Das Geheimniß der Stadt. Von F. W. Hackländer.     Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1868.     Meinem Freunde und Verleger Herrn Adolph Krabbe.     Als ich im Jahre 1867 die vorliegende Geschichte beendigte und zurückblätternd in Erinnerung und Wirklichkeit zu dem Buche gelangte, welches als mein Erstlingswerk in Ihrem Verlage erschien, sah ich, daß es die Jahreszahl 1842 trug und mithin die hübsche Reihe von 25 Jahren eröffnete, welche unsere Verbindung als Schriftsteller und Verleger jetzt zurückgelegt hat. Wir dürfen also heute die Feier einer silbernen Hochzeit festlich begehen; denn in wie Vielem gleicht nicht die Verbindung zwischen Schriftsteller und Verleger einem Ehebündniß, wenigstens einer Vernunftheirath, die doch häufig auch zu beiderseitigem Segen und Gedeihen geschlossen werden. Freilich wohl haben wir arme Schriftsteller bei einem solchen Bündniß das Unglück, daß das Gedeihen gewöhnlich auf Seite des Verlegers ist, welcher alsdann, rund und behaglich geworden, mit Wohlgefallen auf jene angenehme Zeit zurückblickt, wo er die reiche Ernte eingeheimst hat, während wir als literarische Aehrenleser nebenherliefen. Was nun unsere Verbindung anbelangt, so ist dieselbe vor vielen anderen unbedingt eine Musterehe zu nennen gewesen. Wir haben nicht mehr und nicht öfter in Unfrieden gelebt als nöthig war, um das Blut rascher kreisen zu machen und um Versöhnungen wünschenswerth zu finden. Wir haben uns dann mündlich und schriftlich unseren Fehler kräftigst vorgehalten und meistens nach dieser Offenherzigkeit segensreiche Wirkung verspürt. Kleine gegenseitige Untreuen sind auch wohl mitunter vorgekommen – wir waren eben junge Leute; doch blieben diese Untreuen ohne Folgen und somit auch ohne störenden Einfluß auf unser Zusammenleben. Wohl kam es auch im Laufe der Zeiten zu ernsthaften Zerwürfnissen, die so weit gingen, daß wir begannen an eine Scheidung von Schreibtisch und Comptoir-Pult zu denken und wo wir alsdann das Unklugste thaten, was wir hätten thun können, nämlich wohlwollende Freunde um ihren Rath zu fragen. Aber wir thaten das glücklicherweise mit bestem Erfolg. Denn als Sie mir durch diese guten, wohlmeinenden Freunde als ein ganz eigennütziges Ungeheuer geschildert wurden, so wie ich Ihnen als ein Charakter, bei dessen Verlust nur zu gewinnen sei, vertrugen wir uns augenblicklich wieder und schloßen neu und fester unsere Verbindung; gewiß zum Heil unserer kleinen Minderjährigen, die damals noch nicht unter dem schützenden Dach gesammelter Werke saßen. Seit aber dieses Dach unseren umherwandernden und weit zerstreuten Geisteskindern eine Heimat gegeben, ist unsere Verbindung eine noch festere geworden, und wir haben uns beide mit Geduld und Ergebung, wie in mancher wirklichen Ehe, darein gefügt, mit einander zu leben und zu arbeiten; ja vielleicht diese Verbindung noch in unseren Nachkommen fortdauern zu lassen, wenn Ihr Sohn ein wohlwollender Verleger zu werden verspricht, und wenn einer der Meinigen den leidigen Drang in sich verspüren sollte, zu schriftstellern. Und so nehmen Sie denn die Widmung dieses kleinen Buches freundlich entgegen, mein lieber Krabbe, als einen Beweis, daß ich mit wahrem Vergnügen unseres 25jährigen Geschäftsverkehres gedenke, und lassen Sie uns heute ein neues Conto beginnen für eine weitere lange Reihe von Jahren, und ferner sein Verleger und Schriftsteller in solch ungetrübtem Frieden und leuchtender Eintracht, wie solche wohl selten oder nie verzeichnet stehen in den Annalen der Weltgeschichte. Rom am Forum Trajanum, im März 1868. F. W. Hackländer.     Erster Band. Erstes Kapitel. Wie so Vieles in dieser Welt einen Mittelpunkt oder Kern hat, von welchem aus sich strahlenförmig Leben und Bewegung bis zur äußersten Schale der Umhüllung verbreitet, so auch die Stadt, von welcher wir die Ehre haben, dem geneigten Leser Einiges, vielleicht nicht Uninteressantes mitzutheilen; ja, was diese Stadt anbelangt, so konnte man den ehemaligen Mittelpunkt derselben ihren eigentlichen Kern nennen, und dieser Mittelpunkt war das Rathhaus, um welches herum sich vor langen, langen Jahren die ersten Häuser ohne große Symmetrie gruppirten, da herum wieder andere, und zwar so willkürlich und unregelmäßig, daß es dem späteren Stadtbaumeister gewiß nicht wenig Kopfzerbrechens gemacht hatte, irgend welches Ebenmaß in dieses Durcheinander zu bringen und eine halbwegs anständige Straße anzulegen. Dieses jetzige Rathhaus war ursprünglich ein fürstliches