F. W. Hackländer Der Augenblick des Glücks Erstes Kapitel beginnt langweilig. Hat der geneigte und vielgeliebte Leser schon früher erfahren, was Langeweile ist? Es sollte uns freuen, wenn dem so wäre, aber außerordentlich schmerzen, wenn er die Bekanntschaft dieses fünften Elementes, wie jemand die Langeweile genannt, erst durch uns machen sollte. Wenn aber auch der geneigte Leser weiß, was Langeweile ist, so hat er sich doch vielleicht noch nie die Mühe gegeben, dieselbe gründlich zu studieren und in ihren Einzelheiten kennen zu lernen. O, es gibt unendlich viele Abarten von Langerweile! So haben wir die gewöhnliche hausbackene Langerweile, bei der man alt und dick werden kann; wir haben eine stille und sinnige Langeweile nach großen Diners zum Beispiel, die uns wohlthut und angenehm zur Siesta hinüberführt; – wir haben eine ungeduldige Langeweile, wenn wir zwischen vier kahlen Brandmauern auf jemand warten müssen; – wir haben eine beängstigende Langeweile, wenn uns das Krankenzimmer nicht losläßt, wenn draußen alles blüht und duftet, und wenn wir, wie der Bär in seinem Käfig, täglich vierhundertmal den Teppich von rechts nach links und dann wieder von links nachts rechts mit unseren Schritten messen; – wir haben eine tödliche Langeweile, eine ingrimmige, die mit den gefährlichsten Symptomen auftritt und sich vom krampfhaften Händeballen bis zu allerlei Schrecklichem steigern kann, die furchtbare Langeweile nämlich, die uns eine dicke, gemütliche, bekannte Dame verursacht, welcher wir auf der Straße begegnen, die uns aufhält und mit ihrem fetten, strahlenden Gesichte anlächelt, gerade an der Ecke, wo wenige Schritte vor uns die unbekannte Dame verschwand, der wir durch die halbe Stadt folgten. – Da stehen wir, angefesselt voll Kummer und Wut. – Es gibt eine sanfte Langeweile, wenn du in der Ecke des Wagens lehnst, halb schlummernd in den weichen Kissen, eine Langeweile, die mit leichte Fäden hinübergreift in das Reich der Träume, eine süße Langeweile, eine Langeweile, welche so geneigt ist, dir schöne Bilder längst entschwundener Tage lebendig vor die Seele zu zaubern. – Es gibt eine einfache, zweifache, dreifache und vielfache Langeweile. Du kannst dich mit einem Dutzend langweiliger Gesellen aufs gründlichste langweilen. Du kannst dich zu dreien langweilen, aber außerordentlich kannst du dich zu zweien langweilen, und eine solche Langeweile zu zweien kann unter Umständen die schrecklichste werden. – Jemand, der es wissen konnte, hat mir gesagt, es sei das Schrecklichste, wenn ein verliebtes Paar schon vor der Hochzeit anfange, sich gegenseitig zu langweilen; wenn er vom Wetter spricht, und sie das gewisse spitze Maul macht, wobei sich die Nase bedeutend aufbläht, und wodurch man das Gähnen zu verbergen sucht. Wenn wir uns aber auch erlaubt haben, die vorliegende Geschichte mit Langerweile oder langweilig zu beginnen, so sei es doch fern von uns, gleich das erste Kapitel gerade mit der schrecklichsten Spezies dieser langsam tötenden Macht, einem langweiligen Liebespaare – ein solches mag vielleicht später wohl noch vorkommen –, anzufangen. Da sich aber ein Erzähler der Wahrheit befleißigen soll, und da er die traurige Notwendigkeit einsieht, daß die Geschichte, die er schreiben will, der Situation gemäß langweilig anfangen muß, so kann er nichts thun, als mit traurigem Herzen eben langweilig zu beginnen. Ja, geneigter Leser, es ist das sehr traurig für einen gewissenhaften Erzähler, denn du hast keine Idee davon, wie wohl es einem Schriftstellergemüt thut, wenn er selbst so – mit gezogenem Säbel, auf kurbettierendem Roß, mit flatternder Feder und spritzender Tinte sein Geschäft vor das Publikum führen und sagen kann: Hier sind wir beide, die Geschichte und ich! »Es war,« so könnten wir alsdann vielleicht anfangen, »an einem trüben Sommerabend, der Himmel, der eine helle Nacht versprach, hatte sich mit grauen Schleiern überzogen; es wetterleuchtete nicht nur fern am Horizonte, sondern auch auf dem Gesichte des jungen Freiherrn Kalb von Kalbsfell, der usw•, usw•« – Stand er nun am Fenster seines Schlosses, oder lehnte er an einer dicken Buche, wir wissen, daß es auf seinem Gesichte ebenfalls wetterleuchtete, und daß seine schöne Physiognomie der Beweglichkeit fähig und auch im stande war, fremde Eindrücke widerzuspiegeln. Wohlthuend ist es auch, wenn es uns erlaubt ist, sagen zu dürfen: »Dem Morgen entgegen, der sich rosig ausbreitete über Berg und Thal, rollte ein eleganter Reisewagen, und der junge, schöne, blondgelockte Mann in demselben blies die Wolken seiner echten Havana mit einem unendlichen Behagen vor sich hin, die grauen kräuselnden Wolken, die, höher und höher aufsteigend, jetzt vom ersten Strahl der Sonne getroffen und vergoldet wurden.« »Kreuztausend Schock Millionen Donnerwetter!« rief der Lieutenant von Sperberbach, als er morgens in der Frühe erwachte und zu seinem großen Schrecken entdeckte, daß er den Ausmarsch der Regiments verschlafen – das ist auch ein schöner Anfang! Nicht minder: »Mama,« sprach Luise. »Mein Kind?« meinte die Mutter. »Ich sah ihn wieder nicht im Theater.« Die Mutter unterdrückte einen leichten Seufzer. »Auch nicht auf der Promenade.« »Du hast nicht recht gesehen.« »Die Blicke der Liebe sind scharf, Mama.« »Gott weiß es, mein armes Kind!« »Auch ritt er nicht vorbei.« »Gute Luise!« »O, meine Mutter!« Dann seufzten beide aus tiefem Herzen, und das Zimmer wäre mit einer unheimlichen Stille erfüllt gewesen, hätten sich nicht in diesem Augenblicke vor dem Hause die Töne einer Straßenorgel vernehmen lassen, kräftig, laut und feierlich: Noch ist Polen nicht verloren – – – – – Ein zweifacher Trost für das wunde Gemüt von Mutter und Tochter. – – Das alles, wenigstens etwas Ähnliches, geneigter Leser, hätten wir zu Anfang dieser wahrhaftigen Geschichte auch sagen können. Aber es sei ferne von uns, dich auf solche Art bestechen zu wollen und unpassend zu beginnen. Wir führen dich der Wahrheit gemäß in ein großes, elegantes Gemach, man könnte es einen kleinen Saal nennen, reich dekoriert, reich möbliert. Die Wände sind mit hellen, glänzenden Seidentapeten bedeckt und zeigen schwere, trotzige, goldene Bilderrahmen mit prachtvollen Landschaften, Schlacht- und Seestücken. Die Lambrien sind von feinen eingelegten Holzarten und laufen ringsumher bis zu einem riesenhaften Marmorkamin, in dem aber kein Feuer brannte, und über welchem ein ungeheurer Spiegel sich bis hoch an den vergoldeten Fries erstreckt, der unter dem Plafond dahinläuft. Dieser Plafond ist reich bemalt und in seiner Mitte hängt ein schwerer Bronzelüster mit unzähligen aufgesteckten Wachskerzen; der parkettierte Fußboden ist spiegelblank und das Ameublement, wie wir schon vorhin bemerkten, wenn auch reich, doch sehr einfach: es besteht aus einem Dutzend Stühlen, welche an den Wänden umherstehen, und einem großen Tische in der Mitte des Gemachs. – Richtig, dort in den beiden Fenstervertiefungen, welche die dicken Mauern des Schlosses bilden, stehen noch zwei Fauteuils und vor einem derselben ein kleines Tischchen mit Papier und Schreibzeug. Wir sind im Schlosse des Regenten im Parterrestockwerke; die Fenster unseres Gemaches gehen auf einen umschlossenen Hof, und die Ruhe und Stille, welche dort, sowie in den hohem Korridoren und auf den breiten Treppen herrscht, lagert beängstigend vor Thür und Fenster; sie läßt sich nur ungern stören und unterbrechen, und wenn man von fernher Tritte eines menschlichen Fußes vernimmt oder jemand husten hört, so grollt die Stille darüber und äfft diese Töne mit lautem Echo nach In dem weiten Gemache befinden sich zwei junge Männer, von denen der eine, ein Ordonnanzoffizier aus dem Leibdragonerregiment des Regenten, mit festgehaltenem Säbel an den Fenstern auf und ab spaziert, während der andere im goldgestickten Frack der Kammerherren dasselbe auf der Seite des Kamines thut. Beide sind vielleicht wenig über zwanzig Jahre alt, und wenn sich der eine so gut wie der andere entsetzlich zu langweilen scheint, so äußert sich das doch bei jedem auf verschiedene Art. Der Kammerherr von Wenden, ein Mann von mittlerer Größe mit Anlage zur Beleibtheit, hatte blondes Haar, das er glatt an den Kopf gestrichen trug, und welches so zum sorgfältig glattrasierten Kinn und Wange sehr gut paßte, ja seinem Kopfe mit der spitzen Nase, dem feinen zusammengezogenen Munde und den lebhaften Augen etwas Schlaues, fast Lauerndes gab, welches aber durch ein wirklich liebenswürdiges Lächeln gemildert wurde, das sein Gesicht, mit außerordentlich feinem und weißem Teint, häufig erhellte. Er spazierte in dem Gemache auf und ab, den Hut unter dem Arm, die Hände auf dem Rücken vereinigt. Dabei ging er aber vollkommen ruhig und gleichmäßig, ja mit fast behaglichen, tänzelnden Schritten, ohne alle Zeichen von Ungeduld, als habe er sich zur Aufgabe gemacht, das Zimmer in jeder Viertelstunde so und so oft zu durchschreiten. Der andere, Ordonnanzoffizier Herr von Fernow, war größer als sein Gefährte, dabei schlank, und wenn er ebenfalls auf und ab schritt, so that er dies mit allen möglichen Zeichen der Ungeduld. Er hatte ein ausdrucksvolles Gesicht, dessen Farbe fast zu dunkel gewesen, wenn nicht das schwarze glänzende Haar so vortrefflich dazu gepaßt hätte. Die Augen waren keck und lebhaft, und den Schnurrbart trug er wohl deshalb so außerordentlich stark emporgedreht, um seinen kleinen Mund zu zeigen, sowie die schneeweißen wohlgeformten Zähne. Wie wir schon bemerkt, ging er ebenfalls, und zwar an der Seite der Fenster, auf und ab; doch war das kein gleichförmiges Dahinschreiten. Jetzt that er ein paar hastige Schritte, dann wandte er sein Gesicht, einen Augenblick stehen bleibend, nach dem Hofe zu, betrachtete hierauf seinen Gefährten, warf den Kopf heftig von einer auf die andere Seite, biß sich zuweilen auf die Lippen und strich den Schnurrbart in die Höhe, zuweilen summte oder pfiff er auch leise die Melodie irgend eines beliebigen Liedes, aber immer nur ein paar Takte, die mit einem laut ausgestoßenen A-a-a-ah! schlossen, und an welche gewöhnlich die Bemerkung angehängt war: »So ein Sonntagnachmittag hier in dem verwünschten Schlosse ist doch von einer bodenlosen Langenweile!« Der Kammerherr lächelte dazu sanft in sich hinein und sagte vielleicht: »Ja, ja, ich habe auch schon Amüsanteres erlebt.« »Wenn ich nur dein Temperament hätte,« fuhr Herr von Fernow nach einer Pause fort, wobei er so plötzlich stehen blieb, daß die Scheide seines Säbels mit den Schnallen seines Ledergehänges zusammenklirrte, »wahrhaftig ich wüßte nicht, was ich an solchen Diensttagen, wie der heutige, darum gäbe.« »Auch an anderen könnte dir ein bißchen mehr Ruhe nicht schaden,« meinte Herr von Wenden; »du bist ein guter Kerl, aber das kocht und siedet und sprudelt immer, und, um in meinem Küchengleichnis fortzufahren, läuft es zuweilen über, nicht gerade zur Annehmlichkeit deiner Umgebung.« »A-a-a-ah!« machte der Ordonnanzoffizier, und dabei dehnte er sich wie einer, der eben aus dem Schlafe erwacht. »Du mußt dir angewöhnen,« fuhr der Kammerherr fort, »über die Langeweile Herr zu werden, du bist nun einmal bei Hof, und wenn du hier auf dem glatten Boden was werden willst, so darf man dir keine Langeweile anmerken, und wenn du einmal vier Wochen lang wie heute im Dienst wärest, eine Beschäftigung, die allerdings ihre langweiligen Seiten hat . . .« »So lehre mich die Langeweile verjagen!« rief der andere ungeduldig; »entweder verstehst du in der That diese Kunst, oder du bist ein ausgemachter Heuchler; denn schon seit fast einer Stunde läufst du jetzt auf und ab, auf dem Gesicht inneres Vergnügen, ja mit einem Wohlbehagen, das mich zur Verzweiflung bringen kann. – – Gibt es in der That etwas Langweiligeres als der heutige Sonntagnachmittag? Liegt das Schloß nicht so still wie ein ausgestorbenes Kloster? Dort in dem verfluchten Hofe läßt sich keine Menschenseele sehen, ja, ich versichere dich, die Katzen fürchten vor Langerweile zu krepieren, deshalb bleiben sie auf ihren Dächern und keine wagt sich herunter. – – Sage mir, womit verbringst du deine Zeit?« »Ich denke über dies oder jenes nach,« antwortete der Kammerherr, »und dabei verliere ich mich in Reflexionen und Kombinationen, daß mir die Zeit so ziemlich leidlich vergeht.« Der Adjutant hatte in seinem Spaziergange innegehalten und sich mit allen Zeichen der Ungeduld in einen der Fauteuils geworfen, und beschäftigte sich, indem er mit den Fingern auf den vor ihm liegenden Papieren trommelte. »So teile mir denn ums Himmels willen etwas von deinen Gedanken mit,« rief er nach einer Weile; »wenn sie nämlich für mich genießbar sind. Wahrhaftig, du bist beneidenswert um das Talent, dich so allein unterhalten zu können.« »Und dabei profitiere ich; denn in solchen Stunden fasse ich oftmals die besten Entschlüsse, und wenn ich gerade dergleichen nicht vorhabe, so unterhalte ich mich mit meinen Phantasien, baue Luftschlösser und beratschlage mit mir selbst, was, wenn dieser oder jener Fall eintreten würde, wohl am besten zu thun sei.« »Ja, das muß wahr sein,« sagte der andere mit einem tiefen Seufzer. »Du bist ein umsichtiger Mensch, du wirst es weit bringen. Nun, eins mußt du mir versprechen: Wenn du einmal Minister des Hauses bist, so laß mir irgend einen lumpigen Orden zukommen; denn wenn ich keinen Freund habe, der sich meiner speziell annimmt, so komme ich doch nicht zu einer Auszeichnung. Ich habe eben kein Glück.« Der Kammerherr lächelte still in sich hinein, streichelte sanft seine Nase und blies alsdann ein Stäubchen fort, das sich auf der Goldstickerei seines Ärmelaufschlages angesetzt hatte. Darauf sagte er: »Kein Glück haben, das ist so eine Redensart, die man hundertfältig und meistens mit großem Unrecht ausspricht.« »Nun, du willst doch nicht sagen, daß ich vom Glück begünstigt bin, ich, Fernow, dessen Vater vor wenigen Jahren noch allmächtiger Minister an diesem Hofe war?« »Fernow,« fuhr der Kammerherr kopfnickend fort, »ein Kavalier in der schönen Bedeutung des Wortes, jung – liebenswürdig – ohne dir Komplimente machen zu wollen,« setzte er lächelnd mit einem Seitenblick hinzu; »denn du kannst auch unausstehlich sein. – Dabei ein tüchtiger Offizier –« »Meinetwegen alles das!« rief der andere ungeduldig dazwischen; »der jetzt schon eine halbe Ewigkeit dient und es kaum zum Ordonnanzoffizier gebracht hat, während jüngere Kameraden schon längst wirkliche Adjutanten sind. Hol der Teufel ein solches Glück!« »Wenn du nicht gleich immer oben hinaus wärst,« entgegnete Herr von Wenden mit großer Ruhe, »so würde ich dir mit außerordentlichem Vergnügen meine Theorien von der Gestaltung des Glückes mitteilen; aber ich fürchte, dir ist das langweilig.« »Wenn das ist,« sagte Herr von Fernow, »so wirkt es vielleicht homöopathisch, und wir schlagen die Langeweile mit der Langeweile.« »Ich danke dir für die gütige Bemerkung.« »Ohne Rancüne; ich bitte dich, laß mich deine Ansichten hören.« Der Kammerherr war in der Nähe des Kamins stehen geblieben, hatte seinen Hut auf das Gesims desselben gelegt und sich mit dem Rücken daran gelehnt. »Du sagtest vorhin,« begann er: »Ich habe kein Glück, und, wie schon bemerkt, ist das eine Äußerung, die man hundertfältig hört, die aber vollkommen unrichtig ist. So gut es allerdings bevorzugte Menschen gibt, denen das Glück sozusagen im Schlafe kommt . . .« »Ja, denen die gebratenen Tauben ins Maul fliegen.« »Ganz richtig, die selbst, wenn sie stürzen, wie die Katze immer auf ihre Füße fallen und, ausgleitend, die Treppe hinaufrollen; ebenso gibt es auch solche, die das Schicksal beständig gegen den Strich zu kämmen scheint, die sich alles mühsam erringen müssen, denen nichts gelingt ohne große Mühe und Arbeit, kurz, die, wie du zu sagen beliebst, kein Glück haben.« »Ich kenne einen solchen,« sagte Fernow finster, »und das wirst du mir zugeben. Kommt einmal eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen, so bin ich verhindert, dabei zu sein. Ist irgendwo in einem Regiment ein gutes Avancement, so kannst du hundert gegen eins wetten, daß es nicht das meinige ist. Haben wir Besuch von fürstlichen Personen, so kann ich nicht dazu kommandiert werden, weil ich gerade Dienst beim Allergnädigsten habe. Ebenso ist es mit Reisen an fremde Höfe; ich weiß wohl, man hat nichts gegen mich, aber das Schicksal will, daß ich immer übergangen werde. Andere bekommen Orden und sehen die Welt, ich bekomme gar nichts und darf mir dagegen die Wände des Stallhofes dort, und meistens dann betrachten, wenn irgendwo sonst draußen was Angenehmes los ist. Heute ist der Hof nach Eschenburg, und ich hatte mich darauf gefreut, ich versichere dir, ich hätte auf meinem Rappen gar nicht schlecht ausgesehen, – ach! und es hätte mich gerade jetzt glücklich gemacht, gut auszusehen!« fuhr er mit einem Seufzer fort. »Was geschieht? Seine Hoheit, der Regent, findet es angemessen, daß ihn die verjährte Wunde schmerzt, und ich – muß, hol mich der Teufel, zu Hause bleiben.« »Und ich?« fragte lächelnd der Kammerherr. »Allerdings, du auch. Aber dir macht es kein Vergnügen, mit irgend einer alten Hofdame im Wagen zu sitzen. O! ich sage dir,« fuhr er ergrimmt fort, »wenn ich daran denke, daß ich jetzt durchs duftige Grün reiten könnte, vielleicht an ihrer Seite, denn auch für die junge Herzogin und ihre Damen sind Pferde hinausbestellt, so möchte ich geradezu des Teufels werden!« Bei diesen Worten sprang er in die Höhe und eilte sporenklirrend und säbelrasselnd mit heftigen Schritten auf und ab, daß es in dem weiten Gemach auf allen Seiten widerhallte. Nachdem er so einigemal bei dem Kammerherrn, der ihm lächelnd zuschaute, vorbeigerast war, blieb er wieder plötzlich vor ihm stehen, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte mit einem bittern Lächeln: »Und dann willst du mir noch verbieten, daß ich von mir als von jemand spreche, der gar kein Glück hat?« »Allerdings,« entgegnete der andere hartnäckig, »von dir und von jedem anderen glaube ich das Gegenteil. Das Glück ist da; es umschwebt jeden Menschen ...« »Wo, wo?« rief Herr von Fernow mit komischem Zorne; »ich will Tag und Nacht mit beiden Händen um mich fassen, um es endlich einmal zu ergreifen.« »Das wäre vielleicht so ein Mittel,« meinte lächelnd Herr von Wenden; »aber glaube mir, meine Theorie ist richtig; das Glück umschwebt, umtanzt, umgaukelt uns, den einen freilich mehr, den anderen weniger, und wenn ich dir von deiner Bemerkung, indem du von Leuten sprachst, die kein Glück haben, etwas zugeben will, so ist es das, daß leider die meisten Menschen so unglücklich sind, den rechten Augenblick zu verpassen, wo sie zulangen müßten.« »Nun, das kommt am Ende auf eins heraus,« sagte kopfschüttelnd der Ordonnanzoffizier, worauf er, nach einem Blicke in den Spiegel, einige Verschönerungsversuche bei sich anstellte, den Schnurrbart in die Höhe drehte und seiner ohnedies langen und schlanken Taille noch dadurch nachhalf, daß er Schärpe und Säbelkoppel, soviel als irgend möglich war, auf die Hüften hinabdrückte. An dem Kammerherrn war unfehlbar ein Professor zu Grunde gegangen, denn er lehnte, um seine Theorie weiter auszuführen, so behaglich am Kamine, wie jener am Katheder, und blickte so aufmerksam in das fast leere Gemach hinein, als habe er ein Auditorium von vielleicht hundert Personen vor sich. Auch hob er seine Hände empor und legte den Zeigefinger der rechten bedeutsam an den Daumen der linken, um die Beweisgründe für seine Theorie vermittelst der fünf Finger numerieren zu können. »Also wir waren beim Zugreifen,« sagte er. »Nur nicht blöde! Das ist allerdings bei Hofe eine wichtige Regel.« »Die Zeit, wo uns Fortuna lächelt, und sie lächelt jedem Menschen, würde ich mir also erlauben den Augenblick des Glückes zu nennen, denn leider verweilt es gewöhnlich nicht lange bei uns, es huscht rechts, links, oben, unten bei uns vorbei. Deshalb im richtigem Moment zugreifen!« »Ja, zugreifen!« wiederholte lachend der Ordonnanzoffizier, indem er mit der Rechten in der Luft eine Bewegung machte, als wollte er eine Fliege fangen. »Fang einer die unsichtbare Göttin!« »Allerdings will es das Mißgeschick,« fuhr der dozierende Kammerherr ruhig fort, »daß man, um in meinem Vortrage zu Punkt zwei zu kommen, daneben tappt,« bei diesen Worten hatten sich beide Zeigefinger seiner Hände vereinigt; »und es ist wahrhaftig oft gerade, als ob es Menschen gebe, die ein Talent dazu hätten, dem Glück auf die geschickteste Art auszuweichen. Es erscheint dir links ...« »Und ich wende mich rechts,« sagte Herr von Fernow. »Richtig. Es erscheint dir rechts ...« »Und ich greife nach links; o, wir kennen das!« »Vollkommen richtig. – Es stellt sich dir gerade in den Weg, und, weiß der Himmel, in demselben Augenblick fällt es dir ein, dich umzudrehen, zurückzutreten und so dem Glücke, das mit ausgebreiteten Armen auf deinem Pfade steht, den Rücken zuzuwenden. Ja, es legt sich dir vor die Füße; aber anstatt es aufzuheben, wähnst du vor dir einen tiefen Graben zu sehen und schreitest mit einem ungeheuren Schritte darüber hinweg.« »Das ist leider Gottes nicht ganz unrichtig!« rief der andere; »doch ist deine Theorie offenbar darauf eingerichtet, die Leute verrückt zu machen. Geh mir mit deinem Philosophieren; es ist mir ein viel behaglicheres Gefühl, zu wissen: ich habe einmal kein Glück, als zu glauben, es gaukle um mich her unsichtbar, unerreichbar, wobei ich mir jeden Augenblick den Vorwurf machen muß: Hättest du statt rechts – links gegriffen, hättest du dies gethan oder jenes unterlassen, so würdest du jetzt das Glück in deiner Hand haben. Ah! das ist ein unerträglicher Gedanke und könnte einen Menschen wirbelig machen.« Der Kammerherr war eben im Begriff mit dem Zeigefinger der Rechten auf den Mittelfinger der Linken überzugehen, als sich eine der Flügelthüren geräuschlos, fast gespensterhaft, von selbst zu öffnen schien, so daß sich erst, als beide Flügel weit offen standen, der dienstthuende Kammerdiener zeigte, ein großer, gutgewachsener Mann, auf dem Gesicht ein ewiges Lächeln, mit sanft gespitztem Munde, und Augen, die, solange er sich im Dienste befand, in Glück und Freude zu schwimmen schienen. Er blickte nach der Uhr, welche über der Thür angebracht war, und sagte unter einem sanften Lächeln: »Seine Hoheit, der Regent, machen soeben einen kleinen Gang in den Park, werden auch vor der Tafel nicht zurückkehren, was ich mir hiermit erlaube anzuzeigen und die ganz gehorsame Bemerkung hinzuzufügen, daß es vielleicht für die Herrschaften angenehmer wäre, jetzt schon in den Speisesaal zu treten, als hier im Hinterzimmer vergeblich zu warten.« Indem er das sagte, machte er eine demütige, lang andauernde, tiefe Verbeugung, wobei er sich schüchtern die Hände rieb, damit eine scheinbare Verlegenheit affektierend. »Das ist ein guter Rat, Herr Kindermann,« sprach der Ordonnanzoffizier, indem er seinen Federhut ergriff; »vom Speisesaal hat man doch eine Aussicht auf den Schloßplatz, man sieht Sonne und Menschen, grüne Bäume und die fernen Berge, an denen Eschenburg liegt.« Das letztere sagte er leise und mit einem gelinden Seufzer. »Es ist doch fabelhaft,« lachte der Kammerherr, »wie dich ein einigermaßen ernstes Gespräch ennuyiert! Und ich versichere dir, du hättest etwas aus meinem Vortrage lernen können.« »Das will ich auch noch thun, gewiß und wahrhaftig,« sagte der Ordonnanzoffizier; »aber jetzt komm aus diesem stillen, trübseligen Zimmer in den Speisesaal, da werde ich viel empfänglicher sein für die tiefen Gedanken, die du mir so großmütig preisgibst.« Lächelnd, aber doch achselzuckend nahm der Kammerherr seinen Hut von dem Kamingesims, und der Kammerdiener Kindermann, der zuerst verstohlen eine Prise genommen und sich dann, wie selbst erschrocken über dies große Vergehen, eilfertig die Nase gewischt, ging mit sehr erhobenem Kopfe auf die Ausgangsthür zu, öffnete dieselbe weit und machte eine tiefe Verbeugung, als die Herren in das Vestibül hinaustraten. Hier saß auf einem Bankett in der Ecke ein einsamer Lakai, der, niedergedrückt von Stille und Langerweile, sanft entschlummert war, jetzt aber, beim Hören der herannahenden Schritte, so eilfertig aufsprang und ein so grinsendes Gesicht machte, als habe er sich aufs lebhafteste mit den interessantesten Dingen der Welt unterhalten, und als sei es ihm gar nicht eingefallen, das Auge zum Schlafe zu schließen. Als ihn aber die beiden Herren hinter sich gelassen hatten, gähnte er stark, dehnte und reckte sich und brummte mißmutig in sich hinein: »Nicht einen Augenblick Ruhe hat man in dem Schloß!« Darauf sank er wieder auf das Bankett zurück und setzte unter tiefen, schnarchenden Tönen seine Betrachtungen von vorhin fort. Am Ende des Vestibüls trafen die beiden Herren auf einen einzelnen Kavallerieposten, der ebenfalls schläfrig auf und ab spazierte und nicht einmal mit der gewöhnlichen Energie seinen Säbel anzog. Es lag aber auch eine wahrhaft drückende Ruhe auf dem Schlosse; die Stille und die Langeweile tönten ordentlich. In den weiten Gängen und auf den breiten Treppen entdeckte man selten ein lebendes Wesen, und wo sich in weiter Entfernung vielleicht ein Tier, eine Katze, oder vor den Fenstern ein Vogel blicken ließ, da ruhte der erstere jedenfalls mit aufgestütztem Kopf an der Fensterbank, die Katze lag schlafend in einem kleinen Fleckchen Sonnenschein, und der sonst so muntere Vogel saß draußen auf dem zackigen Gesims still, fast unbeweglich, mit gesenktem Kopfe, als finde selbst er es hier unerträglich langweilig. Die einzige Spur von Leben ließ hier und da die Katze bemerken, denn zuweilen öffnete sie träge ihr blinzelndes Auge und schmachtete, vielleicht mit unterschiedlichen Gedanken an eine fette Beute, nach dem Vogel hin. Wenn aber auch beide nicht durch die Glasscheibe getrennt gewesen wären, hätte die Katze wahrscheinlich doch nicht ihre Siesta unterbrochen, um einen Sprung nach der sicheren Beute zu thun. Sie dehnte sich schnurrend und schien dann wieder in festen Schlaf zu fallen. Wenn auch die Teppichstreifen in den Korridoren den Klang der Schritte der beiden dämpften, so tönten doch der klirrende Säbel des einen und das gelinde Husten des anderen so laut und nachhaltig, daß es in der That erschreckend war. Aus diesem Korridor traten sie in weite Säle, wo von den Wänden aus schweren Goldrahmen nachgedunkelte, fast schwarze Landschaften herabblickten, wo in den Ecken uralte, ernsthafte Vasen standen, und wo es ebenfalls so still und feierlich war, daß das Lächeln einer marmornen Venus in dieser Umgebung völlig unnatürlich erschien. Endlich erreichten die beiden Gänge und Zimmer, auf der westlichen Seite des Schlosses gelegen, wo es schon ungleich freundlicher und behaglicher aussah; hier drang zu den großen Fenstern die Nachmittagssonne herein, vergoldete und belebte alles und munterte selbst den schweren Staub in den Zimmern zur Lustigkeit auf; denn wo ein dünner Sonnenstrahl schief zu einer Öffnung hereinfiel, da tanzten Millionen von Staubatomen vergnügt durcheinander. Hier hingen auch in einer langen Galerie die Ahnen des Herrscherhauses, und die glänzenden Streiflichter machten sich ein Vergnügen daraus, die alten, ernsten Herren auf eigentümliche Art zu karikieren. Dort brannte ein heller Fleck auf den dunklen Wangen des Kriegsmanns, hier war ein Gesicht zur Hälfte scharf beleuchtet und schien dadurch auf einer Seite zu lächeln. Dort sah man nur einen glänzenden Kopf, wie in dunklem Beiwerk schwebend, und in einer Ecke gegenüber bemerkte man einen hellen, funkelnden Harnisch. Das Haupt aber lag so im Schatten, daß der alte, ehrwürdige Fürst völlig kopflos erschien. Die beiden dienstthuenden Herren näherten sich jetzt der Thür des Speisesaals, welche sich trotz ihrer geräuschlosen Schritte und wie von selbst ihnen öffnete. Doch muß der geneigte Leser nicht an Zauberei glauben; wie anderswo überall, befinden sich auch hier in den Thüren Schlüssellöcher, welche von den betreffenden Lakaien aufs emsigste benutzt werden, um die Annäherung irgend einer wichtigen Person zu erspähen. Es ist das namentlich in bedeutsamen Augenblicken wie ein gut eingerichteter Telegraphendienst; an beiden Seiten des betreffenden Saales wird mit Thürspalt und Schlüsselloch gearbeitet; ein leiser, bezeichnender Husten oder irgend eine Handbewegung unterrichtet die im Saale Befindlichen von der Ankunft dieser und jener Person, und wenn diese nun selbst durch die weitgeöffnete Thür eintritt, so stehen ein gut geschulter Kammerdiener und brauchbare Lakaien scheinbar unbefangen, und wie von den Ankommenden völlig überrascht, in den verschiedenen Ecken. Zweites Kapitel. Ein kleiner Papierstreifen. Der Speisesaal, ein großes, einfach nur mit Gold und Weiß dekoriertes Gemach, lag an dem großen Platze, der sich vor dem Schlosse ausbreitete, und von seinen hohen Fenstern hatte man, da das Schloß auf einer kleinen Anhöhe lag, eine weite Aussicht auf die Stadt, sowie auf die Gegend ringsumher bis zu den malerisch geformten Bergen, die den Horizont begrenzten. Herr von Fernow trat sogleich an eines der Fenster und schmachtete, wie sich der Kammerherr auszudrücken beliebte, nach dem Gebirgszuge hin, ohne vorderhand dem regen Treiben auf dem Schloßplatz und in den angrenzenden Straßen, dem Gewühle von Menschen und Equipagen irgend eine Aufmerksamkeit zu widmen. Im Saale waren Tafeldecker, Kammerdiener und Lakaien beschäftigt, der reichen Tafel die letzte Vollendung zu geben. Der große vergoldete Aufsatz, der bei bedeutenden Diners erschien, wurde mit frischen Blumenbouquets bedeckt, und als das geschehen war, bot die Tafel mit ihren Massen funkelnden Silbers und glänzenden Krystallbatterien, auf den schneeweißen Damast gestellt, einen wahrhaft reichen und erfreulichen Anblick dar. Herr von Wenden war zu dem Ordonnanzoffizier getreten und sagte ihm: »Mir ist das Durcheinanderlaufen der Dienerschaft, überhaupt die Zurüstung zur Tafel unangenehm, und da du, teuerster junger Mann, auch Kavallerieoffizier, die Berge vom Nebensaale aus ebensogut betrachten kannst, so laß uns dorthin, mein Geliebter, ziehen. Es ist da in der That behaglicher und auch unser Platz, wenn sich später der Hof versammelt.« »Ich weiß wohl,« entgegnete lächelnd der Ordonnanzoffizier, »weshalb es dir um den Saal da nebenan zu thun ist; du willst mir wahrscheinlich deine Theorie vom Augenblicke des Glücks noch näher entwickeln. Wenn ich nicht irre, so wurden wir am dritten Punkt unterbrochen.« Der Kammerherr zog scheinbar ernsthaft seine Augenbrauen in die Höhe, spitzte den Mund und erwiderte: »Du bist in der That ein undankbares Geschöpf; sei doch empfänglich für gute Lehren. Danke es mir, wenn ich dir die Augen öffne.« »Damit ich mich, wenn ich deinem Rat folge, wie eine Wetterfahne bald rechts, bald links drehe, bald hierher, bald dorthin greife, um das Glück zu erhaschen?« sagte Herr von Fernow; »aber meinetwegen komm, du hast recht, wir befinden uns da nebenan viel behaglicher.« Damit schob er seinen Arm unter den des Kammerherrn und beide wandten sich zum Weggehen. Bei dieser Bewegung glitten ein paar der Lakaien wie auf Schlittschuhen gegen die großen Flügelthüren des Nebenzimmers; diese öffneten sich geräuschlos vor ihnen und schlossen sich ebenso wieder. Das Gemach, in welchem sie sich nun befanden, war in der That ein reicher und herrlicher Salon; die Wände waren mit grauem Seidenzeug bezogen, auf welchem Meisterwerke der Malerei hingen; in den zwei Ecken gegenüber dem Fenster standen zwischen grünen Pflanzen und duftenden Blüten kleine herrliche Marmorstatuen, und vor dem Kamine aus weißem karrarischen Marmor befand sich eine Art kleiner, niedlicher spanischer Wand, das Gestell von Palisander und die Felder ebenfalls aus schwerem grünen Seidenzeuge, auf welche Flächen eine kunstreiche Hand zierliche Arabesken gestickt hatte. Auf dem Boden breitete sich ein dicker Smyrnateppich aus, in den der Fuß des darauf Wandelnden ordentlich einsank. – Das Ameublement bestand ebenfalls aus dem gleichen Holz wie die spanische Wand, und hier sah man Tische, Etageren mit kostbar eingebundenen Büchern und Albums, Sessel und Fauteuils der verschiedensten Größe und Gestalt. In allem aber, was sich hier befand, herrschte ein so feiner und zarter Geschmack, ein so sinniges Arrangement, daß unverkennbar der Geist und die Hand einer Dame hier thätig sein mußten. Und so war es auch. Dieses Gemach verband den Speisesaal mit dem Appartement der Prinzessin Elise, der Schwägerin des kürzlich verstorbenen regierenden Herzogs. Die verwitwete Herzogin bewohnte den südlichen Flügel des Schlosses, und im Parterrestocke, wo unsere Geschichte beginnt, waren die Gemächer des Regenten, der, ein Onkel des verstorbenen Herzogs, im jetzigen Augenblicke das Haupt der Familie und der Herrscher des Landes war. Wir sagen: im jetzigen Augenblicke; denn die verwitwete Herzogin befand sich in interessanten Umständen, und die wichtige Frage war, ob die arme, unglückliche Frau einem Prinzen oder einer Prinzessin das Leben geben würde; im ersten Fall war ein rechtmäßiger Thronerbe da, im anderen dagegen wurde der Regent, dem salischen Gesetz zufolge, regierender Herzog des Landes. Daß unter diesen Verhältnissen der Hof in zwei große Parteien gespalten war, ja, daß diese erbittert und feindlich einander gegenüberstanden, brauchen wir eigentlich ebensowenig zu sagen, als mit welch namenloser Spannung Land und Hof der Niederkunft der verwitweten Herzogin entgegensah. Während der Ordonnanzoffizier ans Fenster trat, um jetzt auch dem Gewühl auf dem Schloßplatz einen Blick zu schenken, blieb der Kammerherr an der geschlossenen Thür stehen, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte, bedeutsam mit dem Kopfe nickend: »So oft ich dieses Zimmer in der jetzigen schweren Zeit betrete, sehe ich immer Ihre Durchlaucht, die Prinzessin Elise, vor mir, wie sie auf und ab wandelt und in ihrem kleinen, aber sehr gescheiten Kopfe Pläne und Entwürfe ausbrütet. Es ist ein Jammer, daß sie eine Dame und kein Mann ist, ich sage dir, Felix, das ist jammerschade. An ihr hätten wir einen ganz prachtvollen Herzog.« »Ja, ja, das wäre dir schon erwünscht,« entgegnete der Ordonnanzoffizier, »und dann brauchst du nicht mehr lange nach dem Glück zu greifen. Die Prinzessin will dir außerordentlich wohl.« »Nicht außerordentlich; doch kennt sie meine Anhänglichkeit.« »Das ist auch eine von den bösen Geschichten an diesem Hofe. Man weiß in der That nicht, zu wem man halten soll. Ist man dort zu freundlich, macht man sich hier mißliebig oder umgekehrt. Weißt du auch,« fuhr Herr von Fernow fort, indem er sich rasch umwandte, »was ich davon habe, daß ich als Ordonnanzoffizier im Vorzimmer Seiner Hoheit stehen darf?« »Nun, was wirst du davon haben?« »Davon habe ich, daß mich Ihre Durchlaucht, die Prinzessin Elise, nicht allzu freundlich behandelt. – Nun, das wechselt und ließe sich am Ende noch ertragen; aber glaubst du wohl, Eduard, daß das auch auf mein Verhältnis zur – « der Kammerherr sah fragend und mit einem eigentümlichen Lächeln in die Höhe. – »Nun ja, Verhältnis sollte ich eigentlich nicht sagen; ich meine daß diese Ungnade auf meine Liebe zu Fräulein von Ripperda bedeutend influiert. – Schüttle nicht deinen blonden Kopf; – alle Teufel! ich weiß, was ich fühle und sehe. – Nicht wahr, der Oberstjägermeister wurde eigens zur Partie nach Eschenburg eingeladen, obgleich er nichts dabei verloren hätte. Ich habe eigentlich nicht nötig, es dir zu sagen, umsichtiger Kammerherr. Wenn man einen armen Ordonnanzoffizier protegieren will, so braucht man nur nach dem Frühstück ungefähr so zu sprechen: Sie werden doch auch mit uns reiten? – Hätte das die Prinzessin Elise gesagt, so wäre ich vor den Regenten hingetreten und hätte ihm zu verstehen gegeben, ich sei zur Partie befohlen worden.« »Daran ist was Wahres; doch warst du vielleicht gegen die Prinzessin nicht liebenswürdig genug, oder hast dem Oberstjägermeister boudiert, oder gar zu süße Augen gegen Fräulein von Ripperda gemacht, das war vielleicht ein Augenblick des Glücks, den du versäumt.« »Hol dich der Teufel mit deinen Augenblicken des Glücks!« entgegnete unmutig der Offizier; »wenn es so schwer ist, dasselbe zu fassen – so werde ich es niemals erlangen,« setzte er seufzend hinzu. Der Kammerherr wackelte mit dem Kopfe hin und her, wie eine indische Pagode. »Hm, hm,« machte er, »ja, ja, freilich, freilich. Ich sage dir, Felix, in den merkwürdigen Verhältnissen, in denen wir uns gerade befinden, könnte das Glück wohl geneigt sein, sich diesem oder jenem völlig zudringlich zu nähern. Man muß nur klug sein und keine Fehltritte thun.« »Was die Klugheit anbelangt, – da stehe ich dir allerdings nach.« »O, du verstehst ja auch deinen Vorteil.« »Nicht besonders. Soll ich dir wiederholen, was ich meinem Stande, meinen Jahren nach sein könnte, und was ich bin?« Der andere zuckte mit den Achseln. »Allerdings,« sagte er nach einer Pause, »aber warum,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, »bist du nicht schon längst meinem Winke gefolgt und hast deine volle Ergebenheit der Herzogin zu Füßen gelegt?« »Vor allen Dingen bin ich Soldat und Offizier,« antwortete Herr von Fernow verdrießlich, »und als solcher kann ich nur einen Herrn anerkennen.« »Gott bewahre uns auch vor zweien!« »Seine Hoheit, den Regenten, meinen Fürsten und General. – Wenn du aber deshalb glaubst,« fuhr der Offizier fort, indem er auf etwas verächtliche Art den Kopf zurückwarf, »ich mische mich aus diesem Grunde in eure Intriguen und sei zu diesem Zwecke bereit, für eine oder die andere Partei zu arbeiten, so irrst du dich ganz gewaltig. Ich thue meinen Dienst und lasse an mich kommen, was kommt.« »Wenn ich als Freund zu dir sprechen darf, so wählst du auf diese Art die gefährlichste Stellung. Das Getreibe an einem Hofe gleicht einem Mühlwerke. Willst du nicht zerrieben werden, so mußt du selbst mitreiben. Um über den Parteien zu stehen, dazu sind wir zu unbedeutend; der Platz zwischen den Parteien ist, wie gesagt, zu gefährlich, also müssen wir uns selbst für eine Partei entscheiden.« »In deinen Worten liegt ein Körnchen Wahrheit; aber wozu soll ich mich entscheiden? Wie ich dir schon gesagt, bin ich der Offizier des Regenten, und was die allerdings mächtige Partei der Prinzessin anbelangt, so – « »Bietet sie dir nichts Lockendes?« fragte der Kammerherr mit einem lauernden Blicke. »O, davon schweige mir!« rief heftig der junge Offizier; »um sie zu gewinnen, könnte ich mich am allerwenigsten dazu entschließen, ein Parteimann zu werden. Wenn auch die Liebe gern im Verborgenen wächst und blüht, so haßt sie doch alle Winkelzüge, nach meiner Ansicht nämlich. Ich werde nun noch eine kurze Zeit geduldig abwarten und dann schon erfahren, wie die Freundlichkeit, mit der Fräulein von Ripperda meine kleinen Bewerbungen aufnahm, gemeint war. Spricht ihr Herz nicht für mich, nun gut, was kann ich thun? – Ich muß vergessen. – – Etwas anderes wäre es freilich,« setzte er lebhafter hinzu, »wenn man von seiten Ihrer Durchlaucht, wie ich fast fürchte, gegen mich in dieser Angelegenheit zu wirken beschlösse. – Ist man mir sonst nicht gnädig gesinnt, was thut's? Ich diene, solange ich kann, und gehe – dann auf meine Güter.« »Auf deine Güter?« fragte der Kammerherr mit einem eigentümlichen Lächeln. »Kennst du denn nicht mein Landhaus auf Bergeshöhe mit den fruchtbaren Ländereien und prachtvollen Waldungen, die ich ringsumher, so weit das Auge reicht, übersehen kann? – Will man aber, um ernstlich zu reden, Gott weiß zu welchem Zwecke, das junge Mädchen bestimmen oder überreden, sich von mir abzuwenden, dann freilich – dann ...« »Dann wärst du vielleicht doch im stande, dich einer Partei anzuschließen,« sagte der Kammerherr, und wenn auch in diesem Augenblicke das uns bekannte freundliche Lächeln seine Lippen umspielte, so warfen doch seine Augen einen so lauernden Blick herüber, der jedem anderen, welcher minder unbefangen gewesen als der junge Offizier, aufgefallen wäre. »In dem Falle freilich,« entgegnete fest und bestimmt Herr von Fernow. »Ich sehe dein Lächeln und weiß, was es sagen will. Aber glaube mir, teuerster Kammerherr, habe ich einmal Partei ergriffen, so halte ich fest dazu, siege mit ihr oder gehe mit ihr zu Grunde.« Nach diesen Worten warf er den Säbel in den Arm und ging einmal im Zimmer auf und ab. Als er wieder zu seinem Gefährten kam, faßte er leicht dessen Arm, nötigte ihn so, den Spaziergang mit ihm zu wiederholen, und sagte während des Auf- und Abschreitens in seinem gewöhnlichen freundlichen Tone: »Siehst du, es taugt nicht einmal, über Parteiangelegenheiten zu reden. Da hätte bald unser Gespräch eine unverhoffte ernste Wendung genommen. Laß mich lieber noch einiges hören von deinen Ansichten über das Glück, das ist amüsanter, und man lernt vielleicht etwas dabei.« Während beide so dahinschritten, kamen sie an einem kleinen Tischchen vorbei, das mitten im Zimmer stand, und auf welchem sich in einer reichen Vase ein überaus prachtvolles Bouquet von frischen, lebenden Blumen zeigte. So oft sie bei dem Tischchen vorüberkamen, neigte sich Herr von Fernow darüber hin, um etwas von dem köstlichen Dufte einzuatmen. »Was hilft es mir, wenn ich dir auch meine Theorien vom Augenblicke des Glücks wiederhole? Du bist ein Ungläubiger, dem in diesem Punkte nicht zu helfen ist.« »Möchte mich aber gar zu gern belehren lassen,« entgegnete Herr von Fernow lachend; »ich versichere dich, Eduard, du hast einen mächtigen Drang in mir erweckt, das umherschwebende Glück zu erhaschen. Ich werde jetzt rastlos um mich schauen und selbst im allergewöhnlichsten Gedränge meine zehn Finger immer zum unverhofften Händedruck parat halten, ich werde den Worten alter Staatsräte und noch älterer Hofdamen lauschen, ich werde Gräfinnen aus dem vorigen Jahrhundert zum Tanz auffordern, ich werde – –« »Du willst über mich spotten,« sagte der Kammerherr mit seinem unvergleichlichen Lächeln, »und doch habe ich recht. Thue, wie du gesagt; ein würdiger Staatsrat, dem du vielleicht durch deine liebenswürdige Unterhaltung eine Viertelstunde tödlicher Langeweile verjagst, kann dich als einen der gebildetsten und geistreichsten Kavaliere dem Kriegsminister empfehlen; eine alte Gräfin, der du in ihren vorgerückten Jahren noch das Vergnügen eines Walzers verschaffst, kann mit dem Regenten, Gott weiß wie, zusammenhängen und ihm eines Tages sagen, es sei eine wahre Schande, daß man dich noch nicht zum Major habe anvancieren lassen. – In der That, was du im Scherz sagtest, glaube ich im Ernst. Die Hauptsache ist: nur den richtigen Augenblick nicht verpaßt, und du hast das Glück in deiner Hand. Es naht uns oft in gar sonderbaren Verkleidungen; ich habe einen Freund, der viel auf meine Theorien hielt, und der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, das Glück zu erfassen. Eines Tages sieht er vor irgend einer Kirche eine alte, schäbige Landkutsche in strömendem Regen stehen und bemerkte eine kleine Damenhand, die sich unter dem Leder hervor vergeblich bemüht, den Schlag zu öffnen. Er eilt hinzu, reißt die Wagenthür auf, eine junge Dame steigt aus, er begleitet sie unter seinem Regenschirm bis in die Kirche und nachher wieder an ihre alte Kalesche. Siehst du, Felix, in dem Augenblick, da er den Schlag öffnete, hatte er das Glück erfaßt. Das Mädchen war eine immense reiche Erbin und ist jetzt seine Frau.« »Das ist allerdings ein schönes und lehrreiches Beispiel.« »O, ich weiß noch viel interessantere, wahrhaft erschreckende. In dem königlichen Schlosse zu C. stand gegen das Ende eines Balles ein junger Kammerjunker, der sehr viel getanzt hatte und müde war, ausruhend in einer Fenstervertiefung. Er wäre gern nach Hause gefahren, eigene Equipage hatte er keine, und ich kann dir auch wohl gestehen, daß es ihn einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte, sich eine Voiture de remise anzuschaffen, ja es wäre ihm das im damaligen Augenblicke fast unmöglich gewesen. Da die Fensternische, in der er stand, sehr tief, auch niemand von Bedeutung in der Nähe war, so öffnete er behutsam eine bewegliche Scheibe in dem großen Fensterflügel und streckte die Hand hinaus, um sich zu überzeugen, ob es noch regne. Allerdings fühlte er auch schwere Tropfen auf seine Hand fallen, als er aber diese eben wieder hereinziehen wollte, fühlte er noch etwas ganz anderes; ein Stückchen kalten Metalls berührte seine Finger, und als er diese schloß, hielt er einen Schlüssel, an den mit einem kleinen seidenen Bande ein Papier gebunden war. – Wie gefällt dir das?« Bei diesen Worten blieb der Kammerherr stehen, schmunzelte vergnügt und stieß mit dem ausgestreckten Zeigefinger den jungen Offizier leicht auf die Brust. »Nicht so übel,« sagte dieser. »Was du in dem Falle gethan hättest, weiß ich nicht,« fuhr Herr von Wenden fort; »der Kammerjunker, der ein entschlossener junger Mann war, bedachte sich nur eine Sekunde, zog den Schlüssel sachte an sich, löste die Schnur und bemerkte noch, wie diese alsdann langsam in die Höhe gezogen wurde.« »Ein Augenblick des Glücks!« meinte lachend der Ordonnanzoffizier. »Ein kolossaler Augenblick! Was auf dem Papier, das den Schlüssel umgab, eigentlich stand, hat man nicht recht erfahren; genug, der Kammerjunker wurde in kurzer Zeit Kammerherr, kam in die diplomatische Karriere, heiratete nicht lange darauf eine vornehme, wenn auch etwas ältere Dame und ist jetzt, Gott weiß wo, Gesandter. Verstehst du die Moral meiner Geschichte?« »O, ich verstehe die Moral vollkommen und werde jetzt nach Beendigung jedes Hofballs, oder wo es nur sonst passend erscheint, meine Hand zu irgend einem Fenster hinausstrecken.« Er hatte das mit einem leichte Anflug von Ironie gesagt, den der andere wohl verstand, und als sie gerade bei dem kleinen Tischchen waren, auf dem der kostbare Blumenstrauß stand, blieb der Kammerherr stehen, schüttelte leicht den Kopf und sagte: »Trotz aller meiner schönen Lehren bist du unverbesserlich.« »Nein, nein, in der That!« antwortete der Ordonnanzoffizier, »du thust mir Unrecht. Ich fange an, deinen Theorien zu glauben. Nur hast du mir ja schon früher zugegeben, daß Glück dazu gehört, das Glück zu erfassen. Ich glaube, ich könnte meine Hände ausstrecken nach den Wagenthüren aller schäbigen Landkutschen, zum Fenster hinaus, so oft ich wollte, mir würde nichts in die Hand fallen.« »Bis der richtige Augenblick des Glücks erscheint,« entgegnete der Kammerherr mit aufgehobener Hand. »Ist der aber gekommen, so genügt dem Glück der allerunschuldigste Gegenstand, um dir, wenn auch verborgen, entgegenzutreten. Ich gestehe dir, es liegt was Ängstliches, etwas geisterhaft Unheimliches in dem Glauben an meine Theorie; aber ich halte ihn fest und unerschütterlich und hege die vollkommenste Überzeugung, daß ich, wenn einmal der richtige Augenblick gekommen ist, das Glück erfassen werde, sei es bei einer alten Landkutsche, sei es, daß ich meine Hand zum Fenster hinausstrecke, sei es, indem ich mit meinen Fingern, wie ich jetzt thue, in dieses Blumenbouquet fasse, – – Wie gesagt, ist der rechte Moment gekommen, so ist dort mein Glück verborgen, und – – ich – halte – es.« – – Der Ordonnanzoffizier hatte seinen Gefährten lächelnd angeschaut, als dieser in einer wahren Ekstase den eben erwähnten Satz sprach bis zu den letzten Worten. Als er aber das »Ich halte es« mit so plötzlich verändertem Tone sagte, langsam, kaum vernehmlich, da konnte Fernow nicht umhin, jenem verwundert in das Gesicht zu blicken, denn die ohnedies blassen Wangen des Kammerherrn wurden fast erschreckend bleich, als er die Hand in das Blumenbouquet hineindrückte, und darauf flammte eine tiefe Röte bis zu seinen Augen empor. »Zum Teufel, was gibt es denn?« fragte bei diesem Anblick Herr von Fernow. »Hast du dich beim Ausüben deiner Theorie an einem Dorn geritzt, oder was ist geschehen?« Herr von Wenden hatte unterdessen die Hand aus dem Bouquet wieder hervorgezogen und sagte, indem er mühsam lächelte: »Wer weiß, ob ich nicht im stande bin, diese meine Theorie an mir selbst zu beweisen!« »So hast du das Glück erfaßt?« rief lachend der Offizier. »Wer weiß? Vorderhand nur ein kleines Papier, sorgfältig zusammengerollt, und nicht ohne Absicht am Stiele einer Rose verborgen.« »Bah! Ein Papier! Ich fürchte, du wirst mir deinen Beweis schuldig bleiben. Das ist wahrscheinlich ganz absichtslos da hineingekommen.« »Bei Hofe geschieht dergleichen nie absichtslos,« entgegnete der Kammerherr, indem er sich bemühte, den Streifen aufzuwickeln. »Sehen wir erst, ob etwas darauf geschrieben ist.« »Natürlich! Das ist die Hauptsache. – Nun?« »– – – – Keine Silbe!« »Das ist ein schönes Glück!« Das Papier, ein kleiner, kaum fingerlanger und ebenso breiter Streifen, war in der That unbeschrieben. Herr von Fernow und vielleicht mancher andere hätte ihn für eine Phantasie des Gärtners gehalten und unbeachtet auf die Seite geworfen; der umsichtige Kammerherr aber gab das vermeintliche Glück nicht so leicht aus der Hand. Er drehte den Papierstreifen nach allen Seiten, betrachtete seine Ränder, ob sich dort nicht vielleicht Einschnitte befänden, die etwas zu bedeuten hätten, und als sich gar nichts dergleichen zeigte, hielt er ihn zum letzten Versuch ausgespannt gegen das Tageslicht. »Nun, findest du nichts?« fragte der Ordonnanzoffizier, und da er in diesem Augenblick an dem Fenster stand, so betrachtete er von seiner Seite den kleinen Papierstreifen ebenso genau. Hätte er seine Augen nicht so fest darauf gerichtet gehabt, so würde er vielleicht bemerkt haben, wie über die Züge seines Gefährten etwas wie ein helles Licht fuhr, etwas wie ein Blitz, wie ein freudiger Glanz, das aber ebenso schnell verschwand, wie es gekommen, und nur eine, wenn auch affektierte Gleichgültigkeit auf den Zügen zurückließ. »Wie gesagt, nicht die Spur,« sagte der Kammerherr nach einem augenblicklichen Stillschweigen; »es ist in der That möglich, daß ich mich geirrt habe.« »In dem Papier?« »Ich glaube wahrhaftig, du hattest recht. Irgend eine Spielerei des Gärtners.« Darauf nahm er das Papier leicht zwischen die Finger und rollte es sorgfältiger wieder zusammen, als – die Spielerei eines Gärtnerburschen vielleicht verdient hätte. Das mochte auch der Ordonnanzoffizier denken; doch hielt er es mit einmal für besser, er wußte selbst nicht warum, diesem Gedanken keine Worte zu leihen, sondern warf nur leicht hin: »Und willst du es wieder an seinem früheren Platz zwischen die Blumen verbergen?« »Warum nicht?« sagte der Kammerherr mit einem leichten Achselzucken; »entweder ist es, wie schon gesagt, die Spielerei eines Gärtnerburschen, oder es ist vielleicht auch ein unschuldiges Zeichen für jemand anders, das uns durchaus nichts angeht. Man muß niemand seine Freude verderben.« »Ja, man muß niemand seine Freude verderben,« wiederholte Herr von Fernow, und dabei sah er lächelnd und anscheinend ganz gleichgültig zu, wie der Kammerherr aufs sorgfältigste das zusammengerollte Papier wieder an den früheren Platz brachte. Mochte nun der Ordonnanzoffizier seinen Freund als einen schlauen, berechnenden und verschwiegenen Menschen kennen, oder hatte er doch etwas von dem leuchtenden Blick bemerkt, der den Augen des Kammerherrn entstrahlte, als dieser den Papierstreifen gegen das Licht hielt, oder, was auch wahrscheinlich ist, war ihm die Sorgfalt, mit welcher Herr von Wenden das – ganz gewöhnliche Stückchen Papier wieder an seinen Platz brachte, verdächtig vorgekommen: genug, er stützte sich mit der Hand auf das Tischchen, sein Gesicht nahm einen ernsten, nachdenkenden Ausdruck an, aber nur eine Sekunde lang, – dann sang er zwei Takte eines bekannten Liedes leise vor sich hin, strich den schwarzen Bart leicht zu beiden Seiten hinaus und sagte mit einem scheinbar freundlichen, aber sehr forschenden Blick auf seinen Gefährten: »Du bist gewöhnlich ein umsichtiger Mensch, Eduard; aber entweder du verschweigst mir deine Gedanken, oder du hast in der That nicht daran gedacht, daß das Papierchen doch vielleicht etwas bedeuten könnte, was zu erfahren, wenn es auch kein großes Glück für uns wäre, uns doch einen guten Spaß machen könnte.« Der Kammerherr zog seine Augenbrauen in die Höhe und neigte wie abwehrend seinen Kopf auf die rechte Seite, wie jemand, der einen Vorschlag unbedingt verwerfen will. »Nein, nein,« meinte er alsdann; »wenn irgendwo ein Spaß damit bezweckt ist, was geht das uns an? Man muß niemand seine Freude verderben. Auch,« setzte er nach einer Pause hinzu, »möchte ich in der That wissen, wie wir erfahren sollten, wer mit dem Papierstreifen gemeint ist?« Dies letztere sprach er mit einem seltsam lauernden Blicke. Herr von Fernow hatte diesen wohl bemerkt; doch mochte es in seiner Absicht liegen, ganz unverhohlen seine Gedanken auszusprechen, denn er entgegnete, ohne irgend welche Bewegung auf seinem offenen und ehrlichen Gesichte: »Nun, wenn dir das nicht einfällt, so laß dir dein Lehrgeld zurückbezahlen, welches dich deine Karriere bei Hof gekostet.« »Ich weiß in der That nicht – –« sprach der Kammerherr; doch ging sein lauernder Blick in einen fast ängstlichen über. »Nun, so einfach, wie mir je im Leben etwas vorgekommen! Dort in dem Blumenbouquet steckt das fragliche Papierchen, welches, wie du gesagt, weder Schrift noch Zeichen enthält.« »Weder Schrift noch Zeichen.« »Gut, aber es kann an und für sich ein Zeichen sein, ein Zeichen, das einer dort versteckt hat, damit ein anderer es finde. Wenn der es aber finden will, muß er es suchen. Also haben wir beide nichts Einfacheres zu thun, als Achtung zu geben, wer sich mit dem Blumenbouquet auf eine auffallende Art beschäftigt, – enfin, wer das Papierchen an sich nimmt.« »Bei Gott! da hast du recht!« rief der Kammerherr mit erkünsteltem Erstaunen; doch biß er sich gleich darauf in die Lippen, und es war ihm offenbar unangenehm, daß der andere einen Gedanken aussprach, den er schon lange gefaßt. In diesem Augenblicke trat der dienstthuende Kammerherr aus den inneren Gemächern der Herzogin und meldete dem Herr von Wenden, daß die Wagen Ihrer Hoheit soeben an der hinteren Seite des Schlosses angefahren seien. Dieser zog seine Uhr hervor und warf einen Blick darauf. »Halb sechs,« sagte er; »eine halbe Stunde Toilette; wir werden um sechs Uhr speisen.« Drittes Kapitel. Diner bei Hofe. Das herzogliche Schloß, welches noch vor kurzem wie träumend in der feierlichen Stille eines Sonntagsnachmittags dalag, hatte sich seit der Anfahrt der Wagen der Prinzessin, die von Eschenburg zurückkehrten, außerordentlich belebt. Mit ihrem Eintritt und dem ihres zahlreichen Gefolges schien die schläfrige Langeweile, welche bisher in den Korridoren und Sälen herrschte, mit einmal verschwunden. Die Lakaien in den Vorzimmern saßen nicht mehr träumend auf den Banketts, sondern gingen mit erhobenem Kopfe aufmerksam umher, strichen sich ihre Haarfrisuren zurecht, zupften an ihren weißen Halsbinden und waren ganz andere Menschen geworden. Der Vogel vor dem Fenster war davongeflogen, die schlummernde Katze hatte das Weite gesucht, und der Dragoner im Vestibül vor den Zimmern seiner Hoheit schritt so energisch auf und ab, daß Säbel und Sporen klirrten. Im vorderen Schloßhofe fuhr ein Wagen nach dem anderen an, auf den Treppen hörte man leise Schritte, auch klirrende Sporen, einen respektvollen Husten und das halbunterdrückte Lachen verschiedener Hoffräulein. Neben dem Salon, in welchem sich der bemerkenswerte Blumenstrauß befand, war von dem Kammerdiener geräuschlos noch ein weiteres Gemach, gegen das Appartement der Herzogin zu, geöffnet worden, und diese beiden Zimmer füllten sich nach und nach mit denen, welche heute das außerordentliche Glück hatten, zur Tafel geladen zu sein. Da sah man zahlreiche und schöne Damen, deren weißer Teint noch besonders hervorgehoben wurde durch die schwarzen Kleider, welche die Trauer um den verstorbenen Herzog vorschrieb; wenige der Jüngsten hatten es gewagt, in ihrem Haar oder an ihrem Schmucke freundlichere Nüancen anzubringen und die einfachen Trauerkleider irgendwie auszuschmücken. Was aber die älteren Damen anbetraf oder die Angehörigen des Hofes, so sah man an ihnen nur Schwarz und Weiß; ja, einige alte Hofdamen, die in den langen Jahren ihrer Dienstzeit schon manche Trauer mitgemacht hatten und in diesem, sowie in vielen anderen Fällen mehr zu thun pflegten als der strengste Obersthofmeister vorschreiben konnte, ließen nicht die Spur von Glanz und Weiß sehen, selbst ihre Augen hatten eine melancholisch gelbe Farbe, ihre Wimpern waren beständig niedergeschlagen, der Mund fest verschlossen, und sie trugen deshalb kein Taschentuch, weil eines von schwarzer Farbe leider noch nie dagewesen war. – Mit vieler Indiskretion versicherten dagegen ein paar naseweise Kammerjunker, die alte Obersthofmeisterin bediene sich bei dergleichen Veranlassungen sogar eines Trauerkorsetts. – Bei den Herren sah man die allgemeine Trauer nur an den schwarzen Handschuhen und einem leichten Flor um den Arm, denn der schwarze Frack erleidet ja keine Veränderung und ist beständig eher ein Gewand der Trauer als der Freude zu nennen. Wohlthuend waren die zahlreichen glänzenden Uniformen zwischen den vielen schwarzgekleideten Herren und Damen. Wenige Minuten vor sechs Uhr öffnete sich die Thür, welche zu den inneren Gemächern der Prinzessin führte, und als diese heraustrat, hinter ihr Se• Hoheit der Regent, verstummten die flüsternd geführten Gespräche, und man hörte nichts als das Rauschen der Damenkleider bei der allgemeinen tiefen Verbeugung, die nun erfolgte, sowie das leichte Klirren der Sporen, wenn sich die Absätze der Offiziere vorschriftsmäßig zusammenfanden. Die Prinzessin Elise war eine ganz eigentümliche Erscheinung. Bei einer Prinzessin ist das Alter nicht gut zu verschweigen; der offiziell indiskrete gothaische genealogische Kalender sorgt schon dafür, daß uns die Geburtstage sämtlicher höchsten und allerhöchsten Damen nicht verborgen bleiben; er entdeckt uns also auch, daß die Prinzessin Elise sechsundzwanzig Jahre alt war. Ihre Gestalt mußte man klein nennen. Sie war zierlich gewachsen, hatte eine tadellose Taille und eine reizende Art, ihren Kopf auf den Schultern zu tragen. Dieser Kopf besaß volle blonde Haare, die leicht und graziös koiffiert waren, und zeigte ein Gesicht, von dem man im ersten Augenblicke nicht wußte, fühlte man sich von ihm angezogen oder abgestoßen. Die Prinzessin war keine Schönheit; sie hatte nicht einmal regelmäßige Züge, aber die Augen glänzten voll Geist, und unter der kleinen fast stumpfen Nase sah man einen Mund, der wie zum Lachen erschaffen schien, und wenn er lachte, kleine, aber blendend weiße Zähne zeigte. Hatte man sich aber an das Gesicht der Prinzessin einmal gewöhnt, so fand man es anziehend und reizend, namentlich durch die Zartheit der einzelnen Partien, besonders aber durch die Fülle von Geist und – Bosheit, die aus den dunkelblauen Augen leuchtete. Und dieser Ausdruck der Bosheit – wohlverstanden im guten Sinne, man könnte also sagen: der Schelmerei – verriet das Innere der Dame. Dabei hinkte sie ein wenig, und gerade dieser Fehler war es, der ihrer ganzen Figur etwas außerordentlich Pikantes verlieh, denn sie wußte das durch ein eigentümliches Hin- und Herwiegen ihres kleinen Körpers so geschickt zu verbergen, sie wandte sich im Gespräch so rasch bald rechts, bald links, und dabei schossen ihre Augen so durchdringende Strahlen nach allen Seiten, daß man von der ganzen Erscheinung überrascht, ja geblendet war. Im Vertrauen sagten sich die älteren Herren des Hofes, daß die Prinzessin ein lebhafter, allerliebster, kleiner Kobold sei; daß niemand so leidenschaftlich und mit so vielem Geschick intrigiere wie sie, und daß es ihre größte Lust sei, Land und Leute, um uns eines gewöhnlichen Ausdrucks zu bedienen, hintereinander zu bringen. Jüngere Männer, die vielleicht zu tief in dies glänzende Auge geblickt, oder die sich von dem Geist der Prinzessin mächtig angezogen fühlten, versicherten seufzend, sie sei wie der kleine boshafte Gott Amor, der seine Pfeile nach allen Richtungen hin verschieße, um sich hernach über das Übel, das er angerichtet, lustig zu machen. Dabei war sie frei von jeder Ziererei, und trotz des Fehlers an ihrem Fuß verstand es keine der übrigen Damen, sich so ungezwungen und elegant wie sie in dem größten Salon zu bewegen. Für alles, was in ihrer Anwesenheit geschah oder gesprochen wurde, schien sie sich wenig zu interessieren, und doch entging nichts ihrer Aufmerksamkeit, wobei sie es aber verstand, den ernstesten Gesprächen eine scherzhafte Wendung zu geben und so die Unbefangenen glauben zu machen, sie sei gar nicht im stande, sich für wichtige Dinge ernstlich zu interessieren. Aber, wie eben gesagt, nur die Unbefangenen waren dieser Ansicht. Wer den Hof genauer kannte, wußte, daß die Prinzessin Elise, solange ihr Schwager, der verstorbene Herzog lebte, das eigentliche Haupt der Regierung war. Daher hatte sie es auch bitter empfunden, als nun der Onkel des hochseligen Herrn, dem Familienstatut gemäß, die Zügel der Regierung ergriff und kräftig seinen geraden Weg ging, ohne sich durch die Intriguen der Prinzessin beirren zu lassen. Schlau, wie sie war, hatte sie auch augenblicklich ihre ganze Handlungsweise geändert, stellte sich mit dem Regenten scheinbar auf einen sehr guten Fuß, knüpfte aber unter der Hand nach allen Richtungen ihre geheimen Fäden an, um sich eine mächtige Partei des Hofes geneigt und dienstbar zu erhalten. Wohl niemand sah der Entbindung ihrer Schwester mit so peinlicher Spannung entgegen wie sie. Ward dieser ein Sohn, ein Thronerbe geschenkt, so hieß es nur ruhig eine Reihe von Jahren abwarten, um dann aufs neue die Zügel der Regierung zu ergreifen, was der Prinzessin um so leichter wurde, als die verwitwete Herzogin, obgleich die ältere Schwester, eine ruhige, stille und lenkbare Frau war. Obgleich es die Prinzessin liebte, mit den geistreichen, sowie auch mit den elegantesten Männern des Hofes im fortwährenden scherzhaften kleinen Kriege zu leben, einem Kriege, der aber für beide Teile leicht gefährlich werden konnte; obgleich sie sich in jeder Beziehung mit der größten Freiheit bewegte und, von Hause aus ungeheuer reich, sozusagen ihre eigene Hofhaltung hatte, obgleich sie viel in selbstgewählten Kreisen lebte und sich ihre kleinen Gesellschaften und Parteien ganz nach Gutdünken und mit größter Freiheit zusammenstellte, so wußte doch die schlimmste aller schlimmen Zungen bei Hof in der angedeuteten Richtung über das Leben der Prinzessin nicht das geringste Nachteilige auszusagen. Hinter der Prinzessin trat der Regent in den Saal, ein großer, eher starker als schlanker Mann, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, mit einem offenen, Zutrauen erweckenden Gesichte, dem die gewölbte Stirn mit den dunklen Augenbrauen, darunter der lebhafte Blick des Auges, vor allem aber ein gewisser, nicht unliebenswürdiger Zug um den Mund einen starken Ausdruck von Entschlossenheit und Kraft gaben. Hätte sich das ehemals dunkle Haar nicht hier und da mit einem leichten, grauen Schimmer bedeckt, so würde man den Regenten für jünger gehalten haben, als er in der That war. Er sprach sehr bedächtig und mit Nachdruck, und ebenso waren alle seine Bewegungen, letztere übrigens mehr aus Zwang und Angewöhnung, was daher kam, daß ihn – er hatte längere Zeit in fremden Kriegsdiensten gestanden – der Stich eines Lanzenreiters ziemlich schwer an der Hüfte verwundet hatte, wovon, wenn auch keine Lähmung, doch so viel zurückgeblieben war, daß der Regent sich langsam wenden, überhaupt vorsichtig bewegen mußte, um keine Schmerzen zu empfinden. Unter den Damen der Prinzessin befand sich ein noch ziemlich junges Mädchen, ebenfalls schwarz gekleidet, welches ihre Gebieterin in allem, was das Äußere betraf, so total überragte, daß man nicht begriff, wie ihre Durchlaucht sich gerade dieses zur beständigen Begleiterin und zur Vertrauten erwählt habe, – Fräulein Helene von Ripperda. Sie war in der That auffallend schön und dabei von einer wohlthuenden Schönheit. Ihre Augen sprachen verständig, ja geistreich, und wenn sie auch zuweilen Blicke hinaussenden konnte, die Zeugnis gaben von der Wärme ihres Herzens, so glänzten doch meistens ihre Augen ruhig und angenehm. Ihr Teint war trotz der dunklen Haare von einer außerordentlichen Frische und Weiße, und was vielleicht ein überaus strenger Beurteiler an diesem Gesichte hätte tadeln können, waren etwas starke Lippen, die aber dabei von den edelsten Formen in rosiger Frische der Jugend blühten. Der Wuchs dieses Mädchens war das Schönste, was man sehen konnte, und selbst von den anderen Damen so anerkannt, daß sie bei allen Vergleichungen eine Ausnahme war. Wie oft konnte man in vertrauten Gesprächen hören, wenn von einer Taille, einer Büste, von einem Arme die Rede war: Ja freilich, Helene, sie darf man da nicht nennen; sie macht freilich eine Ausnahme. Nachdem sich das knixende und verbeugende Heer der Hofleute endlich beruhigt hatte, um in dem allgemeinen Sturm und Drang seine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen, vielleicht auch eine einzelne alte Hofdame, sich vom Blick Ihrer Durchlaucht getroffen glaubend, nochmals ehrerbietig in sich zusammensank, oder aus der Ferne die ganz unterthänige Verbeugung eines längst vergessenen Kammerherrn wetterleuchtete, während der Regent langsam im Kreise umherging, diesem eine Artigkeit sagte, jenem ein minder freundliches Wort, hier ein äußerst gnädiges Kopfnicken hatte, vielleicht sogar eine wohlwollende Handbewegung, dort dagegen einen tiefen Bückling mit sehr steifem und förmlichem Kopfnicken beantwortete, gleich daneben wieder ganz herablassend, ganz leutselig, ganz gesprächig war, und wenige Schritte davon einen ängstlich und erwartungsvoll sich vordrängenden Großen oder Kleinen des Hofes um keinen Preis zu sehen schien, ihn wie wesenlose Luft behandelte, durch die man unbekümmert dahinschreitet, – während so der Regent, ohne große Mühe, Vergnügte und Traurige, Entzückte und Unglückliche machte, mit einem Worte seinen Cercle hielt, ließ sich die Prinzessin Elise mit einer etwas affektierten Müdigkeit auf einen kleinen Fauteuil nieder, der in der Nähe eines der Fenster stand, und rief Fräulein von Ripperda zu sich. Diese beugte sich auf ihre Gebieterin herab und stützte dabei ihre Rechte auf den Fauteuil, worauf die Prinzessin unter dem Ausdruck unverkennbaren Wohlwollens mit ihrer Hand über den schönen vollen Arm des jungen Mädchens herunterfuhr, und diese dann auf den Fingern ihrer Hofdame ruhen ließ. Zu gleicher Zeit neigte sie den Kopf sehr stark rückwärts und winkte mit den Augen einem Herrn in schwarzem Fracke, der hinter dem Regenten eingetreten war. Dieser Herr war wenige Jahre jünger als Seine Hoheit, sah aber ungleich älter aus und hatte in seinen Bewegungen etwas forciert Gelenkiges, eine Manier sich zu bewegen, durch welche sich manche bemühen, eine beginnende Hinfälligkeit des Körpers zu verdecken. Sein Gesicht war geistreich und nicht unschön, doch lag ein gewisser Ausdruck der Abspannung um Augen und Mund, und dabei spielte um den letzteren ein meistens höchst fatales Lächeln, ein Lächeln, von dem man sagen konnte, wie jener alte Oberst zu seinen Reitern: »Wenn ich lache, so lacht der Teufel aus mir!« Der Gerufene – es war der Oberstjägermeister, Baron Rigoll – wand sich, indem er die freundlichsten Blicke an seine Umgebung spendete und sie auf diese Art bat, gefälligst Platz zu machen, wie ein Aal durch die Gruppen der Hofherren, Offiziere und Damen und glitschte mit einem wahren Schlittschuhschritt neben dem Fauteuil Ihrer Durchlaucht, der Prinzessin. Das junge Mädchen, welches an der anderen Seite stand, hob in diesem Augenblick ihren Kopf in die Höhe, und während sie scheinbar gleichgültig zum Fenster hinausblickte, that sie einen tiefen Atemzug. Ein sehr aufmerksamer Beobachter mußte in diesem Augenblicke bemerken, daß eine ganz leichte Röte auf ihren Wangen erschien, daß sie die vollen Lippen zusammenpreßte, und daß sie eine Sekunde lang seltsam mit ihren Augen zwinkerte; und dieser sehr aufmerksame Beobachter, der das in der That bemerkte, stand nicht weit von dem schönen Fräulein, durch den schweren Vorhang des Fensters geschützt, aber so aufgestellt, daß ihm nicht das Geringste von der Gruppe um den Fauteuil entging. »Es war doch heute eine superbe Partie,« sagte die Prinzessin; »in der That reizend und erfrischend; und für die kleinen Überraschungen in Ihrem Departement, dem Walde, bin ich Ihnen zu ganz besonderem Dank verpflichtet.« Der Oberstjägermeister verbeugte sich tief, und als er den Kopf wieder erhob, warf er einen Blick auf Helene von Ripperda, welche von der Prinzessin durch einen leichten Druck auf die Hand vermocht worden war, den Kopf herumzuwenden. »Daß Eure Durchlaucht mit dem heutigen Tage zufrieden war,« sprach der Baron Rigoll, »ist eine Gnade, welche mich ganz glücklich macht. Ja, Eure Durchlaucht,« fuhr er in erregterem Tone fort, »es war ein entzückender Tag und, wenn ich hoffen darf, für mich von den herrlichsten und glücklichsten Folgen.« Aus den Augen der Prinzessin leuchtete die unverkennbarste Bosheit, als sie bei diesen Worten zuerst einen Blick auf das herrliche junge Mädchen warf und dann die in Ehrfurcht gekrümmte Gestalt des Sprechers betrachtete. »Fräulein Helene,« fuhr dieser fort, hielt aber unter seinem fatalen Lächeln inne, als ihn ein fester Blick aus den großen Augen der jungen Dame traf. Doch nahm Ihre Durchlaucht seine Rede auf und sagte mit leisem, aber bestimmtem Tone, wozu indessen ihr liebenswürdiges Lächeln nicht ganz gut paßte: »Helene weiß, wie sehr ich mich mit ihrem Glücke beschäftige. Sie weiß, daß ich wie eine Schwester für ihre Zukunft besorgt bin, und weiß ebenso, wie umsichtig und prüfend ich zu handeln pflege.« »Gewiß, Eure Durchlaucht,« erwiderte das junge Mädchen und beugte sich abermals und so tief auf die Prinzessin herab, daß weder der Oberstjägermeister noch der Beobachter hinter dem Vorhange in diesem Augenblicke ihr Gesicht zu sehen im stande war. Herr von Fernow war übrigens bei dem Cercle, den der Regent hielt, sowie bei der kleinen Scene am Fauteuil der Prinzessin aus uns bekannten Gründen nicht der einzige scharfe Beobachter, wogegen er der einzige war, der die Miene des Baron Rigoll verstanden, sowie die Worte der Herzogin gehört. Er mußte alle seine Ruhe zusammennehmen; er mußte sich zehnmal ins Gedächtnis zurückrufen, wo er sich befände, und daß vielleicht manches Augenpaar, welches früher von seinen Bewerbungen um Helene etwas gesehen, jetzt ebenso aufmerksam auf ihm ruhe, wie seine Blicke auf der Gruppe an dem kleinen Fauteuil. Obgleich Herr von Wenden anscheinend auf die unbefangenste Art von der Welt bald mit diesem, bald mit jenem sprach, sich auch soviel als thunlich zwischen den Herren und Damen bewegte, so hingen doch seine Blicke fast beständig an dem großen Blumenstrauße, den er in Gedanken rastlos umkreiste, wie die Biene, die soeben zu dem offenen Fenster hereingesummt war. Schon oft hatte sich dieser oder jener, namentlich aber viele Damen, dem Bouquet genähert, und wenn jemand sich etwas auffallend tief darauf hinbeugte, so schlug dem Kammerherrn das Herz schneller, meistens aber alsdann mit dem Gefühl des Unmutes; denn es waren bis jetzt lauter unbedeutende Leute gewesen, welche den geheimnisvollen Blumenstrauß bewundert. Einmal freilich war der Regent, der nahe an dem Tischchen stand, mit der Hand über die Blumen hinweggefahren, als wolle er sich etwas von ihrem süßen Dufte zufächeln; – der Regent, – nein, der hatte nichts mit dem Papierstreifen zu thun; sein Gesicht war in diesem Augenblicke so ruhig wie immer, und er ging ohne alle Bewegung von dem Tische hinweg nach der Fensternische, um da ein paar Worte mit einigen älteren Herren zu sprechen. Die Prinzessin warf einen Blick auf die Uhr über dem Kamin und sagte zum Oberstjägermeister, der eben im Begriff war, sich ehrerbietig zurückzuziehen: »Gleich sechs, wenn ich nicht irre. O, es ist mir angenehm, daß es zum Diner geht; ich habe von unserem Ausflug einen ganz tüchtigen Appetit mitgebracht.« Ehe aber Baron Rigoll im stande war, hierauf etwas zu erwidern, was übrigens die Prinzessin auch gar nicht zu erwarten schien, warf sie den Kopf auf die andere Seite und sagte zu Fräulein von Ripperda: »Sehen Sie, Helene, dort das wunderbare Bouquet auf dem kleinen Tischchen? Wirklich allerliebst arrangiert. Wunderschöne Blumen!« »In der That, Eure Durchlaucht, wunderbar schön,« antwortete das junge Mädchen. – »Magnifique!« meinte der Oberstjägermeister – und »deliciös! köstlich! superb!« erschallte es aus dem Munde eines halben Dutzend Damen, welche sich durch die ziemlich laut gesprochenen Worte der Prinzessin berechtigt glaubten, sich etwas davon zu nutze zu machen und ihre Ergebenheit dadurch zu bezeugen, daß sie ebenfalls ihren Enthusiasmus für das Blumenbouquet durch einen Ausruf an den Tag legten. Auch drängten sich mehrere vor, um die bewunderten Blumen in der Nähe zu sehen, sie nochmals ganz außerordentlich prächtig zu finden, wozu sich auch einige Herren mit fortreißen ließen, um so der Prinzessin im wahren Sinne des Wortes – durch die Blume zu huldigen. Herr von Wenden war in Verzweiflung. Man umdrängte den kleinen Tisch so gewaltig, daß es gar nicht zu verwundern gewesen wäre, wenn sich in diesem Augenblicke ein paar Finger des Papierstreifens unbemerkt bemächtigt hätten. Er erhob sich auf den Zehen, ging selbst einige Schritte näher, konnte aber nicht von dieser Seite an das Tischchen gelangen, da ihm der Regent im Wege stand, den zu umgehen gegen allen Anstand gewesen wäre. »Ja, es ist sehr schön arrangiert,« wiederholte die Prinzessin nach einer kleinen Pause, wobei sie ihren Fächer aufrauschen ließ und leicht gegen sich fächelte. – »O, meine liebe Helene,« fuhr sie dann in sehr nachlässigem Tone fort, »seien Sie so freundlich und schauen in dem Bouquet nach, ob Sie nicht eine Theerose finden. Ich liebe den Geruch der Theerosen außerordentlich.« »Eine Theerose!« sprach der Kammerherr zu sich selber mit angehaltenem Atem. Fräulein von Ripperda war zu dem Tischchen getreten; ihre feinen Finger suchten behutsam zwischen den Blumen; dann wandte sie ihren Kopf gegen den kleinen Fauteuil und sagte: »Ja, Eure Durchlaucht, hier in der Mitte steckt eine sehr schöne Theerose; soll ich sie herausziehen?« »Wenn es ohne Schaden für das schöne Bouquet geschehen kann,« entgegnete die Prinzessin, anscheinend mit der größten Teilnahmlosigkeit, und wobei sie ein animiertes Gespräch mit dem Oberstjägermeister, das sie soeben begonnen, unterbrach. Daß ihr leiser Wunsch Befehl war, versteht sich von selbst, und wenn auch das ganze Bouquet darüber zu Grunde gegangen wäre, so würde doch jeder der Anwesenden die Rose mit einem wahren Enthusiasmus hervorgezogen und überbracht haben. Helenes zarte Hand that übrigens den anderen Blumen keinen Schaden; als sie die Rose hervorzog, hatte sie dem Fauteuil der Prinzessin den Rücken zugekehrt, und ehe sie sich wieder herumwandte, fuhren ihre leuchtenden Blicke eine Sekunde über den Kreis der Herren, die sowohl das Bouquet als die Rose und das schöne Mädchen mit außerordentlichem Interesse betrachteten. Herr von Fernow, der noch immer halbverdeckt hinter dem Fenstervorhang stand, hätte viel darum gegeben, mit seinen Augen den Blicken Helenes begegnen zu dürfen. Er hätte es gewiß gefühlt, wenn diese Blicke auch nur den tausendsten Teil einer Sekunde bei ihm verweilt hätten. – Ah! diese süßen, heißen Blicke! Wie sich der Versinkende an einen Strohhalm anklammert, so war es ihm ein Trost, sich sagen zu können: Hätte Helene dich gesehen, vielleicht würde sie dir durch ein Zucken in ihren Augenwimpern gesagt haben, daß ihr die Scene soeben am Fauteuil schrecklich gewesen. Unterdessen hatte Fräulein von Ripperda der Prinzessin die Rose überbracht, welche ziemlich gleichgültig daran roch und zu dem Oberstjägermeister gewendet sprach: »Wenn ich mich nicht sehr täusche, so ist das Amour offensée.« Der gewandte Hofmann verbeugte sich mit einem augenscheinlichen Entzücken und sagte: »Eure Durchlaucht haben auch in der Botanik einen sicheren Blick, der Sie nie täuscht; es ist in der That Amour offensée. Nicht wahr, eine schöne Rose, Fräulein von Ripperda?« wandte er sich an die junge Dame. »Amour offensée!« sagte auch diese; doch flogen ihre Blicke über die Rose hinweg, abermals durch das Zimmer. »Amour offensée!« murmelten die zunächst stehenden Hofdamen entzückt; »Amour offensée!« pflanzte sich von Mund zu Mund fort; sämtliche Kammerherren sprachen es aus mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Erstaunens über die Kenntnisse der Herzogin. –»Amour offensée!« sagten ein paar alte, dürre Staatsräte in vierstöckigen weißen Halsbinden, und – »Amour offensée!