Friedrich Wilhelm Hackländer Erlebtes. Zweiter Band Zwei Nächte Die erste Nacht. 1844. In dem Hôtel Reichmann zu Mailand unter den geöffneten Thüren des Speisesaals, welche in den kleinen zierlichen Garten hinausführen, saß eine Gesellschaft junger Offiziere – es waren ihrer sechs – gerade die Zahl, welche für ein kleines feines Diner die richtige ist, und hatten dies angenehme und wichtige Geschäft so eben beendigt. Der reich servirte Tisch prangte in jener malerischen Unordnung des Silbers und Krystalls, zerstörter Frucht-Pyramiden, entkorkter Champagnerflaschen in Eiskübeln, jener Unordnung, über welche das befriedigte Auge so gern hinschweift, den duftigen Kaffee vor sich und die wohlriechende Havannah im Munde. Es war ein Nachmittag im Mai, die warme Sonne hatte sich aus dem engen Gärtchen emporgehoben, einer erfrischenden Kühle Platz machend, die durch Saalthüren und Korridore aus dem hoch umbauten Hofe hineinströmte. Der goldene Schein des scheidenden Lichtes zeichnete an den Mauern und Häusern, welche den Garten umgaben, in dunklen Schatten die zackigen Giebel der benachbarten Gebäude, küßte wollüstig die Spitzen einiger hochstämmigen Lorbeer- und Granatbäume und schien ungern dies trauliche Plätzchen zu verlassen; doch Zoll um Zoll erhob sich der helle Schein rings umher, gefolgt von Tausenden von Insekten, welche sich summend auf dem scheidenden Strahl der Abendsonne emporschwangen und dem kühlen, dunklen Schatten entflohen. Die lebhafte Conversation während des Diners war jetzt bei Kaffee und Cigarren verstummt, und jeder der sechs jungen Leute wiegte sich so bequem wie möglich auf seinem Stuhle und alle blickten der scheidenden Sonne gedankenvoll nach. Es war eine kurze behagliche Siesta, ein angenehmes Ausruhen von der gehabten Anstrengung und dazu läutete vom Dome her die große Glocke und viele kleine der benachbarten Kirchen accompagnirten melodisch den tiefen Ton. Die sechs jungen Offiziere waren von vier verschiedenen Regimentern: zwei davon von einem ungarischen Husaren-Regiment mit der blauen knappen Atilla waren die Gastgeber, und die anderen, ein Dragoner in weiß mit blau, ein Chevauxlegers in dunkelgrün und roth und ein Infanterieoffizier in ganz weißer Uniform die Eingeladenen. Wem aber das Fest eigentlich galt, war ein dritter Husaren-Offizier, der heute Abend im Begriff war, eine Reise über Florenz, Rom, an den entzückenden Meerbusen von Neapel zu machen, der junge Graf S., einer der liebenswürdigsten und elegantesten Offiziere seines Regiments, ein guter Kamerad, tüchtiger Reiter, von unerschöpflich guter Laune, jeden Augenblick bereit, tausend lustige Einfälle Preis zu geben, und durch diese guten Eigenschaften l'enfant gaté des ganzen Regiments. »Wenn ich mißgünstig wäre,« sagte einer der Husaren, »so würde ich dich ungeheuer beneiden« Alfons, im Besitz eines zweimonatlichen Urlaubs, die gepackte Calesche vor dem Hause, gute Wechsel in der Brieftasche und nun nach diesem wirklich famosen Diner sich einzuschwingen und beschauend und verdauend bei dem herrlichen Frühlingsabend dahin zu rollen – es ist ein beneidenswerthes Loos.« »Allerdings!« lachte Graf S., indem er ein gefülltes Glas Champagner so hoch emporhielt, daß der letzte Sonnen-Reflex es vergoldete, »allerdings, aber ihr hättet ja mit von der Partie sein können, es war das ja eigentlich seit längerer Zeit schon abgesprochen.« »Ja wohl, ja wohl!« seufzte der Andere, »aber: Was ist das Leben ohn' Liebesglanz?« – »Und dieser Liebesglanz,« meinte der dritte Husar, »hat deine Wechsel vollkommen aufgezehrt.« » Unsere Wechsel, wolltest du sagen!« entgegnete der Andere, »denn dir, lieber Bruder, ist es nicht besser gegangen; aber gibt es denn auch ein liebenswürdigeres, kleineres, tolleres Geschöpf als Julietta? und so graziös, und eine so große Künstlerin? Ach, daß sie nicht Prima Ballerina ist, daran ist bei Gott nur ihre Bescheidenheit Schuld. Und wie mich das kleine Ding liebt! Kam sie nicht, als von der gemeinschaftlichen Reise die Rede war, ungeschminkt auf die Bühne, bleich wie der personifizirte Jammer, so daß sogar der alte Oberst, der ihr so lange vergeblich nachgestiegen, zu mir sagte: Aber können Sie bei dem Anblick ans Reisen denken?« »Und du dachtest auch ferner nicht mehr daran,« sagte der Dragoneroffizier lachend und ließ eine blaue Wolke kerzengerade in die Höhe steigen: »du opfertest fort und fort auf dem Altar deiner Göttin, bis –« »Du ihr die famose Reise geopfert hattest,« unterbrach ihn Graf S., worauf im Gespräch eine kleine Pause eintrat, während welcher die Kaffeetassen und Sporen klirrten, wenn einer trank oder die Füße in eine andere Lage brachte. »Die Zeiten sind aber auch gar zu langweilig,« sprach nach einiger Zeit der Infanterieoffizier, »ein ewiges Friedens- und Garnisonsleben, Rekruten exerciren und mit der Wache aufziehen. Man ist wahrhaftig gezwungen, sich eine andere Unterhaltung zu verschaffen, wenn man nicht geistig zu Grunde gehen will. Ich habe nun einmal für Tänzerinnen keine Leidenschaft, und kein Geld, und muß mich schon mit einer anderen Dame behelfen, die weniger kostbar und doch auch belohnend ist – die Wissenschaft.« »Du willst zum Generalstab.« sagte der Dragoner und legte seine Beine auf einen Stuhl, der vor ihm stand; »hast Recht, steigst dann zu Pferd, wie unsereins und bist,« fuhr er seufzend fort, »bei einer einstigen vielleichtigen Schlacht, mit an den interessantesten Punkten, ein selbständiger Mensch, brauchst nicht in der staubigen Colonne zu marschiren.« »Ja zu Pferd, zu Pferd,« meinte der Chevauxleger, der bis jetzt schweigend geraucht, »wenn ich das noch erlebe, eine tüchtige Schlacht – im Blut, Schweiß und Staub, vor meinem Zuge hineinzustürzen in die feindliche Kavallerie, um einen Leopoldi oder gar ein Theresienkreuz herauszuhauen – Gott, wenn ich das noch erlebe!« »Dazu ist leider wenig Aussicht vorhanden,« seufzte der Anbeter der Tänzerin, »ein Feldzug könnte mich auch arrangiren, das bricht alle Verbindungen ab, wie man sich in den Sattel schwingt und ausmarschirt, ist man ein freier, unabhängiger Mensch.« »Aber der Kummer der kleinen Julietta?« lachte Graf S.; »sie wird sich nicht mehr schminken wollen, und in Folge davon ihren Contract verlieren.« Der Andere zuckte die Achseln und sagte seufzend: »Und doch wollte ich, es gäbe einen Feldzug.« »Wozu aber durchaus keine Aussicht vorhanden ist,« meinte der Infanterieoffizier. »Der politische Himmel ist klar und ohne Wolken, wie der des herrlichen Neapel, dem du entgegenziehst.« »Das wär' schon recht,« sagte der Chevauxleger, »dann hätten wir einige Hoffnung, denn am neapolitanischen Horizont hängt immer eine tüchtige drohende Wolke, die des Vesuvs nämlich, und da kann es alle Tage losgehen.« »Ja, auf diese Art,« versetzte der Infanterieoffizier lächelnd, »ist mein Vergleich freilich nicht ganz richtig.« »Grüß' mir den Vesuv,« sagte der andere Husarenoffizier, »und nimm dir Lacrimae von Resina mit, der des Eremiten ist gar zu schlecht.« »Krieg, Krieg!« phantasirte der Dragoner, »eine tüchtige Schlacht, ein Königreich, wenn ich eins hätte, für eine Schlacht!« »So was kommt plötzlich,« sagte Graf S., »gebt nur Acht, an einem schönen Morgen hat man sich irgendwo bei den Haaren, wie sollt' es mich freuen, wenn eine solche Nachricht mich schon nach wenigen Tagen von meiner Reise zurückriefe; doch, Freunde, es wird spät, ihr wißt, ich habe einen langen Weg zu machen, und möchte gar zu gern bei guter Zeit in Bologna sein.« »Welchen Weg wirst du dahin nehmen?« fragte der Infanterieoffizier. »Nun natürlicher Weise über Lodi und Piazenza,« antwortete der Graf, indem er langsam aufstand und nach seiner Feldmütze und dem Säbel langte, der neben ihm an einem Tischchen lehnte. »So muß es denn geschieden sein,« sprach der Dragoneroffizier, indem er seinen Pallasch ebenfalls umschnallte, und die Andern folgten seinem Beispiele. Stühle wurden gerückt, Säbel klirrten und die sechs Freunde begaben sich aus dem Speisesaal in den Hof des Hôtels, wo die leichte Reisecalesche des Grafen S. bepackt und eingespannt bereits seiner harrte. Sein Husar stand daneben, mit dem Mantel über dem Arm und der Postillon ordnete die Zügel des Sattelgaules, um sich augenblicklich aufschwingen zu können. Der Abschied war kurz und herzlich, nachdem der Graf seine Calesche bestiegen hatte. »Leb' wohl, Alfons! – glückliche Reise! – Auf gutes und gesundes Wiedersehen!« – »Danke schön! – Haltet euch Alle in der Ordnung und sollte irgend etwas vorfallen, so schreibt mir bald! – Grüße mir Julietta, edler Romeo, und du, mach' dein Examen glänzend, daß du die grünen Federn auf dem Hut hast, wenn ich zurückschaue. – Avanti – T'schau – grüß Gott!« Der Postillon, wie alle italienischen, hatte wartend den linken Fuß in den Bügel gesetzt, gab mit dem Knie dem Sattelgaul einen Stoß, dem Handgaul einen Hieb mit der Peitsche und schwang sich in den Sattel, während die Pferde wie toll zum Thore hinausstürmten; – ein ächter Renommist bog er im Galopp in den Corso der Porta Romana links ab, glücklich, daß die Leute auf der Straße seine Verwegenheit anstaunten, und gleichgültig ob der Anfang der Reise bei dieser Gelegenheit schon durch ein zerschmettertes Rad unterbrochen würde. Doch lief Alles gut ab. Die fünf Freunde standen noch am Thor und winkten herzlich zum Abschied, um sich alsdann nach allen Theilen der Stadt zu zerstreuen, der eine auf den Domplatz, der andere auf den Corso, jener nach Haus, dieser in die Scala. Unterdessen hatte der Graf die Porta Romana hinter sich und lehnte sich behaglich in die Ecke des Wagens. Der Husar, der auf dem Bocke saß, hatte ihm den Mantel um die Füße geschlungen und legte jetzt den brennenden Schwamm auf die Meerschaumpfeife. Wie schmeckte der ungarische Tabak so gut, wie war die Luft so würzig und angenehm! mit welchem Entzücken dachte der Reisende an Rom und Neapel und gestand sich, daß er einer der glücklichsten, beneidenswerthesten Sterblichen sei. So rollte der Wagen auf der schönen breiten Chaussee dahin. Um die Fahrt ganz angenehm zu machen, hatte es den Tag vorher etwas geregnet, weßhalb unter den Hufen der Pferde und den davon eilenden Rädern kein Staub aufflog. Der mailändische Postillon, der ans der Station in Lodi mit einem sehr guten Trinkgeld entlassen worden war, hatte den Grafen seinem Nachfolger bestens recommandirt und die Pferde griffen aus, daß es eine Freude war. Der Rosselenker klatschte mit seiner Peitsche, rauchte lange Rattenschwänze und versuchte es jeden Augenblick, mit dem Husaren auf dem Bock eine Conversation anzuknüpfen. Doch war dieser, ein Ungar, der italienischen Sprache kaum mächtig genug, um einige wenige Lebensbedürfnisse zu verlangen, oder um den Postillon unter Verheißung eines bonne mane zum schnelleren Fahren anzutreiben, was er denn auch nicht unterließ. Equipagen waren sie bisher keiner auf der Straße begegnet, aber häufig an langen Zügen leerer Wagen mit Maulthieren bespannt, die von Mailand zurückkamen, vorbeigeeilt, sie weit hinter sich lassend. Die Eigenthümer lagen faul auf die leeren Säcke gestreckt, wahrscheinlich den heutigen Gewinnst berechnend, und erhoben kaum den Kopf, um der vorüberrasselnden Equipage nachzusehen. Die Maulthiere, zu drei und vier vor einander gespannt, waren nun schon neugieriger und bogen mit ihrem klingenden Geschirr häufig von der Mitte des Weges auf die Postpferde ein, um sie schnuffelnd zu begrüßen, welche Freundschaftsbezeugung aber meistens durch einen Peitschenhieb des Postillons erwidert wurde, worauf die Maulthiere ihren Kopf plötzlich zur Seite wandten, die Glocken an denselben stärker klingelten und der Karren einen gelinden Stoß erlitt, der Fuhrmann fluchte, und der Postillon, sich umsehend, lachte. »Avanti! avanti!« schrie der Husar auf dem Bocke und weiter und weiter rollte der Wagen. Die Bäume an den Wegen schienen vorbei zu fliegen, einzelne Häuser sah man vor sich, dann an der Seite, dann blieben sie weit zurück. In den Reisfeldern rauschte es geheimnißvoll, die scharfen Blätter an dem schlanken Stengel schliff der Abendwind gegen einander, daß es eigenthümlich flüsterte, und dazwischen summten und surrten Tausende von Insekten, die sich auf dem jungen Reis wiegten, oder den nassen Grund, aus welchem er emporwuchs, umschwärmten. Als der Reisende Lodi passirt hatte, senkte sich der Abend auf die Erde, thauig und frisch, er umfing Häuser und Felder und die brennende Erde, liebeglühend, litt geduldig den süßen befruchtenden Kuß des heimlich Geliebten, der sich schweigend an ihren Busen schmiegte, als sich das strenge wachsame Sonnenauge geschlossen; und heute feierten die beiden Liebenden eine herrliche duftige Brautnacht, aus vielen, vielen Kirchlein und Kapellen läuteten die Glocken das Ave Maria, im Grase glänzte der Nachtthau wie Tausende von Brillanten und warf zurück das zitternde schimmernde Licht unzähliger Sterne. Dazu dufteten die Blumen und das frische Heu auf den Feldern; ein wollüstiger Hauch ging durch die ganze Natur und Niemand fühlte das besser, als die zahlreichen Nachtigallen in den Gebüschen am Wege, welche die entzückendsten zartesten Brautlieder sangen. Um diesen herrlichen Gesang zu hören, muß man in einer warmen Frühlingsnacht durch die gesegneten Fluren der Lombardei fahren. Die Felder, mit Bächen durchschnitten, die Straße mit Wasser eingefaßt, über welches sich frisches Gesträuch wiegt, ist der Lieblingsaufenthalt dieser kleinen gefiederten Sänger. Der Graf lehnte in seiner Wagenecke und sein offenes empfängliches Gemüth erfaßte all' das Schöne, was er sah und hörte. Ein solches Nachtigallen-Concert, wie heute Abend, hatte auch er nie vernommen; dazu flog der Wagen auf der geraden flachen Chaussee im wahren Sinn des Wortes. Der Postillon von Lodi hatte ein paar kräftige Schimmel eingespannt und meinte lachend, als er sich in den Sattel schwang, »er müsse schon für die nächste Station ein Uebriges thun; dort,« fuhr er fort, »in Casal Pusterlengo gibt es gewöhnlich einen längeren Aufenthalt, und wenn zufällig vor uns schon eine Extrapost da war, so muß der Herr lange warten, der Posthalter dort hat wenig Pferde.« Obgleich die Aussicht, auf einer einsamen Station mitten in der Nacht längere Zeit warten zu müssen, gerade nicht sehr angenehm war, so hielt der Graf diese ausgesprochene Befürchtung für leeres Geschwätz des Postillons, und ermahnte ihn, seine Schuldigkeit zu thun, das Uebrige werde sich finden. Diese, seine Schuldigkeit that denn auch der Postillon von Lodi auf eine wirklich überraschende Art, und obgleich der Graf S., der die Trinkgelder nie zu sparen pflegte, auf allen Stationen außerordentlich gut geführt wurde, so hatte er doch ein solches Dahinrasen noch nicht erlebt. Kaum saß der Postillon im Sattel, so trieb er die Pferde mit lautem Hurrah! und Peitschenschlag zu vollem Galopp an. Wie ein finsterer Geist hing er auf den weisen Pferden, sein schwarzer Mantel flatterte um ihn, sein langes Haar flog zurück und die leichte Calesche beschrieb auf der Landstraße immerfort eine Schlangenlinie; bald rechts, bald links flog der Hinterwagen, der Husar auf dem Bock hielt sich erstaunt an der Seitenlehne, und Häuser, Bäume, Brückengeländer und Wegsteine schienen eilfertig und entsetzt vorbei zu huschen. In weniger als einer Stunde hatten sie die Station zurückgelegt und vor ihnen durch die Nacht glänzte ein einsames Licht aus dem ersten Hause von Casal Pusterlengo. Das Posthaus lag jenseits des Dorfes an einer Anhöhe, welche mit Maulbeerbäumen und Reben bedeckt, sich dicht an die hintere Seite des kleinen Wohnhauses schmiegte. Die Posthalterei selbst und die Stallgebäude lagen etwas abseits und obgleich der Postillon von Lodi, während er durch den stillen Ort fuhr, ein Uebermögliches gethan mit Peitschenknallen und lauten Hallohs, so sah man doch, nachdem die Calesche schon eine ziemliche Zeit vor den Stallungen hielt, auch noch nicht das geringste Zeichen von Leben in denselben. Erst nachdem der Postillon und der Husar, jener mit der Peitsche, dieser mit dem Säbel, die Stallthüre eine Zeitlang angelegentlich bearbeitet hatten, bemerkte man, daß in einer Dachkammer Feuer angeschlagen wurde. Bald darauf wurde ein Kopf mit zerzausten Haaren oben sichtbar und nachdem sich der Hinauslugende überzeugt, da unten halte eine Extrapost, polterte er die Treppen herunter, öffnete die Stallthüre und kratzte sich verlegen in dem schwarzen Haarwald, als der Graf so schnell wie möglich frische Pferde verlangte. »Gott soll mir gnädig sein und die Madonna!« sagte der Stallknecht, »aber Euer Gnaden werden wahrhaftig eine Zeitlang warten müssen. Seit drei Stunden ist die Post von hier weg, die Post mit einer Beichaise und die Pferde können in einer halben Stunde zurückkommen.« »Und sonst habt Ihr nichts im Stalle?« fragte der Graf ärgerlich, während der Postillon von Lodi verschmitzt lachend ein Zeichen machte, welches ausdrücken sollte: »Habe ich es Euch nicht gesagt?« – »Wo sind denn Eure Extrapostpferde? Ihr müßt doch nach dem Reglement deren wenigstens vier haben.« »Haben auch vier,« entgegnete der Stallknecht; »sind aber leider vor einer Stunde mit einem englischen Reisewagen fortgefahren.« »Das ist ja aber ganz verflucht!« sagte heftig der junge Offizier; »wenn ich dir aber ein gutes Trinkgeld gebe, ich glaube, daß du mir alsdann Pferde anschaffen wirst, nicht wahr, Spitzbube?« »Unmöglich!« antwortete der Stallierie, »glauben Eure Gnaden ja nicht, daß wir bösen Willen haben, aber die Posthalterei ist unbedeutend, es kommen wenig Posten durch und der Postmeister ...« »Wo ist der Postmeister? ich will ihn sprechen!« »Ist nach Lodi geritten, Eure Gnaden, ich bin ... ganz allein zu Hause,« setzte er stockend hinzu. Da war nichts zu machen, als in Ruhe zu warten, bis die Pferde der kaiserlichen Post zurückkommen würden. Wenn nur die Post mitten im Dorf gewesen wäre, da hätte man vielleicht in dem Caffé eine alte Zeitung und etwas Kaffee gefunden, aber hier in den einsamen Gebäuden, die so schwarz und ohne Leben in der Nacht dalagen! Es war in der That langweilig. Der Postillon von Lodi zog seine Pferde in den Stall, worauf er so wie der Husar und der Stallierie sich plaudernd auf eine Bank vor dem Stallgebäude niederließen. Selbst die herrliche Nacht vermochte nicht die Ungeduld des Reisenden über dies unangenehme Warten zu beschwichtigen. Vergeblich schlugen die Nachtigallen schmelzender als den ganzen Abend in den dichten Gebüschen, welche Posthalterei und Wohnhaus umgaben, vergeblich funkelten die Sterne so freundlich und beruhigend von dem dunklen Himmel, vergeblich athmete die ganze Natur eine so wohlthuende Stille, summten Insekten aller Art behaglich und glückselig in den Freuden ihres kurzen Sommerdaseins, der junge Reisende war ungeduldig und verstimmt, gelangweilt und hätte in diesem Augenblicke viel um eine Conversation mit irgend Jemand gegeben, den er sonst gewiß nicht beachtet. Schon mehrere Mal hatte er die Stallgebäude umschritten, und näherte sich jetzt dem einsamen Wohnhause, indem er die dahinter liegende Anhöhe erstieg, in der Hoffnung, vielleicht das Flußbeet des Po zu erblicken oder sonst etwas, was ihn momentan unterhalten würde. Da lag die lange weite Ebene vor ihm, vom Sternenlicht sanft beglänzt, hie und da mit hellen Linien durchzogen, Wassergräben und kleine Seen, die hervorleuchteten zwischen den dunklen Farben des dichten Rebengewindes und der Maulbeerculturen. Auch glaubte er das Rauschen des Flusses zu vernehmen, und einige Mal den entfernten Klang eines Posthorns auf der Straße, doch war es das Seufzen und Flüstern des Nachtwindes in dem Wasserröhricht, das ihn getäuscht. Mißmuthig wandte er sich um, um zur Chaussee und zum Stallgebäude niederzusteigen und bemerkte, als er auf diese Art die hintere Seite des einsamen Wohnhauses vor sich sah, ein kleines erleuchtetes Fenster und die Lichtstrahlen, die von demselben in die Nacht hinaus drangen, glänzten auf dem dichten Rebenlaub an dem Hause und zeigten üppige Schlinggewächse, die die Mauern desselben umspannen in einer wahrhaft malerischen Weise. Der junge Offizier, erfreut von dem Gedanken, vielleicht doch Jemand zu finden, mit dem er die Zeit des Wartens verplaudern könnte, näherte sich dem Hause so weit, bis es ihm möglich war, in das offen stehende Fenster hinein zu schauen. Dann blieb er überrascht stehen. Er sah in ein Zimmer, in welchem auf einem alten Stuhl mit hoher Lehne ein junges und, wie er zu bemerken glaubte, sehr schönes Mädchen saß, welches auf seinen Knieen ein kleines Kind wiegte, das es mit allerhand Schmeichelworten und Bruchstücken von Liedern einzuschläfern versuchte. Es trieb den jungen Offizier, näher zu gehen; um aber die Kleine da unten durch das Rasseln des Gesträuchs nicht plötzlich zu erschrecken, erhob er seine Stimme und sang den Anfang einer bekannten italienischen Arie so sanft und leise als möglich. Schnell brach das Mädchen in ihrem Lied ab, deckte mit der Hand den Schein der neben ihr stehenden Lampe und starrte in das Dunkel hinaus, um den Sänger, der jetzt raschelnd durch das Gras und Gesträuch näher schritt, zu entdecken. Zu ihren Füßen lag wahrscheinlich ein großer Hund, denn man vernahm in demselben Augenblicke ein paar tiefe knurrende Töne, ein kurz abgebrochenes Gebell; doch schien ihm das Mädchen zu wehren, sie beugte sich unerschrocken etwas aus dem Fenster und rief hinaus: »Wer ist da?« »Es ist ein Fremder,« gab der junge Offizier zur Antwort, »der so eben mit Extrapost hier ankam, und auf frische Pferde warten muß. Es war mir,« setzte er galant hinzu, indem er näher trat, »wirklich recht unangenehm, hier ein paar Stunden bleiben zu müssen; doch wenn die Signora mir erlaubt, eine Weile mit ihr zu plaudern, so danke ich dem Zufall, der mich hier festhielt.« Während der Graf so parlamentirte, ging er als tapferer und umsichtiger Soldat Schritt vor Schritt vorwärts und zeigte sich bei den letzten Worten dicht am Fenster in dem hellen Lichtschein. Das war aber auch, um dem Mädchen allen Schrecken zu nehmen, das beste aller Mittel, denn ein Blick in dieses schöne, offene, jugendlich-frische Gesicht, dem der kleine blonde Husarenbart so wohl stand, zeigte der jungen Italienerin, mit wem sie es zu thun habe, und ehe sie noch die Husarenuniform erkennen konnte, sagte sie lachend: »Aha! der Herr ist ein österreichischer Offizier.« Wie war jetzt die stille Nacht dem jungen Reisenden wieder so interessant geworden, und erst das Wohnhaus, das er vorhin ingrimmig angeschaut! Gab es aber auch etwas Reizenderes, als der Anblick, den er hier vor sich hatte? War es das Plötzliche und Unerwartete der Erscheinung, war es der dunkle Rahmen der Nacht, der das Mädchen so wunderbar hervorhob, genug, er gestand sich, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Da lehnte die Kleine an ihrem hohen Stuhl, nothdürftig, bekleidet, ein rother Rock umspannte ihren schlanken Leib, die nackten Füße drückten sich tief in das schwarze zottige Fell des großen Hundes, den wir vorhin erwähnten und der fragend aufblickte, als wolle er sagen: »Befiehlst du, daß ich hinausspringe, und den Fremden ein bischen au der Kehle fasse?« Auch schien sie ihren Wächter vollkommen zu verstehen, denn sie drückte ihm mit dem einen Fuß den erhobenen Kopf sanft nieder, worauf er die Augen schloß und mit dem Schweif wedelte. Das Alles konnte der Reisende vor dem Fenster freilich nicht sehen, senkte auch seine Blicke nicht dort hinab, sondern heftete sie fest auf den schönen Kopf des Mädchens, auf ihren schlanken Hals und die weißen Schultern, welche zwischen den aufgelösten Flechten des schwarzen Haares hervorglänzten. Das Bübchen in ihrem Schooß, welches überhaupt keine große Neigung zum Schlafen zu verspüren schien, wachte bei dem Anblick des Fremden wieder hell auf und blickte so treuherzig, ja freundlich mit den großen, glänzenden Augen auf die goldverzierte Feldmütze und die Schnüre des Atilla. »Also der Herr hat keine Pferde bekommen können,« sagte das Mädchen, »und muß deßhalb warten, bis die von der kaiserlichen Post zurückkommen. Ja es kommt dies leider oft vor, mein Vater hat nicht viele Pferde und will auch keine weiter anschaffen, da das Geschäft überhaupt so wenig einträgt, denn es ist hier eine kleine Zwischenstation, Lodi und Piazenza nehmen uns das Beste weg, wir hatten auch früher, als die Mutter noch lebte, ein kleines Wirthshaus, aber das hat Alles jetzt aufgehört; Vater sagt, er wolle nichts mehr vergrößern, das könne einmal der kleine Cecco hier in meinem Schooß thun, oder,« setzte sie lachend hinzu, »der Schwiegersohn.« »Der Schwiegersohn?« fragte der Offizier, »wer ist denn der Schwiegersohn?« »Nun,« lachte das Mädchen fröhlich auf, »wer wird der Schwiegersohn sein? Der Mann der Teresina.« »Und wer ist die Teresina?« »Die Teresina bin ich,« sagte sie lustig, schlug aber die Augen nieder, als sie sah, wie die brennenden Blicke des jungen Offiziers auf ihr hafteten. »Ja,« fuhr sie nachlässiger und mit leiserer Stimme fort, »der Cecco,« dabei fuhr sie dem Bübchen durch die schwarzen Locken, »oder der Schwiegersohn,« dabei hob sie den Kopf kokett in die Höhe, »soll, wenn er mag, die Wirthschaft wieder anfangen und die Posthalterei vergrößern.« »So, so,« sagte der Graf lächelnd, »der Schwiegersohn? – So bist du also schon verheirathet?« »Wer? – Ich?« lachte das Mädchen, »Madonna, das ist zum Lachen, geht mir weg, ich geheirathet? Ehe man heirathet, muß man zuerst Jemand lieben, herzlich lieben, so ungefähr, wie ich das Bübchen liebe; aber mit Liebe lieben, und das habe ich noch nicht gethan.« »Hat dir denn noch nie Jemand gefallen, Teresina? Ich meine, so recht gefallen, um ihn mit Liebe lieben zu können?« fragte der junge Mann. »Nein, Herr!« entgegnete das Mädchen und lehnte den Arm auf die Fensterbrüstung, wodurch dem Bübchen die Aussicht auf Feldmütze und Schnüre verdeckt wurde, weßhalb es laut aufschrie, auch nicht eher beruhigt werden konnte, bis ihm die Feldmütze förmlich zum Spielzeug überantwortet wurde, zu welchem Ende der Offizier gezwungen war, sich ins Fenster hineinzulehnen. Ihr Arm aber blieb auf der Fensterbrüstung und der Kopf neigte sich vor, und ebenso die weißen Schultern und der Oberleib. »Wen meinen Sie denn eigentlich,« fuhr der Graf S. fort, »den sich der Vater zum Schwiegersohn aussuchen wird, etwa einen aus Pusterlengo oder einen jungen Kaufherrn aus Lodi?« »Nein, nein!« sagte das Mädchen plötzlich ernst werdend, »eher den Sohn des Posthalters aus Piazenza, der ist schon mehrere Male ohne allen Grund dagewesen und er scheint dem Vater nicht übel zu gefallen; mir aber ganz und gar nicht,« setzte sie ganz leise hinzu. »Ist er nicht schön, nicht jung?« fragte der Offizier lächelnd, und die Kleine antwortete leise und sich scheu umsehend: »Nein, gewiß nicht! aber er ist bösartig und falsch und den könnte ich nicht lieben und wenn ich ihn heirathen müßte, so wär' mein ganzes junges Leben verdorben, denn Sie sagen, es sei schrecklich, heirathen zu müssen, ohne geliebt zu haben.« »Da wäre es also noch viel besser oder wenigstens viel schöner geliebt zu haben ohne zu heirathen,« sagte der Offizier. »Schöner vielleicht,« entgegnete das Mädchen, und hob die Augen empor, um ihn anzusehen, »schöner vielleicht wohl, aber nicht besser.« Jetzt trat in diesem seltsamen Gespräche eine Pause ein, in welcher die Nachtigallen stärker und freudiger schmetterten und in welcher der junge Offizier die Höhe der Fensterbrüstung maß und bei sich überlegte, ob es nicht möglich sei, dort ohne viel Geräusch hinein zu voltigiren. Doch schien die Italienerin seine Absicht zu errathen, denn sie deutete mit der Hand auf das Stallgebäude und sagte: »Macht kein Geräusch, der alte Pietro hört Alles. Es ist eigentlich nicht recht, daß ich mit Euch so lang am offenen Fenster plaudere, aber ich weiß nicht,« fuhr sie fort und blickte ihn mit ihren glänzenden Augen voll an, »ich plauder' wahrhaftig gern mit Euch.« »Lieber als mit dem Posthalterssohn von Piazenza?« »Viel lieber.« »Dann würdet Ihr mich vielleicht auch lieber heirathen oder lieben?« sagte der Offizier und legte seine Hand auf ihren feinen weißen Arm. »Das Erste geht nicht,« sagte das Mädchen lächelnd, »weil Ihr ein Cavalier seid, und das Andere, wenn es ohne das Erste ginge, geht doch nicht, weil ihr ja Morgen früh schon so viele, viele Miglien von hier entfernt seid.« »Wenn ich aber dabliebe?« »Wie könnt Ihr dableiben? sagt so etwas nicht, was Euch kein Ernst ist, und hier könntet Ihr auf keinen Fall bleiben,« setzte sie stockend hinzu, »der Vater, der in zwei Stunden zurück sein kann, würde Euch nach Lodi oder Piazenza weisen.« Bei diesen Worten zog sie ihren Arm zurück, bis ihre warme Hand in der des Offiziers lag. Dann gab sie nach, als er dieselbe festhielt. Ihr war es seltsam zu Muthe. Es geschah, was schon oft geschehen ist, daß zwei junge unverdorbene Wesen mit heißem Blut, die sich zuvor nie sahen, sich plötzlich in einem Gefühl der Liebe zu einander befinden, daß ein Blick, ein leichtes Gespräch zwei Herzen fesselte, von denen vor einer Stunde noch keins gewußt, daß in der weiten Welt das andere schlage. Durch den Körper des jungen achtzehnjährigen Offiziers strömte es glühend und entzückend, und auch das Mädchen ließ ihm ihre zitternde Hand, die er heftig an seine Lippen drückte. Auch die Nacht mochte daran Schuld sein, die stille, heilige, trauliche Nacht, der Duft der Blumen und vor Allem auch die Liebeslieder der Nachtigallen. – O diese Nachtigallen! – – »Wie glücklich bin ich,« sagte der Offizier, »daß ich hieher kam, daß ich hier warten muß und daß ich dich sah, Teresina.« »Mir ist es auch lieb,« entgegnete das Mädchen, »ach so lieb, ich weiß nicht wie? Nur möcht' ich viel lieber weinen, als lachen.« Dabei legte sie den Kopf vorwärts auf ihren Arm und ihre Stirne auf seine Hand und er beugte sich zu ihr nieder und drückte einen Kuß auf ihren schlanken Hals. Die drei jungen Leute waren in diesem Augenblick so glücklich, der junge Reisende, das junge Mädchen und der Bambino in ihrem Schooß; denn letzterem war es nach einigen verzweifelten Anstrengungen endlich glücklich gelungen, die schwarzgelbe Schnur von der Feldmütze herunterzureißen, eine That, die er mit vergnügtem Lachen ankündigte. Doch war dieser Freudenausbruch nicht im Stande, die beiden Liebenden aufzustören. Er wandte sanft ihren Kopf auf die Seite und drückte einen glühenden Kuß auf die brennende Stirn – da tönte durch die Nacht der lustige Klang eines Posthorns. – – Es ist etwas Eigenthümliches um solch einen Ton, wenn Alles ringsum in tiefer Stille begraben liegt. Das Mädchen fuhr in die Höhe und horchte. »Der Vater!« rief sie erschreckt, »oder die Pferde von der kaiserlichen Post. Adieu, mein Lieber, mein Liebster! Man darf uns hier nicht beisammen sehen.« Sie legte das Bübchen neben den großen Hund auf den Boden, erhob sich eilfertig und schlang, während sie sich mit dem Oberkörper zum Fenster hinausbeugte, ihre beiden Arme um den Hals des Offiziers. »Verzeiht mir, was ich thue,« sagte sie mit leiser Stimme, »verzeih' es mir die Madonna, aber es ist gewiß nichts Unrechtes, ich sehe Euch ja in diesem Leben gewiß nicht wieder, ich darf, ich kann, ich will dich nicht wiedersehen! denn wenn ich dich morgen wieder sähe, so wäre ich tief, ach so sehr unglücklich! ich müßte mich schämen, aber so, da wir uns hier zum ersten Mal sehen, und uns gleich wieder verlieren, darf ich sagen, daß ich dich unendlich liebe, und darf dich küssen, so – und noch einmal – und zum letztenmal. – Madonna hilf! Jetzt fort! um Gotteswillen fort!« Der Offizier fühlte drei heftige innige Küsse auf seinem Munde, dann drückte das Mädchen ihn sanft von sich ab, schloß eilfertig die Fensterflügel und löschte das Licht aus. – Das Posthorn tönte näher und näher, man vernahm Pferdegetrappel auf der Chaussee und dann das Schnauben und Schütteln der Thiere, die vor dem Stallgebäude hielten. Neben dem Wohnhause wurde jetzt eine dunkle Gestalt sichtbar – es war der Husar, der seinen Herrn suchte. Gedankenvoll folgte Graf S. seinem Diener, nicht ohne oftmals stehen zu bleiben und die Hand vor die Stirn zu pressen, wobei er dachte, ob das nicht vielleicht Alles ein Traum gewesen sei. Aber nein, die drei Küsse hatte er in Wirklichkeit erhalten, so innig, so glühend, so heiß! Die drei Küsse konnte er nicht vergessen, und nicht das Bild des Mädchens. Wenn später durch die lange Reise das kleine Abenteuer in seiner Erinnerung an zu bleichen fing, so brauchte er sich blos dieser drei Küsse zu erinnern und es fuhr brennend durch seinen Körper und er gedachte jener Nacht und des Posthauses und er glaubte wieder vor dem Fenster zu stehen, ans dem jetzt kein Lichtstrahl mehr drang, von wo er nicht das geringste Geräusch mehr hörte. »Euer Gnaden,« sagte der Husar, als sie das Stallgebäude erreichten, wo die eben angekommenen Pferde abgerieben, gefüttert und wieder eingespannt wurden, »Euer Gnaden haben, scheint mir, die Feldmütze im Wagen liegen lassen oder verloren.« Der junge Offizier lächelte und sagte, er habe vor der Station im Wagen geschlafen, »und da muß sie mir vom Kopf herunter gefallen sein, gib mir eine andere.« So sehr auch der Graf daran dachte, in Piazenza liegen zu bleiben, um vielleicht von da aus das Abenteuer der heutigen Nacht weiter verfolgen zu können, so brachte ihn doch der strenge Blick des Mädchens, als sie ihm sagte: sie müsse sich schämen, wenn sie ihn morgen wieder sehe, von diesem Gedanken ab und er entschloß sich, obgleich widerstrebend, seine Reise fortzusetzen. Ja einige Mal war er im Begriffe nach Lodi oder Mailand wieder zurückzukehren, und das Terrain genau zu recognosciren, doch fühlte er für das Mädchen eben so viel Achtung als Liebe, und war vernünftig genug, alle Folgen zu überlegen, und sich mit den drei Küssen zu begnügen, die das gute, unschuldige Geschöpf ihm so liebevoll gegeben. Der Postillon von Lodi ermahnte seinen neuen Collegen, etwas von der verlorenen Zeit wieder einzubringen. Der junge Offizier warf sich in seinen Wagen, der Husar nahm seinen Platz auf dem Bocke wieder ein und die Pferde liefen auf der dunklen Chaussee dahin, so gut sie konnten. Der neue Postillon blies auf seinem Horne und es war derselbe Ton und dasselbe Liedchen, das der Graf vor einer halben Stunde am Fenster drüben gehört. Ob auch sie die Töne wieder vernahm, zitternd auf ihrem Lager, vielleicht die Kissen mit ihren Thränen benetzend? – Ja, sie vernahm sie gewiß heute Nacht, und morgen wieder, an dem offenen Fenster wie heute sitzend, und blickte gewiß sehnsüchtig nach dem Hügel hinauf, von dem er nicht wieder herniederstieg, und sie sah dasselbe alle Tage, immer in derselben Umgebung und das Bübchen spielte gewiß noch wochenlang mit der Feldmütze und der Vater brachte wieder und immer wieder den Posthalterssohn von Piazenza ins Haus. Das war Alles erschrecklich quälend für ihr Herz; viel besser und angenehmer hatte es der junge Offizier. Als der Tag anbrach, war er in Bologna, dann sah er Florenz, kam nach Rom und Neapel, später nach Paris; aber in allen Zerstreuungen der großen Welt, in der herrlichsten Natur, bei den glänzendsten Festen vergaß er nicht das einsame Posthaus und die arme Teresina. Die zweite Nacht. 1848. Die stillen Fluthen der Adda, nicht beunruhigt durch Dampfboote oder viele Handelsschiffe, dafür aber der Aufenthalt zahlreicher Fische, dies klare, freundliche Wasser, das bald im tiefen Sand, bald zwischen Felsen, bald zwischen grün bewachsenen, mit Gesträuch besetzten Ufern durch die lombardische Ebene fließt, sah am ersten August ein wunderbares und prachtvolles Schauspiel an seinen einsamen Ufern sich entfalten. Es war bei Formigara, wo der sieggekrönte Heldenmarschall, Vater Radetzky an diesem Tage eine Brücke schlagen ließ, um das erste und zweite Armeekorps über den Fluß zu werfen, dem fliehenden Feinde nach, dessen Colonnen von panischem Schrecken ergriffen, den siegestrunkenen Oestreichern nirgends mehr Stand halten wollten. Kaum besetzten die piemontesischen Generale eine Position, kaum hatten sie ihre starken Batterien gegen den nachsetzenden Feind gewandt, so brachte der Anblick dieses Feindes die größte Verwirrung in die Reihen der Italiener. Truppen, die sich früher tapfer und gut geschlagen, wandten sich beim Anblick der weißen Linien und wichen vor den Fängen des Adlers, der ihnen unaufhaltsam nachsetzte. Kavallerie verließ ihre Stellungen, Artillerie rasselte davon, Infanterie-Colonnen lösten sich auf, ja es kam bei einzelnen Compagnien der Fall vor, daß Soldaten, welche querfeldein liefen, sich vor ihren Offizieren, die ihnen nachsetzten, auf den Boden warfen und erklärten, sich lieber hier von den eigenen Pferden zertreten zu lassen, als wieder gegen den Feind zu marschiren. Die sanft ansteigenden Ufer der Adda boten an diesem Punkte eines der reichsten, lebendigsten militärischen Bilder, die man nur sehen konnte. Alles war bedeckt mit Soldaten der verschiedensten Waffengattungen und die Sonne, welche zuweilen heiß durch das zerrissene Gewölk schien, schimmerte auf den unzähligen Waffen, auf den Geschützröhren und auf dem Gold und Silber der Uniformen. Es wogte und summte vergnügt durcheinander, die Artillerie stand neben ihren Wagen und Geschützen, Husaren, Dragoner, Uhlanen hatten die Pferde am Zügel und große Massen Infanterie lagerten hie und da auf dem weißen Sande, theilweise mit abgelegtem Tornister und mit zusammengestellten Gewehren. Dazwischen zogen lange Züge Brückengeräthe dem Ufer zu und Ordonnanzen aller Waffengattungen bahnten sich mühsam ihren Weg durch das fröhliche Getümmel, Befehle nach dem Flusse bringend, wo die Pontoniere in voller Thätigkeit waren. Mit wunderbarer Schnelligkeit wurden die Pontons abgeladen, in das Wasser geschoben, geankert und verbunden. Man sah die Brücken zusehends wachsen und sich in den Fluß hinausdehnen, jedes neu befestigte Ponton wurde mit lautem Hurrah begrüßt, das sich rückwärts fortpflanzte den Uferrand hinauf, und von den lagernden Truppen freudig vernommen und begrüßt wurde. Woher aber diese ungemeine Geschäftigkeit kam, und weßhalb die Pontoniere auf dem Flusse so übermäßig arbeiteten, war deutlich zu sehen, wenn man den Blicken der ruhenden Soldaten folgte, die weniger an der Geschäftigkeit auf der Adda hingen, als an einem Hügel auf der Höhe des Uferrandes. Dort sah man Offiziere aller Regimenter, von dorther kamen die Ordonnanzen, welche Befehle an das Ufer brachten, und dorthin gingen die Meldungen von den Offizieren des Genie-Corps drunten, sowie von den Commandeuren der nachrückenden Truppen. Die Offiziere auf dem Hügel, meistens beritten, umgaben in einem großen Halbkreis einen kleinen Mann in der grauen Feldmarschalls-Uniform, welcher den rechten Arm in die Seite gestemmt hatte, während die Linke Säbel und Federhut hielt. Der kleine Mann, der vom Pferde abgestiegen war, blickte mit herrlichem, freundlichem Auge auf das Gewühl am Ufer und auf der Brücke bald einem Offizier einige Worte sagend, bald mit der Hand den Soldaten winkend, die jeden Blick des klaren, treuen Auges mit lautem Hurrah, Evviva und Eljen begrüßten. Der kleine Mann aber mit dem schneeweißen Haar und dem lieben Blick war Vater Radetzky, der die Piemontesen von Position zu Position verjagt und jetzt in die Ebene der Lombardei zurückkam, gewaltig und strafend, und bei dessen Annäherung Mailand zitterte, daß es ihn in einer fürchterlichen Nacht dieses Jahres schwach gesehen. Die Offiziere in der Suite des Feldmarschalls gruppirten sich auf verschiedene Art; einige blickten mit Fernröhren über den Fluß hinüber, andere lehnten an ihren Pferden und unterhielten sich von den vergangenen Tagen, und dem Willkommen, das man ihnen in Mailand bereiten werde. Es mochte vier Uhr Nachmittags geworden sein, da war die Brücke beendigt, und ein Hurrah, lauter und freudiger als alle früheren, verkündigte es den Truppen. Der Feldmarschall bestieg sein Pferd, Alles erhob sich aus seiner Ruhe. Züge, Compagnien, Bataillone ordneten sich schnell, die Ordonnanzen sprengten nach allen Richtungen, und jeder Truppenkörper, sowie er den Befehl erhielt, setzte sich nach der Brücke zu in Bewegung. Es war ein großartiger, feierlicher Moment; alle Regimentsmusiken spielten die Nationalhymne, und das Ufer, bis jetzt ein Chaos von Farben und Uniformen, begann lange, geregelte Linien zu zeigen; Infanterie, Kavallerie und Artillerie, die sich nach und nach langsam in Bewegung setzten. Es war ein bunter phantastischer Knäuel, eine wirre Masse aller Farben: Eisen, Bronze, Gold und Silber, die sich jetzt geordnet abwickelte, in einem langen Faden die Brücke bedeckte und weit über das jenseitige Ufer der Adda hinaus sich ins Land hinein ergoß; singend und klingend, rasselnd, murmelnd, rauschend, kurz ein Getöse, daß man es weithin hörte. Endlich wurde der Knäuel diesseits kleiner und einfarbiger, und löste sich zuletzt in eine unabsehbare Reihe von Wagen auf, die jetzt auch über die Brücke rollten. Ihnen folgte der Feldmarschall mit seinem Hauptquartier und es blieben auf dem diesseitigen Ufer nur einige Bataillone zurück, welche die Nachhut bildeten, einige Schwadronen Kavallerie und etwas Artillerie. Am Ufer, ganz in der Nähe dieser zurückbleibenden Truppen erhob sich ein kleines Haus, die Wohnung des Fährmanns, der mit diesem Geschäft eine kleine Wirtschaft verband. Um den Fluthen der Adda zu entgehen, die zuweilen stark anschwillt, war das Häuschen auf einer Terrasse erbaut, sehr klein und einfach: eine Wohnstube für den Wirth, eine Schenkstube nach der Terrasse und dem Flusse offen, und diese Terrasse bedeckt mit einer Veranda aus Bäumen und Lattenstücken bestehend, die wie alle dergleichen in Italien, um so malerischer aussah, je leichtsinniger und willkürlicher man in der Errichtung derselben verfahren. Dichtes Rebenlaub bedeckte die Veranda, alles Holzwerk umrankend, um die geschlängelten Spitzen der Rebe hingen an den äußersten Holzstücken herab und wiegten sich, in der Luft schwebend, leicht hin und her. Unter diesem schönen natürlichen Dache saßen an einem grobgezimmerten Tische zwei junge Offiziere auf derben Strohstühlen und schenkten sich abwechselnd aus der mit Stroh umwundenen Foglietta die Gläser voll. Ihre Pferde befanden sich unter Obhut von Soldaten am Fuß der Terrasse, die mit malerischen Kriegsbildern umgeben war. Hier saß ein Husar auf den Stufen der Treppe, mehrere Rosse am Zügel, dort schnallte ein Dragoner an seinem Sattel herum, während ein Chevauxleger, beide Arme auf den Rücken seines Pferdes gelehnt, mit der einen Hand ein Glas hielt, enthaltend einen Rest Wein, den er dem Kameraden resevirte. Auf der andern Seite gingen Infanterie- und Kavallerieoffiziere auf und ab und tauschten ihre Meinungen aus, ob sie heute noch ihren vorausgegangenen Kameraden folgen oder hier einen Bivouak beziehen würden. Infanteristen saßen am Boden, das Gewehr auf den Knieen, und zwischen ihnen Grenadiere, die schwere Bärenmütze neben sich, dort eine Gruppe von Jägern auf dem Bauch ausgestreckt, den Kopf auf den Arm gestützt, die Büchse neben sich. Ein Tambour, der wahrscheinlich von den letzten Affairen träumte und auf einem alten Fasse saß, schlug pianissimo einen Marsch zum Angriff. Nicht weit von dem kleinen Hause befanden sich Gruppen gefangener Piemontesen, von Grenadieren bewacht, die Soldaten lagen ermüdet am Boden, die Offiziere standen in Gruppen und blickten finster dem dahinziehenden Heere nach. Dies ganze lebendige Bild wurde vervollständigt durch zahlreiche Viehheerden, die den Bataillonen nachgetrieben wurden und durch schwere Karren mit Ochsen bespannt, auf welchen Weinfässer lagen. Die Pferde der Kavallerie schüttelten sich und schnaubten, von dem andern Flußufer drüben schallte zuweilen leiser Trommelschlag und einzelne Klänge der Feldmusik herüber. Zuweilen hörte man rückwärts ein Hornsignal, ein lustiges Soldatenlied und lautes Lachen, und dann und wann tiefes, kräftiges Gebrüll aus den Viehheerden. Die Offiziere, die unter der Veranda saßen, waren zwei junge Männer, ein Rittmeister von den Husaren, ein Oberlieutenant von den Chevauxlegers. Letzterer war eben im Begriff, eine kleine lederne Tasche aufzuschnallen, die er am Sattel zu tragen pflegte, und worin er seine Cigarren aufbewahrte. Die Kleidung der Beiden war mit Staub bedeckt, sie trugen schwere Säbel, die Cartouche und Tschako, Helm und Handschuhe lagen neben ihnen auf dem Tische. »So weit wären wir also,« sagte der Husar und ließ einen zufriedenen Blick über den Fluß schweifen, »an der Schwelle unseres Hauses glücklich angekommen und ich bin fest überzeugt, daß der alte Herr noch heute Abend kräftig anklopfen wird.« »Wie ich höre,« versetzte der Chevauxleger, indem er sich seine Cigarre anbrannte, »wird sich Karl Albert nach Mailand zurückziehen und es sollte mich wahrhaftig ungeheuer freuen, wenn es da noch zu einem soliden Schlage käme.« »Pah!« meinte der Husarenoffizier, »die schlagen sich nimmer, was wird's da unten geben? Ein paar Geschützaufstellungen, Proklamationen, einige wüthende Volks-Demonstrationen, voila-tout . Ich bin fest überzeugt, in zwei bis drei Tagen marschiren wir über den Domplatz, ich freue mich schon auf die Gesichter, wenn da die Bande spielt: »Gott erhalte unsern Kaiser.« »Das ist alles schön und gut,« seufzte der andere Offizier, »aber wenn sie nur in unsern Quartieren zu Mailand nicht so jammervoll gehaust hätten; ach, meine schönen Waffen, das ist Alles verloren, und mein ganzes Silbergeschirr.« »Nun, was das Letztere anbelangt,« lachte der Husar, »das wird noch zu ersetzen sein; aber mir ist's nur leid um das Bild der kleinen Julietta, das über meinem Divan hing. Wenn sie nur das Original nicht erwischt haben, ich fürchte sehr, es ist den armen Geschöpfen für ihre Anhänglichkeit an die östreichische Monarchie schlecht genug gegangen.« »Ich glaube nicht,« warf der andere Offizier leicht hin, »die Meisten sollen sich in den fürchterlichen fünf Tagen gerettet haben; mir erzählte das ein Kamerad von den Jägern, sie seien in einem langen Zuge ausgewandert, Wagen von allen Kalibern, heulende Mädels und Koffer und Schachteln die Menge.« Hier wurde das Gespräch unterbrochen durch einen lauten Anruf vom Fuß der Terrasse. Die Beiden sprangen von ihren Stühlen auf und bemerkten einen jungen Offizier mit niederem Hut und grünen Federn, der sich zu Pferd durch die Soldatengruppen langsam dem Hause näherte. »Grüß dich Gott, Generalstäbler!« rief der Husar, nachdem er den Anreitenden erkannt; »woher des Weges? Du willst zum Hauptquartier? Na, komm' einen Augenblick herauf und mach' hier eine Haltstation.« Der Generalstabsoffizier schwang sich vom Pferde, gab die Zügel einem Dragoner, der unten stand und stieg die Treppen hinauf. »Wir haben uns lange nicht gesehen,« rief er lustig, »ich glaub' seit Verona nicht. Wie schaut's, was treibt ihr?« »Wir warten hier geduldig,« entgegnete der Chevauxlegeroffizier, »bis wir den verdammten Fluß passiren dürfen. – Hast du vielleicht einen Befehl deßhalb mitgebracht, Generalstäbler?« »Etwas der Art wohl,« lachte dieser, »aber von Passiren ist für heute keine Rede. Ihr werdet hier wahrscheinlich ruhig liegen bleiben; eine herrliche Nacht wird's geben, euer Wein ist auch nicht schlecht, wie ich merke, und so könnt ihr's schon aushalten.« »Verdammt!« murrte der Husar, »seit vier Tagen sind wir beständig rückwärts und bekommen nicht einen feindlichen Pferdeschweif zu sehen; vom Einhauen ist schon seit langer Zeit keine Rede mehr.« »Die da vorn,« sagte der vom Generalstab lachend, »haben es auch nicht besser, Pferdeschweife sehen wir freilich, auch Kanonenmündungen genug, aber alles das in der allerweitesten Entfernung.« »Und bleiben wir wirklich heute hier?« fragte der Chevauxleger. »Wahrscheinlich, doch erwarte ich noch einen Ordonnanzoffizier aus dem Hauptquartier. Kommt dort nicht etwas über die Brücke?« Bei diesen Worten richtete der Offizier vom Generalstab sein Fernrohr auf den Fluß und fuhr dann fort: »Richtig, es ist ein Husarenoffizier, der wird einen Befehl bringen, und wenn mich nicht alles täuscht, ist es unser lieber Graf S. Seht wie er seinen Gaul zurückhält, um ordonnanzmäßig im Schritt über die Brücke zu kommen. Ja, ja, er ist's! Jetzt hat er das Ufer erreicht, und läßt den Hügel herauf das Pferd ausziehen.« Der also Angemeldete – es war wirklich Graf S. – flog den Uferrand hinauf und jagte an das Haus hin. »T'schau!« rief er freudig, als er die drei auf der Terrasse stehen sah, »grüß' euch Gott, freut mich sehr, euch zu sehen. Wo find' ich den Feldmarschall-Lieutenant? – Gleich hoff' ich zu euch zu kommen, hebt mir ein Glas Wein auf.« »Reite nur ein paar tausend Schritte rechts hinüber,« antwortete der Husarenoffizier, nachdem er die Grüße herzlich und freundlich erwidert, »da wirst du auf der Anhöhe einen Bauernhof finden, dort ist er, wenn er nicht schon nach San Basano hineingeritten ist. Sieh' aber zu, daß du dich nicht lange aufzuhalten brauchst; – müssen wir hier bleiben?« rief er dem Davonreitenden nach, und dieser winkte ein Ja und war bald zwischen dem hügeligen Terrain verschwunden. Die drei setzten sich an den Tisch, ließen eine neue Foglietta kommen und theilten sich ihre kleinen und großen Ereignisse mit. Es dauerte nicht eine Viertelstunde, da kam Graf S. wieder daher gesprengt, hielt an dem Hause, sprang behende vom Pferde und eilig die Treppe hinauf. »Na, grüß' euch Gott nochmals!« rief er lustig, seine beiden Hände ausstreckend, die von den Andern herzlich erfaßt und gedrückt wurden. »Jetzt habe ich erst einen Augenblick Zeit, mich zu freuen, daß ich euch wiedersehe, nur kurze Zeit leider, denn ich muß bald in's Hauptquartier zurück. – Wie ist's euch ergangen? – Keine Verwundung? Heil und gesund?« »Alles wieder in Ordnung!« lachte der andere Husarenoffizier, »ich habe bei Curtatone einen kleinen Streifschuß erhalten, aber nicht von Bedeutung, war bald wieder zusammengeflickt; – und du? – dich hat man ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Weißt du noch, wo wir zuletzt und recht vergnügt beisammen waren?« »Ob ich's weiß?« entgegnete Graf S., »das war zu Mailand bei dem Abschiedsdiner, das ihr mir gegeben, als ich nach Rom und Neapel ging, 's ist merkwürdig,« setzte er hinzu, »da sind wir jetzt wieder hier beisammen, beinahe all' die nämlichen Leute und mitten im Kriege, den wir damals so sehnlich gewünscht.« »Ja, wahrhaftig!« sagte der Chevauxleger und erhob sein Glas, »es fehlen nur zwei, unser armer M. von eurem Regiment, der jetzt zu Mantua liegt, und unser lustiger Dragoner.« »Letzterer,« bemerkte der Generalstabsoffizier, »ist Galoppin bei d'Aspre. Aber wie geht's dem armen M.? – Ist er schwer verwundet?« »Er hat einen Stich in die Seite,« sagte der Husarenrittmeister, »aber sie hoffen ihn durchzubringen; trinken wir auf sein Wohl.« Alle erhoben die Gläser und tranken mit herzlichem Wunsch auf die baldige Genesung des verwundeten Kameraden. »Damals und jetzt!« sprach Graf S., indem er sich ein anderes Glas eingoß, »seitdem sind nur vier Jahre verstrichen und hat sich Manches geändert, Manches zugetragen. Damals hatte ich eine schöne Zeit vor mir, eine herrliche, angenehme Zeit. Obgleich euer Wein hier nicht schlecht und die Salami zu genießen ist, so wäre mir doch ein Diner wie damals lieber. Wir haben in den letzten Tagen sehr wenig gehabt. Und damals meine bequeme Calesche vor der Thür, eine ruhige Nacht, angenehm dahingestreckt zu durchfahren und heute der Sattel meines müden Pferdes, und die Aussicht, während der Nacht mehrmals herausgetrommelt zu werden, denn was in der letzten Zeit für Depeschen versandt worden sind, habt ihr gar keine Idee, und immer des Nachts. Es ist gerade, als sei es zum Besten der Ordonnanzoffiziere so eingerichtet, daß die Anfragen ans Hauptquartier immer in der Dämmerung kommen und während der Nacht beantwortet werden.« »Und doch habt ihr's bei dem Hauptquartier am Besten,« sagte der andere Husarenoffizier lachend, »wo ihr einfallt, findet sich immer etwas, oder vielmehr, ihr fallt nur da ein, wo sich etwas findet, und dann bekommt ihr doch meistens ein Obdach, könnt euch im Trockenen ausstrecken und euch behaglich niederlegen, sei's auch nur auf Stroh oder Heu.« »Allerdings,« entgegnete der Ordonnanzoffizier, »sind aber dafür auch, wie schon bemerkt, fast Tag und Nacht im angestrengtesten Dienst. Melde ich mich nachher im Hauptquartier, so heißt's unfehlbar: Sie haben den zweiten oder dritten Ritt heute Nacht; dann kann irgend eine Zufälligkeit kommen, die meine Vordermänner wegruft, und ich habe vielleicht einen nächtlichen Spazierritt von sechs bis acht Stunden. Aber,« setzte er lustig lachend hinzu und hob sein Glas gegen die Sonne, »um Alles in der Welt möchte ich nicht vertauschen jenen Abend mit heute und gebe nur der Herr der Schlachten, daß diese angenehme Zeit noch lange fortdauern möge!« »Wozu indeß wenig Hoffnung ist,« sagte der Generalstäbler, »die Komödie ist aus oder wird morgen, übermorgen ausgespielt, Mailand ist eine brillante Schlußdekoration, dann fällt hinter Karl Albert und seinem Heere der Vorhang.« »Aber, theuerste Freunde,« bemerkte jetzt Graf S., »es muß geschieden sein; ich muß ins Hauptquartier und möchte mich beeilen, denn ich sehe dort am Horizont verdächtige schwarze Wolken aufsteigen.« »Verdammt!« sagten die beiden Kavallerieoffiziere, welche die Aussicht hatten, die Nacht über im Freien zu bleiben und schauten den finsteren Wolken zu, welche sich am Horizont drohend emporwälzten; »das wird eine nasse Nacht werden.« »Und vielleicht eine blutige,« sagte der Generalstäbler; »General Bara hat sich mit einigen Truppen nach Pizzeghettone geworfen, er wird die kleine Festung gegen einen Handstreich sicher stellen wollen, um sein Fuhrwesen glücklich durch das dortige Defilée zu bringen. Kommt aber unsere Vorhut, die fortmarschirt, noch frühzeitig genug hin, so kann es einen ziemlichen Kampf geben.« »Ei was!« sagte unmuthig der Rittmeister, »Regen und Blut ist ein großer Unterschied; ich würde mir nichts daraus machen, mich die ganze Nacht herumzuhauen, aber hier zu liegen und sich so langsam durchnässen zu lassen, das hole der Teufel. Nun, wie Gott und Vater Radetzky will.« »Amen!« sprach der Generalstabsoffizier und setzte seinen Federhut auf; »aber jetzt wollen wir reiten, es ist mir immer, als hörte ich gegen Pizzeghettone zu Kanonendonner, es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn die Piemontesen dort irgendwo eine schöne Masse Geschütz aufführten, um das rechte Addaufer zu decken.« »Ich glaube, was dahinten rollt, ist himmlischer Donner,« sagte der Chevauxleger und blickte nachdenklich an den Himmel, dessen vorhin noch so klare blaue Farbe in außerordentlicher Geschwindigkeit mit leichten grauen, einem Gewitter vorausjagenden Wolken bedeckt wurde. »Adieu! – lebt wohl! – Auf glückliches Wiedersehen in Mailand! – T'schau!« Graf S. und der Offizier vom Generalstab schwangen sich auf ihre Pferde und ritten in scharfem Trabe der Brücke zu, dann im Schritt über die knarrenden Pontons und auf dem rechten Ufer des Flusses trennten sie sich, denn der Generalstäbler eilte zum ersten Armeekorps, der Husarenoffizier aber nach Formigara, wo der Feldmarschall Radetzky sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Vier Jahre waren vergangen, seit der junge Husarenoffizier nicht mehr in diese Gegend gekommen war. Nachdem er seine große Tour nach Rom, Neapel, Paris und Wien beendigt, war er dorten als Oberlieutenant zu einem andern Husarenregiment versetzt worden und da verblieben, bis in der Lombardei der Krieg ausbrach, worauf er sich zur Armee nach Italien meldete, und als guter Offizier und gewandter Reiter gern zum Ordonnanzoffizier ernannt wurde. Der Abend war bereits hereingebrochen, als er Formigara, ein kleines Dörfchen, erreichte. Auf der Straße bewegten sich dichte Colonnen Artillerie und Fuhrwerk und ließen ihn nur im Schritt vorwärts kommen. In der Nähe des Orts mehrte sich das militärische Getümmel. Auf den Feldern rechts und links lagerte Infanterie und Kavallerie; Holz wurde herbeigeschleppt und hie und da stieg dichter Dampf auf von den Lagerfeuern, die man im Begriff war, anzuzünden. Auf der Straße in Formigara drängte und wogte es durcheinander. Dort hielten lange Reihen Ochsenkarren mit Weinfässern beladen, und in großen hölzernen Kannen wurden die Portionen für die Soldaten ausgetheilt. Das Haus, in welchem der Feldmarschall wohnte, ein kleines unscheinbares Gebäude, bot ganz ein bewegtes Bild des Hauptquartiers. An allen Fenstern lehnten Offiziere in den verschiedensten Uniformen, im Hofe standen Equipagen und Packwagen, an deren Deichseln abgesattelte Pferde befestigt waren. Unter dem Thorbogen hielten Ordonnanzen und die jungen Offiziere des Hauptquartiers, welche wohlgemuth dem Lärm und dem Jubel der vorbeiziehenden siegestrunkenen Soldatenhaufen zuschauten. In dieses Gewühl hinein lenkte Graf S. sein Pferd und wurde von den Kameraden freundlich bewillkommt. Er mußte erzählen, wie es drüben ausschaue, und überbrachte Grüße von Bekannten und Freunden, die man lange nicht gesehen. »Dein Schimmel wird müde sein,« sagte ein junger Uhlanenoffizier lachend, und der Graf entgegnete lustig: »Wie sein Herr. Ich bin jetzt heute schon vierzehn Stunden im Sattel gewesen; habt ihr irgendwo ein Obdach, wo man sich ein wenig ausstrecken kann?« »Obdach genug,« antwortete der Andere, »auch sogar ein schönes breites Bett. Aber du freust mich, wenn du jetzt schon an's Ausruhen denkst, da droben schreiben sie, daß die Federn davon fliegen; Major E. siegelt eine Depesche nm die andere. Ich und F. und M., wir haben schon unsere Bestimmung, und der nächste Befehl, der hinaus muß, ist für dich. Geh' nur gleich drüben in das Haus neben der Kirche, du wirst da deinen Burschen mit den Pferden finden.« Der Graf zuckte lachend die Achseln, nahm einen tüchtigen Zug aus einer dargebotenen Feldflasche und zog seinen müden Schimmel dem bezeichneten Hause zu. Dort fand er richtig seine übrigen Pferde, befahl, daß man ihm seinen Rappen, ein starkes Pferd von englischer Abkunft, fertig mache und kehrte darauf in's Hauptquartier zurück, um für den Dienst bereit zu sein. Hier fand er denn auch schon beide Kameraden eben im Begriff, zu Pferde zu steigen, um in den dunkelnden Abend hinauszureiten. Der Eine ging zurück über die Adda, der Andere zum ersten Armeekorps gegen Maleo. »Jetzt sind wir beide allein noch übrig,« sagte der junge M., ein lustiger Dragoneroffizier, »ich habe ein schweres Paket an d'Aspre zu überbringen und mich soll der Teufel holen, wenn ich nur eine Idee davon habe, wo ich ihn eigentlich finden solle. Das Nachreiten ist überhaupt nicht meine Passion, man rennt da zwischen Wagen und Geschütz hinein, wenn man auf der Straße bleibt, und fällt in schmutzige Wassergräben, wenn man querfeldein galoppirt. Aber was hilft's? geritten muß sein, dort wackelt schon eine Ordonnanz die Treppen herunter und bringt meine Depesche. Addio Caro, bis morgen zum Kaffee oder zum Mittagessen, der Teufel weiß wo?