Jagdschloß gewesen, in einem weiten Thale liegend. Dichter Wald, mit Hirschen, Bären und Wölfen bevölkert, bedeckte die umliegenden Höhen, und klares Bergwasser, welches von dort herabkam, floß nahe an den Mauern des alten Jagdschlosses vorüber. Meistens lag es still und einsam, besonders zur Sommerszeit, wo alsdann der Forstwart mit seinen Knechten, sowie Hirsche und Rehe gute Tage hatten. Sobald aber der Herbst die uralten Eichen und Buchen der Waldungen bunt färbte, zog der fürstliche Eigenthümer mit zahlreichem Gefolge ein, und dann ward es auf Monate lang ringsum lebendig vom Halloh der Jäger, vom Klange der Hörner und Abends in der unteren großen Halle des Schlosses vom Klirren der Becher, von lustigen Reimsprüchen und von keck gesungenen Schelmenliedern. Nach und nach aber verminderte sich das Wild in den Wäldern, auch vernahm man schon hier und da auf den Höhen, besonders an Stellen, wo hundertjährige Eichen beisammen standen, das Seufzen der Säge und die schallenden Schläge der Axt; dann bemerkte der alte Forstwart vom Söller des Jagdschlosses oft, wie drohend einer der gewaltigen Baumriesen mißmuthig sein Haupt zu schütteln begann, hierauf krachend umsank, kleine Bäume und niedrige Sträucher in seinem Falle mit zu Boden reißend, worauf jener seinen grauen Bart strich und zu sich selber sprach: Es ist gut, daß ich schon so alt bin; für meine paar Jahre halten Wald und Wild noch aus. Das thaten sie denn auch; aber es dauerte nicht sehr lange mehr, so hatte es hier mit der Waldeinsamkeit und Jagdherrlichkeit ein Ende, es kamen für den fürstlichen Besitzer so schlimme Zeiten, es fegte draußen in der Welt ein so scharfer Wind, daß er es behaglicher fand, sich hier, etwas abseits von der großen Verkehrsstraße, fester anzusiedeln und das alte Jagdschloß auch während des Sommers zu besuchen. Damals war es, wo man in einem mäßigen Umkreise um das Schloß herum die ersten Häuser baute, von denen wir oben sprachen, und also den Kern einer Stadt bildete, die denn auch bald schnell, bald langsam rings umher anwuchs, mit der Zeit das ganze Thal ausfüllte, ja, zu den flachen Höhen hinanstieg, wo sich auf einer derselben ein prächtiges Schloß erhob, das in nicht gar zu langer Zeit wieder einen Mittelpunkt für sich bildete. Und zwar den Mittelpunkt reicher, eleganter Stadttheile, die mit geraden Straßen und palastähnlichen Häusern, mit Parkanlagen und den großen Verkehrsanstalten vornehm auf das alte Jagdschloß herabblickten, das aber in seiner Eigenschaft als Rathhaus immer noch gewissermaßen der Mittelpunkt, ja, der Kern der ganzen Residenz war, – hier, wo das öffentliche Leben stärker wogte, als in jenen anderen Stadttheilen, hier, wo man es nicht vergaß, daß da, in dem Mittelpunkte der erbgesessenen Bürgerschaft, die eigentliche Kraft, der Lebensnerv der Stadt liege, hier, wo man häufig bei Unbilden, die man von oben erfahren, allerdings nur die Faust im Sacke machte, zuweilen aber auch diese Faust kräftig gezeigt hatte. Der Umkreis um das ehemalige Jagdschloß war nun Marktplatz geworden, und wenn man die denselben bildenden Häuser betrachtete, wie sie so eng geschlossen dastanden, mit den trotzig gezackten Giebeln, mit den keck hervorspringenden Erkern, mit den kleinen Fenstern und schmalen Thüren, deren Holz, mit faustdicken eisernen Nägeln beschlagen, einem tüchtigen Anpralle zu widerstehen vermochte, wenn man oben neben den spitzigen Dächern die emporstrebenden Eckthürmchen sah, an der Seite des Hauses hinabgehend und anzuschauen wie die gewaltige Wehre in der Hand eines Riesen, dazu oben auf der Spitze der Giebel die bunt verzierten und verschnörkelten Windfahnen wie Sturmhaubenbüsche und Helmzierden, so erschien Einem dieser ganze gedrängte, bewaffnete Kreis wie eine Schaar Leibwächter, die bereit war, das ehrwürdige, alte Schloß in ihrer Mitte und damit ihre eigenen Privilegien und Freiheiten bis auf den letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Ähnliches war denn auch schon vorgekommen, aber es hatte die Zeit dort an herausfordernden Übermuth, hier an Trotz und eifersüchtige Halsstarrigkeit mildernd die Hand gelegt; man begann, anstatt sich mit Schwert und Kolben drohend gegenüber zu treten, kleine, angenehme, freundliche Übereinkünfte zu schließen, wo jeder Theil ein wenig Haar lassen mußte und wo der am besten wegkam, welcher am pfiffigsten zu reden und am meisten zu versprechen wußte. Nach solchen Fehden, welche in diesen milder gewordenen Zeiten wenig oder