« wiederholte schmerzlich der junge Ordonnanzoffizier mit einem tiefen Seufzer. – – Amour offensée. – – Es war ein Glück, daß in diesem Augenblick die Uhr über dem Kamin hell und vernehmlich sechsmal anschlug; sonst wäre wahrscheinlich die Amour offensée zu einem allgemeinen Gesprächsthema geworden von sehr gefährlichen Folgen. – Sechs Uhr. – Die Flügelthüren öffneten sich schneller als gewöhnlich, und der erste Kammerdiener des Regenten machte gegen Seine Königliche Hoheit eine tiefe Verbeugung, worauf dieser eine freundliche Handbewegung gegen die Prinzessin machte, die sich auch alsobald erhob und, gefolgt von ihren Damen, dem Speisesaal zuschritt. Dabei blieb sie aber wohl ein dutzendmal, wenn auch nur auf einen ganz kurzen Moment, stehen, schaute nach diesem und jenem, fragte dies und das, und wandte sich dabei so geschickt um sich selbst, daß der aufmerksamste Beobachter kaum des Fehlers an ihrem Fuße gewahr geworden wäre. Der Regent, scheinbar in angelegentlichem Gespräch mit dem Minister des Hauses, ließ fast die ganze Gesellschaft vorangehen, ehe auch er in den Speisesaal trat. An der Thür stand, ihn erwartend, noch immer Herr Kindermann, der erste Kammerdiener, den Herzog mit einer tiefen Verbeugung vorüberlassend. Während aber der Regent durch die Thür schritt, sagte er zu seinem getreuen Diener zwei Worte, die dieser durch ein ganz leichtes Kopfnicken beantwortete. Das Hofdiner nahm seinen Anfang und Verlauf wie alle dergleichen Vergnügungen. Wenn auch das Menü vortrefflich war, so stillten doch die meisten den kleinen Hunger, den man zu Hofe mitzubringen pflegt, größtenteils durch die Ehre, an der herzoglichen Tafel speisen zu dürfen. Einen allzu großen Appetit zur Hoftafel mitzubringen, ist unanständig und gefährlich, letzteres, da man nicht weiß, welche Tischnachbarn oder – nachbarinnen man hat. Wirft einen das Schicksal zwischen zwei gerade nicht eßlustige, aber sehr redselige Damen, so thut man am besten, die meisten Schüsseln vorübergehen zu lassen; denn was nützt es, das Beste auf dem Teller zu haben, wenn man nur fast verstohlenerweise dazu kommen kann, einen Bissen zu genießen? Du bist gerade im Begriff, die erste Gabel zum Munde zu führen, als deine Nachbarin zur Linken eine zarte Wißbegierde an den Tag legt und zu erfahren wünscht, ob du gestern im Theater gewesen. »Allerdings, gnädige Frau.« »Ein deliciöses Stück! – Wie ich mich amüsiert habe!« Natürlicherweise findest du durch eine stumme Neigung des Kopfes das Stück ebenso deliciös und hast dich eben so vortrefflich amüsiert; denn würdest du wagen, zu widersprechen, so käme die Gabel mit einem sehr schönen Bissen nimmermehr an ihren Bestimmungsort. Leider findet sich die Nachbarin zur Rechten veranlaßt, anderer Meinung zu sein. »Wie, ma chère Baronne!« ruft sie aus und dabei lehnt sie sich so stark vorn über, um ihre Nachbarin besser zu sehen, daß, wenn ich jetzt meinen rechten Arm gebrauchen wollte, es gerade aussähe, als wollte ich ihr die Aussicht versperren. Hand, Gabel und Bissen bleiben also auf halbem Wege stehen. – »Ich finde das Stück ein Horreur, Sie werden mir verzeihen, ma chère Baronne, ich bitte Sie!« Damit wendet sie sich zu mir: »Wollen Sie eine Aufführung, wie die des jungen Grafen – sein Vater ist allerdings nur ein Bankier –, selbst in der Komödie rechtfertigen? – Wollen Sie das? – Können Sie das?« »O Gott! Ich möchte wohl, aber ich kann ja nicht.« »Er verläßt am Tage der Verlobung seine Braut, ein Mädchen von sehr guter Familie, um mit einer früheren Liaison davon zu gehen!« »Aber er hat doch einige Gründe dafür gehabt,« wage ich zu sagen. – Ich weiß wohl, ich habe mit dieser Bemerkung Öl ins Feuer gegossen, will aber nur die jetzt aufprasselnde Entgegnung benutzen, um endlich meine lang gehegte und gewiß verzeihliche Absicht zu erreichen; aber ich habe falsch gerechnet. Während meine Nachbarin mir allerdings in eifriger Rede die Horreurs des Stücks auseinandersetzt, hat sie die Bosheit, ihre rechte Hand auf meinen rechten Arm zu legen: »Enfin,« sagt sie endlich; »ich begreife nicht, wie unsere sonst so umsichtige Intendanz solche Stücke nur aufführen lassen mag.« Die umsichtige Intendanz sitzt uns gerade gegenüber, und da sie an dergleichen Reden gewöhnt ist, so lächelt sie still vergnügt in sich hinein; ja, der gute Bordeaux, den sie soeben getrunken, hat ihr Herz milde gestimmt, und während sie die Selbstverleugnung so weit treibt, das Stück in einigen Teilen allerdings ein wenig stark zu finden, versichert sie dagegen, daß der Dindon aux truffes, mit dem sie sich gerade beschäftigt, entschieden die feinste Schüssel ist. Nun weiß aber der geneigte Leser hoffentlich aus Erfahrung, daß ein Dindon aux truffes warm gespeist werden muß, und ebensogut, daß ein Bissen, der fünf Minuten lang zwischen Himmel und Erde schwebt, erkaltet. Da die Hand meiner Nachbarin von meinem Arm nicht weichen will, so mache ich es, wie irgend ein Held in einer beliebigen Schlacht, dessen rechter Arm soeben gelähmt wurde: auch ich nehme ruhig meine Waffe in die linke Hand; doch kaum glaube ich, sie glücklich zum Munde führen zu können, als meine Nachbarin zur Linken, die in höchster Indignation stille geschwiegen und es vielleicht auch unter ihrer Würde hält, das angegriffene Schauspiel zu entschuldigen, jetzt mit affektierter Gleichgültigkeit ihr Glas vor mich hinschiebt und um ein wenig Wasser bittet. Wäre ich in diesem Augenblick ein Araber der Wüste, so würde ich vielleicht sprechen: »Verflucht sei das Ei, aus welchem dieser Dindon geschlüpft, verflucht das naseweise Schwein, das diese Trüffeln aus dem Grunde gewühlt, verflucht der Autor, der das fragliche Stück geschrieben und vor allen Dingen verflucht seien – –«. Da ich aber ein glattrasiertes Kinn habe, eine weiße Halsbinde trage und auf gesellschaftliche Bildung Anspruch mache, auch in diesem Augenblicke höre, wie ringsumher die Teller gewechselt werden , so lege ich seufzend meine Gabel nieder, »still mich freuend, bis es wieder morgen würde sein.« Ebenso unangenehm, ja noch gefährlicher ist es, bei dergleichen Diners in der Nähe hoher und höchster Herrschaften placiert zu werden. Alsdann hast du das Schicksal des jungen Naschers, der überrascht zu werden fürchtet. Du wirfst deinen unglücklichen Bissen nur verstohlen in den Mund, du wagst nicht zu kauen, du schlingst nur wie ein Kettenhund oder wie eine Kropfgans; du setzt dich der Gefahr aus, an einem Knochensplitter zu Grunde zu gehen, nur um den Augenblick nicht zu verpassen, wo dich ein allerhöchster Blick trifft, oder wo du so glücklich sein mußt, eine allerhöchste Frage umgehend zu beantworten. Aus diesen angeführten Gründen ist es nun in der That besser, zu einem solchen Diner nicht hungrig zu gehen. Die Qualen des Tantalus zu erdulden, ist nicht angenehm; ein hungriger Mensch, der so mit ansehen muß, wie er auf unverantwortliche und leichtsinnige Art um die süßen Freuden der Tafel gebracht wird, – ein solcher Unglücklicher könnte vielleicht einmal grob werden, und ein grober Gast an einer Hoftafel wäre etwas so außerordentlich Schreckliches, von dem noch zehn Kammerherrengenerationen schaudernd sprechen würden, als von etwas, »was der Mensch begehren sollte nimmer zu schauen.« Als gut geschulte Hofmänner hatten denn auch sowohl Herr von Fernow als Herr von Wenden ihren Appetit durch ein spätes und solides Frühstück gedämpft, heute wohl unnötigerweise; denn beider Hunger, und wenn er auch noch so stark gewesen wäre, würde von der Aufmerksamkeit absorbiert worden sein, mit welcher der Kammerherr die Prinzessin Elise, der Ordonnanzoffizier aber Fräulein von Ripperda betrachtete. Die Prinzessin hatte die Rose neben sich auf den Tisch gelegt, doch sah das scharfe Auge des Herrn von Wenden wohl, daß der Papierstreifen von dem zweige verschwunden war. Was dieser Papierstreifen enthielt, konnte sie füglich noch nicht gelesen haben; sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ihn, wie der Kammerherr gethan, gegen das Licht zu halten; denn nur so konnte man die paar Worte herausfinden, die mit einer feinen Nadel in das Papier geritzt waren. Viertes Kapitel. Amour offensée. Hinter dem Stuhle Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise stand der erste Kammerdiener des Regenten, Herr Kindermann, der neben anderen bedeutenden Gaben auch die besaß, seine Augen aufs allerseltsamste bewegen zu können; während er nämlich mit dem einen weder den Regenten noch die Prinzessin außer Sicht ließ, bemerkte er mit dem anderen genau, was an der ganzen Tafel vorging. So war es denn auch von diesem würdigen Beamten nicht unbemerkt geblieben, daß sowohl Herr von Fernow als Herr von Wenden fast jede Schüssel unberührt vorübergehen ließen; ebenso daß der letztere wahrhaft auffallend und in gespannter Erwartung nach Ihrer Durchlaucht hinblickte, ferner, daß der junge Ordonnanzoffizier mit zusammengebissenen Lippen und finsterem Blick dasaß, zuweilen, wie aus tiefen Träumereien erwachend, Fräulein von Ripperda anstarrte oder nichts weniger als freundschaftlich nach dem Oberstjägermeister hinübersah. Herr Kindermann trug fast immer ein gleichmäßiges und liebevolles Lächeln zur Schau; es mochte Tag oder Nacht sein, Sommer oder Winter, es mochte regnen oder schneien: er lächelte; und sein Gesicht hatte sich so daran gewöhnt, daß es ihm bei traurigen Veranlassungen die größte Mühe machte, die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen und die Unterlippe vorschriftsmäßig herabhängen zu lassen. Jetzt strich er sich sanft durch sein stark ergrautes Haar und lächelte; jetzt zupfte er leicht an seiner Halsbinde und lächelte. Mit sanftem Lächeln bot er der Prinzessin einen Teller frisch aufgeschnittener Ananas und dann präsentierte er ebenso gleichmütig lächelnd Ihrer Durchlaucht das verlangte Glas Wasser. Wir glauben gewiß annehmen zu können, daß Herr Kindermann auch lächelnd in den Armen des Schlafes lag, und daß, wenn ihn einst dessen ernsterer Bruder abrufen wird, Herr Kindermann mit dem freundlichsten Lächeln diese Welt verlassen werde. Nach einiger Zeit kam der große Moment, wo der Regent, gelinde hustend, zu Ihrer Durchlaucht der Prinzessin hinübersah, wie sie leicht mit dem Kopfe nickte und sich darauf erhob, bei welcher Veranlassung Herr Kindermann lächelnd den Sessel entfernte. Ein paar Sekunden hierauf hörte man nichts als Stuhlrücken, Räuspern, Husten, dazwischen ein halblautes Wort, Säbel- und Sporengeklirr. Die Prinzessin begab sich in das Zimmer zurück, wo der kolossale Blumenstrauß stand, und in welchem, gleich wie im Nebensaale, der Kaffee serviert wurde. Jetzt, nach der Tafel, wurde kein so förmlicher Cercle gehalten wie vorher, sondern die Gruppen verteilten sich zwang- und harmlos. Junge Kammerherren und Offiziere suchten sich den Hofdamen zu nähern, man hörte sogar mitunter ein lautes Wort und ein leises Lachen, ja man sah alte Exzellenzen – von den wenigen Auserwählten, die bei der Hoftafel das Privilegium haben, wenig zu sprechen und viel zu essen – irgend einer langjährigen Damenbekanntschaft schmunzelnd die Cour machen. Solch eine alte Exzellenz macht ihre Cour auf ganz eigentümliche Weise. Der sehr steife und hohe Uniformskragen hindert sie, den Kopf nach rechts und links zu drehen, weshalb sie nur ihren Augen gestattet, diese Bewegungen zu machen; ebenso ist es ihr aus dem angeführten Grunde unmöglich das Haupt zu senken, wenn sie mit irgend einer Dame sprechen will, wodurch denn ein ganz seltsames, man könnte sagen faunenartiges Schielen nach unten entsteht. Dazu kommt noch ein sehr gesättigtes Lächeln um ihren Mund, und alles das zusammen gibt öfters den Worten solch einer alten Exzellenz eine ganz andere Deutung, als sie wohl selbst beabsichtigte, hinein zu legen. »Wünsche wohl gespeist zu haben, meine Gnädige! – Ein ganz scharmantes Diner!« »Außerordentlich gut, Exzellenz! Ich habe mich vortrefflich unterhalten.« »Ja, unterhalten, vortrefflich; aber abgesehen davon, man speist in der That ganz deliciös.« »Und Exzellenz lieben ein gutes Diner!« »Ich leugne das nicht, gnädige Frau; man wird alt, und alles das, was uns sonst Freude machte, schrumpft zusammen, ich möchte sagen vereinigt sich im Gedanken an ein gutes Diner. – In früheren Zeiten, meine Gnädige, da war es anders . . .« »Ja, in früheren Zeiten, da war es anders!« seufzt die sehr alte Hofdame und hat ein Recht dazu, einen tiefen Seufzer auszustoßen, denn sie, die früher mit einem einzigen Atemzuge sämtliche Offiziere eines Kavallerieregiments in Aufregung zu setzen vermochte, kann jetzt nicht einmal mehr die Brüsseler Spitzen ihres Kleides in Bewegung bringen. »Ganz anders,« meint die Exzellenz und schielt bedeutend. »Ja, dazumal, als wir noch auf dem großen Maskenball Anno 94 die Gavotte zusammen tanzten – –!« »O, Exzellenz, nichts von dem Balle!« entgegnet die Hofdame, indem sie ihren Fächer ausbreitet, um hinter den reifröckigen Damen auf demselben, mit auffallend niedrigem Mieder und sonst noch allerlei, Schutz zu suchen. »Da zeigen Sie mir gerade ihr Porträt von dazumal,« sagt die boshafte Exzellenz, indem sie mit ihrem dürren Finger auf eine der Figuren weist, die auf dem Fächer abgebildet sind. – »Ah! vergangene Zeiten! Der Abend und seine Folgen waren schön!« Der Fächer rauscht zusammen, und indem sich die alte Dame scheinbar erzürnt wegwendet, erhält die Exzellenz mit jenem einen leisen Klaps auf den schlotterigen Ärmel, begleitet von einem Blicke, welcher hätte zünden können, wenn unter dem alten Hofkleide überhaupt noch etwas Zündbares gewesen wäre. Die Prinzessin hatte sich einen Augenblick in ihre Appartements zurückgezogen und während dieser Zeit wahrscheinlich den kleinen Zettel gelesen, den sie bei der Amour offensée gefunden. Herr von Wenden hatte sie mit den Augen verfolgt, bis die Thür sich hinter ihr schloß, und als sie wieder heraustrat, war er bemüht, den ersten ihrer Blicke aufzufangen, um zu sehen, ob etwas darin zu lesen sei. Das Gesicht der Prinzessin aber war wie vorher heiter, und ihre Augen glänzten mit ihrem gewöhnlichen schelmischen Ausdruck. Sie trat zu dem Regenten, der in einer Fenstervertiefung stand, legte schmeichelnd ihre kleine Hand auf seinen Arm, und dabei war es unverkennbar, daß der Herzog mit außerordentlichem Wohlwollen und sehr freundlich auf die niedliche Cousine herabsah. Sie trug ihm lebhaft ein Anliegen vor, er aber schien dagegen verschiedene Einwendungen zu machen; zuweilen schüttelte er leicht den Kopf, zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, erhob auch mitunter wie warnend und drohend den Zeigefinger. Dabei aber lachte die Prinzessin laut und fröhlich; alles, was er sagte, schien sie mit Scherzreden zu beantworten, und als sie endlich auf recht komische und unwiderstehliche Art zu schmollen anfing, lachte er seinerseits herzlich, und man hörte ihn deutlich sagen: »Was will ich machen? Das ist eigentlich dein Departement. Ich an deiner Stelle würde nicht so rasch zu Werke gehen.« Während dieser Unterredung und vorher schon hatte sich der junge Ordonnanzoffizier dem Fräulein von Ripperda genähert, aber, gegen seine sonstige Gewohnheit, mit großer Ängstlichkeit. Aufs tiefste bewegt von dem, was er bei der Tafel gesehen und gehört, hätte er das junge Mädchen so unendlich viel zu fragen gehabt, aber lauter Sachen, die sich hier nicht erörtern ließen. Sein Herz hätte überfließen mögen von leidenschaftlichen, ja bitteren Worten, er hätte ihr so viel zu sagen gehabt, daß er ihr nichts zu sagen wußte. Ihr schien es übrigens nicht besser zu gehen. Sie, die sich sonst so gern mit ihm unterhalten hatte, die den lebhaften, geistreichen und eleganten Offizier beständig dadurch auszeichnete, daß sie ihm gern erlaubte, in ihrer Nähe zu weilen, daß sie bei allgemeinen Spazierritten seine Gesellschaft zu lieben schien, daß sie häufiger mit ihm als mit anderen tanzte, ja, daß sie ihm zuweilen einen sinnenden Blick nachsandte, wenn er sie nach einem etwas animierten Gespräch so froh, so heiter, ja offenbar glücklich verließ, – sie trat ihm heute nicht nur nicht entgegen, sondern schien ihn zu meiden und suchte eine ältere Kollegin in angelegentlichem Gespräch zurückzuhalten, als sich Herr von Fernow näherte. So standen beide einander gegenüber, und während Fräulein von Ripperda zum erstenmal fand, daß ihr Blumenbouquet wahrhaft betäubend duftete, schien ihn die sonst nicht zu enge Säbelkoppel zu drücken, und beide holten ganz schwer und mühsam Atem. »Sie machten heute eine hübsche Partie, mein gnädiges Fräulein,« sagte er nach einer Pause; »ich habe alle beneidet, die den schönen Herbsttag im Freien zubringen konnten.« »Ah! Sie waren nicht dabei,« erwiderte das Fräulein; und daß ihre Worte halb wie eine Frage klangen, verletzte ihn tiefer als alles übrige. Mit ihrem Glücke beschäftigt, hat sie es nicht einmal gesehen, daß du nicht dabei warst! dachte er und verbeugte sich trübe lächelnd, indem er sagte: »Mich hielt mein Dienst hier zurück; doch – jetzt bedauere ich es nicht mehr, zurückgeblieben zu sein.« »Aber es hätte auch für Sie ein schöner Nachmittag sein können,« sagte sie und schlug die Augen nieder, gewiß nur, um ihr Armband zu betrachten. »Für mich nicht; – aber für Sie war er schön.« »Wer weiß?« »O! sehr schön und folgenreich.« Bei diesen Worten zuckte ein schmerzlicher Schatten über ihr Gesicht, und sie blickte ihm fest in die Augen, während sie ihre vollen Lippen zusammenpreßte. »Ja, schön und folgenreich,« wiederholte er; »und hätte es da für mich ein Glück sein können, in Ihrer Nähe sein zu dürfen?« Das sagte er mit leiser, aber heftig erregter Stimme; er war so bewegt, so außer sich, daß er vielleicht noch anderes gesprochen hätte. – Anderes, was, von fremden Ohren gehört, vielleicht mit allerlei merkwürdigen Verzierungen weiter erzählt worden wäre. Und so war es denn gut, daß dies Gespräch plötzlich abgebrochen wurde. Die Prinzessin trat nämlich, sich leicht hin und her wiegend, einen Schritt vor die Fensternische und rief Helene mit lauter Stimme zu sich. Der junge Offizier drückte seine Hand fest aufs Herz und machte eine tiefe Verbeugung, als das schöne Mädchen von ihm schied. Seine Augen folgten ihr aber, und so bemerkte er denn, daß die Herzogin einige leise Worte zu Helene sprach, und daß diese sie darauf flehentlich um etwas zu bitten schien. Doch schüttelte Ihre Durchlaucht heiter den Kopf und sagte ziemlich laut: »Es ist sonderbar, daß man euch junge Mädchen zu allem zwingen muß, selbst zu eurem Glück.« »Aber ich beschwöre Eure Durchlaucht!« entgegnete Fräulein von Ripperda mit leiser Stimme; »nur heute nicht, nur jetzt nicht!« Doch war alles das vergeblich. Der Regent war auf einen Wink seiner Cousine näher getreten, und als die kleine Prinzessin Fräulein von Ripperda fest bei der Hand ergriff und sie einen Schritt vor, gegen den Herzog, führte, verbeugte sich Seine Hoheit leicht und anmutig und sagte mit einer tiefen, klangvollen Stimme: »Ich gratuliere von Herzen, mein Fräulein. Sie hätten keine bessere Wahl treffen können.« Dann wandte er sich zur Seite, reichte dem Oberstjägermeister, der entzückt und händereibend näher trat, die Hand und setzte hinzu: »In der That, Baron Rigoll, diese Verbindung freut mich außerordentlich, und ich hoffe, Sie werden glücklich sein.« Wenn ein Funke in einen lockeren Strohhaufen fällt, so kann die Flamme sich nicht schneller verbreiten und nicht geschwinder emporlodern, als sich bei Hofe bei solcher Veranlassung die Gratulation, von allerhöchstem Munde proklamiert, durch beide Säle fortpflanzte und verbreitete. »Man gratuliert!« rief dicht in der Nähe eine alte Hofdame, der man in ihrem ganzen Leben nie gratuliert hatte, fast mit einem lauten Aufschrei. »Man gratuliert!« sagte eine alte Exzellenz, und – »Man gratuliert!« tönte es von allen Seiten. »Wen denn, um Gottes willen?« »Fräulein von Ripperda.« »Ganz unerhört! – und – –?« »Nun, mit Seiner Exzellenz dem Herrn Oberstjägermeister. Das war doch vorauszusehen,« sagte jemand, der sich gern das Ansehen gab, als sei seinem Scharfblick noch nie etwas entgangen. Daß es hierauf ein unglaubliches Gedränge um die Fensternische gab, kann man sich leicht denken. Wer möchte gern der letzte sein, um zu einer Verlobung zu gratulieren, die so offenbar von den allerhöchsten Herrschaften gutgeheißen und protegiert wurde! Es war rings im Kreise ein Lächeln, ein Sprechen, ein Trippeln und Scharren, daß man kaum die einzelnen Ausrufungen der uneigennützigsten Freunde, als: Superb! – Deliciös! – Wunderbar passend! – Ganz außerordentlich schön! – usw•, vernehmen konnte. – Nur Helene von Ripperda, eine der Hauptpersonen dieses lustigen Dramas, äußerte ihr Freude auf eigentümliche Art. Ihr Gesicht war mit einer furchtbaren Blässe bedeckt, ihre Lippen bebten und ihre Augen starrten über den gratulierenden Haufen hinaus, wie weit, weit in unabsehbare Fernen. Die Prinzessin schien das von dem jungen Mädchen begreiflich zu finden; denn sie lachte mit den Umstehenden, blickte wie entzückt auf das Gesicht ihrer lieben Freundin und wußte in deren Namen fast alle Gratulationen mit einigen passenden Worten zu erwidern. Der einzige, der die tiefe Blässe des jungen Mädchens zu verstehen schien und sie mit inniger Teilnahme betrachtete, war übrigens Seine königliche Hoheit, der Regent. Er wußte vielleicht, was in ihrem Herzen vorging; er berechnete vielleicht oder sah es in ihren seltsamen Blicken, daß die Kraft desselben nicht lange mehr anhalten würde. In seiner wirklich chevaleresken Manier näherte er sich dem Fräulein und bot ihr seinen Arm, indem er nicht ohne einen leisen Anflug von Ironie sagte: »Man freut sich zu sehr über Ihr Glück. Ich muß wahrhaftig ins Mittel treten, um Sie vor den Gratulationen zu retten, die im stande sind, Sie zu erdrücken.« Es war ein Blick inniger Dankbarkeit, mit dem das arme Mädchen ihre Hand auf den Arm des Regenten legte; dann machte sie ringsumher eine graziöse Verbeugung und atmete tief auf, als der Herzog sie in das Nebenzimmer geleitete bis zur Thür, welche in die Gemächer der Prinzessin führte, und sie dort freundlich entließ. Herr von Wenden war einer von den wenigen, die sich bei der allgemeinen Gratulation begnügt hatten, von ihrem Platze aus ein freundlich grinsendes Gesicht zu zeigen; dabei hatte er sich aber bemüht, sich der Prinzessin, so sehr es ihm möglich war, zu nähern, und er hatte hinter den Fenstervorhängen so gut manövriert, daß er nun Ihrer Durchlaucht, als diese, um den fortwährenden Gratulationen zu entgehen, sich abermals gegen das Fenster wandte, ganz nahe gegenüberstand. Da er einer von den Gerngesehenen war, auch die Prinzessin seinen in der That scharfen Verstand anerkannte, so zeigte sie in ihren Mienen, daß es ihr nicht unlieb war, gerade ihn hier zu treffen. Sie schmiegte sich in die Ecke der Fensternische und winkte dem Kammerherrn mit den Augen, ihr zu folgen. Es sprang ein recht boshafter Blick aus ihren Augen, als sie mit einer bezeichnenden Bewegung nach den inneren Zimmern zu sagte: »Was meinen Sie wohl? Wieviel Prozent unserer Gratulanten haben anders gesprochen, als ihre Herzen dachten?« »Recht viele, Euer Durchlaucht,« erwiderte der Kammerherr, »und auch ich muß mich ihnen anschließen. Auch ich gratuliere, aber ich gratuliere nur dem Baron Rigoll, der sein Glück in so gute Hände legte.« »Ah was!« versetzte die Prinzessin, indem sie die Oberlippe höhnisch aufwarf; »an dessen Glück habe ich wahrhaftig wenig gedacht.« »Also an das des Fräuleins von Ripperda?« entgegnete der Kammerherr mit einer eigentümlichen Betonung. »Finden Sie die Partie nicht vortrefflich?« »So vortrefflich, das Ganze so gelungen, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn Eure Durchlaucht einmal die Gnade haben wollten, auch mein Glück in Allerhöchst Ihre Hand zu nehmen.« Die Prinzessin warf dem Sprecher einen forschenden Blick zu, doch nur eine Sekunde lang; dann schaute sie durch die Scheiben ins Freie und entgegnete: »Scherz beiseite; Baron Rigoll verdient, daß man sich für ihn interessiert. Er ist mir außerordentlich attachiert.« »Wenn das die Eigenschaft ist, die dazu gehört, um von Eurer Durchlaucht protegiert zu werden,« antwortete Herr von Wenden mit einer tiefen Verbeugung, aber in sehr bestimmtem Tone, »so würde ich mich gewiß dazu eignen, dieses Glück zu genießen.« »Ich danke für Ihre Äußerung,« sagte huldvoll, aber etwas zerstreut die Prinzessin. »Leider befinden wir uns in Verhältnissen, wo man der zuverlässigen Leute bedarf.« Als sie das gesagt, richtete sich der Kammerherr in die Höhe, und dabei beugte er sich vorne über, um das, was er jetzt sagte, recht nahe vor den Ohren der Prinzessin hören zu lassen. »Sollten Eure Durchlaucht,« sprach er, »je in den Fall kommen, meine unterthänigsten und ganz ergebenen Dienste benutzen zu wollen, so könnte das in einem Augenblick sein, wo Sie möglicherweise zu sich selber sprechen würden: Noch einen ganz zuverlässigen Mann, der Zutritt hat.« Diese Worte aber, die der Kammerherr mit entschiedener Betonung sprach, waren dieselben, die, durch feine Nadelstiche ausgedrückt, auf dem zusammengerollten Papierstreifen gestanden. Bei Anhörung derselben zuckte die Prinzessin einen Augenblick zusammen, doch faßte sie sich augenblicklich wieder, warf einen schnellen Blick in dem Salon umher und sagte alsdann zu dem Kammerherrn mit jenem verbindlichen, aber doch gleichgültigen Lächeln, mit jenem Lächeln, das man bei Hofe so genau kennt, womit starke Seelen ebensowohl die Worte: Glauben Sie in der That, daß es morgen regnen wird? oder auch: Lassen Sie sich vor meinen Augen nicht mehr sehen, Sie sind ein Nichtswürdiger! zu begleiten pflegen, mit diesem selben Lächeln, wobei sie wie zerstreut an die Decke blickte und eine leichte Neigung mit dem Kopfe machte, sagte die Prinzessin zu dem Kammerherrn: »Ich werde Sie um neun Uhr bei mir empfangen.« Die anscheinend sehr unbedeutende Unterhaltung schien von wenigen im Salon eigentlich bemerkt, von niemand gewürdigt worden zu sein; nur der Regent hatte einen Augenblick vorher, ehe Herr von Wenden sich zurückzog, einen Blick auf die Wanduhr über dem Kamin und dann auf die Prinzessin geworfen, wahrscheinlich weil es ihm Zeit dünkte, den Cercle abzubrechen und sich zurückzuziehen. Daß Herr von Fernow, der unbeweglich neben der Eingangsthür stand, wenn auch äußerlich sehr aufrecht und ruhig, innerlich aber zusammengeschmettert von dem, was zwischen Helene und dem Baron Rigoll vorgefallen, ebenfalls die Prinzessin, sowie auch seinen Freund nicht aus den Augen ließ, ist begreiflich, wenn wir hinzufügen, daß er ja ebenfalls gesehen, wie sich Ihre Durchlaucht zugleich mit der Amour offensée jenes geheimnisvolle Papierstreifchen geben ließ, und weil er bemerkt, wie eifrig der Kammerherr gesucht hatte, sich der Prinzessin nähern zu dürfen. Als dieser nun von der eben gehabten Unterredung zurücktrat und dem Freunde darauf sein Gesicht zuwandte, war dieses so strahlend und von Freude beglänzt, daß es selbst ihm, dem gewandten Hofmanne, nicht im Augenblick möglich war, die Spuren dieser Freude und dieses Glückes alsogleich vollständig zu verwischen, und es blieb davon noch so viel um den lächelnden Mund und die glückseligen Augen liegen, daß der Ordonnanzoffizier fragen konnte: »Mir scheint, du hast mit deiner Unterhaltung reüssiert.« »Reüssiert?« erwiderte der andere mit affektiertem Erstaunen; »ich wüßte nicht in was! Daß es mich freut, wenn Ihre Durchlaucht, eine der geistreichsten und liebenswürdigsten Damen der ganzen Welt, mit mir gnädig spricht, wirst du, denke ich, vollkommen begreiflich finden.« »Ich würde allerdings,« entgegnete Herr von Fernow, »nur an eine gnädige Unterhaltung denken; doch will mir deine Theorie nicht aus dem Kopfe; ich weiß nicht weshalb; aber ich fange an, an dieselbe zu glauben, und möchte fast überzeugt sein, daß das heutige Diner nicht nur für dich ein Augenblick des Glückes war, sondern daß du denselben auch richtig erfaßt hast.« »Du kannst dein Spotten nicht lassen,« versetzte der Kammerherr, »wirst aber vielleicht doch noch finden, daß meine Theorie eine ganz richtige ist.« Es war aber noch eine dritte Person vorhanden, welche das Gespräch zwischen der Prinzessin und dem Kammerherrn nicht nur mit angesehen, sondern vielleicht auch belauscht hatte. Dies war der dienstthuende Kammerdiener des Regenten, Herr Kindermann, mit dem ewigen Lächeln. Die Prinzessin stand in der Fensternische, zunächst der Thür, welche Herr Kindermann, als die Herrschaften den Speisesaal verlassen, sanft lächelnd hinter ihnen zudrückte, – schloß, könnten wir nicht sagen, denn er ließ eine unbedeutende Spalte offen, für Auge und Ohr brauchbar, welche er denn auch, angenehm lächelnd, abwechselnd mit diesen beiden Sinneswerkzeugen benutzte. Darauf richtete er sich schmunzelnd in die Höhe, fuhr lächelnd durchs Haar, zupfte lächelnd an seiner Halsbinde und öffnete ein paar Augenblicke später beide Flügelthüren. Ihre Durchlaucht hatte nämlich dem versammelten Hofstaate das bekannte Entlassungskompliment gemacht; dann verbeugte man sich ringsumher, krümmte den Rücken in alle Winkel, man knixte durch alle Grade, Säbel und Sporen klirrten abermals wie beim Empfang, die seidenen Kleider rauschten, und die Gesellschaft stob nach allen Richtungen auseinander. Viele der Herren und Damen behielten ihr angenehmes stereotypes Lächeln bei bis auf die Treppe des Schlosses; da aber zogen sich manche Augenbrauen zusammen, mancher Hut wurde verdrießlich aufgesetzt, mancher Säbel etwas heftig in den linken Arm genommen, und der Befehl mancher Dame an ihren Bedienten, während sie in ihren Wagen stieg: »Nach Hause!« war von einem tiefen, mißmutigen Seufzer begleitet. Fünftes Kapitel. Im Kabinett des Regenten. Der Dienst des Ordonnanzoffiziers war nach der Tafel für heute beendigt. Morgen kam ein anderer Glücklicher, der im Vorzimmer auf und ab spazieren ging, der Bekannte mit einem freundlichen Gruße empfing und Fremde mit einer gewissen Verbeugung entließ. Da Herr von Fernow in dem Vorzimmer ein kleines Buch liegen gelassen hatte, so schritt er vom Speisesaal aus abermals durch den langen Korridor nach jenem Zimmer. Das Schloß lag jetzt ebenso still wie in den Nachmittagsstunden, machte aber trotzdem nicht denselben schläfrigen und langweiligen Eindruck. Auf den Treppen und Gängen brannten Lampen, und ihr Schein zeichnete überall oft seltsame Licht- und Schattenbilder. Der einfache Dragonerposten im Vestibül war für die Nacht zu einem Doppelposten geworden, und die Lakaien, die sich ebenfalls hier befanden, saßen nicht mehr schläfrig auf den Banketts, sondern unterhielten sich leise plaudernd und waren offenbar in besserer Laune als heute nachmittag; denn die Zeit ihres täglichen Dienstes war bald verflossen, und dann kam auch für sie die Stunde, wo sie zu Hause in ihrer bescheidenen Wohnung den goldbetreßten Rock ablegen durften, wo sie den Ihrigen von den ermüdenden Herrlichkeiten des Hofes erzählen und mit Vergnügen zuschauen konnten, wie lustige Kinder ihre sämtlichen Taschen untersuchten und so glücklich waren, ein Stückchen eroberten Kuchen zu finden. Das Adjutantenzimmer war erleuchtet, und selbst hier fand es der Ordonnanzoffizier nicht mehr so langweilig als an dem vergangenen Sonntagnachmittag, wo draußen der helle Sonnenschein blitzte und hier tiefe Schatten lagen. Jetzt war das ja umgekehrt. Die flackernden Lampen erhellten freundlich das weite Gemach, strahlten in den Spiegeln wider und glänzten auf die Goldrahmen und auf die blanke Spitze der Leibdragonerstandarte, die hier aufgestellt war. Draußen in dem Hofe dagegen brütete die finstere Nacht; doch war selbst jener nicht so einförmig wie heute nachmittag im hellen Tageslicht. Man sah Stallleute mit Laternen bei geöffneten Remisen mit den Wagen beschäftigt, die bei der heutigen Spazierfahrt gedient. Herr von Fernow warf sich in den kleinen Fauteuil am Fenster und blickte mit finsteren Gedanken auf das Treiben dort. – Auch ihr Wagen war gewiß dabei. Vielleicht war sie an der Seite des Oberstjägermeisters niedergesessen, vielleicht hatte er während des Fahrens ihre Hand berührt, wenigstens ihr Kleid, ihren Mantel streifen dürfen, und wenn Fernow das dachte, so knirschte er mit den Zähnen und ballte die Faust, um gleich darauf schrecklich über sich selbst zu lachen. »Er hat ja das Recht, ihre Hand zu berühren,« sprach er bebend zu sich selber; »er hat ja das Recht, künftig beständig in ihrer Nähe zu sein; er hat ja alles Recht über sie, sie wird ja in kurzem sein Weib sein, – die Seinige, ganz die Seinige! Und ich wäre so namenlos glücklich gewesen, wenn ich nur zuweilen einmal still und vergnügt hätte in ihrer Nähe sein dürfen, den Blick ihres Auges sehen und vielleicht – in Augenblicken des Glücks« – das sagte er in Erinnerung an das heutige Gespräch mit grimmigem Lachen – »ihre Hand hätte berühren dürfen. – Verfluchtes Schicksal, das dem einen alles, alles gibt, um dem anderen alles, alles zu nehmen.« Er barg seinen Kopf in beiden Händen und brauchte sich nicht zu schämen, daß er plötzlich so unendlich weich gestimmt wurde, wie ihm dies seit seinen Knabenjahren nicht mehr begegnete. Er war ja allein in dem weiten Gemach, und wenn die spiegelnden Lichtstrahlen auch auf einen sonderbaren Glanz in seinen Augen fielen, so verrieten sie nichts davon; ihnen war es ja gleichgültig, ob sie einem Glücklichen oder einem Traurigen leuchteten. Dazu pickte die Uhr einförmig, und draußen hörte man die beiden Dragoner langsam auf und ab schreiten, alles Sachen, die den jungen Offizier in immer tieferes Nachdenken wiegten. Bei dem, was er verloren, war es begreiflich, daß er mit einem bitteren Gefühl an die Theorie seines Freundes dachte, an einen Augenblick des Glücks, welchen nach derselben jeder in seinem Leben einmal habe, den aber nur wenige Auserwählte zu erfassen vermögen. – – – »Es ist das eigentlich ein gräßlicher Gedanke,« sprach er zu sich selber, indem er hastig von dem Fauteuil aufsprang, »zu denken, das Glück umschwebe einen, man brauche die Hand nur danach auszustrecken, aber man wisse weder den Augenblick, wo es uns nahe ist, noch nach welcher Seite wir fassen müssen, um es zu erlangen. Wenn ich mir,« fuhr er nach einer Pause fort, »ein Sprichwort aus der Kinderzeit vergegenwärtige, daß auf Regen Sonnenschein folge, und daran glauben würde, so müßte ja der Augenblick des Glücks nahe sein, wenn man vom tiefsten Unglück berührt würde. – – Unglücklicher, als ich heute geworden bin, kann ich wohl nimmer werden. Warum sollte mir nicht vielleicht in diesem Augenblick das Glück die Gunst erzeigen, mir nahe zu treten? Aber wo es erfassen? – wo? wo?« Bei diesen Worten war er heftig auf und ab gegangen und hatte die letzteren lauter gesprochen, als gerade notwendig war; er erschrak auch fast über den Ton der eigenen Stimme, als die Wände des weiten Gemachs von seinem Wo wiederhallten. Er hätte lächeln können über sich selber, und seine Träume zerrannen so in der Luft, daß er sich erinnerte, er habe hier durchaus nichts mehr zu thun, als sein Buch zu nehmen und dann nach Hause zu gehen. – Da hörte er mit einmal im Nebenzimmer den Klang einer Glocke, die ziemlich stark angeschlagen wurde. Ihm war dieser Ton wohl bekannt, er kam aus dem Kabinett des Regenten. Der Ordonnanzoffizier eilte gegen die Thür des Vestibüls, um dort einen der Lakaien oder Kammerdiener zu rufen. Als er aber schon die Hand auf den Drücker gelegt hatte, blieb er plötzlich stehen, und es war, als spräche eine Stimme in ihm: Das ist der Augenblick des Glücks! – Obgleich er diesen Gedanken abweisen wollte, so trat er doch wieder in das Zimmer zurück, überlegte ein paar Sekunden, und wenn er auch gleich darauf hinaus in das Vestibül zu gehen im Begriff war, so zog es ihn doch nach der anderen Thür, die er fast willenlos öffnete, und trat in ein Gemach, welches zu den Zimmern Seiner Hoheit führte. »Vorwärts!« sprach er lächelnd zu sich; »was kann ein überflüssiger Diensteifer schaden? Du hast den Ruf der Glocke gehört, es ist niemand in der Nähe: also vorwärts!« Wenige Augenblicke nachher öffnete er die nächste Thür und stand in dem Kabinett des Regenten. Es war das ein kleines, freundliches Gemach, dicke Teppiche bedeckten den Boden, im Kamin loderte des noch kühlen Frühlingsabends wegen ein behagliches Feuer, und vor diesem stand ein kleiner Tisch, bestrahlt von einer starken Carcellampe, die an Bronzeketten von der Decke herabhing und an diesen auf und ab geschoben werden konnte. Diese Lampe war bedeckt mit einem weiten grünen Schirme, welcher das ganze Licht auf den Tisch niederwarf und das übrige Zimmer in einer sanften Dämmerung ließ. Diese war auch wohl schuld daran, daß der Regent, der auf einem Sessel neben dem Tische saß, den Eintretenden nicht sogleich erkannte und in dem Glauben, es sei Herr Kindermann, ohne aufzublicken, sagte: »Sehen Sie nach, ob Graf Schuler im Schlosse ist; ich möchte ihn einen Augenblick sprechen.« Graf Schuler aber war der erste Adjutant des Regenten. Als der Ordonnanzoffizier sich umwandte, um diesem Befehle Folge zu leisten und als dabei sein Säbel leise klirrte, blickte der Regent in die Höhe und sagte rasch: »Ah, Sie sind es, Sie waren noch im Vorzimmer?« »Zu befehlen, Euer Hoheit,« erwiderte Herr von Fernow; »ich suchte draußen etwas, das ich vergessen, vernahm, daß jemand gerufen wurde, und da keiner von der Dienerschaft in der Nähe war, erlaubte ich mir, einzutreten.« »So, so,« sagte der Herzog, und dabei faßte er den Fuß der Lampe und schob sie so hoch empor, daß das volle Licht auf den jungen Offizier fiel. Dieser stand ruhig erwartend an der Thür und blickte mit seinen klaren, ehrlichen Augen nach dem Regenten hin. »So, so,« wiederholte dieser und schien dabei über etwas nachzudenken, wobei er mit den Fingern auf dem Tisch trommelte. – – »Ich wollte meinen ersten Adjutanten rufen lassen,« sprach er nach einer Pause, indem er lächelnd aufblickte, »und nun erscheint ungerufen mein letzter.« »Ordonnanzoffizier, Euer Hoheit,« sagte Herr von Fernow nicht ohne Absicht. »Ganz richtig, Ordonnanzoffizier,« entgegnete der Regent freundlich; »aber was nicht ist, kann werden. – Es ist vielleicht auch so gut,« setzte er nach einem abermaligen Nachdenken hinzu. »Ich würde mich außerordentlich glücklich schätzen, von Eurer Hoheit zu einem Dienste befohlen zu werden.« Der Regent hatte sich bei diesen Worten des jungen Offiziers von seinem Stuhle erhoben, und indem er um einen Schritt näher trat, wobei er sich mit einem Arm auf den Kamin stützte, sagte er: »Ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit; aber es gibt Dienste, die man eigentlich nicht befehlen will.« »Wenn Euer Hoheit mir die Anleitung zu einem solchen Dienste geben wollten, so stehe ich mit meinem Leben dafür ein, daß derselbe aufs pünktlichste ausgeführt werden soll.« Der Regent betrachtete den jungen Mann, der mit so festem und bestimmtem Tone zu ihm sprach, mit augenscheinlichem Wohlgefallen, wobei seine Blicke von dem schönen, ruhigen Gesichte leicht über dessen ganze kräftige Gestalt hinabglitten. »Wie kommt es,« sprach er nach einer Pause, »daß Sie noch nicht unter die wirklichen Adjutanten eingereiht wurden? Sie sind Rittmeister im Gardedragonerregiment und, wie ich mich beständig gehört zu haben erinnere, von musterhafter Aufführung im Dienste. Sie ziehen es wahrscheinlich vor, im Regimente fort zu dienen? – – Nicht?« »Ich würde mich glücklich schätzen, beständig um die Person Eurer Hoheit sein zu dürfen.« »So? – das begreife ich nicht recht. Weiß der Kriegsminister darum?« »Er kennt meinen Wunsch ganz genau, Euer Hoheit.« »Warum schlug er Sie alsdann nicht zu einem meiner Adjutanten vor?« Der junge Ordonnanzoffizier lächelte bei dieser Frage eigentümlich; dann sagte er mit seiner gewöhnlichen Offenheit: »Euer Hoheit werden mir verzeihen, wenn ich diese Frage einfach mit der Bemerkung beantworte, daß ich Fernow heiße.« »Richtig,« nickte der Regent; »ha! wahrlich! Ja, jetzt besinne ich mich, Ihr Vater stand mit dem Kriegsminister nicht auf dem allerbesten Fuße.« »Auf dem allerschlechtesten, Euer Hoheit.« »So ist's. – – Wer kann allen diesen Fäden folgen? Es ist aber doch ein Glück, wenn man zuweilen hineingreift.« »Euer Hoheit haben die Macht, dies zu thun,« sagte Herr von Fernow sehr ernst; »wir anderen aber müssen geduldig zusehen, wenn auch unser Lebensglück unter so manchen Fäden, die angeknüpft werden, leidet.« Als das der junge Ordonnanzoffizier sagte, richtete sich der Regent aus seiner ruhigen Stellung am Kamin in die Höhe und blickte dem Sprecher forschend in die Augen: »Das klingt ja ganz elegisch! Ei, ei! jetzt besinne ich mich auf mancherlei. Sie haben heute einen schlechten Tag gehabt!« »Ja, euer Hoheit,« entgegnete Herr von Fernow mit großer Offenheit. »Man sprach mir von Ihrer Leidenschaft für die schöne Ripperda. Ja, mein lieber Fernow, das sind Fäden, um bei unserer Anspielung zu bleiben, die ich nicht angeknüpft habe, und in welche hineinzufahren meine Hand nicht mächtig genug ist.« »Leider, Euer Hoheit!« »Da hätten Sie sich mit der Prinzessin besser stellen sollen,« fuhr der Regent lächelnd fort; doch wurde er gleich darauf sehr ernst und sagte: »Verzeihen Sie mir meine Heiterkeit; ich will Ihnen damit gewiß nicht wehe thun. Glauben Sie mir, ich fühle vollkommen, wie hart und schmerzlich der Vorfall heute nach der Tafel für Sie gewesen ist.« Dabei reichte der Regent dem jungen Offizier die Hand, der sie tief gerührt ergriff und fast an seine Lippen geführt hätte; doch hinderte dies der Fürst durch eine rasche Bewegung, die er gegen den Kamin machte, um auf die Standuhr zu sehen. »Schon halb acht!« rief er aus; darauf schüttelte er mit dem Kopfe, legte die Hände auf den Rücken, ging bis ans Ende des Gemachs, und als er wieder zurückgekehrt war, trat er dicht vor den jungen Offizier, legte die Hand auf seine Schulter und sagte nach einem langen und festen Blick: »Wir wollen den Grafen Schuler nicht inkommodieren; vielleicht können Sie mir einen Dienst erzeigen?« »Ich werde mich glücklich schätzen!« »Es ist kein Dienst gewöhnlicher Art,« fuhr der Regent ernst, fast finster fort; »wenn Sie wollen, ein delikater Dienst, und indem ich Ihnen denselben übertrage, beweise ich Ihnen kein gewöhnliches Vertrauen.« »Euer Hoheit beweisen es gewiß keinem Unwürdigen.« Nach diesen Worten wandte sich der Regent um, ging mehrmals in dem kleinen Gemache auf und ab und nahm dann seine erste Stellung wieder ein. »Ich brauche Ihnen,« sprach er, »als einem jungen Mann, der mit offenem Ohr und offenem Auge an unserem Hofe erscheint, wohl keine Andeutungen zu geben über die Spaltungen an demselben seit dem Tode meines Neffen. – – Sollte ich Ihnen die erst geben müssen,« setzte er mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu, »dann freilich würde es Ihnen schwer werden, mir im vorliegenden Falle zu dienen.« »Euer Hoheit werden mir die Bemerkung verzeihen, daß ich diese Spaltung sehr genau kenne, da ich ja selbst schwer und schmerzlich darunter zu leiden habe.« »Sie wissen,« sagte der Regent, »daß der so plötzliche und unerwartete Tod meines Neffen den Thron erledigte, daß er starb, ohne seinen Nachfolger gesehen zu haben. Nach dem Hausgesetz übernahm ich die Regentschaft und werde sie bis nach erfolgter Niederkunft der verwitweten Herzogin behalten. Gewährt der Himmel dem Lande einen Prinzen, so würde ich nach dem Familienstatut die Regentschaft bis zur Großjährigkeit des neuen Herrschers führen, erhalten wir aber eine Prinzessin, so fällt der Thron nach dem Familienstatut, das die Kognaten ausschließt, an den nächsten Agnaten des verstorbenen Herzogs, und der bin ich – sein Onkel.« Der junge Ordonnanzoffizier machte eine tiefe Verbeugung. »Wie wir uns alle in den Willen des Schicksals fügen müssen, so würde das meine arme Nichte, die verwitwete Herzogin, in jedem Falle mit voller Ergebung thun und würde ihrem Kinde die gleich zärtliche Mutter sein, sei es ein Prinz, sei es eine Prinzessin. Es wird sie vielleicht vorübergehend betrüben, daß die Krone des Landes nicht bei ihren direkten Nachkommen bleibt; aber sie wird sich darein zu fügen wissen und die Vorsehung nicht anklagen, die es so gewollt.« Nachdem der Regent so gesprochen, machte er abermals einen raschen Gang durch das Zimmer, stellte sich hierauf näher zu dem jungen Mann und schaute ihn fest an, während er das Folgende sprach: »Die Prinzessin Elise dagegen denkt anders. – Sie möchte selbst gern eine Art kleine Vorsehung sein und dem Schicksal nachhelfen, wo es nicht galant genug wäre, einer schönen Dame das zu erfüllen, was diese sich in den Kopf gesetzt hat. – Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen.« »Ich glaube Euer Hoheit zu verstehen.« »Nun gut. – Wenn ich jetzt fortrede, junger Mann,« sagte der Fürst plötzlich mit einem kalten, fast drohenden Tone, »so beweise ich Ihnen ein Vertrauen, dessen Mißbrauch von den bedenklichsten Folgen sein könnte, nicht sowohl für mich, als – für Sie. Es gibt Menschen mit dem besten Willen,« fuhr er gleich darauf in leichtem Tone und mit einer gefälligen Handbewegung fort, als er sah, daß ihm Herr von Fernow etwas antworten wollte; »Menschen, die mit dem besten Willen doch nicht im stande sind, – ein Geheimnis zu bewahren. Wenn Sie zu diesen gehören, mein lieber Fernow, so beendigen wir die Unterredung, und ich bitte, mir den Grafen Schuler zu rufen.« »Wenn ich es aber vorzöge, selbst zu bleiben, Euer Hoheit?« entgegnete der junge Mann, indem er eine leichte Verbeugung machte und dabei die rechte Hand wie beteuernd auf die Brust legte. Zugleich aber schaute er dem Regenten so offen und ehrlich und mit so festem Blick in das Gesicht, daß dieser mit einem lächelnden Kopfnicken antwortete: »So nehmen Sie meine Worte von vorhin als eine leichte Verwarnung, die sich ein älterer Mann einem jüngeren gegenüber wohl erlauben darf. – Hören Sie mich: Wie ich Ihnen schon andeutete, und wie Sie auch selbst wohl wissen, ist die Prinzessin Elise eine andere Natur als ihre Schwester. Mit unschätzbaren Eigenschaften des Geistes und auch des Herzens verbindet sie eine Lust zur Intrigue, die mich schon bittere Augenblicke gekostet hat. Statt einer Sache, die man nicht voraus berechnen kann, ihren Lauf zu lassen, interessiert sie sich schon beim Anfange so lebhaft für das Ende, damit dies nämlich sein möge, wie sie es wünscht, daß sie alle möglichen Mittel aufbietet, selbst das Schicksal in die Bahnen zu lenken, die sie demselben in ihrer Laune vorzeichnen möchte. Man könnte sagen: die Laune eines Weibes! und achselzuckend vorübergehen; aber die Kombinationen der Prinzessin, wenn auch auf falschem Wege, sind dabei so geistreich, daß man sie überwachen muß, um irgend ein Unglück oder wenigstens eine unsägliche Konfusion zu vermeiden. Sie kommt mir zuweilen vor wie einer jener alten Alchimisten, die, mit großen Kenntnissen ausgerüstet, alles daransetzen, den Stein der Weisen zu suchen, den sie freilich nie fanden, dagegen aber etwas anderes, irgend ein Fluidum oder ein Pulver zusammenstellten, dessen verheerende Wirkungen ihnen unbekannt waren und wodurch sie eben ihr eigenes Haus über ihren eigenen Köpfen zusammenstürzten. – Die Prinzessin kann den Gedanken nicht ertragen, daß die verwitwete Herzogin dem Lande möglicherweise eine Prinzessin schenken könnte. – Ich begreife wohl, daß sie einen Thronfolger wünscht, indem sie alsdann der Hoffnung lebt, bei der künftigen Regentschaft ein bedeutendes Wort mitsprechen zu dürfen.« Das sagte der Herzog mit einem sarkastischen Lächeln. »Wir anderen Menschenkinder,« fuhr er fort, »müssen uns unter den Willen des Schicksals beugen, ein unruhiger Geist wie der der Prinzessin aber glaubt, wie ich Ihnen schon vorher andeutete, daß es Mittel und Wege gebe, selbst das unabänderliche Geschick ihrem Willen unterthan zu machen. Sie hat sich vorgenommen, es soll ein Prinz zur Welt kommen, und sie wäre im stande, sich mit Leuten einzulassen, die ihr begreiflich machten, man könnte ihren Willen auch in diesem Punkte durchsetzen. – Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen.« »Ich fürchte fast, Euer Hoheit,« antwortete Herr von Fernow. »Gott soll mich bewahren,«fuhr der Herzog mit großem Ernste fort, »daß ich die Prinzessin, die bei ihrem klaren Verstand ein sehr edles Herz hat, für fähig hielte, je etwas Derartiges gegen ihre eigene Familie zu unternehmen, aber leider liebt sie nun einmal, mit dem Feuer zu spielen; und wenn man ihr eine Intrigue zeigt, deren Gelingen fast unmöglich ist, so spornt sie das gerade an, die ersten einleitenden Fäden zu knüpfen, um sich selbst und anderen sagen zu können: Seht ihr, so könnte es gehen. Sie wird aber gleich darauf das ganze Gewebe zerreißen mit dem Zusatze: aber ich will nicht. – Es ist das ihre Manie. – Glauben Sie mir, lieber Fernow,« sagte der Regent zutraulicher, »daß aus demselben Grunde die Verbindung der schönen Ripperda mit dem Baron Rigoll angebahnt worden ist. Hätte man ihr nicht gesagt: Das ist ja unmöglich, eine solche Verbindung kann nie zu stande kommen, es ist völlig widersinnig, das Fräulein jung, unabhängig, reich und schön – « »Ja, sehr schön,« seufzte der Offizier. »Der Oberstjägermeister von allem das Gegenteil: liegt darin Verstand? Ich finde keinen.« »Das weiß Gott.« »Hätte sich nicht alle Welt dagegen erklärt, so würde sich die Prinzessin dieser fatalen Sache nicht mit ihrer unwiderstehlichen Leidenschaft angenommen haben. – Ja, recht fatal,« setzte er in sehr gütigem Tone hinzu; »und mir jetzt doppelt unangenehm, da ich einen kleinen Blick in Ihr Herz gethan, mein lieber Fernow. Ob da noch etwas zu machen ist, darüber kann ich nicht urteilen, da ich nicht weiß, wie genau Sie die junge Dame kennen. Rechnen Sie aber in jedem Verhältnisse auf meine Hilfe, soweit ich helfen kann.« Der junge Offizier wollte mit beredten Worten seinen Dank aussprechen; doch unterbrach ihn der Regent schon beim ersten Satze, indem er fortfuhr: »Kommen wir zu Ende. Daß es viele dergleichen Sachen gibt, wo ich die Herzogin nicht konterkarieren kann und mag, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Sie soll meinetwegen die einleitenden Schritte zu einem Versuche thun, dieses Schloß mit allem, was drinnen ist, mitten in die Stadt zu versetzen, und ich will ruhig zuschauen und dabei lächeln; dagegen ist es meine Pflicht, Fäden zu zerreißen, welche die Prinzessin unbesonnen zum Gelingen einer Sache anknüpft, an deren Ausgang sie selbst nicht glaubt, ein Ausgang, der sie selbst erschrecken, ja empören würde, wo sie sich aber von gewissenlosen Menschen raten läßt, die nur bezwecken, sie zu kompromittieren.« »Wenn ich mir erlauben darf, zu fragen,« sprach Herr von Fernow, »so wissen Euer Hoheit um die angeknüpften Fäden?« »Vollkommen.« »Und kennen die Ratgeber?« »Gewiß. – Baron Rigoll ist einer von denen, für die es, wenn man ihren Worten glauben will, keine Schwierigkeiten gibt. Und dem etwas in den Weg zu legen,« setzte der Regent lächelnd hinzu, »würde Ihnen wohl gerade nicht unangenehm sein. Bei allem dem gehört es mit zu der Art, wie die Prinzessin ihre Geschäfte besorgt, daß sie ihre sogenannten guten Freunde, die mit ihr an demselben Werke arbeiten, voneinander fern zu halten weiß, so daß der eine nie klar sehen kann, was der andere neben ihm thut. Einer ihrer schlimmsten Ratgeber ist jemand, der weder im Schlosse wohnt, noch Zutritt in demselben hat, den die Prinzessin nie oder höchst selten sieht, und der seine Botschaften auf die eigentümlichste Weise in ihre Appartements einzuschmuggeln versteht. – Auch darin findet die Prinzessin einen eigenen Reiz, ein Zeichen zu erspähen, irgend öffentlich eine Botschaft zu vernehmen, worin sich ein Satz befindet, der für sie eine ganz besondere Bedeutung hat. – Du lieber Gott! ich habe ihr selber oft den Gefallen erzeigt und in der Art mit ihr korrespondiert. – Doch das ist vorbei.« Die letzten Worte sprach der Regent in fast trübem Tone, während er sich mit der Hand über die Augen strich. Herr von Fernow hatte diese Bewegung kaum bemerkt, denn als der Regent von den geheimnisvollen Botschaften sprach, die von außen in das Schloß gelangen, fiel ihm mit einem Male die Geschichte mit dem Bouquet vor der Tafel ein. »Früher,« fuhr der Regent fort, »habe ich mich, wie gesagt, wenig um dergleichen geheimnisvolle Winke oder Worte bekümmert; der vorliegende Fall dagegen bedingt das anders, und ich muß wissen, was hin und her korrespondiert wird. – heute vor der Tafel – « »Ah!« stieß der junge Offizier in so ausdrucksvollem Tone heraus, daß ihn der Regent fragend ansah und ihn, als er ehrerbietig schweigen wollte, durch eine Handbewegung zum Sprechen aufforderte. »Heute vor der Tafel,« fuhr demgemäß Herr von Fernow fort, »sahen wir im Vorzimmer Ihrer Durchlaucht ein prachtvolles Blumenbouquet.« »Wir?« fragte der Regent. »Baron wenden und ich. Wir waren beide im Dienst.« »Ganz richtig, Baron Wenden.« »Wir führten ein eigentümliches Gespräch und im Verlauf desselben faßte Wenden mit der Hand in das Blumenbouquet und war überrascht, in demselben verborgen einen Papierstreifen zu finden.« »Es ist möglich. Fahren Sie fort. Unsere Bemerkungen treffen sich.« »Wenden entrollte den kleinen Papierstreifen und versicherte mir, er sehe keine Zeichen daran. Ich glaubte ihm, doch als er hierauf das Papier gegen das Licht hielt, sah ich, wie seine Gesichtszüge für einen Augenblick höchst überrascht erschienen.« »Natürlich. Das Papier war durchstochen und diese Stiche hatten eine Bedeutung. – Weiter? Ich will doch hören, was Sie ferner gesehen.« »Nach der Tafel,« fuhr der junge Mann in einem trüben Tone fort, »wurde jene Verlobung verkündigt . . .« »Und das benahm Ihnen alle Lust zu weiteren Nachforschungen?« sagte lächelnd der Regent. »Es war beinahe so, ich gestehe es Eurer Hoheit.« »Nun, dann will ich Ihnen den Verlauf erzählen, Baron Wenden wandte sich an die Prinzessin; – es ist das ein junger Mann, der schnell seinen Weg machen möchte – er versicherte sie seiner unbedingten Ergebenheit, und die Prinzessin befahl ihm, er solle sich heute abend um neun Uhr in ihrem Kabinett einfinden.« »Aber Euer Hoheit,« entgegnete erstaunt der junge Offizier, »standen weiter von jener Fensternische entfernt als ich, und ich vernahm nicht das mindeste von dem sehr leise geführten Gespräch.« »Das ist wohl möglich,« antwortete der Regent; »aber Sie können mir glauben, daß es sich so verhält, und Sie werden Gelegenheit haben, sich selbst davon zu überzeugen. Es ist mir nämlich alles daran gelegen, daß die Unterredung dieses Abends nicht stattfinde; ich will nicht, daß die Prinzessin ihre, gelinde gesagt, komischen Anschläge und augenblicklichen Eingebungen noch anderen Ohren preisgebe, sich weiter kompromittiere. Der Dienst, den Sie mir leisten können, besteht also in folgendem: Sie begeben sich um halb neun zu Kindermann, der wird Sie in einen Saal führen, den der Baron auf seinem Wege zu passieren hat. Dort halten Sie ihn im Gespräche auf: begreiflicherweise wird er sehr eilig sein und Ihnen nicht Rede stehen wollen. Da Sie ihn aber genau kennen, so gelingt es Ihnen vielleicht, ihn hinwegzuführen; meinetwegen können Sie ja etwas davon fallen lassen, ich, der Regent, sehe es nicht gern, wenn das Schloß um die angegebene Stunde, ohne daß irgend eine Gesellschaft befohlen sei, auf geheimnisvolle Art besucht werde. Vielleicht komme ich sonstwie Ihrer Unterredung zu Hilfe; nützt aber das alles nichts, so sind Sie in Ihrem Dienst, Sie verhaften den Baron Wenden mit der größten Ruhe und bringen ihn nach Hause; auf alle Fälle hat er Ihnen dort sein Ehrenwort zu geben, daß er so lange in seiner Wohnung bleibt, bis es mir beliebt, anders zu verfügen. Morgen werden Sie mir über das Ganze Bericht erstatten. Sollte sich dagegen etwas Außergewöhnliches ereignen, so bin ich schon heute abend für Sie zu sprechen.« Herr von Fernow verbeugte sich ehrerbietig vor dem Regenten, dankte ihm in einigen Worten für sein Zutrauen, und als sich der Fürst darauf mit einem freundlichen Kopfnicken und einer leichte Handbewegung verabschiedet, verließ er das Kabinett, ging durch den Vorsaal bei den Dragonern im Vestibül vorbei, ließ sich von den Bedienten erstaunt anschauen, die nicht begreifen konnten, was er um diese Zeit hier zu machen habe, und trat dann an der Nebentreppe ins Freie. Draußen war es indessen sehr dunkel geworden, obgleich sich der Himmel klar und schön wie am vergangenen Tage auch jetzt noch über der Erde wölbte, mit Myriaden von Sternen, die in vielerlei Farben funkelten und blitzten und durch die eigentümliche Stellung zu einander jene Figuren zeigten, die wir Sternbilder nennen. Der Ordonnanzoffizier ging durch das Schloß und trat auf die große Terrasse vor dem Hauptportal, wo er die nächtliche Stadt mit ihrem Duft und Nebel, mit ihren langen, jetzt weiß leuchtenden Straßenlinien, mit ihren blitzenden Lichtern hier und da, mit Wagengerassel, entfernter Musik, mit ihrem unaufhörlichen Summen und Sausen vor sich liegen sah. Er hatte seinen Mantel umgenommen, eine Zigarre angezündet, und wenn er, den süßen Dampf einziehend, auf dieselbe blickte und den kleinen leuchtenden Punkt immer größer werden sah, so war er im stande, seine Gedanken zu konzentrieren und eigentümlichen Träumereien nachzuhängen. Was hatte er am heutigen Tage alles erfahren! Wie war sein Herz so verwundet worden! Wie hatte er zum erstenmal so wild und stürmisch gefühlt, daß er jenes herrliche Mädchen liebe, innig liebe, ja mit aller Kraft seiner Seele liebe, – – hoffnungslos liebe! Und darauf der Abend! Das, was ihm im Kabinett des Regenten begegnet war! Hatte er nicht vielleicht das Glück ergriffen, als er jenem Ruf der Klingel folgte? O ja, es mußte so sein, die Theorie des Baron Wenden war richtig, es gab einen Augenblick des Glücks, dann aber auch, da es kein Licht ohne Schatten gibt, ebensogut einen Augenblick des Unglücks. Sechstes Kapitel. In Kabinett des Kammerdieners. Träumereien und Zigarre waren zu Ende, als die Schloßuhr acht schlug und eine Menge geschwätziger Glocken in der Stadt dieses wichtige Ereignis lautklingend und fröhlich verkündeten, als erzählten sie eine große Merkwürdigkeit. Der junge Ordonnanzoffizier schritt nach der hinteren Seite des Schlosses zu, mit einem tiefen Seufzer an den Himmel blickend, wobei er den Namen »Helene« mehrmals und innig aussprach. Daß in diesem Augenblick ein blitzender Stern über einen Teil der dunklen Wölbung droben niederfuhr, nahm er als eine gute Vorbedeutung; denn man sagt ja, die Sternschnuppe verheiße die Erfüllung eines Wunsches, an den man beim Erblicken derselben dachte; was aber Herr von Fernow dachte, als er gen Himmel blickend den Namen Helene aussprach, brauchen wir weder unseren geneigten Lesern und noch viel weniger unseren geneigten Leserinnen zu erklären. Der gewöhnliche Aufenthaltsort des ersten Kammerdieners Kindermann war ein kleines Zimmer in der Nähe des herzoglichen Kabinetts, und dahin begab sich gemäß dem erhaltenen Befehle der Ordonnanzoffizier und klopfte leise an die Thür. Innen rief man: Herein! und dieses Herein klang so angenehm und freundlich, daß man in diesem Herein ordentlich das lächelnde Gesicht des Herrn Kindermann sah. Der würdige alte Herr befand sich auch in dem kleinen Gemache, lächelte dem Eintretenden freundlich entgegen und machte beim Anblick des Offiziers mit solcher Umständlichkeit seine Anstalten, um aus dem bequemen Lehnstuhle aufzustehen, daß Herr von Fernow nichts Eiligeres zu thun hatte, als den alten Herrn zu bitten, ja ihm zu befehlen, sitzen zu bleiben. »In der That, man wird müde,« sagte Herr Kindermann und dabei dämpfte er sein Lächeln ein wenig, um es gleich darauf wieder um so heller aufstrahlen zu lassen, als er hinzusetzte: »daher thut es einem alten Manne nach vollbrachtem Tagewerk so wohl, in stiller Beschaulichkeit ein wenig ausruhen zu können. Wenn ich aber sitzen bleiben soll, gnädiger Herr, so müssen Sie mir die außerordentliche Ehre erzeigen, sich ebenfalls am Kaminfeuer ein wenig niederzulassen; im anderen Fall zwingen Sie mich, aufzustehen, meinen Frack anzuziehen und in der mir zukommenden Haltung neben Ihnen aufrecht zu verharren.« Herr Kindermann hatte nämlich sein Dienstkleid ausgezogen und steckte mit der weißen Halsbinde, mit dem lächelnden Gesichte, den wohlfrisierten Haaren und untadelhaften Schuhen und Strümpfen in einer feinen weißen Pikeejacke, die aber augenscheinlich zu lang und zu weit für ihn war, was wohl daher kommen mochte, daß die Persönlichkeit des Regenten größer und breiter war als die seines Kammerdieners. Auch saß Herr Kindermann nicht trocken vor dem hell lodernden und sanft wärmenden Kamine. Auf dem Gesimse desselben stand eine zierliche kleine silberne Punschbowle, aus welcher es ganz allerliebst duftete. Da der Ordonnanzoffizier einmal saß, so mußte er sich aus dem Getränke der Bowle ein kleines Glas auffüllen lassen, woran er auch zur großen Zufriedenheit des Kammerdieners nippte. – Dieser sah auf die Uhr und sagte: »Wir haben vollkommen Zeit; noch eine gute halbe Stunde, und auch dann werden Sie in dem großen Saale dort oben noch lange genug warten müssen. So ist es denn doch offenbar besser, wir warten hier unten, als da oben. Zu lange dürfen wir uns dagegen auch nicht aufhalten, denn man weiß nie, was passieren kann. Unter uns gesagt, Herr von Fernow, mich freut es außerordentlich, daß Sie gerade im Vorzimmer waren und zufällig ins Kabinett seiner Hoheit traten. Das sind Augenblicke, die zu viel Gutem führen können.« »Augenblicke des Glücks,« sagte lachend der Offizier. »Gewiß, Augenblicke des Glücks,« fuhr Herr Kindermann wohlgefällig lächelnd fort; »aber in der That, es freut mich gerade für Sie. Ich habe den Papa sehr wohl gekannt; Seine Exzellenz waren ein scharmanter und liebenswürdiger Herr. und umgänglich, Herr von Fernow, sehr umgänglich. Ich kann Sie versichern, Seine Exzellenz traten nie in dies kleine Vorzimmer, ohne zu mir zu sprechen: »Herr Kindermann, wie geht's Ihnen?« oder: »Herr Kindermann, wie haben wir geschlafen?« Und ich versichere Sie, das Wir war ein Akt der Vertraulichkeit, den ich wohl zu würdigen verstand. Unter dem Wir meinte Ihr Papa auch noch was anderes. Ebenso wenn er fragte: »Herr Kindermann, was haben wir heute für Wetter?« Damit meinte er nicht, ob es draußen regnete oder ob die Sonne schien, sondern er wollte wissen, ob sonstwo der Himmel klar oder stürmisch sei. Und dabei kann ich Sie versichern, daß ich Seiner Exzellenz in diesem Punkte immer die besten Andeutungen gab. Gewiß, Seiner Exzellenz, Ihrem Herrn Papa, habe ich nie falsch berichtet.« »Und sonst kam es Ihnen nicht darauf an, Herr Kindermann, vielleicht hier und da ein falscher Wetterprophet zu sein?« Herr Kindermann hatte sein Glas ergriffen, schielte, ehe er es zum Munde führte, mit einem unaussprechlichen Lächeln nach dem Lichte hin, nahm einen tüchtigen Zug und antwortete: »Es gibt ein altes Sprichwort: »Wie man in den Wald hineinschreit, so hallt es heraus«; und ich kann Sie versichern, Herr von Fernow, es gibt an jedem Hofe unbedachtsame Leute, die einen Kammerdiener des regierenden Herrn nur wie ein Ding betrachten, wie eine Sache, gut genug, um anzumelden und die Thür zu öffnen. Und das ist doch eine sehr unrichtige Auffassung unserer Stellung.« »Allerdings eine unverantwortliche Auffassung.« »Freilich sitze ich weder im Staatsrate, noch habe ich Stimme im Ministerium,« fuhr Herr Kindermann leise schmunzelnd fort; »dagegen aber,« setzte er mit großem Selbstgefühl hinzu, während er leicht seine weiße Halsbinde strich, »dagegen bin ich es, der Seine Hoheit in unbewachten Augenblicken sieht, der Höchstdemselben die Halsbinde knüpft, ihm den Säbel umschnallt und der ihm vor allen Dingen Parfüm auf das Sacktuch träufelt. – Sie sehen mich erstaunt an, Herr von Fernow; aber ich bin gegen Sie ungeheuer offenherzig, schon dem Andenken an den Papa zuliebe; und ich versichere Sie, die drei soeben genannten Verrichtungen, namentlich die letztere, sind für mich von der größten Wichtigkeit. Verstehen wir uns recht. Es ist da irgend etwas los, worüber ich gar zu gern die Meinung Seiner Hoheit hören möchte. Nun ist es mir aber um alles in der Welt nicht erlaubt, den Herrn geradezu anzureden. Ich knüpfe also die Halsbinde ein wenig fester als gewöhnlich; Seine Hoheit sagt vielleicht gar nichts darauf, sondern macht mir ein Zeichen, sie lockerer zu knüpfen. Das ist alsdann schlimm. Seine Hoheit bemerkt aber auch vielleicht: »Kindermann, wir sind heute aber auch verdammt ungeschickt.« Das ist schon ermutigender, und ich seufze dagegen und spreche: »Ja, es ist wahr, Euer Hoheit, wir sind zuweilen recht ungeschickt.« – Ist das heraus, so wette ich zehn gegen eins, der Herzog fängt an zu lachen und sagt z•B•: »Nun, Kindermann, das Wir bitte ich mir aus!« – Sehen Sie, Herr von Fernow, dann habe ich gewonnenes Spiel: Es ist dann gerade so, als wenn man eine Mühle aufzieht. Zuerst dreht sich das Rad widerstrebend, ist es aber einmal im Gange, so können Sie mir glauben, daß Kindermann sein Korn zu mahlen versteht, wie irgend ein anderer.« »Das ist wirklich ganz erstaunlich,« sagte lachend der Ordonnanzoffizier, »und ich werde mir von Ihren Andeutungen einiges zu nutze machen.« Herr Kindermann hatte abermals einen tüchtigen Schluck seines vortrefflichen Ananaspunsches zu sich genommen und fuhr dann fort: »Oftmals aber nützt mir weder Halsbinde noch Säbel. Was den letzteren anbelangt, so wähle ich nämlich in gewissen Fällen einen, der Seiner Hoheit nicht konveniert. Heißt es nun kurz und barsch: Einen anderen! so wird ganz einfach das Taschentuch mit Eßbouquet beträufelt. Seine Hoheit ziehen nämlich Eau de Cologne vor. Das ist jedoch mein letztes verzweifeltes Mittel und wird in der That nur bei großen Angelegenheiten angewandt. Sie wissen selbst, Herr von Fernow, daß nichts so sehr die Erinnerung an etwas aufs lebhafteste zurückruft, als der Duft irgend einer Pflanze, eines Parfüms. Wir haben das ja alle erfahren. Riechen wir im Frühjahr das erste Heu, so überfällt uns ordentlich wehmütig der Gedanke an die Jugendzeit, wo wir die Schule schwänzten, um im Freien herumzulaufen. – Nun überkommt aber den Regenten eine ganz eigentümliche Erinnerung, – das Nähere gehört nicht hierher – wenn Höchstdieselben Eßbouquet riechen. Das stimmt Seine Hoheit weich und macht ihn nachdenklich; ja, er kann sich dabei so in seine Phantasien vertiefen, daß ich nur etwas laut zu husten brauche, um gefragt zu werden: »Was haben Sie gesagt, Kindermann?« Und wenn man gefragt wird, so darf man antworten. – Aber Sie trinken gar nicht von diesem wirklich kostbaren Punsche, Herr von Fernow! Thun Sie das ja! Die Nachtluft ist kühl, und droben in den Sälen ist es um diese Zeit gar nicht behaglich.« Bei diesen aufmunternden Worten hatte der Kammerdiener sein Glas zwischen beide Hände genommen, drehte es hin und her und erfreute sich sanft lächelnd an den kleinen Ringeln, die sich in der goldgelben Flüssigkeit zeigten; auch roch er daran, ehe er abermals trank.. »Es freut mich in der That, Herr Kindermann,« unterbrach der Ordonnanzoffizier die Stille, »daß Sie sich meines Vaters auf so angenehme Art erinnern, es geht nicht allen Leuten so.« »Weiß wohl, weiß wohl,« entgegnete der Kammerdiener; »Sie müßten lange Major sein und Adjutant, und deshalb ist es gerade gut, daß Sie heute abend Seine Hoheit im Vertrauen gesprochen. Wir werden schon darauf zurückkommen. – Apropos,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »etwas anderes in Ihren Angelegenheiten hätte ich mir nicht so stillschweigend gefallen lassen.« »Und das ist?« fragte eifrig und aufmerksam der andere, denn er ahnte schon, was kommen würde. »Nun, die Verlobung, die wir heute gefeiert haben. Ah! das ist ja ein Skandal, und ich werde mich der Sache ganz besonders annehmen.« »Wenn das was helfen könnte, würde ich Ihnen zu großem Danke verpflichtet sein.« »Was helfen könnte? – Es ist freilich schon spät! der Karren ist schon ziemlich verfahren.« »Und Ihre wichtige Hilfe vielleicht schon unnütz; denn wer kann wissen, ob das Fräulein nicht mit der Partie einverstanden ist?« »Den Teufel auch! das kann ich wissen,« rief Herr Kindermann, und es hatte fast den Anschein, als wolle sein Gesicht für einen Augenblick ernst werden; doch überwand er diese Abnormität, und seine Augen strahlten fort und fort in ihrem angenehmen Lächeln, während er sagte: »Das Fräulein ist untröstlich, und es hat schon ganz absonderliche Szenen gegeben. Da hätten Sie energischer auftreten oder sich dem alten Kindermann anvertrauen sollen; der hat schon manchen guten Rat gegeben, das kann ich Sie versichern.« »Davon bin ich fest überzeugt,« erwiderte Herr von Fernow, »und wenn ich noch jetzt und recht dringend darum bäte?« Der Kammerdiener schüttelte seinen Kopf und gab nach einer Pause zur Antwort: »Vorderhand muß man den Faden laufen lassen, aber die Augen offen behalten, und wo sich etwas zeigt, was uns nützen kann, nicht blöde sein und zugreifen. Wenn Sie mich Ihres Vertrauens wert halten,« – und dabei wurde das Lächeln des Herrn Kindermann feierlicher, und er hob seine Nase sehr hoch in die Höhe –, »so haben Sie die Freundlichkeit, mich auf dem Laufenden zu erhalten über das, was Sie in Ihren Angelegenheiten hören und sehen.« »Das will ich mit dem größten Vergnügen thun und bin entzückt,« sagte der junge Mann nicht ohne einen Anflug von Schmeichelei, »die für mich wichtige Sache in so guten Händen zu wissen. Nehmen Sie im voraus meinen besten Dank, und seien Sie von meiner beständigen Erkenntlichkeit überzeugt.« Indem er das sagte, hatte er einen Blick auf die Uhr geworfen und sich erhoben, als er bemerkte, daß der Zeiger auf halb neun wies. Herr Kindermann folgte ruhig und bedachtsam seinem Beispiele, und nachdem er mit einer wahrhaften Feierlichkeit den letzten Rest des Punsches vertilgt, entgegnete er: »Wie ich Ihnen schon früher bemerkt, Herr von Fernow, bin ich es dem Andenken Ihres Vaters schuldig, für Sie mein möglichstes zu thun. Ich kann Sie versichern, Kindermann vergißt nie eine freundliche Behandlung. Jetzt will ich aber ein bißchen Toilette machen und dann gehen wir.« Zu diesem Zwecke zog sich der Kammerdiener hinter einen grauen Vorhang zurück, wo sein Bett stand, und als er wieder zum Vorschein kam, war er statt der weißen Pikeejacke mit einem so langen grauen Rocke bekleidet, daß man von seinen weißen Strümpfen nicht das Geringste mehr sah und nur die Spitzen der Schuhe hervorblickten. Darauf gingen beide miteinander fort. Statt aber den gewöhnlichen Weg über die Stiegen und die breiten Korridore zu nehmen, gingen sie hinter dem Appartement des Regenten durch eine Thür, die Herr Kindermann öffnete und sorgfältig wieder verschloß, dann eine Wendeltreppe hinauf und kamen oben in einen schmalen Gang, der durch das ganze Schloß lief, dabei weder Fenster noch sonstige Öffnungen hatte und durch Lampen erhellt wurde, die unaufhörlich Tag und Nacht brannten. Diesem Gange folgten sie eine weite Strecke, dann öffnete der Kammerdiener auf der rechten Seite abermals eine kleine Thür, und beide betraten einen Durchgang, durch welchen sie in den uns wohlbekannten großen Saal gelangten, wo die Familienbilder an den Wänden hingen und der unmittelbar neben dem Speisesaal sich befand. Dieser weite Bildersaal lag still, fast unheimlich da, denn obgleich auf zwei Konsolen vor den gewaltigen Spiegeln am unteren und oberen Ende Carcellampen brannten, so waren diese doch nicht im stande, die tiefe Dunkelheit in dem Saale gänzlich zu verdrängen; wenn sie auch an den beiden Enden eine kleine Helle um sich verbreiteten, so blieb doch in der Mitte des Saales eine solche Dämmerung, daß jemand, der sich dort befand, von weitem unkennbar war und nur wie ein Schatten aussah. Herr Kindermann führte den Ordonnanzoffizier zu einer der Fensternischen, welche, tief in die Mauer gehend und mit schweren breiten Vorhängen garniert, noch dunkler waren. »Hier ist Ihr Platz,« sagte er, »und da ich die Sache genau überlegt habe, so ist es besser, wenn Sie die Verhaftung des Barons als das letzte und äußerste Mittel betrachten.« Der Ordonnanzoffizier blickte den Sprecher mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens an, was aber dieser begreiflicherweise nicht bemerken konnte; doch sprach Herr von Fernow lachend: »Mir scheint, Herr Kindermann, Sie haben heute abend sehr stark Eßbouquet aufgeträufelt.« »Das war nicht nötig,« entgegnete der andere mit dem ruhigsten Tone von der Welt; »da mich Seine Königliche Hoheit bei dieser Angelegenheit brauchen, so hat es Höchstderselben beliebt, mich von der Sachlage in Kenntnis zu setzen.« »Was ich begreiflich finde,« versetzte schnell einlenkend der Ordonnanzoffizier. »Dort links ist der Speisesaal, wie Sie wissen,« erklärte Herr Kindermann; »und der Baron wird von rechts kommen. – Glauben Sie mir,« fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen fort, »Sie haben Ihr Glück in der Hand. Es ist eine delikate Sache, und je feiner Sie sie behandeln, desto dankbarer wird Seine Hoheit sein. Wie ich mir Ihnen schon zu bemerken erlaubte, ich mag die Verhaftungen nicht. Warten Sie damit so lange als möglich, und geraten Sie in eine Verlegenheit, so bin ich vielleicht im stande, Ihnen daraus zu helfen. – Jetzt halten Sie gute Wache, Sie haben noch volle zwanzig Minuten und damit genugsam Zeit zur Überlegung.« Bei diesen Worten machte er eine Verbeugung, glitt dann wie ein Schatten in die Dunkelheit zurück und verschwand auch geräuschlos wie ein solcher. Den im Saale Harrenden bewegten seltsame Gedanken, als er jetzt in dem Halbdunkel auf und ab schritt. Es kam ihm gerade vor, als wenn er sich vor dem Feind befände und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf jedes Geräusch hören müsse, das auch in weiter Ferne vernehmbar wurde. Er hatte seinen Säbel fest an sich gedrückt und machte so langsame Schritte, daß ihm zwischen jedem derselben fast eine Sekunde Zeit blieb, und er so während des Auf- und Abwandelns jedes Nahen des Erwarteten hören konnte. Was war in der Zeit, seit er heute vor der Tafel diesen Saal betreten, bis jetzt nicht alles von ihm erlebt worden! Oft glaubte er, in diesen wenigen Stunden seien Monate verflossen, traurige Monate, in denen er sich allmählich an den Verlust Helenens gewöhnt hatte. Waren es vielleicht die Worte des Regenten, er möge in dieser Sache auch auf ihn rechnen, welche ihm neue Hoffnung gaben, oder glaubte er sonst an ein glückliches Ungefähr, das den Baron Rigoll von seinem Ziele zurückwerfen würde, oder hatte er sich beruhigt und als ein vernünftiger Mensch sich gesagt: »Wie kannst du von Fräulein von Ripperda verlangen, daß sie warten wird, bis es dir einmal beliebt, dich anders auszusprechen, als durch kleine Aufmerksamkeiten und allenfalls durch süße Augen – und wenn du dich ausgesprochen hättest, wer weiß, welche Antwort dir das stolze Mädchen gegeben? – O Gott, ja,« seufzte er, »wie schön und wie stolz!« Es war ein Glück, daß er so innig und viel an Helene dachte, denn so blieb ihm nur wenig Zeit übrig für die bitteren Empfindungen, die in der That in ihm aufstiegen, wenn er sich entsann, daß er im Begriffe sei, einen guten Freund, wie Baron Wenden, so mir nichts dir nichts in Haft zu nehmen. – Verfluchter Auftrag! – Und so grausam des armen Wenden Theorie vom Augenblick des Glücks und Unglücks zur Wahrheit zu machen! Herr von Fernow befand sich unter diesen Gedanken und unter dem Eindrucke der Situation in einer größeren Aufregung, als er selbst wußte. Zuweilen seufzte er tief auf und fühlte dann wohl, wie sein Herz lauter und schneller als gewöhnlich schlug. Jetzt drückte ihn seine Schärpe, jetzt genierte ihn der Helm, jetzt machte er ein paar schnellere Schritte, um gleich darauf horchend stehen zu bleiben. Die Schloßuhr schlug dreiviertel auf neun. Halt! jetzt hörte er etwas. Ja, er täuschte sich nicht; es waren Schritte, die sich näherten – er lauschte aufmerksamer. Aber diese Schritte klangen nicht von da, woher er den Baron erwartete, sondern sie schienen vom Speisesaal zu kommen. Vielleicht jemand, dachte er, der drüben noch zu thun hatte und sich nun nach Hause oder in sein Zimmer begibt. Treten wir einen Augenblick in die Fensternische hinter den Vorhang! – Ehe aber der junge Offizier dies ausführte, blickte er zuerst scharf nach der Thür des Speisesaals, um sich zu vergewissern, wer von dorther erscheine. Jetzt öffnete sich ein Flügel der Thür langsam, es erschien ein Lakai, der ein Licht trug, und hinter ihm eine Dame, die in den großen Saal trat. »Jetzt danke ich Ihnen,« sagte diese, und obgleich sie diese Worte im gewöhnlichen leisen Tone sprach, so hallten sie doch in dem weiten Saale wider. Herr von Fernow bebte zusammen, als er den Ton dieser Stimme vernahm. »Ich finde meinen Weg ganz gut allein,« fuhr die Dame fort, und dann ging sie mit ziemlich raschen Schritten vorwärts. Der Lakai hob seinen Leuchter einen Augenblick in die Höhe, und das Licht blitzte seltsam durch die Dunkelheit. Dann zog er sich durch den Speisesaal zurück und machte die Thür hinter sich zu. »Sie ist es!« sprach Herr von Fernow zu sich selber; »einen Entschluß! Einen schnellen Entschluß! Halte ich mich versteckt, oder trete ich hervor? Selbst auf die Gefahr hin, das Fräulein zu erschrecken! – Ja, ich trete vor, der Augenblick ist günstig, – vielleicht abermals ein Augenblick des Glücks!« – Siebentes Kapitel. Ein Augenblick des Glücks. Damit trat Herr von Fernow vor, sein Säbel klirrte auf dem Fußboden, und die junge Dame blieb wenige Schritte von ihm entfernt, sichtlich erstaunt, ja erschreckt, stehen. Sie machte sogar eine kleine Bewegung, um zurückzutreten, doch traf in diesem Augenblicke der Ton der Stimme des jungen Offiziers ihr Ohr, der ihr sagte: »Fürchten Sie nichts, mein Fräulein, es ist ein Bekannter, der vor Ihnen steht – Fernow.« »Fast hätten Sie mich erschreckt, Herr von Fernow,« gab das Fräulein mit etwas unsicherer Stimme zur Antwort; »freilich sind wir auf befreundetem Grunde, aber diese weiten Säle haben abends doch etwas Unheimliches!