Julien. Diese faßte, noch immer mit Thränen in den Augen, sie in ihre Arme, und sagte sehr mitleidig: arme Frau! was mögen Sie gelitten haben! Gott sey Dank, daß Sie selbst gekommen sind! In der That, es geht mir nahe, daß ich etwas gegen Ihre Rettung gehabt habe. Nein, lieber Flaming, retten Sie die Unglückliche! Ich selbst bitte Sie darum. Diese Sonderbarkeit, auf welche Emilie nicht gefaßt war, setzte sie in Verlegenheit. Sie fragte den Baron: aber, lieber Flaming, meine Rettung kostet Ihnen doch keine Aufopferung? – »Mir Emilie? Welche unfreundschaftliche Frage! Wenn Ihre Rettung ein Opfer ist, so bringt es Ihnen meine Geliebte: sie opfert Ihnen alles auf, und findet in mir alles, alles wieder. O Emilie, welcher glückliche Mann bin ich, daß dieses Herz, dieses einzige Herz, mein ist! ... O Gott! – rief er, und breitete die Arme begeistert gen Himmel: ist in deiner ganzen Welt noch ein so glückliches Geschöpf, wie ich! Emilie gerettet, und dieses Herz mein! O, ich Glücklicher! ich Seliger!« Der Baron verließ auf einen Augenblick das Zimmer, und holte die Wechsel auf zwanzig tausend Thaler. »Hier, 293 Emilie«, sagte er, »nehmen Sie. Morgen, hoffe ich, sollen Sie noch zweimal so viel bekommen.« Emilie, welche dieser neue Beweis seiner edlen Menschlichkeit rührte, umarmte ihn mit Innigkeit, und zerfloß in Thränen. Sie hatte schon das Eingeständniß auf der Zunge, daß alles erdichtet sey; aber auf einmal rief Julie schnell: ich bitte Sie, Madame, gehen Sie eilig. Mein Bruder kommt die Straße herauf. Morgen mehr! Morgen, wenn Sie wollen, um diese Zeit. Sagen Sie meinem Bruder nichts, Flaming; sonst steht es dahin, ob sie gerettet ist. Sie dauert mich sehr; aber – ich glaube, wir machen alle Beide höchst alberne Streiche. Geschwind fort! – Sie trieb Emilien aus der Thüre. Der Bruder kam. Er fand Julien in Thränen, und den Baron in großer Bewegung. Als er fragte, lachte Julie laut auf, und winkte dem Baron, er möchte schweigen. Die Unglückliche war weg; nun hatte Juliens Mitleiden aufgehört, und sie lachte über die Idee, was ihr Bruder sagen würde, wenn er erführe, was geschehen wäre. Sie bereuete ihre That gar nicht; aber sie war nun auch fest entschlossen, den Baron nicht zu heirathen. Das hätte sie ihm auch ohne alle Umstände gesagt, weil sie nichts natürlicher fand, als dies; aber sie scheuete sich zum ersten Male, etwas zu thun, das ein Mensch für schlecht halten könnte: sie fühlte den Triumph der Tugend. Es sind doch närrische Leute, diese Menschen, dachte sie; ich weiß nicht, man schämt sich bei ihnen ordentlich, daß man vernünftiger ist als sie. Die Schwarze bestiehlt ihn, und er nennt sie noch immer seine tugendhafte Iglou. Der Frau giebt er sein Vermögen, und ruft: 294 wie glücklich bin ich! Es muß doch ein sonderbares Ding um die Tugend seyn! Man könnte wirklich beinahe auf den närrischen Gedanken kommen, diese Treue, diese Freundschaft wäre etwas Gutes. Sonderbar! diese Menschen denken immer an das Glück Anderer , und wir immer nur an uns . Nein, wahrhaftig, seine Frau kann ich nicht werden; aber seine Thusnelde bin ich wohl noch einmal, und es soll ihm nicht einen Ring kosten! Wahrhaftig, auch ich will großmüthig seyn. Er mag so lange, wie es gehen will, glauben, daß ich ihn liebe. Ich wollte wirklich, er käme; er sollte glücklich seyn, der arme Flaming. – So grübelte sie noch eine Stunde, bald bedenklich, bald laut lachend, fort. Am andern Morgen früh erhielt der Baron ein Billet von Emilien, worin sie ihn bat, er möchte zu Hause bleiben, und jeden Augenblick bereit seyn, zu ihr zu kommen. Ich habe, setzte sie hinzu, Briefe von Frankfurt, über die ich Sie nothwendig sprechen muß. Eine halbe Stunde nachher kam ein sehr reich gekleideter Bedienter, und fragte nach Mamsell Hedler. Er verlangte, sie allein zu sprechen, und gab ihr ein Billet, nebst einem Kästchen mit einem kostbaren Ringe. In dem Billet stand: Je vous ai enfin trouvée, belle Julie. Je vous ai quittée à Paris. Est-ce ma faute ou la vôtre? Je me croyais aimé de vous, et je me suis trompé. Mais quand on a le coeur fait comme le mien, on n'aime qu'une fois en sa vie, et celle qu'on aime, on l'aime trop pour ne pas l'aimer toujours. Malgré votre inconstance, je sens que je vous aime cent fois plusque moi même, et que la vie sera un supplice pour moi, 295 si mon amour vous trouve encore insensible. Soyez-en persuadée; et si vous en voulez savoir d'avantage, vous trouverez à neuf heures du matin une carosse à votre porte. Je demande peut-être plus de vous que vous ne me devez, et plus que vous ne pouvez; mais notre différend demande un tête-à-tête, et peut-être que votre situation actuelle a également besoin de cette précaution. En tout cas, soyez persuadée, que je suis discret. Hilbert . Als Julie das Billet gelesen hatte, war ihr ganzes Herz lauter Freude. Sie fragte: wo ist dein Herr? – Der Bediente erwiederte ehrerbietig: mein Herr befahl mir zu schweigen, und Ihre Befehle zu erwarten, ob, und wann der Wagen da seyn soll. – Wie dein Herr schreibt, um neun Uhr. Julie las, als sie allein war, das Billet noch einmal wieder durch. Dem Himmel sey Dank! sagte sie. Endlich! Das ist doch gleich ein ganz anderer Styl! Und dieser Ring, wie glänzend! welches Wasser! Wie man sich irren kann! Habe ich dem Hilbert nicht Beweise meiner Liebe gegeben? Wie? sollte mein Bruder, oder gar der Lord, ihn über meine Empfindungen getäuscht haben? Ich werde es ja hören. Hilbert hatte Julien, die auch gegen ihn die Unschuldige spielte, wirklich einige Tage geliebt. Er war damals ein schöner, reicher, heitrer, unterhaltender Jüngling; daher liebte ihn Julie, so wie sie lieben konnte. Hilbert lernte sie, vielleicht zu seinem Glücke, früh genug kennen, und brach, ohne sich darüber zu erklären, den Umgang mit ihr ab. Er wollte ihr Herz; und sie – was sie immer wollte – 296 Genuß. Bald nachher reiste er aus Paris ab, und ging nach Deutschland zurück. Um neun Uhr hielt vor Juliens Wohnung ein Wagen, mit eben dem Bedienten. Sie hatte sich unterdessen sehr reitzend gekleidet, und schlüpfte zur Thür hinaus in den Wagen, ohne ihrem Bruder nur ein Wort von diesem neuen Abentheuer mitzutheilen. Kaum war sie fort, so holte der Bediente den Baron zu Emilien, die in einem großen, sehr prächtigen Zimmer ihres Wirtshauses war, und den Baron so zärtlich, so innig und zugleich mit einer so reinen Heiterkeit empfing, daß er erstaunte. Lieber, edler Flaming, hob sie an; Sie sollen mir noch eine Gefälligkeit erzeigen. Mit diesen Worten schlug sie eine seidne Gardine zurück, und führte ihn in den Alkoven des Zimmers, der durch ein Fenster vom Hofe her Licht hatte, bat ihn, sich neben sie auf den Sofa zu setzen, und ließ die Gardine wieder fallen. Hier sollen Sie mit mir sitzen, lieber Flaming, und schweigen, bis ich Ihnen die Erlaubniß gebe, zu sprechen. Wollen Sie das? ... Was auch dort im Zimmer vorgeht, was auch für Menschen kommen, was sie auch sprechen mögen; Sie sollen still bleiben, schweigen und zuhören. Versprechen Sie das? – Er versprach es. Emilie wiederholte alles noch einmal, und dann gab sie ein Zeichen mit der Klingel. Nach einigen Minuten ging die Thür des Zimmers auf, und eine dem Baron sehr bekannte männliche Stimme sagte: »Kommen Sie hier herein, liebste Julie. Ich habe Ihnen viel zu sagen: Setzen Sie Sich.« Und jetzt antwortete 297 eine Stimme, bei welcher der Baron hoch aufhorchte, die Stimme seiner Julie: Nun, Hilbert – bei diesem Namen erkannte er auch die erstere Stimme, und warf einen fragenden, unruhigen Blick auf Emilien, die ihm die Hand auf den Mund legte – nun Hilbert? mich soll nur wundern, wie Sie Ihre Untreue entschuldigen wollen! – »Meine Untreue, schöne Julie? Ich glaubte, Sie liebten mich, ach! und war so glücklich! Aber da ging eine gewisse lange Figur bei Ihnen aus und ein, ein Lord ...« – Ich schwöre Ihnen, der Lord mit allem seinem Golde war Ihnen und mir nicht gefährlich. – »Schwören Sie nicht, schönes, reitzendes Mädchen. Ich bin nicht hier, um Ihnen Vorwürfe zu machen; aber Sie lebten nachher mit dem Lord.« – Nachher, Hilbert; warum soll ich das läugnen? A quoi sert la dissimulation avec vous? Nachher lebte ich mit ihm, ja! Sie verschwanden auf einmal; der Lord war nur nicht, wenn man Sie mit ihm vergleichen konnte, ein liebenswürdiger, großmüthiger, junger Mann. – » Passons! passons! « antwortete Hilbert. »Der Lord war der erste nicht. Der junge Franzose mit dem interessanten Gesichte!« – Mais , antwortete Julie, est ce que vous me voulez rendre responsable des sentiments qui sont une suite nécessaire d'un penchant invincible? Ja, lieber Hilbert, ich habe geliebt, und bin glücklich gewesen: hab' ich das je geläugnet? Und noch jetzt je ne me repentirai pas de mes faiblesses . Aber glauben Sie mir, Hilbert, Ihnen wäre ich treu geblieben. Ich liebte Sie in der That mehr als je einen Mann; und wenn Sie nicht glücklich gewesen sind, Monsieur, ce n'est pas ma faute . – »Wie kam es denn aber, 298 daß Sie mit dem Lord brachen?« – Wie das immer kommt. Er forderte Treue von mir, und war selbst nicht treu; er beschuldigte mich der Untreue mit einem Officier, und verließ mich einer Operistin wegen. – »Und Ihre jetzige Verbindung, Julie?« – Ist in der That die lächerlichste und seltsamste von der Welt. Ich könnte, wenn ich wollte, noch heute die Freiherrin von Flaming, Erb- und Gerichtsfrau von Zaringen werden. Hilbert, Sie müssen Sich durchaus das Vergnügen machen, diesen Baron kennen zu lernen. – »Ich höre, er soll ein edler Mann seyn.« – Großmüthig, davon haben Sie keinen Begriff. Sonne, Mond und Sterne würde er wegschenken, wenn sie sein wären. Er hält mich für die Unschuld selbst; und wahrhaftig, ich bin wenigstens daran unschuldig, daß er das glaubt. Gehen Sie zu ihm, und schwören Sie ihm, so hoch Sie wollen, daß ich schon geliebt habe; er glaubt Ihnen nicht, und zwar deshalb, weil ich eine Blondine bin und den Generalbaß verstehe. Könnte ich Latein, so würde er für meine Unschuld sterben, und wenn er mich in Ihren Armen fände. Mais, Monsieur, au moins je suis bien sotte de vous faire toutes ces confidences-la. Hier in dem steifen Berlin herrscht ein so kleinstädtischer Ton! Man würde mich in den Bann thun, wenn ich mir merken ließe, daß ich ein Herz habe und fühlen kann. Les femmes d'ici, même dans les bras de leurs amans, veulent passer pour Vestales. Ach, wie sehne ich mich nach dem schönen Paris, wo es kein Verbrechen ist zu lieben! Der Baron wurde bleich und roth, eins ums andre, als er die geschwätzige Julie so sprechen hörte. Emilie drückte 299 ihm die Hand mit aller Zärtlichkeit, um ihn nur ruhig zu erhalten. Hilbert endigte das Gespräch mit zärtlichen Liebkosungen, schloß Julien in seine Arme, und redete ein neues Rendezvous mit ihr ab. Eben wollte er sie aus dem Zimmer führen, als der Baron, wütend wie ein grimmiger Löwe, zwischen den Gardinen hervorstürzte. »Elendes Weibsbild!« rief er mit flammenden Augen und bebender Stimme. Julie blieb starr vor Schrecken stehen. – Mein Herr, fragte Hilbert, wer giebt Ihnen das Recht mich zu behorchen? Kommen Sie Julie! – Er führte das zitternde Mädchen schnell aus dem Zimmer und in den Wagen. Der Baron stand da, mit dem Gefühle der Hölle in seiner Brust. Emilie trat zu ihm, und er wagte es vor Scham nicht, sein Auge zu ihr aufzuschlagen. Hilbert kam zurück, schloß den Baron in seine Arme, und sagte: edelster, großmüthigster aller Menschen! Der Baron stand wie eine Bildsäule in den Armen der beiden Eheleute; denn es war ihm noch alles ein Traum. Endlich fragte er: »und wer hat Sie aus dem Gefängnisse losgemacht?« – Sehen Sie denn nicht, lieber Flaming, daß wir hier sind, Sie aus den Schlingen dieses elenden Mädchens zu retten? Sie wollte Ihr Vermögen; wir machten Sie arm. Hier sind alle ihre Wechsel zurück. Flaming, Sie haben mir einen Beweis gegeben, was Freundschaft vermag. Mein Blut gehört Ihnen, sobald es Sie retten kann. »Hilbert, sagen sie nichts von dem elenden Metalle. Sie haben mein Herz, das ganze Glück meines Lebens, 300 gerettet. Ich war im Begriff, dieser Elenden meine Hand zu geben. O Gott! was wäre dann aus mir geworden?« Er warf sich an Hilberts Brust. – Ich will Ihren Retter holen, sagte Hilbert, und ging hinaus. Iglou stürzte in das Zimmer, und sank dem Baron zu Füßen. Der Baron fiel aus einem Erstaunen in das andere, und hörte nun von Hilbert den Zusammenhang der Begebenheit. Er fing Iglou, die vor Freude schwankte, auf, drückte sie an seine Brust, und rief: »Iglou! edles, treues Mädchen! o, du unbeschreiblich gute Seele, wie soll ich dir danken!« – Werde glücklich! antwortete das treue Mädchen, und hatte dabei Thränen in den Augen! Ein sehr rührender Anblick, diese vier Menschen beisammen zu sehen, die durch Dankbarkeit, durch Liebe, durch Tugend, durch gegenseitige Aufopferungen so genau, so innig verbunden waren! Es dauerte sehr lange, ehe der Baron sich an den Gedanken von der Wirklichkeit der jetzigen Umstände gewöhnen konnte. Alle Augenblicke that er eine Frage, aus der man sah, daß er noch immer die Täuschung mit der Wahrheit vermischte. Es stiegen sogar wieder Gedanken bei ihm auf, welche Julien entschuldigten, und er konnte sich, als man von ihr sprach, nicht enthalten, sie zu äußern. »Ich begreife noch nicht eigentlich«, sagte er furchtsam und mit niedergesenktem Blicke, »wie diese Julie zu dem Allen gekommen ist. So niedrig, wie Iglou und Hilbert sie glauben, ist sie wirklich nicht. Ich berufe mich auf Sie, Emilie. Sie waren gestern Abend Zeuge von Juliens Großmuth. Sagen Sie 301 selbst, ob das Verstellung seyn konnte!« Emilie erzählte, und setzte hinzu: in der That begreife ich selbst nicht, wie so viel Edelmuth bei so vieler Niedrigkeit in Einer Brust bestehen kann. Ich weiß es nicht; aber ein Herz, das noch Thränen hat, scheint mir nicht ganz verächtlich zu seyn. Beweisen Thränen Tugend, sagte Hilbert lachend, so tragen freilich die Weiber und die Kinder den Preis davon. Was wollt Ihr denn? Ist denn etwa ein elendes Gemählde darum nicht elend, weil es einen vergoldeten Rahmen hat? Diese Julie mit allen ihren Thränen ist eine ganz gemeine Buhlerin, ein elendes, verächtliches Geschöpf. Lieber Mann, du urtheilst wohl zu hart! »Gewiß, das thut er!« sagte der Baron. »Dieses verächtliche Geschöpf bot mir gestern Abend ihre Habseligkeiten an, um Emilien zu retten, und verlangte, daß ich Emilien mein Vermögen geben sollte.« Wer läugnet das? Aber macht es sie weniger verächtlich? Es giebt tausend noch verächtlichere Geschöpfe; allein ist sie darum nicht verächtlich, weil sie nicht das verächtlichste ist? Sagt doch, ist das Mädchen nicht verächtlich, das einem edlen Manne, wie der Baron, eine Unschuld heuchelt, die es nicht mehr hat? ist die Beischläferin von einem halben Dutzend reicher Wollüstlinge nicht verächtlich, wenn sie einen edlen Mann mit Liebe täuscht, deren ihr Herz nicht fähig ist, und wenn sie heimlich seiner spottet? Ist ein Geschöpf nicht verächtlich, das keine andre Freude kennt als die allersinnlichste Wollust, das einem Manne, ohne ihn 302 zu achten, ihre Hand giebt, um sein Vermögen zu verschwenden! »Aber ihre Thränen gestern! Ihr Anerbieten!« Nun, soll denn dieses sinnliche Geschöpf ganz fühllos seyn? Sie hat ein so genanntes gutes Herz, und muß es haben, eben weil sie so sinnlich ist. Deine Thränen, Emilie, deine Klagen, und ihr Mitleiden bewogen sie zu einer Verschwendung, zu der ein Ball sie eben so leicht gebracht hätte. Wo ist der Vorsatz, der die Tugend ausmacht? wo das Opfer? wo die Absicht, einem Menschen wohlzuthun? Deine Thränen rühren sie, wie der Anblick eines schönen Mannes ihre Sinnlichkeit erregt. Sie giebt, um zu genießen. Ich will nicht behaupten, daß sie boshaft, hämisch, tückisch ist. Sie ist gar nichts, und eben darum alles; sie vermischt Tugend und Laster. Beides ist ihr gleichgültig. Sie kann sterben, ohne ein Verbrechen begangen zu haben; aber das ist nur Zufall: denn in ihrem Herzen liegt wenigstens die Grundlage zu den schauderhaftesten Handlungen. Der bloß sinnliche Mensch ist jedes Verbrechens fähig. Wollust, Hang zu Vergnügungen, ganz sinnlicher Egoismus, ist die abscheulichste Gestalt, die der Mensch annehmen kann. »In meinem Munde, Hilbert, haben Sie das oft übertrieben genannt.« Nicht den Satz, lieber Baron, sondern nur Ihre Anwendung des Satzes. »Sie werden lächeln, lieber Hilbert; aber ich kann mir nicht helfen. Wie ist es möglich, daß diese Celtin mit dem blonden Haar, mit den reinen blauen Augen, mit dieser 303 Fertigkeit in der Musik, mit diesem Sinne für Harmonie, mit diesem edlen schlanken Körper ...« Begreifen Sie nun endlich, daß blaue oder schwarze Augen, daß langes oder wollichtes Haar die Tugend nicht ausmacht? Da sitzt Iglou, Ihre Retterin, das menschlichste, edelste Geschöpf, das ich kenne. Unglück hat ihre Seele gehoben, Dankbarkeit sie geläutert, Liebe ihr Herz veredelt. Die Art ihrer Bildung, die Römische Sprache, und die Kenntnisse, die sie dadurch erhielt, gaben ihr die Energie ihrer Tugenden, und die Musik schöne Menschlichkeit. »Also doch Musik und Römische Sprache!« Ganz recht; wie dem Reinen alles rein ist. Der Wollüstige würde in den Römischen Schriftstellern und in der Musik Nahrung für seine unreine Flamme finden. Bedenken Sie doch nur, fast alle öffentliche Sängerinnen sind liederlich. »Aber nicht die Musik, sondern, wie Rousseau sagt, das öffentliche zur Schau Treten, zerstört ihre Schamhaftigkeit.« Das mag etwas thun; allein die Verführung ist die Hauptsache: und dann wird die Musik das Gift, das ihre Seele offen für das Laster macht, wie alles in der Welt dem Lasterhaften zu Gift wird. Sie selbst, lieber Baron, erzählten mir ja einmal von dem Ritter, der die Frau ihres Freundes Lissow mit seiner Wollust hinrichtete, und die Aufmunterung dazu in Pope's sehr moralischem Versuche über den Menschen fand. Sehen Sie da, ebenfalls einen Mann mit blondem Haar, der Ihrem Systeme zum Trotze ein Verbrecher ist! Was fehlt Julien, um gerade eine solche 304 Verbrecherin zu seyn, als eine heftige Leidenschaft, als vielleicht eine Tugend: mehr Energie ihres Herzens? O, lieber Baron, was haben Sie mit allen Ihren Systemen bis jetzt gewirkt? Sie waren dabei den Täuschungen Ihrer Phantasie, und den Betriegereien so mancher Leute Preis gegeben. Ganz natürlich! Sie beurtheilen den Menschen nach äußeren Kennzeichen; und wie leicht sind die nachgemacht! Das Fräulein von Breitenbach täuscht Sie mit einer Galerie auf dem Trödel zusammen gekaufter Portraits; (Hilbert wußte diesen Vorfall aus Iglou's Briefe); und können Sie es ihr verdenken, wenn sie sich den Werth zu verschaffen sucht, den Sie einzig und allein schätzen? Reis'ten Sie nicht hierher in der ernsten Absicht, Augusten Ihre Hand zu geben? Nun, wer den Werth des Herzens so wenig schätzt, daß er auf eine Reihe Bilder hin heirathen will, der verdient, daß man einen Grobschmid zu dem Stammvater der Bilderreihe umschafft. Sie finden Julien. Eine kleine Aufmerksamkeit hätte Sie sehr bald belehren müssen, wen Sie vor sich hatten. Aber nein, sie hat blondes Haar, sie spielt und singt: und nun sind Sie so entzückt von ihren vielen Tugenden, daß sie ein Engel hätte seyn müssen, wen sie nicht in Versuchung gerathen wäre, sich alle die Tugenden zuzuschreiben. Schwester und Bruder nahmen nun eine schöne Larve vor, und es war natürlich, daß Sie betrogen werden mußten. Hilbert hätte noch eine Stunde lang fortreden können, der Baron würde ihm doch nicht geantwortet haben. Er hatte nur den Anfang gehört, und sann jetzt darauf, wie er alle diese Ausnahmen von der Regel erklären könnte. 305 Tausend Gedanken flogen durch seinen Kopf, und hinterher auch tausend Entwürfe. Er faßte nie einen Gedanken, ohne auch zugleich zu sinnen, wie er auszuführen wäre. Was ist, dachte er, an allen diesen Verbrechen der Menschen Schuld, als die Phantasie, welche immer die Begierden in Feuer setzt? Hätte Pope seinen Versuch über den Menschen nicht in Versen geschrieben – ich will hier diese Wechsel gegen einen Heller wetten, der Ritter würde nicht daran gedacht haben, Gift daraus zu saugen. Aber da setzt er erst mit den Versen die Phantasie in Flammen; an der Phantasie hangen tausend Begierden, die nach dem Verbindungsgesetze der Ideen alle mit in Bewegung gebracht werden. Hätte Pope, anstatt die verdammten Verse zu machen, den Satz in gehöriger Schlußform bewiesen: so blieb die Phantasie aus dem Spiele; die Begierden regten sich nicht, und Jakobine lebte noch. »Die Phantasie, lieber Hilbert!« fing er auf einmal an, »ist an allem Schuld!« Gott Lob! erwiederte Hilbert, daß Sie das endlich einmal fühlen. Der Baron wollte die Idee, welche selbst Hilbert billigte, in der Stille durchdenken. Er stand auf, drückte Hilberten die Hand, und sagte: »Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht. Ein ganz neuer Geist belebt mich; alle meine Irrthümer sind jetzt hoffentlich verschwunden. Ich will einen Spaziergang machen und weiter denken.« Gehen Sie, Baron, und lassen Sie den Gedanken nicht wieder fahren. 306 Der Baron ging wie ein Träumender, und mit Schweiß vor der Stirn, in den Thiergarten. Er wollte Licht in seine Ahnungen bringen; und – wem wäre es nicht gelungen, alles, was er will, zu beweisen? »Die Phantasie! die Begierden! die machen den Menschen lasterhaft; denn wenn er keine Begierden hätte – das muß ja der schwärzeste Neger einsehen –, so würde er das Böse nicht begehren, nicht lasterhaft seyn. – Aber daß ich nur nicht wieder in meinen alten Fehler falle! Was ist denn eine Begierde? was begehrt der Mensch? Er begehrt glücklich zu seyn. O, bei Gott! ich hab' es! ich hab' es! Da steckt es! Die Phantasie spiegelt ihm die Befriedigung der Sinnlichkeit als sein Glück vor; daher denn Wollust, Ehrsucht, Geldgeitz, Hochmuth, die doch am Ende augenscheinlich alle Laster hervorbringen. Wäre es denn gar nicht möglich, daß der Mensch nicht begehrte glücklich zu seyn, gar, gar nichts begehrte? Dann wäre auf einmal allen Lastern die Wurzel abgeschnitten. Die Stoiker hatten es so weit gebracht: der Weise begehrt nichts, fürchtet nichts, liebt nichts. Aber wenn der Mensch nichts begehren, nicht glücklich zu seyn wünschen sollte, so ginge die ganze menschliche Tugend mit verloren. Man muß ja doch dem Menschen sagen: sey tugendhaft; denn die Tugend macht glücklich. Aber dann – lieber Gott! – dann geht alles den vorigen Weg. Da heißt es wieder: Mensch, mache dich glücklich. Und wenn dann die Tugend nicht immer glücklich macht, die Begierden nach Glück aber durch die Lehre: mache dich glücklich! nun einmal entbrannt sind; so greift der sinnliche Mensch natürlich zu 307 jedem Mittel, glücklich zu werden. Da sind wir also wieder auf dem vorigen Punkte. Ja, wenn man die Tugend so ohne allen Grund anbefehlen könnte, so bloß mit den Worten: du sollst tugendhaft seyn, Mensch, weil du sollst! Dann käme das Glück aus dem Spiele. Die Phantasie ließe sich am Ende wohl wegschaffen; die Begierden hätten dann keinen Gegenstand mehr, und man könnte sagen: begehre die Tugend, Mensch! Und wahrhaftig, die Stoiker sagten ja so; die Tugend war ja ihr höchstes Gut, oder vielmehr die Ruhe, eine Art von Apathie. Gerade so sagt Seneca: summum bonum est animus fortuita despiciens, virtute laetus Das höchste Gut ist eine Seele, die alles Zufällige verachtet, und durch Tugend froh ist. . Aber das verwünschte virtute laetus Durch Tugend froh. ! Jeder fragt sogleich: warum soll ich tugendhaft seyn? und niemand ist mit der Antwort zufrieden: du sollst, weil du sollst! Und wenn ich auch hundertmal das Glück, welches die Tugend giebt, von allem sinnlichen Glücke scheide, so ist es doch noch immer Glück, und ich muß den Menschen darauf hinweisen, sich glücklich zu machen. Da haben wir aber wieder das alte Spiel: Glück, Begierden, und ihr Gefolge, die Verbrechen. – Das Glück muß schlechterdings aus dem Spiele, das sehe ich! ... Aber wie? – Die Stoiker sind völlig meiner Meinung. Nec gaudium quidem , sagt Seneca, quod ex virtute oritur, quamvis bonum sit, absoluti tamen boni pars est Selbst die Freude, die aus der Tugend entspringt, ist, obgleich ein Gut, dennoch kein Theil des höchsten Gutes. . Aber 308 die Gründe dafür? Ja, lieber Gott, was der gute Seneca da sagt, damit darf jetzt kein ehrlicher Mann mehr kommen. Wenn man jetzt den Menschen versichern wollte: Gold ist so wenig Glück wie ein Ordensband; so lachten sie einen aus. Und im Grunde mag es wohl dem großen Römer nicht besser gegangen seyn. Das ist also nichts. – Wenn ich so von der Tugend sagen könnte wie vom Essen oder Trinken: du mußt essen, weil du mußt; du fühlst den Hunger. Aber, hilf gütiger Himmel! ist denn die Tugend nicht die Speise der Seele, und das moralische Gefühl ihr Hunger? O, wie ein Gleichniß einem auf die Sprünge helfen kann! Du sollst tugendhaft seyn, Mensch! – Warum? – Es ist kein Grund da; aber du fühlst bei dir, daß du sollst. Deine Vernunft zwingt dich dazu, weil sie dir das Gesetz vorschreibt. Du sollst essen, weil dich hungert; gerade so mit der Tugend! Du sollst tugendhaft seyn, weil du fühlst, daß du sollst. Ei, und ist denn das nicht ganz natürlich? Wer in aller Welt würde einem Menschen, wenn er fragte: warum soll ich essen? – wer würde ihm antworten: weil du dich glücklich machen mußt! Man sagt gerade: Narr, weil dich hungert! So ist auch die Tugend ein Befehl, ein kategorischer Befehl der Vernunft, bei dem ich nicht weiter fragen darf. Ich Glücklicher! da steht es ja verständlich, hell und deutlich. Weg ist das Glück, weg die Begierden, weg alle Laster! O heilige, ewige Vorsehung!« – rief unser Baron mit ausgebreiteten Armen und flammenden Blicken – »mit Stolz sehe ich auf die Erde herab, die ich von allen Verbrechen befreiet habe! Jetzt erst hebt das Reich der Tugend an. Wenn es 309 bisher tugendhafte Menschen gab, so war ihre Tugend eigentlich weiter nichts als ein feines Laster: Eigennutz; sie liebten die Tugend, weil die Tugend sie glücklich machte. Nein, es hat auf Erden noch keinen Tugendhaften gegeben, als jetzt. Hier steht der erste tugendhafte Mensch! Die Stoiker könnten zwar wohl sagen, sie hätten die Tugend geliebt; aber sie nannten die Tugend selbst das höchste Gut, und liebten sie, weil sie das höchste Gut war, also aus Eigennutz. Ich aber sage nun gar nicht, was die Tugend ist, und übe sie aus, weil meine Vernunft ...« O, Ihr Gnaden, sagte ein Bettler, ganz nahe bei ihm; um der Tugend willen, schenken Sie mir ... – »Er ist ein Narr!« rief der Baron zornig, weil er so in dem Laufe seiner Gedanken gestört wurde; »geh Er zum Teufel!« – Zum Teufel? sagte der Bettler trotzig, und setzte den Hut auf; das soll mir eine Warnung seyn, nicht jeden, der die Hände gen Himmel hebt, für fromm zu halten. Tugend? Das mag die rechte Tugend seyn! Er wünscht einen Menschen zum Teufel! Der Baron kreuzte, als er sich von seinem Ärger erholt hatte, die Arme über die Brust, und bildete sein System noch einmal in allen Theilen aus. Er war indeß nicht einer von denen Philosophen, die Moralen schreiben, und selbst nicht darnach handeln. Vielmehr nahm er sich vor, nun völlig tugendhaft zu seyn. Er untersuchte jetzt noch: was heißt denn Tugend? stieg mit diesem Begriffe immer höher, und brachte endlich das Moralgesetz heraus: handle, als ob du Gott wärst! Dahin kam er durch einige sehr natürliche 310 Schlüsse, und so schien ihm das Tugendgesetz am reinsten ausgedrückt, weil es die Begierden, alle Leidenschaften, alle anderen Seelenkräfte ausschloß. Er nahm sich fest vor, nichts mehr zu hoffen, zu wünschen, zu fürchten, zu lieben, zu verabscheuen. »O Himmel!« rief er nun zuletzt fröhlich; »wie wird die Welt erstaunen, wenn ich ihr mein System vorlege! wie wird sie mich bewundern, wenn sie nun auf einmal erfährt, was Tugend ist! Denn bis jetzt hat es ja noch niemand gewußt.« Unter dem letzten Selbstgespräche war er mechanisch vor seine Wohnung gerathen. Julie sah ihn schon von weitem die Straße herkommen, und rief ihren Bruder. Beide waren gar nicht mehr ungewiß, wodurch ihre Absichten auf den Baron verunglückt wären. Julie hatte beim Weggehen, zwar nur mit einem Blicke, aber doch ganz bestimmt, Iglou gesehen; und nun erinnerte sie sich obendrein, daß Emilie eine Madame Hilbert war. Der ganze Handel konnte also nichts seyn als ein angelegter Plan, den Baron von Julien abzuziehen. Der Baron besaß sein ganzes Vermögen noch. – Die Mohrin, die verdammte, listige Schwarze, sagte Hedler, hat doch den Sieg davon getragen! Julie, wie leicht wäre es uns gewesen, den reichen Thoren dahin zu bringen, daß er uns die Hälfte seines Vermögens gegeben hätte! wir durften ihn nur besser kennen. Und jetzt? Doch ich will ihm rathen, daß er ruhig ist! Der Baron kam träumend vor das Haus, ging, wie er gewohnt war, in Juliens Zimmer, und sagte in seiner Träumerei mit seinem gewöhnlichen Tone: »guten Tag, liebe Julie!« 311 Aber jetzt besann er sich, wen er vor sich hatte. In seiner Brust regte sich ein bitteres Gefühl des Zorns, doch durchkreuzt von dem Gedanken: ich fürchte, hasse, hoffe, liebe nichts! Er setzte sich, so ruhig wie möglich, auf den Sofa; ja, es freute ihn, daß er hier sogleich seine Theorie ausüben konnte. Der Bruder hob mit einer lauernden Kälte an: Sie haben sehr viele Mühe gehabt, Herr Baron, etwas herauszubringen, das Sie auf dem geraden Wege von Julien oder von mir durch eine bloße Frage hätten erfahren können. »Ich habe gar keine Mühe gehabt; gar nichts herausbringen wollen.« Freilich wird der Haß Ihrer Freunde geschäftig genug gewesen seyn, dem Leichtsinne meiner Schwester die Farbe des Lasters zu geben; und es sollte mich gar nicht wundern, wenn Sie Julien jetzt haßten und verachteten. »Ich hasse, ich verachte Julien nicht.« Julie war jung, unbesonnen, aber nicht lasterhaft. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, eine Anzahl Liebhaber um sich zu sehen. »Natürlich! ihre Phantasie spiegelte ihr das als ein Glück vor. Ich begreife das sehr wohl. Eitelkeit ohne Nachdenken!« Aber nie verletzte sie ihre Unschuld, das schwöre ich Ihnen, Herr Baron. Sie sollen Juliens Begebenheiten erfahren. Julie ist nicht schlechter als Andere. Sie hat gefehlt, wie Millionen Andere fehlen. »Wie Millionen? Glauben Sie mir, Herr Hedler, Sie können ganz dreist sagen: wie Alle ; denn niemand ist eigentlich tugendhaft.« 312 Siehst du, Julie? Sagte ich dir nicht, der Baron würde dich besser kennen, als alle deine Feinde glauben? – Also, lieber Baron, Sie hassen Julien nicht? »Nein, ich hasse sie nicht.« Sie glauben nicht, wie listig man Julien zu der Unterredung, die Sie gehört haben, gebracht hat! – Nun, lieber Baron, wenn ich Sie überzeugen kann – freilich müssen Sie eine hohe Überzeugung haben; aber die hoffe ich Ihnen zu geben – wenn ich Sie überzeugen kann, daß Julie, trotz ihrem Leichtsinne, den Sie selbst so oft getadelt haben, unschuldig ist: hoffen Sie dann noch, glücklich mit ihr werden zu können? »Glücklich? Ei was! ich verlange nicht glücklich zu seyn.« Liebster Baron, ich sehe aus Ihrer Kälte, daß Juliens Feinde ... Der Baron lächelte. »Ich versichere Ihnen, ich habe keinen Haß auf Julien, keine Verachtung; ich hasse nichts, ich verachte nichts.« Hedler war in großer Verlegenheit. Er fing an Juliens Begebenheiten zu erzählen, und betrachtete dabei den Baron sehr scharf. Der Baron schien mit Vergnügen zuzuhören. Nun, Herr Baron, fragte Hedler, so glauben Sie mir! »O gewiß, Hedler, ich glaube Ihnen. Julie ist unschuldig; wußte sie denn, was Tugend ist? Wie kann man von einem Mädchen Tugend verlangen, da sie bis jetzt selbst den Philosophen nicht möglich war! Sie könnten mir sogar erzählen, daß Julie ihre Unschuld verloren, daß sie zu jenen 313 verächtlichen Kreaturen gehört habe, die sich jedem für Geld Preis geben; ich würde Ihnen glauben.« Wollen Sie spotten, Herr Baron? »Spotten? Ich dächte, Sie sollten mich doch kennen, daß ich keines Spottes fähig bin! ... Ein Mädchen, wie Julie, mit diesem heißen Blute; mit dieser Sinnlichkeit; mit diesen feurigen Wünschen glücklich zu seyn; mit der Vorstellung: mache dich glücklich! erzogen – wie natürlich es ist, daß ein solches Mädchen sich in den Strudel der Vergnügen stürzt! wie natürlich sogar, wenn sie durch ihre Sinne betrogen, Einmal oder mehrere Male das Opfer ihrer Begierden wird! Ich würde erstaunen, wenn es anders wäre. Hedler, warum soll ich Julien – selbst wenn ich sie auch hassen könnte und möchte – um etwas hassen, das sie bis dahin mit allen Menschen gemein hatte? Juliens Begebenheit, auch wenn sie ganz so wäre, wie Hilbert sie erzählt, ist die Geschichte des menschlichen Geschlechtes.« Sie verzeihen ihr also den Leichtsinn, der sie unglücklich, aber nicht lasterhaft machte? »Von ganzem Herzen verzeihe ich ihr.« Und doch sind Sie so kalt gegen sie! Lieben Sie denn Julien noch? »Was soll die Frage heißen? Ich liebe sie noch, wenn es heißt: ich hasse sie nicht, ich wünsche ihr das höchste menschliche Glück, die Tugend, oder vielmehr, nicht das höchste Glück, sondern die Tugend, als Tugend. Meinen Sie aber, ob ich von ihr Glück erwarte, ob ich sie mir wünsche, ob ich von ihr hoffe? Nein, dann liebe ich sie nicht; dann 314 habe ich vielleicht nie geliebt. Es war eine schnelle Betriegerei meiner Sinne, ein Irrthum, den ich abgelegt habe. Ich liebe nichts.« So haben Sie Julien betrogen, als Sie ihr ewige Liebe zuschworen! »Ganz natürlich. Ich betrog, und war betrogen.« Ich bin ein Mann von Ehre, Herr Baron! »Ich nicht.« In der That, es scheint so. »Es scheint nicht so; es ist so. Ehre! Was ist denn Ehre? Wieder so ein sinnlicher Betrug!« Herr Baron, Ihre Kälte wird mich aufbringen. »Ihre Hitze mich aber nicht.« Sie sind ein Narr, mein Herr ... »Ich war einer.« Den ich zum Zimmer hinauswerfen werde. »Sie dürfen es nur sagen; ich will von selbst gehen.« Sie sind ein Schurke! »Sie wissen ja wahrhaftig nicht, was ein Schurke ist.« Ein feigherziger Kerl, der Stockprügel verdient, und der sie haben soll, wenn er nur noch ein Wort sagt. Der Baron wurde, um seine Theorie auszuüben, immer kälter, je mehr Hedler in Hitze gerieth, und sah daher diesen mit dem ruhigsten Blicke an. Hedler war jetzt so zornig, daß er den Baron geschlagen haben würde, wenn ihn nicht dessen Ruhe aus der Fassung gebracht hätte. Der Baron lauerte recht auf den Stock des Geigenspielers; die Worte: »schlag, aber höre!« schwebten ihm schon auf den Lippen. 315 Julie machte die Thür auf. Herr Baron, sagte sie lachend, Sie sind ein großer Narr. Haben Sie die Güte zu gehen. – Der Baron, der bis dahin gesessen hatte, stand ruhig auf. »Leben Sie wohl, Julie!« sagte er; »und bemerken Sie noch: die Tugend ...« Ei, gehn Sie mit Ihrer Tugend! Ihre Tugend ist Ihre Narrheit. Sie sind ein einfältiger Mensch, und hätten Gott danken sollen, wenn ich Ihr Vormund geworden wäre, um Ihnen meinen Kopf zu leihen. Gehen Sie, Herr Baron. Sie sind ein Pinsel, und werden einer bleiben. Adieu. »Liederliches Weibsbild!« hob der Baron an, aus Zorn darüber, daß sie ihn einfältig genannt hatte; aber Julie schlug die Thür hinter ihm zu. Glühend roth im Gesichte, und an allen Gliedern zitternd, sagte er: » Tutus est sapiens, nec ulla affici contumelia potest Der Weise ist sicher, und keine Beschimpfung kann ihn treffen. ! ... Die liederliche Metze! Ich einfältig!« Er ging wieder zu Hilbert, der unterdessen mit Emilien eine Reise zu dem alten Obersten Brensen verabredet hatte. Man that dem Baron den Vorschlag, mit zu reisen, und er sagte, freilich mit seiner jetzigen Apathie: nun ja. Noch diesen Abend fuhr man ab, und am zweiten Tage war man bei dem Obersten. Der Oberste wußte eigentlich gar nichts von des Barons Begebenheiten; denn dieser hatte, seitdem ihm bei einem Französischen Schriftsteller die Bemerkung über das Briefschreiben vorgekommen war, alle seine Korrespondenzen, auch die mit Brensen, 316 abgebrochen. Als der Wagen auf den Hof fuhr, eilte der alte ehrwürdige Mann hinzu. Flaming sprang in seine Arme, nach ihm Emilie. O Vater, lieber Vater Brensen! rief Emilie voll Freude, und drückte ihn an ihre Brust. Brensen umarmte bald den Baron, bald Emilien. Kinder! rief er in Absätzen; endlich! Gott Lob! Nun Viktoria! Als die Briefe ausblieben, da hätte ich geschworen, es wäre dem Herrn hier wieder ein System über den Weg gelaufen, und ... Nun, Gott Lob! Gott Lob, Baronchen! Jetzt brachte Emilie ihm ihren Sohn. Der Oberste nahm ihn auf seine Arme, tanzte, so sehr der Junge auch schrie, laut singend mit ihm auf dem Hofe umher, und rief dabei: ein junger Celte! ein Celte! (Er ging mit dem Knaben zu dem Baron.) Nun, Baron, fängt Ihr System an mir zu gefallen; denn es bekommt Fleisch und Bein. Sie haben da einen prächtigen Jungen, lieber Baron. »Es ist nicht mein Sohn«, sagte der Baron ruhig. Was, zum Teufel! Emilie hat ihn mir ja gebracht. »Emilie ist nicht meine Frau.« Der Oberst sah sie Alle der Reihe nach an. Was? Baron! Emilie ... »Ist die Frau des Mannes dort, Madame Hilbert!« Emilie brachte ihren Mann. Der Oberst warf ihm einen finstern Blick zu. Aber, zum Guckguk! wie ist denn das gekommen? Ich will meinen grauen Kopf wetten, sein System hat ihn um die Frau gebracht. Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Hilbert: Sie müssen ein lieber Mann seyn, weil Emilie Ihre Frau ist; aber ... Potz alberne Dinge, und kein 317 Ende! Nun reis't er uns – das sollen Sie sehen – noch an den Kaukasus, wo die reinsten Celten wohnen, und holt sich eine Frau. – Jetzt faßte Emilie mit holder Freundlichkeit Iglou's Hand, und führte sie dem Obersten näher. Hier, lieber Oberst, ist des Barons ... Frau? rief der Oberst. Ich will es nicht hoffen. Lieber Gott, Emilie! ich will es nimmermehr hoffen! Eine Schwarze? Des Barons zärtlichste Freundin, die Retterin seines Lebens und seiner Ehre, meine Wohlthäterin; das edelste Mädchen, das die Erde trägt. Der Oberst nahm seinen Hut ab, und sagte freundlich zu dem Baron: und noch ein wenig schwärzer als Ihr Freund, der Oberst Brensen. Komm, du Schwarze! Wie war das? Das edelste Mädchen, das die Erde trägt? Viel gesagt, viel, in dem Munde eines Weibes, das selbst so gut ist, wie Emilie! Komm an meine Brust, gutes Mädchen! (Er küßte sie.) Aber kann denn der Baron es dir verzeihen, daß du sein Leben – war es nicht so? – und seine Ehre gerettet hast? Armes Geschöpf, wie oft mag er dir deine Farbe vorgeworfen haben, wie mir den dicken Bauch! Aber kehre dich an nichts! Wenn wir todt sind, so wird der Himmel dich so weiß waschen wie Schnee. – Und dann wird er mich lieben, sagte Iglou sanft. – Dann erst? Nein, wenn du nur halb so gut bist, wie Emilie sagt, so wird er dich noch hier lieben, trotz seinem Systeme und deiner Haut. Apropos, lieber Baron, mein Bauch ist um sechs Zoll dünner geworden. Was sagt Ihr System dazu? Bin ich nun nicht auch um sechs Zoll tugendhafter, klüger? ... Nun, kommt herein, Kinderchen; 318 ihr sollt mir erzählen. – Er faßte Emilien an, und sie gingen mit ihm hinein. Man mußte dem Obersten Alles sehr ausführlich erzählen; er fragte auch nach den kleinsten Umständen der Begebenheiten. Aber zum Henker, Emilie, sagte er endlich; Sie liebten ja doch den Baron! Ich liebte ihn wirklich, lieber Oberst; doch seine Kälte, als er in Büdesheim war, und seine so kalten, so seltnen, so kurzen Briefe! Was sollte ich glauben? Aber, lieber Baron, warum schrieben Sie denn nicht öfter und länger? »Herr Oberst, nur ein Dummkopf kann lange Briefe schreiben.« Ha! ha! ha! Wo steht das gedruckt, Baron? Heraus damit! »Rousseau sagt es, so gut wie ich!« Gebt Acht! die Bücher bringen den noch um alles. Um die Frau haben sie ihn schon gebracht! Man erzählte weiter, und der Oberst begleitete alles mit seinen Anmerkungen. Am Ende sagte er lachend: nun, ich will nichts sagen. Sie reisen aus, um die weißeste Celtin in Deutschland aufzusuchen, und sie zu heirathen, zugleich auch, wie ich jetzt höre, die Celten am Rhein zu sehen, und was sie denn noch alles so beiher gewollt haben. Endlich kommt er wieder, und hat – eine Mohrin, schwarz wie die Nacht, bei sich, und eine Mohrin, vor der die meisten Celtinnen sich schämen müssen. Der Oberst war heiter wie ein Kind. Er stellte seiner Fremden wegen eine große Gasterei an, so sehr Hilbert 319 und Emilie es auch verbaten. Den Morgen trieb der alte Mann Emilien, sich ja so prächtig als möglich zu kleiden und alle ihre Juwelen anzubringen. Als seine Gäste beisammen waren, führte er Emilien selbst in die Gesellschaft ein. Ihr erster Blick fiel auf die Frau von Hausen und Jettchen. Sie flog sogleich auf ihre Tante zu, küßte ihr die Hand, umarmte sie, und vergoß Thränen an ihrem Halse. Die Tante wußte nicht, wie ihr geschah; sie kannte Emilien nicht. Emilie war jetzt in der vollen Blüte ihrer Schönheit, und die prächtige Kleidung machte sie noch unkenntlicher als die verflossenen Jahre. Emilie sagte endlich: O, liebe Tante, kennen Sie denn Ihre Emilie nicht mehr? – Ach, Emilie! erwiederte Frau von Hausen gezwungen freundlich, und faßte nun erst ihren Putz recht ins Auge. Sieh einmal, Jettchen! ist die Cousine nicht geputzt wie eine Fürstin? Welche Diamanten! ... Doch echt, Cousinchen? Echt, gnädige Frau! antwortete Brensen; und sie hat noch nicht die Hälfte an sich. Sie sollten einmal den Schmuck zusammen sehen! Das hier ist nur der Reiseschmuck. Wissen Sie denn nicht, welch eine Partie Emilie gemacht hat? Den reichsten Mann in ganz Deutschland, hier den Herrn von Hilbert. – Nur Hilbert, Herr Oberst, sagte Emilie verweisend; mein Mann ist ein Kaufmann in Frankfurt. – Also eine Kaufmannsfrau? erwiederte Frau von Hausen lächelnd. Ja, ja, ein Kaufmann, platzte der Oberst heraus. Aber, damit Sie wissen, meine Gnädige, was das in Frankfurt heißt, so will ich Ihnen nur sagen ... – Ja, ja, Herr Oberst, fiel die Hausen ein; aber doch immer ein 320 Kaufmann! ... Gehen Sie denn selbst in den Laden, Frau Cousine? – Diese Bosheit verdroß den Obersten. In den Laden? Sehen Sie, meine Gnädige, daß ich hier mein Amt verrichten muß? Der Kaufmann Hilbert ist nicht so ein Kaufmann, wie der, von dem Sie alle Tage Ihr Loth Kaffee holen lassen. – Schnell zog Emilie einen Brillanten-Ring von ihrem, und einen simpeln goldenen von Jettchens Finger, und sagte: erlauben Sie, liebe Tante, daß ich und Jettchen die Ringe zum Andenken wechseln? Da wurde das gelbrothe Gesicht der Hausen natürlich gefärbt, und es lagerte sich darin eine aufrichtige Freundlichkeit. Du bist noch immer so gut! sagte sie; aber mache uns doch mit deinem lieben Manne, dem Herrn Vetter, bekannt. Der Oberst rief: Hilbert! Hilbert! Hier diese Dame, Emiliens Tante – will wissen, setzte er leise hinzu, ob Emilie selbst im Laden verkauft? – Nein, meine gnädige Frau, antwortete Hilbert ganz natürlich, wir handeln nur en gros, und Emilie lebt auf ihren Gütern. – Der böse Mann! sagte die Hausen, und schlug den Obersten mit dem Fächer; immer muß er spaßen! Also der Herr Baron von Flaming – ist der schon verheirathet? Man präsentirte ihn der Hausen, die mit ungewöhnlicher Freundlichkeit die Bekanntschaft wieder erneuerte. Der Baron war auch jetzt, was ihm der Oberst schon vorgeworfen hatte, einsylbig, kalt und hölzern. Sie fragte, ob er denn wohl noch an seine alte Liebe zu Jettchen dächte. Er antwortete ruhig: »ich liebe, ich hasse, ich begehre nichts!« (seine gewöhnliche Antwort, seit dem neuesten Systeme.) – 321 Aber dabei können Sie nicht glücklich seyn. – »Glücklich? Ich weiß nichts von Glück, nichts von Unglück. Was ich sagen kann, ist: ich bin; ich denke; ich handle.« – Frau von Hausen wollte die Bekanntschaft mit ihm wieder anknüpfen, und ließ sich durch alle diese Antworten nicht irre machen; aber zuletzt mußte sie die Hoffnung aufgeben, etwas Anderes von ihm zu hören, als: »ich liebe nichts, und hasse nichts!« – Der Mensch ist ein vollkommner Narr! sagte sie nachher zu Jettchen; und Gott Lob, daß es so ist! Emilie erkundigte sich mit großer Behutsamkeit nach den Umständen der Tante; sie schloß aus Jettchens sehr einfacher Kleidung, daß sie nicht die besten seyn müßten. Als sie unterrichtet war, wußte sie auf eine sehr zarte Weise der Tante eine Pension anzubieten. Die Hausen griff mit beiden Händen zu, und nannte Emilien nun: ihre beste Cousine. In der That fühlte sie etwas der Dankbarkeit Ähnliches. Sie zog Emilien auf die Seite, drückte ihr die Hand, und sagte ihr: berede doch deinen lieben Mann, daß er sich adeln läßt. Ich weiß nicht, liebe Cousine, wenn ich von dir reden will, wie ich dich nennen soll. – Emilie war auch von diesem Beweise ihrer Dankbarkeit gerührt. Ich will sehen, liebe Tante, erwiederte sie; nur muß ich Zeit dazu haben. Aber ich hoffe, mein Mann wird Ihren Wunsch erfüllen, daß Sie sich meines Nahmens nicht länger schämen dürfen. – Ei, liebes Kind, wer sagt von Schämen! – Schämen? rief der Oberst, der immer um die Hausen her schlich; schämen? Schämen Sie Sich, gnädige Frau? Nur immer zu! Die Schamröthe steht jedem Gesichte gut; und Ihrem Gesichte 322 müßte sie besonders wohl lassen, wegen der Ungewohnheit. Ich finde es auch sehr natürlich, daß Sie von Schämen sprechen, wenn Sie Emilien ansehen. – Emilie unterbrach ihn; denn er wollte noch weiter fortfahren. Die Tante reiste wieder ab, und war von Emiliens Güte bezaubert. Nun, sagte sie im Wagen, schuldig ist sie es mir. Hab' ich sie denn nicht auferzogen, gekleidet, ihr zu essen und zu trinken gegeben? Sie bezahlt mir jetzt das Kostgeld. – Liebe Mutter, das würde doch wohl so sehr viel eben nicht seyn! – Ei, schweig! Man muß das sagen, Jettchen; was würden sonst die Leute davon denken, daß wir von einer Kaufmannsfrau eine Pension annehmen! Hilbert und seine Emilie verließen den Obersten, nachdem dieser noch alle seine Galle über den Baron ausgeschüttet hatte, weil er an seiner Freude so wenig Theil nahm. Hilbert flisterte dem Obersten zu: lassen Sie ihn! Er ist jetzt in dem Zustande der Zerknirschung. Man reiste wieder nach Berlin. Auch Hilbert trennte sich bald von dem Baron, und kehrte nach Frankfurt zurück. Der Baron hatte auf Iglou's Bitte seine Sachen aus seiner vorigen Wohnung holen lassen. Auch er packte nach Hilberts Abreise sogleich ein, um nach Zaringen zu gehen. Als er aus dem Thore fuhr, sagte er, halb zu Iglou, die neben ihm im Wagen saß, halb zu Berlin: » intus omne posui bonum; non egere felicitate, felicitas mea est. « Ich habe alles Gute in mir. Mein Glück besteht darin, daß ich keines Glückes bedarf. 323 Ja, Iglou, jetzt bin ich glücklich, über das menschliche Geschick erhaben! Ich liebe nichts mehr, ich hasse nichts mehr; ich verlange, ich bedarf kein Glück.« Iglou antwortete nicht. Sie sang, indeß der Wagen in dem Sande langsam hin fuhr, mit ihrer schönen Stimme: Freud' und Kummer sind die Zeugen Schöner, hoher Menschlichkeit. Fremder Kummer sey mein eigen; Und des Grames düstres Schweigen Ehre meine Traurigkeit! Freud' und Kummer sind die Zeugen Schöner, hoher Menschlichkeit. Fremde Freude sey mein eigen; Und des Glückes frohe Reigen Störe nie mein eignes Leid! Iglou sang mit zärtlicher Stimme. »O«, rief der Baron von der Wahrheit in dem Liede, das er noch nie gehört hatte, überwältigt: »O, Iglou, wie gut bist du!« Aber nach einer kleinen Pause, in der er sich besann, sagte er murmelnd: » ferenda facili animo omnia, et humanius est deridere vitam, quam deplorare. « Alles muß man mit leichtem Herzen ertragen, und es ist menschlicher, das Leben zu verlachen, als es zu beweinen. Er legte sich mit einem kalten Gesichte ohne alle Theilnahme in die Ecke des Wagens, und schwieg.   Ende des dritten Theils.   325 Vierter Theil . Der Baron kam nach einer glücklichen Reise vor Zaringen an. Hier ließ er den Wagen halten, und stieg mit Iglou aus. »Sieh, Iglou«, sagte er; »dies ist der Ort, wo ich von nun an einsam leben will, und wo ich auch dir eine Zuflucht anbiete. Die Städte sind Wohnplätze der Verbrechen; denn Alles in ihnen reitzt die Phantasie, die Begierden, die Sinnlichkeit. Auf dem Lande kann die Vernunft ungestört wirken; es ist der Sitz der Unschuld, der Ruhe. Hier, Iglou, sollen bei stillem Denken, und bei Handeln, im edelsten Sinne des Wortes, meine Tage verfließen; das Glück soll mit seinem täuschenden Anblicke mein Herz nicht verführen, und das Unglück es nicht verletzen. Man tadelt das Leben der Mönche: ich will auch keiner werden; sie erfüllen einen Theil der Pflicht: Abgeschiedenheit von der Sinnlichkeit; aber sie handeln nicht. Ich will Beides: denken und handeln. Das Gefühl ist ein elendes Werkzeug des böse Dämons.« Iglou schwieg zu dieser Deklamation, gegen die sie freilich wohl Einwendungen gehabt hätte. Sie gingen in das Dorf hinein. Die hellen, niedlichen Häuser erinnerten den Baron sehr stark an seine ehemaligen 328 Bemühungen für das Glück seiner Unterthanen. Gern hätte er seiner Begleiterin seine heimliche Freude darüber mitgetheilt; aber er schämte sich, es zu thun, weil er so eben gegen das Gefühl deklamirt hatte. – Es herrschte in dem Dorfe eine Reinlichkeit, die ihn in Verwunderung setzte; und mitten durch die Straße desselben lief eine doppelte Allee von Fruchtbäumen, wie er auch schon auf dem Wege zu dem Dorfe eine bemerkt hatte. Auf einmal hörte er eine frohe Musik und ein fernes Jauchzen. Er ging still vor sich hin, und murmelte: »das taugt nichts! Der Tanz entzündet die Phantasie, und erregt Verbrechen.« Je näher er seinem Hause kam, desto deutlicher wurde die Musik und das frohe Jauchzen; und bald sah er ein frohes Gewühl von Menschen jedes Alters und Geschlechtes. Unter einigen hohen und schattigen Linden tanzten die jungen Leute des Dorfes. An Tischen umher saßen die Alten; mitten unter ihnen der Prediger und mehrere wohlgekleidete Menschen. Flaming begriff nicht, was das war. Als er näher kam, bemerkte man ihn; aber man kannte ihn nicht. Ein junger Bauer ging auf ihn zu, und lud ihn sehr artig ein, heran zu kommen. Auf einmal aber rief er: um des Himmels willen! Ihr Gnaden, unser guter Herr Baron! Auf dies Geschrei strömte alles hinzu. Lissow, Jakobinens Vater, der Prediger, der Amtmann, Karoline, der Amtsverwalter, und alle Einwohner des Dorfes umringten den Baron in frohem Erstaunen. Niemand hatte ihn erwartet, niemand wußte etwas mehr von 329 ihm, als daß er in Berlin sey und fürs erste da bleiben werde. Er erkundigte sich nach der Ursache des Festes; und der Prediger sagte ihm: es ist der gewöhnliche Sonntagstanz. »Der gewöhnliche?« erwiederte der Baron, und schüttelte den Kopf, doch ohne weiter etwas zu sagen. Er hatte nicht das Herz, sogleich sein Mißfallen zu äußern, und, als er erst zwischen seinen Freunden saß und das Fest näher kennen lernte, konnte er es noch weniger. Auf allen Gesichtern lag ein unverstellter, herzlicher Frohsinn. Die jungen Leute und auch die Kinder trugen reinliche und anständige Kleidungen. Alle waren fröhlich; aber ihre Fröhlichkeit artete nicht in Wildheit, in ein bloßes Toben aus, wie es bei den Landleuten so oft der Fall ist. Die Alten saßen um die Tische her, und sprachen von ihrer Haushaltung, von ihrem Ackerbau, von der Erziehung; und zwar immer mit Ruhe, Gelassenheit und Nachdenken. Die Kinder spielten. Kurz, es war ein Fest von lauter heitern Menschen. Mit großer Freude, die er aber zu verbergen suchte, sah der Baron, daß es nur wenige Schwarzköpfe unter ihnen gab, und daß alle in helle Farben und züchtig gekleidet waren. So sehr der Baron seine Unterthanen im Auge behielt, eben so sehr beobachteten diese ihn, aber noch weit mehr die Mohrin, die sich auf die Seite gesetzt hatte, und dem Schauspiele der Freude mit frohen Blicken zusah. Die Kinder stellten sich seitwärts zu ihr, und betrachteten sie mit Neugierde. Sie näherte sich den Kindern. Diese flohen nicht, sondern sprachen mit ihr; und schon nach einigen 330 Minuten waren sie hinlänglich vertraut mir ihr, sie nach allerlei, nach ihrer Farbe, ihrem Vaterlande, u. s. w., zu fragen. Iglou gab dem einen ein Band, dem andern eine Nadelbüchse, dem dritten ein Stück Geld; und die Kinder waren dankbar dafür. Sie trat zu dem Baron, und sagte: ich habe noch nie unter Landleuten so gute Menschen gesehen, wie hier deine Unterthanen. Sie müssen sehr gütig behandelt worden seyn; denn sie sind des Zutrauens fähig. Der Prediger betrachtete Iglou mit großen Augen, als sie die Anmerkung gemacht hatte; und nun erfuhr er von dem Baron sein Verhältniß mit ihr, und den Grad ihrer Bildung. Gnädiger Herr, sagte bei dieser Gelegenheit der Prediger, Sie scheinen sich über das Glück Ihrer Unterthanen nicht so zu freuen, wie ich es von Ihrem Herzen erwartete. Der Baron gab nur eine sehr unbestimmte Antwort. Der Prediger erzählte in aller Kürze, was nach des Barons Abreise in Zaringen gethan war, und brach in die größten Lobeserhebungen über den alten Grumbach aus. Dieser würdige Mann, den Sie uns geschickt haben, sagte er, hat das Glück von einigen Hundert Menschen geschaffen. Seine reife Weisheit thut nie einen Schritt zurück; denn jeder führt an das Ziel. Ich glaubte die Bauern zu kennen; aber Grumbach hat mich erst gelehrt, wie man es anfangen muß, sie zu Menschen, zu glücklichen Menschen, zu machen. Ihr Zaringen, Herr Baron, fängt an ein Aufenthalt der Unschuld und des Glückes zu werden. Sie glauben nicht, mit wie Wenigem Grumbach so viel thut! Sehen Sie, Herr Baron, und wünschen Sie Sich Glück dazu –: unter 331 der ganzen Menge ist kein Unglücklicher und kein Lasterhafter. »Wie hat Grumbach das angefangen?« fragte der Baron. Er belohnt die Tugend mit Zufriedenheit, und bestraft das Laster mit Verachtung, erwiederte der Prediger. – »Meine Unterthanen sind also aus Eigennutz tugendhaft, nicht aus Überzeugung. Und ist das Tugend? ... Doch, lieber Herr Prediger, lassen Sie uns davon aufhören. Ich mag nicht gern aus einzelnen Datis urtheilen, und werde ja sehen, was gethan ist.« Die jungen Leute tanzten bis um neun Uhr Abends, und gingen, als es läutete, ruhig aus einander; die Hausmütter aber hatten sich fast alle schon entfernt. Der Baron begab sich ermüdet auf sein Zimmer, und schloß sich ein, um ungestört zu denken. Er stellte sich an das Fenster, und betrachtete die Hütten, die in dem hellen Lichte des Sommerabends da lagen. »Ihr seyd glücklich «, sagte er, zu den Hütten hin gewendet, »ihr armen, verirrten Menschen! Hier bin ich, und will euch weiter bringen; ich will euch lehren, das Glück entbehren zu können. Ja vor acht Jahren, als ich zum ersten Male wieder hierher kam, da war euer Glück mein Ideal, mein Wunsch. O Gott, wie viel höher stehe ich jetzt! wie viel weiter bin ich! Jetzt ist nicht mehr euer Glück das Ziel meines Bestrebens, sondern eure Tugend: nicht jene eigennützige, der Vernunft unwürdige, welche giebt, um zu nehmen, wohlthut, um fröhlich zu seyn, liebt, um Liebe zu erlangen. Nein, nein! Menschen, Brüder, Gott gleiche Geschöpfe! die Tugend will ich euch lehren, welche 332 unerschütterlich, wie Gott selbst, dasteht, nichts kennet als sich, in dem Untergange der Welt, mitten unter den stürzenden Welten, mitten im Schmerz und Elende, unter dem Geschrei des Jammers und der Verzweiflung, sich selbst festhält, sich selbst das Ziel ist, nach dem sie strebt, und wenn ihr Weg durch Martern und Qualen, durch das Dunkel der Hölle führte!« Diese stolze Idee erhob ihn; er stand, fest wie ein Fels, im Zimmer, sein Auge blickte durch wohlthuende Thränen auf die Hütten, seine Brust schlug in langsamen und starken Schlägen. Auf einmal hörte er Iglou, die in dem Zimmer dicht neben ihm wohnte, zu ihrer Laute singen: Schwäche ist des Menschen Loos: Darum hängt ein Wolkenschleier Vor der Wahrheit reinem Feuer, Und bedeckt der Zukunft Schooß. Schwäche ist des Menschen Loos. Furcht und Hoffnung, Freud' und Schmerz Herrschen zwischen Grab und Wiege. Sey nicht stolz auf Kampf und Siege; Schwach ist doch, o Mensch, dein Herz, Schwach bei Hoffnung, Freud' und Schmerz. Die arme Iglou war auf eben dem Wege, den der Baron mit seinen Empfindungen genommen hatte, zu diesen Resultaten gelangt, welche den seinigen so ganz entgegen liefen. Freilich sah sie nun ein, daß ihre Farbe, ihre äußere 333 Gestalt, das ewige Hinderniß ihrer Liebe seyn würde; und oft war, da sie ihren inneren Werth fühlte, ihre Empfindung Bitterkeit gegen die ungerechten Menschen, besonders gegen den Baron: aber Güte und Nachdenken unterdrückten bei ihr diese Gefühle sehr bald wieder. Vergebens wünschte sie, mit eben der Leichtigkeit auch ihre Leidenschaft für den Baron unterdrücken zu können; nach jedem Kampfe, jedem Siege, den sie über ihr Herz davon getragen hatte, fühlte sie sich schwächer als vorher. Eine Liebkosung des Barons erregte ihre Leidenschaft aufs neue; und diese ihre eigne Schwäche machte sie nachsichtiger gegen die Schwächen des Barons. Was sie endlich über sich selbst erhielt, war die Stärke, von ihrer Liebe zu schweigen. Es ist nun einmal so! sagte sie: ich muß ihn lieben; und er? – er muß das Gegentheil. Wenn nun die Betrübniß, wenn ihr Herz sie überwältigte, so floh sie zu ihrer Freundin, der Laute; die Musik nahm ihrem Leiden die Schärfe, und verwandelte ihren Gram in eine süße Wehmuth. Natürlich also mußte sie oft gerade das Gegentheil von dem denken, was der Baron dachte; und gewöhnlich sang sie ihre Gedanken in kleinen von ihrem Herzen eingegebenen Liedern, weil nichts den Schmerz des Unglücklichen so mildert wie die Poesie. Es war also ganz natürlich, daß Iglou's Lied die Gedanken des Barons gleichsam beantwortete. Eben so natürlich war es, daß Iglou noch immer mit voller Seele an dem Baron hing, so unmöglich es sonst auch ist, daß eine Liebe ohne alle Gegenliebe fortdauern kann. Sie sah freilich ein, daß der Baron sie nicht liebte, doch nur, 334 wenn sie ihren Verstand um sein Urtheil fragte; ihr Herz aber – und warum sollte das nicht eben so seyn wie bei allen übrigen Menschen? – urtheilte anders. Tief in ihrem Inneren lag, ihr selbst unbewußt, eine tröstende Hoffnung, die sich auf des Barons Betragen gründete. Er hatte in der That größeres Zutrauen zu ihr als je zu Emilien oder Julien, und es zeigte sich bei allen Gelegenheiten, selbst wider seinen Willen, immer auf gleiche Weise. Er war so an Iglou gewöhnt, daß er ohne sie nicht leben konnte. An ihrer Zufriedenheit nahm er innigen Antheil, und zuweilen betrachtete er sie mit großem Wohlgefallen; ja, er konnte sie oft mit Herzlichkeit an seine Brust drücken. Diese Freundschaft, dieses Vertrauen des Barons ließ die Hoffnung, daß er sie noch einmal lieben könnte, in ihrem Herzen nie ganz sinken; so erhielt ihre Leidenschaft täglich neue Nahrung, und sie liebte fort, trotz ihren Vorsätzen, trotz ihrer Überzeugung, daß sie sich dadurch ein kummervolles Leben bereitete. »Ja«, sagte der Baron, als er Iglou's Gesang gehört hatte: »schwach ist des Menschen Herz; aber daß es keine Stärke hat, daß es nicht die bethörenden Hoffnungen verachtet, ist unsre Schuld. Warum nähren wir die Phantasie mit den Bildern des Glückes? warum machen wir das Glück zur Grundlage aller Tugenden? Nein, ich fühle bei mir selbst, daß man ohne Hoffnung, ohne das so genannte Glück, in dem Genusse des Göttlichsten, was in unsrer Natur ist, der Vernunft, glücklich seyn kann. Grumbach hat es gut gemeint mit meinen Unterthanen. Ich meine es aber noch besser; sie sollen vernünftig werden!