Serapis. Historischer Roman von Georg Ebers.     Stuttgart und Leipzig. Deutsche Verlags-Anstalt (vormals Eduard Hallberger). 1885.     Meister Josef Kopf , dem Bildhauer, widmet dieses Buch in alter und treuer Freundschaft                                 Georg Ebers.     Erstes Kapitel. Das geschäftige Treiben der Stadt war schon seit einigen Stunden zur Ruhe gekommen, Mond und Sterne zogen lautlos über Alexandria hin, und auf manches Lager hatte sich ein Traum gesenkt. Es war eine köstliche, frische, wahrhaft gnadenvolle Nacht, aber wenn auch in den Straßen und Gassen Ruhe herrschte, so fehlte es doch in dieser Zeit der Rast an der rechten, die Seelen besänftigenden Stille. Schon seit einer vollen Woche lag etwas Beklemmendes, fieberhaft Gespanntes in der Ruhe der Nächte. Die Häuser und Läden waren so fest verschlossen, als sollten sie nicht nur den Schlaf vor Störung, sondern Leben und Besitz vor Einfällen behüten. Statt froher Stimmen tönte schwerer Soldatenschritt und Waffengerassel von den schlummernden Häusern wider. Wenn irgendwo römische Kommandorufe oder die erregten Stimmen schlafscheuer Mönche lauter erschollen, öffnete sich hier eine Lade, dort eine Pforte, und ein Menschengesicht lugte bang' in die Straße. Mancher spät Heimkehrende drückte sich, wenn die Wachen nahten, in ein vertieftes Thor oder an eine von dunklen Schatten verhüllte Mauer. Wie die Brust des Schläfers der Alp, hemmte ein geheimnißvolles Etwas den Herzschlag der regsamen Stadt. In dieser Nacht des Jahres 391 nach der Geburt unseres Heilands sah man in einer engen Gasse, welche von dem Handelshafen Kibotus ausging, einen ältern Mann an den Häusern hinschleichen. Er war schlicht aber anständig gekleidet und schaute mit vorgebeugtem Kopfe bald vorwärts, bald seitwärts. Wenn eine Scharwache nahte, zog er sich in den Schatten zurück. Auch ohne ein Dieb zu sein, hatte er Grund, den Soldaten aus dem Wege zu gehen; denn es war heute Einheimischen und Fremden verboten worden, sich nach dem Schluß des Hafens auf der Straße zu zeigen. Bei einem großen Hause, dessen lange, fensterlose Wand sich ungastlich zwischen zwei Querstraßen hinstreckte, hemmte er den Schritt vor dem großen Thor inmitten desselben und las die von einer Laterne matt beleuchtete Inschrift: »Zum vollendeten Märtyrer. Von seiner Wittwe Maria allen Denen geöffnet, welche eines Obdachs bedürfen. Wer den Armen giebt, leihet dem Herrn.« »Zu wie viel Prozent?« murmelte der Alte, und ein spöttisches Lächeln glitt um seinen bartlosen Mund. Der Schlag des Klopfers dröhnte durch die stille Straße, und nach kurzen Fragen von innen und ebenso bündigen Antworten von außen öffnete sich in dem großen Thore eine kleine Pforte. Der Alte wollte den Vorhof durchschreiten, aber eine menschliche Gestalt kroch ihm wie ein Thier auf allen Vieren entgegen, umspannte mit einem kräftigen Griff sein Fußgelenk und rief mit rauher Stimme: »Nach Thoresschluß. – Das Bußgeld; Ihr wißt, es ist für die Armen!« Der Alte warf dem Thorhüter ein Kupferstück hin. Dieser betastete es schnell, nahm dann das Tau, mit dem er wie ein Kettenhund an einen Pfosten gebunden war, in die Hand und warf dem Andern die Frage zu: »Nichts Feuchtes für einen Christen?« »Es hat lang nicht geregnet,« lautete die Antwort, und ungehindert öffnete der Nachtwandler nun eine zweite Pforte und betrat einen unermeßlich weiten Hof, über den sich der blaue Himmel breitete. Wenige Fackeln an den Pfeilern und einige kleine Feuer am Boden einten hier ihr trübes, qualmendes Licht mit dem reinen Glanze der Sterne. Schwere, dunstige Luft, untermischt mit Rauch und dem Duft von frisch bereiteten Speisen erfüllte den weiten Raum. Schon auf der Straße hatte der Alte ein unbestimmtes Summen, Brausen und Branden vernommen; jetzt scholl ihm ein lautes Gewirr von Geräuschen und Tönen entgegen. Es ging von Menschen aus, welche zu Hunderten, hier gruppenweise, dort einzeln, schlafend und sogar schnarchend, streitend, speisend, schwatzend oder singend auf dem mit Speltstroh bestreuten Hofe umherlagen. Die Herberge war wohl besetzt, und mehr als die Hälfte ihrer bescheidenen Gäste bestand aus Mönchen, welche gestern und vorgestern schaarenweise aus den Cönobien, Lauren und Einsiedeleien in der Wüste und in der Mehrzahl aus den nitrischen Klöstern in die Stadt geströmt waren. Einige von ihnen hatten die Köpfe zu eifrigem Geflüster zusammengesteckt, Andere stritten laut, und in den Psalmengesang einer großen Gruppe in der nördlichen Ecke des Hofes mischte sich wunderlich das »Drei«, »Vier«, »Sieben« der Moraspieler und die Stimme des Garkochs, welcher Brod, Fleisch und Zwiebeln feilbot. An die Hinterwand des Hofes, welche dem Eingang gegenüberlag, schloß sich ein offener Gang, in den eine Reihe von Thüren mündete. Diese führten in die für obdachlose Familien mit Weibern und Kindern bestimmten Stuben, welche durch einen Vorhang in einen vorderen und hinteren Raum getheilt waren. Solch ein Zimmer betrat der Alte und ward dort von einem jungen Manne, welcher Kopaïsrohr für das Mundstück einer Doppelflöte zurechtschnitt, und einer stattlichen Matrone mit frohem Willkommen empfangen. Der späte Ankömmling hieß Karnis und war das Haupt einer wandernden Sängerfamilie, welche gestern aus Rom nach Alexandria gekommen war. Es sah schlimm um ihn aus, denn während er und die Seinen sich an der afrikanischen Küste in einem Boot vor Seeräubern gerettet hatten, war der Sack mit dem letzten Rest seiner Habe verloren gegangen. Der junge Besitzer des Schiffes, dem er seine Rettung verdankte, hatte ihm Einlaß in das Xenodochium seiner Mutter, der Wittwe Maria, verschafft; aber dort war es ihm nichts weniger als wohl gewesen, und so hatte er sich denn schon am Mittag auf die Beine gemacht, um ein anderes Quartier zu suchen. »Alles vergebens,« rief er, indem er sich den Schweiß von der Stirne wischte. »Bin dem Medius durch die halbe Stadt nachgelaufen. Hab' ihn auch endlich bei dem Magier Posidonius gefunden, dessen Handlanger er spielt. Hinter dem Vorhang gab es zu singen. Widerwärtiger Galimatias; aber dabei alte Weisen mit Flötenbegleitung in der Art des Olympus; gar nicht so übel. Sie lassen da Geister erscheinen. Bei'm Hunde, ein seltsames Treiben! Medius steckt mitten darin. Ich ordnete den Chor und sang etwas mit. Alles, was dabei abfiel, war etwas lumpiges Silber – da! Doch Quartier, freies Quartier, das giebt es hier nur für Eulen. Dazu das Gesetz, das verwünschte Gesetz!« Der jüngere Mann hatte während der Rede des Alten heitere Blicke des Einverständnisses mit der Matrone getauscht. Jetzt unterbrach er ihn und sagte freudig: »Unbesorgt, Vater, wir haben etwas Gutes in Aussicht.« »Ihr?« fragte der Alte und zuckte ungläubig die Achseln, während ihm sein Weib ein gebratenes Hühnchen auf einem Schemel zutrug, welcher ihm als Tisch dienen sollte. »Wir, Vater, wir,« fuhr der Sohn fort und legte das Messer aus der Hand. »Du weißt, wir hatten dem Dionysus auf der Flucht vor den Seeräubern ein Opfer gelobt, ist er doch selbst einmal in die Hand der Piraten gefallen, und so suchten wir denn seinen Tempel. Die Mutter kannte den Weg; doch als wir: sie, Dada, mein' ich, und ich . . .« »Wa – was!« unterbrach ihn Karnis, welcher nun erst den Braten bemerkte. »In solchem Jammer ein Huhn, ein ganzes in Öl gebratenes Huhn!« Die letzten Worte hatten zornig und vorwurfsvoll geklungen, aber die Matrone legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte begütigend: »Wir bringen es bald wieder ein. Mit Selbstquälerei wird kein Sesterz gewonnen. Das Heute genießen! Für morgen, Alter, schaffen die Götter schon Rath!« »So?« fragte Karnis in verändertem Tone. »Freilich, wo Einem statt der Tauben gleich gebratene Hennen oder Hähne in's Maul schwirren, da . . . Aber Recht hast Du, Herse, heute wie immer. Nur – nur . . . Mich mästet man hier wie einen Senator, und ihr, ihr . . . Ich möchte wetten, ihr habt nichts als Milch getrunken und Brod und Rettig dazu gegessen! Richtig? Dadurch wird freilich das Huhn zum Fasan, und Du, Alte, nimmst diese Keule. Die Mädchen sind schon schlafen gegangen? Da ist ja auch Wein. Deinen Becher her, Junge! Spenden wir dem Gotte! Ein Io dem Dionysus!« Beide goßen eine kleine Libation auf den Boden und tranken. Dann stieß der Alte das Messer in die Brust des Bratens und ließ es sich schmecken, während Orpheus, von mancher Frage unterbrochen, in seiner Erzählung fortfuhr. »Der Tempel des Dionysus war nicht mehr zu finden gewesen, denn der Bischof Theophilus hatte ihn abreißen lassen. Welcher Gottheit sollten sie nun den Kranz und den Kuchen anbieten? In Ägypten doch nur der mütterlich waltenden Isis. Ihr Heiligthum lag am mareotischen See, und die Mutter hatte es gleich wiedergefunden. Sie war dort mit einer Priesterin in ein Gespräch gekommen, und sobald diese erfahren, daß sie – Frau Herse war vorsichtig genug bei dieser Mittheilung gewesen – daß sie zu einer Sängerfamilie gehörten, welche Erwerb in Alexandria suche, hatte sie ihnen eine junge, verschleierte Frau zugeführt. »Die,« fuhr Orpheus fort, der Sohn des Karnis, welcher bald die hohe Männerstimme zu halten, bald die Flöte zu blasen hatte und auch die Leyer zu schlagen verstand, »die forderte uns dann auf, später in ihr Haus zu kommen und dort Mancherlei mit ihr zu besprechen. Sie fuhr auf einem schönen Wagen davon, und wir, natürlich, wir stellten uns ein. Auch Agne war bei uns. Ein herrliches Haus! Etwas Glänzenderes haben wir weder in Rom, noch in Antiochia gesehen. Wir wurden auch freundlich empfangen, und bei ihr war noch eine ganz alte Frau und dann ein hoher, ernster Herr, ein Priester, denk' ich, ein Philosoph oder dergleichen.« »Doch keine christliche Falle?« fragte Karnis mißtrauisch. »Ihr kennt diese Stadt nicht, und seit dem Gesetze –« »Unbesorgt, Vater! Es standen Götterbilder in den Sälen und Hallen, und in dem Gemach, wo uns die schöne Gorgo, die Tochter des reichen Kaufherrn Porphyrius, empfing – wir wissen jetzt, wer der Vater des jungen Mädchens ist und noch manches Andere – war der Opferstein unter dem Bilde der Isis ganz frisch gesalbt. – Der Philosoph fragte uns auch, ob wir wüßten, daß Theodosius ein neues Gesetz erlassen, welches den Mädchen verbiete, öffentlich aufzutreten, zu singen oder Flöte zu spielen.« »Und das hat Agne gehört?« fragte der Alte mit gedämpfter Stimme und wies auf den Vorhang. »Sie war mit Dada im Garten, zu dem das Gemach sich öffnete, aber die Mutter bekannte doch, daß das Mädchen eine Christin sei, wenn auch von guter Art, und weil sie in unseren Diensten stehe, verpflichtet, Alles mit uns zu singen. Da rief der Philosoph der schönen Gorgo zu: ›Wie gefunden!‹ Dann flüsterten Beide zusammen, riefen die Mädchen herein, und nun mußten sie zeigen, was sie vermögen.« »Und wie ist es gegangen?« fragte der Alte, und sein Auge begann sich zu beleben. »Dada hat wie eine Lerche geschmettert, und Agne, – nun, wie soll ich nur sagen? Du kannst Dir's leicht denken. Die Stimme klang schon, aber es ist doch wie immer gewesen. Man ahnt, wie tief es ihr geht und wie viel in ihr steckt, nur recht heraus will es nimmer. Worüber hat sie in unserem Dienste zu klagen? Und doch gewinnt Alles in ihrem Mund die wehe, schmerzliche Färbung, gegen die auch Du nichts vermagst. Übrigens hat sie besser als Dada gefallen, denn ich merkte wohl, daß Gorgo und der Philosoph sie und immer nur sie im Auge hatten und einander Blicke und leise Worte zuwarfen, die Agne betrafen. Nach dem zweiten Liede trat uns die Jungfrau entgegen, lobte die Mädchen und fragte, ob wir uns getrauen würden, einen neuen Sang einzulernen. Ich sagte, mein Vater sei ein großer Meister, der auch das Schwerste beim ersten Hören begreife.« »Das Schwerste? Hm! Es kommt drauf an!« schmunzelte der Alte. »Hat sie es verzeichnet?« »Nein; 's ist etwas dem Linus Verwandtes, und sie sang es uns vor.« »Des reichen Porphyrius Tochter hat euch etwas zum Besten gegeben? Euch?« lachte Karnis. »Bei'm Hunde! Die Welt verkehrt sich. Seit die Sängerinnen nicht mehr vor den vornehmen Leuten auftreten sollen, kommt die Kunst auf dem umgekehrten Wege zu Tage. Sie läßt sich nicht tödten. In Zukunft wird der Hörer für sein Stillehalten bezahlt und der Sänger erkauft sich das Recht, ihn zu quälen. Unsere Ohren, die armen Ohren werden das Opfer!« Orpheus schüttelte zu diesem Ausrufe lächelnd den Kopf, warf das Messer wieder aus der Hand und entgegnete eifrig: »Höre sie nur, und so wahr ich Dein Sohn bin, Du giebst das letzte Kupferstück hin, um sie wieder zu hören!« »Das wäre!« brummte der Alte. »Ja, es giebt hier noch Meister. Den Linus, sagst Du, hat sie gesungen?« »Etwas dergleichen. Eine Totenklage war es von erschütternder Kraft. ›O kehre, kehre zurück, Geliebter, zu Deinem Hause!‹ Das kam immer und immer wieder. Und da war eine Stelle, die hieß: ›O, hätte doch jede Thräne einen Mund und verbände sich mit mir, um Dich zu rufen.‹ Wie sie das hervorklagte, Vater! Ich meine, dergleichen hab' ich mein Lebtag nimmer vernommen. Frage die Mutter! Selbst Dada's Augen sind nicht trocken geblieben.« »Ja, es war herrlich,« stimmte die Matrone bei. »Ich mußte immer denken, wenn Du nur da wärst!« Karnis erhob sich, und während er unruhig in dem engen Gemach umherschritt und die Arme heftig bewegte, sprach er vor sich hin: »So also, so. Eine Freundin der Musen. Die große Laute ward mit gerettet. Gut, gut. Meine Chlamys, hm, das garstige Loch hier! Wenn die Mädchen nicht schliefen . . . aber morgen soll Agne in aller Frühe . . . Ist sie groß? Ist sie schön?« Frau Herse hatte ihrem schnell erregten Manne zufrieden nachgeschaut und fiel ihm nun in die Rede: »Keine Hera, keine Muse, gewiß nicht! Sie ist kaum von mittlerer Größe, zierlich gebildet und doch nicht winzig. Schwarze Augen, lange Wimpern, dunkle, zusammengewachsene Brauen. – Ob ich sie schön nennen möchte, wie Orpheus?« »Doch, doch, Mutter!« rief dieser. »Schön, ich weiß es wohl, ist ein großes Wort, mit dem mich Vater sparen lehrte; aber sie – was wäre denn schön, wenn sie es nicht war, als sie die großen dunklen Augen aufschlug und das Haupt bei der Klage rückwärts neigte? Wie floß da Ton auf Ton aus den untersten Tiefen des Herzens, wie stieg es auf bis zur höchsten Höhe des Himmels. Ja, wenn Agne das von ihr lernte! ›Wirf Dein ganzes Ich hinein in das, was Du singst!‹ Tausendmal hast Du das und immer nur das wiederholt. Sie, Gorgo, die kann es und thut es! Und wie sie dastand! Gespannt wie ein Bogen! Jeder Ton war ein klingender Pfeil; jeder traf mitten in's Herz, und rein war jeder, makellos rein.« »Schweig still!« rief der Alte und hielt sich die Hand vor die Ohren. »Ich kann kein Auge zuthun, bis es hell wird – und dann! – Nimm das Silber da, Orpheus; Alles, Alles, ich habe nicht mehr. Geh früh auf den Markt, kaufe Lorbeerzweige, Epheu, Veilchen und Rosen; aber keine Lotusblumen, von denen der Markt hier voll ist. Prahlerische Dinger, ohne Duft; ich mag sie nicht leiden. Wir treten bekränzt in den Tempel der Muse.« »Kaufe nur, kaufe!« lachte Frau Herse und zeigte ihrem Manne blinkendes Gold. »Das bekamen wir heute, und wenn Alles geht wie es soll –« Hier stockte sie, wies auf den Vorhang und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Es kommt natürlich darauf an, daß die Agne uns keinen Streich spielt.« »Wie so? Warum? Das Mädchen ist gut, und ich werde . . .« rief Karnis und ging auf den hinteren Raum zu. »Nein, nein,« mahnte Herse und hielt ihn zurück. »Sie weiß noch nicht, um was es sich handelt. Sie soll mit der vornehmen Jungfrau –« »Nun?« »Sie soll mit ihr im Heiligthume der Isis singen.« Karnis entfärbte sich, und wie aus einem glänzenden Traum in die armselige Wirklichkeit zurückgestoßen, fragte er verdutzt und ängstlich: »Im Tempel der Isis? Agne? Vor allem Volk? Und sie weiß nicht darum?« »Nein, Vater.« »Nein? Dann freilich, dann . . . Die Christin Agne im Tempel der Isis, und das hier , hier , wo Theophilus, der Bischof, die Heiligthümer zerstört und die Mönche es ihrem Meister zuvorthun. – Kinder, Kinder, wie schön rund und bunt die Seifenblasen doch sind, und wie schnell sie zerstieben! Wißt ihr auch, was ihr vorhabt? Wittern's die schwarzen Fliegen und kommt es zu Tage, dann, beim großen Apollo, dann hätten wir besser gethan, den Seeräubern entgegenzufahren. Und doch, doch! Wüßt' ich nur, wie das Mädchen –« »Sie hat beim Gesang der Jungfrau geweint,« unterbrach ihn Herse mit Eifer, »und so wenig sie sonst auch spricht, diesmal sagte sie doch auf dem Heimweg: ›So singen zu können, o so, wie diese glückliche Jungfrau!‹« Da richtete Karnis sich wieder auf und rief mit neuer Zuversicht: »Das ist meine Agne. Ja, ja, auch sie liebt die göttliche Kunst! Sie singt, sie wird singen; wir wagen's! Und wenn es mir, euch, uns Allen auch an den Hals geht! Herse und Orpheus, was giebt's denn für uns zu verlieren? Auch unsere Götter wollen ihre Märtyrer haben! Armes Leben, dem es an Reiz fehlt. Unsere Kunst – von vornherein hat ihr gehört, was ich besaß. Ich rühme mich nicht, daß ich ihr's weihte; und erbte ich heute noch einmal Geld und Güter die Fülle, ich machte mich wieder zum Bettler ihr zu Gefallen. Wir haben sie heilig gehalten immer und immer; aber wer soll nicht verzagen, wenn er sieht, wie sie die hehre Himmelstochter verfolgen! Nur noch im Dunkeln wird sie gelitten, und lichtscheu verbirgt sich die Fürstin der Götter und Menschen wie ein Molch, eine Fledermaus, eine Eule! Müssen wir sterben, so sei es mit ihr und für sie! Einmal soll noch echter und rechter Gesang dies alte Herz erquicken, und wenn dann . . . Kinder, Kinder! Wir gehören nicht in diese blasse, düstere Welt. So lange die Künste lebten, war es Frühling auf Erden. Jetzt sind sie zum Tode verurtheilt, und nun wird es Winter. Die Blätter fallen von allen Bäumen, und doch brauchen wir zwitschernde Vögel Laubwerk, um drin zu singen. Wie oft hat der Tod uns schon die Hand auf die Schulter gelegt. Jeder Athemzug, den wir thun, ist nur noch ein Gnadengeschenk, ist das Obendrauf, das der Weber zum Ellenmaß zugiebt, das letzte Stündlein, das der Henker dem Verurtheilten schenkt. Das Leben gehört uns nicht mehr, es ist ein erborgter Beutel mit fleckigem Kupfer für uns geworden. Der harte Gläubiger krümmt schon den Finger am Thor, und wenn er klopft, ist es aus mit der Frist. Noch einen echten und rechten Genuß, und wir zahlen Kapital und Zinsen zurück, wenn es sein muß.« »Es muß und es wird noch nicht sein!« unterbrach ihn Herse entschieden und fuhr mit der Hand über die Augen. »Wenn Agne singt, wenn sie's thut ohne Zwang und aus eigenem Antrieb, dann kann kein Bischof uns strafen.« »Er kann's nicht und darf's nicht!« rief der Alte. »Es giebt noch Gesetze und Richter!« »Und Gorgo's Haus,« fügte Orpheus hinzu, »ist so angesehen wie reich. Porphyrius hat die Macht, uns zu schützen; und wie sehr wir ihnen gefallen, das weißt Du noch gar nicht. Frage die Mutter!« »Es ist wie ein Märchen,« fiel Herse dem Sohne ins Wort. »Bevor wir gingen, rief mich die alte Frau beiseite, sie muß wohl achtzig Jahre zählen oder darüber, und fragte mich, wo wir untergekommen. Da sagte ich, im Xenodochium der Wittwe Maria, und sobald sie das vernahm, stieß sie die Krücke auf den Boden und fragte: ›Gefällt es euch dort?‹ Das verneinte ich eifrig und sagte, daß wir hier nicht wohnen bleiben könnten.« »Recht, recht!« rief Karnis. »Die Mönche dort im Hofe schlagen uns tot wie die Ratten, wenn sie uns heidnische Lieder einüben hören.« »Das hob ich hervor; die Alte aber ließ mich nicht ausreden, sondern zog mich näher zu sich heran und flüsterte eifrig: ›Thut ihr meiner Enkelin den Willen, so ist für euer Unterkommen gesorgt; und das für heute!‹ Damit griff sie in den Beutel am Gürtel, preßte mir die Goldstücke in die Hand und rief so laut, daß die Anderen es hörten: ›Fünfzig Aurei von meinem Eigenen, wenn Gorgo sagt, daß ihr sie zufrieden gestellt habt!‹« »Fünfzig Goldstücke!« rief Karnis und schlug in die Hände. »Das frischt des Lebens matte Farbe ein wenig auf. Fünfzig sind also sicher. Wenn wir sechsmal singen, giebt's ein Talent, und damit kaufe ich unsern alten Weinberg bei Leontium zurück. Ich stelle das kleine Odeum wieder her – 's ist ein Kuhstall geworden – und wenn wir dort singen, so sollen die Mönche nur kommen! Ihr lacht? Narren, die ihr seid! Den will ich sehen, der mir auf eigenem Grund und Boden das Singen verbietet. Ein Talent Goldes! Als Anzahlung genügt es, und ich gehe den Handel nicht ein, wenn man uns nicht die Arbeitssklaven und das Vieh mit überläßt. Luftschlösser, denkt ihr? Aber hört mich nur an: hundert Goldstücke sind uns wenigstens sicher . . .« Während dieser lauten Rede hatte sich leise etwas durch die Öffnung des Vorhangs geschoben: der matte Schein des Lämpchens, welches vor Orpheus stand, fiel voll auf ein Köpfchen, das reizend genug war, obgleich Alles daran in Unordnung gerathen. Wirre, blonde, in Papier gewickelte Löckchen hoben sich lustig auf dem runden Haupte und fielen über die Stirn; die Augen hielt Müdigkeit noch halb geschlossen, aber der kleine Mund war schon ganz munter und lachte im vollen, wachen Übermuthe glücklicher Jugend. Karnis fuhr, ohne die Lauscherin zu bemerken, fort, seine Hoffnung auf den Erwerb der Mittel zum Rückkauf des Landgutes zu begründen, und nun zog das Mädchen den Vorhang mit der Rechten fester an sich, streckte den runden linken Arm weit vor und rief bettelnd: »Guter Vater Karnis, gieb mir doch auch etwas ab von Deinem Reichthum: fünf armselige Drachmen!« Der Sänger fuhr überrascht zusammen; aber schon im nächsten Augenblicke rief er ihr in munterem Schelttone zu: »Zurück ins Bette, Du Nichtsnutz! Schlafen sollst Du, nicht lauschen!« »Schlafen?« fragte das Mädchen. »Und Du schreist hier wie ein Rhetor, der gegen den Wind spricht. Fünf Drachmen, Vater. Dabei muß es bleiben! Ein schönes Band für mich, das kostet eine, und eins für Agne ebensoviel. Für zwei Drachmen wird Wein für uns Alle gekauft, und das würden dann fünf sein.« »Vier sind es, Du Rechenkünstler,« lachte der Alte. »Vier?« fragte Dada und schaute so verwundert drein, als sei der Mond auf die Erde gefallen. »Ja, wenn ich ein Rechenbrett hätte! Fünf also, Väterchen, fünf!« »Nein, vier, und die sollst Du auch haben,« versetzte der Sänger. »Plutus klopft bei uns an, und morgen früh werdet ihr Beide bekränzt.« »Ja wohl, mit Veilchen, Epheu und Rosen,« fügte Frau Herse hinzu. »Schläft Agne?« »Wie eine Tote. So macht sie's immer, wenn sie nicht bis zum Morgen mit offenen Augen daliegt wie ein Hase. Wir waren Beide so müde, und ich bin es auch noch. Das Gähnen thut gut! Sieh nur, wie ich dasitze!« »Auf der Kiste?« rief Herse. »Ja, und der Vorhang da ist immer sehr nachgiebig gegen meinen Rücken. Zum Glück nickt man beim Einschlafen immer nach vorn.« »Aber da stand doch ein Bett für Jede von euch,« sagte die Matrone, schob das Mädchen in den Schlafraum und folgte ihr hinter den Vorhang. Nach wenigen Minuten trat sie zu den Männern zurück und sagte: »Das ist Dada! Der kleine Papias war von der Kiste gerutscht, auf der er lag, und nun hat ihn das gute Ding in ihr Bett gesteckt und sich auf den Kasten gesetzt, so müd' sie auch war.« »Für den Buben gibt sie ihr Letztes,« sagte Karnis. »Aber Mitternacht ist vorüber. Komm, Orpheus, laß uns die Betten richten!« Drei lange Hühnerkörbe, welche über einander an einer Wand gestanden hatten, waren bald auf den Boden gestellt und mit Matten bedeckt. Sie nahmen die Müden auf, aber keiner von ihnen konnte schlafen. Das Lämpchen war ausgelöscht, und eine Stunde blieb Alles still in dem dumpfen Raume. Dann aber gab es einen gewaltigen Lärm. Klatschend flog ein elastischer Gegenstand an die Wand, und dazu rief Karnis: »Fort mit Dir, Unhold!« »Was giebt es?« fragte Herse, die sich erschrocken aufgerichtet hatte, und der Alte entgegnete lebhaft: »Ein Dämon, ein Hund von einem Dämon setzt mir zu und läßt mir keine Ruhe. Warte, Du Schuft, vielleicht trifft Dich dieser!« Dabei warf er eine andere Sandale durch die Luft und fuhr dann keuchend fort, ohne auf den rauschenden Fall eines Gegenstandes, welchen er zufällig getroffen, zu achten: »Das tückische Scheusal läßt nicht von mir ab. Es weiß, daß wir Agne's Stimme brauchen, und nun flüstert es mir bald in dieses Ohr, bald in jenes, ich solle ihr drohen, ihr Brüderchen zu verkaufen, wenn sie sich weigert; aber ich, ich . . . Schlag Feuer an, Orpheus! Das Mädchen ist gut, und eh' ich solche Unthat begehe . . .« »Auch bei mir ist der Dämon gewesen,« sagte der jüngere Sänger und blies auf den glühenden Zunder. »Und auch bei mir,« fügte Herse beschämt hinzu. »Natürlich! Es giebt ja kein Götterbild in diesem christlichen Stalle. Fort mit Dir, widrige Schlange! Wir sind ehrliche Leute und lassen uns zu keinem Schurkenstreiche herbei. Da hast Du mein Amulet, Mann, und wenn der Dämon wiederkehrt, mußt Du es drehen; Du weißt schon.« Zweites Kapitel. In der Frühe des folgenden Morgens befand sich die Sängerfamilie auf dem Wege nach dem Hause des reichen Porphyrius. Sie war nicht vollzählig, denn Dada hatte zu Hause bleiben müssen. Der Schuh des Alten, welcher gegen den Dämon geschleudert worden war, hatte das frisch gewaschene Kleid des Mädchens von der Stange neben dem Herd gerissen, und in der Frühe war es mit großen Brandlöchern auf der Asche gefunden worden. Dada besaß kein anderes gutes Gewand, und so mußte sie trotz ihrer ungeduldigen Weigerung und vieler Thränen bei dem kleinen Papias bleiben. Agne's eifriges Verlangen, an ihrer Stelle den Knaben zu hüten und ihr mit dem eigenen Kleide auszuhelfen, war von Karnis und seiner Gattin bestimmt abgelehnt worden; und Dada hatte erst still und gutwillig, sehr bald aber in aller Fröhlichkeit mitgeholfen, Kränze für die Anderen zu winden und Agne's schlichtes, tiefschwarzes Haar mit einem zierlichen Gewinde von Veilchen und Epheuranken zu schmücken. Die Männer hatten sich schon gesalbt und Pappel- und Lorbeerkränze aufgesetzt, als der Hausmeister des Porphyrius erschienen war, um sie in das Haus seines Gebieters zu führen. Nun galt es auch für sie Entsagung üben, denn der Bote veranlaßte sie, die Kränze abzulegen, weil sie den Unwillen der Mönche im Hofe erregen und draußen den christlichen Pöbel aufreizen würden. Enttäuscht und ebenso niedergeschlagen, wie er kurz vorher siegesgewiß und froh gewesen, war Karnis in's Freie getreten. Die Mönche, welche sich vor dem Xenodochium zusammengeschaart hatten, blickten ihn und die Seinen mißtrauisch und feindselig an, und die Freudigkeit, mit der er früh in den Tag hineingeschaut hatte, wollte nicht wiederkehren, so lange er sich in der engen, halbdunklen Hafengasse, wo es nach Theer und gesalzenen Fischen roch, durch das Gedränge Bahn brechen mußte. Der Hausmeister ging mit Frau Herse dem Zuge voran und gab ihr gesprächig den gewünschten Bescheid. Sein Gebieter gehörte zu den größten Kaufherren der Stadt und hatte seine Gattin vor zwanzig Jahren bei Gorgo's Geburt verloren. Die beiden Söhne des Hauses befanden sich gegenwärtig auf Reisen. Die Greisin, welche sich gestern so freigebig gegen die Sänger erwiesen, war des Porphyrius Mutter Damia. Sie verfügte über ein großes eigenes Vermögen und galt trotz ihres hohen Alters immer noch für die Seele der Geschäfte des Hauses und für eine in der Geheimwissenschaft tief erfahrene Frau. Maria, die fromme Christin, welche die Herberge zum vollendeten Märtyrer gestiftet hatte, war mit Apelles, dem verstorbenen Bruder des Porphyrius, vermählt gewesen, hatte sich aber ihrem Schwager und ihrer Schwiegermutter völlig entfremdet. Natürlich, denn sie stand an der Spitze der rechtgläubigen Frauen Alexandrias; das Haus des Porphyrius aber war trotz der Taufe seines Gebieters so gut heidnisch wie irgend eins in der Stadt. Karnis hörte nichts von dem Allen, denn zwischen ihm und seinem Weibe gingen zwei Sklaven, welche die Lauten und Flöten der Sängerfamilie trugen, und vor ihnen her Orpheus und Agne. Diese schaute immerfort zu Boden, als wolle sie das, was sie hier umgab, zu sehen vermeiden; nur wenn Orpheus sie etwas fragte, schlug sie das Auge scheu auf und antwortete kurz und befangen. Bald gelangten die Wanderer durch einen finstern Gang an den Kanal, welcher den Meereshafen Kibotus mit dem mareotischen See verband, in dem die Nilschiffe vor Anker gingen. Karnis athmete auf, denn hier war es licht und hell, ein leiser Nordwind trug ihm die erfrischende Luft des Meeres entgegen, und die schlanken Palmen am Rande der Wasserstraße warfen lange, die vollen Kronen der Sykomoren mächtige Schatten über den breiten, bunt belebten Weg. In allen Zweigen sangen Vögel, und der alte Sänger sog mit tiefen Zügen die wunderbar leichte und würzige Luft des ägyptischen Lenzmorgens ein. Als er auf der Mitte einer hochgewölbten Brücke angelangt war, welche über den Kanal führte, blieb er plötzlich stehen und schaute wie gebannt nach Südosten. Von tiefer Begeisterung ergriffen, hob er die Arme, die Augen wurden ihm feucht und gewannen den Glanz der Jugend zurück, und wie immer, wenn ein herrliches Werk der Gottheit oder der Menschen sein Herz mit Entzücken erfüllte, trat ungerufen vor seine Seele das Bild seines verstorbenen ältesten Sohnes, welcher sein Freund und Gesinnungsgenosse gewesen. Bald war es ihm, als liege sein Arm auf der Schulter des früh dahingegangenen Jünglings, der seinen zweiten, ruhigeren Sohn Orpheus an Schwungkraft der Seele weit überboten hatte, und als genieße er gemeinsam mit ihm den großen Anblick, welcher sich ihm darbot. Auf Fundamenten von Felsen und mächtigen Quadern erhob sich vor ihm ein Bauwerk von wunderbarer Größe und Schönheit. Es leuchtete im Gold des Morgenlichtes hell und prächtig, und seine edlen, farbenbunten Formen schienen selbst Glanz auszustrahlen in blendender Fülle. Über seiner vergoldeten Kuppel breitete sich der reine, ungetrübte Azur des afrikanischen Himmels, und wie die Sonne am Firmament, entsandte das blanke, gewaltige Halbrund leuchtende Strahlen. – Rampen für Wagen und Stufenreihen für andächtige Fußgänger führten zu ihm empor. Der Unterbau, welcher dieses Wunderwerk menschlicher Hände, den Tempel des Gottes Serapis, trug, war wie für die Ewigkeit gefestigt, und die Säulen an seiner Vorhalle trugen die Decke eines Raumes, welcher für die Größe der himmlischen und nicht für die Kleinheit sterblicher Wesen bestimmt zu sein schien. Wie Kinder unter den Bäumen eines hochstämmigen Waldes bewegten sich Priester und Beter unter ihnen umher. Auf der Bekrönung des Daches, in Hunderten von Nischen und auf zahllosen hervorragenden Theilen schienen sich alle Götter des Olymps, alle Heroen und Weisen Griechenlands ein Stelldichein gegeben zu haben, und schauten hier in glänzendem Erz, dort in schön bemaltem Marmor dem Nahenden entgegen. Gold und glänzender Farbenschmuck leuchteten von allen Gliedern dieses Wunderbaues. Selbst den großen Reliefbildern in dem doppelten Giebelfeld und den kleineren an der langen Metopenreihe hatte die Hand des Malers sprechendes Leben verliehen. Die Einwohnerschaft einer ganzen Stadt hätte in diesem Bauwerke Unterkunft gefunden, und es wirkte in seiner Gesammtheit wie ein schöner Chorgesang aus der weiten Brust götterfreundlicher Riesen. »Sei gegrüßt, froh und demüthig gegrüßt, hoher Serapis! Dank dir, daß es diesen alten Augen vergönnt ist, dein göttliches, ewiges Haus noch einmal wiederzusehen!« murmelte Karnis andächtig vor sich hin. Dann rief er seine Gattin und seinen Sohn, wies schweigend auf den Tempel, und als er sah, wie des Orpheus Augen still und in trunkenem Entzücken an den herrlichen Formen des Serapeums hingen, rief er feurig: »Des Königs der Götter, des hohen Serapis edle Festung! Ein dauerhaft Werk! Ein halbes Jahrtausend ist seine Vergangenheit, seine Zukunft die Ewigkeit! Ja, ja, sie ist es, und so lang es in solcher Herrlichkeit dasteht, sind die alten Götter noch nicht überwunden!« »Es rührt auch Keiner an diesen Bau,« fiel ihm der Hausmeister in's Wort, »denn jedes Kind in Alexandria weiß, daß die Welt morsch zusammenstürzt, sobald man Hand daran legt, und wer des Gottes ehrwürdiges Bildniß . . .« »Es schützt sich selber,« unterbrach ihn der Sänger. »Aber ihr, ihr christianischen Heuchler, die ihr vorgebt, das Leben zu hassen und den Tod zu lieben, – lüstet es euch nach dem Ende der Dinge, so vergreifet euch nur frisch an diesem Wunder! Thut es, thut es – nur zu!« Der Alte schwang die Faust gegen einen unsichtbaren Feind; Herse aber sprach ihm zornig nach: »Nur zu, nur zu!« und fuhr dann ruhiger fort: »Wenn Alles zusammenbricht, gehen die Götterfeinde mit uns zu Grunde; und ein Ende zugleich mit Allem, was schön ist und was man lieb hat, das kann uns nicht schrecken!« »Unbesorgt,« versetzte der Hausmeister. »Der Bischof hatte die Hand schon nach diesem Heiligthume ausgestreckt, aber der große Olympius ließ die Tempelschänder nicht heran, und sie haben mit blutigen Köpfen abziehen müssen. Unser Serapis läßt eben nicht mit sich spaßen. Er bleibt, wenn alles Andere vergeht. ›Die Ewigkeit‹, sagt der Priester, ›ist für ihn eine kleine Minute, und wenn Millionen von Menschengeschlechtern verblüht sind, ist Er immer noch derselbe wie heute.‹« »Heil, Heil dem erhabenen Gotte!« rief Orpheus und streckte die Hände dem Tempel entgegen. »Ja, Heil, ewiges Heil soll ihm blühen!« wiederholte sein Vater. »Serapis ist groß, und sein Haus und sein Bild, sie werden dauern . . .« »Bis der Mond wieder voll ist!« fiel ihm mit finsterem Spott ein Vorübergehender in's Wort und drohte mit der Faust nach dem Tempel. Orpheus wandte sich, um den Unglückspropheten zu strafen; dieser aber war schnell in die Menge zurückgetreten und floß mit dem ruhelosen Volksstrome weiter. »Bis der Mond wieder voll ist!« murmelte Agne, welche bei dem begeisterten Rufe des Orpheus zusammengeschaudert war, dem Unheilsboten nach. Dann blickte sie bekümmert auf den jungen Sänger; doch als sich Herse um weniges später nach ihr umschaute, hatte sich der Ausdruck ihrer Züge geändert, und die Matrone konnte sich über das sonnige Lächeln an ihren Lippen freuen. Auch mancher junge Alexandriner, der zu Fuß oder zu Wagen an den Fremden vorbeikam, sah sich nach ihr um, denn das Lächeln verlieh ihrem bleichen, stillernsten Gesicht einen geheimnißvollen Zauber. Und es blieb ihr noch treu, nachdem sie die Brücke verlassen und sich dem Ufer des Sees genähert hatten, denn was ihre Seele einmal ergriffen, daran spann sie lange fort; und während sie jetzt im hellen Glanz des Morgenlichtes dahinschritt, stand vor ihrem inneren Auge der volle Mond am nächtlichen Himmel, sah sie den Sturz des großen Abgottes und über den Trümmern marmorner Tempel einen unabsehbaren, leuchtenden Heerzug. Apostel und Märtyrer wogten in ihm dahin, der Heiland schwebte ihm heiter und siegesfroh voran, und auf den lichten Wolken, die ihn umgaben, wiegten sich Engel und sangen herrliche Lieder, die ihr inneres Ohr mitten unter dem vielstimmigen Lärm des Hafens deutlich vernahm. Erst als man sie aufforderte, den Kahn zu besteigen, verrannen diese Gesichte. Herse stammte aus Alexandria, und Karnis hatte hier schöne Jahre verlebt; aber Orpheus und Agne war hier Alles neu, und die Christin gewann denn auch, sobald sie dem lauten Volksgetümmel entronnen war, das ihr weh gethan hatte, Antheil an ihrer Umgebung und richtete dann und wann eine Frage an den alten Sänger. Der jüngere hatte nicht Augen genug, um zu sehen, und es gab hier in der That Vielerlei zu bewundern. – Da lagen die großen Schleusenwerke am Eingange des Kanals, welcher den See mit dem Meere verband, da wiegten sich in einem besondern Hafen die stattlichen kaiserlichen Nilschiffe, welche die Verbindung der Garnison von Alexandria mit den Militärstationen am unteren und oberen Nil aufrecht zu erhalten hatten, da prunkten die schönen, geschmückten Fahrzeuge, welche dem Comes, dem Präfekten und anderen hohen Beamten zur Verfügung standen, da lagen endlich Handelsschiffe von jeder Größe in unzählbarer Menge vor Anker. Wie Vogelschwärme, welche über ein Kornfeld streichen, schwebten lange Züge von Segeln in jeder Farbe über den leicht bewegten Spiegel des Sees. An den Ufern desselben war jeder Zoll benutzt und bebaut. Auf dem südlichen sah man aus der Ferne die langen Spalierreihen der Weinberge, die blaugrün schimmernden Laubmassen der Olivenwälder und Haine von schlankstämmigen Palmen, deren Kronen sich zu einem schön gewölbten Baldachindache vermählten. Weiße Gartenmauern, bunte Tempel, Kapellen und Landhäuser blinkten aus dem Grün hervor, und wie Diamantenlicht blitzte es auf, wenn die schrägen Strahlen der Sonne die Tropfen streiften, welche von den ruhelosen Schöpfrädern und Eimern am Ufer aufstoben und fielen. Wasserwerke von kunstreichem Gefüge, viele von den größten Gelehrten ersonnen und aufgestellt, waren die Waffen, mit denen der Mensch die Wüste, welche diesen See ursprünglich umgab, gezwungen hatte, sich mit Grün zu schmücken und seine Saat mit Ernte und Frucht zu belohnen. Von der Einöde war hier seit Jahrhunderten jede Spur verloren gegangen. Der freigebige Dionysus und die üppigen Gartengötter hatten die fleißige Menschenhand gesegnet, und doch lagen ihre Bilder in vielen Grundstücken, ja in allen, welche Christen gehörten, umgestürzt und zertrümmert am Boden. Wie viel hatte sich hier seit dreißig Jahren geändert, und nichts zur Freude des Alten. Auch Herse schüttelte häufig das Haupt und, nun die Ruderer den halben Weg zurückgelegt hatten, wies sie auf eine weite, kahle Fläche am Ufer, wo sich ein Neubau schon hoch über die Fundamente erhob, und rief ihrem Gatten traurig zu: »Erkennst Du die Stelle? Wo ist unser alter lieber Dionysustempel geblieben?« Karnis erhob sich bei diesen Worten so schnell und heftig, daß der Kahn umzuschlagen drohte und der Hausmeister ihn nöthigen mußte, sich ruhig zu halten: er aber befolgte diese Mahnung nur schlecht, denn seine Arme blieben in lebhafter Bewegung, wie er ihm zurief: »Denkst Du, man muß hier in Ägypten gleich bei lebendigem Leibe zur Mumie werden? Da bleib' ein Anderer ruhig! Schändlich ist es, nichtswürdig; einer Taube schwillt hier die Galle! Das herrliche Bauwerk, die Zierde der Stadt, die Freude der Menschen fortgekehrt, weggeblasen wie Staub von der Straße. Seht ihr's? – seht ihr's? Zerschlagene Säulen, Gliedmaßen von Marmor, hier, da, überall auf dem Grunde des Sees! Dies Haupt, dieser Torso! Große, edle Meister haben sie unter dem Beistand der Götter gebildet; und sie, sie die Kleinen, Unedlen haben sie, von bösen Dämonen besessen, zertrümmert. Was würdig war, ewig zu leben, sie haben's ersäuft. Warum? Wollt ihr's wissen? Weil sie das Schöne scheuen, wie die Eulen das Licht. Ja, sie, sie! Nichts fürchten, nichts hassen sie so wie das Schöne! Wo sich's auch zeigt, reißen sie's nieder, auch wenn es die Gottheit selber gemacht hat. Bei den Unsterblichen klag' ich sie an, denn wo ist der Hain, keines Menschen, sondern des Himmels eigenstes Werk, geblieben, unser Hain mit seinen kühlen Grotten, seinen uralten Stämmen, seinen schattigen Verstecken und all der Lust und Wonne, von der er so voll war wie die reife Beere mit süßem Saft?« »Gefällt, ausgerodet ward er,« fiel ihm der Hausmeister in's Wort. »Der Kaiser hat das Heiligthum dem Bischof Theophilus geschenkt, und der ging sogleich an's Zerstören. Der Tempel ward niedergerissen, das heilige Geräthe zusammengeschmolzen, mit den Bildwerken wurde Spott getrieben, bevor man sie in den Kalkofen warf. Das Haus dort drüben wird eine christliche Kirche. Denkt an die lustige, schönfarbige Säulenhalle von früher und seht den grauen Speicher an, der da aufwächst!« »Warum dulden's die Götter? Hat Zeus seine Blitze verloren?« fragte Orpheus und ballte die Faust, ohne auf Agne zu achten, die bleich und in sich zusammengezogen dasaß, seitdem das Gespräch diese Wendung genommen. »Er schlummert, um mit furchtbarer Kraft neu zu erwachen,« versetzte der Alte. »Die Marmorbrocken, die Trümmer da unten! Eine schnelle Kunst, das Vernichten! Die Menschen sind von Sinnen gekommen und dulden den Frevel. In's Wasser und in den Ofen haben sie geworfen, was Götter entzückte. Klug, klug und weise! Die Fische und Flammen sind stumm und können keine Anklage erheben. Ein Wütherich, eine Stunde genügt, um zu vernichten, was erhabene Geister, was Jahrhunderte schufen. In Trümmer legen, verwüsten, das ist ihr Ruhm, aber einen Tempel, wie der dort war, bringen sie so wenig neu zu Stande wie einen Hain mit sechshundertjährigen Bäumen. Da, dort! Siehst Du, Herse? Da in der Grube, wo die schwarzen Bursche den Kalk mischen – sie haben ihnen Hemden angezogen, weil ihnen sogar die schöne Gestalt des menschlichen Leibes verhaßt ist – da war die Grotte, in der wir Deinen armen Vater wiedergefunden.« »Die Grotte?« wiederholte die Matrone, schaute mit feuchten Augen nach dem Ufer hin und gedachte des Tages, an dem sie als Mädchen am Dionysusfeste in den Tempel des Gottes geeilt war, um ihren Vater zu suchen. Der war ein kunstreicher Gemmenschneider gewesen und hatte sich am Feste des Gottes nach alter alexandrinischer Sitte, von süßem Wein berauscht, auf die Straße begeben, um dem dionysischen Zuge zu folgen. Als er am folgenden Morgen nicht heimgekehrt war und auch Mittag und Abend ihn nicht nach Hause bringen wollten, hatte sie sich aufgemacht, um ihn zu suchen. Karnis war damals ein reicher junger Student gewesen und hatte als Miethsmann die schönsten Räume ihres väterlichen Hauses inne gehabt. Er war ihr bei dem schweren Gange begegnet und gar freundlich bereit gewesen, ihr suchen zu helfen; und sie hatten den Verschwundenen auch bald in einer von Epheu umrankten Grotte im Haine des Dionysus wiedergefunden, kalt, regungslos, wie vom Blitze erschlagen. Die Umstehenden hatten gemeint, der Gott habe ihn in seine rauschende Heerschaar entrückt. – In diesen schweren Stunden war Karnis ihr Freund geworden, und wenige Monate später hatte sie ihm als Gattin die Hand gereicht und war ihm in seine Heimat Tauromenium auf Sicilien gefolgt. Das Alles trat ihr jetzt vor die Seele, und auch ihr Gatte blickte nachdenklich und stumm in's Wasser, denn jede Stätte, an der unser Leben eine entscheidende Wendung genommen, besitzt, wenn wir ihr nach langer Abwesenheit wieder begegnen, die Kraft, Vergangenes zur Gegenwart zu beleben. So blieb Alles stumm in dem Kahne, bis Orpheus seinen Vater anstieß und ihm den Isistempel zeigte, in dem er gestern der schönen Jungfrau begegnet war. Der Alte wandte den Blick auf das immer noch unbeschädigte Heiligthum und sagte bitter: »Ein barbarisches Bauwerk: die Kunst der Ägypter gehört längst zu den Toten, und der Tiger mag nur Lebendiges fressen.« »Dies Heiligthum ist doch kein so übler Bissen,« versetzte der Hausmeister, »aber es hängt ihnen zu hoch, denn der Grund und Boden, auf dem es steht, gehört unserer alten Herrin, und privates Eigenthum schützt das Gesetz. – Die Schiffswerft hier müßt ihr euch später einmal betrachten; eine größere giebt es vielleicht nicht auf der Erde. Das Holz, das da aufgestapelt ist: Cedern vom Libanon, Eichen vom Pontus, schwere und eisenharte Stämme aus Äthiopien – soll Hunderte von Talenten werth sein.« »Und gehört das auch Deinem Herrn?« fragte Karnis. »Nein; aber der Besitzer ist der Großsohn eines Freigelassenen unseres Hauses. Jetzt sind es reiche und angesehene Leute, und Meister Clemens sitzt im Senat. Der Mann dort im weißen Gewande, das ist er.« »Ein Christ, sollt' ich meinen,« sagte der Sänger. »Freilich,« versetzte der Hausmeister. »Aber was Recht ist, muß Recht bleiben. Ein braver und tüchtiger Mann ist er dennoch. Strenge Zucht herrscht hier auf der Werft und auf der andern an der See im Hafen des Eunostus. Nur seine Meinung kann Clemens Niemandem lassen; darin ist er gerade wie die Anderen. So viele Sklaven und Arbeitsleute er kauft oder anwirbt, so viele Christen weiß er zu machen; und die Söhne sind gerad' wie der Alte, auch der Konstantin, obgleich er ein kaiserlicher Offizier ist und so schmuck und scharf wie nur einer. – Was uns betrifft, wir lassen Jedermann seinen Glauben. Porphyrius macht kein Hehl aus seiner Gesinnung, und doch werden all die vielen Schiffe, die wir für den Kornhandel brauchen, bei dem Christen gebaut. – Aber da wären wir!« Das Boot hielt an einer breiten Marmortreppe, welche aus dem See in den Garten des Porphyrius führte, und je tiefer Karnis in denselben eindrang, desto freudiger athmete er auf; denn hier, hier waren die alten Götter zu Hause. Ihre Bilder schimmerten aus dem dunklen Laubwerk immergrüner Sträucher hervor, sie spiegelten sich in klaren Weihern, und schöner Wohlgeruch wehte hier von einem bekränzten Altar, dort von einem frisch gesalbten Steine den Ankömmlingen entgegen. Drittes Kapitel. Die Sängerfamilie hatte im Hause des Porphyrius gütige Aufnahme gefunden, aber zum Musiziren war es nicht gleich gekommen, denn sobald die alte Damia erfuhr, was den hübschen, blonden Lockenkopf, den sie gestern mit Vergnügen angesehen hatte, im Xenodochium der Maria zurückhielt, ließ sie Herse ein Gewand ihrer Enkelin bringen und bat sie, das Mädchen zu holen. Einige Sklaven sollten sie begleiten und ihr Gepäck in das Nilschiff des Porphyrius schaffen, welches bei der Werft vor Anker lag. In diesem stattlichen Fahrzeuge gab es mehrere Räume, welche schon oft Gäste des Hauses aufgenommen hatten und nun auch Karnis und die Seinen beherbergen sollten. Sie schienen besonders geschickt für die Sängerfamilie, denn sie konnte dort ungestört ihre Übungen halten, und das Schiff war für Gorgo jederzeit erreichbar. Herse hatte sich erleichterten Herzens in das Xenodochium zurückbegeben; ihr Sohn war ausgeschickt worden, um Mancherlei, was auf der Seereise verloren gegangen, in der Stadt zu ersetzen, und Karnis hatte sich, seelenfroh, aus der Mönchsherberge entkommen zu sein, von seinem neuen Wirthe im Männersaale zurückhalten lassen und genoß dort die guten Gaben, welche ihm das Glück im Hause des Porphyrius bescheerte. Es war ihm hier zu Muthe, als habe ihn nach langer Verbannung die Heimat wieder an's Herz genommen. Hier wehte der Geist seines väterlichen Hauses, hier fand er Menschen, welche das Dasein in seinem Sinne zu schmücken verstanden, die seine Begeisterung theilten und auch seinen Haß. Aus einem kunstvoll geschnitzten Onyxpokal trank er edlen Wein, was er hörte, gefiel ihm, und was er sagte, fand volles Verständniß. Für die unsichere Zukunft der Seinen eröffneten sich hier Aussichten, welche nur wenig hinter denjenigen zurückblieben, die seine lebhafte Einbildungskraft ihm gestern vorgespiegelt hatte. Mochte sein Geschick sich auch wieder wenden; das, was er hier Gutes genoß, sollte zu dem Gewinn des Lebens geschrieben werden und wenigstens in der Erinnerung ein dauerhafter Besitz für ihn bleiben. Die greise Damia, ihr Sohn Porphyrius, die schöne Gorgo, alle drei waren eigenartige Menschen, wie man ihnen selten im Leben begegnet. Der weltkluge Handelsherr hatte gefunden, daß die Frauen den fremden Musikanten zu rasch und unvorsichtig entgegengekommen seien, und sich anfänglich zurückhaltend gegen Karnis erwiesen; aber nach einem kurzen Gespräche mit demselben war er zu der Überzeugung gelangt, daß er es hier mit einem Manne von ungewöhnlicher Bildung und tüchtigem Schlage zu thun habe. Die Greisin war den Fremden von vornherein geneigt gewesen, denn gestern Nacht hatten ihr die Sterne auf heute eine angenehme Begegnung vorausgesagt. – Ihr Wille war unter diesem Dache allmächtig. Karnis mußte lächeln, als er sie ihren längst ergrauten Sohn, welcher ganz aussah wie Einer, der sein Haus zu regieren verstand, »mein Kind« nennen oder zurechtweisen hörte. Ein hoher Armstuhl war ihre Residenz, welche sie nur verließ, wenn sie sich in ihr Observatorium auf dem Dache des Hauses tragen ließ, wo auch ihre magischen Tafeln und Schriften aufbewahrt wurden. Es war nichts schwach an ihr als die Füße, aber es standen ihr Arme genug zur Verfügung, welche sie zu Tisch, in ihr Schlafgemach und, so lange es Tag war, an sonnige Stellen im Hause oder im Garten schoben oder trugen. Wenn die Strahlen des Helios ihren Rücken beschienen, befand sie sich am wohlsten, denn ihr altes Blut bedurfte der Wärme nach den langen Nachtwachen, denen sie sich immer noch auf der Sternwarte unterzog. Selbst in der heißesten Mittagszeit saß sie, mit einem großen grünen Schirm über den scharfen Augen, in der Sonne, und wer sich mit ihr zu unterhalten wünschte, mochte Schatten suchen, wo er ihn fand. Wenn sie, auf ihren elfenbeinernen Krückstock gestützt, in gebeugter Haltung einem Gespräche folgte, sah es aus, als sei sie stets auf dem Sprunge, dem Andern in die Rede zu fallen. Ohne Rückhalt und Zügel sprach sie aus, was sie meinte, denn in einem langen Leben war es dieser Erbin großen Besitzes stets gestattet gewesen, den eigenen Willen überall zur Geltung zu bringen. Auch ihrem Sohne gegenüber nahm sie jedes Recht in Anspruch, und doch ging von dem männlichen Haupte des Hauses ein Gewebe aus, dessen Fäden sich über die halbe Erde erstreckten. Der Bauer, welcher das Fruchtland am oberen und unteren Nil bestellte, der Schafzüchter in der arabischen Wüste, in Syrien und auf den Sylphionweiden der Cyrenaika, der Wälderbesitzer am Libanon und am Gestade des Pontus, der Bergmann in Spanien und auf Sardinien, die Makler, Händler und Rheder in allen Hafenstädten des Mittelmeeres waren mit diesen Fäden an das Haus am mareotischen See gebunden und fühlten es, wenn die Hand des Graubartes, welcher sich von seiner Mutter meistern ließ wie ein Knabe, sie lockerte oder anzog. Der Besitz dieses Kaufherrn war schon in seiner Jugend so groß gewesen, daß die Vermehrung desselben weder ihm noch den Seinen neuen Genuß zuführen konnte, aber eben diese Vermehrung war ihm zur Lebensaufgabe geworden. Wie ein Wettkämpfer nach dem Ehrenpreise, strebte er nach einer hohen Zahl am Tage des jährlichen Abschlusses der Geschäfte; und seine Mutter sah nicht nur in das Hauptbuch, sondern folgte jeder neuen großen Unternehmung des Hauses. Wenn ihrem Sohne und seinen Gehülfen die Entscheidung über wichtige Fragen schwer fiel, gab sie den Ausschlag, und wenn ihr Rath sich in den meisten Fällen als vortrefflich bewährte, schrieb sie dies weniger dem eigenen Scharfsinn und der eigenen Weltkenntniß, als den Winken zu, welche Sterne und magische Kombinationen ihr gaben. Ihr Sohn folgte ihr nicht auf dieses Gebiet, aber er widersprach den Ergebnissen nur selten, zu denen sie auf ihrer Warte gelangte. Während sie die Nächte zum Tage machte, unterhielt er sich gern mit gelehrten Freunden, denn die Stunden, welche der Kaufherr seinem Streben nach Gewinn abmüßigte, waren der Philosophie gewidmet, und die besten Denker Alexandrias ließen es sich gern an der geschätzten Tafel des reichen Gönners wohl sein. Es freute ihn, wenn man ihn einen »Kallias« nannte, und die heidnischen Lehrer an den Universitäten des Museums und Serapeums erkannten ihn willig als Gesinnungsgenossen an. Man wußte, daß er getauft sei, aber weil es ihm peinlich war, unterließ man es, darüber zu reden. Die Bescheidenheit seines Wesens gewann ihm die Herzen, aber vielleicht noch mehr der leidende, an Schwermuth streifende Zug, der sich wie eine Schranke zwischen den überreich begüterten Mann und den Neid der Mißgünstigen stellte. Im Laufe des Gesprächs fragte die Greisin den Alten nach Agne's Herkunft; denn wenn ein Makel an ihr hafte oder wenn sie eine Sklavin sei, könne Gorgo sich natürlich nicht öffentlich mit ihr zeigen, und Karnis werde dann die Klage der Isis mit einer freigeborenen Sängerin einzuüben haben. Der Alte zuckte die Achseln und bat die Frauen und Porphyrius, in dieser Frage selbst das Urtheil zu fällen. Vor drei Jahren, theilte er mit, sei er zu Antiochia gewesen und habe dort den großen Aufstand wegen der Steuererhebung ausbrechen sehen. Es sei dabei blutig hergegangen, und er habe sich mit den Seinen, sobald es thunlich gewesen, aus der Stadt entfernt. Als es dunkelte, sei er in einer Herberge am Wege eingekehrt, und dort habe er Agne und ihr Brüderchen in der Hand von Soldaten gefunden. In der Nacht sei das Mädchen an das Lager des Knaben getreten und habe diesem, um ihn zu trösten, ein einfaches Lied vorgesungen. Das sei ihr so rein und rührend von den Lippen geflossen, daß es ihm und seinem Weibe das Herz bewegt und sie veranlaßt habe, Schwester und Bruder für ein Geringes von den Soldaten zu kaufen. Er habe einfach bezahlt, was diese gefordert; als Sklaven eingetragen seien sie nicht, auch habe er keine Beschreibung ihrer Person anfertigen lassen, aber es liege doch wohl in seiner Hand, sie als Sklaven zu behandeln und zu veräußern, denn der Kauf sei vor Zeugen, welche sich noch ermitteln lassen würden, abgeschlossen worden. Später habe er von dem Mädchen erfahren, daß ihre Eltern Christen gewesen und erst wenige Jahre vor dem Ausbruche des Aufstandes nach Antiochia versetzt worden seien. Verwandte oder nähere Freunde hätten sie dort nicht besessen. Ihr Vater sei im kaiserlichen Dienst als Zollbeamter viel herumgeworfen worden; doch erinnere sie sich, daß derselbe Augusta Trevirorum in der Belgica prima seine Heimat genannt habe. Das Mädchen war zugegen gewesen, wie das erregte Volk das Haus ihrer Eltern gestürmt und diese sammt ihren beiden Sklaven und ihrem ältern Bruder getötet hatte. Jedenfalls sei Agne's Vater ein höherer Beamter, vielleicht auch ein römischer Bürger gewesen, und dann – der Kaufherr Porphyrius bestätigte dies – werde das Mädchen und sein Bruder jederzeit berechtigt sein, die Freiheit für sich in Anspruch zu nehmen. Dem Gesindel, welches die Kinder auf die Straße und vor das Thor geschleppt hatte, waren sie von Soldaten abgejagt worden; von diesen aber hatte sie Karnis erstanden. »Und ich brauche es nicht zu bereuen,« schloß der Alte, »denn Agne ist ein liebes, sanftes Geschöpf. Von ihrer Stimme will ich nicht reden, ihr habt sie ja gestern selbst vernommen.« »Und mit wahrem Entzücken!« rief Gorgo. »Wenn Blumen singen könnten, so müßte es klingen.« »Wohl, wohl!« versetzte Karnis. »Ihre Stimme ist köstlich, aber es fehlen ihr die Flügel. Ein unüberwindliches Etwas hält das Veilchen am Boden zurück!« »Christliche Bedenken!« rief der Kaufherr, und die alte Damia fügte hinzu: »Laß Eros kommen, der löst ihr die Zunge!« »Eros und immer Eros,« versetzte Gorgo und zuckte die Achseln. »Wer liebt, der leidet und schleppt sich mit Fesseln. Um das Beste zu leisten, wozu man geschickt ist, braucht man nichts zu sein als frei, wahr und gesund.« »Das ist viel, Herrin,« entgegnete ihr Karnis mit Eifer. »Mit diesen Dreien vollbringt sich das Höchste. Aber Agne, wie steht es mit der? Wer könnte unfreier sein als ein dienendes Mädchen! Ihr Leib, ja, der ist gesund, aber ihre Seele leidet und kommt nicht zur Ruhe aus Furcht vor all dem christlichen Schreckniß: Sünde, Reue und Hölle . . .« »Wir kennen den Lebensverderb,« fiel ihm die Greisin in's Wort. »Seid ihr durch die Christin in die Herberge der Maria gerathen?« »Nein, edle Frau.« »Dann aber . . . Diese Heilige wählt doch sonst ihre Gäste, und wer nicht getauft ist . . .« »Sie hat diesmal auch Heiden beherbergt.« »Das wundert mich eben. Erzähle, wie es gekommen!« »Wir waren in Rom,« begann der Sänger, »und durch die Vermittlung meiner Gönner hatte uns Marcus, der Sohn der Maria, zu Ostia mit auf sein Schiff genommen. In Cyrene ging es vor Anker, denn der junge Herr wollte von dort aus seinen Bruder nach Alexandria mitnehmen!« »Demetrius ist hier?« fragte Porphyrius. »Ja, Herr. Er stieg in Cyrene mit uns an Bord. Kaum hatten wir den Hafen hinter uns, als sie zwei Seeräuberschiffe bemerkten. Da wurde die Trireme gewandt, doch bei der eiligen Rückfahrt fuhr sie sich in eine Sandbank fest, und nun wurden die Boote ausgesetzt, um die Herren und den Konsul Cynegius zu retten.« »Cynegius auf dem Wege hieher?« fragte Porphyrius wieder und richtete sich lebhaft auf. »Gestern ist er mit uns im Hafen des Eunostus gelandet. Die Sekretäre und Offiziere in seinem Gefolge füllten das eine Boot, Marcus und sein Bruder wollten mit ihren Leuten das zweite besteigen. Wir und andere Fahrgäste würden zurückgelassen worden sein, wenn nicht die Dada . . .« »Die hübsche Blonde von gestern?« fragte Damia. »Dieselbe. Der junge Marcus hatte sich auf der Fahrt an ihrem Geplauder und ihren Liedern ergötzt; reiner als sie kann auch keine Nachtigall singen, und als sie sich auf's Bitten legte, gab er bald nach und lud sie zu sich in's Boot. Aber das brave Ding erklärte, sie wolle lieber in's Wasser springen, als ohne uns fahren.« »Brav, brav!« rief die Greisin, und Porphyrius fügte hinzu: »Ein gutes Zeichen für das Mädchen und Euch.« »Marcus,« fuhr Karnis fort, »nahm uns also mit in den Nachen – uns Alle – und so kamen wir wieder glücklich an's Land. Nach einigen Tagen brachte ein Kriegsschiff den Cynegius, die Brüder und uns wohlbehalten hierher, und da wir unsere Baarschaft verloren hatten, gab uns Marcus einen Schein, welcher uns Aufnahme im Xenodochium seiner Mutter verschaffte. Dann führten die Götter die Meinen und mich mit dieser edlen Jungfrau zusammen.« »Also Cynegius ist hier, sicher hier?« fragte Porphyrius noch einmal, und als Karnis dies bestätigte, wandte er sich unruhig an seine Mutter und sagte: »Olympius ist noch nicht zurück. Immer derselbe; tollkühn wie ein Jüngling. Wenn sie ihn fangen! Die Straßen wimmeln von Mönchen. Es geht etwas vor. Anspannen, Syrus; sogleich! Der große Atlas soll mich begleiten. Cynegius hier! Ah! – Ah! – Ich danke den Göttern!« Dieser Ausruf galt einem tief vermummten Manne, welcher in diesem Augenblick das Zimmer betreten hatte, und während er die Kapuze seines Mantels abwarf und das große Tuch, welches seinen Hals umgeben und den langen weißen Bart verborgen hatte, ablöste, aufathmend ausrief: »Da wär' ich denn wieder! – Cynegius ist hier; es wird Ernst, meine Freunde!« »Und Du warst im Museum?« fragte der Kaufherr. »Unangefochten. Ich fand sie Alle beisammen. Brave Jungen. Sie halten zu uns und den Göttern. Waffen genug sind vorhanden. Die Judenschaft Damals an 2 / 5 der ganzen Bevölkerung. rührt sich nicht, Onias glaubt dafür einstehen zu können, und mit den Mönchen und den kaiserlichen Kohorten werden wir fertig.« »Wenn die Götter helfen für heute und morgen,« versetzte Porphyrius bedenklich. »Für immer, wenn das Landvolk seine Pflicht thut!« rief der Andere. »Wer ist dieser Fremde?« »Das Haupt der Musiker von gestern,« entgegnete Gorgo. »Karnis des Hiero Sohn von Tauromenium,« sagte der Sänger und verneigte sich vor dem Fremden, dessen majestätische Gestalt und schönes Denkerhaupt ihm Bewunderung einflößte. »Karnis von Tauromenium!« wiederholte dieser überrascht und freudig. »Beim Herkules, eine seltene Begegnung! Die Hand, Deine Hand her, mein Alter. Vor wie vielen Jahren haben wir den letzten Weinkrug beim alten Hippias mit einander geleert? Sieben Lustren machen die Haare grau, aber wir halten uns Beide noch gerade. Nun, Du Sohn des Hiero, wer bin ich?« »Olympius bist Du, der große Olympius!« rief Karnis und schlug freudig in die dargebotene Hand ein. »Alle Götter segnen diesen glücklichen Morgen.« »Alle Götter! Das ist ein Wort,« rief der Philosoph. »Auch Du bist nicht unter das Kreuzjoch gekrochen?« »Die Welt ist nur freudig in Gesellschaft der Götter!« rief Karnis in froher Erregung. »Und wir wollen sie freudig erhalten und sie vor Verfinsterung bewahren,« fügte der Andere feurig hinzu. »Eine verhängnißvolle Zeit ist gekommen. Jetzt wird nicht mehr wie damals über Firlefanz gestritten; jetzt zerbrechen wir uns nicht mehr über Quark die Köpfe und meinen, das Glück der Welt hänge von der Entscheidung ab, ob der Mensch im letzten Augenblick des Lebens oder im ersten Moment des Todes sterbe, jetzt heißt es: Sollen die alten Götter siegen, sollen wir frei und froh mit den Himmlischen über uns leben oder den Nacken vor dem gekreuzigten Zimmermannssohne und seiner düstern Lehre beugen; hier wird für die höchsten Güter der Menschheit gekämpft . . .« »Ich weiß,« unterbrach ihn Karnis, »Du hast für den großen Serapis wacker gestritten. Sie wollten Hand an sein Heiligthum legen; aber Du hast sie mit Deinen Jüngern zum Abzug gezwungen. Die Anderen sind straflos davongekommen . . .« »Aber mir haben sie gezeigt, was mein Haupt ihnen werth ist,« lachte Olympius. »Drei Talente setzte Evagrius auf meinen Kopf. Dafür kauft man ein Haus, und wenn man bescheiden ist, kann man von den Zinsen den Aufwand des Lebens bestreiten. Ich hab' es zu etwas gebracht, wie Du siehst. Dieser edle Mann hält mich bei sich verborgen. Wir haben mit einander zu reden, Porphyrius, und Du, holde Gorgo, verliere die Isisfeier nicht aus den Augen. Gerade weil Cynegius da ist, muß sie glänzend in's Werk gesetzt werden! Er soll dem Kaiser, welcher ihn herschickt, berichten, wie die Alexandriner gesinnt sind. Wo ist das großäugige Mädchen von gestern?« »Im Garten,« entgegnete Gorgo. »Sie singt am Fuß der Bahre!« rief der Philosoph. »Dabei muß es bleiben.« »Wenn ich die Christin dazu bewege!« erwiderte Karnis bedenklich. »Sie muß!« versetzte der Philosoph mit aller Bestimmtheit. »Es würde doch schlimm bestellt sein um Alexandrias rhetorische und logische Künste, wenn es einem alten Disputanten nicht mehr gelingen wollte, die Meinung eines Mädchens von oberst zu unterst zu kehren. Laßt das meine Aufgabe bleiben. Auf Wiedersehen, edle Frauen! Mit Dir, Freund Karnis, hoff' ich später zu plaudern. Wie in aller Welt bist Du, der Du uns Anderen manchmal mit den väterlichen Solidi aushalfst, das Haupt einer reisenden Sängergesellschaft geworden? Du hast mir viel zu erzählen, Freund; aber das Wichtigste darf nicht unter dem Wichtigen leiden. Auf ein Wort, mein Porphyrius!« Agne erwartete während dieses Gesprächs Herse's Rückkehr in dem Säulengange, welcher sich an der Gartenfront des Hauses hinzog. Sie war gern allein, und es ruhte sich schön auf dem weichen Polster unter den vergoldeten Kassetten der Decke dieses offenen Raumes. An den Schmalseiten desselben standen dichtbelaubte Sträucher voll veilchenblauer Blumen, und ihre Zweige ragten tief herein und warfen freundliche Schatten auf ihren Ruhesitz. Da genoß sie den Duft der schönen, fremden Blüten und griff von Zeit zu Zeit nach dem Imbiß, welchen Gorgo mit eigener Hand vor sie hingestellt hatte. Was sie hier empfand, sah und hörte, that den Sinnen so wohl. Saftigere Pfirsiche, vollere und makellosere Weintrauben, frischere Mandeln und lockerern Kuchen hatte sie niemals gesehen oder gar zu kosten bekommen. In den Laubgruppen des Gartens und auf den Rasenflächen zwischen den Wegen gab es kein dürres Blatt, keinen welken Halm, kein ärmliches Unkraut. Hier schwollen Knospen an den Zweigen eines alten Baumes, dort bedeckten duftende Blumen in Weiß und Blau, in Goldgelb und Roth ganze Reihen von Sträuchern, und edle Früchte schimmerten aus dem dunkelgrünen, spiegelglatten Laub der Citronen- und Orangenbäume. Auf einem runden Teiche in ihrer Nähe zogen schwarze Schwäne ihre stillen Kreise und erhoben von Zeit zu Zeit die klagenden Stimmen. Heiterer Vogelgesang mischte sich in das Geplätscher der Brunnen, und die Marmorstatuen schienen, stumm wie sie waren, die heitere Morgenluft und das Schwirren und Tönen rings um sie her mit zu genießen. Ja, hier ließ es sich wohl sein; und als sie einen neuen Pfirsich gebrochen hatte und sein weiches, saftiges Fleisch würzigen Wohlgeschmack über ihre Zunge goß, mußte sie lächelnd des harten Schiffzwiebacks von gestern und vorgestern gedenken. Ja, wem es wie der schönen Gorgo vergönnt war, Jahr um Jahr, Tag für Tag so gute Dinge froh zu genießen! Hier war es wie im grünen Eden, der lenzfrischen Wohnung der ersten, sorgenlosen Menschen. Hier konnte es keinen Schmerz geben, hier weinte Niemand, hier ward keine Reue empfunden. Hier zu sterben . . . Da stockte sie, und eine neue Reihe von Gedanken drängte sich ihr auf. Sie war noch so jung, und doch war sie schon so vertraut mit dem Tode wie mit dem irdischen Dasein; denn wo sie auch immer einem Lehrer ihrer Kirche vertraut hatte, daß sie, verwaist und unfrei, viel inneres Leid erdulde, war sie auf das Jenseits und die Freuden des Paradieses vertröstet worden, und aus der Hoffnung auf diese schöpfte die Träumerin Alles, was eine junge Künstlerseele an Genuß bedarf, um nicht zu Grunde zu gehen. Jetzt sagte sie sich, wie schwer es sein müsse, in all dieser Herrlichkeit zu sterben. Hier zu leben, hieß das nicht die Freuden des Paradieses vorweg nehmen, und im Jenseits, unter den Engeln des Himmels, bei ihrem Heiland, mußte es da nicht noch viel tausendmal schöner sein als hier? Ein leises Grauen befiel sie, denn hier zählte sie nicht mehr zu den Armen und Leidtragenden, denen Christus selbst das Himmelreich verheißen; hier gehörte sie zu jenen Reichen, die kein Heil zu erwarten hatten im Jenseits. Beklommenen Herzens schob sie die Pfirsiche von sich und schloß die Augen, um all diese vergängliche Herrlichkeit und das sündliche Heidenwerk, woran sich ihre Sinne geweidet, nicht mehr zu sehen. Sie wollte elend bleiben hienieden, um mit den Eltern vereint zu werden auf ewig. Sie glaubte nicht nur, es war ihr Gewißheit, daß ihr Vater und ihre Mutter im Himmel weilten, und oftmals hatte es sie gedrängt, um den Tod und die Wiedervereinigung mit ihnen zu beten; aber sie durfte ja noch nicht sterben, denn ihr Brüderchen hatte sie nöthig. An guter leiblicher Pflege fehlte es dem Kinde nicht bei den freundlichen Menschen, in deren Dienst sie stand, aber ohne das Kind wollte sie nicht vor den Eltern erscheinen, und es war für ewig verloren, wenn sie seine junge Seele den Feinden ihres Glaubens preisgab. Das Herz that ihr weh, so oft sie bedachte, daß Karnis, welcher gewiß nicht zu den bösen Menschen gehörte und den sie als Meister in der Kunst, die sie liebte, verehren mußte, daß die immer sorgende, gütige Herse, daß die fröhliche Dada, ja, daß auch Orpheus dem ewigen Verderben erlesen sein sollten. Um diesen zu retten, hätte sie viele Freuden des Paradieses hingeben mögen. Sie sah wohl, daß er an der Abgötterei nicht weniger fest hing als seine Eltern, und doch betete sie täglich für die Rettung seiner Seele, und sie hörte nicht auf zu hoffen, daß ein Wunder geschehen, daß er seinen Tag von Damaskus erleben und sich zu Christus bekennen werde. Es war ihr so wohl in seiner Nähe, und nie fühlte sie sich glücklicher, als wenn es ihr vergönnt war, mit ihm zusammen oder zu seinem kunstvollen Lautenspiele zu singen. Wenn es ihr einmal gelang, sich selbst zu vergessen und alles Höchste und Beste, was sich in ihrem Herzen regte, in ihre volle und schöne Stimme zu legen, dann gab er, dessen Ohr nicht weniger fein war als das seines Vaters, ihr seinen Beifall zu erkennen, und in solchen Augenblicken liebte sie das Leben und fand es schön. In der Musik besaß sie ein Band, welches sie mit Orpheus vereinte, und wenn ihre Seele erregt war, konnte sie in Tönen empfinden und denken. Gesang war für sie die Sprache des Herzens, und sie hatte erfahren, daß auch Heiden sie reden konnten und sie verstanden. Selbst ihr himmlischer Vater mußte Freude haben an einer Stimme wie Gorgo's. Diese war eine Heidin, und doch hatte in ihrem Gesange Alles gelegen, was sie selber empfand, wenn sich ihr Herz zu brünstigem Gebete erhob. Der Christ – war ihr oft gesagt worden – dürfe mit den Götzendienern nichts theilen, aber Gott selbst hatte sie in die Hand des Karnis gegeben, die Kirche gebot dem Diener, dem Herrn zu gehorchen; und der Gesang kam ihr vor wie eine besondere Sprache, welche Gott allen belebten Wesen, ja auch den Vögeln schenkt, um mit ihm zu reden, und so freute sie sich ohne Bedenken, daß es ihr bald vergönnt sein sollte, die eigene Stimme mit der des heidnischen Mädchens zu mischen. Viertes Kapitel. Kurz nachdem der Kaufherr und Philosoph sich entfernt hatten, kam Frau Herse mit Dada zurück. Dem jungen Mädchen stand Gorgo's blaues Spangengewand, welches Damia ihr gesandt hatte, vortrefflich, aber ihr Athem ging schnell und ihre Locken waren ganz in Unordnung gerathen. Auch Herse sah erregt aus, ihre Wangen glühten, und sie zog den kleinen Papias, welchen sie an der Hand hielt, unsanft hinter sich her. Dada fühlte sich befangen; weniger wegen der kostbaren Dinge, welche sie hier umgaben, als weil ihre Pflegemutter ihr vorgeschrieben hatte, sich bei ihren Gastfreunden höflich und gemessen zu benehmen; und sie kam sich dann auch ganz sonderbar vor, als sie sich nach Herse's Weisung tief vor der Greisin verneigte; aber dieser schien die verlegene und doch anmuthige Art, mit der sie ihre Aufgabe löste, wohl zu gefallen, denn sie streckte ihr die Hand, welche sie sonst nur ganz Nahestehenden reichte, entgegen, forderte sie auf, sich zu bücken, gab ihr einen Kuß und sagte freundlich: »Du bist ein braves Ding! Treu zu den Seinen halten, das lieben die Götter, und es belohnt sich auch unter den Menschen.« Da folgte Dada einem glücklichen Triebe, warf sich vor der Greisin nieder, küßte ihr beide Hände und blieb, in sich zusammengekauert, zu ihren Füßen sitzen. Gorgo, der die Erregung Herse's nicht entgangen war, fragte, was ihr begegnet sei, und erfuhr, daß Mönche sie auf der Straße verfolgt, einem Sklaven Dada's Leier aus der Hand und dem Mädchen den Kranz vom Haupte gerissen hätten. Die Greisin bebte vor Zorn bei dieser Mittheilung, schmähte die wüthenden Horden, durch welche Alexandria, die edle Lieblingsstätte der Musen, entehrt und entweiht werde, und kam dann wieder auf die Rettung der Sängerfamilie durch den Sohn der Maria zu sprechen. »Der Marcus,« sagte sie, »soll ja ein Ausbund von Enthaltsamkeit sein. Er tummelt mit den jungen Sündern im Hippodrom seine Rosse, und doch – ein Wunder wär's, wenn es wahr ist – und doch flieht er die Weiber, als ob er schon ein Heiliger wäre. Seine Mutter will ihn gern dazu machen; aber er, holdselige Aphrodite, er ist der Sohn meines schönen Apelles, und der, würde der von Rom bis Alexandria in diese blauen Augen geschaut haben, er hätte sich gerne gefangen gegeben, aber – so wahr ich noch den Herbst zu erleben hoffe – er hätte auch gefangen genommen. Wie roth Du wirst, Mädchen! Am Ende ist der Marcus doch auch wie die Anderen. Halte die Augen offen, Frau Herse!« »Daran soll es nicht fehlen!« rief die Matrone. »Und leider wird es auch noth thun. Der junge Herr, wie ist er auf dem Schiffe so bescheiden gewesen, und nun benimmt er sich so! Während wir fort waren, ist er wie ein Marder in die Herberge seiner leiblichen Mutter geschlichen und hat – ist es nicht schändlich? – und hat mit den Schlüsseln, welche ihm zur Verfügung stehen, unser Zimmer geöffnet und dem Mädchen – es ist das Kind meiner leiblichen Schwester – den Antrag gestellt, mit ihm zu entfliehen, uns zu verlassen und ihm zu folgen; er wird am besten selber wissen, wohin.« Da fiel die Greisin der empörten Matrone mit einem häßlichen Lachen in's Wort, stieß den Stab auf den Boden und rief: »Meiner allerheiligsten Schwiegertochter Maria heiliger Sohn! Solches Wunder erlebt man nicht täglich! Her, hieher, Dada! Nimm diesen Ring; es hat ihn Eine getragen, die auch einmal jung war und viel umworben. Näher, noch näher, mein Liebling!« Dada wandte den Lockenkopf mit neugierigen Augen der Alten zu, und diese zog ihn nahe zu sich heran und flüsterte ihr leise und doch dringlich in's Ohr: »Verdrehe mir dem Milchbart den Kopf, mach' ihn so toll und närrisch verliebt, daß er nicht weiß, wohin sich wenden vor zärtlicher Pein. Du kannst es, und ich – nein, ich verspreche Dir nichts; aber wenn die Stadt sich erzählt, daß der Sohn der Maria mit Seufzen und Stöhnen Nacht für Nacht an die Läden der hübschen Dada, der Heidin, der Sängerin schlägt, und wenn er Dich am hellen Tage auf dem eigenen Wagen spazieren und durch die kanopische Straße am Hause seiner Mutter vorbeifährt, dann, dann, Kindchen, wünsche von mir, was Du willst, und die alte Damia versagt es Dir nicht!« Dann erhob sie das Haupt und rief den Anderen zu: »Auf den Nachmittag, Freunde, sucht eure Herberge auf und macht's euch bequem. Geh mit ihnen, Dada. Später schaffen wir euch ein hübsches Quartier in der Stadt. Komm manchmal zu mir, mein Täubchen, und erzähle mir hübsche Geschichten. Wenn die Arbeit nicht drängt, empfang' ich Dich immer, denn Du und ich, wir haben ein Geheimniß zusammen.« Das Mädchen erhob sich und schaute die Greisin ängstlich an, doch diese winkte ihr zu, als sei Alles zwischen ihnen im Reinen, und reichte ihr wieder die Hand; aber Dada mochte sie diesmal nicht küssen und folgte den Ihren nachdenklicher als sonst. Gorgo ahnte, was Damia mit dem Mädchen verhandelt, und sobald die Sänger das Zimmer verlassen, näherte sie sich der Greisin und sagte mit leisem Vorwurf: »Es wird der blonden Dirne ja leicht werden, den Marcus zu allerlei Thorheiten zu bringen; was mich betrifft, so kenn' ich ihn kaum: aber warum soll er büßen, was seine Mutter an Dir gefehlt hat? Was kann er dafür –« »Nichts kann er dafür,« unterbrach die Greisin ihre Enkelin mit abweisender Herbheit. »Er kann ebensowenig für seine Mutter, als Du dafür kannst, daß Du erst zwanzig Jahre alt bist und schweigen mußt, bis Du gefragt wirst.« An Bord des Schiffes, welches bei der Werft neben dem Grundstücke des Porphyrius vor Anker lag, hatte sich die Sängerfamilie zusammengefunden. Orpheus war Zeuge der Unruhen gewesen, welche die Stadt von einem Ende zum andern durchtobten, und ein wüstes Geheul, das sich aus der Ferne vernehmen ließ, bestätigte seine Mittheilungen über dieselben; aber der Spiegel des Sees ruhte in stiller, ungetrübter Bläue, auf der Werft arbeiteten die Sklaven wie in ruhigen Tagen und Turteltauben flogen girrend von Palme zu Palme. Auch in der schwimmenden Herberge der Sängerfamilie merkte man nichts von unruhigen Zeiten. Der Hausmeister hatte für Alles gesorgt. Es gab in dem geräumigen Fahrzeuge Kammern und Betten im Überfluß, der weite Kajütensaal bot einen behaglichen Wohnraum und aus der kleinen Küche an der Spitze des Schiffes drang Bratengeruch und Pfannengerassel. »Hier läßt es sich leben,« sagte Karnis, indem er sich auf einem Polster wohlig dehnte, »und diese Lager passen durchaus für unsere erlauchten Personen. Laßt euch nieder, ihr Weibchen, macht's euch bequem! Wir sind hier vornehme Leute, und schon um den Sklaven ihren Dienst zu versüßen, müssen wir thun, als wüßten wir gar nicht, daß es Leute giebt, die sich im Kreise hockend aus einer irdenen Schüssel die Brocken fischen. Genießet, genießet die Gaben des heutigen Tages! Wer weiß, wie lange die Herrlichkeit dauert! Ach, Weib, wie das an frühere Zeiten erinnert! Schön ist es freilich, so bei einander zu lagern und vom eigenen Tischchen leckere Bissen, die hinter unserem Rücken entstanden sind, zum Munde zu führen! Und Du, meine Alte, Du hast so lange für uns gesorgt und geschafft, daß es Dir zukommt, auch einmal Andere für Dich in Bewegung zu setzen!« Bald standen Tischchen mit trefflichen Speisen vor jedem Lager, der Hausmeister mischte in einem schönen Gefäße guten mareotischen Wein mit klarem Wasser, Orpheus machte den Schenken und Karnis würzte das reichliche Mahl mit fröhlichen Scherzen und munteren Geschichten aus seiner Jugend, an die er durch die Begegnung mit seinem alten Studiengenossen Olympius erinnert worden war. Dada fiel ihm oft in die Rede und lachte lauter und ausgelassener als sonst. Sie war wie im Fieber, und Herse bemerkte dies wohl. Die Matrone fühlte sich nicht frei von Besorgniß. Gerade weil ihr Gatte sich immer und überall dem, was der Augenblick bot, mit ganzer Seele hingab, ließ sie ihn das Gute voll ausgenießen und blickte an seiner Stelle über die Gegenwart hinaus in die Zukunft. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, was in Alexandria vorging, und fühlte, daß sie zu unrechter Zeit dorthin gekommen. Prallten Heiden und Christen in blutigem Kampf aufeinander, so griff Karnis, zumal er in seinem Jugendfreunde Olympius den Führer seiner Partei wiedergefunden, sicher zum Schwerte. Siegte die Sache der Christen, so gab es für sie, die sich offen auf die Seite der alten Götter gestellt hatten, keine Gnade. Gorgo's Verlangen, Agne im Isistempel singen zu lassen, erfüllte sie mit besonderer Besorgniß; denn kam es dazu, so konnten sie leicht der Verführung einer Christin zu heidnischen Diensten angeklagt und zu schweren Strafen verurtheilt werden. Gestern war ihr das Alles ganz anders vorgekommen, denn sie hatte an das alte, heitere Alexandria gedacht, wie es ihr aus ihrer Jugend bekannt war; aber welche Veränderung war seit über dreißig Jahren hier vor sich gegangen! Die Kirche hatte den Tempel, der Mönch den Opferpriester in den Schatten gedrängt. Karnis und die Seinen waren ja keine Musikanten von gewöhnlichem Schlage, aber das Gesetz gegen die Sängerinnen konnte auch ihnen gefährlich werden, und nun stellte, um das Unglück voll zu machen, ein junger Christ ihrer hübschen Nichte nach! Welche Drangsale konnten über sie heraufbeschworen werden, wenn die mächtige Mutter des Marcus von der Verirrung ihres Sohnes Kenntniß erhielt! – Herse hatte längst bemerkt, wie wunderlich das thörichte Kind mit den Männern – alten und jungen – verfuhr. Sagte ihr einer der Bewerber, an denen es ihr niemals fehlte, zu, so konnte sie sich selbst vergessen und ein ausgelassenes Spiel mit ihm treiben; aber sobald sie empfand, daß sie zu weit gegangen sei und sich etwas vergeben habe, ließ sie das Mißbehagen über ihr eigenes Wesen den Bevorzugten entgelten, zog sich von ihm zurück und begegnete ihm, wenn sie ihm nicht ausweichen konnte, mit abweisender, bis zur Unart gesteigerter Kälte. Mit Tadel und Warnungen war Herse nicht sparsam, aber Dada machte ihren Verweisen gegenüber geltend, daß sie sich doch nicht anders geben könne, wie sie nun einmal sei, und Herse hatte bei den närrischen Einwänden des Mädchens, welche es so gut kleideten, nie streng und ernst zu bleiben vermocht. Auch heute konnte die Matrone schwer mit sich in's Reine kommen, ob es gerathener sei, Dada vor dem jungen Marcus zu warnen und ihr zu gebieten, ihn bei jeder neuen Annäherung zurückzuweisen, oder das Vorgefallene auf sich beruhen zu lassen. Sie wußte, wie leicht das Unbedeutende sich groß macht, wenn man es zum Bedeutenden stempelt. Darum hatte sie das Mädchen auch nur leichthin gefragt, was es mit dem Geheimniß der alten Damia auf sich habe, und sich mit Dada's ausweichender Antwort begnügt; aber sie ahnte das Rechte und war entschlossen, es an Wachsamkeit nicht fehlen zu lassen. Einstweilen wollte sie den Dingen ihren Lauf lassen und Marcus nicht weiter erwähnen, aber ihr Gatte machte ihr Vorhaben zunichte, indem er mit der ganzen Heiterkeit eines glücklichen Mannes, der ein gutes Mahl genossen, Dada zurief, sie solle mittheilen, wie es sich mit dem Überfall des jungen Christen verhalten. Diese weigerte sich erst ein wenig, aber bald riß sie die gute Laune des Alten mit fort, und sie erzählte: »Da saß ich mit dem armen Buben allein, wie – ich weiß nicht recht wie – den Vergleich sucht euch selber! Zu meinem Trost steckte der Schlüssel innen im Schloß, aber ich ängstigte mich doch, denn die Mönche fingen an auf dem Hofe zu singen. Wenn die eine Stimme nach links ging, ging die andere nach rechts. Habt ihr einmal Betrunkene Arm in Arm hinschwanken und einander bald hierhin, bald dorthin zerren sehen? Lacht nicht! Bei allen neun Musen, so ist es gewesen! Dabei bekam es Papias mit der Langeweile zu thun und fragte fort und fort, wo Agne bleibe – und weinte zuletzt. Als ich ihn fragte, warum? sagte er, er hab' es wieder vergessen. Geduldig, wie ich nun einmal bin – das müßt ihr mir lassen – that ich ihm nicht das Geringste, wie er aber durchaus ein Spielzeug haben wollte, zog ich den Schlüssel heraus, denn es war nichts anderes Unzerbrechliches da, gab ihn dem Jungen und bat ihn, mir ein Lied darauf vorzublasen. Das that er denn gern, und es klang wunderhübsch. Inzwischen nahm ich mein verbranntes Gewand vor und erschrak über die Größe der Löcher; aber ich kam auf den Einfall, das Kleid zu wenden, weil ja andere Flecke unsichtbar werden, wenn man das thut.« »Das erfindest Du jetzt,« lachte Orpheus. »Wir kennen Dich! Wenn Du Dir nur eine Dummheit nachsagen kannst . . .« »Nein, wirklich,« rief Dada, »'s ist mir solch ein Gedanke durch den Kopf geflogen wie eine Schwalbe durch's Zimmer; aber ich merkte dann bald, daß Brandlöcher durchsichtig sind. So warf ich denn das Gewand als unheilbar beiseite und stellte mich auf den Schemel, um durch das Loch neben der Thür auf den Hof zu sehen, denn der Gesang war zu Ende und die Stille fing an mir unheimlich zu werden. Papias flötete auch nicht mehr und hatte sich in die Ecke gesetzt, wo Orpheus den Brief nach Tauromenium geschrieben.« »Da stand die Tinte,« rief dieser, »welche der Herbergsvater uns gestern geliehen.« »Ganz recht, und als die Mutter zurückkam, saß mein Papias da und tauchte den Finger in das Faß und betupfte sein weißes Kleidchen; ihr könnt euch das schöne Muster nachher betrachten. – Aber unterbrecht mich nicht wieder! Ich schaute also hinaus auf den Hof. Er war leer; die Mönche hatten ihn alle verlassen. Da erschien ein schlanker junger Herr in einem weißen Gewande mit zierlichen himmelblauen Borten in dem großen Thore. Der alte Pförtner kroch ihm demüthig nach, so weit es der Strick erlaubte, mit dem er am Pfosten hängt, und der Herbergsvater drückte sich, während er mit ihm sprach, beide Hände auf die Brust, als hätte er nicht nur links, sondern auch rechts ein treu ergebenes Herz. Der junge Mann – es war natürlich unser Wohlthäter Marcus – ging zuerst im Zickzack, wie die Schnepfen fliegen, über den Hof und kam dann auf unsere Thür zu. Von dem Pförtner und Herbergsvater war nichts mehr zu sehen. Erinnert ihr euch noch der kleinen Gothen, die ihr Vater vorigen Winter, als es so kalt war, in der Tiber baden ließ? Erst gingen sie nah an den Fluß und ließen sich die Zehen benetzen, dann liefen sie fort, um bald wiederzukommen und sich Stirn und Brust zu befeuchten. Aber sie thaten doch den Sprung in die Kälte, nachdem ihnen ihr Vater – ich sehe den ungeschlachten Gesellen noch vor mir – irgend ein barbarisches Wort zugerufen hatte. Der Marcus machte es zuerst gerade wie die Buben; plötzlich aber schoß er auf unsere Thür zu und klopfte.« »Er hat an Dein liebliches Antlitz gedacht,« lachte Karnis. »Mag sein! Ich aber, ich regte mich nicht, stand mäuschenstill auf meinem Schemel und beobachtete ihn weiter durch die Öffnung, bis er erst einmal und dann noch einmal fragte: ›Ist Niemand drinnen?‹ Da hielt ich nicht länger an mich und gab zur Antwort: ›Alle sind aus!‹ Nun war ich verrathen. Wer kann auch gleich Alles bedenken. Ja, lacht nur! Auch über sein hübsches Gesicht flog ein Lächeln, und dann forderte er mich dringend auf, ihm zu öffnen, denn er habe Wichtiges mit mir zu reden. Ich sagte, wir könnten uns auch durch die Öffnung verständigen; Pyramus und Thisbe hätten sich sogar durch eine Mauerspalte geküßt. Er aber ging nicht ein auf den Spaß, sondern ward immer ernster und bestand auf seiner Bitte, denn von dieser Stunde hänge viel ab für ihn und für mich, und was er mir zu sagen habe, das dürfe kein Anderer hören. Zum Flüstern lag die Öffnung zu hoch, und so blieb mir nichts übrig, als den Schlüssel von Papias zu fordern; aber der wußte nichts mehr von ihm. Später frug ich den Buben nach der Flöte, und da bracht' er ihn gleich. Kurz, der Schlüssel war fort. Das rief ich dem Marcus zu, und nun rang er die Hände; aber nur kurze Zeit, denn der Herbergsvater, der sich hinter einen Pfeiler versteckt und gelauscht haben mußte, stand plötzlich wie vom Himmel gefallen neben seinem jungen Herrn, lös'te einen Schlüssel vom Gürtel, sperrte die Thür weit auf und war wieder verschwunden, als hätte ihn der Boden verschluckt. »Nun standen Marcus und ich einander gegenüber. Er war wie verstört; ich glaube wahrhaftig, der arme Schelm hat gezittert, und ich, ich fühlte mich auch nicht sehr sicher; aber ich brachte doch die Frage heraus, was er begehre. Da nahm er sich zusammen und versetzte: ›ich möchte . . .