« Bei diesen Worten nahm sie ihren Gang wieder auf und hatte mit wenigen Schritten den Ort erreicht, wo der junge Offizier stand. Sie wandte ihren Kopf etwas gegen ihn, neigte ihn leicht und sagte: »Guten Abend, Herr von Fernow,« als sie vorübergehen wollte. Abends ist das Herz empfänglicher für ein inniges Wort, namentlich nach einer kleinen Emotion. Der junge Offizier holte in diesem Augenblick mühsam Atem. Die Hand, die auf seinem Säbelgriff lag, bebte fast; er redete sich ein, gesehen zu haben, daß Helene langsam auf ihn zukam, und daß sie zögerte, vorüberzugehen; er glaubte, ihre Bewegung mit dem Kopfe gegen ihn sei herzlicher gewesen, als sonst; er meinte, ihre Stimme habe gezittert, als sie sprach: »Guten Abend, Herr von Fernow.« – »Mein Fräulein,« sagte er und trat einen Schritt vor. »Herr von Fernow,« entgegnete sie, und dabei hemmte sie ihre Schritte, ja, sie blieb stehen und wandte sich gegen ihn. »Es ist kühn von mir,« brachte er mühsam, mit fast tonloser Stimme hervor, »daß ich wage, Ihren Weg zu unterbrechen und Sie anzureden; und obendrein anzureden in einem Augenblick, wo ich mich in großer Aufregung befinde. Ja, mein Fräulein – – seien Sie gnädig, seien Sie gütig gegen mich und verzeihen Sie es dieser Aufregung, daß ich mich unterstehe, mit Ihnen zwei Worte zu sprechen.« Er hatte das mit so bewegter, fast zitternder Stimme gesprochen, daß das junge Mädchen offenbar daraus entnehmen mußte, er befinde sich in einer ganz besonderen Gemütsstimmung, und wahrscheinlich eben deswegen geneigt war, ihm freundlicher, als sonst vielleicht geschehen wäre, zu antworten. »Ich sehe gerade kein Unglück darin,« sagte sie, »daß Sie zwei Worte mit mir reden wollen. Freilich,« fuhr sie fort, indem sie um sich schaute, »ist der Augenblick nicht ganz gut gewählt.« »Aber wenn man keine Wahl hat,« entgegnete er hastig, »so nimmt man, was der Augenblick bietet.« »Sie haben hier auf mich gewartet?« fragte sie. »Nein, mein Fräulein, um ehrlich mit Ihnen zu reden, ich würde das nicht gewagt haben. Mein Dienst hält mich noch im Schlosse, in diesem Saale. Da sah ich Sie kommen, und hielt es für die höchste Gunst des Glücks, wenn Sie mir wenige Minuten gönnen wollten.« Als er dies sagte, mit leiser, wehmütiger Stimme, klangen seine Worte so weich und schmerzlich in dem Herzen des jungen Mädchens wider, daß sie unwillkürlich ihre Lippen aufeinander preßte und ein paar Sekunden vorübergehen ließ, ehe sie antwortete: »Sie wollen dadurch gut machen, was Sie während des ganzen Tages versäumt. Sie hatten sich von unserer Landpartie zurückgezogen – –« »Ich war im Dienst, mein Fräulein,« sagte er. »Und nach der Tafel,« fuhr sie zögernd fort, »waren Sie der einzige, den ich nicht in meiner Nähe sah.« »Aber ich habe Sie gesehen, Fräulein Helene,« entgegnete er rasch, fast heftig, »und dankte Gott, daß ich weit genug entfernt stand, um mich Ihnen nicht nähern zu müssen.« »Sie mißgönnten mir mein Glück,« sagte sie mit einem Tone, der jedem hätte auffallen müssen, einem Tone, der den jungen Mann in das Herz schnitt. »Ich würde Ihnen kein Glück der Erde mißgönnen, nicht das größte; aber ja, Sie haben recht, ich mißgönne Ihnen ein Glück, das mich – so unsäglich unglücklich macht.« »Also sind unsere Begriffe von Glück so sehr verschieden?« »Verschieden und doch ganz dieselben, wenn ich den Empfindungen meines Herzens glauben darf. Aber die Ihrigen, Fräulein Helene, sind freilich ganz anders.« »Ja, meine Begriffe von Glück sind ganz anders, Herr von Fernow,« sagte die junge Dame mit leiser Stimme, »ganz anders als das Glück, das sich mir darbietet.« »So würden Sie also unglücklich sein?« fragte er hastiger. »Und wenn dem so wäre? Sehen Sie für mich eine Möglichkeit, glücklich zu werden? – – Doch wozu dieses seltsame Gespräch?« setzte sie rasch hinzu, »diese qualvollen Reden, die mich nicht erfreuen und auch Sie nicht glücklich machen können.« »Und doch, Fräulein Helene, bei Gott im Himmel, Ihre letzten Worte haben mich glücklicher gemacht, als ich es nach diesem furchtbaren Abend zu hoffen wagte. O! erschrecken Sie nicht über meine Reden, Helene; es ist vielleicht der Augenblick meines Glücks, den ich ergreife und festhalte, während ich so spreche.« Dabei hatte er ihre Hand erfaßt, führte dieselbe an seinen Mund und drückte seine Lippen darauf. »Um Gotteswillen, Herr von Fernow, keine Thorheiten!« sagte ängstlich das junge Mädchen, doch machte sie nur einen schwachen Versuch, ihm ihre Hand zu entziehen. »Helene, lassen Sie mich meinetwegen Thorheiten begehen, wenn es mir dadurch gelingt, meinem Glücke näher zu kommen. Ja, Helene, ich kann und will es nicht ertragen, daß jene Verbindung geschlossen wird.« »Und Sie wollen das hindern?« fragte sie bewegt. »Sie und ich, wenn Sie mir vertrauen.« »Und worauf soll sich mein Vertrauen gründen?« »Auf meine grenzenlose Liebe zu Ihnen. Ja, Helene, ich liebe Sie unsäglich, ich liebe Sie, wie nur jemand auf dieser Erde ein Mädchen lieben kann, – ja, und ich fühle an dem Beben Ihrer Hand, daß auch Sie mir gut sind. Wenn es so ist, Helene, so sprechen Sie ein einziges Wort; wenn Ihr Herz schneller schlägt bei dem Gedanken, daß ich Sie liebe, so lassen Sie mich's durch ein Wort erraten. Wer will uns auseinander reißen, wer will uns trennen, wenn wir beide mit unserer Liebe einig sind?« – Obgleich er dies mit gedämpfter Stimme sprach, so klang doch aus seinen Worten eine solche Leidenschaft hervor, eine solche Glut und Innigkeit, daß das junge Mädchen zitternd zurückweichen wollte; doch, – er hatte ja mit ihrer Hand den Augenblick des Glücks erfaßt; er hielt diese Hand fest in der seinigen, er zog sie abermals an seinen Mund und drückte sie dann sanft an seine heißen Augen. Zuerst bebte die kleine Hand nur, ja, sie suchte sich sanft loszumachen aus der seinigen, dann aber wurde sie fügsamer, ihre Finger gaben dem Drucke der seinigen nach und schmiegten sich endlich mit einem leisen, leisen Druck in diese. Der Augenblick des Glücks! jauchzte es in ihm, und wie es nun in diesem seligen Augenblicke weiter zuging, sind wir nicht im stande, ganz genau anzugeben; doch war es wirklich für beide ein Augenblick des Glücks; ihre liebenden Herzen hatten sich gefunden, und darauf bedurfte es keines bedeutenden Schrittes mehr, daß sich das glühende Mädchen von seiner Leidenschaftlichkeit berauschen ließ und sich erst erschreckt ermunterte, als sie einen heißen Kuß auf ihren Lippen fühlte. Da wollte sie sich losreißen und eilig fliehen, – aber es war zu spät; er legte seinen Arm um sie, nicht um sie aufs neue an sich zu ziehen, sondern um sie in dem dunklen Versteck der Fensternische zurückzuhalten, – – denn er hörte deutlich den Schall von Tritten, die sich von rechts und ziemlich eilig näherten. »Bleiben Sie ruhig, Helene, um Gotteswillen, bleiben Sie ruhig,« sagte der junge Offizier mit eindringlicher Stimme; »Sie können nicht mehr entfliehen; dort kommt jemand und ist in diesem Saale, ehe Sie die andere Thür erreicht haben. Man würde Ihre Gestalt erkennen, man würde Sie verfolgen, man würde Nachforschungen anstellen und alles wäre verloren, wenn die Welt schon jetzt etwas von unserem Glück erführe.« »Aber hier?« fragte das geängstigte Mädchen bebend, »man wird mich erkennen, mein Name, mein Ruf ist verloren.« »Mut, Helene, Mut!« »O, Mut habe ich,« entgegnete Fräulein von Ripperda, und als sie den ersten Eindruck der Überraschung niedergekämpft, richtete sie sich stolz empor, schaute mit ihren glänzenden Augen nach dem Eingang des Saales und antwortete dem jungen Offizier: »Ich gebe mich ganz in Ihre Hände, thun Sie, was Ihnen gut dünkt.« In diesem Augenblicke wurden beide Flügelthüren auf der rechten Seite des Saals geöffnet und zwei Herren traten ein, ihnen voraus ein Lakai mit Lichtern. Diese beiden Herren, in eifrigem Gespräch begriffen, waren Baron Wenden und der Oberstjägermeister, Baron Rigoll. Herr von Fernow hatte die Hand des jungen Mädchens ergriffen, hatte sie dicht an das Fenster geführt und flüsterte, nachdem er einen leichten Kuß auf ihre Stirn gedrückt: »Bleiben Sie ruhig stehen. Sollte man auch durch die Vorhänge die Umrisse Ihrer Gestalt sehen, man wird Ihre Person nicht erkennen, noch viel weniger eine unbescheidene Frage wagen, dafür stehe ich.« Nachdem er dies gesagt, trat er aus der Nische in den Saal, und befand sich nun so nahe bei dem voranschreitenden Lakai, daß dieser in der hervortretenden Gestalt einen Offizier erkannte, den Leuchter hoch emporhielt und, darauf sich umblickend, stehen blieb. »Vorwärts! was gibt's denn da?« rief der Oberstjägermeister dem Bedienten zu. Statt aller Antwort ging der Lakai auf die Seite und streckte den Leuchter vor. »Ei der tausend, Fernow?« sagte der Baron Wenden in einem sehr trockenen Tone; »was treibst du dich um diese Zeit wie ein Gespenst in den finsteren Sälen des Schlosses umher?« »Dieselbe Frage könnte ich an dich thun, mein lieber Wenden.« »Nicht ganz mit dem gleichen Rechte; denn wie du siehst, sind wir zu zweien, und die Gespenster und Nachtwandler pflegen selten paarweise zu erscheinen.« »Und wenn ich nun an dich gedacht hätte, mein lieber Freund,« erwiderte Herr von Fernow mit einem eigentümlichen Lächeln, »wenn ich mich mit dir beschäftigt, während ich hier auf und ab spazierte?« »Du siehst, daß Seine Exzellenz mir die Ehre erweist, mich zu begleiten. Also, mon cher, gute Nacht!« Herr von Fernow machte indes durchaus keine Bewegung, die beiden Herren vorüber und ihres Weges gehen zu lassen. »Es thäte mir in der That leid, wenn ich Seine Exzellenz aufhalten sollte; es liegt das durchaus nicht in meiner Absicht. Aber Scherz beiseite, ich habe in der That etwas Wichtiges mit dir zu sprechen, lieber Wenden, und würde es als eine große Gefälligkeit erkennen, wenn du mir eine kleine Viertelstunde dazu bewilligen wolltest. Seine Exzellenz « – damit wandte er sich an den Oberstjägermeister – »wird gewiß nichts dagegen zu erinnern haben und dich mir einen Augenblick überlassen.« Baron Rigoll hatte schon einigemal Zeichen der Ungeduld von sich gegeben; er war heftiger Natur, auch als ziemlich rücksichtslos bekannt, und so war es von ihm noch außerordentlich höflich, als er sagte: »Aber, Herr von Fernow, Sie müßten doch begreifen, daß Baron Wenden und ich nicht hier zum Zeitvertreib spazieren gehen. Wir sind in der That beschäftigt. Welcher Art unser Geschäft, ist Ihnen vielleicht gleichgültig, aber es gibt Beschäftigungen, wo ein Kavalier zu delikat ist, den Weg eines anderen zu kreuzen. Und Sie sind als sehr delikat bekannt, Herr von Fernow.« »Indem ich Eurer Exzellenz für das Kompliment ergebenst danke,« sprach der Offizier, »liefere ich den Beweis, daß es mir nicht unrechtmäßig gespendet wurde, und ich versichere Eurer Exzellenz, daß es mir nicht einfällt, Ihren Pfad zu kreuzen, daß ich aber mit meinem Freunde Wenden ein paar Worte sprechen muß.« »Nun, ich werde die Höflichkeit gegen Sie aufs Äußerste treiben,« entgegnete der Oberstjägermeister mit eisigem Tone, »ich werde ein paar Schritte vorausgehen, damit Sie Zeit finden, Ihrem Freunde die so notwendigen Worte zu sagen.« Der Offizier machte eine tiefe Verbeugung und ließ Seine Exzellenz vorübergehen. Dann sagte er zu dem anderen mit leiser, aber eindringlicher Stimme: »Bei unserer alten Freundschaft, Wenden, thue mir einen Gefallen, – erzeige mir einen Dienst, um den ich dich dringend bitte. Verlasse das Schloss mit mir und begleite mich in meine Wohnung, ich habe dir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen.« Der Kammerherr sah seinen Freund mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens an; »Fernow, ich glaube, du bist – – sehr aufgeregt.« »Ja, ich bin sehr aufgeregt.« »Lieber Freund, das begreife ich; aber das ist eine Sache, an der nichts zu ändern ist. Ich weiß aus der besten Quelle, daß du dir keine Vorwürfe zu machen brauchst, du habest etwas versäumt; wahrhaftig nicht. Ich sage dir, Fräulein von Ripperda ist enchantiert von dem Oberstjägermeister; sie schließt diese Verbindung ganz mit freiem Willen. Keine Spur von Überredung! Das ist freilich nicht angenehm für dich; doch kommst du mit diesem Gedanken leichter über deinen Schmerz hinweg. Morgen, wenn du willst, stehe ich ganz zu deinen Diensten, – du siehst, Seine Exzellenz wartet auf mich.« Der Ordonnanzoffizier sah wohl, daß der Kammerherr mit guten Worten nicht zurückzuhalten war. Doch zögerte er, von dem letzten Gewaltmittel Gebrauch zu machen. Eine Pause des Schweigens trat ein. Da raschelte etwas hinter dem Fenstervorhange. Die dort Versteckte hatte eine Bewegung gemacht, eines ihrer schweren Armbänder hatte sich gelöst. Es rutschte mit einem eigentümlichen Geräusche an dem glatten Stoff ihres Kleides herab. Der Versuch des Fräuleins, das Entfallende zu erhaschen, verriet sich deutlich. »Was war das?« fragte überrascht der Baron Wenden. »Ja, was war das?« wiederholte scheinbar ebenso überrascht der Offizier. »O Felix! o Felix!« lachte ihm der Kammerherr lustig neckend zu. – »Du bist ein unverbesserlicher Sünder und doch dabei so unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Das muß Baron Rigoll erfahren.« »Ich bitte dringend, halte Ruhe!« »Nein! Indiskret kann ich nicht sein, da ich nichts weiß. Aber die Geschichte muß heraus.« Damit eilte er, von Fernow gefolgt, gegen den Oberstjägermeister und rief lachend: »Sehen Euer Exzellenz diesen verschmitzten Gesellen. Er hält jemand hier versteckt! Und nicht schlecht, es war ein seidenes Kleid, das rauschte.« »Ein seidenes Kleid!« sprach freundlich grinsend der Oberstjägermeister. »Aber, Baron, jetzt kommen Sie, es ist die höchste Zeit.« Der junge Offizier befand sich in der peinlichsten Situation. Es mußte ein Entschluß gefaßt und zur Verhaftung des Kammerherrn geschritten werden. Herr von Fernow nahm seinen Säbel fest in die Linke, drückte den Helm auf dem Kopfe zurecht und wollte vortreten, die so bekannte unangenehme Beschwörungsformel auszusprechen, als sich gerade vor den drei Herren die Flügelthüren des Speisesaals öffneten, und hinter einem hochgehaltenen zweiarmigen Leuchter das ewig lächelnde Gesicht des Herrn Kindermann sichtbar wurde, der, als er hier die eigentümliche Gesellschaft beisammen fand, vergnügt mit den Augen zwinkerte und seinen Mund spitzte wie ein Karpfen. Dem Ordonnanzoffizier war diese Erscheinung wahrhaft tröstlich, er trat einen Schritt zurück, um ihn vorbei zu lassen, Herr Kindermann grüßte aufs verbindlichste Seine Exzellenz, den Kammerherrn, sowie auch den Herrn von Fernow, jeden einzeln nach den verschiedenen Abstufungen je nach ihrem Range, dann sagte er, als er eben durch die Gruppe dahinglitt, mit einem leise lispelnden Tone: »Seine Hoheit haben sich zum Thee bei Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise ansagen lassen. Seine Hoheit werden um neun Uhr dort sein.« Damit wendete er sich erhobenen Hauptes links gegen die kleine Thür, welche auf die geheimen Gänge und Treppen führte, und verschwand dort. »Verflucht!« sprach der Oberstjägermeister mehr zu sich selber als zu einem der anderen. – »Das ist sehr unangenehm,« wandte sich der Kammerherr mit leiser Stimme gegen Baron Rigoll. »Was thun wir?« – »Fahren wir nach Hause, das ist offenbar das Klügste.« – »Zu mir?« fragte Baron Wenden. – »Ich habe nichts anderes vor,« versetzte der Oberstjägermeister. »Und du, Fernow?« »Wenn ein Platz für mich bleibt, so begleite ich dich.« »So wollen wir gehen, wenn es Eurer Exzellenz gefällig ist.« Was sollte der Ordonnanzoffizier thun? Blieb er zurück, um das Fräulein aus ihrem Versteck durch den Saal zu geleiten, so war er von der bekannten Wißbegierde des Oberstjägermeisters überzeugt, derselbe werde sich irgendwo placieren, um die Unbekannte zu belauschen. Den Baron Rigoll durfte er also nicht aus den Augen verlieren, wenn er auch dem Kammerherrn nicht auf Befehl des Regenten hätte folgen müssen. Wie schlug ihm jedoch das Herz vor Besorgnis und wieder vor Entzücken, als sie sich der mittleren Fensternische näherten! Wie eilte er, vorbei zu kommen, als der Baron Wenden zum Oberstjägermeister kicherte und leise sprach: »Hier war es. O, ich täusche mich nicht leicht in so etwas.« Endlich hatten sie indessen das Ende des Saales erreicht, und als sich die Thür hinter ihnen schloß, atmete der junge Offizier lange und tief auf. Seine Gedanken blieben hinter ihm, und ungesehen von den anderen drückte er seine rechte Hand auf sein heftig schlagendes Herz. Unten vor dem Hauptportale wartete der Wagen der Exzellenz. Die drei behalfen sich so gut wie möglich in dem Coupé und erreichten nach einer kurzen Fahrt die Wohnung des Baron Wenden, ein elegantes Garçonappartement mit allen dazu gehörigen erdenklichen Bequemlichkeiten und Thorheiten, mit Bildern, Waffen, Statuetten, Fauteuils, Sesseln und den phantasiereichsten Ruheplätzen, mit blühenden Blumen und verblichenen Stickereien. – Eine Partie Whist ward in Vorschlag gebracht. Das Spiel begann, und da es von drei guten Spielern gespielt wurde, so war es ein vollkommenes Whist. Man hörte nur das Fallen der Karten und das Ansagen der Tricks und Honneurs, mit der einzigen Unterbrechung, daß man eine Tasse Thee nahm, oder eine Zigarre anbrannte. Baron Rigoll wollte eben seinen Platz gegenüber dem Strohmann nehmen, als der Kammerdiener des Hausherrn eintrat und eine Visitenkarte überbrachte, die eben draußen ein Herr für Seine Exzellenz abgegeben. Der Oberstjägermeister warf einen Blick auf dieselbe und schien überrascht, fast erschreckt. Er erhob sich augenblicklich von seinem Stuhle und fragte: »Wo ist der Fremde?« – »Er wartet draußen im Vorzimmer,« antwortete der Bediente. Seine Exzellenz reichte dem Kammerherrn die Karte mit einem vielsagenden Blick über den Tisch und sprach: »Sie werden mir erlauben, daß ich den Herrn bei Ihnen empfange. Ein genauer Bekannter von mir, Graf Hohenberg,« fügte er gegen den Offizier gewendet hinzu. Nach diesen Worten war er hinausgeeilt und kehrte gleich darauf mit dem Angemeldeten zurück, worauf die gewöhnliche Vorstellung stattfand. Der Angekommene war ein Mann vielleicht an den Vierzigen, mit einem klugen, aber etwas verlebten Gesicht. Seine Figur war schlank und elegant; er trug einen militärischen Schnurrbart, und seine Haltung erschien entschlossen und aufrecht. Er grüßte ungezwungen, bat um Entschuldigung, daß er die Herren störe, und setzte hinzu, er bedaure das um so mehr, da er sich nur erlaubt habe, die Wohnung des Baron Wenden aufzusuchen, um den Oberstjägermeister von hier zu entführen. Baron Rigoll, der gewöhnlich keine großen Umstände machte, hielt sich dem Fremden gegenüber außerordentlich verbindlich, fast ehrerbietig. Auch er entschuldigte sich flüchtig und entfernte sich alsdann mit dem Grafen. Herr von Fernow war nicht betrübt darüber, daß das Spiel aufhörte, er lehnte sich in seinem Fauteuil zurück, blies die Rauchwolken seiner Havana vor sich in die Höhe und überlegte, ob er jetzt seinen unangenehmen Auftrag auf Umwegen mitteilen oder mit der Thür ins Haus fallen solle. Der Kammerherr blickte, in tiefe Gedanken versunken, in die Lichter auf dem Tisch. – »Kanntest du den Herrn, der eben da war?« fragte endlich der Offizier. – »Ich habe von ihm gehört,« versetzte Wenden. – »Woher?« – »Ich glaube aus S.« – »Und wird länger bleiben?« – »Je nach Umständen.« »Hast du noch Lust,« sagte Herr von Fernow nach einem kurzen Stillschweigen, »mich über eine nicht unwichtige Sache anzuhören?« »Eigentlich bin ich müde,« versetzte der Kammerherr gähnend. »Nach der Tafel hatte ich eine zufällige Audienz beim Regenten.« »Wie ging das zu?« fragte der Kammerherr, und nachdem ihm der Offizier die Veranlassung erzählt hatte, auf welche er das Kabinett betreten: »Was wollte er?« »Davon später. Zunächst plauderte er mit mir, fragte mich um meine Verhältnisse, und ich erlaubte mir, ihn darüber aufzuklären, weshalb ich im Avancement zurück und noch nicht unter die wirklichen Adjutanten eingereiht sei.« »Und das nahm er freundlich auf?« – »Aufs freundlichste.« »Siehst du, der Augenblick des Glücks!« »Das habe ich mir auch gedacht. Dann aber kam die Rede auf – dich.« »Alle Teufel! auf mich?« versetzte der Kammerherr, vom wohlwollenden und gefälligen Zuhören schnell zur gespanntesten Aufmerksamkeit übergehend. – »Auf mich? Da bin ich doch begierig.« – »Ich war es ebenfalls, mein lieber Wenden. Aber nimm mir nicht übel, ich wollte lieber, er hätte nicht von dir gesprochen.« »Du bringst mich in eine schöne Aufregung!« rief erschrocken der Kammerherr. »Treib mit so was keine Späße! Sei ehrlich und sage die Wahrheit. Sprach er nur so im allgemeinen über mich, oder ging er in Details ein?« »Ziemlich in Details.« »Sei verständig, Fernow,« fuhr der Baron wirklich beunruhigt fort, indem er mit der Hand über seine Stirn strich: »Du bist doch kein Kind und weißt, daß aller Scherz seine Grenzen hat. Nun, ich will es dir verzeihen, wenn du einen schlechten Witz gemacht hast.« »Ich habe aber keinen schlechten Witz gemacht.« »Dann sprich in Gottes Namen,« bat kleinlaut der Kammerherr, wobei er in stiller Resignation in seinen Fauteuil zurücksank und die Zigarre neben sich auf den Spieltisch legte. »Seine königliche Hoheit gab mir einen Auftrag an dich.« »Den du mir als Freund ausrichten sollst?« »Nicht so ganz. Vielmehr als Ordonnanzoffizier.« »O-o-oh! Das könnte mich völlig überraschen. Aber sprich nur, sprich, ich bin auf alles gefaßt, obgleich ich keine Ahnung habe, was Seine Hoheit an mir auszusetzen belieben.« »Denke an den kleinen Papierstreifen.« »Nun?« rief der Baron, indem er emporfuhr und seinen Freund wie atemlos anstarrte. »An deine Unterredung mit der Prinzessin Elise. Seine Hoheit scheint das mißliebig bemerkt zu haben; aus welchem Grunde? davon habe ich freilich keine Idee; du weißt das vielleicht besser als ich.« »Ich weiß gar nichts!« rief heftig der Kammerherr. »Aber nun deinen Auftrag! Deinen Auftrag!« »Es wird mir schwer, ihn auszurichten. Seine Hoheit, obgleich nicht ungnädig für dich gesinnt, läßt dich ersuchen, ein paar Tage zu Hause zu bleiben – du kannst ein Unwohlsein vorschützen – und nicht eher wieder im Schlosse zu erscheinen, bis der Regent dich dazu auffordert.« »Eine Ungnade! Eine Ungnade!« jammerte aufspringend der Kammerherr. »Wer hat mir das gethan?« Und verschwunden auf einmal war die klassische Ruhe, die er so gerne zur Schau trug; verschwunden das süße und gleichförmige Lächeln seines Mundes, ja, sein ganzes Gesicht, das sonst wie der Spiegel eines stillen aber tiefen Wassers aussah, arbeitete jetzt nach allen Richtungen; die Wogen seiner Gedanken schienen über ihre Ufer schlagen zu wollen. »Alteriere dich nicht so entsetzlich,« sprach begütigend der Ordonnanzoffizier. indem er ebenfalls aufstand. »Das ist für einen oder zwei Tage. Du kennst meine Freundschaft für dich. Ich glaube, daß ich mir selbst erlauben darf, den Regenten morgen, übermorgen an dich zu erinnern.« »So hoch steht du in Gunst?« sagte Baron wenden. »Es wäre möglich,« entgegnete Herr von Fernow. »In der That, dann hast du gut zugegriffen,« rief Baron Wenden in gerade nicht freundschaftlichem Tone. »Aber thu mir die Liebe und laß mich jetzt allein. Ich bin zu aufgeregt, zu außer mir, selbst für deine Gesellschaft.« »Ein Philosoph wie du!« sagte der andere. »Was kümmert dich eine vorüberziehende Wolke am Hofhimmel! Hat sich doch deine Theorie glänzend bewährt.« »Zum Teufel mit meiner Theorie! Sie hat mich ins Gesicht geschlagen, diese Theorie. Ich glaubte, den Augenblick des Glückes zu erfassen – es war der Augenblick des Unglücks. – Gute Nacht!« »Gute Nacht denn. Ich werde morgen nach dir sehen!« Damit trennten sich die Freunde, und während der eine von finsteren Gedanken bewegt, hastig im Zimmer auf und ab schritt, trat der andere glücklich, selig vor das Haus, und als er an den klaren Nachthimmel hinaufblickte, dachte er an den leisen Druck ihrer Hand, der lauter zu seinem Herzen gesprochen, als tausend Worte es vermocht, und sprach mit einem innigen, herzlichen Gedanken an sie: »Das war der Augenblick des Glücks!« Achtes Kapitel. Ein photographisches Atelier. Wenn ich mir erlaube, dem geneigten Leser zu sagen, daß ein Bild aus Licht und Schatten besteht, sowie daß unser Leben aus Kontrasten zusammengesetzt ist, so wird er umso eher und bereitwilliger glauben, als ich ihm hiermit keine neue Wahrheit verkündige, er dasselbe vielmehr täglich und stündlich schon selbst erfahren hat. Daß sich die Kontraste berühren und ebenso gut wie vom Erhabenen zum Lächerlichen, so auch von Glanz, Pracht und Herrlichkeit zu Armut und Elend oft nur ein kleiner Schritt ist, das haben wir ebenfalls alle sattsam erfahren, und wird mir nun ferner auch der geneigte Leser aufs Wort glauben, wenn ich ihm versichere, daß das Haus mit der Wohnung des Baron Wenden, so elegant und vornehm es sich auch von der Vorderseite präsentierte, doch hinten an eine finstere, stille Gasse stieß, welche es gleichsam vom Verkehr wohlhabender und vornehmer Leute förmlich absperrte. Ja, dieses Haus mit einer trotzigen unverschämten Breite und Höhe nahm der armen Gasse einen guten Teil der so notwendigen Lebensbedingungen: Luft, Licht und Sonne. Daher mochte es denn auch wohl kommen, daß sich die alten Häuser mit ihren hohen Giebeln kummervoll vorwärts geneigt hatten, als wollten sie soviel wie möglich in die Straße hereinragen, um an dem bißchen Sonnenlicht, das in gewissen Stunden fast wie spottend an den grauen Mauern dahinfuhr, nach besten Kräften teilzunehmen. Wollten wir den verschiedenen Wohnungen in dieser Gasse einen Besuch machen, so würden wir so viel Stoff finden, daß die Bearbeitung desselben am Ende langweilig werden könnte; auch würde es sich nicht mit dem Titel unserer wahrhaftigen Geschichte vereinigen lassen, in den meisten dieser Häuser zu verweilen; denn da würden wir von Augenblicken des Glücks sehr wenig erfahren, wohl aber von Stunden, langen Jahren, ja ganzen Menschenaltern des Unglücks. Eines dieser alten Häuser aber, das größte in seiner Art, das stattlichste, gehört in den Bereich dieser Geschichte, und muß sich der geneigte Leser schon unserer Leitung anvertrauen, um mit uns fünf der ziemlich dunklen, holperigen und ächzenden Treppen hinaufzuklettern. Warum wir gerade im oberen Stockwerk anfangen, wollen wir nicht verschweigen. Wir befinden uns hier oben im unteren Teil des Dachgiebels, der nach Norden zeigt, haben, was den unteren Etagen völlig abgeht, eine ziemliche Aussicht auf die umherliegende Stadt, d.h. auf einige Tausend Dachseiten und doppelt und dreifach so viele Schornsteine. Da es vormittags gegen zehn Uhr ist, so sind die zahlreichen Kinder, die das Haus beherbergt, in der Schule oder sonstwo bei der Arbeit beschäftigt, weshalb das große Haus ziemlich ruhig daliegt. Unten feilt freilich ein Schlosser, im ersten Stock klopfen Schuhmacher, wir hören auch im zweiten Stock eine scheltende Weiberstimme, aber alles das verhallt in dem großen Bau, und wenn wir noch eine Treppe höher steigen in den vierten Stock, so vernehmen wir wenig mehr von der Feile, dem lederklopfenden Hammer und dem scheltenden Weibe. Dagegen klingt eine helle und frische Mädchenstimme an unser Ohr, und wenn sie singt: »Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein, Hangen und bangen in schwebender Pein, Himmelhoch jauchzend – zum Tode betrübt, Glücklich allein ist die Seele, die liebt,« so sagt uns die ungekünstelte, herzliche Art, mit der sie ihr Lied vorträgt, daß ihr Herz weiß, was sie singt, daß ihr Herz zuweilen schneller schlägt, und daß sie glücklich in ihrer Liebe ist. An der Thür, hinter welcher die Mädchenstimme ertönt, lesen wir auf einem Stück Papier, das dort angeklebt ist: »Witwe Weiher besorgt alle Arten Strohflechterei.« Die Stimme klingt so frisch und jugendlich, daß wir gern hineintreten möchten, uns einen Strohhut zu bestellen oder ein Zigarrenetui zu kaufen; doch treibt uns der Gang dieser wahrhaftigen Geschichte noch eine Treppe höher hinauf, und wenn wir nun in dem fünften Stock angelangt sind, stehen wir vor einer anderen Thür mit der Aufschrift: »Photographische Anstalt von Heinrich Böhler«. Hier, wie im Palaste des Fürsten, haben wir die Macht, ungehindert und ungesehen einzutreten. Wir kommen in ein geräumiges Zimmer, dessen schiefe Decke an der einen Seite anzeigt, daß sie in das Dach hineinragt. Vor uns haben wir ein großes Fenster, an dessen Einfassung und Scheiben wir deutlich ersehen, daß dasselbe erst in jüngster Zeit zum Gebrauche des photographischen Apparats eingesetzt wurde. Die anderen Fenster im Hause mit ihren kleinen staubigen Glasscheiben haben sich auch bedeutend über den unverschämten Eindringling geärgert, denn je heller und goldener der letzte Strahl der Abendsonne diesen in seiner Höhe vergoldet, um so mürrischer und unzufriedener blicken alle anderen Fensteröffnungen alsdann auf die dämmerige Straße. Das Gemach hat weiße Kalkwände und ist sehr bescheiden möbliert. Gegenüber dem großen Fenster steht der Ofen, neben diesem ein breiter tannener Tisch, und ein paar eben solche Stühle, sowie ein ähnlicher Kasten vollenden die Einrichtung. Neben dem Fenster befindet sich dagegen eine kleine Ecke eleganter, fast reicher Ausstattung. Da ist ein erhöhter Fußboden mit einem Stückchen Teppich von spanischen Wänden umgeben, die mit alten seidenen Vorhängen malerisch drapiert sind. Auch sehen wir hier einen geschnitzten Eichenholzstuhl, ein rundes Tischchen mit gedrehtem Fuß und auf demselben eine große Vase mit Blumen. Vor dieser Ecke steht der photographische Apparat auf einem Stativ, jetzt bedeckt mit einem dunklen Tuche, welches das geheimnisvolle Glasauge verhüllt, mit dem die gespensterhafte Maschine ihr Opfer anstiert, um es alsdann in erschreckender und oft auch in erschrecklicher Ähnlichkeit wieder zu geben. Ja, sie ist verhüllt wie in der Menagerie der Käfig des Basilisken oder die große Schlange mit den bezaubernden Augen; denn dem photographischen Apparat ist vielleicht ebensowenig zu trauen, und wenn er unbedeckt dastände, wer bürgt dafür, daß ihm nicht auf einmal einfiele, Gegenstände aus dem Zimmer oder der Nachbarschaft in sich aufzunehmen und auf seine Weise zu bearbeiten; die sich nicht immer für die Öffentlichkeit eignen. An den Wänden hingen teils in Rahmen, teils mit kleinen Nägeln aufgeheftet, photographische Arbeiten, von denen einige sehr gelungen genannt werden konnten; andere aber, namentlich solche, wo sich mehrere Personen auf einem Blatte befanden, waren in den Stellungen verfehlt, und es zeigten die Figuren, wie bei vielen Arbeiten der Art, das seltsame Bemühen, sich so unnatürlich wie immer möglich zu halten und so krampfhaft auszusehen, so schmerzlich zu lächeln und den Beschauer so stier anzublicken, daß man nicht umhin kann, an plötzlich ausbrechenden Wahnsinn, an Schlagflüsse oder dergleichen zu denken. Künstlerisch schön aufgefaßt war dagegen das Porträt eines jungen Mädchens, welches selbst von der gespensterhaften Maschine mit Liebe wiedergegeben worden zu sein schien. Dies Blatt, mehrmals vervielfältigt, war ohne alle Retouche und gab trotzdem ein sehr liebliches Bild, das von einer wunderbaren Ähnlichkeit sein mußte. Das junge Mädchen, obgleich im einfachen Hauskleide, zeigte eine prachtvolle Gestalt; sie hatte den Kopf etwas erhoben und schien mit ihren hellen klaren Augen in die Höhe zu blicken. Es war, als lausche sie etwas Angenehmem, so war der Ausdruck ihres Gesichts, und das drückten die leicht geöffneten feinen Lippen aus. Ihr rundes Gesicht war umgeben von reichem, kunstlos und doch ungemein kokett aufgestecktem Haar. Sie ließ die zusammengelegten Hände herabhängen und hielt zwischen den Fingern etwas, das wie ein Bouquet ausschaute; bei näherem Betrachten aber sah man, daß es eine kunstreich gearbeitete Strohschleife war. Einmal befand sich dieses Porträt an der Wand in einem schönen aus Holz geschnitzten Rahmen; und wo dieser am Nagel hing, da bemerkte man einen Strauß vertrockneter Feld- und Waldblumen mit zierlichen Gräsern, die so über das Porträt hereinnickten, daß man glauben konnte, die klaren Augen des Mädchens blickten nach ihnen, und wenn man sich dieser Phantasie hingab, so konnte man auch den zufriedenen glücklichen Ausdruck ihres Gesichtes verstehen, in dem die Erinnerung einer glücklichen Stunde lag. Im Zimmer befinden sich drei Personen; an dem Tannentisch sitzt eine alte, einfach, aber reinlich gekleidete Frau mit einem guten Gesichte, auf dem sich Zufriedenheit und Wohlwollen abspiegeln. Man sieht ihr an, daß sie gern lacht, und daß die kleinste Veranlassung im stande ist, sie in eine heitere Stimmung zu versetzen. Der Besitzer der photographischen Anstalt, Herr Heinrich Böhler, befindet sich ebenfalls an dem Tische, und daß er der Sohn seiner Mutter ist, sehen wir an der außerordentlichen Ähnlichkeit zwischen beiden. Er ist ein kräftig gewachsener schlanker junger Mann von vielleicht sechsundzwanzig Jahren, mit einem hübschen offenen und ehrlichen Gesichte, halbblondem, lockigem Haar, auf welches er etwas zu halten scheint, denn es ist sorgfältig gescheitelt, und die überall natürlich emporsteigenden krausen Locken sind mit Sorgfalt um Stirn und Schläfe geordnet. Die dritte Person sitzt an einem besonderen Tische in der Nähe des Fensters, ebenfalls ein junger Mann von gleichem Alter wie der Photograph, aber von der Natur sehr stiefmütterlich behandelt. Sein Gesicht ist gelb und hager, von schwarzen gerade herabhängenden Haaren beschattet, seine Figur klein und dürftig, und was bei anderen gerade gewachsenen Menschen wie eine gewölbte Brust aussieht, erscheint bei ihm als Höcker, der so weit vortritt und so hoch hinauf ragt, daß er fast sein spitzes Kinn darauf stützen könnte. Obendrein ist seine linke Schulter höher als seine rechte, und da er diesen Mangel durch eine gezwungene Haltung zu verdecken sucht, so gibt ihm das etwas Geziertes, welches noch widerwärtiger erscheint, als sein krüppelhafter Körperbau. Der kleine Mann ist Maler, retouchiert die Photographien, wo es verlangt wird, und malt den jungen Damen auf denselben rote, schwindsüchtige Backen. Da er den Kopf selbst bei der Arbeit immer etwas auf die linke Seite geneigt trägt, so mag es wohl daher kommen, daß er sich angewöhnt hat, mit seinen Augen alles von unten herauf zu betrachten, wodurch sein Gesicht einen lauernden Ausdruck erhielt. Leider aber sind wir gezwungen hinzuzusetzen, daß dieses lauernde, unstäte Aufblicken in seinem Charakter begründet und anfänglich wohl aus dem Mißtrauen entstanden war, das ihn gegen alle gerade gewachsenen und von der Natur besser behandelten Menschen erfüllte. Vielleicht hatte er auch als Kind von Lust, Glück und Liebe geträumt; vielleicht hatte er sich sogar später, seiner verkümmerten Gestalt noch nicht recht bewußt und im verzweifelten Wagnis einem geliebten Wesen genähert und war durch ein sonderbares Lächeln aus allen seinen Himmeln gestürzt worden, tief hinab in die Finsternis eines zerstörten Gemütes, wo ihm alsdann Zähneknirschen und krampfhaftes Zusammenballen der Hände Linderung und Labsal war. Letzteres, das krampfhafte Schließen der Hände hatte er beibehalten, und wenn er sprach, so zuckten seine Finger ab und zu, und er hob sie meistens gegen sein Gesicht, als sollten sie ihn in seinen Reden unterstützen. Vielleicht war es auch Eitelkeit, daß er so that, denn die Natur, die ihm sonst alles versagt, hatte ihm eine wunderschöne, feingeformte weiße Hand verliehen. – Herr Krimpf, der kleine Maler, saß da und zeichnete; die alte Frau Böhler strickte an ihrem Strumpfe, und der Photograph hatte eine Glastafel vor sich, in den Putzrahmen eingespannt, die er mit einem feinen Tuch polierte und zuweilen anhauchte, um zu sehen, wo irgend noch ein fettiges Teilchen sitzen geblieben war. Wir müssen hierbei erwähnen, daß Herr Böhler die Lappen, womit er das Glas putzte, auf eine eigentümliche Art hielt, was daher kam, weil er sich durch einen unglücklichen Zufall den Zeige- und Mittelfinger vor nicht langer Zeit schwer verletzt hatte. »Heute scheint wieder einmal niemand zu kommen,« sagte er, indem er die alte Frau anblickte; »doch will ich nicht darüber klagen, denn wenn es bei uns wie im Bäckerladen ginge, so würde ich ja am Ende noch ein reicher Mann werden, und daran denke ich doch wahrhaftig nicht.« »Es ist noch früh,« sprach Frau Böhler, »die Leute kommen ja meistens um die Mittagsstunde, da soll das Licht am besten sein, wie du immer sagst.« Herr Krimpf am Fenster wandte seinen Kopf noch mehr auf die linke Seite, als wolle er seine Arbeit auch in einiger Entfernung betrachten; dann ließ er sich nach einer kleinen Weile vernehmen: »Die Konkurrenz thut's, die große Konkurrenz. Auf dem Marktplatz, in der Finken-, sowie in der Rosenstraße haben sich seit einigen Tagen neue Photographen niedergelassen. Der am Markt hat ein prachtvolles Atelier gebaut, ganz von Glas und Eisen.« »O, wir haben hier oben auch ein gutes Licht,« warf der andere hin; »ganz Norden und keine Mauern hinter uns, die Reflex geben.« »Dazu,« fuhr Herr Krimpf fort, »hat der am Markt einen eleganten Salon eingerichtet, wo Damen und Herren warten können, auch einen gewandten Bildhauer engagiert, der die schönsten Stellungen angibt.« »Nun, einen Salon haben wir freilich nicht,« entgegnete der Photograph, »und was den Bildhauer anbelangt, so glaube ich, daß sich Eure Stellungen damit messen können. Ihr müßt doch gestehen, Krimpf, daß wir in der letzten Zeit ganz famos gelungene Sachen gemacht haben.« »Sehr schöne Sachen,« bekräftigte die alte Frau, und damit nahm sie die Nadel, welche sie gerade abgestrickt hatte, in die rechte Hand und zeigte auf das Porträt des jungen Mädchens. »Gibt es wohl was Besseres bei allen Photographen, als das Bild der Rosa?« Herr Böhler hielt, als die Mutter so sprach, mit dem Reiben auf der Glasscheibe inne und blickte ebenfalls freundlich lächelnd zu dem Bilde des jungen Mädchens empor. »Ja, das ist sehr gelungen,« sprach er halblaut. Herr Krimpf hatte ebenfalls herübergeschielt, und ein Lächeln, von dem man nicht wußte, bedeutete es Schmerz oder Freude, zuckte um seinen breiten Mund, zu dem sich die Finger erhoben. »Das ist in der That sehr gelungen,« sagte auch er, »und wenn man das öffentlich ausstellen könnte, so wäre das Porträt allein im stande, uns eine Menge Kundschaft herbeizuziehen.« »Nein, nein, das würde ich nie zugeben,« fiel ihm der Photograph eifrig ins Wort, »selbst wenn sich Rosa dazu entschließen könnte.« »O, seid ganz unbesorgt,« warf der andere schnell ein, während er sich auf seine Malerei niederbückte, »die wird sich nie dazu entschließen, selbst wenn es den größten Vorteil brächte. Was bekümmert sich das hochmütige Mädchen um Eure Kundschaft, um Euer Fortkommen.« Frau Böhler hatte bei diesen Worten den Kopf geschüttelt, und zum erstenmal nahm ihr Gesicht einen ernsten Ausdruck an. »Krimpf, Krimpf,« sagte sie alsdann, »das ist ein Punkt, wo Ihr immer bösartig werdet, und wovon Ihr doch wahrhaftig nichts versteht.« »Sieht man nicht auch Prinzessinnen und Gräfinnen an den Schaufenstern ausgestellt?« »Daß sich eine vornehme Dame nichts daraus macht, von der Menge angegafft zu werden, begreife ich vollkommen. Wenn sie im Theater und im Konzert mit ihren Spitzen und Brillanten sitzen, so müssen sie es auch leiden, daß Tausende von Augen sie so lange anschauen, als es ihnen beliebt. Aber mit einem jungen bescheidenen Mädchen, das von der ganzen Welt nichts will, ist das doch was ganz anderes. Nehmt mir's nicht übel, Krimpf, wenn Ihr eine Schwester hättet –« »Oder eine Geliebte,« sagte giftig der Maler. »So möchtet Ihr es auch nicht haben,« fuhr Frau Böhler fort, ohne auf diese Worte zu achten, »daß sie jedermann anstarrte und fragte: Wer ist denn das Mädchen? Wie heißt sie? Was thut sie? Wo wohnt sie?« »Nun, was das anbelangt,« entgegnete der Maler nach einem kleinen Stillschweigen, »so stellt Mamsell Rosa ihr Licht auch nicht gerade unter den Scheffel und läßt sich gehörig auf der Straße sehen.« »Ja, wenn sie ausgehen muß oder mit ihrer Mutter im Schloßgarten spaziert,« bemerkte der Photograph in etwas gereiztem Tone und rieb seine Glasscheibe heftiger, als notwendig gewesen wäre. »Der Effekt ist derselbe,« fuhr Herr Krimpf hartnäckig fort. »Ich bin ihr schon oft begegnet und habe häufig gehört, wie der oder jener Lieutenant oder sonst ein junger Herumtreiber fragte: Wer ist denn das schöne Mädchen? Wie heißt sie? Was thut sie? Wo wohnt sie?« »Und wenn einer wirklich auch so was gefragt hat,« erwiderte der Photograph ärgerlich, »so hat Rosa doch gewiß niemals Anlaß dazu gegeben. Könnt Ihr das anders sagen?« fuhr er nach einer Pause fort, da der Maler sich achselzuckend über seine Arbeit niederbeugte; »hat sie je einen von Euern Herumtreibern angesehen oder durch ihr Betragen herausgefordert, daß er sich nach ihr umschaue und frage: Wer ist sie? Wo wohnt sie?« Herr Krimpf betrachtete die Arbeit, die vor ihm lag, so angelegentlich, als habe er in der ganzen Welt für sonst gar nichts Sinn. Er nahm aufs gleichmütigste einen anderen Pinsel und suchte lange nach einem schönen Blau, um das Kleid der Dame, die er eben retouchierte, zu lasieren, und erst als er fand, daß die gesuchte Farbe passend war, nickte er befriedigt mit dem Kopfe und warf dann leicht hin: »Ich muß selbst gestehen, daß Mamsell Rosa auf der Straße in der That keinem eine Veranlassung gibt, sich um sie zu bekümmern oder ihr nachzugehen.« Hätte er das »auf der Straße« nicht so hoch betont! Aber er that es und so stark, daß selbst die alte Frau ihren Kopf schüttelte und ihr Sohn nicht unterlassen konnte, zu entgegnen: »Krimpf, Ihr habt so ausdrucksvoll gesagt, Rosa gebe auf der Straße keine Veranlassung, daß man ihr nachsehe und sich um sie bekümmere, sie betrage sich auf der Straße nicht auffallend! Also vielleicht sonstwo, wenn auch gerade nicht auf der Straße?« Herr Krimpf zuckte abermals mit den Achseln, spitzte seinen Mund und hielt den Nagel des Daumens seiner rechten Hand gegen das Licht, um eine gemischte Farbe zu betrachten, die er darauf gesetzt hatte, während er sagte: »Seht, lieber Böhler, das ist das alte Kapitel. da brauch' ich nur ein unschuldiges Wort zu sagen, daran klammert Ihr Euch, setzt mir sozusagen die Pistole auf die Brust, und wenn ich mir dann erlaube, irgend eine Bemerkung fallen zu lassen, so heißt es, ich suche Streit und Unfrieden.« Die alte Frau winkte ihrem Sohne mit den Augen, das Gespräch fallen zu lassen, doch schien dieser es nicht bemerken zu wollen, und man sah deutlich, daß er sich in einer großen Aufregung befand, der er sich vergeblich bemühte, Herr zu werden. Sein Auge glänzte, und eine flammende Röte lag auf seinem Gesichte, während er die Lippen heftig zusammenpreßte. »Ich wollte nämlich sagen,« fuhr Herr Krimpf gleichmütig fort – »O, sagt lieber gar nichts,« unterbrach ihn rasch die alte Frau. »Kann es Euch denn eine Freude machen, meinen Sohn mit Sachen zu alterieren, von denen Ihr selbst am besten wißt, daß sie nur in Eurem Kopfe entstanden sind?« Es war ein eigentümliches, fast süßes Lächeln, mit dem der Maler jetzt zu der alten Frau hinübersah. Es war ein Lächeln, welches sagen zu wollen schien: Gute, arglose Seele, wie bedaure ich dich aus dem Grunde meines ehrlichen Herzens! Dann zuckte seine rechte Hand nach dem Munde empor, und seine Finger berührten diesen leicht, als wollte er sich selbst Stillschweigen auferlegen, worauf der Pinsel auf dem Papiere wieder gleichförmig feine Linien beschrieb. »Nein, nein, er soll reden!« sagte bestimmt der Photograph; »aber er soll mit geraden Worten reden. Krimpf, ich halte große Stücke auf Euch; nur in diesem einen Punkte geht Ihr nicht ehrlich mit mir um. Ich weiß wohl, was Ihr wollt. Ihr könnt mir keine Thatsachen berichten. Ihr habt nur böse Bemerkungen gegen das Mädchen, und doch könnt Ihr mir glauben, Krimpf, daß ich Euch in der That sogar dankbar wäre – wenn – . « Das letzte sagte er mit unsicherer gepreßter Stimme, wie jemand, der sich vor seinen eigenen Worten scheut; auch war er nicht im stande, den Satz zu vollenden. »Laß dir doch keine Grillen in den Kopf setzen,« sprach die alte Frau; »du weißt ja, was er dir sagen will. Gott der Gerechte! Und wenn sie hier und da auch einmal einen Blick hinüberwirft nach dem Fenster des großen Hauses, was thut so ein Blick? Habe ich in meiner Jugend doch auch meine Augen nicht immer zugeschlossen und bin doch eine brave Hausfrau geworden, das kann ich mir wohl nachsagen. – Ach was, so ein Blick!« »Es liegt ein großer Unterschied in der Art, wie man Blicke sendet,« meinte Herr Krimpf. »So wollt ihr also sagen, daß Rosa da hinüber Blicke sendet, wie sie sich für ein junges Mädchen nicht ziemen?« fragte Herr Böhler. »Wie es sich für ein junges Mädchen nicht ziemt, will ich grade nicht sagen, aber,« setzte er langsam und bedächtig hinzu, »wie es sich vielleicht für ein junges Mädchen nicht ziemt, die schon einen Liebsten, sozusagen einen Bräutigam hat, und wie es sich für ein junges Mädchen aus unserem Stande einem Manne jenes Standes gegenüber gewiß nicht paßt.« »Krimpf,« rief jetzt heftig der Photograph, »entweder, oder! Laßt Eure schlimmen Reden oder sagt mir gerade heraus, was Ihr denkt und wißt.« »Bosheiten, nichts als Bosheiten,« flüsterte leise die alte Frau. »Nun?« fuhr ihr Sohn gegen den Maler los, da dieser schwieg. »O, das ist sehr einfach,« antwortete Krimpf, »und ich sage nie etwas, wozu ich nicht meine Gründe habe. – Es gibt gewisse Stunden im Tage,« fuhr er in so gleichmütigem Tone fort, als begönne er eine Geschichte: Es war einmal ein König, der hatte eine schöne Tochter, – »es gibt gewisse Stunden, wo Mamsell Rosa ihr Fenster öffnet und sich an demselben sehen läßt. – Wißt Ihr, das Fenster ist gerade unter uns, also kann es Euch nicht gelten. Da ans Fenster stellt sie sich, doch ehe sie sich hinstellt, singt sie vorher, und sie hat eine schöne Stimme und kann sehr laut singen. Habt Ihr sie vorhin singen hören?« fragte er mit seinem fatalen, lauernden Lächeln. »Ja, ich habe sie gehört,« sagte der andere mit fast tonloser Stimme. »Nun also,« sprach Herr Krimpf mit dem ruhigsten Tone von der Welt weiter, »dann wette ich hundert gegen eins, daß sie sich jetzt am Fenster etwas zu schaffen macht.« »Und wenn dem so wäre,« mischte sich die alte Frau gereizt in das Gespräch, »wollt Ihr dem jungen Mädchen verbieten, ans Fenster zu treten und frische Luft zu schöpfen?« »Ich? Ganz und gar nicht. Ich will ihr überhaupt nichts verbieten. O, wenn Ihr nur einmal begreifen wolltet, wie ehrlich ich es mit Euch meine. Nicht wahr, wo ich hier sitze, bin ich nicht im stande, in die Nachbarschaft zu sehen? Das werdet Ihr mir zugeben. Was ich also jetzt sagen will, kann ich nicht vorher gesehen haben. Unserem Hause gegenüber liegt, wie Ihr wißt, das große Palais, das mit seiner Pracht und Herrlichkeit unsere arme dunkle Gasse sozusagen absperrt und uns verhindern will, mit der vornehmen Welt, die dort wohnt, in gar zu nahe Berührung zu kommen. Aber diese vornehme Welt,« fuhr er boshaft fort, »kommt doch zuweilen gern mit uns in Berührung. Also im ersten Stock drüben ist ein Fenster, gerade dem der Frau Witwe Weiher gegenüber; der Gesang ist verstummt, Rosa steht am diesseitigen Fenster und am jenseitigen befindet sich, oder meine Ahnung müßte mich trügen, ein junger Herr, wahrscheinlich im rotseidenen Schlafrock, da es noch früh ist. Er blickt angeblich in unsere schlechte Gasse, vielleicht vermittelst seines Opernglases, vielleicht auch nur so, und treibt allerlei kleine Thorheiten. Er legt die Finger an den Mund, oder drückt ein Blumenbouquet, das er neben sich hat, an die Lippen, fächelt sich vielleicht auch mit seinem Schnupftuche Kühlung zu – – « Schon bei den ersten Worten, die Herr Krimpf sprach, wollte sich der Photograph hastig erheben, doch legte ihm die alte Frau ihre Hand auf den Arm und ihr Blick bat ihn, ruhig zu bleiben. Als aber der Maler in seiner boshaften Art alle die Einzelheiten berichtete, da ließ es den anderen nicht länger auf seinem Stuhle, er sprang in die Höhe, holte tief und heftig Atem und trat an eine Stelle des Zimmers, wo er das gegenüberliegende Haus ins Auge fassen konnte. Herr Krimpf blickte nicht einmal zu ihm empor, vielmehr malte er ruhig an seinem Bilde und sagte nach einer Pause: »Hab' ich recht oder unrecht?« Auch Frau Böhler war hinter ihren Sohn getreten, und das sonst so wohlwollende Gesicht der alten Frau hatte sich finster überzogen. Daß jemand drüben am Fenster war, darin hatte der Maler allerdings recht; und wenn der geneigte Leser mit uns hinüberschauen will, so bemerkt er einen der Fensterflügel im ersten Stock geöffnet; an demselben steht ein Fauteuil, und auf diesem ruht ein junger Mann in rotem Schlafrock, der den Arm auf die Brüstung gestützt hat, den Kopf in die Hand gelegt, und zwar so, daß der Zeigefinger derselben an seinen Lippen ruht. Der junge Mann am Fenster hat sein blondes Haar glatt an den Kopf gestrichen, Kinn und Wangen sind sorgfältig rasiert, den feinen Mund hat er lächelnd zusammengezogen, und die lebhaften Augen fixieren sich scharf auf einen Punkt ihm gegenüber. Der junge Mann im Schlafrock ist unser Bekannter, der Kammerherr von Wenden, der sich in seinem Hausarrest außerordentlich langweilt und sehr vergnügt zu sein scheint, in der Nachbarschaft ein vorübergehendes Amüsement gefunden zu haben. Der Photograph fuhr mit der Hand heftig in sein lockiges Haar und preßte sie dann an seine Stirne; – der junge Mann gegenüber lächelte freundlich herüber, nickte auch leicht mit dem Kopfe, und jetzt kam auch das Blumenbouquet zum Vorschein, von dem der Maler gesprochen. – »Nun?« fragte dieser abermals. »Habe ich recht oder unrecht?« »Seht, Krimpf,« sprach jetzt die alte Frau mit erzürntem Tone, »ich kann nicht begreifen, wie es Euch ein Vergnügen machen kann, meinen Sohn mit so lächerlichen Sachen zu quälen. Was kümmert es die arme Rosa, wenn da drüben wirklich ein junger Mann am Fenster steht und seine Thorheiten treibt? Sie wird nicht nach ihm schauen, wird in ihrer Küche beschäftigt sein oder mit ihrer Strohflechterei. Wie könnt Ihr Euch einbilden, daß sie jetzt gerade auch am Fenster unter uns stehe? Kennt Ihr die alte Weiher so schlecht? Die hat Augen wie ein Falke, und Rosa würde schön ankommen.« »Daß die alte Weiher Augen wie ein Falke hat, daran habe ich noch nie gezweifelt,« versetzte der Maler mit einem geringschätzenden Seitenblick; »doch nicht für ihre Tochter. Da ist sie, um in Eurem Gleichnis fortzufahren, blind wie eine Eule, sonst müßte sie die Geschichte schon lange gemerkt haben. Schon lange!« »Nein, das ist nicht möglich,« knirschte der junge Photograph. »Rosa kann nicht am Fenster sein und da hinüber sehen, das kann und wird sie mir nicht anthun. Es ist eine Schande, daß ich nur einen solchen Gedanken hatte. Von Euch finde ich es begreiflich, Krimpf,« setzte er in fast verächtlichem Tone hinzu. »Diese Bemerkung kann mich gar nicht anfechten, ich bin meiner Sache gewiß,« flüsterte der brave Krimpf vor sich hin. »Und ich will mich überzeugen,« sagte entschlossen Herr Böhler. »Das Fenster der Schlafkammer ist offen. Wenn ich mich vorbeuge, kann ich hinabschauen, und ich will es denn in Gottes Namen für dieses Mal thun, um den Krimpf zum Stillschweigen zu bringen. Bleibt hier, Mutter,« fuhr er fort, als er, sich umwendend, sah, daß ihn die alte Frau begleiten wollte. »Aber ich sollte eigentlich mitgehen,« meinte der Maler, und dabei lächelte er auf ganz eigentümliche Art und kniff die Augen so zusammen, daß nur noch ein paar Blitze herausschossen: »ich sollte eigentlich mitgehen, sonst ist die Partie vollkommen ungleich.« Der andere war aber schon in das Nebenzimmer getreten und hatte sich mit klopfendem Herzen dem Fenster genähert. Er wußte nicht, wie es kam, daß er nur mühsam Atem schöpfen konnte, und daß das Blut wie im Fieber durch seinen Körper raste. – Jetzt stand er am Fenster. Ehe er aber hinabblickte, faßte er mit der Hand krampfhaft die Brüstung. O, warum mußte der Maler Recht haben! Warum stand Rosa jetzt gewiß und wahrhaftig am Fenster! Warum lehnte sie sich heraus, daß er deutlich ihr volles, schönes Haar sah, ihren Hals, ja die schlanke Taille und ihre kleine Hand, mit der sie leicht das Fensterkreuz gefaßt hielt und so auf dem erhobenen Arme ihren Kopf ruhen ließ. Er hätte hinausschreien können, er hätte wie ein Kind weinen mögen, denn er war zu fest überzeugt gewesen, daß Krimpf verleumdet habe. Kein Zweifel, es war Rosa selbst! Wenn er auch nur ihre Fingerspitzen gesehen hätte oder eine einzige Flechte ihres Haares, so hätte er gefühlt, daß sie es sei. Es ward ihm dunkel vor den Augen, und als er jetzt seine Lippen fest aneinander preßte, so schwellte ihm der Atem so heftig die Brust, daß sie zu zerspringen drohte. Also doch! Er blickte auf das Mädchen hinab, und es war ihm, als müsse er sie mit seinen Gedanken in das Zimmer zurückziehen können. Dann sah er neben ihr vorbei in die schwindelnde Tiefe, und es flimmerte seltsam vor seinen Blicken. Er wollte Rosa! rufen, aber er that es nicht. Er blickte auf das gegenüberliegende Haus und sah, wie sich der junge Mann am Fenster, unverwandt herüber blickend, langsam erhob, wie er dabei die Hand leicht an seine Lippen legte, ja wie er herüber winkte. Ach und wie ward dem Späher, als der nun sehen mußte, wie Rosa ebenfalls ihre Stellung änderte, wie sie die Hand und den Arm, auf denen soeben ihr Kopf geruht, langsam herabsinken ließ, und wie sie, ehe sie das that, leicht mit ihren weißen Fingern über das schwarze Haar herabfuhr. – Dann verschwand sie vom Fenster. Er aber oben preßte seine beiden Hände gewaltig gegen die Brust und blickte an den blauen Himmel empor, der ihm mit einem Male stockdunkel erschien, und an dem Blitze hin und her fuhren, Blitze aus heiterer Luft, von denen er nicht wußte, woher sie kamen. Er mußte in das Wohnzimmer zurück, das fühlte er wohl, aber er mußte lange mit sich kämpfen, ehe sein Atem wieder ruhiger ging, ehe seine Augen den sonderbar entsetzlichen Ausdruck verloren hatten, ehe sein Gang wieder so gleichmäßig geworden, nicht mehr so schwankend war, als da er vom Fenster wegtrat. Ja, er versuchte zu lächeln, und es gelang ihm, als er nun wieder vor die beiden im Nebenzimmer trat, wo ihn die alte Frau bestürzt anblickte, denn wie sie ihm später sagte, habe er zum Erschrecken blaß ausgesehen. Herr Krimpf hob ebenfalls den Kopf in die Höhe, und auch er lächelte, als er in die entstellten Züge des Photographen blickte. Darauf zuckten seine Finger wie vergnügt nach seinem Kinn und als er sagte: »Nun?« lag in diesem einzigen Worte ein Hohn, ein Triumph, der unaussprechlich war. »Nun?« fragte auch die alte Frau. »Die Rosa war nicht am Fenster,« entgegnete der andere so gelassen, als es ihm möglich war. Dabei blickte er besorgt auf den Maler, der aber seinen Kopf so tief über das Papier gebeugt hatte, daß man sein eigentümliches Grinsen nicht sehen konnte. – »Nein, sie war nicht am Fenster,« wiederholte er nach einer Pause und einem tiefen Atemzuge. Ein paar Sekunden lang war es nun auch so still in dem Zimmer, daß das Ticken der Schwarzwälderuhr ein fast unerträgliches Geräusch machte. Dann sagte Herr Krimpf: »Nun, wenn sie nicht am Fenster war, so ist es mir lieb, und ich will recht gern unrecht gehabt haben. Denn wäre sie am Fenster gewesen,« setzte er mit scharfer Betonung hinzu, indem er den Kopf erhob, »so hätte ich recht behalten, und man müßte dann die Rosa für ein unverantwortlich leichtsinniges Mädchen halten, für ein Mädchen, das nicht wert ist, daß ein braver Mann, wie Ihr, sie liebt. – Darin stimmt Ihr mir bei, nicht wahr, Böhler?« »Ja – darin,« entgegnete der Photograph in einem Tone, dem man deutlich anhörte, wie mühsam und schmerzhaft er hervorgebracht war. – Hierauf schien er aber nicht geneigt, sich noch in weitere Erörterungen einzulassen, sondern ging abermals in das Nebenzimmer, nicht um dort wiederholte Fensterbeobachtungen zu machen, vielmehr setzte er sich so entfernt wie möglich von demselben in eine Ecke der Kammer, barg das Gesicht in beiden Händen und blieb unbeweglich. Neuntes Kapitel. Chantons, buvons, traleralera. Herr Krimpf hatte eine Zeitlang emsig fortgemalt und schien auch mit seiner Arbeit vollkommen zufrieden zu sein. Er betrachtete die Photographie, die er retouchierte, bald von dieser, bald von jener Seite, und während er so den Kopf bald rechts, bald links wandte, summte er in sich hinein eine lustige Melodie, was selten genug vorkam. Bald jedoch schien er mit seiner Arbeit für jetzt aufhören zu wollen, betrachtete das Porträt ein paarmal aus der Entfernung, legte es alsdann zwischen Fließpapier und fing an, seinen Pinsel mit großem Geräusche in einem vor ihm stehenden Wasserglase auszuspülen. Die alte Frau hatte sich mit ihrem Strickstrumpf wieder an den Tisch gesetzt, doch zeigte ihr Gesicht lange nicht mehr den heiteren, wohlwollenden Ausdruck wie früher, bald blickte sie besorgt nach der Kammerthür, dann einigermaßen entrüstet auf den Maler, der seine Farben zusammengelegt hatte, einen besseren Rock anzog, der in der Ecke hing, und sich zum Weggehen anschickte. »Es scheint diesen Vormittag niemand kommen zu wollen,« sagte er, »und da will ich einen kleinen Ausgang besorgen. Gegen zwölf Uhr bin ich wieder da, wenn man mich vielleicht doch noch brauchen sollte.« Bei diesen Worten hatte er den Rock bis unter das Kinn zugeknöpft und trat an das Fenster, um einen Blick in die Nachbarschaft zu werfen. »Ja, ja,« murmelte er vor sich, aber doch so laut, daß es die Frau deutlich verstehen mußte, »diese vornehmen Herren! Es ist mir begreiflich, daß ihnen so allerhand verfluchte Geschichten durch den Kopf gehen, da sie doch auf der Herrgottswelt den ganzen Tag so gut wie gar nichts zu thun haben. Möchte das auch 'mal mitmachen.« Hierbei versuchte er den Halskragen aufzurichten, was ihm aber nur an der einen Seite gelang; an der anderen drückte ihn der herabhängende Kopf hartnäckig wieder gegen die Schulter. »Aber das könnt Ihr mir glauben, Frau Böhler,« fuhr er nach einer Pause fort, »es ist mir gerade, als hätte mir jemand was geschenkt, daß die Rosa nicht am Fenster war. Es wäre auf meine Ehre arg gewesen; denn der da drüben ist ein verrufener Patron, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und wenn der einmal anbändelt, dann hört er nicht wieder auf, bis er die Schleife fest zugezogen hat. Jetzt behüt' Euch Gott, Frau Böhler, ich komme bald wieder.« – Er hatte seinen Hut aufgesetzt und warf einen Blick in den Spiegel, so verstohlen und scheu, daß man wohl merkte, er fürchtete dort etwas sehr Unangenehmes zu erblicken. Dann lief er mit einer wahrhaft komischen Behendigkeit zur Thür hinaus. Als er fort war, ließ die alte Frau ihre Hände mit dem Strickzeug in den Schoß sinken, schüttelte den Kopf und sagte in einem betrübten Tone: »Wie der Heinrich verstört aussah! Vielleicht war sie wirklich am Fenster, vielleicht hat der Krimpf recht, aber das wäre doch gar zu entsetzlich! Nein, nein, so ist die Rosa nicht. Und wenn sie wirklich am Fenster war, bah! so hätte das noch nichts zu bedeuten. So ein junges Mädchen ist ein wenig vorwitzig und naseweis, aber schlimm ist die Rosa nicht, gewiß nicht; davon muß auch der Heinrich überzeugt sein.« Hastig warf sie ihr Strickzeug auf den Tisch und eilte in das Nebenzimmer, als wollte sie ihren Sohn fragen, ob er denn wirklich etwas Schlimmes von Rosa glauben könne, selbst wenn sie am Fenster gewesen wäre. – Der Photograph saß noch immer in seiner Ecke. Die Hände hielt er freilich nicht mehr vor das Gesicht, sondern gefaltet auf seinen Knieen; doch blickte er so starr durch das Fenster an den Himmel empor, daß die Mutter bei seinem Anblick ordentlich erschrak und es kaum wagte, leicht mit den Fingern seine Schulter zu berühren. Er fuhr wie aus tiefen Träumereien empor, und als er die alte Frau neben sich stehen sah, sagte er mit erzwungenem Lächeln; »Ich bin doch recht thöricht, da sitze ich hier in tiefen Gedanken, als wenn Gott weiß was geschehen wäre, und es ist doch im Grunde gar nichts.« »Nein, es ist gewiß nichts, Heinrich, wahrhaftig nichts,« entgegnete die alte Frau, »das kannst du mir glauben. Mach dir doch keine so trüben Gedanken!« Er sah mit einem unendlich trostlosen Blick zu seiner Mutter empor, dann sagte er: »Aber sie war am Fenster.« »Ich hab' es dir angesehen.« »Dann hat es mir der Krimpf gewiß auch angesehen, und was er zu mir sprach, war aus lauter Bosheit.« »Du weißt doch,« antwortete kopfschüttelnd die alte Frau, »wie der immer gereizt ist, und wie es ihm ein Vergnügen macht, andere Menschen mit seinen schwarzen Gedanken zu quälen.« »Aber sie war am Fenster.« »Nun ja, laß sie. Man muß ihr das auf eine gute Art sagen. Ich versichere dich, Heinrich, ich bin deinem Vater immer eine brave und getreue Frau gewesen, aber als ich noch ein junges Blut war –« »Da hast du auch so am Fenster gestanden?« fragte hastig der junge Mann und schaute zu der Mutter empor, als hoffe er Trost in ihren Blicken zu finden. »Warum denn nicht?« fuhr diese mit ihrem tröstenden Lächeln fort. »Ich weiß mich noch wie heute zu erinnern, es war während der Kriegszeit, da mußten wir armen Mädchen überhaupt viel ausstehen; Tag und Nacht keine Ruhe vor dem wilden Gezeug; nun, damals war ich achtzehn Jahre alt und so übel auch gerade nicht. Sie gafften mich an, wie es die jungen Leute von jeher gethan haben und auch nicht lassen werden, solange die Welt steht, und solange es noch junge Mädchen gibt. – Uns gegenüber lag ein sehr hübscher französischer Kapitän im Quartier. Das war ein Tollkopf, welcher der ganzen Nachbarschaft Besuche machte. Bei uns kam er aber nicht weiter, als bis an die Küchenthür.« »Siehst du, Mutter, das war sehr brav von dir.« »Das Lob verdien' ich nicht – ich hätte gern 'mal mit ihm geplaudert. Aber um wieder auf mein Kapitel zu kommen, so stand ich auch zuweilen am Fenster und hörte zu, wenn er seine lustigen Lieder sang. Da war eins, das schloß immer mit den Worten: Chantons, buvons, traleralera, und das hatte ich mir leider gemerkt. Leider, sag' ich, denn eines Tages, als wir am Essen saßen, spielte die Musik dies Lied gerade unter unseren Fenstern vorbei, und ich – ich werde das all mein Lebtag nicht vergessen, wir hatten gerade Klöße und ich einen auf dem Löffel, mit dem ich eben zum Munde fahren wollte – singe so ohne viel zu denken, die Melodie mit: Chantons, buvons, traleralera. Aber das Traleralera war noch nicht von mir ausgesungen, so erhielt ich von meiner Mutter eine so ungeheure Maulschelle, daß ich nicht wußte, wie mir geschah. Der Löffel und alles lag am Boden, und ich selber duckte mich in Erwartung einer zweiten Ohrfeige. So bös' hatte ich die Mutter in meinem ganzen Leben nicht gesehen, als sie nun ausrief: Warte du, ich will dich betraleraleraen.« »O, die Großmutter war eine rechtschaffene Frau,« seufzte der Photograph, worauf Frau Böhler entgegnete: »Laß das nur gut sein, die alte Weiher ist auch nicht links. Aber jetzt komm mit hinüber; laß dein Grübeln, das kann wahrhaftig zu nichts führen. Man muß mit der Rosa reden.« »Nein, das darf man nicht thun,« sprach fast erschrocken der junge Mann, indem er aufsprang; »das darf um Gotteswillen nicht geschehen. Ist an der Sache wirklich etwas Unrechtes, und man warnt sie, so wird sie's verheimlichen, und dann wird es noch viel schlimmer. Nein, nein, Mutter, ich will erst die vollständigen Beweise und dann nach Umständen handeln.« – Die alte Frau sah ihren Sohn fragend an. – »Dann will ich zu ihrem Herzen sprechen, und wenn es, wie ich zu Gott hoffe, nur eine kindische Eitelkeit ist, die sie antreibt, die Blicke jenes – Herrn zu erwidern, so werde ich ihr vorstellen, was daraus entstehen kann, und hoffe sie zu überzeugen. Kann ich das letztere aber nicht, Mutter, so habe ich am Ende nicht viel verloren.« Damit waren beide in das Wohnzimmer zurückgegangen; der Photograph legte das geputzte Glas beiseite und machte sich mit den Schalen zu schaffen, worin er seine Silber- und Natronbäder hatte. Draußen schien die Sonne so prachtvoll, und das Licht war so glänzend, daß es ordentlich schade war, daß gerade in diesem günstigen Augenblicke so gar keine Menschenseele kommen wollte, um sich photographieren zu lassen. Das meinte auch Frau Böhler, und der Sohn pflichtete ihr achselzuckend bei. »Ich weiß nicht, wie es kommt,« sagte er, »daß es bei mir nie einen rechten Zug nehmen will. Ich will nicht gerade klagen, und ebensowenig meine Werke selbst loben; aber bei den Arbeiten, die ich mache, könnte ich doch schon ein bißchen mehr zu thun haben. – Ich habe eben kein Glück.« Frau Böhler hob den Kopf in die Höhe, und als sie bemerkte, wie ihr Sohn bei diesen Worten die beiden verstümmelten Finger seiner rechten Hand ansah, so schwieg sie seufzend still. »Gewiß und wahrhaftig kein Glück,« fuhr er fort. »Wie sauer habe ich es mir werden lassen, mit welcher Liebe habe ich gearbeitet, ehe ich's in der Holzschneidekunst zu etwas gebracht, und da ich eben anfing, hübsche Arbeiten zu machen, passiert mir das Unglück, woran ich mein ganzes Leben werde leiden müssen. Darauf fange ich an zu photographieren, mache auch ordentliche und hübsche Porträts, werde von meinen Bekannten empfohlen; aber was hilft mir das alles! Pfuscher haben den Zulauf, bei mir will nichts recht in den Zug kommen. Ich habe keine Protektion, oder besser gesagt, kein Glück.« »Es ist nicht zu leugnen,« entgegnete Frau Böhler, »daß du bisher mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hattest.« »Mit vielem, vielem Unglück!« »Aber das kann sich mit einem Male ändern, und ich habe es schon oft erlebt, daß Leute, die lange vom Schicksal verfolgt wurden, auf einmal an einen Punkt kamen, wo eben das Schicksal wie müde und matt von ihnen abließ.« »Darauf habe ich lange gehofft,« sagte bitter der junge Mann, »Immer geglaubt, auch für mich müsse endlich einmal so ein Augenblick des Glücks eintreten; und daß meine Wünsche nicht unbescheiden sind, das weißt du am besten, Mutter. Wie zufrieden war ich mit meiner Arbeit, ja, trotz des langsamen Ganges der Geschäfte, ich könnte wohl sagen, fast glücklich, ja – ja, fast glücklich, bis vor einer halben Stunde, wo alles mit mir zusammenbrach.« – Die alte Frau blickte kopfschüttelnd in die Höhe, ohne eine Antwort zu geben. »Und es ist so traurig,« fuhr der Photograph fort, »daß in der Welt eine Widerwärtigkeit, ein Unglück das andere nach sich zieht.« – – Er hatte bei diesen Worten einen Abdruck der Photographie jenes schönen jungen Mädchens, von dem wir vorhin sprachen, aus der Schale genommen und lange betrachtet. »Wie kann ich es der Rosa eigentlich übel nehmen, daß es ihr langweilig wird, zu warten, bis mir einmal das Glück so lächelt, daß ich auch sie glücklich machen kann. – Habe ich eigentlich das Recht, von ihr zu verlangen, daß sie warten und immer warten soll? Und wie lange wird das Warten dauern! O glaube mir, Mutter, wir beide können alt werden, ehe für mich der Augenblick des Glücks eintritt!« »Wie kannst du so verzagt sprechen!« entgegnete die alte Frau; »das hab' ich noch nie von dir gehört. Du, sonst immer voll der schönsten Hoffnungen, du, der alle Widerwärtigkeiten, – ja, ich muß dir das Kompliment machen – mit einer staunenswerten Kraft und Geduld aushielt; der mir in jeder Beziehung eine so feste Stütze war, zu dem ich wahrhaft beruhigt aufsah, und von dem ich mir oft sagte: Heinrich ist ja da, dein Sohn! In seiner Hand muß noch alles gut und schön werden.« »So hast du freilich gedacht, und ich dachte fast ebenso von mir selbst. Hast du auch bis jetzt je gesehen, daß ich den Mut sinken ließ; haben mich die Widerwärtigkeiten, die uns betroffen, im geringsten gebeugt? Aber das von vorhin,« setzte er leise hinzu, »das hat mich ins Herz getroffen. Und wenn das Herz verletzt wird, so ist auch der Mut dahin.« Die alte Frau wiegte unmutig mit dem Kopfe hin und her, während sie sagte: »Schlag dir doch diese Grillen aus dem Sinn. Du wirst sehen, das klärt sich alles zum guten auf, und ebenso, was dein Geschäft anbelangt. Ist doch aller Anfang schwer. Aber ich habe ein ahnungsvolles Gemüt, dein Schicksal wendet sich einmal plötzlich.« »Ja, nachdem ich so viel Herzeleid durchgemacht,« sprach düster der Photograph, »daß mich das Glück nicht mehr freut, wenn es endlich bei mir einkehrt.« »Ach was – ich weiß noch, wie deine Großmutter selig, die es auch nicht leiden konnte, wenn man immer von Unglück sprach, und von Leuten, die stets vom Unglück verfolgt würden, – wie deine Großmutter zu sagen pflegte. Glück hat jeder Mensch, sagte sie, nur muß er es zu fassen wissen. Aber freilich gibt es Menschen, die, wenn das Glück an ihre Thür klopft, nicht einmal Herein! rufen.« In diesem Augenblick klopfte es leise und bescheiden an die Thür des photographischen Ateliers. Dieses Klopfen kam so apropos, daß sowohl die alte Frau wie ihr Sohn sich betroffen anblickten und keines das eben erwähnte Wort aussprach, so daß draußen zum zweitenmal geklopft wurde. Jetzt rief jedoch der Photograph :»Herein!« Die Thüre öffnete sich, und auf der Schwelle erschien ein herrschaftlicher Lakai in einfacher, aber eleganter Livree, der den Kopf zur Thür hereinsteckte und mit leiser Stimme fragte: »Hier wohnt doch der Photograph, dessen Name unten an der Hausthür steht?« »Allerdings, der Photograph Heinrich Böhler.« »Und ist zu Hause?« »Ich bin es selber.« »Ah!« versetzte der Lakai und zuckte mit seinem Kopfe, wie zu einer leichten Begrüßung, vorwärts, wobei er die Schultern, dieser Bewegung anpassend, in die Höhe hob. »So habe ich denn zu fragen, ob Sie Zeit hätten, augenblicklich ein Porträt zu machen.« »Vollkommen Zeit und sehr gutes Licht,« entgegnete der Photograph, wobei er einen Blick auf seine Mutter warf, die in tiefen Gedanken dasaß und wahrscheinlich an seine Großmutter dachte, an den Augenblick des Glücks, an das Klopfen und Hereinrufen. »So werden wir sogleich kommen,« sagte der Lakai, langte mit zwei Fingern an seinen Hut und verschwand geräuschlos, aber eilig die Treppen hinab. Während der junge Mann sich daran machte, ein paar seiner größten Glasplatten zu präparieren, rückte Frau Böhler ihre Haube zurecht und wischte mit der Schürze eilig über den tannenen Tisch, sowie über die Stühle an den Wänden, obgleich dort nirgends ein Stäubchen sichtbar war. »Ich weiß, du lachst mich immer aus, wenn ich von Ahnungen spreche,« redet sie dabei. »Aber diesmal hab' ich recht. Es ist was ganz Apartes, vielleicht jemand vom Hof. O du mein lieber Gott, wenn es dir heute nur recht gelingt!« Jetzt hörte man Schritte auf der Treppe, dann wurde die Thür geöffnet, und der Lakai erschien, indem er dieselbe, außen stehen bleibend, so weit wie möglich zurückwarf und dann mit einer tiefen Verbeugung zwei Herren vorbeigehen ließ. die nun in das Zimmer traten. Der erste, vielleicht ein Mann an den Vierzigen, hatte eine hohe, schlanke und elegante Figur; er trug einen dunklen Paletot, im Knopfloch ein rotes Bändchen, lederfarbene, untadelhafte Handschuhe, und seine Haltung war entschlossen und aufrecht wie die eines Militärs. Sein Gesicht mit klugen Augen war interessant; man hätte es schön nennen können, wenn in den Zügen nicht ein matter, ja verlebter Ausdruck vorgeherrscht hätte. Er nahm seinen Hut ab, grüßte herablassend die alte Frau und den jungen Mann, welch' letzterer eine tiefe Verbeugung machte, und sagte dann zu dem anderen, der ihm folgte: »Baron, das ging hoch hinauf!« »Nicht ohne Ursache, gnädiger Herr,« versetzte dieser mit leiser Stimme; »der Mann hier soll gute Arbeit machen, ohne daß er gerade einen besonders großen Zulauf hat.« Der, welcher also sprach, hatte ein ganz anderes Wesen als der, welcher zuerst eingetreten war, war viel kleiner und sah ungleich älter aus. Er war fast in das Zimmer herein getänzelt und bewies sich in allen seinen Bewegungen außerordentlich gelenkig; doch hatten diese Bewegungen etwas Forciertes, und es war, als wende er sich bald rechts und bald links, um eine gewisse Steifheit und Hinfälligkeit seines Körpers zu verdecken. Sein Gesicht hatte einen ungemein klugen Ausdruck, dabei aber ein fatales Lächeln, ein Lächeln, bei dem man sich unwillkürlich sagen mußte, es sei nicht ehrlich gemeint. Aber es wäre unrecht von uns, dem wahrhaftigen Erzähler, gehandelt, wenn wir mit dem geneigten Leser Versteckens spielen wollten. Daher wollen wir es seiner Verschwiegenheit anvertrauen, wenn er es nicht vielleicht schon erraten hat, daß der zuletzt Eingetretene Baron Rigoll war. Was jedoch den anderen anbelangte, den wir nur auf einen Augenblick in der Wohnung des Baron Wenden gesehen, so sind wir mit dem besten Willen selbst nicht im stande, etwas Näheres über diesen Herrn anzugeben. »Wir wünschen also ein Porträt,« sagte der Baron, nachdem er in der Geschwindigkeit an der einen Wand des Zimmers heruntergefahren war und die dort aufgestellten Photographien betrachtet hatte; »ein Porträt, gut, aber sehr einfach. – Ah!« unterbrach er sich selber, »ist das ein schöner Kopf!« Er stand gerade an dem Bildnis jenes jungen Mädchens, über welches die verdorrten Feldblumen herabhingen. »In der That superbe, magnifik! Wollen Euer – wollen Sie, gnädiger Herr, sich das nicht einen Augenblick betrachten? Ein ganz wunderbares Geschöpf! – Das existiert doch irgendwo?« wandte er sich fragend an den Photographen. »O ja, es existiert,« erwiderte dieser mit einer tiefen Neigung des Kopfes. »Das ist wirklich ein schönes Mädchen,« sprach der andere Herr, »und gut ausgeführt. Eine hübsche nette Arbeit. Ich glaube, wir sind an die rechte Quelle gekommen.« »Das glaub' ich auch,« entgegnete Baron Rigoll mit seinem seltsamen Lächeln; »und es sollte mich freuen, wenn wir reussieren.« »So wollen wir denn sogleich beginnen,« meinte der andere, indem er sich an den jungen Mann wandte. Dieser hatte schon den Stuhl zwischen den spanischen Wänden zurecht gerückt, und bat den großen schlanken Herrn, Platz zu nehmen; ehe sich derselbe aber setzte, wünschte er, daß man alles Beiwerk, Tisch, Vase, Blumen und Vorhänge weglasse, indem er wiederholte, es solle ein ganz einfaches Porträt werden. Die Haltung, welche der Fremde hierauf von selbst annahm, war so gut gewählt und passend, daß weder der Photograph, noch Herr Krimpf es hätte besser arrangieren können. Nun wurde die gespensterhafte Maschine von dem dunklen Tuche befreit und gestellt. Der Photograph schaute einen Augenblick hinein, richtete das Objektiv, dann schob er die Kassette mit dem präparierten Glase ein, bat den Fremden, ruhig zu sitzen und nahm den Deckel von dem Glase. Eine Sekundenuhr hatte sich der gute Herr Böhler noch nicht anschaffen können, deshalb zählte er von eins bis zwölf, wie er es bis jetzt gewohnt war, gleichförmig vor sich hin, und ebenso that die alte Frau, welche in der größten Spannung in der Ecke des Zimmers stand. Dabei können wir nicht verschweigen, daß diese, in ihrem ahnungsvollen Gemüte den Augenblick für außerordentlich wichtig ansehend, kleine Gebetsätze mit einfließen ließ, wobei sie, da es noch keine besonderen Heiligen für die Photographen gibt, verschiedene, die ihr gerade einfielen, bestens ersuchte, das gegenwärtige Porträt ihrem Sohn zu Nutz und Frommen gelingen zu lassen. Das Licht war günstig, der fremde Herr saß wie eine Mauer, und nach Verlauf der zwölften Sekunde machte Herr Böhler eine tiefe Verbeugung, wobei er mit der Hand den Schließdeckel des Glases gegen den Sitzenden schwenkte, was bei den Photographen ungefähr ebensoviel sagen will, wie bei den Soldaten das bekannte: Rührt euch! Hierauf begab sich der Photograph mit der geschlossenen Kapsel in die dunkle Kammer, um das Porträt hervorzurufen und zu fixieren. Es schien außerordentlich gelungen, und nachdem die Glasplatte mit Wasser abgespült war, brachte er sie den beiden Herren zur Ansicht. Allerdings war das Porträt scharf und gut gekommen, nur wunderte sich der fremde Herr, ja er erschrak fast einigermaßen darüber, daß er auf dem negativen Bilde natürlicherweise mit schneeweißem Haar, eben solchem Bart, dagegen mit fast schwarzem Gesicht, einem sehr bejahrten Mohren nicht unähnlich, erschien. »Unser photographischer Freund dorten,« sagte er, nachdem er sein Porträt eine Zeitlang betrachtet, »erklärt das Bild für gelungen; also ist das Licht vollkommen günstig, weshalb Sie sich jetzt ebenfalls hinsetzen müssen, bester Baron; ich verlange das als einen Beweis der Freundschaft, und werde Ihr Bild gern mit mir nehmen.« »Es wäre mir wahrhaftig im Schlafe nicht eingefallen,« entgegnete der andere, »mich photographieren zu lassen; aber nach der schmeichelhaften Aufforderung von Ihnen, gnädiger Herr, kann ich nicht umhin, mich preiszugeben. Eigentlich scheue ich die ganze Photographie; es ist etwas Unheimliches dabei, und ich kann es mir nicht anders denken, als daß sich doch etwas von dem Darzustellenden selber auf der Glastafel niederschlägt.« »Natürlicherweise, ich habe es auch nie anders angesehen,« sprach der schlanke Herr, »und eben deshalb wird Ihr Porträt, von dem wir einen doppelten Abdruck machen werden, an gewissen Orten außerordentlich willkommen sein.« Inzwischen hatte sich Baron Rigoll auf den verhängnisvollen Stuhl gesetzt, nahm aber nicht die leichte und graziöse Stellung ein, wie sein Vorgänger. Der Photograph mußte länger nachrichten, ihm Arme und Hände zurecht rücken, namentlich aber seinen Blick fixieren, damit derselbe nicht gar zu geschraubt und unnatürlich käme. – Übrigens gingen die zwölf Sekunden ebenfalls ohne Anstand vorüber, das Bild wurde hervorgerufen und genügend befunden. »Gott sei Dank!