« Mit diesen Worten warf der Dragoneroffizier die goldene Schärpe über die Schulter, zog die Quasten auf der rechten Seite herab und schwang sich auf seinen Braunen. Das Pferd war frisch und muthig, der Reiter ebenso, und nach einem Händedruck, ein paar Courbetten auf dem Pflaster, laß die Funken sprühten, verschwand er in der Nacht. Noch eine Zeit lang sah man seinen weißen Waffenrock glänzen, dann verlor er sich in der allgemeinen Finsterniß. Graf S. ging in das Haus hinauf, suchte und fand ein paar bekannte Offiziere, mit denen er ein äußerst frugales Souper verzehrte, eine Cigarre rauchte und sich darauf, ermüdet wie er war, mit Atila und Säbel auf einen Strohsack warf, den er im Vorzimmer fand, wo er baldigst in einen tiefen Schlaf fiel. Er hatte so einige Stunden ruhig geschlafen, da wurde er erweckt und sah den Major E. vor sich stehen, der es unendlich bedauerte, gezwungen zu sein, ihn aus dem Schlafe wecken zu müssen. »Es ist Niemand da, Theuerster,« sagte der Major, »und obgleich ich weiß, wie stark Sie schon im Dienst waren, so kann ich doch nicht umhin, Sie wieder in die Nacht hinaus zu schicken.« Augenblicklich war der junge Husarenoffizier munter und auf den Beinen, rückte Säbel und Cartouche zurecht, und vernahm den Befehl, vorsichtig gegen Pizzeghettone zu reiten, um im Fall die Oesterreicher dort schon eingerückt seien, dem General S. einen wichtigen Befehl zu überbringen. Der Major als freundlicher und guter Kamerad gab dem jungen Ordonnanzoffizier die Hälfte eines starken schwarzen Kaffee's, den er für sich selber hatte machen lassen, dann erhielt dieser seine Depeschen und eilte die Treppen hinunter in das andere Haus zu seinen Pferden. Der Rappe war im Augenblick fertig gemacht, Graf S. warf seinen weißen Mantel über, bestieg das Pferd und ritt langsam zum Dorfe hinaus. Das Wetter hatte sich unangenehm verändert. Ringsum herrschte eine Finsterniß, daß man im wahren Sinne des Wortes keine Hand vor den Augen sehen konnte; am Himmel glänzte nicht ein Stern und es fegte zuweilen jener scharfe trockene Wind, das schwere Athmen eines heftigen Gewitters, bevor es seinen Mund öffnet, um Feuer und Verwüstung auszuspeien. Die Lagerfeuer auf den Feldern waren kaum zu erhalten und die gestörte Flamme flackerte ängstlich hin und her. Die Pferde in den Bivouaks schüttelten sich und streckten die geöffneten Nüstern in die Luft hinauf. Man bemerkte fast keinen Soldaten, der sich hingestreckt hatte, um zu schlafen, fast alle waren munter, saßen in den Gräben oder standen auf der Chaussee in Gruppen an den schwarzen Nachthimmel deutend, der zuweilen am Horizont durch einen jähen Blitz erhellt wurde. Wo Graf S. bei einem Trupp Offiziere vorbei kam, da wurde er mit freundlichem Wort begrüßt, nicht ohne daß man hinzusetzte: »Geben's Achtung, wir werden was Gehöriges abkriegen.« Bald ließ der junge Ordonnanzoffizier die Lagerplätze und Bivouaks hinter sich und ritt auf der einsamen Straße dahin. Seine Gedanken übersprangen einen Zeitraum von vier Jahren, und er gedachte jener Nacht, wo er von Mailand ausfuhr fast denselben Weg, jener Nacht voll Blumenduft, Nachtigallenlied und Liebeszauber, die von der heutigen so himmelweit verschieden war. Auch jenes Mädchens gedachte er, und der drei Küsse, und wenn er auch seit jener Zeit manche warme Lippen berührt, so konnte er doch jene heiße, süße Stunde nicht vergessen. Heute aber hörte er nicht Nachtigallenlied, wohl aber das Heulen des Windes, das Rollen des Donners, der über seinem Haupte immer näher und näher tönte. Bäume und Büsche an der Straße bogen sich tief vor dem Grimme des Sturmes und sein Rappe schauerte zusammen vor den heftigen Blitzen, die sich zwischen den schwarzen Wolken kreuzten. Jetzt begegnete er einer Kavalleriepatrouille, die ihm entgegen kam, und der Führer derselben, ein alter Wachtmeister, meldete, daß, soviel er am Fluß bemerkt habe, die Piemontesen so eben im Begriff seien, Pizzeghettone zu verlassen, und daß sich der Offizier nicht zu sehr zu beeilen brauche, um mit der österreichischen Vorhut dort einzutreffen. Es mochte ein Uhr in der Nacht sein, und das Unwetter fing an sehr heftig zu werden. Der Wind war so stark, daß sich der Rappe kaum in seiner Richtung erhalten konnte. Heulend umsauste er den Reiter, warf ihm Sand und Steine in's Gesicht, und riß starke Aeste von den Bäumen, die er rechts und links neben dem Pferde niederschmetterte. Der Regen strömte herab, Hagelkörner in außerordentlicher Dicke schlugen mit fürchterlicher Gewalt auf Roß und Reiter, so daß das geängstigte Thier von dem kräftigen Offizier kaum in Ruhe erhalten werden konnte. Es war ein fürchterlicher, unheimlicher Ritt. Eine Stunde mochte der Gewittersturm so mit ungeminderter Heftigkeit gedauert haben, als der Regen und das Sausen des Windes etwas nachließ und sich auf Augenblicke in leichtes Wehen verwandelte. In solchen Momenten kam es dem Reiter vor, als vernehme er vor sich das Rasseln von Fuhrwerken und kaum hörbar, das Getümmel von Infanterie- und Kavalleriecolonnen, die in ziemlicher Entfernung vor ihm vorüberzogen. Der Wind führte diese Klänge bald schwächer bald stärker an sein Ohr; er hielt sein Pferd an und beugte sich vor, um sich möglicher Weise zu orientiren, ob da vor ihm Freund oder Feind zöge, und zu überlegen, ob er zur Seite oder vorwärts reiten solle. Etwas zur linken Hand mußte Pizzeghettone liegen, von dort aus gegen rechts zu zog das Getöse, das er vernahm. Also konnten es nur die Piemontesen sein, welche so eben die Festung verließen. Er wandte sein Pferd etwas links, und begann nach der Richtung hin zu reiten, wo er die Stadt und den Fluß vermuthete, er mußte sich nah bei letzterem befinden, doch es war so dunkel, daß die Fluth nicht leuchtete. – – Auf einmal prallte der Rapp zurück und der entsetzte Reiter zog die Zügel fest an und griff willenlos nach dem Säbel an seiner Seite. – – Vor ihm spaltete sich die dunkle Nacht, es war als berste die Erde bis tief in ihre Eingeweide, bis zu dem ungeheuren Feuerpfuhl, der sich dort befinden soll, eine fürchterliche Lohe schlug aus dem Boden; rothe und gelbe Flammen, die in Myriaden von glühenden Funken ausliefen und den ganzen Himmel mit einer feurigen Lohe bezogen – es war eine Pulverexplosion von entsetzlichem, einige Bekunden andauerndem Krachen begleitet. – Nur einen Augenblick dauerte dieses furchtbare Feuer, aber im Scheine desselben sah der junge Offizier, daß er vielleicht eine Viertelstunde von der Festung entfernt war und bemerkte nach dem ersten Moment der Ueberraschung, daß man dort die Brücke über die Adda gesprengt habe. – Bald war Alles gegen den furchtbaren Schein von so eben wieder in tiefe Nacht versunken. und die Flammen, die jetzt noch an dem zersprengten Werk leckten, waren wie kleine unbedeutende Lichter dagegen. Die Erde hatte gezittert ob dem furchtbaren Krachen und der Rappe bäumte sich hoch auf und strengte sich an, rechts oder links ins Feld hinaus zu fliehen, um dem schrecklichen Phantom vor seinen Augen zu entgehen. Nachdem der Reiter sein Pferd beruhigt und eine kurze Weile überlegt, was zu thun sei, entschloß er sich, näher an die Festung zu reiten. Daß die Piemontesen dieselbe verlassen, dessen war er jetzt gewiß, denn es waren ihre Kolonnen, die er vorhin gehört und sie hatten die Brücke gesprengt, um den Oesterreichern den Uebergang zu verwehren. Doch horch! – Was vernahm er jetzt durch die Nacht? Ein befreundetes Signal, das lustige Klingen eines Jägerhorns. Aha! dachte er freudig, die Unsrigen sind hart dabei, da kann sich Ende und Anfang noch zusammen verbeißen! Doch ging letztere Vermuthung und guter Wunsch nicht in Erfüllung. Die Piemontesen hatten Pizzeghettone verlassen, hatten bei ihrem Abmarsch die Brücke und einen Pulverthurm in die Luft gesprengt, welche Explosion entsetzliches Unheil verursachte und sehr vielen von den eigenen Leuten das Leben kostete. Ueberhaupt war der heutige Tag und die Nacht für die Feinde unheilvoll gewesen und der furchtbare Gewittersturm, der den Grafen S. im Felde überraschte, hatte schwer unter den piemontesischen Marschcolonnen gehaust und Menschen und Pferde waren von umgerissenen Bäumen und sogar von Hagelkörnern nach Angabe ihres eigenen Generals Bara erschlagen worden. Nachdem Graf S. in Pizzeghettone seine Depesche glücklich abgegeben und sich einen Augenblick unter den Gräueln der Verwüstung umgeschaut, verließ er die Stadt wieder und setzte über die Adda, um nach Nasal Pustellengo zu gelangen, wo er das Hauptquartier des vierten Armeekorps zu finden hoffte. Durchnäßt wie er war, und ergriffen von all' dem Schrecklichen, das er geschaut, ritt er seine einsame Straße, sich eingestehend, daß der Krieg etwas Schreckliches sei. Neben ihm lauschte der Fluß und da das Sausen des Windes gänzlich aufgehört hatte, so hörte er vor und neben sich nichts als das Murmeln des Wassers oder das Schnauben seines Rosses, das bei jedem Schritte in den aufgeweichten Boden einsank. Sein durchnäßter Mantel hing schwer an seinem Körper und von seinem Haar und Bart rollten dichte Wassertropfen herab. Es regnete immerfort, nicht mehr heftig, wie bei Anfang des Gewitters, aber fein und durchdringlich. So mochte er eine Stunde fortgeritten sein, als er vor sich Pferdegetrappel hörte und eine Uhlanenpatrouille einholte, von welcher er erfuhr, daß sich das vierte Armeekorps in Casal Pusterlengo befinde. »Wenn Sie etwas scharf reiten,« sagte ihm der Führer der Patrouille, »so werden Sie in Kurzem auf eine Schwadron Chevauzlegers stoßen, welche die Nachhut bildet.« Der Rappe flog gehorsam dem Schenkeldruck davon und bald erblickte der junge Ordonnanzoffizier vor sich eine Masse Kavallerie, sah matt leuchtende Helme und weiße Mäntel durch das Dunkel der Nacht schimmern. In Kurzem hatte er die Schwadron erreicht und fand seinen Freund, den er Nachmittags unter der Veranda an der Adda gelassen. Beim Anblick desselben, durchnäßt, beschmutzt, den Mantel schwer herabhängend, das Pferd mit eingezogenem Schweife gehend, konnte er sich eine Idee machen, wie er selbst aussehen müsse. Die Leute ritten still und mißmuthig ihres Weges, denn keiner von ihnen hatte einen trockenen Faden am Leibe. Der Chevauzlegeroffizier bemühte sich, eine sehr durchfeuchtete Cigarre brennend zu erhalten. »Verdammtes Wetter!« rief er dem Ordonnanzoffizier zu, »wir haben eine brillante Nacht gehabt. Hat bei euch drüben auch der Gewittersturm so gehaust?« Jetzt ritten auch die anderen Offiziere der Schwadron, nachdem sie einen Kameraden bemerkt, der nicht zu ihnen gehörte, heran und erkundigten sich wie es in Pizzegbettone und Formigara ausschaue. »Habt ihr auch bemerkt,« sagte der Rittmeister, »wie die Brücke in die Luft flog? Ein merkwürdig schöner Anblick, und hat's nicht gekracht, als wenn zehntausend Geschütze gelöst würden. Gratulire den armen Teufeln, die da um den Weg waren.« »Es sieht schauerlich da drinnen aus,« entgegnete Graf S., »doch glaube ich nicht, daß einem der Unseren etwas passirt ist. Aber von ihren eigenen Leuten haben sie genug mit in die Luft hinauf gesprengt. Doch nehmt mir's nicht übel, ihr reitet mir zu langsam, ich will sehen, daß ich durchkomme. Ich versichere euch, an meinen Steigbügeln läuft so viel Wasser herunter, um ein Pferd zu schwemmen.« »Meinst du vielleicht wir seien trockner?« sagte lachend der Chevauxlegeroffizier; »aber du hast Recht, reit' nur zu und mach' uns in Pusterlengo ein ordentliches Quartier. Addio!« Wir wollen nur gestehen, daß eine süße, angenehme Erinnerung den jungen Offizier nach dem benannten Orte hinzog. »Ei!« dachte er, »das Kriegsspiel wirft dich dort hinein, in denselben Ort, den du freiwillig nicht aufgesucht hättest; vielleicht sogar in ihr Haus, unter ihr schützendes Dach.« Und nun malte er sich mitten in dem herabrieselnden Regen ein angenehmes behagliches Bild aus, wie er vor das Posthaus in Pusterlengo reiten, absitzen, eintreten wolle, und zu dem erstaunten Mädchen sagen: »Siehst du, Terefina, da bin ich wieder, nach vier Jahre langer Abwesenheit und ich hätte dich auch heute nicht wieder gesehen, denn du hattest es mir verboten; doch bin ich hieher befehligt, wir leben im Kriege und im Kriege kann man es nicht so genau nehmen.« Dann wird sie lachen, dachte er ferner, und da schon in ihrem Hause viele Offiziere wohnen, wegen den Stallungen vielleicht sogar das Hauptquartier dort liegt, so wird sie für den Bekannten so ein kleines hübsches Hinterstübchen aufschließen, das in den Garten hinausgeht, und ihn da heimlicher Weise einquartieren. Wie mag die Kleine heute ausschauen! etwas stärker, vielleicht der Blick des Auges, etwas schmachtender und wenn sie lacht, zeigt sie ihre schönen weißen Zähne noch mehr als damals. Unter diesen Gedanken war er scharf zugeritten, hatte Fuhrwerk und Artillerie passirt und war mit Mühe unverletzt zwischen den Rädern durchgekommen. Verdrossen lenkten die Gemeinen vom Fuhrwesen ihre Pferde, die Corporale und Offiziere, in ihre Mäntel gewickelt, schauten sich kaum um nach dem vorbeireitenden Husaren; man hörte kein Wort, kein Lachen, nichts als das Schnauben der Pferde und das Klirren der Aufhaltketten. Der Graf S. mußte seine ganze Aufmerksamkeit seinem Rosse widmen, um zwischen den bösartigen Fuhrwesenspferden ungeschlagen und zwischen den Rädern ungequetscht durchzukommen. Jetzt passirte er einen langen Brückentrain, derselbe, der heute an der Adda gebraucht worden war, und dann kam Infanterie in langen und dichten Colonnen. Aber Alles schlich trübselig unter dem dichten Regen weiter und die Bataillone nahmen fast die ganze Straße ein, so daß es hier noch schwerer war, durchzukommen. Endlich erreichte er die Tête der Colonne, wechselte mit den Offizieren, die vorne ritten, ein paar Worte und hatte jetzt wieder ein Stück freie Straße vor sich. Im Osten begann das schmutzig graue Gewölk eine kleine lichtere Färbung anzunehmen, und ganz tief am Horizont wand sich mühsam ein kleiner gelber Streifen in die Höhe. Pusterlengo konnte nicht weit mehr entfernt sein und der junge Offizier, der, neben einem guten Feuer, um seine Kleider zu trocknen, auch von einem angenehmen schwarzen Kaffee träumte, freute sich der Morgenluft, die ihn frostig anblies, und dachte bei sich selber: »Der Cecco muß auch herangewachsen sein, ich will doch sehen, ob der kleine Schlingel meine Feldmütze nicht in tausend Stücke zerrissen hat. Es wäre doch außerordentlich komisch, wenn ich sie nach vier Jahren wiederfände.« – Ein lustiger Zungenschlag und der Rappe trabte durch den unergründlichen Schmutz weiter. Doch dauerte das schnelle Reiten nicht lange, bald wimmelte es wieder von Gestalten auf der Straße und bei der nebelhaften Dämmerung des anbrechenden Morgens bemerkte er ein Bataillon Jäger, die ebenfalls des Weges zogen. Selbst diese sonst so lustigen Bursche hatte die scheußliche Nacht einigermaßen herabgestimmt, und wenn man hier auch schon mehr sprechen hörte, als bei den Infanterie- und Kavalleriecolonnen, so bezog sich doch Alles, was gesagt wurde, auf eifrige Wünsche nach einem bald erscheinenden trockenen Morgen und nach einem guten Feuer. An der Spitze des Bataillons bemerkte der Husarenoffizier eine Patrouille Uhlanen, zwischen denen ein Mann zu Fuß ging, in der Tracht der wohlhabenden Bauern der Umgegend, dessen Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt waren. Doch war seine Kleidung zerrissen und mit Schmutz bedeckt, er hatte keine Kopfbedeckung, sein schwarzes Haar hing über die Stirne und er ging in dem tiefen Schmutz anscheinend gleichmüthig dahin, den Blick auf den Boden gesenkt. Graf S. wollte vorbeireiten, doch hörte er neben sich ein lautes lachendes Halt! und als er aufblickte, bemerkte er zur Seite einen Offizier zu Pferde, den er erst dann erkannte, nachdem sich derselbe aus dem großen grauen Mantel herausgeschält, und den Hut mit den grünen Federn etwas in die Höhe gerückt hatte. Es war der Generalstäbler. »Grüß dich Gott!« rief er lustig dem Husarenoffizier zu, »nicht wahr, da finden wir uns bei einem schönen Wetter abermals zusammen? Und ich habe mir obendrein einen wahnsinnigen Schnupfen geholt. Hast du nicht zufällig ein trockenes Taschentuch bei dir? das meinige ist durch und durch naß.« »Vielleicht kann ich dir helfen,« entgegnete der Husar; »wenn meine undurchdringliche Tasche am Sattel ihren Dienst gethan hat so bekommst du nicht nur ein trockenes Schnupftuch, sondern noch obendrein eine ordentliche Cigarre.« »Husaren sind gar wackere Truppen!« sang der Generalstäbler; »und dafür sollst du auch einen Schluck ächten Kirschwassers bekommen.« Die undurchdringliche Tasche hatte ihren Namen gerechtfertigt und Cigarren, Schnupftuch und Kirschwasser wurden ausgetauscht. »Wo reitest denn du eigentlich hin?« fragte der Generalstabsoffizier. »Du bist doch nicht seit gestern Abend auf dem Pferde?« »Beinahe so,« entgegnete der Andere, »ich habe nur den Schimmel mit dem Rappen vertauscht und eine Stunde geschlafen, aber beruhige dich, dafür auch das ganze Unwetter von heute Nacht ausgehalten.« Die beiden Offiziere blieben einen Augenblick halten, um sich ihre Cigarren anzuzünden, während welcher Zeit die Uhlanen mit dem Gefangenen vorbeizogen. »Wen habt ihr da?« fragte der Husarenoffizier. »Es ist ein Spion,« entgegnete der Andere, »ein verfluchter Kerl, der uns genug zu schaffen gemacht hätte, wenn die Piemontesen mehr Lust zum Schlagen gehabt. Er wird nach Casal Pusterlengo ins Hauptquartier gebracht.« »Und hat man Verdächtiges bei ihm gefunden?« »Mehr als genug, um ihn zu erschießen. Er soll ein wohlhabender Mensch sein, der es nicht wegen Lohn gethan, sondern aus Haß gegen uns. Gestern fand man einen Postillon, einen treuen Kerl, der mit Depeschen verschickt war, erschossen in der Nähe des Flusses und während der Nacht wurde der da aufgegriffen und trug einen Theil jener Depeschen bei sich.« Der Husarenoffizier zuckte mitleidig die Achseln und blickte den Gefangenen einen Augenblick an. Es ist immer traurig, einen Menschen zum Tode führen zu sehen, selbst wenn es ein Spion ist; und den da konnte Niemand retten. Es war vor Aufbruch der Colonne über ihn abgeurtheilt worden. Man führte ihn nun nach Casal Pusterlengo, wo er wohnte, um die Ortsbehörde über ihn zu vernehmen. Vielleicht war es ja doch noch möglich, etwas zu seinen Gunsten zu erfahren. Bald hatten die beiden Offiziere die Kolonnen hinter sich gelassen und näherten sich dem Dorfe. Der gelbe Streifen am Horizont hatte sich mittlerweile vergrößert und die grauen Wolken, die bisher nur eine Masse bildeten, trennten sich nun von einander, das Tageslicht drang durch die einzelnen Schichten und breitete sich über den ganzen Himmel aus; aber es war ein graues trübes Licht, ein unangenehmer Morgen, die Wolken hingen tief herab und schwebten schwerfällig über die weite Ebene dahin. Die Bäume und Gesträuche an der Straße beugten sich unter dem scharfen Morgenwind und sprühten das angesammelte Regenwasser auf die Erde. Die Wassergräben rechts und links am Wege waren angeschwollen und bis an die Ränder gefüllt mit einer braunen lehmigten Brühe. Die Halme der Reisfelder erschienen umgeweht und vor Wind und Kälte zu zitter». Die Offiziere lachten, als sie sich gegenseitig anblickten und nun bemerkten, wie der Ritt der vergangenen Nacht ihre Uniformen zugerichtet. Die Pferde waren bis an den Sattel mit Koth bespritzt, die weißen Mantel hatten eine breite braune Bordüre und Stiefel, Sporen, Säbel waren mit dickem Straßenschmutze bedeckt. In der Nähe des Orts erreichten sie eine neue Colonne, alle Straßen waren mit Militär bedeckt, das Hauptquartier befand sich in einem großen Gebäude im Städtchen selbst und dahin lenkten die beiden Reiter ihre Pferde, stiegen ab und traten in das Haus. Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis der Ordonnanzoffizier abgefertigt war und sein Pferd wieder besteigen konnte, worauf er augenblicklich davon ritt, um dem Posthaus draußen einen Besuch zu machen. Der Regen hatte aufgehört, ganze Reihen Infanterie standen in den Straßen und die Einwohner brachten den ermüdeten und durchnäßten Soldaten an Speise und Trank, was sie besaßen. Wurden doch die österreichischen Soldaten auf dem Wege nach Mailand fast allenthalben als »unsere Befreier« begrüßt, eine Aeußerung, die freilich eben so sehr der Sehnsucht nach dem Aufhören der Kriegsdrangsale, als der Anhänglichkeit an das Kaiserhaus beizumessen war. Jetzt lag das Postgebäude vor den Blicken des jungen Offiziers, hier der Stall, dort das Wohnhaus. Vor ersterem befanden sich ein Trupp Chevauxlegers, welche beschäftigt waren, ihre Pferde in die warmen Räume zu ziehen. Einzelne Postillone halfen ihnen dabei und einer hielt dem Husarenoffizier sein Pferd, worauf er abstieg, und nach der Familie des Posthalters fragte. Der Postillon blickte sich schüchtern nach dem Hause um und zuckte die Achseln. »Da ist das Haus,« sagte er, »die Thür steht offen. Geht hinein, Herr, ich weiß nicht, ob Ihr Jemand findet. Doch ist Platz genug da, um Euren nassen Mantel aufzuhängen. Ich will nur das Pferd besorgen, dann komme ich nach und mache Ihnen ein Feuer.« »Ist denn Niemand in dem Hause? Niemand von der Familie des Posthalters?« fragte der Offizier dringend und dieselbe Antwort war: »Ich weiß nicht, Herr, geht nur hinein.« Kopfschüttelnd ging der Offizier dem Hause zu. Da lag auf der Schwelle der große zottige Hund, dessen er sich wohl noch erinnerte; das Thier sah ihn an, und wedelte mit dem Schweife, als er über die Schwelle durch die geöffnete Hausthüre trat. Dann folgte er ihm langsam. Der Offizier schritt durch den Hausgang und es zog ihn zu dem Zimmer am Ende des Gebäudes hin, vor dessen Fenster er damals in der Nacht gestanden. Er öffnete die Thür und trat hinein. Das Fenster nach der kleinen Anhöhe stand offen, und wie damals wiegte sich das Rebenlaub vor demselben, doch nicht vom milden Glanz des Mondes bestrahlt, sondern von dem grauen Licht eines nebeligten Morgens, und von den feuchten Blättern rieselten schwere Regentropfen herab. In dem Zimmer befanden sich zwei Kinder, eines von ungefähr sechs Jahren, welches beschäftigt war, verglimmende Kohlen auf dem Heerde anzublasen. Das andere von vielleicht zwei Jahren saß daneben auf dem Boden in einem dünnen Kleidchen und hatte die kleinen Hände unter dasselbe gesteckt, um sie zu erwärmen. Das größere Kind war ein Knabe, das kleinere schien ein Mädchen zu sein – ihr Mädchen. Es waren ganz ihre Züge, ganz ihre großen glänzenden Augen. »Teresina,« sagte der junge Offizier, und das Kind am Boden drehte den Kopf herum und schaute ihn lächelnd an. Die Sachen, die im Zimmer umher standen, sahen nicht ärmlich aus, doch lag Alles in großer Unordnung durcheinander. Es durchschauerte den jungen Offizier, er wußte selbst nicht weßhalb. Der Knabe, – es mußte der Cecco sein, den das Mädchen damals auf dem Schooße hatte, – versicherte ihn keck und ohne Furcht, das Feuer werde im Augenblick brennen. Schon wollte sich Graf S. zurückziehen, um den alten Postillon, der ihm das Pferd abgenommen, um Auskunft zu bitten, als dieser mit einem Arm voll Reisig hereintrat. »Ist denn Niemand im Hause?« fragte Graf S., »als diese Kinder? Wo ist denn der Posthalter? Und –« Der Postillon warf das Holz auf den Kamin, zuckte abermals mit den Achseln und fragte: »Waren Sie schon früher in dem Hause?« »Vor ungefähr vier Jahren.« »Ja so.« »Damals sah ich – ich war nur einen Augenblick hier, während des Umspannens in der Nacht – damals sah ich zufällig ein sehr schönes Mädchen hier.« »Die Teresina!« sagte ernst der Postillon, »dort am Boden sitzt ihr Kind.« »Und sie?« »Nun sie – ist glücklicher Weise vor einem Jahr gestorben. Er hat's ihr gar zu schlecht gemacht.« »Wer? – Ihr Vater?« »O nein, der starb schon früher, – ihr Mann, unser jetziger Herr.« Bei diesen Worten schauerte er zusammen. »So, so! der Posthalterssohn aus Piazenza?« forschte der Offizier mit gepreßter Stimme weiter. »Sie haben ihn gekannt, Herr?« »Das nicht, aber von ihm gehört,« entgegnete der Graf. »Das glaub' ich,« sagte der alte Postillon finster, »der hat sein Schicksal verdient. Ein so braves Weib, ein so gutes und schönes Weib! Der Vater hat sie gezwungen, ihn zu heirathen, den aus Piazenza, er war immer ein böser Kerl, und doch hat sie an ihm gehangen, treu und ehrlich, aber ihm geschieht sein Recht, es ist hart für die armen Kinder; aber ihm geschieht sein Recht.« »Aber was geschieht ihm denn, oder was ist ihm geschehen?« fragte der Offizier und stützte sich auf das Kamingesims, denn ihm ahnte etwas Schreckliches. »Nun, er hat es so lang getrieben, bis sie ihn endlich gekriegt,« entgegnete der Postillon mit leiser Stimme, »so eben haben sie ihn als überwiesenen Spion eingebracht. Sie müssen das wissen, Herr, denn Sie ritten ja vor ihm ins Dorf, und dem kann Niemand mehr helfen, nicht einmal der Feldmarschall selbst, wenn er hier wäre.« »Ja so, ja so!« sagte der Offizier ganz leise und blickte auf das kleine Mädchen am Boden, das herangerutscht war und nach seinem Säbel griff, um damit zu spielen. Er wandte tief erschüttert einen Augenblick das Gesicht ab, holte seine Börse heraus, die voll Gold war, und legte sie in die Hand des alten Postillons. »Ihr scheint mir ein braver Mann,« sagte er, »bewahrt das dem Kinde auf und gebt es ihm später.« Dann hob er das kleine Mädchen zu sich in die Höhe, drückte drei innige Küsse auf den warmen lieblichen Mund des Kindes und ging schweigend zur Thür hinaus. »Jetzt wird das Feuer gleich brennen,« rief der Cecco, »Ihr könnt Euch wärmen, Herr Offizier!« Doch dieser hatte schon eilenden Schrittes das Haus hinter sich, zog sein Pferd aus dem Stalle, schwang sich auf und warf einen letzten Blick auf das Postgebäude.– – Da hörte er zu seiner Linken draußen von den Feldern her einen kurzen Trommelwirbel und einige Flintenschüsse. Er ließ dem Rappen die Zügel, drückte ihm hastig die Sporen ein und jagte hinaus auf die Straße, die gegen Lodi führt. Im Bivouak Wenn der geneigte Leser behaglich in seinem Lehnstuhle sitzt und in der Zeitung liest von glänzenden Paraden und Manövern großer Truppenkörper, wie das alles im hellen Sonnenschein vor sich gegangen, wie die Fahnen wehten, die Waffen blitzten, wie Compagnien und Schwadronen so exact abschwenkten und unter dem Klange der schmetternden Militärmusik bei dem Obercommandirenden vorbeimarschirten, daß es eine wahre Freude war, und ein altes Soldatenherz bei diesem Anblick hätte Thränen der Rührung vergießen mögen, so bedauert er recht sehr, nicht auch mit dabei gewesen zu sein; namentlich thut es ihm oftmals leid, die großen Manöver nicht mit angesehen zu haben, Feldzug und Schlacht im Kleinen, wo man Alles so ganz natürlich vor Augen hat: Artilleriegefechte, Infanterieangriffe und das wunderschöne Einhauen der Kavallerie, wenn sie dahin jagt mit ihren schnaubenden Pferden, vor oder hinter sich eine unendliche Staubwolle, aus welcher hervor Helme glänzen und Säbel blitzen, – Alles wie in der wirklichen Schlacht, nur mit dem höchst angenehmen Unterschiede, daß hier keine Kugeln pfeifen, kein Blut fließt und keine Gebliebenen zurückgebracht werden. – Auch die sanfteren Freuden der Manövertage möchte er gerne mitgenießen, die Einquartierung bei reichen Bauern oder auf adeligen Schlössern, denn er stellt sich das Alles höchst romantisch vor, wie ihm der Hauswirth unter der Thüre entgegen kommt, die abgezogene Mütze in der Hand, um sich freundlichst zu erkundigen, ob er die Karpfen lieber in brauner Sauce oder gebacken möge, und wo dabei auf dem ersten Treppenabsatz die sittsame und sehr schöne Tochter steht, mit züchtigen, verschämten Wangen, einen großen Becher haltend, angefüllt mit irgend welchem 1846er Ausbruch. Und erst die Bivouaks! Da denkt der Zeitungsleser: mag man sagen, was man will, so ein Soldatenleben ist ein ungeheuer angenehmes Geschäft; das lustige Umherschwärmen, wo man all' das Schöne sieht und genießt, dessen wir eben gedacht, und dabei nicht nothwendig hat, jeden Abend in das langweilige Bett zu kriechen. – Glückselige Menschen, die Soldaten! Da sattelt er sein Pferd ab unter Gottes freiem Himmel, legt sich ins frische Gras oder duftige Moos, hat über sich den Mond und so viel tausend Millionen Sterne, die alle freundlich auf ihn herabblinzeln, die angenehme Nachtluft fächelt seine erhitzten Wangen und endlich entschlummert er sanft, träumend von der Heimath und ihren Schätzen, während er vernimmt, wie aus der Entfernung irgend ein Kamerad auf der Guitarre spielt: Steh ich in finst'rer Mitternacht So einsam auf der fernen Wacht. – – So träumt der Zeitungsleser auf seinem Lehnstuhle, trinkt dazu seinen Kaffee und sieht behaglich durch's Fenster, wie draußen der Wind die herbstlichen, gelb und roth gefärbten Blätter von den Bäumen schüttelt und in weiten und engen Kreisen auf den Boden niederwirbelt. Darauf denkt er noch einmal an seine Lecture und seufzt gelinde, daß er leider zu weit entfernt vom Schauplatze der Manöver wohnt, und daß er selbst nie Soldat gewesen, um all' die Marsch-, Einquartierungs- und Bivouaksfreuden mitgenießen zu können, – Er trommelt mit den Fingern auf dem Tische, wie er es auf der Wachtparade gehört, – tum – tum – tumtum – tumtum – bidibidibum – bidibidibum – tumtum. – Und dann nickt er ein und hält ruhig sein Mittagsschläfchen, welches heute ausnahmsweise so lange dauert, bis die Sonne sich stark abwärts zum Horizonte neigt. Im gleichen Augenblicke ist einer der Manövertage beendigt, und die Truppen, vom langen Feuern, vielen Marschiren und Reiten ermüdet und abgespannt, treten bataillons- oder schwadronsweise zusammen, um die Nacht auf freiem Felde zu bivouakiren. Rings um den Manöverplatz liegen stattliche Dörfer mit großen Häusern, aus deren Schornsteinen sich blauer Rauch leicht emporkräuselt. Dahin blickt Infanterist und Reiter mit einem stillen Seufzer, wenn er in einer sehr verzeihlichen Ideenverbindung an das Feuer denkt, welches diesen Rauch hervorbringt, sowie an die vielen guten Sachen, die auf eben diesem Feuer jetzt schmoren und sieden mögen, und er befiehlt wehmüthig den grauleinenen Beutel an seiner Seite, worin sich vielleicht ein Stück hartes Brod befindet oder der Zipfel einer Wurst, die traurigen Ueberbleibsel des Frühstücks von heute Morgen. Ueber die Hochebene, wo das Armeekorps campiren wird, streift ein kühler, herbstlicher Wind, der unangenehm durch Mantel und Collet dringt, und der selbst die Pferde frostig berührt, denn sie schaudern leise unter dem Sattel und den Geschirren, ziehen melancholisch ihre Schweife ein und lassen die Köpfe hängen. Wer nicht gerade auf Vorposten kommt, sattelt ab oder schirrt aus; Pflöcke werden in den Boden geschlagen, die Fouragierleinen herumgezogen, die Pferde daran gebunden, man hängt ihnen die Futterbeutel um, die Infanterie legt ihre Tornister ab, die Artillerie spannt die Geschütze aus, und wer von der Mannschaft nicht mit einem der vielen Dienste, die es im Bivouak gibt, bedacht wurde, sucht seine Kameraden auf, und dann liegen sie in Gruppen bei einander, meistens bäuchlings auf der kalten Erde, stützen den Kopf auf die Ellenbogen und sprechen von zu Hause, von der angenehmen Kaserne mit ihren warmen Zimmern und guten Betten, und machen es nun, nur auf umgekehrte Art, gerade so wie unser Zeitungsleser. Auf der dämmerigen Haide träumt man so gern von einer angenehmen Wohnung, von einem behaglichen Lehnstuhl, von einem guten Kaffee mit Cigarre oder Pfeife. Der Himmel hat sich unterdessen dicht bezogen und der stärker werdende Wind finstere Wolken zusammengeweht; rings ist es dunkel und trübe, nur dort, wo die Sonne unterging, bemerkt man einen schwefelgelben Streifen, der aber schläfrig genug aussieht und eben im Begriffe zu stehen scheint, der Erde verdrießlich gute Nacht zu sagen, indem er sich langsam eine graue Wolkenschlafmütze über die Ohren zieht. Dazu pfeift der Wind in allen möglichen Tonarten, und einzelne schwere Regentropfen klatschten in die aufwärts schauenden Gesichter. Wenn sich ein Bivouak nicht zu dicht vor dem Feinde befindet, so ist es wohl erlaubt, Feuer anzuzünden, vorausgesetzt, daß man Brennmaterial hat, und der Wind nicht zu heftig über die Haide fegt. Von beiden, Holz und Wind, war aber hier zu wenig und zu viel vorhanden, weßhalb man nur hie und da schwache Versuche eines Feuers sah, über welches aber alsobald der starke Luftzug mit kalter Hand strich, als wollte er sagen: macht euch keine vergebliche Mühe, wobei er die glühenden Kohlen weit über das Feld dahinjagte. In dieser Nacht war eigentlich nur ein einziges respektables Feuer sichtbar, und das brannte etwas weiter draußen vor dem Bivouak bei den Vorposten, das heißt, beim Kommandeur eines Theiles derselben, einem Infanterielieutenant, zu dem sich aber und eben dieses behaglichen Feuers wegen einige Kameraden von der Kavallerie und Artillerie zu Gast eingefunden hatten, die nun hier in einem wirklich beneidenswerthen Winkel beisammen saßen. – Hätte den der Zeitungsleser gesehen, so würde er sich augenblicklich bei irgend einem Infanterieregimente anwerben lassen. Die Vorposten standen gegen den eingebildeten Feind in einem ziemlich weiten Kreise um das Bivouak dort hinten, wo sich das Terrain zu einigen Hügeln erhebt, um dahinter ziemlich schroff gegen ein tiefes Thal und einen Fluß abzufallen. Bei der zweifelhaften Helle der Nacht sah man sie dort droben stehen, das Gewehr im Arm, so gut wie möglich abgekehrt vom Winde, die Schultern hoch emporgezogen, fröstelnd und seufzend und sich fast gegen die starke Luftströmung anstemmend, die oftmals that, als wolle sie die da oben hinabblasen. Das Feuer, von dem wir vorhin sprachen, befand sich natürlicher Weise diesseits der Vorposten, und hatte es der commandirende Lieutenant in einem außerordentlich schönen und angenehmen Sandbruche anzünden lassen; die Wände dieses Sandbruches schützten vollkommen vor dem Wind, oben auf der Höhe desselben wuchs einiges überhängendes Gesträuch, welches die Regentropfen abhielt, und dadurch war es hier unten so behaglich, wie in einem Salon. Von der Kälte spürte man nichts, in den Feldflaschen und Brodbeuteln fand sich auch noch Einiges vor, und so saßen hier die Offiziere bei einander, freuten sich ihres Lebens, rauchten, plauderten über dies und das, oder betrachteten die steile, gelblichweiße Sandwand, hinter der sie saßen, und auf welcher der Schein des Feuers allerlei seltsame Figuren zeichnete. »Man mag sagen, was man will,« meinte ein Offizier von den Husaren, »man kann es hier unserem Kameraden von der Infanterie nicht absprechen, daß er seinen Lagerplatz mit großer Gewandtheit und vielem Glücke aufgesucht und gefunden.« »Dafür ist er auch berühmt,« sagte ein anderer von der Infanterie, »nämlich gute Lagerplätze zu finden, oder in einem Dorfe die besten Häuser.« »Das heißt wohl die besten Stuben, die beste Verpflegung und die schönsten Mädchen. Ja, darin hat er ein ausschweifendes Glück.« Der also Belobte lächelte freundlich in sich hinein und strich seinen Schnurrbart, ehe er entgegnete: »Ich kann mir das nicht als Verdienst anrechnen, ich möchte es eher ein gewisses Ahnungsvermögen nennen, wenn ihr wollt, einen gewissen Instinkt, der mich immer zu einem gutbesetzten Herde und ein paar frischen rothen Wangen führt.« »Es kommt auch viel darauf an, in welchem Theile des Landes man ist,« sprach ein Artillerieoffizier; »hier herum hat es sich leicht, gute Quartiere zu finden, aber kommt einmal da hinten an den Rhein, in den E.'schen Wald. Soll mich der Teufel holen, da lernt man den Herrn erkennen; Morgens eine Zwiebelsuppe, Mittags Kartoffel mit saurer Milch und Abends waschen sie die Ofenplatte ab, und machen, da sie keine Pfannen haben, auf derselben eine Art von Kuchen, daß Einem die Haare zu Berge stehen. – Brrr!« Dei Infanterieoffizier lächelte so pfiffig in sich hinein, daß ihn der Husar nothwendig fragen mußte, ob dem wirklich so sei, und ob er es dort nicht ganz anders gefunden. Worauf Jener die Augenbrauen in die Höhe zog und mit der Zunge schnalzte, als wollte er sagen: das waren mir selige Tage. »Nein, nein,« fuhr der Artillerieoffizier fort, »vor der Gegend habe ich allen Respekt; wir sind schon seit mehreren Jahren dort gewesen, aber es wird immer schlechter.« »Das ist in der Nähe von B.?« fragte ein Dragoneroffizier, der bis jetzt aufmerksam zugelauscht, und aus einer kurzen Meerschaumpfeife rauchte und gedankenvoll in das Feuer blickte. »Richtig – in der Nähe von B.; wir hielten uns begreiflicher Weise mit unseren Geschützen meistens in der Ebene auf; aber in dem Gebirge und den Wald hinauf soll es noch viel schlechter sein.« »Dicht bei B.,« sprach lächelnd der Dragoner, »liegt ein altes Kloster.« »Ganz recht,« erwiderte der Artillerist, »ein Nonnenkloster, aber es ist verlassen. Die Güter werden von einem Bauern verwaltet, der in einem Theile des weitläufigen Gebäudes wohnt. »So ist's,« versetzte der Andere. »Ich passirte einmal mit der halben Schwadron durch und gerade in diesem ehemaligen Nonnenkloster wurden wir einquartiert. – Es war ein schöner Herbsttag, und das abgefallene Laub, die gelben, braunen und rothen Blätter zierten recht hübsch den melancholischen, verwilderten Klostergarten; es war das eigentlich ein poetischer Winkel mit seinen verwahrlosten Wegen, herabgestürzten Figuren und den auf den Boden niederhängenden Zweigen sehr großer Trauerweiden, unter denen sich kleine bemooste Ruhebänke befanden.« »Ich kenne ihn,« entgegnete der Artillerist, »lag oft in der Nähe, und ging dann häufig um das Kloster hemm spazieren; es ist ein altes, melancholisches Gebäude.« »Mir passirte dort einmal was Sonderbares,« sprach lächelnd der Dragoneroffizier, »eigentlich an sich ganz unbedeutend – etwas wie eine Gespenstergeschichte.« »Ah! das müssen wir hören!« rief der Hauptmann von der Infanterie. »So was lasse ich mir gern am Wachtfeuer erzählen; in der freien Natur höre ich es lieber, als zu Hause in den stillen vier Wänden. – Ist die Geschichte sehr gruselich?« »Ganz und gar nicht, auch ist der Schluß sehr versöhnend.« »Halt einen Augenblick!« rief der wachthabende Offizier, wobei er die Hand über die Augen hielt, »dort sehe ich etwas auf uns zukommen, gewiß eine Meldung von den Vorposten; wir wollen das eher abfertigen, damit wir die Gespenstergeschichte ruhig genießen können. – Hieher! – was soll's?« Der Angerufene, ein Infanterist mit Ober- und Untergewehr und übergehängtem Mantel, trat nun in den Lichtkreis des Feuers, und sein Anblick rief auf den Gesichtern sämmtlicher Offiziere ein leichtes Lächeln hervor. Er mußte irgendwo in eine Lehmgrube gefallen sein, denn Mantel, Hose, Lederzeug und das halbe Gesicht hatten einen gelblichen Ueberzug; dazu hatte der Bursche seinen Helm ungebührlich weit auf dem Hinterkopfe hängen; was seinem bestürzten Gesichte einen noch trostloseren Ausdruck gab. – Er meldete, daß die feindliche Vorpostenkavallerie dicht an die diesseitige Postenkette geplänkelt, sich aber bald darauf wieder zurückgezogen hätte. »Donnerwetter!« sprach einigermaßen entrüstet der wachthabende Offizier, »Kerl, du siehst ja aus wie eine Vogelscheuche. – Hast du die feindlichen Vorposten gesehen?« »Zu Befehl, ja, Herr Lieutenant.« »Und haben sie dich auch gesehen?« »Zu Befehl, Herr Lieutenant.« »Siehst du, das ist sehr gut, darauf kannst du dir was einbilden. Da sind sie unfehlbar vor dir davon gelaufen, denn wenn sie einen solchen Schmierfink gesehen, wie du bist, da haben sie geglaubt, hier bei uns seien keine Soldaten, sondern lauter Waldteufel.« »Der Herr Lieutenant werden verzeihen, aber ich bin nur in der Dunkelheit ein Bischen in den Dreck gefallen.« »Schön, schön, das kann dir Niemand verbieten; aber melde dem Unteroffizier, er soll dich eine Stunde lang auf die Höhe stellen; weißt du, zur Abwehr für die feindlichen Vorposten, und damit der Schmutz an dir vom Winde wieder trocken wird. – Abmarschirt! – Verzeihen Sie,« wandte er sich hierauf an die Kameraden, »diese Unterbrechung; jetzt werden wir eben eine Zeitlang ungestört sein.« »Also die Gespenstergeschichte,« sagte der Artillerieoffizier. »Ihr stellt euch eigentlich mehr vor als es ist,« lächelte der Dragoner. »Es ist nichts mehr als das Zusammentreffen eigenthümlicher Umstände. – Wir wurden also in das alte Kloster einquartiert; mir hatte man das Zimmer der Aebtissin angewiesen, ein großes, fast leeres und sehr kahles Gemach, mit weiß getünchten Wänden, an der Decke schwere Stukkaturarbeiten, die ein ganz schwarz gewordenes Bild einrahmten. Das ganze Ameublement bestand aus einem sehr geringen Bette und zwei Stühlen, der eine neben diesem meinem Lager, der andere auf der gegenüber liegenden Seite des Zimmers zunächst der Thüre. »Wir hatten einen starken Marsch gemacht, ich war müde, langweilig war es zum Sterben in dem Nest, kurz, ich legte mich frühzeitig zu Bett und entschlief baldigst. So mochte ich einige Stunden gelegen sein, als ich erwachte, sei es an einem Traume, einem Geräusche, das wußte ich selbst nicht, – kurz, ich fühle, daß mich der Schlaf gänzlich verlassen, ich reibe meine Augen und schaue an die Decke empor. Vor dem einzigen, aber sehr großen Fenster des Zimmers stand ein dichtbelaubter Baum, durch dessen Zweige gedämpft das Mondlicht herein fiel, aber nur eine sehr zweifelhafte Helle gab. – Schon bin ich im Begriff, mich wieder auf die Seite zu werfen, und abermals einzuschlafen, als meine Blicke zufällig auf den am Abend vorher ganz leeren Stuhl fallen, bei, wie ich auch sagte, an der Thür stand – – – – Was sehe ich? der Stuhl ist nicht mehr leer, sondern auf ihm sitzt eine Gestalt, die mich unverwandt zu betrachten scheint.« »Ah!« machten die Offiziere. »Eine Gestalt,« fuhr der Erzähler fort, »und als ich schärfer Hinblicke, erkenne ich deutlich die Figur einer Nonne, ein fahles Gesicht unter dem vorspringenden dunklen Kopftuche, weiß bekleidete Arme, deren Hände sie gefaltet auf dem Schooße hält, unten ein weites dunkles Gewand, das bis auf den Boden niederfällt. – – – – Daß ich in meinem Bette mich hastig emporrichtete, könnt ihr mir glauben; auch will ich gestehen, daß ich nach meinem Säbel griff, der neben mir an dem Bette lehnte. – Dann rief ich die seltsame Erscheinung vor mir mit lauter Stimme an. – Halt! wer da? – Keine Antwort; nichts regte sich an ihr. – Nochmals: halt! – wer da? Regungslos wie vorher, und starrt mich an. – – – Jetzt springe ich einigermaßen beunruhigt aus dem Bett, stürze auf die Gestalt los und –« »Sie verschwindet!« rief erwartungsvoll der Artillerieoffizier. »Im Gegentheil! sie bleibt ruhig sitzen und läßt mich dicht herankommen.« »Es war die gespenstige Aebtissin?« fragte der Hauptmann nach einem tiefen Athemzuge. »Nein, die war es nicht,« fuhr der Dragoneroffizier nach einer Pause fort, »sondern es war – mein Sattelzeug, das mein Bursche, während ich schlief, dort aufgeschichtet hatte.« »Ah! das endet zu prosaisch!« rief der Husar. »Ich gebe das zu,« sagte der Erzähler, »aber die Ueberraschung hatte ich weg, und das Ding war so täuschend, daß, als ich es nun in der Nähe besehen und wieder mehrere Schritte zurücktrat, ich darauf geschworen hätte, es sei die Gestalt einer Nonne. – Auf dem Stuhle lag mein Sattel, darüber hing der Mantel auf den Boden hinab, das war das dunkle faltige Gewand, das weiße Lederzeug der Cartouche, die darüber hing, bildete die beiden Arme, der Helm das fahle Gesicht, und meine Satteldecke das schwarze Kopftuch. – Ich versichere euch, das Ding stellte sich so natürlich dar, daß ich es nicht unterlassen konnte, die Gestalt zu derangiren, indem ich die einzelnen Stücke auf den Boden legte. Ich hätte wahrhaftig nicht mehr einschlafen können.« »Die Geschichte ist gut,« sprach der Hauptmann von der Infanterie, »und ich höre dergleichen gern, aber es muß vor allen Dingen ein vernünftiger Ausgang dabei sein. Wenn man so im Zweifel bleibt, ob so eine Sache natürlich oder unnatürlich ist, das mag ich nun gar nicht leiden.« »Und für letztere Sachen ist das Kloster bei B. eigentlich wie gemacht,« meinte nach einer längeren Pause der wachthabende Lieutenant; »die langen finsteren Gange, die öden Zimmer, der verwilderte Garten, – ich bin immer gern ohne Aufenthalt daran vorbei marschirt, meinen Bergen zu, dem E.'schen Walde, von dem der Herr Kamerad von der Artillerie wahrhaftig unverdienter Weise nichts Gutes gesprochen.« »Nehmen Sie mir nicht übel,« erwiderte dieser, »die Quartiere da sind scheußlich.« »Im Thale, – drunten, Herr Kamerad, wo Sie mit ihren schweren Geschützen bleiben; aber droben auf den Bergen, da gibt es, wie der unsterbliche Schiller sagt, Freiheit und – mitunter recht gute Quartiere. – Aber,« setzte er pfiffig lächelnd hinzu, »man muß sie zu finden wissen.« »Und das ist, wie gesagt, seine Force,« sprach lächelnd der Hauptmann von der Infanterie. »Ja, ich habe Glück darin,« entgegnete der Andere. »Doch, da fällt mir eben eine Geschichte ein, die mir einstmals da droben passirte, eine Geschichte, wie man glaubt, daß sie nur in Italien oder Spanien vorkommen könnte.« »Also am Ende gar eine Räubergeschichte!« »Etwas dergleichen, und wenn es euch nicht langweilt, so will ich mich darauf besinnen.« »Erzählen – erzählen!« »Nun gut. – Unser Regiment kam also da herum ins Quartier; ein paar Bataillone in die Ebene, auch das Kloster erhielt seinen Theil; wir Füsiliere mußten in die Berge hinaufklettern. Die erste und zweite Kompagnie blieb weiter unten an den Abhängen, die unsrige stieg immer höher. Endlich erreichten auch wir die einzelnen Häuser, wo wir einquartiert wurden; es waren das mitunter schauerliche Spelunken. Begreiflicher Weise hatte ich meine Erkundigungen eingezogen, und man sagte mir, noch weiter da droben, ziemlich weit im Walde, wohne ein wohlhabender Holzhändler, bei dem es recht ordentlich wäre; er wurde zwar als ein etwas verdrießlicher Herr geschildert, der neben dem Holzhandel auch gern ein Bischen Wilddieberei treibe. Da war also ein guter Rehziemer zu finden, und eine recht hübsche Tochter sollte er auch haben. – Also dahin dirigirte ich mich mit meinem Burschen; wir kommen an, und wurden von Herr und Madame mit ziemlich saurem Gesicht empfangen. Das Haus war so – so, und ich erhielt eines der besten Zimmer, was auch nicht viel sagen wollte; doch war das Bett gut, und sogar mit großen Vorhängen von dunklem Kattun umgeben, die bis oben an die Decke reichten. Es war das Gastgemach und wurde sonst nicht benutzt. Das Nachtessen war leidlich, obgleich es mit dem Rehziemer nichts war, wogegen die Tochter des Holzhändlers meine Erwartungen vollkommen übertraf. Denkt euch ein hübsches, frisches und munteres Ding, das gern lachte und noch nicht so blasirt war, daß sie an den Aufmerksamkeiten eines Infanterieoffiziers keinen Geschmack mehr gefunden hätte. – Donnerwetter! ich machte ihr die Cour nach allen Regeln, was ihr auch zu gefallen schien, nicht aber so der Mutter und dem Vater, denn der Letztere erklärte mir am andern Tage, ich möchte das gefälligst unterwegs lassen, sein Mädel gehöre nicht mit zum Quartier.« »Aber da gingt ihr erst recht dahinter,« sagte lächelnd der Husar. »Ob!« fuhr der Erzähler fort, »aber ich hatte kein rechtes Glück; so oft ich dem Mädchen ein paar süße Worte zuflüsterte, führte der Teufel immer die Mutter oder gar den alten Holzhändler hinzu. Ja am Abend des zweiten Tages, als ich ihr nach gelindem Sträuben, den ersten Kuß applicirte, tritt der Papa dazwischen, führt sie am Arme hinweg, hält ihr im Nebenzimmer eine eindringliche Strafpredigt und sagte am Schluß: – das vernahm ich nämlich – und was den Lieutenant anbetrifft, mit dem will ich schon fertig werden, der soll mir keinen Versuch mehr machen, die Mädels aus dem E.'schen Walde zu küssen. »Nun war der Holzhändler ein großer, hagerer Mann, kräftig und muskulös, hatte ein eingefallenes finsteres Gesicht, schwarzes, struppiges Haar, kurz eine wahre Banditenphysiognomie, der man alles Mögliche zutrauen konnte. In der rechten Hosentasche trug er in einer Scheide beständig ein langes, breites und scharf geschliffenes Messer, mit dem er sein Brod zu schneiden pflegte. – Madame dagegen war ein kleines breites Weibsbild, auf deren verwitterten Zügen beständig ein unangenehmes Lächeln lag. »Ueber die Drohung des Holzhändlers lachte ich natürlicher Weise und ging heiter und guter Dinge zu Bette. Mein Bursche schlief in einem seitwärts stehenden Schuppen, welcher an dem Abende von dem Holzhändler eigenhändig zugeschlossen wurde, worüber ich mir indessen weiter keine Gedanken machte. »Ich ging also zu Bett und schlief in kurzer Zeit ein. Mochte auch gerade wie unser Kamerad von den Dragonern drunten im Kloster einige Stunden geschlafen haben, als ich erwachte, aber nicht an einem Traume, sondern an einem Geräusche, welches ich deutlich vernahm. Aufmerksam lauschte ich, ohne mich zu rühren, und sah zu meiner großen Ueberraschung wie meine Stubenthür äußerst behutsam geöffnet wurde, worauf zuerst die Frau des Holzhändlers ins Zimmer schlich und dann dieser selbst leise folgte. Sie trug eine kleine Blendlaterne, aber so, daß der Schein auf ihr Gesicht fiel, ich dagegen vollkommen im Schatten blieb. War ihr lächelndes Gesicht schon bei Tag unangenehm, so sah es jetzt in der That abschreckend aus; dabei glänzten ihre Augen, ihre Unterlippe hatte sie vorgeschoben und man sah ihre gelben Zähne. Er hatte den Mund zusammengekniffen, die Augen weit aufgerissen, und sein schwarzes Haar flog wild um den Kopf, kurz, ich versichere euch, die Beiden sahen aus, wie ein paar Leute, die gerade im Begriff sind, ein fürchterliches Verbrechen zu begehen. »Was sollte ich thun? Ich lag entkleidet in meinem Bette, mein Degen lehnte in der Ecke an der Thür, also war ich gänzlich wehrlos. – Schließe die Augen, dachte ich, vielleicht wenn sie dich so ruhig schlafen sehen, so ändern sie ihren blutigen Vorsatz. Denn ich muß gestehen, so etwas schwebte mir vor. Was konnte es mir auch nützen, wenn ich in diesem Augenblicke aufsprang? – Ich lag also ruhig und beobachtete. »Als sie nun näher schlichen, bemerkte ich, daß der Mann ein großes Messer offen in der Hand trug, das Weib drehte ein klein wenig ihre Laterne, so daß der Lichtschein auf mich fiel; dann sagte sie: er schläft. – Und du meinst nicht, daß er aufwachen wird? fragte der Holzhändler mit weit vorgestrecktem Halse. – Gewiß nicht, entgegnete sie, und setzte mit einem wahrhaft teuflischen Lächeln hinzu: Schneide nur geschwind und tief, dann ist die Sache sogleich abgemacht. »Es geht dir um den Hals, dachte ich nun alles Ernstes, denn sie schlichen leise auf den Strümpfen näher. – Jetzt standen sie dicht vor meinem Bette; das Weib hielt sich noch etwas zurück und er trat so dicht an mich heran, daß mich die Jacke, die er trug, fast berührte. Ich will eingestehen, daß mir in diesem Augenblick zu Muthe war, als hätte ich einen sehr starken Camillenthee getrunken; er beugte sich über mich hin, streckte sich lang aus und hob sein Messer. Zu gleicher Zeit blickte er auf mich nieder, und der Unmensch sagte mit einem fürchterlichen Lächeln: es wäre wirklich komisch, wenn er jetzt erwachen würde.« »Na, nehmen Sie mir nicht übel, Herr Kamerad,« meinte der Artillerieoffizier; »da wäre der Teufel ruhig liegen geblieben. Ich wäre schon früher ans Fenster gelaufen und hätte Lärmen gemacht; daß man Sie nicht ermordet hat, sehen wir, aber man rückt den Leuten doch auch nicht so nächtlicher Weise mit blankem Messer auf den Leib.« »Mein Hilferuf würde mir gar nichts genützt haben,« entgegnete der Erzähler, – »wir wohnten da oben ganz allein. Doch können Sie sich denken, daß ich mich auf einen verzweifelten Kampf in der nächsten Minute gefaßt machte. Zu wohlfeil sollte er mein Leben nicht haben. »Das Weib hob also ihre Laterne und sagte flüsternd: So mach' doch vorwärts! schneide tief und geschwind. – Der entscheidende Moment war gekommen; der Holzhändler streckte sich noch länger aus als vorher, öffnete seine linke Faust, um mich ergreifen zu können, und hob die rechte mit dem Messer noch höher. – Ich hätte bald darauf ein todter Mann sein können; doch beschloß es der Himmel anders, denn gerade als ich dachte: nun wird er zustoßen oder dir deinen Hals abschneiden, langte er oben hin zwischen die Kattunvorhänge des Bettes und trennte von einem ansehnlichen Stück Speck, das dort hing, ein großes Stück herunter. Daß ich tief aufathmete, könnt ihr mir auf Ehre glauben, und zwar so tief, daß der Holzhändler und sein Weib erschrocken auf mich blickten und darauf eilig aber leise das Zimmer wieder verließen.« »Ah!« sagte der Hauptmann von der Infanterie, »den Ausgang hätte ich mir doch ein Bischen schärfer gewünscht, vielleicht etwas Kampf oder eine rührende Rede Ihrerseits. – Aber nur ein Stück Speck!« »Es ist das wenigstens kein trockenes Ende,« versetzte lachend der Erzähler; »ich konnte die Geschichte lange nicht vergessen, und kam, was die Holzhändlerstochter anbelangt, nicht mehr ins rechte Courmachen hinein. – – Aber was ist das?« unterbrach er sich plötzlich, indem er aufsprang, »wird dort nicht geschossen?« »Ja wohl, ja wohl!« rief der Hauptmann von der Infanterie. »Die Vorposten müssen irgendwo an einander gerathen sein, oder allarmirt der General von B. unsern Bivouak. Der Herr hat bei Tag und Nacht keine Ruhe.« »Ihr Herren an die Pferde!« sagte der Dragoneroffizier, indem er eilfertig seine Meerschaumpfeife einsteckte. Ich höre unsern Trompeter, der den Versuch macht, ob er einen Ton herausbringen könne. – Gute Nacht!« »Eigentlich guten Morgen,« rief der wachhabende Offizier. Und dann sprang er hastig die Anhöhe hinauf, wo die Vorposten standen. Wenige Augenblicke nachher war das lodernde Feuer verlassen und die Flammen zuckten ungewiß hin und her, nur noch den Sandsteinfelsen beleuchtend; bald aber, da Niemand mehr Holz nachlegte, wurden sie schwächer und immer schwächer, sanken zuletzt in sich zusammen, und das Feuer bildete kurze Zeit nachher nur noch einen kleinen Haufen langsam verglimmender Kohlen. Die erste Wache Eine etwas unheimliche Geschichte, denn sie handelt von Selbstmördern und Gespenstern Als ich dazumal zur Batterie kam – es ist schon eine geraume Zeit her und ich war noch ein blutjunger Bursche, hatte Empfehlungen von meinem Alten selig an den Kapitän, die Beiden standen in mir unbekannten Beziehungen zu einander – da wurde ich recht gut aufgenommen, lernte auch bald das Exerciren, und als ich damit fertig war, commandirte mich der Hauptmann, da ich eine saubere Hand schrieb, zum Feldwebel und darauf wurde ich Batterieschreiber und hatte das beste Leben von der Welt. In jener Zeit war auch die ganze Brigade mobil, und die zwölfpfundige Batterie, der ich die Ehre hatte anzugehören, lag mit ihren vielen bespannten Fahrzeugen, mit ihren Granat-, Kartätschen- und Kugelwagen, mit Bagagekarren und Feldschmide in acht Dörfern und Höfen zerstreut und der Stab, d.h. der Kapitän, der erste Lieutenant, Feldwebel, Doktor, Kurschmid und ich hatten unser Quartier in einem bedeutenden Bauernhofe, ganz in der Nähe der eben erwähnten acht Orte. Es war das für mich ein ungeheuer angenehmes Leben, und des Morgens früh, wenn die Anderen in Hitze und Staub zum Exerciren hinaus mußten, trank ich meinen Kaffee im Garten und ging darauf wohlgemuth in die Schreibstube – ein angenehmes, schattiges Plätzchen. Ach! an dies Zimmer denke ich noch mit Vergnügen. Es hatte kleine Fenster, vor denselben befand sich dichtes Rebenlaub, das nur hie und da einen zitternden Sonnenstrahl hereinließ. Mitten im Zimmer saß der Feldwebel und ich, und ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, wir hätten uns zu Tode gearbeitet. Namentlich aber der Feldwebel. Das war ein sehr dicker Mann, und wenn es so recht heiß war, so hielt er sich am liebsten in der Ecke des alten Ledersophas auf, das in der Schreibstube stand. Da blies er die Hitze von sich, wedelte mit seinem Taschentuche und versicherte, im Sommer sei es ihm absolut unmöglich, viel zu thun. Unser Batterie-Chef war der Hauptmann H – Gott hab' ihn selig, er ist jetzt todt – ein großer, magerer Mann mit einem langen, blonden Schnurrbart, dessen Enden horizontal von seinem Gesichte abstanden und ihm ein böses, martialisches Ansehen gaben. Aber er war die gute Stunde selbst, viel zu sanft für diese Welt. Fluchen konnte er gar nicht, und das war sein Unglück, denn wie soll man mit den Kerls von einer zwölfpfündigen Batterie fertig werden, ohne jeden Tag ein paar Dutzend Millionentausend Schock Donnerwetter loszulassen? Doch bei uns wurde das Gleichgewicht durch den ersten Lieutenant hergestellt; denn was der Hauptmann in diesem Punkt zu wenig that, das that dieser zu viel. Und ein strenges Regiment war unbedingt nothwendig. Denn wenn man damals den Leuten nicht die Faust aufs Auge hielt, so waren sie aus Rand und Band. Und wie sollte man sie bestrafen? Ein solides Arrestlokal gab's gar nicht, in einem der Dörfer war freilich so ein Ding, aber es gehörte einem Bäcker, der zugleich eine Wirthschaft hatte, und da wurde von den Arrestanten mehr getrunken, als vor Gott zu verantworten war. Der erste Lieutenant, den die ganze Batterie wie das Feuer fürchtete, hatte sich nun seine eigenen Strafen erfunden. Hie und da ließ er Einen an das Geschützrad binden, die Arme rückwärts über die Felgen, und das war bei so einer Hitze ein artiges Vergnügen. Auch bestellte er wohl Einen, der sich besonders schlecht aufgeführt hatte, zum Rapport in den Stall, und dann schloß er die Thüren zu, schnallte seinen Steigbügelriemen los und was dann weiter geschah, davon sprach kein Mensch, weder der Eine noch der Andere; aber die wildesten Kerls hatten vor dem ersten Lieutenant einen donnermäßigen Respekt. Der Bauer, dem der Hof gehörte, wo wir lagen, hatte eine sehr schöne Nichte. Man konnte nichts Lieberes sehen als das Mädel; doch als wir erst ein paar Tage im Haus waren, da packte sie ihre Sachen zusammen, und ihr Oheim, welcher der Soldatenwirthschaft nicht traute, wollte sie zu einem Anverwandten schicken, einem Geistlichen, der gerade eine Haushälterin brauchte. Doch redete der erste Lieutenant ein vernünftiges Wort mit dem Alten, und wir Alle, die wir das muntere Ding wohl leiden konnten, versprachen uns fein säuberlich aufzuführen. Und darauf blieb sie da. Aber es wäre besser gewesen, wenn sie den Hof verlassen hätte! Da war bei der Batterie der Kurschmid, ein junger, hübscher Bursche, er hatte auch was gelernt und wollte sich später irgendwo als Thierarzt niederlassen. Der hatte ein ernsthaftes Auge ans das Mädel geworfen, wovon ich jedoch damals keine Ahnung hatte; denn auch ich machte mich natürlicher Weise daran, ihr in allen Ehren die Cour zu schneiden. Und dazu hatte ich die allerbeste Gelegenheit. Der Feldwebel bekümmerte sich im Allgemeinen um die Weiber gar nicht, und wenn ich recht fleißig für ihn schrieb, so hatte er auch wieder nichts dagegen, wenn ich manche Stunde zum Fenster hinauslauerte, und mich mit der kleinen Rosa herumneckte. Da saß sie meistens unter dem Rebenlaub und besorgte die Gemüse für die Küche. Ach! wie konnte man so allerliebst mit ihr necken! Ich warf sie mit Papierkugeln und sie mich mit Erbsen, und das trieben wir so lange, bis zufälliger Weise einmal eins dieser Geschosse den Feldwebel an seine dicke Nase traf. Dann mußten wir für eine Zeit lang aufhören. Ich muß gestehen, ich fing an, mich in das Mädchen auf das Heftigste zu verlieben und hatte die solidesten Absichten. Rosa hatte Vermögen, ihr gehörte ein kleines Bauerngut in der Nähe, das der Onkel für sie bewirthschaftete und von dem sich wohl leben ließ. Was mich allein genirte, das war der Kurschmid, denn so oft er keinen Dienst hatte, machte er sich an das Mädchen oder unterhielt sich mit dem Alten. Das fiel mir nach und nach auf, und ich hatte mir schon fest vorgenommen, mit ihm einmal darüber zu sprechen, denn entweder er oder ich mußte das Mädel aufgeben; das war doch natürlich. Ich konnte dabei gerade nicht behaupten, daß sie mich besonders bevorzugte, aber sie bewies mir auch keine Abneigung, wie sie es dem ersten Lieutenant that, der sich auch mit ihr zu schaffen machte, mehr als gerade nöthig war. Vor dem hatte sie eine wahre Todesangst, und wenn er auf seinem Rappen wie toll in den Hof sprengte, was er gar zu gern that, um sie zu erschrecken, da lief sie mit einem lauten Schrei davon und sah sich ganz schüchtern und ängstlich nach ihm um. Da kam ich eines Tages dazu, wie der Kurschmid mit Rosa eine heftige Unterredung hatte. Aha! dachte ich mir, jetzt wird sie ihm schon sagen, wo er her ist, und ich bin Hahn im Korbe! Ich schlich mich sachte auf die Seite, und als ich hinter einem dicken Baum ein Bischen vor nach den Beiden sah, so hatte er die Hände gefaltet und sprach heftig in sie hinein. Bald blickte er gen Himmel und biß krampfhaft die Lippen aufeinander, bald schaute er ihr in die Augen, und endlich faßte er ihre beiden Hände, und ich hörte deutlich wie er sagte: »Rosa, das wär' mein gewisser Tod!