‹ »›Du möchtest . . .‹ half ich ihm ein. »Und so wär' es wohl fortgegangen: ›Er möchte,‹ ›wir möchten . . .‹ wie bei den Schulbuben in unserem Hofe zu Rom, wenn der Lehrmeister ihnen ihre griechische Lektion abhörte; aber Papias kam ihm zu Hülfe, denn er sprang ihm entgegen und ließ sich von ihm hoch heben wie auf dem Schiffe. Marcus that ihm den Willen, und dann überfiel er mich plötzlich mit einem Redefluß, bei dem mir ganz angst ward. Erst gab er mir so wunderschöne Dinge zu hören, daß ich dachte, nun würde eine Liebeserklärung kommen, und mich schon besann, ob ich ihn auslachen oder ihm um den Hals fallen solle, denn ein lieber, schöner Junge ist er ganz sicher, und wenn ihr es wissen wollt: ihm würd' ich recht gern etwas gewähren. Aber er forderte gar nichts, und von mir – gieb Acht, Vater Karnis – von mir, die der gute Vater im Himmel mit seinen holdesten Gaben geschmückt haben soll, ging er auf Dich über, Dich alten, bösen, verstockten, nichtswürdigen Heiden.« »Ich werde ihn!« rief der Sänger und erhob munter die Faust. »Höre nur weiter,« fuhr Dada fort. »Er hatte auch Mancherlei an Dir und der Mutter zu loben; aber weißt Du, was er euch vorwirft? Ihr sollt meine Psyche, meine Seele gefährden, meine unsterbliche Seele. Als ob ihr mir je von einer andern Psyche gesprochen, als dem Liebchen des Eros?« »Das verhält sich doch anders,« fiel ihr Karnis ernster in's Wort. »Bei so manchem Liede hab' ich Dich aufgefordert, die Seele zu höherem Flug zu erheben. Du hast singen gelernt, und für die Seele des Weibes giebt es keine bessere Schule als Musik und Gesang. Wenn der Naseweis – mein Enkel könnte er sein – Dir wieder mit solchen Thorheiten kommt, dann lass' ich ihm sagen –« »Nichts läßt Du ihm sagen,« rief Herse, »denn wir haben nichts und gar nichts mehr mit dem Christianer zu thun. Du bist meiner leiblichen Schwester Kind, und ich wünsche, hörst Du, ich fordere, daß Du ihm den Weg weisest, wenn er es je wieder versucht, sich Dir zu nähern!« »Wer soll uns hier finden?« fragte Dada. »Und was ihr ihm unterlegt, das beabsichtigt er gar nicht. Auf das, was er meine Seele nennt, nicht auf mich selbst, kommt es ihm an, und er wollte mich auch gar nicht in sein Haus, sondern zu einem Andern führen, der ein Arzt werden solle für meine Seele. Ich lache ja gern, aber was er da vorbrachte, war Alles so dringlich und feierlich und wunderlich ernst und geschraubt, daß der Spaß mir verging. Ich wurde zuletzt so wüthend bei dem Gerede, wie Keiner von euch mich jemals gesehen hat, und das brachte ihn außer sich und zum Rasen. Du bist ja selbst dazu gekommen, Mutter, wie der vornehme Herr vor mir auf den Knieen lag und mich beschwor, euch zu verlassen.« »Und dafür hat er von mir zu hören bekommen,« versetzte Herse mit derber Selbstgefälligkeit, »was ich von ihm halte. Er spricht von der Seele, und was er begehrt, ist das Mädchen. Ich kenne meine Christianer und sehe voraus, wie es kommt. Um sein Ziel zu erreichen, bedient er sich des Gesetzes – ihr wißt ja – und dann wirst Du von uns getrennt, in eine Rettungsanstalt, ein Kloster, oder wie diese traurigen Kerker sonst heißen, gesteckt und bekommst da von Deiner Seele mehr zu erfahren, als Dir lieb sein wird. Mit Lachen, Gesang und Freude ist's dann vorbei. So steht es, und wenn Du klug bist, hältst Du Dich vor ihm verborgen, bis wir Alexandria verlassen, und das wird bald geschehen, wenn Du Vernunft annimmst, Karnis.« Diese Worte hatten so ernst und überzeugend geklungen, daß Dada die Augen besorgt niederschlug und Karnis sich nachdenklich vom Lager erhob. Aber es wurde ihm keine Zeit zu weiterer Überlegung gelassen, denn der Hausmeister erschien und forderte ihn auf, sogleich mit seinem Sohn und Agne zu Gorgo zu kommen, um »die Klage der Isis« mit ihr einzustudiren. An Herse und Dada war die Einladung nicht mitergangen, und so blieben diese auf dem Schiffe zurück. Die Matrone hatte in den unteren Räumen Mancherlei zu thun, Dada begab sich auf das Deck und blickte den Anderen nach. Dann schaute sie der Arbeit der Schiffsbauer zu und ließ die Kinder, welche am Ufer spielten, Früchte und Zuckerwerk, die Reste des Nachtisches, fangen. Dabei dachte sie an die wunderlichen Reden des Marcus, an das, was die alte Damia von ihr verlangt hatte, und Herse's Warnung. Anfänglich wollte ihr dieselbe begründet erscheinen, bald aber gewann sie die alte Zuversicht wieder, denn der junge Christ konnte nichts Böses mit ihr vorhaben, und daß er sie in jedem Verstecke zu finden wissen werde, stand bei ihr ebenso fest, als daß er nicht ihre Seele – denn was konnte dies luftige Nichts einem Liebhaber frommen? – sondern ihre hübsche, viel umworbene Person zu gewinnen begehre. Mit welcher Wärme hatte er ihre eigene Anmuth geschildert, wie willig hatte er bekannt, daß er ihr Bildniß wachend, im Schlaf und Traum vor sich sehe, und nicht von ihr lassen wolle und könne, ja, daß er sein Leben hinzugeben bereit sei, um ihre Seele zu retten. So redete nur ein Verliebter, und von einem solchen ließ sich viel, ja Alles erreichen. Auf dem Wege aus dem Xenodochium zum Hause des Porphyrius hatte sie ihn auf seinem Wagen gesehen und sich an den wunderschönen Rossen gefreut, die er kräftig und anmuthvoll lenkte. Er war kaum drei Jahre älter als sie – und sie zählte deren achtzehn, aber trotz seiner Jugend und Schüchternheit konnte man ihn nicht unmännlich nennen, und dazu besaß er etwas Besonderes, das sie anzog, mit Zutrauen erfüllte und sie zwang, immerfort an ihn zu denken und sich zu fragen, was es wohl sei. Der alten Damia Forderung beunruhigte sie, und ohne dieselbe würde es ihr noch weit reizvoller erschienen sein, sich von ihm lieben, auf Händen tragen und durch die kanopische Straße fahren zu lassen. Es kam ihr ganz unmöglich vor, daß zwischen ihm und ihr Alles vorbei sein solle, und während sie immerfort an ihn dachte und dabei den zimmernden Sklaven bisweilen einen Blick zuwarf, stieß ein Boot dicht bei ihrem Schiffe an's Land und aus demselben sprang ein Führer der kaiserlichen Panzerreiter an's Ufer. Ein schöner Mann! Wie streng und edel geformt war das gebräunte Gesicht, wie leicht lockte sich der rabenschwarze Vollbart und das Haupthaar, welches aus dem goldenen Helme hervorquoll. Der dolchartige Degen an seiner Seite war der eines Tribunen oder eines Präfekten der Reiterei, und welchen tapferen Thaten mochte dieser Krieger im glänzenden Schuppenpanzer, welcher keinem Patriziergeschlechte angehörte, es danken, daß er trotz seiner Jugend schon zu einem so hohen Posten gelangt war? Jetzt stand er am Ufer, schaute sich um, sein Blick begegnete dem ihren und sie fühlte, daß sie erröthe: er aber schien überrascht von ihrem Anblick, grüßte sie ehrfurchtsvoll in soldatischer Weise und schritt dann dem großen Schiffskörper zu, an dessen kühn gebogenen, unbekleideten Rippen einige Werkführer Maßstäbe und Meßschnüre anlegten. Hier stand ein alter Mann von würdigem Aussehen, in dem sie schon früher den Leiter der Werft erkannt hatte. Auf diesen eilte der Krieger zu. Sie hörte ihn »Vater!« rufen, und gleich darauf sah sie, wie sich die Arme des Graubarts öffneten und der Offizier ihm mit inniger Freude an die Brust flog. Dada verwandte keinen Blick von den Beiden, bis sie Arm in Arm und in zärtlichem Gespräch in einem großen Hause im äußersten Hintergrunde der Werft verschwanden. »Ein schöner Mann!« wiederholte Dada, und während sie auf seine Wiederkehr wartete, schaute sie doch auch auf den Weg, welcher ihr Marcus zuführen konnte. In ihrem Müßiggang begann sie Beide zu vergleichen. Zu Rom waren viele stattliche Soldaten zu sehen gewesen, und der Schiffsbauersohn hatte am Ende wenig vor diesen voraus; aber ein Jüngling wie Marcus war ihr noch nirgends begegnet, und es gab auch kaum seinesgleichen. Der Panzerreiter war ein schöner Baum unter anderen prächtigen Bäumen, aber Marcus hatte etwas ganz Eigenes an sich, und während sie wiederum überlegte, was ihn denn vor den Anderen auszeichne, was ihn eigentlich so ganz besonders liebenswerth mache, stellte sich sein Bild so lebhaft vor ihr inneres Auge, daß sie darüber den schönen Offizier und die Schiffsbauer und alles Andere vergaß. Fünftes Kapitel. Karnis und seine beiden Begleiter blieben lange aus. Die Lust, auf den Panzerreiter zu warten, war Dada bald vergangen, und nachdem sie eine Zeitlang mit dem kleinen Papias wie mit einem Hündchen gespielt hatte, begann sie sich zu langweilen und es auf dem stillen Schiffe unerträglich zu finden. Als dann die Sonne sich zum Untergange neigte und die Anderen endlich wiederkamen, erinnerte sie Karnis an sein Versprechen, sie in Alexandria umherzuführen, aber Herse gebot ihr, sich bis zum nächsten Tage zu gedulden. Da brach Dada, die heute empfindlicher und reizbarer war als sonst, in Thränen aus, warf den Spinnrocken, welchen ihre Pflegemutter ihr reichte, in den See und versicherte schluchzend, sie sei keine Sklavin, und sie werde davonlaufen und Vergnügen suchen, wo sie es finde. Dabei benahm sie sich so ungeberdig, daß Herse die Geduld verlor und sie heftig zurechtwies. Dann sprang sie auf, warf ein Tuch um und wollte über den Steg auf's Land fliehen; aber es gelang Karnis, sie zurückzuhalten, und nachdem er ihr zugerufen hatte: »Kind, Kind, siehst Du denn nicht, wie müde ich bin?« nahm sie sogleich Vernunft an und versuchte es, ihn heiter anzuschauen; aber das wollte den feuchten Augen nicht recht gelingen, und als sie sich endlich in einen Winkel zurückgezogen hatte, um still vor sich hin zu weinen, wurde dem Alten das Herz weich, und er hätte ihr am liebsten gute Worte gegeben und ihr die Locken gestreichelt; aber er bezwang sich, raunte seiner Frau einige Worte zu und erklärte sich dann bereit, Dada durch die kanopische Straße in das Bruchium zu führen. Da lachte das Mädchen fröhlich auf, fuhr sich mit der Hand über die nassen Augen, fiel dem Sänger um den Hals, küßte ihm die rauhe Wange und rief: »Du bist doch der Beste von Allen! Mach' schnell, und wir nehmen die Agne mit; sie soll auch etwas sehen!« Aber die junge Christin zog es vor, auf dem Schiff zu bleiben, und so machte sich denn Karnis mit Dada auf den Weg. Orpheus folgte ihnen, denn wenn es den Truppen auch gelungen war, den Tumult zu beschwichtigen, sah es in der Stadt doch noch unruhig genug aus. Verschleiert und ohne auffälligen Putz – dafür hatte Herse gesorgt – wanderte das Mädchen am Arme des Alten durch die Straßen, ließ sich Alles, was ihnen begegnete, von ihm erklären, und war dabei so wohlgelaunt und voll von närrischen Einfällen, daß Karnis seine Müdigkeit bald vergaß und sich dem Vergnügen hingab, ihr so viele ihm bekannte und ihr neue Merkwürdigkeiten zu zeigen. In der kanopischen Straße gerieth Dada außer sich vor Vergnügen. Da reihte sich ein palastartiges Bauwerk an das andere. Neben den Häuserreihen liefen verdeckte Säulenreihen hin, ein breiter, von Sykomoren beschatteter Fußweg theilte den Damm in zwei Theile, und auf jeder Seite der schönen Allee, in der es von Menschen wimmelte, fuhren prächtig bespannte Wagen auf und nieder, tummelten sich Reiter, gab es auf Schritt und Tritt etwas Neues, Auffallendes zu sehen. Einer großartigeren Straße hatte sich selbst Rom nicht zu rühmen, und Dada gab ihrem Wohlgefallen lauten Ausdruck, aber Karnis stimmte nicht in dasselbe ein; denn es empörte ihn, daß die Christen den Brunnen inmitten des Fußweges, einen ehrwürdigen Nilgott, auf dem reizende Kindergestalten fröhlich umherkletternd erschienen, entfernt und daß sie die Hermen zur Seite der Fahrstraßen theils umgestürzt, theils verstümmelt hatten. Orpheus theilte seinen Unwillen, und dieser erreichte den Gipfel, als sie auf den Postamenten zu beiden Seiten der hohen Eingangspforte eines besonders stattlichen Hauses an Stelle der Demeter und der Pallas Athene des Antiphilus, welche die schönste Zierde der Straße gewesen waren und von denen der alte Sänger seinem Sohne erzählt hatte, zwei roh gearbeitete Lämmer mit schweren Kreuzen auf den Rücken stehen sahen. »Wie Ratten, die man mit einem Fallsteine erwischt hat!« rief der Alte. »Und was das Schmählichste ist, ich möchte wetten, daß sie die edlen Zierden der Stadt zerschlagen und in den Schutt geworfen haben. Zu meiner Zeit gehörte dies Haus dem reichen Philippus. Wart' einmal! Ob er nicht gar der Vater unseres Gastfreundes war, denn dieser . . .« »Der Hausmeister,« versicherte Orpheus, »hat Porphyrius den Sohn des Philippus genannt.« »Und Philippus ist ein Kornhändler wie Porphyrius gewesen,« fügte Karnis hinzu. »Die Demeter sollte auf den Getraidesegen weisen, dem dies Haus seinen Reichthum verdankte, die Pallas Athene auf die Wissenschaft, welche von seinen Besitzern gepflegt ward. Als ich dort studirte, gehörte in Alexandria jeder Besitzende zu einer philosophischen Schule. Der Geldsack that es hier nicht allein. Heide und Jude, mochte er Kaufherr sein oder nur die Zinsen des väterlichen Erbes verzehren, mußte auch über andere Dinge zu reden verstehen, als über den Preis der Waaren und die kommenden und gehenden Schiffe.« Während dieses Gesprächs hatte Dada den Arm ihres Führers losgelassen und den Schleier mit der Hand gelüftet, denn zwei Männer waren zwischen den Lämmern, welche den Zorn des Karnis erregt hatten, hindurchgeschritten, und derjenige von ihnen, welcher nun den Klopfer auf das Hausthor fallen ließ, war der Sohn der Maria. »Sieh, Vater, da ist er!« rief Dada, während die Pforte sich öffnete, weit lauter, als es nothwendig gewesen wäre, um von ihrem Führer verstanden zu werden, und auch der Sänger erkannte Marcus, wandte sich seinem Sohne zu und sagte: »Nun sind wir im Reinen! Porphyrius und der Vater des jungen Christen sind Brüder. Philippus hat sein Haus in der kanopischen Straße dem Letzteren, er wird wohl der Ältere von Beiden gewesen sein, vererbt, und nun gehört es seiner Wittwe, unserer Herbergswirthin Maria. Eins muß man Dir lassen, Kind, Du weißt Dir Anbeter aus gutem Hause zu wählen.« »Das will ich meinen,« lachte das Mädchen. »Aber dafür sind sie auch stolz! Keinen armseligen Blick hat der große Herr für uns übrig. Bum! da fällt die Thür schon zu! Laß uns weitergehen, Oheim!« Nachdem der junge Christ den Vorsaal des väterlichen Hauses mit seinem Begleiter betreten hatte, blieb er stehen und sagte im Tone dringender Bitte: »Komm noch einmal mit mir zur Mutter; so darfst Du nicht scheiden.« »Wie denn sonst?« fragte der Andere rauh. »Sie besteht auf ihrem Willen, ich auf dem meinen. Ihr findet für das Erbgut ja wohl einen besseren Verwalter! Morgen früh brech' ich auf! Die Erde soll mich verschlingen, wenn ich unter diesen toll gewordenen Menschen eine Stunde länger bleibe als nöthig. Übrigens ist Maria Deine Mutter, nicht meine.« »Aber sie ist auch Deines Vaters Gattin gewesen,« versetzte Marcus. »Schön,« erwiderte der Andere. »Deßwegen nenne ich Dich auch meinen Bruder. Aber sie, – was sie mir etwa Gutes erwiesen, das habe ich ihr heimgezahlt durch zehnjährige Arbeit. Wir verstehen uns nicht, werden uns niemals verstehen.« »Doch, doch; ich war in der Kirche und habe – nein, lache nicht – und habe den Heiland gebeten, dies Alles zu schlichten, und er . . . Du hast ja die Taufe empfangen und gehörst zu den Seinen.« »Zu meinem Unglück. Ihr bringt mich noch durch diese süße Sanftmuth zum Rasen!« rief der Andere heftig. »Ich stehe auf eigenen, kräftigen Beinen, und diese schwielige Hand führt durch, was der Kopf für das Richtige hält.« »Nein, mein Demetrius, nein! Sieh, Du glaubst an die alten Götter.« »Freilich,« sagte der Andere mit wachsender Ungeduld. »Du sprichst in den Wind, und meine Zeit ist gemessen. Jetzt pack' ich meine Siebensachen, und um Deinetwillen soll es mir auf ein Abschiedswort nicht ankommen, wenn ich Deiner Mutter das Rechnungsbuch bringe. Bei Arsinoë besitz' ich noch Land genug, das mir gehört, mir allein. Ich hab' es satt, mir von einem Weibe meine Sache, die ich verstehe, um und um drehen zu lassen. Auf nachher, kleiner Marcus! Melde mich nur an; in genau einer Stunde bin ich bei Deiner Mutter.« »Demetrius!« rief der Jüngling, und versuchte es noch einmal, den Bruder zurückzuhalten; aber dieser machte sich mit einer kräftigen Bewegung von ihm los und durchschritt rasch den mit Blumen bepflanzten offenen Raum, in dessen Mitte ein Brunnen rauschte und um welchen sich viele Zimmer reihten, zu denen auch die seinen gehörten. Marcus sah dem Stiefbruder traurig nach. Beide dachten und fühlten zu verschieden, um sich je ganz verständigen zu können, und wer sie neben einander gesehen hätte, wäre schwerlich geneigt gewesen, sie für die Söhne des gleichen Vaters zu halten, denn der Eine war das gerade Gegenspiel des Andern. Marcus war schlank und schmächtig, Demetrius dagegen breitschulterig und starkknochig. Nachdem sich Marcus von dem Bruder getrennt hatte, begab er sich in das weite Frauengemach, wo Maria, nachdem sie die Arbeiten der webenden Sklavinnen in den Werkstätten hinter demselben beaufsichtigt hatte, in dieser Stunde zu weilen pflegte. Er fand die Wittwe in lebhaftem Gespräch mit einem geistlichen Herrn von hohem Alter und mildem, würdigem Ansehen. Sie hatte die Vierzig überschritten, durfte aber doch noch für eine schöne Frau gelten. Von ihr hatte der Sohn die schlanke, wenig gerundete Gestalt mit den schmalen Schultern, von ihr die leicht geneigte Haltung, die Feinheit der Züge, die Weiße der Haut und das weiche, wellige, rabenschwarze Haar. Die Ähnlichkeit Beider trat noch auffälliger hervor durch den schlichten goldenen Reifen, welcher ihr Haupt wie seines umgab; ja, man würde hier ein seltenes Naturspiel vor sich gehabt haben, wenn nicht das schwarze Auge der Mutter so gar verschieden von dem des Sohnes gewesen wäre, denn ihr Blick war klug und scharf und bisweilen nicht ohne männische Härte, während der träumerische Schimmer, welcher von dem blauen Auge des Marcus ausging, seinem Antlitz eine beinahe weibliche Anmuth verlieh. Sie mußte mit dem Greise ihr gegenüber ernste Dinge verhandelt haben, denn ihre Wangen waren beim Eintritt des Jünglings leicht geröthet und die feinen, spitzen Finger pochten schnell und leise an die Lehne des Polsters, auf dem sie ruhte. Marcus küßte erst dem geistlichen Herrn, dann ihr die Hand und berichtete, nachdem er sich mit kindlicher Besorgniß nach ihrem Befinden erkundigt hatte, daß Demetrius später komme, um von ihr Abschied zu nehmen. »Wie gnädig!« sagte sie kühl. »Du weißt, ehrwürdiger Vater, was ich verlange und was er verweigert. Die Bauern, immer wieder die Bauern! Kannst Du mir erklären, warum gerade sie, die doch das Walten des Herrn weit unmittelbarer fühlen als wir Städtebewohner, warum sie, deren Wohl und Wehe so sichtlich und greifbar in der Hand des Höchsten liegt, sich gegen das Heil so widerspenstig verhärten?« »Sie hängen am Gewohnten,« versetzte der Greis. »Ihre Saat hat Ernten getragen unter den alten Göttern, und weil sie von unserem Vater im Himmel, den sie nicht zu sehen und zu greifen vermögen wie ihre Götzen, auch nicht mehr als das zehnte oder zwanzigste Korn zu erwarten haben –« »Immer nur das Mein und Dein, die elenden Güter des Staubes!« fiel ihm die Wittwe seufzend in's Wort. »Demetrius wird die Abgötterei seiner Lieblinge warm genug zu vertheidigen wissen. Hast Du Zeit, mein Vater, so bleib und hilf mir ihn widerlegen!« »Ich blieb schon zu lange,« versetzte der Priester, »denn der Bischof fordert mich zu sich. Mit Dir, mein Marcus, möchte ich reden. Sprich morgen früh bei mir vor. Der Herr sei mit euch, ihr Lieben.« Der Priester erhob sich, und als er Maria zum Abschiede die Hand reichte, hielt sie ihn zurück, winkte ihrem Sohn, sich ferner zu halten und sagte leise: »Marcus soll nicht ahnen, daß ich den Irrweg kenne, auf den er gerathen. Red' ihm morgen scharf in's Gewissen. Was gegen die Dirne zu thun ist, nehm' ich selbst in die Hand. Wird es Theophilus gar nicht möglich sein, mir ein Stündchen zu gönnen?« »Jetzt schwerlich,« entgegnete der Greis. »Du weißt, daß Cynegius hier ist, und wie viel von diesen Tagen für den Bischof und unsere Sache abhängt. Wirf diesen Wunsch doch zu den Toten, ich bitte Dich, Tochter, denn wenn Theophilus Dich auch empfängt, so glaub' ich doch und – zürne mir nicht – muß ich auch hoffen, daß er Dir in dieser Angelegenheit nimmermehr nachgiebt.« »Nicht?« fragte die Wittwe und schaute bekümmert zu Boden; aber sobald der geistliche Herr sich entfernt hatte, erhob sie den Blick mit eigenwilligem Trotz. Dann ließ sie sich von ihrem Sohne, mit dem sie schon gestern stundenlang über seine Reise nach Rom geredet hatte, erzählen, was er mit Demetrius gesprochen, wie er seine Rosse gefunden, ob er beim nächsten Wettfahren auf den Sieg hoffen dürfe und was er sonst an diesem Tage getrieben. Dabei entging es ihr nicht, daß Marcus ihr weniger frei Rede stand als sonst und das Gespräch wieder und wieder auf seine Reise und das Xenodochium hinzuleiten versuchte; aber sie schnitt ihm immer das Wort ab, denn sie wußte, worauf er zielte, und wollte ihn heute nicht hören. Die Sklaven hatten längst silberne, dreiarmige Lampen auf die Postamente gesetzt, als Demetrius endlich erschien. Seine Stiefmutter empfing ihn mit freundlicher Miene und fragte ihn nach gleichgültigen Dingen. Er gab ihr mit schlecht verholener Ungeduld Auskunft, denn er war nicht gekommen, um mit ihr zu plaudern. Sie empfand das deutlich; aber es gefiel ihr, ihn hinzuhalten, und sie that es in einer Weise, welche ihn an seine Knabenjahre und die innere Noth und Pein erinnerte, welche ihm das junge Leben verdorben, als diese Frau an die Stelle seiner guten, zärtlichen rechten Mutter getreten war und sich zwischen ihn und den Vater gestellt hatte. Gerade wie heute war sie ihm damals Tag für Tag begegnet: mit freundlich klingenden Worten, aber kühlem, liebeleerem Herzen. Er wußte, daß sie jedem seiner knabenhaften Irrthümer und kleinen Vergehen einen üblen Sinn untergeschoben und sie auf schlimme Eigenschaften und böse Triebe seiner Seele zurückgeführt, daß sie ihrem Gatten ein zu seinem Nachtheile entstelltes Bild seines Seins und Wesens aufgedrängt hatte, und diese Schuld konnte er ihr nicht vergeben. – Zur Zeit der Ermordung seines Vaters Apelles war er schon den Knabenjahren entwachsen gewesen, und als ältestem Sohn des Hauses hätte es ihm zugestanden, die Leitung des Geschäfts mit seinem Oheim Porphyrius zu theilen, aber der Gedanke, mit der Stiefmutter an einem Orte leben zu müssen, war ihm unerträglich erschienen, und so hatte er, zumal er von früh an dem Landleben geneigt war, Maria das Haus in der kanopischen Straße überlassen, den Oheim bestimmt, den Antheil seines verstorbenen Bruders an dem Geschäfte in baarem Gelde festzustellen und auszuzahlen, und Alexandria endlich verlassen, um die großen Landgüter in der Cyrenaïca zu verwalten. Nach wenigen Jahren hatte er sich zu einem ausgezeichneten Landwirth herangebildet. Schon lange holten die Grundbesitzer der ganzen Provinz gern seinen Rath ein oder richteten sich nach seinem Beispiel, und das Rechnungsbuch, welches er auf dem Tische vor dem Lager Maria's niedergelegt hatte – drei stattliche Rollen – bewies mit unanfechtbaren Zahlen, daß er es verstanden hatte, die Einkünfte der großen Ländereien, denen er vorstand, zu verdoppeln. Er durfte mit gutem Recht freie Hand für sich verlangen und konnte auch mit aller Entschiedenheit auf seinem Willen bestehen, denn ihn hob das stolze Gefühl des unabhängigen Mannes, der mit widrigen Verhältnissen rücksichtslos bricht, weil er die Mittel besitzt, entweder sorglos zu ruhen oder seine Kraft neuen Unternehmungen zu widmen. Nachdem Demetrius seiner Stiefmutter lange genug unlustig Rede gestanden, legte er die Hand auf das Rechnungsbuch und bemerkte unvermittelt, daß es nun Zeit sei, von ernsten Dingen zu reden. Er habe schon Marcus erklärt, daß ihre Forderung ihm unannehmbar erscheine. Er sei kein Zauderer und wünsche heute noch zum Abschluß zu kommen, um entweder auf den Gütern weiter nach dem Rechten zu sehen oder sich mit der Bewirthschaftung seiner eigenen Ländereien zu befassen. Beharre Maria auf ihrer letzten Verordnung, so werde er ihr zwar seine Vollmachten zurückgeben, doch sei er bereit, in die Cyrenaïca zurückzukehren, und den neuen Verwalter, den sie bald suchen möge, in die schwierigen Verhältnisse jener Landschaft einzuführen: dann aber werde er mit dem Familiengute nichts weiter zu thun haben. Dies sei sein letztes Wort, und sie würden in dieser Weise – so oder so – ohne einen Bruch für das Leben, den er schon um des Marcus willen nicht wünsche, zum Abschluß gelangen. Demetrius hatte ernst und leidenschaftlos gesprochen, aber seine Rede schmeckte doch so sehr nach der Bitterkeit, die ihn beseelte, daß es der Wittwe nicht entgehen konnte, und so hob sie denn bei ihrer Antwort hervor, daß es sie schmerzen solle, wenn er ihrem Verlangen Beweggründe, welche sich auf seine Person bezögen, unterlege. Sie habe ihm Großes zu danken und gebe ihrer Erkenntlichkeit mit Freuden Ausdruck. Er wisse, daß das Gut, welches er verwalte, halb mit ihrem Eingebrachten, halb aus dem Vermögen ihres Gatten bezahlt worden sei, daß es ihr zu gleichen Theilen mit ihren Kindern – ihm und Marcus – gehöre, daß aber das Testament ihres Gatten ihr die unbeschränkte Verfügung über dasselbe zuerkenne. Sie sei bestrebt gewesen, dem Vertrauen des Verstorbenen zu entsprechen, indem sie ihm in jungen Jahren die Verwaltung ihres Besitzthums anvertraut habe. Die Einkünfte seien unter seiner Leitung gewachsen, ja sie glaube, daß er es verstehen werde, in Zukunft noch glänzendere Erfolge zu erzielen; aber die Mißstände, welche auf den Gütern herrschten, seien unerträglich und müßten abgestellt werden, auch wenn sich dadurch der Gewinn um die Hälfte vermindere. »Ich bin Christin!« rief sie, »und bin es mit ganzer Seele. Leib und Leben hab' ich meinem Heiland gewidmet. Was frommten mir alle Schätze der Welt, wenn ich Schaden nähme an meiner Seele; und sie, mein ewiges Theil, muß zu Schaden kommen, wenn ich es dulde, daß heidnische Bauern und Sklaven meine Taschen füllen. Darum bestehe ich darauf fest, unerschütterlich und unbeugsam, daß unsere Sklaven in der Cyrenaïca – und sie bilden eine Heerde von mehr als dreitausend räudigen Schafen – daß unsere Sklaven sich entweder zur Taufe bequemen oder für christliche eingetauscht werden.« »Das würde heißen . . .« rief Demetrius eifrig. »Ich bin noch nicht am Ende,« fiel sie ihm in's Wort. »Was die Bauern angeht, welche als Pächter auf unserem Grund und Boden sitzen, so hängen sie sämmtlich – Du bekanntest es gestern – der Abgötterei hartnäckig an. Wir lassen ihnen Bedenkzeit, und der jährliche Kontrakt darf nur denen erneuert werden, welche sich verpflichten, von den alten Opfern zu lassen und sich zu unserem Herrn zu bekennen. Fügen sie sich, so wird es ihnen zum Heile gereichen hier und dort; wenn sie sich weigern, kündigt man ihnen und setzt im nächsten Jahre christliche Pächter an ihre Stelle.« »Wie ich diesen Stuhl mit einem andern vertausche,« lachte Demetrius, indem er einen Sessel von schwerer Bronze aufhob und ihn auf den harten Mosaikboden des Gemaches niederstieß, daß es dröhnte. Maria schrak zusammen und fuhr dann in größerer Erregung fort: »Mein Leib kann erbeben, aber meine Seele ist fest, wo ihr ewiges Heil auf dem Spiele steht. Ich verlange – und diesem Verlangen muß nachgekommen werden, sobald mein Bevollmächtigter – Du oder ein Anderer – unsern Grund und Boden wieder betritt: ich begehre, daß alle heidnischen Tempel, jedes Bild der Feld- und Gartengötter, jeder Opferaltar und jeder heilige Stein, mit dem die Bauern Abgötterei treiben, eingerissen, zerschlagen, umgestürzt oder beiseite geworfen werde. Das ist es, was ich verlange.« »Und wozu ich mich nie und nimmer hergeben werde!« rief Demetrius mit tiefer, grollender Stimme. »Was dem Menschen seit Jahrtausenden heilig und theuer war, fortblasen wie eine Feder vom Mantel, das ist mir zu schwer. Geh hin und thu es selber; Du bringst es zu Stande!« »Was soll das?« fragte Maria, und richtete sich stolz und mit einem abweisenden Blick in die Höhe. »Ja, wenn irgend wer, so bringst Du es zu Stande!« wiederholte Demetrius die eigene Rede, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ich habe unsere Ahnenbilder heute gesucht, die ehrwürdigen Bildnisse der Menschen, die unseren Kinderherzen theuer gewesen, die unserer Väter Väter und Mütter waren, die unseres Geschlechtes Größe geschaffen. Wo sind sie geblieben? Da, wohin Du dieses Hauses, dieser Straße, dieser Stadt edle Zierden, unsere Schutzgötter, den Hermes und die Pallas Athene, geworfen. In den Kalkofen sind sie gewandert. Der alte Phabis hat mir's unter Thränen gestanden. Armes Haus, dem man seine Vergangenheit raubte, seine Zier, seinen Schutz!« »Ich habe ihm dafür etwas Besseres gegeben!« versetzte Maria mit bebender Stimme und sah Marcus mit einem Blicke des Einverständnisses an. »Zum letzten Male sei nun gefragt: Willst Du thun, was ich verlange, oder willst Du es nicht thun?« »Ich werde es nicht thun!« versetzte Demetrius fest. »So bedarf es für unsere Güter eines neuen Verwalters.« »Du wirst ihn finden; aber Dein Land, das auch unser Land ist, es wird zur Einöde werden. Armes Land! Denn wenn Du die Heiligthümer des Feldes vernichtest, wirst Du damit seine Seele töten, sind sie doch die Seele des Feldes! Um das Heiligthum haben sich die ersten Ansiedler geschaart, auf sie und die Götter, die in ihnen wohnen, setzt der Bauer mit Recht seine Hoffnung für das, was er sät und pflanzt, für Weib und Kind und Vieh, für Alles, was ihm gehört. Mit dem Heiligthum zerstörst Du die Hoffnung des Landmanns und mit ihr alle Freudigkeit des Lebens. Ich weiß es, der Bauer glaubt vergeblich zu schaffen, wenn Du ihm die Götter nimmst, die seiner schweren Arbeit Gedeihen geben. Der Landmann: bei der Saat will er hoffen, beim Wachsthum der Frucht will er die Götter sehen, die es fördern, bei der Ernte verlangt es ihn, freudig zu danken. Was ihn hebt und erhält und beglückt, Du nimmst es ihm, wenn Du seine Heiligthümer zerstörst!« »Wir geben ihm andere, bessere!« versetzte Maria. »Sorget nur auch, daß sie ihm genehm sind,« entgegnete Demetrius ernst. »Bewegt ihn, das zu lieben, daran zu glauben, darauf zu hoffen, was ihr ihm aufdringen wollt, aber nehmt ihm nicht sein Bestes, bevor ihr ihn geneigt und fähig findet, den Ersatz anzunehmen, den ihr ihm aufzwingt. Laß mich jetzt gehen. Wir sind Beide nicht mehr in der Stimmung, für die Zukunft anzuordnen, was gut ist. Nur mit dem Einen sind wir heute schon fertig: ich verwalte die Güter nicht länger!« Sechstes Kapitel. Demetrius hatte, nachdem er seine Stiefmutter verlassen, die Zeit wohl benützt und dem griechischen Schreibsklaven, welcher ihm nach Alexandria gefolgt war – ihm selbst gereichte es zur Qual, die Feder zu führen – mehrere Briefe diktirt. Sie bezogen sich auf seinen Abschied von der Cyrenaïca und sein Vorhaben, das eigene Gut selbst zu verwalten. Nun sie gerollt, mit der Schnur umwunden und versiegelt vor ihm lagen, kamen sie ihm vor wie Grenzsteine an der Bahn seines Lebens. Schweigend wandelte er auf und nieder und vergegenwärtigte sich das Schicksal der Sklaven und Bauern, welche ihm so lange treue Diener und Mitarbeiter gewesen waren, deren Zutrauen er erworben und unter denen er Manchen lieb gewonnen hatte. Er konnte sich das Leben dieser Leute, ihre Thätigkeit, ihre Feste ohne Götterbilder, Opfer, Kränze und frohen Gesang nicht denken. Sie kamen ihm vor wie Kinder, denen Spiel und Lachen untersagt werden sollten; und wieder mußte er an seine Knabenzeit denken und den ersten Tag, an dem er in die Schule gegangen war und dort, statt sich fröhlich in dem sonnigen Garten des väterlichen Hauses zu tummeln, in einem dumpfen Gemach hatte still sitzen müssen. Ob wohl die Welt jetzt auch an jene Grenzmark im Dasein getreten sein mochte, bei der Freiheit und sorgloser Lebensgenuß aufhört und das schwere Ringen nach höheren Gütern beginnt? Enthielt das Evangelium die Wahrheit und ging das in Erfüllung, was es verhieß, dann war es vielleicht gerathen, den Schuldschein anzunehmen und manchen glänzenden Schmuck des Daseins hinzugeben für die unvergänglichen Schätze, die es verhieß. Mancher gute und kluge Mann, dem er im Leben begegnet, und der Kaiser, der große und weise Theodosius selbst, waren mit ganzer Seele der Lehre Christi ergeben. Demetrius wußte auch aus Erfahrung, daß der Glaube seiner Mutter, in welchen er als Knabe eingeführt worden war und von dem ihn derselbe Vater, der ihn an den Taufstein geführt, früh abwendig gemacht hatte, armen Menschen mit verkümmertem Dasein großen Trost und eine starke Stütze gewähre. Aber seine Bauern und Feldarbeiter? Waren sie nicht gesund und zufrieden? Welche Macht der Erde konnte sie, die zäh am Gewohnten hingen, bewegen, den väterlichen Glauben, die ehrwürdigen Gewohnheiten, denen sie Wohlbefinden und Freude am Dasein verdankten, aufzugeben und im Ungewissen zu suchen, was sie jetzt schon ihr Eigenthum nannten? Seine Festigkeit reute ihn nicht, aber er sagte sich doch, daß Maria nur zu bald auch ohne ihn ihren Vorsatz zur Ausführung bringen und ihr Zerstörungswerk durchführen werde, und jeder Tempel, jedes Marmorbild, jede lauschige Grotte, jeder von frommen Händen gesalbte Stein aus den Gütern, welche dem Untergang erlesen, stellten sich ihm vor das innere Auge. Er war gewohnt, den Tag mit dem ersten Hahnenschrei zu beginnen und sich früh zur Ruhe zu legen. Auch heute schickte er sich an, das Schlafgemach zeitig aufzusuchen, als Marcus bei ihm eintrat und ihn bat, ihm noch eine Stunde zu gönnen. »Du grollst der Mutter,« sagte der Jüngling und blickte ihn traurig und bittend an; »aber Du weißt ja, daß sie für den Glauben Alles hingiebt und opfert. Wie bitter Du wieder lächelst! Versetze Dich nur in meine Seele. Wenn man Einen so lieb hat wie ich die Mutter, so schmerzt es, wenn ein Anderer, dem man auch gut ist – und Du bist doch mein Freund und Bruder – dann schmerzt es, den Einen sich so widerwillig von dem Andern abwenden zu sehen. Das Herz ist mir heut ohnehin schwer.« »Armer Junge,« entgegnete der Landmann. »Freilich bin ich Dein Freund und will es auch bleiben; Du trägst ja keine Schuld an dem Allen! Übrigens bin ich selbst nichts weniger als froh. Ihr habt gut verordnen: Nieder mit den Heiligthümern, in's Elend mit Denen, die anders denken als wir! – Faßt das Ding an wie ihr wollt, hie und da wird es doch zu Gewaltthätigkeiten kommen; ja, wenn kein Blut fließt, ist es ein Wunder. Für euch handelt sich's dabei nur um einen allgemeinen Begriff: die heidnischen Bauern des Gutes. Für mich steht es anders! Ich kenne die Sklaven und Pächter, ihre Weiber und Kinder bei Namen und weiß wie sie aussehen. Jeder von ihnen hat mir den Morgen- und Abendgruß geboten und die Hand geschüttelt oder den Rock geküßt. Mancher ist weinend zu mir gekommen und hat mich heiter verlassen. – Beim Donnerer Zeus! Weichherzig hat mich noch Niemand genannt, aber ich wollte heut, daß ich's weniger wäre! Und die Galle läuft mir über, wenn ich frage: Wozu, wofür denn das Alles?« »Um des heiligen Glaubens willen, Demetrius; gewiß nur für das ewige Heil dieser Leute!« »So?« fragte der Landmann gedehnt. »Das weiß ich besser. Wäre das, und das allein, wirklich die Meinung, dann baute man Kirchen und Kapellen, schickte uns würdige Priester – ich denke an Eusebius und seinesgleichen – und versuchte mit jener Liebe, die ihr so eifrig im Munde führt, die Menschen für euren Herrn zu gewinnen. Das zu thun hab' ich heute früh Deiner Mutter selbst gerathen. Ich glaube, es ließe sich damit, wie anderwärts so auch bei uns, zu dem Ziele gelangen, das ja nun einmal erreicht werden soll, aber freilich nicht heut oder morgen. Der Bauer, der sich in die Kirche gewöhnt und Zutrauen zu dem neuen Gotte gefaßt hat, giebt schon von selbst die alten Götter und ihre Heiligthümer auf; dafür habe ich an jedem Finger ein Beispiel. Das hätt' ich auch ruhig mit ansehen können, denn ich brauche die Arme und Beine und nicht die Seelen der Leute; aber das alte Haus verbrennen, bevor man auch nur Holz und Stein für das neue besitzt, das nenn' ich freveln, das ist grausam und thöricht, und wenn eine so kluge Frau wie Deine Mutter sich steift, dergleichen über Hals und Kopf durchzusetzen, dann steckt etwas Besonderes dahinter.« »Du denkst, sie wolle Dich, Dich, Demetrius, beseitigen?« fiel ihm Marcus lebhaft in's Wort. »Aber darin irrst Du, Du irrst ganz gewiß. Was Du auf den Gütern geleistet . . .« »Das, das!« rief der Andere. »Was habe ich, was hat meine Arbeit mit dem Allen zu schaffen! Über's Jahr – ich höre den Hasen laufen – über's Jahr soll aus den Dörfern und von den Feldern der frommen Maria Alles verschwunden sein, was an die heidnischen Götter erinnerte. Das hat man im Sinn! Mit dieser frohen Kunde wird dann zum Bischof geeilt, und wenn man ein Wunder zum andern fügt, so wächst die Anwartschaft auf die künftige Heiligenkrone. Daher dieser Eifer, nur daher!« »Du redest von meiner Mutter!« rief Marcus und hob die Augen mit rührender Bitte zu dem Bruder empor. Da schüttelte der Landmann das buschige Haupt und fuhr in milderem Tone fort: »Ja, Kind, das hatte ich vergessen, und es könnte wohl sein, daß ich irre; aber ich bin auch nur ein Mensch! Es kommt hier Eins zum Andern, und es schlägt in diesem Hause so viel auf mich ein, daß ich mich selbst nicht mehr kenne. Der alte Phabis meint, es sei nun ernstlich im Werke, den Vater zum Märtyrer zu stempeln.« »Die Mutter ist überzeugt, daß er für den Glauben gestorben, und weil sie ihn so innig geliebt hat . . .« »Also doch!« knirschte Demetrius und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Die Lüge, die Einer gesät, das verfluchte Unkraut, überwuchert dies arme Haus bis über das Dach! Du freilich, was kannst Du noch von unserem Vater wissen? Aber ich, ich hab' ihn gekannt. Ich bin dabei gewesen, wenn er mit seinen Philosophen über Alles gelacht hat, was nicht euch Christen allein, nein, was auch frommen Heiden für das Heiligste gilt. Der Lucrez war sein Evangelium. Die Kosmogonie dieses Gottesleugners lag neben seinem Bette, und wenn er verreiste, nahm er sie mit.« »Er hat die heidnischen Dichter geliebt, aber darum war er dennoch ein Christ,« entgegnete Marcus. »Nicht mehr und nicht weniger als der Oheim Porphyrius und ich!« rief der Landmann. »Seit unser Großvater Philippus die Taufe empfangen, hat sich Glück und Eintracht von diesem Hause gewandt. Um der Kornlieferungen für Staat und Kaiser nicht verlustig zu gehen, fiel er ab von den alten Göttern und wurde ein Christ und machte seine Söhne zu Christen. Aber er ließ sie von seinen heidnischen Freunden erziehen, und so galten sie für das, was sie nicht waren. Wenn es sein mußte, zeigte er sich mit ihnen in der Kirche; aber ihr tägliches Dasein, ihr Genuß, ihre Erholung waren heidnisch, und wenn des Lebens Ernst an sie herantrat, brachten sie den Göttern ein blutiges Opfer. Zurückzutreten war ihnen nicht möglich, denn der Christ, welcher abtrünnig wird und sich wieder zu den alten Göttern bekennt, verliert das Recht, über das Seine im Testament zu verfügen. Du kennst das Gesetz, und wenn Du mich fragst, warum ich selbst ohne Weib und Nachkommen – und ich liebe die Kinder, auch wenn sie Anderen gehören – als einsamer Mann mit kargem Lebensgenuß meine Tage und Nächte hinschleppe, so magst Du's erfahren: Ich diene den alten Göttern offen und frei und gehe nicht in die Kirche, weil ich die Lüge verachte! – Was soll ich mit Kindern, denen ich durch meinen Wandel entziehen würde, was mein ist? Das Testament, das allein hat unsern Vater bewogen, mich als Knaben taufen zu lassen und sich als Christ zu geberden. Mit dem Lucrez im Ledersacke – ich hab' das Röllchen mit diesen Händen zu der Geldtasche gelegt – ist er nach Petra gereist, um die Kornlieferung für die Felsenstadt zu erlangen. Auf dem Heimweg ward er erschlagen; wahrscheinlich von seinem eigenen Diener Anubis, denn der hat den Inhalt der Tasche gekannt und ist seitdem spurlos verschwunden. Zu derselben Zeit hatten heidnische Sarazenen in der Gegend zwischen Petra und Aila christliche Wanderer und Anachoreten überfallen und getötet, und darauf, nur darauf gründet die Mutter das Recht, unsern Vater einen Märtyrer zu nennen. Und dennoch hat sie seine Gesinnung recht wohl gekannt und manche Thräne um ihretwillen vergossen. – Nun steuert sie große Summen für jeden Kirchenbau, nun hat sie ihr Xenodochium gegründet, nun wirft sie ihr Geld mit vollen Händen den Mönchen und Klöstern in den nimmersatten Rachen. Zu welchem Zwecke? Unser Vater soll als Märtyrer anerkannt werden! Aber bisher hat sie Geld und Mühe verschwendet. Der Bischof ist für mich ein hassenswerther Tyrann: kenn' ich ihn recht, so nimmt er an, was sie bietet, und thut ihr doch nicht den Willen! Jetzt führt sie ihre beste Phalanx in's Feld und überrascht ihn mit einem neuen Wunder. Wie ein Taschenspieler, der aus einem weißen ein schwarzes Ei macht, verwandelt sie im Handumdrehen eine heidnische in eine christliche Landschaft. Was mich betrifft, so helf' ich ihr nicht bei dem Kunststück!« Marcus hatte bei dieser Erzählung bald den Blick gesenkt, bald die großen Augen ängstlich zu dem Bruder aufgeschlagen. Eine Zeitlang fand er kein Wort der Entgegnung, und man sah ihm an, daß er schwer mit sich kämpfte. Demetrius störte ihn nicht und ordnete schweigend die Papyrusblätter auf dem Tische, bis Marcus ihn anrief und nach einem tiefen Athemzuge im Tone sicherer Überzeugung und mit einem glückseligen Lächeln, welches sein ganzes Antlitz verklärte, ausrief: »Die arme Mutter! Wie Du, so werden sie Viele verkennen; war ich doch selbst in Gefahr, an ihr zu zweifeln. Aber nun meine ich sie ganz zu verstehen! Sie hat den Vater so innig geliebt, und was er im Fleische für sich selbst zu erwerben unterließ, das will sie nun für seine ewige Seele erringen. Er hatte die Taufe empfangen, und ihr Gebet, ihre Opfer sollen ihm Gnade bei Dem erwirken, der ja so gerne verzeiht. Sie glaubt an den Märtyrertod unseres lieben Verstorbenen, und wenn die Kirche ihn Denen zugesellt, welche für sie geblutet, dann ist er gerettet und sie findet ihn wieder da drüben, und in reinerem Lichte streckt er, wenn der Herr sie einst abruft, der treuen Gefährtin, die seine Seele gerettet, überfließend von Liebe und heißem Dank, die Arme entgegen. Ja, nun verstehe ich sie völlig, und ich will ihr von heute an helfen, und das Schwerste soll mir nicht zu schwer, das Beste nicht zu gut sein, um der armen gefährdeten Seele des Vaters das Himmelsthor zu erschließen!« Bei den letzten Worten hatte des Jünglings Blick in schwärmerischem Glanze geleuchtet; dem Landmann aber wurde das Herz weich und um seine Rührung zu verbergen, rief er leichtfertiger und derber als sonst: »So wird es sich wohl verhalten, mein Junge!« Dann fuhr er sich rasch mit der Hand über die Augen, schlug Marcus fest auf die Schulter und fuhr munter fort: »Lieber ersticken als hinunterschlucken, was man für recht hält. Frei von der Leber weg reden hat noch Niemand geschadet. Stimmt man dabei auch nicht überein, so lernt man doch einander verstehen. Ich habe meine Art, ihr habt die eure. So wären wir denn also im Reinen; aber auf die Tragödie folgt das Satyrspiel, und ich denke, wir schließen diesen aufregenden Abend mit einem harmlosen Geplauder.« Damit streckte sich Demetrius auf ein Polster aus, lud Marcus ein, das Gleiche zu thun, und bald ging die Unterhaltung, wie gewöhnlich, wenn diese Beiden zusammen waren, auf die Pferde über. Marcus lobte die Stuten, welche sein Bruder für ihn auferzogen und die er heute im Hippodrom um die Nyssa Das steinerne Ziel in der Rennbahn, die meta der Römer. gelenkt hatte, und der Landmann fügte selbstgefällig hinzu: »Alle vier von demselben Vater und ausgesucht trefflichen Müttern. Ich hab' sie selbst eingefahren und möchte . . . Aber warum warst Du heute früh nicht im Stalle?« »Ich konnte nicht,« entgegnete Marcus und erröthete leicht. »Dann fahren wir morgen nach Nikopolis hinaus, und ich zeige Dir, wie Du die Megäre an dem Taraxippus vorbeibringst.« »Morgen, sagst Du?« fragte Marcus verlegen. »In der Frühe soll ich zu Eusebius kommen und dann . . .« »Nun, dann?« »Dann müßte ich, das heißt, dann würde ich gern . . .« »Was?« »Allerdings . . . Vielleicht könnte ich dennoch. – Aber nein, nein, es läßt sich nicht machen . . . Ich habe . . .« »Was, was, was?« fragte der Landmann mit wachsender Ungeduld. »Meine Zeit ist gemessen, und wenn Du die Rappen rennen lassen willst und kennst meine Art nicht, so leisten sie sicher nicht, was sie können. Wenn der Markt sich füllt, fahren wir hinaus. Für den Hippodrom brauchen wir einige Stunden, dann wird beim Damon gespeis't, und bevor es dunkelt . . .« »Nein, nein,« versetzte Marcus, »gerade morgen werde ich sicher nicht können . . .« »Wer nichts zu thun hat, dem fehlt es gewöhnlich an Zeit,« versetzte der Landmann. »Ist morgen ein Festtag?« »Das nicht, aber, gütiger Himmel, wenn ich auch möchte . . .« »Möchte, möchte!« rief Demetrius unwillig und stellte sich mit gekreuzten Armen dem Bruder gegenüber. »Sage kurz: ›Ich will nicht,‹ oder: ›Was ich da vorhabe, ist mein Geheimniß und geht Dich nichts an;‹ aber laß dies nichtsnutzige Gezerre!« Diese lebhaften Worte steigerten die Verlegenheit des Jünglings, und während er nach einer Antwort suchte, die der Wahrheit nahe kam und ihn doch nicht verrieth, rief Demetrius, welcher ihn nicht aus den Augen gelassen: »Bei der schaumgeborenen Aphrodite, da ist ein Stelldichein im Spiel! Weiber, Weiber – überall Weiber!« »Ein Stelldichein!« sprach Marcus dem Andern nach und schüttelte dabei verweisend den Kopf. »Es erwartet mich Niemand; und doch . . . Lieber magst Du mich verkennen, als daß ich lüge. Ja denn, ich suche ein Weib, und wenn ich's morgen nicht finde, wenn ich morgen nicht erreiche, wozu mich das Herz drängt, dann kann sie verloren sein, nicht etwa für mich – denn ich, ich werfe die himmlische Liebe nicht fort für die Liebe des Fleisches – sondern für meinen Herrn und Heiland. Um Leben, ewiges Leben oder ewigen Tod für ein schönes Ebenbild Gottes handelt sich's morgen.« Die Verwunderung des Landmanns stieg, und mit einem ungeduldigen Kopfschütteln sprach er: »Da hast Du wieder das Gebiet überschritten, auf dem wir einander verstehen. Ich sollte denken, daß Du für die Rettung von gefährdeten Seelen schöner Frauen noch nicht alt genug bist. Sieh Dich vor, mein Junge! Mit denen, die oben schwimmen, geht man ohne Gefahr in's Wasser, aber die Sinkenden ziehen uns mit sich hinab. Du bist ein schmucker Bursche, hast Geld und stattliche Rosse, und es giebt hier abgefeimte Weiber genug, die ihre Netze . . .« »Was fragt sie nach mir!« entgegnete Marcus mit Eifer. »Ich bin hier der Fischer, ein Seelenfischer, und jeder Gläubige sollte es sein. Sie ist die Unschuld, die Einfalt selbst bei all ihrer lieblichen Schalkheit. Aber sie ist in die Hände von sündigen Heiden gefallen, und hier, wo die Verführung einhergeht wie ein brüllender Löwe, wird sie verloren gehen, wenn ich sie nicht rette. Ich habe sie zweimal im Traume gesehen, einmal dicht vor der Höhle eines wüthenden Drachens und das andere Mal am Abhang eines schroff aufragenden Felsens, und beide Male rief ein Engel mich an und befahl mir, sie vor den Zähnen des Unholdes und dem Sturz in die Tiefe zu bewahren. Seitdem seh' ich sie vor mir zu jeder Stunde: beim Mahl, im Gespräch, auf dem Wagen, und stets vernehm' ich dabei die mahnende Stimme des Engels. Und sie, an die der Höchste alle Gaben verschwendet, mit denen er Eva geziert hat, sie, sie auf den Pfad des Heiles zu leiten, das ist eine selige Pflicht, und ich will sie erfüllen.« Der Landmann war den begeisterten Worten des Bruders mit wachsender Besorgniß gefolgt. Jetzt zuckte er die Achseln und sagte: »Man möchte Dich um die Bekanntschaft mit diesem Götterlieblinge beneiden, aber ich sollte meinen, daß sich Dein Rettungswerk verschieben ließe. Ein halbes Jahr lang bist Du fort von Alexandria gewesen, und wenn sie sich so lange über Wasser gehalten . . .« »Sprich nicht so; so darfst Du nicht reden!« rief Marcus und preßte die Hand auf's Herz, als ob es ihn schmerze. »Ich habe keine Zeit zu verlieren, denn ich muß erfahren, wohin sie der alte Sänger geführt hat. Ich bin so unerfahren nicht, wie Du denkst. Er führt sie hieher, um ihre Schönheit zu mißbrauchen und sich zu bereichern. Du bist ihr auch auf dem Schiffe begegnet. Hier hatte ich ihnen Unterkunft geschafft, Du weißt, im Xenodochium der Mutter.« »Wem?« fragte Demetrius und faltete die Hände. »Den Sängern, die ich in Ostia mit mir auf's Schiff nahm. Und jetzt, jetzt sind sie aus der Herberge verschwunden, und Dada . . .« »Dada?« rief Demetrius und brach in ein schallendes Gelächter aus, ohne zu beachten, daß Marcus glühend vor Empörung von ihm zurücktrat. »Die Dada, das blonde Dirnchen steht Dir Tag und Nacht vor Augen, und ein Engel befiehlt Dir, das muntere Ding zu erretten? Schäme Dich, Junge! Was gilt die Wette? Wenn ich diese Goldrolle opfere, fährt sie morgen mit mir, dem knochigen Bauern, der überall, wo ihn der Rock nicht deckt, wie ein Kibitzei mit Sommersprossen besät ist, fährt sie mit mir, dem die Haare wie ein Staubbesen zu Berge stehen, nach Arsinoë oder wohin ich sonst will. Laß das Dirnchen laufen, Du närrische Unschuld! An dieser Seele ist auch einem genügsameren Himmel als eurem wenig gelegen!« »Das nimmst Du zurück!« rief Marcus außer sich und ballte die Faust. »Aber so seid ihr! Mit euren unreinen Augen und Herzen besudelt ihr auch das Reinste, seht ihr Flecken auch an der Sonne. Von der ›Sängerin‹ ist Alles zu glauben gestattet, ich weiß es. Aber das, das ist es ja eben! Vor diesem Fluche will ich sie retten! Weißt Du sie einer Schuld zu zeihen, so rede; weißt Du es nicht, und Du willst nicht als elender Ehrabschneider vor mir dastehen, so nimmst Du auf der Stelle zurück, was Du gesagt hast!« »Ich nehme Alles zurück,« versetzte Demetrius gelassen, »denn ich weiß nichts von Deiner Schönen, als was sie Dir und mir und Cynegius und seinen Schreibern mit den hübschen, lustigen Augen zu rathen aufgegeben hat. Aber die Augensprache, sagen die Leute, lüge bisweilen. Also nichts für ungut! Hab' ich Dich recht verstanden, so weißt Du nicht, wo der Sänger jetzt steckt. Wenn Du nichts dawider hast, helf' ich Dir suchen.« »Wie Du willst,« entgegnete Marcus gereizt. »Trotz Deines Spottes werde ich thun, was meine Pflicht ist.« »Recht, recht,« entgegnete der Landmann. »Vielleicht ist dies Mädchen anders als die Sängerinnen, mit denen mir früher mancher Abend lustig verrauscht ist. Ich habe einmal zu Barka mit eigenen Augen einen weißen Raben gesehen, aber es ist vielleicht doch nur eine Taube gewesen. Dein Urtheil wiegt in diesem Falle schwerer als meines, denn Du hast Dich um das Mädchen gekümmert, ich nicht; aber es ist schon sehr spät. Auf morgen denn, Marce!« Die Brüder trennten sich, und sobald Demetrius allein war, ging er kopfschüttelnd auf und nieder. Als sein Leibsklave kam, um seine Sachen zu packen, rief er ihm mürrisch zu: »Laß das, – wir werden noch einige Tage in Alexandria bleiben!« Marcus ging nicht zur Ruhe. Des Bruders Hohn hatte seine Seele in ihren Grundfesten erschüttert. Eine innere Stimme sagte ihm, daß der welterfahrene Mann Recht haben könne, aber er fand sich zugleich nichtswürdig und hassenswerth, daß er dieser Stimme überhaupt Gehör gab. Auf Dada lastete der alte Fluch ihres Standes, sie selbst war rein, rein wie die Lilie, rein wie das Herz eines Kindes, rein wie das Blau ihres Auges und das Metall ihrer Stimme. Was ihn der Engel geheißen, er wollte es vollbringen! Er mußte, er konnte sie retten! Tief erregt trat er durch das große Hausthor auf die kanopische Straße und folgte derselben. Wie er in eine Querstraße einbiegen wollte, um zum Meere zu gelangen, fand er dieselbe von Soldaten gesperrt, denn sie führte zur Präfektur, wo der Abgesandte des Kaisers, Cynegius, wohnte, von dem es hieß, daß er gekommen sei, um die Tempel zu schließen, und das erregte Volk hatte sich am Nachmittag vor derselben zusammengerottet, um seinen Widerspruch zur Geltung zu bringen. Gegen Sonnenuntergang war die bewaffnete Macht eingeschritten und hatte es auseinandergesprengt. Auf einem andern Wege gelangte der junge Christ endlich dennoch an das Gestade des Meeres. Siebentes Kapitel. Während Marcus ruhelos am Ufer der See auf und nieder wandelte und mit Dada's Bilde vor Augen ergreifende Reden aussann, mit denen er ihr Herz rühren und ihre Seele dem Heil eröffnen wollte, war es in der schwimmenden Herberge der Sängerfamilie still geworden. Zarter weißlicher Dunst schwebte wie ein leichter Schleier, den die Nacht aus Mondlicht und feuchtem Gewölk zusammengewoben, über dem mareotischen See. Auf der Werft war die Arbeit längst der Ruhe gewichen, und die gewaltigen Rippen der halbfertigen Schiffskörper warfen wunderliche, gespenstische Schatten, die wie schwarze, körperlose Taschenkrebse, wie Tausendfüße oder Riesenspinnen auf dem vom Mondlichte versilberten staubigen Boden ruhten. Von der Stadt her ließ sich kein Laut vernehmen. Sie lag da wie von schwerem Rausche gebändigt. Die römische Kriegsmacht hatte die Straßen gesäubert, die Lichter in den Häusern, auf den Gassen und Plätzen waren erloschen, aber über den Dächern Alexandrias schien der Mond, und wie eine Sonne der Nacht glänzte weithin das strahlende Fanal auf dem Leuchtthurm an der nordöstlichen Spitze der Insel Pharus. In dem großen Schlafraume im Hintertheile des Schiffes ruhten auf weicher, mit Tüchern bedeckter Wolle die beiden Mädchen. Agne schaute wach und mit offenen Augen in's Dunkel, Dada war längst entschlafen, doch sie athmete beklommen und mit unregelmäßigen Zügen, und ihre rothen Lippen zogen sich bisweilen ängstlich zusammen. Sie träumte von der aufgeregten Menge, die ihr heute die Blumen aus den Haaren gerissen, und sah Marcus für sie eintreten und sie von den Verfolgern befreien, sie glaubte von dem Stege, welcher das Schiff mit dem Lande verband, in den See gefallen zu sein, und die alte Damia stand am Ufer und verhöhnte sie, ohne ihr Hülfe zu bringen. Die Nacht pflegte ihr sonst festen Schlaf oder freundliche Träume zu bringen, aber diesmal folgte ein beängstigendes Gesicht dem andern, und doch hatte ihr der Abend eine große Freude gebracht. Bald nach ihrer Heimkehr aus der Stadt war der Hausmeister auf das Schiff gekommen und hatte ihr mit Grüßen von seiner greisen Herrin ein köstliches Gewand überbracht, und ihr außerdem eine ägyptische Sklavin zugeführt, welche mit allen Erfordernissen des Frauenputzes wohl Bescheid wußte und ihr dienen sollte, so lange sie in Alexandria weilte. Solch ein Kleid hatte Dada noch nie besessen! Das Untergewand bestand aus weichem meergrünem Bombyx und war mit breiten Borten besetzt, über denen sich eine Guirlande von aufgeblühten Rosen und Rosenknospen in seiner Nadelmalerei hinzog. Der Peplos war von der gleichen Farbe und mit der gleichen Borte umsäumt. Kostbare Spangen, aus denen sich, von einem ovalen goldenen Rahmen umfaßt, das Bild einer aufgeblühten Rose in musivischer Arbeit zeigte, sollten den Peplos an der Schulter zusammenhalten. In einer besondern Schachtel lag ein goldener Gürtel, ein Armband in Gestalt einer Schlange von dem gleichen Edelmetall, ein goldener Halbmond, in dessen Mitte, wie auf den Schulterspangen, das Bild einer Rose zu sehen war, und ein Metallspiegel mit tadellos glatter Fläche. Die Sklavin, ein Weib in mittleren Jahren mit einem braunen, listigen Gesichte, war ihr behülflich gewesen, das neue Rosengewand anzulegen. Sie hatte sich's auch nicht nehmen lassen, ihr das Haar frisch aufzustecken, und war dabei nicht müde geworden, Alles, womit die Natur ihre junge Herrin geziert hatte, wie ein Verliebter zu preisen. Agne hatte ihr lächelnd zugeschaut, hatte der Sklavin gefällig die Nadeln und Bänder, deren sie bedurfte, gereicht und sich an der Lust und Schönheit ihrer Gefährtin geweidet. In vollem Putz begab sich Dada endlich in den großen Kajütenraum und bekam dort von den Männern, zu denen sich auch der Sänger Medius, dem Karnis auf der Straße begegnet war, gesellt hatte, manch beifälliges Ah! und O! zu vernehmen. Selbst Herse, welche sie bei ihrer Heimkehr aus der Stadt recht grämlich empfangen, konnte sich eines freundlichen Lächelns nicht erwehren, doch drohte sie ihr mit dem Finger und sagte: »Die Alte legt es drauf an, Dir den Kopf ganz und gar zu verdrehen. Das ist ja Alles recht hübsch, aber es reizt um Ende doch nur die bösen Zungen. Bedenke immer, daß Du meiner leiblichen Schwester Kind bist. Ich will es gewiß nicht vergessen und die Augen offen behalten.« Orpheus hatte nichts Eiligeres zu thun gehabt, als alle Lichter und Lampen anzuzünden, an denen es in dem reich ausgestatteten Raume nicht fehlte, und als Dada sich nun im vollen Glanze der Kerzen Karnis präsentirte, rief dieser: »Wie eine Senatorentochter! Es lebe die Schönheit!« Da lief sie auf ihn zu und gab ihm einen Kuß: doch als Orpheus um sie herumging, die feine Weberei und die kunstreiche Arbeit der Spangen lobte und dabei die Schlange an ihrem runden Oberarme drehte, wies sie ihn unwillig zurück. Medius, ein Mann im Alter des Karnis, welcher diesem früher nahe gestanden, verwandte kein Auge von dem Mädchen und flüsterte ihrem Oheim zu, daß Dada es mit jeder Schönheit in Alexandria aufnehmen und daß er mit diesem Kleinod in redlichster Weise wiederum zum wohlhabenden Manne werden könne. Auf seinen Vorschlag mußte sie allerlei schöne Stellungen annehmen: als Hebe, welche den Göttern Nektar reicht, als Nausikaa, die der Erzählung des Odysseus lauscht, und als singende Sappho. Das Mädchen freute sich an diesem Spiel, und wie Medius, der ihr stets nahe blieb, sie bereden wollte, bei den magischen Vorstellungen des Posidonius sich in ähnlichen Stellungen vor einer auserwählten Zuschauerschaft zu zeigen und damit in wenigen Monaten die Ihren zu reichen Leuten zu machen, schlug sie in die Hände und rief: »Du hast Dich mit mir durch die Stadt geschleppt, Vater, und als Führerlohn möcht' ich Dir schon Dein hübsches Weingut zurückverdienen. Ich soll mich also vor den Leuten hinstellen so – so und so, und mich angaffen lassen? Wenn es mir nur nicht plötzlich einfällt, den Zuschauern eine Nase zu drehen! Kommen sie mir nicht allzu nahe, so könnt' ich im Grunde . . .« »So könntest Du nichts Besseres thun,« unterbrach sie Medius, »als die Rolle zu spielen, die Posidonius Dir vorschreibt. Seine Anhänger wollen gute Dämonen sehen, freundliche Schutzgeister und dergleichen. Du trittst hinter einem durchsichtigen Stoffe aus Wolken hervor, sie begrüßen Dich begeistert oder strecken Dir gar anbetend die Arme entgegen.« Das Alles erschien Dada sehr ergötzlich, und sie wollte Medius schon die Hand als Zeichen der Zustimmung reichen, als ihr Blick das ängstlich gespannte Auge der Christin traf, welche ihr, tief erröthend, gerade gegenüberstand. Da war es ihr, als ob sich Agne für sie schäme. Das Blut schoß ihr selbst in die Wangen, und mit einem kurzen: »Es geht aber doch nicht!« wandte sie dem Alten den Rücken und warf sich auf das Polster neben dem Mischkruge nieder. Nun begann Medius Karnis und Herse mit Vorstellungen zu bestürmen, aber Beide wiesen seine Anerbietungen zurück, denn sie würden in den nächsten Tagen Alexandria verlassen, und so blieb ihm nichts übrig, als sich zu fügen. Indessen gab er das Spiel nicht völlig verloren, und um sich Dada's Gunst zu erwerben, brachte er sie mit komischen Schwänken zum Lachen oder zeigte ihr überraschende Kunststücke, und bald war die schwimmende Herberge voll von Gelächter, Becherklang und frohem Gesange, an dem auch Agne theilnehmen mußte. Erst gegen Mitternacht brach Medius auf, und nun trieb Herse die Ihren in's Bette. Nachdem die Zofe ihre junge Herrin entkleidet und sich entfernt hatte, warf sich Dada der Christin, welche eben das Lager besteigen wollte, in die Arme, küßte sie stürmisch und rief: »Du bist doch viel, viel besser als ich! Woher weißt Du nur immer, was recht ist?« Damit legte sie sich zur Ruhe, aber bevor sie entschlummerte, rief sie Agne noch einmal an und sagte: »Marcus wird uns ganz gewiß finden, und ich möchte doch wissen, was er mit mir vorhat.« Wenige Minuten später hatte der Schlaf ihre Augen geschlossen, aber die Christin blieb wach, ihre Gedanken fanden keine Ruhe, und der Schlummer, welcher sie in der vergangenen Nacht so fest an's Herz genommen, wollte ihr Lager nicht finden. Ihr war heute so Vieles begegnet, was ihre Seele mit Unruhe erfüllte. Der ausgelassenen Fröhlichkeit der Sängerfamilie hatte sie sonst schon oft als stille Theilnehmerin beiwohnen müssen, und diese jubelnden Menschen waren ihr dann immer vorgekommen wie Verschwender, welche ihre Habe in wenigen Tagen verpraßten, um dann lange Jahre kläglich und reuevoll zu darben. Beunruhigt um das Heil der armen Verlorenen, aber froh des eigenen Glaubens hatte sie dann bei ihrem Erlöser und Heiland Ruhe gesucht, und sie bald gefunden. Aber heute stand es anders mit ihr, denn im Hause des Porphyrius war eine neue, unerwartete Versuchung an sie herangetreten. Sie hatte Gorgo wiederum singen hören und die eigene Stimme mit der ihren vermischt. Da waren Klagelaute, Sehnsuchtsklänge, warme Herzensergüsse zum Lobe der schön und mächtig waltenden Gottheit an ihr Ohr gedrungen und hatten ihre Seele mit wonnigen Schauern erfüllt, obgleich sie wußte, daß sie von heidnischen Dichtern ersonnen und zuerst zum Wohllaut des Saitenspieles verlorener Götzendiener erklungen waren. Und dennoch, dennoch hatten sie ihr das Herz bewegt, ihre Brust mit Wonne, ihre Augen mit Thränen gefüllt! Auch jetzt noch mußte sie sich sagen, daß sie dem eigenen Weh, dem eigenen Dank, der eigenen Sehnsucht, der eigenen Hoffnung auf ein Leben im ewigen Licht keinen schöneren, reineren, schwungvolleren Ausdruck hätte verleihen können, als diese der Abgötterei ergebene Jungfrau. Erstaunen, Unruhe, ja, eine leise eifersüchtige Regung hatte sich bei Gorgo's Gesang in ihr Entzücken gemischt. Wie war es nur möglich, daß diese Heidin das, was sie als christliches Alleingut ansah und was sie selbst immer am lebhaftesten empfand, wenn sie sich ihrem Erlöser am nächsten wußte, so zu empfinden, so wiederzugeben vermochte? Waren ihre eigenen Gefühle doch nicht die rechten, hatte sie der Umgang mit den Heiden verfälscht? Dieser Argwohn beunruhigte sie schwer, und er mußte wohl auf mehr beruhen als auf bloßer Selbstquälerei, denn war es ihr auch nur in den Sinn gekommen zu fragen, an wen der zweistimmige Hymnus mit seinem schmerzlichen Sehnsuchtsrufe sich richte, als Karnis ihren Antheil zuerst mit ihr allein durchgegangen und sie ihn dann anfänglich zaghaft, zum zweiten Mal schon freier und endlich makellos und ganz ergriffen von der Schönheit und tiefen Innigkeit der Klage, die er enthielt, mit Gorgo zusammen gesungen hatte? Jetzt wußte sie es, denn Karnis hatte es ihr selbst gesagt. Es war die Klage der Isis um ihren verstorbenen Gatten und Bruder – o der heidnischen Schmach! – Und dieser Verstorbene war der Götze Osiris! Die jammernde Wittwe, welche ihn zurückrief »mit dem stummen Mund der Thränen«, war jene Fürstin der heidnischen Dämonen, von deren sündhaften Diensten ihr Vater häufig mit Abscheu geredet. Aber diese Klage war so echt und wahr und so ganz durchdrungen von heißem, qualvollem Seelenschmerz, daß sie ihr das Herz gerührt hatte. Die schmerzensreiche Mutter Gottes – so, gerade so konnte sie um die Auferstehung ihres Sohnes gefleht haben; so, gerade so mußte sie ihn, den »Gottähnlichen«, wie ihn das arianische Bekenntniß ihres Vaters nannte, beweint, beklagt, zurückgesehnt haben! Aber das Alles war ja heidnischer Trug, war Spiegelfechterei und Gaukelspiel des Teufels, und dennoch hatte sie es nicht durchschaut und sich ihm hingegeben mit ganzer Seele. Ja, mehr noch! Nachdem sie vernommen, daß Gorgo die Isis, sie aber die Schwester des Götterpaares, die Nephthys, dargestellt habe, war sie dem Ansinnen, bei diesem Zwiegesange im Tempel der Göttin mitzuwirken, nur schüchtern entgegengetreten; und als Gorgo sie an sich gezogen hatte wie eine Schwester und in sie gedrungen war, ihr die Freude nicht zu verderben und ihr den Willen zu thun, da hatte sie die Verführerin nicht mit Strenge zurückgewiesen, sondern sie nur um Bedenkzeit gebeten. Aber woher hätte sie auch den Muth zu einer Weigerung finden sollen, als die edle Jungfrau, deren Wesen und Gesang ihr so anziehend und bewunderungswürdig erschien, sie Stirn an Stirn und mit dem schönen Arme ob ihrem Nacken weich und innig gebeten hatte: »Thu es, Du Liebe, thu es mir zu Gefallen. Es ist ja nichts Böses, was ich von Dir verlange! Reiner Gesang ist jedem Gotte genehm. Beklage, wenn Du willst, den Deinen, der ja auch an seinem Kreuze Schweres erlitten. Es thut mir so wohl, mit Dir zu singen. Sage Ja! Mir zuliebe weigere Dich nicht!« Da hätte sie, deren liebreiches Herz kein anderes besaß, das ihm seine Liebe voll zurückgab, so gern, so übergern die Arme um den Hals der heidnischen Jungfrau geschlungen und sie an sich gepreßt und gerufen: »Wie Du willst, was Du auch forderst, es soll geschehen!« Und auch Orpheus war in sie gedrungen, der Gorgo und ihm und den Seinen gefällig zu sein, und es war ihr fast unmöglich erschienen, die erste Bitte abzuschlagen, welche der bescheidene Jüngling, dem sie gern Alles, Alles gewährt hätte, an sie richtete, aber sie hatte dennoch an sich gehalten und in ihrer Verwirrung, ohne zu denken oder zu wägen, nur nach Ausflüchten und Aufschub gesucht. Sie mochte sich dabei ungeschickt genug benommen haben, aber Gorgo war nicht weiter in sie gedrungen; und als sie, nachdem sie das Haus des Porphyrius verlassen, den Muth gefunden, sich bestimmt zu weigern, den Tempel der Isis zu betreten, hatte Karnis nichts erwidert als: »Sei dankbar, daß diese glückliche Jungfrau, dieser Liebling der Muse, Dich für würdig erachtet, mit ihr zu singen. Das Andere findet sich später.« In diesen schlaflosen Nachtstunden wurde ihr nun klar, vor welchem Abgrunde sie gestanden. Sie war, wie Judas, im Begriff gewesen, ihren Herrn zu verrathen, nicht um Geld und Gut, aber aus Wohlgefallen an dem flüchtigen Schall einer menschlichen Stimme und der eigenen Kunst, um einer schnell erwachten Neigung Genüge zu thun, vielleicht auch, weil es ihrer kindischen Eitelkeit wohlthat, auf gleichem Boden mit einer vornehmen, edlen Jungfrau und einer Sängerin zu stehen, die Karnis und Orpheus zu feuriger Bewunderung hinriß. Sie war sich selbst ein Räthsel, und eine Bibelstelle nach der andern drängte sich ihr auf und wies sie strafend zurecht. Da lag Dada's Rosengewand! Heute schon hatte es die ersten Kniffe und Falten bekommen, in einem Monat war es unscheinbar geworden, und wie bald warf sie es wohl als abgetragen beiseite. Und so, gerade so war jede Erdenlust, jede Freude in diesem kurzen irdischen Dasein. Ach, sie war hienieden gewiß kein glückliches Mädchen im Sinne des Karnis, aber in jener Welt gab es Wonnen von ewiger Dauer, und es galt nur, diesseits kleinen Genüssen zu entsagen, um sich große, unvergängliche im Jenseits zu sichern. Da sollte sie im Überfluß besitzen, was die Seele begehrte, da war es ihr vielleicht vergönnt – wie dem armen Lazarus dem reichen Manne – Gorgo die Lippen zu netzen. Sie wußte nun, was sie ihr morgen zu antworten habe, und mit dem festen Entschluß, das Ansinnen, im Tempel der Isis zu singen, weit von sich zu weisen, fand sie, als das junge Licht im Osten zu dämmern begann, Ruhe und Schlaf. Sie erwachte spät und folgte dann dem Karnis und Orpheus mit niedergeschlagenen Augen und fest geschlossenen Lippen in das Haus des Porphyrius. Achtes Kapitel. Der Hausmeister hatte auch heute Dada nicht mitgenannt, als er die Sänger in's Haus des Porphyrius entbot, und die Zurückgesetzte ärgerte sich dieses Mal darüber. Die Tochter des alten Kornsackes, sagte sie, sei eine hochnäsige Prinzessin, der von ihnen gerade so viel recht sei, wie sie eben für ihre Zwecke gebrauche. Hätte sie sich nicht gescheut, für aufdringlich gehalten zu werden, so wäre sie der Einladung der alten Damia, sie oft zu besuchen, gefolgt, und Gorgo zum Trotz, mitten während des Gesanges, wie ein Meteor in den Musiksaal des Porphyrius gefallen. Daß die vornehme Jungfrau Abneigung gegen sie empfinde, kam ihr nicht in den Sinn, denn man konnte sie, das arme Sängermädchen, wohl übersehen, aber wer war ihr jemals anders als freundlich begegnet? Dennoch nahm sie für sich das Recht in Anspruch, des Porphyrius hochmüthige Tochter »nicht leiden« zu mögen, und wie die Anderen aufbrachen, rief sie Agne zu: »Zu morden brauchst Du sie nicht in meinem Namen, aber grüßen sollst Du sie auch nicht! Schmählich ist nur, daß ich jetzt zum Alleinbleiben mit Herse verdammt bin. Wundert euch nicht, wenn ihr mich nachher als eine steife, braune Mumie – dafür sind wir ja in Ägypten – wiederfindet. Ich hinterlasse Dir mein altes Kleid, Mädchen; das Rosengewand würdest Du doch nicht anziehen. Wenn ihr mich dann hübsch beweint, erschein' ich euch im Traum und steck' euch Zuckerwerk in den Mund, ambrosisches, wie die Götter es essen. Ihr laßt mir ja nicht einmal den Buben, um ihn zu quälen!« In der That war Agne's Brüderchen sauber gekleidet worden und sollte mit zu Gorgo, die ihn zu sehen gewünscht hatte. Nachdem die Anderen das Schiff verlassen, zeigte es sich schnell, wie wenig tief der Ärger Dada berührte; denn sobald sie durch das Kajütenfenster den graubärtigen Vater des Panzerreiters bemerkt hatte, sprang sie barfuß, wie sie im Hause zu gehen pflegte, die schmale Schiffstreppe hinan, warf sich auf ein Polster, lehnte sich über die Brüstung des Deckes und überschaute, beschattet von einem linnenen Zeltdache, die Werft und den Weg am Ufer. Bevor ihr die Zeit noch lang geworden, kehrte ihre neue Zofe, der es obgelegen hatte, noch Mancherlei bei ihrer früheren Herrschaft in Ordnung zu bringen, auf das Schiff zurück, kauerte sich zu ihren Füßen nieder und gab ihr Auskunft über Alles, was sie zu wissen begehrte. Die ersten Fragen bezogen sich natürlich auf Gorgo. Diese, so hörte sie nun, hatte schon viele Freier, die Söhne der größten Häuser der Stadt, abgewiesen, und zwar, wenn Sachepris, die Sklavin, Recht hatte, um des Sohnes des alten Schiffsbaumeisters willen, mit dem sie aufgewachsen war und der als Offizier im Heere des Kaisers diente. Aber diese Neigung, meinte die Sklavin, werde doch schwerlich zu einer Verbindung führen, denn Konstantin war ein eifriger Christ, sein Geschlecht stand an Vornehmheit himmelweit hinter dem des Porphyrius zurück, und wenn er auch mit großen Auszeichnungen und als Präfekt heimgekehrt war, so hatte Damia, auf welche zuletzt doch Alles ankam, ganz Anderes mit ihrer Enkelin im Sinne. Diese Mittheilungen erregten Dada's Theilnahme auf's Höchste, aber sie folgte der Zofe mit noch größerer Aufmerksamkeit, als sie ihr über Marcus, seine Mutter und seinen Bruder Auskunft ertheilte. Die Ägypterin war das Werkzeug der Greisin. Sie hatte nach dem jungen Christen ausgefragt zu werden erwartet, und sobald sein Name von Dada genannt worden war, rutschte sie auf den Knieen dicht an sie heran, legte ihr die Hand leise auf den Arm, schaute mit blitzenden Augen zu ihr auf und flüsterte ihr schnell – denn Herse ging im Schiffsraum und auf dem Deck hin und wieder – in ihrem unreinen Griechisch zu: »So schöne Herrin, so junge Herrin, und wird wie eine arme Sklavin gehalten! Wenn Herrin nur wollte, könnte sie's leicht, ganz leicht gerade so gut haben wie unsere Gorgo, und besser! So schön, so jung! Und ich weiß Einen, der möchte schöne Herrin in rothes Gold und graue Perlen und Funkelsteine fassen, wenn reizende Dada nur wollte.« »Und warum sollte reizende Dada nicht wollen?« sprach das Mädchen der Sklavin munter nach. »Wer hat denn für mich so viel übrig? Du . . . Ich behalte Deinen Namen nicht und wenn ich doppelt so alt werde wie Deine Frau Damia.« »Sachepris, Sachepris heiß' ich,« versetzte die Sklavin, »aber wenn Du willst, nenn' mich auch anders. Der Herr, den ich meine, 's ist der junge Sohn der reichen Maria. Ein schöner Mann, der Herr Marcus, und er hat Rosse, so stolze Rosse, und Goldstücke hat er mehr, als hier Kiesel liegen am Ufer. Sachepris weiß, daß er Sklaven aussendet, um schöne Herrin zu suchen. Gieb ihm ein Zeichen, schreib dem Herrn Marcus.« »Schreiben?« lachte Dada. »Bei mir zu Lande lernen die Mädchen andere Dinge; aber wenn ich's könnte, weißt Du, was ich dann thäte? Ich schrieb' ihm gewiß nicht! Wer mich finden will, der mag mich suchen!« »Er sucht, er sucht schöne Herrin,« versicherte die Zofe, »und er ist voll, ganz voll von Dir, und wenn ich nur dürfte . . .« »Nun?« »Dann ging' ich hin, und dann wollt' ich dem Herrn Marcus sagen, ganz heimlich sagen . . .« »Was? Nur heraus mit der Sprache!« »Zuerst, wo meine schöne Herrin versteckt ist, und dann, daß er hoffen dürfe, hoffen, würde ich sagen, daß meine schönste Herrin doch wohl einmal, vielleicht heut Abend . . . 's ist gar nicht weit – 's ist ganz nahe von hier . . . Sieh nur da drüben das weiße Häuschen! 's ist eine Schenke, und der Wirth, – ein Freigelassener ist er der edlen Frau Damia, und für Geld schließt er sie ab auf einen Tag, auf eine Nacht, auf mehrere Tage . . . Und da, würd' ich sagen, da – warum soll ich's verschweigen? Da wartet Herr Marcus auf sein schönstes Liebchen und schafft ihr Kleider, gegen die das Rosengewand nur ein Bettelstaat ist. Da bekommst Du Gold, viel Gold, so viel Dein Herz nur begehrt. Ich führe Dich selber hin, und da empfängt Dich der Liebste mit offenen Armen.« »Und gleich heut Abend!« rief Dada, und die Adern hoben sich bläulich aus ihrer weißen Stirn und Schläfe. »Pfui, Du braune Schlange! Hast Du solche Künste von der Jungfrau Gorgo gelernt? Wie garstig das ist, pfui, pfui, wie widerwärtig und schändlich!« Solchen schmählichen Antrag hatte sie von Marcus, gerade von ihm, den sie für gut und rein gehalten, am letzten erwartet. Sie mochte auch das Alles nicht glauben, und wie sie dem lauernden, blitzenden Blick der Ägypterin begegnete, leuchtete ihr eigenes Auge hell auf, und mit einer Entschiedenheit und Strenge, welche die Zofe ihr niemals zugetraut hätte, rief sie: »Das ist Betrug, Alles Betrug! Heraus mit der Sprache, Weib! Wie ist Marcus seit gestern an Dich gekommen, wenn er nicht weiß, wo wir sind? Du schweigst, Du willst nicht reden? . . . O, jetzt versteh' ich das Alles! Er – er hätte das niemals gewagt. Aber Deine ›edle Frau Damia‹, die Alte redet aus Dir; Du bist nur ihr Echo, und Marcus . . . Gleich, gleich bekennst Du hier, Hexe . . .« »Sachepris ist arme Sklavin,« bat die Zofe mit erhobenen Händen, »Sachepris muß nur gehorchen, und wenn schöne Herrin Sachepris an Frau Damia verräth . . .« »Die, die hat mich in das Häuschen geladen?« Die Sklavin nickte. »Und Marcus . . .« »Wenn schöne Herrin zugesagt hätte . . ..« »Nun . . .« »So . . . Aber große Isis, wenn Du arme Sklavin verräthst . . .« »Das werde ich nicht thun . . . So hättest Du also . . .« »Ich, ja ich . . . Nachgehen sollt' ich dem jungen Herrn Marcus, und in Deinem Namen hab' ich ihn einladen sollen . . .« »Schändlich!« unterbrach Dada die Ägypterin, und ihre zarten Glieder schauerten leicht zusammen. »Wie bös, wie widrig das Alles ist! Aber Du, Du bleibst nur noch hier, bis die Anderen zurück sind, dann schick' ich Dich heim zu Deiner Alten. Ich habe, den Göttern sei Dank, zwei gesunde Hände und brauch' keine Zofe! Aber dort . . . Was hat das wieder zu sagen? Die hübsche Sänfte da hält bei uns still, und der alte Herr grüßt Dich!« »Der Hausverwalter der edlen Wittwe Maria,« wimmerte die Sklavin; Dada aber erbleichte und fragte sich, was der Bote der Mutter des Marcus hier wolle. Auch Herse, welche den an's Ufer führenden Steg um Dada's willen nicht aus den Augen gelassen, hatte den Hausmeister der Wittwe kommen sehen und witterte in ihm einen Liebesboten des Marcus; aber wie staunte sie, als der Alte sie höflich, doch sehr entschieden aufforderte, die Sänfte zu besteigen und ihr zu seiner Gebieterin zu folgen. War das eine List? Wollte er Herse nur von dem Schiffe fortlocken, um für seinen jungen Herrn die Bahn frei zu machen? Aber nein! Er hatte ihr ein Täfelchen übergeben und darauf stand – sie, die Alexandrinerin, war wohl unterrichtet und konnte auch lesen – darauf stand als Überschrift: »Maria die Wittwe des Apelles an die Gattin des Sängers Karnis.« Dann folgte dieselbe dringende Aufforderung, welche ihr durch den Boten mündlich überbracht worden war. Um sich zu sichern, rief sie die Sklavin beiseite und erfuhr, daß der Hausverwalter Phabis ein alter treuer Diener der Wittwe sei. Hier war an keinen Betrug zu denken, und sie mußte der Einladung folgen. Wohl beunruhigte dieselbe sie höchlich, aber sie war eine umsichtige Frau, hatte Kopf, Herz und Mund auf dem rechten Flecke und setzte schnell in's Werk, was unter diesen Umständen noth that. Während sie ihrem äußeren Menschen ein schickliches Ansehen gab, händigte sie der Sklavin, die sie mit in ihre Kammer genommen, das Täfelchen ein, befahl ihr, es sogleich ihrem Manne zu bringen, ihm mitzutheilen, wohin sie sich begebe, und ihn aufzufordern, ohne Säumen zu Dada zurückzukehren. Aber wenn der Gatte und Sohn nicht abkommen konnten? Dann blieb das Mädchen ganz allein auf dem Schiff zurück, und dann . . . Alsogleich sah sie vor den mütterlich besorgten Augen Marcus erscheinen und Dada mit sich fortlocken, sah ihre Nichte, wenn es dem jungen Christen nicht gelang, ihren Aufenthalt zu entdecken, auf eigene Hand fortschleichen und auf der kanopischen Straße oder im Bruchium, wo um Mittag Alles, was leichtfertig in Alexandria war, in dieser Jahreszeit sein Stelldichein hatte, umherschleudern, – sah, schauderte, überlegte, und plötzlich kam ihr ein Auskunftsmittel in den Sinn, welches Hülfe zu leisten versprach. Es war nicht neu und unter den Ägyptern beliebt. Sie hatte es von dem lahmen Schneider, welcher ihres Vaters Miethsmann gewesen, anwenden sehen, wenn er die Kunden besuchen und sein junges, schwarzes Weibchen allein lassen mußte. Dada lag barfuß auf dem Decke –: Herse wollte ihre Schuhe verstecken. Das that sie denn auch mit fliegenden Händen und schloß nicht nur die Sandalen des Blondkopfs, sondern auch Agne's und ihre eigenen in die gerettete Truhe. Ein Blick auf den Saum des Kleides der Sklavin lehrte sie, daß diese nicht aushelfen könne. »Und wenn hier Feuer ausbricht,« dachte sie, »mit diesen breiten Ungethümen an den niedlichen Füßen geht meine Dada nicht auf die Straße!« Nachdem dies Werk verrichtet war, athmete Herse auf, nahm dann Abschied von ihrer Nichte, und weil sie doch empfand, daß sie etwas gegen sie gut zu machen habe, rief sie ihr in besonders liebreichem Tone zu: »Lebe wohl, Kind. Laß Dir die Zeit nicht lang werden! Es giebt ja hier Mancherlei zu sehen, und die Anderen kommen bald wieder. Heute Abend fahren wir, wenn es in der Stadt nicht gar zu bunt hergeht, Alle zusammen nach Kanopus und essen Austern. Auf Wiedersehen, mein Herzchen!« Damit gab sie ihr einen Kuß, und das Mädchen schaute sie verwundert an, denn mit solchen äußeren Zeichen der Zärtlichkeit war ihre Pflegemutter sparsam. Bald befand sich Dada ganz allein auf dem Schiff, naschte Zuckerwerk und wehte sich mit dem neuen Fächer Kühlung zu. Dabei dachte sie immerfort an den schmählichen Verrath, welchen die alte Damia gegen sie geplant hatte, und während es sie freute, daß sie nicht in das Netz gegangen war und den Anschlag durchschaut hatte, wuchs ihr Groll gegen die unwürdige Greisin und Gorgo, die sie nicht von dieser zu trennen vermochte. Dazwischen sah sie bald nach Marcus, bald nach dem Panzerreiter aus. Daß es ihr nicht möglich gewesen war, Übles von dem jungen Christen zu denken, und daß es ihr so schön gelungen, ihm zu vertrauen, machte ihr denselben besonders lieb; aber sie war auch neugierig auf den Präfekten, die »Jugendliebe« der stolzen Kaufmannstochter. Indessen verstrich die Zeit, die Sonne stieg höher, das Ausschauen, Grübeln und Träumen ermüdete sie, und gähnend begann sie zu überlegen, ob sie sich länger ausstrecken und schlafen oder hinuntergehen und sich zum Zeitvertreib das neue Rosengewand noch einmal anziehen solle. Aber es kam zu keinem von beiden, denn zunächst kehrte die Sklavin von ihrem Gange zurück, und gleich darauf sah sie den Panzerreiter durch die Werft dem See entgegenschreiten. Da richtete sie sich schnell auf, rückte den Halbmond in ihren Locken zurecht und rüstete den Fächer zu einem anmuthigen Gruße. Der Reiterpräfekt, welcher aus früherer Zeit wußte, daß das Schiff Gäste des Porphyrius zu beherbergen pflege und im väterlichen Hause nichts über die gegenwärtigen Bewohner desselben gehört hatte, verneigte sich vor der jungen Schönen auf dem Deck mit einem ehrerbietigen militärischen Gruße. Dada dankte ihm huldvoll; aber damit schien auch diese neue Begegnung zu Ende zu sein, denn der Soldat schritt weiter, ohne sich umzusehen. Er sah heute noch stattlicher aus als gestern. Sein Haar war frisch gesalbt und gelockt, der Schuppenpanzer und der Helm leuchteten so blank, der Purpurstoff des Waffenrocks war so neu und glänzend, als ging' es geraden Wegs vor den Thron des Kaisers. Die Tochter des Kaufherrn hatte keinen üblen Geschmack, aber ihr Freund schien den Kopf nicht weniger hoch zu tragen als sie. Es reizte Dada, seine Bekanntschaft zu machen und zu sehen, ob er wirklich nur Augen habe für Gorgo. Das Gegentheil würde ihr, so wenig sie sonst nach ihm fragte, große Genugthuung gewährt haben, und sie beschloß, ihn auf die Probe zu stellen. Es war keine Zeit zu verlieren, und weil es doch nicht wohl anging, ihn anzurufen, folgte sie einer schnellen Eingebung, warf den schönen Fächer, welchen sie erst seit gestern besaß, über Bord, und stieß dabei einen Schrei aus, in dem sich Schreck und Bedauern auf's Natürlichste paarten. Das wirkte. Der Offizier wandte sich um, seine Augen begegneten den ihren, und nun bog sich Dada weit über die Brüstung des Schiffes, wies auf den Spiegel des Sees und rief lebhaft: »In's Wasser gefallen! Mein Fächer!« Wiederum machte der Offizier eine leichte Verbeugung. Dann trat er von dem Wege an's Ufer, und während Dada ruhiger fortfuhr: »Da! – dort! Ach, wenn Ihr wolltet! . . . Ich hatte den hübschen Fächer so gern! Seht, seht nur, wie gefällig er ist! – Da schwimmt er Euch schon entgegen!« Konstantin, der Präfekt, hatte den Fächer bald ergriffen und schwenkte ihn, während er das Schiff bestieg, trocken. Sie nahm den Fächer freudig in Empfang, strich die feuchten Federn glatt und dankte seinem Retter warm und lebendig; er aber versicherte, daß es ihm lieber gewesen sein würde, ihr einen größern Dienst zu erweisen. Dann wollte er sich mit einer Verneigung, welche nicht weniger gemessen ausfiel als die früheren, entfernen; aber er ward ganz unerwarteterweise aufgehalten, denn die ägyptische Sklavin trat ihm in den Weg, küßte den Saum seines Waffenrocks und rief: »Welche Freude für den Herrn Vater und die Frau Mutter und arme Sachepris. Der Herr Konstantin wieder daheim!« »Ja, endlich wieder zu Hause!« entgegnete der Soldat mit tiefer, wohlklingender Stimme. »Deine alte Herrin hält sich noch wacker. So ist es recht! Ich bin auf dem Weg zu den Anderen.« »Wissen schon, daß Ihr da seid,« versetzte die Sklavin. »Große Freude bei Allen. Haben gefragt, ob der Herr Konstantin die alten Freunde vergessen.« »Keinen, keinen.« »Und wie lang ist's doch her, seitdem der Herr Konstantin fortzog. Zwei Jahre, nein, ganze drei, und doch gar nicht verändert. Nur die Narbe über dem Auge! Daß doch dem Bösewicht, der das gethan hat, die Hand verdorre.