Friedrich Wilhelm Hackländer Vier Könige / Bilder aus dem Soldatenleben Stuttgart, Verlag von Adolph Krabbe.   1841.   Mit Federzeichnungen von Theodor Hoffmann. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1841. Gedruckt bei K. F. Hering \& Comp. Vier Könige Arabesken 1. Ein Sommernachtstraum Es war einmal in einer Nacht, da träumte mir von kühn gewölbten Hallen, von großen schattigen Sälen, mit buntem Marmor gepflastert, gothischen Bogenfenstern, welche den Anblick auf eine himmlische Gegend gewährten, und deren herrliche Glasmalereien die sinkende Abendsonne gegen die Wand wiederstrahlte; eine wundervolle Tapete. Ach, und mir träumte von losem Epheu, welches gegen die bunten Fenster leise, leise anschlug, und dabei lispelte mir ein sanfter Wind wohlbekannte süße Namen und brachte mir mit leiser Stimme Botschaften von einem kleinen Platze, auf welchem viele weiße Kreuze standen. Das Alles träumte mir in einer dumpfigen Kasernenstube, wo ich der Zwölfte in einer Ecke lag und schlief. Ich erwachte, setzte mich an die kleinen vergitterten Fenster der Stube, welche eine Aussicht in den umschlossenen Hof gewährten, und blickte in die ruhige Nacht hinaus. Was war mir von meinem schönen Traume geblieben? Schon der Knabe träumte von weiten Hallen, einem lustigen, freudenvollen Leben; aber träumte auch nur. Die Hallen schrumpften zusammen zu engen, kleinen Stuben, und das lustige Leben ward ein tief ausgefahrener Hohlweg, dessen Krümmungen, durch steile Seitenwege eingeengt, ich ruhig folgen mußte. – Ich sah den Mond, der sich durch eine Häuserlücke auf den Hof geschlichen und, sich da unbemerkt glaubend, an eine Kanone gelehnt hatte; – eine rührende Anhänglichkeit von dem Monde, denn es war eine alte Kanone, eine in den letzten Kriegen eroberte französische, und ich konnte deutlich in dem hellen Scheine das große N. sehen. Ihr Beide kanntet euch und hattet euch vielleicht ebenso umfaßt unter dem Blüthenregen von Catalonien, so wie umstarrt vom Eise an der Berezina. Ihr spracht wohl von großen, schwarzen, liebeglühenden Augen und von brechenden – Vive l'Empereur! Wie wird mir plötzlich so wunderlich! Was tritt dort aus der Ecke hervor und stellt sich um das Geschütz? Schwankende Gestalten sind es, mit bleichen Gesichtern. Die langen, dürren Finger greifen in die Schmarren und Löcher der Kanone und Laffette. Ich höre leises Flüstern – »dies machte die Kugel, die mich niederschlug. Hier ist mein Blut, der Hieb gab mir den Tod, und ich sprach: Leb wohl, Nannett'! da starb ich.« So sprachen sie und lehnten sich todesmüde an das Geschütz. Ich aber nahm meinen Mantel und trat mit leisen Schritten auf den Hof. – Alles still und ruhig. Verschwunden waren die Gestalten, und da stand nur eine einsame Kanone, auf welche der Mond schien. Aber es war ein Leichenstein von Gott weiß! wie viel braven Kanonieren. Sollte ich noch schlafen? Mich umgab die Nacht und that so geheimnißvoll und zugleich so geschwätzig, als wollte sie ihren dunklen Schleier lüften und mir Wesen zeigen, welche sonst dem Auge unsichtbar sind. Darum verließ ich die Kaserne und trat in die Stadt, in das alte Köln, und wie ich durch die stillen Straßen wandelte, dachte ich an ein großes, erhabenes Gedicht, keines, welches ich selbst machen wollte, sondern an eins, welches seit Menschengedenken da ist, und wozu noch täglich Commentarien geschrieben werden. Vor meinem innern Auge entrollte sich das ungeheure Prachtexemplar dieses Gedichtes, groß und herrlich, mit vielen erklärenden Abbildungen, tausenden von Inschriften und erläuternden Noten. – Das Gedicht war der Rheinlauf und unten an der farbigen Rolle hing eine ziemliche Kapsel, die alte Stadt Köln, in welcher sich das Siegel befand, wodurch jede Strophe documentirt wurde, und in dessen vielen Wappenschildern sich das ganze Gedicht abspiegelte – der Dom. Dahin ging ich und setzte mich zu seinen Füßen auf einen alten halb verwitterten Stein. Es war in jener Zeit für mich so schön und anmuthig, in tiefer, stiller Nacht hier zu sitzen. Da lag vor mir der Wallrafsplatz mit seinen hohen, buntverschnörkelten und halb verfallenen Häusern, so wüste und leer, einem vormals schönen, nun verödeten Blumengarten gleichend, in welchem der Domthurm, eine alte Sonnenuhr, noch hoch emporragte, aber mit dem verstümmelten Zeiger nur eine einzige Stunde richtig angibt, wenn der Mond hell scheint – Mitternacht; denn dann ward's lebendig im alten Thurme, es stürzte sich der Baumeister, wer weiß zum wie vielsten Male, vom Krahnen herab und hinter ihm drein der Teufel in Gestalt eines zottigen schwarzen Hundes. Sanct Christoph streckte seinen lange Arm drohend zum Fenster heraus, und alle die kleinen steinernen Figuren an den Pfeilern und in den Nischen sprangen empor und kletterten jauchzend in die Höhe, um von oben wieder zu sehen, was es in der Welt gäbe, und das tolle Gesindel scheuchte die Habichte und Eulen aus ihren Löchern und setzte ihnen durch die Luft nach, mit Gequicke und Heulen, eine steinerne wilde Jagd. An der Thüre standen die zwölf Apostel und neigten sich, Psalmen singend, wozu die Orgel einen einzigen Ton immer und immer fort anhielt, bis die Mutter Gottes in der Kirche mit dem silbernen Finger auf das silberne Herz schlug, daß es klingelte und die heiligen drei Könige in ihrem goldenen Sarge Amen sangen. Da erstarrten rings die Gestalten, es wurden die Gesichter und Leiber wieder hart und starr, langsam, wie gerinnendes Wachs, mit weit offenen Augen, und es ward stille; nur leise summte es noch in dem majestätischen Steinhaufen, leiser und immer leiser, bis endlich das Rauschen des vom Nachtwinde bewegten Grases zwischen den Mauerritzen mit dem Klopfen meines Herzens das einzige Geräusch blieb, welches die Stille der schönen Nacht unterbrach. Da habe ich den Dom an mein Herz gedrückt und wuchs sichtlich an seiner Größe empor, hoch und immer höher, bis ihn mein Geist überragte und sich an das dunkle Himmelsgewölbe anklammerte; aber, ach! das war so kalt und entsetzlich glatt, daß ich betrübt hinabsank, bis ich wieder neben dem riesigen Thurme stand, eine kleine Menschengestalt. Schon oft hatte ich mich Nächte lang auf den alten Straßen herumgetrieben, hatte die öden, wüsten Plätze besucht und mich da viele Stunden in das Gras und Schlingkraut gelegt, welches zwischen den zerborstenen Füßen irgend eines alten Heiligen hervorwucherte. Da haben mich die verfallenen Häuser seltsam genug angesehen, da huschten oft Schatten und Gestalten vorbei, doch sie wollten mir nie Rede stehen. Ich habe Nächte lang den Dom durchschritten, aber die metallenen Erzbischöfe sprachen in ihren Nischen so leise, daß ich nichts davon verstehen konnte. Ich habe in mondheller Nacht auf dem Grunde des Rheins manch Seltsames zu sehen geglaubt, doch wenn sich mir aus dem bunten Gewimmel deutliche Bilder begannen aufzuklären, schoß gewöhnlich ein neidischer Hecht durch das Wasser und Alles war trübe, wie früher. Auch diese Nacht hatten mich erst meine Träume, dann die gespenstischen Kanoniere und der alte Dom geneckt, ohne mich in ihre Mysterien einzuweihen. Stets strich das Geisterreich, ein eiskalter Luftstrom, dicht bei mir vorüber, und wenn ich mich hinwandte, um die brennende, schmachtende Brust abzukühlen, war die ganze Luft um mich heiß, wie meine glühende Stirne. – Träume wohl, Alter, sprach ich, und verließ den Dom. Willenlos folgte ich den Wendungen einiger dunklen Straßen, in welche ich gerieth, und stand plötzlich vor dem Rathhausplatze, der, vom Monde beleuchtet, mit seinen hellen, großen Steinplatten, einem weißgedeckten Tische glich, um welchen die alten Häuser wie steifgetrunkene Zechbrüder standen, die ihre alten Sorgen und sich im klaren Weine versenkt haben, und die sich nur dann und wann unter dem Tische die Hand drücken. Es war eine noble Gesellschaft da beisammen, die Häuser der alten Patrizier Kölns, und die Ehrwürdigen sahen so grau und zerfallen aus, die leeren Fensterhöhlen blickten so erschrocken und scheu nach dem Rathhausportale, wo ihr edler Bürgermeister, freilich nur in Stein gehauen, mit dem Löwen ringt, so überrascht und verdrüßlich, wie wohl an jenem Tage, an dem ihr Mordanschlag mißlang. Wie ich so auf der Tafel herum trat und den steinernen Herren ihre ewige Unruhe und Hinterlist vorwarf, habe ich mich sehr über ihre jetzige Friedfertigkeit verwundert, denn warum erhob nicht einer die Faust, fing und erdrückte mich armen Plebejer wie eine Fliege; oder hat die Zeit den stolzen Adligen den Arm gelähmt? – – Was hemmt plötzlich den Lauf meiner Gedanken! wirft sie aus einander wie empörte Wellen! Wer sprach da? Ich richtete mich horchend leise empor und sah mich rings um. Richtig! unter dem Rathhausportale flüsterte es leise, und nachdem mein Auge sich an das Dunkel, das dort herrscht, gewöhnt hatte, sah ich da, zuerst in dunkeln Umrissen, dann aber deutlich eine seltsame Gesellschaft versammelt. Auf der Erde saßen fünf Gestalten, welche sich mit Kartenspiel beschäftigten. Es waren alte kölnische Stadtsoldaten aus dem vorigen Jahrhundert, uniformirt, wie sie noch jetzt bei den Maskenzügen zu sehen sind; doch war das Roth ihrer Röcke verblichen, das Gold ihrer Tressen vom Moder halb zerfressen und die rostigen Waffen lagen neben ihnen. Schauerlich leuchteten ihre Gesichter durch das Dunkel, mit Leichenfarbe überzogen waren ihre eingefallenen Wangen, und nur das unheimliche Feuer ihrer Augen zeigte, daß wenigstens für den Augenblick Leben in diesen Körpern war. Die Kriegsknechte häufelten, und bei dem Banquier schien Unglück zu seyn; mit stieren Augen und zitternder Hand legte er die Karten, und bei jedesmaligem Umschlagen zuckte ein freudiges Lachen über die Züge der vier Andern. Ich schlich mich näher. »Es wird Morgen, mich friert,« sprach Einer der Spieler und zog seine schlotternde Uniform durch große Falten, die er hineinkniff, fester um den magern Körper. Ein Anderer, ein wahres Judasgesicht, klimperte mit den gewonnenen silbernen und goldenen Pfennigen und wandte sich hohnlachend zu dem Banquier, welcher mit ängstlicher Hast seine Taschen umkehrte, aus denen jedoch kein Geld, wohl aber Moder und Erde fiel. »Du hast nun alles verloren,« sprach der Judas, »und wirst künftig, wenn wir die verdammten Nachtstunden durch Spiel tödten, zusehen und kannst an deine und unsere Sünden denken.« Die Andern lachten. »Uebrigens wollen wir aufhören, denn der Tag kommt, und unsere Zeit ist für heute verflossen.« »Noch ein Spiel,« bat der Banquier, »ich kann ja das Meinige wieder gewinnen, noch ist es früh in der Nacht.« Er sah gen Himmel und widerstand krampfhaft dem Frost, womit ihn der wirklich herannahende Morgen überschüttete. »Wovon aber,« lachte heiser ein Dritter, »wirst du bezahlen, wenn wir gewinnen?« »Ich werde aber gewinnen,« sprach dringender der Vorige, wenigstens etwas wieder gewinnen, damit ich morgen spielen kann. Soll ich denn die nächste Nacht hier oben herum wandeln, und die Minuten zählen, bis ich wieder hinab werde steigen können in's Grab, während Euch die Zeit rasch verfliegt! Ich bitte Euch, noch ein Spiel, Ihr werdet mir borgen.« »Was du nie wieder bezahlen kannst?« entgegnete der Judas, und ein Anderer murrte dazwischen: »Geh, du raubst uns noch die wenige Zeit mit deinen Klagen.« »Erinnere dich,« flehte nochmals der Bankhalter, »wie du – es mögen jetzt hundert Jahre seyn – in der Schenke am Wall den letzten Pfennig verspieltest, und ich dich auf Ehrenwort setzen ließ; da hast du all' das deine wieder gewonnen.« »Ja,« entgegnete der Andere, »damals lebten wir noch, und ich hatte dich am Haken, weil ich wohl wußte, wer den alten Offizier hinter der Bastei erstochen hatte.« – »Hab' ich denn nichts mehr?« rief gellend der Vorige, und plötzlich schien ihm ein sonderbarer Gedanke zu kommen. Er sprang auf und sah starr vor sich hin; doch mußt' es was Entsetzliches seyn, worüber er nachdachte; denn sein Mund zuckte und das wenige Haar auf seinem Scheitel sträubte sich empor. Zweimal öffnete er die Lippen und schien zu sprechen, doch brachte die wild arbeitende Brust kein Wort hervor. Die vier Andern schauten erwartend zu ihm auf. »Ich habe noch etwas, ein köstliches Gut« – die Worte stieß der Unglückliche mühsam heraus – »es ist ein Schatz von so hohem Werthe, daß ich ihn nur gegen all' Euer Gold und Silber setzen kann. Gewinne ich, so ist das sämmtlich mein, verliere ich dagegen, so – so – könnt Ihr zehn Jahre lang ruhig in Euren Gräbern liegen, und ich wache jede Nacht für Euch hier oben, allein der Langenweile und damit der Verzweiflung Preis gegeben.« Der Vorschlag mußte den Vieren unerwartet kommen. Lange sahen sie sich sprachlos an, und schauerlich wechselte Vergnügen und Entsetzen auf ihren bleichen Gesichtern. Der mit dem Judaskopfe faßte sich zuerst und ohne den Unglücklichen anzusehen, sprach er: »Ich nehme das Spiel an.« Die Uebrigen nickten schweigend mit dem Kopfe. Es begann. Mit zitternder Hand mischte der Bankhalter und legte die Haufen, wovon viere die Spieler besetzten, und ihm den fünften überließen. Kein Athemzug war im Kreise hörbar, die Todten waren todtenstill. Da deckte der Banquier seine Karte auf: es war eine Dame und beim Anblick des hohen Blattes flog ein freundliches Lächeln über sein Gesicht. Rasch wandten nun auch die vier Spieler ihre Haufen, und selbst mir stockte das Blut: sie hatten die vier Könige umgeschlagen. Wie von einer unsichtbaren Gewalt empor geschnellt, sprang der Unglückliche auf, und blickte in derselben Stellung jener entsetzlichen Aufmerksamkeit, mit welcher er vorhin den zitternden Händen der Mitspieler gefolgt war, einige Minuten die unglückseligen Blätter an, und die verzweiflungsvolle Hoffnung, daß die gekrönten Häupter sich in niedrige Karten verwandeln würden, war mit dem Bewußtseyn der Unmöglichkeit, daß dies geschehen könne, in seinen verzerrten Zügen zu lesen. Daraus schien ihn ein gewaltiger Frost zu durchschütteln, erst hob er seine Hände wie beschwörend zum Himmel, dann stürzte er auf die Kniee und krallte sie auf dem Boden fest. »Hohnlache, unbegreifliche Macht,« stöhnte er, »hohnlache, daß der Spieler, nachdem er sein Lebensglück verspielte, selbst nach dem Tode die Karten zur Hand nahm und die Ruhe im Grabe verschleuderte. Freue dich, daß ich wandern muß, wenn die Andern schlafen, doch freue dich auch auf den Abscheu, den ich den Lebenden gegen dich, Ungeheuer, einflößen, und durch meine Jammergestalt beeiden werde. – Doch auf euch, ihr verruchten Blätter, den gedoppelten Fluch des Todes, dem euer lockender Anblick zehn ewige Jahre gestohlen. Hier bei der Morgenluft, die euch, ihr Wesenlosen mit unheimlichem Schauer durchweht, bei dem Glanz des jungen Tages, der euch und sonst auch mich hinabdrängt in das dunkle Bett, bei dem aufsteigenden Licht, das eure Gestalten abfrißt und sie zu schwankenden Schatten bleicht, bei der ewigen Verdammniß beschwör' ich meinen Wunsch und flehe zu dem höchsten Wesen: es möge mich ewige Zeiten grablos herumschweifen lassen! doch auf euch, ihr unseligen Könige, lege ich meine starren Hände und ziehe euch in meinen Fluch! Wandelt auch ihr ruhelos umher, wandelt und genießt des Menschenlebens unsäglichen Jammer, und so wie ihr, meine Karte überbietend, mich in's Verderben stürztet, so soll auch in eurem Leben ein höheres Blatt, so soll das Aß, ihr Könige, euch fürchterlich und fluchbringend seyn!« – – So lautete der Fluch des Gespenstes, und ich faßte an meine Stirn und einen steinernen Pfeiler, der mich hielt, um zu erforschen, ob ich wache oder träume. Doch es war Wahrheit, was ich gesehen und gehört. Stolz und ruhig stieg der Morgen auf, und wie kleine Nachtlichter im hellen Sonnenstrahle erblichen die vier Spieler und verschwanden endlich ganz, wie das Licht des Tages die Morgendämmerung vertrieb. Nur der unglückliche Bankhalter stand vor mir, und um ihn lagen die vier Könige. Thränen rollten ihm über die gefurchten Wangen, und auch ich konnte eine schmerzliche Wehmuth nicht unterdrücken. Ich nahm meinen Mantel und warf ihn dem Unglücklichen über. Er sah mich an, und sein Blick, obgleich sich Dankbarkeit darin aussprach, war entsetzlich. O es ist etwas Fürchterliches, ein Gespenst bei hellem Tage zu sehen. Noch seh ich, wie der Morgenwind, der sich erhob, die vier Könige erst in kleinen Kreisen dann in immer größeren herumwirbelte und sie endlich über die nächsten Dächer schleuderte. Gebeugt und stöhnend verlor sich das Gespenst in einer der nächsten Gassen, und ich ging nachdenkend meiner Wohnung zu. – 2. Robert der Teufel Vor einigen Jahren erschien bei dem Capellmeister des Hoftheaters ein junger Mann und theilte demselben seinen Wunsch mit, auf die Bühne zu gehen, indem er ihn bat, seine Stimme zu untersuchen, da er sich zum Sänger ausbilden wolle. Der junge Mann verband mit einem anständigen Aeußern eine sehr angenehme, offene Gesichtsbildung, über welche jedoch ein melancholischer Zug einen tiefen Schatten warf. Er setzte den theilnehmenden Fragen des biedern Meisters, ob er auch diesen Schritt, den er für's Leben thun wolle, gehörig überlegt und mit seinen Aeltern und Verwandten berathen, mit Festigkeit entgegen: es treibe ihn nicht die Absicht zur Bühne, ein wildes, zügelloses Leben zu führen, sondern nur die reine Liebe zur Kunst, und er habe diesen seinen Entschluß sorgfältig überlegt. Was seine Aeltern, Verwandte oder seine Heimath betraf, so schien er Erörterungen darüber auszuweichen. Der Capellmeister untersuchte nun seine Stimme und fand einen herrlichen Tenor von seltenem Umfange, worauf er gleich angenommen wurde, seinen Lehrer und seine regelmäßigen Singstunden in der fürstlichen Schule erhielt, welche er mit ausdauerndem Fleiße benutzte, und dadurch bald glänzende Fortschritte machte. Da ihn Niemand in der Stadt kannte, er sich auch bei zufälligem Zusammentreffen mit andern jungen Leuten eher zurückstoßend als annähernd bezeigte, so blieb er einsam und sich selbst überlassen, und gerade dieses abgesonderte Leben schien ihm sehr zu behagen. Er durchstrich, nachdem er seine Studien beendigt, die Umgegend, legte sich stunden- und halbe tagelang in den Schatten der schönen Waldungen, welche die Stadt umgaben, und war dann froh, ohne dies jedoch durch Gesang oder Ausrufungen zu bezeugen; vielmehr hat man ihn oft gesehen, wie er, unter einer alten Eiche liegend, sein Gesicht in das dichte Moos verbarg, und nachdem er so lange Zeit unbeweglich geblieben, zeigten die freudestrahlenden Blicke, mit welchen er sich später erhob, daß er sich auf diese Art sehr gut amüsirt habe. Man glaube jedoch nicht, dies scheue Wesen habe sich auch in den Stunden gezeigt, in welchen er die Gesangsschule besuchte, und da vor dem Lehrer und den übrigen Schülern seine Arien vortrug. Dann richtete sich seine ganze Gestalt auf, er schien ein überirdisches Wesen zu seyn, und die Innigkeit, das Feuer, mit welchem er sang, besonders wenn es traurige Lieder waren, griff jedem der Zuhörer an's Herz. Dann durchglühte eine unendliche Freudigkeit sein ganzes Wesen, und beim Hinausgehen drückte er dem Lehrer und den andern Schülern herzlich die Hand. Aber ein einziges Mal fand in der Schule ein sonderbarer Auftritt statt. Einst, mitten im Gesange, bei einer wundervollen Stelle, als er begeistert sein Auge umher schweifen ließ, hatte einer der andern Sänger eine Spielkarte aus der Tasche gezogen – es war das Treff-Aß – und zeigte es lächelnd einem Nebensitzenden. Beim Anblick der Karte brach er plötzlich mit einem schneidenden Wehlaute ab, preßte seine Hände vor's Gesicht und stürzte aus der Schule. Warum? das hat er nie Jemand offenbart. Den freien Eintritt, welchen er in's Parterre des Theaters hatte, benutzte er höchst selten; nur bisweilen, wenn große Opern gegeben wurden, oder irgend ein vorzüglicher Gast auftrat, und dann pflegte er sich jedesmal an's Ende einer gewissen Bank zu setzen, so entfernt als möglich von den übrigen Zuschauern, um ja in keine Berührung mit ihnen zu kommen. Eines Abends aber, da ein sehr beliebter Sänger auftrat, und das Haus gedrängt voll war, mußte er gern oder ungern den Zwischenraum, den er gewöhnlich durch Hinlegung seines Hutes zwischen sich und dem nächsten Nachbar bildete, einer jungen Dame überlassen, welche keinen Platz fand und ihm einen bittenden Blick zuwarf. Anfangs sprach er kein Wort mit dem Mädchen, welches, ohne gerade schön zu seyn, ein sehr interessantes Gesicht hatte und wundervoll gewachsen war. Auch sie schien sehr schüchtern und eine Unterhaltung mit dem fremden jungen Manne eher zu vermeiden, als zu wünschen. Doch mag es seyn, daß entweder die bezaubernde Musik, oder das zurückhaltende Benehmen der Dame den jungen Sänger anspornte, kurz er wagte es, ihr einige Bemerkungen über das eben Gehörte zu sagen, in welche sie bescheiden, aber mit vielem Verstande einging oder sie widerlegte. Endlich endete das Stück, und das Publikum ging auseinander. Obgleich den andern Tag ein Lustspiel gegeben wurde, trieb es unsern jungen Freund doch zum Theater, und er befand sich schon lange vor Anfang des Stücks auf seinem Sitze. Auch überzog eine stille Freude seine Züge, als die unbekannte Dame von gestern sich wieder neben ihn setzte. Ihre Unterhaltung war heute Abend lebendiger, und am Ende des Stücks wagte er es sogar, so lange sein Weg ihn mit dem ihrigen zusammenführte, sie zu begleiten. Dann bog sie rechts in eine andere Straße, wünschte ihm gute Nacht, und er ging nachdenkend nach Hause. Auf diese Weise verlebten Beide lange eine unendlich glückliche Zeit. Ihre Unterhaltung wurde mit jedem Tage inniger und zutraulicher. Es wurde jedem die Zeit lang, bis der Andere kam; denn sie liebten sich, ohne sich das gestanden zu haben. Sie näherten sich so leise und schüchtern, sie wandelten wie im Traume gegen einander dem ersten Kusse zu, wie im Traume so leise, und doch sicher, die Brust angefüllt mit einer unendlichen Seligkeit. Erst ein Anfassen der Hand, dann ein leiser Druck, endlich an einem hellen klaren Abend, wo der Himmel einer großen Rosenlaube glich, wo der Mond voll über ihnen stand, eine aufgegangene weiße Rose, umgeben von vielen großen und kleinen Knospen, den Sternen, da sprach der junge Sänger: »Das Menschenleben hat neben unsäglichem Jammer auch himmlische Seligkeit,« und drückte dem Mädchen den ersten Kuß auf die Lippen, und Beide sprachen: »Ich bin Dir gut!« – Er wußte nicht, wer sie war, und mochte auch nicht darnach fragen; denn er fühlte sich glücklich, und wollte nicht mehr. Da wartete er eines Abends im Theater vergebens auf sie; es wurde ein Ballet gegeben; er sah unverwandt nach der Thüre, sie kam nicht, und das konnte er sich durchaus nicht erklären. Die Sinfonie endigte, der Vorhang rauschte auf, und er schaute traurig und verstimmt dem Tanze zu. Die leichte, liebliche Musik gaukelte ihm unabläßig das Bild seines geliebten Mädchens vor, und immer lebendiger trat ihre Gestalt vor sein inneres Auge. Ein Pas de cinq war geendigt, und die Tänzer und Tänzerinnen hüpften in die Coulisse zurück. Die Musik ging in ein rascheres Tempo über, und siehe, wer trat da so sicher und graziös auf, im reizenden Costüm, den blühenden Kranz von Rosen leicht auf die blonden Locken gedrückt – es war seine geliebte Unbekannte. Er sah es jeder ihrer Bewegungen an, sie mache dieselben nur für ihn; nur nach ihm wandte sie ihr großes blaues Auge, und reichte ihm die Hand, nachdem sie sie zuvor an ihr Herz gedrückt hatte. – Er liebte sie unaussprechlich. Mittlerweile hatte er seine Studien beendet und ward als erster Tenor bei der Bühne engagirt. Doch auch jetzt, wo er seiner Stellung halber mit vielen Leuten verkehren mußte, behielt er seine frühere Abneigung gegen jede Gesellschaft. Oeffentliche Orte besuchte er nie und mit ängstlicher Sorgfalt vermied er Alles, was ihn in das Treiben anderer jungen Leute hineinziehen konnte. Da erhielt er eines Tags ein Billet, in welchem ein Unbekannter sein Bedauern über seine gänzliche Abgeschiedenheit aussprach, wie es traurig sey, daß er seine ganze Zeit nur seiner Geliebten widme, da er doch wohl denken könne, daß diese es nicht eben so machen würde. Er glaube der einzige Begünstigte zu seyn, doch würde sich Schreiber dieses ein Vergnügen daraus machen, ihm das Gegentheil zu beweisen, und das nur in der einzigen Absicht, um seine Gesellschaft für seine Verehrer zu gewinnen, Er möge sich nur heute Abend um die und die Zeit an eine bezeichnete Laterne stellen, und dann mit seinen eigenen Augen sehen. Anfangs verlachte der Sänger das Billet; dann aber stieg ein kleiner Zweifel auf, den er zuerst niederkämpfte, doch gleich wieder heraufrief. Er fing an, einzelne Worte und Mienen strenge zu untersuchen und sich Thatsachen, die ihm sonst ganz unschuldig erschienen waren, verdächtig zu machen. Er führte sich an einen bodenlosen, entsetzlichen Abgrund, er sah die Untreue des Mädchens, für das er allein lebte, und schauderte zurück, denn er fühlte, daß ihn der Sturz für sein Leben unglücklich machen mußte. Er wollte zu ihr hin, ihr das Schreiben zeigen, und so demselben Hohn sprechen; doch auf dem Wege zu ihrer Wohnung wandte er um und – stand des Abends, in seinen Mantel gewickelt, auf der bezeichneten Stelle. Er stand und sah, und stand lange; es schlugen die Glocken sehr oft, während er da stand, und wie er sich endlich an seine Stirn faßte, um sich zu ermuntern, war es tief in der Nacht. Er hatte das Mädchen seiner Liebe gesehen, wie sie vertraulich mit einem Manne daher kam, mit einem Manne, der ihr lange nachgestellt, und von dessen Liebe zu ihr sie oft dem Sänger muthwillig lächelnd erzählt und scherzhaft zu ihm gesagt: »Sieh, wenn du mich einmal treulos verläßt, so hab' ich gleich Ersatz.« – – Mit dem Manne hatte er sie gesehen und war darauf in wüste Träume versunken. Entsetzlich lange Stunden, hatte er auf die Ecke gestarrt, um welche sie mit ihm verschwunden. Im Traum waren in ihm lang vergessene Erinnerungen aufgetaucht, unter Anderm hatte er einen alten eisgrauen Mann gesehen, der ihn höhnisch angrinzte und zu ihm sprach – »Warum hast du auch auf die eine Karte dein ganzes Glück, die ganze Ruhe deines Lebens gesetzt?« Darauf war der Alte mit einem gellenden Gelächter verschwunden. Er raffte sich auf und ging zum letzten Mal an ihrer Wohnung vorüber. Noch brannte Licht in ihrer Stube, in welcher er so glückliche Stunden verlebt hatte. Er blieb einen Augenblick stehen und starrte in den Schein, ohne zu wissen, was er hier noch wolle. Da öffnete sich leise die Hausthür, und derselbe Mann, den er vorhin mit dem Mädchen gesehen hatte, schlich heraus. Am andern Morgen empfing die Intendanz des Theaters ein Schreiben von unserem Sänger, in welchem derselbe anzeigte, sein Contract sey ohnehin in einigen Tagen zu Ende, und wichtige Familienverhältnisse zwängen ihn, augenblicklich nach seiner Heimath zu reisen. Für die wenigen Vorstellungen, welche er noch zu spielen habe, verzichte er auf seine Gage, die er seit einiger Zeit nicht erhoben. Auch hatte er noch in derselben Nacht der Tänzerin geschrieben, hatte ihr ihre Untreue ruhig vorgehalten und ihr dabei ohne Vorwurf gesagt: sie habe ihn sehr elend gemacht, habe die Ruhe seines Lebens zerstört, hatte sie gebeten, keine Versuche zu machen, sich ihm, weder schriftlich, noch persönlich zu nähern, da er keinem bloßen Gerücht geglaubt, sondern mit eigenen Augen gesehen habe. Er verschwand plötzlich, wie er gekommen war. Lange reiste er nun umher, nahm einen andern Namen an, und erlangte in einigen Jahren durch sein Talent einen ausgezeichneten Ruf. Doch sah man ihn nie lachen, und seine frühere Scheu gegen alle Bekanntschaften und gesellige Unterhaltungen hatte noch zugenommen. Briefe, die auf seinen Reisen ankamen, öffnete er gar nicht, sondern verbrannte sie gleich, ohne nur einmal zu sehen, woher sie waren. So lebte er einige Jahre, wenn man sein Vegetiren leben nennen kann. Nie offenbarte er sich Jemand, nie hat er mit einem Menschen über sein früheres Verhältniß, seine Heimath oder Verwandte gesprochen; er ward mit jedem Tage melancholischer und schien sein Leben nur wie eine schwere, nicht abzuwerfende Bürde zu tragen. Das Vermögen, welches er sich erworben hatte, setzte ihn in den Stand, ganz unabhängig zu leben, was er denn auch that, indem er unstät umher reiste, ohne sich an einem Orte lange aufzuhalten. Da erhielt er eines Morgens zwei Briefe, welche ihm vermittelst dringender Empfehlung von Station zu Station nachgeschickt worden waren, der eine groß, mit dem Intendantursiegel des Hoftheaters, an dem er seine Studien angefangen, der andere klein, schwarz petschirt, und eben daher. Eine unsichtbare Hand schien ihn abzuhalten, sie wie alle früheren gleich zu vernichten. Er legte sie hin, und an einem Abende, wo er trauriger als gewöhnlich gestimmt war, wo die süße Luft seine Brust geöffnet hatte, gewann er es über sich, die beiden Briefe zu entsiegeln. In dem größeren bot ihm die Intendanz ein Engagement unter den glänzendsten Bedingungen an. Der andere war von der Schwester seiner früheren Geliebten, welche ihm schrieb: »Schon unzählige Male habe ich oder meine unglückliche Schwester Briefe an Sie abgesandt, ohne je eine Antwort von Ihnen zu erhalten. Rechnen Sie mit Gott ab, was Sie an uns verschuldet. – Meine arme Schwester ist nicht mehr; doch hat sie mir und den Meinigen auf dem Sterbebette mit den feierlichsten Eiden versichert, nie eine Untreue gegen Sie begangen zu haben, und ich mische meinen Schwur mit dem ihrigen, denn ich war zu überzeugt von ihrer innigen reinen Liebe zu Ihnen. Was Sie auch mögen gesehen haben: meine Schwester hat Ihnen mit keinem Gedanken die gelobte Treue gebrochen, wohl aber Sie. Leben Sie wohl, und wenn Sie es können, glücklich.« Beim Durchlesen dieser einfachen Zeilen erfaßte den unglücklichen Mann ein entsetzlicher Zweifel. Die klaren Worte lösten eine dicke Eisrinde von seinem Herzen und ließen ihn früher verlebte glückliche Stunden mit der quälendsten Erinnerung wieder genießen. Das Bild seiner geliebten Tänzerin tauchte vor ihm auf, sie neigte sich lächelnd gegen ihn, mit dem Rosenkranz auf dem Haupte, wie er sie zuerst auf der Bühne gesehen. – Dann sank sie mit geschlossenen Augen langsam zurück in's Grab. Noch in derselben Nacht nahm er Postpferde und reiste ohne Unterbrechung, bis er den Ort seines früheren Glückes, seines tiefen Schmerzes erreicht hatte. Ach, sie hatte ihm die Wahrheit geschrieben, die arme Schwester, sein Mädchen war ihm treu gewesen, und er war in das Netz des schändlichsten Betruges schlechter Menschen gefallen, deren Zweck und Motiv nicht mehr zu ergründen war. Da stand er spät in der Nacht wieder an demselben Platze und vor derselben Laterne, wo er sie am Arm eines fremden Mannes wollte gesehen haben. Da versank er wieder wie damals in tiefes Nachsinnen und wieder erschien ihm der alte eisgraue Mann und lachte höhnisch wie damals und sprach: »das ist das Menschenleben, das Wandeln auf der Erde; auch ich wandle noch.« Der Sänger hob den Blick gen Himmel und sprach leise: »Aber warum muß ich leben und wandeln?« Mit lautem Jubel begrüßten den Angekommenen die Mitglieder des Hoftheaters, vor Allen der Intendant; doch wie erschracken und erstaunten sie, als ihnen der Sänger ruhig und fest erklärte: er sey nicht hieher gekommen, um das angebotene Engagement anzunehmen, sondern fest entschlossen, nie mehr aufzutreten. Lange war alles Bitten der Behörde, so wie einige seiner alten Collegen, wenigstens einige Vorstellungen zu geben, umsonst, und als er endlich dem allgemeinen Wunsch nachzugeben schien und darein willigte, in einer Parthie aufzutreten, hatten ihn diese gewiß nicht dazu vermocht, sondern er wollte sein Herz foltern, indem er noch einmal in einem Stücke spielte, in welchem er früher mit der Geliebten zugleich gewirkt hatte. Er wollte das Mädchen, unterstützt durch Musik und Decoration, vor sein Auge zaubern, er wollte die Tänzerin, die ihre Stelle eingenommen, durch seine innigen Gedanken in das Bild seiner verstorbenen Geliebten einhüllen, und dabei erstarret von dem Bewußtseyn, daß sie wirklich und durch seine Schuld im Grabe liege, eine fürchterliche Erinnerungsfeier halten. Dazu wählte er die Oper: Robert der Teufel. Diese war früher mit großer Pracht und Vollkommenheit, aber unbekannter Umstände halber seit dem Tode jener Tänzerin, welche die Rolle der Aebtissin hatte, nicht mehr gegeben worden. Es wurde nun Probe auf Probe gehalten, einerseits, um das Getriebe dieses großartigen Werkes mit der äußersten Genauigkeit und Sicherheit wieder in Stand zu setzen, andererseits aber auch, weil es einmal so altherkömmlich war; selbst bei einem bekannten Stücke nur recht viele Proben! Alles ging übrigens recht gut, nur fand bei der Generalprobe ein sonderbarer Vorfall statt. Der erste und zweite Act gingen glücklich und ohne Anstoß vorüber. Es erschien der gespenstische Klosterhof; die Stelle kam, wo alle jene Lampen in dem dunklen Klostergange plötzlich aufflammten, die Nonnen erhoben sich schauerlich still mit den starren Leibern aus ihren Särgen; nur die Aebtissin, welche vorne auf der Bühne unter dem Kreuzgewölbe aus ihrem Sarkophage steigen sollte, erschien nicht. Der Maschinist lief in der größten Verlegenheit umher, und es trat eine unangenehme Pause ein, in welcher der Sänger »Robert« auf die Bühne stürzte, ohne sein Stichwort abzuwarten. In seinen Zügen malte sich ein Schrecken, den der an sich unbedeutende Vorfall nicht werth war. Die Arbeiter aus dem Keller schrien: der Deckel des Sarges wolle sich trotz ihrer erneuerten Anstrengung nicht lüften und müsse wahrscheinlich von der Feuchtigkeit gequollen seyn. Der Maschinist wußte nicht, was er anfangen sollte, bis ihm der ruhige, verständige Regisseur den Befehl ertheilte, die Aebtissin aus einer andern Versenkung aufsteigen zu lassen, den Sarkophag aber gleich nach der Probe genau zu untersuchen und zu verbessern. Darauf ward das Stück ohne weitere Störung zu Ende gespielt, nur gingen unser Sänger und einige der älteren Mitglieder, welche um sein Verhältniß zu der verstorbenen Tänzerin wußten, von seltsamen Gedanken beengt nach Hause. Später meldete der Maschinist dem Regisseur, man habe den Sargdeckel nur mit Hülfe von Brecheisen öffnen können und dadurch sey die Maschinerie so zerstört, daß sie zur morgenden Vorstellung nicht mehr eingerichtet werden könne. Der Abend der Aufführung erschien, und schon eine Stunde vor Anfang des Stücks war das ganze, große Haus gedrängt voll, woran sowohl der bedeutende Ruf des Sängers, als die gern gesehene Oper Schuld waren. Sie begann, und mit jeder Nummer wuchs die Begeisterung des Publikums, besonders für Robert, der in jedem Zwischenact gerufen wurde. Aber er hatte auch nie so hinreißend gesungen, wie heute. Diesmal ging der dritte Act ohne Störung vorbei, obgleich es Viele befremdete, daß die Aebtissin nicht, wie sonst, ihrem Sarkophage entstieg, sondern hinter demselben hervorkam. Doch war das eine Kleinigkeit, und störte sie nicht im Genuß des Abends. Gänzlich entzückt und befriedigt von der Vorstellung entströmte das Publikum nach Beendigung derselben dem Hause. Nicht so ging es dem Sänger. Ihn schien der Lorbeer, den er heute um seine Stirn gewunden hatte, nicht zu vergnügen. Ganz ermattet sank er in der Garderobe zusammen, sein Diener entkleidete ihn, und er ließ es willenlos geschehen. Es war die Erinnerung, welche sich zu kräftig, zu entsetzlich auf ihn geworfen. Das Bewußtseyn, ein Herz besessen zu haben, das für ihn schlug und das er gebrochen, war ihm, verbunden mit der trostlosen Gewißheit, nun wieder ganz allein zu stehen in der Welt, am heutigen Abend erst recht fürchterlich klar geworden. Im Grabe lag die schöne weiße Hand, welche sonst hinter der Coulisse die seinige gedrückt hatte, und todt war der Mund, der ihm ehedem zuflüsterte: »Du hast eben so schön, so sehr schön gesungen!