« Sie aber hatte den Blick zu Boden geschlagen, und wenn ich mich nicht täuschte, so fielen ein paar Thränen auf ihr Halstuch. Von der Stunde an schlich der Kurschmid wie eine Katze Tag und Nacht im Hofe umher. Abends, wenn Alles zu Bett ging, war er noch auf, und die ersten Leute, die Morgens um vier Uhr in den Stall gingen, sahen ihn schon wieder, wie er um die Ecke des Gehöftes herumkam. Dabei war er, sonst so lustig und aufgeräumt, jetzt finster und mürrisch, gab keinem ein gutes Wort, und wenn er bei Jemand vorbeikam, so knirschte er mit den Zähnen und ballte die Faust. Er dauerte mich. Offenbar hatte ihn das Mädchen wegen meiner abgewiesen; sie hatte ihm gestanden, daß sie mich über Alles liebe, und das war er nicht im Stande zu ertragen. Offen und ehrlich, wie ich immer gewesen, suchte ich ihn deßhalb eines Abends auf; ich wollte wahrhaftig so großmüthig sein und auf das Mädchen verzichten, wenn er wirklich gute Absichten auf sie habe. – Bei mir ist die Sache zweifelhaft, dachte ich, du bist noch ein junger Bursche, kannst nicht sobald heirathen. Er aber nimmt nächstens seinen Abschied, läßt sich irgendwo als Thierarzt nieder und kann eine Frau brauchen. Ich will edel sein. Das war ich denn auch. Ich zog ihn also bei Seite und sagte ihm ungefähr, was ich gedacht. Da sah er mich mit großen Augen an und lachte mir schrecklich ins Gesicht. »Ei.« sagte er, »also auch du liebst das Mädel? und glaubst, ich gräme mich, weil sie dich vorzieht? Nimm mir nicht übel, aber ihr Schreiber seid doch ein ganz eigenthümliches Volk. Was nicht auf eurem Papier steht, das seht ihr nicht. Gott im Himmel! Du liebst die Rosa und kannst heiter und vergnügt sein bei all' den schrecklichen Geschichten?« »Was für Geschichten?« rief ich erschreckt. Da faßte er mich bei der Hand und preßte sie mir zusammen, daß ich vor Schmerz laut aufschrie, und sagte mit tiefer, tonloser Stimme: »vor meinem Fenster steht ein Baum, und auf dem Baum sitzt zuweilen ein Vogel und singt allerlei Schelmenlieder. Neulich erzählte er mir von einem Mädchen, das einen Liebsten habe, der es gut mit ihr meine, und einen anderen, der sie betrügen wolle. – – – – Und sie ließ sich betrügen, – – Schreiber, du hast aber nichts davon gemerkt, denn es ist bis jetzt kein Rapport darüber auf die Kanzlei gekommen.« »Ah!« sagte ich, und sah ihn groß an, denn ich dachte nicht anders, als er sei ein Bischen verrückt geworden. »Weißt du was,« fuhr er nach einer Pause fort, »ich laß' mich versetzen und mach' eine große Reise. Ich kann daß hier nicht aushalten. Aber ich will dir was sagen: Weißt du, wo das Schlafzimmer der Rosa ist?« Ich wußte es zufällig. »Nun gut; dem gegenüber ist unser Heuboden. Nun laß' dir einmal die Mühe nicht verdrießen, und klettere ein paar Abende nach einander dort hinauf.« Damit ging er fort und an seine Geschäfte. Gott im Himmel! wie waren mir seine Worte aufs Herz gefallen! An dem Tage war ich nicht im Stande, eine ordentliche Zeile zu schreiben, und einen Bericht an das Abtheilungs-Commando überschrieb ich: »einem verehrlichen Heuboden« und erhielt dafür eine unendliche Nase. Da kam ich einen Tag später als sonst in den Hof hinunter. Ich hatte die Rosa gestern nicht gesehen, und ich war erfreut darüber, denn wenn ich das liebe, frische, junge Mädchen sah und mir einen Sinn in die Worte des Kurschmids brachte, dann überlief mich ein Schauder von oben bis unten. Aber mit wem konnte sie eigentlich so böse Geschichten treiben? Das war mir am unerklärlichsten. Also wie ich in den Hof hinunter kam, standen die Kanoniere der Haubitze, welche bei uns lag, auf dem Hofe beisammen und sprachen eifrig mit einander. Der Geschützführer und die Bombardiere gingen daneben auf und ab, und der Erstere sagte: »Das kann eine böse Geschichte werden; so zwanzig Jahre Festung oder dergleichen, wenn er nicht gar am Ende erschossen wird.« Da entgegnete einer der Bombardiere: »Es ist aber noch die Frage, ob der Lieutenant es anzeigt.« Ich wollte eben auf sie zutreten, um mich zu erkundigen, worüber sie eigentlich sprächen, als der Kurschmid hinter mir die Treppe herabkam, die Unteroffiziere grüßte und gleichgültig an den Himmel hinauf sah. Er hatte, wahrscheinlich weil es ein Sonntag war, seine beste Uniform angezogen, den Säbel umgeschnallt und die Feldmütze auf dem Kopfe. »Ist denn hier was geschehen?« fragte ich ihn. »Die da drüben sagen von irgend einem Verbrechen, das begangen worden sei.« »So, die sprechen davon?« entgegnete er mir ruhig. »Ja, in der Welt geschehen allerhand Sachen. Wer kann es ändern?« Damit nahm er seinen Säbel unter den Arm, grüßte mich freundlich und schritt zum Hofe hinaus. Es war, wie gesagt, an einem Sonntag, der Bauer mit seiner Familie in der Kirche, der Hauptmann ebenfalls. Endlich kamen sie zurück, mit ihnen Rosa, frisch und gesund, aber etwas bleich. Ich hatte schon gefürchtet, er habe dem Mädel ein Leides gethan, denn er war sehr zornig auf sie und von heftiger Gemüthsart. Gleich darauf ging der erste Lieutenant zum Hauptmann, und dann kam die Ordonnanz und fragte nach dem Kurschmid. Er war vielleicht in das nächste Dorf gegangen, wo kranke Pferde waren. Sonntags war der Hof gewöhnlich sehr still, heute Nachmittag aber ausnahmsweise wie ausgestorben. Außer der Stallwache war von den Kanonieren Niemand da; die Bedienungsmannschaften hatte man nach einem der Dörfer beurlaubt, wo Kirchweihe war. Nur die Offiziere waren zurückgeblieben und Rosa, welche wie gewöhnlich unter einem Lindenbaum vor der Schreibstube saß. Sie hatte die Hände gefaltet und schaute starr vor sich hin und schrack bei dem leisesten Geräusch zusammen. Oft richtete sie ihre mit Thränen gefüllten Augen in die Höhe und blickte angelegentlich nach dem Eingang des Hofes, als ob da Jemand kommen sollte. Wie hatte sich das Mädchen seit ein paar Tagen verändert! Mir that es in der Seele weh, und ich ging hinaus, um mit ihr zu sprechen. Vielleicht schloß sie mir ihr Her; auf und nahm einen guten Rath von mir an. Ich setzte mich neben sie hin, sprach sie an; aber sie gab mir nur spärliche Antworten. Ihre Brust hob sich schwer athmend, und wenn sie oftmals in die Höhe fuhr, so wischte sie mit der Hand über die Stirne, auf welcher Schweißtropfen standen, oder strich ihr Haar heftig aus dem Gesicht. Sie schien auf's Höchste beunruhigt, irgend etwas ihr Herz zu drücken. Es war ein heißer Tag gewesen; wir saßen im Schatten, aber um uns herum brannten noch die Strahlen der untergehenden Sonne. Zahllose Mücken summten in den Blüthen der Linde. Da kam ein kleiner Bauernjunge athemlos zum offenen Eingang des Hofes hereingelaufen, und als er mich sah, stürzte er auf mich zu, schnappte nach Luft und schluckte heftig. – »Da! da!« rief er endlich, »geht hinaus – draußen auf dem Kirchhof – hinter dem Thor – da liegt der Schmid eurer Batterie – er hat sich erschossen!« – Das Mädchen neben mir war zitternd aufgesprungen, und als der Bube so gesprochen, schauderte sie zusammen und sank mit einem leisen Schrei nieder. Ich fing sie in meinen Armen auf. Weiß nicht, wie es kam, aber es dauerte eine Zeit lang, bis sie sich wieder erholte, und als ich sie darauf aus meinem Arm lassen und an einen Baum lehnen wollte, blickte ich an den Fenstern in die Höhe, ob nicht Jemand da sei, den ich zur Hülfe herbeirufen könnte. Richtig! da lag auch Jemand im Fenster und blickte hohnlachend auf uns herab. Es war der erste Lieutenant, und der rief mir zu: »Ei, ei, das ist 'ne allerliebste Gruppe! Der Herr Batterieschreiber machen seine Cour recht öffentlich.« Kaum hatte er aber diese Worte gesprochen, so sprang Rosa mit einem lauten Schrei empor, streckte ihre Hände wie beschwörend oder drohend in die Höhe und stürzte ins Haus. »Was hat denn das Mädchen?« rief der Lieutenant. »O, sie ist ein wenig alterirt!« entgegnete ich ihm. »Draußen auf dem Kirchhof liegt der Kurschmid erschossen; er hat es selbst gethan.« »Der Teufel!« rief der Offizier bestürzt. – – »Unbegreiflich!« »Vielleicht auch begreiflich!« entgegnete ich ihm lauter, als gerade nothwendig war. Und auf das hin fuhr er mit dem Kopf zurück und kam eiligst zu mir herab in den Hof. Er hatte den Säbel unter den Arm genommen, den Schnurrbart hoch hinaufgewichst, und biß die Lippen aufeinander, was er immer that, wenn er schlecht gelaunt war. Er sah ziemlich blaß aus und fragte mich mit einer sehr unangenehmen Höflichkeit: »Darf ich Sie vielleicht fragen, Herr Schreiber, was Sie in einer Sache, die mir unbegreiflich ist, sehr begreiflich finden? He?« Was sollte ich darauf antworten? Ich zuckte die Achseln und schwieg. »Wer ist von der Mannschaft zu Hause?« fragte er. »Niemand als die zwei Offiziersburschen und ich.« »Das sind drei,« sagte er zu sich selber; »wir müssen einen Posten dort aufstellen, bis das Gericht Zeit findet, die Legal-Inspektion vorzunehmen. – In dem Fall,« sagte er laut und sonderbar lächelnd, »werden Sie es begreiflich finden, daß ich Sie zu diesem Nachtdienst mit heranziehe.« Was half alles Zornigwerden oder innerlich Raisonniren? Ich konnte nichts machen. Er gab darauf seine Befehle; im Stalle war unsere Wachtstube, und von da aus mußten wir den Posten bei dem Erschossenen beziehen. Mir gab der erste Lieutenant aus besonderer Rücksicht, wie er sagte, Numero zwei, d. h. da es jetzt neun Uhr war, wo die erste Nummer aufzog, mußte ich von Elf bis Eins, also während der Mitternachtsstunde, auf dem Kirchhofe Wache stehen. – – Schöne Commission Das! Es war eine laue Sommernacht, der Himmel leicht mit Wolken überlaufen, die hie und da einen Stern durchblitzen ließen, aber das Licht des vollen Mondes dämpften und dadurch der ganzen Natur einen Ungewissen Schimmer gaben. In der Ferne an den Bergen wetterleuchtete es, und ringsumher hörte man die Stimmen unzähliger lebender Wesen, die sich nach dem heißen Tage der kühlen Nachtluft freuten. Leuchtkäfer flogen umher in hellen blauen Funken unter dem dunkeln Laub der Gebüsche glänzend. Nachtschmetterlinge summten mit schwerem Flug vorüber, und hie und da machte eine Fledermaus ihre seltsamen Bewegungen in der Luft. Wir gingen dahin, der Kamerad, der mich aufführte, und ich, bei der kleinen Kirche vorbei, und ich muß gestehen, je näher wir dem Friedhofe kamen, desto kleinere Schritte machten wir beide. Ich hatte von jeher mit todten Leuten nie gern etwas zu thun gehabt. Und nun hier einen guten Freund, mit dem ich heute noch gesprochen, und der sich nun selbst das Leben genommen! – Es hatte schon eine gute Weile elf geschlagen, und am Thore des Kirchhofs kam uns die Schildwache entgegen, indem sie uns zurief: »Nun, ihr bleibt lange genug aus!« »Wo ist der – Posten?« fragte ich ihn, und mein Herz schlug schneller und stärker. »Am anderen Ende!« entgegnete er. »Kommt, ich führe euch auf.« Und darauf gingen wir bei dem ungewissen Schein des Mondes zuerst auf einem breiteren Weg, und dann bogen wir links ab und stolperten über die Grabhügel, Baumstämme und umgestürzte Steine. Die Kreuze von Holz, die hier standen, weiß angestrichen, erschienen so eigenthümlich hell glänzend, und blickten wie verwundert auf uns drei, die wir an dieser Städte des Friedens in Wehr und Waffen mit gezogenen Säbeln wandelten. Endlich kamen wir an Ort und Stelle. Ich hatte schon lange dorthin gespäht, sah aber nichts, als einen großen, weißen, viereckigen Flecken auf der Erde. – – Dort lag er – man hatte eine wollene Decke über ihn geworfen. – »So,« sagte mein Kamerad, den ich ablöste, »jetzt bin ich froh, daß das vorbei ist; denn bis ich wieder aufziehe, kommt der Tag. – Brrrr! – Ich wünsch' Euch gute Wache!« »'s ist doch nichts Neues hier auf Posten?« fragte ich ihn ziemlich ängstlich. »Neues nichts, was gut zu melden wäre,« entgegnete er achselzuckend. Und damit gingen die Beiden fort und ließen mich allein. Es war gut, daß sie ihn zugedeckt hatten, denn den Anblick des Kameraden hätte ich nicht ertragen. So sah man doch nichts, als die wollene Decke, in deren Mitte freilich eine unheimliche Erhöhung. Es wurde mir sehr warm unter meinem Czako, und das Lederzeug drückte mich ungemein. Nachdem ich einen Augenblick stehen geblieben war, entfernte ich mich hastig von dem Todten so weit wie möglich, und ging dann in einem außerordentlich weiten Bogen um ihn herum, konnte aber kein Auge von der unangenehmen Stelle wegwenden. Ich will nur gestehen, daß ich damals ein junger Mensch von sehr aufgeregter Phantasie war. Ich hatte viele merkwürdige Geschichten gelesen, und konnte mir leicht aus den einfachsten Dingen die sonderbarsten Bilder machen. So auch heute Abend. Daß der arme Kurschmid todt war, wußte ich ganz genau, aber wie ich so im weiten Bogen um ihn herum schritt, unablässig auf die Decke starrend, da kam es mir vor, als zucke es unter derselben und bewege sich etwas hin und her. Auch glaubte ich hie und da ein leises Geräusch zu vernehmen. Mein Haar sträubte sich empor, der Schweiß floß mir von der Stirne, und es trieb mich eine unsichtbare Macht, die Kreise um ihn immer kleiner und kleiner zu machen. Endlich berührte mein Fuß die Decke. Ich beugte mich nieder, hob sie empor und blickte auf sein zerschossenes Haupt. – – Ach! ein schrecklicher Anblick! Der konnte nicht mehr leben und sich bewegen! Ich floh entsetzt zurück und umschritt ihn abermals im weitesten Kreise. Doch es erging nur mehrmals, wie ich soeben erzählt. Immer glaubte ich, er bewege sich, und immer zwang ich mich selbst, zu ihm hinzugehen, die Decke aufzuheben und ihm ins Gesicht zu schauen, das eigentlich kein Gesicht mehr war. – Die Zeit schlich mir unendlich langsam vorüber; jede Viertelstunde däuchte mir eine Ewigkeit. Mein größter Trost war, hie und da einen Hund zu hören, der anschlug, oder den Gesang des Nachtwächters im benachbarten Dorfe. Ich hätte gar zu gerne meinen Posten auf einen Augenblick verlassen, um am anderen Ende des Kirchhofes spazieren zu gehen; aber ich fürchtete mich dann wieder, hierher zu kommen. So lange ich den Todten mit meinem Blicke bannte, konnte da nichts geschehen; aber wenn ich fortging und wiederkam, da konnte er sich langsam aufgerichtet haben und sich nach der Schildwache umschauen. – – Solch' närrische Gedanken hatte ich in jener Nacht! Aber meine Kreise machte ich immer weiter und weiter, und zuletzt setzte ich mich auf einen Grabstein, sehr entfernt von ihm und zwang mich zu ruhigerem Nachdenken. In Betreff des Mädchens schien mir Manches klar zu werden, und es war mir ein wahrer Trost, daß er auf mich nicht eifersüchtig gewesen. O, die Weiber! die Weiber! Ich bekam von da an einen wahren Abscheu vor ihnen. Der Unglückliche da vor mir mußte in Betreff der Rosa saubere Erfahrungen gemacht haben. Er war gewiß auf den Heuboden gestiegen, von wo man in ihr Schlafzimmer sehen konnte. – Doch was war das? Nein! Jetzt war es keine Täuschung mehr, wenn ich glaubte die Decke bewege sich. Sie wurde emporgehoben; ich sah das ganz deutlich. Schaudernd sprang ich empor, faßte meinen Säbel fester in die Hand und zwang mich gerade auszugehen. Es war richtig. Wo er mit dem Kopfe lag, bewegte sich etwas Weißes, und dann verschwand es wieder. Es war gerade, als wedle Jemand hie und da mit dem Taschentuch. Gott der Gerechte! der brauchte sich ja keinen Schweiß mehr abzutrocknen! – Wie mir zu Muthe war, könnt ihr euch denken! Ich eilte tief athmend und hochklopfenden Herzens an meinen Posten zurück. Jetzt hatte ich ihn erreicht. – Alles rundum still; die Decke lag da ausgebreitet wie vorhin; es bewegte sich nichts. Und doch hatte ich's vorhin so deutlich gesehen. Ich war nicht im Stande, diesen Platz zu verlassen. Wie festgebannt, konnte ich nur meine Augen bewegen, und meine Blicke irrten über ihn hinweg bis aus Ende des Kirchhofs. – Da erschien es wieder dicht an der Mauer. Da flatterte eine weiße Gestalt vom Boden auf und war im nächsten Augenblicke wieder verschwunden. Mit dem Muthe der Verzweiflung stürze ich darauf zu, mir gleichviel, ob es ein Geist sei, oder vielleicht ein Mensch, der mich necken wollte. Sein Untergang war beschlossen: todt mußte es sein! Doch noch einmal hefteten sich meine Füße am Boden fest, als ich in die Nähe der räthselhaften Erscheinung gekommen. Ich sah vor mir ein offenes Grab, und es rieselte mir eiskalt den Rücken hinunter. In demselben flatterte etwas Weißes, Gespensterhaftes auf und nieder. – »Halt! Wer da?« schrie ich so laut wie möglich, schwang meinen Säbel hoch, sprang in großen Sätzen nahe hinzu, und da sah ich – »Ein offenes, frisch gemachtes Grab und in demselben – –eine weiße Gans, die hineingefallen war, und sich nun vergeblich bemühte, da hinauszuflattern.« – – Aber mich hat niemals der Anblick einer Gans, selbst der bestgebratenen nicht, die doch eine gute Gabe Gottes ist, wieder so glücklich gemacht, als in dem Augenblicke dies harmlose Geschöpf, und ich faßte von der Zeit an eine wahre Neigung zu allen Vögeln dieses Geschlechts. Ich half ihr aus dem Loche heraus und setzte sie neben mich hin. Sie war dankbar und lief nicht davon. Wir thaten die Wache gemeinschaftlich; die Zeit verging mir da auch viel schneller und bald schlug es ein Uhr, wo ich abgelöst wurde. Dann zogen wir nach Hause, und die Gans zog mit uns. Der Kurschmid ward am andern Tage begraben, und trotzdem er ein Selbstmörder war, gab ihm doch die ganze Batterie das Geleite. Nur der erste Lieutenant fehlte. Daß er aber nicht mit hinaus gegangen, und auch vielleicht sonst noch manches Andere, nahm ihm unser guter Hauptmann so übel, daß er zum ersten Mal eine heftige Unterredung mit seinem ersten Lieutenant hatte, wovon die Folge war, daß sich der Letztere bald nachher zu einer andern Batterie versetzen ließ. Was nun die Geschichte mit Rosa anbelangte, so sprach von der Batterie damals Keiner gern darüber, und der dicke Feldwebel pflegte zu sagen, das ginge so mit im Cantonnirungsleben, und die Mädels sollten gescheidter sein. Sie war verdorben und ist bald nachher auch gestorben. Kurze Zeit darauf verließen wir die Höfe und kamen nach O. in Garnison, ein Jahr nachher aber ging ich in Urlaub und konnte es nicht unterlassen, über unsere ehemalige Cantonnirung zu gehen und den Kirchhof zu besuchen. Just an der Stelle, wo er damals gelegen, war nun ihr Grab, ein kleines, weißes Kreuz, darauf stand: Rosa F., geboren den ..., gestorben den ... Sie war nur achtzehn Jahre alt geworden, und das ist doch sehr wenig für ein Mädchen, so schön, so frisch, so blühend. Ich habe sie nie vergessen können, meine erste Wache. – Venedig. I. Zwei junge Offiziere, Friedrich von S. vom Genie-Corps und Graf E. von der Infanterie, hatten vor dem Posthause in Mestre ihren Wagen, der sie von Treviso hereingebracht, verlassen und blickten mit Interesse auf das lebhafte Gewühl in der Hauptstraße des kleinen Städtchens, während der Bediente, den sie mitgenommen, beschäftigt war, das Gepäck abzuladen, das nun von hier aus, ebenso wie die Reisenden, den Weg nach der alten Lagunenstadt zu Wasser machen mußte. Hier in Mestre herrschte das lebhafteste Marktgewühl, das bei jedem Schritte zunahm, je mehr man sich dem großen Kanal näherte, der in die Lagunen hinausführt. Hier lagen Tausende von kleinen glatten Fahrzeugen, die mit Gemüse und Früchten aller Art beladen wurden, dazwischen größere Marktschiffe für die schwereren und solideren Bedürfnisse der Stadt, und hie und da neben diesen grauen und braunen Booten, welche durch das frische Grün der Kräuter und Gemüse angenehm verziert wurden, sah man eine der kleinen, schwarzen Gondeln, welche vielleicht Jemand von Venedig hieher gebracht oder die im Begriffe war, Reisende dorthin zu bringen. Nachdem der Bediente der beiden Offiziere den Wagen abgeladen und ihn in einer der Remisen untergebracht hatte, welche man in Mestre zu diesem Zweck findet, lud er Koffer und Mantelsäcke auf die Schultern eines kräftigen Lastträgers und folgte seinen Herren, die unterdessen langsam dem großen Kanale zugegangen waren. Bald hatten sie eine größere Gondel mit vier Rudern gefunden, und nachdem sich dieselbe mit vieler Mühe durch die zahlreichen Marktschiffe ans Ufer gearbeitet – wobei es nicht ohne eine Menge von Schimpfwörtern abging – sprangen die beiden Offiziere hinein, der Diener mit dem Gepäck folgte, und das schwere Schiffchen setzte sich in Bewegung, die Mitte des Kanals zu gewinnen. Anfangs ging die Fahrt sehr langsam und die Gondoliere hatten genug zu thun, um sich eine Bahn zu machen durch die beladenen Schiffe, die mit ihnen hinabfuhren oder die ihnen entgegen kamen. Hiezu brauchten sie bald ihre Ruder, bald artige Worte, bald ein kräftiges Maledetto ! je nachdem die Hindernisse waren, die sie zu bewältigen hatten. Bald aber ließen sie die schwarzen Fahrzeuge hinter sich und konnten ihre Ruder eintauchen, um mit einem kräftigen Schlag hierhin und dorthin, rechts oder links auszuweichen, sowie die Gondel in eine schnellere Bewegung zu bringen. Die Ufer des großen Kanals von Mestre sind mit frischem Grün bewachsen; das Wasser selbst hat eine frischere Farbe, als das der Lagunen. Bei jedem Ruderschlage nahm die Geschwindigkeit des kleinen Bootes zu; die beiden Offiziere standen aufrecht in demselben und sahen mit Vergnügen, wie sie so pfeilgeschwinde dahinflogen der weiten Wasserfläche zu, die nun anfing, sich vor ihrem erstaunten Auge auszubreiten. Bald verschwand das Ufer des Kanals auf der einen Seite, dann das Land auf der anderen, doch hier nur kurze Zeit, denn kaum glaubten sie die Lagunen erreicht zu haben und bald die Thürme der prächtigen Venetia zu erblicken, so erhoben sich links wieder höhere Ufer, die aber bald eine regelmäßige, bekannte Gestalt annahmen und von dem Genie-Offiziere augenblicklich für die Werke des Forts Malghera erkannt wurden. »Siehst du,« rief er dem Freunde zu, »der festeste Punkt Venedigs – sein erstes und stärkstes Vorwerk! Ich kenne es nur aus Plänen, aber wir wollen nicht versäumen, während unserer Anwesenheit hier die kleine Festung in Augenschein zu nehmen. Das wird auch für dich interessant sein.« »Allerdings,« sagte der Infanterie-Offizier; setzte aber lachend hinzu: »Doch habe ich wahrhaftig an einer kurzen Bekanntschaft mit diesem Orte genug, und ich denke eben bei mir, daß es fürchterlich langweilig sein muß, da oben in Garnison zu sein. Das wäre ein wahres Amphibien-Leben!« »Was willst du!« entgegnete achselzuckend der Andere. »Dienst ist Dienst, und wenn ich morgen hieher commandirt werde, so gehe ich eben guten Muthes hin und suche mir den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen.« »Aber Prag ist doch angenehmer,« meinte der Infanterie-Offizier. »In Friedenszeiten, ja,« entgegnete Friedrich von S. »Aber wenn ich mir irgendwo einen Platz aussuchen sollte, um in Kriegszeiten zu operiren, da muß ich sagen, ich würde Venedig mit seinen Werken wählen. Hier könnte man prächtig eine Belagerung aushalten; ich wüßte mir kein größeres Glück, als hier in einem dieser Forts zu liegen, dieselben famos ausgerüstet, und nun zu einer Armee von meinetwegen vierzigtausend Mann zu sagen: Jetzt kommt an!« »Du hast Recht,« sagte der Andere und blickte ernst aus die hohen und festen Wälle, unter denen sie jetzt dicht vorüber fuhren. »Aber jetzt denke dir, die Sache wäre umgekehrt, und du solltest als Ingenieur-Offizier da draußen auf dem Lagunenrande als Belagerer einen Angriff auf diese Forts leiten; mit dem sumpfigsten Terrain von der Welt und dem Fieber kämpfend. Das wäre doch eine unangenehme Aufgabe.« »Allerdings,« entgegnete der Ingenieur-Offizier. »Aber siehst du da oben den kaiserlichen Adler flattern? Wo der ist, bin ich auch, und deßhalb könnte ich hier wohl Vertheidiger sein, aber nie Belagerer.« »Deine Annahme scheint ganz richtig zu sein,« sagte der junge Italiener, indem er die Arme übereinander schlug, »aber in dieser Welt ist alles möglich.« »Tschau!« rief Friedrich von S. lustig und winkte mit der Hand in die Höhe, denn droben auf dem vorspringenden Winkel des Fortes stand neben der Schildwache, deren Gewehr in der Morgensonne funkelte, ein kaiserlicher Offizier und grüßte freundlich die beiden ihm fremden Kameraden, die da unten vorbeifuhren. Jetzt ließ die Gondel Malghera hinter sich, und die weite Lagunenfläche lag vor den Reisenden ausgebreitet. »Ah! das ist schön! das ist prächtig!« rief der Genie-Offizier, der diesen imposanten Anblick zum erstenmale in seinem Leben hatte. Er war nie in Italien, nie in Venedig gewesen, und wenn er auch die merkwürdige Lage der Inselstadt aus Bildern, Beschreibungen und Plänen genau kannte und sich auch ein Bild davon gemacht hatte, so übertraf doch das, was er hier sah, alle seine Erwartungen. Die Beiden hatten aber auch heute Morgen einen außerordentlich schönen Moment getroffen. Ueber Venedig lagen dichte Morgennebel und entzogen die Stadt gänzlich den Blicken der Ankommenden. Man hätte glauben können, man fahre mit der kleinen schwankenden Gondel in das offene Meer hinaus, und die Nebel hatten so genau die Farbe des Lagunenwassers, daß man dachte, eine unabsehbare Fläche vor sich zu haben. Und wenn auch das Auge nichts sah von der gewaltigen Stadt, so hörte das Ohr die tiefen melodischen Klänge unzähliger Glocken, deren Schall aus unsichtbaren Kirchen zu kommen schien und über die Wasserfläche dahin zitterte. Es war wie in der Sage von der versunkenen Stadt, wo man aus der Tiefe des Wassers die Glocken klingen hört und das Gesumme einer großen Menschenmenge vernimmt, ohne etwas zu sehen. »Bist du nun zufrieden, daß wir nicht die Eisenbahn benutzten?« sagte der Italiener. »Wir wären freilich geschwinder nach Venedig gekommen, aber die Fahrt ist hier doch schöner.« »Wunderbar poetisch!« erwiderte ergriffen der junge Deutsche und blickte aufmerksam dorthin, wo die Glocken immerfort erklangen, in tiefen und hohen Tönen, langsam und geschwind, verschiedenartig durcheinander, je nach dem Geläute der einzelnen Kirchen. »Hörst du die Glocke von S. Marco? Man erkennt sie ganz deutlich, die tiefen, schweren Töne. – Eins – zwei – drei – vier!« rief der Italiener und sein Auge glänzte, sein Angesicht strahlte vor Vergnügen. – – »Ich mag die Eisenbahn gar nicht,« setzte er nach einer Pause hinzu. »Warum die Königin des Meeres mit einer steinernen Kette an das Festland anschmieden? Jetzt ist sie das nicht mehr, was sie war. Ihre Poesie ist dahin; es war so schön, daß man ihr nur auf dem Elemente nahen konnte, dessen Herrscherin sie war.« »Aber für den Verkehr ist es von großem Nutzen,« bemerkte Friedrich von S. »Und hat es ihrer Stärke als Festung nicht geschadet?« fragte der Italiener. »Ich glaube nicht,« sagte der Genie-Offizier, indem er prüfend um sich blickte. »Man würde freilich einige Bogen absprengen müssen; aber den Theil, welchen man stehen ließe, könnte man mit einer ungeheuren Batterie krönen, und um diese zu stürmen, brauchte man sehr brave Truppen. Es wäre das fast unmöglich.« Jetzt traten aus dem Nebel vor ihnen einzelne dunkle Partieen zu Tage, welche nach kurzer Zeit die Gestalt von Häusermassen, von Kuppeln und Kirchen annahmen. Noch eine Viertelstunde und sie erreichten die ersten Gebäude der diesseitigen Vorstadt Venedigs. Die Gondel schoß in einen engen Kanal hinein, rechts und links mit hohen Gebäuden besetzt, die aber ein ärmliches Aussehen hatten. Auch bemerkte man auf der rechten Seite dieses Kanals noch einen Weg, von welchem man in die verschiedenen Hausthüren gelangen konnte. Obgleich diese Stadtviertel sehr belebt sind, so haben sie doch ein trostloses, trauriges Ansehen. Die hohen Mauern mit kleinen Fenstern sind von dunkler, schmutziger Farbe, Thüren und Läden sind meistens zerbrochen oder hängen schief in ihren verrosteten Angeln; die Treppen vor den Häusern oder die Brücken über den Kanal haben ein zerbröckeltes, verwittertes Aussehen; rechts und links über unsern Köpfen hängt Wäsche zum Trocknen, und man kann von Glück sagen, wenn man hier glücklich durchkommt, ohne von einem Fenster herab beschüttet zu werden. Denn in den Kanal wirft man Alles, was man aus den Häusern entfernen will. An seinen Ufern spielen halbnackte schmierige Kinder; und damit die Nasen nicht besser daran sind, als das Auge, so genießt man hier in den Vorstadt-Kanälen eines seltsamen, unaussprechlichen Parfüms, welches theils von dem faulen Lagunen-Wasser herkommt, theils von den Ueberbleibseln von Fischen und von Meerfrüchten aller Art, die man zu beiden Seiten in großen Haufen liegen sieht. Wenn man aber diese Vorstädte hinter sich hat, wenn man endlich einbiegt in den Canal grande , vor und neben sich die prächtigen Marmorpaläste, die unmittelbar aus dem Wasser emporsteigen mit ihren hohen zierlichen Bogenfenstern, mit der mannigfaltigen Krönung ihres Daches, mit ihren breiten Treppen, die aus der weit geöffneten Thorhalle ins Wasser hinabführen, und vor welchen, der Herrschaft harrend, zierliche Gondeln sich an leichter Kette wiegen, wenn man nun vor den prächtigen Rialto kommt und unter seinen weiten Bogen von Marmor-Quadern dahinschießt, da spricht man zu sich selber: Ja, Venedig ist einzig, es ist in seiner Art die prächtigste und poetischste Stadt der ganzen Welt! So dachte auch der deutsche Offizier, als er stumm vor Erstaunen bei diesen Herrlichkeiten vorüber fuhr. Der Italiener schien einige Zoll gewachsen zu sein; er stand aufrecht und stolz da, und ihn entzückten die lebhaften Blicke seines Freundes, mit denen er bald hier und bald dort etwas Neues und Schöneres anstaunte. – Venedig war seine Vaterstadt, und wenn er auch seit längeren Jahren nicht hier gewesen war, da ihn des Kaisers Dienst fern gehalten, so erkannte er jetzt doch wieder jeden Palast, jede Ecke, jede Biegung des Kanals, und an allen diesen Stellen tauchte für ihn eine angenehme, aber auch hie und da eine bittere Erfahrung auf. Manchmal fuhr er mit der Hand über die Augen, dann warf er den Kopf in die Höhe, als wollte er sagen: Bah! das ist nicht anders! Dann zeigte er wieder lebhaft auf das hohe Fenster irgend eines Palastes, ohne dem Freunde auf dessen Fragen mehr zur Antwort zu geben, als: »Dort wohnen Freunde von mir; du wirst sie schon kennen lernen.« »Sieh' diesen kleinen zierlichen Palast!« rief auf einmal der Genieoffizier. »Kann man etwas Liebenswürdigeres sehen als diese Fensterreihe, so leicht und zierlich durchbrochen!« »Die Cadoro ,« entgegnete der Italiener. »Das glaube ich wohl, einer der schönsten und berühmtesten Paläste, Taglioni hat ihn gekauft und will ihn, wie man sagt, wieder herstellen lassen. – Dort liegt auch die große Post. Hier könnten wir den großen Kanal verlassen, um durch kleinere Kanäle schneller zu unserem Gasthof zu gelangen. Doch habe ich den Gondolieren gesagt, sie sollen geradeaus fahren. Es wird dir ja einerlei sein.« »Es ist mir sogar angenehmer,« sagte Friedrich von S., »und ich danke dir. Laß sie ein Bischen langsamer fahren; ich will den ersten Eindruck, den ich heute von dieser merkwürdigen Stadt erhalte, so fest wie möglich in mich aufnehmen. Diese Stunde wird mir ewig unvergeßlich sein.« Und so fuhren sie langsam dahin auf dem großen Kanal, während der Italiener seinem Freunde die Namen berühmter Geschlechter nannte, die hier gewohnt. Bei vielen aber setzte er hinzu: »Diese Familie ist ausgestorben, dies Gebäude ist nicht mehr bewohnt.« Und das konnte man denn auch bei näherem Beschauen manchem dieser alten Paläste wohl ansehen, und leider meistens den größten und stattlichsten. Die lagen da finster und öde; an vielen waren die Fenster verschlossen, an anderen die Scheiben zertrümmert, die Thorflügel fest zugemacht, an den Treppen plätscherte melancholisch das Wasser; hier lag kein buntfarbiger Teppich, hier wiegte sich keine Gondel auf dem Kanal. »Das Haus des tapfern Mohren!« sprach lachend der junge Italiener. »Othello's Palast. So sagen wenigstens die Ciceroni; und da ich heute der Deinige bin, so spreche ich ihnen nach.« »Wenn es auch nicht wahr ist,« entgegnete ebenfalls lachend der deutsche Offizier, »so freut es mich doch. In dem Punkt bin ich leichtgläubig wie ein Kind und bin es gerne.« Es war einer der kleineren Paläste im großen Kanal, welchen Gras C. vorhin bezeichnet; doch war er ausnahmsweise sehr gut erhalten, hatte freundliche Jalousien, die, um die Sonne abzuhalten, hinausgestellt waren, und unten in der Vorhalle sah man grüne Orangen- und Lorbeerbäume in zierlichen Kübeln. Ein Bedienter in Livree schien einem Gondolier Aufträge zu geben, der in Folge derselben einen buntfarbigen Teppich auf die Treppe warf und das kleine Fahrzeug ganz nahe hinan trieb. »So oft ich hier vorbei fahre,« meinte Friedrich von S., »will ich mich lebhaft des unglücklichen Eifersüchtigen erinnern.« »Wir werden dies Haus öfter besuchen, hoffe ich,« entgegnete der Italiener. »Es wohnt hier einer meiner Bekannten, ja ein Verwandter.« »Charmant!« rief der Baron; »ich hoffe, daß eines deiner Verwandten musikalisch ist, und uns einmal an einem schönen Abende irgend etwas aus meiner Lieblings-Oper vorspielt.« Bei diesen Worten hatten sie das Ende des großen Kanals erreicht und fuhren San Georigio maggiore entgegen, dem fast gegenüber der Gasthof lag, hôtel de l'Europe, wo von S. absteigen wollte. Im Vorüberfahren zeigte der junge Italiener seinem Freunde noch den Palast der Foscari , ein großes, majestätisches Gebäude, gänzlich unbewohnt. Bald darauf bogen die Gondoliere aus der Mitte des großen Kanals an das linke Ufer desselben und hielten vor der Treppe eines großen Hauses still. »Hier wirst du wohnen,« sagte Graf C. und bot dem Freunde die Hand, der aus dem leichten Fahrzeuge sprang und sein Gepäck herausnehmen ließ. »Zieh' dich um und bleibe zu Hause, ich will meine Freunde jetzt überraschen, und in einer Stunde komme ich, dich abzuholen.« Die beiden Offiziere hätten zu keiner für sie angenehmeren Zeit nach Venedig kommen können. Es war im Herbst des Jahrs 1847, und da sich um diese Zelt einige hohe Personen in der Inselstadt aufhielten, so schmückte sich die stolze Venetia so gut als möglich, um im besten Glanze zu erscheinen. Graf C. war, wie schon gesagt, Venetianer, ein Italiener mit Leib und Seele, doch das wollte zu damaliger Zeit noch nichts Besonderes sagen. Er führte seinen jungen Freund in die angesehensten Häuser, er stellte ihn den schönsten Frauen und Mädchen vor, und wir müssen eingestehen, daß das angenehme Aeußere des jungen lebhaften Deutschen, verbunden mit seinem klaren, gesunden Verstande, überall einen sehr angenehmen Eindruck hervorbrachte. Wie so viele Offiziere der östreichischen Armee sprach er das Italienische vortrefflich, und diese seine Kenntniß der Landessprache verschaffte ihm manches interessante Gespräch und gab ihm hie und da das Vertrauen einer Dame, die mit ihm, dem anständigen Fremden, gerne und lange über pikante Verhältnisse der Vaterstadt sprach. Wenn er das große Theater Fenice besuchte, so gab es da eine Menge Logen, in welchen er gern gesehen war, wo er im Zwischenakt ein- und ausgehen durfte, und wo ihm die Damen mit Vergnügen verstatteten, sich neben sie in die Ecke auf einen kleinen Stuhl zu setzen, um halbverdeckt von dem rothen sammtenen Vorhang zwanglos und angenehm zu plaudern. Er hatte große Reisen gemacht, Asien und Afrika gesehen, und da er aus Shakspeare's unsterblichem Werke wußte, wie gern die schönen Venetianerinnen sich vorerzählen lassen von entfernten Ländern, von fremden Sitten und Gebräuchen, so that er wie der edle Mohrenfeldherr, ohne daß es ihm jedoch gelingen mochte, irgend eine Brabantio für sich zu gewinnen. Es war dies aber seine eigene Schuld, denn er suchte selten sein Glück lange auf einer Stelle. Man sah ihn bald diesen, bald jenen Palast besuchen, auf dem Markusplatz bald mit dieser, bald mit jener Dame sprechen, im Theater von Loge zu Loge eilen. Hier aber hielt er sich meistens auf einer Seite auf, und wir wollen dem geneigten Leser eingestehen, daß diese Einseitigkeit ihren guten Grund hatte. Auf der rechten Seite des Hauses war die Loge der Marchesa v. C., einer der reichsten und vornehmsten venetianischen Familien, und in dieser Loge war zuweilen ein Gegenstand, der den jungen Offizier auf eine unerklärliche Weise fesselte. Es war dieß die einzige Tochter der ebengenannten Familie, die junge Marchesa v. C., welche hier in Begleitung ihrer Gesellschafterin zuweilen erschien. Wir müssen aber dem jungen deutschen Offizier Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn wir sagen, daß er nicht der Einzige war, der begierig hinüber schaute, bis drüben der Vorhang auf die Seite geschoben wurde und die junge Dame erschien. Es war aber auch der Mühe werth, sie zu sehen, und wenn sie eintrat, richteten selbst die anderen Damen ihre Lorgnetten hinüber, und die Schönheit des jungen Mädchens war so anerkannt, daß man sie zugab und nicht einmal Miene machte, als habe man irgend etwas daran auszusetzen. Hie und da konnte vielleicht Eine sagen: »Ja, wenn sie nur nicht das sonderbare Haar hätte.« Dies Haar war freilich auffallend, denn es war von der angenehmsten blonden Farbe und dazu von einer Dicke und Fülle, wie man ein Haar überhaupt nur in Venedig sehen kann. Dabei aber hatte die junge Marchesa das lieblichste Gesicht von der strengsten Schönheit und eine prächtige, volle elastische Gestalt. »Ah!« sagten die jungen Männer, die sie zum Erstenmal sahen, und wenn auch hinter diesem Ah: kein weiteres Lob kam, so war der Ton desselben doch so bezeichnend, daß andere Damen, die dies Wort gehört, sich leicht anschauten und die Achseln zuckten. Obgleich die junge Marchesa ebenso liebenswürdig als schön war, so war sie doch in der Gesellschaft nicht beliebt. Und daran waren wiederum ihre Haare schuld, nicht die Farbe derselben an sich – denn die Blondinen waren ja im alten Venedig besonders geschätzt – sondern die Abstammung, durch welche sie diese blonden Haare erhalten. Man fing damals schon stark an, in Italien Sympathien und Antipathien zu zeigen. Die Mutter der jungen Marchesa war eine Deutsche gewesen, die Tochter eines großen Hauses, und das begannen die italienischen Damen ihr jetzt gewaltig übel zu nehmen. Sie liebte ihre Vaterstadt Venedig, aber sie haßte deßhalb die Deutschen nicht, vielmehr hegte sie im Gegensatz zu ihrer Gesellschaft Sympathien für dieselben und fand sich dadurch sehr bald allein stehend. Sie machte mit den übrigen Damen nie gemeinschaftliche Sache, und mochte sich nicht zu Demonstrationen herbeilassen, die sie für unpassend und unrecht hielt. So sah man sie z. B. nicht wie so viele Uebrigen mit einer weißen Camelia im Haar, an welcher ein rothes Band befestigt war, das bis auf die Brust herabflatterte und dort, sich um einen grünen Strauß schlingend, die italienischen Nationalfarben: weiß, grün, roth, darstellte. Die Marchesa von C. wohnte in jenem Hause, das der Italiener seinem Freunde bei der Fahrt durch den canal grande als den Palast Othello's gezeigt. Graf C. war Verwandter des Hauses und hatte als solcher nicht ermangelt, seinen Freund dort einzuführen. Friedrich von S. war beim ersten Anblick der jungen Marchesa von einem noch nie empfundenen Gefühl durchschauert und fand sich durch das kalte Benehmen derselben gegen ihn schmerzlich zurückgestoßen. Die junge Dame war artig und freundlich, aber dabei sehr zurückhaltend, ganz gegen die Gewohnheit der meisten venetianischen Damen, bei denen er, wie schon gesagt, als zur guten Gesellschaft gehörend, herzlich und freundlich aufgenommen wurde. Es war sonderbar: was ihm hier besonders zu nützen schien, die genaue Bekanntschaft mit dem italienischen Freunde, schien ihm bei der Marchesa absonderlich zu schaden. Denn als ihn der Graf V. eingeführt, hatte er ihn seiner Cousine als einen seiner besten und zuverlässigsten Freunde vorgestellt, und wir können nicht läugnen, daß hierauf der erste Blick der jungen Dame, den sie auf den deutschen Offizier warf, ein Blick des Mißtrauens war. Demungeachtet machte er aber in diesem Hause häufig Besuche und suchte sich auch sonst so viel als möglich der jungen Marchesa zu nähern. Wenn er sich dabei auch gestehen mußte, in ihrer Gunst keine Fortschritte zu machen, so bemerkte er dagegen recht gut, daß zuweilen ihre Blicke lange auf ihm hafteten, und daß sie ihn, wenn sie sich unbemerkt glaubte, zuweilen mit unverkennbarem Interesse betrachtete. Mit den Offizieren der Garnison, von denen Friedrich von S. Niemand genauer kannte, pflegte er wenig Umgang. Von seinem italienischen Freunde fast nur zu Italienern gebracht, lebte er beständig in dieser Gesellschaft, weßhalb sich seine deutschen Kameraden, wenn er ihnen zufällig einmal im Kaffeehause begegnete, zuerst kaum merklich, dann aber auffallend von ihm zurückzogen. Er war aber zu arglos und unbefangen, um hier etwas Besonderes zu finden, und wenn er mit dem Grafen S. darüber sprach, so zuckte dieser die Achseln und sagte: »Was willst du, mein Lieber? du wirst diesen Herren nur angenehm sein, wenn du gänzlich unsere Gesellschaft meidest. Leider ist es schon so weit gekommen – – doch ist das erst der Anfang des Endes.« – Wir haben schon gesagt, daß Venedig um diese Zeit einen festlichen, heiteren Charakter angenommen hatte und daß man zu Ehren verschiedener Fremden die höchsten Festlichkeiten veranstaltete, unter anderem eine Regatta, bei welcher der große Kanal bedeckt war mit Tausenden von Gondeln, welche heute ihre allgemeine schwarze Farbe unter bunten Teppichen, unter goldgestickten Tüchern verbargen. Es war ein herrlicher Anblick, und die Paläste nahmen Theil an dem allgemeinen bewegten glänzenden Leben. Aus allen Fenstern flatterten Stoffe in den verschiedensten Farben, die Balkone und Terrassen waren mit Tausenden von Menschen bedeckt, welche laut jubelnd dem großartigen Schauspiele zuschauten. Venedig schien mit einem Zauberschlag in die alte, äußerlich so glänzende Zeit zurückversetzt zu sein. Die Tausende der kleinen zierlichen Schiffchen auf dem grünen Wasser waren festlich geschmückt, je nach dem Reichthume und dem Range der Besitzer. Es war wie ein heiteres Maskenfest; der Canal grande mit seinen unzähligen bunten Farben, in dem Schimmer gold- und silbergestickter Stoffe, dazwischen das glänzende von der Sonne beschienene Wasser, sah aus wie eine riesenhafte, lebendige Blumenkette, die sich in zierlicher Schlangenlinie zwischen die alten grauen Paläste gewunden. Und wenn man dieses allgemeinen großartigen Anblicks genug hatte, und sich in eine Gondel warf, um dem Strom zu folgen oder ihn zu kreuzen, so sah man an den Einzelheiten so viel Schönes und Blendendes, daß man nicht wußte, wohin die Blicke wenden. Friedrich von S. hatte mit Mühe ein kleines Fahrzeug erhalten und fuhr, in demselben aufrecht stehend, dahin, das glänzende Schauspiel so viel als möglich in sich aufnehmend. Hier erschienen Gondeln des Volkes, die Wettruderer, mit ungeheurer Anstrengung ihr Boot dahintreibend und in festlich hellen Anzügen. Zu beiden Seiten ihres Fahrwassers hatten herrschaftliche Gondeln eine Gasse gebildet, und in den Atlaskissen der kleinen Schiffchen lehnten die schönsten Frauen und Mädchen in dem phantastischsten Anzuge, während die Gondelführer bei ihrem Ruder standen, kräftige schlankgewachsene junge Leute in dem malerischen Costüm der alten Zeit. Der Gondolier, der den jungen Offizier führte, hatte sich hinter diese glänzende Reihe gedrängt, den Befehlen seines Herrn folgend, der mit seinem scharfen Auge unter Tausenden der Fahrzeuge heraus dasjenige der Marchesa von C. gefunden, welches soeben die Freitreppe ihres Palastes verlassen zu haben schien und gewandt durch die dichten Reihen schlüpfte. Die Marchesa saß in einer kleinen, reichverzierten und vergoldeten Gondel; prächtige persische Teppiche hingen über den Bord derselben und schwammen im Wasser nach. Neben einer älteren Gesellschafterin lehnte die junge Marchesa in die schwarzen atlassenen Kissen, und war, wo sie sich zeigte, wie immer der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Heute aber galt derselbe ebensosehr ihrer Gondel, als der Person des jungen Mädchens selbst. Fast alle Fahrzeuge der Venetianer nämlich hatten im Arrangement von Teppichen und Blumen irgendwo die italienischen Farben. Die Gondel der Marchesa von C. hingegen trug am Stern die bekannten, damals aber nicht beliebten Landesfarben, schwarz und gelb. Mancher schaute verwundert drein, als das kleine Fahrzeug vorüberschwamm; hier hörte man ein leises Maledetto, dort ein höhnisches Lachen, oft auch dagegen ein halb unterdrücktes Evviva. Die junge Dame ließ sich alles dies nicht anfechten. Sie lag nachlässig in ihre Kissen gedrückt und grüßte rechts und links mit dem Anstande und der Miene einer Königin. Sie war sich der Flagge wohl bewußt, die ihr Fahrzeug führte, und die erstaunten, ja zornigen Blicke vieler Damen ihrer Bekanntschaft schienen sie wahrhaft zu erfreuen. Sie übte eine Art Wiedervergeltung, denn da sie die Farben liebte, unter welchen Venedig wieder anfing, aufzublühen, da es die Farben ihrer lieben verstorbenen Mutter waren, so hatte sie es oft tief gekränkt, wenn sie im Salon ihres Vaters mit ansehen mußte, wie die italienische Tricolore mit Ostentation getragen wurde und wie man ihre Farben, die sie auch bei sich nie verläugnete, mit einer Miene der Verachtung angeschaut. Friedrich von S., entzückt von dem Anblick der jungen Dame, versuchte umsonst mit seinem einzigen Ruderer der pfeilschnell dahinfahrenden Gondel zu folgen und hätte sie auch nie erreicht, wenn sein gutes Glück nicht gewollt hätte, daß in der Gegend des Rialto eine dichte Reihe offener Boote, mit Offizieren besetzt, derselben einen Aufenthalt verursacht hätte. Mehrere seiner Kameraden schienen die Marchesa zu kennen und grüßten sie um so freundlicher, als sie bemerkten, daß ihre Gondel die kaiserlichen Farben führte. Hiebei gelang es ihm, näher zu kommen, und sein Gondolier drückte das leichte Fahrzeug so scharf und plötzlich neben die Gondel der Marchesa, daß das leichte Schiffchen heftig zu schwanken anfing und der junge Offizier fast über Bord gefallen wäre, wenn er sich nicht noch zur rechten Zeit an der Flaggenstange der anderen Gondel gehalten hätte. Die Marchesa, durch die heftige Bewegung aufmerksam gemacht, schaute sich um, und Herr von S., der sie auf's Ehrerbietigste grüßte, bat zu gleicher Zeit um Verzeihung, daß er genöthigt gewesen sei, bei ihr sein Gleichgewicht wieder zu finden. »Ah!« entgegnete die junge Dame mit ernstem, aber einigermaßen spöttischem Ton, »Sie halten sich an der Flagge Ihres Kaisers? Daran thun Sie sehr wohl, und ich bin dem Zufall wirklich dankbar, daß die von mir so geliebten Farben Ihnen das Gleichgewicht wieder gaben.« Damit ließ sie grüßend ihren Fächer sinken und ihre Gondoliere, ärgerlich über den gehabten Aufenthalt, trieben die Gondel unter den Rialto, daß das Wasser mit gewaltigen Bogen rauschend emporspritzte. Wenn der junge Offizier gefolgt wäre, so hätte sein leichtes Fahrzeug unfehlbar an den Marmorquadern der Brücke zerschellen müssen. – Und er wäre dem schönen Mädchen so gern gefolgt! Ihre Worte klangen so bedeutungsvoll und doch so räthselhaft. Er hätte sie gerne um eine Aufklärung gebeten, um dadurch noch einige Augenblicke länger in ihrer Gesellschaft bleiben zu können. Jetzt fuhr er auch unter dem Rialto dahin und ihm folgte eine zweirudrige Gondel mit jungen, eleganten Leuten besetzt, die eifrig zusammen sprachen. »Hast du sie gesehen,« sagte der Eine, »die schöne Marchesa?« »Mit der deutschen Flagge!« sprach ein Anderer. »Daß sie verdammt seie!« fuhr der Erste fort. »Wer?« fragte ein Anderer lachend. »Die Flagge oder die Marchesa?« »Meinetwegen beide!« antwortete der, welcher zuerst gesprochen. »Sie ist doch einmal eine Venetianerin, und der Name ihres Vaters hat einen guten Klang beim Volke.« »Ein schlauer Fuchs, der alte Marchese,« sagte ein Anderer. »Laßt ihn nur machen, er weiß wohl, warum er der Tochter erlaubt, schwarzgelb zu führen. Es bessert seine Reputation bei der Regierung und das kann er brauchen.« »Ach was erlauben?« rief der Erste ärgerlich. »Die läßt sich was erlauben oder verbieten! Sie thut was sie will. Ah! das ist ein hartnäckiges Weib!« »Aber schön!« sprach seufzend einer der jungen Männer, der bis jetzt geschwiegen. Damit schoß die Gondel vorbei und man hörte weiter nichts mehr, als das Plätschern der Ruder im Wasser. Friedrich von S., der seine Gondel langsam wenden ließ, nahm sich vor, seinem italienischen Freund die eben gehörte Unterredung mitzutheilen und ihn um Auskunft zu bitten über das Dunkel, was für ihn hierin, sowie in den Worten der jungen Marchesa lag. Aber er vergaß diesen Vorsatz im Laufe des Tags und als es Nacht geworden, war der Markusplatz so feenhaft schön und hatte er so viel zu thun, um den Ort auf demselben zu finden, wo sich die junge Marchesa vielleicht aufhalten könnte, daß er nicht im Stande war, sich hier loszureißen und seinen Freund aufzusuchen. Man muß den Markusplatz an einem solchen Abend gesehen haben, um sich zu gestehen, daß es in der ganzen Welt nichts Feenhafteres und Schöneres gibt. Wer kennt nicht diesen weiten prächtigen Platz aus Bildern und Erzählungen, mit dem weißen, glatten Marmorboden, eingefaßt von herrlichen Palästen, beherrscht von der prächtigen Markuskirche, diesem phantastischen, seltsamen Bauwerk mit seinen orientalischen Formen, den bunten Farben des Marmors, aus welchem es gebaut ist, den Tausenden von spitzigen Zacken und Thürmchen, mit seinem ernsten Portal, auf welchem die vier berühmten broncenen Rosse nach vier Seiten auszuschreiten scheinen, dies Bauwerk ohne bestimmte Form und doch von wunderbarer Symmetrie, überragt von der weiten, prächtigen vergoldeten Kuppel! So liegt der Markusplatz da, und wenn, wie an dem heutigen festlichen Abend, die Nacht hereinbricht, so gleicht er einem riesenhaften Ballsaale, über den als Decke der dunkle italienische Nachthimmel mit Tausenden von flimmernden Sternen gespannt ist. An drei Seiten des Platzes sind broncene Armleuchter, auf denen unzählige Gasflammen brennen. Dazu kommen eine Menge ungeheurer Kandelaber, die bei Festlichkeiten wie heute auf dem Steinboden festgeschraubt sind und die oben unzählige Arme ausstrecken, auf welchen überall Bouquete von weißem Lichte glänzen und rings herum eine fabelhafte Helle verbreiten. Tausende von Menschen bedecken diesen Platz und ziehen lachend und plaudernd auf und ab. Die Seitengänge der Procurazie sind zu Logen eingerichtet; hier sitzt die schöne Damenwelt Venedigs; Blumen duften, Augen glänzen. Auch hier wird gelacht und geplaudert, gescherzt und geliebt, und hier und dort verläßt eine Dame, die des Sitzens müde ist, auf den Arm ihres Kavaliers gestützt, ihren Platz, um sich unter die wogende Menge zu mischen, die ab- und zuströmt. Zu beiden Seiten sind Militärmusiken aufgestellt, welche abwechselnd lustig aufspielen, und die prächtigen Klänge, von den Steinmauern ringsum zurückgeworfen, dröhnen über den Platz hin, Sinne und Herz betäubend. Da senkt sich manches Auge, das so eben noch schmachtend emporgeblickt; tiefer Athen, schwellt die Brust, Blicke finden sich und Herzen; die dahinwandelnden Paare schließen sich fester aneinander, und wir finden es begreiflich, daß jener junge Mann, der sich hinabbückt zu dem Blumenstrauß seiner Dame, sein Ziel verfehlt und statt jener eben aufgeblühten Rose die frischen Lippen seiner Begleiterin verstohlener Weise küßt, welche in diesem Augenblick das Blumenbouquet als Fächer benützt. In solchen Momenten ist es traurig, wenn man, wie unser junger Freund, Friedrich von S., auf dem Platze des heil. Markus allein hin und her wandelt; doppelt traurig aber, wenn man, wie er, sucht und nicht findet. Wie oft war er an den Bogengängen auf und abgewandelt und hatte bis zur Grenze der Indiskretion hineingeschaut und die lachenden und plaudernden Damen gemustert. – Vergebens! Endlich wandte er sich von dem glänzenden Platze ab und trat auf die Piazetta, welche weniger, ja fast gar nicht beleuchtet, ohne Glanz und Schimmer, ohne hin und her wandelnde Menschenmassen, ohne rauschende Musik und doch so unendlich poetisch da lag. Wie ein Märchen aus tausend und einer Nacht, phantastisch, reich, übernatürlich erhebt sich links der Dogenpalast. Und wenn man da zurückblickte auf den hellen, belebten Markusplatz, so drängte sich wieder lebhaft das Bild eines großen Ballfestes auf. Hier war man in einem stillen Nebengemach, wohin sich einige Wenige zurückzogen, die sich drüben im Gewühl nicht heimisch fühlten, oder die mit ihren Gedanken oder mit lieben Bildern, welche dieselben beschäftigten, allein sein wollten. Dem jungen Offizier erging es so; er wandelte auf den breiten Steinplatten bis an das Ufer der Lagunen, deren stille Fluthen sich weit hinaus dehnten, die man für das Meer selbst halten konnte, da man im Ungewissen Schein des Mondes die Formen des Lido kaum zu unterscheiden im Stande war. Es befanden sich außer ihm wenig Spaziergänger da, Damen gar keine, wie es schien, und jede Gondel, die an der breiten Treppe anlegte, sandte ihren Inhalt nach dem Markusplatz, wo die rauschende Musik immer fort spielte, deren Klänge, sanft gedämpft, hieher auf die Piazetta drangen. Friedrich ging den Säulen zu, wo eine Menge der kleinen Fahrzeuge zusammen lagen. Er wollte von hier mittelst eines Umweges zu Wasser nach seinem Hotel zurückkehren. Doch kaum war er ein paar Stufen hinab gestiegen, so sah er dicht vor sich eine herrschaftliche Gondel, die Sitze mit reichen Teppichen bedeckt, die augenscheinlich eben anlegte, um Jemand aufzunehmen. Es kamen auch wirklich zwei Damen hinter ihm die Treppen herab, und als er sich umwandte und einen Schritt zurücktrat, um ihnen Platz zu machen, erkannte er mit freudigem Erschrecken die Marchesa von C., welche jetzt, ohne ihn zu erkennen, an seine Seite trat. Das Mädchen hatte ihre Mantille zurückgeworfen; ihre blitzenden Augen schweiften über die helle Wasserfläche, dann hinauf zu dem Monde, und als der silberne Schein in ihr großes, glänzendes Auge fiel, als sich ihr Mund leicht öffnete, um die kühle, frische Meerluft einzuathmen und als sich dabei ihre Brust hob und senkte, war das Mädchen unbeschreiblich schön. Der Offizier konnte bei diesem Anblick einen Ausbruch der Ueberraschung nicht unterdrücken, und als sich die Marchesa darauf rasch umwandte, trat er auf sie zu und bot ihr freundlich einen guten Abend. Die Dame war sichtlich überrascht, ihn hier wieder zu sehen, und einen Augenblick flog ein Lächeln über ihre Züge. Doch nur eine Sekunde. Dann ward das Gesicht wieder ernst und kalt wie früher. »Ah!« sagte sie nach einer Pause, »heute ist der Tag unserer Begegnung. Ich hätte nicht gedacht, Sie heute Abend hier noch zu sehen.« »Auch ich hatte dies Glück nicht erwartet,« antwortete Friedlich von S., »obgleich ich wohl darauf gehofft.« Die Marchesa wandte ihm ihren Blick zu und sah ihn eine Sekunde lang fest an. »Ich war wie alle Welt auf dem Markusplatz,« fuhr der Offizier fort, »und muß Ihnen gestehen, daß ich mich dort in dem glänzenden Damenkreis Vielfach umgeschaut. – Nach Ihnen, Marchesa,« setzte er mit leiserer Stimme hinzu. »Ich glaubte mit Recht annehmen zu können, daß Sie an einem solch' festlichen Abend dort nicht fehlen würden.« »Mich freuen diese Feste wenig,« sagte das junge Mädchen ernst, »und Venedig ist mir unheimlich in dieser Aufregung. Aber,« setzte sie ruhig und kalt hinzu, »Sie werden das nicht verstehen, ich vielleicht selbst nicht, aber mein Gefühl schaudert zurück vor diesem falschen Glanz, diesem augenblicklichen Schimmer, dem nur zu bald die finsterste Nacht folgt. – Gewiß, Herr von S.,« sprach sie nach einer Pause, »ich komme mir oft vor wie eine Seherin, und möchte meine warnende Stimme erheben, aber sie verhallt ungehört.