« 335 Das beschloß der Baron; aber als er erfuhr, welche Anstalten Grumbach getroffen hatte, fühlte er kaum noch Muth, etwas zu sagen. Das reitzende Gemählde von dem Glücke und der Zufriedenheit seiner Unterthanen erfüllte sein eignes Herz mit eben den Gefühlen, wie Iglou, die bei Grumbachs Beschreibung ganz Seligkeit war. Sobald Grumbach und Lissow in Zaringen ankamen, und, nach des Barons Willen, von den Einkünften Besitz genommen hatten, ließ jener es seine erste und angelegentlichste Beschäftigung seyn, das Gut, dessen Ertrag, und die Menschen, mit denen er von nun an zu thun haben sollte, kennen zu lernen. Seine ehemaligen Beschäftigungen machten ihm diese Arbeit zu einem Spiele. O Gott! sagte er; wie glücklich, wie unbeschreiblich glücklich, könnte der Adel seyn, wenn er wollte! Welch ein schönes Loos ist ihm gefallen! Er verbindet mit der Unabhängigkeit der Fürsten das häusliche Glück des Mittelstandes. Die Adeligen haben die Macht der Fürsten; und diese Macht hindert sie nicht, im eigentlichen Sinne Väter ihrer Unterthanen zu seyn. Ihnen gehört eine kleine Welt, die sie zu übersehen im Stande sind; sie können mit eignen Händen schaffen und wohlthun, da der Fürst hingegen gezwungen ist, mit fremden Händen zu wirken, das Glück seiner Unterthanen fremden Herzen anzuvertrauen! Anfangs ließ Grumbach alles ruhig fortgehen, ohne sich hinein zu mischen; er lernte erst das Land und die Menschen kennen, die er segnen wollte. Lissow, dem er seine wohlthätigen Plane mittheilte, hätte gern sogleich 336 angefangen einzureißen, umzuformen, zu verwandeln; aber der Alte blieb seinem Grundsatze getreu, daß die Vorsehung den Irrthum, auch wenn er in der besten Absicht begangen ist, eben so ernstlich bestraft wie das Verbrechen, wie die Bosheit. »Wir kennen die Absicht, die wir haben«, sagte er zu Lissow; »wir kennen die Bildsäule, die wir formen wollen: sie steht lebendig vor unsrer Seele da. Ehe wir aber anfangen zu arbeiten, laß uns erst den Stoff genau untersuchen, die rohe Masse, den Marmorblock, den wir in das Bild der Glückseligkeit verwandeln wollen! Laß uns zusehen, ob die Werkzeuge stark und zahlreich genug sind, daß wir nicht am Ende beschämt die Arbeit müssen unvollendet liegen lassen. Es ist leicht einzureißen, aber schwer aufzubauen. Laß uns ein Obdach behalten, wenn etwa der Bau sich nicht fördert.« Grumbachs Weisheit hielt den raschen Lissow zurück, als dieser mit allem Feuer einer Seele, die sich so eben von einem unthätigen Kummer, beschämt darüber, losgerissen hat, sogleich die Veränderungen in Zaringen anfangen wollte. Die Umstände waren günstig. Die Bauern sahen mit Freude den Sohn ihres ehemaligen geliebten Predigers, Lissow, auf dem Schlosse wohnen; und auch den Alten liebten sie in Kurzem, weil er so umgänglich, nicht im mindesten stolz, so ganz und gar mit ihnen ein Landmann war. Grumbach hatte bald die Liebe des ganzen Dorfes, aber noch nicht, was schwerer zu gewinnen ist, das Zutrauen der Familien, welches er doch so nöthig brauchte, wenn er in seinen Planen glücklich seyn wollte. Er wunderte sich 337 nicht, daß es so schwer zu gewinnen war. »Natürlich«, sagte er, »ist diesen Menschen das Mißtrauen zur andren Natur geworden. Die meisten Lasten des Staates ruhen auf ihren Schultern. Sie müssen das Vaterland ernähren, ihm Vertheidiger stellen, Pferde und Getreide liefern, Krieges- und Frohnfuhren thun. Der Städter mag eben so viel geben, und giebt nach Verhältniß eben so viel; aber weit unmerklicher. Der Landmann kann alles, was er giebt, bei Heller und Pfennig berechnen; der Städter merkt kaum, was er bezahlt. Man bemühet sich nicht, den Landmann zu belehren, daß er den Staat nicht allein erhalten muß; ja, die Verachtung, mit der ihn alles behandelt, bestärkt ihn in der Meinung, daß alle Stände von ihm fordern, und selbst nichts geben wollen. Wie natürlich ist nun nicht das Mißtrauen des Landmanns gegen alle andern Stände! und wie schwer muß es zu überwinden seyn, selbst wenn man die Absicht hat, ihm wohlzuthun! Er fürchtet sogar in einer Wohlthat aus der reinsten Absicht den Keim zu einer neuen Last, und stößt die Hand seines Wohlthäters zurück, weil er nicht glauben kann, daß ein Mensch aus den besseren Ständen es gut mit ihm meine.« Sie kennen den Bauer nicht! sagte der kleine Justiz-Amtmann. Geben Sie ihm heute die Erde, so fordert er morgen den Mond, dann die Sonne; und wehe Ihnen, wenn Sie endlich gezwungen sind, ihm etwas abzuschlagen! – »Er fordert, wie alle rohen Menschen, was er sieht. Darum muß man ihm seine Rohheit nehmen; und das, Herr Amtmann, ist meine Absicht, dazu fordre ich Ihren Beistand auf.« 338 Der alte Grumbach erhielt, trotz allen Hindernissen, allmählig das Vertrauen der Bauern. Er war fast immer bei ihnen, unterschied sich von ihnen in der Kleidung sehr wenig, gewöhnte sich an ihre Sprache, fand sich in ihre Art zu denken, griff nie eins ihrer Lieblingsvorurtheile geradezu an, erwies ihnen tausend Gefälligkeiten, suchte sogar ihre unvernünftigen Anliegen zu erfüllen, und setzte, wenn er das nicht konnte, wenigstens etwas Anderes in dessen Stelle. Grumbach war nur Aufseher über die adeligen Güter, nicht Herr davon. Was er that, erhielt wirklich doppelten Werth für die Landleute, weil sie glaubten, er müsse es sich selbst abdarben, um die Sachen in den Rechnungen auszugleichen, und weil der Verwalter, sonst ein herzensguter Mann, oft klagte, daß Grumbach dem Baron zu viel vergebe. Kurz, nach und nach stieg das Vertrauen zu dem alten Manne, so hoch es steigen konnte. Grumbach ersetzte die Summen, die ihm das kostete, zehnfach durch Verbesserung des Gutes; und es gelang ihm, auch die Bauern dahin zu bringen, daß sie seine Art des Ackerbaues und der Landhaushaltung nachahmten. »Sehen Sie wohl«, sagte er zu dem Justiz-Amtmann, »daß es möglich ist, das Vertrauen dieser Leute zu gewinnen, wenn man nur will?« – Das ist wohl wahr; aber wer braucht denn alles zu thun, was die Leute verlangen! Wer will immer nachgeben; immer Unrecht haben; immer dem Bauer Recht lassen! Was verbindet mich dazu? »Lieber Gott!« sagte Grumbach mit stillen, demüthigen Blicken; »was mich dazu verbindet? Meine eigene 339 Schwäche, das Gefühl, daß ich ein Mensch bin, und nichts weiter. Ach, lieber Herr Amtmann, wie oft mag nicht die Vorsehung es mit uns eben so machen, um nur unser Mißtrauen gegen sie zu überwinden! Wie oft beleidigt der Mensch die ewige Güte durch seine kindischen Forderungen! Und hört Gott deswegen auf, die Erde zu segnen? Wir sollen Gutes thun und glücklich machen. Freilich wäre es leichter, wenn die Menschen das Gute gerade so nähmen, wie wir es ihnen gönnen und geben; aber soll ich das Gute nur thun, wenn ich es so thun kann, wie ich gern will? Es ist wahrlich vor jenem Richterstuhle jenseits des Lebens keine Entschuldigung, wenn ich sage: die Menschen wollten das Gute nicht, wie ich es zu geben Lust hatte. Ja, es ist mühsam, dem verachteten, vernachlässigten Stande der Landleute seine Laster zu nehmen, und ihn des Glückes fähig zu machen; aber soll denn die Tugend nicht mühsam seyn? Fordert sie nicht das ganze Herz zum Opfer? ›Ihr kennt den Landmann nicht!‹ Was heißt das? Wohl! wenn du ihn denn besser kennest, so richte dich nach ihm, und gieb ihm die Wohlthat, so wie er sie allein mag. Würden Sie den Vater nicht unbarmherzig nennen, der seinem Kinde die Arznei so bitter, wie sie ist, hinreichte, und, wenn es sie nicht wollte, es sterben ließe, da doch ein wenig Zucker sie versüßt und das Kind gerettet hätte? Und soll der Edelmann etwas anderes seyn als der Vater seiner Bauern?« Aber da wäre ja der Edelmann ein Diener, ein Sklav seiner Unterthanen! »Ein Sklav Gottes, ein Diener der Vorsehung, ein 340 Priester der Tugend! Und giebt es ein ehrenvolleres Amt als dieses? Der Bauer ist nun einmal nicht anders; soll denn auch der Bessere nicht anders seyn als der Bauer?« Dann müßte aber der Adel alle seine Rechte aufopfern; und wer kann das von ihm verlangen? »Nur ein Thor kann das, der nie gefühlt hat, wie schwer es ist, sich freiwillig eines Vortheils zu begeben. Aber verschweigen soll er den Überfluß nicht, den er hat, so lange noch eine unglückliche Familie auf seinen Gütern den Himmel um Obdach, um Brot anflehet; mit seinen Jagden nicht die Ernten zerstören; nicht ein Fremdling auf seinen Gütern, unter seinen Kindern werden; nicht mit Stolz, mit Verachtung der Menschheit in seinen Unterthanen, die letzte Spur von Tugend bei ihnen niederdrücken. Er soll nur menschlich seyn, seine Pflicht erfüllen, helfen, wo er kann, unterstützen, wo er sinken sieht, durch Belehrung Licht in die Finsterniß, Trost in Hütten voll Elend tragen. Das soll er; das muß er; oder er verdient den Nahmen Mensch nicht, und noch weniger den großen, anspruchsvollen Nahmen eines Edeln .« Der Amtmann war kein übler Mann; er ließ das Gute wenigstens geschehen, wenn man nicht allzu große Opfer von ihm forderte. Ohne gerade zu begreifen, oder gar zuzugeben, daß, was Grumbach sagte, Wahrheit sey, half er doch, wo er konnte. Der Prediger aber war sehr bald von ganzer Seele auf Grumbachs Seite. Er hatte sogar den Muth, seinen weit romantischeren Plan von Glück aufzuopfern, und Grumbachs besseren Einsichten zu folgen. 341 Der alte Schulmeister wurde zur Ruhe gesetzt. Lissow, Grumbach und der Prediger übernahmen den Unterricht der Kinder so lange, bis man einen jungen vernünftigen Mann zum Lehrer gefunden hatte. Die Schule war in Grumbachs Augen der wichtigste Gegenstand. »Ohne Unterricht«, sagte er, »ist das menschliche Glück und die menschliche Tugend nur eine Sommerpflanze, die der erste Reif des Herbstes tödtet.« Der Prediger setzte einen Schulplan auf; Grumbach aber strich ihn zur Hälfte durch. »Um des Himmels willen nicht eine Spur von Gelehrsamkeit!« sagte er. »Nicht ein Wort mehr dürfen die Kinder wissen, als sie in der Folge gerade gebrauchen; aber ihr gesunder Menschenverstand kann nie genug gebildet werden.« Grumbach war die Seele des Unterrichtes. Es kostete dem Prediger, dem neuen Schulmeister, und selbst Lissowen, große Mühe, nur einzusehen, daß das Meiste von dem, was sie lehren wollten, unnütz war; und noch schwerer wurde es ihnen, ihre Kenntnisse nicht vorzubringen. Der Prediger wollte das Daseyn Gottes, die Unsterblichkeit der Seele erweisen; Grumbach aber verlangte ausdrücklich, diese beiden Lehren sollten, als ganz bekannt, als Axiome, vorausgesetzt werden. »Was bedürfen«, sagte er, »diese einfachen, natürlichen Gemüther solcher Beweise? Sie sollen nicht wissen, daß der Grund aller Tugend von thörichten Menschen je bezweifelt wurde; und, genau genommen, hat ja auch nie ein Mensch, der sich fühlte, wirklich daran gezweifelt.« Auf diesen Grund bauete man eine einfache Moral, der besonders Grumbach in seinem Unterrichte so 342 viel Herzliches gab, und die er so einfach vortrug, daß die Kinder sie leicht faßten. Man hütete sich durchaus, die Eltern merken zu lassen, daß der Unterricht anders war als ehemals. Die alten Formen, die alte Zeit, die alten Bücher wurden beibehalten, und das Neue als etwas ganz Gewöhnliches vorgetragen. Die Eltern merkten keine Veränderung, weil man ihnen nicht sagte: seht, wir ändern. Grumbach und Lissow waren zugegen, wenn die jungen Leute tanzten. Was Wunder also, daß auch der Prediger hier seine Freunde aufsuchte, und den Schulmeister mitbrachte! Was Wunder, daß Karoline zuerst einmal mit Lissowen tanzte, und dann auch ihre Hand einem jungen Bauer gab, den der alte heitre Grumbach antrieb, sie aufzufordern? Freilich wurde nun nicht mehr so viel Bier getrunken, und der Wirth im Gasthofe machte schele Gesichter; aber Grumbach wußte ihn heimlich zu befriedigen, ja ihn für sich zu gewinnen. Der Wirth hatte Vortheil davon, daß weniger getrunken wurde. Nun gab Grumbach erst einmal auf dem Schloßhofe Sonntags nach der Kirche einen Tanz, und die Alten stellten sich dabei ein. Das geschah öfter. Grumbach schlug den jungen Leuten vor, noch mehrere von ihnen sollten die Geige und den Baß spielen lernen, wie es ein paar schon ziemlich gut konnten. Nach und nach kamen die Sonntagstänze immer mehr in Gang. Man bestimmte, wie lange das Vergnügen währen, und wie viel es kosten sollte. Die Schenke wurde nun gänzlich verlassen, und alle Sonntage auf dem Schlosse getanzt. Einige 343 junge Wüstlinge fanden zwar das Vergnügen sehr langweilig; aber man ließ sie gehen. Sie kamen nach und nach von selbst, und mußten, wenn sie Theil nehmen wollten, mäßig seyn. Karoline ging jetzt in die Spinnstuben der Mädchen, wo man bald sang, bald Gespenster- und Mördergeschichten erzählte. Grumbach kam einmal, um Karolinen zu sprechen. Er hörte eine Weile zu, und erzählte dann den Mädchen einige schauerliche Gespenstergeschichten, die aber am Ende ein allgemeines Gelächter erregten. Der Alte kam wieder. Man spann, lachte, sang, erzählte: kurz, man war fröhlich. Grumbach schlug nun vor, die Spinnerei in die große Schulstube zu verlegen. Das geschah. Jetzt kamen auch der Schulmeister, der Prediger, und die jungen Bursche. Man spielte eine Stunde, und die Mädchen mußten durch doppelten Fleiß die durch Vergnügen verlorne Zeit wieder einbringen. Karoline unterrichtete die kleinen Mädchen im Stricken, im Nähen, im Spinnen; während der Arbeit lehrte sie die Kinder aber auch Lieder singen, oder erzählte ihnen Geschichten, so daß hier wieder Freude mit der Arbeit verbunden wurde. Die erwachsenen Mädchen waren nun einmal wie sie waren, und sangen ihre, freilich zum Theil sehr albernen, Lieder. Aber die kleinen Mädchen lernten von Karolinen bessere, die Lissow machte, und worin jungfräuliche Zucht athmete. Karolinens Beispiel und Lob erfüllte die jungen Herzen mit keuscher Scham, und es wuchs hier ein Geschlecht unschuldiger, guter Mädchen auf. Bald 344 lernten auch die älteren Mädchen die Lieder der Kinder; denn Karoline sang sie ja in der Spinnstube, und tadelte die andern. Die Alten waren am schwersten zu bekehren; indeß konnte Grumbach sie, wenn nicht verwandeln, doch leiten. Jetzt beglückte Eintracht alle diese Hütten, und die Zufriedenheit schlug ihren Wohnplatz unter diesen unschuldigen Menschen auf. Man hatte nichts übertrieben, nichts beschleunigt, nichts mit Gewalt erzwungen. Das ganze Dorf war verändert, und keiner von den Einwohnern hatte es gemerkt. Die Bauern, welche ohnedies schon durch die Güte des Barons wohlhabend waren, fingen an, sich glücklich zu fühlen, und von einem ganz neuen Geiste beseelt zu werden. Sie arbeiteten mit Lust, denn Niemand nahm ihnen die Frucht ihres Fleißes, und am Abend erwartete sie gewiß ein Vergnügen. Die Alten schüttelten wohl zuweilen die grauen Köpfe, und seufzten: ach! sonst war es viel besser! Aber sie ließen sich doch durch eine gut geschriebene Vorschrift, oder durch das fertige Lesen und Rechnen ihrer Enkel zufrieden stellen. Freilich waren ihnen die Mägde und Knechte wohl zu munter; aber die Arbeit geschah doch, und noch dazu ohne Lärmen und Verdruß. Die jungen Männer und Weiber wurden zum Theil durch das Vergnügen gefesselt, dessen sie mit genossen; auch unternahm Grumbach nichts, ohne sie vorher um Rath zu fragen. So bewirkte er wichtige Dinge, ohne daß sie etwas dagegen einwendeten. Die Jünglinge und Mädchen waren glücklich, und sorgten 345 um nichts, als daß es nicht so bleiben möchte. Die Kinder endlich fingen an, dieses Glückes würdig zu werden. Kurz, durch einfache Anstalten, welche aber die reinste Menschenliebe beseelte, war es Grumbachen gelungen, hier ein Paradies voll Unschuld und Glückes zu schaffen. Die Einrichtungen hatten sogar schon einen hohen Grad von Fertigkeit erlangt, als auf einmal der Baron mit Iglou ankam. Alle vermutheten, der Baron würde über die Verwandlung entzückt seyn; aber er betrug sich, wie wir schon wissen, sehr sonderbar. Indeß seine kalte Miene am ersten Tage konnte tausend andre Ursachen haben. Die paar Worte, die er sagte, schienen zwar wie eine Mißbilligung zu klingen; allein er konnte wohl gerade übler Laune gewesen seyn. – Ich verlasse mich hauptsächlich darauf, sagte der Prediger zu seiner Schwester, daß fast alle Einwohner helle Farben tragen. – Und ich, sagte Karoline, rechne auf des Barons Herz. Er wird das Glück dieser Menschen nicht stören, selbst wenn er Neigung dazu hätte, nicht. Am folgenden Morgen erfuhr unser Baron, wie gesagt, die Veränderungen auf seinem Gute ausführlich. Grumbach erzählte ihm alles in einer durch den glücklichen Erfolg seiner Bemühungen so begeisterten Stimmung, daß der Baron schwieg, um dem alten Manne seine Freude nicht zu verderben. Nun kam Lissow dazu. Sieh, Flaming, sagte er; was mich allein über Jakobinens Verlust tröstet, ist das Glück deiner Unterthanen. Selbst meine Kinder müssen dem nachstehen. 346 Was konnte der Baron dazu sagen? Bei seinem Charakter in der That gar nichts. – Der alte Grumbach führte ihn nun auf den segenvollen Fluren umher, und drang in ihn, er möchte die Ursache seines mißbilligenden Schweigens entdecken. Der Baron sagte ihm einen Theil seiner Gedanken, aber nur einen Theil, um noch immer einlenken zu können. Grumbach griff ihn an; und nun war auch kein Halten mehr. Der Baron ging mit der Sprache heraus. »Was wollen Sie mit dem Allen, Grumbach? Glücklich machen? Recht schön! recht sehr menschlich! Aber auch weise? Ich frage: auch weise? Der Finanzminister vergißt über den Staat den Menschen . Er will jenen glücklich machen, und betrachtet diesen bloß als ein Mittel dazu. Er sieht den Menschen als ein Lastthier an, das Steine zu der Aufführung seines Gebäudes herbeischleppt, und kümmert sich nicht darum, ob der Mensch unter der Last erliegt. Das hat der Philosoph dem Staatsmanne von jeher vorgeworfen. Und warum? Weil der Staatsmann über seinen Zweck den Zweck, den die Vorsehung mit dem Menschen hat, vergißt. Aber, lieber Grumbach, machen Sie es besser?« Ich hoffe es, Herr Baron. Der Mensch, sein Glück, ist mein Zweck, das Ziel, für das ich arbeite. Ich will den Menschen glücklich machen. »Aber, was ist«, fragte der Baron lächelnd, »der Zweck der Vorsehung mit dem Menschen? Doch wohl Vernunft, Tugend. Meinen Sie nicht, lieber Alter?« Ich bin Ihrer Meinung, Herr Baron. 347 »Das scheint nicht so. Wenn Vernunft und Tugend die Bestimmung des Menschen sind, so ... Wie soll ich mich ausdrücken? ... so ... Sie wenigstens machen das Glück zur Belohnung der Tugend; und Sie müssen doch gestehen, daß der Mensch tugendhaft seyn soll, selbst wenn die Tugend ihn unglücklich machte.« Grumbach erwiederte lächelnd: die Vorsehung, Herr Baron, bestimmte den Menschen, durch Vernunft und Tugend glücklich zu werden. Sie kann keinen andern Zweck haben. Vielleicht verlaufen noch Millionen Jahrtausende; aber – der Augenblick muß einmal kommen, da Vernunft, Glück, Tugend, vollkommen gleich bedeutende Wörter sind. Auf der Gewißheit, der unbezweifelten Gewißheit dieses Satzes, beruhet meine ganze Vernunft, das eigene Bewußtseyn ihrer selbst. Kann ich auf Erden diesen Zustand hervorbringen, so erfülle ich die Worte des weisesten unter den Menschen: dein Reich komme! – Ich belohne die Tugend, die Unschuld Ihrer Unterthanen mit eben so unschuldigen Freuden ... »Aber Sie locken auch durch eben die Freuden die Menschen zur Tugend an; also heben Sie den reinen Begriff der Tugend in den Gemüthern dieser Menschen auf, und entstellen den ganz absoluten Befehl der Vernunft: Mensch, du sollst deine Pflicht erfüllen. Sie machen das Glück zu einem Princip der Tugend.« Das Glück? Nun, wenn Sie mit diesem Worte den Begriff verbinden, den der Philosoph damit verbinden muß, so sehe ich nicht ein, warum ich das nicht sollte. »Du sollst 348 tugendhaft seyn,« ist der ewige Befehl der Vernunft; und »du sollst glücklich seyn,« der eben so ewige, eben so strenge Befehl aller unsrer Gefühle. Diese beiden – Instinkte unsrer Natur möchte ich sie nennen; diese beiden Grundtriebe unsrer moralischen und fühlenden Natur dürfen einander nie widersprechen. Sie sind gleich herrschend, gleich ewig, gleich nothwendig: die beiden großen Lebensströme, durch die wir sind, was wir sind. Sie wechseln ewig ihre Natur mit einander. Die Tugend wird die Quelle unseres Glückes, und aus dem unauslöschlichen Wunsche, sich glücklich zu machen, erhält die Tugend ihre Stärke. Der eine Befehl ist gleichsam der Nachhall des andern: der eine tönt von dem Richterstuhle des Ewigen; der andre säuselt von dem Meere der ewigen Liebe zu uns hernieder. »Sey tugendhaft! sey glücklich!« Zwei Töne, die zugleich erklingen, und die schönste Harmonie des Weltalls bilden; zwei Ströme aus Einer Quelle, die das Paradies einschließen, und sich dann wieder vereinigen. Der eine Befehl ohne den andern ist todt, ist schrecklich, ist abscheulich. »Sey glücklich ohne Tugend!« und die Erde fällt unter dem Glücke des Menschen in Trümmer. »Sey tugendhaft ohne Glück!« und der Thron der ewigen Liebe stürzt unter diesem barbarischen Befehle. Beide gehören ewig zusammen, die beiden Stämme Einer Wurzel. Sie haben Eine Natur, Ein Wesen, und befehlen beide, ohne Gründe anzugeben. »Sey glücklich!« Nur ein Narr fragt, warum. »Sey tugendhaft!« Nur ein Rasender fragt nach der Ursache. Das eine erhält die fühlende Natur, das andere die 349 moralische. Beide machen unser Wesen aus, eins und unzertrennlich. »Ich gebe zu, daß die Tugend zuletzt glücklich machen muß; aber hier, auf der Erde widerspricht die Erfahrung. Grumbach, Sie lehren: sey tugendhaft, um dich glücklich zu machen! So verwandeln Sie doch wirklich die Tugend in eine Wirkung des Eigennutzes; und – noch mehr! – Sie machen den Menschen irre. Wenn er nun tugendhaft ist, auf Glück rechnet, und es nicht findet; wie dann?« Glück! Glück! Herr Baron, Sie scheinen Glück, jenes ewige Glück, in das die Tugend sich einmal auflösen muß, mit einigen Freuden des Lebens zu verwechseln, das Wort bald so, bald anders zu gebrauchen. Ich sage dem Menschen nicht: sey tugendhaft, wenn du reich, wenn du geehrt seyn willst! Aber wenn ich ihm sage: der Ewige hat den Menschen geschaffen, glücklich zu seyn, und die Tugend muß einst das Glück des Menschen werden; – warum soll ich dann nicht sagen: also, Mensch sey tugendhaft, weil du glücklich seyn willst! Wenn ich den Menschen auf den Einen ewigen Befehl seiner Natur hinweise: »sey tugendhaft!« und diesen Befehl göttlich nenne; – warum soll ich ihn nicht zugleich auf den andern hinweisen, der eben so göttlich ist, und jenem Befehle erst seine Würde, seine Bestimmung giebt? auf den Befehl: »sey glücklich!« Warum treffen Sie bei allen Völkern weit früher den Glauben an Gott an als den Glauben an eine künftige Welt? So lange die Menschen noch in dem einfachen Naturzustande lebten, wo das Glück leicht, Zufriedenheit die einfache Folge der 350 erfüllten Pflicht, Tugend und Glück Eins waren, und die Tugend noch nicht zur Quelle von Thränen wurde, die Erfüllung der Pflicht noch nicht zu Kummer zwang: so lange bedurfte man der Lehre von einem künftigen Leben nicht, um die moralische Natur des Menschen zu retten. Da war das große Räthsel: giebt die Tugend Glück? schon in diesem Leben gelös't, die Güte, die Weisheit Gottes gerechtfertigt; der Tugendhafte durfte noch nicht die trostlosen Blicke über das Grab hinauswerfen, um dort den Lohn seiner Tugend zu suchen, den er noch diesseits des Grabes fand. Nein, lieber Herr Baron, leugnen Sie doch diese einfache Wahrheit nicht mit Spitzfündigkeiten ab. »Sey tugendhaft! sey glücklich!« Diese beiden göttlichen Stimmen tönen mit gleicher Stärke in unserer Seele. Auf sie baue ich die Moral; sie sind Eins, beide göttlich! Thue ich unrecht, wenn ich sie beide verehre, wenn ich sie beide dem harten, leichtsinnigen Menschen laut zurufe? »Sey tugendhaft, um glücklich zu seyn! Werde glücklich; Tugend ist Glück.« Ich kenne nichts Menschlicheres, nichts Erhabneres, nichts Begreiflicheres als diese Lehre. Eine allein schafft Verbrechen, oder macht die Tugend zu einem Gespenste, das beständig den Dolch auf die Natur des Menschen zuckt. »Aber, Sie können doch nicht läugnen, Grumbach, daß es erhabner wäre, bloß weil es Befehl der Vernunft ist, tugendhaft zu seyn.« O, lieber Herr Baron, was könnte man nicht heraus klügeln! Es wäre vielleicht erhabner, wenn die Bäume 351 ohne Wurzeln in freier Luft ständen; aber sie stehen nun einmal nicht so, und sollten nicht so stehen. Wir haben mit Menschen zu thun, Herr Baron, mit rohen Menschen, die man, wenn es seyn müßte, selbst durch den gröbsten Eigennutz nur erst an die Tugend gewöhnen sollte. Sie sind kaum Menschen, und sollen Philosophen seyn. Der Baron disputirte noch lange mit Grumbach, ohne daß einer von ihnen (wie das sehr oft so geht) seine Meinung aufgab. Auch mochten sie Beide (wie das ebenfalls oft so geht) wohl mehr eins seyn, als sie dachten. Aber ihr Streit endigte sich wie eine Disputation; sie wußten bald nicht mehr, was sie behaupteten, waren von der eigentlichen Frage abgekommen, und stritten zuletzt über die: ob der Dämon des Sokrates ein wirkliches Wesen oder nichts weiter als das Ahnungsvermögen des Philosophen gewesen sey. Der Baron behauptete das Erstere, und gab sogar nicht undeutlich zu verstehen, daß wohl mehr Menschen einen solchen Dämon gehabt haben möchten, und noch hätten. Das ließ Grumbach hingehen, so sehr er auch sonst, nach seinem Systeme, gegen alle Irrthümer zu Felde zog. Er war froh, daß der Baron nicht weiter darauf fiel, wie schon einmal im Gange der Streitigkeit, der Probe wegen alle seine Bauern zu Philosophen zu machen, und sie dann selbst zwischen Tugend und Glück wählen zu lassen. Der Baron hatte nun einmal die Bahn gebrochen. Er disputirte jetzt auch mit Lissow über das Wesen der Tugend, dann mit dem Prediger, und endlich sogar mit dem kleinen Amtmanne. Bei diesem kam er aber sehr übel 352 an. Die Andern waren doch wenigstens mit ihm der Meinung, daß in der menschlichen Vernunft sich das Gesetz: sey tugendhaft! befinde; der Amtmann aber läugnete dies ab, und behauptete geradezu das Gegentheil. Er war so listig, oder des Philosophirens so ungewohnt, daß er dem Baron alles zugab, was dieser voranschickte; wenn aber der Baron nun triumphirend mit seinem »folglich« kam, so hatte er leere Ähren gedroschen. Der Amtmann sagte ruhig: das läßt es wohl bleiben, Ihr Gnaden. Nichts von einem Befehl: sey tugendhaft! Umgekehrt. Der Mensch hat mehr Lust zum Bösen als zum Guten. Das muß ja jeder zugeben, der an die Erbsünde glaubt. – »Ich rede ja allein von der Vernunft, lieber Amtmann«, sagte der Baron; »von der Sinnlichkeit sage ich ja kein Wort.« – Das ist einerlei, Ihr Gnaden, erwiederte der Amtmann. Er gab nicht nach, bis Grumbach sich hineinmischte, und ihn fragte: »glauben Sie denn, daß der Mensch ein Gewissen hat?« – Ja, das ist etwas Anderes. – »Nun, was befiehlt denn das Gewissen?« – Ei, das befiehlt, nichts Böses zu thun; aber das Gewissen ist hier in der Brust, und nicht, wie der Herr Baron sagt, im Kopfe, wo die Vernunft sitzt. – Der Amtmann war ein Philosoph nach seiner Art; er verlegte das Gewissen dahin, wo er vielleicht einmal Ängstlichkeit über eine begangene Ungerechtigkeit fühlte. Und hatte er damit wohl Unrecht? Genug, er war nicht zu überzeugen. Er blieb steif und fest bei seinem Satze, und berief sich auf sein Gefühl. So zankte man sich täglich über Pflicht, Recht, Vernunft, Glück und tausend andere solche Dinge. Der Amtmann, der 353 das oft mit anhören mußte, fand zuletzt Geschmack an diesen philosophischen Streitigkeiten, mischte sich mit hinein, und stritt so heftig wie kein Anderer, ob er gleich am wenigsten von der Sache begriff. Er verstand alles unrecht, verdrehete alles, und kam in der Hitze zu den seltsamsten Behauptungen. Die Andern sahen das sehr wohl; aber dennoch riß die Hitze sie fort, und sie disputirten mit Niemand mehr als mit dem Amtmann. Nachher lachten sie selbst über die Thorheit, mit einem Menschen zu streiten, der gar nicht wußte, wovon die Rede war. Allein der Amtmann fing sogleich wieder an; und sie begingen die Thorheit, ihn zu widerlegen, aufs neue. Er hatte eine Lunge, die zur Noth den Mars beim Homer überschreien konnte. Nun ließ er jeden nur zur Hälfte ausreden, und fing dann mit einem: »Ja, aber« – wieder an. Überzeugen konnte man ihn nicht. Die Andern wurden zuweilen blau und roth vor Ärger; allein desto größer war sein Triumph, daß er solche Philosophen bloß mit Hülfe seiner gesunden Vernunft besiegen konnte. Sie nahmen es sich hundertmal vor, ihm gar nicht mehr Rede zu stehen; aber des kleinen Mannes stolze Freude, wenn er einen Einwurf gemacht hatte, brachte den Angegriffenen am Ende aus dem Gleichgewichte. Zuweilen schlug er sich auch wohl zu der Parthei eines Angegriffenen, und focht als Sekundant mit; dann hatte er zuletzt alle Streiter gegen sich, und nun drehete der kleine runde Mann sich wie ein Kräusel umher, jedem zu antworten. Er blieb kalt wie Eis, und seine Miene triumphirend. Das verwirrteste Zeug sagte er mit gutherziger 354 Unerschrockenheit her; auch schlug er wohl einem, der seiner Meinung nach etwas Unverständiges vorgebracht hatte, mitleidig lächelnd auf die Achsel, und sagte: ei, ei! was war das! Man ging ihm aus dem Wege; aber das half nicht. Er suchte die Andren auf, und fing an. Man schwieg, und ließ ihn allein reden; doch endlich antwortete Jemand: und nun gab es wieder die vorige Scene. Als der Amtmann durch das viele Disputiren einige Kunstwörter gelernt hatte, und wußte, daß man definiren muß, wurde er immer hitziger. Nicht selten gerieth der Baron, der am wenigsten schweigen konnte, und noch immer den Amtmann einigermaßen zu belehren hoffte, über ihn so in Ärger, daß er Tugend, Glück, Recht und Pflicht hätte verwünschen mögen. Kurz, der Amtmann brachte es zu Karolinens und Iglou's großer Freude sehr bald dahin, daß nicht mehr disputiert werden durfte. Sobald nur der Baron, der es denn doch nicht ganz unterlassen konnte, wieder anfing, so hatte er unvermeidlich den Amtmann gegen sich. Wer den Baron bloß in diesem Zeitraum gesehen hätte, würde auch nicht Eine von seinen gewöhnlichen Grillen an ihm bemerkt haben; denn so wie er eine Behauptung machte, fragte der Amtmann den Augenblick: Herr Baron, was verstehen Sie unter einer Menschen-Race? oder sonst etwas. Der Prediger, der am wenigsten Theil an dem Disputiren genommen hatte, fand dieses Mittel unvergleichlich, den Baron von einer Menge Behauptungen zurückzubringen. Sobald Flaming seine Paradoxa nicht mehr sagen durfte, 355 verloren sie allen Reitz für ihn; und vorbringen durfte er nicht Eins mehr, wenn er nicht sogleich die ganze Beredtsamkeit des Amtmanns fühlen wollte. Der gute Amtmann war, ohne es zu wissen, der Beschützer aller in Zaringen gemachten Veranstaltungen. Den Unterricht in der Schule fand der Baron eigentlich viel zu einfach, und die Beweise zu schlicht, zu unphilosophisch. Das sagte er auch dem alten Grumbach. Dieser hatte aber ebenfalls bemerkt, wie fürchterlich der Amtmann dem Baron geworden war. Er fing also das Gespräch in dessen Gegenwart noch einmal an, und nun trieb der Amtmann mit seiner Lunge den Baron richtig in die Enge. Der Baron war in ganzem Ernst über den Slaven aufgebracht, und schrieb in seine Tabelle, aber ohne es laut werden zu lassen: »Die Slaven sind unausstehliche Streiter. Das Unglück ist, sie begreifen keine Idee, und glauben doch, sie begriffen zu haben. Sie ersetzen den Mangel an philosophischem Geiste durch ihre starke Lunge.« Der Prediger und seine Schwester hatten Recht; der Baron störte das Glück seiner Unterthanen nicht: es gefiel ihm sogar, daß manche Sitten, die er für Celtisch hielt, eingeführt waren. Daß alle Mädchen sangen, daß die jungen Bursche fast alle ein Instrument spielten, hatte seinen entschiedensten Beifall; und wollte er nun die kleinen Feste seiner Unterthanen einstellen, so fiel, wie er wohl sah, auch die Veranlassung weg, Musik zu treiben. So ließ er denn die Feste fortgehen. Aber bei dem Allen würde er dennoch dem Glücke der Menschen manche, und in der Folge unübersteigliche, Hindernisse in den Weg gelegt haben, wenn er 356 nicht das Herz gehabt hätte, das Karoline ihm zutrauete. Alle seine Unterthanen waren bei den Sonntagstänzen, in den Spinnstuben, an ihren Versammlungsorten so glücklich; wie hätte der Baron es nun über sein Herz bringen können, dieses Glück zu stören! Er sprach, ehe das Tanzfest anging, mit großem Ernste dagegen; aber noch ehe es Abend wurde, schenkte er seinen Unterthanen etwas, um ihre Freude zu vermehren. Kurz, alles ging ohne Hinderniß und Störung seinen Weg. Iglou war hier ganz an ihrem Orte. Mit der Liebe einer zärtlichen Tochter hing sie sehr bald an dem Alten, und er liebte sie eben so zärtlich wieder, obgleich ihre Geistesbildung von der seinen sehr verschieden war. Sie sprach in den erhabnen Sentenzen der Römer; der Alte in Sprichwörtern, die für das gemeine Leben paßten. Auch Lissow liebte Iglou wie das Bild seiner Trauer, wie den Nachhall seiner Empfindung. Ihre klagende Laute, ihr kummervoller Gesang, ihre hoffnungslose Liebe, deren Gegenstand sie Niemanden mehr sagte, stimmten so zu Lissows Empfindung, daß er dem zärtlich trauernden Mädchen sehr bald seine ganze Freundschaft schenkte. Er hing mit unbeschreiblicher Innigkeit an Iglou, oder vielmehr an ihrem Gesange und an ihrer Laute. Auch der Prediger und seine Schwester gewöhnten sich in Kurzem an sie; und jener sagte mehr als Einmal: wie der Baron, da er doch das Herz und den Geist dieser Schwarzen kennt, sein Menschenracen-System nur noch erwähnen kann, ist mir unbegreiflich. Der Amtmann allein mochte Iglou nicht leiden, und sagte einmal in 357 Gegenwart des Barons: man hüte sich vor denen, die Gott gezeichnet hat! Das nahm der Baron sehr übel. Er warf dem Amtmann einen verachtenden Blick zu, und sagte, gänzlich gegen seine Gewohnheit, spöttisch: »Herr Amtmann, wenigstens sollten Sie nicht von Zeichnen sprechen! ... Gütiger Himmel! Diese Iglou hat den Körper einer Negerin; aber ihre Seele ist rein wie das Licht des Himmels.« Iglou blieb nicht lange unthätig; sie ging mit in die Schule, und unterrichtete. Der alte Grumbach erstaunte über die Energie, über das Feuer, womit sie von Tugend und Laster sprach. Ihre Sentenzen waren dann wie Blitze, welche das heilige Dunkel ihrer Rede auf einen Augenblick erhellten. Sie konnte ihren Ideen nicht den hohen Grad von Deutlichkeit geben, den der Unterricht erfordert; dagegen redete sie von irgend einer Tugend, über irgend eine edle That, die sie erzählt hatte, mit einem so ergreifenden Feuer, mit einer so großen inneren Bewegung, daß sie auch die größeren Kinder begeisterte. Sie schloß gewöhnlich mit einigen gedankenreichen Sentenzen, oder auch wohl mit einfachen Versen, die sie nach der Unterrichtsstunde den versammelten Kindern zu ihrer Laute sang. Hinterher kam dann der alte Grumbach, und wählte fast immer denselben Gegenstand, den Iglou gehabt hatte. Er machte alles mit Beispielen deutlich, erklärte was dunkel geblieben war, und brachte so die Wahrheit, mit der Iglou vorher das ganze Herz erfüllt hatte, auch in den Verstand. Sie fehlte noch den erwachsenen Mädchen in Zaringen. Karoline war diesen bisher die Göttin der Freude und der 358 Fröhlichkeit gewesen; Iglou wurde ihnen die Göttin der keuschen, heiligen Tugend. Jene hatte die Mädchen mit hell klingender Stimme fröhliche Lieder der Liebe und der Freude gelehrt; sie hatte den Frühling gesungen. Iglou sang ihnen nun mit rührender Stimme hohe Lieder der Tugend, des jungfräulichen Stolzes, eines unbefleckten Herzens; sie sang die Ewigkeit. Bei Karolinens Liedern lächelten die Mädchen, und stimmten leise mit ein; ergriff aber Iglou die Laute, und stieg ihr Blick mit hohem Feuer gen Himmel, oder senkte er sich in stiller Bescheidenheit zu Boden: dann wagten die Mädchen kaum zu athmen, und ein besseres, edleres Gefühl hob sich in ihrer Brust. Sie sangen Karolinens Lieder, wenn sie beisammen waren; Iglou's einzelne Verse nur in der Einsamkeit. Iglou erwarb sich durch ihre Laute und ihren Gesang allgemeines Wohlwollen. Kannte man sie erst, so wurde sie auch geliebt; und diese Liebe nahm ihren eignen Charakter an: Ruhe und Erhabenheit. Der Baron hatte unter diesen glücklichen Menschen so ziemlich vergessen, daß das Glück nicht in sein System gehörte. Er selbst war wieder heiter und glücklich geworden, und fing an, sich mehr für Grumbachs Plan zu interessiren. Wie er denn nun war – er wollte jetzt sogleich das vollkommne Glück herzaubern. Traf einen Bauer ein Unglück, so rief er: »ich bin ja reich, Grumbach; nehmen Sie, geben Sie, so viel Sie wollen.« – Grumbach hatte jetzt Mühe, Flamings Freigebigkeit im Zügel zu halten. Mit Ihrer Güte, Herr Baron, sagte er, würden Sie die Bauern nachlässig 359 und träge machen. Wir wollen dem Unglücklichen helfen, aber ihn auch fleißig bleiben lassen. Geben Sie dem Armen Arbeit, ein Stück Feld, ein Eigenthum; aber schenken Sie es ihm nicht. Er mag sich anstrengen, es durch Arbeit zu erwerben. Ein erarbeitetes Eigenthum ist dem Besitzer noch einmal so werth als eins, das man ihm geschenkt hat. Strecken Sie dem, der seine Ernte durch Hagelschlag verlor, Brot- und Saatkorn vor. Lassen Sie ihn mit seinem Schicksale kämpfen; das wird seinen Muth stärken, sein Vertrauen auf Gott und auf sich selbst beleben. Sehen Sie nicht ruhig zu, wenn Jemand durch Zufälle unglücklich wird; aber machen Sie nicht, daß Trägheit und Unaufmerksamkeit eben so viel gewinnen wie Fleiß und Nachdenken. Es hielt schwer, den gutherzigen Baron zu dieser weisen Mäßigung zu bereden; doch mit Hülfe der Erfahrung gelang es dem klugen Alten, ihn zu überzeugen, daß die rechte Art zu helfen, weise Mäßigung, eine noch größere Tugend ist als rasches Aufwallen. So kam endlich der Baron zu dem großen, edlen Gefühle, daß er eines Tages Iglou um den Hals fallen und rufen konnte: »Iglou! es ist kein unglücklicher, kein böser Mensch unter allen meinen Unterthanen!« – Keiner? fragte Iglou bedeutend. – »Keiner!« antwortete der Baron mit unverstellter Freude. Iglou schwieg, ob ihr gleich die Worte auf den Lippen schwebten: und wenn ich nun unglücklich wäre? Sie unterdrückte die Frage, weil sie sich schämte, unter so Vielen, die hier glücklich waren, es nicht auch selbst zu seyn. Sie konnte es nicht seyn; denn sie liebte noch immer. 360 Iglou unterhielt mit Emilien einen steten Briefwechsel. Diese schrieb ihr: der Wilde im Hochwalde sey wieder in seine alte Melancholie zurückgefallen; er habe sich erkundigt, wo Iglou sich jetzt aufhalte, und sey, als er die Gegend erfahren, auf einmal verschwunden. Vermuthlich werde er sie aufsuchen. Iglou sprach mit dem Förster darüber, und bat ihn, ihr sogleich Nachricht zu geben, wenn ein Mensch von der und der Gestalt sich etwa sehen ließe. Nach einiger Zeit sagte ihr der Förster, daß ein solcher Mensch sich schon seit einigen Tagen bei den Köhlern im Walde aufgehalten habe. Der Beschreibung nach mußte es der Wilde seyn, nur jetzt noch in größerer Verzweiflung als ehemals. Iglou nahm sogleich ihre Laute, die Trösterin seines Kummers, und ging mit dem Förster in den Wald. Der Wilde – er war es wirklich – saß in der alten Stellung an einer Tanne, mit noch bleicherem Gesichte als sonst. So wie Iglou die ersten Töne der Laute anschlug, sprang er auf, lief zu ihr hin, stürzte mit Heftigkeit ihr zu Füßen, und sagte mit unterdrückter Stimme: o du! du! konntest du mich in dem Elende verlassen? Armer Mensch! sagte Iglou, und reichte ihm die Hand, die er auf sein schlagendes Herz drückte –: ich will mich nie wieder von dir trennen. Er setzte sich zu ihren Füßen, und betrachtete die tröstende Laute mit begierigen Blicken. Iglou spielte und sang; da quollen Thränen aus seinen Augen hervor. Thränen, sagte Iglou, erleichtern das Herz! – Ach, erwiederte er; seitdem du weg warst, keine Thräne! Mein Herz war trocken! 361 Iglou versprach ihm, alle Tage zu kommen, und hielt Wort. Sie öffnete sein Herz endlich wieder. Nun versuchte sie oft, durch Bitten ihn zu bewegen, daß er mit nach Zaringen ginge; aber er blieb bei seinem Kopfschütteln, selbst wenn sie ihm drohete, daß sie ihn sonst verlassen wollte. Er floh alle Menschen, und wohnte in einer einzelnen Köhlerhütte. Grumbach gab Iglou allerlei Anschläge, wie sie den Unglücklichen in das Dorf locken könnte; doch sie mißlangen alle, und Gewalt wollte man nicht brauchen. Niemand bekam ihn nun zu sehen; er entfloh, so bald er eine menschliche Gestalt erblickte, die nicht Iglou, nicht sein Köhler war. Der Baron wollte ihm zwar allerlei Bequemlichkeiten geben; aber er nahm keine an. Mancherlei Versuche, ihn menschlich zu machen, mißlangen sämmtlich. Er sprach mit Niemanden ein Wort, ausgenommen mit Iglou; und auch mit der nur wenig. Iglou suchte nun, auf Grumbachs Anrathen, ihm sein Geheimniß zu entreißen; allein er hielt es mit fürchterlicher Verzweiflung fest. Er zitterte, seine Blicke wurden wild, wenn sie ihn um sein Verbrechen fragte, und er antwortete nur mit Tönen des heftigsten Schmerzes. Iglou mußte ablassen, weil alle ihre Versuche weiter nichts als eine ganz unnütze Marter waren. Schon hatte der siebenjährige Krieg über ein Jahr lang gewüthet, und noch war die Gegend von Zaringen verschont geblieben; aber jetzt näherte sich der Feind zu allgemeinem Schrecken. Die Köhler gingen in das Dorf zurück, und der Wilde mußte allein bleiben. Iglou war 362 schmerzlich besorgt um ihn, da die Straßen anfingen unsicher zu werden. Sie bat ihn dringend, mit ihr in das Dorf zu gehen. »Sieh, armer Mensch«, sagte sie mitleidig; »die Kosaken schwärmen hier umher. Wenn sie dich fänden, so würden sie dich vielleicht tödten.« – Tödten? rief der Wilde mit dem Tone der Freude. O tödten! – »Die Wege sind nicht mehr sicher; ich kann nicht mehr zu dir kommen.« Er hob den Blick klagend in die Wolken; aber er blieb bei seinem: nein, nein! ich mag keinen Menschen sehen. Iglou war schon öfters in Gesellschaft Anderer in den Wald gegangen, und der Wilde hatte sich dann sogleich verborgen. Grumbach schlug vor, sie sollte einmal ein paar Kinder mit sich nehmen, weil vielleicht deren Unschuld ihn menschlicher machen würde. Sie nahm nun Lissows beide Kinder mit, von denen der Knabe jetzt ungefähr zehn, und das Mädchen acht Jahre alt war. Der alte Großvater unterrichtete Beide in ihrer Rolle, und die kleine Jakobine meinte, sie wollte den wilden Mann wohl bereden, aus dem dunkeln Walde in das Dorf zu kommen. Iglou ging mit den Kindern bei lehrenden Gesprächen in den Wald. Da saß der Wilde unter einer Tanne, und hatte das Gesicht in die Hände gelegt. Sie winkte den beiden Kindern, sich an ihre Seite zu setzen, und fing nun an, eine tröstende Melodie zu spielen. Der Wilde stand auf, und warf einen Blick auf Iglou. Als er die Kinder sah, blieb er einen Augenblick stehen; dann wendete er sich um, und ging in den Wald, doch langsam, ohne zu fliehen, was er sonst immer that, wenn er jemand bei Iglou sah. 363 Iglou hoffte lange vergebens, daß er zurückkommen sollte, und ging endlich wieder nach dem Dorfe. Am folgenden Tage nahm sie die Kinder abermals mit in den Wald. Der Wilde stand auf, als Iglou anfing zu spielen, und sah die Kinder lange an. Er blieb in der Ferne stehen, und setzte sich endlich sogar nieder. Iglou nahte sich ihm nun. Da stand er wieder auf, betrachtete die Kinder, aber nicht mit wilden Blicken, und ging langsam in das Dickicht. Iglou schöpfte aus diesem Vorbedeutungszeichen gute Hoffnung. Einige Tage nachher ertrug der Wilde es schon, daß sie sich mit den Kleinen ihm näherte. Er betrachtete die Kinder nachdenkend, aber er sprach nicht. Einmal fing die kleine Jakobine ein Liedchen an, das Iglou sie gelehrt hatte. »Sieh, armer Mensch«, sagte Iglou; »wenn ich todt bin, so soll diese dir vorsingen.« Die kleine Jakobine faßte seine Hand, und sagte: ja, das will ich, und recht gern. Der Wilde schien das Kind mit Wohlgefallen zu betrachten, und reichte ihm beim Weggehen die Hand, die er selbst Iglou nicht gab. So wurde er täglich gegen die Kleinen vertraulicher, und in eben dem Grade auch menschlicher und heitrer. Iglou konnte ihn nun schon oft eine ganze Stunde mit Beiden allein lassen. Eines Tages hatten die Kinder den Auftrag, recht sehr in ihn zu dringen, daß er mit in das Dorf hinuntergehen möchte. Iglou, die in einiger Entfernung geblieben war, hörte auf einmal einen lauten entsetzlichen Schrei, und eilte aus dem Gebüsche zu dem Wilden hin. Sie sah die Kinder beschäftigt, ihn wieder aufzurichten. Eine Todesblässe 364 hatte sein ganzes Gesicht überzogen; seine Augen waren starr, sein ganzer Körper wie ohne Leben. Iglou fragte: was vorgegangen wäre. Nichts, antwortete Jakobine; er versprach uns, mit in das Dorf zu dem Baron zu gehen, und da fiel er auf einmal hinten über. Es muß ihm etwas weh gethan haben. – Iglou fragte den Wilden selbst. Er sah sie mit furchtsamen Blicken an, und antwortete nicht. Die Kinder baten ihn, er möchte sein Versprechen, mit ihnen in das Dorf zu gehen, nun erfüllen. Sie suchten ihn aufzurichten, und faßten, als er aufgestanden war, seine beiden Hände. Er folgte schweigend, wohin man ihn führte. Am Ausgange des Waldes blieb er einen Augenblick stehen, und warf scheue, furchtsame Blicke auf die Kinder, auf Iglou. Ich weiß, ich weiß! sagte er; die Stunde der Rache! Engel des Gerichts! ich folge! O rächende Hand des Himmels! Es war der Ritter Rheinfelden, den quälende Furien nun schon Jahre lang umher getrieben hatten. Er sprengte von Jakobinens Sarge nach Berlin, und das Geschrei der Verzweiflung, mit bangem Ächzen untermischt, flog ihm, von Friedrichsfelde her, nach. In Berlin verschloß er sich acht Tage in sein Zimmer. Bald schien ihm alles, was er gesehen hatte, ein Traum, bald wieder gräßlichste Wahrheit. Friedrichsfelde war ihm zu nahe; er wollte die fürchterliche Nachbarschaft fliehen, um seiner Qual zu entgehen. Aber wohin dringt die Gerechtigkeit des Himmels nicht! – Nun eilte er nach Paris, und stürzte sich in den Strom der Freuden. Vergebens; mitten aus dem Taumel des Tanzes rief ihm Lissows und 365 Jakobinens schreckliche Stimme unaufhörlich zu: wehe, wehe! Mörder! Er floh nach London. Die Furie verließ ihn auch dort nicht, und vergiftete den Becher der Freude an seinem Munde. Er suchte die Gesellschaft der wildesten Wüstlinge, der entschlossensten Freigeister; aber es fehlte ihm an Muth, zu sündigen. Er lästerte Gott, spottete der Unsterblichkeit; vergebens! Tugend und Verbrechen sind darin eins, daß sie beide einen Richter und eine ewige Fortdauer glauben. Jakobinens Gestalt machte ihm das Leben zur Hölle, und schreckte ihn zugleich von dem Tode zurück. Schon oft hatte er seine Pistole geladen; aber er zitterte, Jakobinen im Grabe wieder zu finden. So trieb ihn die Angst umher. Endlich hoffte er nicht länger, der Furie, die ihn verfolgte, zu entfliehen, und stand wie ein Opferthier still. Die Kräfte seines Körpers waren ermattet, und mit ihnen die wilden Ausbrüche seiner Verzweiflung. Nun überfiel ein stiller Trübsinn, eine quälende Melancholie seine Seele; aber mitten in diesem halben Wahnsinne blieb er sich seines Verbrechens bewußt. Er floh auf einer Reise von seinen Gütern in den Wald bei Büdesheim; hier schuf die Einsamkeit eine neue Welt vor seinen Blicken. Jakobine stand bleich, starr, todt, und dennoch klagend, überall vor seinen Augen. Er fühlte doppelten wilden Schmerz: die Qualen des Lebens, und das Gericht jenseits des Grabes. Immer tiefer drückte sich das Bild der rächenden Jakobine in seine Seele; immer dunkler wurden die Bilder der Gegenwart. Nun kam Iglou, wie ein tröstender Engel des Himmels, und goß durch die sanften Töne ihrer Laute einige Ruhe in 366 seine tobende Brust. Sie richtete seine in trauernden Wahnsinn versinkende Seele auf, und ließ ihm den ersten Lichtstrahl der Hoffnung wieder schimmern. Ihre Erscheinung hatte so viel Geheimnißvolles, daß er sie mehr für ein Wesen aus jener Welt hielt als für einen Menschen. Diesen Irrthum beförderten ihre Farbe, ihr Spiel, ihre Gesänge, und seine verirrte Seele. So blieb der Unglückliche doch nicht ohne allen Trost; Iglou war ihm ein Unterpfand für die wiederkehrende Gnade des Himmels. Seine Vorstellungen über sie wurden nie ganz deutlich; ihr stilles Kommen und Gehen bestärkte ihn in der Meinung, daß sie ein vom Himmel gesandtes Wesen sey. Er vermischte die Wirklichkeit mit seinen überirdischen Vorstellungen; und immer blieb ihm Iglou bald ein Mensch, bald ein Geist. Genug, sein Glück hing von ihr ab. Seine Verzweiflung löste sich, so lange sie ihn täglich besuchte, immer mehr in eine tröstende Reue auf; sein Wahnsinn wurde milder, und er fing wieder an zu hoffen. Aber auf einmal verschwand Iglou, und nun sank er nach und nach in seinen vorigen Zustand zurück. Er rang trostlos die Hände, daß sein Schutzgeist nicht mehr da war. »Der Engel, der mich tröstete, ist verschwunden!« sagte der Unglückliche zu dem Förster, der ihn aufzuheitern suchte. – Du meinst die Mohrin? fragte der Förster. Die ist mit dem Baron abgereist. Der Ritter erkundigte sich, wohin, und war doch des Entschlusses fähig, seine Trösterin wieder aufzusuchen. Er verließ nach einiger Zeit den Wald bei Büdesheim, und ging in tiefer 367 Schwermuth bis nach Zaringen. Ein Bauer, an den er sich wendete, sagte ihm, daß eine Mohrin, welche die Laute spielte, hier im Orte wäre. Der Ritter ging nun in den Wald, und schon die Nähe seiner Freundin schien ihn zu trösten. Er sah Iglou wieder, eben so unvermuthet wie das erste Mal; und seine alte Vorstellung, sie sey ein tröstender Geist, den der Himmel ihm sende, erwachte in ihrer vollen Stärke. Jetzt kam Iglou mit den Kindern, und seine ganze Seele wurde von neuen Phantasien ergriffen. Er gewöhnte sich an die Kinder, weil ihre Unschuld seinem Herzen wohl that. In stetem Schwanken zwischen Wahrheit und Phantasie hielt er sie bald für Engel, bald wieder für Menschen. Nun drangen sie in ihn, daß er mit ihnen in das Dorf gehen sollte. Fürchte dich nicht, lieber wilder Mann! sagte die kleine Jakobine; wir wollen dich an einen guten Ort führen. Er fragte das Kind mit einem starren Blicke: wohin? An einen Ort, erwiederte das kleine Mädchen liebkosend, wo es dir wohl gehen soll. – Ich weiß, sagte er bedeutend, wohin ihr Befehl habt mich zu bringen! ... Sage mir doch, fuhr er fort, wer du bist, und wie du heißest. Das kleine Mädchen antwortete freundlich: ich heiße Jakobine! Auf einmal durchstrahlte ein furchtbares Licht seine verwirrte, gespannte Phantasie. »Und ich heiße Lissow!« rief der Knabe. – Jakobine! Lissow! Da standen die beiden Ermordeten in Engelsgestalt vor ihm. Er schrie vor Schrecken auf, stürzte, von dem Schauer der Geisterwelt ergriffen, hinten über, und wagte es nicht, sein Auge zu erheben. 368 Jetzt kam Iglou, und half ihn aufrichten. Er folgte, wohin man ihn führte, weil seine Phantasie zerrüttet und seine Sinne, wie seine Sprache, ihm genommen waren. Der kleine Lissow lief voraus, um seine Ankunft zu melden, und ging ihm dann wieder entgegen. So kam der Ritter endlich an das Dorf, und wurde durch den Garten geführt. Nach und nach war er von seiner Verzückung und Betäubung zurückgekommen. Die Häuser, die er sah, die Landleute, die ihm begegneten und ihn grüßten – alles sagte ihm, daß Menschen, und nicht Engel, ihn führten. Nur die Antworten der Kinder: »ich bin Jakobine! ich bin Lissow!« blieben ihm räthselhaft. Er wollte schon wieder umkehren; aber er war noch zu zerstreuet. Die beiden Kinder führten ihn in den Gartensaal, wo Flaming, Grumbach und Lissow ihn mitleidig erwarteten, und wo Iglou mit der Laute schon bereit saß. Jakobine ging auf Lissow zu, und sagte: hier, Vater, bringen wir ihn dir. Nicht wahr, du willst ihn lieb haben? Lissow sah den Ritter mitleidig an, und drückte dessen Hand. Der Ritter erkannte, so wie er die Augen aufschlug, Lissowen und Grumbachen, der neben ihm saß, auf den ersten Blick. Seine innere Angst wurde fürchterlich, und seine Brust flog. Er verbarg sein bleiches Gesicht, als ob man ihn nicht erkennen sollte, und suchte sich von Lissow loszureißen. Lissow hielt seine Hand fest, und sagte zärtlich: Nein, lieber Unglücklicher; vertrauen Sie uns. Die Freundschaft soll Sie trösten, unsre Liebe den schwarzen Dämon, der Sie quält, verjagen. Rheinfelden schüttelte in großer 369 Bewegung den Kopf. Grumbach faßte seine andre Hand, und sagte mit liebkosender Stimme: unglücklicher Mann, ich bin ein Greis geworden. Trauen Sie meiner Erfahrung; Reue und Tugend löschen alle Verbrechen aus. Der Ewige verzeihet ... Aber ihr! rief Rheinfelden mit dumpfer, zitternder Stimme. Wir? sagte Grumbach herzlich; wir armen, schwachen, der Vergebung so bedürftigen Menschen, sollten nicht vergeben, wenn der Ewige vergiebt? Kommen Sie an die Brust eines Greises. Ich verspreche Ihnen Versöhnung mit dem Himmel. Ach! jammerte der Ritter; wird Jakobine ihrem Mörder verzeihen? Lissow und Grumbach schrieen laut vor Schrecken auf, und flogen Beide von ihm zurück. »Er ist es!« rief Lissow; »es ist der Teufel, der Jakobinen ermordete!« Der Greis faltete die Hände fest zusammen, und in seinen Augen lag Abscheu, in den sich Mitleiden mischte. »Teufel!« rief Lissow aufs neue; »was willst du?« Der Ritter schwankte, und wäre zu Boden gestürzt, wenn der Baron ihn nicht aufgefangen hätte, in dessen Armen er nun zitternd, und wie vernichtet, liegen blieb. Vater! sagte Jakobine; du thust dem Unglücklichen weh! Iglou stand zitternd da, bei dieser Scene des Schreckens und der Angst. Lissow war außer sich; und auch der Alte wußte nicht; was er thun, was er sprechen sollte. Iglou sagte laut: o verzeiht ihm! auch der Ewige verzeiht! – Grumbach 370 warf sich an Lissows Brust, dessen Zorn immer stärker entbrannte, und führte ihn mit sanfter Gewalt aus dem Saale. Endlich erhielt der Ritter seine Besinnung wieder. Er sah ängstlich im Saale umher, und fragte: wie? wo? O, sagt mir, habe ich ihn gesehen? – Der Baron führte ihn zu dem Sofa, und Iglou setzte sich weinend und tröstend neben ihn. Er warf auf Iglou einen Blick, den ein sanftes Feuer belebte. O was, sagte er heimlich, was that ich dir, daß du mich hierher brachtest, du Grausame? Iglou umfaßte ihn, und sagte: wußte ich denn, wer du warst? ... O Gott im Himmel! ... Ich kannte dich nicht, meine Absicht war, dir zu helfen. Du bist Rheinfelden? O, Lissow wird dir vergeben, wie Jakobinens Kinder dir vergeben haben. – Die Kinder, die nicht begriffen, was vorging, und die der Ritter mit höchst seltsamen Blicken betrachtete, faßten seine Hände, und versicherten ihm, daß sie ihn liebten. Der Baron, den die ganze Scene tief erschüttert hatte, lief hinaus zu Lissowen, umarmte ihn, und sagte in heftiger Bewegung: »lieber Lissow, wenn du kein Mitleiden mit dem Unglücklichen hast, der in Verzweiflung versinkt, so habe es mit mir. Sieh, ich will der Vater deiner Kinder seyn, will alles, was ich habe, mit ihnen theilen: mein Vermögen, mein Herz, mein Leben. Nur, ich beschwöre dich bei unserer Liebe, zerschmettre das Herz des unglücklichsten von allen Menschen nicht länger! Laß ihn ein Wort der Vergebung von dir hören; reiche ihm nur Einmal die Hand! Ich bitte dich auf meinen Knieen darum.« Er wollte wirklich vor Lissow niederknieen. 371 Lissow stand zitternd, vor Schmerz glühend, da. Er hat Jakobinen ermordet! »Ja; aber eine sechsjährige Hölle hat ihn dafür bestraft. Lissow, zeige nun, daß du ein Mensch bist!« Auch der alte Grumbach bat ihn mit Thränen; und Lissow schwankte. Gott und Jakobine haben ihm vergeben, mein Sohn, sagte der Alte feierlich; laß uns nicht strenger seyn als sie! Jakobine bittet dich darum. Folge, Lissow! Betäubt wurde Lissow wieder zu dem Gartensaale geführt, und der Baron öffnete die Thür. Da lag der Ritter vor Jakobinens Kindern auf den Knieen. Sie hatten ihre kleinen Arme um seinen Hals geschlungen, und benetzten ihn mit Thränen. Dies Schauspiel rührte Lissowen mehr als des Barons Bitten, und er ließ sich zu Rheinfelden hinführen, der nun aufsprang, so wie Lissow sich näherte. Dieser reichte ihm von weitem die Hand, und seine Lippen sagten das Wort: Vergebung! Der Ritter faßte seine Hand, drückte sie gewaltsam auf sein Herz, an seine Lippen, und rief: o Lissow! sagen Sie noch einmal: Vergebung! daß die Hölle nicht länger in meinem Herzen brenne. Vergebung! sagte Lissow noch einmal. »Auch Versöhnung!