kein Blut, aber viel Dinte gekostet hatten, wo die Papiermüller frohlockten, weil sie gute Geschäfte machten, und wo das Geschlecht der Gänse in Gefahr war, auszusterben – nach solchen Fehden erschien dann die Taube als Sinnbild des Friedens, aber nicht mit dem Ölblatte im Schnabel, sondern wie es sich für die ganz anders gewordenen Zeiten paßte, mit farbigen Bändern, um so symbolisch eine innigere und festere Verbindung zu bezeichnen. Freilich, als der erste regierende Bürgermeister das erste farbige Bändlein in das Knopfloch steckte, da gab es finstere Gesichter in der Bürgerversammlung, und in der Mitternacht sollen sich die Häuser der alten Patrizier rings um das Rathhaus herum unmuthig geschüttelt haben. Doch ging auch das vorüber; die alten Zeiten, Ansichten und Gewohnheiten verblaßten nach und nach zu nebelhaften Umrissen, und in der Zeit, wo unsere wahre Geschichte beginnt, erschien ein farbiges Bändlein im Knopfloche des regierenden Stadtoberhauptes so selbstredend und folgerichtig wie der rothbackige Apfel im Herbste, der ja auch ohne besonderes Zuthun des Baumes von selbst zeitigt, oder wie vergängliche Eisblumen bei starkem Froste, welche kommen, wie Gott will. Im Innern hatte sich das ehemalige Jagdschloß noch ziemlich in seiner früheren Gestalt erhalten; die großen Räume desselben wurden zu Stadtraths-Sitzungen und sonstigen Versammlungen benutzt und die kleineren Gemächer zu Kanzleien und Arbeitszimmern. Leider hatte man die runden, in Blech gefaßten Scheiben beinahe überall entfernt, um mehr Licht zu bekommen, und dadurch dem malerischen Eindrucke des Hauses geschadet; doch war es immerhin noch eine große Zierde der alten Stadt, und künstlerische Naturen, die an den reichen Palästen der oberen Stadt ziemlich theilnahmlos vorüberschritten, geriethen in Entzücken, wenn sie auf den Marktplatz kamen, dort das malerische Rathhaus erblickten und die alten, dunkeln Häuser rings umher, die von unten bis zur Spitze des Daches eine Fundgrube der wunderbarsten Details waren. Es ist Winter; ein leichter Schnee deckt die Dächer der Häuser sowie das Pflaster des Marktplatzes, und auf demselben sehen wir zahlreiche Fußgänger, von denen sich die meisten an der breiten, weit offen stehenden Thür des Rathhauses zusammenfinden. Wir folgen ihnen getrost, denn wir könnten ja in einer der zahlreichen Kanzleien Geschäfte zu besorgen haben und nicht nur von unserer Neugierde hieher geführt sein, oder, der Nothwendigkeit gehorchend, hier unsere Geschichte beginnen. Durch die Eingangsthür treten wir in einen geräumigen Vorplatz, von dem eine breite Treppe in die oberen Stockwerke führt; hier ist Alles: Decke, Wände, Unterstützungsbalken, mit einer wahren Verschwendung aus festem, nun fast schwarz gewordenem Eichenholze gezimmert; hier und da sieht man leichte Anfänge von Verzierungen, grob geschnitzte Kapitale, sehr einfach verzierte Tragbalken, schüchterne Versuche, den rings an den Wänden hinlaufenden Bänken ein angenehmes Äußeres zu geben; doch nur im Hintergrunde dieses Raumes hat sich die Phantasie des Erbauers zu einem kleinen Kunstwerke aufgeschwungen, bestehend in einem für unsere Zeit fast riesenhaften Hirschkopfe, geziert mit einem natürlichen Geweihe von 24 Enden, unter welchem eine breite Doppelthür in die große Halle des ehemaligen Jagdschlosses führt. Hier sieht es trotz der erstaunlichen Ausdehnung des gewaltigen Raumes schon wohnlicher aus; die Wände sind mannshoch mit Holz vertäfelt, die Decke ist nicht nur künstlich zusammengefügt, sondern an den Ecken ihrer Felder hangen geschnitzte Holzzapfen herab, die in Kugeln und Spitzen endigen. Der Mittelpunkt dieser weitgespannten Decke wird getragen von einem aus Quadern gehauenen mächtigen Pfeiler, welchen spiralförmig ein breites Holzband umschließt, auf dem, allerdings ziemlich roh, Sauhatzen, Hirschjagden, sowie die Hatz des Bären abgebildet sind. Auf der linken Seite dieser Halle befinden sich Brandspritzen und sonstige Löschgeräthschaften und über denselben Feuereimer in langen Reihen; rechts aber sehen wir eine Einrichtung aus der neueren Zeit, welche der malerischen Schönheit dieses Raumes großen Abbruch thut, Holzverschläge nämlich mit neumodischen Fensterscheiben, die Schreibstube des Markt-Meisters und des städtischen Beamten, der die kleinen Steuern für die zu Markt gebrachten Lebensmittel zu erheben hat. Gegenüber der Thür hat aber dagegen eine behagliche Einrichtung der alten Zeit siegreich ihren Platz behauptet, wenn auch