« sagte der Baron, als er von seinem Sitze aufsprang, »das wäre geschehen. Jetzt sind wir wohl fertig?« wandte er sich an den Photographen. Dieser machte seine tiefe Verbeugung, dann fragte er, wie viele Abdrücke er herrichten solle. – Der große schlanke Herr warf dem anderen einen bedeutsamen Blick zu, worauf sich Baron Rigoll bestrebte, eine ernste und würdevolle Haltung anzunehmen. Auch ließ er von seinem beweglichen Wesen ab und stellte sich dicht vor den Photographen hin. »Wer wir sind, wird Sie nicht interessieren, aber ich bitte Sie auch dringend« – sprach er in scharfem Tone – »jedwede Nachforschung danach zu unterlassen. Von jedem der beiden Porträts werden zwei Abdrücke gemacht, dann wird die Glastafel vernichtet. Haben Sie mich verstanden? – Wohl. – Diese Abdrücke werde ich holen lassen, vielleicht übermorgen, wenn sie alsdann fertig sind.« Herr Böhler machte ein Zeichen der Zustimmung. »Also übermorgen bitte ich sie demselben Bedienten, der vorhin da war, wohl verpackt und versiegelt zu übergeben, ihm auch den Preis zu bestimmen und sich darin durchaus nicht zu genieren. Befolgen Sie unsere Wünsche pünktlich, so wird es Ihr Schaden nicht sein, und werden wir in einiger Zeit Veranlassung finden, Ihrer Arbeiten, wenn sie es verdienen, lobend zu erwähnen und Ihnen so vielleicht eine gute Kundschaft zuzuwenden. – Noch eins, ehe wir gehen. Eine Dame meiner Bekanntschaft ist geneigt, sich bei Ihnen photographieren zu lassen, nur wünscht sie eine Ihrer Arbeiten zu sehen. Könnten Sie mir wohl zu diesem Zweck einen Abdruck des Bildnisses jenes jungen Mädchens dort überlassen? Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken,« fuhr der Baron fort, als er sah, daß ihn der junge Mann mißtrauisch anschaute, ohne eine Antwort zu geben, »daß damit in keiner Weise Mißbrauch getrieben werden soll; ja, ich glaube Ihnen versprechen zu können, daß das Original des Bildes es nie erfahren wird, daß diese Photographie irgendwo gezeigt worden ist; denn die Dame, bei der dies geschehen soll,« setzte er lächelnd hinzu, »bewegt sich in einer ganz anderen Schicht der Gesellschaft.« Diese Forderung kam Herrn Böhler sehr ungelegen. Es widerstrebte ihm, einen Abdruck von dem Bilde Rosas aus der Hand zu geben, namentlich an Leute, von denen er nicht wußte, wer sie waren, und was sie möglicherweise für Absichten mit der Photographie haben konnten. Daß Eifersucht dabei im Spiele war, verstand sich von selbst. – Ahnte vielleicht der Baron den Grund der schweigenden Weigerung? Wohl möglich, denn er lächelte gegen den Photographen auf eine verbindliche Art, wobei aber jener uns bekannte scheue, fast falsche Zug wieder um seine Lippen erschien; dann war er klug genug, sich mit der freundlichsten Miene gegen die alte Frau umzuwenden, wie um deren Hilfe nachzusuchen, die ihm auch bereitwilligst zu teil wurde. »Ich kann gar nicht begreifen, Heinrich,« sagte Frau Böhler, »warum du dem Herrn eine dieser Photographien verweigerst. Du kannst das gegen Rosa wohl verantworten, und wenn du es nicht willst, so nehme ich's auf mich. Sei kein Kind,« setzte sie leise hinzu, »auf solche Art machst du dir keine Kundschaft.« Der Photograph ging noch unentschlossen nach der Ecke des Zimmers, wo sich die große Mappe befand, in der er seine fertigen Arbeiten aufzubewahren pflegte. Als er dabei an dem Fenster vorüberkam und einen Blick hinauswarf auf das gegenüberliegende Haus, wo noch immer das Fenster geöffnet war und wo noch immer der kleine Fauteuil stand, da durchzuckte es ihn aufs neue schmerzlich. Er preßte die Lippen aufeinander, ballte seine rechte Hand krampfhaft zusammen und war nun mit einem Male entschlossen, das Bild herzugeben. Während er die Mappe öffnete, um einen Abdruck hervorzunehmen, hatte Baron Rigoll seine Brieftasche herausgezogen und eine Zehnthalernote auf den Tisch gelegt. Der Photograph hatte es nicht bemerkt, wohl aber Frau Böhler, die sich mit einem tiefen Knix dafür bedankte. Die Photographie wurde eingerollt, dem Fremden übergeben, und darauf verließen beide Herren in derselben Art, wie sie gekommen, das Zimmer. Als sich die Thür hinter ihnen schloß, drückte der junge Mann beide Hände vor das Gesicht. Er hätte weinen können, denn es war ihm gerade zu Mut, als hätte er mit dem Bilde Rosas ein Stück von seinem Herzen hinweggegeben. Frau Böhler trat leise auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Sei nicht wie ein Kind, Heinrich; denke daran, was ich dir vorhin gesagt, und sei meiner Ansicht, daß vielleicht in deinem Leben eine Änderung eingetreten ist. Ich weiß nicht, mir kommt der Besuch dieser beiden Herren so bedeutungsvoll vor, und ich möchte darauf schwören, daß derselbe große Folgen hat.« »Ich fürchte auch, er hat große Folgen,« sprach der Photograph, »und da ich das glaube, so mache ich mir jetzt die bittersten Vorwürfe, das Bild Rosas weggegeben zu haben. Ach, ich that es nur, weil ich an das dachte, was ich heute morgen gesehen. Jetzt aber, wo ich ihr ebenfalls ein Unrecht zugefügt, möchte ich hinab zu ihr, möchte ihr alles sagen und sie um Verzeihung bitten.« Die alte Frau dachte einen Augenblick nach, dann schüttelte sie mit dem Kopfe und entgegnete: »Das ist nun einmal dein weiches Gemüt. Wenn es dir zur Beruhigung dient, zu Rosa hinabzugehen und ihr zu sagen, du habest dich, um vielleicht eine gute Kundschaft zu erhalten, veranlaßt gesehen, ihr Porträt jemand zum Anschauen zu geben, so ist das Mädchen klug genug, dir es nicht übel zu nehmen.« »Ich wollte, sie wäre nicht klug genug und nähme es mir übel,« seufzte der junge Mann. »Doch, wie das Schicksal will!« »Das Schicksal will dir wohl, davon bin ich überzeugt,« sagte eifrig die Mutter. »Der kleine Herr mit den lebhaften Bewegungen und den freundlichen Mienen wird dich empfehlen, wo er kann. Auch der andere vielleicht, doch waren seine Worte so feierlich und abgemessen. Er schien sich so um nichts anzunehmen. Daß aber beide vornehme und reiche Herren sind, darauf kannst du dich verlassen. – Du hast noch gar nicht einmal gesehen, was man dir für das Porträt Rosas zurückgelassen. Da sieh, zehn Thaler.« Der junge Mann erschrak fast, als ihm die Mutter die Banknote hinhielt. Es war ihm schmerzlich, ja, es berührte ihn fast unheimlich, daß er ihr Bild verkauft haben sollte. Daran hatte er nicht gedacht; er war der Ansicht gewesen, der Fremde habe es umsonst von ihm angenommen, er werde es wahrscheinlich sogar zurückschicken. Er schob die Zehnthalernote von sich, worauf die alte Frau sie in ihren Schrank verschloß. »So werde ich denn einen Augenblick zu Rosa hinuntergehen,« sprach der Photograph nach einem Stillschweigen, während dessen er in tiefen Gedanken zum Fenster hinausgeschaut hatte. Er wandte sich gegen die Thür, blieb aber auf der Schwelle stehen. »Mir ist nur lieb,« sprach er dort, »daß der Krimpf nicht da war. Meinst du nicht auch, Mutter?« »Im Gegenteil, ich wollte, er wäre da gewesen; der kennt die halbe Stadt und hätte uns vielleicht auf der Stelle sagen können, wen du eigentlich die Ehre gehabt, zu photographieren.« Die Thür schloß sich, und die alte Frau setzte sich wieder an ihren Tisch; doch ließ sie das Strickzeug in ihrem Schoße ruhen und baute die herrlichsten Luftschlösser. Sie zog in eine Hauptstraße, sie wußte schon in welches Haus. Hinten erhob sich ein fabelhaftes Atelier aus Glas und Eisen, und vornehme Damen und Herren drängten sich zu der Ehre, von Herrn Böhler photographiert zu werden, selbst Gräfinnen und Prinzessinnen; ja, eines Tages fuhr eine vergoldete Equipage vor – die Thür wurde aufgerissen – der Regent Allerhöchstselbst. Gott der Gerechte! Frau Böhler, von ihren eigenen Träumereien erschreckt, wäre fast von dem Stuhl in die Höhe gesprungen, ja, sie fuhr mit der Hand an ihre Schürzenbänder, um dies für einen Empfang so unpassende Kleidungsstück zu beseitigen. Indessen stieg der Sohn langsam Stufe um Stufe die Treppe hinab, leise, bedächtig, fast schleichend. Früher war er in zwei Sprüngen unten gewesen, hatte geräuschvoll die Thür geöffnet und sich gefreut, wenn Rosa zuweilen erschrocken auffuhr. Glücklich, sie nur zu sehen, hatte er sodann ihr liebes Gesicht betrachtet, als sei es ihm fremd geworden, und es war ihm nie in die Gedanken gekommen, acht darauf zu geben, ob und wo sie saß oder stand. Heute war das leider ganz anders. Er dachte an das gegenüberliegende Haus, und sein Atem ging schwer, sein Herz schlug heftiger, wenn er fürchtete, daß sie vielleicht wieder am Fenster stehen würde, ja, daß sie in dem Augenblick, da er ins Zimmer träte, wieder mit der Hand über ihr schönes schwarzes Haar fahren könne. Jetzt war er unten angelangt, drückte leicht die Thür auf und trat in das Zimmer. – Sie stand nicht am Fenster, sie saß an ihrem gewöhnlichen Platze, an der rechten Seite des Gemachs, wo sie immer saß, vor ihrem Arbeitstischchen, das mit den feinen Strohhalmen bedeckt war, woraus sie ihre kunstreichen Sachen flocht. Früher war es ihm nie eingefallen, darüber nachzudenken, warum sie immer gerade auf dieser Stelle sitze, und er hatte durchaus nichts Besonderes darin gesehen. Heute aber fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn: Wer weiß, ob sie nicht von ihrem Stuhle in das gegenüberliegende Fenster blickt? Früher war er unbefangen auf sie zugeeilt, hatte ihr die Hand gegeben und, fröhlich plaudernd, ihren Arbeiten zugesehen. Heute blieb er schüchtern an der Thür stehen und wagte nicht, sich ihr zu nähern, aus Furcht, zu schnell zu erfahren, daß sein Verdacht begründet sei. Dabei schlug ihm das Herz so heftig, als sei er selbst im Begriff, etwas Unrechtes zu begehen. Das junge Mädchen, das Original der Photographie, war in der That ein frisches, reizendes Geschöpf. Eine Fülle von Lebenslust lachte aus ihren klaren braunen Augen, und die feinen roten Lippen schienen nie etwas anderes gekannt zu haben, als Scherz und fröhliche Worte. Dabei war ihr Wuchs der untadelhaftigste, den man sehen konnte. Während die schlanke, unerkünstelte Taille so fein war, wie sie nur die Natur in ganz gut gelaunten Augenblicken hervorbringt, gingen ihre Schultern so prachtvoll breit auseinander und war ihre Brust so wunderbar gewölbt, daß man befürchten mußte, sie sprenge bei jedem Atemzuge das dünne Kleidchen. Rosa war vollkommen von dem kleinen Fuße an bis zur klein geformten Hand, und dabei waren alle ihre Bewegungen so unbewußt leicht und graziös, daß jede Stellung, die sie annahm, selbst dem ungenügsamsten Künstler zum schönsten Modell hätte dienen können. An das alles hatte der junge Mann schon so oft mit Entzücken gedacht und sich glücklich gepriesen, wenn sie so vor ihm stand, den Kopf etwas erhoben, die Lippen sanft geöffnet, mit den herabgesenkten langen Augenwimpern ihre glänzenden schelmischen Blicke dämpfend, oder wenn sie irgend eine Bewegung machte, einen Fuß vorsetzte, den Oberkörper zurückbog und sich mit dem Arme aufstützte. Das war alles, als ob es das schönste Werk eines großen Bildhauers gewesen. Und dies herrliche Mädchen war sein! Er war der Glückliche, den sie liebte! – O Gott, wenn nur nicht das gegenüberliegende Haus mit seinem verhängnisvollen Fenster gewesen wäre! Daß die alte Frau Weiher diese schöne Tochter hatte, war ein merkwürdiges Spiel der Natur; denn man konnte sich keinen größeren Gegensatz denken, und wenn man auch mit der größten Schmeichelei ihre sechzig Jahre in achtzehn verwandelt hätte, so konnte doch die regste Phantasie nichts ersinnen, was ihr eine Ähnlichkeit mit der Tochter gegeben hätte. Frau Weiher war ein kleines mageres Weiblein mit einer sehr hervorstehenden Nase und den eckigsten Bewegungen. So lange Zeit, als wir brauchten, um diese Schilderung von Mutter und Tochter niederzuschreiben, blieb der Photograph freilich nicht an der Thür stehen, aber lange genug, daß ihm Rosa mit vollem Recht zurufen konnte: »Aber, Heinrich, dir muß was passiert sein! Was Gutes oder was Schlimmes? Ich fürchte fast das letztere, denn sonst wärst du wie sonst ins Zimmer hereingeflogen, und wir wüßten bereits, was dir auf dem Herzen liegt.« Sie hatte bei diesen Worten ihre Hände mit der Arbeit in den Schoß sinken lassen und sich in ihren Stuhl zurückgelehnt. Konnte sie das gegenüberliegende Fenster sehen oder nicht? Diese Frage stieg dem jungen Mann auf und trieb sein Blut siedendheiß empor. Wenn sie das Fenster sehen konnte, war es entsetzlich; denn während sie so mit ihm sprach, blickte sie ihn nur ein einziges Mal flüchtig an, dann schweiften ihre Augen hinüber, und sie sah fast gedankenvoll aus. Früher hatte er nie daran gedacht, ihre süßen Augen auf solche Weise zu beobachten. Er hätte jedoch Gott weiß was darum gegeben, jetzt hinter ihrem Stuhle zu stehen. Wie ein vorsichtiger General wollte er suchen, langsam dorthin zu manöverieren, und er hätte doch wie sonst mit ein paar Schritten an ihre Seite treten dürfen. So befangen ist der Mensch in gewissen dummen Augenblicken! »Ja, es muß ihm was passiert sein,« meinte jetzt auch Frau Weiher mit ihrer schnarrenden Stimme, »nun, Heinrich, werden wir es erfahren, oder ist es ein Geheimnis?« »O, es ist ein Geheimnis,« sagte das Mädchen mit einem lieblichen Lächeln, und dabei blickte sie abermals dorthin, wo vielleicht das verfluchte Fenster zu sehen war. »So was Besonderes ist mir nicht widerfahren,« sprach der Photograph mit einem tiefen Atemzuge. »Es waren nur eben ein paar Herren droben, die ihre Porträts machen ließen. Sie thaten geheimnisvoll, verschwiegen ihre Namen, und die Mutter meinte, es sei was recht Vornehmes gewesen.« »Ei,« sprach Rosa, »und wie sahen die Herren ungefähr aus?« Bei dieser Frage kam es dem jungen Mann vor, als erröte sie ein klein wenig. Daß sie wieder nach dem Fenster blickte, das war nicht zu leugnen. Er entwarf nun eine genaue Schilderung der beiden Fremden, und als er das gethan, fuhr er ernster fort: »Etwas anderes ist noch dabei, was ich dir mitteilen muß, Rosa, da es eigentlich dich betrifft.« Jetzt röteten sich in der That die frischen Wangen des jungen Mädchens, sie warf noch einen schnellen Blick an das Fenster hin, dann nahm sie ihre Arbeit eifrig wieder auf, während sie sagte: »Was mich betrifft? Das finde ich doch sonderbar. Was gehen mich denn die vornehmen Herren an?« »In der That hoffe ich, daß sie dich nichts angehen,« erwiderte etwas unbedachtsam der junge Mann. »Es ist auch in der That nichts so besonders Auffallendes. Der eine der Herren sah dein Porträt und wünschte einen Abdruck davon, um ihn einer Dame zeigen zu können, die Lust habe, sich bei mir photographieren zu lassen.« Während er das in größter Spannung sagte, hatte er sich mit kleinen Schritten ihrem Tische genähert und hoffte aus tiefstem Herzen, sie würde sich verdrießlich und erzürnt zu ihm wenden, sie würde ihm sagen, das gefalle ihr durchaus nicht, sie verbitte sich das für die Zukunft, sie habe nicht Lust, sich von fremden Menschen angaffen zu lassen. O Gott! wie lieb wäre es ihm gewesen, wenn sie darüber einen kleinen Zank mit ihm angefangen hätte. Aber sie fing keinen Zank mit ihm an. Sie that gar nicht einmal überrascht, ja, gerechter Himmel! sie lächelte still in sich hinein und entgegnete mit dem ruhigsten Tone von der Welt: »Hoffentlich gefällt mein Bild der fremden Dame, und bringt – dir eine gute Kundschaft.« »Aber ich habe es höchst ungern weggegeben,« sagte er zitternd vor Aufregung, »und wenn die fremden Herren, ja sogar die Mutter, mich nicht so geplagt hätten, würde ich es nimmermehr gethan haben.« »Das begreif' ich nicht,« erwiderte das junge Mädchen, »du hast es ja mehrmals.« »Ich möcht' es aber allein haben,« fuhr er mit tonloser Stimme fort, und es war ihm gerade, als müsse er an dem Satze ersticken; denn er stand jetzt hinter dem Stuhle Rosas und blickte deutlich in das weit offenstehende Fenster gegenüber mit dem verfluchten Fauteuil! Dahin also zielten ihre Blicke. Dorthin schaute sie sogar in Momenten, wo sie mit ihm sprach. Das war entsetzlich! Herr Heinrich Böhler war ein ruhiger und behaglicher Mensch, aber auch einem solchen können Sachen vorkommen, wo sich sein ganzes Naturell verkehrt. Er bezwang sich, wenn auch mühsam, und blieb anscheinend ruhig hinter ihrem Stuhle. Daß er totenbleich war, sah weder das junge Mädchen, noch die Mutter, die mit dem Kochofen zu thun hatte, worin das bescheidene Mittagessen der Familie dampfte. »Willst du vielleicht heute mitessen?« fragte Rosa nach einer kleinen Pause. »Ich danke dir, ich habe keinen sonderlichen Appetit,« antwortete der Photograph. »Mir scheint in der That,« fuhr das junge Mädchen freundlich fort, indem sie ihren Kopf zurückbog, um den Mann anzusehen, »es hat dich verstimmt, daß du mein Porträt weggegeben. Sei doch nicht so kindisch. Wenn es mich auch einesteils freut, daß dir die Photographie so kostbar ist, so könnte es mich doch fast verdrießen, daß du etwas darin findest, sie jemand gegeben zu haben.« Als sie das gesagt und den Kopf wieder weggewandt, bemerkte er, seitwärts hinlauschend, wie ihre Augen eine Sekunde an dem gegenüberliegenden Fenster hafteten, ehe sie wieder auf die Arbeit niedersanken. »Wir haben heute Ihr Leibgericht, Heinrich, eine sehr gute Klößesuppe. Sie ist in der That vortrefflich, und ich rate Ihnen mitzuhalten.« Bei dem Worte Klößesuppe dachte der Photograph an seine selige Großmama, und ihm fiel die Erzählung von dem Chantons, buvons, traleralera mit allen Folgen ein. Frau Witwe Weiher führte auch eine recht gewandte Hand, und er hatte Rosa in früheren Zeiten oft bedauert, wenn eins ihrer kleinen Ohren mit den dürren Fingern der Mama in Berührung gekommen war. Jetzt aber hatte er im Innersten der Seele den frevelhaften Wunsch, diese zehn Finger möchten als das Schwert des Damokles über dem Haupte Rosas schweben, eigentlich nicht um dreinzuschlagen, sondern nur um ihr die schönen Augen zuzuhalten, jedesmal, so oft sie einen so schlimmen Gebrauch davon machen wolle. – – Doch sah er recht? An dem bewußten Fenster erschien ein Herr, und wenn ihn nicht alles trog, einer von den beiden, die er vorhin photographiert. Es war der kleine, lebhafte Herr, eben jener, dem er das Bild Rosas gegeben. Und dieses Bildnis! Rollt er es nicht soeben auseinander, ja beim Teufel, das that er, und zeigte es einem anderen, und dieser andere war niemand als die impertinente Gestalt, die vorhin im roten Schlafrock in dem Fauteuil gelegen. Hol' euch beide der – – Und Rosa? Sie knüpfte eifrig an ihrer Strohmasche. Ha! er mußte sehen, wie ihre Mienen waren, wenn sie hinüberblickte, deshalb trat er leise wieder einen Schritt seitwärts. – Endlich schaute sie auf, und daß sie erschrak, daran konnte niemand zweifeln, der sie anblickte. Sie ließ die Hände mit der Arbeit in den Schoß fallen und ihr Gesicht überzog sich mit einer tiefen Röte. Ihr Erschrecken war aber auch begreiflich, denn der im roten Schlafrock drüben hatte die Photographie erfaßt und betrachtete, nein, verschlang sie mit seinen Blicken und all den lächerlichen Zeichen eines höchst affektierten Enthusiasmus! In diesem Augenblick war es sehr natürlich und verstand sich von selbst, daß der Photograph die Frage that: »Was hast du denn, Rosa? Warum erschrickst du so mit einem Male? Ach!« fuhr er mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens fort, einem Erstaunen, das übrigens ebenso affektiert war wie drüben der Enthusiasmus, »was ist denn da drüben so Sonderbares?« »Ich, erschrocken?« sagte das junge Mädchen mühsam lächelnd, »ja da kann man wohl erschrecken, wenn man sich in den Finger sticht, wie ich soeben. – Aber du siehst seltsam aus. Was bedeuten deine Blicke? Und was willst du mit deinem Da drüben?« Heftig versetzte er: »Das ist doch so klar wie der Tag.« »Was?« fragte sie trotzig. »Siehst du drüben ein Fenster, das offen steht?« »Welches?« »Welches! Das ist schön gefragt. Nun das, wo sich jetzt die beiden Herren befinden. Die siehst du doch? Oder soll ich dir vielleicht auch noch sagen, welche Herren?« Sie zuckte mit den Achseln, wie junge Mädchen das zu thun pflegen, sobald sie unrecht haben, und wodurch sie das Gefühl gekränkter Unschuld ausdrücken wollen. »Du brauchst dich wahrhaftig nicht in den Finger gestochen zu haben, um zu erschrecken,« fuhr Herr Böhler in sehr bestimmtem Tone fort, »obendrein, wenn ich dir sage, daß der kleine der beiden Herren dem anderen gerade dein Porträt zeigt.« Obgleich Frau Weiher eifrig mit ihrer Klößesuppe beschäftigt war, so wurde sie doch aufmerksam bei dem lauten Gespräch der beiden und fragte: »Was gibt's denn?« »Ich begreife den Heinrich wahrhaftig nicht,« erwiderte Rosa beleidigt. »Denk dir nur, er macht mir Augen und führt Reden, die ich gar nicht verstehe.« »Die sie nicht verstehen will,« versetzte der Photograph, »die ihr aber wohl noch verständlich werden sollen, und recht verständlich, fürchte ich. Blicken Sie selbst hinab,« fuhr er gegen Frau Weiher gewendet fort, »dem einen der Herren hab' ich vorhin das Bild Rosas abtreten müssen, und nun bringt er es dem anderen, der da gegenüber wohnt. Ist das nicht, um sich die Haare auszureißen?« »Das finde ich nicht,« entgegnete die alte Frau in sehr ruhigem Tone, »das hat nichts auf sich. Der da drüben ist oft genug am Fenster; er kann sich Rosa in Person genau genug ansehen. Was wird er sich groß für ihre Photographie interessieren?« »So, Frau Weiher, Sie finden nichts darin? Ich aber sehr viel. Sie wissen, wie ich mit Rosa stehe, und so kann es mir nicht gleichgültig sein, wenn ihr Porträt und noch weniger, wenn sie selber von fremden Herren angegafft wird.« »Daran ist noch niemand gestorben,« sagte die alte Frau gleichgültig, und schickte sich an, mit dem Rührlöffel ihre Klößesuppe zu versuchen. »Wie kann man sich nur mit solchen Kleinigkeiten abgeben?« »Er will mich nur ärgern,« bemerkte das junge Mädchen, indem sie ihren Kopf erzürnt emporwarf. »Was sind das für Anklagen! Am Ende werde ich dich noch um Erlaubnis zu fragen haben, ob ich zum Fenster hinaussehen darf oder nicht.« Der Photograph strich sich mit der Hand über die heiße Stirn. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er nichts gesagt hätte. Vielleicht war es wirklich zufällig geschehen, daß sie vorhin am Fenster stand, und er bildete sich nur ein, sie habe ein Zeichen hinüber gegeben. Vielleicht hatte sie sich wirklich in den Finger gestochen, vielleicht wußte sie in der That nichts von dem gegenüberliegenden Fenster. Unmöglich! So blind war er auch nicht. Und wenn er recht hatte, wenn sie sich schuldig fühlte und es dann wagte, so mit ihm zu sprechen, so war es ihm wohl zu verzeihen, wenn in ihm die Vermutung aufstieg, alles, alles verloren zu haben. Aber das hätte er nicht ertragen. Nein, das konnte er nicht ertragen. Er liebte sie leidenschaftlich. Sie war sein Alles. Sie füllte sein ganzes Denken aus. Er konnte sich nicht die Stadt, worin er lebte, nicht die Spaziergänge, wo er sie gesehen, nicht die Kirche, die er Sonntags besuchte, nicht das Haus, wo er wohnte, ohne Rosa denken. Wie sie nicht mehr sein war, so war die ganze Welt öde, ausgestorben und leer für ihn. O Gott! Drüben hatten sich die Herren vom Fenster zurückgezogen, das heißt, sie spazierten im Zimmer auf und ab, und so oft der im roten Schlafrock dabei zum Vorschein kam, warf er einen Blick herüber. Freilich schaute Rosa gerade jetzt nicht zum Fenster hinaus, sie hatte sich abgewandt und schien eifrig mit ihrer Stroharbeit beschäftigt. »Nein,« sagte die alte Weiher zu dem jungen Manne, »Streit müssen Sie wegen so etwas mit meiner Tochter nicht anfangen, das ist ja komplett lächerlich; sie hängt so sehr an Ihnen, daß es eigentlich zu arg ist. Das wissen Sie auch.« »Nein, das weiß er nicht oder er will es nicht wissen,« fiel Rosa ein. »Streit anfangen ist nicht gut,« fuhr die Mutter fort, »gerade dadurch kommt man auf andere Gedanken. Wenn es wirklich wahr wäre, daß Rosa hie und da zum Fenster hinausschaute, und daß sie dabei zufällig jemand sehe – wäre denn das so eine schlimme Geschichte?« »Nein, das wäre in der That keine so schlimme Geschichte,« erwiderte traurig der junge Mann, dem die sehr richtige Idee kam, es wäre klüger gewesen, die Sache mit Rosa allein zu verhandeln. »Nur jetzt hätte ich es sollen bleiben lassen,« sprach er zu sich selber, »begreiflicherweise hilft die Mutter ihrer Tochter und läßt nun Äußerungen fallen, die diese nur bestärken müssen!« – O er fühlte sich recht unglücklich! Unterdessen war es Mittag geworden, die Kirchturmuhren thaten ihre zwölf Schläge, und gleich darauf hörte man entfernt die Militärmusik, mit welcher die Wachtparade aufzog. Sie spielte einen lustigen Marsch, und da sie näher und näher kam, so hörte man mit jedem Augenblick die heiteren Klänge deutlicher und immer deutlicher. Nicht ohne Absicht und mit einem bitteren Blick auf Herrn Böhler warf das junge Mädchen heftig ihre Arbeit auf den Tisch, strich sich ihr Haar zurecht, und trat – ans Fenster. Ja, sie trat ans Fenster, und es war ihm gerade, als fasse irgend etwas sein Herz und drücke es ohne Erbarmen zusammen. Sie trat ans Fenster, und in demselben Augenblick erschien auch das Gegenüber an dem seinigen, natürlich nur in der gleichen Absicht wie Rosa, um die Militärmusik besser hören zu können. Schon wollte sich der junge Mann entfernen, als ihm einfiel, noch einen Versuch zu machen, der ihm zu einer Überzeugung verhelfen sollte. Er näherte sich Rosa: »Laß es gut sein, schreibe es meiner innigen Liebe zu, wenn ich ein bißchen sonderbar gewesen bin,« dabei legte er sanft seine Hand um ihre Schulter. Das hatte sie früher oft und gern gelitten, ja sie hatte in solchen lieben Augenblicken ihren Kopf so auf die Seite geneigt, daß ihre Wange seine Hand berührte. – Heute aber trat sie bei der ersten Bewegung dazu von ihm weg, und nachdem sie rasch einen verlegenen Blick auf ihr Gegenüber geworfen, sagte sie: »Laß! – am offenen Fenster!« »So! – am offenen Fenster!« wiederholte er zurückweichend mit leiser Stimme mehrmals und häufiger, als er es vielleicht selbst wußte, so daß die alte Weiher von ihrem Kochofen her darauf erwiderte: »Ja, Rosa hat recht. Man muß sich am offenen Fenster doch ein bißchen genieren. Es ist von wegen der Nachbarschaft.« »Richtig von wegen der Nachbarschaft,« bestätigte der unglückliche Photograph und ging dabei ohne umzublicken zur Thür hinaus. Auf der Treppe sprach er zu sich selber, mit jeder Stufe abwechselnd: – »am offenen Fenster!« und »von wegen der Nachbarschaft!« Als er jedes sechsmal wiederholt, hatte er seine Stubenthür erreicht. Rosa war noch einen Augenblick am Fenster stehen geblieben, doch hatte sie mehr ins Zimmer hineingehorcht, als nach dem Fenster gegenüber geblickt, so sehr sich auch das Gegenüber Mühe gab, die Aufmerksamkeit des jungen Mädchens auf sich zu ziehen. Sie hörte, wie Heinrich ganz still die Thür schloß, sie hörte, wie er langsam die Treppe hinauf ging, wie er oben in seinem Zimmer ankam, und dann war es ihr gerade, als vernähme sie durch die dünne Decke einen Schrei des Schmerzes. Vielleicht konnte sie sich auch getäuscht haben, und der Schrei tönte aus ihrem eigenen Herzen herauf. Aber etwas tief Schmerzliches war dabei, das fühlte sie an ihrer heftig klopfenden Brust, das fühlte sie an ihren bebenden Lippen, das fühlte sie an ihren zuckenden Augenlidern, an den heißen Thränen, die in schweren Tropfen über ihre Wangen herabrollten. Aber sie hatte ja eine Mutter, um sie zu trösten, und das that Frau Witwe Weiher auch, nachdem sie ihre Suppe vom Feuer gesetzt und den Rührlöffel weggelegt. »Was sind das für Sachen,« meinte diese. »So wirst du dich nicht behandeln lassen, hoff' ich. Glaubt der Herr Böhler, bei ihm allein wäre Heil und Glück dieser Welt? Ein Mädchen wie du kann sich umschauen nach einer Partie und braucht nicht auf einen Photographen zu warten, der nichts zu thun hat. Sei ruhig, Rosa, es ist noch nicht aller Tage Abend, und es hat gar nichts auf sich, wenn du dich hie und da und sogar häufig am Fenster sehen lässest. Das Glück kann dort ebensogut hereinkommen wie zur Thür, und ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht für dich ein Glück zu nennen wäre, wenn der da oben von dir abließe. Warum soll auch unsereins nicht das Recht haben, höher hinaus zu wollen?« fuhr sie fort, als Rosa keine Antwort gab, sondern sich ruhig an ihr Tischchen setzte, jetzt vom Fenster abgewendet. »Da drüben, der Herr Baron von Wenden ist ein junger Mann, unverheiratet, reich, und es wäre doch wahrhaftig nicht das erste Mal, daß ein armes, aber so schönes Mädchen wie du eine gnädige Frau geworden.« Kurze Zeit darauf speisten beide Familien ihr bescheidenes Mittagsbrot, und bei beiden gab es traurige Gesichter. Während unten Frau Witwe Weiher in ihren Versuchen fortfuhr, die Tochter für ihre Ansichten zu gewinnen, bemühte sich oben Herr Krimpf, seinen Compagnon aufzuheitern, doch wollte dies beiden nicht gelingen. Das junge Mädchen war tief betrübt, ohne selbst genau zu wissen warum. Der Photograph aber, in tiefe Gedanken versunken, dachte an offene Fenster und an genierende Nachbarschaften. Nur einmal änderte sich der Gang seiner Ideen, als er nämlich hörte, wie die Militärmusik wieder von dannen zog. Da ging ihm die Erzählung der Mutter wieder durch den Sinn, er dachte an seine vortreffliche und energische Großmama, und in ihm erklang immer und immer fort der Refrain jenes französischen Liedes: Chantons, buvons, traleralera. Zehntes Kapitel. Ein Diner und zwei Freunde. Der Zimmerarrest des Kammerherrn von Wenden hatte schon ein paar Tage gedauert. Eigentlich war es kein Arrest zu nennen, wenigstens konnte er von der Welt nicht so genannt werden, denn Seine Hoheit der Regent, taktvoll wie immer, hatte am Tag nach jenem denkwürdigen Abend bei der Tafel sehr laut und deutlich gesagt: »Wie ich höre, ist Baron Wenden erkrankt. Doch hat mir der Leibarzt gesagt, das Unwohlsein sei nicht von Bedeutung und ein paar Tage sorgfältiger Pflege und Ruhe könnten da schon viel ausrichten.« Diesem Ausspruche gemäß war also der arme Wenden leidend, und keiner vom ganzen Hofe hätte den Mut gehabt, über die Angelegenheit in einer anderen Richtung zu sprechen. Ebenfalls nach diesem Ausspruch Seiner Hoheit fuhr der Leibarzt pünktlich gegen zehn Uhr am Hause des Baron Wenden vor, trat zu ihm ins Zimmer, fühlte seinen Puls, verschrieb ihm eine Limonade oder Brausepulver und ging lächelnd wieder fort, nicht ohne einen leise gemurmelten Segenswunsch des vermeintlichen Kranken, der aber ungefähr lautete, als wenn ein gesunder Mensch sagt: »Hol' euch alle miteinander der Teufel!« Daß täglich zwischen zwei und drei Uhr einer der Lakaien vom Dienste sich bei dem Bedienten des Kammerherrn einfand, um sich im allerhöchsten Auftrage nach dessen Befinden zu erkundigen, verstand sich von selbst, und auf diesen Rapport gestützt, unterließ der Regent nie, den Freunden des Kammerherrn die trostreichen Worte zu sagen, die Besserung mache beständige, wenn auch langsame Fortschritte. Daß sich der Kammerherr zu Hause bedeutend langweilte, brauchen wir eigentlich dem geneigten Leser nicht zu sagen. Seine ganze Philosophie hatte ihn verlassen, und er schritt in seinem Zimmer ingrimmig auf und ab, wie der gefangene Bär in der Menagerie. Er kam sich vor wie ein gefesselter Adler, obgleich er in der Wahrheit mit dem weißen glatten Gesichte, den anliegenden Haaren, dem roten zugespitzten Munde, den großen, etwas hervorstehenden Augen und dem watschelnden Gange seiner ziemlich korpulenten Figur viel mehr Ähnlichkeit mit einem gefangenen Gänserich hatte. Am ersten Tage seines unfreiwilligen Zuhausebleibens lag er den ganzen Tag auf seinem Ruhebette, hatte die Vorhänge herabgelassen und las: »Der letzte Tag eines Verurteilten« von Viktor Hugo. Dann hatte er Briefe geschrieben an Freunde und Verwandte, an die er seit langen Jahren nicht gedacht. Dazwischen aber, und das war seine Hauptbeschäftigung, vertiefte er sich in Grübeleien und dachte und dachte, bis ihm der Kopf brannte, über die Ursache seines Zimmerarrestes. So unangenehm ihm dieser an und für sich war, so gab es doch Momente, wo er sich vor den Spiegel stellte, die rechte Hand unter seinem roten Schlafrock auf der Brust verbarg und sich selbst mit einem triumphierenden Lächeln anschaute. »Man fürchtet dich,« sprach er zu sich selber, »du hast dem Regenten imponiert, und daß dies geschehen, ist schon einige Tage Zimmerarrest wert. Wir werden uns revanchieren.« Daß das Lesen des kleinen Zettels und seine Unterredung mit der Prinzessin mit seinem Arreste in Verbindung stand, war wohl möglich. Aber wie konnte der Regent so plötzlich davon erfahren haben? Sollte vielleicht Fernow? . . . Bah! Fernow, ein guter Kerl, weder gemacht, eine Intrigue zu spinnen noch zu entdecken! Auch hatte derselbe ja gar keine Ahnung davon, daß überhaupt etwas auf dem Papierstreifen zu lesen war. Ja, dieser Papierstreifen, auch er hatte dem guten Kammerherrn schon manche Stunde des Nachdenkens gekostet. Was sollten die Worte: »noch einen ganz zuverlässigen Mann, der Zutritt hat«, eigentlich bedeuten? Er war da in ein Netz hineingeraten, daß sich um seine Füße gelegt hatte, und ihn selbst, der doch damit etwas Tüchtiges zu fangen gehofft, beinahe zu Fall gebracht hätte. Daß es sich um die Ausführung irgend eines Planes handle, zu dem noch ein zuverlässiger Mann gesucht würde, der Zutritt bei Hofe habe, war so klar, daß es jedes Kind begreifen konnte. Damit aber stand der Baron an der Grenze seines Wissens. Daß ihm die Prinzessin an jenem Abend bei der bewilligten Audienz Konfidenzen gemacht haben würde, daran war nicht zu zweifeln. Aber warum, – sie mußte doch von seinem Zimmerarrest durch den Baron Rigoll erfahren haben! – aber warum sprach sie nichts über die bewußte Angelegenheit? Warum war Rigoll stumm wie ein Grab und spielte den Unbefangenen in einer wahrhaft beleidigenden Weise? O, der Augenblick des Glücks, dem er so nahe gewesen, er war ihm unter den Händen entschlüpft, und wenn er träumerisch aufwärts blickte, so sah er es trügerisch in alle Weiten hinaus flattern, schillernd, glänzend, strahlend: Ämter, Orden, Würden! – – Wenn er so in finsteren, fast verzweifelten Gedanken auf und ab schritt, wollte ihn der Glaube an seine Theorie vom Augenblick des Glücks verlassen; und doch hatte sich dieselbe an Fernow glänzend erwiesen. Hatte dieser Kerl in den wenigen Tagen seit jenem verfluchten Abend nicht ein ganz unverschämtes Glück gehabt? War er nicht inzwischen Major und wirklicher Adjutant des Regenten geworden? Ja, man flüsterte sich mit ernstem Kopfschütteln zu, er sei der allmächtige Vertraute und Günstling des Fürsten, der Regent habe ihm sein Herz geschenkt, »er nenne ihn seinen Sohn, er führe seine Siegel, und seine Alba seien nicht mehr.« So viel war gewiß, daß der gewaltige Herr Kindermann den neuen Major mit unbegreiflicher Zuvorkommenheit behandelte. Er hatte nicht nur sein freundlichstes Lächeln, sondern auch immer ein geheimnisvolles Wort für ihn. Wodurch Fernow so plötzlich in Gunst gestiegen, das konnte sich bei Hofe niemand erklären. Die einen glaubten, der Regent habe sich erinnert, welch ein verdienstvoller Mann sein Vater, der selige Minister gewesen; gutmütige Leute, denen die Ehre und der gute Name ihrer Nebenmenschen heilig war, spitzten ihr breites Maul, zogen die Augenbrauen hoch empor und bemühten sich, schlau auszusehen, wenn sie flüsternd sagten: »Es war uns schon lange nicht unbekannt, wie angesehen der junge Fernow in allerhöchsten Kreisen ist, ein schöner junger Mann, vortrefflicher Reiter, immenser Tänzer – hm! hm!« Alternde Hofdamen, die anfingen, sich mit Schmerz daran zu erinnern, daß die Heirat die eigentliche und richtige Bestimmung des Mädchens ist, und daß weder Soireen noch Bälle das Herz auf die Dauer zu erwärmen vermögen, die, selbst vom reinsten Adel, mit mindestens sechzehn toten Ahnen hinter sich, darauf verzichten mußten, diese ehrwürdige Kette um ein Glied zu vermehren, die es für eine Mesalliance ansahen, wenn der Baron ein Fräulein von oder der Graf eine Baronin heiratete, sie waren der Quelle von der Gunst des Herrn von Fernow am nächsten gekommen. Wer war Herr von Fernow? Sein Urgroßvater hieß noch schlechtweg Monsieur Fernow, und selbst der Vater des seligen Ministers, der doch in den Freiherrnstand erhoben worden war, hatte ein Mädchen geheiratet, deren Adel sehr zweifelhaft, wenigstens sehr jung war. Wird es der Enkel besser machen? Im Gegenteil. Ach! jetzt wußten sie ganz genau, woher dieses plötzliche Avancement. Herr Kindermann hatte eine einzige Tochter, die sollte aus dem Vorzimmer in den Salon verpflanzt werden. Daß bei dieser Idee ein krampfhaftes Lachen die Herzen mehrerer Hofdamen erschütterte, ist selbstredend, und daß sich gegen dies Ereignis wenigstens ein Dutzend Todfeindinnen zu inniger Freundschaft, zu Schutz und Trutz verbanden, können wir der Wahrheit gemäß versichern. Über alle diese Sachen, Reden und Vermutungen hatten den Kammerherrn seine Freunde begreiflicherweise au fait gehalten; und daß er darin etwas zum Nachdenken hatte, zerstreute hie und da seine Langeweile. Gleich darauf aber kam dieselbe wieder riesengroß, erdrückend, und er eilte alsdann durch seine Zimmer, die Hände auf den Rücken gelegt, tief seufzend, fast der Verzweiflung nahe. In einem dieser Momente war er an das Fenster seines hinteren Zimmers getreten und hatte melancholisch in die finstere Gasse hinausgeschaut, die sich hier seinen Blicken öffnete. Früher hatte er öfters am gegenüberliegenden Hause ein frisches Mädchengesicht bemerkt, das häufig am Fenster lag und verstohlen zu ihm herabblickte, wenn er einige auffallende Bewegungen gemacht. In der Langeweile greift man nach allem, und so beschloß denn auch der Kammerherr von Wenden, jenes Haus und Fenster in förmlichen Belagerungszustand zu versetzen. Rosa war dieser Mühe schon wert, das mußte er sich am ersten Morgen gestehen, als er die äußerste Parallele eröffnet und eine Demontierbatterie aufgeführt hatte, bestehend aus einem kolossalen Opernglas, vermittelst dessen er die Nachbarin auf zwei Schritte heranzog. Ei der Tausend! wo hatte er bis jetzt seine Augen gehabt? War das ein prächtiges Geschöpf! Und gelehrig, bildsam. Dies Kompliment glaubte er ihr schon nach einigen Stunden machen zu müssen. Wenn sie auch anfänglich nur flüchtig und schüchtern herüberschaute, so gewöhnte sie sich doch bald an seine Blicke; ja, sie konnte lächeln, wenn er in einer melancholischen Attitude am Fenster stand, sie konnte lachen und ihren Kopf aufwerfen, wenn er einen Veilchenstrauß, von welchen Blumen er während seines Zimmerarrestes eine unglaubliche Anzahl konsumierte, schmachtend an die Lippen brachte. Wie sie hieß und wer sie war, wußte er am Abend des ersten Tages; am Morgen des zweiten schenkte er seinen sämtlichen Bekannten kleine zierliche Zigarrenetuis aus Stroh geflochten, so daß einige auf die Vermutung kamen, er habe vielleicht einen alten Florentiner Onkel beerbt, der ein Lager in Stroharbeiten gehalten. Wenn er auf die vorhin erwähnte Art wohl zufrieden war mit seinen Vorarbeiten zur Belagerung der schönen Rosa, so hatte er dagegen in der That einige Furcht, ihr zu tief in die braunen Augen zu sehen. Der Kammerherr von Wenden hatte ein empfindsames Herz, er glaubte, daß es nichts Lächerlicheres in der Welt gäbe als eine unerwiderte Liebe, und hatte sich nach seinen Erfahrungen zuweilen sagen müssen, daß diese schönen Bürgermädchen mitunter den Teufel im Leibe haben. Ein merkwürdiges Zusammentreffen war es, daß ihm am vierten Tage seines Arrestes Baron Rigoll bei einem Besuche die wunderbare Photographie der schönen Nachbarin zeigte. Er fühlte mit Schrecken, daß er fast eifersüchtig geworden wäre. Doch als ihm die Exzellenz hoch und teuer versicherte, sie habe das Porträt in der unschuldigsten Absicht erworben, um es einer Dame vorzulegen, da hatte er sich beruhigt. Daß er aber in der That unruhig gewesen, das wollte ihm durchaus nicht gefallen, besonders da er an einem eigentlich seltsamen Umstande deutlich sah, welchen Eindruck er auf das Herz des jungen Mädchens gemacht. Er stand am Fenster, oder vielmehr er lehnte malerisch hingegossen an einem Flügel desselben. Es war um die Mittagsstunde, und er betrachtete nicht nur die Photographie, sondern er verglich sie Punkt um Punkt mit dem schönen Original, das ebenfalls drüben sichtbar war. Dann gab er sie dem Baron zurück mit der deutlich ausgedrückten Pantomime: Nimm hin einen großen Teil meines Herzens! »Ach, wenn du wärst mein eigen, wie lieb sollt'st du mir sein!« Dazu warf er einen in Wahrheit zerschmetternden Blick auf das unglückliche junge Mädchen. Und siehe da, sie fühlte in der That innig mit ihm, sie zuckte zusammen, sie wandte den Kopf ins Zimmer, nur in der Absicht, um sich zu vergewissern, daß niemand ihre Emotion sehe, dann – der Kammerherr hatte sein Opernglas angesetzt – füllten sich ihre Augen mit Thränen, ja sie trat weinend ins Zimmer zurück – ein göttliches Geschöpf! – Das war aber eben der Moment, wo Herr Heinrich Böhler sich schmerzlich verletzt in sein höheres Stockwerk zurückzog. An dem gleichen denkwürdigen Tage hatte der Kammerherr von Wenden einige seiner Bekannten zu einem Diner, ausdrücklich auf Krankensuppe, Gerstenschleim und Apfelkompott, eingeladen. Gegen halb fünf Uhr hatte er eine gewählte Toilette gemacht, sich in seinen Fauteuil an dem bewußten Fenster gesetzt, um vermittelst weißer Halsbinde und Ordensband eine neue Demontierbatterie gegen die schöne Nachbarin zu eröffnen. Der liebenswürdige Feind ließ sich übrigens nicht häufig sehen, nur einmal kam Rosa ans Fenster, dagegen aber, als er in diesem Augenblicke wie beteuernd seine Hand aufs Herz legte, schien sie tief ergriffen zu sein, seufzte sichtlich und verschwand nach einem langen Blicke. Der Kammerdiener meldete den Major Fernow, weshalb sich Baron Wenden in seinen kleinen Salon zurückbegab, um ihn freundlich zu empfangen. Fernow kam ihm lächelnd entgegen und reichte ihm die Hand, indem er sagte: »Es geht dir gut, nicht wahr? Seine Hoheit, mit dem ich die Ehre hatte, ausreiten zu dürfen, sagte mir ausdrücklich, du müßtest auf deine Wiederherstellung Bedacht nehmen, damit du nächster Tage wieder ausgehen könnest.« »Das sagte er wirklich?« erwiderte der Kammerherr. »Nun, ich bin in der That Seiner Hoheit für die fortgesetzten Aufmerksamkeiten um mich den größten Dank schuldig. Das wirst du ihm sagen, und bitte ich dich, da du doch einmal das allerhöchste Ohr hast, hinzuzufügen, ich werde alles mögliche thun, um mich künftig vor dergleichen kleinen Krankheiten zu bewahren.« »Soll ich ihm das wirklich sagen?« »Du wirst mich damit sehr verbinden, lieber Freund. Doch da fällt mir eben ein, daß ich vielleicht zu viel verspreche. Weiß ich denn den Grund meiner Krankheit? – Weißt du ihn etwa?« Der Major zuckte mit den Achseln. »Der Teufel wird ihn wahrscheinlich wissen, – ich habe keine Ahnung davon,« fuhr der Kammerherr fort, indem er verdrießlich an seiner weißen Halsbinde zupfte, »und das ist gerade das Schlimme, daß ich keine Idee davon habe, vor was ich mich in acht nehmen muß, um für die Zukunft von einer solchen – Schulkrankheit bewahrt zu bleiben. – Ja, du magst lächeln, wie du willst, das Ganze ist eine verdrießliche Geschichte, und, Spaß beiseite, sei so gut und gib mir einen Anhaltspunkt, gib mir eine Idee, was ich thun und lassen soll, um künftig in den Augen des Regenten nicht wieder unwohl zu erscheinen.« »Du, ein Philosoph, ein Denker!« entgegnete lustig Herr von Fernow. »Wie kann ich, der nur so mit der ganzen Herde läuft, dir einen Rat geben!« Der Kammerherr warf unruhig den Kopf auf die rechte Seite, dann sprach er: »Sei ein bißchen ehrlich, Fernow. Ich versichere dich, meine Krankheit ist mir rätselhaft. Wenn ich im gewöhnlichen Leben weiß, daß ich weder Austern noch Trüffeln vertragen kann, so esse ich nicht das eine, nicht das andere. Wenn mir der Champagner Beschwerden macht, so trinke ich keinen, wenn mir die Zugluft schadet, so ziehe ich mich warm an – aber was ich thun soll, um in den Augen des Regenten nicht krank zu werden, davon habe ich, auf meine Ehre, keinen Begriff.« Herr von Fernow strich seinen schwarzen Bart und blickte, ohne zu antworten, an die Decke empor. »Nochmals, Fernow, sei ehrlich,« fuhr Herr von Wenden fort, »sage, was du mir sagen kannst. Du weißt, daß ich wohl im stande bin, Andeutungen, wenn sie auch mit wenigen Worten gegeben sind, zu verstehen.« »Was ich kann, will ich gerne thun,« antwortete der Major. »Laß uns einmal sehen, was könnte vielleicht auf deinen Fall passen?« Er legte die Hand an die Stirn und schien in tiefes Nachdenken zu versinken. »Ja, ja, das wäre möglich,« sagte er nach einer Pause. »Weißt du, lieber Wenden, es gibt Leute, die den Geruch von Blumen nicht ertragen können, – denen er die Nerven angreift.« »Ach, ich verstehe; – also doch! Namentlich sind mir vielleicht solche Blumen gefährlich, in denen Papierstreifen verborgen sind. Meinst du nicht auch?« »Ob irgend ein Papierstreifen etwas dazu beiträgt, wage ich in der That nicht zu entscheiden. Aber du wirst mich verstehen.« »O, vollkommen!« »Vielleicht gibt es auch noch andere Dinge, die deiner Gesundheit nicht zuträglich sind.« »So, noch andere Dinge?« »Ich meine nur so. Ich selbst, der ich recht gesund bin, habe doch zuweilen erfahren, daß die meisten Säle des Schlosses, besonders spät des Abends, eine feuchte, widrige Luft enthalten, die einem, der dazu geeignet ist, die Lunge angreifen kann.« »Und da werden vor allem die Säle sehr gefährlich sein,« ergriff der überraschte Kammerherr die Andeutung, »die zum Appartement Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise führen.« »Ob die gerade mehr oder minder Krankheitsstoff zu gewissen Stunden enthalten, wage ich nicht zu entscheiden; genug – « »Der Beweis ist geliefert,« fiel ihm der Kammerherr unmutig ins Wort. – »Fernow, Fernow, du bist in den wenigen Tagen ein ganz geriebener Patron geworden!« »Das wird dich doch nicht wundern,« versetzte der Major, »nachdem ein Denker wie du sich die Mühe gab, mir einen langen Sonntagnachmittag seine kostbaren Theorien auseinander zu setzen.« Der Kammerdiener meldete Seine Exzellenz, den Oberstjägermeister, Herrn Baron von Rigoll, und diese Exzellenz hüpfte freundlich durch das Vorzimmer, blieb aber unter der Eingangsthür zum Salon in einer affektierten Haltung stehen. Das heißt, Rigoll heuchelte den Ausdruck der Bestürzung und Besorgnis. Er warf den Oberkörper zurück und breitete beide Arme aus, indem er rief: »Ist das Ernst oder Scherz, bester Freund? Sie haben mich auf Krankensuppe eingeladen, auf Gerstenschleim, was weiß ich; auf Apfelkompott, Horreur! Ich hoffe nicht, daß es Ihnen Ernst damit war, sonst müßte ich in der That bedauern, hierhergekommen zu sein. Ich habe Ihretwegen sehr frühzeitig Fräulein von Ripperda, meine Braut, verlassen, – Teufel auch! In einem solchen Falle muß man wissen warum!« »Beruhigen sich Euer Exzellenz nur,« lachte der Kammerherr, offenbar geschmeichelt durch den gnädigen Spaß. »Wenn ich auch bitten muß, mit der Küche eines Kranken Nachsicht zu haben, so wird sich doch wohl auch noch etwas für einen gesunden Appetit finden.« Seine Exzellenz hatte ein kleines Paketchen in der Hand; es sah ungefähr aus wie ein Buch in groß Oktav, welches er dem Kammerdiener übergab und aufs sorgfältigste anempfahl. Dann erst schien er den Major zu bemerken, der, die Hände mit dem Hut auf dem Rücken, mit gespreizten Beinen seinem eigentümlichen Wesen zuschaute. »Ah, Herr von Fernow,« sagte Baron Rigoll, und das bekannte unangenehme Lächeln wetterleuchtete auf seinem Gesicht. »Ich hatte schon die Ehre, Euer Exzellenz mein Kompliment zu machen,« entgegnete der Major, »und erlaube mir nun, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.« »Vortrefflich, danke schön. Außerordentlich gut. Es muß mir ja ausgezeichnet gehen. Darüber wird keiner der Herren im Zweifel sein.« »Wenigstens sind Euer Exzellenz beneidenswert,« entgegnete Herr von Fernow mit der größten Ruhe von der Welt. Der Kammerdiener meldete noch drei Freunde des Hausherrn und ebenfalls genaue Bekannte der Anwesenden. Man trat ein, man reichte sich die Hände, man stülpte die Hüte auf irgend einen Fauteuil oder einen Diwan, man fand das Aussehen des Kammerherrn für einen Kranken unbegreiflich gut, man sprach über das Wetter, man erzählte von einem Ritt, von einer Soiree, man warf einen verstohlenen Blick in den Spiegel, man war zufrieden mit sich selber, und als nun der Kammerdiener eintrat und mit leiser Stimme ankündigte, daß serviert sei, ging man ins Speisezimmer, setzte sich um den vortrefflich arrangierten Tisch und das Diner nahm seinen Anfang, verlief zwischen Lachen und Scherzen, unter vortrefflichen Schüsseln, ausgezeichnetem Sauterne, Bordeaux und Rheinwein, und endete, wie gewöhnlich, mit einem Fruchtaufsatz von Gefrorenem, mit Champagner und Tokayer. Obgleich das Frühjahr schon angebrochen war, konnte man doch abends im Zimmer noch ein leichtes Feuer ertragen, und die ganze Tischgesellschaft fand es außerordentlich komfortabel, als sie der Kammerherr in sein kleines Arbeitslokal führte, wo ein Kaminfeuer loderte, um welches sechs niedrige kleine Fauteuils standen, die so leicht auf ihren Rollfüßen liefen, daß sie der geringsten Bewegung nach rechts oder links nachgaben und so die Konversation außerordentlich erleichterten. Der behagliche Aufenthalt, das muntere Gespräch, welches sich bei dem Dufte des Kaffees und dem Rauch der Zigarren entwickelte, hielt die Gesellschaft länger als sonst beisammen. Zu vorgerückter Stunde erst trennten sich die Gäste, mit Ausnahme der Exzellenz, von ihrem Wirte. Als der Kammerherr aus dem Vorzimmer, wohin er seine Freunde begleitet, zurückkehrte, fand er den Oberstjägermeister mit einem Buch in der Hand an dem Tische stehend; wenn er aber auch dieses aufgeschlagen vor sich hielt, so sah er doch nicht hinein, vielmehr starrten seine Blicke, wie in tiefen Gedanken, weit darüber hinaus. Auch war von seinem Gesichte der Ausdruck der heiteren, sarkastischen Laune, den er während des Diners und auch nachher so sorgfältig bewahrt, gänzlich entschwunden; auf seiner Stirn lag eine Wolke trüber Sorge, er hatte die Lippen zusammengekniffen, und das fast unvertilgbare Lächeln seiner Mundwinkel sah trotzig und höhnisch aus. Er warf das Buch auf den Tisch, als er die Schritte des Zurückkommenden hörte, wandte sich gegen den Kammerherrn und sagte: »So wären wir endlich allein.« Dann setzte er in einem beinahe heftigen Tone hinzu: »Baron, ich bewundere Sie. Mit Ihrer Gewandtheit kann es Ihnen nicht fehlen, eine große Carriere zu machen.« Herr von Wenden sah ihn einigermaßen erstaunt an, und so war auch der Ton seiner Stimme, als er entgegnete: »Ich begreife in der That Euer Exzellenz nicht besonders. Sie sind so freundlich, von meiner Gewandtheit zu sprechen, – ich bitte Sie um Gotteswillen, sehen Sie denn nicht, wohin mich meine Gewandtheit gebracht? Zu einem Arrestanten auf Ehrenwort.« »Das ist ja gerade, was Sie klug gemacht!« rief der Oberstjägermeister, indem er heftig auf und ab ging, »Sie haben sich von der Sirene nicht verlocken lassen. Sie warf Ihnen die goldene Angel hin; Sie haben nur ein bißchen danach geschnappt, aber das Schicksal in Gestalt Ihres Freundes Fernow hat Sie vor dem Anbeißen bewahrt.« »Ich verstehe Euer Exzellenz in der That nicht.« »Es ist aber nicht schwer, mich zu verstehen. Wie schon bemerkt, – Sie waren klug genug, sich hier in die Einsamkeit zurückzuziehen, und sind so dem Netze entgangen, welches man im Begriffe stand, über Sie zu werfen. Ich dagegen zapple darin wie eine gefangene Fliege.« Seine Exzellenz machte in der That bei dieser Bemerkung ähnliche krampfhafte Bewegungen, wie man sie wohl bei einem gefangenen unglücklichen Geschöpf der eben erwähnten Art sieht. »Darf ich Sie wohl bitten, mir durch Ihren Kammerdiener das Paketchen herbringen zu lassen, das ich ihm vorhin übergeben?« sagte die Exzellenz und fuhr alsdann fort, nachdem Herr von Wenden achselzuckend die Klingel gezogen und ihn mit unverkennbarem Erstaunen, fast mit Schrecken anstarrte: »Glauben Sie mir, lieber Freund, drüben im Schlosse sind alle zehntausend Teufel los.« Der Kammerherr deutete pantomimisch an, indem er die Augen weit aufriß und seine Hände von sich abstreckte: Sie sehen meine Überraschung. »Ich versichere Sie, lieber Wenden, es war der klügste Streich Ihres Lebens, sich in Zimmerarrest setzen zu lassen. Hätte ich das vor acht Tagen nur auch gethan! O, über die intriganten Weiber! Sie wissen, weshalb ich an die Prinzessin gefesselt bin. Meine Verlobung mit Fräulein von Ripperda ist ausgesprochen, ich interessiere mich lebhaft für das schöne Mädchen; es wird mich auch glücklich machen, sie zu heiraten, und ich will und kann nicht anders. Denn wenn ich selbst jetzt zurückträte, so würde sich doch die ganze Welt hohnlachend über den schönen Korb freuen, den der ältere Baron Rigoll von dem jüngeren Fräulein von Ripperda erhalten.« Hierbei sandte er einen Blick in den Spiegel, und da er mit seinen Betrachtungen nicht sehr zufrieden zu sein schien, so warf er sich unmutig in seinen Fauteuil. Der Kammerdiener hatte unterdessen das bewußte Paketchen gebracht, Seine Exzellenz riß hastig Papier und Bindfaden ab und reichte von zwei Porträts, die darin waren, eines dem Kammerherrn, ohne es anzusehen. »Eine Photographie von Ihnen? Vortrefflich gemacht!« sagte Herr von Wenden. »Ah! Ich gab Ihnen das falsche!« rief der Oberstjägermeister. »Nehmen Sie dies da. Kennen Sie die Person?« Der Kammerherr betrachtete lange und aufmerksam das Bildnis. Dann bedeckte er die Augen mit der Hand und dachte nach. »Gesehen habe ich diesen Kopf,« sprach er nach einer Pause, »aber ich weiß nicht, ob die Person selber, oder ebenfalls nur ein Bildnis von ihr.« »Vielleicht beides; erinnern Sie sich.« Herr von Wenden sah den Oberstjägermeister mit einem eigentümlichen Blick an, doch bemerkte man wohl an seinen Augen, daß er in seinem Gedächtnis wühlte. »Ja, ja,« sprach er alsdann, »das Gesicht ist mir bekannt. Ich meine, ich hätte es kürzlich gesehen.« Seine Exzellenz nickte mit dem Kopfe. »Wenn ich aber diesem Kopfe in meinen Gedanken ein Tuch gebe, wie es die Beduinen auf ihren Ritten in der Wüste zu tragen pflegen, und mir statt des Paletots einen Burnus denke – – – – Alle Teufel! ja, ich hab's.« Bei diesen Worten eilte er an seinen Bücherschrank, öffnete ihn hastig, zog ein sehr elegant gebundenes Buch hervor und hielt das Porträt in demselben dem Oberstjägermeister vor die Augen. – Dieser nickte abermals und sehr verdrießlich mit dem Kopfe. »Herzog Alfred von D•.,« rief der Kammerherr im Tone der höchsten Überraschung, »und er ist hier in der Residenz, ich sah ihn kürzlich in – wo war es doch – in irgend einer Gesellschaft.« »O, in der besten von der Welt. Der Herzog war – hier in diesem Zimmer, auf demselben Fauteuil, wo ich jetzt zu sitzen die Ehre habe.« »Graf Hohenberg?« »Graf Hohenberg.« – Einen Augenblick sahen sich die beiden forschend an. Ihre Gedanken konnten sich unmöglich vereinigen. Auf dem Gesichte des Kammerherrn bemerkte man deutlich, daß er in Vermutungen umhertappe, in den Blicken der Exzellenz dagegen lag eine unheimliche Ruhe, die verriet, er wisse vollkommen, um was es sich handle, und er schweige vielleicht nur aus Schonung, um den anderen nicht plötzlich zu erschrecken. »Aber um Gotteswillen, Exzellenz, was hat es zu bedeuten, daß sich der Herzog so inkognito bei uns aufhält? Denn, daß man bei Hofe von seiner Anwesenheit nichts weiß, liegt auf flacher Hand. – Sie lächeln so sonderbar. Wüßte man doch etwas davon, und hätte Ursache, es zu verheimlichen?« »Daß Personen vom Hofe um dieses in der That gefährliche Geheimnis wissen, beweisen wir beide. Wir gehören ja auch zum Hof.« »Ich muß recht sehr bitten, Exzellenz. Ich erfahre soeben die ersten Andeutungen darüber.« »Weil Sie sich schlauerweise auf die Krankenliste setzen ließen.« »Das also hängt mit jenem Papierstreifen zusammen?« fragte der Kammerherr in höchster Spannung. »So ist es.« »Also, um da zu irgend etwas mitzuhelfen, irgend welche Instruktionen zu empfangen, sollte ich an jenem verhängnisvollen Abend die bewußte Audienz haben?« »Die Sie durch Ihren Freund, Herrn von Fernow, vereiteln ließen. O, Sie haben das schlau angefangen, bewunderungswürdig fein.« »Aber ich versichere, daß es mir ein wahres Glück wäre, der durchlauchtigen Prinzessin Elise mich und meine Dienste unbedingt und unbeschränkt anbieten zu können.« »Und das sagen Sie mir?« rief der Oberstjägermeister, »mir, den Sie in diesem Augenblick fast darüber in Verzweiflung sehen, daß ich mich, verzeihen Sie mir den Ausdruck, der Prinzessin mit Leib und Seele übergeben habe?« Er war bei diesen Worten in die Höhe gesprungen und griff mit seinen Fingern zwischen die Halsbinde, wie jemand, dem es zu warm wird. Obgleich sich der Kammerherr bemühte, ein recht gescheites Gesicht zu machen, so mußte er sich doch gestehen, daß es der Situation angemessener gewesen wäre, recht dumm auszusehen; denn er verstand durchaus nichts von den Verlegenheiten des Oberstjägermeisters, wenn sich auch unzählige Vermutungen in seinem Kopfe kreuzten. Seine Exzellenz hatte sich wie ermattet in den Fauteuil zurückgelehnt; sie faltete ihre Finger zusammen und ließ die Daumen beider Hände umeinander herumspazieren. »Da ich fest auf Sie vertraue,« sagte Rigoll nach einer Pause, »und da ich eine Hilfe vielleicht notwendig brauche, so will ich Ihnen die ganze Geschichte mitteilen. Aber, lieber Wenden, es ist eine Sache, die, auf unrechte Art am unrechten Orte hinterbracht, ganz eigentümliche Folgen haben kann.« »Für Sie, Exzellenz?« »Ja. Eigentlich für jeden, der damit zu thun hat.« »Da könnte sich also meine Krankheit ins Unendliche verlängern, ja, am Ende gar zu einem chronischen Übel werden.« »Machen Sie keinen Scherz. Gerade Ihre so außerordentlich apropos eingetretene Krankheit überzeugt mich, mit welcher Gewandtheit Sie unsere Sache behandeln werden. Wenn man sich in die Intriguen einer Dame wie die Prinzessin Elise einläßt, so spielt man va banque.« »Spielen wir,« sagte entschlossen der Kammerherr. »Wie ich an Euer Exzellenz gesehen habe, ist Ihnen schon vor Beendigung des Spiels ein wunderbarer Treffer zugefallen. Vielleicht bin ich auch so glücklich.« Der Oberstjägermeister unterdrückte einen leichten Seufzer. »Daß der Herzog also hier ist, wissen Sie. Ich habe ihn früher sehr gut gekannt, daher suchte man auch gerade mich aus zu der höchst gefährlichen Kommission.« »Und was will er?« fragte fast ungeduldig der Kammerherr. »Was er will? Nun, nichts mehr und nichts weniger, als – die Prinzessin Elise heiraten.« »Donner und Wetter!« sagte Herr von Wenden, und trat einen Schritt zurück. »Und das habe ich einfädeln müssen,« fuhr die Exzellenz fort, indem sie sich leicht mit der Hand über die Stirn strich. »Habe die notwendigen Korrespondenzen besorgt und habe den Herzog eingeladen, hierher zu kommen.« »Und das alles hinter dem Rücken Seiner Hoheit des Regenten?« fragte der andere in einem sonderbar gedehnten Tone. »Diese Frage, mon cher,« antwortete ungeduldig der Oberstjägermeister, »beweist mir, wie wenig Sie die Prinzessin kennen. Hat es ihr jemals Spaß gemacht, irgend eine Sache gerade und offen zu betreiben? Ich wüßte mich der Art nichts zu erinnern, und Sie selbst vielleicht auch nicht. – Stellen Sie sich nun in meine Lage. Der Herzog, dem die Idee, die Prinzessin im geheimen kennen zu lernen, recht schön und romantisch vorkam, ist hier, die heillose Angelegenheit aber will nicht den kleinsten Schritt vorwärts thun.« »Und aus welchem Grunde nicht?« »Bester Wenden, nehmen Sie mir's nicht übel, Sie fragen wie ein unschuldiges Kind, aber nicht wie ein Kammerherr, der schon so und so viele Jahre an diesem Hofe gelebt. Warum? – Weil die Prinzessin nun einmal die Idee hat, die Sache nicht vorwärts zu treiben, sondern sie aufs langsamste oder vielmehr gar nicht gehen zu lassen.« »Und sieht Sie den Herzog häufig?« »Ihn häufig sehen? Sie hat ihn noch gar nicht gesehen, seit er hier ist. Sie will sein Porträt, er soll das ihrige haben, und dann wird sie sich vielleicht entschließen, ihm auf Gott weiß welche verzwickte und geheimnisvolle Art zu begegnen. Da haben Sie die Geschichte meiner Leiden. Zwischen diesen beiden Feuern sitze ich, und kann es mir da ein vernünftiger Mensch übel nehmen, wenn ich mich zuweilen in einer völligen Verzweiflung befinde? – Aber das habe ich mir feierlich gelobt,« fuhr er fort, indem er abermals aufstand, »geht diese Sache nun einmal glücklich vorüber, so weiß ich, was ich thue. Dann heirate ich in aller Stille, reise auf längere Zeit fort und sehe zu, wie sich die Sachen hier abwickeln.« »O Euer Exzellenz haben eine beneidenswerte Zukunft,« sprach der Kammerherr träumerisch. »Aber ehe ich dazu gelange, noch einen entsetzlichen Abgrund dicht vor meinen Füßen. Vielleicht einen jähen Sturz.« »Zu dem Euer Exzellenz mich einzuladen die Freundlichkeit haben,« antwortete lachend Herr von Wenden. »Es ist was Wahres in Ihren Worten,« sagte der Oberstjägermeister nach einer Pause, während welcher er sich mit übereinander geschlagenen Armen ans Fenster gestellt hatte. »Aber beim Teufel! nein, zwei Leute wie wir stürzen nicht so leicht. Ich wette, wir bauen uns die schönste Brücke nach Gott weiß welchem glücklichen Gefilde.« »Eine Brücke des Glücks,« erwiderte nachdenkend der Kammerherr; »wenn nur der rechte Augenblick nicht verpaßt ist! – Und wünscht die Prinzessin,« setzte er nach einem momentanen Stillschweigen hinzu, »daß ich um die Geschichte wissen soll?« »Wer kann daran zweifeln?« versetzte die Exzellenz nicht ohne eine kleine Verwirrung. »Sie stehen in ihrer Gunst, die Prinzessin hätte Ihnen an jenem Abend alles anvertraut; – kann ich auf Sie rechnen?« Der Kammerherr hatte einen Gang durch das Zimmer gemacht, er kämpfte mit sich selber. Er kannte den Oberstjägermeister, und weil er ihn kannte, kam ihm die ganze Sache verdächtig vor. Zu einer Angelegenheit, bei der etwas zu gewinnen war, hätte die Exzellenz nicht wohl einen zweiten eingeladen; auch erinnerte er sich jenes Abends, als er dem Baron Rigoll im Schlosse begegnete, und es sich fand, daß sie den gleichen Weg zu den Gemächern der Prinzessin hatten, wie ihm der Oberstjägermeister in der ersten Überraschung ein nichts weniger als freundliches Gesicht machte. – Daß aber Herr von Wenden jetzt mit einer Antwort zögerte, schien dem Baron Rigoll durchaus nicht zu gefallen. Er wandte sich unmutig gegen ihn und sagte in einem etwas scharfen Tone: »Ei, bester Baron, wie nehme ich Ihr Stillschweigen? Sie ließen mich mein Geheimnis ruhig erzählen, und jetzt, da Sie es wissen, zögern Sie auf eine für mich fast beängstigende Art.« »Sie sollen sich in mir nicht verrechnet haben,« antwortete Herr von Wenden entschlossen. »Sagen Sie der Prinzessin in Gottes Namen, ich sei ganz zu ihren Diensten, und lassen Sie mich wissen, was ich thun soll.« Der Oberstjägermeister schien freier aufzuatmen. Er reichte dem anderen die Hand und erwiderte: »Ich danke Ihnen herzlich und werde Ihre Bereitwilligkeit bestens anzubringen wissen. Jetzt werden Sie aber vor allen Dingen gesund, lassen Sie sich morgen bei der Prinzessin melden; sie wird von unserer Angelegenheit beginnen, und dann tragen Sie mit Ihrer ganzen Überredungskunst dazu bei, daß sie uns endlich einmal eine vernünftige Antwort gibt, die wir dem Herzog mitteilen können.« »Daran soll's nicht fehlen. Sobald ich ausgehen kann,« setzte er mit Beziehung hinzu, »und mich die Prinzessin annimmt, werde ich mein mögliches thun.« »Gott sei Dank, ich sehe endlich ein wenig Licht in dieser Finsternis,« sagte der Oberstjägermeister nach einem tiefen Atemzuge. »Seien Sie zufrieden, daß Sie jetzt ruhig in Ihrer Wohnung bleiben können. Ich habe noch eine Verhandlung mit dem Herzoge und fürchte, ich bekomme pikante Redensarten zu hören. Also auf Wiedersehen morgen,« – er reichte ihm die Hand, »zu Schutz und Trutz!« »Und auf gutes Gelingen,« antwortete Herr von Wenden, und darauf trennten sie sich. Der Oberstjägermeister warf sich in seinen Wagen, und als er nach Hause rollte, dachte er begreiflicherweise an die eben gehabte Unterredung und sprach zu sich selbst: »Helf, was helfen mag! Ich glaube einen guten Blitzableiter gefunden zu haben.« Der Kammerherr droben blickte durch das Fenster auf die Straße, und als er die Equipage Seiner Exzellenz um die Ecke verschwinden sah, rieb er sich die Hände und meinte: »Ich glaube, diese Mitteilung könnte in der That im stande sein, mein Unwohlsein plötzlich aufhören zu machen. Fort mit diesen Intriguen! Sie sind mir schlecht bekommen. Ich werde nach Befund der Umstände bei dem Regenten schriftlich um eine Audienz nachsuchen.« Elftes Kapitel. Leuchtkäfer. Als der Major von Fernow das Haus seines Gastfreundes verließ, fand er, daß es ein angenehmer Abend sei. Daß es ein wenig kühl war, achtete er nicht; erwärmten ihn doch die freundlichen Bilder und Gedanken, die ihn zahllos umschwebten und deren Mittelpunkt immer sie war. Wie fühlte er sich so glücklich, mit dem geliebten Mädchen ein Geheimnis zu haben, ein so entzückendes Geheimnis! Gesehen hatte er sie selten seit jenem Abend, sich mit ihr unterhalten so gut wie gar nicht, es müßte denn eine Unterhaltung zu nennen sein, wenn er sie nach der Tafel fragte: »Sie besuchen heute die Oper?« und sie antwortete: »Ich glaube wohl, daß ich dort sein werde.« Dagegen aber war ein so vollständiger Telegraphen- und Zeichendienst zwischen beiden eingerichtet, daß die längsten Depeschen mit Leichtigkeit aufgegeben und ebenso verstanden wurden. Die Liebe ist darin entsetzlich erfinderisch, entsetzlich für alle armen Hüter, mögen sie nun Ehemänner, Eltern, Vormünder oder wie immer heißen. Hat doch zwischen zweien, die einander verstehen, alles seine Bedeutung! Ob sie den Fächer in die rechte oder linke Hand nimmt, ob sie über ihre Stirn streift oder über ihr Haar, ob sie den Kopf auf den rechten oder linken Arm stützt, ob sie gegen ihre Nachbarin lächelt oder ernst mit ihr spricht. Und bei ihm ist es ganz der gleiche Fall. Ein Hervorziehen des Sacktuches, ein-, zwei- oder dreimal schnell hintereinander; ein Augenblick mit aufgestütztem Arm, wie in tiefes Nachdenken versunken, dann ein plötzliches Auffahren, das Betrachten der Uhr, das Ausziehen eines Handschuhs oder beider, – wer kann alle diese Zeichen einer Sprache nennen, die so verschiedenartig ist, von jedem und jeder neu erfunden und mit so außerordentlicher Leichtigkeit erlernt wird. Es geschieht das unbewußt, wir möchten sagen instinktartig, und das junge Mädchen, welches einmal beginnt, mit ihrem Gegenüber zu telegraphieren, hat, ehe es das selbst weiß, ein ganzes Alphabet bei einander und wird durch keinen Ausdruck in Verlegenheit gebracht. Wie sich sein Schicksal in betreff des Fräuleins von Ripperda entwickeln würde, daran hatte Fernow eigentlich noch gar nicht gedacht. Er war in gewissen Beziehungen eine von den glücklichen Naturen, welche im stande sind, sich mit einer entzückenden Gegenwart zu unterhalten, und die es vermögen, die finster blickende Zukunft vollständig zu ignorieren. Was hätte ihm aber auch sein Nachgrübeln helfen können? Wie die Sachen standen, konnte ihm nur etwas ganz Unverhofftes den Pfad ebnen, nur ein Wunder zum glücklichen Ziele führen. Und darauf hoffte er im Namen der Liebe und Treue. So schritt er durch die Straßen bei dem herzoglichen Schlosse vorüber und trat in die Gärten, welche dasselbe von einer Seite umgaben. – Hier hatte der Frühling Bäume und Sträucher mit dem ersten saftigen Grün aufgeputzt und die Blätter waren noch so wenig entwickelt, daß sich gerade dadurch die einzelnen Partien aufs zierlichste nüancierten. Ein mächtiges Bauwerk stand am Rande des Parkabhanges, von dem man eine entzückende Aussicht über die Anlagen ringsumher hatte. Es war eine ehemalige Bastion, zu den Befestigungen des früheren Schlosses gehörig, die man stehen ließ gerade wegen der wunderbaren Aussicht, die man von der Plattform desselben genoß. Man ging von den oberen Gärten gerade hinauf, und wenn man an den Rand dieses Bollwerks trat, so erblickte man in der Tiefe die unteren Partien des schönen Parks. Oben standen riesenhafte Kastanien, deren breite Kronen einen Schattengang um den Platz bildeten, während die dicken Stämme die Landschaft stellenweise einrahmten und dieselbe noch malerischer erscheinen ließen. Obgleich die Sonne nicht mehr am Himmel stand, so war es doch noch so hell, daß man eine gute Strecke der Umgebung deutlich überblicken konnte. Die feine glänzende Sichel des jungen Mondes schwebte im Osten über einer fast schwarzen Föhrenpartie und glitzerte anmutig zwischen den fein gezackten Zweigen und Nadeln hindurch, gerade wie das Diadem der Nachtkönigin, die langsam herniederschwebt, um in dem dampfenden Abendnebel den Spielen ihres lustigen Hofstaates zuzuschauen. Als der Major die Terrasse betrat, glaubte er hier allein zu sein, wenigstens bemerkte er niemand, und erst als er dicht vor der Brüstung stand, erblickte er in seiner Nähe einen Mann, der auf derselben saß, und den er bis jetzt nicht bemerkte, da ihn einer der dicken Kastanienbäume verdeckt. – Da es nichts Seltenes war, hier jemand anzutreffen, so bekümmerte sich auch Herr von Fernow nicht weiter darum, sondern lehnte sich an einen der Bäume und blickte auf die schattenhaften Buschpartien zu seinen Füßen. Sein Nachbar auf der Brüstung schien mit Interesse den Mond betrachtet zu haben, doch wandte er sein Gesicht dem neuen Ankömmlinge zu und begrüßte ihn durch höfliches Abnehmen des Hutes, sowie durch den freundlichen Wunsch eines guten Abends. Herr von Fernow dankte und warf einen Blick auf den Dasitzenden. Es war ein anständig gekleideter junger Mann mit hübschen einnehmenden Gesichtszügen; er hatte den rechten Arm um das eiserne Geländer geschlungen, womit die Brüstung erhöht war, und da er seinerseits nun ebenfalls den anderen betrachtete, so trafen sich ihre Blicke, und es war nichts Auffallendes darin, daß der junge Mann sagte: »Es ist dies ein schöner Abend – vielleicht ein Vorbote des kommenden Frühlings.« »In der That, ein angenehmer Abend,« entgegnete der Major, und damit wäre die Unterhaltung wahrscheinlich abgebrochen gewesen, wenn nicht der Fremde gesehen hätte, daß der andere seine ausgegangene Zigarre musterte und eben im Begriff war, dieselbe über die Brüstung hinabzuwerfen. »Wünschen Sie vielleicht Feuer?« fragte er, und als der Major, durch die freundliche Bereitwilligkeit einigermaßen überrascht, darum bat, holte der andere ein kleines Etui hervor und zündete ein Streichhölzchen an, dessen Flämmchen sich bei dem ruhigen Abend kaum bewegte. Herr von Fernow warf das Hölzchen, nachdem er es benutzt, brennend über die Brüstung, und der andere blickte ihm sich herabbeugend nach. »Es kam glimmend unten an,« sagte er, »es sah aus wie ein Leuchtkäfer, und ich habe eine ungemeine Vorliebe für Leuchtkäfer.« Diese Bemerkung machte den Major lächeln und er interessierte sich für den gefälligen jungen Mann, der eine Vorliebe für Leuchtkäfer hatte. Auch ihm rief die Erinnerung an dieselben die Stunde eines warmen Maiabends ins Gedächtnis, wo man nach der Tafel in den Gärten von Eschenburg promenierte, und er ganz zufällig an der Seite des Fräuleins von Ripperda einen kleinen Leuchtkäfer erblickte, den beide zu gleicher Zeit aus dem Grase aufheben wollten, wobei es denn kam, daß Helenes kühles duftiges Haar seine heiße Wange streifte, und das ist eine der gefährlichsten Berührungen, die es im Menschenleben gibt. Ihm war es wie ein elektrischer Funken ins Herz gefallen; es hatte ihn so eigentümlich berührt, daß er nachher häufige, aber vergebliche Versuche machte, wieder zu einer ähnlichen Berührung zu kommen. Leider fanden sich nicht so bald wieder Leuchtkäfer, und wenn er später einen sah, so war das schöne Fräulein nicht in seiner Nähe. War es die Äußerung des jungen Mannes über die Leuchtkäfer oder die Gefälligkeit desselben, ihm Feuer zu geben, was den Major veranlaßte, dem Fremden eine Zigarre anzubieten, genug, er that es, und der andere nahm sie zögernd an. Dabei war er von seinem Sitze aufgestanden und hatte mit seinem Hut respektvoll gedankt. Wenige Zeit darauf brannten beide Zigarren, und Herr von Fernow, dem es nicht unerwünscht war, seine mannigfaltigen Gedanken für den Augenblick verabschieden zu können, und ein wenig über gleichgültige Dinge zu plaudern, setzte sich auf die Brüstung an die Seite seines neuen Bekannten. Nun ist es nicht leicht, mit einem gänzlich fremden Menschen ein Gespräch anzuknüpfen, welches nicht schon den Keim des Todes in sich trägt, ehe es zum Leben gelangt. Versuchsweise sagte deshalb Herr von Fernow: »Also Sie interessieren sich für die Leuchtkäfer? Lieben vielleicht im allgemeinen die kleine Tierwelt? Und sind wohl, was man einen Insektensammler nennt?« »Nein, davor graut mir,« antwortete der andere. »Ich könnte um alles in der Welt so ein unschuldiges Geschöpf nicht mit der Nadel durchstoßen, wie sie es zu machen pflegen. Und dann hätte ja auch ein aufgespießter Leuchtkäfer durchaus keinen Sinn. Wenn er tot ist, hat er Licht und Glanz verloren, und das ist eigentlich recht traurig.« »Ja, das ist allerdings recht traurig,« pflichtete der Major bei, um das Gespräch nicht einschlafen zu lassen. Aus demselben Grunde fragte er auch: »Weshalb lieben Sie also Leuchtkäfer? Ich hoffe nicht, daß ich mit meiner Frage unbescheiden bin.« Auf dem Gesichte des anderen zeigte sich ein trübes Lächeln, und er schwieg einen Augenblick, ehe er antwortete. »Wenn ich Ihnen das erzähle,« sagte er, »so werden Sie lachen; und es ist auch vielleicht schon oft vorgekommen.« »Erzählen Sie, ich werde nicht lachen; wenn es aber in der That lächerlich wäre, und ich müßte alsdann lachen, so würden Sie es mir wohl auch nicht übel nehmen.« »O gewiß nicht. – Kennen Sie den Königsgarten?« »O ja, ich kenne ihn.« »Aber Sie waren noch nie dort, wenn er schön beleuchtet ist und abends die Musik spielt, kurz, bei einer italienischen Nacht? Das ist langweilig für die vornehmen Herren.« »Ich bin kein vornehmer Herr.« »Lassen wir das meinetwegen gut sein. Ihre Zigarre ist vortrefflich. Nun also, in den Königsgarten ging ich früher häufig, ich hatte so mein Interesse dabei.« »Ah! ich verstehe.« »Natürlich, man ist jung, man sucht, man findet. Genug, ich hatte denn auch gefunden, ein sehr schönes, junges und liebenswürdiges Mädchen. Es kommt das sehr häufig in der Welt vor, es wird Ihnen auch schon passiert sein, und ich erzähle es Ihnen nur, weil es mit den Leuchtkäfern zusammenhängt. Also wir hatten uns gefunden, wie man sich so findet. Wissen Sie, eigentlich noch ganz ohne Absicht und Zweck. Wie sie gern nach mir sah und lieber mit mir tanzte als mit jedem anderen, so war es auch bei mir der Fall. Weiter nichts. Da spazieren wir eines Abends vom Tische ihrer und meiner Familie hinweg, ich führe sie durch den dunklen Garten, und da sehen wir auf einmal auf dem Boden zwischen dem Grase einen Leuchtkäfer glühen. – Wir bücken uns beide zu gleicher Zeit, um ihn zu fangen, und da streifte sie mit ihrem kühlen Haar an mein heißes Gesicht. Es war das erste Mal, daß wir uns so nahe kamen, und es machte auf mich einen unbeschreiblichen Eindruck. Von da an war ich eine Zeitlang sehr glücklich. Sehen Sie,« fuhr er nach einer Pause fort, als sein Nachbar schwieg; »das ist die ganze Geschichte von den Leuchtkäfern. Und sollten Sie das jetzt lächerlich finden, so mache ich mir am Ende nichts daraus, wenn Sie darüber lachen.« Daß der Major diese Geschichte nicht lächerlich fand, brauchen wir dem geneigten Leser nicht zu sagen. Im Gegenteil, sie hatte ihn so außerordentlich überrascht, daß er ein fast gleiches Interesse für den Erzähler faßte. Es war ihm seltsam, so zufällig mit jemand zusammengetroffen zu sein , der etwas Ähnliches erlebt, wie er, und das Gleiche dabei gefühlt. Jetzt hätte er aber auch gern erfahren, wie sich eine Liebe, gleich der seinigen beim Anblick eines Leuchtkäfers entstanden, weiter entwickelt, und um einen Versuch zu machen, das Gespräch über dieses Thema fortzuführen, sagte er: »Nun begreif' ich freilich, weshalb Sie sich für die Leuchtkäfer interessieren, und verstehe auch vollkommen, daß es Ihnen ein höchst angenehmes Gefühl verursacht, wenn Sie einen solchen glänzenden Punkt erblicken.« »In der That, das hat mir lange ein großes Vergnügen gemacht,« fuhr der andere mit leiser Stimme fort, »doch jetzt – –; aber das kann Sie in der That nicht interessieren!« »Für ein paar einander gänzlich Fremde sind wir da auf ein seltsames Thema geraten,« sagte Herr von Fernow: »glauben Sie aber nicht,« fuhr er in zutraulichem Tone fort, »daß ich unbescheidenerweise Ihre Verhältnisse erforschen will oder daß ich mir von Ihnen geben lasse, ohne dafür etwas zurückzuerstatten.« Es war etwas in dem ganzen Benehmen des jungen Mannes, ja in dem Tone der Stimme, sowie in der äußerst anständigen Art, mit der er erzählte, was den Major zu ihm hinzog. »Wie schon bemerkt,« fuhr der letztere fort, »es ist keine müßige Neugier, die mich zu der Frage getrieben hat, denn auch mir ist etwas ganz Ähnliches passiert, ich habe die genauere Bekanntschaft eines sehr liebenswürdigen Mädchens auf gleiche Art gemacht.