« Dada hatte den breiten Schwertstreich, welcher die ganze Stirn des Soldaten, so weit der Helm sie sehen ließ, durchfurchte, längst bemerkt, und unterbrach nun die Sklavin: »Wie das euch Männer nur freuen kann, euch gegenseitig zu schlachten und zu zerschlagen. Denkt nur, wenn der Hieb einen einzigen Finger breit tiefer gegangen wäre, – Ihr hättet das Auge verloren, und dann – lieber tot sein als blind! Wenn Alles hell ist, nichts sehen zu können: wie das nur sein muß! Die Erde liegt dann im Dunkel, und Ihr könnt nichts mehr erkennen: nicht den Himmel, nicht den See, nicht das Schiff, nicht einmal mich hier.« »Das wäre schade,« unterbrach sie der Präfekt und zuckte lächelnd die Achseln. »Schade!« rief Dada. »Das klingt wie gar nichts, das ließe sich, dächt' ich, ganz anders sagen! Mich, mich schaudert, wenn ich an Blindheit nur denke. Wie langweilig kann es schon sein mit zwei offenen Augen, und wie muß es erst werden, wenn sie den Dienst versagen und es mit dem Umschauen vorbei ist. Wißt Ihr auch, Herr, daß Ihr mir nicht bloß einen Gefallen erwiesen habt, sondern gleich zwei auf einmal?« »Ich?« fragte der Reiterpräfekt. »Ja, Ihr. Aber mit dem zweiten seid Ihr noch nicht fertig. Und nun setzt Euch ein wenig, ich bitte. Da steht ein Sessel. Ihr wißt doch: es nimmt die Ruhe, wenn ein Besucher sich nicht niederläßt, eh' er weggeht. So, und nun möcht' ich Euch fragen: tragt Ihr nicht gerade in der Schlacht den Helm auf dem Kopfe? Ja? Aber wie hat dann der Schwertstreich Eure Stirn treffen können?« »Im Handgemenge,« versetzte der Krieger, »bleibt mancherlei nicht an der rechten Stelle. Der Eine schlug mir den Helm beiseite, und der Andere hieb dann von vorn auf mich ein.« »Und wo geschah das?« »Am Savus, wo wir den Maximus schlugen.« »Und Ihr hattet da denselben Helm auf dem Kopfe?« »Ja wohl.« »O, zeigt ihn mir einmal her! Ob man die Beule in dem Metalle noch sieht? Wie schwer solch ein Ding mit seinem Bügel doch sein muß!« Da nahm sich Konstantin den Helm geduldig vom Haupte und reichte ihr denselben. Sie wog ihn in den kleinen Händen, fand seine Last unerträglich und führte ihn dann in die Höhe, um ihn sich selbst auf die Locken zu setzen; aber das schien dem Krieger nicht zu gefallen, und mit einem kurzen »Ich bitte,« nahm er ihr den Helm aus der Hand, setzte ihn wieder auf und erhob sich. Da wies Dada lebhaft auf den Sessel und rief: »Nein, nein, mit dem zweiten Dienste bin ich noch nicht zufrieden. Ich war im Begriff, vor Langerweile zu Grunde zu gehen; da seid Ihr zur rechten Zeit gekommen, und wenn Ihr Euer Rettungswerk durchführen wollt, müßt Ihr mir etwas von der Schlacht, wo Ihr die Wunde bekommen, erzählen, und wer Euch gepflegt hat und ob die pannonischen Weiber wirklich so schön sind.« »Dazu fehlt mir leider die Zeit,« unterbrach sie der Präfekt, »und was die Langeweile anlangt, so vertreibt sie die Sachepris dort geschickter als ich; wenigstens hat sie sich in früheren Jahren vortrefflich auf's Märchenerzählen verstanden. Einen fröhlichen Tag!« Mit diesem Gruß entfernte sich Konstantin und schaute sich, während er auf den Garten des Porphyrius zuschritt, weder nach dem Schiffe, noch nach seiner schönen Bewohnerin um. Dada blickte ihm verdutzt und erröthend nach. Sie hatte wieder etwas gethan, womit Herse, und, was ihr noch viel peinlicher war, womit Agne unzufrieden gewesen sein würde. Der Fremde, mit dem sie zu spielen versucht hatte, war ein würdiger Mann. Gorgo konnte stolz sein auf solchen Geliebten; und wenn er nun hinging und ihr vielleicht verdrossen erzählte, welch' lästiger Aufenthalt ihr durch die kecke Sängerin erwachsen, so war das ihre eigene Schuld. Sie hatte das Gefühl, als sei etwas an ihr und in ihr, was sie schlechter erscheinen ließ, als sie war und sein wollte. Agne, Marcus, der Präfekt und auch Gorgo waren etwas Höheres, Würdigeres, als sie und die Ihren, und zum ersten Male fühlte sie, daß die Gefahren, vor denen der junge Christ sie hatte schützen wollen, keine bloßen Hirngespinnste seien. Sie konnte sie nicht mit bestimmtem Namen bezeichnen, aber sie fühlte, daß sie ohne Halt und Stütze, ohne Waffen gegen die thörichten Triebe der eigenen Seele von einem Beginnen zum andern durch die Stunden flattere wie ein Blatt im Winde, und sie sagte sich, daß ihr Jedermann, schon weil sie als Sängerin mit den Ihren durch die Welt fuhr, mißtraue und sich gestatte, ihr Schmähliches zuzumuthen. Ein leiser Groll gegen das Schicksal, die Ihren, sich selbst überkam sie, und dazu eine namenlose Sehnsucht nach einem andern, neuen Leben. Still vor sich hin brütend schaute sie in das Wasser und hörte und sah nichts von Allem, was um sie her vorging, bis die Sklavin sie anrief und auf einen Wagen wies, der bei der Gasse, welche den Hain des Isistempels von der Werft trennte, stillhielt, und in dem die Ägypterin das Gespann des Marcus wieder zu erkennen behauptete. Da sprang Dada schnell auf und lief mit glühenden Wangen in den Schiffsraum, um ihre Schuhe zu holen; aber Alles, was Sandalen hieß, war verschwunden, und Herse hatte wohl gethan, der Sklavin auf die Füße zu sehen, denn das Mädchen that zuletzt das Gleiche und würde sich nicht geschämt haben, sich ihrer Schuhe zu bedienen, wenn sie nicht doch gar zu plump und garstig gewesen wären. Das hatte Herse ihr angethan, und es war leicht zu errathen, zu welchem Zwecke. Um sie sicher zu machen, hatte sich die falsche Frau beim Abschied so freundlich gegen sie erwiesen. Das war Hinterlist, das war böse und schändlich! Und sie, wie ein Lamm hatte sie sich bisher in Alles gefügt, aber das, das war zu viel, das wollte sie sich nicht gefallen lassen, das . . . Da kam die Sklavin in ihre Kammer und rief sie auf's Deck. Dort war ein neuer Besucher erschienen: ein alter Bekannter und Reisegefährte, Demetrius, des Marcus älterer Bruder. Zu anderer Zeit würde sie den Landmann freundlich begrüßt und ihn als Tröster in der Einsamkeit willkommen geheißen haben, aber er hatte eine üble Stunde für seinen Besuch und sein Vorhaben gewählt, das konnten ihm die gerötheten Wangen und feuchten Augen des Mädchens sagen. Er war gekommen, um sie – koste es, was es wolle – mit sich auf seine Güter bei Arsinoë im Seeland zu nehmen. Der Besitz des schönen Mädchens reizte ihn wenig; doch wünschte er dringend, ja, er hielt es für seine Pflicht, den unerfahrenen Bruder vor Gefahren zu retten, in die ihn seine thörichte Neigung zu der Sängerin zu stürzen drohte. Ein Beutel voll Goldstücke und ein Halsschmuck von Türkisen und Diamanten, den er in der Halle der Juweliere im Judenviertel für eine Summe erstanden, welche er mit Ingrimm schon mehrmals in eine Schiffsladung Korn und einen ganzen Keller voll Wein und Öl umgesetzt hatte, sollte ihn bei diesem Vorhaben unterstützen, und der Landmann ging gerade auf sein Ziel los und forderte das Mädchen kurz und einfach auf, die Ihren zu verlassen und ihm nach Arsinoë zu folgen. Als sie ihn verwundert fragte, was sie dort solle, entgegnete er, daß er eine heitere Gefährtin brauche. Ihr Näschen gefalle ihm, und wenn er sich auch nicht schmeicheln dürfe, von vornherein Wohlgefallen vor ihren Augen zu finden, so bringe er ihr dafür etwas mit, was ihr gut stehen werde, und etwas Anderes, das ihm helfen solle, ihre Gunst zu erwerben. Er sei kein Knauser, und wenn ihr das und das – dabei breitete er die blitzende Kette aus und stellte den vollen Beutel auf das Polster – behage, so möge sie es als Abschlagszahlung annehmen und sich auf mehr gefaßt machen, denn seine Tasche sei weit. Dada unterbrach ihn nicht, denn die Entrüstung, welche sich ihrer mehr und mehr bemächtigte, beengte ihr den Athem. Diese neue Demüthigung überschritt alle Grenzen des Erträglichen, und als sie endlich die Kraft zu reden und zu handeln zurückerlangt hatte, warf sie den Beutel von dem Polster und stieß ihn, nachdem er klirrend auf das Deck gefallen, als sei er verpestet, mit dem bloßen Fuß weiter von sich. Dann stellte sie sich gerade vor den Landmann hin und rief: »Schande über euch Alle! Du glaubst, weil ich ein armes Mädchen, eine Sängerin bin, und weil Du schmutziges Geld hast . . . Dein Bruder, der Marcus, hätte das nicht gethan, das gewiß nicht! . . . Aber Du, Du häßlicher Bauer . . . Wenn Du noch einmal wagst, dies Schiff zu betreten, so sollen Dich Karnis und Orpheus herunterjagen wie einen Dieb oder Mörder. Ewige Götter, was hab', was hab' ich denn gethan, daß mich Jeder für schlecht hält? Ewige Götter . . .« Dabei brach sie in lautes, krampfhaftes Schluchzen aus und eilte auf die Treppe zu, welche in den untern Schiffsraum führte. Demetrius rief ihr begütigende Worte nach, sie aber wollte ihn nicht hören. Dann sandte er die Sklavin aus, um sie zu bitten, ihm Gehör zu schenken, aber diese brachte ihm nichts als den Befehl, das Schiff sogleich zu verlassen. Da gehorchte er, und während er den Beutel aufnahm, dachte er: »Den Kornspeicher und das Weinschiff hätt' ich zurück, aber ich würfe ihnen gern noch vier andere nach, wenn ich diesen elenden Streich ungeschehen machen könnte. Wäre man selbst nur würdiger und besser, so traute man Anderen weniger leicht so vielerlei zu, was unwürdig und schlecht ist.« Neuntes Kapitel. Die Stadt Alexandria war bis in ihre Grundtiefen erregt. Zusammenrottungen der Christen und Heiden, Handgemenge zwischen Beiden und Eingriffe der bewaffneten Macht in blutige Händel gab es von früh bis spät an den Mittelpunkten des öffentlichen Lebens; aber wie bei den schwersten Schicksalsschlägen, welche ein Haus betreffen, nach wie vor den unbedeutenden Anforderungen des Lebens Rechnung getragen wird, wie das Spiel der Kinder fortgeht, wenn der Vater auf dem Sterbebette liegt, so forderten auch in der erregten und gefährdeten Großstadt die kleinen Lebensinteressen des Einzelnen ihr Recht. Wohl erlitt der Strom des Handels und Wandels manche Stockung, aber er kam nicht zum Stillstand. Der Arzt besuchte den Kranken, Genesende machten an freundlicher Hand den ersten Versuch, aus dem Schlafgemach in das Viridarium zu wanken, und Almosen wurden gespendet und empfangen. Der Haß machte sich breit auf allen Wegen, aber auch die Liebe behauptete ihren Platz, festigte alte und knüpfte neue Bande. Angst und Sorge bedrückten viele Tausende, Andere suchten aus der allgemeinen Unruhe Vortheil zu ziehen, und wie Viele gingen leichten Herzens aus und suchten Genuß und Vergnügen. Im Hippodrom wurden Rosse eingefahren, in den Lusthäusern zu Kanopus gab es Gastmähler, Musik und Gelächter genug, im Volksgarten, welcher das Paneum umgab, wettete man bei Hahnen- und Wachtelkämpfen um rothes Gold oder ärmliches Kupfer. So setzt das Kind von dem Dache des elterlichen Hauses, welches noch aus der Flut hervorragt, die das Dorf verschlungen, ein Borkenkähnchen, sein Spielzeug, auf das entfesselte Element; so läßt der Knabe, während schwarzes Gewölk sich drohend zusammenballt, den bunten Drachen steigen; so zählt der Alte, dem der Tod die Knochenhand schon auf das stockende Herz legt, das zusammengescharrte Vermögen; so tanzt am Fuße des Vulkans auf dem wankenden Boden die fröhliche Jugend. Wer kümmert sich um das Ganze? Jeder Einzelne hat an sein Sondersein und dessen Forderungen zu denken. Was der Mensch für sich selbst bedarf und begehrt – das Größte und Kleinste – hat für ihn doch höhere Bedeutung und süßeren Reiz als die Anforderungen des großen Körpers, an dem er nicht mehr ist als ein Tröpfchen Blut oder eine Wimper am Auge. Im Hause des Porphyrius weilte Olympius, der Mann, dessen Geist und Wille schon einmal tief in die Geschicke der Stadt eingegriffen hatte, und auf dessen Wink auch heute halb Alexandria harrte. Der Kaufherr und die Seinen theilten die Gesinnung dieses Parteihauptes und nannten sich seine Bundesgenossen; aber auch unter ihnen verlangte das Kleine im Leben sein Recht, und Gorgo, die Mitkämpferin im Streite für die alten Götter, dachte nur noch mit getheilter Aufmerksamkeit an die große Sache, der sie mit Begeisterung anhieng, weil ein Jugendgespiele, auf dessen Besuch sie ein Anrecht hatte, länger ausblieb als billig. Gestern hatte sie mit ganzer Seele die »Klage der Isis« gesungen und eifrig um Agne's Mitwirkung geworben: aber obgleich auch heute ihre Stimme schön zur Geltung gekommen war, so hatte sie doch, wenn in den Seitengemächern eine Thür gegangen oder im Garten laut gesprochen worden war, bald den Gesang unterbrochen, bald bei demselben mit so viel weniger lebhafter und wahrer Empfindung mitgewirkt als gestern, daß Karnis sie gern mit aller Schärfe getadelt haben würde. Aber das gieng nicht an, und so machte er seiner Unzufriedenheit Luft, indem er seinem Sohne zuraunte: »Da sieht man wieder, daß die erstaunlichsten Gaben und das beste Können nichts helfen, wo man Kunst und Leben noch zu sondern vermag, wo Beide nicht Eins geworden sind, wo man die Kunst nicht als Erstes und Letztes im Dasein, sondern mehr zum Vergnügen oder zum Spiele betreibt!« Agne war ihrem Vorsatze treu geblieben und hatte bescheiden, aber bestimmt erklärt, es sei ihr unmöglich, den Isistempel zu betreten, und diese Weigerung war ruhig und ohne ernsten Widerspruch zu erwecken hingenommen worden. Die Bitte Gorgo's, den Gesang von gestern heute mit ihr zu wiederholen, hatte sie nicht abschlagen mögen, denn Alles deutete darauf hin, daß man von ihrer Mitwirkung bei dem Feste der Göttin abgesehen habe. Wie konnte sie wissen, daß der bärtige Philosoph, welcher gestern ihrem Zwiegesang mit Gorgo als athemloser Lauscher gefolgt war, es auf sich genommen hatte, ihre Bedenken zu zerstreuen und sie zum Nachgeben zu bestimmen. Olympius legte auf ihre Mitwirkung schweres Gewicht, denn Alles, was zu den alten Göttern hielt, sollte sich im Heiligthume der Isis vereinigen, und je glänzender und würdiger die Festfeier ausfiel, desto höher mußte die Begeisterung der Heiden wachsen, welche die nächste Zeit auf harte Proben zu stellen verhieß. Aus dem Tempel sollten die Tausende, deren Herz den alten Göttern ergeben war, in feierlichem Aufzuge vor die Präfektur ziehen, und wenn sie in der rechten Stimmung die Stadt durchwallten, so war zu erwarten, daß sich ihnen Alles, was nicht christlich oder jüdisch war, anschließen werde. So konnte es zu einer Kundgebung von erstaunlicher Großartigkeit kommen und dem Cynegius, dem Botschafter des Kaisers, deutlich gezeigt werden, wie die Mehrzahl der Bürger gesinnt sei und was es heiße, hier die Dinge auf die Spitze zu treiben und Hand an den Haupttempel der Stadt zu legen. Er, der gewaltige Redner, der in seiner Geistesarbeit ergraute Philosoph, hielt es für leichtes Spiel, die thörichten Bedenken eines eigensinnigen Mädchens zu besiegen. Wie der Sturm leichtes Gewölk, so wollte er sie mit der Macht seiner Gründe zerstreuen, und wer diesen bärtigen Mann mit dem gewaltigen Zeuskopfe, der gedankenschweren Stirn und breiten Brust, aus welcher der Strom der Rede nach seinem Gefallen bald mit bestrickendem Zauber, bald mit Alles fortreißender Kraft hervorquoll, auf die bescheidene, zage Jungfrauengestalt Agne's zutreten sah, der konnte nicht zweifeln, wem von Beiden der Sieg zufallen werde. Olympius hatte heute zum ersten Mal Zeit gefunden, ausführlicher mit seinem alten Freunde Karnis zu sprechen, und während die Mädchen mit dem kleinen Papias in den Garten gegangen waren, um ihm dort die Schwäne und zahmen Gazellen zu zeigen, sich erst über Alles unterrichtet, was er über die Christin zu wissen begehrte, und sich dann nach den Lebensschicksalen des Sängers erkundigt. Dieser empfand es als eine Gunst, daß sich der berühmte Gelehrte, das Haupt seiner Gesinnungsgenossen in der zweiten Stadt der Welt, welcher das Amt eines Oberpriesters des Serapis bekleidete und vor dessen überlegener Geisteskraft er sich schon als Studirender gebeugt hatte; seiner bescheidenen Person erinnerte und ihm zu erzählen erlaubte, wie er, der gelehrte Sohn eines reichen Hauses, zu einem wandernden Sänger geworden. Olympius war des Karnis Freund gewesen, als dieser auf der Hochschule, statt sich, nach dem Wunsche seines Vaters, mit der Rechtskunde zu befassen, sich dem Studium der Musik mit allem Eifer hingegeben und schon damals als Sänger, Lautenschläger und Führer heidnischer Chöre geglänzt hatte. In Alexandria war die Kunde vom Tode seines Vaters zu Karnis gelangt. Bevor er dann diesen Ort verließ, hatte er Herse, welche ihm weder an Herkunft noch an Vermögen gleichstand, geheirathet und war mit ihr in seine Heimat Tauromenium auf Sizilien übergesiedelt, um dort eine Erbschaft anzutreten, deren Größe und Bedeutung ihn selbst überrascht hatte. Zu Alexandria war ihm das Theater eine weit vertrautere Stätte gewesen, als das Museum und die hohe Schule des Serapeums. Als Liebhaber hatte er dort in den Chören gesungen und ihre Führer häufig vertreten. In früherer Zeit war das Theater seiner Vaterstadt Tauromenium weit berühmt gewesen: aber bei seiner Heimkehr hatte er es in einem traurigen Zustande wiedergefunden. Die meisten Bewohner der herrlichen Stadt am Fuße des Ätna waren zum Christenthum übergetreten, und mit ihnen die reichen Bürger, auf deren Kosten die Stücke ausgestattet und die Chöre erhalten worden waren. Wohl kamen kleine Aufführungen noch immer zu Stande, aber die Sänger und Schauspieler darbten, und in dem schönen, großen Theater kam nichts mehr zur Darstellung, was seiner Vergangenheit würdig gewesen wäre. Das schnitt dem reichen jungen Musikfreunde in's Herz, und mit der ihm eigenen lebendigen Rührigkeit wußte er bald diejenigen unter seinen Mitbürgern, welche den alten Göttern treu geblieben waren und Sinn für die Ton und Dichtkunst Griechenlands bewahrt hatten, für seine Pläne zu gewinnen. Das Theater sollte der Mittelpunkt des Widerstandes der Heiden gegen die Christen werden, es sollte mit den Kirchen den Wettkampf aufnehmen, die Abgefallenen wieder anlocken und die Treugebliebenen in ihrer Gesinnung bestärken. Von der Bühne aus sollte das griechische Volk Tauromeniums an die Macht seiner alten Götter, an die Größe seiner Vergangenheit erinnert werden. Zu diesem Zweck war es nöthig, das verkommene Heiligthum neu zu gestalten, und nachdem Karnis einen großen Theil der erforderlichen Mittel vorgestreckt hatte, wurde ihm die Leitung des Theaters übertragen. Er widmete sich dieser Aufgabe mit ganzer Seele und brachte es auch bald dahin, daß die Bühne von Tauromenium und die musikalischen Vorträge im Odeum dieser Stadt die Bürger anzogen und wegen ihrer künstlerischen Vollendung weit und breit von sich reden machten. Freilich mußten solche Erfolge mit großen Opfern erkauft werden, und Karnis zauderte trotz Herse's Einspruch niemals, wenn es galt, den Rückgang seiner Schöpfung durch neue Vorschüsse aufzuhalten. So vergingen einige zwanzig Jahre; dann aber kam der Tag, an dem sein reiches Erbe erschöpft war, und ihm folgte die Zeit, in der die christliche Gemeinde Alles aufbot, um dem heidnischen Ärgerniß in ihrer Mitte den Todesstoß zu geben. Während der Vorstellungen kam es öfter und öfter zu blutigen Schlägereien zwischen den Christen, welche in das Theater gedrungen waren, und den heidnischen Zuschauern, und endlich untersagte ein Dekret des Kaisers Theodosius die Aufführung von heidnischen Schauspielen und Musikstücken. – Das Theater von Tauromenium, dem Karnis sein ganzes Vermögen theils geschenkt, theils vorgestreckt hatte, existirte nicht mehr, und die Wechsler, welche, nachdem seine eigenen Mittel erschöpft waren, für die durch ihn noch blühende Kunststätte auf seine Bürgschaft hin Summe auf Summe geborgt hatten, pfändeten ihm sein Haus und seinen Grundbesitz ab und würden ihn in das Schuldgefängniß geworfen haben, wenn er sich nicht dieser Schmach durch die Flucht entzogen hätte. Gute Freunde waren den Seinen behülflich gewesen, ihm zu folgen, und vereint mit diesen hatte er dann seine Sängerfahrten begonnen. Dabei war es ihm oft recht kümmerlich ergangen, aber er hatte es verstanden, der Kunst und den olympischen Göttern treu zu bleiben. Dem Allen war der Philosoph mit Theilnahme und manchem Zeichen der Zustimmung gefolgt, und als Karnis endlich mit feuchten Augen seine Erzählung schloß, legte ihm Olympius den Arm auf die Schulter, zog ihn an sich und rief: »Brav, brav, alter Genosse! Wir halten treu zu der gleichen guten Sache! Du hast das Deine für sie geopfert wie ich das Meine. Aber noch brauchen wir nicht zu verzweifeln. Siegen wir hier, so erheben die Freunde an tausend Orten das Haupt. Der Stand der Gestirne in der vergangenen Nacht und die Opferschau dieses Morgens lassen auf große Umwälzungen schließen. Was heute am Boden liegt, kann schon morgen mächtig die Schwingen regen! Den Sturz des Größten stellen alle Vorzeichen in Aussicht, und was wäre heute noch größer als Rom, die alte Zwingherrin der Völker? Diese Tage bringen wohl kaum die Entscheidung, aber von ihnen hängt dennoch Gewaltiges für uns ab. Mir träumte von dem Falle des Kaiserthums und einem großen Griechenreiche, das schön und mächtig, unter dem Schutze der olympischen Götter, aus seinen Trümmern emporwachse, und an die Verwirklichung dieses Traumes soll Jeder von uns Alles setzen. Du hast uns ein leuchtendes Beispiel glorreichen Opfermuthes gegeben, und ich danke Dir dafür im Namen aller Gesinnungsgenossen, ja, der Götter selbst, denen ich diene! Hier gilt es jetzt zunächst, den Streich abzuwenden, welchen der Bischof durch die Hand des Cynegius – sie hat ja schon das köstliche Heiligthum des apameischen Zeus zu Fall gebracht – gegen uns zu führen beabsichtigt. Zieht der Gesandte unverrichteter Sache ab, dann neigt sich die Schale tief, tief zu unseren Gunsten, dann hört es auf, Thorheit zu sein, an den Sieg unserer Sache zu glauben.« »Lehr' uns wieder hoffen!« rief der Sänger. »Schon damit ist viel gewonnen; nur sehe ich nicht, wie dieser Aufschub . . .« »Wir brauchen Zeit, und die schafft er,« entgegnete Olympius. »Vorbereitet ist Alles, aber nichts fertig. Alexandria, Athen, Antiochia und Neapolis sollen die Mittelpunkte der Erhebung werden. Der große Libanius ist kein Mann der That, aber er billigt unsern Plan. Kein Geringerer als Florentius hat es auf sich genommen, unter den heidnischen Offizieren für uns zu werben; Messala und die mächtigen Generale Fraiut und Generid, die Gothen, sind für die alten Götter einzutreten bereit. Es wird unserem Heere an Führern nicht fehlen . . .« »Unserem Heere?« fragte Karnis erstaunt. »So weit ist die Sache gediehen?« »Ich rede von dem Heere der Zukunft!« rief der Gelehrte begeistert. »Es zählt noch keinen Mann, aber es besteht schon aus vielen Legionen. Was stark ist an Geist und Leib, die gelehrte Jugend und das Landvolk mit den gewaltigen Armen, sie bilden den Kern unserer Schaaren. Ein Maximus hatte im Fluge das Heer gesammelt, das dem Gratian Thron und Leben raubte, und dem Theodosius um ein Haar erlegen wäre, und was war er mehr als ein ehrgeiziger Rebell, was hat seine Anhänger zu ihm gelockt als Hoffnung auf Antheil an der Beute? Aber wir, wir werben mit den höchsten Ideen, den heißesten Wünschen der Herzen, und als Siegespreis zeigen wir den alten Glauben, die alte Freiheit des Geistes, die alte Schönheit des Lebens. Die Menschheit, um welche die Christen werben, diese bunte Flickendecke von eklen Barbaren, sie mag ihr Dasein fristen wie ihr's gefällt; wir aber sind Griechen, sind als solche das denkende Haupt und die fein und schön empfindende Seele der Welt. Das Staatsgebäude, welches wir nach dem Sturze des Theodosius und des römischen Reiches auszurichten gedenken, soll hellenisch sein, ganz hellenisch. Das alte Nationalgefühl, welches die Griechen stark machte gegen die Millionen des Darius und Xerxes, es soll uns neu durchdringen, und wir weisen die Barbaren von uns, wie der Patrizier es dem geringen Manne wehrt, sich zu seinem erlauchten Hause zu zählen. Die griechischen Götter, griechischer Heldenmuth, griechische Kunst und Wissenschaft werden sich unter uns um so schneller wieder aus dem Staube erheben, je gewaltsamer man ihre nie erlahmende Schwungkraft hinuntergedrückt hat.« »Wie mir das an's Herz greift!« rief Karnis. »Das alte Blut rinnt wieder schneller, und hätt' ich noch einmal ein halbes Tausend Talente zu opfern . . .« »So gäbest Du sie hin für unser neues Griechenreich,« fiel Olympius freudig ein. »Und wie Du, wackerer Mann, so denken zahllose andere Freunde. Was schon dem herrlichen Julianus gelungen sein würde, hätten ihn nicht Meuchler so jung auf die Bahre gestreckt, uns wird es glücken, denn Rom . . .« »Rom ist noch immer gewaltig.« »Rom ist ein Koloß, zusammengekittet aus tausend Blöcken, und unter diesen giebt es hundert und mehr, welche nur noch locker am Mörtel hängen und sich lieber heute als morgen von dem Körper des garstigen Unholds lösen möchten. Unser Aufruf bringt sie zum Abfall, und sie stürzen uns entgegen, und wir wählen aus ihnen die Besten. – Zeit – nur wenige Monate Zeit, und das Heer strömt in der campanischen Ebene am Fuße des Vesuvius, zu Land und zu Schiffe, zusammen; Rom öffnet uns, die wir ihm die alten Götter zurückbringen, freiwillig die Thore, der Senat proklamirt die Absetzung des Kaisers und mit ihr die Republik, Theodosius zieht uns entgegen; aber die Idee, für welche wir in's Feld stürmen, fliegt uns voran und pocht an die Herzen der Soldaten und Offiziere, welche gern, ach wie gern, den erhabenen Olympiern opfern möchten und nur gezwungen die Wunden des gekreuzigten Juden küssen. Sie fallen ab, sie gehen von dem Labarum, welches Konstantin zum Siege führte, zu unseren Feldzeichen über, und diese Feldzeichen, sie sind schon da, sind vorhanden; man hat sie in dieser Stadt verfertigt, und wohlverborgen stehen sie im Hause des Apollodor. Hohe Dämonen hielten sie meinem Schüler Ammonius entgegen, als er in ekstatischer Verzückung sich Eins fühlte mit Gott, und nach seiner Angabe ließ ich sie bilden.« »Und was stellen sie dar?« »Die Büste des Serapis mit dem Modius auf dem Haupte. Sie wird von einem kreisförmigen Rahmen umgeben, auf dem die Zeichen des Thierkreises, und um sie her die Bilder der großen Olympier zu sehen sind. Das Haupt unseres Gottes ist das des Zeus, das Getreidemaß aus seinem Haupte stellt den künftigen Segen vor, den der Landmann erwartet. Der Thierkreis verheißt uns günstige Sterne, und die Gestalten, welche ihn bilden, sind nicht gewöhnlich, sondern reich an schöner Bedeutung. Die Zwillinge sind der Seefahrer Führer Kastor und Pollux, neben dem Löwen sieht man Herkules, der ihn bezwingt, die Fische sind die Freunde der Musik, die Delphine. Auf der Wage schnellt die Schale mit dem Kreuze hoch in die Luft, und die andere ist mit dem Lorbeer des Phöbus Apollon und dem Donnerkeil des Zeus belastet, kurz, unsere Standarte wird Alles entfalten, was dem Griechen theuer ist und seine Seele mit Ehrfurcht erfüllt. Oben auf dem Rahmen schwebt mit dem Siegeskranze die Nike. Sind erst an allen Mittelpunkten der Bewegung die rechten Führer gefunden, dann werden die Feldzeichen und mit ihnen auch Waffen für das Landvolk versandt. Für jede Provinz ist eine Versammlungsstelle in Aussicht genommen, das Losungswort wird vertheilt und der Tag des Aufbruchs bestimmt.« »Und sie strömen herbei,« fiel ihm Karnis in's Wort, »und ich und mein Sohn, wir werden unter ihnen nicht fehlen! O schöner Tag, o großer, erhabener Tag! Wie gern will ich sterben, wenn es mir noch zu erleben vergönnt wird, daß vor den weit geöffneten Thoren aller Tempel in griechischen Landen den olympischen Göttern wieder auf bekränzten Altären Opfer rauchen und beim Schall hellenischer Lauten und Flöten begeisterte Jungfrauen und Jünglinge den Reigen schlingen und die Stimmen zum Chore vereinen! Dann, ja dann wird es wieder Licht in der Welt, dann heißt Leben wieder Genießen und Sterben Abschied nehmen von einem seligen Feste!« »So, so soll es werden!« rief Olympius, berauscht von dem lauten Widerhall des eigenen Enthusiasmus, und drückte dem Sänger die Hand. »Schenken wir den Griechen wieder das Leben und lehren wir sie den Tod wie in alten Zeiten verachten. Das Dasein verkümmern, im Tode Seligkeit suchen, das überlassen wir den Barbaren, den Christen! . . . Aber die Mädchen sind mit dem Gesang zu Ende. Es giebt heute noch viel zu thun, und zuerst werde ich die Bedenken Deiner widerspenstigen Schülerin zerstreuen.« »Das wirst Du doch so gar leicht nicht finden,« versetzte Karnis. »Gründe sind stumpfe Waffen im Kampfe mit Weibern.« »Nicht immer,« entgegnete der Philosoph. »Man muß das Schwert nur recht zu handhaben wissen! Laßt mich allein mit dem Kinde verhandeln. Die Sängerinnen sind hier wie ausgestorben; schon mit dreien haben wir es versucht, aber sie waren alle schlecht geschult und gewöhnlich. Diese da wird, wenn sie ihre Stimme mit der Gorgo's vereint, tief auf die Herzen der Menge wirken. Wir brauchen begeisterte Schaaren, und sie hilft sie uns schaffen!« »Wohl, wohl. Aber Du selbst, Olympius, der Du die Seele der großen Umwälzungen bist, auf welche wir hoffen, Du solltest fern bleiben von diesem Feste. Überhaupt! Ein Preis ist auf Dein Haupt gesetzt, und wenn Dich Porphyrius auch schützt, so wimmelt es doch in seinem Hause von Sklaven. Sie kennen Dich, und wenn Dich einer, verlockt durch den goldenen Köder . . .« »Sie verrathen mich nicht,« lächelte der Philosoph. »Sie wissen, daß Damia, ihre greise Herrin, und ich über die Dämonen der obern und untern Sphäre gebieten, und daß sie ein Wink von ihr wie von mir vernichtet – aber fände sich unter ihnen dennoch ein Ephialtes, so rettet mich ein Sprung in die Thüre dort. Unbesorgt, Freund, Orakel und Sterne verheißen mir einen andern Tod als durch den Verrath eines Sklaven!« Zehntes Kapitel. Olympius suchte Agne im Garten auf und fand sie dort an dem mit Marmor umsäumten Ufer eines kleinen Teiches, wie sie ihrem Brüderchen Brod reichte, um die Schwäne zu füttern. Der Philosoph begrüßte sie freundlich, hob das Kind zu sich empor und wies ihm die Kugel, welche sich mit dem Strahl des Springbrunnens bald hoch schwang, bald senkte. Papias fürchtete sich nicht vor dem großen Manne mit dem mächtigen weißen Barte, denn aus den hellen Augen desselben strahlte ein sonnig heiterer Glanz; auch klang seine Stimme weich und liebreich, wie er ihn fragte, ob er auch einen Ball habe und so gut mit ihm zu spielen verstehe wie das Wasser des Springquells. Papias verneinte dies, und nun wandte sich Olympius an Agne und sagte: »Schaffe dem Kinde doch einen Ball; es giebt kein besseres Spielzeug, denn Spiel soll anmuthige Bewegung sein, die sich selbst Zweck und Ziel ist. Spiel ist des Kindes Arbeit, und der Ball, den es wirft, dem es folgt, den es fängt, schärft sein Auge, macht seinen Körper gelenk und lehrt ihn Zweierlei, was der Mensch auf allen Stufen des Lebens üben soll: zu der Erde niederschauen und den Blick nach oben richten.« Agne dankte ihm mit einem beistimmenden Nicken; Olympius aber stellte den Knaben wieder auf den Boden und schickte ihn zu dem Gehäge mit den zahmen Gazellen. Dann ging er gerade auf sein Ziel los und sagte: »Ich höre, daß Du Dich weigerst, im Tempel der Isis zu singen: man hat Dich gelehrt, die Göttin, an die sich doch viele gute Menschen vertrauensvoll wenden, für einen bösen Unhold zu halten; aber weißt Du denn auch, was sie bedeutet?« »Nein,« entgegnete Agne und schlug die Augen nieder; aber sie erhob sie schnell wieder und fügte muthig hinzu: »Und ich will es nicht wissen, denn ich bin eine Christin, und eure Götter sind nicht die meinen.« »Wohl, wohl, euer Glauben weicht von dem unsern in vielen Stücken ab; aber Du und ich, etwas haben wir, denk' ich, dennoch gemein. Wir gehören Beide zu Denen, welche das ›Nachobenschauen‹ – da hebt der Ball sich schon wieder – gelernt haben und mit Freudigkeit üben. Weißt Du, daß es viele Menschen giebt, welche glauben, daß die Welt in Folge mechanischer Vorgänge entstanden sei und sich weiter entwickle und daß es keine Gottheit gebe, die mit Macht und Liebe das Dasein des Menschen lenke, hüte und schmücke?« »Doch! Ich habe in Rom so viel gräßliche Frevelreden mit anhören müssen!« »Und sie sind von Dir abgelaufen wie das Wasser von dem silberweißen Gefieder des Schwanes, der dort untertaucht und nun wieder aufsteigt. Die Gottesleugner sind Dir thöricht, vielleicht auch verabscheuungswürdig erschienen?« »Ich habe sie nur von Herzen bedauert.« »Und das mit gutem Rechte. Du bist eine Waise, und was die Eltern für das Kind, das sind die Götter, das ist die Gottheit für Alles, was Mensch heißt. Darin empfinden Gorgo, ich und viele Andere, die Du Heiden nennst, gerade so wie Du; Du aber, hast Du Dich je gefragt, warum Du, der es doch im Leben recht übel ergangen ist, so fest überzeugt bist, daß es dennoch eine gütige Gottheit giebt, welche die Welt und Dein eigenes Schicksal freundlich regiert? Kurz, warum glaubst Du an Gott?« »Ich?« fragte Agne und schaute dem Philosophen befremdet in die Augen. »Was könnte denn sein ohne Gott? Du stellst so seltsame Fragen; Alles, was ich sehe, der Vater im Himmel hat es erschaffen.« »Aber es giebt auch Blindgeborene, die an ihn glauben.« »Die fühlen ihn eben, wie ich ihn sehe.« »Sage lieber: wie ich ihn zu sehen und zu fühlen glaube. Aber ich denke, daß dem Verstande das Recht zusteht, zu prüfen, was die Seele nur ahnt, und daß es erfreulich sein müßte, eben diese Ahnung durch wohl erwogene Gründe bestätigt und in Gewißheit verwandelt zu sehen. Hast Du einmal von dem Philosophen Plato gehört?« »Ja; Karnis nennt ihn wohl manchmal, wenn er mit Orpheus über Dinge redet, von denen ich nichts verstehe.« »Nun, dieser Plato hat mit dem Verstande die Probe auf das Exempel geliefert, welches das Gemüth für sich allein so richtig zu lösen versteht. Höre nur zu. Wenn Du auf einer Landspitze am Eingange des Hafens stehst und Du siehst von Weitem ein Schiff, das sich ihr nähert, ein Schiff, welches sorgsam alle Klippen vermeidet und in gerader Richtung auf die schützende Rhede zufährt, bist Du dann nicht berechtigt zu glauben, daß es auf diesem Schiffe einen Steuermann gebe, der es lenkt und leitet? Gewiß! Du darfst nicht nur, Du mußt annehmen, ein solches Fahrzeug werde von der Hand eines Piloten regiert. Und wenn Du nun gen Himmel schaust und den wohlgeordneten Lauf der Gestirne betrachtest, wenn Du siehst, wie Alles auf Erden, das Große und Kleine, ewigen Gesetzen folgt und gewissen, vorher bestimmten Zielen unentwegt zustrebt, so darfst und mußt Du wiederum an die Hand am Steuer glauben, und wer anders ist der Pilot des Weltalls wie die allmächtige Gottheit. Gefällt Dir mein Gleichniß?« »Sehr! Aber es bestätigt doch nur, was ich ohnehin weiß.« »Und doch, meine ich, muß es Dich freuen, es so schön bestätigt zu finden.« »Ganz gewiß.« »Und Du achtest den klugen Mann, der das Gleichniß erdacht hat. Ja? Nun wohl, dieser Mann war einer von Denen, die Du Heiden nennst, war unser Glaubensgenosse, und hat doch auch für Dich die Bestätigung der Grundlage des eigenen Glaubens gefunden. Aber wir, wir neueren Jünger des Plato , sind noch weiter gegangen als er, wir stehen euch Christen jetzt in vielen Stücken näher, als Du wohl glaubst. Daß wir uns ebensowenig wie ihr das Dasein der Welt und das Schicksal der Menschen ohne die Gottheit vorstellen können, nicht wahr, das leuchtet Dir ein? Doch Du glaubst gewiß immer noch, daß Deine Gottheit von der unsern verschieden sei, himmelweit verschieden. Aber kannst Du mir auch sagen, worin diese Verschiedenheit besteht?« »Ich weiß nicht,« versetzte Agne beängstigt. »Ich bin ein armes, unwissendes Mädchen, und eure vielen Götter, wer kann auch nur ihre Namen behalten?« »Ja, ja,« fuhr Olympius fort. »Da ist der große Serapis, dessen Tempel Du gestern gesehen hast, da ist der Apollon, dem Karnis wohl am liebsten opfert, da wäre auch die freundliche Isis und ihre Schwester Nephthys, deren Klage Du so herzerschütternd mit meiner jungen Freundin gesungen, und außer ihnen wüßte ich noch so viele Unsterbliche zu nennen, daß Gorgo, die dort Dein Brüderchen an den See führt, zehnmal zwischen dem Ufer und uns hin und her wandeln könnte, bevor ich damit fertig geworden wäre, und doch, und doch, liebes Kind: unsere Gottheit ist die eure, eure die unsere.« »Nein, nein, sie ist es nicht!« rief Agne mit wachsender Angst. »Höre mich nur,« fuhr Olympius immer gleich gütig und doch mit überlegener Würde fort, »und antworte mir offen und einfach auf meine Fragen. Nicht wahr, darin sind wir schon einig, daß Du die Gottheit in den Werken, die sie erschaffen und auch durch ihr Wirken in Deinem eigenen Innern erkennst? Gut denn! Welche Erscheinungen in der Natur sind es denn wohl, bei denen Dir ihre Nähe besonders fühlbar erscheint? Du schweigst? Ja, ja, die Jungfrau ist der Schule entwachsen und braucht dem unberufenen Dränger nicht Rede zu stehen. Und doch! Was ich von Dir zu hören verlange, ist schön und Deinem Herzen theuer, und wolltest Du die weichen Lippen nicht so fest zusammenpressen und mir lieber die Antwort ertheilen, um die ich Dich bat, so würdest Du Dich jetzt an viel Hohes und Herrliches erinnern. Du würdest mir von dem jungen Lichte des Morgens, von der zarten Röthe, welche die Wolken färbt, wenn sich der glänzende Ball des Tagesgestirns aus dem Meere erhebt, von dem Glanzlicht der Sonne, welches so hell ist wie die Wahrheit und so warm wie die ewige Liebe, erzählen. Du würdest sagen: in den tausend Blüten, die sich am Morgen erschließen, in dem Thau, der sie tränkt und mit Diamantenschmuck ziert, in den reifenden Halmen auf dem Felde, in der schwellenden Frucht an den Bäumen erkenne ich das Walten der Gottheit. Ich fühle ihre unendliche Größe, wenn sich die unermeßliche Weite des Meeres in wundervoller Bläue vor mir ausdehnt, ich empfinde sie, wenn ich bei Nacht meinen Blick erhebe und über mir die schimmernden Sternschaaren dahinziehen sehe. Wer hat ihre Unzahl geschaffen, wer leitet sie, daß sie in schöner Harmonie aneinander vorbeigleiten und auf und nieder wallen in wohlgemessenen Minuten und Sekunden, schweigend und doch voll tiefer Bedeutung, in unermeßlicher Ferne und doch in engem Zusammenhange mit dem Geschick des einzelnen Menschen? Ja, das, das Alles legt Zeugniß ab für das Dasein der Gottheit, und wenn Du es anschaust und es dankbar bewunderst, dann fühlst Du Dich dem Allmächtigen nahe. Doch wärest Du auch taub und blind und lägest mit gefesselten Gliedern in dem dumpfen Raume einer fest verschlossenen Höhle gefangen, Du fühltest sie dennoch, wenn Liebe, wenn Mitleid, wenn Hoffnung Dein Herz berührt. Aber freue Dich, Kind! Die Himmlischen haben Dich mit schönen Gaben gesegnet und mit gesunden Sinnen darfst Du die Schönheit alles Geschaffenen genießen. Du übst eine Kunst, die Dich wie durch eine Brücke mit der Gottheit verbindet, und wenn Deiner vollen Seele ein Lied entströmt, so redet sie selber aus Dir, wenn Du edle Musik ertönen hörst, so berührt ihre Stimme Dein Ohr. Um Dich her und in Dir selbst spürst Du ihr Walten, wie wir es empfinden – überall und zu jeder Stunde. Und diese unermeßliche, unendliche, unbedingte, gütige und unfehlbar weise Kraft, welche das Leben der Welt wie die Herzen der Menschen durchdringt und leitet, sie heißt bei verschiedenen Völkern verschieden, aber sie ist dieselbe für alle Nationen, wo sie auch hausen, wie sie auch heißen, was sie auch glauben. Ihr Christen nennt sie euren himmlischen Vater, wir haben ihr den Namen des Ureinen gegeben. Auch zu euch spricht euer Gott aus dem ewigen Meere, aus dem wogenden Kornfelde, aus dem reinen Lichte der Sonne, auch ihr nennt die Musik, welche euer Herz entzückt, und die süße Liebe, welche den Menschen zum Menschen zieht, seine Gaben; wir aber, wir gehen nur einen Schritt weiter und ertheilen jeder Erscheinung in der Natur und jeder erhabenen Regung des Herzens, in der wir das unmittelbare Walten des Höchsten erkennen, besondere Namen und heißen die gewaltige Meerflut Poseidon, das Ährenfeld Demeter, den Zauber der Musik Apollon, und die Wonne der Liebe nennen wir Eros. Siehst Du uns vor einem Bildwerk von Marmor opfern, so mußt Du nicht denken, daß unsere Andacht dem unbeseelten, vergänglichen Steine gilt. Die Gottheit kommt nicht in das Bild herab, aber das Bild ist nach der Idee gearbeitet, welche die Gottheit, die es darstellen soll, uns veranschaulicht, und durch diese Idee hängt es gerade so mit der Gottheit zusammen, wie durch das Band der Seele alles andere Sinnliche mit den Erscheinungen der übersinnlichen Welt. Aber das geht für Dich zu weit. Es genüge Dir, wenn ich versichere: die Statue der Demeter mit der Garbe in der Hand soll uns nur an den Dank erinnern, welchen wir der Gottheit für das tägliche Brod schulden, das sie uns schenkt; ein Loblied, welches dem Apollon erklingt, dankt dem Einen für die aus Tönen gewobenen Flügel, auf denen sich die Seele emporschwingt, bis sie die Nähe des Höchsten empfindet. Namen, nur Namen sind es, die uns scheiden, und wenn Du nicht Agne hießest, sondern Ismene oder Eudoxia, würdest Du darum etwas Anderes sein, als Du bist? Und nun – nein, bleib hier sitzen – nun sollst Du noch hören, daß Isis, die viel verlästerte Isis, nichts ist und nichts Anderes bedeutet, als das gütige Walten der Gottheit in der Natur und im menschlichen Dasein. Was wir uns unter ihr denken, nennst Du die Güte des Höchsten, welche sich durch freundliche Gaben kundgiebt, wohin wir auch schauen. Das Isisbild erinnert uns in derselben Weise an die verschwenderische Güte des Schöpfers, wie euch das Kreuz, der Fisch und das Lamm an euren Christus erinnert. Isis ist die Erde, aus deren mütterlichem Schooße der Wille Gottes Speise und Labsal hervorgehen läßt für Menschen und Vieh, sie ist die süße Neigung, welche Gott in die Herzen des Liebenden und der Geliebten legt, sie ist die zärtliche Empfindung, welche die Gattin mit dem Gemahl, den Bruder mit der Schwester verbindet, welche der Mutter mit dem Kind an der Brust Glückseligkeit spendet und sie zu jedem Opfer für den holden Liebling, den sie geboren, willig und stark macht. Sie leuchtet als Stern am nächtlichen Himmel, sie gießt Trost in die leidenden Herzen, sie, die sich selbst in Schmerzen gesehnt hat, kühlt die Seelenwunden der Bekümmerten und Verlassenen und verleiht mit sanfter, heilender Hand den Kranken Genesung. Wenn der Natur in der Zeit des Winters und in den Tagen der Dürre die Kraft versagt, neues Leben keimen zu lassen, wenn das Licht sich verfinstert, wenn Lüge und böse Lust die Seele ihrem reinen Urquell entfremden, dann erhebt Isis ihre Klage und ruft den verlorenen Gatten Osiris zurück, daß er sie wieder in seine Arme nehme und sie mit frischer Kraft erfülle, Gottes Güte an der Erde und an uns Menschen neu zu bewähren. Du hast ihre Klage vernommen, und wenn Du an ihrem Feste in sie einstimmen wirst, so denke, Du stündest mit der schmerzensreichen Mutter Deines gekreuzigten Gottes vor seinem offenen Grabe und schrieest gen Himmel, daß er ihn auferstehen lasse vom Tode!« Die letzten Worte hatte Olympius in hoher Erregung und als sei er der Zustimmung des Mädchens sicher gesprochen; aber ihre Wirkung war anders ausgefallen, als er erwartet, denn während Agne ihm bis dahin mit wachsender Verwirrung zugehört und sich seinen Gründen entgegengeneigt hatte, wie der Vogel, den der Blick der Schlange fesselt und anzieht, fiel in Folge der letzten Sätze des Philosophen der Bann seiner bestrickenden Rede von ihr wie die Herbstblätter von der Krone eines Baumes, den ein Windstoß getroffen, denn sie stellten sie wieder unmittelbar ihrem Heiland und seinem Leid gegenüber und erinnerten sie an den Seelenkampf, welchen sie in dieser Nacht durchgefochten, und den Entschluß, mit dem sie in das Haus des Porphyrius gekommen. Vergessen, fortgeblasen wie leichter Staub von felsigen Wegen waren all die bestechlichen Sätze, die sie vernommen, und ihre Stimme klang abweisend und fest, als sie dem Philosophen versetzte: »Deine Isis hat nichts mit unserer Mutter Gottes gemein, und wie magst Du euren Osiris mit Demjenigen vergleichen, der die Welt vom Tode erlös't hat?« Überrascht von der Entschiedenheit dieses Einwurfes erhob sich Olympius und entgegnete schnell und als habe er ihn erwartet: »Das eben will ich Dir zeigen! Osiris – setzen wir ihn, den ägyptischen Gott, an Stelle unseres Serapis, in dessen Mysterien Du Vieles finden würdest, was auch ein christliches Herz zu erheben vermag – Osiris hat wie Dein Meister den Tod freiwillig auf sich genommen, um die Welt – wiederum ganz so wie Christus – vom Tod zu erlösen. Was erloschen, gestorben und hingewelkt ist, er, der Auferstandene, verleiht ihm neues Licht, neues Leben, neues Blühen und Grünen. Was auch dem Tode anheimgefallen zu sein scheint, er erweckt es zu einem schöneren Dasein. Der Auferstandene weiß auch die abgeschiedene Seele zur Auferstehung zu führen, und wenn sie sich hohen Fluges vor dem befleckenden Staube des Sinnlichen bewahrt hat, und er, der Richter, findet, daß sie sich würdig gehalten ihres lauteren Urquells, so gestattet er ihr die Rückkehr zu dem ewigen, ungetrübt reinen Weltgeist, dem sie entflossen. Ringt ihr nicht auch nach Läuterung, damit eure Seele in reinem Lichte eine ewige Heimat finde? Wieder, immer wieder begegnen uns die gleichen Ideen, nur tragen sie verschiedene Formen und Namen. Versuche nur, den Sinn meiner Rede recht zu erfassen, und Du wirst gern in die sehnsüchtige Klage einstimmen, die den Erhabenen zurückruft. Wie sehr gleicht er doch Deinem Meister! Und ist er nicht auch wie dieser ein Auferstandener und ein Erlöser? Tempel oder Kirche, beide sind Wohnungen der Gottheit. An dem mit Epheu umrankten Altar der trauernden Göttin, am Fuße der hohen Cypressen, die ihre Schatten dunkel und heimlich auf das schneeige Weiß der marmornen Stufen werfen, welche die Bahre des Gottes tragen, wirst Du von jenen heiligen Schauern erfüllt werden, die jede reine Seele ergreifen, sobald sie sich nahe fühlt der Gottheit – heiße sie, wie sie auch wolle. Isis, die Du nun kennst, und die ja nichts ist als das Abbild der göttlichen Güte, wird Dir zu danken wissen, wird Dir die volle Freiheit zurückgeben, nach der Du Dich sehnst. Sie wird Dich durch uns, erkenntlich für den Dienst, den Du nicht ihr, sondern dem Glauben an die göttliche Güte, leistest, in ein christliches Haus einführen lassen. Dort magst Du frei und nach Deines Herzens Begehr mit Deinem Brüderchen leben. Morgen folgst Du Gorgo in den Tempel der Göttin . . .« Da unterbrach Agne den Philosophen und rief: »Aber ich will ihr nicht folgen!« Ihre Wangen hatten sich hoch geröthet und ihr Busen hob und senkte sich in stürmischer Bewegung, während sie fortfuhr: »Ich will nicht, ich darf nicht, ich kann nicht! Macht mit mir, was ihr wollt. Verkauft mich und meinen Bruder, laßt uns die Handmühle drehen: ich singe nicht in dem Tempel!« Olympius zog bei diesem Ausruf die Brauen zusammen und die bärtige Lippe hob sich zu einem zornigen Worte, aber er bezwang sich, trat Agne näher, legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte mit dem tiefen, gemessenen Tone eines väterlichen Berathers: »Besinne Dich, Kind; überdenke noch einmal, was Du von mir vernommen – beherzige auch, was Du dem lieben Knaben dort schuldig bist, und ertheil' uns morgen Deinen wohlüberlegten Bescheid. Deine Hand, meine Tochter; der alte Olympius ist Einer, der es gut mit Dir meint!« Damit wandte er Agne den Rücken und begab sich in das Haus zurück. Vor demselben standen die Sänger und Porphyrius in lebhafter Verhandlung. Die Nachricht, daß die Mutter des jungen Marcus sein Weib zu sich berufen, war zu Karnis gelangt, und seine lebhafte Einbildungskraft zeigte ihm Herse von tausend Gefahren umgeben, von der Wittwe bedroht und im Verhör vor den Richtern. Der Kaufherr sowie die alte Damia und Gorgo, welche das laute Gespräch der Männer herbeigeführt hatte, riethen ihm, abzuwarten: er aber ließ sich nicht halten, sondern eilte mit Orpheus fort, um seinem Weibe Hülfe zu bringen. Agne blieb mit ihrem Brüderchen allein in dem weiten Garten zurück, und sobald sie wahrnahm, daß Keiner Acht auf sie gab, warf sie sich auf die Kniee, zog den Knaben fest an sich und flüsterte ihm zu: »Bete mit mir, Papias, bete, bete, daß uns der Heiland beschütze und daß wir den Weg nicht verlieren, der uns zu den Eltern zurückführt. Bete, bete jetzt mit mir!« Minutenlang blieb sie mit dem Knaben am Boden liegen. Dann erhob sie sich plötzlich, nahm das Kind bei der Hand und zog es mit fliegendem Athem hinter sich her durch die offene Thür des Gartens in's Freie auf den Weg am See und in die erste in die Stadt führende Straße. Elftes Kapitel. Agne's Flucht blieb zunächst unbemerkt, denn jedes Mitglied der Familie des Kaufherrn wurde in besonderer Weise in Anspruch genommen. Nach dem Aufbruch der Sänger war Gorgo eine Zeitlang bei ihrer Großmutter geblieben und hatte sich zuletzt in den Säulengang an der Gartenfront des Hauses begeben, von wo aus sich die Terrassen des Parkes und das Gestade des Sees bis zur Werft hin überblicken ließen. Da lehnte sie nun an dem Schaft einer Säule und blickte, beschattet von den veilchenblau blühenden Sträuchern, ernst und nachdenklich gen Süden. Sie dachte an ihre Kindheit und was sie in derselben entbehrt und genossen. Die Schickung hatte ihr den Sonnenschein des Lebensfrühlings, die Mutterliebe, versagt. Dort unten in dem prächtigen Mausoleum von dunklem Porphyr ruhte die sterbliche Hülle der schönen Frau, der sie das Leben dankte, und die ihr entrissen worden war, bevor sie ihre erste Liebkosung genossen. Aber rings um das düstere Denkmal her prangte im vollen Sonnenscheine der blühende Garten, und dort, jenseits der mit rankendem Grün überzogenen Mauer lag die Werft, der Schauplatz zahlloser glückseliger Kinderspiele. Tief aufathmend schaute sie nach den hochragenden Schiffskörpern hin und harrte des Mannes, dem ihr Herz seit seinem Erwachen gehörte, mit dessen Bilde sich Alles verband, was sie Schönes in ihrer Kindheit genossen und was ihrer jungen Seele Kummer bereitet. Konstantin, der jüngste Sohn des Schiffsbaumeisters Clemens, war der Unterrichtsgenosse und beste Freund ihrer Brüder gewesen. Er hatte diese Beiden hoch überragt an Geist und Gaben und jedes ihrer Spiele angeführt wie ein Feldherr. Als ganz kleines Ding war sie den Buben nachgelaufen, und Konstantin hatte sie immer geduldet, immer hervorgezogen und beschützt. Darauf war die Zeit gekommen, in der die Brüder und er um ihre Theilnahme an ihrem fröhlichen Treiben warben. Wenn die Großmutter in den Sternen gelesen, daß üble Einflüsse die Bahn des Planeten ihrer Enkelin kreuzten, war Gorgo ängstlich im Hause gehütet worden; sonst aber hatte sie den Knaben ungehindert in den Garten, auf den See und die Werft folgen dürfen. Dort wurden Schiffe und Häuser von den fröhlichen Genossen gebaut, dort formte in einem besonderen Raume der alte Melampus Bildwerke für die Schiffsschnäbel der fertigen Fahrzeuge und gab ihnen Thon und gestattete ihnen, ihm zu helfen. Konstantin war sein gelehriger Schüler, und sie saß still, wenn er ihren Kopf modellirte, und unter den zwanzig Bildnissen, die er von ihr gemacht, waren manche ganz ähnlich geworden. Melampus versicherte, sein junger Herr würde ein großer Bildhauer werden können, wenn er armer Leute Kind wäre, und Gorgo's Vater beachtete sein Talent und freute sich, wenn der frische Knabe die schönen Büsten und Statuen in seinem Hause nachzubilden versuchte; aber den Eltern und besonders der Mutter des jungen Künstlers waren diese Versuche ein Greuel, und es kam ihm selbst niemals ernstlich der Gedanke, sich solchem heidnischen Handwerk zu widmen, denn der christliche Geist seines Hauses durchdrang ihn ganz, und er wußte auch die Söhne des Porphyrius, welche früh die Taufe empfangen hatten, mit Eifer für ihren Glauben zu erfüllen. Der Kaufherr bemerkte dies wohl und duldete es schweigend, denn um des Testamentes willen mußten die Knaben Christen bleiben, und seine ursprünglich edle, aber wenig widerstandskräftige Natur empfand die Nothwendigkeit, sich zu einem Glauben zu bekennen, der ihm verhaßt war, so unwillig und schmerzlich, daß er seinen Söhnen diese Pein ersparen wollte und sie mit Achselzucken, aber stiller Billigung Konstantin in die Kirche folgen und bei Rennen und öffentlichen Spielen die blaue Farbe der Christen anlegen ließ. Mit Gorgo stand es anders. Sie war ein Weib, brauchte im Leben nicht Farbe zu bekennen, und es machte den Vater glücklich, sie seine Begeisterung für die alten Götter und seine griechische Weltanschauung theilen zu sehen. Sie war die Zier seines Lebens, und wenn er aus ihrem kindlichen Geplauder und später aus ihren Gesprächen und ergreifenden Gesängen in sein Ohr klingen hörte, was selbst ihm die Seele bewegte, so war er der Mutter und dem Freunde Olympius dankbar, welche diese Gesinnung in ihr geweckt und gepflegt hatten. Konstantin's Versuche, ihr die Schönheit seines Glaubens zu zeigen und sie für denselben zu gewinnen, scheiterten gänzlich, und je älter Beide wurden, desto schwerer verstanden sie einander, desto unwilliger ertrug das Eine den Widerspruch des Andern. Eine frühe und leidenschaftliche Neigung zog den Schiffsbauersohn zu der lieblichen Spielgefährtin, und mit je feurigerer Begeisterung er dem eigenen Glauben anhieng, desto heißer glühte er vor Verlangen, sie für denselben zu gewinnen. Aber die Schülerin des Olympius war nicht leicht zu besiegen, ja, sie trieb ihn oft genug mit Fragen und Gründen in die Enge, und während für sie der Streit für den Glauben nicht mehr war als ein ergötzliches Ringspiel, bei dem es alle Kräfte einzusetzen galt, war er für ihn Sache des Herzens. Damia und Porphyrius hatten eitel Freude an den eifrigen Disputationen der Beiden und klatschten wie beim Wettspiele Beifall, wenn Gorgo den vor Erregung glühenden Gegner lachenden Mundes mit schlagenden Gründen bedrängte. Dann kam ein Tag, an dem Konstantin bemerkte, daß sein begeistertes Eintreten für das, was ihm das Heiligste war, benützt wurde, um darüber zu lachen und sich daran zu ergötzen, und von nun an hielt sich der Knabe, welcher schon an die Grenze des Jünglingsalters trat, ferner von dem Hause der Nachbarn. Aber Gorgo zog ihn doch immer wieder dahin zurück, und wenn sie allein waren, brach der alte Streit bisweilen wieder aus, und dann ernster und bitterer als früher. Wie sie ihm, so war er ihr theuer, und wenn er es über sich gewonnen hatte, längere Zeit auszubleiben, konnte sie sich vor Sehnsucht nach ihm verzehren. Sie fühlten, daß sie zu einander gehörten, aber sie empfanden auch, daß eine unüberschreitbare Kluft sich zwischen ihnen öffne, und so oft sie es versuchten, sich über dieselbe hin die Hände zu reichen oder sie auszufüllen, trieb sie ein geheimnißvoller, unwiderstehlicher Reiz, sie durch neuen Streit zu vertiefen, und endlich ward es Konstantin unerträglich, gerade von ihr sein Heiligstes verachten und in den Staub ziehen zu sehen. Er wollte fort von Gorgo, fort von Alexandria um jeden Preis! Die Erzählungen der Schiffsführer von der Handels- und Kriegsflotte, welche das Haus seines Vaters häufig besuchten, hatten ihn ohnehin mit Lust zu Gefahr und Abenteuern, mit dem Verlangen erfüllt, entlegene Länder und Völker kennen zu lernen. Das väterliche Gewerbe, für das er bestimmt war, zog ihn nicht an. Er wollte fort, nur fort, und ein glückliches Ungefähr wies ihm denn auch bald den Weg in die Fremde. Eines Tages hatte ihn Porphyrius bei einem Ausfluge nach Kanopus mitgenommen. Der alte Herr war im Wagen gefahren, und seine Söhne und Konstantin hatten ihn zu Pferde begleitet. Vor dem Thore war ihnen Romanus , der Befehlshaber der kaiserlichen Truppen, mit einem Gefolge von hohen Offizieren begegnet, hatte bei dem Fuhrwerk des vornehmen Kaufherrn stillgehalten und ihn endlich, auf Konstantin weisend, im Gespräche gefragt, ob das sein Sohn sei. »Nein,« hatte Porphyrius entgegnet; »aber ich wollte, er wär' es.« Bei diesen Worten war der Schiffsbauersohn über und über erröthet, Romanus aber hatte das Roß dem seinen zugewandt, ihm die Hand auf den Arm gelegt und dem Obersten der Panzerreiter von Arsinoë zugerufen: »Ein Soldat nach dem Herzen des Ares. Halt' ihn fest, Columella!« Bevor die Staubwolke, welche die Hufe der davonsprengenden Pferde aufwirbelten, verflogen war, hatte Konstantin den festen Entschluß gefaßt, Soldat zu werden; aber in seinem elterlichen Hause wurde dies Vorhaben in sehr verschiedener Weise aufgenommen. Der Vater fand wenig gegen dasselbe einzuwenden, denn er besaß nur zwei Werften und drei Söhne. Den Ausschlag gab die Erwägung, daß Konstantin mit seinem entschiedenen und kräftigen Wesen sich wohl für den Soldatenstand eigne. Die fromme Mutter berief sich dagegen auf die großen Lehrer Clemens und Tertullian, welche den Gläubigen verboten, als Soldaten das Schwert zu führen, und erzählte die Geschichte des heiligen Maximilianus, der unter Diokletian gezwungen worden war, in das Heer zu treten, und den Tod durch Henkershand erlitten hatte, weil er nicht zu bewegen gewesen war, im Kampfe das Blut seines Nächsten zu vergießen. Das Waffenhandwerk, erklärte sie, sei unvereinbar mit einem gottgefälligen, christlichen Wandel. Aber der Vater ließ diese Gründe nicht gelten, denn neue Zeiten waren gekommen, der größte Theil des Heeres hatte die Taufe empfangen, die Kirche betete für den Sieg desselben, und an seiner Spitze stand der große Kaiser Theodosius, das Muster eines rechtgläubigen und eifrigen Christen. Clemens war Herr im eigenen Hause, und so trat Konstantin bei den Panzerreitern in Arsinoë ein. Im Kampfe gegen die Blemmyer gelang es ihm, die ersten Auszeichnungen zu verdienen. Später wurde Arsinoë wiederum seine Garnison, und weil Alexandria von dieser Stadt aus schnell erreicht werden konnte, blieb er in stetem Verkehr mit den Seinen und dem Hause des Kaufherrn. Vor nicht ganz drei Jahren hatte er die Meuterei, welche zu Gunsten des Usurpators Maximus in seiner Vaterstadt ausgebrochen war, mit niederzuwerfen gehabt und war bald darauf nach Europa berufen worden, um an dem Kriege theilzunehmen, welchen Theodosius gegen denselben Maximus unternommen hatte. In Konstantin's Abschied von Gorgo hatte sich ein widriger Mißklang gemischt, denn die alte Damia hatte ihm, als er auch ihr die Hand bot, verheißen, mit ihrer Enkelin von Zeit zu Zeit für sein Wohlergehen ein Opfer zu schlachten. Vielleicht war diese Zusage nicht böse gemeint gewesen; er hatte sie jedoch als Spott empfunden und sich gekränkt zum Gehen gewandt. Aber es war Gorgo unerträglich gewesen, ihn so scheiden zu sehen, und ohne auf das Erstaunen der Großmutter zu achten, hatte sie ihn zurückgerufen, ihm beide Hände gereicht und ihm ein warmes »Lebewohl« geboten. Damia hatte ihm schweigend nachgeschaut und es später vermieden, seinen Namen vor Gorgo zu nennen. Nach dem Siege über Maximus war Konstantin in unerhört jungen Jahren an Stelle des Columella mit dem Kommando der Panzerreiter betraut worden und gestern als Präfekt mit seiner ala miliaria Eine ala miliaria bestand aus 24  turmae oder 960 Pferden und Reitern; an ihrer Spitze stand ein Präfekt. in Alexandria eingezogen. Gorgo hatte nicht aufgehört, sich heiß nach ihm zu sehnen, aber die Leidenschaft für ihn war ihr wieder und wieder wie ein Verrath, wie ein Treubruch gegen die Götter erschienen, und um den Fehler, welchen sie auf der einen Seite beging, auf der andern wieder gut zu machen, war sie aus der Abgeschlossenheit des väterlichen Hauses hervorgetreten und hatte Olympius in seinem Kampfe für den Glauben der Väter werkthätig beigestanden. Sie war eine tägliche Besucherin des Isistempels geworden, und die Aussicht, sie singen zu hören, hatte diesen bei hohen Festen schon mehr als einmal gefüllt. Während Olympius dann das Heiligthum des Serapis gegen die Angriffe der christlichen Menge vertheidigte, waren sie und ihre Großmutter an die Spitze der Frauen getreten, welche die kämpfenden Glaubensgenossen mit Lebensmitteln versorgten. Das Alles hatte ihrem Leben Inhalt verliehen, aber jeder kleine Sieg, der ihr in diesem Kampfe zugefallen war, hatte ihre Seele mit Pein und Unruhe erfüllt. Monde und Jahre waren ihr als Gegnerin des Glaubens ihres Geliebten dahingegangen. Das frohe, lebhafte Kind hatte sich in eine ernste Jungfrau, ein willensfestes Weib verwandelt. Sie war die Einzige im Hause, welche der Großmutter zu widersprechen und auf Allem zu bestehen wagte, was sie für recht hielt. Das Verlangen ihres Herzens blieb ungestillt; aber ihr starker Geist fand in ihrer Umgebung, was er begehrte, und so würde er die Oberhand gewonnen und ihr Sein und Handeln völlig beherrscht haben, wenn nicht Gesang und Musik die weicheren Regungen ihres tiefen Frauengemüthes wach und lebendig gehalten hätten. Die Nachricht von Konstantin's Heimkehr hatte sie in den Grundfesten ihres Wesens erschüttert. Brachte sie ihr das höchste Glück oder neue Unruhe und Qual? Da war er. Da tauchte sein Helmbusch aus dem Grün hervor, und nun seine ganze Gestalt aus dem Strauchwerk hervortrat, drängte sie sich fester an die Säule, weil sie fühlte, daß die Kniee ihr wankten. Stolz und hochaufgerichtet, in glänzendem Waffenschmucke, ein Mann, ein Held, kam er ihr entgegen, so, ganz so, wie sie ihn in mancher schlaflosen Nachtstunde vor dem inneren Auge gesehen hatte. Nun schritt er an dem Mausoleum ihrer Mutter vorüber, und da war es ihr, als lege sich eine kalte Hand warnend auf ihr laut pochendes Herz. Mit Blitzesschnelle zeigte sich ihr das Bild des väterlichen Hauses in seinem reichen künstlerischen Schmuck und daneben das Heim des Schiffsbaumeisters mit seinen einfachen, herzerkältend nackten, unwohnlichen Räumen, und es war ihr, als müßte sie in ihnen erstarren, verdorren, zu Grunde gehen. Aber dann erschien er ihr selbst an der väterlichen Schwelle, und es war ihr, als höre sie wieder das silberhelle Lachen seiner Knabenstimme, und nun wurde ihr wieder warm um's Herz. Sie, das klare, im Sinn ihres Lehrers auf Selbsterkenntniß bedachte Weib vergaß, daß sie sich in der vergangenen Nacht gesagt hatte, er werde ebensowenig von seinem Christus lassen, wie sie von ihrer Isis, und, das höchste Ziel ihrer Sehnsucht erreichen, werde darum für sie wie für ihn kurze Seligkeit und langes Elend bedeuten. Das Alles vergaß sie; jetzt wußte sie nichts mehr von Bedenken und Wägen, und wie sein Schritt ihr Ohr erreichte, mußte sie an sich halten, um ihm nicht mit weitgeöffneten Armen entgegenzueilen. Nun stand er ihr endlich gegenüber, nun streckte er ihr warm und ehrlich die Rechte hin, und wie ihre Hände fest ineinander ruhten, war ihnen Beiden das Herz so voll, daß sie kein Wort der Begrüßung fanden. Nur ihre Augen sprachen aus, was sie fühlten, und als er bemerkte, daß die ihren in Thränen schwammen, rief er glückselig und doch fragend, als wisse er sich ihre Bewegung nicht sicher zu deuten, einmal und dann noch einmal ihren Namen. Da legte sie die zarte Linke leicht auf seine starke Hand, welche ihre Rechte noch immer festhielt, und sagte mit einem sonnigen Lächeln: »Willkommen, Konstantin, willkommen zu Hause! Wie bin ich froh, daß Du wieder zurück bist!« »Und ich, und ich!« rief er tief bewegt. »O Gorgo, Gorgo! Liegen denn wirklich Jahre seit dem Abschiede damals und heute?« »Doch, doch,« entgegnete sie, »und wie unruhige, kampfreiche Jahre sind es gewesen!« »Aber heute feiern wir das Friedensfest!« rief er mit inniger Wärme. »Ich habe gelernt, Jedem das Seine lassen, wenn mir das Meine nur unangetastet bleibt. Der alte Streit wird begraben; Du nimmst mich hin, wie ich bin, und ich, ich halte mich an das Schöne und Edle, woran Du so reich bist. Die Frucht jedes rechten Kampfes ist Frieden. Laß sie uns pflücken, Gorgo, laß sie uns dankbar genießen! Ach! Nun ich hier stehe, diesen Garten und den See überschaue, die Hammerschläge von der Werft her vernehme und Dir in die Augen blicke, ist mir's, als sollte unsere Kinderzeit neu beginnen; nur reicher, ungetrübter und schöner!« »Wären die Brüder doch hier!« »Ich hab' sie gesehen.« »Wo?« »Zu Thessalonika, froh und gesund, und ich bringe euch Briefe.« »Briefe?« rief Gorgo und entzog ihm die Hand. »Das nenne ich einen langsamen Boten! Haus stößt an Haus, und ein alter Freund findet von einem Mittag zum andern kein Stündchen, um abzugeben, was ihm anvertraut ward, und sich selbst bei den Nachbarn . . .« »Zuerst kamen die Eltern,« fiel er ihr in's Wort. »Und dann der große Tyrann, der Dienst, der mich in Athem erhielt von gestern Nachmittag bis vor wenigen Stunden. Romanus hat sogar meinen Schlaf für sich beansprucht und mich, bis der Mond untergieng, bei sich behalten. Übrigens bin ich dadurch um wenig gekommen, denn bevor ich Dich wiedergesehen, hätte ich doch schwerlich ein Auge geschlossen! Heute früh gab es wieder Dienst, und widerwilliger bin ich selten vor die Front geritten. Auch später kam Aufschub auf Aufschub; sogar auf dem Wege hieher; und nun muß ich noch erkenntlich sein für die Störung, denn ihr dank' ich es wohl, daß Du allein bist. Sorge nun, daß wir's bleiben, denn solcher Augenblick kehrt nicht wieder. Da geht schon die Thür . . .« »Komm mit in den Garten,« rief Gorgo und winkte ihm, ihr zu folgen. »Mein Herz ist so voll wie das Deine. Beim Mückenteich unter der alten Sykomore – da ist's am stillsten!« Unter der dichten Laubkrone des ehrwürdigen Baumes stand eine Bank, die sie als Kinder selbst gezimmert. Dort ließ sie sich nieder; er aber blieb vor ihr stehen und sagte: »Hier, ja hier sollst Du mich hören! Hier sind wir oft glücklich gewesen.« »So glücklich!« wiederholte sie leise. »Und heute,« fuhr er fort, »heute sind wir es wieder. Wie das hier drinnen hämmert und pocht! Gut, daß der Panzer die Brust zusammenhält, ich meine, sie müßte sonst springen vor lauter Hoffnung und Dank.« »Dank?« fragte Gorgo und blickte zu Boden; er aber rief feurig: »Ja, vor Dank, vor lauter heißem, innigem Dank! Wie reich, wie unsäglich reich Du mich beschenkt hast, das weißt Du kaum selbst; aber kein Kaiser hat Lieb' und Treue je verschwenderischer zu belohnen verstanden als Du, Du Kummer und Trost, Du Schmerz und Glück meines Lebens! Du hast – es war das Erste, was mir die Mutter jetzt erzählte – Du hast heiße Thränen an ihrer Brust vergossen, als die falsche Nachricht von meinem Tode hieher gelangt war. Das ist wie Morgenthau auf die welkende Hoffnung hier drinnen gefallen, das war ein Gastgeschenk, wie es noch keinem Wanderer bei der Heimkehr gereicht ward. Ich bin kein Redner, und wie können denn arme Worte das wiedergeben, was ich empfinde? Du mußt es ja ohnehin ahnen; nein, nein, Du weißt es, was seit so vielen Jahren . . .« »Ich weiß es,« versetzte sie und blickte ihm voll in die Augen und duldete, daß er sich neben sie niederließ und ihre Hand von Neuem ergriff. »Wenn es anders wäre, ich könnt' es nicht ertragen, und ich bekenne auch frei, daß ich Thränen, mehr als Du ahnst, um Dich vergossen. Du hast mich lieb, Konstantin –« Da schlang er den Arm um sie; sie aber entzog sich ihm und rief dringend: »Nein, ich beschwöre Dich, nein – nicht so, noch nicht, bis ich ausgesprochen, was mich beängstigt, was mich hindert, mich frei und froh dem Glück in die Arme zu werfen! Ich weiß ja, was Du fordern mußt und willst und auch darfst, aber bevor Du es thust, Konstantin, erinnere Dich wieder an das, was uns schon als Kindern die Lebensfreude so bitter getrübt hat. Wie ein Wirbelwind hat es uns oft auseinander gerissen, uns, die die Strömung der Herzen auf einander zutreibt, so lange wir denken! Was uns verbindet, daran brauch' ich Dich nicht zu erinnern, das kennen wir Beide gut, nur zu gut . . .« »Nein, nein,« entgegnete er fest. »Das sollen wir erst kennen lernen in seiner ganzen Fülle und Schönheit. Das Andere, der Wirbelwind, von dem Du redest, das hat mich fort und fort beunruhigt und geängstigt, wohl mehr als Dich; aber seit ich weiß, daß Du um mich geweint und daß Du mich lieb hast, giebt es keine Besorgniß mehr hier drinnen, weiß ich zuversichtlich, daß Alles gut werden muß! Du kennst mich ja, Gorgo. Ich bin kein Träumer und Schwärmer; und doch erwarte ich alles Schönste und Höchste an Deiner Seite, wenn Eines nur feststeht; und darnach frag' ich Dich nun offen und frei: Ist Dein Herz wie meines voll, ganz voll von Liebe? Hast Du an mich gedacht, als ich fern von Dir weilte, jeden Tag, jede Nacht, wie ich an Dich gedacht habe, immer und immer?« Da senkte Gorgo das Haupt und erwiderte mit glühenden Wangen: »Ich liebe Dich und habe nie einen Andern geliebt; ich bin Dir mit Verlangen und Sehnsucht gefolgt, so lange Du fort warst; und doch, doch, Konstantin; jenes Eine . . .« »Es trennt uns nicht mehr,« rief der Präfekt begeistert, »da wir die Liebe haben, die ganze, die große Liebe, die Alles vermag! Wenn sie winkt, so verweht der Wirbelwind wie der Hauch am Mund eines Kindes, sie schlägt Brücken über jeglichen Abgrund, sie, die die Welt erschaffen und die Menschheit erhält, sie kann – das ist das schönste Wort des größten Apostels – sie kann Berge versetzen, sie ist langmüthig und freundlich, sie verträgt Alles, sie glaubt Alles, sie duldet Alles und nimmer hört sie auf! Sie bleibt auch uns bis an's Ende, sie wird uns auch lehren den Frieden finden, dessen Hort und Schmuck, dessen Kind und Mutter sie ist!« Gorgo hatte bei diesen Worten dem Krieger warm in die Augen geschaut; er aber preßte die Lippen auf ihre Hand und fuhr dann voll tiefer Empfindung fort: »Ja, mein, mein sollst Du werden, und ich will und darf um Dich werben. Es giebt Worte im Leben, die man niemals vergißt. Dein Vater sagte einst, er möchte, daß ich sein Sohn sei! Auf dem Marsch, im Zelt, in der Schlacht, überall ist es mir nachgegangen, dies Wort; es besaß für mich nur den einen Sinn: ich werde sein Sohn sein, wenn Gorgo mein Weib ist! Und nun, nun ist die Stunde gekommen . . .« »Noch nicht, heute noch nicht,« unterbrach sie ihn dringend. »Was Du hoffst, ich hoff' es auch. Unsere Liebe: Alles, was schön ist, kann sie uns bringen. Was Du glauben mußt, glaub' es, und ich, ich dränge Dir niemals auf, was ich selbst für das Heiligste halte. Ich will Vieles lassen, Vieles ertragen, und es wird mir leicht werden um Deinetwillen. Was Deinem Christus gewährt werden soll, was unseren Göttern, das findet, das schlichtet sich schon; aber heute noch nicht, auch nicht morgen. In diesen Tagen, was ich für diese Tage auf mich genommen, – laß das erst vorbei sein. Mein Herz, meine Liebe, Du hast sie; aber wollte ich morgen, heute schon aus der Schlacht fliehen, es würde Anderen, würde Olympius das Recht geben, mit dem Finger auf mich zu weisen.« »Was ist das, was hast Du im Sinne?« fragte Konstantin ernst und besorgt. »Den Abschluß meines vergangenen Lebens. Bevor ich sagen kann: da hast Du mich, nun bin ich die Deine . . .« »Und gehörst Du mir nicht schon jetzt, nicht schon heute?« fragte er dringend. »Heute, nein!« versetzte sie fest. »Heute hat noch die große Sache Anspruch an mich, der ich um Deinetwillen entsage. Der trägt das Todesurtheil seiner Würde mit sich umher, der auch nur einem Andern das Recht einräumt, ihn zu verachten. Ich vollbringe, was ich auf mich genommen . . . Frage nicht, was ich meine. Es würde Dich kränken; – aber übermorgen, wenn die Isisfeier vorbei ist . . .« »Gorgo, Gorgo,« unterbrach der kreischende Ruf der alten Damia die letzten Worte der Jungfrau, und Sklavinnen eilten durch den Garten, um sie zu suchen. Beide erhoben sich, und während sie auf das Haus zuschritten, sagte Konstantin ernst: »Ich dringe nicht in Dich; aber traue meiner Erfahrung: was wir schwer aufgeben, aber doch einmal lassen müssen, damit sollen wir brechen, je schneller und entschiedener, desto besser. Mit dem Hinhalten wird nichts gewonnen, wird die Pein nur verlängert. Das Zaudern, der Aufschub, bedenke das, Gorgo, ist eine Schranke, die Du zwischen uns und unser Glück schiebst. Du warst ja immer entschlossenen Sinnes; Muth also auch diesmal, und schneid kurz ab, was doch nicht fortdauern kann!« »Wohl, wohl,« entgegnete sie schnell. »Aber was über meine Kraft geht, was mich wortbrüchig macht, das wirst und darfst Du nicht fordern. Der morgende Tag gehört noch nicht Dir; er soll ein Abschiedstag werden. Aber dann – ich will nichts als Dich, ich kann Dich nicht lassen, Dein Glück soll meines sein; nur mach' mir die Trennung von Allem, was mir von Kind an theuer war, nicht zu schwer. Schließ die Augen zu dem, was morgen geschehen wird, und dann – o, hätten wir nur erst den richtigen Weg, den gleichen Schritt gefunden! Wir kennen einander so gut, und ich weiß, ich weiß, es glückt unseren Herzen vielleicht, aneinander zu dulden, was der Geist nicht begreifen, nicht billigen will. Ich könnte so unsagbar glücklich sein, und doch, doch ist mir die Brust so beklommen, und ich bin, nein, ich bin noch nicht froh!« Zwölftes Kapitel. Der Heimgekehrte war von den Freunden im Nachbarhause herzlich empfangen worden, aber die alte Damia fühlte sich beunruhigt durch die Haltung, in der Konstantin und Gorgo nach ihrer ersten Begrüßung in's Haus getreten waren. Er erschien bewegt und nachdenklich, sie freudig erregt und wie zu etwas Ungewöhnlichem entschlossen. War Eros da im Spiele? Hatten die Beiden vor, aus dem alten Kinderspiele Ernst zu machen? Der junge Reiterpräfekt sah schön und fesselnd genug aus, und am Ende war ihre Enkelin auch nur ein Weib. Was Konstantin angieng, so war ihm die Alte persönlich nicht abhold, ja, sie schätzte seinen sichern, männlichen Ernst, und Alles in Allem freute sie sich auch, ihn wiederzusehen; – aber den Schiffsbauersohn, den Enkel eines Freigelassenen, den Christianer und Kaiserdiener – mochte er sich auch zum Präfekt oder noch höher hinaufgedient haben – sich als Freier um ihre Gorgo, die schöne Erbin des größten Theils ihrer Reichthümer, welche Alles umwarb, was in Alexandria jung und vornehm war, zu denken, das gieng über ihr Vermögen; und da sie sich niemals Zwang anthat, reichte sie ihm zwar mit der üblichen Begrüßung die Hand, zeigte ihm aber bald genug durch Spott und Stichelreden, daß sie seinem Glauben so abhold geblieben wie früher. Sie mischte sich in jedes Gespräch, und als der Landmann, welcher sich nach seiner Abfertigung durch Dada zu seinem Oheim Porphyrius begeben hatte, von den Rossen sprach, die er für Marcus gezogen, und Konstantin ihn fragte, ob es jetzt in Alexandria Berberhengste aus seinen Gestüten zu kaufen gebe, rief Damia: »Ihr thut es in allen Stücken Eurem gekreuzigten Gotte zuvor; der ist auf einem Eselein geritten, und für Euch sind schon die wackeren ägyptischen Pferde zu schlecht!« Aber der Präfekt war heute nicht aus der Fassung zu bringen, und obgleich er es recht gut verstand, auch mit der Zunge Hieb mit Hieb zu erwidern, so bezähmte er sich doch und gab sich das Ansehen, als halte er die Angriffe der Greisin für harmlose Scherze. Gorgo freute sich über sein maßvolles Verhalten und dankte ihm mit stummen Blicken und auch mit einem Händedruck, wenn es unbemerkt angieng. Demetrius, welcher den Präfekt schon als Knaben gekannt und ihm durch des Porphyrius Vermittlung seine ersten eigenen Pferde geliefert hatte, war ihm freundlich entgegengekommen. Gleich bei der ersten Begrüßung hatte er ihm munter zugerufen, er habe ihn vorhin schon gesehen, er sei in guter Schule gewesen und habe in Alexandria gleich das schönste Wild aufzuspüren verstanden. Dabei hatte er ihm auf die Schulter geschlagen und ihn mit einem verständnißvollen Schelmenblick angeblinzelt. Konstantin war die Meinung desselben entgangen; Gorgo aber hatte ihn auf sich selbst bezogen und ihn widerwärtig gefunden. Porphyrius bestürmte den Heimgekehrten mit Fragen, und der Präfekt stand ihm gern Rede, bis es im Garten laut wurde. Bald gab es dort einen unerfreulichen Auftritt zu sehen: Frau Herse stieß und schleppte außer sich und mit heftigem Schelten Dada's ägyptische Sklavin vor sich her, während ihr Mann sie zur Mäßigung mahnte. Auch Orpheus, welcher hinter den Anderen hergieng, rief der empörten Mutter bisweilen ein besänftigendes Wort zu. Bald hatte die Sängerfamilie die Anderen erreicht, und Herse übernahm es ungefragt, die Ursache ihres Zornes zu erklären. Sie hatte nur ein kurzes Gespräch mit der Mutter des Marcus gehabt, denn sie war dem Ansinnen derselben, Alexandria mit den Ihren sogleich zu verlassen und dafür eine Entschädigung von ihr anzunehmen, mit Entschiedenheit entgegengetreten. Auf die Drohung der Wittwe mit dem Richter hatte sie erwidert, daß sie keine öffentlich auftretenden Sänger seien, sondern freie Bürger, denen das Musiziren zum Vergnügen gereiche. Auf die Anklage der besorgten Mutter, daß Dada ihrem Sohne nachstelle, war sie die Antwort nicht schuldig geblieben, und hatte entrüstet erklärt, daß der gute Ruf der Tochter ihrer leiblichen Schwester wohl schwerer in's Gewicht falle als Alles, was man einem jungen Manne, dem man in Alexandria so Vieles gestatte, nachsagen könne. Sie werde es verstehen, ihre Nichte zu hüten. Darauf hatte Maria erwidert, Herse möge ihrerseits nicht vergessen, daß ihr, Maria, Mittel zu Gebote stünden, gerechte Strafe über Diejenigen zu bringen, welche darnach trachteten, einen christlichen Jüngling zu umgarnen und auf den Pfad der Sünde zu locken. Damit war die Unterredung zu Ende gewesen; vor dem Hause in der kanopischen Straße hatte Herse ihren Gatten und Sohn gefunden und war mit ihnen ungesäumt auf das Schiff zurückgekehrt. Dort waren sie in übler Weise überrascht worden; denn sie hatten Niemanden vorgefunden als die ägyptische Sklavin, und von dieser war ihnen mitgetheilt worden, daß Dada sie fortgeschickt habe, um ihr Schuhe zu holen. Bei ihrer Rückkehr mit denselben sei das Mädchen verschwunden gewesen. Die Sklavin wollte auch gesehen haben, daß Agne durch die Gartenpforte am See mit ihrem Brüderchen das Weite gesucht habe. Was die Christin angehe, rief Herse, so werde sich das Weitere schon finden; aber Dada, ihre Nichte, habe stets treu zu ihnen gehalten, und so viele Beschwörer und Magier es auch in Alexandria gebe, ein gesundes Menschenkind verschwinden zu lassen, das werde doch keinem gelingen. Das unerfahrene Kind sei einem Verführer gefolgt, und sicherlich habe die ägyptische Hexe, die braune Sklavin, die Hand dabei im Spiele. Sie wolle hier Niemanden anklagen, aber sie kenne Leute, denen es gerade recht sei, wenn sich Dada und der junge Milchbart von einem Christianer gegenseitig in Schande und Schaden brächten. Das Alles hatte sie bald zornig, bald unter Thränen hervorgestoßen und dabei jeden Beschwichtigungsversuch ihres Gatten, welcher, feinfühlig wie er war, sobald sie mit höher gestellten Fremden zusammenkamen, ihr lautes und derbes Wesen peinlich empfand, unwillig zurückgewiesen. Die alte Damia war dem Redeflusse der empörten Frau aufmerksam gefolgt und hatte bei der versteckten Anklage gegen sich selbst nur mit leisem Schmunzeln die Achseln gezuckt. Porphyrius, dem dieser Vorgang höchst widerwärtig war, legte sich in's Mittel, und nachdem der Thatbestand festgestellt war und es sich auch bewahrheitet hatte, daß Agne den Garten heimlich verlassen, befahl er der Sklavin, der Reihe nach mitzutheilen, was in Abwesenheit der Sänger auf dem Schiffe vorgefallen sei; für jedes unwahre Wort habe sie ein halbes Dutzend Ruthenstreiche auf die Fußsohlen zu erwarten. Diese Drohung veranlaßte die Ägypterin zu einem lauten Klagegeheul, aber Porphyrius wußte dies bald zum Schweigen zu bringen, und nun begann Sachepris der Wahrheit gemäß zu erzählen, was sich bis zur Heimkehr Herse's auf dem Schiffe zugetragen hatte. Der Anfang ihres Berichtes enthielt nichts Besonderes, und nachdem man sie zu größerer Eile angetrieben hatte, fuhr sie fort: »Und dann – dann kam der Herr Konstantin zu uns auf's Schiff, und schöne Herrin spaßte mit ihm und bat ihn, den Helm abzunehmen, denn schöne Herrin wollte die Narbe sehen, den bösen Schwertstreich da über dem Auge, und der Herr Konstantin nahm ihn herunter –« »Das ist nicht wahr!« unterbrach sie Gorgo. »Doch, doch. Sachepris hat ihre Sohlen lieb, Herrin,« klagte die Sklavin. »Fragt nur den Herrn Konstantin selber.« »Ich war auf dem Schiffe,« fiel ihr dieser in's Wort. »Als ich aus der Werft kam, fiel einem Mädchen der Fächer in's Wasser. Da fischte ich ihn auf ihre Bitte heraus und gab ihr den Wedel zurück.« »Ja! So, so ist es gewesen!« rief die Sklavin. »Und schöne Herrin spaßte mit Herrn Konstantin, und – war es nicht so? – und nahm ihm den Helm ab – und wiegte ihn in den Händen . . .« »So hast Du auf dem Wege hieher mit der blonden Dirne getändelt?« fragte die Jungfrau empört. »Pfui über euch Männer!« Aus diesen Worten klang Konstantin Groll und bitterer Abscheu entgegen. Da schnitt er ihr das Wort ab und rief ihren Namen ernst und mit mahnendem Vorwurf; sie aber konnte ihre Entrüstung nicht beherrschen und fuhr neu aufbrausend fort: »Du hast mit der Dirne – auf dem Wege, mitten auf dem Wege hieher – hast Du mit ihr getändelt. Pfui und noch einmal pfui! Man nennt's ja ein Glück, leichten Herzens zu sein! Was mich betrifft, so mögen die Götter mich vor solcher Gabe behüten! Getändel, Gekose, und hui – wie man die Hand umdreht – der tiefste, heiligste Ernst! Und dann – wer steht mir dafür – bevor der Schatten auf dem Weiser zwei Finger breit vorgerückt ist, wird wieder getändelt!« Gorgo lachte bitter und schmerzlich auf; aber nur einen kurzen Augenblick. Dann verstummte sie und trat erbleichend zurück, denn mit Konstantin war eine Veränderung vorgegangen, die sie erschreckte. Die Narbe über seinem Auge hatte sich dunkelroth gefärbt und seine tiefe Stimme einen ihr fremden, rauhen, heiseren Klang angenommen, als er ihr mit gekrümmtem Halse und weit vorgestrecktem Haupte zurief: »Und hättest Du es mit den leiblichen Augen gesehen, daß ich mit dem Mädchen getändelt, Du dürftest es nicht glauben; und wenn Du noch einmal sagst, daß Du es glaubst, so geb' ich Dir Dein ›Pfui!‹ zurück! Es geht mir an's Leben; aber ich thu' es!« Die Hand des Präfekten hatte sich dabei fest um die Lehne des Stuhles vor ihm gekrampft. Wie ein drohender Kriegsgott stand er dem Mädchen gegenüber, und sein zornig glühendes Auge suchte das ihre. Da hielt sich die alte Damia nicht länger, stieß den Stock heftig zu Boden und knirschte dem Krieger entgegen: »Das wär' mir das Rechte! Der Tochter dieses Hauses drohen und gegen sie wettern wie gegen die Reiter im Lager! Die Ohren geöffnet, mein Herrchen im bunten Rocke! Im Hause eines freien alexandrinischen Bürgers hat Kaiser, Konsul und Comes nichts zu befehlen, nur die gute Sitte zu wahren!« Dann wandte sie sich an Gorgo und wiegte den Kopf leise von einer Seite zur andern, während sie fortfuhr: »So geht es, mein Täubchen, wenn man sich zu freundlich herabläßt. Machen wir's kurz: Willkommen und Abschied liegen oft dicht bei einander!« Da wandte sich der Präfekt und betrat die in den Garten führenden Stufen, aber Gorgo eilte ihm nach, klammerte sich an seine Hand und rief der Greisin zu: »Er hat Recht, Großmutter; gewiß, er hat Recht! Und Du, Konstantin, bleibst und verzeihst meine Thorheit. Wenn Du mich liebst, Mutter, so schweigst Du; er giebt uns nachher die Erklärung!« Der Soldat athmete tief auf und nickte ihr schweigend zu; die Sklavin aber begann von Neuem: »Und als der Herr Konstantin fort war, ist der Herr Demetrius gekommen, und der Herr Demetrius – was kann arme Sachepris wissen – laßt den Herrn Demetrius selber erzählen!