« »Ja eine Seherin,« wiederholte der junge Mann, ganz in den Anblick des herrlichen Mädchens versunken, »schön wie Kassandra.« »Wenigstens wie diese Troja's Fall prophezeiend,« entgegnete die Marchesa, indem sie leicht den Kopf neigte und ihre rechte Hand ein klein wenig erhob. Doch wußte man nicht, wollte sie damit grüßen, oder wollte sie dieselbe dem jungen Offizier für eine Sekunde darreichen. Friedrich von S. nahm das Letztere an und beugte sich rasch hernieder, um einen etwas zu innigen Kuß auf die kleinen Finger zu drücken. Die Marchesa zog ihre Hand schnell zurück; doch als sie in ihre Gondel stieg, sagte sie ihr felicita notte mit nicht unfreundlichem Tone. Das Fahrzeug schoß dahin, und wo es die Fluthen durchschnitt, blieb ein leuchtender Streifen in dem Wasser zurück, zuerst deutlich; dann aber zitterte er langsam auseinander, wurde unklar, löste sich in einzelne silberne Punkte auf und verschwand endlich in dem allgemeinen Leuchten der Fluth. Friedrich von S. blieb lange unter der Säule stehen, auf welcher der Löwe des heiligen Markus thront, und blickte dem Fahrzeuge nach, wie es bei Santa Lucia vorbei in den großen Kanal einbog. Heute fühlte er zum Erstenmal klar und deutlich, daß er dies herrliche Mädchen liebe, und daß dort die kleine Gondel das ganze Glück seines Lebens barg. Venedigs Merkwürdigkeiten sahen die beiden jungen Leute gemeinschaftlich, das heißt, der Italiener machte seinem deutschen Freunde den liebenswürdigen Ciceroni und erklärte ihm die Wunder der alten Republik auf eine lehrreiche und doch unterhaltende Art. Sie besuchten den Dogenpalast mit seinen prächtigen großen Säulen, gingen die Riesentreppen hinauf an das berüchtigte und furchtbare Maul des Löwen, jenes öffentlichen Anklägers, aus dem das schreckliche Gericht der Drei seine geheimnißvollen Notizen nahm, die dann so oft zum Verderben wurden für einzelne Personen und ganze Familien. Sie sahen den Platz, auf welchem Marino Falieri enthauptet wurde, sie stiegen hinab zu den feuchten dunklen Gefängnissen, den Brunnen, mit den kleinen, stark vergitterten Fenstern, den einzigen Luftlöchern der armen Gefangenen, zu welchen aber zugleich mit dem Tageslichte die Fluthen der Lagunen und auf ihnen allerlei unheimliche Thiere in die Kerker drangen. Sie gingen hinauf in die Bleikammern, dicht unter das von der Sonne glühend erhitzte Dach des Palastes, wo Casanova gesessen, der uns seinen Aufenthalt umständlich und schrecklich erzählt. Sie betraten die heimlichen Gerichtszimmer, aus denen so Wenige von denen, welche damals hieher geführt wurden, ungehindert und frei zurückkehrten. Sie sahen das berüchtigte Gemach, in welchem fast nur Todesurtheile ausgesprochen wurden, und dann führte sie der Schließer durch mehrere kleine Zimmer vor eine gut verwahrte eiserne Thüre, hinter welcher der Boden eines schmalen Ganges, den sie nun betraten, gewölbt erschien. Unter sich hörten sie das dumpfe Rauschen der Lagunen, links blickten sie in einen finsteren Kanal, rechts durch eine schmale Oeffnung auf das weit hinaus glänzende Meer; – sie waren auf der Seufzerbrücke, und dies war der letzte Blick in das Leben, der den unglücklichen Schlachtopfern, welche früher diesen Weg wandelten, vergönnt war; sowie sich jene Thüre am anderen Ende des schmalen Ganges öffnete und hinter ihnen schloß, waren sie lebendig – todt. Starke Arme ergriffen den Verurtheilten; er wurde in dem finsteren Gebäude drüben erdrosselt, und Abends sah man ein seltsam gebautes Fahrzeug gegen den Lido hinausrudern. Vermummte saßen darin, und alle Gondeln, die dieser Barke begegneten, wichen scheu auf die Seite. Denn diese führte den Leichnam irgend eines Mannes, der vor wenig Stunden noch gelebt, der vor wenig Tagen vielleicht glücklich, froh, reich und angesehen gewesen war. Der junge Italiener erzählte seinem Freunde, als er ihn durch Venedig führte, von der Macht und dem Reichthum der ehemaligen Republik, und er that das mit so frischen, lebendigen, glühenden Farben, daß ihn der deutsche Offizier oftmals befremdet anschaute. Auch zeigte er ihm ein kleines rothes Häuschen auf einem Nebengebäude des Dogenpalastes – das Gefängniß Silvio Pellico's, und sprach mit einer Begeisterung von diesem Mann, die Friedrich von S. mit seinem arglosen Gemüthe nicht begreifen konnte. Auch das Arsenal besuchten sie häufig, und wenn Graf C. mit den übrigen Offizieren der Garnison fast gar nicht verkehrte, so schien er dagegen hier desto bessere Freunde zu haben. So bereitwillig und freundlich der Italiener während des Tages bei seinem Begleiter war, so wenig schien er Lust zu haben ihm seine Abendstunden zu widmen. Da zog er sich meistens zurück, und wenn ihm Friedrich von S. dies und das proponirte, so wußte er immer einen Verwand, um einen solchen Vorschlag abzulehnen und allein zu sein. Anfänglich hatte sich der deutsche Offizier darüber gewundert; bald aber wurde es ihm klar, daß Graf C. irgend ein Liebesabenteuer verfolgen müsse, wobei ihm seine Gesellschaft hinderlich sei. Er hatte ein paarmal scherzhafte Anspielungen in dieser Richtung gemacht, und da der Italiener lächelnd darauf einzugehen schien, so war Friedrich von S. discret genug, nicht mehr darauf zurückzukommen und ihm seine Abende vollkommen frei zu lassen. Da befand er sich eines Abends allein in einem Kaffeehause; er setzte sich an einen Tisch, rauchte seine Cigarre und nahm einige Journale in die Hand, um sie durchzulesen. Neben ihm saß eine Gesellschaft junger Leute, von denen er ein paar schon glaubte irgendwo gesehen zu haben. Als nun einer derselben anfing zu sprechen und lachend etwas erzählte, mußte er sich unwillkürlich umwenden, denn jetzt erinnerte er sich deutlich, auch diese Stimme schon gehört zu haben. Wann und wo aber dies geschehen sei, wollte ihm nicht klar werden. Auch war es ihm vollkommen gleichgültig, denn das Gespräch, welches die jungen Leute führten, interessirte ihn anfänglich nicht im Geringsten. Endlich aber hörte er mehreremal den Namen des Grafen C. nennen, weßhalb er sich nicht enthalten konnte, wenn auch mit einigem Widerstreben und anfänglich willenlos, zu hören, was dort gesprochen wurde. »Es ist gewiß,« sagte einer der jungen Leute, »er wird in dem Hause angesehen, als sei er schon der Schwiegersohn. Beim Himmel! Graf C. hat ein unverdientes Glück!« »Aber die Marchesa?« sagte ein Anderer. »Ist sie auch mit der Wahl einverstanden? Ich glaube, wenn sie nein sagt, so bringt sie weder der Papa noch die ganze Familie zu dieser Heirath.« »Ach!« rief ein Dritter, »die blonde Schöne wird auch endlich einmal weich werden; sie hat sich lange genug kostbar gemacht gegen die ganze Männerwelt Venedigs. Es ist wahrhaftig Zeit, daß ihre Stunde kommt.« »Und Graf C.,« nahm der Erste wieder das Wort, »ist ein angenehmer Cavalier, von ächtem italienischen Blut und seinem Vaterlande sehr zugethan.« »Das wäre vielleicht die geringste Empfehlung bei der jungen Marchesa,« lachte ein Anderer; »denn obgleich geborene Venetianerin, ist sie doch mit Leib und Seele den – – Deutschen zugethan.« Das Beiwort, was der Italiener den Deutschen gab, konnte Friedrich von S. nicht verstehen. In dem Augenblicke, wo er es aussprechen wollte, stieß ihn ein Anderer mit einem Blick auf den nebensitzenden Fremden heftig an den Arm. Der deutsche Offizier, dem das Blut in den Kopf gestiegen war, und dem es sehr unangenehm vorkam, daß der Italiener jenes Prädikat verschluckte, stand langsam von seinem Tische auf, faltete seine Zeitung zusammen und trat ruhig an den Tisch der vier Herren, um sich an einer dort befindlichen Lampe seine Cigarre anzuzünden, während dem er nicht umhin konnte, sich jeden der jungen Leute etwas scharf anzusehen. Doch erwiderte keiner diesen Blick. Sie schauten sich ziemlich unbefangen an und Einer summte zwischen den Zähnen: o casta diva! Friedrich von S. verließ das Kaffeehaus; doch hatte ihn das eben Gehörte gewaltig aufgeregt. War er denn bis jetzt blind gewesen oder so unschuldig wie ein neugeborenes Kind, daß er nicht begriffen hatte, weßhalb Graf C. ihn so selten zu seinen Verwandten mitnahm und weßhalb er Abends beständig allein ausging? Also er liebte seine Cousine und wurde wahrscheinlich wieder geliebt. Der Offizier preßte die Hand auf sein Herz, welches ein heftiger stechender Schmerz durchfuhr. Seine Liebe zu jenem schönen Mädchen war bis zu diesem Augenblick ruhig, leidenschaftslos gewesen; jetzt trat die Eifersucht hinzu, und er fühlte, wie sein Blut plötzlich erregt war, wie seine Pulse heftig klopften. Auch mußte er sich dabei gestehen, daß ihn sein Freund nichts weniger als freundschaftlich behandelte. Friedrich hatte dem Grafen C. nicht verhehlt, wie sehr ihn die Marchesa interessirte, ja er hatte ihm eingestanden, daß er sich zusammen nehmen müsse, um sich nicht auf's Heftigste in das schöne Mädchen zu verlieben. – »Und hoffnungslos,« hatte er hinzugesetzt, »ohne alle und jede Aussicht, denn ich bin weder Graf noch Baron; ich habe nichts als meinen Degen, und das ist sehr wenig, um es gegen die Schönheit der Marchesa gegen den Reichthum und Namen ihres Hauses in die Wagschale zu legen.« Dazu hatte der Italiener fein gelächelt, leicht die Achseln gezuckt und ihm geantwortet: »Ein unternehmender Offizier, ein tapferer Mann kann Alles erreichen. Wer weiß, es kommt wohl noch die Zeit, wo man dir gern die Hand der einzigen Tochter des Marchese von C. bewilligt. – Ah!« setzte er hinzu, »dein Geschmack ist nicht schlecht; Emilie ist schön, und wie gesagt, dem Kühnen winkt das Glück.« Jetzt erschien es auch dem jungen Offizier nicht mehr räthselhaft, daß ihn sein Begleiter Abends beständig allein ließ. »Das war es also?« sprach er zu sich selber und biß die Zähne über einander. »Deßhalb mußte ich mich Abends allein herumtreiben, deßhalb wollte il Signor Conte Abends nichts von meiner Gesellschaft? Und während ich mich müßig an dem Ufer der Slavonier herumtrieb oder auf der Piazetta promenirte, oder, Gott weiß zum wie vielsten Male einsam und allein zu den Armeniern hinausfuhr, schleicht er zu ihr! – O, der Gedanke könnte mich rasend machen! – Und Beide lachen vielleicht über mich. Aber nein! nein! Sie scheint zum Lachen nicht sehr aufgelegt. – Aber gleichviel, hintergangen bin ich.« Er wollte nach Hause, er wollte dem Italiener die ganze Geschichte vorhalten. Doch als er durch mehrere der engen Gäßchen seinem Hotel zugeeilt war, als er ein paar Dutzend Brücken überklettert hatte, ward er ruhiger und dachte: »Was kann ich ihm sagen? Sein erstes Wort wird sein: beweise mir, was du sprichst. Und dann stehe ich da, wie ein ertappter Schulbube. Gehen wir ruhig zu Werk; vielleicht spielt uns der Zufall etwas in die Hände, was wir brauchen können.« Damit ging er langsam dem Hôtel de l'Europe zu, und als er ins Haus trat, fragte er den Kellner, ob der Graf C. dagewesen sei. »Ja,« war die Antwort, »der Herr Graf haben diese Karte zurückgelassen und mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, er wolle Sie morgen Früh zu einer kleinen Fahrt nach Mestre abholen.« »Für heute Abend gab er kein Rendezvous?« »Nicht das geringste.« »Wie immer!« dachte Friedrich. Dann ging er einen Augenblick auf sein Zimmer hinauf, sah nach Briefen, und änderte ganz ohne Absicht seine Kleidung. Ohne jedoch genau zu wissen, weßhalb zog er einen dunkeln Sommerpaletot an, nahm statt des hellen Florentiner Strohhutes einen schwarzen und verließ das Hotel wieder. Er hatte schon die Hand nach seinen Reisepistolen ausgestreckt, um eine davon beizustecken, als er den Kopf lachend in die Höhe warf und zu sich selber sprach: »Zum Henker! Sollte ich doch glauben, ich wolle einem Nebenbuhler auflauern.« Damit schlenderte er durch die enge Gasse fort, welche von der Hinterseite des Gasthofes nach dem Markusplatz führt. Es fing an, dunkel zu werden; die zahlreichen Läden waren bereits erleuchtet, ein helles Lichtmeer strömte von dem großen Platze herüber, und jene kleine Straße war hauptsächlich ihrer Enge und der vielen geöffneten Gewölbe wegen grell beschienen. Nur wo es hinausging nach einem Kanal oder einer Brücke, da wurde es dunkler und stiller, und wenn man so zur Zeit der einbrechenden Nacht an den Kanälen vorbeiging, so erschien das dunkle Wasser mit seinem leisen Geplätscher an den Steinmauern der Häuser recht melancholisch, recht trübselig. Mit einem leichten Scheine lag hie und da noch das Licht des scheidenden Tages auf der dunkelnden Fluth, namentlich auf den Wasserstraßen in der Nähe des großen Kanals. Einzelne schwarze Gondeln schossen eilfertig vorüber und ließen an den Ecken den bekannten weithin hörbaren Warnungsruf erschallen, um ein Fahrzeug, das ihnen entgegen kam, zu benachrichtigen und zum Ausweichen zu veranlassen. Es ist erstaunlich, mit welcher Sicherheit die Gondoliere dies zu thun verstehen, und unbegreiflich, daß sie bei dem scharfen Fahren um die Ecken nicht aufeinander stoßen. Dies kommt aber selten, oder fast nie vor. Sowie von drüben der Ruf beantwortet wird, was augenblicklich geschieht, so senkt der Gondolier sein Ruder flach neben das Fahrzeug ins Wasser, und die Gondel beschreibt rauschend einen kleinen Bogen, um den Begegnenden durchzulassen. Die beiden Boote schwanken einen Augenblick, die Gondoliere rufen einander irgend ein vertrauliches Wort zu, vielleicht wird hinter den Scheiben des kleinen schwarzen Gondelhäuschens der Kopf einer Dame sichtbar, im nächsten Augenblick aber sind die beiden Schiffchen schon weit auseinander; dieses fährt rechts, jenes links, und bald ist der Kanal wieder öde und still wie zuvor. Unser junger Offizier wandte, mit seinen Gedanken beschäftigt, dem Markusplatz den Rücken und ging träumend durch enge Straßen, über finstere Brücken hinweg, und hielt sich hie und da eine Zeit lang an den Plätzen auf, wo viele Gondoliere anlegten oder abfuhren. So schlenderte er fort und kam in die Nähe der kleinen berühmten Kapelle dei miraculi, jenem interessanten schönen Bauwerk von weißem Marmor, das von innen und von außen mit den herrlichsten Sculpturen bedeckt ist. Die kleine Kirche liegt abseits von dem Leben der Stadt, und namentlich Abends ist es hier sehr öde und still. Es fiel dem einsamen Spaziergänger auf, daß die Gondeln, welche hier lagen – es mochten drei oder vier sein – sich auf der andern Seite des Kanals befanden, und daß die Gondoliere in denselben irgend etwas zu erwarten schienen. Kaum nämlich ließ sich Jemand am diesseitigen Ufer sehen, so verließ eins der Fahrzeuge das jenseitige und fuhr in die Mitte des Kanals, als erwarte es ein Zeichen. Wenn aber nichts der Art erfolgte, so kehrte die Gondel wieder an ihren Platz zurück. Dies Manöver hatte Friedrich von S. schon einigemale bemerkt und es fieng an ihn zu interessiren. Er hatte sich auf die kleine Marmortreppe gesetzt, welche neben der Kirche zum Kanal führte und saß hier zufällig so verdeckt in dem tiefen Schatten des Bauwerkes, daß ihn weder die Gondelführer drüben, noch eines der Vorübergehenden zu bemerken schien. So saß er vielleicht eine Viertelstunde lang, und war eben im Begriff, eine Cigarre hervorzuziehen und sie anzuzünden, als er einen Mann über den Platz von der Kirche daherkommen sah, dessen Anzug, Haltung und Gang ihm bekannt vorkam. Unwillkürlich zog Friedrich von S. sich in eine Vertiefung der Mauer zurück, denn als der Andere noch einige Schritte gegen ihn gemacht hatte, erkannte er deutlich seinen italienischen Kameraden den Grafen C. Dieser trat dicht an das Ufer des Kanals; eine der Gondeln von drüben machte es wie früher, und als hierauf der Graf zweimal leise hustete, legte sich das Fahrzeug augenblicklich dicht vor die Treppe, auf welcher er nun hinabstieg und dabei so nah an dem deutschen Offizier vorüber kam, daß er ihn mit der Hand hätte erreichen können. Der Gondolier, der wie immer in seinem Boote aufrecht stand, hielt den Schnabel des Fahrzeuges noch eine halbe Elle entfernt und schien auf Etwas zu warten. »Italia!« sagte der Angekommene leise aber deutlich. Und auf dies Wort hin legte sich das Fahrzeug dicht an, der Graf sprang hinein und die Gondel schoß durch den dunklen Kanal dahin. »Ei, ei,« dachte Friedrich von S., »so komme ich zufällig auf die geheimen Gänge meines Freundes, und hätte jetzt die beste Gelegenheit zu erfahren, wie er seine Abende zubringt. – Wenn ich ihm folgte, um zusehen, wohin er sich wendet!« Im ersten Augenblicke verwarf er den Gedanken wieder, denn er hielt es für Unrecht, auf diese Weise die Gänge seines Freundes zu belauschen. Dann aber trat ihm plötzlich das Bild der schönen Marchesa vor Augen; seine Eifersucht gegen den glücklichen Nebenbuhler flammte hoch auf, und nach einigem Ueberlegen hielt er es nicht für so Unrecht, Demjenigen nachzuspüren, der sich seinen Freund nannte, und ihn doch so wenig freundschaftlich behandelte. Rasch war sein Entschluß gefaßt. Er ging leise um die kleine Kirche herum; da war aber nirgends eine Gondel als die, welche auf der andern Seite des Kanals warteten, und die; wie schon gesagt, dort einen bestimmten Zweck zu haben schienen. Er hatte deutlich gehört, welches Wort der Italiener zu dem Gondolier gesagt. Obgleich er das Geheimnißvolle in diesem Unternehmen nicht recht begriff, und in seiner Sorglosigkeit nicht weiter darüber nachdachte, so beschloß er doch, es gerade so zu machen, wie sein Freund, um ihm, wenn das Manöver gelang, am andern Morgen die ganze Geschichte zu erzählen und auf diese Art vielleicht zu erfahren, was er eigentlich zu wissen wünschte. »Vielleicht,« dachte er auch, »thue ich ihm Unrecht, und er ist nicht nach jenem Palaste gefahren, und diese Gondeln gehören irgend einer Verbrüderung junger leichtsinniger Leute, die auf so geheimnißvolle Art zu einem Rendezvous fahren. – Wir wollen sehen!« Dicht an der Kirche hin ging er auf die andere Seite des kleinen Platzes und nachdem er dort eine kurze Weile gewartet, trat er mit festen hörbaren Schritten auf den Platz zurück, dicht an das Ufer des Kanals. Augenblicklich verließ eine der Gondeln die andere Seite und fuhr langsam gegen ihn hin. Er hustete zweimal, und Alles ging vortrefflich. Das Fahrzeug legte sich fest an die Treppe; darauf sagte er leise: Italia, der Gondolier reichte ihm die Hand zum Einsteigen, und nachdem er sich in die schwellenden Kissen geworfen, fuhr die Gondel mit großer Schnelligkeit davon. Jetzt erst, als er auf diese Art in eine unbekannte Strömung gerathen war, die ihn unaufhaltsam mit sich fortriß, dachte er daran, daß er sich vielleicht in eine Geschichte eingelassen, die, wenn auch nicht gefährlich, doch am Ende einen unangenehmen Ausgang haben könne. Doch einigermaßen leichtsinnig, ohne viel Ueberlegung wie er war, dabei aber von großem persönlichem Muth, suchte er sich lachend zu überreden, die Sache sei ein köstlicher Spaß und werde ihm am Ende recht zu lachen geben. Die Gondel machte einen ziemlich langen Weg. Wenn er auch zu den Fenstern hinausspähte, um zu erfahren, wohin er eigentlich geführt werde, so kannte er doch Venedig zu wenig, um sich in den kleinen Kanälen, in die man bald rechts bald links einbog, wiederfinden zu können. »Was thun,« sprach er nach einiger Zeit zu sich selber, »wenn nun die Gondel hält? Nun, das Beste ist, wenn ich zu dem Palast des Marchese geführt werde, dort auszusteigen und mir den Anschein eines harmlosen Besuchers zu geben. Es ist dazu noch früh genug; komme ich aber irgendwo anders hin, so werde ich da wohl Jemand finden, der mich zurechtweist.« Jetzt hielt die Gondel. Friedrich von S. stand von seinem Sitze auf, der Gondolier reichte ihm die Hand, er ging eine Treppe hinauf, das Fahrzeug kehrte augenblicklich um und der junge Offizier stand vor einer kleinen, erleuchteten Pforte, hinter der eine Treppe aufwärts führte. Doch so aufmerksam er sich auch rings umschaute und die hohen Mauern betrachtete und den Kanal hinter sich, auf welchem er gekommen, so fand er doch bald, daß er hier in seinem ganzen Leben nicht gewesen, und daß er keine Ahnung davon habe, wo er sich eigentlich befinde. Der Platz vor der Pforte, wo er war, führte auf keine Straße; auch sah er weder eine Brücke noch eine Gondel und somit war ihm der Rückzug abgeschnitten. Jetzt begann ihm doch sein Abenteuer seltsam vorzukommen, und er wußte nicht was er machen sollte. Wohin führte jene Treppe? – Wen fand er da oben? – »Auf alle Fälle ist Graf C. oben,« sagte er zu sich selber, »und wenn sich da junge Leute zu irgend einer Tollheit versammeln, so ist er genöthigt, dich, da du einmal da bist, vorzustellen. Also vorwärts!« Er schritt langsam die Treppe hinauf, war aber noch nicht weit gekommen, als er vernahm, wie unten im Kanal abermals eine Gondel anlegte und dann Schritte auf dem Steinpflaster erklangen, und jetzt hinter ihm Jemand die Treppe herauf stieg. Dieß war ein großer stattlicher Herr mit schwarzem Barte, den er sich nicht erinnerte, schon irgendwo gesehen zu haben. Offenbar aber war es ein Italiener, denn er bot ihm in venetianischer Mundart einen guten Abend, wobei er ihn forschend ansah. Friedrich von S. war in Verlegenheit, was er ihm antworten solle, und doch schien der strenge Blick des Fremden irgend etwas der Art zu verlangen und sich nicht mit der gewöhnlichen Antwort auf einen guten Abend begnügen zu wollen. Glücklicher Weise dachte der junge Deutsche an jenes Wort, das er vorhin dem Gondolier gesagt, und versuchte dasselbe auch hier wieder, indem er fest und bestimmt entgegnete: »Italia;« denn er hatte nicht Lust, sich mit dem unbekannten Manne in irgend andere Explikationen einzulassen. Dieser schien auch zufrieden gestellt, denn er nickte mit dem Kopfe, antwortete aber zur höchsten Ueberraschung des jungen Offiziers: »Si Signor, Italia liberata« Dieß Wort schlug wie ein Blitz in das Herz des Deutschen, und er begann zu ahnen, daß er im Begriff sei, in ein fürchterliches Geheimniß einzudringen, daß er vor einem Schleier stehe, den zu lüften für ihn in mancher Hinsicht von unberechenbaren Folgen sein könnte. Trotzdem aber jedes weitere Vorschreiten für ihn persönlich von großer Gefahr begleitet sein konnte, so wäre er doch jetzt um nichts in der Welt zurückgewichen, ja er schätzte sich glücklich, sich, wenn auch anfänglich unbesonnen, in dieses Unternehmen eingelassen zu haben. Der eben angekommene Fremde ließ ihm übrigens nicht viel Zeit zum Ueberlegen. Er faßte ihn unter dem Arm und Beide stiegen die Treppen hinan. Oben kamen sie auf einen Vorplatz mit mehreren Thüren. Der Italiener mit dem schwarzen Bart schien hier zu Haus zu sein, denn er schritt auf eine derselben zu und öffnete sie. Sie befanden sich in einem Vorzimmer, wo mehrere Leute von ziemlich zweifelhaftem Aussehen Bediente vorzustellen schienen, welche den Beiden Hut und Stock abnahmen. An den Wänden saßen Andere, Lastträger und Gondoliere, theils mit rothen Fischermützen auf dem Kopfe, theils mit braunen, breitkrämpigen sogenannten Ernani-Hüten. Aus einem Nebenzimmer, dem sich nun der Fremde näherte, hörte man das Gemurmel vieler Stimmen. »Ich bitte um ihren Namen,« sagte der Italiener zu dem deutschen Offizier, als sie vor jener Thüre angekommen waren. Friedrich von S. zauderte und trat einen Schritt zurück. »Wenn Sie Ihren Namen nicht nennen wollen,« fuhr der Italiener fort, »so bitte ich um den des Mitgliedes, welches Sie eingeführt, welches – für Sie hier garantirt,« setzte er lächelnd hinzu. Nach einigem Ueberlegen antwortete Herr von S.: »Ich glaube hier Niemand zu kennen, als den Grafen von C., der sich wahrscheinlich hier befindet. Ich möchte mich an ihn wenden und ihm ein paar Worte sagen, ehe ich in die Versammlung eintrete.« »Graf C. ist ein Name von gutem Klang unter uns,« sagte der Mann mit dem schwarzen Bart. Und dieß Wort über den Kameraden, welches Friedrich von S. hörte, schnitt ihm schmerzlich in die Seele, machte ihn erstarren. »Nein, nein!« sprach er zu sich selber, »ich muß mich irren; hier kann nichts geschehen, was gegen Recht und Pflicht ginge. Ich habe ihn immer als einen ehrlichen Mann gekannt. – Wohlan! treten wir näher.« Die Flügelthüren wurden geöffnet und Friedrich stand auf der Schwelle eines großen Saales, dessen Fenster mit dunklen Sammtvorhängen dicht verhängt waren, und sah eine Versammlung vor sich von vielleicht fünfzig bis sechszig Männern, alle sehr anständig gekleidet, die theils zu zwei und drei auf und abspazierten, theils in Gruppen beisammen standen oder im eifrigen Gespräch begriffen an einem langen Tische saßen. Wohl schlug dem jungen Offizier das Herz stärker als er sah, wie sich mehrere der ihm gänzlich fremden Herren bei seinem Eintreten nach ihm umwandten und ihn aufmerksam betrachteten. »Graf von C.!« rief der Italiener, der mit ihm gekommen, und es war ein Zufall, daß der Gerufene sich gerade in der Nähe der Thüre befand. Er wandte sich hastig um und trat aus einer Gruppe Sprechender hervor. Es ist unmöglich, seine Ueberraschung, seinen Schreck zu beschreiben, mit dem er nun so plötzlich dem Kameraden und Freunde gegenüber stand. Er holte tief Athem und brachte nur mühsam »Ah!« hervor. Der Venetianer, der mit dem deutschen Offizier gekommen, sah erstaunt in die plötzlich erbleichenden Gesichtszüge des Grafen von C. Er ahnte, daß sich hier Unangenehmes entwickeln würde und blieb in der Nähe. Auch mehrere der Herren, mit denen Graf C. so eben gesprochen, wandten sich um und machten einen Schritt gegen die Thüre. Graf von C. hatte sich im nächsten Augenblicke wieder so viel gefaßt, um seinen Freund anscheinend mit ruhiger, aber doch mit vor Zorn zitternder Stimme fragen zu können: »Was treibt dich denn hieher? Warum drängst du dich in die Versammlung?« »Von einer solchen Versammlung hatte ich durchaus keine Ahnung,« entgegnete Friedrich von S. »Aber ich bin nicht im Stande, hier deine Fragen zu beantworten. Du bist überrascht und erschreckt, ich bin es nicht minder. Laß uns kein Aufsehen machen; ich will mich zurückziehen.« »Wenn das möglich ist!« versetzte Graf von C. finster und warf einen forschenden Blick umher. »Unglückseliger! was soll dieß Spioniren?« Der Deutsche trat einen Schritt zurück und entgegnete mit leiser, aber sehr fester Stimme: »Für dieß Wort und manches andere will ich mir morgen eine Erklärung ausbitten. Jetzt aber möchte ich mich entfernen, denn es scheint mir keine große Ehre darin zu liegen, länger in dieser Versammlung zu bleiben.« Damit wollte er zur Thüre hinausgehen; doch trat ihm der Venetianer, mit dem er die Treppen hinaufgegangen war, in den Weg. »Halt!« sagte dieser. »So entschlüpft man nicht. So geduldig lassen wir keinen Verrath geschehen.« Im Saale war unterdessen allgemeine Bewegung entstanden. Die Leute um den Tisch waren aufgestanden, die Gruppen hatten sich gelöst und bildeten eine allgemeine. Todtenstille herrschte plötzlich in dem Saal; alle Gesichter wandten sich der Thüre zu. Friedlich von S., der umherblickte, erkannte den Marchese von C., der sich vordrängte, sowie mehrere andere Herren, die er schon hie und da in Gesellschaft gesehen. Der Marchese, der über diese Versammlung eine Art Obergewalt oder Präsidentschaft zu führen schien, war derjenige, welcher in dieser allgemeinen Bestürzung, die leicht zu einem unangenehmen Tumulte hätte führen können, am Ersten sich wieder faßte; und er that dieß mit vieler Geistesgegenwart, indem er sich laut lachend vordrängte, dem jungen Offizier die Hand reichte, während er den Umstehenden mit sehr lauter Stimme zurief: »Thun Sie doch gerade, meine Herren, als sei ein Fremder, ein Bekannter von uns, wie der Herr von S., etwas ungern Gesehenes, etwas das uns überraschen müßte! – Herr von S. ist mir sehr willkommen. Behalten Sie Ihre Plätze, meine Herren, ich bitte! – Sie sehen hier,« wandte er sich wieder, aber mit einer sehr erzwungenen Heiterkeit, an den fremden Offizier, »eine Gesellschaft von Männern, die sich einer zwanglosen Unterhaltung hingeben. – Auch wird später gespielt,« setzte er leise hinzu. »Erlauben Sie, daß ich Sie mit einigen dieser Herren bekannt mache. Ich setze nämlich voraus, daß Sie uns für ein paar Stunden Ihre angenehme Gesellschaft schenken werden.« Herr von S. wußte im ersten Augenblicke nicht, was er hierauf antworten sollte. Nachdem der Marchese also gesprochen, nahm die Physiognomie der Gesellschaft plötzlich einen anderen Charakter an. Man zog sich von der Thüre zurück, und gruppirte sich wieder, man setzte sich um den Tisch. Doch hätte ein aufmerksamer Beobachter wohl sehen können, daß wenn auch alle die Herren ihr Gespräch von vorhin wieder aufzunehmen schienen, doch die meisten derselben allem, was an der Thüre vorging, ein aufmerksames Ohr liehen, und daß mancher Blick sich verstohlen dorthin richtete. Graf C., der sich vorhin zu einem unbedachtsamen Worte hatte hinreißen lassen, näherte sich jetzt ebenfalls lächelnd seinem Freund und bot ihm die Hand dar. Friedrich von S. aber verbeugte sich förmlich und sagte darauf zum Marchese: »Verzeihen Sie, daß ich mich zufällig in eine Gesellschaft drängte, zu der ich keine Einladung erhalten. Ich fühle das Voreilige meines Betragens und bestrafe mich selbst, indem ich mich augenblicklich aus dieser sehr ehrenwerthen Gesellschaft zurückziehe.« Das Lächeln auf dem Gesichte des Marchese verwandelte sich in ein unangenehmes Grinsen. Graf C. biß die Zähne aufeinander, und seine Hände öffneten und schlossen sich krampfhaft. Der Venetianer mit dem schwarzen Bart hielt sich dicht an der Thür. »Ich bitte also nochmals um Entschuldigung, Herr Marchese,« sprach der junge Offizier, »daß ich Ihre Unterhaltung durch meinen Eintritt gestört. Sie werden mir erlauben, daß ich mich zurückziehe.« Der Marchese machte eine tiefe Verbeugung und öffnete die Thüre. Graf C. wollte seinem Freunde folgen, doch warf ihm dieser einen solch bezeichnenden Blick zu, daß er unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Friedlich von S. zog sich in das Vorzimmer zurück. Der Venetianer, der mit ihm gekommen, folgte. »Sie werden in dieser Stunde,« sagte er, »drunten keine Gondel finden. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die meinige anbiete, die an der Haupttreppe des Palastes hält.« Ein Wink seines Auges rief zwei der Gondoliere herbei, die in diesem Vorzimmer saßen, und denen er einige Worte zuflüsterte. Als er so mit ihnen sprach, verschwand das Lächeln auf seinen Zügen und Haß und Wuth blitzte aus seinen Augen. »Un tradditore!« wiederholte er mehrmals mit sehr leiser, aber eindringlicher Stimme; und der eine der beiden Männer, die er aufgerufen, winkte zustimmend mit dem Kopfe. Friedrich von S. hatte das Vorzimmer verlassen und war dort über einen Corridor gegangen, von dem er glaubte, er müsse zu jener Treppe führen, auf welcher er heraufgekommen. Am Ende dieses Ganges öffnete er eine Thüre, sah aber gleich, daß er fehlgegangen sei und sich in einem anderen Theile des Palastes befand. Er war auf einem großen Vestibül in einer ziemlich hohen, von Säulen getragenen Halle, durch einige Lampen erhellt, mit Orangen und Blumen besetzt, an deren anderem Ende sich eine große Treppe befand, die abwärts in den unteren Stock des Hauses, wahrscheinlich auf einen der Kanäle, führte. Schon wollte er umwenden, als jene Thüre, durch welche er eben gekommen, hastig geöffnet wurde, und eine ältliche Frau heraustrat, die ihn stillschweigend am Arm faßte und so schnell als möglich mit sich fortzog. Dann öffnete sie eine andere Thüre, schob den überraschten jungen Mann dort hinein, und schloß, ohne ein Wort zu sagen, hinter ihm zu. Dabei hatte sie ihm zugeflüstert: »Folgen Sie mir, oder Sie sind verloren!« Kaum war er auf diese Art aus dem Vestibül entführt worden, als er draußen auf dem Marmorboden feste Schritte vernahm. Dann hörte er, wie eine tiefe Stimme fragte: »Ist soeben Jemand die Treppen hinabgegangen?« worauf die Stimme der Frau, die ihn hieher geführt, erwiderte: »Ich meine, es sei ein junger Mann da hinabgestiegen. Ihr waret ja dicht hinter ihm und müßt ihn wohl selbst gesehen haben.« – Ein leiser, eigenthümlicher Pfiff erscholl, unten plätscherten mehrere Ruder im Wasser, und die Männer, die eben gesprochen, eilten die Treppe hinab. Friedrich von S. befand sich in einem hohen, sehr mäßig erleuchteten Gemache und blickte erstaunt um sich. Alles, was ihm heute Abend begegnet, schien ihm wie ein Traum zu sein. Was war der Zweck jener Versammlung? – Es war offenbar kein guter. – Was hatte man mit ihm vor? Wer hatte ihn so offenbar beschützt? – Denn daß man ihn gegen eine ihm drohende Gefahr in Schutz genommen, fühlte er vollkommen. Sein feines Ohr hatte wohl das Wort: tradditore vernommen, und er war schon so viel mit den Verhältnissen des Landes bekannt, daß er begriff, was auf dieß Wort folgen konnte. Unbeschreiblich schmerzte es ihn, seinen Freund, den Grafen C., in dieser Versammlung gefunden zu haben. Das hätte er nicht gedacht, und manche Bemerkungen seiner hiesigen Kameraden fingen ihm auf einmal an verständlich zu werden. Doch hatte er nicht lange Zeit zu diesen Betrachtungen, denn am anderen Ende des Gemachs, in dem er sich befand, erschien dieselbe Frau wieder, die ihn hieher geführt und winkte ihm, näher zu treten. Er folgte ihr durch mehrere Zimmer; endlich öffnete sie die Thüre eines Kabinets und gab ihm ein Zeichen einzutreten. Es entfuhr ihm ein Ausruf der Freude, denn er stand vor der Marchesa von C. Sie war ernst wie gewöhnlich; doch blickte sie ihn aus ihren dunkeln Augen theilnehmend, ja freundlich an. Sie stand neben einem kleinen Fauteuil, von dem sie sich eben erhoben, und stützte ihre weiße Hand auf den dunkeln Sammt. »Sie hier, Signora?« rief der junge Mann überrascht. »Wodurch wird mir das Glück, Sie in diesem Palaste zu sehen?« »Ich möchte mir eigentlich erlauben zu fragen, was Sie in diesen Palast geführt?« entgegnete die Dame lächelnd. »Das ist eine eigenthümliche Geschichte; aber wenn ich mich auch voreilig in eine Gesellschaft drängte, die mir, Gott sei Dank! gänzlich fremd ist, so ist es doch nicht meine Schuld, daß ich mich hier vor Ihnen befinde.« »Das weiß ich; meine Kammerfrau führte Sie hieher.« »Soll ich Ihnen dafür danken, Donna Emilia?« »Ich glaube, Sie hätten alle Ursache dazu,« versetzte die Marchesa. »Doch ich will Ihnen diese Räthsel lösen. Aber beantworten Sie mir vorher aufrichtig einige Fragen. – Sie kamen zu gleicher Zeit mit dem Grafen C. nach Italien?« »So ist es.« »Hatten Sie andere Zwecke, als Venedig kennen zu lernen?« »Gewiß nicht.« »Oder theilte er Ihnen – – die Geschäfte mit, welche ihn hieher riefen?« »Nicht das Geringste.« »Er sprach mit Ihnen nie über die politischen Verhältnisse dieses Landes?« »Das kann ich nicht läugnen, er sprach zuweilen darüber. Doch wichen in manchen Punkten unsere Ansichten so von einander ab, daß ich ihn bat, dergleichen Gespräche künftig zu unterlassen.« Die junge Dame athmete tief auf und ihre Züge erheiterten sich augenscheinlich. Lebhafter fuhr sie fort: »Und Graf C. sprach Ihnen nie von diesen Versammlungen, forderte Sie nie auf, daran Theil zu nehmen?« »Niemals, Signora. Es war der sonderbarste Zufall, der mich hieher geführt.« Darauf erzählte Friedrich von S. mit wenigen Worten sein ganzes Abenteuer von heute Abend, ja, konnte es nicht unterlassen, die Marchesa merken zu lassen, daß nur die Furcht, in dem Grafen von C. den Nebenbuhler entdecken zu können, ihn bewogen, demselben zu folgen. Sie ging einen Augenblick nach dem Fenster, hob den Vorhang in die Höhe und blickte in die Nacht hinaus. Dann wandte sie sich wieder rasch um. »Was Sie mir vorhin sagten,« sprach sie lebhaft, »ist gewiß so?« »Ist gewiß so!« »Sie können mir frei in's Auge sehen, Sie können mir die Hand reichen?« »Und mein Ehrenwort darauf geben als Mann und Offizier,« erwiederte er entzückt und drückte ihre Hand an seine Lippen. Sie entzog sie ihm nicht so gleich wieder. »Theresa, meine Kammerfrau,« fuhr die Marchesa fort, »befand sich zufällig im andern Theile des Palastes. Sie vernahm einige Worte, die sie zittern machten für Sie. Sie wurde Ihre Beschützerin, da sie wohl wußte, es wäre mir unangenehm, wenn Ihnen ein Leides geschähe.« Das sagte sie mit ganz leiser Stimme. »O Signora, wie danke ich Ihnen für dieses Wort!« rief Friedrich mit bewegter Stimme. »Wie preise ich die Gefahr, den Zufall, der mich verderben wollte und doch so glücklich gemacht!« »Reden Sie nicht von Glück!« sagte ernst die Marchesa und zog sanft ihre Hand zurück. »Ich habe Ihnen gesagt, was ich vielleicht nicht sagen sollte; lassen Sie es genug sein. Blicken Sie ernst und sorgenvoll in die Zukunft, aber nicht hoffend. Glauben Sie mir: es ziehen schwere Wolken über unser Haupt, furchtbare Wetter, und ehe der Himmel wieder klar und rein wird, ist manches Lebensglück zertrümmert, wird manche Blüthe zerschlagen sein, ohne Früchte gebracht zu haben. – O warum mußten wir uns hier in dieser Zeit finden!« setzte sie schmerzlich hinzu, »für eine Sekunde finden, nur für einen kleinen, kleinen Augenblick!« »Und warum nicht länger?« rief der junge Offizier stürmisch. »O Signora Emilia! glauben Sie, ich sei im Stande, so ruhig stehen zu bleiben, da Ihre Worte mir eine so glückliche Zukunft öffnen?« Damit faßte er abermals ihre Hand, und sein blitzendes Auge überflog glühend die Gestalt des schönen Mädchens. »Meine Worte,« antwortete sie ernst, fast traurig, »haben Ihnen gar keine Zukunft eröffnet. Es ist Alles dahin, Alles verloren. Hören Sie meine Worte und befolgen Sie dieselben genau. Sie müssen Venedig morgen verlassen!« »Ah!« rief der junge Mann und trat einen Schritt zurück. »Und das befehlen Sie mir?« »Ich wünsche es,« sagte sie schmerzlich lächelnd. »Ich bitte Sie darum.« »Und Sie sollte ich nicht mehr sehen dürfen?« Sie schüttelte den Kopf und wiederholte seine Worte: »Nicht mehr sehen dürfen.« »Ich kann nicht von hier!« sagte er heftig. »So schnell kann ich Venedig nicht verlassen, wollte ich auch Ihrem Befehl Folge leisten. Meine Liebe hält mich zurück und meine Ehre.« Eine dunkle Röthe überflog bei diesen Worten das schöne Antlitz der Marchesa. »Ihre Ehre?« sagte sie daraus mit fester Stimme. »Gerade Ihre Ehre zwingt Sie, von hier abzureisen. Sie standen hier in Verbindungen, die – nehmen Sie mir es nicht übel – ein falsches Licht auf Sie warfen.« »Ich weiß es und muß es der Welt und meinen Kameraden beweisen, daß ich vielleicht – unbesonnen gehandelt. Graf C. hat mich heute Abend aufs Tiefste beleidigt: er muß mir dafür Rede stehen.« »Er wird sich entschuldigen,« sagte die Marchesa achselzuckend. »Er hat Wichtigeres zu thun, als eines Wortes wegen in diesem Moment sein Leben zu wagen.« »So muß ich wenigstens den Versuch machen.« »Und verlassen dann Venedig, so schnell Sie können,« antwortete die Marchesa. – »Leben Sie wohl!« »Und ich soll Sie nicht wieder sehen?« rief der junge Mann. »Niemals, Emilie?« »Gott weiß es!« entgegnete das schöne Mädchen, und ein leichter Schauder flog über ihren Körper. »O verabschieden Sie mich nicht so kalt! O sagen Sie mir nur ein einziges Wort, das ich mir tausendmal wiederholen kann, wenn ich fern von Ihnen bin, ein Wort des Trostes, ein Zauberwort, das mir in den Stürmen, die, wie Sie sagen, kommen werden, eine freundliche Zukunft vormalt, glückliche Tage; ein Stern, zu dem ich aufblicken kann in finsterer Nacht!« Das Mädchen verdeckte ihr Gesicht eine kleine Weile mit der Hand, dann faßte sie seine Rechte, umspannte sie mit ihren beiden kleinen Händen, und er fühlte einen leichten Druck, der ihn glückselig machte. Dann aber richtete sie sich stolz empor, hob das dunkle, glänzende Auge gen Himmel und sagte mit fester Stimme: »Wohlan denn, ich will Ihnen dies Wort nennen. Bewahren Sie es wohl, es ist ein Talisman, der einzige, der Ihnen Glück bringen kann: – Treue gegen Ihren Kaiser, gegen Ihr Vaterland, und Treue gegen die Dame, die Sie lieben.« – Damit winkte sie ihm zum Abschiede, wandte sich um und eilte in's Nebenzimmer. An der anderen Thüre erschien jetzt die Kammerfrau wieder und ersuchte den jungen Mann, ihr zu folgen. Sie führte ihn über das Vestibul durch einen kleinen finsteren Gang, stieg alsdann mit ihm eine Treppe hinab und öffnete dort eine Thüre, die auf den Kanal führte. Hier war eine Gondel, die augenblicklich dicht anlegte. Friedrich stieg hinein, dankte seiner Begleiterin, die sich stumm entfernte, und war eine Viertelstunde später in seinem Gasthofe. Am andern Morgen stand er sehr früh auf und wollte den Grafen C. aufsuchen, als ihm dieser gemeldet wurde. Die Unterredung der beiden jungen Leute war kurz, aber peinlich. Der Italiener versuchte umsonst, seinen Worten von gestern Abend eine andere Deutung zu geben. Friedrich von S. bestand auf einer eclatanten Genugthuung, umsomehr, wie er sagte, als er den Kameraden gestern in einer Position überrascht, die, gelinde gesagt, zweifelhaft war. Ein hämisches Lächeln fuhr bei diesen Worten über die Züge des Italieners. »Wenn unsere Kameradschaft,« sagte er kalt, »nicht schon durch den gestrigen an sich unbedeutenden Vorfall gelöst wäre, so würde sie es dadurch sein, daß ich meinen Abschied erbeten und erhalten habe. Ich bin nicht mehr in kaiserlichen Diensten; ich bleibe hier in Venedig.« Friedrich verbeugte sich stumm und erwiderte, so falle es ihm um so leichter, seine Pflicht zu thun und seine vorgesetzte Behörde von dem in Kenntniß zu sehen, was er gestern Abend erfahren. Der Italiener lachte. »Es ist das freilich nicht viel.« fuhr Friedrich fort, »aber vielleicht ein Fingerzeig, der nicht ohne Nutzen ist. – Im Uebrigen stehe ich im Laufe des Tages zu Befehl.« Graf C. schied mit einer stummen Verbeugung, indem er versprach, einen Secundanten zu schicken. Dieser erschien auch eine Stunde später, und die Insel Murano wurde als Ort des Duells ausgemacht. Der junge Deutsche machte einem Vorgesetzten die Mittheilung von dem gestrigen Vorfalle; doch befremdete es ihn, daß diese Nachricht ziemlich kühl aufgenommen wurde. Dann ging er auf das Offizierskaffeehaus, um einen Bekannten zu finden, der ihm heute Nachmittag freundlich beistehen würde. Auffallend wichen die Kameraden zur Seite, und er war endlich genöthigt, sich an einen ihm fast gänzlich fremden Offizier zu wenden, der ihn achselzuckend anhörte. Doch als Friedlich von S. den Namen des Grafen von C. als den seines Gegners nannte, wurde Jener freundlicher und sagte: »Ah! das ist etwas Anderes; ich stehe mit Vergnügen zu Diensten.« Das Rencontre fand auch zur bestimmten Zeit statt; es wurden vier Kugeln gewechselt, und der Italiener erhielt von dem Deutschen einen Schuß in den linken Arm. Darauf trennte man sich ohne eine eigentliche Versöhnung. Der Secundant des Herrn v. S., dem er Einiges über den gestrigen Vorfall mitgetheilt, schüttelte ihm beim Abschiede freundlich die Hand und sagte: »Verlassen Sie sich auf mich; ich will den Kameraden diese Geschichte mittheilen. Nehmen Sie mir nicht übel, man hat oft die Achseln über Sie gezuckt und nicht ganz mit Unrecht. Der Schein war gegen Sie. Aber es ist das hier ein sonderbares Terrain und Sie haben es nicht gekannt. Sollten Sie etwas in Venedig wünschen, so wenden Sie sich an mich, wenn ich noch da bin! Tschau! auf Wiedersehen! Adieu!« Die beiden Gondeln flogen auseinander, die eine nach Venedig zurück, Friedrich von S. mit einem deutschen Bedienten, den er angenommen, und seinem Gepäck nach Mestre, wo er seinen Wagen hatte. Er lehnte nachdenkend an dem kleinen Gondelhäuschen und dachte lebhaft an jenen Morgen vor einigen Wochen, wo er mit dem Freunde so lustig und heiter der Inselstadt entgegen gefahren war. Was hatte er in dieser kurzen Zeit nicht Alles erfahren, erlebt? – Einen Freund verloren und dagegen sie gefunden, jenes herrliche Mädchen, welche er nie im Stande war zu vergessen, und nach deren Besitz zu ringen die Aufgabe seines Lebens sein sollte. Jetzt fuhr er abermals bei Malghera vorüber; er grüßte die Schildwache, die wie an jenem Morgen wieder oben stand; er warf noch einen sehnsüchtigen Blick rückwärts nach Venedig, dessen Häuser und Paläste er noch deutlich sehen konnte, die ganze prächtige Stadt weit gestreckt, wie sie dalag in den sonnbeglänzten Fluthen. Dann schoß die Gondel in den breiten Kanal; noch eine Viertelstunde und er landete in Mestre. Hier war irgend ein Fest, ein Jahrmarkt oder dergleichen. Unzählige Gondeln, flache Boote und buntbemalte Marktschiffe schaukelten sich auf dem Kanale. Die Straßen waren voll Menschen, schöne, schwarzäugige Mädchen in ihrer malerischen Tracht, die niederen Standes mit unbedecktem Kopfe, einen goldenen Pfeil zierlich in dem dichten schwarzen Haar tragend, die der höheren Stände mit schwarzen oder weißen Schleiern um das Haupt. Alles aber schien heiter und lustiger Dinge. Die Burschen aus der Umgegend, ein kräftiger, schöner Menschenschlag, mit ihren Sammtjacken und spitzen Hüten, um welche farbige Bänder gewickelt waren, stolzierten umher in einem seligen Nichtsthun, die Hände zwischen die Leibbinde gesteckt, die Pfeife im Munde. Auf dem Marktplatz schallte lustige Musik; vor einem großen Café saßen bunte Reihen Einwohner aus Mestre, Landleute aus der Umgegend, auch Venetianer, Händler, Kaufleute, und dazwischen in Gruppen zahlreiche Gondoliere, die rothe Mütze auf dem Kopf, die Cigarre im Munde, und schenkten einander fleißig ein aus der strohumwickelten Flasche. Friedrich von S. ließ seinen Wagen mit Postpferden bespannen und in kurzer Zeit rollte er durch das kleine Städtchen. Lustig blies der Postillon, die Räder rasselten auf dem Pflaster, Kinder jubelten und schrien hinten drein, auf dem Marktplatze machte die dichtgedrängte Menge Platz, um die Calesche durchzulassen, welche der italienische Postknecht, wie es diese Leute in den Straßen einer Stadt immer zu machen pflegen, im vollen Galopp dahin führte. Bald ließen sie Mestre hinter sich liegen und fuhren auf der breiten, schönen Straße nach Treviso, bei zahllosen Villen vorbei, die rechts und links etwas abseits von der Straße liegen, und deren weiße Gebäude aus dem dunklen Laub der Cypressen und Orangen so freundlich hervorblickten. Links brauste die Eisenbahn nach Vicenza durch das flache, gesegnete Land, das sich hier ein wahrer Garten bedeckt mit Obst und Frucht, ausbreitet. Rechts warf unser Reisender noch einen letzten Blick auf die stillen Lagunen und sein Auge haftete auf Venedig, das dalag im Glanz der untergehenden Sonne, ein prächtiges Bild, dem jungen Manne wie ein glänzender Traum, aus dem er seufzend erwacht. II. Wer im Frühjahr 1849 zufällig nach Mestre gekommen wäre, ohne zu wissen, welch' großartiges Trauerspiel hier am Rande der Lagunen gerade in seinem letzten Act aufgeführt werde, hätte in der That nicht gewußt, was er von der so gänzlich veränderten Gestalt des kleinen Städtchens zu halten habe. Ja, wer auch mit den gewaltigen Ereignissen bekannt war, die sich hier in Italien begaben, wer denselben aufmerksam gefolgt war und kam nun plötzlich hieher, der mußte schmerzlich erstaunt um sich schauen, wenn er bemerkte, wie sich Alles in und um das Städtchen verändert. Die breite neue Straße, die von Treviso hieher führte, war freilich noch dieselbe, und wenn man mit dem Eilwagen nach Mestre abreiste, so schien eine Zeit lang Alles beim Alten zu sein. Die Felder blühten in üppiger Pracht; die Maulbeerbäume hatten ihre Blätterkronen aufgesetzt; die Rebe schlang sich darüber hin mit ihrem hellen Grün; auch bemerkte man wohl hie und da eine Viehheerde oder auch einen Bauern, der auf seinem Ochsenkarren auf das Feld fuhr. Wenn man aber über die Hälfte des Weges hinaus war, so hörte man auf einmal den dumpfen Knall eines schweren Geschützes, jetzt wieder einen, dann mehrere hintereinander, und der kundige Postconducteur, der seine Nase zum Wagenfenster hinausstreckte, machte einen ängstlichen Fremden, der mit ihm fuhr, zuweilen auf eine feste Rauchmasse hoch in der Luft, in Form einer großen Kugel, aufmerksam, welche lange zusammenhielt und die der Wind erst nach und nach verwehte. »Das war eine schwere Bombe,« sagt der Conducteur, »die zu frühe in der Luft zerplatzte.« »Und die herabfallenden Stücke können uns nicht treffen?« fragt der ängstliche Reisende. »Jetzt sind wir noch zu weit,« entgegnet beruhigend der Andere; »aber wenn wir näher kommen, werden wir sie artig sausen hören.« »Gott steh' uns in Gnaden bei! –« Der Postwagen fuhr nun weiter, was die Pferde laufen konnten. Endlich sahen die Reisenden rechts und links die zahlreichen Landhäuser liegen, in welchen der venetianische Adel sonst die warme Jahreszeit zuzubringen pflegte. Jetzt aber war's in den von Mestre entfernteren öde und leer. Da hielt auf dem breiten Sandwege keine Equipage, da sah man zwischen dem dunkeln Laub der Orangen und Granaten kein hellfarbig Seidenkleid durchschimmern; die Gitterthore waren verschlossen, die Fensterladen ebenfalls; Alles war unheimlich öde und sonderbar still. Aber wenn man näher und näher nach Mestre kam, wenn die schweren Schüsse, die man in rascher Reihenfolge hörte, nicht mehr dumpf knallten, sondern heftig krachten, wenn die platzenden Bomben, wie es der Conducteur vorhin versprochen, artig über den Wagen dahin sausten, wenn man die Stadt endlich vor sich sah, dann wurden auch die Landhäuser rechts und links auf eine seltsame Weise belebter. Die Gitterthore waren geöffnet; neben der Schildwache, die ruhig auf und ab spazierte, saßen Soldaten im blauen Mantel und der Holzmütze und verrichteten allerlei häusliche Beschäftigungen; auf den breiten Sandwegen gingen ebenfalls Soldaten, an den Fenstern lehnten nicht minder welche, und wenn man etwas durch die Orangen- und Granatbüsche flattern sah, so war dies vielleicht weiß angestrichenes Lederzeug oder militärische Wäsche, die hier zum Trocknen aufgehängt war. Die durch den schweren Belagerungsdienst sehr geplagten österreichischen Soldaten hatten sich bei ihren venetianischen Freunden so gemüthlich als möglich eingerichtet, und die zierlichen Gärten, die gewölbten Zimmer waren ihnen nach des Tages Last und Hitze wohl zu gönnen. Auch die breite Landstraße fing hier an recht belebt zu werden. Ans den Feldern zu beiden Seiten bog Infanterie in Zügen und Compagnieen, aber nur mit der Mütze und ohne Waffen, auf die Straße ein. Sie kamen von den Belagerungsarbeiten, hatten Faschinen und Schanzkörbe angefertigt, überhaupt Material zum Batterieenbau, das nun von den Offizieren, die dorthin sprengten im dunkeln Waffenrock, grüne Federn auf dem Hute, in Augenschein genommen und verzeichnet wurde. Generalstabsoffiziere und Ordonnanzen ritten hin und her, und aus einem rechts am Wege stehenden Landhause der Villa Papadopoli kam eine Schaar Reiter hervorgesprengt, darunter ein paar Generale, denen Adjutanten folgten; und voraus ritt ein langer hagerer Mann mit ernstem Gesichte, hellen klugen Augen, dessen grauer Bart im Winde flatterte. »Haynau!« sagte der Conducteur, und die Passagiere im Wagen verrenkten fast die Hälse, um den berühmten General zu sehen. – Wie aber hatte sich jetzt die Stadt verändert! Von den Einwohnern keine Spur! Wohin man blickte – Soldaten und wieder Soldaten. Hier saßen sie reihenweise unter großen Bäumen, die erst von der Arbeit Gekommenen, und ruhten, ihre Pfeife rauchend, aus. Dort im Hofe putzten Andere ihre Säbel und Gewehre, die von der langen Unthätigkeit ein bischen rostig geworden waren; denn hier braucht der Soldat nur Spaten und Schaufel. An einem Wasserbecken, wo vordem eine Schaar Verkäuferinnen ihre Gemüse frisch gehalten und geputzt, wuschen jetzt Artilleristen ihre Geschirrsachen, Wischer und Ansetzkolben. Aber dabei war hier Alles lustig und guter Dinge; Jeder amüsirte sich auf seine Art. Hier unter einem Haufen Grenzer sang Einer ein melancholisches Lied aus der Heimath, und da blitzten die schwarzen Augen und die dunklen Gesichter grinsten vor Wehmuth und verzeihlichem Heimweh. Ein Böhme hatte – Gott weiß wo? eine Violine erobert und spielte lustige Weisen, zu welchen Ungarn mit lustigem Hussa! umhersprangen. Und wie war nun der Marktplatz um diese Zeit lustig und belebt! Hier hatten die Offiziere, die gerade nicht im Dienst waren, ihr Hauptquartier; und es war unter dem Krachen der Geschütze, unter dem Brausen der Kugeln eine kleine treffende Copie von Wallensteins Lager. Aus wie viel Waffenarten und Nationalitäten bestand nicht schon das Belagerungsheer! Und dazu die Menge von Genieoffizieren, Adjutanten, Ordonnanzen und Generalstäblern, die in ihren dunklen Waffenröcken und in ihrem ruhigen Wesen ernst und gesetzt abstachen gegen die Kameraden der anderen Theile der Armee: Husaren, Dragoner, Chevauzlegers, Kürassire, die erst gestern hieher gekommen waren, um das großartige Schauspiel mit anzusehen. Wer nicht gerade im Dienst war, der befand sich auf dem Marktplatz, rauchend, Kaffee trinkend und spielend. Es war hier wie ein Lustlager, und wenn nicht das Krachen der Geschütze gewesen wäre, oder wenn ein unhöfliches Bombenstück nicht zuweilen aus hoher Luft auf das Pflaster niedergeschlagen oder auch wohl durch das Schatten spendende Vordach des Kaffeehauses gedrungen wäre, hätte man glauben können, einem friedlichen Manöver beizuwohnen. Aber Mestre hatte seine Schattenseite, seine Straßen, in denen es recht unheimlich, ja traurig aussah; das waren die, wenn man sich vom Markte hinweg nach dem großen Kanale wandte, die Seite der Stadt, welche zunächst gegen Malghera liegt. Hier waren die Häuser schon längst verlassen, und die tapferen Jäger, welche in denselben ihr Quartier hatten, wurden gezwungen, sich Schritt für Schritt zurückzuziehen. Die Italiener in Malghera machten sich ein Vergnügen daraus, die kaiserliche Munition, die sie nichts gekostet, ganz unnöthig und mit der größten Verschwendung auf die kaiserlichen Truppen und auf ihre eigene unglückliche Stadt Mestre zu verschießen. Es verging während manchen Tages kaum eine Viertelstunde, wo nicht ein Schuß herüberkrachte und eine schwere Kugel in das Mauerwerk einschlug. Manche der Gebäude hier waren nur noch Schutthaufen, zerschmettert und zerrissen. Mehrere Straßen waren dem Militär verboten worden; sie lagen öde und leer, die Fensterläden hingen herab, die Balkone waren zertrümmert, und wenn irgend ein wißbegieriger Offizier sich langsam vorschlich, um hinter einem der letzten Häuser nach dem belagerten Fort hinüberzuschauen, so tönte sein Schritt dumpf und hohl. Am trostlosesten sah es am großen Kanale selbst aus, an jener Stelle, wo zu Anfang unserer Geschichte jene beiden Offiziere ihren Wagen verlassen, um in einer Gondel nach Venedig zu fahren. – Damals und jetzt, welch ein Unterschied! Von den vielen Menschen die damals hier verkehrten, die lachend und plaudernd ihre Geschäfte betrieben, nicht Einer mehr! Verschwunden waren die Boote, die Marktschiffe, die Gondeln; auf dem Kanal wiegte sich kein Fahrzeug mehr, bedeckt mit frischem Grün, keines mehr mit Körben voll buntfarbiger, duftender Blumen. Die ganze Wasserfläche lag einsam ernst und still; und den Landungsplatz, von wo früher zahlreiche Zuschauer auf das Marktgewühl herabblickten, sperrte eine Batterie, deren Geschütze gegen Malghera drohten. Wenn man über den Marktplatz in Mestre ging, bei der alten Kirche vorbei, und wandte sich an dem einzigen Gasthofe rechts, so kam man bald in das Stadtviertel, wo sich nur Häuser auf einer Seite der Straße mit großen Zwischenräumen befanden. Hier hinaus ging der Weg nach Vicenza, der aber seit der Eröffnung der Eisenbahn natürlicher Weise an Wichtigkeit verloren. Ehe man aber diese Landstraße erreichte, kam man an einen freien Platz, auf dem, noch in der Stadt selbst, eine Art Landhaus lag. Es war das eines jener Bauwesen aus dem vorigen Jahrhundert, ans rothen Ziegelsteinen erbaut, oben mit einem Mansardenstock, die mittleren Etagen mit reich verschnörkelten Fenstern, unten eine breite Steintreppe, an deren Geländer der Baumeister den Versuch gemacht zu haben schien, wie weit es Geduld und Geschmacklosigkeit zu bringen im Stande seien. Das Haus hatte einen Hof, mit Einfassungen analog dem Treppengeländer, einem Gitterwerk. das auch hier erst nach hunderttausend unnöthigen Drehungen und Wendungen an der Hauptöffnung zusammenkam, wo das Thor aus zwei paar kleinen Engeln gebildet wurde, die so furchtbar verschwollen und schlagflüssig aussahen, daß ein gewissenhafter Arzt gleich in Versuchung gekommen wäre, ihnen mit Entsetzen den Puls zu fühlen. Vor diesem Hause nun stand eine Gruppe von Offizieren, und hatten neben sich eine Karte aufgelegt, mit deren Hülfe sie über die verschiedenen Operationen gegen Malghera sprachen. Es waren zwei Generalstäbler und zwei Genieoffiziere. Einer der Ersteren, ein schon etwas ältlicher Herr mit Brille, hatte im Eifer des Gesprächs einem der Engel seinen Federhut aufgesetzt, was äußerst komisch aussah. Ein junger Husarenoffizier lehnte seitwärts an dem eisernen Gitter und war beschäftigt, einen hartnäckig zuglosen Rattenschwanz in Brand zu bringen. »Vederemo,« sagte der jüngere Generalstabsoffizier, indem er die Karte zusammen faltete, »mit der errichteten Parallele und unsern paar Batterieen mit weniger Munition werden wir nicht viel ausrichten.« »Die Werke von Malghera können wir freilich nicht damit demontiren,« bemerkte ihm der Offizier vom Geniecorps. »Aber der moralische Eindruck, wenn sie nun auf einmal auch unsererseits mit Projectilen aller Art bedient werden, kann nicht gering sein, und ich glaube, man hofft viel davon.« »Bah!« sprach der Major, »Niemand, der die Italiener genau kennt. Wenn man ihnen im freien Felde den Ernst zeigt, à la bonheur, das macht sie stutzig; aber hinter Wall und Mauer da schießen sie wie die besten Truppen. Und welch' herrliche Munition haben wir ihnen angefertigt und hinterlassen! Der Gedanke kostet mich noch mein Leben. – Bei zweihundert der neuesten, schönsten, bravsten Geschütze, kaiserlich Metall, haben sie da drin, und wir müssen hier vor unserer eigenen Festung liegen, und wenn wir einen etwas tiefen Laufgraben anlegen, haben wir alle Gefahr zu versaufen.« »Je mehr Schwierigkeiten, desto mehr Ruhm,« meinte der andere Genieoffizier, ein junger Hauptmann mit ernstem, gesetztem Wesen. »Die Sache muß gelingen!« »Damit hat's freilich keine Noth,« entgegnete der Major. »Was wäre mit solch einer braven Armee unmöglich? Kann man besser arbeiten, als die Leute thun, unverdrossen, immer lustig und guter Dinge? scheeren sich den Teufel um Kugeln und Bomben, wenn ja Einige hingelegt werden, so wird aufgeräumt und die Uebrigen drohen gegen die rebellische Schaar und rufen: »Es lebe der Kaiser!