« rief Flaming, und drückte ihn näher zu Rheinfelden. Lissow legte sein Gesicht auf Flamings Schulter, und seine Arme öffneten sich, Jakobinens Mörder zu umfassen. Vergebung! rief der Ritter heftig und laut; aber nicht Versöhnung! Versöhnung dann, wenn Jakobine mir vergeben hat! – Er war mit schnellen Schritten an der Thüre, riß sie auf, rief noch einmal: Vergebung! und verschwand in einem 372 Augenblicke. Der Baron eilte ihm nach; aber er flog schnell über das Feld, und verlor sich in den Wald. – O, wie streng und wie gütig ist die Gerechtigkeit des Himmels! Sie zerschmettert und heilt; sie treibt mit ihren Donnern den Verbrecher über die Erde, und er findet Vergebung, wenn ihn so eben der Abgrund der Verzweiflung zu verschlingen droht! Diese Betrachtungen, die Flaming und Grumbach anstellten, öffneten Lissows Herz der Versöhnung. Durch den unvermutheten Anblick des Menschen, der seine Jakobine ermordet hatte, waren alle die entschlummerten Gefühle seiner ehemaligen Verzweiflung aufs neue geweckt. Aber jetzt sanken diese Gefühle wieder in sein Herz zurück. Die Gestalt des unglücklichen Ritters blieb vor seiner Seele stehen, und forderte Mitleiden, das ein menschliches Herz nie lange versagen kann. Iglou mußte ihm erzählen, wie sie mit Rheinfelden bekannt geworden war. Ihre Schilderung von den unbeschreiblichen Martern des Ritters vollendete die Versöhnung in Lissows Herzen. Er fühlte keine Liebe zu ihm: Rheinfeldens Nahme und Andenken hatten noch immer für ihn etwas Fürchterliches; aber er dachte doch mit großem Mitleiden an dessen Qualen. Ohne daß es ein Mensch wußte, ging er in der Nacht mit dem Förster hinaus zu den Köhlerhütten, und ließ sich die, worin Rheinfelden lebte, zeigen. Dort! sagte der Förster, und wendete Lissows Laterne auf eine derselben. Lissow näherte sich mit leisen Schritten, trat hinein, und beleuchtete den Elenden, der auf Stroh da lag. Die frische Farbe der Jugend, der Gesundheit war von 373 dem einst schönen Gesichte geschwunden, das jetzt eine gelbe, von der Sonne verbrannte Haut bedeckte. In die Stirn hatte der Kummer Furchen gezogen; um den Mund und die Augen zeigten sich Spuren von den Verzückungen des Wahnsinnes. Die Hände waren lang, dürr und gekrümmt. Das einst so schöne blonde Haar hatte der Kummer grau gemacht, und es hing verwirrt um seine Schläfe. Selbst der Schlummer des Unglücklichen war unruhig, und voll schrecklicher Träume: er verzog jetzt den Mund zur Wuth, dann wieder zum Lächeln. »Rheinfelden!« rief Lissow mitleidig; »Rheinfelden!« Der Ritter fuhr zusammen, und öffnete dann die Augen. Er erkannte Lissow nicht, weil dieser im Schatten stand. Lissow setzte die Laterne auf den Tisch, trat dem Lager näher, und sagte: »ich bin Lissow.« Jetzt sprang der Ritter auf, und stand gebückt, zitternd, wie ein Verbrecher, da. Lissow hatte Mühe, die Empfindung des Hasses, die ihn aufs neue durchschauerte, zu unterdrücken; doch sagte er: »Rheinfelden, ich habe Ihnen vergeben, und bin hier, Ihnen das noch einmal zu wiederholen. Sie sind bestraft!« Bestraft! sagte der Ritter, und hob die Hände zum Himmel auf. Ja, Lissow, ich bin das Ziel des göttlichen Zornes. Diese Brust ist der Ort aller Höllenqualen. O, keine Vorwürfe! Erbarmen mit dem elendesten aller Menschen! »Ich bringe Ihnen Vergebung, Rheinfelden. Vergebung, Versöhnung, von mir, meinen Kindern und meinem Vater! Möge auch der Himmel Ihnen vergeben wie wir, Rheinfelden! Lassen Sie uns Abschied von einander nehmen, bis wir 374 uns vor Jakobinens Augen wiederfinden! ... Ihr Anblick, Rheinfelden, erinnert mich so schrecklich an mein Unglück! ... Ich vergebe Ihnen; ja, ich vergebe Ihnen. Glauben Sie mir das. Aber, nun gehen Sie, und machen Sie Ihr Verbrechen durch große Tugenden wieder gut. Verzweifeln Sie nicht, und lassen Sie mich erfahren, daß Sie der Tugend wiedergegeben sind. Seyn Sie ein Freund der Unglücklichen. Sie können es seyn, da Sie ein großes Vermögen haben.« Ein Strahl von Heiterkeit blitzte aus Rheinfeldens Augen hervor. Es war, als ob ein neues Leben ihn beseelte. Sie verzeihen mir, Lissow? fragte er. Lissow breitete zitternd die Arme aus, und erwiederte: »ich verzeihe Ihnen.« Rheinfelden legte, ohne seine Arme zu heben, das Gesicht eine Minute lang an Lissows Herz, und sagte: so! Lissow schlang die Arme um ihn. »Haben Sie mich verstanden, Rheinfelden?« – Ja! erwiederte dieser; ich lebe von nun an der Tugend: nur der Tugend, und Ihnen, Lissow; Ihnen und Ihren Kindern! Leben Sie wohl! Er stand traurig da. – »Erst Versöhnung, Rheinfelden!« sagte Lissow, umfaßte ihn, hob sein Gesicht zu sich auf, und küßte seinen Mund. »Vor Jakobinen sehen wir uns wieder.« – Lissow, sagte Rheinfelden betrübt; darf ich Sie nicht eher wiedersehen, als bis wir Staub sind? – »Kann Ihr Anblick mir Vergnügen machen?« – Nein, das fühle ich; aber, wenn mein Anblick das einmal könnte: dann? – »Dann, Rheinfelden, sollen diese Arme Ihnen offen stehen. Gehen Sie, und söhnen Sie Sich mit Ihrem Herzen aus; mit mir sind Sie versöhnt. Leben Sie wohl!« 375 Iglou fand, als sie am folgenden Tage in den Wald ging, Rheinfelden ganz verändert: ernst, aber ruhig. Er bat Iglou, Lissowen zu verschweigen, daß sie ihn noch gesehen habe. Sie fragte ihn um seine Vorsätze; und er antwortete: Ich bin mein Leben, meine jetzige Ruhe Lissowen schuldig, und betrachte alles, was ich habe, was ich thun kann, als sein Eigenthum. Er führte Iglou durch das Dickicht, in ein verborgenes, kleines Thal, das rings von Dornen und fest in einander verwachsenem Gesträuch umgeben war. In diesem Thale stand eine Art von Hütte, welche die Köhler dem Ritter gebauet hatten. Hier, sagte er, wollte ich meine Verzweiflung begraben; und jetzt soll diese Hütte eine Zeitlang meine Wohnung seyn. Ich kann die Gegend noch nicht verlassen, wo ich so unglücklich, so hoffnungslos war, und nun wieder so reich an Hoffnung geworden bin. Du allein, meine theure Freundin, sollst meinen Aufenthalt wissen. Hier ist meine Welt, bis ich erst wieder Herr dieses Kopfes und dieses Herzens seyn werde. Ach! ich brauche Zeit, meinen Geist von den Wunden zu heilen, welche Verbrechen und Verzweiflung ihm geschlagen haben. Iglou sagte: »Einsamkeit heilt ihn wohl nicht. Zerstreuung, lieber Unglücklicher!« – Zerstreuung für den, der vergessen will; ich will nicht vergessen, will mein Geschick mit Flammenschrift in meine Seele graben. Verzweiflung hat mich in der Einsamkeit wahnsinnig gemacht; Freude über die Versöhnung mit Lissow wird mich in der Einsamkeit heilen. Nein, Iglou, ich werde den Mann, den ich so unmenschlich beleidigt habe, nie verlassen. Wie sein 376 Schatten, wie sein Schutzgeist, will ich um ihn, um Jakobinens Kinder schweben. Nur für ihn und sie lebe ich noch. Hier will ich wohnen, und du wirst mich nicht ganz verlassen. – »Das werde ich nicht«, erwiederte Iglou. – Und nicht verrathen, daß ich noch hier bin. – »Auch das nicht.« Iglou merkte sich genau den Weg, der in seine Einsamkeit führte. Sie versprach ihm nach einigen Tagen Bücher. Er sagte: ich habe mein ganzes Leben genug zu denken, und bedarf keiner Bücher. Sie bot ihm Bequemlichkeiten an; aber er hatte mit Hülfe seines Köhlers schon für alles gesorgt. Mir fehlt nichts, sagte er, als deine Laute, dein tröstender Gesang, und ein Leben voll Tugend, um mein Verbrechen auszulöschen. Der Baron sagte, als man von dem Schicksale des Ritters sprach: »da seht ihr, was blondes Haar thut! Ein Schwarzkopf würde Lissowen verlacht und ein andres Weib für seine Wollust gesucht haben. Der Celte kann fallen, das gestehe ich zu, ob ich gleich nicht begreife, wie er auch das nur kann; aber sein Herz ist für die Tugend geschaffen, und Reue söhnt es bald wieder mit dem Himmel aus.« Und mein Herz? fragte Iglou. »Dein Herz, liebe Iglou? Gott mag wissen, woher du das edle Herz bekommen hast! Aber, wahrlich, so schwarz du auch bist, ich halte dich doch für die edelste Celtin auf der Erde.« – Iglou lächelte dankbar auch für dieses Lob; sie wußte, wie viel es in seinem Munde war. »Und dann, wenn ich es recht bedenke«, fing der Baron wieder an – »was hat Rheinfelden denn Großes gethan? Ein Verbrechen 377 begangen; das weiß ich. Aber dafür ist er bestraft, oder vielmehr, er hat sich selbst dafür bestraft. Doch was hat er dir gethan, Lissow, daß du ihn je hassen konntest? Das frage ich.« Wie, lieber Flaming? das fragst du? Er hat mir das Glück meines Lebens geraubt, hat Jakobinen ermordet. »Seltsamer Mensch! auch die Natur hätte sie einige Jahre später getödtet; wirst du darum die Natur hassen?« O, ich bitte dich, vernünftle nicht so wunderbar! Er hat mich höchst unglücklich gemacht. »Unglücklich? Der Philosoph Demetrius sagt: der ist der Unglücklichste, dem niemals ein Unglück begegnete!« Nimm es mir nicht übel, Baron, dein Demetrius ist ein Narr. »Ein Narr, Lissow? Ich bitte dich, sey nicht ungerecht! Ihr macht es mir immer zum Vorwurfe, daß ich lauter Paradoxa vortrage. Aber in diesem Satze ist doch die allgemeine Menschenvernunft auf meiner Seite. Ich bitte dich, stelle den weichlichen Mäcenas, der in einem Meere von Freuden schwamm, gegen Sokrates, der den Giftbecher trank, oder gegen Mucius, der seine Hand in die Flamme hielt: und nun frage die ganze Erde durch. So weichlich unser Jahrhundert auch ist, so herrscht doch Verderbniß der Sitten noch nicht so unumschränkt, daß nicht die Meisten lieber Sokrates und Mucius gewesen seyn möchten als Mäcenas. Frag jeden, ob Mucius mit der Hand in den Flammen ihm nicht besser gefällt als ein Andrer mit der Hand in dem weichen Busen seiner Geliebten; ob ihnen Sokrates mit dem Giftbecher nicht lieber ist als ein Glücklicher mit einem Glase 378 Champagner vor den Lippen? Ist nun aber, sage selbst, das ein Unglück, was die meisten Menschen wünschen? Ist der ein Unglücklicher, den alle Menschen beneiden? Ich liebe dich, Lissow, und würde dich lieben, auch wenn du immer glücklich gewesen wärest. Aber jetzt achte ich dich auch; denn dein Unglück hat mir dein Herz gezeigt. Du hast erst durch Jakobinens Verlust dich selbst kennen und schätzen lernen. Jetzt weißt du, welche Kräfte in dir liegen, was du vermagst; und auch ich weiß nun, welch einen Freund ich an dir haben würde, wenn mich Noth träfe. Nun? darfst du wohl den Menschen hassen, der dich veranlaßte, deine Kräfte zu üben, stärker zu werden? Und that das der Ritter nicht?« Jetzt kannst du wohl philosophiren; aber verliere nur einmal eine Geliebte! »Ich habe eine verloren!« Spotte nicht mit deinem Herzen, mit der Vorsehung, lieber Flaming! »Du nennst es Spott der Vorsehung, wenn ich wünsche, sie möchte mich für würdig halten, an mir zu zeigen, wie stark der Mensch seyn kann? In der That, Lissow; dann erst würde ich mich glücklich schätzen, wenn ich unglücklich würde. Ist der tapfre, unerschrockne Mann, den der Heerführer zu einer gefährlichen Unternehmung auswählt, weil er sich auf diesen Muth verläßt, darum unglücklich? Gewiß, ich würde in diesem Falle glücklich sein!« Der Himmel behüte dich, Flaming! Aber, wenn du nun auf einmal alles Vermögen verlörest; alles, alles! 379 »Ich wäre nicht so arm, wie ich war, als ich geboren wurde.« Nun, ich wollte doch sehen, was für Augen du machen würdest, wenn man dein Haus, dein Dorf anzündete, und die Flamme es verzehrte! »Was für Augen? Wie ich sie immer habe. Dann würde ich große Augen machen, wenn die Flamme es nicht verzehrte. Ist es nicht natürlich, daß die Flamme brennt?« Wenn man dich aus deinem Vaterlande verbannte! »Ich würde gehen. Muß ich es doch einmal verlassen, ohne verbannt zu seyn.« Wenn Ungerechtigkeit dich hinaustriebe! »Möchtest du lieber, daß es die Gerechtigkeit thäte?« Wenn ein Unglück über das andre dich träfe: Armuth, Schande, Elend, Verfolgung! »Es könnte mich nicht weiter treiben als das Glück: bis in das Grab. Wenn dein Elend unerträglich würde! »Unerträglich? Das heißt, wenn ich die Standhaftigkeit verlöre. Ja, das wäre ein Unglück!« Nun dann? »Dann würde ich Gott danken, daß der Mensch nicht neun Monathe braucht, das Leben zu verlassen, wie er sie braucht, um darin einzutreten. Der Tod ist ein Augenblick; und soll ich vor diesem Augenblick siebzig Jahre zittern? ... Aber das alles hältst du doch für möglich .« Du bist ein Mensch. Warum sollte es also nicht möglich seyn? 380 »Seht ihr? o, seht ihr? Ihr haltet das Alles für möglich, und tadelt mich, wenn ich behaupte: man muß den Menschen an sein Geschick gewöhnen; wenn ich behaupte: es ist unrecht, daß ihr meine Unterthanen tanzen laßt, daß ihr sie die Freude kennen lehrt. Nein, weg mit dem Glücke! weg mit den Freuden, welche die Tugend schwächen, ehe der Feind noch da ist! Der Ritter war glücklich, und beging ein ungeheures Verbrechen. Glaubt ihr, daß er jetzt noch einmal im Stande wäre, es zu begehen? Sein Unglück war sein Glück. Habe ich nicht Recht? Sagt Alle, habe ich nicht Recht?« Grumbach lächelte, und that, als hätte er den Streit nicht gehört. Herr Baron, fing er an, der alte Veit hat endlich dem jungen Leonhard seine Tochter gegeben. Die Redlichkeit des jungen Menschen, die Geduld, mit der er die abschlägige Antwort trug, und die Dienste, die er dennoch dem Vater leistete, haben endlich die Härte des alten Mannes überwunden. Heute werden die jungen Leute verlobt. Sie glauben nicht, wie glücklich sie sind. Mich dünkt aber, der Alte hätte besser gethan, wenn er bei seinem Nein geblieben wäre; und ich wollte Sie bitten, Herr Baron, die Verbindung der jungen Leute, wo möglich, zu hintertreiben. – Warum? rief Iglou sogleich, und stellte sich neben den Baron. Wir haben ja Alle gewünscht, daß der Vater seine Einwilligung geben möchte. »Nein, lieber Grumbach«, sagte der Baron: »Sie müssen sehr wichtige Gründe haben; sonst kann ich das nicht. Hätten Sie nur Leonhards Bitten gehört!« 381 Das mag wohl seyn, erwiederte Grumbach lächelnd; aber für den Vater müßte es, dünkt mich, doch ein sehr angenehmes Schauspiel seyn, wenn der junge Mensch seinen Wunsch nicht erreichte, und Übung in der Geduld hätte. Der Baron erröthete; er fühlte, was der Alte sagen wollte. »Mich dünkt, lieber Grumbach, der Jüngling hat jetzt das Mädchen schon verdient, und der Vater würde unbarmherzig seyn, wenn ihn die Geduld des Jünglings nicht gerührt hätte.« Glauben Sie denn, daß Gott unbarmherziger ist als dieser Vater? Meinen Sie denn, daß die Geduld, der Muth, womit der Mensch sein Unglück trägt, ihn nicht auch in den Augen des himmlischen Vaters des Glückes werth macht? Freilich stärkt Unglück die Kräfte des Menschen, aber nicht immer, noch mehr zu erdulden; es giebt dem Menschen die Kraft, und soll sie ihm geben, das Glück, welches die ewige Güte ihm bestimmt, mit weiser Mäßigung zu tragen. Glück, lieber Herr Baron, ist die Bestimmung des Menschen, Ihre Philosophen mögen auch sagen, was sie wollen. Zur Hölle mit der Philosophie, die lehren kann, der Unglückliche sey dem Ewigen ein angenehmes Schauspiel! Das einzige der Gottheit würdige Schauspiel ist das Glück des Tugendhaften. Der Baron fing zwar an zu disputiren; aber der Amtmann kam, und riß ihn dieses Mal glücklicher Weise aus der Verlegenheit, in die er durch des Alten einfache Art zu fragen gerathen war. Flaming hatte auch gar nicht den Gedanken, das Glück 382 seiner Unterthanen anzutasten; doch seine Ideen wurden von dem Schicksale nur allzu gut erfüllt. Er rief: »fort mit dem Glücke! fort mit den Tänzen, mit den Festen!« und das Schicksal nahm ihn beim Worte. Das Handlungshaus, bei dem er seine Kapitale belegt hatte, fiel. Er tröstete sich über diesen Verlust, weil er doch sein sehr beträchtliches Gut noch schuldenfrei hatte; aber schon hing auch die Wolke, deren Blitze noch diesen Überrest seines Vermögens treffen sollten, über seinem Haupte. Die Russische Armee zog sich in die Gegend von Zaringen, und aus allen Orten erfuhr man, welche Grausamkeiten ihre leichten Truppen begingen. Alle Menschen aus den besseren Ständen eilten nach den Städten; auch schrieb des Barons Mutter ihrem Sohne: er möchte Zaringen verlassen, und sich in eine Stadt begeben. Grumbach hatte nichts dawider; vielmehr würde er es gern gesehen haben, weil er hoffte, daß auch Lissow dann mit den beiden Kindern sich retten sollte. Man sprach oft von diesem Plane; aber man konnte, weil die Gefahr noch nicht nahe war, zu keinem Entschlusse kommen. Der Prediger sagte einmal in einem solchen Gespräche: es sollte mir sehr lieb seyn, Herr Baron, wenn Ihr System Recht hätte, daß die Slaven natürlichen Respekt vor den Blondköpfen haben müssen. Ich fürchte, wir können dieser Achtung noch sehr bedürfen. »Sie sollen sehen, daß mein System Recht hat!« erwiederte der Baron. »Ich werde hier bleiben. Meine Unterthanen bedürfen ohnedies jetzt unserer Hülfe, unseres Rathes 383 am meisten. Wir wollen wie Brüder unser Geschick mit einander theilen.« Der Baron hielt Wort, und sein System auch. Es näherten sich Russische Truppen. Der Baron befahl seinen Bauern, keine Ängstlichkeit zu äußern, und die Kosaken mit offner Freundlichkeit aufzunehmen. Er ging, in Vertrauen auf sein blondes Haar, dem Russischen Befehlshaber entgegen. Der Officier hielt sein Pferd an, als er so wohlgekleidete Leute auf sich zu kommen sah. Flaming sprach nun Französisch zu ihm, und der Officier, der zu den regulären Truppen gehörte, verstand es glücklicher Weise. »Mein Herr«, sagte der Baron mit großer Gutherzigkeit; »das Dorf, das Sie vor Sich sehen, ist mein. Sie können, auch wenn Sie wollten, uns nicht ganz von den Beschwerlichkeiten des Krieges befreien. Daher biete ich Ihnen freiwillig an, was wir haben, und was Sie bedürfen; aber auch, was Sie nicht bedürfen: unsre Freundschaft. Ich bin ruhig auf meinem Gute geblieben, weil ich hoffe, daß ich mit Menschen zu thun haben werde.« Der Officier lächelte, und ertheilte seine Befehle. Er gab dem Baron, als er vom Pferde gestiegen war, die Hand, und alles lief recht gut ab; wenigstens wurden keine zwecklosen Grausamkeiten verübt. Die Kosaken bekamen, was man ihnen geben konnte, und betrugen sich ganz vernünftig. Als sie wieder weg waren, und das Dorf unbesetzt blieb, holte man indeß freier wieder Athem. Bald kamen andre Truppen; aber die achteten weniger auf des Barons Anerbieten, und setzten ihm Degen und 384 Pistolen auf die Brust. Die treue Iglou glaubte, man wollte den Baron ermorden, und trat vor ihn hin. Ihre große Fertigkeit, durch Geberden und Zeichen zu reden, die der Baron für ein bestimmtes Merkmahl einer unedleren Race hielt, rettete diesmal das ganze Dorf. Iglou war jetzt die Einzige, die mit den Kosaken sprechen konnte. Bisher war Grumbach, der Russisch verstand, Dolmetscher gewesen; aber einige Mißhandlungen hatten ihn krank gemacht, und Iglou trat nun mit ihrer Pantomime an seine Stelle. Der Baron bereuete es wohl hundertmal, daß er nicht nach Berlin gegangen war, ob er gleich das Silberzeug hatte eingraben lassen. Er mußte sich fast jeden Tag aufs neue loskaufen. Zuletzt steckte er sich mit Lissowen, dem Prediger und dem Justiz-Amtmanne in Bauernkittel, um neuen Mißhandlungen zu entgehen. Jetzt erhielt der Baron einen Beweis von der Liebe seiner Unterthanen, der ihn innig rührte. Es sprengten einige Russische leichte Reiter in das Dorf, und fragten nach dem Baron. Er ist hier! rief der Anführer; und ich rathe euch, uns zu sagen, wo er ist. Der Baron, von dem man aufs neue Geld erpressen wollte, stand selbst mit unter den Bauern. Diese blieben dabei, er wäre nach Berlin abgegangen. Die Russen droheten, das Dorf anzuzünden, wenn man länger läugnete, und ritten auf das Schloß. Der Baron sah verlegen umher; aber keiner verrieth ihn, und die Reiter sprengten zurück, ohne ihn entdeckt zu haben. Iglou fing an, heimlich Lebensmittel auf einen Nothfall nach des Ritters Aufenthalt im Walde hinzutragen; und 385 eben daselbst verbarg sie auch ihre Laute, die schon einige Male in Gefahr gestanden hatte. Dieser Aufenthalt war ohne Zweifel der aller sicherste; denn er lag so versteckt und abgelegen, daß niemand, auch wenn er den Wald durchsuchte, auf den Einfall kommen konnte, dahin zu gehen. Grumbachs Rath, den die Bauern befolgten, weil sie ihm vollkommen trauten, hatte bisher alle rohen Grausamkeiten abgewendet. Freilich waren die Vorräthe aufgezehrt, der Viehstand vermindert, die Pferde genommen: aber die Ernte auf dem Felde, die Häuser standen noch; und Grumbach sagte: mit Gottes Hülfe werden wir das Andere wohl wieder bekommen. Die wenigen Vorräthe, die noch da waren, wurden auf seinen Vorschlag als gemeinsames Gut betrachtet. Man verbarg sie; und niemand verrieth den Ort, weil jeder Theil daran hatte. Die Einwohner der meisten benachbarten Dörfer waren zerstreuet, die Häuser abgebrannt, die Ernten verheert. Einer verrieth das Eigenthum des Andern; Haß und Neid zündeten die Zwietracht in den Dörfern an, und man entdeckte dem Feinde die Anschläge gegen ihn. So wuchsen die Grausamkeiten, die Mißhandlungen, das Elend; und die Dörfer wurden menschenleer, das Land öde. Nun sah der Baron die Wirkungen von Grumbachs Benehmen. Das gemeinschaftliche Unglück, das an manchem andern Orte die Menschen trennte, zog die Einwohner von Zaringen enger zusammen. Man betrug sich gegen den Feind redlich und aufrichtig; und der Lohn dieses klugen Verhaltens war Sicherheit. 386 Aber das Schicksal wollte nun die Seelenstärke des Barons prüfen. Ein Regiment wilder Husaren rückte in Zaringen ein. Der alte Grumbach, der wieder hergestellt war, ging sogleich dem General entgegen, und überreichte ihm Zeugnisse von dem Wohlverhalten der Einwohner gegen die Russischen Truppen, die ihm auf sein Bitten mehrere menschliche Officiere gegeben hatten. Was soll das? rief der wilde Husar, und warf die Papiere auf den Boden. Schaff Lebensmittel, Alter! Von Papier kann ich nicht leben. Grumbach versicherte dem General mit der tiefsten Ehrerbietung, daß man alles anschaffen würde, was noch da sey, und sammelte seine Papiere geduldig wieder auf. Dann führte er den General auf das Schloß des Barons, wies ihm die schönsten Zimmer an, und besorgte Lebensmittel. Der General ließ noch einige Zimmer in Ordnung bringen, und zwar für seine Mätresse, der er sogleich einen Husaren entgegen schickte, um sie hierher rufen zu lassen. Die Mätresse kam. Grumbach half ihr aus dem Wagen, und hörte sie mit einem prächtig gekleideten Menschen, der neben ihr saß, Deutsch sprechen. Er redete sie an, und bat um ihren Schutz, den sie auch sogleich versprach. Es war ein sehr schönes Mädchen, und, was Grumbachen noch mehr galt, sie hatte in ihrem Gesicht etwas sehr Gutherziges. Sie ging zu dem General; und sogleich wurden Befehle gegeben, die Einwohner so viel als möglich zu schonen. Grumbach war mit Iglou allein auf dem Schlosse; die Übrigen lebten bei den Bauern, und brachten die Nächte in 387 einem kleinen Gartenhause zu. Die Mätresse des Generals klingelte; und Iglou eilte in das Zimmer. Beide erstaunten, als sie einander erkannten. Die Mätresse war Julie Hedler. Iglou verrichtete schweigend ihren Dienst, und ging dann. Auch Julie sagte nichts; Iglou's Anblick hatte sie zu sehr überrascht, als daß sie sogleich bestimmt hätte denken können. Julie reiste mit ihrem Bruder, als ihr Plan gescheitert war, von Berlin nach Petersburg. Unterweges machte sie die Bekanntschaft des Russischen Generals. Dieser wendete sich, mit dem vollen Zeugnisse seiner Leidenschaft in den Augen, an Juliens Bruder; denn Julie selbst hatte ihm ins Gesicht gelacht, weil sie es lustig fand, daß ein so alter Mann noch verliebt war. Hedler, der die Vermögensumstände des Generals schon kannte, machte ihm Hoffnungen. Julie schalt ihren Bruder einen Narren, als er in sie drang, den General nicht abzuweisen; er gab ihr aber eine goldene, mit Brillanten besetzte Uhr, und zeigte ihr die Aussicht auf Armuth und Mangel. Das wirkte auf die verschwenderische, eitle Julie. Sie ergab sich, doch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie sogleich wieder frei seyn müßte, wenn ein junger hübscher Mann da wäre, der ihre Ausgaben bestreiten könnte. Ein solcher Mann fand sich nicht; Julie blieb also bei dem Generale, und ging mit ihm nach Königsberg, und dann, weil der Krieg ihr etwas Neues war, sogar noch weiter. Für ihre Bequemlichkeit sorgte der alte General auf alle nur mögliche Weise, und hätte auch sein ganzes Regiment darüber umkommen sollen. 388 Julie war mit ihrer Lage ganz wohl zufrieden, da sie den alten wilden Soldaten wie ein Kind lenken konnte, so daß sie die unsinnigsten Einfälle ihrer Verschwendungssucht durchsetzte. Hedler ging als Sekretär mit, und bekam eine sehr reichliche Besoldung. So brachte der Zufall die beiden Geschwister auf des Barons Güter. Als Iglou die Thür zugemacht hatte, fiel Julien erst ein, wie sehr sie von diesem Mädchen und dem Baron beleidigt war. Ihr Zorn brannte lichterloh; aber nur, wie er bei einer Julie brennen konnte. Sie wollte Rache, doch auf ihre Weise; und diese Rache stand nun in ihrer Gewalt. Jetzt war sie unumschränkte Beherrscherin des Barons und ihrer Feindin Iglou: das sollten Beide fühlen, und zwar recht stark. Aber, dachte sie, als sie ihren Plan entworfen hatte; ist denn der Baron auch hier? In diesem Augenblicke flog die Thür auf, und Hedler sprang mit sichtbarer Freude herein. Julie! rief er; der Baron Flaming ist hier! Ich habe ihn gesehen und gedemüthigt. – Ist er da? fragte sie, und klatschte in die Hände; ist er da? Auch die Schwarze ist hier. Nun, ihr sollt an mich denken! Geh, bitte sie Beide zum Essen bei dem General, und laß mir mein Schmuckkästchen bringen. Der Friseur soll kommen. Nun, so mach doch! Hedler lächelte. Zum Essen bitten? Den Teufel auch! Julie, bedenke doch, wie dieser Geck dich beleidigt hat! Zum Essen bitten! Ich will ihm ein anderes Essen besorgen. – Julie setzte nun ihren Plan auseinander, der am Ende auf weiter nichts hinaus lief, als Iglou und Flaming ihre 389 Juwelen zu zeigen. Der General sollte den Baron mit ungeheuren Forderungen ängstigen, und dieser dann wie ein armer Sünder vor ihr stehen und sie um ihre Fürsprache bitten. Dann wollte sie mit einem stolzen Worte dem Generale befehlen, alle seine Forderungen zurückzunehmen. Sieh! endigte sie die Auseinandersetzung ihres Planes; dann erfährt er, wer ich jetzt bin! O, Bruder, ich will so stolz seyn wie die Kaiserin selbst. Eine schöne Rache! erwiederte Hedler. Zum Essen bitten, und thun, was er verlangt! Nein, der stolze Narr muß anders büßen. So soll er mir nicht davon kommen! Und dieser schwarze Teufel, diese Iglou? Nein, nein! Sie sollen fühlen, wer wir sind. Hedler war nicht ganz böse; aber er konnte es werden, wenn ihm ein Anschlag mißglückte, oder wenn sein Stolz beleidigt wurde. Er beschützte in diesem verheerenden Kriege Tausende; allein die Unglücklichen, die er rettete, mußten seinen Schutz mit den größten Demüthigungen erkaufen. Er war schon vorher gewohnt, wenn es ihm nicht an Gelde fehlte, alle Menschen mit einem wegwerfenden Stolze zu behandeln; und jetzt zumal, da er das Ansehen des Generals für sich hatte, hielt er sich für äußerst wichtig. Der General kannte die Gesetze der Menschlichkeit nicht, und Hedler ließ ihm seinen Willen. Man drohete den Einwohnern eines Dorfes oder einer Stadt; zugleich aber gab man ihnen zu verstehen, daß der Sekretär des Generals alles vermöge. Die Leute wendeten sich an ihn. Mit einer kalten Würde trat er nun in den Kreis der Unglücklichen, 390 warf verachtende Blicke auf sie, sagte ihnen dann mit einem niederschmetternden Stolze, er wolle sie retten, und hielt in der That fast immer Wort. Das war schon oft geschehen und seine kleinliche Eitelkeit dadurch noch immer stärker aufgeblähet worden, so daß er Menschen aus den ersten Ständen mißhandelte. Er hatte sich so oft vor dem Ahnenstolze der Vornehmen, mit denen er umgegangen war, demüthigen, so oft vor ihrem Range oder Reichthume kriechen müssen, daß er jetzt zur Rache von Andern ihres Standes eben so tiefe Demüthigung forderte. Der Schmeichler wird ja immer ein Tyrann, wenn er Gewalt bekommt. Hedler stand jetzt eben so stolz, kalt und nachlässig, mit der Dose in der Hand, vor einem Grafen, oder Edelmanne, dessen Güter der General besetzte, als ehemals demüthig und kriechend vor so manchem stolzen Thoren. Er pfiff, während daß sie ihm ihr Elend vorstellten, drehete sich von ihnen halb weg, schneuzte sich laut, spielte mit seinem Hunde, fuhr sie an, gab ihnen Lehren, tadelte; kurz, er machte den großen Herrn, weil die armselige Größe, die er von den Umständen erborgte, seinem Stolze schmeichelte. In der That rettete er endlich, und Tausende nannten den Sekretär Hedler ihren Schutzengel, Tausende beteten für ihn; aber für den erhabenen Stolz, der Retter von Tausenden werden zu können, war sein Herz zu klein. Als er aus dem Wagen gestiegen war (er hatte nehmlich in prächtiger Kleidung neben Julien gesessen), ging er sogleich mit stolzer, verachtender Miene durch das Dorf, 391 um sich Ehrfurcht erweisen zu lassen. Er ließ die Bauern, unter denen auch der Baron war, zusammenrufen, um ihnen seine Befehle anzukündigen. Wem gehört das Dorf? geschwind! – Dem Baron von Flaming! antwortete ein Bauer. In dem Augenblicke sah Hedler den Baron in Bauernkleidern dastehen, und sein eitles Herz hüpfte vor Freude. Du dort! rief er ihm zu; komm näher! – Der Baron erkannte ihn sogleich. Sie sind Flaming! sagte er, und betrachtete ihn von oben bis unten spöttisch. Er hoffte, hier den höchsten Triumph der Eitelkeit zu genießen und den Baron vor sich im Staube zu sehen. Mehr wollte er auch nicht. Sie sind Flaming! – »Ja«, sagte der Baron einfach und erwartend; »ich bin der Baron von Flaming.« – Die Titel, mein Herr, fallen jetzt weg. Ich bitte, das nicht zu vergessen. Was soll die Mummerei? warum stecken Sie in Bauernkleidern? Antworten Sie. Aber nehmen Sie Sich in Acht, daß Sie nicht Ein unwahres Wort sagen! »Ich habe diese Kleidung gewählt, weil sie mich vor Mißhandlungen sichert.« Ihr Ton ist sehr stolz, Herr von Flaming. Ziehen Sie Ihre gewöhnlichen Kleider an. »Ich habe keine andre.« Ohne Widerrede! Ich will, sage ich Ihnen. Und ihr da ... Glauben Sie mir, wir sind hier nicht in Berlin! ... ihr da, macht euch gefaßt, das anzuschaffen, was der Dienst meiner Monarchin fordert. Es wird nicht wenig seyn. »Ihr Herr General wird doch Vorstellungen annehmen.« 392 Ihr Herr General! Ihr Herr General! Sie haben zu thun, was ich befehle. »Wir können nichts liefern.« Man wird euch den Willen machen! ... Nun, was stehen Sie noch, Herr von Flaming? Ich habe befohlen. »Ihre Monarchin«, sagte Flaming, erbittert über den Stolz des Menschen – »würde gewiß den Ton nicht billigen, den Sie Sich hier erlauben. Ich werde Ihren General selbst sprechen, und ihn fragen, ob er seinen Diener bevollmächtigt hat ...« Herr, das ist Ihr letztes Wort! (Er winkte einem Husaren.) Du bewachst ihn! Ich will doch den Narren kirre machen. »Aber erniedrigen werden Sie mich nicht«, sagte Flaming stolz. Hedler ging erbittert auf das Schloß. Iglou suchte, sobald sie Julien gesehen und erkannt hatte, den Baron auf. Sie hörte, daß er gefangen saß, und eilte zu ihm. Man wollte sie nicht einlassen. Er rief ihr zu: »Hedler!« und sie wußte nun den Grund seiner Gefangenschaft. Sie eilte zurück, überlegte, was zu thun sey, ging zu Julien, und sagte ihr mit trauriger Stimme, in welchem Elende die Einwohner des Dorfes lebten. Als sie Rührung in Juliens Gesichte sah, erzählte sie auch, daß der Baron gefangen wäre. Gefangen? sagte Julie. Das ist ohne meinen Willen geschehen; obgleich der Narr es verdient. – Verdient? fragte Iglou unvorsichtig. Das Wort schien Julien ein Vorwurf. Ihr fiel wieder ein, wie sehr Iglou sie beleidigt hatte. Ihr 393 werdet erfahren, sagte Julie stolz, was euer Schicksal seyn soll! Jetzt habe ich zu befehlen. Sag das dem Baron. Nun brauche einmal deine List, häßliche Schwarze, und mache ihn los, ohne meine Hülfe. Fort! geh mir aus den Augen! Iglou stand demüthig vor Julien da, ohne ihre Verachtung nur mit einem stolzen Blicke zu erwiedern; sie wollte den Baron befreien, und fühlte, dachte nichts Anderes. Dies rührte Julien; sie ging zu dem General, den Hedler schon gegen den Baron erbittert hatte, forderte dessen Loslassung, und erhielt sie. Nun kündigte sie dem General an, daß Flaming heute bei ihm essen sollte. Er lachte, und erwiederte: meinetwegen! Aber dein Bruder, liebes Kind, hat es ganz anders mit dem Baron im Sinne. Der Baron wurde losgelassen und zum Essen eingeladen. Julie kam, als er da war, geschmückt wie eine Fürstin, und that, als ob sie ihn kaum bemerkte. Hedler setzte sich, voll Erbitterung, daß der Baron wieder frei war, an den Tisch, und nahm sich vor, ihn seine Macht noch recht fühlen zu lassen. Der General befolgte das Beispiel Juliens und ihres Bruders, und behandelte den Baron mit der wegwerfendsten Verachtung. Der Baron hatte sich vorgenommen, wenig zu sprechen und schweigend zu dulden. Iglou mußte bei Tische aufwarten, und zwar auf Juliens Befehl, die gegen sie erbitterter war als gegen den Baron. Julie kannte die stolze Seele des Mädchens, aber nicht dessen Stärke. Iglou wartete mit der größten Demuth auf; sie schien alles nur für den Baron zu thun, und ihre freundlichen, geduldigen Blicke gaben auch ihm Standhaftigkeit. 394 Grumbach hatte dem Baron vorher seine Rolle gegeben. Er sah den eitlen Hedler gleich in dem ersten Gespräche durch, und milderte dessen unbarmherzige Absichten durch einige wohl angebrachte Schmeicheleien, so daß alles gut gehen konnte, wenn nichts verdorben wurde. Der General mußte auf Hedlers und Juliens Anstiften ungeheure Summen und Lieferungen von dem Baron fordern. Dieser machte mit aller Demuth Vorstellungen dagegen; der General erwiederte aber: jetzt nichts davon! Da ist mein Sekretär; an den haben Sie Sich zu wenden. Erläßt Ihnen der die Hälfte, oder das Ganze, so ist es gut; erläßt er Ihnen nichts, so müssen Sie schaffen, oder das Dorf wird, hol mich der Teufel! in Brand gesteckt. Hedler saß mit einer stolzen Miene da, und spielte mit seiner Gabel. Der Baron machte, so schwer es ihm auch wurde, dem eitlen Menschen ein artiges Kompliment, das dieser mit einem stolzen Kopfneigen beantwortete. Schon fing der Baron an, freier Athem zu holen; aber ein unglücklicher Zufall vernichtete alles. Iglou glaubte es recht gut zu machen, wenn sie den Gästen mit großer Demuth aufwartete. Der Baron betrachtete sie mitleidig. Seine Freundin mußte die Geschäfte eines Bedienten verrichten, und noch dazu für Menschen, die er so tief verachtete! Iglou bemerkte, was in des Barons Seele vorging, und ihr Blick wurde noch einmal so freundlich; sie schien stolz auf die niedrigen Dienste zu seyn, die sie leisten mußte. Das war aber ganz gegen Juliens Absicht. Sie wollte ihre Feindin demüthigen und bestrafen; nun aber 395 blieb diese freundlich, anstatt mit Thränen in den Augen aufzuwarten. Julie bemerkte die lächelnden Blicke, die Iglou dem Baron zuwarf, hielt sie für Spott, und sann auf eine andere Rache an ihrer Feindin. Sie lachte ein paarmal laut, wenn sie Iglou ansah. Der General wollte wissen, worüber; und Julie sagte: die häßliche Schwarze, Herr General, ist so häßlich nicht, wie Sie wohl meinen. Glauben Sie wohl, daß sie, trotz ihrer Haut, einen Liebhaber hat? – Das müßte der Teufel seyn! antwortete der General laut auflachend. Der nicht, sagte Julie; sondern dieser Herr da, der Baron Flaming liebt die häßliche Mohrin, und in einem so hohen Grade, sage ich Ihnen, daß er um ihretwillen die schönsten Mädchen verläßt. Den Teufel auch! Ist das wahr, Flaming? Lieben Sie das Mädchen? Ist es wahr? »Ja, Herr General«, antwortete Flaming, mit Freude, daß er Iglou seine Achtung bezeugen konnte; »ja, ich liebe das Mädchen, und Sie würden Sich darüber nicht länger wundern, wenn es der Mamsell gefiele zu sagen, warum ich es liebe.« Das will ich wohl. Am Tage hat der Herr Baron so viel mit dem Generalbasse, den Menschen-Racen, und gelehrten Narrheiten zu thun, daß er keine Augen hat; aber bei Nacht sind alle Katzen grau. – Der General schlug ein schallendes Gelächter auf; der Baron erröthete vor Verdruß. – Und diese Liebe ist so zärtlich, Herr General! so zärtlich! Wenn wir bei dem Herrn Baron äßen, und nicht er bei uns, so würde die Schwarze, anstatt aufzuwarten, mit am Tische 396 sitzen. – Der General lachte ungläubig aufs neue, und sah Iglou an. »Es ist wirklich so, Herr General. Und wenn mein König bei mir äße, so würde diese Schwarze mit an meinem Tische sitzen; denn ihr Herz ...« Ihr Herz? – O, schweigen Sie doch! Sie stahl ihm einmal vierzig tausend Thaler, und ging damit durch. Diese Unverschämtheit verdroß den Baron unglaublich, und doch hielt er an sich. »Ihre Absicht war edel, Herr General. Ich gewann dadurch!« Was gewannen Sie denn? fragte Julie empfindlich, weil sie in diesen Worten einen Vorwurf fühlte. Was gewannen Sie denn? »Lassen Sie uns davon abbrechen! Aber darum bitte ich Sie, verschonen Sie ein Mädchen, das der Stolz Ihres Geschlechtes ist, wie der Stolz der ganzen Menschheit. Ja, ich liebe das Mädchen; noch mehr: ich achte, ich ehre es.« Und ich, sagte Hedler erbittert, halte diese Schwarze für eine verächtliche Kreatur, die mit ihrer List Sie zum Narren hat. Jetzt verlor der Baron die Fassung; seine Lippen bebten, seine Augen blitzten. Iglou sagte ihm zitternd und in dem flehendsten Tone: bonus nulla affici contumelia potest Den Rechtschaffenen kann keine Beschimpfung treffen. ! Hedler sprang auf, faßte Iglou heftig an, und rief: schweig, Elende! und vergiß die Achtung nicht, die du uns schuldig bist! – Auch der Baron sprang auf, und rief, vor Zorn 397 bebend: »Achtung? Ihnen Achtung? Sie sind ja nicht einmal fähig, dem Mädchen die Achtung zu erweisen, die es verdient. Wahrhaftig, Sie sollten nicht so reden; ich kenne Sie ja!« Julie erröthete, und wurde erbittert, weil der Baron die Worte: »ich kenne Sie ja!« mit einem spottend mitleidigen Lächeln sagte. Sie weinte vor Zorn. Der General sprang, als er ihre Thränen sah, mit seiner gewöhnlichen Wildheit auf, und rief in schrecklichem Tone Iglou zu: Bestie! fort, oder du bist verloren! Der Baron trat schnell vor Iglou hin. »Bei Gott!« rief er außer sich; »es soll ihr Niemand etwas zu leide thun um einer verächtlichen Buhlerin willen!« Julie tobte; Hedler knirschte mit den Zähnen; der General fluchte. Wart! rief der General; plündern will ich das Dorf lassen! Plündert! – Bei diesem Worte rannten ein paar Husaren, die aufwarteten, in das Dorf hinunter, und riefen: plündert! der General will es! Die Husaren fingen sogleich an, den willkommnen Befehl zu erfüllen. Die Bauern wollten Einhalt thun, und die wilden Feinde zogen die Säbel. In dem Tumulte, der immer zunahm, wurde ein Russe niedergeschlagen. Nun ging ein fürchterliches Gemetzel an. Die unglücklichen Einwohner flohen, und die Husaren steckten zur Rache ein paar Häuser in Brand. Der Wind trieb die Flammen von Haus zu Haus. »O Gott im Himmel!« rief der Baron, als er die Flamme aufsteigen sah. »Julie!« rief er erschüttert; »helfen Sie! retten Sie!« Julie bat den General, Einhalt zu thun, und rang die Hände. Der General fluchte und tobte. Erst hetzt ihr mich, sagte er unwillig; dann soll 398 ich helfen! Er rief aus dem Fenster den wütenden Leuten zu, inne zu halten, und schickte Officier hinunter. Aber zu helfen war nicht mehr; hier schlug eine Flamme heraus, dort wieder eine. Die Einwohner verkrochen sich in die Häuser, und die Flammen trieben sie hinaus in die Säbel der Wütenden. Ein lautes Jammergeschrei drang zum Himmel. Feuer! schrie man jetzt im Schlosse selbst; und bald nahm die Flamme überhand. Der Lärm wurde immer betäubender; man packte ein, und spannte die Pferde an. Noch unter den fallenden Trümmern plünderten die Husaren. Der General ließ Appell blasen, und das Regiment sammelte sich, indeß hier ein Haus, und dort wieder eins stürzte. Lissow eilte die Gassen auf und nieder, und rief mit gräßlicher Stimme: »meine Kinder! meine Kinder!« Er hatte sie in ein Haus verschlossen, um sie gegen die Grausamkeit der Husaren zu schützen; und als er nun nach dem Schlosse eilte, um den Baron zu suchen, wurde das Haus plötzlich von den Flammen ergriffen. Er wollte wieder dahin; doch die Säbel der Husaren hielten ihn ab. Jetzt wollte er durch die Gärten; aber auch dort wurde er zurückgetrieben. Nur nach einer langen und gewaltigen Anstrengung kam er wieder zu dem Hause, worin seine Kinder waren. O Entsetzen! Da lag der alte Grumbach, von einem Säbelhiebe niedergestreckt, am Boden, und athmete kaum noch. Das Haus, worin er die Kinder verschlossen hatte, war von oben bis unten Eine große Flamme. »Wo sind meine Kinder?« schrie Lissow dem Alten zu, und rang die Hände. – Grumbach erwiederte matt: ich wollte sie retten, 399 als das Haus brannte; da schlug ein Unmensch mich nieder. Ich hörte ihr Jammergeschrei, und verlor die Sinne. Sind sie gerettet? Ich weiß es nicht. Lissow half dem Alten auf, verband seine Wunde in der Schulter, brachte ihn dann mit Hülfe eines Bauern aus dem Dorfe, und übergab ihn einigen Landleuten, die ihn einer um den andern trugen. Er selbst eilte den übrigen Flüchtigen nach, und fand den Prediger, dessen Schwester, den Justiz-Amtmann mit seiner Familie; aber niemand wußte etwas von seinen Kindern. Lissow rannte verzweifelnd in das Dorf zurück, und drang durch die Flammen, durch fallende Balken. Vergebens; seine Kinder waren nicht da. Er würde sich in die Flammen gestürzt haben, wenn der alte Grumbach nicht seine Hülfe nöthig gehabt hätte. Starr, wie eine Bildsäule des Schreckens, stand er allein da, mitten in einer gräßlichen Einsamkeit. Kein Seufzer tönte mehr; nur der dumpfe Schall eines zusammenstürzenden Hauses, und das Knistern der Flamme störte zuweilen die Grabesstille der Verwüstung. Noch war eine Hoffnung für den unglücklichen Vater übrig. Vielleicht, dachte er, hat der Baron oder Iglou sie gerettet. Jetzt eben kam ein Bauer durch die Flammen gestürzt. »Hast du meine Kinder gesehen?« fragte ihn Lissow. – Nein! – »Oder den Baron, oder Iglou?« – Der Baron ist todt; Iglou schleppen die Husaren mit weg. – Auch diese Hoffnung war also dahin. Lissow eilte wieder rund umher, und rief mit lauter verzweifelnder Stimme seine Kinder bei Nahmen; niemand 400 antwortete. Er suchte die Flüchtigen wieder auf, um zu hören, ob die Kinder sich gefunden hätten. Sie fehlten und mit ihnen der Baron, Iglou und einige Wenige, die unter den Säbeln der Husaren gefallen waren. An dem Tode des Barons zweifelte niemand. Mehrere hatten ihn fallen, mehrere ihn todt gesehen. Iglou war mit fortgeschleppt. »Und meine Kinder! auch die!« sagte Lissow, und rang die Hände; »was thaten die Unschuldigen!« Einige Bauern hatten die Kinder sogar noch in dem brennenden Hause gesehen, als es eben eingestürzt war. Alle Umstände trafen zusammen. Der unglückliche Vater konnte an ihrem gräßlichen Tode nicht mehr zweifeln. Er hatte jetzt seine Jakobine noch einmal verloren, und sank wieder in die alte Verzweiflung zurück. Es verhielt sich wirklich so, wie die Augenzeugen erzählten; die Kinder waren in dem brennenden Hause, noch kurz vorher, ehe es ganz zusammenstürzte, und als das Dach schon niedersank. Da aber kam der Mörder ihrer Mutter, Rheinfelden, sie zu retten. Schon am Morgen zogen die Husaren durch den Wald, worin er sich aufhielt. Er folgte ihnen von weitem, sah sie in Zaringen einrücken, und blieb in der Nähe des Dorfes, um es zu beobachten. Auf einmal schlug die Flamme aus dem Hause hervor, und der Ritter lief durch den Schloßgarten in das Dorf. Er irrte vorsichtig in dem Tumult umher, und suchte nur Lissow. Endlich entdeckte er ihn, und folgte ihm von weitem nach, damit er nahe wäre, jede Gefahr von ihm abhalten zu können. Er verlor ihn einige Male aus dem Gesichte; dann hörte er 401 ihn laut schreien: meine Kinder! Gott, meine Kinder! Der unglückliche Lissow streckte die Hände nach einem brennenden Hause aus, und wollte sich durchschlagen; aber er wurde in dem Tumulte zurückgerissen. Rheinfelden, der besonnen genug war, alles zu sehen, bemerkte einen Weg durch die Gärten. Er drängte sich mit kühner Entschlossenheit durch das wilde Getümmel, und kam glücklich in das brennende Haus, worin Lissows Kinder sich befanden. Der Knabe war entschlossen gewesen, das Haus zu verlassen; aber die kleine Jakobine wollte schlechterdings nicht heraus, weil ein Husar vor ihren Augen eine Frau und dann sogar auch ihren Großvater niedergehauen hatte. Sie zitterte, und war nicht wegzubringen. Wir werden verbrennen, Jakobine! sagte ihr Bruder, und wollte sie hinausführen; aber sie schrie laut, und riß sich von ihm los. Der Knabe wurde bleich, als er die Flamme immer näher kommen sah, und bat Jakobinen, mit ihm zu gehen. Vergebens; sie befürchtete, ermordet zu werden. Gut, so will ich mit dir sterben! sagte der kleine Lissow, und umarmte seine weinende Schwester. In diesem Augenblicke – die Treppe im Hause brannte schon – flog die Thür auf. Der Ritter stürzte in das Zimmer herein; und mit ihm schlug die Flamme dem Zuge der Luft nach. Er hob Jakobinen auf seinen Arm, nahm den Knaben bei der Hand, war in zwei Sätzen durch die Flamme, und hinter ihm stürzte die Treppe. Alle drei blieben unbeschädigt; nur ihre Haare waren versengt, die Kleider von Funken ergriffen. Schnell eilte der Ritter mit den Kindern durch den Tumult auf das Feld, und verbarg 402 sich hinter einigen Gebüschen. Aber er mußte weiter, da die Wagen der Husaren anrückten. Nun wollte er seitwärts ausbeugen und wieder nach dem Dorfe hin; doch auch von daher kamen Husaren. Es war ihm unmöglich, das Dorf wieder zu erreichen, weil die Husaren langsam hinter ihm aufmarschirten. Er wußte die Ursache des Plünderns, des Gemetzels nicht, fürchtete daher das Ärgste, und trug Jakobinen, die sich gar nicht von ihrer Angst erholen konnte, immer weiter. Als er eine ziemliche Strecke von den Husaren entfernt war, setzte er das Mädchen nieder. Sie verlangte nach ihrem Vater; und er sagte ihr: der sey voraus gegangen. Nun hatte Jakobine auf einmal alle ihre Kräfte wieder, und eilte mit vorwärts. Noch immer stieg hinter ihnen und von allen Seiten der Staub des fortrückenden Regiments auf. Als der Ritter einige Stunden so gegangen war, fand er einen Marketender, und bat ihn, die Kinder auf seinen Karren zu nehmen. Der Marketender nahm sie auf, fuhr weiter, bis Abends spät, wo er endlich fütterte und ein Feuer anzündete. Rheinfelden wußte nicht mehr, welcher Weg ihn nach Zaringen führen sollte; und auch der Marketender, der selbst fremd war, und sich von einem Infanterie-Regimente, zu dem er gehörte, verloren hatte, konnte ihn nicht zurecht weisen. In der ganzen menschenleeren Gegend war kein Bote zu haben, der dem unglücklichen Lissow hätte ankündigen können, daß seine Kinder noch lebten. Der Ritter sah sich, weil Jakobine von dem Schrecken Fieberanfälle bekommen hatte, am folgenden Tage gezwungen, mit dem Marketender weiter zu ziehen, um ein 403 Fuhrwerk für das Kind zu haben. So entfernte er sich mit den beiden Kindern immer mehr von Zaringen und dem unglücklichen Lissow. Er gewann den Marketender durch ein paar Goldstücke, ihn für seinen Knecht auszugeben, und nun befand er sich nach einigen Tagen mitten in der Russischen Armee. Jetzt gab er sich alle ersinnliche Mühe, etwas von Lissow und dem Baron zu erfahren; aber niemand konnte ihm mehr sagen, als daß Zaringen ganz niedergebrannt wäre und alle Einwohner sich zerstreuet hätten. Endlich verschaffte er sich einen Paß von dem Russischen General, und ging nun mit den beiden Kindern nach Berlin. Hier ließ er eine Anzeige für Lissow in alle Zeitungen setzen; aber es war unmöglich, Nachrichten aus dem Rücken der Russischen Armee zu bekommen. So mußte der Ritter es dem Schicksale überlassen, ob Lissow die Rettung seiner Kinder erfahren würde. Er ging, nachdem er lange vergebens gehofft hatte, mit den beiden Kindern endlich auf seine Güter; und nun erst schien es ihm, als ob Jakobine mit ihm versöhnt sey, und der Himmel ihm verziehen habe. Auch der Baron war so wenig todt wie Lissows Kinder. Er warf sich mit einigen Officieren unter die Plünderer, vergaß, daß er jetzt nichts zu befehlen hatte, riß einen Husaren von hinten zurück, und stürzte von einem Säbelhiebe, der indeß nicht gefährlich war, zu Boden. Schrecken und Blutverlust hatten ihn blaß gemacht. So sahen einige Bauern ihn liegen, und hielten ihn für todt. Iglou schrie laut. Gleich einer wüthenden Löwin drängte sie sich durch 404 den Haufen, und suchte den Baron, von dem sie getrennt war. Julie hatte ihr ein paar Husaren mitgegeben, welche sie schützen sollten. Diese gingen neben ihr, und hatten sie angefaßt. Natürlich glaubte man nun, sie sey von den Russen weggeschleppt. Sie fand endlich den Baron, warf sich über ihn her, und jammerte vor Verzweiflung. Es war ein rührendes Schauspiel, als Iglou neben dem Baron auf den Knieen lag, seine Hände küßte, und des Wundarztes Knie umfaßte, weil er sagte: die Wunde hat nichts zu bedeuten. Der Baron erholte sich endlich, und ging mit ihr. Julie fuhr in ihrem Wagen an ihnen vorbei, ließ halten, und rief aus dem Fenster ihnen zu: vergeben Sie mir, Herr Baron; ich bin mehr bestraft als Sie. Sie riß eine mit Brillanten besetzte Uhr hervor, und gab sie einem Husaren, daß er sie dem Baron bringen sollte. Dieser schlug sie mit einem verachtenden Blicke aus, zeigte auf die Brandstätte, und sagte: »sieh hin und freue dich; das ist dein Werk! Dieser Anblick begleite dich durch dein ganzes elendes Leben!« Julie wurde bleich. Es war mein Wille nicht! rief sie schmerzlich und ganz außer sich: was machen Sie mir Vorwürfe? Sie warf ihm die Uhr zu; und er gab sie einem Husaren. Julie fuhr traurig ab, und Iglou führte nun den Baron in den Wald, zu Rheinfeldens Hütte. Erst unterweges fragte der Baron nach dem Schicksale seiner Freunde. Iglou meinte, sie waren alle glücklich entkommen; doch mit Sicherheit wußte sie es nicht, da sie sich ganz allein um den Baron bekümmert hatte. Diese treue 405 Anhänglichkeit rührte ihn unaussprechlich. Er blieb stehen, umfaßte sie mit dem rechten Arme, und sagte innig, mit Thränen in den Augen: »Iglou! meine gute Iglou!« Jetzt erst, da seine heftigen Leidenschaften vorüber waren, und andere Empfindungen sich in seine Seele drängten, fing er auf einmal an, den Schmerz seiner Wunde, seine Schwäche, und seinen Verlust zu fühlen. Er setzte sich kraftlos mit Iglou unter einen Baum, und fragte, wohin sie ihn zu führen gedächte. An einen Ort, der dich in Sicherheit bringt, antwortete sie, und redete ihm zu, noch den kurzen Weg zu machen. Er wurde mehr von ihr getragen, als er ging, und endlich kam er mit Iglou zu Rheinfeldens Hütte. Gegen Iglou's Erwartung war der Ritter nicht da. Dies, sagte sie mit Thränen in den Augen, soll deine Wohnung seyn, bis uns ein hellerer Himmel lacht. Wenn treue, zärtliche Liebe dich glücklich machen kann, so sollst du es hier werden. Der Baron wunderte sich, als er hier Bequemlichkeiten fand, welche diese Wildniß nicht versprach. Ich habe, sagte Iglou, unser Geschick geahnet, und für die Zukunft gesorgt. Sie entkleidete den Baron, weil er den linken Arm nicht brauchen konnte, und brachte ihn zu Bett. Dann zündete sie Feuer an, und kochte ihm ein Gericht, das er mit ihr von Einem Teller aß. Nun holte sie ihre Laute hervor, und sang ihm sanfte Lieder voll Geduld und Ergebung. »Iglou! herzensgute Iglou!« rief er noch einmal, streckte ihr die Hand entgegen, küßte ihren Mund, und schlummerte dann, ruhiger als er gehofft hatte, unter ihren sanften Melodien ein. 406 Am folgenden Morgen, als er die Augen aufschlug, fand er das Frühstück schon fertig. Iglou hatte nehmlich, als die Durchzüge der Truppen häufiger wurden, sehr viel hierher getragen, um es vor den Russen zu sichern. Sie verband nun seine Wunde, und erheiterte ihn dann mit Erzählungen, mit Gesang, mit Musik. Der Tag verging dem Baron wie eine Feierstunde. Er bat Iglou, einmal in das Dorf zu gehen und sich um Nachricht von seinen Freunden zu bemühen; aber das schlug sie ihm ab. Als er die Ursache ihrer Weigerung zu wissen verlangte, sagte sie: ich selbst möchte gern Nachrichten haben; doch ich gehe nicht. Man könnte mich erblicken, mich wegschleppen, mich sogar tödten. Wenn du gesund wärst, möchte man das; ich stürbe dann für dich. Aber jetzt? Wer sollte dich pflegen, wer für dich sorgen, wer dein Essen bereiten? Jetzt bin ich dir nothwendig. Sobald du mich entbehren kannst, will ich gehen; dann wage ich nur mein , und nicht auch dein Leben. Der Baron antwortete ihr mit zärtlichen Blicken, und Iglou wich nicht eine Stunde von seinem Lager. Iglou würde, wenn sie auch wirklich nach dem Dorfe gegangen wäre, keinen Bekannten angetroffen haben. Freilich flohen die unglücklichen Einwohner von Zaringen, als das erste Schrecken vorüber war, nicht weiter. Auf Lissows Antrieb, der noch immer glaubte, seine Kinder wieder zu finden, nahmen viele fürs erste ihren Aufenthalt in einem Walde bei dem Dorfe, und in der Nacht untersuchten sie, ob noch etwas zu retten sey; aber sie fanden nichts als glühende Schutthaufen. Lissow drang darauf, man sollte 407 sich, so gut man könnte, einige Hütten erbauen, da die Ernte noch stehe, und also Lebensunterhalt für den Winter da sey; aber auch diese Hoffnung war bald vernichtet. Am folgenden Morgen trieb eine Menge Wagen, das Gepäck der Russischen Armee, die Unglücklichen aufs neue in den Wald. Die Ernte wurde nun sogleich abgeschnitten und den Pferden vorgeworfen, oder verwüstet. Trostlos sahen die Armen einander an, und schwiegen in starrer Verzweiflung. Grumbach ließ die ganze Gemeinde in einen Kreis treten, und redete ihr zu, den Muth nicht sinken zu lassen. Der Baron lebt noch, sagte er. Wäre er todt, so würden wir seinen Leichnam gefunden haben. Nun, ihr kennt ihn ja, meine Lieben; er wird euch nicht verlassen. Eure Äcker bleiben euch, und Hütten werdet ihr wieder bekommen. Ihr habt noch nichts verloren, meine Freunde, wenn ihr Muth und Vertrauen auf die Vorsehung behaltet. Sonst wäret ihr glücklich; jetzt beweiset durch Geduld und Muth, daß ihr es zu seyn verdientet. Man hielt nun Rath, was zu thun sey. Zaringen lag an der Heerstraße, die zu der Oder führt; folglich mußte man ewige Durchmärsche der Armeen, und mit ihnen auch neue Verwüstungen, befürchten. Zwar besaß jede Familie noch einen kleinen Geldvorrath, den die Hausmütter auf Grumbachs Antrieb schon früh in die Kleider genähet hatten; aber den an eine ungewisse Hoffnung zu wagen, wäre nicht vernünftig gewesen, da der Krieg noch lange fortdauern konnte. Man beschloß einmüthig, den Frieden, oder doch gewissere Hoffnungen zu ihm, geduldig abzuwarten. Wenn 408 der Baron lebt, sagte Grumbach, und wir etwas von ihm erfahren, oder unsere Hoffnungen besser werden, so lassen wir die Zaringer in der Berlinischen Zeitung auffordern. Bis dahin, meine Kinder, thue jeder von euch, was ihn gut dünkt. Wir können nicht beisammen bleiben; Trennung ist nothwendig. Aber zieht euch, wenn ihr meinem Rathe folgen wollt, weiter gegen die Gränze von Preußen. An der Oder ist der Aufenthalt der Armeen. Haltet euch so entfernt von ihnen wie möglich, oder sucht euer Brot bei der Armee selbst. Der Prediger hielt nun noch eine kleine Ermahnung an sie, worin er sie bat, tugendhaft zu bleiben. Alle versprachen es sich unter einander, laut weinend. Man ging noch einige Tage in Gesellschaft; dann trennten sich die Familien nach und nach. Der Prediger, Grumbach und Lissow blieben zusammen, um in Königsberg Ruhe zu suchen. Der Amtmann ging nach Stettin, wo er Verwandte hatte. Das alles geschah nicht unvorbereitet; Grumbach hatte hierüber, als über einen möglichen Fall, oft mit dem Baron gesprochen, und dieser konnte also ziemlich sicher wissen, wo seine Freunde und seine Unterthanen sich aufhalten würden. Man trennte sich, in der Hoffnung, einander wieder zu finden. Der Baron setzte indessen sein Einsiedlerleben mit Iglou fort, und erkannte immer mehr, wie reich des Mädchens Herz an Liebe, Tugend und Freundschaft war. Sein Verlust hatte größere Wirkung auf ihn gethan, als er dachte. Er überrechnete in Gedanken, wie viel ihm noch übrig bleiben 409 würde, wenn er seine Güter wieder in den Stand setzen wollte, in welchem sie gewesen waren. Unfehlbar mußten Wohnung und Viehstand allein beinahe alles wegnehmen, was er noch etwa aus dem Bankerot des Handlungshauses zu retten hoffen konnte. Je mehr er diesen Gedanken nachhing; desto tiefer und schmerzlicher fühlte er seinen Verlust. Das einzige Buch, das er, nebst einigen Heften über sein Menschenracen-System, gerettet hatte, war ein Band von Seneca. Er ließ sich von Iglou die Schrift: de consolatione (vom Troste) wohl hundertmal vorlesen, besonders die Stellen, welche die Trostgründe gegen Armuth enthalten. Aber er fühlte jetzt, daß es ein Anderes ist, bei Reichthum über Armuth zu philosphiren, als bei Mangel und Noth. Doch wenn er schwermüthig wurde, so setzte Iglou sich hin, und kommentirte eine Stelle, bei der sie im Vorlesen abgebrochen hatte, mit einem tröstenden Gesange, und mit Versicherungen ihrer ewigen Liebe. Bald erinnerte sie den Baron, daß der nicht arm ist, der aus dem Schiffbruche seines Glückes noch einen Freund gerettet hat; bald erheiterte sie ihn mit den Bildern einer lachenden Zukunft, mit Hoffnungen, die ihr Glaube zur Gewißheit erhob. Kurz, Iglou's Liebe tröstete ihn mehr als Seneca's Schriften de consolatione, de constantia sapientis, de providentia Vom Troste; von der Standhaftigkeit des Weisen; von der Vorsehung. . Durch ihre Heiterkeit, ihre Geduld bekam auch er Geduld und Heiterkeit wieder. 410 Seine Wunde schloß sich, und er fand nun Geschmack an diesem Einsiedlerleben. Was könnte durch die Liebe nicht Reitze erhalten! – Mit unerschöpflicher Erfindsamkeit wußte Iglou alle Bedürfnisse des Lebens anzuschaffen oder zu verfertigen. Der Baron konnte nicht länger zusehen, wie seine gute Iglou alles für ihn that, und er für sie nichts. Er fing nun an, die Sorgen der Haushaltung mit ihr zu theilen; und diese Beschäftigungen, die er sonst verachtet hatte, rissen ihm den Tag schneller hin als ehemals seine Bücher und seine Spekulationen. Jetzt begriff er, wie die rohen Völker in dem Kreise ihrer Beschäftigungen das ganze Leben zubringen und glücklich seyn können, ohne je darüber zu philosophiren. Er sammelte auf seinen ehemaligen Feldern und in seinen Gärten Wurzeln, Gemüse für den Winter ein, auf den Fall, daß er gezwungen wäre, noch länger mit Iglou hier zu bleiben; er vergaß den Seneca und alle seine Systeme über einen Keller für seine Lebensmittel, den er graben wollte. Freilich machte er einige Male Versuche, mit Iglou aus dem öden Walde wegzukommen und eine Stadt zu erreichen; aber die ganze Gegend war mit räuberischen Kosaken bedeckt, und menschenleer. Wenn er ja einmal einen Menschen antraf, so hörte er weiter nichts als Erzählungen von den Grausamkeiten der Feinde. Bei diesen Umständen hatte Iglou nicht viele Mühe, ihn zu bereden, daß er wieder umkehrte. Diese Versuche dienten zu weiter nichts, als daß der Baron einsehen lernte, woher die wilden Nationen so scharfe Sinne haben und alle äußeren Gegenstände sich so genau merken können. 