« »Aber da waren die Verhältnisse und ihre Folgen ganz anders, das kann ich mir denken. Sie, mein Herr, gehören zu den Bevorzugten dieser Erde, Ihrer Liebe stellt sich nichts entgegen, Rang und namentlich Vermögen ließen alle Schwierigkeiten verschwinden, und wenn Sie jetzt nicht schon zum ersehnten, schönen Ziele gekommen sind, so wird das doch in kurzem geschehen.« »O, ich wollte, Sie hätten wahr prophezeit!« sagte Herr von Fernow; »wie wollte ich dieser Stunde eingedenk sein und den glücklichen Propheten gewiß nicht vergessen.« Das sprach er sehr leise, fast wie zu sich selber, und der andere schien auch in der That diese Worte nicht gehört oder nicht verstanden zu haben, denn er fuhr fort: »Das ist Ihr glückliches Los, während mich der Druck der Verhältnisse lange nicht aufkommen ließ, und da dies endlich zu geschehen scheint, andere Verhältnisse mich wieder tief zu Boden drücken. Ja, Reichtum und Rang, ich habe bisher nie daran gedacht, andere darum zu beneiden; aber jetzt sehe ich doch wohl ein, wie viel leichter man mit ihrer Hilfe zu dem kommt, was wir Menschen Glück, ja Seligkeit nennen.« Er hatte bei diesen Worten seinen Arm auf das eiserne Geländer gestützt, den Kopf auf die Hand gelegt und blickte in das weiße, glitzernde Stückchen Mond, welches langsam zwischen den dunklen Föhren niedersank. Nachdem er die letzten Worte gesprochen, seufzte er tief und schmerzlich auf. Unten im Park begann eine Nachtigall wie schüchtern ihr Liebeslied, und erst als die Sängerin gefühlt, daß Baum und Gras, Quell und Blüte in tiefer, feierlicher Stille aufhorchten, schlug sie stärker und immer stärker, schmelzender und immer schmelzender und jubelte endlich unter Lachen und Schluchzen ihr Lied hinaus, ihr Lied ohne Worte, aber deutlich wie kein anderes redend von Liebesleid und Liebeslust, von Liebesschmerz und von der Liebe höchster Seligkeit. Solch ein Lied dringt ans Herz, und wenn man das in stiller Nacht hört, so möchte man hinausjubeln sein Glück und hinausschreien sein Leid an irgend einen Stern hin, an des Mondes bleiche Scheibe, an die duftende Blüte, wie viel lieber an ein Menschenherz, das denkt und fühlt wie wir. Bewegt von diesen Klängen sagte denn auch Herr von Fernow zu dem unbekannten Nachbar, mit dem er fast willenlos Geheimnisse tauschte: »Was Sie da reden von Rang und Vermögen, durch die Glück und Seligkeit zu erkaufen wären, ist ebenso unrichtig, als wenn Sie glauben, meiner Liebe habe es genützt, daß ich wohl etwas von diesen Gütern besitze. – – Vielleicht ist es Ihnen tröstlich zu vernehmen, daß ich mich der Dame, die ich liebte, lange Zeit kaum nähern durfte, und daß dieselbe jetzt – die Braut eines anderen ist.« »O!« rief der junge Mann und fuhr aus seiner Stellung empor, »so sind Sie also auch unglücklich? Das trifft sich eigentümlich.« »In der That seltsam,« entgegnete Herr von Fernow, und mußte lächeln über dieses Zusammentreffen. Es entstand in dem Gespräch eine kleine Pause. Der junge Mann lehnte sich über die Brüstung und schaute in die Tiefe hinab, wo man jetzt nur noch schwarze Schatten und kaum sichtbar das Leuchten eines Wasserspiegels bemerkte. »Wie lieb ist es mir,« sagte er endlich, »daß ich hier war, als Sie, mein Herr, kamen. Mein Herz war so voll, o so voll, daß es eine Wohlthat für mich ist, zu jemand sprechen zu können, von dem ich überzeugt bin, daß er mich versteht. Ich habe wohl Verwandte, Freunde, aber die begreifen meine Verhältnisse nicht, ihnen ist es vielleicht lächerlich, was mein Innerstes zerreißt. Sie aber müssen mich verstehen; denn ich bin überzeugt, Sie kennen das, was man die hohe Welt nennt. Sie sind jung, vornehm, reich. Sie können mir Trost und Rat geben – nicht wahr, Sie sind jung, vornehm und reich?« Während er das sagte, hatte er seine Hände zusammengelegt, und war dem anderen näher gerückt, nur mit einer leichten Bewegung, aus welcher man aber fühlen konnte, wie sehr es dem Sprecher darum zu thun war, daß seine Rede an das Herz des anderen dringe. Ebenso innig und anschmiegend war der Ton seiner Stimme. »Nach den gewöhnlichen Begriffen,« beantwortete Herr von Fernow die Frage seines seltsamen Nachbars, »habe ich allerdings von den Eigenschaften, die Sie eben nannten, und wenn mich dieselben befähigen, Ihnen einen Rat zu geben, so bin ich gern dazu bereit. Lassen Sie mich hören.« »Von diesen Eigenschaften,« sprach der andere nach einer Pause, »habe ich nur eine einzige. Ich bin jung. Aber ich besaß Mut und Kraft, um mir eine Laufbahn zu schaffen. Ich bin Künstler, war ein geschickter und gesuchter Holzschneider, und kann das sagen, da ich vorausschicke, ich war es. Ein Unglücksfall lähmte mir die Finger der rechten Hand, ich mußte mich nach einer anderen Beschäftigung umsehen und wählte die Photographie. Aller Anfang ist schwer, und wenn ich auch nicht viel zu thun hatte, so wurden doch meine Bilder gelobt, und ich konnte hoffen, nach und nach bekannt zu werden. Das ist eigentlich Nebensache,« fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen fort; »Nebensache in der Angelegenheit, in welcher ich Ihren Rat zu hören wünschte; und doch gehört es wieder dazu, denn ich ernährte mit meinen photographischen Arbeiten nicht nur meine alte Mutter, sondern hoffte auch –« »Ah! ich verstehe,« sagte Herr von Fernow, der sehr aufmerksam zuhörte, »das Mädchen, welches Sie liebten, hoffte sehnlich auf Vergrößerung Ihrer Kundschaft.« »Ich glaube, daß sie darauf hoffte,« fuhr der andere mit schmerzlicher Selbstüberwindung fort, »bis – nun ja,« rief er fast heftig, »bis sie sich eines anderen besann und glauben mochte, sie sei zu gut und schön, um die Frau eines armen Photographen zu werden!« »So knüpfte sie ein anderes Verhältnis an?« »Ja,« antwortete der junge Mann nach einer Pause, während welcher er mit sich selbst zu kämpfen schien, ob er weiter sprechen solle; »ja, sie ist wenigstens im Begriff eines anzuknüpfen, und das möchte ich gern hindern, wenn es irgend in meiner Macht stände.« Herr von Fernow sah sich in einer eigentümlichen Lage. Er hatte es mit einem Verliebten, einem Eifersüchtigen zu thun, und wußte wohl, wie schwer es bei solchen ist, die richtige Ansicht von der betreffenden Sache zu erhalten. Daß der junge Mann unendlich litt, daß es ihm ein Trost war, sich jemand anvertrauen zu können, das erkannte er daraus, daß er mit ihm, dem Fremden, über diese Angelegenheit sprach. Es war wie eine Beichte, nach deren Ablegung er sein Gemüt erleichtert fühlen mußte. Wie schon bemerkt, hatte der junge Mann zögernd des Verhältnisses erwähnt. Als dies aber einmal geschehen war, und als ihn der andere mit sanften Worten aufforderte, ohne Rückhalt zu sprechen, wenn ihm dies einen Trost gewähre, so erzählte ihm der Photograph seine ganze Liebes- und Leidensgeschichte, wie glücklich er gewesen sei in seiner Liebe, bis plötzlich sein Gehilfe, Herr Krimpf, ihn auf gewisse Vorgänge am Fenster aufmerksam gemacht, und wie er die Anklage bestätigt gefunden. »Und wer ist Herr Krimpf?« fragte der Major. Die Schilderung, die der Photograph auf diese Frage von dem Wesen seines Gehilfen entwarf, war so lebendig und treffend, daß der andere ihn vor sich zu sehen glaubte, und daß der Zuhörer, trotz der Bemühungen des Erzählers, den guten Eigenschaften des Herrn Krimpf Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, doch auf ganz eigentümliche Vermutungen geriet. »Und wissen Sie, wer der Herr im gegenüberliegenden Fenster ist?« fragte Herr von Fernow. »Ein Kammerherr Seiner Hoheit des Regenten, ein Herr Baron von Wenden,« antwortete der Photograph. »Alle Teufel!« entfuhr es dem Major, indem er von seinem Sitze fast in die Höhe gesprungen wäre. Obgleich er sitzen blieb, so entging doch die Bewegung, die er machte, und der Ausruf des Erstaunens dem anderen nicht. »Sie kennen ihn?« fragte er besorgt. »Sie kennen ihn vielleicht sehr genau, und am Ende that ich unrecht, darüber zu sprechen.« »Und wenn es mein Bruder wäre,« entgegnete ernst Herr von Fernow, »so würde ich, nachdem Sie mir Ihr Geheimnis anvertraut, auf Ihrer Seite stehen. Aber seien Sie unbesorgt, ich kenne Herrn von Wenden gut, ich kenne ihn sogar recht genau und bin daher wohl im stande, Ihnen einen Rat zu erteilen. Nur muß ich in diesem Falle bitten, ohne Rücksicht zu sprechen, und mir auch nicht die kleinsten Umstände zu verschweigen, die in den letzten Tagen vorgefallen sind.« Das that der Photograph, aber was er zuerst erzählte, drehte sich immer um denselben Punkt, daß sie am Fenster stand und hinüberblickte, daß er das Gleiche that und Zeichen gab. Als aber der Erzähler darauf zu dem gelungenen Porträt kam, das er von dem Mädchen gemacht, und daran knüpfend der beiden Herren erwähnte, die auf so geheimnisvolle Art bei ihm erschienen seien, da wurde die Aufmerksamkeit des Majors, welche diesem bis jetzt die Teilnahme für den jungen Mann eingeflößt, auf einmal ganz anderer Art. Er schaute vorsichtig umher, und beugte sich dann gegen seinen Nachbar, um kein Wort von der leisen Schilderung zu verlieren, welche dieser ihm von den beiden Herren entwarf. Die kleine, lebendige Figur mit dem forciert jugendlichen Wesen, mit dem ewigen, seltsamen Lächeln, mit dem wunderlichen Gange und der zuckenden Bewegung der Hände war sofort entdeckt: Baron Rigoll, wie er leibte und lebte. Die fernere Erzählung des Photographen, daß er später die beiden Herren an dem gegenüberliegenden Fenster bemerkt, machte die Entdeckung zur Gewißheit. Aber wer konnte der andere Herr sein? Der Regent, nach der ehrerbietigen Art, wie er von dem Baron behandelt ward? Unmöglich jedoch! Was sollte dieser davon haben, sich im geheimen photographieren zu lassen? Das hatte keinen Sinn. Wer also konnte es sein? Das einfachste war auf alle Fälle, den Photographen nach Hause zu begleiten und sich eine Kopie der beiden Köpfe zeigen zu lassen. Er nahm sich vor, ihm später diesen Vorschlag zu machen, doch, teils getrieben von der wirklichen Teilnahme, welche er für den jungen Mann gefaßt, teils auch, um das große Interesse nicht zu verraten, das er an den beiden geheimnisvollen Herren nahm, überlegte er einen Augenblick, was in der Sache zu thun sei. Baron Wenden war nicht ungefährlich; doch da ihm in allen Dingen Entschlossenheit und Energie fehlte, und er, statt sein Ziel durch ein gerades Darauflosgehen zu erringen, es liebte, seine Fäden langsam zu ziehen, wie die Spinne sein Opfer nach und nach zu umgarnen, es zu ermatten, bis es, zu fernerem Widerstand unfähig, in seine Netze fiel, so wurde der Kammerherr, wenn es einmal nötig war, einen kecken Schritt zu thun, leicht plump und täppisch. Darauf baute Herr von Fernow seinen Plan. »Es ist eine delikate Sache,« sprach er nach längerem Nachsinnen, »und für einen dritten schwer zu raten. Sind oder waren Sie wenigstens von der Liebe des Mädchens zu Ihnen überzeugt?« »Ob ich es war!« antwortete der junge Mann. »Wie sie mir, so war ich ihr alles. Sie hatte keinen anderen Gedanken als für mich und ihr Glück.« »Und das Mädchen lebt bei ihrer Mutter?« »Leider, leider!« »Dies Leider! beweist mir, daß ich richtig vermute. Das Mädchen ist schön, die Mutter eitel; es schmeichelt ihr, wenn sich ein vornehmer Herr, wie sie es nennt, um ihre Tochter bewirbt.« »So ist es,« seufzte der Photograph. »Die Mutter protegiert die Geschichte mit dem Gegenüber, – ja, die Sache ist nicht ohne Bedeutung.« »O, sie ist schmerzlich. Ich kann es nicht ertragen und werde darüber zu Grunde gehen.« »Geduld,« antwortete Herr von Fernow mit ermunterndem Ausdruck, »man geht nicht sogleich zu Grunde, wenn man den Kopf oben und die Augen offen behält. Wir müssen sehen, wie zu helfen ist.« »Wenn es ein guter Augenblick gewesen wäre, daß ich Sie hier getroffen!« sagte der andere im herzlichsten Tone. »Vielleicht ein Augenblick des Glücks für uns beide,« versetzte lächelnd der Major, indem er an die geheimnisvollen Photographien dachte. »Armer Wenden,« sprach er zu sich selber; »ich fürchte, dir nochmals in die Quere zu kommen; es war unprophetisch von dir, mir deine Theorien so zuversichtlich auseinander zu setzen – doch zur Sache.« Er wandte sich abermals an seinen Nachbar. »Vor allen Dingen muß ich wissen, von welchem Charakter das junge Mädchen ist. Verzeihen Sie mir die peinliche Frage: Halten Sie sie in der That für fähig, sich in ein Verhältnis einzulassen, das durch Zeit und Umstände gefährlich werden könnte?« »Wenn ich das zugebe,« entgegnete der junge Mann, »so müßte ich ja der Ansicht sein, sie liebe mich nicht mehr, und das kann und will ich nicht. Ich will und muß vieles von der Schuld, die sie vielleicht hat, auf die Einflüsterungen ihrer Mutter werfen. Sie wissen wohl selbst, was eine tägliche Umgebung vermag. Die Eitelkeit, von einem vornehmen jungen Manne beachtet zu werden, mag auch das Ihrige dazu beigetragen haben. Rosa berechnete in ihrer Unschuld nicht, was unter solchen Verhältnissen ein Blick des Auges, ein Zeichen zu bedeuten hat. – Aber vielleicht hat sie jetzt schon den Abgrund zu ihren Füßen erkannt und ist schaudernd davor zurückgewichen.« »Das ist möglich,« sagte Herr von Fernow in ruhigem Tone, »und dann wäre es am Ende unnötig, Ihnen in Ihrer Angelegenheit zu raten.« »Dennoch fürchte ich wieder, es ist nicht unnötig!« rief der andere. »Den ganzen Tag werfe ich das Für und Wider in meinem Kopfe herum.« »So beantworten Sie mir eine andere Frage: Hat das junge Mädchen einen energischen, festen Charakter? Ist ihr Gemüt weich, hingebend, oder stolz und zurückstoßend?« »O eher das letztere, und das hat mich so unsäglich zu ihr hingezogen.« »Sie ist noch sehr jung?« »Zweiundzwanzig Jahre.« »Sie ist also heiter, offen, lebhaft, keiner von jenen stillen Charakteren, die nur um alles in der Welt den Schein meiden mögen, die beständig die Augen niederschlagen, sobald sie sich bemerkt sehen, die dagegen fest zu blicken wissen, sobald sie sich unbeobachtet glauben?« »Ob sie heiter und offen und ehrlich ist! Aber etwas heftig, wenn man sie reizt, und sie kann leicht gereizt sein.« »Wohlan denn, so seien Sie klug und sehen Sie vorderhand nicht, was am diesseitigen oder jenseitigen Fenster vorfällt. Bekümmern Sie sich gar nicht darum, ob der da drüben irgend welche Schritte thut. Das zu erfahren, sei meine Sache.« »O ich danke Ihnen.« »Keinen Dank, bis wir zu einem guten Ende gekommen sind. – Wie gesagt, halten Sie sich ganz ruhig. Sollte Gefahr vorhanden sein, so werde ich Sie zu benachrichtigen wissen. – Also Ihr Atelier ist vis-à-vis dem Hinterhause?« »Heinrich Böhler im vierten Stock, Pfahlgasse Nr. 4.« »Ich werde mir's merken und Ihnen vielleicht morgen einen Besuch machen. Sollte ich das Zimmer verfehlen und ein Stockwerk tiefer anfangen, wo – Sie verstehen mich – so darf Sie das nicht wundern. Ich habe vielleicht meine Gründe dabei. – Es wäre mir interessant, die Porträts jener beiden Herren zu sehen, die sich vor einigen Tagen, wie Sie mir erzählten, bei Ihnen photographieren ließen.« »Was das anbelangt,« sagte fast erschrocken der Photograph, »so bin ich in der That trostlos, Ihnen nicht dienen zu können. Sie werden mir beipflichten, daß ich alles aufbieten muß, um den Wünschen meiner Kundschaft entgegen zu kommen. Nun hab' ich aber den beiden Herren nicht nur versprechen müssen, keine weiteren Kopien von den Bildern zu machen, sondern auch die Glasplatten nach dem ersten guten Abzug augenblicklich abzuschleifen. Ich bin in der That unglücklich, Ihnen den kleinen Dienst nicht leisten zu können. Aber da ich mein Wort gab, muß ich's halten.« Daß der andere ärgerlich mit dem Fuße auftrat und eine sehr unmutige Gebärde machte, konnte der junge Mann nicht sehen, da es völlig dunkel geworden war; auch zuckte Herr von Fernow ein paarmal verdrießlich mit den Achseln, worauf er jedoch gelassen sagte: »Allerdings, sein Wort muß man halten. Auch ändert das nichts in unserer Angelegenheit. Sie haben mir Ihr Vertrauen geschenkt, ich werde es nicht mißbrauchen. Hier nehmen Sie meine Karte, damit Sie auf alle Fälle wissen, mit wem Sie es zu thun gehabt.« Der Photograph streckte seine Rechte danach aus, und als er mit der Karte zugleich den Finger des Unbekannten berührte, griff er mit beiden Händen danach und drückte sie herzlich und innig, indem er sagte: »Wie danke ich Ihnen für die Freundlichkeit, die Sie mir erzeigt. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war ein unerklärliches Gefühl, welches mich antrieb, mit Ihnen zu sprechen, als Sie auf die Terrasse kamen. Sie hatten für mich so viel Zutrauenerweckendes, und es war gerade, als spräche es in mir: Das ist ein Mann, der dir zu raten und zu helfen vermag. Wahrhaftig,« fuhr er mit Wärme fort, »wenn unser Gespräch sich nicht auf so überraschende Art von selbst dahin gewandt hätte, ich wäre im stande gewesen, mich Ihnen geradezu zu entdecken.« »Ich danke Ihnen für die gute Meinung,« versetzte der Major, »und glaube Ihnen versichern zu können, daß Sie an keinen Unrechten gekommen sind. Aber gehen wir, es ist Nacht geworden.« Und so war es in der That. Die Nachtigall war längst verstummt, der Mond war zwischen den schwarzen Föhren verschwunden, der Himmel strahlte nicht mehr im Widerglanz der untergehenden Sonne, sondern hatte ein tiefes glänzendes Blau angenommen, auf dem mit jeder Sekunde mehr und mehr plötzlich aufleuchtende Sterne hervorsprangen. Die Nacht sank nieder und in ihrem Gefolge tiefes, feierliches Schweigen, nur von den Schritten der beiden Dahinwandelnden unterbrochen. Zwölftes Kapitel. Ein freundschaftliches Souper. Am Hauptgitter, welches den Park von der Straße trennte, wendete sich der Photograph mit nochmaligem Danke links der Stadt zu, während der andere auf das Schloßgebäude zuschritt und durch eine kleine, ihm bekannte offene Thüre in das Innere trat. Es mochte acht Uhr sein, Korridors und Treppen waren hell beleuchtet, die Posten schritten gleichförmig auf und ab, und Herr von Fernow begegnete, während er durch das Gebäude schritt, keinem Bekannten. Nur hie und da glitt ein Bedienter eilfertig vorüber, die Zubereitungen zum Thee oder Souper für irgend eine Hofdame tragend. Aus dem Hauptportal trat der Major auf die große mit Orangenbäumen besetzte Terrasse, von wo aus man die ganze Stadt übersehen konnte, und von wo man auch, rückwärts blickend, die Zimmer der Prinzessin Elise sah und über denselben die Fenster, welche zur Wohnung des Fräuleins von Ripperda gehörten. Letztere waren matt, die ersteren hell beleuchtet. Herr von Fernow wandte sich mit einem langen, innigen Blick den letzteren zu und dachte seufzend: »Wer da einen Vorwand hätte, um mich nur auf einen Augenblick eintreten lassen zu dürfen, nur einen Augenblick, nur um sie zu sehen, wie sie vielleicht in irgend einem Fauteuil ruht, den Kopf verstohlen auf die Hand stützt und an dies und das denkt. – O, an dies und das! wer ist wohl so glücklich, das Dies und Das zu sein?« – Es war Furcht vor zu großem Glück, daß er also dachte und in dem andern Augenblick, als er wohl fühlte, daß sein Herz heftiger schlug, wagte er sich zu gestehen, daß er wohl selbst das Dies und Das wäre, und daß ein Mädchen wie Helene, nachdem sie ihm einmal gestanden, sie liebe ihn ein wenig, warm und innig an ihn denke. – Ja, er war glücklich; denn wie mußte der geliebt sein, dem dies stolze energische Mädchen, wenn auch noch so flüchtig, die Hand gedrückt. Und das hatte sie gethan. Ja, an jenem Abend und gestern abermals, als er sie in den Wagen gehoben. Auf das hin kam Fernow die eigene Hand wie geweiht vor, und er betrachtete sie lange und aufmerksam und küßte die Stelle, wo ihre Finger geruht. Zu gleicher Zeit hob er die also geküßte Hand empor und winkte damit einmal, zweimal, dreimal zu den erleuchteten Fenstern. Ob sie das fühlte? Wir glauben fast; denn wir glauben an die Kraft jener allgewaltigen Liebe, die in einem geheimnisvollen Rapport steht mit ihrem Gegenstande, die es fühlt, ohne zu sehen, wenn das Auge des Geliebten auf ihr ruht oder wenn er in der gleichen Sekunde, wie sie, mit glühenden, hingebenden Gedanken sich in den Anblick der glänzenden Mondscheibe versenkt, oder in das Flimmern irgend eines Sternes, den beide bei einer andern Gelegenheit gefunden, als sie nebeneinander standen, sich leise mit der Hand berührend, so leicht und leise, daß die Finger selbst es nicht merkten, und nur das Herz in lauten Schlägen davon sprach. Dergleichen für manchen wenig verständliche Gedanken beschäftigten den jungen Offizier, als er hinter einer Reihe der mächtigen Orangenbäume, häufig rückwärts blickend, der breiten Rampe zuschritt, die auf die Straße hinabführte. Mit einem Male blieb er stehen, denn er vernahm vorsichtige Schritte und leises Sprechen. Er wußte nicht, warum er stehen blieb, er hatte durchaus nicht die Absicht zu lauschen, ihm kam nur der Gedanke, es sei besser, von den Heraufsteigenden hier unter ihrem Fenster nicht gesehen zu werden. Sie tauchten indessen am Rande der Terrasse auf: ein großer Mann in Livree, ein kleiner in gewöhnlicher Kleidung. »Vielleicht ist die Sache von gar keinem Belang,« sagte der in Livree mit gedämpfter Stimme, doch klang jedes Wort durch die Stille der Nacht vernehmlich an das Ohr des Offiziers; »aber ich bin dankbar für Eure Aufmerksamkeit. Die Livree, die der Bediente anhatte, war also keine Hoflivree?« »Nein,« sprach der andere, »es war Grün mit Gold.« »Hm, hm! Grün mit Gold,« wiederholte der erstere. »Und die beiden thaten geheimnisvoll?« »Sehr, sonst wäre es uns am Ende gar nicht aufgefallen. Wenn man keine Absicht dabei hat, so befiehlt man nicht so bestimmt, daß von einer Photographie nur ein Abzug gemacht und die Glasplatte alsdann vernichtet werden soll.« »Was ist das?« dachte der Major und schenkte jetzt dem Gespräch der beiden seine gespannte Aufmerksamkeit. »Den einen der Herren,« fuhr der kleine Mann fort, »habe ich öfters gesehen. Es ist ein Herr bei Hofe; der andere muß ein Fremder sein. Ich kenne ihn nicht.« »Aber warum bringt ihr die Geschichte erst heute?« »Weil ich erst gestern Zeit fand, die beiden Bilder mit der Maschine nochmals zu kopieren. Er hatte ja selbst die Glasplatten abgeschliffen; aber wenn Ihr glaubt,« setzte er in gleichgültigem Tone hinzu, als der andere schwieg, »die Sache habe keine Bedeutung, so lassen wir's bleiben.« »Ich glaube kaum, daß sie viel nützen wird, denn ich habe eine Ahnung, was es sein kann. Wißt Ihr, lieber Freund, wir draußen im Vorzimmer sehen mehr, als man weiß, und ich glaube Euch sagen zu können, daß der Kammerdiener Ihrer Durchlaucht der Prinzessin die ersten Abzüge der beiden Porträts, die Ihr da habt, heute morgen in Händen hatte.« »Nur die allein?« fragte lauernd der andere. »Nein, es war auch noch ein drittes dabei, das eines schönen jungen Mädchens.« »So ist es dasselbe!« rief der kleine Mann fast unmutig. »Nun, ich habe meine Schuldigkeit gethan.« »Das habt Ihr auch, lieber Freund,« entgegnete der Lakai im Tone eines Beschützers, »und der Herr Kammerdiener wird Euch dankbar dafür sein. Es ist für uns notwendig, alles zu erfahren, was auf den Hof Bezügliches draußen in der Stadt vorgeht. Ich will jetzt hinauf und es melden, bleibt unterdessen hier, bis ich zurückkomme.« »Aber laßt mich nicht zu lange warten.« »Unbesorgt, sollte ich im Augenblick nicht selbst abkommen können, so schicke ich Euch jemand, dem Ihr die Dinger ohne weiteres übergeben könnt.« Damit entfernte sich der Lakai und der andere blieb an der Rampe stehen. Wer anders konnte der Wartende sein, als Böhlers Gehilfe, sagte sich der Major. Wie hatte ihn der Photograph doch genannt? Herr Krimpf, glaubte er, und wenn er seine scharfen Augen anstrengte, um jene Figur zu betrachten, die sich dort auf dem Rande der Terrasse ziemlich deutlich abzeichnete, so war gar kein Zweifel, die zusammengekrümmte kleine Gestalt war genau dieselbe, die ihm der Photograph beschrieben hatte. Die eiligen Schritte des Lakaien waren unter dem Hauptportale verklungen. Hier mußte ein Entschluß gefaßt werden. »Ist es recht von mir,« fragte sich der Offizier, »wenn ich den Versuch mache, die Photographien in meine Hand zu bekommen? Je nachdem die Art des Versuchs wäre. Mit Bestechung oder meinetwegen mit Gewalt? Aber, wenn ich mich als den darstellte, der sie abholen soll! Die Rolle eines Bedienten übernehmen? Pfui Teufel, das wäre ordinär! Eine Art von Betrug begehen? – Doch nein; es könnte vielleicht nicht so angesehen werden. Wenn ich jenem die Photographien abnehme, so bin ich am Ende im Rechte, denn Krimpf besitzt sie widerrechtlich nach der eigenen Aussage. Überhaupt gelten in dem Kriege hier alle Mittel, – nur nicht die gemeinen, nein. Aber geschehen muß etwas. Was geht vor? was ist's, was Lakai und Kammerdiener der Prinzessin bei Nacht und Nebel verhandeln? – Es ist die Gegenpartei, es ist meine Schuldigkeit, der des Regenten die Stange zu halten. Vielleicht machen wir eine wichtige Entdeckung, vielleicht ist dies abermals – ein Augenblick des Glücks.« Als der junge Offizier sein Selbstgespräch beendigt hatte, vernahm er wieder sich nahende Schritte und gleich darauf kehrte der Lakai zurück. Jetzt galt es. Entweder Herr Krimpf übergab die Photographien, dann mußte man dem Lakaien ins Schloß folgen und sie ihm mit Güte oder Gewalt abdringen. Doch war dies ein mißliches Unternehmen, vielleicht war die Sache von gar keiner Wichtigkeit, und dann konnte man in einen üblen Konflikt mit der Prinzessin geraten. – Achtung! Vielleicht ist das Glück günstig. Der Lakai hatte jetzt den Rand der Rampe erreicht, wo ihm der andere sogleich entgegenkam. »Nun wie ist's,« fragte dieser. »Gerade so, wie ich gedacht,« antwortete der Lakai; »es sind dieselben Photographien, die wir bereits kennen. Die Sache hat nichts auf sich; da sie aber verschwiegen werden muß, so ist es am besten, die Photographien zu vernichten.« »Da habe ich mich also umsonst geplagt,« entgegnete mürrisch Herr Krimpf. »Umsonst nicht,« sagte der andere, »man thut bei Hofe nie etwas umsonst. Ich werde Euch morgen aufsuchen, und da wollen wir die Sache arrangieren, daß Ihr zufrieden sein werdet.« »Morgen also,« hörte man den kleinen Mann sagen, und der Ton, mit dem er das sprach, klang gerade wie der Ausdruck einer gescheiterten Hoffnung. »Gewiß!« beteuerte der Lakai, »und was die Photographien anbelangt – –« »So werde ich sie vernichten, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« »Wäre es nicht viel besser, wenn das hier gleich auf der Stelle geschähe?« mahnte der Lakai. »Daß man morgen früh die Stücke davon fände!« versetzte Krimpf. »Nein, nein, ich will das anderwärts besorgen. Nur vergeßt mich morgen nicht.« »Keinenfalls!« versetzte der Lakai, und man wünschte sich »gute Nacht«. Der Lakai ging ins Schloß zurück, und Herr von Fernow mußte warten, bis er unter dem Hauptportal verschwunden sein würde, so gern er auch sogleich dem andern nachgeeilt wäre. Er mußte noch ziemlich lange warten, denn der verfluchte Lakai schien ein Liebhaber von Orangenblüten zu sein. Er zupfte ein paar sehr hübsche ab, und dies gerade an dem Baume, hinter welchem der Offizier stand. Freilich hatte dieser dabei den Vorteil, das Gesicht des andern genau zu sehen, was auch nichts schaden konnte, um ihn in irgend einem Falle wieder zu erkennen. Es war das ein dummes, aufgeblasenes Gesicht, und als der Lakai so seinen dicken Kopf mit der langen Nase und den großen Ohren zwischen die süßduftenden Blüten steckte, gab er ein Bild wie der Esel, der Rosen frißt. So befand er sich ein paar Sekunden lang in sehr gefährlicher Nähe der zuckenden Finger des jungen Majors. – Es ist eigentlich ein Trost zu nennen, daß der Mensch nie weiß, wie nahe ihn Gutes oder Böses umschwebt. Endlich war der Lakai im Schlosse verschwunden und Herr von Fernow eilte an den Rand der Terrasse. – Die Rampe, die auf den Schloßhof führte, war lang, ebenso dieser selbst. Niemand war dort zu sehen. Von dem großen Platze liefen vier Straßen aus. Mit seinem scharfen, geübten Blicke hatte der Major die Mündungen derselben überschaut. Der Eingang zu dreien derselben war leer, in der vierten, gerade unter der Gaslampe, schob sich eine Gestalt dahin, – eine kleine Gestalt, ja, er war es. In wenigen Sätzen sprang Herr von Fernow die Rampe hinab. Wer ihn über den Schloßplatz hätte laufen sehen, müßte irgend ein großes Unglück vermutet haben, das im Schlosse geschehen wäre. Jetzt erreichte er die Straße, in welcher der mutmaßliche Herr Krimpf verschwunden war. Ein Blick hinein ließ sie ihm in ihrer bedeutenden Länge als ganz leer erscheinen. Doch nein, dort bewegte sich etwas auf dem Trottoir. Herr von Fernow hätte selbst lächeln mögen über die außerordentliche Anstrengung, die er machte, um vorwärts zu kommen, und dabei hatte er sich noch in acht zu nehmen vor den Leuten, die sich der Nachtluft an den offenen Fenstern ihrer Häuser erfreuten. Ja, es war die kleine verwahrloste Gestalt, die er auf der Terrasse gesehen, es war Herr Krimpf, der glücklicherweise nicht sehr eilig nur noch wenige Häuserlängen entfernt vor ihm herging. Daß Herr von Fernow scharf nach ihm blickte, kann man sich leicht denken. Er fürchtete bei jeder auffallenden Bewegung, die der kleine Mann mit den Armen machte, und dergleichen Bewegungen kamen häufig vor, jetzt werde er in seine Tasche greifen, die Photographien hervorziehen und sie zerreißen. In dem Falle aber war der Offizier entschlossen, so säuberlich als möglich über ihn herzufallen, ihm die Blätter abzunehmen und ihn darauf fürstlich zu belohnen. Aber Herr Krimpf zog die Blätter nicht aus der Tasche. Wohl schlenkerte er mit seinen Armen hin und her, wohl hob er sie zuweilen zuckend gegen sein Gesicht, aber dabei blieb es vorderhand. Noch eine Zeitlang ging er geradeaus, zuweilen einen Augenblick vor einem Laden stehen bleibend. zuweilen sogar sich halb umwendend, als wolle er einen anderen Weg einschlagen. – Jetzt bog er rechts in eine Seitengasse und der Offizier beeilte sich, ihm nachzukommen, damit er ihm nicht in irgend ein Haus entschlüpfe. Doch war diese Befürchtung unnötig. Herr Krimpf schien weder die Absicht zu haben, einen Besuch zu machen, noch überhaupt sehr eilig zu sein. Denn jetzt in der schmalen Gasse angekommen, schlenderte er dahin, wie jemand, der seine Zeit auf irgend eine Weise töten will. Ja, er blieb hie und da so plötzlich und lange vor einem beleuchteten Laden stehen, daß der andere alles anwenden mußte, um durch sein Zurückbleiben kein Aufsehen zu erregen. Endlich aber hielt es der Major an der Zeit, einen Entschluß zu fassen. Herr Krimpf konnte noch stundenlang so fortpromenieren wollen, und das wäre denn doch gar zu langweilig gewesen. Schon vorher hatte der Major einiges an seiner Toilette geändert, das heißt, er hatte den leichten Paletot, den er über dem Frack trug, so unordentlich als möglich zugeknöpft, seine Handschuhe ausgezogen, und die Frisur seines elegant gerollten Haares durch ein heftiges Durchfahren mit der Hand soviel als möglich verdorben. Als nun der kleine Mann vor einem Viktualienhändler, der beim Glanze einiger Gaslichter seine Waren recht appetitlich ausgelegt hatte, stehen blieb und angelegentlich, wenn auch mit etwas düsteren Blicken, die saftigen Schinken, die Würste in allen Formen, Farben und Größen, sowie den zierlichen Schweinskopf betrachtete, auf dem eine angenehme, häusliche Szene aufs schönste mit allerlei Fett inkrustiert war, schien es dem anderen der günstige Moment für die Ausführung seines Plans zu sein. Er trat so dicht an Herrn Krimpf heran, daß dieser sich notwendig umwenden mußte, und als er dies that, lüftete der Major den Hut und sagte mit angenehmer Stimme: »Sie verzeihen wohl die Frage, ist vielleicht mit diesem Laden eine Restauration verbunden, in der man einen guten Nachtimbiß zu sich nehmen kann?« Herr Krimpf blickte einigermaßen mürrisch auf den Frager, dann zeigte er mit der Hand auf das transparente Schild über der Hausthür, auf dem deutlich das Wort »Restauration« zu lesen war. »Verzeihen Sie, das habe ich nicht gesehen,« sprach der andere verbindlich; »sonst hätte ich Sie durch meine unnötige Frage nicht aufgehalten.« »O, aufgehalten haben Sie mich gerade nicht,« antwortete der kleine Mann, »meine Beschäftigungen in dieser Stunde sind nicht groß, ich spaziere so zu meinem Vergnügen herum.« »Das stellt mich in der That zufrieden,« sagte der andere, »und so will ich denn versuchen, was Küche und Keller in der Restauration vermögen.« Herr Krimpf machte ein Gesicht, als verspüre er große Lust zu einem ähnlichen Versuche. »Ich will doch geschwind sehen, welche Zeit es ist,« sagte der Major. Damit knöpfte er seinen Paletot auf, zog die Uhr hervor, und fuhr fort: »Acht Uhr! noch gar nicht spät.« Da er hierbei that, als brauche er zum Aufknöpfen des Paletots und zum Hervorziehen der Uhr beide Hände, so erschien es ganz natürlich, daß er seinen Spazierstock auf die Brüstung des hellerleuchteten Ladens legte. Daß er ihn vergaß, nachdem er die Uhr wieder eingeschoben, hatte auch gerade nichts Auffallendes und konnte jedermann passieren. »Nochmals herzlichen Dank,« sagte er alsdann und eilte so schnell er konnte in das Haus hinein. Wir können nicht verschweigen, daß Herr Krimpf in diesem Augenblick seufzend an seine Tasche griff und mit bewegten Lippen die Herrlichkeiten überschaute, die hier vor ihm aufgestapelt lagen. Er war in der That nicht mit Geld versehen, hatte auf den Lakaien gehofft, und dann die Absicht gehabt, hier in der ihm wohlbekannten Restauration ein gutes Souper zu machen. »Der Teufel hole alle diese Kommissionen!« brummte er vor sich hin. »Hätte ich nicht gedacht, man wolle mich ordentlich belohnen, so wäre ich zu Frau Böhler gegangen und da hätte es mir an etwas Bescheidenem zum Nachtessen nicht gefehlt. 's ist doch ein wahres Sprichwort, daß ein Sperling in der Hand besser ist als eine Taube auf dem Dache.« Indem er diese Worte sprach, zuckte er verdrießlich mit den Händen nach seinem Gesichte, so daß es von weitem aussah, als übe er beim Anblick der Delikatessen in dem Laden die Bewegung von Messer und Gabel. Jetzt wollte er sich mit einem letzten Blick auf den prächtigen Schinken entfernen und hatte sich schon halb abgewandt, da bemerkte er etwas Glänzendes auf der Fensterbank, griff hin und hielt den kleinen Spazierstock empor, den der Fremde dorthin gelegt. Nun war Herr Krimpf in gewisser Beziehung ein ehrliches Gemüt, weshalb er sich beeilte, den kleinen Stock in das Haus zu tragen, um ihn dem Eigentümer einhändigen zu lassen. Dieser schien aber seinen Verlust im Augenblick bemerkt zu haben – er hatte, im Vertrauen gesagt, Herrn Krimpf durch die Glasthür belauscht – und kam ihm schon auf der Thürschwelle entgegen. »Sie haben etwas liegen lassen,« sagte der kleine Mann. »Tausend Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Es wäre mir fatal gewesen, den Stock zu verlieren, nicht seines Wertes halber, sondern weil ich ihn von einer teuren Hand geschenkt erhielt, Sie verstehen mich wohl, wodurch so etwas unbezahlbar wird.« »Es ist nicht der Rede wert, dafür zu danken,« meinte Herr Krimpf, »und mir nur angenehm, daß er nicht von einem Vorübergehenden mitgenommen wurde.« Der andere schien den wieder erhaltenen Stock mit Entzücken zu betrachten. »Es liegt in der That für mich ein solcher Wert darin, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen dankbar sein soll. Ja, Sie müssen mir erlauben, Ihnen dafür erkenntlich zu sein.« Herr Krimpf machte eine Bewegung, wie jemand, der im Begriff ist, mit einigem Befremden ein Geschenk auszuschlagen. »O, ich bitte, mich nicht mißzuverstehen,« sagte der Fremde im verbindlichsten Tone. »Meine Erkenntlichkeit sollte darin bestehen, Sie zu ersuchen, ein Glas Wein von mir annehmen zu wollen. Es trinkt sich überhaupt allein sehr schlecht, und ich muß gestehen, daß mir Wein nur in Gesellschaft mundet.« Gegen diese höfliche Einladung war nichts einzuwenden. Herr Krimpf brachte freilich anstandshalber noch einige Einwendungen vor, einige Aber – Ich bitte – Es könnte zudringlich erscheinen – doch ließ er sich bereitwillig am Arme nehmen und folgte darauf seinem freundlichen Wirte in ein kleines Stübchen hinter dem allgemeinen Wirtszimmer, welches ganz dazu gemacht schien, um ein gutes Glas Wein in stiller Beschaulichkeit darin genießen zu können. – Beide nahmen Platz, der Fremde schob Herrn Krimpf die Speisekarte hin, und bat es sich als eine besondere Vergünstigung aus, daß er sich ganz nach seinem Belieben ein Nachtessen aussuchen möchte. Da das Gaslicht in dem kleinen Stübchen sehr hell brannte, so fanden die beiden so unvermutet Zusammengetroffenen vollkommen Gelegenheit, sich gegenseitig zu betrachten. Während der andere die Speisekarte studierte, musterte Herr von Fernow sein Opfer, indem er sich behaglich in seinen Stuhl zurücklehnte und mit einer gewissen Befriedigung ausruhte. Hatte er doch vorderhand erreicht, was er wollte. Sein Gegenüber, mit den vielleicht kostbaren Blättern in der Tasche, konnte ihm nun nicht mehr entwischen, und im Gefühl des Besitzes lächelte er in sich hinein, wenn er an die Jagd über die Rampe, den Schloßplatz und die Straßen dachte. Wenn wir sagen, Herr Krimpf studierte die Speisekarte, so müssen wir dem vorsichtigen und etwas mißtrauischen Charakter dieses Herrn Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem wir sagen, daß er dies nur mit dem rechten Auge that, daß aber das linke, auf seine uns schon bekannte Art von unten herauf lauernd, wobei ihm die Haltung des Kopfes nach der linken Seite sehr zu statten kam, sein Gegenüber zuweilen beschaute. – Als er dies zu erstenmal bei dem vollen Glanz des Gaslichtes gethan, blinzelten seine beiden Augen und die eine Hand, die er frei hatte, zuckte auffallend gegen sein Gesicht. Wenn das Äußere des Herrn Krimpf auch von der Natur verwahrlost war, so hatte dagegen sein Geist eine außerordentliche Schärfe und Lebhaftigkeit, und unterstützt von einem ebenso scharfen Blicke ward es ihm leicht, einmal empfangene Eindrücke festzuhalten. Da er Maler war, so hatte er namentlich für Figuren und Physiognomien ein außerordentliches Gedächtnis, und dies täuschte ihn nicht, als er bei sich dachte, er habe den Mann, der ihm gegenüber saß, schon gesehen, wenn auch in anderer Kleidung und Umgebung. So Herr Krimpf, während er anscheinend gelassen auf der Speisekarte las: Suppe, Beefsteaks, Kotelettes und dergleichen. Er war aber noch nicht bis zum Dessert gekommen, so war er bereits sicher, daß er es mit einem Offizier zu thun habe, mit einem vornehmen Offizier, den er vor kurzem bei einer großen Parade in der Nähe des Regenten gesehen. Herr Krimpf dachte gern, dachte schlau und verständig, und da seine Gedanken stets mit Mißtrauen gegen seine Mitmenschen gespickt waren, so fing er an, nachzusinnen, ob die Begegnung mit seinem Gegenüber so ganz zufällig sei, ob dessen Frage nach einer Restauration, da doch das Schild an dem Hause dieses Wort so deutlich zeigte, daß einem fast die Augen weh thaten, nicht ein Vorwand war, mit ihm zu sprechen; selbst das Hinlegen des Spazierstockes war vielleicht nicht unabsichtlich geschehen, und wenn er alles das zusammenhielt, wenn er überlegte, daß jener Offizier mit dem Hofe in genauer Berührung stand und daß er selbst eben in einer geheimen Mission dort gewesen, so schien es ihm nicht unmöglich, daß er zu irgend einem ihm bis jetzt noch unbekannten Zweck hieher in die Restauration gebracht ward. Herr Krimpf lächelte still und vergnügt in sich hinein, als er diese Betrachtungen anstellte. Er war sich eines klugen Verstandes, einer guten Zunge bewußt, Waffen, mit deren Hilfe er es mit jedem aufnehmen zu können glaubte. Herr von Fernow hatte ebenfalls das Gesicht des kleinen Mannes studiert und fand die Schilderung, die ihm Herr Böhler entworfen, vortrefflich. Man konnte nicht leicht etwas Abstoßenderes und Unangenehmeres sehen. Dabei entging ihm das Lauern der Blicke nicht, das fast höhnische Lächeln um den Mund. Gewiß, daß er es mit einem schlauen Gegner zu thun hatte. Jetzt war die Speisekarte studiert. Herr Krimpf hatte bescheidene Wünsche, und der andere hütete sich wohl, ihm zu viel aufdringen zu wollen. Da sie aber natürlicherweise gemeinschaftlich tranken, so ließ Herr von Fernow nicht ohne Absicht einen guten Bordeaux kommen, mit dessen Hilfe er hoffte, die Zunge seines Gastes zu lösen. Herr Krimpf trank recht gern Wein, namentlich guten Wein, und wenn er auch anfänglich nur an dem Glase nippte, und mit der purpurnen Finsternis in demselben liebäugelte, so war doch der Duft des vortrefflichen La Rose zu verführerisch, als daß es lange dauerte, bis er sein Glas ausgeschlürft hatte, das ihm bereitwillig wieder gefüllt wurde. Bei dem Geschäfte des Austrinkens überlegte er und sagte zu sich selber: »Wenn der Herr da drüben wirklich etwas mit dir vor hat, so muß er wissen, wer du bist, was du treibst, und wenn er darauf anspielt, so haben wir uns doppelt in acht zu nehmen.« »Es ist eigentümlich,« sprach der Offizier nach einer Pause, wobei er sich in den Stuhl zurücklehnte und aufmerksam die Gasflamme über dem Tische betrachtete, »wie zwei gänzlich fremde Leute durch Zufälligkeiten zusammengeführt werden können. Und doch sind Sie mir nicht ganz fremd. Ich erinnere mich, Sie schon irgendwo gesehen zu haben; vielleicht ist es Ihnen mit mir gerade so ergangen.« »Kann mich wahrhaftig nicht erinnern,« entgegnete Herr Krimpf mit der größten Unbefangenheit. »Ich muß wirklich nie das Glück gehabt haben, den Herrn – verzeihen Sie mir, aber ich habe nicht die Ehre, Ihren Namen zu kennen.« »Thut nichts zur Sache. Indessen heiße ich Müller, Kaufmann Müller; – Reisender, bin ziemlich fremd hier in der Stadt.« »Richtig,« dachte der kleine Mann, »der will mich aus irgend einem Grunde einseifen.« »Darf ich nun auch meinerseits wissen, mit wem ich das Vergnügen habe?« fragte Herr von Fernow nach einer Pause. »Ist eigentlich nicht der Mühe wert, Herr Müller; aber wenn Sie mir erlauben, so heiße ich Franz Josef Maier, ein unbedeutender Lithograph!« Der Major kniff die Lippen zusammen. »Krimpf verheimlicht seinen Namen,« sprach er zu sich selbst. »Habe fast gar keine Bekanntschaften,« fuhr der andere fort, »komme wenig aus dem Hause. Hätte ich aber jemals das Glück gehabt, Herrn Müller zu sehen, so würde ich einen – verzeihen Sie mir – in der That so interessanten Kopf schon als Künstler nie vergessen haben.« Eigentlich hätte Herr von Fernow sich für dieses Kompliment bedanken müssen, er war auch im Begriffe, es zu thun, um nicht aus der Rolle zu fallen; doch begleitete Herr Krimpf seine letzte Rede mit einem so sonderbaren Lächeln und seine Augen blitzten über das Glas so verräterisch herüber, daß der Major auf die Idee kam, der kleine Buckelige kenne ihn am Ende ganz genau. Es war gut, daß in diesem Augenblicke das Nachtessen gebracht wurde. Herr Krimpf ließ sich nicht nötigen, griff tapfer zu und trank auch mehr von dem Bordeaux, als er sich im Anfang vorgenommen haben mochte. Nachdem das kleine Souper zu Ende war, bot der Fremde seinem Gaste eine Zigarre an, welche Franz Josef Maier mit außerordentlichem Danke annahm. Er hatte eine große Schwäche für gute Zigarren und wir müssen leider gestehen, daß er einen unverhältnismäßigen Teil seines Einkommens in Rauch aufgehen ließ. Vorsichtig, wie er war, sah er genau auf das hin, was der Major aus seiner Zigarrendose hervorzog, betrachtete sich die Art, wie er das that, die Hände, ferner das einfache elegante Etui und dann prüfend die Zigarre selbst, ehe er sie anzündete. Kaum hatte er den ersten Zug gethan und den Dampf, langsam genießend, wieder ausgestoßen, so sagte er: »Herr Müller rauchen ein vortreffliches Kraut.« Seine geheimen Gedanken bei diesen Worten aber waren: »Ich habe mich nicht geirrt, das ist weder Herr Müller, noch ein reisender Kaufmann, das ist jener Offizier vom Gefolge des Regenten.« Der Major hatte sein Glas ausgetrunken und schenkte sich und seinem vis-à- vis ein. »Also Sie sind Lithograph?« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, »liefern auch Porträts? Das trifft sich gut. Ich habe einen kleinen Auftrag in dieser Richtung, und wenn Sie mir Ihre Adresse geben wollen, so werde ich mir erlauben, Sie morgen zu besuchen.« »Eine Visitenkarte besitze ich nicht,« sprach lächelnd Herr Krimpf, »kann aber meine Adresse auf ein Stückchen Papier schreiben. Der Speisezettel ist überflüssig groß, einen Bleistift habe ich bei der Hand; das ist gleich geschehen.« Er riß ein Stück Papier herunter, schrieb einige Worte darauf und übergab den Zettel. Herr von Fernow las: »Maier, Lithograph, Rosengasse Nr. 86.« »Sie haben in Ihrem Geschäft viel zu thun?« fragte Fernow nach einer kleinen Pause. »O ja,« erwiderte Herr Krimpf, »so ziemlich, bald wenig, bald viel. Man schlägt sich durch und lebt von einem Tag zum anderen, so gut es gehen mag.« »Und hatten Sie Lust zu Ihrem Geschäft, haben Sie es aus Liebhaberei ergriffen?« »Wie Sie mich da sehen,« sprach Herr Krimpf, und ein Schatten flog über seine Züge, »so mußte ich ein Geschäft ergreifen, dem mein schwacher krüppelhafter Körper nicht im Wege stand. O, ich hätte wohl einen anderen Beruf gewählt. Ich würde auch lieber fein gekleidet gehen, wie Sie, Herr Müller, in der Welt herumreisen, überhaupt lieber ein reicher, vornehmer Herr sein.« Nachdem er das gesagt, stürzte er ein Glas Bordeaux hinunter und seine Augen flammten. »Sie haben nicht unrecht; in manchen Beziehungen mag mein Leben angenehm sein,« antwortete der Major, »doch versichere ich Sie, ich halte es durchaus nicht für ein übles Los, ein Künstler zu sein, schöne Frauengestalten abzubilden, ihnen während des Arbeitens in die Augen zu blicken und nachher –« fügte er lächelnd hinzu. »Und nachher,« wiederholte Herr Krimpf und seine weißen Hände zuckten mißmutig gegen sein Gesicht, »und nachher – wenn man die fertige Arbeit überreicht, in den Blicken lesen zu müssen: es ist eigentümlich, was der verwachsene Mensch für wohlgestaltete Sachen macht. Ja, Herr – – Müller,« fuhr er aufgeregt fort, »wenn ich wäre wie Sie, ein schlanker, schöner Mann, wohlgefällig den Weibern, dann wäre es auch für mich eine Lust Künstler zu sein. Dann säße ich gern vor ihnen und blickte ihnen in die blitzenden Augen, dann würde vielleicht auch ich triumphierend sagen: und nachher – .« Bei diesen Worten zuckte er mit der rechten Hand empor, seine Finger wühlten in dem spärlichen struppigen Haar, der Glanz seiner Augen erlosch, und indem er die dünnen Lippen aufeinander biß, versank er in tiefe Träumereien. Der Major blickte ihn forschend an, dann erhob er sein Glas und sagte: »Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen, ohne es zu wollen, wehe gethan. Jedem lächelt das Leben auf die eine oder die andere Art. Jeder hat einen Augenblick, wo ihn das Glück umschwebt, wo er nur zuzulangen braucht. Freilich sind die Glücksgüter verschieden, aber auch Ihnen schlägt gewiß einmal eine gute Stunde. Trinken wir darauf!« Die beiden leerten die Gläser, und als Herr Krimpf darauf in die Höhe blickte, brannte ein düsteres Feuer in seinen kleinen Augen, seine sonst so kalten Wangen waren heftig gerötet, und er sagte: »Ich danke Ihnen für den Trost, Herr Müller, aber was sind Glücksgüter? – Güter, die uns glücklich machen. Glauben Sie mir, es liegt mir verflucht wenig an Geld und Reichtum, ich habe nur eins, wonach ich strebe, und das« – setzte er mit fast tonloser Stimme hinzu – »werde ich nie erreichen.« Herr von Fernow befand sich mit einem Male auf der Höhe der Situation. Was der kleine häßliche Maler für das höchste Glück des Lebens hielt, das war nicht schwer zu erraten: die Gunst eines reizenden Mädchens, welche ihm dieses begreiflicherweise verweigerte. Und welches Mädchen? Fernow begann klarer und immer klarer zu sehen. Hatte der Photograph ihm nicht gesagt, woher die Anklage gegen Rosa gekommen? Er irrte sich nicht, Herr Krimpf selbst liebte jenes Mädchen, und es war die wütende Eifersucht, die ihn antrieb, sie anzuklagen, vielleicht zu verderben – und nachher – ja, so mußte es sein. Herr Krimpf hatte sich einen Augenblick von seinen Gefühlen fortreißen lassen. Der Major war auf der rechten Fährte: Krimpf liebte Rosa. Aber dieser Ausdruck ist nicht der richtige, – er dachte an sie mit einer wilden glühenden Leidenschaft, er hätte um ihre Gunst alles hingegeben, – es wäre ihm eine Seligkeit gewesen, nach einem kurzen glücklichen Augenblicke den Tod zu finden, aus ihren Armen hinweg, der ewigen Verdammnis zu verfallen. Darum allein hing er sich an den Photographen, deshalb ließ er sich von dem Kammerdiener der Prinzessin zu allen möglichen Diensten gebrauchen. So unbedeutend diese waren, so glaubte er sich doch dadurch dereinst an die Macht und den Glanz des Hofes klammern zu können, hoffend, ein glückliches Ungefähr, vielleicht ein Wunder, reiße ihn in eine andere Bahn hinein, in eine Bahn, die es ihm möglich mache, vor jenes Mädchen hinzutreten, freilich derselbe kleine krüppelhafte, häßliche Mensch, aber nicht mehr der arme Maler, sondern jemand, der sich durch die Kraft seines Geistes emporgebracht, und der es wert ist, daß man zu ihm aufblickt. Als die Flut seiner wilden Phantasie vorüber war und die Ebbe der Überlegung eintrat, fielen seine Blicke wieder auf den fremden Mann ihm gegenüber, der leicht mit den Fingern das Glas gefaßt hatte, ruhig an die Decke blickend rauchte und sich um die ganze Welt nicht zu kümmern schien. Die Uhr der Gaststube pickte vernehmlich, und Herr Krimpf dachte, vielleicht habe er sich doch geirrt, und das Zusammentreffen mit seinem freundlichen Wirte sei ein zufälliges. Dann aber kam es ihm wieder in den Sinn, daß bei Hofe zwei Parteien seien, die des Regenten, und die andere der Prinzessin Elise. – Der letzteren diente er; zur ersteren gehörte vielleicht sein Gegenüber. Konnte nicht sein Besuch im Schlosse bemerkt worden sein? Als Krimpf an seine Porträts dachte, faßte er mit der Hand an seine Brusttasche, worin er die Blätter aufbewahrt hatte, eine Bewegung, die dem Major nicht entging. Dieser hatte indessen Zeit zur Überlegung gehabt. Obschon es nicht so leicht schien, den Gegner zu überrumpeln, so beschloß er, ihm doch, wenn auch nur mit einem Scheinangriffe, geradezu auf den Leib zu gehen. Er drehte mit der Hand seinen langen schwarzen Schnurrbart und sah den kleinen Maler so herausfordernd und lächelnd an, daß dieser ebenfalls nicht umhin konnte, ihn mit einem langen, freundlichen Blick zu betrachten. Da schlug das Lächeln des Majors in Lachen über und er sagte mit außerordentlicher Lustigkeit: »Wir spielen da eine hübsche Komödie zusammen. Stoßen wir an und trinken wir unser Glas auf – Ehrlichkeit und Wahrheit, mein lieber Herr – Krimpf.« Der kleine Maler schrak auf, als habe ihn etwas gestochen. Er war in der That überrascht. Denn er, der sich eingebildet, so sicher im Schatten seiner Niedrigkeit zu stehen, während auf den anderen das volle Licht fiel, erkannte, daß gerade das Gegenteil der Fall war. »Haben wir also weiter keine Geheimnisse vor einander,« sagte Herr von Fernow aufs Freundlichste. »Sie sind der Mitarbeiter des Photographen Heinrich Böhler, Maler Krimpf, aber wenn ich Offenheit von Ihnen verlange, so muß ich auch dieselbe für Sie haben. So wenig also, wie Sie Herr Maier, heiße ich Müller. Ich bin Major Fernow, Adjutant des Regenten. Bleiben Sie auf Ihrem Platze und ohne Komplimente. Für heute bin ich Herr Müller, dessen Spazierstock Sie retteten.« »Ganz zufällig rettete, wie er ganz zufällig auf die Fensterbank geraten war,« sagte Herr Krimpf, und ein außergewöhnlicher Zug von Schlauheit flog über seine Züge. »Und diesem Zufalle verdanke ich das Glück Ihrer angenehmen Gesellschaft. Trinken wir darauf ein Glas.« Dies geschah, und als Herr Krimpf sein Glas niedersetzte, war es interessant zu sehen, wie ihm das Vergnügen, seinen Gegner endlich zu kennen, aus dem Gesichte strahlte. Dahinter aber blickte aus seinen Zügen die Erwartung der Dinge, die jetzt kommen sollten, und zugleich sah man an seinen fest zusammengekniffenen Lippen, sowie an dem zufriedenen Lächeln seiner Augen, daß er mehr als je entschlossen sei, sich in keiner Weise fangen zu lassen. »Da ich also die Ehre habe, von Ihnen, gnädiger Herr, gekannt zu sein,« sprach er nach einer Pause, »so bitte ich mir zu sagen, womit ich dienen kann; und das soll nach besten Kräften geschehen.« »Sie sind ein verständiger Mann, Herr Krimpf,« versetzte der andere, »und da Sie nun einmal darauf zu beharren scheinen, ich hätte meinen Stock absichtlich liegen lassen, so will ich Ihnen zugeben, daß es mir allerdings um Ihre Gesellschaft zu thun war! Ich will Ihnen ferner gestehen, daß ich mit Ihnen eine Angelegenheit besprechen möchte, bei der mir Ihre Hilfe von großem Nutzen sein kann.« – Endlich! dachte der kleine Maler. – »Dabei muß ich aber hinzufügen,« fuhr der vorige fort, »daß die Angelegenheit nicht die meinige ist, daß ich im Auftrag eines dritten handle, daß ich aber bevollmächtigt bin, Ihre Hilfe in jeder Hinsicht glänzend zu belohnen.« Herr Krimpf machte eine tiefe Neigung mit dem Haupte zum Zeichen, daß er vollkommen verstanden habe; während er aber zu gleicher Zeit nochmals mit der Hand leicht über die Brusttasche fuhr und dabei fühlte, wie die Blätter knitterten, blickte er einigermaßen besorgt im Zimmer umher, worin sich die beiden ganz allein befanden. »Sie arbeiten also,« fing der Major wieder an, nachdem er dem anderen vollkommen Zeit zur Überlegung gelassen, »in der Pfahlgasse, in einem Hause mit vier Stockwerken?« »Bei meinem Freunde Heinrich Böhler, der ein photographisches Atelier hat.« »Das Geschäft des letzteren,« entgegnete der Major mit großer Gleichgültigkeit, »ist mir vollkommen einerlei, überhaupt hängt das, was ich von Ihnen wünsche, nicht im geringsten mit Ihrer Kunst zusammen. Sie wohnen in einem Hause, in dem sich noch viele andere Leute befinden.« »O ja, viele Haushaltungen,« antwortete Herr Krimpf, der wieder anfing, irr zu werden, da sein Gegner ganz von der Fährte, an die er gedacht, abzuweichen schien. »Nun also,« sprach der Major, »unsere Angelegenheit betrifft eine Sache, bei der ich mich gänzlich Ihrer Diskretion überlassen will und muß; doch glaube ich mich nicht in Ihnen zu täuschen. Sie wohnen, wie schon gesagt, im vierten Stock, – unter Ihnen im dritten sind die Zimmer einer Witwe, die eine einzige und sehr schöne Tochter hat.« »Ah!« preßte der kleine Maler hervor, und diesmal war sein Erstaunen so wahr und ungekünstelt, daß es dem anderen notwendig auffallen mußte. »Sie sind überrascht, daß ich das weiß,« fuhr Fernow fort, »aber das geht ganz einfach zu. Die Gasse, in welcher Ihr Haus steht, ist durch ein großes Gebäude geschlossen.« »In dessen erstem Stock,« – fiel ihm Herr Krimpf mit großer Spannung in die Rede, »in dessen erstem Stock – ein Freund von Ihnen wohnt – Herr Baron von Wenden.« »Ich höre, Sie kennen den Namen, scheinen mir also von der Sache zu wissen.« »O ja, ich glaube viel davon zu wissen,« entgegnete der kleine Maler, indem er mühsam Atem holte, »sehr viel, unendlich viel.« Dabei knirschte er mit den Zähnen. »Es ist die Frage, ob wir, das heißt, mein Freund, sich auf Sie verlassen könnte. Ich will damit sagen, ob Sie uns in dieser Angelegenheit behülflich sein wollen. Sie scheinen mir ein Mann von Charakter, von Fähigkeit, auch bin ich überzeugt, daß Sie, wenn Sie nicht geneigt sind, meinen armen Freund zu unterstützen, dies Gespräch als gar nicht stattgefunden betrachten werden. Bitte, überlegen Sie sich das genau.« Während hierauf Der Major von seinem Wein nippte, goß Herr Krimpf ein volles Glas hinunter und überlegte wirklich lange und eifrig. Ja, ihm war dieser Vorschlag erwünscht, er wollte in dieser Angelegenheit helfen, er wollte das Mädchen kompromittieren, ja, es kam ihm nicht darauf an, sie zu verderben; denn je tiefer sie hinabsank, desto näher kam sie ihm, der ja auch unten im Schlamme des Lebens watete. Freilich ballte er unter dem Tische die Hände, um gleich darauf zuckend damit nach dem Munde zu fahren bei dem Gedanken, daß ein anderer, ein Fremder, ein vornehmer Herr, sich dem wunderbaren Mädchen nähern sollte, sie zu seinem Spielzeug zu machen. Bei dieser Vorstellung schien sein Blut siedend heiß zu werden und es verfinsterte momentan seinen Blick, während er mühsam Atem holte. – Indessen, war für seine Leidenschaft etwas zu hoffen, so konnte es nur auf diesem Wege sein. Was kümmerte es ihn, ob ein anderer ihre Liebe besaß, wer er nur dereinst seine zuckenden Finger um ihre schlanke Taille legen durfte! – Der Wein machte ihm vollends heiß. Die beiden waren schon an der dritten Flasche, und Herr von Fernow hatte mit der größten Vorsicht getrunken. »Was meinen Sie, Herr Krimpf? Es ist mir recht, daß Sie so sorgfältig überlegen, denn vergessen Sie nicht, so glänzend die Belohnung sein wird, die ich Ihnen für gute Dienste verspreche, so würde es mir in der That leid für Sie thun, wenn Sie versuchten, ein falsches Spiel mit uns zu treiben.« »Was ich verspreche, halte ich,« sagte der Maler mit dumpfer Stimme, und nachdem er ein paar Sekunden lang die Augen mit seiner rechten Hand bedeckt, fuhr er entschlossen fort: »Befehlen Sie über mich, ich bin der Ihrige; was soll ich thun?« »Vorderhand nicht viel; Sie werden meine Wohnung am Kastellplatze leicht erfragen können, dort bitte ich Sie, mich morgen um die Mittagsstunde zu besuchen. Sie werden einen Brief erhalten, den Sie dem jungen Mädchen in die Hände spielen. Es kann Ihnen das nicht schwer werden, da Sie, wie ich mir denken kann, Zutritt bei ihr haben.« Herr Krimpf nickte düster mit dem Kopfe. »Begreiflicherweise darf das junge Mädchen nicht wissen, daß der Brief durch Ihre Hände gegangen ist. Sie haben das geschickt einzurichten, daß sie ihn findet, ohne zu vermuten, wer ihn überbracht. – Die Antwort haben Sie dann ebenfalls an mich zu besorgen.« »Und glauben Sie, daß sie antworten wird?« fragte Herr Krimpf sehr leise. »Wir hoffen es. Sie wird gebeten, diese Antwort an einen bestimmten Ort zu legen, dieser Ort wird Ihnen mitgeteilt, und Sie haben dann nichts weiter zu thun, als das Schreiben wegzunehmen und mir zu überbringen.« »Nein, das ist in der That nicht viel,« entgegnete der andere mit einem Lachen, das entsetzlich klang. Und es war auch in Wahrheit nichts, als die einfache Abgabe eines Briefes. Aber an dem Inhalte dieses Briefes hing das Lebensglück eines armen unschuldigen Mädchens, hing die Ruhe und Verzweiflung seines Freundes, an dessen Tische er saß, der sein Brot mit ihm teilte. »Das wollen Sie also mit bestem Willen für uns thun?« fragte der Major. »Ich will es,« entgegnete Herr Krimpf, und zuckte mit der rechten Hand über den Tisch hin, sie dem Major darreichend, der sie mit einigem Widerstreben ergriff. Die kleine feine Hand des Malers war kalt und doch feucht von Schweiß. – – »So wären wir mit unserem Geschäft zu Ende,« sprach nun der Major mit einer erzwungenen Leichtigkeit, denn ihm grauste vor seinem Gegenüber, das es so leicht zu nehmen schien, Freunde und Hausgenossen zu verraten. »Trinken wir noch ein Glas, nehmen wir noch eine Zigarre.« Beides that Herr Krimpf; ja, er schien jetzt mit dem Bordeaux das Andenken an die eben erlebte Viertelstunde hinabgeschwemmt zu haben; seine Augen verloren ihren düsteren Ausdruck und er blickte fast lustig im Zimmer umher; seine Finger umspannten zuckend das Glas, welches augenblicklich wieder gefüllt worden war, ja seine gute Laune schien so weit wiedergekehrt zu sein, daß er leise etwas vor sich hinsummte, und zwar einen Refrain, den er in den letzten Tagen sehr häufig von Herrn Heinrich Böhler vernommen: »Chantons, buvons, traleralera.« Der Major hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, wobei er den Rauch seiner Zigarre in zierlichen Ringeln von sich blies. Er schien sich ganz behaglich zu fühlen, und nur jemand, der ganz genau auf ihn Achtung gegeben hätte, würde bemerkt haben, daß sich zuweilen seine Augen forschend nach der Zimmeruhr richteten, deren Zeiger langsam, aber unaufhaltsam fortrückte. Jetzt dehnte er sich gähnend und sagte: »So, so, Sie sind Photograph, und sollen sehr schöne Arbeit liefern. Ich habe das von einem Freunde gehört, dessen Porträt Sie vor einigen Tagen gemacht.« »Von einem Ihrer Freunde, gnädiger Herr?« fragte zweifelnd der kleine Maler; doch sogleich schien er sich zu besinnen und sagte: »Ach! die beiden Herren.« »Ja, es waren zwei meiner Bekannten. Sie hatten eine Überraschung vor und diese ist vollkommen gelungen. Wir haben viele Freude daran gehabt; – eigentlich war es eine Wette – und eben deshalb befahlen sie auch zu schweigen und augenblicklich die Glasplatten zu vernichten.« »Das geschah auch,« versetzte der kleine Maler, dessen Blicke etwas stier geworden waren, indem er sich mit der Hand auf die Brusttasche patschte. »Was mir leid thut,« sprach der Major, nachdem er getrunken und den langen Schnurrbart sorgfältig abgetrocknet, »ich hätte gerne eine Kopie gehabt, namentlich war eines der Porträts, das meines besten Freundes, des Oberstjägermeisters Baron Rigoll, ausgezeichnet geraten. In der That ausgezeichnet.« »Ja, der eine der Herren war seine Exzellenz,« sagte Herr Krimpf, indem er langsam seinen Rock aufknüpfte, »aber der andere?« fügte er lauernd hinzu. »Der andere war ein Vetter des vorhin erwähnten Baron Wenden, der Ihnen gegenüber wohnt. Wie gesagt, es ist mir leid, daß die Gläser vernichtet wurden, ich hätte eine Kopie teuer bezahlt. Aber da es nicht sein kann – müssen wir eine andere Gelegenheit abwarten.« Obgleich der Major dies alles mit einer wahrhaft bewundernswürdigen Gleichgültigkeit sagte, so hätte doch der überaus schlaue kleine Maler bei ganz unbefangenen Sinnen etwas Künstliches und Gesuchtes darin bemerkt. Dank dem La Rose aber lächelte Herr Krimpf häufig ohne alle Ursache, freute sich über den wundervollen Abend, den er verlebte, und fing an eine außerordentliche Dankbarkeit, ja Hochachtung für sein Gegenüber zu fühlen, welches ihm dagegen wieder so imponierte, daß es nur eines Blickes aus den dunkeln, blitzenden Augen bedurfte, um einen etwas lauten Gesang im Munde des Malers plötzlich verstummen zu machen. »Ein sehr liebenswürdiger Herr,« murmelte er halblaut, »könnte ihm am Ende wohl die lumpigen Photographien an den Kopf werfen. Der Kammerdiener ist ein geiziger Schuft und der Lakai stiehlt mir wieder, was der Kammerdiener bezahlt. Was braucht man sich eigentlich mit dem Pack gemein zu machen, wenn einem die Herrschaft selbst freundlich entgegenkommt. Und die Herrrr-schaft hat Rrrr-echt – ein Künstlerrr ist auch kein Hund. – Und es hat jemand einmal gesagt: Es soll der Künstlerrr mit dem König gehen, warum denn nicht auch mit so einem lumpigen Adjutanten des Rrrregenten. Aber das ist ein ganz immenser Kerrrl! Und wenn es ihm Spaß macht, so soll er die beiden Eselsköpfe haben. – Ja, die Eselsköpfe und den Lakaien und Kammerdienerrr dazu, – morrrrrrgen, hat der Hund gesagt: Buvons, chantons, traleralera!« Und er wiederholte den Refrain viel zu oft und zu laut: »Juho! ho!« Der Major hatte zuviel von dem Selbstgespräch seines Gastes verstanden, als daß er ihn in seiner ausbrechenden Lustigkeit hätte stören mögen; ja er stieß mit ihm an und zwang sich in den Refrain einzustimmen. »Ja, Herr Offizier, Sie sind so liebenswürdig, daß ich Ihnen eine ganz miserable Gefälligkeit erzeigen will. Wenn es Ihnen Spaß macht, die Köpfe Ihrer Freunde zu haben, so kann dem Manne geholfen werden. Krimpf ist nicht so dumm, als er aussieht. Hier sind noch zwei ganz verfluchte Kopien.« Damit hatte er das Papier aus der Tasche herausgezogen, und da sich seine zuckenden Finger eine Zeitlang vergeblich bemühten, die Siegel ordentlich zu lösen, so zerriß er das Papier so heftig in mehrere Fetzen, daß er die Photographien auf den Boden des Zimmers schleuderte. »Das warrr geschickt,« sagte er, indem er den Blättern mit stieren Blicken nachschaute. – »Da liegen die Eselsköpfe. Lassen wir sie liegen, Herrrr General, es ist auf Ehre nicht der Mühe wert. – Hsp! Hsp!« »Ja, da haben Sie recht,« entgegnete Herr von Fernow; »es ist nicht der Mühe wert, – lassen wir sie, wo sie sind.« »Gut gesagt, – Hsp! Hsp! wo sie sind, Hsp! Da können sie ihren Rausch ausschlafen, Hsp! Hol' sie der Teufel! Hsp! Hsp!« »Was das Rauschausschlafen anbelangt, mein lieber Herr Krimpf,« sagte nun der Major mit einem festen Blick auf sein vis-à-vis, »so meine ich, es wäre auch für uns jetzt Zeit, daß wir unsere Betten aufsuchten.« »Doch – nicht – um – unseren – Rrrrrausch auszu-schlafen, Hsp?« erwiderte Herr Krimpf mit immer schwererer Zunge; »so weit – sind wirrrr – noch lange nicht.« »Das ist bei Ihnen möglich, aber ich spüre den Wein und bin schläfrig.« Es war etwas wie Verachtung in dem Blicke, mit dem der kleine schwächliche Maler, der sich nur mühsam von seinem Stuhle erhob, den kräftigen Offizier ansah. »Nun ja,« sagte er nach einer Pause, »wenn Sie meinen, Hsp! – daß es genug ist – so wollen wir denn gehen, Hsp! doch – habe ich – noch eine Bitte an Sie.« Bei diesen Worten hob er den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe, während er sich mit der linken an der Tischplatte festhielt. »Wenn Sie wieder Spazierstöcke – verlieren, so lassen Sie mich's ganz ergebenst wissen; ich bin dann immer Ihr gehorsamer Diener, um sie aufzuheben, Hsp!« Mit ziemlich ordentlichen Schritten ging er darauf nach dem Nebentische, wo sein Hut lag, und Herr von Fernow hatte nur Angst, er möge auf die Photographien treten, die am Boden lagen; doch schwankte er bei ihnen vorüber, machte seinem freundlichen Wirte ein steifes Kompliment und schoß dann mit einer wunderbaren Schnelligkeit zur Thür hinaus. Der Major, besorgt um ihn, wollte doch sehen, wie er sich auf der Straße benehmen würde, und ging ihm nach bis zur Hausthür. Herr Krimpf war zur Rechten davongeeilt. Wenn er auch die ganze Breite des Trottoirs in Anspruch nahm, so schob er sich doch ziemlich schnell von hinnen und war offenbar in der besten Laune, denn man hörte ihn die Straße hinab mit lauter Stimme singen: »Chantons, buvons, traleralera!« Herr von Fernow kehrte in das Zimmer zurück, raffte die Photographien vom Boden auf und betrachtete sie. Ja, die eine stellte den Baron Rigoll vor. Mit noch größerer Aufmerksamkeit aber betrachtete er den sehr distinguierten Kopf des anderen Bildes. Wo hatte er dies Gesicht gesehen? Richtig, jetzt fiel es ihm plötzlich ein. Es war der Herr, der an jenem Abend zu Baron Wenden kam, der ihm als Graf Hohenberg vorgestellt wurde, gegen den Baron Rigoll sich mit so ausgezeichneter Artigkeit benahm. Das war ihm damals schon aufgefallen, – da lag ein Geheimnis verborgen. Ja, was er hier in seinen Händen hielt, mußte wichtig sein, und es war gewiß der Mühe wert gewesen, ein paar Stunden an die Erlangung dieser Blätter zu wenden. »Ich weiß nicht, eine unbestimmte Ahnung sagt mir, meine Anstrengungen seien in der That nicht verschleudert worden. Es ist zehn Uhr, suchen wir Herrn Kindermann zu sprechen. Wenn das Sprichwort wahr ist, daß man das Eisen schmieden soll, solange es warm ist, so muß man dagegen auch nicht säumen, das Glück, wenn es einmal erscheint, festzuhalten.« Er bezahlte seine Rechnung, wobei der Kellner auf eine eigentümliche Art lächelnd das Geld einstrich. Dann trat der Major auf die Straße, rief einen schläfrig vorüberfahrenden Fiaker an, warf sich in den Wagen und befahl: »Nach dem Schlosse!« Dreizehntes Kapitel. Wiederum im Kabinett des Regenten. An demselben Abend war einer der dienstthuenden Lakaien Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise zu einem der dienstthuenden Lakaien Seiner Hoheit des Regenten hinabgestiegen. – Dieses Hinabsteigen ist wörtlich zu nehmen, denn sonst herrschte das umgekehrte Verhältnis und die dienstthuenden Lakaien des Regenten sahen auf die dienstthuenden Lakaien der Prinzessin mit einer souveränen Verachtung hinab, und nahmen in jeder Beziehung den Vortritt, welches bei gemeinschaftlichen Diners so weit ging, daß die Lakaien Ihrer Durchlaucht stets die Sauce zu präsentieren hatten, nachdem die dienstthuenden Lakaien Seiner Hoheit des Regenten mit dem Braten vorangeschritten waren. Einer der Lakaien der Prinzessin war also hinabgestiegen und hatte dem dienstthuenden Lakaien Seiner Hoheit, welcher in seinem Stuhle sitzen blieb, während der andere vor ihm stand, also gemeldet: »Der Herr Kammerdiener Ihrer Durchlaucht der Prinzessin lassen dem Herrn Kammerdiener Seiner Hoheit des Regenten ein gehorsames Kompliment machen, und da die Herrschaften bei Ihrer Hoheit der verwitweten Frau Herzogin sein werden, so lassen der Herr Kammerdiener anfragen, ob es dem Herrn Kammerdiener angenehm wäre, wenn ersterer den letzteren Herrn auf ein Stündchen besuche. Er habe sich eine kleine Erdbeerbowle angesetzt und möchte sich erlauben, dieselbe gleichfalls bei dem Besuche erscheinen zu lassen.« Darauf hatte Herr Kindermann den Besuch huldreich acceptiert, und die beiden würdigen alten Herren saßen nun in dem uns wohlbekannten Kabinett vor dem Kamin. Der Kammerdiener der Prinzessin, Herr Steppler, war fast von gleichem Alter wie Herr Kindermann, doch wie diesen ein ewiges freundliches Lächeln schmückte und verjüngte, so herrschte auf den Zügen des anderen beständig ein finsterer Ernst; dabei ging er ziemlich gebückt, hustete fast bei jedem Worte, meistens aus schlechter Angewohnheit und weil er es bei vorkommenden Fällen für zweckdienlich gehalten hatte, eine Brustkrankheit zu affektieren. Er war ein altes Möbel bei Hofe, und hatte schon bei der Mutter des höchstseligen Herrn gedient, die eine wunderliche Dame war, und über welche sich die beiden Veteranen gerade unterhielten. »Ja,« sagte Herr Steppler, »so etwas kommt doch heutzutage nicht mehr vor, daß man für den Schoßhund ein eigenes Schlafzimmer hält, eine Bonne zur Aufwartung und daß der Kammerdiener der Herrschaft selbst, ich dazumal, allabendlich bei dem alten Mopse die silberne Nachtlampe anzünden mußte. Und das Tier hatte Verstand wie ein Mensch, denn wenn das Licht nicht brannte oder ausging, so bellte es so lange, bis jemand kam.« »Es ist ganz erstaunlich,« erwiderte Herr Kindermann mit einem süßen Lächeln, »und doch, wenn Sie mir's nicht übelnehmen, bester Freund, so waren die Zeiten für den Regierenden damals viel besser. Erinnern Sie sich noch der Tante des höchstseligen Herrn, die sich nie im geringsten in irgend eine Angelegenheit mischte, die harmloseste Dame der ganzen Welt, die ruhig lebte und ruhig leben ließ.« »Jawohl, jawohl, die zufrieden war, wenn sie vier Stunden des Tags spazieren fahren konnte, die Pferde im langsamsten Schritt, wie vor einem Leichenwagen, und die sich zur Unterhaltung jeden Tag ein kleines Körbchen mit Weidenruten aufs Zimmer bringen ließ, die sie geduldig eine nach der anderen auf dem Tisch zerklopfte – –« »Gelt, alter Freund,« sagte Herr Kindermann, indem er sein Glas emporhob und pfiffig lächelnd durch die goldgelbe Flüssigkeit nach seinem Kollegen hinschielte, »das waren andere Zeiten. Ich möchte wohl mal sehen, wenn wir Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise ein Körbchen Weidenruten aufs Zimmer setzten, ob sie sie auch auf dem Tische zerklopfte.« »Davor soll uns Gott bewahren – das hieße den Teufel an die Wand malen.« »Ja, sie ist eine absonderlich merkwürdige Dame,« meinte Herr Kindermann, und that einen guten Schluck des angenehmen Getränkes. Nachdem er dies gesagt und sich die Lippen abgeleckt, lehnte er sich in seinen weichen Sessel zurück und betrachtete mit einem außerordentlich pfiffigen Blick den Herrn Steppler, der tief nachsinnend eine große Erdbeere anstarrte, die in seinem Glase schwamm. »Lieber Freund,« sagte er alsdann nach einer kleinen Weile, »was ich Ihnen schon oft bemerkt, muß ich hier wiederholen. Es ist Pflicht und Schuldigkeit eines guten Dieners, auf die Herrschaft nach besten Kräften einzuwirken. Wenn man gescheit ist, gelingt dies auch und man kann sie gewissermaßen ziehen, daß es eine Freude ist.« »Ja, da hat sich was zu ziehen,« brummte Herr Steppler. »Das ist wie ein Aal, wie ein Kreisel; das dreht sich zehnmal, ehe ich nur einmal weiß, wo rechts oder links ist.« »Zugestanden, daß es schwierig ist, mit der hohen Dame droben umzugehen, aber im Vertrauen gesagt, Ihr waret zu nachgiebig, Ihr hättet in vielen Sachen nicht mithelfen sollen; ja, Ihr hättet manches hintertreiben können. – Den Teufel auch,« fuhr Herr Kindermann nach einem augenblicklichen Stillschweigen fort, und nachdem er im Spiegel sein freundliches Gesicht beschaut, »man muß zuzeiten auch etwas zu hindern verstehen. Wissen Sie, ich spreche als Freund zu Ihnen, lieber Steppler, aber Ihr macht da oben doch ganz sonderbare Geschichten. wie kann man zum Beispiel nun eine solche Heirat protegieren, wie die der alten Exzellenz mit dem jungen, schönen Fräulein?« »Wie kann man so was hindern, frag' ich Sie.« »Man kann viel dagegen thun, mein lieber Steppler. Man läßt hie und da ein Wort fallen, man meldet zu spät oder gar nicht, man bedauert, daß die Herrschaft verhindert ist, jemand anzunehmen – aber dazu gehört mehr als ein gewöhnlicher Mut. Ich sage Ihnen, das ist ein Mißgriff, der nicht hätte passieren sollen.« Obgleich Herr Steppler ziemlich gebückt saß, so daß er seinen Kollegen nicht ansehen konnte, so merkte man doch, wie er, ohne den Kopf zu bewegen, die Augen erhob und aus den Winkeln derselben nach Herrn Kindermann hinüberschielte. »Habt Ihr etwas dagegen gethan?« fragte er alsdann. »O, lieber Freund,« entgegnete Herr Kindermann mit dem Ausdruck großen Selbstbewußtseins, »wenn eine Sache einmal so verfahren ist, da kommt der beste Kutscher nicht mehr heraus, und doch – – aber wie gesagt,« unterbrach er sich selbst, »das war nur so eine Idee von mir, und es ist eigentlich unklug, überhaupt noch über dergleichen zu sprechen, denn ich weiß doch, daß Sie mir nicht um die Ecke trauen, mein lieber Steppler.« Der andere blickte abermals verstohlen in die Höhe, ohne etwas zu entgegnen. »Ich versichere Sie, es ist schade,« fuhr Herr Kindermann nach einer Pause fort, »daß wir nicht besser zusammenhalten. Ich sage Ihnen, wir könnten hier das Steuer führen, daß es eine Freude wäre, ich mit meiner Lebhaftigkeit, wenn Sie mir erlauben, Sie mit Ihrer unbezahlbaren Ruhe. Kommt her, alter Steppler, stoßen wir zusammen an; den Teufel auch, das sollte doch endlich einmal aufhören, daß die Herrschaften, mit Respekt zu sagen, wie Hund und Katze zusammen leben. Haben Sie denn einen Begriff davon, wie es Ihre Durchlaucht da oben vermag, so hämisch gegen uns zu handeln, gegen einen Herrn, wie der Regent ist? Gott erhalte ihn hundert Jahre, den ritterlichen Herrn, den schönen Mann, mit Eigenschaften, daß ihn die ganze Welt liebt und achtet. Aber gerade die, an deren Achtung ihm besonders gelegen ist – – ja, Steppler, schauen Sie mich nur an, – an deren Achtung ihm besonders viel gelegen ist, bereitet ihm mit ihren Launen alles mögliche Herzeleid. Darin ist weder Sinn noch Verstand.« »Das ist gegenseitig, Kindermann, gewiß gegenseitig.« »Nein, Ihr macht es zu arg. Es muß da droben wieder etwas im Spiele sein; ich kann Sie versichern, Steppler, der Herr ist in den letzten Tagen sehr schlecht gelaunt, und ich glaube, man kann sich vor ihm in acht nehmen. Er ist nun einmal der Herr, und wenn wir selbst, was sich in den nächsten Tagen entscheiden soll, einen Thronerben erhalten, so wird doch die Regentschaft achtzehn Jahre dauern, eine Zeit, deren Ende wir beide schwerlich erleben werden.« »Was wollen Sie damit sagen, Kindermann?« fragte der andere, nachdem er eine Zeitlang nachgedacht. »Nun, ich will damit sagen, daß der Herr die Macht noch lange behält, seinen Freunden wohl zu thun und seinen Feinden auf unangenehmen Art zu vergelten.« »Aber Ihr thut uns sehr unrecht,« sprach nun Herr Steppler, wobei zum erstenmal ein Lächeln über seine düsteren Züge flog, »wenn Ihr glaubt, wir oben haßten den Herrn, im Gegenteile, kann ich Sie versichern. Freilich bemüht man sich zuweilen, seine Plane zu vereiteln, ihm entgegenzuwirken, aber, ich bin auch ein alter Praktikus, Kindermann, das geschieht nicht nach einem kalten, berechneten System, sondern das ist die Aufwallung des Augenblicks, ist wie ein kindischer Trotz – verzeihen Sie mir das Wort – eine fast fieberhafte unerklärliche Neigung, nein zu sagen, wenn der Herr ja sagt.« Herr Kindermann blickte in sein Glas und antwortete nicht. »Von wirklicher Feindschaft kann da keine Rede sein und von Haß noch viel weniger. Wenn man jemand haßt, verstehen Sie mich wohl, ohne Nebengedanken haßt, so nennt man seinen Namen nicht, so blickt man nicht nach ihm, so ist man froh, wenn man weder etwas von ihm zu hören noch zu sehen bekommt; und hauptsächlich, wenn man jemand wirklich haßt, so verschließt man das in sich und zeigt seine Feindseligkeit nicht aller Welt.« »Da ist schon etwas Wahres dran,« meinte nachdenkend Herr Kindermann, »es wäre wirklich schade, wenn zwei Herrschaften, wie der Regent und die Prinzessin, ihr Leben so verbringen sollten. Haben Sie nie gedacht, Steppler,« sagte er nach einer längeren Pause, welche er dadurch ausgefüllt, daß er den Rest der Erdbeerbowle nachdenklich mit dem großen Löffel umgerührt, – »ist es Ihnen nie eingefallen, daß die beiden ein prächtiges Paar abgeben würden?« »Wer hätte nicht schon daran gedacht!« entgegnete der andere, »und das ist ein vortrefflicher Gedanke. Dann gäbe es doch endlich einmal Ruhe im Schloß. Man könnte seine Tage in stiller Beschaulichkeit beschließen, wenn die verdrießlichen Geschichten hier einmal aufhörten. Aber wie kommen Sie auf die Idee?