nicht ihr vollkommenes Recht, der gewaltige Kamin nämlich, der sich mit seinem eisernen Holzroste und seinen großen Feuerhunden allerdings noch unverändert hier befindet, aber leider keine lodernden Flammen mehr zeigt; er ist von solchen Dimensionen, daß der größte Mann mit dem Hute auf dem Kopfe aufrecht in demselben stehen kann, weßhalb der kleine eiserne Ofen, der später hinein gebaut wurde, um so spärlicher aussieht. Doch wird derselbe tüchtig geheizt und ist deßhalb schon im Stande, den anstoßenden Verschlägen einige wenige Wärme mitzutheilen; viele ist gerade auch nicht nöthig, denn der eine der Beamten, der hier beschäftigt ist, der Marktmeister, hat meistens auf dem Platze draußen zu thun, und der andere hat seinen Schreibtisch, an dem er bei jedem Markttage nur kurze Zeit zu thun hat, am Eingange des Verschlages so nahe wie möglich beim Kamine stehen; auch benutzt dieser würdige Beamte jeden Augenblick seiner freien Zeit, deren er sogar während der Dienststunden viele hat, um aus seinem Verschlage hervorzuhüpfen, was dann jedesmal aussieht, als wenn eine Krähe ihren Käfig verläßt, Der Betreffende trägt einen ziemlich fadenscheinigen schwarzen Frack, gleichfarbige Beinkleider, eine fest unter dem Kinn zugeknöpfte Weste, die durchaus nichts von weißer Wäsche sehen läßt; dabei hat er den Hals vorgestreckt, trägt die spitzige Nase ziemlich hoch und hat in allen seinen Bewegungen etwas Hastiges, Hüpfendes, ja, Flatterndes, was uns vielleicht Berechtigung zu dem kühnen Vergleiche von vorhin gab. Auch jetzt kommt er wieder auf die eben beschriebene Art hervor, eine schwarze Kappe mit weit vorstehendem Schild auf dem Kopfe, mit Schreibärmeln von schwarzem Sarsenet versehen, und stellt sich händereibend vor den knisternden Ofen, wobei er denselben mit eingezogenen Knieen tänzelnd umhüpft und zugleich eine andere Persönlichkeit, welche vor diesem Ofen steht und sich den Rücken wärmt. Dieses ist ein ziemlich großer Mann mit sehr aufrechter Haltung, einem vollen, gesund aussehenden Gesichte von sehr würdevollem Ausdrucke; er trägt einen dunkelblauen Rock, auf dessen messingenen Knöpfen das Stadtwappen zu sehen ist, eine dreizackige Mauerkrone; auf dem Kopfe trägt er eine blaue Mütze mit schwarzem Streifen und der gleichen Auszeichnung. Dieser Mann hat die Gewohnheit, besonders wenn er, wie jetzt, in tiefes Nachdenken versunken scheint, seine Backen aufzublasen, hierauf den Mund zu spitzen und alsdann seinen Athem mit einem zischenden Laute auszustoßen, eine Gewohnheit, die wir auch schon bei anderen bedeutenden Persönlichkeiten bemerkt haben – wir sagen: anderen bedeutenden Persönlichkeiten, denn der Mann, welcher so harmlos am Ofen steht, ist nichts Geringeres als der Amtsdiener des hochweisen Raths und zugleich in vieler Beziehung das Factotum des regierenden Bürgermeisters. Der Andere hatte ihn schon ein paar Mal im Halbkreise umhüpft und sagte endlich, die Hände zusammenschlagend: »Jetzt werden wir doch endlich einmal Winter kriegen, Schnee und Frost; dieses unangenehme Sudelwetter habe ich satt. Man bekommt bei der ewigen Feuchtigkeit gar keinen warmen Fuß mehr, besonders da drinnen in dem verfluchten Affenkasten. Glauben Sie nicht auch, daß es kalt bleibt – was sagt Ihr Barometer, Herr Amtsdiener?« »Er ist gestiegen,« gab der Gefragte, aber erst nach einer ziemlichen Pause, zur Antwort; »doch gebe ich nicht viel darauf, das steigt und fällt in letzter Zeit ohne alle Ursache.« »Wie so Manches in dieser Welt,« erwiederte lächelnd der Andere; »wer aber kein Glück hat, kann machen, was er will. Hat er noch so viel Fähigkeiten, noch so viel Fleiß und Ausdauer, er purzelt doch bei jedem Schritte, den er aufwärts thun will, drei Schritte abwärts. Ich kenne solche Leute,« setzte er seufzend hinzu, indem er an seinem abgeschabten Anzuge hinunter sah, »die immer unten bleiben ohne alle Ursache . . .« »Ohne alle Ursache,« wiederholte der Amtsdiener in so gleichgültigem Tone, daß man annehmen konnte, er habe die Worte des Steuerschreibers gänzlich überhört, der sich aber dadurch nicht stören ließ, sondern hüpfend und händereibend fortfuhr: »Andere, Glückliche dagegen steigen, sie mögen thun, was sie wollen; davon ist unser Herr Stadtschultheiß selbst ein redendes Beispiel. Was hat der Mann für eine Carriere gemacht, allerdings durch sein Verdienst, oder vielmehr – was haben wir, die Bürger der Stadt, ihn für eine Carriere machen lassen! Vor zwei Jahren noch simpler Beigeordneter, heute regierender Stadtschultheiß. Und dieses sein Glück bewährt sich auch in Kleinigkeiten; opponirt er einmal der Regierung oder dem Hofe, so bemüht man sich, einig mit ihm zu gehen, und statt daß es hohe oder allerhöchste Zurechtweisungen gibt, fallen Belohnungen aller Art, hast du nicht gesehen?!