« Damals war bei den Worten Alles neu in ihm aufgelebt, und er hatte aus dem blühenden Auge der Geliebten frische Kräfte gesogen. – Wie war es heute so anders gewesen? Da traten ihm die Collegen mit Complimenten über seine unvergleichlichen Leistungen entgegen, wandten sich dann von ihm und eilten hinweg, denn jeder der Glücklichen wußte ganz gewiß ein Herz, das auf ihn liebend harrte. Der Sänger schickte seinen Diener und den Wagen, welcher unten ihn erwartete, hinweg, und blieb allein in der allmählig leer werdenden Garderobe. Längst hatten die Arbeiter die Lampen bis auf einige wenige ausgelöscht, welche der Wachthabende die ganze Nacht brennend erhalten mußte, und schon hatte sich derselbe auf seine Matratze an der hintern Coulisse gestreckt; da erwachte er aus seinem dumpfen Hinbrüten, warf den Mantel um und trat hinaus auf die halb dunkle Bühne. Der Vorhang war aufgezogen, und das Haus lag so leer und still vor ihm, vorher noch so lebendig und munter, ein Riesenleichnam, der sich verblutet. Er suchte die Bank, wo sie so oft gesessen und ihn freundlich angeblickt, von wo sie aufmerksam vor Anfang des Stücks auf den Vorhang gesehen, durch dessen Oeffnung er, ihr allein verständlich, seinen Diamantring blitzen ließ. O es tauchten stets neue und immer lebhafter tausend schmerzliche Erinnerungen in ihm auf. Ueberwältigt von Gefühlen kniete er auf den Boden nieder neben den Deckel des Sarges, dem sie so oft liebreizend und fröhlich entstiegen war, an der Fallthüre, die sich jetzt nicht hatte öffnen wollen, die ihr treu geblieben war. O sie hatten Gefühl, diese Bretter! Das Mädchen war ja ernstlich in's Grab gestiegen, darum wollten sie sich auch zum Spiel nicht mehr öffnen. – – Da sprang der Sänger plötzlich entsetzt auf. Sah er recht, täuschte nicht das Halbdunkel der Bühne? – Nein, nein, langsam öffneten sich die Flügel der Versenkung. Still und geräuschlos, ohne daß er das Knarren der Seile, welche die Maschinerie leiteten, hörte, thaten sie sich weit von einander, und auf dem Sarg, welcher empor stieg, lag die verstorbene Tänzerin, seine Geliebte, mit dem sonst so blühenden, jetzt schneebleichen Gesichte, im weißen Gewande der Aebtissin, mit dem großen schwarzen Kreuze des Ordens auf der Brust. Er wollte auf sie zustürzen, sie emporreißen; doch fühlte er sich plötzlich am Arm gehalten, und neben ihm stand der alte eisgraue Mann, den er schon zweimal gesehen hatte. Der flüsterte ihm leise zu: »In der That ein schönes Gemälde das, aber ich bitte Sie, einige Schritte zurückzutreten, es ist Decorationsmalerei, welche in der Entfernung gewinnt, und sich dann ganz anders gestaltet. – Sehen Sie z. B. von hier, wo Sie keine Gesichtszüge, keine Gestalt unterscheiden, müssen Sie mir zugestehen, daß die viereckige Fläche des Sarges mit dem schwarzen Kreuze frappant einem großen Treff-Aß ähnlich sieht.« – – – Am andern Morgen machte die Intendanz des Theaters folgenden traurigen Vorfall bekannt. »Nachdem Herr * als Robert in der Oper gleichen Namens dem kunstsinnigen Publikum einen so hohen Genuß gewährt hatte, blieb derselbe ermüdet allein in der Garderobe zurück; wie lange, weiß man nicht, da er seinen Diener nach Haus geschickt hatte, und der unglückliche Mann selber einige Stunden nach Beendigung des Stücks durch die Theaterwache auf der Bühne, wahrscheinlich in Folge eines Schlagflusses, todt gefunden wurde.« 3. Zum stillen Vergnügen Vor Jahren gab es zu Köln am Rhein eine sonderbare Schenke. Das Haus, oder vielmehr der Keller, welcher als Gastzimmer diente, wird nunmehr längst eingefallen oder abgetragen seyn, denn schon zur Zeit, von der ich rede, sah die Spelunke äußerlich so baufällig aus, daß, wer zum ersten Male hinkam, schwerlich der Versicherung seines Führers glaubte, es sey im Innern ganz comfortabel und gar nicht so gefährlich, als sich das Gebäude von Außen anließ. Von selbst verlor sich nicht leicht Jemand dahin; es war fast nur einem Eingeweihten möglich, sich in den Gäßchen, welche zum Ziele führten, nicht zu verirren. Man konnte auch nicht wohl Jemand um den Weg fragen; denn eine gute Strecke vom Hause lief der Weg kreuz und quer bald zwischen Gemüsegärten, bald zwischen öden Mauern oder Trümmerhaufen der Wohnungen einer verschwundenen Generation. Wer sich nun durch all diese Schrecknisse glücklich durchgefunden hatte, kam auf einen kleinen, freien Platz, welcher mit melancholisch durcheinander gewachsenem Unkraute bedeckt war, und hier stand die Schenke zum stillen Vergnügen . Sie war zart und sinnig gewählt, diese Benennung. Nur das Verlangen nach stillem Vergnügen, nach stillem Genuß des wirklich guten Weines, der hier geschenkt wurde, führte die Gäste unter dieses einsame Dach. Hier herrschte auch feierliche und erhabene Stille. Mit inniger Rührung wurden die geleerten Schoppen betrachtet und sorgfältig in's Himmelreich gesetzt; so hieß ein großer Korb, der jedem der Stammgäste zwischen den Beinen stand und woraus nachher die Zeche berechnet ward. Wie großartig war der Augenblick, wenn der Wirth hereintrat, um mit lauter Stimme zu verkünden, es sey wieder ein Faß geleert. Dann erhob sich Alles mit einem Male, und ein alter, ehrwürdiger Weltgeistlicher hielt mit kurzen, aber kräftigen Worten dem abgeschiedenen Weine ein Seelenamt. Das Lokal bestand aus einem großen Gewölbe, dessen Wände ursprünglich weiß gewesen waren, aber durch Zeit und Rauch eine dunkle Farbe angenommen hatten. Ein gutes Billard war das einzige anständige Möbel, die übrigen Geräthschaften bestanden in schlecht gehobelten Tischen und Bänken, in welche die Gäste allerhand schlechte und gute Bemerkungen schnitten. Doch war eben dieses Billard den ältern derselben ein Dorn im Auge; denn sie behaupteten, und vielleicht nicht mit Unrecht, seit seiner Anschaffung sey der Wein schlechter geworden. Abends um sieben bis acht Uhr kamen die ersten Gäste, und es traf sich nicht selten, daß die letzten am andern Morgen die Schatten der Morgendämmerung benutzen mußten, um unerkannt nach Hause zu kommen. Die Gesellschaft war gewöhnlich ziemlich gemischt. Es kamen Welt- und andere Geistliche, um sich verborgen vor der lauschenden, neugierigen Welt ein stilles Vergnügen zu machen, Studenten, Militärs, Literaten, alte Bürger; aber im ganzen nur solche Leute, die ein gutes Glas Wein zu würdigen verstanden. Zuweilen erschienen auch einige Fremde, deren Wohnung und Beschäftigung Niemand wußte, und man raunte sich über dieselben manch Sonderbares in die Ohren. Den aufmerksamen Beobachtern war es unter Anderm aufgefallen – es wollten's wenigstens einige bemerkt haben – daß die Unbekannten auch beim trockensten Wetter nasse Fußstapfen zurückließen; Andere behaupteten, sie haben grüne Zähne, und das mußte selbst der Wirth eingestehen, daß es ihm geschienen, als habe beim Bezahlen Einer derselben statt Geld Schilfgras herausgezogen; jedoch wie er's ihm in die Hand gegeben, sey's ein funkelndes Goldstück geworden. Doch, wie gesagt, die Leute waren in ihrer stillen Seligkeit viel zu vergnügt, um sich viel um Andere zu bekümmern, auch zu gebildet, als daß sie einem Fremden mit unbescheidenen Fragen zu Leibe gegangen wären; und die Unbekannten betrugen sich sehr anständig, tranken, wenn sie kamen, viel vom besten Wein, machten dabei wenig Scandal, und sangen nur zuweilen ein unbekanntes Lied, dessen Refrain so hieß: Auf den Rhein Beim Mondenschein, In den Rhein. Wenn's regnet. Und auch dagegen war nichts einzuwenden, denn ein Censor, welcher sich auch zuweilen hier still vergnügte, hatte erklärt, es seyen in diesem Liede durchaus keine bösartige Ausfälle gegen den Staat. In dem Punkte nämlich war der Wirth sehr strenge. Eine andere originelle Figur unter den täglichen Gästen war ein junger Mann, von dem auch Niemand wußte, wer er war, was er that, und womit er sich beschäftigte. Er kam beinahe jeden Abend, sprach sehr wenig und blieb sitzen, bis die Letzten gingen, denen er sich anschloß und sie jedesmal bis zu einer gewissen Stelle der Straße begleitete, wo man den Rhein sehen konnte. Da entfernte er sich schweigend und setzte sich an die Mauer auf einen großen Eckstein, welchen er, so sagten die Leute, die da herum wohnten, im Laufe des Tages selten verließ. Deßwegen, und weil man seinen wirklichen Namen nicht wußte, nannte man ihn nur den Herrn vom Eckstein, eine Benennung, die ihm zu gefallen schien; denn er erwiderte diese Begrüßung bei seinem Eintritt stets mit freundlichem Lächeln. Daß seine sonderbare Kleidung, von den seltsamsten Farben und ganz barok im Schnitt, jemals Mode gewesen, erinnerten sich auch die ältesten Gäste nicht. Anfangs war diese schweigsame Erscheinung den guten Kölnern verdächtig gewesen; nach und nach aber hatten sie sich an den Herrn von Eckstein so gewöhnt, daß ihnen etwas fehlte, wenn er, was übrigens höchst selten geschah, einen Abend ausblieb. Ferner war in diesem Kreise froher, kluger Zecher oben genannter Weltgeistliche, der Herr Barbatus, zu bemerken. Derselbe versah alle Funktionen eines öffentlichen Ministeriums. Er pflegte die Reden zu halten, welche allenfalls nöthig waren, und war bei kleinen Streitigkeiten die höchste Instanz; ein sehr freundlicher Mann, wenn er einmal den zwölften Schoppen geleert hatte; vor diesem Zeitpunkte aber war er einsylbig, warf viel mit Brocken schlechten Lateins um sich und behielt den Hut auf dem Kopfe. So lange dieser Zustand dauerte, war es sehr still »im Kreise rings«; aber wenn der Herr Barbatus sein dreizehntes Fläschchen nahm und sein Dreieck lüftete, so summte und krabbelte es vergnüglich in dem Zimmer, als habe man von einer Schachtel voll Maikäfer den Deckel abgenommen. Im Ganzen wurde der Ton sehr anständig gehalten. Zotenlieder waren ganz und gar verboten; überhaupt hörte der Herr Barbatus nicht gern, wenn gesungen wurde, und pflegte häufig beim Anfang eines Liedes, das ihm nicht behagt, seinen Hut wieder aufzusetzen, was dann als Beweis seiner höchsten Unzufriedenheit vom singenden Publikum durch Aufgeben des Gesanges respektirt wurde. Eines Abends hatte Herr Barbatus seinen Hut abgenommen, und es herrschte im stillen Vergnügen laute Fröhlichkeit. Fleißiger als sonst war den Schoppen zugesprochen, und bald strotzten die Himmelreiche von Seligen. Draußen fegte ein rauher Wind und rasselte zuweilen an den Fenstern hin, als beneide er die in der Stube Sitzenden und wolle auch herein; doch abgehalten durch die fest verschlossenen Fenster, flog er unter das Unkraut vor der Thür und koste mit demselben. Ein Nachtwächter, welcher sich heute Abend in diese Gegend verirrt hatte, erzählte später seinen Bekannten, er habe unter dem Gras und Kraut auf dem Platz vor dem stillen Vergnügen in jener Nacht deutlich lachen und menschlich flüstern hören. Auch einer der Gäste in der Stube, welcher am Fenster gesessen, wollte etwas bemerkt haben: wenn der Wind zuweilen eine der großen Schilfpflanzen, deren am Hause viele wucherten, in die Höhe gejagt, so sey dieselbe an's Fenster gefahren und habe mit einem verzerrten menschlichen Gesichte in die Stube geschaut. Dem sey nun, wie ihm wolle, es ging in der Schenke heute besonders lustig zu. Oben am Tisch saß Herr Barbatus in stiller Majestät und sprach emsig mit dem Herrn von Eckstein, der ihm nur ein kurzes Lächeln und zuweilen ein paar abgebrochene Sätze zur Antwort gab. Neben ihm hatten sich ein paar Studenten gelagert und unterhielten sich mit einigen Freiwilligen über Subordination; jedoch schienen sich ihre Ansichten hierüber nicht recht vereinigen zu können. Weiter unten saßen einige Bürger mit weinseligen Gesichtern, und das Ende des Tisches hatten vier der Fremden eingenommen, von denen oben die Rede war. Das waren aber in der That seltsame Gestalten. Der eine hatte eine stolze, schlanke Figur und seine Manieren, zu welchen das zartbleiche Gesicht mit interessanten Zügen sehr gut paßte; ein zweiter, von starkem, untersetztem Körperbau, hatte dazu einen Kopf, der sich auch nur auf diesem Körper gut ausnehmen konnte, ein scharf markirtes rothes Gesicht, in welchem ein paar funkelnde Augen einen absoluten Willen aussprachen. Beide schienen des Befehlens gewohnt zu seyn; nur, glaube ich, gebot der erste, indem er ruhig auseinandersetzte, das, was er wolle, sey unumgänglich nothwendig; er überzeugte, wogegen der andere kurz sprach: ich will! und wehe, wer sich ihm widersetzte! Ein dritter der Fremden sah aus wie der etwas leichtfertige Sohn einer anerkannt großen und mächtigen Familie, etwa wie ein Erbprinz, dem es mehr darum zu thun ist, tolle Streiche zu treiben, als durch gesetztes Betragen seinem künftigen hohen Stande Ehre zu machen, ein Shakespeare 'scher Prinz Heinz. Die vierte Person schien eine untergeordnete Stellung einzunehmen und hatte dabei ganz das Air eines Magisters der schönen Künste. »Theuerster,« sprach oben am Tisch zum Herrn von Eckstein der Herr Barbatus, »lassen Sie mich doch endlich einmal etwas über Ihre frühern Schicksale vernehmen. Bezeichnen Sie mir doch Ihre Wohnung; ich möchte Sie gar gern einmal besuchen;« worauf der andere entgegnete: »Weiß ich doch selbst nichts von meinem frühern Leben, habe mich nur so gekannt, wie ich jetzt bin, nicht kleiner, nicht größer, nicht jünger, nicht älter.« »Sie waren aber doch einmal gewiß,« sagte der Herr Barbatus, »ein charmantes Kind. Erinnern Sie sich denn der fröhlichen Zeit nicht mehr, wo Sie Fenster einschmissen und die Schule schwänzten?« – »Nein, Herr Barbatus.« – »Von Ihrer ersten Liebe, Herr von Eckstein, müssen Sie mir erzählen. Und was haben Sie gelernt? was studirt? oder in welchem Geschäfte haben Sie gearbeitet?« – »Ich habe nie gelernt, nie studirt, auch nie gearbeitet,« sagte Eckstein. »So, so!« entgegnete Herr Barbatus; »aber was sind Sie denn eigentlich? Was stellen Sie in der Welt vor?« – »Ich?« sagte Eckstein, »eigentlich gar nichts.« »Sehr sonderbar,« meinte Herr Barbatus; »aber Sie müssen doch irgend eine Erinnerung haben, z. B. wo fühlten Sie zuerst, daß Sie da waren, daß Sie lebten? Wann tranken Sie den ersten Schoppen?« – »Eines Morgens,« erzählte Eckstein sehr gleichgültig, »muß mich der Wind in den Hof eines Hauses hineingeweht haben; denn von einem sehr harten Falle auf den Boden erwachte ich und fühlte, daß ich da sey. Ich bin bald aus dem Hause geworfen worden, indem die Leute meinten, ich sey ein Dieb. Drauf, weil ich sehr müde war, habe ich mich nicht weit von dort auf einen Eckstein gesezt, wo ich noch jetzt regelmäßig jeden Tag sitze, weil es mir da gefällt und ich sonst nicht weiß, was ich machen soll. Eine einzige, aber sehr dunkle Erinnerung habe ich von einem frühern Daseyn; ich glaube nämlich, daß ich vor langer Zeit irgend ein König gewesen bin.« – – »Aber die Subordination,« schrie einer der Studenten »ist eine höllische Erfindung. Also wenn so ein Lieutenant zu Ihnen sagt: »Herr, Sie sind ein Esel!« so antworten Sie mit der größten Unterwürfigkeit: »Sehr wohl, Herr Lieutenant?« – »Freilich,« sagte der Unteroffizier. – »Und wenn Sie dagegen sprächen: »das sind Sie selbst, Herr Lieutenant, so –« – »Käm' ich in Arrest.« – »Und wenn Sie nun, denn das könnte doch auch vorkommen, einmal unschuldig in Arrest kämen, wie revanchirten Sie sich dann?« – »Ich bedankte mich für die gnädige Strafe,« entgegnete der Unteroffizier. »O weh, die Welt geht unter, Es sprang dem Faß ein Reif!« jauchzte der Student, so daß der Herr Barbatus bestürzt nach seinem Hute griff. Mittlerweile fing der Wein im ganzen Kreis an zu wirken. Eckstein schüttelte vergnüglich seinen Kopf und schnitt dazu allerhand seltsame Grimassen, welche Barbatus stets mit unmäßigem Gelächter begleitete. »Ei, Herr König,« lachte er, »soll ich Ew. Majestät nicht eine Krone anfertigen? He, einen Bogen Goldpapier, wenn er zu haben ist!« Der Wirth hatte von der letzten Weihnachtbescheerung zum Glück einen erübrigt, welchen er diensteifrig nebst einer Scheere herbeibrachte. Schnell machte sich Barbatus darüber her und hatte in kurzer Zeit eine saubere Krone fertig, die er dem Herrn v. Eckstein vermittelst einiger Stecknadeln um den Kopf befestigte. Der nahm sich aber sehr sonderbar unter dem Schmucke aus. Das Gesicht, welches er demselben zu Gefallen machte, war steif und hölzern, wie das eines Kartenkönigs aus der Stralsunder Fabrik. Diese Aehnlichkeit mußte einem der Studenten auffallen, denn er schlich zum Zimmer hinaus und kehrte bald mit einem alten Kegel und einer Kegelkugel zurück, mittelst deren der Herr v. Eckstein sogleich mit Reichsapfel und Scepter ausstaffirt wurde, so daß die ganze Versammlung in ein schallendes Gelächter ausbrach. Nur dem Könige selbst schien die Sache nicht lächerlich. Mit ernster Miene wandte er sich zu dem Herrn Barbatus und sagte ihm leise: »Es werden mit der Zeit alte Erinnerungen in mir deutlicher. Ich war früher gewiß und wahrhaftig der Ecksteinkönig.« – »Ja früher,« entgegnete Barbatus mit weinschwerer Zunge, »ich glaube das selbst, und ich müßte mich sehr irren, wenn ich mit dero Majestät nicht einmal Solo gespielt hätte.« Auch unten am Tisch trieben die sonst so stillen Fremden allerlei wunderliche Possen. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und gaben ganz eigene Töne von sich, Gesang war's nicht zu nennen. Bald glaubte man mitten unter Wasservögeln zu seyn, dann schien man sich wieder in einem Teiche unter jungen Fröschen zu befinden; jetzt hörte man scharfe Klänge, wie wenn man mit dem nassen Finger auf dem Rand eines Glases schleift, gellend und markdurchbohrend. Auch die Unteroffiziere und die Studenten waren sehr laut in ihrer Weise. – Selbst der Herr Barbatus hatte seine Scheu vor dem Gesang abgelegt und brummte halblaut vor sich hin: Lieber Mond, du gehst so stille Durch die Abendwolken hin. Kurz, das stille Vergnügen hatte sich in ein sehr lärmendes umgewandelt. »Ist es denn wahr,« sprach da auf einmal einer der Studenten zu dem ihm zunächst sitzenden Fremden, »daß Sie grüne Zähne haben? Machen Sie doch gefälligst ihren geehrten Mund etwas auf, damit ich sehen kann.« Der Fremde aber brach in ein gellendes Lachen aus und hielt dem Studenten zur Antwort seine Hände entgegen, aus welchen klare Wasserstrahlen über den Tisch und die sämmtlichen Gäste hinfuhren. Zugleich traten seine Augen aus dem Kopf, und das ganze Gesicht verzog sich zu einem Fischhaupte. Im nüchternen Zustande würden sämmtliche Anwesende über diesen Anblick sich nicht wenig entsetzt haben, aber der Dunst des Weines hatte ihre Augen mit so vielen bunten Ranken umsponnen, daß sie bei sich selbst nicht recht einig waren, ob das wirklich geschehen, was sie da sahen. Nur der Student war entsetzt zurückgefahren und hatte dem Unbekannten eine Flasche an den Kopf geschleudert, welche in tausend Scherben zersprang, die derselbe ruhig abschüttelte und sich durch einige Fische, Eidechsen und anderes Gewürm rächte, welches er aus seinen Fingerspitzen dem Musensohn in's Gesicht springen ließ. Dieser erhob ein gräßliches Geschrei und brüllte Mord und Zauberei, daß alle Anwesenden erschrocken von ihren Sitzen auffuhren. Nur der Ecksteinkönig blieb ruhig auf seinem Platz sitzen und lächelte vor sich hin. Der Herr Barbatus, dem auch einige Wasserstrahlen das Gesicht etwas abgekühlt hatten, setzte seinen Hut auf, und es war komisch anzusehen, wie seine vergnügt zuckenden Mundwinkel wie Blitze rechts und links in die Backen fuhren und da einige ernste Züge hervorsuchten, mit welchen er folgende Worte würdig begleitete: »Unüberlegter Unbekannter,« so sprach er mühsam, »junge Fontäne, daß Sie kein menschliches Wesen sind, obgleich Sie einigermaßen so aussehen, ist mir jetzt auf entsetzliche Weise klar geworden. Lassen Sie ab von Ihrem dämonischen Treiben. Haben Sie vielleicht früher auf irgend einem Brunnen gestanden und sind hinabgestiegen, weil Ihnen das Wasser nicht mehr mundete, so ist diese That zu loben. Ist aber die Zeit Ihres gespenstischen Wandels verflossen und Sie glauben wieder auf Ihrem Platz zu stehen, da Sie anfangen, Ihre Strahlen springen zu lassen, so erlaube ich mir, Ihnen unterthänig zu bemerken, daß das nicht der Fall ist, und Sie haben nur ungefähr die Gegend zu bestimmen, wohin Sie gehören, so werden wir uns ein Vergnügen daraus machen, Sie nach der Richtung zu einem Fenster oder der Thür hinauszuwerfen.« Das Wort Hinauswerfen schlug, wie die Feuerglocke zur Nacht, an das Ohr der Schlafenden, an die taumelnden Sinne der Unteroffiziere und Studenten. Im Nu drängten sie sich an die Fremden und suchten dieselben zu fassen. Aber es bedurfte nur einer Handbewegung, und die Angreifer prallten drei Schritte zurück. Der große bleiche Mann öffnete den Mund und sprach zum erstenmal, aber mit donnernder Stimme: »Sind das die Regeln eurer Gastfreundschaft, unredliches Menschenvolk? Machen wir es eben so, wenn ihr in unser Reich eindringt? Sind wir euch hinderlich und necken euch, wenn eure unbeholfenen Weiber sich in unser klares, reines Wasser wagen? Freilich sind wir nicht eures Gleichen, wir sind Prinzen des Wasserreichs. Seht in mir den Fürsten von der Mosel. Ich war es, der im Keller des Hauses hier meine Unterthanen rein erhielt und sie vor der Wasserpumpe des Wirths bewahrte.« »Und ich,« rief der zweite der Fremden mit dem rothen Gesicht, »bin der Graf von Walportsheim. Oft bin ich dem Küfer als Gespenst in den Weg getreten, oder hab' ihm ein unheimliches Wort in die Ohren geflüstert, wenn er das Blut meines edlen Volkes mit schlechtem Drachenfelser mischen wollte.« – »Und daß ihr undankbaren Geschöpfe,« rief der Dritte, »in diesem geringen Hause ein Glas guten Rheinwein trankt, habt ihr mir zu danken. Ich bin der Prinz Pips, Vetter Seiner Majestät vom Rhein, und für eure Unhöflichkeit will ich euch jetzt mit Wasser regaliren.« Und stärker und stärker schossen die Wasserstrahlen aus den Fingerspitzen des Prinzen. »Nixen und Wassermänner!« stöhnte Barbatus und sank in seinen Stuhl zurück. »Hebt euch von hinnen, ihr Gespenster, im Namen – –« »Alberner Mensch!« unterbrach ihn der Fürst von der Mosel, »glaubst du uns durch deine ohnmächtigen Formeln hinwegschrecken zu können? Glaubst du, ihr seyd höhere Wesen, die einzigen vom Schöpfer anerkannten, und ein Wort von euch reiche hin, uns verschwinden zu machen? Dankt es unserer friedfertigen Natur, daß wir nicht längst von unserem Grunde aufgestiegen sind und uns auf dem Lande die Macht angemaßt haben, welche wir unbeschränkt im Wasserreiche üben. Fasse meine Hand und fühle, ob dein Fleisch fester ist, als das meinige!« – »Greift sie, greift sie!« stöhnte Barbatus und schlug in der gräßlichsten Angst mit beiden Händen auf den Bauch. »O, stilles Vergnügen, dein werd' ich gedenken!« »Holla ho!« schrie Prinz Pips, »wir wollen unsere Unterthanen aus dem Keller abrufen und das Gezücht hier im klaren Wein ersäufen. Herauf, ihr Gesellen, und herein, ihr draußen!« Er riß das Fenster auf, zu welchem der Wind, der noch immer heftig tobte, Schilfpflanzen und Wasserblumen, auch sonderbar geballte Nebel hereinjagte, die sich in der Stube zu seltsamen Gestalten umwandelten. Hier sprang ein ungeheurer Frosch, da eine riesige Eidechse. Große Fische schlüpften zwischen den vor Entsetzen angefesselten Menschen herum und schnappten ihnen nach den Beinen. Unten im Keller begann es zu klingen und zu klappern; es rutschte und rollte die Treppe herauf, es klirrte und drängte gegen die Stubenthür, welche aufspringend ein unermeßliches Flaschenheer in die Stube ließ. Rhein-, Mosel- und Aarweinflaschen rollten herein, sogar einige Champagnerflaschen hatten sich im allgemeinen Strudel mit fortreißen lassen. Es war ein gräßlicher Anblick, ein betäubender Spektakel: das Knirschen der Flaschen, indem sie sich aneinander drückten und drängten, dazwischen das Quicken und Grunzen der Wasserthiere, wozu der Prinz immer gräßlicher lachte und sich bald lang, gleich einem Aal ausreckte, bald wie eine Schildkröte zusammenkroch. Auch hatte er schon so viel Wasser von sich gegeben, daß der Fußboden über einen Schuh hoch damit bedeckt war. »Wollt ihr meine grünen Zähne sehen, ihr Menschenvolk?« lachte der Fürst von der Mosel, und der Graf von Walportsheim schüttelte sein Haupt, um welches statt Haare große lange Wasserpflanzen flatterten, mit welchen er den Anwesenden im Gesichte herumfuhr. Er rief: »Auch habe ich grüne Haare, seht meine grünen Haare! Ja wohl, ich bin ein Wassermann!« – »Auch ihr,« jauchzte der Prinz dazwischen, »sollt Wasser-, nein Weinmänner werden! Holla, Gesellen! kommt, liebenswürdige Weine, rächt euch an diesen Gestalten, die schon so vielen der eurigen in ihrem Magen ein schlechtes Ende bereitet haben. Steigt heraus und ersäuft sie! Heraus! heraus!« Hui, wie flogen die Pfropfen der Flaschen, wie zerborsten die, denen er zu fest auf dem Halse saß! Roth und weiß floß der Strom durcheinander und von Minute zu Minute stieg die Fluth. Wollten die unglücklichen Menschen zur Thür oder zum Fenster hinaus, so traten ihnen gräuliche Wasserscheusale entgegen oder sonst eine der wüsten Gestalten, welche das Haus umliefen, es bewachten und Niemand hinausließen. In halber Ohnmacht lag Barbatus in seinem Stuhl und schaute mit gebrochenem Auge in die Verwüstung. Ecksteinkönig dagegen saß so gravitätisch wie früher, Scepter und Kugel in der Hand haltend, und lächelte. Um sich vor dem sichern Wassertode wenigstens eine Zeitlang zu retten, warfen sich die Studenten, Unteroffiziere und Bürger gegen das Billard und versuchten es von allen Seiten zu erklettern. Aber es schwankte wie ein Boot im Rhein, und manche fielen mehrmals in's Wasser, ehe sie den rettenden Bord erreichten. Unvermögend, sich zu rühren, war Barbatus sitzen geblieben; jetzt wehrte er sich mit aller Kraft der Verzweiflung gegen einen ungeheuern Krebs, welcher sich bemühte, ihm mit seiner Scheere den dreieckigen Hut vom Kopf zu ziehen. Mit einer Hand schüttelte er den Eckstein und versuchte, ihn aus seiner phlegmatischen Ruhe zu zerren. »Rette mich! Majestät!« stöhnte er. »König, hilf! schlag mit deinem Scepter das Unthier zu Boden! Hülfe! Hülfe!« Ruhig ließ dieser das Stück Holz, welches er in der Hand trug, auf den Kopf des Thiers fallen, das sogleich vom Geistlichen abließ und in die Fluth tauchte. Da stürzte der Prinz hinzu. »Wie, du Kartenkönig,« rief er, »du wagst es, meine Freunde zu schlagen? Herbei, herbei, lieben Thiere! Kneipt ihn, erwürgt diesen König!« Eine Masse der häßlichsten Thiere kam herangeschwommen; doch kaum hatten sie sich dem König genähert, so prallten sie zurück und umkreisten ihn scheu in einiger Entfernung, und selbst der Prinz wich vor dem todten, bleifarbenen Auge zurück und wagte nicht, ihn anzusehen. »Wer bist du?« fragte der Prinz. – »Der Ecksteinkönig hochseligen Andenkens.« – »So geh' in dein Grab, wenn du selig bist,« rief der Graf von Walportsheim, »und stör' uns nicht in unserem Vergnügen, du Gespenst!« – »Wenn ich schlafen könnte, gern, denn ich bin sehr müde,« entgegnete der Eckstein. – »O du Kartenkönig!« rief der Prinz; »ich will dich zur Ruhe bringen, Gespenst. Ein Aß her! ein Ecksteinaß! ich will den König stechen!« Da brach plötzlich ein freundlicher Strahl der aufsteigenden Morgensonne in das Zimmer der Schenke zum stillen Vergnügen. Im Stuhle lag ausgestreckt der Herr Barbatus und war todt. Vor ihm stand der Wirth und wischte ihm das Blut ab, welches an seinem Munde geronnen war. Wahrscheinlich hatte ein Schlaganfall sein Herz gebrochen. – Auf dem Tische lag ein alter Ecksteinkönig, der zu keinem vorhandenen Spiele passen wollte und den der Wirth deßhalb zum Fenster hinauswarf. Von den Gästen, welche vergangenen Abend hier gewesen waren, ist ferner keiner gekommen, denn der Wein soll ihnen so entsetzliche Träume verursacht haben, daß Einige im Ernste behaupteten, es seyen hier Sachen vorgefallen, die sie nicht zum zweiten Mal mit ansehen wollten. – Den größten Schaden aber hatte der Wirth. Der Herr Barbatus war todt, der Herr von Eckstein ließ sich nie mehr sehen, und was noch schlimmer war, in dieser Nacht waren im Keller die vielleicht morschen Weingerüste gebrochen und fast sämmtliche Flaschen herabgefallen, zertrümmert und ausgelaufen. 4. Eine Meßbude Eine Wohnung, deren Fenster die Aussicht auf einen schönen Garten haben, um die das saftige Rebenlaub mit seinen Ranken natürliche Jalousien bildet, die keinem neugierigen Auge in die stille Klause zu dringen gestatten, dagegen so viel runde und eckige Oeffnungen haben, daß man im Geheim die ganze Nachbarschaft dadurch belauschen kann, ist eine schöne Sache im Sommer. Ich hatte eine solche Stube, und es war mein größtes Vergnügen, zuzulauschen, wie die Natur aus ihrem Schlummer erwachte, wenn die ersten Strahlen der ausgehenden Sonne auf Gras und Blätter Tausende von Diamanten warfen, die Vögel ihre Morgenlieder sangen, und die Goldkäfer und Ameisen über die weißen Sandwege emsig ihren Geschäften nachliefen. Und dann erst am Abend, wenn es allmählig stiller ward in den Büschen und Gräsern, wenn die schöne Nacht empor stieg und der müde Tag an ihrem Herzen entschlummerte! Wie gut und sanft war die Nacht, wie ruhig und still, bis er wirklich fest eingeschlafen war! Dann warf sie einen Blick auf den ruhenden Geliebten, bewegte geräuschlos ihren Zauberstab, rief ihre Genien und Fantome hervor, ermunterte sie zu Tänzen und Gesängen, und hieß sie die Seele des entschlafenen Tages mit bunten Träumen umgeben. O sie war schön die Nacht und freundlich! Wie oft bin ich an ihrer Brust entschlummert, und auch um mich flatterten die bunten Gestalten, welche aus den Blumen empor stiegen, und die kleinen zierlichen Elfen, die hervorkamen aus dem silberhellen Bach. Wie oft legte sich eine kleine Nixe an mein Herz, und ließ das ihre leise gegen das meine schlagen, und preßte mir einen glühenden Kuß auf die Lippen, daß ich oft im Traume geglaubt habe, es sey die schöne Emma, deren Herz aber nie an dem meinigen schlug und die mich nie geküßt hat. So schaute mein Geist in das dunkle Laubgewölbe des Gartens, welcher vor meinem Fenster lag. Gewöhnlich aber spähte auch mein leibliches Auge hinein, ob sich nicht irgend eine liebenswürdige Nachbarin sehen lasse, die da in den schattigen Gängen herumspazierte; denn eine solche Erscheinung gehört zu der Wohnung, die an einem Garten liegt. Ich wußte, daß der vor meinem Fenster einem reichen Kaufmann gehörte, welcher eine einzige, allerliebste Tochter hatte, die ungefähr sechzehn Jahre alt seyn mochte. Ich hätte mich sehr gefreut, das liebliche Kind zuweilen zu sehen; doch waren die Anlagen groß, und meine Wohnung lag ganz am Ende derselben, deßhalb wurde mir dieses Glück nie zu Theil. Ich hatte nicht im Sinn, irgend ein Verhältniß anzuknüpfen oder auch nur den Versuch zu machen; es hätte mich nur aufgeheitert und meine Phantasie erfrischt, so ein niedliches Wesen unter den Rosen umherflattern zu sehen. Endlich, nachdem ich schon alle Hoffnung aufgegeben, ward mein Wunsch erfüllt. Eines Abends lag ich im Fenster; da sprang über eine der Grasflächen, deren es viele im Garten gab, ein niedliches Reh, das ich schon oft bemerkt hatte, gerade auf meine Wohnung zu, blieb zuweilen stehen, und wandte den Kopf zurück, als necke es jemand, der ihm nachkäme. So war es auch; fast athemlos, doch laut lachend lief hinter ihm die Tochter des Kaufmanns, dem Thiere: Fritz! Fritz! nachrufend. Nahe vor meinem Fenster warf sich das Mädchen auf eine Rasenbank, und lockte das Reh so lange, bis es kam, und sich zu seinen Füßen lagerte. Es war eine allerliebste Gruppe. Seit der Zeit kamen Beide oft in diese Gegend der Anlagen. Wenn meine Eitelkeit auch noch größer gewesen wäre, als sie wirklich war, so hätte ich doch unmöglich auf den Gedanken kommen können, als sey ich ein Magnet geworden, welcher das liebliche Kind anzöge, weil mich Niemand sehen konnte, da, wie schon gesagt, dichtes Rebenlaub meine Fenster umrankte. Eines Tages hatte sich das Mädchen auf die Bank gelagert und las emsig in einem Buch, da ward ein kleines Thor, welches neben meiner Wohnung von der Straße in den Garten führte, hastig eröffnet, und ein bildhübscher junger Mensch trat herein. Derselbe war phantastisch gekleidet, und da es gerade in der Meßzeit war, so muthmaßte ich, er gehöre zu irgend einer der Gaukler- oder Künstler-Gesellschaften, die gerade ihr Wesen in der Stadt trieben. Er war im höchsten Grade aufgeregt. Rasch um sich blickend, strahlte sein Auge vor Vergnügen, alle seine Bewegungen waren wild und heftig, er kam mir in diesem Augenblicke wie ein junges Pferd vor, das dem dunklen Stalle entlaufen, die frische Luft einathmet, sich der gewonnenen Freiheit freut. So sah er mit erhobenem Haupte um sich, holte aus tiefer Brust Athem und sprang mit wilden Sätzen über Boukets, Grasplätze und Wege. Jede Blume, bei der er vorbei kam, betrachtete er neugierig und freudig, legte sein Gesicht darauf oder drückte sie an die Brust. Plötzlich blieb er erstaunt stehen, denn er war durch eine Wendung des Weges gerade vor das Mädchen getreten, welches, das Geräusch des Kommenden hörend, aufgesprungen war, und die seltsame Erscheinung überrascht ansah. Das Reh ging in weitem Kreise um Beide herum, eine dunkle Röthe überzog die Züge des jungen Mannes, er ließ sich auf ein Knie nieder und sprach zu dem Mädchen: »O sage mir, wer bist du?« Sie trat einen Schritt zurück und entgegnete mit nicht geringer Verlegenheit: »Ich heiße Louise und mir gehört dieser Garten.« »Alles, das Alles gehört Dein?« sagte der Unbekannte. »Alle diese lebenden Bäume, diese wirklichen Blumen und der blaue Himmel, der tausendmal schöner ist, als ein gemalter? O laß mich deine Hand küssen, du bist so freundlich, laß mich etwas bei dir in diesem schönen Garten bleiben.« Dem Mädchen schien das sonderbare Benehmen des jungen hübschen Mannes zu gefallen. »Aber,« antwortete sie, während er ihre Hände ergriff und sie mit heißen Küssen bedeckte, »aber wer sind – wer bist Du denn?« – das Du sprach sie ganz leise. »Ja,« entgegnete der junge Mann, »das ist eine traurige Geschichte. Wenn ich das nur selbst wüßte. Der alte Mann, der mich mit sich herum führt, der mich immer in die hölzerne Bude oder in den Wagen sperrt, ruft mich nur mit dem Namen Pique!« »Aber was thust du denn in der hölzernen Bude?« fragte das Mädchen. »Ich mache Kunststücke, und darnach werde ich jedesmal eingeschlossen; denn der alte Mann sagt, draußen laure etwas auf mich, und wenn mich das träfe, sey ich verloren. Heute bin ich entsprungen und hieher gelaufen, wo es so schön ist. O laß' mich einige Augenblicke hier diese lebendigen Bäume ansehen, die so frisch sind, und die natürlichen Blumen, die so süß duften. Laß' mich etwas bei dir bleiben, die du noch schöner bist, als das Alles.