« »Das ist rasch gethan,« sagte der Landmann, der sich kaum die Hälfte von Allem, was hier vorgieng und geredet wurde, zu deuten wußte: »Mein Bruder, der Marcus, ist in das hübsche Frätzchen bis über die Ohren verliebt, und um den unerfahrenen Jungen vor Unheil zu wahren, wollt' ich den Schaden auf die eigenen Schultern nehmen, denn die sind breiter und fester. Ich gieng dabei tüchtig in's Zeug und bot dem Mädchen – schämen muß ich mich über das tolle Gebot – und bot ihm die Schätze des Midas; aber bieten und nehmen sind zweierlei Dinge, und das schnippische Ding hat mich abfahren lassen – Kastor und Pollux – so erbärmlich abfahren lassen! Mein Trost war, daß Konstantin, wie ich kam, das hübsche Kind gerade verlassen. Gegen solchen Kriegsgott, dachte ich mir, kommt der Pan vom Lande nicht auf; aber Ares verleugnet die Venus, und so muß ich, schon um vor mir selbst nicht gar zu tief im Werthe zu sinken, annehmen, daß der muntere Blondkopf ein viel braveres Mädchen ist, als wir denken. Mein Gebot, für das jede andere Schöne, die ich hier kenne, einem Krüppel in den Hades gefolgt wäre, hat sie bis zu Thränen verletzt, und ich habe längst angefangen, diese Dada zu achten!« »Sie ist meiner leiblichen Schwester Kind!« unterbrach ihn Herse, welche die geringe Meinung, die hier Jedermann von ihrem Pflegekinde hegte, aufrichtig empörte, und betonte dabei das Wort »leiblich« so stark, als sei sie überreich mit Stiefschwestern gesegnet. »Wenn wir auch jetzt als Sänger unser Brod verdienen, haben wir doch bessere Tage gesehen! Wer in diesen bösen Zeiten heute Krösus ist, kann morgen schon Irus sein. Was uns betrifft, so hat Karnis das Seine nicht verpraßt, sondern – närrisch ist es gewesen, aber schön war es dennoch – und vielleicht thäten wir's wieder – mit seinem Erbe hat er versucht, der Kunst auf die Füße zu helfen. Aber wer fragt, wo das Vermögen geblieben, wenn es dahin ist! Gewinnt man oder behält man, dann ist man brav vor den Leuten; den Verarmten beißen die Hunde! Die Mädchen – wir haben sie gut gehalten, sie gehütet wie leibliche Töchter und das Letzte mit ihnen getheilt. Karnis hat sich geplagt, ihre Stimmen zu bilden, und nun sie etwas vermochten und selbst strengen Richtern genügten, nun sie uns helfen konnten das Brod miterwerben – nun, nun . . .« Die brave Matrone brach bei diesen Worten in Thränen aus; Karnis aber suchte sie freundlich zu beruhigen und sagte: »Wir kommen auch ohne sie durch. ›Nil desperandum!‹ sagt der Römer Horaz. Sie sind auch keine Lacerten, die in den Mauerfugen verschwinden, und ich kenne Alexandria und gehe gleich auf die Suche.« »Und ich helfe Euch, alter Freund,« versicherte der Landmann. »Wir fahren nachher zum Hippodrom, und die jungen Herrlein dort sind treffliche Spürhunde für Wild, wie das Kind Eurer ›leiblichen Schwester‹, würdige Matrone. Die schwarzköpfige Christin, – ich hab' ihr ja oft genug auf dem Schiffe gegenübergestanden . . .« »Sie hat sich zu ihren Glaubensgenossen begeben,« unterbrach ihn Porphyrius. »Olympius hat sie mir geschildert. Ich kenne ihresgleichen aus der Kirche. Das wirft Glück und Leben von sich wie Apfelschalen, um das zu retten, was es für sein ewiges Heil hält. Wahn, Wahn, lauter aberwitziger Wahn! Im Tempel der Teufelin Isis mit Gorgo und anderen Götzendienern zu singen, das hätte sie ihren Platz im Paradiese gekostet; und darum, denk' ich, ist sie geflohen!« »Nur darum! Aus keinem andern Grunde!« rief Karnis. »Wie wird das den edlen Olympius verdrießen und – beim Apoll – so schwer ist mir das Herz schon lange nicht gewesen! Erinnert Ihr Euch noch, Herr,« und er wandte sich an den Landmann, »an unser Gespräch auf dem Schiffe über das Trauerlied auf Pytho? Da hatten wir nun auch das Klagelied der Isis in die lydische Harmonie übertragen, und wie dabei dieser wunderbaren Jungfrau Stimme und die unserer Agne mit dem Flötenspiele des Orpheus zusammenklangen, es war zum Entzücken! Meinem alten Herzen sind Flügel gewachsen bei diesem Gesange. Übermorgen sollte alles Volk im Isistempel den Genuß mit uns theilen. Es hätte eine Begeisterung ohnegleichen gegeben! Gestern war das Mädchen mit ganzer Seele bei der Sache; ja, noch heute Morgen hat sie mit der edlen Gorgo die Klage vom Anfang bis zum Ende durchgesungen. Morgen noch eine Probe, und dann, dann hätten die beiden Jungfrauen etwas geleistet, wie es in dem alten Isistempel vielleicht noch niemals gehört ward.« Konstantin hatte mit wachsender innerer Unruhe auf die letzten Worte gelauscht. Er stand dicht neben Gorgo, und während die Anderen beriethen, welche Maßregeln man ergreifen solle, um der Entflohenen wieder habhaft zu werden, fragte er die Geliebte leise und mit einem finsteren Blick: »Du gedachtest, im Tempel der Isis zu singen? Vor allem Volke und mit einem Geschöpf dieses Gelichters?« »Ja,« entgegnete sie fest. »Und Du hast schon gestern gewußt, daß ich heimgekehrt sei?« Sie nickte bejahend. »Und dennoch hast Du noch heute Morgen, während Du meiner harrtest, das Stückchen mit der Dirne probirt?« »Agne ist keine Dirne wie die Andere, die mit Deinem Helme gespielt hat,« entgegnete Gorgo, und die starke Linie ihrer dunklen Augenbrauen zog sich trotzig zusammen. »Ich habe Dir schon vorhin zu bedenken gegeben, daß ich noch nicht Dein bin. Noch dienen wir Beide verschiedenen Göttern.« »Ja!« rief er so laut, daß die Anderen sich nach ihm umschauten und die alte Damia sich wieder unwillig in ihrem Lehnstuhl regte. Dann nahm er sich gewaltsam zusammen, schaute eine Zeitlang schweigend zu Boden und flüsterte endlich der Jungfrau zu: »Für heute hab' ich genug geduldet. Besinne Dich, Gorgo; Gott schütze mich vor Verzweiflung!« Damit verneigte er sich vor der Jungfrau und den Anderen, warf in wenigen Worten hin, daß der Dienst ihn rufe, und entfernte sich schnell. Dreizehntes Kapitel. Die Pferdeliebhaber im Hippodrom wußten keine Nachricht über Dada's Verbleiben zu geben, denn sie war keinem leichtfertigen jungen Herrn gefolgt. Kurz nachdem die Sklavin fortgegangen war, um Schuhe für sie zu holen, hatte der Sänger Medius auf dem Schiffe vorgesprochen, um mit Karnis zu reden. Er war auf seinem Esel gekommen und ließ das aufgebrachte Mädchen nicht vergebens bitten, sie mit sich zu nehmen. Er hatte sich nur eingestellt, um Karnis und sein Weib zu bereden, ihm Dada für einige Vorstellungen des Posidonius zu überlassen. Seine Hoffnung auf Erfolg war gering gewesen; aber nun ordnete sich das Alles von selbst, und Dada's Wunsch, die Ihren für's Erste nichts von ihrem Verbleiben wissen zu lassen, kam ihm sehr gelegen. Während Karnis das Theater von Tauromenium geleitet hatte, war Medius an demselben als Chorführer beschäftigt gewesen und hatte damals viel Gutes von dem Oheim des Mädchens entgegengenommen. Das konnte er, sagte er sich, nun heimzahlen, denn es gieng ja dem Alten kümmerlich genug, und was es mit einem so seltenen Schaustücke wie Dada zu verdienen gab, das wollte er redlich mit seinem Wohlthäter theilen. Dem Mädchen sollte nichts Übles angethan werden, und Gold, dachte er, bleibe blank und behalte seinen Werth, auch wenn es gegen unsern Willen für uns verdient worden sei. Da Medius ein umsichtiger Mann war, veranlaßte er Dada, auch das neue Rosengewand und den dazu gehörenden Schmuck mitzunehmen, und seine geschickten Hände packten Alles sauber zusammen, was sie ihm reichte. In den Korb, welchen er dazu benützte, legte er noch »für die Kinder zu Hause« Zuckerwerk, Orangen und Granatäpfel und beruhigte das Mädchen schnell über die mangelnden Schuhe. Er wollte den Esel führen, sie sollte ihn reiten. Ein Schleier bedeckte ohnehin ihr Gesicht, und die kleinen Füßchen ließen sich leicht unter dem Gewande verstecken. Zu Hause sollte es sein Erstes sein, ihr ein Paar »süße Sandälchen« von demselben Schuster machen zu lassen, bei dem die Gattin des Comes und die Töchter des Alabarchen arbeiten ließen. Der Aufbruch sammt den Verhandlungen, die man dabei pflog, nahm nur wenige Minuten in Anspruch, und bei dem hastigen Hantiren und Reden kam es zu einem so drolligen Durcheinander, daß Dada wieder munter wurde und lachend mit den nackten Füßchen über die Straße trippelte. In übermüthiger Laune schwang sie sich auf das kleine Grauthier, und als es dann vorwärts gieng und sie das Körbchen mit ihren Sachen, welches Medius zwischen sie und den Hals des Esels gestellt hatte, festhielt, sagte sie, daß man sie für das junge Weib eines alten, garstigen Mannes halten werde, das mit Einkäufen für die Küche vom Markte komme. Mit besonderem Behagen malte sie sich das Gesicht Frau Herse's aus, wenn sie bei der Heimkehr finden werde, daß es möglich sei, auch ohne Schuhe den Weg in's Weite zu finden. »Laß sie sich nur um mich sorgen!« rief sie vergnügt. »Warum trauen sie mir immer Alles zu, was albern und schlecht ist! Aber das sage ich Dir im Voraus: wenn es mir bei euch nicht gefällt und der Spuk, den ich treiben soll, sagt mir nicht zu, dann trennen wir uns gerade so schnell, wie wir zusammengekommen sind. Warum führst Du mich durch so elende Gassen? Ich will etwas sehen und durch die Hauptstraßen reiten!« Aber Medius durfte diesen Wunsch nicht erfüllen, denn in den großen Verkehrsadern der Stadt gieng es heute sehr stürmisch her, und er konnte froh sein, daß sie unangefochten zu seinem Häuschen gelangten. Das lag auf einem Platze zwischen der Griechenstadt und der Rhakotis, dem Viertel der Ägypter, der Marcuskirche gerade gegenüber, und enthielt Raum genug für Medius, seine Frau, seine verwittwete Tochter und deren fünf Kinder, obgleich es von oben bis unten mit allerlei wunderlichen Gegenständen vollgestellt und -gehängt war. Dada's Neugier kam hier nirgends zur Ruhe, und die hübschen Enkelkinder des Medius hiengen schon nach wenigen Stunden mit aller Zärtlichkeit an ihr. Der Christin Agne war es nicht beschieden, so schnell und leicht ein neues Heim zu finden. Ohne Beschützer, unverschleiert, ganz auf sich selbst angewiesen, eilte sie mit ihrem Brüderchen an der Hand ziellos weiter. Sie wollte fort, nur fort von Denen, welche ihr ewiges Heil bedrohten. Sie wußte, daß Karnis sie für Geld gekauft habe, daß sie sein Eigenthum sei und ihm wie eine Sache gehöre. Der Sklave sollte auch nach der Christenlehre dem Herrn Gehorsam leisten, aber sie fühlte sich nicht als Sklavin, und war sie es dennoch, so durfte ihr Herr wohl ihren Leib zu Grunde richten, aber nicht ihre Seele. Und doch, das Gesetz stand auf Seiten des Sängers, und er durfte sie verfolgen und einfangen lassen. Dieser Gedanke verließ sie nicht, und aus Furcht vor den Häschern mied sie die belebteren Straßen und drückte sich an den Häusern hin durch Gassen und Gäßchen. Sie war einmal in Antiochia Zeuge gewesen, wie ein entlaufener Sklave, dem es gelungen war, das Standbild des Kaisers zu erreichen und es zu berühren, Schutz vor seinen Verfolgern gefunden hatte. Es mußte auch hier ein solches geben; aber wo war es? Ein Weib, welches sie befragte, wies sie in eine größere Gasse. Der möge sie folgen bis an die kanopische Straße; die müsse sie durchschneiden, und die erste Querstraße links werde sie auf den großen Platz im Bruchium führen, wo vor der Präfektur, neben der Residenz des Bischofs, die neue Bildsäule des Theodosius stehe. Diese Auskunft und die in derselben enthaltene Erwähnung des Bischofs gab ihrem Verhalten eine neue Richtung. Ihrem Herrn zu trotzen und ihm zu entweichen, war Unrecht; ihm zu gehorchen, wäre schwere Sünde gewesen. Was sollte sie thun, was lassen? Es gab hier nur Einen, der Rath ertheilen, sie aus der Angst, die sie quälte, erlösen konnte: der Seelenhirte dieser Stadt, der Bischof. Auch sie war ein Schaf seiner Heerde; an ihn, nur an ihn konnte, mußte sie sich wenden! Dieser Gedanke fiel wie ein Lichtstrahl in ihr von Furcht und Zweifeln umwölktes Herz. Tief aufathmend zog sie ihr Brüderchen, welches wissen wollte, wohin sie es führe, und weinerlich zu Dada zurückverlangte, an sich und sagte ihm, sie giengen jetzt zu einem guten, guten Manne, der sie auch lehren werde, den Weg zu den Eltern zu finden. Aber das Kind wollte zu Dada und immer zu Dada zurück, und nicht zu dem Manne. Bald gewaltsam, bald mit Versprechungen und Bitten mußte sie den Knaben fortziehen, bis sie in die kanopische Straße gelangten. Hier wimmelte es von erregten Menschen, hier gab es Soldaten zu Fuß und zu Roß, welche sich bemühten, die Ruhe aufrecht zu erhalten, und das Alles erregte die Neugier des Kindes und zerstreute sein Heimweh nach der alten Umgebung. Als Agne die Straße gefunden, welche auf den Platz der Präfektur führte, wurde sie von dem Strom der vorwärts drängenden Menge mit fortgerissen. Umkehren würde hier unmöglich gewesen sein; und sie mußte Alles, was ihr an Kraft und Besonnenheit verblieben war, aufbieten, um nicht von dem Knaben getrennt zu werden. Gedrängt, gestoßen, von Männern geneckt und beschimpft, von Frauen mit harten Worten gescholten, ein Kind in solchen Tumult mitzuschleppen, gelangte sie endlich auf den Platz, den sie suchte. Ein häßliches Durcheinander von widrigen Geräuschen braus'te ihr fort und fort vor den verwöhnten Ohren. Sie hätte weinen und in die Erde sinken mögen; aber ihre Augen blieben trocken und sie hielt sich aufrecht, denn von ferne sah sie über einem hohen Portale ein großes goldenes Kreuz; das winkte ihr wie ein Gruß aus der Heimat, und unter seinem Schutz mußte sie Beruhigung, Trost und Rettung finden. Aber wie sollte sie zu ihm gelangen? Der weite Platz war so voll von Menschen wie ein voller Köcher mit Pfeilen. Einer drängte sich an den Andern. Sich vorwärts bewegen hieß hier sich Bahn brechen, und neun Zehntel von denen, durch welche es sich hindurch zu zwängen galt, waren Männer, erregte, tobende Männer, Männer, deren wildes, wunderliches Aussehen Grauen und Entsetzen erregte. Die Meisten, Mönche, welche aus den nitrischen Klöstern, aus den Lauren und Klausen bei Kolzum am rothen Meere und selbst aus dem oberägyptischen Tabenna auf den Ruf des Bischofs herbeigeströmt waren, vereinten die rauhen Stimmen zu dem leidenschaftlichen Rufe: »Nieder mit den Götzen, nieder mit dem Serapis, Tod allen Heiden!« Diese Heerschaar des Erlösers, dessen Wesen Güte, dessen Empfinden Liebe gewesen war, schien von seiner lichten und freundlichen Fahne zu der blutigen Standarte des würgenden Hasses übergelaufen zu sein. Ihr verwildertes Haupt- und Barthaar umrahmte gewaltsam aufgeregte Gesichter mit glühenden Augen. Die Blöße ihrer abgemagerten oder gedunsenen Körper wurde spärlich von rohen Schaf- und Ziegenfellen bedeckt; an ihren dürren Gliedern drängten sich Narben und Striemen, welche die Geißel an ihrem Gürtel geschlagen. Von der Stirn des Einen, »des Kronenträgers«, rann rothes Blut, denn er hatte sich den Dornenkranz, welchen er, gemäß seinem Gelübde, Tag und Nacht nicht ablegen durfte, um die Leiden des Heilands ohne Unterlaß an sich selbst zu empfinden, gerade heute mit prahlerischem Eifer in's Fleisch gedrückt. Ein Anderer, den sie in seinem Kloster »das Ölkrüglein« nannten, stützte sich auf seine Nebenmänner, denn seine abgemagerten Beine vermochten den hochaufgedunsenen Leib, welcher nun schon im zehnten Jahr keine andere Nahrung als Kürbis, Schnecken, Heuschrecken und Nilwasser empfangen, kaum mehr zu tragen. Ein Dritter war durch eine schwere Kette mit seinem Nachbar verbunden. Sie bewohnten zusammen die gleiche Höhle in den Kalkbergen bei Lykopolis und hatten einander gelobt, sich gegenseitig des Schlafes zu berauben, damit ihre Bußzeit sich verdoppele und ihnen für das schwerste Entbehren diesseits zwiefacher Genuß in einer andern Welt zufalle. Sie Alle fühlten sich als Kampfgenossen in gleichem Streite. Derselbe Gedanke, derselbe heiße Wunsch bewegte sie Alle. Was ihnen ein Gräuel war, was die Seele von Hunderttausenden mit Verderben bedrohte, was den Satan lockte, sein Reich in dieser Welt zu behaupten, es sollte nun fallen, sollte vernichtet werden für immer! Die heidnische Welt war für sie eine feile Dirne, und wenn der Schmuck, den sie trug, auch schön war und Geist und Herz der Thoren erfreute, so mußte er ihr dennoch von dem geschminkten Leib gerissen werden, so wollten sie sie dennoch fortpeitschen von der erlös'ten Erde und der Verführerin die Wiederkehr auf immer verlegen. »Nieder mit den Götzen! Nieder mit dem Serapis! Nieder mit den Heiden!« brüllte und donnerte es rings um Agne her; doch wenn die wüthende Menge am lautesten tobte, zeigte sich die Gestalt eines majestätischen, stolzen Mannes auf dem Altane über dem Kreuze und seine Hand winkte mit kühler, vornehmer Würde dem empörten Haufen einen Friedensgruß zu. Sobald er sie erhob, beugten die Anwesenden und mit ihnen Agne die Kniee. Sie ahnte, sie wußte, daß der hohe Herr da oben der Bischof sei, den sie suchte; aber sie wies ihr Brüderchen nicht auf ihn hin, denn Theophilus glich weit eher einem stolzen Fürsten als dem »guten, freundlichen Manne«, von dem sie zu ihm gesprochen. Zu diesem großen Herrn durfte sie nicht vorzudringen wagen. Wie hätte auch solch ein Herrscher über Millionen Seelen Sinn und Zeit für sie und ihr kleines Leid finden können? Aber in seiner Umgebung mußte es doch manchen Presbyter und Diakonen geben, und an einen von diesen wollte sie sich wenden, wenn sich die Menge zerstreute und es ihr gelang, sich Bahn zu der Pforte mit dem Kreuze zu brechen. Zwanzigmal hatte sie vorzudringen gesucht, aber mit wie geringem Erfolge! Die meisten Mönche stießen sie, wenn sie an ihnen vorbeischlüpfen wollte, mit Abscheu zurück. Der Eine, dem sie die Hand auf den Arm gelegt hatte, um ihn zum Ausweichen zu bewegen, war in ein Gezeter ausgebrochen, als habe ihn eine Schlange gebissen, und als sie die Menge an den »Kronenträger« drängte, stieß er sie fort und schrie: »Fort, Weib! Rühr' mich nicht an, Du Satansfalle, Du Köder des Bösen; sonst tret' ich Dich nieder!« Das Zurückkehren war ihr längst nicht weniger unmöglich als das Vordringen geworden, und so vergiengen Stunden, die ihr wie lange Tage erschienen. Und dennoch fühlte sie keine Ermüdung, nur Angst und Widerwillen, und stärker als jede andere Empfindung: Sehnsucht, brennende Sehnsucht in den Palast zu gelangen und mit einem Priester zu reden. Die Sonne hatte die Mittagshöhe längst überschritten, als sich etwas ereignete, was den weinenden Papias als neu und ungewöhnlich anzog und zerstreute. Auf dem Altan der Präfektur zeigte sich Cynegius, der Abgesandte des Kaisers, ein starker Mann von mittlerer Größe mit einem klugen, runden Advokatenkopfe. Der Würdenträger, Konsul und Präfekt des gesammten Morgenlandes trug nicht mehr die wollene Toga der Großen des alten Rom, welche sich in schönen Falten um den Körper schmiegte, sondern ein kaftanartiges, langes Gewand von seidenem Purpurbrokat mit goldenen Blumen. An seiner Schulter prangte das Ehrenzeichen der höchsten Beamten, ein kreisförmiger Zierat von eigenartigem, sehr starkem und kunstvollem Gewebe. Er begrüßte die Menge mit einer herablassenden Verneigung, und nachdem ein Herold dreimal in die Tuba gestoßen, wies Cynegius auf seinen Geheimschreiber, welcher ihm gefolgt war; dieser öffnete sofort eine Rolle und rief mit lauter, weithin schallender Stimme: »Ruhe im Namen des Kaisers!« Ein vierter Trompetenstoß erscholl, und nun wurde es auf dem weiten Platze so still, daß man die Rosse der Sicherheitswächter vor der Präfektur schnauben hörte. »Im Namen des Kaisers!« wiederholte der zum Vortrag der kaiserlichen Botschaft erlesene Beamte. Cynegius verneigte sich, wies abermals auf den Geheimschreiber und dann auf die Bilder des Cäsar und seiner Gemahlin, welche zu beiden Seiten des Altans an der Spitze vergoldeter Stangen den Anwesenden entgegenschauten, und der Beamte fuhr fort: »Theodosius Cäsar grüßt durch seinen getreuen Botschafter und Diener Cynegius das Volk der edlen und großen Stadt Alexandria. Er weiß, daß die guten und getreuen Bürger derselben sich fromm und unabwendlich zu dem heiligen Glauben bekennen, welchen der Apostelfürst Petrus von Anfang an den Gläubigen überliefert hat, es ist ihm bekannt, daß sie auch rechtgläubige Christen sind und der Lehre anhängen, welche der heilige Geist den Vätern der Kirche zu Nicäa diktirte. Theodosius Cäsar, der sich mit Demuth und Stolz das Schwert und den Schild, den Vorkämpfer und Wall des einzig rechten Glaubens nennt, beglückwünscht die guten Bürger der edlen und großen Stadt Alexandria, daß sie sich in ihrer Mehrheit von den teuflischen Irrlehren des Arius ab und dem rechten nicänischen Glauben zugewandt haben, und verkündet ihnen durch seinen treuen und edlen Diener Cynegius, daß dieser und kein anderer Glaube, wie in seinem ganzen Reiche, so auch in Alexandria, der herrschende sein soll. – Wie in all seinen Staaten, so wird hinfort auch in Ägypten jede Lehre, welche diesem theuren Glauben widerspricht, verfolgt werden; diejenigen also, welche einer andern Lehre anhängen, sie verkündigen und verbreiten, sollen als Ketzer angesehen und behandelt werden.« Der Geheimschreiber mußte innehalten, denn laute Jubelrufe der versammelten Menge unterbrachen ihn wieder und wieder. Kein Laut des Mißfallens ließ sich vernehmen, und wer es gewagt hätte, ihn zu erheben, wäre in dieser Versammlung sicher nicht straflos geblieben. Erst nachdem der Herold mehrere Male in die Tuba gestoßen, gelang es ihm, das Folgende weiter zu lesen: »Zur tiefen Bekümmerniß des christlichen Herzens eures Cäsar ist es ihm zu Ohren gekommen, daß die alte Abgötterei, welche die Menschheit so lange mit Blindheit geschlagen und von den Pforten des Paradieses fern gehalten hat, in dieser edlen und großen Stadt immer noch durch die Macht des Teufels Anhänger, Tempel und Altäre besitzt. Weil es nun dem gnadenreichen und christlichen kaiserlichen Herzen widerstrebt, die Verfolgung und den Tod, welche so viele heilige Märtyrer durch blutdürstige und grausame Heiden erduldet haben, an den Nachkommen, Mitschuldigen und Irrthumsgenossen der wüthenden Feinde unseres heiligen Glaubens zu rächen, da ja der Herr sagt, ›mein ist die Rache,‹ so hat Theodosius Cäsar nur verordnet, daß in dieser großen und edlen Stadt Alexandria die Tempel der heidnischen Götzen geschlossen, ihre Bilder zerstört und ihre Altäre umgestoßen werden sollen. Wer sich mit blutigen Opfern befleckt, wer ein unschuldiges Opferthier schlachtet, wer einen Götzentempel betritt, wer daselbst eine religiöse Handlung verrichtet oder die von Menschenhand gemachten Bilder der Götzen verehrt, ja, wer in einem Tempel auf dem Lande oder in der Stadt betet, soll sofort eine Strafe von fünfzehn Pfund Gold erlegen, und wer von solchem Verbrechen Kenntniß besitzt, ohne es zur öffentlichen Anzeige zu bringen, soll derselben Strafe verfallen.« Codex Theodosianus XVI, 10, 10. Die letzten Worte blieben ungehört; denn ein Jubelgeschrei, so laut und maßlos, wie es selbst an dieser Stätte der Volksaufläufe noch niemals vernommen worden war, erschütterte die Luft. Es nahm kein Ende und ließ sich durch keinen Tubaruf dämpfen und pflanzte sich fort durch die Straßen und Gassen und über die Plätze der Stadt. Es erreichte die Schiffe auf dem Meere, es drang in die Häuser der Reichen und in die Hütten der Armen, ja, es war dumpf vernehmbar für den Wächter, welcher auf der Spitze des Pharus in der Nacht die fernhin sichtbaren Flammen schürte, und in unglaublich kurzer Zeit wußte ganz Alexandria, daß der Kaiser den Diensten der Heiden das Urtheil gesprochen. Auch in das Museum und in das Serapeum war die große, verhängnißvolle Kunde gedrungen: nun noch einmal raffte sich die Jugend zusammen, welche in den hohen Schulen der Stadt in heidnischer Weisheit groß geworden und an dem edlen Born der griechischen Philosophie den Geist geübt und geklärt und das Herz mit Begeisterung für das Schöne und Gute im Sinne des alten Griechenthums erfüllt hatte: sie folgte dem Rufe ihres Lehrers Olympius und stürzte unter Führung des Grammatikers Orestes – denn der Oberpriester selbst hatte Vorbereitungen für die Vertheidigung des Serapeums zu treffen – und stürzte mit den Waffen, welche Olympius für sie bereit gehalten, unter Feldzeichen, welche er hergestellt hatte, auf den Platz vor der Präfektur, um die Mönche zu verjagen und Cynegius mit den Forderungen, die er an die Heiden gestellt hatte, zu seinem Kaiser zurückzusenden. Jugendliche, edle Gestalten, angethan wie die Hellenen der Blütetage Athens, eilten hier in den Kampf. Es tönte dabei von ihren Lippen ein Schlachtlied des Kallinus, welches unter ihnen – Niemand wußte, durch wen – für das Bedürfniß des Tages leichte Änderungen erfahren: »Wie lang', ihr Jünglinge, schlummert ihr noch? Will der Muth in der Brust nicht erwachen? Erdrückt euch die Scham nicht? Ihr sehet ja doch Wie die Christen spotten und lachen!« Was sich ihnen entgegenstellte, warfen sie nieder. Zwei Manipeln Fußvolk, welche die durch das Bruchium führende Königsstraße besetzt hielten, wollten ihnen wehren; aber sie konnten dem Andrang der begeisterten Schaaren nicht widerstehen, und so gelangten diese auf die Cäsareumsstraße und an den Platz vor der Präfektur. Hier sangen sie die letzten Verse des Aufrufes zum Kampfe: »Wen feige zu Hause das Schicksal besiegt, Um den wird das Volk nicht klagen; Doch wer im Kampfe dem Tode erliegt, Von dem wird die Nachwelt sagen: Er stand uns im Schlachtensturme Zum Schutze gleich einem Thurme.« Aus Brandes' griechischem Liederbuche. Hier, vor der weiten Öffnung des Platzes stießen die bekränzten Jünglinge mit den feinen Griechenköpfen, den denkenden Stirnen, dem duftenden Lockenschmuck und den gesalbten, im Gymnasium schön entwickelten Gliedern mit den finsteren Männern im Schaffell, den ascetischen Schwärmern, den unter Fasten, Geißelhieben und Kasteiung ergrauten Büßern zusammen. Diese stellten sich dem Ansturm der von enthusiastischer Hingabe für Freiheit des Denkens und Forschens, für Kunst und Schönheit berauschten Jugend entgegen. Beide traten ein für das, was ihnen das höchste Gut war, Beiden war es gleich ernst mit ihrer Überzeugung, Beiden war das, was sie verfochten, werthvoller und theurer als die kurze Spanne des Lebens. Aber die heidnische Jugend führte Schwerter, die Mönche besaßen nur eine Waffe, die Geißel, und sie waren gewohnt, sie nicht gegen Andere, sondern nur gegen ihr eigenes, aufrührerisches Fleisch zu schwingen. Ein wildes, ungeordnetes Balgen und Ringen begann; in das Schlachtlied der Heiden mischten sich Beschwörungen und Psalmengesänge. Hier stürzte ein verwundeter, dort ein getöteter Mönch zu Boden, da ein zarter, schön gestalteter Jüngling, den die schwere Faust eines Büßers getroffen. Brust an Brust rang ein Klausner mit dem jungen Gelehrten, welcher noch gestern vor begeisterten Zuhörern des Plotin neuplatonische Lehre zu erläutern begonnen. Und mitten in diesem Gewühl stand Agne mit ihrem Brüderchen, das sich fest an sie geschmiegt hatte und vor Entsetzen keine Thräne und keinen Klagelaut fand. Die Jungfrau zog sich fest in sich selbst zusammen, und die Angst beherrschte sie so ganz, daß sie nicht einmal zu beten vermochte. Die Angst, die furchtbare Angst verwirrte ihr die Sinne und peinigte sie dabei wie ein körperlicher Schmerz, der in der Brust begann und bis in ihr tiefstes Innere hinunterstrahlte. Sie hatte schon, ganz von Furcht beherrscht, die kaiserliche Botschaft nur an ihr Ohr klingen hören, ohne ihren Inhalt auch nur halb zu erfassen. Jetzt hielt sie die Augen fest geschlossen und sah und vernahm in ihrer Betäubung nichts von Allem, was um sie her vorgieng, bis ganz in ihrer Nähe neue Geräusche und Töne ihr Ohr berührten: Hufschlag, Trompetengeschmetter und immer lauteres Schreien und Zetern. Endlich, endlich wurde es stiller, und als sie es wagte, die Augen wieder zu öffnen, war der Platz rings um sie her menschenleer und wie ausgekehrt von unsichtbaren Händen. Nur hier und da lag ein menschlicher Körper und in der Cäsareumsstraße gab es noch ein dichtes Gedränge; aber auch dies zog sich vor dem Andrang gepanzerter Reiter weiter und weiter zurück. Nun athmete sie auf und lös'te den Kopf des Knaben aus den Falten ihres Gewandes, in die er ihn angstvoll eingewühlt hatte. Aber noch war das Ende des Schrecknisses nicht gekommen; denn über den Platz hin jagte in wilder Flucht eine Schaar von jungen Gelehrten, und hinter diesen her eine Abtheilung der Panzerreiter, welche die kämpfenden Heiden und Christen auseinander gesprengt hatte. Die Verfolgten jagten gerade auf sie zu, und wieder schloß sie die Augen und erwartete, von den Hufen der nacheilenden Rosse zertreten zu werden. Ein Fliehender riß den Knaben zu Boden. Da schwanden ihr zum ersten Mal völlig die Sinne, die Kraft, sich aufrecht zu halten, verließ sie, und leise stöhnend sank sie leblos auf das staubige Pflaster. Hart an ihr vorbei, über sie hin jagten Verfolger und Verfolgte; dann als sie endlich – sie wußte nicht, nach wie langer Zeit – die Augen wieder aufschlug, war es ihr, als ob sie schwebe, und endlich nahm sie wahr, daß ein Krieger sie aufgehoben hatte und sie auf den starken Armen trug wie ein Kind. Da erfaßte sie Scham und neue Furcht, und sie suchte sich ihm zu entwinden; er aber ließ sie willig nieder, und als sie auf den Füßen stand und fühlte, daß sie zu stehen vermochte, schaute sie mit wirren Blicken ringsum, und plötzlich kreischte sie heiser, denn Mund und Zunge waren ihr wie verdorrt: »Jesus Christus, wo ist mein Bruder?« Mit diesem Schrei strich sie sich das volle Haar mit beiden Händen aus der Stirn und durchmaß ihre Umgebung athemlos und mit fieberhaft forschenden, langen Blicken. Sie befand sich immer noch auf dem Platze dicht vor dem Thor der Präfektur; ein Reiter, wohl der Diener ihres Retters, führte dicht hinter ihm ein lediges Pferd am Zügel, auf dem Pflaster lagen stöhnende Verwundete, gepanzerte Streiter bildeten bei der Cäsareumsstraße ein langes, doppeltes Spalier; – aber von dem kleinen Papias war nichts, nichts zu sehen. Da rief sie wieder, und diesmal mit so tiefem Jammer in der ihres Schmelzes beraubten Stimme, daß der Krieger neben ihr sie mitleidvoll ansah: »Papias, mein kleiner Bruder! O mein Heiland, mein Heiland! Wo ist das Kind?« »Wir werden es suchen,« entgegnete der Soldat, und seine tiefe Stimme klang mild und tröstend. »Du bist jung und schön; was hat Dich bei solchem Aufruhr unter die Menge geführt?« Da erröthete sie tief, schlug das Auge nieder und versetzte hastig und leise: »Ich war auf dem Wege zum Bischof.« »Zu schlimmer Stunde,« entgegnete Konstantin, der Präfekt, welcher sie leblos auf dem Platze gefunden und es für räthlich gehalten hatte, die Sicherung des jungen, anmuthigen Geschöpfes keinem seiner Krieger anzuvertrauen. »Danke Gott, daß Du so glimpflich davongekommen bist. Ich muß zu meinen Reitern zurück. Du kennst die Wohnung des Bischofs? Dort ist sie; und was Dein Brüderchen angeht . . . Warte! Bist Du hier in Alexandria zu Hause?« »Nein, Herr,« entgegnete sie zaghaft. »Aber Du wohnst doch hier bei Verwandten oder Freunden?« »Nein, Herr, nein. Ich bin – ich habe . . . Ihr wißt, ich wollte nur zu dem Herrn Bischof.« »Seltsam. So versuche Dein Heil! Meine Zeit ist gemessen; aber später, gleich nachher, habe ich mit den Hauptleuten der Sicherheitsmannschaft zu reden. Wie alt ist der Knabe?« »Noch nicht ganz sechs Jahre.« »Schwarzhaarig wie Du?« »Nein, Herr, blond,« und dabei traten ihr Thränen in's Auge. »Er hat blondes, lockiges Haar und ein so schönes, liebes Gesichtchen.« Da nickte der Präfekt ihr lächelnd zu und fragte weiter: »Wenn man ihn findet – Papias heißt er – wohin soll man ihn bringen?« »Ich weiß nicht, Herr; denn – oder dennoch! Mein Kopf, mein armer Kopf! – Wenn ich nur wüßte . . . Ja, wenn Ihr ihn findet, so führt ihn hieher zu dem Herrn Bischof.« »Zu Theophilus?« fragte der Krieger verwundert. »Ja, ja, eben zu ihm,« entgegnete sie rasch. »Oder – wartet – bringt, bringt ihn zu dem Thorhüter des Bischofs.« »Das ist weniger vornehm, aber es möchte rathsamer sein,« entgegnete der Krieger, winkte dem Diener, wickelte die Mähne seines Rosses um die Hand, schwang sich auf, grüßte sie mit der Hand und sprengte, ohne auf ihr: »Ich danke Euch, Herr!« zu achten, zu seiner Truppe zurück. Vierzehntes Kapitel. In dem weiten Atrium des bischöflichen Palastes herrschte lebhafte Bewegung. Geistliche und Mönche giengen aus und ein, Wittwen, welche als weibliche Diakonen mit der Pflege der Kranken betraut waren, warteten mit Verbandzeug und freundlichem Zuspruche ihres Amtes, und Akoluthen hoben die Verwundeten auf Bahren, um sie in die Hospitäler zu tragen. Der Diakon Eusebius, des jungen Marcus greiser Lehrer, leitete die guten Werke, welche hier geübt wurden, und trug Sorge, daß man den jungen verwundeten Heiden die gleiche Sorgfalt angedeihen ließ wie den Christen. Vor dem Palast giengen Veteranen von der zweiundzwanzigsten Legion auf und nieder und vertraten den Thorhüter, welcher in ruhigen Zeiten hier zu stehen pflegte. Agne sah sich vergebens nach einem solchen um und trat dann, ohne von den Soldaten beachtet zu werden, unter die pflegenden und sorgenden Frauen und Männer. Es dürstete sie sehr, und als sie eine der Wittwen Wein und Wasser mischen und diesen Labetrank von dem Verwundeten, für den er bestimmt war, widerwillig zurückweisen sah, faßte sie sich ein Herz und bat die Diakonissin, ihr ein Schlückchen zu gönnen. Diese reichte ihr sogleich den Becher und fragte, zu wem sie hier gehöre. »Ich will zu dem Herrn Bischof,« entgegnete Agne: aber sie besann sich und fügte schnell hinzu: »Mit dem Thorhüter des Bischofs möchte ich reden.« »Dort,« versetzte die Wittwe und wies auf die Riesengestalt eines Mannes, welcher im äußersten Hintergrunde des Atriums im Halbdunkel stand. Da erst bemerkte das Mädchen, daß es schon Abend werde. Wenn nun die Nacht kam, wo sollte sie bleiben, wo Unterkunft finden? Es überlief sie kalt, und mit einem kurzen: »Ich danke!« gieng sie auf den Thorhüter zu und bat ihn, ihren kleinen Bruder in Empfang zu nehmen, falls man ihn bei ihm abliefern werde. »Gut,« entgegnete der Riese freundlich. »Er kommt in die Waisenherberge ›Zum Samariter‹, wenn man ihn bringt, und da frage nur nach.« Nun faßte das Mädchen Muth und bat ihn, sie zu einem Priester zu führen; der Thorhüter aber verwies sie auf die Kirchen, denn die geistlichen Herren in der Umgebung des Bischofs hätten heute vollauf zu thun und für Kleinigkeiten keine Zeit übrig. Doch Agne bestand beharrlich auf ihrem Verlangen, bis dem Andern die Geduld ausgieng und er ihr befahl, ihrer Wege zu gehen. Da traten drei Geistliche durch die Thür, vor welche sich der Pförtner abwehrend gestellt hatte, und nun faßte sich Agne wieder ein Herz, trat auf einen von ihnen, einen Presbyter in höheren Jahren, zu und rief dringend: »Ach, würdiger Vater, ich bitte Euch, hört mich! Ich muß mit einem Priester reden, und der Mann dort weist mich fort und sagt, Keiner von euch habe Zeit für mich übrig.« »Das sagt er?« fragte der Presbyter und rief dann dem Pförtner unwillig zu: »Der Kirche und ihren Dienern, Du Thor, fehlt es nie und zu keiner Stunde an Zeit, wenn fromme Herzen sie suchen. Auf Wiedersehen, meine Brüder. Was begehrst Du, mein Kind?« »Es liegt mir so schwer auf dem Herzen,« entgegnete Agne und erhob Augen und Hände bittend zu dem geistlichen Herrn. »Ich liebe meinen Erlöser, aber ich kann ja nicht, wie ich will, und weiß nicht, was ich thun soll, um nicht in schwere Schuld zu verfallen.« »So folge mir,« sagte der Andere und gieng ihr durch ein Gärtchen in einen großen, offenen Hofraum voran. Dann trat er in ein Seitengemach, von dem aus eine Treppe in den obern Stock des Palastes führte. Während sie ihm nachstieg, schlug ihr das Herz in ängstlicher und doch hoffnungsvoller Erregung. Sie hielt die Hände über der Brust gekreuzt und versuchte zu beten, aber es gelang ihr kaum, an ihr Brüderchen und . . . . das zu denken, was sie dem Presbyter zu sagen hatte. Endlich gelangten sie in ein hohes Gemach, wo die Fensterläden schon geschlossen waren und über gepolsterten Sitzen, auf denen jüngere und ältere Männer die Feder führten, vielarmige Lampen brannten. »Da wären wir,« sagte der Presbyter und ließ sich auf einen Lehnsessel in ziemlicher Entfernung von den Schreibern nieder. »Eröffne mir, was Dich bedrückt; aber fasse Dich kurz, denn ich entziehe diese Minuten wichtigen Geschäften.« »Wohl, Herr,« begann Agne. »Ich stamme von freien Eltern, die in Augusta Trevirorum zu Hause. Mein Vater hat als Steuereinnehmer in kaiserlichem Dienste gestanden.« »Gut, gut; aber gehört das zur Sache?« »Ja, Herr, ja. Vater und Mutter, sie sind gute Christen gewesen, doch man hat sie uns bei dem Aufstand in Antiochia – Du weißt, vor drei Jahren – erschlagen, und da wurde ich und mein Bruder, Papias heißt er –« »Gut, gut –« »Und da haben sie uns Beide verkauft. Mein Herr hat Geld für uns gegeben; ich hab' es gesehen; – aber als Sklaven wurden wir doch nicht gehalten. Nun fordern sie von mir, denn sie sind Heiden und ganz und gar den alten Götzen ergeben –« »Da fordern sie von Dir abgöttische Dinge?« »Ja, würdiger Vater, ja! Und deßwegen sind wir entflohen.« »Recht, recht, liebes Kind.« »Aber es heißt doch, daß der Sklave dem Herrn Gehorsam schulde?« »Wohl; aber über dem Herrn im Fleische steht der Vater im Himmel, und tausendmal lieber soll man jenem die Treue brechen als diesem.« Dies Gespräch war mit Rücksicht auf die an den Pulten thätigen Männer leise geführt worden; aber bei den letzten Worten hatte der Presbyter lauter geredet, und er mußte auch in dem Nebenraume gehört worden sein, denn der schwere Vorhang von einfachem Filzstoff wurde zurückgeschoben und eine Stimme von seltener Kraft und Tiefe rief durch den frei gewordenen Raum: »Schon zurück, Irenäus? Das trifft sich günstig: ich habe mit Dir zu sprechen.« »Sogleich, Herr; in zwei Minuten steh' ich zu Diensten,« entgegnete der Andere, indem er aufstand und Agne zurief: »Du weißt nun, was Deine Pflicht ist. Und wenn der Herr, dem Du dienst, Dich einfangen läßt und von Dir verlangt, ihm beim Opfern zu helfen oder dergleichen, dann wirst Du Schutz bei uns finden; mein Name ist Irenäus.« Hier wurde der Presbyter abermals unterbrochen; denn der Vorhang hatte sich wieder geöffnet und diesmal war ein Mann aus dem Nebengemache hervorgetreten, welchen Niemand vergessen konnte, der ihm einmal begegnet. Es war der Bischof, den Agne auf dem Altan gesehen, und sie erkannte ihn auch sogleich und gieng ihm mit gebeugten Knieen entgegen, um demüthig sein Gewand zu küssen. Theophilus nahm diese Huldigung hin und maß das Mädchen schnell mit den gewaltigen Augen; Agne aber wagte die ihren nicht zu erheben, denn es lag etwas Übermächtiges in dieses Mannes Erscheinung. Jetzt öffnete er die Lippen und fragte, indem er mit der schmalen Hand auf Agne wies: »Was will dieses Mädchen?« »Freier, christlicher Eltern Kind,« entgegnete der Presbyter. »Aus Antiochia. An Götzendiener verkauft; soll heidnische Werke verrichten; ist ihrem Herrn entlaufen und trägt nun Bedenken . . .« »Du hast ihr gesagt, welchem Herrn die Ehre gebührt?« fiel ihm der Bischof in's Wort. Dann kehrte er sich Agne zu und fragte: »Warum wendest Du Dich hieher und nicht an den Diakonus Deiner Kirche?« »Wir sind erst wenige Tage hier,« versetzte das Mädchen schüchtern und wagte nun den Blick zu den schönen, bleichen, wie aus Marmor gemeißelten Zügen des Kirchenfürsten zu erheben. »So geh zum heiligen Abendmahl in die Basilika der Maria,« erwiderte der Bischof. »Es wird gleich beginnen; indessen, dennoch – Du bist hier fremd, bist Deinem Herrn entlaufen und dabei sehr jung, sehr . . . Es wird Nacht. Wo gedenkst Du unterzukommen?« »Ich weiß nicht,« entgegnete Agne und Thränen stiegen ihr in die Augen. »Das nenn' ich Muth,« murmelte Theophilus dem Presbyter zu und fuhr dann fort, indem er sich wieder an Agne wandte: »Wir haben, Dank den Heiligen, Herbergen für Deinesgleichen hier in der Stadt. Der Schreiber dort soll Dir einen Schein ausstellen, welcher Dir Eintritt in eine solche verschafft. Aus Antiochia bist Du? Da wäre das Asyl des Antiocheners Seleukus. Zu welcher Parochie haben Deine Eltern gehört?« »Zu der Johannes des Täufers.« »Des Täufers? Wo Damascius predigt?« »Ja, heiliger Vater; er ist unser Seelsorger gewesen.« »Der Arianer?« fragte der Bischof, richtete die mächtige, in voller Manneskraft prangende Gestalt hoch auf und preßte den herben Mund fest zusammen, während der Presbyter in die Hände schlug und unwillig forschte: »Und Du, Du selbst bekennst Dich gleichfalls zum Wahn des Arius?« »Meine Eltern sind Arianer gewesen,« versetzte Agne betroffen, »und sie haben mich zu dem ›gottähnlichen‹ Heiland beten gelehrt.« »Genug!« unterbrach sie der Bischof kurz und streng. »Komm', Irenäus!« Damit winkte er dem Presbyter, theilte den Vorhang und schritt mit vornehmer Würde dem Andern voran. Agne stand da wie vom Blitze getroffen; bleich, bebend, hoffnungslos. War sie denn keine Christin? War es denn für das Kind ein Verbrechen, den Glauben der Eltern zu theilen? Waren Diejenigen, die ihr eben die rettende Hand entgegengestreckt hatten, um sie ihr so feindlich und jäh zu entziehen, waren sie Christen, Christen im Sinne des allbarmherzigen Welterlösers? Marternder Zweifel an Allem, was ihr bis dahin heilig und unantastbar gewesen, befiel ihre Seele, Zweifel an Allem, nur nicht an Christus und seiner gottähnlichen, ja göttlichen Güte, denn welcher Unterschied lag wohl für sie in diesen Mensch auf Mensch hetzenden Worten? Und in der Unruhe, dem Jammer, der Hoffnungslosigkeit, welche sich ihrer bemächtigt hatten, fand sie keine Thränen, und sie wurzelte regungslos und wie gebannt an dem Platze, wo sie dem Bischof Rede gestanden. Endlich wurde sie durch die kreischende Stimme des ältesten Schreibers aufgeschreckt, welcher einem jüngern Gehülfen zurief: »Das Mädchen stört mich; zeig' ihr den Weg, Petubastis!« Diesem, einem hübschen ägyptischen Burschen, war die Unterbrechung der Arbeit, welche heute nicht aufhören wollte, mehr als willkommen, und so erhob er sich gemächlich, legte sein Geräth zusammen, strich das schwarze Haar, welches ihm beim Schreiben in die Stirn gefallen war, zurück und steckte sich statt des Schreibrohrs eine dunkelblaue Ritterspornblume hinter das Ohr. Dann tänzelte er auf die Thür zu, öffnete sie, sah sich das schöne Mädchen mit dem Blick des Kenners unverschämt an, verneigte sich flüchtig und sagte, indem er in's Freie wies, mit höhnischer Unterwürfigkeit: »Ich bitte.« Agne verließ ungesäumt und gesenkten Hauptes die Schreibstube; der Ägypter aber schlüpfte ihr nach, faßte, nachdem er die Thür hinter sich zugeworfen, ihre Hand und flüsterte ihr zu: »Wenn Du unten ein halbes Stündchen warten kannst, Liebchen, so führ' ich Dich wohin, wo es schön ist.« Sie war stehen geblieben und sah ihn fragend an, denn sie wußte sich diesen Wink nicht zu deuten; er aber legte ihr ermuthigt den Arm auf die Schulter und versuchte sie an sich zu ziehen. Da stieß sie ihn von sich wie ein widriges Thier und eilte, so schnell die Füße sie tragen wollten, die Treppe hinunter und durch das Gärtchen in die weite Atriumshalle. Dort war es inzwischen still und dunkel geworden. Wenige Lampen erhellten den vielsäuligen Raum, und der Schein einer Fackel fiel auf die Bänke, welche dort für wartende Geistliche, Laien und Supplikanten aufgestellt waren. Erschöpft bis auf's Äußerste – sie wußte selbst nicht, ob vor Angst und Enttäuschung oder vor Müdigkeit und Hunger – ließ sie sich nieder und verbarg das Gesicht in die Hände. Die Verwundeten waren während ihrer Abwesenheit in die Hospitäler gebracht worden. Nur Einen hatte man nicht fortzuschaffen gewagt. Er lag auf einem Polster zwischen zwei Säulen in ziemlicher Entfernung von Agne, und der Schein einer Lampe, welche man auf den Arzneikasten gestellt hatte, fiel auf seine blutlosen, jugendlich schönen Züge. Zu seinen Häupten kniete die Diakonissin und schaute ihm schweigend in das stille Totengesicht. Neben dem Verstorbenen lag der alte Eusebius am Boden und preßte das Antlitz auf die von keinem Athemzuge bewegte Brust des entschlafenen Jünglings. Nur zwei Geräusche unterbrachen die tiefe Stille des verödeten Raumes: das leise Schluchzen des Greises und der Tritt der Veteranen, welche vor dem bischöflichen Palaste Wache hielten. Die Wittwe schaute mit gefalteten Händen unverwandt in das Antlitz des Toten und störte den Diakonus nicht, denn sie wußte, daß er bete, bete für die Rettung der Seele des mitten aus seinen Sünden abgerufenen Heiden. Nach langen Minuten richtete der Greis sich auf, trocknete die nassen Augen, drückte die Lippen auf die erkaltete Hand des Toten und sagte dann, indem er auf sein Antlitz wies: »So jung, so schön, ein Meisterwerk des Vaters im Himmel. – Heute früh eine jauchzende Lerche, die Lust einer Mutter und nun – und nun! Wie viele Hoffnungen, wie viel warmes Lebensglück ist da erloschen! O mein gütiger Heiland, der Du gesagt hast, es sollen nicht nur Alle, die Herr, Herr zu Dir sagen, Gnade finden vor Deinem Vater im Himmel, der Du Dein Blut hingegeben auch für die Erlösung der Heiden, erlöse, errette mir Diesen! Du guter Hirte, erbarme Dich auch dieses verloren gegangenen Schafes!« In tiefem, leidenschaftlichem Mitgefühl erhob der Greis beide Arme und schaute eine Zeitlang wie verzückt in die Höhe. Dann sammelte er sich wieder und sagte: »Gute Schwester, weißt Du es auch? Das war der einzige Sohn der Berenice, der Wittwe des reichen Schiffsherrn Asklepiodor. Die arme, arme, beraubte Mutter! Gestern noch fuhr er sie auf dem Weg nach Marea mit dem eigenen Viergespann vor's Thor, und heute – heute! Geh' Du zu ihr und theil' ihr das Schreckliche mit. Ich gienge schon selber, aber ich bin ja ein Priester, und es würde ihr wehe thun, durch Einen von uns, ich meine, durch Einen von denen, gegen die der verblendete junge Mann das Schwert zog, die Trauerkunde zu erhalten. Geh' Du also zu ihr, Schwester, und fasse das Mutterherz leise an, ganz leise; und wenn es angeht, zeige ihr, zeig' ihr behutsam, daß es Einen gibt, bei dem sich Balsam findet für jede Wunde, und daß wir, wir und Jeder und Jede, die an ihn glauben, unsere Lieben nur verlieren, um sie wieder zu finden. Zeig' ihr Hoffnung: Hoffnung, Hoffnung ist Alles. Sie nennen die Hoffnung grün, denn sie ist der Frühling des Herzens. Vielleicht gibt es auch einen Lenz für das ihre.« Die Diakonissin erhob sich, drückte einen Kuß auf das Auge des Toten, versprach dem Diakon, das Ihre zu thun und entfernte sich bald. Auch Eusebius schickte sich an, das Atrium zu verlassen; da hörte er von den Bänken her leises Weinen. Lauschend blieb er stehen, schüttelte das greise Haupt und murmelte vor sich hin: »Lieber Gott, guter Gott, Du allein weißt, warum Du den Rosenstrauch dieses Daseins mit so vielen scharfen Dornen besetzt hast!« Dann gieng er auf Agne zu, und als diese sich bei seinem Nahen erhob, sagte er freundlich: »Du weinst, liebes Kind? Hat es auch für Dich einen Toten gegeben?« »Nein!« entgegnete sie schnell mit einer abwehrenden Handbewegung. »Aber was suchst Du dann hier zu so später Stunde?« »Nichts, nichts,« versetzte sie hastig. »Es ist Alles vorüber! Mein Gott, wie lange hab' ich wohl hier gesessen? Ich weiß, ich weiß, daß ich fort muß.« »Und hast Du Niemand, der Dich begleitet?« Sie schüttelte traurig den Kopf. Da faßte er sie näher in's Auge und sagte: »So bring' ich Dich nach Hause. Du siehst, ich bin ein alter Mann und ein Priester. Wo wohnst Du, mein Kind?« »Ich, ich?« stammelte Agne, und während heiße Thränen aus ihren Augen hervorbrachen, rief sie: »Gott, mein Gott, wohin soll ich mich wenden?« »So hast Du kein Heim, kein Zuhause?« forschte der Greis. »Fasse Zutrauen, Kind, und sage mir offen, was Dich bedrückt: vielleicht weiß ich Hülfe.« »Du?« fragte das Mädchen bitter. »Gehörst Du nicht auch zu den Presbytern des Bischofs?« »Ich bin ein Diakon, und Theophilus ist das Haupt meiner Kirche; aber gerade darum . . .« »Nein,« versetzte Agne herb. »Ich will Niemanden betrügen. Meine Eltern sind Arianer gewesen, und weil ihr Glaube auch meiner ist, hat der Bischof mich von sich gestoßen, hart und ohne Erbarmen.« »So, so,« versetzte der Greis, »das hat der Bischof gethan? Ja, er, er ist das Haupt so vieler Christen und muß immer das Große im Auge behalten, und das Kleine, was ist ihm das Kleine? Aber ich, ich bin ein geringer Mann, und das Einzelne liegt mir am Herzen. Siehst Du, Kind, der Herr hat gesagt, es gebe viele Wohnungen in seines Vaters Hause, und das Quartier, wo der Arius Unterkunft suchte, es ist nicht das meine, aber es gehört doch immerhin zu dem Hause des Vaters. 's ist so unrecht nicht, daß Du festhältst an dem, was die Eltern Dich lehrten. Wie soll ich Dich nennen?« »Agne heiße ich, Herr.« »Das bedeutet das Lamm. Schön, schön! Ich liebe den Namen, und weil ich doch ein Hirte bin, wenn auch nur ein ganz geringer, so laß Dich getrost von mir führen. Warum weinst Du? Was suchst Du hier? Wie kommt es, daß Du nicht weißt, wo Du zu Hause bist?« Das Alles sagte der Greis so liebreich, und es klang eine so innige väterliche Theilnahme aus seinen Worten, daß Agne wieder zu hoffen begann und vertrauensvoll Rede stand auf Alles, was er sie fragte. Mit manchem »Hm, hm!« und »Ei, sieh' doch!« hörte Eusebius ihr zu. Dann forderte er sie auf, ihm in seine Wohnung zu folgen, wo sein Weib schon noch ein Plätzchen für sie finden werde. Sie willigte mit Freuden ein und dankte ihm innig, als er dem Thorhüter befahl, wenn man ihr Brüderchen zurückbringen sollte, es zu ihm zu führen. Beruhigt und wie von einer schweren Last erlös't folgte sie dem neuen Freunde durch einige Straßen und Gäßchen. Endlich blieb er vor einem kleinen Garten stehen und sagte: »Da sind wir. Was wir haben, geben wir gern, aber es ist wenig, sehr wenig. Wer kann auch üppig leben, wo so viele Andere in Noth und Elend verkommen?« Während sie zwischen kleinen Beeten hinschritten, zeigte der Diakon auf einen Baum und sagte: »Der hat im vorigen Jahre dreihundertundsieben Pfirsiche getragen, und er setzt auch heuer gut an.« Aus dem Häuschen im Hintergrunde des Gartens winkte gastliches Licht, und als sie den kleinen Vorraum betraten, hinkte ein wunderliches Hündchen seinem Herrn mit frohem Gekläffe entgegen. Es hüpfte ganz munter auf den Vorderbeinen einher, aber sein Hintertheil war gelähmt und schwebte schräg in der Luft, als ob es auf einem unsichtbaren Präsentirbrette läge. »Mein Freund Lazarus,« sagte der Alte fröhlich. »Ich habe den armen Wicht einmal auf der Straße gefunden, und er ist doch auch ein Geschöpf Gottes, und wenn er lahm ist, so tröste ich mich mit dem Vers aus dem Psalme: ›Der Herr hat nicht Freude an der Stärke des Rosses, noch an Jemandes Beinen.‹« Das klang Alles so zufrieden und heiter, daß Agne mitlächeln mußte, und als sie nach kurzem Warten von der Gattin des Diakonus liebreich und mütterlich freundlich empfangen ward, würde sie sich glücklicher gefühlt haben als seit langer Zeit, wenn ihr der Bruder nicht immer im Sinn gelegen und es sie nicht so sehr nach ihm verlangt hätte. Aber bald schwand auch die Sorge um ihn; denn sie war so erschöpft und müde, daß sie nur wenige Bissen genoß und sich dann in dem saubern Bette neben dem der alten Elisabeth niederlegte und sogleich einschlief. Sie ruhte auf dem Lager des Greises, der in seinem Schreibstüblein auf dem schmalen Divan die Nacht zu verbringen gedachte. Sobald die beiden Gatten allein waren, erzählte der Alte seiner Frau, wie er zu Agne gekommen und sagte am Schluß: »Es ist doch eigen mit den Arianern und den anderen ketzerischen Christen. Ich kann nicht so hart über sie denken, wenn sie nur treu an dem Einen hängen, was noth ist. Haben wir Recht – ich glaube ja, daß wir's haben – und der Sohn ist von der gleichen Natur wie der Vater, so ist er ohne Makel und Schwächen, und was wäre wohl göttlicher, als den Irrthum eines Andern, wenn er unsere eigene Person betrifft, übersehen, was würde menschlich elender sein, als den Irrthum übel zu nehmen und ihn an dem, welcher ihn begeht, hart oder gar blutig zu rächen? Verstehe mich wohl. Ich hab' es leider oder Gott sei Dank nicht weit gebracht hienieden und bin bei dem Diakonus stecken geblieben. Wenn nun ein Knabe kommt und mich etwa für einen Akoluthen hält oder dergleichen, soll ich ihn darum schmähen und strafen? Mit nichten! Und unser Heiland ist, denk' ich, viel zu rein göttlich, als daß er diejenigen hassen sollte, welche ihn nur für gottähnlich halten. Er ist die Liebe selbst, und wenn der Arianer in den Himmel kommt und Jesus Christus in seiner ganzen göttlichen Herrlichkeit sieht und vor ihm niedersinkt voller Entzücken und Reue, nimmt der Heiland ihn höchstens beim Ohr und ruft: ›Du Narr! Da siehst Du nun, wer ich bin; aber Dein Irrthum sei Dir vergeben!‹« Elisabeth nickte ihm beifällig zu und sagte: »So ist es, ja, so wird es auch sein! Hat der Herr die Ehebrecherin von sich gestoßen? Haben wir nicht das Gleichniß vom Samariter? Das arme Mädchen! Es hat uns ja immer eine Tochter gefehlt; nun hätten wir eine, und wie lieblich sie ist! Gott erfüllt doch all unsere Wünsche! Aber Du mußt müde sein, Alter. Geh' nun zur Ruhe!« »Gleich, gleich,« entgegnete Eusebius; aber dabei schlug er sich schon auf die Stirn und fuhr ärgerlich und erschrocken fort: »Da hab' ich über all dem Jammer ganz vergessen, was mir noch obliegt. Der Marcus! Er ist immer noch wie besessen, und wenn ich ihm nicht noch einmal in's Gewissen rede, bevor er zur Ruhe geht, gibt es nichts Gutes. Müde bin ich, sehr müde; aber Pflicht geht vor Ruhe. Widersprich mir nicht, Mutter. Gib mir den Mantel! Ich muß zu dem Jungen!« Wenige Minuten später befand sich der Greis auf dem Wege in die kanopische Straße. Fünfzehntes Kapitel. Auf dem Hause des Porphyrius lastete nach Konstantin's Aufbruch Sorge und Beklemmung. Bote auf Bote war erschienen, um Olympius zu rufen. Ein heidnischer Schreiber des Statthalters Evagrius hatte verrathen, was im Werke sei, und der Philosoph sich sogleich zum Aufbruch bereit gemacht. Der Kaufherr selbst gab den Befehl, die Pferde an seine geschlossene Harmamaxa zu spannen, und übernahm es, Waffen und Feldzeichen in das Serapeum zu schaffen. Der Speicher, in welchem dieselben aufbewahrt wurden, lag auf einem seiner Grundstücke in der Rhakotis im Hintergrunde eines Holzplatzes, der von zwei Straßen her zugänglich war und durch Schuppen und Bauholz den Blicken der Vorübergehenden entzogen wurde. Der alte Aquädukt, welcher auch die Opferhöfe und die für die Mysterien des Serapis bestimmten unterirdischen Räume des Tempels mit Wasser versorgt hatte, war hart an seiner Hinterwand vorübergegangen. Seit seiner Verlegung unter dem Kaiser Julianus lag der alte unterirdische und gut ausgemauerte Kanal trocken und gestattete Männern, in gebückter Haltung ungesehen in den Tempel zu gelangen. Dieser versteckte Gang war erst vor Kurzem und ganz im Geheimen wieder eröffnet worden und sollte nun benützt werden, um die Waffen in den Tempel zu schaffen. Damia hatte der eifrigen, aber kurzen Unterredung zwischen ihrem Sohne und dem Philosophen als lauschende Zeugin beigewohnt und nur bisweilen ein bedenkliches: »Ernst, schwerer Ernst!« oder ein lebhaftes: »Recht so; nur keine Schonung!« in das Gespräch der Männer geworfen. Der Abschied schien dem Olympius diesmal besonders schwer zu werden; und als der Kaufherr ihm die Hände entgegenstreckte, zog er ihn an die Brust und sagte in tiefer Bewegung: »Dank, Freund; Dank für Vieles! Wir haben gelebt, und wenn wir unterliegen, so geschieht es für die Lebensfreude der Enkel. Was soll uns Beiden ein Dasein mit Geißel und marternden Skrupeln! Die Vorzeichen sind übel, und wenn nicht Alles trügt, stehen wir vor der Schwelle des Endes. Was jenseits liegt, – wir Philosophen sehen ihm gleichmüthig entgegen. Das ewige Denken über uns hat das All so schön geordnet, daß es wohl auch das für unsern Geist Unfaßbare auf's Beste eingerichtet haben wird. Die Schwingen der Seele regen sich leichter und freier, nun ich der Zeit gedenke, in der sie erlös't sein wird von der Wucht dieses lastenden Leibes!« Dann hob der Oberpriester die Arme empor, als fühle er sich aufwärts gezogen, und sprach mit hinreißender Begeisterung ein Gebet, in dem er den Göttern vorhielt, was er und die Seinen für sie gethan, und ihnen Opfer gelobte. Das Alles klang so erhaben und floß in so schöner, reiner Sprache dahin, daß der Kaufherr, dem der lange Aufenthalt des Führers seiner Sache peinlich und unzuträglich erschien, ihn doch nicht zu unterbrechen wagte. Als der jugendlich erregbare Greis endlich schloß, hatte manche Thräne seinen weißen Bart benetzt, und da er auch der Greisin und Gorgo's Augen feucht schimmern sah, hätte er gern noch einmal zu reden begonnen, aber Porphyrius ließ ihm nur Zeit, Damia's Hand an die Lippen zu ziehen und Gorgo zuzumurmeln: »Du bist in erregter Zeit, aber unter guten Zeichen geboren. Zwei Welten prallen auf einander. Welche wird siegen? Für Dich, mein Liebling, hab' ich nur den einen Wunsch: werde glücklich!« Olympius hatte die Halle verlassen; der Kaufherr aber schritt sinnend auf und nieder, und als sein Blick dabei das Auge der Mutter traf, welches ihm ungeduldig folgte, sagte er, ohne die Greisin anzuschauen, halb vor sich hin: »Wenn er schon so an das Ende denkt, er; wer darf wohl noch hoffen?« Da richtete Damia sich lebhaft auf und rief feurig: »Ich! Ich darf es und kann es und hoff' und vertraue! Soll denn Alles zu Grunde gehen, was die Vorfahren gedacht und gebildet? Soll sich der finstere Aberglaube, wie der Lavastrom auf die vesuvischen Städte, über die ganze Welt ergießen und begraben, was licht ist und schön? Nein, tausendmal nein! Vielleicht ist unser verkommenes, feiges Geschlecht, das aus Furcht vor dem künftigen Nichts den Muth eingebüßt hat, das Leben auszugenießen, dem Untergange erlesen wie in Deukalion's Tagen. Wohl denn, wohl! Was kommen muß, komme! Aber eine Welt wie jene sie wollen, sie kann, sie wird nicht bestehen! Mag ihnen das Ungeheure gelingen, mögen sie den Tempel der Tempel, das Haus unseres Serapis in Asche legen und das Bild des Großen zertrümmern. Wohl! Und noch einmal wohl! Dann wird es aus sein, zu Ende mit uns, mit Allem, aber auch mit ihnen, mit ihnen!« In finsterem Haß ballte sie die Faust und fuhr dann aufathmend fort: »Ich weiß, was ich weiß . . . es gibt untrügliche Winke, und ich, ich verstehe sie zu deuten und sage: wahr, untrüglich wahr ist, was jedes Alexandriner Kind schon von der Amme erfährt, die es aufsäugt: mit dem Sturz des Serapis fällt die Erde in sich zusammen wie eine zusammengeballte, trockene Staubscholle, auf die der Huf eines Rosses schlägt. Das haben hundert Orakel verkündet, das steht so verzeichnet in der Schrift der Sterne am Himmel und im Buche des Schicksals. Laßt, laßt sie! Vorwärts, immer nur vorwärts! Der endet süß, der scheidend mit zusieht, wie sich dem Feinde das eigene Schwert in die Brust bohrt!« Außer sich, röchelnd, nach Athem ringend sank die Greisin zurück, aber sie erholte sich schnell in Gorgo's stützenden Armen, und sobald sie die Augen wieder aufgeschlagen, rief sie ihrem Sohne mit kräftigem Unwillen zu: »Immer noch hier? Ist die Zeit denn so billig? Warten werden sie, warten! Du hast den Schlüssel, und sie brauchen Waffen!« »Ich kenne meine Pflicht,« entgegnete der Kaufherr gelassen. »Eins nach dem Andern. Bevor die Jünglinge sich versammeln, bin ich längst auf dem Platze. Syrus bringt die verabredeten Zeichen, ich fertige die Boten ab, und dann wird es Zeit sein zum Aufbruch.« »Boten? An wen?« fragte die Greisin. »Au Barkas. Er gebietet über mehrere tausend libysche Bauern und Sklaven. Der Andere soll zu dem Ägypter Pachomius, der unter den biamitischen Fischern und dem Landvolk im östlichen Delta Anhänger wirbt.« »Ich weiß, ich weiß. Zwanzig Talente – Pachomius braucht Geld – zwanzig Talente aus meiner Kasse, wenn sie zu rechter Zeit hier sind!« »Das Zehn-, das Dreißigfache gäb' ich, wären sie jetzt in der Stadt!« rief der Kaufherr und verlieh zum ersten Male der starken Empfindung, welche auch ihn durchdrang, einen lebhafteren Ausdruck. »Als ich in's Leben trat, hat mich der eigene Vater dem Aberglauben verschrieben. Noch trag' ich die Kette; aber jetzt, in diesen entscheidenden Stunden, fühl' ich lebhafter als sonst, will ich auch zeigen, daß ich den alten Göttern Treue zu halten verstehe. An uns soll's nicht fehlen; und doch gibt es keine Rettung, wenn die Kaiserlichen nicht zaudern. Gehen sie an's Werk vor der Ankunft des Barkas, dann ist Alles verloren; kommt Barkas dagegen, kommt er zur Zeit, so dürfen wir hoffen, so wendet sich vielleicht noch Alles zum Besten. Was vermögen die Mönche? Zu den beiden Legionen der Besatzung sind nur noch die Panzerreiter unseres Konstantin gekommen.« »Unseres?« kreischte die Alte. »Wessen, frage ich, wessen? Wir, wir haben nichts mit den blöden Christianer zu schaffen!« Da unterbrach Gorgo die vor Zorn bebende Greisin und rief: »Doch, Großmutter, doch! Bedenke, was er uns war! Er ist Soldat und muß seine Pflicht thun; aber er liebt uns!« »Uns, uns?« lachte die Alte. »Hat er Dir vorhin Liebe geschworen? Hat er's? Und Du? Glaube ihm nur, Närrin! Ich kenne ihn, kenn' ihn! Für einen Brocken Brod und einen Schluck Wein aus der Hand seines Priesters stürzt er uns Alle und Dich mit uns in's Elend! Ah! – ah, da wären die Boten!« Porphyrius fertigte die jungen Männer, welche in die Halle getreten waren, eilig ab, schloß Gorgo dann ernst und innig in die Arme und neigte sich endlich – er hatte es lange nicht gethan – zu der Mutter nieder, um sie zu küssen. Da ließ Damia die Krücke sinken, preßte die Hände fest und lange an die Schläfe des Sohnes und murmelte dabei viele Worte, die bald wie Herzensergüsse, bald wie magische Formeln klangen. Die Frauen waren allein, und lange Zeit schwiegen Beide. Die Alte saß in sich zusammengesunken in ihrem Armstuhl, Gorgo aber lehnte mit dem Rücken an dem Postament einer Büste des Plato und schaute sinnend zu Boden. Endlich unterbrach Damia die Stille und verlangte in das Frauengemach getragen zu werden. Da wehrte ihr Gorgo mit der Hand, schritt auf sie zu und sagte ernst: »Noch nicht, Mutter. Erst sollst Du mich hören.« »Dich hören?« fragte die Greisin und zuckte die Achseln. »Ja, Mutter. Ich habe Dich niemals belogen: aber Eines hielt ich immer vor Dir verborgen, weil ich meiner selbst nicht gewiß war bis heute Morgen. Nun bin ich's. Jetzt weiß ich, daß ich ihn liebe.« »Den Christianer?« fragte die Greisin und schob den Schirm mit einem heftigen Ruck von den Augen. »Ja, ihn, den Konstantin; und ich will und darf nicht mehr hören, daß Du ihn schmähst.« Da lachte die Greisin schrill auf und rief höhnisch: »Nicht? Dann halte Dir die Ohren zu, Täubchen, denn so lang diese Lippen sich regen . . .« »Halt, Großmutter, halt!« fiel ihr das Mädchen in's Wort. »Muthe mir nicht zu, was ich nimmer ertrage. Eros hat mich später getroffen als andere Mädchen, und er hat es nur ein Mal gethan; aber Du weißt nicht, wie tief. Schmähst Du ihn, so schneidest Du in die Wunde, und so grausam darfst Du nicht sein. Thu' es nicht; ich bitte Dich, laß es, denn sonst . . .« »Sonst?« »Sonst geh' ich zu Grunde, Mutter, und Du hast mich doch lieb.« Ernst und doch weich klangen diese Worte. Sie zielten auf die Zukunft, aber diese schien Gorgo sicher wie etwas Geschehenes vor Augen zu stehen; Damia aber warf einen raschen, verstohlenen Blick auf die Enkelin, und dabei überlief sie ein leiser Schauer; denn diese Jungfrau war des Gottes voll, und es überkam sie selbst eine Empfindung, als sei sie im Tempel und fühle der Himmlischen Nähe. Gorgo wartete vergeblich auf eine Antwort, und als die Großmutter schwieg und immerfort schwieg, zog sie sich wieder zu dem Postamente zurück. Endlich erhob Damia das faltige Antlitz, schaute sie gerade an und fragte: »Und was soll daraus werden?« »Ja, was soll daraus werden?« wiederholte das Mädchen dumpf und schüttelte das Haupt. »Ich frage es mich selbst und kann die Antwort nicht finden, denn sein Bild ist mir ganz nahe, und dennoch erhebt es sich zwischen uns wie Mauern und Berge. Das Bild, sein Bild – vielleicht gelingt es mir noch, es zu zertrümmern, aber verstümmeln und schänden laß ich es nicht!« Da verfiel die Greisin in neues Brüten, und ihre Lippen wiederholten mechanisch das letzte Wort Gorgo's, und in immer längeren Zwischenräumen und zuletzt ganz tonlos murmelte sie: »nicht« und »nicht« und wiederum »nicht.« Entrückt der Gegenwart und Allem, was sie umgab, fühlte sie längst vergessene Schmerzen neu erwachen. Sie erinnerte sich der grausamen Tage, in denen der junge Freigelassene, der edle Astronom und Philosoph, den man ihr zum Lehrer gegeben und den sie mit aller Leidenschaft ihres feurigen Herzens geliebt hatte, um ihretwillen und weil er die Kühnheit gehabt, nach ihrem Besitze zu streben, von Sklaven aus dem Hause ihres Vaters gestoßen worden war. Sie hatte ihn aufgeben müssen, und nachdem sie das Weib eines Andern, er aber ein berühmter Mann geworden war, hatte sie ihm kein Zeichen ihres Gedenkens gegeben. Zwei Drittel eines Jahrhunderts lagen zwischen der Gegenwart und jenen seligen und entsetzlichen Tagen. Er war längst dahingegangen, und doch hatte sie ihn nicht vergessen, und auch jetzt dachte sie seiner. Ein seltsames Doppelgesicht zeigte ihr die eigene Person, wie sie damals gewesen, und das Bild ihrer Enkelin Gorgo, welche sie, obwohl sie ihr gegenüber stand, mit den leiblichen Augen nicht sah. Beide verschwammen in einander, und derselbe Schmerz, welcher der Einen die Seele verbittert hatte, bedrohte nun auch die Andere. Aber sie, Damia, hatte den ihren durch lange Jahrzehnte mit sich geschleppt, wie die Kette mit der eisernen Kugel, welche den Sträfling an der Ruderbank festhält und ihn wie ein körperhafter, schwer lastender Schatten begleitet, wohin er auch geht: Gorgo's Leid konnte nicht lange währen, denn das Ende aller Dinge, sie sah es kommen; langsam, aber mit unabwendbarer Sicherheit kam es näher und näher. Wo hatten sich begeisterte Jünglinge und zusammengelaufenes Landvolk jemals auf die Dauer gegen die römische Kriegsmacht zu behaupten vermocht? Sie, die noch vor Kurzem ihrem Sohne so zuversichtlich in die Rede gefallen war, sah nun die Legionen des Kaisers den Olympius, die Libyer des Barkas und des Pachomius Biamitengesindel zu Paaren treiben und den Tempel des Serapis belagern und stürmen. Feuerbrände flogen in die heiligen Hallen, die Decken barsten, die Gewölbe brachen zusammen; von schweren Quadern getroffen, sank das edle Werk des Bryaxis, des Gottes erhabenes Standbild, in den qualmenden Staub. Und nun, nun erhob die gesammte Natur eine Klage, als habe jeder Stern am Firmament, jede Woge des Meeres, jedes Blatt an den Bäumen, jeder Halm auf dem Felde, jeder Fels am Ufer, jedes Sandkorn in der unermeßlichen Wüste eine Stimme gewonnen, und dieses »Wehe! wehe!« der Welt ward übertönt von Donnerschlägen, wie sie kein menschliches Ohr je vernommen, kein irdisches Wesen zu ertragen vermochte. Der Himmel öffnete sich, und aus dem schwarzen Schlunde todbringender Wolken ergossen sich Feuerströme, aus dem geborstenen Schooße der Erde drangen zehrende Flammen und lohten auf bis zur Höhe des Himmels. In Feuer und Asche verwandelte sich Alles, was Luft war, in schwerem Falle troff das Silber und Gold der Gestirne von der fernen Glocke des Himmels, und nun bog und neigte sich auch diese und krachte zusammen und begrub die in tausend Splitter zerschellende Erde. Asche, Asche, flatternde, graue, staubige Asche erfüllte den Weltraum, und nun erhob sich ein Orkan und jagte auch diese wild auseinander und lös'te sie auf, und das Nichts öffnete seinen gigantischen, unersättlichen Schlund und sog in durstigen, gewaltigen Zügen ein, was noch da war, und an Stelle der Welt und der Götter und Menschen und ihrer Werke gab es nur noch Eins: das entsetzliche, grauenerregende, unfaßbare Nichts. Und in, um und über ihm – aber welche Dimension hatte wohl das Nichts? – waltete in kühler, theilnahmloser Selbstgenügsamkeit jenseits alles Wirklichen und selbst des Denkens, welches immer eine Vielheit voraussetzt, die undenkbare Einheit des Urwesens der neuplatonischen Schule, zu der sie sich bekannte. Über den Leib der Greisin flog es kalt und heiß bei diesen Gedanken, aber sie glaubte an sie und wollte an sie glauben. Das »Nicht«, welches sie vor sich hin gemurmelt hatte, wandelte sich unmerklich und wurde auf ihren Lippen zu einem deutlichen und immer lauteren »Nichts«. Gorgo hielt wie gebannt den Blick auf die Großmutter geheftet. Was war über sie gekommen? Was bedeutete ihr irrer Blick, ihr röchelnder Athem, das schauererregende Spiel ihrer Züge, die krampfhafte Bewegung ihrer Füße und Hände? War sie wahnsinnig geworden? Was sollte das Nichts, das gräßliche Nichts, das sie immerfort wiederholte? Das Mädchen ertrug es nicht länger, und von marternder Angst getrieben, eilte sie auf die Greisin zu, legte ihr die Hand auf die Schulter und rief: »Mutter, Großmutter, erwache! Was willst Du mit dem schrecklichen Nichts?« Da fuhr Damia zusammen, schüttelte sich fröstelnd und fragte, erst dumpf und dann mit einer erzwungenen Heiterkeit, vor der Gorgo graute: »Das Nichts? Von dem Nichts hab' ich also gesprochen, mein Täubchen? Du bist klug. Das Nichts! He? Du hast ja auch denken gelernt; bist Du im Stande, den Inhalt des Begriffes ›Nichts‹ – aber das Ungethüm hat ja keinen Kopf und keinen Schwanz, kein Hinten und Vorn – bringst Du es fertig, den Begriff ›Nichts‹ scharf zu begrenzen?« »Was soll das, Mutter?« fragte Gorgo mit erneuter Besorgniß. »Sie faßt und begreift ihn auch nicht,« lächelte die Greisin trüb vor sich hin. »Und dennoch sagte Melampus noch gestern, Du seiest ihm bei den Vorträgen über die Kegelschnitte leichter gefolgt als mancher Student. Ja, Herzchen; ich habe auch einmal Mathematik getrieben, und wie viel rechne ich noch täglich auf meiner Warte; aber es wird mir immer noch sauer, zu fassen, was ein mathematischer Punkt sei. Er ist Nichts, und doch ist er Etwas. Aber das große, das letzte Nichts! Wie närrisch das klingt, denn das Nichts kann ja weder groß, noch klein sein, kann weder früher eintreten, noch später. So ist es doch, Täubchen? Nichts denken, wer könnte es nicht; doch das Nichts denken ist schwer, das bringen wir Beide nicht fertig. Selbst der Ureine hat in dem Nichts keinen Raum. Aber warum zerbrechen wir uns die Köpfe? Warten wir nur bis morgen oder übermorgen; dann tritt etwas ein, was unsere eigenen lieben Personen und diese vortreffliche Welt gerade dazu machen wird, was wir heute noch nicht begreifen. Das Nichts wird kommen; ich höre von ferne den ehernen Schritt des luftigen Ungethüms ohne Füße und Leib. Ein drolliger Riese, der noch kleiner ist als der mathematische Punkt, von dem wir da sprachen, und dennoch ist er groß über die Maßen. Ja, ja! Unser Geist hat lange Polypenarme und kann auch das Ungeheure umfassen; aber das Nichts, das erreicht er noch schwerer als das ›Unbegrenzt‹ und ›Unendlich‹. Und dieses ›Nichts‹, hat mir geträumt, kommt nun zur Herrschaft und öffnet den weiten Kiefer, den zahnlosen Rachen und schlingt uns Alle in den Magen ein, den es nicht hat, uns Alle: Mich und Dich und Deinen Präfekten sammt dieser schönen, nichtswürdigen Stadt, sammt Himmel und Erde. Warte nur, warte! Noch leuchtet das hehre Bild des Serapis, aber das Kreuz wirft einen gar mächtigen Schatten; es hat ja schon das Licht auf der halben Erde verdunkelt! Der Kaiser – ihm sind unsere Götter ein Gräuel. – Cynegius macht nur seine Wünsche zu Thaten . . .« Hier wurde Damia unterbrochen, denn der Hausmeister stürzte athemlos in das Zimmer und rief: »Verloren, verloren! Ein Edikt des Theodosius verschließt alle Tempel der Götter, und die Panzerreiter haben die Unseren auseinander gesprengt!« Da kreischte die Greisin hell auf: »Nun siehst Du's! Jetzt kommt es! Der Anfang des Nichts hat begonnen. Ja, ja; Deine Panzerreiter sind eine wackere Truppe! Sie graben ein großes, großes Grab! Es wird darin Raum geben für Viele: für Dich, für mich und auch für sie selbst und ihren Präfekten. Rufe den Argos, Mann, und tragt mich in die Gynäkonitis ; da erzähle uns, was es gegeben.« Im Frauengemach theilte der Hausmeister mit, was er wußte. Es klang traurig genug; aber Eins schien ihm tröstlich: Olympius befand sich im Serapeum und hatte sich dort mit einer großen Schaar von Getreuen zu verschanzen begonnen. Damia wollte nicht mehr hoffen, und darum achtete sie kaum auf diese Nachricht; aber auf Gorgo's Seele übte dieselbe eine erschütternde Wirkung. Sie liebte Konstantin mit der ganzen Leidenschaft einer ersten, einzigen, lang zurückgehaltenen Liebe. Ihr kleinliches Mißtrauen hatte sie längst bereut, und es würde sie wenig gekostet haben, ihren Stolz zu demüthigen, zu ihm zu eilen und Abbitte zu thun. Aber die Treue gegen die Götter, um derentwillen er sie zürnend verlassen, die wollte sie halten um jeden Preis, die durfte sie jetzt, wo Alles auf dem Spiel stand, nicht brechen. Das wäre feiges Überlaufen gewesen. Ja, wenn Olympius siegte, dann konnte sie hingehen und sagen: Bleibe Du Christ und laß mir den Glauben der Kindheit oder öffne meine Seele dem Deinen. Aber jetzt, jetzt galt es, das Herz zu bezähmen und treu auszuharren auf dem verlorenen Posten. Sie war Griechin durch und durch; sie wußte es, sie empfand es, und dennoch hatte ihr Auge bei der Erzählung des Hausmeisters stolz aufgeleuchtet, und es war ihr gewesen, als sehe sie Konstantin vor sich, wie er an der Spitze seiner Reiter in die Heiden einstürmte, um sie wie eine Heerde Schafe in alle Winde zu treiben. Ihr Herz hatte wärmer für den Feind als für die unglücklichen Freunde geschlagen. Diese waren ihr wie schwankendes Rohr erschienen, in Jenem hatte sich für sie Alles verkörpert, was stark ist. Dieser Zwiespalt der Empfindungen peinigte sie, aber die Großmutter hatte ihr den Weg gezeigt, auf dem er geschlichtet werden konnte. Wo er befahl, da kam es zum Siege, und wenn es den Christen gelang, das Bild des Serapis zu stürzen, dann brachen die Fugen der Welt, dann stürzte die Erde zusammen. Auch sie kannte die Schriften und die Orakel, welche dies wie mit einer Stimme voraussagten, sie hatte es wiederholen hören von ihrer Amme, von den Sklavinnen am Webstuhl, von würdigen Männern und scharfsinnigen Philosophen, und für sie schloß das Entsetzliche, was da bevorstand, die Lösung jeden Widerspruches, die bittersüße Hoffnung in sich, mit Ihm vereinigt zu Grunde zu gehen. Als es dämmerte, erschien der Moschosphragist des Serapis, welcher täglich die Eingeweide eines Thieres für Damia zu prüfen hatte, und die Schau war so übel ausgefallen, daß er sich zu berichten scheute, was er gefunden. Die Greisin hatte das voraus gewußt, nahm es gleichmüthig hin und ließ sich auf die Warte tragen, um dort nach dem Aufgang der Sterne zu sehen. Gorgo blieb im Frauengemache lange allein. Aus den Räumen, welche sich an dasselbe schlossen, klang das eintönige Geklapper der Webstühle, an denen heute wie immer viele Weiber die Hände regten. Plötzlich hörte es auf. Damia hatte den Sklavinnen von der Warte herunter sagen lassen, sie möchten die Arbeit einstellen und auch morgen ausruhen, wenn sie wollten. In dem großen Gesindesaale sollte auf ihren Befehl Wein vertheilt werden, und zwar so reichlich wie an den großen dionysischen Festen. Nun ward es ganz still in der Gynäkonitis. Da lagen die Blumenguirlanden, welche sie selbst mit ihren Freundinnen geflochten, um morgen den Tempel der Isis damit zu schmücken. Der Hausmeister hatte mitgetheilt, das ehrwürdige Heiligthum sei geschlossen und von Soldaten besetzt worden. So war es denn vorbei mit dem Feste, und das hätte sie freuen können, weil es sie der Nothwendigkeit enthob, Konstantin zu trotzen; aber nun gedachte sie wieder mit stiller Wehmuth der freundlichen Göttin, in deren schönem Tempel sie so oft Trost und Erhebung gefunden. Sie erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen die ersten Blumen von ihren eigenen Beetlein gebrochen und sie im Heiligthum der Göttin neben dem Brunnen, aus dem man das Wasser für die Libationen schöpfte, in die Erde gesteckt hatte. Von den Geschenken der Ihren hatte sie duftende Essenzen gekauft, um den Altar der Isis zu salben, und wenn das Herz ihr schwer geworden war, hatte sie vor dem Marmorbilde der Göttin im Gebete Erleichterung gefunden. Wie herrlich waren die Feste der Isis gewesen, wie gern und aus wie voller Brust hatte sie bei denselben gesungen. Das Meiste, was ihre Kindheit ihr an Poesie und Gemüthserhebung geboten, war mit der Isis und ihrem Tempel verbunden gewesen, und nun hatte man ihn geschlossen, und das Bild der Himmlischen lag vielleicht schon zertrümmert im Staube. Gorgo kannte all die hohen Ideen, welche dem Kult der Göttin zu Grunde lagen, aber an sie hatte sie sich niemals im Gebete gewandt, sondern nur an das Bild, auf dessen mystische Kraft sie vertraute. Was man der Isis und ihrem Heiligthum angethan hatte, konnte bald auch dem Serapis und dem seinen begegnen. Ihr graute, denn sie war gewohnt, den Tempel dieses Gottes für das Herz der Welt, für den Schwerpunkt zu halten, welcher das Gleichgewicht des gesammten kosmischen Lebens bedinge, und Serapis selbst war von seiner ganz mit magischen und mystischen Kräften erfüllten Wohnung untrennbar. Alle Voraussagungen, alle sibyllinischen Sprüche, alle Orakel logen, wenn der Sturz seines Bildes ungestraft blieb, wenn ihm nicht der Untergang der Erde so sicher folgte, wie die Überflutung des Landes dem Bruche eines Dammes. Und wie konnte es auch anders sein nach der Deutung, welche ihr ihre neuplatonischen Lehrer von dem Wesen des Gottes gegeben? Wie ein überströmendes Gefäß goß nicht Serapis, sondern der große, unnahbare, über allem Sein und Begreifen erhabene Eine , für dessen Größe jeder Name zu klein war, goß der Übergute, Überschöne, in dem Alles war und sein wird, was da ist, die Quintessenz dessen, was göttlich heißt, aus, und aus diesem Überschwang entstand das göttliche Denken, der reine Gedanke, der sich zu dem Einen verhielt, wie das Licht zu der Sonne. Dies Denken mit seinem Leben – auch dies noch nicht in der Zeit, sondern in der Ewigkeit – es konnte nach Begehr sich regen oder ruhen; es schloß in sich eine Vielheit, während das Eine nur Eins war und, völlig untheilbar, nur Eins bleiben konnte. Die Idee jedes lebenden Wesens gieng von dem Zweiten, dem ewigen Denken aus, und diese allbelebende und bewegende denkende Kraft schloß sämmtliche Urbilder der mit Leben begabten Wesen, und so auch die der unsterblichen Götter in sich zusammen; ihre Idee, ihre Urbilder nur, nicht sie selber. Und wie das ewige Denken dem Einen entströmt war, so entströmte ihm als Drittes die Seele der Welt, deren Doppelnatur sich hier mit dem ewigen, hohen Denken, dort mit der niederen Körperwelt berührte. Sie war die himmlische Aphrodite, welche sich selig im reinen Glanze der lichten Gedankenwelt wiegte und sich doch nicht loszulösen vermochte von dem Staube des Körperlichen, der Materie, an welcher die Sinne haften, und in der sich die Sünde verbarg. Das Haupt des Serapis war das ewige Denken, in seiner breiten Brust ruhte die Seele des Alls und die Fülle der Urbilder alles Geschaffenen. Die Erscheinungswelt diente seinen Füßen zum Schemel. Ihm, der gewaltigen Urkraft, welche nach oben hin an den unfaßlichen und undenkbaren Einen ragte, dienten auch die untergeordneten Kräfte. Er war die Summe des Alls, die Gesammtheit des Geschaffenen und zugleich auch die Kraft, welche es beseelte und belebte, die es durch ewige Neubildung vor dem Untergang bewahrte. Seine Macht hielt das vielfach gegliederte Gebäude der sinnlichen und übersinnlichen Welt in harmonischem Einklang. Was belebt war: die beseelte Natur wie der beseelte Mensch, hiengen mit ihm untrennbar zusammen. Wenn er, wenn Serapis fiel, so sprang die Ordnung der Welt in Stücke, und mit ihm, der »Summe des Alls«, hörte das All selbst auf zu sein. Was blieb, das war nicht das Nichts, von dem die Großmutter gesprochen, das war der Eine, der kalte, wesenlose, unfaßbare Eine. Mit dem Sturz des Serapis gieng die Welt in Trümmer, und vielleicht gefiel es Jenem, aus seinem Überschwang eine andere in's Leben zu rufen, eine andere Welt für andere, künftige, fremde Wesen. Ans solchen Gedanken wurde Gorgo durch einen wüsten Lärm gerissen, der laut vernehmbar aus dem weit abgelegenen Saale der Sklaven bis in das Frauengemach drang. Hatte die Großmutter den Weinspeicher zu weit geöffnet; waren die Unglücklichen schon jetzt sinnlos berauscht? Aber nein! So klang es nicht, wenn die Sklaven, von Dionysus gebändigt, die Gegenwart vergaßen und ihre Lust zügellos austobten. Sie lauschte; und nun erkannte sie klägliches Geheul und leidenschaftliches Jammergeschrei. Etwas Schreckliches mußte geschehen sein. War dem Vater ein Unglück begegnet? Tief besorgt eilte sie über den Hof in das Sklavenhaus. Die schwarze und weiße Dienerschaft geberdete sich dort wie von Sinnen. Den Weibern floß das aufgelös'te Haar über das Antlitz, und sie schlugen heulend die Brust; die Männer saßen in sich zusammengesunken vor den unberührten Krügen und wimmerten leise. Was hatte sie, was das Haus betroffen? Gorgo rief ihre Amme und erfuhr nun, der Moschosphragist habe mitgetheilt, Soldaten seien vor das Serapeum gezogen und der Kaiser habe dem Präfekten des Orients den Befehl ertheilt, Hand an den Tempel des Königs der Götter zu legen. Heute oder morgen werde das Ungeheure geschehen. Sie sollten beten und ihrer Sünden gedenken, denn zugleich mit dem Untergang des heiligsten aller Heiligthümer werde die Erde in den Abgrund versinken. Die Eingeweide des Opferthieres der Damia seien schwarz und brandig gewesen, und aus der Brust des Gottes im Allerheiligsten sei ein grausiger Klageruf gedrungen. Die Säulen im großen Hypostyl hätten gebebt und die drei Köpfe des Cerberus zu Füßen des Serapis die Rachen geöffnet. Gorgo hörte der Alten schweigend zu und entgegnete ihr nur: »Laß sie klagen!« Sechzehntes Kapitel. Der Tag war Dada im Hause des Medius schnell genug vergangen; denn es hatte da allerlei Kostüme und Coulissenstücke von ausgesuchter Wunderlichkeit zu sehen gegeben, die Kinder waren munter und zutraulich gewesen und das Spiel mit ihnen hatte ihr besonders gefallen, da all ihre Possen und Liedchen, welche dem kleinen Papias längst bekannt waren, große Wirkung auf sie übten. Es unterhielt sie auch, zuzusehen, worin die häuslichen Leiden bestanden, als deren Opfer sich der Sänger ihren Pflegeeltern dargestellt hatte. Medius war einer von denen, die Alles kaufen, was ihnen besonders billig zu sein scheint, und so hatte er an diesem Morgen beim Hafen Kibotus einer Versteigerung von Häringen zufällig beigewohnt und eine große Tonne voll gesalzener Fische für »einen Spottpreis« erstanden. Als diese Waare nun abgeliefert wurde, gerieth seine Frau in großen Zorn und ließ denselben zuerst an dem unschuldigen Fuhrknecht und dann an dem schuldigen Einkäufer aus. Jedes von ihnen, so rechnete sie, mußte hundert Jahre alt werden, bevor der Boden der Tonne zu sehen und der letzte Häring aufgegessen sein werde. Der Sänger wies ihr dagegen die ungeheure Fehlerhaftigkeit dieses Resultates nach und betonte dann eifrig, daß die sehr gesunde Nahrung, welche diese vortrefflichen Fische böten, allerdings geeignet sei, die Lebensjahre der ganzen Familie auf eine ungewöhnliche Höhe zu bringen. Diese Verhandlung, welche durchaus nicht scherzhaft gemeint war, ergötzte Dada weit mehr als die mit Zahlen und kabbalistischen Zeichen bedeckten Tafeln, Cylinder und Kugeln, auf welche Medius ihre Aufmerksamkeit zu lenken versuchte. Mitten in seinen eifrigen Auseinandersetzungen lief sie ihm davon und machte dann seinen Großkindern vor, wie die Kaninchen schnüffeln, wenn man ihnen ein Kohlblatt vorhält, und wie sie die »Löffel« bewegen. Die Kunde von den Ereignissen vor der Präfektur, welche am Nachmittag zu Medius gelangte, versetzte ihn in große Unruhe und trieb ihn sogleich in die Stadt. Gegen Abend kehrte er heim, und zwar als ein veränderter Mann. Er mußte etwas Schreckliches erfahren haben, denn sein Antlitz war erdfahl und die gemeine Sicherheit seines Wesens hatte einer ängstlichen Beklommenheit Platz gemacht. Bald gieng er stöhnend auf und nieder, bald warf er sich auf das Polster und schaute starr an die Decke, bald lief er in das Atrium und blickte von dort aus behutsam auf die Straße. Dada's Anwesenheit schien ihm auf einmal unbequem geworden zu sein, und das feinfühlige Mädchen bemerkte dies sogleich und erklärte ihm ohne Umschweife, daß sie je eher desto lieber zu den Ihren zurückkehren wolle. Da zuckte er die Achseln und seufzte: »Thu', was Du willst. Meinetwegen kannst Du auch bleiben; es ist doch Alles eins!