« »Und mit vollem Rechte,« sagte trocken der Amtsdiener, während er bei dem Sprecher vorbei nach der halboffenen Thür des Einganges schaute und durch diese auf den Marktplatz, wobei ein Zusammenziehen seiner Augen anzeigte, daß er dort etwas für ihn Interessantes erblickte. »Ist irgend ein Fest, welches im Freien abgehalten werden muß, und es schüttet noch den Tag vorher und die ganze Nacht wie mit Kübeln, den andern Tag haben wir das schönste Wetter von der Welt.« »Ist es denn wahr,« fuhr der Schreiber nach einer kleinen Pause in vertraulichem Tone fort, »daß der Kronprinz heute auf dem Balle des Herrn Stadtschultheißen erscheinen wird?« »Dummes Zeug! Der wird nicht ohne Einladung kommen, und daß ihn der Herr Stadtschultheiß nicht eingeladen hat, darauf könnt Ihr Euch verlassen, denn es wäre keine Veranlassung dazu da und unpassend.« »Allerdings unpassend – in gewisser Beziehung recht unpassend, und im Stadtrathe würde man komisch die Köpfe darüber zusammenstecken. Nun, mir könnte es ganz gleichgültig sein; ich bin doch nicht eingeladen zu diesem Balle in so vornehme Gesellschaft.« Dabei schnalzte er mit den Fingern, pfiff eine Melodie vor sich hin und war schon im Begriffe, in seinen Käfig zurückzutänzeln, als er sah, wie das ernste Gesicht des Amtsdieners sich zu einem freundlichen Schmunzeln verzog und wie jener den Ofen verließ, um sich so rasch, als es seine amtliche Stellung erlaubte, einem hübschen Dienstmädchen zu nähern, das mit koketter Einfachheit und tadelloser Reinheit angezogen war und einen möglichst kleinen, aber zierlich aussehenden Marktkorb am Arme trug. »Ah, Jungfer Margarethe, was bringen wir Neues?« »Ein paar Briefe für den Herrn, auf welche aber keine Antwort nöthig ist, wie die Frau Stadtschultheiß sagte; dann aber hier einen Zettel, den der Herr, wenn's angehe, durchsehen möchte und mit Bleistift darauf schreiben, was er will. Können Sie das jetzt hinaufbringen, und kann ich darauf warten?« Der Amtsdiener legte seine rechte Hand unter das Kinn, blickte an die Decke empor und sagte nach einer kleinen Überlegung: »Es wird angehen; ich war schon vor einer Viertelstunde oben, und da fing gerade der Herr Stadtrath, Seifensieder-Ober-Zunftmeister Spitzel, an zu reden. Der thut's nie unter drei Viertelstunden, und wenn der Herr Stadtschultheiß nur auf die letzten zwölf Worte Achtung gibt, so weiß er ganz genau, was der Mann gesagt hat.« »So will ich hier warten,« erwiederte das hübsche Dienstmädchen. »Aber bleiben Sie nicht zu lange aus, es ist mir immer graulich hier, und fast am hellen Tage fürchte ich mich in diesem öden, geheimnißvollen Saale.« Der Amtsdiener war mit den Papieren hinausgegangen, und Jungfer Margarethe, obgleich sie den Steuerschreiber, der am Eingange eine Feder schnitt, wohl gesehen, that nach Art wohlgezogener Dienstmädchen guter Häuser doch, als ob sie ihn gar nicht bemerkt, ja, auch dann nicht einmal, als er mit einem Strohsessel hervortänzelte, den er ihr zum Sitze anbot. »Ich danke Ihnen, ich bin nicht müde.« »Aber wenn man so herumgehen muß – heute, bei den vielen Commissionen . . .« »Die der Knecht besorgt,« fiel ihm das hübsche Dienstmädchen etwas hochmüthig in die Rede. »Ich würde die Zimmer nicht verlassen haben, wenn es nicht ein Auftrag von Wichtigkeit an den Herrn wäre.« Sie betrachtete bei diesen Worten mit einem leichten, etwas affectirten Seufzer ihre für den Schnee draußen allerdings etwas zu feinen und zierlichen Schuhe – ein Seufzer, den der Steuerschreiber verstand und händereibend und schmunzelnd sagte: »Wer wird aber auch so in den Schnee hinausgehen und in die Kälte! Wenn Sie sich nicht setzen wollen, so stellen Sie wenigstens den Fuß auf den Stuhl und trocknen Sie die Schuhe.« Warum Jungfer Margarethe diesen Vorschlag annahm, wissen wir nicht zu sagen; aber sie that es und zeigte dabei ihre schlanke und doch wieder volle Gestalt in so angenehmen, runden Formen, daß der Steuerschreiber, der neben ihr herumtanzte, eine Pantomime machte wie Jemand, dem das Wasser im Munde zusammenläuft. Er hatte Schulbildung genossen und sagte plötzlich, scheinbar ohne allen Zusammenhang: »Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein,« womit er ausdrücken wollte: »Wenn ich nicht Steuerschreiber wäre, möchte ich Hausknecht bei Stadtschultheißens sein – ah der Teufel!