411 Ehe der Baron und Iglou ihren sichern Aufenthalt verließen, besprachen sie sich über die Mittel, ihn wieder aufzufinden, wenn sie etwa nicht fortkommen könnten. Sie gingen nur bei Nacht; am Tage verbargen sie sich in Gehölze oder Waldungen. Iglou rieth dem Baron, auf die Sterne, auf den Zug der Luft, und auf andre Umstände zu merken. Er horchte bei jedem kleinen Geräusche, und bestieg mit Iglou jeden Hügel, um zu sehen, ob nicht etwa Kosaken zu entdecken wären. Dies that er mit aller möglichen Anstrengung, und sah und hörte nun in Kurzem so scharf, wie er es einem Celten nie zugetrauet hatte. Sieh, sagte Iglou, so macht man bei uns alle Reisen, ja noch mit weit größerer Vorsicht. Wilde Thiere, und noch wildere Menschen, drohen dem Reisenden den Tod. Meine Landsleute müssen ihre Sinne wohl schärfen. Wir können an den Fußstapfen die feindlichen Horden unterscheiden, so wie du jetzt sehen lernst, ob die Spuren der wilden Kosaken neu oder schon älter sind. In Strecken von zwanzig Meilen, und oft noch weiter, findest du bei uns keine Hütte. Wege sind in dem Sande gar nicht zu sehen; und wer sich irrt, ist verloren. Daher merken wir so genau auf alles Auszeichnende, auf jeden einzelnen Strauch. Wir gewöhnen uns sogar, uns eine Gegend aus einem andern Punkte zu denken, als in dem wir stehen; und es gelingt uns: denn die Gefahr macht dem Menschen alles möglich. Du glaubst nicht, wie viel besser meine Landsleute sich auf ihre Sinne verlassen können als hier die Deutschen. Aber natürlich! Ihr habt hier Dorf an Dorf, Stadt an Stadt, Weg an Weg, 412 Meilenzeiger, allenthalben Menschen, die ihr fragen könnt; wozu hättet ihr nun so scharfe Augen und Ohren nöthig? Doch der Jäger, der sie braucht, hat sie fast eben so scharf wie meine Landsleute. Iglou erzählte das nur, um dem Baron die Zeit zu vertreiben, und wußte nicht, daß sie dadurch einen Theil seines Systems von den Menschen-Racen umwarf. »Die schlechteren Menschen-Racen«, hatte der Baron wohl hundertmal gesagt, »haben schärfere Sinne als die Celten«; und nun lernte er hier aus eigener Erfahrung, daß Übung und Noth auch dem Celten diese scharfen Sinne geben. Er selbst hörte jetzt, weil er vor den Kosaken und ihren Säbeln zitterte, in der größten Ferne das Wiehern und den Gang der Pferde. Sein Leben hing davon ab, die Hütte im Walde wieder zu finden; und nun war der Weg, den er über Felder und durch Heiden nehmen mußte, so bestimmt und lebendig in seiner Phantasie, daß er sich getrauete, ohne Iglou ihn wieder zu gehen. Er konnte jetzt mit Iglou um die Wette, auch in beträchtlicher Entfernung, Felder, wo Rüben oder Herbstgemüse standen, von allen andern unterscheiden. So schlimm hatte noch niemand seinem System mitgespielt wie jetzt er selbst. Der Baron und Iglou gingen nach einem vergeblichen Versuche von einigen Tagen denselben Weg, den sie gekommen waren, zurück, ohne zu fehlen, und erreichten ihre Hütte wieder. Nun verschob der Baron seine Reise bis auf den Winter, und machte mit Iglou Anstalt, auf allen Fall noch drei Monathe da leben zu können. Beide sammelten 413 die Überreste von Obst in Zaringen; und selbst die nicht eingestürzten Rauchfänge einiger Hütten verschafften ihnen einen Vorrath von Lebensmitteln. Sie gruben den Schutt des Schlosses auf, um zu dem Keller zu kommen, und waren so glücklich, ihn zu öffnen. So verschwanden durch Nachdenken und Arbeitsamkeit alle ihre Sorgen, und der Baron wurde heiter, weil seine Plane ihm so gut gelangen. Iglou bereicherte die kleine Wirthschaft noch mit mancher Bequemlichkeit, die sie unter dem Schutte fand, und brachte einmal sogar auch einige Bücher mit, die der Zufall ihr gegeben hatte. Der Baron warf sie verächtlich an die Seite, und sagte: »Iglou, ich lerne immer mehr, daß Weisheit und Glück nicht in Büchern, sondern in dem Herzen der Menschen wohnen!« Iglou lächelte ihm Beifall zu. Sobald die nothwendigen Arbeiten gethan, die Hütte gegen die Kälte des Winters geschützt, ein Holzvorrath angeschafft, die Lebensmittel gegen Fäulniß und Frost gesichert waren: sorgten der Baron und Iglou auch für das Vergnügen, für die Bequemlichkeit. Noch nie fühlte er sich so heiter, so zufrieden als jetzt, wenn er mit Iglou den Tag über gearbeitet hatte, sich nun Abends ermüdet in einen von ihm selbst gezimmerten Lehnstuhl warf, und Iglou dann die Laute nahm, um ihren Gesang damit zu begleiten. Aber nie war auch sein Herz so voll von Iglou gewesen wie jetzt. Er hatte sie Anfangs für sich arbeiten lassen; jetzt fand er Vergnügen daran, für sie zu arbeiten. Es war ihm unmöglich, eine Bequemlichkeit zu genießen, die Iglou nicht mit ihm theilte; und er empfand ganz bestimmt ein 414 höheres, verlangenderes Wohlwollen für sie in seiner Seele. Ihre Gesänge drangen nun tiefer in sein Herz, und versetzten ihn in dunkle, sehnsuchtsvolle Träumereien. Er konnte jetzt mit Wohlgefallen ihre Gestalt betrachten, und sie schien ihm noch einmal so edel, so schlank als sonst. Oft saß er neben ihr, hielt ihre Hand, seufzte, schwieg, und war dennoch glücklich. Er fing an, jede Beschäftigung mit ihr zu theilen, half ihr in der Küche, bei der Wäsche, oder stand doch neben ihr, sah ihr zu, und sprach mit ihr. Kurz, Iglou's tausendfältige Dienste, ihre Freundschaft, ihre Treue, ihre innige Liebe, ihr Geist, ihr Charakter, ihre Tugend machten endlich tiefen Eindruck auf das Herz des Barons; und ihre Liebkosungen, ihre Umarmungen, ihr zärtliches Hingeben, das durch keinen fremden Eindruck mehr gestört wurde, erregten auch seine Sinnlichkeit. Er sah kein andres weibliches Geschöpf mehr als seine Iglou. Schon längst war sie ihm nicht mehr häßlich gewesen, und jetzt fing sie an, ihm sogar reitzend zu scheinen. In der stillen Abenddämmerung saß er so oft bei ihr, wenn sie die Laute spielte, und hatte seinen Arm um sie geschlungen. Dann drückte er sie zärtlich an sich; und sie erwiederte seine Liebkosungen. Er lag an ihrem Busen, an ihren Lippen, und seine Phantasie wurde aufgeregt. Iglou war ja das einzige Geschöpf, dem er seine Empfindungen mittheilen konnte; und natürlicher Weise hatten auch alle seine Empfindungen nur sie zum Gegenstande. Ohne es selbst zu wissen, liebte er sie wirklich. Er nannte seine Empfindung: Freundschaft; aber sie war die zärtlichste Liebe geworden. 415 Allmählich stiegen Begierden, Ahnungen, Sehnsucht und Wünsche bei ihm auf, die ihn über die Natur seiner Gefühle zweifelhaft machten. Besonders war Abends sein Herz gewöhnlich so voll, daß er sich gestehen mußte, seine Empfindung für Iglou sey anders als sonst. Eines Abends, da sie wieder neben ihm saß, ihm vorsang, und er seinen Arm um ihren Leib geschlungen hatte, drückte er sie auf einmal heftig an sich, und rief: » o, meine geliebte Thusnelde!« Dies Wort vollendete. Dunkle Empfindungen, welche ehemaligen ähnlich waren, hatten es hervorgerufen, und es gab nun diesen dunkeln Empfindungen einen hohen Grad von Klarheit und Stärke. Die Gefühle, die er einmal in Juliens buhlerischen Umarmungen gehabt hatte, erwachten wieder in ihm, und hefteten sich auf Iglou. Sie schien ihm jetzt so schön, so lockend, so reitzend wie ehemals Julie, ja noch reitzender, da ihre Tugenden mehr Liebe verdienten. Er schlang beide Arme um seine neue Thusnelde, drückte sie mit Heftigkeit an sich, und sagte ihr, daß er unaussprechliche Liebe für sie fühle. Nun endlich kam der süße selige Augenblick für Iglou, da ihre treue, heiße Liebe durch Gegenliebe belohnt wurde. Schon längst hatte sie alle Hoffnung dazu aufgegeben, und auch jetzt konnte sie sich noch nicht überreden, daß ihr allzu großes Glück wirklich sey. Sie glaubte seinen furchtsamen, zitternden Bitten um Gegenliebe noch nicht, nicht dem Taumel, worin ihr Händedruck, ihre Seufzer, ihre Liebkosungen ihn versetzten. Dies alles schien ihr eine überspannte Dankbarkeit, eine stürmische Überraschung 416 seiner Sinne, wie in jener Nacht zu Frankfurt. Nein, rief sie, und drängte ihn mit schwacher, zitternder Hand von ihrer Brust zurück: nein, du liebst mich nicht! du kannst mich nicht lieben! O, gieb mir keine Hoffnungen, die nicht erfüllt werden können! Sie würden den letzten Keim meines Lebens tödten. »Iglou«, sagte der Baron mit Innigkeit, »ich liebe dich. Ja, theure Iglou, ich liebe dich unaussprechlich! Ach, lange habe ich selbst daran gezweifelt; doch nun fühle ich, daß ich ohne deinen Besitz nicht leben kann.« Iglou war voll der seligsten Freude. Laut weinend lehnte sie ihr Gesicht auf seine Schulter, und ihr Herz schlug vor hoher Wonne, ihre Arme zitterten. Jetzt fing sie an zu glauben, daß er sie liebe, und doch zweifelte bald sie wieder. Sie drückte ihn an ihre Brust, wollte sich von ihm losreißen, und schlang die Arme nur noch fester um ihn. Ihre innige Bewegung ergoß sich auch in das Herz des Barons. Er fühlte in diesem Augenblicke die reine Seligkeit der heiligsten Liebe; seine Sinnlichkeit war verschwunden, und eine unnennbare Ruhe, eine himmlische Zufriedenheit an ihre Stelle getreten. Er faßte Iglou's Hand, und bat sie, sich neben ihn zu setzen. Nun beschrieb er ihr genau seine ehemaligen Empfindungen für sie, und dann auch seine gegenwärtigen. Nach jedem neuen Symptome fragte er: »sag, Iglou, ist das nicht Liebe? heiße Liebe?« Er verhehlte ihr nicht, wie der Nahme »Thusnelde!« aus seinem Munde gekommen war, und was er bei ihm gewirkt hatte. »Aber, liebe Iglou«, fuhr er fort; »selbst aus dieser 417 sinnlichen Empfindung beweise ich dir, daß ich dich liebe, daß ich ohne deinen Besitz nicht glücklich seyn kann. Ja, Iglou, du mußt mein werden. Meine Hand, mein Herz, mein Nahme, alles, was ich bin, ist dein. O wollte Gott, daß ein Prediger hier wäre! er sollte sogleich unsre Hände zum ewigen Bunde in einander legen. Aber sieh, Iglou! dort, dort! (Er zog sie von dem Sitze auf, und öffnete die Thür der Hütte.) Dort die Sterne, und der Ewige über ihnen, sind die Zeugen des Bundes, den ich jetzt mit dir schließe. – Willst du meine Frau seyn?« Iglou sank voll inniger Empfindung auf die Kniee, streckte die Hände zu dem Himmel empor, und betete um Stärke, jetzt Nein sagen zu können. Sie sprang wieder auf, flog an des Barons Brust, umarmte ihn heftig, und sagte mit schmelzender Stimme: ich bitte dich um Eins. Willst du es mir gewähren? – »Ich will es!« erwiederte der Baron. – Sie war auf dem Wege, ihre eigne Glückseligkeit zu hindern, und dennoch brachte sie endlich schluchzend hervor: nun, ich habe dein Versprechen. Frage mich, so lange wir allein sind, nie wieder, ob ich deine Gattin seyn will! Er wollte die Ursachen dieser sonderbaren Bitte wissen; aber sie sagte ihm nur: er würde sie in der Folge erfahren. Sie blieb unerbittlich, so sehr der Baron auch in sie drang. In dem Feuer des Gespräches und der Umarmungen brach er sein Wort einmal; sie erinnerte ihn sehr ernst daran, und er war gezwungen zu schweigen. Iglou schloß in der ganzen Nacht kein Auge. Am Morgen vermuthete sie, des Barons Leidenschaft würde sich abgekühlt haben, und nun eine 418 Scene, wie die in Frankfurt, erfolgen; aber er blieb eben so zärtlich, wie er den Abend vorher gewesen war. Er bat Iglou, ihm wenigstens die Versicherung ihrer Liebe zu geben, wenn sie ihm auch jetzt ihre Hand noch nicht versprechen wollte. Sie blickte ihm mit der innigsten Liebe in die Augen, und legte dann schweigend ihre Wange an seine Brust. Es schien ihr sonderbar, daß der Baron sich damit nicht begnügte, und in sie drang, ihm ihre Liebe mit einem bestimmten Ja zu versichern. Sie that das; doch selbst damit war er nicht zufrieden. Er warf Iglou ihre Kälte vor, und betheuerte ihr, daß sie ihn nicht halb so zärtlich liebe wie er sie. Kurz, er beging alle die Thorheiten, zu denen die Liebe immer treibt. Die glückliche, unendlich glückliche Iglou! Alle die langen kummervollen Jahre des hoffnungslosen Grams ersetzte ihr itzt eine Minute; und dennoch schien sie nicht anders zu seyn als sonst. Gerade das machte der Baron ihr zum Vorwurfe. So wenig er vorher den stillen Gram ihres Herzens gesehen hatte, so wenig sah er jetzt das hohe Entzücken, unter dem ihre Seele beinahe erlag. Ihre Augen hingen fast immer voll Thränen, ihre Brust arbeitete stets unter der süßen Last ihrer Gefühle. Sie mußte sich hüten, ihre Augen auf den Geliebten zu richten; denn ein zärtlicher Blick von ihm setzte sie jedes Mal außer sich, so daß sie beinahe zu seinen Füßen niedergesunken wäre. Dann aber hätte er sie umfaßt; ach! und sie wäre gewiß ihren Vorsätzen untreu geworden. 419 So wahrscheinlich, so gewiß es ihr jetzt bei seiner immer wachsenden Zärtlichkeit wurde, daß er sie wirklich liebte, so stand doch der unglückliche Gedanke: er liebt mich nur, weil er mit mir allein ist! immer vor ihrer Seele, und goß einen Tropfen Wermuth in ihr Entzücken. Die Liebenden waren Beide allein, und jeden Augenblick beisammen. Iglou's Lager stand nicht eine Elle breit von dem seinigen entfernt. Sie hörte seine Seufzer, er die ihrigen; und ihre Hände ruheten verschlungen in einander, bis der Schlummer sie trennte. Liebkosungen, Umarmungen, Betheuerungen ewiger Treue, flammende Liebe, Einsamkeit, Stille und Dunkelheit bekämpften das heiße Herz des Mädchens, und zogen sie einer Schwäche entgegen, die selbst der strengste Rigorist unter solchen Umständen wohl nur »menschlich« genannt haben würde; und dennoch besiegte ihre Tugend alle diese Feinde. Iglou wußte aus des Barons eignem Munde, daß er sie, wenn er in Frankfurt mit ihr gefallen wäre, von dem Augenblicke an als sein Weib betrachtet haben würde; und sie kannte seine Redlichkeit. So war sie denn, wenn sie sich ihm ergab, seiner Hand gewiß; aber eben das verlieh ihr Stärke, allen Angriffen, ihrem eigenen brennenden Herzen, und – warum sollte man es nicht sagen? – ihrer Sinnlichkeit zu widerstehen. Vielleicht, dachte sie seufzend, verschwindet dieser Taumel bei ihm wieder, wenn er nichts anders ist als Sinnlichkeit. Er liebt mich wohl nur, weil er mich mit keinem anderen weiblichen Geschöpfe vergleichen kann. Könnte er das, ach! vielleicht würde dann mein 420 armes Herz wieder ein Raub des alten Grames. Nein! und sollte mein Herz brechen, ich gebe ihm meine Hand nicht eher als unter Menschen, unter den Augen der weißen Mädchen, die alles haben, was ihm gefallen kann, nur nicht mein Herz für ihn. – Sie blieb ihrem Vorsatze treu, und siegte, so schwer der Baron und ihr eignes Herz ihr den Kampf auch machten. Mehr als Einmal schwebte sie nahe an dem Rande des Abgrundes; aber mit der Kraft, welche wahre Tugend im Augenblicke der Gefahr immer hat, riß sie sich wieder zurück. Die Tage verschwanden Beiden nun wie Augenblicke unter kleinen Zänkereien der Liebe, unter Versöhnungen, unter Arbeit, Sorge für einander, unter Spielereien, unter den tausend Kleinigkeiten, welche die Liebe so wichtig macht. Nie war Iglou, nie war der Baron so glücklich gewesen wie hier bei so mancher Entbehrung und mitten in der Einsamkeit. Die kleine elende Hütte wurde ein Aufenthalt des höchsten Glückes, das die Vorsehung auf der Erde ertheilen kann: ein Aufenthalt der Liebe, der Tugend und der Zufriedenheit. Gewiß, wenn nicht Mangel und Sorge für die Zukunft die Liebenden erinnert hätten, daß hier ihre Wohnung nicht bleiben könne: ihr Herz, ihre Wünsche würden sie nicht daran erinnert haben. Sie hatten die Russen, die ganze Erde vergessen, und lebten nur in sich selbst. O, wehe dem Menschen, der, um sich für glücklich zu halten, mehr braucht als Liebe, Tugend, eine kleine Hütte, ein Kornfeld, und einen Garten! Iglou und der Baron bedurften nicht 421 mehr; und hätte sie ihm ihre Hand gegeben, so würde er es auch mit dem rauhen Winter aufgenommen und seine glückliche Stille nicht verlassen haben. Noth trieb sie in die Hütte, welche Liebe ihnen zu einem Paradiese machte; Liebe trieb sie wieder unter die Menschen, von denen sie so gern entfernt geblieben wären. Dem Baron wurde endlich die Hütte, die Wohnung seines Glückes, zuwider, und er wünschte, sie verlassen zu können, um noch glücklicher zu werden. Iglou liebte ihn, das sah er augenscheinlich; aber die ganze Gewalt seiner Liebe konnte das zärtliche Mädchen nicht dahin bringen, ihm zu sagen, daß sie seine Gattin seyn wollte. Er liebkoste ihr, drang in sie mit Bitten, mit Schwüren, zärtlichen Vorwürfen, Umarmungen, zog sie auf seine Kniee, lehnte ihre Wange an sein Herz, mahlte ihr in dieser vertraulichen Stellung das Glück ihrer Ehe mit den reitzendsten Farben, und lockte dadurch Thränen der Freude aus ihren Augen, Seufzer der süßesten Sehnsucht aus ihrer Brust. Nun fehlte nichts mehr als ihr Versprechen, seine Gattin zu werden. Es lag schon auf den lächelnden Lippen, in den vor Freude glänzenden Augen. Er wollte es hervorreißen. »Nun, Iglou, theure, geliebte Iglou; willst du mein Weib werden? Sag doch Ja; ich bitte dich bei unsrer Liebe darum.« Sie seufzte, legte ihm die Hand auf den Mund, und sagte: Flaming, was hast du mir versprochen? O, thu die Frage nicht wieder, so lange wir allein sind. Ich kann, ich darf sie jetzt nicht beantworten! »Nun wohl, so laß uns die Einsamkeit verlassen, Iglou. 422 Ohnehin kommt der Winter.« Iglou schwieg; ach, sie befürchtete, daß unter Menschen ihr Glück wieder zusammen stürzen würde. Sie wollte, wenn es nur ein schöner Traum wäre, gern noch länger so fort träumen; allein Flaming drang mit aller ersinnlichen Gewalt auf ihre Abreise. »Ich will, ich muß wissen«, sagte er, »ob ich der glücklichste Mann oder der unglücklichste seyn soll.« Gern hätte Iglou gerufen: du ein glücklicher Mann; ich das glücklichste Weib! aber sie schwieg und seufzte. Beide dachten nun mit Ernst auf ihre Abreise. Sie forschten die Gegend aus, und fanden schon wieder hier und da einzelne Menschen, welche ihnen die Nachricht gaben, daß die Russen sich die Oder weiter hinunter gezogen hätten. Doch wäre, setzte man hinzu, die Straße noch immer nicht sicher, weil die Östreichischen leichten Truppen die Verbindung zwischen beiden Armeen machten. Der Baron wollte gern nach Berlin hin, wo seine Mutter sich jetzt bei Käthen aufhielt. Iglou ließ sich die Wege, die Gegenden bezeichnen, welche am sichersten waren, und Beide traten nun, mit einer Büchse, einem Hirschfänger bewaffnet, und mit Lebensmitteln versehen, ihre Reise an. Die Gefahr schien ihnen größer, als sie war. Die Russen und auch die Östreicher hatten sich zurückgezogen. Nur am ersten Tage sahen sie noch Spuren von Verwüstung. Den folgenden Mittag stießen sie schon auf ein Dörfchen, wo die Einwohner wieder Hütten gebauet hatten, freilich um sie im künftigen Frühjahre noch einmal zu verlieren. Des Barons Gesicht erheiterte sich, als er das Dorf erblickte. 423 Er schloß in froher Trunkenheit Iglou an seine Brust, und weidete sich dann an dem Anblicke von thätigen Menschen, die zum Theil noch beschäftigt waren, sich aufs neue einzurichten. Aber auf einmal faßte er Iglou's Hand mit einem heftigen Entzücken, und sagte mit zitternder, froher Stimme: »nun, Iglou, sind wir unter Menschen. Jetzt frage ich dich: willst du meine Gattin werden? Sieh hin, dort steht ein Geistlicher. Ich habe Wort gehalten; nun aber, liebe, theure Iglou ...« Iglou gerieth in Verlegenheit, weil des Barons Dringen ihre ganze Absicht störte. Aber schnell fiel ihr ein Vorwand ein, den er selbst gegründet findet mußte. Lieber Flaming, sagte sie: wenn ich auch hier Ja sagen wollte – was würde es dir und mir helfen? Ich bin noch nicht getauft. Flaming konnte die Richtigkeit dieser Einwendung nicht bestreiten, und schwieg mit gerunzelter Stirn; aber desto schneller eilte er nun nach Berlin, und bezog dort seine vorige Wohnung, die gerade offen stand. An Gelde fehlte es ihm und Iglou nicht, da Beide ziemlich viel in ihre Kleider eingenähet hatten. Noch am Tage seiner Ankunft sorgte er für Kleider, und dann sprach er mit einem Prediger, der Iglou unterrichten und nachher taufen sollte. Er sagte Iglou, was er gethan hatte, und bat sie dringend, ihm nichts in den Weg zu legen. Sie weinte Freudenthränen, aber dennoch forderte sie von ihm, er sollte sie nun einen Monath lang sich selbst, der Einsamkeit und dem Unterrichte des Predigers überlassen. Als er eingewilligt hatte, bat sie ihn noch, bei der Frau von Graßheim zu wohnen und von 424 seinem Verhältnisse mit ihr den ganzen Monath hindurch zu schweigen. »Wohl, Iglou! auch das!« sagte der Baron. »Aber wenn der Monath vorbei ist – was dann? was dann?« Dann will ich, was du wünschest. »Was ich wünsche, Iglou? Weiter nichts in der Welt als deine Liebe und deinen Besitz. Iglou, du hast Mißtrauen gegen mich. Glaube mir, ich werde nie etwas wünschen als den Besitz deines Herzens, und dich ewig lieben. Nun, so leb wohl auf einen Monath.« Der Baron ging zu Käthen, der er ihren muthwilligen Streich mit den Porträts, an den er überdies jetzt gar nicht dachte, schon längst vergeben hatte. Bei ihr fand er auch seine Mutter, die sich aus Schlesien, des Krieges wegen, hatte entfernen müssen. Nach den ersten frohen Umarmungen wurde er sichtbar traurig. Man schrieb diese Stimmung dem Verluste seiner Güter zu; er trauerte aber um nichts als um Iglou's Abwesenheit. Käthe hatte den Plan, ihren Vetter zu verheirathen, noch gar nicht aufgegeben. Sie brachte ihn in Gesellschaft mit den schönsten Mädchen in Berlin; aber er sah sie kaum, weil er nur an Iglou dachte. Käthe fragte ihn nun, ob er etwa wieder eine Braut hätte; und er schwieg, weil er es Iglou versprochen hatte. Sie suchte ihn mit sehr hübschen blonden Mädchen in Unterredungen zu verwickeln, und die Mutter unterstützte sie bei ihren Planen; aber er war gefällig, höflich, freundlich, und nichts weiter: er liebte, und hatte für jetzt alle seine Systeme vergessen. Seine Mutter 425 fand ihn viel vernünftiger, als sie ihn sich gedacht hatte, und weinte fast bei jeder Unterredung mit ihm an seinem Herzen süße mütterliche Thränen. »Ja, meine theure Mutter«, sagte er einmal: »ich ging wohl mitunter zu weit, ob ich gleich – das versichere ich Ihnen – nie ganz Unrecht hatte; aber dieses Herz blieb immer Ihrer werth. Ich theilte die Menschen in Klassen ein, und glaube noch jetzt, daß meine Meinung richtig ist, sobald ich nur Ausnahmen zugebe; aber nie habe ich einen Menschen, von welcher Klasse er auch war, gehaßt oder gedrückt. Ja, liebe Mutter, in jedem Augenblicke meines Lebens wird mein Herz nur für den Menschen und für sein Wohl schlagen. Wenn ich nichts gelernt habe, so weiß ich doch mit Überzeugung, daß Tugend mehr ist als Wissenschaft, daß Tugend und Liebenswürdigkeit nicht nothwendig an blauen Augen und blondem Haare hangen, und daß sie unter allen Himmelsstrichen gedeihen können. Ein Mädchen ist meine Lehrerin gewesen.« Ein Mädchen? fragte die Mutter, und wollte mehr wissen. »Sie sollen sie kennen lernen, und das bald!« sagte der Baron mit Entzücken: »die Retterin Ihres Sohnes, seine Freundin, seine ...« – Er brach ab. Geliebte? fragte die Mutter lächelnd. O, mein Sohn, mit Freuden will ich sie an dies mütterliche Herz aufnehmen. – Der Baron wollte sich nicht näher erklären, so viel seine Mutter auch fragte. Sie erkundigte sich nun wenigstens nach dem, was ihr das Wichtigste war, dem moralischen Charakter seiner Geliebten; und der Baron brach in ungemessene Lobeserhebungen 426 über sie aus. Er zog einen Brief von dem Obersten Brensen hervor, der Iglou betraf. Diesem hatte er geschrieben, daß er und Iglou gerettet wären. Der Oberste antwortete ihm: »ich danke Gott, lieber Baron, daß Sie entkommen sind; denn ich liebe Sie. Aber, daß er mit Ihnen auch das edle Mädchen gerettet hat, dessen erhabenen Charakter ich erst aus den Briefen der Hilbert recht habe kennen lernen, das werden ihm alle Unglückliche danken, die sich diesem wohlthätigen Engel in der Folge nähern. Grüßen Sie Ihre Freundin von mir, lieber Baron. Was ich nicht konnte, hat sie doch gekonnt: Ihr verdammtes Menschen-Racen-System über den Haufen geworfen. Gott segne das Mädchen dafür!« Frau von Flaming, die den Obersten Brensen kannte, freuete sich, daß ein so edler Mann ihrer künftigen Schwiegertochter ein solches Zeugniß gab. Sie erzählte Käthen davon, und diese brannte vor Neugierde, ihre künftige Cousine zu sehen. Sie sagte: Von seiner ersten Braut, liebe Tante, habe ich hier viel gehört. Sie soll ein herrliches Geschöpf seyn, die Hilberten: gut wie ein Engel, und auch eben so schön. Die reitzendste Blondine auf der Erde, hat man mir gesagt. Aber der Vetter Quinctius liebt nun einmal die sehr Blonden. Geben Sie Acht, blond wird diese wieder seyn. Ich kann sie mir schon recht denken. Ein schlankes Mädchen, weiß wie Alabaster, mit blaßrothen Lippen, langem blondem Haar, hellblauen Augen. O, wenn ich sie doch erst sähe! Der Baron hielt Wort. Er sah Iglou nicht; aber desto öfter erkundigte er sich nach ihr bei dem Prediger. Dieser 427 erstaunte über den einfachen hohen Geist der Mohrin, und meinte, es hätte, da sie das Religions-System schon recht gut kenne, zu ihrem Unterrichte nur einige Tage, und nicht eines Monaths, bedurft. Doch Iglou bestand auf diese Verzögerung. Endlich kam der Tag der Taufe, die in aller Stille und nur in des Barons Gegenwart vorgenommen wurde. Iglou war tief gerührt, und Flaming nicht weniger. Er beschenkte den Prediger sehr reichlich, und fuhr nun sogleich mit Iglou nach ihrer Wohnung. Kaum war er in das Zimmer getreten, so faßte er ihre Hand, und fragte mit gespannter Erwartung: »nun, Iglou? nun? Nein, ich werde dich nie anders nennen als bei diesem wohlklingenden Nahmen, den ich so liebe.« (Sie hatte bei der Taufe den Nahmen Christiane bekommen.) »Nun Iglou? Ich habe alle Bedingungen erfüllt, und frage dich jetzt noch einmal: willst du meine Gattin seyn.« Und wenn nun meine Antwort Nein wäre? fragte sie ihn mit einem scharfen Blicke. Er erblaßte, und rief: »Gott im Himmel! habe ich mich auch in diesem Herzen betrogen? Ist es möglich? kann auch Iglou falsch seyn? Iglou, du brichst mein Herz!« Dein Herz? rief Iglou; Liebe, Treue, Entzücken sollen es brechen. (Sie warf sich mit einem Strome von zärtlichen Thränen in seine Arme.) Ich bin dein, theurer, geliebter Flaming; ich bin dein! O, verzeihe mir! Ach, wie konnte ich an die Erfüllung aller meiner so oft zerstörten Wünsche glauben! Eine Scene voll unaussprechlichen Entzückens: der 428 Triumph der Liebe. Die Liebe war Tugend geworden, die Tugend Liebe; Beide hatten, eine in das Wesen der andern verwandelt, zwei Herzen vereinigt. Tugend, Freundschaft, Dankbarkeit und Treue, alle die bessern Empfindungen der höheren Seelen, bildeten die Liebe, durch welche diese beiden Menschen so glücklich waren. So lernen die höheren Geister einer bessern Welt sich lieben; mit diesen Empfindungen sinken sie einander an das Herz, schwören sich, eins zu seyn, und der ganze Himmel jauchzt in die heilige Verbindung. Iglou und Flaming standen da, in einander versunken, auf ewig vereinigt: nicht mehr Mohrin und Celte; zwei edle, geistige, glückliche Wesen, die sich ewige Liebe, ewige Tugend versprachen, und mit Sicherheit wußten, daß sie ihren Schwur halten würden. Nun wollte aber der Baron auch nicht länger zögern. Iglou mußte sogleich mit zu seiner Mutter fahren, bei der er Käthen gerade antraf. Er stellte ihr Iglou vor, und sagte: liebe Mutter, dies ist das Mädchen, dem ich alles, was ich bin, verdanke; dies ist meine edle Freundin, meine theure Geliebte, und, wie ich hoffe, in wenigen Tagen meine Gattin. Frau von Flaming war in einer seltsamen Lage. Sie hatte freilich ihrem Sohne eine sonderbare Heirath zugetrauet, und ihn in diesem Punkte gleichsam schon aufgegeben; aber eine Mohrin! das überstieg doch alle ihre Erwartungen. Sie blieb stumm da sitzen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Käthe hingegen äußerte ihren Unwillen ganz sichtbar; sie stand auf, stellte sich in ein Fenster, und murmelte: der abscheuliche Narr! Erst ist ihm kein 429 Mädchen weiß genug; und nun holt er sich eins, das schwarz ist wie die Nacht! – Sie verließ das Zimmer mit auffallender Hitze, ohne noch einen Blick auf Iglou zu werfen. Frau von Flaming sah ihren Sohn an, weil sie anfing zu glauben, er könnte wohl einen Spaß machen wollen; aber die zärtlichen Blicke, die er Iglou zuwarf, überzeugten sie bald von dem Gegentheile, und ihre Verwirrung wurde nun immer größer. Sie fühlte, daß sie etwas sagen mußte, und konnte doch nicht mit sich einig werden, was. Jetzt lächelte sie, und schlug die Augen auf; dann blickte sie wieder zu Boden. »Mutter«, sagte der Baron endlich; »wie sind Sie?« – Ja, mein Sohn, erwiederte sie mit Kopfschütteln: eine Heirath zwischen einem Deutschen und einer Afrikanerin ist so selten, daß ich mich in diesem Augenblicke sehr verlegen fühle. Ich glaube, selbst dieses Mädchen wird meine Betroffenheit natürlich finden. In der That, mein Sohn, ich billige deine Wahl nicht, weil ich nichts billigen kann, was von den gewöhnlichen Verhältnissen so weit abweicht. Wie kannst du lieben, könnte ich fragen, was die Natur so sichtlich durch körperliche Gesetze von dir trennte? Ein höheres Gesetz, sagte Iglou mit zitternder Stimme, ein besseres Gesetz mußte es doch möglich machen; denn wie kann ich ihn lieben? könnte ich wieder fragen. Diese Farbe, fuhr sie traurig fort, und hob ihre schwarze Hand nahe vor ihr thränenvolles Auge – ach! die unglückliche Farbe meines Körpers, trennte unsre Seelen lange, sehr lange; aber soll denn nicht eher, als bis dieser Körper Erde 430 ist, soll nicht schon in diesem Leben Dankbarkeit, Treue, Tugend einmal mehr seyn als der Glanz einer Haut, der Blick eines Auges? Die Geister am Throne des Ewigen würden mich lieben; denn ich fühle mich ihrer werth. Sind nun die Gesetze des Himmels weniger als ein Gesetz, welches das Auge des Menschen giebt? Du verdammst mich zu Unglück, weil ich schwarz bin. Würdest du es nicht für ungerecht halten, wenn man in meinem Vaterlande dich quälte, weil du weiß bist? Ich denke, du handelst nicht gegen mich, wie du solltest. Aber du bist nicht die erste, die durch Verachtung meinem Herzen den Glauben an die ewige Güte beinahe rauben könnte. Nun, wenn der Gram diesen Körper in Staub verwandelt hat, dann werde ich doch einmal wissen, warum der Ewige dieses treue, liebende Herz in eine schwarzgefärbte Brust legte! – Sie schluchzte laut. Ich will dich nicht beleidigen, setzte sie abgebrochen hinzu. Euer Abscheu gegen mich scheint natürlich, weil er so allgemein ist; aber klagen darf ich doch, daß der Ewige mich mit diesem heißen Herzen hierher führte! klagen – und sterben! Sie wendete sich langsam um, und machte eine Bewegung gegen die Thür. Der Baron umfaßte sie mit zärtlicher Heftigkeit, und hielt sie fest. »Mutter«, sagte er zugleich, »wenn Sie dieses Herz erst kennen, so werden Sie es Sich nie vergeben, daß sie ihm wehe thaten.« Iglou's Ton war sanft und eindringend; ihre Worte kamen tief aus der Seele hervor, und in jedem, das sie gesagt hatte, lag ein hoher, geduldiger, seelenvoller Schmerz. Es waren 431 nicht Töne, die schnell verhallen, wenn sie die Lippen verlassen; nein, Geister, welche Ohr und Herz noch immer umschwebten. Die sanfte, alles Edle schätzende Frau von Flaming fühlte unaussprechliche Rührung, aber zugleich noch immer einen heftigen Widerwillen – nicht gegen Iglou, sondern gegen die Verbindung ihres Sohnes mit ihr. Sie würde Iglou von diesem Augenblick an geliebt haben, wenn das Mädchen nicht ihres Sohnes Hand verlangt hätte. Eine Mohrin! Stärker konnte doch in der That eine Mutter nicht auf die Probe gesetzt werden. Sie warf einen nachdenkenden Blick auf Iglou, hatte bald Thränen in den Augen, und verlangte nun sanft eine Unterredung mit ihrem Sohne. Ich weiß, was du willst, sagte Iglou: deinen Sohn bereden, mich zu verlassen. Du könntest ihm alles in meiner Gegenwart sagen. Ich selbst habe gethan; was du thun willst, und seine Verbindung mit mir verzögert. Schon längst könnte ich seine Frau seyn; ich wurde es nicht, weil ich ihn liebe, weil ich ihn glücklich machen wollte. Rede ihm zu, mich zu verlassen. Ich bin mit diesem Opfer lange bekannt, und werde schweigen. – Mit diesen Worten ging sie in das Nebenzimmer. Da war Käthe, die gehorcht hatte, und jetzt Iglou gerührt mit einem Händedruck empfing. Frau von Flaming ließ sich von ihrem Sohne erzählen, wie er mit Iglou bekannt geworden, und wie seine Liebe, wie die ihrige zu ihm, entstanden war. Sie bat ihn, das mit aller Aufrichtigkeit zu thun. Mein Sohn, sagte sie, du hast nicht nöthig, mir etwas zu verhehlen. Sie ist deine Gattin, so bald 432 du willst, so ungern ich es auch sehen könnte. Ich will nichts als dir rathen. Der Baron erzählte. Sobald er anfing in Ekstase zu kommen, kühlte seine Mutter ihn durch ein paar Fragen wieder ab. Sie zitterte, als sie hörte, daß Iglou ihn aus den Händen der Buhlerin Julie gerettet hatte; aber zugleich fühlte sie, daß die Welt eine Verbindung mit dieser Buhlerin nicht so seltsam finden würde wie die mit einer Mohrin. Das sagte sie auch dem Baron. »Die Welt«, erwiederte er, »freilich die würde so denken; aber Sie, Mutter, ich, mein Herz, mein Gewissen, jeder Tugendhafte, Gott – denken auch die so? Und bin ich denen nicht mehr schuldig als der Welt?« – Ja, lieber Sohn; aber die Welt verlangt Rechenschaft von dir: und die kannst du nicht geben. Mein Sohn, es gehört großer Leichtsinn, oder große heroische Tugend dazu, sich über die Urtheile der Welt hinaus zu setzen, entweder das nicht zu hören, was sie urtheilt, oder das ehrwürdig zu finden, was ihr lächerlich scheint. Leichtsinnig bist du nicht; aber wirst du so standhaft, so groß, so heroisch seyn, daß die Mohrin, ihr Lächeln, ihre Tugend, ihre Umarmung dir immer mehr sind als der Beifall der Welt? Wird nie in einem unbewachten Augenblicke ihr Hohngelächter dein Herz treffen? Schon die leichteste Berührung deines Herzens würde dann sogleich eine Wunde werden, die deine Glückseligkeit tödtete und die Seele deiner Gattin langsam vergiftete! Überlege das, mein Sohn! Tausende waren standhaft gegen die Lockungen der Welt; aber nur Einzelne haben Spott verachtet. 433 »Spott? Mutter, ich will mit Iglou den Spott der ganzen Welt verachten. Sie wissen nicht, wie sehr ich sie liebe.« Was du jetzt könntest, weiß ich. Aber, was du nach zwanzig Jahren noch können wirst, wenn Alter und Überlegung deine Liebe kälter gemacht haben: davon rede ich; daran, bitte ich dich, zu denken. »Meine Liebe? Was nennen Sie so? Liebe ich denn, wie thörichte Jünglinge, eine weiße Haut, Rosen auf den Wangen? Meine Liebe ist von anderer Natur: aus Achtung, Werthschätzung, Vertrauen, Dankbarkeit, Tugend, Unterhaltung entstanden. Iglou ist nicht schön, sagen Sie selbst; und ich will das einmal zugeben. Wohl denn! so ist meine Liebe nicht die vergängliche, die mit dem Blumenmonath entsteht, und, wenn die Blume welkt, mit ihr verschwindet. Ich liebe Iglou's Geist, dieses unsterbliche Wesen, dessen Schönheit immer wächst, dessen Reitze sich immer verdoppeln.« In der That, lieber Quinctius, ich kann dich nicht begreifen. Ich glaubte, Dankbarkeit, Pflicht, hätten dich an dies Mädchen gefesselt. Du liebst sie also zärtlich? Wie ist das möglich! Wie kannst du ein so häßliches Geschöpf lieben! »Häßlich, liebe Mutter? Was ist denn an ihr häßlich? Nur die Farbe. Ihre Gestalt ist edel, groß; ihr Arm, ihr Fuß schön; ihr Busen gewölbt; ihre Augen voll Geist, Feuer und Leben; ihr Gesicht voll himmlischer Unschuld und Güte. Und ihre Stimme! – haben Sie je eine wohlklingendere gehört? Selbst ihre Farbe hat sich sehr verschönert, seitdem 434 ich sie kenne, besonders in den letzten sechs Monathen. Sehen Sie ...« Genug, genug! unterbrach ihn die Mutter; erzähle nur weiter. Du gingst also nun mit der Mohrin nach Zaringen? Er erzählte ihr seine fernere Geschichte. Als er auf sein Leben mit Iglou in der Einsamkeit kam, wußte die Mutter sich das Entstehen seiner Liebe zu erklären; zu gleicher Zeit fühlte sie sich aber von Iglou's Edelmuthe tief gerührt, und fing nun an, der Liebe ihres Sohnes eine längere Dauer zuzutrauen. Sie sah jetzt, wie viele Schwierigkeiten es gekostet haben mußte, ehe aus ihres Sohnes Freundschaft für Iglou diese zärtliche, begeisterte Liebe hatte werden können, da sein System von den Menschen-Racen ein so großes Hinderniß gewesen war. Hieraus schloß sie mit Grund auf die Allmacht seiner Neigung, und gab fast schon die Hoffnung auf, etwas gegen seinen Entschluß zu vermögen. Indeß wußte sie immer noch nicht, ob alles so sey. Sie bat ihren Sohn, sie mit Iglou allein zu lassen, ging zu dieser hin, und ließ sich nun auch von ihr ihre ganze Begebenheit mit dem Baron erzählen. Iglou sprach mit ihrem natürlichen Feuer von ihrer Liebe, ihrem Kummer, ihrer Verzweiflung, und dann von ihrer Freude, ihrem Entzücken. Als sie fertig war, faßte die Frau von Flaming mit zärtlicher Güte ihre Hand, drückte sie, und sagte: »ich sehe, du bist eben so edel und vortrefflich, als du unglücklich gewesen bist. Wenn du das nicht wärest, meine Tochter – (Bei diesem Worte sank Iglou vor der Mutter nieder; die 435 Baronin hob sie auf, und fuhr fort): – wenn du nicht so vortrefflich wärest, so würde ich keine Sylbe verlieren, liebes Kind. Mein Sohn gäbe dir dann seine Hand; ich hoffte, schwiege, und betete für euer Glück. Aber bei dir, liebe Tochter, kann ich mehr: dir rathen; noch ein größeres Opfer von dir fordern, als du bis jetzt gebracht hast. (Iglou zitterte.) Mein Sohn hat dich Anfangs nicht geliebt; du sagst selbst, daß deine Farbe, deine Gestalt ihm zuwider gewesen sind. Er liebt dich jetzt; aber gutes Mädchen – wie ist seine Liebe entstanden? In der Einsamkeit, als er mit dir abgeschieden von allen andern weiblichen Geschöpfen lebte. Du selbst bist mißtrauisch gegen seine Empfindung gewesen; soll ich es nicht noch jetzt seyn? Liebes Kind, wenn nun seine Empfindung für dich weiter nichts als eine Selbsttäuschung wäre! wenn diese Liebe, die in der Einsamkeit entstand, unter den Menschen wieder verginge! wenn einst sein Herz eine andere Liebe fühlte, und er dann entweder dir untreu würde, oder unter der Erfüllung seiner Pflicht erläge: würdest du dann glücklich seyn? Und sag selbst, ob das nicht möglich ist!« Iglou zitterte, und wurde sichtbar blaß. Sie ging in großer Bewegung einige Male das Zimmer auf und nieder, stand dann plötzlich vor der Baronin still, faßte ihre Hand, und fragte sie feierlich: glaubst du, daß es so seyn wird? » Wenn es so wäre! liebes, edles Mädchen, sage ich; wenn es so ginge!« Meinst du, fragte Iglou ernst, daß es so gehen kann? Du hast viel erfahren, und kennst das Herz genau, hat Lissow mir gesagt. Ich bitte dich, denke, ehe du sprichst, und sage nichts, was du nicht einst, wenn Europäer und Afrikaner vor dem Richterstuhle des Ewigen stehen, und nicht mehr die Farbe uns unterscheidet, wiederholen möchtest. Sag, ist es so, wie du vermuthest? Du triffst mit einem Ja mein Leben. Aber, wenn du mußt, so zerschlage getrost dies Herz; es gehört dem Glücke deines Sohnes. Die Baronin stand einen Augenblick an, weil sie nicht mit sich selbst eins werden konnte. Sie war in großer Bewegung; ihre Augen funkelten, und ihre Brust hob sich. »Iglou!« sagte sie dann auf einmal, und umfaßte sie. Doch bald ließ sie das Mädchen wieder los, und besann sich aufs neue. »Iglou«, fing sie endlich wieder an; »es ist so, wie ich sagte. Mein Sohn täuscht sich selbst; er glaubt dich zu lieben, und liebt dich nicht. Das will ich dir an dem großen Tage, den du nanntest, wiederholen. Du würdest ihn unglücklich machen. Gewiß, das würdest du!« Iglou stand betäubt da, und eine Thräne, die aus ihrem erstarrenden Herzen hervorbrach, blieb in dem todten Auge hangen. Nur ihr schnelleres Athmen zeugte, daß sie noch lebte. In dieser Minute zerfloß die Welt vor ihrem Blicke; das Daseyn schien ihr ein giftiger Nebel, der Tod die Sonne hinter ihm. Das Opfer, das sie bringen wollte, war ihr leicht; denn sie fühlte, daß sie mit ihrer Liebe auch dem Leben entsagte. – Und dann! dann! rief sie nach einigen Minuten mit heiteren Blicken. Mit diesem Ausruf flogen ihre Hoffnungen in die Ewigkeit hinüber, da sie nun auf der Erde nichts mehr zu verlieren hatte. Ihre Stellung wurde 437 stolz und heroisch. Beides, der reichste Besitz, und gänzlicher Mangel, selbst an Hoffnung, macht gleich stolz und kühn. – Iglou sagte kalt, doch mit einem Tone, der das Herz der Baronin bewegte: ich gebe ihn auf; aber ich will ihn nicht wiedersehen. Die Baronin betrachtete sie mit leuchtenden Augen; dann sagte sie: »nein, edles Mädchen; du selbst mußt dein Opfer vollenden. Du selbst mußt ihm sagen, daß du nie seine Gattin werden willst. Würde er mir glauben, Iglou, daß du ihn freiwillig aufgiebst?« Muß ich? ... Was muß ich noch, ehe ich vergehe? ... Ja, ich will es ihm sagen. – Sie eilte zu der Thür, riß sie auf, und stürzte, mit dem Tode im Blicke, zu dem Baron in das Zimmer. Die Mutter folgte ihr schnell, nahm sie bei der Hand und sagte mit Thränen der Freude: »hier, mein Sohn! nimm deine Gattin aus den Händen deiner Mutter! So treu hat nie ein Weib geliebt, wie diese schöne Seele dich.« Die Freude traf zu schnell. Iglou sank ohne Bewußtseyn an des Barons Herz. Als sie wieder zu sich kam, warf sie sich der Baronin in die Arme. Sprechen konnte jetzt niemand; nur einzelne Wörter, Seufzer, brachen aus dem vollen Herzen hervor. Käthe kam und fragte. »Sie ist seine Braut! sie ist meine Tochter! – Ich werde seine Gattin! – Sie ist mein!« so riefen sie Alle auf einmal, und umarmten Käthen wechselsweise. Käthe begriff noch immer nicht, wie ihre Tante über eine so seltsame Verbindung so vergnügt seyn konnte. Liebe Tante, sagte sie nachher, als sie mit der Baronin allein war, und die ganze Begebenheit wußte: ja, 438 er liebt sie , und sie ihn . Aber, bedenken Sie doch! was wird die ganze Stadt dazu sagen! »Du, liebe Käthe, berufst dich auf die Stadt? du? Wäret ihr, du und Lissow, einander treu geblieben, – liebes Kind, würdest du mich nicht für sehr hart gehalten haben, wenn ich dir meine Einwilligung verweigert hätte, ohne einen andern Grund anzugeben als den: was würde die Welt dazu sagen, wenn das Fräulein von Nothafft einen Predigerssohn heirathete?« O, liebe Tante, das wäre doch aber auch ganz etwas Anderes gewesen! »Willst du mir wohl den Unterschied sagen?« Darüber hätte sich nicht die ganze Welt aufgehalten; höchstens der Adel. Die Bürgerlichen würden gesagt haben: es ist recht! Die jungen Leute lieben einander; und kann sie nicht mit ihm glücklich seyn, wenn sie ihn liebt? »Nun, könnten die Menschen nicht gerade das auch jetzt sagen?« Das könnten sie freilich. Aber, liebe Tante, gegen diese Verbindung ist nicht der Adel allein, sondern alle Menschen von allen Ständen. »Ja, das sind sie ohne Zweifel. Aber Käthe, wenn du nun nicht anders hättest glücklich seyn können als mit Lissow, hätte ich mich dann an das Urtheil des Adels kehren sollen?« Nein, Tante; aber eine Mohrin ... »Ruhig, Liebe! Warum hätte ich mich an das Urtheil des Adels nicht kehren dürfen?« 439 Weil es ungerecht gewesen wäre. »Nun, worin denn ungerecht?« Ei, Liebe und Glück gehen vor Rang und Geburt. »Aber mich dünkt, auch vor Farbe. Ist die Forderung aller Menschen, mein Sohn soll ein Mädchen, das er liebt, das ihn liebt, nicht heirathen, weil das Mädchen eine schwarze Haut hat – ist die nicht eben so ungerecht als die Forderung: er soll kein Mädchen heirathen, das nicht von Adel ist?« Das ist wohl wahr, liebe Tante; aber ich fühle doch einen Unterschied. Darin, daß er eine Mohrin heirathet, liegt etwas, wodurch es weit unangenehmer wird. »Nichts, mein Kind, außer, daß alle Menschen zusammen genommen ihre Vorurtheile so gut haben wie der Adel, nur daß keiner sein Vorurtheil für das will gelten lassen, was es ist. Du würdest deinem Sohn ohne Zweifel erlauben, eine edle Bürgerliche zu heirathen. Aber eine Mohrin ...« Ja, damit sollte er mir kommen! Ich wollte ihn ... »Und du könntest doch wahrhaftig gerade nur antworten, wie mein seliger Mann dir, wenn du Lissows Frau hättest werden wollen. Er ist edel, Onkel, würdest du gesagt haben; er ist gut, und verständig; er liebt mich, und wird mich glücklich machen; ihm fehlt nichts als das Wörtchen: Von . Und dein Sohn könnte von der Mohrin sagen: sie ist edel, Mutter, gut und verständig; sie liebt mich, und wird mich glücklich machen; ihr fehlt nichts als eine weiße Haut. Was könntest du ihm antworten? Gewiß, wenn alles so wäre, nichts Kluges. Du siehst, liebe Käthe, daß alle Menschen 440 ihre Vorurtheile haben so gut wie der Adel. Der Bürger schilt auf unsern Stolz, und auch er hat den seinigen, den er mit eben so vieler Hitze vertheidigt.« Aber, Tante, woher kommt es denn, daß man etwas gegen die schwarze Farbe hat? Da sollte man ja beinahe auf des Vetters System von Menschen-Racen fallen. »Man hält den Adel für etwas Gutes; darum wollen die Adeligen keine Mißheirathen. Man hält die Schönheit, wozu nach unsren Begriffen die weiße Farbe gehört, für etwas Gutes; und darum will der Europäer keine Verbindung mit einer Schwarzen gelten lassen. Tugend und Geist, liebes Kind, sind nur Kleinigkeiten, um die man sich höchstens nach der Trauung bekümmert.« Ach, ja! das sehe ich nun wohl. »Jeder Stand hat seine Mißheirathen. Tausend Bürgerliche aus den besseren Ständen, die auf unsern Stolz schelten, und ihn unmenschlich nennen, würden Himmel und Erde bewegen, ehe sie ihrem Sohne erlaubten, die Tochter eines Handwerkers, oder eine Magd, zu heiraten.« Ja, da ist doch aber die Bildung zu ungleich. »Das ist ihr Vorwand. Aber laß das Mädchen gebildet seyn; – und was fehlt denn einer Magd, die in guten Häusern gedient hat, an der gewöhnlichen Bildung? Nichts als die Kleider ihrer Frau, ein Bedienter, und eine Equipage – laß eine Dienstmagd gebildet seyn; und sie werden dennoch Nein sagen.« Liebe Tante, halten Sie es denn für billig, daß der Adel sich so absondert bei den Verbindungen seiner Kinder? 441 »Schlägt der Adelige seinem Sohne ein Mädchen ab, das edel, liebenswerth ist, das ihn glücklich machen würde, und dem nichts fehlt als das Wörtchen Von: so ist er ein Unmensch, ein Thor. Doch der Bürger, der so handelt, ist das ebenfalls.« Aber, Tante, mit dem Adel muß es doch auffallender seyn; denn uns wirft man ja hauptsächlich diesen Stolz vor. »Natürlich. Die meisten Schriftsteller sind Bürgerliche: sie sehen nur unser Vorurtheil, weil es sie beleidigt; und so wird es in Schauspielen, Romanen und Satiren verspottet. Vertheidigen läßt sich dieser Stolz des Adels nicht; darum müssen wir schweigen, wenn es auch Schriftsteller unter uns giebt. Den Bürger über seinen Stolz wieder zu geißeln, fällt keinem Adeligen ein, weil dieser Stolz nicht ihm fühlbar wird, sondern der Klasse, die unter ihm steht. Diese Klasse hat keine Schriftsteller; hätte sie die, so solltest du sehen, wie sie den Stolz der bessern Stände unter den Bürgerlichen geißeln würden ... Man wird es unnatürlich, rasend, abscheulich nennen, daß mein Sohn eine Mohrin heirathet, so edel, so treu, so erhaben das Mädchen auch ist. Ja, glaube mir, liebe Käthe, man fände eine solche Heirath sogar in einem Romane unnatürlich; doch, niemand würde sagen können, warum. Tadelt der Philosoph die Thorheit eines Standes , so ruft Alles, nur diesen Stand ausgenommen: o schön! Greift er aber die Thorheit der Menschen an, so hat er Alles gegen sich.« Nun, liebe Tante, ich will Iglou recht herzlich, recht wie eine Schwester lieben. Aber – Sie konnten es ja mit dem 442 Vetter Quinctius so machen wie damals mit mir und Lissow. Durch Trennung würde auch diese Liebe wohl vergangen seyn. »Diese Liebe wohl schwerlich so leicht wie eure damalige kindische. Freilich würde sie am Ende vergehen, so fest und stark sie auch ist. Allein, liebe Käthe, glaubst du nicht, daß mein Sohn einmal eine Heirath schließen könnte, bei der vielleicht die Stadt nicht lachen, aber mein Mutterherz bluten würde? Willst du nicht lieber Iglou deine Cousine nennen als jene liederliche Julie? Mein Sohn ist nun einmal gewohnt, alles höchst seltsam anzugreifen; und ich danke Gott, daß er ihm ein Herz für diese Mohrin gegeben hat.« Das alles sah Käthe ein, und dennoch blieb es ihr unerklärbar, wie Flaming eine Mohrin lieben konnte. Sie begriff es nicht eher, als bis sie einige Wochen mit Iglou umgegangen war, und nun das treue, edle Mädchen selbst mit Innigkeit liebte. Jetzt sagte sie wieder: wie war es möglich, Vetter, daß Sie so lange kalt gegen die edle Iglou bleiben konnten! – Die Baronin fühlte sich, als sie Iglou's Herz erst ganz kennen lernte, unaussprechlich glücklich. O, meine Tochter, sagte sie oft: in deine Hände wollte ich kühn das Glück einer Welt legen; dein Herz wäre groß genug dafür. Jetzt trieb sie selbst Iglou an, den Hochzeitstag zu beschleunigen. Iglou zögerte noch immer mit banger Furchtsamkeit. O Gott! sagte sie, als die Mutter aufs neue in sie drang: wenn er aufhörte, mich zu lieben! – Iglou, erwiederten Käthe und die Mutter; hörte er auf dich zu lieben, 443 welches Mädchen könnte dann einem Manne seine Hand geben, ohne zu zittern? Iglou bestimmte endlich den Tag. Die Trauung wurde in der Stille vorgenommen und sonst niemand dazu eingeladen als der Oberst Brensen, der gerade in Geschäften nach Berlin gekommen war. »Ist es möglich?« sagte der Baron, nach der Trauung. »Wer hätte denken sollen, daß eine Mohrin meine Frau werden würde! Aber dennoch bin ich so glücklich, so selig!« Er faßte Iglou mit einer Hand, den Obersten Brensen mit der andern, führte Beide an den Kamin, und holte nun einen Stoß Papiere, die sein System der Menschen-Racen enthielten, und die er aus dem Brande seines Schlosses mit Mühe und Noth gerettet hatte. »Sieh, Iglou«, sagte er, und drückte sie mit Innigkeit an sein Herz; »du hast mein System gestürzt.« (Er warf die Papiere mit großem Muth in die Flamme.) »Mache ich es so recht, lieber Oberst?« Recht so, lieber Flaming! Und wer das abscheuliche, Menschen trennende System wieder aus der Flamme hervorholt, dem gebe der Himmel zur Strafe eine Frau, die so blond ist wie ein Blaffard , und inwendig so schwarz wie der Teufel! Aber in das Feuer auch mit Ihren übrigen Systemen! Sie sind alle nichts Besseres werth, Ihr System von den Schönheitslinien im Gemüth, vom Generalbasse, dem Lateinlernen, und was des Plunders mehr ist, den Sie erfunden haben. »Nur nicht allzu rasch, lieber Oberst! Selbst in dem System, das dort brennt, war viel Gutes, viel Gedachtes. Und mein System von der Liebe – das hat Iglou erwiesen . 444 Seitdem ich sie liebe, entdecke ich alle die Schönheitsformen und Linien an ihr, die ich ehemals an Emilien fand. Wie sollte das anders zugehen, als daß diese Form in meinem Gemüthe ist, und daß ich sie jetzt nur an Iglou übertrage? Denn – setzen Sie Sich doch, lieber Oberst – denn die äußere Erscheinung, oder das, was Iglou eigentlich an sich ist ...« Iglou, Herzens-Iglou, unterbrach ihn der Oberst; ich bitte dich, mach, daß du mit ihm weg kommst! Der Mensch erfindet sonst heute Abend noch ein System, nach welchem er dir beweist, was du eigentlich und uneigentlich bist. Eigentlich bist du seine Frau; aber wenn er erst in das Systemmachen kommt, so kannst du morgen noch etwas sehr Uneigentliches seyn: weder Frau noch Mädchen! – Er ließ die beiden Liebenden allein. Der Baron vergaß in Iglou's Armen seine Systeme wieder, und der Morgen begrüßte ein glückliches Paar Eheleute. Die Stadt erfuhr diese Heirath, und erstaunte. »Eine Mohrin!« Man sagte aber dabei: »der Baron hat in diesem Kriege sein Vermögen verloren, und die Mohrin ist eine reiche Erbin aus Amerika. Er wird sich schon schadlos halten. Sie muß doch ungeheuer reich seyn! Wie viel mag sie wohl haben?« – Man forschte, und erfuhr, daß sie arm war. Nun wunderte man sich erst recht. Eine Menge Leute drängten sich zu Graßheims, die junge schwarze Frau von Flaming zu sehen. Man sah, man sprach sie. Nun erklärte man den Baron hinter seinem Rücken für einen Narren, und seine Mutter für toll. Dabei blieb man auch, trotz dem, 445 was einige Vernünftige von dem Charakter und dem Geiste der Mohrin rühmten. Zuweilen machte man der Frau von Flaming auch ins Gesicht Vorwürfe darüber, daß sie die Verheirathung ihres Sohnes mit dieser häßlichen Mohrin zugegeben hätte, und prophezeiete daraus großes Unglück. Dann aber holte sie ganz ruhig den la Bruyere, und las die Stelle vor: Si une laide se fait aimer, ce ne peut être qu'éperduement: car il faut que ce soit par de plus secrets et de plus invincibles charmes que ceux de la beauté Wenn eine Häßliche Liebe erregt, so kann diese Liebe nicht anders als äußerst stark seyn; denn man muß verborgnere, unwiderstehlichere Reitze als die Schönheit, an ihr lieben. . »Wie viel Geist«, sagte sie, »wie viel Güte des Herzens, wie viele Reitze des Charakters und der Seele muß meine Schwiegertochter haben, daß sie meines Sohnes Augen gegen ihre Gestalt hat verblenden können! Wie stark muß eine Liebe nicht seyn, die solche Wunder thun konnte!« Frau von Flaming hatte Recht. Der Baron liebte seine Gattin mit jedem Tage zärtlicher; Liebe für sie wurde sein ganzes Wesen, sein ganzer Charakter: er war glücklich, und Iglou war es mit ihm. Jetzt fiel ihm keine seiner gewöhnlichen Grillen ein. Er dachte und lebte wie ein anderer Mensch; das Einzige, was ihn auszeichnete, war seine zufriedne Ruhe, und die Einsamkeit, die Iglou ihm zu einem Genusse von tausend Freuden machte. Endlich aber verschaffte sich doch auch die Mutter mit ihrer Sorgsamkeit Gehör; sie machte ihren 446 Sohn auf den Zustand seiner Güter aufmerksam. Freilich konnte er jetzt nichts thun, da die Russen schon wieder anfingen, sich zu nähern; indeß rieth ihm die Mutter, er sollte sich schon im voraus das Wohlwollen der Minister zu erwerben suchen. Man hatte in Berlin einen so großen Begriff von der Gelehrsamkeit des Barons, daß ein gewisser Minister, ein Bekannter des Graßheimischen Hauses, der Mutter zu verstehen gab: ihr Sohn würde wohl daran thun, wenn er irgend ein Amt annähme; bei seinen Kenntnissen müßte er bald vorwärts kommen. Die Mutter sprach mit dem Baron darüber, und diese ganz und gar neue Idee gefiel ihm. Er konnte nicht begreifen, wie er selbst nicht schon lange den Gedanken gehabt hatte, seinem Vaterlande zu dienen. Jetzt ließ er sich mit großem Enthusiasmus darauf ein, und sah schon im Geiste, wie er als Staatsminister das Ruder der Regierung führte, und die Bürger glücklich machte. Diese edle Idee lockte Freudenthränen in seine Augen. Er suchte jetzt mehr als Einen Minister auf, machte sich Verbindungen, und nichts ging ihm schnell genug. Graßheims Freund, der Minister, versprach ihm, seinen Einfluß für ihn zu verwenden, und hielt Wort. Doch nun kam man zu bestimmteren Ideen und Fragen. Auf welches Fach, Herr Baron, fragte der Minister, haben Sie Sich denn besonders gelegt? auf Finanzsachen, Kameralia, oder das juristische? – Der Baron wußte nicht recht, was er antworten sollte, und bat sich Bedenkzeit aus. Ich wünschte, sagte der Minister gütig, Sie wählten das 447 Justizfach. Dann könnte ich Ihnen unmittelbar nützen; und gerade darin fehlt es an philosophischen Köpfen, die das barbarische Dunkel nach und nach erhellen. Geben Sie mir weitere Nachricht von Ihrem Entschlusse. Der Baron käuete, als er wieder zu Hause kam, an den Nägeln, und untersuchte, in welchem Fache er am thätigsten für das Wohl der Menschen arbeiten könnte. »Der Minister hat Recht«, sagte er nach einigem Überlegen; »das Fach der Justiz! Welche barbarische, willkührliche Gesetze!« Er nahm Feder und Papier, machte einen Entwurf zu einer philosophischen Gesetzgebung, ließ sich den Montesquieu, den Xenophon holen, machte Auszüge, und vergaß über diese Arbeiten beinahe seine Iglou. In Kurzem hatte er sein System einer ganz neuen Gesetzgebung vollendet, welche Preußen zu einem philosophischen Staate machen und auf die höchste Stufe des Glückes erheben sollte. Nun eilte er mit seinen Papieren zu dem Minister, und legte sie ihm triumphirend vor. Der Minister schüttelte den Kopf. Lieber Herr Baron, sagte er sanft: Ihre Meinung mag recht gut seyn; aber das alles sind unausführbare Plane, zu denen Sie Sich erst eine eigene Erde und eigene Menschen schaffen müßten. Auch ich habe die Cyropädie gelesen; doch eine solche Erziehung ist in unsern monarchischen Staaten nie auszuführen, wenigstens in den nächsten Jahrhunderten nicht. Glauben Sie mir, so etwas ist leichter gesagt, als gethan. Ich will Sie nicht ansetzen, daß Sie dem Staate eine andere Form geben, sondern, daß sie in ihm, so wie er nun einmal ist, dazu beitragen sollen, 448 Menschen zu beglücken. Anstatt ihres ganzen Systems machen Sie eine Relation, in der Sie zeigen, daß Sie die Landesgesetze kennen. »Die Landesgesetze, Ew. Exzellenz? Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich mich damit nie abgegeben habe.« Der Minister wunderte sich. Nicht? sagte er; das bedaure ich sehr: denn glauben Sie mir, um nur die kleinste Verbesserung in einem Staate mit gutem Erfolge zu unternehmen, muß man die unbedeutendsten Landes- und Provinzialgesetze, ja selbst die Privilegien einzelner Personen kennen. Freilich soll der Diener des Staats immer ein Ideal vor sich sehen, nach welchem er handelt; aber es sogleich ausführen wollen, heißt den Staat umstürzen, nicht, ihn verbessern. Montesquieu, Plato und Xenophon haben wohl daran gethan, daß sie ihre Ideale zeichneten; aber der thut nicht wohl, der sich einbildet, dieses Ideal könne, wie durch den Schlag einer Zauberruthe, zur Wirklichkeit gebracht werden. Vielleicht vergehen noch Jahrtausende, ehe unsre gewöhnlichen Staatsdiener Ihren Plato für etwas Andres als einen Rasenden halten. Ihr Herren auf den Studierzimmern habt gut Staaten bauen! Doch unser einer zittert und bebt, wenn er auch nur den unsinnigsten Mißbrauch abschaffen will. Alles ist einem dann entgegen. Nein, Herr Baron, studieren Sie Landesgesetze, den Gang unsrer Justiz. Glauben Sie mir, unsere jungen Herren prahlen mit der Philosophie gewöhnlich nur, um ihre Unwissenheit und Trägheit dadurch zu verstecken. Freilich ist es ganz bequem, an der Staatsmaschine, die Zufall, Krieg und mehrere Gesetzgebungen 449 gebauet haben, Fehler aufzusuchen; aber diese Maschine so fortzutreiben, da sie so wenig Menschen als möglich verletzt, hier den Gang anzuhalten, dort ihn zu beschleunigen, hin und wieder, ohne Aufsehen, ganz in der Stille, etwas auszubessern: das ist mühsamer, doch auch verdienstlicher, als einen neuen Staat auf Papier zu zeichnen. – Ich hoffe Sie anzusetzen, sobald Sie mir werden gesagt haben, welches Fach Sie am besten kennen, aber nicht in Platons oder Xenophons Staate, sondern in dem Preußischen. Der Baron kam ziemlich abgekühlt zu Hause. Er fing eine genaue Untersuchung mit sich an, und fand zu seinem Erstaunen, daß er, wenn der Minister es so nehmen wollte, nicht in Ein Staatsfach ganz paßte. Indeß war ihm doch die Idee schmeichelhaft, seinen Mitbürgern Dienste zu leisten; er nahm daher ein Fach nach dem andern vor, und fand überall in seinem Kopfe Lücken. »Das Alles weiß ich nicht«, rief er am Ende verdrießlich, und warf die Bücher zurück: »nicht ein Wort weiß ich davon. Aber eben deswegen, weil ich so unwissend darin bin, tauge ich ganz zum Reformator. Gerade diese Unwissenheit gibt mir einen höheren Charakter; sie macht mich zu einem Bürger der Welt, des ganzen menschlichen Geschlechtes. Der Minister ist wunderlich, daß er Werth auf Kenntnisse legt, die eine Meile jenseits der Preußischen Besitzungen nichts sind, und mit denen ich in Asien für einen Wahnsinnigen gelten würde. Nein, ich gehöre dem ganzen menschlichen Geschlechte, und von nun an will ich nur im Großen arbeiten, das Ideal eines philosophischen Staates zeichnen.