« Bis dahin hatte sein Weib ihn gewähren lassen, denn er geberdete sich stets wunderlich und heftig, wenn ihm Widriges begegnet war; jetzt aber verlangte sie polternd zu wissen, was über ihn gekommen, und er entsprach sogleich ihrem Wunsche. Er hatte die Frauen nur nicht vorzeitig ängstigen wollen, aber einmal mußte es doch gesagt sein: Cynegius war gekommen, um das Bild des Serapis zu zerstören, und was dann kommen werde, das wüßten sie selbst. »Heute,« rief er, »leben wir noch; aber morgen – tausend gegen eins – morgen ist es aus mit der Freude, und die Erde verschluckt das alte Nest und uns Alle zusammen!« Diese Worte fielen auf empfänglichen Boden. Die Frau und Tochter des Sängers erschraken heftig, und da es Medius gefiel, ihnen das nahende Verderben mit um so grelleren Farben zu schildern, je tiefer er seine Worte auf sie wirken sah, begannen sie bald erst zu wimmern und dann laut zu jammern. Als die Kinder, welche man in die Schlafkammer gebracht hatte, die Alten klagen hörten, machten sie es ihnen nach, und auch Dada wurde mit von dem Grauen der Anderen ergriffen. Was Medius angieng, so hatte er sich selbst bei der lebhaften Darstellung des drohenden Weltuntergangs so tief in die Angst hineingeredet, daß er den stolzen Ruhmestitel, ein »starker Geist« zu sein, und seinen Lieblingssatz, Alles, was Gott heiße, sei in trügerischer Absicht von Priestern und Fürsten für unwissende Menschen erfunden und ihnen aufgedrängt worden, um sie auszubeuten, völlig preisgab und endlich sogar Gebete murmelte und tief in den Beutel griff, als seine Frau ihn um Erlaubniß bat, morgen früh zusammen mit einer Nachbarfamilie ein schwarzes Lamm zu opfern. Der Schlaf floh in dieser Nacht alle Augen. Dada fand es unausstehlich im Hause des Sängers. Vielleicht bildete Medius sich nur so schreckliche Dinge ein, aber wenn das Verderben wirklich nahte, wollte sie doch tausendmal lieber mit den Ihren als mit diesen Leuten, an denen ihr etwas – sie wußte selbst nicht, was – tief innerlich entgegen war, zu Grunde gehen. Das erklärte sie ihrem Gastfreunde denn auch am folgenden Morgen, und dieser war schnell bereit, sie zu Karnis zurückzubegleiten. Was er mit ihr vorgehabt hatte, ließ sich für's Erste keinenfalls ausführen. Er stand im Dienst des großen Magiers und Geisterbeschwörers Posidonius, zu dem halb Alexandria, Christ, Jude und Heide, lief, um mit Verstorbenen, Göttern und Dämonen zu verkehren, Mittel und Wege zu gewinnen, sich Herzen geneigt zu machen und Feinden zu schaden, die Kunst zu erlernen, sich unsichtbar zu machen und an seiner Hand Blicke in die Zukunft zu thun. Dada hatte bei einer Vorstellung seines Meisters zuerst einer Matrone als verklärter Geist ihrer schönen verstorbenen Tochter erscheinen sollen; aber diese reiche Frau war wegen der Unruhen in der Stadt gestern Mittag auf's Land gezogen. Auch von den anderen Kunden seines Gebieters war nicht zu erwarten, daß sie sich, selbst wenn Alles besser verlief als zu erwarten stand, für's Erste bei Nacht auf die Straße wagen würden. Diese reichen Herrschaften waren so feige und voller Bedenken, und da der Kaiser außerdem neue und verschärfte Edikte gegen die Zauberei erlassen hatte, war es dem Magier selbst rathsam erschienen, die angesagten Sitzungen abzubestellen. Medius konnte das Mädchen gerade jetzt nicht brauchen, gab sich jedoch das Ansehen, als gehe er nur so willig auf ihren Wunsch ein, um seinen Freund Karnis bald von der Besorgniß um sie zu erlösen. Der Morgen war hell und heiß und die Stadt trotz der frühen Stunde voll erregter Menschen. Angst, Neugier, Trotz malten sich auf allen Gesichtern, aber Medius gelangte doch mit seiner Begleiterin unangefochten bis an den Isistempel am mareotischen See. Die Thore des Heiligthums waren eingeschlagen und wurden von Soldaten bewacht, aber an seiner südlichen und westlichen Umfassungsmauer drängten sich tausend und abertausend Heiden. Viele von ihnen hatten hier im Gebet und in Erwartung der Schrecknisse, welche nicht ausbleiben konnten, die Nacht durchwacht und lagen nun gruppenweise auf den Knieen und wimmerten, weinten, fluchten oder starrten in dumpfer Ergebenheit, übermüdet, gebrochen, hoffnungslos zu Boden. Sie boten einen herzergreifenden Anblick, und weder Dada, welche sich übrigens auf dem Wege hieher weit mehr vor Frau Herse's Schelten als vor dem Untergang der Welt gefürchtet hatte, noch ihr Begleiter konnten sich dem von so Vielen getheilten Jammer entziehen. Medius warf sich laut stöhnend auf die Kniee und zog das Mädchen mit sich zu Boden, denn auf der Umfassungsmauer des Tempels hatte sich eben ein Priester der Göttin gezeigt, und nachdem er das heilige Sistrum der Isis hochgehoben und unverständliche Gebete und Beschwörungen gemurmelt, zu reden begonnen. Es war ein kleiner, starker Mann, dem der Schweiß strömlings von der Stirn lief, während er mitten in der Glut der höher steigenden Sonne eine furchtbare Schilderung der ungeheuren Schrecknisse entwarf, welche über die Stadt und ihre Bürger hereinbrechen würden. Er sprach mit schwülstigem Bombast und überlauter, kreischender Stimme. Dazwischen trocknete er die triefenden Wangen mit dem weißen, linnenen Priestergewande oder schnappte, wenn ihm der Athem ausgieng, nach Luft wie ein Fisch auf dem Sande. Das Alles störte die Menge nicht, denn der Haß, mit dem seine Rede getränkt war, und die Angst vor der nächsten Zukunft, welche sich in jedem seiner Worte spiegelte, entsprach vollkommen ihren eigenen Empfindungen; nur Dada wurde immer munterer, je länger sie ihm zusah, und weil der Tag so hell war, weil auf der Mauer dicht neben dem Priester ein Tauber mit gerade so drolligen Halsbewegungen seinem Liebchen nachtrippelte wie sonst und überall, und vorzüglich wohl, weil ihr Herz so frisch und jugendfroh schlug, als sei Alles hienieden auf's Beste bestellt, kam ihr die Welt, trotz der bösen Verheißungen des eifrigen Alten da oben, wie ein recht schöner und nicht sonderlich unsicherer Aufenthaltsort vor. Am Vorabend ihres Untergangs mußte die Erde doch wohl anders aussehen als heute, und es wollte ihr dazu sehr unwahrscheinlich vorkommen, daß die Götter ihre Pläne solch einem komischen Polterer eher geoffenbart haben sollten als anderen Menschen. Gerade weil dieser dicke Mann das Entsetzliche so sicher voraussagte, mochte sie's nicht glauben, und wie nun gar einige Helmbüsche hinter dem Redner aufstiegen und zwei kräftige Soldatenhände sich um jeden seiner plumpen Knöchel schlossen und ihn von seinem erhabenen Standpunkte gewaltsam in den Tempelhof zogen, konnte sie nur mühsam das Lachen verbeißen. Indessen zeigte sich bald ernstlicher Grund zur Besorgniß, denn Tubaruf erklang, ein Manipel der zweiundzwanzigsten Legion rückte geschlossen gegen die klagende Menge vor und trieb sie auseinander. Medius war unter den Fliehenden einer der Ersten. Dada hielt sich an seiner Seite, und wenn er aus Furcht den Schritt beschleunigte, so that sie es, weil sie, trotz des bösen Empfangs, auf den sie gefaßt war, je eher desto lieber mit den Ihren vereint zu sein wünschte. So lebhaft hatte sie noch nie empfunden, wie lieb ihr dieselben waren. Herse mochte nur schelten. Ihre bösesten Worte waren doch besser gemeint als die süßesten Schmeicheleien des Medius. Sie freute sich auf jedes Einzelne, auch auf Agne und den kleinen Papias, und es kam ihr vor, als gehe sie nach jahrelanger Trennung einem Wiedersehen entgegen. Jetzt kamen sie an die Werft, welche von dem Tempelhaine nur durch eine Gasse getrennt war; jetzt näherten sie sich dem Schiffe. Sie zog sich den Schleier vom Haupte und winkte; aber ihr Gruß blieb unerwidert. Sie mußten wohl bei Porphyrius sein, denn eben zogen einige Männer die Brücke, welche das Fahrzeug mit dem Lande verband, an's Ufer. Nun eilte sie Medius schnellfüßig voraus und holte auch den Hausmeister, von dem die Arbeit einiger Sklaven auf dem Schiffe geleitet worden war, glücklich ein, bevor er den Garten seines Herrn erreicht hatte. Der alte Beamte war erfreut, sie zu sehen und theilte ihr sogleich mit, daß seine greise Herrin Frau Herse versprochen habe, sie, falls sie sich wieder einfinden sollte, bei sich aufzunehmen. Aber Dada hatte auch ihren Stolz. Sie fühlte sich weder der Gorgo noch ihrer Großmutter geneigt, und als Medius sie keuchend erreichte, war die Einladung der Greisin schon sehr bestimmt von ihr abgelehnt worden. Das Schiff stand wiederum leer. Karnis, so berichtete der Hausmeister, hatte sich mit seinem Sohn in den Serapistempel begeben, um an der Vertheidigung desselben theilzunehmen, und Herse war ihnen gefolgt, weil sich auch Frauen – Olympius hatte es gesagt – in dem gefährdeten Heiligthum bei der Speisung der Kämpfer und als Pflegerinnen der Verwundeten nützlich machen konnten. Enttäuscht und niedergeschlagen schaute Dada auf die verlassene, schwimmende Wohnung. Am liebsten wäre sie den Ihren in den belagerten Tempel gefolgt, aber wie hätte sie dahin gelangen, wie sich dort nützlich machen können? Sie war auch keine Heldin, und vor Blut hatte es ihr von Kind an besonders gegraut. Es blieb ihr doch nichts übrig, als sich von Medius in sein Haus zurückführen zu lassen. Genügende Zeit, sich zu besinnen, ließ ihr der Sänger, denn er hatte sich mit dem Hausmeister in den Schatten einer Sykomore gestellt, und dort bewiesen sie einander mit allen Gründen, welche sie in den letzten Tagen und Stunden aufgelesen, wie unabwendbar der Untergang der Welt sei, wenn das Bild des Serapis zu Falle komme. Bei diesem lebhaften Gespräche gaben Beide nicht Acht auf das Mädchen, welches auf einer umgestürzten Herme am Wege ausruhte. Träumen, Grübeln, Schlafen am hellen Mittag war ihrer wachen und gesunden Natur zuwider, aber Hitze und gemüthliche Erregung hatten sie heute abgespannt, und so wurde sie bald von einem leisen Halbschlummer übermannt. So oft das müde Haupt ihr auf die Brust sank, war es ihr, als stürze der Serapistempel zusammen, wenn sie es wieder erhob, wurde es ihr bewußt, daß es heiß sei, daß sie den Zusammenhang mit den Ihren verloren habe und gegen ihre Neigung zu Medius zurückkehren müsse. Endlich schlossen ihre Lider sich fester, und weil sie mitten in der Sonne saß, war es ihr ganz licht und rosenroth vor den Augen, und sie hatte dabei ein wunderliches Gesicht: Marcus, der Sohn der Maria, nahm der Bildsäule des Serapis den Modius, das Getreidemaß, welches sie auf dem Kopfe jeder Statue dieses Gottes gesehen hatte, vom Haupte und reichte es ihr. Es war ganz voll von Veilchen und Lilien und Rosen, und sie freute sich an den Blumen, und wie er den Modius vor sie hingestellt hatte, dankte sie ihm. Da streckte er ihr ruhig und freundlich die Hände entgegen; sie aber überließ ihm die ihren, und es wurde ihr sehr wohl bei dem stillen und mitleidigen Blick der großen Augen, die sie auf dem Schiffe oft minutenlang angeschaut hatten. Sie hätte ihm gern etwas sagen mögen, aber sie konnte es nicht, und sie sah es auch ruhig und ohne Besorgniß geschehen, daß Flammen das Bild des Gottes und den weiten Raum, wo es stand, ergriffen. Kein Rauch mischte sich in dies helle, freundliche Feuer, aber es zwang sie, die geblendeten Augen zu schützen, und als sie die Hand zu denselben in die Höhe führte und dann erwachend die Lider aufschlug, stand vor ihr in der Sonne Medius und gebot ihr, mit ihm nach Hause zu gehen. Sie gehorchte und hörte seine Versicherung, daß des alten Karnis und seines Sohnes Leben keinen Sesterz werth sei, wenn sie den römischen Truppen in die Hände gefallen seien, schweigend mit an. Niedergeschlagen und unfroh wie nie zuvor war sie an den halbvollendeten Schiffskörpern auf der Werft, deren Bau heute von keinem Arbeiter gefördert wurde, vorübergegangen, da trat aus dem Gäßchen, welches die Werkstätte von dem Isistempel schied, ein älterer Mann mit einem Knaben, und dieser letztere – sie behielt keine Zeit, sich zu fragen, ob sie recht gesehen habe oder sich täusche – dieser riß sich, sobald er sie wahrgenommen, von der Hand seines Führers los und rief ihr ihren Namen entgegen. Eine Minute später war ihr der kleine Papias jubelnd in die Arme geflogen, hatte sich von ihr aufheben lassen und die Hände so fest um ihren Hals geschlungen, als wolle er sich nie mehr von ihr trennen; sie aber herzte und küßte ihn und fühlte wie die Augen ihr naß wurden vor Freude. Im Nu war aus dem betrübten, tief beklommenen Mädchen wieder die muntere Dada geworden. Der Mann, welcher den Knaben hiehergeführt hatte, wurde sogleich mit tausend Fragen bestürmt, und aus seinen freundlichen Antworten gieng hervor, daß er den Buben gestern Abend weinend an einer Straßenecke gefunden, daß er ihn mit sich nach Hause genommen und nicht ohne Mühe von ihm herausgeforscht habe, daß er zu Leuten gehöre, welche auf einem Schiffe neben einer Werft Unterkunft gefunden. Trotz der Unruhen bringe er den Knaben schon jetzt zurück, weil er sich denken könne, wie groß die Besorgniß der Seinen gewesen sei. Dada dankte dem freundlichen Handwerker mit aller Wärme, und als dieser bemerkte, wie glücklich Mädchen und Kind waren, einander wieder zu haben, freute er sich dieses Anblicks und entfernte sich heiter. Medius hatte dies Alles stillschweigend geschehen lassen und sich begnügt, den schönen Buben in's Auge zu fassen. Wenn die Erde nicht aus den Fugen gieng, so war er vortrefflich zu brauchen, und als das Mädchen ihn fröhlich bat, auch dem Knaben ein Plätzchen in seinem Hause zu gönnen, wies er zwar bedenklich auf seinen spärlichen Erwerb und den beschränkten Raum seiner Wohnung, willigte aber zaudernd ein, nachdem sie ihm ihre goldenen Spangen als Kostgeld angeboten hatte. Auf dem weitern Wege sah sie den Knaben fortwährend glückselig an. Sie hatte ihn so lieb, und er kam ihr vor wie eine Brücke, welche sie mit den Ihren verband. Siebenzehntes Kapitel. Das Weib und die Tochter des Medius hatten mit ihren Nachbarsleuten, wie zu anderen Zeiten bei Erdbeben und schweren Gewittern, dem Zeus ein schwarzes Lamm geopfert, aber in aller Heimlichkeit, denn die Edikte, welche den Göttern Schlachtopfer darzubringen verboten, waren sogleich in Kraft getreten. Je mehr die einzelnen Mitglieder der Sängerfamilie mit anderen Bürgern zusammenkamen, desto fester faßte die Besorgniß vor dem Ende aller Dinge in ihnen Wurzel. Als es dunkel geworden war, vergrub der Alte sein Geld, denn wenn auch Alles untergieng, war es doch, obgleich er durchaus nicht wußte wie und warum, vielleicht gerade ihm beschieden, von dem allgemeinen Loose verschont zu bleiben. Groß und Klein suchte während der warmen Nacht Ruhe im Freien, um nicht von dem berstenden Dache und den einbrechenden Mauern erschlagen zu werden. Der folgende Morgen war glühend heiß, und nun kauerte Eins hinter dem Andern in dem mageren Schatten einer Palme und eines Feigenbaumes, den einzigen großen Gewächsen im Garten des Sängers. Medius selbst war trotz des glühenden Sonnenbrandes in steter Bewegung. Er lief in die Stadt; aber nur um jedesmal sehr bald wieder zu den Seinen zurückzukehren und die Angst derselben durch die Mittheilung der schrecklichen Dinge zu steigern, welche er draußen vernommen. Mit Brod, Käse und Früchten wurde der Hunger gestillt, denn auch die beiden Sklavinnen hatten sich geweigert, am Herde im Innern des Hauses zu kochen. Bald benahm sich der Sänger weich und zärtlich gegen die Seinen, bald wie ein Wütherich, und sein Weib überbot ihn dabei in allen Stücken. Bisweilen veranlaßte sie ihn und die Kinder, den Hausaltar frisch zu salben und zu beten; bald darauf warf sie den Göttern wieder Tücke und Grausamkeit vor. Bei der Nachricht, daß die Kaiserlichen das Serapeum umzingelt hätten, schmähte und spie sie auf die zierlichen Figuren der Hausgötter, und wenige Minuten später gelobte sie den Olympiern ein Opfer. Der Wirrwarr war entsetzlich, und mit dem glühenden Sonnenballe stieg die innere und äußere Qual der Großen und Kleinen. Dada schaute dem Allen verdrossen zu und schüttelte den Kopf, wenn eine der Frauen einen Erdstoß wahrgenommen oder fernen Donner gehört haben wollte. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum sie, die sich sonst leicht fürchtete, von der allgemeinen Besorgniß verschont blieb, und dabei fühlte sie Mitleid mit den armen geängstigten Weibern und Kindern. Von diesen kümmerte sich Keines um sie, und so schlich ihr die Zeit mit unerträglicher Langsamkeit hin und lähmte ihr den frohen Lebensmuth. Dazu drückte sie der Brand der Sonne Afrikas nieder, welchen sie heute zum ersten Male kennen lernte. Als es endlich Nachmittag geworden, fand sie es in dem durchglühten Garten unerträglich, und sie schaute nach Papias aus. Der saß auf der Mauer und blickte den Leuten nach, welche in die Marcuskirche strömten. Dada folgte seinem Beispiele, und als aus den geöffneten Pforten des Gotteshauses vielstimmiger Gesang tönte, lauschte sie der Musik, welche sie lange entbehrt hatte, fuhr dem Buben mit dem Peplos über die perlende Stirn und sagte, indem sie auf die Kirche wies: »Da drinnen muß es wohl kühl sein.« »Gewiß,« versetzte der Knabe. »In der Kirche ist's niemals heiß. Weißt Du was? Wir wollen hinüber.« Dies war ein guter Gedanke, denn besser und erträglicher als hier, meinte sie, müsse es überall sein; und dazu reizte es sie, auch eine von Agne's Kirchen zu sehen und wieder einmal zu singen oder doch singen zu hören. »Komm'!« rief sie dem Knaben zu und schlüpfte mit ihm in das verlassene Haus, um sich durch das kleine Atrium in's Freie zu stehlen. Medius bemerkte sie wohl, aber er hielt sie nicht auf, denn er war in völlige Gleichgültigkeit versunken. Noch vor einer Stunde hatte er das Facit seines Lebens gezogen und der kümmerlichen Zahl seiner Guthaben auch seine gastliche Aufnahme Dada's und ihres kleinen Schützlings beigesellt: aber gleich darauf war er mit sich zu Rathe gegangen, wie sich, wenn Alles dennoch gut gieng, Mädchen und Kind nutzbringend verwenden lassen würden. Jetzt erschien es ihm einerlei, ob ihn, die Seinen und Dada das Unheil im Hause oder im Garten ereilen werde. Mädchen und Kind hatten die Marcuskirche, das älteste Gotteshaus der Stadt, bald erreicht. Es bestand aus einem Vorraume, dem Narthex, und der eigentlichen Kirchenhalle, einem sehr langen Saal mit flacher Decke, die mit gebräuntem Holze getäfelt und durch zwei Reihen von schlicht gearbeiteten Säulen gestützt war. Eine Schranke von durchsichtigem Gitterwerk theilte diese Halle in zwei Theile. Im äußersten Hintergrunde derselben war der Boden durch ein Podium erhöht, und auf diesem stand ein Tisch, um den sich ein Halbkreis von Stühlen schaarte. Der hinterste und zugleich mittelste zeichnete sich durch Höhe und schöne Arbeit aus. Sie waren sämmtlich unbesetzt, aber um sie her bewegten sich einige Diakonen in Talaren von hellem Brokatstoff auf und nieder. In der Mitte des Vorsaales hatten sich viele Büßer um einen kleinen Brunnen geschaart, und diese boten mit ihren zerfleischten Rücken und in ihrer tiefen Zerknirschung einen noch kläglicheren Anblick als die geängstigten Leute, welche Dada gestern vor dem Tempel der Isis gesehen. Sie würde hier gern wieder umgekehrt sein, aber Papias zog sie vorwärts, und als sie durch das hohe Mittelthor in das Schiff getreten waren, athmete sie erleichtert auf, und es überkam sie ein Wohlgefühl, wie sie es selten empfunden; denn in der nur halb gefüllten, lang hingestreckten hohen Halle war es angenehm kühl, und das mäßige Dämmerlicht, welches in ihr herrschte, that den Augen so wohl. Der bescheidene Weihrauchduft, welcher die Kirche erfüllte, und der leise Gesang der versammelten Menge regte ihre Sinne freundlich an, und als sie auf einem Sitze Platz genommen hatte, fühlte sie sich wohl geborgen. Ein wie heimlicher Friedenswinkel war diese alte Kirche; in ganz Alexandria, meinte sie, könne es wenige Stätten geben, wo es sich so still und wohlig ausruhen lasse wie hier. Eine Zeitlang genoß sie, unthätig an Leib und Seele, die Kühlung, den Frieden, den Duft und die Musik, aber bald ward sie veranlaßt, ihre Aufmerksamkeit auf zwei Frauen in der Sitzreihe vor sich zu richten. Die Eine, welche ein Kind auf dem Arm hielt, flüsterte der Andern zu: »Du hier unter den Ungetauften, Hanna? Wie geht es zu Hause?« »Ich kann nicht lange bleiben,« lautete die Antwort, »'s ist ja auch gleich, wo man sitzt, und wenn ich gehe, wag ich die Anderen nicht stören. Das Herz ist mir so schwer; es steht ganz schlecht mit dem Kinde. Der Arzt sagt, heut müsse sich's entscheiden, und da zog es mich so in die Kirche.« »Recht, recht. Bleib nur hier. Ich gehe gleich zu euch hinüber; mein Mann wartet schon gern.« »Dank für den freundlichen Willen; aber Katharina wartet den Buben, und da ist er geborgen.« »So bete ich wenigstens mit Dir für das herzige Kind!« Dada hatte kein Wort von diesem schlichten Zwiegespräch verloren. Die Frau, welche sich von ihrem leidenden Kind entfernt hatte, um hier Hülfe zu suchen, hatte ein besonders liebes Gesicht, und während das Mädchen zusah, wie beide Weiber das Haupt neigten und mit gefalteten Händen regungslos in den Schooß schauten, dachte sie: »Jetzt beten sie für den kranken Knaben,« und senkte unwillkürlich selbst den Lockenkopf und murmelte leis: »Ihr Götter oder Du Christengott, oder wie ihr sonst heißt, die ihr Gewalt habt über Leben und Tod, macht doch das Söhnchen dieser armen Mutter gesund. Wenn ich wieder bei den Anderen bin, opfere ich euch einen Kuchen oder einen Hahn; ein Lamm ist so theuer.« Dabei war es ihr, als werde sie von einem unsichtbaren Dämon gehört, und es gewährte ihr ein eigenartiges Vergnügen, diese schlichte Fürbitte immer wieder von vorn zu beginnen. Inzwischen kauerte sich ein armseliges blindes Männlein zur Seite ihrer Sitzreihe nieder, und neben ihm stand der alte Hund, welcher ihn führte. Er hielt ihn mit einer Schnur an der Hand, und sein treuer Genosse ward an der heiligen Stätte willig geduldet. Der Alte sang laut und andächtig den Psalm mit, welcher von den Anderen angestimmt worden war; seine Stimme hatte zwar den Schmelz verloren, aber sein Gesang war doch tadellos rein. Das that Dada wohl, und wenn sie auch die Worte des Psalms, welcher sie rings umtönte, nur halb verstand, so faßte sie doch die einfache Melodie leicht auf und begann erst zaghaft und kaum hörbar, bald aber muthiger und endlich aus voller Brust dem Beispiele des kleinen Papias zu folgen und mitzusingen. Bei alledem war ihr, als sei sie nach einer stürmischen und widrigen Seefahrt an's Land gekommen und habe bei freundlichen Leuten Aufnahme gefunden; und wie sie sich beim Singen umschaute, um zu sehen, ob die Kunde von dem nahen Untergang der Welt nicht auch hieher gedrungen sei, konnte sie zu keiner rechten Entscheidung kommen, denn wohl malte sich in manchem Antlitz tiefe Seelenangst, Zerknirschung und leidenschaftliches Verlangen vielleicht nach Hülfe, vielleicht auch nach etwas ganz Anderem, aber eine laute Klage wie vor dem Isistempel war nirgends vernehmbar, und die meisten hier versammelten Männer und Frauen sangen oder beteten in ruhiger Andacht. Von den wilden Mönchen, vor denen es ihr im Xenodochium der Maria und auf der Straße gegraut hatte, war hier kein Einziger zu sehen, sie hatten in diesen Tagen der Unruhe ihre geringe Kraft und ihren großen Enthusiasmus der streitenden Kirche zur Verfügung gestellt. Der Gottesdienst in der Marcuskirche war von Eusebius, dem Diakonus des Sprengels, zu dieser ungewöhnlichen Stunde angesagt worden, weil er die Herzen derer, welche die allgemeine Besorgniß ergriffen hatte, zu beruhigen wünschte. Dada sah, wie der Greis ein erhöhtes Pult jenseits der Schranke, welche die Getauften von den Ungetauften trennte, bestieg, und das silberweiße Haupt- und Barthaar des Eusebius und sein heiteres Gesicht mit der ernsten, weisen Stirn und den milden, liebevoll blickenden Augen gefielen ihr besonders. Sie hatte sich Plato, über den Karnis gern sprach und aus dessen Lehren sie sogar einige Schlagworte behalten, immer jung gedacht, aber so konnte er in hohen Jahren ausgesehen haben. Ja, auch dem Greise da oben würde es schön gestanden haben, wie der große Athener bei einem frohen Hochzeitsfeste zu sterben. Der alte Priester wollte gewiß eine Rede halten, aber so gut er ihr auch gefiel, so trieb sie diese Vermuthung dennoch zum Aufbruch, denn sie konnte zwar auf Musik stundenlang regungslos lauschen, aber nichts fiel ihr schwerer, als gesprochenen Worten lange zuzuhören, wenn sie selbst stillschweigen mußte. So erhob sie sich denn, um zu gehen, aber Papias hielt sie wieder zurück und bat sie mit den großen Kinderaugen so innig, ihm die Freude nicht zu verderben und dazubleiben, daß sie ihm nachgab. Dennoch wäre die Gelegenheit, sich ohne Aufsehen zu entfernen, günstig gewesen, denn die Frau vor ihr rüstete sich gerade zum Aufbruch und reichte ihrer Nachbarin die Hand zum Abschied. Sie hatte sich schon von ihrem Sitze erhoben, als ein halberwachsenes Mädchen von hinten her auf sie zutrat und ihr laut genug, um von Dada's feinem Ohre verstanden zu werden, zuraunte: »Komm', Mutter, komm'! Der Arzt hat gesagt, die Gefahr sei vorbei. Er hat auch die Augen geöffnet und nach Dir gefragt.« Da flüsterte die Mutter ihrer Freundin rasch und glückselig zu: »Es geht Alles zum Besten!« und entfernte sich dann schnell mit dem Mädchen. Die Zurückgebliebene erhob Augen und Hände wie zum Danke, und auch über Dada's Lippen flog nun ein Lächeln. Hatte der Christengott vielleicht auch ihre Bitte gehört? Während dessen war der Greis mit seinem kurzen Gebet zu Ende gekommen und hatte seiner Gemeinde mitzutheilen begonnen, daß er sie in die Kirche berufen, um sie vor thörichter Angst zu bewahren und ihnen zu Gemüthe zu führen, wie sich der wahre Christ in diesen folgenschweren Tagen der Unruhe zu verhalten habe. Er wollte seinen Brüdern und Schwestern zeigen, was von dem Götzen und seinem Sturze zu befürchten sei, was man den Heiden zu danken habe und was er von seinen Glaubensgenossen nach dem bevorstehenden neuen und schönen Triumph der streitenden Kirche erwarte. »Schauen wir rückwärts, meine Lieben,« fuhr er nach dieser Einleitung fort. »Ihr habt wohl Alle von dem großen Alexander vernommen, dem diese edle Stadt ihr Bestehen und den Namen verdankt. Er ist ein vornehmes Rüstzeug des Höchsten gewesen, denn er hat die Sprache und das Wissen der Griechen durch alle Lande getragen, damit, nachdem die Zeit sich erfüllt hatte, die Lehre, welche ausgehen sollte von dem eingeborenen Sohne Gottes, verstanden werden möge von allen Völkern und Eingang finden könne in alle Herzen. So viele Nationen damals die Erde bewohnten, so viel Hunderte von Götzen gab es, in so vielen Zungen und Weisen richteten die Menschen ihre Gebete an jene höhere Kraft, die sich überall fühlbar macht, wo sterbliche Wesen weilen. Hier am Nil herrschten nach Alexander's Tode die ptolemäischen Könige, und in Alexandria richteten die ägyptischen Bürger ihre Gebete zu anderen Götzen wie die griechischen, und Beide konnten sich zu keinem gemeinsamen Opfer vereinen. Da gab ihnen Philadelphus, der zweite Ptolemäer, ein weiser Mann, einen gemeinsamen Gott. In Folge eines Traumgesichts ließ er ihn aus dem fernen Sinope am Pontus in diese Stadt führen. Serapis hieß der Götze, welchen nicht der Himmel, sondern eines Menschen kluger Anschlag hier auf den Thron der Gottheit setzte: es wurde ihm ein köstlicher Tempel erbaut, den man heute noch zu den Wundern der Welt zählt, und man errichtete ihm ein Bild, so schön, wie es menschliche Hände nur immer zu gestalten vermögen. Ihr kennt sie beide, und ihr wißt auch, wie sich vor der Verkündigung des Evangeliums ganz Alexandria, mit Ausnahme der Juden, in das Serapeum gedrängt hat. »Eine leise Ahnung der hohen Lehre Dessen, durch welchen Gott die Welt erlös'te, streifte schon vor der Erscheinung unseres Herrn und Heilands das Gemüth der Besten unter den Heiden, das Herz jener weisen, der Gnade noch nicht theilhaftigen Männer, welche nach Wahrheit, nach innerer Läuterung und der Erkenntniß des Höchsten suchten und rangen. Der Herr hatte sie berufen, um die Seele der Menschheit für die frohe Botschaft vorzubereiten und sie willig zu machen, sie anzunehmen, als der Stern aufgegangen war über Bethlehem. »Von diesen Männern hat mancher, bevor die Stunde der Erlösung gekommen war, schöne Lehren an den Dienst des Serapis geknüpft. Sie befahlen den Anbetern des Götzen, das Wohl der Seele eifriger zu bedenken als das des Leibes; denn sie hatten die unvergängliche Dauer des geistigen, göttlichen Theiles in uns Erdgeborenen erkannt, die wir in's Dasein gerufen werden durch Schuld und durch Liebe, und die wir darum sterben müssen an unserem schuldigen Leibe und auferstehen dürfen durch die Macht der ewigen Liebe. Wie die ägyptischen Weisen in der Pharaonenzeit vor ihnen, haben diese Hellenen geahnt und verkündet, daß die Seele im Jenseits verantwortlich gemacht werde für Alles, was sie Gutes und Böses in ihrer fleischlichen Hülle gethan und unterlassen. Nach jenem ewigen Gesetze, welches auch den Heiden in's Herz geschrieben ward, damit sie von Natur thun möchten des Gesetzes Werk, haben sie Tugend und Sünde wohl unterschieden, ja, es standen unter ihnen ahnungsvolle Geister auf, welche zwar den Höchsten nicht kannten, aber dennoch im Namen des Serapis Buße von den Verirrten forderten und es für heilsam erklärten, die schillernden Freuden und die eitle Lust des Staubes von sich zu thun und mit den inneren und äußeren Übeln, welche die Sinne über uns bringen, zu brechen. Sie forderten ihre Schüler auf, sich zu sammeln zur denkenden Erkenntniß der Wahrheit und der Gottheit, und öffneten in den weiten Hallen des Serapeums Zellen und Klausen für bußfertige Fromme, wo dann auch viele begnadigte Männer, abgestorben der Sinnenwelt und der Betrachtung nur solcher Dinge ergeben, welche sie für die höchsten halten mußten, dem Tode entgegengereift sind. »Aber, meine Lieben, die Gnade, deren wir uns ohne Verdienst und Würdigkeit freuen, hatte sich über die verlorenen Kinder einer finsteren Zeit noch nicht ergossen. Und in all diese edlen, ja bewunderungswürdigen Bestrebungen mischten sich sogleich hier der rohe Aberglaube mit seinen blutigen Opfern und die thörichte Verehrung zerbrechlicher steinerner Bilder und unverständiger Thiere, dort die trügerische und verderbliche Kunst der Magier und Zauberer. Auch die Ahnung des wahren Heils ward verfälscht und getrübt durch die Hirngespinnste einer eitlen und unbeständigen Philosophie, welche morgen schon widerlegt sah, was sie heute fest begründet zu haben vermeinte. Nach und nach ist dann der Tempel des Götzen von Sinope zu einer Stätte des Betrugs, des Blutvergießens, des nichtigsten Aberglaubens, der Sinnenlust und himmelschreiender Gräuel geworden. Wohl ward die Gelehrsamkeit immer noch in den Räumen des Serapeums gepflegt, aber verstockten Herzens wandten sich ihre Jünger von der Wahrheit ab, welche in die Welt gekommen war durch die Gnade Gottes, und sie wurden zu Priestern des Irrthums. Verfälscht, herabgezogen durch erbärmlichen Tand, haben die Lehren, welche Weise an die Vorstellung vom Serapis knüpften, ihre Hoheit und Würde verloren, und seitdem der hohe Apostel, dem diese Kirche geweiht ist, das Evangelium nach Alexandria brachte, ist der Thron des Götzen in's Wanken gerathen und die Lehre des Heils hat an ihm gerüttelt und ihn dem Einsturz nahe gebracht, trotz der Verfolgung der Gläubigen, trotz der Edikte des abtrünnigen Julian, trotz der verzweifelten Anstrengungen der Philosophen, Sophisten und Heiden, denn Jesus Christus, unser Herr und Meister, hat den flüchtigen Schatten einer dunkel geahnten Wahrheit, welche der Serapisglaube enthielt, in lebensvolle Wirklichkeit umgewandelt. An Stelle des besudelten Nebelfleckens Serapis ist das reine, lichtstrahlende, warme Gestirn der christlichen Liebe getreten, und wie der Mond verblaßt, wenn sich die Sonne siegreich erhebt, so ist auch der Serapisdienst an tausend Stellen, wo das Evangelium Aufnahme gefunden, kläglich in's Nichts verronnen. Auch hier in Alexandria wird seine magere Flamme nur noch künstlich genährt, und wenn die Macht des frommen und christlichen Kaisers sie morgen oder übermorgen ausdrückt, dann, meine Lieben, wird sie qualmend zu Grunde gehen, und keine Macht der Welt wird sie neu anzufachen vermögen. Nicht erst eure, unsere Enkel, nein, schon unsere Söhne werden sich fragen: Wer war Serapis? Der da gestürzt werden soll, ist kein mächtiger Gott mehr, sondern ein seiner Hoheit und Würde beraubter Götze. Es gilt hier keinen Kampf von Macht gegen Macht; es soll nur einem Überwundenen der Gnadenstoß versetzt werden. Der durch und durch vermorschte Baum wird Niemand bei seinem Falle verletzen, wohl aber wird ihn Alles, worauf er bei seinem Sturze schlägt, zerstieben lassen in Schutt und Staub. Dieser Fürst hat sich längst selbst überlebt, und wenn ihm das geknickte Szepter entsinkt, werden ihn nur Wenige beklagen; denn der neue König hat schon den Thron bestiegen, und sein ist das Reich und die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.« Dada hatte der Rede des Diakonus ohne sonderliche Theilnahme zugehört; aber am Schlusse derselben war ihr doch etwas aufgefallen. Der Greis da oben sah würdig und gerecht aus, und Vater Karnis war gewiß ein billig denkender Mann und noch dazu Einer, der allen Dingen die gute Seite abzugewinnen pflegte. Wie kam es nun, daß der Alte da oben ein so klägliches Bild von demselben Gotte entwarf, dessen Größe ihr Oheim noch vorgestern mit glühender Begeisterung gepriesen? Daß die gleichen Dinge dem Einen doch so ganz anders vorkommen konnten wie dem Andern! Der Geistliche dort sah ihr besonnener aus als der Sänger, der junge Christ Marcus hatte gewiß ein gutes Herz, ein besseres, geduldigeres Geschöpf als Agne gab es nicht unter der Sonne, und so konnte es leicht sein, daß das Christenthum in Wirklichkeit ganz anders war, als ihre Pflegeeltern es darzustellen liebten. Über die entsetzlichen Folgen, welche der Sturz des Serapistempels nach sich ziehen sollte, war sie nun gänzlich beruhigt, und so hörte sie aufmerksamer zu, als der Alte fortfuhr: »Freuen wir uns, meine Lieben! Des großen Abgottes Serapis Tage, sie sind gezählt! Wißt ihr auch, wie er sich in unserer Mitte ausgenommen hat? Wie unter den tausend Schiffen und Schifflein in einem vollen Hafen eine prunkvoll gebaute und reich bewimpelte Trireme, in der die Pestseuche wüthet. Wehe denen, die ihr nahen, wehe den Unbesonnenen, die sich von dem reichen Zierat, mit dem sie geschmückt ist; verführen lassen, ihren Bord zu besteigen. Wie leicht verfallen sie selbst dem Verderben, und ahnungslos tragen sie es von Schiff zu Schiff, von den Schiffen auf's Land, bis die Seuche den Hafen ergreift und die Stadt. Dank also denen, welche dies prunkende Fahrzeug von unserer Rhede stoßen, es versenken oder verbrennen! Der Vater im Himmel gebe Muth ihren Herzen, Kraft ihren Händen und segne ihr Thun! Wenn es heißt: der große Serapis liegt zertrümmert am Boden, er ist nicht mehr, die Welt und wir sind von ihm befreit, dann soll man an dieser Stätte und überall, wo Christen wohnen und beten, ein hohes Freudenfest feiern. »Aber dann, dann laßt uns gerecht sein, dann wollen wir uns Alle der guten und großen Gaben erinnern, welche die Trireme unseren Vätern zugebracht hat, als sie noch mit gesunder Mannschaft an Bord die weite Meerflut befuhr. Thun wir das, so werden wir mit stillem Mitleid das stolze Schiff sinken sehen und den Kummer derer begreifen, die es einst durch Flut und Ebbe getragen und die ihm Vieles zu danken vermeinten. Dann werden wir uns doppelt freuen, daß wir selbst ein festes Fahrzeug mit starken Planken und Masten und einem sichern Steuer besitzen, und daß wir die Anderen getrost zu uns an Bord laden können, sobald sie sich nur von der Seuche gereinigt, an der sie Theil gehabt hatten. »Ich denke, ihr habt dies Gleichniß verstanden. Ist der Serapis gefallen, so wird es viel Leid und Trauer geben unter den Heiden; wir aber sollen, wenn wir wahre Christen sind, nicht daran vorübergehen, sondern uns die Bekümmerten und Kranken – am Herzen – zu heilen bemühen. Wenn der Serapis gefallen ist, sollt ihr Ärzte werden, Seelenärzte im Sinne des Herrn; und da es uns zu heilen gelüstet, liegt es uns zunächst ob, zu prüfen, worin denn das Leid Derer besteht, denen wir uns hülfreich erweisen möchten, denn die Wahl der Arznei hat sich nach der Natur der Krankheit zu richten. »Ich meine: Trost bringen kann nur derjenige, welcher sich ganz in die Seele dessen hineinzufühlen versteht, welcher des Trostes bedarf, der das fremde Leid so, gerade so empfindet, als wenn es sein eigenes wäre. Und diese Kunst, ihr Lieben, sie ist neben dem Glauben diejenige Fähigkeit des Christen, welche dem Höchsten am besten gefällt. »Vor meines Geistes Augen sehe ich hier den vernichteten Prachtbau des Serapeums, das zerstörte Meisterwerk des Bryaxis und tausend und aber tausend jammernde Heiden. Wie die Juden an den Wassern Babels ihre Harfen an die Bäume hängten und weinten, da sie Zions gedachten, so seh' ich sie klagend an die vergangene Herrlichkeit denken. Freilich, was sie betrauern, sie haben es selbst verderbt und entheiligt, und als etwas Höheres an seine Stelle getreten war, haben sie die Herzen verstockt, und statt die Toten ihre Toten begraben zu lassen und sich dem neuen Leben hoffnungsvoll in die Arme zu werfen, nicht lassen wollen von dem verwesenden Leichnam! Sie sind Thoren gewesen; aber ihre Thorheit war Treue, und wenn wir sie für unsern heiligen Glauben gewinnen, so werden sie treu bis in den Tod wie an ihren alten Göttern, so nun an Jesus hängen und die Krone des Lebens erwerben. Es wird mehr Freude sein im Himmel über einen Sünder der Buße thut, denn über neunundneunzig Gerechte, ihr wißt es; und wer von euch den Heiland liebt, der kann ihm hohe Freude bereiten, wenn er diesen trauernden Heiden den Weg weis't in sein himmlisches Reich. »Aber, fragt ihr, ist das Leid der Heiden nicht eitel, und wie heißt das, was sie beklagen? Um das zu verstehen, vergegenwärtigt euch nun mit mir, was sie zu verlieren wähnen; und das, wahrlich, das ist nichts Kleines, und es umschließt gar viel, wofür wir, und mit uns die ganze Menschheit, ihnen Dankbarkeit schulden. »Wir nennen uns Christen und thun es mit Stolz, aber wir nennen uns auch Hellenen und freuen uns dieses Namens. Unter dem Schutze jener alten Götter, deren Untergang nun bevorsteht, hat das griechische Volk staunenswerthe Thaten verrichtet, hat es die herrlichen Gaben des Geistes, welche ihm der Höchste verliehen, wie ein treuer Gärtner gepflegt und Wundervolles geleistet. Im Reiche des Denkens ist der Grieche der König der Völker gewesen, und dem vergänglichen Stoffe hat er Formen verliehen, welche ihn zur Höhe des Unvergänglichen und Beseelten erhob. Schöneres als der Hellene in jener Zeit hat keine andere Nation vorher und nachher geschaffen. Aber, so werdet ihr fragen, warum ist der Erlöser nicht den Vätern in jenen großen Tagen erschienen? – Weil das, was sie schön nannten und nennen, sich nur bezieht auf die vergängliche Form, auf den Schein, und weil ein Geschlecht, welches sein ganzes Empfinden und Denken mit so begeisterter und andächtiger Wärme dem Schönen, das ist dem Scheine hingab, kein Verlangen trug nach dem Sein , dem wahren Sein, das zu uns herabgekommen ist mit dem eingeborenen Sohne des Herrn. Aber darum ist das Schöne doch schön, und wenn eine Zeit kommt, in der sich der Schein vermählen wird mit dem Sein, in dem das ewig Wahre sich in vollendete Formen kleiden wird, dann, ja erst dann wird durch des Heilands Gnade zur Wirklichkeit werden, was die Väter in ihren großen Tagen erstrebten. »Und dieser Schein, der von ihnen so freudig gepflegt ward, er leistet uns ja schon herrliche Dienste, wenn wir uns nur hüten, daß er uns blendet und abzieht von dem Einen, das noth thut. Wem anders als den heidnischen Hellenen schulden die großen Glaubenslehrer nächst Gott die edle Kunst, ihre hohen Gedanken und edlen Empfindungen zu ordnen und in Formen zu gießen, welche dem Christen verständlich sind und ihn zugleich erheben, ergötzen und erbauen? In einer heidnischen Rhetorenschule hat jeder eurer Lehrer, hab' auch ich Ärmster die Fähigkeit erworben, das, was der Geist mir eingibt, in fließender Rede euch, meiner Gemeinde, zu verkünden, und wenn einmal christliche Schulen erstehen, in denen unsere Söhne die gleiche Fähigkeit erwerben können, so werden in ihnen viele Gesetze in Kraft bleiben müssen, welche die Heiden gefunden. Wenn wir das Vermögen besitzen, dem Höchsten, der Jungfrau und den hohen Heiligen Kirchen aufzurichten, welche würdig sind ihrer erhabenen Größe, so danken wir dies den edlen Baumeistern im heidnischen Hellas. Für tausend Dinge des täglichen Bedarfs und für unzählige andere, welche das Dasein schmücken, sind wir heidnischen Künsten verpflichtet. Ja, meine Lieben, wenn wir Alles überschauen, was sie geleistet, wird ihnen der Gerechte Zweierlei nicht vorenthalten können: Dank und Bewunderung. »Und dem Höchsten selbst sind die Besten unter ihnen wohlgefällig gewesen, denn er hat sie von ferne schauen lassen, was er uns ganz nahe gebracht und in's Herz geflößt hat durch göttliche Offenbarung. Ihr kennt ja Alle den Namen des Plato. Er, dem das Heil verschlossen war, hat vorahnend Vieles von weitem gesehen, was uns, den Erlös'ten, im reinen Lichte klar und faßbar vor Augen steht. Er hat erkannt, daß die irdische Schönheit verwandt sei mit der himmlischen Wahrheit. Das große Gefühl der Liebe, es trägt und vereint uns Alle; und er, er hat schon die begeisterte Hingabe an das Unvergängliche den göttlichen Eros, das ist die göttliche Liebe, genannt. An die Spitze des großen Stufenbaues der Ideen, den er errichtet, hat er das Gute gestellt, und das Gute ist für ihn die höchste Idee und im Erkennbaren die letzte; das Gute, dessen Wirklichkeit er mit allen Mitteln seines hohen und klaren Geistes erwiesen. Dieser Heide, ihr Brüder und Schwestern, er wäre werth gewesen der Gnade, die uns beglückt. Übet Gerechtigkeit gegen die Verblendeten, Gerechtigkeit im Sinne des Plato, der die Tugend der Vernunft die Weisheit nennt, die Tugend des Muthes die Tapferkeit, die der sinnlichen Triebe die Mäßigung. Wo diese Drei in Eintracht zusammen herrschen, da findet er das, was wir Gerechtigkeit nennen. Wohl denn, wohl! So prüfet Alles und behaltet das Beste, das heißt: erwäget weise, was von den Werken und der Arbeit der Heiden werth ist, daß es aufbewahrt werde und erhalten bleibe, und werfet dagegen muthig das Götzenwerk zu Boden, welches uns in unserer Mitte Schimpf bringt und mit Gefahren bedroht für Seele und Leib, ja für alle höchsten Güter des Lebens; aber, meine Lieben, vergesset dabei ja nicht, was wir den Heiden danken, und übet Mäßigung, haltet Maß; denn dann erst werdet ihr, werden wir gerecht sein. ›Nicht um zu hassen, um zu lieben sind wir hier!‹ Kein Christ, Sophokles, ein großer Heide hat dieses Wort gesprochen und ruft es uns zu!« Der Greis schöpfte tief Athem. Dada war ihm aufmerksam gefolgt; freute es sie doch, das, was sie preisen zu hören gewohnt war, auch hier rühmen zu hören. Erst seit Eusebius von Plato zu reden begonnen hatte, war sie gestört worden, denn vor ihr saß ein hagerer Mann mit einem langen spitzen Kopfe und ein anderer, kleiner, von behäbigem Aussehen. Der Erstere war fortwährend hin und her gerückt, hatte den Andern am Gewande gezupft und mehr als einmal Miene gemacht, aufzuspringen und dem Greise in die Rede zu fallen. Augenscheinlich mißfiel dies Benehmen den ihn umgebenden Christen, welche ihn durch Winke und leises Zischen zur Ruhe verwiesen; er aber beachtete sie nicht und fuhr fort, sich auffällig laut zu räuspern und sogar leise mit den Füßen zu scharren, als der Diakonus fortfuhr: »Und nun, meine Lieben, wie sollen wir uns in diesen folgenschweren Tagen der Unruhe verhalten? Wie Christen, nur – oder besser, mit Gottes gnädigem Beistand – wie Christen im Sinne unseres Meisters, gemäß der Lehre, die uns der Herr durch die zwölf Apostel ertheilt hat. Lasset sie für mich reden. Sie rufen euch zu: ›Zwei Wege gibt es, einen des Lebens und einen des Todes; ein großer Unterschied aber ist zwischen den beiden Wegen. Der Weg des Lebens nun ist dieser: zuerst, du sollst lieben Gott, der dich erschaffen hat, zum Andern, deinen Nächsten wie dich selbst. Alles aber, was du nicht willst, daß dir geschehe, das thu' auch einem Andern nicht. Die in diesen Worten enthaltene Lehre aber ist diese: Segnet, die euch fluchen und bittet für eure Feinde, fastet aber für die, die euch verfolgen, denn was für Gnade ist es, wenn ihr liebt, die euch lieben? Thun nicht auch die Heiden dasselbe? Ihr aber sollt lieben , die euch hassen, und ihr werdet keinen Feind haben.‹ »Diese Worte der heiligen zwölf Apostel, ich lege sie euch in diesen Tagen an's Herz. Hütet euch, diejenigen zu verspotten und zu verfolgen, welche eure Feinde gewesen sind. Den besiegten Feind zu ehren, war auch den Edlen unter den Heiden eine schöne Pflicht; für euch, ihr Christen, soll es Gesetz sein. Es ist auch nicht so gar schwer, dem Feinde zu vergeben, wenn wir in ihm den künftigen Freund erblicken; und ihn zu lieben, auch das gelingt dem Christen, wenn er bedenkt, daß jeder Mensch sein Bruder, sein Nächster ist und daß ja auch er von unserem Heiland, der uns theurer ist als das Leben, geliebt wird. »Der Heide, der Götzendiener, er ist der Erbfeind des Christen; aber bald liegt er gefesselt zu unseren Füßen, und dann, dann bittet für ihn, meine Lieben, und da ja der Höchste, der ohne Makel ist und namenlos groß, dem Sünder vergibt, so sollt ihr, die ihr klein seid und voller Schuld, ihm gewißlich vergeben. Seelenfischer sollen wir sein; erweis't euch als solche! Ziehet ihn, den Feind, an euch durch Freundlichkeit und Liebe, zeigt ihm durch euer Beispiel die Schönheit des christlichen Lebens, laßt ihn die Wohlthat des Heils erkennen, führt diejenigen, denen wir ihre Götzen und Tempel genommen, in unsere Kirchen, und wenn wir die Verblendeten, über die das Schwert triumphirte, erst recht überwunden haben durch Liebe, Glauben und Gebet und sie sich mit uns der Erlösung durch Jesus Christus freuen, dann wird ein Hirt sein und eine Heerde und Freude und Friede einziehen in diese von Kampf und Zwietracht zerrissene Stadt.« – Hier wurde der Greis unterbrochen, denn in dem Narthex erhob sich ein wilder Lärm, und in das laute Geschrei kämpfender Männer mischte sich das dumpfe Gebrüll eines Stieres. Die Gemeinde schnellte erschreckt von den Sitzen auf, und nun ward die Thür gesprengt und in die Kirche stürzte eine Schaar von heidnischen Jünglingen, welche von einer doppelten Übermacht verfolgt und in das Gotteshaus gedrängt worden waren. Dort begannen sie auf's Neue verzweifelten Widerstand zu leisten. Entblätterte Kränze und zerzaus'te Blumengewinde flatterten um die Stirnen und Schultern der Überwundenen. Sie waren in der Nähe der Marcuskirche von Mönchen überfallen worden, während sie, den neuen Edikten zum Hohn, ein bunt aufgeputztes Rind in den Tempel des Apollon trieben, und das Opferthier hatte sich in dem Wirrwarr des Handgemenges mit in den Narthex geworfen. Der Kampf in der Kirche währte nicht lange. Die Götzendiener waren bald überwunden, aber Eusebius warf sich zwischen sie und die Mönche und versuchte es, die Unterlegenen vor der Hand der wüthenden Sieger zu retten. Die Weiber hatten sich entsetzt zur Thür gedrängt, wagten es aber nicht, in den Narthex zu dringen, denn dort rannte der Opferstier wüthend umher und stieß nieder, was ihm in den Weg trat. Endlich traf ihn das Schwert eines Sicherheitswächters im Nacken, und er stürzte blutend zusammen. Nun eilte Alles an dem verendeten Rinde vorbei und jagte kreischend in's Freie. Dada befand sich mitten unter den Fliehenden. Sie zog den Knaben nach sich; doch dieser suchte sie mit aller Kraft aufzuhalten und rief ihr außer sich zu, Agne sei in der Kirche, und er wolle zu ihr zurück. Aber das Mädchen hörte nicht auf ihn und riß ihn in Todesangst mit sich fort. Vor dem Hause des Medius blieb sie aufathmend stehen, und als der Knabe darauf bestand, seine Schwester im Gotteshause gesehen zu haben, kehrte sie, nachdem es still vor demselben geworden war, mit ihm dorthin zurück. In der Kirche stellte sich ihr Niemand mehr in den Weg, aber sie gelangte doch nicht weiter als bis zu der Scheidewand, welche die Sitze der Getauften von denen der Ungetauften trennte; denn dort lagen mit furchtbar zerfleischten Gliedern die Leichen vieler erschlagenen Jünglinge. Wie sie bis zu dem Hause des Medius zurückgelangt war, wußte sie selbst nicht. Der grausame Ernst des Lebens war ihr zum ersten Mal entgegen getreten; und als sie der Sänger am Abend in ihrer Kammer aufsuchte, blickte er sie verwundert an; denn die Heiterkeit ihres Gesichtes war wie verschleiert, und ihre Augen schwammen in Thränen. Wie bitterlich sie geweint hatte, konnte Medius freilich nicht ahnen. Er schrieb ihr verändertes Wesen der Angst vor dem nahenden Unheil zu und war froh, ihr in gutem Glauben versichern zu können, die Gefahr sei so gut wie vorüber. Der Magier Posidonius war bei ihm gewesen und hatte ihn völlig beruhigt. Dieser Mann, dem er selbst hundertmal als Handlanger bei trügerischen Geistererscheinungen beigestanden hatte, übte auch auf ihn große Gewalt, seitdem er ihn einmal mit geheimnißvollen Mitteln verzaubert und ihn gezwungen hatte, den eigenen Willen dem seinen widerstandlos zu unterwerfen; und dieser Wundermann hatte nun die alte Sicherheit zurückerlangt und ihn mit dem ihm eigenen Ansehen der Unfehlbarkeit versichert, der Sturz des Serapistempels werde keine anderen Folgen nach sich ziehen, als der Fall einer alten geborstenen Säule. Seitdem belächelte Medius die eigene Angst; ja er war wieder »ein starker Geist« geworden und hatte mit beiden Händen zugegriffen, als ihm der Magier drei Eintrittstäfelchen in den Hippodrom geschenkt hatte. Das Wettfahren sollte trotz des panischen Schreckens, welcher sich der Bürger bemächtigt hatte, stattfinden, und als er Dada einlud, mit ihm und seiner Tochter an diesem seltenen Vergnügen theilzunehmen, trocknete sie schnell die Augen und dankte ihm freudig. Achtzehntes Kapitel. So ernst es auch in der Stadt Alexandria aussah, das Wettfahren sollte dennoch morgen abgehalten werden. Also war es vor wenigen Stunden im Palaste des Bischofs Theophilus beschlossen worden, und Ausrufer durcheilten bereits Straßen und Plätze, um die Bürgerschaft zu diesem erwünschten Schauspiele einzuladen. In der Schreibstube der Ephemeris, Die Zeitungen der Alten, welche wie in Rom so auch in den anderen größten Hauptstädten des Weltreiches erschienen und den Bürgern die bemerkenswerthen Neuigkeiten mittheilten. die morgen in aller Frühe ausgegeben werden sollte, wurde einem halben Tausend von federfertigen Sklaven diktirt, welche Bürger ihre Rosse rennen lassen, welche Agitatoren die Pferde lenken, und welche Preise für die Sieger – gleichviel ob Christen oder Heiden – ausgesetzt worden seien. In dem großen Versammlungssaale herrschte eine schwüle Luft, und schwül war es auch den anwesenden Presbytern zu Muthe, denn sie beabsichtigten, sich diesmal den Forderungen ihres Hauptes nicht blindlings zu fügen, und sie wußten, daß Theophilus zu donnern und zu blitzen verstehe, wenn er auf Widerspruch stieß. Außer den geistlichen Herren hatte sich auch der kaiserliche Gesandte Cynegius, der Stadtpräfekt Evagrius und der Truppenkommandant und Comes von Ägypten, Romanus, eingefunden. Die kaiserlichen Beamten, römische Staatsmänner, welche Alexandria und seine Bürgerschaft kannten und die geistige Überlegenheit des Kirchenfürsten oft empfunden hatten, hielten zu diesem. Der Abgesandte Cynegius schwankte, die Presbyter aber, die sich den Befürchtungen, welche die ganze Stadt ergriffen hatten, nicht zu entziehen vermochten, wagten es, sich gegen ein zu schnelles Vorgehen zu erklären und die Abhaltung von Spielen in Tagen so ernster Gefahr ein überkühnes, ja frevelhaftes Unterfangen, mit dem man Gott versuchen werde, zu nennen. Auf des Theophilus höhnische Frage, worin die Gefahr bestehe, wenn – der Comes verbürge es – der Serapis morgen fallen werde, ertheilte einer der Presbyter im Namen seiner Brüder die Antwort. Derselbe hatte früher als Exorcist Erstaunliches geleistet und war bei aller Rechtgläubigkeit das Haupt einer gnostischen Sekte und dem Studium der Magie fleißig ergeben. Dieser längst ergraute Mann legte mit dem Eifer und der Kraft der Überzeugung in ernster Rede dar, Serapis sei der furchtbarste aller heidnischen Dämonen, und sämmtliche Orakel der Vorzeit, die Verkündigung der Propheten, sowie alle Schlüsse der Magier und Sterndeuter müßten trügen, wenn sein Sturz, welchen er und seine Amtsgenossen natürlich als eine große Gnade des Höchsten ansehen würden, nicht verhängnißvolle Naturereignisse nach sich ziehen werde. Da ließ Theophilus dem Zorn die Zügel schießen, riß das kleine Kruzifix, welches über seinem Bischofssitze hieng, von der Wand und brach es in Stücke. Dabei rief er mit tiefer, vor Erregung bebender Stimme: »Wen haltet ihr für größer, den eingeborenen Sohn Gottes, oder jenen albernen Götzen?« Die Trümmer des zerstörten Heiligthums schleuderte er vor die Presbyter auf den Tisch, den sie umgaben. Dann warf er sich, als erschrecke ihn das eigene kühne Beginnen, auf die Kniee, hob Hände und Augen betend gen Himmel und ergriff endlich die Splitter des Kruzifixes, um sie zu küssen. Die Wirkung seiner raschen That war gewaltig. Entsetzen und athemlose Spannung malten sich in den Zügen der Anwesenden, und keine Hand, keine Lippe regte sich, als Theophilus sich wieder erhob und stolz und herausfordernd jeden Einzelnen mit den strengen Augen maß. Eine Zeitlang blieb er stumm, als erwarte er eine Entgegnung; doch die abweisende Haltung seiner majestätischen Gestalt sprach deutlich aus, daß er sich bereit halte, den Gegner niederzuschmettern. Aber keiner der Presbyter widersprach ihm, und wenn ihn unter den kaiserlichen Beamten Evagrius mit einem bedenklichen Schütteln des klugen Kopfes ansah, so nickte ihm dafür der Abgesandte des Kaisers befriedigt zu. Aber der Kirchenfürst schien sich weder um Beifall noch Mißbilligung zu kümmern, und gewiß seiner Sache legte er in kurzen, schneidigen Sätzen, ohne jeden rhetorischen Schmuck, kernig dar, Stein und Holz hätten nichts mit der Gottheit zu schaffen, auch wenn sie die Gestalt des Heiligsten und Verehrungswürdigsten trügen oder durch Menschenhand überreich mit dem Teufelsköder vergänglicher Schönheit geschmückt seien. Je stärkere dämonische Kraft der Aberglaube dem rohen Stoffe, gleichviel, welche Gestalt er trage, zuschreibe, desto hassenswerther sei er für den Christen. Wer dem Willen eines Dämonen die Kraft zuschreibe, auch nur einen Athemzug des Höchsten nach seinem Ermessen zu wenden, der möge sich vor der Abgötterei hüten, denn ihre Satanskralle halte ihn schon irgendwo fest am Gewande. Bei dieser Anklage wich manchem Presbyter das Blut aus den Wangen, und es erhob sich kein Widerspruch, als der Bischof verlangte, wenn der feste Tempel des Serapis morgen in die Hand der kaiserlichen Streitmacht falle, ihn ohne Aufenthalt und langes Besinnen zu zerstören und von dem Vernichtungswerke nicht abzulassen, bis dieses Schandmal der Stadt von der Erde verschwunden sei. »Bricht die Welt darüber in Stücke,« rief er, »wohl, so haben die Heiden Recht und wir Unrecht, und Untergang wäre dann Wonne; aber so wahr ich auf diesem Thron sitze durch die Gnade des Höchsten, so wahr ist Serapis ein eitles Hirngespinnst verblendeter Thoren, und es gibt nichts Göttliches, außer in dem Gotte, welchem ich diene!« »Sein ist das Reich in Ewigkeit, Amen!« psalmodirte der Älteste unter den Presbytern ihm nach, und Cynegius erklärte, einem rücksichtslosen Vorgehen gegen den Abgott kein Hinderniß in den Weg legen zu wollen. Zur Vertheidigung des von dem Bischof ausgegangenen Antrages, das Wettfahren schon morgen abhalten zu lassen, ergriff der Comes das Wort. Er entwarf ein treffendes Bild des leichten, wankelmüthigen, dem Vergnügen leidenschaftlich zugewandten Sinnes der Alexandriner. Die Streitmacht, über die er verfügte, war klein im Verhältniß zu der Zahl der heidnischen Bürger, und es kam ihm viel darauf an, einen großen Theil der Serapisdiener im entscheidenden Augenblicke von dem bedrohten Heiligthume fern zu halten. Gladiatorenspiele waren untersagt, an Thierkämpfe hatte man sich gewöhnt, aber ein Wettfahren, bei dem Heiden und Christen mit ihren Rossen gegen einander in die Schranken traten, mußte gerade in dieser Zeit des harten Aneinanderprallens beider Religionen eine gewaltige Anziehungskraft ausüben und Tausende der gefährlichsten Götzendiener in den Hippodrom locken. Das Alles hatte er mit dem Bischof und Cynegius schon erwogen; ja, dieser leidenschaftliche Vernichter heidnischer Tempel war mit dem vom Kaiser gebilligten Vorsatz, den Serapistempel zu zerstören, nach Alexandria gekommen; aber als vorsichtiger Staatsmann hatte er sich erst vergewissert, ob sich auch Zeit und Verhältnisse günstig erwiesen, das Vernichtungswerk jetzt schon zu beginnen. – Was er hier gesehen und vernommen, hatte seinen Vorsatz nur bestärkt, und nachdem er im Sinne seines Gebieters einige Bedenken erhoben und zur Milde aufgefordert hatte, ertheilte er im Namen des Kaisers den Befehl, das Heiligthum des Serapis mit Waffengewalt zu nehmen und zu zerstören und das Wettfahren für den morgenden Tag anzusagen. Die Versammlung verneigte sich tief, und nachdem Theophilus die Sitzung mit einem Gebet geschlossen, zog er sich gesenkten Hauptes, demüthig, als habe er keinen Sieg errungen, sondern eine Niederlage erlitten, in sein schmuckloses Arbeitszimmer zurück.     Das Urtheil über den großen Heidengötzen war besiegelt, aber in den weiten Räumen des Serapeums dachte Niemand an Übergabe und schnelle Ergebung. Der gewaltige Unterbau, auf dem der größte aller Tempel der hellenischen Welt ruhte, stellte sich mit glatten, leicht geböschten Flächen von unzerstörbarer Festigkeit den Angreifern entgegen. Über eine reich geschmückte Rampe führte eine Fahrstraße, und an dem mittleren Theile des schönen Bogens, welchen diese beschrieb, eine hohe Doppeltreppe zu den drei Portalen in der Hauptfront des Riesenbaues. Die Heiden hatten Sorge getragen, diese Zugänge in aller Schnelligkeit zu versperren und Götterbilder von edler Arbeit, Statuen und Büsten von Königen und Heroen, Hermen, Säulen, Denksteine, Opferaltäre, Sessel und Bänke von kunstvoll ciselirtem Erz schonungslos auf die von tausend Händen aufgerissene und gebrochene Straße und Treppe geschleudert. Die quadratischen Fliesen des Pflasters und die granitenen Stufen der Stiege hatte man zu schützenden Wällen zusammengehäuft, und diese wuchsen noch an, nachdem sich die Belagerer längst dem Tempel genähert hatten; denn die Heiden rissen Quadern, kleine Säulen, Gossen und lange steinerne Brüstungsbalken von der Bekrönung des Daches und warfen sie auf die Schutzwehr, und wo es angieng, auf die feindlichen Truppen, welche sich indessen für's Erste auf keinen ernstlichen Kampf einlassen wollten. Die Führer der kaiserlichen Legionen hatten sich in der Stärke der Vertheidiger des Tempels verrechnet. Wenige Hunderte sollten sich in denselben geworfen haben, aber allein auf dem Dache zeigten sich mehr als tausend, und mit jeder Stunde schien sich das Serapeum bedrohlicher mit heidnischen Männern und Weibern zu füllen. Die Römer vermutheten, diese wachsenden Schaaren seien seit der Ankunft des Cynegius in geheimen Sälen und Zimmern des Serapeums verborgen gewesen, und ahnten nicht, daß sie fortwährend Zuzug erhielten. Auch Karnis war mit Herse und seinem Sohne vom Holzplatze des Porphyrius aus durch den trockenen Kanal in das Heiligthum gekommen, und ein langer, selten unterbrochener Strom von Anhängern der alten Götter und des Serapis war ihnen vorangegangen und auf der Ferse gefolgt. Während der alte Eusebius in der Marcuskirche seine Gemeinde aufforderte, christliche Liebe gegen die besiegten Götzendiener zu üben, hatten sich an viertausend widerstandslustige Heiden in den Räumen des Serapeums vereinigt. Eine stattliche Zahl! Aber dieses Bauwerk war von so gigantischem Umfang, daß sich die Masse der Anwesenden und Zuströmenden nur locker über das Dach, durch die Säle und unterirdischen Gänge und Kammern vertheilte. Nirgends kam es zum Gedränge und am wenigsten in den Hallen des eigentlichen Tempelraumes, ja, es gab in der großen, von einer Kuppel stolz überwölbten Rotunde, die den Eintretenden empfieng, in der breiten Vorhalle, welche dieser folgte, und in dem Hypostyl ohnegleichen, an dessen Hinterwand sich die halbrunde, thurmhohe Nische mit dem berühmten Bilde des Serapis öffnete, nur vereinzelte Menschengruppen zu sehen, und auch diese erschienen, wenn das Auge die unermeßlich langen Säulenreihen durchmaß, zwerghaft klein. Nur in die Rotunde mit ihren vier alles menschliche Maß überragenden Säulen fiel durch die Fenster in der Trommel, auf welcher die Kuppel ruhte, das volle Licht des Tages. In der Vorhalle herrschte heimliche Dämmerung, im Hypostyl ein von wundersamen Lichtströmen durchkreuztes Halbdunkel von geheimnißvoller Wirkung. Die Schatten der Riesensäulen in der Vorhalle und den doppelsäuligen Kolonnaden zu beiden Seiten des Hypostyls lagen wie lange Streifen von dunklem Flor auf dem vielfarbigen Estrich; Mosaikleisten, Kreise und Ellipsen verbrämten und schmückten die glatte Fläche dieses tadellos blanken Bodens, und in ihm spiegelten sich die in lichter Farbenpracht glänzenden astrologischen Darstellungen an den steinernen Decken, die Götteraufzüge und mythologischen Gruppen, welche in kunstvollen, prächtig gefärbten Hautreliefs die Wände zierten, sowie die Statuen und Hermen zwischen den Säulen. Eine Überfülle von schönen Formen und Farben stürmte hier in überwältigendem Wirrwarr auf das Auge ein, der Athem fühlte sich beengt von der süßen unabweisbaren Flut des Wohlgeruchs, welcher diese Hallen durchwallte, und der magischen, mystischen, nie gesehenen Zeichen, Figuren und Gestalten waren so viele, daß der nach Erklärung und Deutung des Unverstandenen und Geheimnißvollen dürstende Sinn beunruhigt zauderte, dem Einzelnen näher zu treten. Wie dichtes Gewölk, welches eine Bergesspitze verhüllt, floß ein schwerer Vorhang, welchen Giganten an einem Webstuhle von übermenschlicher Größe gewirkt zu haben schienen, von der Höhe des Hypostyls aus in schönen Falten über der Nische mit dem Bilde des Serapis zu Boden, und während er dies den Blicken entzog, lockte er sie an durch die Welt von geheimnißvollen, schönen und seltsamen Figuren, mit denen er durchwebt und bestickt war. Das Gold- und Silbergeräthe und das Edelgestein, welches diese Hülle verdeckte, hatten höhern Werth als der Schatz eines mächtigen Königs. Und dies Alles erschien so überwältigend groß, daß der Mensch daneben die eigene Kleinheit schaudernd empfand, daß der Geist nach neuen Maßstäben suchte, um sich unter so ungewohnten Verhältnissen heimisch zu machen. Das Unendliche, Unermeßliche schien hier an das Endliche zu grenzen, und wer mit zurückgebogenem Haupte aufschaute zu den Spitzen der Säulen und der unerreichbaren Höhe der Decken, der fühlte die gesunde Sehkraft erlahmen, bevor es ihm gelungen war, auch nur einen armen Bruchtheil der wimmelnden Gebilde und Zeichen da oben zu erfassen oder gar zu begreifen. Und dennoch konnte hier, wo sich griechische Schönheit mit der Pracht und Großartigkeit des Morgenlandes vermählte, auch das Kleinste jede Prüfung bestehen; denn da war keine architektonische Form, kein Werk des Bildhauers, Malers, Erzgießers, Mosaicisten oder Webers, welches nicht den Stempel gediegenen Werthes und hoher Vollendung getragen hätte. Der braunrothe, gesprenkelte Porphyr, der weiße, grüne, gelbe und rothe Marmor, welcher hier zur Verwendung gekommen, war der schönste und reinste, welchen Griechenhände jemals bearbeitet hatten. Jede von den tausend Skulpturen, die hier Aufnahme gefunden, war das Meisterwerk eines großen Künstlers, und wer sich liebevoll der Betrachtung der Mosaiken auf den blendend glatten Fußböden hingab oder wer die ornamentirten Stäbe, welche die Hautreliefs umrahmten und die Wände in Felder zerlegten, eingehend prüfte, der wurde von Entzücken und Bewunderung ergriffen über den Schönheitszauber, die Zierlichkeit und die Ideenfülle, welche auch diesen kleinen Werken Größe, Reiz und Bedeutung verlieh. Hunderte von Höfen, Sälen, Gängen und Kammern schlossen sich an diese gewaltigen, dem Kultus gewidmeten Hallen oder breiteten sich in verschiedenen Stockwerken unter denselben aus. Da gab es lange Zimmerreihen mit mehr als hunderttausend Bücherrollen, die berühmte Bibliothek des Serapeums, mit welcher Lesezimmer und Schreibstuben verbunden waren; da lagen Speise-, Aufenthalts- und Versammlungszimmer für die Leiter des Tempels, für Lehrende und Schüler, da drang scharfer Duft aus den Laboratorien und Speisegeruch aus den Küchen und Bäckereien. In dem festen Gemäuer des Unterbaus lagen die verlassenen Zellen der Büßer und die Wohnungen der niederen Beamten und Sklaven des Tempels, welche nach Hunderten zählten; in den unterirdischen Räumen öffnete sich die geheimnißvolle Welt der für die Einführung in die Mysterien und die Übung derselben bestimmten Säle, Grotten, Gänge und Schlünde, und auf dem Dache des Heiligthums waren Observatorien errichtet und erhob sich noch heute die große Sternwarte, auf der ein Eratosthenes und Claudius Ptolemäus thätig gewesen. Astronomen, Sterndeuter, Stundenschauer und Magier verbrachten dort die Nächte, und tief unter ihnen in den Höfen des Tempels, um welche sich Ställe und Magazine reihten, floß das Blut der Opferthiere und wurden die Eingeweide der geschlachteten Rinder und Schafe geprüft. Ja, die Wohnung des Serapis war eine Welt im Kleinen, und die Jahrhunderte hatten sie überreich ausgestattet mit Schönheit und den edelsten Gaben der Kunst und des Wissens. Magie und Zauberei umwoben sie mit geheimnißvollem mystischem Reiz, und die Philosophie hatte tiefe und mannigfaltige Spekulationen an das Wesen des Serapis geknüpft. Gewiß, dies Heiligthum war das Herz des hellenischen Lebens in der Stadt Alexander's! Was Wunder, wenn die Heiden wähnten, beim Sturze des Serapis und seiner Behausung werde die Erde, müsse die Welt mit in den Abgrund versinken. Bange klopfenden Herzens waren sie in das Serapeum geströmt, gewärtig, mit ihrem Gotte zu Grunde zu gehen, und doch voll des enthusiastischen Verlangens, seinen Fall zu verhindern. Welch wunderliches Gemisch von Männern und Weibern hatte sich heute in den geweihten Räumen zusammengefunden! Ernste Gelehrte: Philosophen, Grammatiker, Mathematiker, Naturkundige, Ärzte hielten sich zu Olympius und folgten ihm schweigend. Rhetoren mit glatten Gesichtern, Magier und Zauberer, deren lange Bärte über Talare mit wunderlichen Figuren flossen, die studirende Jugend, gekleidet wie ihre geistigen Ahnherren in den Blütetagen Athens, Männer jeden Alters, welche sich Künstler nannten und doch nur noch nachzuahmen verstanden, was größere Zeiten geschaffen, Unglückliche, welche in dieser Epoche der Vernichtung des Schönen Niemanden fanden, der sie aufgerufen hätte, ihr Können zu bewähren und ihr höheres Streben in die That umzusetzen. Schauspieler aus den herabgekommenen Theatern, brodlose Histrionen, deren Bühnen Kaiser und Bischof geschlossen, Sänger und Flötenbläser, hungernde Priester und Tempeldiener, die man aus heidnischen Heiligthümern getrieben, Advokaten, Schreiber, Schiffsführer, Handwerker und dazu wenige Kaufleute; denn das Christenthum hatte aufgehört, die Religion der Armen zu sein, und die Besitzenden schlossen sich an den von der Obrigkeit begünstigten Glauben. Einem der Studirenden war seine fröhliche Genossin gefolgt, und sogleich begaben sich Andere durch den geheimen Gang in die Stadt zurück und kehrten mit ihren Liebchen und deren Freundinnen wieder. So mischte sich denn unter die Männer eine große Zahl von bekränzten und aufgeputzten Dirnen, aus den Tempeln gestoßenen Hierodulen und Priesterinnen von besserem Rufe, welche treu an den alten Göttern hiengen oder der Magie ergeben waren. Von diesen Weibern stach eine hohe und würdige Matrone in schwarzen Trauergewändern auffallend ab. Es war Berenice, die Mutter des jungen Heiden, der auf dem Präfekturplatze niedergeritten und verwundet worden war, und dem der alte Eusebius die Augen zugedrückt hatte. Sie war in das Serapeum gekommen, um ihren Sohn rächen zu helfen und mit den Göttern, für die er sein junges Leben gelassen, zu Grunde zu gehen. Das wilde Treiben um sie her that ihr weh, und ganz in sich versunken und tief verschleiert behauptete sie stundenlang ihren Platz zu Füßen des ehernen Bildes der lohnenden und strafenden Gerechtigkeit Nach ägyptischer Auffassung. und schaute schweigend zu Boden. Olympius hatte dem ergrauten Legaten Memnon, einem erfahrenen Heerführer, welcher im Kampfe gegen die Gothen den linken Arm verloren, den Oberbefehl über die waffenfähigen Männer anvertraut, und war bald bemüht, das kleine, zusammengewürfelte Heer zum Gehorsam gegen den Veteranen zu bewegen, bald hatte er Streit zu schlichten, das wirre Durcheinander zu lösen und Ausschreitungen entgegenzutreten, bald wieder Anordnungen zu treffen, welche sich auf die Verpflegung der Seinen und das große Opfer bezogen, bei dem er die Getreuen des Serapis vereinigen wollte. Karnis hielt sich in seiner Nähe und leistete ihm hülfreiche Hand, wo er konnte; Orpheus war mit anderen jungen Männern auf das Dach kommandirt worden und lockerte dort im Brande der Sonne auf heißen Kupferplatten und neben der glutausstrahlenden Kuppel die Quadern und Säulen, welche man morgen auf die Angreifer zu schleudern gedachte. Frau Herse pflegte die Wunden und Kranken, denn einige Wenige, welche sich bei der Versperrung der Zugänge des Heiligthums kühn vorgewagt hatten, waren von Pfeilen und Lanzen der eigentlich unthätigen Truppen erreicht worden, und eine weit größere Zahl von heidnischen Jünglingen hatte bei der Arbeit auf dem Dache der Sonnenstich oder ein ähnlicher Unfall getroffen. In den weiten Hallen des Tempels blieb es kühler als in den glühenden Straßen der Stadt, und die Stunden vergingen den Belagerten schnell. Viele von ihnen hatten die Hände zu regen oder Wache zu halten, Andere tauschten Meinungen aus, stritten sich oder ergiengen sich in Vermuthungen über das, was da kommen sollte und mußte. Viele kauerten, von Angst oder frommer Scheu ergriffen, am Boden, beteten, murmelten Beschwörungen und weinten. Magier und Sternseher hatten sich mit ihren Anhängern in Nebensäle zurückgezogen und hielten Tafeln zusammen, um zu rechnen, zu deuten, nach neuen Formeln zu suchen und sie gegen Anfechtungen zu vertheidigen. Zwischen ihnen und der Bibliothek herrschte ein ununterbrochenes Hinundher, und die Tische waren bedeckt mit Rollen und Tafeln, welche alte Voraussagungen, Horoskope und wirksame Beschwörungen enthielten. Boten auf Boten, welche zur Ruhe mahnen sollten, wanderten von ihnen in die großen Hallen, wo Hunderte von Jünglingen mit ihren Mädchen unter Küssen und Toben bei gellenden Flöten und hellem Lautenklang tanzten, in die Hände klatschten und Tambourins schüttelten, um fröhlich auszunützen, was ihnen noch an Stunden vergönnt war, bevor es den Sprung in das Nichts oder die ungewissen Schatten des Todes zu thun galt. So gieng die Sonne dem Untergange entgegen, und nun durchklirrte, gellte und tönte, die Luft erschütternd, der betäubende Schall von machtvoll geschlagenen ehernen Scheiben die weiten Hallen des Tempels. Wie brandende Wogen eines klingenden Meeres prallten die Wellen des gewaltigen Metalltones von den harten Wänden des Heiligthums zurück und durchzitterten und durchsausten alle Räume des Riesenbaues, von der höchsten Kammer auf der Warte des Sternsehers bis in die tiefste Kellerhöhle, und riefen Alles zusammen, was den Weg in das Haus des Serapis gefunden. Die heiligen Räume füllten sich, aus der Rotunde drängte sich der wachsende Strom in die Vorhalle, und bald war auch das Hypostyl mit dem verhüllten Bilde des Gottes übervoll von Männern und Weibern. Ohne Unterschied des Standes und Geschlechtes, ohne Rücksicht auf die üblichen Formen und die höheren und niederen Weihen, welche ein Jeder empfangen, drängten sich die Serapisdiener heute der ehrwürdigen Nische entgegen, bis eine Kette, welche Neokoren in gemessener Entfernung von dem unnahbaren Halbrund ausgespannt hatten, ihnen Halt gebot. Kopf an Kopf harrte die Gemeinde des Götterkönigs in athemlosem Schweigen in dem Schiff des Hypostyls und in den Säulengängen zur Seite der kommenden Dinge. Bald ließ sich dumpfer Männergesang vernehmen. Er dauerte nur wenige Minuten; dann aber braus'te, von Flöten, Cymbeln, Lauten und Paukenschlägen begleitet, die Begrüßung des Gottes durch den weiten Raum seines Tempels. Karnis hatte sich mit seinem Weibe und Sohne zusammengefunden, und alle Drei hielten einander bei den Händen und stimmten begeistert in das Herz und Sinn fortreißende Jubellied ein, und mit ihnen der Kaufherr Porphyrius, welchen der Zufall in ihre Nähe geführt hatte, und die Tausende rings um sie her. Ein Jeder hatte Augen und Hände erhoben und schaute fieberhaft gespannt auf den Vorhang. Tiefe Dämmerung verhüllte die Bilder und Zeichen auf dem gewaltigen Teppich; aber jetzt, jetzt kam Leben in die starren Falten, jetzt regten sie sich, jetzt begannen sie zu rinnen wie Ströme, Bäche, Wasseradern, die nach langer Hemmung in Fluß gerathen, jetzt senkte sich der Vorhang, und jetzt, jetzt stürzte er plötzlich und so schnell, daß der Blick ihm kaum zu folgen vermochte, in sich zusammen. Und nun scholl von tausend Lippen, wie aus einem Munde, ein Ruf der Bewunderung, des Staunens, des Entzückens, denn Serapis hatte sich den Seinen gezeigt. Würdevoll thronte die reife Männergestalt des Gottes auf dem goldenen Königssitze, der mit Edelsteinen über und über besetzt war. Sinnend und ernst schaute sein schönes und gutes Antlitz den Andächtigen entgegen. Das reiche Lockenhaar, welches seine weise Stirne umrahmte, und der Kalathos , welcher auf seinem Scheitel ruhte, waren von gediegenem Golde. Zu seinen Füßen lag der Cerberus und reckte die drohenden Drillinge, seine Köpfe, aus denen Rubinenaugen blitzten, weit hinaus in die Luft. Von Gold und Elfenbein war der edle Leib des Gottes – ein Musterbild ruhender Kraft – und das Gewand gebildet. Tadellos harmonisch, vollendet schön im Ganzen wie im kleinsten seiner Theile, war dieses Abbild übermenschlicher Macht und göttlicher Hoheit. Wenn dieser Fürst sich von seinem Sitze erhob, so mußte die Erde wanken und der Himmel erzittern. Vor solchem Könige beugte sich auch der Starke mit Freuden, in so erhabener Schönheit prangte kein sterblicher Mann. Dieser Weltenherrscher triumphirte gegen jeden Gegner, auch gegen den Tod, das Ungeheuer, welches sich in ohnmächtiger Wuth zu seinen Füßen krümmte. Mit stockendem Athem, von frommem Schauder ergriffen, entzückt und dennoch stumm vor andächtiger Scheu, schauten die Tausende zu den vom Dämmerlicht umflorten Wunderformen ihres Gottes empor, und nun – o Augenblick ohnegleichen! – nun brach ein Abgesandter der sinkenden Sonne, ein heller Lichtstrahl durch die mit goldenen Sternen besäte blaue Wölbung der Nische und streifte, als wolle er den Mund seines Gebieters und Vaters küssen, die Lippen des Gottes. Da rang sich ein Jubelruf wie dröhnender Donner und das Schmettern der Brandung an harte Riffe aus der Brust der versammelten Menge so übermächtig hervor, daß die Standbilder und ehernen Altäre in der weiten Halle erbebten, die Vorhänge schwankten, das Opfergeräth klirrte, die hangenden Lampen und Kronleuchter in Schwingungen geriethen und sein Wiederhall wie Ströme im Überschwang der reißenden Hochflut an das Gemäuer prallte und, in hundert Flüsse zerrissen, von Säule zu Säule wogte. Noch war der große Sonnenball seines Meisters gewärtig, noch thronte Serapis in ungebrochener Allmacht, noch gebrach ihm nicht das Vermögen, sich selbst, seine Welt und die Seinen zu schützen! Da brach mit dem Untergang des Tagesgestirns nächtiges Dunkel schnell in den Tempel, und plötzlich zuckte es in der Wölbung über dem Gotte hin und her, die Sterne regten sich, von unsichtbaren Händen geschoben, und aus vielen Hunderten von fünfstrahligen Luken leuchteten bunte Flammen in prächtigem Glanz. Von hellem, magischem Licht umflossen zeigte der Gott sich noch einmal den Seinen, und nun erst in seiner vollen, edlen, einzigen Schönheit. Wiederum erdröhnte der Tempel vom Jubelgeschrei der begeisterten Heiden, und nun erschien Olympius im wallenden Gewand, mit den Binden und dem Schmucke des Oberpriesters auf dem Fußgestelle des Götterbildes, goß vor dem Himmlischen aus goldener Schale ein Trankopfer aus, räucherte mit köstlichem Weihrauch, forderte in glühender Rede die Getreuen des Serapis auf, für den Gott zu kämpfen und zu siegen, oder, müßte es sein, für ihn und mit ihm zu Grunde zu gehen. Dann sprach er mit weithin schallender Stimme ein brünstiges Gebet, das aus tiefem Herzensgrunde kam und den Weg fand in die Herzen der Seinen. Nun hob sich unter feierlichem Chorgesang wieder der Vorhang, und während die Tausende seinem Aufsteigen in stiller Andacht folgten, giengen Tempeldiener in den Hallen umher und entzündeten die Lampen an den Decken und Wänden und Säulen. Karnis hatte die Hände aus denen der Seinen gelös't, denn er brauchte sie, um die Thränen zu trocknen, welche ihm in dieser großen Weihestunde über die alten Wangen geflossen waren; sein Sohn hielt die Mutter umfangen, und Porphyrius, welcher sich mit befreundeten Gelehrten zusammengefunden, nickte den Sängern verständnißvoll zu. Neunzehntes Kapitel. Eine Stunde nach Sonnenuntergang waren die Stieropfer im großen Hofe des Serapeums beendet. Der Gott, verkündeten die Moschosphragisten, Opferpriester, denen die Schau des Eingeweides der geschlachteten Thiere oblag. habe sie gnädig angenommen – die Eingeweideschau sei günstiger ausgefallen als gestern. Das Fleisch der geschlachteten Rinder wanderte sogleich in die Küchen, und wenn der Bratenduft, welcher aus denselben aufstieg, dem Serapis so genehm war wie seinen Verehrern, so durften dieselben auf einen guten Ausgang ihres Widerstandes rechnen. In den oberen Tempelräumen verbreitete sich unter den Belagerten bald eine glückliche Stimmung; denn Olympius hatte sie aus den Weinspeichern des Heiligthums reichlich mit Rebensaft beschenkt, und in Folge des schönen Verlaufes der Begrüßung des Serapis und der Opfer war neue Zuversicht und festliche Freude über sie gekommen. Es galt, weil es an Lagerstätten fehlte, die Nacht zum Tage zu machen, und da das Leben der meisten unter ihnen auf den Genuß des Augenblicks gestellt war und ihnen das Neue und Absonderliche immer reizvoll erschien, schmaus'ten und zechten sie bald in übermüthiger Laune. Polster, auf denen sie zu speisen und zu trinken gewohnt waren, gab es nicht, und so griff man nun zu dem wunderlichsten Geräth und verwandelte es aus dem Stegreif in Sitze. Wo es an Bechern fehlte, ließ man die Krüge kreisen oder Opferschalen und ähnliches Geschirr von Mund zu Mund gehen. Manches Jünglingshaupt ruhte im Schooße der Liebsten, manches Mädchen lehnte sich an den Rücken eines Alten, und da es an Blumen fehlte, wurden Boten ausgeschickt, um Blüten, Zweige und Ranken aus der Stadt zu holen. Solche waren leicht zu beschaffen, und die Zurückkehrenden brachten die Kunde mit, daß das Wettfahren morgen abgehalten werde. Diese Nachricht war für Viele von großer Bedeutung, und als Nikarch, des reichen Hippokleides Sohn, und der Teppichweber Zenodot, dessen Viergespann schon früher einmal gesiegt hatte und mit dem er auch diesmal den Kranz zu erringen hoffte, sich rasch entfernten, um in den Ställen die nöthigen Anordnungen zu treffen, folgte ihnen der schöne Agitator Hippias, welcher die Rosse großer Kaufherren in der Arena zu lenken gewohnt war. Diese Drei zogen Pferdeliebhaber, Freunde der Rosselenker, Blumenhändler, Platzvermiether, kurz Viele, welche sich im Hippodrom besondern Gewinn oder Genuß versprachen, nach sich. Jeder Einzelne meinte, auf ihn allein komm' es nicht an, und da der Gott günstig gestimmt sei, werde er sein Heiligthum schon selbst bis nach dem Rennen zu vertheidigen wissen. Dann wollten sie zurückkehren, um mit den Anderen zu siegen oder zu sterben. Manche dachten auch an Weib und Kind und das gute Bett zu Hause, und so lichteten sich die Reihen der Schmausenden. Dennoch blieb weitaus die größere Hälfte der Zusammengeströmten, mehr als dreitausend Männer und Weiber, zurück. Diese bemächtigten sich fröhlich der halb geleerten Weinkrüge ihrer entwischten Genossen, man sorgte für lustige Musik, und man zechte, jubelte und tanzte, mit bunten Kränzen um Haupt und Schultern, des Gottes voll, in die Nacht hinein. Das frohe Gelage ward bald zur tobenden Orgie, und lautes Evoerufen und zügelloses Gebrüll störte wiederum die Magier, welche sich von Neuem rechnend, lesend und streitend in ihre Tafeln und Schriftrollen versenkt hatten. Die Mutter des erschlagenen Jünglings hockte auch jetzt noch unter dem Bilde der Gerechtigkeit und ließ sich geduldig das Herz von dem Jubel der trunkenen Zecher zerschneiden. Jedes Gelächter, jeder Ausbruch der tollen Laune da drüben that ihr namenlos weh, und es würde ihr doch lieblich geklungen haben, wenn zu diesen tausend Stimmen nur noch eine einzige gekommen wäre. Als Olympius hoch erhobenen Hauptes, immer noch im reichen Ornat seines Amtes, an der Spitze anderer Priester die Tempelhallen durchschritt, bemerkte er auch sie, die er als stolze, glückliche Mutter gekannt hatte, und bat sie, ihm zu den Freunden zu folgen, welche er an seine Tafel geladen; ihr aber graute vor dem geselligen Beisammensein mit Menschen, welche sie kannte, und sie behauptete weiter ihren Platz unter dem Bilde der Göttin. Wo der Oberpriester sich zeigte, wurde er mit Begeisterung begrüßt. Frisch und heiter rief er den Zechenden ein »Freut euch!« zu, ermunterte sie mit klugen, zündenden Worten und erinnerte sie an den Pharao Mykerinus. Dem war ein Orakel geworden, daß er nur noch sechs Jahre zu leben habe, und darauf hatte er, um diese Voraussagung Lügen zu strafen, die Nächte durchschwärmt und aus sechs ihm bewilligten Jahren ein ganzes Dutzend gemacht. »Thut es ihm nach!« rief er und hob den Becher, »ja, drängt in die wenigen uns bewilligten Stunden den Genuß eines Jahres zusammen! Aus jedem Pokal, den ihr an die Lippen führt, spendet, wie ich es hier thue, dem Gotte!