« »Nur zieht es sich lange hinaus,« sagte der Lieutenant vom Geniecorps. »Nächstens fängt es an, sehr heiß zu werden und dann haben wir die Fieber auf dem Hals.« »Deßhalb nur tüchtig fortgearbeitet!« nahm der Major wieder das Wort, indem er mit dem Finger auf die Karte zeigte. »Gebt nur Achtung, von hier aus wird eine zweite Parallele etablirt mit einer artigen Menge von Geschützen. Munition dazu ist genugsam verschrieben.« Damit steckte er die Karte in die Brusttasche. »Wann fängt dein Dienst in den Laufgräben an?« fragte der Ingenieurhauptmann seinen Kameraden. »Um neun Uhr marschiren wir von der Paduaner Straße ab,« entgegnete dieser. »Also auf Wiedersehen heute Abend!« »Tschau!« Damit trennten sich die vier Offiziere; die vom Generalstab gingen ins Haus zurück, der Hauptmann vom Geniecorps nahm seinen Kameraden, den Husarenoffizier, unter dem Arm und Beide schlenderten nach Mestre hinein. Doch betraten sie nicht die Hauptstraße, sondern wandten sich rechts, gingen eine Strecke weit auf der breiten Chaussee, die nach Padua führt, und bogen dann links in das Feld ab, wo die Laufgräben anfingen. »Ehe wir zu den Batterieen vorgehen,« sagte der Ingenieurhauptmann – der Leser wird wohl errathen haben, daß es Friedrich von S. war, den wir hier in Mestre wieder finden – »muß ich dir ein kleines, heimliches, aber trauliches Plätzchen zeigen; ich bin überzeugt, daß es auch dir gefallen wird – unsern Begräbnißplatz. Siehst du dort, wo man die Kultur geschont hat, da liegen die Armen so viel hundert Stunden von der Heimath im Schatten des Maulbeerbaumes und des Rebenlaubs. Du mußt gestehen, daß dieß Plätzchen eher einem Garten ähnlich ist als einem Kirchhof.« »Wahrhaftig, es hat nichts Abschreckendes,« bestätigte der Husarenoffizier, »und wer einmal bestimmt ist, hier zu bleiben, der kann es sich schon gefallen lassen, da begraben zu werden.« »Bei den Kameraden,« sprach ernst Friedlich von S. »Und du siehst, wie rührend schön sie für die Ausschmückung ihrer Gräber gesorgt haben.« Dem war auch in der That so. Unter dem Laubdache im grünen Grase, das den Boden hier bedeckt, waren die Gräber der Gefallenen recht sorgsam aufgeschaufelt und hatten Kreuze, einfach zusammengebunden von Baumästen, andere mit Kränzen verziert, oder sogar mit kleinen Heiligenbildern. Und so lagen die Todten in Ruhe und Frieden neben einander, in ihrem Grabe fort und fort militärisch begrüßt, denn von Malghera herüber krachte Schuß auf Schuß. »Die drüben feiern nicht,« sagte lächelnd der Genieoffizier; »und hier ist noch Platz genug. Wenn du lange genug hier bleibst, so kannst du auch vielleicht mir noch einen Besuch hier abstatten. Nächstens wird es drüben scharf hergehen, und ich habe eine Ahnung, als wenn die für mich gegossene Kugel in Malghera bereit läge.« »Ah! wie kann man so sprechen!« rief lachend der Husarenoffizier; »namentlich du, der in diesem und dem vorigen Jahre so gleichgültig, so unerschrocken ins Feuer ging, was dir übrigens, unter uns gesagt, vortrefflich vergolten wurde. Denn hast du nicht die beste Aussicht, nächstens Major zu werden? und das ist doch in den wenigen Jahren eine ungeheure Carriere. Wir armen Reiter sind schlecht weggekommen. – Nein! denken wir nicht daran.« Damit gingen die Beiden durch die Laufgräben nach den Batterieen der ersten Parallele, die fast beendigt war. Von dort aus sah man Malghera deutlich vor sich liegen, sah jedes der Werke mit einer dreifarbigen Fahne geziert und bemerkte, wie die Besatzung mit ihren rothen Hosen hin und her lief. Munition sparten sie niemals; fast jeden Augenblick blitzte ein Schuß auf und es sauste eine Vollkugel, bald das Parapet der Tranchée streifend, bald hinter derselben einen armen Maulbeerbaum umreißend. »Dort liegt Venedig,« sagte Friedlich von S. und zeigte rechts von Malghera nach der abgesprengten Lagunenbrücke. »Ich hätte in meinem ganzen Leben nicht gedacht, daß wir uns hier mit unserer eigenen Festung beschäftigen müßten. – Und wir sind noch lange nicht darin!« setzte er seufzend hinzu. »Apropos!« redete der Husar nach einer Pause, »du hast mir damals in der Nacht vor Mailand die merkwürdige Geschichte erzählt, die dir in Venedig passirt. Hast du nichts weiter erfahren? Ist die Dame noch in der Stadt oder hat sie sich, wie so viele Andere, geflüchtet?« Friedrich von S. schüttelte den Kopf und versetzte: »Direct weiß ich fast gar nichts von ihr. Als ich nach Deutschland zurückgekehrt war, schrieb ich ihr ein paar Mal, erhielt auch die freundlichsten Antworten; doch warnten mich meine Vorgesetzten vor dieser Correspondenz, und mit Recht. Du weißt, wie sich bald darauf die Zeiten gestalteten, und seit die dreifarbige Fahne in Venedig weht, habe ich nur erfahren, daß sie noch in der Stadt ist.« »Also nicht abgereist?« »Sie wollte ihren Vater nicht verlassen, und da das Unglück nun einmal über ihre Vaterstadt hereingebrochen, so that sie und thut wahrscheinlich alles Mögliche, um die Noth all der unglücklichen Menschen, die so muthwillig ins Verderben mit hineingerissen wurden, zu lindern. Die letzten Nachrichten von ihr erhielt ich merkwürdiger Weise durch einen Deserteur, einen Deutschen, bei einer der vielen Fremdenlegionen angeworben, der von Val-Tojado zu uns nach Capo-Sile desertirte. Es war das ein merkwürdiger Bursche, er kam auf einem Nachen allein und hatte sein Hemd als weiße Fahne an einer Ruderstange befestigt. Er hatte sich häufig in den venetianischen Spitälern umher getrieben, und machte im Allgemeinen eine schlechte Schilderung von ihren Anstalten und versicherte unter Anderm, die Kranken hätten an Leib und Seele zu Grund gehen müssen, wenn sich nicht von den vornehmen Damen der Stadt ihrer angenommen. Unter diesen sei besonders eine gewesen, welche namentlich die Deutschen aufgesucht, sich auch in ihrer Sprache nach ihren Leiden erkundigt und welche Allen ein hülfreicher Engel gewesen sei. Natürlicher Weise dachte ich an die Marchesa, er beschrieb mir die Dame so genau wie möglich, und als er von ihrer hohen Figur, ihrem ernsten und doch freundlichen Wesen, ihrem blonden Haare sprach, da wußte ich sicher, daß es Donna Emilia gewesen sei, und hätte den Mann beneiden können, der im venetianischen Spital gewesen, der Wohlthaten von ihrer Hand empfangen. – – Mein Herz ist zerrissen,« fuhr er nach einer Pause fort, »ich kann ihrer, die so gut, so unschuldig auf feindlicher Seite steht, nur mit der innigsten Liebe gedenken. – Gott weiß, wie das enden wird!« »Vielleicht besser als du denkst,« entgegnete der Husar. »Was kann die Marchesa dafür, daß ihr Vater ein Venetianer ist und sich in einem Taumel mit fortreißen ließ? Jeder von uns weiß doch, wie sie gesinnt war. Die Fahne mit den kaiserlichen Farben an ihrer Gondel hat man ihr nicht vergessen; und die Geschichte ist bekannt genug.« »Es ist gut von dir,« versetzte der Andere, »daß du mir freudige Hoffnung machen willst. Mag der Himmel wissen, wie es ihr dort drüben in der belagerten Stadt gehen wird. Wie es aber hier mit mir endigen wird, darüber habe ich ziemliche Gewißheit. – Jetzt aber komm nach Mestre zurück, wir haben hier schon lange genug auf dem äußersten Punkt gesessen und den Italienern unsere Uniformen gezeigt: ich sehe da oben ein paar, die mit Fernröhren scharf herüber blicken; Anderes wird sogleich folgen. Im Dienst des Kaisers soll man mich meinetwegen zusammenschießen, aber durch Vorwitz will ich nicht eine einzige Kugel herbeilocken, die unsere braven Arbeiter belästigen könnte. Komm herab!« »Noch einen Augenblick!« sagte lachend der Husar. »Da auf dem Fort Rizzardi blitzt es stark auf; das wird uns gelten.« Und so war es auch. Denn kaum hatte er diese Worte gesprochen, so streifte eine 24pfündige Kugel nicht einen Schritt von ihm die Brustwehr und warf einen Haufen Sand und Steine über ihn her, die der junge Offizier nun lachend von sich abschüttelte und darauf in den Graben hinabsprang. Noch ein paar Schüsse wurden drüben gethan, eigentlich Bombenwürfe; man hörte das Sausen der Kugeln hoch in der Luft, das immer stärker wurde und dann in verdächtige Nähe kam, mit einem Schlag auf den Boden und einem lauten Krachen endigte. Die Stücke des platzenden Geschosses sausten pfeifend nach allen Seiten, bohrten sich tief in den weichen Sand oder zerschmetterten auch wohl ein paar Bretter, hinter denen die Arbeiter Schutz gesucht. Der Husarenoffizier verabschiedete sich auf dem Marktplätze von seinem Freunde, und da er erst heute Morgen von Mailand gekommen war, stieg er zu Pferde, um sein Quartier aufzusuchen, welches außerhalb der Stadt in einer der zahlreichen Villen war. Er mußte weit hinaus über Casa Papadopoli, dann zeigte ihm ein Bauer auf Befragen einen Feldweg, der links von der Straße abführte und ihn endlich in eine hohe, dichte Allee brachte, die in einen Park mündete, der mit einem hohen eisernen Gitterthor verschlossen war. Hier war aber weder eine Glocke noch sonst etwas, um Einlaß verlangen zu können. Wenn auch rechts und links keine Mauer war, so zeigte sich doch dafür, so weit man sehen konnte, ein über sechs Schuh breiter und tiefer Wassergraben, der augenscheinlich das ganze Gut umgab. Der Husarenoffizier sah kopfschüttelnd das verschlossene Thor und war schon im Begriff wieder umzukehren, indem er dachte, er sei fehlgeritten, als ein Mann, der hinter ihm quer durch die Allee schritt, ihm sagte, die Villa sei dieselbe, welche er suche. »Aber zum Teufel! wo ist die Villa?« fragte der Reiter. »Man sieht ja weder Haus noch sonst etwas. Wie kann man sich den Bewohnern verständlich machen, und warum ist das Thor verschlossen?« Der Fremde zuckte die Achseln und erwiderte: »Ja, Herr, die drinnen haben Furcht! 's beste wäre, Sie ritten da drüben in's Dorf und schickten einen Knaben herüber, der Sie ankündigte.« »Wie soll der da hineinkommen?« »Links vom Thore befindet sich eine Planke über den Graben im dichtesten Gebüsch. Ich weiß den Platz nicht, aber die aus der Umgegend werden ihn schon finden.« Damit wandte sich der Mann um und eilte über das Feld davon. Der Offizier ritt an das Thor zurück, wandte sich dann links und verfolgte eine Zeit lang den Wassergraben. Richtig! es schien derselbe um das ganze Gut herum zu laufen. Meistens befand sich an den beiden Ufern dichtes Gebüsch; nur hie und da war eine kleine Lichtung. Bei einer der letztern wandte der Husar entschlossen sein Pferd und indem er dachte: ich muß wohl schon auf Reiterart da hinein, ließ das edle Thier zum Sprung ansetzen und flog mit ihm leicht und gewandt über das abgesperrte Terrain. An dem Graben rechts wieder hinaufreitend, kam er bald an das Gitterthor und auf einen breiten Kiesweg, der in das Innere des Gartens führte. Rings war Alles still; der Reiter befand sich im dichten Schatten der hochstämmigen Bäume, die rechts und links standen. Jetzt bog der Weg etwas rechts ab, worauf der Husar vor sich auf einem kleinen Rasenplatze die Villa, sein Quartier, liegen sah. Anfänglich glaubte er hier ebenfalls Alles abgeschlossen wie das äußere Thor zu finden und ließ ein kräftiges Halloh ertönen. Rasch wurde indeß jetzt die Thüre geöffnet und ein alter Mann, der heraustrat, war offenbar erstaunt, ja erschreckt, vor sich einen wohlbewaffneten Reiter zu sehen. »Hier ist doch die Villa – ?« rief der Husarenoffizier. »Allerdings!« entgegnete der alte Mann. »Doch wenn ich mir erlauben darf zu fragen, auf welchem Wege kommen Sie hieher in den Garten?« »Geradeaus, nach Husarenart!« lachte der Offizier, »da das Thor verschlossen war und man mir aus mein Rufen keine Antwort gab, so mußte ich mich schon bequemen, über den Wassergraben zu setzen.« »Ein braves Pferd,« sagte hierauf der alte Mann, indem er näher trat, den Zügel ergriff und das Thier sanft auf den Hals klopfte. »Sie haben doch Platz für mich?« fragte der Offizier. »Die ganze Villa steht zu Ihrem Befehl,« versetzte der alte Mann. »Es sind noch ein paar Bediente da, die ich Ihnen zur Verfügung stelle, im Falle Sie nicht Ihre eigene Dienerschaft erwarten.« »Später kommt mein Bursche mit wenigem Gepäck,« antwortete der Husar. »Geben Sie ihm ein Plätzchen in meiner Nähe.« »Sie wollen selbst wählen,« entgegnete der Andere; und da unterdessen ein Bedienter aus dem Hause gekommen war, so übergab er diesem das Pferd und öffnete die Thüre, um den ungebetenen Gast eintreten zu lassen. Das Wohnhaus, ein mittelgroßes, sehr elegantes Casino mit flachem Dache, massiv von Stein erbaut, mit zahlreichen Statuen und Bildhauereien verziert, schien in der That ganz leer zu stehen. Hohl klang der Schritt auf den Gängen und Treppen, und im ersten Stocke mußte der Alte jetzt die Fensterläden öffnen, um Luft und Licht in die dunkeln Zimmer zu lassen. Der junge Offizier wählte sich bescheidener Weise ein kleines, aber zierliches Schlafzimmer mit einem Kabinet daneben. Er hatte von hier eine Aussicht in den breiten, schönen Park und mußte sich gestehen, daß der Besitzer oder der Erbauer ein Mann von Geschmack sei und es wohl verstand, sich gegen das hiesige Klima zu waffnen. Hier war doch Schatten, Kühle, frisches Wasser im Gegensatz zu vielen anderen Landhäusern um Mestre, die, wie absichtlich, fast ganz ohne Bäume sind, und auf welche die Sonne nach bestem Ermessen den ganzen Tag hinbrennen kann. Es war unendlich ruhig und stille hier; man hätte glauben können, entfernt von jeder großen Stadt mitten in der Einsamkeit zu leben; nur zuweilen hörte man einen dumpfen Schlag – einen Schuß von den Wällen Malghera's. Der Husarenoffizier richtete sich so gut wie möglich ein, und als später sein Bursche mit dem Gepäck kam, er sich umgezogen hatte und in den dichten Laubgängen des Parks seine Cigarre rauchte, mußte er sich eingestehen, daß es auf solche Art höchst bequem und amüsant sei, einer Belagerung beizuwohnen. Die Beschießung des Forts Malghera in der Mittagsstunde des vierten Mai aus fünf Batterieen der Vorparallele hatte, obgleich sie den eingeschlossenen Feind auf's Höchste überraschte, nicht die gewünschte Wirkung. Obgleich die österreichische Artillerie außerordentlich brav geschossen und das Innere des Forts schon von Kugeln ziemlich durchfurcht war, die platzenden Bomben tiefe Löcher in den Boden gerissen, obgleich die Ketten der eisernen Zugbrücke zertrümmert und das Wachthaus am Thore sowie ein Kaffeehaus im inneren Platze durch hereinstürzende Bomben zerschmettert waren, so hatte doch die Beschießung den äußeren Werken wenig Schaden gethan. In Malghera, das außerordentlich mit Geschützen und Munition ausgerüstet war, kommandirte ein tüchtiger Offizier, und so kam es denn, daß die Beschießung auf's Vollständigste erwidert wurde, und zwar so, daß auf einen Schuß aus den Batterieen vielleicht sechs aus dem Fort kamen. Die Belagerungsarbeiten, so gut sie auch gefertigt waren, wurden von Kugeln durchfurcht, die Batterieen mit feindlichem Eisen überschüttet. Man war nicht mehr im Stande, die Schüsse zu zählen, man wußte es nicht mehr, krachte es hier oder krachte es dort. In Rauch und Staub gehüllt, standen die braven Oesterreicher bei ihren wenigen Stücken und horchten verwundert auf den Höllenlärm, der nach ihren ersten Schüssen von drüben losbrach. Das Pfeifen der Kugeln, das Zischen und Krachen der Bomben war unbeschreiblich und ohne Aufhören; fort und fort flogen die feindlichen Kugeln in unglaublicher Anzahl herüber – ein Hagelwetter der häßlichsten Art. In demselben sah man die Artilleristen arbeiten, ruhig und sicher, wie auf dem Exerzierplatz, und wenn auch mancher gute Kamerad dahinsank, wenn auch manches brave Geschütz von den feindlichen Kugeln auseinandergeschlagen wurde: es rückten immer neue Kräfte zum Ersatz an, bis der Abend kam, wo die Batterieen fast ganz demontirt waren, und wo auch der Feind nach und nach sein Feuer einstellte. Man kann sich leicht denken, daß während dieser Zeit Alles in Mestre in der gespanntesten Erwartung war. Wem es sein Rang oder seine Stellung erlaubte, stieg auf den alten Guelfenthurm hinauf, wo man das majestätische Schauspiel am besten sah. Da hatte man die ganze Geschichte wie eine Karte vor sich ausgebreitet; man sah die schwachen österreichischen Batterieen, wie ihre Kanoniere alles Mögliche thaten, um dem so weit überlegenen Feinde in Malghera einigermaßen kräftig und gut antworten zu können. Bis in die tiefe Nacht hinein dauerte das Schießen, und als es nach und nach dunkelte, war der Anblick des gegenseitigen Geschützfeuers unbeschreiblich schön. Die Bomben, deren Flug man am Tage mit den Augen nicht folgen konnte, zeigten nun deutlich in zischendem, spritzendem Feuer den großen Bogen, den sie beschrieben. Während sie dahinflogen, stäubten sie große Funkenkreise um sich her, und wenn sie platzten, so flog es wie ein starker Blitz empor, dem ein dumpfer Knall folgte. Schöner noch war der dichtere Feuerstreifen der mächtigen Raketen, die sie auch zuweilen aus dem Fort herausschossen, mehr zu ihrer Unterhaltung, als daß sie damit auf die weite Entfernung großen Schaden gethan hätten. Auf der Plattform des erwähnten Thurmes saßen mehrere Offiziere bei einander und sahen dem großartigen Schauspiele zu. Unser bekannter junger Husarenoffizier hatte sich neben seinem Freunde, dem Hauptmann vom Geniecorps, auf die Brustwehr gelehnt, und sagte nach einer Pause: »Aber es ist doch in der That unverantwortlich, wie das Volk da drüben – Gott möge sie verdammen! – mit kaiserlicher Munition umgeht. Es ist, als hätten sie sich vorgenommen, jeden Tag ein gewisses Quantum zu ruiniren.« »Mich dauern nur die schönen Raketen!« entgegnete ein Artillerieoffizier mit tiefer Stimme, der nebenan auf dem Ziegeldach des Thurmes saß. »Eine so mühsam erzeugte Munition, von deren Anfertigung die Kerle drüben gar keinen Begriff haben. Und wenn ganz Venedig zusammenhilft, so bringen sie doch keines dieser Geschosse zuweg, das nur auf anständige Manier hundert Schritte weit geht.« »Sie können sie nicht einmal ordentlich abbrennen,« meinte ein Anderer. »Wenn ich sie mit unsern lieben Raketen wirthschaften sehe, so ist es mir gerade, als wenn Schulbuben ein edles Pferd maltraitiren. Zuerst geht's eine Zeit lang geduldig, dann aber schlägt's hinten und vornen aus. Schaut's mal dahin! Kommt wohl eine einzige heraus, die einen ordentlichen Bogen macht? – Alles durcheinander wie Kraut und Rüben. Pfui Teufel!« »Sie haben sich ihre Finger schon garstig damit verbrannt,« sagte Friedrich von S. »Uns hat neulich ein Ueberläufer davon erzählt; wie viele sind ihnen schon geplatzt, wie viele, schon auf die Seite gegangen oder sogar rückwärts in die eigene Bedienungsmannschaft hinein!« »Wohl bekomm's!« brummte der erste Artillerieoffizier und blies seine Cigarre zu einer starken Glut an. Einige Augenblicke sah man keine Raketen mehr stiegen; auch hatte das Schießen einigermaßen nachgelassen; nur vom Fort Rizzardi krachte noch zuweilen ein Schuß herüber, ein tölpelhafter, wilder Knall aus den dort befindlichen Paixhans. Die gewaltige Pulverladung erhellte auf einen Augenblick die Schießscharte, hinter der sie standen, so deutlich, daß man fast das ganze Gewühl um die Kanone sehen konnte. Gleich darauf aber verschlang die tiefe schwarze Nacht Alles wieder. Drüben, über das Fort hinaus, leuchteten die Lagunen im Ungewissen Scheine; am Himmel jagten finstere Wolken, und von Venedig herüber sah man hie und da den Schein eines Lichtes. In den Batterieen sowohl als in dem Fort schienen sie müde geworden zu sein. Die Schüsse wurden immer seltener und hörten bald ganz auf. Die Offiziere auf dem Thurme, welche nun nicht mehr durch den Blitz und den Flug der Raketen unterhalten wurden, die sie bisher von ihren Plätzen an der Brüstung deutlich sahen, stellten sich nun plaudernd an dieselbe und überließen sich ihren Betrachtungen, was der morgige Tag wohl bringen könnte. »Hat Einer von euch sehr gute Augen?« fragte nach einiger Zeit Friedrich v. S., der eine längere Weile angelegentlich nach dem Fort hinunter geblickt hatte, »d. h. solche Augen, die auch bei Nacht etwas taugen?« »Katzenaugen!« bemerkte einer der Artillerieoffiziere lachend. »Hier ist ja unser Kamerad von der Flotte! Ihr müßt ja bei Tag und Nacht gleich gut sehen. Tritt 'mal ein Bischen da vor. – Was willst du mit deinen Nachtaugen?« wandte er sich an den Genieoffizier, der noch immer sehr angestrengt hinabblickte. »Zufällig habe ich hier ein Nachtglas bei mir,« sagte der junge Offizier von der Marine, der nun eintrat. »Wohin soll man lugen?« »Schaut da hinunter,« antwortete Hauptmann von S. »Dort sieht man, – freilich sehr undeutlich – die Formen Rizzardi's. Jetzt fahrt ein Bischen mehr links auf uns zu und setzt euer Nachtglas an.« Der Seeoffizier that, wie ihm geheißen. – »Ja, ja,« sprach er nach einigen Augenblicken, »auf der Leeseite des Forts scheinen sie ein paar kleine Fahrzeuge auszusetzen.« »Bah! da ist ja kein Wasser!« sagte der Artillerieoffizier. »In's Genießbare übersetzt,« erklärte Hauptmann von S. lächelnd, »will unser Kamerad sagen, er sehe dort etwas sich bewegen.« »So ist es,« bestätigte dieser. »Jetzt sehe ich es deutlicher.« »Ich habe es mir gedacht,« bemerkte der Ingenieuroffizier und nahm ebenfalls das Glas. »Sie fallen wieder zum Zeitvertreib ein wenig aus. Nun, sie werden bei uns schon wachsam sein.« Eine Zeitlang blieb drunten Alles ruhig; vielleicht eine starke Viertelstunde lang. Dann aber sah man auf dem Terrain zwischen Batterien und Fort, ziemlich nah bei dem ersteren, ein paar Gewehrschüsse schnell hintereinander aufblitzen: hierauf bemerkte man auf einem andern Punkte dasselbe, und ein paar Sekunden nachher ward auf der ganzen Linie lebhaft gefeuert. Die Laufgrabenwache blieb keine Erwiderung schuldig, und so blitzte und knatterte es eine Zeit lang lustig durcheinander. Namentlich von den Batterieen aus wurde so lebhaft und anhaltend gefeuert, daß sich die Angreifer bald zurückziehen mußten. Jetzt knallten auch von den Batterieen ein paar schwere Schüße dazwischen, welche die vom Fort nicht beantworten konnten, da sie sonst Gefahr liefen, ihre eigenen Leute zu beschädigen. »Wenn die Unsrigen nur nicht hitzig sind!« sagte der ältere Artillerieoffizier. »Man sieht klar, was die Wälschen wieder im Sinn haben. Unsere Leute sollen ihnen den Gefallen thun und sie verfolgen, und wenn sie sie unter die Kanonen des Forts gelockt haben, dann soll man den Spektakel erleben, der drüben losgeht.« Mehr und mehr schienen sich die Angreifer nach der Festung zurückzuziehen. Doch schien die Laufgrabenwache nicht die Absicht zu haben, hinter ihren Erdaufwürfen hervorzukommen. Und das zu ihrem guten Glücke. Jetzt schwieg das beiderseitige Feuer einen Augenblick; die Offiziere droben waren begierig, was jetzt kommen würde. Plötzlich stieg von dem Fort eine schwere Rakete gerade in die Höhe. »Jetzt schießen sie sogar in die Luft!« rief ein Infanterie-Offizier. »Diesmal nicht,« entgegnete einer der Artilleristen. »Gebt nur Achtung!« – Der Feuerstreif der Rakete, nachdem er eine ziemliche Höhe erreicht hatte, neigte sich anmuthig nach vornen, entzündete darauf mit einem leichten Blitz die Ladung, die er trug, und in die dunkle Nacht hinaus quoll ein hellgelbes glänzendes Licht, größer und größer werdend, das endlich wie eine leuchtende Kugel langsam in der Luft schwebte. Es war eine Leuchtrakete, eine Art Geschoße, welche, sobald sie auf einer gewissen Höhe angekommen sind, durch das Heruntersinken über sich einen Fallschirm ausbreiten, der sie in den Lüften erhält und nur unmerklich niedersinken läßt. Eine solche Feuerkugel gewährt einen unbeschreiblich schönen Anblick und erleuchtet das Terrain auf eine weite Strecke wie der hellste Mondschein. Im gegenwärtigen Augenblicke brauchten es die Angreifer, die sich unter die Mauern der Festung zurückgezogen hatten, um ihren Artilleristen die nöthige Beleuchtung zum Zielen ihrer Geschütze auf einen verfolgenden Feind zu geben. Obgleich nun diesmal glücklicher Weise kein solcher da war, so ließen sich doch die Italiener ihr Vergnügen nicht nehmen, und da nun einmal geladen war, so mußte auch losgeschossen werden. Ein prächtiges Schauspiel für die Augen! Ein paar Sekunden nachher waren die Festungswerke wieder in Feuer und Rauch eingehüllt; Bomben schwirrten durch die Luft, Raketen sausten nach allen Richtungen, und hie und da stieg noch eine der ebenerwähnten Leuchtkugeln auf, als wollten sie sich von ihrer Höhe umschauen, ob die zahllosen Schüsse auch einige Wirkung verursachten. »Nun werden sie wieder fort machen bis an den hellen Morgen,« brummte der Artillerieoffizier, und Friedrich v. S. meinte lachend, indem er seine Uhr herauszog und bei der Glut der Cigarre auf das Zifferblatt sah: »Jetzt ist es angenehm, wer wie ich hinaus in die Laufgräben muß; da hat man doch wenigstens Licht genug, um nicht über einen Schanzkorb oder dergleichen zu stolpern. Nun, behüt' Euch Gott; es ist Mitternacht, ich habe draußen zu thun.« »Ich begleite dich!« rief der Husarenoffizier. »Ich möchte mir gar zu gerne die nächtlichen Arbeiten draußen anschauen.« »Laß es heute nur bleiben,« sagte ernst der Ingenieur. »Dabei kannst du nichts lernen, höchstens aber mit einem Bombenstück zusammentreffen. Und wenn sie dir einen Arm entzwei schießen, so hast du keine Ehre davon, und man wird morgen früh höchstens achselzuckend sagen: Warum ist er hingegangen! – Behüt' dich Gott! Reite nach deiner Villa und sorge mir morgen früh für ein kleines Frühstück. Wenn ich abgelöst bin, besuche ich dich. – Addio! – Addio! – Auf Wiedersehen!« Wer um dieselbe Zeit nach Venedig kam, sah in der Lagunenstadt noch größere, noch traurigere Veränderungen als in Mestre. Wenn letztere Stadt auch hart mitgenommen war, wenn man auch dort keine anderen Bewohner mehr sah, als Militär, so gab doch das Treiben des Letzteren in seiner regelmäßigen Zeiteintheilung, in seiner Pünktlichkeit und Ordnung ein behagliches Gefühl von Ruhe und Sicherheit, wie das immer bei dem großen Körper der Fall ist, der dem Wort eines Einzigen gehorcht. – Das war in der Inselstadt unter den zusammengelaufenen Schaaren mit ihren tausend verschiedenen Meinungen, mit ihren verschiedenen Beweggründen; die sich alle zu gleicher Zeit geltend machen wollten, und sich auch vielleicht geltend machten, schon ganz anders. Ja, wie hatte sich Venedig geändert! Wo war die, wenn gleich melancholische, doch wohlthuende, Ruhe ihrer Kanäle und Straßen geblieben? – Eine Behaglichkeit des Alters, welche uns in der allerdings gebrechlichen und zerfallenden Stadt so wunderbar ansprach. Wie saß vordem die alte Venetia so lebensmüde und doch prächtig auf ihrem Sessel mitten im Meere, umspielt von späteren Generationen, die, wenn sie auch vielleicht nicht im Stande waren, ihr zu neuer Jugendkraft zu verhelfen, sich doch bemühten, ihre Geschmeide wohlgeordnet zu erhalten, und die alten prächtigen Gewänder sorgfältig zusammenzogen, damit man die Blößen darunter nicht sehen konnte, und welche dafür sorgten, daß sie ruhig und anständig fortträumen konnte von alter Pracht und Herrlichkeit. – Da kam jene Zeit, wo die alte kraftlose Venetia in der Hitze des Fiebers von ihrem Stuhl emporsprang und in matter Hand das Schwert schwang, nicht um Andere zu verwunden, sondern ihren eigenen Leib tödtlich zu verletzen. – Ja! fieberhaft erzitterte das Leben in den Straßen und Kanälen Venedigs. Malghera war, wie bekannt, am 26. Mai geräumt worden und dem Feinde, der nun viel näher gerückt war, wollte man, wenn er auch durch die Lagunen vordrang, jeden Schritt in der Stadt streitig machen; deßhalb hatte man Brücken zerstört, in den Kanälen, den eigentlichen Straßen Venedigs, Barrikaden erbaut, indem man alte Schiffe hinein versenkte und die Ufer durch Balken und Steinhaufen verrammelte; alte Paläste an besonders wichtigen Punkten hatte man zu kleinen Festungen umzuwandeln versucht, kurz Alles gethan, um einen Feind, der thöricht genug gewesen wäre, stürmend in diese Stadt zu dringen, auf's Kräftigste zu empfangen. Die Stadt war überfüllt mit Menschen; neben der zahlreichen Bevölkerung Venedigs hatten sich Tausende flüchtig vom platten Land hineingeworfen, waren römische und toskanische Soldaten und Freiwillige aus allen Theilen Italiens in großer Anzahl hier zusammengetroffen, um dies letzte Bollwerk der Freiheit zu halten, die Meisten aber aus dem weniger schönen Beweggrund, um ein wildes zügelloses Leben noch länger fortsetzen zu können. Da waren die verschiedensten Nationen, die verschiedensten Truppenkörper unter stolzen herausfordernden Namen, welche aber oft allein das Beste an ihnen waren; da bestand aus Unteroffizieren eingeschmolzener Compagnieen aus Gefreiten, Sergeanten und allen möglichen Chargirten eine Unteroffiziercompagnie, die eine Bildungsschule hätte sein sollen für Offiziere und tüchtige Kriegsleute, aber wenn diese Compagnie schon in ihrem Aeußeren seltsam genug aussah, der Einzelne gekleidet in die Uniform des früheren Regiments, versehen mit den verschiedensten Waffen, auf dem Kopfe Czako, Mütze und Helm, so war ihr Inneres noch schlechter bestellt. Es war dies ein undisciplinirtes wildes Corps, das sich gegen die Offiziere empörte und nur mit bewaffneter Macht zur Ordnung gebracht werden konnte. – Dreißig bis vierzig Deserteure und Gefangene hatte man zu einer ungarischen Legion vereinigt, hatte ihnen rothe enge Hosen, verschnürte grüne Röcke und eine ungarische Mütze gegeben, und sie sollten einen Stamm bilden, der sich durch zahlreichen Uebertritt der Ungarn, auf den man sich Hoffnung machte, zu einem imposanten Ganzen vergrößern sollte. Aber der Stamm war faul und nicht im Stande Blätter zu treiben. Diese sogenannte Legion – berichtet ein Schweizeroffizier – erreichte kaum die Stärke einer halben Compagnie, und mußte, um auf dieser Zahl zu bleiben, viele Nichtungarn in ihre Reihen aufnehmen, ja sogar darüber froh sein, irgend ein aus Furcht vor Stockprügeln entlaufenes Kroätlein als Zuwachs zu erhalten. – Die sogenannte ungarische Legion in Venedig, von der man sich, ihrem pompösen Namen nach zu urtheilen, auswärts sicher eine übertriebene Vorstellung gemacht hat, reducirte sich auf 56 Mann, größtentheils Gefangene und Deserteurs. Alle venetianischen Truppen machten das Kreuz vor ihrer Bekanntschaft; denn sie waren als die schmutzigsten und langfingerigsten anrüchig und gaben bei jedem Anlaß Beweise ihrer Kunstfertigkeit in letzterer Beziehung. – Eine Truppe von äußerlich vortheilhaftem Ansehen war das Studentencorps, das sich, wenn auch muthig, doch durch keine militärische Tugend auszeichnete. Aus dem schönen Princip, ihre Offiziere selbst zu wählen, folgte auch der Umstand, daß Keiner diesen Offizieren, den Geschöpfen ihrer Wahl, auch den geringsten Gehorsam erwies. Diese Studenten führten, so lange es ging, ein burschikoses, vergnügliches Leben, trugen meistens Civilkleider, intriguirten gegen einander, zankten sich beständig und zeigten in ihrer Compagnie im Kleinen, was Venedig im Großen war. – Auch befand sich in der Stadt eine Dalmatiercompagnie, von der noch Schlechteres zu sagen ist, als von den ebengenannten. Dieselbe zettelte in Malghera nach dem ersten Bombardement eine Meuterei an und mußte entwaffnet nach Venedig zurückgebracht werden. Unter den übrigen Truppen, welche Venedig überschwemmten: Neapolitaner, Römer, Toskaner waren indeß recht brave und tüchtige Elemente, nur fehlte es ihnen an einem Oberbefehl, einem kräftigen Zusammenhalten. Das Volk regierte, und wer heute in dessen Gunst stand und auf dem Markusplatz mit der höchsten Gewalt bekleidet wurde, wurde morgen vielleicht mit Verbannung und mit Tod bestraft. So lange Venedig eine durch nichts gehinderte Verbindung mit der offenen See hatte, fehlte es wenigstens nicht an Lebensmitteln, und man lebte ziemlich herrlich und in Freuden; sobald sich aber die sardinische Flotte zurückziehen mußte und das österreichische Geschwader die Blokade der Stadt aufnehmen konnte, machte sich bald an allen Lebensmitteln ein bedeutender Mangel fühlbar. Rindfleisch war nur zu hohen Preisen zu kaufen, der Wein stieg um das Doppelte des gewöhnlichen Preises, und Oel und Butter waren so theuer, daß der Kardinalpatriarch gestattete, die Speisen am Fasttage mit Rinds- und Schweinefett zu bereiten. Die Mühlen, welche der Stadt das Mehl lieferten, konnten, da sie vom Festlande nicht mehr unterstützt wurden, den Bedarf für die große Menschenmenge ferner nicht hervorbringen, und eine Folge davon war, daß das Volk in großen Haufen an den Bäckerläden warten mußte, bis jeder Einzelne den sehr klein zugemessenen Bedarf für den Tag erhalten konnte. Natürlicher Weise war in jenen Tagen von einer regelmäßigen Beschäftigung der Volksklassen, von Arbeiten und dergleichen nicht mehr die Rede. Der größte Theil der Einwohner verließ Morgens früh die Häuser und schwärmte auf den Straßen und Plätzen umher, um irgend etwas Neues zu erfahren und auf unvorhergesehene Art seinen Unterhalt für den Tag zu erlangen, um dem Batterienbau auf der großen Brücke zuzuschauen, um auf die Schüsse von Malghera zu horchen, schließlich aber, um sich auf den Markusplatz zu begeben und hier durch irgend einen unvernünftigen Tumult den Präsidenten der Republik zu vermögen, daß er ans Fenster trete und einige Worte zu ihnen spreche. Auf diese Art war der prächtige Platz die Schaubühne eines regen Lebens und gewiß mannigfaltiger, ja auch interessanter, belebt als in den vergangenen ruhigen Zeiten. Da stand, wie damals, der ehrwürdige Dom von San Marco und schaute verwundert in dies sonderbare Getümmel; von der Piazzetta her blickte die Ecke des phantastischen Dogenpalastes und die Procurazien nahmen, wie immer ernst und finster, die Hauptseite des Platzes ein. Aber unter ihren Bogengängen war nicht mehr der Versammlungsplatz der vornehmen Bürgerklassen Venedigs; hier sah man keine bunten Seidengewänder, keine schönen schwarzen Haare und glänzenden Augen, sondern eine mißfarbige lärmende Volksmenge trieb sich hier wie auf dem ganzen Platze umher. Es war in Venedig so ganz anders geworden; fieberhaft drängte sich Alles hin und her, laut verhandelten die Gruppen die Ereignisse des Tages, ein trübseliges Gemisch, verwahrlost auch im Aeußern; und die Soldaten verschiedener Regimenter in ihren ebenso verschiedenen Uniformen, in meistens nachlässiger Kleidung und Haltung, trugen eben auch nicht dazu bei, dem Ganzen einen freundlicheren Anstrich zu geben. Doch waren auch die besseren Stände Venedigs zahlreich vertreten, hier theilnehmend an der allgemeinen Bewegung, mit den Arbeitern sprechend, sie ermahnend und anfeuernd, dort aber, und gewiß nicht ehrenhafter, als müßige Zuschauer im zierlichen schwarzen Frack mit lackirten Stiefelchen und hellen Handschuhen, die zur allgemeinen Unordnung vielleicht nächtlicher Weile mithalfen, aber wenn es galt öffentlich zusammenzuhalten, in der Ferne geringschätzend stehen blieben, um den schlechten Geruch rings umher mit dem Duft einer guten Cigarre zu verbessern. Wenn die Menge so auf den Markusplatz und hinaus zur Eisenbahnbrücke gezogen war, so lagen die meisten Straßen und Kanäle ziemlich leer und einsam; sogar der Kanal Grande machte hievon keine Ausnahme. Vor einem der kleineren Paläste, der unserem Leser bekannt ist, schaukelten sich ein paar einfache schwarze Gondeln und entfernten sich zuweilen einen Augenblick von der Treppe, woran sie lagen, wenn nämlich einer der Gondoliere, des längeren Wartens müde, einen leichten Schlag mit dem Ruder auf das Wasser that. Diese Gondoliere, sehr anständig in dunkelfarbige Livreen gekleidet, gehörten zu dem Hause, vor dem sie sich gerade befanden; es waren ein älterer und ein jüngerer Mann. »Cospetto!« sagte der Letztere, »das Warten hier auf dem einsamen Kanal fängt mir an langweilig zu werden. Lägen wir noch an der Piazzetta, da könnte sich doch wenigstens einer von uns bequem hinschleichen und den Spektakel auf dem großen Platze ansehen.« »O,« versetzte der andere Gondolier, »was das anbelangt, so ist mir hier der stille Platz, wo ich so wenig von dem nichtswürdigen Lärmen höre, recht behaglich. Du wirst auch noch genug bekommen. Die Madonna soll uns helfen! Was ist das für ein Leben geworden!« »Auf das Leben würde ich gerade nicht schimpfen,« antwortete lächelnd der Jüngere. »Wenig zu thun, viel Zerstreuung, evviva, und Musik den ganzen Tag, und Feuerwerk umsonst.« »Möchte es auf deinem Kopfe brennen!« knurrte der Andere. »Daß dir das Leben hier gefällt, begreife ich vollkommen. Du bist aus Ferrara; was geht dich überhaupt Venedig an? Die Herrschaft ist reich, der Tisch wohl bestellt, unseren Lohn bekommen wir in klingendem Silbergeld: das gefällt dir freilich. Ich aber, ein alter Venetianer, einen großen Familienanhang hinter mir, könnte dir sagen, was es heißt, alle diese Tollheiten mitmachen zu müssen, die schwierige Suppe ausessen zu helfen, die unsereins nicht mit einbrocken half.« »Zugestanden,« sagte der jüngere Gondolier, indem er die Nase hoch emporhob und sich so zierlich als möglich auf sein Ruder stützte, »du hast vielleicht in diesen Widerwärtigkeiten etwas mehr durchzumachen, weil du ein Venetianer und mit großer Familie versehen bist; aber am Ende, wenn alles vorbei ist, fällt dir durch eben diese zahlreichen Verwandten auch eine größere Portion von Belohnung zu als mir, dem Einzelnen.« »Belohnung?« fragte der Aeltere und zuckte verächtlich mit den Achseln. »Was verstehst du darunter?« »Die Freiheit!« entgegnete der Andere und hob die rechte Hand empor, wie wir es bei den Volksrednern zuweilen sehen. Einen Augenblick schwieg der alte Diener, dann erfaßte er sein Ruder mit beiden Händen und hob es einige Zoll aus dem Wasser »Höre mich!« sagte er alsdann mit einer Stimme, die vor Zorn zitterte, »laß mich dies Wort aus deinem Munde noch ein einziges Mal hören, und – ich schwöre dir's bei meinem Schutzpatron – ich werde mir auch meine Freiheit nehmen, und die ist, dich zu Boden zu schlagen, daß du das Aufstehen vergessen sollst. Freiheit? – Du Hallunke! Du hast Venedig nicht gekannt vor so und so viel Jahren, altersschwach und müde, und hast nicht gesehen, wie es wieder anfing, unter eurer s. g. Knechtschaft aufzuwachen, und Miene machte, wieder in Blüthe zu kommen. Du weißt freilich nichts von den verschütteten Kanälen, von zertrümmerten Ufern und Brücken, von zerfallenden Häusern, von allem dem, was hergestellt wurde, um aus Venedig wieder eine Stadt zu machen, in der Menschen wohnen mögen. Ich aber weiß es, daß es geschah unter der schwarzgelben Fahne, die Gott schützen möge, und weiß auch, was in der armen Stadt vorgegangen, seit die dreifarbige Flagge, die Fahne der Freiheit, wie ihr's nennt, über uns flattert. In dem einen Jahre sind wir um fünfzig Jahre zurückgegangen.« »Das ist nur ein Uebergang,« meinte der Andere, nachdem er sich aus der Nähe seines Kameraden zurückgezogen; »kleine Leiden, um die sich der Patriot nicht bekümmert.« »Du bist ein Patriot!« entgegnete der Erste mit flammendem Auge. »So geh' denn hin und laß dich auf dem Markusplatz einschreiben, laß dir Waffen geben und diene deinem italienischen Vaterlande.« »Das Letztere thue ich auch,« sagte der jüngere der Gondoliere; »ich diene eifrig meinem Herrn, dem hochangesehenen Grafen C., und wenn ihn meine Ruderschnelle in den Regierungspalast oder auf die Lagunenbrücke bringt, wo er das Glück hat, gegen unsere Unterdrücker zu kommandiren, so habe ich auch das Meine besser als mancher Andere gethan, der mit seiner Gondel die ruhigsten Kanäle aufsucht, wenn er ein lautes evviva Manin! hört. »Ah il Signor Conte!« sprach höhnisch der Andere. »Das ist freilich dein Schutz und Hort. Ihr kamt an Einem Tage in diesen Palast, was aber besser nicht geschehen wäre.« »Auch in anderer Hinsicht,« fuhr der Jüngere fort, ohne eine Antwort zu geben, »betheilige ich mich an dem Wohl des Staates, wo ich kann. Papiermünze der Moneta del comune nehme ich, wenn ich muß, und wenn du in der Zeitung über den offerte alla patria, nachlesen willst, da wirst Du finden, daß ich vor acht Tagen vier Lire gespendet.« In diesem Augenblick sprang ein anderer Bedienter die Marmortreppe des Palastes herab und warf einen Damenmantel in eine der Gondeln. Ihm folgte auf dem Fuße die Herrin des Hauses, Signora Emilia und der Graf C., letzterer in der Uniform, welche man der venetianischen Artillerie gegeben. Das schöne Gesicht der jungen Dame sah ernst und bleich aus und außerdem zuckte in ihren Augen ein finsterer Blick, vielleicht in Folge einer eben gehabten Unterredung. Sie preßte ihre Lippen heftig auf einander, während sie wie nachdenkend auf die unterste Stufe der Treppe trat. Sonst war ihre Haltung wie immer: ernst, stolz, ja majestätisch. Beide Gondeln hatten sich eilfertig genähert, und der alte Mann trieb die seinige mit solcher Kraft und Gewandtheit der andern voraus, daß sein Kamerad, der nicht die Höflichkeit zu haben schien, das Fahrzeug der Dame verlassen zu wollen, stark schwankte und fast in den Kanal gefallen wäre. »Ihr seid sehr ungeschickt, Antonio!« rief Graf C. »Wenn es nicht vielleicht böser Wille war; mein Gondolier wäre fast über Bord gefallen. Was braucht ihr so hart anzufahren?« »Das Hartanfahren thut's nicht, Herr Graf, das sind wir gewohnt,« erwiderte ruhig der alte Mann. »Der da ist kein rechter und ehrlicher Gondolier; er steht auf schlechten Füßen.« Der Graf zuckte die Achseln und wandte sich an seine Begleiterin, indem er sagte: »Was ist da zu machen? Wäre er von meinen Leuten, so würde ich dafür Sorge tragen, daß er mit seinem vorlauten Maul unter irgend eine brave Truppe gesteckt würde, die ihm Stillschweigen und Gehorsam auflegte. Aber er steht in Eurem unmittelbaren Dienst, und die, welche dies Vorrecht haben, können thun und sagen, was ihnen beliebt.« Ein finsterer Zug flog bei diesen Worten über das Gesicht der schönen Dame; sie winkte mit der Hand gegen das Wasser – ein Zeichen, auf welches sich der alte Gondolier ehrfurchtsvoll von der Treppe zurückzog, nicht ohne daß er dabei wieder hart an das andere Boot anstieß. »Was wollt Ihr, Graf!« gab die Marchesa frostig lächelnd zur Antwort. »Eure Leute machen es ja ebenso. Das hier ist ein Unglückseliges getheiltes Haus.« Dabei hob sie die kleine, weiße Hand empor, um auf den Himmel oder den Palast hinter ihr zu zeigen. »Ihr habt Recht,« entgegnete der junge Venetianer. »Das Haus ist leider getheilt und gespalten. Aber wer ist daran schuld? Wer ist es, der eins der edelsten Häuser dieser Stadt in das Gerede bringt, als halte es mit den Feinden des Vaterlandes? Wer ist es, der unsere patriotischen Bemühungen zu Schanden macht? Wer sorgt dafür, daß man achselzuckend mit Fingern auf uns zeigt und hinter unserm Rücken traditore murmelt?« »Ich doch nicht?« rief das Mädchen und warf ihren Kopf wie ein Blitz herum. »Jedermann weiß freilich, wie ich gesinnt bin; aber Jedermann weiß auch,« setzte sie seufzend hinzu, »daß, als ich meine Partie ergreifen mußte, es mich da hielt, wo mein Vater lebt, wenn auch,« sagte sie für sich und legte die Hand an ihre Stirne, »Herz und Gedanken anderswo sind. – – Was wollt Ihr, Graf!« fuhr sie darauf heftiger fort. »Da ich einmal hier blieb und also unter der dreifarbigen Fahne leben mußte, habe ich nicht für das Wohl eurer – Sache, für das Wohl dieses armen Volks ebenso viel, ja mehr gethan, als jede andere Dame meines Standes?« »Die Spitäler, worin die deutschen Soldaten liegen,« entgegnete der Venetianer spöttisch lächelnd mit einer tiefen Verbeugung, »nennen Euch ihre Vorsehung. – Aber,« setzte er rasch hinzu, »wozu diese Streitigkeiten, Donna Emilia? das heißt, wozu dieselben immer und ewig fortsetzen? Ich muß zu meiner Batterie. Laßt uns in gutem Einvernehmen scheiden; heute Abend stehe ich weiter zu Befehl.« – Nach einer kleinen Pause, während welcher die Marchesa im Begriff schien, noch Einiges zu antworten, sich aber anders besann, zuckte sie leicht mit den Achseln und befahl darauf ihrem Gondolier, heran zu kommen. Sie schien ihren Groll vergessen zu haben; denn sie winkte dem Grafen leicht mit der Hand und sagte lächelnd: »Ihr könnt mich ja begleiten, Vetter; setzt mich auf der Piazetta ab, das macht Euch keinen großen Umweg.« »Ei, ei!« versetzte der junge Venetianer und ein Schatten flog über sein ohnehin finsteres Gesicht. »Ihr scheint Schlimmes mit mir im Sinn zu haben, Signora. Am Ende verlangt Ihr noch, daß ich Euch über den Markusplatz führen soll.« »Ich hoffe, daß Ihr Euch eine große Ehre daraus machen würdet.« »Ja und nein, schöne Cousine. Sich mit der Marchesa von E. öffentlich zu zeigen, müßte für jeden Kavalier die größte Auszeichnung sein; aber mit einer Dame über den Markusplatz zu gehen, die anerkannter Weise die schwarzgelbe Flagge protegirt, könnte zu unangenehmen Erörterungen führen. – Apropos! bald hätte ich es vergessen: man hat mir von mehreren Deserteuren erzählt, die kurze Zeit, ehe sie verschwanden, in der Nähe unseres Palastes gesehen wurden. Wißt Ihr Vielleicht etwas davon, Signora?« Die Marchesa zuckte verächtlich mit den Achseln und wandte sich ihrer Gondel zu. In diesem Augenblick eilte ihre Kammerfrau, die oben an der Treppe gewartet, bei der Herrin vorbei, reichte ihr die Hand zum Einsteigen und ließ sich darauf, dem Ehrenplatze der Gondel gegenüber, auf einer der kleinen Bänke nieder. Antonio setzte sein Ruder ein und die Barke glitt wie ein Vogel in die Mitte des Wassers, wandte sich darauf leicht und zierlich und schoß pfeilgeschwind den Kanal Grande hinab. Die Kammerfrau, die mehr eine Vertraute der jungen Marchesa war, legte sanft den Mantel um die Füße ihrer Gebieterin und seufzte tief auf. Die junge Dame war aber zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, um augenblicklich hierauf zu achten. Da aber dieser Seufzer mehrmal wiederholt wurde, so hob sie endlich ihr Auge von dem Wasser empor und blickte in das ihrer Dienerin. »Ach, Signora,« sagte nun die Kammerfrau, welche durch diesen Blick eine Erlaubnis zum Sprechen erhalten zu haben schien, »ach, Signora, es geht immer schlimmer hier in der unglückseligen Stadt und wird immer trauriger im Palast des Herrn Marchese. – Der Herr Graf scheint es darauf abgesehen zu haben. Eure Dienerschaft Tag und Nacht zu quälen.« »Was ist wieder geschehen, Therese?« fragte ruhig die Dame. »Als ich vorhin auf der Treppe stand,« antwortete die Kammerfrau, »mußte ich, ohne zu lauschen, die letzten Worte des Herrn Grafen, hören.« »Welche?« fragte zerstreut die Marchesa. »Wo er von einigen Deserteuren sprach, die um den Palast herumschlichen.« »Und was geht das dich an?« »Ach, Signora, er hat uns deßhalb scharf examinirt, schon seit mehreren Tagen, und läßt nun den Palast unaufhörlich bewachen.« »Meinetwegen,« antwortete die Herrin; »mir ist es gleichgültig.« »Aber,« – entgegnete nach einer Pause stockend die Dienerin, – »ach, Signora, mir ist es nicht gleichgültig.« »Wie? Therese. was soll das heißen? Ist etwa Wahres daran?« »Leider, Signora!« »Und du wußtest darum?« Die Kammerfrau nickte schüchtern mit dem Kopfe und blickte zu gleicher Zeit ihre Herrin forschend an, um sich zu überzeugen, ob sie es wagen dürfe, weiter zu sprechen. »Therese,« sagte die Marchesa nach einem kleinen Stillschweigen, »du hast Unrecht, das sind gefährliche Spiele.« »Darf ich sprechen, Signora? – In dem großen Spitale, wohin ich Euch zuweilen begleitete, fand ich ein paar arme Deutsche, die durch seltsame Schicksale hierhergekommen waren und die es nun bitter bereuten, gegen ihre eigenen Kameraden gekämpft zu haben und noch fortwährend kämpfen zu müssen. Sie thaten ganz verzweifelt und beschworen mich, ihnen zur Flucht behülflich zu sein. Es fehlten ihnen Kleider und Geld – ich verschaffte ihnen Beides.« »Therese!« – »Ich konnte nicht anders, gnädigste Herrin, und ich hatte einen guten Zweck dabei.« »Ich will nicht hoffen, Therese!« »Doch, doch! ich darf nichts läugnen. Antonio und ich wir halfen ihnen fort, und damit sie drüben irgend eine Ansprache hätten, sagte ich ihnen den Namen eines jungen Offiziers, und dabei mußten sie mir versprechen –« »Um Gotteswillen!« rief die Marchesa, »was hast du gethan?« – »Ich ließ mir nur von ihnen versprechen,« fuhr die Kammerfrau fort, »mir, wenn sie glücklich ankämen, durch ein unverfängliches Schreiben sagen zu lassen, ob Jemand, den sie gesucht, draußen in Mestre sei.« Hier machte die kluge Dienerin eine Pause, und betrachtete nachdenkend ihre Herrin. Eine plötzliche Röthe deckte das schöne Gesicht der Marchesa; sie lehnte den Kopf auf die Hand und es dauerte längere Zeit, bis sie wieder aufblickte. Dann aber sagte sie mit sehr leiser Stimme: »Nun – und dann?« »Dann,« wiederholte freudig die Vertraute, »erhielt ich heute Morgen diesen Zettel.« »Von wem?« fragte rasch die Marchesa. »Von dem alten Verwalter eurer Villa zwischen Mestre und Treviso. Er schreibt: Bis vor wenigen Tagen war das Casino unbewohnt; wir hatten keinerlei Einquartirung. Es lag ihnen zu weit von Mestre entfernt. Jetzt aber haben wir einen Husarenoffizier, der sich übrigens sehr still und ruhig verhält.« »Einen Husarenoffizier?« fragte die Marchesa mit dem Tone der Enttäuschung. »Der sich still und ruhig verhält,« las die Kammerfrau weiter. »Besuche empfängt er wenige; nur ein Offizier des Geniecorps, Hauptmann Friedrich v. S., kommt häufig auf die Villa.« »Ah!« rief die junge Dame und erröthete abermals. »Das ist ein ganz unverfänglicher Brief, den hätte Jedermann lesen können.« »Mit Ausnahme des Grafen,« sagte leise die Marchesa. »Natürlicher Weise,« erwiderte lachend die Kammerfrau, »ihn habe ich auch nicht zu meinem Vertrauten gemacht; und was die Deserteure anbelangt –« »So erscheinen hoffentlich keine mehr,« sagte ernst die junge Dame. »Nein, gewiß nicht!« entgegnete lachend Therese, »der Graf läßt das Palais umsonst bewachen.« Jetzt war die Gondel in der Nähe der Piazetta angekommen, und Antonio warf einen fragenden Blick auf seine Herrin. Diese winkte ihm mit der Hand, an den beiden Säulen anzulegen. Ehe aber der alte, schlaue Gondolier dies that, konnte er sich nicht enthalten zu sagen: »Signora werden verzeihen, aber der Markusplatz wimmelt von Menschen, auch höre ich Musik. Es scheint, man hält dort eine Parade ab.« »Was kümmert's mich!« bemerkte die junge Dame. »Ich werde doch wohl die Freiheit haben, meinen Weg zu nehmen, wohin es mir gefällt.« »Nur möchten Euer Gnaden mir die Bemerkung erlauben,« fuhr der Gondelführer fort, »daß das Volk nicht in der besten Stimmung ist. Die Räumung von Malghera hat sie kopfscheu gemacht; man hört nichts als tradimento und traditore, und wenn Euch zufällig ein Feind des Hauses erkennt – und wir haben deren genug – so wäre vielleicht Mancher keck genug, meiner verehrten Herrin Unangenehmes zu sagen.« »In dieser freien Stadt?« fragte die Marchesa mit verächtlichem Lächeln. »Ich will es darauf hin wagen. – Ans Ufer!« Die junge Dame kannte keine Furcht, doch zog sie ihren Schleier dichter um das Gesicht, aber nur aus dem Grunde, weil es in diesen Tagen bei den Damen so der Brauch war. Dann stieg sie mit festen Schritten die Treppe hinauf. Antonio blickte lasch um sich her, winkte hastig einem Gondelführer, der sich nicht weit von ihm befand, sagte ihm zwei Worte und verließ darauf ebenfalls die Gondel, um seiner Herrin nachzueilen. Auf dem Markusplatze herrschte heute eine absonderliche Bewegung; man hätte sie einen kleinen Tumult nennen können. Das ganze weite Viereck war mit einer unermeßlichen Volksmenge bedeckt, die ab und zu, bis weit in die Piazetta hinein flutete. Man hörte unverständliches Geschrei, Pfeifen, Lachen, Singen, zuweilen auch verstand man ein paar Worte, die eine besonders kräftige Lunge von sich gab. Dazwischen tönte das Rasseln der Trommeln und die Klänge der Militärmusik. Der Präsident hielt eine Parade ab. An der Procurazia vorbei stand das Militär, und dann in einem rechten Winkel vor der Markuskirche bis hinter den berühmten drei Masten, von welchen riesenhaft die dreifarbigen Fahnen herabwallten. Die Parade war beendigt und der Präsident hatte den Venetianern gesagt, weßhalb es nothwendig gewesen sei, das gänzlich demontirte Fort Malghera zu räumen. Er hatte dabei auf die Ausdauer der Mannschaft hingewiesen und den guten Venetianern erklärt, mit dem Verluste der kleinen Festung sei nichts verloren, sondern gewonnen. Er habe die ungeheuren Streitkräfte der glorreichen Republik kennen gelernt und sei überzeugt, Land und Seemilizen verzagen nicht bei der Räumung von Malghera. Nur entschlossener und muthiger würden sie sich unter einander verbinden zur Abwehr des Feindes. »Fahret darum fort,« schloß er seine Rede, »ausdauernd zu sein, vertraut auf Maria, die Jungfrau, und wir werden siegen!« Doch waren alle diese schönen Worte, ja die Aufstellung der allerdings ziemlich ansehnlichen Streitkräfte nicht im Stande gewesen, die beunruhigten Herzen des venetianischen Volkes zufrieden zu stellen. Wenn auch von einem Theil des Platzes ein brausendes evviva Manin! herüber flog, so hörte man doch auch auf anderen Stellen das laute Murmeln des Unwillens und die so beliebten Worte: tradimento und traditore. Dies galt nun freilich nicht dem Präsidenten, sondern den in Wahrheit tapfere Vertheidigern von Malghera, Offizieren und Soldaten, die sich draußen im Fort verstümmeln und todtschießen ließen, um dafür von diesen müßigen Pflastertretern, die mit heiler Haut in Sicherheit in den Straßen Venedigs umher spazierten, auf solche ächt volksthümliche Weise belohnt zu werden. An diesem Tage besonders schien das gute Volk der Inselstadt durchaus nicht zu Scherzen aufgelegt, und der alte Antonio, der hinter den beiden Frauen bis an das Portal von St. Marko gelangt war, drückte an die Thüre, um in der Kirche ein Asyl zu finden, da er in diesem Augenblick, von den Massen gedrängt, weder vor- noch rückwärts konnte. Doch war die Kirche verschlossen. »Hm!« sagte ein wild aussehender Kerl, doch schien seine Wildheit halb und halb Maske zu sein, der, die Hände in den Hosen, an einer der Säulen lehnte, zu einem andern: »laßt sie immer sprechen, daß es nothwendig gewesen sei, da unten die Festung zu verlassen. Wir wissen das besser; ich habe einen braven Kameraden, der mit drinnen war; fast gar nichts haben die Deutschen zerschossen, fast alle Kugeln sind über die Festung hinausgeflogen; und doch mußten unsere Tapferen abziehen.« »Und weßhalb mußten sie abziehen?« fragten ein paar andere Männer, die hinzu traten. Der Erstere zog sein häßliches Gesicht zu einem wilden Grinsen, spuckte wild vor sich hin und sagte: »Was wollt ihr! – tradimento!« »Ja, ja!« riefen Andere. »Die Offiziere haben uns verrathen.« »Ein doppelter Verrath!« fuhr der Erste fort. »Und weßhalb» haben sie uns verrathen?« »Um den Oesterreichern das Fort zu übergeben.« »Ja, aber weßhalb?« »Das will ich euch sagen. Ich hab's von meinem braven Kameraden. Weil die Oesterreicher ausgehungert sind, und weil das Fort voll Lebensmittel steckt. Alles tausendweise; Fässer mit Mehl, Reis, Oel, Wein – eine Vorratskammer, wovon ganz Venedig hätte acht Tage essen können. »Ha, traditore!« Und traditore! riefen die Nächsten und die weiter Stehenden sagten das ihnen so geläufige Wort ebenfalls und bald schallte abermals der wilde Ruf: tradimento! traditore! über den weiten Platz dahin. Das waren aber nur allgemeine Vermuthungen, die jener würdige Mann vorhin ausgesprochen und die er sich nun bemühte, in eine engere und greifbarere Form zu gießen. »Glaubt nicht,« fuhr er fort, »daß die armen Soldaten und auch alle Offiziere zu den Verräthern gehören. Und im Grunde, was können die armen Teufel draußen thun, als gehorchen! Von woher kommen diese Befehle? wo steckt der Verrath? – Hier in Venedig – Tradimento in Venetia!« Tradimento in Venetia!« scholl es abermals über den Platz dahin, und einzelne Stimmen hörte man kreischen: fori Manin! Das war dem Präsidenten der Republik nichts Neues, also herausgerufen zu werden und dem Volke auf die unvernünftigsten Fragen eine genügende Antwort zu ertheilen. Doch hatte er ihnen heute schon in ähnlichem Sinne viel zu Gefallen gethan und ließ sie deßhalb vor der Hand schreien, was sie wollten und mochten. War aber der Präsident hartnäckig, so war es das Volk noch mehr. »Von hier kommt der Verrath,« sprach der Kerl am Portale von St. Marko. »Wie gesagt, wenn sie hier befehlen, müssen sie draußen gehorchen – eine ganze Vorrathskammer haben die Oesterreicher genommen, ein ganz unermeßliches Proviantmagazin.« »Wer sorgt für unsere Lebensmittel?« rief eine kreischende Stimme aus dem Haufen. »Wofür haben wir eine Verproviantirungscommission? – Warum schützt sie uns nicht?« »Da steckt's eben!« sagte der Sprecher kalt berechnend, indem er seine rothe Mütze ruhig über das rechte Ohr schob. »Wer ist die Verproviantirungscommission? Vornehme Herren, die nichts von unserer Noth wissen, die in ihren Palästen kein Brod essen, weil sie Fleisch genug haben, die kein Oel brauchen, weil sie süße Butter kaufen können. Gerade die Verproviantirungscommission hat uns verrathen.« Und abermals schallte es über den Platz dahin: »Verrath! Verrath! die Verproviantirungscommission hat uns verrathen!« Und dazwischen hörte man jetzt aus Tausenden von Stimmen den rauhen Ruf: »Manin! fori Manin!« Antonio befand sich ganz in der Nähe des Sprechers mit der rothen Mütze. Er hatte sich vorgedrängt, um die beiden Frauen einigermaßen hinter sich zu verbergen. Er stand Schulter an Schulter mit dem Manne, der die rothe Mütze auf dem Kopfe hatte. Der Ruf: »fori Manin!« dauerte indessen immer noch fort, ja er verstärkte sich von Minute zu Minute. Und der Präsident der Republik sah sich endlich genöthigt, an das Fenster zu treten und gebot mit der Hand Stillschweigen. »Was wollt ihr?« rief er. »Tradimento!« schallte es ihm entgegen. »Wir sind verrathen. Manin!« »Wieder dieselbe Geschichte! wer hat euch verrathen?« »Nieder mit der Verproviantirungscommission!« rief der Kerl mit der rothen Mütze und sein Anhang. Und »nieder mit der Verproviantirungscommission!« erschallten tausend Stimmen. Der Präsident winkte verächtlich mit der Hand und erwiederte nach einer kleinen Pause: »Was wollt ihr? Immer dasselbe Geschrei! die Commission besteht aus ehrenwerthen Männern, die ihr gewählt habt und die ich kenne. Geht nach Hause!« »Einen Namen!« flüsterte der Kerl mit der rothen Mütze. »Ihr müßt einen Namen nennen. Nennt den Marchese von C. Er hat es immer mit den Oesterreichern gehalten. – Nennt ihn! nennt ihn! Es ist das ein reiches Haus! Vielleicht setzen wir eine kleine Plünderung durch.