« 450 Aber trotz diesen stolzen Vorsätzen fühlte er doch eine kleine Scham, da er sich gestehen mußte, daß er auch das Fach, auf welches er sich berief, die Philosophie, nicht gründlich kannte. Selbst Platons Schriften hatte er nie studiert. Es giebt ja viele Philosophen von seinem Schlage, die gar nichts gelesen haben als ein paar politische Romane und die Zeitungen, und die sich dennoch zu Reformatoren des menschlichen Geschlechtes aufwerfen! Der Baron fing nun sogleich mit großem Eifer an den Plato zu lesen, und sah freilich wohl, daß Sokrates nur zum Wohl seiner Mitbürger philosophirt hat. Indeß fand er in dem Theätetus eine Stelle, die ein rechter Triumph für ihn war. Er eilte mit glühendem Gesichte zu seiner Mutter in das Zimmer. »Hier, liebe Mutter«, sagte er; »hier ist eine Stelle, aus der Sie sehen werden, wie sehr Unrecht der Minister und auch Sie haben, wenn Sie fordern, daß ich die Landesgesetze wissen soll.« (Er hatte seiner Mutter die Unterredung mit dem Minister erzählt, und sie war der Meinung gewesen, daß dieser nicht Unrecht hätte.) Der Baron legte einen Folianten auf den Tisch, und hob mit lauter Stimme an: »Sie kennen den Sokrates, Mutter, und lieben ihn als den edelsten, weisesten Menschen. Nun hören Sie, was er von dem Philosophen sagt, wie er ihn beschreibt, den wahren, den erhabensten Philosophen. Hören Sie!« ›Der erhabenste Philosoph kennt von Jugend auf nicht einmal den Weg zum Gerichtshofe; er weiß nicht, wo das Justiz-Kollegium, wo das Rathhaus, wo das Kammergericht in der Stadt ist. Von den Landesgesetzen, von den 451 Edikten hört er so wenig, als er sie liest. Sich Konnexionen zu machen, damit er zu einem Amte gelange, deshalb Feten zu geben, dazu etwa die Vorsprache hübscher Mädchen zu brauchen: das fällt ihm nicht im Traume ein. Der ehemalige Zustand des Staates, ob er gut oder übel war, ob seine Vorfahren daran Theil genommen oder nicht, hat eben so wenig Interesse für ihn, als den Sand des Meeres zu zählen. Es fällt dem Philosophen nicht einmal ein, daß man so etwas wissen könne.‹ – »Sehen Sie, liebe Mutter, auch ich wußte wahrhaftig nicht einmal, daß ich die Landesgesetze nicht kenne, als bis es der Minister mir sagte. Doch hören Sie weiter!« – ›Und es ist nicht etwa Prahlerei, daß er sich um das Alles nicht bekümmert. Nein! Er ist nur mit seinem Körper in dem Staate zugegen; sein Geist aber, der das alles für kleinlich, für zu niedrig hält, schwebt immer über der ganzen Erde, untersucht nur die Natur des ganzen Universums, und dessen was dazu gehört, nicht aber die Kleinigkeiten, die um ihn her vorgehen.‹ Steht das da, mein Sohn? fragte die Mutter, ein wenig ungläubig. »Soll ich es Ihnen Griechisch vorlesen? Ουτοι δε που...« Ich verstehe kein Griechisch. Aber es muß nothwendig in einer andern Bedeutung da stehen, als du es gelesen hast; sonst würde ich meine Meinung von Sokrates zurücknehmen. »Ich versichere Ihnen, es steht hier so. Er vergleicht den Philosophen mit dem Juristen. Und nun sehen Sie, liebe Mutter, wie das so ganz auf mich paßt. Ich habe studiert, 452 und bin fleißig gewesen; aber nichts, gar nichts, weiß ich von den so genannten nützlichen Wissenschaften. Alles weiß ich, doch nur das ganz Allgemeine der Dinge. Es ist mir, wie hier Sokrates sagt, nicht einmal eingefallen, daß man etwas Anderes wissen könne; und eben dadurch gehöre ich der Welt, den Menschen: nicht Einem Lande, Einem Volke. Sie waren ängstlich, und nun sehen Sie doch, daß wenigstens Sokrates und Plato meiner Meinung sind.« Ich kann die Stelle nicht lesen; aber steht sie so da, und ist sie eine Vergleichung des Philosophen mit dem Juristen, so wollte ich wetten, daß sie anders gemeint seyn muß. Es ist sicher von den Rabulisten die Rede, nicht von den Juristen, welche das Wohl, das Eigenthum, die Ehre und das Leben ihrer Mitbürger vertheidigen. Wenigstens würde hieraus folgen, daß nicht alle Menschen Philosophen seyn können, wie du immer behauptest. Denn wenn niemand sich um die Landesgesetze bekümmerte, so würde ... »Es würde nichts weiter folgen, liebe Mutter, als daß bei einer Welt voll Philosophen die Gesetze unnütz wären. Und dahin muß es kommen! Der Zweck des Staates ist, den Staat unnütz zu machen. So widersprechend das Ihnen auch scheinen mag, so ist es dennoch wahr; und ehe noch ein halbes Jahrhundert vergeht, wird man das von den Dächern predigen.« Ich weiß nicht, Quinctius, ob ich mich über dich betrüben, oder über dich lächeln soll. Wann wirst du doch endlich die Mittelstraße halten lernen! Der Baron blieb aber, trotz dem Allen, dabei, es sey 453 thöricht, etwas zu wissen, das auf die Landesverfassung Beziehung habe. So wurde, wie man leicht denken kann, der Umgang mit dem Minister abgebrochen, und der Baron wußte von jetzt an nicht, wo die Kammer, das Kammergericht und das Rathhaus in Berlin waren. »Wer kann das wissen!« sagte er; »solche Kleinigkeiten!« Der Minister hatte ihn indessen zu einer Stelle empfohlen, die weniger positive Kenntnisse als gesunden Menschenverstand erforderte. Da Flaming sich nicht wieder meldete, so redete der Minister ihn an, als er ihn einmal bei Graßheim sah. »In der That, Ew. Excellenz«, sagte Flaming lächelnd; »ich fühle mich vollkommen unfähig, dem Staate in irgend einer Stelle zu dienen. Diese feste Überzeugung allein hat mich abgehalten, Ihnen beschwerlich zu fallen.« Herr Baron, erwiederte der Minister, und ergriff mit Wärme seine Hand: dieses Selbstgeständniß ist mir so viel werth als die beste Relation, die Sie hätten machen können. Bei dieser Ihrer Bescheidenheit kann ich hoffen, daß Sie sehr bald ein andres Urtheil über sich fällen werden, und ich habe schon für eine Stelle ... »Ew. Excellenz sind sehr gütig«, sagte der Baron; »ich bedaure nur, daß ich von dieser Güte keinen Gebrauch machen kann. Kleinliche Angelegenheiten, wie die Umstände meiner Mitbürger, würden mich nie interessiren. Die Juristen, die Staatsbedienten überhaupt, sind Sklaven gegen den Philosophen. Sie müssen thun, was der Staat will; ich thue, was ich will. Ihr Dichten und Trachten betrifft immer nur Geld, Eigenthum, Leben. So werden sie 454 kleinlich, schlechtdenkend, eigennützig, kriechend. Ihr Geist wird erdrückt, und nun erlauben sie sich Ränke, Betriegereien, Ungerechtigkeiten. So sinkt endlich ihr Charakter, ihre ganze Seele in die niedrigste Sklaverei.« Welch ein seltsames Bild zeichnen Sie da! sagte der Minister empfindlich. »Ich zeichne es nicht eigentlich. Sokrates hat es entworfen; und leider! sind die Züge nur allzu ähnlich, man betrachte, wen man will.« Aber fühlen Sie nicht, Herr Baron, daß solche Sätze Sie lächerlich machen werden? »Was wollte ich nicht! Sokrates sagt: ›wenn der Philosoph eigene oder Staatsgeschäfte treiben soll, so dient er gewiß allen Menschen zum Gelächter. Man wird ihn für blödsinnig halten. Er versteht nichts von dem, was die meisten Menschen verstehen. Er kann nicht einmal wieder schimpfen, ohne Gelächter zu erregen; denn er weiß von niemanden etwas Böses, das er ihm vorwerfen könnte. Er wird ihn also mit etwas schimpfen, das die Menge nicht für schimpflich hält.‹ Lesen Ew. Excellenz die ganze Stelle; sie steht beim Plato im Theätetus. Sie werden dann sehen, warum ich mich unfähig fühle, je ein Amt anzunehmen, das mich um den menschlichen Charakter bringen müßte.« In der That ein albernes Geschwätz von Plato, wenn er es gesagt hat, erwiederte der Minister lächelnd. Doch vielleicht sagte er es, als er aus Sicilien verbannt worden war. Man muß dergleichen einem verabschiedeten Günstlinge zu gut halten. Es ist die Sprache des Neides. 455 »Sein Prognostikon hat er sich selbst gestellt, Ew. Excellenz. Er sagt am Ende dieser Betrachtung von den Juristen: ›diese Menschen bilden sich Wunder ein, wie wichtig sie sind, und halten die Lehren des Philosophen für albernes Geschwätz, für Raserei.‹ Natürlich kann ich kein besseres Geschick verlangen als Plato.« Der Minister drehete sich mit einer leicht spottenden Miene, mit einer kleinen Verbeugung, von dem Baron ab, weil das Geschwätz ihn verdrossen hatte. Der Baron handelte gerade wie der Philosoph, den Plato beschreibt. Er beleidigte den Minister, ohne es zu wissen, ohne es einmal zu ahnen. Er meinte, der Minister sollte ihn bewundern; und dieser sagte vor sich: der Mensch ist ein ausgemachter Narr! Der Minister war nicht rachsüchtig, aber doch ein Mensch. Bei Gelegenheit sprach die Baronin mit ihm über das ganz von den Russen zerstörte Gut ihres Sohnes. Gnädige Frau, antwortete er lächelnd; der Staat soll und wird helfen, sobald Hülfe möglich ist: nach Endigung des Krieges; aber dann erlauben Sie, daß man bei den Unglücklichen und Verdienten anfängt. – »Mein Sohn ...« – bedarf nach seinem eigenen Geständnisse keiner Hülfe. Sein Gut gehört zu den Dingen, über die er sehr weit erhaben ist. Und überdies – wer dem Vaterlande nicht dienen will, darf auch auf keine Gegendienste rechnen. Frau von Flaming fragte nicht einmal nach dem Zusammenhange, um den Minister nicht noch mehr zu erbittern. Sie machte ihrem Sohne einige sanfte Vorstellungen. Er lächelte, und fragte: »welcher Minister? ... Ah! ist der 456 Minister? das habe ich ganz vergessen. Liebe Mutter, was kümmern mich solche Dinge! Wenn nur der Krieg erst zu Ende ist, das Geld zum Bau wird sich finden. Was soll ich um diese Kleinigkeit besorgt seyn!« – Kleinigkeit? erwiederte die Mutter. Ich glaube, du träumst. Vielleicht wird der Bau allein mehr als zwanzig tausend Thaler kosten. Iglou zog lächelnd eine Brieftasche hervor, und sagte: in der That eine Kleinigkeit, liebe Mutter. Hier ist ein Wechsel auf die Summe, die Sie eben nannten; und mit umgehender Post kann ich noch einmal so viel haben. – Frau von Flaming wunderte sich; der Baron fragte ruhig: »woher?« – Von Hilberts, antwortete Iglou eben so ruhig. Ich schrieb ihnen deinen Verlust, ohne ihn genau zu bestimmen. Da schickte mir Hilbert diesen Wechsel für die ersten Verlegenheiten. – »So?« fragte der Baron kalt ... »Aber«, fragte er dann sogleich mit voller Wärme, »was machen denn unsre guten Hilberts?« Iglou erzählte, und von der Geldsumme wurde nicht ein Wort mehr gesprochen, Frau von Flaming fand freilich die Ruhe ihres Sohnes, da er solche Freunde hatte, ganz natürlich. Sie erkundigte sich näher nach der Summe; doch Iglou wußte ihr nicht viel mehr zu sagen, als daß sie da war. Auch in Emiliens Briefe, den sie von Iglou zu lesen bekam, war zu ihrem Erstaunen von dem Wechsel nur beiläufig, als von einem leichten Opfer der Freundschaft und Dankbarkeit, die Rede. Mehrere Male hatte der Baron nach Königsberg geschrieben, mehrere Male einige Artikel für Lissow in die Zeitungen rücken lassen; aber nie bekam er Antwort, und 457 war nun über das Geschick seiner Freunde sehr unruhig. Doch endlich erhielt er unvermuthet Briefe durch einen Preußischen Kaufmann, der eine Zeitlang mit der kleinen Kolonie von Flüchtigen ihr Geschick getheilt hatte. Sie waren geplündert worden, und dem Hunger, der Verzweiflung ausgesetzt gewesen. »Ach, lieber Flaming!« schrieb Lissow; »ich habe Tage erlebt, Grausamkeiten gesehen, bei denen ich der Vorsehung dankte, daß Jakobine und meine Kinder schon dahin sind. Ist es nicht schrecklich, daß Rachsucht und Wuth den Menschen dahin bringen können, die Todten zu beneiden! Laß dir von dem Überbringer unsre Begebenheiten erzählen. Er ist in der ersten Zeit der treue Gefährte unsrer Unglücksfälle gewesen; und kannst du helfen, so nimm dich seiner an, da wir ihm Freundschaft und Liebe schuldig sind. Doch, ich Unglücklicher! Vielleicht schreibe ich vergebens. Vielleicht bist du schon bei meiner Gattin, bei meinen Kindern! Und ich Verlassener bin noch allein auf diesem großen Leichenfelde, sehe, wie das Elend um mich her wüthet, wie die Verzweiflung jammert, und wie der einzige Freund des Menschen, der Tod, endlich langsam folgt, aber dennoch grausam, wie alles, was menschlich heißt, erst ein junges, blühendes Weib, unschuldige Kinder wegreißt, ehe er mitleidig dem Leben des Trostlosen ein Ende macht. Mein alter Vater allein ist größer als unser Geschick. Er tröstet uns lächelnd, wenn wir jammernd die Hände ringen, oder uns schweigend in das bleiche Angesicht sehen. Ach, sein Lebensfaden ist durch das Alter schon so schwach, daß 458 es nur eines Hauches bedarf, ihn zu zerreißen. Darauf verläßt er sich. Er ist im Hafen, und spricht nun den Unglücklichen, die noch mit der stürmenden Welle treiben, Muth zu. Sein Ohr vernimmt schon die Friedensgesänge des Himmels; doch das meinige trifft, selbst im Schlafe, der Jammer einer zerstörten Welt, und dazwischen das Angstgeschrei meiner unglücklichen Kinder, wie die schreckliche Flamme – ach, Gott! könnte ich nur dies Einzige ungeschehen machen; gern wollte ich alle meine Hoffnungen dafür hingeben! – wie die schreckliche Flamme sie in der Ferne umringt, wie sie die unschuldigen Hände gen Himmel aufheben, dann von der Flamme ergriffen werden; wie sie nun brennen, noch immer um Hülfe schreien, und langsam unter Höllenqualen sterben! O Flaming, da sitze ich, zittre, und frage: wozu wurde ich geboren! Hat die ewige Güte den dunkeln Plan meines Lebens entworfen? oder gab sie mich allein dahin, ein Spiel des Zufalls, oder eines bösen Wesens zu seyn? Ich freue mich, daß ich nun ganz nackend in meinem Elende da stehe, und daß mir nichts mehr geraubt werden kann als das Leben. Das Leben? O, schon längst ist mein Geist in jenen stillen Gefilden der Ruhe, des Grabes. Nur mein Körper athmet noch hier unter dem Geschrei des Todes. Wollte Gott, meine letzte Stunde hätte geschlagen! Mein Vater hält diesen Wunsch für unrecht, für unmenschlich. Aber soll denn der Mensch nicht einmal hoffen? darf er sich nicht aus dem Sturme, aus dem Schiffbruche an das Land sehnen? soll er den Giftbecher des Geschickes mit Blumen kränzen? 459 Ach, du solltest einmal deine Blicke auf den Kreis deiner unglücklichen Freunde werfen! Ich lächle, daß sie so viel für die Erhaltung eines Jammers thun, den sie Leben nennen; daß Karoline und ihr Bruder so fleißig an dem Wollrade spinnen, um ihren Athem zu Klagen, zu Seufzern, zu fristen. Auch mein Vater braucht den letzten Rest seiner matten Kraft, den schwachen Faden seines Lebens zu erhalten. Ich spinne mit, um sie nicht zu betrüben. Sie freuen sich, wenn sie am Abend ihre Arbeit verkauft haben, und zählen die wenige Kupfermünze, ihren Gewinn, als ob sie der Bürge eines besseren Schicksals wäre; aber eine Stunde darauf ist sie verzehrt, und wir fangen aufs neue unser Tagewerk an. Ich verberge meine Thränen, verhülle die Wunden meines Herzens, und scheine mich mit ihnen zu freuen; denn auch die besten Menschen – und das sind sie – können den Schmerz eines Andern nicht immer ahnen. Neulich fand mein alter Vater in dem Gurte seiner Beinkleider noch ein Goldstück, das den raubsüchtigen Menschen, die uns plünderten, entgangen war. Alle traten zu dem elenden Stücke Metall hin, und betrachteten es wie ein Unglücklicher die Hoffnungen des Himmels. Karoline kaufte ein besseres Gericht Essen ein, und machte dadurch Alle, nur mich nicht, heiter. Sie sagte: nun noch Iglou's sanfte Lautentöne; was fehlte uns dann? Ach! dachte ich; können ihre Lautentöne die Todten erwecken? Sieh, Flaming! das ist es; ach! das ist es, weshalb ich mich weg wünsche von diesem Schauplatze des Jammers. Ein Vater sitzt zwischen ihnen, dessen 460 Kinder die Flamme verzehrt hat; und sie denken nicht daran. Sie ahnen nicht einmal, daß die Flamme, die meine Kinder tödtete, noch immer verzehrend in meiner Brust brennt. Vielleicht bist auch du glücklich, wenn diese Klagen vor deine Augen kommen; und dann wird ein Seufzer, ein Achselzucken, alles seyn, was du für deinen Freund noch hast. Es ist nicht deine Schuld, es ist die Schuld der Natur; sie gab ja den Menschen ein Herz, das nichts als sich selbst fühlt. Sie verweisen mich auf morgen, und dann wieder auf den folgenden Tag. Ach, sie bedenken nicht, daß mein Schmerz der Punkt ist, um den meine Zeit sich unveränderlich drehet. Sie wollen nicht begreifen, daß mich unmöglich etwas trösten, daß selbst die Allmacht des Himmels mich nicht anders retten kann als in das Grab. Ich soll mich überreden lassen, das Grab könne seine Todten zurückgeben. Sie stellen ein Vielleicht dahin, an das sie selbst nicht glauben, und schmähen, daß mein Schmerz vor diesem Trugbilde nicht weichen will. Das ist unser Zustand. Sie spinnen ihre Wolle, ihre Hoffnungen, ihr Leben ab; ich nähre meinen Schmerz mit blutender Seele, bis der Tod endlich rufen wird: es ist genug, du Armer! – Lebe wohl, Flaming: Ach du hattest wohl Recht, als du sagtest: man sollte nichts als unglücklich seyn; denn ist das Leben etwas Anderes als Unglück?« Der Baron las die Briefe mit nassen Augen, ließ sich dann von dem Kaufmanne die Begebenheiten seiner Freunde erzählen, und hörte mit klopfendem Herzen. Er unterstützte 461 den Kaufmann edelmüthig. Aber nun wollte er auch für seine Freunde thätig seyn, und wußte doch nicht wie, da die Verbindung zwischen Preußen und der Mark völlig wieder aufgehoben war. Er lief in Berlin umher, und fragte alle seine Bekannten um Rath, wie man Gelder nach Königsberg schaffen könnte; aber niemand wußte ihm ein sichres Mittel anzugeben. Als er einige Tage geforscht hatte, entschloß er sich, selbst nach Königsberg zu reisen und seinen Freunden Hülfe zu bringen. Seine Mutter bat ihn, sich nicht solcher Gefahr auszusetzen; er blieb aber fest bei seinem Entschlusse. Nun forderte sie von Iglou, daß sie ihn davon abhalten sollte. Iglou's Augen standen voll Thränen; aber zur Erfüllung dieses Verlangens war sie nicht zu bringen. Jetzt erhob sich ein neuer Streit. Der Baron sprach mit Iglou darüber, wie sie während seiner Abwesenheit leben sollte. Sie sah ihn starr an, und sagte: ich? während deiner Abwesenheit? Flaming! du glaubst, ich würde dich in einem Augenblicke deines Lebens verlassen? Ich gehe mit dir! »Du bleibst, Iglou! Bedenke doch die Gefahren dieser Reise!« Eben die will ich mit dir theilen. Wäre die Reise sicher, so möchtest du sie ohne mich machen; aber jetzt? Ich reise mit dir. »Iglou, liebe Iglou, in deinen Umständen! Du trägst ein Kind unter deinem Herzen. Ich bitte dich!« Angst um dich würde mich hier tödten; aber in deinen 462 Armen, an deiner Seite, ist alles, Schmerz und Tod, ein Glück für mich. Ich reise mit dir. Iglou war nicht von ihrem Entschlusse abzubringen, und der Baron schwankte nun zwischen Liebe und Freundschaft. Jetzt fand sich ein Mann von bekannter Redlichkeit, der von dem Russischen Befehlshaber einen Paß zu einer Reise nach Danzig zu erhalten gewußt hatte, und dem man ohne Bedenken Geld anvertrauen konnte. Der Baron gab ihm eine beträchtliche Summe für seine Freunde mit, und sagte zugleich dem unglücklichen Lissow in einem Briefe, daß seine Kinder wohl noch leben könnten. Aber nach einigen Wochen brachte die Familie des Kaufmanns mit lautem Jammer dem Baron die Nachricht, daß er unterweges von umherstreifenden Räubern geplündert und ermordet worden sey. Nun war die vorige Verlegenheit wieder da. Der Baron konnte sich jetzt noch weniger entschließen, die Reise mit Iglou zu unternehmen, da ihre Entbindung immer näher herankam. Er schickte nun mit allen Gelegenheiten, die er finden konnte, kleinere Summen ab, und hoffte, daß wenigstens Eine an seine Freunde kommen würde. Eben so sehr wie diese, beunruhigte ihn jetzt auch Iglou, an deren Herzen ein stiller Kummer zu nagen schien. Er drang in sie; und sie sagte ihm endlich: ach, wir sind undankbar! Lissow hat Recht. Wir sind glücklich, und denken nicht einmal an die Menschen, die uns so nahe angehen. Können nicht deine Unterthanen vielleicht eben so unglücklich seyn wie deine Freunde in Königsberg? und haben sie nicht auf Hülfe eben das Recht wie diese? 463 Flaming, konnte ich alle die Familien vergessen, mit denen wir ehedem lebten? O, ich bin undankbar gegen die Vorsehung gewesen, die mich so hoch erhob, und so reich machte! Der Baron forderte nun sogleich durch die öffentlichen Blätter seine Unterthanen auf: sie sollten sich an ihn wenden, weil er im Stande sey, sie wenigstens vor drückendem Mangel zu schützen. Nach und nach meldeten sie sich auch größten Theils, und der Baron unterstützte sie sehr freigebig. Niemand hatte dagegen etwas einzuwenden, ausgenommen Graßheim. Der Frau von Flaming war es mit ihrem kleinen Landsitze in Schlesien nicht viel besser gegangen als dem Baron mit seinem Gute. Sie floh zu Käthen; und diese schätzte sich glücklich, daß sie ihrer Erzieherin nun einmal ihre Dankbarkeit zeigen konnte. Endlich kamen auch der Baron und Iglou zu ihr. Herr von Graßheim äußerte gleich Anfangs zuweilen einige Unzufriedenheit darüber, daß Käthe sich bei so schweren Zeiten mit einer ganzen Familie belastete. Käthe tröstete, bat, maulte ein wenig, und wollte die Bedenklichkeiten ihres Mannes nicht einmal anhören. Nun bekam der Baron den Wechsel von Hilbert, und bestritt seine Haushaltung selbst. Als er aber seinen Freunden schickte, und dann gar auch seine Unterthanen aufforderte, sich an ihn zu wenden: da hielt Graßheim es für nöthig, ihm einige Klugheitsregeln über seine Verschwendung zu geben. Wissen Sie denn, fragte er, wie lange der Krieg noch dauern wird? Ich bin nicht karg, lieber Vetter; aber wegzugeben, was man selbst brauchen könnte, das fordert die Moral 464 nicht. Die Moral will, man soll zuerst an sich denken, dann ... »Erst an sich denken?« fuhr der Baron auf; »das forderte die Moral? Graßheim, das ist die Moral der Hölle, der ärgsten Bösewichter, des Egoismus! Welch ein Grundsatz! Ich bitte Sie, wie kann er je eine Regel werden, eine allgemeine Regel für das menschliche Geschlecht? Wahrhaftig, Graßheim. Sie wissen offenbar nicht, welche Eigenschaften das Princip einer Wissenschaft haben muß!« Ich rede hier nicht davon, ob sich das erweisen läßt. Aber es ist eine Regel, die jeder vernünftige Mensch anerkennt. »Nun denn«, rief der Baron mit leuchtenden Augen; »so behüte mich Gott vor der Vernunft! Für sich sorgen! auf sich denken!« Ich kenne ja Ihre Übertreibungen, lieber Vetter. Aber fragen Sie nur Ihre Frau; sie wird meiner Meinung seyn. Iglou stand auf. Nein, Herr von Graßheim. Gott behüte mich, daß ich je in einer Stunde meines Lebens Ihrer Meinung seyn könnte! Wenn diese Regel allgemein angenommen wäre, so hörte die Tugend, so hörte das Glück auf. Welche Mutter würde neun Monathe Schwäche und Hülflosigkeit ertragen, und die Gefahr, den Schmerz der Geburt übernehmen, wenn Ihre Regel wahr wäre! Nein, die Mutter vergißt sich und ihre Schmerzen, um an das Kind zu denken, das sie der Welt geben soll. Wer würde die gedrückte Tugend beschützen, wenn er immer nur an sein Wohlseyn dächte! O, guter Gott! die Zukunft und mein Geschick sind dein; aber mein ist die gegenwärtige Minute. 465 Laß mich bei dem Anblicke eines Unglücklichen immer vergessen, daß ich noch eine Stunde zu leben habe! Laß mich nicht denken, daß ich noch etwas andres zu meiner Freude brauche als eine edle, aufopfernde That! Ich habe nichts dagegen, – sagte Graßheim, ein wenig empfindlich, aber doch lächelnd – wenn Sie beide so denken; allein dann müßten Sie Sich auch auf Sich selbst verlassen können: denn wenn Sie Sich endlich arm gegeben haben, so erwarten Sie natürlicher Weise Hülfe von Andren. Ich sage das nicht etwa, um ... »Hülfe von Andren?« sagte der Baron: »das hieße seine Handlungen auf Wucher verleihen. Ich gebe, weil Unglückliche es bedürfen. Was kümmert es mich, wie der Erfolg für mich seyn wird! Das wäre eine sehr engherzige Großmuth, eine sehr eigennützige Tugend!« Aber, lieber Vetter, – mißdeuten Sie meine Worte nicht – wenn der Krieg nun länger dauert, und Sie arm sind, wer soll Sie dann ernähren? Sie geben jetzt ohnedies nur auf fremde Kosten; und eben darum meine ich ... Wer uns ernähren soll? Diese Arme! sagte Iglou. Graßheim lächelte ein wenig spöttisch. Nun, wenn Sie das meinen, so muß ich nachgeben. Aber Sie würden ganz gewiß fühlen, daß es leichter ist, so etwas zu sagen, als zu thun. Diese Arme sind wohl gewohnt die Laute zu halten; doch ... Was meine Arme vermögen werden, weiß ich nicht; wohl aber, daß der Vogel, der an Ihrem Hause nistet, ohne Arme ernährt wird. 466 Graßheim schwieg. Der Baron dachte über sein Princip der Moral, und auch Iglou versank in ein tiefes Nachdenken. Sie fühlte, daß Herr von Graßheim nicht ganz Unrecht hatte, und daß, bei ihrer Art Haus zu halten und zu geben, die Zeit bald kommen würde, wo sie entweder auf Hilberts oder Graßheims Hilfe rechnen müßten. Als sie dem Baron ihre Gedanken sagte, erwiederte er: »Nun, wer hat denn nun Recht? Sagte ich nicht immer: diese Weichlichkeit, dieser Luxus, diese Feste, mit Einem Worte, das Glück, hindert die Tugend? Da mußte ich aber Unrecht haben!« Werden wir nicht glücklich seyn, liebster Mann, wenn wir Ein Zimmer bewohnen, Ein Gericht essen, und die Kleider völlig auftragen? »Wir werden nicht an das Glück denken, liebe Iglou, und nichts als tugendhaft seyn.« Der Baron ging mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit an die Ausführung des neuen Planes. Jetzt fand er von Graßheim Widerspruch, und sogar seine Mutter hielt seinen Entschluß für ein wenig allzu großmüthig. »Zu großmüthig, liebe Mutter?« sagte der Baron mit seiner gerührten und dann so schönen Stimme: – »zu großmüthig, wenn ich mich einschränke, damit hundert Menschen nicht vom Hunger gequält werden, und nicht ihr Lager mit Thränen benetzen dürfen?« Seine Mutter lächelte, und hatte nichts mehr zu sagen. Der Baron bezog nun mit Iglou ein kleines Zimmer, und strich alles, was nicht nothwendiges Bedürfniß war, aus dem Plane seiner Haushaltung weg; und Iglou konnte bei 467 ihrer Denkart das leicht ertragen. Beide lebten in der That von sehr Wenigem, und gaben der Stadt ein Beispiel von Tugend, das, weil es so außerordentlich war, nicht ganz ohne Nutzen blieb. Es fand, wenn nicht Nachahmer, doch Bewunderer; ja manche Familie unterließ eine Gasterei, und gab wenigstens einen Theil des Geldes, die sie gekostet haben würde, den Unglücklichen, deren damals in Berlin so viele waren. Selbst Graßheim that, als er sah, wie einfach und dennoch heiter der Baron und Iglou lebten, seiner Gattin den Vorschlag, eine Schüssel weniger zu essen und das dadurch Ersparte unter Arme zu vertheilen. Des Barons Wohlthätigkeit wurde zu bekannt, als daß nicht Betrieger, oder Unverschämte, sie sollten gemißbraucht haben. Er ahnete keinen Betrug, und gab reichlich. Es war ein Glück, daß er Iglou zur Almosenpflegerin machte. Sie lernte bald den Betrieger von dem Unglücklichen unterscheiden, und erhielt nun einen Theil der Summe, die der Baron, weil er nur zu geben verstand, in Kurzem verschwendet haben würde. In diesem Feldzuge näherten sich die Russen Berlin. Man zitterte vor ihren Grausamkeiten, und floh. Graßheim ging mit Käthen zu einem Verwandten in dem Herzogthume Magdeburg. Die Baronin fand es unschicklich, ihn dazu zu begleiten, und entschloß sich, mit ihrem Sohne und Iglou anderswohin zu gehen. In Berlin wollte der Baron nicht bleiben, weil Iglou's Entbindung ganz nahe war, und er sie itzt um so weniger einem Schrecken vor Feinden aussetzen mochte. Er reiste nun mit ihr und seiner Mutter nach einem Städtchen in der 468 Altmark, nahe an der Hannoverischen Gränze. Hier fing die Familie sogleich ihre einfache Lebensart wieder an. Ihr Geld hatte sehr abgenommen; und dennoch verfloß ihr Leben unter Wohlthun und dem Genusse der reinsten häuslichen Freuden. Iglou gebar mitten in diesem ruhigen Genusse einen gesunden Knaben. Obgleich das Kind schon nach einigen Tagen schwärzlich gelb wurde, so konnte der Baron doch nicht müde werden, es an seine Brust zu drücken, und ließ sich durch die Farbe nicht in seiner Vaterfreude stören. Jetzt schlang sich ein neues und heiligeres Band, elterliche Liebe, um des Barons und Iglou's Herzen. Iglou war, wie jede Schwarze, nach einigen Tagen wieder hergestellt, und konnte nach einem Augenblicke von Unruhe sogleich wieder Hausfrau, und auch Mutter seyn. Ihr ohnehin ernst erhabener Charakter erhielt nun durch ihren Sohn etwas Heiliges. Wenn sie das Kind an ihren keuschen Busen legte, schien sie ein Engel, der eine Welt beherrscht und segnet. Das Glück in des Barons Hause erreichte nun den höchsten Grad. Niemand von dessen Bewohnern konnte angeben, warum er sich für so glücklich hielt; jeder wußte nur, daß er zufrieden lebte, und daß Iglou die Quelle dieser Zufriedenheit war. Jetzt fiel der Baron zum ersten Male auf den Gedanken, daß er nichts zu dem Glücke seiner Familie beitrüge, und mit allem seinem Studieren wohl überhaupt noch nie etwas Nützliches gethan hätte. »Was haben meine Systeme gewirkt?« fragte er sich selbst; »was hervorgebracht? In der That eigentlich nichts.« Er fühlte, wie sehr 469 Iglou's, und auch seiner Mutter Leben gegen das seinige abstach. Iglou stand mit der Sonne auf, und besorgte die Haushaltung. Dann arbeitete sie den Tag über mit ununterbrochenem Fleiße; bisweilen nahm sie auch wohl auf eine Viertelstunde die Laute, und sang sich Muth zu für ihre mütterlichen Sorgen, oder pries ihr stilles Glück, die Freuden anspruchsloser Wohlthätigkeit. Nun ging sie wieder neugestärkt an ihre Arbeit. Sie machte alles selbst: die Kleider für ihren Sohn, für ihren Mann, seine Mutter und sich. Für Alles wußte sie Hülfe; für Alles reichte ihr Geist und ihre Geschicklichkeit hin. Sie verfertigte Stickereien, die jedermann bewunderte, ließ sie verkaufen, und nannte das Geld, das sie dafür bekam, ihre Armenkasse. Am Abend las sie, oder schrieb, sang, erzählte; doch alles nur, um die Zufriedenheit ihrer Familie zu vermehren. Frau von Flaming blieb wenigstens nicht ganz hinter ihr zurück, und arbeitete mit ihr um die Wette. Aber wer konnte Iglou gleich kommen! Alle Geschäfte, alle Sorgen übernahm diese allein; und alle Freuden, alle Bequemlichkeiten schienen nur der Mutter und ihrem Manne zu gehören. Die Baronin gewann ihre Tochter unaussprechlich lieb, und drückte sie oft voll Freude an ihr Herz. Sie suchte Iglou liebevoll zu helfen, ihr alles zu erleichtern; aber wenn sie etwas thun wollte, so war es längst geschehen. Flaming sagte: »welch ein Weib ist meine Iglou!«und die Mutter: Gott! welch eine Tochter habe ich gefunden! Flaming sah den nützlichen Fleiß seiner Gattin und seiner Mutter, und schämte sich, daß er so gar nichts wirkte. Er fühlte jetzt, 470 daß man, um ein Mensch zu seyn, mehr thun müsse als spekuliren, und nährte den geheimen Wunsch, in das bürgerliche Leben einzutreten. Jetzt fehlte ihm die Gelegenheit dazu; indeß er that, was er konnte. Bald zeichnete er für Iglou Muster zu Stickereien, was sie sonst selbst gethan hatte; bald las er ihr und seiner Mutter während des Arbeitens vor. Er wurde Vater im eigentlichen Sinne des Wortes, hatte seinen Sohn auf den Knieen, während die Mutter nähete oder sonst etwas arbeitete, und legte sogar in der Haushaltung mit Hand an. So kleinlich diese Beschäftigungen auch waren, so schienen sie ihm doch jetzt wichtiger als seine ehemaligen Spekulationen; denn sie gaben seinem Herzen stille Zufriedenheit. Ein Stickerei-Muster, das ihm gelungen war, und das Iglou mit doppeltem Eifer ausführte, machte ihn heiterer, froher als ehemals alle seine Systeme. Einige angesehene Häuser, die in dem Städtchen lebten, wurden aufmerksam auf diese glücklichen Menschen. So seltsam man Anfangs über die Familie auch sprach, zu der eine Mohrin gehörte, so erhielt sie doch endlich allgemeine Achtung. Man ersuchte Iglou nun, einige junge Mädchen aus den besten Häusern im Sticken zu unterrichten. Sie that das , und noch viel mehr . In kurzer Zeit gewann sie die Liebe der Mädchen, und hatte nun auch Gelegenheit, auf ihren Geist und ihr Herz zu wirken. Jetzt erhielt der Baron endlich wieder einen Brief von Lissow. Dieser und seine Unglücksgefährten hatten von dem Gelde, das Flaming ihnen schickte, nur das wenigste 471 bekommen. Ihr Elend war durch eine Krankheit des Predigers und Karolinens auf den höchsten Grad gestiegen, und des Barons Geschenke hatten nur so eben zugereicht, sie nicht in der Noth untergehen zu lassen. An eine Reise zu dem Baron, welche dieser den Unglücklichen angerathen, konnten sie gar nicht denken. Lissow bat den Baron, ihnen, wenn es ihm möglich sey, zu helfen, damit sie nicht verzweifeln dürften. Zugleich hatte er einen Zettel von einem Dänischen Kaufmanne beigelegt, der sich erbot, Briefe und Gelder richtig nach Königsberg zu schaffen, und selbst für die Überlieferung zu stehen. Der Baron gab Iglou den Brief mit tiefem Schmerze über die Noth seiner Freunde. Sie las ihn, und ihr Auge schwamm in Thränen. Kaum hatte sie ihn gelesen, so sprang sie auf, fiel dem Baron um den Hals, und rief: Gott Lob! Gott Lob! wir können helfen! – Vor Freude zitternd, packten Beide wieder eine große Summe für die Unglücklichen ein. Nach den beträchtlichen Summen, die sie auch den Unterthanen des Barons schon gegeben hatten, blieb ihnen in der That wenig von Hilberts Gelde übrig. »Guter Gott!« sagte der Baron, und drückte Iglou mit Innigkeit an seine Brust: »jetzt sehe ich, was Fleiß und Arbeitsamkeit sind! Wie ruhig kann ich diese Summe weggeben, da du mein bist, Iglou! Was würde ich jetzt ohne dich anfangen! Der Krieg wüthet am Main so gut wie an der Oder; und wer weiß, ob nicht Hilberts jetzt unsre Hilfe nöthig haben! Iglou, welche eine schöne Seite des Lebens hast du mir gezeigt! Fleiß und Arbeitsamkeit! O, wie unnütz ist mein Leben sonst vergangen!« 472 Unnütz? fragte Iglou. Lieber Mann, setze dich nicht so tief herab. Deine Wohlthätigkeit, deine Liebe für die Menschen, die reine Güte ... »Was würden sie gewesen seyn, wenn ich nicht reich gewesen wäre! Was hat diese Hand, dieser Kopf bis dahin erworben? Nein Iglou, ich erröthe vor dir; denn ich bin, so lange ich reich war, nie ein Mensch gewesen. Jetzt sehe ich, der Mensch soll denken, aber auch arbeiten. Was wäre ich ohne dich, Iglou? Ein Verzweifelter, der sich nicht helfen könnte.« Er küßte mit Entzücken und tiefer Ehrerbietung die wohlthätigen Hände seiner Gattin, und sie lag, vor Freude lächelnd und weinend, an seiner Brust. Was er sagte, fühlte er wirklich, und fing nun sogleich an, Unterricht im Zeichnen zu geben. Jetzt vereinigte sich mit der Zufriedenheit, die sein Leben beglückte, der Genius, der sie erhält: das Gefühl, sie zu verdienen. Iglou gab auch Unterricht in der Musik; so vermehrten sich die Erwerbsquellen, und mit ihnen die Zufriedenheit dieser genügsamen Menschen. Der Baron und seine Familie erhielten die Achtung der ganzen Stadt, und ihre Wohlthätigkeit erwarb ihnen die Liebe und Dankbarkeit der Armen. Iglou war hier auf dem Schauplatze, wo ihre Tugenden wirksam seyn konnten. Sie kannte die Unglücklichen, denen sie gab, die Größe des Elendes, dem sie abhelfen wollte; und sie rettete hier mit ihrem kleinen Überflusse in der That mehr Menschen als ehemals mit den großen Summen, die ihr zu Gebote standen. Sie hatte sonst, so wie der Baron selbst und die Frau von Flaming, oft nur gegeben ; hier lernte sie 473 wohlthun , und erhielt dafür das edelste Gefühl: Menschen glücklich gemacht zu haben. Der Baron war jetzt mit seinem Unterrichte, den er auch in Sprachen gab, so beschäftigt, und in der Anwendung seiner Kraft so glücklich, daß es ihm an Zeit fehlte, neuen Grillen nachzuhangen, wenn er auch Lust dazu gehabt hätte; indeß seine alten Systeme hatte er noch immer nicht ganz vergessen. Iglou erzog, wie natürlich, ihren Sohn, und zwar, wie ebenfalls natürlich, auf eine ziemlich Abyssinische Weise. Der Knabe saß neben ihr auf einer Decke im Zimmer, oder auf dem Grase im Garten. Sie war der Meinung, man müsse sich nicht viel mit den Kindern abgeben, sondern ihnen nur Gelegenheit schaffen, ihre Kräfte auszubilden. Dies hatte die Wirkung, daß ihr Sohn fertig ging, als andre Kinder von gleichem Alter noch getragen wurden. Der Baron erinnerte sich, als er seinen Jungen so früh laufen sah, mit Schrecken aus seinem Systeme, daß die unedleren Menschen-Racen alles Körperliche eher und besser lernen als die edleren. Der Knabe schrie nicht, wenn er fiel, und ließ sich ganz ruhig behandeln, wenn er sich verwundet hatte. »Ach«, seufzte der Baron; »der Mohr, der Neger, ist gegen den Schmerz unempfindlich!« Er bemerkte nicht, daß Iglou, wenn der Knabe fiel, ihm gelassen zurief: nun, steh wieder auf! ohne sich von der Stelle zu bewegen; daß sie, wenn er sich verwundete, ruhig blieb, dann, während sie ihn verband, von einem Vergnügen sprach, das sie ihm machen wollte, und an die Wunde gar nicht zu denken schien. – Der 474 Knabe lernte fertig und deutlich sprechen. Der Baron rief: »Gott behüte! da ist auch die verdammte Sprachfertigkeit!« Aber der Knabe mußte wohl fertiger sprechen als andere Kinder; denn Iglou sagte ihm alle Wörter deutlich vor, zeigte ihm alle sinnliche Gegenstände, wenn es möglich war, und erfüllte nie sein Verlangen nach etwas, wenn er bloß mit der Hand darauf hinwies, ohne es zu nennen. Nie haben wohl die Fertigkeiten, die Vollkommenheiten eines Kindes seinem Vater so viel Vergnügen gemacht als dem Baron Unmuth und Sorge. Rief Iglou: Friedrich! so ließ der Knabe das angenehmste Spielzeug fallen, und eilte gehorsam zu ihr. »Ach!« seufzte Flaming dann; »die sklavische Natur seines Stammes! Er kann nur gehorchen!« Als der Knabe zum ersten Mal ungehorsam war, funkelten des Barons Augen vor Freude. »O, Gott Lob!« sagte er; »da wirkt doch endlich einmal mein Blut.« Er nahm den Knaben gegen Iglou in Schutz, die ihm aber seinen Ungehorsam nachher sehr scharf verwies. Jetzt gehorchte der Knabe, wenn die Mutter nicht zugegen war, seinem Vater sehr oft nicht, oder widersprach ihm; und der Vater küßte ihn für diese Beweise seiner Celtischen Natur. Nach und nach äußerte der Knabe alle Celtischen Eigenschaften, doch nur, wenn er mit seinem Vater allein war. Er gehorchte nicht, sprach nicht mehr deutlich, konnte nichts mehr selbst stellen, oder ohne Hülfe machen, und fühlte den geringsten Stoß. Sobald aber seine Mutter kam, war er wieder der leibhafte Neger: gehorsam, körperlich geschickt, hart gegen Stöße und Wunden. 475 Der Baron wußte das nicht zu begreifen, und beinahe wäre er mit einem neuen Systeme von der Sympathie der Menschen unter einander zum Vorschein gekommen. »Bin ich da«, sagte er, »so ist der Junge Celtisch, wie es nur einer seyn kann; bei seiner Mutter aber wird er sogleich ein wahrer Neger. Natürlich! der Junge ist aus zwei Racen gemischt. Vielleicht wirken meine Ausdünstungen auf seine Celtischen Fibern!« – Unser späteres Manipulations-System war damals noch nicht bekannt; sonst hätte der Baron gewiß geglaubt, seine Ausdünstungen manipulirten das Kind, und brächten seine Celtische Natur in Bewegung. Iglou sagte zuweilen: du verziehst den Jungen, lieber Mann! Der Baron schwieg, weil er seine Gattin zu herzlich liebte, um ihr zu erklären, woran es lag, daß sein Sohn nur ihm nicht gehorchte. Aber zuweilen wurde ihm die Celtische Natur des Knaben doch ein wenig zu arg, und er mußte seine Zuflucht zu Iglou oder zu der Ruthe nehmen, die von der Mutter schon lange nicht mehr gebraucht wurde. Er und Iglou geriethen hierüber in einen seltsamen Streit. Sie hielt das Schlagen der Kinder für sklavisch, und erlaubte es sich nur im höchsten Nothfalle, wenn der Knabe ungehorsam war; er hingegen hielt nichts für sklavischer als den Gehorsam des Knaben. – Und doch mußt du ihn mit der Ruthe erzwingen! sagte Iglou. Der Baron konnte ihr darauf nichts antworten; es war ihm zu viel Räthselhaftes in diesem Phänomen. Noch größer wurde seine Verlegenheit, als er in der Folge einige Negeräußerungen bemerkte, die nur gegen ihn ausbrachen. Der Knabe gab, wenn der Vater 476 ihn unterrichten wollte, nicht Acht, und antwortete verkehrt, kindisch, oder plauderte unaufhörlich dazwischen. »Wahre Negernatur!« seufzte der Baron. Die Mutter nahm den Knaben vor; und nun war er aufmerksam, verständig, und faßte sehr schnell. »Wieder mein Blut!« triumphirte der Baron. Nur konnte er nicht begreifen, wie es zuging, daß der Knabe bei der Mutter Celtisch, bei ihm aber negerartig war. »Ei«, sagte er endlich nach langem Sinnen mit großer Freude: »meine körperliche Natur wirkt auf seinen Körper: dann ist dieser, mit allem was davon abhängt, Celtisch, und seine Seele nimmt die Negernatur auf, die aus dem Körper weicht. Bei der Mutter macht ihre Ausdünstung, oder eine körperliche Sympathie, den Körper negerartig; und dann zieht seine Celtennatur in die Seele. Richtig! darum ist sein Körper bei mir weichlich, ungelehrig, und seine Seele unverständig, ohne Nachdenken.« Iglou erklärte das alles ganz natürlich. Der Junge weiß, wie viel du ihm nachsiehst. Er spielt lieber als er lernt, und wagt es bei dir, unaufmerksam, ungehorsam und trotzig zu seyn, weil du es von ihm geduldet hast. Bei mir wagt er das nicht, weil ich ihm nie Ungehorsam oder andre Untugenden übersehen habe. Nach diesen Äußerungen sagte der Baron nichts von seiner Erklärung, und auch in der Folge schwieg er ganz davon. Der Knabe zeigte so viel Geist, so viel Fähigkeit, und wurde durch seine Mutter zugleich so gut und sanft, daß der Baron ihr bald die Erziehung fast allein überließ, und sich nur selten hinein mischte. Seine Achtung für Iglou stieg immer höher; und 477 seine Mutter konnte nicht aufhören zu sagen: mein Sohn, du hast eine herrliche Frau. Endlich, als bei Iglou's weiser Leitung des Knaben Verstand und Herz sich immer vortheilhafter entwickelten, vergaß der Baron gänzlich, daß Negerblut in seinen Adern floß. Er dachte, wenn er Iglou oder seinen Sohn ansah, mit Beschämung an sein System der Menschen-Racen; und nun, da er überzeugt war, daß er vor der Negernatur seines Sohnes nicht mehr zu zittern brauchte, nahm er wieder mit großem Eifer Theil an seiner Erziehung. Jetzt suchte er Rousseau's Emile zum zweiten Male hervor. Er studierte die Erziehung seines Sohnes, und Iglou erzog ihn. Sie lehrte ihn lesen, und er lernte es ohne Schwierigkeit. Als er schon ziemlich fertig darin war, bemerkte der Baron es von ungefähr, und sagte: »um des Himmels willen, nicht lesen!« Er kann es, erwiederte Iglou. – Der Knabe lernte von seiner Mutter Lateinisch sprechen. Der Baron meinte, es wäre besser, wenn er anstatt dessen zimmern oder tischern lernte. Iglou hob die Arme des Knaben auf, und sagte: sobald die können, auch das. Keine Idee von Rousseau gefiel dem Baron besser, als daß jeder Knabe ein nützliches Handwerk lernen soll. Er selbst hatte zu sehr gefühlt, wie gut es ist, etwas zu wissen, womit man sich im Nothfall ernähren kann. »Erst muß man dafür sorgen«, sagte er, »daß man unabhängig vom Unglück ist. Wenn ich dich nicht hätte, Iglou, und nicht zeichnen könnte, ich, ehemals ein reicher Baron, müßte jetzt umher laufen, und mein Brot vor den Thüren suchen.« Er sah nicht, daß Iglou schon längst 478 dafür sorgte, des Knaben Hände an alle Arten von Arbeiten zu gewöhnen. Sie ließ ihn aus Brot Blumen machen, und übte dadurch seine Augen, so daß er früh ein Gefühl des Schicklichen, des Zusammenpassenden, erhielt. Der Baron rief, als er das bemerkte: » J'aime mieux qu'il pave les grands chemins que de faire des fleurs de procelaine – oder von Brot, liebe Iglou!« Der Knabe mußte nun Leuchter, Tassen oder andre Gefäße aus Brot machen, und der Baron war zufrieden. Fast eben so ging es mit tausend andern Dingen. – Der Baron wollte seiner Frau den Emile vorlesen. Sie verbat es sich, weil sie glaubte, es sey besser, ein Kind nach einem fehlerhaften Plane zu erziehen, als nach zweien zugleich; aber dennoch machte sie es, zu des Barons Erstaunen, meisten Theils gerade wie Rousseau mit Emile, und oft noch schicklicher. Iglou dachte und handelte nach ihren Einsichten. Sie war selbst zu gut gebildet, um große Fehler begehen zu können; kleinere bemerkte sie bald, und verbesserte sie sogleich. Ihr Herz und ihr Verstand waren einfach; die Sitten der großen Welt hatten ihr nicht den Kleinigkeitsgeist gegeben, und sie liebte ihren Sohn: kein Wunder also, daß ihr seine Erziehung gerieth. Der Baron fing nun an, den Locke zu studieren, und erstaunte, daß auch dieser Englische Philosoph eben der Meinung war, wie seine Frau. Bei Allem, was diese unternahm, zog er seine Bücher zu Rathe; und wenn ihr Verfahren denen widersprach, so mußte sie, trotz dem besten Erfolg, Unrecht haben. Er hatte große Lust, sobald der Knabe nur 479 ein wenig denken konnte, ihn in alle Geheimnisse der spekulativen Philosophie einzuweihen. Iglou störte ihn eine Zeitlang nicht. Doch alsdann überzeugte sie ihn durch die Erfahrung, daß Spekulation nicht für den Geist der Kinder gehört, und daß bei ihrer Bildung weit weniger darauf ankommt, wie viel sie wissen, als darauf, daß alle ihre Seelenkräfte, Gedächtniß, Phantasie, Dichtungs- und Urtheilskraft, mit der Vernunft harmonisch ausgebildet werden. Flaming machte Plane zur Erziehung; und Iglou erzog. Sie lächelte bei allen seinen Planen, hörte sie aber geduldig vorlesen. Er hatte eine Kritik der alten historischen Schriftsteller aufgesetzt, die, wie er wünschte, sein Sohn bald lesen sollte. Mit keinem von allen war er zufrieden. »Es giebt«, sagte er am Ende mit Unruhe, »für die christliche Jugend einen christlichen Virgil; wann wird doch endlich die Zeit kommen, da man einen Livius, einen Tacitus für die Jugend bearbeitet! Sag mir, welchen Historiker willst du mit unserm Kleinen lesen, wenn er zehn Jahre alt seyn wird?« Keinen, antwortete Iglou. Der Historiker schreibt für Männer, nicht für Kinder. Das Kind bedarf aus der Geschichte nur einiger Blätter, und die muß ihm der Lehrer vortragen. Unser Sohn soll den Livius nicht früher lesen, als bis er Geist genug hat, ihn zu verstehen; aber er soll einzelne Stücke daraus kennen lernen, der Sprache wegen. So ging es oft. Iglou wußte indeß immer Mittel, ihre Meinung mit der seinigen verträglich zu machen. Der Knabe bewies durch seine Fortschritte, daß sie Recht hatte; früh 480 aber suchte sie auch sein Herz zu bilden. Sie behauptete gegen ihren Mann: das Herz für die Tugend zu gewinnen, ist mehr, als den Verstand davon zu überzeugen. Das Herz muß die Tugend lieben wie ein Glück, und das Laster hassen wie ein Unglück. Die bloße Überzeugung des Verstandes von der Pflicht, die Tugend auszuüben, ist, wenn die Sinnlichkeit erwacht, ein Kind gegen einen Riesen. Ich ziehe den Riesen, die Sinnlichkeit, auf die Seite der Tugend, weil ich glaube, daß die ersten Tugenden der Kinder lauter Gefühle des Glückes seyn müssen; dann erst überzeuge ich den Verstand, und gebe der Tugend eine neue Kraft. Der Knabe bedurfte kaum dieser vorsichtigen Bildung, da er die Beispiele seiner edlen Eltern stets vor Augen hatte. Es verging kein Tag, den Iglou oder Flaming nicht mit einer guten That bezeichneten. Iglou glaubte, man müsse, wo möglich, selbst mit Leidenden sprechen, und ihnen Hülfe bringen. Oft machte sie auch ihren Sohn zum Zeugen ihrer wohlthätigen Handlungen und ihrer Freude über das süße Glück, das sie gewähren. Der Knabe war ungefähr vier Jahre alt, als Iglou's Tugend recht eigentlich geprüft wurde. Ein Frauenzimmer in Lumpen, bleich und matt, hatte in der Stadt gebettelt, und lag jetzt in einem Wirthshause krank und elend. Sie war, wie sie sagte, von den Russen geplündert, gemißhandelt worden, und endlich unter Noth und Elend bis hierher gekommen. Iglou hörte von dieser Unglücklichen, erkundigte sich in dem Wirthshause näher nach ihr, und erfuhr nun, was wir erzählt haben. Ein menschenfreundlicher Arzt des 481 Ortes, der täglich in Flamings Hause war, besuchte die Kranke, und brachte Iglou dieselbe Nachricht, doch mit dem Zusatze, daß ihre Krankheit anhaltend seyn würde. Er wußte übrigens noch nicht einmal, was ihr fehlte. Daß dieses Frauenzimmer aus den so genannten besseren Ständen war, hatte er an ihrer gebildeten Sprache bemerkt. Iglou machte sogleich Anstalt, dem armen Geschöpfe Pflege zu verschaffen. Sie ließ die Kranke noch an eben dem Tage auf ein kleines Stübchen in ihrem Hinterhause bringen, und nun ging sie zu ihr, um von ihr selbst ihr Schicksal zu hören. Als die Kranke nur einen Blick auf Iglou geworfen hatte, schrie sie laut, und suchte sich in ihrem Bette zu verbergen. Iglou, die den Schrei für Ausdruck des Schmerzes hielt, ging mitleidig dem Bette näher, und fragte, was ihr so weh thue. Die Kranke antwortete nicht. Iglou setzte sich zu ihr, drückte die dürre, schlaffe Hand, und versicherte ihr, daß sie Unterstützung und Freundschaft finden solle. Die Kranke war ängstlich; sie sah Iglou nur mit einzelnen Blicken, wie verstohlen, an, und sprach nur mit dumpfer Stimme einige Worte. Erholen Sie sich erst, sagte Iglou; wir sprechen weiter. Seyn Sie ohne Sorge; Sie sind bei Menschen, die Sie nicht verlassen werden. Gewiß nicht! – Gewiß nicht? wiederholte die Kranke mit einer Art von Heftigkeit. – Gewiß nicht! sagte Iglou noch einmal. Die Kranke schien nicht daran zu glauben; sie seufzte mit sichtbarer Unruhe. Die Kranke konnte Iglou's Versicherung, daß sie nicht verlassen seyn sollte, in der That nicht leicht glauben; denn 482 sie war – Julie Hedler, durch ihren Leichtsinn nach und nach bis zur Bettlerin herabgesunken. Sie verschwendete als Mätresse des Russischen Generals ungeheure Summen, so sehr ihr Bruder sie auch bat, an die Zukunft zu denken. Das konnte sie nicht, ja nicht einmal sich gegen den General mit Klugheit betragen. Unter der Schwadron des Generals war ein junger, schön gebildeter Husar, von Geburt ein Deutscher, der, um seiner Sprache willen, natürlicher Weise viel mit dem General zu thun hatte. Er wurde zu allem gebraucht, weil man sich auf ihn verlassen konnte. Julie sah den hübschen jungen Menschen täglich, und er gefiel ihr, da seine Figur edel, groß, und sein Gesicht jugendlich schön war. Er wagte es einige Male, Julien für Unglückliche, die er retten wollte, zu bitten, und sie, die von Natur Gutherzigkeit hatte, erfüllte sein Verlangen durch ihr vielgeltendes Vorwort. Juliens Bekanntschaft mit dem jungen Husaren war nun gemacht; er begegnete ihr indeß immer mit tiefer Ehrerbietung, und wagte es kaum, das reitzende Geschöpf anzublicken. Damit er Muth bekäme, lächelte sie ihm zu, wenn er etwas bei ihr zu bestellen hatte; er blieb aber immer in der ehrerbietigsten Entfernung, obgleich die freundlichen Blicke des reitzenden Mädchens sein Blut in Wallung brachten. Julie konnte dabei nicht stehen bleiben; dazu war der junge Mensch zu hübsch. Ihr Lächeln, ihre Blicke wurden bedeutender, und sie ließ sich seine Geschichte von ihm erzählen. Er war von guter Herkunft; aber sein feuriges Temperament hatte ihn zu Unvorsichtigkeiten, und endlich unter die 483 Husaren gebracht. Julie sah ihn mit einem lockenden Blick an, sagte: ich will für dein Glück sorgen! und legte ihre Hand auf seinen Arm, der sogleich anfing zu zittern. Sie gestand ihrem Bruder ihre Neigung unverhohlen, und er verwendete sich für den jungen Husaren, weil sie es bei ihrem Leichtsinne sonst selbst gethan und dadurch Argwohn bei dem General erregt haben würde. Frick – so hieß der junge Mann – wurde Quartiermeister der Schwadron, und blieb nun ganz im Gefolge des alten Generals. Er hatte wirklich vielen Edelmuth; allein er war ein Mensch ohne Grundsätze, ohne Tugend. Juliens Blicke lockten ihn; er konnte ihrem zauberischen Lächeln nicht widerstehen, und seine Augen fingen an ihre Blicke zu beantworten. Nach und nach wurde er dreister, aber nur wie ein Neuling in der Liebe. Ein ernster Blick von Julien schreckte ihn wieder sehr weit von ihr zurück. Sie sah, wie das Verlangen nach ihr in seinen Augen blitzte; wie ängstlich, wie sehnsuchtsvoll seine Brust in ihrer Gegenwart schlug; in welche reitzende Verwirrung er gerieth, wenn sie mit ihm allein war; wie er mit sich selbst kämpfte, ob er sich ihr zu Füßen werfen, oder ehrerbietig schweigen sollte. Dies Schauspiel machte ihr großes Vergnügen, und erinnerte sie an die süßen Stunden in den Armen des jungen Franzosen, den sie vielleicht allein geliebt hatte. Was sollte Julien abhalten, den jungen, heiß liebenden Menschen glücklich zu machen! Eines Tages, als er allein bei ihr war, faßte sie seine Hand, drückte sie, ohne zu sprechen, sah ihn schmachtend, lächelnd, halb spottend an, 484 legte ihre kleine, weiße Hand auf sein Herz, und sagte scherzend: o, wie das schlägt! Hast du mich denn so lieb? – Der Jüngling zitterte, und wußte nicht, was er antworten sollte. Sie näherte ihre frischen, rothen Lippen seinem Munde; und seine Augen blitzten von heftigen Flammen. Noch immer wußte er nicht, ob das Spott oder Liebe war. Sie legte endlich ihre Lippen an die seinigen; und nun warf er seine zitternden Arme mit unbeschreiblichem Feuer um ihren Leib, küßte sie, und fühlte ihre Küsse auf seinen Lippen brennen. Sie erstaunte über die heftige Leidenschaft des jungen Menschen, der ihr dabei zugleich die größte Ehrerbietung erwies. Mit zärtlichem Hingeben umarmte sie ihn nun, und sagte ihm unter Küssen, daß sie ihn liebe. Er sank vor ihr nieder, und weinte auf ihre schönen Hände. Sie hob ihn wieder auf an ihren Busen; und er blieb, so leidenschaftlich er auch war, dennoch in den Gränzen der reineren Zärtlichkeit. Julie empfand freilich nichts als Wollust; aber dennoch wirkte zu ihrem Befremden die Bescheidenheit des jungen Menschen sonderbar auf sie. Sie fühlte sich durch seine Schüchternheit geehrt, und konnte sich nicht überwinden, ihn ihre Wünsche merken zu lassen. Ihre Neigung zu ihm wuchs gerade dadurch, daß er so bescheiden war; ihre eigenen Begierden wurden ruhiger, und sie fühlte nun in ihrem Herzen einen feineren Genuß der Liebe, den sie vorher nicht kannte. Frick gehörte zu jenen Feuerseelen, die das Schicksal zu hohen Tugenden, zu den edelsten Gefühlen bestimmt hat; 485 aber zu seinem Unglück blieb sein Geist ungebildet. Er war unbesonnen gewesen, doch niemals niedrig. Das Feuer seiner hohen Seele trieb ihn, anstatt zu Tugenden, in Gefahren. Sein Herz schwankte beständig zwischen dem feurigen Antriebe zu allem Edeln, und zwischen seinen Schicksalen, und den Menschen, die ihn zu Vergehungen zogen. Die Kraft seiner Seele ging in seine Leidenschaften über; doch nie schwieg die laute Stimme der Tugend in seiner Seele. Kurz, er war einer von denen Menschen, die mit Leidenschaften anfangen und mit Verbrechen endigen, weil sie das Wesen der Tugend nicht kennen lernten. Jetzt liebte Frick zum ersten Male, und mit glühender Leidenschaft; er würde aber auch mit edler Reinheit geliebt haben, wenn er an ein tugendhaftes Mädchen gerathen wäre. Julie entzündete Liebe und Wollust zugleich in seiner Brust; doch seine Liebe bekam den edleren Charakter, weil er noch nie geliebt und nie ausschweifend gelebt hatte. Nur der Umstand, daß Julie des Generals Mätresse war, bewirkte Regungen der Wollust bei ihm; doch die Liebe war viel stärker als diese. Selbst bei der Mätresse Julie wagte er es nicht, mehr zu fordern als ihr Herz; aber es ließ sich voraus sehen, daß die Sinnlichkeit in Kurzem das Übergewicht bekommen würde. Julie selbst verlangte das. Sie öffnete dem Jünglinge die wollüstigen Arme, und er sank hinein; doch mitten in dem Genusse der Freuden forderte er noch immer ihre Liebe. Er hing mit voller Seele an ihr; aber er war durch Eifersucht auch ihr Tyrann, in seiner Liebe fürchterlich. Mit 486 Thränen der Wuth, der Verzweiflung, mit schrecklichen Drohungen, forderte er von Julien, sie sollte den General verlassen. Julie suchte ihn zu überzeugen, daß es besser sey, den General so fort zu betriegen, und bot ihm Kostbarkeiten, Gold an. Verachtend stieß er Ringe, Uhren und Gold zurück, und sagte mit blitzenden Augen: Julie, dich will ich! dich ! Im Elende wollte ich mit dir vergehen, in Verzweiflung umkommen, und, wenn du mir gehörst, nur mir, dennoch glücklich seyn. Er fiel ihr zu Füßen, und rang die Hände vor Wuth und Eifersucht. Du liebst mich nicht! rief er; es ist nicht wahr, du liebst mich nicht! Denn wie könntest du sonst noch etwas außer mir wünschenswerth finden? Julie, ich beschwöre dich, sey mein! O, ich will dich unendlich, unaussprechlich lieben; für dich arbeiten, daß mir die Sehnen springen! Bringe mich nur nicht zu der rasendsten Verzweiflung. Eine solche heftige Liebe war Julien noch nicht vorgekommen. Was sie that, ihn zu beruhigen, die zärtlichsten Liebkosungen, die sorgfältigste Aufmerksamkeit, die Überwindung aller ihrer Launen – nichts konnte diesen Menschen zu dem machen, wozu sie schon so manchen gemacht hatte: zu ihrem Sklaven. Sie fühlte, daß sie inniger als je geliebt war, und freuete sich darüber, ob sie gleich auch fühlte, daß Frick sie gewaltsam beherrschte. Er zwang sie, an die Wahrheit seiner Empfindungen zu glauben; noch mehr! er zwang sie zu ähnlichen Empfindungen, und brachte einige Funken von seinem Feuer in ihre Seele. Die Wollust, die sie geben konnte, war nicht das Ziel, nach welchem er strebte; 487 nein, es war ihre Liebe, sie selbst. Er wollte nicht ihrer genießen, sondern sie besitzen. Wenn sie die schönen Arme um ihn schlang, ihre heiße Wange an der seinigen lag, und er sich nun mit ihr in die Zukunft hin träumte, wie sie einander Alles, ewig Alles, seyn wollten: das war der Augenblick, wo sein Auge sich mit Thränen, seine Brust mit Entzücken füllte; der Augenblick, wo er betheuerte: er sey glücklicher, als eine Sprache es sagen könne. Anfangs hatte er genossen, war aber nicht glücklich gewesen, und am Morgen mit finstern, mißtrauischen Blicken von ihr weggegangen. Erst als sie das Fremde für ihn verloren hatte; als der Gedanke, sie ist die Mätresse des Generals, ein prächtig gekleidetes Frauenzimmer, nicht mehr auf seine Phantasie wirkte; als er sie Julie und Du nannte: erst da wurde er glücklich, aber auch eifersüchtig. Jetzt wollte er mit ihr entfliehen. Wo können wir hin? sagte Julie. Und denk an die Rache des Generals, wenn wir eingeholt würden! Wir wären Beide verloren! – Er rang die Hände, und knirschte mit den Zähnen. Aber was konnte er erwiedern? Er fügte sich in die Nothwendigkeit. »O Julie«, sagte er einst, und betrachtete sie mit verschlingenden Blicken; »ich liebe dich! Der Gedanke, ob auch du mich liebst, nagt wie ein Geier an meinem Herzen.