« Er hatte übrigens keine Zeit, diesen zarten Gefühlen weiteren Ausdruck zu geben, denn der Amtsdiener kam in diesem Augenblicke zurück, kopfschüttelnd und mit aufgehobenem Zeigefinger, vermittelst welchem er ebenfalls das Zeichen des Verneinens machte. Ich habe Alles pflichtschuldigst abgegeben, auch den Zettel mit den Fragen dicht vor den Herrn Stadtschultheißen hingelegt, es war aber nichts zumachen; der Herr Stadtrath, Metzger-Ober-Zunftmeister Krampler, hatte gerade das Wort verlangt zu einer persönlichen Bemerkung gegen den Vorredner, und wenn so etwas vorkommt, Jungfer Margarethe, da käme man bei Herrn Stadtschultheißen bös an, wenn man ihn stören wollte.« »Aber warten kann ich hier unmöglich,« meinte das hübsche Dienstmädchen etwas schnippisch. »Gott, wir haben heute so viel zu thun, und die Fragen auf dem Zettel sind dringend! Was machen wir denn nun?« »Das ist sehr einfach,« erwiederte der Amtsdiener, indem er auf Jungfer Margarethe zutrat und mit natürlichem Wohlwollen ihr rundes Kinn in die Höhe hob. »Ich passe den günstigen Moment ab, und sobald ich den Zettel habe, bringe ich ihn selber oder schicke ihn durch irgend jemand Zuverlässiges, aber wahrscheinlich bringe ich ihn selber.« Das glaube ich auch, dachte der Steuerschreiber, und als ihm nun Jungfer Margarethe mit einem recht freundlichen Blicke für den Stuhl dankte, entgegnete er mit auffallender Galanterie: »Ich werde mich eines süßen Gefühls nicht erwehren können, wenn ich mich auf dieselbe Stelle setze, wo Ihr reizendes Füßchen geruht.« Der Amtsdiener dachte bei diesen Worten: Es ist doch ein recht fades Geschöpf, so ein Schreiber! Und Jungfer Margarethe, die schon in der Halle ihren Regenschirm aufspannte und ihre Röcke hinten zierlich und gerade hoch genug aufhob, sprach zu sich selber: »Es haben diese Schreiber doch immer eine artige Manier und wissen Einem stets etwas Angenehmes zu sagen.« Jetzt war sie verschwunden, und der Steuerschreiber wandte sich neugierig gegen den Amtsdiener und fragte: »Also droben wird wieder heftig opponirt? Ja, wenn der Krampler Jemandem zu einer persönlichen Bemerkung in die Rede fällt, da fliegen die Haare davon. Ich kenne das.« »Nun, so arg wird's nicht sein; aber ich will doch in's Vorzimmer hinauf, schon des Zettels halber.« Damit verließ der Amtsdiener langsam die Halle und stieg die Treppe hinauf. »Den du natürlich selbst hinbringen wirst, alter Sünder!« sagte der Schreiber, als jener aus der Gehörweite war. »Was so ein Thier für ein unverschämtes Glück hat! War vor noch nicht lange ein plumper Markthelfer und ist jetzt Amtsdiener mit freier Wohnung und 800 Gulden Gehalt, während ich, der ich doch mein Gymnasium absolvirte und ein gebildeter Mensch bin, mir für 1 Gulden 12 Kreuzer Taggeld die Finger abschreibe – nein, das kann ich eigentlich nicht sagen, aber hier zum Vergnügen der dummen Marktweiber umhertummeln und frieren muß – hol's der Henker!« Die Treppe, welche der Amtsdiener emporstieg und auf der wir ihm ungesehen folgen wollen, ging im Viereck hinauf und hatte ein breites, hübsch durchbrochenes Eichenholz-Geländer, das jedes Mal in den Ecken, wo sich die Treppe bog, mit zierlich geschnitzten Pfeilern verbunden war, auf denen sich Schildhalter in den verschiedensten Gestalten befanden, unten geharnischte Ritter mit Schild und Speer, dort weiter oben das fabelhafte Einhorn und gegenüber ein Löwe, dessen unnatürliche Mähne wie eine Allonge-Perrücke aussah, dort Greifen und aufrecht stehende Drachen, ganz oben, wo die Treppe auf den Vorplatz mündete, zwei grimmig aussehende Bären, die Wappenthiere der Stadt, welche in ihren Krallen den Schild hielten mit der dreizackigen Mauerkrone. Der Fußboden dieses Vorplatzes war mit platten Steinen bedeckt, und von hier aus führten hohe und breite Flügelthüren in verschiedene Gemächer. Wir betreten eines derselben, das Vorzimmer, wo wir den Amtsdiener Herrn Sprandel wiederfinden, und zwar in gebückter Haltung am Schlüsselloche des Rathhaussaales stehend, in welchen wir jetzt in unserer unsichtbaren Eigenschaft, ohne irgend eine Störung zu verursachen, eintreten. Der Rathhaussaal war von der Größe der unteren Halle, nur um ein Bedeutendes höher, wodurch er auch, selbst ohne seine reiche Verzierung, einen guten Eindruck gemacht haben würde. Doch hatte man diesen Ritter- und Bankett-Saal des ehemaligen fürstlichen