« »Sie haben mich darauf gebracht,« erwiderte Herr Kindermann mit großer Wichtigkeit. »Freilich habe ich schon manchmal über das Benehmen der Prinzessin so meine Betrachtungen angestellt, und dann bestätigt das, was Sie mir eben sagten von der fieberhaften Heftigkeit, mit der Ihre Dame zuweilen meinem Herrn opponiert, meine Meinung; ebenso, daß sie häufig von ihm spricht, nach ihm blickt, sich mit ihm beschäftigt.« »Das habe ich doch nicht gesagt?« fragte erschrocken Herr Steppler. »Ja, Steppler, Sie haben das gesagt, und Ihr guter Geist sprach aus Ihnen. Sehen Sie, das ist eine großartige Idee, mit der ich mich schon lange getragen und die gelingen muß, wenn zwei Männer wie wir sie in die Hand nehmen. Sie werden Ihre Stellung so gut wie ich begreifen. Anmelden und den Tisch und die Garderobe besorgen kann jeder; aber kräftig ins Leben eingreifen, dazu gehören sichere Hände, und ich glaube, die haben wir, nicht wahr?« »Ja, ich glaube so,« antwortete Herr Steppler. Doch konnte er sich einer festen Hand nur im bildlichen Sinne rühmen, in der Wirklichkeit dagegen zitterte das Glas in seiner Rechten einigermaßen, wenn er es zum Munde führte. »Freilich erschreckt mich diese Idee, Kindermann, aber wenn ich mich an Ihren Gedanken gewöhne, so finde ich in der That nichts so absonderlich Befremdliches darin. Seine Hoheit der Regent aber?« »Das sei meine Sorge,« entgegnete Herr Kindermann, »glauben Sie mir, er interessiert sich mehr für die Prinzessin als sich die ganze Welt träumen läßt.« »Wirklich?« warf der andere mit einem fast heiteren Tone dazwischen. »Gewiß, ich merke das aus vielem heraus. Wie oft steht Seine Hoheit entfernt von der Prinzessin, ist anscheinend in eifrigem Gespräch mit anderen begriffen, und findet doch Zeit genug, jeden Augenblick nach ihr hinüberzuschauen, alle ihre Bewegungen zu beobachten.« »In der That, das ist mir auch schon vorgekommen,« gab Herr Steppler zur Antwort und wiegte dabei seinen Kopf auf und nieder, wie jemand, der einem angenehmen Gedanken nachhängt. »Wäre es für uns nicht in jeder Hinsicht das beste, wenn da was zustande gebracht werden könnte?« meinte Herr Kindermann. »Ich setze den Fall, daß wir uns beide in unseren Meinungen nicht irren. Wie dankbar müßten solche Bemühungen überdies von den höchsten Herrschaften aufgenommen werden? Dazu gehört aber vor allen Dingen, daß man nicht sucht die kleinen Streitigkeiten zu vergrößern, die hie und da vorkommen, oder gar neue zu erfinden, und in dem Punkte müssen Sie sogar etwas Übriges thun, Herr Steppler.« »Du lieber Gott, unsereins handelt nur nach Befehlen, das kann ich Sie versichern,« entgegnete der andere. »Wir wagen es wahrhaftig nie, eine eigene Meinung zu haben, noch viel weniger dieselbe durchzusetzen. Ja wir sind nicht Herr Kindermann,« setzte er mit einem pfiffig sein sollenden Lächeln hinzu. Der Kammerdiener Seiner Hoheit, offenbar geschmeichelt durch diese Äußerung, machte ein spitzes Maul, wobei er sich verstohlen im Spiegel betrachtete. »Man thut wahrhaftig nur seine Schuldigkeit,« sagte er alsdann, »und wenn einem zufällig einmal etwas gelingt, so meinen die Leute, man habe Gott weiß welche Macht.« Daß in diesem Augenblick der dienstthuende Lakai der Prinzessin ziemlich ohne Umstände eintrat, mußte seine Ursache haben, und so war es auch in der That. Er meldete aus respektvoller Entfernung mit flüsternder Stimme, daß die Prinzessin in Begleitung seiner Hoheit soeben aus den Appartements der verwitweten Frau Herzogin komme und daß sich die höchsten Herrschaften voraussichtlich nach ihren Gemächern verfügen würden. Herr Steppler erhob sich rasch von seinem Stuhle, schlürfte sein Glas hastig aus und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, als ihm Herr Kindermann nochmals einschenken wollte. Dann reichten sich die beiden würdigen Männer die Hände und der ausdrucksvolle Blick eines jeden sagte dem anderen, daß das Gespräch von vorhin nicht vergessen sei. In Gegenwart des Lakaien etwas hinzuzufügen, wäre nicht rätlich gewesen. Schon daß sich die beiden mächtigen Kammerdiener die Hände reichten, wurde einer vertrauten Kammerjungfer erzählt, die es denselben Abend noch zu den Ohren Ihrer Durchlaucht brachte, welche die Annäherung der beiden bisher sehr feindlichen Parteien wichtig genug fand, um einen Augenblick darüber nachzudenken. Ja, wenn wir unserer Geschichte vorgreifen dürften, so würden wir hinzufügen, daß die Prinzessin sehr bald an ihren Schreibtisch eilte, nachdem sie die vertrauliche Mitteilung von dem Einverständnis der beiden Kammerdiener erhalten. »Gut,« hatte Ihre Durchlaucht erwidert, »es ist am Ende gleichgültig – mich überrascht man nicht.« Aber dann hatte sie einen Brief gesiegelt, adressiert und befohlen, ihn sogleich zu dem Kammerherren Baron Wenden zu bringen. Es war zehn Uhr des Abends und die Prinzessin erwartete eine Entgegnung auf ihre Zeilen. Herr Kindermann war, dem Rufe der Glocke folgend, kaum in die Appartements des Regenten getreten, als sich Herr von Fernow in dem Zimmer des Kammerdieners einfand. Da sich Seine Hoheit noch nicht zur Ruhe begab, sich vielmehr zum Lesen niedergesetzt hatte, so kehrte Herr Kindermann in wenigen Augenblicken zurück und war offenbar erstaunt, den Adjutanten zu so später Stunde und in Zivilkleidung anzutreffen. »Verzeihen Sie, lieber Kindermann,« sagte der Major, indem er rasch auf den Eintretenden zuging, »daß ich störe. Aber Sie waren vor einiger Zeit so freundlich, mir zu sagen, ich solle mich bei vorkommenden, mir wichtig erscheinenden Umständen vertrauensvoll an Sie wenden. Ein solcher Augenblick ist nun gekommen, wo ich Ihres Rates, vielleicht auch Ihrer Hilfe bedarf.« Der Kammerdiener, offenbar geschmeichelt durch die freundliche Anrede des jungen Mannes, zeigte ein in der That angenehmes Lächeln und bat den Adjutanten, Platz zu nehmen. »Wenn Sie mir erlauben,« sagte dieser, »so ziehe ich vor, stehen zu bleiben. Ich habe eine Bitte an Sie und diese besteht darin, mir offenherzig zu sagen, ob es Ihnen möglich ist, mich noch bei Seiner Hoheit zu melden.« Der Kammerdiener ließ einen bedenklichen Blick auf die Standuhr fallen und sein Gesicht bemühte sich, sehr ernsthaft auszusehen. »Es ist nach zehn Uhr,« bemerkte er, »und müßten wir eine dringende Ursache haben, Seine Hoheit, die mir nicht besonders gut gelaunt scheinen, beim Lesen zu unterbrechen. Auch sieht der Herr, wie Sie selbst wissen, lieber Herr von Fernow, den schwarzen Frack nicht gern an seinen Adjutanten, sobald sie ihm eine Meldung oder dergleichen zu machen haben. Daß ich für Sie thun werde, was ich kann, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu versichern. – Ohne unbescheiden fragen zu wollen,« setze er nach einer Pause mit einem schlauen Lächeln hinzu, »ist die Sache sehr dringend?« »Das ist es ja gerade, was ich selbst nicht weiß,« erwiderte Herr von Fernow; »denn sonst könnte ich mich ja geradezu melden lassen. Sie wissen, wie sehr ich überzeugt bin, daß alles, was die Angelegenheiten Seiner Hoheit betrifft, in Ihren Händen vortrefflich aufgehoben ist. Daher nehme ich auch gar keinen Anstand, Ihnen mitzuteilen, was mich hierher führt. Ich kam vorhin in den Besitz dieser beiden Photographien,« damit zog er die Blätter heraus, »und gewisse sonderbare Umstände lassen mich vermuten, daß es Seiner Hoheit erwünscht sein werde, von dem Dasein dieser beiden Porträts, namentlich von dem einen, Kenntnis zu erhalten. Was meinen Sie, lieber Herr Kindermann?« Der Kammerdiener hatte die beiden Blätter ergriffen und trat an die Lampe über dem Kamin, um sie zu betrachten. – »Baron Rigoll,« sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen und schaute freundlich lächelnd auf den Adjutanten. »Ich bitte, das andere zu betrachten,« versetzte Herr von Fernow. »Richtig, das andere,« entgegnete der Kammerdiener und schob das Porträt des Oberstjägermeisters auf die Seite. Er beschaute das zweite Blatt längere Zeit, zuckte mit den Achseln und das Lächeln verschwand von seinen Zügen. Er wurde sogar sehr ernst, was, wie wir wissen, bei Herrn Kindermann nicht leicht vorkam. »Das ist freilich wichtiger,« sagte er nach einer Pause, »Herzog Alfred von D•. Alle Wetter, Herr von Fernow, wie kommen Sie zu dem Porträt?« »Auf eine etwas umständliche Art, die ich mir morgen das Vergnügen machen werde Ihnen genau mitzuteilen.« Bei diesen Worten machte der Adjutant eine verbindliche Handbewegung, blickte aber zugleich auf die Standuhr über dem Kamin. »Verstehe,« erwiderte Herr Kindermann geschmeidig. »Wenn etwas geschehen soll, muß es gleich geschehen. Sie geradezu einzuführen, scheint mir nicht passend. Ich muß manövrieren.« »Wollen Sie dem Herrn Eau de Cologne aufgießen oder den Säbel klappern lassen?« meinte scherzend der Major. »Alles hat seine Zeit. – Lassen Sie mich nur machen, Herr von Fernow, und glauben Sie mir, es war ein glücklicher Augenblick, der Sie in den Besitz dieses Porträts brachte. Glücklich für Sie, wenn auch nicht für andere,« setzte Kindermann hinzu, indem er kopfschüttelnd abging. Der Kammerdiener machte ein siegreich lächelndes Gesicht, als er wieder eintrat. »Ich habe für Sie gewirkt, wie ich in den schönen Tagen that, wo Ihr Herr Vater, Gott hab' ihn selig, auf dieser selben Stelle an den unbedeutenden Kindermann manch freundliches Wort spendete. Gehen Sie getrost zu Sr•Hoheit.« »Sprachen Sie davon, was mich hierher geführt?« fragte Herr von Fernow. Der Kammerdiener erhob seinen Kopf mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Würde, als er hierauf entgegnete: »Kindermann sollte in einem solchen Falle voreilig sein? Der Mitteilung eines Mannes, dem er wohl will, dadurch die Spitze abbrechen? O nein, das thut man nur in Fällen, wo es nötig erscheint, jemandem die Freude zu verderben. Vorkommen mag dergleichen freilich. Nein, ich meldete Seiner Hoheit, Sie hätten sich auf eine auffallende Art im Vorzimmer blicken lassen, es scheine mir, Sie hätten etwas auf dem Herzen, ohne gerade den Mut zu haben, eine Audienz zu verlangen. – Vor allen Dingen,« setzte er mit leiser Stimme, aber in vertraulichem Tone hinzu, »habe ich Seine Hoheit den Regenten neugierig gemacht.« »Ob mir das helfen wird, mag Gott wissen,« antwortete Herr von Fernow im Abgehen; »vor allem aber meinen herzlichsten Dank.« Herr Kindermann blieb einen Augenblick nachdenklich in der Mitte des Zimmers stehen, nahm bedächtig eine Prise aus der großen goldenen Dose und sprach dann zu sich selber: »Das ist ein junges dankbares Gemüt; er ist es wert, daß wir ihn protegieren.« Im Kabinett des Regenten war es fast wie an jenem Abend, an welchem wir den Leser zum erstenmal dorthin führten. Im Kamin spielte ein leichtes Feuer, die schwere Bronzelampe war tief auf den Tisch herabgezogen, wie damals auch mit dem grünen Schirme bedeckt, nur schritt der Regent langsam im Zimmer auf und nieder, den Eintretenden erwartend. Der junge Mann machte an der Thür eine tiefe Verbeugung, der Anrede Seiner Hoheit harrend. »Ei, ei, mein lieber Fernow,« sagte der Fürst, »ich erfahre soeben durch Kindermann, daß Sie sich wie ein Gespenst nächtlicher Weile in meinem Vorzimmer sehen lassen. Den Himmel auch, was machen Sie um diese Stunde im Schlosse? Wenn das der Oberstjägermeister erfährt, so wird er seine Heirat so beschleunigen, daß Ihre besten Freunde nichts für Sie thun können.« »Dürfte ich mir nach diesem gnädigen Empfange schmeicheln, daß Eure Hoheit selbst einigen Anteil an mir nehmen, so darf ich mir vielleicht erlauben, der Wahrheit gemäß zu sagen, daß ich in diesem Augenblicke nicht im Schlosse bin, um Seiner Exzellenz Anlaß zum Mißvergnügen zu geben. Es ist wahr, ich hielt mich im Vorzimmer auf, hoffend auf das Glück, das mir jetzt zuteil geworden – Eure Hoheit noch heute abend sehen zu dürfen.« »In der That, Sie machen mich neugierig, lieber Fernow, aber ehe Sie mir mitteilen, was Sie hierher führt, erlauben Sie mir, meine Lampe aufsteigen zu lassen. Es ist ein unbehagliches Gefühl, so im Halbdunkel zusammen zu sprechen, für Sie wie für mich. – So.« Er hatte bei diesen Worten die Carcellampe vermittelst des Gegengewichtes ihrer Ketten an die Decke gehoben, wodurch das kleine Kabinett mit einem Male hell beleuchtet erschien, dann lehnte er sich gegen das Gesims des Kamins, blickte den jungen Mann wohlwollend an, und forderte ihn mit einer gefälligen Handbewegung zum Sprechen auf. Nachdem Herr von Fernow um Entschuldigung gebeten, daß er ein wenig weit ausholen müsse, erzählte er von seinem abendlichen Spaziergang im Parke, von seinem Zusammentreffen mit dem Photographen und wie er durch diesen von jenen beiden Herren erfahren, die vor einigen Tagen auf so geheimnisvolle Art ihre Porträts machen ließen, und wie er aus der näheren Beschreibung ersehen, daß der eine Baron Rigoll gewesen. Nachdem der Fürst von Anfang an dieser Erzählung des jungen Mannes mit einigem Interesse gefolgt war, ohne gerade viel Spannung zu verraten, so richtete er sich bei der Erwähnung des Oberstjägermeisters in die Höhe, schlug die Arme übereinander und lauschte begieriger jedem Worte seines Adjutanten. Dieser berichtete hierauf in möglichster Kürze von seinem Aufenthalt auf der Schloßterrasse, von der Erscheinung des Herrn Krimpf, wie er denselben verfolgt und wie es ihm endlich gelungen, jene Blätter zu erhalten. Mit steigendem Interesse hatte der Regent zugehört und zuweilen den Erzähler mit einem aufmunternden Zuruf unterbrochen. Als nun der Major in die Brusttasche griff und die beiden Blätter hervorholte, trat ihm der Regent rasch entgegen und nahm sie aus seiner Hand. Das Bild des Oberstjägermeisters warf er hastig bei Seite, als er jedoch das andere gegen das Licht hielt, entdeckte Herr von Fernow eine außerordentliche Umwandlung auf dem sonst so ruhigen Gesichte des Regenten. Die Züge waren starr und bleich geworden, als er die Photographie angeblickt, er biß die Lippen fest aufeinander und faßte mit der linken Hand nach dem Tische, freilich nicht, um sich daran zu halten, wohl aber um die Decke auf demselben in der geballten Faust zusammenzudrücken. »Diese Photographien wurden also vor wenigen Tagen hier in der Stadt gemacht?« fragte der Regent mit bewegter Stimme. »Vor vier Tagen.« »Und nicht etwa nach Bildern,« fuhr er fort, »sondern beide nach den lebendigen Originalen?« »Beide, Eure Hoheit,« entgegnete ruhig der Adjutant. »Ich sah selbst den anderen Herrn.« »Wo sahen Sie ihn? Wo? Warum machten Sie mir keine Meldung darüber?« »Weil ich ihn nicht kannte, und er mir einfach als Graf Hohenberg vorgestellt wurde.« »Graf Hohenberg? Das ist ein Inkognito zur Unzeit, kein ritterliches! Und wo sahen Sie ihn?« forschte der Regent mit steigender Heftigkeit. »Im Hause des Baron Wenden, wo er seine Exzellenz den Herrn Oberstjägermeister suchte.« »Ah diese Rigoll und Wenden!« rief der Regent nicht nur zornig aufgeregt, sondern es lag zugleich etwas tief Schmerzliches im Blicke seiner Augen, ja selbst im Tone der Stimme. Es war ein Moment, wo der sonst so ruhige und feste Mann vergaß, daß er nicht allein in seinem Kabinett war. Doch eine Sekunde genügte, um ihn an die Gegenwart des anderen zu erinnern. Er legte einen Augenblick die Hand an die Stirn, fuhr sich über das Gesicht herab, und sagte nach einem fast mühsamen Atemzuge: »Sie sind erstaunt, mein lieber Fernow, daß das Porträt einen so tiefen Eindruck auf mich macht. Vielleicht wird eine Zeit kommen, wo ich Ihnen das erklären kann, denn ich vertraue Ihnen, wie wenigen. Vielleicht –« wiederholte er mit einem bittern Lächeln. »Um Ihnen aber einen Beweis zu geben, wie sehr ich Ihnen vertraue und da ich es für nötig halte, Sie au fait zu setzen, will ich mich bemühen, Ihnen mit wenigen Worten zu sagen, in welchem Zusammenhange dieser Mann da mit mir, das heißt mit unserer Familie steht. Es ist der Herzog Alfred von D•,« sagte er und fügte, die Photographien nochmals betrachtend, hinzu: »Er hat sich alt gemacht, der Herzog, recht alt.« Dann warf der Regent einen Blick in den Spiegel und fuhr fort: »Der Herzog projektierte schon vor einigen Jahren eine Verbindung mit meiner Cousine, der Prinzessin Elise. Das war also noch zu Lebzeiten des seligen Herzogs. Die Prinzessin schlug die Partie aus und – – bereute ihre Weigerung später, wie sie mir nachher, – freilich im Momenten des Zorns und der Aufregung – wiederholt versicherte.« – Auch diesen Satz sprach der Regent wieder, wie mit sich selbst redend. »Darauf machte der Herzog seine großen Reisen und jetzt, da er zurückgekehrt ist, scheint er, oder – – jemand anders, diese Verbindung knüpfen zu wollen – ja jemand anders,« fuhr er heftiger fort, »nicht aus Liebe, das glaube und hoffe ich nicht, aber aus Trotz und Widerspruchsgeist, unterstützt von den Ratschlägen des Herrn Wenden, Rigoll und Konsorten. Ich werde aber Gelegenheit finden, ein Wort mit ihnen zu reden.« Damit schleuderte der Fürst die Photographie auf den Tisch und schritt im Kabinett auf und ab, bis er plötzlich vor dem Adjutanten stehen blieb, ihm die Hand auf die Schulter legte, und mit einem so weichen Tone sagte, wie der junge Mann ihn nie von ihm gehört: »Mein lieber Fernow, man sagt, ich sei kalt, verschlossen, ernsthaft, ja finster. Es ist wahr, es ist so meine Art, doch glauben Sie mir, ich kann auch fühlen, tief und schmerzlich fühlen.« Er wandte sich rasch um, stellte sich wieder an den Kamin, und lehnte seinen Kopf leicht gegen die Wand. Es herrschte einen Augenblick eine so tiefe Stille in dem Kabinett, daß man aufs deutlichste nicht nur den klingenden Schlag der Standuhr vernahm, sondern daß der Adjutant auch das leichte Rauschen eines Vorhangs im Nebenzimmer zu hören glaubte. Es war in dem Zimmer, welches an das des Herrn Kindermann stieß. »Wenn die Prinzessin sich verheiraten will,« fuhr der Regent nach einigen Sekunden fort, »wenn sie sich, wie gesagt, vermählen will und die Partie ist passend, wie die mit dem Herzog Alfred, warum denn diese heimlichen Wege? Warum mir, dem Regenten, dem Chef des Hauses nicht geradezu sagen: das sind meine Ansichten, meine Wünsche. Bei Gott, wenn es denn einmal sein muß, so hätte ich die Annäherung doch viel ehrenhafter, ja anständiger herbeigeführt, als diese Herren Wenden und Rigoll; was meinen Sie, Fernow?« Der junge Mann hatte einen tiefen Blick in das Innere des Herzogs gethan und es war ihm klar geworden, was sich der Regent vielleicht selbst nur ungern eingestehen mochte: der Fürst liebte die Prinzessin; nicht wie der junge Mensch, wie er selbst liebte, leidenschaftlich sprudelnd, aber herzlich und innig, und das feste Gemüt des Fürsten verschloß diese Regung vor aller Welt, seine Liebe allein fühlend, die Leiden derselben allein tragend. Der Adjutant war in Träumereien versunken über die seltsamen Geschicke des Menschen und fuhr fast zusammen, als ihm der Regent jene Frage vorlegte. Glücklicherweise hatte er die Worte, welche der Frage vorausgingen, verstanden und er antwortete: »Darüber kann kein Zweifel herrschen. Doch wenn mir Eure Hoheit eine ganz ergebene Bemerkung erlauben, so hatten Sie vor einiger Zeit die Gnade, mir etwas über den Charakter Ihrer Durchlaucht mitzuteilen, was mir auf den vorliegenden Fall außerordentlich passend erscheint.« »Lassen Sie hören,« sprach der Regent. »Eure Hoheit sagten damals, daß die Prinzessin mit seltenen Eigenschaften des Geistes und Herzens, die wir ja alle an der hohen Dame kennen und verehren, eine außerordentliche Lust zur Intrigue verbinden, daß es ihr nicht möglich sei, einer Sache, für die sie sich interessiere, ihren gewöhnlichen Lauf zu lassen, daß es Ihrer Durchlaucht das größte Vergnügen mache, Minen und Gegenminen springen zu lassen, um zu irgend einem Resultat zu kommen, das sie vielleicht auf geradem Wege leichter erreichen könne.« »Und ich bestätige meine Worte von damals,« antwortete der Regent, »ich sprach soeben noch das Gleiche aus. Aber er verletzt mich tief, dieser Mangel an Vertrauen, ja, er thut mir unendlich weh und ich will mich nicht schämen, das vor Ihnen zu gestehen. – Wir sind ja einmal Vertraute geworden, bester Fernow,« fuhr er mit einem schmerzlichen Lächeln fort, »was ich meinesteils nicht bereue, da ich überzeugt bin, mich in Ihnen nicht geirrt zu haben.« Damit trat er einen Schritt gegen den jungen Mann und reichte ihm seine Rechte, die jener mit beiden Händen ergriff und ehrerbietig an seine Lippen führen wollte; doch entzog sie ihm der Regent auf eine sanfte Art. Er strich sich leicht über die Stirn, trat zum Tische, warf das aufgeschlagene Buch zu und sagte: »Für Ihre Nachricht danke ich Ihnen herzlich. Ich hatte eine Ahnung von dieser Angelegenheit, wußte aber in der That nicht, daß dieselbe schon so weit gediehen sei. Wollen Sie mir noch einen ferneren Dienst leisten, so werden Sie mich außerordentlich verbinden.« »Es macht mich glücklich, wenn Eure Hoheit über mich befehlen wollen,« entgegnete der junge Offizier mit herzlichem Tone. Der Regent blickte auf die Uhr über dem Kamin. »Es ist beinahe elf Uhr, Sie kennen Baron Wenden gut genug, um ihm, falls er noch nicht zu Bette ist, einen Besuch machen zu können?« »O ja, Euer Hoheit, ich kann das schon wagen.« »Gehen Sie also zu ihm, suchen Sie ihn heute noch zu sprechen, und sagen Sie ihm, ich wisse um die geheime Angelegenheit, ich sei sehr ungehalten und geben Sie ihm den freundschaftlichen Rat, – begreiflicherweise habe ich Sie nicht geschickt, Sie kommen ganz aus eigenem Antriebe – Sie geben ihm also den guten Rat, Ihnen zu entdecken, wie die Sache überhaupt steht. Sagen Sie ihm, dies sei Ihrer Ansicht nach das beste Mittel, seine Krankheit nicht nur augenblicklich aufhören zu machen, sondern auch allenfalsige kleine Wünsche erfüllt zu sehen. – Die Sache ist mir wichtig, lieber Fernow,« setzte der Regent in fast liebreichem Tone hinzu, »denken Sie nicht, Sie handeln für Ihren Regenten, denken Sie, es sei für einen Ihrer guten Freunde, dem Sie nach bestem Willen einen Liebesdienst erzeigen möchten.« »Hoffentlich soll Eure Hoheit mit mir zufrieden sein; ich darf mir wohl erlauben, morgen mit dem frühesten meinen Rapport abzustatten?« »So früh, als Sie wollen, Fernow,« antwortete der Regent mit einer freundlichen Handbewegung. Als der junge Mann das Zimmer verlassen hatte, schaute der Regent einen Augenblick starr vor sich hin, dann drückte er die rechte Hand auf das Herz und that mit fest zusammengebissenen Zähnen einen tiefen Atemzug. »Also doch!« sprach er zu sich selber, »sie hat mich wirklich überlistet! Aber zu welchem Zweck? Das möchte ich wissen. Zu welchem Zwecke? Will sie Herzogin von D• werden? Bah! ich kann und will nicht daran glauben. Und doch – und doch! Diese ganze Intrigue sehe ihr ähnlich, wenn – ja wenn – sie dieselbe nicht so außerordentlich geheim gehalten hätte. Fernow ist ehrlich. Er hängt an mir und ist keines ihrer Werkzeuge. – Und doch wäre ich unaussprechlich glücklich, wenn er zum Verräter an mir geworden wäre, wenn er auf den Wunsch der Prinzessin mir diese Mitteilung gemacht hätte, wenn sie mich einen drohenden Verlust ahnen lassen wollte, um mich zu einem entscheidenden Schritt zu drängen. – – Aber nein, nein, es ist nicht so. Ich fürchte, ich habe zu lange gezaudert, ein verlorenes Spiel in der Hand. Da Fernow treu ist, ist die Prinzessin in Wahrheit falsch gegen mich. Sie will sich von mir losreißen, sie will Herzogin von D• werden. – Wir wollen sehen.« Herr von Fernow hatte draußen im Vorzimmer Mühe, sich so schnell, als es notwendig war, von Herrn Kindermann zu verabschieden. Der alte Herr saß wie geknickt in seinem Lehnstuhle und machte kaum einen schwachen Versuch aufzustehen. Er hatte natürlicherweise sehr wenig von der Unterredung im Kabinett verloren und ihm, der, wie wir wissen, für eine Verbindung des Regenten mit der Prinzessin Elise schwärmte, war das, was er erfahren, so überraschend gekommen, daß es ihn ganz niedergeschmettert hatte, und er beim Eintritt des Adjutanten nicht einmal imstande war, ein ganz gewöhnliches Lächeln auf seine Züge zu zaubern. Er hätte gar zu gern seinem Kummer durch ein Gespräch Luft gemacht, doch legte Herr von Fernow den Finger auf den Mund und sagte nichts als: »Ein dringender Auftrag, Herr Kindermann, morgen das Nähere.« Dann verließ er eilig das Kabinett des Kammerdieners und trat durch das Vorzimmer in die jetzt schon öden Gänge des Schlosses. Man hörte hier nichts mehr als das taktmäßige Auf- und Abschreiten der Schildwachen und dann und wann von weither schallend das Zuschlagen einer Thür. Jetzt war der junge Mann an eine große Treppe gekommen, wo er hinter einem der dicken Pfeiler stehen blieb, denn droben hörte man Thüren öffnen und sah den Glanz von Lichtern, mit denen ein paar Lakaien eilfertig auf den Gang hinaussprangen. Jetzt wurden auch Schritte vernehmbar, der Tritt eines Mannes und das Rauschen eines seidenen Kleides. »Mir scheint,« sprach der Adjutant zu sich selber, »ich bin heute einmal dazu verdammt, im Schlosse zu lauschen. Ein unangenehmes Geschäft – man erfährt da selten was Gutes. Eigentlich sehe ich nicht ein, warum ich hier verborgen stehen bleiben soll. Was kümmert mich, wer da von den Gemächern der Prinzessin kommt. – Vorwärts.« Und doch ging er nicht vorwärts. Denn der Klang der Stimme, die jetzt auf der Treppe laut wurde, hielt ihn gewaltsam hinter dem Pfeiler fest. Es war Seine Exzellenz der Oberstjägermeister, der in seinem scharfen Tone sagte: »Sie werden nicht so grausam sein, mein Fräulein, um mir zu verbieten, daß ich Sie in meinem Wagen bis an Ihre Wohnung begleiten darf. Ich habe ja das Glück, Ihnen so nahe zu stehen, daß selbst die Oberhofmeisterin Ihrer Durchlaucht, die doch im Punkte des Anstandes fast unmöglich zu befriedigen ist, nichts dagegen einzuwenden hatte, wie Sie droben vernahmen.« So sprach er, und was er sagte, fiel wie gewaltige Schläge auf das Herz des armen Fernow. Jetzt wußte er, wer neben dem verhaßten Nebenbuhler die Treppen hinabstieg. O, wäre der hundert Meilen von diesem Platze entfernt gewesen! Wie ein Kind nach blendendem Blitz entsetzt auf den heftigen Donnerschlag wartet, so lauschte er angstvoll auf ihre Gegenrede, Ja sie war es. Es war Helene von Ripperda, die aus ihren Dienstzimmern im Schloß in ihre Stadtwohnung zurückkehren wollte. Und wenn sie dem Oberstjägermeister auch zur Antwort gab: »Ich will Sie wahrhaftig nicht bemühen, mein Wagen steht ja ebenfalls bereit,« wenn sie ihm auch mit diesen Worten seine Bitte verweigern zu wollen schien, so war doch der Klang der Stimme so freundlich, daß der arme Lauscher darob seine Hände zusammenballte. – O, seine Leiden waren noch nicht zu Ende. »Diesmal lasse ich mich nicht abweisen, mein schönes Fräulein,« sagte die Exzellenz lustig, »ich muß Sie sonst bei Ihrer Durchlaucht und sogar bei der Oberhofmeisterin verklagen. Schicken Sie Ihren Wagen weg. Ich erbitte es mir als eine Gunst, – ja, als eine Gnade, Sie in meiner Equipage begleiten zu dürfen.« »Das dank' ihm der Teufel, daß das eine Gunst ist,« dachte ingrimmig Herr von Fernow, indem er mit den Zähnen knirschte. »Wenn ich mich sehen ließe? – Doch nein. Was brauche ich zu ihrer Hilfe zu erscheinen, o, dies stolze Mädchen ist selbständig genug, ihren Willen durchzusetzen. Sie ist nur nachgiebig, wo es ihr gefällt. Fahr' hin!« Der Klang der Schritte und das Rauschen der seidenen Robe verloren sich nach dem Hauptportale zu. Herr von Fernow eilte unwillkürlich nach. Er wußte, daß er die beiden nicht mehr erreichen konnte, er wollte sich nur das unaussprechliche Vergnügen machen, die beiden traulich Beisammensitzenden davonfahren zu sehen. Jetzt fuhr ein Wagen vor, man hörte den Tritt herabschlagen, dann die Stimme Seiner Exzellenz, welche dem Kutscher die Wohnung des Fräuleins von Ripperda angab, und die Equipage rollte davon. Der arme Adjutant stand in diesem Augenblicke unter dem Hauptportal. Was hätte er um die Stelle des Oberstjägermeisters gegeben! Neben ihr im engen Wagen ruhen zu dürfen, ein freundliches Wort mit ihr plaudernd, vielleicht sanft ihre Hand berührend – o Gott, daß Träumereien, und namentlich Träumereien eines Unglücklichen so extravagant sind! Ein zweiter Wagen hielt noch bei der Anfahrt, der Wagen der schönen Hofdame. Der Kutscher wollte gerade seine Pferde wenden, um leer in die königlichen Stallungen zurückzukehren, als ihm Herr von Fernow zurief zu halten. Auf den Türmen schlug es elf Uhr, es war eine gute Strecke bis zur Wohnung des Baron Wenden. Warum sollte er sich nicht erlauben, einen leeren herzoglichen Wagen zu benutzen! Und – woran er wohl dachte, und was ihm einen süßen Schmerz bereitete – ihren Wagen! Der Lakai, der neben dem Coupé stand, öffnete dem Adjutanten bereitwillig den Schlag, dieser nannte die Wohnung des Baron Wenden und warf sich auf das Kissen der linken Seite. Helene pflegte in der rechten Ecke zu sitzen. An sie denkend, legte er seine Hand auf das Polster, wo ihr Kopf gewöhnlich ruhte, und als er hierauf sanft über die schwere Seide hinabfuhr, erfaßten seine Finger mit unaussprechlichem Vergnügen ein feines Batisttuch, welches sie im Wagen gelassen. Daß er es an seine Lippen drückte und es dann, ein glücklicher Dieb, sorgfältig in seine Brusttasche steckte, brauchen wir dem geneigten Leser eigentlich gar nicht zu sagen, doch war dieser kostbare Fund nicht imstande, seine schmerzliche Stimmung zu verscheuchen, vielmehr dachte er immer und immer wieder an den vorausrollenden Wagen, und wenn er zornig sagte: »Warum konnte ich nicht früher das Schloß verlassen?« so seufzte er in Übereinstimmung mit diesem Gedanken gleich darauf aus vollem Herzen: »Das war kein Augenblick des Glücks!« Vierzehntes Kapitel. Eine goldene Brücke. Auf die Gefahr hin, dem geneigten Leser den Anfang des ersten Kapitels zu wiederholen, müssen wir ihn doch, dem Lauf unserer wahrhaftigen Geschichte gemäß, am heutigen Abend nochmals zur Wohnung des Kammerherrn Baron von Wenden zurückführen, obgleich wir dieselbe nach dem Diner, und zwar erst vor wenigen Stunden verlassen. Nachdem sich auch der Oberstjägermeister von ihm verabschiedet, hatten Reflexionen über seine Krankheitszustände abgewechselt mit Plänen für die Zukunft, und nebendem hatte der Dienst am Fenster eine nicht unbeträchtliche Zeit in Anspruch genommen. Doch schien der Baron in letzterer Angelegenheit keinen besonderen Schritt vorwärts machen zu können. Denn wenn sich auch das Mädchen zuweilen blicken ließ, sogar flüchtig herniederschaute, so hielt sich Rosa höchstens sekundenlang auf, von irgend einer Bewegung mit der Hand war gar keine Rede, sie sah ernst, ja, was noch schlimmer war, höchst gleichgültig aus, und alles dies gab dem Kammerherrn Stoff genug zum Nachdenken. Was die beiden erst erwähnten Angelegenheiten betraf, so glaubte er den richtigen Weg gefunden zu haben. Das kühlere Betragen seiner schönen Nachbarin dagegen konnte er sich unmöglich erklären. Sollte sie vielleicht Aufmerksamkeiten anderer Art, sollte sie eine Annäherung erwarten und darum des Schmachtens aus der Ferne überdrüssig sein? Seine Eitelkeit wollte so weit nicht gehen. Und doch, warum sollte das unmöglich sein! Warum sollte ihm seine schöne Nachbarin nicht in Wahrheit ihre ganze Liebe zugewendet haben? – Ja, und wenn das der Fall war, – und daß dieser Fall in der That denkbar war, das glaubte Herr von Wenden im Spiegel zu lesen, in welchen er in diesem Augenblicke einen mörderischen Blick warf, – so konnte er es seiner Nachbarin nicht verübeln, wenn sie von ihrem Gegenüber endlich einen anderen Beweis der Zuneigung verlangte, als das ewige Anblicken, als das beständige Zeichenmachen mit Hand, Schnupftuch und Blumenbouquets. Dieser Gedanke war dem Kammerherrn so schmeichelhaft, daß er ihm mit Vergnügen nachhing, ja, daß er nach einiger Überlegung entzückt von dem Benehmen des jungen Mädchens war. Daß er morgen am Tag Schritte thun wollte, um sie nicht länger harren zu lassen, versprach er sich freilich, war aber noch nicht recht mit sich darüber im reinen, auf welche Weise er eine Begegnung bewerkstelligen sollte. Ein anderer hätte sich vielleicht darüber nicht viel Kopfzerbrechens gemacht, aber Herr von Wenden hatte einesteils in diesem Punkte etwas sehr Kindliches und andernteils hatten ihn schon traurige Erfahrungen auf diesem Felde der Diplomatie so vorsichtig als schüchtern gemacht. Daß er bei diesen Betrachtungen sehnlichst auf das Aufhören seines höchsten Ortes befohlenen Unwohlseins harrte, versteht sich von selbst. Noch nie hatte er seine sämtlichen Zimmer mit solcher Ungeduld durchschritten, wie am heutigen Abend. Wie lang wurden ihm die Stunden nach Beendigung seines Diners bis neun Uhr. Glücklicherweise wurde ihm alsdann sein Thee serviert, neben der sprudelnden Maschine schichtete ihm sein Kammerdiener die mit der Abendpost eingelaufenen Zeitungen und Briefe auf, und mit Durchlesung derselben verflossen eine bis anderthalb Stunden unendlich viel schneller, als wenn er im Zimmer auf und ab spazierend die Zeit tottrat. Da erschien der Kammerdiener geräuschlos wie ein Schatten im Zimmer, glitt vor den Fauteuil des Barons und präsentierte ihm auf silbernem Teller ein kleines Briefchen, welches soeben draußen abgegeben worden war. Der Hoflakai, sagte er, warte auf Antwort. Wenn man gelangweilt ist, so ist die Ankunft jedes Briefes erwünscht; ein Schreiben aber, das ein Hoflakai bringt, der obendrein auf Antwort wartet, gehört zu den interessantesten Erlebnissen eines Kammerherrenlebens. Daß der Baron hastig das Schreiben ergriff, versteht sich von selbst, ebenso, daß er mit Vergnügen die Aufschrift von einer feinen Damenhand sah, und nicht minder, als er auf dem Siegel das herzogliche Wappen erkannte. Der Kammerdiener zog sich einige Schritte zurück, der Baron rückte die Lampe näher und erbrach in der größten Ehrfurcht das Siegel. Daß der Brief von der Prinzessin Elise kam, hatte er an Schrift und Petschaft erkannt, daß er einen freundlichen Dank enthalte für seine Bereitwilligkeit, ihr unbedingt seine Dienste widmen zu wollen, ahnte er, öffnete aber trotzdem in einiger Aufregung das zierlich zusammengelegte Blatt. »Mein lieber Kammerherr von Wenden,« schrieb die Prinzessin; – die Anrede war gut und vielversprechend, und der Brief selbst mußte seinem Inhalte nach diese Aufschrift wahrhaftig rechtfertigen, ja er mußte interessant und pikant sein; denn das spiegelte sich deutlich in dem seltsamen Gesichtsausdruck, mit dem der Kammerherr das Blatt anstarrte. Auf seinem Gesichte war Überraschung, ja einiges Erschrecken deutlich zu lesen. Er durchlief das Schreiben einmal, zweimal, er las es zum drittenmal. Er schüttelte mit dem Kopfe, er fuhr mit der Hand über Stirn und Augen und las dann zum viertenmal, um sich zu überzeugen, daß er sich nicht geirrt. – Nein, hier war kein Irrtum möglich; da standen die Worte in den ihm wohlbekannten scharfen und ausdrucksvollen Schriftzügen der Prinzessin, klar und bestimmt, ohne eine andere Deutung zuzulassen, als ihren Willen, den sie aufs klarste ausdrückte. Die Prinzessin schrieb folgendermaßen: »Mein lieber Kammerherr von Wenden! Durch Baron Rigoll erfuhr ich soeben Ihre freundliche Bereitwilligkeit, mir Ihr Dienste ohne Rückhalt widmen zu wollen. Leider aber sind Sie durch ein ähnliches Anerbieten vor wenigen Tagen in unangenehmen Konflikt mit dem Regenten gekommen, was mir indessen Ihre heute ausgesprochene Bereitwilligkeit nur um so schätzenswerter macht. Hören Sie meinen Wunsch, für dessen pünktliche Erfüllung ich Ihnen aufs dankbarste verpflichtet sein werde. Durch Baron Rigoll erfuhren Sie den Aufenthalt des Herzogs Alfred von D•, sowie dessen Absichten auf meine Hand. Die Unterhandlungen sind soweit gediehen, daß ich nur ein einfaches ja zu sagen brauche, um sie zum Abschluß zu bringen. – Daß sich der Herzog im strengsten Inkognito hier aufhält, liegt in dem Benehmen des Regenten, der sich gegen die projektierte Heirat schon vor einiger Zeit ungünstig auszusprechen beliebte. Ob sich dessen Ansichten geändert, möchte ich auf indirektem Wege erfahren. Deshalb wünsche ich, daß Sie dem Regenten, ihm selbst oder noch besser einem seiner Vertrauten die Mitteilung über alles das machen, was Sie in dieser Angelegenheit, den Herzog und mich betreffend, heute von Baron Rigoll erfuhren, mit einem Worte, und um es Ihnen vollkommen deutlich zu erklären, Sie sollen mein Geheimnis dem Herzog verraten. Wenn ich Sie zu gleicher Zeit ersuche, dieses Schreiben, nachdem Sie es gelesen, dem Überbringer wohlversiegelt an mich zurückzugeben, so bitte ich, darin kein Zeichen des Mißtrauens zu sehen, sondern mein Begehren den eigentümlichen Verhältnissen zuzuschreiben, in denen wir uns, vor allen aber ich mich hier befinde, und Sie werden dadurch meinen vollkommen gerechtfertigten weiteren Wunsch verstehen, daß meine Zeilen aufs allerstrengste unter uns bleiben. In diesem Falle können Sie auf meine unbegrenzte Dankbarkeit rechnen; im anderen aber, den ich indessen bei Ihnen nicht voraussetze, müßte ich Sie desavouieren und, so leid es mir auch vielleicht thun würde, als erbitterte Feindin verfolgen. Elise.« Dem Kammerherrn war nach viermaligem Lesen dieses Briefes zu Mute, als befinde er sich in einem schweren Traum, aus dem zu erwachen ihm fast unmöglich wurde. Er griff an seine Stirn, er sah im Zimmer umher, betrachtete Aufschrift und Siegel, aber das blieb unverändert, und wie schon vorhin bemerkt, war der Brief so klar abgefaßt, daß er keiner Mißdeutung unterlag. »Das ist eine schöne Kommission,« seufzte Herr von Wenden nach längerem Nachdenken. »Teufel auch! warum ersieht sie gerade mich dazu? Wie werde ich Seiner Exzellenz gegenüber bestehen! – O, o, gehe einer vom geraden Wege ab, lasse sich in Intriguen ein, namentlich in Intriguen, die von Weibern eingefädelt und durchgeführt werden, so hat ihn der Teufel nicht nur bei einem Haar, sondern beim ganzen Schopfe.« Er war mißmutig von seinem Fauteuil in die Höhe gesprungen und schritt aufgeregt durch das Zimmer. Vor allen Dingen durfte er die Prinzessin nicht auf Rücksendung des gefährlichen Billets warten lassen; das war im ganzen die ungefährlichste Forderung, und daß sie ein Recht dazu hatte, sah er wohl ein. »Ein Recht?« sprach er lächelnd zu sich selber, »ein Recht, das sich die Großen dieser Erde nehmen, um selbst im Schatten stehen zu bleiben, um uns nach Gutdünken an das Licht stellen zu können. Sei es darum. Vielleicht bin ich diesmal der Ausübung meiner Theorie näher, als damals bei dem Blumenbouquet; vielleicht ist dies ein Augenblick des Glücks.« Rasch trat er zum Tische, steckte das Billet in ein Couvert, siegelte es sorgfältig schrieb, die Adresse an Ihre Durchlaucht und befahl, als vorsichtiger Mann, den Bedienten eintreten zu lassen. Es war der ihm und auch uns, geneigte Leser, wohlbekannte Kammerlakai der Prinzessin. »Wer gab Ihnen den Brief an mich?« »Ihre Durchlaucht selbst.« »Um welche Zeit?« »Es schlug gerade zehn Uhr.« »Gut, wir haben ein Viertel auf elf, um halb elf muß meine Antwort in den Händen Ihrer Durchlaucht sein.« »Ich habe Befehl, sie selbst zu übergeben,« entgegnete der Bediente mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung. »Gut – ich danke Ihnen.« Herr von Wenden entließ ihn mit einer Handbewegung, und der Kammerlakai zog sich, von dem Kammerdiener begleitet, zurück. Der Baron begann wieder von seinen Gedanken getrieben hastig im Zimmer auf und ab zu gehen. »Wenn ich mir die Sache genau überlege,« sprach er nach einer Pause, »erweist mir die Prinzessin mit diesem Auftrage eine ganz besondere Gunst. Es sind das zwei Fliegen mit einem Schlage. Die Dankbarkeit Ihrer Durchlaucht und die Erkenntlichkeit des Regenten, indem man ihn von einem eigentlich gefährlichen Unternehmen in Kenntnis setzt, das ohne sein Vorwissen betrieben wird. Wahrhaftig, es ist mir gerade, als sei ich dem Augenblick des Glücks nahe und brauche diesmal nur zuzugreifen. Die Prinzessin schrieb, sie dem Regenten selbst zu verraten, noch besser aber einem seiner Vertrauten. Mit dem Letzteren bin ich mehr einverstanden. Den Teufel auch, es ist kein kleines Unternehmen, eine Prinzessin des Hauses so geradezu zu verraten und anzuklagen! Da gibt es Kreuz- und Querfragen, da will man Quellen und Beweise, ich kenne das, und dann hat Seine Hoheit der Regent eine so eigentümliche Art bei solchen Veranlassungen seinen großen Bart zu streichen, und die Leute anzusehen, eine Art, die gerade nicht encouragierend ist. Spreche ich aber mit einem Dritten, so kann der am Ende hinzufügen, was er will, was geht das mich an, ich brauche nicht für jedes seiner Worte einzustehen.« – Er hielt in seinem Spaziergange ein, warf sich in den Fauteuil und trank den Rest seines kalt gewordenen Thees. – »Nur der Baron Rigoll macht mir einige Sorge,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, »Seine Exzellenz sind heftiger Natur. Sie könnten einen Versuch machen, mich sehr hart anzulassen, und den Verrat gegen die Prinzessin, als auch gegen ihn selbst begangen darzustellen. Aber ich kann mich auf nichts berufen. Das ist wahr, – ich darf Seiner Exzellenz gegenüber nicht einmal von dem Befehle Ihrer Durchlaucht sprechen. O! o, die Sache ist in der That verwickelter, als ich gedacht. – Und an wen soll ich mich wenden? Wer ist ein Vertrauter des Regenten, der mir zugleich so befreundet ist, daß ich unumwunden mit ihm reden kann, daß er meine Lage einsieht, und ehrlich für mich handeln wird? – « Er beugte den Kopf in die Hand und blickte eine Zeitlang düster vor sich nieder. »Wie läßt doch,« fuhr er nach einer Pause fort, »der unübertreffliche Schiller bei einer ähnlichen verwickelten Angelegenheit den hochseligen König Philipp sprechen? – Ich habe wahrhaftig meinen ganzen Schiller vergessen. Doch nein, er sagt: Jetzt gib mir einen Menschen, gute Vorsicht – du hast mir viel gegeben. Schenke mir jetzt einen Menschen – « In diesem Augenblick hörte man das dumpfe Rollen eines Wagens auf dem Pflaster, der drunten vor dem Hause des Kammerherrn anhielt. Der Kammerdiener, der im Nebenzimmer am Fenster gestanden, meldete durch die Spalte der Thür, es sei ein Hofwagen angefahren, und fragte an, ob der Herr Baron für irgend jemand zu Hause sei. »Wenn es einer von meinen genauen Bekannten ist,« entgegnete dieser, »so sag ihm, ich habe mich schon zurückgezogen, du wolltest aber sehen, ob ich noch nicht zu Bette sei.« Die Thür schloß sich, und der Kammerherr, im Fauteuil zurückgelehnt, lauschte aufmerksam. Jetzt sprang jemand eilig die Treppe hinauf, und gleich darauf hörte er eine Stimme im Vorzimmer: »Ei zum Henker, mein lieber Henri, wenn man so spät kommt, hofft man seine Freunde auch zu Hause zu finden. Sagen Sie dem Baron, wenn er auch schon zu Bette gegangen sei, so würde ich mir doch erlauben, mich einen Augenblick zu ihm zu setzen, es sei ja nicht das erste Mal.« »Es ist Fernow,« sagte Herr von Wenden, indem er eine Klingel in Bewegung setzte, die vor ihm auf dem Tische neben den Zeitungen stand. Der Kammerdiener erschien augenblicklich, und ließ als eine gewandter Mann sogleich die Thür offen, als er vernahm, wie ihm sein Herr mit lauter Stimme entgegenrief: »Wenn ich mich nicht irre, ist Major Fernow draußen. Ich lasse ihn recht sehr bitten, bei mir einzutreten.« – »Fernow,« sprach er zu sich selber, »sollte er's am Ende sein, dem ich meine Sache ans Herz legen könnte – ? Ich glaube, ja. Wenn er auch fest zu dem Regenten hält, ist er doch ein ehrlicher Kerl, und man kann sich auf ihn verlassen.« Der Major erschien auf der Schwelle und sagte zu dem Kammerdiener, der draußen blieb: »Bitte sagen Sie drunten, daß der Wagen nicht zu warten braucht. Ich gehe zu Fuß nach Hause.« Dann trat er ins Zimmer und rief heiter, fast lustig: »Du siehst, lieber Wenden, wie sehr ich dich in Affektion genommen. Nachdem ich noch vor wenigen Stunden vortrefflich bei dir gespeist, zieht es mich jetzt schon wieder zu dir hin. Nennst du das nicht Freundschaft?« Der andere hatte sich erhoben, und indem er dem Eintretenden entgegenging, sagte er ebenfalls recht freundlich: »Es ist in der That schön von dir, daß du einen armen Kranken noch so spät besuchst. Was aber die pure Freundschaft anbelangt, so hoffe ich im Laufe einer Viertelstunde zu erfahren, ob du wirklich ohne Nebenabsichten zu mir gekommen bist.« »Ach!« rief der Major, wobei er ein ernstes Gesicht zu machen versuchte, das aber in der That komisch aussah, »du solltest mich besser kennen. – Uneigennützig bis zum Exzeß!« »Setzen wir uns, setzen wir uns,« entgegnete der Kammerherr mit einer Handbewegung und einer Miene, die deutlich sagte: »Lassen wir das gut sein.« Obgleich Herr von Fernow dieser Einladung augenblicklich Folge leistete und es sich in einer weichen Chaiselongue so bequem als möglich machte, so hatte er doch die Miene und den Ton der Stimme seines Freundes vollkommen verstanden und wiederholte: »Nein, ich bin nicht eigennützig, – diese Tugend mußt du an mir loben. Ich opfere mich im Notfall für meine Freunde.« »Ja, ja,« erwiderte der andere in gedehntem Tone, wobei er sich langsam in seinem Fauteuil niederließ; »du warst früher ein guter Kerl.« »Früher?« »Nun, du wirst dir doch wohl nicht einbilden, daß du im hellen Glanz der allerhöchsten Gnadensonne derselbe geblieben bist?« meinte der Kammerherr, »deshalb sei ehrlich, was führt dich in so später Abendstunde zu mir?« »Die Begierde, dich zu sehen.« »Ah, Redensart!« »Ich sage dir, du bist unendlich mißtrauisch geworden.« »Und wenn dem so wäre, habe ich nicht Ursache dazu? Sitze ich nicht hier jetzt schon fast acht Tage, im unangenehmsten Zimmerarrest und keiner meiner Freunde wirft sich für mich ins Feuer, um mich daraus zu erlösen?« Das sagte er beinahe mißmutig. »Davon später,« erwiderte Herr von Fernow, »vorderhand bin ich wirklich noch hier, um in diesem bequemen Lehnstuhle eine halbe Stunde ausruhen zu können und, wenn du nichts dagegen hast, dazu eine Zigarre zu rauchen.« »Das hättest du alles zu Hause haben können,« entgegnete der Kammerherr, indem er langsam den Fuß der Lampe ergriff und dieselbe fast unmerklich zu rücken begann, daß er in den Schatten des grünen Schirmes zu sitzen kam, während auf den andern das volle Licht fiel. Der Adjutant lächelte in sich hinein über dieses Manöver, das er vollkommen begriff, und zündete sich eine Zigarre an, worauf er erwiderte: »Allerdings hätte ich alles das zu Hause auch haben können, aber ohne deine Unterhaltung. Weißt du, daß es schon ziemlich lange her ist, daß wir nicht mehr zusammen sprachen, so was man eigentlich zusammen sprechen nennt?« »O ja, ich weiß es,« seufzte Herr von Wenden. »Seit jenem Tage nicht mehr, als wir zusammen Dienst im Schlosse hatten, wo du so freundlich warst, mir deine wirklich pikanten Theorien vom Augenblicke des Glücks auseinanderzusetzen.« »Und womit ich den Teufel an die Wand malte,« sagte Herr von Wenden. »Der vermeintliche Augenblick des Glücks wurde mir zum Augenblick des Unglücks. Meinst du nicht auch so?« setzte er lauernd hinzu. Der Adjutant hatte seine beiden Hände unter den Kopf gelegt und blickte an die Decke des Zimmers, wobei er behaglich seine Zigarre rauchte. Auf die Frage des Freundes zuckte er mit den Achseln und entgegnete: »Wer weiß? – Ich kann nicht ganz deiner Ansicht sein. Daß für dich damals ein Augenblick des Glücks nahe war, davon bin ich fest überzeugt, und glaube ebenso sicher, daß der Augenblick unbedeutenden Unglücks, der gleich darauf eintrat, dich vielleicht vor größerem Unglück bewahrte.« »Darin liegt etwas Wahres,« antwortete Herr von Wenden nach einem Moment des Nachdenkens, »aber wie ich schon vorhin sagte,« fügte er sanft lächelnd hinzu, »du hast dich in den acht Tagen außerordentlich gemacht. Ich sehe, du bist im Begriff, mir ganz neue Seiten meiner Theorie zu entwickeln. Nur zu!« »Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.« »Hol der Teufel dein kindliches Gemüt! Aber jetzt Scherz beiseite. Wenn du auch nicht mit der Sprache herauswillst, was du eigentlich so spät bei mir suchst, so unterhalte mich armen Gefangenen wenigstens mit der Erzählung dessen, was du von sieben Uhr bis jetzt getrieben. – Denn du hast doch heute abend etwas getrieben?« setzte er hinzu, indem er ihn seltsam aus den Augenwinkeln anblitzte. »Ich habe allerdings getrieben und bin getrieben worden,« entgegnete Herr von Fernow mit einem leichten Zucken seines Mundes, »aber deine Forderung ist außerordentlich klug, ganz diplomatisch. Sage mir, mit wem du umgehst, so will ich dir sagen, wer du bist.« »Allerdings.« »Oder sage mir, wo du warst, so will ich erkennen, was du getrieben.« »Auch richtig. Aber wenn es Geheimnisse sind, so bin ich nicht so indiskret, deren Mitteilung zu verlangen.« »Geheimnisse habe ich keine, am allerwenigsten vor dir, und wenn es dich unterhalten kann, so sollst du auch den Punkt erfahren, womit ich mich heute abend beschäftigt, oder was ich, um dein Wort zu gebrauchen, getrieben. Vorher aber wirst du mir erlauben, daß ich mich in eine ganz bequeme Lage bringe, denn ich bin äußerst müde.« Bei diesen Worten zog er einen Stuhl zu sich hin, legte die Füße darauf und streckte sich so aus, daß er in der That in seinem Bette nicht hätte bequemer liegen können. Der Kammerherr sah ihm lächelnd zu und lehnte sich ebenfalls so weit als möglich in seinem Fauteuil zurück, was er hauptsächlich in der Absicht that, ganz in den Schatten zu kommen. »Also,« begann der Adjutant, – »du weißt, ich fange gerne meine Reden mit also an.« »Ich weiß das, ich weiß das,« sagte ungeduldig der Kammerherr. »In Erinnerung an ein schönes und liebenswürdiges Mädchen, das es ebenso machte.« »Meinetwegen.« »Also ich verließ dich nach deinem famosen Diner und machte, meine Zigarre rauchend, einen Spaziergang. Ich ging in den Schloßgarten und auf die Terrasse, die dir wohl bekannt ist, und fand dort einen jungen Mann, mit welchem ich mich über Leuchtkäfer unterhielt.« »So, über Leuchtkäfer?« »Ja, auch noch über andere Sachen. Dann spazierte ich nach der Stadt zurück, ging durch das Schloß und erfreute mich auf der großen Terrasse an dem Duft der Orangen.« »Das war ein harmloses Vergnügen. Nebenbei hast du wohl an den Fenstern des Schlosses hinaufgeblickt?« »Das that ich auch, was mich aber hauptsächlich interessierte, war eine Unterredung von zwei Personen, die ich dort ganz zufällig hörte.« »Wer waren die Personen?« fragte aufmerksam der Kammerherr. »Vorderhand müssen sie unbekannt bleiben,« fuhr der Major fort; »vielleicht entwickelt sich ihr Charakter im Laufe meiner Erzählung.« »Du sahst sie also im Laufe des heutigen Abends wieder?« »Ja, ich folgte dem einen durch mehrere Straßen, schloß mich ihm an und soupierte freundschaftlich mit ihm.« »Also jemand aus der Gesellschaft?« »Das weniger, es war ein Künstler, und da ich von jeher die Kunst protegierte, so nahm ich mich des jungen Mannes recht innig an, und wir tauschten Ideen und sonst noch allerlei miteinander.« »Das hätt' ich hören mögen,« meinte Herr von Wenden mit einem fast verächtlichen Zucken der Mundwinkel. »Gerade für dich,« sagte Herr von Fernow, der sich stellte, als nehme er die Antwort seines Freundes für vollkommen ernst, »wäre das sehr interessant gewesen; der junge Künstler nämlich sprach auch von dir.« »So, so? Ich habe ihn vielleicht irgendwo einmal protegiert,« warf der Kammerherr leicht hin. Jetzt war die Reihe an dem Adjutanten, auf eine sonderbare Art zu lächeln, was er denn auch nicht unterließ, indem er fortfuhr: »Diesmal irrst du dich, lieber Wenden, der junge Mann ist vielmehr im Begriff, dich zu protegieren.« »Du bist sehr spaßhaft aufgelegt.« »Im Gegenteil, aber du bist ein verfluchter Kerl.« »He?« »Deine Intriguen bei Hofe lassen dir noch vollkommen Zeit, dich um deine Nachbarschaft zu bekümmern,« fuhr der Adjutant nach einer Pause fort, während welcher er mit der größten Ruhe die Asche von seiner Zigarre stieß; »du setzest Herzen in Brand, du machst Unglückliche, du schmachtest und läßt schmachten.« So überraschend es auch für den Kammerherr war, zu erfahren, daß Herr von Fernow um seine Fensterbeobachtungen wußte, so schmeichelte es ihm doch wieder, für einen Unwiderstehlichen gehalten zu werden. Er spitzte den Mund auf die uns bekannte wohlgefällige Art, und um diesen Ausdruck des Behagens sehen zu lassen, tauchte er auf einen Augenblick aus seinem Schatten hervor. »Ich sehe, daß mein Berichterstatter recht hat,« sagte der Major; »Wenden, Wenden, das soll ein außerordentlich schönes und reizendes Mädchen sein!« »Ja, sie ist schön,« versetzte der Kammerherr mit weicher Stimme; und als er dabei die Augen schmachtend gegen das Fenster verdrehte, sah er aus wie ein vollendeter Geck. »Aber du hast noch wenig Fortschritte gemacht?« fragte anscheinend gleichgültig der junge Offizier. »Es ist unendlich schwer, ihr beizukommen,« erwiderte der Kammerherr mit einem leichten Seufzer; »und dann weißt du auch so gut wie ich, daß ich krank bin, mein Zimmer nicht verlassen darf.« »Aber vorderhand brieflich – « »Du hast gut reden,« entgegnete lebhaft Herr von Wenden. »Soll ich das Mädchen durch einen von meinen Eseln kompromittieren? Ach, ich liebe das nicht. Du kennst mich in dem Punkte besser.« »Mein Bekannter, mit dem ich soupiert,« sagte Herr von Fernow, wie ohne Absicht, »wohnt in dem gleichen Hause mit dem Mädchen, hat sogar Zutritt in ihre Wohnung.« »Ein Liebhaber?« fragte fast eifersüchtig der andere. »Im Gegenteil, lieber Wenden; ein junger, verständiger Mann, der es vollkommen begreiflich findet, daß ein hübsches Mädchen, wie jenes ist, an einem jungen Mann, wie du bist, verzeih' mir die verdeckte Schmeichelei, Wohlgefallen findet. Ein junger Mann, der in der Welt etwas gesehen hat und – « »Und?« wiederholte Herr von Wenden sehr aufmerksam. »Und der für mich alles unternehmen würde. Doch davon später. Vorderhand muß ich dir weiter referieren. Nach den Ideen tauschten wir reellere Dinge miteinander aus, Dinge, in deren Besitz der junge Mann zufällig geraten!« »Werden für mich gleichgültig sein,« meinte der Kammerherr, der mit seinen Gedanken offenbar bei seiner schönen Nachbarin war. Der Adjutant hatte unterdessen ruhig seine Zigarre auf den Tisch gelegt, seinen schwarzen Frack geöffnet und zog aus der Brusttasche ein viereckiges Papier hervor, das er behutsam öffnete. Um dies aber zu können, da der Tisch voller Zeitungen und Papiere lag, mußte er diese beiseite schieben und verrückte dabei die Lampe, gewiß ohne Absicht, aber so, daß nun er im Schatten saß und auf den anderen das volle Licht fiel. Der Kammerherr hatte dem Öffnen des Papiers zugesehen, wie jemand, dem eine Sache vollkommen gleichgültig ist. Als der Major aber äußerst langsam das Umhüllungspapier entfernt hatte, und der andere eine Photographie erblickte, da war die Wirkung des Anblicks dieser Photographie auf ihn wahrhaft überraschend, fast erschreckend. Seine süßen Augen, die er in Gedanken an die kleine vorhabende Schwärmerei machte, verwandelten sich mit einemmale und blickten so starr auf das Blatt, als sähen sie ein Gespenst. Dabei stützte er die Hände auf den Tisch und erhob sich schnell aus seinem Fauteuil, ohne seine Augen von dem Porträt des Grafen Hohenberg wegzubringen – »Fernow?« rief er nach einer drückenden Pause, »woher hast du dies Blatt, was soll das bedeuten?« So gut auch der Major das plötzliche Erschrecken seines Freundes bemerkte, so that er doch gerade, als beschäftige er sich mit dem Wiederanzünden seiner Zigarre, und erst als er den lauten Ausruf des anderen vernahm, blickte er ihn wie erstaunt an und antwortete lebhaft: »Was brauchst du zu erschrecken? Ist das nicht das Porträt eines Herrn, den ich bei dir gesehen? Des – – Grafen Hohenberg?« Wenden sah, daß er sich einigermaßen verraten und suchte dies wieder gut zu machen, indem er mit affektierter Gleichgültigkeit auf das Blatt blickte. Auch sagte er mit etwas verlegener Stimme: »Du hast recht, es ist Graf Hohenberg. Aber was du soeben von meinem Erschrecken sagtest, dazu sehe ich eigentlich keinen Grund. Ich kenne diesen Herrn wohl ebensowenig, wie du selbst und interessiere mich durchaus nicht für ihn.« Er hatte bei diesen Worten das Blatt wirklich in die Hand genommen, doch zuckten seine Finger, so erregt war er, und er konnte sich nicht enthalten, über das Papier hinüber einen flüchtigen Blick auf seinen Freund zu werfen. »Es wäre in der That besser,« sagte dieser, »wenn du mir offenherzig geständest, daß dieser Herr sowohl für dich, wie für mich und auch noch für eine dritte hohe Person interessant, außerordentlich interessant ist. Du wirst im Verlauf meines Referats derselben Ansicht werden.« »So bist du noch nicht zu Ende?« fragte der Kammerherr fast ängstlich. »O nein, jetzt kommt das Beste; und das soll dir zugleich einen Beweis geben, wie offenherzig ich gegen dich bin. Nach unserem Souper, nachdem ich diese Photographie erhalten, begab ich mich zu Seiner Hoheit, dem Regenten.« »Ah!« rief wirklich erschrocken der andere, »und er ließ dich vor in später Nacht? – Fernow, du hast den Augenblick des Glücks wohl zu benutzen verstanden.« »Ich glaube so,« entgegnete dieser, und setzte mit Beziehung hinzu: »Für mich und meine Freunde. – Ich war also beim Regenten,« sagte er in leichterem Tone. »Und der Regent?« fragte fast atemlos der Kammerherr. »Der Regent war beim Anblicke dieser Photographie augenblicklich überrascht. Doch du weißt so gut wie ich, er läßt sich von seinen Überraschungen nicht bemeistern, faßte sich auch augenblicklich wieder, dankte mir für meine Nachricht, und sprach: Gehen Sie sogleich zu Baron Wenden, das ist ein Mann, dem etwas an unserer Gunst gelegen ist, und der Ihnen in dieser Sache Aufklärung geben kann und wird. – Verstehst du das?« Der Kammerherr war bei dieser Rede seines Freundes in seinen Fauteuil zurückgefallen, aber bei den letzten Worten mit allen Zeichen der Überraschung und des Schreckens wieder in die Höhe geschnellt. »Fernow!« rief er mit zitternder Stimme, »du bist mein Freund. Sei ehrlich und wahr gegen mich. Bin ich verloren oder bin ich es nicht?« »Du? – verloren?« entgegnete der Adjutant verwundert, »glaubst du denn, daß ich mich herbeiließe, dich auf so etwas vorzubereiten? Und daß meine Vorbereitungen darin bestünden, von deinen Liebschaften zu sprechen? O Wenden, du kennst mich sehr schlecht. Vom Verlorensein ist gar nicht die Rede. Im Gegenteil, ich glaube dir fast mit Bestimmtheit versichern zu können, daß du berechtigt bist, diesen Moment einen Augenblick des Glücks zu nennen, – wenn – « »Wenn! Ah! ich verstehe dieses Wenn, und Gott sei gedankt, wenn ich es recht verstehe. Wenn Seine Hoheit die außerordentliche Gnade hat, dem gänzlich mit Netzen umgebenen Wilde einen ehrenden Rückzug zu gewähren, dem geschlagenen Feinde eine goldene Brücke zu bauen – « »Diese Brücke,« sprach jetzt sehr ernst der Adjutant, »wird in der That sehr golden sein, wenn ihre Pfeiler Wahrheit und Aufrichtigkeit heißen.« Trotz der gewissermaßen peinlichen Situation, in welcher sich Herr von Wenden befand, zuckte es doch wie ein Gefühl des Triumphes durch sein Herz, da er an den Brief der Prinzessin dachte, und bei sich überlegte, daß die Aufklärungen, die er im Begriff war, dem Regenten für das Versprechen seiner Gunst zu verkaufen, schon durch die nicht zu verachtende Dankbarkeit der Prinzessin im voraus bezahlt waren, – also in der That zwei Fliegen mit einem Schlage. Der Kammerherr warf sich in die Brust, und sein Gesicht nahm einen halb wehmütigen Ausdruck an, als er, die linke Hand auf den Tisch gestützt, nach einiger Überlegung sagte: »So will ich mich denn ohne Rückhalt der Gnade Seiner Hoheit anvertrauen, und das wirst du nicht vergessen, lieber Fernow, bei dem Regenten hervorzuheben. Ich bitte dich, ihm zu sagen, daß ich aus freiem Willen, ohne Furcht vor dem Zorne einer anderen hohen Person – der nicht ausbleiben wird,« setzte er mit einem Seufzer der Falschheit hinzu, – »alles sagen will, was ich weiß.« Nun erzählte er in der That, was er von der Anwesenheit des Herzogs Alfred von D• durch den Baron Rigoll erfahren, und sagte eher zu viel, als zu wenig. Denn er schmückte aus, wo es ihm notwendig erschien, und wenn sich der Adjutant am Schluß ein Resümee dieses Berichtes machte, so stand der Kammerherr Baron Wenden wahrhaftig in der Glorie eines treuen Dieners des Regenten da, der mit seinem ganzen Einfluß bei der Prinzessin danach gestrebt, diese nicht gern gesehene Verbindung zu hindern. Als er geendigt, machte er mit beiden Händen eine Bewegung, als wollte er sagen: »Nun bin ich fertig, nicht nur mit dieser meiner Erzählung, sondern auch für diese Welt. Ich habe mich in die Hände meiner Feinde gegeben, da steh' ich, ein entlaubter Stamm, der keine Blätter mehr treiben wird, wenn Seiner Hoheit Gnadensonne nicht wieder wohlthätig auf ihn wirkt.« Herr von Fernow hatte bei der Erzählung seines Freundes nicht im geringsten ein erstauntes Gefühl gezeigt. Wenn ihm auch manches neu war, so hatte er doch den Hauptfaden durch die Worte des Regenten erhalten. Nur eins wünschte er noch aus dem Munde des Kammerherrn zu erfahren, weshalb er sprach: »Setze deiner Aufrichtigkeit die Krone auf, lieber Freund, und sage mir, ob Baron Rigoll der Hauptagent bei eurer Verheiratungskomödie gewesen.« »Diese Frage könnte mich fast beleidigen,« entgegnete Herr von Wenden mit einem empfindlichen Blick. »Wo ich handle, pflege ich ziemlich selbständig zu handeln. Daß Seine Exzellenz allerdings seine Dienste der Prinzessin ebenfalls mit Wärme gewidmet, findest du begreiflich.« »Gewiß sehr begreiflich,« versetzte Herr von Fernow nicht ohne Bitterkeit, »für einen so großen Lohn kann man schon etwas riskieren. Aber unsere Dienstgeschäfte sind hiermit zu Ende. Lieber Wenden, du hast das Vertrauen, welches der Regent in dich setzte, glänzend gerechtfertigt. Du wirst aber erstaunen, wenn ich dir sage, daß derselbe bereits von der ganzen Geschichte unterrichtet war, und nur wissen wollte, wie weit du in deinem, verzeih mir den Ausdruck, blinden Eifer gehen würdest, der Prinzessin hinter seinem Rücken zu dienen.« »Nicht weiter, als ein Mann von Ehre gehen darf, um den Wünschen einer hohen Dame gerecht zu werden und doch nicht gegen den Gehorsam zu verstoßen, den er seinem Landesherrn schuldig ist.« Das sagte Herr von Wenden mit außerordentlicher Wichtigkeit und nahm dabei die Attitude eines Volksredners an. Er schob die rechte Hand unter seinen seidenen Schlafrock auf die Brust, aber nur einen Augenblick; dann zog er sie wieder hervor und fuhr mit einer gefälligen Bewegung fort: »Von diesen meinen vollkommen guten Gesinnungen gegen den Regenten werde ich mir erlauben, dich schwarz auf weiß zu überzeugen. Sieh hierher.« Damit ging er an den Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier, das er dem Adjutanten hinhielt. Es war das Konzept eines Schreibens an den Regenten, worin er denselben zur Mitteilung eines wichtigen Geheimnisses um eine Audienz bat. Herr von Fernow durchflog das Papier und blickte fast zweifelnd zu dem Kammerherrn empor. »In der That,« sagte er dann, »diese Zeilen kann man auf eine freundschaftliche Art für dich benutzen und ich werde es thun. Vor der Hand aber,« setzte er lächelnd hinzu, »erlaube mir, dir bestens zu gratulieren, daß deine Gesundheit so plötzlich wieder hergestellt ist. Seine Hoheit wünscht morgen früh beim Rapport von dir selbst zu erfahren, ob dein Leiden ein bedeutendes gewesen oder nicht.« Dem Kammerherrn entfuhr fast ein leichter Seufzer, als er vernahm, daß sein Zimmerarrest nun aufgehört habe. Nicht als ob ihm dies unangenehm gewesen wäre, aber er sah aus der Art und Weise seines heutigen Gesprächs mit Fernow, wie sehr dieser beim Herzog in Gunst stehen mußte, und fühlte dabei neidisch, wie richtig seine Theorie vom Augenblick des Glücks gewesen. Als beide damals vor dem großen Blumenstrauß gestanden, da hatte beide das Glück umschwebt; und es lächelte dem, der es richtig erfaßte. Und dies war Fernow gewesen. Hätte er selbst in diesem Augenblick sich statt links zur Prinzessin, nach rechts zum Herzog gewandt, so war die Sache umgekehrt, und er hatte vielleicht einen Gesandtschaftsposten in der Tasche. Ja, das Glück ist launenhaft: es hilft nicht, nur den rechten Augenblick zu begreifen, man muß ihn auch auf die richtige Art ergreifen. »Es scheint mir, deine Genesung macht dir kein besonderes Vergnügen,« sagte Herr von Fernow, als er bemerkte, wie der Kammerherr in tiefen Gedanken versunken vor ihm stand. – »Den Teufel auch, ich glaube fast, die Liebe zu deiner kleinen Nachbarin ist dir tief ins Herz gegangen, und es thut dir leid, keinen Vorwand mehr zu haben, um den ganzen Tag am Fenster zu stehen.« »Meinst du in der That?« fragte Herr von Wenden; doch war es ihm nicht unlieb, daß sein Freund der Ansicht war, der Zimmerarrest habe ihn in der That nicht so geschmerzt, als dies in Wirklichkeit der Fall war. Auch hatte es der eitle Kammerherr von jeher geliebt, für einen unerbittlichen Eroberer zu gelten, obgleich seine Eroberungen selten Eroberungen zu nennen waren. Er machte einen vergnüglich gespitzten Mund, strich mit der linken Hand über das glatte Haar und lächelte zu dem anderen Fenster hinüber, wobei er einen leichten Seufzer affektierte. »Du hast wahrhaftig nicht ganz unrecht,« meinte er, »und wenn du das schöne Mädchen kenntest, so würdest du begreifen, daß es sich um sie wohl einer außerordentlichen Mühe verlohnt.« »So gib dir außerordentliche Mühe,« entgegnete Herr von Fernow, indem er seine Uhr herauszog und alsdann lebhaft ausrief: »Was? fast Mitternacht! – Von morgen an,« fuhr er in gewöhnlichem Tone fort, »hast du vollkommen Zeit und kannst eine weitere Parallele vorschieben, um deine schöne Festung einzunehmen. Wenn ich dir dabei dienen kann, so weißt du, ich thue für einen Freund alles. – Apropos, sagte ich dir schon, daß jener junge Mann, mit dem ich soupiert, in der Wohnung deiner Angebeteten Zutritt hat?« »Allerdings sprachst du davon.« »Und auch, daß er sich mir verpflichtet fühlt, und mit Vergnügen bereit sei, mir und in diesem Falle auch dir zu dienen?« »Ich glaube, du sagtest so, und dann?« »Und dann? – Das ist doch eine kuriose Frage für einen Kammerherren in den Zwanzigen, der sich doch auch schon in der Welt umgesehen.« »Du meinst also,« sagte zweifelnd Herr von Wenden, »ich soll – « »Ihr schreiben. Das ist doch ganz natürlich. Wenige Worte, aber fest.« »Daß ich sie liebe?« »Andeutend, ja, aber nicht zu extravagant; du bittest vielmehr ganz bescheiden, sie besuchen zu dürfen. Du schreibst in der Art, daß wenn deine Zeilen der Mutter in die Hände fallen, sie sagen muß, das ist ein bescheidener, anständiger junger Herr und wenn der unser Haus besucht, so wird das meiner Tochter keinen Schaden bringen.« »Du hast Routine in solchen Billets?« fragte lauernd Herr von Wenden. »Im Gegenteil,« entgegnete Herr von Fernow; »überhaupt weißt du mit der Feder besser umzugehen als ich. Mir scheint aber fast, du fürchtest dich durch dein Schreiben zu kompromittieren. Wenn du das glaubst, so lassen wir die Sache fallen. Ich habe dir nur meine Bereitwilligkeit zeigen wollen.« Damit stand er auf und nahm seinen Paletot, den er bei der Ankunft auf ein Sofa geworfen. »Und du glaubst, daß dein junger Mann sicher ist?« »Er wird es sicher übergeben, daran zweifle ich nicht.« »Und wann?« »Morgen, wenn es dir genehm ist.« Das sagte Herr von Fernow, wie gelangweilt, in einem fast schläfrigen Tone, wobei er gewaltig gähnte. »Dann werde ich zwei Zeilen schreiben.« »Wie du willst.« Der Kammerherr setzte sich an den Schreibtisch, kaute einen Augenblick an der Fahne seiner Feder, und als dieselbe nun hastig über das Papier zu fliegen begann, zündete sich der Major zum Nachhausegehen eine neue Zigarre an und knöpfte Paletot und Handschuhe zu. »So,« sprach Herr von Wenden, »kurz und gut. Soll ich es dir vorlesen?« Der Major nickte mit dem Kopfe und stellte sich neben den Schreibtisch. »Verehrtes Fräulein! Seit längerer Zeit bin ich so glücklich, Sie an Ihrem Fenster zu sehen, würde aber beneidenswert sein, wenn es mir erlaubt wäre, Ihnen ein freundliches Wort sagen zu dürfen. Sind Sie so gut wie schön, so darf auf eine Antwort hoffen Ihr ganz ergebener Verehrer.« »Und weiter?« »Weiter nichts!« antwortete der Kammerherr. »Keine Unterschrift?« »Meinst du vielleicht, ich sollte irgend einen Buchstaben hinsetzen?« »Du gefällst mir mit deinen anonymen Liebesbriefen. In solchen Fällen, wie der vorliegende, tritt man nicht im geheimen auf, sondern sehr öffentlich und unterschreibt mit seinem ganzen Namen.« »O, du spaßest!« »Nicht im geringsten. Aber du besitzest eine gewaltige Einbildungskraft! Da soll ein anständiges Mädchen, – denn für das halte ich sie nach deinen Beschreibungen – auf einen Wisch antworten, der keine Unterschrift hat! Nein, nein! Entweder laß die ganze Geschichte fallen oder gib deinen ganzen Namen: Baron Eduard von Wenden.« »Das ist am Ende kompromittierend,« sagte der Kammerherr, »doch wenn du meinst,« fuhr er fort, als er sah, wie der Offizier ungeduldig die Achseln zuckte, »soll es mir auch darauf nicht ankommen.« Er unterschrieb mit einem raschen Federzuge. »Jetzt hoffe ich, bist du zufrieden: Baron Eduard von Wenden. – Es ist mein ehrlicher Name, es ist meine ganze Zukunft, die ich in Ihre Hände lege.« »Dein Citat ist falsch, lieber Freund,« sagte der Major, indem er das Billet, nachdem es versiegelt war, einsteckte. »Ich bin nicht der Sekretär Wurmb, du aber noch viel weniger die unschuldige Luise. – Nun, behüte dich Gott. Morgen sehen wir uns wieder.« »Ja, bei Philippi!« entgegnete der Kammerherr mit Pathos. Er begleitete den Freund an die Thür und fragte beim Weggehen desselben fast schüchtern: »Und bekomme ich auf mein Billet eine Antwort?« »Hoffentlich ja, und zu gleicher Zeit eine Einladung,« versetzte Fernow lachend, »zu einem Augenblick des Glücks.« Fünfzehntes Kapitel. Keine Rose ohne Dornen. Die Appartements Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise stießen, wie wir bereits in einem früheren Kapitel erfahren, an den großen Empfangs-, Tanz- und Speisesaal des Schlosses und waren nur durch ein kleines Entree, sowie durch ein paar Vorzimmer von letzterem getrennt. Eigentlich wäre dies die Wohnung der regierenden Herzogin gewesen, doch hatte es der hochselige Herr vorgezogen, den rückwärts gelegenen stilleren Schloßflügel zu bewohnen und so die Prinzessin in einem Rechte belassen, das sie sich selbst angemaßt. Wenn man alles genau betrachtete, so war sie, was das innere Leben und Treiben des Hofes anbelangte, die eigentliche Herrscherin. Mit wenigen Ausnahmen ließ ihr der Regent das Vergnügen, die Einladungen zu den Diners zu bestimmen, und selbst wenn solche Ausnahmen eintraten, wußte sie immer auf eine feine Art die einen oder anderen ihrer Lieblinge, die vielleicht vergessen worden waren, noch nachträglich befehlen zu lassen. Da der Regent ihren klaren und scharfen Verstand anerkannte, auch ihr Urteil hochschätzte, so gab er nicht selten große Audienzen an fremde Gesandte und dergleichen in ihren Zimmern und konnte alsdann vielleicht lächelnd zuschauen, wie sie durch ihre pikanten Fragen oder ihre gewandten Bewegungen in jeder Beziehung den Vortritt nahm und er selbst wie die zweite Person neben ihr erschien. Die Herzogin, welche in früheren Zeiten fast den ganzen Tag bei der Prinzessin zubrachte, verließ jetzt ihre Appartements nicht mehr, und daher kam es, daß die der Prinzessin im gegenwärtigen Augenblicke weniger lebhaft als sonst waren, weil diese jetzt meistens im anderen Schloßflügel bei ihrer Schwester war. Wenn man die Gemächer durchschritt, welche die Prinzessin bewohnte, so begriff man wohl, daß jeder gerne darin verweilte. Hier war jedes Zimmer, jedes Kabinett aufs vortrefflichste benutzt und dabei mit einem Kunstsinne, einem Geschmack arrangiert, der die Einrichtung ebenso fern von Überladung, wie von ungebührlicher Einfachheit hielt. Die Herzogin liebte ihre Schwester außerordentlich, und der regierende Herr hatte ein verhätscheltes Kind aus ihr gemacht. Wo sich nur ein Kunstwerk, sei es ein Bild, sei es eine kleine Statue, sei es eine reiche Bronzearbeit, für die Zimmer einer Dame passend, zeigte, da wurde dasselbe für die Prinzessin Elise bestimmt, und die Herzogin trat ihr dergleichen Spielereien, wie sie es nannte, um so bereitwilliger ab, da ihr Sinn das Einfache liebte und deshalb ihre Zimmer auch so bescheiden möbliert waren, wie man sie kaum bei einem wohlhabenden Privatmanne findet. Das Vorzimmer der Prinzessin neben dem Speisesaal kennen wir bereits. Über demselben befand sich ein ähnliches, das an einen Salon stieß, wo Ihre Durchlaucht die kleineren Gesellschaften zu versammeln pflegte. Vergoldete Möbel waren hier freilich nicht zu finden; dagegen waren Sessel und Fauteuils von Palisanderholz, alle reich geschnitzt, und nach Zeichnungen von guten Künstlern angefertigt. In den Ecken befanden sich Blumenpartien und kleine Marmorstatuetten und an den Wänden Bilder. Dieser Salon hatte ein einziges großes Fenster, aus einer einzigen riesenhaften Scheibe bestehend, welche durch einen sinnreichen Mechanismus vermittelst des leichten Druckes auf eine Feder in den Boden versank. Vor diesem Fenster befand sich ein Altan, mit einem weißen Marmorbrunnen, der seine klaren Strahlen hoch hinauf sprühte, und dieser Altan selbst war durch Schlingpflanzen, die sich zwischen Orangen- und Citronenbäumen empor wanden, zu einer prachtvollen Laube umgewandelt, die an warmen Tagen einen entzückenden Aufenthalt bot. An diesen Salon stieß ein kleines Speisezimmer, dessen Wände mit geschliffenem Eichenholze bedeckt waren, worin die Unterscheidungen und Abteilungen der Felder aus ciselierter Bronze bestanden. Aus demselben Metall befand sich auch ein prachtvoller Lüster über dem einzigen runden Tische, der Platz für acht Personen bot. Eine größere Anzahl lud die Prinzessin nie zu ihren kleinen Diners. Die Thüre war ebenfalls aus Eichenholz aufs zierlichste geschnitzt, ebenso wie das Büffett, auf dem sich seltene Majoliken und alte reiche Krystallgefäße befanden. Die beiden Fenster dieses Zimmers hatten Vorhänge aus dunkel violettem Samt, welche Stoffe man auch auf den Sesseln und Stühlen sah. Die langen Felder auf der Wand waren dekoriert mit in Bronze ausgeführten Wildbret- und Geflügelgruppen, seltenen Kunstwerken, die Tiere und Vögel in einer frappanten Natürlichkeit, welche der regierende Herzog zur Ausschmückung des Speisezimmers der Prinzessin von einem bedeutenden Künstler hatte anfertigen lassen. Neben diesem Speisezimmer war das Frühstückszimmer der Prinzessin, woselbst sie auch die Damen empfing, welche sie ihres Besonderen Vertrauens und ihrer Freundschaft würdigte. Hier bestanden die Tapeten aus hellblauem Seidenstoffe und das ganze Ameublement aus Rosenholz. Es war dies ein heiteres lachendes Zimmer, mit einem großen Bogenfenster, welches eine prachtvolle Aussicht auf die um das Schloß liegende Stadt gewährte. Hohe Epheuwände trennten die beiden Ecken im Hintergrunde dieses Gemachs und bildeten so zwei reizende Winkel, wohin sich die Prinzessin gerne zum Lesen zurückzog. Deshalb befand sich auch neben diesem Zimmer in einem kleinen Gemach die ausgewählte Bibliothek Ihrer Durchlaucht, reich an guten Ausgaben der bedeutendsten Schriftsteller und Dichter, besonders aber an prachtvollen Kupferwerken aller Nationen. Neben dieser Bibliothek war dann die Ecke des Schloßflügels, den die Prinzessin bewohnte, und hier war ihr Boudoir, wo sie nur ihre genauesten Bekannten sah und von wo es alsdann in jene Teile ihrer Appartements ging, in Gemächer, über welche wir nur von den Kammerfrauen einige Details erhalten könnten, wenn es für unsere wahrhaftige Geschichte von Interesse wäre. Da folgten sich Toilettenzimmer, Schlafzimmer, Badekabinett, Garderobe, Zimmer der Kammerfrauen, und das ganze beschloß ein Vorzimmer, in welchem sich die Dame vom Dienst aufzuhalten pflegte, wenn die Prinzessin deren Gesellschaft gerade nicht wünschte. Das Boudoir nun in der Ecke des Schlosses, welches zugleich Schreibkabinett war, hatte die Prinzessin aufs zierlichste und geschmackvollste eingerichtet. Die Wände waren mit rosa und weißgestreiftem Seidenzeug bezogen, und aus den Lambris von edlem Holz traten an jeder derselben einfach edel geschnittene Konsolen hervor, die abwechselnd eine schöne kleine Marmorstatue oder eine prächtige Vase trugen. Ein Schmuck dieses Zimmers waren die beiden Fenster in gotischem Stile, welche aus alten, ausgewählten Glasmalereien bestanden. Vor denselben befanden sich kleine Ruheplätze, welche so konstruiert waren, daß man sie als Sofas benutzen konnte, wo zwei Personen nebeneinander saßen, und die sich wieder durch eine leichte Handbewegung so wenden ließen, daß sie zwei einander gegenüberstehende Fauteuils bildeten. Die Thüre zur Bibliothek war mit einem vortrefflich erhaltenen alten Gobelin bedeckt, und den Ausgang in die inneren geheimen Zimmer bildete ein riesenhafter Spiegel, der vom Fußboden bis an Decke ging und sich durch den Druck auf eine Feder leicht herumwandte. Er öffnete sich ebenso geräuschlos, wie er sich wieder schloß. Die Etagères in diesem Zimmer, sowie auch der Schreibtisch waren mit den ausgesuchtesten kleinen Kunstwerken in Metall und Porzellan bedeckt, und hier, wo die Prinzessin, wie gesagt, selten jemand den Eintritt gewährte, befanden sich auf den Diwans, den Stühlen und Fauteuils Bücher, halbgeöffnete Mappen mit den seltensten Handzeichnungen und Aquarelle, oft in malerischer Unordnung. Am frühen Morgen des Tages nach der Unterredung mit Herr von Fernow, nachdem der Adjutant seinen Rapport abgestattet, hatte der Regent die Prinzessin um eine Unterredung bitten lassen; und nach geschehener Anfrage, nachdem auch die gehörige Zeit verflossen, meldete Herr Kindermann, es würde Ihre Durchlaucht außerordentlich freuen, seine Hoheit um zehn Uhr zu sehen, bevor sich Ihre Durchlaucht zu der Frau Herzogin begäben. Herr Kindermann hatte das sehr langsam und mit einem Lächeln gemeldet, das für diejenigen, welche diesen würdigen Mann genauer kannten, etwas Forciertes hatte. Herr Kindermann befand sich in einer gespannten Aufregung. Der Mund des Regenten war verschlossen wie das Grab; glücklicherweise befahl er die Uniform des Leibdragonerregiments, und da hoffte der Kammerdiener schon durch das bekannte Manöver mit dem Säbel zu einer ganz unterthänigen Bemerkung, respektive Frage zugelassen zu werden. Bevor aber noch Herr Kindermann dem Garderobediener die nötigen Befehle in Betreff der Uniform geben konnte, hatte der Regent schon sich eines anderen besonnen und wünschte einen einfachen bürgerlichen Anzug. Dieser an sich geringfügige Umstand gab dem Herrn Kindermann neuen Stoff zum Nachdenken und in dieses Nachdenken mischte sich ein gewisser Schmerz, da seine Hoheit auf die notwendigen Fragen nur mit Kopfnicken, höchstens mit Ja und Nein antwortete. Schlug das Eßbouquet-Mittel fehl, so war nichts mehr zu hoffen. Und auch dieses schlug fehl; denn als der Regent den Duft desselben empfunden, stimmte er ihn nicht weich, wie Herr Kindermann sonst zu bemerken pflegte, machte ihn auch nicht nachdenkend, sondern er fuhr hastig mit der Hand über die Stirn, nickte mit dem Kopfe und sagte laut und vernehmlich: »Gut, wir wollen sehen.