« Unbändiges Jubelgeschrei folgte diesem heitern Aufruf, die Flöten und Cymbeln fielen laut und ungerufen ein, kupferne Becken klirrten hell aufeinander und manche kleine Faust schlug auf das Tambourin, daß das Kalbfell erdröhnte und die Glöckchen am Reifen fröhlich erklangen. Olympius dankte und schritt grüßend durch die Gruppen der Seinen. So hoch hatte das Herz ihm selten geschlagen. Vielleicht war sein Ende nicht fern, aber seiner würdig sollte es werden! Er wußte, wie die Sonnenstrahlen gelenkt worden waren, die den Mund des Serapis geküßt hatten. Seit Jahrhunderten wurde dies überraschende Schauspiel und die plötzliche Beleuchtung der Wölbung zu Häupten des Gottes bei hohen Festen gerade so in Szene gesetzt Diese Veranstaltung der Serapispriester wird von Rufinus erwähnt. wie es heute geschehen war; aber das waren nur Reizmittel für die Menge, deren träger Geist auf die Wunderkraft des Gottes gestoßen werden mußte, welche der Auserwählte überall in dem magischen Zusammenwirken aller Kräfte und Erscheinungen in der Natur und im Menschenleben erkannte. Was ihn betraf, so glaubte er fest an die Macht des Serapis und die Voraussagungen und Berechnungen, aus denen hervorging, daß sein Sturz den Rückfall der geordneten Welt in das Chaos nach sich ziehen werde. Viele Winde durchwehten die Welt und alle trieben das Lebensschiff in den Abgrund; ob heute oder morgen, was that es? Das nahende Ende aller Dinge schreckte Olympius nicht. Nur Eins erfüllte seine Eitelkeit mit Bedauern: es sollte keine Folgegeschlechter geben, um den Ruhm seines heldenhaften Streites und Unterganges für die Sache der Götter zu feiern! Aber noch war nicht Alles verloren, und seine sonnige Natur sah im Abendglühen des sinkenden Tages den Vorglanz und das Frühroth eines kommenden Morgens. Erschien die erwartete Hülfe, siegte hier in Alexandria die gute Sache und vollzog sich die Erhebung der gesammten heidnischen Griechenwelt, dann hatten ihn Vater und Mutter mit Recht Olympius genannt, dann tauschte er mit keinem der olympischen Götter, dann sollte der Ruhm seines Namens, dauerhafter als Erz und Marmor, mit Sonnenglanz fortleuchten, so lange ein griechisches Herz die alten Götter ehrte und das Vaterland liebte! Diese Nacht – vielleicht seine letzte – sie sollte eine edle, eine köstliche Festnacht werden, und so hatte er denn seine Freunde und Gesinnungsgenossen, die Führer des geistigen Lebens in Alexandria, zu einem Symposion im Sinne der großen Weisen und Lebenskünstler des alten Athen in den Versammlungsraum der Serapispriester geladen. Wie sah es darin so ganz anders aus als im Sitzungszimmer des bischöflichen Hauses! Die Christen tagten, von nackten Wänden umgeben, auf hölzernen Sesseln um einen armseligen Tisch; das weite Gemach, in welches Olympius seine Freunde geladen, war ein prächtiger, an Kunstschätzen reicher, mit kostbarem Getäfel, getriebenem Erz und Purpurstoffen geschmückter Königssaal. Schwellende Polster, auf denen Löwen- und Pantherfelle lagen, luden zur Ruhe, und als der viel gefeierte Mann nach seinem Gang durch den Tempel sich zu seinen Gästen gesellte, waren alle Lager dicht besetzt. Helladius, der berühmte Grammatiker und Oberpriester des Zeus, lag zu seiner Rechten, Porphyrius, der Wohlthäter des Serapeums, zu seiner Linken; auch Karnis hatte Platz unter den Gästen seines alten Freundes gefunden, und wie genoß er den edlen Rebensaft, welcher hier kreiste, wie das kluge und lebhafte Gespräch, dessen er so lange entbehrt hatte! Olympius war einstimmig zum Symposiarchen erwählt worden und hatte seine Gäste aufgerufen, sich zunächst mit der alten Frage nach dem höchsten Gute zu beschäftigen. Sie Alle, sagte er, stünden gleichsam auf der Schwelle, und wie Wanderer, welche ein altes, liebes Heim verlassen, um sich ein neues, ungewisses in der Ferne zu suchen, sich noch einmal fragen, was denn von Allem, was sie im Schutz der alten Penaten genossen, das Beste und Dankenswertheste gewesen, so zieme es ihnen, in dieser Stunde sich das zu vergegenwärtigen, was das höchste Gut ihres Daseins auf Erden gewesen. Sie stünden ja vielleicht am Vorabend eines herrlichen Sieges, vielleicht aber auch auf der Brücke, welche das Ufer des Lebens mit dem Nachen des Charon verbindet. Dieser Stoff war einem Jeden geläufig, und im Nu hatte sich ein feuriger Gedankenaustausch entsponnen. Blumenreicher, prunkender wurde hier sicher geredet als im alten Athen, aber das Gespräch führte nicht zur Vertiefung und helleren Beleuchtung der alten Frage. Die Streitenden brachten nur vor, was früher über das höchste Gut gedacht und gesagt worden war, und als Helladius aufforderte, sich zunächst über die Natur des menschlichen Wesens Klarheit zu schaffen, kam es zu einer glänzenden Klopffechterei über die Frage: ob der Mensch das beste oder schlechteste sei unter den lebenden Geschöpfen? Dabei gab es viel von dem mystischen Zusammenhang der Geister- und Körperwelt zu hören, und verblüffend wirkte die Einbildungskraft, mit der diese wunderlichen Denker alle Staffeln des Stufenbaus, welcher den unfaßbaren, in sich selbst ruhenden Einen mit der göttlichen Erscheinungsform »Mensch« verband, mit Dämonen und Geistern bevölkert hatten. Man begriff hier, daß mancher Alexandriner sich scheute, einen Stein zu werfen, weil er einen der guten Dämonen, Licht- oder Schutzgeister, von denen die Luft erfüllt war, zu treffen fürchtete. Je unklarer die Vorstellungen waren, desto siegreicher verdrängten Bild und Metapher das einfache Wort, und doch freuten sich die Streitenden an dem Glanz ihrer Rede und der Fülle ihrer Ideen. Sie meinten das Übersinnliche mit Geist und Sinnen ergriffen zu haben und in ihren müßigen Spekulationen weit über die Alten hinausgekommen zu sein. Karnis schwelgte in Entzücken, und Porphyrius wünschte sich Gorgo an seine Seite und hätte, wie alle Väter, das, was er als hohe Geistesfreude empfand, seinem Kinde lieber noch als sich selbst zu genießen vergönnt. In seinem Hause sah es indessen schwül und beklommen aus. Trotz der furchtbaren Hitze war die alte Damia nicht aus der Thurmstube auf dem Dache gekommen, wo an Schriften und Instrumenten Alles vereint war, dessen der Astrolog und Magier bedurfte. Ein Priester des Saturn, welcher sich als Meister in diesen Dingen einen Namen erworben und ihr schon seit Jahren beistand, wenn sie die Geheimwissenschaft auf besondere Fälle anzuwenden wünschte, war ihr auch heute zur Hand. Er reichte ihr die astrologischen Tafeln, zog Kreise und Ellipsen, zeichnete Dreiecke und andere Figuren nach ihrer Vorschrift, nannte ihr die mystische Bedeutung der Zahlen und Buchstaben, die ihrem alternden Gedächtnisse bisweilen entfielen, rechnete für sie, machte die Probe auf ihre und die eigenen Resultate, und las ihr die Beschwörungen vor, welche sie im gegebenen Fall für wirksam erachtete. Oft wies er ihr auch neue Wege und schlug neue Formeln vor, welche zum Ziele führen konnten. Sie hatte der Vorschrift gemäß von früh an gefastet und wurde bei der wachsenden Hitze des Tages oft mitten während der Arbeit vom Schlaf übermannt. Wenn sie dann auffuhr und ihr Gehülfe unterdessen zu Endschlüssen gelangt war, welche ihren Voraussetzungen widersprachen, ließ sie ihn hart an und nöthigte ihn, die vollendete Rechnung neu zu beginnen. Gorgo stieg häufig zu ihr hinauf, aber obgleich sie ihr mit eigener Hand Erfrischungen brachte und darbot, konnte sie die Greisin nicht bewegen, auch nur die Lippen mit Fruchtsaft zu netzen; denn ein Bruch des vorgeschriebenen Fastens hätte den Erfolg ihrer Arbeit in Frage gestellt. Während sie zu schlafen schien, räucherte das Mädchen in der Warte mit kräftigen Essenzen, goß der Großmutter solche auf den Peplos, trocknete ihr sorglich die perlende Stirn und wehte ihr mit dem Fächer Kühlung zu. Die Greisin ließ das Alles geschehen, und obgleich sie nur die ermüdeten Augen geschlossen hatte, gab sie sich das Ansehen zu schlummern, um sich an der treuen Sorgfalt ihres Lieblings zu weiden. Gegen Mittag schickte sie den Magier fort, um sich durch einen kurzen Schlummer zu stärken, und nachdem sie erwacht war, raffte sie sich zusammen und blieb ernst und aufmerksam bei der Arbeit. Als sie zum Abschluß gelangt war, wußte sie, daß nichts das furchtbare Verhängniß, welches die alten Orakel voraussagten, abzuwenden vermöge. Der Fall des Serapis und das Ende der Welt stand sicher bevor. Der Magier verhüllte das Haupt, als er mit ihr übersah, wie sie zu diesem Ergebniß gekommen, und stöhnte in unverfälschtem Entsetzen; sie aber entließ ihn mit Gleichmuth, reichte ihm den Beutel, den sie am Morgen neu gefüllt hatte, und sagte mit bitterem Lächeln: »Für die Stunden zwischen jetzt und dem Ende.« Dann – die Sonne hatte die Mittagshöhe längst überschritten – lehnte sie sich ermattet zurück und befahl Gorgo, sie von Niemandem stören zu lassen, und erst zu ihr zurückzukehren, wenn sie sie rufe. Sobald sie allein war, schaute sie lange in einen glänzenden Spiegel, murmelte dabei die sieben Vokale unablässig vor sich hin und blickte dann gespannt in die Höhe. Dies seltsame Thun sollte zu einem bestimmten Ziele führen. Es bezweckte, sie ganz absterben zu lassen der Sinnenwelt, sie blind und taub und fühllos zu machen für alles Körperliche, das mit seiner befleckenden Last ihr geistiges, göttliches Theil von dem himmlischen Urquell trennte, dem es entstammte. Ihre Seele sollte, abgelös't von ihrer irdischen Hülle, den Gott schauen, dem sie entstammte. Nach langem Fasten und Ringen war sie schon mehrmals beinahe zu diesem Ziele gelangt und hatte niemals die trunkene Wonne jener Stunden vergessen, in denen es ihr gewesen, als schwebe sie in wogenden, unbeschreiblich herrlichen Lichtern leicht wie eine Wolke durch den unermeßlichen Raum. Die Mattigkeit, welche sie schon lange empfand, kam ihrem Vorhaben zu Statten, denn bald befiel sie ein leises Zittern, kalter Schweiß drang aus ihren Poren, ihre Glieder schienen sich zu lösen, sie sah und hörte nichts mehr, es war ihr, als schöpfe nicht die Lunge allein, sondern jeder Theil ihres Körpers kühlenden Athem, und vor ihren Augen hoben sich schwankende Lichtkreise in Roth und sattem Veilchenblau durcheinander. Empfiengen sie ihren seltsamen Glanz durch das ewige Licht, das sie suchte? Hob sie nicht schon eine geheimnißvolle Kraft aufwärts, dem höchsten Ziel entgegen? Hatte sich die Seele losgemacht von den Fesseln des Körpers? War sie schon mit der Gottheit Eins geworden? Hatte das Suchen Gottes mit dem Gottsein geendet? Nein! Denn die Arme, welche sie wie zum Fluge ausgebreitet hatte, sanken jetzt nieder, und Alles war vergebens gewesen! Ein leiser Schmerz in den alten Füßen hatte sie wieder zurückgeworfen in die elende Sinnenwelt, über die sie sich hinauszuheben versuchte. Wieder und wieder griff sie nach dem Spiegel, schaute hinein und starrte dann aufwärts, aber so oft die Empfindung des Körperlichen auf wenige Minuten aufhörte sich fühlbar zu machen und die befreite Seele ihre Schwingen fessellos zu regen begann, kam ein Geräusch, ein zuckender Muskel, eine Mücke, die ihr die Hand berührte, ein Schweißtropfen, welcher von der Stirne den Weg auf die Wange suchte, den Sinnen zu Hülfe, ihr Recht zu behaupten. Wie war es doch so schwer, sich loszumachen vom Staube! Der Künstler, welcher von dem Marmorblock das Überflüssige fortmeißelt, um zu dem Götterbild zu gelangen, war ihr Vorbild, aber das Überflüssige ließ sich leichter von dem Stein beseitigen, als von der mit dem Körperlichen so eng zusammengewachsenen Seele. Und doch hörte sie nicht auf, zäh nach dem Ziele zu ringen, das Andere vor ihr erreicht hatten, aber es kam ihr nicht näher, ja, es wich in immer weitere Ferne zurück, denn zwischen sie und das, was sie erstrebte, drängte sich eine Reihe von Erinnerungsbildern und seltsamen Gesichtern, welche sie nicht zu bannen vermochte. Der Meißel glitt aus, wurde abgelenkt, verlor seine Schärfe, bevor das Götterbild aus dem Stein hervortrat. Eine Sinnestäuschung nach der andern drängte sich ihr auf. Zuerst sah sie ihre Gorgo, den Abgott ihres alten Herzens. Sie lag schön und bleich auf einer schäumenden Woge, die sie auf ihrem feuchten Rücken emporschwang und sie dann in den gähnenden Abgrund schleuderte, der sich unter ihr aufthat. Auch sie, die Junge, kaum Erblühte, war dem allgemeinen Untergang erlesen, auch sie sollte gebrochen werden von derselben furchtbaren Hand, welche sich unterfieng, den höchsten der Götter zu stürzen. Unbezähmbarer Haß trieb sie weit fort von dem Ziele, das sie suchte, und nun änderte sich das Wahnbild, und sie sah eine wild durcheinander flatternde Schaar von kohlschwarzen Raben in unerreichbarer Höhe stille Kreise im Nebel ziehen; aber plötzlich verschwanden sie, und nun trat aus dem grauen Dunst das Grabmonument der verstorbenen Gattin des Porphyrius, der Mutter Gorgo's, deutlich hervor. Wie oft war sie ihm mit Rührung genaht, aber jetzt wollte sie es nicht sehen, jetzt nicht, und es ließ sich auch bannen; doch an seine Stelle trat das Bild der lieblichen Frau ihres Sohnes, die in dem köstlichen Grabmale ruhte, und gegen dieses Gesicht anzukämpfen gebrach es ihr an Willen und Kraft. Und dennoch zeigte es ihr die Verstorbene auf dem verhängnißvollen letzten Gange ihres Lebens. Ein feierlicher Aufzug schritt aus dem hohen Thore ihres Hauses festlich geschmückt auf die Straße, an seiner Spitze Flötenbläser und singende Mädchen, dann ein weißer Stier mit einem glutrothen Kranz von Granatblumen, den Blüten des Baumes, welcher mit seinen kernreichen Äpfeln ein Symbol der Fruchtbarkeit war, am mächtigen Halse. Seine Hörner waren vergoldet und neben ihm wandelten Sklaven mit weißen Körben voll Brod und Kuchen und Blumen in buntem Gehäuf. Andere mit lichtblauen Käfigen, in denen Gänse und Tauben hockten, folgten ihnen nach. Das Rind, das Gebäck, die Blumen und die Vögel waren bestimmt, in das Heiligthum der Eileithyia gebracht zu werden als Opfer für die freundliche Göttin, welche den Wöchnerinnen beistand. Hinter dem Stiere schritt Gorgo's Mutter dahin, schön bekränzt und mit dem unbeholfenen, zagenden Stolz der hoffenden Frauen. Wie schamhaft und fromm sie das Auge senkte! Sie mochte der kommenden schweren Stunde gedenken und mit stillem Gebet das Opfer begleiten. Ihr folgte Damia selbst mit Freundinnen des Hauses, Klienten, deren Frauen und ihren eigenen dienenden Weibern. Alle trugen Granatäpfel in der Rechten, und mit der Linken hielten sie die bunte Blumenguirlande, welche sie frei und freundlich verband. So gelangten sie bis an die Werft des Clemens; dort aber kamen ihnen wilde Mönche aus den nitrischen Klöstern entgegen, und als sie das Opfer sahen, schalten sie laut und schmähten die Heiden. Die Sklaven wiesen sie unwillig zurück. Da stürzten sich die hohlwangigen Schaffellträger mit Geißelhieben auf das unschuldige Schlachtthier, welches ihnen ein Gräuel war, und der Stier erhob den gewaltigen Kopf, wandte ihn schnaufend nach rechts und nach links, streckte den Schweif straff von sich, riß sich von den geschmückten Knaben los, denen er bis dahin geduldig gefolgt war, schleuderte einen der Mönche mit dem gewaltigen Horn hoch in die Höhe, wandte sich und rannte wüthend auf die Frauen ein, welche ihm folgten. Wie ein Taubenschwarm, auf den der Habicht stößt, stoben sie auseinander. Einige wurden in den See, Andere an die Umzäunung der Werft gedrängt, und auch sie, welche dies Alles mitten auf dem Wege zur Vereinigung mit der Gottheit zum zweiten Male durchlebte, sie ward mit der hoffenden Frau, nach der sie die Hände ausgestreckt hatte, zu Boden gerissen. Gorgo dankte dieser Marterstunde das Leben, ihre Mutter erntete in ihr den Tod, und am folgenden Tage gab es in Alexandria ein Leichenbegängniß, so groß, so feierlich und glänzend, als werde ein siegreicher Feldherr zu Grabe getragen. Es galt dem von dem Stiere durchbohrten Mönche; der Bischof hatte verkündet, daß sich dieser im Kampfe gegen den Gräuel der blutigen Opfer des Götzendienstes die ewige Krone des Paradieses erworben. Die Raben, die schwarzen Raben begannen wieder vor Damia's Augen zu flattern, und ein herrlicher Griechenjüngling jagte sie froh mit dem Thyrsusstab auseinander. Sein kraftvoller, geschmeidiger Leib glänzte noch von dem Salböl aus der Timagetischen Ringbahn, dem Schauplatz seiner Siege in allen Übungen der Jugend. Er trug die Züge, er hatte das Lockenhaar ihres Sohnes Apelles; und nun verwandelte er sich und nahm die abgezehrte Gestalt eines Büßers an, und die Kniee brachen ihm unter der Last eines schweren Kreuzes zusammen: Maria, seine Wittwe, hatte ihn, den Liebling der Götter, zum Märtyrer für die Sache des gekreuzigten Juden gestempelt und sein Andenken im Gedächtniß des eigenen Sohnes und aller Menschen verfälscht. Damia ballte die bebenden Hände, und nun erschienen die Raben wieder und umkreis'ten mit wildem Flügelschlag den gefallenen Büßer. Da trat ihr sorglos, ohne der Unglücksvögel zu achten, der eigene Gatte entgegen. So war er vor vielen, vielen Jahren zu ihr gekommen und hatte lachend gerufen: »Das beste Geschäft meines Lebens! Um eine Schale Wasser die Kornlieferungen für Thessalonica und Konstantinopel; hundert goldene Solidi jeder Tropfen!« Glücklicher Kaufherr! Der Gewinn dieses Tages hatte sich verzehnfacht, und Wasser, schlichtes Wasser aus dem Nil – »Taufwasser« nannt' es der Priester – hatte auch dem Sohne die Kassen gefüllt, und aus der Hufe Grundbesitz weite Flächen gemacht; aber dies Wasser, dies einfache Wasser, es stellte stillschweigend eine Gegenforderung für seine Geschenke, und diese hatten Vater wie Sohn zu leisten versagt. Durch seine Kraft verwandelte sich in Gold, was sie berührten, aber auf das Glück und den Frieden des Hauses war es wie Mehlthau gefallen. Der eine Zweig, welcher ihrem alten macedonischen Stamme entwachsen, war getrennt von dem andern, zwischen ihm und dem Stammhause in der kanopischen Straße braus'te wie ein tiefes, mit ätzendem Haß gesalzenes Meer die große Lüge ihres verstorbenen Gatten. Diese Lüge, sie hatte ihrem Sohne tausend Stunden vergiftet und den Stolzen gezwungen, sich der Würde des freien, edel denkenden Mannes zu begeben. Mit den alten Göttern im Herzen, hatte er sich in jedem Jahr mehr als einmal demüthigen und mit den verhaßten Bekennern eines andern Glaubens in der christlichen Kirche die Kniee vor dem Gekreuzigten beugen und sich öffentlich zu ihm bekennen müssen. Das Wasser, das furchtbare, goldspendende Wasser, es haftete fester an ihm wie das Brandmal an dem Arme eines gezeichneten Sklaven. Es ließ sich nicht abtrocknen und abreiben, denn wenn der falsche Christ und begeisterte Freund der olympischen Götter sich offen zu diesen bekannte und den verabscheuten neuen Glauben abschwor, so fiel das Geschenk des übermächtigen Wassers, fiel des alten Hauses ganzer Besitz dem Staat und der Kirche anheim und des Porphyrius Kinder, der reichen Damia Enkel, wurden zu Bettlern. Und das Alles, Alles um des gekreuzigten Juden willen! Lob und Dank den Göttern! Das Ende dieses Elends war nahe. Ein Wonneschauer durchrieselte ihr Blut, als sie bedachte, daß mit ihr und den Ihren auch Alles, was Christ hieß, zerschmettert, vernichtet werden sollte. Sie hätte laut aufgelacht, wenn ihr der Schlund nicht ausgedörrt, die Zunge nicht so trocken gewesen wäre; aber aus ihren Zügen sprach triumphirender Hohn, und mitten unter den Raben, die sie dichter und dichter umschwärmten, sah sie Marcus, den Sohn der Maria, mit dem heidnischen Sängerdirnchen Dada durch die kanopische Straße fahren, und ihre verhaßte Schwiegertochter schaute ihnen nach und schlug sich jammernd die Stirn. Von berauschender Lust ergriffen, wiegte sie sich auf dem Armstuhl hin und her; aber nicht lange, denn die schwarzen Vögel schienen das ganze Gemach zu erfüllen und beschrieben in raschem, endlosem Zuge einen schnell bewegten Kreis um sie her. Sie hörte sie nicht, aber sie sah sie, und der wirbelnde Luftzug, welcher ihnen folgte, umstrudelte sie, und sie mußte ihm mit dem Haupte folgen, bis sie der Schwindel ergriff und sie zwang, nach einem festen Halt zu suchen. In sich zusammengekauert, die Hände um die Armstützen des Lehnstuhls gekrampft, saß die Greisin da wie ein Reiter, den das durchgehende Roß in der Arena im Kreise umherreißt, bis die Sinne ihr schwanden und sie, aufgerieben von Überspannung und Erschöpfung, starr und wie leblos zu Boden sank. Zwanzigstes Kapitel. Gorgo war, seit sie die Großmutter verlassen, nicht zur Ruhe gekommen. Die vornehm gemessene Haltung ihres Wesens hatte sich in eine Beweglichkeit verwandelt, die ihr, seitdem sie aus einem stürmischen Kinde zur Jungfrau geworden, an Anderen widerwärtig erschien. Der Versuch, sich von der Bangigkeit, die ihren Athem beengte, und der Herzenspein, welche sie wie eine Wunde quälte, durch Gesang und Lautenschlag zu befreien, hatte ihre Unruhe nur gesteigert. Das Mittel, welches sich sonst, sobald ihre Seele das Gleichgewicht verloren, stets bewährt hatte, war unwirksam geworden, und das Sehnsuchtslied der Sappho, das sie zu singen begonnen, hatte das heiße Verlangen des eigenen Herzens voll an den Tag gebracht und es gleichsam in die Sonne gerückt. Sie war sich bewußt geworden, daß jede Fiber, jeder Nerv ihres Wesens nach dem Manne hinstrebte, welchen sie liebte. Sie hätte das Leben hingeworfen wie eine taube Nuß für eine Stunde vollen Liebesgenusses mit ihm und durch ihn. Der Glaube an die alten Götter, die heidnische Welt, welche die Ideale ihres jungen Herzens in sich schloß, ihr Widerstand gegen das Christenthum, ihre edle Kunst, kurz Alles, was den geistigen Inhalt ihres Lebens gebildet hatte, war in den Schatten getreten vor der Einen Leidenschaft, welche ihre Seele erfüllte. Alles, Alles trieb sie, sich dem Geliebten willenlos zu ergeben, und dennoch schwankte sie keinen Augenblick, auf welche Seite sie sich bei dem nahenden Zusammenprall der die Welt regierenden Mächte zu stellen habe. Die vergangenen Stunden hatten ihren Glauben an das Ende der Dinge in feste Zuversicht verwandelt. Der Untergang der Welt brach herein: es stand ihr bevor, mit Konstantin vereint zu Grunde zu gehen, und das erschien ihr wie ein hohes Göttergeschenk. Während Damia sich vergeblich abgemüht hatte, ihre Seele von den Banden des Körperlichen loszuringen, war Gorgo bald zu den geängstigten Sklaven gegangen, um ihnen Muth zuzusprechen und sie durch Beschäftigung vor dumpfer Verzweiflung zu retten, bald auf das Dach gestiegen, um zu sehen, ob die Großmutter ihrer noch immer nicht bedürfe. Als es dunkelte, hatte sie bemerkt, daß mehrere dienende Weiber, und mit ihnen auch einige Männer, entflohen waren. Sie hatten sich schon früher dem neuen Glauben zugeneigt und waren zu christlichen Genossen oder in die Kirchen gelaufen, um sich unter den Schutz des gekreuzigten Gottes zu stellen, dessen große Macht das nahende Verderben vielleicht aufhalten konnte. Porphyrius hatte einmal einen Boten gesandt, um seiner Mutter und ihr mitzutheilen, daß es ihm wohl ergehe, daß das Serapeum eine stattliche Zahl von Vertheidigern gefunden, und daß er in dem Heiligthum übernachten werde. Bei den Römern sei ein Zaudern unverkennbar, und wenn es den Heiden morgen gelinge, den ersten Angriff abzuweisen, könne der Entsatz rechtzeitig eintreffen. Diese Hoffnung theilte Gorgo nicht; denn ein Klient ihres Vaters hatte die Nachricht gebracht, daß die Biamiten, welche bis Naukratis gekommen waren, dort von wenigen kaiserlichen Manipeln auseinandergesprengt worden seien. Das Verhängniß gieng seinen Gang und mußte ihn gehen. Der Abend brachte keine Kühlung, und als es völlig Nacht geworden war und die Großmutter noch immer nicht rief, konnte Gorgo ihre wachsende Besorgniß nicht länger bezähmen und trat, nachdem sie vergeblich an die Thür geklopft hatte, in die Warte. Ihre Amme war ihr mit der Lampe vorangegangen: beide Frauen blieben vor Entsetzen gelähmt auf der Schwelle stehen, denn vor ihnen lag die Greisin am Boden. Ihr Hinterhaupt lehnte an dem Sitze des Stuhles, von dem sie herabgeglitten war, und ihr fahles Antlitz starrte ihnen mit halbgeschlossenen Augen und weit geöffnetem Munde entseelt und gräßlich entgegen. Wein, Wasser, Essenzen waren zur Hand, das Lager, sonst für die Rast der Sternseherin bestimmt, nahm die Bewußtlose auf, und nach einigen Minuten gelang es den sorgenden Frauen, die Greisin in's Leben zurückzurufen. Mit irrem Blick schaute sie der neben ihr knieenden Gorgo in's Antlitz und murmelte leise vor sich hin: »Die Raben! Wo sind die Raben?« Dann ließ sie die Augen über die Tafeln und Rollen schweifen, welche von dem Lager und Tisch geschleudert worden waren, um für sie, die Lampe und die Arzneien Platz zu schaffen. Sie lagen in wirrem Durcheinander auf dem Estrich umher, dieser Anblick rief eine heilsame und unwillige Erregung in ihr hervor, und sie fand Kraft, wenn auch heiser und in kaum verständlichen, abgebrochenen Sätzen über die Mißachtung der heiligen Schriften und die Unordnung, in die sie gerathen, zu schelten. Während die Amme die Schriften auflas, fiel Damia in ihre Ohnmacht zurück. Gorgo rieb ihr die Stirn und suchte ihr Wein zwischen die Lippen zu flößen, aber die Alte schloß sie nur fester, bis die Amme ihrer jungen Gebieterin beistand. Da gelang es, ihr einige Tropfen des erfrischenden Trankes beizubringen, und alsbald öffnete die Greisin die Augen, rührte die Zunge mit hastigem Kosten, griff dann selbst nach dem Becher, führte ihn zum Munde, und obgleich der Pokal in den zitternden Händen hin und her schwankte und der halbe Inhalt zur Seite floß, schlürfte sie und schlürfte, bis er völlig geleert war. Dann rief sie mit der Gier des Verschmachtenden: »Mehr, mehr; ich muß trinken!« Gorgo reichte ihr einen zweiten Becher und gleich darauf einen dritten, und Damia leerte auch diesen mit immer gleicher Begierde. Dann athmete sie tief und befriedigt auf, richtete den neu belebten Blick auf ihre Enkelin und sagte: »Dank, Kind! Nun geht es wieder ein Weilchen. Die Sinnenwelt und Alles, was zu ihr gehört, ist aufdringlich und haftet an uns wie die Kletten. Man möchte mit ihr brechen, aber sie läuft uns nach und klammert sich an uns. Wer sich mit dem armen Menschsein begnügt, soll sie genießen. Sie lachen über die Dichterin Praxilla, Du weißt doch, weil sie den sterbenden Adonis klagen läßt. – Wie war es nur gleich? Sie läßt ihn im Angesichte des Todes bedauern, daß er die Äpfel und Birnen im Stich lassen solle. Aber ist das nicht fein? Recht, Recht, hundertmal Recht hat die Praxilla! Da fastet man, martert sich ab – ich spür' es da drinnen – um das Gottsein zu kosten. Man verschmachtet, und verzehrt sich dabei, und wie gut könnte man's haben, wenn man sich's genügen ließe an den Äpfeln und Birnen! Das Große hat noch keinen Menschen glücklich gemacht. Wer sich wohl fühlen will, gehe nicht über das Kleine hinaus. So halten's die Kinder, und darum sind sie so glücklich. Äpfel und Birnen! Bei mir ist's auch mit denen bald vorbei. Wenn der denkende Weltgeist sich selbst verschont, so bleibt immerhin die Idee: Äpfel und Birnen, übrig, und es gefällt ihm vielleicht, nach der großen Vernichtung der Dinge eine neue Welt auf unsere folgen zu lassen. Ob er dann die Ideen: Mensch – und Äpfel und Birnen, auch wieder in die Erscheinung ruft? Es würde ein Plagiat an ihm selbst sein. Ist er gnädig, so gibt er es auf, zum zweiten Mal die Zwitteridee ›Mensch‹ zu verkörpern; und thut er es dennoch, so lass' er dem armen Wicht die Äpfel und Birnen, ich meine den kleinen Genuß, denn in allen großen Genüssen, wie sie auch heißen, steckt Schmerz und Elend. Noch einen Becher! Das mundet! Auch damit ist es morgen vorüber. Um die gute Gabe des Dionysus könnt' es mir leid thun; sie hat noch etwas vor den Äpfeln und Birnen voraus. Dann kommt, was Eros den Sterblichen schenkt. Auch damit geht es zu Ende. Aber das, das gehört schon gar nicht mehr zu den Äpfeln und Birnen. Das ist großer, großer Genuß, und darum ist es zugleich so voll von grausamer Pein. Entzücken und Schmerz: wer kennt ihre Grenze? Lachen und Weinen: sie gehören zu beiden. Du weinst? Ja, ja, ja. Armes Kind! Komm' her, ich möchte Dich küssen.« Damit ergriff Damia das Haupt der knieenden Jungfrau, preßte es an die Brust und drückte die Lippen wieder und immer wieder auf ihre Stirn. Endlich ließ sie sie los, durchmaß das Gemach mit unruhigen Blicken und sagte: »Wie habt ihr die Tafeln und Rollen durcheinander geworfen! Könnt' ich Dir nur erklären, wie das Alles gestimmt und geklappt hat! Wir wissen nun auch, wie es kommt. Übermorgen gibt es keine Erde mehr und keinen Himmel; aber – höre, Kind! – aber wenn Serapis fällt und das All stürzt nicht zusammen wie eine baufällige Hütte, so ist es nichts mit der Magie, so hat der Lauf der Gestirne nichts mit dem Schicksal der Erde und ihrer Bewohner zu thun, so sind die Planeten nur Lampen, so ist die Sonne weiter nichts als ein leuchtender Ofen, so sind die alten Götter Irrwische, dem Sumpfe menschlichen Brütens entkrochen, so ist der große Serapis . . . doch weßhalb ihn erzürnen? Es gibt hier kein Wenn oder Aber . . . Das Diptychon her! Ich zeige Dir unsern Endschluß. Da . . . Hier . . . Es flimmert mir so vor den Augen; ich bring's nicht mehr fertig, – und gienge es auch: was da oben entschieden ward, wer hier unten könnte es ändern? Laßt mich jetzt schlafen. Morgen früh erklär' ich Dir Alles, wenn es noch Zeit ist. Armes Kind! Wie haben wir Dich gequält, das Deine zu lernen! Wie fleißig bist Du gewesen! Und nun! Wozu? Ich frage, wozu? Der große Schlund schlingt es ein mit dem Andern.« »Laß, laß es so sein,« fiel ihr Gorgo in's Wort. »So geht doch nichts, was mir lieb ist auf Erden, vor mir zu Grunde.« »Und mit uns zusammen trifft es den Feind!« rief Damia und ihr Auge belebte sich neu. »Wohin wir nur kommen, wohin? Die Seele, sie ist von göttlichem Stoff und darum nie zu zerstören. Sie kehrt – hab' ich Recht oder Unrecht? – sie kehrt zu ihrem Urquell zurück, denn das Gleiche zieht das Gleiche an sich, und so wird sich denn das Gottwerden, das Gottsein dennoch erfüllen.« »Ich glaub' es, ich weiß es!« versetzte Gorgo entschieden. »Du weißt es?« fragte die Greisin. »Ich nicht. Denn unser bestes Wissen ist Ahnung, wenn es sich nicht auf Zahlen begründet. Es gibt nichts Unbedingtes, als was wir durch Zahlen gewinnen; doch das, das steht fester als Felsen im Meer, und darum glaub' ich auch an den Endschluß, den wir da auf den Tafeln mit Probe und Gegenprobe gewonnen. Aber das künftige Schicksal der Seele, wer kann es berechnen? Ja, wenn die alte Weltordnung stehen bliebe und das Unten bliebe das Unten und das Oben behielte seinen Platz in der Höhe, dann, dann freilich wär' auch Dein Lernen nicht vergeblich gewesen, denn dann würde Deine auf das Geistige, das Nichtsinnliche, das Höhere gerichtete Seele zu dem ihr verwandten denkenden Geiste, zu Gott gezogen, um sich mit ihm zu vermählen und in ihm aufzugehen, wie der Tropfen, der aus der feuchten Wolke gefallen ist, wieder aufsteigt in die Höhe und sich wieder verschmilzt mit dem Feuchten. Dann würde – es könnte ja eine Seelenwanderung geben – dann würde Dein sangreiches Herz in einer jungen Nachtigall erwachen, dann würde . . .« Hier schwieg die Greisin, wie abwesend schaute sie in die Höhe und fuhr erst nach einer langen Pause mit verändertem Gesichtsausdruck fort: »Dann würde meines Sohnes Apelles Wittwe Maria in ein Schlangenei schlüpfen und als kriechende Natter . . . Ewige Götter . . . Die Raben! Was wollen die Raben?! Da kehren sie wieder! Luft, Luft! Einen Becher! Ich kann nicht . . . Es schnürt mir den Hals zu. Fort, fort mit dem Tranke! Morgen, heute . . . Alles sinkt, sinkt – fühlst Du es nicht? Schwarz – schwarz, – und nun roth, und nun schwarz . . . Alles sinkt! Halte mich! Unter dem Leibe schwindet es weg. Wo ist Porphyrius? Wo ist mein Sohn? Die Füße! Reibe mir die Füße! Kalt, kalt! Das Wasser! Es steigt! Nun ist's bei den Knieen! Ich sinke . . . Hülfe! . . . Ich sinke!« In furchtbarer Angst focht die Sterbende wie im Ertrinken mit den Armen durch die Luft, ihr Hülferuf wurde leiser und leiser, das Haupt sank ihr auf die röchelnde Brust, und bald hauchte sie an der Enkelin Busen den viel gemarterten, rastlosen Geist aus. Gorgo hatte noch keinen Menschen hinscheiden, hatte noch keinen Toten gesehen. Sie konnte nicht fassen, daß dies Herz, welches sich so schwer für Andere erwärmte und für sie mit so zärtlicher Liebe geschlagen hatte, auf immer erloschen, daß dieser Geist, welcher selbst im Schlafe in steter Bewegung geblieben war, zum ewigen Stillstand gelangt sei. Die Amme war schnell zwischen sie und die Verstorbene getreten, hatte ihr Augen und Mund geschlossen und Alles gethan, um den grauenerregenden Anblick, welchen die Greisin nach ihrem Hinscheiden geboten hatte, ihrem Liebling zu entziehen. Doch Gorgo war nicht von ihrer Seite gewichen, und während sie Alles aufbot, um den starren Körper neu zu beleben, war ihr die vernichtende Macht des Todes nur zu nahe und schrecklich offenbar geworden. Sie fühlte den geliebten Leib unter ihren Händen erstarren und erkalten, aber ihr Geist lehnte sich immer noch gegen den Gedanken auf, daß nun zwischen ihr und der treuen Stellvertreterin ihrer Mutter Alles, Alles vorbei sein solle. Jedes Belebungsmittel, von dem sie vernommen, wollte sie angewendet sehen, und sie zwang die Amme, obgleich diese zuversichtlich betheuerte, daß hier keine menschliche Hand helfen könne, zu Ärzten zu schicken und den Saturnpriester holen zu lassen, denn kräftige Beschwörungen hatten – das wußte sie von der Verstorbenen selbst – manche schon abgeschiedene Seele gezwungen, in den Körper, aus dem sie entwichen, zurückzukehren. Als sie allein war und der Leiche in das starre Antlitz leuchtete, überkam sie ein tiefes Grauen, und doch brachte sie es über sich, die magere Hand, deren Liebkosungen sie oft wie etwas Selbstverständliches hingenommen hatte, dankbar und betrübt an die Lippen zu ziehen. Wie kalt und schwer sie war! Schaudernd ließ sie sie sinken, und die großen Ringe an den Fingern prallten klirrend auf das Holz des Lagers. Da erlosch die Hoffnung, und sie wußte nun, daß ihre mütterliche Freundin dahin sei, tot und verstummt auf immer. Ein tiefer, schneidender Schmerz überkam sie und zugleich die öde Empfindung der Vereinsamung, das demüthigende Gefühl der Machtlosigkeit gegen eine brutale Gewalt, die über den menschlichen Widerstand hinschreitet wie der Krieger über Blume und Halm auf der Wiese. Von heftigem Schluchzen erschüttert, warf sie sich neben der Leiche auf den Boden und weinte wie ein trotziges Kind, dem ein Stärkerer etwas Liebes genommen. Sie weinte aus Ingrimm über die eigene Ohnmacht, und ihre Zähren flossen heftiger, als sie sich vergegenwärtigte, wie vereinsamt sie nun sein werde und ein wie großer Kummer dem Vater bevorstehe. Freundliche Erinnerung an vergangenes, gemeinsames Glück, welche auch in den bittersten Schmerz einen Beigeschmack von wohlthuender Süßigkeit mischt, blieb ihrem Herzen in dieser grausamen Stunde fern und fremd. Tröstlich erschien ihr nur der eine Gedanke, daß der Abgrund, welcher diese Verstorbene verschlungen, bald, bald sie selbst und alles Lebende aufnehmen werde. Dort auf dem Tische lag die Gewähr für das nahende Ende der Dinge, und die Sehnsucht nach ihm gewann allmälig in ihrem Geiste die Oberhand über jede andere Empfindung. Während sie ihr nachhieng, erhob sie sich und hörte auf zu weinen. Sobald die Amme zurückgekehrt war, wollte sie das Haus verlassen, denn hier war ihres Bleibens nicht länger. Pflicht und Herzensdrang zogen sie fort und zeigten ihr den Platz, wo sie das Letzte zu finden erwarten durfte, was sie vom Leben begehrte. Durch sie, von keinem Fremden sollte der Vater erfahren, was sie Beide betroffen, und sie wußte, daß er im Serapeum, daß er an derjenigen Stätte verweile, wo sie auch Konstantin morgen zu finden hoffte. Es war des Geliebten Pflicht, dort dem Verderben das Thor zu öffnen, und sie wollte es mit ihm und an seiner Seite durchschreiten. Das Warten wurde ihr lang, aber endlich, endlich ließ sich Geräusch auf der Treppe vernehmen. Das war der Schritt der Amme; aber sie kam nicht allein. Brachte sie den Arzt und Beschwörer? Jetzt öffnete sich die Thür. Der Hausmeister trat mit einer dreiarmigen Lampe über die Schwelle, dann erschien die Erwartete und dann – das Herz stand ihr still – dann Konstantin und mit ihm seine Mutter. Bleich und keines Wortes mächtig begrüßte Gorgo die unerwarteten Gäste. Die Amme hatte den Arzt, dessen Hülfe hier doch zu spät gekommen wäre, nicht gefunden; aber da sich auch die Schaffnerin mit anderen christlichen Sklavinnen fortgestohlen und das treue Weib sich gesagt hatte, daß »ihr liebes Kind« in dieser traurigen Stunde des Zuspruchs einer befreundeten Frauenseele bedürfe, war sie zum Nachbar Clemens gegangen und hatte dessen Gattin gebeten, ihr zu der Verstorbenen und zu ihrer verlassenen jungen Herrin zu folgen. Konstantin war vor Kurzem nach Hause gekommen und hatte die Frauen schweigend begleitet. Da standen nun Mutter und Sohn, und während dieser ohne Groll in das bleiche Antlitz der Greisin blickte, der er doch auch manches Freundliche dankte, und dann wieder das Auge auf Gorgo heftete, welche bleich und tief athmend nach Fassung rang und zu Boden schaute, versuchte Frau Mariamne ihr freundlich Zuspruch zu leisten. Sie lobte eifrig, was ihr an der Verstorbenen nicht geradezu sündlich und gottlos erschienen war, und führte alle Trostgründe in's Feld, mit denen eine gute Christin die Herzen der Hinterbliebenen geliebter Toten aufzurichten versucht; aber es war Gorgo bei diesem wohlgemeinten Zuspruch, als würde da in einer fremden, ihr unverständlichen Sprache auf sie eingeredet, und erst als Mariamne ihr näher trat und sie mit mütterlicher Freundlichkeit an sich zog, um sie zu küssen, und sie einzuladen, mit ihr zu kommen, bis ihr Vater heimkehren werde, empfand sie, daß die Matrone es redlich meine und ihr immer noch gut sei. Aber der Christin letzte Worte hatten sie auch an die Pflicht erinnert, deren Erfüllung ihr oblag, und so raffte sie sich zusammen, dankte ihr freundlich und bat sie, ihr beizustehen, die Leiche in den Thalamos zu schaffen und sodann die Schlüssel an sich zu nehmen. Ihr selbst, sagte sie, liege es ob, den Vater aufzusuchen, denn kein Anderer dürfe ihm mittheilen, was hier geschehen sei. Mariamnens dringende Bitte, von diesem Entschluß abzustehen und die Nacht bei ihr zu verbringen, wies sie entschieden zurück. Konstantin hatte sich bis dahin still zurückgehalten. Erst als Gorgo der Leiche nahte und den Befehl gab, sie hinunter zu tragen, trat er ihr entgegen und streckte ihr einfach und innig die Rechte hin. Da schaute sie ihm voll in's Antlitz, legte die Hand in die seine und sagte leise: »Ich hatte Dir Unrecht gethan, Konstantin, und Dich verletzt; es ist mir aufrichtig leid gewesen, schon ehe Du fortgiengst. Du grollst mir nicht mehr, ich weiß es, denn Du hast ja gefühlt, wie vereinsamt ich bin, und bist zu mir gekommen. Nicht wahr, es steht nichts, gar nichts mehr zwischen uns Beiden?« »Nichts, nichts!« entgegnete er warm und ergriff im Überschwang der Empfindung auch ihre andere Hand. Da war es ihr, als steige ihr alles Blut auf einmal, mit gewaltigem Andrang in's Herz, als sei er ein Theil ihres Wesens, den man von ihr gerissen, und der zu ihr zurück müsse, zurück, und koste es ihr und ihm Glück und Leben. Und sie folgte diesem Drange und zog die Hände aus den seinen und schlang sie um seinen Hals und schmiegte sich an ihn wie ein krankes Kind an die Mutter. Sie wußte nicht, wie es geschah, wie es möglich war, daß es hatte geschehen können; aber es war geschehen, und ohne Mariamnens zu achten, welche mit stummem Entsetzen zusah, wie die Lippen ihres Sohnes die Stirn und den Mund der schönen Götzendienerin suchten und fanden, weinte sie an seinem Halse und fühlte tausend Rosen, alle auf einmal, in ihrer Seele erblühen und zugleich tausend Dornen ihr Herz zerfleischen. Was hier geschehen war, es hatte geschehen müssen, es war die Vermählung mit dem Geliebten und zugleich der Abschied von ihm gewesen. Das Geschick ihres Lebens, es hatte sich in diesem Augenblicke erfüllt. Was für sie Beide übrig blieb, war der Untergang zugleich mit Allem, was lebte, und dem sah sie entgegen wie der Schlaflose dem Morgen. Mariamne war zur Seite getreten, denn sie hatte die dunkle Empfindung, daß hier etwas Großes vor sich gegangen, etwas Unabwendbares geschehen sei, wogegen kein Einspruch fromme. Als sich Gorgo dann aus Konstantin's Armen gelös't hatte, lag etwas Feierliches, Unnahbares in ihrer Haltung. Der einfachen Frau war sie wie ein ernstes Räthsel, das sie nicht zu deuten wußte, aber es that ihr doch wohl, als Gorgo auf sie zutrat und die Lippen auf ihre Hand drückte. Der Mund war ihr wie versiegelt, sie fühlte, daß, was sie auch gesagt hätte, es doch nicht das Rechte gewesen wäre, und es gereichte ihr zu großer Erleichterung, daß sie sich bald bei der Fortschaffung der Leiche hülfreich erweisen konnte. Gorgo hatte das stille Antlitz sorglich bedeckt, und als die Verstorbene in das andere Stockwerk geschafft und im Thalamos auf das breite Ehebett niedergelegt worden war, schmückte sie dieses mit Blumen. Der Priester des Saturn war inzwischen eingetreten und versicherte, daß keine Macht der Welt diesen entseelten Körper zu beleben vermöge. Das unerwartete Ende Damia's und der Kummer des Mädchens giengen dem treuen Mann nahe, und er willigte sogleich ein, als Gorgo ihn leise hat, an der Gartenpforte auf sie zu warten und sie von da aus zu ihrem Vater zu führen. Sobald er sich entfernt hatte, übergab sie Mariamne die Schlüssel zu den Truhen und Schränken der Verstorbenen, trat dann in das Nebenzimmer, wo Konstantin während der Ausschmückung des Todtenlagers gewartet hatte, und sagte ihm ernst und scheinbar gelassen Lebewohl. Er streckte den Arm aus, um sie wieder an sich zu ziehen; sie aber duldete es nicht, und als er sie bat, ihm zu folgen, versetzte sie traurig: »Nein, Lieber, ich darf nicht, ich habe jetzt andere Pflichten.« Da rief er dringend: »Auch mich ruft die meine: aber Du hast Dich mir geschenkt. Mein eigen bist Du, Du gehörst Dir nicht mehr allein an, und ich, ich verlange, ich fordere, daß Du meine erste Bitte erfüllst! Geh' mit der Mutter, oder bleibe hier bei der Verstorbenen. Wo Dein Vater auch sein mag, die rechte Stelle für Dich, für meine Braut, wird das, kann das nicht sein. Mir ahnt, wo er weilt. Laß Dich warnen, Gorgo. Das Schicksal der alten Götter, es ist besiegelt. Wir sind die Stärkeren, und schon morgen – bei Dir selbst, bei Allem, was mir das Liebste und Heiligste ist – schon morgen fällt der Serapis.« »Ich weiß es!« entgegnete sie fest. »Du hast Befehl, Hand an den Gott zu legen?« »Ich habe ihn und werde ihm folgen.« Da winkte sie ihm beipflichtend zu und sagte ergeben und ohne Groll: »Du erfüllst Deine Pflicht, und Du kannst ja nicht anders! Aber wie es auch komme: wir sind Eins, Konstantin, Eins. Nichts kann uns trennen. Was auch bevorsteht, wir gehören, wir stehen zusammen; ich bei Dir, Du bei mir, bis an's Ende.« Dabei reichte sie ihm die Hand und blickte ihm mit einem vollen Liebesblick in die Augen. Dann warf sie sich noch einmal seiner Mutter an's Herz und küßte sie innig. »Komm, komm mit mir, mein Kind!« bat Mariamne; sie aber entwand sich ihren Armen und rief: »Geht, wenn ihr mich lieb habt; geht, und laßt mich allein!« Damit trat sie in den Thalamos zurück, wo die Verstorbene ruhte, öffnete, bevor die Anderen ihr gefolgt waren, eine von dem Teppich an der Wand verborgene Thür neben dem Lager und eilte in's Freie. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Nacht war schwül und trüb. Finsteres Gewölk ballte sich im Norden zusammen, und über dem mareotischen See, auf dessen bleigrauer Fläche kleine, krause Wellen schäumend aufspritzten, schwebte wie über einem heißen Bade weißlicher Dunst. Aus einem bräunlichen Nebelkreise blickte der Mond matt und wie geblendet; ein gespenstisches Halbdunkel lag auf den Wegen und den glutausstrahlenden Häusern der Stadt. Im Westen über der Wüste mischte sich am Himmel in das schwärzliche Gewölk schmutziges Schwefelgelb, und bisweilen zuckte von Norden her der blendende Schein ferner Blitze durch die heiße und schwere Luft. Ein warmer Wind trieb von Südwesten her hellen Sand über den See in die Straßen. Die feinen Staubkörner stachen und brannten die Wangen der Wanderer, und mit niedergeschlagenen Augen und geschlossenen Lippen zogen sie weiter. Tiefe Beklemmung schien sich der Natur wie der Menschen bemächtigt zu haben, der stoßweise Odem der Luft, der pfeilschnell kommende und scheidende Lichtglanz, die wunderliche Form und Farbe des schweren Gewölks, Alles gab dieser Nacht ein ungewöhnliches, krankhaftes, beängstigendes Ansehen. Es war, als bereiteten sich Himmel, Wasser, Luft und Erde zu etwas Unerhörtem, Gräßlichem vor. Gorgo hatte Schleier und Umwurf über das Haupt gezogen und folgte dem Priester des Saturn mit glühender Stirne und stark klopfendem Herzen. Wenn sie hinter sich Schritte vernahm, schrak sie zusammen, denn es konnte Konstantin sein, der sie verfolgte; wenn ein neuer Windstoß ihr Antlitz mit prickelnden Sandtheilchen traf oder das Wetterleuchten das Gewölk mit hellerem Lichte durchlohte, stockte ihr das Blut, denn das Vorspiel des Endes der Dinge schien zu beginnen. Sie war mit dem Weg, den sie zurückzulegen hatte, wohl vertraut, aber seine Länge schien sich auf diesem Gange verzehnfacht zu haben. Endlich gelangte sie dennoch zum Ziele. An einem der Eingänge zum Holzplatze ihres Vaters gab sie den Wächtern das Losungswort und das verabredete Zeichen. Bald hatte sie die Balken und Holzstöße, welche den Eingang in den Kanal verbargen, hinter sich gelassen, ein Sklave, welchen sie kannte, gieng ihr und ihrem Begleiter mit einer Leuchte voran, und nun begann die Wanderung durch den unterirdischen Gang. Es war heiß und dumpf genug in demselben, und Fledermäuse, welche die Fackel des Führers aufgescheucht hatte und die sie mit gespenstisch leisen Flügelschlägen umflatterten, flößten ihr Widerwillen und Furcht ein; aber sie fühlte sich hier dennoch weniger bang als im Freien, und wie sie fortschreitend des ehrwürdigen Serapistempels gedachte und sich seine wunderbare Schönheit und feierlich erhabene Größe vergegenwärtigte, überkam sie ein Verlangen nach diesem überirdisch herrlichen Ziele, welches jede Besorgniß bannte. Dort den Tod zu erleiden, dort mit dem Geliebten zu enden, erschien ihr nicht schwer: ja, es war ein stolzes Gefühl, in der erlauchtesten Wohnung, welche sterbliche Menschen jemals einem Gotte errichtet, die letzte Stunde erwarten zu sollen. Hier mochte sich das Verhängniß erfüllen; das Höchste, was sie vom Leben begehrt hatte, es war ihr geworden, und wo gab es auf Erden ein weihevolleres Grabmal, als das Heiligthum des Weltenherrschers, dessen Übermacht auch die anderen Götter bebend empfanden. Sie kannte die heiligen Hallen des Riesenbaues von Kind auf, und sie dachte sie sich erfüllt mit Tausenden von edlen Seelen, welche die gleich hohe Empfindung in dieser Stunde brüderlich verband. Im Geiste hörte sie den frommen, aus übervollem Herzen strömenden Gesang der begeisterten Jünglinge und Männer, welche bereit waren, das Leben für den Gott ihrer Väter zu lassen, athmete sie Opferdampf und Weihrauchduft, sah sie, von Priestern geführt, die Chöre der Jünglinge in gemessener, ernster Anmuth, feierlich und schön den Reigentanz um geschmückte Altäre schlingen. Unter den Alten, welche sich in weihevollen Betrachtungen über die letzten Dinge und den tiefen Kern der Mysterien um Olympius geschaart hatten, unter den Adepten, Diejenigen, welche es erreicht haben, Einlaß in die Mysterien zu gewinnen. die auf den Warten des Serapeums den bedeutungsvollen Bahnen der Sterne, dem Zuge der Wolken, dem Fluge der Vögel in andächtiger Spannung folgten, mußte sich auch ihr Vater befinden, und die frische Wunde in ihrem Herzen begann neu zu bluten, als sie sich vorstellte, wie tief ihn die Botschaft erschüttern und schmerzen müsse, deren Trägerin sie war. Aber sie sollte ihn ja, ergriffen von feierlichem Ernste, erfüllt von Schmerz über die dem Untergang bestimmte Welt, würdig gefaßt auf das schwerste Verhängniß, wiederfinden, und so mußte sie mit ihrer Trauerkunde zu einem wohl vorbereiteten Herzen kommen. Sie fürchtete sich nicht vor der Überzahl der im Serapeum versammelten Männer. Ihr Vater und Olympius waren ja da, um sie zu schützen, und auch an Frau Herse sollte sie einen Rückhalt finden, aber selbst ohne jene Drei durfte sie in dieser ernsten Nacht, vielleicht der letzten aller Nächte, sich unbesorgt unter die Tausende mischen, denn sie war überzeugt, daß jeder Götterfreund geweihten Herzens und vielleicht nur weniger bang als sie, das schwache Mädchen, das eigene Ende und den Einsturz des Himmels erwarte. So dachte sie, bis sie mit ihrem Führer zu einem festen Thore gelangte. Nachdem sich ihr auch dies geöffnet hatte, betraten sie die unterirdischen Räume, welche der Feier der Mysterien des Gottes gewidmet waren und in denen die Adepten schwere Prüfungen zu bestehen hatten, bevor sie für würdig befunden wurden, der höheren Weihen theilhaftig, unter die Esoteriker aufgenommen zu werden. Die Säle, Kammern und Gänge, welche sie hier zum ersten Male durchschritt, waren mit Lampen und Fackeln spärlich beleuchtet, und was ihr Blick auf dieser Wanderung erhaschte, erfüllte sie mit frommem Schauer und regte ihre Einbildungskraft mächtig auf. Was sie sah, jeder Raum, jede Säule und jedes Bildwerk wich in seinen Verhältnissen, Formen und Gestalten von dem Gewöhnlichen und Natürlichen ab. Auf eine Pyramidenkammer, deren dreieckige, geneigte Seiten sich in einer Spitze zusammenfanden, folgte ein Saal in Gestalt eines vielseitigen Prismas. Ein mit Sphinxen besetzter Weg führte durch einen langen, breiten Gang, und hier mußte sie sich an ihren Führer klammern, denn hart hinter den Mischgestalten zu ihrer Rechten gähnte ein finsterer Abgrund. An einer andern Stelle saus'te rauschendes Wasser über sie hin und stürzte sich mit wildem Getöse in die Tiefe. Gleich darauf kam sie zu einer weiten, in den lebenden Felsen gehauenen Grotte, und aus derselben starrte ihr eine Reihe von vergoldeten Krokodilsköpfen entgegen. Hier beengte ihr der Geruch erkalteten Rauches und scharfer Harzduft den Athem, und der Weg führte sie über eiserne Roste und an wunderlich gestalteten Öfen vorbei. Von den Wänden schauten ihr in erschütternden farbigen Reliefbildern die Verdammten: Tantalus, Ixion und der seinen Stein wälzende Sisyphus, entgegen. Felsenkammern, so fest mit eisernen Thüren verschlossen, als ob hinter ihnen unermeßliche Schätze oder unnahbare Geheimnisse ruhten, blieben an ihrer Seite liegen, und ihr Gewand streifte manche Statue und manches Geräth, das mit Teppichen und Vorhängen tief verhüllt war. Blickte sie zur Seite, so sah sie schreckliche Mischgestalten und geheimnißvolle Figuren und Zeichen, schaute sie aufwärts, so begegneten ihren Augen zwischen menschlichen und thierischen Gestalten hier Sternbilder, welche in ägyptischer Weise aus Schiffen und Barken über den Rücken eines lang dahingestreckten Weibes hin fuhren, dort Gebilde von griechischer Künstlerhand: die Plejaden, das Reiterpaar Kastor und Pollux mit Sternen über den Häuptern und das mit Gestirnen besäte Haar Berenike's. Verwirrend, herzerschütternd wirkte diese geheimnißvolle unterirdische Welt auf die Wandernde ein. Was sie im Vorübergehen erblickte, war nur spärlich beleuchtet, kaum erkennbar und doch von beängstigendem Zauber; welche Mysterien und Wunder mochte das, was sie nicht sah, umschließen? Es war ihr, als habe das Ende des irdischen Daseins, dem sie entgegen harrte, begonnen, als sei sie schon hier lebend ein Gast des finstern Hades. Allmälig stieg der Weg an, und endlich führte sie eine gewundene Treppe zu den Tempelräumen empor. Einige Male waren ihr Männer begegnet, aber es hatte doch feierliche Ruhe in den unterirdischen Räumen geherrscht. Die tiefe Stille war nur fühlbarer geworden durch den Klang der nahenden und verhallenden Tritte. So mußte es sein, so hatte sie es hier zu finden erwartet. Diese Ruhe gemahnte sie an das tiefe Schweigen der Natur, bevor das Unwetter tobend und brausend hereinbricht. Während Gorgo die Treppe hinanstieg, zog sie die Hülle vom Haupte, ordnete die Falten ihres Gewandes, und richtete sich zu jener würdevollen, priesterlichen Haltung auf, mit der sich vornehme Jungfrauen dem Altare der Gottheit nahten. Aber je höher sie kam – ein desto lauterer Wirrwarr von Geräuschen und Tönen scholl ihr entgegen. Nun wurde auch Flöten- und Paukenklang hörbar. Der weihevolle Reigentanz, meinte sie, habe begonnen. Jetzt stand sie in einem der Seitengemächer des Hypostyls. Ihr Begleiter öffnete eine hohe, mit vergoldetem Erz und Silber beschlagene Thür, und Gorgo folgte ihm, feierlich schreitend, mit erhobenem Haupte und gesenktem Blicke, in die geweihte Halle, wo in ungebrochener Herrlichkeit das heilige Bild des Gottes thronte. Ohne Aufenthalt durchkreuzte sie den Säulengang zur Seite des Hypostyls und stieg die beiden Stufen hinunter, welche in das weite Schiff des größten und edelsten aller Tempelräume führte. Der wilde Lärm, welcher ihr durch die geöffnete Thür entgegengebraus't war, hatte sie überrascht und verwirrt, und als sie nun befangen und befremdet die Augen aufschlug und um sich sah, überfiel sie ein jäher Schreck, ein Entsetzen, wie es den nächtlichen Wanderer ergreift, wenn er eine blumige Wiese zu betreten glaubte und schaudernd empfindet, daß ihn der Schlamm eines grundlosen Sumpfes in die Tiefe hinabzieht. Taumelnd hielt sie sich an dem nächsten Götterbilde fest, und während sie sich fragte, ob sie wache oder träume, blickte sie um sich, schaute und horchte sie näher hin. Was da vorgieng, sie wollte es nicht sehen und hören; es erschien ihr widrig, Ekel erregend, abscheulich; aber es war zu aufdringlich, um sich übersehen und überhören zu lassen, und es war so wirklich, wie es gemein war und gräßlich. Eine Zeitlang bannte es ihr Auge und Ohr, lähmte es ihr die Bewegung; aber bald schlug sie tief verwundet die Hände vor das Gesicht, und die gekränkte jungfräuliche Scham, die grausame Enttäuschung und der heilige Zorn über die wüste Entheiligung dessen, was sie für hoch geweiht und unantastbar gehalten, stürmten zusammen auf ihre beleidigte Seele ein, und sie mußte weinen, bitterlich weinen, wie noch nie, seitdem sie geboren. Schluchzend warf sie den Schleier über das Gesicht und vermummte sich, als habe sie sich vor Sturm und Frost zu schützen. Niemand gab auf sie Acht. Auch ihr Begleiter hatte sie verlassen, um ihren Vater zu suchen. Sie mußte auf seine Rückkehr warten und suchte nach einem Versteck. Da bemerkte sie ein Weib in Trauergewändern, das tief zusammengesunken unter dem Bilde der Göttin der Gerechtigkeit hockte. Sie erkannte die Wittwe des Asklepiodor, und aufathmend trat sie ihr näher und sagte weinend: »Laß mich hier sitzen; wir trauern ja Beide.« »Ja, ja!« entgegnete die Andere, und ohne zu wissen, was Gorgo betroffen, und nur beherrscht von dem geheimnißvollen Reiz, neben dem eigenen einem fremden bittern Kummer zu begegnen, zog sie sie an sich und fand an ihrer Seite die Fähigkeit wieder, lindernde Thränen zu vergießen. So saßen die Trauernden stumm neben einander, und vor ihnen tobte und wieherte die entfesselte Luft. Ein Knäuel von Männern und Weibern wälzte sich mit lautem Gebrüll durch die Tempelhalle. Ohne Takt oder Rhythmus gellte die Flöte, klirrten die Becken, dröhnte das Trommelfell über den Rasenden hin. Von berauschten Pastophoren waren die Kleider- und Geräthkammern des Tempels geöffnet worden, und die Trunkenen hatten Pantherfelle, wie die Priester sie bei heiligen Handlungen trugen, eherne Opferwagen, hölzerne Bahren, auf denen bei feierlichen Aufzügen die Götterbilder umhergetragen wurden, und andere Dinge herausgerissen. In dem Saale zur Seite der ausgeraubten Räume waren zahlreiche Studenten und Mädchen zurückgeblieben und bereiteten dort etwas Großes, Köstliches vor und brauchten dazu viel Zeit und Rebensaft. Die meisten Plünderer hatten sich mit ihrem Raube sogleich in das Hypostyl zurückbegeben und gaben dort wunderliche Dinge zum Besten. Ein feister Weinbergbesitzer mußte den Vater Dionysos vorstellen und thronte mit bunten Blumengewinden um die nackten Glieder auf einem vierräderigen Opferwagen von schwerem getriebenem Erz. Ein Krug von Alabaster stand zwischen seinen unförmlichen Beinen und sein Schmeerbauch wankte vor Lachen, während ihn eine jauchzende Schaar in wildem Laufe durch die heilige Halle zog. In toller Erregung, übermannt vom Wahnsinn des Rausches, hatten die Trunkenen die Kleider von sich geworfen, und diese lagen in buntem Gehäufe zwischen den Säulen und in rothen Weinlachen umher. Den Mädchen flatterte das aufgelös'te Haar, in dem welkende Blätter und bunte Blumen ordnungslos hiengen, um die erhitzten Gesichter. Jünglinge, Männer, Alte schwangen sich wie besessen mit Thyrsusstäben und den rohen Symbolen des fruchtspendenden Gottes neben ihnen her. Einige Priester und Philosophen schrieen in den Wirrwarr hinein, um zur Mäßigung zu mahnen, aber ein trunkener Flötenbläser stellte sich ihnen entgegen, warf den Oberleib zurück und blies so wüthend in die Doppelflöte, welche nun gen Himmel wies, als wolle er die Todten erwecken, und seine Genossin schleuderte das Tambourin auf die lästigen Ruhestifter. Klirrend prallte es an den Schaft einer Säule, fiel einem Opferbeschauer auf den kahlen Kopf und ward von diesem weiter geworfen. Andere Schellenreifen folgten dem ersten, und bald durchschnitt Tambourin auf Tambourin zu Häupten der Trunkenen die Luft. Jeder wollte einen der Reifen haschen, man sprang ihnen entgegen, balgte sich um sie und schlug mit dem Kalbfell auf den Kopf seines Nachbarn. Berauschte Mädchen hatten sich auf die Götterbahren geschwungen und kreischten laut, zwischen Angst und Lust aufgeregt, indem wankende Träger sie in raschem Lauf durch die Halle schleppten. Verlor dabei eine der Dirnen den Halt, so wurde sie unter wildem Geschrei und Gelächter aufgefangen und gezwungen, den gefahrbringenden Thron wiederum einzunehmen. Auch der Wagen mit dem Weingärtner kam zum Scheitern, und zwar durch den Leib eines sinnlos Betrunkenen; aber Niemand richtete das Fuhrwerk auf, und während der unselige Mann vergeblich und mit jammervollem Geheul bestrebt war, sich aus dem Kasten, an dem er festhieng, zu befreien, rissen dreißig Jünglinge den Karren, vor den sie sich gespannt hatten, weiter und an Gorgo vorbei, die mit machtlosem Zorn zusah, wie das harte Erz der über den Boden knirschenden Achsen das edle Mosaikbild inmitten der Halle schnöde zerriß. Endlich gab die eigene Schwere dem Bewußtlosen die Freiheit wieder, und nun rief ihn sein rasendes Gefolge in's Leben zurück, indem es ihn umkehrte und sein wild aussehendes, blutendes Haupt in einen großen Mischkrug tauchte. Um den geretteten Dionysos schwangen sich dann Hunderte in tollem, zügellosem Reigentanz, und weil jedes Kalbfell in den Tambourins zerrissen und den Flötenbläsern der Athem ausgegangen war, schlugen trunkene Gesellen mit den Thyrsusstäben im Takt an die Säulen, und drei Studenten stießen wie besessen in die ehernen Tuben, welche sie unter dem Tempelgeräthe gefunden hatten. Aber gegen diesen Lärm erhob sich vielfacher Widerspruch. Zunächst trat ihm eine fromme Schaar entgegen, welche in der Nähe des Serapisbildes mit verhülltem Haupte einem Magier Beschwörungen nachsprach und jammervoll heulte, dann geboten ihm Redner Halt, welche es verstanden hatten, einige Zuhörer um sich zu sammeln, und endlich Schauspieler und Sänger, die sich in der Vorhalle zusammengethan hatten, um ein Satyrspiel aufzuführen, welches freilich so wüst und geistlos war, daß ihm die Tubabläser nur geringes Unrecht gethan hatten. Als den Mimen der Einspruch nichts half, stürzten sie aus der Vorhalle in das Hypostyl und suchten die Ruhestörer mit Gewalt zum Schweigen zu bringen. Eine wüste Schlägerei entspann sich, aber die Streitenden wurden bald von Anderen auseinander gerissen, und nun sanken die Schauspieler und ihre Gegner einander in die Arme, und ein homerischer Dichter, welcher für diesen Abend eine Elegie auf die »von den Heerschaaren des Aberglaubens bedrängten Götter« aus lauter Versen, welche der Ilias und Odyssee entnommen waren, zusammengesetzt hatte, nahm die günstige Gelegenheit wahr und begann schon lesend den Lärm zu überschreien, als die wohlgelungene Frucht der Arbeit bei den Geräthkammern, alles Andere überbietend, in die Basilika einzog. Ein Sturm von Jubel und Beifall erhob sich. Auch der Trunkenste lallte ein Wort des Entzückens, und es wurde hier in der That den berauschten Blicken ein schönes und farbenreiches Bild dargeboten. Auf dem hohen Gestell, welches ein kleineres Serapisbild und die heiligen Symbole des Gottes bei großen Festen zu tragen bestimmt war, wurde Glycera, die schönste Hetäre der Stadt, von jubelnden Jünglingen im Triumph durch den Saal gerollt. Sie lag in einer großen hölzernen Mulde, welche eine Muschel darstellen sollte, auf dem Gipfel des Gerüstes, und auf den niederen Stufen desselben saßen überall anmuthige Mädchen und winkten mit zierlichen und zugleich üppigen Bewegungen bald ihr, bald den Festgenossen zu, welche die Blumen, die sie warfen, aufzufangen und einander in verliebtem Eifer streitig zu machen suchten. Jeder hatte in der schönen Hetäre sogleich die schaumgeborene Aphrodite erkannt, und sie wurde wie aus einem Munde als Königin der Welt begrüßt und gefeiert. Schnell schaarte man sich zusammen, um ihr Spenden auszugießen, und sie mit lautem Gesang Hand in Hand und im Schwindel erregenden Tanzschritt wild zu umkreisen. »Zum Serapis mit ihr! Vermählen wir sie mit dem Gotte!« schrie ein trunkener Student. »Die himmlische Liebe ist seine Braut!« »Zum Serapis!« schrieen Andere ihm nach. »Glycera feiert mit dem Gotte in dieser Nacht Hochzeit!« Und nun bewegte sich der bunte, tobende Haufe dem Bilde hinter dem Riesenvorhang entgegen und mit ihm das hochragende Gestell mit dem schönen, lachenden Weibe und seinem üppigen Gefolge. Das Wetterleuchten und der in der Ferne rollende Donner war bisher unbeachtet geblieben, nun aber zuckte ein blendendes Licht durch die Halle und zugleich mit ihm erschütterte rasselnd, krachend und dröhnend ein Donnerschlag die entheiligte Wohnung des Gottes. Schwefeliger Dunst drang durch die Fensteröffnungen unter der Decke, und dem ersten Blitze folgte schnell ein zweiter, und dieser schien die Wölbung des Himmels gesprengt zu haben, denn es folgte ihm ein schmetternder, Ohr und Sinne betäubender Lärm, ein so gräßliches Tosen und Gellen, als sei das metallene Getäfel des Firmaments auseinander geborsten und in jähem Falle auf die Erde, auf Alexandria, auf das Serapeum niedergekracht. Mit wüthendem Ungestüm entlud sich die ungeheure Gewalt des afrikanischen Gewitters, und die Tobenden verstummten, den bebenden Zechern entsank der Pokal, die glühenden Wangen erblichen, die Hände der Tanzenden lös'ten sich und hoben sich flehend nach oben, und die johlenden, lästernden Lippen murmelten Gebet und Beschwörung. Die Dirnen im Gefolge der Venus sprangen zitternd von dem Gerüst, und die schaumgeborene Aphrodite in der Muschel versuchte sich aus den Schleiern und Blumengewinden, von denen sie umhüllt war, loszumachen, und erhob, als es ihr nicht gelingen wollte, eine untere Stufe des Gestells zu erreichen, ein lautes Jammergeschrei. Andere Stimmen mischten sich heulend, fluchend und klagend in die ihre; denn durch die unverkleideten Fensteröffnungen spritzte und goß der Wolkenbruch erkaltendes Naß in die Hallen und auf die erhitzten Glieder der trunkenen Orgiasten. Der Sturm durchheulte die weiten Räume des Serapeums, Blitz und Donner tobten fort in ungebrochener Kraft, und wie Ameisen, deren Haufe zerstört ward, wimmelten die entsetzten, ernüchterten Zecher ruhelos, außer sich durcheinander. Und in dies Getümmel stürzte Orpheus, der Sohn des Karnis, welcher bis dahin auf dem Dache Wache gehalten, und schrie: »Die Welt geht unter, der Himmel hat sich geöffnet! Mein Vater, wo ist mein Vater?!« Und Jeder glaubte ihm und riß die Kränze herunter, raufte sich das Haar und überließ sich wilder Verzweiflung. Wimmernd und heulend, wüthend und fassungslos rief es Einer dem Andern zu, und ohne Hoffnung auf ein Morgen oder eine nächste Stunde dachte doch Jeder nur an sich, sein Gewand, und wie er den nackten, von Angst und Frost durchschüttelten Leib berge und vor Erkältung bewahre. In das wüste Gebalge um die abgeworfenen Kleider mischte sich lautes Stöhnen, jämmerliches Gewimmer, zeterndes Weibergeschrei und das Gebrüll der Unglücklichen, die der panische Schrecken ergriffen. Es war ein klägliches, Mitleid und Abscheu erregendes Schauspiel: Gorgo sah ihm zu und biß die Zähne vor Scham und Zorn auf einander und wünschte das eigene und das Ende der Welt herbei wie eine Erlösung. Diese Wahnwitzigen, diese Elenden, diese feigen Wichte, diese Thiere in Männer- und Weibergestalt verdienten nichts Besseres, als zu Grunde zu gehen; aber war es denn denkbar, daß der Gott um dieses verabscheuungswürdigen Gesindels willen die weise und schön geordnete Welt in Stücke zerbrach? Es blitzte und donnerte nach wie vor um sie her, die Grundfesten des Tempels erbebten, aber sie glaubte nicht mehr an das Ende der Dinge, glaubte nicht mehr an die Größe, Hoheit und Reinheit des Gottes dort hinter dem Vorhang. Mit glühenden Wangen, roth vor Scham, empfand sie es wie eine Schmach, zu seinen Getreuen gerechnet zu werden, und als das Geheul der verzweifelnden Menge immer lauter und kläglicher an ihr Ohr drang, trat Konstantin's ernste, furchtlose Männergestalt in ihrer ganzen Kraft und Schönheit vor ihre Seele. Sie war die Seine, ganz und auf immer die Seine, und in Zukunft wollte sie, an seine Brust geschmiegt, mit ihm Alles theilen: seine Liebe, sein Haus, seine Würde und auch seinen Gott. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Durch das schwere Gewölk, welches sich über dem Serapeum entlud, schimmerte das junge Licht des nahenden Morgens, aber die geängstigten Heiden merkten es nicht. Kein Führer, kein Ruhestifter, kein Tröster gab ihnen Muth und Fassung zurück; denn Olympius und seine Gäste, die Führer des geistigen Lebens in der Stadt Alexander's, auch die Leiter dieses Heiligthumes unter ihnen, ließen lange auf sich warten. Der Blitz, welcher in die eherne Kuppel geschlagen und abspringend einer Fahnenstange gefolgt war, hatte auch die freien Denker und Philosophen erschreckt, und das Symposion war zu einem Abschlusse gelangt, welcher nur um wenig würdiger verlief als die Orgie in den Hallen des Tempels. Unter den Freunden des Oberpriesters hatten sich allerdings nur Wenige hinreißen lassen, ihre Todesangst unbemäntelt zu zeigen; dafür war aber an der Tafel des Olympius, sobald das Verhängniß hereinzubrechen schien, um so mehr deklamirt und geschauspielert worden, und Gorgo's Achtung vor ihren Glaubensgenossen wäre nicht sonderlich gestiegen, wenn sie mit zugehört hätte, wie der berühmte Grammatiker und Biographieenschreiber Helladius mit wankenden Knieen und blutlosen Lippen einige Verse aus dem gefesselten Prometheus in das Donnerrollen hineinrecitirte, und wie der Grammatiker Ammonius, der ein berühmtes Buch über die ähnlichen und verschiedenen Ausdrücke geschrieben, das Gewand aufriß und die nackte Brust mit einem die Bewunderung der Anwesenden herausfordernden Rundblick dem Blitze zur Zielscheibe darbot. Leider wurde seine heroische Haltung nur von Wenigen bemerkt; denn die Meisten, und unter ihnen der neuplatonische Philosoph, Geschichtschreiber und glühende Christenfeind Eunapius, hatten das Haupt verhüllt und warteten in dumpfer Ergebung auf das Ende der Dinge. Einige waren zu Boden gesunken, um mit hoch erhobenen Händen zu beten oder Beschwörungen zu murmeln, und ein Poet, welcher mit seinem Lehrgedicht: »Der Mensch, der Herr und Meister der Götter«, Kränze errungen, war in Ohnmacht gesunken und sein Lorbeer auf die Austern neben seinem Lager gefallen. Olympius hatte sich schnell von dem Symposiarchensitze erhoben und lehnte sich ruhig an den Thürpfosten, um mit männlichem Muth den Tod zu erwarten. Auch Vater Karnis, der dem Weine reichlich zugesprochen, aber beim Ausbruch des Gewitters die Nüchternheit wieder gefunden hatte, war aufgesprungen und an dem Oberpriester vorbei hinausgeeilt. Er wußte Gattin und Sohn in seiner Nähe, und wollte mit ihnen vereint das Ende erwarten. Porphyrius gehörte, wie sein Nachbar, der große Arzt Apulejus, zu denen, welche das Haupt verhüllt hatten. Ruhiger als mancher Andere konnte er dem nahenden Verderben entgegensehen; denn als vorsichtiger Mann und weitsehender Kaufherr hatte er für Alles gesorgt. Blieb die Welt trotz des Sieges der Christen stehen und trat dann das Gesetz, welches das Testament eines Abtrünnigen für ungültig erklärte, gegen ihn in Kraft, so lag ein fürstliches Vermögen, an das weder Staat noch Kirche rühren durften, bei einem reichen und zuverlässigen Freunde für die Seinen bereit; stürzten dagegen Himmel und Erde zusammen, so war er vor einem langsamen und qualvollen Ende durch ein unfehlbares Mittel, welches er bei sich führte, gesichert. Unter Blitz und Donner hatte er mit den anderen Gästen des Olympius lange und bange Minuten verlebt; da stürzte Orpheus, des Karnis Sohn, in den Saal und rief ebenso stürmisch und fassungslos wie wenige Minuten vorher in der großen Halle des Tempels: »Das Ende, das Ende! Die Welt stürzt zusammen! Es fällt Feuer vom Himmel! Flammen! Feuer verzehrt schon die Erde. Hier, mit diesen Augen hab' ich's gesehen! Ich komme vom Dache, Vater! Wo ist mein Vater?« Die Gäste des Olympius fuhren bei diesem Rufe mit neuem Entsetzen empor, und der Mathematiker Pappus schrie: »Der Weltenbrand hat begonnen! Aus dem Himmel bricht zehrendes Feuer!« »Verloren, verloren!« klagte Eunapius; der Kaufherr Porphyrius aber griff schnell in die Falten seines purpurnen Festgewandes, zog ein krystallenes Fläschchen hervor und ging bleich, doch gefaßt auf den Oberpriester zu, legte ihm die Hand auf den Arm, schaute ihn, an dem er sein Lebenlang mit Zärtlichkeit und Bewunderung gehangen, liebreich an und raunte ihm hastig zu: »Lebe wohl, Freund! Wie oft haben wir über Cato und sein Ende gestritten, Du gegen, ich für ihn. Jetzt thu' ich's ihm nach. Sieh her; es reicht für uns Beide!« Dabei führte er das Fläschchen schnell zum Munde, und ein Theil seines Inhalts hatte schon seine Lippen benetzt, bevor Olympius der Überraschung Herr geworden und ihm in den Arm gefallen war. Die Wirkung des tödlichen Saftes zeigte sich augenblicklich. Aber kaum hatte den Kaufherrn das Bewußtsein verlassen, als ihm auch schon der Arzt Apulejus zu Hülfe geeilt war. Dieser treffliche Mann hatte sich von dem allgemeinen Schrecken mit überwältigen lassen und in dumpfer Ergebung das Ende der Dinge erwartet; sobald aber der Ruf nach ärztlicher Hülfe durch das Gemach geklungen war, hatte er das Haupt von seiner Vermummung befreit und war an die Seite des Kaufherrn geeilt, um so klar und entschieden wie in seinen besten Stunden am Krankenbette oder im Hörsaal die Wirkung des Giftes zu bekämpfen. Wenn der Seele das Rückgrat gebrochen zu sein scheint, so ist das Bewußtsein der Pflicht das Einzige und Letzte, was es zusammenhält und wieder hochhebt, und es ist uns eine so hohe, unerschütterliche Achtung eingepflanzt vor dem Leben, dem wir gern so viel Übles nachsagen, daß wir es noch einen Schritt vor seinem Ende gerade so sorgsam und zärtlich hegen wie auf seiner Höhe und fern von seinem Abschluß. Die verzweifelte That des Kaufherrn war dicht vor den Augen des Orpheus vor sich gegangen, und das neue Entsetzen drängte das frühere so weit in den Schatten, daß er dem Arzte ungerufen half, den Besinnungslosen auf die nächsten Polster zu legen. Dann eilte er wieder auf die Thür zu, um seine Eltern zu suchen. Aber Olympius, welcher angesichts der Schwäche des Freundes neu empfand, wie viel in diesen Stunden von seiner männlichen Besonnenheit abhieng, hielt ihn auf und verlangte streng klare Auskunft über das, was sich auf dem Dache begeben. Der junge Sänger gehorchte, und was er mitzutheilen hatte, klang beunruhigend genug. Eine Feuerkugel war unter furchtbarem Getöse auf die Kuppel gefallen und hatte sich mit einem Flammenstrome, welcher von der Erde auszugehen schien, vermählt. Dann hatte sich der Himmel wieder mit blendendem Glanze geöffnet, und dabei waren des Orpheus eigene Augen einem riesengroßen Unthier, vielleicht einem wandernden Berge, begegnet, welcher sich langsam und mit schauererregendem Gerassel der Hinterwand des Heiligthums genähert hatte. Kein Regen, sondern Ströme, volle, kräftige Wasserströme waren auf ihn und seine Gefährten niedergerauscht. »Poseidon,« rief Orpheus, »führt die Meerflut gegen den Tempel heran, und das Gewieher seines Viergespannes, ich hab' es – es war keine Täuschung – ich hab' es mit diesen meinen Ohren vernommen!« »Die wiehernden Rosse Poseidon's?« unterbrach ihn Olympius. »Kaiserliche Pferde sind es gewesen!« Und nun eilte er schnell wie ein Jüngling an das Fenster, riß den Vorhang zurück und schaute in's Freie gen Osten. Der Wolkenbruch war so schnell verschwunden, wie er gekommen war. Es tagte. Über dem rosenrothen Kleide der Eos lag wie ein faltiges Obergewand in dichten, schweren Puffen graues und schwarzes Gewölk, an den Rändern eingefaßt von Lichtstreifen in köstlichem Goldglanz. Im fernen Norden flammte bisweilen noch ein matter Blitz durch die Wolken, und der Donnerhall des weichenden Gewitters war kaum mehr hörbar; die Rosse aber, deren Gewieher Orpheus und die Wache erschreckt hatte, waren dem Heiligthume näher gekommen, und sie hielten dicht unter der südlichen Hinterwand des Tempels, an der es weder Thüren noch andere Zugänge gab. Was wollten die Kaiserlichen an dieser festen, unzugänglichen Stelle? Doch hier frommte kein langes Besinnen, und wie eine Mahnung durchdröhnte in diesem Augenblicke das Erz, welches die Vertheidiger des Serapeums zusammenzurufen bestimmt war, den Tempel. Aber Olympius bedurfte keiner Aufmunterung mehr. Mit der feurigen Leidenschaft des fanatischen Parteihauptes, des Vorkämpfers für eine große, schwer gefährdete Sache, wandte er sich seinen Gästen zu und gebot ihnen, sich zu ermannen und mit ihm Widerstand zu leisten bis in den Tod. Seine Stimme klang heiser vor Erregung bei diesem kurzen, markigen Ruf zu den Waffen, und er wirkte gewaltig, gerade weil der gefeierte Redner, hingerissen von stürmischer innerer Bewegung, es unterlassen hatte, durch den Wohllaut der Stimme und prunkenden Wortschmuck auf die rede- und schriftkundigen Männer, die ihn umgaben, zu wirken. Mit ergriffen von der Glut des begeisterten Greises, rafften sie sich auf und eilten ihm nach in das Gemach, wo Waffen für sie bereit standen. Der Panzer an der Brust, das Schwert, welches man in der Hand wog, machte Soldaten aus den Gelehrten und fachte den Mannesmuth kräftig an. Unter diesen Helden »des großen Wortes« wurde nur noch wenig geredet. Es war ihnen jetzt ernst mit dem Handeln. Olympius hatte den Arzt Apulejus gebeten, den vergifteten Kaufherrn, gegen dessen Erstarrung bisher kein Mittel geholfen, in sein Privatzimmer neben dem Hypostyl zu begleiten. Tempeldiener trugen ihn auf einer Nebenstiege hinunter, während der Oberpriester seine gerüsteten Freunde schnell und schweigend auf der Haupttreppe in die großen Hallen führte. Dort warteten der kampfbereiten Schaar Überraschungen und Enttäuschungen, wie sie verhängnißvoller nicht gedacht werden konnten. Selbst Olympius fühlte sich hier anfänglich rathlos; denn aus seinen schwärmerischen Gesinnungsgenossen waren in dieser einen Nacht Memmen und Meuterer geworden, und in den geweihten Räumen seines Tempels sah es aus wie nach einer verlorenen Schlacht. Zertrümmertes und fortgeworfenes Geräth, zerbrochene Instrumente, zerrissene und durchnäßte Zeugstücke und entblätterte und zerfetzte Blumen und Guirlanden lagen überall umher. Wie Menschenblut schwamm der rothe Wein in großen Lachen auf dem zerkratzten Wunderwerk des Estrichs, hier und da lag am Fuß einer Säule der Leib eines Mannes – ob todt oder bewußtlos, wer konnte es sagen? – und der widrige Qualm von hundert verschwelenden Lampendochten beleidigte die Sinne, denn in diesem Wirrwarr mochte brennen oder verlöschen, was wollte. Und welchen kläglichen Anblick boten die ernüchterten, geängstigten, überwachten Männer und Weiber! Die dumpfe Empfindung, den Gott beleidigt und seinen Zorn herausgefordert zu haben, war in jeder Seele lebendig. Manchem wäre ein schnelles Ende willkommen gewesen, und ein reich begabter Schüler des Helladius hatte den Sprung aus dem Sein in das Nichtsein, welches nach seiner Überzeugung jenseits des Todes begann, wirklich gewagt, war mit dem Haupt an den harten Marmor gerannt und lag mit zerschmettertem Schädel am Fuß einer Säule. Mit wirrem Hirn, schmerzendem Haupt und angstbeklommenem Herzen waren diese Unglücklichen dahin gelangt, die Gegenwart zu verwünschen, und wer von ihnen an die Zukunft zu denken wagte, dem erschien sie wie ein grauenerregender Abgrund, dem ihn die fließenden Stunden mit unmerklicher und doch unwiderstehlicher Gewalt entgegentrieben. Und die Zeit schritt vorwärts und vorwärts. Jeder empfand, Jeder sah es: die Nacht war verschwunden, es hatte zu tagen begonnen; das Gewitter verzog sich, aber an Stelle der unerbittlichen Naturkraft trat nun als neues Schreckniß die nicht weniger unerbittliche Kriegsmacht des Kaisers. Im Kampfe des Menschen gegen die Götter gab es für jene nur ein mögliches Ende: das Unterliegen. Im Streit der Menschen gegen den Menschen war es vergönnt, wenn auch nicht an einen siegreichen Ausgang, so doch an ein Entkommen zu denken. Der einarmige Veteran Memnon hatte während der Orgie auf dem Dache des Tempels Wache gehalten und Vorbereitungen getroffen, den heranstürmenden Feind abzuwehren, bis das Unwetter ausgebrochen und mit Blitz und Donner in seine Getreuen gefahren war. Da hatte sich der größte Theil der Besatzung des Daches in die unteren Räume des Tempels gerettet. Nur der alte Feldhauptmann war in Sturm und Wolkenbruch auf dem Posten geblieben. Mit dem einen Arme, der ihm geblieben, hatte er sich an eine Statue auf der Brüstung des Daches geklammert, um nicht in die Tiefe geweht und geschwemmt zu werden. Von dort aus hatte er Befehle ertheilt, aber das Brüllen des Orkans war lauter gewesen als seine Stimme, und von den wenigen Zurückgebliebenen hatte keiner auf sein Kommando gehört. Auch ihm war das Pferdegewieher und der wandernde Berg, welcher Orpheus in die Flucht getrieben, nicht entgangen. Was da nahte, waren römische Belagerungsmaschinen, und so treu es der Veteran auch mit der Sache meinte, deren Führung er hier übernommen, so zog doch etwas wie Freude durch seine alte Kriegerseele; denn er sah, daß den kaiserlichen Feldzeichen, unter denen er mehr als einmal sein Herzblut vergossen, doch noch echte und rechte Soldaten folgten. Seine alten Waffengefährten hatten es nicht verlernt, dem Ungewitter zu trotzen, und ihr Führer war wohlberathen gewesen, als er den ersten Angriff auf die scheinbar festeste Stelle des Tempels zu richten befahl. Es galt hier, gegen echte Krieger zu kämpfen, und mit einem grimmen Fluche, mit höhnischem Lächeln gedachte er der zusammengelaufenen Nichtsoldaten, über die er gebot. Gestern hatte er die hochfliegenden Hoffnungen des Olympius zu mäßigen gesucht und ihm zugerufen: »Nicht mit Begeisterung, sondern mit Kriegskunst schlägt man den Feind!« Nun stand seinem eigenen Können ein ebenbürtiges entgegen, und wie es mit der todesmuthigen Begeisterung der Jugend, welche er zu führen übernommen und von der er doch im Stillen Schönes erwartet, bestellt war, das sollte er nur zu bald erfahren. Es galt die Bresche, welche die Christen in die Hinterwand des Heiligthums zu legen gedachten, bis zum Eintreffen des libyschen Entsatzheeres unmöglich zu machen und die Front des Heiligthums vom Dache aus zu vertheidigen. Für Jeden, welcher einen Stein heben und ein Schwert schwingen konnte, gab es Verwendung in diesem Kampfe, und als er die Zahl seiner Streiter überschlug, meinte er das Heiligthum eine Zeitlang mit Erfolg behaupten zu können. Aber er rechnete mit falschen Zahlen; denn er wußte nicht, welche Anziehungskraft das Wettfahren auf seine »begeisterte Jugend« geübt, und welche Veränderung die Stimmung derselben erlitten hatte. Sobald der Orkan so weit verbraus't war, daß er die Hand von der Stütze entfernen konnte, rief er die Zurückgebliebenen zusammen und ließ die mannshohe Erzscheibe schlagen, welche die Streiter auf das Dach rufen sollte, und ihr metallener Klang durchgellte die Dämmerung mit gewaltigen Schwingungen. Ein Schwerhöriger mußte ihn im tiefsten Kellergelaß des Heiligthums vernehmen, und dennoch vergieng Minute auf Minute, und der vierte Theil einer Stunde hatte sich erfüllt und nicht Einer war auf dem Dache erschienen. Die Ungeduld des Alten verwandelte sich in Erstaunen, das Erstaunen in Ingrimm. Die Boten, welche er ausgesandt hatte, kehrten nicht wieder, und das Schutzdach der Römer rückte der Südwand des Tempels näher und näher und beschirmte die Schanzgräber vor den spärlichen Steinwürfen, mit denen die Zurückgebliebenen sie auf seinen Befehl belästigen mußten. Der Feind beabsichtigte eine Unterlage für den Sturmblock zu schaffen, dessen eiserner Widderkopf Bresche in die Tempelwand legen sollte. Jeder Augenblick des Zauderns von Seiten der Belagerten kam dem Gegner gewaltig zugute. Hundert, zweihundert Hände mehr auf dem Dache und sein Unternehmen konnte vereitelt werden! Der Zorn und das bittere Gefühl der Ohnmacht trieben dem alten Krieger Thränen des Ingrimms in die Augen, und als endlich ein Bote zurückkam und die Mittheilung brachte, daß sich die Männer und Weiber da unten wie unsinnig geberdeten und Jeder sich weigere, das Dach zu besteigen, stieß er einen gewaltigen Fluch aus und stürmte die Treppe hinunter. Wüthend stürzte er unter die jammernde Menge, und als er mit eigenen Augen sah, was aus seinen Streitern in dieser verhängnißvollen Nacht geworden, donnerte er wüthend auf sie ein, stellte ihnen in wenigen klaren Worten vor, was es galt, kommandirte, ohne Gehorsam zu finden, zeterte die Widerspenstigen an, stieß Einzelne ingrimmig vor sich her, und als er bemerkte, daß Viele mit ihren Mädchen auf das Thor zu flohen, welches in den geheimen Gang führte, stellte er sich ihnen mit gezogenem Schwerte entgegen und drohte Jeden niederzuhauen, der zu entweichen versuchen werde. Während dieses Vorgangs hatte Olympius mit den Seinen die große Halle betreten, und als er da, wo das lauteste Geschrei sich erhob, den Feldherrn mit meuternden Flüchtlingen, welche ihm das Schwert zu entreißen suchten, ringen sah, eilte er ihm mit seinen Gästen zu Hülfe und hielt mit ihnen die drängenden Hunderte von dem Ausgange zurück. Es that dem Greise weh, die Waffen, zu denen er und die Seinen in frommer Erhebung gegriffen, gegen die entarteten eigenen Gesinnungsgenossen zu gebrauchen, aber es mußte geschehen, und während die Seinen, zu denen auch Karnis und Orpheus getreten waren, die drängende Menge von den unterirdischen Räumen mit Lanzen und Schilden zurückhielten, unterredete er sich mit dem kriegskundigen Alten, und sie kamen schnell zu dem Entschluß, die Weiber aus dem Tempel zu treiben und die Männer in zwei Schaaren zu theilen, von denen die eine auf das Dach gesandt, die andere an die Hinterwand des Tempels, wo der römische Sturmblock seine Thätigkeit bald beginnen mußte, geführt werden sollte. Olympius stellte sich muthig zwischen die Seinen und die auf Flucht bedachten Männer und Weiber und forderte sie mit kräftigen, weithin vernehmbaren Worten auf, ihrer Pflicht zu gedenken. Ruhig und achtungsvoll hörte man ihm zu; als er aber den Entschluß verkündigte, die Weiber aus dem Tempel zu entfernen, erhoben diese ein lautes Zetergeschrei. Viele klammerten sich an den Geliebten, andere stachelten die Männer an, die Flucht zu ertrotzen. Mehrere Frauen, und die schöne Glycera, welche vor wenigen Stunden als Aphrodite ihren Anbetern siegesgewiß zugelächelt hatte, an ihrer Spitze, machten sich die Möglichkeit, dieser Stätte des Schreckens zu entrinnen, sogleich zunutze und eilten auf den Eingang in die unteren Räume zu. Es fehlte ihnen auch in der Stadt nicht an Verehrern. Aber sie kamen nicht weit; denn ein Tempeldiener stürzte ihnen entgegen und befahl ihnen, umzukehren – die Kaiserlichen hätten den Eingang in den Kanal entdeckt und hielten den Holzplatz besetzt. Nun folgten sie dem Wächter mit lautem Gejammer, und als sie die großen Hallen kaum wieder betreten hatten, stürmte dort ein neuer Schreck auf sie ein; denn der eherne Sturmblock prallte mit seiner eisernen Widderstirn zum ersten Mal an die Hinterwand des Tempels. Die Kaiserlichen beherrschten den geheimen Gang und hatten den Angriff begonnen. Es war viel, aber noch nicht Alles verloren, und in dieser verhängnißvollen Stunde bewährten sich Olympius und Memnon. Jener befahl die großen Fallsteine niederzulassen und die Brücken über dem Abgrunde in den für die Weihen bestimmten unterirdischen Räumen abzubrechen, und diese Aufgabe konnte rechtzeitig gelöst werden; denn die Truppen hatten es noch nicht gewagt, in den geheimnißvollen Gang, wo es an Fallen und Hinterhalten nicht fehlen mochte, zu dringen; Memnon aber eilte zu der Stelle, an die der Aries zum zweiten Mal stieß und rief in die Menge hinein: Jeder, der kein elender Wicht sei, möge ihm folgen. Da schaarten sich die Freunde des Olympius, und unter ihnen auch Karnis und Orpheus, um ihn, und er befahl, Alles, was beweglich war in den heiligen Hallen, als Schutzwall vor der gefährdeten Stelle aufzuthürmen, und weder die edelsten und heiligsten Bildsäulen, noch die marmornen und ehernen Stelen und Opferaltäre zu schonen. Von diesem Schutzwalle aus galt es, wenn die Bresche sich zeigte, das weitere Vordringen des Feindes mit Bogen und Lanzen, an denen es nicht fehlte, zu hemmen. Dem Alten war es recht, daß den auf Flucht Bedachten der Weg verlegt war, und sobald er Bildsäulen von den Postamenten werfen, Opferaltäre von den geweihten Plätzen, welche sie während eines halben Jahrhunderts behauptet hatten, fortschleifen, Bänke und Alabasterkrüge zusammenschleppen und den steinernen Schutzwall wachsen sah, warb er eine kleine Schaar für die Arbeit auf dem Dache. Es gab kein Entrinnen mehr, und Mancher, der noch vor Kurzem zu fliehen gehofft hatte, erstieg nun die Höhe des Tempels mit bebenden Knieen, weil er sich dort sicherer vor dem Feinde wähnte als bei der Bresche. Olympius vertheilte Waffen, gieng ermuthigend von Einem zum Andern und traf dabei auch auf Gorgo, welche noch immer mit der Wittwe des Asklepiodor unter der Statue der Gerechtigkeit weilte. Er theilte ihr mit, daß ihr Vater erkrankt sei, und ließ sie in sein Privatzimmer führen, damit sie dem Arzte bei der Pflege helfe. Die trauernde Matrone war nicht zu bewegen, ihren Platz zu verlassen. Sie sehnte sich nach dem Ende und wußte, daß es nicht fern sei. Mit gespanntem Ohr lauschte sie auf die Stöße des Sturmblocks. Ein jeder erschien ihr wie ein Schlag auf die Fugen, welche den Weltenbau zusammenhielten. Noch einer und wieder einer, und zuletzt brach das morsche Gebäude zusammen, und der gleiche Abgrund, in den ihr Sohn und vor vielen Jahren ihr Gatte gesunken, verschlang auch sie sammt ihrem Jammer. Fröstelnd zog sie den Überwurf über das Antlitz, um sich vor dem Sonnenscheine zu schützen, der durch die Fenster zu strahlen begann. Das Licht that ihr weh. Sie hatte gehofft, es werde nie wieder tagen. Die Weiber, und mit ihnen einige Weichlinge, hatten sich in die Rotunde zurückgezogen, und bald gab es dort muthwillige Worte und Gelächter zu hören. Von dem Dache sausten indessen Quadern und Bildsäulen auf die Angreifer nieder. Wem in den unteren Hallen der Schweiß von der Stirn troff, den verdroß es, den Andern müßig zu sehen; auch der Widerstrebende ward gezwungen, die Hände zu rühren, und der Schutzwall an der inneren Hinterwand des Tempels wuchs mächtig an. Aus edlerem Werkstücke hatte noch keine Mauer bestanden, ein jedes war ein auserlesenes Kunstwerk, hatte jahrhundertelang für heilig gegolten oder bewahrte in schöner Schrift das Gedächtniß an würdige Thaten. Dieser Wall sollte den höchsten der Götter beschützen, und zu den Vertheidigern, welche ihn bald bestiegen, gehörte auch Karnis mit seinem Sohne und Weibe. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Gorgo saß zu Häupten des Lagers ihres wie leblosen Vaters, schaute ihm liebevoll in das müde, wachsbleiche Antlitz und lauschte auf die Athemzüge, welche seine Nasenflügel jetzt leise, jetzt krampfhaft und schmerzlich bewegten. Seine feuchtkalte Rechte ruhte in ihren Händen, und sie streichelte sie oder zog sie, wenn sich die Wimpern an seinen geschlossenen Augen regten, mit kindlicher Zärtlichkeit an die Lippen. Das Gemach des Olympius lag an der Seite des Hypostyls im Hintergrunde des erhöhten Säulenganges an seiner Rechten und schräg gegenüber dem großen, verhüllten Bilde des Serapis. Der Lärm der Arbeit an dem Schutzwall und das Krachen der Stöße des Sturmblocks drang aus nächster Nähe in diesen Raum, und so oft der Widderkopf an die Mauer prallte, schrak der Kranke zusammen, und über sein Antlitz flog ein angstvolles, schmerzliches Zucken. Wohl that es Gorgo weh, den Vater leiden zu sehen, wohl sagte sie sich, daß das Heiligthum bald in die Hände der Christen fallen werde; aber sie fühlte sich doch in dem halb verdunkelten, heimlichen Gemache ihres Freundes, abgesondert von den Elenden, an die sie mit Grauen und Widerwillen dachte, wohl, dankbar, geborgen. Ihr Körper war zwar nach der durchwachten Nacht sehr ermüdet, aber die tiefen Gemüthsbewegungen, welche sie in derselben erfahren, klangen doch laut und lebhaft in ihrer Seele nach, und ihr Geist würde jetzt auch auf dem weichen Lager in ihrem eigenen stillen Schlafgemache nicht zur Ruhe gekommen sein. Er arbeitete rege fort, und sie fand hier Zeit, zu überdenken, was sie selbst in den letzten Stunden erfahren und was die Großmutter und den Vater betroffen. Bis dahin hatte sie nur wenige Worte mit dem Arzte gewechselt, welcher sich rastlos um die Wiederbelebung des Kranken bemühte und sie versichert hatte, daß er ihn wieder herzustellen hoffe. Jetzt schaute sie ihn mit einem fragenden Blicke an und sagte ernst und traurig: »Du hast von Gegengiften gesprochen, Apulejus. Der Vater hat dem Verderben entrinnen wollen und sich selbst den Tod zu geben versucht. Nicht wahr, so ist es gewesen?« Der Arzt maß sie mit einem prüfenden Blicke, und nachdem er ihre Frage bejaht und ihr mitgetheilt hatte, unter welchen Umständen die verhängnißvolle That vor sich gegangen, fuhr er mit gedämpfter Stimme düster fort: »Das Unwetter nahm ihm die Fassung wie mir, wie uns Allen, und doch haben wir nur das Vorspiel des großen Verhängnisses erlebt, dem die Welt und die Menschheit anheimfällt. Es naht; wir hören es kommen. Da krachen die Steine! Der eherne Sturmblock der Christianer bricht ihm das Thor auf!« Die letzten Worte des Arztes hatten finster und ahnungsvoll geklungen, und der Sturz der Quadern, die der Widderkopf diesmal aus den Fugen gerissen, begleitete mit dröhnendem Lärm seine prophetische Rede. Gorgo erblich; doch was sie erschreckte, war nicht die Voraussagung des Arztes, sondern das Beben der Wände, die sie umgaben. Aber das Serapeum war für die Ewigkeit gefestigt, und mochte der Aries auch eine Mauer zertrümmern: zum Wanken, den Bau zum Einsturz bracht' er nicht. Draußen erhob sich jetzt lauter und lauter das Geschrei kämpfender Männer, und der Arzt stellte sich, von neuer Angst befallen, an die Thür, um zu lauschen. Gorgo bemerkte, daß die Hände ihm bebten. Er, der Mann, fürchtete sich, während sie keine andere Besorgniß empfand als die um den leidenden Vater. Die Bresche führte Konstantin in den Tempel, und wo er gebot, da war sie sicher. An den Einsturz der Welt glaubte sie nicht mehr. Als der Arzt sich wieder umwandte und bemerkte, wie sie dem Kranken gelassen und ruhig den Schweiß von der Stirn wischte, sagte er dumpf: »Was frommt es, wie der Vogel Strauß die Augen zu schließen! Dort ringt man um die Entscheidung. Bereiten wir uns vor auf das Letzte. Wagen sie es, die frevelnde Hand an den Gott zu legen – und sie werden es wagen – so sind Sieger und Besiegte, so ist Alles verloren!« Da schüttelte Gorgo das Haupt und rief mit zuversichtlichem Eifer: »Nein, nein, Apulejus, denn ist Serapis der, für den ihr ihn haltet, warum duldet er dann, daß seine Feinde sein Heiligthum und sein Bildniß vernichten? Warum flößt er dann in der entscheidenden Stunde nicht Muth in die Herzen seiner Getreuen? Ich habe die Buben und Weiber gesehen, die hier zusammengelaufen sind, um für ihn zu kämpfen. Memmen sind es und Dirnen, und ist der Herr wie der Diener, so geschieht es ihm Recht, wenn er stürzt, und jede Klage um ihn wäre schade!« »So spricht des Porphyrius Tochter?« entgegnete der Arzt mit schneidendem Vorwurf. »Ja, Apulejus, ja! So muß ich reden nach dem, was ich in dieser Nacht erlebt, gesehen und erfahren. Schmählich ist es gewesen, widrig, gemein; ja, der bloße Gedanke, zu diesem entarteten Haufen gezählt zu werden, kann mich empören. Wer mich mit ihm zusammen nennt, der schändet mich und entehrt mich! Ein Gott, dem so gedient wird wie diesem, der soll der meine nicht sein, und ihr, die ihr denken gelernt habt, ihr weisen Gelehrten, wie könnt ihr glauben, daß der Christengott, wenn er den euren besiegt und gelähmt hat, es dulden wird, daß Serapis seine Welt und seine Menschheit vernichtet?« Da fuhr der Arzt in die Höhe und fragte sie streng und herb: »Gehörst Du zu den Christianern?« Doch Gorgo blieb ihm die Antwort schuldig und erröthete nur tief; Apulejus aber beruhigte sich nicht und fragte wieder: »So bist Du in der That eine Christin?« Da schlug sie die Augen frei zu ihm auf und entgegnete fest: »Nein, aber ich möchte es sein!« Der Arzt zuckte die Achseln und wandte sich von ihr ab; Gorgo aber athmete tief auf, und es war ihr, als habe diese Antwort ihre Seele von einer schweren Last befreit. Sie wußte selbst kaum, wie ihr dies kühne, erlösende Wort über die Lippen gekommen, aber sie empfand, daß es die rechte Entgegnung auf des Arztes Frage gewesen. Es ward fortan zwischen den Beiden nichts mehr geredet, und es war ihr lieb, schweigen zu dürfen; denn dies Wort hatte eine neue, verheißungsvolle Welt von Gedanken und Empfindungen in ihr erschlossen. Der Geliebte war fortan nicht mehr ihr Gegner, und wenn der Lärm des Kampfes an der Bresche ihr Ohr berührte, durfte sie freudig an ihn und seine siegreichen Waffen denken. Sie empfand, daß seine Sache die reinere, edlere, würdigere sei, und sie freute sich auf jene Liebe, von der er gesagt hatte, daß sie ihr künftiges, gemeinsames Leben tragen und schützen solle als eine Grundmauer und ein mächtiger, freundlicher Hort. Neben dieser Liebe wollte ihr Alles, was sie früher für den unentbehrlichen Schmuck des Lebens gehalten, eitel und nichtig erscheinen, und als sie ihrem Vater in's Antlitz schaute und sich vergegenwärtigte, wie er gelebt und wie viel er gelitten, übertrug sie die Worte des Paulus, welche Konstantin ihr bei seiner Heimkehr zugerufen hatte, auch auf ihn, und ihr Herz floß über von Liebe für den unglücklichen Mann. Die tiefen, leidvollen Falten um den Mund und an den Augen des Vaters, sie verstand sie richtig zu deuten; denn Porphyrius hatte kein Hehl aus der peinlichen Empfindung gemacht, die ihn jedesmal ergriff, wenn er sich gezwungen sah, sich zu einem Glauben zu bekennen, den er nicht theilte. Diese große Unwahrheit, dieses falsche Doppelsein, diese Halbheit nach zwei Richtungen hin hatte das Dasein des an sich wahrhaftigen Mannes vergiftet, und Gorgo wußte, für wen und aus welchen Beweggründen er dies Elend, diese Seelenmarter auf sich genommen. Warnend lag er vor ihr da, und sein leidvolles Antlitz mahnte sie, ganz und aus vollem Herzen das zu sein, was sie zu werden gedachte. Aus Liebe wollte sie sich zum Christenthum bekennen, ja! Denn in dieser Stunde sah sie in dem Glauben, welcher bald der ihre sein sollte und den ihr Konstantin oft so voll von warmer Begeisterung geschildert, vor Allem eins: ewige Liebe. So friedvoll, so bereit zu allem Guten und Schönen war ihr noch nie zu Muthe gewesen, und doch tobte draußen der Kampf lauter und lauter, mischte sich bereits die kaiserliche Tuba in den Schlachtruf der Heiden, kam das Gewühl des Streites ihr immer näher und näher. Der Sturmblock hatte schon eine weite Öffnung in die Hinterwand des Tempels gerissen, und mit dem Schilde voran waren die Schwerbewaffneten der zweiundzwanzigsten Legion in dieselbe eingedrungen; aber mancher Veteran hatte seine Kühnheit mit dem Leben bezahlt, denn den Stürmenden war von dem schnell erwachsenen Schutzwall aus ein Hagel von Speeren und Pfeilen entgegengeflogen. Aber die großen Schilde hatten manches Wurfgeschoß aufgefangen, mancher Pfeil war machtlos von ehernen Helmen und Panzern abgeprallt, und die Verschonten drangen vor, und über die Gefallenen hin fanden stets neue und neue Streiter den Weg in den Tempel. Von ehernen Schutzwaffen gedeckt näherten sich kampfgeübte Soldaten auf den Knieen dem Schutzwall; während andere über sie hin Speere und Pfeile gegen die Besatzung sandten. Einige Heiden sanken getroffen zu Boden, und ihr hinfließendes rothes Blut wirkte mächtig auf ihre Genossen. In der Brust der Zagenden regte sich Wuth, die Furcht verschwand vor dem Verlangen, den Mord der Genossen zu rächen, aus Memmen wurden feurige Krieger, und Gelehrte und Künstler lechzten nach Blut. Friedlichen Büchermenschen flimmerte es roth vor den Augen, und ergriffen von der großen Leidenschaft zu töten und den Feind zu vernichten, rührten sie die Arme und setzten das Leben blindlings auf's Spiel. Karnis, der alte, heitere Freund der Musen, stand hoch oben auf dem Schutzwalle neben seinem Sohne und brüllte, während er Lanze auf Lanze versandte, in abgerissenen Sätzen Verse aus einem Kriegslied des Tyrtäus den Feinden, welche aus der Bresche vordrangen, entgegen. Der Schweiß lief ihm dabei in Strömen von der kahlen Stirne, und sein Auge flammte vor brennender Kampflust. Neben ihm versandte Orpheus Pfeil auf Pfeil aus einem mächtigen Bogen. Die Locken seines vollen Haarschmuckes hatten sich aufgelös't und umflatterten weithin sein glühendes Haupt. Wenn er einen der Kaiserlichen getroffen, rief der Alte ihm zu: »Brav so, mein Junge!« und dann raffte er sich selbst auf und schleuderte mit einem Hexameter oder einer Anapästenreihe auf den Lippen die Lanze. Halb geborgen von einem Opferaltar, welcher auf der Höhe des rasch zusammengehäuften Schutzwalles zu liegen gekommen, kauerte Frau Herse und reichte den Männern die Geschosse, deren sie bedurften. Ihr Gewand war zerrissen und blutig, ihr graues Haar hatte sich von dem Halbmond und den Bändern befreit, die es festgehalten, und war ihr in's Antlitz gefallen. Die sorgliche Hausfrau war zur Megäre geworden und schrie den Männern zu: »Tödtet die Hunde! Haltet Stand! Schont keinen Christianer!« Aber die Männer bedurften dieser Ermahnung nicht. Der heiße Enthusiasmus, der sie erfüllte, hatte sich mit wilder Kampflust vermählt und verdoppelte ihre Kraft. Eben war des Orpheus Pfeil einem kühnen Centurio, der den Fuß schon auf die unterste Stufe gesetzt hatte, über den Panzer in den Hals gedrungen – da ließ Karnis die Lanze, welche er zum Wurf erhoben, sinken und brach lautlos zusammen. Ein römisches Geschoß hatte ihn getroffen, und da lag er mit dem Speer in der Brust wie ein Fels in der Brandung, auf dem ein Bäumlein neben einem roth und warm sprudelnden Borne Wurzel geschlagen. Orpheus sah das Herzblut des Vaters verrinnen und warf sich neben ihm auf die Kniee; aber der Alte wies auf den Bogen, welchen sein Sohn von sich geschleudert hatte, und murmelte ihm lebhaft zu: »Laß mich! Was kommt es auf mich an? Für die Götter! Hörst Du! Für die Götter wird hier gefochten! Weiter! Ziele gut! Weiter!« Aber der Sohn ließ sich nicht von dem Sterbenden zurückweisen, und als er sah, wie tief der Speer in die Brust des Greises gedrungen war, stöhnte er laut auf und warf die Arme klagend in die Höhe. Da traf auch ihn ein Pfeil in die Schulter, ein anderer drang in den Hals, und nun brach er röchelnd zusammen. Karnis sah ihn sinken und richtete sich mühsam und ruckweise auf, um ihm zu helfen; aber es wollte ihm nicht mehr gelingen, und nun ballte er in machtlosem Ingrimm die Faust und rief, so laut er vermochte, halb sprechend, halb singend den Feinden den Fluch der Electra entgegen: »Den Mördern wend', versag' dies Eine nicht, Sich Lust in Leid, zur Nacht das Tageslicht!« Aber die aus der Bresche vordringenden und stürmenden Schwerbewaffneten hörten nicht den Fluch des Alten. Ihm selbst schwand die Besinnung, und sie kehrte ihm erst wieder, als Herse, welche zuerst ihren Sohn aufgerichtet und an ein Postament gelehnt, ihr Tuch um den Lanzenschaft und auf das rinnende Blut, welches um ihn hervorquoll, gepreßt und seine Stirne mit Wein benetzt hatte. Da fühlte er ihre warmen Thränen auf seinen Wangen, und wie er ihr in die guten, von Mitleid und tiefem Seelenweh überströmenden Augen schaute, ward ihm weich um's Herz. Die besten Stunden, die sie in ihrem langen Zusammenleben mit einander genossen, zogen an ihm vorüber, und er schaute sie freundlich und dankbar an und streckte ihr mühsam die Hand entgegen. Die Matrone zog sie weinend an die Lippen, er aber lächelte ihr liebreich zu und nickte immerfort mit dem Haupt, während er ihr leise Lucian's »Tröste Dich, bald gehst auch Du!« einmal und dann noch einmal zusprach. »Ja, ja, ja! Bald gehe auch ich!« wiederholte sie schluchzend. »Ohne Dich, ohne euch, ohne die Götter: was soll ich noch hier?« Damit wandte sie sich ihrem Sohne zu, der mit voller Besinnung jedem Worte, jeder Bewegung der Eltern gefolgt war und zu sprechen versuchte. Aber der Pfeil in seinem Halse benahm ihm den Athem, und das Reden that ihm so weh, daß er nichts hervorstammeln konnte wie »Vater« und »Mutter«. Doch aus diesen armen, kleinen Worten klang eine große und reiche Fülle von Dank und Liebe, und Karnis und Herse verstanden Alles, was er damit zu sagen wünschte. Der Matrone verschlossen Thränen den Mund, und so konnten sie alle Drei nicht sprechen, aber ihre Häupter waren nahe beisammen und winkten einander liebevoll zu. So verflossen für sie unter Tubaruf und blutigem Gemetzel friedvolle Augenblicke; aber Herse's Tuch ward röther und röther vom Blut ihres Gatten, und des Alten Augen begannen sich starr im Kreise zu drehen, als wollten sie noch einmal das gesammte Bild dieser Welt, in der er Alles gesucht hatte, was das Leben schmückt, in sich aufnehmen. Doch plötzlich kamen sie zum Stillstand und hefteten sich fest auf das Haupt einer Apollostatue, die man mit auf den Schutzwall geworfen, und je länger der Blick des Sängers auf dem schönen Antlitz des Gottes ruhte, in desto hellerem, verklärterem Glanze begann er zu leuchten. Noch einmal fand er die Kraft, die matte Hand heben, und sie wies auf das sonnige Haupt des unsterblichen Jünglings; seine Lippen aber murmelten leise: »Er, er – von Allem, was schön war im Leben – Orpheus, Herse – ihm haben wir das Beste zu danken. Unser Ende, es ist auch das seine. Die, die da, sie siegen über Dich und uns! Sie träumen ein Paradies jenseits des Todes; aber wo Du herrschest, Phöbus, ist Seligkeit schon auf Erden. Sie rühmen sich, den Tod zu lieben und das Leben zu hassen, und nun sie siegen, zerschlagen sie die Lauten und Flöten, und gieng' es nur an, sie mordeten die Schönheit und verlöschten die Sonne. Trüb, trüb, dunkel, stumm und häßlich wird nun die schöne, frohe Erde. Dein Reich, o Phöbus, wie war es so sonnig und wonnig!« Hier stockte ihm der Athem; doch bald richtete er sich wieder auf und rief mit glühenden Augen: »Wir, wir brauchen Licht und klingende Lauten und Flöten, heitere Blumen um sorglose Stirnen – wir – halte mich, Herse – du, du – höre mich, Phöbus Apollon – Heil dir! Dank dir, der mir viel genommen und Alles gegeben! Komm', o komm, du Herzensbeglücker, mit Musen und Horen auf deinem goldenen Wagen! Komm, o komm! Orpheus! Herse! Seht ihr ihn kommen?« Schnell und entschieden zeigte er mit der Hand in die Ferne, sein weit geöffnetes Auge folgte dem weisenden Finger, mit gewaltsamem Aufgebot der letzten Kräfte erhob er sich ein wenig; aber schon im nächsten Augenblick fiel er zurück, sein Haupt senkte sich langsam auf die Brust seiner Gefährtin, und ein heißer Blutstrom schoß über seine bebenden Lippen. Der heitere Musenfreund war eine Leiche, und in der nächsten Minute schwanden auch seinem Sohn die Sinne. Schlachtgeschrei und Tubaruf durchbraus'te und durchschmetterte den Tempel. Der Kampf war zum Handgemenge geworden. Die Schwerbewaffneten hatten den Schutzwall erstiegen und rangen Brust an Brust mit den Heiden. Herse sah sie kommen, riß ihrem Gatten den Speer aus der Brust, stieß mit unbeholfenen, wüthenden und doch machtlosen Stößen auf die Stürmenden los und rief ihnen glühend vor Haß und heißem Durst nach Rache wilde Flüche entgegen. Da ereilte sie, was sie begehrte: ein Lanzenstoß traf sie, und entseelt sank sie zwischen dem Gatten und dem Sohne zusammen. Ihr Todeskampf währte nicht lange; aber im Sterben behielt sie noch Kraft, die Arme auszustrecken, um Beide mit der Hand zu berühren. Der Kampf wogte über die Gefallenen hin, die Kaiserlichen drängten die Vertheidiger des Schutzwalles in die Hallen des Tempels, und der Angriffsplan, welchen man beim Kriegsrath im Palaste des Comes ersonnen, ward Punkt für Punkt mit kühlem Muthe und eiserner Thatkraft zur Ausführung gebracht. Einige Manipeln drängten die Fliehenden auf die großen Ausgänge zu, halfen ihnen dieselben sprengen und trieben sie über die Rampen und Stufen und die dort aufeinander gethürmten Steinmassen in die Arme der vor der Tempelfront aufgestellten Truppen. Diese umzingelten sie schnell und fiengen sie ein, wie der Jäger das Wild, das, von Hunden und Treibern gescheucht, auf ihn zustürzt. Allen voran eilten die in der Rotunde versammelten Dirnen, welche die Soldaten mit lustigem Zuruf empfingen. Nur, wer sich wehrte, ward niedergestoßen. Berenike, die Wittwe des Asklepiodor, hatte ein Schwert am Boden gefunden und sich mit seiner Schneide die Adern geöffnet. Unter dem Bilde der Göttin der Gerechtigkeit fand man ihren verbluteten Leichnam. Einige Manipeln waren gleich nach der Erstürmung des Schutzwalles auf das Dach geeilt und hatten die Vertheidiger desselben gezwungen, sich zu ergeben oder sich in den Abgrund zu stürzen. Der alte Memnon, welcher hier gegen seinen kaiserlichen Kriegsherrn gefochten und auf keine Gnade rechnen durfte, schwang sich über die Brüstung des Daches in die gähnende Tiefe, und Andere folgten ihm nach; denn das Ende aller Dinge rückte näher und näher, und den Edleren schien ein freiwilliges Ende im Kampfe für den großen Serapis schöner und preiswürdiger, als der Tod in den Ketten des Feindes. Vierundzwanzigstes Kapitel. Das furchtbare Unwetter der vergangenen Nacht hatte die ganze Stadt mit Entsetzen erfüllt. Man wußte, was dem Serapis drohe, was bevorstand, wenn er zu Falle kam, und Jedermann hatte gemeint, der Untergang der Welt sei gekommen. Aber das Gewitter verzog sich, die Sonne zerstreute mit lichter Glut Dünste und Wolken, der Himmel und das Meer leuchteten in reinem Blau, und mit neuer Frische prangten Bäume und Sträucher. Noch hatte der Römer es nicht gewagt, Hand an den Schutzherrn der Stadt, den höchsten der Götter, zu legen. Serapis hatte vielleicht nur Blitz, Donner und rauschenden Regen als Boten gesandt, um seine Feinde zu warnen. Mochten sie sich vor dem Äußersten hüten, mochten sie von dem Frevel abstehen, sein Bild anzutasten! So dachten nicht nur die Heiden; es graute vielmehr auch Christen und Juden vor dem Sturze des Gottes und seines Tempels. Er war der Stolz, das Wahrzeichen der Stadt Alexander's, an ihn schlossen sich Stiftungen und Schulen, welche Tausenden zugute kamen, in seinem Schutze wurde die Wissenschaft, auf welche der Alexandriner stolz war, noch immer gepflegt, zu dem Serapeum gehörte die medizinische Fakultät, welche immer noch den unbestrittenen Ruf genoß, die erste in der Welt zu sein, auf seiner Warte ordneten Astronomen den Lauf des Jahres, und aus ihr gieng der Kalender hervor. Eine Stunde des Schlafes in seinen Hallen brachte bedeutungsvolle Träume, und die Zukunft, sie blieb verborgen, wenn der Serapis fiel; denn seinen Priestern offenbarte der Gott nicht nur durch den Lauf und Stand der Gestirne, sondern auch durch viele andere Zeichen, was da kommen sollte und mußte, und es war so reizvoll, aus der greifbaren Gegenwart in das geheimnißvolle Morgen und Übermorgen zu schauen. Selbst christliche Propheten beantworteten die Fragen ihrer Glaubensgenossen in einer Weise, welche das Schlimmste befürchten ließ, und wie man einen alten Baum, welchen die Voreltern gepflanzt, nicht gern umhackt, auch wenn er dem Hause das Licht nimmt, so fiel es manchem Getauften schwer, sich seine Vaterstadt ohne das Serapeum und den Serapis zu denken. Mochte der Tempel geschlossen, mochte verboten werden, dem Gotte blutige Opfer zu bringen; aber sein Bildniß – noch dazu das edelste Werk des Bryaxis – anzutasten oder gar zu zerstören, das war ein tollkühnes, verhängnißvolles Beginnen, ein die Stadt und die Welt gefährdender Frevel. So dachten die Bürger, so dachten auch die Soldaten, welche die Mannszucht zwang, gegen den Gott, an den doch Viele unter ihnen glaubten, das Schwert zu ziehen. Sobald das Gerücht sich verbreitete, daß die Truppen in der Frühe des Morgens einen Angriff auf das Serapeum unternommen hätten, strömten Tausende und Abertausende vor demselben zusammen und harrten in athemloser Spannung auf den Ausgang des Kampfes im Innern des Tempels. Der Himmel war immer noch so hell und blau wie an anderen freundlichen Tagen, aber im Norden über dem Meere zeigte sich leichtes Gewölk, vielleicht der Vortrupp der furchtbaren Wolkenheere, welche der Gott gegen seine Feinde in's Feld zu führen gedachte. Die Vertheidiger des Heiligthums wurden von dannen geführt. Es war im Kriegsrath beschlossen worden, Milde gegen sie zu üben, und Cynegius besaß die Vollmacht, jeden Gefangenen, welcher beschwören wollte, in Zukunft nicht mehr zu opfern und den Besuch der Tempel zu unterlassen, voll und ganz zu begnadigen. Unter den Hunderten, welche den Römern in die Hände gefallen, weigerte sich Keiner, diesen Eid zu leisten, und sie zerstreuten sich bald mit verhaltenem Ingrimm, und Viele von ihnen schlossen sich an die harrende Menge, um das weitere Vorgehen der Kaiserlichen und vielleicht das Ende der Dinge hier abzuwarten. Die Thore des Tempels waren weit geöffnet: hier säuberten die Diener des Serapeums, dort viele hundert Soldaten die Treppen und Rampe von den Quadern und dem Bildwerk, womit die Heiden sie unzugänglich gemacht hatten, und sobald diese Arbeit zum Abschluß gekommen, sah man Leichen und Verwundete hinaustragen. Unter den Letzteren befand sich auch Orpheus, der Sohn des Karnis. Die glücklich entkommenen Vertheidiger des Heiligthums, welche sich an die Menge geschlossen hatten, wurden mit Fragen bestürmt, und alle bestätigten, daß das Serapisbild bisher unangetastet geblieben sei. Die Bürger athmeten auf, aber bald wurden sie von neuer Erregung ergriffen; denn eine Ala Panzerreiter erschien und brach einem unabsehbar langen Zuge Bahn, dessen Psalmengesang das Geschrei und Gemurmel der Menge, das Waffengerassel und Stampfen der Pferdehufe laut übertönte. Jetzt wurde es klar, wo die Mönche geblieben. Sie fehlten sonst nirgends, wo ein Schlag gegen die Heiden geführt ward, aber bis dahin hatten sich nur Einzelne vor dem Serapeum gezeigt. Da nahten sie nun mit einem Jubellied auf den Lippen, flammenden Auges, wilder und schonungsloser denn je. Unter einem hohen Baldachin schritt der Bischof in großem Ornate dahin. Seine fürstlich hohe Gestalt war stolz aufgerichtet, sein Mund fest geschlossen. Er sah aus wie ein strenger Richter, welcher das Tribunal betritt, um eine verruchte Schandthat mit aller Härte zu ahnden. Die Menge erbebte. Der Bischof und die Mönche im Serapeum, das bedeutete den Sturz des erhabensten aller Götterbilder, Tod und Verderben. Auch Muthigeren erblichen die Wangen, Viele, welche Weib und Kind zu Hause gelassen, flohen heimwärts, um vereint mit ihnen den Untergang der Welt zu erwarten, Andere blieben stehen und beobachteten unter Verwünschungen oder Gebeten den gefährdeten Tempel; die Meisten aber – Männer und Frauen – drängten sich nach dem Heiligthume und setzten das Leben auf's Spiel, um das ungeheure Ereigniß, welches dort bevorstand, und das ein Schauspiel der Schauspiele zu werden versprach, mit zu erleben. Am Fuße der Rampe ritt der Comes dem Bischof entgegen, schwang sich vom Pferde und begrüßte ihn ehrerbietig. Der kaiserliche Legat war nicht erschienen; er hatte es vorgezogen, zunächst in der Präfektur zu bleiben, und beabsichtigte später dem Wettfahren als Vertreter seines Gebieters, an der Seite des Stadtpräfekten Evagrius, welcher sich gleichfalls von dem Angriff auf den Serapis fern hielt, von Anfang an beizuwohnen. Romanus winkte nach einer kurzen Unterredung Konstantin, dem Führer der Panzerreiter. Diese saßen ab, und von ihrem Präfekten geführt, erstiegen sie die Rampe, welche zu den hohen Pforten des Serapeums führte. Ihnen folgte der Comes mit seinem Stabe, diesem bleich und zögernden Fußes einige hohe Staatsbeamte und christliche Mitglieder des städtischen Senates und zuletzt – er hatte den Anderen selbst den Vortritt gelassen – der Bischof mit der Geistlichkeit und den singenden Mönchen. Das Ende des Zuges bildeten schwer bewaffnete Fußgänger, und ihnen nach drängte die Menge ohne von den Truppen, welche vor dem Tempel stehen blieben und ihn im Auge behielten, gehindert zu werden. Die großen Hallen des Tempels waren, so gut es in der Eile gehen wollte, gesäubert worden. Von allen Denen, welche hier zusammengeströmt waren, um den Gott und seine Wohnung zu vertheidigen, war Niemand zurückgeblieben, als der kranke Porphyrius und seine Pfleger. Nachdem es draußen eine Zeitlang still geblieben und eine Reihe von qualvollen Minuten vergangen war, hatten derbe Fäuste an die Thür des Gemaches gepocht. Gorgo war an den Riegel geeilt, um ihn zu öffnen, aber der Arzt hatte sie zurückgehalten, und nun war die Thür gewaltsam gesprengt, aus den Angeln gehoben und in den Säulengang, wohin sie sich öffnete, geschleudert worden. Gleich darauf hatten Soldaten das Zimmer betreten und Umschau in demselben gehalten. Der Arzt war todtenbleich und keines Wortes mächtig auf einen Sessel neben dem Krankenlager niedergesunken, Gorgo aber hatte sich mit ruhiger Würde an den die Eindringlinge führenden Centurio gewandt und ihm eröffnet, wer sie sei, und daß sie sich hier befinde, um unter Beistand des Arztes ihren kranken Vater zu pflegen. Dann hatte sie den Reiterpräfekten Konstantin oder den Comes Romanus, dem sie und ihr Vater bekannt seien, zu sprechen begehrt. Es war etwas Gewöhnliches, daß Kranke in das Serapeum gebracht wurden, und die ruhige, unbefangene Würde, mit der Gorgo sprach, sowie die hohe Stellung der Männer, auf welche sie sich berief, veranlaßte den Centurio, ihr achtungsvoll zu begegnen; aber er hatte den Befehl, Jeden, der kein römischer Soldat war, aus dem Tempel zu weisen, und so ersuchte er sie, sich zu gedulden, und kehrte bald darauf mit dem Führer seiner Legion, dem Legaten Volcatius zurück. Dieser ritterliche Patricius kannte wie alle Pferdeliebhaber den Besitzer der schönsten Rosse in Alexandria und gestattete zwar Gorgo und dem Arzte, bei dem Kranken zu bleiben; doch gab er ihnen zu bedenken, daß ernste Ereignisse bevorstünden, und bestellte, als Gorgo darauf bestand, bei dem Vater zu bleiben, eine Wache zu ihrem Schutze. Die Soldaten hatten alle Hände voll zu thun und räumten die aufgesprengte Thür nur aus dem Wege, statt sie wieder in die Angeln zu heben; Gorgo aber schob, da sich in dem Zustand ihres Vaters nichts ändern wollte, den Vorhang zurück, der sie jetzt nur noch von dem Säulengang zur Rechten des Hypostyls trennte, und blickte über die Köpfe einer doppelten Reihe von Fußsoldaten hinweg. Diese hatten neben der untersten Stufe, welche zu den Säulengängen an beiden Seiten des Hypostyls führten, Aufstellung gefunden. Schon aus der Entfernung nahm Gorgo wahr, daß eine große Menschenmenge nahe und sich mit langen Unterbrechungen langsam vorwärts bewege. In der Vorhalle machte sie einen längeren Halt, und ehe sie die Basilika betrat, drangen an zwanzig Priester mit seltsamen Bewegungen und wunderlichen Recitationen in dieselbe ein. Es waren Exorcisten, welche die an dieser Lieblingsstätte des Götzendienstes und seiner Gräuel heimischen bösen Geister und Dämonen mit frommen Beschwörungen bannen sollten. Sie hielten Kreuze vor sich her und bewegten sie wie Waffen, mit denen man unsichtbare Feinde bekämpft. Sie berührten mit ihnen die Säulen, den Fußboden und das stehen gebliebene Bildwerk, warfen sich auf die Kniee, beschrieben mit der Linken das Zeichen des Kreuzes und stellten sich endlich wie Soldaten in drei Reihen vor der Nische mit dem Götterbilde auf, wiesen mit den Kreuzen auf dasselbe hin und recitirten mit lauter Stimme, welche streng, befehlshaberisch, zornig klang, die kräftigen Sprüche und gewaltigen Formeln, welche bestimmt waren, den bösesten, verruchtesten, verstocktesten aller heidnischen Dämonen zu bannen. Eine Schaar von Akoluthen, welche ihnen gefolgt war, schwang Rauchfässer vor dem verpesteten Neste des Götzenkönigs, und die Exorcisten tauchten Ruthen in die Kessel, welche ihr Gefolge trug, und bespritzten damit die abgöttischen Figuren auf dem Vorhange und die Mosaikbilder am Boden. Dies Treiben nahm viele Minuten in Anspruch. Dann – und nun begann Gorgo's Herz schneller und schneller zu schlagen – dann erschien Konstantin in reichem Waffenschmuck, und hinter ihm eine Ala von hundert Mann, zusammengestellt aus der Elite seiner Reiter: bärtige Männer mit gebräunten, narbigen Gesichtern. Statt der Schwerter trugen sie Äxte in der Hand, und hinter dem letzten Glied dieser stattlichen Schaar kamen Troßknechte mit hohen Leitern, welche sie auf Konstantin's Befehl an die Nische lehnten. Die Fußgänger, welche zur Seite der Kolonnaden Spalier bildeten, schraken zusammen, als sie diese Leitern erblickten, und Gorgo fühlte an dem Beben des Vorhangs, hinter dem Apulejus neben ihr stand, wie groß die Angst war, welche den Arzt beherrschte. Es war, als sei dem Volke das Henkerbeil gezeigt worden, womit man seinen König zu enthaupten gedenke. Nun erschienen die Würdenträger und der Bischof, singende Geistliche und Mönche breiteten sich in dem weiten Raume aus und schlugen unablässig das Zeichen des Kreuzes, die Menge strömte in das Hypostyl und drang so weit vor, als es die Kette erlaubte, welche Soldaten zwischen ihr und Würdenträgern und Bischof ausgespannt hatten. Das Volk: Heiden und Christen in buntem Gemisch, füllte auch die Kolonnaden; aber die Kette hielt sie von dem Ende derselben, bei dem das Zimmer des kranken Porphyrius mündete, zurück, und so benahm es Gorgo nicht den freien Blick auf die von dem Vorhang verborgene Nische. Der Psalmengesang scholl mächtig durch die weiten Tempelhallen und übertönte das Murren und Toben der wüthenden, angsterfüllten, auf Entsetzliches, Haarsträubendes gefaßten Menge. Jeder wußte, welcher Frevel hier begangen werden sollte, und doch mochten nur Wenige glauben, daß man es wagen werde, ihn zu verüben. Wohin Gorgo schaute, sah sie bleiche, von leidenschaftlicher und banger Erregung entstellte Gesichter. Selbst den Geistlichen und Soldaten war das Blut aus den Wangen gewichen. Viele schauten mit fest zusammengebissenen Zähnen starr zu Boden, Andere warfen, um ihre Seelenangst zu bemänteln, dem murrenden Volke, das mit lauten Drohungen und Flüchen den Psalmengesang überschrie, empörte und herausfordernde Blicke zu, und der Widerhall verdoppelte in den weiten Hallen den vieltausendstimmigen Lärm. Eine Unruhe, eine Bewegung ohnegleichen beherrschte diese dicht gedrängte Versammlung. Die Heiden bebten vor Wuth, klammerten die Finger um Amulette und magische Schutzmittel oder schwangen die Fäuste, die Christen zitterten vor Bangigkeit oder frommer Erwartung und rührten die Hände, um das Kreuz zu schlagen oder sich mit vorgestreckten Mittelfingern vor dem tückischen Angriff der Dämonen zu schützen. In Aller Zügen war zu lesen, jede Bewegung deutete an, das Gebrüll der Fluchenden und der Gesang der Frommen verrieth, daß hier etwas Gewaltiges, übermächtig Schreckliches hereinzubrechen drohe. Es war Gorgo, als stehe sie am Rande eines Kraters, als erbebe dort Luft und Erde um sie her, als fühle und sehe sie den Ausbruch des Vulkans sich tosend aufwärts ringen, um Alles weit und breit zu ersticken und zu vernichten. Das Gebrüll der Heiden ward lauter und lauter, einzelne Steine und Hölzer flogen zu der Stelle hin, wo der Bischof und die Würdenträger weilten, aber auf einmal legte sich der Lärm, und wie durch ein Wunder ward es still, ganz still in den weiten Räumen des Tempels. Es war, als habe der Wink des allmächtigen Gottes den vom Orkan gepeitschten Ozean plötzlich in einen glatten, ruhenden Landsee verwandelt. Auf einen Wink des Bischofs waren Akoluthen auf die Nische mit der Bildsäule des Gottes zugetreten, und der Vorhang, welcher sie bis dahin den Blicken entzogen, senkte sich langsam. Da thronte Serapis, da schaute er in majestätischer Würde, unnahbar, mit kühlem Stolz, als sei er hoch erhaben über das kleinliche Treiben der Erdenwürmer zu seinen Füßen, über die Menge hin, und wie gestern Abend, so wirkte sein Anblick auch heute. Wie schön, wie wundervoll edel und köstlich war dieses Werk menschlicher Hände! Selbst Christen zwang es zu einem leisen, langgezogenen Ruf der Überraschung, der Bewunderung, des Staunens. Die Heiden schwiegen zuerst, überwältigt von frommer Scheu und seligem Entzücken, dann aber brachen sie los in ein lautes, begeistertes Jubelgeschrei, und ihr »Heil dem Serapis!« »Ewig daure Serapis!« klang von Säule zu Säule und schwang sich hoch auf zu der Sternenwelt der steinernen Decke. Gorgo hielt die Hände über die Brust gekreuzt, wie sie den Gott in seiner erhabenen Schönheit erblickte. Tadel- und makellos rein, ganz und vollkommen stand dies edle Werk vor ihr, vielleicht nur ein gebrechlicher Götze, aber göttlich dennoch als unsterbliche That eines von allen Himmlischen begeisterten Freundes der Gottheit. Ihr Auge hieng wie gebannt an diesen Formen, die menschlich waren und doch das Menschliche so weit überboten wie die Ewigkeit die Zeit, wie das Sonnenlicht das weithinleuchtende Fanal auf dem Pharus, und sie sagte sich, daß es unmöglich sei, Hand an dieses edle, tadellos herrliche, von dem Adel unvergänglicher Schönheit gefeite Bildwerk zu legen. Sie sah, wie der Bischof, nachdem der Vorhang gesunken, einen Schritt zurücktrat und die Lippen halb öffnete, um vielleicht wie die Anderen seiner Bewunderung durch einen Ruf Ausdruck zu geben; aber sie sah auch, wie er sie schloß, um sie fester zusammenzupressen, wie sein Auge feurig aufblitzte, als der Jubel der Heiden sich Bahn brach, wie die Zornader auf seiner hohen Stirn anschwoll, als das »Heil dem Serapis!« sich hören ließ. Dann nahm sie wahr, wie der Comes dem Kirchenfürsten begütigende Worte zuraunte, vielleicht um ihn zu bewegen, nicht den Götzen als Gott, wohl aber als Kunstwerk zu schonen, und wie dann – das Herz stand ihr still, und sie mußte sich an dem Vorhange festklammern – der Comes sich achselzuckend von dem Bischof abwandte und mit einer Handbewegung, welche auf das Götterbild wies, Konstantin einen Befehl ertheilte. Dieser verneigte sich mit militärischem Ernst und rief dann seinen Reitern ein Kommando zu, welches von dem wilden Geschrei der Heiden laut übertönt ward, dessen Inhalt sie aber schaudernd errieth. Die wetterharten Krieger rührten sich. Ein Unterbefehlshaber schritt, nachdem er das Vexillum seinem Nebenmanne übergeben und diesem das Beil aus der Hand genommen hatte, auf die Bildsäule los, schaute zu ihr empor und zog sich dann zögernden Fußes und mit gesenkter Axt, langsam rückwärts schreitend, zu den Kameraden zurück, welche zaudernd stehen geblieben waren und einander zaghaft, fragend, trotzig anschauten. Da kommandirte Konstantin wiederum, und diesmal lauter und entschiedener als vorher, aber die Reiter regten sich nicht; und als der Unterbefehlshaber die Axt zu Boden warf, thaten es die Anderen ihm nach, wiesen mit heftigen Bewegungen auf den Gott und riefen dem Präfekten Worte zu, welche eine Auflehnung gegen seinen Befehl enthalten mußten, denn er trat dem meuternden Unterbefehlshaber, einem ergrauten Veteranen, näher, schlug ihm die Hand auf die Schulter, schüttelte ihn heftig und bedrohte ihn und die Anderen. In den braven Soldaten kämpfte das Gefühl der Mannszucht und die Liebe zu ihrem wackeren Vorgesetzten mit der Scheu vor dem Gotte; man sah es aus den zuckenden Gesichtern, an den flehend erhobenen Händen; aber der Präfekt wiederholte unentwegt das Kommando, und als ihm auch jetzt der Gehorsam versagt ward, wandte er sich mit einer Geberde bitterer Verachtung von den Reitern ab und rief der doppelten Reihe von Fußgängern neben dem Säulengange, hinter welchem Gorgo diesen Vorgängen folgte, seinen Befehl zu. Aber auch diese gehorchten ihm nicht. Die Heiden jubelten und munterten mit lautem Geschrei die Soldaten zum Widerstande auf. Da wandte sich Konstantin noch einmal an seine Reiter, und als diese bei ihrer Weigerung verharrten, trat er festen Schrittes auf die Leitern zu, hob mit kräftigem Arm eine derselben von der Wand, lehnte sie an die Brust des Gottes, nahm die Axt, welche ihm am nächsten lag, auf, stieg von einer Sprosse zur anderm und auf einmal verstummte der Lärm der Heiden, es ward so still in der weiten Halle, daß man hören konnte, wie sich an den Panzerhemden eine Schuppe an der andern rieb, daß Einer den Athem des Andern vernahm und Gorgo den eigenen Herzschlag zu hören meinte. Mensch und Gott standen einander Aug' in Auge gegenüber, und der Mann, welcher sich dort anschickte, Hand an den Gott zu legen, war ihr Erwählter. Mit athemloser Spannung folgte sie jeder seiner Bewegungen und sie hätte ihm zurufen, ihm von Sprosse zu Sprosse nacheilen mögen, um ihm in den Arm zu fallen und ihn von solch unerhörtem Frevel zurückzuhalten, zurückzuhalten, nicht aus Furcht vor dem Verderben, das er über sie und alle Welt zu bringen drohte – sondern nur, weil sie fühlte, es könne sein gewaltthätiger Streich gegen dies schöne, nie wieder herstellbare Wunder menschlicher Kunst ihre Liebe zu ihm, wie die Axt das Elfenbein, in Stücke zerschlagen. Es bangte ihr nicht für ihn, denn er kam ihr vor wie gefeit und unverletzbar; aber ihre ganze Seele war voll von Furcht vor der That, die er sich zu begehen erkühnte. Sie dachte ihrer gemeinsam verlebten Jugend, seiner eigenen künstlerischen Versuche, der Bewunderung, mit der er zu den großen Schöpfungen der alten Bildhauer aufgeblickt hatte, und sie hielt es für unmöglich, daß er, gerade er, Hand an das Meisterwerk dort in der Nische lege, daß gerade er es schänden, verstümmeln, zerstören sollte. Es konnte, es durfte nicht sein! Aber da stand er schon auf der Spitze der Leiter, da warf er den Stiel der Axt aus der Linken in die Rechte, da bog er sich zurück und schaute das Haupt des Serapis von der Seite her an. Sie konnte des Freundes Antlitz sehen, konnte jede seiner Mienen verfolgen, und sie that es mit leidenschaftlicher Spannung und sah, wie sich seine Augen liebevoll und mit tiefem Bedauern an die schönen Züge der Bildsäule hefteten, und wie er die Linke auf die Brust preßte, als ob sie ihn schmerze. Die da unten mochten glauben, daß er nach Muth ringe, daß er bete oder seine Seele vor dem verhängnißvollen Streiche dem Höchsten befehle; sie aber sah, daß er gleichsam nur Abschied nehme von dem erhabenen Gebilde eines gottbegnadigten Künstlers, daß es ihm schwer, furchtbar schwer fiel, es zu vernichten. Und das that ihr wohl, das gab ihrer Anschauung eine neue Wendung und rief die Frage in ihr wach, ob er, der Soldat, der Christ, dem sein Kriegsherr befohlen, diese That zu begehen, vor ihr zurückbeben dürfe, wenn er das ganz sein wollte, was er doch war. Ihr Blick hieng an ihm, wie das geängstigte Kind am Halse der Mutter, und die versammelten Tausende sahen in diesen Augenblicken der martervollen Spannung nichts, nichts als ihn. Im Herzen der Wüste herrschte niemals lautloseres Schweigen als jetzt in dieser von leidenschaftlich erregten Menschen überfüllten Halle. Von allen fünf Sinnen war hier nur einer thätig: das Gesicht; und doch hatte er nichts zu umfassen und richtete sich auf nichts als auf eine mit der Axt bewaffnete Männerhand. Die Herzen standen still, der Athem stockte, Tausenden siedete und kochte es vor den Ohren, flimmerte es vor den Augen, welche klar sehen wollten und mußten und es doch nicht konnten, und diesen Tausenden war zu Muthe wie dem Verurtheilten, dessen Kopf auf dem Blocke liegt, der den Henker näher treten hört und auf der Schwelle des Todes immer noch auf Begnadigung hofft. Gorgo konnte die Antwort auf ihre Frage nicht finden; denn auch sie mußte sehen, nur sehen. Und sie sah, wie Konstantin die Augen schloß, als scheue er sich, das zu schauen, was das Verhängniß seiner Hand zu vollbringen befohlen, sie sah, wie er mit der Linken in eine der Locken des göttlichen Bartes griff, sah, wie er mit der Rechten zu einem gewaltigen Schlage ausholte, sah, hörte, fühlte, wie die Axt einmal und wieder auf die Wange des Serapis niedersaus'te, sah und vernahm, wie schön geglättetes Elfenbein in großen und kleinen wohlgerundeten Scheiben auf den steinernen Boden niederfiel, von demselben elastisch abprallte oder klirrend in Stücke zersprang. Sie schlug die Hand vor das Antlitz und verbarg lautweinend das Haupt in dem Vorhang. Schluchzend und stöhnend fühlte sie, dachte sie nichts, als daß etwas furchtbar Großes, weltbewegend Schreckliches geschehen sei. Ein Lärm ohnegleichen, wie hallender Donner, und das Brausen der Brandung tos'te auf sie ein, aber sie achtete ihn nicht, und als der Arzt sie endlich anrief, als er sie von dem Vorhange fortzog und sie die Augen wieder aufschlug, stand statt des erhabenen Götterbildes in der Nische ihr gegenüber ein formloser häßlicher Holzklotz, an dem viele Leitern lehnten, und dem zu Füßen in wirrem Gehäuf Elfenbeinschalen, Goldplatten und zerbrochene Marmorstücke lagen. Konstantin war verschwunden; auf den Sprossen der Leitern und auf dem Blocke standen jetzt in buntem Durcheinander Panzerreiter und Mönche und führten das Werk der Zerstörung zu Ende. Sobald der Präfekt die ersten Schläge gethan und der Gott sie in ohnmächtiger Ruhe hingenommen hatte, waren sie auf ihn eingestürmt und hatten ihrem Führer erspart, das von ihm begonnene Vernichtungswerk weiter zu führen. Das große Bild in der Nische war entgöttlicht. Es gab keinen Serapis mehr, der Himmel der Heiden hatte seinen König verloren. In dumpfem Ingrimm, und doch mit angstentlasteten Seelen drängten die Anbeter des gestürzten Gottes in's Freie und suchten an dem blauen, reinen, in heiterem Sonnenlicht strahlenden Himmel vergebens nach rächenden Wolken. Auch Theophilus und der Comes hatten sich entfernt, nachdem es der Bischof den Mönchen überlassen hatte, das Zerstörungswerk zu Ende zu führen. Er kannte seine Trabanten im Schaffell und wußte, daß hier in wenigen Tagen kein Götzenbild, keine Darstellung, kein Zeichen, welches an die alten Götter erinnerte, unbeschädigt sein werde; den tausend Sklaven, welche mit der Schleifung des Serapeums beauftragt werden sollten, hatte seine Ungeduld freilich eine zwanzigfach längere Frist gewähren müssen. Der Comes begab sich ungesäumt in das Hippodrom, und dorthin eilten ihm Hunderte voran, um dem versammelten Volke mitzutheilen, daß Alexandria seinen Serapis verloren. Konstantin hatte sich von den Zerstörern zurückgezogen und sich auf die Stufen der Kolonnaden niedergelassen. In düstere und wehmüthige Gedanken versunken schaute er zu Boden. Er war Soldat und nahm es ernst mit seinem Berufe. Was da geschehen war, er hatte es thun müssen: aber Niemand ahnte, wie schwer es ihm geworden, diese furchtbare Pflicht zu erfüllen. Es graute ihm vor der eigenen That, und doch würde er sie morgen wieder begangen haben, wenn sie unter den gleichen Umständen wie heute von ihm verlangt worden wäre. Er beklagte das schöne Kunstwerk wie einen verlorenen Schatz; aber er empfand, daß es recht und nothwendig gewesen sei, es aus der Welt zu entfernen. Dabei gedachte er Gorgo's und wie sie, die sich ihm gestern zu eigen gegeben, die er mit der ganzen Glut seines Herzens liebte, von der er wußte, daß sie seinem Glauben abhold war, weil der das Schöne noch nicht zu ehren verstand, die Kunde ertragen werde, er, ihr Geliebter, sei es gewesen, der wie ein roher Barbar gegen das edelste Kunstwerk, gegen das Schöne gewüthet, das er doch ebenso hochhielt, wie sie. Er sann und stieg dabei in die tiefsten Tiefen seiner Seele, und wieder mußte er sich sagen, daß er Recht gethan habe und zum andern Male ebenso handeln würde, auch auf die Gefahr hin, sie zu verlieren. Er kannte nichts Edleres als Gorgo, und hätte er es denn wagen dürfen, sie mit einem Makel an seiner Ehre durch's Leben zu führen? Aber er verhehlte sich doch nicht, daß sich seine That wie eine tiefe Kluft zwischen sie und ihn senken werde, und tief bekümmert mußte er an die Tragödie und das Schicksal der Alten denken, welches seine Opfer auch ohne ihre eigene Schuld als Schuldige straft. Dieser Tag bezeichnete vielleicht den Untergang seines Glückes, er stieß ihn vielleicht hinaus in Krieg und immer neuen Krieg bis zum Tod auf dem Schlachtfelde. So saß er und sein Blick ward immer düsterer, das Haupt sank ihm immer tiefer auf die beklommene Brust. Da fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter, und wie er sich umwandte, stand Gorgo hinter ihm und streckte ihm die Rechte entgegen; er aber schnellte in die Höhe, faßte die liebe Hand mit leidenschaftlicher Wärme, blickte der Jungfrau traurig in die Augen und sagte bang und mit tiefer Bewegung: »Ich möchte sie halten, immer halten, aber wirst Du sie mir lassen, wenn ich Dir sage, was diese Hand hier verübt hat?« »Ich weiß es,« entgegnete sie fest. »Und nicht wahr, das zu thun, ist Dir schwer geworden, sehr schwer?« »Namenlos, namenlos schwer!« erwiderte er und zog die Schultern zusammen, als packe ihn die Erinnerung an ein finsteres Verhängniß. Da schaute sie ihm innig in die Augen und rief: »Und Du hast es doch gethan, weil Du ganz sein willst und mußt, was Du bist. Das ist das Rechte, ich fühl' es, und ich will es Dir nachzuthun versuchen und mit der Halbheit brechen, die das Dasein verdirbt, die den festen Weg des Lebens – ich hab' es erfahren – in eine wankende Brücke verwandelt. Ganz, ganz will ich Dein sein und auch keine anderen Götter mehr haben als Du, und aus Liebe zu Dir Deinen Gott lieben lernen, den Du ja oft einen Gott der Liebe genannt hast.« »Er ist es,« rief Konstantin, »und Du wirst ihn verstehen und erkennen auch ohne Lehre, denn wer ein Herz voll Liebe besitzt, in dem ist unser Heiland lebendig. O Gorgo, Gorgo! Ich habe den schönen Götzen zerschlagen, aber ich will Dir zeigen, daß man auch als ein ganzer Christ in Haus und Herzen das Schöne hegen und hochhalten kann.« »Ich glaube Dir!« rief sie freudig. »Die Erde bleibt stehen und wankt nicht trotz des Falls des Serapis, aber mir kommt es vor, als sei in meiner Seele eine Welt zu Grunde gegangen und als bilde sich nun eine neue, die höher und reiner ist und vielleicht sogar schöner als sie!« Er drückte ihre Hand an die Lippen, sie aber winkte ihm, ihr zu folgen, und führte ihn an das Lager ihres Vaters, der mit weit geöffneten Augen an der Brust des Arztes ruhte und den Eintretenden mit einem müden Lächeln entgegennickte. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der große Hippodrom war von vielen Tausenden von Zuschauern gefüllt. Freilich hatten anfänglich ganze Sitzreihen leer gestanden, während sonst das Volk vor einem großen Wettfahren schon nach Mitternacht aufbrach und lange vor dem Beginn des Schauspiels jeden Platz besetzt hielt; ja die oberen hölzernen Stockwerke der Tribünen, wo sich die Frei- und Stehplätze befanden, waren sonst schon in der Frühe so überfüllt, daß es selten ohne Schlägerei abgieng. Diesmal hatte das Unwetter in der vergangenen Nacht, die Erwartung auf den Ausgang des Kampfes im Serapeum und die Furcht vor dem Untergange der Welt anfänglich Viele von dem lang ersehnten Schauspiel zurückgehalten; als aber der sonnige Himmel seine Reinheit bewahrte und es bekannt wurde, daß die Bildsäule des Serapis bei den Kämpfen im Heiligthum des Gottes unbeschädigt geblieben sei, als man den kaiserlichen Gesandten Cynegius und den Stadtpräfekten Evagrius mit großem Pomp in die Arena ziehen und ihnen viele Senatoren und vornehme Herren und Frauen aus christlichen, heidnischen und jüdischen Kreisen folgen sah, faßten auch Zaghafte Muth, und da man den Beginn des Rennens um eine Stunde hinausgeschoben hatte, waren die Sitze, bevor die ersten Gespanne in die überwölbten Aufbruchsschuppen fuhren, zwar nicht so voll wie sonst, aber doch reichlich besetzt. Die Zahl der Gespanne blieb durchaus nicht hinter der gewöhnlichen Höhe zurück, denn die Heiden hatten Alles aufgeboten, um ihren andersgläubigen Mitbürgern und dem Gesandten des Theodosius zu zeigen, daß sie trotz aller Verfolgungen und kaiserlichen Edikte immer noch eine Macht seien, mit der man zu rechnen habe. Was die Christen angieng, so strebten sie darnach, es den Götzendienern auch auf denjenigen Gebieten zuvor zu thun, wo ihnen diese bis vor Kurzem durchaus überlegen gewesen waren. Des Bischofs Wort, daß das Christenthum aufgehört habe, eine Religion für die Armen zu sein, bestätigte sich hier glänzend; denn ein großer Theil der Sitze für die Würdenträger, Senatoren und reichen Geschlechter der Stadt war von Bekennern seines Glaubens besetzt, und die Männer und Frauen, welche dieselben inne hatten, standen an Kleiderpracht und kostbarem Schmuck in nichts ihren heidnischen Standesgenossen nach. Auch die christlichen Gespanne, welche rechtzeitig vor dem Säulengange hinter den Aufbruchsschuppen erschienen waren, mußten dem Kenner gefallen; aber er mochte dennoch nicht ohne Grund mit größerem Zutrauen auf die heidnischen Rosse und besonders auf deren Lenker sehen, als auf die christlichen. Jenen war bis dahin auch unter zehn Fällen neunmal der Sieg zugefallen. Das Viergespann, mit dem Marcus, der Sohn der Maria, hinter den Aufbruchsschuppen hielt, war noch nie vorher im Hippodrom erschienen. Demetrius, der Bruder seines Besitzers, hatte dieses Doppelpaar von edlen kohlschwarzen Berberstuten für ihn gezogen, und es erregte Aufsehen unter den Pferdeliebhabern, welche vor dem Beginn des Rennens im sogenannten Oppidum hinter den Carceres Überwölbte Schuppen oder Verschläge, in denen die Gespanne zu verweilen hatten, bevor das Zeichen zur Abfahrt gegeben ward. umherzuschlendern pflegten, um die Rosse zu mustern, den Verlauf der Fahrten vorauszusagen, den Lenkern Rathschläge zu ertheilen und Wetten einzugehen. Vielleicht waren diese tadellosen Thiere den berühmten Fuchshengsten des reichen Iphikrates ebenbürtig, welche schon öfter Siege errungen hatten, aber mehr noch als auf die Rosse kam es auf die Lenker oder Agitatoren an, und wenn Marcus auch die Zügel recht gut zu regieren verstand – man kannte ihn von den Übungsfahrten her – so konnte er sich doch kaum mit dem schönen Heiden Hippias messen. Dieser war, wie die meisten Lenker der hier erschienenen Gespanne, ein Agitator von Profession. Man sagte ihm nach, daß er über eine Brücke gefahren sei, die nicht voll die Breite der Spur der Räder seines Wagens besessen habe, und Viele konnten bezeugen, daß er mit Roß und Wagen den Namen seiner jeweiligen Geliebten in den Sand des Hippodroms zu schreiben verstand. Auf ihn und die Füchse des Iphikrates, welche er lenkte, wurden die meisten und höchsten Wetten gemacht. Einige wagten wohl kleinere Summen an die Berberstuten des Marcus, doch wenn sie die hochgewachsene, aber schmalschulterige Gestalt des Christenjünglings und sein fein geformtes Antlitz mit dem Träumerblick der großen blauen Augen und dem unkräftigen schwärzlichen Flaum auf der Lippe mit der Achillesgestalt und dem Hermeskopfe des Hippias verglichen, so wurde ihnen bang um ihr gutes Geld. Ja, wenn sein Bruder, der Landmann, welcher neben seinem Wagen stand, oder ein Agitator von Beruf die Zügel geführt hätte, dann wäre es eine Lust gewesen, auf diese Pferde zu wetten. Marcus war wohl verreis't gewesen, und auch darüber zuckte man die Achseln; denn man hatte ihn seine Rosse erst in den letzten Tagen im Hippodrom einfahren sehen. Die Zeit schritt vorwärts, und als der kaiserliche Gesandte, den man zum Kampfrichter erwählt hatte, seinen Platz eingenommen, flüsterte Demetrius dem Marcus noch einige Rathschläge zu und zog sich dann in die Arena zurück. Er hatte sich einen guten Platz auf dem steinernen Podium an der Schattenseite verschafft, obgleich unter den Sitzen seines väterlichen Hauses mehrere leer standen, aber er mochte diese nicht benützen, weil er seiner Stiefmutter, welche mit einem Senatorenpaar aus ihrer Verwandtschaft erschienen war, aus dem Wege zu gehen wünschte. Er war ihr weder gestern noch vorgestern begegnet, denn das Versprechen, welches er dem alten Karnis gegeben, Dada, das Schwesterkind seiner Frau; aufzusuchen, hatte ihn fortwährend in Athem erhalten, und es war ihm ernstlich darum zu thun gewesen, das Mädchen zu finden. Die brave Entschiedenheit, mit dem seine glänzenden Geschenke von diesem jungen Geschöpfe bei aller Dürftigkeit, in der es lebte, zurückgewiesen worden waren, hatte ihm Achtung eingeflößt, und es war ihm wie eine Beleidigung, die man ihm selbst oder seinem Bruder zufüge, vorgekommen, als Gorgo sie eine Dirne genannt hatte. Er meinte, daß ihm ein liebreizenderes Wesen niemals begegnet sei; er konnte sie nicht vergessen, und der Gedanke, daß sie in dem Sumpfe der großen Stadt, in den sie sich aus Unerfahrenheit gewagt hatte, versinken könne, that ihm weh. Sein Bruder hatte ältere Rechte auf sie, und er wollte sie ihm auch nicht streitig machen. Indem er nicht müde geworden war, sie überall, wo die Jugend verkehrte und sogar auch in Kanopus zu suchen, hatte er nichts gewollt, als sie in Sicherheit bringen wie einen Schatz, der dem Hause zu entgehen droht und der, wenn man ihn nur erst unbestritten besitzt, Demjenigen zuertheilt werden mag, welcher sein Anrecht darauf am besten zu begründen versteht. Aber all seine Bemühungen waren vergebens gewesen, und er hatte in wenig glücklicher Stimmung den Hippodrom aufgesucht. Dort war ihm die bittere Feindseligkeit, welche ihm diesmal in seiner Vaterstadt überall begegnete, nicht weniger lebhaft als auf der Straße entgegengetreten. Der feierliche Zug, in dem sich die Wagen sonst in die Bahn begaben, hatte diesmal nicht zusammentreten dürfen; ohne Pomp waren die einzelnen Fuhrwerke in das Oppidum gefahren, und die Götterbilder, welche man früher vor Beginn des Rennens auf die Spina Die Spina ist ein langes Postament (im Cirkus des Caracalla maß sie etwa 275 Meter), welches ursprünglich aus Holz, später aus Stein bestand, durchschnittlich 9 Meter hoch war und die Rennbahn in zwei Theile zerlegte. An ihren beiden Enden befanden sich – 4 Meter von ihr getrennt – die Ziele. zu stellen pflegte, durften schon längst nicht mehr im Hippodrom erscheinen. Das Alles verdroß Demetrius, und nachdem er seinen Sitz gefunden, schaute er sich mißmuthig unter den Zuschauern um. Auf den mit Polstern und Löwenfellen bedeckten Plätzen seiner Familie saß seine Stiefmutter. Ihr Ober- und Untergewand zeigte die blaue Farbe der christlichen Wettfahrer und bestand aus cyanenblauem Silberbrokat, in dem Kreuze, Fische und Ölzweige in schönem Wechsel kunstvoll gewebt waren. Ihr schwarzes Haar lag schlicht und fest an den Schläfen und war unbekränzt; aber um ihr Haupt zog sich eine Schnur von großen grauen Perlen, und von dieser hieng ein Kranz aus blauen Sapphiren und weißen Opalen auf ihre Stirn nieder. Ihr Hinterkopf war verschleiert, und sie schaute unverwandt und als ob sie bete, in den Schooß. Hier ruhten ihre Hände und falteten sich um ein Kreuz. Solche Ruhe, ein so sittsam niedergeschlagener Blick ziemte der christlichen Matrone und Wittwe. Dieser Zuschauerin sollte Jedermann ansehen, daß sie nicht um des weltlichen Vergnügens willen hieher gekommen sei, sondern nur, um einem Triumph der Ihren und besonders ihres Sohnes über die Götzendiener beizuwohnen. Alles an ihr legte Zeugniß ab für ihren Glauben, selbst die Muster auf den Kleidern und die Form des Schmuckes, selbst das Seidengewebe der Handschuhe, in die ein Kreuz und ein Anker so eingewebt waren, daß sie einander schnitten und die Figur des griechischen X, des Anfangsbuchstabens des Namens Christi, bildeten. Schlicht und frei von der Eitelkeit dieser Welt wollte sie scheinen, aber kostbar durfte sein, was sie trug; denn sie war ja hier zu Ehren des Glaubens erschienen. Kränze von frischen duftigen Blumen zu tragen würde sie als einen heidnischen Gräuel weit von sich gewiesen haben, aber für den Erlös der Perlenschnur, welche ihr Haupt umgab, hätte man die ganze Arena mit Guirlanden umwinden und hundert Arme ein Jahr lang sättigen können. Es scheint so viel leichter, den allweisen Schöpfer der Welt zu betrügen, als den thörichten Nächsten. So wie Frau Maria dasaß in steifer, sittsamer Würde, fiengen damals Maler und Bildhauer an die Mutter Gottes zu bilden, und es fröstelte den Landmann, so lange seine Blicke auf der Stiefmutter ruhten. Nach diesem Anblick that es ihm wohl, auf das warme Lachen zu hören, welches von der untersten Stufe des Podiums aus zu ihm hinauf scholl. Als er die Stelle gefunden, woher es kam, wollte er seinen Augen nicht trauen, denn da saß die mühsam gesuchte Dada zwischen einem alten Manne und einer jüngeren Frau und schien eben etwas Ergötzliches wahrgenommen zu haben. Nachdem sich Demetrius zufrieden und wohlig gedehnt hatte, erhob er sich, denn gerade hinter dem Mädchen saß sein Sachwalter, und da es ihm gerathen schien, sich das Wild nicht wieder aus dem Garn gehen zu lassen, suchte er diesen auf und bat ihn leise, den Platz mit ihm zu wechseln, und der alte Herr war ihm gern gefällig und räumte ihm mit einem vielsagenden Lächeln den Sitz ein. Dada hatte zum ersten Male, seitdem sie denken konnte, eine Nacht schlaflos verbracht. Wer weiß, ob Orkan und Donner im Stande gewesen wären, sie zu wecken, aber das, was ihr durch den Kopf gegangen, war für sich allein mannigfaltig und mächtig genug gewesen, um sie des Schlafs zu berauben. Bald hatte sie an die Ihren, welche für den Serapis kämpften, bald an Agne und was wohl aus ihr geworden sei, bald an die Kirche und die Predigt des würdigen Alten, bald an das Wettfahren, dem sie beiwohnen sollte, denken müssen, und dabei war ihr des Christen Marcus Bild mit unabweislicher Lebendigkeit vor die Seele getreten. Es verstand sich von selbst, daß sie für seine Rosse Partei nehmen wollte; aber, wie wunderlich sich das fügte: sie, die Nichte des Karnis, auf Seiten der Christen! Noch seltsamer war es indessen, daß sie an all die bösen Worte, welche sie von Kind an über die Anhänger des gekreuzigten Juden vernommen hatte, nicht mehr glauben mochte. Karnis konnte es ihnen nur nicht verzeihen, daß sie ihn um sein Theater in Tauromenium gebracht hatten, und vielleicht waren sie ihm gar nicht genügend bekannt. Sie hatte oft recht vergnügte Stunden bei den Festen der alten Götter genossen, und sie verdienten gewiß, schön und heiter und, wenn sie grollten, auch furchtbar genannt zu werden, aber in ihrer Seele hatte sich schon lange ein leises, unbestimmtes Sehnen geregt, das in keinem heidnischen Tempel befriedigt worden war. Sie wußte nicht, wie sie es nennen sollte, und hätte es schwer beschreiben können, aber in der Kirche bei Gebet und Gesang und bei der Rede des alten Priesters, da war es zum ersten Male gestillt worden, da hatte sie empfunden, daß sie mit all ihrer Thorheit und Hülflosigkeit, auch wenn sie von ihren Pflegeeltern getrennt bleiben sollte, nicht mehr allein zu stehen brauche, sondern sich auf eine große, liebevolle und hülfreiche Macht stützen und klammern könne. Und sie war eines solchen Schutzes sehr bedürftig, denn sie ließ sich so leicht betrügen. Die Flötenspielerin Stephanion, welche in Rom mit ihnen gewesen, hatte ihr Alles abgelockt, was sie wollte, und wenn sie etwas begangen, es auf sie zu schieben gewußt. Sie mußte auch etwas besonders Wehrloses an sich haben; denn Jeder nahm sich heraus, sie wie ein Kind zu meistern oder ihr Dinge zuzumuthen, die sie empörten. Im Hippodrom dachte sie nur noch an die lebendige Gegenwart und fühlte sich glücklich, denn sie war da auf der untersten Reihe des steinernen Podiums zu sitzen gekommen, und zwar auf den guten Stühlen im Schatten, die dem reichen Magier Posidonius gehörten, und das war doch etwas ganz Anderes als in Rom, wo sie im Cirkus Maximus einmal auf dem zweiten hölzernen Stockwerk gestanden und gedrängt und gedrückt und von Keinem bemerkt dem Rennen aus der Ferne zugesehen und den Menschen und Thieren auf die Köpfe geschaut hatte. Herse hatte sie dann nie wieder dahin mitgenommen; denn beim Ausgang waren sie verfolgt und von jungen und alten Herren angeredet worden, und ihre Pflegemutter hatte nachher überall Gefahr für sie gewittert und sie keine zehn Schritte mehr allein durch die Stadt gehen lassen. Hier war es viel schöner als dort oben im Cirkus; denn hier trennte sie von der Bahn nur ein schmaler Kanal, der gerade vor ihr überbrückt war, hier liefen die Rosse dicht an ihr vorüber, und es war auch hübsch, bemerkt zu werden und tausend wohlgefällige Blicke auf sich zu ziehen. Sogar der große Cynegius, der Notar und Gesandte des Kaisers, welcher sie schon auf dem Schiffe ausgezeichnet hatte, sah oft nach ihr hin. Vor Kurzem war er von zehn riesigen Schwarzen auf einer goldenen Sänfte über die Bahn getragen worden, zwölf Liktoren, welche mit Lorbeerlaub umwundene Fasces trugen, waren ihm vorangegangen, und er saß nun in seinem langen gestickten Purpurgewande auf dem geschmückten Thronsessel inmitten der Tribüne über den Aufbruchsschuppen; aber sie kümmerte sich nicht um den aufgeputzten Alten. Sie hatte die Augen überall und ließ sich Alles, was ihr auffiel, von Medius und seiner Tochter benennen und erklären. Demetrius freute sich an ihrer frohen Lebendigkeit, und als sie den Sänger anstieß und ihm leise zurief: »Sieh' nur, wie die da drüben sich die Hälse nach uns ausrecken; aber mein Gewand ist auch schön! Wo Dein Posidonius nur die köstlichen Rosen her hat! In dem Streifen da sind von der Achsel bis zum Gürtel hinunter allein über hundert Knospen; ich habe sie auf dem Wege hieher in der Sänfte gezählt. Schade, daß sie so schnell verblühen! Ich möchte die Blätter trocknen und Rosenöl daraus machen.« Da fiel ihr der Landmann heiter in's Wort und sagte über ihre Schulter hinweg: »Dafür würden es doch schwerlich genug sein.« Diese unerwartete Ansprache veranlaßte Dada, sich umzusehen, und sie erröthete, als sie den Bruder des Marcus in ihm erkannte; er aber versicherte, er habe es längst bereut, sie vorgestern Morgen so keck überfallen zu haben. Da lachte sie und sagte, es sei sein Schade gewesen; etwas höflicher hätte sie ihn übrigens doch vielleicht heimsenden können; aber die gute Laune sei ihr gerade verdorben gewesen, und sie würde auch Jedem vergehen, dem man, wie Frau Herse es ihr gethan, die Schuhe versteckt und ihn so an das Deck eines Schiffes mitten im Wasser festgebunden habe. Dann machte sie ihn mit Medius bekannt und erkundigte sich endlich nach Marcus und seinen Rossen und ob er hoffen dürfe, den Sieg zu erringen. Der Landmann stand ihr gern Rede, und als Blumenmädchen durch die Sitzreihen schritten und Kränze, sowie blaue und rothe Blumen und Bänder feilboten, kaufte Demetrius die allerschönsten Olivenkronen, um sie dem Sieger – hoffentlich seinem Bruder – zuzuwerfen. Medius und seine Tochter trugen Schleifen in der rothen Farbe der Heiden, und wie diese hatte auch Dada eine solche an die Schulter gesteckt; jetzt aber ließ sich das Mädchen blaue Bänder von Demetrius reichen und steckte sie zum Verdruß des Sängers an die Stelle der rothen, weil sie auf Seiten des Marcus stehe. Da lachte der Landmann mit seiner tiefen Stimme laut auf und versicherte, sein Bruder sei zwar jetzt schon ganz Eifer, wenn er sie aber mit diesen Bändern sehe, werde er sein Äußerstes thun, schon um ihr für ihre Parteinahme zu danken. Sie möge nur wissen, daß Marcus nicht aufhöre, an sie zu denken. »Das freut mich!« versetzte sie unbefangen und fügte hinzu, daß es ihr ebenso gehe, denn sie habe sich in dieser Nacht fortwährend mit Marcus und seinen Rossen beschäftigt. Medius konnte es nicht unterlassen, sie darauf hinzuweisen, daß Karnis und Herse es sehr übel nehmen würden, wenn sie heute die christlichen Farben tragen werde; sie aber versetzte, das solle ihr leid sein, aber Blau gefalle ihr eben besser als Roth. Diese Antwort klang so widerwillig und kurz, daß es dem Landmanne, welcher sie gewöhnlich froh und harmlos gesehen hatte, auffiel; ja, er fühlte aus ihr heraus, wie wenig geneigt Dada ihren Gastfreunden sei. Von den Thürmen zur Seite der Ausfahrtsschuppen und der Tribüne über denselben scholl Musik; aber sie klang weniger frisch und heiter als sonst, denn das Flötenspiel und viele heidnischen Weisen waren verboten worden. Sonst war der Hippodrom der Platz gewesen, an dem sich Verliebte ein Stelldichein gegeben hatten und manches neue Bündniß angeknüpft worden war, aber heute ließ man die Töchter der besser gestellten Familien nicht aus den Frauengemächern, denn man witterte überall Unheil, viele heidnischen Jünglinge hielten die Ereignisse im Serapeum von den Rennen fern, und es war, als lähme ein geheimnißvolles Etwas die Lust und den Frohsinn, welche sonst gerade hier eine Heimstätte hatten. Leidenschaftliche Erregung, bis auf's Äußerste gespannte Erwartung, Gunst und Mißgunst waren hier immer zu finden gewesen; aber heute hatten diese Empfindungen eine verschärfte Form angenommen – der Haß hatte sich unter sie gemischt und beherrschte sie Alle. Die Heiden wurden überall in ihren Rechten geschädigt, verletzt und verdrängt. Sie sahen die Christen auf hundert Gebieten des Lebens triumphiren, und der Haß ist ein vielgestaltiges Ungeheuer, welches da am reißendsten und unversöhnlichsten tobt, wo er aus der Gifthöhle des Neides hervorbricht. Aber auch die Christen haßten die Götzendiener, welche mit stolzer Selbstüberhebung auf ihren geistigen Besitz, das Erbe einer glorreichen Vergangenheit, pochten. Die Verfolgten, Verspotteten waren jetzt die Herrschenden, Mächtigen geworden, und je gewaltthätiger sie den Unterliegenden begegneten, je größeres Unrecht sie ihnen thaten und je weniger es den unterdrückten Heiden möglich war, dies zu rächen, desto tiefer begannen die Christen diejenigen zu hassen, welche sie auch als abergläubische Götzendiener verachteten. In der Sorge für ihr göttliches Theil, die Seele, hatten die Christen bisher die Pflege und Ausbildung des Leibes vernachlässigt, und so war in der Palästra und im Hippodrom der Heide bis jetzt Alleinherrscher geblieben. Dort, auf dem Ringplatz, verschmähte es der Christ, sich ihm zu stellen, denn sich mit nacktem Leibe zu zeigen war ihm ein Gräuel; aber im Hippodrom hatte er mit eigenen Rossen zu fahren begonnen und den alten Siegern den Kranz schon mehr als einmal streitig gemacht, und so fühlte sich der Heide bedroht, auch auf diesem Gebiete alter und entschiedener Überlegenheit überflügelt zu werden. Das war schwer zu ertragen, das mußte verhütet werden, und der bloße Gedanke, auch hier zu unterliegen, weckte in den Heiden gleichfalls Empörung und Haß. Mit Kränzen von scharlachrothem Mohn, mit Granaten und glühenden Rosen überreich geschmückt und mit Purpurbändern auf rothen Kleidern, trugen sie zur Schau, welcher Partei sie angehörten. Das Weiß und Grün, mit dem sie sich sonst noch unterschieden hatten, war aufgegeben worden, denn es galt, die ganze Kraft ungetheilt gegen den einen Gegner zu wenden. Rothe Sonnenschirme beschützten ihre Frauen, roth waren selbst die Körbe, in denen der Mundvorrath für die Stunden, welche das Rennen in Anspruch nehmen sollte, aufbewahrt wurde. Dagegen waren wie die Wittwe Maria alle Christen blau angethan vom Kopfputz bis zur Sohle, die mit blauen Bändern um den Knöchel geschnürt war, und Dada's blaue Schleife wollte zu dem rosenrothen Gewande durchaus nicht passen. Die Sklaven der Garköche, welche Erfrischungen umherreichten, boten roth und blau gefärbte Eier, Kuchen mit Zuckerguß und Getränke aus Krügen von beiden Farben feil. Wo ein Christ neben einem Heiden Platz gefunden, kehrte sich bald Schulter schräg gegen Schulter, wo die Andersgläubigen einander ansehen mußten, geschah es mit düsteren Blicken. Cynegius suchte als Kampfrichter den Beginn des Rennens möglichst lange hinauszuschieben; denn er wünschte, daß der Comes seine Aufgabe im Serapeum zu Ende geführt und die Truppen für jeden Fall zur Verfügung haben möge, bevor der Wettkampf im Hippodrom zum Abschluß gelangt sei. Die Zeit vergieng ihm schnell genug, denn die große, hier versammelte Menge zog ihn, der ähnlichen Spielen zu Rom und Konstantinopel so häufig beigewohnt hatte, besonders an; unterschied sie sich doch wesentlich von der Zuschauerschaft, der er in anderen Cirkussen begegnet war. In den oberen Rängen hatten mehr schwarze und braune als weiße Menschen die Freiplätze inne. Auf dem steinernen Podium des untern Stockwerkes saßen auf eigenen kostbaren Stühlen und Polstern zwischen Griechen und Ägyptern Tausende von reich geschmückten Männern und Frauen mit scharf geschnittenen semitischen Gesichtern, Mitglieder der großen jüdischen Gemeinde, deren greises Oberhaupt, der Alabarch, eine würdige Patriarchengestalt in griechischer Kleidung, neben den Führern des Senats in seiner Nähe verweilte. Der Alexandriner war kein Freund des Wartens, und schon machte die Ungeduld der Menge sich Lust in wildem Lärm, als Cynegius sich erhob und mit einem weißen Tuche das Zeichen zum Anfang des Wettfahrens gab. Aus fünfzig- waren nach und nach sechzig- und achtzigtausend Zuschauer geworden, und hinter den Carceres harrten sechsunddreißig Gespanne. Vier Missus oder Rennen waren in Aussicht genommen. An den drei ersten sollten je zwölf Wagen theilnehmen und zu dem vierten nur die drei Sieger der vorhergehenden Missus zugelassen werden. Wer bei diesem entscheidenden Ringen den Olivenkranz und die Palme gewann, dem gebührte die Ehre des Tages, dessen Partei hatte die andere geschlagen und durfte den Hippodrom triumphirend verlassen. Im Oppidum hinter den Carceres entschied nun das Loos, welche Abfahrtsschuppen einem jeden Wagen zufallen und zu welchem Missus er gehören solle. Marcus kam in den ersten und mit ihm, zum Schrecken Derer, die auf seine Rappen gewettet, der Matador unter den Agitatoren, Hippias, mit seinen vier Füchsen. Während heidnische Priester dem Poseidon und Phöbus Apollo, den Schutzherren der Rosse und des Hippodroms, Libationen darbrachten – denn blutige Opfer waren verboten – segneten Presbyter und Exorcisten im Namen des Bischofs die christlichen Rosse. Einige Mönche waren ihnen gefolgt, wurden aber von den Heiden als unberufene Eindringlinge mit bitterem Spott verjagt. Cynegius winkte wieder. Tubarufe durchschmetterten die Luft, und nun fuhren die zwölf ersten Gespanne in die für sie bestimmten Aufbruchsschuppen. Nach einigen Minuten spielte ein Mechanismus, hob einen ehernen Adler So zu Olympia. mit weit ausgebreiteten Flügeln von einem Altar vor den Carceres hoch in die Höhe, und alsbald traten die Gespanne aus den Schuppen hervor und stellten sich hart hinter der Ablaufslinie, einem breiten Kreidestreifen, auf, welcher schräg gezogen war, um den Nachtheil der von dem äußern Flügel der Linie abrennenden Gespanne auszugleichen. Nur die auf den bevorzugten Plätzen über den Carceres weilenden Zuschauer waren bisher im Stande gewesen, wenn sie sich umgeschaut hatten, Rosse und Lenker zu überblicken; für die große Menge wurden sie jetzt zum ersten Mal sichtbar, und sie brach bei ihrem Anblick in lautes, weithin hallendes Beifallsgeschrei aus. Die Agitatoren hatten alle Kraft aufzubieten, um die vorwärts strebenden Pferde in diesem Lärm zum Stillstand zu zwingen, aber nur auf kurze Minuten; denn wiederum hatte Cynegius ein Zeichen gegeben, und nun fiel ein goldener Delphin, welcher unter einem Balken geschwebt hatte und auf den die Blicke aller Lenker geheftet gewesen waren, zu Boden, eine Salpinxfanfare durchschmetterte die Luft, und achtundvierzig Rosse jagten, als habe eine einzige Hand sie freigegeben, in die weite Bahn. Spielend riß die gewaltige Kraft der Viergespanne die leichten zweiräderigen Wagen über das harte Erdreich, auf dem der Wolkenbruch der vergangenen Nacht den Staub gelöscht hatte. Hell leuchtender Sonnenglanz gleißte und blitzte und spiegelte sich mit kurzen, schnell abgebrochenen Blicken in der glänzenden Vergoldung der Bronze, und dem Silber der halbmondförmigen, mit reicher Figurenzier geschmückten Gestelle, in denen die Agitatoren standen. Fünf blaue mischten sich unter sieben rothe Lenker, wie das Loos es entschieden. Das Auge folgte mit Freude den sehnigen Gestalten, deren nackter Fuß in dem Wagen zu wurzeln, deren Auge mit dem Normalpunkte, auf den es zuzustreben galt, verwachsen zu sein schien und doch wie der Blick des Schützen, welcher Pfeil, Bogen und Ziel auf einmal umfaßt, auch das Viergespann nicht außer Acht ließ. Eine Kappe mit flatternden Bändern hielt das lockige Haar zusammen, ein kurzer, ärmelloser Rock bedeckte den Leib, um den sich, als wollten sie seine Kraft zusammenpressen, breite Binden in mehrfachen Lagen schnürten. Über den Hüften waren die Zügel befestigt, damit die Hände frei blieben, theils um jene zu regieren, theils um die Geißel zu schwingen und den Stachel zu gebrauchen. In jedem Gürtel steckte ein Messer, um im Falle der Noth die todbringende Verbindung mit den Rossen zu lösen. Bald braus'te das Viergespann mit den Fuchshengsten des Hippias Allen voran. Ihm folgten zwei christliche Wagen, diesen drei Rothe und hinter den Anderen fuhr als Letzter Marcus dahin; aber man sah ihm und seinem Wagen an, daß sie nicht aus Unvermögen, sondern weil es ihnen also gefiel, zurückgeblieben waren. Der Sohn der Maria hielt sich weit nach hinten gebeugt, stemmte die Füße gegen den silbernen Wagenrand vor seinen Knieen und hemmte mit Leib und Händen den Lauf seiner schnaubenden Stuten. Bald jagten diese an Dada und seinem Bruder vorüber, aber Marcus bemerkte sie nicht. Auch für die eigene Mutter war er blind gewesen, während Agitatoren von Profession sich vor Cynegius verneigt und den Ihren zugewinkt hatten. Er war sich bewußt, Sinn und Auge nur auf die Rosse, nur auf das Ziel richten zu dürfen. Die Menge schrie, jauchzte, feuerte die Ihren mit lautem Zurufe an, pfiff und zischte, wo sie ihre Erwartung getäuscht sah und am lautesten, als Marcus sich hinter den Anderen zeigte; aber er hörte sie nicht, oder wollte sie nicht hören. Dada schlug das Herz zum Zerspringen. Sie konnte nicht ruhig sitzen, erhob sich schnell, warf sich wieder auf das Polster zurück und rief Marcus in den kurzen Augenblicken, in denen er sie vielleicht zu hören vermocht hätte, antreibende Worte zu. Als er vorbei war, senkte sie den Kopf und sagte traurig: »Der Arme! Gib Acht, Demetrius, wir haben unsere Kränze vergebens gekauft.« Aber der Landmann schüttelte den Kopf und rief: »In dem schlanken Leib hat der Junge stählerne Sehnen. Wie er die Stuten zurückhält! Er spart für die Zeit, wo es noth thut. Sieben Mal, ganze sieben Mal, Mädchen, hat er die Nyssa Das Ziel oder der Endpunkt. Griechisch: Nyssa und Kampter; lateinisch Meta. zu umgehen und diesen weiten Raum zu umkreisen! Was er jetzt versäumt, gib Acht, er holt es schon ein. Hippias hält auch schon seine Füchse zurück; 's ist seine Art, beim Anlauf zu prunken! Jetzt nähert er sich der Nyssa, dem Kampter – zu Rom heißt es die Meta. In je schärferem Bogen man sie umfährt, desto größer der Vortheil; aber das Ding ist gefährlich. Siehst Du! Von rechts nach links geht der Lauf, und da kommt viel auf das linke Handpferd an. Es muß sich beinahe um sich selbst drehen. Die Aura vor unserem Wagen ist behend wie ein Panther, und ich habe sie selbst eingefahren. Blicke dorthin! Das eherne Roß, das sich aufbäumt – sie nennen's den Taraxippos – vor dem scheuen die Gespanne, und die Megära, das dritte Pferd, ist oft wie besessen, aber es hat Beine schnell wie ein Hirsch. So oft Marcus die vier an dem Taraxippos ruhig vorbeibringt, haben wir Grund, freier zu athmen. Aber jetzt – thu' die Augen auf – jetzt umlenkt der erste Wagen die Nyssa. Der Hippias ist es! Verdammt! Da ist er herum! Ein widerwärtiger Prahlhans; aber seine Sache versteht er!