« Aber, antwortete sie lächelnd, wie soll ich dich Ungläubigen überzeugen, daß ich dich liebe? Er legte die Faust an die Stirn, und rief grimmig: »das ist es, das ist es! Sieh, wenn ich dich in einem Bettlerkleide, in Noth und Elend gefunden hätte, und die Welt wäre mein 488 gewesen – ach, Julie, Alles würde ich für dein Herz dahin gegeben haben. Barmherziger Gott, daß ich dich so, so finden, so lieben mußte!« Lieber Frick, wer hat versprochen, mir meine ehemaligen Begebenheiten nicht mehr vorzuwerfen? Sie sind geschehen. Aber habe ich dir nicht gesagt, daß ich dich, dich allein, liebe wie noch keinen Mann? Er schüttelte den Kopf, und betrachtete sie mit finstern Blicken. »Was du sagst, kann wahr seyn; aber das ist ja eben das Unglück, das Schreckliche bei der Lebensart, die du geführt hast, daß dir kein Mann trauen darf! O Julie! könnte ich dein Leben bis zu dem Augenblicke, da du verführt wurdest, zurückkaufen – sieh! hier im Schnee wollte ich Jahre lang knieen, von Wurzeln, von Wasser leben; ich würde es lächelnd ertragen, und für dich beten. Nein, Julie, du kannst mich nie ganz glücklich machen! Ach, alle deine Reitze gäbe ich für deine Unschuld!« Ihr Männer seyd doch seltsam! erwiederte Julie, und suchte ihre Empfindlichkeit durch einen leichten Spott zu verbergen. Da spricht der Mensch von Unschuld; und ich wollte nur den Lärm sehen, den er machen würde, wenn ich ihm mein Schlafzimmer verschlösse! Du, Frick, bist um nichts besser als die übrigen Männer. »Ja, ich bin mit dir gefallen; aber eben, daß ich darauf rechnen konnte, ist das Gift, das an meiner Seele nagt. Wenn du unschuldig gewesen wärst, Julie, ... so ...« Hättest du mich dann mehr geliebt? »Nein, das nicht. Ich liebe dich bis zum Wahnsinn; aber 489 die Liebe hätte mich dann zu einem guten Geiste gemacht, zu einem Glücklichen: und jetzt macht sie mich zu einem Teufel, zu einem Verzweifelten. Julie, ich könnte morden, wenn du meiner überdrüßig würdest, einen Andern an dich locktest, und mich verstießest. Wenn du das thätest – lächle nicht! – wenn du das je thätest, so ... Ich mag nicht daran denken, daß es möglich ist! Du würdest sehen, was Liebe kann! So waren ihre Gespräche fast immer; und Julie, die wirklich alle die Liebe, deren ihr leeres Herz fähig war, für den jungen Mann empfand, fing endlich an zu begreifen, daß Unschuld, Keuschheit, doch nicht etwas ganz Gleichgültiges seyn müsse. Frick lehrte sie eine Liebe kennen, die nicht bloßer sinnlicher Genuß ist, und erwarb sich zugleich durch Uneigennützigkeit ihre entschiedene Achtung. Er nahm nie Geschenke von ihr, so viel, so oft sie ihm auch etwas anbot. »Das ist nicht dein!« sagte er mit Stolz und Unwillen: »Geld, an dem mein Elend, meine Verzweiflung hängt. Ich wünschte, du ständest nackend da, frei von dem Prunke, den ich mit meiner Ruhe bezahlen muß! Dann würde ich dich mit meinen Kleidern bedecken, und dieser Säbel sollte dir alle die Nichtswürdigkeiten erfechten, ohne die du nicht leben, nicht glücklich seyn zu können glaubst!« Als sie einmal in Ernst böse wurde, daß er einen simpeln goldnen Ring nicht nahm, den sie ihm anbot, um seine Zweifel an ihrer Liebe zu besiegen: da schnitt er ihr mit einer Schere eine Locke von ihrem blonden Haare. »Das ist dein«, sagte er, »meine geliebte Julie! Dieses Haar schenke 490 mir!« Er band die Locke zusammen, und trug sie nun auf seinem Herzen. Julie lachte über diese empfindsamen Tändeleien, diese Kleinigkeiten, denen ein volles Herz so hohen Werth giebt; doch es währte nicht lange, so legte sie, zu ihrer Verwunderung, selbst Werth darauf. Sie steckte einen goldnen Ring, den er ihr schenkte, lieber an als einen brillantenen, und trug ebenfalls Haar von ihm auf ihrem Herzen. Mit Unmuth, mit sichtlichem Widerwillen erduldete sie die Liebkosungen des alten Generals, und machte tausend Erfindungen, um mit seinen Besuchen verschont zu bleiben. Sie hängte sich mit einer Art von Schwärmerei an ihren Geliebten; und wenn Frick reich gewesen wäre, so würde sie den General gewiß verlassen haben. Jetzt theilte sie wirklich mit ihrem Geliebten alle Gefühle, und wünschte sogar, noch unschuldig zu seyn, um ihn ganz glücklich machen zu können. Stunden lang hörte sie seine Träumereien von der Zukunft mit innigem Vergnügen an; ja, in manchem Augenblicke ihrer Schwärmerei versprach sie ihm mit vollem Herzen, ihn zu heirathen. Eines Tages stand der General mit einem Theile seines Regiments auf den Vorposten. Da er jetzt vor einem Angriffe sicher zu seyn glaubte, so ließ er Julien, die bei der Bagage in einem entfernteren Dorfe war, bitten, zu ihm zu kommen. Frick und ein paar Husaren begleiteten sie bis zu dem Dorfe, in welchem der General sein Quartier hatte. Gegen Abend entstand Lärm, und Alles gerieth in Verwirrung. Die Preußischen Vorposten waren durch einen Wald 491 gegangen, um den Russen in den Rücken zu kommen. Julie mußte sich nun sogleich wieder in den Wagen setzen, den eine kleine Bedeckung von Husaren, unter Fricks Anführung, begleitete. Am folgenden Morgen, als eben die Sonne aufging, hörte man in dem Walde ein Pferdegetrappel, und es sprengten einzelne Husaren heran. Der General war genöthigt, sich zurückzuziehen, und ließ Frick sagen: er sollte Julien sogleich links fahren lassen, weil rechts der Feind stände. Kaum war Frick wieder aufgebrochen, so kam auch der Feind schon zum Vorschein. Julie schrie vor Angst. Frick sprengte an den Wagen, und sagte in Eil: »Julie, so lange ich lebe, wird kein Feind an den Wagen kommen!« Er befahl dem Kutscher, langsam und vorsichtig zu fahren; dann sprengte er zu seinem kleinen Trupp. Sobald die Preußischen Husaren den Wagen sahen, stürzten sie hinzu, um Beute zu machen. Frick sprengte ihnen mit gezücktem Säbel entgegen, und sein Muth begeisterte seine Kameraden. Sie wehrten die Preußen ab, und eilten dann wieder zu dem Wagen. Die Feinde stürzten aufs neue heran, und Frick ihnen sogleich wieder entgegen. Hier fiel einer, dort einer. Vier Russen lagen schon, und auch fünf Preußen, von denen Frick viere niedergehauen hatte. Nur er und ein Russe waren noch am Leben, aber Beide leicht verwundet; sie hatten vier unverletzte Preußische Husaren, einen Officier unter ihnen, gegen sich. Der Officier bewunderte die Tapferkeit des einzigen Mannes, und rief ihm auf Russisch zu: er möchte sich ergeben. Frick antwortete auf Deutsch: »ich bin kein Russe! 492 Lebendig bekommt ihr mich nicht!« Nun erhob sich ein wüthendes Gefecht, worin Frick Wunder der Tapferkeit that. Die Preußen riefen ihm bei jedem Hiebe zu: Bruder Deutscher, Pardon! Jetzt fiel Fricken ein Gedanke ein. »Halt!« rief er; »ein Wort!« – Aber der Wagen fährt nicht weiter! rief der Preußische Officier; und er hielt auf Fricks Zuruf. Frick sagte nun: »ich bin ein Unglücklicher, der jetzt Leben und alles verlieren, oder alles gewinnen muß. Ist euch mehr an mir oder an dem Wagen gelegen? Laßt den Wagen fahren, und ich bin euer Bruder, ein Preuße. Wollt ihr das nicht, so muß der Säbel entscheiden. Ich bin entschlossen zu sterben. So lange dieser Arm noch nicht abgehauen ist«, – bei diesen Worten fuhr sein Säbel schrecklich pfeifend durch die Luft – »so lange berührt niemand den Wagen!« – Aber, fragte der Officier lächelnd; was hast du mit dem Wagen, braver Kamerad? Willst du unser seyn, so nimm ihn dazu. Du sollst dich mit meinem Burschen in die Beute theilen. Sag, was hast du mit dem Wagen? »Er gehört meinem General, der ihn mir anvertrauet hat. Das Mädchen darin ist meine Geliebte. Wollen Sie, Herr Lieutenant, so hole ich das Mädchen, der Wagen fährt, und ich bin der Ihrige.« – Kamerad, so nimm doch den Wagen mit! Er soll dein seyn. Auf Ehre, ganz dein! »Herr Lieutenant, ich will das Mädchen, weiter nichts; das Übrige muß wieder zu der Russischen Armee. Wenn es seyn könnte, nähme ich das Mädchen lieber nackt. Dieser Säbel sollte ihr wohl Brot und Kleider schaffen! Wollen Sie?« – Wohl, ich will. Laß den Wagen zum Teufel fahren! – 493 »Herr Lieutenant, machen Sie, daß ich zu Ihrer Schwadron komme. Sie schenken mir den Himmel; und mein Leben, mein Blut, gehört von heute an Ihnen.« Er sprengte an den Wagen, und rief glühend: »Julie, ich habe dich und mich gerettet! Willst du nun mein Weib seyn?« Julie sprang auf. Gott, lieber Frick, du blutest! – »Mit diesem Blute«, sagte er lächelnd, »habe ich deine Hand erkauft. Willst du mit mir zu den Preußen übergehen?« – O ja, lieber Frick. Hier ist meine Hand. – »So steig aus. Wirf deine Ringe, deine Uhren hin. Steig aus, und folge mir!« – Frick, laß uns den Wagen mitnehmen! – »Der Wagen gehört dem General«, sagte Frick finster; »steig aus und folge mir!« Julie begriff nichts. Frick erklärte es ihr. »Ich gehe zu den Preußen über, weil ich ein Deutscher bin, weil ich dich retten will; aber der Wagen wurde mir anvertrauet, und soll wieder in die Hände des Generals kommen. Wenn du mich liebst, Julie, so wirf ihm die Ringe, die Uhren, das Gold hin; und, bei meinem Leben! dafür will ich vergessen, was du gewesen bist.« Julie überlegte einen Augenblick. Arm sollte sie mit ihm gehen? das Weib, das schlechtgekleidete Weib eines Husaren? Sie fing an zu weinen. Da riß Frick die Mütze ab, zeigte ihr den Hieb auf der Stirn, und sagte: »sieh! Blut war mir für dich nicht zu theuer; und du?« Er riß eine Pistole aus dem Halfter, und setzte sie, mit einem verachtenden Blicke auf Julien, an die Stirn. »Nein!« rief er dann; »ich habe ja erst dein Gold zu retten!« Er steckte die Pistole wieder ein, zog den Säbel, und sprengte gegen die Preußen. »Herr Lieutenant!« rief er; 494 »nichts als der Tod! Ich bin Ihr Feind! Sie fechten mit einem Verzweifelten, der sterben will , sterben muß , der schändlich betrogen ist. Aber der Wagen muß fahren, so lange mein Arm den Säbel noch heben kann!« – Halt! rief der Lieutenant seinen Husaren zu, weil er sah, daß Frick bleich wurde. Laß den Wagen fahren, so weit er kommen kann, Kamerad. Er ist ja doch unser; du kannst ja kaum mehr auf dem Gaule sitzen. – »Ich?« rief Frick wüthend. spornte sein Pferd, und hob mit der letzten Kraft den Säbel. »Sterben will ich! sterben!« Der Officier sprengte auf ihn zu, und schlug ihm den Säbel aus der Hand. Nun wurde Frick vom Pferde gerissen, und der andere Husar sprengte in den Wald. Man hielt den Wagen an, und wendete ihn um. Julie schrie laut auf, als ein Preuße ihr die Pistole vorhielt. Deserteur! rief der Officier, und gab Fricken den Säbel wieder: der Wagen ist sein! – »Gefangener!« sagte Frick. »Kameraden, der Wagen ist euer!« Der Officier sprengte zu dem Wagen hin, erstaunt über Juliens Schönheit, versicherte sie seines Schutzes, und sagte ihr freundlich: sie möchte ruhig seyn. Als der Wagen an den Platz kam, wo Frick auf der Erde lag und eben von einem Preußen verbunden wurde, sprang Julie laut schreiend heraus, stürzte sich neben ihn hin, nahm seinen Kopf auf den Schooß, benetzte sein Gesicht mit Thränen, und gab ihm alle Beweise einer zärtlichen Liebe. Frick lächelte, und reichte ihr die Hand. Der Officier rief noch einmal: Deserteur, Kamerad! Ich bitte dich, sag Deserteur! Das Mädchen ist dein! 495 »Deserteur!« stammelte Frick. »Julie«, setzte er hinzu; »du hast nicht gewollt, daß ich glücklich würde. Dein Gold ist dir mehr werth als ich. Laß mich sterben, und sey du nur glücklich!« Dieser Edelmuth überwältigte Julien; sie sprang auf, machte den Husaren große Geschenke, und rief: Wagen und Pferd sind euer! alles, was ihr findet, ist euer! Aber vorsichtig verbarg sie eine kleine Schatulle, die ihre Kostbarkeiten und eine Summe Geld enthielt. Frick, den man bald wieder auf sein Pferd gebracht hatte, erzählte nun dem Officier auf dessen Verlangen. So sehr er auch die eigentlichen Umstände im Dunkeln ließ, so errieth der Officier dennoch den Zusammenhang. Er ließ lächelnd anhalten, und sagte: Mamsell, alles was im Wagen ist, sogar die Kleider, die Sie tragen, sind unser, und Sie selbst unsre Gefangene. Steigen Sie aus! Zitternd und bleich trat Julie aus dem Wagen. Der Officier bemächtigte sich ihrer Schatulle, und sagte dann zu Frick: du bist mein Rekrut, braver, edler Mensch! Ich bin dir Handgeld schuldig. Hier! du bekommst meine Gefangene, und dieses Kästchen. Bist du nun zufrieden? Julie reichte ihrem Geliebten die Hand zu; und er sah den Officier mit dankbaren Blicken an. Sie hielt ihm auch die Schatulle hin; aber die schlug er lächelnd aus. »Ich mag sie nicht; sie ist dein, Julie: das Geschenk eines edlen Mannes. Jetzt ruhet ein anderer Geist darauf.« Er wurde nun gelassener, und man kam Mittags bei der Preußischen Avantgarde an. Natürlicher Weise machte diese kleine Begebenheit 496 Aufsehen. Jeder wollte den jungen, tapfern, edlen Husaren und seine Geliebte kennen lernen, die man denn unbeschreiblich schön fand. Julie verließ, so lange Frick noch krank lag, sein Bett nicht. Sobald er gesund war, wurde er eingestellt. Er genoß allgemeiner Achtung in dem Regimentes und da er bei verschiedenen Gelegenheiten eben die Tapferkeit zeigte wie in jenem Scharmützel, so wurde er bald Wachtmeister, und es war kein Geheimniß, daß der General nur auf Gelegenheit wartete, ihn dem Könige zum Officier vorzuschlagen. Jetzt zog auch die Ehre Julien an ihn. Sie liebte den Mann, der sich allgemeine Achtung erwarb, und er mußte nun aus Gefälligkeit für sie einen Aufwand machen, wie ihn nur der Rang, den er hoffte, entschuldigen konnte. Sie selbst trug jetzt Amazonenkleider, und blieb immer an der Seite ihres Geliebten. Der junge Officier, der Fricken zum Gefangenen gemacht hatte, war sogleich sein Freund, und Beide wurden das noch mehr in einem Vorpostengefechte. Der Officier hatte sich zu weit gewagt. Auf einmal sprengten aus einem Gebüsche mehrere Husaren hervor, die ihm den Rückweg abschnitten. Er war umringt, und sah seinen Tod vor Augen; denn die Erbitterung der Russen, welche durch eben dieses Husarenregiment einige Male sehr gelitten hatten, war zu groß, als daß er hätte hoffen können, Pardon zu erhalten. Er wehrte sich, so gut er konnte; auf einmal hörte er ein heftiges Geschrei, und zugleich wendete sich ein Theil der Russen von ihm ab. Nur Ein Preußischer Husar schlug sich mit unbeschreiblicher Wuth herum. Das gab ihm selbst 497 Muth, und seine Hiebe verdoppelten sich. Jetzt sprengte der Husar – es war Frick – herbei, und sein Säbel schmetterte wie ein Blitz zwischen den Feinden. Er drang bis zu seinem Officier, und griff nun mit einer Kälte und Besonnenheit an, daß die Feinde den Muth verlohren, und sich zurück zogen. Bald eilten mehrere Preußen herbei, trieben die Feinde in die Flucht, und der Officier war befreiet. Du hast mir das Leben gerettet, Frick! sagte der Officier, und schloß den blutenden Frick an seine Brust. »Ich habe mein Wort gelöst!« erwiederte dieser. Sie sprengten zurück, und der Officier trank sogleich mit seinem Retter auf ewige unveränderliche Freundschaft im Leben und Tode. Von diesem Tage an waren sie unzertrennlich. Jetzt erst erzählte Frick dem Officier seine Begebenheit mit Julien offenherzig. Sein Freund wagte es kaum, gegen seine Liebe, oder vielmehr gegen seine Absicht, Julien zu heirathen, einige Erinnerungen zu machen; denn er sah, wie heftig Fricks Leidenschaft für das schöne und reitzende Mädchen war. Julie selbst wendete allerlei dagegen ein, als Frick den Wunsch äußerte, sich sogleich mit ihr trauen zu lassen. Sie verlangte, er sollte warten, bis er Officier wäre; und da auch sein Freund hierzu rieth, so mußte Frick seinen Wunsch wohl aufgeben. Der Feldzug ging zu Ende, ohne daß Frick Lieutenant geworden war. Die Officier fingen nun an in den Winterquartieren sich von den Beschwerlichkeiten des Sommers zu erholen. Man tanzte, spielte, machte Musik, und stellte 498 Gastereien an. Die schöne, heitre, angenehme Julie wurde zu allen Lustbarkeiten eingeladen, und versäumte keine. Frick spottete Anfangs über ihren Hang zu solchen Vergnügungen; doch bald wurde er ernsthafter. Julie sagte: ich bin dir treu; aber warum soll ich des Lebens nicht genießen? Und wirklich blieb sie ihm treu, so lustig sie auch bisweilen werden konnte, und so unbesonnen sie an manchem Abentheuer der Officier Theil nahm. Frick konnte der Subordination wegen nicht in allen den Gesellschaften seyn, zu denen Julie gezogen wurde. Er bat sie dringend, da weg zu bleiben, wo er selbst nicht hinkommen dürfte. Aber, lieber Frick, sagte sie lachend; so laß mich doch heiter leben! Ich bleibe dir ja treu. – Frick schwieg, und verbarg seinen Verdruß. Er bat nun seinen Freund, Julien überall zu begleiten, wo er selbst nicht seyn könnte; und sein Freund versprach es. Julie spielte, verschwendete, stellte ebenfalls Gastereien an; denn sie glaubte, wie immer, ihr Geld würde kein Ende nehmen. Dazu sagte nun Frick gar nichts, weil er von allem ihrem Gelde nie etwas angerührt hatte, und auch nichts davon anrühren wollte. Er lebte sehr einfach; sein Sold reichte für seine und Juliens Bedürfnisse, die Beute, die er machte, zu Juliens Vergnügen. – »Julie«, sagte er nur: »du gewöhnst dich an Dinge, die ich dir nicht werde geben können; und dann wirst du aufhören mich zu lieben!« Julie lachte. Bin ich je eigennützig gewesen, lieber Frick? Will ich nicht gern alles mit dir theilen? Laß es gehen! Ist mein Geld, das du ohnehin hassest, ausgegeben, so esse ich mit dir, wenn es 499 seyn muß, Kommißbrot. – Sie verschwendete fort, und hatte von ihrem Gelde bald nichts mehr übrig. Fricks Freund, der Lieutenant, war immer ihr Begleiter, und, wenn sie zu Hause blieb, ihr Gesellschafter. Er kam meistens schon Morgens früh, und sah die schöne Julie, – Fricks enges Stübchen litt es nicht anders – wenn sie kaum aufgestanden war, in ihrem leichten, reitzenden Nachtanzuge. So saß sie, wenn Frick im Dienste seyn mußte, ganze Morgen mit ihm allein, und plauderte, oder sang ihm vor. Er blieb, wenn Frick die Wache hatte, bis spät Abends bei ihr, weil sein Freund ihn darum gebeten hatte. In der That eine gefährliche Lage für einen jungen Husarenofficier, der kein Held in der Tugend war und von Julien wohl keinen großen Widerstand befürchten mußte. Anfangs ging Alles recht gut; er ehrte seines Freundes Liebe und Eifersucht, weil er wußte, wie viel Julie ihm war, und daß auch diese ihren Frick liebte. Aber nun hatte Julie ihr Geld verschwendet, und mußte ihre Ringe, ihre Uhren verkaufen. Mit Freuden legte Frick ihr seine aufgesparte Beute in den Schooß. – O, wie gut bist du, lieber Frick! sagte Julie. »Ich bin es«, erwiederte er bedeutend; »aber sey du es nur auch!« Julie wurde wirklich etwas sparsamer; doch lange reichte auch sein Geschenk nicht. »Nun Julie«, sagte Frick; »nun sind wir, wo du sagtest. Jetzt theile ich mit dir, was ich habe.« Er schrieb jetzt ab, that Wachen für Andre, und nahm, was er so ungern that, von seinem sehr reichen Freunde kleine Geschenke, um Julien mehr als seinen Sold geben, und sie zuweilen mit 500 irgend etwas überraschen zu können. Aber, was war das alles für die verschwenderische, leichtsinnige Julie! Die Officier wollten ihr ehemals Geschenke machen, und sie schlug alles aus. Jetzt nahm sie, was man ihr anbot, und nahm es heimlich. Frick merkte das, und sprach sehr ernsthaft mit ihr darüber. Julie unterließ es dennoch nicht, und es gab einige Male Scenen, bei denen sie vor Unmuth und Reue Thränen vergoß. Frick war von jetzt an übel gelaunt. Er fühlte, daß er für Julien alles zu thun im Stande war; und sie that so gar nichts für seine Ruhe. Voll Verdruß über ihren Leichtsinn machte er ihr Vorwürfe, und versöhnte sich wieder mit ihr, weil er sie, trotz allen ihren Fehlern, mit heißer Leidenschaft liebte. Julie aber? Die befand sich nicht mehr wohl bei ihm, weil er ihr die Freuden des Lebens nicht gönnte. Schon längst hatte sie an des Lieutenants Blicken bemerkt, daß sie ihm nicht gleichgültig war. Noch dachte sie nicht daran, ihrem Geliebten untreu zu werden; aber – sie wollte nach ihrer Weise leben. Der Lieutenant machte ihr mehr als Eine sehr theure Galanterie, und es lag ihr daran, den freigebigen Mann zu behalten. Schon sonst war sie in ihrem Betragen frei gewesen, und der Umgang mit dem sehr sinnlichen und oft sehr ungesitteten Generale hatte sie noch mehr dazu gemacht. Sie wurde gegen den Lieutenant freundlicher als jemals, drückte ihm die Hände, und zog ihn dadurch immer stärker an sich. Nun fing sie an zu bemerken, daß der Lieutenant ein junger, schöner Mann war, und, was noch mehr sagen wollte, heiter, jovialisch, nicht halb 501 so ernst wie Frick. Sie wurde nun immer vertraulicher und lockender. Der junge Officier kämpfte, so schwer es ihm auch wurde, lange gegen diese Zauberin, und nahm sich sogar vor, weg zu bleiben; allein selbst Frick bat ihn angelegentlich, seine Besuche fortzusetzen. Er kam wieder, taumelte von Schritt zu Schritt, erkaufte jeden Genuß mit den bittersten Vorwürfen seines Herzens, und ging dennoch den Weg des Lasters fort. – Er hat dir das Leben gerettet! sagte sein Gewissen. Und du, sagte die böse Lust, rettest ihn vielleicht von einer Frau, die über kurz oder lang sein Unglück machen muß. – Er vertrauet dir seine Geliebte! sagte die Ehre. Braucht er zu wissen, daß sie ihm nicht treu ist? lispelte die Begierde. – Sie wird ihn mit einem Andern betriegen, und dann wird man noch obendrein seiner spotten! setzte die Heuchelei hinzu. – Auch ist es ja so weit noch nicht! flisterte die Falschheit. Der junge Mann kämpfte und wurde nach jedem Siege, den er erkämpft zu haben glaubte, immer schwächer. Eines Abends, als Frick auf Kommando nach Fourage gemußt hatte, war der Lieutenant wieder bei Julien, und diese sehr lockend gekleidet. Er saß neben ihr, und hatte den Arm um den schlanken, weichen Leib geschlungen, während daß sie mit süßer, schmachtender Stimme Liebeslieder sang. Der Lieutenant schneuzte zitternd das Licht, und es erlosch. Der unglückliche Frick! Das Verbrechen an Liebe und Freundschaft wurde begangen. Die Furie folgte dem Verbrechen auf der Ferse. Julie war nie bei einer Untreue so unruhig gewesen wie bei dieser. 502 Sie rieb sich die Stirn wohl hundertmal glatt; doch die Falten kamen immer wieder. Nun, sagte sie endlich lachend, was habe ich denn Großes gethan! Ist es doch, als ob ich jemanden ermordet hätte! Aber das Lachen wollte gar nicht gelingen. Auch der Lieutenant ging finster und unruhig umher. Er mochte sich entschuldigen, wie er wollte, die Vorwürfe, die auf seinem Herzen lagen, blieben gleich drückend. Er nahm, als Frick wieder gekommen war, auf einige Tage Urlaub, weil er dessen Anblick nicht aushalten konnte. Gern hätte er auch dem Andenken an die Freuden, die Julie ihm gegeben hatte, entfliehen mögen. Die erste lasterhafte That ist wirklich schwarz; die zweite hat schon eine hellere Farbe. Der Lieutenant sah Julien wieder; man blickte sich an, erröthete, vermied einander, suchte sich dann, besprach sich über die Einwürfe, welche das Gewissen gemacht hatte, und der arme Frick wurde aufs neue betrogen. Frick merkte nichts. Seine Treuherzigkeit machte beide dreister, und sie gingen jetzt bei ihrem Betruge planmäßiger zu Werke. Julie war gegen den betrogenen Mann zärtlicher, und der Lieutenant freundschaftlicher als je. Sie wurde sogar eingezogener, um einige Officier zu vermeiden, die ihre Untreue an Frick vermutheten, und sich nun Freiheiten bei ihr erlaubten, die zu dulden sie doch nicht tief genug gesunken war. Frick sah ihre größere Eingezogenheit, und freuete sich darüber. In der heitersten Stimmung ging er Geschäfte halber zu einem Rittmeister, der gerade ein Glas zu viel getrunken hatte. Lieber Frick, sagte dieser nach einigen Neckereien; ich will Ihnen ein 503 Räthsel vorlegen: welchem Thiere wachsen die Hörner erst, wenn es alt ist? (Frick wußte es nicht.) Nun, ich will es Ihnen sagen, mein Schatz. Einem Hahnrei: so einem Thiere, wie Sie und wir Alle werden. – »Wie ich? Herr Rittmeister!« – Mein Schatz, wie Sie, sage ich. Alles in der Welt greift doch in einander! Sie retten dem Lieutenant, Ihrem Busenfreunde, das Leben, und er schenkt Ihnen dafür – zwar kein Königreich, das hat er nicht, aber eine Krone auf die Stirn. – »Herr Rittmeister, der Lieutenant ist mein Freund!« – Ja, ja, mein Schatz, auf Ehre! das ist er: besonders wenn Sie nach Brot oder Fourage reiten; dann schläft er bei dem Allerwelts-Mädchen. Aber Geduld! sie wird auch den krönen, dann den Dritten, und so weiter. Auf Ehre, mein Schatz, wenn es so fortgeht, so kann noch das ganze Officier-Corps an die Reihe kommen; und dann wird man unser Regiment mit Recht die Kronhusaren nennen. Frick wurde bleich. Sie werden ja so blaß, mein Schatz! fuhr der Rittmeister mit gelähmter Zunge fort. Je nun, eine Hand wäscht die andre. Sie wuschen die Hand Ihres alten Generals; der Lieutenant wäscht die Ihrige, und so wird es fortgehen. Auf Ehre! so wird es! Geben Sie Acht. Frick ging mit zerbrochenem Herzen. Noch immer hing er an Julien mit unbeschreiblicher Innigkeit, und lebte nur für sie. Er hatte ihr alles aufgeopfert, hatte dem Lieutenant das Leben gerettet; und eben diese beiden Menschen betrogen ihn schändlich. Ihre höllische Undankbarkeit, die aber bei ihren Charakteren ganz natürlich war, erfüllte sein Herz mit kaltem Grimme und Menschenfeindschaft. Erst 504 wollte er sich von seinem Unglücke überzeugen. Und was dann? – Rache, Blut! Seine Seele war ein Raub der wüthendsten Verzweiflung. Doch zuweilen glaubte er wieder einen Augenblick an die Treue Juliens und seines Freundes; darum wollte und mußte er Überzeugung haben. Unverzüglich ging er zu dem General, und erbat sich auf zwei Tage Urlaub. Er erhielt ihn, und zwar in Gegenwart seines Freundes, der nun Arm in Arm mit ihm nach Hause ging. Frick sattelte, umfaßte Julien, drückte seinen Freund an sein Herz, und sprengte mit Thränen in den Augen fort. Er ritt nach dem nächsten Dorfe, blieb da bis des Abends spät, gab sein Pferd der dort stehenden Wache in Verwahrung, ließ sich eine Laterne geben, und ging so, mit den beiden geladenen Pistolen in der Hand, wieder nach Hause. Erst schlich er auf den Hof, und horchte; alles war still. Nun öffnete er leise die Thür seines Zimmers, und trat mit der Laterne an das Bett. Da lag Julie schlafend in den Armen seines Freundes. Man denke sich die Empfindung des so fürchterlich betrogenen Unglücklichen! Er sank in einen Stuhl am Bette, setzte die Laterne auf den Tisch, und blieb einige Minuten in der starrsten Verzweiflung sitzen. Mit aufgehobenen Händen rief er dann das einzige Wort: Gott! – Davon erwachten Julie und ihr Buhler. Um Gottes willen! riefen sie Beide mit Schrecken, als sie sahen, daß Frick vor ihnen stand. Der Lieutenant machte eine Bewegung, als ob er aus dem Bette wollte. – Bleib! rief Frick, und hielt ihm die Pistole entgegen. Der Lieutenant 505 murmelte zitternd einige Worte. Nur das Leben schenke mir, lieber Frick! jammerte Julie mit gefalteten Händen. Frick schien nichts zu sehen und zu hören. Endlich wendete er sich von ihnen ab, blickte gen Himmel, und sagte schmerzlich: »ach Gott! mit Beiden habe ich mein Herz getheilt! und sie konnten mich betriegen! ... Elende!« rief er mit fürchterlicher Stimme, mit rollenden Augen, und hob die Pistole auf. Julie und der Lieutenant sprangen aus dem Bette, und sanken zitternd ihm zu Füßen. Nur das Leben! rief Julie. »Leben?« sagte Frick; »unter Teufeln leben? Fort!« Schnell setzte er die Pistole an seine Stirn, drückte ab, und sein Gehirn flog, mit Blut vermischt, umher. Julie sank in Ohnmacht, und auch der Lieutenant lag betäubt da, ohne zu wissen, wie ihm geschehen, und wer getroffen war. Auf den Schuß kamen Menschen herbei, und drangen in das Zimmer. Man rief nach Licht, weil Frick im Fallen den Tisch mit der Laterne umgerissen hatte. Der Lieutenant kam unterdessen wieder zu sich, und schwankte halb nackend aus dem Hause, ohne daß ihn jemand bemerkte. Als endlich Licht gebracht wurde, öffnete auch Julie die Augen wieder. Fricks Leichnam lag mit der zerschmetterten Stirn auf ihrer offnen Brust, die sein Gehirn und sein Blut befleckten. Man sah sogleich, daß Hülfe hier unmöglich war, da der Schuß das ganze Gehirn zerschmettert hatte. Julie richtete sich bleich und zitternd auf, und konnte kaum stehen. Jetzt erblickte sie das blutige Gehirn an ihrer Brust, schrie laut, und sank zum zweiten Male in Ohnmacht. Man brachte sie auf das Bett, und wischte ihr die Brust ab. 506 Noch wußte niemand, was vorgefallen war. Julie sprach irre, als sie wieder zu sich kam. Der Auditeur des Regiments wurde geholt. Aus Juliens einzelnen Worten – Verwünschungen gegen sich und den Lieutenant – begriff er sehr bald den Zusammenhang der schrecklichen Begebenheit, und ging nun zu dem Lieutenant. Dieser war todtenbleich, ganz von Blut bedeckt, und erzählte mit heftigen Vorwürfen gegen sich selbst die Geschichte, und den Antheil, den er daran hatte. Der General mußte die Familie des Lieutenants schonen; die Sache wurde daher unterdrückt, obgleich jedermann sie wußte. Man deutete Julien an, daß sie das Kantonnirungsquartier verlassen sollte. Sie war außer Stande, etwas zu verstehen, und noch viel weniger konnte sie reisen. Bleich und zitternd saß sie unbeweglich da, betrachtete mit Schauder die Stelle ihres Busens, welche Fricks Gehirn bedeckt hatte, und rief in diesem fürchterlichen Zustand den Nahmen: Frick! tausendmal mit tiefem Schmerze. Der General drang darauf, daß sie weg sollte. Ein Officier setzte sich nun mit ihren Sachen in einen Wagen, und brachte sie einige Meilen rückwärts in ein Städtchen. Hier schenkte er ihr noch eine Börse mit Geld, die der Lieutenant ihm für sie gegeben hatte, empfahl sie dem Gastwirthe, bei dem er abgetreten war, und fuhr dann wieder nach seinem Kantonnirungsquartiere. Fricks treuloser Freund ging stumm, träumend umher, und war mit seltsamen Vorstellungen beschäftigt. Überall glaubte er seinem ermordeten Freunde zu begegnen. 507 Einige Wochen nachher rückte das Regiment gegen den Feind, und gerieth an die Russischen Husaren, bei denen Frick gestanden hatte. Als der Lieutenant bei einem Vorpostengefechte dies sah, weckte ihre Uniform Fricks Bild doppelt lebhaft in seiner empörten Phantasie. Ha! rief er laut: Frick! Frick! kommst du? Er sprengte wild zwischen die Feinde, und wurde niedergehauen. Das letzte Wort, das er sprach, war: Frick! Die unglückliche Julie lag in dem Wirthshause fast ohne Verstand. Sie konnte nichts denken, als den schauderhaften Anblick des Unglücklichen, der mit zerschmettertem Gehirn auf ihrer Brust gelegen hatte. War sie nur einen Augenblick allein, so schrie sie fürchterlich auf, weil sie zu sehen glaubte, wie ihr betrogener Freund sich aufs neue blutig über sie hinstürzte. Das Leben, und alles, was es erhalten konnte, war ihr nichts mehr. Ohne Bewußtseyn gab sie ein Goldstück, wo sie eine Kleinigkeit zu geben brauchte; aber dennoch wollte der Wirth sie nicht länger behalten, weil er befürchtete, daß sie sich das Leben nehmen möchte. Sie mußte das Haus verlassen, und irrte nun ein Jahr lang, etwa zwanzig Meilen weit in die Runde, umher. Die Zeit linderte endlich ihren Schmerz, ihre Verzweiflung; als sie aber nun wieder zur Besonnenheit kam, war ihr Geld ausgegeben, ihre Gesundheit zerstört, ihre Schönheit verblühet. Sie hatte keinen Zufluchtsort, und wagte es nicht, ihr Auge zum Himmel aufzuheben. So irrte sie, in Lumpen gehüllt, umher, von inneren Vorwürfen gemartert, von den 508 Menschen verstoßen. Tausendmal wünschte sie sich den Tod; aber nur mit Zittern: denn jenseits des Grabes stand der blutende Frick. So trieb die rächende Furie sie endlich bis in die Altmark; und hier fand sie bei Iglou und Flaming Hülfe. Das Unglück hatte die leichtsinnige Julie so verwandelt, daß sie Gott ernstlich dankte, als endlich ein Mensch sich ihrer annahm. Aber sie fürchtete, von Iglou erkannt und dann wieder in ihr Elend gestoßen zu werden; darum sprach sie so wenig als möglich, und gab, als Iglou wegen ihrer Begebenheiten in sie drang, sich einen falschen Nahmen, um nur, so lange die Lüge dauern würde, der Pflege zu genießen. Iglou erkannte sie wirklich nicht; denn Elend und Verzweiflung hatten alle Spuren von Schönheit an Juliens Körper vertilgt. Das helle, blaue Auge starrte jetzt erloschen in seiner Höhle; die feine Nase war spitz und knöchern geworden; die ehemals so frischen Lippen hingen blaßblau um die gelben, langen Zähne, die sonst klein und weiß, wie eine Reihe Perlen, da standen. Die Haut war trocken, unrein und gespannt; die Röthe der Wangen verschwunden; die Arme eckig, hager; die Gestalt lang und dürftig. Selbst der Kummer in Juliens Gesichte entstellte sie. Es war nicht der freundliche Gram, der um Hülfe flehet und Geduld scheint, sondern ein finsteres, mißtrauisches, in sich verhülltes Wesen. Auch ihre Sprache hatte sich verändert. Es war nicht mehr jene wohltönende, sichere, sondern ein ängstliches, scheues Hervorstoßen der Worte aus der Kehle. Woran hätte Iglou nun die Unglückliche erkennen sollen? 509 Sobald Julie merkte, daß man sie nicht erkannte, verminderte sich ihre Ängstlichkeit. Sie fing an mehr zu sprechen, und erzählte, anstatt ihrer Geschichte, einen Roman, den aber Iglou nicht glaubte, weil offenbare Widersprüche darin lagen. Die scharfsichtige Iglou sagte von ihr: sie ist ein zweideutiges Geschöpf, das ein Verbrechen auf der Seele hat; doch – sie ist unglücklich. Vielleicht lernt sie von uns den Frieden der Tugend kennen und lieben. Julie erholte sich einigermaßen; aber ihr scheues, mißtrauisches Wesen verlor sich nicht. Der Arzt erklärte sie für körperlich gesund. Ihre Krankheit, mein Kind, sagte er zu Julien, liegt in der Seele; und für die ist kein Arzt auf Erden. Aber guten Rath könnte ich Ihnen geben, wenn Sie Zutrauen zu mir hätten. (Julie erröthete und zitterte.) Sie haben etwas auf Ihrem Gewissen! – Julie wurde bleich. Sie wollte leugnen; aber der Arzt faßte ihre Hand, ging mit ihr an das Fenster, sah ihr starr ins Auge, und sagte mit majestätischem Ernste: da sehen Sie hinaus an den Himmel! Ich bin ein Mensch; mir brauchen Sie nichts zu gestehen. Aber dort wohnt Ihr Richter und Retter, wenn Sie ihm trauen. – Juliens Hände flogen vor Zittern; ihre Zähne stießen zusammen, und ihre Blässe nahm zu. Sie sah mit wilden Augen gen Himmel, und stieß leise heraus: mein Richter! – Ihr Retter! sagte der Arzt. Sie schüttelte ängstlich den Kopf. Iglou faßte ihre zitternden Hände, legte das sanfte, mitleidige Gesicht auf ihre Brust, und wiederholte versichernd: »dein Retter, liebe Unglückliche! gewiß dein Retter!« 510 Julie war tief erschüttert. Ach, rief sie; nein, nein! dies Blut wäscht keine Thräne ab. Sie legte die Hand auf ihren Busen, der von Fricks Blute befleckt gewesen war. – »Reue, liebes Mädchen«, sagte Iglou, »trocknet Ströme von Blut auf. Du wirst noch glücklich werden!« Iglou bestand nicht länger darauf, Juliens Begebenheiten zu erfahren. Sie glaubte, sich an dieses verwahrlosete Herz näher anschließen zu müssen, daß sie es mit dem Geiste ihrer Ruhe füllen könnte; aber es gelang ihr nicht. Julie konnte nur über ihr Unglück verzweifeln, doch nicht ihre Verbrechen bereuen. Iglou gab die Hoffnung nicht auf, dieses Herz, wie das Herz Ritters Rheinfelden, der Tugend wieder zu gewinnen, und bestürmte daher Julien mit Liebe und Mitleiden; aber die gute Iglou wußte nicht, daß man einmal die Tugend gekannt haben muß, um sie aufs neue zu lieben. Julie fühlte sich wirklich von Iglou's Tugend besiegt. Sie sah die Zufriedenheit der glücklichen Familie, und sie, die ehemals so reitzende Julie, war gezwungen, die häßliche Schwarze um ihr Loos zu beneiden, von dem sie freilich zu gleicher Zeit empfand, daß es ihre Wünsche nicht befriedigen könnte. Julie mußte endlich an den häuslichen Beschäftigungen Theil nehmen, ob sie gleich nicht an Arbeit gewöhnt war; denn sie fühlte, daß man sie, wenn sie müßig ginge, nicht länger im Hause behalten, und daß sie dann ganz verstoßen seyn würde. Sie konnte sich nicht zu der Tugend dieser Menschen erheben – nur ihre Tugend beneiden; und dabei zitterte sie noch immer, daß man entdecken möchte, wer sie wäre. 511 In einer solchen Stunde voll innerer Pein trat sie einmal aus Zerstreuung an das Klavier, das sie hier noch nie berührt hatte, und machte einige höchst traurige Gänge. Iglou hörte mit Erstaunen zu, und fragte dann: »du spielst das Klavier, Louise?« (So nannte Julie sich.) Diese erschrak. Iglou bat sie, fortzufahren; und sie mußte, da keine Ausflucht möglich war. Julie sah bald, daß auch ihr Klavierspielen sie nicht verrieth, und es war ihr lieb, daß sie ihr Talent jetzt nicht mehr zu verbergen brauchte. Sie fühlte, was sie vorher noch nicht gewußt hatte, daß Musik der Trost eines gebrochenen Herzens ist, ja, daß sie sogar das Leiden des Verbrechers mildert. Jetzt saß sie stundenlang am Klaviere, und phantasierte. Der Baron sagte: »ihr Verbrechen kann nicht groß seyn, Iglou; wenigstens ist sie nicht liederlich gewesen, wie du vermuthest. Höre nur die richtige Harmonie in ihrem Spiele!« Endlich entdeckte man von ungefähr auch, daß Julie schön und fertig sang. »Und mit diesen Talenten, Louise«, sagte Iglou, »verzweifelst du an deinem Fortkommen?« Julie mußte Iglou in ihrem Musik-Unterrichte ablösen, sobald sie die Kunst zu lehren einigermaßen gelernt hatte. Es fehlte ihr nicht an Verstand, aber schlechterdings an aller Anwendung desselben auf den Unterricht. Jede Stunde wurde ihre eben so schwer wie der Schülerin. Doch um so größer war auch ihr Triumph, als es erst nur ein wenig ging; sie hatte ja nun zum ersten Male das Bewußtseyn, durch Arbeit sich selbst ernähren zu können. Iglou war fast immer zugegen bei dem Unterrichte, weil 512 Julie sonst anfing mit ihrer Schülerin zu plaudern. Sie saß eines Tages vor sich in Gedanken, als Julie am Klaviere sang. Auf einmal kam ihr die Stimme sehr bekannt vor, und fast in demselben Augenblicke stand auch das Bild der reitzenden Julie vor ihrer Seele. Sie horchte, und es dünkte sie immer mehr, als ob sie Juliens Stimme hörte. Nun stand sie auf, setzte sich so, daß sie Louisens Profil sehen konnte; und – auch Juliens Züge waren in dem Gesichte. Jetzt erinnerte sich Iglou an alle die Sonderbarkeiten, die Julie Anfangs gezeigt hatte, an ihre Bemühungen, sich zu verbergen; und diese blieben ihr nicht mehr unerklärbar. Sie dachte nun auch wieder an einige Worte, die Julien entfallen waren, und die ebenfalls bewiesen, daß diese sie länger kannte. Iglou wollte Gewißheit haben. Sie hatte ehedem in Berlin mit Julien oft ein Duett gesungen, das diese jedes Mal mit einer auffallenden Cadence endigte. Am Abend, als sie mit Julien allein war, brachte sie das Duett zum Vorschein, und bat sie, es mit ihr zu singen. Julie sang, und schloß gerade so wie ehemals. Nun konnte Iglou nicht mehr zweifeln. Sie faßte Juliens Hand, und sagte: du bist Julie Hedler; nicht Louise! Julie wurde blaß, gerieth in Verwirrung, stammelte einige Worte, und fing an zu weinen. Iglou verließ das Zimmer, und Julie blieb allein mit ihrem bösen Gewissen, und mit der Furcht, daß man sie aufs neue verstoßen würde. Die Thür öffnete sich, und der Baron trat mit Iglou herein. »Julie«, sagte er, nicht in einem zornigen Tone; »ist es möglich? Sie sind es?« – Iglou bot Julien mit einer Art von 513 Zärtlichkeit die Hand, und sagte: wie froh bin ich, Julie, daß dein Geschick dich zu uns geführt hat! Liebes, unglückliches Mädchen, du sollst noch glücklich werden! – So viele Güte überraschte Julien; sie zerfloß in Thränen, wagte es nicht, das Auge aufzuschlagen, und schwieg, weil sie sich zum ersten Male aufrichtig ihres Lebens schämte. Iglou drückte sie an ihre Brust, und der Baron betrachtete sie mit gutherzigen Blicken. Es war, als hätte man eine geliebte Wohlthäterin, eine theure Freundin, wiedergefunden. Julie fing an sich über die Zerstörung von Zaringen zu entschuldigen. Iglou nahm Flamings Hand, und sagte: das Unglück, das du anrichtetest, gab mir diese Hand. Du hast uns glücklich gemacht. Vielleicht wäre ich nie die Gattin dieses edlen Mannes geworden, wenn du uns nicht in die Verlassenheit, in den Wald, hinaus gestoßen hättest. Unser Unglück wurde unser Glück, und wenn du willst, so soll es auch das deinige werden. Julie schüttelte ungläubig den Kopf. Wäre es nur das! sagte sie; ach! wäre es nur das! Sie vergeben mir wohl; aber ... – Sie konnte vor Thränen nicht weiter sprechen. Zuletzt drang Iglou mit voller Stärke in sie, und es gelang ihr, Julien das schreckliche Geheimniß zu entreißen. Man kann leicht denken, wie fürchterlich die Unterredung für Beide war. Iglou zitterte eben so sehr wie Julie, und sah nun, als diese ihr Herz aufdeckte, den Geier, der mit ewigen Martern daran nagte; aber zugleich bemerkte sie auch mit Kummer, daß Julie ihr Verbrechen eigentlich nicht bereuete, sondern daß nur das Bild des blutenden Frick sie 514 quälte. Julie klagte mehr den Himmel an als sich selbst. Sie hielt es für ungerecht, daß der Himmel sie mit diesem wilden Menschen zusammen geführt hatte, der über kurz oder lang, selbst wenn sie treu gewesen wäre, sich dennoch würde ermordet haben. Diese Begebenheit war in ihren Augen nur ein Unglück, und doch lag es so schwer auf ihrem Herzen. Iglou gab sich alle Mühe, sie zu überzeugen, daß ihre Untreue an Frick ein Verbrechen gewesen sey. Julie schwieg; aber sie dachte: nur bei diesem wilden, heftigen Frick konnte sie solche Folgen haben; bei allen andern Männern hätte sie nichts als höchstens einen Zank und einen Bruch der Freundschaft nach sich gezogen. War es meine Schuld, daß er sich sogleich ermordete? – Iglou gab zu, daß Julie nicht unmittelbar an dem Tode ihres Geliebten Schuld gewesen sey; doch suchte sie ihr aufs neue zu beweisen, daß ihre Untreue an ihm immer ein Verbrechen bleibe. Julie schwieg wieder; denn sie fühlte wohl, daß sie und Iglou nicht über die Liebe mit einander streiten konnten. Iglou forderte nun von ihr ein sehr tugendhaftes Leben, voll edler Thaten, voll Güte und Liebe zu allen Menschen, wenn sie ihr Gewissen wieder beruhigen wolle. Julie versprach das zwar; aber heimlich dachte sie: wie kann es die blutige Gestalt versöhnen, wenn ich Andern Gutes thue? wie wird mich das von dem Andenken an sie befreien? Aus Angst vor dem Bilde des ermordeten Frick, das noch immer lebendig vor ihrer Seele stand, befolgte Julie Iglou's Rath, doch nur äußerlich. Sie fing an, wie Iglou – nicht zu 515 denken, sondern zu sprechen, nahm Theil an den Wohlthaten, die Iglou Unglücklichen erwies, besuchte mit ihr Leidende und Kranke; kurz, sie that Alles, was Iglou that, aber ohne ihr Herz zu haben, und nur, um den fürchterlichen Richter zu versöhnen, der jenseits des Grabes ihr drohete. Bei allem ihrem Wohlthun ohne Liebe wurde sie nur noch unruhiger, weil Iglou ihr Verbrechen nicht verkleinerte, sondern es ihr in seiner ganzen Abscheulichkeit vorstellte. Sie beklagte sich über diese größere Unruhe, und Iglou sah nun wohl, woran es Julien fehlte: an richtigen Begriffen von Tugend und Laster, von Recht und Unrecht. Iglou suchte vergebens ihr diese Begriffe beizubringen; sie sah mit Bedauern, daß Versäumung in der Jugend unersetzlich ist. Julie verwechselte immer Tugend mit Abbüßung; ihr Verstand war nicht zu überzeugen, und ihr Herz todt für das Gute. Iglou mußte sie zuletzt ihrem Geschick überlassen; sie freuete sich indeß, daß Julie sich jetzt wenigstens an Arbeit, an manche Tugenden gewöhnte, und hoffte, daß die Zeit endlich ihre Angst überwinden würde. Freilich erwartete sie nicht, daß Julie noch tugendhaft, wohl aber, daß sie unschädlich, vielleicht nützlich, werden sollte. Auch darin irrte sich Iglou. Die stille, anhaltende Arbeitsamkeit, das ruhige, in Geschäften hinfließende Leben wurde Julien immer mehr zur Last. Es war ihr unmöglich, schon früh aufzustehen, thätig zu seyn, zu unterrichten, und einem herzlichen, nützlichen Gespräche, den Ergießungen des Vertrauens und der Liebe, Geschmack abzugewinnen. Zuverlässig gehört viel 516 Geist und Herz dazu, in der häuslichen Freude sein Glück zu finden. Hätte Iglou Julien irgend eine große, schwere That zur Buße aufgegeben: Julie würde sie verrichtet haben; doch diese ununterbrochene Beschäftigung mit dem Guten, diese kleinen, unbemerkten, fortgesetzten Tugenden, waren ihr zu schwer. Eine solche einförmige Lebensart, solche Entfernung von allem rauschenden Vergnügen, von Prunk und Pracht, erregte ihr die drückendste lange Weile, unter der ihr festester Vorsatz erlag. Sie konnte das Haus nicht verlassen, weil sie nirgends hin wußte; aber sie war darin nicht glücklich, nicht ruhig, nicht zufrieden. Ihr Herz wurde immer leerer. Sogar ihre Lebensart als Bettlerin war in ihren Augen glücklicher gewesen als die jetzige, bei der sie eben so wenig Sorge als Vergnügen kannte, aber eben daher in vielen unausgefüllten Stunden ein Raub ihrer empörten Phantasie wurde. Religion mußte, wie sie wohl fühlte, für sie etwas Anderes seyn, als Iglou sie lehrte. Sie selbst konnte sich ihr Verbrechen nicht vergeben; sie suchte daher einen Andern, der es könnte, und fand ihn. Ein Geistlicher in der Stadt, ein heftiger Polterer, predigte einmal von dem Zustande eines Sünders, und Julie war, wie öfter, in der Kirche, weil sie sich nur bei dieser Gelegenheit mit Anstand putzen konnte. Der Prediger beschrieb Juliens Zustand ganz genau. Er sprach von der Angst des Sünders, von den Qualen der Einsamkeit, von den fürchterlichen Vorwürfen seines Gewissens, von den schrecklichen Bildern seiner Phantasie. Nein! rief er: hier 517 hilft nichts, nicht der Trost der zärtlichsten Freunde, nicht Arbeit, nicht Beschäftigung, nicht Thränen der Reue, nicht Buße, selbst nicht gute Handlungen, so lange der Sünder nicht weiß, daß Gott versöhnt ist, und ihm vergeben hat! Julie war tief erschüttert; denn das war gerade ihr Zustand. Der Prediger forderte den Sünder auf, die Gnadenzeit nicht zu verscherzen. Er mahlte den Zustand derer, die den Weg der Welt gehen, sich durch Freuden von der rechten Buße, von dem Glauben, von Gott abwenden lassen; und bei dem Allen berief er sich auf die eigenen Gefühle der Sünder. Julie kam mit größerer Angst nach Hause. Sie fragte Iglou: was heißt Gott versöhnen? Iglou antwortete: werden wie er, liebe Julie; segnen, wohlthun, tugendhaft seyn. Julie fühlte, daß der Prediger etwas Andres gemeint hatte. Er beschrieb in dem erschütternden Beschlusse seines Vortrages die Verzweiflung eines Sünders auf dem Sterbebette. Die Geister der Beleidigten, rief er, werden dann an eurer Seite stehen, euch martern, euer spotten, euch mit wilden Blicken das Unrecht vorwerfen, das ihr ihnen gethan habt. Julie zitterte vor der Erscheinung Fricks, und brachte die Nacht unter Höllenangst zu, weil sie seine Stimme zu hören glaubte. Sie war am Morgen ganz außer sich. Ohne jemanden etwas zu sagen, zog sie sich an, und ging zu dem Prediger. Sie erklärte ihm weinend, welch eine Wirkung seine Predigt auf ihr Herz gethan hätte. Der Prediger, ein bei allem seinem Eifer sehr redlicher Mann, nahm sie mit Güte auf, 518 und sie erzählte ihm nun ihre Geschichte, sprach von ihren jetzigen Gewissensbissen, und gestand ihre Verzweiflung an Gottes Gnade. Er erschrak: denn er hatte nicht einmal geglaubt, daß so viele Laster möglich wären, und bei seiner Predigt bloß die kleinen Unordnungen in seiner Gemeine vor Augen gehabt. Anfangs wußte er selbst nicht, was er sagen sollte; doch endlich verwies er Julien auf das Beispiel Magdalenens, und fuhr dann fort: wenn sie ferner Buße thäte, so hoffte er, daß Gottes Gnade größer seyn würde als ihre schweren Sünden. Unvermerkt gerieth er wieder in seinen Eifer, betete mit großer Andacht über Julien, hieß sie niederknieen, segnete sie zuletzt ein, und bat sie, bald wieder zu kommen. Julie sagte ihm, was ihre Freundin ihr gerathen habe, wenn sie ruhig werden wolle. – »Und Sie haben keine Ruhe gefunden?« – Nein; vielmehr bin ich noch unruhiger geworden. – »Sehen Sie wohl? Gott muß erst versöhnt, die Sünde erst vergeben werden. Gebet, meine Tochter! Gebet!« Er gab Julien ein Gebetbuch für grobe Sünder, rieth ihr, das fleißig zu lesen, und ermahnte sie, ihr Vertrauen auf Gott zu setzen. Julie ging getröstet von ihm, so wenig sie auch von dem allen, was er sagte, begriffen hatte. Ihr Verstand blieb leer, ihr Herz auch; nur ihre Phantasie wurde mit neuen Bildern gefüllt, gegen welche die älteren an Lebhaftigkeit verloren. Julie fing an zu lesen. Freilich verstand sie von den Gebeten wenig; aber doch so viel, daß jeder Sünder Gnade erlangen könne, wenn er sich vor Gott demüthige. Sie warf sich auf die Kniee, rang die Hände, weinte, und fühlte sich 519 getröstet. Iglou schüttelte bedenklich den Kopf, als sie das bemerkte. Sie versuchte es sogar, Juliens dunkle Vorstellungen aufzuhellen; allein das war alles vergebens: Julie fühlte ja Trost in ihrer Seele, und glaubte nun gewiß, auf dem rechten Wege zu seyn. Sie besuchte den Prediger wieder, und er füllte ihren Kopf mit dem frommen Unsinne von innerer Ergreifung Gottes durch das Gebet. Dieses fand sie tausendmal leichter als das, was Iglou ihr vorgeschrieben hatte. Sie betete, rang die Hände, besuchte die Kirche, quälte sich selbst betrübt zu seyn, beschäftigte sich mit Bildern ihrer Phantasie, und ging endlich mit zum Abendmahle. Der Prediger sprach sie im Nahmen Gottes feierlich von ihren Sünden los. Julie war nun in einem sehr exaltirten Zustande; sie vergoß Thränen des Entzückens, fühlte sich tausendmal leichter als vorher, umarmte Iglou, und sagte ihr freudig: jetzt sey sie ihrer Sünde entledigt. Iglou selbst weinte und freuete sich mit, ob sie gleich die Art nicht billigte, wie Julie zu ihrer Ruhe gekommen war. Jetzt wurde Julie weniger aufmerksam in der Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten. Sie versäumte keine Kirche mehr, saß täglich einige Stunden hinter dem Gebetbuche, und machte sogar die Bußpredigerin gegen den Baron und dessen Mutter, doch nicht gegen Iglou, bei der sie nicht den Muth dazu hatte. Nach und nach nahm sie alle ihre Fehler wieder an, nur in einem frommen Gewande. Sie wurde leichtsinnig, plauderhaft, hatte wieder allerlei seltsame Einfälle, und buhlte in der Kirche mit einem 520 Gedankenbilde, da sie nicht mehr mit Menschen buhlen durfte. Alles Geld, das sie erhielt, verwendete sie darauf, ihre Gebetbücher recht zierlich einbinden zu lassen. Sie spottete jetzt über die gottlose Welt wie vorher über die Tugend. Endlich kamen einige Züge ihrer ehemaligen Schönheit zurück. Nun kleidete sie sich wieder sehr nett, doch immer wie eine Heilige. Ein feines Tuch ging ihr bis an das Kinn, um Hals und Brust den Augen der Weltkinder zu verbergen, aber bei dem allen sorgte sie dafür; daß man ihren schönen Busen wenigstens errathen konnte. Der Prediger empfahl sie einigen frommen Familien, und diese drangen nun darauf, daß sie sich von Flamings Hause trennen sollte. Sie weigerte sich; doch bald gab sie nach, da der Prediger es ihr zur Gewissenssache machte. Die heilige Julie ging in des Predigers Hause aus und ein. Ein alter Hagestolz, den seine Sünden ebenfalls in den Schooß dieses ehrlichen Mannes getrieben hatten, traf sie da oft, und ihr andächtiges, weißes Gesichtchen reitzte noch einmal seine Sinnlichkeit. Er sagte dem Prediger seine Gedanken. Dieser war nicht dagegen, und in kurzer Zeit hatte er die Freude, die Hände der beiden bekehrten Sünder zusammen zu fügen. Juliens Mann wollte nach einem Jahre verzweifeln: so quälte ihn seine andächtige Frau mit ihrer Verschwendung, mit ihrer frommen Eitelkeit. Sie betete, zankte, sang ihn zum Hause hinaus, und wurde die Geißel der Stadt, da Niemand frömmer, aber auch verläumderischer war als sie. Julie gebar einen Sohn, und nach ihrem Wochenbette 521 verdoppelte sich ihre Andacht. Der ehrliche Prediger schüttelte den Kopf, als sie das erste Mal wieder gebeichtet hatte, und seufzte: ach, der alte Adam sitzt, wo er sich erst eingenistet hat, doch gar zu fest! Auch ihr Mann, der alte, schwächliche Hagestolz, schüttelte den Kopf, so oft er seinen Sohn sah. Julie dachte gar nicht mehr an ihre schreckliche Begebenheit mit Frick, einmal kurz vor ihrer Entbindung ausgenommen, wo sie alles Schießgewehr durch den hübschen Bedienten, den ihr Mann hielt, aus dem Hause bringen ließ. Glaubte sie etwa, daß auch ihr Mann sich erschießen könnte? – Kurz, Julie war wieder die vorige, nur in der Gestalt einer Betschwester; doch als sie älter wurde, legte sie einen Fehler ab: sie verschwendete nicht mehr, sondern wurde unbeschreiblich geitzig. Sie sprach ihrem Manne immer von dem Wunder vor, daß Gottes Gnade größer sey als alle Sünden, die ein schwacher Mensch täglich begehen könne, und hungerte ihn dabei zu Tode. Ihr Sohn hätte sie in ihrem Alter durch seine Verschwendungen beinahe wieder an den Bettelstab gebracht; sie verfluchte ihn, als sie seine Schulden bezahlen mußte, und mitten in dem Abzählen des Geldes wurde sie von einem Schlagflusse getroffen, der sie in Kurzem tödtete. Iglou sagte, als sie ihre Entdeckung mit Julien gemacht hatte, zu ihrem Manne: ist dir der Generalbaß noch der Gewährsmann der Tugend? Der Baron wagte es nun doch nicht mehr, das zu behaupten. »Höre, liebe Iglou«, sagte er: »meinetwegen erziehe unsern Sohn, wie du willst; denn Gott mag wissen, woher es kommt: mir geht doch alles 522 unglücklich. Es ist, als hätte sich die ganze Welt verschworen, daß ich Unrecht haben soll in Allem, was ich sage und thue. Sieh, Iglou, was ich je behauptet habe, das behaupteten vor mir auch schon andere Menschen, und niemand focht sie an. Aber öffne ich nur den Mund, so steht auch schon jemand da, der das Gegentheil von dem, was ich vorbringe, sagen will. Hans Jakob Rousseau behauptet: ein Dummkopf schreibt lange Briefe. Die ganze Welt liest sein Buch, und schweigt. Ich behaupte es nicht einmal, höre nur auf zu schreiben; und mir kostet es meine Braut. Doch das war nur das kleinste Unglück, da ich dich dafür bekommen habe.« Lieber Flaming, eben daß du nicht nur behauptest , sondern auch thust , erregt dir den Verdruß. »Aber, liebste Iglou, soll ich denn etwas behaupten, das ich nicht für wahr halte? Und sind denn die Philosophen nicht Schurken, wenn sie Dinge in die Welt hinein schreiben, die sie selbst nicht glauben?« Nur eitle Menschen, lieber Flaming; keine Schurken. – Die Wahrheit ist so einfach, daß jeder spitze, ungewöhnliche Satz sogleich Zweifel an seiner Richtigkeit erregen sollte. Auch du, lieber Flaming, wolltest glänzen; aber du warst zu ehrlich, etwas zu sagen, das du nicht als wahr fühltest. Du überzeugtest dich immer zuerst von deinen Behauptungen, und handeltest dann darnach. »Nun, Iglou, ich will einmal alles so einfach denken, und gerade eben so ansehen wie jeder andre Mensch. Ja, das will ich; gerade so urtheilen so handeln, wie der allereinfältigste Mann.