« Er legte sich in's Gras und zog das Mädchen neben sich, das sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte und willenlos zu ihm hinabsank, erst auf die Knie, dann neben ihn auf den weichen Rasen. Es war für mich ein seltsamer, ein holder Anblick! – sie mit dem reichen Gewand, mit dem blühenden Gesicht, in welchem Erstaunen, Scham und Wohlgefallen an dem schönen Jüngling wechselten; er in dem sonderbaren phantastischen Aufputze, mir dem schönen, freudestrahlenden Blick, tausenderlei Fragen, tausenderlei Bemerkungen machend, mit einer ewigen Verwunderung; dazwischen das Reh, welches bald dem einen, bald dem Andern zutraulich über die Schulter sah. Ich muß gestehen, ich ward mit den Unschuldigen zum Kinde, ich habe eine Thräne geweint, eine Sehnsuchtsthräne nach einem Glück, wie das der Beiden, nach einem Herzen, das mich liebevoll anhöre, wenn ich ihm von den wirklichen lebendigen Blumen und Bäumen erzählen wollte, von den Gesprächen der Rosen und den Poesien der Goldkäfer – aber kein Herz, kein Herz für mich, das mich verstünde! Eine gute Stunde brachten die Beiden unter Lachen und Plaudern hin; dann erhob sich das Mädchen, reichte dem jungen Manne ihre beiden Hände hin und sprang blitzschnell dem Hause zu. Er sah ihr nur einige Minuten nach, und lief dann mit derselben Hast, mit welcher er gekommen, durch das Gartenthor, wahrscheinlich nach seiner Bude zurück. Mich interessirte es übrigens sehr, zu wissen, wer er sey. Ich hatte eine dunkle Ahnung, in ihm auf einen Gegenstand zu stoßen, mit dem ich früher in näherer Beziehung gestanden und den ich gekannt hatte; er war mir zu unerwartet schnell entschwunden, als daß ich ihm hätte folgen können, um zu sehen, wo er geblieben. Darum mußte ich mich, wollte ich meinen Zweck erreichen, zu einer Wanderung durch die sämmtlichen Buden und Merkwürdigkeiten der Messe entschließen. Eine Zimmerreise durch Amerika, Asien und Afrika war bald abgemacht, ohne daß ich etwas gefunden; das große Skelett eines Wallfisches, welches ich besehen, hatte mich meinem Zwecke nicht näher gebracht; ich durchstöberte zwei Menagerien und wohnte den Vorstellungen einer Kunstreiter-Gesellschaft bei, besah hier außer dem sich heute Abend producirenden Personale in den Ställen und Garderoben die sämmtlichen andern Mitglieder, ohne eine Spur von meinem Unbekannten zu finden. Unterdessen war es spät geworden, und ich mußte die Untersuchung der noch übrigen Buden auf den andern Tag verschieben. Ich schlenderte nach Hause und kam ganz am Ende des Marktplatzes noch an einem Bretterhause vorüber, das ein alter kleiner Mann, wahrscheinlich nach eben beendigter Vorstellung, verschloß. Sonderbar nahm sich das Costüm und die grell geschminkten Wangen im Halbdunkel des Abends aus; der bleiche Kopf mit den zirkelrunden rothen Flecken, auf dem ein goldbordirter, dreieckiger Hut saß, dazu ein rother Frack, gelbe Hosen und weiße Strümpfe; und welch ein Gesicht! hart, wie aus Stein geformt, veränderte sich kein Zug darin. Die tiefen Furchen konnte kein Lächeln mehr ausgleichen, sie schienen mit dem Meißel hineingearbeitet; sicher waren Zeit und Lebensstürme die Bildhauer gewesen. Dabei liefen die Augen unheimlich von einer Seite zur andern, während der kleine Mann das Schließen der Bude mit der größten Schnelligkeit betrieb. Entweder hatte er dringende Geschäfte, oder es mußte ihm auf der Straße nicht behaglich seyn, denn kaum hatte er Läden und Thüren verschlossen, so schlüpfte er rasch zu einem Nebenthürchen hinein, und auch das hörte ich ihn von Innen mit zwei Riegeln verschließen. Ich stand lange nachdenkend und sah der Erscheinung nach; dies Gesicht? die ganze Figur – es stiegen dunkle Erinnerungen in mir auf; ich hatte ihn früher gesehen, doch wo? ich konnte mich nicht im Augenblick darauf besinnen; je mehr ich indeß über die seltsamen Züge nachsann, um so mehr stiegen üppige, sonderbare Gedanken in mir auf. Er erinnerte mich an eine Nacht, in der ich viel geträumt und viel gesehen hatte, der alte gebeugte Mann mit der tiefen Melancholie, der rothe Rock – richtig, es war das Gespenst jener Nacht auf dem Rathhausplatze in Köln, ja ja, er war es! Und der junge Mensch, der mir so plötzlich wieder in's Gedächtniß kam! Sollte ich hier zugleich bei meinem Alten auch einen neuen räthselhaften Bekannten finden, den Gegenstand meiner Forschungen von heute? Pique, dieser Name, und jener kleine Mann, und die Nacht mit den wüsten Träumen, wo er die vier Könige verfluchte, sie sollten wandeln aus der Erde! Damals, bei ruhiger Ueberlegung, hatte ich die ganze Geschichte belächelt, sie niedergeschrieben und mich gezwungen, dieselbe, ungeachtet ich Alles so deutlich gesehen und gehört hatte, ihrer Unmöglichkeit halber für Traum zu halten, und hatte sie allmählig vergessen. Aber nun, da ich in der Person des alten Mannes, den ich zu deutlich erkannte, den Kreis jener Zaubergestalten wieder tangirte, erstanden sie zu lebendig in meiner Brust. Ich wußte wieder jedes Wort, das die todten Soldaten gesprochen, mir kam der ganze Eindruck jenes Augenblicks wieder, wo der unglückliche Spieler Alles verlor und den Fluch über die Karten aussprach. Aber konnte dieser Fluch gewirkt haben? Hatte eine böse, unergründliche Macht dem Alten die Kraft eines Zauberers gegeben, daß er lebende Wesen erschaffen konnte? Tausende von Zweifeln, Vermuthungen und Hoffnungen zogen um mein Gehirn ein Gewebe von dunkeln und glänzenden Farben, das mich sehr ängstigte: ich mußte es durchbrechen. Rasch klopft' ich an die Thür der Bude. Nachdem ich lange vergeblich gewartet hatte, hörte ich endlich die Riegel klirren, und der alte Mann streckte seinen Kopf heraus. »Was wünschen Sie?« sprach er, »meine Vorstellungen sind für heute beendigt; doch stehe ich morgen um sechs Uhr wieder zu Diensten.« Es war dieselbe heisere Stimme; er mußte es seyn. »Lassen Sie mich einen Augenblick eintreten,« bat ich ihn, »ich bin einer Ihrer Bekannten.« Ueber seine Züge flog ein eigenes Lächeln. »Sie, einer meiner Bekannten!« sagte er leise: »Das muß ein Irrthum seyn. Die können mich selten besuchen und nie so früh; zuweilen zwischen Zwölf und Eins in der Nacht; sind auch nicht so jung und sauber anzusehen, wie Sie mein Herr.« Er wollte die Thür schließen. »So sieh mich genau an, alter Soldat,« entgegnete ich halb lachend. »Denke an Köln, denke an die vier Könige.« Er trat einen Schritt zurück und sein Gesicht nahm einen ängstlichen, aber unheimlichen Ausdruck an, so daß ich trotz der nun ganz geöffneten Thür nicht einzutreten wagte. »Wer bist du denn, daß du auch bei Tage umgehst. Was hat dir dein Grab verschlossen?« »Ich habe Gottlob noch keins besessen,« sagte ich, »erinnere dich des Menschen an jenem Morgen, der dir seinen Mantel umwarf, als du vor Frost zitternd allein zurückgeblieben warst?«. »So, du bist's?« sprach der Alte freundlicher. »Das ist etwas Anderes. Du hast mir Gutes gethan, darum tritt ein.« Ich ließ mich nun nicht nöthigen, und er verschloß hinter uns die Thür sorgfältig. Im Anfang wollte mich ein kleiner Schauer beschleichen, als ich mit dem Alten in dem halbdunkeln Hause ganz allein stand, so schien es wenigstens, denn man hörte kein Geräusch, als das unserer Bewegungen, oder das Picken eines Holzwurms in den Bretterwänden. Dazu kam noch der Anblick allerlei seltsamer Mobilien, die umher standen, unter Andern ein Sarg, der ihm wohl zum Bette diente. Jetzt setzte er sich darauf, und ich nahm ihm gegenüber in einem alten Stuhle Platz. Eine Zeitlang saßen wir stumm einander gegenüber; ein Jeder hing seinen Betrachtungen nach. Seit jener Nacht waren einige Jahre vergangen; ich hatte den Militärdienst und die alte Stadt Köln längst verlassen, und wie ich nun diesen Alten wieder sah, fiel mir, wie schon gesagt, jene Nacht ein, und mit ihr all die wilden, vergnügten Nächte, die ich bald allein, bald mit gleichgesinnten Freunden auf den stillen Straßen genossen hatte, in denen ich mit dem Geisterreich Bekanntschaft anknüpfen wollte. Aber jene Zeit lag weit hinter mir. Ich wandelte in einer Sandwüste, lebte so ruhig bürgerlich, Schritt für Schritt dahin; da stieß ich plötzlich auf diesen Alten, meinem fast verschmachteten Geiste eine frische Oase. Mein Gegenüber seufzte tief auf. »Ich wandle noch immer,« sprach er, »einsam, allein unter den fühlenden, fröhlichen Geschöpfen, den Menschen, und werde wohl noch lange wandeln müssen.« »Darf ich Sie,« sagte ich, »auf die Vorfälle jener unglücklichen Nacht zurückführen? Mich hat doch nun einmal das Schicksal in Ihre Begebnisse eingeweiht. Darum bitte ich, lassen Sie mich erfahren, wie es Ihnen später ergangen ist, wie Ihr jetziges Leben mit jenen Vorfällen zusammenhängt, und was aus den vier Königen geworden? Mein Glaube schwankt hin und her, in wie fern Ihr ausgesprochener Fluch auf die leblosen Blätter gewirkt hat.« »Es erleichtert meine gepreßte Brust,« antwortete das Gespenst, »wenn ich nach Jahren einem Wesen, das mich versteht, mein Herz ausschütten kann.« Darauf erzählte er mir Folgendes: »Nachdem ich die Ruhe meines Grabes verspielt hatte, sprach ich in der Verzweiflung, die sich meiner bemächtigte, den schrecklichen Fluch über jene vier Könige aus. Es ward Morgen, der erste, den ich nach ungefähr hundert Jahren wieder erlebte. Ich stand unter den Menschen, sah ihr Getreibe, das mir gänzlich fremd geworden war und mich unheimlich umtoste. Ich schritt durch die Stadt, fand kaum die Straßen und Gäßchen wieder, welche mir früher so bekannt waren, sah freie Plätze, wo sonst stattliche Gebäude standen, und neue Häuser auf Stellen, wo zu meiner Zeit Gras gewachsen war. Ich ging auch dahin, wo vordem meine Hütte gestanden; sie war nicht mehr. Mein wildes, sinnloses Leben hatte der Boden nicht tragen können, er war eingesunken, und wo ich früher gewohnt, stand jetzt ein grüner trüber Wasserpfuhl. Ich bin über mein Grab hinweggegangen, über mein stilles enges Grab; ich hätte den Boden aufgewühlt, aber es war kein ruhiger Friedhof mehr wie ehedem. Lustige Menschen liefen hier auf und ab und muntere Spiele wurden auf dem Platz gehalten, der doch eigentlich uns gehörte. Ich aber ward erstaunt betrachtet und verspottet. Darum verließ ich die Stadt und wandelte den Rhein hinauf, bis es Abend wurde. Da legte ich mich nieder unter einer einsamen Weide: zu meinen Füßen floß der gewaltige Strom; es war derselbe, an welchem ich als Kind gespielt, er hatte sich nicht geändert, war nicht alt geworden. Mein Kopf ruhte auf einem Stein, ich schlief nicht, doch versank ich in einen Zustand, den man waches Träumen nennt. Da schwebten rechts und links Gestalten auf mich zu, die ich zu gut kannte – die vier Könige, und der Eine fing an zu sprechen: »Dein Fluch hat uns gebannt: wir werden wandeln und des Menschenlebens Jammer genießen, doch zu deiner Strafe werden wir fünf verschiedene Wesen bilden und doch eins seyn. Jeder von uns belebt sich aus dir, indem er dir eine süße Erinnerung oder eine Tugend nimmt, welche du besessen und deren Andenken bisher noch einiges Licht in das schwarze schaurige Labyrinth deines Lebens brachte. Wir werden umher schweben, bis unsere Zeit kommt, doch auch du. Fortan wirst du deine Verzweiflung vergebens dadurch zu lindern suchen, daß du dich erinnerst, du seyst einst gut gewesen, und schöne frohe Stunden deines verflossenen Lebens heraufrufst; du hast keine mehr, in deiner Brust bleibt nur das Andenken der Sünden, die du begangen.« Ich fuhr empor, und o Jammer! es ward plötzlich in meinem Herzen so, wie sie gesagt, Nacht, nur Nacht! Sie hatten mein Herz geplündert, und mit sich geführt das Gold, was noch darin lag, was in jeder, auch der schlechtesten Brust ruht, die süßen Erinnerungsstrahlen, welche das Böse dämpfen und den Menschen vor der gräßlichsten Verzweiflung und dem Selbstmorde bewahren! Und in mir ward es nun öde und leer, und ich kann mir nicht einmal das Leben nehmen. Was sie mir geraubt, waren freilich nur Andenken an eine glückliche Jugendzeit gewesen; aber aus diesem frischen Brunnen schöpfte ich ja stündlich, wenn mich der Staub meines spätern schwarz versengten Lebensweges ersticken wollte. Der Eine der Viere hatte meine frohen Träume mitgenommen, bunte Gestalten, die mich umschwebten, wenn ich mich in das hohe Gras legte, und mir durch Zuflüsterungen einer frohen Zukunft Hoffnungen, wenn auch falsche, vorspiegelten, über die ich meine traurige Gegenwart vergaß. Ein Anderer hatte mir die Ruhe der Ermattung genommen, welche uns befällt, wenn man stundenlang gegen finstere Gedanken gekämpft hat; ein phlegmatisches Hinsinken, worin uns, weil wir nicht mehr denken und fühlen, jene unerquickliche Ruhe dennoch angenehm ist. Ein Dritter entwand mir das Vergnügen, das jedes Geschöpf empfindet beim Anblick der großen herrlichen Natur. Mich freute nicht mehr der Glanz der Sonne, nicht das sanfte Licht des Mondes, nicht das frische Grün der Bäume und die schönen Blumen, nichts mehr, nichts mehr! die ganze Schöpfung schien mir grau bezogen und ekelte mich an. Der Vierte endlich leerte mein Herz ganz aus und nahm mir die letzte süße Erinnerung, ein kleines Bild, welches ich zuweilen ansah, das mir Trost und Beruhigung, sogar Hoffnung gab; das Andenken an eine Jugendliebe, an ein reines Geschöpf, welches dort oben ist, und für mich am Thron des Höchsten beten sollte. So fühlte ich, als die Gestalten verschwunden waren und ich wieder empor sprang, mich namenlos elend. Ich irrte ohne Ruhe umher, habe mich in das Leben des ersten dieser Könige geworfen, hab' es vergiftet, indem ich hoffte, meine frohen Träume wieder zu erhalten, umsonst! ich bekam sie nicht. Dem zweiten folgte ich; ich sah sein armseliges Daseyn verlöschen; aber er gab mir meine Ruhe nicht wieder. Da stand ich schaudernd still, und begann zu ahnen, daß Alles für mich auf ewig verloren sey. So hatte mein Fluch gewirkt, auf mich gewirkt; aus meinem Blut hatte ich die edelsten Theile in die Welt gejagt, mir blieb der faulende Grund, ich war wieder als Mensch mit menschlichen Bedürfnissen in den ganzen Jammer des Lebens getreten. Sterben kann ich nicht und muß so betteln, um mir mein Daseyn zu erhalten. Nur die Karten, das unglückselige Spiel liebe ich noch immer.« Er schwieg still und schaute lange nachdenkend vor sich hin. Dann erzählte er mir auf meine Bitte die Geschichte der beiden Könige, wie ich sie im zweiten und dritten Capitel wieder gegeben habe. Doch befriedigte mich das noch Alles nicht. »Und von den beiden Andern haben Sie nichts mehr gehört? Sie wissen nicht, ob sie noch wandeln, oder wo sie geendet?« fragte ich. »Nein, nein!« entgegnete er hastig. »Ich weiß nichts Genaueres von ihnen, als daß sie noch in der Welt herumschweben.« Bei diesen Worten sah er mich forschend an. »Aber ich weiß, wo der Eine ist,« sprach ich mit erhöheter Stimme; »und auch Sie wissen es. Er ist hier, hier in dieser Bude.« Ich war nämlich überzeugt, daß meine Erscheinung von heute Nachmittag mit dem sonderbaren Benehmen und dem Namen Pique, mit seinen Erzählungen von der Bude und dem alten Manne, nur hier zu finden sey. »Warum mir das verheimlichen?« fuhr ich fort. »Ich weiß es: der Pique-König ist hier bei Ihnen. Wo ist er? Sie halten ihn gefangen.« Der Alte war aufgesprungen und sah mich entsetzt an. »Woher wissen Sie das?« schrie er laut, und setzte mit gedämpfter Stimme hinzu: »Und doch wissen Sie nichts. Er ist nicht da.« – »Und doch ist er hier,« sprach ich ganz gelassen und erzählte ihm von dem jungen Manne, den ich heute gesehen, von seiner Freude über die Natur, seinen Ausrufungen und seinem Namen, den er genannt, sagte ihm, daß ich gleich eine Ahnung gehabt habe, diese Erscheinung müsse mit jener Nacht in Verbindung stehen, daß ich hauptsächlich deßhalb hieher gekommen sey, um mir über diese unerklärliche Sache, in die ich seltsamer Weise verwickelt worden, eine genügende Auferklärung zu verschaffen. Er hörte mich ruhig an, setzte sich wieder auf seinen Sarg, und sprach dann mit leiser Stimme: »Sie hat das Schicksal in einen Kreis geworfen, von dem gewöhnlich die Menschen wegtreten und ihn scheu umgehen. Doch weichen sie zurück, fürchten Sie die unsichtbaren Fäden zu berühren, denen Sie vielleicht nicht zu Ihrem Glücke nahe gekommen sind. Vergessen Sie das Geschehene und meine Mittheilungen, verbannen Sie es aus Ihrem Kopfe, damit es sich dort nicht festsetze, und denken Sie, es seyen verworrene Träume gewesen, die Ihnen etwas von den vier Königen erzählten. Glauben Sie mir, die Gewißheit, Sachen erlebt, gesehen zu haben, denen Ihr Verstand und die natürliche Ordnung der Dinge geradezu widerspricht, könnte Ihnen auf die Länge der Zeit sehr traurig werden.« »Und doch,« entgegnete ich ihm, »ist es gerade das Umhüllen des Geheimnißvollen, was uns lüstern macht, immer tiefer hineinzudringen, und unsern Verstand zu tausend Vermuthungen abmartert. Darum bitt' ich nochmals, geben Sie mir einen Zusammenhang, eine einfache Kette an die Hand, durch die ich die heutige Erscheinung des jungen Mannes an jenen Pique-König reihen kann, und ich will Ihnen danken. Rufen Sie ihn, daß sein Mund zu mir spricht.« Es flog wieder ein düsterer Schatten über die Züge des Alten. »Und wenn ich ihn auch hervorrufen könnte und wollte, so würde er doch nicht sprechen,« sagte er. »Verlangen Sie nicht, ihn zu sehen. Es würde Ihnen sicher kein Licht in das Dunkel bringen, was wohlweislich für Sie um mich und jenen liegt, und was sich Ihnen in diesem Leben nie aufklären wird. Glauben Sie, was Sie gesehen, meinetwegen, aber lassen Sie Ihre Forschungen, die Gräber sind stumm. Was ich Ihnen aus Dankbarkeit für Ihre Wohlthat damals zur Befriedigung Ihrer Neugierde über das Wesentliche jener vier Könige sagen konnte, habe ich gethan. Ich bin getheilt und wandle in fünf Gestalten, das ist meine Strafe. Darum denken Sie bei jedem unnöthigen Worte, das Sie aussprechen, an eine unsichtbar waltende Macht, welche es zu Ihrem Schaden zu wenden sucht.« Er öffnete die Thür und sah in die Nacht hinaus. »Es ist Mitternacht; darum verlassen Sie mich. Zu meiner Vorstellung morgen bitte ich um die Ehre Ihres Besuchs.« Wie ich ihm antworten und ihn nochmals befragen wollte um den jungen Mann, der mich so sehr interessirte, stand ich vor der Bude und hörte von Innen die Riegel vorschieben. Am andern Tage lenkte ich in einer Gesellschaft von Freunden das Gespräch auf die kleine Bude am Ende des Marktplatzes und fragte, ob keiner dort einer Vorstellung beigewohnt? Ein Einziger, der unter uns dafür bekannt war, daß er stets alle Merkwürdigkeiten der Messe untersuchte, war dort gewesen und erzählte, der alte Mann, welcher sie hielt, mache eine Menge oft gesehener und ganz gewöhnlicher Kartenkunststücke, doch rathe er jedem, einmal hinzugehen, indem die letzte Pièce, welche er producire, für all' das andere Mittelmäßige reichlich entschädige. Er bringe nämlich am Ende jeder Vorstellung ein kleines Figürchen, einen Kartenkönig, auf die Bühne, welcher – es sey beinahe unglaublich – an ihn gemachte Fragen selbst beantworte; auch wandle er herum, öffne die Augen, bewege Hände und Füße, kurz das Figürchen sey ganz merkwürdig und sehenswerth. Einige meiner Bekannten lachten. Ein Kartenkönig, welcher spräche!– »Nun, da muß der Alte ein sehr guter Bauchredner seyn,« meinte Einer. »Und er öffnet die Augen und geht herum?« sagte ein Zweiter. »Also ein schönes Automat! das müssen wir sehen.« »In der That,« fuhr der Erzähler fort, »weiß ich nicht, was ich von dem kleinen Kerl halten soll. Der alte Mann reicht ihn in einem Kästchen von Mahagoniholz herum, und dann kann ihm jeder eine Frage vorlegen, die er beantwortet. Das hab' ich auch gethan, und ich muß gestehen, als er nachläßig seine kleinen Aeuglein und den Mund öffnete, und mit einem ganz eigenen Stimmchen sprach, da, weiß Gott! ich wußte nicht, wie mir geschah. Das ganze Publikum war aber auch entzückt und zugleich bestürzt, besonders die Damen, welche den Kleinen nicht aus den Händen lassen wollten. Ein Automat kann's nicht seyn, ein menschliches Wesen ist es auch nicht; denn das Figürchen ist nicht größer, als gewöhnlich das Bild auf einer Karte.« »Nun, was soll es denn seyn?« riefen die Andern lachend und neugierig. – »Hexerei!« entgegnete jener ziemlich ernsthaft. »Mir wenigstens, der Alles im Leben sehr nüchtern und ruhig betrachtet und bei etwas Sonderbarem und Unerklärlichem, wenn's möglich ist, gleich hinter den Coulissen nachforscht, mir hat gestern Abend der Verstand im eigentlichen Sinne des Worts still gestanden, und mehren Andern erging es auch so.« »Aber,« rief einer von uns, »warum kann es denn kein Automat seyn?« – »Weil das Geschöpfchen lebt,« entgegnete jener. »Es reißt seinen Mund nicht auf, wie gewöhnlich diese Puppen – ruck' sondern öffnet ihn fein und zierlich, so daß man ihm im Gesichte die Muskeln spielen sieht.« – »Das ist ernsthaft,« sagt ein junger Arzt, »und wir müssen auf jeden Fall heut Abend hingehen.« – »Ja wohl, ja wohl!« riefen Alle, und wir verabredeten, in welchem Hause wir uns vor 6 Uhr, wo die Vorstellung begann, treffen wollten. Meine Gedanken kann jeder leicht errathen. Ich war den ganzen Tag in einer seltsamen Spannung. Nachmittags legte ich mich in mein Fenster und sah in den Garten; da saß das junge Mädchen, die hübsche Luise, auf derselben Stelle, wo sie gestern jener räthselhafte junge Mensch überrascht hatte. Mehrmals glaubte ich zu bemerken, daß sie erwartungsvoll nach dem Gartenthor sah, aber es kam Niemand. Sie erhob sich nach Verlauf einer Stunde und ging sichtlich mißstimmt dem Hause zu. Am Abend traf ich meine Freunde an dem bezeichneten Ort, und nachdem noch viel über den Kartenkönig gewitzelt und gelacht war, gingen wir, da es Zeit wurde, nach der kleinen Bude. Schon war dieselbe ziemlich besetzt, besonders die ersten Sitze, aus denen das Automat circulirte, hatte ein Kranz von eleganten Damen eingenommen, welche die Neugierde, den unbegreiflichen König zu sehen und ihn zu befragen, hieher geführt hatte. Wir bekamen hinter ihnen noch einige Plätze, und ich hatte das Glück, gerade hinter meiner niedlichen Garten-Bekanntschaft zu sitzen. Das war mir, wie sich jeder denken kann, in doppelter Hinsicht äußerst angenehm. Mein alter Bekannter, angethan mit dem rothen Rock und den gelben Beinkleidern, erschien endlich auf der etwas erhöhten Bühne, war aber nicht im Stande, durch die gewöhnlichen Kunststücke, welche er zeigte, einige Aufmerksamkeit zu erregen. Er schien das auch bald zu fühlen, kürzte bedeutend ab, wie mir mein Freund sagte, und trat mit einer steifen Verbeugung zurück; durch das Auditorium lief ein Gemurmel: »Nun kommt der kleine König!« dann trat eine allgemeine Stille ein. Der Alte erschien wieder, und trug in seiner Hand ein kleines Gebäude, ähnlich einem Schloß mit vielen Spitzthürmchen, doch da es keine Fenster hatte, konnte man es auch für ein Grabmal halten. Mir kam es wenigstens so vor; aber die meisten hielten es für die hübsche, lustige Residenz des Wunderkönigs. Der Alte setzte es auf die Mitte der Bühne und sprach mit seiner heisern Stimme in ungemein schlecht gesetzten Worten von der außerordentlichen Erscheinung, welche wir jetzt genießen würden; alsdann öffnete er ein kleines Thörchen, und sagte mit einem tiefen Bückling: »Gnädigster König, erscheinen Sie gefälligst, diese sehr anständige Versammlung zu begrüßen,« und heraustrat – ja, bei Gott! er war es! jener hübsche junge Mann, den ich in dem Garten gesehen, aber en miniature ! Auch meine Nachbarin, die, wie schon gesagt, vor mir saß, mußte ähnliche Gedanken haben, denn sie zuckte fast unmerklich zusammen und unterdrückte mit Mühe einen leisen Schrei. Leicht und gewandt ging das kleine Figürchen die Treppe seines Palastes herunter, in derselben Kleidung, wie gestern, aber heute mit Krone, Reichsapfel und Scepter, ein lebendiger Kartenkönig. Er trat vor und nickte leicht mit dem Kopfe, und ein allgemeines freudiges Händeklatschen empfing ihn. Meine Freunde sahen bestürzt, und ich möchte sagen halb erschrocken, auf den kleinen, ungefähr vier Zoll hohen Menschen, der da oben auf und ab spazierte. Der Arzt sagte mir ganz leise: »Du, ich muß dir gestehen, daß mir die Sache hier ganz unheimlich vorkommt. Es ist kein Automat, das Wesen lebt, und kann doch den Gesetzen der Natur gemäß nicht leben. Was denkst du?« – »»Ich denke mancherlei,«« antwortete ich ihm, »»was ich dir jedoch hier nicht mittheilen kann. Nachher geh' mit mir, dann wollen wir unsere Gedanken austauschen.«« – »Auch der Alte,« fuhr der Arzt fort, »ist mir eine sonderbare Erscheinung. Sieh' das stiere Auge und die halb traurige, halb lächelnde Miene, womit er dem Kleinen nachsieht, das ganze regungslose Gesicht; er kommt mir beinahe wie ein Automat vor, oder wie ein Wesen, das nur halbes Leben hat, zu wenig, um den ganzen Körper auszufüllen, zu viel, um zu sterben. Er schleppt seine Beine über den Boden nach und bewegt die Arme wie ein Gängelmann.« »Und sieht aus, wie eine große Kirche bei Nacht, in welcher statt der tausend Kerzen, welche sie erhellen, nur die ewige Lampe brennt,« meinte ein junger Dichter, der neben dem Arzte saß. »Meine Herren und Damen,« sagte jetzt der Alte im Marktschreiertone, »Seine Majestät der König wird die Ehre haben, dem verehrungswürdigen Publikum einige an ihn gerichtete Fragen zu beantworten.« Das Geschöpfchen nickte und stieg in ein kleines Kästchen, das der Alte hingestellt hatte, und hierauf dem Nächstsitzenden mit der Bitte gab, es auf dem ersten Platze circuliren zu lassen. Nun war der große Augenblick gekommen, auf den sich Alles, besonders die Damen gefreut hatten. Da wurde gefragt, und was Alles gefragt, doch war ich zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt, um etwas davon zu hören oder zu behalten. Auch meine Nachbarin schien nicht sehr auf ihre Umgebung zu achten, sondern sah vor sich hin, als ob sie die ganze Sache nicht interessire. Bei den Personen, an welchen der kleine König schon vorübergezogen, ward gelacht und gespottet, sich gewundert und das Ganze hie und da für pure Hexerei erklärt. Jetzt kam auch die Reihe an die hübsche Louise, die das Kästchen mit sichtbarem Zittern der Hände ihrer Nachbarin abnahm. Ich beugte mich hinüber, um zu sehen, was der Kleine jetzt für Mienen mache, und zu hören, was sie ihn fragte. Nun hatte ich sein feines Gesichtchen ganz in der Nähe und sah deutlich, daß ein freudiges Lächeln um seine Züge spielte, so wie er in die Hand der jungen Dame gelangte. Sie beugte sich auf ihn nieder und fragte ganz leise, so daß ich es kaum verstehen konnte: »Wer war der junge Mann, der gestern in meinem Garten war und mit mir sprach?« Der König antwortete: »Ach, das war ich ja selber; ich hatte einen schönen Traum!« Krampfhaft schnell gab sie das Kästchen weiter, und beachtete nicht den bittenden Blick des Kleinen, welcher zu sagen schien: »O behalte mich, laß mich nicht von dir ziehen.« Sie sah vor sich hin und drückte ihr Sacktuch vor's Gesicht. Wohl bemerkte ich, daß mich der Alte mit besonderer Aufmerksamkeit ansah, besonders in dem Augenblick, wo ich das Kästchen mit dem König in die Hand nahm, denn er beugte sich ängstlich vorüber und schien auf meine Frage zu lauschen. Mich beschlich ein eigenes Gefühl, als ich nun denselben Menschen, welchen ich gestern in meiner Größe gesehen, heute in meiner Hand hielt, nur ein paar Zoll hoch. Ich sah rechts und links in die Bude und dachte darüber nach, ob mich nicht wieder ein neckischer Traum befangen hielt; doch hörte ich meine Freunde deutlich plaudern und lachen, sah unter der Damenwelt viele Bekannte; ich fühlte, ich dachte nach, Alles um mich war so wahr, so reell, und nur in meiner Hand hielt ich ein dunkles Traumbild. »Wer bist du?« frug ich endlich den Kleinen. »»Ich bin der Pique-König, wie du siehst,«« antwortete er. »Warst du nicht gestern,« forschte ich weiter, »in einem Garten?« »»Ja, du warst.«« – »Aber größer, so groß wie ich, und hast da mit einem Mädchen gesprochen, denke an die Bäume, an die schönen Blumen.« Der König seufzte tief auf. »»Ach ja!«« entgegnete er, »»ich war aus der Bude gesprungen, und wie ich die frische Lebensluft einathmete, den Duft der Bäume, da wuchs ich und ward groß. Aber«« – doch weiter kam ich nicht. – »Mein Herr,« schrie mir der Alte mit ängstlicher Stimme zu, »Sie fragen zu viel; ich darf nur eine einzige zulassen; sonst läuft das Uhrwerk in dem Automaten zu früh ab, und ich kann es doch während der Circulation nicht auf's Neue aufdrehen.« – – Schon hatte ihn der Arzt mir aus der Hand genommen; der frug ihn nichts, sondern legte ihm den Finger auf die linke Seite, fühlte ihm an den Puls und schüttelte heftig den Kopf, indem er ihn weiter gab. »Mich soll der Teufel holen!« sprach er dann leise zu mir, »das Wesen lebt.« – »»Ja wohl,«« entgegnete ich ihm bekümmert und sehr mißstimmt, »»komm nachher nur mit mir, ich will dir Manches erzählen.«« Unterdessen war der Piquekönig wieder auf die Bühne gelangt, der Alte rückte einen Tisch in die Mitte, aus den er noch einen andern, sehr kleinen und oben hinauf den König stellte. Dann nahm er ein Spiel Karten in die Hand, trat zwischen die Reihe der Sitzenden und sprach: »Aus diesem vollständigen Kartenspiel von zweiundfünfzig Blättern bitte ich eins zu ziehen, dasselbe in diese Pistole zu laden, und damit auf Seine Majestät den König zu feuern.« Einer meiner Bekannten zog eine Karte; ich glaube, es war Eckstein Sieben, lud sie in das Gewehr und drückte ab. Ein allgemeiner Schrei der Damen, etwas Pulverdampf, der sich langsam verzog, – da stand der Kleine auf seinem Tischchen und sagte mit lächelnder Miene: »Eckstein Sieben.« Das war recht artig und wirklich wunderbar. Auch krönte ein solch allgemeiner Beifall diese Pièce, daß der Alte sie wiederholen mußte. Von Neuem gab er das Kartenspiel aus seinen Händen und mein Freund, welcher uns hergeführt hatte, nahm es, um eine Karte zu wählen. Er sagte mir leise: »Ich habe früher und auch heute das Kartenspiel rasch durchlaufen und gefunden, daß in derselben das Pique-Aß fehlt. Deßwegen habe ich hier von derselben Form wie diese Blätter eins mitgebracht und will jetzt gleich sehen, ob dieser Manco unwillkürlich oder absichtlich ist. Und im letzten Fall muß es einen Zweck haben, den wir vielleicht auf diese Art ergründen.« Ich erschrack heftig und mir schwebte, ich weiß nicht welch unheimliche Ahnung vor. »Um Gotteswillen,« sagte ich ihm, »thu das nicht!« Doch war es zu spät. Ohne Aufsehen zu erregen, konnte ich seinen tollen Entschluß nicht mehr ändern. Schon war die Pistole mit Pique-Aß geladen. Der kleine hübsche König stand ruhig und erwartend da. – Der Schuß knallte; doch wie sich der Pulverdampf an die Decke hob und die Aussicht frei gab, sprang Alles unruhig und entsetzt von den Sitzen aus. Auf seinem Tischchen war der Kleine in die Kniee gesunken, Leichenblässe bedeckte sein vorhin so blühendes Gesicht und er sprach mit schwacher Stimme: »Es war Pique-Aß!« Er seufzte tief und sank dann nieder. Mit einem gellenden Schrei stürzte der Alte über ihn, und der Arzt und ich waren mit einem Sprung auf der Bühne. Doch wo war das Figürchen, das Automat? In seiner Hand hielt uns der Alte ein halb verbranntes, zusammengewickeltes Pique-Aß entgegen, nebst einer anderen vergilbten Karte, Pique-König, welche in der Mitte halb von einander gerissen war. Es ward mir unheimlich, wie er mich mit dem Gespensterauge starr ansah und leise sprach: »Er ist todt und ich muß wandeln!« Ich ergriff den Arzt beim Arm und zog ihn aus dem Gewühl in der Bude. Auf dem Heimweg erzählte ich ihm, was ich von dem Alten wußte; aber kaum hatte ich geredet, so rief ihn ein Bedienter, welcher hinter uns herlief, fast athemlos bei Namen und bat ihn, gleich zu seinem Herrn, dem Vater Luisens, zu kommen, die, in Folge der Schüsse oder des sonderbaren Vorfalls heut Abend in der kleinen Bude am Markt, einen schlimmen Zufall bekommen hätte. 4. Die Lurley. Wenn man den Rhein befährt, so kommt man zwischen Coblenz und Mainz zuweilen an Stellen, wo man glaubt, hier ende der Lauf des Stromes, oder irgend ein neckischer Zauber habe den Steuermann geblendet und das Schiff durch eine Seitenstraße in einen stillen, rings von Felsen eingeschlossenen See geführt, wo es festgebannt manch Jahrhundert liegen müsse. Wenige Fuß vor dem Kiel heben sich gewaltige Steinmassen, zwischen denen kein Fisch einen Ausgang fände, und während man dennoch mit großer Tollkühnheit auf diese Riesenmauern losstürmt, schließt sich allmählig die Straße, zu der man hereingefahren; man ist gefangen, von allen Seiten mit steilen Bergen umgeben, in einer großen steinernen Falle. Doch hat diese momentane Gefangenschaft nichts Unheimliches, abgesehen davon, daß man weiß, die Berge sind nur wie Coulissen vor einander geschoben und lassen genugsam Platz zum Entkommen; man fühlt sich nicht beengt, man ist gerührt von der Theilnahme der Berge, die sich die Hände reichen und lachend um den gefangenen Menschen einen Reihentanz bilden, ihn eine kurze Zeit in ihrer Mitte zu halten. Sie geben auf freundliches Anrufen mit tiefer, wohlklingender Stimme Antwort, und die grünlichen Wellen, welche die triefenden Steinzacken umspielen, rufen mit leiser Stimme: »Da bleiben! da bleiben!« Der schönste, aber auch zugleich gefährlichste dieser Punkte ist unterhalb Bingen, wo der dunkelgrüne, steil emporstrebende Lurleyfelsen die eine Seite eines solchen stillen Sees bildet. Hier scheinen von einer Seite des Rheins zur andern unsichtbare Ketten zu hangen, welche Mann und Schiff zurückzuhalten streben. Hier arbeitet selbst die Maschine des Dampfbootes mit ängstlicher Anstrengung, um nur recht bald aus diesem zauberischen Bergkessel zu kommen. Hier springen die Wellen zutraulich an's Schiff und erzählen laut und öffentlich von den wunderschönen Tänzen, welche die Elfen im Mondschein aufführen, von der Schönheit der Königin Lilio und ihren Jungfrauen, wie sie die Menschen lieben, besonders die Jünglinge mit blonden Haaren und blauen Augen. O es sind gefährliche Wesen, diese Wellen! Man möchte so gern, durch ihr Flüstern verführt, aus dem Boot in das Wasser springen und an die dunkeln Felsen schwimmen, in die Arme einer schönen Nymphe, die auf dem grünen Rasen ruht, den Kopf mit geschlossenen Augen zurückgebogen, und ihren rothen Mund küssen, der schelmisch lachend die weißen Perlenzähne zeigt. Hier schlägt zuweilen ein seltsamer, wundervoller Gesang an das Ohr manches Reisenden, und lärmte der Dampf noch so stark, und bemühte man sich noch so sehr, die Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu richten, vergebens! in's Innerste des Herzens dringen die Klänge, welche man vernimmt und von denen man nicht weiß, woher sie kommen. Wehe besonders dem, der traurig ist, dem vielleicht eine unglückliche Liebe die Brust zerreißt. Hier hört er verwandte Töne anschlagen, dort in dem Felsen kennt man sein Leid und will ihn trösten. Tief ist der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen. So singt es, und das thut die Lurley, die hoch auf dem Felsen sitzt und ihr schönes goldenes Haar kämmt. Darum fasse den Mast, wer diesen Gesang hört und versteht, daß er ihn nicht hinabziehe in die Fluthen des Rheins und verderbe! Nicht jeder, der den Strom befährt, sieht die Lurley und hört ihr Klagen. Ich habe viele reisende Kaufleute gesprochen, welche mehr wie hundertmal diesen Weg gemacht hatten, und die ganze Sache für eine Fabel erklärten. Aber sie ist doch wahr. Auf ihrem Felsen sitzt die Jungfrau und singt, daß das Menschenherz, welches sie hört, in die Höhe sieht und plötzlich von inniger Liebe zur Sängerin befangen, sie zu erreichen strebt. Steil ragen die Felsen empor und bieten fast unüberwindliche Hindernisse. Hinan, liebendes Herz! je größer die Mühe, je schöner der Lohn. Der Jüngling, welcher für die Lurley entbrannt, klettert an der Felsenwand empor und je mehr er sich abmühen muß, um so heftiger lodert seine Glut, stets lockender wird der Gesang, stets süßer, Liebe fordernd und versprechend. Er erreicht den Gipfel – – und die Lurley verschwindet mit einem schallenden Hohngelächter. Dann verläßt den Unglücklichen der sichere Tritt, er stürzt den Felsen herab, zerschmettert, todt. Und doch liebt dies entsetzliche Weib, aber sie ist eine Kokette. – Es ist noch nicht lange her, da trieb sich in dieser Gegend ein junger Mann herum, von dem Niemand wußte, woher er gekommen, noch was ihn hier fessele. Er hatte sich bei einem Fischer eingemiethet, wohnte aber mehr in den Felsen am Rhein und auf dem Strome selbst, als in seiner Stube. Selten sprach er mit Jemand und nur zuweilen mit seinem alten Hauswirth, neben den er sich am Abend dann und wann setzte, wenn derselbe seine Fischernetze flickte. Der hatte ihn nun einst gefragt, was er denn eigentlich in der Welt treibe, und der junge Mensch gab ihm zur Antwort: er suche ein Herz. Das kam dem Alten närrisch vor, und er meinte, um ein Herz zu finden, brauche man nicht lange zu suchen, und in der Absicht thäte er besser, in eine große Stadt zu gehen. Da gäbe es deren von jeder Façon und Caliber, hier in der Einsamkeit würde er vielleicht nicht sobald eins finden; worauf ihm jener entgegnete: diese Stelle des Rheins habe ihn besonders angezogen, und es ahne ihm, er würde hier seinen Zweck erreichen. Doch sey das nicht zu seinem Glücke, denn wenn er ein Herz gefunden, das heiß liebend an seiner Brust schlüge, wäre er verloren. Der alte Fischer glaubte aber, es sey seinem Miethsmann nicht richtig unter der Stirne und verließ ihn kopfschüttelnd. Dergleichen Unterredungen hielten die Beiden zuweilen; der Fischer saß auf einem alten Baumstamm, der Andere lag schaukelnd im Boot auf dem Rücken und sah in den vergoldeten abendlichen Himmel. So saßen sie auch eines Abends, da frug der Fischer: »Nun, noch kein Herz gefunden?