« Einer der entscheidenden Momente des Wettkampfes war gekommen. Das Geschrei der Menge hatte sich gelegt; man fühlte, daß die Erwartung Aller auf's Höchste gespannt war, und Dada's Augen hiengen wie gebannt an dem Obelisken und den Gespannen, welche auf ihn lossaus'ten. Ein Blauer folgte dem Hippias und jenem auf dem Fuße drei Rothe. Der Christ, dem es gelungen war, sich zunächst der Nyssa zu halten, lenkte sein Gespann kurz und kühn um den Obelisken, um Raum zu gewinnen und den Hippias zu überflügeln; aber das linke Rad seines Wagens prallte an den Granit des Postamentes der Meta, das Fuhrwerk schlug um, und die Rosse des Rothen, deren Nasen seinen Wagen beinahe berührt hatten, konnten nicht zur rechten Zeit aufgehalten werden. Sie stürzten über das Gespann des Christen, welches sich am Boden wälzte, her, das Fahrzeug, welches sie zogen, schlug gleichfalls um, und in wildem Knäuel wälzten sich acht schnaubende Pferde am Boden. Die Renner vor dem nächsten Wagen wurden scheu, als sie an dem wiehernden und schreienden Durcheinander neben der Meta vorbei sollten, und jagten, unbekümmert um die Anstrengungen ihres machtlosen Lenkers, quer durch die Bahn den Carceres entgegen. Die folgenden Gespanne hatten die umgeworfenen Wagen in weitem, Zeit und Raum fressenden Bogen zu umgehen, und Marcus mit ihnen. Seine Rappen waren schon bei dem Wirrwarr an der Meta kaum mehr zu halten gewesen, und als sie nun an dem Taraxippos vorbei braus'ten, scheute, wie Demetrius gefürchtet, das dritte Pferd, die Megära. Sie prallte beiseite, schob das Hintertheil unter die Deichsel, riß aufbäumend den Wagen in die Höhe und – Dada schlug die Hände vor das Antlitz, die Wittwe Maria aber zog erbleichend die Augenbrauen zusammen – und der Jüngling verlor den Halt und stürzte nieder. Seine Füße berührten den Sand der Arena, aber seine Hand klammerte sich fest um die Spirale am äußersten Ende der rechten Wandung des Wagens. Manches Herz auf der Tribüne stand still, mancher Ruf der Schadenfreude drang aus dem Munde der Rothen; aber bevor eine halbe Minute verronnen, hatte er sich mit Kraft und Gewandtheit auf die Kniee geschwungen und einen Augenblick später stand er wieder aufgerichtet im Wagen, ordnete blitzschnell die Zügel und jagte weiter. Indessen hatte Hippias alle Anderen weit überholt, und als er an den Carceres vorbeikam, hielt er dort einen Augenblick an, riß wie zum Hohn einem Limonadenverkäufer den vollen Becher aus der Hand, stürzte seinen Inhalt unter dem Jubel der Menge mit einer höhnischen Geberde hinunter und ließ dann seine Füchse weiter jagen. Ein weiter Raum trennte ihn in der lang hingestreckten Bahn von den Anderen und Marcus. Als sich die Gespanne zum zweiten Male der Nyssa näherten, hatten die Hippodromsklaven längst die umgestürzten Fahrzeuge aus dem Wege geräumt. Ein Christ folgte dem Hippias, diesem ein Heide; Marcus aber war der vierte geworden. Bei der dritten Umkreisung des Obelisken prallte der Wagen des Rothen, welcher Marcus vorausfuhr, bei einer zu kurzen Wendung an den harten Granit. Sammt seinem zertrümmerten Fahrzeug wurde er durch die Arena gerissen und blieb als Leiche im Sand liegen; bei der fünften Rundfahrt erlitt der Blaue, welcher bis dahin dem Hippias am nächsten gekommen, das gleiche Schicksal; doch kam er mit dem Leben davon, und Marcus fuhr als zweiter an dem Aufbruchsschuppen vorbei. Dem schönen Hippias war das Scherzen vergangen; denn der Raum, welcher die Rappenstuten von seinen Füchsen trennte, hatte sich trotz des Aufenthaltes, welchen Marcus beim Taraxippos gehabt, bei jeder Umkreisung der Bahn vermindert, und von nun an heftete sich die Theilnahme der Zuschauer nur noch auf ihn und den Sohn der Maria. So leidenschaftlich, mit so rückhaltloser Hingabe war auf dieser alten Rennbahn noch niemals gerungen worden, und die Menge der Zuschauer wurde mit fortgerissen von dem bis zur Wuth gesteigerten Eifer der Agitatoren. Schon längst behauptete kein Mensch auf den oberen Rängen sitzend seinen Platz. Mann und Weib war aufgestanden, rief und brüllte in die Arena hinein. Die Instrumente der Musikchöre auf den Thürmen schienen verstummt zu sein, so laut wurden sie von dem Geschrei der Zehntausende überboten. Nur die Matronen auf den vornehmen Sitzen über den Carceres behaupteten ihre Ruhe; doch als der siebente entscheidende Umlauf begann, neigte sich selbst die Wittwe Maria weiter nach vorn, und ihre Hände schlossen sich fester um das Kreuz in ihrem Schooße. So oft Marcus dem Obelisken oder dem Taraxippos näher gekommen war, hatte Dada die Hände an den weit vorgestreckten Kopf gepreßt und sich mit den Zähnen in die Lippen gebissen; wenn er dann aber glücklich an dem schrecklichen Stein und dem furchtbaren Erzbild vorbeigesaus't war, hatte sie sich auf den Stuhl zurückgeworfen und hoch und dankbar aufgeathmet. Sie fühlte sich ganz Eins mit Marcus, und es war ihr, als würde sein Verderben sie mit zu Grunde richten, als würde sein Sieg auch ihr zur Ehre gereichen. Hippias war bei der sechsten Umkreisung dem christlichen Jüngling immer noch ein gutes Stück voran, und die Entfernung, welche diesen von dem Fuchsgespann trennte, schien unverrückbare Festigkeit gewonnen zu haben; denn sie wollte und wollte sich um keine Hand breit vermindern. Das Verfahren der Agitatoren hatte sich längst völlig geändert. Statt zurückzuhalten, trieben sie nun an. Weit vorgebeugt über die Brüstung des Wagens schrieen sie mit Worten und wilden, heiseren Lungenstößen auf die Rosse ein und ließen die Geißel schonungslos auf sie niedersausen. Dampfender Schweiß und weiß gischender Schaum troff von den glühenden, in verzweifelnder Hast dahinjagenden Thieren. Aus der getrockneten, aufgewühlten, zerstampften Bahn erhob sich jetzt Staub in schwebenden Wolken. Die anderen Gespanne blieben hinter denen des Hippias und Marcus weiter und weiter zurück, und als diese zwei sich nun zum siebenten und letzten Male der Nyssa näherten, stockte das Geschrei der Menge auf Augenblicke, um sich dann um so lauter und wilder zu erheben und wiederum zu stocken. Es war, als arbeite die zurückgehaltene Kraft der ermüdeten Lungen mit verdoppelter Macht, wenn die Spannung den Tausenden lange genug die Kehle zugeschnürt hatte. Dada sprach nicht mehr mit dem Landmann. Blaß und athemlos heftete sie das Auge an den hochragenden Stein und die Wolke, welche die Gespanne, je mehr sie sich der Nyssa näherten, tiefer und tiefer umhüllte. Hundert Schritte vor der Meta sah sie die rothe Kappe des Hippias aus dem Staube hervorschimmern; bald darauf aber – und jetzt dicht hinter ihr – die blaue des Marcus. Dann – ein furchtbarer, das Ohr betäubender Schrei aus Tausenden von Kehlen schmetterte auf bis zur Höhe des Himmels – dann glänzte so hart neben dem Obelisken als streife sie ihn, und kein Rad, kein Pferd könne zwischen Stein und Lenker Platz haben, wieder die blaue Kappe aus dem grauen Gewölk hervor, und diesmal sah man durch den Staub hinter, hinter, nicht vor ihr – nur so weit von ihr entfernt, wie ein Roß und ein Wagen lang ist, die rothe Kappe des Hippias. Hart vor der Nyssa hatte Marcus den Gegner überholt, den harten Stein mit einer kühnen, Gespann und Leben gefährdenden Wendung umfahren und das Fuchsgespann hinter sich gelassen. Demetrius sah das Alles, als habe sein Auge die Kraft, den Staub zu zerstreuen, und nun war auch seine Ruhe dahin und mit einem lauten: »Junge, köstlicher Junge!« schlug er die Arme wie zum Gebet empor und schrie, als ob sein Bruder ihn hören könne: »Das Kentron! Den Stachel! Drauf, drauf, und wenn Alles zu Grunde geht! Drauf auf die Gäule!« Da schaute sich Dada, welche nur ahnte, was hier geschehen, nach ihm um und fragte mit bebender Stimme: »Er überholt ihn? Er siegt? Wird er siegen?« Aber der Landmann antwortete nicht, sondern wies nur mit dem Finger auf die vordere, windesschnell dahinjagende Wolke, in die sich eine zweite mehr und mehr zu mischen begann, und rief außer sich: »Tod und Hades! Der Andere kommt ihm wieder zuvor. Der Hund! Der Schuft! Wenn der Junge den Stachel nur brauchte! Drauf, drauf! Zustechen, Marcus! Junge! Junge, nur jetzt nicht erlahmen! Großer Vater Poseidon – da – da – da – aber nein! Mir zittern die Kniee . . . Er ist immer noch vorn, und nun – nun! – Es gilt die Entscheidung! . . . Daß der Blitz mich erschlage . . . O! . . . Der Staub fließt wieder zusammen, – und jetzt, jetzt – mag er ersticken! Nein, nein – gelobt sei die Gottheit: Die vorn, es sind meine Rappen, und nun . . . Voran, voran! Prächtiger Bursche! Wir haben gewonnen!« Die Rosse standen still, der Staub verflog: Marcus, die Christen hatten im ersten Missus gesiegt. Cynegius reichte dem Jüngling den Kranz, und er empfieng ihn dankend. Dann grüßte er seine Mutter, diese winkte ihm mit huldvoller Gelassenheit zu, und endlich fuhr er in das Oppidum hinter den Schuppen zurück. Hippias warf die Geißel wüthend zu Boden, und das Jubelgeschrei der Christen übertönte die Musik, die Fanfare, die Schmähungen und das Murren der geschlagenen Heiden. Drohende Fäuste erhoben sich, hinter den Carceres schrieen und schalten die Agitatoren und Pferdebesitzer unter den Rothen, und es fehlte nicht viel, so hätten sie den Hippias, welcher einer elenden Prahlerei zu Gefallen den Todfeinden, den Blauen, den Christen, den Sieg in den Schooß geworfen, in Stücke gerissen. Es gab einen Lärm, eine Erregung ohnegleichen, aber Dada hörte und sah nichts von dem Allen! Sie schaute nur still und glückselig in den Schooß, und helle Zähren liefen ihr dabei über die Wangen. Demetrius sah diese Thränen und freute sich ihrer: indem er auf Maria wies, berichtete er dem Mädchen, daß diese Matrone die Mutter des Marcus sei. Dabei gelobte er sich im Stillen, seinen wackern Bruder, koste es, was es wolle, mit diesem lieblichen Kinde zusammenzuführen. Der zweite und dritte Missus verlief wie der erste mit manchem Unfall, und in beiden errangen die Rothen den Kranz. Beim vierten entscheidenden traten nur drei Wettkämpfer in die Schranken: die beiden heidnischen Sieger und Marcus. Demetrius folgte diesem Rennen mit geringerer Spannung. Er wußte, daß seine Berberstuten die ägyptischen Hengste an Dauerhaftigkeit überboten, und es kam ihnen überdies zugute, daß sie länger geruht hatten als jene. In der That fiel der Sieg diesmal dem Sohne der Maria leicht und vollständig zu. Dada hatte schon lange, bevor er entschieden war, ungeduldig auf ihre Kränze gesehen und konnte es nun nicht erwarten, sie dem Marcus in den Wagen zu werfen. Wenn Alles vorbei war, fand sich vielleicht auch Gelegenheit, mit ihm zu reden, und sie freute sich auf den Ton seiner Stimme und den Blick seiner großen, guten Augen. Wenn er sie nun wieder aufforderte, ihm zu folgen, wollte sie, was Herse und Karnis auch dagegen in's Werk setzen mochten, mit ihm gehen, wohin und zu wem er begehre. Es war ihr, als könne sich gar kein Anderer über seinen Sieg freuen, wie sie, als gehöre sie zu ihm, als habe sie ihm immer angehört und als sei nur eine tückische Laune des Schicksals zwischen sie Beide getreten. Und nun erklangen wiederum laute Fanfaren, und der Sieger mußte nach alter Sitte die Bahn im Schritt umkreisen und seine wackeren Rosse den Zuschauern zeigen. Er kam ihr näher und näher, und Demetrius bot ihr an, ihm über den Kanal, welcher das Podium von der Arena trennte, zu folgen und seinem Bruder die Kränze nicht hinzuwerfen, sondern mit eigener Hand zu überreichen. Da erröthete sie tief und sagte nicht ja und nicht nein; aber sie erhob sich schnell, hängte sich mit einem heitern und doch schamhaften Lächeln einen Kranz an den Arm, gab dem Landmann die anderen Olivenkronen und folgte ihm über den kleinen Steg auf die Bahn, in die sich, nun das Rennen vorbei war, schon viele Christen gedrängt hatten. Die Brüder winkten einander schon von Weitem zu, aber Marcus erkannte Dada erst, wie er neben Demetrius hielt und sie ihm den Olivenkranz verlegen und doch strahlend vor tiefinniger Freude überreichte. Da war es ihm, als habe der Himmel ein Wunder für ihn gethan, und so schön wie in diesem Augenblick hatte er sie noch niemals gesehen. Sie schien, seit er ihr zum letzten Mal begegnet war, gewachsen, ernster und edler geworden zu sein, und er bemerkte auch die blauen Schleifen an ihrem Busen und in dem Rosenkranze auf ihren blonden Locken. Das Glück und die Überraschung, welche ihn ergriffen, lähmten seine Zunge; aber er nahm ihr den Kranz ab, faßte ihre Hände und konnte doch sagen: »Danke, ich danke Dir, Dada!« Sein Auge ruhte in dem ihren, er vergaß, wo er war, er fragte nicht, was es bedeute, daß sein Bruder sich plötzlich abwandte und mit einem langen Satze einem Manne nachsprang, der mit verhülltem Haupt vor ihm entfloh; er achtete nicht darauf, daß viele Tausende und unter ihnen auch die eigene Mutter auf ihn blickten, und er wiederholte sein »Danke« und »Dada«, die einzigen Worte, welche er gefunden, und er wollte sie nochmals sagen, doch er ward unterbrochen, denn die porta libidinaria, das Thor, durch welches man sonst die Todten und Verwundeten in's Freie schaffte, ward aufgerissen, und durch dasselbe drang eine Schaar empörter Heiden und rief in den Hippodrom: »Der Serapis ist gefallen, sie haben das Bild des Serapis gestürzt! Die Christianer, die Christen zerstören die Heiligthümer der Götter!« Da erfaßte ein großer Schreck die versammelte Menge, die Rothen stürzten von ihren Sitzen in die Bahn, um zu fragen, zu hören, Widerstand zu leisten oder Rettung zu suchen. Im Nu war das Gespann des Siegers von Menschen umdrängt, Dada klammerte sich ängstlich an den Wagen, Marcus aber wandte sich nach ihr um und zog sie, ohne zu denken und zu erwägen, seiner selbst kaum mächtig, zu sich hinauf, – brach sich mit seinen Rappen Bahn durch die Menge, fuhr an den Carceres vorbei, blickte dort bang in die Höhe, aber ohne seine Mutter zu finden, und lenkte endlich die erschöpften, schweißtriefenden und mit schneeweißem Schaum bedeckten Rappen durch die große Ausgangspforte in's Freie. Seine Stallsklaven waren ihm gefolgt. Er lös'te sich von den Zügeln und warf sie diesen zu. Dann fragte er Dada, nachdem sie mit ihm zu Boden gesprungen: »Willst Du mir folgen?« Und ihre Antwort lautete: »Wohin Du begehrst!« Die Wittwe Maria hatte sich bei der Botschaft vom Sturze des Serapis eiliger, als es ihre Würde erlaubte, erhoben und dann unter dem Schutze der Wachen, welche den Gesandten Cynegius begleiteten, ihre Sänfte erreicht. Im Hippodrom tobte der Aufruhr, Rothe und Blaue stürzten auf dem Podium, den oberen Rängen und in der staubigen Bahn wie wüthende Thiere auf einander ein, und das blutige Gebalge – hier auch in ruhigeren Tagen nichts Seltenes – dauerte fort, bis kaiserliche Soldaten die waffenlosen Kämpfer auseinander sprengten. Der Bischof freute sich des Sieges, welchen die Seinen überall erfochten, und er hörte es auch nicht ungern, daß es dem Olympius, dem Helladius, Ammonius und anderen geistigen Führern der Heiden gelungen sei, zu entkommen. Mochten sie wiederkehren und reden und deklamiren nach Herzenslust: ihre Macht war gebrochen, die Kirche brauchte sie nicht mehr zu fürchten, aber für die geistige Schulung ihrer Leiter bedurfte sie immer noch ihres Wissens und ihrer Lehre. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der große Hippodrom lag außerhalb des kanopischen Thores, nördlich von der nach Eleusis führenden Straße, und diese war heute voll von Menschen, welche alle nach der gleichen Richtung hindrängten. Der Wirrwarr, welchen die Nachricht vom Sturze des Serapis im Stadium hervorgerufen, trieb die Ruhigeren und Friedliebenden unter den Zuschauern nach Hause, und gerade zu diesen gehörten die Wohlhabenden, welche zu Wagen und in Sänften gekommen waren. So blieb denn auf der weiten Straße wenig Raum für Fußgänger, aber diese kamen doch vorwärts; denn Alles strömte auf die Stadt zu, und die Heiden, welche den ersten Unglücksboten aus dem Serapeum in den Hippodrom folgten, hatten es schwer, sich durch die Heimkehrenden Bahn zu brechen. Marcus und Dada ließen sich von der Menge, welche auf die Ringmauer und das kanopische Thor zustrebte, mit fortreißen. Phabis, der alte Hausmeister der Maria, welcher beauftragt gewesen war, seinem jungen Herrn nach dem Schluß der Rennen beim Umkleiden behülflich zu sein, hatte ihm die Agitatorenmütze vom Haupte genommen, ihm einen Mantel umgehängt und war ihm gefolgt, als er sich mit der Sängerin entfernte. Der Alte konnte sich recht wohl erklären, was hier vorgieng; denn er war es, welcher Frau Herse zu seiner Gebieterin geführt hatte. Jene war ihm damals wie eine verständige und wohlgesinnte Frau vorgekommen, und jetzt ergab es sich, daß sie auch im Rechte gewesen war, als sie Marcus beschuldigt hatte, ihrer schönen Pflegebefohlenen nachzustellen. Damals war es ihm schwer gefallen, ihr Glauben zu schenken; denn er hatte seinen jungen Herrn noch nie auf verbotenen Wegen ertappt, aber Marcus war ja seines Vaters Kind, und bei wie vielen Liebeshändeln des Apelles hatte der Alte als junger Mann die Haut mit zu Markte tragen müssen! Jetzt kan. die Reihe auch an den Sohn, und wenn der die Neigung zu dem anmuthigen Mädchen an seiner Seite so ernst nahm wie alle anderen Dinge und es sich gar einfallen ließ, die Sängerin zu seiner Gattin machen zu wollen, welche Kämpfe standen ihm dann mit seiner Mutter bevor! Der alte Diener versuchte es, Marcus zu folgen, und dieser bemerkte es nicht; denn er hatte nur Auge und Sinn für seine schöne Beute, und mit ihr am Arme strebte er mitten in der Menge dem Thore zu. Es war ihm, als thue der Himmel für ihn Wunder auf Wunder, denn er hatte ihm Dada zugeführt, und sie trug blaue Schleifen und auf seine Frage, was das bedeute, hatte sie erwidert: »Um Deinetwillen und weil mir Dein Glaube gefällt.« Er war auch zum Hinsinken müde gewesen; aber sobald Dada den Arm in den seinen gelegt hatte, war er wie durch einen Zauber wieder frischer geworden. Zwar thaten ihm die geschwollenen Hände weh, zwar zogen sich ihm die Schulterblätter manchmal schmerzhaft zusammen; aber sobald sie seinen Arm an sich drückte und ihm das freudige Antlitz zukehrte, um ihm zu sagen, wie glücklich sie sich fühle, und sich sein »Ich liebe Dich!« wiederholen zu lassen, fühlte er sich wie im Himmel, und Mißbehagen und Schmerz waren vergessen. Das Gedränge erlaubte ihnen nur wenige kurze Worte zu sprechen; aber was sie einander mit Mund und Augen mittheilten, war das Liebste und Schönste, was Jedes von ihnen nur immer erfahren konnte. So kamen sie durch das Thor in die kanopische Straße; dort aber bemerkte Dada, daß seine Lippen die Farbe verloren und ein leises Zittern seinen Arm, in dem der ihre ruhte, ergriff. Da fragte sie ihn, was über ihn gekommen sei, und als er ihr die Antwort schuldig blieb und nur mit der Linken nach der Stirn griff, zog sie ihn in den Volksgarten, welcher sich zu ihrer Rechten zwischen dem kleinen Stadium und der mäandrischen Rennbahn ausbreitete. In den mit Lenzgrün und frischen Blumen geschmückten Anlagen fand sie bald eine freie Bank, hinter der sich wie ein schattenspendender Schirm ein Halbkreis von dichten dunklen Tamariskensträuchern erhob, und nöthigte ihn, sich dort niederzulassen. Er widerstand ihr nicht, und seine leichenblassen Wangen und der gläserne Blick seiner Augen lehrten sie, daß ihn eine Ohnmacht befalle. Wie erschöpft mußte er nach den furchtbaren Anstrengungen dieses Vormittags sein, und nach dem Siege hatte er sich keinen erfrischenden Trunk, keinen stärkenden Bissen gegönnt. Es war so natürlich, daß die Kraft ihm erlahmte, und ohne sich sonderlich um ihn zu ängstigen, aber voll von Mitleid und dem Wunsche zu helfen, sprang sie auf und eilte auf den Obsthändler zu, an dessen Stand zwischen dem Garten und der Straße sie vorbeigekommen waren. Wie froh war sie, daß sie die vier Drachmen noch besaß, welche sie dem Karnis im Xenodochium der Maria abgebettelt hatte. Sie konnte nun für den Geliebten einkaufen nach Herzenslust; und als sie zu ihm zurückkehrte mit Orangen, Äpfeln, hartgekochten Eiern, Salz und Brod in dem aufgenommenen Gewande und einem Fläschchen gemischten Weins nebst einem Kürbisbecher in der freien Hand, fand sie ihn besinnungslos wieder. Aber nachdem sie ihm Stirn und Lippen befeuchtet hatte, schlug er die Augen wieder auf, und dann schälte sie ihm die Orangen so zierlich, wie nur sie es konnte, und lud ihn zum Zugreifen ein, und weil sie selbst hungrig war, aß sie wacker mit. Es freute sie, daß er ihr Gast war und daß ihr bescheidenes Mahl ihm mundete und daß er sich so schnell wieder erholte. In der That durchdrang ihn sehr bald neues Behagen und neue Kraft; und wie er nun weit zurückgelehnt und mit Dada's Hand in der seinen ihr in wohliger Ruhe froh und dankbar in die Augen schaute, überkam ihn ein Wonnegefühl ohnegleichen. Ein so schönes Mahl wie das, welches ihm Dada hier darbot, und so köstlichen Wein wie den schlechten mareotischen des Obsthändlers meinte er noch nie genossen zu haben. Er nahm ihr den Apfel aus der Hand und aß ihn da weiter, wo sie mit den weißen Zähnen eingebissen; sie mußte ihm aus dem Kürbisbecher vortrinken, und als Jedes eins von den drei Eiern, die sie mitgebracht, verzehrt hatte, stritten sie sich um das dritte, bis er endlich nachgab und es auf seinen Theil nahm. Nachdem sie Dada's Einkauf bis auf den letzten Bissen verzehrt hatten, fragte sie ihn zum ersten Male, wohin er sie zu führen gedenke, und er entgegnete, sie werde seinem alten Lehrer, dem Diakonus Eusebius, ein willkommener Gast sein und dort auch ihre Gefährtin Agne wiederfinden. Das freute sie innig, und als sie dann auch, durch den Titel »Diakonus« aufmerksam gemacht, herausgefragt hatte, daß ihr künftiger Beschützer derselbe würdige Greis sei, dessen Worte ihr in der Marcuskirche so tief in's Herz gedrungen waren, erzählte sie Marcus, wie sie in das Gotteshaus gekommen und wie es seitdem viel ruhiger in ihr geworden. Es sei ihr dort etwas ganz Neues aufgegangen und seitdem habe sie sich immer gesehnt, ihn wiederzusehen, und mit ihm über das Alles zu reden: was sie auch von der Lehre Christi erfahren, thue dem Herzen wohl und richte den Muth auf. Die Welt sei so schön, und es gebe doch weit mehr gute als schlechte Menschen. Den Nächsten lieb haben sei eine Freude, und Unrecht verzeihen, das habe sie immer gekonnt. Es müsse doch köstlich auf Erden sein, wenn Jeder dem Andern so gut sei, wie sie ihm und er ihr, und das Leben werde schon ganz leicht, wenn man in jeder Noth gleich Jemanden habe, der bereit sei, uns anzuhören und uns aus bloßer Güte zu helfen. Und diese Worte kamen Marcus vor wie das größte aller Wunder, mit denen dieser Tag ihn beschenkte. Die Seele, welche der Himmel ihm im Traum zu retten befohlen, sie wandelte jetzt schon auf dem Pfade des Heils, und nun schilderte er ihr Mancherlei, was ihm besonders erhaben und herrlich an seinem Glauben erschien, und endlich bekannte auch er, daß er den Nächsten zwar immer um Christi willen geliebt habe, daß ihm aber doch erst durch sie die ganze rechte und volle Liebe offenbar geworden sei. Keine Macht der Welt könne ihn je von ihr trennen, und wenn sie die Taufe empfangen habe, dürfe ihre Liebe auch fortdauern bis über den Tod, so lange die endlose Ewigkeit währe; sie aber hörte ihm glückselig zu und sagte, daß sie sein eigen sein und bleiben wolle immer und immer. Es waren heute nur wenige Menschen in dem Garten, welcher sonst gerade in dieser Nachmittagsstunde von müßigen Leuten und Kindern mit ihren Wärterinnen erfüllt zu sein pflegte; aber diese wurden durch die Unruhe auf der Straße zu Hause gehalten und jene zog es in den Hippodrom und das Getümmel. Dies kam den Liebenden zugute, und sie konnten sich ungestört Hand in Hand in die Augen sehen: ja, wie der alte Phabis, welcher sie lang aus den Augen verloren und sie endlich doch wieder im Volksgarten entdeckt hatte, näher an sie herantrat, sah er aus seinem Verstecke, wie sein junger Herr sich scheu umschaute und der Sängerin zuerst einen Kuß auf die Locken, dann über die Augen und endlich sogar auf die Lippen drückte. So vergiengen ihnen die Stunden wie im Flug unter ernstem Gespräch und wonnigem Getändel, und als sie sich endlich von dem stillen Ruheplatze trennten, dämmerte es schon. Bald befanden sie sich wieder in der kanopischen Straße mitten unter der Menge, der sie jetzt oft entgegenstreben mußten, weil die Heimkehrenden sich längst verlaufen hatten und nun Tausende zum Hippodrom, wo es lebhaft hergehen sollte, hinausströmten. Bei seinem väterlichen Hause hemmte Marcus den Schritt, so gut es gehen wollte, zeigte es Dada und sagte, daß der Tag nicht ferne sei, an dem er sie in dasselbe einführen werde. Da ward sie auf einmal ernst und rief leise: »Nein, nein; nicht hieher, nicht in den großen Palast an der Straße! In einem kleinen Hause wollen wir wohnen, ganz still und für uns allein. Ein Garten darf auch dabei sein mit Ruhesitzen im Schatten. Hier, hier wohnt ja auch Deine Mutter!« Dabei erröthete sie tief und schaute zu Boden; er aber ahnte, was in ihr vorgieng, und bat sie, nur Geduld zu haben, denn wenn sie erst eine Christin sei, werde Eusebius schon für sie eintreten. Dann lobte er die Frömmigkeit und Güte seiner Mutter und fragte Dada, ob sie dieselbe im Stadium gesehen. »Ja!« versetzte sie zaghaft, und als er weiter forschte, ob sie Maria nicht auch schön und ehrwürdig finde, versetzte sie offen: »Ja, gewiß; aber sie ist dabei so groß und vornehm, und sie muß sich wohl eine ganz andere Tochter wünschen als so eine arme, verlassene Waise, wie ich bin, so ein Sängermädchen, das Niemand achtet. Aber Dir, Dir bin ich recht, wie ich bin, und Du weißt, daß ich Dich liebe. Wenn ich den Oheim nicht wiederfinde, so hab' ich keinen Menschen auf Erden wie Dich; aber ich brauche auch keinen andern, denn Du bist mein Ein und Alles, und für Dich und mit Dir zu leben ist mir genug. Doch Du mußt mich auch niemals verlassen, sonst sterb' ich! Du darfst es nicht, denn Du hast mir gesagt, daß Dir meine Seele lieber sei als das eigene Leben, und wenn ich Dich habe und Deine Liebe, so werd' ich besser werden und immer besser; aber wenn Du Dich von mir trennen läßt, dann geh' ich zu Grunde; daß Du's noch einmal hörst: dann geh' ich zu Grunde an Leib und Seele! Ich weiß nicht, warum mir so angst wird! Laß uns an dem Hause vorübergehen; wenn Deine Mutter uns sähe!« Er that ihr den Willen und suchte sie zu beruhigen, indem er mit der blinden Liebe des Kindes die Tugenden seiner Mutter pries. Aber sie hörte nur mit halbem Ohr auf diese Lobreden, und er wurde auch bald unterbrochen, denn je mehr sie sich der Rhakotis Das Viertel der Ägypter, der älteste Theil der Stadt, an den Alexander der Große die Gründung derselben geknüpft hatte. näherten, desto dichter wurde das Gedränge, und von nun an stockte ihr Gespräch und sie konnten nur noch an ihr Vorwärtskommen denken; aber sie waren doch glücklich. So gelangten sie bis zur Straße der Sonne, einer der Hauptverkehrsadern der Stadt, welche die kanopische Straße rechtwinkelig durchschnitt, und sie folgten ihr nach der Stadtmauer und dem Thore des Helios hin. Das Serapeum lag nun zu ihrer Rechten, und mehrere Wege führten von der Straße der Sonne auf dasselbe zu. Um zu der Gasse zu gelangen, wo der alte Eusebius wohnte, hätten sie in die Akropolisstraße einbiegen müssen, aber ein dichter, wüster Menschenknäuel, welcher vom Serapeum herkam, wälzte sich ihnen durch dieselbe tobend entgegen und über der Totenstadt Besonderes Viertel mit Friedhöfen und Katakomben im äußersten Westen der Stadt. näherte sich die Sonne schon dem westlichen Horizonte. Nun versuchte es Marcus, auf der Mitte des Fahrdammes zu entkommen und Dada an das Eckhaus zu ziehen, aber vergeblich; denn die Menge, welche aus der Akropolisstraße hervorquoll, war wie rasend und dachte an nichts als die Trophäen, deren sie sich bemächtigt hatte. Vor einem großen Karren, welcher sonst zum Transport von Balken, Säulen und Quadern diente, hatten sich mehrere Dutzend von weißen und schwarzen Burschen, und außer ihnen auch einige Mönche und Weiber gespannt und zogen einen unförmigen gewaltigen Holzblock, den Kern des zerstörten Serapisbildes, durch die Straßen. »In den Hippodrom! Verbrennt ihn! Nieder mit den Götzen! Seht den Götterleib des Serapis!« so überschrieen Tausende von Lippen den lauten, das Ohr zerreißenden Lärm des vorwärts stürmenden Auflaufs. Mönche hatten den entheiligten Klotz aus der Nische im Serapeum durch den Tempel in's Freie gerissen und führten ihn nun durch die Stadt in die Arena, um ihn dort zu verbrennen. Andere Schaffellträger und christliche Bürger, welche die Zerstörungswuth mit ergriffen hatte, waren in das dem Serapeum benachbarte Heiligthum des Anubis gedrungen, hatten den schakalköpfigen Götzen und die Kanopengötter, vier gewaltige Krüge, auf denen als Deckel das Haupt eines Menschen, Affen, Sperbers und Schakals gestanden, von dem Altar gestürzt und zertrümmert. Jetzt trugen sie die wunderlichen Thierhäupter vor sich her, während Andere die Glieder von zerschlagenen Statuen des Apollo, der Athene und Aphrodite auf der Schulter, in Körben oder auf Tragbahren mit sich schleppten, um sie im Hippodrom dem hölzernen Serapisklotze nach in die Flammen zu werfen. Der Pöbel hatte die Nasen von den Götterhäuptern geschlagen, den Marmor mit Pech bespritzt oder mit rother Farbe, welche man in der Schreibstube des Serapeums gefunden, wunderlich bepinselt. Wer sich dem Klotze oder einem Stück der zertrümmerten Götzen nähern konnte, der bespie es, schlug oder stach darnach, und kein Heide hatte es bisher gewagt, diesem Treiben Widerstand entgegen zu setzen. Hinter dem eichenen Kern des Serapisbildes und den anderen Trophäen her drängte sich eine unabsehbare Schaar von Männern in jedem Alter, von Weibern und Mönchen, und zwang eine große Carruca, Ein vierräderiger Wagen, dessen man sich nicht nur auf Reisen, sondern auch in der Stadt bediente. welche unter sie gerathen war und dicht von ihr umdrängt ward, sich mit ihr in langsamem Schritt fortzubewegen. Die edlen Rosse vor diesem Fuhrwerk mußten am Zaum geführt werden; denn sie zitterten vor Ungeduld und Erregung und versuchten es, bald über den Strang zu schlagen, bald sich zu bäumen. In der Carruca saßen der Kaufherr Porphyrius, welcher das Bewußtsein voll zurückerlangt hatte, und Gorgo. Konstantin war, bis der Arzt Apulejus seine Aufgabe als gelös't bezeichnet und der Dienst ihn selbst abgerufen hatte, bei dem Genesenen geblieben, von dem die Vereinigung seiner Tochter mit ihrem Jugendgespielen wie etwas Willkommenes, Langerwartetes aufgenommen worden war. Einige Reiter des Präfekten hatten den Auftrag erhalten, den Wagen des Porphyrius an die Pforte des Serapeums zu führen, und ein Abt, welchen der Präfekt aus Arsinoë kannte, gab der Carruca auf dem Heimwege das Geleit und schützte sie vor dem Anfall der rasenden Menge. An der Stelle, wo sich die Akropolisstraße mit der der Sonne verband und Marcus mit Dada, ohne vorwärts oder rückwärts zu können, festgehalten wurde, stürmte, gerade als das Fuhrwerk sie erreicht hatte, eine Schaar bewaffneter Heiden den Christen entgegen, fiel über die Todfeinde her, welche ihr Heiligstes mit schmählichem Spott zu verunglimpfen wagten, und nun entstand ein wüstes Gebalge. In der Nähe des jungen Christen stieß ein Heide den Träger eines besudelten Musenkopfes nieder. Dada schmiegte sich ängstlich an den Geliebten, und dieser begann schon ernstlich für sie zu fürchten, als er, während er nach Rettung ausspähte, seinen Bruder Demetrius wahrnahm, der sich mit lebhaften Winken durch die Menge Bahn zu ihm brach. Auch mit den Insassen der Carruca wechselte der Landmann Zeichen, und als er Marcus endlich erreicht hatte, bedeutete er ihn kurz, daß Dada zuerst in Sicherheit gebracht werden müsse. Froh, dem Gedränge und der Gefahr zu entrinnen, stieg sie behend in den Wagen und winkte, nachdem sie Vater und Tochter flüchtig begrüßt hatte, Marcus zu, daß er ihr folge; aber der Landmann hielt ihn zurück, und nachdem mit fliegender Eile festgesetzt worden war, daß das Mädchen am Abend aus dem Hause des Kaufherrn abgeholt werden solle und Demetrius Gorgo manches lobende Wort über die Sängerin zugeflüstert hatte, setzte das Fuhrwerk sich wieder in Bewegung. Unter den Heiden, welche dasselbe nunmehr umgaben, kannten Viele den edlen Freund des Olympius, machten seinem Wagen Platz, und so gelangte er unangefochten in die außerhalb der Stadtmauer gelegene Euergetenstraße, welche Eingang zu der Rückseite des Isistempels, der Werft des Clemens und des Hauses des Kaufherrn gewährte. In dem Wagen wurden nicht viele Worte gewechselt, denn die Rosse gelangten nur Schritt für Schritt und unter mancherlei Hindernissen vorwärts. Es war dunkel geworden, und der Auflauf hatte sich auch in die sonst so stille Euergetenstraße gezogen. Glühender Feuerschein, welcher über dem Tempel und der Werft den nächtlichen Himmel mit prächtigem Purpurglanz schmückte, zeigte an, was die Menge hieherzog. Die Mönche hatten Feuer in den Isistempel geworfen, die Flammen waren vom Nordwestwind in die Werft des Clemens getrieben worden und hatten dort an den gewaltigen Holzvorräthen und den Schiffskörpern willkommene und köstliche Nahrung gefunden. Aus den Werkstätten rauschten und prasselten reiche Springquellen von strahlenden Funken dem jungen Licht der Sterne entgegen. Porphyrius sah auch sein Haus bedroht, aber dank der Umsicht des Hausmeisters und der emsigen Arbeit der Sklaven war es unberührt von den Flammen geblieben. Unterdessen hatten die Brüder das Gedränge längst hinter sich gelassen. Der Landmann war nicht allein gewesen, und sobald er seinen Begleiter, einen Abt von freundlichem Ansehen, mit Marcus bekannt gemacht hatte, gab Jener seiner Freude, auch dem zweiten Sohne seines Lebensretters Apelles zu begegnen, lebhaften Ausdruck; Demetrius aber theilte dem Bruder mit, was ihm in den letzten Stunden begegnet und wie er zu dem würdigen Vater gekommen war. Während er Dada in der Arena dem Marcus zugeführt hatte, war er desselben ägyptischen Sklaven Anubis ansichtig geworden, welcher seinen Vater als Leibdiener nach Syrien begleitet hatte und der seit dem Tode des Apelles verschwunden geblieben war. Ungesäumt hatte der Landmann sich dem Ägypter nachgestürzt, ihn gepackt, ihn nicht ohne Gefahr überwältigt und ihn dann von Sicherheitswächtern in das Gefängniß neben der Präfektur führen lassen. Hier war es Demetrius gelungen, den Sklaven zum Reden zu bringen, und aus seinen Mittheilungen war hervorgegangen, daß Apelles allerdings im Kampfe mit Saracenen um's Leben gekommen sei. Der Ägypter hatte sich nur den Tod seines Gebieters zunutze gemacht, um mit dem Gelde desselben das Weite zu suchen. Der Sklave war nach Kreta entkommen, hatte sich dort von dem reichen Raube ein Gütchen gekauft und war, von Sehnsucht nach Weib und Kindern getrieben, zurückgekehrt, um sie mit in die neue Heimat zu nehmen. Endlich hatte er, um die Wahrheit seiner Erzählung zu bekräftigen, die ihn von dem Morde seines Herrn freisprach und darum wenig Glauben verdiente, mitgetheilt, daß er einem der Klausner, welche dem Ende seines Gebieters beigewohnt hatten, gestern in Alexandria begegnet sei, und der Landmann hatte sich dann sogleich aufgemacht, um diesen durch Umfrage bei den Mönchen wiederzufinden. Dies war ihm bald gelungen, und Kosmas, welcher seitdem von der Brüderschaft des nitrischen Klosters, zu der er gehörte, zum Abt erwählt worden war, erzählte nun auch dem Marcus, wie heldenhaft sein Vater den Ungläubigen, die seinen Reisezug überfallen, entgegengetreten sei. Apelles, berichtete er, habe ihm selbst und zwei anderen Anachoreten, von denen der eine gleichfalls in Alexandria weile, das Leben gerettet. Sieben an der Zahl wären sie von Hebron nach Aila gewandert, hätten sich unter den Schutz der Geleitsmannschaft des Alexandriners gestellt und Alles sei vortrefflich gegangen, bis sie ungläubige Saracenen im Gebirge südlich von Petra überfallen hätten. Vier Klausner seien sogleich niedergemetzelt worden; aber Apelles habe sich mit einigen Entschlosseneren unter seinem Geleit den Heiden entgegengeworfen und mit dem Muthe eines Löwen gestritten. Er und zwei seiner Gefährten seien, während der Alexandriner mit den Ungläubigen rang, glücklich entkommen; aber von dem Felsen aus, den sie fliehend erstiegen, hätten sie ihn fallen sehen und ihn von nun an stets in ihr Gebet eingeschlossen. Mit freudiger Genugthuung werde es ihn erfüllen, das Seine zu thun, einem Manne wie Apelles den Platz, welcher ihm in den Listen der Märtyrer gebühre, zu verschaffen. Von freudiger Ungeduld ergriffen, wollte Marcus sogleich zu seiner Mutter eilen und ihr mittheilen, was er erfahren; aber Demetrius hielt ihn zurück. Der Bischof, theilte er dem Jüngling mit, habe ihn zu sich entboten, um ihm zu seinem Siege Glück zu wünschen; es sei seine Pflicht, dieser Einladung zu folgen und die günstige Gelegenheit ungesäumt zu benützen, dem verstorbenen Vater die Ehre, welche ihm zukomme, zu verschaffen. Zwar befremdete es Marcus, daß sein Bruder nun für eine Sache eintrat, welche ihm noch vor Kurzem zuwider gewesen, aber er betrat doch sogleich mit dem Abte den bischöflichen Palast, und nachdem der Landmann eine halbe Stunde vor demselben gewartet, erschien sein Bruder wieder mit strahlenden Augen und erzählte, der Kirchenfürst habe ihn gnädig empfangen, ihm für seinen Sieg gedankt und ihn aufgefordert, ihm eine Bitte vorzutragen. Darauf habe er sogleich des Vaters gedacht und sich auf das Zeugniß des Abtes berufen. Dieser sei sofort verhört worden, und dann habe Theophilus sich mit Freuden bereit erklärt, den Namen des Apelles zu der Liste der syrischen Märtyrer zu fügen. Der Bischof habe sich schon bis dahin nur ungern dem Drängen einer so guten und werkthätigen Christin wie Maria widersetzt; nachdem er aber vollends gültiges Zeugniß über die Todesart ihres Gatten empfangen, gewähre es ihm wahre Genugthuung, dem Sieger und seiner trefflichen Mutter diese höchste aller Ehren zuzuerkennen. »Und nun,« schloß Marcus, »nun eile ich nach Hause, und mit welcher Freude wird doch die Mutter –« Aber der Landmann ließ ihn nicht ausreden, sondern ergriff ihn fest bei der Schulter und rief: »Geduld, mein Lieber, Geduld! Du bleibst jetzt bei mir und siehst die Mutter erst wieder, nachdem ich mit ihr in Ordnung gebracht habe, was noth thut. Keinen Widerspruch, bitt' ich, wenn Du mir nicht den Genuß verderben willst, an Deiner hübschen Freundin schweres Unrecht gut zu machen. Was ihr vor allen Dingen bedürft, ist der Segen der Mutter, und denkst Du etwa, daß er leicht zu erlangen sein wird, Junge? Mit nichten! Aber ich will und kann ihn euch schaffen, vorausgesetzt, daß Du mir folgst und daß die Nichte des alten Heiden Karnis einwilligt, sich taufen zu lassen.« »Sie ist schon Christin!« rief Marcus eifrig; Demetrius aber fuhr gelassen fort: »So ist sie morgen Dein, wenn Du Dich den Anordnungen Deines ältern und verständigern Bruders fügst. Das kann Dir nicht schwer fallen; denn Du wirst mir zugeben müssen, daß, hätte ich mich nicht mit dem Anubis gebalgt – der Kerl biß dabei um sich wie ein verwundeter Fuchs – hätt' ich ihn nicht festgenommen und mir nicht auf der Jagd nach dem würdigen Abt die Beine müde gelaufen, der Vater um die Ehre gekommen wäre, die ihm nun endlich zu Theil wird. Wer mir gesagt hätte, ich würde mich je über diese Märtyrerkrone freuen! Bei den Göttern ist eben nichts unmöglich, und ich denke, die Manen des Verstorbenen werden mir um Deinetwillen vergeben. Aber es wird immer später, und darum nur noch dies: was mich betrifft, so nehm' ich als mein Recht in Anspruch, die Mutter von dem Geschehenen zu unterrichten, und was Dich angeht, so gehst Du zuerst zu Eusebius und bittest ihn, Dada bei sich aufzunehmen. Willigt er ein – und er thut es – so geht ihr zusammen zum Oheim Porphyrius und wartet dort auf mich, damit ich euch, wenn Alles gut geht, zu der Mutter, oder, wenn es anders kommt, zu Eusebius begleite.« »Dada mit mir zu der Mutter!« rief Marcus. »Aber wie wird sie . . .« »Sie wird sie als Tochter aufnehmen,« unterbrach ihn der Landmann, »wenn Du das Vorgefallene hübsch für Dich behältst, bis ich Dir zu reden gestatte. Da schließt der lange Thorhüter schon den bischöflichen Palast, und von da aus dringt also heute nichts mehr in die Stadt. Auf Wiedersehen, Du Glückskind; ich habe Eile!« Damit entfernte sich der Landmann und ließ die tausend Fragen unbeantwortet, welche Marcus ihm noch vorzulegen hatte; dieser aber begab sich, wie ihm geheißen, hoffnungsvoll und doch nicht frei von mancherlei Bedenken, zu seinem alten Lehrer und Freunde. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Während Marcus der Vorschrift seines Bruders folgte, wartete Dada ungeduldig auf Eusebius und ihn. Gorgo hatte sie von der Amme in das hell erleuchtete Musikzimmer führen und ihr sagen lassen, daß sie sie, sobald es der Zustand ihres Vaters gestatte, dort aufsuchen werde. Man hatte ihr auch einen Imbiß, welcher aus lauter leckeren Dingen bestand, vorgesetzt; aber sie rührte ihn nicht an, denn es kam ihr vor, als ob die stolze Kaufmannstochter sie geflissentlich meide, und Sehnsucht und das Gefühl des Alleinseins beängstigten sie. Um sich zu zerstreuen, betrachtete sie die schönen Kunstsachen, welche überall umherstanden, befühlte sie die Stoffe, mit denen die Polster bedeckt waren, und griff sie in die Laute, welche an dem Postament einer Muse lehnte. Sie spielte nur wenige Akkorde; aber diese riefen allerlei Erinnerungen in ihr wach, und nun ließ sie sich auf einem Divan an einer weniger hell beleuchteten Stelle des weiten Raumes nieder und gab sich dem Nachdenken über das Viele hin, was ihr die letzten Tage gebracht hatten, und das Alles erschien ihr so schön, daß es kaum wirklich sein konnte. Ja, ihre Hoffnungen waren so reich und köstlich, daß sie leise um ihre Erfüllung bangte, aber eben nur leise und auf kurze Augenblicke; denn ihr junges Herz war voll von Zutrauen und Schwungkraft, und wenn ein Bedenken es niederhielt, so schnellte es wieder rasch in die Höhe und wagte das Kühnste zu wünschen. Übervoll von Glück und Dankbarkeit, dachte sie an Marcus und seine Liebe, malte sie sich die Zukunft an seiner Seite aus, und wenn der Verdruß über Gorgo's Ausbleiben, die Sorge um ihre Angehörigen und die Bangigkeit vor der Mutter ihres Verlobten ihre Seele leise umwölkten, so brach sich die Wonneempfindung, welche sie beherrschte, immer wieder schnell und kräftig Bahn. So vergaß sie Zeit und Stunde, bis Gorgo endlich bei ihr erschien. Die Kaufmannstochter hatte die Sängerin nicht geflissentlich gemieden; sie war vielmehr wirklich durch den Vater zurückgehalten worden; denn er hatte nun erfahren müssen, daß seine Mutter, die geliebte Leiterin seines Hauses, nicht mehr unter den Lebenden weile. Im Serapeum war ihm dies noch auf Wunsch des Arztes verheimlicht worden, nun aber hatte er auch noch durch die Unvorsicht eines Freundes gleich nach der Heimkehr Kunde von einer Schreckensnachricht erhalten, welche seit einigen Stunden die Stadt erregte und die ihn selbst nahe betraf. Des Kaufherrn beide Söhne befanden sich in Thessalonica, und ein von dorther kommendes Schiff hatte die wohlverbürgte Mittheilung gebracht, daß fünfzehntausend Bürger dieser Stadt im Cirkus meuchlerisch ermordet worden seien. Diese gräßliche Blutthat war von den Truppen auf Befehl des Kaisers Theodosius begangen worden, der die unglücklichen Bewohner des Ortes hinterlistig in den Hippodrom geladen hatte, um sie dort abschlachten zu lassen. Sein gothischer Feldhauptmann Botherich war zu Thessalonica von der Menge ermordet worden, und der Kaiser hatte diesen Frevel blutig gerächt. Porphyrius kannte seine Söhne und wußte, daß sie nirgends fehlten, wo es Wettspiele zu sehen gab. Sie waren gewiß unter den Zuschauern gewesen, und das Schwert der Mörder mußte auch sie getroffen haben. Die Mutter, zwei blühende Kinder waren ihm entrissen, und er würde wieder zum rettenden Gifte gegriffen haben, wenn ihm nicht ein matter Hoffnungsschein die verloren Geglaubten am Leben gezeigt hätte. Aber er geberdete sich dennoch wie ein Verzweifelter und als habe er sein Letztes verloren. Gorgo sprach ihm zu, suchte seine Hoffnung auf die Rettung der Brüder zu beleben, erinnerte ihn an die Pflicht des Philosophen, die Schläge des Schicksals gelassen zu tragen; aber er hörte sie nicht und brach mitten unter dem kläglichsten Jammer in laute Wuth aus. Zuletzt wünschte er allein zu sein und erinnerte Gorgo an ihre Verpflichtung, sich um Dada zu kümmern. Da folgte die Jungfrau seiner Mahnung, aber sie that es nicht gern; denn wie viel Gutes sie auch durch Demetrius über die Sängerin vernommen, so fühlte sie doch eine leise Scheu vor derselben. Als sie ihr näher kam, war es ihr wie dem Vornehmen, der sich herablassen soll, in die dumpfe Wohnung der Armuth zu treten. Aber der Vater hatte Recht; sie war ihr Gast, und sie mußte ihr freundlich begegnen. Vor dem Musiksaal trocknete sie die Thränen um die Brüder, welche ihr viel zu heilig schienen für ein Geschöpf, das die Schranken keck durchbrach, welche die Sitte ihrem Geschlechte setzte. Die Erscheinung Dada's ließ sie annehmen, daß ihr, die sich zu einer Liebschaft mit ihrem Vetter herbeigelassen hatte, all' jene großen Empfindungen, welche sie nach dem Vorgang ihrer philosophischen Lehrer »sittlichen Ernst« und »Streben nach den höchsten Dingen« nannte, fremd sein mußten. Sie fühlte sich ihr weit überlegen; aber es würde ungroßmüthig gewesen sein, sie das empfinden zu lassen, und so trat sie ihr gütig entgegen; Dada aber erwiderte ihren Gruß dennoch ohne Herzlichkeit und befangen. »Es freut mich,« begann Gorgo, »daß Dich der Zufall zu uns geführt hat;« und Dada entgegnete schnell: »Ich meine, daß ich das der Güte Deines Vaters verdanke und nicht dem Zufall.« »Ja, er ist gut,« versetzte die Andere, indem sie die Gereiztheit in den Worten der Sängerin geflissentlich überhörte. »Und dabei haben ihm die letzten Stunden unsagbar Schweres gebracht. Du hast wohl gehört, daß ihm der Tod die Mutter entrissen. Du kanntest sie ja, und Du mußt wissen, daß sie Dir freundlich gesinnt war.« »Laß das!« bat Dada. »Ihr Herz war schwer zu gewinnen,« fuhr Gorgo fort; »aber Dir war sie geneigt. Zweifelst Du etwa daran? Wärest Du nur Zeuge gewesen, wie sorgsam sie das Gewand, das Du trägst, und den Schmuck dazu für Dich ausgesucht hat!« »Laß das!« bat die Andere noch einmal. »Sie ist tot, und ich vergebe ihr gern; aber sie hatte es übel mit mir im Sinn.« »Das ist nicht schön,« unterbrach sie Gorgo und machte kein Hehl aus dem Unwillen, mit dem sie diese Antwort erfüllte. »Die Entschlafene erntet bei Dir schlechten Dank für zu freigebige Güte.« Da schüttelte Dada abweisend den Kopf und entgegnete fest: »Ich bin gern dankbar, selbst für das Kleinste; man hat mir auch selten genug uneigennützig Gutes erwiesen, aber wenn es nun einmal gesagt sein soll: sie hat mich für ihre Zwecke benützen und dem Marcus und seiner Mutter durch mich Schaden und Leid anthun wollen. Und Du, Du mußt das auch wissen; denn warum bin ich Dir zu gering gewesen, um mit Dir zu singen, wenn Du nicht geglaubt hast, ich sei ein leichtfertiges Mädchen und geneigt, der Verstorbenen den Willen zu thun? Alle Welt hält uns für schlecht, weil wir eben Sängerinnen sind; aber Du verstehst doch, Unterschiede zu machen, denn Du hast die Agne an Dich gezogen. Willst Du mich nicht kränken, so sprich mir nicht mehr von Dank, den ich der Verstorbenen schulde.« Da senkte Gorgo den Blick; aber nach einer kurzen Pause erhob sie ihn wieder und sagte: »Du weißt nicht, wie schwer die Arme gelitten. Die Wittwe ihres Sohnes Apelles hat ihr viel Leid gethan, so bitteres, sie konnte es ihr niemals vergeben; und so triffst Du vielleicht auch das Rechte mit Deiner Vermuthung; aber darum hast Du der Großmutter dennoch gefallen, und nun, nun ist ihr Wunsch ja in Erfüllung gegangen, und Marcus hat Dich gefunden, und er liebt Dich wohl auch, wenn ich nicht irre.« »Wenn Du nicht irrst?« fragte Dada lebhaft; »das mögen die Götter verhüten! Ja, wir haben uns gefunden und lieben einander; warum soll ich's verhehlen?« »Und Maria, seine Mutter, was sagt sie dazu?« fragte Gorgo. »Ich weiß nicht!« entgegnete Dada schüchtern. »Aber sie ist seine Mutter!« rief die Andere gewichtig. »Gegen ihren Willen feiert ihr nie und nimmer die Hochzeit. Was er hat, das empfängt er von ihr.« »Und sie mag es behalten,« fiel ihr Dada eifrig in's Wort. »Je kleiner und bescheidener das Haus ist, wohin er mich führt, desto besser. Ich will seine Liebe, nichts weiter. Was er mit mir vorhat, ist gut, denn er ist nicht wie die Anderen, und er begehrt nicht nur, was schön an mir ist. Ich folge ihm getrost, und wie er mir gesinnt ist, das magst Du daraus ersehen, daß er mich zu seinem würdigen Lehrer Eusebius führt.« »So hast Du auch seinen Glauben zu dem Deinen gemacht?« fragte Gorgo. »Gewiß!« versetzte Dada; die Andere aber fuhr fort: »Das freut mich für Marcus; und man könnte sich gern zu den Christen zählen, wenn sie nur thäten, was ihre Lehre fordert. Aber da wüthen sie und zerstören Alles, was schön ist. Was sagst Du dazu, Du, die der Musenfreund Karnis erzogen?« »Ich?« fragte Dada. »Es gibt eben überall Frevler, und wenn sie gegen das Schöne wüthen, so thut mir das leid; aber wir Beide können uns darum doch nach wie vor daran freuen.« »Wohl Dir, daß Du die Augen zu schließen verstehst, wie das Herz es vorschreibt!« entgegnete Gorgo und seufzte leise. »Das sind Beneidenswerthe, denen es gelingt, dem Geist Schweigen zu gebieten, wo es weh thut, seine Stimme zu hören. Ich, ich bin nun einmal zum Denken erzogen, kann das Sinnen nicht lassen, und eben das baut Schranken auf zwischen mir und dem winkenden Glück. Und doch: so lange die Wahrheit das Höchste ist, will ich die Gabe segnen, sie mit allen Mitteln des Geistes zu suchen. Mein Verlobter ist ein Christ wie der Deine, und ich wünschte, ich könnte seinen Glauben so leicht zu dem meinen machen wie Du: doch es ist mir nicht gegeben, in's Wasser zu springen, wenn ich wahrgenommen habe, daß es voll ist von Strudeln und Wirbeln. Aber hier handelt es sich nicht um mich, sondern um Dich. Wohl! Marcus wird glücklich sein, Dich zu besitzen; aber wenn es euch nicht gelingt, Maria für euch zu gewinnen, so wird er's nicht bleiben, gewiß nicht. Ich kenne die Christen und weiß, daß unter ihnen kein Herzensfrieden denkbar ist in der Ehe ohne den Segen der Eltern, und wenn dem Marcus der Segen seiner Mutter gebricht, wird er sich innerlich zermartern und am Leben verzagen, als habe er eine schwere Schuld auf sich geladen.« »Aber trotz alle und alle dem,« unterbrach sie Dada, »kann er so wenig glücklich sein ohne mich, wie ich ohne ihn. Und ich, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, und doch ist man mir überall freundlich begegnet. Warum soll es mir da nicht gelingen, das Herz seiner Mutter für mich zu gewinnen? Ich will Alles daran setzen, daß sie mir gut wird, und es muß sie doch auch freuen, ihren Sohn glücklich zu sehen. Eusebius wird uns das Wort reden, und sie gibt uns schon ihren Segen; aber wenn es anders bestimmt ist, und wenn ich sein Weib nicht werden darf vor den Menschen, so laß ich doch so wenig von ihm, wie er von mir, so mag er dennoch über mich schalten, als wär' er mein Gott und ich seine Sklavin.« »Aber, Du Ärmste, weißt Du denn nichts von der Würde und Ehre des Weibes?« fragte Gorgo und schlug in die Hände. »Du klagst über das Loos der Sängerinnen und das harte Urtheil, welches die Menschen über sie fällen, und was sprichst Du da aus? Thut mir den Willen, so klingt es, oder ich verhöhne die Sitte!« Da fiel ihr Dada aufwallend in's Wort und rief eifrig: »Verhöhnen, sagst Du? Ich, sagst Du, verhöhne die Sitte? O nein, tausendmal nein! Ich halte mich für klein, ganz klein, und es ist ja auch nichts Großes an mir, und weil ich das weiß, bin ich bescheiden. So lang' ich lebe, hab' ich noch nie den Muth gefunden, auch nur ein Kind zu verhöhnen. Aber hier drinnen ist nun Etwas erwacht – durch Marcus, und nur durch ihn – und das macht mich stark; und wenn ich sehe, daß sich Herkommen und Sitte gegen mich verbünden, weil ich eine Sängerin war, und wenn sie mir vorenthalten wollen, was doch mein Recht ist, so hab' ich seit wenigen Stunden den Muth gewonnen, mich zu wehren, zu wehren auf Tod und Leben. Was Du ›Ehre‹ nennst, das hat man mich wie Dich heilig halten und hüten gelehrt, und ich hab' es so redlich bewahrt wie irgend ein anderes Mädchen. Nicht als ob ich damit groß thun wollte, aber Du ahnst ja gar nicht, wie das ist, wenn jeder Mann, so lang man groß ist, sich für berechtigt hält, sich an Einen zu drängen und Einem Netze zu stellen. Du und Deinesgleichen, ihr habt es ganz anders, denn euch beschützen Mauern und Schranken. Wir sind für die Männer wie Wildpret, euch müssen sie wie Göttinnen demüthig nahen. Und dann! Ich hab' es nicht nur von Karnis gehört, der die Welt und euresgleichen kennt, nein, ich hab' es in Rom in den Senatorenhäusern, wo es junge Herren und vornehme Töchter genug gab, selbst gesehen, denn meine Augen sind offen: bei euch ist die Liebe wie laues Wasser im Bade, aber uns, uns ergreift sie wie Feuer. Die Lesbierin Sappho ist vom leukadischen Felsen gesprungen, als sie der thörichte Phaon verschmähte, und wenn ich Marcus dadurch vor Unheil bewahren könnte, so thät' ich's ihr nach. Du hast ja auch einen Geliebten; aber was Du für ihn empfindest, das ist mit all' dem ›Geist‹ und ›Erwägen‹ und ›Denken‹, von dem Du da sprachst, doch kaum das Rechte; ich wenigstens kenne bei meiner Liebe kein Wenn und kein Aber, und so sehr es da drinnen auch treibt und drängt, will ich doch bei Eusebius geduldig warten und über mich ergehen lassen, was man mir vorschreibt. Aber trotz alledem brichst Du über mich den Stab, denn Du . . . aber Du . . . wie Du dastehst! O, wie Du dreinschaust! Du . . . So hast Du ausgesehen, als ich Dich damals singen hörte, und Du – bei allen neun Musen – Du gehörst selber zu uns und nicht zu den laublütigen Anderen; Du bist eine Künstlerin so gut und besser als ich, und wenn Dich die rechte Liebe einmal ergreift, dann sieh' zu, daß Du Dich nicht weiter über Sitte und Herkommen, oder wie sie sonst heißen, die heiligen, die Leidenschaft zähmenden Mächte, hinausschwingst, als ich, die ich ein braves Mädchen bin und bleiben möchte, so heiß auch die Flamme hier lodert!« Da dachte Gorgo der Stunde, in der sie, das Weib, dem Manne ihrer Wahl als freie Gabe das dargeboten hatte, was nach dem Kanon des Herkommens nur seiner Bitte und Forderung gewährt werden durfte. Erröthend schlug sie die Augen vor der armen Sängerin nieder, und während sie überlegte, was sie ihr entgegnen solle, näherten sich Männerschritte dem Zimmer, und bald betraten es erst der alte Eusebius mit Marcus, und dann Gorgo's Verlobter. Dieser war tief niedergeschlagen, denn beim Brande der väterlichen Werft war sein zweiter Bruder um's Leben gekommen, und bei solchem Kummer fiel es kaum in's Gewicht, daß sein Vater durch die Zerstörung der großen Holzvorräthe einen beträchtlichen Theil seines Erworbenen eingebüßt hatte. Gorgo war ihm befangen und unsicher entgegengetreten; aber nachdem sie erfahren hatte, was ihn und die Seinen betroffen, schmiegte sie sich an ihn und suchte ihn zu trösten. Die Anderen nahmen gleichfalls Theil an seinem Kummer, und bald sollten sich auch Dada's Augen mit Thränen füllen; denn durch Eusebius ward ihr die Kunde von dem Tode ihrer Pflegeeltern im Kampfe für den Serapis und von der schweren Verwundung des Orpheus. In dem heitern Musikzimmer herrschte Trauer, bis der Landmann Demetrius erschien, um seinen Bruder und Dada der Mutter zuzuführen, welche sie erwartete. Er war in einem Wagen gekommen, denn er versicherte, daß ihn die Beine kaum mehr trügen. Der Mensch, sagte er, sei gerade wie die Rosse. Ein schnelles Reitpferd ermüde leicht, wenn man es ziehen lasse, und ein starker Zuggaul, wenn man ihn zum Laufen zwinge. Seine Hufe seien nicht mehr gut für das städtische Pflaster, und das Anschlägeschmieden, Ringen und Jagen strenge den Bauernkopf ebenso sehr an, wie rascher Lauf unter dem Reiter das Pflugpferd. Er danke den Göttern, daß dieser Tag bald vorbei sei. Erst morgen werde er nicht mehr zu müde sein, um sich des Erworbenen zu freuen. Aber trotz dieser Versicherung leuchtete aus seinem ganzen Wesen die Befriedigung, welche ihn erfüllte, und das wirkte tröstlich auf die Bekümmerten, denen er freundlich zusprach. Als er zum Aufbruch mahnte, küßte Gorgo die Sängerin noch einmal. Sobald sie sie bekümmert gesehen und ihr lautlos stilles Weinen bemerkt hatte, war sie zu ihr geeilt und hatte sie wie eine Schwester in die Arme genommen. Konstantin, Gorgo und der alte Eusebius waren allein, und die Jungfrau sehnte sich, ihr übervolles Herz zu entlasten. Wohl hatte sie dem Verlobten zugesagt, ihm gleich zu seinen bekümmerten Eltern zu folgen; aber so konnte und wollte sie nicht vor das christliche Paar treten und es um seinen Segen bitten. Die letzten Ereignisse hatten ihr die Freude an dem neuen Glauben, dem sie sich hoffnungsvoll in die Arme geworfen, vergällt, und so weh es ihr that, Konstantin, der ohnehin bekümmert genug war, neu zu betrüben, geboten ihr doch Pflicht und Wahrheitsliebe, ihn einen Blick in ihre Seele thun zu lassen und ihm die Zweifel und Bedenken zu zeigen, welche sich ihrer in den jüngsten Stunden bemächtigt hatten. Die Anwesenheit des Greises war ihr willkommen, denn es war ihr Wunsch, sich auch innerlich für das Christenthum gewinnen zu lassen, und sobald sie sich mit ihm und Konstantin allein sah, strömte sie vor ihnen die Klagen aus, welche sie gegen die Glaubensgenossen derselben vorzubringen hatte. Frevelthat auf Frevelthat war von den Christen begangen worden. Was die Kunst geschaffen, hatten sie jubelnd zerstört. Da lag der Isistempel, dort die Werft in Asche, von christlichen Brandstiftern vernichtet; noch waren ihre Thränen nicht versiegt, und sie galten ihren christlich gesinnten Brüdern, welche, wenn sie kein glücklicher Zufall gerettet, derselbe Kaiser mit Tausenden von unschuldigen Heiden und Glaubensgenossen hingewürgt hatte, der sich selbst den Hort und treuesten Jünger der Lehre des Heilandes nannte und den Konstantin oft als weisen Monarchen und frommen Christen gepriesen hatte. Als sie endlich ihre schweren Anklagen geschlossen, rief sie Konstantin und den Geistlichen auf, das Treiben der Ihren zu rechtfertigen und ihr den Muth zurückzugeben, sich zu einem Glauben zu bekennen, der solche Schandthaten zuließ. Aber weder der Eine noch der Andere suchte das Vorgefallene zu beschönigen, und Konstantin bekannte, daß das Alles jener hohen Liebe in's Gesicht schlage, welche sein Glaube von den Bekennern fordere. Der schlechte Diener, rief er, habe Frevelthaten begangen, welche in geradem Gegensatz ständen zu dem Sinne und der Hausordnung seines Gebieters. Aber dies Bekenntniß beruhigte Gorgo mit nichten, und sie hielt nun ihrem Verlobten vor, daß man den Herrn nach dem Diener beurtheile; sie selbst habe den alten Göttern doch nur den Rücken gewandt, weil sie von so tiefer Verachtung gegen ihre Anbeter ergriffen worden sei; nun aber habe sie sehen müssen, daß viele Christen – der Diakonus möge ihr verzeihen – jene an Abscheulichkeit der Gesinnung und jedenfalls an thierischer Rohheit und Grausamkeit weit überböten. Solche Erfahrungen erfüllten sie mit Mißtrauen gegen den Glauben, welchen sie annehmen solle, und sie fühle sich in den Grundfesten ihrer Seele erschüttert. Eusebius hatte bis dahin schweigend zugehört, jetzt aber trat er ihr näher und fragte sie freundlich, ob sie es für Recht halte, den segenbringenden Nil aus dem Bette zu leiten und ihn trocken zu legen, weil er bisweilen im Überschwang des Wachsthums Fluren und Häuser vernichte? »Diese Tage, diese Schandthaten,« fuhr er bekümmert fort, »sie besudeln das reine und erhabene Buch der Geschichte unseres Glaubens, und wer ein wahrer Christ ist, wird die Ausschreitungen der rohen Menge bitter beklagen. Des Kaisers schändliche Blutthat wird auch die Kirche verdammen; sie wirft auf seine Ehre und seinen lichten Ruhm den tiefsten Schatten, und sein eigenes Gewissen wird sie bestrafen. Es liegt mir fern, zu vertheidigen, was nicht zu rechtfertigen ist . . .« »Aber das Alles,« unterbrach ihn Gorgo, »ändert nichts an der Thatsache, daß unter euch Schandthaten ebenso möglich und häufig sind, wie unter Denen, die ich nun aufhören soll, die Meinen zu nennen, und die . . .« »Und von Denen Du,« fiel Konstantin ein, »Dich doch nicht nur um ihres Verhaltens willen zu trennen gedenkst, Gorgo. Dein Groll, gieb es nur zu, Mädchen, er macht Dich ungerecht gegen Dich selbst und das eigene Herz. Nicht aus Verachtung gegen ruchlose und elende Freunde der alten Götter, um der Liebe willen, denk' ich und hoff' ich, hast Du eingewilligt, meinen, unsern Glauben zu theilen.« »Wohl, wohl,« entgegnete sie lebhaft und dachte erröthend an den Zweifel, welchen die Sängerin gegen ihre Liebe erhoben. »Wohl! Aus Liebe zu Dir, aus Liebe zu Liebe und Frieden willigte ich ein, Christin zu werden: aber was ich die Euren begehen sehe; sage selbst, und ich frage auch Dich, ehrwürdiger Vater: wer gibt es ihnen ein, der Haß oder die Liebe?« »Der Haß!« entgegnete Konstantin dumpf, und Eusebius fügte bekümmert hinzu: »In diesen verhängnißvollen Tagen zeigt sich unser Glaube in einer Gestalt, die seinem Wesen in keinem Zuge entspricht, edle Jungfrau. Trau' meinen Worten! Hast Du nicht auch schon in Deinem jungen Leben erfahren, daß gerade das Größte und Höchste in seiner Übertreibung zum Gräßlichsten wird? Führe den edlen Stolz über die Schranken hinaus, so wird er zur schonungslosen Ehrsucht, die hohe Tugend der Demuth grenzt an die träge Preisgabe des eigenen Willens, wackerer Unternehmungsgeist an die tolle Jagd nach dem Glücke, durch die niedergetreten wird, was sich dem Erfolg in den Weg stellt. Was gibt es Holderes, als die zärtliche Mutter; aber wenn sie für ihr Kind kämpft, wird sie zur wilden Megäre. So wandelt sich der Glaube, der Herzenströster, in ein reißendes Unthier, wenn er ausartend zum Glaubenshaß umschlägt. Willst Du das Christenthum kennen lernen, mußt Du weder auf die irregeleitete Masse und die Ehrgeizigen schauen, welche sie zu benützen und auszubeuten verstehen und die Leidenschaft in ihr entflammen, noch selbst hinauf zu dem Thron, wo die Macht den Trieb eines unglücklichen Augenblicks in verhängnißvolle Thaten umsetzt. Willst Du wissen, wie das echte und rechte Christenthum aussieht, so sieh in das Haus, so blick' in die Familien unserer Glaubensgenossen. Ich kenne sie, denn mein niederes Amt führt mich täglich und stündlich in ihre Kreise. Auf sie mußt Du blicken, wenn Du einem Christen die Hand zu reichen und mit ihm ein Haus zu gründen gedenkst. Da, Kind, da wirst Du den ganzen Segen der Lehre des Heilands walten sehen, da wirst Du Liebe finden und Eintracht, Mildherzigkeit gegen die Armen und den freudigen Eifer, erlittenes Unrecht von Herzen zu vergeben. Da hab' ich den Christen für den unglücklichen Widersacher, den Feind seines Hauses, für Heiden und Juden das Letzte hingeben sehen, weil sie Menschen sind und weil jedes Nächsten Leid auch das unsere sein soll, und man hat sie gehegt und gepflegt, als wären sie Genossen des eigenen Glaubens. Da findest Du den Willen zu allem Guten, nie welkende Hoffnung auf künftige bessere Tage im schwersten Leid, und wenn der Tod geliebte Wesen zum Opfer fordert oder die Hand nach uns selber ausstreckt, feste Zuversicht auf Vergebung der Sünden durch Christi Gnade. So gibt es, glaube mir, edle Jungfrau, so gibt es kein glücklicheres Haus als das des Christen, denn wer den Heiland recht erkennt und seine Lehre versteht, der verdirbt sich nicht, um der Seligkeit in jener Welt theilhaftig zu werden, die Freuden des Diesseits. Im Gegentheil! Er, der die Irrenden zu sich rief, der die Kindlein an sein Herz zog, der dem Armen den Vorzug gab vor dem Reichen, der unter Hochzeitsgästen ein froher Gast war, der mit seinem geistigen Pfunde zu wuchern gebot, der da befahl, daß man beim geselligen Mahl seiner gedenke, der die Herzen der Liebe erschlossen, er hat das Erdendasein auch des Geringsten von Noth und Schmerz zu befreien gewünscht. Wo Liebe und Friede herrschen, muß da nicht Glück sein? Und da er nichts lauter gepredigt als Liebe und Frieden, kann er nicht gewollt haben, daß wir uns das Erdenleben freiwillig verkümmern und mit Leid und Elend belasten, um der Seligkeit im Jenseits theilhaftig zu werden. Jedermann, der sich voll froher Zuversicht Eins weiß mit ihm und seiner Liebe, fühlt sich schon hier von Schuld und Leiden erlös't; denn Jesus hat alle Sünde und allen Schmerz der Welt auf sich genommen, und wenn das Schicksal den Christen auch mit den schwersten Schlägen heimsucht, so trägt er sie doch still und geduldig. Unser Herr ist die Liebe selbst, er kennt weder Haß noch Neid wie die heidnischen Götter, und wenn er uns heimsucht, so thut er es, der milde und weitsichtige Seelenerzieher, zu unserem Besten. Der Allweise weiß schon warum, und der Christ fügt sich ihm still wie das Kind dem weisen Vater, auf dessen Güte es allezeit bauen darf, und es gelingt ihm auch wohl, für Leiden und Schmerzen, als ob es Wohlthaten wären, zu danken.« Da schüttelte Gorgo wieder das Haupt und versetzte: »Das Alles klingt erhaben und schön, und es wird von den Christen gefordert und gewiß auch bisweilen erfüllt; aber die Stoa verlangt doch auch Ähnliches von ihren Jüngern, und, Konstantin, Du hast ja den Stoiker Damon gekannt und erinnerst Dich, wie streng er von den Anderen verlangte, sich über Leid und Schmerz stolz zu erheben. Wie aber seine einzige Tochter das Augenlicht verlor – sie ist mir befreundet – geberdete er sich wie von Sinnen. Mein Vater hat früher auch Dir die Philosophie als Mittel empfohlen, die Widerwärtigkeiten des Lebens und die Tücke des Schicksals hohen Sinnes zu verachten. Und nun? Du solltest den Ärmsten nur sehen, würdiger Vater. Was helfen ihm nun alle Lehren seiner hochherzigen Meister?« »Es ward ihm viel, viel genommen,« versetzte Konstantin mit einem leisen Seufzer, der auch dem Verluste des eigenen Bruders galt; Eusebius aber schüttelte leise das Haupt und sagte: »Bei solchem Leid hilft keine Philosophie und kein Denken. Was dem Gemüthe angethan ward, das findet nur Heilung durch das Gemüth, nicht durch den Geist, und was er auch immer erwäge. Der Glaube, Kind, er ist das wirksamste Heilkraut. Der Verstand ist sein Feind; doch aus dem Gemüth, seiner Heimat, schöpft er Nahrung, und mag die Wunde, an der ein Trauernder blutet, auch noch so tief sein, er weiß sie zu schließen und ihn mit ihr zu versöhnen. Du hast gelernt den reichen Geist gebrauchen, auf ihn Alles stellen, auf seine Entscheidung bauen. Das Wissen, das Du durch Erwägen und Schließen gewonnen, ist Dir das Höchste und Letzte; aber neben dem Geiste hat uns der Herr auch das Gemüth in die Brust gepflanzt, und es regt und bewegt sich in seiner eigenen Weise, und das Wissen, zu dem es gelangt, das eben, liebes Kind, ist der Glaube. Du liebst, meine Tochter, und auch die Liebe gehört dem Gemüthe an, und ich möchte Dir rathen: misch' nicht zu viel von dem denkenden Geiste, der nicht zu ihr gehört, in die Liebe, sondern nähre und speise sie aus Deinem reichen Gemüthe; nur dann wird sie schön und harmonisch gedeihen. Damit muß es für heute genug sein, denn die Verwundeten vom Serapeum warten schon lange. Ist es Dir recht, so zeige ich Dir später das Christenthum in seiner ganzen Tiefe und Schönheit, und Deine Liebe zu diesem wackern Manne wird mir beistehen, Dir das Herz dafür zu erschließen. Dann wird ein Tag kommen, an dem es Dich verlangen wird, so willig auf die Stimme des Gemüthes zu hören, wie bisher auf die Forderungen des Geistes, und etwas ganz Neues wird in Dir aufgehen, das Du höher schätzen wirst als Alles, was Du je durch Denken und Schließen gewonnen. Und dieser Tag wird sicher für Dich kommen; denn Jener dort hat Dich auf den Weg geleitet, welcher zu den Pforten der Wahrheit führt, und da Du sie suchst, wirst Du sie finden. Für heute lebet mir wohl! Wenn Du den Lehrer brauchst, so komme nur zu ihm, und ich weiß, er hat nicht lang' auf Dich zu warten!« Gorgo schaute dem Greise sinnend nach und folgte dann Konstantin zu den Seinen. Schweigend legten Beide den kurzen Weg durch die Euergetenstraße zurück, schweigend betraten sie das Haus. Aus dem Viridarium drang ihnen Lichtschein entgegen. Der Vorhang an der hohen Thür stand offen, und als sie sich der Schwelle näherten, wies Konstantin auf eine Totenbahre, welche neben dem Blumenbeete inmitten dieses unbedeckten Raumes stand, und auf seine Eltern, welche neben ihr auf den Knieen lagen. Keins von Beiden wagte die stille Andacht zu stören; aber nun erhob sich der Schiffsbaumeister, richtete die mächtige Gestalt hoch auf und wandte seiner Gattin, welche gleichfalls aufgestanden war, das gute, männlich ernste Gesicht zu, fuhr mit der Hand durch die ungeschwächte Fülle des weißen Lockenhaars und streckte ihr seine Rechte entgegen. Mariamne schlug in sie ein, schaute ihm liebevoll in die Augen, und während sie die Thränen trocknete, sagte er fest und gelassen: »Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn wieder von uns genommen!« Da sank sie ihm an die Brust und fiel leise und innig ein: »Der Name des Herrn sei gepriesen!« »Ja, gepriesen!« wiederholte Clemens laut und gewichtig und fuhr dabei mit dem Arm über die Augen. »Zweiunddreißig Jahre hat uns Gott ihn gegönnt, und hier drinnen« – dabei wies er auf seine breite Brust – »hier drinnen soll er fortleben bei Dir und mir. Das Andere – viel eigenes und fremdes Gut hat in dem Holze gesteckt – das Andere – wir bringen es wieder ein mit den Jahren. Danken wir dem Höchsten, der uns so Vieles gelassen!« Da fühlte Gorgo den Druck der Hand des Geliebten, und sie verstand, was er damit meinte, und sie schmiegte sich dicht an ihn und sagte leise: »Das ist groß, das ist das Rechte!« Achtundzwanzigstes Kapitel. Auch in dem großen Hause in der kanopischen Straße kam man heut spät zur Ruhe. Selbst der Landmann Demetrius war seiner Gewohnheit, zeitig zur Ruhe zu gehen, trotz seiner Ermüdung untreu geworden; er mußte das Korn reifen sehen, das er für seinen Bruder gesät hatte. Es war keine leichte Aufgabe gewesen, Maria seinen Wünschen geneigt zu machen, aber er hatte sie dennoch zu seiner Zufriedenheit gelös't. Freilich war er übel angelassen worden, als er mit Dada's Lobe begonnen und seinen Wunsch, sie mit Marcus vermählt zu sehen, ausgesprochen hatte, aber er war in aller Ruhe Schritt für Schritt auf sein Ziel losgegangen, und nachdem er ihr eröffnet, daß es in seiner Macht stehe, ihrem verstorbenen Gatten die Märtyrerkrone zu verschaffen, war es zu Verdächtigungen und Ausfällen von ihrer Seite gekommen, waren ihm Eide abverlangt und ihm himmlische und irdische Strafen angedroht worden; er aber hatte Alles still über sich ergehen lassen, hatte geschworen und außer dem Heil seiner Seele auch seine Güter in dieser Welt als Pfand angeboten, bis sie, überzeugt von seiner Macht, ihr das zu verschaffen, wonach ihr Herz am meisten begehrte, ihm näher gekommen war und eine veränderte Haltung angenommen hatte. Dann aber war er ihr bei ihrem Schwanken und ihrer Verwirrung mit keinem Worte zu Hülfe gekommen und hatte dem schweren Kampfe, welchen sie innerlich durchrang, nicht ohne Schadenfreude, aber auch nicht frei von Besorgniß zugeschaut, bis die erste entscheidende Frage an ihn gerichtet worden war. Sie hatte sich auf seine frühere Mittheilung von Dada's Entschluß, die Taufe zu empfangen, bezogen, und nachdem sie durch seine Antwort vergewissert worden war, daß das Mädchen geneigt sei, Christin zu werden, hatte sie weiter gefragt: »Und Marcus hat sie für den Glauben gewonnen?« »Er, er allein.« »Und Du schwörst, daß Du sie für ein reines und sittsames Mädchen hältst?« »Gern und aus voller Überzeugung!« »Ich habe sie in der Arena gesehen. Schön ist sie, von ungewöhnlicher Anmuth; und Marcus?« »Er hat sein ganzes Herz an die Jungfrau gehängt, und ich weiß, daß sie seine Leidenschaft aufrichtig und uneigennützig theilt. Und dann, ich brauche Dich kaum zu erinnern, daß in dieser Stadt unter den vornehmsten Frauen unserer Verwandtschaft viele sind, deren Herkunft weit zweifelhafter erscheint als die der Freundin Deines Sohnes, denn sie gehört zu einem freien, unbescholtenen Geschlecht. Die Sippe ihres Oheims gehört zu den ersten in ganz Sicilien; doch das braucht uns wenig zu kümmern, denn der Gattin eines Enkels des Philipp wird Achtung gezollt, und wenn sie auch nur eine Freigelassene wäre.« »Ich weiß,« hatte Maria gemurmelt, als habe das Alles für sie in der That geringe Bedeutung; dann aber war sie lange still geblieben, um endlich die Augen langsam aufzuschlagen und mit einer Stimme, in welcher der Seelenkampf nachklang, den sie noch immer nicht völlig ausgerungen, zu rufen: »Was will ich denn mehr als das Glück meines Kindes? Vor dem Herrn sind wir ja Alle gleich – Geringe und Große; aber ich bin nur ein schwaches Weib und immer noch voll Makel und Schwächen; und ich hätte darum dem einzigen Sohne eines edlen Hauses eine andere Gefährtin gewünscht als diese. So sage ich nun: ich betrachte diesen Bund wie eine Demüthigung, welche der Höchste mir auferlegt, aber ich segne ihn, und ich thu' es aus vollem Herzen, wenn die Braut meinem Sohne als Heirathsgut das Eine mitbringt, was für mich wie für ihn das letzte Ziel aller Wünsche sein muß: das ewige Heil des Apelles. Die Märtyrerkrone öffnet ihm, der ja auch Dein Vater gewesen, die Pforte des Himmels. Schaffe sie ihm, und ich führe die Sängerin selbst dem Sohn in die Arme!« »Das soll ein Wort sein!« hatte der Landmann gerufen, und bald nach Mitternacht war er endlich zur Ruhe gekommen; denn in seiner Gegenwart hatte Maria die Sängerin dem Sohne zugeführt und den Verlobten ihren mütterlichen Segen ertheilt. Nachdem wenige Wochen später Dada zugleich mit Gorgo die Taufe empfangen und bei derselben den Namen Cäcilie angenommen hatte, ward das junge Paar auf Wunsch der Maria von dem Bischof Theophilus selbst mit allem Pomp feierlich getraut. Trotz der verschwenderischen Beweise einer mehr als mütterlichen Zärtlichkeit, mit der die Wittwe ihre Schwiegertochter überschüttete, fühlte sich Dada fremd und befangen in ihrer Nähe und in dem großen Haus in der kanopischen Straße. Als Demetrius einige Wochen nach ihrer Vermählung ihrem Gatten in ihrer Gegenwart den Vorschlag machte, die Verwaltung des Familiengutes in der Cyrenaica zu übernehmen, nahm sie denselben mit Begeisterung auf, und Marcus entschloß sich rasch, ihm beizupflichten, nachdem der Landmann ihm versprochen hatte, mit ihm zu kommen und ihm in den ersten Jahren mit Rath und That zur Seite zu stehen. Ihre Furcht, die Mutter werde gegen diesen Plan ernstlichen Widerstand leisten, war umsonst gewesen, denn wenn Maria auch versicherte, sie werde ohne sie, ihre Kinder, das Leben nur schwer ertragen, so fügte sie sich doch schnell dem Verlangen des Sohnes und nannte es gut und verständig. Sie fürchtete die Einsamkeit nicht; denn als Wittwe des Märtyrers Apelles stand sie jetzt an der Spitze der christlichen Frauen der Stadt und zog es vor, in weiteren Kreisen als denen der Familie zu wirken. Zu den Besuchern sprach sie stets mit Begeisterung von ihrer Schwiegertochter Cäcilie, von ihrer Schönheit, Frömmigkeit und Güte, ja, sie gab sich das Ansehen, als habe sie Dada selbst als Gattin für ihren Marcus erwählt. Aber Maria hielt »die geliebte Tochter« doch nicht in Alexandria zurück; denn der bevorzugte Platz auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens kam der vornehmen Wittwe eines Blutzeugen doch mit unbestreitbarerer Sicherheit zu ohne die frühere Sängerin als mit ihr. Das junge Paar zog in die Cyrenaica. Dada lernte auf den großen Gütern ihres Gatten mit gesundem und heiterem Sinne walten. Aus der muntern Sängerin ward eine wackere Hausfrau, aus dem müßigen Pferdeliebhaber Marcus ein fleißiger Landmann. Sein Bruder Demetrius war drei Jahre lang als Berather und Lehrer bei ihm geblieben, und wenn er ihn später – und er that es oft und auf Monate – besuchte, pflegte er dem glücklichen Marcus zu sagen: »In Alexandria bin ich Heide von ganzem Herzen, aber im Haus Deiner Cäcilie ist man mit Vergnügen ein Christ.« Vor ihrem Aufbruch hatte den greisen Diakonus Eusebius ein schwerer Schlag getroffen. Die Predigt, welche er vor dem Sturz des Serapis gehalten, um seine Gemeinde zu beruhigen und ihr den rechten Weg zu weisen, war dem Bischof von zelotischen Geistlichen, welche ihr beigewohnt hatten, als heidenfreundlich und gotteslästerlich bezeichnet worden, und Theophilus hatte seinen eifrigen Neffen und spätern Nachfolger Cyrillus mit der Prüfung dieser Angelegenheit und der Rechtgläubigkeit des Diakonus betraut. Dabei war denn auch zu Tage gekommen, daß er die Arianerin Agne nicht nur bei sich beherbergt, sondern sie auch mit der Pflege rechtgläubiger Kranken betraut hatte, und so wurden dem Greise von dem jungen Cyrill schwere Bußen auferlegt; Theophilus aber bestimmte, daß er seines geistlichen Amtes in der Stadt, »wo man stärkerer Geister bedürfe«, enthoben und nur noch mit der Seelsorge einer ländlichen Gemeinde betraut werden solle. Es ward dem greisen Paare schwer, das Haus und Gärtchen zu verlassen, wo sie ein Menschenalter glücklich gewesen; aber es wurde ihnen bald ein schöner Ersatz geboten, denn Marcus berief den würdigen Lehrer als Priester auf seine Güter. Die Kirchen, welche er hier in seinen Dörfern gebaut hatte, wurden vom alten Eusebius eingeweiht, und seine milde Lehre und freundliche Seelsorge veranlaßte viele Bauern und Sklaven, die Taufe anzunehmen und ihm in die Gotteshäuser zu folgen. Aber noch größern Einfluß fast als seine Predigt übte der jungen Gutsherrin Zuspruch und Beispiel. Mann und Weib, Freie und Unfreie liebten sie, verehrten sie, und was sie that, nachzuahmen, konnte nur Ehre bringen, konnte gewiß nur wohlthätig und gut sein. So wurden denn die Tempel und Heiligthümer auf dem Gebiet des Märtyrersohnes ohne Gewalt und Drohung freiwillig verlassen, verfielen und giengen zu Grunde. Und wie auf den Gütern des Marcus, so geschah es auch auf denen des Präfekten Konstantin. Diese waren nur eine Tagereise von der Herrschaft des Marcus entfernt, und ihre Besitzer hielten Freundschaft und gute Nachbarschaft mit einander. Was Konstantin sein nannte, hatte dem Libyer Barkas gehört, demselben, welcher mit seinen Entsatztruppen vergebens im Serapeum erwartet worden war. Der Staat hatte diesen ausgedehnten und werthvollen Besitz mit Beschlag belegt, und der junge Präfekt hatte ihn, nachdem er aus dem Kriegsdienst getreten, von dem großen Vermögen gekauft, welches die alte Damia ihrer Enkelin Gorgo hinterlassen. Des Kaufherrn Porphyrius Söhne waren dem Gemetzel in Thessalonica glücklich entronnen, und da sie Christen waren und fromm zur Kirche hielten, übertrug er ihnen schon bei Lebzeiten das Geschäft und einen großen Theil seines Reichthums, um ohne Sorge um sein Testament von nun an der christlichen Kirche gänzlich fern zu bleiben und den alten Göttern dienen zu können. Die schönen Kunstschätze, welche Konstantin und Gorgo im Hause des Barkas fanden, wurden sorgsam erhalten, und doch gab es auch in dieser Gegend, früher dem Herde vieler Aufstände zu Gunsten der alten Götter, bald nur noch wenige Heiden. Der kleine Papias wurde mit Dada-Cäciliens Kindern auf den Gütern des Marcus und fern von seiner Schwester erzogen; denn Agne hatte, nachdem ihr die Sorge um ihr Brüderchen abgenommen worden war, eigene Wege gesucht und gefunden. Nach dem Tode seiner Eltern im Kampf für den Serapis war der schwer verwundete Orpheus in das Krankenhaus gebracht worden, dem Eusebius als Seelsorger vorstand. Agne hatte seine Pflege übernommen und wachte Tag und Nacht an seinem Lager. Dahin waren denn auch Dada und der kleine Papias von Eusebius geführt worden, und diese hatte jener in des Marcus Namen die Zusicherung ertheilt, daß für sie und ihren Bruder auch nach des Diakonus Tode auf's Beste gesorgt werden solle. Für's Erste war dem Greise die Erziehung des Kindes übergeben worden, und er erfreute Agne täglich, indem er ihr von den guten Eigenschaften erzählte, welche er an dem Knaben neu entdeckt zu haben meinte. Was diesen angieng, so fühlte er sich sehr wohl bei dem alten Paare, und so sehr es ihn auch freute, Agne wiederzusehen, sprang er doch nach dem Abschied von der Schwester froh und glücklich mit Eusebius und seiner Dada von dannen. Orpheus erkannte weder das Mädchen noch das Kind, und nachdem der Besuch das Krankenzimmer verlassen, sprach der Fiebernde lauter als sonst von dem großen Apollo und anderen heidnischen Göttern. Dann sah er sich im Kampfe für den Serapis und metzelte in seiner Phantasie christliche Widersacher zu Tausenden nieder. Bei solchen Wuthanfällen redete ihm Agne, die er nur selten erkannte, freundlich zu und versuchte es auch, von ihrem Heiland und einem ewigen Leben zu reden; er aber begann dann immer sündhafte Reden zu führen und sie zu verwünschen. So tiefes Leid wie an diesem Lager hatte sie noch nirgends empfunden, und doch mußte sie ihm immerfort in's Antlitz schauen, und wenn sie sich sagte, daß er bald aufgehört haben werde zu sein und daß ihr der Blick seines Auges nie mehr begegnen werde, war es ihr, als solle das Licht der Sonne für sie verlöschen und in Zukunft Alles dunkel werden auf Erden. Aber seine gesunde Lebenskraft ließ ihn noch mehrere Tage und Nächte überdauern. An seinem letzten Abend hielt er Agne für eine Muse, rief sie an und sank dann besinnungslos mit seiner Hand in der ihren auf das Lager zurück, um sich nicht mehr zu regen; sie aber hörte, während sie Minute für Minute angstvoll erwartete, seine Hand werde in der ihren erkalten, dem Gespräche zweier Diakonissinnen zu, welche am Lager schlummernder Kranken wachten. Die eine erzählte der andern, daß der Mann ihrer Schwester, ein Steinmetz, als arger Feind der Christen und hartnäckiger Heide gestorben sei. Da habe Dorothea, ihre Schwester, es sich zur Aufgabe gestellt, seine Seele zu retten. Sie sei von ihren Kindern weggeflohen, habe sie der Barmherzigkeit der Gemeinde überlassen und sich in ein Kloster begeben, um dort in der Stille für die Erlösung der Seele ihres verstorbenen Gatten zu beten. Anfänglich sei ihr derselbe mit zornigen Geberden unter lauter Centauren und bocksfüßigen Gestalten im Traum erschienen und habe ihr befohlen, zu den Kindern zurückzukehren und seine Seele in Frieden zu lassen, denn sie befinde sich ganz wohl unter den lustigen Dämonen; aber bald darauf sei er mit versengten Gliedern vor sie getreten und habe sie angefleht, recht brünstig für ihn um Gnade zu bitten, denn man quäle ihn in der Hölle mit grausamen Martern. Da sei Dorothea in die Wüste bei Kolzum gewandert, und hause dort noch immer in einer Höhle und nähre sich von Kräutern, Wurzeln und Muscheln, die das Meer an den Strand werfe. Sie habe sich den Schlaf abgewöhnt und bete Tag und Nacht für die Seele ihres Gatten, und es sei ihr die Kraft geworden, nur noch an ihr und ihres Gatten ewiges Theil und gar nicht mehr an die Kinder zu denken. Solcher brünstigen Hingabe sei endlich der schönste Lohn gefolgt; denn seit einiger Zeit erscheine ihr der Verstorbene in einem weißen Lichtgewande, und oft werde er von schönen Engeln begleitet. Agne hatte kein Wort von dieser Erzählung verloren, und als sie am folgenden Tage Orpheus erkalten fühlte und in das schmerzlich verzogene Gesicht des Verstorbenen blickte, überliefen sie kalte Schauer; denn sie sagte sich, daß dieser Tote, wie der Gatte der Dorothea, viele Höllenqualen zu erdulden haben werde. Als man sie dann mit ihm allein ließ, beugte sie sich zu ihm nieder, küßte leicht seine erblichenen Lippen und gelobte sich, seine Seele zu retten. Am selben Abend kehrte sie zu Eusebius zurück und eröffnete ihm ihren Wunsch, in die Einöde bei Kolzum zu gehen und sich dort an andere Einsiedlerinnen anzuschließen. Der Greis bat sie, bei ihm zu bleiben, ihr Brüderchen zu hüten und ihn und seine alte Gefährtin nicht allein zu lassen; denn es sei doch eine schöne Pflicht des Christen, Barmherzigkeit zu üben und schwache Freunde in ihrem Alter zu pflegen. Die Gattin des Diakonus vereinte ihre Bitten unter Thränen mit den seinen; aber es war plötzlich eine seltsame Herzenskälte über Agne gekommen: trockenen Auges bestand sie auf ihrem Willen, nahm sie von den Wohlthätern und von Papias Abschied. Zu Fuß und bettelnd wanderte sie gen Südosten und gelangte an das Ufer des Rothen Meeres. Dort fand sie des Steinmetzen Wittwe mit verfilztem Haar, abgemagert und dem Tode nahe. Sie blieb bei ihr, schloß ihr die Augen, setzte in der Höhle der Verstorbenen das Leben fort, welches Dorothea geführt hatte, und der Ruf ihrer Heiligkeit drang allmälig weit über die Grenzen Ägyptens hinaus. Papias suchte sie als Mann und Verwalter der Güter des alternden Demetrius mehrmals auf, um sie zu bewegen, ihm in seine neue Heimat zu folgen, aber sie that ihm nicht den Willen, sondern blieb in ihrer einsamen Klause. Sie hätte diese mit keinem Königspalast vertauscht; denn Orpheus erschien ihr schon längst in jeder Nacht, von himmlischem Licht umflossen, und es nahte die Zeit, in der sie ihn wiederzufinden hoffte. Die Wittwe Maria unternahm in ihren späteren Jahren manche Pilgerfahrt nach geweihten Stätten, zu heiligen Personen und so auch zu der Einsiedlerin Agne; aber die Cyrenaica, wohin ihre Kinder und Enkel sie häufig luden, besuchte sie niemals; denn es bedurfte stärkerer Reize, um sie zu bestimmen, die Unbequemlichkeiten einer Reise auf sich zu nehmen. Vor ihrem Ende war das Heidenthum aus der alten Griechenstadt verschwunden. Mit ihm erlosch ihr Glanz und versank ihre Größe, und von allen Herrlichkeiten des zweiten Ortes der Welt, der Stadt des Serapis, ist nichts übrig geblieben als eine gewaltige, heute noch zum Himmel aufragende Säule, welche zu dem hehren Tempel jenes Götterfürsten gehört hat, dessen Sturz das Ende eines großen Abschnitts im geistigen Leben der Menschheit bezeichnet. Wie diese Säule, so ist der Schein , ist die Formenschönheit des Heidenthums nicht verloren gegangen. Wir sehen zu beiden empor, und wo das lebendige Sein des Christenthums diesen Schein mit seinem Licht erfüllt und durchdringt, da hat sich die schönste Hoffnung des alten Eusebius erfüllt. In der christlichen Kunst haben beide ihre Vermählung gefeiert.   Ende .