« Und gehorsam dieser Anweisung schrieen zuerst zehn, dann zwanzig, dann hundert volle Kehlen: »Der Marchese von C. ist ein Verräther! Er hält es mit dem Feinde, er hat Malghera verrathen!« Diese Behauptung war nun an sich so ungeheuer lächerlich, daß sich der Präsident von seinem Fenster verachtungsvoll abwandte. Der Marchese v. C., in Wahrheit einer der eifrigsten Patrioten, hatte sich der traurigen Sache Venedigs auf's eifrigste angenommen, hatte einen Theil seines Vermögens geopfert und sollte nun für seine Anstrengungen auf diese Art belohnt werden. Tausende auf dem Markusplatz, die den Marchese bis jetzt für sehr treu gesinnt hielten, waren nun auf einmal überzeugt, daß er ein Verräther sei und schrieen das laut in die Luft hinauf. Sein Haus, sein Leben schwebte einen Augenblick in Gefahr. Glücklicher Weise war das Militär noch auf dem Platze aufgestellt und im Nothfall bereit und im Stande, den frechen Pöbel zu Paaren zu treiben. Eine schnellere Justiz aber ereilte den Mann mit der rothen Mütze; denn kaum hatte Antonio den Namen seines Herrn vernommen, so fiel er, alle Klugheit vergessend, über seinen Nebenmann, faßte seinen Hals, und der kräftige, wenn auch alte Gondelführer schnürte ihm die Kehle wie mit eisernen Schrauben zusammen. Natürlich wurden die beiden augenblicklich von einander gerissen, getrennt, aber der ganze Haufen, der sich nun plötzlich umwandte, bemerkte nun an dem Portal die beiden Frauen, welche von Einigen augenblicklich erkannt wurden. »Ah, Signora!« rief eine Stimme aus dem Gewühl. »Hier will man hören, was das gute Volk unter sich ausmacht.« »Seht ihr wohl, Kameraden,« sagte ein Anderer, »sind wir irgendwo vor Spähern sicher?« »Die Marchesa von C.,« rief der Kerl mit der rothen Mütze; »unter der glorreichen Fahne von Italien! – Die Dame ist blaß,« fuhr er fort, »und das begreift sich wohl; denn sie war bis jetzt gewohnt, schwarz und gelb neben sich flattern zu sehen.« »Wie bei der letzten Reggata!« kreischte eine Weiberstimme; »Giuseppe, das wirst du nicht vergessen haben.« »Wir wissen es Alle,« riefen mehrere Stimmen. »Aber den Verrath wollen wir bestrafen!« setzten Andere hinzu. Und das Gewühl und Geschrei, das sich einen Augenblick vorher gegen die Mitte des Platzes concentrirt hatte, wandte sich nun nach dem Portal der Markuskirche. Manin an seinem Fenster hatte einige kräftige Worte gesprochen, von denen man aber nur verstand: »adesso andante via tutti.« Und darauf schwenkte das Militär, um sich in seine Quartiere zurück zu begeben. Das Volk machte überall Platz, bis auf jene an der Markuskirche, wo Hunderte im Begriff waren, auf die beiden Frauen und den Gondelführer einzustürzen. Zum Glück hatte eine Compagnie Schweizer, brav und disciplinirt, die beste der ganzen venetianischen Besatzung, in der Nähe der drei Mastbäume gestanden, und als sie nun abschwenkte und wegmarschirte, kam sie dicht bei dem Portale der Kirche vorbei und fegte für einen Augenblick die Menschenmasse dort weg. Antonio sprang auf einen der Offiziere zu und sagte mit wenigen Worten, was sich hier begeben. Die Marchesa war bleich wie der Tod und ließ sich willenlos von dem braven Offizier zwischen zwei der abmarschirenden Sektionen führen. Therese aber hatte ihren Schleier zurückgeschlagen, da sie unter den abmarschirenden Schweizern einige bekannte Gesichter gesehen. »Ei,« sagte einer der Soldaten, »das ist die vornehme Dame, die so häufig in's große Spital kam.« »Und so gut und freundlich war,« setzte ein Anderer hinzu. »Was wollen die Welschen von ihr?« »Weiß nicht,« entgegnete der Erste. »Aber laßt die Galgengesichter nur heran kommen. Dort sehe ich so ein paar Gauner, die sich offenbar mit schlechten Absichten zwischen die Kolonne drängen wollen. – Zurück, ihr Schufte!« In der That war auch die ganze Rotte, der Kerl mit der rothen Mütze voran, den Damen und den Schweizern gefolgt, und zuweilen drängte sich Einer mit drohender Miene zwischen die Glieder der marschirenden Mannschaft, was aber den Volkshelden immer sehr schlimm bekam, denn der betreffende Soldat nahm kaltblütig sein Gewehr und stieß mit dem Kolben die Vordringenden unsanft von sich. So ging's über die Piazetta hinweg, und am Ufer der Lagunen warteten ein paar große Barken auf die Schweizercompagnie, um sie nach dem Fort St. Pietro in Volta überzuschiffen. Antonio, der genau erkannte, was hier zu thun war, verließ die Reihen der Soldaten, sprang in seine Gondel und legte sie dicht neben den erwähnten großen Barken an die Steintreppe, worauf die Marchesa mit ihrer Dienerin das Fahrzeug bestieg. Der alte Gondolier stellte sich fest an sein Ruder, und nachdem die junge Dame dem freundlichen Offizier dankend zum Abschied gewinkt, flog die Gondel mit der Schnelligkeit eines Windhauches über den Wasserspiegel dahin, verließ aber aus Vorsicht bald den großen Kanal, und rauschte durch ein Labyrinth von kleinen Wasserstraßen dem Palaste zu, an dessen hinterer Seite, die der Leser bereits kennt, sich das Fahrzeug anlegte, worauf die Marchesa ihren Gemächern zueilte. Obgleich es damals in Venedig nichts Neues war, daß Männer, die sich der sogenannten guten Sache aufs Eifrigste annahmen, die Vermögen, Gesundheit, ja Leben dafür opferten, durch einige elende Schreier auf dem Marktplatze verunglimpft und mit dem Namen traditore beehrt wurden, obgleich das, wie gesagt, häufig vorkam, und man sich deßhalb am Ende nicht mehr viel daraus machte, so konnte doch der stolze Marchese von C. die Mißhandlung, die heute seinem Namen widerfahren war, nicht verschmerzen. Er saß finster brütend in seinem Zimmer und ließ vor seinem Geiste alles das vorübergehen, was er für diese undankbare Stadt gethan, und bedachte dann zähneknirschend, was ihm heute widerfahren. Der Marchese war, wie wir wissen, einer der Ersten gewesen, welche vermittelst geheimer Verbindungen die Gesetze verhöhnt, und durch unablässige Bemühungen im Sinne der sogenannten Freiheitspartei den gesetzlichen Boden so aufgelockert, daß das im italienischen Grunde so schwach fundamentirte Staatsgebäude beim eisten Windstoß von außen zusammenbrechen mußte. Er hatte das alles, wie er glaubte, in bester Absicht gethan; aber wenn ihm schon im Laufe des letzten Jahres viele Zweifel aufstießen, und er auch manchmal kopfschüttelnd an das Ende dieser Komödie dachte, so war doch die Frucht, die er bei dem endlichen Gelingen zu brechen hoffte, sich nämlich wie mancher seiner Vorfahren einstens Oberhaupt, sei es Präsident oder Doge, dieser Stadt nennen zu hören, zu verlockend für ihn, um nicht Alles an die Ausführung dieses Planes zu setzen. Sein Name war in der neuen Republik genannt; er stand bis jetzt groß und mächtig da. – Und das alles hatte sich heute in einem Schlage geändert. Er war nach des Volkes Ausspruch ein Verräther; er war ausgestoßen aus den Reihen derer, für die er so viel gethan, so viel geopfert. Der Marchese war übrigens ein Mann von raschen Entschlüssen und als sich seine Tochter im Laufe des Abends bei ihm einfand und sich Beide über den schrecklichen Vorfall auf dem Markusplatze besprachen, als sich Emilie tröstend an seine Brust lehnte, schloß er seit langer Zeit wieder zum ersten Male sein Kind in die Arme, küßte sie innig auf die hohe, weiße Stirn und sagte: »O meine Tochter, es ist möglich, daß ich sehr geirrt; ich glaube es zu fühlen, wenn ich auch jetzt noch nicht davon überzeugt bin. Aber Dir werde ich es nie vergessen, daß du, obgleich anderer Ansicht, für mich so Vieles und Schmerzliches gelitten.« – – Es war dies übrigens im Allgemeinen heute ein Unglückstag für Venedig; denn an demselben Abend gegen zehn Uhr erschütterte ein furchtbares Krachen die Stadt, und die Einwohner zitterten in ihren Häusern und glaubten, der Feind habe irgendwo unsichtbar eine Batterie aufgeführt und überschütte sie mit Bomben und Kugeln. Obgleich Letzteres nun nicht der Fall war, so hatte doch ein großes Unglück Venedig betroffen. Die große Pulverfabrik alle Grazie flog mit einer bedeutenden Menge vorräthigen Pulvers in die Luft; das Volk erfüllte abermals den Platz von St. Marko mit seinem Geschrei um Rache an eingebildeten Verräthern. Wem es vergönnt war, der Belagerung einer Stadt auf eine so bequeme Art beizuwohnen, wie unserem jungen Husarenoffizier, von dem wir früher gesprochen, der mußte dieses für die Theilnehmer so beschwerliche Schauspiel für irgend eine angenehme Vergnügungspartie ansehen. Er ritt freilich des Morgens, so oft es voraussichtlich in Mestre oder der Umgegend Etwas gab, nach dem Städtchen, verweilte dort einen guten Theil des Tages in den Laufgräben, unbekümmert wegen den hin- und herfliegenden Kugeln, auch wohl selbst den Säbel ziehend und in der Dämmerung mit der Tranchéwache hinausstürzend, um einen Ausfall abzuschlagen. Doch waren dies die Lichtseiten des Aufenthaltes. Wenn sich dagegen die Nacht herniedersenkte, von der Erde böse Nebel aufstiegen, welche mehr Opfer hinrafften, als die feindlichen Kugeln, dann hatte er nichts zu thun, als auf dem Marktplatze im allgemeinen Kaffeehause von den Freunden Abschied zu nehmen, sich eine Cigarre anzuzünden und aufs Pferd zu schwingen, das ihn dann in raschem Trabe nach Hause brachte. Diese nächtlichen Ritte hatten für den jungen Offizier etwas außerordentlich Angenehmes, etwas Schönes, Poetisches, – die finstere Nacht, in die er hinaustrabte, das Leuchten und Krachen der Geschütze auf seiner rechten Seite von Malghera, San Giuliano, Campaldo, St. Secundo und anderen Batterien und, dies alles übertönend, zuweilen der Donner eines heftigen Gewitters, das über seinem Haupte dahinrollte, wohl auch einen tüchtigen Regen niedersendend, der ihm es alsdann auch um so lieber machte, wenn er endlich das ihm jetzt offenstehende Thor der Villa L. erreicht hatte. Der alte Verwalter, der anfänglich kalt und zurückhaltend gegen ihn gewesen war, schien ihn plötzlich liebgewonnen zu haben und bot ihm alle möglichen Bequemlichkeiten an. Obgleich der junge Offizier seine Wohnung von zwei Zimmern für groß genug erachtete, so fand er doch jetzt jeden Abend, wenn er heimkehrte, die Flügelthüren der anstoßenden Gemächer eröffnet und mehrere derselben erleuchtet, ohne daß er sich je auch nur flüchtig in denselben umgesehen hätte. Da er meistens in der Stadt speiste, sein Frühstück aber ihm von seinem Burschen zubereitet wurde, so war er nie in den Fall gekommen, zu untersuchen, ob sich in der prächtigen Villa L. auch eine Küche der ganzen reichen Einrichtung gemäß befinde. Eines Tags, kurz nach der Einnahme von Malghera, kam er nach Hause zurück und ihn begleitete sein Freund, Hauptmann von S., der in der vergangenen Nacht stark beschäftigt gewesen war und nun ein paar Stunden mit seinem Kameraden verplaudern wollte. Die Beiden ritten im scharfen Trabe durch den Park und sprangen vor dem Portal von ihren Pferden. Die Sonne war noch nicht untergegangen und beleuchtete prächtig durch eine Lichtung des Parks das elegante Casino. Wie schon gesagt, war der Husarenoffizier schon seit längerer Zeit nicht vor Einbruch der Nacht nach Hause gekommen und blieb deßhalb überrascht stehen von der schönen Färbung zwischen den mächtigen Bäumen und von der Glut, die auf dem schönen Gebäude ruhte. »Ah!« sagte er, »es ist doch ein prächtiger Aufenthalt, diese Villa L., und es wäre nicht so übel, sie in Ruhe und Frieden zu genießen. Spazieren wir ein wenig in dem Park umher.« Er legte seinen Arm in den seines Freundes und Beide gingen unter den Bäumen dahin. Der Park, wenn auch nicht sehr groß, war schön und geschmackvoll angelegt. Da die flache Gegend ringsum keine großartige Aussicht bot, so hatte man Alles gethan, um in diesen dichten Laubgängen den Wandelnden vergessen zu machen, daß es überhaupt eine Außenwelt gebe. Der Park lag da wie in sich gekehrt, sinnend, still träumend. Mit großer Kunst hatte man der Abendsonne den Eintritt verschafft, ohne dadurch den Blick zu veranlassen, daß er über die Grenzen des Gartens hinaus schweife. Die Sonne kam wie ein gern gesehener Gast hier gleichsam auf Besuch, und nahm wenig mehr für sich in Anspruch, als daß sie hier eine Rasenfläche vergoldete, dort rosig leuchtend über den Spiegel eines kleinen Sees hinzitterte, und sich zuletzt, ehe sie Abschied nahm, wie neugierig in den großen Spiegelscheiben des Casinos betrachtete. Nach einem kleinen Spaziergange gingen die beiden Freunde in die Zimmer hinauf. Der Husarenoffizier legte Säbel und Mütze ab, und Friedlich von S. warf sich in einen Fauteuil, der in der Nähe des Fensters stand, wo ihm noch ein Blick vergönnt war zu dem Abendhimmel hinauf, der sich mit sanfter Röthe über den grünen Baumkronen spannte. »Wieder ein Tag vorüber,« sagte der Husar. »Jetzt geht es ziemlich leidlich mit der Geschwindigkeit der Zeit, denn man sieht doch wie und wo. Seit Malghera wieder unser ist, habe ich die gegründete Hoffnung, daß wir bald über die Lagunen hinüber kommen.« »Und dann?« fragte der Andere. »Nun! und dann –« versetzte der Husar – »Was willst Du? – Das gibt einen großen Moment, wenn der alte Herr, den Gott segnen möge, in die eroberte Stadt einzieht, wir hinten drein, wenn auch leider zu Fuß, Alles in größter Aufregung, Alles evviva! schreiend, und die schwarzgelbe Fahne wieder hochflatternd. Cospetto! Darauf freue ich mich wie ein Kind.« »Du hast gut lachen,« sprach ernst der Genieoffizier, »dir ist die ganze Geschichte hier wie ein Kelch voll brausenden Champagners; du trinkst den Schaum davon und flatterst weiter. Aber wir – du ein einfacher Zuschauer, eilst davon, wenn der Vorhang gefallen; aber wir Anderen –« »Nun,« unterbrach ihn lachend der Erste, »von Allen, die sehnsüchtig nach Venedig blicken, wird doch dir das Herz am meisten schlagen, wenn es dir endlich vergönnt ist, in die feindliche Stadt einzuziehen. Du eroberst zweifach.« »Erstens werde ich mit den Croaten dort nicht einziehen,« sagte finster Friedrich von S. »Wenn sie drüben das kaiserliche Banner entfalten, liege ich vielleicht sechs Fuß tief. Ich habe so meine Ahnungen.« »Aber Deine Ahnungen sind falsch,« gab der Husar lachend zur Antwort. »Weißt du noch, wie du mir an jenem Abend an den Laufgräben sagtest, deine Kugel liege in Malghera bereit. Nun, bester Freund, hast du da Recht oder Unrecht gehabt?« »Ich will es nicht läugnen,« entgegnete der Ingenieur, »daß ich mich geirrt. Aber glaube mir, Eugen, mich trifft's doch noch bei dieser Belagerung. – Aber gleichviel! Werde ich doch all' dieser Gedanken los und komme auch nicht mehr in Versuchung, mir in besonders heiteren Momenten glückliche Träume zu machen, die sich doch nie erfüllen können.« »Ich kenne deine Geschichte,« antwortete der Husarenoffizier, »und wenn ich mit dir darüber spreche, so weißt du, ich meine es ehrlich. Zum Teufel! deine Aussichten sind gar nicht schlecht, vorausgesetzt nämlich, daß du richtig gefühlt, und daß du der jungen schönen und reichen Venetianerin nicht gleichgültig bist.« – »Und ihrem Vater –« »Ah! der wird den festen Willen der einzigen Tochter nicht so lieblos durchkreuzen.« »Du scheinst aber vergessen zu haben,« bemerkte Friedlich von S. nach einer Pause, »daß der Marchese von C. unter den Namen drüben sein wird, die nie und nimmer in eine Amnestie eingeschlossen werden können, der vielleicht nach England, in die Schweiz geht und gewiß nicht unterlassen wird, fort und fort gegen uns zu conspiriren. Gesetzt nun, alle anderen Hindernisse wären weggeräumt, hieltest du es dann für thunlich, daß ein kaiserlicher Offizier die Tochter eines solchen Mannes heirathet?« »So lange er kaiserlicher Offizier ist,« versetzte nachdenkend der Husar, »hat die Sache allerdings ihre Schwierigkeiten. Aber es gibt doch Verhältnisse, unter denen man den Dienst verlassen kann, vorausgesetzt, nach ein paar beendigten Feldzügen, wo man sich stets so tapfer benommen, und bei vielen Affairen so ausgezeichnet wie du.« »Ich danke dir für die gute Meinung,« antwortete Friedrich von S. »Aber du sprichst, wie ich vielleicht in deiner Stellung auch sprechen würde, als der Sohn eines großen und reichen Hauses, der alles Andere seinem Glück zum Opfer bringen kann. – Nein, nein! lieber Freund,« setzte er düster hinzu, »ich kenne die Sachlage besser und bin auch alt genug, um mich keiner kindischen Phantasie hinzugeben. Ich versichere dich, jener unglückselige Augenblick in Venedig war entscheidend für mein ganzes Leben. Ich liebe das Mädchen; ich weiß wohl, daß meine Kameraden mich für ernst, ja kalt, vielleicht sogar für berechnend halten. Aber ich liebe sie, wie man das Leben liebt, und wie man in diesem Leben nur einmal liebt. Für mich gibt es nur zwei Wege: – ihren Besitz oder den Tod. Und da ich zu dem ersteren nicht gelangen kann, so soll mir der zweite willkommen sein. Ich sage das nicht als Phrase, nur zu dir, meinem vertrautesten Freunde.« »Aber nimm mir nicht übel,« entgegnete der Husarenoffizier nach einem längeren Stillschweigen, »die Marchesa von C. verdient schon einige Anstrengungen. Und doch, beim Lichte besehen, wäre es auch selbst für die stolze Venetianerin nicht so übel, wenn sie einwilligte, sich Majorin von S. zu nennen. Und die Auszeichnung erhältst du in den nächsten Tagen.« Einen Augenblick sah Friedrich von S. träumerisch an den dunklen Himmel empor, an dem schon einige Sterne glänzten. Ihm erschienen die Worte des Freundes angenehm, ja des Nachdenkens werth. Aber auch nur eine Sekunde. Dann fuhr ein melancholisches Lächeln über seine Züge; er strich mit der Hand über sein Gesicht und sagte: »Du hast nur vergessen, lieber Freund, daß ich damals durch jene Vorfälle im Hause des Marchese von C. in eine unangenehme, vielleicht anfänglich für Manchen zweideutige Stellung gerieth. Du wirst dich erinnern, daß es mich einige Mühe und unangenehme Augenblicke kostete, um gewisse wohlmeinende Kameraden zu überzeugen, auf welch' unschuldige Weise ich in jenen finsteren Kreis trat. Du kennst meine Erklärung und die meines würdigen Chefs, der sich meiner in der Angelegenheit wie ein Vater annahm. – Du weißt, wie ich meinen Dienst gethan – und doch,« fuhr er heftig fort, »muß ich heute noch zuweilen verdeckte Worte hören, die mich tief verletzen müssen, wenn sie auch zu leicht hingeworfen sind, als daß ich sie aufgreifen könnte. Jetzt aber denke dir, die Marchesa von C. würde, wie du vorhin vorschlugst, Majorin S. – Nein, nein! es ist nicht daran zu denken!« In diesem Augenblick öffnete der alte Verwalter leise die Flügelthüre des anstoßenden Gemachs und meldete, daß ein Souper servirt sei. Ueberrascht blickte ihn der Husarenoffizier an und beantwortete den fragenden Blick des Freundes mit einem leichten Achselzucken. »Ei, mein werther Herr,« wandte er sich darauf an den alten Mann, »ich weiß weder etwas von einem Wunsche meinerseits, noch von einer Einladung, die ich erhalten.« Der Verwalter verbeugte sich und entgegnete: »Da Euer Gnaden heute so früh zurückkehrten, so dachte ich, ein kleines Souper würde Ihnen nicht unerwünscht sein. Ueberhaupt,« setzte er lächelnd hinzu, »nehmen sie die Gastfreundschaft dieses Hauses so wenig in Anspruch, daß ich schon lange auf eine Gelegenheit wartete, sie Ihnen aufzudringen.« »Nun meinetwegen!« rief lachend der Husarenoffizier. »Es wäre wahrhaftig unhöflich, eine so freundliche Einladung auszuschlagen. – Nicht wahr, Friedrich, wir nehmen das Souper an?« »Gewiß, mit Vergnügen,« entgegnete dieser, der froh war, daß das Gespräch von vorhin unterbrochen wurde. Beide erhoben sich darauf und folgten dem alten Manne, der die Thüren weit öffnete und ihnen voranschritt. An das Zimmer, aus welchem die beiden Offiziere kamen, stieß eine Bibliothek; dieser folgte ein Billardzimmer, ein kleiner Musiksaal, dann ein einfaches, aber sehr elegantes Speisezimmer. Alles war aufs Reichste beleuchtet, und Friedrich von S., der sich hierüber verwundert aussprach, erhielt von dem Verwalter lächelnd zur Antwort, man wisse auf dem Landhause seiner Herrschaft werthe Gäste zu ehren, die Zimmer seien jeden Abend auf diese Art erhellt; aber ihr Gast habe bis jetzt noch keinen Fuß hinein gesetzt. »Das ist wahr,« sagte lachend der Husarenoffizier. »Wer hätte aber auch denken können, daß Sie wegen meiner unbedeutenden Person eine solche Verschwendung an Wachskerzen treiben würde»!« Uebrigens war das aufgetragene Mahl der ganzen fürstlichen Einrichtung der Villa gemäß, und die beiden Freunde gestanden sich, seit ihrer Anwesenheit vor Venedig, ja seit sie Wien verlassen, nicht mehr so vortrefflich soupirt zu haben. Das Eßzimmer bildete eine Ecke des Hauses, und der Thüre gegenüber, zu welcher sie hereingekommen, fing eine andere Reihe von Zimmern an. Von diesen war nur ein einziges Kabinet beleuchtet, welches nämlich an das Gemach stieß, wo sich die Beiden befanden. Der alte Verwalter hatte mit Hülfe eines Bedienten selbst servirt, und alles das ging mit einer Ruhe, mit einer Geräuschlosigkeit von statten, wie man sie in vornehmen Häusern findet, und die so außerordentlich wohlthuend ist. Zum Dank für die freundliche Bewirthung hielt sich der Husarenoffizier für verpflichtet, ein Gespräch mit dem Haushofmeister anzuknüpfen, und that das, indem er sagte: »Dies ist wohl das gewöhnliche Speisezimmer der Familie L.?« »Es ist das Gemach für die kleinen Familiendiners,« gab der alte Mann lächelnd zur Antwort. »Existiren noch viele Mitglieder dieser alten Familie?« forschte der Offizier weiter. »Welcher Familie?« fragte der Haushofmeister. »Nun, der Familie L.!« »Die ist längst ausgestorben.« »Und bei wem sind wir alsdann zu Gast?« fragte überrascht Friedrich von S. »Bei dem jetzigen Besitzer vermittelst dessen gehorsamen Diener,« sagte der alte Mann. »Und welcher Familie sind wir demnach diese Gastfreundschaft schuldig?« Der Haushofmeister schien diese Frage überhört zu haben, denn er nahm im selben Augenblicke die silberne richauds von der Tafel und übergab sie einem Diener, der sie hinaustrug. »Ja, Euer Gnaden,« sagte er darauf, »der große Speisesaal ist unten. Dies ist das Zimmer für die kleineren Diners. Es liegt, wie Sie bemerkt haben, am Ende der Zimmerreihe, auf deren anderen Seite Euer Gnaden Schlafzimmer ist. Von dort bis hier geht die Wohnung des Herrn, und steht durch eben dieses Gemach mit der anderen Zimmerreihe in Verbindung, welche in guten Zeiten,« setzte er seufzend hinzu, »von unserer gnädigsten Herrin bewohnt wird.« Friedrich von S. hatte gedankenvoll mit seinem silbernen Dessertmesser gespielt; jetzt fielen seine Augen zufällig auf das Heft desselben und sein Herz schlug schneller, er war auf's Höchste überrascht, als er auf demselben eine Grafenkrone und die Chiffre C. gravirt sah. Ah! dachte er im nächsten Augenblicke, das Zusammentreffen wäre zu seltsam. Wie viele Familien gibt es, deren Namen mit C. anfängt? »Ja, drüben sind die Zimmer unserer Herrin,« fuhr der alte Mann fort. »Wenn es Euer Gnaden vielleicht interessirt,« setzte er lächelnd hinzu, »so bitte ich mir einen Augenblick zu folgen; hier in dem Nebenkabinet ist das Portrait der jungen Marchesa.« Wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß Friedrich von S., auf's Höchste gespannt, von seinem Stuhle emporsprang, und daß auch der Husarenoffizier eilig dem alten Manne folgte, der die schweren Damastvorhänge des ebenfalls sehr hell erleuchteten Nebenkabinets auf die Seite schob. Das können wir aber nicht verschweigen, daß der Erstere, nachdem er einen Schritt in die Thüre gethan, wie erstarrt stehen blieb und halblaut ausrief: »Sie ist's!« während sich der Andere mit einem Ausruf der Bewunderung einem lebensgroßen Bilde gegenüber stellte – dem Portrait der jungen Marchesa von C., welches so prächtig gemalt und so glücklich aufgefaßt war, daß man hätte glauben können, die gebietende Gestalt erwarte nur eine tiefe Verbeugung der eingetretenen Fremden, um ihnen darauf mit ihrem ernsten und doch so süßen Lächeln entgegenzutreten. Nach einer längeren Pause, während welcher beide Freunde das schöne Bild gleicher Weise fast mit den Augen verschlungen, wenn auch mit sehr ungleichen Gefühlen, faßte sich Friedrich von S. zuerst und sagte zu dem alten Manne, der ehrerbietigst hinter ihnen stand: »So gehört also diese Villa dem Marchese von C.?« bei welchen Worten der Husarenoffizier einen lächelnden Blick auf seinen Freund warf und darauf verwundert sprach: »Wenn der Maler nicht geschmeichelt, so ist die Marchesa das schönste Mädchen, das ich in meinem ganzen Leben gesehen.« »Der Maler hat kaum seine Schuldigkeit gethan,« bemerkte der Haushofmeister mit einer Verbeugung. »Und doch konnte er das Schönste an unserer gnädigsten Herrin nicht darstellen: ihr edles Gemüth, ihr gutes Herz. Zwei Sachen, Euer Gnaden, die wir, die Dienerschaft, besonders zu schätzen wissen.« »Laßt uns hier weggehen,« sagte endlich der Hauptmann und drückte seinem Freunde fest die Hand. »Es taugt mir wahrhaftig nicht, wenn ich das Bild lange ansehe.« »Und ich,« entgegnete dieser, »möchte mich gerne ein paar Stunden davor festsetzen, wenn mir ein solches Unternehmen nicht auch etwas – – zu gefährlich erschiene. Kehren wir zu unseren Cigarren zurück!« Friedrich von S. warf noch einen letzten schnellen Blick auf das Bild; dann wandte er sich rasch um und sie gingen in's Nebenzimmer. Doch war ihre Unterhaltung gestört: der Hauptmann saß finster und schweigend da; seine Gedanken schweiften offenbar über das Wasser hinüber nach Venedig. Der junge Husar blickte in seinem Fauteuil ausgestreckt zuweilen lächelnd an die Decke und ließ kunstreiche Dampfkreise emporsteigen, deren Lauf er aufmerksam zu folgen schien, bis sie vergingen. »Es ist eigentlich Schade,« redete er nach einem längeren Stillschweigen; »aber der Anblick jenes Bildes hat uns Beiden nicht wohlgethan.« »Nein, wahrhaftig nicht,« gab Friedrich von S. zur Antwort. »Als ich heute Nachmittag auf San Giuliano war und unter den Arbeitern stand, die emsig und furchtlos an dem Batteriebau beschäftigt waren und darüber lachten, wenn eine feindliche Kugel ihnen den Schanzkorb zwischen den Händen fortriß und uns mit Sand und Steinen bewarf, da hatte ich mich darauf gefreut, im Gegensatz zu dem wilden Getümmel mit dir ein paar Stunden wie im tiefen Frieden verplaudern zu können. Ich fühlte eine angenehme Ruhe in meinem Herzen; ich konnte Venedig ruhig überschauen, ohne daß ich, wie sonst immer, einen herben Schmerz empfand. Jetzt ist das Alles wieder dahin, meine Nerven sind aufgeregt, mein Herz schlägt gewaltig; die Stille um dies kleine Schloß saust mir in den Ohren; ich möchte ausrufen: Luft! Luft!« »Wenn du dich nach etwas Spektakel sehnst,« versetzte der Husar, »so laß uns auf den Balkon da drüben gehen. Oeffne dir ein Fenster und wir werden augenblicklich unsere Lieblingsmusik hören. Bumm! – bumm! – Bumm! – bumm! »Spotte nicht über mich, Eugen,« sagte der Andere sanft. »Es ist mir in der That recht traurig und unheimlich zu Muthe. Wenn du mir es nicht übel nimmst, so reite ich jetzt nach der Stadt zurück.« »Gewiß nicht!« entgegnete der Andere, »man muß seinen Freunden die persönliche Freiheit nicht verkümmern. Wenn du allein sein willst, so bleibe ich hier. Gibst du aber mir die Erlaubniß, dich zu begleiten, so erzeigst du mir einen großen Gefallen.« »Wie kannst du nur fragen?« sagte der Hauptmann. »Wenn du dich dem Bette noch auf einige Stunden entziehen willst und mit mir hinausreitest, so bin ich dir dankbar dafür. Aber du wirst meine Gefühle begreifen; ich bin bewegt, unruhig. Erinnerungen und Gedanken quälen mich auf's Neue, ich möchte sie gerne verscheuchen.« »Kein Wort weiter!« antwortete der Husar. »Reiten wir.« Bald saßen Beide zu Pferde und trabten gen Mestre. Die Lieblingsmusik, von welcher der Husarenoffizier vorhin gesprochen, ließ sich heute Abend deutlicher als gewöhnlich vernehmen. Auf allen Seiten krachte und blitzte es, und namentlich in der Nähe der Lagunenbrücke sah man oft weite Strecken in rothe Glut gehüllt. Aus den Villen, wo die beiden Reiter vorbeikamen, sah man ebenfalls hie und da Reiter auftauchen und rasch gen Mestre eilen. »Die scheinen's heute wieder ernstlich zu betreiben!« rief der Husar einem Ordonnanzoffizier zu, der aus Casa Papadopoli heraus sprengte. »Ist Seine Excellenz zu Hause?« »Nein, er ist draußen bei der Lagunenbrücke,« entgegnete der Gefragte. »Sie sind heute Nacht auf ihren Inseln wieder ganz des Teufels. Sie müssen wahrscheinlich erfahren haben, daß die drei schönen Batterieen auf San Giuliano fast beendigt sind. Von San Secundo feuern sie ohne Unterlaß herüber; auch bemerken die vorgeschobenen Posten, daß sich ihnen eine Menge ihrer Schaluppen langsam nähern.« »Ah! da ist ja mein Werk in Gefahr!« rief lebhaft der Ingenieur. »Auf alle Fälle müssen wir ein Bischen nachsehen.« Und sie trieben die Pferde rascher an und erreichten bald Mestre. Auf dem Marktplatz war heute Abend ein regeres Leben als gewöhnlich. Vor dem Café befanden sich eine Menge Offiziere aller Grade, um die Tische herumsitzend oder in Gruppen stehend, und zusammenplaudernd; Ordonnanzen kamen und gingen; auch, Mannschaften, die von der Arbeit zurückkehrten, und die Offiziere, welche sie führten, wurden umringt und ausgefragt. »Du, was gibt's draußen?« »Nicht viel Neues. Aber sie scheinen was vorzuhaben heute Nacht.« »Habt ihr Verluste?« »Wir unbedeutend, aber die von San Giuliano mehr.« Die beiden Freunde, nachdem sie hin und her gefragt und geantwortet, und ihre Pferde zurückgelassen, eilten dem Erddamme zu, an welchen die Lagunenbrücke stößt und fanden dort eine Menge Oberoffiziere und Generale versammelt, die Meisten standen oben auf dem Damme und schauten angelegentlich in die Nacht hinaus. Doch war es nur geübten Augen möglich, in der großen Dunkelheit etwas zu erkennen, und auch diesen nur, nachdem sie sich durch den Blitz eines Schusses orientirt. San Secundo und die feindlichen Brückenbatterieen feuerten einzelne Schüsse nach San Giuliano herüber und es war eigenthümlich schön anzusehen, wie das trübe Wasser der Lagunen für einen Augenblick erhellt wurde oder wie einer der riesenhaften Brückenpfeiler plötzlich, aber nur für einen Augenblick, hell und glänzend aus der dichten Finsternis, hervor trat. »San Secundo fürchte ich nicht besonders,« sagte eine helle Stimme aus dem Haufen der Offiziere; »sie überschießen bei Nacht häufig. Aber ich habe gute Nachrichten, daß sie mit ihren Schaluppen irgend einen Angriff machen wollen; es wird ihnen aber nichts helfen, da wir vortrefflich gedeckt sind, aber es kostet wieder Menschenleben, das ist das Entsetzliche bei der Sache.« »Sollen wir nicht einige Leuchtraketen von San Giuliano aufsteigen lassen?« fragte eine andere Stimme. »Wir geben ihnen nur ein besseres Ziel,« antwortete der erste Sprecher. »Ich habe drüben scharf auslugen lassen und erwarte jeden Augenblick Berichte.« Wirklich kam auch einige Minuten später eine Ordonnanz hastig daher gelaufen und drang durch den Kreis der Offiziere. »Nun, wie steht's drüben? – Haben wir viel Verluste?« »Bis jetzt nicht, Excellenz,« entgegnete der Offizier; »nur ein sehr bedauerlicher Fall, Lieutenant T. vom Geniecorps, der auf der oberen Batterie war, ist von einer Vollkugel schwer verwundet.« »Ah, das ist hart! Herr Oberst, wir müssen Jemand anders hinschicken. – Ist vielleicht Jemand von den betreffenden Herren in der Nähe?« Friedrich von S. trat rasch vor. »Ah! mein wackerer Hauptmann S.,« fuhr der Sprecher von vorhin fort. »Sie haben ja das Werk kaum vor ein paar Stunden verlassen.« »Aber ich freue mich, sogleich dahin zurückkehren zu können,« antwortete der Hauptmann. »Es ist mir sehr lieb,« sagte eine dritte Stimme, »daß gerade Sie kommen. Hauptmann von S. hat den Bau von Anfang an geleitet. Eilen Sie hinauf, lieber Freund, und treiben Sie die Leute so gut wie möglich an. Es ist nicht viel mehr zu thun, ja die Artillerie muß sogar einen Theil der Bettungen schon gelegt haben.« »Schön, schön!« sagte der erste Sprecher. »Dann können wir sie mit Tagesanbruch artig heimschicken.« Hauptmann von S. trat rasch zum Kreise der Offiziere zurück, eilte den Damm hinab, und suchte so gut wie möglich den unsicheren und schwer zu treffenden Weg nach seinem gefährlichen Bestimmungsort zu finden. Doch war er noch nicht weit gekommen, als er Jemand hinter sich drein stolpern hörte und die Stimme seines Freundes vernahm, der ihn leise bat, doch nicht gar zu schnell zu laufen. »Ja, was willst denn du?« fragte erstaunt der Hauptmann. »Nun, dich begleiten,« erwiderte der Andere. »Das kann eine lustige Nacht werden.« »Thu' mir den Gefallen und bleibe zurück,« sagte der Hauptmann. »Ich gehe gern und bereitwillig da hinauf, es ist mein Dienst. Aber von dir wäre es tollkühn, dich in so gefährliche Sachen zu mischen, wo du am Ende nur im Wege bist und nichts nützen kannst.« »Den Teufel auch,« entgegnete lachend der Husar. »Mir scheint, es kommen da Sachen vor, wo ich recht gut nützen kann. Ich habe so was munkeln hören, als könnten die Lateiner mit ihren Schaluppen einen Angriff wagen; und wenn das der Fall ist, da kann's zu einem artigen Handgemenge führen, und da gehöre ich in erster Linie hin. – Du,« setzte der junge Mann bittend hinzu, »sei doch nicht kindisch oder besser gesagt neidisch, gönn' Unsereinem auch eine kleine Arbeit! Ich kann dich auf Ehre versichern, ich schäme mich ordentlich, wie ein rechter Müßiggänger von der Ferne zuzuschauen, während so manche brave Kameraden blutend davon getragen werden. Wir kämpfen hier alle für den Kaiser, und wenn ich für den Ruhm unserer Waffen etwas beitragen kann, so ist das meine verdammte Schuldigkeit. Erinnere dich doch an Mailand, wo so viele meiner Kameraden mit der Infanterie gegen die Barrikaden gingen. Kann ich euch zu Pferd nichts nützen, so will ich es einmal zu Land oder meinetwegen auch zu Wasser versuchen. – Komm!« »Du bist ein prächtiger Kerl,« antwortete lachend der Hauptmann. »So geh' denn mit! Aber wenn dir – was ich nicht hoffen will – irgend ein Unglück zustößt, so wird man mich dafür ansehen.« »Du hast mir nichts zu befehlen!« sagte lachend der Husarenoffizier. »Ich gehöre nicht zu deinem Corps.« »Und doch bin ich dein Vorgesetzter und im Nothfall auch so viel älter, daß du mir schon deßhalb gehorchen solltest. – Aber jetzt vorwärts, schweig' still und schau' auf deine Füße.« Dieser letzte Befehl war sehr nothwendig; denn wenn es heutzutage im hellen Sonnenschein mit ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft wäre, vom Eisenbahndamm querfeldein an jene Stelle zu gelangen, wo eine Brücke nach San Giuliano hinüberführte, so war dies in der jetzigen Verfassung des Bodens, durchschnitten mit Gräben, voll Löcher, welche die einschlagenden Kugeln gerissen, ein wahrhaft verzweifeltes Unternehmen. Dabei kamen die beiden Freunde, jemehr sie sich der Insel näherten, um so mehr auch in den Schußbereich des feindlichen Feuers. Jetzt waren sie an der Stelle angelangt, wo ein kleiner schwanker Steg von dem festen Lande nach San Giuliano hinüberführte. Hier blieb der Hauptmann einen Augenblick stehen und versuchte es nochmals, seinen Freund zu bewegen, daß er umkehre. »Sowie wir einen Schritt auf diese Bretter setzen,« sagte er, »sind wir dem Feuer der Brückenbatterieen und dem von San Secundo schonungslos ausgesetzt. Ich weiß, wo wir sind; es ist der Steg, den unsere Soldaten den Weg des Todes oder auch die Todtenbrücke benennen. Du hast mich jetzt höchst angenehm bis hieher begleitet, es wäre jetzt weit besser, wenn du nach Hause zurückkehrtest.« »Vorwärts! vorwärts!« entgegnete der Husarenoffizier. »Was sollen wir uns hier plaudernd zum Ziele der Kugeln machen? die Sache ist abgemacht: ich gehe mit dir.« Friedlich von S. zuckte die Achseln und ging rasch voran. Die Bretter unter ihren Füßen schwankten, aber sie achteten nicht darauf: vielmehr waren ihre Blicke auf den Boden gerichtet, um, so viel es die Dunkelheit zuließ, nicht in die Löcher hineinzustürzen, die sich zahlreich vorfanden, wo die hereinschlagenden feindlichen Kugeln die Planken zerrissen hatten. Die Brücke verdiente heute Abend ihren Namen mit Recht; und es war als das größte Wunder anzusehen, daß die beiden Freunde nicht bei jedem Schritte niedergeschmettert wurden. Hegten vielleicht die Italiener die Vermuthung, man werde heute Abend Verstärkungen nach San Giuliano ziehen und wollten sie dies verhindern – genug, sie unterhielten auf diesem Punkt ein wahrhaft empörendes Feuer, und tückischer Weise waren es meistens Vollkugeln, die sie herübersandten. Den Flug der Bomben und Granaten würde man deutlich gesehen haben und schon bei Weitem mit leichtem Herzen bemerkt, daß sie zu hoch oder zu niedrig gehen wurden. Auch war bei der schmalen Brücke für die Hohlgeschosse weniger Wahrscheinlichkeit des Treffens. Um so zudringlicher und unheimlicher flogen dagegen die Vollkugeln vor, hinter und über den Freunden vorbei, und machten ihre Gegenwart nur durch ein heiseres Pfeifen bemerkbar, durch ein Klatschen ins Wasser oder durch eine starke Bewegung des Steges, wenn eine derselben einen der Hauptpfeiler auch nur leicht gestreift. »s–s–s–t!« sagte der Husarenoffizier, »die war mir recht nah. Ueberhaupt sind wir hier gerade wie Spatzen auf einem Futterbrett. Es ist wahrhaftig ein Wunder, daß uns keine dieser unsichtbaren Kugeln getroffen.« »Jetzt ruhig,« ermahnte der Hauptmann. »Wir haben die Insel erreicht. Ich muß mich mit der Wache verständigen, sonst hätten wir auch noch von dort etwas zu befürchten.« Letzteres war bald geschehen, und die beiden Offiziere sprangen ans Ufer. Hier befand sich Alles in einer geheimnißvollen, aber sehr rührigen Thätigkeit. Man hatte drei Batterien gebaut, die einander überragten. In die unteren wurden soeben die Geschütze eingebracht; die obere war auch fast vollendet. Zur letzteren begaben sich die Freunde, und Friedrich von S. meldete sich bei dem kommandirenden Major von der Artillerie und suchte zugleich seinen Kameraden auf, den verwundeten Genieoffizier, den er ablösen sollte. Derselbe war schwer getroffen; man hatte ihn hinter einer Deckung niedergelegt, und ein Wundarzt war im Begriff, ihn so gut wie möglich zu verbinden. »Es ist das eine unheimliche Nacht,« sagte der Artillerieoffizier, der einen Augenblick zu den Kameraden trat. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Hauptmann von S., daß Sie glücklich über die Brücke gekommen sind. Es ist das ein wahres Wunder. Ich fürchte noch immer, sie schießen uns den miserablen Steg zusammen, und das wäre sehr unangenehm.« »Erwartet ihr noch Verstärkungen aus Mestre?« fragte der Ingenieurhauptmann. »Gott bewahre! Ich glaube, wir haben genug da.« »Und meinen Sie, die drüben werden einen stärkeren Angriff wagen?« »Zuverlässig!« antwortete der Artillerieoffizier. »Sie haben dort links an den Lagunen verschiedene Kriegsschaluppen aufgestellt. Wir erwarten von Sekunde zu Sekunde, daß sie anfangen uns zu bedienen.« Die Leute in der Batterie nebenan arbeiteten mit der angestrengtesten Thätigkeit. Obgleich sich dort ein scheinbar verwickelter Knäul von Menschen umhertrieb, ging doch Alles mit der größten Umsicht und Ordnung vor sich. Man vernahm kein Wort, keinen Laut; nur das Wegschaufeln der Erde wurde gehört, das Knirschen eines Schanzkorbes, der festgestellt wurde, und der dumpfe Schlag der Hämmer, mit welchen die Pflöcke eingetrieben wurden. Plötzlich aber vernahm man zwischen den emsig arbeitenden Männern einen leichten Aufschrei, der aber bald unterdrückt war durch das Zusammenklirren eiserner Geräthschaften. »Was gibt's da?« rief der Artilleriemajor, der herbei eilte. »Ein Vierundzwanzigpfünder hat eben zwischen die Leute hereingeschlagen,« rapportirte einer der Unteroffiziere. »Todte?« – »Zwei.« »Verwundete?« – »Vier.« »Schafft sie gleich nach rückwärts,« befahl der Major. »Ich will ein paar Aerzte senden.« Das war eine von den kleinen traurigen Unterbrechungen, wie sie leider so häufig vorkamen. Doch machten sich die braven Soldaten nicht viel daraus. Einen Augenblick stutzten wohl die Umstehenden und schauderten auch wohl leise zusammen, daß der Tod so hart bei ihnen vorbei gestreift, dann aber faßten sie stillschweigend die gefallenen Kameraden auf, trugen sie zurück und gingen wieder wohlgemuth an ihre gefährliche Arbeit. Alles was heute Nacht zum Batteriebau und zur Wache gehörte, befand sich in fieberhafter Aufregung. Die Ahnung, daß der Feind etwas vorhabe, hatte sich auch unter den Soldaten verbreitet, und Jeder untersuchte ohne Befehl sein Gewehr auf's Genaueste und drückte an das Bajonett, ob es auch recht fest sitze. Es mochte Mitternacht vorüber sein, als das Feuer von den Brückenbatterieen und von San Secondo mit einem Male aufhörte. Die Nacht trat einen Augenblick in ihr Recht ein und es lag eine plötzliche Stille auf der weiten Wasserfläche, die aber im Gegensatz zu dem ungeheuren Spektakel von vorhin überraschend und unheimlich war. »Das ist eine Windstille vor dem Sturm,« sagte flüsternd der Artillerioffizier und eilte nach den unteren Batterieen. »Ich glaube auch so,« bemerkte Friedrich von S. zu seinem Freunde. »Wenn mich nicht Alles trügt, so sehe ich dunkle Körper auf dem Wasser daher schwimmen. Siehst du, dort und dort!« »Ja, ja,« antwortete der Husarenoffizier, »da schleichen sie heran, Am Ende gibts ein kleines Seegefecht.« Jetzt tauchten hinter ihnen aus dem Dunkel ein paar Infanterieoffiziere hervor, und einer derselben, ein älterer Stabsoffizier, theilte die Bemerkung der beiden Freunde und pflichtete ihnen bei. »Wir können nichts thun,« sprach er, »als uns ruhig verhalten, bis sie zu einem ernstlichen Angriff schreiten; denn ehe sie den Versuch machen, einen Fuß auf die Insel zu setzen, werden sie uns mit einem schönen Kartätschenhagel begrüßen. Meine Leute stehen bereit.« Damit trat er leise zurück. »Weißt du was?« sagte der Husarenoffizier, »ich schließe mich der Infanterie an. Vielleicht finde ich später ein überflüssiges Gewehr und bis dahin soll mein Säbel herhalten.« Er drückte dem Freunde nochmals die Hand und verschwand in der Nacht. Friedrich von S. blieb allein auf der fast fertigen Brustwehr der Batterie und schaute angelegentlich in das Dunkel hinaus. Es lag ein tiefer Friede auf der Erde und dem Wasser; die Luft war ruhig, und wenn nicht dichte Gewitterwolken den Himmel bedeckt hätten, würde man mit Hülfe des Sternenlichtes weit um sich her geschaut haben. Dort lag Venedig; man erkannte die Stadt an dem Glanze einer Menge von Lichtern, die hie und da vertheilt waren. Die Leute in diesem Stadtviertel, die in der Nähe der Eisenbahn wohnten, waren in letzterer Zeit auf ihrer Hut; denn seit der Einnahme Malghera's hatte man österreichischer Seite auf der Lagunenbrücke Mörserbatterieen errichtet, welche ihre Geschosse zuweilen bis in die ersten Häuser der Stadt trieben. Die dunkeln Körper auf dem Wasser schwammen jetzt immer näher, und bald erkannte man kleine leuchtende Punkte auf denselben. Das Feuer von San Secondo schwieg noch immer, und Tausende von Augen blickten jetzt angestrengt in die Nacht hinaus. Da mit einem Male schlug auf dem Wasser eine feurige Lohe, weithin die trüben Fluten erhellend, empor. Ein erschütterndes Krachen folgte und Vollkugeln, Granaten und Kartätschen sausten und zischten aus den großen Schaluppen gegen San Giuliano. Im gleichen Augenblick nahmen die Brückenbatterieen und die von San Secondo ihr Feuer mit der größten Heftigkeit wieder auf. Es schien, als gäben sie nur ganze Lagen; denn es war nicht mehr der Knall eines einzelnen Schusses zu erkennen, sondern ein wilder Donner brüllte fort und fort herüber. Im ersten Augenblick drückten sich die Arbeiter hinter die Brustwehren. Die Wirkung der Kugeln war fürchterlich. Wie Strohbunde rissen die stärksten Faschinen auseinander, flogen schon gefüllte und festgestellte Schanzkörbe nach allen Richtungen. Auch lautes Jammergeschrei tönte durch die Nacht, einzelne Rufe, entsetzliches Stöhnen. Friedrich von S. war ein paar Sekunden überrascht stehen geblieben, da die einschlagenden Kugeln das Erdreich unter seinen Füßen auseinander rissen, und als er hinter sich augenblickliche Bestürzung und Verwirrung vernahm, sprang er über die Batterie hinab, um durch freundliche Worte und strenge Befehle die so plötzlich unterbrochene Arbeit wieder herzustellen. »Angefaßt, Leute!« sagte er mit leiser Stimme. »Bleibt an eurem Posten, – Hieher vier Mann mit einem Schanzkorb! – Diese Scharte hat am meisten gelitten.« Und damit legte er ebenfalls Hand an, und während die braven Soldaten diesem Befehle pünktlich Folge leisteten, stellte er sich auf den gefährlichsten Platz und half ihnen den angerichteten Schaden wieder gut machen. – »Laßt nicht nach!« sprach er dazwischen. »Wir müssen die Batterie in ein paar Stunden fertig haben. – Ihr da unten bei den Bettungen, tummelt euch. Vorwärts! vorwärts! Denkt nur an das Vergnügen, ihr Leute, wenn wir ihnen aus diesen drei prächtigen Batterien mit Zinsen heimzahlen, was sie uns heute Nacht geliehen.« Unterdessen setzten Batterien und Schaluppen ihr verheerendes Feuer ununterbrochen fort. Letztere warfen ganze Massen Kartätschen an das flache Ufer der Insel. Jetzt konnte man auch deutlich die Körper der Schiffe erkennen und neben ihnen große flache Boote voll Soldaten. Da sie wußten, daß die diesseitigen Batterieen noch nicht fertig waren, so hatten sie augenscheinlich vor, die Insel direct anzugreifen und die Bauten zu zerstören. Auch vermutheten sie ohne Zweifel wenig Mannschaft auf der Insel, und hatten, um das Heranziehen von Verstärkungen zu erschweren, schon am Nachmittag und Abend jenes furchtbare Feuer auf die Brücke der Todten unterhalten. Der auf San Giuliano kommandirende umsichtige Major der Infanterie unterstützte diesen Glauben dadurch, indem er hie und da einzelne Musketenschüsse abfeuern ließ, wie um ihnen zu sagen: wir vertheidigen uns, so gut wir können. Hiedurch getäuscht, sah man bald eine Anzahl der großen flachen Boote an's Ufer rudern, um ihre Mannschaft an der Insel auszusetzen. Friedlich von S., dessen Aufmerksamkeit zwischen dem Bau der Batterie und dem Manöver des Feindes getheilt war, sprang abermals auf die Brustwehr und blickte angelegentlich nach einer Raketenbatterie, die nicht weit von ihm aufgestellt war und nun plötzlich ihr Feuer begann. Ruhig und kaltblütig wie immer schossen die österreichischen Artilleristen; und an dem Geschrei und der Verwirrung, welche nun in den Booten und unter der Mannschaft entstand, die schon am Ufer war, hörte man deutlich, daß keine der Kugeln fehlging. Wie feurige Schlangen schossen die Raketen dem Wasser zu, Tod und Verderben da bringend, wo sie einschlugen. Jetzt setzte sich auch die Infanterie in Bewegung und warf sich mit lautem Hurrah! den Eingedrungenen entgegen. Natürlich stellten in diesem Augenblick sowohl die Schaluppen wie die Raketenbatterieen ihr Feuer ein, um die eigenen Leute nicht niederzuschmettern, und es entspann sich drunten am Ufer ein stilles, aber furchtbares und blutiges Handgemenge. Bajonnet focht gegen Bajonnet und suchte die feindliche Brust zu durchbohren; Säbel kreuzten sich und die Aexte und Beile, mit denen die Arbeiter aus den Batterieen herbeiliefen, warfen die Gegner mit schweren Wunden zu Boden. Nur zuweilen erhellte der Blitz einer Muskette oder einer Pistole das furchtbare Chaos, und bei diesem unsichern Lichte ersah man denn bald, daß die Venetianer dem Wasser zu flüchteten und ihre Boote zu erreichen suchten. Viele aber wurden unterwegs noch niedergemacht, und viele kamen in dem Wasser um, in welches sie sprangen, um ihr Leben zu retten. Auch die Raketenbatterie nahm ihr Feuer wieder auf und sandte den abziehenden Booten Kugeln und Granaten nach. Bald aber hatten die Fahrzeuge sich hinter den Schaluppen geborgen und nun war es auch für die Oesterreicher Zeit, sich so gut wie möglich zu decken; denn das Kartätschenfeuer von den Schiffen begann im gleichen Augenblick mit neuer Wuth. Der junge Husarenoffizier hatte sich wacker gehalten, und obgleich er einen leichten Bajonnetstich in den Arm erhielt, eilte er doch so schnell wie möglich nach den oberen Batterieen, um seinem Freunde die Einzelnheiten des Kampfes zu erzählen. Friedrich v. S. hatte mit den Mannschaften aufs Angestrengteste gearbeitet. Doch hatten die Batterieen von drüben ihre Wuth wo möglich verdoppelt und unter den Arbeitern übel gehaust. Mehrere Offiziere waren verwundet und der Ingenieurhauptmann leitete nun den Bau allein. Da sein Leben für das seiner Untergebenen so nothwendig war, denn es bedurfte ermunternder Worte und des besten Beispiels, um sie an der Arbeit zu erhalten, so hatte er sich von dem gefährlichen Punkt auf der Brustwehr herab begeben und stand in einer der Schießscharten, um in der Nähe die Arbeiten zu überwachen. Die Schäden hatte man ziemlich wieder ausgebessert, und die Bettungen wurden gestreckt. Der Husarenoffizier schlich sich zwischen den Arbeitern daher und stand nun unter seinem Freunde in dem hinteren Graben. »Wie ein Kind freue ich mich auf den Moment, wo ihr fertig seid,« rief er diesem zu, »denn es ist unerträglich, sich so überschütten zu lassen, ohne antworten zu können.« »Da du das einsiehst,« entgegnete der Hauptmann, »so begib dich von dieser Stelle hinweg. Es ist wahrhaftig hier nicht geheuer. Du hast dich da unten wahrscheinlich gut genug gewehrt, und es war das ein Vergnügen. Aber hier oben als Zielscheibe zu stehen, ist für dich wenigstens unnöthig.« »Immer Predigten!« sagte lachend der Andere. »Nun ich glaube, wir haben heute Glück, denn ihr müßt hier oben eine schöne Masse Eisen gehört haben. – Und immer noch hören,« fuhr er leiser fort, denn in dem Augenblicke, wo er dieses sprach, trafen wieder einige der schweren Kugeln recht unglücklich in die Batterie, warfen Holz und Erde umher und rissen manchen braven Soldaten zu Boden. – »Nun ja, ich will dir folgen!« fuhr der junge Mann fort. »Ich begebe mich wieder zur Infanterie. Aber wenn ihr anfangt zu schießen, sollst du von mir drei ungeheure Hurrahs hören.« Der Ingenieuroffizier, der im Schatten der Schießscharte stand, gab keine Antwort. »Bis nachher also!« sprach der Andere. »Reich mir deine Hand und haltet euch brav.« Aber Friedlich von S. reichte ihm keine Hand zur Begrüßung und als ihm der Husarenoffizier, einigermaßen unruhig über dies Stillschweigen die seinige reichte und ihn sanft am Aermel zupfte, glitt Friedlich von S. langsam an der Schartenwand hinab, sank zuerst auf die Knie und fiel dann auf das Gesicht. »Gerechter Gott!« schrie der Husar und sprang aus dem Graben hervor. »Kommt her ein paar Leute!« lief er den Arbeitern zu. »Euer Offizier ist erschossen!« Das war ein Opfer mehr heute Nacht, und wenn auch die Kameraden den daliegenden jungen Offizier, nachdem er hinter die Verschanzungen gebracht war, mit tiefem Schmerz betrachteten, so war doch der Augenblick zu wichtig, als daß man sich viel mit Klagen und langen Auseinandersetzungen abgegeben hätte. Der Wundarzt, der den Gefallenen untersuchte, erklärte den rechten Arm für zerschmettert, überhaupt die Verwundung für tödtlich, weil die Brust stark erschüttert sei. Der Husarenoffizier ließ sich ein paar Mann mit einer Tragbahre geben und trat tief erschüttert den Rückweg nach Mestre über die Brücke der Todten an, über diesen gefährlichen Steg, den er mit dem lebenden unverletzten Freunde noch vor wenigen Stunden so glücklich zurückgelegt hatte. Als sie die Stadt erreichten, und schweigend durch die stillen, verödeten Straßen zogen, waren die Batterieen auf San Giuliano fertig geworden, und als der Husarenoffizier seinen Freund, der noch schwer athmete, in das Spital ablieferte, dachte draußen auf den Batterien schon Niemand mehr an ihn, der dort gefallen, denn der große Augenblick war gekommen, die Geschütze wurden eingeführt, gerichtet und eröffneten mit anbrechendem Morgen ein furchtbares Feuer. In kurzer Zeit waren ein paar Schaluppen in den Grund gebohrt, andere schwer beschädigt, eine Batterie auf der Lagunenbrücke fast gänzlich demontirt, und die Venetianer erkannten mit Schrecken, daß die Belagerer ihnen einen guten Schritt näher gerückt seien. Der heftige Geschützkampf, der längere Zeit in den Brücken-Batterieen um San Secondo und San Giuliano gewüthet, hatte dem großen Theil der in Sicherheit zuschauenden Venetianern ein gar willkommenes und prächtiges Schauspiel gegeben. Die meisten Kugeln kamen nicht über die Lagunen hinaus, selten eine bis zur Eisenbahnstation. Und wenn auch hie und da einige Bomben etwas verdächtig nahe flogen, so platzten dieselben doch meistens in der Luft, da man die Zünder für die weite Entfernung nicht einrichten konnte. Dies alles, zugleich mit der Thatsache, daß, nachdem die drei Batterieen in San Giuliano gebaut waren und nachdem jener nächtliche Angriff abgeschlagen wurde, die österreichischen Geschütze zu feiern schienen, wiegte das sorglose Volk der Stadt wieder in vollkommene Sicherheit. Der Glaube an die Uneinnehmbarkeit der alten Venetia begründete sich abermals fest in ihnen, und sie gingen mit leichtem Herzen daran, ihre Hauptbatterie St. Antonio, auf der Mitte der Lagunenbrücke gelegen, auszubessern und zu verstärken. Da nach den Vorgängen ihre Furcht vor einem wirksamen Bombardement fast gänzlich verschwunden war und sie nur einen Frontangriff erwarteten, der allein auf der Eisenbahnbrücke stattfinden konnte, so sprengten sie immer mehr Bogen ab und bauten bei St. Antonio eine zweite Batterie, um, im Fall selbst die erstere genommen würde, sich hinter die zweite zurückziehen zu können. In der Stadt selbst begannen übrigens zwei andere Feinde aufzutreten, denen man nichts entgegenzusetzen hatte: Krankheit und Hunger; und in Folge dieser beiden Erscheinungen war das Elend, was sich anfing auf den Straßen Venedigs zur Schau zu stellen, wahrhaft entsetzlich und hätte die starrsten Herzen wohl zum Nachdenken bringen können. Ganze Schaaren von Bettlern ließen sich auf den öffentlichen Plätzen sehen, und wenn sie so in Lumpen gehüllt, mit eingefallenen Augen und hohlen Wangen den besser Gekleideten um eine Gabe ansprachen, so klang diese Bitte mehr wie ein Recht, das sie zu fordern hätten; und das per l'amor de Dio! füglich übersetzt werden: Wenn du mir heute nichts gibst, so werde ich mir morgen was nehmen. Noch jammervoller war die Anhäufung des hungerigen Volkes der mittleren Stände vor den Brod- und Spezereiläden. Ein Bericht sagt darüber: »Gewöhnlich reichte der Vorrath nicht für Alle aus, und die Letzten mußten dann leer abziehen. Darum warteten Viele schon lange vor der bestimmten Stunde, um, wenn der Laden aufgehe, die Ersten zu sein. Es war herzzerreißend, anzusehen, wie diese armen Weiber, denen man Hunger und Elend auf allen Gesichtszügen ablesen konnte, sich drückten und drängten um für ihr mühsam erworbenes, oder gar zusammengebetteltes Geld das tägliche Brod zu erhalten. Manchmal kam es zu eigentlichem Handgemenge, und es ist Thatsache, daß mehrere Personen bei diesen Hungerscenen zu Tode gedrückt worden sind. In der Folge wurden an diesen Orten Gensdarmen aufgestellt, welche zwar allerdings eine gewisse Ordnung handhabten, die fernerem Unglücke verbot, nicht aber die Noth selbst und den äußerst schmerzhaften Eindruck, den dieselbe hervorbrachte, mildern konnte.« Bei all' der fortwährend größer werdenden Noth und dem Elend, was immer mehr zu Tage trat, gab der Markusplatz fast zu allen Stunden des Tages noch immer das Bild eines regen, ja oft heiteren Treibens. Hier versammelte sich nach wie vor der wohlhabende Theil der Bevölkerung, um sich von dem, was draußen vorging, die Einzelheiten erzählen zu lassen und zu debattiren, Forderungen an die Regierung zu stellen, kurz alles Mögliche zu thun, um Jenen, welche mit der Leitung der Angelegenheiten betraut waren, ihr Amt zu erschweren und das Leben so sauer wie möglich zu machen. Militär aller Waffen und Grade trieb sich ebenfalls hier umher, und gewährte in ihren bunten Uniformen , rothen Hosen, ihren verschiedenen Waffen dem gaffenden Volke eine angenehme Abwechslung. Doch waren dergleichen ruhige Scenen auf dem ehrwürdigen Platze fast zur Seltenheit geworden. Mißtrauen gegen die Regierung, das früher oft von Einzelnen künstlich angefacht wurde, hatte sich jetzt der großen Mehrzahl bemächtigt. Dazu kam, daß Krankheiten aller Art täglich bösartiger und verheerender auftraten, und daß es der wohlhabenderen Klasse der Bürger sogar an den nothwendigsten Lebensmitteln zu fehlen begann. Fleisch und Fische mangelten fast gänzlich, und der größere Theil der Einwohner war auf Polenta und Gemüse beschränkt. Vielleicht, daß durch diese Umstände sich bei Manchen, die anfingen, den wahren Stand der Dinge zu erkennen, die Ueberzeugung aufdrang, das Trauerspiel in Venedig nähere sich seinem Ende, und je bälder eine Unterwerfung stattfände, desto besser sei es. Doch hatte lange Niemand den Muth, auch nur mit seinem vertrautesten Freunde von einer Capitulation zu sprechen, und die Furcht, als Verräther zu gelten und der Volksjustiz zum Opfer zu fallen, schreckte Jeden von einem derartigen Versuche ab. Da wagte es endlich der Erzbischof und Cardinal-Patriarch von Venedig in dieser Sache einen entscheidenden Schritt zu thun; er berief insgeheim eine Anzahl Männer der gemäßigten Partei, und bei einer Zusammenkunft im Palast des Marchese von C. wurde der Beschluß gefaßt, die Regierung zu bitten, sie möge Unterhandlungen anbahnen, um so den unerträglich werdenden Leiden des armen Volkes ein Ziel zu setzen. Doch trat in Folge dieser Versammlung das Wort: »Verrath,« welches die Venetianer so oft als Gespenst erschreckt, nun wirklich zu Tage, und ein Document, worin jene Männer ihre Wünsche niedergelegt und mit ihrer Unterschrift bezeichnet, kam in die Hände des Volkes. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht über die Gassen und Kanäle Venedigs, und der Markusplatz wurde, wie schon so oft, der Schauplatz eines fürchterlichen Tumultes. Selbst das Ansehen des Präsidenten war im ersten Augenblick nicht im Stande, die aufgeregte Volkswuth zu beschwichtigen. » Morte al patriarcha !« dröhnte es über den Platz hin, und ein aufgeregter Haufe, dem sich eine große Anzahl Soldaten anschloß, stürmte den Palast des Erzbischofs. Mobilien, Bücher, Gemälde, Kostbarkeiten aller Art wurden in den Kanal geworfen, und nachdem man hier so viel wie möglich verwüstet, zog die Menschenmasse, die sich immer mehr vergrößerte, auch nach anderen Palästen von Solchen ab, welche sich durch ihre Unterschrift vor dem Volke compromittirt. Man hatte die Namen derselben sorgfältig aufgeschrieben, und ein Kerl mit einer rothen Mütze, der dies Papier in den Händen hielt, ermunterte das Volk durch heftiges Geschrei, jetzt auch nach dem Palaste des Marchese von C. zu ziehen. »Der Herr Marchese steht oben an!