« – »»Nein, nein,«« antwortete der junge Mann mit einem tiefen Seufzer. »Wenn ich Ihnen rathen soll,« entgegnete der Fischer gutmüthig, »lassen Sie das Suchen darnach seyn. Was man sucht, findet man gewöhnlich nicht. Denken Sie einmal nicht mehr an das Herz, und ich bin überzeugt, sie werden es bald antreffen. Und wie müßte denn das Mädchen zu dem Herzen ungefähr aussehen? denn darauf wird's doch hauptsächlich ankommen.« – »»Ach, das weiß ich nicht,«« sprach jener, »»so lange ich denken kann, ziehe ich herum, mit öder leerer Brust und suche. Steh' ich einen Augenblick still, so zieht sich dunkel und drückend die Luft um mich zusammen, läßt mich nicht rasten und beängstigt mich, bis über meinem Haupte ein Blitz glüht und mit langem, zackigem Strahle weit hinfährt, mir den Weg zeigend, da sey, was ich suche, und ich stürze ihm nach, und finde doch nichts. Ich liebe allgewaltig und weiß nicht, was ich liebe. Oft möchte ich Berg und Strom, Feld, Wald und alle Menschen an meine Brust drücken. Aber sie sind wohl recht freundlich und schön anzusehen, haben aber doch kein Herz für mich. An die Brust der großen herrlichen Erde habe ich mich geworfen; doch ihr Busen ist kalt, und ihr Herz schlägt nicht liebend gegen meines.«« »Sie suchen,« meinte der Fischer, »und wenn Sie gefunden, sind Sie verloren? Wie verstehe ich das?« »»Das Finden ist mein Ziel, und das Ziel ist das Ende jeder Laufbahn,«« entgegnete jener. »»Ich sehne mich aber nach dem Ende. Es ist mir fremd und unheimlich in der Welt, in dem hellen Sonnenlichte, welches Alles so einfach und trocken beweist, die Brust ausdörrt und mit dem brennenden Durst erfüllt, den euch Menschen ein Mund voll kühler Erde am Ende eurer Laufbahn stillt. Das ist euch schrecklich, ihr wehrt euch dagegen und ertragt lieber die Pein des Durstes, als daß ihr jene moderige Sättigung herbeiwünscht. – Ich aber suche ein Herz, und wenn ich das gefunden, kühlt sich mein Leben ab und erlöscht in einem langen, langen Kusse.«« Darauf wußte ihm nun der Fischer nichts zu antworten, indem er ihn nicht verstand, und er mochte auch wohl sicher glauben, es sey seinem Gaste nicht hell im Geiste. Genug, er stieß schweigend die Asche in seiner kurzen Pfeife zusammen und summte ein altes Lied vor sich hin. Plötzlich hielt er inne und blickte nach dem Gipfel des gegenüber liegenden Lurleyfelsen. »Hört ihr nichts!« rief er dem jungen Manne zu. »Horcht' sie singt!« »»Wer singt!«« rief dieser, und saß wie fest gebannt, von den zauberisch schönen Tönen, welche gleich goldenen Strahlen durch das Felsthal zitterten und tief in die Brust drangen. »»Wo ist sie, die da singt?«« »Das ist die Lurley,« sprach der alte Fischer und schlug ein Kreuz. »Meine Augen sind zu schwach, sie zu erkennen, doch schauen Sie scharf nach dem Gipfel jenes Felsens, sehen Sie denn nichts?« Hastig entgegnete der Jüngling, welcher aufgesprungen war: »Auf der höchsten Kuppe des Berges, einem Felszacken, der fast über dem Rheine hängt, seh' ich eine weiße Gestalt; sie hat das Gesicht von uns abgewendet und schaut den Strom hinab. Ein seegrüner Schleier umhüllt die ganze Figur und weht um ihre Füße. Ihr reiches blondes Haar flattert im Winde, ein herrlich gewachsenes Weib! o sie muß schön seyn, diese Lurley! – Ob sie wohl ein Herz hat, Fischer?« Der schaute entsetzt empor und antwortete: »Nein, nein, die hat kein Herz. Stopfen Sie Ihre Ohren zu und kommen Sie hinweg, sehen Sie ihr nicht in's Gesicht und fliehen Sie, eh' sie den Kopf herumwendet. Ja freilich, sollte die Sie in dies Thal gezogen haben und Sie wollten die kalte Nixe an ihr Herz drücken, so sind Sie gewiß verloren.« Vorübergebeugt stand der junge Mann, und die Strahlen der Abendsonne, welche sich durch einen Felsspalt stahlen, beleuchteten ein freudig verklärtes Gesicht. Er hielt seine Hände empor gestreckt und sagte in gebrochenen Sätzen zum Alten, der ihn bei der Hand ergriffen hatte: »Laßt mich, o laßt mich! seht dies reine fromme Gesicht! Sie hat ein Herz, sie muß eins haben! Und sollte ich dort von dem Felsen herabstürzen, nachdem ich sie an meine Brust gedrückt, ich muß hin zu ihr – führt mich hinüber!« Der Fischer trat einen Schritt zurück. »Plagt euch der Teufel rief er, ihr wollt den Felsen hinauf zu der Zauberin, der verdammten Hexe! Seht einmal die Höhe an. Ob ein Theil eures hübschen Körpers wohl zusammenhält, wenn ihr da kopfüber herunter kommt? Ich bitte euch, geht mit.« Tief ist der Rhein, Doch tiefer die Pein In meinem Herzen. sang die Fee auf ihrem Felsen in lang gehaltenen, schmerzlichen Tönen, so daß das Laub aufzitterte und die Wellen des Stromes ihr Beifall plätscherten. »Hört Ihr!« rief der junge Mann, »sie hat ein Herz und fühlt in ihrem Herzen, sie ist traurig. Schifft mich über, Fischer, ich muß hinauf. Es ist das Herz, welches ich lange gesucht, ich fühle es durch diese Töne, welche meine Brust erwärmen und mit unendlicher Glut erfüllen. Schifft mich über, oder ich springe in den Fluß und versuche an's andere Ufer zu schwimmen.« – »Gott im Himmel!« sprach der Fischer, »soll denn die Hexe wieder ein Opfer haben! Laßt doch ab, junger Herr, bleibt hier. – So haltet doch in Teufel's Namen! ich will Euch fahren!« Er riß jenen am Arm zurück, der sich eben anschickte, in den Rhein zu stürzen. Unter stetem Fluchen, aber behende, machte der Fischer das Boot los, warf Ruder und Stange hinein, und die Beiden stießen in den Strom. »Wenn ihr denn nun einmal in euer Verderben rennen wollt, so hört wenigstens von mir altem Mann einige Rathschläge, die euch vielleicht nützen können. Klettert vorsichtig die Felsen hinauf und bereitet euch, oben angekommen, darauf vor, von der Fee mit lautem Lachen und abwehrender Geberde empfangen zu werden, nicht mit liebenden Worten, wie ihr jetziger Lockgesang; verliert dann in der Bestürzung über solchen Willkomm nicht das Gleichgewicht, sondern tretet auf sie zu und sprecht sie im Namen Gottes an, dann sollt ihr auch gleich die Teufelin erkennen.« Jetzt fuhr das Boot in das Schilf am jenseitigen Ufer, das sonderbar an den Wänden hinaufflüsterte. Der junge Mann sprang heraus und wollte in die Felsen, aber der Fischer hielt ihn noch einen Augenblick zurück. »So denkt daran, was ich euch oben gesagt. Wollt Ihr? Ich will indeß zu Haus für euch beten.« – »»Ja, ja, ich werde so thun,«« entgegnete jener und eilte davon. »»Warte nicht auf mich!«« rief er noch von Weitem zurück. »»Ich rufe Holüber ! wenn ich wieder herunter komme.«« – »Darauf werd' ich lange warten,« seufzte der Fischer wehmüthig und arbeitete sich wieder an's andere Ufer; doch oft hielt er mit Rudern inne, und sah an dem immer dunkler werdenden Lurley-Felsen empor. Er hörte die Wasserjungfrau singen, doch der Jüngling war zwischen dem Gesträuch und den Zacken verschwunden. Mehre Stunden lag der Fischer auf seinem Lager an dem kleinen Häuschen und konnte nicht schlafen. Stets hatte er sein Ohr nach einem Fenster gerichtet, welches auf den Rhein ging, und immer fürchtete er, einen schweren Fall in's Wasser zu hören. Jedes Rauschen des Windes jagte ihn geschreckt empor. Da glaubte er plötzlich am jenseitigen Ufer ein lautes Rufen zu vernehmen. Rasch sprang er auf und trat vor die Thür der Hütte, und wirklich: »Holüber!« erscholl es klar und deutlich durch die stille Nacht. Das Echo in den Felsen sprach es vernehmlich nach. Dem Fischer rollte ein Stein vom Herzen, als er die Stimme seines jungen Gastes erkannte. Er eilte in's Boot und ruderte mit aller Kraft hinüber. Eh' er jedoch, an's Land sprang und den jungen Mann einnahm, reichte er ihm die Hand, und nachdem er gefühlt, dieselbe sey weich und warm wie früher, bewillkommte er ihn mit einem lauten: »Nun, gelobt sey Gott!« denn der Fischer war ein vorsichtiger Mann, und dachte, wer weiß: ob ihn die Fee nicht erwürgt hat, und mir einen Todten über den Hals schickt. In seiner Hütte angekommen, bestürmte er den jungen Mann mit tausend Fragen; ob er die Lurley gesehen, und wie es komme, daß sie ihm nichts zu leide gethan? Der erzählte: »Nachdem ich euch verlassen, kletterte ich die Felsen hinauf, welche entsetzlich steil und glatt sind. Oft war mir, als sey es keinem Menschen möglich, den Gipfel zu erreichen, und ich stand stille. Dann aber schien mir's wieder, als erfasse mich der Gesang der Jungfrau und hebe mich willenlos empor. So erreichte ich allmählig die Spitze des Felsens und mich eures Rathes erinnernd, drückte ich meinen rechten Fuß zwischen eine Spalte, klammerte die Hände an einem Dornstrauch fest und sah mich um. Da schlug ein gellendes Lachen an mein Ohr und schüttelte krampfhaft meinen Körper, so daß wenig fehlte, und ich wär' trotz meiner Stellung die Felsen hinabgestürzt; aber ich stand fest und sah der Fee, welche kaum zwei Schritte vor mir saß, ruhig in's Auge. O Fischer! sie ist schön, diese Lurley! Hättest du ihr Gesicht gesehen, weiß und fein wie Marmor! Ihr frischer, rother Mund und das Auge, das schöne blaue Auge! Wie sie mich entsetzt und erstaunt betrachtete, mich, der ich nun mit einem Sprunge an ihrer Seite war, hättest du da die majestätische Gestalt gesehen, so edel und voll, wie sie emporsprang und davon schwebte, eh' ich es hindern konnte, und nur eine Ahnung davon hatte! Ich wollte den grünen Schleier fassen, welcher lang hinter ihr drein flatterte, doch ich griff in die Luft und sie war verschwunden.« – »Das ist ein seltsames Abenteuer, sagte der Fischer, und ihr könnt Gott danken, daß ihr noch so glücklich zurückgekommen seyd. Aber ich hoffe, euch ist die Lust vergangen, nochmals da hinauf zu klettern. Glaubt mir, die Fee ist voller Ränke. Da Euch heute ihr Lachen nicht hinabgestürzt, wird sie schon zu eurem Verderben auf etwas Anderes sinnen, wenn ihr es noch einmal wagt, drum bleibt nur davon, sie hat doch kein Herz.« – »Sie hat ein Herz,« entgegnete der junge Mann, »sie muß ein liebendes Herz haben, und eh' sie mir entschwand, warf sie mir einen Blick zu, nicht zornig, aber ernst und unruhig. Sie soll mir Rede stehen, denn ich will die nächste Nacht wieder hinauf.« – »Nun,« sagte der Fischer, »Gott helfe euch! Ihr rennt in euer Verderben, legt euch wenigstens jetzt ein Paar Stunden hin; es ist noch früh in der Nacht.« – – Kaum war am andern Abend die Sonne hinter den Felsen am Rhein verschwunden und das Stromthal füllte sich mit blauem Nebel, den Vorboten der Nacht, da schlug der Fischer, welcher sich mit seinem Boot am jenseitigen Ufer befand, ein Kreuz auf seiner Brust und seufzte dabei tief. Denn die Lurley sang auf ihrem Felsen gar zu schön. Er hatte seinen jungen Freund hinübergefahren, der schon eine große Strecke empor geklettert war. Bald stand dieser still und athmete den Gesang der Fee ein, dann stieg er wieder rasch vorwärts. Aber ungefähr in der Mitte des Berges setzte er sich einen Augenblick auf einen großen Stein und schaute rückwärts in den grünen Rheinstrom. Ihm war die Brust so wonnig voll und doch beengt. Da unten fuhr der Fischer, sein alter Wirth, langsam nach Hause, und hinter ihm bildete das durchschnittene Wasser einen langen Silberstreif. Wie der junge Mann sich wieder erhob, grüßte er mit der Hand hinunter und sagte unwillkürlich leise: »Leb wohl, auf ewig!« darauf klimmte er wieder rüstig zu und erreichte bald den Gipfel. Hier saß Lurley, die schöne Wasserjungfrau, und flocht zu ihrem Gesang aus Wasserrosen und Schilfblumen einen Kranz; kein wildes Lachen scholl dem Jüngling entgegen, sondern sie sah ihn halb freundlich mit den großen blauen Augen an und hörte auf zu singen, als er sich mit glühendem Blicke neben sie setzte und ihren Schleier an die Lippen drückte. »Was störst du mich hier oben?« sagte die Fee nach einer langen Pause. »Was erklimmst du meinen Sitz und wagst dein Leben dabei?« – »Hast du mich nicht angezogen?« entgegnete schüchtern der Jüngling. »Hat dein Gesang nicht nach einem Herzen gerufen, das dich verstünde? Und wage ich auch mein Leben, was ist es mir, wenn ich damit deinen Anblick erkaufen kann?« – »Das ist eure Thorheit, ihr Menschen,« sprach die Jungfrau, »daß ihr Alles auf euch bezieht. Ich singe zu meiner Lust, ihr glaubt, es gelte euch, klettert empor, und wenn ich dann über euch lache, stürzt ihr hinab und seyd todt. Das soll dann Alles die arme Lurley gethan haben.« – »O sage nicht,« antwortete der Jüngling, »daß du ohne Absicht deine Lieder erschallen ließest, sage das nicht, es ist eine Leere in deiner Brust, welche dich dazu antreibt, und mein ödes Herz hat dich verstanden, es hat dich darum aufgesucht. Ich irre schon lange in der Welt herum und verlange nach dir, ohne dich zu kennen, und jetzt wo ich dich gefunden, lasse ich dich nimmer. Sieh mich nicht so kalt an. Lieber jenes entsetzliche Lachen von gestern, stürzt es mich auf die Felsen hinab, dann wäre ich vielleicht todt und ruhig!« – »Wer bist du denn?« fragte die Jungfrau mit sehr weicher Stimme und beugte sich zu ihm, daß ihre Goldhaare sein weiches berührten.« – »Erlaß mir die Antwort dieser Frage, sie könnte dich doch nicht befriedigen. Weiß ich denn, wer du bist. Mir bist du ein holdes, ja ich sage es laut, ein geliebtes Wesen. O kann ich dir das nicht auch seyn?« – »Vielleicht ja,« antwortete leise die Lurley, und drückte ihm ihren Schilfkranz auf die Locken. »Ich könnte dir gut seyn, wie nie Jemand, ich möchte mit dir kosen, aber ehe sage mir, was zog dich zur Wasserjungfrau? warum kommst du wieder zu mir herauf, nachdem ich dich gestern mit meinem lauten Lachen abgeschreckt? Warum wagtest du es, dich neben mich zu setzen. Fürchtetest du nicht die Lurley?« – »Nein, Jungfrau,« entgegnete der junge Mann, »schon geraume Zeit streife ich in der Welt umher, und eine Stimme in meiner Brust flüstert mir zu: ich solle ein Herz suchen, welches für mich schlüge, und nie hat die Stimme geschwiegen, bis ich gestern Abend deinen wundervollen Gesang hörte, und mir durch ein seliges Gefühl bei deinem Anblick kund ward, daß du es seyest, welche ich gesucht. O du hast auch ein Herz, nicht wahr, Lurley?« – »Ja,« lispelte die Wasserfee und ein eigener Glanz belebte ihr blaues Auge, »eines, welches heftig pocht und für dich, du seltsames Menschenkind. Ich weiß nicht, wie mir ist; aber ich liebe dich plötzlich mit der ganzen Kraft meiner Seele. Fühle, wie mein Herz schlägt.« Sie legte ihm ihren weißen Arm um den Hals, und wollte ihn an die wildathmende Brust ziehen. Mit glühender Zärtlichkeit in dem Blick starrte sie der Jüngling selig an, und entzog sich doch sanft ihrer Umarmung. »Höre mich, Lurley,« sprach er, »dein Blut flammt, deine Hand zittert, aus deinem ganzen Wesen weht ein sprühendes Feuer, in das ich mich entzückt hineinwerfe und da verbrenne. Mich, die Mücke, muß das strahlende Licht verzehren. Doch ehe ich in deinen Armen sterbe, sage mir Lebewohl, versprich mir, mich nicht zu vergessen, gedenke zuweilen meiner.« »Was sagst du da,« entgegnete die Jungfrau, und ihrem Auge entrollten ein paar Thränen, die aber nicht wie die der Menschen zu Boden fielen, sondern gleich von den Lüften gierig eingesogen wurden. »Fürchtest du mich? Glaubst du, ich sey ein treuloses Weib und erdrosselte dich in meinen Armen? Was haben wir armen Nixen euch gethan, daß ihr Menschen uns verläumdet, uns so bösartig und falsch darstellt?« »Ach nein, Lurley,« sagte er, »nicht dich fürchte ich, sondern mein Schicksal; die Stimme in meiner Brust, von der ich vorhin sprach, sagt mir bestimmt, sobald das Herz, welches ich gefunden, also deins, Geliebte, an meiner Brust schlüge, würde ich sterben; doch welch seliger Tod!« Er faßte sie um den schlanken Leib und preßte einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. »O du wirst leben,« flüsterte sanft die Fee, und schmiegte sich fester an ihn, »leben ein seliges Leben,« – »Nein, Mädchen, Geliebte,« entgegnete er sehr leise, »ich habe dein Herz gefunden; es schlägt laut und stürmisch gegen meine Brust; darum sterbe ich. O Lurley! wie ist deine Brust so weiß, so leichenbleich! Wie blutet dein Herz, welches ich sehe. Wo ist dein liebes Auge, dein süßer Mund? Ich sehe nichts als das rothe blendende Herz!« – Das war ein schrecklich schöner Augenblick. Die Wasserjungfrau sank in die blauen Glockenblumen, welche ihren Sitz umstanden. Ohnmacht umfing ihre zerrissenen Sinne; denn der Jüngling in ihren Armen war verschwunden. Wie sie schaudernd die Augen aufschlug, saß sie allein auf der Klippe des Felsens. Leicht strich der Wind durch das Stromthal und spielte mit ihrem Haar. Aber zu ihren Füßen lag ein sonderbares Blatt, welches sie ahnungsvoll empor riß und betrachtete. Ja, es schienen seine Züge zu seyn, wenn auch veraltet und entstellt, oben und unten stand ein rothes Herz, seins und das ihrige. »Ein Zauber waltet hier,« sprach schmerzvoll die Jungfrau; »ein böser Zauber, aber ich will ihn lösen. Bin ich nicht Lurley, eine Fürstin des Wasserreiches?« – Sie schwebte dahin, die schöne Fee mit gebrochenem Herzen. – Drei Tage waren seitdem vergangen und der alte Fischer hatte seinen Freund vergebens erwartet. Als er auch am vierten nicht erschien, setzte er an die Stelle, wo jener den Felsen erstiegen, ein einfaches Kreuz, an welchem er Abend's ein Vaterunser betete und jedem, der über den Rhein fuhr, erzählte er die Geschichte von dem Jüngling, welcher bei der Lurley ein Herz gesucht und nicht zurückgekommen war. – – –   Unter den vielen Sagen, welche am Ufer des Rheines im Munde des Volkes leben, ist eine, welche mir immer besonders gut gefallen hat. Es ist die von einem todten Menschen, der verdammt war, mit den Lebenden herumzuwandeln und nicht ruhen zu können. Das muß aber ein schreckliches Elend seyn. Was der Todte auch fühlte und auf alle mögliche Weise die unerträgliche Bürde des Lebens abzuschütteln versuchte; er ging unversehrt aus Flammen, stürzte von himmelhohen Felsen herunter und that sich kein Leid. Da sprang er eines Tages in den Rhein und ward auf der Erde nicht wieder gesehen. Er sank nämlich unter und fiel vor dem Krystallpalaste nieder, in welchem die Beherrscherin des Rheinstroms, die Königin Lilio, residirt. Diese saß gerade unter ihren Jungfrauen und freute sich bei Spiel und Gesang. Weil nun die Königin ein so unschuldvolles freundliches Aussehen hatte, faßte sich der todte Mensch ein Herz, umschlang ihre Füße, indem er seine traurige Geschichte erzählte. Lilio ward gerührt und berieth sich mit ihrem Geheimerath, einem Doctor vom Laacher See, der sehr gelehrt war, wie dem Unglücklichen zu helfen sey, wie man ihm Ruhe geben könne, ohne der höheren Bestimmung, die ihn zum Umherwandern verdammt, entgegen zu wirken. Der Doctor, so viel er auch studirt hatte, wußte hier nicht zu helfen, bis die Königin, welche ein Frauenzimmer war, etwas erdachte, wodurch sie sogar das Schicksal überlistete. Der Duft der Wasserrose senkte den Armen in einen tiefen erquickenden Schlaf. Er lag so weich auf kühlem Moose in einem Gewölbe von grünem Crystall und die Königin sprach zum Doctor von Laach: Doctor, steigen Sie auf die Erde und suchen Sie da irgend einen Schriftsteller, dem es augenblicklich an Stoff zu einem Phantasiestücke mangelt und der doch gern etwas schreiben möchte. Flüstern Sie ihm, wenn er schläft oder träumt, die Geschichte des todten Menschen in's Ohr und treiben ihn beständig an, dieselbe niederzuschreiben. Sie verstehen mich. Alsdann wandert jener, wenn auch nur auf Druckpapier, über die Erde und kann doch hierunten ruhig schlafen.« Die Königin hatte ein so schönes mitleidiges Herz. Aber der Doctor von Laach tauchte aus dem Rheine und legte sich an mein Ohr, und flüsterte mir, was ich hier mitgetheilt, Tag und Nacht zu. Wollt' ich an etwas Anderem arbeiten, mein Wille half nichts. Ich war von einem Wassergeiste besessen und mußte schreiben, was er befahl. Deßwegen wasche ich über die etwaigen Fehler in meiner Geschichte vom todten Menschen und den vier Königen meine Hände in Unschuld und schiebe Alles auf den Geheimen Rath der Königin Lilio. In der vergangenen Nacht, nachdem ich noch spät die letzten Seiten geschrieben, erschien er mir wieder und bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. »Aber Theuerster,« sprach ich im Schlaf, »was ist denn aus den vier Königen geworden?« Er antwortete lächelnd: »Ihre Majestät, unsere lustige Königin, hat sie in ihren Hofstaat aufgenommen. Sie verlangen nicht zurück auf die Erde, der Herr von Eckstein hat dem Prinzen Pips den Spaß in der Kneipe zum stillen Vergnügen vergeben und trinkt entweder mit ihm und den Fürsten von der Mosel und dem Grafen von Walportheim in einer Laube von Krystall und Lotusblumen, oder sie gehen zusammen auf die Jagd.« – »Und was macht Treff-König?« fragte ich. »Der kost mit seiner Tänzerin, die nach ihrem Tode eine blaue Libelle ward, und auf den Flächen des Rheins umher schwebte; jetzt ist sie Hofdame bei ihrer Majestät.« »Und Pique-König?« »Der steigt jeden Abend auf die Erde und wandelt in einem Garten, welcher nahe an ihre Wohnung stößt, und plaudert hier mit einer weißen Lilie. Sie war, ehe sie starb, ein hübsches Mädchen und liebte ihn. Ist sie als Blume verblüht, so folgt sie dem König nach unserem schönen Reiche.« »Aber Herz-König?« »Der ruht in dem Arm der schönen Lurley. Sie küßt ihn und singt: Der Rhein ist tief und weit Doch großer die Seligkeit In meinem Herzen. Bilder aus dem Soldatenleben im Frieden. 1. Die Einkleidung. Wenn ein jugendliches Gemüth natürlichen Muth besitzt, eine etwas lebhafte Phantasie und einigen Leichtsinn, und viele edle Bücher gelesen hat, als da sind Spieß und Kramer und andere, so kann es unmöglich glauben, daß jenes großartige, geharnischte Zeitalter mit dem blanken Rüstzeug, mit den wallenden Federbüschen und den schönen Damen auf lichtbraunen Rossen so gänzlich vom Erdboden verschwunden seyn solle. Hat einen das Schicksal, wie mich, hinter den Ladentisch in ein kleines Städtchen geworfen, wo es kein Militär gibt, so kann es ihm gar leicht ergehen wie mir. Der Soldatenstand war für mich derjenige, in welchem die alte Ritterzeit fortlebte, in dem noch der kriegerische Geist, das frische, lebendige Leben der Herren und reisigen Knechte des Mittelalters zu finden war. Nur das Thal, in dem unsere Stadt lag, schien mir entgeistert und öde; hinter den Bergen, die es begrenzten, da mußte es anders seyn. Unfehlbar gab es dort noch dichte Wälder, wo böse Drachen auf den vorüberziehenden Wanderer lauerten, und stille Seen, an denen weißgekleidete Jungfrauen, die Hände ringend, auf Erlösung aus den Klauen des furchtbaren Riesen harren, welcher sie an langer goldener Kette gefesselt hält. Einmal in meinem Leben hatte ich zwei Offiziere gesehen. In diesen beiden Personen concentrirten sich nun alle meine Begriffe von der jetzigen Ritterschaft. Ich war Augenzeuge, wie einer derselben mit wallendem Federbusch, klirrendem Säbel, mächtigen Sporen und gewaltiger Reitpeitsche, eine junge Dame mit der graziösesten Handbewegung und den kühnen Worten: »Verlassen Sie sich ganz auf mich,« durch eine Schaar klaffender Hunde führte. Diesen setzte meine Einbildungskraft an die Ufer jenes Sees; ich sah, wie der Riese vor seinem gewaltigen Schnurrbarte und wüthenden Blick die Flucht nahm, und er die Dame befreite mit den Worten! »Vertrauen Sie mir Ihre Ehre und verlassen Sie sich ganz auf mich.« Nun hatte meine Phantasie unglücklicherweise einen Anhaltspunkt. Ja, sie lebte noch fort, jene edle Zeit, noch gab es einen Stand, dessen Bestimmung es war, die Unschuld zu schützen, das Recht zu vertheidigen und mit flammendem Schwerte drein zu schlagen. In meinem kaufmännischen Herzen keimten verderbliche Saaten. Warum gab mir das Schicksal das farbige Band der Elle statt der schwarzen Zügel eines muthigen Rosses in die Faust! warum mußte ich anstatt Riesen mit der Länge des Schwertes, Band und Zeug mit jenem unpoetischen Werkzeuge messen! Zur Speisung solcher gefährlichen Gedanken las ich alle Ritterromane und Kriegsgeschichten, die mir in die Hände fielen. Rellstabs 1812 hat viel an mir verschuldet. Ich erfuhr, daß es außer Fußvolk und Reiterei auch Artillerie gebe. »Kanonen!« das Wort schlug kühn an mein Ohr; ich sah sie dahinfliegen, mit muthigen Pferden bespannt, ich belagerte ein Schloß und sandte meiner Geliebten, welche dort in einem Thurm gefangen war, einen rosenfarbenen Liebesbrief vermittelst einer Bombe, in welche ich ihn vorsichtig gesteckt hatte. Ich sang beständig: Burgen mit hohen, Dräuenden Zinnen, und als eines Tages Straßenjungen an unserm Laden ein Fenster eingeworfen hatten, entgegnete ich meinem Prinzipal auf seine Frage in der größten Zerstreuung: » Den Schuß that die große Feldschlange hinten am Saum des Waldes.« – Ich fing allen Ernstes an, Plane zu machen, wie ich mich dem verhaßten Stand nach beendigter Lehrzeit entziehen und frei, d. h. königlicher Kriegsknecht werden möchte. Dazu kam noch, daß eines Tags eine Abtheilung Artillerie durch unsere Stadt zog, und dies brachte mich vollends von Sinnen. Die muthig schmetternde Musik, das fröhliche Aussehen der Reiter, welche das Geschütz wie eine geheiligte Person umgaben, das dumpfe Dröhnen desselben auf dem Pflaster, alles das regte mich unbeschreiblich ans. Einer der Unteroffiziere erkannte unser Ladenmädchen, das vor der Thüre stand; es war seine Cousine. Er warf sein Pferd aus der Reihe und sprengte kühn und stolz an uns heran, um dem Mädchen die Hand zu drücken; sie wechselten einige Worte und er jagte wieder vor sein Geschütz, daß das Pflaster Funken sprühte. Das Mädchen war den ganzen Tag stolz gehoben, und wir standen dabei »in unsers Nichts durchbohrendem Gefühle.« Einige Meilen von meinem Wohnort war die nächste Garnisonsstadt, wo mir ein alter Vetter, ein Obristlieutenant außer Dienst lebte, mit welchem ich beschloß, Rücksprache zu nehmen. Ich bat um Urlaub und reiste eines Sonntag Morgens dahin ab. Mein Verwandter nahm mich sehr freundlich auf, ein kleines Männchen mit einem scharf markirten Gesicht, welchem die hoch empor gezogenen Augenbraunen etwas sehr Gebietendes gaben. In der Schlacht bei Pirmasens kommandirte er ein Infanterieregiment, und da versperrte ihm eine neidische Kartätschenkugel den Weg zum fernern Avancement. Er trug meistens einen grünen Ueberrock, graue Beinkleider mit breiten rothen Streifen, um den Hals den russischen St. Annenorden erster Classe und in der Hand eine große silberne Tabaksdose, auf welcher sein Familienwappen gravirt war. Es war ein gemüthlicher alter Herr, besonders wenn er in seinem Zimmer saß und von seinen Feldzügen erzählte. Um ihn lagen auf allen Tischen und Stühlen kriegswissenschaftliche Werke und Schlachtplane: an den Wänden hing eine Masse Säbel und Pistolen, auf welche er bei seinen Erzählungen beständig hinwieß; den Säbel hatte er bei jenem Scharmützel, diese Pistole anderswo hauptsächlich in Thätigkeit gesetzt; in der Ecke stand das Modell einer kleinen Schanze, mit Kanonen garnirt, in deren Original er sich ein paar Tage tapfer gehalten; auch zeigte er gern jene Kartätschenkugel, die er in einem Maroquinkästchen verwahrte. Ihm eröffnete ich nun meinen Wunsch, die kaufmännische Laufbahn zu verlassen und den edeln Stand eines Vaterlandsvertheidigers zu ergreifen. Obgleich ihm dieser Entschluß sehr gefiel, denn in seinen Augen galt nur der Soldat etwas, setzte er mir doch wohlmeinend die Schwierigkeiten auseinander, im jetzigen Zeitpunkte zu avanciren. Aber was vermögen Vernunftgründe über ein jugendliches Herz, welches einen Vorsatz mit heißer Liebe empfangen und mit glühender Phantasie ausgebildet hat! Ich beschwor den Vetter, mir die Einwilligung meines Vormunds und die nöthigen Papiere zu verschaffen. Der alte Herr versprach mir endlich, das Seinige zu thun, und ich kehrte in meinen Laden zurück. Eine Woche später empfing ich von meinem Vormund einen nichts weniger als freundschaftlichen Brief, worin er mir mit kurzen, aber kräftigen Worten auseinander setzte, ich sey ein Taugenichts, ihm sey es einerlei, ich möge immerhin zum Kalbsfell schwören. Zugleich übersandte er mir die nöthigen Papiere, um in der Artillerie auf Avancement zu dienen, als: seine schriftliche Einwilligung, eine Erklärung, wie viel ich monatlich zusetzen könne, meinen Taufschein und ein Attestat, daß ich in meinem frühern Leben mit der wohllöblichen Polizei nie in Conflikt gerathen. Diese Dokumentensammlung vervollständigte ich durch ein Zeugniß des Kreisarztes, welches mich körperlich gesund und zum Kriegsdienste tüchtig erklärte, und mit einem Schein vom Gymnasium, daß ich Secunda absolvirt habe. Darauf packte ich meine Habseligkeiten zusammen, nahm von dem Prinzipal und meinen Kollegen Abschied, welch letztere mir neidisch nachsahen, und drückte dem Ladenmädchen die Hand, indem ich ihr die inhaltsschweren Worte zuflüsterte: »es wird eine Zeit kommen, wo – –« Dann fuhr ich nach D., der Garnisonsstadt, wo mein Vetter wohnte, unter dessen Aegide ich zum Tempel des Ruhms aufzufliegen gedachte. Ich war sechzehn Jahre alt. Meine Aufnahme hing vom Ermessen des Brigadeobrists ab. Dieser lag nicht hier in Garnison, sondern besuchte D. nur von Zeit zu Zeit, um die hier stationirte Artillerie zu inspiciren, und zu diesem Zwecke wurde er glücklicherweise Morgen erwartet. Ueber den Obrist v. T. erzählte man sich eine Masse von Anekdoten. Er hatte von der Pike auf gedient, war in den letzten Kriegen avancirt und ein tüchtiger Soldat, aber seine Grobheit kannte keine Gränzen. Sein bloßer Anblick jagte den untergeordneten Offizieren und Gemeinen Schrecken ein, und wenn es hieß, der Obrist v. T. ist in der Stadt, so sah man am Benehmen und Anzug der Militärs gewiß nicht das geringste Dienstwidrige. Er war sehr groß, breit geschultert, und besaß eine ungeheure Körperkraft; so hatte er einst, als vier Kanoniere auf einer schlammigen Wiese ihr Geschütz zum Aufprotzen nicht rasch genug herumdrehten, dieselben weggeschleudert und es, mit Einer Hand den Protzring fassend, allein emporgehoben und herumgewendet. Sein rothes Gesicht sah beständig zornig drein, obgleich er es so böse nicht meinte; er war im Ganzen sehr gutmüthig, quälte die Soldaten nicht aus Laune, sondern forderte nur die größte Ordnung, genaues Richten und die möglichste Schnelligkeit in den Bewegungen. Der größte Theil der Soldaten sah das Vernünftige dieser Forderungen ein und liebte ihn, trotz der Unmasse von Donnerwettern, die seinem Munde entströmten. Während des Manövrirens diktirte er für den kleinsten Fehler dem drei, jenem acht und vierzehn Tage Arrest, und auch auf sechs Wochen kam es ihm im Zorn nicht an. War jedoch nach dem Exercitium zum Appell geblasen und sein Adjutant las ihm die Liste der Strafen vor, die er am Morgen diktirt, so stieg er mit einem gewaltigen Fluche vom Pferde, lief unter den Kanonieren herum, die ermüdet um ihre Geschütze lagerten, und wenn keine zu groben Fehler vorgefallen waren, schrie er mit seiner Donnerstimme! »Na, ik will euch Millionen Hunden noch eenmal eene vollkommene Amnestie angedeihen lassen.« Nun wären aber auch alle Kanoniere für ihn durch's Feuer gelaufen; sie drängten sich in solchen Augenblicken um ihn herum und hörten vergnügt die Strafpredigt an, die er ihnen hielt, während er frühstückte. Behufs letztern Geschäfts ritt ihm gewöhnlich ein Bedienter nach, der eine Flasche Rum, Geflügel, oder sonst kaltes Fleisch in einer großen Jagdtasche trug. Eines Morgens forderte der Obrist von seinem Burschen das Frühstück; dieser reichte ihm die Flasche, war aber so unglücklich, ein gebratenes Feldhuhn, nachdem er es aus dem Papier gewickelt, in den Sand fallen zu lassen. Darüber gerieth der Mann in eine unbeschreibliche Wuth, ein Strom von Donnerwettern ward von einem Schlag auf des Burschen Tschako begleitet, welcher ihm denselben bis über die Ohren herabdrückte; dann endigte er seine lange Tirade mit den Worten: »Nun det Fleisch voll Sand is, kannst du's selbst fressen.« Nach einigen Minuten, während welcher der Soldat in Folge der gewaltigen Ohrfeige regungslos dagestanden, wagte er es, seinen Tschako langsam empor zu rücken. Der Obrist stand eine Strecke von ihm, trank aus seiner Flasche und aß ein Stück Brod dazu, warf aber dabei dem Burschen von Zeit zu Zeit verstohlen einen Blick zu. Dieser, aufgemuntert durch die Stichelreden seiner Kameraden, welche um ihn standen, hob das Hühnchen auf, blies den Sand weg und wollte eben damit zum Munde, als es ihm der Obrist mit den Worten aus der Hand riß: »Wenn et wirklich im genießbaren Zustande is, so kann ich et selbst zu mir nehmen.« Zur Entschädigung des Burschen aber beorderte er eine Marketenderin, demselben ein Frühstück zu reichen. – Die feinen und geschniegelten Offiziere nannten dergleichen Scenen, wenn sie unter sich waren, gemein und unpassend. Die meisten waren überhaupt gegen den Obrist sehr eingenommen; dies kam aber vorzüglich daher, daß er den Soldaten vor den Plackereien der jungen Herrn schützte, welche, meistens in aristokratischen Sphären aufgewachsen, den gemeinen Mann wie eine Sache behandelten. Morgen also sollte ich diesem Manne vorgestellt werden, und in der bangen Erwartung schloß ich die Nacht fast kein Auge. Kaum ließen sich die ersten Strahlen der Sonne blicken, so stand ich auf und spazierte einige Stunden umher, den Kopf voll großer, herrlicher Plane für die Zukunft. Um neun Uhr holte ich meinen alten Obristlieutenant ab, welcher mit dem Obrist bekannt war und mich demselben vorstellen wollte. Wir trafen im Vorsaal des Gasthofs zwei junge Leute, welche sich ebenfalls dem Kriegsdienste widmen wollten; der eine war eine große dürre Gestalt mit unangenehmer Fistelstimme, der andere eine kurze, gedrungene Figur. Letzterer ward durch einen Adjutanten zuerst in das Zimmer des Obristen gerufen und kam bald mit freudestrahlendem Gesicht zurück; man hatte ihn angenommen und einer sechspfündigen Batterie zugetheilt. Nun kam der Lange an die Reihe, und dieser trat nach kurzer Frist als zwölfpfündiger Kanonier aus dem Kabinette: Mir schlug gewaltig das Herz, als nun der Adjutant meinen Namen rief. Der Obrist saß auf einer Tischecke und rauchte gewaltig; er trug die Uniform, auf dem Kopfe einen Federhut, und neben sich hatte er eine große Masse Papiere liegen, worauf er das linke Bein legte. Er war bei guter Laune, lachte, als ich hereintrat, und sagte zu meinem Vetter und dem Abtheilungschef, die neben ihm standen: »Wenn det so fort geht, meine Herrn, so kann ich bald meine ganze Brigade aus lauter so Windbeuteln completiren.« – Ich hatte mich bestmöglichst herausgeputzt; im Frack, mit hoher Halsbinde und noch höherem Kragen ging ich mit zierlichen Schritten auf ihn zu. Nachdem er mich einige Minuten von oben bis unten betrachtet, sagte er: »Sie sind mir freilich gut empfohlen, haben auch ihre Papiere in bester Ordnung beigebracht, aber ich muß Ihnen doch gestehen, daß Sie zur Artillerie, besonders zur reitenden, verdammt schwach sind, auch haben Sie noch nicht das erforderliche Alter. Sechzehn Jahre!