« 523 Sieh, lieber Flaming, nun bist du schon wieder auf einem andern Abwege. Man muß nicht wie der große Haufe denken, aber auch nicht allein stehen wollen. Die Mittelstraße ist die beste; ihr soll der Mensch folgen. »Nein, Iglou, der Wahrheit! « Nun, eben die liegt in der Mitte. Der Baron mochte indeß sagen, was er wollte, er hatte nie so wenige Plane gemacht als in diesem Zeitpunkte, und war eben deshalb glücklicher, ruhiger als je. Faßte er auch einmal irgend einen auffallenden Gedanken bei einem Schriftsteller auf, so sagte er ihn doch zuerst Iglou, und sie hatte gewöhnlich das Glück, ihm zu zeigen, daß der Gedanke nichts weniger war, als was er schien, paradox, sondern eine ganz bekannte Wahrheit, nur seltsam ausgedrückt. So gingen alle Gelegenheiten, bei denen der Baron etwas Sonderbares hätte unternehmen können, glücklich vorüber. Daß er hundertmal den Einfall hatte, Soldat zu werden, um für den großen König zu kämpfen, weil es ihn schmerzte, an dessen bewunderten Thaten nicht Theil zu haben; daß er, so oft ein neues Buch Aufsehen machte, sogleich ein Gegenstück dazu schreiben wollte, Papier zusammen nähete, und den Titel sehr sauber auf das erste Blatt schrieb; daß er eine Zeitlang mit Wolf ganz in der Mathematik lebte; dann zehn Titel und zehn Plane zu Original-Lust- und Trauerspielen schrieb, um der Deutschen Bühne aufzuhelfen: das waren Einfälle, die er einen über den andern vergaß. Endlich theilte ihm Iglou eine Idee mit, die er mit aller Begierde festhielt: nehmlich, sein eignes Leben zu 524 beschreiben. Sie liebte ihn in der That zu sehr, um ihm seinen Fehler geradezu zu sagen. Doch sie glaubte, wenn er seine Blicke recht aufmerksam auf seinen inneren Zustand richtete, und sich mit den Bewegungsgründen seiner Handlungen bekannt machte, so müßte er nothwendig selbst darauf fallen, daß er bisher immer nur Gespenstern nachgelaufen sey. Eben diese Beschäftigung war ihr selbst äußerst nützlich gewesen. Sie hatte ihr eignes Leben ausführlich beschrieben; allein sie hielt es so geheim, daß auch ihr Mann nichts davon wußte. Die Selbstgeständnisse einiger berühmten Männer hatten sie auf diesen Gedanken gebracht, ob sie gleich von solchen Schriften behauptete, daß sie gewiß die Wahrheit nicht enthielten. Wer Selbstgeständnisse schreibt, sagte sie, und dabei nur die Ahnung hat, daß ein anderer Mensch sie zufälliger Weise sehen könne, sollte das auch erst tausend Jahre nach seinem Tode seyn: der schreibt für diesen Menschen und nicht für sich. Er kann die Wahrheit sagen, kann seine Fehler gestehen, sich sogar Niederträchtigkeiten Schuld geben; aber er wird, wenn er Muth genug dazu hat, doch diesen Niederträchtigkeiten wenigstens eine romantische Farbe leihen. Er schildert einen Teufel oder einen Engel , weil ein Teufel eben so interessant seyn kann als ein Engel, und oft noch interessanter; aber nie sich . Der Mensch will interessiren, entweder durch hohe Tugenden, oder durch große Verbrechen. Es wird dem Selbstbiographen keine Mühe machen, sogar seine Verbrechen zu erzählen; er kann sie ja durch einen Zug von Größe heben, durch einen Zug von Reue mildern, 525 oder durch Erzählung der nachfolgenden Strafe wieder auslöschen. Aber es ist dem Menschen, der sein Leben für irgend einen Leser beschreibt, wohl kaum möglich, zu sagen: ich war (was er doch in den meisten Augenblicken gewesen ist) ein thatenloses Wesen, das der Zufall leitete, und dessen meiste Tugenden und Laster nicht aus Entschlüssen und Vorsätzen, sondern zufälliger Weise entstanden. Er wird alles von sich gestehen, nur nicht, daß er oft sich bloß leidend verhielt, erst hinterher dachte, sah, überlegte, was er hätte thun können. Man will thätig gewesen seyn; das ist die Eitelkeit des Menschen. Die Allermeisten sind es nicht; und gerade das gesteht Keiner. Iglou hielt Selbstgeständnisse für das Nützlichste, was ein Mensch schreiben könne, wenn er sie bloß für sich aufsetze, aber für das Allerunnützeste, wenn er auch nur seinem vertrautesten Freunde einen Blick hinein zu thun erlaube, oder ihn wissen lasse, daß er daran schreibe. So gut wie gute Romane, sagte sie, können Selbstgeständnisse nicht seyn, weil man ihnen die Farbe des Wirklichen geben muß; es sind also immer schlechte Bücher, die nur jemand liest, der wissen will, ob wohl auch ein anderer Mensch eben so kleinlich und armselig ist wie er selbst. Iglou hatte an ihrer Geschichte immer nur dann geschrieben, wenn sie zuverlässig wußte, daß sie vollkommen ungestört bleiben könnte. Auch würde niemand etwas davon erfahren haben, wenn sie nicht einmal sehr krank geworden wäre. Sobald sie zu Bette liegen mußte, gab sie ihrem Manne den Schlüssel zu einem ganz geheimen Fache in 526 ihrem Schranke, und bat ihn, ihr ein Buch zu bringen, das in einem Futterale steckte, aber es nicht heraus zu ziehen. Er holte es, und sah, daß auf dem Futterale mit großen Buchstaben stand: »ich beschwöre meinen Mann, meine Kinder, meine Mutter, alle meine Freunde, jeden Menschen, dem die Menschlichkeit werth ist, wenn er dieses Buch findet, (und dies kann er nur, wenn ein schneller Tod mich überrascht hat), ich beschwöre jeden Menschen, dieses Buch sogleich in das Feuer zu werfen, ohne es zu lesen. Es enthält nichts Merkwürdiges, kein Geheimniß, das wichtig genug wäre, den letzten Wunsch eines Sterbenden, das Zutrauen eines Menschen auf Menschlichkeit, deshalb zu täuschen.« Diese Worte drückten sich tief in Flamings Gedächtniß. Er brachte Iglou das Buch, und sie legte es unter ihr Kopfkissen, um es, wenn der Arzt ihr das Leben abspräche, sogleich zu verbrennen. Als sie wieder gesund wurde, drang ihr Mann in sie, nur ihm zu sagen, was es enthielte. Sie antwortete ruhig: kleine Rechnungen von Wohlthaten, die ich heimlich erwiesen habe, und die ich, wie du weißt, nicht gern bekannt werden lasse. Der Baron war mit dieser Antwort zufrieden, und versprach ihr, wenn sie vor ihm schnell sterben sollte, das Buch ungelesen zu verbrennen. Flaming ergriff die Idee, seinen Lebenslauf aufzusetzen, wie gesagt, mit großem Eifer. Sobald er den Eingang fertig hatte, las er ihn Iglou vor, und sie hörte lächelnd zu. Er war allen tugendhaften Menschen gewidmet. Iglou sagte lächelnd: nun werden alle tugendhaften Menschen schon 527 wissen, was sie zu erwarten haben: den Lebenslauf eines Tugendhaften! Und gewiß, liebster Flaming, tugendhaft bist du gewesen, dies Papier mag nun enthalten, was es will. – »Was es will? Du scheinst nicht zu glauben, Iglou, daß ich die Wahrheit schreiben werde. Ich will dir aber beweisen, daß ich es kann. In diesem Buche heiße ich nicht Flaming, sondern Richter; und so ist meine Eitelkeit ohne Stimme.« – Möchtest du dich wohl gern in einer Maske lächerlich machen? möchtest du wohl in einer Stadt, wo man dich nicht kennte, etwas thun, das dir Verachtung zuzöge? – Der Baron begriff nicht, was Iglou mit diesen Fragen wollte. Er schrieb weiter, und las ihr vor. Sie fand überall Stellen, die er nicht deutlich genug entwickelt hatte, und er sah sich nun in der Verlegenheit, ihr manches zu gestehen, wie es war. Nun rückte die Biographie nicht mehr so rasch fort, wie es sein Eifer anfänglich erwarten ließ. Schon bei dem ersten Bogen kam der Baron zu Selbstgefühlen, zu einer Bekanntschaft mit seinem eignen Herzen, die er ehrlich genug war für nützlich zu halten, die er aber doch seiner Frau gern verborgen hätte. Entstellen wollte er die Begebenheiten um so weniger, da er seiner Mutter versprochen hatte, auch ihr seine Geschichte vorzulesen; und die Motive zu seinen Handlungen brachte Iglou gewöhnlich mit ihren vielen Fragen bald heraus. Kurz, er dachte mit Widerwillen daran, seine Biographie, so wie er sie schreiben mußte, bekannt werden zu lassen. Bald hörte er ganz auf daran zu arbeiten, und sagte zu Iglou: »während daß ich schreibe, flieht die Zeit, in der ich handeln könnte.« Aber 528 Iglou's Absicht war erreicht. Der Baron hatte doch bei dem Aufsetzen seiner Jugendgeschichte, und durch die Unterredung darüber mit Iglou und seiner Mutter, einsehen lernen, daß der Hauptbewegungsgrund aller seiner Handlungen weiter nichts gewesen war als Eitelkeit, der Wunsch ein großer Mann zu seyn. Er mochte sich heraus zu winden suchen, so viel er wollte, seine Mutter und Iglou brachten ihn dennoch dahin, daß er, wenn auch nicht gestand, doch einsah, er habe immer nur gehandelt, um für einen großen Mann zu gelten. – Und worin, lieber Flaming, fragte Iglou, bestand die Größe, die du liebtest, deren Schein du haben wolltest? Diese Frage veranlaßte neue Erörterungen, neue Fragen und neue Untersuchungen. Man brachte am Ende heraus, daß er nicht die moralische Größe, sondern die Größe im Verstande gesucht habe. In der Tugend, behauptete Iglou mit Thränen in den Augen und mit der innigsten Umarmung, ist nie ein größerer Mann auf Erden gewesen als du! Man ließ sich nun auf eine neue Untersuchung über den Unterschied der moralischen und der intellektuellen Größe ein; und es fand sich, daß fast jede Erfindung, durch welche Menschen groß wurden, jede Revolution des Verstandes, der Art zu denken, zu philosophiren, die man einem großen Manne zuschreibt, nichts als die Wirkung von tausend Zufällen gewesen ist; daß zu einer Revolution im Reiche des Denkens, die durch den Nahmen eines großen Mannes bezeichnet wird, schon Jahrhunderte vor ihm der Same ausgestreuet war, und daß dieser auch ohne ihn gekeimt und 529 geblühet hätte. So fand man z. B. daß Luther, ohne seine zu der großen Revolution völlig reife Zeit, vielleicht ein unbekannter Mönch geblieben wäre, daß die Reformation ohne ihn, aber er nicht ohne die Reformation das hätte seyn können, was beide waren. Man fand, daß ein großer Mann wohl seiner Zeit bedürfe, aber nicht die Zeit gerade eben dieses Mannes. Der Begriff von Menschengröße wurde bei diesen Untersuchungen um vieles kleiner. Der Baron erinnerte sich des Postillons, der ihn von Wittenberg nach Düben gefahren hatte. Er hörte jetzt von Iglou gerade eben das, was der , nur einfacher, sagte: daß alles Bemühen nach Größe das Leben gewöhnlich zu einer Reihe verunglückter Unternehmungen und vergeblicher Anstrengungen macht, daß die Eitelkeit, ein großer Mann seyn zu wollen, die gefährlichste von allen ist, weil ein Mensch, dem die Zeit nicht groß werden hilft, den Schein der Größe sucht, auf Paradoxen fällt, oder gar kein Verdienst neben sich leiden will, das Auffallendste behauptet, und zuletzt zanksüchtig, neidisch, intolerant wird. Der Baron fand sich durch jedes Wort getroffen, und verwünschte den Einfall, seine Lebensbeschreibung aufzusetzen, da man ihm bei dieser Gelegenheit einen so hellen Spiegel vorhielt, worin er seine Gestalt so deutlich erblickte. Aber doch kam er nun zu Betrachtungen, die in der That sehr heilsam für ihn waren; er fand endlich, daß er sein Leben, von dieser Seite angesehen, ganz unnütz zugebracht hatte. Es schmerzte ihn, daß auf einmal das ganze Gebäude seiner Größe einstürzen sollte, und er gab sich 530 Mühe, wenigstens etwas zu retten; doch – die grausame Iglou beleuchtete jede Trümmer desselben, und er selbst mußte gestehen, daß gar nichts Festes darunter sey. Dies alles erforderte Zeit; aber desto bleibender war auch der Eindruck. In der ersten Hitze wollte der Baron alle seine Bücher verbrennen; er schwor: Plato sey ein Narr, Seneca ein Rasender, Zeno ein Grillenfänger, Aristoteles ein kalter Schwätzer, und Epikur ein Wollüstling. Den einzigen Diogenes nahm er aus, weil er über die Philosophen gespottet hat. Aber warum bist du so böse auf diese Männer? fragte Iglou lächelnd. Sie waren für ihre Zeiten Licht und Sonne. Plato und alle Andren, die du genannt hast, liebten und empfahlen die Reinheit der Seele, die Tugend. Alle trieben die Menschen zu dem letzten, großen Ziele, der moralischen Vollkommenheit: zwar auf verschiedenen Wegen; aber doch zu Einem Ziele. Ihr Eifer für die Tugend, für die Vollkommenheit des menschlichen Geschlechtes, ihr Herz, hebt sie empor; sie werden ewig die Achtung der Menschen verdienen und genießen. Sie waren groß, weil sie Tugend liebten, und den Geist der Menschen um sie her nach dem Maße ihres eigenen Lichtes, mit Gefahr des Lebens, mit Aufopferung ihrer Genüsse, erhellten. Und hätte auch Sokrates seinen Dämon gesehen, mit ihm gesprochen, wäre er ein genialer Schwärmer gewesen: so laß ihn; sein Dämon war von göttlicher Natur. Er trank seinen Schierlingsbecher auf das Wohl der Menschheit aus. Wollte Gott, wir hätten noch viele der großen Männer, die, gleich ihm, Weisheit nicht bloß lehrten, sondern auch 531 hätten, die nicht bloß weise sprächen, sondern auch so lebten! Willst du die Weisheit großer Männer darum verachten, weil sie nicht ewige Weisheit ist; weil Irrthum, Grille und Schwärmerei sie, wie mit einem Nebel, umhüllen? Eben dieser Nebel macht ihre Weisheit menschlich. Der Baron schwieg nicht ganz zu allen diesen Vorstellungen; aber er konnte doch auch nicht recht viel Treffendes darauf erwiedern, und sie hatten wenigstens die Wirkung, daß er jetzt nicht mehr sogleich mit allen seinen Einfällen hervorrückte, sondern manche erst genauer beleuchtete. Er wurde mißtrauisch gegen sich selbst; und dadurch war bei einem Manne von seiner Art schon viel gewonnen. Noch immer hatte indeß eine Meinung, die jeder andren widersprach, oder etwas Spitzfündiges, etwas ganz Eigenes sagte, seinen entschiedenen Beifall; und diese Schwachheit verlor er nicht, so lange er lebte. Er hielt mit dergleichen nicht mehr so offen auf dem Kampfplatze wie sonst; aber man sah doch an seinem Lächeln, welches Wohlgefallen er an einer solchen Meinung hatte. So würde ihn nichts dahin gebracht haben, die Perser von Aeschylus für ein Trauerspiel gelten zu lassen. Er bewies vielmehr mit den seltsamsten Gründen, sie wären eine Farce, durch welche Aeschylus die Athener habe zum Lachen bringen wollen. Gerade mit einer solchen seltsamen Behauptung hob er gewöhnlich an, wenn ein Fremder ihn besuchte. Endlich kam der Tag, der Deutschland den ersehnten Frieden wiedergab. Nun machte der Baron sogleich Anstalten, nach seinen verödeten Gütern zu gehen, und schrieb an 532 Lissow, daß er und seine andren Freunde zurückkommen möchten. In Zaringen traf er schon wieder einen Theil seiner Unterthanen an, die in elenden Hütten wohnten, und in der größten Armuth lebten, weil es ihnen an allem mangelte. Der Baron ging gleich nach seiner Ankunft in schweren Gedanken mit Iglou und seinem Knaben auf den Brandstellen umher, und tröstete seine Unterthanen mit Hoffnungen. Er hatte Hilbert gebeten, ihm dreißig tausend Thaler zu leihen, und erhielt sie in Kurzem durch Wechsel. Jetzt wartete er, ehe er anfing bauen zu lassen, nur noch auf die Ankunft des alten Grumbach, um mit dem zu überlegen; doch ließ er in aller Geschwindigkeit eine Art von Bude aufzimmern, um bis dahin eine Wohnung für sich und seine Familie zu haben. Endlich kamen Grumbach, Lissow, der Prediger und seine Schwester wieder. Der gegenseitige Empfang dieser guten Menschen war ein rührendes Schauspiel. So wie nur die Bauern die freudige Nachricht brachten: unser alter guter Vater kommt! eilten der Baron, seine Mutter, Iglou und ihr Sohn den vier Unglücklichen entgegen, und warfen sich ihnen in die Arme. Lissow hob den Sohn des Barons auf, der jetzt etwa fünf Jahre alt war. »Mein Sohn!« sagte Flaming. – Dein Sohn! erwiederte der unglückliche Vater, und fing laut an zu weinen. Grumbach stand lächelnd mitten unter seinen guten Landleuten, und drückte ihnen der Reihe nach die Hände. Sein Lächeln gab ihnen mehr Hoffnung als des Barons Güte und Versprechungen. Iglou nahm Karolinen, die sehr 533 ärmlich, wie eine Dienstmagd, gekleidet war, mit in ihr Zimmer, und gab ihr anständige Kleidung. Den Prediger und Lissowen führte der Baron in seine Wohnung. Der Alte ging sogleich rings umher, und fand überall, selbst auf den wenigen bebaueten Feldern, die sichtbarsten Spuren von Elend. Die Bauern, die ihm folgten, beobachteten seine Mienen, weil sie in seinem Gesichte lesen wollten, welche Hoffnungen sie fassen dürften. Er wendete sich zu ihnen, und sagte: Kinder, sie haben uns den Boden gelassen; und wenn ihr gut geblieben seyd, so habt ihr nichts verloren, was nicht Fleiß, Nachdenken, gegenseitige Hülfe, Ordnung und Sparsamkeit euch wieder verschaffen könnten. Ich hoffe, noch mit euch eben so glücklich zu seyn, als wir es ehemals waren. – Er ließ sich nun von allen der Reihe nach erzählen, was für Schicksale sie gehabt, und wie sie sich die Jahre hindurch fortgeholfen hatten. Ohne seines eigenen Elendes zu erwähnen, ohne daran nur einmal zu denken, beklagte er das ihrige aufrichtig. Er brachte den ganzen Tag bald in dieser Hütte, bald in jener zu, und ging erst am Abend wieder zu seinen Freunden. So wie er kam, führte der Baron ihn zu dem Gelde, das er auf Hilberts Wechsel gehoben und noch gar nicht angegriffen hatte. »Hier, lieber Grumbach«, sagte er, »nehmen Sie. Wir alle sind unglücklich; und Sie wissen am besten, wie unserm Unglück abzuhelfen, wie unser Glück wiederherzustellen ist.« Grumbach erwiederte lächelnd: es ist die Frage, Herr Baron, wozu Sie diese Summe bestimmen. 534 Damit können Sie bald wieder in Ordnung kommen. Freilich werden Sie Anfangs keinen Pallast, aber doch ein bewohnbares Landhaus haben. Auch wird die Summe zureichen, Ihren Viehstand, Ihre ganze Wirthschaft wieder einzurichten. Mit Einem Worte: Sie haben nichts verloren als die Zinsen dieser Summe. »Sie? Sie? Wen verstehen Sie darunter? doch hoffentlich auch meine armen Unterthanen? Diese Summe, lieber Grumbach, ist Ihre, um den Einwohnern von Zaringen, den Baron von Flaming mit eingeschlossen, aufzuhelfen. Ich brauche eine Hütte, die mich und meine Freunde aufnimmt; aber noch weit mehr den Anblick, daß meine Unterthanen glücklich sind.« Dem alten Grumbach stürzten Thränen aus den Augen. Er drückte den Baron an sein Herz, und sagte mit freudiger Rührung: edler, edler Mann! ... Ja, nun, fuhr er heiter fort, muß die Rechnung anders werden! Also nicht bloß Sie , auch Ihre Unterthanen sollen glücklich seyn. O Gott, so gieb mir Einsicht, gut Haus zu halten! – Er bat den Baron, fürs erste den Bauern nichts davon zu sagen, daß er sie unterstützen wollte. Durch diese sechs Jahre Elend, sagte er, ist mancher verwildert, und ich möchte Ihnen gern als meine Erbschaft ein Dorf voll glücklicher Menschen hinterlassen, die es aber auch zu seyn verdienten. Der Baron versprach ihm, daß er in allen Stücken völlig freie Hand haben sollte. Nach einigen Wochen kamen auch die übrigen Zaringer wieder: alle arm, alle durch das lange erlittene Elend 535 muthlos, und manche dadurch auch niederträchtig geworden. Zuerst traf Grumbach Anstalten, die Menschen unterzubringen, und ließ hierzu bretterne Buden aufschlagen. Schon in der ersten Woche machte er sich mit dem Charakter jedes Einzelnen genau bekannt. Einige, die sehr verschlimmert waren, bewog er wegzuziehen, und kaufte ihnen ihre Güter zu einem Preise ab, der alle ihre Erwartungen überstieg. Nun wurden Ackergeräthe angeschafft, und die Felder, so gut es sich thun ließ, bestellt. Das Ackergeräth verlieh Grumbach nur; das Eigenthumsrecht behielt der Baron. Er kaufte auch so viel Schafe und andres Vieh, als er den Winter über ernähren zu können glaubte, und lieh davon jedem Bauer einige Stücke, wobei er den Leuten aber Hoffnung machte, daß sie es vielleicht zu billigen Preisen behalten würden. Sommerkorn, und Nahrungsmittel für den Winter wurden ebenfalls angeschafft, und vertheilt, doch immer nur als ein Darlehn. Die Zaringer wurden nun wieder heiterer; denn so ärmlich auch der Anfang war, so konnten sie sich doch gegen andre Dörfer in ihrer Nachbarschaft glücklich schätzen. Bald wurde der Grund zu einem weitläuftigen, bequemen Wohnhause für den Baron gelegt, aber nur der eine Flügel ausgeführt, und die Vollendung des Gebäudes bis zu besseren Zeiten verschoben. Auch der Prediger und Karoline wohnten bei dem Baron, da so viel gemeinschaftliches Unglück alle diese Menschen zu Einer Familie gemacht hatte. Sie führten nur Eine Haushaltung, und aßen zusammen an Einem Tische, wie natürlich sehr einfach. Alles war 536 beschäftigt. Die Bauern arbeiteten für einander, und mit dem frühesten Muthe auch für den Baron, da sie sahen, daß er selbst Hand anlegte. Grumbach war der Werkmeister, alle Andern seine Gehülfen. Auch Lissow, der Prediger und Karoline waren immer thätig. Nach einigen Monathen, die unter den stärksten Anstrengungen verflossen, sah man endlich einige Ordnung, anstatt der bisherigen Verwirrung. Es standen zwei Reihen Scheuern da, die einstweilen zu Wohnungen dienten; der Platz zu den Häusern war aber schon vor jeder Scheuer abgesteckt. Grumbach fing mit dem Nothwendigsten an; zu gleicher Zeit aber dachte er schon an künftige Bequemlichkeiten des Lebens. Er bauete nicht elende Hütten, um sie in besseren Zeiten wieder abreißen zu lassen, sondern nur fürs erste Scheuern, die immer stehen bleiben konnten. Auch von Hausgeräth wurde das Nöthigste angeschafft, und es war beinahe alles gemeines Gut, nicht einzelnes Eigenthum. Die Familien mußten sich nun sowohl zur Arbeit als zum Genusse mit einander verbinden, und lernten durch eine sehr auffallende Erfahrung, wie viel die Menschen vermögen, wenn sie gemeinschaftlich arbeiten, und wie wenig, wenn sie einzeln sind. In den Stunden der Muße, deren sie bei ihrem wenigen Ackerbau und ihrem geringen Viehstande genug hatten, fällten sie Holz, zimmerten Balken, räumten Schutt auf, trugen Steine zusammen und brennten Kalk. Der alte Grumbach wußte den Bauern deutliche Begriffe von den Arbeiten zu geben, die sie nicht kannten, und brachte ihnen 537 Neigung dazu bei. Recht gerne zeigten die Maurer und Zimmerleute, welche des Barons Haus baueten, diesen geschäftigen Menschen die Handgriffe bei ihrer Arbeit; denn sie liebten den alten Grumbach, der ihnen das Leben leicht machte. So war man den Tag über fleißig, und den Abend versammelten sich Alle zum Tanze. Der Baron dachte nicht mehr an seinen Grundsatz: sey tugendhaft aus reinen Vernunft-Principien; denn er sah zu deutlich, daß die Hoffnung auf den Abendtanz Allen in seinem Dorfe den Tag über Kräfte gab. An den Arbeiten nahm Lissow Antheil, nur nicht an den Freuden. Sobald Abends die Musik anhob, ging er heimlich weg, in die Gegend, wo das Haus, in welchem seine Kinder verbrannt waren, gestanden hatte. Hier setzte er sich nieder, und weinte Jakobinen und seinen Kindern Thränen des schmerzlichsten Grams. Des armen Lissows Hoffnung lag jenseits des Grabes. Die vergänglichen Töne irdischer Freude fanden in seinem Herzen nicht Einen Ton mehr, der ihnen antwortete. Nur jene himmlischen Töne, die jenseits des Grabes her den Unglücklichen lieblich rufen, und den kummervollen Blick mit sanfter Gewalt in ein andres Leben führen: nur diese Töne brachten sein Herz in eine wehmüthige frohe Bebung, was auch Grumbach dazu sagen mochte. Vater, ich helfe ja, sagte er, wenn Grumbach ihm einmal Vorwürfe machte; – ich arbeite, als sollte Zaringen meine Heimath für die Ewigkeit werden. Aber soll es mir denn nicht erlaubt seyn, meine Blicke in die Gegend zu werfen, 538 die mein Vaterland ist, die alles enthält, was ich liebe? Soll der Sklav nicht seine Blicke sehnsuchtsvoll über das Meer werfen, das ihn von Weib und Kindern trennt? Wen beleidigt meine Thräne? »Wen? Jedes heitre Herz! ... Sklav? Welch ein vermessener, übermüthiger Vergleich, Lissow! Darf der Arbeiter im Felde seinen Mitarbeiter muthlos machen, wenn er die Blicke immer auf seine Hütte wendet, immer auf die Sonne sieht, ob sie noch nicht hinunter ist, und ob die Feierstunde noch nicht kommt? Darfst du dir Ruhe wünschen vor der Arbeit? Genuß, ehe du ihn verdient hast? Lissow, Lissow! hat denn der Himmel Alles, was du liebst? Hast du nicht noch diesseits des Grabes deinen Vater, der deine Thränen mit seinem Kummer bezahlen muß? Hast du nicht Freunde, die Ursache haben, sich zu beklagen, daß du so undankbar gegen ihre Liebe bist? Hast du nicht hier im Leben noch immer die Güte des Ewigen an deiner Seite, und sind deine Thränen, deine Seufzer nicht Vorwürfe, die du der Vorsehung machst?« Die Vorsehung machte mich unglücklich. Kann sie nun meine Thränen ungerecht finden? »Die Vorsehung? Lissow! Wenn Jakobine noch gelebt hätte, als die Russen Zaringen anzündeten; wenn sie, dies reitzende Weib, ein Raub jener wilden zügellosen Menschen geworden, wenn ihre Kinder vor ihren Augen verbrannt wären – was dann? Hast du nicht selbst oft gestanden, daß die Vorsehung es mit Jakobinen wohl gemacht habe?« Ach! aber meine unschuldigen Kinder! 539 »Kann die Vorsehung dir nach einigen Jahren nicht wieder zeigen, daß sie es wohl machte mit deinen Kindern? Und was würdest du dann antworten?« Ich würde sagen: die Vorsehung konnte sie wegnehmen – aber auch retten. »Wohl, das konnte sie.« Sie that es nicht! »Lissow, sie that es nicht? Kannst du sagen, was Rettung heißt? Ich bitte dich, lästre den Himmel nicht! Wie undankbar bist du gegen den Himmel, der dir Jahre lang das allerhöchste Glück gab: ein Weib wie Jakobine, Kinder wie die deinigen! Kannst du mit dem Himmel rechten, daß er nichts unvergänglich machte? Selbst dein Gram ist es nicht, du Undankbarer; er ist vergänglich, wie dein Glück es war.« Lissow lächelte wehmüthig. Mein Gram? sagte er; ach, und wenn tausend Jahre über mich hin eilten, er würde noch immer derselbe seyn. Die Zeit macht ihn nur größer. Ich kann nicht wieder glücklich werden! »Das sagtest du auch an Jakobinens Grabe; und dennoch wurdest du in den Armen deiner Kinder wieder glücklich.« Sie sind dahin, Vater! O, laß mich weinen, bis Gott sich meiner erbarmt, und mir den Tod sendet. Er allein kann mich glücklich machen. – Der Mensch ist eben so thöricht im Schmerze wie in der Freude. Lissow klagte die Vorsehung der Härte an; und eben winkte sie ihrem Engel, ihm den Becher des reinsten Entzückens zu bringen. Er glaubte, selbst die Allmacht könne sein Elend nicht mildern; und sie brauchte sein 540 Glück nicht erst wieder herzustellen, nein, ihm nur Stärke zu geben, daß er es ertragen könnte. An einem Tage waren der Baron und seine Freunde eben vom Tische aufgestanden, und saßen ruhig beisammen. Iglou hatte die Laute genommen, und sang ein Lied der stillen Freude. Da ging die Thür auf, und ein schöner Jüngling führte an seiner Hand ein eben so schönes Mädchen, dessen Gesicht blühend wie die Rose und voll Engelsunschuld war, mit dem edelsten Anstande in das Zimmer. So wie sie herein traten, wendeten Alle ihre Blicke auf das schöne Paar, und standen auf. Das holde Mädchen wurde blaß, der jugendliche Busen schlug vor Angst, und es drangen Thränen aus ihren großen blauen Augen. Das alles geschah in einem Augenblick; und in einem zweiten schwankte das Mädchen, wurde blässer, breitete die Arme aus, und rief in einem Tone, für den die Sprache kein Wort hat, und in welchem sich Schmerz mit Entzücken mischte: o Vater! Vater! Dabei sank sie mit ihrem Bruder vor Lissow auf die Kniee. Es war als ob plötzlich der Himmel sich in die Gesellschaft herabsenkte. »O gnädiger, barmherziger Gott!« riefen Alle auf einmal, streckten die Arme aus, und wurden bleich; Iglou und Karoline sanken, von ihrem Gefühle hingerissen, neben den Kindern nieder, und riefen ihnen nach: Vater! Vater! – Vater! Vater! riefen alle Stimmen, und eilten auf Lissow zu, der nach einem Blicke auf seine Kinder anfing zu schwanken, schnell und ängstlich Athem schöpfte, die Arme ausstrecken wollte, und doch nicht Kraft genug 541 hatte, sie zu heben. Er taumelte; Flaming und der Prediger faßten ihn auf. Aber schon in demselben Augenblicke erholte er sich auch wieder, sank zu seinen Kindern auf die Kniee, und blickte nun mit dankenden Thränen gen Himmel. Auch seine Kinder waren von ihren Gefühlen überwältigt, und lehnten sich langsam an seine Brust. Eine rührende Scene voll von einer Seligkeit, für die das Herz der Menschen von Staub zu klein ist! – Alle weinten vor Schmerz, der Freude nicht fähig zu seyn, liefen unruhig zu einander, und suchten in einer Umarmung ihren gepreßten Herzen Luft zu machen, bis endlich ein lautes allgemeines Weinen Linderung gewährte. Vater und Kinder hielten sich eng umfaßt, Arm um Arm geschlungen, und heiße Seufzer brachen aus ihren übervollen Herzen. Grumbach war der erste, der wieder Besinnung erhielt. Er trat auf den Vater und die Kinder zu; es währte aber lange, ehe er sich Gehör verschaffen konnte. Endlich machte er Jakobinens Hand von ihres Vaters Halse los, und rief mit rührender, noch immer vom Weinen unterdrückter Stimme: hast du denn nicht auch für den Vater deiner Mutter eine Umarmung, Jakobine? Nun blickte sie auf, und legte schwach ihr Gesicht an seine Brust. Grumbach trug sie schnell in einen Stuhl, und rief: ich glaube, deine Tochter ist krank, Lissow! Das wirkte. Lissow flog auf Jakobinen zu, die sich nun, weil sie die Angst ihres Vaters sah, stark machte und aufstand. Er zog sie wieder in seine Arme. Endlich brachte er das erste Wort: Jakobine! hervor, und nun stürzten erleichternde Thränen aus seinen 542 Augen. Grumbach trat unterdessen zu seinem Enkel, und bat ihn zu sprechen, wenn sein Vater nicht vor Entzücken sterben sollte. Der Jüngling wendete sich nun mit einer Frage über die andre an seinen Vater; und so ging die erste verzehrende Freude bei diesem vorüber. Man kam nun immer mehr zur Ruhe, und endlich that der Baron die sehr natürliche Frage: aber, liebsten Kinder, wo seyd ihr denn in den sechs unglücklichen Jahren gewesen? Auf einmal fragten Alle: wer rettete euch aus der Flamme? wer hat sich euer angenommen? euch erzogen? euch so gekleidet? Die Kinder gaben immer nur die Eine Antwort: Rheinfelden! – Rheinfelden? rief Lissow, und drang wieder mit Heftigkeit vor. Wer rettete euch aus dem Feuer? Vater, sagte der Sohn; unser Wohlthäter, unser Lehrer, Rheinfelden. Wir standen mitten in den Flammen. Jakobine wollte nicht hinaus, weil ein Husar vor ihren Augen einen Menschen niedergehauen hatte. Unmöglich konnte ich sie allein zurücklassen. Auf einmal flog die Stubenthür auf, und die Flamme schlug herein. Ein Mann, den wir im ersten Schrecken nicht kannten, nahm Jakobine auf seinen Arm, mich bei der Hand, und eilte so mit uns durch die Gluth aus dem Hause. Hinter uns stürzte es ein. – »Und dieser Mann?« – War der edle Rheinfelden, Vater. – Der edelste, beste Mensch! setzte Jakobine hinzu. Lissow umarmte seine Kinder aufs neue, als ob sie eben erst aus den Flammen gerettet wären. Jetzt erhob sich wieder eine frohe Verwirrung, welcher die Fragen: nun, wie ging es 543 euch weiter? wo bliebt ihr? ein Ende machten. Jakobine und ihr Bruder erzählten nun ihre Begebenheiten, und ihre Augen standen voll Freudenthränen, als sie von ihres Retters Liebe zu ihnen sprachen. Rheinfelden war mit Lissows beiden Kindern auf seine Güter gegangen. Er erhielt da von Lissow so wenig Nachricht wie von dem Baron. Seine Erkundigungen, die er sogleich, und in der Folge öfter, anstellte, liefen alle fruchtlos ab, weil er sich immer wieder an Menschen wendete, die nicht gern Mühe übernahmen. Er erfuhr nichts durch sie; doch hoffte er, daß bald wieder Friede seyn, und er dann Nachricht von Lissow erhalten würde. Darüber gingen mehrere Jahre hin, die er indeß zum Besten der beiden Kinder benutzte. Sobald Rheinfelden auf seinen Gütern angekommen war, machte er Anstalt, das Unrecht, das er an Jakobinen begangen, an ihren Kindern wieder gut zu machen, wie er es unterweges sich selbst wohl tausendmal geschworen hatte. Dies war sein einziger Gedanke. Doch fühlte er sich dabei gar nicht beruhigt; vielmehr sagte ihm sein Gewissen: und wenn er auch an den Kindern tausendmal mehr thäte als der sorgsamste Vater an seinen eignen, so würde das sein Verbrechen nicht wieder gut machen. Aber eben dies Gefühl gab ihm nicht nur unbeschreiblichen Eifer für das Wohl der Kinder, sondern es erhielt diesen Eifer auch in gleicher Stärke. Er verließ sie nicht eine Stunde, und war um so lieber bei ihnen, da er sie als die einzige Quelle seines Glückes auf Erden betrachtete. Die lange Einsamkeit 544 und seine seltsamen Schicksale hatten seinem Herzen große Energie gegeben, und gleichsam jede Spur des Irdischen daraus vertilgt. Die Erde mit allen ihren Freuden war ganz vor seinen Blicken verschwunden. Bei der kleinsten Heiterkeit, die nicht unmittelbar mit dem Verlangen seines Herzens, sein Unrecht wieder gut zu machen, zusammenhing, schauderte er; denn er fühlte, daß die Freuden der Erde für ihn aufgehört haben müßten. Immer stand Jakobinens Gestalt vor seiner Seele, und erhielt den erhabenen, obgleich überspannten, Gedanken in ihm lebhaft, daß er nur noch als ein wohlthuender Geist auf der Erde sey, um Gutes zu wirken, und darin seinen Genuß zu finden. Selbst diesen Genuß verkümmerte er sich durch Grübeln darüber, ob er ihn verdiene oder nicht. Vielleicht zweifelt man, ob er auf solche Art glücklich gewesen sey. Aber er war es gewiß, und wohl tausendmal mehr als Andere, die Genuß an Genuß, und Freude an Freude reihen. Es giebt Herzen, die der Erde ganz entsagen können, und deren innere Sinne schon hier für die Ewigkeit und ihre Freuden aufgehen. Rheinfelden hatte eine vortreffliche Erziehung bekommen, und war gewiß nicht ohne Tugend gewesen. Man wird sich noch erinnern, welch einen Kampf ihm sein Verbrechen an Jakobinen kostete, und wie viel sein eignes, sonst großmüthiges, edles und hülfreiches Herz bei seiner Leidenschaft litt. Viele Lektüre, ein leichtes moralisches System, umherschwärmendes Leben, und die Bekanntschaft mit 545 einigen elenden Weibern hatten sein Verbrechen veranlaßt. Jakobinens Tod aber, den er nicht fürchtete, und der ihn unvorbereitet traf, erschütterte ihn so durch sein ganzes Wesen, und brachte das Bild der Ewigkeit und eines vergeltenden Richters in so furchtbaren, schrecklichen Zügen vor seine Seele, daß er ein Bösewicht gewesen seyn müßte, wenn er es nur einen Augenblick hätte vergessen können. Als endlich nur die schrecklichen, betäubenden Schläge seines Gewissens aufgehört hatten, Jakobine nicht mehr wie ein Todesengel vor seiner Seele stand, und er nun einmal den tröstenden Gedanken fassen konnte, daß sie zu versöhnen sey, (und das geschah in dem Augenblicke, da Lissow sagte: Versöhnung!) – mußte nothwendig sein Herz wieder Kräfte zu den höchsten Tugenden, zu den schwersten Aufopferungen erhalten; und alle diese Tugenden, alle diese Stärke seines Herzens verwendete er nun auf Jakobinens Kinder. Er erzog sie mit noch größerer Vorsicht als die zärtlichste Mutter, bildete ihre Herzen zu jeder Tugend und zu den schönsten Gefühlen, war immer bei ihnen zugegen, und hütete sie sorgfältig vor dem Anblicke des Häßlichen und des Bösen. Kein leichtsinniges Wort, keine zweideutige Geberde befleckte je die reinen Herzen der beiden Kinder. Sie waren ganz unverderbt zu ihm gekommen; durch die Erziehung ihres Vaters und Grumbachs, auch nachher durch das Beispiel der edlen, liebevollen Iglou, hatten sie die ganze Arglosigkeit, die Unbefangenheit der Unschuldswelt behalten. Wohlthun war ja Alles, was sie in ihren 546 früheren Jahren hörten und sahen; und nun zeigte ihnen Rheinfelden aufs neue das Schauspiel einer so umfassenden Liebe und Wohlthätigkeit. Sie erhielten hier aber nicht nur das Beispiel von Tugend, sondern waren selbst die Werkzeuge von Rheinfeldens Güte. Durch sie half er den Unglücklichen; auf ihre Vorbitte unterstützte er den Armen; sie trugen das Geld, das er ihnen gab, in die Hütten des Kummers; sie empfingen den Dank, den er selbst, als ein Glück, von sich stieß. Ihr ganzes Wesen erhielt bei dieser Erziehung etwas Sanftes, Gütiges, Mildes; ihre Handlungen bekamen den Charakter einer stillen Frömmigkeit. Der Unglückliche, dem sie Wohlthaten erwiesen, dankte ihnen weniger für diese als für die arglose, freundliche Theilnahme, für das zärtliche Wohlwollen, das den Werth der Gabe noch erhöhete. Sie thaten Gutes, und schienen in ihrer Unschuld die zu seyn, welche Gutes empfingen . Bei aller dieser sanften, kindlichen, arglosen Unschuld erhielten sie dennoch etwas Erhabenes, einen stolzen Zug von Schwärmerei, der aus Rheinfeldens Seele in die ihrige überfloß. Das Laster war ihnen fürchterlich, und sie zeigten den größten Abscheu, wenn nur von einem Verbrechen gesprochen wurde. Ihre Augen flammten dann, ihr Gesicht wurde leidenschaftlich. Eine solche Schwärmerei der Tugend kann freilich, wenn sie gemißleitet wird, den schönsten Charakter verderben; bei ihnen hatte sie aber etwas höchst Unschuldiges, und mischte sich innig in ihre arglose Milde. Sie waren wie zwei Wesen aus einer andren Welt. So wandeln in menschlicher Gestalt 547 Engel auf der Erde. Unschuld scheint ihre einzige Tugend zu seyn; aber von Zeit zu Zeit bricht doch aus ihr ein Zug der erhabenen, himmlischen Natur hervor, der den Menschen zur Anbetung zwingt. Man tadelte Rheinfelden, daß er den Herzen der beiden Kinder diese hohe Richtung gab. Es ist möglich, sagte er, daß diese himmlische Güte sie von allen Menschen absondert, daß sie nie Freunde finden, nie Herzen, die sie lieben können; aber sie werden den Menschen lieben und dadurch glücklich seyn. Ob sie das erhalten werden, was man gewöhnlich Glück nennt, weiß ich nicht: das hängt ja immer vom Zufall ab; aber sie werden fühlen, daß sie jedes Glück verdienen. – »Die Menschen werden ihre Tugenden hassen, weil sie so rein sind.« – Der Ewige wird sie lieben. Man muß hieraus nicht etwa schließen, daß Rheinfelden ihre Tugenden nur zu einer Wirkung ihrer Gefühle machte; nein, er war eben so sehr für die Bildung ihres Geistes besorgt. Durch die einfachste Moral überzeugte er ihren Verstand sehr leicht von dem, was ihr Herz schon lange als wahr fühlte. Sie bekamen nun Geschmack an der Tugend. Gefühl und Vernunft bestimmten ihre Willen fast immer zum Guten; sie haßten das Böse, weil es ihrem Gefühl unerträglich, und zugleich, weil ihre Vernunft von dem Unrechte desselben überzeugt war. Rheinfelden lebte nur für die Erziehung der beiden Kinder. Sein Vermögen reichte also überflüssig hin, ihnen die beste Verstandesbildung zu verschaffen. Er nahm zu Lehrern für sie nicht unwissende Anfänger, die selbst noch zu 548 lernen brauchten, sondern die vorzüglichsten, die zu finden waren. Mit so vieler Vorsicht er aber die Lehrer auch wählte, so ließ er dennoch nie einen mit den Kindern allein. Man bestimmte vorher, was gelehrt werden sollte; und so blieb immer Harmonie in dem Unterrichte. Die Kinder rückten sichtlich fort in allen Wissenschaften, in den Künsten, worin Rheinfelden selbst ein geschmackvoller Kenner war, und in den lebenden Sprachen, in denen er große Fertigkeit hatte. Der Unterricht in den letzteren und in manchem Andren wurde, wenn es anging, immer auf Spaziergängen, unter dem Genusse der Natur ertheilt; denn von Büchern hielt Rheinfelden jetzt nicht mehr viel. Veranlassungen, wie sie das Leben gab, führten die Unterredungen herbei; kleine Ereignisse in der Gegend umher dienten zur Grundlage der Gespräche. Eben so wenig wurde der Körper der beiden Kinder versäumt; sie lernten tanzen, und der Knabe auch reiten, fechten und schwimmen, während daß Jakobine in allen weiblichen Arbeiten Unterricht erhielt. Dabei gewöhnte Rheinfelden sie an gar keine Art von Pracht oder Luxus, und führte mit ihnen einen sehr mäßigen Tisch. Ihre Kleidung war einfach, und Jakobine selbst mußte sie für sich, ihren Bruder und Rheinfelden verfertigen. Von Allem bekamen sie, so viel wie möglich, anschauliche Begriffe. Sie kannten alle Handwerke, ihre Instrumente, ihre Materialien; kurz, Rheinfelden ließ ihnen keine Kenntniß fehlen, die den Menschen betrifft. Nur das Einzige wußten sie noch nicht, daß die Menschen so lasterhaft sind. Ob sie gleich 549 mit Rheinfelden öfters in die benachbarten großen Städte kamen, so erfuhren sie dennoch nicht, welche Verbrechen die Mauern in sich schlossen. Erst, als die Tugend fest in ihren Seelen gegründet war, lehrte Rheinfelden sie die Laster der Menschen kennen. Er zeigte ihnen nun, auf welchem natürlichen Wege der Mensch zu dieser Tiefe hinabsinkt, und setzte ihnen deutlich aus einander, daß die Menschen in ihren gewöhnlichen Verhältnissen, und bei ihrer verkehrten Erziehung fast nicht besser seyn können . Nun sahen sie denn freilich auf einmal eine neue Welt, vor der sie zitterten; aber sie fühlten nicht Haß gegen diese Welt, sondern Mitleiden. Sie wurden duldsam gegen Andre, und nicht eitel auf ihre eigenen Tugenden; denn sie sahen, daß diese Tugenden das Werk Rheinfeldens und ihrer früheren Erziehung waren. Rheinfelden machte sie nun auch mit den Klugheitsregeln bekannt, die sie beobachten müßten, wenn sie die Reinheit ihres Herzens unter den Menschen bewahren wollten. Er ging die Geschichte des menschlichen Geschlechtes noch einmal mit ihnen durch. Bis jetzt war ihnen diese nichts andres gewesen als die Geschichte der Güte, der Liebe; sie hatten nur gesehen, wie die Vorsehung den Menschen von der untersten Stufe der Kultur immer höher hebt; wie das Licht sich immer über mehr Nationen verbreitet; wie es immer heller hervordringt; wie selbst die Finsterniß der Barbarei, der Unwissenheit, es größer und schöner macht; wie alles auf Erden die Vollkommenheit 550 befördern muß, selbst der Mensch, der sie aus Irrthum verhindern will. Nun aber zog Rheinfelden den Schleier von der Geschichte ab, und zeigte ihnen auch die Laster und Verbrechen unter den Menschen: den zerstörenden ehrsüchtigen Alexander, den rasenden Caligula, den heuchlerischen Tiberius, den blutgierigen Nero, den indolenten Klaudius. Sie lernten jetzt, wie die Menschen endlich zu Tigern werden können, wenn Eitelkeit und Schmeichelei sie verblendet, Sinnlichkeit und Wollust sie entnervt, Stolz und Übermuth sie hingerissen haben. Er zeigte ihnen, wie Nero mit zitternder Hand das Todesurtheil eines Verbrechers unterzeichnet, und fünf Jahre später mit eben dieser Hand seine eigne Mutter ermordet; wie schrecklich Wollust, Ehrgeitz und Habsucht mit dem Glücke der Menschen spielen; wie jede Tugend, auch wenn sie noch so stark ist, zittern muß, der Schmeichelei, der Verführung, den Sinnen, der Wollust zu erliegen. Bei dem letzten Theile dieser Unterredung war Rheinfelden tief gerührt, weil seine eigene Geschichte vor seiner Seele stand. Er fuhr mit Thränen in den Augen, mit bebender Stimme fort: »lieben Kinder, wer nur einen Schritt von der Bahn der Tugend abweicht, der verläßt sie bald gänzlich; was das Laster zurückschrecken soll, wird ihm ein Reitz mehr dazu. Der Wollüstige z. B. sieht dann nur das Bild der Wollust in ihrem lockenden Gewande, nicht das Elend, das sie über Tausende brachte. Selbst die Stimme der Tugend giebt seiner Begierde Nahrung.« Er dachte an Pope's Versuch über den Menschen, konnte nicht weiter 551 reden, umarmte die Kinder mit Heftigkeit, und ging dann schnell weg, um sich zu erholen. So wurden Lissow und seine Schwester nicht nur duldsam gegen die Menschen, sondern auch demüthig und vorsichtig. Sie glaubten Rheinfelden, trotz ihrem Gefühle, daß auch sie lasterhaft werden könnten, wenn sie nicht sorgfältig über sich wachten; und endlich wurde ihr Verstand davon überzeugt. Nun bekamen sie durch Rheinfelden genaue Bekanntschaft mit dem menschlichen Herzen: mit allen Schwächen desselben, mit der Heftigkeit der körperlichen Triebe und der Leidenschaften. Bei ihrer geringen Erfahrung hatten Lissow und seine Schwester schon Weltkenntniß; Rheinfelden warnte sie aber, ihr nicht zu trauen. Ihr kennt die Welt, sagte er; aber ihr wißt nicht, wie groß die Verstellung der Menschen ist, und welch eine lange Erfahrung dazu gehört, sie in den Begebenheiten selbst richtig zu beurtheilen. Endlich, in dem letzten Jahre des Krieges, fing er an, die beiden Kinder mehr unter Menschen zu bringen, und hielt sich deshalb eine Zeitlang mit ihnen in Stuttgard auf, wo er sie für ein Paar nahe Verwandten ausgab, und wo ihm bei seinem Range und Reichthume alle Häuser offen standen. Jakobine war jetzt vierzehn, Lissow sechzehn Jahre alt, und beide wurden mit Bewunderung und Liebe aufgenommen. Man hätte Jakobinen, das sprechend ähnliche Bild ihrer schönen Mutter, ihrem Körper nach für sechzehnjährig halten sollen; doch sah man die liebliche, kindliche Unschuld auf ihrem Gesichte, so konnte man sie wohl kaum 552 für zwölfjährig nehmen. Sprach sie dann wieder, so wußte man gar nicht, was man von ihr glauben sollte: so geistvoll war das, was sie sagte. In Stuttgard lernten sie und ihr Bruder sich nun in die gesellschaftlichen Verhältnisse finden, und Beide machten jeden Tag Erfahrungen, welche durch Rheinfeldens Gespräche erst recht lehrreich wurden. Man sagte Jakobinen viele Schmeicheleien, wie das ganz natürlich war, da sie vortrefflich tanzte, sehr schön sang, und sich immer mit Geschmack, obgleich sehr einfach, kleidete. Aber zum Unglück wollte sie reden, nicht schwatzen, und fand die Schmeicheleien, die man ihr sagte, bald äußerst abgeschmackt. Rheinfelden machte sie aufmerksam darauf, daß gerade eben die Schmeicheleien auch an die unbedeutendsten weiblichen Geschöpfe in den Gesellschaften verschwendet wurden; aber noch mehr darauf, daß in der großen Welt die Politur Alles bedeckt, für Alles entschädigt, der einzige Götze ist, den die Gesellschaft anbetet und in den sie ihren Stolz setzt. Anfangs konnten sich beide aufrichtige Seelen nicht daran gewöhnen, daß alle die Freundschaftsversicherungen, die sie täglich bekamen, so ganz und gar nichts seyn sollten. Besonders Jakobine hörte die jungen Frauenzimmer so oft von Freundschaft, von Vertrauen mit so vieler Herzlichkeit sprechen, daß sie zweifelte, ob sie Rheinfelden glauben könnte. Er lobte aber in ihrer Gegenwart eine Freundin gegen die andre, warf dann einen kleinen Tadel hinterher; und nun wurde die arme Freundin den Augenblick hart mitgenommen. 553 So zeigte Rheinfelden seinen beiden Zöglingen nach und nach die ganze armselige Gestalt der so genannten vornehmen Gesellschaften. Aber, fragte Jakobine, warum kommen denn die Menschen zusammen? was ist ihr Vergnügen dabei? – »Sie haben lange Weile, und wollen ihr entgehen; sie sind eitel, und wollen ihren Putz zeigen; sie sind boshaft, und wollen Fehler aufspüren, um sich gegen einen Dritten darüber aufzuhalten.« Man kann leicht denken, daß Jakobine keine Freude an der großen Welt fand; sie und ihr Bruder sehnten sich herzlich aus ihr weg. Rheinfelden war auch gar nicht Willens, sie lange unter dieser größten Theils so verschrobenen Klasse von Menschen zu lassen. Er führte sie nun in einer andern Stadt auch unter den Mittelstand, machte sie aufmerksam auf dessen Vorzüge, und zeigte ihnen, daß in ihm die meiste Menschlichkeit, so wie das meiste Glück, anzutreffen ist. Dies konnte er ihnen leicht erklären. »In dem Mittelstande«, sagte er, »sind die Menschen nicht reich genug, ihre Kinder bloß zum Genusse zu bestimmen; sie müssen diesen nützliche Kenntnisse beibringen, und sie zum Fleiß, zu Beschäftigungen anhalten, daß sie dereinst sich ernähren können. In ihrer Lage brauchen sie die Hülfe Andrer nöthiger, und fühlen das Bedürfniß der Freundschaft mehr als die Leute von Stande. Daher müssen sie menschlich, freundschaftlich, arbeitsam und tugendhaft werden. Die unterste arbeitende Klasse der Menschen hat zu viel mit den Bedürfnissen des Lebens zu kämpfen, als daß sie Zeit behielte, ihr Herz und ihren Geist zu bilden. Durch das 554 stete Bemühen um Lebensunterhalt müssen bei ihr nothwendig Habsucht, Mißtrauen, Neid, und alle die Laster entstehen, die den Menschen erniedrigen. Hierin haben der erste und letzte Stand große Ähnlichkeit mit einander. Jener ist durch Reichthum und seinen Rang über das Bedürfniß der Freundschaft weggesetzt, will nichts als Genuß, den nur Reichthum ihm verschaffen kann, und wird daher habsüchtig. Auch dieser ist durch seine Armuth von allem entfernt, was ihm die Freundschaft theuer machen könnte, und beschäftigt sich nur mit dem Erwerben seines Unterhaltes. Der Mittelstand, der arbeiten muß, aber wohlhabend genug ist, um es nicht immer zu brauchen, kennt die Freundschaft, die besseren Gefühle des Lebens. In ihm ist die Tugend gewöhnlich mehr als Anstand, Freundschaft mehr als Komplimente, Glück mehr als Geld, das Leben mehr als eine Unterhaltung. Aber je stärker der Luxus bei diesem Stande einreißt, und dessen Wohlhabenheit, dessen glückliche Mittelmäßigkeit hindert: desto mehr muß auch er sich zu den Fehlern der beiden andren hin neigen.« So befestigte Rheinfelden in ihrer Seele nach und nach den Wunsch, in einer glücklichen Bescheidenheit zu leben. Besonders mußte er das wegen des jungen Lissow thun, der voll großer Hoffnung war, und bisweilen von einer Ministerstelle träumte, um ein ganzes Volk glücklich machen zu können. »Mein Sohn«, sagte Rheinfelden zu ihm, »werde, was du willst, und wozu du Gelegenheit hast. Auch der Minister kann mit seiner Art zu leben zu dem Mittelstande gehören 555 und glücklich seyn. Jene Tugenden sind nicht einem Stande eigen, sondern allen Menschen; nur daß die anderen Stände mehr Schwierigkeiten haben, sie zu erringen. Ein Adeliger, der menschlich fühlt, der das Glück des Lebens in der Freundschaft findet, ist in der That zu bewundern, so wie der Bauer, der unter den Lasten seines Lebens Stärke genug behält, irgend einen fremden Menschen zu lieben.« Was Rheinfelden Anfangs aus dem Gefühle der Pflicht an den beiden Kindern gethan hatte, that er sehr bald aus Neigung zu ihnen. Er liebte sie wie der beste Vater, und sie vergalten ihm seine Liebe mit der ganzen Zärtlichkeit, welche Achtung, Dankbarkeit und Vertrauen erregen können. Zum Lohne für die Erfüllung seiner Pflicht genoß er jetzt des häuslichen Glückes, der süßen Freude Vater zu seyn, die sein Stand ihm eigentlich raubte, und die er bei dem gewöhnlichen Gange der Begebenheiten nie erhalten hätte. An den Umgang mit den Kindern war er so gewöhnt, daß ihm der Gedanke, einst wieder ohne sie leben zu müssen, unerträglich wurde. Sie versetzten ihn in die Jahre, da er mit ihren Eltern in so glücklicher Freundschaft lebte; denn Jakobine war ganz ihre Mutter, und Lissow ganz sein Vater, Beide nur jugendlicher und schöner. Jakobine sagte ihm tausendmal mit den seelenvollsten Blicken, mit der innigsten Zärtlichkeit: sie liebe ihn unter allen Menschen, selbst ihren Vater kaum ausgenommen, am meisten. Hier hatte er nun Jakobinen zum zweiten Male, schöner, reitzender, zärtlicher als die erste, und ganz sein, ohne Nebenbuhler sein; und er sollte sie freiwillig abtreten! 556 Seine Liebe war jetzt lauter, frei von allem Sinnlichen, nur die allerzärtlichste Vaterempfindung, und er konnte sie mit der ganzen Welt theilen; aber um so mehr zitterte er vor dem nahen Augenblicke, wo er seine Rechte auf Jakobinen einem Andern übergeben und sich vielleicht ganz von ihr trennen sollte. Sein Korrespondent in Berlin schrieb ihm jetzt: der Baron Flaming halte sich wieder in Zaringen auf, und ein Lissow lebe bei ihm. Rheinfelden hätte gern noch gezögert, wenn es nicht unrecht gewesen wäre; und überdies trieben ihn selbst die Kinder mit Fragen, mit Bitten, daß er sie endlich zu ihrem Vater führen möchte. Bei seinem Erziehen hatte er hauptsächlich auch den Zweck gehabt, die Liebe zu ihrem Vater zu erhalten; und dies konnte ihm leicht gelingen, da er dessen Herz so genau kannte. Er sprach immer mit der größten Zärtlichkeit von Lissow, schilderte den Kindern mit feurigen Zügen seinen edlen Charakter, seine Menschlichkeit, erzählte ihnen oft, wie er selbst mit ihren Eltern bekannt geworden war, und mahlte ihnen mit Begeisterung die Glückseligkeit, deren sie durch einander genossen hatten. Von seinem Verbrechen gegen ihre Mutter sprach er nie; und er fühlte sich sehr erleichtert, als er merkte, daß sie gar nichts davon wußten. In der ersten Zeit fragten sie wohl nach dem Zusammenhange jener Begebenheit, da sie und Iglou ihn aus dem Walde zu ihrem Vater brachten; auch erinnerte sich der Knabe des Ritters sogar noch von dem Sarge seiner Mutter her: aber Rheinfelden, dem die Fragen nach dem allen wie Dolche in das Herz drangen, sagte ihnen die 557 Wahrheit nicht, sondern erzählte eine Geschichte, die alles erklärte, und an deren Wahrheit die Kinder nicht zweifelten. Sie wußten nicht, daß sie den Mörder ihrer Mutter so zärtlich liebten, und ihn Vater nannten. »Euer Vater ist da, lieben Kinder!« sagte Rheinfelden mit einiger Betrübniß, als er den Brief aus Berlin bekommen hatte. Die beiden Geschwister, Jakobine jetzt fünfzehn und ihr Bruder siebzehn Jahre alt, hüpften auf vor Freude, und warfen sich an die Brust ihres zweiten Vaters. Sie wünschten noch heute abzureisen, und begriffen nicht, warum Rheinfelden zögerte. »Nur noch einige Tage«, sagte dieser, »laßt mir das Glück, euer einziger Vater zu seyn, meine Kinder. Nur noch einige Tage! Ich muß Anstalten treffen, ehe ich mit euch reise.« Rheinfelden ließ nun Kleider verfertigen, kaufte mancherlei, und machte dann sein Testament so öffentlich und feierlich wie möglich. Endlich waren die Koffer ohne Vorwissen der jungen Leute gepackt, und den folgenden Tag sollte die Reise angetreten werden. Vom Morgen an ging Rheinfelden in großer Unruhe umher, die immer stärker wurde, je näher der Abend herankam. Seine beiden Kinder suchten vergebens, ihn zu erheitern; er blieb stumm, und sein Auge mit einer dunklen Wolke bedeckt. Nach dem Essen nahm er sie mit in sein Kabinet, wo er immer nur allein war, und wohin selbst Jakobine, sein Liebling, nicht kommen durfte. Beide mußten sich setzen. Dann ging er einige Male auf und ab, und schien einen gefaßten Entschluß zu bekämpfen. Endlich schlug er 558 seine Blicke zum Himmel auf, und sagte dann fest: »es muß seyn!« Nun setzte er sich seinen beiden Geliebten gegenüber, und fing an: »Ehe wir reisen, lieben Kinder, muß ich euch noch einmal an die Tugend und an euer Herz erinnern. Ihr seyd Beide tugendhaft, Beide entschlossen die Reinheit eures Herzens zu bewahren; aber ihr seyd auch Menschen. Ich will euch jetzt die schreckliche Geschichte eines Mannes erzählen, den der Himmel zu Tugenden bestimmt hatte, der aber, durch die Sinnlichkeit verleitet, das schauderhafteste Verbrechen beging, der – eure Mutter ermordete.« – Lissow sprang mit Entsetzen im Gesichte auf, und Jakobine warf sich mit einem Schrei in Rheinfeldens Arme. Rheinfelden faßte wieder Muth. »Man hat euch diese Begebenheit verschwiegen; aber ihr müßt sie wissen: sie geht euch und mich zu nah an.« Nun erzählte er ihnen seine Bekanntschaft, seinen Umgang mit Lissow und Jakobinen, doch so, daß er anstatt seines eigenen Nahmens einen andern nannte. Er setzte ihnen den früheren Zustand seines Herzens aus einander, und beschrieb ihnen seinen Charakter. »Ihr seht«, fuhr er dann fort, »der Mann war edel, großmüthig, menschlich; und dennoch wurde er der Mörder eurer Mutter.« Er erzählte ihnen nun den Gang bei der Verschlimmerung seines Herzens, den der Leser schon kennt. Ehe er an die schreckliche Katastrophe der Geschichte kam, stand er auf. Er zog die Schnur einer seidnen Gardine; und nun zeigte sich ein schönes Gemählde, das er noch in Berlin, als er Lissows Freund war, hatte verfertigen lassen: Jakobine, die ihre Tochter auf dem Schooße hielt, zu ihren 559 Füßen ihr Sohn mit Blumen spielend, und neben ihr Lissow mit Vaterfreude in den Augen. »Das ist eure Mutter in ihren glücklichen Tagen«, sagte Rheinfelden; und die Kinder hingen mit sehnsuchtsvollen Blicken an dem Bilde. Nun erzählte er die gräßliche Katastrophe mit immer mehr brechender Stimme, und zeigte ihnen dann wieder ein neues Gemählde: Jakobinen, bleich, schon mit dem Tode in ihrem schönen Gesichte, wie sie vor dem Bette ihrer Kinder auf den Knieen lag und betete. Kaum konnte Rheinfelden noch fortfahren. Nach einiger Erholung zeigte er ihnen Jakobinen im Sarge, wie er selbst sie gesehen, und wie ein Künstler, der die jungen Leute im Zeichnen unterrichtete, sie heimlich gemahlt hatte. Das Bild Jakobinens im Sarge war furchtbar tief in Rheinfeldens Seele gedrückt, so daß er es dem Mahler Zug für Zug angeben konnte. – Die Kinder saßen bleich, stumm da, und schwammen in Thränen. Lissow verbarg das Gesicht in seine Hände, und bat Rheinfelden mit flehender Stimme, aufzuhören. Jakobine konnte gar nicht sprechen. Beide ahneten, Beide vermutheten, wer der Mörder ihrer Mutter sey, und zitterten weit mehr vor dem, was noch folgen würde, als vor dem, was sie schon gehört hatten. Auf einmal warf Lissow sich vor Rheinfelden nieder, faßte dessen zitternde Hände, bedeckte sie mit Thränen, mit Küssen, und beschwor ihn, nicht länger zu reden. Als Rheinfelden nicht wollte, faßte er die Hand seiner Schwester, und rief glühend und heftig: komm, ich will dir erzählen, wie dieser Mann Jakobinens Kinder aus den Flammen trug, wie 560 er unser Vater war! Jakobine sprang auf, umfaßte Rheinfelden, und betheuerte ihm, daß auch sie sterben würde, wenn er noch länger fortführe. Es war eine rührende Scene, wie die beiden Kinder ihn umschlungen hielten, und mit zärtlichen Bitten zum Schweigen bringen wollten. Er überließ sich endlich ihren Liebkosungen, und weinte nur milde Thränen. Als er sich wieder erholt hatte, führte er sie das Zimmer hinauf, zog eine Schnur, und rief: »hier ist der Mörder in den Händen der ewigen Gerechtigkeit!« Jakobinens Kinder schauderten vor diesem Gemählde zurück. Da saß Rheinfelden in einem finstern, felsigen Walde, das bleiche Gesicht in die dürre Hand gestützt, mit zerrissenen Kleidern und offner Brust, mit starren, wilden Blicken, den Mund zu einem wahnsinnigen Lächeln verzuckt, und in der rechten Hand einen scharfen Dolch haltend, mit dem er nach seinem Herzen zielte. »Erkennt ihr den Mörder?« fragte Rheinfelden. Jakobine nahm die Schnur aus seiner Hand, und ließ den Vorhang fallen. Unser Retter, unser Vater! riefen Bruder und Schwester zugleich, und Rheinfelden sank in ihre offnen Arme. »Lissow, mein Sohn! Jakobine, meine Tochter!« sagte er feierlich; »steigt einmal die erste unrechte Begierde in eurem Herzen auf, so denkt an mein Gemählde. So weit kann die Sinnlichkeit führen! Ich bitte euch um Eins, meine Kinder. Es wird euch leicht scheinen, so schwer es ist, aber euch tugendhaft erhalten, so leicht es scheint. Macht irgend einen guten, edlen Menschen zum Vertrauten eurer Empfindungen, eurer Begierden, eurer Vorsätze und Gedanken. 561 Denkt nicht, euer Gewissen sey hinreichend, der Vertraute eures Herzens zu seyn; es ist eben so schwach wie dieses. Versprich mir, mein theurer Sohn, keinen deiner Gedanken, deiner Entwürfe, keine deiner Empfindungen mir zu verbergen. Und du, Jakobine, wähle dir irgend eine tugendhafte Freundin, und laß sie die Bewahrerin deines Gewissens und deiner Geheimnisse seyn. Versprecht mir das!« Sie hingen Beide an seinem Halse, und versprachen es ihm unter heißen Thränen. »Nun denn«, sagte er lächelnd; »so sollt ihr, wie ihr mein Elend gesehen habt, auch meine Hoffnungen sehen.« Er zog den Vorhang vor einem großen Gemählde auf. Hier lag er zwischen den beiden geliebten Kindern vor Jakobinen auf den Knieen; Jakobine, in dem Glanze des Himmels, lächelte und reichte ihm die Hand. Er sah die jungen Leute zärtlich an, und rief in überwallender Bewegung: »zerstört mir die Hoffnung nicht, euch einst eurer edlen, unschuldigen Mutter eben so edel, eben so unschuldig zu bringen!« Sie waren alle Drei unaussprechlich gerührt, voll der Empfindung des Himmels, und gingen weiser, besser aus einander. Am folgenden Morgen traten sie mit gleichem Verlangen die Reise an, und kamen ohne irgend einen merkwürdigen Vorfall bis zu der nächsten Stadt vor Zaringen. Hier blieben sie die Nacht, und waren dann am Morgen mit der Sonne auf. Jakobine fand, anstatt ihres Reiseanzuges, ein weißes seidenes Kleid mit Blumen besetzt, und eine Guirlande von Rosen zum Kopfputze. Ihr Bruder kam, wirklich prächtig 562 gekleidet, mit Rheinfelden zu ihr, als sie noch unentschlossen da stand, ob sie das anziehen sollte oder nicht. »Du sollst geschmückt zu deinem Vater kommen!« sagte Rheinfelden; und bald war Jakobine nun gekleidet. Sie setzen sich nach dem Frühstück in den Wagen, und legten die drei Meilen bis Zaringen schnell zurück. Vor dem Dorfe ließ Rheinfelden anhalten, und stieg aus: »Ich gehe in diesen Wald, meine Kinder«, sagte er, »weil ich eures Vaters erste Freude nicht trüben will. Auch muß ich den Platz wiedersehen, wo ich glücklich wurde. Iglou wird mich zu finden wissen. Seht, das Verbrechen hört nicht auf zu strafen! Ich darf euch nicht an das Herz eures Vaters führen.