Schlosses glücklicher Weise in seiner ganzen Schönheit bestehen lassen, und bildete er deßhalb heute noch ein reiches, künstlerisches, schönes Ganzes. Er zeigte nur an einer Seite Fenster; aber da diese beinahe vom Fußboden bis an die Decke gingen und dazu eine verhältnißmäßige Breite zeigten, so hatte man hier nicht nöthig gehabt, die alten, in Blei und Eisen gefaßten Scheiben zu entfernen, und dadurch eine Hauptschönheit des ganzen Gemaches erhalten, besonders da jede einzelne Abtheilung dieser Fenster, durch zierliche Steinsprossen geschieden, in der Mitte ein großes, kunstreich gemaltes Wappen zeigte. Die farbige, reich verzierte Decke schloß sich in den Ecken und den Langseiten mit einer leichten Wölbung an die Wände an und war mit schildhaltenden Löwen verziert, welche, in gebückter Haltung stehend, so die Decke zu tragen schienen. Gegenüber der Eingangsthür bestand die andere schmale Wand des Saales aus einem auf's kunstreichste geschnitzten, neben und über einander aufgebauten Wandschranke, welcher ehedem zur Aufbewahrung der Tafelgeräthe und der Trinkgeschirre gedient, jetzt aber zum städtischen Archiv benutzt wurde. Eine Hauptzierde des Saales bildete der Kamin; nicht so hoch wie der in der unteren Halle, hatte er einen reichen, aus Stein gemeißelten Oberbau, in dessen Mitte man das große fürstliche Wappen sah, rechts und links von geharnischten Rittern bewacht. Was dem ganzen Eindrucke indessen einigen Abbruch that, war der moderne, mit einem grünen Tuche überdeckte Tisch in der Mitte des Saales, mit seinen einfachen Stühlen und dem Stücke ziemlich geschmacklos carrirten Fußteppichs, auf dem er stand. Wenn man aber die Bestimmung dieses Tisches mit seinen Actenstößen und plumpen, schwarzen Tintenfässern in's Auge faßte, und wenn man die würdigen Männer betrachtete, die, um ihn herumgereiht, ihre volle Thätigkeit dem Wohle der Stadt widmeten, so mußte man sich das Recht der Gegenwart gefallen lassen, das Recht der der Poesie feindlichen Prosa, wo sich das Schöne und Angenehme mit dem Nützlichen verbinden muß. Ein mächtiger Kachelofen in einer Ecke des Saales, viereckig und unschön, kann unsere Aufmerksamkeit nur deßhalb in Anspruch nehmen, weil er in dem großen Raume eine recht behagliche Wärme verbreitet. In der Mitte an der langen Seite der Tafel saß der Stadtschultheiß in einem bequemen Armstuhle, vor sich Dintenzeug, Papiere, ein Glas Wasser und die Handglocke mit majestätischem Klange, welcher oft genöthigt war, die streitenden Parteien zu beruhigen, wenn sie sich überboten in ihren Bemühungen, mit Geist und Stimme für das Beste der Stadt zu sorgen. Ja, mit Geist und Stimme; denn daß es der erstere nie allein thut, hat der schmächtige Seifensieder-Ober-Zunftmeister Herr Spitzler erfahren, weil sein weiches, geschmeidiges Organ nicht einmal im Stande gewesen war, den laut ausgestoßenen Ah und Oh der Gegenwärtigen zu widerstehen, noch weniger aber der persönlichen Bemerkung seines ganz besonderen Feindes, des Metzger-Ober-Zunftmeisters Herrn Krampler, welcher es dem Collegen Stadtrath nie verzeihen konnte, daß er einmal behauptete, der schlechte Geruch seiner Seife sei durch verdorbenes Fett des Herrn Krampler entstanden. »Meine Herren,« donnerte der letztere, »wenn mir auch allerdings der Herr Stadtschultheiß das Wort nur zu einer persönlichen Bemerkung gegeben, so frage ich Jeden, dem das Wohl der Stadt am Herzen liegt, ja, jeden Biedermann, ob er wohl im Stande ist, nach den Bemerkungen unseres verehrten Collegen zu schweigen, ohne den persönlichen Bemerkungen ein paar allgemeine anzuhängen – meine Herren . . .« »Herr Stadtrath Krampler,« unterbrach ihn hier der Herr Stadtschultheiß mit einer nicht sehr lauten, aber, da er ruhig sprach und jedes Wort genau betonte, sehr vernehmlichen Stimme, »der Herr Stadtrath Spitzler hat das Wort, und ich kann Ihnen nie erlauben, eine gestattete persönliche Bemerkung zu einer selbständigen Rede auszudehnen.« Leichtes Beifallsmurmeln von verschiedenen Seiten des Tisches und halb unterdrückte Bravo's, welche von dem unterbrochenen Redner, nachdem er gegen den Stadtschultheißen eine steife Neigung mit dem Kopfe gemacht, durch einen wilden Blick des Hasses erwidert wurden, worauf er sich alsdann so hart und gewaltsam auf seinen Stuhl niederließ, daß dieses sehr solide Möbel bedenklich unter ihm krachte. »Meine Herren,« lispelte nun der Stadtrath Spitzler, »wenn auch die persönliche Bemerkung meines verehrten Collegen in mehr als einer Beziehung Verletzendes für mich enthielt, so bin ich es mir selbst und dieser achtbaren Versammlung schuldig, mit Stillschweigen darüber hinwegzugehen und mich der wichtigen Angelegenheit, die uns hier vereinigt, wieder zuzuwenden. Meine Herren . . .