« Ich entgegnete ihm freimüthig; »Herr Obrist, dies sind zwei Fehler, welche sich mit jedem Tage bessern. Ich habe Lust und guten Willen, und die werden, hoff' ich, meinen Mangel an Körperkraft in der ersten Zeit ersetzen.« Er lachte und erwiederte: »Ja, aber ich fürchte nur, wenn ich Sie nicht mit Stricken an das Geschütz festbinden lasse, wird sie der Wind umpusten.« Darauf nahm er nochmals meine Papiere vor und blätterte darin, während ich ihn bat, gefälligst einmal den Versuch zu machen. »Nun,« sagte er endlich, »wir wollen es denn zusammen probiren. Merken Sie sich aber vor Allem drei Dinge, welche ich in meiner Brigade will gehandhabt wissen: dat is erstens Ordnung, zweetens Ordnung und drittens Ordnung; nur dies kann den Dienst aufrecht erhalten und begreift alles andere in sich. Gehen Sie mit Gott in die Artilleriekaserne zum Wachtmeister Löffel und sagen ihm, sein Obrist mache ihm ein Kompliment und schicke ihm eine Kleinigkeit. Adieu, Herr reitender Artillerist.« – Berauscht von meinem Glück, machte ich eine Verbeugung und wandte mich nach der Thür, aber der Obrist rief mir nach: »Wenn ich später die Ehre habe, Sie wieder zu sehen, möchte ich gern die hohe Halsbinde und die Vatermörder vermissen.« Ich ging in die Kaserne und stellte mich dem Wachtmeister vor. Er besah meine geringe Figur mit nicht sehr zufriedenem Blicke, murmelte etwas von zu vielen Freiwilligen, schwerem Dienst, zu schwachem Körperbau, dann rief er einem jungen Manne, welcher am Tische saß und schrieb: »Bombardier, bringen Sie den jungen Mann zum Quartiermeister, er soll ihm die Montirungsstücke anpassen.« Der Bombardier ging mit mir durch einen langen Korridor; endlich betraten wir Nr. 66, ein großes Gemach, einen geheiligten Raum, deßwegen auch, als der erste seines Geschlechts, kurzweg »die Kammer« genannt, wie das erste Buch der Welt auch nur Bibel heißt. – An diesem Orte werden sämmtliche besseren Waffen und Kleider verwahrt. Hier hing nummerweise geordnet die ganze felddienstmäßige Ausrüstung, vom Hufnagel der Trainpferde bis zum neuen Borstwischer der Haubitze, vom Sprungriemen an der Hose bis zum warmen Tuchmantel. Bricht Krieg aus, so können sich alle Kanoniere und Pferde der alten Lumpen und Geschirre, welche sie im gewöhnlichen Leben tragen, entledigen, können nackt zur Kammer hineinmarschiren und wohlgerüstet wieder herausgehen. Mich ergriff eine heilige Scheu, ein erhebendes Gefühl, als ich in diesen Tempel trat; ich hätte die blanken Waffen und strahlenden Uniformen an mein volles Herz drücken mögen; da tauchte der Quartiermeister hinter einem großen Haufen von Mänteln hervor. Mein Bombardier sprach: »Herr Quartiermeister, das Dutzend (nämlich Freiwilliger) ist voll;« worauf der andere erwiderte: »Nun, so haben wir zu eilf Stockfischen einen Pickling.« – Vor der Einkleidung ward ich gemessen; man kennt das Instrument hiezu, wie es auf jedem Paßbureau steht. Ich stellte mich auf den Tritt, der Quartiermeister nahm den beweglichen Schuh und ließ ihn so unsanft auf mein Haupt fallen, daß ich mich erschrocken etwas zusammenkrümmte. Er lachte und erklärte mir sehr ruhig, er thue dies, um das richtige Maß zu bekommen, weil die jungen Herrn sich gewöhnlich länger streckten, als sie wirklich wären; praktisch, aber nicht angenehm, denn mir that der Kopf weh. Nun ward ich angezogen, aber Alles war mir zu groß und weit, und wie ich vollständig ausgerüstet dastand, sah ich aus wie die Kinder auf dem bekannten Kupferstich, welche mit den Waffen ihres Vaters Soldaten spielen. Außer Tschako, Uniform, Reithose, Säbel, Stiefeln mit Sporen, belud er mich noch mit Mantelsack, Pistolen, Putztasche, Mantel, und führte mich in diesem Aufzuge lachend zum Wachtmeister zurück, welcher sich nicht weniger an mir ergötzte. Ich ward sofort auf die Stube Nr. 6 [???] gebracht, welche ich mit einem Unteroffizier und zehn Kanonieren, bewohnen sollte, aber sogleich von da in die Schneiderstube geführt, wo mir meine Kleider angepaßt werden sollten. Als ich auf mein Zimmer zurückkehrte, fand ich meine neuen Kollegen, welche sich meiner sämmtlichen Waffen bemächtigt hatten, in voller Arbeit, dieselben zu putzen. Das ganze Rüstzeug sah aber auch abscheulich aus; man glaube ja nicht, daß einem Rekruten blanke Armaturstücke von der Kammer geliefert werden, zumal einem Freiwilligen; einem solchen wird das Rostigste und Unsauberste gegeben, was zu finden ist; er kann da gleich sein Meisterstück machen. Ich, der nicht wenig in Verlegenheit gewesen wäre, hätte ich zum erstenmal meine Waffen selbst putzen sollen, war höchlich erfreut, sie in so guten Händen zu finden. Ich bezeugte den Herren Kameraden meinen Dank für ihre Gefälligkeit und wollte mich über meine Sporen hermachen, welche noch roth an den schmutzigen Stiefeln saßen; doch der Kanonier mit dem größten Barte sagte zu mir: »Lassen Sie nur stehen, wir reinigen das in wenig Augenblicken. Doch,« setzte er mit sehr ernster Miene hinzu, »man hat Ihnen da verdammt schmutziges Zeug hingehängt, und ich fürchte, ohne Branntwein wird's schwerlich ganz blank; auch könnte etwas Butter nicht schaden, um später die Säbelklinge und die Pistolen einzuschmieren; doch wäre ein Stück Wurst eben so gut.« Ich erklärte mich bereit, für Schnapps, Butter und Wurst zu sorgen, und zog einen Thaler heraus. Sogleich schickte er damit einen fort und sagte freundlich: »Wenn Sie sich ein wenig in der Stadt umsehen wollen, so finden Sie bei Ihrer Zurückkunft die Sachen im besten Zustande.« Ich befolgte diesen angenehmen Rath, und als ich nach einigen Stunden zurückkam, fand ich meine Waffen blank und sauber auf dem Gerüste. Meine Kameraden saßen um den Tisch in lauter Fröhlichkeit, alle in einem Zustande, der deutlich verkündete, daß sie nicht allen Schnapps zum Putzen verbraucht. Vor dem Bette, das man mir angewiesen, hing, wie an den übrigen, ein zierliches Täfelchen, auf welchem mit großen Buchstaben zu lesen war: »H. Kanonier,« und dies entzückte mich. Eine gute Weile betrachtete ich es und sprach oft meinen Namen und nunmehrigen Titel »Kanonier« halblaut vor mich hin; ich fühlte, ich war etwas in der Welt geworden. Am folgenden Morgen sollte ich dem Kapitän vorgestellt werden. Ich kann seinen wahren Namen nicht hersetzen, und so mag er Feind heißen, denn er ist, weiß Gott, nie mein Freund gewesen. Die Freiwilligen konnte er überhaupt nicht leiden, denn es waren meistens junge lustige Leute, welche außer dem Dienst nicht gerade immer thaten, was recht war. So gingen wir selten in der groben Dienstuniform, sondern hatten eigene feine Kleider; wir trugen nicht immer die vorschriftsmäßige schwere Säbelgurte; eine zierliche von weißem Glanzleder dünkte uns zum Spazierengehen zweckmäßiger. Auch war es dem Kapitän Feind sehr fatal, wenn wir in dem Kaffeehause, wo er ein Glas Zuckerwasser trank, eine Flasche Wein ausstachen, was wir sehr häufig thaten, um ihn zu ärgern. Eine gute Stunde mußte ich in dem Zimmer des Wachtmeisters warten, eh der Hauptmann erschien. Der steife Halskragen des Kollets, der meinen Hals zum ersten Male, und sehr fest umschloß, trieb mir das Blut in den Kopf, und ein Spiegel, in welchen ich zufällig blickte, zeigte mir, daß ich ein sehr rothes Gesicht hatte. Dies schien dem Kapitän aufzufallen, welcher mittlerweile eingetreten; denn seine erste Frage war, nachdem er mich eine Zeitlang mit verschränkten Armen betrachtet: »Wir scheinen diesen Morgen bedeutend stark gefrühstückt zu haben.« Diese Phrase führte er beständig im Munde; er wollte damit sagen, er glaube, man habe stark Branntwein getrunken. Ich erwiderte der Wahrheit gemäß, ich habe noch gar nichts zu mir genommen; er warf mir einen bösen Blick zu und sagte: »Wir wissen das besser.« Ich verbeugte mich und schwieg, er fuhr fort: »Sechzehn Jahr alt?« – »Ja wohl, Herr Hauptmann.« – »Man sagt: zu befehlen, Herr Hauptmann.« – »Zu befehlen, Herr Hauptmann.« – »Sie scheinen mir sehr schwach zu seyn.« – »Zu befehlen, nein, Herr Hauptmann.« – »Ich weiß das besser.« Darauf wandte er sich zum Wachtmeister: »Der Unteroffizier Dose soll ihn zu seinem Beritt nehmen und exerciren.« So lautete die erste Unterredung mit meinem Chef, von der ich eben nicht sehr erbaut war. Ich hatte gehofft, er werde theilnehmend nach meinen früheren Verhältnissen fragen, mir seine Freude ausdrücken über meine Liebe zum Militärstande und dergleichen. Von alle dem nichts. Am sonnenhellen Horizont meiner Phantasie stiegen einige dunkle Wölkchen auf. Ach! wie bald sollte sich mein Himmel nächtig schwarz überziehen! 2. Das Exercitium. – Der Appell. Ich sollte den ersten Unterricht im Exerciren zu Fuß erhalten, wozu mich der Wachtmeister auf den Kasernenplatz führte und mich daselbst mit wenigen Worten meinem Lehrmeister, dem vom Kapitän zu diesem Dienst bezeichneten Unteroffizier Dose übergab. – Dieser Mann war der längste in der ganzen Batterie, ein neunzölliger. Mit dieser ungemeinen Körperlänge und einer Figur, welche oben so breit war wie unten, sah er in der Uniform von weitem einem bunten Uhrgehäuse nicht unähnlich. Sein Gesicht bewahrte beständig einen ernsten Ausdruck, und doch bemühte er sich stets, witzig zu seyn, sogar gegen seinen Kapitän und andere Offiziere, was ihm manchmal schlecht bekam; in seinen Freistunden machte er Gedichte. So war der Herr Unteroffizier Dose; dieses »Herr« setzte er seiner Charge und seinem Namen in Augenblicken vor, wo der Hauptmann nicht in der Nähe war; denn letzterer hatte ein für allemal streng erklärt, in seiner Batterie sey er der einzige und wahre Herr. Dies war aber mir sehr gleichgültig; für mich war Dose auch ein Herr, und aus schlagenden Gründen. Trat ich Morgens mit den Worten bei ihm an: » Herr Unteroffizier Dose, ich melde mich zum Exerciren,« so war er bedeutend herablassender, als wenn ich schlechtweg dem Unterofficier Dose die Meldung machte. So standen wir denn auf dem Exercirplatz, wo ich, wie sich mein Lehrmeister ausdrückte, zum Menschen sollte gemacht werden. Seinem Katechismus nach war ein gewöhnlicher Rekrut wenigstens zu drei Viertel Vieh; ich, als Freiwilliger, hatte das Glück, unter die Halbmenschen gezählt zu werden; er gestand mir sogar einige Lebensart zu, da ich von einem Bittern, den wir gemeinschaftlich tranken, nur ein Sechstel genoß und ihm das Uebrige ließ. Die Uebung begann und ich nahm mich zusammen. »Stillgestanden!« – Ich fuhr zusammen, wie vom Blitz gerührt, und stand wie ein Pfahl; das war getroffen. »Sehen Sie,« erläuterte Dose, »kommandire ich jetzt! rührt euch! so darf der Soldat den rechten Fuß vorsetzen und die Glieder bewegen, doch bei Leibe nicht sprechen; sage ich dann wieder: stillgestanden! so müssen Sie nicht nur dieses Kommandowort buchstäblich ausführen, ich muß ein Zusammenfahren, ein Erschrecken bei Ihnen wahrnehmen, das mir beweist, daß Ihnen die Wichtigkeit dieses Moments nicht entgangen. Das Wort Stillgestanden haucht den Gliedern die Seele ein, macht den zügellosen, ungeregelten Haufen zu Soldaten; also: Stillgestanden! « Ich stand da, eine unfertige Statue, und der Unteroffizier fungirte als Bildhauer vor mir. Er besah mich scharf, trat einen Schritt zurück, ging um mich herum und bemerkte in gehöriger Entfernung die Mängel meiner Stellung, welche er alsdann mit kunstfertiger Hand verbesserte, indem er mich bald einen Zoll links oder rechts bog, bald meine Schulterblätter zurückzog, jetzt mein Gesicht durch einen sanften Druck unter dem Kinn zu Anschauung des Himmels geeignet machte, dann meine Hände herumbog und die kleinen Finger mit der rothen Nath meiner Hose in Berührung brachte. Letzteres schien ihm unumgänglich nothwendig zu seyn. »Finger an Hosennath!« wurde beim Exerciren unter den andern Kommandos sehr häufig eingeschoben. Meine Stellung am ersten Tage gefiel ihm nicht übel. – »Rührt euch!« – Mein rechter Fuß zuckte vor, ich durfte wieder ein Vieh seyn, Doses Lieblingsausdruck für Rekruten außer Reih und Glied. So fing mein praktisches Militärstudium an. Jetzt schritt mein Lehrmeister zum theoretischen, und dazu gab er eine Vorrede oder Einleitung, die nicht so schlimm war. »Wie in den Exercirstunden,« so ungefähr begann er, »das Wort Stillgestanden dem Körper des Soldaten die geringste Bewegung verbietet, so ist das Wort Subordination im engeren Sinne ganz dasselbe Kommando für den Geist, und besonders für die Sprache. Subordination heißt eigentlich gar nichts, als: das Maul gehalten; denn wenn ein Soldat weder mukst noch raisonnirt, selbst nicht in Gedanken, d. h. keine verdrießliche Geberde macht, so hat er Subordination. Das einzige Wort, das Sie allenfalls sprechen dürfen, und wenn Ihnen ein Offizier sagte: »Sie sind ein Esel,« das ist: »zu befehlen,« damit ist die Sache abgemacht. Dies ist aber, und besonders bei euch jungen Herrn, die schwierigste Aufgabe; das kann nie schweigen oder doch wenigstens eine höfliche, bescheidene Antwort ertheilen; sondern meistens sind sie etwas lose im Maul, und das schlägt gewöhnlich übel für sie aus; ich könnte Ihnen viele Beispiele erzählen. Da hatten wir vor nicht langer Zeit einen Freiwilligen, der hieß Laufer; er hatte was gelernt und hätte es vielleicht zum Offizier bringen können, denn es war ein gewichster Kerl, der einem was weiß machen konnte; doch trieb er gar zu viel Unsinn. Er trat in denselben Verhältnissen bei uns ein, wie Sie, als Offizierpflanze, wollte Lieutenant werden. Der hatte nun sein erstes Kommisbrod noch nicht aufgegessen, und steht eines Morgens hinter der Front, um dem Exerciren der Batterie zuzuschauen. Was geschieht? Unser Herr Adjutant kommt zufällig daher, sieht meinen Musjeu stehen und fährt ihn ein bischen barsch an; er hatte das grobe Sprechen so in der Gewohnheit, meinte es aber so böse nicht; es sollte ihm nur ein Ansehen geben. Das thun viele Offiziere, deren Herz wirklich zu weich wäre, eine Fliege umzubringen. Also der Adjutant fragte: »Wer ist Er?« – Anstatt nun zu sagen: »Herr Lieutenant, wenn der Herr Lieutenant befehlen, bin ich der Kanonier Laufer von der sechspfündigen reitenden Batterie und stehe hier auf Befehl des Herrn Hauptmanns und sehe dem Exerciren zu,« plagt ihn der Teufel und er antwortet: »Herr Lieutenant, Er ist ein persönliches Fürwort.« Der meint, der Laufer habe ihn nicht verstanden und fragt nochmals; da fängt das Bürschchen gar an französisch zu sprechen: »Herr Lieutenant, Er ist ein pronomen personalis .« Da hätten Sie den Spektakel hören sollen; der Adjutant schreit von Arrest, Standrecht, Festung, und der Freiwillige, weiß Gott, lacht noch obendrein dazu. Wir Alle hören das, der Hauptmann läßt halten, rühren, und schon ist auch mein Lieutenant da und zeigt den Laufer an. Der wird vor die Kompagnie gerufen, und denken Sie, erklärt mit unglaublicher Frechheit, es sey ihm gar nicht in den Sinn gekommen, den Herrn Lieutenant zu beleidigen! Wie impertinent schon das Wort beleidigen , als wenn ein ordinärer Rekrut einen Herrn Lieutenant beleidigen könnte! Er habe geglaubt, man wolle ihn in der deutschen Sprache examiniren. Der Hauptmann, der gerade bei Laune war, wandte sich um und lachte; der Adjutant lief erbost fort und meldete die Sache dem Major. Der Laufer kam gut weg, man hat wenigstens nichts mehr davon gehört, aber geschadet hat es ihm doch. Bald nachher ward er versetzt, und der Adjutant hat schon dafür gesorgt, daß er zu keinem Examen kam, darum – »Stillgestanden!« So auf einmal? Trotz der eben gehörten Regeln über die Unbeweglichkeit, konnte ich doch nicht umhin, ein wenig seitwärts zu schielen. Warum fing Dose so plötzlich wieder an zu exerciren? Aha, da oben lehnte ein geblümter Schlafrock im Fenster, und in demselben stack der Herr Wachtmeister, der aus einer langen Pfeife rauchend meinen Uebungen zusah. Nun strengte ich mich doppelt an, hing in einem Winkel von wenigstens sechzig Graden vorne über, hob den Kopf so hoch, daß ich bequem den Hahn auf dem Thurme der nahe liegenden Garnisonskirche sehen konnte; ich stand wirklich meisterhaft und machte einigemal rechts, links um, wobei ich niedertrat, daß mich der Absatz schmerzte. Aber der Wachtmeister an seinem Fenster nickte huldreich und lachte wohlgefällig; da wagte es der Unteroffizier, in die Höhe zu sehen und dem wichtigen Manne im Schlafrock zu versichern, ich mache meine Sachen schon ziemlich gut, worauf jener sofort befahl, für heute den Unterricht abzubrechen. Wir fielen nun aus dem ernsten, steifen Tone des Dienstes in einen leichten, bequemen und verfügten uns zu Madame Linksen, deren Restauration mir der Unteroffizier nicht genug rühmen konnte. Ich stellte mir vor, so ein militärisches Kaffeehaus werde eine große Halle seyn, wo das Kriegsvolk, an langen Eichentischen sitzend, bei vollen, blankgescheuerten Kannen sich wohl seyn läßt, und ringsum an den Wänden Waffen hängen; mir schwebte so etwas von einem Rittersaal vor. Meine Phantasie hatte mir wieder einen schlimmen Streich gespielt. Madame Linksen war die Frau des Feuerwerkers und hatte hinsichtlich der Reinlichkeit den Vorrang vor allen andern Etablissements in der Kaserne. Man glaube aber deßhalb ja nicht, daß es wirklich in ihrer Wirthschaft reinlich und ordentlich zugegangen. Nur ein ausgepichter Soldatenmagen oder ein unschuldiger Neuling konnten hier tägliche Kunden werden. Madame Linksen war dafür bekannt, daß sie den meisten Kredit gab, aber auch den größten Profit nahm; besonders wußte sie sehr gut uns jungen Leuten das noch vorräthige Geld aus der Tasche zu locken, den Aufenthalt in ihren vier Wänden erträglich, sogar angenehm und in Ermanglung eines bessern zuletzt unentbehrlich zu machen. Erschien ich in den ersten Monaten meiner Dienstzeit, wo ich noch bei Kasse war, an der Thüre ihres Zimmers, und es mochte noch so voll darin seyn, so ward mir sicher ein Plätzchen eingeräumt. Madame warf entweder ihren kleinen Sprößling vom ehelichen Bette und bot es mir als Sopha an, oder sie blickte mit prüfendem Auge umher, schlug im Geist ihr Rechnungsbuch auf und sah nach, welcher von den Dasitzenden bei ihr am tiefsten in der Kreide war. Dieser mußte weichen, und hatte er guten Ton, so erhob er sich freiwillig auf den bedeutsamen Wink ihres Auges; man konnte dann glauben, er sey des Sitzens müde; war er aber ein Harthöriger, so kam es der Madame Linksen nicht darauf an, ihm ihr Anliegen mit Worten bekannt zu machen. In diesem Café militaire waren Morgens zwischen zehn und eilf Uhr sämmtliche Geld oder Kredit habende Gourmands und Fashionables der Batterie zu finden. Es gehörte zum guten Ton, hier um diese Stunde einen Bittern zu vier Pfennigen, ein Brödchen mit Wurst zu acht Pfennigen, kurz ein Frühstück im Betrag von einem Silbergroschen zu sich zu nehmen und dabei bedeutend über Dienst, Offiziere, Pferde und gehabte Abenteuer zu raisonniren. Die Jungen und Unerfahrnen, wie ich, verhielten sich dabei ganz leidend und lauschten aufmerksam den wichtigen Worten, die dem Munde der Langgedienten entfielen. Bänke und Stühle waren besetzt, sogar auf Tisch und Bett lagen die Völker; der Tschako hing nachläßig auf einem Ohr und wurde durch die Schuppenketten, welche man zwischen die Zähne nahm, festgehalten; der Säbel zwischen den Beinen diente dem gesenkten Haupt zur Stütze. So saß die Gesellschaft beisammen, plaudernd, lügend und aufschneidend. Der eine war am Morgen mit einem Offizier, den er nicht leiden konnte, zusammengerathen, und wenn man seiner undeutlichen Erzählung, und beim plötzlichen Abbrechen derselben seiner vielsagenden Handbewegung, verbrämt mit einem zufriedenen Lächeln, glauben wollte, so hatte er seinem Vorgesetzten wenigstens Ohrfeigen angeboten. Ein Anderer war in vergangener Nacht in einem Wirthshause gewesen, hatte da alles kurz und klein geschlagen, war durchgebrannt, dann einer Patrouille in die Finger gefallen, hatte sie in die Flucht geschlagen, und zu guter letzt noch den Posten am Kasernenthor, der ihn arretiren wollte, umgerannt Einer überbot den Andern im Bericht von Heldenthaten. So saß, sprach, fluchte und lachte Alles durcheinander, bis endlich gegen eilf Uhr ein Trompetenstoß ganz anderes Leben in die Versammlung brachte. Draußen versuchte der Trompeter du jour sein Instrument, ließ es leise ertönen, um das Signal zum Appell gleich darauf richtig und rein blasen zu können, und augenblicklich war die Sitzung ausgehoben; jeder brachte seine Waffen und Kleider in Ordnung, bezahlte sein Genossenes oder gab der Madame einen bedeutenden Wink, und sowie das Signal erscholl, stob Alles in der größten Eile auseinander und begab sich auf den Sammelplatz der Batterie zum Appell. Der Appell ist für einen Militär, besonders von der leichten Art, wozu wir jungen Leute fast alle gehörten, eine penible, kitzliche Viertelstunde. Man kann auf sie vollkommen das bekannte Sprichwort anwenden: »Es ist nichts so sein gesponnen ec.« Alles kommt beim Appell an die Sonne. Es ist der Moment, wo der Hauptmann und die Offiziere nichts Wesentliches zu thun haben und deßhalb die Fehler und Unordnungen, welche in der Compagnie begangen worden, ruhig überdenken, rügen und bestrafen, sowie neue Mängel ausfinden können. Hatte etwa ein Unglücklicher unter uns einen abgerissenen Knopf durch ein noch so künstliches manoeuvre de force ersetzt, d. h. den Hosenträger und die Hose vermittelst eines Bindfadens zusammengeknüpft (der Ausdruck manoeuvre de force , womit wir etwas der Art bezeichneten, kommt daher, weil der Artikel in unserm Artillerieleitfaden vom Zusammenflicken zerbrochener Geschützstücke ebenso überschrieben ist), und war der Schaden noch so sehr verborgen und beim Exerciren oder Reiten am Vormittag durchaus nicht bemerkt worden, beim Appell entdeckte ihn sicher einer der herumspürenden Offiziere und zog den Betreffenden vor die Batterie zu gebührender Strafe. Hatte einer am Morgen aus Mangel an Lust zum Exerciren sich krank gemeldet, hatte er sogar den Doktor überlistet und von ihm ein Zeugniß erpreßt über bedeutenden Catarrh oder schlimme Colik, beim Appell wurde der Kranke dem Kapitän gemeldet, welcher sich sofort durch den wachthabenden Unteroffizier theilnehmend nach ihm erkundigen ließ, eigentlich aber, um zu erfahren, ob sich der Patient wirklich in seinem Bette oder doch auf seiner Stube befinde. Meldete nun der Diensthabende, der Kranke sey im Revier nicht zu finden, wehe ihm! Befand sich dagegen der Kranke auf seiner Stube, so mußte er gewöhnlich vor der Compagnie erscheinen, und kam dann meistens in einem alten zerrissenen Stubenmantel und Pantoffeln, um sich über seinen Zustand vernehmen zu lassen. Eines Tags hatte sich ungefähr ein Dutzend krank gemeldet, worüber der Hauptmann beim Apell ein gewaltiges Geschrei erhob und den Diensthabenden in größter Eile hinaufjagte, sie sammt und sonders auf den Hof zu bringen. Der Unteroffizier ging, kam aber sogleich mit dem Bescheid zurück, sämmtliche Kranke seyen in ihren Betten und weigerten sich, in ihrem Zustande sich der Luft auszusetzen. Neues Fluchen von Seiten des Kapitäns und der Befehl, die Kranken auf der Stelle hieher zu bringen; bei dem Worte hieher zeigte er vor sich auf die Erde, und der Unteroffizier, ein pünktlicher Mensch, hackte ruhig seinen Säbel los und machte, ungefähr da, wo der verlängerte Finger des Kapitäns die Erde berührt hätte, ein Kreuz und wollte gehen. Ein donnerndes Halt des Offiziers hielt ihn zurück. »Was soll das Zeichen, Herr?« Der Unteroffizier entgegnete ganz ruhig, um dem Befehl des Herr Hauptmanns genau nachzukommen, habe er sich die Stelle bemerkt, wo er die Kranken hinbringen solle. Der unglückliche, diensteifrige Mensch! ihm hatte am Morgen nicht geträumt, daß er sein Mittagsbrod, und Brod im eigentlichen Sinne des Worts, im Arrest verzehren sollte. Fünf Minuten nach obigem Vorfalle führte man den Diensthabenden nach Nr. 7½; so hieß der Kürze halber das Militärgefängniß, weil es diese Nummer führte. Dergleichen Austritte, Arrestverleihungen etc. waren die gewöhnlichen Zugaben zum Appell, dem wir deßhalb auch täglich ungemein ängstlich entgegensahen; denn das Unglück schreitet schnell, und unser Hauptmann besaß ein ganz kleines rothes Büchelchen, worin jeder, besonders wir Freiwilligen, ein eigenes Conto hatte, worauf er alles Unordentliche und Dienstwidrige eintrug. Dieses zog er täglich zu Rathe und sah nach, wer durch viele Kreuze und Bemerkungen zur Strafe reif sey; dann griff er mit der rechten Hand in seine Uniform, sah gen Himmel und sann nach, wie viel Tage er diesem oder jenem vergönnen solle, an dem Orte, wo da ist Heulen und Zähnklappern, über Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Den rechten Fuß setzte er vor und begann mit demselben allerlei uns wohlbekannte Bewegungen zu machen. Stieß er z. B. mit dem Absatz auf den Boden, so war dies ein untrüglicher Sturmbote, und wehe, wem der Wind in's Takelwerk fuhr! Fing der Kapitän an, mit seinem Fuße aufzuhauen, so standen besonders die, welche ein schlechtes Gewissen hatten, gerade gestreckt wie die Kerzen, und ein Eingeweihter konnte an ihrer vorzüglichen Haltung die Größe ihres Debet im Buche des Kapitäns ermessen. Sah er nun auf unsern Gesichtern die allgemeine Anstrengung, ihm zu gefallen, und die Furcht, ihm zu mißfallen, und war er gerade bei guter Laune, so drohte er mit dem Finger, als wollte er sagen: ich werde nächstens unter euch treten und fürchterliche Musterung halten. Damit hatte es dann für heute sein Bewenden; wollte er aber im andern Falle mit einem anbinden, so bot ein ungeputztes oder bestaubtes Spornrad einen schönen Hacken dazu. »Herr, wann sind ihre Stiefeln zum letzten Male geputzt worden?« – »Heute Morgen, Herr Hauptmann,« lautete es zurück. – »Herr, das ist eine dicke Lüge! lassen Sie sich nicht auf fahlem Pferde ertappen! Ich kenne Sie, Sie sind ein Schmierfinke.« – »Aber, Herr Hauptmann, heute Morgen –« – »Herr, wollen Sie schweigen? oder Sie soll das Donnerwetter erschlagen! Wachtmeister, notiren Sie den Mann wegen Unreinlichkeit und Widersprechen drei Tage auf's Holz!« (eine Variante für Arrest). Dann hielt er noch einen langen Sermon, lud einigemal den Blitz ein, uns gelegentlich auf die Köpfe zu fahren, und entfernte sich mit klirrenden Schritten. Die eigentliche Bestimmung des Appells ist, einmal am Tage vollständig die Kompagnie zu versammeln, um zu sehen, ob alle auch noch hübsch vorhanden sind, zu welchem Zweck nach der Liste jeder bei seinem Namen gerufen wird und sein Daseyn durch ein lautes »Hier« anzeigt; die Fehlenden werden natürlich bestraft. Der Wachtmeister gibt darauf als Organ des Kapitäns den Befehl für die nächsten vierundzwanzig Stunden, und die ganze Sache kann, wenn nicht Intermezzos wie die oben beschriebenen einfallen, in einer Viertelstunde abgemacht seyn; wir hatten aber das Glück, beinahe jedesmal zwischen zwölf und ein Uhr eine ganze Stunde in der brennenden Sonnenhitze oder Winters in der Kälte zu stehen. Mein erster Appell, dem ich heute beiwohnte, ging ziemlich gelinde vorbei. Der Hauptmann Feind kam einige Male an mich heran, drückte mir die Schulterblätter zusammen, hob meinen Kopf in die Höhe und murmelte dazu beständig; »Stellung! Stellung!« Einige meiner Kameraden fragte er, ob sie heute morgen nicht sehr stark gefrühstückt, war aber im Ganzen sehr gnädig. Auch lernte ich heute die übrigen Offiziere der Batterie kennen. – Von diesen Herrn ein andermal. 3. Die Reveille. – Der Stall. – Unterricht. Die erste Nacht, welche ich in der Kaserne zubrachte, schlief ich herzlich schlecht. Der frischgestopfte Strohsack gab dem Druck meines Körpers durchaus nicht nach; auch hatte ich in der Nacht mehrmals einen und denselben Traum. Mir war, als ruhe ich auf einem Hügel, den ich, wie man das in der Jugend wohl thut, hinab zu rollen versuchte. Dies gelang Anfangs vortrefflich; doch im Thale angekommen, stieß ich mit dem Körper an einen Baumstamm, der im Wege lag, erwachte und sah zu meiner Verwunderung, daß ich aus dem Bette gefallen war. Dies begegnete mir mehrere Male, weßhalb ich denn gegen drei Uhr beschloß, nicht mehr zu schlafen. Auch ermunterte mich der Gedanke: heute wirst du zum erstenmal in die Mysterien des Stalldienstes eingeweiht. Guter Gott! ich sollte sie nur zu genau kennen lernen, diese wahren Misterien. Um vier Uhr stand ich auf und erwartete sehnsüchtig das Signal, welches mich zu den Pferden hinab rief, jenen Geschöpfen, die ein tapfrer Ritter als sein zweites Selbst achten, lieben, putzen und füttern muß. Endlich erklang die Trompete; die ganze Stube gerieth in Aufruhr, und ich war der Erste auf dem Gang, wo ich eben noch sah, wie der Hornist im bloßen Hemde dastand und das Signal blies. Dann schlüpfte er wieder in seine Stube zurück, um sich noch ein paar Stunden in's warme Bett zu legen. Das gefiel mir nicht am Trompeter, dem Manne, der im Feld der Erste seyn muß, muthig, gewandt. Was kann er nicht Alles durch einen einzigen Trompetenstoß ausrichten! Und er hatte nicht einmal eine Hose an, als er sein Signal vortrug! Erkannte denn der Mann gar nicht seine hohe Stellung? Wenn ich mir sonst einen Trompetenstoß vorstellte, so mußte er von einem Manne ausgehen, mit gewaltigem Barte, gewappnet, den Säbel an der Seite, einem Mann, würdig, daß eine ganze Schaar tapferer Männer dem Hauch seines Mundes folgte. Wieder eine Seifenblase, die mir zersprang! Ich konnte den Trompeter ohne Hose lange nicht vergessen; aber nicht lange, so sah ich gar Manches nakt und bloß, was aus der Entfernung so glänzend und elegant erscheint. Im Stalle empfing mich mein Unteroffizier Dose nach seiner Gewohnheit mit einer feierlichen Anrede, welche er aber aus einem Buche ablas. Er sprach von der Wichtigkeit des Stalldienstes, wie der Kavallerist ohne Pferd kein Kavallerist, item gar nichts sey, wie der Reiter darum für sein Pferd die größte Sorgfalt haben müsse u. s. w. Er übergab mir daraus das Buch, aus dem er gelesen, das von außen und innen sehr an die climatischen Einflüsse des Stalles und der Wachtstube erinnerte, wobei er mir sagte, es sey von einem unserer höhern Offiziere verfaßt, welcher auch schon viele patriotische Lieder gedichtet. Man kann kein barokkeres Werk sehen. Das erste Kapitel handelte vom Putzen und Reinigen der Pferde und fing wörtlich also an: §. 1. »Sieh, mein liebes Pferdchen, das ist der Mann, der dich putzen und pflegen soll. Er wird jeden Morgen um fünf Uhr (im Winter um sechs Uhr) zu dir kommen, zuerst die Streu, auf welcher du die Nacht über geschlafen, draußen im Hofe ausbreiten, damit dieselbe trockne, dann wird er deine Halfterketten kurz binden und §. 2 das Putzen sub a) mit der Striegel beginnen etc.« Das ganze Buch bestand größtentheils aus Paragraphenzeichen, Titeln und Nummern. In der Vorrede war gesagt, die resp. Batteriechefs möchten gütigst darauf halten, daß vorliegendes Buch jeder Kanonier seinem Pferd zuweilen vorlese, wodurch nicht nur die Kenntniß des Dienstes befördert, sondern auch der Mannschaft Gelegenheit geboten würde, sich im Lesen zu üben. Ich steckte das Buch in die Tasche und der Unteroffizier ging mit mir im Stalle umher, zeigte mir vorerst dessen Einrichtung und forderte mich auf, den andern Kanonieren genau zuzusehen, damit ich Nachmittags, denn es wird täglich zweimal geputzt, mein Pferd selbst besorgen könne. In einem Militärstalle ist ein recht lustiges Treiben. Die Reinlichkeit, die überall herrscht, der gepflasterte, rein gewaschene Fußboden, die saubern Latierbäume, welche ein Pferd vom andern absondern – Alles sehr artig. Der eine Kanonier pfiff, ein anderer sang, hier zankten sich ein Paar um einige Halmen Streu. Dazu das Schütteln und Schnauben der Pferde, das Wiehern der kitzlichen, wenn sie unter dem Bauche gestriegelt werden – es ist ein recht lebendiges Bild. Mein Unteroffizier blieb mit mir vor einer langbeinigen Stute stehen, welche er mir als sein Schlachtroß vorstellte. Dabei spukte er aus und sprach: »Das ist der Krokus, eines der vornehmsten Pferde der ganzen Christenheit. Sie sehen, daß es mich kennt, weil es seinen Kopf nach mir wendet. Doch, Krokus,« fuhr er fort, »wende dich wieder um; sonst, wenn der Herr Hauptmann Feind kommt, wird er sagen: wir scheinen stark gefrühstückt zu haben.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, es war wahrhaftig wie ein Theatercoup, so klopfte ihm der Kapitän, welcher unterdessen leise eingetreten war, eigenhändig und ziemlich derb auf die Schulter, indem er sagte: »Hören Sie, Unteroffizier Dose, es kommt mir vor, als hätten wir wirklich heute Morgen besonders stark gefrühstückt.« Dose stand wie angedonnert und stotterte einige unverständliche Worte; auch ich war ziemlich betroffen, und wurde es noch mehr, als mir der Kapitän mit scharfem Tone sagte: »Es wäre mir lieber, wenn ich Sie bei ihrem Pferde getroffen hätte.« Ich schlich mich leise weg, nahm Striegel und Kartätsche und fing an, meinen braunen Wallachen zu bearbeiten. Jeder Mann muß von seinem Roß zwölf Stricke herunterputzen, einen Fuß lang und einen Zoll dick. Das will heißen: den weißen Staub, welcher mit der Kartätsche vom Pferde geputzt wird, streicht man in die Striegel und klopft ihn aus dieser in Strichen auf den Boden. Es gehört viel Uebung und Kraft dazu, diese Quantität Staub von einem Pferde täglich zweimal herunter zu bringen, und die Faulern in der Batterie halfen sich zuweilen damit, daß sie die Striche von Kalk formirten und so die scharf controllirenden Unteroffiziere hintergingen. Ich konnte trotz aller Mühe, und obgleich mir schon in der ersten Viertelstunde der Schweiß vom Gesicht lief, nicht mehr als acht Striche zu Stande bringen, womit sich denn auch Dose für heute zufrieden erklärte und mir erlaubte, auf meine Stube zu gehen. Nachdem ich hier eine halbe Stunde geruht, mußte ich, wie gestern, zum Exerciren, dann zum Appell und Abends um sechs Uhr in den Vortrag , auf den ich sehr begierig war. Es ist dies eine Unterrichtsstunde, in welcher ein Offizier den Soldaten aus einem kriegswissenschaftlichen Lehrbuche, bei uns dem früher erwähnten Artillerieleitfaden, eine Vorlesung hält, und sich nachher durch Fragen über das eben Vorgetragene überzeugt, ob auch etwas in den Köpfen der Zuhörer hängen geblieben. Er ward auf einer von unsern Stuben vom Lieutenant v. R. gehalten, welcher ein ziemlich gnädiger Herr war, nur etwas zu stolz. Wenn er hereintrat, hütete er sich sorgfältig, in irgend eine Berührung mit dem Mobiliar unserer Stube zu kommen. Sein Bursche mußte ihm einen Stuhl nachtragen, auf welchen er sich setzte. Darauf drehte er die Spitzen seines Bartes, rümpfte die Nase, und begann stets mit den Worten: »Es riecht aber hier gar zu sehr nach schlechtem Taback.« Er räusperte sich, roch an einem Bouquet, welches er mitgebracht, und nahm heute das erste Kapitel des Leitfadens vor, welches von der Eintheilung der Artillerie im Allgemeinen handelt. So erfuhr ich denn, daß eine Brigade von einem Oberst kommandirt werde und drei Abtheilungen habe, deren Chef jedesmal ein Major sey, und welche aus fünf Batterien bestehe, einer reitenden, einer zwölfpfündigen, zwei sechspfündigen und einer Festungscompagnie; jede Batterie habe acht Geschütze, als: sechs Kanonen und zwei Haubitzen. Ferner trug er vor, das Gewicht der Kanonenkugel sey stets gleich ihrer Benennung, eine sechspfündige Kugel z. B. wiege sechs Pfund, aber bei den Granaten und Bomben sey es anders u. s. w. Das Alles und dergleichen mehr lernte ich im ersten Vortrage. Ich bemerkte dabei, daß fast die Hälfte meiner Kameraden selig entschlafen war und sie auf an sie gerichtete Fragen, durch einen Rippenstoß ihres Nebenmanns erweckt, die seltsamsten Antworten gaben, was aber auch zuweilen bei den wachenden vorfiel. Ich habe während meiner Dienstzeit Gelegenheit gehabt, Subjekte kennen zu lernen, welche von Mutterwitz überflossen, alle lustigen Streiche mitmachten, sobald es aber darauf ankam, etwas zu lernen und zu begreifen, unbegreiflich bornirt waren. So erinnere ich mich, wie ein gewisser Kanonier nicht behalten konnte, daß das Schießpulver aus Salpeter, Schwefel und Holzkohlen bestehe. Alle angewandte Mühe war vergebens; in diesem Augenblick wußte es der Mensch, und fragte man ihn einige Sekunden später, so nannte er meistens zwei dieser Stoffe, ohne sich auf den dritten besinnen zu können. Die Offiziere und der Kapitän hatten sich alle erdenkliche Mühe gegeben: es half nichts. Da hörte der alte Oberst von T. von dem Menschen und wollte sich selbst von dieser Originalität überzeugen. Er ließ sich den Kanonier vorstellen und fragte ihn: »Mein Sohn, sage nur, woraus denn det Pulver so eegentlich besteht?