« Obgleich sich der Kammerdiener als letzten Versuch den Anschein gab, als habe der Regent mit ihm gesprochen, und sich augenblicklich nach den Befehlen Seiner Hoheit erkundigte, so war doch auch damit nichts gewonnen. Der Regent sagte: »Ich danke, es ist nichts, lieber Kindermann.« Das »lieber Kindermann« stimmte den alten Herrn fast wehmütig und er dachte bei sich: »Was nützt mir das ›lieber Kindermann‹, wenn er gerade so thut, als sei ich der letzte Schloßknecht und so eben erst in Dienst getreten. Es wäre doch nicht das erste Mal, daß er ein Wort fallen ließe über ein wichtiges Vorhaben. Hat er mich doch schon bei anderer Veranlassung gefragt: Es ist uns doch heute morgen keine Spinne begegnet? oder: Was halten wir vom heutigen Tage, Kindermann? Ist er gut oder schlecht? Können wir etwas unternehmen oder lassen wir es lieber bleiben?« Unterdessen war nichts zu machen. Der Kammerdiener hatte seine Schuldigkeit gethan und mußte dem Herr von Fernow, auf den er noch seine letzte Hoffnung setzte, das übrige überlassen, denn der Major war im Vorzimmer, und als der Regent wenige Minuten vor zehn Uhr hindurchschritt, hörte ihn Herr Kindermann sagen: »Begleiten Sie mich hinauf, Fernow, und bleiben Sie in der Nähe.« Dabei stiegen beide die Treppe hinauf, und ehe sie noch den ersten Stock des Schlosses erreicht hatten, hörten sie Herrn Steppler, der droben wartete, ehrerbietig husten. Der Kammerdiener Ihrer Durchlaucht meldete dem Regenten ganz unterthänigst, daß Ihre Durchlaucht sich in ihrem Boudoir befinde und sehr erfreut sei, dort den Besuch Seiner Hoheit zu empfangen. Warum der Regent bei diesen Worten eigentümlich, fast schmerzlich lächelte, und warum er einen langen Blick in einen der großen Spiegel des Vorzimmers that, wissen wir nicht ganz genau anzugeben. Er durchschritt leicht und elegant den Salon, Speise- und Frühstückszimmer, die Bibliothek, und wer ihn so dahin gehen sah, aufrechten Hauptes, in der festen militärischen Haltung, den großen Schnurrbart leicht nach oben gedreht, mußte von ihm sagen: »Das ist ein vornehmer und schöner Herr.« Pünktlich, wie er als Militär gewohnt, ließ er die Glocke in dem Bibliothekzimmer zehn ausschlagen, dann schob er den Gobelin auf die Seite und trat in das Boudoir. Hatte ihn die Prinzessin noch nicht erwartet, oder vorher noch eine Meldung befohlen, genug, sie wandte sich überrascht, fast erschrocken bei seinem Eintritt von ihrem Schreibtisch, vor welchem sie stand, ab und drückte den Deckel eines Etuis, welches sie in der Hand hielt, so hastig zu, daß es laut knackte. Dies entging dem Regenten nicht, und wenn er nicht vollkommen Herr seiner selbst gewesen wäre, so hätte wohl eine leichte Wolke seine Stirn getrübt; so aber ging er unbefangen und heiter lächelnd auf die Prinzessin zu, welche ihm entgegen kam. Auch nahm er ihre dargebotene Hand und schüttelte sie freundlich, wie er gewöhnlich zu thun pflegte. Die Prinzessin sah reizend aus und schien in der besten Laune zu sein. Ihr reiches blondes Haar war scheinbar ohne besondere Wahl um den Kopf aufgesteckt, doch rahmte es denselben so pikant ein, daß man wohl bemerken konnte, diese Einfachheit sei nicht ohne Absicht. Dazu trug sie ein weißes Morgenkleid ohne alle Verzierung, sehr lang herabfallend und so anliegend, daß man ihre feine zierliche Gestalt aufs deutlichste sah. »Es ist schon lange her, mein lieber Vetter,« sagte sie, nicht ohne einen Anflug von Ironie, »daß ich nicht mehr in den Fall gekommen bin, Ihnen eine kleine Privataudienz bewilligen zu können.« »Was daher kommt,« fiel der Regent ihr lächelnd ins Wort, »weil ich es gern zu meinem Studium mache, die Neigungen der Leute, die mir wert sind, zu erforschen.« Die Fürstin wehrte mit den Händen auf eine komische Art von sich ab und sagte, während sie den Mund ein klein wenig aufwarf: »Schon wieder Krieg! Ich merke es schon. Eure Hoheit kommen nur immer in feindseliger Absicht zu mir, und da ich das genau weiß,« setzte sie scheinbar ernst hinzu, »so muß ich meinen teuersten Vetter bitten, niederzusitzen, damit ich nicht gar zu sehr im Nachteil bin; – eine arme kleine Figur, wie ich! – Sehen Sie, wie ich den Kopf erheben muß, um an Ihnen hinauf zu blicken. Das ist keine Gleichheit der Waffen!« Mit diesen Worten war sie auf ihre eigentümliche Art halb tänzelnd, halb schleifend ganz nahe vor den Regenten getreten, und als sie nun in nächster Nähe ihm von unten herauf in die Augen sah und dabei den kleinen Mund so schelmisch geöffnet hatte, daß man ihre feinen Zähne sah, während sie die Augen eine Sekunde nachher etwas affektiert schläfrig schloß, sagte der Regent mit einem für sie unerklärlichen Seufzer: »Ja, ja, es ist besser, meine teuerste Elise, wenn wir uns niedersetzen.« »Schön,« entgegnete sie lebhaft, »und dort auf dem Ruheplatz am Fenster, auf dem Diwan nach meiner Erfindung. Ich bilde mir was auf diese Konstruktion ein.« Sie schoß nach dem bezeichneten Sofa hin, und während sie die Hand auf die verborgene Feder legte, fuhr sie fort: »Aber Sie kennen die Maschinerie?« »O, ich kenne sie vollkommen,« sagte der Regent, der ihr langsam gefolgt war. »Es ist eine verkörperte Laune unserer liebenswürdigen Prinzessin.« »O weh, o weh!« rief sie mit komischem Ernste aus, »Eure Hoheit sind galant gegen mich; da habe ich wahrscheinlich etwas begangen, und werde eine gelinde Strafpredigt erhalten. Wenn dem in der That so ist,« fuhr sie fort, und dabei blitzte eine kleine Bosheit in ihrem Auge, »so ist es besser, ich drücke hier auf die Feder.« Sie that so und das Sofa teilte sich in der Mitte und bildete zwei einander gegenüberstehende Fauteuils. »Sie wollen mich also nicht an Ihrer Seite?« fragte lachend der Regent. »Das Gesicht Eurer Hoheit ist mir in der That zu ernst zu einer mir sonst so angenehmen Nachbarschaft. Auch können Sie mich besser ansehen, wenn ich Ihnen gegenübersitze, das heißt einfach, um zu erfahren, ob die Strafpredigt, die ich erhalten soll, auch ihren Eindruck auf meinen Leichtsinn nicht verfehlt.« »Sie erwarten also eine Strafpredigt?« meinte der Regent, nachdem er sich vis-à-vis der jungen Dame niedergelassen. »Also haben Sie ein böses Gewissen?« »Das hat man Ihnen gegenüber nur zu leicht, verehrtester Herr und Vetter,« versetzte die Prinzessin. »Aber Scherz beiseite, diesmal glaube ich, daß ich allem, was da kommen mag, mit der größten Ruhe entgegensehen kann.« Sie hatte sich bei diesen Worten in den Fauteuil zurückgelehnt, und als sie hierauf ihr Gegenüber mit einem festen Blick ansah, so hätte jeder andere diesen Blick für einen Blick der vollkommensten Unschuld gehalten. Nicht so der Regent. Er wußte wohl, was das seltsame Feuer zu bedeuten hatte, welches in ihrem Blick glänzte, und warum ihre Lippen fast unmerklich zuckten, aber doch zuckten. Er kannte die Leidenschaft der Prinzessin, mit scharfen Waffen zu fechten, und wußte wohl, wie schwer sie aus der Fassung zu bringen war. Sie hatte mit ihrer Rechten über die Schulter hinweg eine der schweren seidenen Quasten genommen, welche an langen Schnüren befestigt waren und zum Zuziehen des Vorhangs dienten, und gebrauchte diese wie einen Fächer, indem sie dieselbe jetzt anhaltend im Kreise drehte, sich so Kühlung zufächelnd, und sie dann vor das Gesicht hielt, wobei im letzteren Falle ihre Augen recht schelmisch, ja fast boshaft, durch die glänzenden violetten Fäden durchblickten. »Wir werden in den nächsten Tagen ein Ereignis bei Hofe haben,« sprach der Regent mit Beziehung auf die verwitwete Herzogin nach einer Pause; »ich glaube, in ganz naher Zeit. Danach, wenige Wochen später, wird sich, wie wir beide genau wissen, die Herzogin nach Eschenburg zurückziehen.« »Ich glaube, das letztere ist eine ausgemachte Sache,« erwiderte die Prinzessin aufmerksam; »und wenn ich nicht irre, sind für diesen Fall schon alle Arrangements vorgesehen.« – Sie ließ die Quaste vor ihrem Gesichte herabhängen, dieselbe dann einen Kreis beschreiben und zwischen den umherfliegenden Fäden warf sie einen scharfen Blick auf den Regenten. »Allerdings sind alle Arrangements getroffen,« wiederholte dieser; »doch scheinen wir alle vergessen zu haben, daß das Schloß von Eschenburg sehr klein ist und kaum Platz für die Herzogin und für Sie, Prinzessin, bieten wird.« »Für mich?« fragte sie; »es fällt mir nicht ein, nach Eschenburg hinauszugehen.« »So haben sich Ihre Ansichten geändert?« »Ja, es ändert sich manches,« erwiderte die Prinzessin mit sehr leiser Stimme. »Sagten Sie mir damals nicht selbst, es würde Ihre höchste Lust sein, in der Nähe des künftigen kleinen Thronerben zu verweilen?« »Oder in der Nähe einer kleinen Prinzessin. Richtig, ich sagte so.« »Und jetzt?« »Jetzt habe ich mir überlegt, oder ich habe mir vielmehr ins Gedächtnis zurückgerufen, wie oft Sie mir gesagt, Sie hielten es für besser, wenn ich meine Schwester mehr ihren eigenen Weg gehen ließe. Ich habe gefunden, daß Sie damals recht hatten, und will jetzt darin, wie auch noch in manchem anderen, strenge Ihren Rat befolgen.« Als die Prinzessin dies sagte, war der Ton ihrer Stimme auffallend ernster geworden, und sie ließ die Quaste so gerade vor ihrem Gesichte herabhängen, daß man von dem Ausdruck ihrer Augen durchaus nichts sehen konnte. »Nehmen wir uns in acht!« dachte der Regent, »sie spielt nicht ohne Absicht mit mir Versteckens! Sie beschattet ihr Gesicht, ich sitze im Lichte; und wir müssen ebenfalls Vorsichtsmaßregeln anwenden.« Indem er sich, dies denkend, so viel als thunlich war, in seinem Fauteuil zurücklehnte, stützte er den Arm auf die Lehne desselben und legte den Kopf in die Hand. »Und der zu erwartende Thronerbe soll Ihrer Sorgfalt entbehren?« fragte er dann mit Beziehung. »Ob Thronerbe, ob Prinzessin,« entgegnete Ihre Durchlaucht, »ich bin überzeugt, daß Ihre Bestimmungen die besten und nützlichsten sein werden.« »Seit wann schenken Sie mir dies Vertrauen?« »Ich habe nie anders über Sie gedacht, nur bin ich vielleicht zuweilen mißverstanden worden.« »Ei, Prinzessin!« nahm der Regent nach einem augenblicklichen Stillschweigen das Wort, »verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen sage, daß ich anfange, an Ihnen irre zu werden. Sie, eine Liebhaberin des kleinen Krieges, der schon seit längerer Zeit zwischen uns besteht, wollen sich aus Ihren sicheren Positionen zurückziehen und mir das Schlachtfeld allein überlassen? Wie verstehe ich das?« »Es ist der richtige Ausdruck,« erwiderte die Prinzessin fast ernst, »wenn Sie, wie eben, bemerken, ich hätte die Absicht, mich aus meinen sicheren Positionen zurückzuziehen und Ihnen das Feld hier zu überlassen. – Wahrhaftig, es ist so. Ich kämpfte, wenn Sie wollen, aus Laune und um gar nichts.« »Ah!« machte der Regent, indem er sich aufrichtete. »Sollte ich Sie verstehen, Prinzessin? Sie kämpften bisher aus Laune, um gar nichts, Sie wollten sich wirklich zurückziehen und mir ohne alle Ursache gewonnenes Spiel geben?« Er sagte dies lächelnd, doch war sein Lächeln ein schmerzliches zu nennen und, als er gleich darauf leise hinzusetzte: »Ah! in der That, ich verstehe; ich gewinne, um zu verlieren!« da fuhr er, beinahe heftig, mit der Hand über die Augen, wodurch ihm ein blitzähnlicher Blick der Prinzessin entging, den sie hinter der Quaste auf ihn schleuderte. – Nach diesem Blick, der bedeutungsvoll war, spielte ein zufriedenes Lächeln um ihre Lippen. »Er hat bereits von der Sache gehört,« dachte sie bei sich, »wir wollen weiter manövrieren, aber unsere Angriffsweise ändern.« »Sie will mich überraschen,« sprach der Regent zu sich selber. »Vielleicht weiß sie, daß ich etwas erfahren, und es liegt in ihrem Charakter, mir nicht den Triumph zu gönnen, überhaupt ohne ihren Willen etwas erfahren zu haben.« »Prinzessin,« sagte er hierauf, und obgleich er bei diesem Worte lächelte, hob er doch bedeutungsvoll die Hand in die Höhe; »Prinzessin, gewöhnlich zieht man sich nach einer verlorenen Schlacht zurück; sollten Sie eine Niederlage erlitten haben?« Er betrachtete sie in diesem Augenblick mit einem so festen, ruhigen Blick, daß sie nicht im stande war, denselben auszuhalten, sondern das Gesicht den gemalten Fensterscheiben zuwandte, wobei sie wie trotzig die Lippen aufwarf. »Doch Scherz beiseite,« nahm er wieder das Wort, »ich bin eigentlich hierher gekommen, um mit Ihnen über eine Sache zu reden, die – « »Eine Sache, die mich angeht?« fragte die Prinzessin im Tone der Überraschung, »und die so interessant ist, daß ich deshalb das Glück habe, Euere Hoheit bei mir zu sehen? O, auf eine solche Sache bin ich sehr begierig. Etwas Ähnliches ist lange nicht zwischen uns vorgekommen.« »Es ist allerdings eine Sache, die Sie interessiert, mich aber auch.« »Die Sie interessiert, als meinen Freund?« fragte schelmisch lachend die Prinzessin. »Dafür darf ich Sie doch halten? Als meinen Verwandten? Oder als Chef des Hauses?« »Als Verwandten, als Ihren Freund, und vor allem als Chef des Hauses,« gab der Regent zur Antwort. Dabei erinnerte er sich, wie er am gestrigen Abend gelitten, als ihm Herr von Fernow das Porträt gebracht, und diese Erinnerung warf einen so finsteren Schatten über seine Züge, daß die Prinzessin, die dies bemerkte und die Ursache wohl kannte, sich veranlaßt sah, etwas wie Schrecken beim Anblick dieser plötzlichen Veränderung zu affektieren. »Der Ausdruck Ihres Gesichts,« sagte sie, indem sie wie bestürzt ihre Quaste in den Schoß fallen ließ, »könnte mich in der That auf Vermutungen bringen, als handle es sich um was absonderlich Ernstes; doch bin ich daran gewöhnt,« setzte sie mit einer graziösen Kopfbewegung hinzu, »daß der Chef des Hauses auch aus geringfügigen Ursachen sehr ernst sein kann, und ich tröste mich nur durch das Dasein der beiden anderen eben genannten Personen, meines Verwandten und Freundes, die dem gestrengen Herrn mildernd zur Seite stehen werden.« »Allerdings,« antwortete der Regent, »haben die beiden eben Genannten schon manch' Freundliches für Sie gesprochen, beste Nichte, und den Regenten besänftigt, der – doch wozu in die weitere Vergangenheit zurückgreifen, da die nächste Zukunft in der That ernst und fast drohend vor uns liegt?« »Euere Hoheit könnten mir in der That Angst machen,« fiel die Prinzessin mit einem erzwungenen Lächeln ein; »doch will ich mein Haupt in Demut neigen und mit zusammengelegten Händen mein Schicksal erwarten.« Sie führte dies pantomimisch aus und saß in diesem Augenblick da wie ein armes Opfer, welches einen schweren Streich erwartet; doch merkte der Regent wohl, wie sie unter den Augenwimpern zu ihm emporblinzelte und wie etwas wie ein Ausdruck der Zufriedenheit um ihre zusammengepreßten Lippen spielte. »Wahrhaftig, Prinzessin,« fuhr der Regent kopfschüttelnd fort; »es wäre das erste Mal, daß Sie Ihr Schicksal ruhig erwarten, und wenn ich denken könnte, Ihre Reue wäre aufrichtig, so würde ich nicht strenge, sondern nur betrübt mit Ihnen reden.« »Spricht der Regent oder mein Freund?« fragte die Prinzessin in einem so komischdemütigen Ton der Stimme, daß Seine Hoheit sich zusammennehmen mußte, um ernst zu bleiben. Er dachte aber an den gestrigen Abend, an das Spiel hinter seinem Rücken, an die Photographie, und das alles machte es ihm möglich, nicht nur eine ernste Miene beizubehalten, sondern sogar finster auszuschauen, trotzdem, daß die Prinzessin ihre schönen lebhaften Augen wie flehend zu ihm erhob, sie aber bei diesem Anblick mit einem tiefen Seufzer niederschlug. Es entstand eine kleine Pause, während welcher die Prinzessin wieder anfing, wie verlegen mit ihrer Quaste zu spielen und dieselbe als Fächer vor dem Gesichte hin und herzubewegen, während der Regent, dergleichen verschmähend, sich aufrichtete und fest auf die junge Dame blickte. »Sie werden sich erinnern,« sagte er alsdann, »daß man vor ein paar Jahren eine Verbindung zwischen Ihnen und dem Herzog Alfred von D• projektierte.« Ihre Durchlaucht stieß einen leichten Schrei der Überraschung aus, der so natürlich klang, daß der Regent vollkommen dadurch getäuscht wurde. »Eine Verbindung,« fuhr er fort, »die Ihnen, meine teure Nichte, nicht konvenierte und die auf Ihren besonderen Wunsch abgebrochen wurde.« Die Prinzessin hatte in diesem Augenblicke schweres Spiel. Sollte sie sich das Ansehen einer gekränkten Verletzten geben, oder sollte sie durchblicken lassen, sie ahne, was jetzt kommen werde? Nach einer peinlich langen Kunstpause entschied sie sich für das Letztere und hielt es nun der Situation für gemäß, ein klein wenig zusammenzufahren, ja den leichten Ausdruck: »O, mein Gott!« hören zu lassen. »Eine Verbindung, die Sie ausschlugen,« wiederholte sehr ernst der Regent. »Ich bitte hierauf bei meiner weiteren Rede genau zu achten. Hätte man es Eurer Durchlaucht damals verweigert, eine Verbindung mit dem bezeichneten, uns sehr befreundeten Hause von D• einzugehen, hätte man vielleicht eine Neigung zerrissen, und wären wir es gewesen, die jene Verbindung für nicht passend und inkonvenabel erklärt hätten, so fände ich es jetzt begreiflich, daß Sie, Prinzessin, selbst hinter meinem Rücken Schritte thun würden, um ein Band wieder herzustellen, an das Ihr Herz mit Liebe denkt.« »– – Euer Hoheit!« stammelte die Prinzessin, und als sie nun aufblickte und in das ernste, schmerzerfüllte Auge ihres Verwandten schaute, fiel es ihr nicht schwer, ihre Rolle der Bestürzung fortzuspielen, denn sie sah in den sonst so ruhigen, jetzt heftig bewegten Zügen des Regenten, wie sehr ihm die Sache, von der er sprach, zu Herzen ging. »Wenn Sie mir etwas entgegnen können, Prinzessin,« sprach er mit tiefklingendem Tone der Stimme, »was meine eben ausgesprochene Behauptung zu widerlegen im stande ist, so wäre ich Ihnen dankbar dafür. – – Aber Sie können das nicht,« setzte er bewegt hinzu, »wahrhaftig, Elise, Sie können das nicht. Sie haben kein Wort der Entschuldigung für – Ihr Benehmen. Sie können dem Regenten, dem Chef des Hauses, keine triftigen Gründe angeben, als höchstens – verzeihen Sie mir das Wort – eine wirkliche Neigung zu jenem Herrn, den Sie ja kaum kennen.« Die Prinzessin hatte ihre Hände gefaltet, und als sie nun leise den Kopf schüttelte, senkte sie ihn tief auf die Brust herab. Der Regent hatte die letzten Worte mit steigender Erregtheit, fast heftig gesprochen, ja er war sogar aufgestanden und hatte das Kabinett einmal durchschritten, doch sah er das Kopfschütteln der Prinzessin und dies ließ ihn tief aufatmen. »Wenn es keine Neigung ist,« fuhr er milder fort, »so ist es denn Ihr unglückseliger Hang zur Intrige, der Sie veranlaßt, Prinzessin Elise, sich mit diesen Rigoll und Wenden einzulassen, – der Ihnen erlaubt, Unterhandlungen einzuleiten, so daß – der Herzog Alfred von D• jetzt, freilich sehr inkognito hier in der Stadt weilt.« Die Prinzessin ließ ihre Quaste los und drückte beide Hände vor das Gesicht. Der leidenschaftliche Ton, in dem der Regent sprach, hatte sie erschreckt, obgleich sie darauf vorbereitet war, und doch ihr Herz freudig berührt. Der Regent hatte abermals einen Gang durch das Kabinett gethan. Jetzt blieb er neben dem Fauteuil stehen, in welchem die Prinzessin saß, und als er bemerkte, wie sie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte, nahm er ihre Rechte, um sie sanft von dem Gesicht zu entfernen. »O Elise,« sagte er mit weicher Stimme, »Sie hätten das nicht thun sollen, nicht so hinter meinem Rücken handeln; Sie wissen, wie gern, ja freudig, ich stets Ihre Wünsche erfüllte – freudig erfüllte, selbst einen Ihrer Wünsche,« setzte er leiser hinzu, »der mir in manchen Beziehungen weh gethan haben würde.« Als er das sagte, blickte sie zu ihm auf und es war ein Blick, diesmal nicht schalkhaft, nicht herausfordernd, wie gewöhnlich, sondern es war vielmehr ein tiefer inniger Blick, wie er aus dem Herzen eines Weibes kommt, wenn ihre Brust von einem süßen Gefühle geschwellt wird. »Doch, das ist nun vorbei,« sprach er nach einer Pause und sich abwendend. »Glauben Sie mir, Elise, ich bin auch nicht gekommen, Ihnen über Ihr Benehmen Vorwürfe zu machen, wozu der Regent vielleicht ein Recht hätte, sondern ich will einfach und ruhig mit Ihnen überlegen, wie der Wunsch Ihres Herzens auf würdevollste Art, wie sich's für unser Haus geziemt, zu realisieren ist.« Es lag nicht in dem Charakter der Prinzessin, daß ein tiefer, inniger Blick ihres Auges lange anhielt, selbst wenn auch das Gefühl, das ihn hervorgerufen, fortdauerte. Jetzt schon blickte wieder aus ihrem Antlitz eine kleine Schalkhaftigkeit, und obgleich sie sich nicht enthalten konnte, ihre Hand sanft auf den Arm des Regenten zu legen, so sagte sie doch mit einem Anflug ihrer neckischen Laune: »Verzeihen Sie mir, ich fühle in der That mein Unrecht und dies um so mehr, da mich Ihre edelmütigen Gesinnungen beinahe niederdrücken, – Ihre Sorge für mein Wohl – Eurer Hoheit Entschluß, meine Wünsche zu erfüllen, selbst wenn ihre Erfüllung Ihnen in manchen Beziehungen weh thun würde.« »So reden Sie, Prinzessin, was soll ich thun?« fragte düster der Regent. »Viel und wenig,« entgegnete fast heiter die Prinzessin und fuhr fort, indem sie ihr Gesicht schmeichelnd zum Regenten erhob, » – das thun, was Sie schon so für mich gethan. Meine – vielleicht unbesonnenen Schritte wieder gut machen.« »So will ich also,« antwortete der Regent nach einer längeren Überlegung, »den Hofmarschall zu Seiner Durchlaucht dem Herzog Alfred senden, ihm anzeigen lassen, daß ich seine Anwesenheit erfahren, und mich so zurückhaltend als möglich nach seinen Wünschen erkundigen. Fällt seine Antwort befriedigend aus, woran ich nicht zweifle, so werde ich ihm gegenüber – es sogar recht zart finden, daß er sich vorher – von der Neigung Eurer Durchlaucht für ihn überzeugte, ehe er öffentliche Schritte that.« »Hat er sich überzeugt?« fragte schüchtern die Prinzessin, wobei sie trotz ihrer Keckheit nicht aufzublicken wagte, – »hat er sich wirklich überzeugt?« »Nach den Schritten, die er gethan,« sagte der Regent, indem er sich bemühte, sehr fest und ruhig zu sprechen, »muß dies doch wohl der Fall sein. Ja, ich bin der festen Ansicht, der Herzog ist sicher, daß Sie, Prinzessin, mit einem mehr als gewöhnlichen Interesse von seiner Anwesenheit wissen.« »Glauben das Euer Hoheit in der That?« fragte, nun alles Ernstes erschrocken, die Prinzessin. »Daran ist nicht zu zweifeln. Verzeihen Sie mir, Elise,« setzte er bitter hinzu, »wenn man einmal so weit gegangen ist, Porträts auszutauschen – « »Nicht auszutauschen« – sagte die junge Dame in bestimmtem Tone. »Möglich,« fuhr der Regent achselzuckend fort, »im vorliegenden Fall ist es sogar genug, wenn der eine Teil die Porträts des anderen empfängt – behält – bei sich aufbewahrt – mit Interesse betrachtet.« Er hatte das mit steigendem Tone der Stimme gesprochen, und sie hatte diese Steigerung mit einem eigentümlichen Lächeln und einem so entschiedenen Kopfschütteln beantwortet, daß sich der Regent veranlaßt sah, bewegt auszurufen: »Aber Elise, Sie können sich jetzt noch nicht entschließen, ehrlich mit mir zu reden, und Sie sehen mich doch bereit, allen Ihren Wünschen nachzukommen?« »Gerade, weil ich ehrlich mit Ihnen reden will, muß ich mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß Ihre Vorwürfe nicht begründet sind. Sie sprechen von einem Porträt, das ich empfangen. – Möglich, ich lasse mir mancherlei Zeichnungen und Photographien vorlegen.« »Ja, – Photographien.« »Aber, daß ich das, wovon Sie eben sprechen, behalten, aufbewahrt, mit Interesse betrachtet, davon weiß ich kein Wort.« Der Regent zuckte mit den Achseln und während er mit der rechten Hand eine Bewegung der Ungeduld machte, warf er einen bezeichnenden Blick nach dem Schreibtisch hinüber, wo das Etui lag, welches die Prinzessin bei seinem Eintritt so hastig zugedrückt. Sie folgte seinen Augen, und da sie dies that, fuhr ein freundliches Lächeln über ihre Züge. Sie erhob sich leicht und gewandt von dem Fauteuil, streckte ihre Hand aus und sagte mit so weichem Ton der Stimme, wie man es selten an ihr bemerkte: »Dort liegt das, worauf Ihre Rede zielt. Meinetwegen denn, sehen Sie nach, was es ist.« »O ich habe es zur Genüge gesehen,« entgegnete finster der Herzog, »aber ich bitte dringend, Elise, wir wollen nicht von unserem Gesprächsthema abschweifen. Teilen Sie mir Ihre Wünsche mit, und so wahr ich Ihnen immer ein ehrlicher und treuer Freund war, so wiederhole ich Ihnen: ich werde auch jetzt alles für Sie thun, was in meinen Kräften steht.« Bei den letzten Worten, die der Regent innig sprach, hatte sie ihr Gesicht von ihm ab gegen das Fenster gewendet, und es war vielleicht der Widerschein des roten Glases in den bemalten Scheiben, welcher eine tiefe Röte auf ihren Zügen aufflammen ließ. – Vielleicht! doch hatten sich diese auch seltsam verändert; von Schalkhaftigkeit, Behagen an der Situation war keine Spur mehr auf ihnen zu lesen, ja die Augen hatten ihren muntern Glanz verloren, sie preßte die Lippen heftig aufeinander wie jemand, der einen schweren Kampf kämpft, und ein tiefer Seufzer stahl sich aus ihrer Brust empor. – – – Sie ließ den Regenten ziemlich lange warten, ehe sie ihm eine Antwort gab, und diese Antwort bestand darin, daß sie ihre Hand erhob, abermals nach dem Schreibtisch hinzeigte, und mit kaum vernehmlicher Stimme hinzusetzte: »So betrachten Sie doch das Porträt, das ich einstens erhalten, aufbewahrt, das ich,« setzte sie stockend hinzu, »in Wahrheit häufig mit Interesse beschaut.« Der Regent, der das Gesicht der Prinzessin nicht sehen konnte, aber an dem Ton ihrer Stimme wohl merkte, daß Eigentümliches in ihrem Herzen vorgehe, trat an den Schreibtisch und nahm das Etui in die Hand. Ehe er es aber öffnete, blickte er noch einmal auf die junge Dame, die ihm jetzt ihren Kopf zugewandt hatte, und war erstaunt, das auf ihrem Gesichte zu lesen, was wir eben berichtet. Ja, eine tiefe Erregung, eine wahre Herzensangst sprach sich in ihren Zügen aus. Jetzt, wo er den Finger auf die Feder des Etuis drückte, streckte sie ihm wie flehend beide Hände entgegen, und aus ihren sonst so klaren, lebhaften Augen, die jetzt umdüstert erschienen, traf ihn ein so ungewohnter Blick, so tief und innig, daß er sein Herz erbeben fühlte. »Ach, Elise, Sie bereuen Ihre Erlaubnis!« »Nein, nein!« rief sie; doch es war, als könne sie nicht mit ansehen, was der Regent in der nächsten Sekunde schauen mußte; denn, indem sie auf den Fauteuil zurücksank, preßte sie ihr glühendes Gesicht in die weichen Kissen. Es durchzuckte ihn so sonderbar, als er nun fühlte, wie die Feder dem Drucke seines Fingers nachgab. Das Etui öffnete sich – und er erblickte nicht jene ihm verhaßt gewordene Photographie, sondern – – sein eigenes Porträt, von dem er nicht wußte, wie es in den Besitz der Prinzessin gekommen. Während das und noch einiges andere, was unsere Leser, namentlich unsere Leserinnen sich gewiß denken können, in dem Boudoir der Prinzessin vor sich ging, spazierte Herr von Fernow eine kleine Weile in dem großen Audienzsaale auf und ab. Seit jenem denkwürdigen Abend hatte er eine außerordentliche Vorliebe für diesen an sich sehr öden Saal gefaßt. Er betrachtete gerne die alten verblichenen Bilder an den Wänden, noch lieber aber die Fensternischen, vermittelst welcher jene ihr Licht erhielten. Ja besonders für eine gewisse Fensternische schien er eine wahre Leidenschaft gefaßt zu haben, denn er betrachtete sie minutenlang, träumend und in tiefe Gedanken versunken. Er hob den schweren Vorhang, der an der Seite herabhing, in die Höhe, nicht um auf den Schloßplatz zu blicken, sondern nur um sich – die Malereien an der Wand zu betrachten. Dann trat er wieder zurück, nahm seinen Säbel unter den Arm und machte einige Schritte in den Saal hinein. Das große Gemach war so entsetzlich leer, und so leise er auch auftrat, so hallten doch seine Schritte unangenehm wieder. – Mußte er denn gerade in jenem Saale auf und ab spazieren, hatte ihm das der Regent befohlen? – Gott bewahre! Seine Hoheit, als sie in die Zimmer der Prinzessin traten, hatten nur gesagt: bleiben Sie in der Nähe. – In welcher Nähe? – Natürlich in der Nähe der Appartements der Prinzessin. Die Appartements der Prinzessin aber bestanden, wie er genau wußte, aus der ganzen Reihe der von uns im Anfang dieses Kapitels so schön und ausführlich beschriebenen Zimmer. Der Mittelpunkt dieser Zimmer war der große Salon der Prinzessin, wo sie sich wahrscheinlich jetzt mit dem Regenten befand, und von dort mußte also auch Weite oder Nähe berechnet werden. Wenn er aber hier in dem öden Audienzsaal spazieren ging, so befand er sich ebensoweit von der Person des Regenten, als wenn er sich ans andere Ende der Appartements begab, wo die Dame du jour ihr Empfangszimmer hatte. Das war außerordentlich klar, und sowie sich der Major diesen Gedanken in der That recht klar gemacht hatte, befand er sich auch schon auf dem Korridor, der hinter den großen Sälen lag, und ging wohlgemut nach der anderen Seite des Schlosses, nur in der einzigen Absicht, die Befehle des Regenten zu erfüllen und in seiner Nähe zu bleiben. In kurzer Zeit hatte er das Ende dieses Korridors erreicht und als er dort einen Lakaien gelangweilt am Fenster lehnen sah, mußte er unwillkürlich lächeln, denn es war derselbe Lakai, der ihm neulich sein breites Gesicht zwischen den Orangeblüten gezeigt hatte. Natürlich verschwand aus der Haltung desselben alle Langeweile, als er den Adjutanten Seiner Hoheit auf sich zukommen sah. Er stellte sich mit etwas gekrümmtem Rücken in Positur, nahm ein süßes Lächeln an, indem er den Mund spitzte, und rieb sich die Hände, ehe der Major ganz nahe war. »Wer von den Damen ist im Vorzimmer Ihrer Durchlaucht?« fragte dieser mit einem so gleichmütigen Gesicht, als sei es ihm vollkommen einerlei, den Namen der alten Obersthofmeisterin zu hören. »Fräulein von Ripperda,« sagte der Lakai. Der Adjutant nahm eine verdrießliche Miene an und fragte scheinbar überrascht: »Nicht Ihre Exzellenz?« »Nein, das gnädige Fräulein.« Herr von Fernow war schon im Begriffe, wieder fortzugehen, doch sprach er nach einer kleinen Überlegung: »Nun wohl denn, melden Sie mich dem gnädigen Fräulein.« Der Lakai verschwand hinter dem schweren Thürvorhange, als sei er von einem sanften Zephir weggeblasen worden; ebenso glitt er auch gleich darauf wieder zurück, rieb sich abermals die Hände und sagte mit einer tiefen Neigung des Kopfes: »Es wird dem gnädigen Fräulein ein Vergnügen sein, den Herrn Major zu empfangen.« Der Major trat, nicht ohne einige Befangenheit, ins Zimmer und folgte alsdann durch dasselbe dem Lakaien, der neben ihm hersäuselte, der gegenüberliegenden Thüre zu, die er langsam öffnete und hinter dem Eingetretenen wieder schloß. Helene von Ripperda hatte sich von einem kleinen Lehnsessel, der am Fenster stand, erhoben und während sie sich mit der Rechten auf die Lehne desselben stützte, hielt sie in der Linken ein Buch, in dem sie soeben gelesen. Das junge Mädchen sah etwas überrascht, doch nicht unfreundlich aus. »Verzeihen Sie, mein Fräulein,« sagte Herr von Fernow, indem er sich mit einer tiefen Verbeugung näherte, »daß ich mir erlaubt habe, Ihnen einen Besuch zu machen.« »Sie haben einen Auftrag an mich?« fragte die junge Hofdame mit einem beinahe ernsten Gesicht. »Nicht so ganz, mein Fräulein. Wenn ich Sie aber im geringsten störe, oder Sie sonst Gründe haben, mich nicht zu empfangen, so werde ich mich augenblicklich zurückziehen. Was einen Auftrag anbelangt, so habe ich leider keinen; bin aber doch, wenn Sie wollen, auf Befehl Seiner Hoheit da.« »Wie verstehe ich da, Herr von Fernow.« »Seine Hoheit,« antwortete der junge Offizier, indem er in dienstlicher Haltung und fast im Meldeton sprach, »befahlen mir, Ihm zu folgen, als Sie sich soeben zu Ihrer Durchlaucht, der Prinzessin Elise, begaben. Hochdieselben betraten darauf die Appartements und sagten im Weggehen: bleiben Sie in der Nähe.« Ein fast unmerkliches Lächeln glitt über die Züge des schönen Mädchens. »Ja, in der Nähe sollte ich bleiben,« fuhr Herr von Fernow mit sehr ernstem Gesichte fort, »und da ich mir überlegt, daß der Audienzsaal, wo ich vorhin einen Augenblick war, – der Audienzsaal, mein gnädiges Fräulein,« setzte er mit Betonung hinzu, – »noch etwas weiter von den Gemächern der Prinzessin entfernt ist, als dieses Zimmer, so erlaubte ich mir ganz gehorsam, Ihnen meine Aufwartung zu machen, um – das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.« »Wenn dem so ist,« entgegnete Fräulein von Ripperda mit einer graziösen Neigung des Kopfes, »wenn Sie also im Dienste sind, so muß ich mich denn schon entschließen, Sie für eine kleine Weile da zu behalten.« »Muß? – für eine kleine Weile?« – versetzte der junge Offizier mit einem leichten Seufzer; »wenn Ihnen diese Freundlichkeit für mich nur nicht zu außerordentliche Mühe macht!« Bei diesen Worten blickte er nach einem Sitze und manövrierte auf eine Handbewegung Helenens mit einem nahestehenden Fauteuil so geschickt, daß er denselben ohne viel Aufsehen gar sehr in die Nähe der jungen Dame zu bringen wußte. Beide setzten sich, und Fräulein von Ripperda legte das Buch, in dem sie gelesen, neben sich auf den Tisch. »Ich unterbrach Sie in Ihrer Lektüre, mein Fräulein?« »Ich durchblätterte da eine Gedichtsammlung, die man der Prinzessin heute morgen zugesandt.« »Etwas neues?« »Eine neue Ausgabe. Wenn es Sie interessiert, blicken Sie hinein.« »Ah, ich kenne das,« sagte der junge Offizier nach einer kleinen Pause, während welcher er ein paar Blätter umgewandt. »Es sind außerordentlich schöne Sachen, ich schwärme dafür.« »Mein Leben liegt im Abendrot, Dein's tritt erst ein in den sonnigen Tag; Mein Herz ist starr, mein Herz ist tot, Dein's hebt erst an den lustigsten Schlag; Du schaust nach deinem Glücke In goldne Fernen weit, Ich blicke schon zurücke In alte Zeit,« las er darauf und ließ das Buch sinken, um nach Helenen hinüberzublicken, die den Kopf in die Hand gelegt hatte und zum Fenster hinaussah. »Ja, es ist das sehr schön,« meinte auch sie, »hübsche Idee, reizende Phantasie.« »Reizend und traurig, wie man will: reizend für einen Glücklichen, traurig für jemand, der nicht das Recht hat, so zu denken und so zu sprechen.« Helene wandte ihm ihr Gesicht zu, sie blickte ihn mit den klaren glänzenden Augen an und sagte mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme: »Herr von Fernow, erzählen Sie mir lieber etwas aus der Stadt. Es ist eigentümlich,« fügte sie nach einem augenblicklichen Stillschweigen hinzu, »daß man Ihnen immer die Gesprächsthemas aufgeben muß.« »O, das ist wahr,« versetzte er rasch; »ich bin Ihnen gegenüber so geistesarm, so beispiellos arm, – ja, Helene,« fuhr er mit leiserer Stimme fort, »von einer Armut, die Sie erschrecken müßte, wenn es mir vergönnt wäre, Sie dieselbe in ihrem ganzen Umfange kennen zu lehren.« »Und ich habe ja nichts, um Sie reich und glücklich zu machen.« »Nichts, Helene?« rief Herr von Fernow leidenschaftlich, »o, Sie haben Alles. Sie brauchen nur Ihre Hand zu öffnen, um Segen, Reichtum und Glück auf mich niederströmen zu lassen. Aber Sie sind hartherzig. Sprechen wir also lieber von der Stadt.« »Ja, sprechen wir von der Stadt,« wiederholte sie leise und drückte ihre schwellenden Lippen aufeinander, um einen leichten Seufzer niederzukämpfen. »O, in der Stadt ist es sehr schön,« sagte er mit erzwungener Lustigkeit, »herrliches warmes Wetter, worüber sich alle Menschen freuen. Man geht spazieren, man reitet spazieren, man unterhält sich über dies und das, wissen Sie, mein gnädiges Fräulein, über lauter Alltäglichkeiten, die eigentlich nicht der Mühe wert sind, vor Ihnen wiederholt zu werden.« »Sahen Sie Herrn von Wenden?« »Herrn von Wenden und auch Baron Rigoll,« sagte der Major mit einer Verbeugung. »Doch von Letzterem kann ich Ihnen wohl nichts neues mitteilen, Sie sehen ihn häufiger, als ich.« Es war ein trübes Lächeln, mit dem sie zur Antwort gab: »O ja, ich muß ihn häufig sehen.« »Häufig, ja sehr häufig!« sprach zornig der junge Mann. »O, Helene, ist das zu ertragen? Fühlen Sie, was ich leide?« Sie nickte mit dem Kopfe und blickte ihn ruhig an. »Also doch, Sie fühlen es!« fuhr er heftig fort. »Nun, bei Gott, das ist für mich schon ein Trost, eine Erleichterung. Aber Sie fühlen nicht, wie ich, was es heißt, so von ferne stehen zu müssen, wenn er sich Ihnen nähern darf, wenn er berechtigt ist, Ihren Arm in den seinigen zu legen, o berechtigt, wo ich glücklich, selig wäre, wenn ich nur Ihre Hand berühren dürfte! Sie fühlen nicht, Helene, was ich leide, wenn ich abends zu den erleuchteten Fenstern der Prinzessin aufblicken muß, wo ich weiß, daß auch Sie sind und er, – ja, aufblicken muß, fast verzweifelnd. Denn ich habe Phantasie, Helene, und kann es mir wohl ausmalen, wie er an Ihrer Seite sitzt, wie er das Recht hat, in Ihr liebes Auge zu blicken, verstohlen mit Ihnen zu plaudern, während die anderen Damen aus Gefälligkeit gegen das glückliche Paar um so lauter reden!« »Sie sind zu hart gegen mich, Herr von Fernow,« sagte das junge Mädchen, wobei sie ihren Kopf so heftig in ihre Hand drückte, daß sich die weißen Finger tief in ihr volles schwarzes Haar vergruben. »Ja, das thun sie alle und finden die Vertraulichkeit begreiflich,« fuhr der junge Offizier mit flammendem Blicke fort, »und wenn ich drunten stehe in der stillen Nacht, so fühle ich, daß es so ist, – und ich fühlte nicht nur, ich sah auch.« »Was sahen Sie?« fragte Helene, indem sie sich hastig aufrichtete. »O, am gestrigen Abend war ich zufälliger Zeuge, daß Baron Rigoll Sie in seinem Wagen nach Hause brachte.« »Ich mußte so; Ihre Durchlaucht und die Obersthofmeisterin nötigten mich dazu.« »Ich weiß, daß Sie genötigt wurden, – aber daß man Sie nötigen durfte, das ist es, was mich so grenzenlos unglücklich macht! – Glauben Sie aber ja nicht, daß ich absichtlich in Ihren Weg getreten. Ich kam vom Dienst bei seiner Hoheit, und Sie können sich bei mir bedanken, mein Fräulein, daß ich mich des Wagens bediente, der Sie hätte nach Hause führen sollen,« fuhr er fort. Helene blickte ihn fragend an. – »In dem Wagen fand ich ein Taschentuch, das Sie dort liegen ließen und das ich bei mir trage, um es Ihnen auf Ihren Befehl wieder zurückzugeben.« Indem er dies sagte, hatte er die Hand auf sein Herz gelegt und sah mit einem forschenden und bittenden Blick nach dem jungen Mädchen hinüber. – »Befehlen Sie, daß ich es Ihnen wiedergebe?« »Aber Sie martern mich, Fernow!« rief Helene lebhaft aus, »Sie martern mich schrecklich!« »Ich erwarte ja nur Ihre Befehle,« versetzte er dringend, »nur Ihre Befehle, Helene, ja, Ihre Befehle, ob ich überhaupt glücklich sein oder entsetzlich elend werden soll. Befehlen Sie also!« – Das alles sprach er mit der jähen Hast der Leidenschaft. »Befehlen Sie mir, vor den Baron Rigoll zu treten – o nein! nicht befehlen! Gewähren Sie es mir als die höchste Gnade, die Sie mir gewähren können, ihm zu sagen, daß ich Sie liebe und daß auch Sie mir nicht abgeneigt sind. Lassen Sie mich dann zur Prinzessin gehen, ich will sie fragen, warum sie zwei Herzen auseinanderreißen will, die sich lieben! Ja, Helene, die sich lieben, ich spreche es aus, ich fühle es, ich sehe es in Ihrem feuchten Blick, ich weiß es aus Ihren eigenen Worten, aus Ihren lieben, entzückenden Worten, die Sie mir an jenem Abend sagten.« Sie gab ihm keine Antwort, als er so heftig zu ihr sprach, sie hatte ihre Hände vor das Gesicht gepreßt und das leichte Zucken ihres Körpers, welches ihm anzeigte, daß sie weinte, war nicht im stande, ihn ruhiger zu stimmen. »Was Ihnen Baron Rigoll bieten kann, kann ich Ihnen freilich nicht bieten, – seinen Stand, seinen Reichtum! Aber dagegen etwas Kostbares: Ein Herz voll Liebe, Helene. – Doch, o mein Gott! ich weiß ja wohl, daß ich da Sachen zu Ihnen spreche, die Sie ebenso gut selbst wissen.« Sie nickte abermals mit dem Kopfe, dann erwiderte sie, indem sie beide Hände von sich abstreckte, in einem Tone der Trostlosigkeit, der über alle Beschreibung schmerzlich war: – »Ob ich das alles weiß, was Sie mir sagen! – Ob ich es weiß? – Ja, Fernow, es ist ein Abgrund zu meinen Füßen, vor dem ich zurückschaudere und in den ich doch stürzen muß.« »Und wer zwingt Sie dazu?« rief der junge Mann heftig aus. »Das Gefühl der Dankbarkeit gegen die Prinzessin, meine Liebe zu ihr, mein Versprechen.« »Ein Versprechen, das man Ihnen abgezwungen? – O so weit zu gehen, zwingt uns weder Liebe noch Dankbarkeit! Es ist eine Laune der Prinzessin, sie hat den Baron Rigoll zu Gott weiß welchem Zwecke gebraucht, und um ihn an sich zu ketten, sollen Sie das Opfer werden! – Nimmermehr, Helene, Sie sollen sich keiner vorübergehenden Laune opfern. – Nein! nein! Und kann ich auch nicht glücklich mit Ihnen sein, – – mit dir, o meine Helene, mit dir, die ich über alles in der Welt liebe, so will ich doch das Band zerreißen, an welchem man dich, du mein herrliches Mädchen, gefangen hält, und du sollst wenigstens frei, wenn auch nicht glücklich sein!« Er hatte sich bei diesen Worten mit einer raschen Bewegung vor Helene niedergeworfen, ihre beiden Hände ergriffen, und als er dieselben leidenschaftlich an seine Lippen preßte und mit heißen, innigen Küssen bedeckte, war es so gekommen, daß ihr Haupt niedersank und ihr Haar aufgelöst auf seine Stirne fiel. »Ja, ja,« wiederholte er mit dem Tone des tiefsten Schmerzes, »wenn auch nicht glücklich, doch frei!« »Und warum nicht beides?« fragte eine leise Stimme hinter ihnen, eine Stimme, deren Ton beide aufschreckte, eine Stimme, die sie augenblicklich erkannten, deren Klang aber in diesem heiligen Augenblicke nicht im stande war, beide Liebenden gewaltsam zu trennen. Herr von Fernow erhob sich vielmehr langsam, und wie er sich erhob, legte er seinen Arm um den schlanken Leib des jungen Mädchens, drückte es, wie beschützend, an sich und blickte dabei herausfordernd um sich her, als wollte er sagen: »Welche Macht der Erde ist im stande, uns jetzt zu trennen?« Auch Helene schien so zu denken, denn sie widerstrebte nicht, als sein Arm sie umfing; vielmehr glitten ihre Finger an diesem Arm hinunter, bis sie in seine Hand fielen und sich dort mit den seinigen vereinigten. Wohl blickte sie im ersten Augenblicke zu Boden, wohl flog eine tiefe Röte über ihre vorhin so bleichen Züge, doch blickte auch sie in der nächsten Sekunde empor in das Auge der Prinzessin, die lächelnd neben ihnen stand und aufs anmutigste, fast neckend wiederholte: »Und warum nicht beides, meine Kinder?« Fernow wußte nicht, wie ihm geschah. Ja, die Prinzessin mußte diese Worte ehrlich meinen. In solchen Augenblicken zu spotten, wäre ja ruchlos gewesen. Und aus dem Blick ihres Auges leuchtete auch nichts wie Spott hervor, es lag vielmehr etwas wie Glück, wie Freude, ja Seligkeit in dem feuchten Glanze desselben. Sie meinte es ehrlich mit den beiden. Näherte sie sich doch mit leisen Schritten denselben, legte ihre Hand sanft auf die Schulter des jungen Mädchens und küßte sie auf die Stirn, als diese das glühende, thränengenetzte Gesicht zu ihr erhob. »Träume ich denn?« sagte Helene nach einer süßen Pause. »Träume ich, Euer Durchlaucht? Und werde ich zu neuem Leide erwachen?« »Nein, nein, es ist kein Traum, mein Kind,« erwiderte die Prinzessin. »Du hast mir einmal gesagt, daß es Augenblicke im Menschenleben gibt, wo das Glück mit einemmal auf uns niederfällt.« »Gewiß, Euer Durchlaucht!« rief der junge Offizier entzückt, »es gibt solche Augenblicke des Glücks.« »Für euch beide, die ich gerne habe, eben jetzt,« antwortete die Fürstin. Dann setzte sie mit leiser Stimme, zu Helenen allein gewendet, hinzu: »Für mich vor wenigen Minuten.« Obgleich ihr Fräulein von Ripperda fragend in das Gesicht blickte, so mußte sie doch den Sinn der eben gesprochenen Worte verstehen; denn sie faltete ihre Hände, drückte sie auf ihre atmende Brust und sprach: »Wie mich das froh macht!« Es gibt Augenblicke des Glücks, die so unverhofft kommen und so bedeutend sind, daß wir sie ohne weitere Frage in unser Herz aufnehmen, daß wir nicht wagen, eine Bemerkung über das Erlebte zu machen, aus Furcht, ein solcher Augenblick des Glücks möchte dahinflattern, wie ein schöner Traum. So war's dem jungen Offizier zu Mut, und als er nun sah, wie die Prinzessin bei Helenen seine Stelle einnahm, das heißt, wie sie ihren Arm um den Hals des jungen Mädchens legte und ihr Haupt auf deren Brust niedersinken ließ, da sagte er denn mit flehender Stimme: »Euer Durchlaucht, in Ihren Händen liegt das Geschick zweier Herzen, die selig sind, ihr Glück durch Sie zu empfangen, und die ewig für Sie schlagen werden in Zuneigung und Ehrerbietung!« Damit zog er sich leise zur Thüre zurück, und als er durch das Vorzimmer schritt, jubelte es in ihm laut und freudig: »Das war der rechte Augenblick des Glücks!« Auch beging er in diesem Augenblicke des Glücks noch eine kleine Thorheit. Er riß das Taschentuch Helenens, welches er unter der Uniform auf der Brust trug, hervor und bedeckte es mit unzähligen, leidenschaftlichen Küssen. Als die Thür des Vorzimmers hinter ihm ins Schloß fiel und er auf dem Korridor dahinging, war ihm zu Mut, als hätte er Flügel und schwebe nur so dahin auf dem Fußboden. Wie aber in der Welt dafür gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, so harrt unser gewöhnlich auch eine kleine Abkühlung, wenn wir uns im höchsten Stadium der Freude und des Glücks befinden. Diese Abkühlung des Herrn von Fernow im gegenwärtigen Momente erschien in der Person des händereibenden Lakaien, der sich ihm süßlächelnd näherte und mit lispelnder Stimme meldete: »Seine Exzellenz, der Oberstjägermeister, Herr Baron von Rigoll, bäten den Herrn Adjutanten auf zwei Worte in den Audienzsaal.« Dorthin ging denn auch der junge Offizier und schritt gar nicht so zögernd und ängstlich, wie vor einer halben Stunde. Was bekümmerten ihn jetzt alle Rigolls der ganzen Welt! Ja, er hoffte sogar, Seine Exzellenz möchten die Gnade haben, sich speziell um ihn zu bekümmern und er war in der Verfassung, dem Baron, wenn ihn dieser mit bekannten Fragen beehren würde, vollkommene Aufklärung zu geben und nichts vorzuenthalten. – – Der Oberstjägermeister stand in dem Audienzsaal in der uns wohlbekannten Fensternische. Er wandte sich beim Eintritt des Herrn von Fernow um, und wenn auch um seine zusammengekniffenen Lippen das ewige lauernde Lächeln spielte, so blickten doch seine Augen etwas zu starr, um freundlich auszuschauen, und dazu spielte seine Gesichtsfarbe noch stärker, als gewöhnlich, ins Gelbliche. »Euer Exzellenz haben mich befohlen?« sagte der Adjutant, indem er sich dem Baron genähert, der ihm nur wenige Schritte entgegenkam und ihm antwortete: »Von Befehlen kann keine Rede sein, Herr Major. Ich habe nur um zwei Worte gebeten.« Der Oberstjägermeister blickte einen Augenblick durchs Fenster, dann aber drehte er sich mit einer hastigen, zuckenden Bewegung wieder gegen den jungen Mann und sagte mit einem unangenehm verzerrten Gesichte und einem schneidenden Tone: »Herr von Fernow – Sie erlauben,« unterbrach er sich selbst, »daß ich Ihren Titel weglasse, – da auch ich bitte, den Oberstjägermeister beiseite zu setzen und sich für einige Augenblicke nur mit dem Baron Rigoll zu beschäftigen. Sie haben Leute, die ich in meinem Interesse gebrauchte, für sich zu gewinnen gewußt, Sie haben sich in den Besitz meiner kleinen Geheimnisse gesetzt und haben das, was Sie auf Umwegen erfahren, getreulich seiner Hoheit dem Regenten rapportiert.« »Herr Baron!« rief der junge Offizier, indem er einen Schritt zurücktrat, – »Sie führen eine eigentümliche Sprache!« Obgleich er auf eine Szene mit dem Oberstjägermeister gefaßt war, so fiel ihn derselbe doch so ohne alle Vorbereitung an, daß er unwillkürlich nach der Hand seines Gegners blickte, ob derselbe im nächsten Moment nicht ein Paar Pistolen aus der Rocktasche ziehen würde. »Wenn Ihnen das Wort ›rapportiert‹ nicht gefällt,« fuhr jener mit einem malitiösen Aufwerfen seiner Lippen fort, »so sagen wir lieber, Sie haben meine Geheimnisse dem Regenten verkauft.« Herr von Fernow blickte im Saal herum, zuckte die Achseln und schwieg. »Ich bin nicht der Mann,« sprach Herr von Rigoll mit zitterndem Munde weiter, wobei seine Augen sonderbar zwinkerten, »der es ungestraft hingehen läßt, wenn junge Leute, die anfangen sich zu fühlen, meine Wege durchkreuzen, um das, was ich mühsam vorbereitet, mit ungeschickter Hand auseinanderziehen und unüberlegt zu Boden treten.« Herr von Fernow lächelte spitz, als er dem Oberstjägermeister die Worte erwiderte: »Herr Baron von Rigoll, es thut einem jungen Manne, der eben anfängt sich zu fühlen, in der That außerordentlich weh, einem älteren Herrn, wie Euer Exzellenz, der nicht nur den Ton bei Hofe, sondern auch den Ton der gewöhnlichen allgemeinen Schicklichkeit genau kennen sollte, sagen zu müssen, daß Ausdrücke, wie die, deren Sie sich soeben bedienten, unter Männern von Ehre nicht gebräuchlich sind, und daß es, nebenbei gesagt, verzeihen Sie mir das Wort, sehr wenig überlegt ist, sie in diesen Räumen hören zu lassen. Was ich gethan, habe ich zu verantworten. Finden Sie sich durch mein Benehmen irgendwie gekränkt, so werde ich, um Ihnen, der so hoch im Range steht, den gebührenden Vortritt zu lassen, bis heute um zwei Uhr auf Ihre weiteren Wünsche warten. Sollten Sie aber diese Wünsche bis zu der angegebenen Zeit nicht aufs deutlichste ausgedrückt haben, so werde ich mir nach zwei Uhr erlauben, einen meiner Freunde zu Euer Exzellenz zu schicken.« Der Major hatte dies in dem ruhigsten, aber bestimmtesten Tone gesagt und nur dann seine Stimme erhoben, wenn der Oberstjägermeister, dessen Gesichtsfarbe anfing, ins Grünliche überzugehen, unter heftig zuckenden Bewegungen der Hände und Füße Miene machte, ihm ins Wort zu fallen. »Das ist's, was ich gewollt!« sprudelte er jetzt hervor, »Sie oder ich; und das ist es ja auch, wonach Sie trachten. Ah, Herr von Fernow, ich bin freilich der ältere Herr und Sie der jüngere Mann, der gewandt ist im Ausholen von Geheimnissen; auch gewandt im Wegnehmen eines Taschentuchs, welches die Damen in ihrem Wagen liegen lassen, ja dieses Taschentuches,« fuhr er mit schäumendem Munde fort, indem er auf das Tuch des Fräuleins von Ripperda wies, welches der Major zu verbergen vergessen hatte. »Doch sollen Sie nicht glauben, daß mich kleinliche Eifersucht treibt, oder daß ich Ihnen das Feld räume, auch wenn hundert Schnupftücher meiner Braut in Ihren Händen sind. Es ist ungeheuer leicht, ein wehrloses Mädchen zu kompromittieren.« Dies letzte Wort durchzuckte den jungen Offizier, als hätte ihn ein Blitzstrahl getroffen. Er biß sich die Lippen fast blutig, zog den Atem mühsam an sich und that einen raschen Schritt vorwärts gegen den Mann, der es wagte, an einem Ort, wie der, wo sie sich befanden, ihn so grausam zu beleidigen. – Glücklicherweise aber war es der Oberstjägermeister, der ihn durch eine hastige Bewegung rückwärts ebenso schnell wieder kalmierte, als er den flammenden Zorn des Majors erregt hatte. Ja, Seine Exzellenz trat fast hinter die Fenstervorhänge, streckte die rechte Hand von sich und rief erschreckt aus: »Ich bin wehrlos und Sie bewaffnet. Vergessen Sie aber nicht, daß wir im Schlosse sind!« Wie gesagt, diese hastige Bewegung des Oberstjägermeisters ließ allen Zorn des jungen Mannes plötzlich verschwinden, seine Muskeln spannten sich ab, und indem er in einem verächtlichen Tone sagte: »In der That, ich werde es nicht vergessen, wo wir sind, und wen ich vor mir habe!« wandte er sich ohne Verbeugung, ohne Gruß um und verließ mit raschen Schritten den Audienzsaal. Trotz alledem aber pochte ihm das Herz doch gewaltig, als er über den Korridor ging und die Treppen hinabstieg, die zur Wohnung des Regenten führten. Es war gut, daß der Weg, den er zu machen hatte, ziemlich lang war, und daß er sich deshalb so weit beruhigen konnte, um ganz gefaßt in das Zimmer des Herrn Kindermann einzutreten. Mit einem aufgeregten verstimmten Wesen hätte der junge Offizier auch durchaus nicht in die Nähe des alten Kammerdieners gepaßt; denn dieser saß in der rosenfarbigsten Laune in seinem Lehnstuhle und sprang beim Anblick des Adjutanten mit einer gar possierlichen Tanzbewegung in die Höhe. »Herr von Fernow,« sagte er, indem er freudig die Hände zusammenschlug, »ich glaube, wir haben heute einen ganz vortrefflichen Tag. Ich habe etwas erlebt, was seit langen Jahren nicht mehr geschehen ist. Seine Hoheit haben mich vorhin an diesem meinem rechten Ohrläppchen gezupft und dazu gesagt: Kindermann, wenn wir nicht so ein altes schwatzhaftes Weib wären, so sollten wir erfahren, daß wir heute eine Augenblick des Glücks gehabt haben. Nun wissen Sie, Herr von Fernow, der Regent das sagen und ich meine Schleusen aufziehen, das war eine Sache des Handumdrehens. Vor Ihnen habe ich keine Geheimnisse. Sie gehören von jetzt ab zum innern Haushalte; wissen Sie also – « Der Ton der Klingel aus dem Kabinett des Regenten unterbrach den redseligen Kammerdiener. Er hüpfte hinter die Vorhänge, und als er wieder zurückkam, machte er eine bezeichnende Handbewegung nach der Thür des Kabinetts, wobei er flüsternd sagte: »Morgen mehr. Ich habe ein paar Ausgänge zu machen. Seine Hoheit ist so vortrefflich gelaunt, daß, wenn Sie sich heute eine Gnade ausbitten, er Ihnen nichts abschlagen wird.« In der That saß auch seine Hoheit in sehr froher Stimmung, die auf seinem Gesichte widerstrahlte, vor seinem Schreibtische. Beim Eintritt des Offiziers streckte er ihm die Hand entgegen, was er bisher nie gethan, und sagte verbindlich: »Ich danke Ihnen, lieber Fernow, für Ihre guten und getreuen Dienste. Ich denke eifrig an eine Belohnung für Sie und werde suchen, die Hindernisse, welche sich noch entgegenstellen, auf die Seite zu räumen. – Wenn Sie nach Hause fahren, so thun Sie mir die Liebe und passieren bei Wenden. Ich will ihn vor der Tafel sprechen. – Apropos, erinnern Sie sich noch des Abends neulich, als Sie ungerufen in mein Kabinett kamen. Ich glaube, das war für uns zwei eine gute Begegnung.« »Für mich wenigstens war es ein Augenblick des Glücks,« sprach der junge Mann mit einer ehrerbietigen Verbeugung, »denn das Vertrauen, welches mir Eure Hoheit bewiesen, hat mich zum glücklichsten Menschen gemacht.« »Zum glücklichsten vielleicht noch nicht,« entgegnete lächelnd der Regent; »aber was nicht ist, kann noch werden. Wenn Sie es nur in ihrer wichtigsten Angelegenheit mit einem anderen Charakter, als mit dem des Baron Rigoll, zu thun hätten! – Doch hoffen Sie auf die Zukunft, wir wollen sehen.« Der Regent wandte sich nach einer freundlichen Handbewegung wieder zum Schreiben um, und der junge Offizier verließ das Kabinett und gleich darauf das Schloß. Als er an einer Nebenthür in seinen Wagen stieg, fuhr eben die Equipage Seiner Exzellenz des Oberstjägermeisters davon. »Kein Licht ohne Schatten,« sprach der Major achselzuckend zu sich selber; »keine Rose ohne Dornen; aber was auch kommen mag, für heute soll mir nichts die Erinnerung trüben, an den da oben genossenen wunderbaren Augenblick des Glücks.« Sechzehntes Kapitel. Rosa. Herr Krimpf bewohnte eine Dachstube, die ziemlich einfach möbliert war. Dieselbe lag in stiller Einsamkeit im vierten Stock des uns wohlbekannten Hauses in der Pfahlgasse, weshalb der Bewohner von Besuchen nicht sehr gestört wurde; ja, die beinahe einzigen lebenden Wesen, die sich hier oben sehen ließen, war der Vater einer gegenüber wohnenden Sperlingsfamilie oder ein paar Katzen aus der Nachbarschaft. Diese Stille und Ruhe neben dem etwas starken Bordeaux, den der kleine Maler an jenem Abend zu sich genommen, war denn auch wohl schuld daran, daß er am darauffolgenden Morgen länger als gewöhnlich schlief. Herr Krimpf war sonst, namentlich während des Sommers und Herbstes, sehr frühzeitig auf und liebte es, die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne zu begrüßen. Daß er dies aber, wie unzählige andere Menschen, mit freudigen Gefühlen that, können wir gerade nicht behaupten; vielmehr blickte er mürrisch auf die schattenerfüllten Straßen, und wenn sich droben am Kirchturmdach das erste Sonnengold zeigte, so zuckte er mißmutig mit den Achseln und konnte sagen: »Das heißt nun gelebt! des Morgens zieh ich mich an, des Abends zieh ich mich aus. Wenn nur einmal was Anständiges dazwischen fahren wollte! So eine tüchtige Revolution oder ein ordentliches Erdbeben!« Als der Herr Krimpf an dem Morgen nach jenem denkwürdigen Souper erwachte, erstaunte er, da er die Sonne bereits in seinem Zimmer sah, dann zuckte er mit den Händen nach seinem Gesichte, faßte seine Nase und indem er sie bedächtig abwärts zog, haschte er in seinem Kopfe nach hin und wider blitzenden Erinnerungen; doch mußte er einen tüchtigen Anlauf nehmen, das heißt, er mußte sich in Gedanken auf die Terrasse des Schlosses versetzen, dann die Straßen wandeln, die er gestern durchgangen, endlich vor der Restauration stehen bleiben; ja, er mußte sich den kleinen Spazierstock mit dem goldenen Knopfe vor sein inneres Auge rufen, ehe es ihm möglich wurde, eine Art von System in die Erlebnisse des gestrigen Abends zu bringen. Daß er mit einem fremden Herrn soupiert, wurde ihm bald wieder klar, auch daß er gut gegessen und viel Wein getrunken. Dann aber kam eine schleierhafte, traumartige Zeit; jetzt noch, in der Erinnerung, brannten die Lichter trübe, und es war ihm, als sei die Stube voller Staub gewesen. Herr Krimpf erhob sich von seinem Bette in die Höhe und war augenscheinlich nicht ganz zufrieden mit den bei sich selber angestellten Nachforschungen. Etwas war noch vorgefallen, das wußte er. Er mußte mehrmals rückwärts gehen; er mußte sozusagen wieder mit dem ersten Glase Bordeaux beginnen. Ah! jetzt fing er an, einen Faden in die Hand zu bekommen. Der andere, der Offizier, hatte gewußt, wer er sei, daß er Krimpf heiße. Ja, so war's. Der kleine Maler mußte selbst lächeln, als er fühlte, wie der Nebel in seinem Kopfe zu weichen anfing, und als der gestrige Abend immer klarer vor ihn trat. Er bildete sich überhaupt gern etwas auf seine geistigen Fähigkeiten, namentlich auf sein Gedächtnis ein, und dies Gedächtnis war in der That für Sachen, die Herr Krimpf behalten wollte, nicht schlecht. – Der Offizier hatte also gewußt, daß er in der Pfahlgasse wohne, und dann hatte er von der Rosa gesprochen. – Richtig, die Rosa! – An diese sollte er einen Brief besorgen, den der andere ihm gegeben. – – Den er ihm gegeben? Nein, nein, er hatte ihm nichts gegeben. – Den er ihm erst geben wollte, und zu dem Zweck sollte er, der Maler, den Offizier besuchen. – Aber wo? – – Teufel! das hatte er vergessen, und das war recht ungeschickt. So viel erinnerte er sich wohl noch, daß dessen Wohnung auf einem der Plätze der Stadt gelegen war. Aber weiter. »Es fällt mir schon ein,« dachte er. »Damit jedoch war unsere Unterredung noch nicht zu Ende,« sprach er nach einer Pause zu sich selber, während welcher er sich heftig die Stirn gerieben hatte. »Ist es mir doch gerade, als seien wir in Streit zusammengeraten, der junge Offizier und ich. Geschimpft und geflucht wenigstens hab' ich. – Dann meine ich auch, ich hätte etwas, das mir ziemlich wichtig gewesen, auf den Boden geworfen. Holla! so wird es sein. Alle Donnerwetter!« Bei diesen letzten Worten sprang Herr Krimpf mit einem einzigen Satze aus dem Bette und stürzte mit einer außerordentlichen Hast auf seinen Rock zu, dessen Taschen er in aller Geschwindigkeit untersuchte. – Darin war nichts zu finden, und er wußte doch, daß er die beiden Photographien bei sich gehabt. Es sah komisch aus, wie der kleine Maler jetzt die Hand mit seinem Rock herabhängen ließ, mit einem ziemlich nüchternen, ja trostlosen Blick an den glänzenden Morgenhimmel hinauf sah und sich am Kopfe kratzte. – »Ja, die Photographien habe ich weggegeben!« sagte er endlich, »und der Henker mag wissen, in welchen Händen sie sich nun befinden. Krimpf, das ist ein schlimmes Stück Arbeit! Aber mich soll der Teufel lotweise holen, wenn ich mich nicht auf die Adresse besinnen will, welche mir der Offizier gegeben. – Ein Platz in der Stadt war es. Habe ich denn nichts dabei gedacht, als er mir ihn nannte? – Es ist ein gutes Mittel, sich bei einem Namen etwas zu denken, wenn man ihn wiederfinden will. – Richtig, an Wasser hab' ich gedacht. An sprudelndes Wasser! – Ich hab's, ich hab's – an eine Fontäne! Ah! der Kastellplatz! Donnerwetter! – Nun aber die Nummer! Bei der Nummer hab' ich auch etwas angeschaut. Hm, hm! was habe ich doch angeschaut? Das Fenster mit acht Scheiben? Numero acht? Nein, das war's nicht! Die drei Flaschen auf dem Tische? Auch nicht. Und doch hab' ich an was gedacht. – Nein, kein Überlegen hilft. Aber auf dem Kastellplatze will ich mich schon zu ihm fragen. Bestellt hat er mich, und da ich nicht weiß, zu welcher Stunde, so will ich halt den Morgen hingehen und warten, bis er nach Haus kommt!« Nachdem Herr Krimpf dies bei sich überlegt, schmunzelte er vergnügt in sich hinein, wenn er an das vortreffliche Souper dachte, welches er gestern abend eingenommen, und an den guten Wein, der ihm gar keine Kopfschmerzen verursacht. Er stäubte seine Stiefel provisorisch mit einer Kleiderbürste ab, schlenkerte die Hosen hin und her, um sie von dem Staub zu befreien, und nachdem er beides angezogen, machte er mit einer Handvoll Wasser seine übrige Toilette, zog Weste und Rock an und begab sich in das Atelier hinab. Frau Böhler hatte ihm seinen Kaffee aufgehoben, der Photograph aber war ausgegangen, um eine fertig gewordene Arbeit dem Besteller zu überbringen. Da zwischen der alten Frau und dem kleinen Maler nie ein besonders gutes Einverständnis geherrscht, so war es nicht auffallend, daß beide außer dem herkömmlichen »Guten Morgen« nichts weiter miteinander redeten. Frau Böhler ging in ihre Küche, und da keine dringende Arbeit vorhanden war, nahm Herr Krimpf seinen Hut, um etwas frische Luft zu schöpfen. Er stieg langsam die Treppen hinab, und nachdem er einen Augenblick überlegt, klopfte er an der Thür von der Wohnung der Frau Witwe Weiher. Auf ein lautes »Herein!« der alten Frau öffnete Herr Krimpf, und ein einziger Blick in das geräumige Zimmer belehrte ihn, daß Rosa ausgegangen sei. Ihre Mutter saß am Tische neben dem Ofen und schälte Kartoffeln. Der kleine Maler nickte ihr freundlich mit dem Kopfe zu, und dann ließ er sich faul und nachlässig, wie jemand, der außerordentlich viel Zeit übrig hat, auf einen Stuhl, der alten Frau gegenüber, nieder. »Immer fleißig?« fragte er alsdann gähnend. »Man muß wohl!« meinte Madame Weiher. »Wer nichts schafft, hat nichts zu essen, oder es muß einem so gut gehen, wie Euch.« »Daß sich Gott erbarm',« entgegnete Herr Krimpf, und seine weißen Finger zuckten nach seinem Haar. »Uns gut gehen! Davon hab' ich lange nichts mehr gemerkt. Ihr habt doch was, wenn Ihr arbeitet, wir aber da oben – na, na, man muß sein Geschäft nicht verachten.« »So, so? Es geht wieder einmal gar nicht?« fragte neugierig die alte Frau, wobei sie Kartoffeln und Messer in den Schoß fallen ließ. »Ja, ich hab' es immer gesagt, die Künstlerschaft, 's ist doch nichts dahinter. Und nun gar das Photographieren, da warten zu müssen, wie die Spinne in ihrem Netz, bis einmal eine unglückliche Fliege sich hinein verirrt!« »Es ist ein trauriges Geschäft,« erwiderte Herr Krimpf mit sehr ernster Miene. »Ich werde es auch nächstens aufstecken und mich wieder vollständig der Malerei zuwenden. Die vielen Auslagen bei dem Photographieren! Und macht man wirklich was Hübsches, so meinen die Leute, sie müßten es geschenkt haben.« Frau Weiher nickte mit dem Kopfe, indem sie eifrig wieder anfing, ihre Kartoffeln zu schälen. »Das habe ich der Rosa schon tausendmal gesagt,« sprach sie nach einer kleinen Weile. »Da ist vorn und hinten nichts; da heißt es immer: warten und warten. Ja, und bei dem Warten wird man alt, und was hat so ein armes Mädchen, wenn einmal die erste Jugendfrische vorüber ist?« »Aussicht auf ihren Bräutigam, unseren Herrn Böhler!« lachte boshaft der kleine Maler. »Aussicht auf gar nichts,« fuhr die Frau fort; »und damit verschlägt sich das Mädchen andere ordentliche Partien.« »Ja, ja, es ist eigentlich sonderbar,« meinte nachdenklich Herr Krimpf. »Die meisten Freundinnen Rosas haben sich schon verheiratet. Da ist die Anna Korn und die Christiane Ringel, und wie ich gestern hörte, soll es auch jetzt mit der Emma Schwertel losgehen.« »Mit ihrem Lieutenant?« fragte überrascht die alte Frau. »Mit ihrem Lieutenant, der daneben ein reicher Baron ist,« bekräftigte der kleine Maler, wobei er schlau nach der Frau hinüberblinzelte, um zu sehen, welchen Eindruck diese Nachricht auf sie mache. Die Mutter Rosas saß kopfschüttelnd da, und da sie gedankenvoll zum Fenster hinausblickte, so hatten die Kartoffeln wieder einen Augenblick Ruhe. »Die Emma Schwertel!« sprach sie achselzuckend. »Kann die sich wohl mit meiner Tochter messen? Und hat gar keine Familie, die sich sehen lassen darf! Der alte Weiher aber war Amtsdiener und mein Bruder ist Stadtrat. Und der Lieutenant hat wirklich ehrliche Absichten?« »Sie wird Baronin,« behauptete Herr Krimpf mit bestimmtem Tone; dann erhob er sich langsam und setzte hinzu: »Aber das muß man auch der alten Schwertel nachsagen, einen Geist hat die Frau und immer die Hand fest darauf gehalten! Dann ist die Emma selbst ein verständiges Mädchen.« »Nun, was das anbelangt, so wollen wir lieber sagen, sie hat mehr Glück als Verstand; denn mit einem Lieutenant anbandeln, das führt gewöhnlich zu etwas anderem als zur Baronin. Wenn die Rosa hätte Lieutenants haben wollen, so würde das Haus hier wie eine Kaserne aussehen. Aber nichts für ungut, Krimpf,« fuhr die Frau fort, indem sie außerordentlich dicke Schalen von ihren Kartoffeln herunterschnitt. »Ihr könnt es droben wieder erzählen oder nicht: ich werde nächstens einmal ein vernünftiges Wort mit Herrn Böhler sprechen. Die Geschichte fängt an, mir langweilig zu werden. Und darin muß es klar werden. So eine ewige Brautschaft ist das Hinderlichste, was einem Mädchen passieren kann.« »Wo ist denn die Rosa?« fragte Herr Krimpf süß lächelnd. »Sie trägt einige Arbeiten in die Handlung. Ich versichere Euch, das Mädchen ist fleißig und geschickt, daß sie ganz gut von dem leben könnte, was sie verdient. – Ja, ja, die Sache muß klar werden.« Damit erhob sie sich ebenfalls, schüttete die Kartoffeln in eine Schüssel und trat einen Augenblick ans Fenster, um nach dem gegenüberliegenden Hause zu schauen. Dort war wie gewöhnlich in letzter Zeit das eine Fenster offen; an demselben stand der kleine Fauteuil; und auf dem Gesimse lag der unvermeidliche Blumenstrauß. Herr Krimpf blickte auch hinüber und lächelte still in sich hinein. »Der wär' mir auch lieber,« sagte er hierauf, »als der Emma Schwertel ihr Lieutenant.« »Habt Ihr was über den da gehört, Krimpf?« fragte die Frau. »O ja, gehört manches; und was ich gehört, muß wahr sein, denn ich habe es von einem seiner guten Freunde. Der Herr da drüben hat sich so in die Rosa verliebt, daß ihm alles daran gelegen ist, das Mädchen einmal sprechen zu können.« »Sprechen?« fragte mißtrauisch die alte Frau. »Nun ja, hier in ihrer Wohnung. Daran wird doch wohl nichts Schlimmes sein?« »Krimpf, Krimpf! Das sind gefährliche Sachen! Denkt nur an unsere Nachbarschaft und an da oben.!« »Es fällt mir auch nicht ein, Euch dazu zu raten. Ich sage nur, was ich gehört. Gott soll mich bewahren, daß ich mich in so was hinein mische. Aber so viel muß ich hinzusetzen, der da drüben soll ein sehr geordneter Herr und außerordentlich reich sein.« Die alte Frau sann einen Augenblick nach, dann sagte sie wie zu sich selber: »Im Grunde kann ich niemand verbieten, in unsere Wohnung zu kommen, wenn er irgend etwas kaufen oder bestellen will.« Herr Krimpf war ebenfalls nachdenklich geworden und wiederholte ebenso mit leiserer Stimme als zuvor: »Ja, das kann man freilich niemand verbieten! Und dann ist die Rosa ein gescheites Mädchen und weiß schon, was sie zu thun und zu lassen hat. – So, jetzt hab' ich Euch guten Morgen gesagt, grüßt mir Eure Tochter freundlich, und wenn ich Euch einen guten Rat geben darf, so glaubt mir, es ist besser, wenn Ihr von dem da drüben nichts zu ihr sagt.« Herr Krimpf hätte eigentlich nicht nötig gehabt, der Mutter diesen Rat zu geben, denn sie war ohnedies entschlossen, ihrer Tochter die gute Partie der Emma Schwertel vor Augen zu halten und sie zur Klugheit zu ermahnen. Der Maler ging seiner Wege und war bald auf dem Kastellplatz. Es wurde ihm leicht, in einem dortigen Laden die nötige Erkundigung einzuziehen, und so erfuhr er denn, daß der Major von Fernow, Adjutant des Regenten, im ersten Stock desselben Hauses wohne, sowie weiter, daß dieser Herr gewöhnlich mittags um zwölf Uhr nach Hause komme. Herr Krimpf verfehlte nicht, sich um diese Stunde einzustellen und sich melden zu lassen. Herr von Fernow empfing seinen Gast von gestern abend mit freundlichem Lächeln, und indem er es ihm leicht machte, über die kleinen Verlegenheiten hinwegzukommen, welche jenem die Erinnerung an seinen unzurechnungsfähigen Zustand verursachte, gab er ihm mit wenigen Worten der Anerkennung die beiden Photographien zurück, die, wie der geneigte Leser bereits weiß, vollkommen ausgedient und ihren Zweck erfüllt hatten. Was die andere Sache anbelangt, so verfehlte der Major nicht, dem kleinen Maler die Zeilen des Kammerherrn zu übergeben, indem er ihm strenges Stillschweigen anempfahl und sich womöglich im Laufe des Nachmittags eine Antwort erbat. Herr Krimpf wandte das Schreiben nach allen Seiten, und während seine rechte Hand nach der Stirn emporzuckte, erlaubte er sich die Bemerkung, er wolle allerdings die Zeilen übergeben, doch sei eine schriftliche Antwort nicht nötig, schwerlich würde sich auch das Mädchen zu einer solchen entschließen. Der Freund des Herrn Majors könne ja ohne allen Anstand in das Haus kommen, um irgend eine Bestellung oder einen Ankauf zu machen, und alsdann sehen, ob ihm das Glück günstig sei. Hierzu sei zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags die beste Stunde. Diesen Vorschlag fand Herr von Fernow in mehreren Beziehungen passend, und indem er sagte: »So kann die Bestimmung zwischen fünf und sechs Uhr als Antwort gelten,« empfahl er dem kleinen Maler dringend, das Billet auf alle Fälle zu übergeben und entließ ihn alsdann mit einem glänzenden Geschenk, welches anzunehmen sich übrigens Herr Krimpf mit Mund und Hand, das heißt mit der rechten Hand, weigerte, während die linke es langsam in die Rocktasche schob. Dann ging er nach Hause zurück, und während er der Pfahlgasse zuschlenderte, überlegte er, ob es in der That rätlich sei, das Briefchen an seine Adresse zu befördern. »Eigentlich ist es unnötig,« sprach er bei sich selber. »Hat der Herr da drüben das Verlangen, sein Abenteuer mit Rosa zu bestehen, so mag in der That die Bemerkung, daß zwischen fünf und sechs Uhr die passendste Zeit ist, als Antwort gelten, und er kann thun, was ihm beliebt. Warum soll ich eigentlich die Kastanien aus dem Feuer holen? Weist sie den Brief zurück, so hat sie auch keine Verpflichtung, vor meinem Freund und Kollegen Böhler zu schweigen, und dann könnte ich doch mit demselben in sehr unangenehme Erörterungen geraten. Besser, wir behalten den Brief als Muster, wie vornehme Leute dergleichen Sachen schreiben.« Mit diesen löblichen Vorsätzen stieg der Herr Krimpf langsam die Treppen hinauf und kam gerade zur rechten Zeit, um an dem bescheidenen Mittagsmahl der Familie teilzunehmen. Der Photograph war nicht froh gestimmt, und selbst Frau Böhler, die sonst alles in rosenfarbener Laune anzusehen pflegte, war etwas mißvergnügt. Unangenehmes war eigentlich nicht vorgefallen; nur hatte sich der Augenblick des Glücks, als jene beiden Herren damals in dem Atelier erschienen, noch nicht als solcher bewährt, denn es waren weder Nachbestellungen noch neue Kunden gekommen und die gespensterhafte Maschine blieb fast den ganzen Tag mit ihrem Tuche verhüllt. Daß dem Herrn Krimpf sein Mittagessen ausnahmsweise gut geschmeckt habe, wollen wir gerade auch nicht behaupten. Er fühlte doch, wie schlecht er an seinem Freund und Kollegen gehandelt, und jetzt, wo die Sache eingeleitet war, konnte er sich hie und da eines lauten Herzklopfens nicht erwehren. Es war ein Glück, daß er nie jemand frei in die Augen schaute, sondern immer nur von der Seite blinzelte; denn heute wäre ihm das erstere, besonders als Heinrich Böhler freundschaftlich wie immer sein Brot mit ihm teilte, doch unmöglich gewesen. Nach dem Mittagessen begab sich der Photograph in eine Kunsthandlung, für die er mehrere Bilder angefertigt hatte, und der kleine Maler nahm eine Arbeit vor, die ihm aber heute nicht besonders von der Hand gehen wollte. Er konnte weder einen ordentlichen Strich machen, noch eine rechte Farbmischung treffen. Auch horchte er immer auf die Uhr des benachbarten Kirchturmes, und wenn es ein Viertel weiter schlug, so war es ihm gerade, als schlage der Hammer auf sein eigenes Herz. Neben dem Bewußtsein des Unrechts, das er seinem Freunde zugefügt, und ebenso dem Mädchen, das ihm nie etwas zuleide gethan, begann auch eine wilde Eifersucht in seiner Brust aufzusteigen. Herr Krimpf hatte Phantasie, und er fing an, sich die Szene, die sich ja um fünf Uhr möglicherweise ereignen konnte, mit so wilden Farben auszumalen, daß er mühsam nach Atem schnappen mußte, und daß er fühlte, wie sein Haar auf der Stirn festklebte. Hatte er doch die Stunde zwischen fünf und sechs Uhr teuflisch gut gewählt! Da war Rosa fast immer allein zu Hause, denn um diese Zeit pflegte die alte Weiher ihre Nachbarinnen zu besuchen. – Teufel? warum raste heute die Zeit so außergewöhnlich schnell dahin! – Kaum war zwei Uhr vorüber und schon schlug es drei! Ja, im Uhrwerk muß das Räderleben ebenso heftig pulsieren, wie das Herz des kleinen Malers schlug. – Schon vier, dann halb fünf, und da er angestrengt in den unteren Stock hinablauschte, hörte er jetzt, wie die alte Frau Weiher ausging, um ihre Besuche in der Nachbarschaft zu machen. – Ah! es war entsetzlich heiß im vierten Stock! Auf der Treppe mußte es gewiß ein wenig kühler sein. Rosa saß in ihrem Zimmer und war still und fleißig mit ihrer Stroharbeit beschäftigt. Wenn das Band, welches sie flocht, hätte reden können, so würde die spätere Besitzerin desselben von allerlei seltsamen Gedanken, die aus ihm heraustönten, überrascht worden sein; denn während Rosa die feinen Strohhalme kunstreich durcheinanderschob und befestigte, dachte und träumte sie unablässig, bald leise, bald laut, letzteres aber meistens in solchen Augenblicken, wenn sie die Hände mit der Arbeit in den Schoß sinken ließ, das liebe, frische Gesichtchen emporhob und mit den guten klaren Augen an das Stückchen Himmel emporblickte, das, von einem melancholischen Dachladen und von einem finsteren Schornstein eingerahmt, gerade dadurch recht heiter und blau herniederblickte. Es war eigentümlich, daß, wenn sie die Augen niedersinken ließ, sie fast ängstlich vermied, nach dem gegenüberliegenden Fenster zu blicken, und dann doch wieder verstohlen hinübersah. Auch fühlte sie ihr Herz heftiger schlagen, wenn sie dort zuweilen eine bekannte Gestalt gewahr wurde, die sich heute nachmittag häufiger als sonst sehen ließ und auf eine fast komische Art einen Blumenstrauß handhabte. Nicht um eine Million wäre sie ans Fenster gegangen. Sie hatte letzteres anfangs ganz unbewußt und unschuldig gethan; es war ihr wie eine kindische Spielerei vorgekommen, der sie in ihrer Phantasie gar keine Folge gegeben; und so wäre es auch geblieben, wenn der Photograph sie bei der neulichen Unterredung nicht aufmerksam gemacht und sie dadurch zu ihrem eigenen tiefen Erschrecken über eine Spielerei aufgeklärt hätte, die sie in der That nicht für der Rede wert gehalten und die doch nicht so ganz unschuldig war, wie sie anfänglich selbst geglaubt. Ja, sie war häufiger ans Fenster getreten, als sie früher gethan und als gerade notwendig gewesen. Sie hatte anfänglich aus Neugierde hinübergeblickt, wenn er hergeschaut, und als er drüben auffallende Zeichen machte, da hatte sie zuerst noch einmal sehen wollen, ob ihr diese Zeichen wirklich galten, und darum fuhr sie mit der Hand über ihr dunkles Haar, als jener den Blumenstrauß vor seine Lippen brachte. Doch war sie über ihr eigenes Thun erschrocken, und daß sie eine derartige Zeichensprache so bald ohne Lehrmeister gelernt. Verstand sie doch vollkommen, wenn er drüben gestern das Zeichen des Schreibens gemacht, denn es war klar, daß er damit anzeigen wollte, er werde sich in den nächsten Tagen erlauben, einige Zeilen an sie zu richten. Was er aber heute nachmittag damit sagen wollte, daß er seinen Blumenstrauß in verschiedenen Pausen fünfmal an die Lippen gebracht, das wußte sie nicht. – War es ihr doch auch gleichgültig, denn mehr noch als die vorwurfsvollen Worte Heinrich Böhlers hatten sie ein paar Worte ihrer Mutter zurückgeschreckt, als diese noch heute morgen von einem unverhofften Glücke sprach, das oft einem armen und schönen Mädchen widerfahren könne, und sie hierauf sehr weitschweifig von Rosas Freundin, der Emma Schwertel erzählte, die nun doch ihren Lieutenant heiraten werde, welcher noch obendrein Baron sei. »Ja,« hatte sie hinzugesetzt, »der Herr Kammerherr Baron von Wenden ist sehr reich und so unabhängig, daß er nach keinem Menschen etwas zu fragen hat.