« Er verließ mit schnellen Schritten den Wagen, und verschwand in den Wald. (Den beiden jungen Leuten schlug das Herz ungestüm vor Freude und Erwartung, als sie nach Zaringen hineinfuhren, und zu dem Vater gingen.) »O Gott! Gott!« rief Lissow nach dieser Erzählung aus einem stummen süßen Schmerze hervor: »wo ist der Retter? wo ist der Vater meiner Kinder, daß ich ihm zu Füßen falle und ihm danke?« – Er ist mit uns gekommen, und muß im Walde seyn. Iglou, sagte er, wüßte, wo er wäre. – Kommt! sagte Iglou; ich will euch führen. Alle, Lissow mit seinen Kindern voran, gingen nun mit ihr, und es war, als ob sie einen Wettlauf hielten, so daß der alte Grumbach kaum folgen konnte. Rheinfelden hatte unterdessen seine Hütte wieder aufgesucht. Er erstaunte, als er anstatt ihrer ein kleines niedliches Häuschen sah, das rings umher mit Rosen und 563 Immergrün bepflanzt war, und über dessen Thüre die Worte standen: »Hier wurde ich glücklich!« Der Anblick schien ihm Zauberei; denn gerade die Idee, welche er hier schon ausgeführt sah, hatte er selbst ausführen wollen, weil er hier glücklich geworden war. Er stand in tiefem Nachdenken vor dem Häuschen, öffnete dann die Thür, trat hinein, und fand das Hausgeräth wieder, das er gebraucht hatte, nur mit einigem andren vermehrt. Alles blieb ihm unbegreiflich, weil er nicht wußte, daß auch Iglou und der Baron in dieser Einöde ihr Glück gefunden hatten. Es war Iglou's ewiges Treiben gewesen, hier ein Häuschen zu haben, und der alte Grumbach hatte eine Summe dazu aussetzen müssen. Dies kleine Häuschen war Iglou's liebster Aufenthalt. Hieher ging sie oft mit ihrem Sohne, hier unterrichtete sie ihn, hier hatte sie eine kleine Sammlung von Büchern, hier schrieb sie jetzt an ihrer Lebensbeschreibung, hier betete sie. Rheinfelden setzte sich auf den hölzernen Stuhl. Er durchlief jetzt noch einmal sein Leben, fühlte sich gänzlich beruhigt, und versank in süße Träume; ihn dünkte, Jakobinens Gestalt schwebe von oben herein, und biete versöhnt ihm die Hand. Mitten in seinem Traume flog die Thür auf, und Lissow warf sich in seine Arme. »Rheinfelden!« rief er; »Retter, Vater meiner Kinder! mein Bruder, mein Geliebter, mein Freund!« Kaum hatte er das gesagt, so war auch schon das ganze Häuschen voll Menschen. Rheinfelden sank aus einer Umarmung in die andere, und es dünkte ihn, als ob er 564 dadurch entsündigt würde. Ohne sich lange aufzuhalten, führte man ihn nun, wie in Triumph, nach Zaringen. Rheinfelden bat den Baron sogleich, ihm die Hütte im Walde abzutreten. Der Baron erwiederte: »fordern Sie von mir, was Sie wollen, nur nicht diese Hütte. Sie hat mich glücklich gemacht, und ist Iglou's Lieblingsaufenthalt; aber ich will Ihnen dicht daneben ein andres kleines Haus aufbauen lassen.« Man setzte sich nun, und erzählte einander gegenseitig seine Schicksale. Lissow saß zwischen seinen beiden Kindern, und sagte ihnen, welches Elend er in den sechs unglücklichen Jahren ertragen, und wie sehr er sich um sie gegrämt habe. Man fand nun, wie leicht es gewesen wäre, sich alle die Noth zu ersparen; und man wunderte sich, daß man nicht auf die gehörigen Mittel gefallen war. Grumbach und seine unglücklichen Freunde hätten ja auf einem Dänischen Schiffe zu dem Baron kommen, und Rheinfelden durch noch öfter wiederholte Zeitungsnachrichten den Gram des Vaters endigen können. Beides war so leicht gewesen, und doch nicht geschehen. Laßt uns doch fragen, hob der alte Grumbach an, warum es nicht geschah? Weil wir der Vorsehung so wenig traueten; weil wir das, was uns traf, Schicksal, unvermeidliches Geschick nannten, und daher nicht den Muth hatten, uns nach Hülfe umzusehen. Wie ungerecht, wie undankbar sind wir Alle gegen die Vorsehung gewesen! Es kam ja nur auf uns an, die Hände nach der Hülfe auszustrecken, die sie uns darbot. Wir klagten, anstatt zu denken; wir jammerten, 565 anstatt zu arbeiten; wir ließen uns von dem Sturme treiben, anstatt ihn muthig zu bekämpfen. Und welcher Unglückliche ist nicht mit uns in gleichem Falle? Wer sieht nicht, wenn sein Elend überstanden ist, ein Mittel, wie er sich hätte davon befreien können? Warum ersann er nun dies Mittel nicht vorher? Weil er klagte, anstatt zu denken, sich hingab, anstatt thätig zu seyn. Habe ich nicht Recht, wenn ich behaupte, die Natur bestraft den Irrthum eben so wie das Verbrechen? Und seht ihr nun, weshalb die Vorsehung das thun muß? Um den Menschen von seiner Trägheit los zu reißen, die ihn so leicht auf immer an das Unglück fesselt. Aber seht nun auch, wie sie, trotz dem Menschen, der ihre segnende Hand von sich stößt, dennoch nicht aufhört zu segnen. Wir lernten in unserm Elende entbehren, und wissen nun, was der Mensch kann, wenn er will. Unser Rheinfelden rettet die Kinder, und söhnt sich dadurch mit sich und dem Himmel aus. Der Baron selbst ... »Ich«, unterbrach ihn der Baron, »ich weiß, daß die Hand, die uns so schwer traf, uns dennoch nur gesegnet hat. Das Unglück gab mir meine Iglou, und lehrte mich, was ich noch nicht wußte, daß man auch mit Wenigem glücklich seyn kann, und daß Arbeit die Würze des Lebens ist.« Und du, Lissow? fragte der Alte mit einer Umarmung: – was hat dich das Wiederfinden deiner Kinder gelehrt? O, mein Vater, erwiederte Lissow; soll ich allein erröthen? Erröthe immer, mein Sohn, wie wir Alle. Schamröthe ist die schönste Farbe des schwachen Menschen, die Leibfarbe 566 der Tugend. Aber gelernt hast du, daß der Himmel nicht aufhört selbst den Undankbaren zu segnen. Während daß du ihm Vorwürfe machtest, schuf er dein volles Vaterglück. Sieh deine Kinder an, höre sie sprechen, und sag, ob du ihr Herz, ihren Geist so hättest bilden können, wie es Rheinfeldens zärtliche Liebe gethan hat. Die Vorsehung führte ihn herbei, deine Kinder zu retten. Sie sollten das Elend, das du, das wir Alle tragen mußten, nicht mit uns theilen. Was wären sie, Lissow, und wenn sie auch unser Elend überlebt hätten? Sie würden Wolle gesponnen haben; das wäre die ganze Bildung gewesen, die wir ihnen in unserm Elende hätten geben können. Und nun! sieh deine beiden Kinder an! Lissow warf sich aufs neue an Rheinfeldens Brust, und ging dann hinaus. Sein gen Himmel gewendeter Blick, seine gefalteten Hände zeigten, was er that. Er dankte der Vorsehung, bereuete die Vorwürfe, die er ihr gemacht hatte, und war ganz von dem hohen Gefühle durchdrungen, daß sie mit wohlthätiger Hand die Schicksale der Menschen leitet. Von diesem Augenblick an wurde sein Herz stark für alle Leiden, und besser. Rheinfelden übergab am folgenden Morgen Lissowen sein Testament, worin er dessen Kinder zu seinen Haupterben eingesetzt hatte. Freilich konnte er nur über das baare Geld und die beweglichen Sachen bestimmen: aber sein Vermögen war dennoch sehr beträchtlich, da er mehrere Jahre hindurch fast nichts von seinen sehr großen Einkünften gebraucht hatte; und es mußte sich um vieles 567 vergrößern, wenn der Ritter noch einige Jahre lebte, wie seine Gesundheit es hoffen ließ. Lissow war überrascht, und weigerte sich, das Testament anzunehmen. Rheinfelden sagte ihm aber: er sehe die beiden jungen Leute gänzlich als seine eignen Kinder an, und würde selbst in dem Falle, wenn er auch kein Verbrechen wieder gut zu machen hätte, nicht anders verfahren. Eine sehr beträchtliche Summe hatte Rheinfelden mitgebracht, und die übergab er Grumbachen, daß er sie zum allgemeinen Besten verwenden sollte. Er erklärte, daß er Lissows Familie nie wieder verlassen würde, und bekam nun ein Zimmer neben Lissow, mit dem er sich brüderlich in die Herzen der Kinder theilte. Der alte Grumbach freuete sich, daß er nun im Stande war, das Glück des Dorfes eher wieder herzustellen. Er kaufte sogleich noch einige schlechte Menschen aus, und betrieb alles mit doppeltem Leben. Der Viehstand wurde vermehrt, und einige Bauerhäuser ganz ausgebauet, wozu Grumbach den fleißigsten und besten unter den Einwohnern von Zaringen das Geld vorschoß. Man bearbeitete nun auch die Gärten, und zog Hecken um sie her. Kurz, durch Grumbachs Thätigkeit und des Barons Güte konnte das ganze Dorf dem Winter mit Hoffnung entgegen sehen. Die Ernte des Sommergetreides fiel ganz erträglich aus; und Futter für das Vieh hatte man so überflüßig, daß noch davon verkauft werden konnte. Die Bauern setzten das größte Vertrauen in den alten Grumbach, da sie immer mehr und mehr überzeugt wurden, daß er sie väterlich liebte und ihr Glück ernstlich 568 wollte. Deshalb ließen sie sich auch jede Veränderung, die er vorschlug, ohne Widerspruch gefallen. Nun wurden die Gemeinheiten vertheilt, manche Felder vertauscht, das Dorf licht und reinlich in gerader Linie gebauet, und die Dächer mit Ziegeln gedeckt; kurz, das neue Zaringen wurde weit schöner als das ehemalige, weil dabei ein allgemeiner Plan zum Grunde lag. Da Rheinfelden sah, daß man hier das Glück, die Zufriedenheit von einigen Hundert Menschen zur Absicht hatte, so entschloß er sich, ohne daß es, außer Grumbachen, jemand erführe, noch eine Summe zur Vollendung des ganzen Werkes herzugeben. Grumbach nahm den Vorschlag mit Freudenthränen an, und nun stieg die alte Ordnung, das alte Wohlseyn, wie auf den Schlag einer Zauberruthe, wieder hervor. Jetzt wurden auch die noch leeren Güter gebauet, und einstweilen von den übrigen Einwohnern auf Abtrag ihrer Schulden bearbeitet. Der alte Grumbach gab sich Mühe, sie gut wieder zu besetzen, und er fand bald einige sehr redliche Familien, die sich in dem Dorfe ankauften, und von denen er überzeugt seyn konnte, daß sie das Glück, welches er zur Absicht hatte, nicht hindern würden. Schon im folgenden Frühjahre stand ein schönes Dorf wieder da, unter dessen blühenden Bäumen nur glückliche Menschen lebten. In der Mitte des Dorfes war ein offner freier Platz zur Kirche und zum Schulhause bestimmt. An dem letzteren, so wie an einer Wohnung für den Schullehrer dicht daneben, wurde fleißig gebauet. Es bekam ein paar 569 helle, geräumige Zimmer für die Kinder, und oben einen großen Saal zum Vergnügen der Einwohner von Zaringen. Grumbach konnte nun schon mit Ruhe an etwas mehr als bloß das Nothwendigste denken. Die Sparsamkeit, die noch immer in des Barons Hause beobachtet wurde, gab schon im ersten Herbste einen Überschuß, den er ohne Bedenken zum Vergnügen der Einwohner bestimmte. Die alten Feste wurden wieder eingeführt, aber jetzt mit mehr Bedeutung. Man feierte die Rückkehr des belebenden Frühlings, die Erbauung von Zaringen, das Fest des Friedens, und andre wichtige Tage. Iglou erfand die verschiedenen Feierlichkeiten, mit denen jeder festlich begangen werden sollte, und befolgte dabei den Grundsatz, daß sie einfach, verständlich, rührend seyn und das Herz bessern müßten. Alles Elend war nun vergessen, und Zufriedenheit verdrängte das Andenken an die erlittene Noth. Erhob sich ja einmal eine Streitigkeit unter zwei Familien, so war Grumbach der Schiedsrichter, und die Bauern unterwarfen sich seinem Ausspruche willig. Man dachte gar nicht daran, daß der Justizamtmann sich nicht weiter meldete. Er hatte in Stettin ein Amt bekommen; und das war besonders dem Baron lieb, da er doch nun wieder zuweilen philosophiren konnte, ohne daß ihm alle Augenblicke jemand in die Rede fiel. Ein junger, gelehriger, verständiger Mann wurde als Schullehrer angesetzt; und nun erhob sich zum ersten Male wieder eine Streitigkeit unter den Glücklichen. Der Baron 570 drang mit aller Stärke seiner Beredtsamkeit darauf, daß die jungen Leute und die Kinder des Dorfes ordentlich, nach dem festen System einer philosophischen Schule, unterrichtet werden sollten. »Ich will euch«, sagte er, »nicht gerade mein System der Moral vorschreiben, ob ich gleich nicht einsehe, warum ihr es nicht wählen könntet. Nehmt, welches ihr wollt; nur ein System, das Gründe der Tugend enthält, das die Vernunft überzeugt. Überlaßt nicht mehr die Tugend dem Gefühle; macht nicht mehr das Glück zur Bedingung der Tugend. Ihr habt nun gesehen, was unsre Tugend uns half. Die Russen brannten unser Dorf eben so ab wie die andren in unsrer Nachbarschaft, worin die Menschen weniger gut waren. Ich frage: was half unsre Tugend zu unsrem Glücke?« Was sie uns half? erwiederte Grumbach mit einigem Eifer. Sie half uns unser Unglück tragen, Zaringen aufbauen, und wieder glücklich werden. »Ja, ja! Aber wenn sie das alles nicht gethan, wenn sie sogar unser Elend vermehrt hätte, (und der Fall läßt sich denken): würden wir dann haben weniger tugendhaft seyn müssen? Das frag' ich! O, lieber Grumbach, ich bitte Sie bei dem Glücke meiner Unterthanen, setzen Sie die Tugend dieser Menschen nicht auf einen so schwankenden Grund, nicht auf ein Vielleicht. Warum sollen denn diese Geschöpfe, die so gut Menschen sind wie wir, allein nicht vernünftig seyn, allein nicht aus dem edelsten aller Gründe handeln: weil es vernünftig ist? Sie selbst sagen ja immer: die Vorsehung bestraft den Irrthum wie das Verbrechen. 571 Nun begreife ich nicht, wie ein Mann, der das sagt, den Irrthum vertheidigen kann. Und heißt das nicht den Irrthum vertheidigen, wenn man die Menschen muthwillig über die ersten Gründe des Handelns, über die einzigen wahren Vernunftgründe zur Tugend, in Unwissenheit laßt?« Unwissenheit? Irrthum? Wer will das, lieber Herr Baron! Ich wahrhaftig am allerwenigsten. Sie sehen ja, mein ganzes einziges Streben geht dahin, Ihre Unterthanen zum Nachdenken über sich selbst, über andre Menschen, über das Leben zu veranlassen. Ich sollte das Göttlichste in unsrer Natur, die Vernunft, hindern? sie in ihren Wirkungen aufhalten? Nein, lieber Herr Baron, davor behüte mich der Genius der Menschheit! »Nun denn, lieber Grumbach, so sind wir ja eins. Desto besser! Also lassen Sie mich doch einen Plan des Unterrichts entwerfen, wie ...« Gott gebe, daß wir eins sind, lieber Herr Baron! ...Vernunft verpflichtet den Menschen zur Tugend. Der Mensch bedarf ihrer also, um tugendhaft zu seyn; aber nicht alle Menschen bedürfen dazu eines philosophischen Systems, spitzfündiger Klügeleien, auf die der Philosoph so großen Werth legt, und die er so gern als das einzige Mittel, tugendhaft zu werden, ausschreien möchte wie der Quacksalber seine Arzeneien, seine Universaltinkturen. »Wo denken Sie hin, Grumbach! Die Untersuchungen der Philosophen mit Quacksalbereien zu vergleichen!« Warum nicht? Der Philosoph ruft: hier, mein Grundsatz, mein System, enthält echte Tugend. Zeige mir, könnte man 572 zu den meisten sagen, deinen Glauben durch Thaten. Aus der Untersuchung, aus den Meinungen der Weisen ging nie Tugend hervor; und äußerte sie sich, so war sie schon da, so lag sie schon in dem Herzen. Wahrhaftig, die Tugend bedarf des Klügelns nicht; denn sie sollte eine Pflanze seyn, die jeder Verstand, auch der einfachste, bauen könnte. Sie ist keine Ananas, die nur in dem Treibhause, in der künstlichen Wärme des Systems, fortkommt; sie ist ein Fruchtkorn, das in jeder Zone, unter jedem Himmel, in der freien Luft, in dem Sonnenscheine der Natur, gedeihet, und das auch den Winter ertragen kann. Ein Herz voll kindlichen Glaubens an Gott muß die Tugend schon aufnehmen, wenn sie Früchte tragen soll. Gott selbst hat ja dem allgemeinen Menschengefühle den Glauben an die Tugend anvertrauet. Wehe dem Menschengeschlechte, wenn die Tugend nur die Frucht des Systems, der Schule seyn sollte, gleichviel welcher Mann die Schule mit seinem Nahmen bezeichnet! Was bedarf ich denn, um tugendhaft zu seyn? Kindlicher Liebe zu dem himmlischen Vater der Menschen, brüderlicher zu allen Menschen. Wer die nicht fühlt, der baue Systeme, so viel er will; er ist deshalb doch nicht tugendhaft: er muß sich kitzeln, um mitzulachen. Ja, wäre die Tugendlehre eine Kasuistik, dann ließe ich es gelten; aber sie ist nichts als die menschliche Regel: thue den Andern, was du willst, daß Andre dir thun sollen. Die Griechen blüheten, baueten große Städte, waren glücklich, fröhlich auf ihren Fluren, und übten Gastfreundschaft, Gerechtigkeit, Milde, Liebe. Und was für eine Moral hatten sie? Diese 573 Moral war kindlich, wie die Menschen, einfach, herzlich, voll Bilder, voll Gleichnisse, mehr Gedicht als System. »Die Gränzsteine sind den Göttern heilig; der gastliche Zeus haßt den, der nicht gastfrei ist; die Nemesis wandelt umher, und straft den Übermüthigen, den Verräther der Götter, den stolzen Bedrücker seiner Brüder. Die Furien mit Schlangenhaar und giftiger Fackel verfolgen den Mörder.« Nur dieser Moral bedurften die einfachen Menschen. Griechenland bekam Systeme der Tugend; man disputirte, man stritt, man erwies, was Tugend sey, was sie nicht sey: und die vorher so glücklichen Menschen wurden ein Raub der Verbrechen, der Tyrannei, der Habsucht, der ... »Sie glauben also, man solle die Wahrheit nicht hervor rufen? man solle nicht denken, die Tugend nicht auf Vernunft gründen?« Habe ich das gesagt, Herr Baron? Die Tugend ist einfach, herzlich; und so soll auch die Vernunft seyn, auf welche sie sich gründet. Lassen Sie den Philosophen tausend Systeme schaffen; sie werden immer etwas von der allgemeinen Menschenvernunft haben. Nie wird ein Philosoph eins erfinden, nach welchem es Pflicht wäre zu zerstören. Aber der einfache Landmann bedarf keines künstlichen Systems, sondern nur eines einfachen, herzlichen Antriebes zum Guten. Zu diesem Guten verpflichtet die Vernunft ihn eben so wie den Philosophen. Der Philosoph erweist das; der Landmann fühlt es, und glaubt es darum, ohne zu klügeln. Sagen Sie, was Sie wollen – die Philosophen zeigen in den weitläuftigsten Systemen am Ende doch sonst nichts, als daß 574 der Mensch zur Tugend verpflichtet ist. In der Bestimmung der Tugend sind sie alle gleich, so verschieden auch die Worte seyn mögen, mit denen sie sagen, was Tugend sey. Das also, was allein der Philosoph erweist, glaubt jeder Mensch, weil er es fühlt; und der gute Mensch fühlt am meisten, daß er zur Tugend verpflichtet ist. »Halten Sie denn eine gute Handlung, die jemand aus Furcht vor der Hölle begeht, in Ernst für eine tugendhafte?« Nein, das nicht! Allein das würde uns nicht zu Ende bringen. – Was sind in Ihren Augen die Erfordernisse einer tugendhaften Handlung? »Eine tugendhafte Handlung muß aus reiner Überzeugung von ihrer Pflichtmäßigkeit geschehen; oder, mit anderen Worten, die Vernunft allein muß den Grund des Handelns ausmachen.« Und halten Sie denn das für möglich, ohne daß irgend etwas Andres, eine Neigung, Liebe zur Tugend, zu Gott, Hoffnung des Glückes, oder sonst etwas, sich hineinmischt? Der Baron lächelte. – »Sie thun seltsame Fragen! Wenn ich Tugend für möglich halte, so muß ich auch das für möglich halten; denn das allein ist Tugend.« So seltsam ist meine Frage wohl nicht. Ist denn Überzeugung von der Pflichtmäßigkeit einer Handlung auch der Grund, daß sie geschieht? oder muß noch etwas Anderes hinzukommen, wenn die Handlung nun wirklich gethan werden soll? – Der Baron verstand Grumbachen nicht, und war verlegen. Dieser fuhr fort: die Vernunft ist vollkommen 575 von der Pflichtmäßigkeit einer Handlung überzeugt. Was soll nun den Willen bestimmen, die Handlung zu wollen? Die Sinnlichkeit, die ihm etwas Böses als ein Glück vorspiegelt, kann ihn, trotz der Vernunft, zum Bösen fortreißen. Nun muß doch noch etwas auf Seiten der Vernunft seyn, das den Willen für sie bestimmt; und das wäre? »Die Vernunft selbst«, erwiederte der Baron. Dann müßte jeder, der von der Vernunftmäßigkeit der Tugend überzeugt wäre, tugendhaft seyn; aber das widerlegt die Erfahrung: denn nicht alle Philosophen sind tugendhaft. Der Wille, die Begierde, (mich dünkt, es liegt in dem Worte selbst) ist ja nichts als Neigung zu etwas, das ein scheinbares oder ein wirkliches Gut ist, etwas, das uns wohl zu thun, uns angenehme Empfindungen zu geben verspricht. Soll der Wille also für die Tugend bestimmt werden, so muß die Tugend nothwendig als etwas Gutes, und das Gegentheil als etwas Böses, erscheinen; dann wäre ja aber der Eigennutz schon wieder da. Die Vernunft thäte also bei der Tugend weiter nichts, als daß sie lehrte, die Tugend sey vernunftmäßig, und Pflicht. Mit dieser Handlung ist das Geschäft der Vernunft bei der Tugend geendigt. Sie hat erkannt, eingesehen und überzeugt. Nun ist die Reihe an dem Willen; und den lockt ganz allein das Glück, das er bei einem Dinge vermuthet, zum Begehren. Sie sehen also, daß die Vernunft noch einmal zu wirken genöthigt ist, wenn der Wille anders zur Tugend bestimmt werden soll; sie muß die Wahrheit geben: Tugend macht glücklich, Laster unglücklich. Das findet sie in diesem Leben nicht; sie ist 576 daher gezwungen, ein anderes nach dem Tode, eine Vergeltung des Guten, anzunehmen, wenn sie ihr Wesen nicht selbst zerstören soll. Also stellt sie an das letzte Ziel, das die Menschheit erreichen kann, das Glück und die Tugend; sie vereinigt Beides: diese für die Vernunft, und jenes für den Willen. Nennen Sie das, wie Sie Lust haben: es ist so. Die Vernunft erkennt, und der Wille ist noch unbewegt. Durchaus muß die Sinnlichkeit den Willen in Bewegung setzen. »Die Sinnlichkeit?« Nennen Sie es auch mit einem andren Worte, wenn Ihnen Sinnlichkeit zuwider ist. Irgend etwas Anderes als die Vernunft, irgend ein Gefühl, eine Hoffnung, eine Furcht, eine Begierde, ein Abscheu, setzt den Willen in Bewegung. Ehe noch die Vernunft bei dem Menschen in Thätigkeit ist, hat diese Sinnlichkeit ihr Spiel schon Jahre lang getrieben; ob böse oder gut: das kommt auf Erziehung, auf Gewöhnung an. Der Mensch wird von guten Menschen erzogen; und seine Phantasie lernt nun das Gute, die Tugend, als Glück ansehen. Man sagt ihm so oft, so nachdrücklich: du kannst ohne Tugend nicht glücklich seyn. Er sieht, welche Freude die Menschen um ihn her haben, wenn ihnen etwas Gutes gelungen ist; er sieht den Abscheu, die Verachtung, mit der sie jedes Laster betrachten: und sein Wille wird durch Hoffnung, durch Abscheu, für die Tugend bestimmt, ehe seine Vernunft noch weiß, was Tugend ist. Eben so verhält es sich mit dem Laster und mit den lasterhaften Menschen. Daher wirkt Beispiel so unendlich viel mehr als Unterricht; daher kann der strengste Philosoph, der die 577 uneigennützigste Tugend fordert, und nach seinem System fordern muß , so eigennützig, so engherzig, so schwach seyn; daher giebt oft ein Mensch, der nie einer Schule angehörte, nie etwas Bestimmtes über Tugend dachte, bloß durch seine Empfindung geleitet, so bestimmte Beweise einer erhabenen göttlichen Tugend. Sein Tugendgefühl ist Geschmack geworden. Er kann nicht anders handeln; das Gegentheil würde ihm unerträglich seyn. »Bleibt denn eine Handlung, die so natürlich ist, Tugend? Hat die Handlung, deren Gegentheil dem Menschen unmöglich wäre, einen Werth?« Mag sie den nicht haben. Aber so wäre nur der Mensch, der elende, verächtliche Wünsche und Begierden bei sich fühlte, und trotz diesen Begierden gut handelte, tugendhaft; nicht der , welcher nur das Gute liebte, wollte, und, weil er es liebte und wollte, auch thäte. Und doch stellen alle Schulen den Letztern als das Ideal der menschlichen Tugend auf, und haben Recht dazu. Nein, lieber Herr Baron, sagen Sie, was Sie wollen: Tugend muß glücklich, Laster unglücklich machen. Das allein kann das Herz für die Tugend interessiren, und auf diese Weise muß sie durchaus gelehrt werden. Die Vernunft thut nichts weiter, als daß sie den Satz bestätigt, und seine Möglichkeit lehrt; dem Gefühle war er schon längst wirklich . Sie thut noch mehr: sie lehrt auch, was Tugend ist, erfindet ein Moral-System, und sichert so die wahre Tugend, da die Empfindung so leicht ein Vergehen anstatt der Tugend ergreift, und dann zerstört, wenn sie segnen will. Das, dünkt mich, ist der Unterschied 578 zwischen der Vernunft und dem Herzen. Einfache Lehre für das Herz der Kinder und des ganz oder halb rohen Menschen: Allegorie, Beispiel, eine Moral in schönen, einfachen, reitzenden Bildern, wie zum Beispiel bei den Griechen. Ein Gott wachte bei ihnen über den Hausaltar und über die Gastfreundschaft. Sein Bild stand sichtlich da. Keine Mahlzeit, ohne daß man dem Hausgott sein kleines Opfer davon brachte, ihm einen Tropfen Wein ausgoß; denn die Mahlzeit war ja Segen der Gottheit, die man verehrte. Ein Fremder trat an den Hausaltar, um zu beten; und in dem Augenblicke gehörte er mit zu der Familie. Die Gottheit segnete nicht mehr, wenn man nicht seine Mahlzeit mit dem Fremden theilte. Sehen Sie, da ist die Lehre: »seyd wohlthätig, weil die Erde Gottes, und Gott der Vater aller Menschen ist!« in ein Bild gekleidet, wie es sich für das kindliche Herz der ersten Menschen schickte. Der verständigere Mensch bedarf endlich dieser Bilder nicht mehr; aber wahrlich noch immer des Glaubens an die Lehre: Gott liebt den Wohlthätigen. Und so kann das Bild der Höllenqualen sehr nothwendig für rohe Menschen seyn, die nichts achten als körperlichen Schmerz. Die Tugend wird endlich Gewöhnung; und desto besser, wenn dann ein schöneres Bild hinreicht, sie in dem Herzen fest zu halten. Desto besser, wenn endlich der bloße Glaube: die Tugend macht glücklich! das bewirken kann. Aber dieser Glaube ist durchaus nöthig. Der Baron kämpfte zwar noch lange für die Lehre der Stoa; doch alle Stimmen vereinigten sich gegen ihn. Jeder berief sich auf seine eigene Geschichte zum Beweise, daß 579 die Lehre von dem Glücke, welches die Tugend giebt, sinnlich oder fein genommen, sein Herz gebildet habe. Man führte sogar des Barons eigenes Beispiel gegen ihn an. Er schwieg zuletzt; doch ergab er sich darum nicht, und hoffte seine Freunde nach und nach zu überzeugen. Die Schule wurde eröffnet; und der eigentliche Lehrer, ein sehr einfacher, redlicher Mann, unterrichtete unter Grumbachs Aufsicht. Die Moral, die man vortrug, war herzlich, und ging deshalb wieder zum Herzen. Man versäumte indeß den Verstand der Kinder nicht, sondern machte sie mit dem Umfange aller Pflichten bekannt; und hier zeigte sich wieder eine neue Bestätigung des Grumbachischen Satzes. Was bedarf es unseres Streites, lieber Herr Baron? sagte Grumbach. Ich brauchte Sie nur unterrichten zu lassen; und Sie würden doch am Ende, gern oder ungern, auf mein Glückseligkeits-System zurückkommen müssen. Setzen Sie den Kindern, welche Tugend Sie wollen, aus einander; immer bleibt menschliche Glückseligkeit der Prüfstein der Tugend. Was heißt: sey tugendhaft? Drücken Sie es auch noch so spitzfündig aus; sagen Sie, wie schon ehemals: handle so, daß deine Handlung ein allgemeines Gesetz für alle vernünftige Wesen werden kann; setzen Sie diesen Satz auseinander, (und das müssen Sie, wenn er verstanden werden soll); so werden Sie doch immer auf die Lehre stoßen: thue wohl, befördere die Vollkommenheit, das Glück, das Wohlseyn des Ganzen! Sie können das nicht umgehen; und da haben Sie wieder das Glück, um dessentwillen allein die 580 Tugend wirksam seyn soll. Nun fordere ich, was ich selbst thue; denn Pflicht giebt Rechte. Mein Glück bleibt also auch hier das Ziel meiner Handlungen. Versuchen Sie es einmal mit irgend einer Tugend. Selbst die Pflichtmäßigkeit einer Handlung läßt sich nur dann bestimmen, wenn sie an das Wohl, an das Glück des Ganzen gehalten wird. Wie gesagt, Sie können es nicht umgehen. Der Baron schwieg. Er setzte sich nun hin, um ein System auszuarbeiten, mit welchem er alle Angriffe niederzuschlagen hoffte. »Sie sollen sehen!« sagte er wohl hundertmal; doch nie brachte er das System zum Vorschein. Da er sich aber fest an seine Definition der Tugend hielt, so behauptete er nun eine Zeitlang, es sey gar keine Tugend auf Erden möglich. Und dies gab man zu; doch nur mit dem Vorbehalte; eine solche Tugend, wie er meine. Lieber Baron, sagte Rheinfelden; halten Sie es nicht für Tugend, daß ich Lissows Kinder aus den Flammen rettete, und sie dann mit Sorgfalt erzog? – »Nein, Rheinfelden!« erwiederte der Baron. »Sie thaten es nur, um sich von Ihrer Gewissensangst zu befreien, folglich aus Eigennutz.« – Ich mußte also keine Reue fühlen, um recht eigentlich tugendhaft zu seyn? – »Richtig! Sie mußten das Verbrechen nicht begangen haben, wenn Ihre Handlung tugendhaft seyn sollte.« Es ging hier wie bei allen Streitigkeiten. Bald behielt der Recht, bald dieser ; und jeder blieb bei seiner Meinung. Indeß hatte die Schule den besten Fortgang. Ob man gleich lehrte, der Mensch müsse tugendhaft seyn, wenn er 581 glücklich seyn wolle, und obgleich der Baron prophezeiete, auf diese Art würde man nichts als die eigennützigsten Leute ziehen, die nie eine Hand rührten, wenn sie nicht ihren Vortheil bei Heller und Pfennig berechnen könnten: so wurden die Kinder dennoch sehr gute Menschen, welche die Tugend und ihre Wohlthäter von ganzem Herzen liebten, und selbst des Barons Herz gewannen, ob er gleich noch immer bei seinem Satze blieb. Alles nahm Theil an dem Unterrichte. Selbst die Alten brachten im Winter täglich eine Stunde auf dem großen Saale zu, wo Grumbach Zeitungen vorlas und erklärte, und jede Gelegenheit benutzte, Aberglauben zu bekämpfen, Irrthümer auszurotten, und den Verstand der Bauern – nicht mit Kenntnissen zu überladen, sondern einfach und rein zu erhalten. Der Mensch, sagte Grumbach, braucht wenig zu wissen, um weise zu seyn, um gut zu handeln und zufrieden zu leben. Den meisten Schaden thun Aberglaube und Irrthümer. Es kommt gar nicht so sehr auf das Wissen an als auf das Nichtwissen der Irrthümer. Eine leichte, einfache, verständliche Moral, einige Begriffe von der Natur und den Geschäften des bürgerlichen Lebens, dann eine vollständige Kenntniß des Ackerbaues – was brauchen meine Bauern weiter? Haben sie das, dann sind sie so große Philosophen, als sie seyn müssen. Der Baron setzte aber die Weisheit noch immer in Vielwissen, zumal in das systematische. Er verlangte, der Bauer sollte den Pflug definiren können; Grumbach bloß, er sollte im Stande seyn, selbst einen Pflug zu verfertigen. 582 Was einer machen kann, sagte Grumbach, das kann er auch definiren; ob mit Worten, darauf kommt nichts an. – Der Baron verlangte, die Bauern sollten Mineralogie lernen; Grumbach zeigte ihnen die Bestandtheile des Bodens um Zaringen, und glaubte, die Erdarten, die sie nicht in ihrer Flur hätten, wären ihnen gleichgültig. Endlich zog der Baron seine Hand ganz von dem Unterrichte ab, weil man die Bauern nicht in Allem unterrichten wollte; Grumbach erreichte nicht einmal das Wenige , das er für nothwendig hielt, und war dennoch zufrieden. Seine Landleute wurden fleißige, glückliche Menschen, und in einem höheren Grade, als er selbst gedacht hatte. Er sah, daß die Beispiele von Tugend, die ihnen gegeben wurden, mehr thaten als der Unterricht; und so blieb er bei der Behauptung: das System sey gut, nur nicht für den Menschen , sondern für den Gelehrten . Unter diesen Streitigkeiten ging Ein Jahr nach dem andern hin. Die Kinder im Dorfe wurden groß, fleißig und verständig; die Fluren ringsumher waren die besten in der ganzen umliegenden Gegend, und die Einwohner von Zaringen die wohlhabendsten. Alles gedieh, alles war glücklich, und der Justizamtmann, der die erledigte Stelle wieder bekommen hatte, der Überflüssigste im ganzen Dorfe. Man wußte von keinen Klagen, keinen Strafen, selbst nicht einmal von Brüchen, da die Mädchen erst neun Monathe nach der Trauung in das Kindbett kamen. Einem jungen Paare, das sich liebte, wurde nichts in den Weg gelegt; und Mittel, sich zu nähren, fehlten keinem, selbst wenn sein 583 Eigenthum nur klein war. Der alte Grumbach sorgte für Arbeit, bei welcher der Baron nichts weiter verlor, als höchstens die Zinsen von einem Jahre. Kurz, trotz allen Voraussagungen des Barons, wurden die Menschen, die um ihn lebten, mit jedem Jahre besser, menschlicher, weiser, und eben darum auch glücklich. Als Grumbach endlich, von seinen Freunden umringt, auf dem Sterbebette lag, faßte er des Barons Hand, und sagte mit der letzten schwindenden Kraft: bald bin ich im Grabe; doch, wenn ich mein Leben noch einmal wiederholen sollte, ich wüßte das letzte Viertheil nicht besser anzuwenden, als ich es hier bei Ihnen konnte. Ich hinterlasse Ihnen ein Dorf voll Menschen, unter denen nicht Ein Unglücklicher, nicht Ein Bösewicht ist. – Er lächelte freundlich; die Belohnung des Himmels in seinem Herzen schien sein Gesicht zu verklären. Iglou nahm, auf einen sanften Wink von ihm, mit bebenden Händen die Laute, setzte sich an sein Bett, und spielte in dieser großen Minute, da ein Weiser, ihr Freund und Vater, die Erde verließ, mit innigerem Gefühle als jemals. Sie sang ein Lied an den Tod, in das die Andren sanft einstimmten. Der Greis lächelte ihnen Allen zu, streckte ihnen seine Arme entgegen, und starb unter den Worten: Sanft führt der Menschheit Schutzgeist dich, Der Tod, in bess're Welten! Jakobine lag knieend vor ihm, und hatte seine Hand an ihre Lippen gedrückt. Sie ließ die Hand fahren, als sie das Zucken darin fühlte, und rief mit brechender Stimme: er 584 ist todt! Eine wehmüthige Stille, ein heiliges, betendes Lächeln feierte seinen letzten Augenblick. Alle küßten ihn, und umarmten einander; es war nicht Einer unter ihnen, der nicht fühlte, daß er den Todten einst wiedersehen werde. Das ganze Dorf begleitete ihn zum Grabe; denn nie wurde ein Mensch aufrichtiger und allgemeiner bedauert als Grumbach, der Aller Freund und Vater gewesen war. Nicht lange nach ihm starb auch die edle Frau von Flaming, und ihr Tod erregte eben so gerechte und allgemeine Betrübniß. Grumbachs Anstalten geriethen durch seinen Tod nicht ins Stocken; er hinterließ ihnen in Iglou, Lissow und Rheinfelden Beschützer, die in seinem Geiste fortarbeiteten. Aber freilich hatten diese mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als er, da sie es nicht ganz so gut verstanden, den Baron zu lenken. Dieser kam jetzt wieder mit mancherlei Planen hervor, die er, wenn der edle Greis noch da gewesen wäre, gewiß nicht geäußert hätte. Zum Glück für Zaringen fand er bald eine Beschäftigung, über die er die Schule seines Dorfes, und alles Andre vergaß. Der Lärm, den Lavaters physiognomische Fragmente machten, war ihm sehr unangenehm. Er ließ sich das theure Werk kommen, las es seufzend durch, und sagte dabei wohl hundertmal: »ach Iglou! ach Rheinfelden! ach, mein Sohn! wie unglücklich bin ich! wie neidisch ist mein Geschick auf meinen Ruhm gewesen! Seht her! der Ruhm, der diesen Lavater krönt, gehört eigentlich mir; denn schon vor zwanzig Jahren wußte ich das alles, und noch mehr als das. Der 585 Prediger, seine Schwester, alle Bauern im Dorfe sind meine Zeugen. Ja, es ist aktenmäßig erwiesen; denn meine Unterthanen haben mich einmal wegen eben dessen verklagt, was nun diesen Lavater zu einem berühmten Manne macht. Schon lange vor ihm habe ich aus dicken Lippen, platter Stirn, starken Backenknochen und aufgeworfenen Nasen den Charakter der Menschen bestimmt. Hätte ich nur die Papiere noch, die ich, leider, an meinem Hochzeittage verbrannt habe! O Iglou, um welch ein Glück hast du mich gebracht! Lieber Rheinfelden, ich war noch weit mehr als Lavater. Das, wovon er nur einen sehr kleinen Theil giebt, konnte ich ganz geben. Er lehrt den Charakter eines Menschen nur aus dem Gesichte schließen; ich aus der ganzen Gestalt, aus Farbe, Zähnen, Haar. Und dazu hatte ich noch tausend moralische Kennzeichen, und auch Campanella's Methode, in den Geberden eines Menschen seine Empfindungen, seine Gedanken zu lesen. Beinahe glaube ich, daß Lavater irgend etwas von meinem System erfahren hat. Gott verhüte nur, daß er nicht auch etwas von meiner allgemeinen Sprache wittert! Er wäre im Stande, mir auch diese Erfindung zu rauben. Seht ihr nun wohl? Ihr verlachtet mich immer mit meinem System; hier ist es nun gedruckt, und wird von der Welt bewundert. Hätte ich mich nur nicht von den Schwierigkeiten schrecken lassen, die man mir erregte! Mich verklagten ja meine Unterthanen wie Lavatern das Schustergewerk. – Käme ich jetzt noch mit meinen Ideen zum Vorschein, so würde man glauben, ich hätte sie von Lavatern entlehnt. So werden sie mir Eine 586 Erfindung nach der andern wegnehmen, und meinen Ruhm einernten. Und wer ist Schuld daran als ihr? Habt ihr nicht immer meinen Systemen widersprochen? Gesteh' es nur, Iglou, auch du, so lieb du mich hast, bist die Feindin meines Ruhmes. Wie unmäßig lachtest du nicht, als ich die Perser von Aeschylus für ein Lustspiel erklärte! Ich fürchte, nun wird ein Anderer das drucken lassen, und dafür bewundert werden.« Iglou und Rheinfelden suchten den Baron zu beruhigen; aber Lavaters Fragmente nagten wie ein Geier an seinem Herzen. So oft er in ein Zimmer trat und Silhouetten darin sah, wurde er traurig. »Ach«, dachte er; »bei jedem Schattenrisse könnte man nun an den Baron Flaming denken, wie jetzt dabei an Lavater gedacht wird!« Er arbeitete nun wieder sehr fleißig, indeß sehr geheim, an der weitern Ausbildung seiner allgemeinen Sprache; und diese Arbeit, der er alle seine Zeit widmete, zog ihn gänzlich von anderen Geschäften ab. Das Glück seiner Unterthanen konnte also durch Iglou's, Rheinfeldens und Lissows Bemühungen ungehindert wachsen. Des Barons Sohn wurde ein sehr edler Jüngling, obgleich seine Physiognomie seinen Vater, so oft er sie mit Lavaters Köpfen verglich, zu einem traurigen Kopfschütteln brachte. Nicht lange, so lebte der Baron ganz wieder in seinen ehemaligen Grillen. Er machte eine Reise nach Braunschweig, und besprach sich mit Nicolini, dem großen Pantomimen. Diesem theilte er seine Idee mit, die schönsten Trauerspiele aller Sprachen bloß durch Mimik aufführen zu 587 lassen. Nicolini lachte ihm ins Gesicht. Der Baron nannte ihn einen Possenreißer. Er ging, voll Verdruß über den Kaltsinn des Menschen gegen alles Schöne und Neue, nach Zaringen zurück, und arbeitete wieder an seiner Empfindungssprache. In den späteren Jahren zog ihn die Luftschifferei sehr an. Er verschwendete in der That nicht geringe Summen an eine ärostatische Maschine. Als sie endlich fertig war, fehlte es an jemanden, der darin aufsteigen wollte. Der Baron entschloß sich selbst dazu. Aus der ganzen umliegenden Gegend hatten sich Tausende von Menschen gesammelt, ihn in der Luft schiffen zu sehen. Er stand, als der Ballon gefüllt war, an der Gondel, aber freilich vor Angst zitternd. Auch die Frau von Graßheim war nach Zaringen gekommen. Sie sagte: lieber Vetter, erinnern Sie Sich, wie unglücklich Ihre Fahrt auf dem Triumphwagen ablief! Ich fürchte, mit dieser geht es noch schlimmer. Iglou rettete den armen Baron aus der Verlegenheit; sie sagte ihm leise: steig ein, lieber Mann; der Ballon hebt sich nicht. Er warf einen rathenden Blick auf Iglou, die ihn versichernd ansah. In dem Augenblicke, da er in die Gondel stieg, faßte Iglou den Ballon an, und riß mit einem kleinen Messer ein Loch hinein. Die Luft strömte hinaus, und der Taffent fiel zusammen. Der Baron sagte, als seine Angst vorüber war: »es gehört doch Mut dazu, einzusteigen!« Freilich dankte er heimlich dem Himmel, daß die Maschine sich nicht gehoben hatte; indeß er konnte doch nun sagen, daß er eingestiegen war, und stand dem bewunderten Blanchard nicht nach. 588 Nun kam der Zeitpunkt der Kantischen Philosophie; und auch darin fand der Baron nichts, als was er schon längst gewußt hatte. Er studierte Kants Schriften, schrieb selbst darüber, und sah, wo dem Prediger, Rheinfelden und Lissow'en alles dunkel blieb, das hellste Licht. Er wollte erklären; aber was er sagte, war noch dunkler als die Schriften des großen Philosophen selbst. Von jetzt an sprach er nur von Raum und Zeit, von synthetischen und analytischen Urtheilen, vom kategorischen Imperativ. Er warf alles über den Haufen; nichts galt ihm mehr für wahr, ausgenommen was Kant gesagt hatte. Jetzt verlangte er von dem Prediger, von dem Schullehrer, sie sollten nach Kantischen Grundsätzen unterrichten. Beide sagten: wir verstehen ihn nicht. »Aber«, erwiederte der Baron, »was schadet das? Lehren Sie doch nur, was er sagt!« Man konnte jetzt gar nicht mehr mit ihm auskommen; denn er sprach so dunkel wie ein Prophet. Alle seine Freunde dankten dem Himmel, als endlich die Französische Revolution sich seiner Phantasie bemächtigte. Die Eroberung der Bastille setzte ihn außer sich, und in seinem Enthusiasmus wollte er selbst nach Paris. Iglou suchte vergebens ihm davon abzurathen. »Nein, Iglou«, sagte er; »laß mich Zeuge davon seyn, wie eine große Nation die Kette der Sklaverei zerbricht.« Er war durch keine Vorstellungen zu halten, und reiste in der größten Eil. Selbst bei Emilien in Burggräfenrode hielt er sich kaum einige Tage auf: so sehr lag ihm Paris am Herzen. Kein Postillon brachte ihn schnell genug auf den heiligen Boden 589 der Freiheit. Als er hinter Luxenburg die Französische Gränze betrat, schien ihn eine andre Luft anzuwehen; sein Herz schlug freier, stärker, und der Anblick der Freiheitsbäume, um welche die enthusiastischen Landsleute tanzten, lockten Thränen aus seinen Augen. »Liebe Iglou«, schrieb er, »ich bin ein alter Mann; aber der erhabne Anblick dieser Nation, die wie durch einen Zauberschlag von der entehrendsten Weichlichkeit, von der tiefsten politischen Apathie, von dem größten Egoismus, zu der größten Stärke, zu dem edelsten Patriotismus, zu allen Tugenden der erhabenen Römerwelt zurückgekehrt ist, giebt meinem Herzen noch einmal jugendliche Kräfte. Hier auf dem heiligen Boden, den die Freiheit, die Tugend und die schönste Menschlichkeit bewohnen, bin ich ein anderes Wesen. Meine Seele ist noch einmal so stark als sonst; meine Brust schlägt freier. Ich werfe kühne Blicke umher, und es ist, als ob hier das Weltall mein wäre!« So enthusiastisch sprach er in jedem Briefe. Endlich kam der Baron in Paris an, und hier erwachten seine ehemaligen politischen Ideen wieder in ihrer ganzen Stärke. Er war zugegen, als die erste Konstitution beschworen wurde, und beschwor sie aus vollem Herzen mit. Das Kapitel der Menschenrechte erfüllte sein Herz mit der höchsten Wonne. »Ach!« rief er hundertmal; »wenn doch Grumbach noch lebte, und sähe, was ein System thut! Diese große Nation hat endlich der Welt ein Beispiel gegeben, daß philosophische Systeme ausführbar sind. Hier herrscht ja das System einer philosophischen Staatsverfassung.« 590 Natürlicher Weise machte sich der Baron mit seiner begeisterten Phantasie an die Konstitution; er fand sie aber bei einer Prüfung nicht frei genug, weil sie einen König beibehielt. Die mancherlei Broschüren, welche erhitzte Phantasien damals zu Tausenden hervorbrachten, begeisterten ihn noch mehr. »Weg mit dem Könige!« sagte er in einem politischen Klub, dessen Mitglied er war; und beinahe wäre er das Opfer seines republikanischen Eifers geworden. Man sprach gegen ihn; und er vertheidigte seine Grundsätze. Nun wurde man hitzig, stürmte auf den Königsfeind ein; und es kostete ihm Mühe genug, sich zu retten. Nach und nach wurden seine Grundsätze allgemeiner. Das Projekt einer philosophischen Republik, welches einige philosophische, aber die Menschen nur nach sich beurtheilende, Köpfe entworfen hatten, fand immer mehr Anhänger; der Enthusiasmus der Nation verstärkte sich durch das Reiben der so unendlich verschiedenen Köpfe, durch den Widerstand der monarchischen Parthei, durch das Streiten über die verschiedenen Meinungen. Was man heute, bloß um seinen Gegner zu verwirren, behauptet hatte, ohne es selbst zu glauben, das behauptete man morgen wieder, um nicht nachzugeben; übermorgen glaubte man es selbst, und kämpfte, wenn es Noth that, für die Grille von vorgestern. Der Baron befand sich hier in seinem Elemente; er ging der Revolution immer voraus, und war immer noch höher als sie. Man hätte ihm beinahe das Leben genommen, als er rief: weg mit dem Könige! und einige Monathe nachher rief 591 fast jeder eben das. Aber der Baron blieb dabei nicht stehen. Selbst ein agrarisches Gesetz war ihm nicht genug; er that in einem vertrauteren Klub den Vorschlag, auf einmal alles Eigenthum einzuziehen, es öffentlich zu verwalten, nach Peruanischer Sitte den ganzen Boden Frankreichs durch die Nation bearbeiten zu lassen, alle Künste (nur die mechanischen ausgenommen) und alle Wissenschaften (nur die Philosophie nicht) wegzuschaffen, und aus Frankreich eine Spartanische Republik zu machen. Das schien ihm kinderleicht. »Die Franzosen«, sagte er, »dürfen nur arm seyn wollen, um reich, frei und gleich zu werden.« – Das eben, antwortete einer brüllend, will niemand, wenigstens keiner, der mehr hat, als er braucht, um trocknes Brot zu essen. »So treibt«, rief der Baron, »diese Egoisten vom Boden der Freiheit, den sie besudeln!« Man staunte ihn an; aber nicht lange, so herrschten seine Grundsätze in ganz Frankreich. »Ha!« rief er; »da sieht man es! hier dieser Boden, dieses Volk hat mir gefehlt, um meine Systeme zu realisiren. Unter dem Drucke gedeihet kein System. Überall kämpfte ich in meinem Vaterlande mit Schwierigkeiten; selbst die edelsten Menschen konnten ihre Seelen nicht hoch genug erheben, meine Systeme wahr zu finden. Und hier, hier ist mein vollkommner Staat ausgeführt; hier steht der erhabene Koloß, den Grumbach und meine andern Freunde für den Traum eines fieberhaften Kranken hielten.« Mit dem Dekrete, das die Schwarzen für frei erklärte, war er gar nicht zufrieden; denn auch sein 592 Menschenracen-System war aufs neue in seinem Kopfe, ob er gleich zu seiner Verwunderung fand, daß die meisten Franken schwarzes Haar und schwarze Augen hatten. Er ehrte zwar die Menschlichkeit, mit der man so viele unglückliche Neger von der drückendsten Kette los machte; aber dennoch war er überzeugt, daß man irrte. Auf einem Kaffeehause trug er seine Gründe einigen seiner Freunde vor. – Alle Menschen sind frei! schrie auf einmal ein gemeiner Kerl mit einer rothen Mütze, und schwang seinen Säbel dem Baron vor dem Gesichte. Seht doch! dieser Hund von Tyrannen, dieser Royalist, dieser Anhänger Coburgs, will die Schwarzen wieder an die Kette legen. »Nicht an die Kette; aber ich will ...« – Du willst, du Lohnknecht des Despotismus? Du sollst nichts wollen, als was ich will; denn ich bin ein Theil der Souveränetät. Und dahin wollen wir es noch bringen, daß sogar die Thiere, Hunde und Pferde, frei und gleich sind wie die Menschen. Dahin soll es noch kommen ! Was? die Schwarzen hätten keinen Verstand? Da höre einer den Hund von Aristokraten! Wir hatten ehedem auch keinen, und konnten nicht am Hofe erscheinen; aber die Freiheit hat uns Verstand gegeben. Siehst du, elende Sklavenseele? Ich begreife recht gut, daß du uns wieder in das alte Joch hineinschwatzen willst. Nieder mit dem Sklaven! Man umringte den Baron; man fragte, lärmte, und rief: ein Aristokrat! er behauptet, die Sklaven in den Kolonieen dürften nicht frei seyn! Endlich zwang man ihn, auf die Kniee zu fallen und den Schwarzen das Unrecht öffentlich abzubitten. Er mußte sich dazu entschließen, um der Wuth 593 der tobenden Menge zu entgehen. – Da sehen Sie die Folgen der Freiheit! sagte einer seiner Bekannten, der mit ihm wegging. »Es war grausam«, erwiederte der Baron; »aber der Grund, aus dem man tobte, war doch edel. Hätte man nur meine Gründe anhören wollen!« – Das eben ist ja unser Elend, daß niemand mehr hört, selbst den Weisen nicht. Noch einige Male lief der Baron Gefahr, ermordet oder eingekerkert zu werden. So weh es ihm auch that, sein System so verdammt zu sehen, so blieb er dennoch der Revolution treu. Endlich aber wurde er auf eine härtere Prüfung gesetzt. Wohl hundertmal hatte er, wenn von dem Morden in den Provinzen die Rede war, seinen Freunden gesagt: »laßt es auch Blut kosten; Blut ist in den jetzigen Zeiten nichts werth. Ich sehe sogar ein, daß vielleicht noch einige Tausend Köpfe fallen müssen, um die Republik zu gründen.« Was er für nothwendig hielt, geschah; die gräßlichen Mordscenen in Paris hoben an, und die Girondins wurden hingerichtet. Das erschütterte den Baron; aber noch immer verlor er den Muth nicht. Er dankte nur Gott, daß er nicht Gewalthaber war, weil er fühlte, daß er nicht muthig genug seyn würde, Menschenblut zu vergießen, um Menschen glücklich zu machen. Das Morden wurde die Tagesordnung. Jetzt wollte er den Boden verlassen, der mit Leichen und Blut gedeckt war; aber er wagte es nicht, einen Paß zu fordern. Täglich sah er nun, wie Robespierre das System, welches er selbst als das glücklichste für Frankreich angepriesen hatte, das System alles Eigenthum aufzuheben, mit Strömen von Blut, mit Verwüstung des 594 ganzen Landes, einzuführen suchte; und mit Zittern fühlte er, daß Robespierre wirklich so verfahren mußte, wenn eine vollendete Gleichheit in Frankreich herrschen sollte. Er verwünschte sein System bis in den Abgrund der Hölle, als er endlich selbst die Folgen der republikanischen Tyrannei empfand. Man stellte eine Hausdurchsuchung an. Es wurde verrathen, daß er ein Fremder war, und nun schleppte man ihn in ein Gefängniß. Täglich sah er einige Schlachtopfer zu der Guillotine führen, und der grausame Kerkermeister versicherte ihm oft mit einem tückischen Lächeln, daß die Reihe bald auch an ihn kommen würde. Hier fing der Baron an nachzudenken. Er war in einem kleinen Zimmerchen mit einem alten ehrwürdigen Franzosen zusammen, dessen ganzes Verbrechen darin bestand, daß er einige aus Paris entflohene Unglückliche aufgenommen hatte. Ihr gleiches Schicksal machte sie bald zu Freunden. Der Baron bemerkte mit Erstaunen, daß der alte unglückliche Mann noch immer für das Revolutions-System eingenommen war, welches er selbst jetzt von ganzer Seele haßte. Anfangs verbarg er seine Gesinnung; doch endlich bekam er Vertrauen zu dem alten Franzosen. Das neue System, sagte dieser, kostet mir mein Vermögen, zwei Söhne, die an den Gränzen gefallen sind, und eine Tochter, die vor Hunger und Angst gestorben ist. »Und Sie lieben dieses schreckliche System noch immer?« Ist es nicht schön, eine ganze Nation frei zu sehen vom Drucke der willkührlichen Macht, und von dem noch 595 grausamern Drucke des Aberglaubens? Warum soll ich ein System nicht lieben, das, wenn es allgemein eingeführt wäre, die Menschen beglücken müßte? »Beglückt es die Menschen?« fragte der Baron, bitter lächelnd. »Es kostet Ihnen, wie Sie sagen, ...« Zwei Söhne, eine Tochter, meine Freiheit, und höchst wahrscheinlich mein Leben. Aber ist daran die neue Konstitution schuld? Mit nichten, sondern die Menschen, die für dieses System noch lange nicht reif genug sind. Lieber Freund, es ist ein gefährliches Ding um das Systemmachen. Wenn der Philosoph die Systeme bloß in Büchern aufstellt, gleichsam zur Schau als das letzte Ziel, das die Menschheit erreichen sollte, vielleicht auch einmal erreichen wird : so liebe ich sie. Sie sind der Spiegel, in welchem wir sehen, wie viel uns noch fehlt, um vollkommen zu seyn. Aber es ist schlimm, daß der Philosoph selten etwas denkt, was er nicht eitel genug ist, auch sogleich ausführen zu wollen; und das macht unser Unglück. Jedes Zeitalter hat seinen Grad von Vollkommenheit, den es erreichen kann, der für die Köpfe und die Herzen des Volkes paßt. Wird ein Volk aufgeklärter und besser, so findet sich ganz von selbst ein Zustand, der ihm angemessen ist, ohne daß der Philosoph etwas dazuthun kann, doch auch, ohne daß er deshalb unnütz wird. Er steht immer eine Stufe höher als das Volk; so wie dieses neben ihn tritt, steigt er wieder eine Stufe hinauf, und lehrt von da das Volk, der Stufe, auf die es gekommen ist, würdig zu werden. Das geschieht aber nach und nach, langsam; und bis dahin sind alle Systeme der 596 Philosophen, so wahr sie auch seyn mögen, dem Volke nichts als Träume. Das Herz, es mag beschaffen seyn, wie es will, bleibt nie ohne ein System, das zu ihm paßt, vielleicht nur um ein weniges vollkommener ist als die Gesinnung des Volkes; aber viele Systeme bleiben ohne Herzen, die zu ihnen passen. Sie ausführen wollen, heißt der Menschheit Gewalt anthun; und das war unser Fall. Die Herzen der Franzosen hatten immer ein System, eine Philosophie, eine Moral, die für sie paßte. Der fürchterliche Druck von oben stürzte die alte Ordnung. Einige Philosophen, hauptsächlich die Girondins, baueten ein System, das ihren Köpfen angemessen war. Bösewichter entrissen die Ausführung ihren Händen; und das gewiß gutgemeinte System wurde nun Unsinn und eine Quelle von Elend. Ungebildete Leute sollten Philosophen werden, und waren doch kaum Menschen. Man wollte Leute, die nichts als Egoisten gewesen waren, auf einmal, ohne Übergang zwingen, alles für das Ganze , nichts mehr für sich zu thun; und das verlangen Schurken, die allein das Recht haben wollen, Egoisten zu seyn. Wäre Condorcet nicht gestürzt, vielleicht hätten dann die Freunde des alten Drucks den Boden Frankreichs mit eben so vielem Blute gedüngt, als die jetzigen Schurken es thun, um das schöne Gespenst einer philosophischen Republik herauf zu zaubern, das sie eben so wenig lieben, für das sie eben so wenig passen wie die ausgewanderten Prinzen und der Adel. Ein glänzendes, gutes, wahres System zu bauen, ist in der That nicht schwer; aber Ehre und Dank verdient nur der Erfinder eines für seine Nation guten und 597 wahren Systems. Der Mensch, der nun einmal dazu gemacht ist, alles zu generalisiren, findet sicher das System aus, dessen er bedarf. So gab sich jedes Volk seine Theologie, die es gebrauchte; und es verfeinert sie, wenn sie nicht mehr passen will, so wie das Haus der Schnecke größer wird, wenn sie selbst wächst. Eine Nation braucht wahrhaftig weniger Systeme als Menschen, die sich des Einzelnen mit Rath und That annehmen. Einen Menschen von seinem Aberglauben zu befreien, findet man so klein, so unbedeutend gegen das Bestreben eine ganze Nation zu belehren und zu erleuchten. Man bedenkt nicht, daß die Weisheit aller Einzelnen zusammengenommen den Grad, den die Aufklärung einer Nation erreicht hat, mehr bestimmt als die Weisheit einiger Gelehrten. Gutes thun, segnen, lieben, einzelne Menschen unterrichten, ist in der That eben so verdienstlich als eine ganze Wissenschaft durcharbeiten. Wenigstens bedürfen wird es Ersteren mehr als des Letzteren. Geben Sie Acht, man wird noch ein Dutzend Konstitutionen machen, und sie alle wieder abschaffen, bis Zufall, Noth, Glück oder die Vorsehung meinen armen Landsleuten eine Verfassung geben, die vielleicht inkonsequent ist, aber sich für den Grad ihrer moralischen Bildung schickt. Jemand hat behauptet: die jetzige Generation müsse erst im Grabe seyn; sie passe nicht für die Republik. Er hat Recht; nur begreife ich nicht, warum er nicht auf den Gedanken kommt: die jetzige Konstitution muß aufgehoben werden; sie paßt nicht für die Generation. Ist das nicht der Mörder, der den Reisenden Beine und Kopf abschnitt, 598 daß sie für sein Bett passen sollten? – Solche Unterredungen führten die beiden Gefangenen bis zu Robespierre'ns Sturze. Der Tod des Tyrannen rettete sie vor der Guillotine. Sobald der Baron seine Freiheit wieder hatte, suchte er Pässe zu bekommen, und verließ nun das Land der Freiheit eben so eilig, als er hinein gegangen war. Er kam nach einer Abwesenheit von fünf Jahren wieder in Zaringen an. Iglou und sein Sohn, jetzt ein sehr edler Mann, freueten sich unbeschreiblich über seine Rückkehr. Lissow und Rheinfelden kamen, sobald sie seine Ankunft erfuhren, zu ihm; denn sie lebten schon lange bei Jakobinen, die eine sehr glückliche Gattin und Mutter geworden war. Iglou hatte sich unterdessen bemühet, die Zaringer glücklich zu machen, und es war ihr gelungen. Sie erzählte dem Baron zitternd, was sie für das Wohl der Menschen gethan hatte; denn sie fürchtete, daß er Lust haben möchte, die Französische Ordnung der Dinge auch auf seinen Gütern einzuführen. Aber zu ihrer großen Freude irrte sie sich. »Nichts von Systemen, liebe Iglou!« sagte er mit einer frohen Umarmung. »Die wenigen Tage, die mir die Vorsehung noch schenkt, will ich dazu anwenden, daß ich die Thorheiten meines verflossenen Lebens wieder gut zu machen suche. Alles wollte ich thun, liebe Iglou, und that nichts ; du wolltest nicht viel thun, und hast Menschen glücklich gemacht. Ich eitler Thor glaubte, wie Gott, Alles umfassen zu können, und habe mein Leben mit Thorheiten, mit unnützem Abmatten verloren; ich wollte ein Weltbürger seyn, und bin darüber nicht einmal der Bürger meines Staates 599 geworden. Und was wäre ich gewesen, wenn nicht noch mein Herz, meiner Thorheit zum Trotze, menschlich gefühlt hätte! Nein, ich habe gesehen, daß nicht die Systeme den Menschen glücklich machen, sondern das Herz. Von nun an soll es mein System seyn Gutes zu thun, so viel ich kann, und nichts mehr.« Iglou sank mit Freudenthränen in seine Arme, und sein Sohn drückte ihm zärtlich die Hand. Der Baron hielt Wort. Oft sagte er, wenn ihm etwas Gutes gelungen war: »wie glücklich konnte ich seyn, wenn ich nicht hätte gar zu weise sein wollen!« Er wurde noch glücklich, und freuete sich über das Glück seiner Freunde. Iglou, die er bis an den letzten Hauch ihres schönen Lebens mit der innigsten Zärtlichkeit liebte, blieb sich immer gleich. Jedermann ehrte sie, als das Ideal der menschlichen Tugend; sie selbst war demüthig. Lissow wußte, daß sie ihre Lebensbeschreibung geendigt hatte, und bat sie dringend um Mittheilung derselben. Sie war nicht zu überreden, und verbrannte die Lebensbeschreibungen den Tag vor ihrem Tode. Kurz vorher las sie noch selbst darin, und mit großer Bewegung. Unvermerkt that Lissow, der an ihrem Sterbebette zugegen war, einen Blick hinein. Er sah meistens nur Charaktere, die sie ohne Zweifel sich selbst anstatt der Buchstaben erfunden hatte, damit das Buch, wenn es auch durch einen Zufall einem Leser in die Hände geriethe, doch unverständlich wäre. Iglou legte das Buch auf ein Kohlenbecken, und eine Magd mußte es vor ihren Augen in den Kamin des Zimmers 600 tragen. Als es verbrannt war, ließ sie sich das Kohlenbecken bringen. »Asche!« sagte sie lächelnd; »und ist nicht auch dieses Leben bald Asche?« Flamings Leben erlosch wenige Monathe nach Iglou's Tode. Er starb mit den Worten: »Thue Gutes, mein Sohn, und habe nicht den Wunsch, mehr zu seyn, als es dem Menschen von der Vorsehung erlaubt ward.«   Ende.