« Jener blieb stumm; v.T. erklärte ihm, es sey aus Salpeter Schwefel und Holzkohlen zusammengesetzt, und forderte ihn auf, ihm nun diese drei Artikel zu nennen. Der Kanonier stotterte: »aus Holzkohlen, Schwefel –« und stockte. Auf's Neue sagte ihm der Oberst die Bestandtheile vor, und diesmal nannte jener: »Salpeter, Schwefel« und hatte die Kohle vergessen. Nachdem sich dies so mehrere Male wiederholt hatte, glaubte v. T., der Mann sey verlegen, weil ihn sein Oberst in eigener Person examinirte, er nahm also seinen Federhut ab und sagte: »Stelle dir einmal vor, ich sey nicht der Oberst von T., sondern dein guter Kamerad, der Kanonier T., und komme nun ganz freundschaftlich zu dir, klopfe dich auf die Schulter und sage: Mein lieber Kamerad, thu' mir doch den Gefallen und sage mir, woraus das Pulver besteht. – Was würdest du antworten?« Da öffnete der Kanonier seinen Mund und entgegnete mit ziemlich verdrießlichem Tone: »Dann würde ich sagen, Kammerad T., das weißt du besser als ich.« Der Oberst stand von ferneren Versuchen ab und entfernte sich mit lautem Lachen. So verlebte ich einige Wochen, lernte zu Fuß exerciren, Wendungen machen, den Säbel gebrauchen, im Stall von meinem Pferde zwölf Striche putzen, es satteln und zäumen, und sollte nun zum Reiten selbst schreiten. Hierin erhielt ich mit den übrigen Freiwilligen Unterricht vom Lieutenant L. Dieser war in jeder Hinsicht, als Soldat wie als Mensch, ein achtungswürdiger und liebenswerther Mann. Sollten ihm vielleicht diese Blätter zu Gesicht kommen, so sage ich ihm hiemit meinen herzlichsten Gruß und besten Dank für die Nachsicht und Güte, die er statt Hochmuth und kleinlicher Quälerei zu meiner und meiner Kameraden Erziehung verwandte. Alle, welche damals und später unter ihm dienten, werden sich dankbar seiner erinnern, wenn es mir auch nicht erlaubt ist, den Namen dieses Braven auszuschreiben. Es ist einem Offizier so leicht, sich die Liebe seiner Untergebenen zu erwerben. L. war im Dienste sehr streng, aber er war gerecht und brauchte seine Vernunft. Freilich ist es eine Aufgabe, welche viel Geduld erfordert, einen rohen Haufen, meistens Bauern und Handwerker, umzuformen, ihn gehorsam, ordentlich, kurz zu Soldaten zu machen. Aber es geht schon, wenn man die Sache nur recht angreift. Die jungen Herren, von der Kriegsschule kommend, haben in ihren Heften und wissen vielleicht auch auswendig, was sie mit einer Compagnie anzufangen haben, wenn es gilt, die Evolutionen durchzumachen. Sie wissen vielleicht die fertige Maschine zu brauchen, sie zusammenzusetzen, jedes Rad, jeden Stift auszubilden, scheint ihnen auch eine leichte Sache, aber sie können es doch nicht. Mit Gewalt, mit jugendlicher Heftigkeit fahren sie über den rohen Stoff her und glauben, es bedürfe nur einiger zierlich geführten Hammerschläge, und das unförmliche Eisen bilde sich zur elastischen Feder, zum Triebwerk der Maschine; aber im Gegentheil, es will ruhig und besonnen angegriffen seyn, langsam ausgefeilt und sorgsam angepaßt. Ein ungestümes Anstürmen auf den einzelnen Mann fruchtet nichts; mit einer Fluth von Schimpfworten, mit unzeitigen Strafen und Quälereien kann man in einer Stunde mehr verderben, als in einem halben Jahre wieder gut zu machen ist. Der Rekrut will ruhig behandelt und sorgfältig unterrichtet seyn, und das verstand Lieutenant L. Ging eine Sache zum ersten Male nicht, so ließ er sie zum zweiten, zum dritten Male machen, ohne großmaulig zu räsonniren, und nur dann erfolgten harte Worte und nachdrückliche Strafen, wenn durch die Fehler böser Wille oder Eigensinn blickte. Da höre man aber Offiziere, wie ich deren manche kennen gelernt. »Auf mein Kommando: Auf! Ihr hebt euch mittelst beider Arme die linke Hand in die Mähne gefaßt, die rechte auf die Croupe des Pferdes gestützt, mit geradem Körper an demselben in die Höhe und bringt auf das zweite Wort: Gesessen! das rechte Bein gestreckt über die Croupe, wobei euch nur die rechte Hand als Stütze dient.« Da sollte es jeder Mann nach ein- oder zweimaligem Probiren genau so machen; denn im Buche stand ja, es müsse so seyn. Daß aber die Sache langsam und mühselig gelernt seyn will, fiel den gelehrten Herrn nicht ein. Was für complicirte Schimpfworte konnte man in solchen Stunden hören! Waren die Herrn Lieutenants recht gut gelaunt, so bedienten sie sich, mit mancherlei Variationen, eines Ausdrucks, der vom alten Oberst v.T. ausging. Dieser hatte einmal von einem Kanonier, der langsam und schwerfällig zu Pferde stieg, gesagt. »Das erinnert mir an die Kuh, welche uf enen Appelbohm klettern wollte.« Blieb es allein bei Worten, so konnte man schon zufrieden seyn; aber zuweilen sprach die große Peitsche, mit welcher der Offizier in der Mitte der Bahn herumfuchtelt, auch ihr Wörtchen mit. Nicht daß gerade damit zugeschlagen wurde, nein. Dank sey es den humanen Bestimmungen, körperliche Mißhandlung ist strenge verboten und wird, wenn eine Klage hierüber bis zu einer gewissen Potenz durchdringen kann, hart geahndet. Aber man spricht z.B.: »das Pferd geht einen faulen Trab,« und versetzt demselben einen Streich über die Flanken; trifft dabei die Peitsche unglücklicherweise die Beine und den Leib des Reiters, was kann man dafür? Auf diese Art habe auch ich, nachdem der gute Lieutenant L. nicht mehr bei uns war; manche Schmarre erhalten. Doch genug hievon. – Nach und nach schälte ich mich mit Hülfe meines Unteroffiziers, der mir auch das Exerciren mit dem Geschütz beibrachte, aus der rohen Hülse eines Rekruten und ward eigentlicher Kanonier. Von den romanhaften Gedanken, mit welchen ich eingetreten, war in meinem Kopfe nicht mehr viel vorhanden. Ich lernte einsehen, daß der jetzige Militärstand ein Organismus ist, bei dem es darauf ankommt, wer am besten schweigen kann, seine Knöpfe am saubersten putzt und das Lederzeug recht weiß macht. Alles Andere, die schönen Gesinnungen, Tapferkeit und Hochherzigkeit, was ich mir früher so sauber ausgemalt, wird wahrscheinlich im Frieden auf der Kammer bewahrt und nur in Kriegszeiten heruntergegeben. Eines Tags beim Appell eröffnete uns der Hauptmann, der Stab der Brigade, das ist, der Oberst mit seinen Adjutanten, Schreibern u. s. w. sey durch allerhöchste Bestimmung von seinem bisherigen Garnisonsorte M. zu uns nach D. verlegt worden. Der Herr Oberst v. T. würde also jetzt beständig unter uns seyn, weßhalb wir uns beim Ausgehen der größten Propretät zu befleißigen und alles Dienstwidrige streng zu vermeiden hätten. Wir sollten z. B. mit keiner offenstehenden Uniform gehen, keine weiße Weste unter derselben sichtbar werden lassen, vor Allem keine hohen Halsbinden tragen, weil der Oberst namentlich diese drei Dinge mehrmals strenge untersagt und mit schwerer Arreststrafe bedroht habe. »Sollte sich jedoch einer betreffen lassen,« schloß der Kapitän seine Rede, »und bestraft werden, so setze ich ihm auf jeden Fall noch einige Tage zu. Doch hoffe ich, keiner von meiner Compagnie wird mir dazu Veranlassung geben. Die Freiwilligen haben mich doch auch verstanden?« Bald nach dieser Ankündigung erschien der Oberst und verherrlichte seinen Einzug durch eine große Parade, auf welcher er erschrecklich brüllte und fluchte. Besonders Kleinigkeiten wußte er heute verzweifelt genau zu finden. So war an der Kinnkette meines Pferdes ein kleiner Rostfleck, so klein, daß ich ihn selbst nicht bemerkt hatte; den entdeckte er und hielt mir eine donnernde Rede, in welche er eine Einladung auf vierzehn Tage Arrest sehr lockend zu verflechten wußte. In der Art ging es die ganze Reihe hinunter. Einer hatte die Hufe seines Pferdes nicht sorgfältig geschwärzt, jener den Sattel etwas zu weit nach hinten gelegt, und ward dafür mit dem Titel »Millionenhund« belegt. Nach der Revue besichtigte der Oberst die Stuben, Ställe und übrigen Räume der Kaserne, wobei Alle, die irgend etwas zu verantworten hatten, in nicht geringe Verlegenheit kamen. Zu diesen gehörte auch Dose, welcher die Futterkammer der Batterie unter Aufsicht hatte. Ich unterstützte ihn in diesem Amte getreulich, führte das Buch über Abgang und Zuwachs und schrieb den jedesmaligen Bestand von Hafer und Heu auf große schwarze Tafeln, welche zu diesem Zweck im Lokal aufgehängt waren. Dies war ein großer Speicher, der an einen alten Thurm stieß. Die Kaserne war früher ein Kloster gewesen und beherbergte eine Unzahl von Ratten und Mäusen, zu deren Vertilgung Dose eine tüchtige Katze angeschafft hatte. Zum selben Zwecke war auf dem Boden eine Eule, die ich eines Tags im Thurm gefangen, an einer langen dünnen Kette am Fuße befestigt. Die kleinen Jäger hatten auch bald unter dem Wildprete bedeutend aufgeräumt. Aber Dose war jetzt in nicht geringer Verlegenheit, wohin er die beiden Thiere, von denen der Hauptmann nichts wußte, während der Besichtigung flüchten sollte. Sie auf unsere Stube zu nehmen, war nicht rathsam, denn man war nicht sicher, wo der Oberst anfing. Ich rieth ihm kurz und gut, sie ruhig auf dem Boden zu lassen; die Eule schlafe immer und die Katze werde sich klugerweise verkriechen. Auch hatten wir keine Zeit mehr, andere Anordnungen zu treffen, denn schon schritt der Oberst, umgeben von seinem Stabe, auf unser Lokal zu; bereits hörten wir seine klirrenden Schritte und seine tiefe Stimme auf der Treppe. Dose murmelte die Meldung, die er zu machen hatte, noch einigemal halblaut vor sich hin: »Herr Oberst, die Futterkammer der Batterie, Nummer – Bestand: 118 Scheffel Hafer, 1000 Pfund Heu; täglicher Abgang 16 Scheffel, 120 Pfund Heu.« Die Thür öffnete sich, der Oberst trat ein. Dose ging ihm entgegen und meldete sehr gut für sein Alter. Der Oberst sah sich überall um, schien zufrieden mit der Anordnung der Futterhaufen, und wollte eben umkehren, als die unglückselige Eule, wahrscheinlich durch den Glanz der Epauletten und Säbel aus dem Schlummer gestört, von ihrer Dachsparre herabflatterte und dadurch auch die Katze beunruhigte, welche mit lautem Miauen in einen andern Winkel des Speichers sprang. Der Oberst sah sich um und sprach: »Nu, wat is denn det für eene Ordnung, daß sich uf eenem königlichen Futterboden allerhand Onthier ufhält? wat is det, Unteroffizier?« Dose entgegnete mit banger Stimme: »Es sind hier sehr viele Mäuse, Herr Oberst, und da ist die Katze und die Eule –« – »Oho,« fiel ihm T. lachend in die Rede, »um die Mäuse zu fangen? Nu, ick muß det loben.« Der Hauptmann, der auf einen gewaltigen Lärm gefaßt war, rührte sich jetzt, da er sah, wie Alles so gut ablief, und sprach: »Ja wohl, Herr Oberst, ich habe diese Thiere einfangen lassen, um den Speicher von den Mäusen zu säubern, worauf v.T. im Herabgehen antwortete: »Det is janz jut und ick bin damit zufrieden.« Dose aber war es nicht, sondern spuckte aus, wie wir allein waren, und sagte zu mir: »Sehen Sie, so geht es in der Welt. Wie der Hauptmann sieht, daß unsere Requisition der beiden Mäusejäger wohlgefällig aufgenommen ist, raubt er uns die Ehre der Erfindung; aber ich versichere Ihnen, er soll in Zukunft etwas für die Unterhaltung derselben bezahlen.« Wirklich mußte ich unter das nächste Verzeichniß über zerbrochene Besenstiele und Schippen setzen: »An Ernährungskosten der Thiere, welche der Herr Hauptmann einfangen lassen, so und so viel, indem das frühere Futter dieser nützlichen Geschöpfe, die Mäuse, bedeutend abgenommen.« Seitdem der alte Oberst in unserer Stadt residirte, konnte man sich nicht genug in Acht nehmen, um nicht auf die eine oder andere Art von ihm abgefaßt zu werden. Von Morgens früh bis Abends spät war er auf den Beinen und fand sich meistens ein, wo man ihn am allerwenigsten erwartete. Oft stand er nach dem Zapfenstreich in einem Winkel des Kasernenhofs und beobachtete, ob viele zu spät hereinkamen. Er hatte ein merkwürdiges Talent, Menschen wieder zu erkennen, und wenn er sie nur einen Augenblick oder bei Nacht gesehen hatte. So kam eines Abends zwischen elf und zwölf Uhr ein Freiwilliger lustig und guter Dinge aus einem Weinhause und traf an einer Ecke, wo eine Laterne brannte, auf den alten T. Ihn sehen, umwenden und davonlaufen, war das Werk eines Augenblicks. Der Oberst lief ihm eine Strecke nach, konnte aber den Schnellfüßigen nicht einholen. Am andern Mittag beim Appell sah man ihn überall herumspüren, ohne daß er den Schuldigen von gestern Abend entdeckte, welcher zufällig wegen Schreibereien, die er für den Hauptmann zu besorgen hatte, heute vom Dienst dispensirt war. Er ließ sich Alle, welche in den Rapporten, als zu spät gekommen, gemeldet waren, vorstellen; jener war nicht darunter. Endlich trat er zu den Adjutanten, um den Parolebefehl auszugeben, wobei er seine Augen überall umherschweifen ließ. Kaum hatte er einige Worte diktirt, als er plötzlich den Kreis der Offiziere durchbrach, unter die Corridors stürzte, welche das Gebäude umgaben, und da jenen Unglücklichen, der zufällig in Schlafrock und Pantoffeln herabgekommen war, am Zipfel des Gewandes ergriff und auf den Hof schleppte. Der Arme, der sich in seinem Negligé zwischen den Offizieren in vollem Kostüm, mit dem ängstlichen Gesicht traurig genug ausnahm, erhielt nebst einer langen Strafpredigt einige Tage Stuben-Arrest und war froh, so gut davon zu kommen. Der Oberst aber sprach mit seiner Donnerstimme, daß man es in dem ganzen Gebäude hörte: »Oho, mir entlooft keener; ick kenne sie doch alle wieder.« Oft war er schon am frühen Morgen in der Kaserne, um zu sehen, ob Alles zu gehöriger Zeit in den Stall ging; besonders paßte er den Offizieren auf und holte sie nicht selten aus dem Bett, wenn sie ihm gar zu lange blieben. Eines Morgens setzte draußen auf dem Gang der Trompeter zum Signal an, hatte aber kaum zwei Töne geblasen, so brach er mit einem Mißlaut ab und stieß ein klägliches Geschrei aus, welches die fluchende Stimme des Obersten accompagnirte. Alles lief vor die Thüre. Da hatte der Trompeter wieder, wie gewöhnlich, im bloßen Hemde sein Signal blasen wollen, war aber vom Oberst erwischt und derb geschüttelt worden; drauf hatte er ihn am Hemd ergriffen, um ihn so zum Wachtmeister zu transportiren. Es war äußerst komisch anzusehen, wie der gewaltige Mann mit dem armseligen Trompeter den Gang hinabflog: ein kleines Boot, von einem sprühenden Dampfschiffe in's Schlepptau genommen. Der Trompeter bekam drei Tage Mittelarrest und blies künftig seine Signale im vollständigen Kostüm. 4. Die Wache – Der Arrest. Die Zeit war herangekommen, wo ich meine erste Wache thun sollte, zu der ein Rekrut von seinen Kameraden mit großen Feierlichkeiten eingeweiht wird, welche hauptsächlich darin bestehen, daß er die ganze Mannschaft der Wache den Tag über mit Bier, Brod ec. bewirthet. Er bekommt dafür auch den besten Posten zugetheilt. Ich fügte mich in dieses Herkommen und sollte dafür zum erstenmale am Hause des Obersten stehen, was ein sehr gelinder Posten seyn sollte. Der Wachtmeister und mein Unteroffizier hatten mich gehörig instruirt. Der Oberst wohnte in einem Hause, welches vor der Thüre einen kleinen Garten hatte, wo das Schilderhaus stand und in welchem ich auf und ab marschiren konnte. Ich zog um drei Uhr Nachmittags auf, und der Kamerad, den ich ablöste, meldete mir, der Herr Oberst sey nicht zu Hause, was die Schildwache immer wissen muß. In der ersten halben Stunde gefiel mir das Wachestehen. Ich spazierte in dem Garten auf und ab, besah mir die Blumen, summte ein Lied vor mich hin und bildete mir ein, ich sey ein bedeutender Mann im Staate geworden. Bald aber fing die Zeit an mir lang zu werden; ich zahlte die Knöpfe meiner Uniform, die Hühner, welche um mich herumliefen, und die Tauben auf den benachbarten Häusern; ich maß das Gärtchen nach allen Richtungen und gestand mir. Schildwache stehen sey doch kein sehr beneidenswerthes Loos. Da trat die Frau Oberstin in die Hausthür; es war eine vornehme Dame aus einem adeligen Geschlecht. Sie sprach zu mir mit sehr feiner Stimme: »Kanonier, sieh auch ein wenig nach den Hühnern, damit sie nicht so auf den Blumen herumtreten.« Das schien mir eine eigene Zumuthung. Ich, als Ehrenwache vor die Thür meines Chefs gestellt, sollte mich so weit herablassen, die Hühner zu bewachen! Dies erwägend, nahm ich meine feinste Stellung an und entgegnete der Dame: »Frau Oberstin, es thut mir leid, aber meine Instruktion besagt nur –« Doch weiter hörte mich die Gnädige nicht an, sondern ging in's Haus zurück, ohne mich ferner eines Blicks zu würdigen. Ich dachte: auch gut, und machte wie früher meine Gänge, trat zuweilen an die Fenster der Küche und wechselte dann und wann einige Worte mit dem Kutscher, welcher an einem derselben stand und Stiefeln putzte. Endlich fragte ich ihn, ohne gerade viel dabei zu denken: »Johann, kommt der Alte bald zurück?« Ich meinte den Obersten; aber o Himmel! kaum hatte ich diese Worte gesprochen, als sich über mein Haupt ein sichtbares Gewitter, in der Person des Alten selbst, entlud. Er lag oben im Fenster, hatte meine Rede vernommen und brüllte herab: »Oho, wohl ist der Ole da; wird aberst bald herunter kommen, ihm en Bisgen den Hals zu brechen, er Millionenhund!« Ich prallte an mein Schilderhaus, zog den Säbel fest an die Schulter und regte mich nicht. Der Alte mußte indessen zur Hinterthür hereingekommen seyn. Mein Herz pochte heftig; es verging eine peinliche Viertelstunde, noch eine, und es nahte die Zeit, wo die Ablösung jede Minute erscheinen konnte, und die wohl nie ein Soldat so sehnlich erwartet hatte, wie ich in diesem Augenblick. Die Uhr schlug fünf, da polterte es die Treppe herab und der Oberst trat mit seinem großen Federbusch aus dem Hause, gerade vor mich hin. Ich präsentirte so schön, wie ich es in meinem Leben nicht gemacht hatte. Er sah mich genau an, musterte mit finsterem Blick meinen Anzug, und weil er bemerkte, daß Alles in der besten Ordnung war, legte sich sein Zorn etwas; er sagte bloß: »Och so'n Freiwilliger, so'n Windbeutel! Ja, ja, die Hühner fortjagen, det is den jungen Herren zu viel, aberst uf'm Posten zu sprechen, zu fragen, ob der Ole bald kommt, det können se. Na ik bedanke mir für die jütige Erkundigung, will sie mir aberst in Zukunft verbeten haben.« Damit ging er und mir rollte ein Stein vom Herzen. So war ich denn zum zweitenmal seinem Zorne entronnen; aber das Schicksal wollte, daß ich nach einigen Tagen wieder mit ihm zusammen gerieth, wo es mir nicht so gut erging. Es war uns Freiwilligen sehr unangenehm, daß wir unsere eigenen seinen Uniformen nicht mehr offen tragen und darunter eine propere weiße Weste zeigen durften, auch immer mit dem schweren Dienstsäbel gehen sollten, statt des eigenen leicht mit der schön lakirten Kuppel, wie ihn die Offiziere trugen. An einem unvergeßlichen Sonntage berieth ich mich mit einigen Andern, ob wir es nicht wieder einmal wagen sollten, uns im vollen Glanz aller dieser verbotenen Gegenstände, wozu noch die sehr streng verpönte hohe Halsbinde kam, welche aber zu einem feinen Anzuge gehörte, in der Stadt sehen zu lassen. Es wurde viel dafür und dagegen gesprochen. Einer meinte, man könne ja sorgfältig umherspähen und bei der geringsten Gefahr rechts und links davon laufen. Ein Anderer rieth, man sollte sich bis vor die Stadt durch entlegene Gäßchen schleichen, welcher letztere Vorschlag als der beste angenommen wurde. So zogen wir Nachmittags aus der Kaserne, auf's Beste geschmückt, jeder hatte ein unerlaubtes Kleidungsstück angezogen, der eine schwarze Beinkleider, ein anderer eine feine Kuppel, ein dritter eine ungeheuer hohe Halsbinde mit starrendem Kragen, ich trug das Collet aufgeknöpft und eine weiße Weste darunter. So wandelten wir mit ziemlicher Angst durch einige Straßen, scharf um uns herspähend; doch plötzlich blieb der Erste stehen und brach in den Schreckensruf aus: »Da kommt der Oberst!« Verschwunden waren alle die schönen Vorsätze, ihm zu entfliehen. Wir standen beim Anblick seines wackelnden Federbusches festgebannt, wie der Wanderer, wenn er eine giftige Schlange sieht, und machten Front. Ich versuchte, eilig mein Collet zuzuknöpfen; der mit der Halsbinde stand gerade an der Seite, woher der Oberst kam, und war so der ersten Ansicht blosgestellt! er hatte jedoch die Geistesgegenwart und eben noch so viel Zeit, die Binde an der Seite des Halses, welche zuerst gesehen wurde, hinein zu stopfen, was im Gegensatz zur andern, wo sie himmelhoch emporragte, höchst sonderbar aussah. Wir standen; der Oberst kam heran, bemerkte anfänglich nicht das Dienstwidrige unseres Anzugs, denn er sagte: »Nu, die jungen Menschen sehen recht flott aus, ik liebe das.« Einer meiner Kameraden hat mir später gestanden, er habe in diesem Augenblicke gebetet: »Lieber Gott, laß' den Oberst an uns vorübergehen;« aber er ging nicht vorüber, sondern mit einem Mal lagerte sich ein finsterer Ernst auf seinen Zügen; die Ader auf seiner Stirn schwoll; er bemerkte den stehen gebliebenen Theil jener Halsbinde und zog ihn noch höher, dem Unglücklichen beinahe bis über die Ohren. »Oho, wat is denn das, Millionenhund!« schrie der Oberst, »und Ihm,« er wandte sich zu mir, »Ihm guckt ja das Hemd aus der Hose!« Ich schaute erschrocken hinunter. O weh! in der Eile hatte ich das Collet schief zugeknöpft und die weiße Weste lugte verrätherisch hervor. – »Nun,« fuhr der Oberst fort, »is et nich das Hemd? nich?« – »Nein, Herr Oberst,« stotterte ich, »meine Weste!« – »So? ene Weste? Nu, ik will Euch bewesten! Und der da trägt ene dienstwidrige schwarze Hose! Ihr seyd mir ein schönes Corps! Und der vierte der nobeln Gesellschaft trägt ene Kuppel, wie sie sein Oberst nicht trägt. Marsch in die Kaserne! Ik will euch dahin begleiten!« Wir mußten gehorchen und er führte uns zum Wachtmeister, der nicht wenig über diesem Aufzuge erstaunt war. Die ganze Kaserne gerieth in Aufruhr, Alles sah zu den Fenstern heraus, wie wir ankamen; denn der Oberst fluchte in Einem fort über den Hof die Treppe hinauf. Er machte kurzen Prozeß; wir erhielten wegen dienstwidrigen Anzugs vier-und-zwanzig Stunden Mittelarrest, welche Strafe, da es Sonntag war, gleich an uns vollzogen wurde. Der Wachtmeister schrieb einen Zettel an die Verwaltung des Arrestlokals, worauf unsere Namen prangten und der uns einen freundlichen Empfang sicherte. Wir mußten unsere schlechtesten Kleider anziehen und ein Stück Brod, zwei Pfund schwer, welches für einen Tag reichte, unter den Arm nehmen. Es ist das einzige Nahrungsmittel, das nebst Wasser dort genossen wird. Arrest! Militärarrest! O es ist etwas Fürchterliches! Hat ein edler Mensch an einem Tage kein gutes Werk gethan, so denkt er, der war verloren in meiner Lebenszeit; aber er hat ihn doch verlebt diesen Tag in Luft und Sonnenschein. Spricht ein Spitzbube am Abend, während er eine harte Brodrinde mit Mondschein genießt: »Auch wieder unnütze vier-und-zwanzig Stunden mitgemacht, nichts profitirt!« schweig Elender, du hast doch den blauen Himmel gesehen, dich an der milden Luft erfreut! konntest dich in Gras und Blumen legen und von vergangenen besseren Dingen träumen! Kommt der Kettengefangene nach Hause und wirft sich seufzend auf die harte Pritsche, so murmelt er: »Habe wieder ein neues Tagewerk in den Abgrund geschleudert, der meine ganze Lebenszeit verschlungen hat!« Aber hast du nicht Menschen gesehen? hat nicht das Licht der Sonne deine Ketten vergoldet! Haben sich nicht tausend Gegenstände, die dich bei der Arbeit umgaben, an die Last deiner Stunden gehängt! sie vom Zeitrade rasch abwickelnd. Aber der Tag, den ich im Militärarrest verbringe, ist todt und schwarz, ich habe ihn nicht verlebt; er ist eine Lücke in meinem Leben! – In mehreren Thurmgewölben, welche über einander liegen, sind hölzerne Käfige gebaut, in jedem sechs bis acht, drei Fuß breit, fünf lang und vielleicht acht Fuß hoch. Ueber der Thür, welche nach Art der Menageriekasten mit zwei Riegeln verschlossen wird, ist ein vergittertes Luftloch von einem Fuß im Quadrat. Die Thüre des Kastens ist jedoch so angebracht, daß sie von den Fenstern des Gewölbes abgekehrt ist, daher jene Oeffnung fast gar kein Licht gibt. Das Mobiliar besteht aus der Pritsche, einem Brett, welches beinahe den ganzen Raum einnimmt und an der einen Seite festgemacht ist, ferner aus einem Wasserkrug und einem Eimer. Das ist der Mittelarrest . Die leichteste Sorte ist der gelinde Arrest , wobei der Gefangene statt der Pritsche einen Strohsack hat und täglich warmes Essen bekommt. Diesen Arrest haben auch diejenigen Soldaten, welche eines Verbrechens halber in Untersuchung sitzen, wodurch für den, der bloß wegen eines leichten Vergehens hieher gebracht wird, viel Unannehmliches entsteht. Es ist mir vorgekommen, daß ich in diesem gelinden Arrest mit Dieben, einmal sogar mit einem Mörder zusammensaß. Der strenge Arrest endlich ist ein Lokal, in welches kein Strahl des Tageslichtes fällt, das weder Pritsche noch Strohsack hat, und also der Gefangene auf dem Fußboden schlafen muß. Er wird meistens durch kriegsgerichtliches Erkenntniß ertheilt, für schwerere Vergehen in Portionen von drei Tagen bis sechs Wochen. Ich habe nie die Ehre gehabt, persönliche Bekanntschaft damit zu machen. Ferner befinden sich in einem Militärgefängnisse noch einige Kammern, deren Wände und Fußboden mit scharfkantigen Hölzern besetzt sind, die sogenannten Latten . Sie werden indessen nicht mehr gebraucht, höchstens in ganz seltenen Fällen, wenn z.B. einer der Kettengefangenen sich Wiedersetzlichkeiten gegen seine Wachen erlaubt. Unser Militärgefängniß wurde, wie schon früher bemerkt, Nummer 7 ½ genannt und stand unter Aufsicht eines alten Invaliden von der Infanterie, der sich Herr Inspektor schimpfen ließ. Wir nannten ihn im gewöhnlichen Leben den Onkel; auch hatte man ihm den Titel Rattenkönig gegeben, wegen der Masse dieser Thierchen, welche mit den Soldaten in Nummer 7 ½ unter seinem Kommando standen. Dieser Rattenkönig war ein alter, mürrischer Kerl. Die kleine gebrechliche Figur mit einem Gesicht, welches stets ein boshaft lächelnder Zug markirte, war in einen blauen Invalidenrock gehüllt; auf dem Kopf trug er eine weiße Nachmütze, welche bei seiner Gewohnheit, im Sprechen mit dem Kopf zu nicken, beständig vorne überwankte. Dazu hustete er beim dritten Wort und es war seine Seelenlust, wenn einer von uns Freiwilligen seinen Arrest benutzte. Bei unserer Ankunft lächelte er bedeutend und sagte: »Hä, neue Namen, neue Namen! hä – soll euch bei mir gefallen! – Ich will euch in den Thurm setzen, wo die Eulen pfeifen, in die Spitze unter das Dach; da ist viel frische Luft! hä, hä!« Er untersuchte, ob wir keine verbotenen Gegenstände, als Branntwein, Butter oder dergleichen Lebensmitteln bei uns trugen, und brachte uns darauf in eines der Gewölbe, wovon ich oben sprach, öffnete die Kasten und hieß uns eintreten. Beim Anblick des Lokals konnte ich mich nicht enthalten, auszurufen: »In dieses Hundeloch!« Dies nahm er aber sehr übel und entgegnete zornig: »Hä hä! der Grüns'nabel, der Grüns'nabel! will es besser haben, als andere ehrliche Menschen! Nur hinein! nur hinein!« Ich gehorchte und die Riegel wurden vorgeschoben. Es war ungefähr fünf Uhr. Die Zeit schlich entsetzlich langsam; von einer Viertelstunde zur andern, welche ich alle deutlich schlagen hörte, däuchte mir eine Ewigkeit. Ich ging in meinem Käfig herum; mit zwei Schritten war ich von einem Ende zum andern, und ich habe diesen Raum wenigstens tausend Mal gemessen. Wie gern hätte ich jetzt die Hühner der Frau Oberstin bewacht! Zuweilen nahm ich mein Brod zur Hand, dann setzte ich mich auf die Pritsche trank Wasser, stand wieder auf. Horch, die Uhr schlägt! Erst wieder ein Viertel! Ich versuchte zu schlafen, aber die Glieder schmerzten mich schon nach den ersten Minuten auf dem harten Holze, kurz, ich langweilte mich entsetzlich. Doch so lange der Tag dauerte, ging es noch an; denn obgleich es in dem Kasten so dunkel war, daß man die Farbe der Kleidungsstücke nicht unterscheiden konnte, so hatte man doch einen Schimmer von Licht, und es war allenfalls möglich, in dem Gefängnisse auf und ab zu gehen, ohne sich den Kopf zu zerstoßen. Auch hörte man zuweilen von der Straße her ein dumpfes Gemurmel, Sprechen, Lachen der Vorübergehenden, das Kommando der Wache, wenn sie ablöste, lauter Kleinigkeiten, welche indessen die Zeit doch etwas tödteten. Doch wie sich die Nacht herabsenkte, es immer dunkler, endlich stockfinster ward, als der Lärm auf den Straßen schwieg und rings Todtenstille herrschte, da wurde es rein unerträglich. Obendrein war es ziemlich kühl; ich lief auf und ab, wie der Bär in der Menagerie, eben so brummend, wobei ich die Arme vor mich hielt, um zu fühlen, wann ich an die Wand kam. Ich dachte an meine Sünden, und daß ein hübsches junges Mädchen in diesem Augenblicke bei jedem Geräusch an ihrer Thür den Schirm der Lampe, bei der sie saß, emporhob und mich zu hören glaubte. Ihr zu Liebe hatte ich mich geputzt und dafür meine Wohnung in Nummer 7 ½ erhalten. – Ich machte es, wie Jean Paul anräth, wenn man nicht schlafen kann, ich zählte bis in die hunderttausend; ich conjugirte unregelmäßige Zeitwörter, bis ich ganz verwirrt ward. Meine Phantasie forcirend, begann ich den Kerker mit verschiedenen Bequemlichkeiten auszumalen: eine Lampe, welche von der Decke hing, beleuchtete mit zauberischem Licht ein kleines Tischchen, worauf einige Flaschen Wein und Beefsteaks standen, an die Stelle der Pritsche dachte ich mir ein schwellendes Ruhebett, auf welches gelagert ich diese Herrlichkeiten genoß. Aber ein Biß in mein schwarzes Brod entzauberte mich; ich saß auf dem Brette und die Dunkelheit gaukelte vor mir her in seltsamen Gestalten. Auf einmal rasselte die Trommel vor der Wache; an entfernten Punkten der Stadt hörte man Zapfenstreich blasen; also neun Uhr, und so hatte ich denn noch acht volle Stunden zu genießen, ehe der Tag kam. Ich machte Anstalten zum Schlafen, legte mir ein zusammengewickeltes Taschentuch unter den Kopf, kauerte auf der Pritsche wie ein Igel zusammen, und deckte mein Collet, welches ich ausgezogen hatte, über Brust und Arme, weil es so mehr wärmt. Nach vielmaligem Umändern meiner Lage schlief ich endlich ein und träumte schrecklich. Ich machte ein ganzes Heldenleben durch, ich kämpfte mit Riesen, fiel in tiefe Abgründe, wo ich Schlangen, wilde Thiere und Gespenster erwürgte. Plötzlich fahre ich aus dem Schlafe auf, besinne mich. Gott sey Dank! nach dem, was ich im Traume Alles gethan, muß ich lange geschlafen haben; in kurzer Zeit wird mir ein schönes Morgenroth tagen. Neben mir höre ich etwas plätschern: ein Mäuslein ist in meinen Wasserkrug gefallen; ich befreie es von dem gewissen Tode, wofür es mich in den Finger beißt. In stiller Ergebung setze ich mich auf die Pritsche, bewege meine Glieder, die vom langen Liegen ganz steif geworden sind, und harre geduldig, bis eine Uhr schlagen wird, damit ich erfahre, ob bald der Morgen kommt. Horch! eins, zwei, drei, vier – es sind Viertel; und welche Stunde? – eins, zwei – schon zwei Uhr? – drei – das ist schön! – vier – nun, Gott sey Dank! – fünf – ich springe auf – sechs – unmöglich! da müßte es heller seyn! – sieben – o weh! sollte es erst zwölf Uhr seyn? – acht – neun – zehn – Ich sinke entsetzt zurück. Zehn Uhr! gerechter Himmel! erst zehn Uhr! ist es möglich? ich habe nur eine einzige Stunde geschlafen? Aber es war nicht anders; eine Uhr schlug nach der andern – alle nur zehn. Ich wiederholte jetzt das Manöver mit dem Zudecken und Zusammenkriechen, wie früher, wünschte mir die Haut des gehörnten Siegfrieds, seufzte viel und schlief am Ende wieder ein. Ich träumte dies und das; mehrmals wäre ich beinahe in einen reißenden Strom gestürzt, denn ich fühlte im Halbschlummer stets, wenn ich durch eine Bewegung im Schlaf in Gefahr war, von der Pritsche zu fallen, und klammerte mich dann an das Holz fest. Auf einmal aber wurde mein Traum düster, unheimlich; ich war nicht mehr der lustige Freiwillige, den eine weiße Weste in den Kerker gebracht, nein! mein Athem konnte kaum die Brust erheben, so schwer drückte ein Mord darauf: ich war ein Mörder, und dies meine letzte Nacht. Schon dämmerte der Morgen, schon klirrten die Gewehre der Wachen, welche mich zum Tode führen sollten. Die Riegel an meiner Thür rasselten zurück – ich fuhr wirklich empor, durch eine plötzliche Helle erweckt, die mir scharf und schmerzend in die Augen drang. Die Thüre meines Kastens war geöffnet, vor derselben stand die Wache, an ihre Flinten gelehnt und der Inspektor Rattenkönig trat herein. Er krähte: »Grüns'nabel – hä! – will er aufstehen, der Grüns'nabel!« – »Was soll's?« entgegnete ich heftig, »laßt mich schlafen!« – »Ei sieh doch! hä –« sprach jener, »ich bin der Herr Inspektor und untersuche die Lokale, ob auch Alles in gehöriger Ordnung ist – hä. – So, mein Söhnchen, das Collect ausgezogen? – Darf das seyn? Hätte wohl Lust, den Grüns'nabel der Commandantur zu melden, und die Commandantur spaßt nicht – hä – gibt drei Tage Mittelarrest, daß die Seele pfeift! Gleich das Collet anziehen! – Und hat auch auf die Erde gespukt, der Grüns'nabel! – hä – Wozu is der Eimer da?« – Damit lief er so schnell hinaus, als seine alten Beine erlaubten, schob die Riegel vor, und ich saß wieder im Dunkeln. – Heute, wo ich dies schreibe, ist der Rattenkönig todt; und jetzt wäre es mir noch weit unheimlicher, dort im Arrest zu sitzen. Ich fürchte, er geht um und schleicht in der Mitternacht hüstelnd längs aller Käfige, im alten Invalidenrock, mit der weißen Nachtmütze über dem vertrockneten Gesicht. Die Nacht ging zu Ende, wie Alles in dieser Welt zu Ende geht. Aus einem neuen Halbschlummer in den ich gesunken, erweckte mich das Lärmen der Reveille auf allen Punkten der Stadt. Nie habe ich einen Morgen mit größerer Freude begrüßt. Um sechs Uhr wurden unsere Käfige durch den Onkel geöffnet, und wir durften, von Wachen umgeben, in einem kleinen vergitterten Hofe eine Viertelstunde lang frische Luft schöpfen. Die Gesellschaft, welche sich hier aus allen drei Stockwerken des Thurms zusammenfand, glich, mich eingerechnet, eher einer Bande Wegelagerer, Ueberbleibseln eines langwierigen Krieges, als friedlichen Soldaten einer wohlgeordneten Macht, welche eine kleine Unregelmäßigkeit, höchstens ein dummer Streich an diesem Orte des Grauens versammelt. Infanteristen, Dragoner, Artilleristen, Pioniere bewegten sich in den alten, durch die Leiden eines mehrtägigen Arrestes noch defecter gewordenen Uniform durcheinander; die Beinkleider ohne Träger hingen der Bequemlichkeit halber herunter und zeigten ein gelbes Hemd mit unzähligen kleinen Blutflecken. Von Natur frische Gesichter schimmerten, da sie während des Arrestes selten gewaschen wurden, in's Dunkelgraue, die Haare flatterten verwildert um den Kopf, eben so der Bart, denn Kamm und Scheermesser sind verpönte Gegenstände. Während dieser Morgenassemblee schienen aber die Leiden der vergangenen Nacht rein vergessen. Da wurde gescherzt und gelacht; Bekannte trafen sich und erzählten einander, was sie hieher gebracht, wobei sich auswies, daß sie alle gleich unschuldig waren. Die Wasserkrüge wurden neu gefüllt, und als nach Ablauf der bestimmten Zeit der Onkel mit einem bedeutenden Winke in den Hof trat, folgten ihm Alle und zogen sich in ihre Kabinette zurück. Von jetzt an verging mir die Zeit viel geschwinder. Ich war ja auf dem Berge und wandelte dem Thale der Erlösung entgegen. Endlich kam die Stunde der Befreiung: der Inspektor trat in unser Gewölbe, rief uns mit Namen auf und öffnete die Thüren unserer Käfige. Ha, mit welcher Wollust schlürfte ich die milde Luft des schönen Frühlingstages ein! und ganz ohne Schranken wäre meine Lust gewesen, hätte uns der Rattenkönig nicht ein finsteres Gespenst auf den Weg gegeben, mit den höhnischen Worten: »Hä! hä! werde hoffentlich das Vergnügen baldigst wieder haben, Sie zu bewirthen.