« rief er mit gellender Stimme. »Denkt an Malghera und die Verproviantirungs-Commission! Denkt an Madamigella sua filia , die uns mit ihrer schwarzgelben Fahne genug geärgert! – Auf! zum Palaste des Marchese!« Gehorsam diesem Rufe setzte sich der wilde Haufe in Bewegung; ein Theil warf sich in bereit stehende Barken, ein anderer Theil eilte durch die engen Gassen nach dem bezeichneten Palaste und kam auch bald dort in dichten Schwärmen an, alle Ausgänge vorn und hinten besetzend. Doch hatte die Regierung, obgleich sie nicht im Stande gewesen, die Erstürmung des erzbischöflichen Palastes zu verhindern, bereits ihre Maßregeln getroffen, um den weiter beabsichtigten Zerstörungen Einhalt zu thun; und als die Aufrührer bei der Wohnung des Marchese von C. anlangten, fanden sie, daß dieselbe von einer Gensdarmerie-Abtheilung besetzt war, welche trotz versuchten Fraternisirens sehr geneigt schien, alles feindselige Andringen mit guten Kugeln zu beantworten. Dagegen konnte sie nicht verhindern, daß der Palast von den Kanälen, den nebenan liegenden Häusern und den Straßenwinkeln her auf's Heftigste mit Steinen beworfen wurde, so daß bald an dem ganzen prächtigen Gebäude keine Fensterscheibe mehr ganz war, so weit man dieselbe mit einem geschickten Wurfe erreichen konnte. Auch Schüsse fielen hie und da, und Kugeln zertrümmerten einzelne Steinverzierungen an den Fenstern oder zerschlitzten die schweren Damastvorhänge. Der Marchese hatte sich mit seiner Tochter in jenes Zimmer zurückgezogen, wo damals die Versammlungen stattgefunden, und hier, wo er und seine Freunde die ersten Hebel angesetzt, um eine festgefügte Wehr auseinander zu brechen, hier fand er nur noch den einzigen Schlupfwinkel, wo er vor Steinen und Kugeln sicher war, vor den Waffen jener Haufen, für deren Wohl er jene Dämme gebrochen zu haben glaubte, die aber nur daher flutend ihn vor allen Andern mit Vernichtung ja Tod bedrohten. Er stand an einem kleinen schmalen Fenster, durch welches er einen Theil des wilden Volksschwarmes sehen konnte, ohne daß es diesem gelungen wäre, ihn zu entdecken. Emilie hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen, ihr Kopf ruhte an seiner Brust; doch wenn sie auch zuweilen bei einem besonders wilden Toben draußen einen Augenblick nicht erschreckt, sondern ergrimmt in die Höhe fuhr, so lag doch im Allgemeinen etwas auf ihren sonst so ernsten Zügen, das anzudeuten schien: es ist gut, daß es so gekommen. Der Marchese knitterte in der einen Faust, die er oft drohend gegen das Fenster emporhielt, ein Papier zusammen. Oefter aber beugte er sich auf das Gesicht seiner Tochter herab, küßte sie auch wohl auf die Stirne und sagte dann mit leiser Stimme: »Mein armes, armes Kind, ich fühle jetzt wohl, was du Alles um mich in dieser Stadt gelitten.« Dann raffte er sich aber wieder stolz empor, sein Auge blitzte, während er auf die Straße schaute, und er biß sich heftig in die Lippen, ehe er sagte: »Und doch war ich verblendet genug, mich mit diesem Volke unter den Trümmern der Stadt begraben zu wollen, der Letzte zu sein, der die dreifarbige Fahne geschwungen – das wäre ein schönes Ende gewesen. Aber jetzt ist mein fester Wille dahin, meine Kraft gebrochen. Die da draußen, für welche ich so viel gelitten, haben selbst die Liebe zu ihnen und ihrer Sache aus meinem Herzen gerissen. Mögen sie verdammt sein und möge es ihnen ergehen, wie sie es verdienen!« »Mein Vater!« bat schmeichelnd die junge Marchesa. »Vergessen Sie die Undankbaren. Denken Sie an sich; überlegen wir, was zu thun ist!« »Dies Papier,« fuhr der Marchese fort und hob die Hand abermals in die Höhe, »kam mir durch den Offizier der Gensdarmerie vom Präsidenten zu. Es enthält,« sagte er bitter lachend, »Einiges sehr Beistimmendes zu unserem Dokumente; er bittet mich aber als Freund und befiehlt mir als Chef der Regierung, um meiner eigenen Sicherheit wegen die Stadt zu verlassen. – Was soll ich thun?« »Ihm folgen!« versetzte energisch das Mädchen. »Ihm unbedingt folgen! Er hat nie etwas Besseres befohlen.« »So sei es darum!« entgegnete der Marchese nach einer längeren Pause. »Ich werde noch heute Nacht Venedig verlassen.« »Sie wollten sagen, mein Vater, wir werden Venedig verlassen.« »Allerdings, mein Kind; aber wir können nicht zusammen gehen. Ich habe meine triftigen Gründe dafür. Ich werde versuchen, durch Porto di Lido Burano zu erreichen und zwischen den Inselgruppen bei Torcetto auf das feste Land zu gelangen. Du weißt,« setzte er bitter lächelnd hinzu, »ich bin verbannt – geächtet, hier wie dort, und ich werde eine schlimme Fahrt haben, ehe ich in Sicherheit bin. Dem kann ich dich nicht aussetzen.« »Und was soll ich thun? fragte die junge Marchesa. »Du wirst am besten thun, mit deiner Kammerfrau und einigen vertrauten Dienern nach Fusina zu gehen. Dort findest du leicht einen Wagen, der dich nach Mestre und auf unsere Villa bringt, wo du Nachrichten von mir erwartest.« Eine leichte Röthe überfuhr das Gesicht der Tochter; doch schlang sie ihre Arme einen Augenblick fester um den Vater. »Ich werde thun, wie Sie befehlen.« Der Marchese drückte sein Kind schweigend an sich, machte ihre Hände sanft von seinem Halse los und küßte sie auf die Stirne. Als er darauf wieder sein Gesicht von dem ihrigen entfernte, sah sie, daß ein paar Thränen in seinen Augen glänzten; er fuhr mit der Rechten darüber hin und legte sie alsdann wie segnend auf das Haupt der Tochter. »Ja, mein Kind, möge uns der Himmel nach dieser dunkeln Zeit noch freudige, helle Tage schenken! Ich wünsche das nur für dich, Emilie, und wenn ich bestimmt bin, solches Glück mit zu erleben, so soll es mein Bestreben sein, dir deinen kindlichen Gehorsam, all' deine innige Liebe zu vergelten.« Damit wandte er sich ab und verließ das Gemach. Nachdem der Volkshaufen draußen noch eine Zeit lang gelärmt und geschrieen und darauf einsah, daß zum Schutze des Palastes zu gute Maßregeln getroffen seien, verlief er sich allmälig, um anderswo ähnliche aber ebenso vergebliche Versuche zu machen. Der Marchese traf seine Anstalten zur Abreise; er wählte sich eine Gondel mit einem einzigen vertrauten Diener, für seine Tochter dagegen, die eine weitere Wasserfahrt zu machen hatte, auch die Stadt nicht ohne einige Vorbereitungen verlassen konnte, bestimmte er ein größeres, halb bedecktes Boot, theilte demselben vier ebenfalls erprobte Ruderer zu; der alte Antonio sollte das Steuer führen. Der Palast selbst blieb unter Aufsicht des Kammerdieners des Marchese. Wir haben schon früher bemerkt, daß die österreichischen Batterien seit einiger Zeit höchst selten gefeuert, daß die Venetianer es ebenso gemacht und daß deßhalb eine unbegreifliche Ruhe auf den Lagunen und den Vorwerken herrschte. Das Volk in seiner Sorglosigkeit, auch durch falsche Berichte irre geleitet, gab sich schon der Hoffnung hin, als haben sich die Großmächte ihrer Sache angenommen und werde demnächst die ganze Belagerung aufgehoben werden. Venedig befand sich in Ruhe und Sicherheit wie lange nicht; Nachmittags strömte zu dieser Zeit eine große Menschenmenge nach dem Giardino publico, um einem anderen Schauspiel beizuwohnen. Es waren dies jene vielbesprochenen Luftballons, welche die Belagerer von ihren Schiffen aufsteigen ließen und die den Zweck hatten, über der Stadt angekommen, eine gefüllte Bombe fallen zu lassen. Doch war diese Erfindung, an sich gewiß nicht unbeachtenswerth, noch zu sehr in ihrer Kindheit, um ein günstiges Resultat zu geben. Die Bomben erreichten selten die Stadt, platzten in der Luft oder fielen brennend in die Kanäle. Wie gesagt, die Venetianer hatten dadurch eine Unterhaltung weiter und kehrten höchst zufrieden über die gesicherte Lage der Inselstadt aus den öffentlichen Gärten zurück, füllten den Markusplatz und die Schauspielhäuser zahlreicher als je und begaben sich Abends beruhigt in ihre Wohnungen. An der hinteren Seite des Palastes des Marchese von C. lag an einem dieser Abende – wir glauben es war am 29. Juli – eine Gondel neben einem größern Fahrzeug. Die Gondel wurde von einem Manne bestiegen, der in einen dunkeln Mantel gehüllt war, und setzte sich darauf nach dem Kanal von St. Marko in Bewegung. Das andere Fahrzeug wurde mit mehreren schweren Koffern beladen, worauf die vier Ruderer sich an ihre Plätze setzten, und der alte Antonio, nachdem er die Marchesa von C. und ihre Kammerfrau in das Boot begleitet, sich an das Steuerruder begab. »Jetzt vorwärts!« sprach der Gondolier mit leiser Stimme, und die Barke wandte sich schwerfällig um, glitt aus dem kleinen in den großen Kanal und bewegte sich langsam vorwärts. Es war eine finstere, regnerische Nacht, alles befand sich in den Häusern, keine Gondel begegnete dem großen Boote, Venedig lag in tiefem Schlafe. Da auf einmal krachte es dumpf von San Giuliano herüber. Wie ein ferner Donner rollte es über die Lagunen hin, so daß die vier Ruderer zusammen fuhren und kräftiger in das Wasser schlugen. »Cospetto!« sagte der alte Gondolier. »Jetzt fangen sie wieder an. Das wird einen schönen Spektakel geben! Für uns aber ist es immer noch besser, denn wir laufen dann weniger Gefahr, angehalten zu werden. – Doch was ist das?« Ein sonderbares Sausen ließ sich in der Luft vernehmen und eine schwere Kugel klatschte hinter ihnen in den Kanal, daß das Wasser hoch emporspritzte. Dann sauste es abermals, jetzt rechts, jetzt links, und sie hörten das Krachen von Dächern, das Klirren von Fensterscheiben, das dumpfe Getöne zusammenbrechender Balken, und dabei wurde der Kanonendonner immer heftiger. Jetzt antworteten auch die Brückenbatterieen und blieben den Belagerern keinen Schuß schuldig. Wie lachten die italienischen Artilleristen draußen auf St. Antonio und San Secondo über die vermeintliche Ungeschicklichkeit der Oesterreicher. Alle Geschosse, Granaten und Vollkugeln sausten hoch über ihre Köpfe hinweg, aber – Venedig war verloren. Zitternd saßen die vier Ruderer auf ihren Bänken und es bedurfte manches kräftigen Wortes Antonio's, um sie zu vermögen, ruhig vorwärts zu arbeiten. Jeden Augenblick ließ Einer oder der Andere das Ruder fallen, bekreuzte sich und sagte: »Gott sei uns gnädig!« »Was kann das alles bedeuten?« sagte die Marchesa zu dem Steuermann. »Das mag die Madonna wissen,« erwiderte dieser. »Die Kugeln stiegen ja über uns hinweg, sie müssen fast den Markusplatz und das Arsenal erreichen. Ah! das ist eine schauerliche Nacht! Gott soll uns helfen!« »Was ist das, was jetzt über uns hinflog? Es war mir, als habe ich einen falben Schein in der Luft gesehen.« »Eine Bombe macht einen größeren Spektakel,« entgegnete der Gondolier, indem er zuschaute. »Ja, bei Gott! das war eine glühende Kugel. Seht, Signora, dort ist sie eingeschlagen; das Haus brennt.« Und es war nicht die einzige Feuersbrunst, welche heute Abend in der unglücklichen Stadt ausbrach. Bald sah man hier, bald da die Flammen hervorbrechen. Dabei belebten und erleuchteten sich wie durch einen Zauberschlag Häuser und Straßen. Händeringend verließen Weiber und Kinder ihre Häuser, deren Dächer über ihnen herabgeschmettert wurden. Nirgendwo schien mehr Schutz und Sicherheit. Die Menge flüchtete sich unter die Vorhallen der Kirchen oder in den Giardino publico. Aber auch dorthin drangen einzelne Kugeln, auch von dort wurden die Entsetzten wieder vertrieben. Das Fahrzeug der Marchesa ruderte unterdessen durch den Kanal der Giudecca, wo es einigermaßen geschützt war, bis es an der Spitze der Batterie San Marte in die offenen Lagunen kam. Hier aber gerieth es in die Schußlinie der feindlichen Batterieen, und immer zahlreicher schlugen Kugeln und Bomben vor und hinter demselben in das Wasser. Man hatte hier einen schrecklich schönen Anblick. Die Lagunenbrücke in Nacht gehüllt, wurde von Zeit zu Zeit durch das Blitzen der Geschütze taghell erleuchtet; sprühende Bomben, glühende Kugeln und Granaten zischten feuersprühend hin und her. Betäubend rollte der Kanonendonner, und man sah auf Augenblicke, wie der Pulverrauch gleich einem dichten, weißen Nebel die Brücke und die Forts umhüllte. Die vier Ruderer hatten schon mehrmals Zeichen der größten Unzufriedenheit gegeben, und es gelang nur den kräftigsten Zureden des alten Gondoliers, sie zu vermögen, weiter zu fahren. Und dabei mußten sie mit aller Anstrengung arbeiten, um das Boot vorwärts zu bringen, denn ein scharfer Nachtwind bewegte die Wellen und trieb sie gegen Norden dem festen Lande zu. Bis jetzt hatte ihnen keine der umherfliegenden Kugeln irgend einen Schaden zugefügt, auch war ihnen noch keine sehr nahe gekommen. Plötzlich aber fuhr eine schwere Bombe, einen weiten Feuerkreis ausspritzend, von rechts herüber und so dicht bei den vorderen Ruderern vorbei, warf sie in das Boot zurück, daß man hätte glauben können, die Kugel habe sie niedergeschlagen. Doch war dem nicht so; die Bombe klatschte hinter ihnen ins Wasser, doch folgte das Boot im gleichen Augenblicke dem Steuerruder nicht mehr, und als Antonio emporsprang und vor sich hin schaute, sah er, daß alle vier Fährleute, von Todesangst getrieben, mit ihren Rudern in's Wasser gesprungen waren, um schwimmend das nahe Ufer zu erreichen. Das war ein fürchterlicher Augenblick, und selbst dem alten festen Mann begann eine Sekunde lang der Muth zu sinken. Der Südwind faßte das ruderlose Boot mit voller Gewalt und trieb es auf den bewegten Wellen der Lagunenbrücke und den Batterieen zu. Noch eine kleine Weile und es mußte einen der Pfeiler erreichen, vielleicht auch umschlagen, wenn es nicht vorher schon von einer feindlichen Kugel getroffen wurde. Rechts neben ihnen lag die Batterie St. Antonio, und wenn ein Pulverblitz die Werke desselben erhellte, so sah man deutlich das Gewühl der dunklen Gestalten an ihren Geschützen. Die junge Marchesa allein hatte ihre volle Geistesgegenwart behalten. Sie stand aufrecht in dem Boot und blickte, wenn auch erregt, doch furchtlos, auf das wunderbar prächtige Schauspiel vor ihren Augen. Ja, sie dachte daran, daß droben auf der Brücke ihr Verwandter, der Graf C., ein Kommando hatte und sie schauderte einen Augenblick, wenn vor ihrem Geiste lebhaft, wie nie die Bilder des vergangenen Jahrs vorüberflogen, eines Jahrs, welches so viel Leiden und Unglück gebracht, welches ihr Haus verödet hatte, welches die letzten Glieder ihrer alten Familie so schonungslos auseinanderriß, welches den jungen Mann da droben seinen ehemaligen Waffenbrüdern gegenüberstellte und Tod und Verderben senden ließ in jene Reihen, denen er so lange angehört. Im gegenwärtigen Augenblicke aber beschuldigte die Marchesa ihren Verwandten unrechtmäßiger Weise. Denn während sie unten auf dem schaukelnden Boote bei der Brücke vorüberfuhr, trugen ihn oben vier Männer nach der Stadt zurück. Eine Kugel hatte seine Laufbahn zerrissen. Unter den jetzigen Verhältnissen war es wohl ein Glück für ihn, daß er so schnell geendigt. Antonio war unterdessen an die vordere Seite des Boots geeilt, hatte zwei vorräthige Ruder ergriffen und seine junge Herrin gebeten, das Steuerruder in die Hand zu nehmen. Die Marchesa, die in früheren schönen Tagen oftmals ihr kleines Boot gesteuert, folgte unerschrocken, rasch und pünktlich seinen Vorschriften, und so gelang es den fast übermenschlichen Anstrengungen des treuen Dieners, das Boot langsam in die Lagunen hinauszubringen. Es war aber auch die höchste Zeit, denn schon waren sie bei einigen abgesprengten Pfeilern vorbei getrieben worden und hatten sich schon Stellen genähert, wo sie deutlich sahen, wie die feindlichen Arbeiter ihre Werke ausbesserten. Ja, sie waren schon ein paarmal angerufen worden, und da sie natürlicher Weise keine Antwort gaben, hatte man ihnen ein paar Musketenkugeln nachgeschickt. Endlich kamen sie in ziemliche Entfernung von der Brücke und erreichten Fusina mit Tagesanbruch. Wenige Tage nach diesen Vorfällen unterwarf sich die Bevölkerung Venedigs den bekannten so milden Bedingungen des Feldmarschalls Radetzky. So lange sich die Venetianer in ihren Lagunen sicher gewußt, so lange selbst die von den Batterieen heimkehrenden Kämpfer in ihren Häusern vor den Kugeln des Feindes sicher waren, und so lange die Geschosse nicht in die Stadt selbst drangen, und so physisch und moralisch niederschlagend auf das Volk wirkten, so lange gab es, trotz Hunger und Seuchen, immer noch eine exaltirte Partei, die nichts von Capitulation wissen wollten, und die sich verschwor, lieber in und mit der Stadt zu Grunde zu gehen, als von den Thürmen wieder die schwarzgelbe Fahne flattern zu sehen. So kam Ende Juli heran und jene Catastrophe, die wir vorhin zu schildern versucht, wo nämlich der österreichische Artilleriemajor Truka auf dem Fort San Giuliano zwei schwere Batterieen errichten ließ, in denen die Vierundzwanzigpfünder und Paixhans auf Balkenschleifen gelegt waren und so gerichtet werden konnten, daß sie in einer Erhöhung von 45 Grad mit 9 Pfd. Pulver Ladung Granaten und glühende Kugeln bis zu 3000 Klafter zu treiben im Stande waren. – Da verlor die Bevölkerung Venedigs mit einem Male den Glauben an die Unüberwindlichkeit ihrer Stadt. Die Granaten und glühenden Kugeln stürzten beinahe senkrecht auf die belebtesten Stadttheile hinab, zertrümmerten die Dächer, füllten die engen Straßen mit Steinen und Schutt, zündeten an vielen Orten und brachten Schrecken unter alles Volk. Als nun einmal die bis dahin so gefürchtete Partei nachgab und sich zu einer Capitulation herbei ließ, da vergrößerte sich die Masse derer, welche für Unterwerfung waren, mit jeder Stunde, mit jeder Minute, jeder Sekunde. Wenn früher das Volk diejenigen mit dem Namen »traditore« belegt hatte, welche irgend etwas von Uebergabe verlauten ließen, so galt das jetzt als der größte Verrath, wenn Jemand sich weigerte, die Sache der Uebergabe aufs schleunigste zu betreiben. Und so kam denn der denkwürdige 31. August herbei, wo die österreichische Armee, nachdem sie in den vorhergehenden Tagen vom 25sten an die verschiedenen Inseln und Forts besetzt hatte, nun endlich – Vater Radetzky an der Spitze – in die besiegte Venetia einzog. Mit welcher Freude wurden von dem größten Theil der Einwohner die bekannten Fahnen wieder begrüßt. Tausende, welche im März 1848 in unerfahrenem Sinn wider Oesterreich geschrieen und getobt hatten, ergossen sich nun beim Anblick der kaiserlichen Feldzeichen in aufrichtigem Jubel und gelobten aus voller Ueberzeugung ewige Treue dem milden Herrscherhause. Was die österreichische Armee vor Venedig gelitten und erduldet, darüber schweigt die Geschichte; aber um so lauter redeten die Begräbnißplätze bei Mestre. Hatten doch die braven Truppen neben dem Feinde und dessen Geschossen zumeist mit der Ungunst des Terrains und des Klima's zu kämpfen. Wie am Anfang Wasser und Schlamm die Beharrlichkeit der Belagerer auf harte Proben gestellt hatten, so waren es seit dem Juni die stechende Sonnenhitze und der tiefe glühend heiße Sand der Ufer, welche die Beschwerlichkeiten der Arbeit erhöhten und den Krankenstand mehrten. Klein war die Zahl der getödteten und verwundeten Soldaten im Verhältniß zu denen, welche den bösartigen Sumpffiebern erlagen oder wenigstens die traurige Aussicht hatten, an den Folgen dieses Uebels Zeit Lebens zu kränkeln. Als nun Venedig eingenommen war, da verwandelte sich auch der Anblick von Mestre, wenn auch nicht mit Einem Male, doch in für die Verhältnisse kurzer Zeit. Der Soldat schirrt ab, der Bauer spannt ein. Die geflohenen Einwohner kehrten massenhaft zurück, die Batterie am Eingang des Kanals verschwand, das Wasser füllte sich wieder mit Barken und Gondeln und auf der Höhe des Guelsenthurms, von dem zahlreiche Offiziere der verschiedensten Waffen so oft auf Malghera hinüber geschaut, war es wieder einsam und stille geworden. Doch wenn auch die kleine Stadt nicht mehr einem Feldlager glich, wenn man auch dem Soldatenrock und der Holzmitze selten in den Straßen begegnete, so waren doch in den Villen um Mestre noch eine große Anzahl Kranker zurückgeblieben, welche jetzt bei größerer Ruhe und besserer Pflege langsam genasen. Aber nicht Allen wurde dies Glück zu Theil, und der kleine Begräbnißplatz unfern der Lagunen zeigte noch häufig frisch aufgeworfene Grabhügel. Als bei jenem nächtlichen Ueberfall auf San Giuliano der Hauptmann von S. gefallen war, hatte ihn sein treuer Freund, der Husarenoffizier, nach Mestre zurückgebracht und rasch einen Arzt gefunden, der sich des Verwundeten annahm. Doch hatte dieser, nachdem er den Verwundeten sorgfältig untersucht, mit den Achseln gezuckt. »Wir wollen uns da keine Illusionen machen,« sagte er zu Eugen v. W., »erstens ist der rechte Arm unwiderbringlich verloren, zweitens aber und schlimmstens ist die Brust nicht unbedeutend verletzt. Auch sehen Sie selbst, wie wir hier mit Kranken überfüllt sind. Es ist für Ihren Freund allerdings sehr wenig Hoffnung vorhanden, und nur bei der größten Ruhe, bei der sorgfältigsten Pflege wäre es eine Möglichkeit, daß die glücklicher Weise überaus kräftige Constitution des Hauptmanns sein Leben erhalten könnte. Aber wie gesagt: wir sind hier zu überfüllt.« Diese Worte gaben dem Husarenoffizier einen kleinen Hoffnungsstrahl, und sein Entschluß war augenblicklich gefaßt. Auf's Bereitwilligste erhielt er die Erlaubniß, den Freund in sein Quartier nach jener Villa transportiren zu lassen, was dann auch mit der größten Umsicht und Sorgfalt geschah. Der alte Verwalter nahm sich des Verwundeten auf's Beste, ja Liebevollste an; er ließ einen geschickten Arzt von Treviso kommen, der auf dem Schlosse wohnen mußte; und nachdem auf diese Art alles Mögliche zur Rettung des Freundes geschehen reiste Eugen von W., dessen Urlaub abgelaufen war, mit schwerem Herzen nach Wien. Hatte das kleine Casino des Marquis von C. schon während des Lärms der Belagerung ziemlich still und ruhig in seinem dichten grünen Parke gelegen, so war es jetzt, nachdem man von Malghera und Mestre her keine Schüsse mehr krachen hörte, und nachdem kein Hufschlag weiter auf den Sandwegen knirschte, als sei das Haus von allen lebenden Wesen verlassen. Und doch hatte es im Gegentheil jetzt noch einmal so viele Bewohner als damals, wo Eugen von W. auf Husarenart über den Wassergraben des Parkes gesetzt hatte. Wer aber für diese Todtenstille in und um die Villa auf's Eifrigste sorgte, war der Verwalter des Schlosses, der, so freundlich und gutmüthig er sonst war, doch keinen Spaß verstand, wenn sich Jemand von der Dienerschaft beifallen ließ, auch nur den geringsten Lärmen zu machen. Er konnte förmliche Wuthanfälle haben, wenn Jemand in den Gängen laut sprach oder wenn irgend eine Thüre nicht ganz leise zugemacht wurde. Ja, er würde die unschuldigen Vögel in den Bäumen vertilgt haben, wenn er nicht an das Knallen des Gewehrs gedacht hätte oder eine Windbüchse bei der Hand gehabt. Wem alle diese Sorgfalt und Liebe galt, brauchen wir dem geneigten Leser wohl nicht zu sagen und ebensowenig, daß ein höherer Befehl im Schlosse waltete und auf den Verwalter eingewirkt hätte, wenn das nöthig gewesen wäre. Friedlich von S. lag aber auch in den ersten Tagen nach seiner Verwundung so hoffnungslos darnieder, daß der Arzt aus Treviso bedenklich den Kopf geschüttelt und erklärt hatte, wenn an dem Leben des deutschen Offiziers so außerordentlich viel gelegen sei, so möge er es doch nicht wagen, die Behandlung des Kranken allein zu leiten. Auf dies hin hatte der Verwalter im Stillen ganz unbändig geflucht, und dann alle Schritte gethan, um den deutschen Oberarzt des Lazarethes von Mestre zu vermögen, jeden Tag einmal nach dem Kranken zu sehen, und hatte, um ihm das möglich zu machen, die Equipage des Hauses zur Verfügung gestellt. So kam es denn, daß sich schon nach einer Woche die kräftige Constitution des jungen Offiziers zu regen anfing, und im Verein mit der sorgfältigen Pflege die angegriffene Brust Zeichen der Besserung gab. Was den Arm anbelangt, so war die Amputation über dem Ellbogen glücklich von Statten gegangen und die Wunde, rasch in der Heilung begriffen, gab zu keinen großen Besorgnissen Veranlassung. Als der Kranke von dem eingetretenen heftigen Wundfieber überfallen wurde, erging er sich in wilden Phantasien und beschäftigte sich gewöhnlich mit dem Sturm auf San Giuliano. So bald aber die Wuth des Fiebers nachließ, das Blut nicht mehr so heftig durch die Adern raste und sich die Brust langsamer hob und senkte, dann konnte er sagen: »So, das wäre glücklich überstanden. Auf zu Pferde, Eugen, und nach Hause.« Kurze Zeit darauf lächelte er auch wohl im Schlafe und aus seinen kurz abgebrochenen Worten konnte man vernehmen, daß er jetzt glaube, er habe die Villa des Marchese von C. erreicht, und daß er an jenen Abend dachte, wo der Verwalter nach dem kleinen Souper das Bild der Marchesa gezeigt. Da schien er in dessen Anblick versunken und sagte: »O wie es ähnlich ist, o wie schön und lieb! – Doch er hatte Recht, der Maler hatte seine Schuldigkeit gethan, aber das Schönste hat er nicht darstellen können, – ihr edles Gemüth, ihr gutes Herz.« Wenn er so gesprochen, versank er in einen sanften festen Schlaf, und wenn darauf der Arzt von Treviso, der nicht von seinem Lager wich, flüsternd sagte: »Jetzt wird er nicht sobald erwachen,« so schwebte eine edle Mädchengestalt leicht und geräuschlos vor das Bett des Kranken, beugte sich über ihn herab, um auf seine Athemzüge zu lauschen, und legte auch wohl ihre kleinen Finger leicht und behutsam auf die Hand des jungen Offiziers. Aus einer schweren Krankheit zu genesen, ist unter allen Umständen ein köstliches Gefühl. Glückselig aber der, auf welchen zugleich mit der Genesung Glück und Liebe ihre reichsten Gaben ausschütten. Der gute Doktor von Treviso hatte sich lange gesträubt, mit dem Kranken, wie er es nannte, vernünftig zu reden, d. h, ihm über vielerlei Fragen, vor allen Dingen nach der Marchesa, nach der Armee, nach seinem Freunde Eugen und dergleichen mehr Antwort zu ertheilen. Endlich aber mußte er nachgeben, und ihn für stark genug erklären, um einen guten Stoß des Glückes aushalten zu können. Dieser bestand in Briefen von seiner Familie und in einem Schreiben des Generalkommando's, welches ihm sein Avancement zum Major anzeigte, sowie das von seinem Kaiser für sein tapferes Verhalten bei dem Sturm aus San Giuliano gnädigst verliehene Ritterkreuz der eisernen Krone einhändigte. Dies war aber Alles nichts gegen den Augenblick, wo er an einem schönen Septembermorgen am Fenster stehend einen Besuch empfangen durfte, auf den man ihn vorbereitet, welchem er aber trotzdem mit Freude, mit Entzücken, aber auch mit Bangen entgegensah. Diesen Augenblick zu schildern halten wir indessen für ebenso unnöthig als auch mit voller Wahrheit unmöglich. Die Folge dieses Augenblickes aber war unbegreiflich rasche und gänzliche Wiederherstellung, Darauf hin hatte der alte Verwalter den Leuten erklärt, das strenge Mandat wegen der gänzlichen Stille höre nun auf, und um die Leute einigermaßen zu entschädigen, wolle er ihnen sogar gestatten, sich ein paar Stunden lang in lärmenden Gratulationen und Evvivarufen ergehen zu dürfen. Das geschah denn auch in vollem Maße und Villa und Park waren wie verwandelt. Daß diese Gratulationen und Evviva nicht allein der Wiederherstellung des Majors gelten, ist wohl selbstredend, und wer noch an dem vollkommenen Glücke desselben hätte zweifeln wollen, der mußte sich wohl überzeugen lassen, als vielleicht vierzehn Tage später der von des Kaisers Majestät amnestirte Marchese von C. und am selben Tage auch Eugen von W. eintraf, welche letzterer als Zeuge bei der Hochzeit des jungen Paares fungiren sollte. »Du bist eigentlich ein ganz merkwürdiger Kerl,« sagte der Husarenoffizier zu seinem Freunde, als sie sich vor der Trauung allein in des letzteren Zimmer befanden. »Gehst da her und verlierst eine Hand, um zwei viel schönere wieder zu bekommen. Läßt dich halb todt schießen um wieder aufzuerstehen zu einem neuen und seligern Leben. O du Egoist!« Die Marchesa hatte sich von den in Venedig ausgestandenen Leiden wieder vollkommen erholt und war schöner als je. Nur sah sie während der Trauung, die in der Kapelle des kleinen Schlosses stattfand, etwas blaß aus. Auch traten ihr leichte Thränen in die Augen, aber Thränen der Freude und des Entzückens, als ihr der Bräutigam bei der feierlichen Handlung statt der fehlenden rechten Hand die linke darreichte und dabei sprach: »Sie ist dem Herzen näher.« Darauf nahm Alles seinen gewöhnlichen Verlauf. Ein kleines Diner vereinigte die glücklichen Menschen nochmals für eine Stunde, dann fuhr der Reisewagen vor, der das junge Paar durch Verona, Mailand nach Nizza bringen sollte, wo sie den Spätherbst zuzubringen gedachten. Eugen von W. gab ihnen zu Pferde das Geleite bis vor Mestre, und als er einen herzlichen Abschied von ihnen genommen, von Friedrich auf Soldatenart: »Tschau! auf Wiedersehen!« kehrte er langsam zurück durch die Gassen von Mestre und betrachtete sich nachdenklich die vielen Orte, die ihm bald heitere, bald traurige Episoden aus der Belagerung ins Gedächtnis; zurückriefen. Hier auf dem Marktplatz hatte er so oft mit den Bekannten zusammen gesessen, rauchend und Kaffee trinkend. Dort war der alte Guelsenthurm, und es war ihm immer, als müßte Haynau dort oben erscheinen, und seinen langen grauen Bart im Winde flattern lassen. Links fing der Kanal an, der in die Lagunen führte, und wo sich jetzt wieder zahlreiche Barken drängten. Rechts war der einzige Gasthof des Orts, wo sich während der Belagerung der größte Theil der Offiziere zu ihrem einfachen Diner einfand, in welchem sie mehr als einmal durch eine einschlagende Kugel gestört worden waren. – Oh! es waren doch schöne Zeiten, dachte der Husarenoffizier, als er langsam auf der Straße von Treviso Mestre verließ. Er warf noch einen langen Blick dorthin, wo Vicenza lag, welches sein Freund jetzt erreicht haben konnte, und während er sein Pferd in einen kurzen Galopp versetzte, rief er aus: »Dir, du Glücklicher, wird Venedig vor Allen unvergeßlich sein!« Die erste Versammlung deutscher bildender Künstler. Der gute alte Vater Rhein, der während seines langen Laufes und vielbewegten Lebens schon eine unendliche Menge von Flaggen und Fahnen aller Art geschaut, sah doch am 2?. September einen Wimpel, der ihm, wenn nicht gänzlich fremd, doch gewiß lange nicht mehr zu Gesicht gekommen war – das Künstlerwappen Albrecht Dürers, welches die Künstlergesellschaft »Malkasten« für heute angenommen, auf dem Hauptmast eines der stattlichen Rheindampfer aufgehißt hatte und unter dessen Schutze eine beträchtliche Menge Künstler den Rhein hinauf fuhren, um in Bingen zu tagen. Von dem Malkasten in Düsseldorf war ein Aufruf an alle deutschen bildenden Künstler ergangen, wodurch dieselben gebeten wurden, sich in den letzten Tagen des September in Bingen zu versammeln, um so Gelegenheit zu schaffen, sich persönlich kennen zu lernen, eine freundliche Annäherung anzuregen und zu befestigen, sowie manche Gegenstände und Fragen zu erörtern, welche die deutsche Kunst und ihre Interessen berührend, ein gemeinschaftliches Uebereinkommen und gemeinschaftliche Bestrebungen der deutschen Künstler erheischen. Es war das eine tüchtige und, um ein oft gebrauchtes Wort nochmals zu gebrauchen, auch zeitgemäße Idee; halten doch die Träger fast aller Wissenschaften ihre jährlichen Zusammenkünfte, und wenn man im Herbste die Zeitungen zur Hand nimmt, so liest man, daß in dieser Stadt die Naturforscher berathen, dort die Philologen geredet, hier die Landwirthe getagt, gepflügt und die gewachsenen Gottesgaben gründlich untersucht haben. Haben doch selbst auch schon einmal die deutschen Schriftsteller den Versuch gemacht, sich irgendwo zu versammeln; doch war das zu einer Zeit, wo Feder und Papier ziemlich mißliebig waren, weßhalb denn auch die damals projektirte Zusammenkunft nicht zusammen kam. Die Idee einer Versammlung deutscher bildender Künstler fand denn auch im lieben Vaterlande recht viel Anklang, und nicht nur die Kunstgenossen selbst interessirten sich dafür, sondern auch hohe und höchste Kunstfreunde nahmen die Sache beifällig auf. Der Gemeinderath der Statt Bingen erwählte ein Comité aus seiner Mitte, um die Künstler würdig zu empfangen und für ihre Unterbringung in Privathäusern, im Fall die Gasthöfe nicht ausgereicht hätten, Sorge zu tragen. Wenn nun schon ein gelungener Vorgang da gewesen wäre, so hätte gewiß das schöne Fest noch zahlreichere Theilnehmer gefunden, als dies wirklich der Fall war; das Abwarten und Zuschauen bei vielen Gelegenheiten gehört mit zu unserem Charakter, man will sehen, wie eine Sache ausfällt, ob sie gelingt, ob man keinen Schiffbruch zu befürchten hat, und dann das zweite ähnliche Fest ebenfalls mitmachen. Aus diesen Gründen aber verdienen die Männer, welche die erste deutsche Künstlerversammlung, unbekümmert, ob die Sache gelingen werde oder nicht, ins Leben riefen, den doppelten Dank ihrer Zeitgenossen. Und diesen Dank sind wir dem von dem Düsseldorfer Malkasten aus seiner Mitte erwählten Comité schuldig, welches das gelungene Fest projektirte und die Hauptursache war, daß es so schön und glänzend ausfiel, wie es ausgefallen. Am 28. September fuhr ich mit ein paar befreundeten Malern von Düsseldorf mittelst der Eisenbahn über Köln nach Rolandseck, wo wir am andern Tag das Schiff besteigen wollten, welches uns, mit den andern Genossen vereint, aufwärts nach Bingen bringen sollte. Wie ist jetzt durch den eröffneten Schienenweg das schöne Siebengebirg den Städten Düsseldorf und Köln näher gerückt! Als wir so an den Ufern des Rheins dahin sausten, erinnerte ich mich noch genau der Zeit, wo um von Düsseldorf nach Rolandseck zu kommen schon für eine ziemlich bedeutende Reise galt, wo man in erstgenannter Stadt Abends um zehn Uhr den Dampfer bestieg, um am andern Morgen früh Köln zu erreichen, wie man darauf in sechs bis sieben Stunden nach Bonn fuhr und dort seinen Weg weiter fortsetzte vermittelst eines Einspänners oder zu Fuß, voll von Begeisterung und Aarbleicher lustige Lieder singend, bei der malerischen Ruine Godesberg vorbei nach dem Fels mit dem romantischen Rolandsbogen, dessen Füße der Rhein bespülte und seine Insel umflutet, wo das Kloster aus der Mitte düstrer Linden sah. Zur Linken ragte der Fels des Drachen in seiner unübertroffenen wunderbaren Form, und die andern sechs Berge gruppirten sich wie in stiller Ehrfurcht um den hoch emporragenden Riesen, aus dessen Körper man die Kölner Domruine erbaut, und der wie ein Merkzeichen Bewunderung erheischend dasteht an der Grenze des herrlichen Rheinthales, dort wo es anfängt lebendig und malerisch zu werden und sich zu schmücken mit eigenthümlichen Felsen, alten Thürmen und zerstörten Ritterburgen. Ach, das Siebengebirge bleibt uns immer eine liebe Erinnerung, und wenn wir fast ermüdet durch die Schönheiten des Rheingaues gegen Rolandseck herabschwimmen und das Kloster vor uns sehen, rechts den Drachenfels, links Rolandseck, dann zieht wieder durch unser Herz ein Klang aus der freudigen Jugendzeit, dann erinnern wir unser glücklichen Tage, wo wir jene Ruinen, jene Berge und Thäler besuchten, wo wir funkelnden Wein tranken aus bekränztem Glase, zurückgelehnt an ein moosbewachsenes Felsenstück, aufblickend an den Himmel – schöner strahlender Mädchenaugen. – Vorbei ist jene Zeit, ach so schnell vorübergesaust liegt sie weit, weit hinter uns, als hätten wir auch die Fahrt durchs Leben hinter die keuchende Lokomotive gespannt zurückgelegt. – Jetzt stößt diese in Wirklichkeit ihr schrilles Pfeifen aus; vor uns und links neben uns in der Tiefe, wo der Rhein silbern funkelt, bemerken wir blitzende Lichter – Station Rolandseck! Wir sind im Bahnhofe bald im freundlichen Hotel Groyen, ebenfalls eine Erinnerung früherer schöner Tage; nur hat sich das kleine Haus von damals bescheiden neben einem neuen großartigen Gebäude verborgen, das aber kaum ausreicht, die vielen Fremden zu beherbergen, welche die Schönheit des Siebengebirges meistens auf mehrere Tage hier gefesselt hält. Dem windigen und trüben Tage unserer Ankunft war ein heiterer klarer Morgen gefolgt, der Himmel blickte blau hernieder, einzelne Wolken zogen über den Rhein und das Siebengebirge und ließen den ruhig dahinströmenden Fluß zeitweise aufleuchten unter dem Kuß der Morgensonne. Einige von uns benutzten das schöne Wetter, dem Rolandsbogen einen Besuch zu machen. Seit dessen Einsturz – ich glaube im Jahr 1840 – den Freiligrath damals so schön besungen, wo er um Beiträge für den Wiederaufbau bat, hat sich Berg und Ruine doch einigermaßen verändert: der wilde Pfad, mit Steingeröll bedeckt, überwuchert von Ginster und Brombeersträuchen, ist einem bequemen Wege gewichen; unterhalb der Ruine über dem Rheine hängt ein neumodisches Tempelein, was dem alten Gemäuer da oben ebensowenig zu behagen scheint, wie der Neubau eines kolossalen Thurmes weiter oben, welcher alle Blicke auf sich zu ziehen und dem Vorüberfahrenden zu sagen scheint: laßt doch das alte Gerümpel da unten, betrachtet mich, da seht ihr was Rechtes. – Es ist schade, daß der Bogen Rolands die stille Einsamkeit verloren, die ihn sonst umgab; aber wir wollen deßhalb weder mit dem Tempel, noch dem neuen Thurme rechten, braust ja in diesem Augenblicke neben uns durch die Schlucht der Eisenbahnzug mit gellendem Pfeifen. Wie er so höhnisch zwischen die alten Bäume seinen Dampf hinauf schleudert, der nun wie durchsichtige Elfenschleier für Augenblicke an den Zweigen hängen bleibt. – Leb wohl, du alte Ruine, die neue Zeit ist dir traurig nah auf den Leib gerückt. Für uns hatte übrigens der ankommende Zug das Gute, daß er Freunde und Genossen, die gestern Abend in Köln und Bonn zurückgeblieben waren, nachbrachte und ein ganzes Dutzend heiterer und fröhlicher Gesellen in den Frühstückssaal hineinwarf, wo wir in Wahrheit geblendet von Licht und Sonne – denn der Rhein vor den Fenstern spiegelte alle Strahlen zurück – gemüthlich unsern Kaffee tranken. Darauf sagten wir dem freundlichen Gasthofe Adieu und gingen ein paar hundert Schritte den Rhein aufwärts bis zur Landungsbrücke der Dampfer, den unsrigen erwartend. Der arbeitete sich denn auch nicht lange nachher rauschend und Dampf auswerfend zwischen den beiden Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth hindurch und war, was uns alle mit einigem Stolz erfüllte, stattlich beflaggt wie zu einer anderen großen Feier; oben an dem Hauptmaste flatterte die weiße Fahne mit dem Künstlerwappen, an den Tauen die der verschiedenen Uferstaaten, und hinten über dem Pavillon sah man breit und lang die preußischen Fahnen. Mit lautem Hurrah wurde das Schiff begrüßt, und wir, die am Ufer standen, ebenso von den Ankommenden aus Düsseldorf. Eine ziemliche Menge, namentlich der jüngeren Künstler, hatte es vorgezogen, gestern Abend um elf Uhr von Düsseldorf abzufahren und die Nacht auf dem Rheine zu bleiben. Wir selbst haben das in früheren Jahren auch gethan und uns nur vielleicht in den Morgenstunden etwas unbehaglich gefühlt, wenn nach mancher Flasche und manchem Lied der Schlaf doch sein Recht forderte und sich das müde Haupt alsdann vergeblich nach einer stillen Ecke umsah. Unterdessen haben wir Rolandseck hinter uns gelassen und Freunde und Bekannte suchen sich auf und begrüßen sich herzlich. Auch ohne die fünfzig bis sechzig Künstler, die von Düsseldorf herauf gekommen waren, hatte das Schiff eine ziemliche Anzahl von Passagieren, weßhalb es in den Kajüten heiß und unangenehm war und auch auf dem Verdecke ziemlich enge herging. Aber in guter angenehmer Gesellschaft erträgt man das leicht und gern; Freunde fanden sich zu Freunden, blinkende Rheinweinflaschen mit verzierten Zetteln wurden auch sichtbar, Cigarren dampften und hie und da hörte man zwischen dem Rauschen der Räder hindurch den Anfang irgend eines lustigen Liedes. Der klare Himmel wie heute Morgen war über unsere Künstlerfahrt nicht hold geblieben, die Sonne hatte dichte Schleier über ihr Angesicht gezogen und hielt den ungezogenen Wind nicht mit strengem Antlitz in Ordnung, so daß wir viel von diesem tollen Gesellen zu leiden hatten, der durch das Rheinthal fegte und dicke Oberröcke nothwendig machte. Verzeihlich war es deßhalb auch, daß einige, worunter auch ich, im Rauchzimmer eine kleine Kartenpartie veranstalteten; wir spielten dort ein für mich neues Spiel, Juckern genannt, welches ich dem geneigten Leser, der Unterhaltung ohne irgend geistige Anstrengung liebt, hiemit bestens empfehle. An des Rheines kühlem Strande Stehen Burgen hoch und kühn, singt das bekannte Lied, und an all diesen oft gesehenen Burgen und Ruinen fuhren wir denn abermals dahin. Aber wo ist die Zeit unserer ersten wunderbaren Neugierde geblieben, wo wir dem geplagten Kondukteur und dem überbeschäftigten Kellner den Namen keiner Felswand, keines alten Steinhaufens schenkten, wo wir es für unsere Pflicht hielten, den Namen jedes Städtchens, jedes Dörfchens zu erfahren, um ihn gleich darauf wieder zu vergessen, wo wir Namen wollten, nur Namen, wo wir die Katze für die Maus ansahen, und ebenso verzeihlich St. Goar für Oberwesel. Bei den bedeutendsten Stellen, für die sich unsere Phantasie ernstlich interessirte, so z. B. bei der Pfalz oder dem Lorleyfelsen, kamen wir doch wieder in den richtigen Takt hinein. Da liegt denn auch heute der letztere wieder vor uns, und wenn wir gegenüber dem steilen, mit herbstlich absterbendem Laub bedeckten Felsen vorüberkommen, so erblicken wir ihn malerischer gefärbt als im Frühjahr und Sommer, und sehen rechts den Invaliden aus seinem Steinhäuschen hervorspringen, regelmäßig wie der Hahn auf einer Nürnberger Uhr sein Liedel blasen und seine rostige Muskete abfeuern, was Beides aber nur einen schwachen Widerhall zwischen den Felsen hervorruft. Namentlich heute klang mir derselbe so unbedeutend, daß ich fast glaube, die gute Lorley fängt an, für ihren Verehrer unempfindlich zu werden, oder der alte Mann dort drüben hat nicht mehr Kraft genug, tüchtig in die Trompete zu stoßen oder den Schuß in seiner Muskete fest anzusetzen. Ach, wie bald, ach, wie bald Schwinden Schönheit und Gestalt. Noch ein paar Jahre und der Invalide wird zu seinen Vätern versammelt sein, die Direktion wird keinen neuen zum Blasen und Schießen aufstellen, und dann wird die Sache erst in der Tradition recht bekannt und berühmt. Ja damals, werden ältere Reisende sagen, wurde hier geschossen, und den donnernden Widerhall hättet ihr hören sollen! Damals war so eine Rheinfahrt noch interessant, heute – du lieber Gott! – ist das alles nichts mehr. Ein Mitreisender erzählte uns, daß neulich hier eine Batterie preußischer Artillerie vorbei marschirt sei, der kommandirende Offizier ließ einen Sechspfünder abprotzen und einen Schuß gegen die Felswand der Lorley thun. Das krachte denn freilich anständig genug, und die weiter rückwärts liegenden Berge warfen jubelnd den Widerhall einander zu, bis er am Ende weiterhin verklang wie ein dumpfer Donner, der Invalide aber stürzte bei diesem Getöse aus seiner Steinhütte hervor und rief in komischem Zorne: Jesus, Maria und Joseph! hört doch auf, ihr schießt mir das ganze Echo kaput! Wer es noch nicht weiß, daß sich hoch an der Felswand der Lorley ein paar eigenthümlich geformte Felszacken befinden, die, wenn man zu Thal schaut, einen kolossalen Kopf im Profil zeigen, welcher dem des Königs der Franzosen, Louis Philipp, außerordentlich ähnlich ist, den erlauben wir uns hier gratis darauf aufmerksam zu machen; der Anblick ist wirklich überraschend und sogar der Backenbart nicht vergessen, der durch ein paar hervorwuchernde Sträucher gebildet wird. An den Bergwänden hier herum war an verschiedenen Stellen Heidekraut angebrannt und weißer Dampf quoll, zuweilen vom scharfen Winde niedergehalten, dann auf einmal wieder auf verschiedenen Punkten in die Höhe, was artig aussah, als feuerten Gnomen in den Felsspalten eifrig auf einander. Als wir in die Nähe von Oberwesel kamen und uns dem Ziel der heutigen Reise näherten, gerieth die Genossenschaft der Künstler aus dem Dampfer in Bewegung; sämmtliches Gepäck derselben wurde unter die Obhut der beiden Diener des Malkastens gegeben und die prachtvolle Fahne enthüllt, welche, ein Geschenk Düsseldorfer Frauen und Jungfrauen, beim Einzug in Bingen vorangetragen werden sollte. Man hatte schon erfahren, daß die Ankunft der Künstler von der Stadt Bingen so festlich wie möglich begangen werden sollte, und da der Kapitän unseres Dampfers nicht dahinten bleiben wollte, wo es galt, Artigkeiten zu erwidern, die man seinen Passagieren erzeigt, so hatte er sich in Koblenz mit gehöriger Munition für seine Schiffsartillerie, zwei kleine Böller, versehen, und schon in Oberwesel, wo man uns durch aufgesteckte Flaggen willkommen hieß, krachte es von unserem Schiffe zum Gegengruße hinüber. Noch ein paar Biegungen und wir sahen den Rheinstein vor uns liegen, diese kleine, aber außerordentlich malerische Burg des Prinzen Friedrich von Preußen. Da hing sie mit ihrem dunklen Gemäuer von derselben Farbe wie der Stein, auf dem sie erbaut, an der Bergwand mit ihren ein- und ausspringenden gezackten Zinnen, mit ihren Thürmen und Außentreppen, alles malerisch neben und über einander gebaut und überragt von dem Hauptthurm mit der hohen Flaggenstange und dem eisernen Pechkorbe. Wie Prinz Friedrich von Preußen der Erste war, der hier im schönen Rheinthale eines der Schlösser der Vorzeit im reinen Geschmacke, edel und zweckmäßig wiederherstellen ließ, so hat er sich auch den schönsten Punkt erwählt, und es muß dem hohen Beschützer der Kunst zur Freude und Genugthuung gereichen, wenn die Vorüberfahrenden mit Lust und Bewunderung zu seiner Felsenfeste emporschauen. Freundlich und prächtig zugleich begrüßte sie uns, als wir unter ihr dahin fuhren; von ihrer Plattform donnerten die Kanonen über den Rhein dahin, rings umher das Echo wach rufend. Es war in der That ein schöner Anblick, wie man es aus den Schießscharten blitzen sah, wie der weiße Dampf herausquoll und sich darauf lang gestreckt um die Felszacken herum wand. Auch der alte im Neubau begriffene Mäusethurm hatte Flaggen aufgesteckt, doch ging sein Anblick verloren durch die wirklich schone Ausschmückung der Stadt Bingen, vor der setzt unser Dampfboot unter immerwährendem Feuern rundete. Das ganze Ufer war mit unzähligen Flaggen besteckt und aus allen Häusern am Ufer flatterte es bunt durcheinander in den verschiedensten Farben. Auch über die hintern Häuserreihen ragten Fahnen hervor in Roth, Weiß, Blau, Gelb, und das setzte sich so fort bis zu der alten Burg Klopp hinauf, die mit einer kolossalen Flagge geziert war und von ihren Wällen unser Schiff lustig mit krachenden Schüssen begrüßte. Links neben Bingen aufwärts des Rheines lag ein Schiff mit bunten Wimpeln, und dort schloß die prachtvolle Villa Landy, die sich mit ihren ausgedehnten weißen Gebäulichkeiten und zackigen Mauern den Berg bis zur Rochuskapelle hinanzieht, wie ein lichter, hellglänzender Rahmen die Festlichkeit. Auch dort flatterten von Warten und Thürmen bunte Fahnen, auch von dorther krachten die Schüsse ein Willkomm herüber. Auf dem Radkasten unseres Dampfers hatte sich der Bannerträger des Malkastens mit der Fahne aufgestellt und viele waren nachgeklettert, um mit geschwungenem Hute das Hurrah zu erwidern, mit dem die Künstlerschaft vom Ufer her empfangen wurde. Die Stadt schien sich zu dem Zwecke entleert zu haben, denn auf dem Quai bis zur Landungsbrücke sah man Kopf an Kopf, und eine Deputation des Gemeinderathes mit dem Kreisrath an der Spitze hatte Mühe, bis zu uns durchzudringen. Der Empfang bestand aus einigen herzlichen Worten, die freundlich dankend erwidert wurden. Schon auf dem Schiffe waren die Quartierbillets ausgetheilt worden, doch zogen sämmtliche Angekommene vom Dampfer weg in das neue Badehaus, welches den Künstlern zu ihrer ersten Versammlung freundlichst zur Verfügung gestellt worden war. Die Zimmerwände des großen, noch nicht fertigen Gebäudes, aus rohem Mauerwerk bestehend, halte man freundlich mit Epheuranken, Fahnen und Draperieen geschmückt, und es sah aus, als wenn es grade so und nicht anders sein mußte. Maler Lentze aus Düsseldorf, den man wohl als die schaffende Kraft des ganzen Unternehmens ansehen kann, bestieg die Rednerbühne, begrüßte die Versammlung mit wenigen herzlichen Worten, worin er auch den Dank für die freundliche Aufnahme der Stadt Bingen einzuflechten wußte, und lud die Anwesenden ein, sich am andern Morgen um neun Uhr wieder einzufinden, um alsdann zuerst zur Wahl von Präsidenten und Comité zu schreiten. Darauf zog sich jeder in die angewiesenen Quartiere zurück, und da ich als Gast betrachtet wurde, so traf ich es so angenehm, mit dem größten Theil des Düsseldorfer vorbereitenden Comité's, meistens lauter guten Bekannten, in der vorhin schon erwähnten Villa Landy untergebracht zu werden, deren freundlicher Besitzer uns in Bingen in Empfang nahm und auf seinen wirklich prachtvollen Landsitz hinausbrachte. Dort fanden sich nach und nach noch viele der Genossen ein, die von dem gastfreien Wirthe Einladungen erhalten hatten, und so verbrachten wir den ersten Abend bei einem guten Souper in den kolossalen Glashäusern der Villa arrangirt, die bei der Beleuchtung unzähliger Lichter, auf Kron- und Armleuchtern von der Glasdecke herabglänzend, oder auf der langen Tafel brennend, bei Bäumen fremder Zonen, durch deren Zweige Lampenkugeln leuchteten, bei springendem Wasser wahrhaft feenhaft aussahen, die liebenswürdige Hauswirthin präsidirte dem Fest und gab demselben durch ihre Anwesenheit, sowie durch die einer anderen befreundeten Dame erst die rechte Weihe. Daß den guten Gewächsen des Rheingaues, in dessen Herzen wir uns gerade befanden, und die freigebigst aufgetischt waren, alle Ehren angethan wurden, brauche ich wohl nicht zu sagen. Ja, alle Ehren, aber in allen Ehren, und wenn auch herzliche Lebehochs ausgebracht wurden, so fiel doch, selbst als die Damen sich entfernt hatten, sonst kein zu lautes und die Fröhlichkeit störendes Wort. Nach einer etwas unruhig vollbrachten Nacht, woran wohl das ungewohnte Feuer des Scharlachbergers Schuld war und theilweise auch die musikalische Nachbarschaft eines sonst gemüthlichen Freundes, der seine Unruhe demselben Motiv zuschrieb, das mich wach erhielt, fanden wir uns am Kaffeetisch wieder zusammen, von unserem freundlichen Hauswirthe begrüßt, der nicht nur ein vortreffliches Frühstück für uns hatte bereiten lassen, sondern uns auch neben dem Wunsche einer gut vollbrachten Nacht mit den vortrefflichsten Cigarren regalirte – ein Edelmuth, der in unserer jetzigen leider so verdorbenen Zeit in solchem Umfange schwerlich mehr gefunden wird. Als die Andern, welche ihre dringende Pflicht rief, gegen 3 Uhr nach der Stadt zu ihrer Sitzung gingen, wurde ich, bei dem man voraussetzte, daß er sich schon eher eine Versäumniß könne zu Schulden kommen lassen, von Herrn v. Landy zurückbehalten, was ich mir um so lieber gefallen ließ, da ich dadurch Gelegenheit bekam, dessen ganzes schönes Gut im Detail zu besehen. Der Besitzer hat hier in einem Zeitraum von 4 Jahren etwas Außerordentliches geschaffen; gerade unter der Rochuskapelle kaufte er so viel Terrain, als er erhalten konnte; diese Ankäufe wurden ihm, was eigentlich unglaublich klingt, nicht erleichtert; das Gut beginnt nun an der Chaussee von Bingen nach Mainz und zwar mit sehr sauber gehaltenen Weinbergen, bei welchen die bisherige Art des Anbindens an Pfähle vermieden wird und die Reben an den durch das ganze Stück parallel laufenden Eisendrähten gezogen werden; kleine einfache Räder von Gußeisen, von Hrn. v. Landy selbst konstruirt und angebracht, lassen diese Drähte beliebig anspannen. Ein breiter Fahrweg führt durch die Weinberge nach einem zweiten Thor, welches durch zwei Veranden gebildet wird, die quer das ganze Anwesen durchschneiden und an die Umfassungsmauern des Gutes stoßen, welche grenelirt den Berg hinauf das ganze Anwesen eingrenzen. Hinter der Veranda beginnt eine Art pleasure ground sanft ansteigend mit Blumenpartieen, gut erhaltenem Rasen, Springbrunnen, an dessen Ende sich die Villa erhebt. Dies Gebäude, zu welchem eine hohe breite Treppe führt, ist nicht übermäßig groß, einfach und geschmackvoll. Sehr angenehm für den Besitzer und dessen Familie ist der anstoßende, außerordentlich große Wintergarten, an dessen Ende sich ein Warmhaus mit sehr schönen Palm- und anderen Pflanzenarten befindet. Hier lebt man selbst im Winter wie im Freien, umduftet von Blumen unter dem immerwährenden Grün der Orangen, Lorbeer, Cypressen und Cedern; hier wird fast Jahr aus Jahr ein dinirt, und hier haben die Kinder bei jedem Wechsel der Witterung einen außerordentlich angenehmen Spielplatz. Man sieht, alles was der Besitzer geschaffen, ist von der Idee durchdrungen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und den erreichbaren Comfort selbst nicht auf Kosten einer vielleicht noch größeren Eleganz zu opfern. Hinter Villa und Glashaus sehen wir die Wirtschaftsgebäude, Stallung und Remisen versteckt an der Mauer liegen und reinlich erhaltene Zickzackwege führen uns den Berg hinan zu einer kleinen Kapelle, die mit neuen schönen Glasmalereien, sehr verständig den Alten nachgeahmt, ausgeschmückt ist. Herr v. Landy, der fast alles, was hier entstand, so weit wie möglich auf dem Platze anfertigen ließ, der z.B. seine kleine Dampfmaschine, die das Wasser pumpt, zum Schneiden von eichenen Stäben benutzte, woraus er einen großen Gartenpavillon im maurischen Geschmack erbaute, hat ebenfalls ein Atelier für Glasmalerei angelegt, das schon sehr hübsche Resultate geliefert, und wo man auch anfängt, für Bestellungen von auswärts zu arbeiten. Hinter der Kapelle steigt man abermals aufwärts, bis zu einer Terrasse mit Böllern besetzt, wo sich ein hoher Thurm von zwei Stockwerken erhebt, welche freundliche Gemächer bilden und mit alten und neuen Waffen und Möbeln ausgeschmückt sind. Indessen war mir bei Besichtigung all' dieses Schönen die Zeit so schnell vergangen, daß ich – für einen Berichterstatter schlimm genug – kaum zum Schluß der ersten Sitzung im Badehaus anlangte. Um aber so genau als möglich zu sagen, was hier vorgefallen, sowie auch nach dem Ausspruche Molière's: »Man nimmt das Gute, wo man es findet,« muß ich mich für die heutige erste Sitzung des Berichts meines Collegen Kaulen aus Düsseldorf bedienen, der mit Pünktlichkeit nachgeschrieben. Eine bessere Einweihung als durch die erste Versammlung deutscher bildender Künstler konnte sich das neu erbaute Badehaus nicht wünschen. In hunderterlei Dialekten hörte man ringsumher die Repräsentanten aller deutschen Vaterländer und Ländchen, von der breiten Kehle des Westfalen bis zum überstürzenden halbverschluckenden Singlaut des Frankfurt am Mainers. Allmählig verstummten die Einzelstimmen, als nun im hübsch dekorirten Raume Platz genommen war, und dann ein Ueberblick der etwa 160 besetzten Stühle ein freudiges Gemurmel der Befriedigung hervorrief. Jetzt wußte man, wie viel da waren, aber man wußte noch nicht wer, und mit vielem Scherz wurde der Plan einer Generalbeichte durchgeführt, nach der Reihe aufstehend, nannte jeder seinen Namen; Wohnort und Charakter. Düsseldorf hatte als Ursprung des Planes selbstverständlich die meisten Repräsentanten, einige vierzig; das nahe Frankfurt erreichte beinahe dieselbe Zahl. Außerdem waren die süddeutschen Städte Hanau, Darmstadt, Wiesbaden durch eine Anzahl Künstler vertreten. Von Köln waren einige, von Berlin ein Deputirter; Münchens Künstler sandten eine Kommission mit offiziellem Mandat, und ein deutscher Meister aus der Fremde, Professor Chaurin von Lüttich, hatte sich ächt kosmopolitisch angeschlossen. Vor allen gebührendermaßen besonders freundlich begrüßt wurde Phil. Veit von Mainz, einer der Nestoren, die vor 40 Jahren in Rom den Plan der Reorganisation der arg verwaisten deutschen Kunst faßten und ihn so glänzend durchführten, daß der Ruhm derselben jetzt sich über die entferntesten Länder der Welt erstreckt. Der liebenswürdige Greis nahm die sofort einstimmig auf ihn fallende Wahl zum Präsidenten an, nachdem er das Düsseldorfer Comité gebeten, zuvor kurz die leitende Idee ihres Aufrufes darzulegen. Auf den Wunsch des interimistischen Vorsitzenden E. Leutze berichtete der Vereinssekretär, Hermann Becker, in kurzen Worten über die Entstehung des Planes. Es sei im Kreise des »Malkastens« bei Gelegenheit eines Besuches aus München Klage darüber geführt worden, daß die Genossen der Malerzunft im Süden und Norden Deutschlands sich und ihre Werke gar nicht kennten. Man habe frisch beim Schopf die Idee erfaßt, dem abzuhelfen durch eine allgemeine deutsche Künstlerversammlung, und zwar außer Vermittelung der persönlichen Bekanntschaft auch sofort jene der Werke in's Auge gefaßt. Somit brächten die Düsseldorfer für heute auf die Tagesordnung den Plan einer allgemeinen deutschen Kunstausstellung. Man möge bei Diskussion dieser Idee nicht übersehen, daß es sich hier weniger um einen Markt für die Bilder handle, etwa wie ihn die Kunstvereine böten, als vielmehr um eine Ehren-Repräsentation gegenüber den Genossen und dem Publikum. Direktor Veit nahm, nachdem er sich mit diesem schönen Plane aus vollem Herzen einverstanden erklärt, alsbald den Vorsitz ein, und ihm gesellte sich zur Seite als Vicepräsident Herr Direktor Pelissier aus Hanau. Dann konstituirte sich das Bureau aus Delegirten der verschiedenen hier vertretenen Schulen: Professor Jacob Becker von Frankfurt, Professor Jacob Felsing von Darmstadt, Schleich und Frank aus München, Professor Rustige und Maler Herdtle aus Stuttgart, – und dem Düsseldorfer Comité. Wie sehr die Idee der allgemeinen Ausstellung Anklang fand, zeigte sich dadurch, daß nur eine Opposition erhoben wurde und zwar von dem Präsidenten der süddeutschen Kunstvereine, Felsing, der wiederholt die Befürchtung aussprach, die Gesammtausstellung möchte mit den bereits bestehenden Einzelnausstellungen der Kunstvereine collidiren und dann eins dem andern schaden. Seine wohlgemeinten Gründe wurden indeß widerlegt und von anderer Seite hervorgehoben, daß nur eine größere deutsche Stadt in jedem Jahr an die Reihe käme und diß nur eine Ausstellung alljährig würde stattfinden können. Man ging inzwischen konsequent zu Werke, abstrahirte von allen Details und setzte einstimmig als Beschluß fest: »Es soll eine allgemeine deutsche Kunstausstellung stattfinden, welche periodisch in verschiedenen größeren Städten wiederkehren soll.