« Rosa überlief es bei diesen Worten unheimlich, denn sie liebte ihren Verlobten innig, sie würde ihn in der That nicht verlassen haben, und wenn zehn Barone, zehn Wenden gekommen wären. Selbst daß sie lange warten mußte, bis er sich ein ordentliches Einkommen gesichert, selbst das hatte ihre Liebe stark gemacht, denn sie wußte, welche Mühe er sich gab, und welch Unglück ihn jedesmal betroffen, wenn er am Ziele seiner Wünsche zu sein schien. – Das konnte aber nicht immer so fortgehen; auch sie hoffte auf einen endlichen Augenblick des Glücks. Da klopfte es leise an die Stubenthür, und da das nichts Außergewöhnliches war, so rief Rosa ein herzhaftes »Herein!« Wie ward ihr aber zu Mut, als sich nun die Thür öffnete und ihr Gegenüber, mit dem sie sich soeben beschäftigt, Herr von Wenden, in das Zimmer trat. Es war ihr, als sähe sie ein Gespenst, denn wenn sie auch thöricht genug gewesen war, aus einer Entfernung von guten hundert Schuhen nach ihm, der jetzt vor ihr stand, hinüberzulächeln, so war es ihr doch immer zu Mut gewesen, als sei das da drüben nur eine Phantasie, nur ein Bild, eine Art von Puppe, ein Automat, der wohl einen Blumenstrauß hin und her bewegen könne, aber der weder die Macht noch die Lust habe, in ihre Nähe zu kommen. Die Gasse, welche ihr Haus von dem seinigen trennte, war ihr immer als ein Abgrund erschienen, der nicht zu überschreiten sei, über den weder Weg noch Steg führe. Unter dem Schutze dieses Abgrunds war sie ans Fenster getreten, unter seinem Schutze hatte sie gelächelt, wenn der drüben gar zu possierliche Bewegungen machte. Und das Wesen stand jetzt vor ihr auf zwei Schuh Entfernung, sehr körperhaft, zierlich gekleidet, freundlich lächelnd und dem armen Mädchen einen solchen Schreck einjagend, daß sie unwillkürlich mit beiden Händen an ihr Herz fuhr. »Es überrascht Sie, mein schönes Fräulein,« sagte der Kammerherr von Wenden, »daß ich so außerordentlich pünktlich bin. Es hat draußen eben erst fünf geschlagen, und schon stehe ich vor Ihnen, glücklich, entzückt, daß die schöne Rosa mir gestattet, sie auf ein paar kleine süße Augenblicke zu besuchen.« Wenn er auch für sie verständlicher gesprochen hätte, so würde ihm das junge Mädchen doch im ersten Momente keine rechte Antwort haben geben können, denn sie zitterte heftig, was ihr nie geschehen war, und konnte nichts thun, als einen Schritt zurücktreten, da der andere zwei auf sie zu machte. »Das ist eine allerliebste kleine Wohnung,« fuhr dieser fort, der es für notwendig hielt, vertraulich und herablassend zu sprechen; »scharmant, und da steht Ihr Arbeitstisch mit den wirklich wunderbaren Arbeiten, die Sie hervorbringen, – reizende kleine Arbeiten. Und das alles machen Ihre kleinen niedlichen Hände? In der That niedliche Hände. Erlauben Sie –« Bei diesen Worten nahm er ihre Rechte und wollte sie an seine Lippen führen. Doch blieb dieser Versuch unausgeführt. Rosa entzog ihm hastig ihre Hand und hatte jetzt so viel Fassung gewonnen, um fragen zu können, was ihr eigentlich die Ehre seines Besuches verschaffe. Herr von Wenden stutzte fast bei dieser Frage, doch nahm er sie für verzeihliche mädchenhafte Schüchternheit, und da er die kleine Hand im nächsten Augenblick nicht wieder ergreifen konnte, so ging er durch das Zimmer nach dem Fenster, um, wie er sagte, mit außerordentlicher Befriedigung nach seiner Wohnung und nach dem Fenster hinüberzublicken, an welchem er schon so glücklich gewesen. Des jungen Mädchens hatte sich eine unerklärliche Angst bemächtigt; sie warf ihre Arbeit auf den Tisch und eilte zur Thür, um nach ihrer Mutter zu sehen, oder um droben bei der Frau Böhler Schutz und Hilfe zu suchen. Doch lächelte sie selbst im nächsten Augenblick über ihre thörichte Furcht und trat ruhig an den Tisch zurück, um zu erwarten, was ihr seltsamer Besuch beginnen werde. Herr von Wenden schien die Aussicht von hier nach seiner Wohnung vortrefflich gefunden zu haben. Nur mochte er vielleicht bedauern, sich nicht selbst dort erblicken zu können, und um diesem Mangel einigermaßen abzuhelfen, warf er einen Blick in den an der Wand hängenden Spiegel und war von dem, was er dort sah, nicht unbefriedigt. Wenn wir sagen wollen, der Kammerherr habe sich bei diesem ersten Besuche vollkommen sicher und behaglich gefühlt, so würden wir die Unwahrheit reden. Im Gegenteil, als er sah, wie sich Rosa so schüchtern hinter ihren Tisch zurückzog und ihm so gut wie gar keine Antwort gab, fühlte er in sich alle Symptome der Verlegenheit. Er hustete häufiger als notwendig war, er brauchte die Worte: köstlich! scharmant! superb! ohne allen Zusammenhang und zupfte ungebührlich oft an seiner Halsbinde. Diese unbehagliche Stimmung wurde nicht vermindert, als er sah, wie der flammende Blick des jungen Mädchens allen seinen Bewegungen folgte, wie sie die Lippen fest aufeinander preßte, die Hand auf den Tisch stützte, und, aus ihrer schüchternen Haltung wie erwachend, den Kopf mit einem trotzigen Ausdrucke erhob. Er näherte sich dem Tische und bat um Erlaubnis, einen Augenblick sitzen, an ihrer Seite sitzen zu dürfen, nahm darauf einen Stuhl und ließ sich nieder. Rosa hatte sich soweit gefaßt, um ihm in ruhigem Tone bemerken zu können, daß es sie außerordentlich wundere, ihn hier in ihrer Wohnung zu sehen, ohne zu wissen, womit sie ihm dienen könne. Diese wiederholte Frage klang dem Kammerherrn fast komisch. Ohne aber vorderhand des Briefes zu erwähnen, den er geschrieben, und der Erlaubnis, die sie ihm gegeben, hielt er es für passend, ihr in gutgewählten Ausdrücken die Augenblicke vorüberzuführen, wo er sie am Fenster gesehen, wo er von ihrem Anblick bezaubert worden sei, und wo es ihn so hoch beglückt habe, als er aus einigen leisen Zeichen zu erkennen geglaubt, daß auch sie sich hier und da nicht ohne Absicht gezeigt. Rosa erschrak aufs neue, als er bemerkte, daß er jede ihrer Mienen beobachtet und jede oft unwillkürliche Bewegung zu seinen Gunsten ausgelegt. Sie fühlte, wie unrecht sie gethan, sich überhaupt am Fenster zu zeigen, aber da sie sich nichts Böses bewußt war, so blickte sie ihm fest in das Auge und begnügte sich, statt aller Antwort, bedeutsam mit dem Kopfe zu schütteln. »Gewiß, schöne Rosa,« fuhr Herr von Wenden wärmer fort, »ich fürchtete schon, der mächtige Eindruck, den Sie auf mein Herz hervorgebracht, würde mich zum unglücklichsten aller Menschen machen. Denn ehrlich gestanden, die Liebe, welche ich für Sie fühle, ist nicht gewöhnlicher Art. Ja, es ist eine Leidenschaft, die ich nicht im stande bin, niederzukämpfen, und die mich elend gemacht haben würde, ohne Ihr entzückendes liebevolles Entgegenkommen.« »Durch mein Entgegenkommen?« fragte das Mädchen, indem sie einen Schritt zurücktrat. »Wenn Sie das für ein freundliches Entgegenkommen halten, daß ich mich von der Arbeit ermüdet zuweilen am Fenster sehen ließ, auch vielleicht nicht immer mit finstern Mienen, so muß ich Ihnen sagen, daß mich diese Ihre Ansicht erschreckt, und daß ich in der That nicht begreifen kann, wie Sie es darauf hin wagen können, mir die Worte zu sagen, welche ich eben gehört.« »Dies Terrain will Schritt für Schritt erobert sein,« dachte Herr von Wenden. »Die schöne Festung zeigt trotzig ihr Flagge, um dem Feind nicht zu verraten, wie unter der Besatzung bereits Meuterei ausgebrochen ist. Thun wir ihr den Gefallen, plänkeln wir ein wenig vorwärts, und dann mit einem tüchtigen Sturm das Hauptwerk genommen. – Warum, schöne Rosa,« fuhr er laut fort, »wollen Sie die Freundlichkeit leugnen, die Sie für mich gehabt, wollen das kein Entgegenkommen nennen, was mich so außerordentlich entzückt, was mein Herz in lichte Flammen gesetzt?« Er hatte bei diesen Worten mit seinem Stuhle so geschickt manövriert, daß er an Rosas Seite gekommen war, und ihr zugleich den Ausweg versperrt, da sie hinter sich die Wand, rechts einen Schrank und vor sich den Tisch hatte.- »Als ich Sie zum erstenmal sah,« sprach der verliebte Kammerherr mit süßem Lächeln und schmachtendem Blicke weiter, »da war ich betroffen von Ihrer wunderbaren Schönheit, aber dadurch fühlte ich mich auch hoffnungslos. Auf Ehre, schöne Rosa, ganz hoffnungslos! Und bei diesem an sich trostlosen Gefühle kann ich Sie versichern, daß mich der erste Blick Ihrer süßen Augen, das erste freundliche Lächeln traf, wie der erquickende Tau eine – nun ja, wie der erquickende Tau eine – halbverwelkte Blume. Sie blühte wieder auf in heißer Liebe. Und das ist Ihr Werk, schöne Rosa!« Herr von Wenden hatte gesprochen mit sanftem Augenaufschlag, schmachtend und lispelnd, wie ein vollendeter Geck. Als er sah, wie das Mädchen bei seinen Worten die linke Hand zusammenballte und auf ihr Herz drückte, da machte er es gerade so, ohne zu denken, daß ganz andere Gefühle ihre Seele regierten. Ja, sie hatte für den Mann drüben, solange der vermeintliche tiefe Abgrund sie trennte, ein an sich unschuldiges Interesse genommen. O Gott ja, sie hatte hinübergeblickt, sie hatte lächelnd am Fenster gestanden, und sie hatte wie manches junge Mädchen in gleichem Falle nicht daran gedacht, daß man dem bösen Geist keinen Zoll breit Raum geben soll, um Fuß darauf zu fassen, daß wer heute den kleinen Finger bietet, morgen in den Fall kommen kann, die ganze Hand geben zu müssen. Und nach dieser ganzen Hand angelte Herr von Wenden seit einigen Augenblicken mit großer Ausdauer. Wenn sich auch ihr Gefühl dagegen empörte, als sie die Berührung seiner kalten Finger auf ihrem lebenswarmen Arme fühlte, so konnte sie doch keinen Schritt zurück, und sie wußte nicht, sollte sie einen lauten Aufschrei thun, oder sollte sie, den Angreifer beiseite schleudernd, sich gewaltsam Bahn neben dem Tische vorbei machen. Das überlegte sie in der ersten Sekunde; in der zweiten aber dachte sie an das Haus, in dem sie sich befand, wo jedes laute Wort rechts, links, oben und unten gehört wurde, und als sie daran dachte, hielt sie es für ratsam, sich noch nicht zum Äußersten zu entschließen. Ja, sie lächelte sogar, aber es war ein kaltes, trauriges Lächeln, und während sie lächelte, biß sie die Zähne aufeinander. »Jetzt bitte ich aber – Herr Baron,« sagte das junge Mädchen, während sie immer zwischen ein paar Worten den Arm an sich zog, »jetzt bitte ich aber – diese Unterredung – zu enden. – Gewiß, Herr Baron! – Was Sie mein – Entgegenkommen nennen, darin haben Sie sich vollkommen geirrt. – Wenn ich zuweilen – am Fenster war, so geschah das – wie ich schon bemerkte – ganz ohne alle Absicht. – Und wenn ich – Ihnen sage, – daß es ohne Absicht geschah,« setzte sie finster hinzu, »so wäre es besser, – Sie würden mir glauben.« »Und der Brief?« lachte Herr von Wenden. Und während er bei diesen Worten leicht an ihrem vollen Arm herunter fuhr, blitzten seine Augen auf eine seltsame Art. »Ich weiß nichts von einem Brief,« sprach fest und bestimmt das Mädchen. »O, wie kann man so leugnen!« fuhr der Kammerherr im freundlichsten Tone fort. »Der Brief, den Sie erhalten, und die Erlaubnis, Sie zu besuchen, die Sie mir darauf gaben!« »Das ist nicht wahr!« rief Rosa entrüstet. »Das ist eine Lüge, eine Schändlichkeit! Ich weiß weder von einem Briefe, noch viel weniger von einer Antwort. – O mein Gott, womit habe ich das verdient! – Durch nichts, durch gar nichts!« rief sie heftiger, »und ich will, daß man mich in Ruhe läßt.« Sie machte bei diesen Worten eine gewaltsame Bewegung, ihre Hand zu befreien; da aber der Kammerherr, dies vorhersehend, auf seiner Hut war und sie fester hielt, so brachte ihre Bewegung die entgegengesetzte Wirkung hervor. Statt sich und Ihre Hand zu befreien, verlor sie für eine Sekunde das Gleichgewicht, wodurch es dem Kammerherrn gelang, seinen anderen Arm um ihre Taille zu legen und sie für einen Augenblick an sich zu drücken. Freilich nur für den ersten Augenblick, denn im anderen schnellte sie empor wie eine Stahlfeder, wie ein Aal im Wasser, und während sie dabei zwischen den verächtlich aufgeworfenen Lippen ihre weißen Zähne sehen ließ, blitzte aus ihren Augen ein unheimliches Feuer. Ein anderer als der Kammerherr von Wenden wäre vielleicht auch so weit gegangen und hätte dann angesichts dieser Symptome an einen verständigen Rückzug gedacht, bei sich überlegend, daß kein Baum auf den ersten Hieb fällt und daß Rom nicht in einem Tage erbaut worden ist. Wie gesagt, ein anderer hätte sich, nachdem er gefunden, wie stark die Festung sei, aus der Angriffslinie zurückgezogen, um mit Geduld und Ausdauer eine neue Parallele gegen den Feind zu eröffnen. Ein anderer. Aber daß Herr von Wenden kein anderer als er selbst war, das wußte sein Freund, der Major, ganz genau und hatte darauf seinen Plan gebaut. Der Kammerherr atmete mühsam, als das junge kräftige Mädchen von ihm wegschnellte und sich dabei zwischen dem Stuhl und dem Tische gewaltsam einen Durchgang bahnte. Seine Blicke brannten fast fieberhaft, und wenn er auch lächelte, so war dies Lächeln doch ein sehr künstliches und gemachtes. Mit einer recht faden Bewegung schwang er sich von seinem Sitz in die Höhe und tänzelte dem Mädchen durch das Zimmer nach, das anfänglich vor ihm floh, dann aber mit einem Male mitten in der Stube stehen blieb, die rechte Hand in ihre Seite setzte, den Kopf mit einer gewaltsamen Bewegung in die Höhe warf und eine der Stellungen einnahm, die, edel, imponierend und schön, das Entzücken jedes Malers und Bildhauers gewesen wäre. Herr von Wenden schwebte auf sie zu, täppisch wie eine dicke, verliebte Fliege, prallte aber fast zurück vor dem starren und seltsamen Blick des Mädchens. »Nein, nein,« rief er aber gleich darauf, wie um sich selbst Mut zu machen, »nein, nein, schöne Nachbarin, so entkommst du mir nicht. Es gibt Augenblicke des Glückes, und wer die nicht erfaßt, ist ein Thor.« Als er das sagte und von neuem das ruhig dastehende Mädchen mit den Händen berührte, verwandelte sich das trotzige Aussehen ihres Gesichts in eine tiefe Wehmut. Sie biß heftig auf ihre Lippen, in diesem Augenblick nicht um ein zorniges Gefühl, sondern nur um die Thränen zu unterdrücken, welche trotz der gewaltsamen Anstrengungen, die sie machte, in ihre Augen stiegen und dort glänzten und zitterten. »Was wollen Sie von mir?« fragte sie mit einer tief schmerzlichen Stimme. »Was wollen Sie von einem armen Mädchen, das es bereut – o, mein Gott, wie bereut! – wenn es Ihnen Veranlassung zu dem Glauben gab, es nehme das geringste Interesse an Ihnen? Was wollen Sie hier in dieser armen Wohnung, die kein Aufenthalt für Sie ist, wo Sie kein Glück finden können und wohin Sie nur Unglück zu bringen vermögen?« »O, ich weiß schon ein Glück, welches ich hier zu finden hoffe!« unterbrach sie rasch Herr von Wenden, indem er zudringlich wurde. »Ein Glück, schöne Rosa, das auch Ihnen nicht wie ein Unglück vorkommen soll.« Indem er das sagte, trachtete er danach, seinen Arm abermals um ihren Leib zu legen, sie an sich zu ziehen, während seine Lippen sich ihrem Gesichte näherten. Doch war es nur ein Augenblick, daß er also trachtete, und kein Augenblick des Glücks. Denn das junge Mädchen, welches eine Sekunde mit entsetzt aufgerissenen Augen um sich schaute, stieß ihn gleich darauf so heftig von sich, daß er mit einem außerordentlich überraschten Gesicht zurücktaumelte, wobei er sich nicht enthalten konnte, auszurufen: »Aber, mein Fräulein, was soll denn das bedeuten?« »Das soll bedeuten, Herr Baron von Wenden,« antwortete plötzlich die Stimme eines Mannes hinter seinem Rücken, »daß es für einen so gescheiten Mann sehr unklug ist, sich Unarten gegen ein armes wehrloses Mädchen zu erlauben, sie in ihrem Zimmer zu überraschen, wenn man zufällig erfahren, daß ihre Mutter ausgegangen ist.« Nachdem Rosa soeben mit dem plötzlichen Auflodern eines wilden, ihr selbst unbegreiflichen Zornes den Kammerherrn von sich gestoßen, hatte sie beide Hände vor ihre Augen gedrückt, und es war ihr gerade, als wanke sie hin und her und müsse im nächsten Augenblicke zusammenstürzen. Da traf auch sie die Stimme, die wir soeben vernommen, und schlug tröstend und rettend an ihr Herz. Sie streckte ihre Hände leidenschaftlich von sich ab, und indem sie sich an die Brust des unvermutet Eingetretenen warf, rief sie aus: »O, Heinrich, schütze mich, rette mich!« »Beides will ich, meine liebe, liebe Rosa,« sprach sanft Herr Böhler, und während er sie mit dem rechten Arm umschlang, wandte er sich mit einer Bewegung der linken Hand gegen Herrn von Wenden, indem er sagte: »Sie sehen, Herr Baron, daß für Sie hier weiter nichts zu suchen ist.« Der Kammerherr machte ein äußerst seltsames Gesicht. Es hatte in erhöhter Potenz denselben Ausdruck, wie wenn man in frühester Jugend aufs allerunvermutetste bei einem sehr schlimmen Streich überrascht wird. Es war das Gefühl eines ertappten Schulbubens, das ihn überschlich, und das auf seinem Gesichte sich zeigte in ziemlich verwirrten Blicken, in einer langen Nase und einer albern herabhängenden Unterlippe. Herr von Wenden sah in diesem Augenblicke weder schön noch liebenswürdig aus. Rosa, die schüchtern nach ihm hinschaute, drückte darauf ihr Gesicht fast schaudernd wieder an die Brust des Photographen und war gründlich und auf immer geheilt von allen Fensterbeobachtungen und von allen Versuchen des Telegraphierens, die so unschuldig aussehen und doch so gefährlich werden können. Herr von Wenden verschwand, »und schnell war seine Spur verloren.« Wir wollen nicht behaupten, daß sich Rosa, als sie mit Herrn Böhler allein war, nicht ein klein wenig geschämt hätte; sie mochte ihren Kopf nicht aufheben, und der Photograph brauchte bedeutende Anstrengungen, ehe er so weit kam, in ihre Augen blicken zu können. Warum brauchte er aber auch das Geschäft des Kopfaufrichtens schwerer zu machen, als gerade notwendig war! Warum brauchte er sie auf die Stirn zu küssen, als sich diese langsam erhob! Warum später auf die geschlossenen Augen und dann auf die leicht zuckenden Lippen – warum? Wir sind eigentlich nicht im stande, hierüber eine genügende Antwort zugeben, und können dem verehrlichen Leser nur bemerken, daß er es vielleicht gerade so gemacht haben würde in einem ähnlichen Augenblick des Glücks. Herr Krimpf hatte von dem Moment an, wo er auf die Treppe gegangen war, um kühlere Luft zu atmen, die Qualen eines Verdammten durchgemacht; er hatte gesehen, wie der Herr von drüben leise die Treppe heraufschlich, er hörte ihn anklopfen, er hörte Rosa »Herein!« rufen, und als sich die Thür hinter dem Besuch geschlossen, hoffte er angsterfüllt mit klopfendem Herzen auf einen lauten Aufschrei des Mädchens und dann auf das plötzliche Wiedererscheinen des unwillkommenen Besuches draußen vor der Thür. Aber der Baron erschien nicht so bald wieder. Da hatten seine Hände bald das Geländer krampfhaft erfaßt, bald hatten sie wild nach seinem Kopfe, nach seinen Haaren gezuckt, da hatte er gefühlt, wie es hier außen auf der Treppe unendlich viel heißer sei als drinnen im Zimmer, denn der Schweiß rann ihm von der Stirn herab. Auch klappten seine Zähne zusammen, und wenn er zu lachen versuchte, so klang das gerade, als wenn ein anderer Mensch mit den Zähnen knirscht. Herr Krimpf verwünschte sich selber, weil er die Hand zu dem geboten, was geschehen; ja er verwünschte sich und schlug sich jetzt heftig vor die Stirn, um gleich darauf wieder angstvoll in das Haus hinabzulauschen. Dabei wäre es fast possierlich anzusehen gewesen, wie er jetzt langsam Stufe um Stufe die Treppe hinabschlich, um vielleicht an der Zimmerthür lauschen zu können, und wie er gleich darauf, tief unten im Hause ein Geräusch vernehmend, angstvoll wie ein gejagter Affe und mit der Behendigkeit dieses Tieres aufwärts floh. Da vernahm er bekannte Tritte, da sah er Herrn Böhler die Treppe heraufsteigen und vor dem Zimmer Rosas stehen bleiben; da bemerkte er, wie derselbe sich lauschend niederbeugte, was er sonst nie gethan, da sah er ihn die Thür leise öffnen und eintreten. Und als er das sah, biß er sich heftig in den Daumen seiner rechten Hand und murmelte mit gepreßter Stimme: »Die Würfel sind gefallen: ist das für mich ein Augenblick des Glücks oder ein Augenblick des Unglücks?« Ehe wir dieses Kapitel schließen, müssen wir noch eine kleine Weile in das Zimmer der Frau Witwe Weiher zurückkehren, wo Rosa noch immer vor dem Photographen stand, ihre beiden Hände auf seine Schultern gelegt hatte und ihm mit herzlicher Liebe in die Augen blickend sagte: »O wie danke ich Gott, daß du gekommen bist, Heinrich!« »Und ich bin glücklich, daß ich gelauscht habe,« antwortete Herr Böhler. »Ja, ich muß dir gestehen, daß ich gelauscht habe, meine gute Rosa, daß ich zu unserem beiderseitigen Glücke gelauscht habe. Und nun ist alles gut, und ich will nicht mehr kindisch sein und mich ärgern, wenn du auch des Tages hundertmal dort am Fenster stehst.« »Und es soll dir leicht werden, dich nicht zu ärgern,« versetzte sie mit leichtem Erröten, »denn du wirst mich so bald nicht mehr am Fenster stehen sehen.« »Rosa, liebst du mich wirklich noch ebenso sehr wie damals, als wir den kleinen Leuchtkäfer fanden?« »O mehr, weit mehr, mein guter, guter Heinrich!« Welcher Augenblick des Glücks! Siebzehntes Kapitel. Augenblicke des Glücks. Wenn bei Hofe eine wohlgeordnete, ruhig vorbereitete Festlichkeit stattfindet, – wir verstehen darunter irgend ein herkömmliches Diner oder einen Ball, wie er im Winter zwei bis dreimal vorkommt, oder eine Galavorstellung im Theater, letztere meistens dadurch sehr merkwürdig, daß die Festoper, welche mit großer Mühe und noch größeren Kosten zu irgend einem wichtigen Tage einstudiert wurde, nicht gegeben werden kann, da Frau Kalbskopp-Broschni-Bracellettacco ausnahmsweise heiser geworden ist – kurz, wenn bei Hofe etwas Großes vorfällt, zu dem man im stande war, mit aller Gemächlichkeit seine Vorbereitungen zu treffen, wo man weiß, neben wem man bei der Tafel placiert wird, wer uns in der Festoper gegenübersitzt, welche Robe und wie viele falsche Brillanten unsere gute Freundin, die Baronin N•, tragen wird, – an einem solchen Tage gleicht das Schloß in der Residenz einem Bienenstock bei schönem, warmem Sommerwetter, wo alles in geordnetem Fluge zugeht, wo keine übermäßige Eile stattfindet, wo ein gefüllter Wagen nach dem anderen kommt, um nach wenigen Augenblicken leer wieder abzuziehen; gerade wie bei den Bienen, nur daß hier der Inhalt der Wagen, der im Schlosse zurückbleibt, sich nicht immer als süßer Honig darstellt, sondern oft viel mehr Ähnlichkeit mit Gift und Galle hat. Dieses ordnungsmäßige Ab- und Zuschwärmen der Equipagen hat an solchen Tagen etwas Nervenberuhigendes, etwas Gemütliches, denn eine ähnliche Stimmung drückt sich im gesammelten Trabe der Pferde aus, ja, wir möchten sagen in dem anständigen Schaukeln der Wagen, vor allem aber in der sicheren gesetzten Haltung von Kutscher und Bedienten. Der erstere, vorne auf dem Bocke, der etwas vornehm nachlässig zur Seite sitzt, hat seine Uhr im Kopfe, und da er weiß, daß er nicht eine Sekunde zu spät an dem Perron anfahren wird, so gibt dies seiner Miene etwas Bestimmtes, Ruhiges, seinem Lächeln einen sicheren, angenehmen Ausdruck. Der Lakai auf dem Trittbrette hängt an den Quasten mit einem Gesichte, worauf sich deutlich abspiegelt, daß er mit sich zufrieden ist, er folgt, sich graziös schaukelnd, jeder Bewegung des Wagens, er hat gar keine Eile, und wenn er um sich schaut und sich vielleicht in diesem Moment sein Blick um etwas weniges verfinstert, so ist das nur, weil er sieht, wie sein Kollege vom Handels- oder Kriegsministerium eine neue blitzende Tresse oder irgend eine unpassende Stickerei usurpiert hat. Die Herrschaften in der Equipage haben ganz das beruhigte, wir möchten fast sagen langweilige Aussehen ihrer Dienerschaft. Die Freuden, denen sie entgegenfahren, sind ihnen so bekannt, so gewöhnlich, und ebenso gut wie ihnen bekannt ist, daß nach der Suppe irgend ein Fisch serviert werden wird, ebenso genau wissen sie auch, welche Frage dieser oder jener an sie richten wird, und was sie wahrscheinlicherweise antworten werden. Und nicht nur die Gäste erscheinen so im Schlosse mit gemessenen ruhigen Bewegungen, schreiten langsam durch die Gänge und steigen, ohne sich zu übereilen, die Treppen hinauf, – nein, dies Gefühl des Gewöhnlichen und Alltäglichen drückt sich auch in der kalten, abgemessenen Art aus, mit welcher die Portiers salutieren, oder wie die Lakaien die Thüren öffnen, oder wie sich die dienstthuenden Kammerherren händereibend und süß lächelnd in den innersten Gemächern breit machen. Ganz anders aber gestaltet sich das Leben vor und im Schlosse, wenn ein plötzlich eingetretenes wichtiges Ereignis fast mit der Schnelligkeit des Telegraphen den obersten Hofchargen, den Würdenträgern, den Exzellenzen, den Hof- und Ehrendamen gemeldet wird und ihre schleunige unvorherzusehende Anwesenheit in der Residenz verlangt. Da paßt der Vergleich mit dem Leben und Treiben des ruhigen Bienenvolkes am klaren, warmen Sommertage nicht mehr; und wollte man doch daran festhalten, so müßte man dem hastigen, wilden Ein- und Ausschwärmen zufolge die Vermutung aufstellen, im Stocke selbst sei eine Revolution ausgebrochen, oder ein plötzlich drohendes Unwetter treibe alles in wilder Hast einher. Da fällt manch böses Wort, da drohen Püffe und Stöße, drunten im Stall, bis die Pferde angeschirrt sind, droben im Ankleidezimmer, bis die Herrschaft in würdige Verfassung gesetzt ist, um sich bei Hofe sehen zu lassen; da kann es vorkommen, daß die Livree des Kutschers schief zugeknöpft ist, wenn er sich auf den Bock schwingt, da kann es geschehen, daß die Kammerjungfer der Exzellenz zu einem meergrünen Kleide in der Eile eine blaue Schleife aufgesteckt hat. Wehe ihr! Da kann das Gräßliche passieren, daß der Lakai hinten auf dem Wagen einen Strumpf verkehrt anzieht oder sogar die Achselschnüre der neuen Galalivree vergißt. – Aber da ist keine Zeit zum Umwechseln und Ändern, der Wagen rasselt vor das Haus, Fächer und Handschuhe werden hineingeboten, oft auch ein vergessenes Ordensband oder der Degen. Man hat kaum Zeit, das gewöhnliche Gesicht für die großen Feierlichkeiten zu machen: etwas offizielle Angst mit Überraschung; man denkt dies und das, man kombiniert und möchte dem Wagen, der sehr langsam zu gehen scheint, nachhelfen. Der Kutscher auf dem Bock sitzt weder schief noch nachlässig, er hält die Zügel fest und stramm, wartet er doch nicht einmal, bis der Lakai ruft: »Nach dem Schlosse!« sondern kaum hört er, wie der Wagenschlag zufällt, als auch schon ein energischer Zungenschlag die Pferde dahinschießen läßt. Er lenkt sie finster und dabei nach allen Seiten umschauend, ob nicht eine andere herrschaftliche Equipage aus irgend einer Seitenstraße herausrasseln wird, um den thörichten Versuch zu machen, ihm den Vorrang abzulaufen. Dabei wirft er zuweilen einen Blick auf die Thurmuhr, bei der er vorüberfährt, und spart auch einen leichten Peitschenhieb nicht, um den Trab der beiden Pferde zu beschleunigen. Der Lakai hinten auf schaukelt heute nicht, leicht, bequem und graziös an den Riemen hängend; er hat sich auf die Fußspitzen erhoben, und wenn man so sieht, wie er beinahe krampfhaft den Hals vorstreckt, und über dem Dache des Coupés weg starr nach dem Schlosse blickt, wohin sich eine unzählige Menge wild gewordener Equipagen begibt, und wenn man dabei bemerkt, wie er zu gleicher Zeit mit den Armen rudert, so könnte man glauben, er wolle durch diese Bewegung den Lauf des Wagens beschleunigen. Die Rampe hinauf geht es in einem kurzen Galopp, oben aber muß man einen Augenblick halten, weil schon eine ziemliche Wagenreihe dasteht, die langweilig File macht, und Schritt für Schritt vorrückt, bis jede Equipage sich ihres kostbaren Inhalts entledigt hat. Die Wagenthüren fliegen zu, daß einem die Schlösser leid thun, nachdem die Lakaien Mäntels und Shawls so hastig von den Sitzen gerissen, daß man sich wundert, wie nur eine Spitze oder ein Samtbesatz ganz bleiben kann. Es ist aber auch keine Kleinigkeit, welche den gesamten Hofstaat so plötzlich in Alarm bringt und nach dem Schlosse sprengt. Die lang erwartete Stunde Ihrer Hoheit der Frau Herzogin ist endlich gekommen, die Ärzte haben sich um sechs Uhr in der Frühe versammelt, die obersten Hofchargen sind seit acht Uhr vollständig bei einander, sprechend und flüsternd, und machen unendlich lange Gesichter. Alle spazieren auf den Zehen paarweise im Zimmer auf und ab, den Federhut vor den Bauch gedrückt, mit hoch emporgezogenen Augenbrauen, und so oft einer der dienstthuenden Kammerherren eilfertig durch das Zimmer stolpert, – bei wichtigen Veranlassungen pflegen die Kammerherren im übermäßigen Diensteifer zu stolpern – so drücken die Exzellenzen den Federhut fester an den Leib, und es ist ihnen selbst äußerst seltsam zu Mut. Das ganze Schloß befindet sich in einer sehr erklärlichen Aufregung; der Chef der Küche macht ein äußerst wichtiges Gesicht, denn an seinem Wirken hängt in der nächsten Zeit das Wohl des Staates. Er ist ein übermäßig wohlbeleibter Mann, welche Naturgabe einem sehr vorwitzigen Küchenjungen im Zusammenhange mit dem außergewöhnlichen Leben und Treiben zu einer sehr unpassenden Bemerkung Veranlassung gab; infolge derselben brachte der Oberkoch eine tüchtige Ohrfeige zur Welt, welche dem kleinen, weiß gekleideten Spötter keinen schlechten Schmerz verursachte. Die Portiers ziehen sehr wichtig, aber geräuschlos ihre Stöcke an; alle Lakaien, selbst im entgegengesetzten Flügel von dem, welchen die Herzogin bewohnt, halten die Hand vor den Mund, wenn sie sprechen, die Kammerdiener du jour haben Mienen à deux mains, ebenso zum Lachen wie zum Weinen geneigt. Unterdessen rauscht es die Treppen hinauf in Samt und Seide, man begrüßt sich mit kurzen Worten, man eilt bei einander vorbei, um frühzeitig in den Empfangsaal zu kommen, wo sich der Hofmarschall, sowie die Obersthofmeisterin Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise befindet, um die Herren und Damen vom Hofe zu empfangen: beide steif und förmlich ernst, fast trübe, wie der Sonnabend vor Ostern, mit einer Rückerinnerung an die vergangene stille Zeit und einem Vorgefühl der lustigen heiteren Tage, die beginnen werden mit dem Klang der Glocken. Begreiflicherweise bilden sich hier oben im großen Saale die verschiedenartigsten Gruppen; alte Exzellenzen erinnern sich noch ganz genau des Tages, wo der nun schon höchstselige Herzog das Licht der Welt erblickte; es war das an einem Sonntagmorgen gewesen, es regnete unaufhörlich, bei den Freudenschüssen wollten die Kanonen nicht losgehen, und die Amme des allerhöchsten Kindes hatte die Unvorsichtigkeit begangen, dasselbe dem durchlauchtigsten Vater in schwarzen Schuhen zu präsentieren, d• h• sie, die Amme, hatte schwarze Schuhe; was den kleinen Prinzen anbelangte, so waren seine scharmanten herzoglichen Füßchen in goldgestickte Windeln eingeschlagen. – »Ach! diese Windeln!« seufzte eine bejahrte Hofdame, »ich erinnere mich ganz genau, wie meine selige Mutter an einer derselben gestickt.« »O das ist ja durchaus unmöglich,« schmeichelte die alte Exzellenz, obgleich man wohl wußte, daß die Hofdame selbst, was Zeit und Alter anbelangt, ganz gut eine der Windeln hätte sticken können. Ähnliche Windelgespräche, und was darum und daran hängt, werden von den jüngeren Hofdamen und Ehrenfräulein nur geführt, wenn sich kein männlicher Lauscher in der Nähe befand; sobald sich ein Kammerherr oder sonst etwas der Art näherte, ging das Gespräch ohne einen gehörigen Übergang aufs Wetter über, auf das Theater, oder auf sonst einen unschuldigen und geringfügigen Gegenstand. Neben diesen einzelnen Gruppen, die im ganzen Saale zerstreut waren, bemerkte ein kundiges Auge auch noch zwei streng geschiedene Hauptlager: die Partei des Regenten und die Ihrer Durchlaucht der Prinzessin. Die nächste Stunde mußte für diese beiden Parteien eine wichtige Entscheidung bringen; die eine Wagschale sank, die andere stieg hoch empor. – Die Herzogin werde sicher eine Prinzessin haben, hatten alte kundige Damen versichert, die in ähnlichen Angelegenheiten Routine hatten, um durch allerlei kleine Umstände eine solche Ansicht begründen zu können. »Ja, eine Tochter – gewiß eine Prinzessin!« hörte man vielfach im Saale flüstern, und das gab denen von der Partei der Prinzessin jedesmal einen Stich ins Herz. In dem Falle hatten sie nichts zu hoffen, alles zu verlieren, in dem Falle hörte die Regentschaft auf, und der Regent trat in die Rechte und Titel des regierenden Herzogs des Landes. Daß er alsdann Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Elise den freundlichen Rat erteilen würde, mit der verwitweten Frau Herzogin Eschenburg zu bewohnen, daran zweifelten die Anhänger des Regenten durchaus nicht; sie hofften es, während die von der Partei der Prinzessin leise flüsternd eine solche Möglichkeit als Befürchtung aussprachen. Es war für einen unparteiischen Beobachter ganz amüsant, die Haltung dieser beiden Lager zu sehen; die Siegeshoffnung der einen drückte sich durch freudige Mienen aus, durch halblautes Lachen, durch sehr exzentrische Bewegungen mit den Fächern; die andere Partei lachte nicht, sondern sie lächelte nur, doch hatte dieses Lächeln etwas Forciertes, fast Unheimliches, und wenn man draußen Schritte hörte, so wandten sich von dieser Seite des Saales mehrere Dutzend Augen sehr erwartungsvoll nach der Eingangsthür. Wir können dabei nicht verschweigen, daß einige schwache Seelen von der Partei Ihrer Durchlaucht ins andere Lager hinüberschlichen, um dort, als sei gar nichts vorgefallen, ein harmloses Gespräch anzuknüpfen; doch las solch ein Unglücklicher in den halbgeschlossenen Augen oder dem eigentümlichen Lächeln irgend einer alten Exzellenz oder in dem raschen Fächerzuklappen einer entrüsteten Hofdame das verhängnisvolle »Zu spät!«, und verstand genau, was es heißen sollte, wenn in seiner Nachbarschaft, scheinbar ohne Beziehung auf ihn, irgend jemand sagte: »Ah! c'est trop fort!« Freilich gab es unter dem Hofstaat einige Privilegierte, die entweder dem Treiben beider Parteien fern geblieben waren, oder die man bei der einen oder bei der anderen so hoch in Gunst stehend glaubte, daß niemand es wagte, so bevorzugte Personen mit einem schiefen Blicke anzusehen, sondern daß alle für diese ein angenehmes Wort, ein freundliches Lächeln hatten. Hierzu gehörte auch Major von Fernow, der, schon früh im Schlosse anwesend, mit dem Hofmarschall und der Obersthofmeisterin so zu sagen die Honneurs gemacht hatte. Während alles in gespannter Erwartung harrte, trieb er sich scheinbar zweck- und planlos zwischen den plaudernden Gruppen beider Parteien umher, doch wenn er auch hier und da eine Konversation anknüpfte, so bemerkten seine genauen Bekannten wohl, daß er zerstreut sei und für Antworten, die man ihm gab, nur ein halbes Ohr habe. Auch machte er sich viel an der Seite der Fenster, von wo er den Schloßplatz übersehen konnte, zu schaffen und blickte zuweilen mit gespannter Aufmerksamkeit dort hinab. Endlich schien das zu kommen, was er erwartete. Es fuhr ein Wagen die Rampe hinauf und hielt unter dem Hauptportal. Herr von Fernow dirigierte sich gegen die Eingangsthür des Saales, und als hier gleich darauf Baron von Wenden eintrat, faßte der Major dessen Arm und ging so langsam als möglich, um kein Aufsehen zu erregen, zwischen den Umherstehenden durch bis nach einer der Fensternischen, wo er den Freund in die hinterste Ecke zog und ungeduldig sagte: »Nun, was bringst du? Du bist lange genug ausgeblieben.« »Möglich, daß es dir lange vorgekommen ist,« versetzte der Kammerherr, »für mich war es auch kein kurzweiliges Geschäft, aber ich habe gethan, was eine menschliche Zunge und acht Pferdebeine zu thun im stande sind. Puh!« damit blies er wie echauffiert von sich und fächelte mit seinem Uniformshute sich einige Kühlung zu. »Du hast ihn also nicht getroffen?« »O ja, ich traf ihn, aber erst nach mehrmaligem Hin- und Herfahren. Zu Hause hieß es, er sei vor einer Viertelstunde weggefahren, nach Warrens Hotel, wo Graf Hochberg wohnte. Ich eilte dorthin, was die Pferde laufen konnten. Vor dem Hause stand der Reisewagen des Grafen, die Bedienten packten emsig auf, antworteten mir aber auf meine Frage, beide Herren, der Graf, sowie Seine Exzellenz seien vor einer Viertelstunde nach des letzteren Wohnung zurückgefahren. – Wer weiß, wo sie sich unterwegs aufgehalten. Nun gut, ich fahre dorthin zurück. – Niemand da, versichert mich der Kammerdiener des Barons, wobei er die Achseln bis an die Ohren emporzieht. Du kennst nun mein unverwüstliches Phlegma bei solchen Angelegenheiten. Ich sage also dem Kammerdiener: Gut wenn niemand da ist, so werde ich mir erlauben, zu warten, bis jemand kommt. Man führt mich in den Salon, und ich setze mich in einen Fauteuil und stelle Betrachtungen an über die Vergänglichkeit alles Irdischen.« »Gewiß sehr schöne Betrachtungen!« entgegnete der Major ungeduldig, »die du mir später hoffentlich nicht vorenthalten wirst. Aber später, später!« »Wenn wir wieder zusammen Dienst im Vorzimmer haben,« lachte der Kammerherr. »O du Narr des Glücks! – Da sitz' ich also eine Weile, und um zu zeigen, daß ich durchaus keine Eile habe, richte ich mich so häuslich wie möglich ein; ich nehme eine Zeitung und fange sorgfältig bei den telegraphischen Depeschen an.« »Weiter! weiter!« »Den Teufel auch! Treib mich nicht so! Was ich dir hier nur in der Kürze erzähle, hat mich wahrhaftig viel länger aufgehalten.« »Das glaube ich dir gern,« erwiderte der Major, unmutig den Kopf schüttelnd, »und ich will dir heute abend still halten, sechs Stunden meinetwegen. Aber bedenke doch, daß ich wissen muß, woran ich bin, und daß wir jeden Augenblick unterbrochen werden können.« »Bah! Sind wir wirklich schon so nahe dabei?« »Da schau hinüber an den alten Schloßflügel,« antwortete Herr von Fernow. »Siehst du dort am offenen Fenster den Grafen Schuler, bemerkst du wohl, wie der Hofchirurg jeden Augenblick rapportiert? Ich glaube wahrhaftig, er schickt sich an, ein Zeichen zu geben.« »Nun, und was für ein Zeichen?« »Das hängt von der nächsten Viertelstunde ab. Haben wir eine Prinzessin, so schwingt er ein weißes Tuch, haben wir einen Prinzen, ein rotes. Hinter dem Schloßplatz erheben sich sodann augenblicklich Raketen, und ein paar Sekunden darauf verkünden die Batterien vor dem Thore der Residenz diesen Augenblick des Glücks. – Also bitt' ich dich – beeile deinen Bericht.« »Meinetwegen. Nachdem ich also eine gute Weile gewartet und – Notabene! – keinen Wagen anfahren gehört, meldet der Kammerdiener, Seine Exzellenz seien zurück. Seine Exzellenz erschienen auch gleich darauf im Salon, sahen aber sehr ermüdet und abgespannt aus.« »Nun?« fragte eifrig der Major. »Und warum hat er gestern nicht zu mir geschickt, wie er versprochen?« »Er hätte geschickt,« entgegnete der Kammerherr mit einem höhnischen Lächeln, »du seiest nicht zu finden gewesen.« »Eine infame Lüge!« rief so heftig der Major, daß sich ein paar nahestehende Hofdamen erstaunt umwandten und Herr von Wenden seinem Freunde ein Zeichen des Schweigens machte. »Das muß mich empören,« fuhr dieser fort. »Ich war bis nach vier Uhr zu Haus und habe darauf schriftlich hinterlassen, wo ich bis zu meiner Zurückkunft zu finden sei. – Doch was ereifere ich mich! Und warum war er nicht zu finden, als ich ihm nach zwei Uhr Botschaft schickte?« »Da du gefehlt habest,« antwortete der Kammerherr achselzuckend, »so habe auch er sich nicht für verpflichtet gehalten, zu Hause zu bleiben.« »Gut, gut! Und dann sprachst du?« »Wie Cicero,« entgegnete der Kammerherr mit entschiedenem Tone und erhobenem Kopfe. »Eigentlich nicht wie Cicero, sondern ich faßte mich sehr kurz und richtete ihm in gedrängten Worten meine Botschaft aus.« »Und er nahm alles an?« »Alles.« »Heute abend?« »Um fünf Uhr hinter dem Park.« »Gott sei Dank,« erwiderte rasch der Major, »so werden wir diese Angelegenheit abmachen. Wenn es dir recht ist, speisen wir um drei Uhr, und bis dahin hast du vollkommen Zeit, alles vorzubereiten.« »Versteht sich von selbst,« sagte Herr von Wenden, »nur könnte der Fall eintreten, daß mich der Regent zu irgend etwas befiehlt. Du weißt,« setzte er wichtig thuend hinzu, »meine Ungnade scheint vorüber, die Sonne leuchtet mir wieder. – Aber ich bin vergeßlich,« unterbrach er sich selbst in rascherem Tone. »Nachdem ich deine Angelegenheit mit dem Baron Rigoll besorgt, übergab er mir dies Schreiben an den Regenten. Du weißt, ich habe ein immens richtiges Vorgefühl. Das Schreiben enthält Wichtiges. Auch bat mich Seine Exzellenz um alter Freundschaft willen, es Seiner Hoheit sobald als möglich zu übergeben.« »Das ist eigentümlich. Und sahst du den Grafen Hohenberg?« Der Kammerherr schüttelte mit dem Kopfe. Dann sagte er: »Er war vermutlich im Nebenzimmer, ließ sich aber nicht sehen.« »Und Baron Rigoll sprach nichts von der verfehlten Angelegenheit?« »Nur ein paar Worte. Er bemerkte mir in seinem scharfen unangenehmen Tone und ungefähr in diesen Worten: Es ist bei Hofe das sonderbare Gerücht verbreitet worden, als sei Seine Durchlaucht, der Herzog Alfred von D• inkognito in der Stadt. – Ich kann Sie versichern, Herr Baron von Wenden, daß daran kein wahres Wort ist.« »Avis au lecteur!« »Allerdings. Und ich gab ihm mit einer tiefen Verbeugung zur Antwort: Wenn mich Euer Exzellenz das versichern, so muß ich es natürlicherweise glauben. – Aber mein Lächeln, mit dem ich diesen Satz begleitete, sagte ihm genug.« »Ich fürchte,« sprach Herr von Fernow nachdenklich, »der Augenblick, in dem Baron Rigoll anfing, diese Angelegenheit zu betreiben, war für ihn kein Augenblick des Glücks.« »Ganz meine Ansicht,« entgegnete der Kammerherr und setzte hinzu, indem er seinen Freund mit einem sehr pfiffigen Gesichtsausdruck anschaute: »Vielleicht war das für andere ein Augenblick des Glücks.« »Das ist nun einmal so in der Welt,« meinte der Major und wandte sich vom Fenster ab, um auf das Gewühl des Hofstaates im Saale zu blicken. »Die Wagschalen des Glücks steigen auf und ab, und wenn eine Partei hinunter muß, steigt die andere vielleicht hinauf.« »Wenn nur wir bei der letzteren sind,« versetzte lachend der Kammerherr. – – In diesem Augenblick hörte man ziemlich entfernt etwas wie das Zischen einer Rakete, einer zweiten, einer dritten, und gleich darauf vernahm man einen dumpfen Kanonenschuß. – Wenn vom heiteren Himmel herab unzählige Blitze gefahren wären oder brennender Schwefel, flammendes Pech, oder wenn die Decke des Saales plötzlich gewankt hätte: die Aufregung unter dem Hofstaat hätte nicht größer sein können. Junge kräftige Ehrenfräulein erbleichten und erröteten, und ältere Hofdamen hätten es vielleicht gerade so gemacht, wenn die Schminke dabei nicht ein kleines Hindernis gewesen wäre. Doch wandten sich diese mit angehaltenem Atem dem Fenster zu; nervenstarke Naturen affektierten ein gleichgültiges Lächeln, während schwächliche Konstitutionen eine Stuhllehne oder Tischecke suchten. Bumm! – bumm ! – bumm ! – ging es draußen. Schon bei dem ersten Schusse war alle Konversation mit einem Male abgebrochen; man hörte selbst nicht einmal das geringste Flüstern mehr, kein Zuklappen der Fächer, und wo zufälligerweise bei einer unvorsichtigen Bewegung der schwere Seidenstoff des Kleides irgend einer Dame rauschte, da sah man ringsumher ein paar Dutzend unwilliger Augen, welche Ruhe geboten. – Kammerherren, die seit längerer Zeit alles Gefühl verlernt hatten, die selbst einem ungnädigen Blicke gegenüber so viel kaltes Blut behielten, um den Kopf sehr aufrecht zu tragen, den Hut mit Ostentation an der Seite zu halten und furchtlos in der dritten Position zu verharren, selbst dergleichen eiserne Naturen fühlten eine gelinde Emotion. – Alte ergraute Generale, die ohne Herzklopfen im stärksten Geschützfeuer ausgehalten, und denen das wildeste Krachen ringsumher gleichgültig war, fühlten jetzt jeden Schuß in ihren Nerven nachklingen. – Bumm! – bumm! – bumm! – bumm! – bumm! – bumm! Schon der sechzehnte Schuß. Beim fünfundzwanzigsten war der entscheidende Moment. Wurde es nach diesem draußen stille, so hatte die Partei des Regenten alle Ursache, den Kopf hoch zu erheben, so war die der Prinzessin niedergeschmettert, vernichtet, gar nicht mehr vorhanden, – fertig. Die Pause zwischen dem fünfundzwanzigsten und sechsundzwanzigsten Schusse mußte allen Anwesenden eine Ewigkeit dauern, sie war im stande, Ohnmachten hervorzubringen. Man konnte beinahe die Herzen unter den Uniformen und unter den Roben der Damen schlagen hören. Fast atemlos standen die Gruppen da, mit weit aufgerissenen Augen, bleich und rot, um die Lippen ein bezeichnendes, krampfhaftes Lächeln. Manche Dame fühlte, daß sie doch etwas zu fest geschnürt sei; manche Exzellenz fuhr sich mit der kalten Hand über die feuchte Stirn. Bumm! – bumm! – bumm! – bumm! – bumm! – bumm! Der fünfundzwanzigste! Die Spannung hatte einen verzweiflungsvollen Grad erreicht. Es drohten Konvulsionen und Ohnmachten. Noch eine Sekunde und die Würfel waren gefallen. Bumm! – Der sechsundzwanzigste Schuß! – – – – Die Herzogin hatte einen Prinzen geboren, dem Lande war ein Thronerbe geschenkt. – – – – War es keine Täuschung, war nicht eins der Geschütze unvorsichtigerweise losgegangen? Hatte sich der kommandierende Artillerieoffizier nicht verzählt? – Nein! nein! jubelte die Partei der Prinzessin, er hat sich nicht verzählt; horch! das glückverheißende Schießen dauert fort: Bumm! – bumm! – bumm! Wer mag jetzt noch zählen? Weder die, welche in der Geburt eines Prinzen ihr Heil erblickten, noch die anderen, welche mit langen Gesichtern drein schauten. Als es aber gewiß war, daß ein Prinz geboren sei, denn die Kanonen erzählten das fort und fort der aufhorchenden Residenz, da fing auch die Konversation in dem Saale lebhafter als je wieder an. Wohl hatte man bei dem sechsundzwanzigsten Schuß ein paar gelinde Aufschreie vernommen, hatte auch einige Damen wanken, und vor dem Umfallen nur durch die bereitwillig geöffneten Arme nebenstehender Herren bewahrt gesehen; doch verschwanden diese Zeichen getäuschter Hoffnung in dem lauten Jubel der Gratulation, mit der namentlich die Partei der Prinzessin sich gegenseitig überschüttete. Auch das andere Lager machte gute Miene zum bösen Spiel; hielt doch der Regent nach wie vor das Zepter in seiner Hand, und waren achtzehn Jahre bis zur Großjährigkeit des Neugeborenen eine lange Zeit. Freilich hatte sich die verwitwete Herzogin und somit auch deren Schwester, die Prinzessin Elise, zu neuerer und größerer Wichtigkeit erhoben, und da Ihre Durchlaucht bekannt dafür war, einen Schein von Recht, den sie hatte, in das vollgültigste Recht zu verwandeln, so konnte ihre Partei immerhin die Köpfe aufrichten und mit einem etwas übermütigen Lächeln ins andere Lager hinüberblicken. Schon lange hatten die Kanonen draußen geschwiegen, und noch immer nicht kam aus den Gemächern der Herzogin eine offizielle Bestätigung der Geburt des Thronerben. Ältere Staatsdamen und ergraute Kammerherren fingen an, leicht die Köpfe zu schütteln, und prophezeiten den zunächst Stehenden irgend etwas Unvorhergesehenes, etwas Mißliches, das drüben vorgefallen. Und in der That, sie mochten recht haben. Einzelne Neugierige, die sich an der Thür befanden und verstohlen in die angrenzenden Zimmer lauschten, erzählten ebenfalls flüsternd von einem seltsamen Rennen und Laufen der Bedienten, und einer wollte den alten Kindermann gesehen haben, wie er in dem geheimen Korridor verschwunden war, der zu dem Appartement des Regenten führte, aber nicht den ewig lächelnden Kindermann, wie ihn der ganze Hof kannte, sondern Kindermann mit einem ernsten, fast melancholischen Gesichtsausdruck. So wie heute war die Erwartung des Hofstaates noch nie auf die Folter gespannt worden; man fing in ganz vertrauten Kreisen an, dies sonderbar, ja absurd zu finden; man hatte wenigstens so viel Rücksicht ansprechen zu können geglaubt, um irgend einen Bericht zu erhalten, eine Botschaft von dem, was auf dem anderen Flügel vorgefallen war; man begann die Köpfe zu schütteln, bedeutsam die Schultern in die Höhe zu ziehen, und die Konversation war nahe daran, aus allgemeiner Aufregung wieder vollkommen einzuschlafen, als man bemerkte, wie die Kammerherren du jour an der Hauptthüre des Saales mit einem Male Mienen machten, welche deutlich etwas Außergewöhnliches anzeigten. Sie erhoben ihre Köpfe, rückten verstohlen die weiße Halsbinde in die Höhe und wandten sich mit einer halben Wendung gegen die Thür. Ihr außerordentlich feines Gehör hatte draußen Schritte vernommen. Jetzt legten sie ihre Hände an die nicht ganz geschlossenen Thürflügel, jetzt flogen diese auf, und im zweiten der anstoßenden Säle bemerkte man den Regenten, wie er kam, – endlich, endlich! Zu seiner linken Seite ging die Prinzessin Elise, hinter beiden die Staats- und Hofdamen, dann folgte der erste Adjutant Seiner Hoheit, die obersten Hofchargen, die Minister und ein paar Kammerherren. Im Empfangssaale vernahm man ringsum das gewisse Räuspern, mit welchem man sich auf etwas ganz Außerordentliches vorbereitet. Die Herren zogen ihre Uniformsfräcke hinab, die Damen warfen einen prüfenden Blick auf ihre Toiletten, und als nun der Regent im Saale erschien, wehte eine einzige Verbeugung, rauschte ein einziger tiefer Knix durch den weiten Saal. Es lag etwas Düsteres im Blicke des Herzogs, welches alle deutlich bemerkten, bei denen er vorüberschritt, um am Ende des Saales ein paar Stufen auf die Estrade zu steigen, wo unter rot samtnem Baldachin ein vergoldeter Sessel stand. Für die Partei der Prinzessin wäre die düstere Miene des Regenten ein gutes Vorzeichen weiter gewesen, wenn man nicht auf dem Gesichte Ihrer Durchlaucht ebenfalls einen tiefen Ernst bemerkt hätte. Ja, kundige Blicke wollten in den Augen derselben Spuren von Thränen bemerken. Der Regent führte die Prinzessin an der Hand die Stufen hinauf, und als er sie auf dem Sessel niedersitzen ließ, hörte man ein ganz leises Murmeln der Verwunderung. Er selbst stand aufrecht auf der obersten Stufe, hatte die Hand auf die Rückenlehne des vergoldeten Stuhles gelegt und sprach mit lauter und fester Stimme, nachdem er einen Blick auf die Versammlung geworfen: »Der von uns allen, die wir hier versammelt sind, sowie von dem ganzen Lande längst ersehnte und erwartete Augenblick ist eingetreten. Leider aber ist es kein Augenblick des Glücks gewesen. Der Himmel, der unsere Geschicke lenkt, der uns nach seiner weisen Einsicht Freuden und Leiden gibt, hat es für gut befunden, beides zu gleicher Zeit auf uns herabzusenden. Unsere erhabene Nichte die verwitwete Herzogin dieses Landes genoß nur eine kurze Zeit des Glückes, einen Erben des Thrones in ihre Arme zu schließen. Gott hat es gewollt, daß die Stunde der Geburt des Prinzen zugleich die Stunde seines Todes war.« Als der Regent so sprach, barg die Prinzessin ihr Gesicht ein paar Augenblicke in beide Hände, und in der Versammlung, welche in der größten Spannung diesen Worten gelauscht, herrschte ein tiefes Schweigen. Nach einer kleinen Pause fuhr Seine Hoheit fort: »Durch diesen traurigen Fall ward nach der Verfassung des Landes und den Familienstatuten unseres Hauses der Thron erledigt, und die Herzogskrone ging nach denselben Gesetzen auf den nächststehenden männlichen Anverwandten des höchstseligen Herzogs, also auf mich über. – – Weder Ihnen, die unserem Hause bisher in Liebe und Treue zugethan waren, noch den übrigen Unterthanen des Landes bin ich ein Unbekannter, ein Fremder. Meine Art zu handeln und zu wirken, wird die gleiche bleiben, und wie ich jedem ein gnädiger und gerechter Herr sein werde, so erwarte ich auch, daß die Anhänglichkeit, die Liebe und Treue, die man bisher dem Regenten bewiesen, nun auf den regierenden Herzog übertragen werde.« Es ist unmöglich, die Bewegung zu schildern, welche nach dieser Rede in der Versammlung entstanden, eine Bewegung, die sich weniger durch Worte als durch Mienen und Gebärden kund gab. Wo waren die hochfliegenden Hoffnungen geblieben, mit welchem die Partei der Prinzessin die Geburt eines Thronerben begrüßt hatte! Mit dem Tode des kleinen Prinzen hörte diese Partei auf zu sein; sie hatte nichts mehr zu hoffen, vielleicht alles zu fürchten. Ein tiefes Schweigen herrschte auf dieser Seite des Saales, und die Blicke, mit denen man sich ansah, sprachen beredter als tausend Ausrufungen. Auch die Anhänger des Regenten, obgleich sie stolz und freudig um sich blickten, waren doch von dem eben Gehörten, von ihrem Glück so überrascht und berauscht, daß kein lauter Ausruf über ihre Lippen kam: man lächelte einander nur verstohlen zu, man drückte sich im geheimen die Hände. Und dann schaute wieder alles erwartungsvoll zum Herzog empor, der sich einen Augenblick zur Prinzessin niedergebeugt und ihre rechte Hand ergriffen hatte, die er langsam an seine Lippen drückte. Darauf richtete er sich wieder empor und ein leises, kaum bemerkliches Lächeln flog über seine Züge, als er abermals die fast atemlos dastehende Versammlung überblickte. – »In diesem für mich so feierlichen Moment,« sprach er, »wo mir der Himmel so viel gegeben, kann ich nicht umhin, Sie, meine Lieben und Getreuen, von einem größeren Glücke zu benachrichtigen, das mir zu teil geworden. – Unsere durchlauchtige Nichte, die Prinzessin Elise, hat eingewilligt, mir ihre Hand zu reichen, und indem ich diese teure Hand hiermit ergreife, nenne ich die Prinzessin öffentlich meine Braut und empfehle meine zukünftige Gemahlin gleich mir nochmals Ihrer Treue und Liebe.« Dies war nun ein Augenblick des Glücks, ungefähr jenem vergleichbar, wenn die feindlichen Brüder von Messina endlich einander in den Armen liegen und die beiden getrennten Chöre, hingerissen von diesem frohen Ereignis, aufeinander zustürzen, sich die Hände reichen, und mit leuchtenden Blicken und innigen Worten geloben, daß fernerhin alle Feindschaft aufhören werde, kein Groll, kein Haß mehr bestehen soll. Man schien absichtlich seine eifrigsten Widersacher aufzusuchen, man reichte seine Hände den bis zu dieser Stunde erbittertsten Gegnern. Es kamen unglaubliche Umarmungen vor, man sah mehr als ein Paar feindlicher Brüder sich die liebenswürdigsten Dinge sagen, ja man sah Thränen in Augen und Lächeln auf Lippen, wo diese beiden Artikel seit langen Jahren ganz außer Kurs gekommen waren. Aber all die Ausrufungen, das Entzücken, die frohen Begrüßungen, das freudige Lachen, welche eine Partei für die andere hatte, vereinigten sich im nächsten Augenblicke gegen das glückliche Paar auf der Estrade, und als nun ein alter General, dem Moment erfassend, ein Hoch auf den Herzog und die Herzogin ausbrachte, einigte sich alles in diesem Spruch, und die Wände des Saals hallten wider von den stürmischen Rufen, die draußen auf dem Platze und in den Straßen ein gewaltiges Echo fanden. Der größte Teil der Bevölkerung war, angezogen durch die Kanonenschüsse, auf den Platz vor dem Schlosse geeilt; wie ein Lauffeuer hatte sich nicht nur die Nachricht von der Geburt des armen kleinen Prinzen, sondern auch von dessen Tode unter der Menge verbreitet, – ein Tod, der nun den allgemein verehrten Regenten zum Herzog machte. Tausende von Stimmen verlangten ihn zu sehen, und als er, diesem donnernden Wunsche folgend, hinaustrat auf den großen Balkon des Schlosses, zerriß ein unendlicher Jubelruf die Luft, in welchen sich der Kanonendonner und das Läuten der Glocken mischte. Daß Freude und Leid in diesem Leben sich so oft berühren! – Die Thränen der verwitweten Herzogin flossen auf die kalte bleiche Stirn ihres neugeborenen Kindes, das nach wenigen Atemzügen und nach einem einzigen schmerzlichen Blick schon die Erde und seine Mutter verließ. Wohl hörte diese Kanonendonner und Glockengeläute; doch erregte es in ihr kein verbittertes Gefühl, im Gegenteil freute sie sich des Glückes ihrer Schwester. Sie ließ sich ein Blatt Papier reichen und schrieb darauf mit zitternder Hand: »Meine heißesten und innigsten Wünsche für das Wohl des Herzogs und das Glück meiner geliebten Schwester.« Ihr Kammerherr überbrachte diese Zeilen, und es war die rührendste Huldigung, welche die beiden Glücklichen am heutigen Tage erhielten. Die Angehörigen des Hofes, nachdem sie mit vollkommen angepaßten Mienen gratuliert, kondoliert und wieder gratuliert, hatten das Schloß verlassen, und der Herzog befand sich mit der Prinzessin in deren Salon und in Gesellschaft des Fräuleins von Ripperda, welche Ihre Durchlaucht jetzt herzlich in die Arme schloß, den Kopf auf deren Schulter legte und nun im Übermaße des Glücks laut weinte. Die einzigen, die sich noch im Vorzimmer befanden, waren Major von Fernow und der Kammerherr von Wenden, welch letzterer seinem dem Baron Rigoll gegebenen Versprechen gemäß das Schreiben desselben in die Hände des Regenten legen wollte. »Du bist ja im Dienst,« sagte er zu seinem Freunde, »und kannst dir schon erlauben, mich zu melden.« »Nicht gern,« entgegnete dieser; »es ist das ein delikater Augenblick, und ich muß mich am allermeisten in acht nehmen, etwas zu thun, was nur einen Schein von Indiskretion an sich hätte. Wahrhaftig, lieber Wenden, in diesem Falle muß ich mich selbst vorher melden lassen, allein ich will dann recht gern für dich das Gleiche thun.« Daß der gute Major begierig eine passende Gelegenheit suchte, in den Salon eintreten zu dürfen, wo sich ja auch Helene befand, brauchen wir dem geneigten Leser eigentlich nicht zu sagen. Es war ihm darum alles daran gelegen, jemand zu finden, dem er mit Anstand eine Meldung übertragen konnte. Ja, er hätte sich am Ende mit einem ganz gewöhnlichen Lakai begnügt, wenn nicht in diesem Augenblicke Herr Kindermann vom Korridor in den Saal getreten wäre, in der Absicht, sich zum Regenten zu begeben. Der alte Herr hatte seine vorige melancholische Miene abgestreift, und sein Gesicht strahlte von einem außerordentlichen Vergnügen; ja, sein Lächeln gab einen solchen Glanz von sich, daß sich ein gleiches auf dem Gesichte des Majors entzündete, der dem würdigen Kammerdiener freundlich die Hand reichte und ihm darauf sagte, daß er, sowie Herr von Wenden Seine Hoheit einen Moment sprechen müßten, und ihn bäten, die Meldung zu übernehmen. Da Herr Kindermann seinem Schützling, wie er den Adjutanten nannte, außerordentlich wohlwollte, auch wohl wußte, daß er in demselben dem Herrn keine unangenehme Persönlichkeit melde, so entgegnete er mit einer tiefen Verbeugung: er schätze sich glücklich, dem Herrn Major dienen zu können, und verschwand darauf mit einem wohlwollenden Blick im Salon der Prinzessin. Die tiefe Verbeugung des Herrn Kindermann, sowie überhaupt das unterwürfige Wesen, welches er soeben dem Adjutanten Seiner Hoheit bezeigt, wurde durch die Anwesenheit des Herrn von Wenden hervorgerufen. Denn wenn wir auch wissen, daß der Major und der Kammerdiener im Kabinette des letzteren viel unbefangener, ja freundschaftlicher miteinander sprachen, so war doch Herr Kindermann viel zu sehr ein Mann von Welt, um nicht vor den Augen eben dieser Welt aufs allerdeutlichste den Rangunterschied zwischen dem Adjutanten Seiner Hoheit und sich, dem Kammerdiener, zu zeigen. Jetzt erschien der alte Herr wieder in der Thür des Kabinetts, verbeugte sich abermals tief und sagte mit einer bezeichnenden Handbewegung nach dem Salon: »Herr Major von Fernow!« – Als sich der Gerufene eilig näherte, und dicht bei dem Kammerdiener war, fuhr dieser mit einem leichten Seufzer flüsternd fort: »Ach, Herr Major, ich wünschte, daß Ihr hochseliger Herr Papa noch lebte!« »Und warum, Freund Kindermann?« »Der Regent – – ich wollte sagen, des Herrn Herzogs Hoheit,« verbesserte sich der Kammerdiener, »ist Ihnen sehr wohl geneigt. Wenn mich nicht alles trügt, müssen Sie eine außerordentliche Carriere machen.« »Dieser Glaube kommt aus Ihrer Freundschaft für mich, lieber Herr Kindermann. Doch freut es mich in der That, wenn Sie die Idee haben, daß ich zu was Gutem ausersehen sei.« »In wenigen Jahren Exzellenz,« sprach Herr Kindermann mit einer so wichtigen Miene, daß sie fast komisch aussah, während der Adjutant in den Salon trat. Nach einigen Augenblicken erschien Fernow wieder, winkte dem Kammerherrn und ließ ihn eintreten, während er selbst draußen bei dem Kammerdiener blieb. Herr Kindermann hatte verstohlen eine Prise genommen, dann sanft auf die Halsbinde geklopft, um jedes Stäubchen zu entfernen, worauf er sich die Hände rieb und mild lächelnd sagte: »Wer hätte das alles vor drei Tagen gedacht! Was hat sich hier auf einmal verändert!« »So viel,« entgegnete Herr von Fernow, »daß man es kaum fassen kann. So sehr mich auch die wichtigen Veränderungen bei Hof erfreuen, so bin ich doch Egoist genug, um vor allem daran zu denken, wie sich meine Stellung in kurzer Zeit umgewandelt hat. Denken Sie noch an jenen Abend, als ich im Vorzimmer war, und da Sie zufällig abwesend waren, dem Rufe der Klingel folgte und in das Kabinett des Regenten trat?« »Ob ich mich daran erinnere!« versetzte Herr Kindermann, indem er sanft mit dem Kopfe nickte. »Mancher an Ihrer Stelle, Sie selbst vielleicht zu anderen Zeiten hätten gedacht: Was geht das mich an? Sie wären ruhig Ihrer Wege gegangen und hätten einen Augenblick verpaßt, an dem vielleicht Ihr ganzes künftiges Schicksal hängt.« »Ja, – ein wichtiger Moment,« sprach nachdenkend der Adjutant. – »Mein Freund Wenden würde sagen – – « »Das war ein Augenblick des Glücks,« rief Herr von Wenden in der That, als er im gleichen Momente hastig und freudestrahlend aus dem Salon der Prinzessin trat. »Ah! das hat wohlgethan. Ich versichere dich, Fernow, Seine Hoheit ist von einer Gnade, einer Güte, einer Milde, – und die Prinzessin ein wahrer Engel, liebenswürdig wie immer, und dabei sanft wie nie,« setzte er mit leiserer Stimme hinzu, fuhr aber gleich darauf in lauterem Tone fort, als er bemerkte, daß ihn der Adjutant lächelnd und fragend anblickte, wobei er sich übrigens ein klein wenig in die Brust warf: »Seine Hoheit der Herzog haben sich freundlich erinnert, mit welch musterhafter Geduld ich meine Krankheit ertragen. Und Ihre Durchlaucht die Prinzessin haben nicht vergessen, wie bereitwillig ich jederzeit war, in ihrem Dienste zu wirken. – Ich bin zum Legationsrat ernannt und werde noch heute nach dem Hofe von B• abreisen, auf meine Anzeigen eine einfache Kondolation und eine doppelte Gratulation in Empfang zu nehmen.« »Nun, da können dir zwei Orden nicht fehlen,« meinte lachend Herr von Fernow, indem er dem Freunde die Hand schüttelte. »Daß du meine besten Glückwünsche hast, brauche ich dir nicht zu sagen.« »Auch ich erlaube mir, dem Herrn Legationsrat geziemend zu gratulieren,« sagte Herr Kindermann mit einer ehrwürdigen Verbeugung, mit einem steifen Lächeln, welches sich aber in freundliches Schmunzeln verwandelte, als der Kammerherr im Übermaße des Glücks seine Hand ergriff und sie freundlich drückte. Hierauf zog sich der alte Herr zurück, und als er sich nach einer gemessenen Verbeugung umwandte und durch den Saal dahinschritt, blickte ihm der Major von Fernow nach und sprach zu seinem Freunde: »Das ist bei all seinen Eigenheiten ein braver Mann, und es ist ein Glück, daß ein wohlwollender Charakter wie er in der Nähe des Fürsten weilt. Also du reisest heute abend? Nun, hoffentlich nicht eher, bis unsere Geschichte beendigt ist.« »Das versteht sich von selbst. – Doch still, die Thür öffnet sich.« Es war der Herzog selbst, der unter den Portieren erschien und nach dem Major von Fernow rief. Dieser wußte nicht, warum ihm das Herz heftiger schlug, als er in den Salon trat. Die Prinzessin ruhte in einem kleinen Fauteuil, und als der junge Offizier hereintrat, blickte sie nach ihm hin mit dem gewissen schalkhaften Lächeln, worin so oft eine ganz kleine, kleine Bosheit sichtbar war. Diesmal aber war Güte und Freundlichkeit vorherrschend, und sie winkte verbindlich mit der Hand, als Herr von Fernow mit einer Verbeugung vor den Herzog trat. Neben dem Fauteuil der Prinzessin stand Helene von Ripperda und blickte angelegentlich zum Fenster hinaus. »Das ist mein geheimer Bundesgenosse,« sagte der Herzog zu den Damen, indem er auf den Major wies, der fast verlegen ein paar unzusammenhängende bescheidene Worte sprach, wie das bei solchen Gelegenheiten wohl vorkommen kann. »Nein, nein,« fuhr Seine Hoheit fort, »die Wahrheit muß ich sagen, Fernow hat mir aufrichtig und treu gedient.« »Und mich verraten!« lachte die Prinzessin, »Fernow, das werde ich Ihnen nie vergeben.« »Allerdings, Euer Durchlaucht, es war ein kleiner Verrat, ich gestehe es, aber kein Mißbrauch des Vertrauens, denn man schenkte mir jenerseits kein Vertrauen. Und da mein Verrat für alle so segensreiche Folgen gehabt hat, so wird er mir gewiß verziehen werden.« »Gewiß, lieber Fernow,« sprach heiter der Herzog, »und ich habe Sie gerufen, um Ihnen vor allem anderen meinen Dank auszusprechen. – Apropos!« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, während er einen Brief, den er in der Hand hielt, geöffnet und wieder zusammengelegt hatte, »da hat mir Wenden ein Schreiben des Baron Rigoll übergeben. Nehmen Sie es, sehen Sie es durch, ich muß mit Ihnen darüber sprechen.« Er reichte ihm das Papier; ehe es aber der Major ansehen konnte, machte der Herzog plötzlich eine Handbewegung gegen Fräulein von Ripperda und setzte mit lauter Stimme hinzu: »Halten Sie einen Augenblick inne, Fernow. Fragen Sie vorher unsere schöne Helene, ob und wann sie wünscht, Oberstjägermeisterin zu werden.« Der arme Major erschrak fast, als er den Regenten so reden hörte; er warf einen Blick auf Fräulein von Ripperda, die aber ihre Stellung durchaus nicht veränderte und etwas außerordentlich Interessantes auf dem Schloßplatze zu betrachten schien. »Nun, wenn Sie nicht fragen wollen,« fuhr Seine Hoheit lachend fort, »so lesen Sie das Schreiben des Barons Rigoll.« Herr von Fernow öffnete das Papier mit einer immer wachsenden Spannung. Er durchflog den Inhalt, und als er ihn übersehen, tanzten die Worte fast vor seinen Augen herum. Nachdem er sich einen Augenblick gesammelt, stürzte er auf den Regenten zu, ergriff dessen Hand und drückte sie trotz allem Widerstreben an seine Lippen. Er war außer sich; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gaukelten in glänzenden Bildern vor seiner entzückten Seele; er vergaß sich soweit, daß er sich stürmisch Helene näherte, die zusammenschreckte bei dem Ton seiner Stimme, als er ihr die Frage that, die ihm der Herzog befohlen. Um den geneigten Leser nicht im Ungewissen zu lassen, was den jungen Offizier so außer sich brachte, wollen wir nicht verschweigen, daß das Schreiben Seiner Exzellenz des Oberstjägermeisters, Baron von Rigoll, ein Entlassungsgesuch enthielt, und daß der Herzog auf den Rand geschrieben hatte: »Angenommen, und wird das Oberstjägermeisteramt provisorisch dem Major von Fernow übertragen.« Welch süße Augenblicke des Glücks! Achtzehntes Kapitel beschließt vielleicht langweilig. Wir könnten nun, teurer und geneigter Leser, noch viele merkwürdige und interessante Dinge erzählen, von unerhörten Festlichkeiten, die bei Hofe vor sich gingen, von glänzenden Vermählungen, von Feuerwerken und Illuminationen. Doch sei es ferne von uns, deine Geduld mit Sachen zu ermüden, die in der jetzigen so sehr bewegten Zeit zu den Alltäglichkeiten gehören. Da wir von Vermählungen in der Mehrzahl sprechen, so ist selbstredend auch die des Herrn von Fernow mit Fräulein von Ripperda darunter begriffen, wodurch die Befürchtung, als habe das Duell des Majors mit dem Baron Rigoll ein blutiges Resultat geliefert, in sich selbst zerfällt. Indem wir dieses Duell, welches wirklich stattfand, nicht erzählen, entgeht uns allerdings der Vorwurf einer pikanten Schilderung: wir hätten den Wahrheit gemäß sagen können, daß gegen sieben Uhr an dem bezeichneten Abend Baron Rigoll an der Seite des Grafen Hohenberg wohlbehalten die Residenz verließ, und hätten dadurch den geneigten Leser in Schrecken versetzen können, als sei Herr von Fernow vielleicht gefährlich verwundet zurückgeblieben. Da es uns aber nie darum zu thun war, das Interesse auf unnatürliche oder künstliche Art zu erregen, so sagen wir nur der Wahrheit gemäß, daß, als ein paar Kugeln ohne Erfolg gewechselt waren, Baron Rigoll unter vollständiger Zurücknahme seiner beleidigenden Ausdrücke die Hand zur Versöhnung bot. Es war ein schöner prachtvoller Frühlingsabend, als der provisorische Chef des Oberstjägermeisteramtes mit dem nunmehrigen Legationsrat von Wenden nach dem stattgehabten Renkontre zur Stadt zurückritt. Nicht nur Bäume, Sträucher und Blumen, sondern auch Erde und Luft dufteten ordentlich vor Wonne, unter so klarem, schönen Himmel leben, ruhen und wehen zu können. Vor dem Thore der Residenz fanden die beiden Reiter eine Equipage, den Reisewagen des Barons, der für alle möglichen Fälle dorthin beordert war; glücklicherweise aber hatte er keine Verwundeten aufzunehmen, weshalb dann nur der Baron Wenden, bei dem kleinen Wirtshause angekommen, wo der Wagen hielt, fröhlich aus dem Sattel sprang, seinem Freunde die Hand reichte, der ihm herzlich dankte, und sich dann von seinem Bedienten den warmen Mantel umgeben ließ, ehe er in den Wagen stieg. »Wenn wir alles vom richtigen Standpunkte betrachten,« sprach hierauf Herr von Wenden lachend zum Schlage hinaus, »so bin ich doch eigentlich an deinem ganzen Glück schuld, und wenn einiges Dankbarkeitsgefühl in dir wohnt, so hast du nichts Schleunigeres zu thun, als für Kinder und Kindeskinder jene Scene malen zu lassen, wo ich dir – es ist noch nicht so lange her – meine Theorie vom Augenblick des Glücks auseinandersetzte.« »Ja, ja,« rief Major Fernow fröhlich, »und als Pendant der andere Augenblick des Glücks, wo ich beinahe in die Notwendigkeit versetzt worden wäre, dich im großen Audienzsaale des Schlosses zu verhaften – alles Augenblicke des Glücks.« »Nun, es hat besser geendet, als ich gehofft, wenn meine Mission vollkommen gelingt,« setzte er mit großer Wichtigkeit hinzu, »und –« »Die Kopien einiger der Sterne, die dort eben am Abendhimmel sichtbar werden, auf deinem Fracke glänzen, so wirst du mir zurückkommend sagen: Das Gefühl, von einer schweren Krankheit zu genesen, ist ein außerordentlich angenehmes.« »Aber eine solche Krankheit selbst!« seufzte der Kammerherr, während sein Postillon in den Sattel kletterte, »die kann oftmals traurige Folgen haben.« »Du erschreckst mich!« rief Herr von Fernow in einigermaßen ironischem Tone und mit einem fast spöttischen Lächeln, denn er wußte, was kommen würde. »Solltest du wirklich – « »Ich nicht, aber ich befürchte, jenes arme junge Mädchen hat in ihrer Zuneigung für mich die Sache ernsthafter genommen, als mir lieb ist.« »Darüber kannst du dich vollkommen beruhigen,« entgegnete der Major, indem er sich Mühe gab, nicht laut hinauszulachen. »Aus der allerbesten Quelle weiß ich, daß sie sich über deinen Verlust vollkommen getröstet und im Begriff steht, sich mit einer älteren Liebe zu verheiraten. Ich kann dich auch versichern, daß ich mich der jungen Leute annehmen und alles mögliche zu ihrem ferneren Fortkommen thun werde.« Dieses Versprechen schien dem neuen Legationsrat eine Zentnerlast vom Herzen zu nehmen, und es war in der That komisch anzusehen, wie er mit einer affektierten Rührung seine beiden Hände zum Wagenschlag hinausstreckte, um die Rechte des Freundes nochmals zu drücken. »Nun aber mache, daß du fortkommst!« rief dieser, »du solltest schon um sieben Uhr abreisen, ich will deine Freundschaft für mich nicht mißbrauchen. – Leb wohl!« »Leb wohl, lieber Fernow! und denke mein bei deinem nächsten Augenblick des Glücks.« Dahin rollte der Wagen; der Major blickte ihm ein paar Minuten lang nach, dann wandte er sein Pferd, nicht, um nach der Stadt zurückzukehren, sondern um in einem animierten Jagdgalopp die Straße nach Eschenburg zu verfolgen. Was mochte er dort suchen? – Ah! gewiß jene Equipagen, die ihm nach einer kleinen halben Stunde entgegenrollten. Er ließ den Wagen des Regenten, worin dieser mit der Prinzessin Elise saß, ehrfurchtsvoll vorbeipassieren und zwang sein unruhig gewordenes Pferd alsdann dicht an den Schlag der nachfolgenden Kalesche hinan, aus dem sich ihm eine kleine Hand entgegenstreckte, die mit raschem ängstlichem Druck seine Finger umspannte. »So ist es wahr?« fragte Helene von Ripperda mit zitternder Stimme, »Sie haben sich geschlagen? Sind Sie verwundet?« »Weder das eine noch das andere,« entgegnete lachend Herr von Fernow. »Seine Exzellenz der Oberstjägermeister, Baron von Rigoll und ich, wir trennten uns unter einigen Freudenschüssen, welche die vortreffliche Wirkung hatten, daß wir ohne Groll voneinander schieden, und daß künftig keiner mehr den anderen um seine Augenblicke des Glücks beneiden wird. – Und an Augenblicken des Glücks,« setzte er mit sanfter Stimme hinzu, indem er sich gegen die Kalesche hinabbeugte, »soll es uns doch wahrlich nicht fehlen. Nicht wahr, meine geliebte Helene?« Sie antwortete nicht, aber er fühlte den leichten Druck ihrer Finger, mit denen sie seine Hand umschlossen hielt. Und so zogen die beiden glücklichen Menschen dahin am würzigen Frühlingsabend unter Sterngeflimmer, Blütenschnee und Nachtigallenschlag. Waren das nicht schon wieder Augenblicke des Glücks? Ja, Herr von Fernow war glücklich und gedachte gern derer, die es minder waren; deshalb vergaß er auch später nicht jenes Mannes, den er abends auf der Terrasse des Schloßgartens gefunden, und mit welchem er sich über Leuchtkäfer unterhalten. Er verschaffte dem wackeren Künstler die gute Stelle eines Aufsehers des herzoglichen Kupferstichkabinetts, und als dies Heinrich Böhler seiner Mutter mitteilte, und beide hierauf zur Witwe Weiher hinabstiegen, um sie von diesem Glück in Kenntnis zu setzen, da machte Frau Weiher dem ehemaligen Photographen zum erstenmal einen tiefen Knix. Rosa aber warf sich an die Brust ihres Bräutigams und sagte ihm unter vielen anderen Dingen: »Weißt du noch, Heinrich, wie du an jenem Abend mit kummervollem Herzen in den Schloßgarten liefest und jenen Herren trafst, von dem du mir sagtest, er sei so freundlich gegen dich gewesen, und dem wir jetzt alles verdanken? Ja, das war ein segensreicher Augenblick,« fuhr das junge Mädchen fort, indem sie innig und herzlich in die Augen des Mannes schaute, den sie liebte. »Es war jener Augenblick, von dem wir nimmer geglaubt, daß er auch uns einmal erscheinen werde, und von dem deine Mutter doch oftmals gesagt, daß er wenigstens einmal in jedem Menschenleben einträte, der Augenblick des Glücks!« Was nun Herrn Krimpf anbelangte, so hatte ihm Heinrich Böhler den ganzen Photographenapparat überlassen, und der kleine Maler half sich damit fort, wenn auch auf eine etwas seltsame Art. Er fand nämlich einen Kunsthändler, für den er eine Galerie von Abnormitäten und Häßlichkeiten des menschlichen Geschlechts zusammenstellte, eine in ihrer Art ergötzliche Sammlung, worin das Porträt des Künstlers selbst in den schauerlichsten Verzerrungen häufig genug vorkam. Doch wurde Herr Krimpf sehr menschenscheu, ließ sich selten vor der Welt sehen, und wenn dies geschah, blickte er allen, mit denen er zusammenkam, mit einem Ausdrucke des Hasses und Mißtrauens in die Augen; nur wenn er allein war, konnte er sich einer seltsamen Lustigkeit hingeben, und da hörte man ihn wohl stundenlang den Refrain eines unbekannten Liedes singen: »Chantons, buvons, traleralera!« So sind wir denn, teurer und geneigter Leser, am Schlusse unserer Geschichte angekommen, und wenn wir uns hiermit von dir verabschieden, so thun wir es in der Hoffnung, daß du in derselben etwas gefunden, was dich erfreut und dein Interesse erregt. Dürfen wir in dieser Voraussetzung glauben, daß die Überschrift des ersten Kapitels nicht wie der gewisse rote Faden durch unsere ganze Arbeit läuft, so ist uns das eine süße Belohnung, und wir wollen dir dann die Versicherung geben, daß wir den Augenblick, wo wir zur vorliegenden Erzählung die Feder angesetzt, für einen guten Augenblick erklären, für – – einen Augenblick des Glücks.