« Mit meiner Ausbildung ging es indessen rasch vorwärts. Mein geschmeidiger Körper lernte besonders das Reiten und Voltigiren mit Leichtigkeit. Ich sprang sogar von hinten über den Mantelsack in den Sattel und gewann mir dadurch so ziemlich die Gunst meines Kapitäns. Mein Unteroffizier betrachtete meine Evolutionen und Exercitien mit freudestrahlendem Gesicht. Offiziere wie Kameraden nannten mich wegen meiner kleinen Figur und der zuweilen sehr kindischen Streiche, die ich machte, nur »das Kind.« Mein Muthwille war, wenn auch nicht stadt-, doch batteriekundig, und wenn irgendwo eine Neckerei vorgefallen, war, so pflegte mein Freund, der Lieutenant L., seinen Schnurrbart zu zupfen und zu sprechen: »Na, da wird wieder das Kind die Hand im Spiel gehabt haben!« Nachdem ich so sechs Monate gedient, geschah das Außerordentliche, daß ich, obgleich noch nicht siebzehn Jahr alt, zum Bombardierexamen zugelassen wurde. Der Bombardier ist die unterste Charge in der Artillerie. Er hat Unteroffiziersrang in der Armee, und ihm liegt im Felddienst und im Kriege das Richten des Geschützes ob. Er muß lesen, schreiben, die vier Species rechnen können, etwas Mathematik verstehen, muß bei allen Arten von Geschütz exercieren, Munition anfertigen, schadhafte Lafetten etc. herstellen können, ferner wissen, wie man ein Pferd beschlägt, besonders aber sich stets ordentlich betragen haben. Noch vier andere wurden mit mir zu gleicher Zeit examinirt. Wir bestanden Alle ziemlich gut und wurden einige Wochen darauf zu Bombardieren ernannt, bei welchem Akt der Oberst von T. mir die Geschichte mit der weißen Weste noch einmal vorhielt. Wir bekamen das Zeichen unseres Ranges, eine goldene Tresse an jeden Aermelaufschlag genäht. Ich werde des glorreichen Tages stets gedenken, wo ich als Chargirter zum erstenmale auf der Straße ging und beständig meinen Arm in die Höhe hob, damit jeder gleich sehen könne, ich sey etwas geworden. Ich fühlte mich nicht wenig, als einige Kavalleristen bei mir vorbeigingen und mich vorschriftsmäßig grüßten; ich fing wirklich an, etwas zu werden, denn wer's erst zum Bombardier hat gebracht, steht auf der Leiter zur höchsten Macht. Da mit meinem Avancement meine militärische Ausbildung nun beendigt war, so schließt hiemit ein wichtiger Abschnitt meines Militärlebens. Es war unterdessen Sommer geworden und die Zeit rückte heran, wo wir die jährlichen Schießübungen begannen, zu welchem Zweck sich die ganze Brigade auf einer großen Heide bei W. versammelte, welches ungefähr zehn Stunden von unserm Garnisonsorte lag, und auf den Dörfern um die Stadt Cantonirungsquartiere bezog. Die Protzen wurden mit scharfer Munition bepackt, die Geschütze kriegsmäßig beladen, und an einem schönen Morgen rückte die ganze Batterie aus, der Oberst von T. an unserer Spitze, der sehr gut gelaunt war, wie meistens, wenn es zu den Feldübungen ging. Kaum hatten wir die Stadt im Rücken, so erlaubte er, daß gesungen wurde. Wir setzten uns in den Sätteln bequem, ließen dem Pferd die Zügel, lüfteten den Tschako und begannen unser Leiblied: Wie ziehen wir so fröhlich Mit Sang und Klang hinaus! Beschirmet ist ja immer Des Artilleristen Haus. Es schreckt uns nicht Des Feindes Uebermacht; Wir führen ja den Donner Der heißen Schlacht. 5. Marsch- und Einquartierungs-Leiden Aber nicht den ganzen Tag wurde so gesungen und gelacht. Es war im Juli, und die Hufe unserer Pferde wirbelten dicke Staubwolken von dem durch die glühende Sonne ausgedörrten Boden empor. Unsere roth verbrannten Gesichter gingen allmählig in die Farbe der Chaussee über, einem gelblichen Weiß, das auch Kollet, Waffen und Pferde überzogen hatte. Der Mund wurde trocken und die Stimme, wie Dose richtig bemerkte, sehr rostig. Man rückte seinen Tschako bald vom rechten Ohr aufs linke, und suchte sich vor dem Drucke dieses bei uns so unendlich schweren Meubels, bald durch ein untergelegtes Sacktuch, bald durch die loser geschnallten Schuppenketten, einige Erleichterung zu verschassen. Hie und da machte einer eine vergebliche Anstrengung, aus der geleerten Feldflasche noch einige Tropfen zu ziehen; aber umsonst, denn die Kraft ihrer Lenden war versiegt, ein Wort, dessen Wahrheit auch heute Morgen der Oberst von T. oder vielmehr dessen Reitknecht sehr schwer empfand; denn obgleich dieser eine unmenschlich große Korbflasche voll Rum zur Tränkung seines Chefs mitgenommen hatte, so war sie doch schon um 10 Uhr geleert und an den sonderbar ängstlichen Blicken, womit der Bursch jedesmal das Gefäß aus den Händen seines Obersts zurücknahm und gegen die Sonne hielt, um den Inhalt überschauen zu können, hatte ich bemerkt, daß der Durst des Herrn mit den Ideen des Dieners über denselben nicht im Einklang stand. Aus diesem Mißverständniß entwickelte sich ein gräuliches Donnerwetter, das dem armen Burschen so gegen zehn Uhr heute Morgen auf den Tschako gefahren kam. Da hatte der Oberst, nicht ahnend, daß der Vorrath zu Ende sey, die Hand rückwärts gehalten und gesagt: »Friedrich, gib mir die Flasch, ik will 'mal enen nehmen.« Und als der Friedrich die Flasche nicht gab, sondern nur einige verlegene Worte stotterte, sahen wir, wie das Gesicht unseres Chefs erst röthlich wurde und dann, als der Bursche sich ein Herz faßte, und ihm eröffnete, die Flasche sey leer, in's dunkelblaue überging. Er warf sein Pferd herum, und während er dem Friedrich durch einen gewaltigen Schlag den Tschako bis über die Ohren in den Kopf drückte, hielt er ihm eine lange Rede, deren Grundtext ungefähr die Worte waren: »Wie ik sehe, du Millionenhund, bist du ein schlechter Kerl, der seinen Chef zu Grunde richten will;« worin er eine Einladung auf einen vierzehntägigen Arrest sehr gut zu verflechten wußte. Mir that wirklich der arme Oberst mit seinem Durst leid, und da ich Anstands halber auch eine Flasche voll Liqueur an meinen Sattelknopf gehängt hatte, aus der ich jedoch nicht trank, da mir aller Schnaps von jeher widerstanden, so hätte ich gern dem Alten meinen ganzen Vorrath überlassen; doch wäre es allem Respect zuwider gewesen, wenn ich mich meinem Chef genähert und ihm die Flasche angeboten hätte. Ich dachte in meiner Unschuld, ich brauchte ihn nur darauf aufmerksam zu machen und er würde mich schon selbst darum bitten. Dies glaubte ich sehr klug angefangen zu haben, indem ich die Flasche in die Hände nahm und mich stellte, als tränke ich daraus, und sie recht nahe dem Auge des Obersten, der zufällig nicht weit von mir ritt, im Sonnenglanze spielen ließ. Auch konnte ich dabei nicht unterlassen, zu ihm hinzuschielen, begegnete aber einem Blicke, der mir nichts weniger als freundschaftlich oder wohlwollend vorkam. Mir schien, als habe er alle meine Manipulationen bemerkt, aber wie ich später mit Schrecken einsah, ganz anders ausgelegt, als ich sie in meiner Gutmüthigkeit erdacht hatte. Auch Dose, der, wo er konnte, mein Schutzgeist war, hatte bemerkt, daß mir der Alte spähende, zornige Blicke zuwarf, und flüsterte mir zu: »Er hat was auf Sie; entweder fangen Sie gleich sein Leiblied an zu singen, wissen Sie das, wo der eine Vers anfängt: Da sprachen die Herren Hausknechte etc. oder drücken Sie sich sachte hinter mich, daß ich neben ihn komme; ich will ihn schon anlaufen lassen.« Ungeachtet ich im Augenblick nicht wußte, was ich dem Oberst gethan haben konnte, wollte ich doch diesen zweiten Vorschlag befolgen, und suchte mein Pferd langsam zurückzuhalten. Aber da kam ich schön an: v. T. hatte alle meine Bewegungen beobachtet, und kaum hatte ich eine kurze Bewegung halb links ausgeführt, so donnerte er mich an: »Nu, nu, wo will denn der Herr Bombardier hin? Hoho, hoho! ik habe schon die Unordnung an det Sattelzeug bemerkt. Sehen Se mal, Herr Hauptmann Feind, ist der Mann wohl heute Morgen von seinem Unteroffizier revidirt worden? He! Nein, sag' ich Ihnen! Da sehen S'e die Mantelschnallen, die sitzen nicht mal in einer Linie. Der ganze Mensch ist in einer gewaltigen Confusion – Abgesessen – Ik will ihm lehren ordentlich satteln. Der junge Herr laufen bis in's Quartier zu Fuß. Ja, dem alten Oberst entgeht nischt!« Während er nach dieser Predigt in ein höhnisches Gelächter ausbrach, stieg ich doch ruhig und mit dem vergnügtesten Gesichte von der Welt von meinem Rosse, obgleich es eben kein angenehmes Manöver war, mit der schweren Reithose und dem langen Säbel in dem Staub herum zu springen, daß ich eine dicke, weiße Wolke aufrührte, worin ich wie die Engel auf einem Raphaelischen Gemälde aussah. Auch nahm ich mir erst die Zeit, meine Feldflasche vom Sattel zu nehmen, um mit vielsagendem Blick auf den Alten einen tüchtigen Schluck gegen mein Gefühl daraus zu thun, und es war mir nun klar geworden, er hatte geglaubt, ich wolle ihm nach dem Vorfall mit dem Bedienten mit meiner gefüllten Flasche nur zum Besten haben. Das war mir gewiß nicht eingefallen, und es that mir in meiner Seele weh, so verkannt zu werden. Meine Fußreise dauerte übrigens nicht sehr lange, denn schon nach einer Viertelstunde sahen wir das Städtchen M. vor uns liegen. Bei einer Windmühle, nicht weit von dem Städtchen, wurde Halt gemacht und die Quartiermeister erschienen, um den verschiedenen Batterien die Nachtquartiere anzuweisen. Die unsrige, so wie alle reitenden, wurden in die benachbarten Dörfer vertheilt; nur ich, der ich in diesem Augenblicke das Glück hatte, beim Regimentsschreiber einige Schreiberdienste zu verrichten, wurde, da er mich zu diesem Zweck um sich haben wollte, zum Stab in die Stadt gelegt. Als der Park arrangirt und die Batterie aus einander in die Quartiere gezogen waren, blieb der Oberst mit seinen Adjutanten und den Wachtmeistern zurück, um den Befehl für den folgenden Tag auszugeben. Ich durfte auch nicht fort; doch zog ich mich von dem Gestrengen in einige Entfernung zurück, mußte mich ihm jedoch bald wieder nähern; denn er stieg von seinem Pferde, und rief, sich rings umsehend: »Nu, wer hält denn so egentlich meinen Gaul?« Sein Reitknecht war mit dem Gepäcke schon zur Stadt gezogen, und da außer den Offizieren sonst Niemand in der Nähe war, so mußte ich, ich mochte wollen oder nicht, herbei, und ihm sein Pferd halten. Wohlweislich hatte ich an dem meinigen die Sattelschnallen gleich bei der Ankunft wie nach der Schnur geordnet und nicht umsonst; denn hatte er mir seinen Zügel in die Hand gegeben, so ging er rings um mich herum, und bemerkte gleich, daß ich meine Schnallen gerichtet hatte. Sein Gesicht nahm einen wohlwollenden Ausdruck an und er sagte: »Nu, nu, wenn man nur seinen Fehler retouchirt, det liebe ich!« Dies machte mir Muth, ihm, als er einen Augenblick darauf einen Bürger fragte, ob nicht in der Nähe ein gutes Wirthshaus sey, aus dem man einigen Rum könne holen lassen, nochmals, jetzt aber mit deutlichen Worten meine Flasche anzubieten. Er sah mich überrascht an, und als ich ihm kurz hinzusetzte: schon früher habe ich ihm, da sein Vorrath ausgegangen sey, den meinigen anbieten wollen, es jedoch nicht gewagt, da schien aus dem rothen Meere seines Gesichtes eine gelinde Richtung aufzutauchen, und es war mir sehr erfreulich, daß er durch den Inhalt der Flasche, den er alsbald ergründete, meine guten Gesinnungen für ihn ebenfalls ergründen konnte. Ich glaube, wir schieden als die besten Freunde, denn indem er mir die Flasche zurückgab, sagte er: »Ik bin sein wohlwollender Oberst!« und das wollte viel heißen. Auf meinem Quartierbillet stand: Straße: Mühlenstraße, Haus: Nr. 18. Herr Kaufmann N. N. bekommt einen Mann und ein Pferd einen Tag lang mit oder ohne Verpflegung; das ohne war aber ausgestrichen, wonach ich verpflegt werden mußte. Doch hatte mir mein guter Dose allerhand nicht sehr erbauliche Geschichten von diesen Verpflegungen erzählt, mich auch, nachdem er mir eine Masse Verhaltungsregeln gegeben, mit sichtbarer Rührung entlassen und gesagt: »Sakrement, wenn der verfluchte Schmierer nicht wäre,« – damit meinte er den Regimentsschreiber – »so hätte ich Ihnen ein gutes Quartier verschafft; jetzt müssen Sie aber für sich selbst sorgen. Beißen Sie sich nur gehörig mit den Bürgern herum; freiwillig geben sie nichts Gutes.« Vor Allem hatte er mir eingeschärft, ich solle mich nur ja nicht aus dem Hause, auf welches mein Billet laute, unter dem Vorwande, man habe keinen Platz, in ein anderes Quartier legen lassen, wo mehrere Soldaten wären; denn dann käme man zu Leuten, die für die fünf Silbergroschen, die per Mann täglich bezahlt würden, von andern Bürgern, denen die Einquartierung eine Last sey, sie übernähmen. Sie wollten dann an diesen fünf Silbergroschen wenigstens viere verdienen und wie eine Verpflegung zu einem Silbergroschen ausfallen müsse, könne ich mir denken. Mit diesen guten Lehren im Herzen hatte ich den festen Vorsatz gefaßt, auf jeden Fall in mein Quartier, Mühlenstraße Nr. 18., zu dringen, und wenn man vor die Hausthüre einen ganzen Berg von Vorstellungen und Gründen lagern würde. So ritt ich durch die Straßen des Städtchens, alle Hausnummern betrachtend und über denselben zu den Fenstern hinaufsehend, aus denen manch niedlicher Mädchenkopf blickte; einige waren so hübsch, daß ich wohl gewünscht hätte, hier sey Mühlenstraße Nr. 18. Endlich kam ich an's Ziel, und es war ein Haus, das mir von außen recht gut gefiel; nur wollte es mir nicht einleuchten, daß an allen Fenstern die Laden zugemacht waren, und ich hätte schon gefürchtet, es sey unbewohnt, wenn nicht an der Thüre ein Bedienter in Livrée gewesen wäre, der mich fragend ansah. Mit vielem Anstand schwang ich mich von meinem Pferde und reichte ihm mein Billet. Er las es durch und sagte mir ruhig: »Ja, das ist ganz richtig; doch müssen sie sich ausquartieren lassen; denn die Herrschaft ist seit zwei Tagen in's Bad gereist, und man hat nur vergessen, es auf der Polizei anzuzeigen. Doch kann es Ihnen gleich seyn, ich bringe Sie zum Vetter der Herrschaft, auch ein sehr gutes Haus.« Ei, dachte ich und freute mich sehr, jetzt gleich schon die Ermahnungen meines Dose in Ausführung zu bringen. Ich versuchte dem Domestiken gegenüber eine imponirende Stellung einzunehmen, was mir aber nicht ganz gelang, denn mein Säbel, auf den ich mich hierbei nothwendig stützen mußte, um mir das gehörige Ansehen zu geben, war für mich zu lang zu diesem Manöver. Aber ich blitzte ihn an, und griff, wie es Dose in ähnlichen Fällen that, an die Stelle, wo ich einen Bart hätte haben können. »So,« sprach ich, »mich ausquartieren, zum Vetter Ihrer Herrschaft? Na, das wird wohl so ein Vetter seyn, der die Soldaten für fünf Silbergroschen verpflegt. Nicht wahr? Hier steht auf meinem Billet Nr. 18. Mühlenstraße, und da werde ich bleiben.« Sehr ruhig entgegnete mir der Bediente: »Wenn Sie auf der Straße bleiben wollen, so kann mir das schon sehr gleichgültig seyn; doch ist der Vetter meiner Herrschaft keiner, der Soldaten um fünf Silbergroschen in's Haus nimmt.« »Entweder in dies Haus oder in keins,« sagte ich zu dem Lakaien in sehr gereiztem Tone. »Hör' Er, guter Freund, ich bin Bombardier bei der sechspfündigen reitenden Batterie Nr. 21, und habe nicht Lust, mich mit Ihm herumzuzanken.« Ich stieg auf mein Pferd, wandte mich im Sattel noch einmal um und setzte noch hinzu. »Jetzt gleich werd' ich auf's Rathhaus gehen und mir schon Recht verschaffen.« »Sehr gut,« meinte jener und schloß die Hausthüre von außen; »aber ich möchte doch den jungen Herrn ersuchen, unser Haus erst anzusehen und dann erst auf's Rathhaus zu reiten. Es könnte doch vielleicht so gut seyn, wie hundert andere, die man Ihnen anweisen möchte.« Doch hatte ich schon mein Pferd gewandt und ritt die Straße hinab gegen das Rathhaus, wo ich die Sache anzeigte, und mußte endlich, trotz allen Protestationen meinerseits, doch ein anderes Quartierbillet nehmen. Ich weiß Straße und Nummer nicht mehr, doch machte ich sie bald ausfindig, und stieg vor diesem Hause, was auch nicht übel aussah, zum zweitenmal vom Pferde, schellte, und wer mir die Thüre öffnete, war der Bediente aus Nr. 18. Mich ärgerte das, doch jener lächelte und schien einige witzige Bemerkungen über meine Zurückkunft von sich geben zu wollen. Doch verbat ich mir in kurzen Worten allen Scherz und verlangte nach dem Stall. Er führte mich zu einem, der gar nicht übel aussah, und in dem ich neben den Wagenpferden des Hausherrn meinen Rappen in einen bequemen Stand stellen konnte. Der Stallknecht kam und half mir absatteln und putzen, was ich heute, da mein Bursche bei der Batterie draußen blieb, selbst hätte besorgen müssen. Er erbot sich, aus dem Magazin meine Fourage zu holen, was mir sehr lieb war; denn ich wär' doch nicht gern mit einem großen Bunde Stroh und Heu und einem Sack Hafer durch die Straßen gelaufen. Zur Schlafstelle wurde mir ein Bett in einem Verschlag neben dem Stalle angewiesen. Es war neben zwei andern, die der Stallknecht und Bediente einnahmen. Ich wollte gegen diese Kameradschaft protestiren; doch die beiden, welche mich natürlich ganz für ihres Gleichen ansahen, meinten gutmüthig, ich solle mich durchaus nicht geniren, wir würden schon gute Freundschaft halten, und sie machten sich für eine Nacht nichts daraus, mit einem Fremden in einem Zimmer zu schlafen. O Dose! dachte ich, unterdrückte einen tiefen Seufzer, lief, sobald ich im Stalle fertig war, auf die Straße, um unter meinen Bekannten nachzusehen, wie es ihnen ergangen sey. Glücklicherweise stieß ich auch wenige Schritte von dem Hause auf einen derselben, Namens R., der schon in vollem Wir herumflankirte. Dieser R. war ein aufgeweckter, munterer Junge, dem nichts lieber war, als einen tollen Streich mitzumachen. Wir nannten ihn nur den Weißkopf, seines ganz hellblonden Haares wegen, eine Naturgabe, die oft an ihm und uns zum Verräther wurde. Denn hatten wir die Bürger etwas gequält, und wurden denuncirt, so antworteten sie meistens auf die Frage: ob sie keinen von uns beschreiben könnten: »Ja wohl, Herr Hauptmann, der eine hatte ganz weißes Haar.« Da wußte denn unser lieber Feind genug, winkte erst dem R., dann mir und noch einem Andern, Namens E. – Gott hab' den letztern selig, er studirt jetzt in Berlin Thierarzneikunde! – stellte uns dem Ankläger vor, und in den meisten Fällen wurde dieses würdige Kleeblatt freudig wieder erkannt. Dem Weißkopf theilte ich nun mit, ich müsse mit zwei Kerls in einem engen Verschlag schlafen und bat ihn um seine Meinung, ob da nichts zu machen sey. Er überdachte die Sache einen Augenblick, schnippte dann mit den Fingern in der Luft, und bat mich, ich sollte ihn nur gewähren lassen, nur einige Minuten auf der Straße herumspazieren und dann nach Hause zurückkehren. Es schien ihm ganz leicht zu seyn, mir ein besseres Logement zu verschaffen. Ich schlenderte die Gasse hinab und bemerkte, als ich mich an der Ecke umwandte, daß R. ruhig auf mein Haus lossteuerte. Nach einer Viertelstunde kehrte auch ich dahin zurück, und sah durch die geöffnete Hausthür, daß der Bediente mit einer jungen, ziemlich hübschen Dame im Gang stand und neugierig eine Karte betrachtete, die letztere in der Hand hielt. Doch gab sie dieselbe bei meinem Eintritt dem Diener und schlüpfte in ein Zimmer zur linken Hand. Ich trat näher und mein neuer Schlafkamerad übergab mir die Charte mit einem etwas ehrerbietigeren Blick, als ich sie seit unserer kurzen Bekanntschaft an ihm gewohnt war, jedoch mit der schüchternen Frage: ob sie auch wohl für mich bestimmt sey? Ein junger Militär mit sehr blonden Haaren habe nur gefragt, ob nicht ein Bombardier, der ungefähr so und so aussähe, hier im Quartier läge, und dann seine Charte mit dem Bescheid zurückgelassen, er würde in einer Viertelstunde wieder vorkommen. Ich betrachtete das Papier und mußte auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzulachen. Wo mochte der Weißkopf das wohl wieder aufgegabelt haben? – » Graf Weiler « stand darauf in zierlicher Schrift, ein Name fremd meinem Ohr, wie seine Absicht meinem redlichen Herzen. Daß ich die Karte mit der Aeußerung, »Ah, von meinem Freund Weiler!« leicht hinnahm, kann jeder denken; dann ging ich nach dem Stalle, der Bediente sah mir nach und trat zur Dame in's Zimmer. Nach einer halben Stunde, ich hatte sie dazu benutzt, um aus meinem Mantelsack eine eigene Hose, Collet etc. zu nehmen und mich bestens zu schmücken, schellt es am Hause, ich lauschte an der Thür, von wo ich die Hausflur übersehen konnte, und vernahm die Stimme meines Freundes, welcher fragte, ob Baron von Stein jetzt zu Hause sey, und in seiner kurzen Manier befahl, ihn mir zu melden. Der Bediente entgegnete darauf mit halb leiser Stimmen ob ich ein Baron von Stein sey? und öffnete dem Weißkopf ein Zimmer rechts, er wolle mich rufen; doch R. entgegnete ihm: er könne mich besser in dem meinigen aufsuchen, und folgte dem Bedienten, der zögernd voranging. Die Dame öffnete ihre Thür im Gange, sah ihm nach und einen Augenblick darauf traten die beiden in meinen Verschlag. Ich ging dem Weißkopf entgegen und sagte ihm so unbefangen als möglich: »Lieber Graf, es thut mir leid, daß ich Sie in so sonderbaren Umgebungen empfangen muß;« auch war ich eben im Begriff, zum Bürgermeister zu gehen und wiederholt um ein neues Quartier zu bitten. Sehen Sie sich dieses Loch an, ich bin überzeugt, meine Burschen draußen bei der Batterie sind gegen mich elegant logirt. R. zuckte die Achseln, und sah mit einem verächtlichen Blick erst das ganze Zimmer, dann den Bedienten von oben bis unten an. »Es ist doch wahrhaftig lächerlich,« fuhr ich fort, »daß mich die Leute hier, die doch in ihrem großen Hause sicher ein Zimmer frei haben, in die Stallkammer legen. Nicht wahr, ganz lächerlich? Lachen Sie doch, Graf.« » Vraiment ,« sagte R., und wollte sich in elegant nachlässiger Stellung auf einen Stuhl fallen lassen; doch gelang ihm das nicht vollkommen, denn dieses Meubel, von Holz und dreibeinig, war ziemlich klein, so daß er die rechte Figur nicht herausbringen konnte. Doch streckte er seine Beine so weit als möglich auseinander und vor sich hin und sagte nochmals: » Vraiment , sehr lächerlich! Lachen Sie doch, Baron!« Und wir Beide, allen Zwangs entbunden, platzten heraus, daß die Pferde zusammenfuhren. Der Bediente stand dabei und sah mit einem ziemlich dummen Gesicht bald den einen bald den andern an. Ich glaube, seine Gedanken hatten sich in unsere Grafschaften verlaufen und es dauerte einige Minuten, ehe er sie wieder in den Stall zurückbringen konnte. Dann machte er eine linkische Verbeugung, sagte etwas von Irrthum, Herrschaft sagen und schob sich zur Thüre hinaus. »Jetzt fort?« rief der Weißkopf, »komm, nimm meinen Arm, wir gehen etwas spazieren, und wenn Du zurückkehrst und hast kein anderes Zimmer und gehörige Bedienung, so will ich verflucht seyn, morgen alle Pferde der ganzen Batterie zu putzen!« – Auf der Flur, sobald er glaubte, die Hausleute könnten ihn hören, schrie er mir noch mehrere Male zu: »Ja, Baron, das ist sehr ridicule , sehr ridicule !« wobei er den berlinischen Dialekt nachzuahmen suchte. Wir schlenderten einige Stunden in der Stadt herum, besuchten alle Caffeehäuser und trieben in den Straßen die ordinären Witze, die man sich in den Jahren erlaubt; frugen z. B. in einem Eisenladen nach dem Preise des feinsten Kattuns, und einen Schuhmacher, was der Beschlag eines Pferdes per Fuß koste, kamen auch dabei zuweilen an den Unrechten, wo es dann einen Austausch von Grobheiten und unfeinen Redensarten gab. Ach, es war eine glückliche Zeit, als man noch halbe Tage auf den Gassen flankiren konnte, ohne zu ermüden, und bei einem Pfeifenladen Stunden lang in tiefes Ansehen versunken stand – sie ist dahin! Es fing an zu dunkeln, als ich mich von dem Weißkopf trennte und nach meiner Wohnung ging. Die Hausthür stand offen, und ich wollte in meinen Verschlag gehen, als mir der Bediente entgegen trat und mich bat, ihm in den ersten Stock zu folgen, wo ein Zimmer für mich bereit sey. Es wäre heute Mittag nur ein Versehen gewesen, man bäte um Entschuldigung und dergleichen mehr, schwatzte er, woraus ich ihm nichts antwortete und mich mit einem ganz ernsten Gesicht, obgleich ich kaum das Lachen verbeißen konnte, in ein anständiges Zimmer führen ließ, wo schon ein kleiner Tisch gedeckt stand und ein paar Weinflaschen zwischen zwei brennenden Kerzen mir entgegen glänzten. Ich setzte mich, und als mir der Bediente ein gutes Abendessen servirte, trank ich in der Stille einige Gläser Rheinwein auf die Gesundheit des Weißkopfs, dessen Einfall meine Lage so gebessert hatte. Bald kam er auch selbst, um mir die Last zu erleichtern, zwei Flaschen allein austrinken zu müssen, und mich noch zu einer abendlichen Promenade einzuladen. Vor meiner Wohnung stießen wir noch auf vier Andere von der Batterie und vereinigten uns gemeinschaftlich, auf Abenteuer auszugehen. Von unserem Garnisonorte her waren wir es es noch gewohnt, bis zum Zapfenstreich herumzuschlendern und auf den Straßen zu ulken – ein unübersetzbares Wort, das vom Singen auf der Gasse bis zum Schilderverhängen und Fenstereinwerfen alle möglichen Scandale in sich schließt. Doch dachten wir in unserem Uebermuthe heute Abend nicht daran, daß unser Garnisonort eine große Stadt und W., wo wir uns eben befanden, ein kleines Nest sey und voll Offiziere liege, die uns aus allen Ecken belauern könnten. Leichtsinniger Weise wußte sogar keiner von uns, in welchem Hause der Alte lag, was man auch von außen nicht sehen konnte, denn er pflegte auf dem Marsch seine Ehrenposten gleich fortzuschicken; eine Unwissenheit, die uns theuer zu stehen kam. Von jeher war es unser größtes Vergnügen gewesen, wenn wir in den dicken Reithosen mit großen Sporen und dem schweren Säbel durch die Straßen zogen, etwa zu fünf oder sechs wie heute, in pleno in eins der stattlichsten Häuser, wo die Thüre während der Abenddämmerung noch nicht verschlossen war, zu dringen und, ohne ein Wort zu sprechen, alle Treppen hinaufzusteigen bis in den Giebel oder so hoch wir sonst gelangen konnten. Gewöhnlich kamen bei dem gelinden Getrappel, das wir hiedurch verursachten. Bediente mit Lichter heraus, die, wenn sie uns so keck hinauf gehen sahen, in dem Wahne standen, wir wollten einen Besuch machen, und uns stillschweigend folgten. Oben im Hause wurde gehalten und einer fragt die nachfolgenden Bedienten, die uns erwartungsvoll umstanden, »Lieber Freund, wohnt hier nicht ein sicherer Herr Müller?« und bei dieser Frage wandten sich Alle und jeder suchte ein Stück Treppengeländer zu erhaschen, um die Pointe des Streichs mit mehr Gewandtheit und Sicherheit ausführen zu können; denn kaum hatten die Bedienten, wie es sich von selbst verstand, verneint, so machten wir die Säbel vom Hacken der Kuppel los, ließen die Spitzen der Scheide auf den Boden niederfallen und rasten die Treppen mit solch' entsetzlichem Spektakel und Geschrei hinab, daß alle Bewohner des Hauses erschrocken aus ihren Zimmern kamen, um die Ursache dieses gräßlichen Lärmens zu erfahren. Schon öfter hatten wir dies gethan, und waren immer mit heiler Haut auf die Straße gekommen, obgleich uns mehrere Male allerlei verdächtiges Geschirr nachflog. Doch heute wollte es ein tückisches Schicksal anders. Wir kamen bei unserm Umherstreifen an ein ansehnliches großes Haus; es war wie gebaut zu unserem Vergnügen, hatte vier Stockwerke, durch welche breite schöne Treppen liefen, alle mit Lampen hell erleuchtet, und die Thür stand sperrweit offen. Diese Gelegenheit war zu schön, um sie vorbeigehen zu lassen. Ungeachtet ich die Stufen zum ersten Mal mit einer gewissen Beklemmung erstieg, ich wußte nicht warum, schämte ich mich doch, umzukehren, und wanderte deßhalb getrost vor den Andern her. Wir kamen glücklich in den ersten Stock, wo sich ein Lakai nach unsern Wünschen erkundigte. Doch war es eine Hauptregel bei diesem Unternehmen, nie auf eine Frage zu antworten, sondern stillschweigend und eilfertig empor zu steigen. Der Diener, da er keine Antwort bekam, folgte uns kopfschüttelnd bis zur Speicherthür, wo wir Halt machten, wandten und ich ihm mit der größten Ruhe sagte: »Hier soll ja ein sicherer Herr Müller wohnen. Weiß er vielleicht dessen Zimmer, mein Freund?« Der Bediente stand da mit seinen Lichtern und sah uns recht dumm an; antwortete aber treuherzig: »Nein, ihr Herrn, das muß ein Irrthum seyn,« worüber wir in ein schallendes Gelächter ausbrachen, die Säbel fallen ließen und die wilde Jagd die Treppen hinabstürmten, die, recht breit und gewölbt, unter unsern Säbeln und Sporen entsetzlich krachte und stöhnte. – Im Hinaufsteigen der Erste, war ich natürlich im Herabsteigen der Letzte. Auch blieb mir mein Säbel einen Augenblick im Geländer der Treppe hängen, so daß meine Kameraden schon auf der untersten Treppe rasten, während ich noch auf der zweiten war. Um ihnen nachzukommen und aus dem Hause hinaus, denn es fing mir an unheimlich zu werden, da sich überall Thüren öffneten und von oben eine Menge Bedienten mit Lichtern hinter mir drein kamen, sprang ich die zehn Stufen der zweiten Treppe auf einmal herab und stand plötzlich wie angedonnert; denn unten im Hause wurde eine Stimme laut, die ich zu meinem größten Entsetzen für die des alten T. unseres Obersten erkannte. »Ho ho!« brüllte er, »seh 'mal Ener diese nixnutzigen Millionenhunde! Euch sollen ja gleich tausend Schock Donnerwetter auf Eure Köppe fahren! Ho ho! ene ganze Bande! ik will Euch Randal schlagen! – Still gestanden! Muks' sich ener und ik thu' etwas, wat mir morgen nicht lieb wär! Friedrich schließ die Thür ab und schick uf de Parkwache, et soll en Unteroffizier und drei Mann hieher kommen! Standrecht, Standrecht sollt ihr mir haben!« Wie ich nach dem schnellen Herabstürzen der Treppe so plötzlich zum Stehen gekommen war, weiß ich nicht, doch stand ich hinter einem Treppenpfosten eine Sekunde lang regungslos, und drückte meinen Säbel fest an die Brust, damit mich dessen Klirren nicht verrathen könne. Oben die Bedienten, unten der Oberst. Wohin sollt' ich mich wenden. Ich sah mich rings nach einem Versteck, nach einem Loche um, ein rußiges Kaminloch wär' mir der Eingang zum Himmel gewesen, da seh' ich neben mir eine Thür, in welcher, wie ich bemerkte, leis' ein Schlüssel herumgedreht wird; dann öffnet sie sich ein wenig und ein Lichtstrahl fällt durch die entstandene Spalte auf mein Gesicht, in meiner großen Angst werfe ich mich gegen das Gemach; ich fühlte, als ich versuchte, hineinzudringen, von Innen einen schwachen Widerstand, der aber bei meinem kräftigen Anstürmen nachließ, dann schrie eine Stimme laut auf und ich stand in einem netten Zimmerchen zwei Mädchen gegenüber, die halb entkleidet sich bei meinem Eintritt schnell zu verbergen suchten. Eine zog die Bettdecke über sich, die Andere verbarg ihren leichten Anzug, Corsett und Unterrock, unter einem großen Kleidervorhang. Rasch riegelte ich die Thüre von innen zu, und sagte so leise wie möglich: »Ich bitte Sie um Gotteswillen, verrathen Sie mich nicht. Nur einen Augenblick lassen Sie mich hier, ich verspreche Ihnen, ruhig an der Thür stehen zu bleiben. Die Beiden antworteten mir nichts und schienen in noch größerer Angst zu seyn als ich; denn ich sah trotz Bettdecken und Vorhang, wie sie zitterten und kaum zu athmen wagten. Ich horchte gegen die Thür. Unten fluchte der Oberst noch immer, und jetzt, ja wahrhaftig jetzt zählte er: – »Zwei, drei, vier, fünf, nur fünf? und es sollen doch sechs gewesen sind. Wo steckt der H.? denn dat der och zu dieser Bande gehören muß, ist mir zu wahrscheinlich? Wo de Raben sich versammeln, fehlt de Krähe och nich. –« Meine Kameraden schienen ihm etwas geantwortet zu haben, doch zu leise, als daß ich's verstand. Aber verrathen hatten sie mich nicht, denn der Oberst brüllte wieder: »So, so, kene sechs? Na, ik will ihn doch schon finden. Mein Friedrich hat sechs gezählt, und sechs muß ik haben, oder en Donnerwetter – Johann, Friedrich, sucht mir enmal durch alle Treppen und Zimmer. Na, der Hausherr wird mir det schon erloben und Dank wissen, wenn ich solch Gesindel such auszurotten. – Und ik will Euch ausrotten, wenn auch nicht physisch, doch für einige Zeit moralisch.« – Darauf hörte ich, wie von allen Seiten Zimmer geöffnet wurden und die Bedienten Treppe auf, Treppe ab sprangen, endlich nahten sich auch schwere Tritte der Thür, hinter welcher ich ängstlich erwartete, was meine beiden gezwungenen Beschützerinnen mit mir anfangen würden. – Es klopfte leise und sprach draußen: »Mamsell Emilie – Mamsell Bertha!« Keine gab Antwort, doch zogen sie ihre recht hübschen Köpfe aus dem Versteck und blickten sich fragend an. Ich legte meine rechte Hand auf's Herz und schaute so bittend zu ihnen hinüber, wie mir nur möglich war. Es klopfte wieder: »Ich soll Sie fragen, ob Sie nicht gehört hätten, daß Jemand in ein Nebenzimmer gelaufen sey. Man suche eine fremde Person, die sich im Hause versteckt habe.« Der edle Domestik hatte doch zu viel Zartgefühl, um direct zu fragen, ob Jemand in ihrem Zimmer sey. Jetzt war für mich der entscheidende Augenblick gekommen. Entweder hatte sich mein Unglück in Glück verwandelt, und ich durfte noch eine kleine Weile in einem Zimmer bei den hübschen Mädchen bleiben, oder sie lieferten mich ohne Gnade aus, ich kam auf die Pritsche, in Arrest, Gott weiß, wie lange! Doch nein! sie lieferten mich nicht aus. Nach einer peinlichen Secunde, in der ihre Augen eifrig mit einander zu sprechen schienen, schüttelte die hinter dem Vorhang leise den Kopf, worauf die Andere kaum vernehmlich sagte: »Ich weiß von nichts.« – »Verzeihen Sie,« sprach der draußen, und ich hörte, wie er sich von der Thür entfernte. In der Freude meines Herzens konnte ich mich nicht enthalten, beiden einen Kuß auf die möglichst ehrerbietige Art zuzuwerfen. Das Nachsuchen im Hause hatte natürlich für den Oberst kein Resultat geliefert, und die Bedienten kamen, einer nach dem andern, die Treppen herunter und meldeten ihm, man habe nichts gefunden; ein Bescheid, den er jedesmal mit einigem Fluchen und Raisonniren hinnahm. Und ich glaubte schon aus verschiedenen Aeußerungen merken zu können, das Gewitter, welches sich über mich zusammengezogen, werde sich über dem Haupt Friedrichs entladen, von dem der Oberst nun meinte belogen worden zu seyn. »So so,« schrie er, »sechs! Oho, da hast du wohl deine Ogen in einer Bierkneipe gelassen! Wo sind die sechs? Ik will die sechse haben. Er Millionenhund wagt es, seinem Herrn und Oberst wat vorzulügen – Sechse – als wenn's mit fünf von diesen Galgenstricken nicht schon mehr als zu viel sey! Nu! Ik werde ihn besechsen, ja besechsen.