« Das wann, wie und wo konnte man um so besser einer späteren Berathung vorbehalten, als die Wiederkehr der deutschen Künstler-Versammlung für das nächstfolgende Jahr a priori zum einstimmigen Beschluß erhoben war. Einstweilen war die Idee im Prinzip festgestellt. Jeder Künstler in Deutschland weiß, daß ihm künftig ein Ueberblick über die Gesamtleistungen aller Schulen geboten wird; er kann dort sehen, was anderswo gemacht wird, welche Richtungen verfolgt werden und an den Leistungen anderer den Maßstab für die eigenen nehmen. Nach dem Schlusse dieser ersten Sitzung zog man zu einem gemeinschaftlichen Mittagessen im englischen Hofe, wo in einem großen, hübsch verzierten Saale an drei Tafeln ungefähr zweihundert Couverts gedeckt waren. Das Essen war erträglich, und mehr konnte man auch für eine so große Anzahl von Gästen nicht verlangen. Dafür aber herrschte laute Fröhlichkeit, man fand Bekannte, man wurde von Freunden entdeckt und dem flüchtigen Gruße, womit man sich heute Morgen während der ernsten Berathung hatte begnügen müssen, folgte jetzt lustiger Zuruf und herzlicher Handschlag. Auch an Toasten fehlte es nicht, und nachdem der auch hier vorsitzende Direktor Veit auf den Landesherrn ein stürmisches Lebehoch hervorgerufen, wurde König Ludwigs von Baiern gedacht, des edlen und hochherzigen Beschützers der Künste, und dem hochgefeierten Namen im freudigsten Dankbarkeitsgefühle so zahlreiche und lärmende Lebehochrufe gebracht, daß ordentlich die Fensterscheiben erdröhnten. Lentze sagte für die Anordnungen der Bingner Bürgerschaft den besten Dank der Versammlung, worauf Herr Baumeister Scherr freundlich antwortete. Trotzdem man bei diesem Diner in Bingen so recht im Herzen des besten deutschen Weines saß, trotzdem zahlreiche Flaschen Rüdesheimer, Scharlachberger und Aßmannshäuser auf den langen Tafeln blinkten, ging doch das heitere Mahl in jeder Beziehung so ruhig und gesetzt vorüber, daß selbst ein bekanntes Witzblatt, welches die außerordentliche Freundlichkeit hatte, die tagenden Künstler vor dem Genuß des 1848er Weines zu warnen, seine Freude gehabt hätte, im Falle es nämlich diesem Witzblatt überhaupt möglich ist, an der harmlosen Fröhlichkeit anderer Menschen Freude zu empfinden. Da das Wetter am Morgen zweifelhaft gewesen war, es auch einigemal geregnet, so war von Seiten des Comités keine allgemeine Künstlerfahrt für den Nachmittag beschlossen worden, weßhalb sich einzelne Partieen nach verschiedenen Orten in der Umgebung Bingens begaben. Einige fuhren nach Rüdesheim, andere nach Aßmannshausen, die meisten aber erstiegen trotz Wind und trübem Wetter den Scharlachkopf. um einen Blick in das prachtvolle Nahethal zu thun, und gingen darauf zur Rochuskapelle, wo aber die sonst so herrliche Aussicht durch tiefhängende Wolken und Regen verschleiert war. Abends fanden sich sämmtliche Künstler wieder im Saale des englischen Hofes, wo man bis spät in der Nacht sitzen blieb unter Absingung deutscher Lieder, unter ernsten und scherzhaften Toasten, unterhalten durch die Talente einzelner, welche sich unter allgemeinem Beifall in Gedichten und dramatischen Scenen produzirten. War die Form der ersten Berathung etwas locker und nicht ganz streng parlamentarisch gewesen, so war die des zweiten Tages, Montag, schon so fest und so sicher, als habe man bereits Wochen lang getagt. Da der Alterspräsident Veit bereits abgereist war, so trat Professor Pelissier aus Hanau an seine Stelle, und v. Launitz aus Frankfurt wurde zum Vizepräsidenten erwählt. Im ersten Theile der Berathung wurde zum Beschluß erhoben, daß eine große Kunstausstellung deutscher Künstler abwechselnd vorläufig in sechs Städten, nämlich Frankfurt, Wien, Berlin, München, Dresden und Düsseldorf stattfinden solle, und zwar das erstemal in Frankfurt im Herbste des Jahres 1857. Den zweiten Theil der Berathung bildete ein Antrag Beckers aus Düsseldorf, die deutschen Regierungen im Einzelnen und den Bundestag anzugehen, zum Schutz des geistigen Eigenthums in Kunstwerken ein Gesetz zu geben. Der Antragsteller brachte in der Motivirung seines Antrags eine Menge der ans Unglaubliche streifenden Beispiele bei, wie gegenwärtig durch einzelne Subjekte der Handel mit Kunstwerken betrieben werde. Diese Menschen lassen auf den öffentlichen und permanenten Ausstellungen die Bilder der großen Meister, wie Achenbach, Lessing, Lentze etc. in Masse copiren und verkaufen sie unter dem Namen und dazu mit dem Monogramm derselben zu Spottpreisen, so daß es häufig vorkommt, daß die Aussteller, wie Kunstvereine u. dgl., die Originalbilder als unverkauft zurückschicken, während die Kopieen reißend abgingen. Daß von den Vorständen der Kunstvereine Norddeutschlands nichts gethan werde, diesen schändlichen Betrug zu verhindern, bedauerte der Redner, ohne jedoch wie es in einem Bericht aus Bingen heißt, die Kunstfreunde zu verdächtigen, als beförderten sie ein solches Treiben. Außerdem, fuhr der Redner fort, werden im Norden massenhaft Bilder unter dem Namen großer Künstler verkauft, von denen diese nie etwas gesehen, und was sie zum Theil ihrer ganzen Richtung nach gar nicht malen konnten. Vizepräsident v. Launitz, der sich den Interessen der Versammlung mit ganzer Seele hingab, versprach die Sache beim Bundestag möglichst zu fördern; es sei ihm bereits vom oldenburgischen Gesandten mitgetheilt, daß der Bundestag diese Frage demnächst in Berathung ziehen werde. Das Comité, welches bis zur nächsten Versammlung als permanent erklärt wurde, ist mit der Ausführung der Beschlüsse beauftragt. Man hört von manchen Seiten die Hoffnung oder Befürchtung aussprechen, als sei ein Hauptzweck des Zusammentritts deutscher bildender Künstler, dem einseitigen Treiben mancher Kunstvereine ein Ende zu machen, und wenn es auch, was diese anbetrifft, vielleicht dankbar anerkannt werden muß, daß sie durch ihre Ausstellungen und Verloosungen auch weniger bekannten Künstlern behülflich waren, ihre Arbeiten zu verkaufen, so wird doch bei vielen über eine sehr unerquickliche Protektion Einzelner geklagt, sowie über ein Schiedsrichteramt beim Ankauf von Bildern, welches sich die Vorstände mancher Kunstvereine angemaßt, ohne selbst Künstler oder auch nur Kunstkenner im wahren Sinne des Wortes zu sein. Es ist selbstredend: jeder Arbeiter soll seines Lohnes gewiß sein, und wenn ein Bild mit noch so großer Liebe entworfen und ausgeführt wird, so ist es doch für den Maler die angenehmste Perspektive, es durch Kauf in gute verständige Hände übergehen zu sehen, und hiezu die Vermittler zu spielen, schienen sich die Kunstvereine anfänglich zu ihrer Aufgabe machen zu wollen. Aber auch darin haben viele derselben ihr Wort nicht gehalten; statt als deutsche Kunstfreunde die deutschen Künstler zu unterstützen, könnten wir Vereine namhaft machen, die bei ihren Ankäufen über die Hälfte belgische und französische Bilder erwarben, und bei ihren Ausstellungen den ausländischen Malern Rechte einräumten, die leider ohne Reciprocität blieben. So versendet z. B. ein Pariser Maler durch ganz Deutschland nach Wien oder Königsberg portofrei seine Bilder unter der Adresse des betreffenden Kunstvereines, welcher dafür besorgt ist, daß das zugesandte Bild ausgepackt und aufgestellt wird; der deutsche Künstler dagegen kann es kaum erlangen, daß von der Grenze des betreffenden Landes sein Bild ohne Kosten bis an den Ausstellungsplatz geht, dort aber muß er für einen Kommissionär sorgen, der das Bild in Empfang nimmt und das Weitere besorgt. Nach dieser zweiten Sitzung war das gemeinschaftliche Mittagessen in den geräumigen Sälen des Badehauses selbst arrangirt und verlief unter den mannigfaltigsten Toasten ebenso heiter wie das gestrige. Da sich das Wetter heute schon besser anließ, so war eine allgemeine Partie von Aßmannshausen über den Niederwald auf die Rossel und auf den Apollotempel und von da nach Rüdesheim verabredet worden. von der sich, glaube ich, nicht ein einziger der Anwesenden ausschloß. Und so zogen denn die lustigen Völker Arm in Arm, singend und lachend vom Badehaus nach den Ufern des Rheins, wo eine große Menge Nachen bereit lag, in welche sich die Gesellschaft theilte. Ob einer oder der andere ein wenig stärker beladen war oder einen mehr oder minder geschickten Steuermann aus der Künstlerschaft selbst hatte, darauf wurde gerade nicht besonders gesehen, woher es denn wohl kam, daß mancher Nachen tüchtig schwankend sich in eigenthümlichen Schlangenlinien fortbewegte und Fährleute und Steuermann große Anstrengungen machten, um Scylla und Charybdis zu vermeiden: Scylla das Bingerloch mit seinen strudelnden Untiefen nämlich, und Charybdis ein paar sich rasch folgende Dampfer und Remorqueurs. Eins der Boote zeigte dabei einen bedenkliches Leck und alle Hand mußte an die Pumpen, d. h. das Wasser mit den Händen ausschöpfen, um Aßmannshausen glücklich zu erreichen. Hier am Ufer war nun wohl die ganze Einwohnerschaft versammelt mit den getreuen Lastthieren, kleinen Pferden und Eseln, aufs Mannigfaltigste und Abenteuerlichste gesattelt und geschirrt, und man hatte sich nicht geringe Mühe gegeben, um die ganze Künstlerschaft beritten zu machen. Der drängte sich zu einem Esel durch, dieser zu einem Pferde. Dabei wählte man hier ein Thier mit altem englischem Sattel, dort eines, dessen überzogener Reitsitz, vorn und hinten hoch aufgepolstert, an die Rüstzeuge des Mittelalters erinnerte; Steigbügel wurden probirt und Zügel so ernsthaft betrachtet, als gälte es weniger eines harmlosen Rittes über die Berge als des Angriffs auf irgend einen feindlichen Volksstamm. Sowie ein Trupp beritten war, so machte er sich unter lautem Halloh, unter Hurrahrufen und Singen auf den Weg, Es war ein komischer, ergötzlicher Anblick, die mannigfaltigen Reiter zu sehen, sich selbst und andere karrikirend, auf den armen Thieren, die ihr Möglichstes thaten, ihre steifen Beine mit dem frischen Muth ihrer Besteiger in Einklang zu bringen. Dabei habe ich Esel gesehen, die mit wackelnden Ohren förmlich trabten, und Pferdchen, die es zu einem wirklichen sichtbaren Galopp brachten. Wie eine Karawane zog sich der Reiterzug schon gleich zu Anfang weit auseinander und nahm sich in den Schlangenwindungen des Bergpfades allerliebst und malerisch aus; dabei tönten lustige Lieder und lauter, herzlicher Zuruf, wenn man einen Freund einholte, den man seit dem Ausritte vermißt, kurz es war ein lustiger Zug lebensfroher, gemüthlicher Leute, wie sie der alte Niederwald gewiß lange nicht gesehen. Am Jägerhause sammelte sich das wilde Heer und über hundert Stimmen riefen nach Kaffee. Daß dieses sehr angenehme Getränk hie und da einem Glücklichen zu theil wurde, habe ich für meine Person gerochen und am Klappern der Tassen entnommen; trotzdem aber sogleich bei der Ankunft ein Kaffepräsident, sowie ein ditto für Milch und Zucker ernannt wurden, gingen doch die meisten leer aus und mußten sich mit dem guten Willen der Wirthsleute begnügen, die treppauf und ab stürmten, um nur einem kleinen Theil der Forderungen gerecht werden zu können. Vom Jägerhause erreichten wir in weniger Zeit den Apollotempel auf der Höhe des Niederwaldes über Rüdesheim gelegen mit seiner großartigen und wunderherrlichen Aussicht auf das hier so weite und majestätische Rheinthal. Wer im Jägerhaus keinen Kaffee erhalten hatte, konnte sich hier an Pfirsichen und guten Weintrauben erlaben, die in ziemlicher Menge zum Verkauf ausgeboten wurden. Abwärts war der Anblick des Reiterzuges eigentlich noch komischer als aufwärts, denn hier ist es schon leichter, eine heroische Haltung anzunehmen, wogegen der Sitz manches Reiters hinunter auf steilem Wege mit zurückgelegtem Oberkörper, die Fußspitzen fast an den langen Eselsohren haltend, alles ritterlichen Anstandes entbehrte. Vor Rüdesheim wurde übrigens Sitz und Haltung corrigirt, und als man so einzog, froh und heiter, als die Hufe der Thiere in den engen Straßen gewaltig klapperten und die kräftigen Gestalten der Reiter keck an den Häusern hinauf schauten, da bin ich überzeugt, daß die Einwohner einen guten Begriff bekamen von den deutschen Künstlern, die in Bingen zusammengekommen, um wegen ihres guten Rechtes zu tagen. Die Nachen, welche uns nach Aßmannshausen gebracht, hatten sich hier wieder eingefunden, und es war schon ganz dunkel geworden, als wir uns einschifften, um ans andere Ufer zurückzukehren. Vorher war noch manches Glas Rüdesheimer versucht worden, die Genossen munter und froh gestimmt, und so war es denn leicht erklärlich, daß bald eine kräftige Stimme ein bekanntes Lied anhob, worein die Andern jubelnd einfielen. Daß es grade das Lied von der Lorley war, gab sich, wie ich glaube, von selbst, denn war es doch um uns her grade so, wie es der Fischerknabe gesehen, als er das Lied der gefährlichen Schönen vernommen. Die Luft ist still und es dunkelt Und ruhig fließet der Rhein, Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein. Es war eine prächtige nächtliche Fahrt, und um der heitern Scene ihre Vollendung zu geben, fehlte nur noch Fackelschein, der denn auch mit einemmale improvisirt wurde und darum um so gelungener erschien. Gott weiß, woher die Menge von Journalen und Zeitungen kamen, die nun plötzlich aus allen Rocktaschen hervorgezogen, zusammengedreht und angezündet wurden; ich glaube, um unser Schiff loderten zuerst die dunkelrothen Flammen, und diese phantastische Beleuchtung wurde von denen in den andern Nachen jubelnd bemerkt und nachgeahmt. So schwammen wir leuchtend und bestrahlt im röthlichen Rheine, umtanzt von unzähligen Stücken halbverbrannten Papiers, das über Bord geworfen wurde, nach Bingen und erreichten das Ufer, als es hundertstimmig, vielleicht nicht ohne Bedeutung, über den stillen Rhein hinüberschallte: Ueber's Jahr, über's Jahr, wenn i wiederum komm, Kehr' t ein, mein Schatz, bei dir. Der heitere Abend wurde ebenso heiter mit einem gemeinschaftlichen Nachtmahle in den Sälen des Ballhauses beschlossen, wo zwangloser Scherz und ächter Künstlerhumor aufs Freieste waltete. Jeder Augenblick brachte für den Zuhörer und Zuschauer eine neue Ueberraschung; originelle Figuren, trotz des Wenigen, was man finden konnte, aufs zweckmäßigste kostumirt, ließen sich sehen, führten Scenen auf und deklamirten. Ja später wurde quer durch eine Seite des Saals vermittelst zusammengerückter Tische eine förmliche kleine Bühne gebildet, wo Räuberscenen, Bekanntes parodirend, mit köstlichem Humor spielten, wo deklamirt wurde und wo man berühmte Virtuosen in schrecklicher Wahrheit karrikirt erscheinen sah. Es war spät, als man sich trennte, aber alle gestanden, einen köstlichen Abend verlebt zu haben. In der am nächsten Morgen abgehaltenen dritten und letzten Sitzung wurde der Beschluß gefaßt, Frankfurt am Main als Versammlungsort, sowie als Ausstellungsort für das nächste Jahr zu bestimmen. Dieser Beschluß hat nun zwei sehr verschiedene Seiten. Wenn es am Ende für jeden der Theilnehmer und Aussteller angenehm sein wird, zugleich in der Stadt, wo die Bilder zusammen kommen, auch die Freunde zu finden und mit ihnen ein paar Tage vergnügt zu verleben, so ist Frankfurt als große Stadt, welche sich durch den Zusammenfluß vieler Fremden ganz vortrefflich zur beabsichtigten großen Ausstellung eignet, zu dem andern Zwecke eines Beisammenlebens der Künstler wie hier in Bingen durchaus nicht passend. Dazu ist Frankfurt zu groß; man wird sich dort zersplittern, man wird vielleicht in den Berathungsstunden zusammen kommen, um sich alsdann hierhin und dorthin zu verlieren. Man hätte auch zur zweiten Versammlung eine kleine Stadt wählen sollen; die erste nach Bingen zu verlegen war eine vortreffliche Idee des Düsseldorfer Comités. Hoffen wir, daß darin noch etwas geändert werden kann, und wenn Frankfurt auch für die große Ausstellung bleibt, sich die deutschen Künstler, die nächstes Jahr wohl noch viel zahlreicher erscheinen werden, in einer nicht so geräuschvollen ausgedehnten Stadt finden mögen. Für das heutige gemeinschaftliche Mittagessen im Badhaus fehlte es nicht an angenehmen Überraschungen. Professor Rustige von Stuttgart erhob sich und sprach folgenden launigen Toast: Ihr Düsseldorfer wart gar schlau, Daß ihr uns rieft nach Bingen, Hier muß, das wußtet ihr genau, Das Künstlerfest gelingen. Hier, wo vereint die Nahe und Der Rhein zusammenlaufen, Bis sie im fernen Meeresgrund Vor lauter Lieb' versaufen. Hier, wo der Sonne erster Koch Das Rebenblut bereitet Und selbst das enge Bingerloch Dem Schiffenden sich weitet. Hier, wo man voll Barmherzigkeit Gern jede Blöße decket, Und in ein nagelneues Kleid Den Mäusethurm gestecket. Hier, wo der Durst'ge seinen Brand In wenig Geld ertränket, Dieweil das kleine Hessenland Die größten Schoppen schenket. Hier, wo – doch was ich seh' und hör', 's ist alles zum Entzücken! Auf, Brüder, trinkt die Gläser leer Und laßt die Hand uns drücken. Dem Künstlerbund dies Glas und topp! Dem Binger – diesen Schoppen, Damit uns seine alte Klopp Die Bilder hilft verkloppen. Das Bingener Festcomité, welches überhaupt alles gethan, um den Fremden den Aufenthalt angenehm zu machen, hatte uns auch noch eine weitere Ergötzlichkeit bereitet. An den beiden vorhergehenden Tagen hatten einige Musikanten mit Violine, Clarinette und Contrebaß ihre harmlosen Weisen aufgespielt, heute aber erschallte mit einemmale rauschende Militärmusik, und eine Abtheilung der österreichischen Bande aus Mainz marschirte geschlossen in den Saal und erhöhte die Lustigkeit der Tafelnden zu lautem Jubel. Dabei war es eigentlich traurig anzusehen, wie unser armes bisheriges Orchester mit einem wehmüthigen Akkorde plötzlich abbrach, seine Noten und Instrumente zusammenpackte und sich vor den rauschenden Klängen der neu Angekommenen still aus dem Saale schlich – ein treues Bild unserer gegenwärtigen Zeit. Lentze aus Düsseldorf dankte dem Bingener Comité in beredten Worten für diese neue Aufmerksamkeit, worauf Herr Kreisrath Parcus im Namen der Uebrigen noch einmal seine Freude darüber zu erkennen gab, daß die deutschen Künstler Bingen zu ihrem Versammlungsort gewählt. – »Um aber auch,« setzte er hinzu, »die Damen der Stadt, die bisher dem festlichen Treiben theilnehmend von ferne zugeschaut, nicht ganz auszuschließen, habe das Bingener Comité für heute Abend einen Ball arrangirt, wo Fröhlichkeit ohne Zwang und strenge Formen herrschen sollte.« Diese Eröffnung wurde mit außerordentlichem Jubel entgegengenommen, und als sich bald darauf nach beendigter Tafel die ganze Künstlerschaft in geordneter Reihe, Fahne und Musik voran, durch die Straßen der Stadt nach der Rochuskapelle begab, wurde der Dank für den freundlichen Entschluß der Bingener Damen manch schöner Repräsentantin derselben, die sich am Fenster sehen ließ, durch lautes Hurrah dargebracht. In einem einsam stehenden Hause auf der Höhe der Rochuskapelle mit Gärtchen und Veranda wurde Halt gemacht und Kaffee genommen. Wer an die Geschirre selbst keine übermäßigen hier gewiß ungerechtfertigten Ansprüche stellte, konnte schon zufrieden sein; für die Löffel sah man sehr idyllische Surrogate, dafür herrschte aber eine Unmasse von Lust und Heiterkeit, und bei den Klängen der rauschenden Militärmusik verflossen die Stunden wie Minuten. Bald setzte man sich wieder in Bewegung und zog hinüber zur Rochuskapelle, wo sich die ganze Versammlung am Abhange eines Berges in einer muldenförmigen Vertiefung lagerte. Das war ein prächtiger Anblick, die kräftigen Gestalten in allen Stellungen hier ruhen zu sehen, begeistert von dem Feste überhaupt und hier noch besonders durch den schönen Abend und die weite, wunderbare Aussicht von der Bergeshöhe, auf der wir uns befanden. Schimmernd und glänzend in Duft und Abendsonnenglut lag das Rheinthal vor uns, und während der majestätische Fluß selbst oberhalb noch hell bestrahlt war, waren die Felsen um Bingen mit dem Mäusethurm schon in tiefe Schatten gehüllt, und aus dem eingeschlossenen Kessel dort schienen schwarze Dämpfe aufzusteigen, die als nächtlich dunkle Wolken mit der glühenden Sonne um die Herrschaft rangen. Einen solch schönen Abend auf den Bergeshöhen am Rhein zu genießen, ist an sich schon etwas werth; daß er aber tausendfach schöner ist, wenn der letzte Strahl der Sonne den funkelnden Wein im Glase vergoldet, hatte unser freundlicher Wirth, Baron von Landy, dessen Villa sich am Fuße des Berges, auf dem wir lagerten, befindet, tief empfunden. – Und auf einmal erklommen zwei kräftige Gestalten die Anhöhe, an einer Stange ein mächtiges Faß Wein tragend, das mit Blumen bekränzt war – es war das wie ein verkörperter Klang aus dem Nibelungenlied. Auf dem noch hellen Abendhimmel zeichneten sich die Conturen der Träger scharf ab, und sie und ihre Last wurden mit lautem Jubel begrüßt. Dem ersten Faß folgte bald ein zweites, Gläser waren zahlreich vorhanden, man trank den funkelnden Wein, man bekränzte ihn mit Farrenkräutern und wilden Eriken, lustige, sehr improvisirte Toaste folgten einander, man stieß an auf das Wohlsein der Lieben zu Hause, sowie der Freunde in der Ferne, und die Musik, welche auch ihr reichlich Theil bekam, spielte: Heil dir im Siegeskranz und: Gott erhalte unsern Kaiser. Nachdem sich der Himmel gänzlich verdunkelt, trotzdem aber mancher Auge heller sah, zog man von der Rochuskapelle hinab nach dem Parke der Villa Landy und durch denselben an das Wohnhaus, wo man durch die Vorsorge des Bingener Comités Fackeln fand, welche nun angezündet wurden, und nachdem sich die ganze Versammlung in wohlgeordneten Reihen vor die Haupttreppe der Villa begeben, brachte man dem freundlichen gastfreien Besitzer, sowie der liebenswürdigen Hausfrau ein dreifaches donnerndes Lebehoch. Fackellicht hat einen eigenen Reiz, wenn man die rothen Flammen auflodern sieht, hoch hinauf sendend Qualm und Dunst, der die Gegenstände, welche die Glut unten hell und deutlich sehen lassen, oben nur in Ungewissen phantastischen Umrissen durchschimmern läßt, hier aber machte sich der Anblick des wohl geordneten Fackelzuges, wie er durch die Schlangenpfade des Parkes sich abwärts dem Rheine zu bewegte, außerordentlich malerisch und schön. Durch die verschiedenartigen Biegungen der Wege schienen jetzt die Fackellichter ohne Ordnung durcheinander zu tanzen, um sich gleich darauf, wo der Weg grade lief, wieder als langer, glühender Streifen zu zeigen. So ging es hinab zum Rheine, wo an zwanzig Boote bereit lagen, um die Gesellschaft nach Bingen zurück zu bringen; laut hallten die Klänge der Musik von dem stillen Wasser und den aufhorchenden Bergen zurück, und von Flammen umspült, magisch rothe Glut ausstrahlend, die das Wasser spiegelnd zurückwarf, glitten die Fahrzeuge hinab. Wirklich prachtvoll sah es aus, als sich zahllose Pechkränze entzündeten, die unabhängig von den Schiffen auf dem Wasser schwammen, nun vor, hinter und neben den Nachen durch einander loderten. Der heutige Abend war eine würdige Beschließung des dreitägigen Festes. Eigentlich müßte man den Ball im Badehause als Schluß erwähnen, doch wenn man auch dort schöne Frauen und Mädchen in hübschen Toiletten sah, so war es doch eben nur ein Ball, wie ein anderer auch. Das Fest der Künstler hatte mit dem Fackelzug geendet, der sich nach der Ankunft in Bingen noch vor das Rathhaus begab, wo dem Gemeinderathe von Bingen nochmals der beste Dank der anwesenden Fremden in herzlichen Worten dargebracht wurde. Abends drückte man den Freunden, die sich am andern Morgen nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuen würden, zum Abschiede nochmals die Hand und gestand sich dabei, daß das Fest ein wohlgelungenes gewesen sei und aus dem ersten glänzenden Anfange auch herrliche Früchte für das allgemeine Beste deutscher bildender Künstler tragen werde. Wir, die Gäste der Villa Landy, hatten noch eine kleine Nachfeier, für die ich dem freundlichen Wirthe, sowie der liebenswürdigen Wirthin noch ein paar Worte des Dankes sagen muß. Eine Anzahl der Bekannten, welche am frühen Morgen noch nicht abgereist waren, fanden sich in dem uns so wohl bekannten Glashause zu einem gemeinschaftlichen Frühstücke zusammen; wir gedachten nochmals der vergangenen Tage, und in den ausgesprochenen herzlichen Dank mischte sich ein kleiner Ton der Wehmuth. Die Stunden der Freude ziehen so schnell vorüber und das Leben ist so kurz. Um zu guter letzt auch die tiefuntersten Räume des gastlichen Hauses, die uns so viel schönes geliefert, persönlich kennen zu lernen, zogen wir, vom Hausherrn geführt, in die Keller, die von einer Sauberkeit und Ordnung waren, wie ich nie etwas gesehen; dabei waren sie heute festlich geschmückt, jedes Faß mit einem Lichte besteckt, und so bildeten die langen Reihen derselben eine überraschende Illumination. Ueberdem waren die edlen Sorten und guten Jahrgänge noch mit Blumengewinden geziert, und in ihrer Nähe hielt sich der Kellermeister mit Gläsern und Heber bereit, um die Proben abzugeben. Es waren köstliche, rein gehaltene Tropfen, die wir hier in dem Keller der Villa Landy tranken; ich sage der Wahrheit gemäß Tropfen, denn wer einen rheinischen Keller kennt, wird sich wohl hüten, die Scharlachberger, die Aßmannshauser und die Rüdesheimer Hinterhäuser hier unten glasweise zu versuchen. Was wir denn so auch mäßig genoßen, erhöhte die angemessene Heiterkeit, und so schieden wir denn eine Stunde später froh, heiter, dankbar gestimmt von dem gastlichen Dache. Als wir auf dem Rheine gegen Rüdesheim fuhren, blickten wir noch lange zurück nach der Villa Landy; sie war uns und den Genossen, eingedenk des gestrigen Tages, zu einem Glanzpunkt des Festes geworden, und ich glaube, jeder von uns, wenn er später einmal wieder den Rhein hinabfährt, wird die weißen Gebäude und zackigen Mauern aufs freundlichste grüßen, wenn er sich Bingen nähert, der lieben Stadt am Rhein, die ihre Thore so herzlich geöffnet der ersten Versammlung deutscher bildender Künstler. Der Clubb für unbegränzte Freiheit. Das kleine unscheinbare Haus, in welchem sich die kleine unscheinbare Kneipe befand, von der wir unserm Leser erzählen wollen, stand an den Ecken zweier kleinen Gäßchen, wo weder Sonne noch Mond hineinschien. Die beiden Himmelslichter machten wohl hie und da den schüchternen Versuch, in diesen dunkeln, feuchten Winkel zu gelangen; doch mochte es ihnen da unten zu finster und unheimlich sein, denn sie streiften nur so oben an den schwarzen Giebeln der Häuser vorbei und verschwanden bald wieder. Dieß Eckhaus nun, vor welchem als Wirthshausschild ein gelber, vertrockneter Busch prangte, war klein, zweistöckig und litt unzweifelhaft an erschreckender Altersschwäche. Die Mauern waren grau, und da die Dachrinne zerbrochen war, so hatten Regen und Schneewasser ganz geheimnißvolle Hieroglyphen auf das Haus hingeworfen. Der Eingang war nie verschlossen, und nur in den Stunden von Morgens 2 bis 6 Uhr wurde eine gewesene Thür vor den Eingang gelehnt. Dieser Eingang führte auf eine enge und gänzlich finstere Hausflur und in eine Art Vorzimmer, hinter welcher das Gastzimmer war. Dieses ganze untere Apartement war früher einmal ein Stall gewesen und erst später zu wohnlichen Zwecken eingerichtet worden. Da sich aber statt der Fenster nur kleine Luftlöcher dort befanden, so etablirte der Hausherr eigenhändig eine kleine Weinkneipe, ein Geschäft, zu welchem das Tageslicht vollkommen überflüssig ist; denn erst wenn es draußen anfängt zu dunkeln, wird's innen hell. In früherer Zeit wurde das Local mit Talglichtern erleuchtet, als aber das Gaslicht überhand nahm, wurde in die Mauer ein Loch gebrochen, von Außen eine bleierne Röhre hineingezogen, dieselbe an der Wand und Decke durch Nägel festgemacht, zwei Schuh vor letzterer unten umgebogen, ein kupferner Brenner hineingesteckt – so – und der Kronenleuchter war fertig. Wenn Abends das Gaslicht angezündet wurde und die ewige Dämmerung aus dem Zimmer verschwand, so war es, als zöge ein tiefer Seufzer bei den trüben Wänden vorbei; der alte Hund hinter dem Ofen schüttelte sich, streckte die Nase empor und meinte, es würde Tag. – Durch den finstern Gang trat man in das Vorzimmer, die Wohnstube des Wirthes und Hausbesitzers. Hier war ein großes, zweischläfriges Bett, ein paar hölzerne Stühle, ein Ofen, um denselben ein großer verblichener Papierschirm, auf welchem Adam und Eva im Naturzustande und sämmtliche Thiere, wie sie im Paradiese lustwandeln, gemalt waren. Da die Gäste allemal durch dieses Vorzimmer mußten, so zog sich der Wirth mit seiner Frau am Abend hinter diesen Schirm am Ofen zurück, und die beiden alten Leute blieben, bis der Letzte der Gäste heimwankte. Der Wein wurde in das Gastzimmer in ein paar großen steinernen Krügen hingestellt, aus welchen sich die Gäste bedienten, nachher die Zeche selbst berechneten und das Geld auf dem Tische zurückließen. Aus dieser Einrichtung kann man ersehen, daß das Local nur von Stammgästen besucht wurde. Diese Stammgäste nun gingen bei dem großen Ofenschirm vorbei und jeder derselben klopfte mit der Hand daran, und das war ein Zeichen für den Wirth, daß ein guter Bekannter eintrat; wenn aber zufälliger Weise Jemand in das Gastzimmer kam, der den Schirm nicht berührte, so streckte der Wirth seinen Kopf oben hinaus und versicherte den fremden Gast, das Zimmer sei für heute Abend an einige gute Bekannte vermiethet. Man wird uns fragen, welche Klasse von Menschen hier zusammenkam, ob es ein geheimer Clubb war, ob hier Verschwörungen angezettelt wurden, ob man hier, verborgen vor den Augen der Polizei, hoch spielte, und es wäre eigentlich sehr interessant für uns, wenn wir etwas derartig bejahen könnten und dadurch Hoffnung gäben, daß eine schauerliche Geschichte hier passirt sei. Leider sind wir nicht so glücklich: Hieher kamen keine Landstreicher und sonstige Vagabunden, keine Diebe oder Mörder, nicht einmal Verschwörer, es fielen hier wohl zuweilen schreckliche Redensarten, aber im Ganzen waren es harmlose Leute, die hier in der Kneipe zusammenkamen und von denen die meisten am andern Morgen in ihren Geschäften ganz anders sprachen, wie Abends hinter dem Weinglase! Was aber geschah hier im Dunkel der Nacht? – – – – Hier versammelte sich allabendlich der Clubb für unbegränzte Freiheit. Hier wurde politisirt: das Wohl Deutschlands, das Wohl der ganzen Welt berathen. Die Glocke schlägt sieben, ein schwerer Tritt in der Hausflur, ein schwerer Schlag an den Ofenschirm, eine tiefe Baßstimme sagt: »guten Abend« und geht in's Wirthszimmer. Es ist ein großer breitschulteriger Mann, der eingetreten ist, auf seinem Gesicht liegt ein rosiger Schein, aber nicht der Schimmer der Jugend, eine Röthe, dem Nordlicht vergleichbar, deren Centrum die Nase ist. Dieß Gesicht ist eingefaßt mit einem großen Bart, alle Unterabtheilungen dieses männlichen Schmuckes, Schnauz-, Backen-, Knebel- und Kinnbart zu einem wirren Ganzen zusammengewachsen; der Mann sieht unter seinem grauen Hut mit Hahnenfedern ganz fürchterlich aus, er trinkt ein großes Glas Wein auf einen Zug aus, stellt sich vor die Bildnisse von Robert Blum und Hecker, die an der Wand hängen, einen Augenblick hin, seufzt tief auf; dieser Seufzer aber klingt wie ein leises Brüllen, er murrt etwas von verrathener Freiheit und setzt sich nieder. Nach ihm säuselt eine leichte Gestalt durch die Flur, berührt ganz leicht den Schirm und bleibt unter der Thür des Gastzimmers einen Augenblick stehen; es ist ein schmächtiges Männchen mit einem frommen Gesicht, das sich aber mühsam den Anschein gibt, ingrimmig auszusehen, es vergräbt das Kinn in die Halsbinde, schiebt den Hut verwegen auf ein Ohr: Also hieher hat sich das Bischen übrig gebliebene Freiheit geflüchtet, hier müssen wahre Vaterlandsfreunde tagen, verborgen vor der Welt in einem dürftigen Winkel der Erde! Ach, es ist schauerlich! Darauf salutirt er vor dem Portrait Heckers und setzt sich an den Tisch. Der Andere schenkt ihm wenig Aufmerksamkeit, stützt den Kopf auf beide Arme und stößt dichte Rauchwolken aus seiner Cigarre. – Eine dritte behäbige Figur schiebt sich jetzt ins Zimmer, trommelt ein paar Takte auf den Ofenschirm und schaut mit einem wohlgenährten freundlichen Gesichte hinter denselben: – Guten Abend, Alter, wie geht's? – dann tritt sie ins Gastzimmer und läßt sich nieder, nachdem sie dem Hecker pfiffig lächelnd zugewinkt. So erscheint nach und nach die ganze Gesellschaft, bunt gemischt, aber die Meisten anständig ausschauend. Viel Bartwerk ist vorhanden, viele rothe Hahnenfedern und schwarz-roth-goldene Bänder. Der Krug macht den leeren Gläsern tiefe Komplimente und bald geht ein lebhaftes Gespräch durch's Zimmer. Der Zweite, der vorhin eintrat, die kleine lustige Gestalt, ein Handschuhmacher, taucht nun sein Gesicht so erschrecklich tief in die Halsbinde hinab, daß nur die funkelnden Augen herausschauen, und deklamirt: Die Freiheit, sie ist ein leerer Wahn; worauf der Mann mit der rothen Nase, der zuerst eintrat, ingrimmig aufschaute. Was ist ein leerer Wahn? brüllt er. Die Freiheit? Wer wagt zu behaupten, daß die Freiheit ein leerer Wahn ist? Ich sagte: k – – ein leerer Wahn, aber Sie wissen ja , ich kann das K nicht gut aussprechen. Ja so, kein leerer Wahn. So sprechen Sie künftig deutlicher. Aber das ist der Fluch des Sklaventhums und der Unterdrückung, daß der freie Mann an ein freies Wort nicht mehr gewöhnt, sogar eine sklavischlispelnde Aussprache angenommen hat. Der dicke Mann, ein Spezereihändler, stieß seinen Nachbar klug lächelnd an, als wollte er sagen: der hat's, jetzt kann's losgehen. Dieß schien auch ein junger Mensch mit bleichem Gesicht und langem blondem Haar zu fühlen, denn er schrie, nebenbei – um sich bei der rothen Nase in Respekt zu setzen: Es lebe der Hecker! Und Alle tranken ihre Gläser aus. Einige mit schwärmerischem Blick an die Wand hin, Andere schüchtern auf ihre Nasenspitze sehend. Die rothe Nase verbeugte sich dankend, als sei sie der Hecker, murmelte dabei aber von Reactionären und politischen Feiglingen, wobei sie namentlich den Gewürzkrämer und seinen Nachbar scharf ansah, worauf der erstere mehrere Gläser Wein hastig hinabstürzte, wie er hier allabendlich zu thun pflegte, um sich in eine muthvolle Stimmung zu versetzen und damit er Widerstand zu leisten vermöge den Bemühungen, ihn auf die äußerste Linke hinüberzuziehen; denn der Spezereihändler war, im Vertrauen gesagt, äußerst conservativ, ja etwas reactionär. »Meine Herren,« sprach die rothe Nase, »was sind wir denn eigentlich, daß man es wagt, uns tagtäglich in den Staub zu treten, daß man uns unsere kostbarsten Freiheiten vorenthält? Was heißt Deutsch? Was heißt Deutscher? Heißt Deutscher etwa soviel, als ein Individuum, ein Wesen, das dazu gemacht ist, und erschaffen wurde, um Fußtritte auszuhalten, um Stockschläge zu empfangen, ein Reibeisen, an dem Jedermann die Schuhe abputzen darf, ein Geschöpf der Finsterniß, dem nie der rosige Morgen der Freiheit tagen soll? Ich wenigstens dulde diese Knechtung nicht länger. Ich will kein Sklave sein. Ich will mich nicht krümmen unter den Fußtritten der Gewaltigen. Ich will mir die Freiheit mit meinem Herzblut erkaufen, ich will ein freier, deutscher Mann sein.« Auf diese glänzende Rede ließ sich ein vielstimmiges Bravo hören. Nur der Spezereihändler stützte seine Arme auf den Tisch und wollte der rothen Nase in die Rede fallen. Aber die rothe Nase war im Zug wie eine überheizte Lokomotive und fuhr sausend und schnaubend fort: »Was ist Freiheit? Ist das bischen Preßfreiheit Freiheit? Ist ein volksthümliches Ministerium Freiheit? Ist Oeffentlichkeit und Mündlichkeit, ist Vereinsrecht Freiheit? O nein! Das versteht sich Alles von selber, denn da der freie Mann Alles das thun kann und soll, was ihm beliebt, so fallen ihm diese Lappalien, diese Brocken, die man ihm wie dem hungrigen Hunde hinwirft, von selbst zu. Der wahre freie Mann ist der, der wahrhaft frei ist, und der wahrhaft frei ist, das ist ein freier Mann! Aber Ihr Alle,« dieß sprach der Mann mit unbeschreiblichem Pathos, »seid Geknechtete, Unterdrückte, seid Sklaven!« Jetzt war der kleine Spezereihändler nicht länger zu halten. Zuerst brach er in ein lautes Lachen aus, das höhnisch klingen sollte. »Hör' mir einer an,« sagte er dann, »ich sei ein Sklave, wagen Sie zu behaupten. Ich sei ein Gefesselter, Unterdrückter? Weßhalb bin ich ein Sklave? Kann ich nicht thun und lassen, was mir beliebt? Habe ich nicht Alles errungen, was man erringen kann? Und dann,« setzte er in einem etwas weinerlichen Tone hinzu, »begreife ich eigentlich nicht, warum ich mich in den Clubb für unbeschränkte Freiheit habe aufnehmen lassen, damit man mich jeden Abend auf's Allerscheußlichste herunterschimpft! Und damit ich nicht einmal die Freiheit habe, zu sagen, daß ich mich unter den jetzigen Einrichtungen vollkommen frei genug fühle!« »Er hat ganz recht,« sagte leise sein Nachbar, und mehrere Andere nickten ihm beifällig zu, obgleich die rothe Nase in ihrer Wuth unzählige Gläser Wein hinter einander austrank. »Warum,« fuhr der Spezereihändler fort, »warum nutzt mich die Freiheit nichts, die wir einmal errungen haben? Warum, das möchte ich wissen?« »Weil das keine Freiheit ist,« sagte der Handschuhmacher; »nur auf den Bergen ist Freiheit. Ich will thun und lassen können, was mir beliebt.« Die rothe Nase sah den Spezereihändler mit einem Blick unbeschreiblicher Verachtung an; dann sagte sie: »Ist ein stehendes Heer Freiheit? Ist Polizei Freiheit? Sind Steuern Freiheit? Sind Capitalisten Freiheit? Oh, Ihr seid blind mit sehenden Augen. Seht Ihr denn nichts von der Reaktion, die ihr geiferndes Haupt emporstreckt, eine riesige Schlange, die Euch langsam, aber unfehlbar einschnürt?« »Ha,« eiferte der Spezereihändler, »Reaktion, was ist Reaktion? Wo ist Reaktion?« »Reaktion!« sagte die rothe Nase, und warf einen mitleidigen Blick hinüber; »weßhalb gehen alle Geschäfte schlecht? Weßhalb stockt Handel und Wandel? Weßhalb geht der brave Gewerbsmann zu Grunde?« »Das ist keine Reaktion, das ist ein Unglück,« sagte der Spezereihändler. »Die Gewerbe gehen schlecht, weil es an Vertrauen fehlt, nicht einmal weil es an Geld fehlt. Ich muß es am Besten wissen. Wer früher den Zucker bei mir Hutweise kaufte, der läßt jetzt täglich einige Loth holen, und wer ein Paar neue Stiefeln sehr nöthig braucht, der läßt heute, dennoch die alten flicken, da er nicht weiß, ob ihm die goldene Freiheit, von der Ihr immer predigt, nicht morgen die neuen Stiefel vielleicht ausziehen würde.« »Ja,« fiel jetzt sein Nachbar in's Wort, der ein Möbelschreiner war, »so ist's, bei Gott, so ist's! Hab' ich doch von zwanzig Gesellen nur noch zwei, und von denen ist obendrein der eine ein Schneider, der nur Fenstervorhänge flickt. Ja, Ihr seid es, die Handel und Wandel darniederdrücken, mit Eurem losen Maul und Euern aufrührerischen Reden und Euern Wühlereien. Nennt mir einen einzigen Menschen, der durch Eure fortgesetzten Aufhetzereien was profitirt hätte. Die Steuern sind erhöht, Arbeit gibt's keine, und wenn bei dem armen Gewerbsmann das Bischen, was er in früheren Jahren verdient hat, aufgezehrt ist, so hat er Eure Freiheit errungen, dann ist er frei, wie der Vogel auf dem Zweig, ohne Nahrung und Obdach, frei, daß sich Gott erbarme!« Der junge Mensch mit den blonden Haaren hatte schon mehrmals versucht darein zu sprechen, konnte aber mit seiner dünnen Stimme nicht durchdringen. »Warum,« schrie er jetzt, »haben bei den sogenannten Vornehmen und Reichen alle Feste, Bälle aufgehört? Warum anders, als um den armen Mann zu drücken?« »Warum?« entgegnete der Möbelhändler, »warum soll der Reiche und Vornehme nach den Verlusten, die er ohnedieß erlitten, noch sein Geld hinauswerfen, wofür er nur Undank hat? Bellt Ihr nicht mit Euerm giftigen Neid Jeden an, der einen bessern Rock trägt, als Ihr? Was schreit Ihr in die Welt hinaus, wenn Ihr irgendwo ein Gastmahl oder einen Ball wittert? Schreit Ihr nicht über Reaktionäre, Aristokraten, die den Schweiß des armen Volkes verprassen? Und das ist erlogen, das kommt dem Arbeiter und Handwerksmann zu gut, wären nur viele Festivitäten und Geschichten, so stände es mit dem Gange der Geschäfte besser. Und verpraßt Ihr nicht ebenso den Schweiß des armen Volkes? Z. B. Sie,« sagte er zu der rothen Nase, »haben da einen warmen Rock an, und einen Paletot darüber. Damit könnten Sie einen kleiden, der nichts hat. Sie trinken bei Ihrem Schreien nach Freiheit, das Ihnen natürlich die Kehle austrocknet, täglich Ihre zehn Schoppen Wein. Das würde für neun arme Familienväter langen, und es bliebe Ihnen doch noch ein Schoppen. Aber ich will darüber nichts sagen, denn das Geld für die zehn Schoppen nimmt der Wirth ein, und das fließt wieder in eine Menge Hände und kommt Vielen zu gut.« »Schade, Schade,« seufzte der Spezereihändler, »wie unsere schönen Gewerbe ruinirt sind, unsere Stadt ihrem Untergang entgegengeht! Ich sehe schon die Zeit kommen, wo die Häuser zerfallen, wo auf den Straßen das Gras wächst, und wo wir Alle eine große, große Brüdergemeinde von lauter Lumpen bilden.« So weit war die Sache in der Ordnung, und manche Mitglieder des Clubbs für unbegrenzte Freiheit neigten sich auf die rechte Seite. Es hätte dazu kommen können, daß die rothe Nase und ihre Consorten überstimmt worden wären, und der Möbelhändler wagte schon den schüchternen Vorschlag, der Gesellschaft statt des bisherigen den Namen: »Clubb für gesetzmäßige Freiheit« zu geben, wodurch man für die Wohlfahrt Deutschlands schon viel gewonnen hätte, und mit welcher Errungenschaft sich die exaltirtesten Conservativen zufrieden gestellt hätten. Aber da geschah etwas, was der Sache eine ganz andere Wendung gab, und was in dem Clubb für unbegränzte Freiheit bis jetzt nicht da gewesen war. Es war nämlich 11 Uhr geworden, das Gespräch hatte man außergewöhnlich laut geführt, und es öffnete sich die Thür, und herein trat ein Diener der Polizei, feierlich verkündend, daß die Polizeistunde längst vorüber sei. – Trauriger Moment! Wie wahr ist das Sprüchwort: Gott bewahre mich vor meinen Freunden, mit meinen Feinden will ich schon fertig werden. Die rothe Nase, wie sie im Begriff war zu thun, eine Rede gehalten für unbegränzte Freiheit, eine Rede, übermenschlich schön, sie hätte weder den Spezereihändler noch den Möbelschreiner verlockt, ihren Antrag auf Aenderung des Namens in Clubb für gesetzmäßige Freiheit aufzugeben. Aber das Erscheinen der Polizei in diesem Augenblick, das Verkündigen der Polizeistunde, so etwas verträgt kein deutscher Bürgersmann und Patriot. Das sah auch die rothe Nase ein; die rothe Nase wußte ganz genau, daß jetzt ihre Sache die siegreiche sei. Ruhig und groß setzte sie sich nieder, ruhig und groß füllte sie ihr Glas, trank es aus und sprach: »Freie deutsche Männer, die Polizeistunde ist vorüber!« Der junge blonde Mensch, nachdem er sich überzeugt, daß die Polizei das Haus verlassen, ließ den Hecker leben; die rothe Nase verkündigte, sie behalte sich vor, morgen eine Adresse an die Nationalversammlung vorzulegen, worin das Ministerium anzuklagen sei, daß es durch die fluchwürdige, an das alte verdammliche System erinnernde Einrichtung der Polizeistunde das freie Vereinsrecht der Bürger ungesetzlich schmälere und daß sie, hierauf fußend, morgen den Antrag einbringen wolle, den Namen der Gesellschaft in »Clubb für gesetzlose Freiheit« umzuändern. Und hierauf trennte man sich. Wirth und Wirthin gingen zu Bett. Die Thüre wurde an den Eingang gelehnt, der Hund legte sich zum Schlafen hinter den Ofen, das Gaslicht wurde ausgelöscht, und ringsum war es trostlos dunkel. Anonyme Briefe. Es sollte mich wundern, wenn nicht jeder meiner lieben Leser schon einen anonymen Brief bekommen hätte. Vorausgesetzt nämlich, daß der Leser ein ehrenwerther Charakter ist: denn die Lumpen und schlechten Charaktere bekommen keine anonymen Briefe, sie schreiben blos welche. Alles ist in der Natur von Gott dem Herrn weislich eingerichtet. Man soll eine giftige Blüthe nicht essen, sondern es verstehen, wie die Bienen, aus den allergiftigsten Blüthen Honig zu saugen. Lieber Leser, flattere mit mir in das fette Mistbeet, worauf die giftigen Blumen wachsen, deren Früchte die anonymen Briefe sind. Sie sind gepflanzt in Neid und giftiger Mißgunst, gepflegt von Bosheit und übler Laune, und statt des himmlischen Thau's, der andere Gewächse erfreut, ziehen sie ihre Nahrung aus stillen Schmerzensthränen, jenen armen Geschöpfen erpreßt, die leider Gottes dumm genug waren – verzeih' mir den Ausdruck – eine anonyme Zuschrift sich zu Herzen zu nehmen. Um mich minder blumig auszudrücken, so ist der anonyme Brief eine moralische Ohrfeige, die aus dem Dunkeln nach Deiner Wange gerichtet ist, die Du aber durch ein kluges, vernünftiges Benehmen jeder Zeit pariren kannst. Bist Du Privatmann, so öffne nur solche Briefe, deren Siegel und Handschrift Dir bekannt ist. Neben den Schriftzügen Deiner Freunde wirst Du es ja wohl gelernt haben, die Handzeichen Deiner achtungswerthen Gläubiger zu erkennen, denen Du, außer vielem Geld, von Zeit zu Zeit eine geringe Antwort schuldig bist. Bist Du Geschäftsmann, so werden Dir die anonymen Briefe vorgelegt, wie man dem unschuldigen Hühnervolke Giftkörner unter die nahrhafte Gerste streut; aber mach' es wie dies kluge Vieh, welches die Giftkörner augenblicklich wieder ausspuckt. Schau jedem geöffneten Brief sogleich in's Gesicht, d. h. auf die Unterschrift, und ist der Brief ein namenloser – »stürzt das Scheusal in die Wolfsschlucht,« d. h. in den Papierkorb. Ich habe es freilich nicht so gemacht, lieber Leser, sondern zu meinem Vergnügen und Deiner Belehrung habe ich mir eine feine Sammlung jener guten Freunde angelegt, welche mir schon manche angenehme Stunde bereitet hat. Ich betrachte die anonyme Briefstellerei vom objektiven Standpunkt; mir sind ihre Erzeugnisse ein Thermometer, an dem ich die Schlechtigkeiten mancher Menschen messe, und mein Quecksilber in demselben ist schon so hoch gestiegen, daß es bald keinen Platz mehr hat. Die anonymen Briefe sind nur bedingungsweise anonym. Die meisten tragen eine Unterschrift, wie z. B. »Ein Freund, der's mit Ihnen gut meint.« – Unter dieser Unterschrift aber kommen die schlimmsten. – Ferner: »Ein hiesiger Bürgersmann;« oder: »Im Auftrag eines braven Mannes, der es gut mit Ihnen meint;« oder: »Jemand, der von Ihrer bodenlosen Schlechtigkeit vollkommen überzeugt ist;« oder endlich: »Eine Anzahl hiesiger Bürger und Gewerbsmänner.« Anonyme Briefe lassen sich meistens ihrem Innern und ihrer Unterschrift nach in drei Classen eintheilen, von denen die erste Classe, meistens mit N. unterzeichnet, oder mit »Ihre ***«, die harmloseste ist. Es sind meistens gerechte oder ungerechte Klagen über zarte und unzarte Verhältnisse, schüchterne und unschüchterne Bekanntschaft-Anknüpfungs-Versuche, unter dem Titel der Entdeckung wichtiger Geheimnisse, z. B.: »Verehrter Herr! Eine Person, die, ohne von Ihnen gekannt zu sein, es sehr gut mit Ihnen meint, wünscht Sie in einer dringenden Angelegenheit heute Abend zwischen 8 und halb 9 Uhr zu sprechen. Sie wird sich in der Nähe des Schiller aufhalten, und ein dreimaliges Husten sei das Zeichen. Diese Person, die es sehr gut mit Ihnen meint, wird von heute ab drei Abende auf Sie warten. N. N.« In der zweiten Classe bewegen sich anscheinend wohlgemeinte, aber desto gefährlichere Korrespondenzen. Sie tragen oft die Unterschrift eines braven Mannes, »der es gut mit Ihnen meint.« Sie erzählen mit einer gewissen Entrüstung von schlechten Gerüchten, die über Dich im Umlauf sind, und fordern Dich auf, denselben öffentlich entgegen zu treten. Nimm Dich aber in Acht, diesen braven Männern unbedingt zu folgen; denn meint es ein braver Mann wirklich gut mit Dir, so wird er Dir ein derartiges Gerücht selber mittheilen und Dir helfen, der Quelle nachzuspüren. In diese Classe kann man auch, bist Du, geneigter Leser, vielleicht ein Künstler oder eine Künstlerin, jene Briefe rechnen, welche ungefähr an eine Schauspielerin sprechen: »Mein Fräulein! Es thut mir sehr leid, Ihnen anvertrauen zu müssen, daß ein gewisser Kreis von schlechten Menschen es auf Ihre Demüthigung abgesehen hat. Vermeiden Sie es, in dem Stücke heute Abend aufzutreten. Sie können sich unsern Schmerz denken, wenn Sie das Publikum, das Sie ohnedieß nicht liebt, mit lautem Pfeifen und Zischen empfinge. Ueberhaupt rathen Ihnen wohlmeinende Freunde, Ihr hiesiges Engagement baldmöglichst mit einem andern zu vertauschen, da Sie selbst fühlen müssen, daß Sie dem Publikum und der Intentanz gleich sehr zur Last sind.« Ist die unglückliche Künstlerin furchtsamer Natur, so hat der unbekannte Wohlthäter seinen Zweck erreicht, die Schauspielerin ist befangen, und in den Applaus ihrer Freunde und Verehrer mischt sich hie und da ein leises Pfeifen. Es ist aber hundert gegen eins zu wetten, daß dieses pfeifende Vögelein dasselbe ist, aus dessen anonymem Schweif die bewußte Feder gefallen. Die dritte, an sich ungefährliche Classe ist die, welche, geschult im Style moderner und gesinnungstüchtiger Tagblätter, jegliche Zuschrift ungefähr wie deren Artikel einzuleiten pflegt. Also ungefähr: »Mit tiefem Schmerz und großer Entrüstung ec.« »Ueberzeugt von Ihrer bodenlosen Schlechtigkeit ec.« (à la Cicero): »Wie lange noch, elender Hofspeichellecker ec.« Diese Classe schließt gewöhnlich ihrem Schlangencharakter treu, indem sie mit dem Kopf sich in den Schwanz beißt, also mit den Worten, wie sie angefangen. Doch wir brechen ab. Der Stoff ist so reichhaltig, daß er in einem einzelnen Blatt nicht zu verarbeiten ist. Auch sind wir den betreffenden und betroffenen Schlachtopfern menschlicher Grausamkeit schuldig, eine Waffe anzugeben, womit dem finstern Treiben der anonymen Briefe zu begegnen ist. Weßhalb wir uns vornehmen, denselben in unserm nächsten Blatte einen reichhaltigen anonymen Briefsteller, nach vorhandenen Mustern, nebst Gebrauchsanweisung, zu übergeben. Jemand, mein verehrter Leser, der es gut mit Dir meint. Zeitungsartikel in aufsteigender Potenz. Ein Blatt aus der Residenz. Es ist wirklich zu verwundern, daß die gestrige Volksversammlung nach den aufreizenden Redensarten, die gehalten wurden, im Ganzen ruhig vorüberging; nur ist ein kleiner Unfall zu beklagen, der nach Beendigung derselben stattfand. Auf dem Heimweg stolperte ein Bürger, von dem man übrigens durch seinen früheren Lebenswandel berechtigt ist zu glauben, daß er etwas betrunken gewesen, über den Schleppsäbel eines Cavalleristen und fiel sich die Nase blutig. Andere sagen, es sei eine kleine Streitigkeit zwischen ihnen vorgefallen. Ein anderes Blatt der Residenz. Die erhebende Volksversammlung, von einer unzähligen gesinnungstüchtigen Menschenmenge besucht, ging auf solche Weise mit Ehrfurcht gebietender Ordnung und Stille vorüber. Sie können sich denken, wie die schnöde Reaction die Einigkeit des Volkes mit scheelen Augen ansieht. Auch spricht man bereits von bösen Conflicten, in welche die Soldateska mit dem ruhig heimkehrenden Bürger gerathen sein soll. Nachschrift Leider hat sich das, was ich von Conflicten zwischen Militär und Bürgern nach dem Schluß der gestrigen Volksversammlung sagte, bestätigt. Augenzeugen sprechen von zahlreichen Verwundungen und es soll jetzt schon gewiß sein, daß das Militär ohne den geringsten Vorwand und ohne von den vorüberwandelnden Bürgern gereizt zu sein, auf die schonungsloseste Art von seinen Waffen Gebrauch machte. Wird man denn nun nicht einmal bald der Volksstimme Gehör geben und dem Militär das höchst unnöthige Tragen der Waffen außer des Dienstes verbieten? Das Volk ist ja bewaffnet, und gesinnungstüchtige Männer vom zartesten Alter sieht man bewaffnet einherziehen; wozu also noch bewaffnetes Militär? Zwei Stunden von der Residenz. Mit tiefem Schmerz und gerechter Entrüstung haben wir unsern Lesern neue Schandthaten zu erzählen, welche sich das verwilderte Militär gegen harmlos einherwandelnde Bürger erlaubte. Sie haben von der zahlreich besuchten Volksversammlung gehört, wo das souveräne Volk fest und bestimmt, aber ohne den Rechtsboden zu verlassen, deutlich aussprach, was ihm fehle und wo ihm geholfen werden müsse. Schon während der herzerhebenden Reden, die dort gehalten wurden, bemerkte man herumschleichende Spione und Emissäre der Reactionäre, welche sich bemühten, die goldenen Worte gesinnungstüchtiger Redner dem Volke zu verdächtigen und, sie mit reactionärem Geifer beschmutzend, als unlauteres Metall darzustellen. Auf dem Heimwege nun wurden mehrere unserer ehrenhaftesten Bürger von einer großen Anzahl Soldaten mit der blanken Waffe überfallen. Vergebens war das Abwehren dieser unschuldigen Schlachtopfer, die verthierte Soldateska hieb schonungslos ein, einem Bürger sollen mehrere Nasen abgehauen worden sein. Man fürchtet Unruhen in der Stadt, und so traurig es ist, wenn wir neue Unruhen erleben, so ist es endlich einmal Zeit, daß der grenzenlosen Willkühr des Militärs entgegengetreten wird. Berichtigung. In unserem gestrigen Artikel über die Schandthaten in der Residenz muß es heißen statt: es wurden einem Bürger mehrere Nasen abgehauen, es wurde mehreren Bürgern eine Nase abgehauen. Nachschrift. Ueber die unverantwortliche, schmähliche Schandthat in der Residenz soll man dorten, wie wir von glaubwürdigen Freunden erfahren, immer mehr Details entdecken. Man soll einem Verein auf die Spur gekommen sein, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, durch Aufhetzen des Militärs gegen ruhige Bürger der Reaction kräftig in die Hand zu arbeiten. Bezeichnend und nicht zu übersehen ist, daß, während auf offener Straße die besprochenen Schandthaten vorfielen, mehrere Offiziere, Cigarren rauchend, vorüberritten. Glaubwürdige Zeugen versichern sogar, daß einer dieser Offiziere mit dem andern einige leise Worte wechselte, und daß dieselben alsdann davon geritten, mit Mienen, welche deutlich ihr Wohlgefallen an der verübten Schandthat aussprachen. Vier Stunden von der Residenz. Ein Schrei des Entsetzens geht durch's ganze Land. Wir erhalten soeben Nachricht von einer Militärverschwörung gegen das Leben ruhiger Bürger, eine Verschwörung, welche glücklicherweise übereilt, aber mit solch furchtbaren Symptomen an das Tageslicht herantrat, daß dem unparteiischen Zuschauer die Haut schaudert. Die Metzelei soll unerhört gewesen sein, und man spricht von 7 bis 8 Todten und die doppelte Anzahl Verwundeter auf Seiten der Bürger. Auch sah man Offiziere zu Pferde in der Nähe, welche das ganze Gemetzel commandirten. Man sagt, es sei Generalmarsch geschlagen worden und die Stadt sei vollkommen im Aufruhr. Wird man jetzt auch wieder schonend verfahren, wird man jetzt nicht endlich einmal einschreiten gegen die Urheber solcher Gräuelthaten? Oder wird man abwarten, bis das ganze Volk entrüstet aufsteht und selbst zu Gericht sitzt? Sechs Stunden von der Residenz. Es ist eine der schreiendsten Unthaten begangen worden, ein namenloses Verbrechen, welches noch nie stattfand, seit die Welt steht. Sie haben von der äußerst würdigen Art und Weise gehört, mit welcher die letzte Volksversammlung begann. Aber leider konnten die Männer, welche für das Wohl des Volkes ihr Leben einsetzten, ihre glorreiche Sache nicht zum Ende führen. Kaum hatte Herr X. mit erhebenden Worten von den Rechten des Volkes gesprochen und ihm die Banden und Ketten gezeigt, mit denen es täglich mehr geknechtet wird, so überfiel eine zu diesem Zweck von der fluchwürdigsten Reaction bis dahin versteckt gehaltene Militärmacht die harmlose Versammlung. Man spricht von mehreren Regimentern, welche zu dieser Schandthat aufgeboten wurden. Schonungslos metzelten diese Wütheriche, diese Thiere in militärischen Röcken, Alles nieder, was ihnen in den Weg kam. »Zu den Waffen!« schrien die Bürger. Es wurde Generalmarsch geschlagen, und nachdem die Bürgerwehr dem Kampf ein Ende gemacht, beschloß sie auf dem Philipp'schen Bierkeller unter dem Donner reactionärer Geschütze und unter dem Blinken reactionärer Bajonnete eine Petition an die Regierung, die militärischen Horden augenblicklich aus der Stadt zurückzuziehen. Nachschrift. Am Schlusse dieses entsetzlichen Tages war es rührend anzusehen, wie einige der schwer getroffenen armen Schlachtopfer den, wie man jetzt ganz genau weiß, verführten Soldaten ihre Missethat vergaben und in verschiedenen Wirthshäusern auf's Neue mit ihnen fraternisirten. Acht Stunden von der Residenz. Mit Bezug auf die in der Residenz begangene unerhörte Greuelthat verlangen wir Folgendes: Es sollen alle stehenden Heere aufgelöst und nach Hause geschickt werden. Es soll den Militärs das Waffentragen außer Dienst untersagt sein. Es sollen sämmtlichen Militärs Civilanzüge beschafft werden, damit der Bürger nicht mehr genöthigt ist, die verhaßten Uniformen zu sehen. Es soll jedem Soldaten freistehen, sich zu erklären, ob er Monarchist ist oder Republikaner sein will. Man soll diese alsdann gebildeten Parteien gegen einander kämpfen lassen, um zu sehen, welche Partei die stärkere ist; denn so werden wir auf eine schickliche Art beide Parteien los, und das souveräne Volk tritt in die Rechte ein, die ihm gebühren. Erklärung, welche wir zwei Beiden ganz gehorsamst Unterzeichneten die sämmtlich verehrten Redaktionen aller Blätter bitten gratis aufzudrucken. Ich und mein guter Freund, der Tuchmachergeselle Carl Muckenbold, gingen von der neulichen Volksversammlung Arm in Arm nach Hause zu spazieren. Plötzlich blieb ich stehen und sagte zu meinem Freund Muckenbold: »Muckenbold, du blutest allbereits aus deiner Nase.« – »So,« sagte mein Freund Muckenbold, ich blute aus meiner Nase?« Und darauf zog er sein rothes Sacktuch aus der Tasche, und ich putzte ihm seine Nase ab. Darauf blieben einige Leute stehen und frugten mich, ob wir Beide uns geschlagen hätten; darauf antwortete mein Freund Muckenbold: wir hätten fraternisirt, und wenn wir uns auch geschlagen hätten, ginge es ihnen doch nichts an. So ist der gewisse und wahrhaftige Hergang dieser ganzen Sache. Darauf gingen wir ins Wirthshaus zusammen und deßhalb bitten wir alle verehrlichen Redactionen, diesen Aufsatz gratis aufzunehmen. Philipp Katzenwadel und sein Freund Muckenbold, Unteroffizier im 64. Regiment, das heißt Ich. Nachschrift. Was von meinem früheren Lebenswandel gesagt worden ist, geht keinen Menschen nichts an, und wenn ich zuweilen betrunken war, so habe ich es bezahlt. Die Obigen.