« Wäre der Friedrich ein rechtschaffener Kerl gewesen und nicht der beständige Aufpasser und Angeber, so hätte ich mich sicher gemeldet, und ihn von dem Ungemach, das ihn bedrohte, errettet. Doch so dachte ich, daß für die manchen Unbilden, die er uns schon zugefügt, eine Nacht Arrest nicht zu viel wäre. Auch waren meine unglücklichen Freunde gewiß sehr erbaut, wenn ihn der Alte mit auf die Wache schickte, was ihm auch nicht ausblieb. An der Thür wurde eine Stimme laut, über die ich mich nicht irren konnte. Es war die des Unteroffizier H., der in seinem gewöhnlichen Tone, dem weinerlichsten von der Welt – es war eine eigene Art von diesem Manne, Alles, was er zu sagen hatte, selbst die lustigsten, muntersten Dinge mit einem gewissen Schluchzen der Stimme hervorzubringen, als erzähle er die fürchterlichste Geschichte – dem Obersten die Meldung machte: »Auf Befehl des Herrn Oberst mit drei Mann von der Parkwache,« worauf ihm der Alte erwiederte: »Hier übergebe ik Ihnen fünf Vagabunden, die die ehrlichen Leute im Schlaf stören, und denen ik dafür die Nachtruhe auch für einige Zeit verderben will. Die behalten Sie auf die Wache, und« – fuhr er lauter fort, »behandeln Sie als Untersuchungsarrestanten. Ik will Standrecht über sie halten lassen, ja Standrecht. Euch soll en Donnerwetter« – Hier verlor sich seine Stimme in ein gelindes Murmeln, einem verziehenden Gewitter nicht unähnlich und mit dem Ton, den er annahm, wenn er ironisch seyn wollte, fuhr er fort: »Und hier ist noch ener, mein geliebtester Bedienter Friedrich, der sich untersteht, seinen Herrn und Obersten anzulügen; den setzt mir die Nacht uf Mittelarrest, ja ja, uf Mittelarrest.« »Herr Oberst,« entgegnete ihm H., »unsere Parkwachstube ist so klein, daß sie unmöglich alle diese Arrestanten aufnehmen kann. Befehlen der Herr Oberst vielleicht« – »Oho,« sagte der, »ja, da hab' ik eine gute Idee, lassen Se die Wache in ihr Quartier abziehen und besetzen Se bis morgen früh alle Posten mit dieser liebenswürdigen Gesellschaft.« »Aber der Bediente des Herrn Oberst hat keine Uniform.« »So bleibt der als Arrestant in die Wachtstube, bis um fünf; dann schicken Se ihn mir wieder zu. Ik will die sechse voll haben, ja die sechse.« Unteroffizier H. marschirte nun mit seinen Gefangenen ab, und kaum waren sie vor der Thür, so hörte ich deutlich die Stimme des Weißkopf, der ein altes bekanntes Lied zu singen anfing, dessen Text er so abänderte: Er mußte wohl den sechsten haben. Und sollt' er'n aus der Erde graben. Auch der Oberst mußte diesen Gesang noch gehört haben, denn während er mit dem Hausherr und einigen Andern, die wahrscheinlich zur Abendgesellschaft da gewesen und von dem eben erzählten Intermezzo zurückgehalten waren, die Treppe heraufstieg, hörte ich ihn sagen: »Ja, sehn Se, meine Herren, nun hoben Se gehört, wie ik den Jungens die beste Ermahnungen und Reden gehalten habe, und det hilft Allens nischt. Ik schick sie in Arrest und kaum drehen sie sich 'rum, so fangen sie an zu singen. Aber ik will dem R. det Singen schonst noch legen.« »Ach, Herr Oberst,« ließ sich jetzt eine Damenstimme vernehmen, »verzeihen Sie doch den jungen Leuten, die in ihrem Uebermuth etwas zu weit gegangen sind.« »Ja,« sagte ein Anderer, »sie sind wahrscheinlich von guter Familie, haben Geld und in ihrer Lustigkeit des Guten etwas zu viel gethan. Nu, wir haben alle unsere Streiche gemacht. Nicht wahr, Herr Oberst?« »Ja wohl, ja wohl,« sagte dieser. »Aber wenn ik unter meinem alten General so in en reputirliches Haus eingebrochen wäre, so wäre ik uf die Festung spaziert. Allens mit Unterschied.« »Denkt dir, Luise,« setzte ein Dritter hinzu, »der mit den weißen Haaren ist ein junger Graf Weiler, wahrscheinlich ein Sohn des Regierungsraths in W., der« – »Wat sprechen Sie da?« unterbrach hier die Stimme des Alten recht grob die Bitten, die zum Besten meiner unglücklichen Kameraden laut wurden »En Graf Weiler in meiner Brigade, da bitt' ik sehr um Entschuldigung. Es muß en Irrthum vorwalten.« »Aber Herr Oberst, erlauben Sie,« antwortete jener, »der junge hübsche Mann mit den sehr blonden Haaren hat heute Nachmittag in meinem Hause eine Karte zurückgelassen, auf der deutlich stand: Graf Weiler.« »Und wenn ik fragen darf,« sagte der Alte halb lachend, »wat wollte denn egentlich der Herr Graf bei Ihnen, eine Visite oder so etwas?« »Nein,« sprach jener, »mir galt der Besuch nicht, sondern einem andern jungen Militär, der heute bei mir einquartirt wurde, einem Baron von Stein, wie er sich nannte.« Jetzt brach von T. in ein entsetzliches Lachen aus. Lachen war es eigentlich nicht zu nennen, nein, er wieherte, so daß meine beiden Schutzengel, die nicht darauf gefaßt waren, wie ich, zusammenfuhren. »Hahaha!« brachte er hustend heraus, »Graf Weiler, Baron Stein! Der Baron, das ist sicher der H. Na, ik will Ihnen nur erklären, daß die beeden Jungens wieder enen von ihren schlechten Witzen gemacht haben. Aber ik kenne diese Geschichten.« Der Andere fing nun an und erzählte, wie es mir diesen Nachmittag in seinem Hause ergangen und daß mir wirklich nur der Graf und Baron ein besseres Zimmer verschafft hätte, da er mich anfangs für einen ganz gewöhnlichen Kanonier gehalten und zu den Bedienten gelegt hätte. Zwischen durch lachte der Oberst beständig und ich hörte ihn noch durch die jetzt wieder verschlossene Thüre des Salons manchmal in die Worte ausbrechen: »Nu, ik werde dat den Jungens nicht nachhalten. Es sind freilich Galgenstricke, aberst wenn sie mir nur keine schlechten Streiche machen. – Nu, ik werde sehen, ob noch einmal Gnade für Recht passiren kann.« Während daß über mich draußen verhandelt wurde, stand ich noch immer an der Thüre, den beiden Mädchen gegenüber, deren Verlegenheit von Minute zu Minute stieg. Keine wagte sich, halb angezogen, wie sie waren, sehen zu lassen, und die ganze Nacht konnte ich doch nicht hier bleiben, obgleich es mir erwünscht genug gewesen wäre. Hatten sie mich einmal errettet, so mußten sie auch auf meine gänzliche Befreiung aus der Höhle des Löwen denken. Dergleichen schienen sie auch zu überlegen; denn die unter der Bettdecke sagte ganz leise zur andern: »Du, Bertha, was machen wir?« – welche antwortete. »Ich weiß nicht,« worauf beide wie aus einem Munde leicht hinseufzten: »Ach, wenn wir nur angezogen wären!« »Meine Damen,« sagte ich, so sanft wie möglich, »es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo man durch Verhältnisse in Umstände verwickelt wird, die, wenn sie vergangen, nur noch eine Erinnerung wie an einen Traum zurücklassen; Verhältnisse, zu denen man nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge Jahre gebraucht hätte, können sich im Augenblicke knüpfen. So erging es mir. Vor einer Stunde hatte ich noch nicht die Gunst des Schicksals erfahren, Ihre Bekanntschaft zu machen, und stehe jetzt schon so nahe, so traulich vor Ihnen.« Hier sah ich, wie die hinter dem Vorhang sich noch fester hineinwickelte. »Lassen Sie mich ausreden, vielleicht noch einige Minuten, und ich trete aus diesem Zauberkreise und halte morgen das Ganze für ein Mährchen; aber,« setzte ich bedeutend hinzu, »für ein köstliches Mährchen, an dem sich nur mein Herz ergötzen darf, und das, erführe es ein Dritter, allen Reiz verloren hätte.« Die unter der Bettdecke wollte sprechen, brachte es aber nur zu einem gelinden Husten und Räuspern, und ich fuhr in meiner Tirade fort: »Schenken Sie mir deßhalb Ihr ganzes Vertrauen, sprechen Sie zu mir nur ein Wort, damit ich weiß, ob Sie mir sehr zürnen, und wie ich es anzufangen habe, um Sie von meiner lästigen Gegenwart zu befreien.« So leise ich mich auch durch einen Umweg über Menschenverhältniß, Traum und Schicksal glaubte näher geschlichen zu haben, mußte ich doch noch eine halbe Viertelstunde warten, ehe Mamsell Emilie unter der Bettdecke her zu mir sprach; doch machte sie auch Umwege, und viel holprichter, als ich, denn sie kam ohne Zusammenhang bei manchem: Ach, O, Ja, und einer ganzen Legion Hm's vorbei, ehe sie mir sagte: Wir – wir – haben – Sie – hm! deßwegen – hm! hm! – nicht verrathen – weil unser Bruder – auch – Soldat ist, und – zuweilen – wenn er erzählt – wie – er – auf Urlaub kommt – auch solche – du – du – hm! dumme Streiche – macht – und deßwegen – darum – so –« »So – haben wir –« fiel jetzt die Andere ein – »Sie – nicht verrathen – und wollen – auch sehen – wie – wir Sie – ohne Aufsehen fortbringen können – denn hier im Hause – können Sie – doch nicht bleiben – das sehen Sie ein.« »Ja – das werden Sie einsehen,« setzte Emilie schnell hinzu. »Freilich muß ich das einsehen,« entgegnete ich sehr leise. »Aber, Emilie,« sagte die eine, »Ja, Bertha,« die andere, »wenn wir nur angezogen wären.« Meine Blicke, die ich mehrmals durch das Zimmerchen spazieren ließ, hatten sich jedesmal auf zwei Sessel niedergelassen, die neben mir an der Wand standen, und worauf die schönsten Sachen in malerischer Unordnung lagen, als zwei schneeweiße Corsettchen, zierliche Morgenüberröcke, einige Paar Strümpfe in der liebenswürdigsten Nachlässigkeit und dergleichen kleine Geschichten mehr. Kaum waren nun jene Seufzer wegen des Ankleidens zum zweiten Mal erklungen, so deutete ich auf die beiden Stühle und bat, ganz über meine Person zu verfügen, wenn ich ihnen von diesen Sachen etwas darreichen könne. Zuerst bekam ich keine Antwort; nach einigen Augenblicken sagte die Eine: »Ja, aber schnell!« und die Andere setzt hinzu: »Aber schnallen Sie Ihren Säbel ab; es wäre schrecklich, wenn der auf den Boden fiele und vielleicht gehört würde.« Rasch stand meine Waffe an der Wand, ich packte die beiden Ueberröcke auf meinen Arm und trug sie mit leisen Schritten zu den Mädchen hin, wobei ich das Vergnügen hatte, sie zweimal auswechseln zu müssen, und während ich mich umdrehte, um die Pantoffeln zu holen, schlüpften beide hinein und stellten sich zum ersten Mal meinem Blicke ganz dar. Es waren allerliebste, hübschgewachsene junge Mädchen. Die eine huschte zur Thüre hin, legte ihr Ohr an's Schlüsselloch und lauschte. »Es ist jetzt Alles ruhig,« sagte sie nach einigen Augenblicken, »und wir können wagen, Sie fortzubringen. Willst Du mitgehen, Bertha, oder soll ich?« setzte sie fragend hinzu. – »Ach, geh Du nur,« entgegnete die Andere. »Wenn Dich im allerschlimmsten Fall auch Jemand sähe, so würde man doch eher alles Andere denken, als die Wahrheit. Aber ich – würde man nicht wieder glauben, ich hätte – ich wäre – nein, nein, geh Du nur!« »So hören Sie denn,« sagte die Erste wieder, »und merken Sie genau, wir haben noch eine Treppe bis unten, dann gehen wir um die eine Säule links und steigen nach vier oder fünf Schritten wieder einige Stufen hinab. Ich öffne eine Thür und Sie schleichen an der Mauer links, drücken sich aber dicht an diese Mauer, damit Sie nicht gesehen werden, bis zum Hofthor, das nicht verschlossen ist, gehen hindurch und dann eben so nahe an der Gartenmauer rechts vorbei, wo Sie zu den Windmühlen am Eingang des Orts gelangen; von da werden Sie den Weg schon finden. Nun kommen Sie!« »Hu!« sagte Bertha, »mir ist so angst und meine kleine Führerin seufzte tief auf. Und Ihren Säbel, den müssen Sie umschnallen und festhalten, damit er uns nicht verräth. Und nun eilen Sie sich, eilen Sie sich!« Sie reichte mir die schwere Waffe hin, und wie ich mich bemühte, die schwere Kuppel um den Leib zu schnallen, faßte sie drängend mit ihren Händen an das weiße Leder, als wolle sie mir helfen. So standen wir uns einen Augenblick sehr nahe gegenüber, und ich sah ihr beinahe zu tief in die schönen blauen Augen. Sie öffnete behutsam die Thüre und winkte mir. Ich trat einige Schritte weiter in's Zimmer gegen die Andere und bot ihr mit wenigen Worten des Danks meine Hand, die sie zögernd annahm. Dann folgte ich der kleinen Emilie. Leicht huschte sie die Treppe hinab, die jetzt, wie das ganze Haus, in tiefem Dunkel lag. Ich bemühte mich, ihr ganz geräuschlos nachzugehen. Doch war ich boshaft genug, unten an der Säule zu thun, als wüßte ich den Weg nicht mehr zu finden. Ich fragte sie leise. »Wo sind Sie, mein Fräulein?« – »Mein Gott, hier,« entgegnete sie, »da, kommen Sie nur.« Ahnungsvoll griff ich vor wich in das Dunkel und erhaschte wirklich ihre hübsche, weiche Hand, die sie mir entgegenstreckte. Aber ach, der Weg, den wir noch zurücklegen mußten, war so kurz, denn trotz dem, daß ich meine Schritte so klein wie möglich machte, waren wir mit neun und einem halben an die Hausthüre gelangt. Emilie öffnete. Ich weiß nicht, mir war die Brust eng zusammengeschnürt, als sie versuchte, ihre Hand aus der meinigen zu ziehen. Der Nachtwind trug aus dem Garten hinter dem Hause einen würzigen Duft von Rosen und Jasminblüthen an mein Gesicht, welches sie dem Herzen hinabsandte, zu lauter Liebesgedanken umgewandelt – noch eine einzige Minute – und ich schlich durch das Hofthor längs der Gartenmauer zur Windmühle, an deren weißem Gemäuer ich mich einige Minuten niederließ und zwischen Wachen und Träumen philosophirte: »Unser Lebensfaden, eine Blumenguirlande, wird von Genien gehalten und bewacht, die aber, in ihrer Beweglichkeit, bald hierhin bald dorthin springen und so unser Leben in steter Unruhe erhalten. Auch streift ihr muthwilliges Spiel manche Blume ab, und mit den abgefallenen suchen sie, mitleidig wie sie sind, ein anderes, ganz kahles Gewinde auszuschmücken. Bald ziehen sie die Guirlande zu stark an, und verursachen uns Schmerz, bald schweben sie mit ihr in Lust und Freude herum – doch zuweilen, und das ist sehr gefährlich, entschlüpft ihren Händen das eine Ende, flattert im Unermeßlichen herum, und verwickelt sich nicht selten um eine andere Guirlande. Freilich suchen die Genien, besonders wenn ihnen die Farben der Blumen nicht recht zusammenzupassen scheinen, das Verwirrte aufzulösen; aber bevor es ihnen gelingt, knickt manche Blume, und mancher schöne Blüthenkelch wird entblättert. – Die Unachtsamen! Heute Abend hatten sich wieder zwei Fäden in einander verschlungen. – Der alten Windmühle durfte ich vertrauen. – An der Hofthüre hatte ich die kleine, hübsche Emilie auf den Mund geküßt und dabei einen leisen Druck auf meinen Arm gefühlt. So mochte es ungefähr zwölf Uhr geworden seyn. Ich erhob mich, um mein Haus aufzusuchen. Trotz dem ich traurig an meine Kameraden dachte, konnte ich mich doch nicht enthalten, über unser Abenteuer zu lachen, und sang im Heimweg halblaut vor mich hin: Kühn ist das Mühen. Herrlich der Lohn, Und die Soldaten Ziehen davon. Nach einigem Umhersuchen fand ich mein Quartier, schellte aber wohlweislich nicht, sondern stieg über die Mauer und schlich nach dem Stall, wo ich mich ein paar Stunden neben meinen Rappen in's Stroh legte. Kaum graute indessen der Morgen, so war ich auch schon munter, und der Stallknecht wunderte sich nicht wenig, mich schon so früh beim Putzen meines Sattelzeugs zu finden. Auch meinte er, wir seyen ja auf dem Marsch und da brauche nicht Alles so rein und blank zu seyn. Doch wußte ich sehr gut, warum ich Säbel und Kupferwerk sorgfältig wie zur Parade putzte, und mit einem nassen Schwamme die Löcher im Lederzeug glättete. Kam ich heut auf den Sammelplatz, und der Oberst, der mich natürlich noch von gestern her im Verdacht hatte, wollte sich an mir reiben, so sollte er wenigstens lange suchen, ehe er etwas Dienstwidriges an meinen Waffen fand. Auch der Stallknecht half mir, und wie ich gegen fünf Uhr mein Pferd gesattelt hatte und es aufmerksam besah, fand ich nichts daran auszusetzen. Man rief mich zum Frühstück. Als ich in's Haus ging, stand unter der Thüre ein Herr im Schlafrock, der mit einer Stimme, die mir bekannt schien, und mit ziemlich spöttischem Ausdruck dem Herrn Baron von Stein einen guten Morgen wünschte, den ich mit größtmöglichster Herablassung erwiederte. Nach einer halben Stunde schwang ich mich auf mein Pferd und ritt der Windmühle zu, auf welchem Weg ich an dem Hause von gestern Abend, an dem Unglückshause, vorbeimußte. Ich bog um die Ecke, und sah vor der Thüre desselben die Pferde des Obersten stehen, und er selbst – dies kam mir sehr ungelegen, – trat gerade aus der Hausthüre, wie ich dieselbe erreicht hatte. Ich setzte mich auf meinem Pferde zurecht, faßte die Zügel so schön als möglich und ließ meine rechte Hand ganz vorschriftmäßig am Sattel herunterhängen. v. T. sah mich an, und ich glaubte schon glücklich vorbei zu seyn, als er mir zurief: »Na, Bombardier H., halten Sie 'mal enen Augenblick.« Ich wandte mein Pferd auf ihn zu, flog aus dem Sattel und stand wie der Blitz zur linken Seite, mit der rechten Hand den Zügel fassend. Der Alte ging um mich herum, besah Alles ganz genau, und fand Gott sey Dank! nichts in Unordnung. Auch sah er ziemlich gut gelaunt aus. »Wahrscheinlich en gutes Quartier gehabt?« fragte er mich. »Und enen guten Stall?« »Zu Befehl, Herr Oberst.« »Früh zu Hause gewesen, Herr Bombardier? Oder och mit gewissen Andern herumflankirt?« »Zu Befehl des Herrn Oberst war ich von acht Uhr an zu Hause,« log ich, ohne eine Miene zu verziehen, schaute aber schüchtern an dem Hause empor, wo sich ein Fenster öffnete, der Kopf der kleinen Emilie sichtbar wurde, aber im Augenblick wieder verschwand. »Ja, ja,« lachte der Alte, »nach meinem Befehl sollte det wohl sind; aber ik weeß ganz kuriose Geschichten. Der Herr Baron von Steen, ja, ja, ik weeß Allens, nu, nu, ik hoffe, dat Pferd wird och aus der Baronie fouragirt haben. War det Futter gehörig?« »Zu Befehl, Herr Oberst, das gelieferte gut, die blinde Fourage noch besser.« »Na, Bombardier H., sitzen Se 'mal uf,« sagte er; »ik will von de blinde Fourage nichts wissen. Und det sage ik Ihnen, wenn Se mal enen kriegen, so muß ich ihn ganz besonders anlassen. Pah! mit det blinde Fouragiren. Wir sind nich in Feindesland – Nu, ik freu mich, dat det Pferd gut aussieht. Aufg'sessen! Marsch!« Ich wagte noch einen scheuen Blick zu den Fenstern des Hauses hinauf zu schicken, sah aber Niemand. Wer mochten wohl die beiden Mädchen gewesen seyn! Meine Eitelkeit sagte, Töchter des Hauses, wogegen meine Vernunft einige bescheidene Zweifel aufsteigen ließ. Die Töchter würden wahrscheinlich mit in der Gesellschaft gewesen seyn und noch nicht in ihrem Zimmer. Aber die sorgsame Mutter mochte sie vielleicht nicht mit den Offizieren in Berührung bringen wollen; und doch wäre zu den Töchtern nicht der Bediente gekommen, und hätte gefragt: »Mamsell Emilie, Mamsell Bertha!« sondern die Mama selbst. Vielleicht Verwandte des Hauses oder ein paar Kammermädchen? ich mochte das Letztere nicht glauben. Hätte ich nur heute morgen meinen Stallknecht gefragt! doch hielt mich die Furcht ab, die Mädchen zu verrathen. Unter diesen Betrachtungen kam ich auf den Sammelplatz, und hatte weiter nichts ausgeklügelt, als daß es für mich ein paar allerliebste Mädchen, ein paar rettende Engel gewesen waren. An der Windmühle waren schon die meisten Batterien versammelt; die fahrenden Artilleristen spannten ihre Pferde ein, und die Unteroffiziere untersuchten Protzen und Laffettenkasten, ob Alles noch in der gehörigen Ordnung sey. Auch Dose war damit beschäftigt; doch sah ich, wie er jeden Augenblick seinen langen Hals herumdrehte, alle Ankommenden musterte und etwas zu suchen schien, wahrscheinlich mich, und so war es auch. Ich ritt zu ihm hin, um mich bei ihm zu melden, stieg ab und nahm meinen Platz bei der Kanone ein. »Sakrement,« fing Dose leise zu mir an, und ich bemerkte, daß er sehr mißmuthig aussah. »Ihr habt da gestern wieder schönes Zeug angegeben. Die Herrschaft hat's dem Capitän heute Morgen gleich gesteckt und auch gesagt, daß einer der fünf Arrestanten während der Nacht erzählt, auch Sie seyen dabei gewesen. Nehmen Sie sich ja vor dem Feind in Acht, er ist gestern und heute fuchswild. Ich habe auch schon meine acht und vierzig Stunden Arrest am Hals.« »So« entgegnete ich ihm, »wofür denn? weßwegen?« Doch ich konnte seine Antwort nicht mehr anhören, denn schon trat der Hauptmann Feind mit einem Gesichte auf mich zu, das mir nichts Gutes weissagte. »Warum,« fragte er böse lachend, »melden sich der Herr Bombardier nicht bei mir, anstatt hier zu stehen und zu schwatzen?« »Herr Hauptmann, ich komme« – Er betrachtete mich von oben bis unten, doch da meine Waffen alle in Ordnung und gut geputzt waren, so suchte er einen andern Hacken. Da ich eben vom Pferde gestiegen war und mich natürlicher Weise einige Augenblicke später beim Abmarsch der Batterie wieder aufsetzen mußte, so lies ich meinen Säbel am Kuppel hängen und nahm ihn nicht in die Hand, wie er mit mir sprach. Darauf blieb sein Blick haften. »Wissen Sie nicht, wie man seinen Säbel zu halten hat,« fuhr er fort, »wenn man mit dem Vorgesetzten spricht?« »Zu Befehl, ja, Herr Hauptmann.« »Hören Sie, Herr, mir scheint, Sie haben heute Morgen wieder einmal zu stark gefrühstückt. Wachtmeister – Auch ist mir von dem großen Scandal erzählt worden, bei dem Sie, Herr, natürlich auch betheiligt waren – Wachtmeister Löffel!« Der Gerufene trat näher und ich wußte bei diesem Eingang schon, wie weit ich für heute war; denn der Hauptmann Feind steckte seine Hand unter's Collet und begann mit dem Fuß auf die Erde zu treten. »Wachtmeister, dieser Mann hier – notiren Sie« – sprach er so langsam wie möglich und mit einer unnachahmlichen Malice, »kommt in W. drei Tage auf's Holz bei Wasser und Brod wegen nächtlichem Unfug auf der Straße.« »Aber Herr Hauptmann,« entgegnete ich. »Aber Herr Bombardier,« sagte er hönisch, »drei Tage Mittelarrest. Herr, Sie soll ein Donnerwetter erschlagen! Ich will Ihnen schon den Weg zu den Epauletten versperren!« Ick stand wie angedonnert. Nach diesem freundlichen Morgengruß wandte er sich von mir und bestieg sein Pferd; denn neben der Windmühle ließen sich mehrere weiße Federbüsche sehen, und von allen Seiten gallopirten die Offiziere dahin, um ihren Rapport zu machen. Der Oberst von T. kam so eben an, und ritt von den Abtheilungs-Commandanten und Adjutanten begleitet, freundlich lachend zwischen den Batterien umher. Wie waren diese beiden Vorgesetzten, der Feind und unser Alter, von einander verschieden! Jener, die Malice selbst, strafte ohne Herz, kalt und grausam, ohne sich dabei zu ereifern. Dieser war mürrisch, unendlich grob, strafte auch, aber gewöhnlich erst, nachdem er sich so ereifert hatte, daß es uns leid um ihn that. Doch war er meistens gerecht und pflegte oft zu sagen: »No, sitzt man die drei Tage, ik würde Euch schon pardonniren; aberst Ordnung muß sind.« Deßwegen wären aber auch Alle für den Mann in den Tod gegangen. Bei dem Obersten meldeten nun zuerst die Abtheilungs-Commandanten, und die meisten schienen die wichtige Meldung gemacht zu haben: es sey nichts vorgefallen; denn von T. legte zuweilen, ohne eine Miene zu verziehen, seine Hand grüßend an den Federhut, und ritt langsam auf unsere Batterie zu. Dann kamen die Hauptleute und Alles blieb ruhig, bis unser lieber Feind, den der Oberst wegen vielerlei Ursachen, so auch wegen des ewigen Verklagens und Strafens nicht recht leiden konnte, seinen Morgengruß darbrachte. Dose und ich paßten genau auf, was der Oberst für Miene machen würde, denn daß uns der Capitän noch obendrein bei ihm anzeigen werde, war gewiß. Jetzt hielt von T. sein Pferd an, und ich hörte ihn sehr laut sagen: »Nun, mit det ewige Strafen bei dieser Batterie! Was is denn da wieder passirt? Ik will doch enmal sehen, S'e nennen mir da wieder eine ganze Littanei von Namens, die ik nich alle behalten kann. Na, was hat denn der Unteroffizier Dose, den ik doch als einen ziemlich ordentlichen Menschen kenne, begangen?« Bei diesen Worten stieg er mürrisch vom Pferd und trat an unser Geschütz. »Herr Oberst,« referirte der Feind, Hand an dem Tschako, »als die Batterie heute Morgen zusammen trat, sah ich zufällig dem Vorrathswagen dieses Unteroffiziers nach, und fand in demselben einen unserer Fouragiersäcke, die gestern alle leer waren, voll Haber. Auf meine Frage, woher die Fourage sey, hatte der Mann die Verwegenheit mir vorzulügen, die Kanoniere hätten von der gestrigen Ration das, was heute Morgen noch in der Krippe gelegen, zusammengescharrt und in den Sack gethan. Aber, Herr Oberst, ich kann ihn herbeiholen lassen, es ist mehr, als gestern im Ganzen geliefert wurde. Ich dictirte dem Unteroffizier acht und vierzig Stunden Mittelarrest.« »Hm! so so!« entgegnete von T. »Aber man weiter! Wat hat denn so egentlich der Trompeter gethan, von dem Se mir vorhin sagten? Lassen Se mal vortreten. Hieher, mein Sohn!« Einen unserer Trompeter hatte ich heute Morgen angesehen, daß er kein gutes Gewissen hatte; denn er blinzelte beständig nach dem Oberst hin, und seine Sachen waren gerade so ausnehmend sauber geputzt, wie die meinigen. Jetzt, wo der Alte sich nach ihm erkundigte, streckte er sich lang und begegnete gleich dem suchenden Blicke des Hauptmanns, der ihm mit einer gebieterischen Handbewegung befahl, näher zu treten. Der Trompeter war ein sehr hübscher schlank gewachsener Kerl, und trug die Decoration der Unteroffiziere, denn er diente schon an zehn Jahre und sah, wie er nun dem Oberst gegenüber stand, gar nicht mehr so verlegen aus, wie früher, sondern schaute dem Alten recht keck in's Gesicht. Sein schwarzer, sehr langer Schnurrbart, den er gewöhnlich gegen die Vorschrift zierlich zuspitzte und wichste, hing ihm heute, wie es von T. am liebsten sah, über den ganzen Mund, die Lippen und das halbe Kinn verdeckend. »Nun,« fuhr ihn der Alte an, »was hat er denn wieder angegeben? Dient schon eine gute Zeit und kann die Narrenstreiche noch nicht lassen. Doch ik hoffe, er hat bei seiner Maskerade, von der ik durch seinen Herr Hauptmann etwas gehört habe, nur enen schlechten Witz ausführen wollen. Wie war die Geschichte?« »Herr Oberst,« erzählte der Trompeter, »gestern Abend, nachdem ich in mein Quartier gegangen war, mein Pferd abgesattelt und gehörig verpflegt hatte, sitze ich kaum in der Stube, da tritt der Kanonier Müller herein und beklagt sich, er habe ein gar zu schlechtes Quartier, auch fast nichts zu essen bekommen, und trotz dem, daß das Haus seines Bauern sehr groß wäre, sey ihm ein schmutziger Winkel hinter der Treppe zum Schlafen angewiesen worden, und dabei bat er mich, weil ich doch schon länger diente und die Sache besser verstände, ich möchte ihm doch helfen, daß ihn der Bauer etwas besser tractire. Ja, sehen Sie, Herr Oberst, und da bin ich mit ihm hingegangen, und hab' dem Wirth etwas scharf in's Gewissen geredet, und – dann – ja« – Feind griff an seinen Tschako und sagte: »Erlauben, Herr Oberst, der Trompeter beging die außerordentliche Frechheit, auf seinen Tschako einen weißen Federbusch zu stecken und an die Schwalbennester auf seinem Collet Franzen von Goldpapier zu nähen.« »So,« sagte von T. »er hat auf seinen Hut einen Federbusch gesteckt, wie ihn sein Oberst trägt?« »Zu Befehl, nein,« erwidert der Trompeter, »er war nur von Papier.« »Dann,« referirte der böse Feind weiter, »ist dieser Mensch in das Quartier des Kanonier Müller gegangen, hat gewaltig geflucht und unter einer Masse von Schimpfworten dem Bauer aus einander gesetzt, er sey der Hauptmann der Batterie und habe gehört, man lege seine Kanoniere in's Hundeloch unter der Treppe. Augenblicklich soll er ihm die Zimmer seines Hauses zeigen, unter denen er eins aussuchen werde.« Dem Oberst fuhr ein kleines Lächeln wie ein Blitz über die Züge, doch hörte er gleich wieder mit ernster Miene zu. »Der arme Bauer,« erzählt der Hauptmann weiter, »schließt in der Angst seines Herzens, weil ihm der Trompeter mit dem Säbel droht, seine Wohnung auf, und die beiden saubern Gesellen suchen sich das beste Gemach aus, wo sie das Sattelzeug und ganze Gepäck des Kanonier Müller hineinschleppen und der Bauer mußte obendrein noch einen Krug Bier bringen, den sie auf das Wohl Seiner Majestät unseres allergnädigsten Königs austrinken. Doch kommt dem Hauswirth die Sache ein wenig verdächtig vor, und nachdem sich die beiden entfernt haben, geht er zum Wachtmeister, der in einem Nebenhofe liegt und erzählt ihm das Vorgefallene, wodurch es sich natürlich gleich aufklärte. Ich ließ den Trompeter und Kanonier holen und dictirte Beiden drei Tage Mittelarrest.« »So, so, hm, hm!« sprach der Oberst wieder und sein Gesicht, das sich bei der Erzählung des Hauptmann's Feind aufgeklärt hatte, wurde bei der Erwähnung der drei Tage Arrest so mürrisch, wie früher. Er rückte seinen Federhut auf's rechte Ohr. »Nu, nu,« fuhr er heraus, »und wat hat denn der Dritte gethan, von dem Sie gesprochen. Ik globe, es war der Bombardier H. Kommen Sie hieher, Bombardier! der hat ja in der Stadt gelegen, wat is mit dem?« »Wie mir heute Morgen der Unteroffizier Herrschaft meldete,« fuhr der Feind fort, »haben der Herr Oberst gestern Abend fünf junge Freiwillige auf die Parkwache geschickt, weil sie sich nächtlichen Straßenunfug zu Schulden kommen ließen, und da einer von diesen während der Nacht äußerte, der Bombardier H. sey ebenfalls dabei gewesen, aber entkommen, so habe ich ihm, denn ich kenne den Mann und weiß, daß er bei einer ähnlichen Gelegenheit nie fehlt, auch drei Tage Mittelarrest zuerkannt.« Nach dieser Anklage schaute ich erwartungsvoll zum Alten empor, der mit einem gewaltigen Ruck seinen Federhut wieder auf das linke Ohr brachte, den Säbel auf die Erde stemmte und einen gelinden Zorn zu bekämpfen schien. »Hören Se, Herr Hauptmann Feind,« sprach er so ruhig als möglich; doch sahen wir zu unserer großen Freude, daß er an sich halten mußte, um nicht grob zu werden; »ik will Ihnen unter uns sagen, dat mir des ewige Strafen durchaus nicht gefällt, überhaupt bei solchen Gelegenheiten wie die drei erwähnten, und wenn der Oberst von T. ein gut Wort inlegt, so wird der Trompeter, so wie der Unteroffizier Dose nur eine Strafwache erhalten, und der Bombardier H. gar nischt, denn ik, der alte T., Commandeur von die siebente Brigade, sage Ihnen, dat er nich bei die fünf gewest ist. Hören Sie, Herr Hauptmann Feind, er war nich bei die fünf, und wenn er och dabei war, so bekommt er doch keene drei Tage Arrest; denn ik, sein Oberst, habe sie alle pardonnirt, weil sie mir einen dummen Streich gemacht haben, und zwei dumme Streiche verzeihe ik viel lieber als eine Nachläßigkeit. Ordnung muß sind.« Wir sahen uns alle mit verklärtem Blicke an; jedem rollte ein Stein vom Herzen. Der Alte griff an seinen Federhut und wandte sich an einen Commandeur der Abtheilung. »Herr Oberst-Wachtmeister, lassen Se ufsitzen und abmarschiren.« Dann bestieg er sein Pferd, und ritt, von seinen Adjutanten und Ordonnanzen gefolgt, aus den Batterien, nach dem freien Platz an der Windmühle, um die Abtheilungen bei sich vorbei defiliren zu lassen. Auch der Hauptmann Feind bestieg sein Roß, wobei er Dose und mich mit einem bösen Seitenblick beehrte, zog den Säbel und commandirte: »An die Pferde – Stille gestanden« – Mit einem Mal stockte jetzt die noch vor einem Augenblick so lebhafte Bewegung an allen Geschützen, die Stückknechte traten zu ihren Pferden, den Kantschuh in der linken Hand, die Reiter hinter die Kanonen und Haubitzen – keiner rührte sich. Für mich war dieser Augenblick immer der angenehmste und interessanteste gewesen. Wenn Alles in Ordnung war, das Pferd gehörig gesattelt und gepackt, alles kleinliche Nachsuchen nach Rostflecken am Säbel u. s. w. hinter uns lag, wenn das Pferd ungeduldig trat, und ich mich nur hinaufschwingen durfte, um ein Reitersmann zu seyn; dann war ich mit den Pistolen am Sattel und dem Säbel an der Seite ein wirklicher Krieger; kein Soldat, dessen Hauptbeschäftigung es ist, nach Zählen rechts und linksum zu machen und das Lederzeug zu putzen. Dies war der einzige Augenblick, in welchem mir das Soldatenleben noch in dem Lichte erschien, in welchem ich es in meinen früheren romantischen Träumen erblickt hatte. Besonders heute Morgen beim Abmarsch war ich sehr froh gestimmt. Vor uns lag das Manöver, von dem mir Dose so viel Schönes erzählt hatte, so wie von der Annehmlichkeit, einmal vier Wochen bei den Bauern zu liegen, natürlich auf einem schönen großen Hofe, wo man sich Abends in's Gras unter die jungen Aepfel- und Birnbäume legte und dem melodischen Läuten der heimkehrenden Heerde zuhorchte; hinter mir waren die verfluchten drei Tage Mittelarrest, die mir der gute Feind gegönnt; unter mir das bethaute duftende Gras; über mir der blaue Himmel, und in meinem Herzen der Kuß der hübschen lieben Emilie. – »Aufgesessen!« – das Wort fuhr zündend in meine Träume. Ich flog in den Sattel – »Marsch!« – und als die Trompeter munter die Melodie: »Frisch auf, Kameraden, auf's Pferd! auf's Pferd!« schmetterten, fühlte ich mich ganz glücklich und pfiff dieselbe Weise laut für mich hin; doch nicht lange, denn unser Wachtmeister Löffel, das Echo des Kapitäns, der mich eben so wenig leiden konnte, wie dieser, ritt an mich heran, drehte seinen Schnurrbart und sagte in nicht sehr liebevollem Tone: »Hören Sie, Herr, Ihnen wird man das Pfeifen doch noch einmal legen.« Schnee an einem Frühlingsmorgen. Ich konnte mich im jugendlichen Uebermuth nicht enthalten, dem dicken Wachtmeister ganz ruhig zu antworten: »Meinen Sie mich? Ganz recht, heute ist Dienstag.« Er antwortete nichts darauf, doch zog er sein Notizenbuch hervor, und schrieb etwas hinein, was er später dem Kapitän zeigte, der eine Bewegung mit Kopf und Hand machte, als wolle er sagen! »Ich will das schon arrangiren!« Und er arrangirte es auch so, daß mir der Abtheilungs-Commandeur bei der nächsten Parade für einen kleinen Riß in meinem Futterbeutel drei Tage Mittelarrest gab. Ländlich, sittlich! Durch Staub und Sonnenhitze, abwechselnd bald singend bald lachend, bald mürrisch und fluchend, zogen wir durch die einförmige Pappelallee der Landstraße, und es mochte ungefähr zwei Uhr geworden seyn, als wir Wie ein Gebild aus Himmelshöhen den Stabsquartiermeister auf seinem magern Schimmel mit der mächtigen Brieftasche unter dem Arm bei einer Biegung der Straße auf uns zutrotten sahen. Jedes Gesicht klärte sich auf und selbst die Pferde schienen des langen Marschirens müde; denn als der alte Oberst vorn an der Spitze sein Halt donnerte, bedurfte es nur eines gelinden Zupfens an den Zügeln, um sie gleich zum Stehen zu bringen. Der Mann mit der Brieftasche öffnete dieselbe, und herausspazierte Dorfschaft um Dorfschaft, in die unsere Batterien zu liegen kamen; ein Theil der Brigade nach der Festung W., die eine Batterie hierhin, die andere dorthin, und da die Dörfer in hiesiger Gegend meistens nur aus einigen Höfen bestehen, so blieb auch fast keine einzige Batterie beisammen, sondern beinahe jedes Geschütz hatte seinen eigenen Hof oder sein Dorf. Das unsrige hieß Fettenweiden, ein Name, der dem Dose sehr zu gefallen schien, indem er hoffte, etwas von der fetten Weide müsse auf's Quartier übergegangen seyn; doch leider weit gefehlt, es war entsetzlich mager. Der Alte hielt uns noch von seinem Roß herunter, wobei er beide Arme in die Seite stemmte, eine Rede über gutes Verhalten, Ordnung in den Quartiren und Sorgsamkeit auf Waffen und Monturen, wovon wir aber bei dem allgemeinen Scharren der Pferde und Klirren der Geschirre nur einzelne Worte und Ausdrücke, die den dumpfen Baß seiner Stimme wie Blitze durchschnitten, verstanden, besonders sein »denn ik sage Euch, Ordnung muß sind!« das er heute sehr häufig anwandte. Auch der Kapitän Feind, von dem wir uns leider trennen mußten, denn er lag in einem andern Dorfe, hielt uns zum Abschied noch eine Rede voll Moral. Seine liebenswürdigen Redensarten waren um den alten Text vom zu starkem Frühstücken gewickelt. Endlich waren wir erlöst, Dose ließ aufsitzen und nach einer halben Stunde gelangten wir zur fetten Weide, fünf bis sechs kleinen Häusern, die am Rande der Heide lagen, auf der die Manöver abgehalten wurden. Doch hatten wir auf der andern Seite einen dichten Eichenwald, den ein kleiner Bach von den Höfen trennte, und im Hintergrund stiegen schlanke Pappeln und Tannen auf, zwischen denen ein schönes gelbes Gebäude durchblickte, das Landhaus eines Grafen R., bei dem unser Abtheilungscommandeur im Quartier lag. Dose's Gemüth, das der Anblick der kleinen Häuser etwas niedergebeugt hatte, wurde erfrischt durch den grünen Wald, den Bach und das Palais im Hintergrunde. Er vertraute mir, daß er fühle, wie die Poesie bei ihm zurückkehre, versprach mir fest, mich nächstens mit einigen Gedichten zu überraschen, und träumte, während wir unsere Pferde durch eine große Mistpfütze in einen schlechten Stall ziehen mußten, von Waldpromenaden und dergleichen, und sagte mir: »Ach es gibt für mich nichts Poetischeres, als Verse zu machen!«