« Wahrscheinlich der Ansicht huldigend, die der Amtsdiener drunten über die Reden des Seifensieder-Ober-Zunftmeisters ausgesprochen, daß dieselben gewöhnlich sehr lang und wässerig, nur das einzige Gute hätten, daß man ja nicht auf sie zu hören brauchte und es in der Gewohnheit des Redners lag, schließlich das allenfalls Genießbare seines Vortrages mit kurzen Worten zu wiederholen, hatte sich der Stadtschultheiß über einen aufgeschlagenen Aktenfascikel hingebeugt, scheinbar, als studire er darin, in Wahrheit aber nur, um die empfangenen Briefe und Zettel durchzulesen. Die ersteren waren von verschiedener Hand, und der Schreiber oder die Schreiberin derselben beehrte sich, in kurzen Worten mit großem Bedauern anzuzeigen, daß es ihnen unmöglich geworden sei, den erhaltenen und angenommenen Einladungen zu der heute stattfindenden Abendgesellschaft Folge zu leisten. Dies schienen aber alles Leute zu sein, an denen dem Festgeber wenig gelegen war, denn seine Stirn blieb glatt, ja seine Lippen kräuselten sich ein paar Mal zu einem behaglichen Schmunzeln. Herr Stadtrath Spitzler sprach während dessen noch immer mit größter Ruhe und Salbung. Dann zog der Herr Stadtschultheiß langsam den erhaltenen Zettel vor sich hin und las, von der Hand der Gattin geschrieben, die Worte: »Die Austern sind angekommen, scheinen noch frisch zu sein; ich mußte aber den Tarbot zurückschicken, da er schon bedeutend roch, will nun dafür Hecht nehmen oder Salm, der frisch angezeigt ist, wenn Dir letzterer nicht zu theuer erscheint, das Pfund 2 Gulden. Die Bramler hat abgesagt, sie ist eine dumme Person, woran ich jedoch nie gezweifelt; sie war selbst da und meinte, für große Gesellschaft tauge sie doch nicht recht; was sie liebe, sei ein kleiner Kreis ihrer Freunde. Ich verstand diesen fein sein sollenden Stich wohl, weil wir sie neulich Abends nicht eingeladen – also Hecht oder Salm?« Der Seifensieder-Ober-Zunftmeister sprach immer noch mit großer Salbung und Ruhe, doch hatte sich sein schwaches Organ etwas gehoben, was auf den Schluß seiner Rede hinzudeuten schien, und gewiß nur aus diesem Grunde, um so einige Hauptgedanken des Redners zu notiren, nahm der Stadtschultheiß eine Bleifeder zur Hand, blickte nachdenklich auf den Sprecher, dann an die Decke des Saales empor und schrieb auf den vor ihm liegenden Zettel: »Hecht, wenn er groß ist und wenn die Köchin ihn schmackhaft zu spicken versteht.« »Ja, meine Herren,« sprach jetzt der Redner mit hörbarem Aufschwunge, »nur im reinen Bewußtsein, meinen Mitbürgern zu dienen, unbeirrt von allen Parteirücksichten, unbewegt von äußeren Einflüssen und nachdem ich mit meinem Gewissen reiflich zu Rathe gegangen bin, muß ich Ihnen sagen, daß ich vollkommen mit dem Vorschlage des Herrn Stadtschultheißen einverstanden bin, daß ich für denselben stimme und daß ich es für einen zeitgemäßen Fortschritt ansehe, wenn die eiserne Gitterthür im großen Keller des Rathhauses endlich einmal zugemauert wird und dadurch den übelriechenden Ausdünstungen, welche nicht nur zur Zeit in den unteren Räumen sehr bemerkbar, sondern auch hier und da in unserem Sitzungssaale für empfindliche Nasen zu spüren sind, kräftig ein Ziel gesetzt wird.« Der Redner setzte sich hierauf nieder, sichtlich erregt und bewegt, mit Nasenflügeln und Lippen zitternd wie ein gejagtes Kaninchen, mit den Fingern der rechten Hand leise auf den Tisch trommelnd, als trüge dies dazu bei, den Sturm seiner Seele rascher austoben zu lassen. Ihm gegenüber hatte sich indessen schon ein gerüsteter Kampfhahn, der Metzger-Ober-Zunftmeister Krampler, erhoben, die breite Brust herausgedrückt, die rechte Faust auf den Tisch gestützt, den Kopf zurückgeworfen, mit zornig gesträubtem Gefieder. »Meine Herren,« donnerte er – diese Worte schallten durch den Saal, als befände sich in jeder Ecke ein seine Rede beginnender Metzger-Ober-Zunftmeister, ja, als sprächen Verschiedene von der Decke herab oder hervor aus den tiefen Fensternischen – »meine Herren! Ein Kind kann die wohlfeile Anspielung verstehen, mit der mein geehrter Vorredner seine Rede schloß; allerdings wird in Kreisen der Stadt, die aber nicht gerade unsere Achtung verdienen, der schlechte Witz zum Ekel wiederholt, daß sich in den Sitzungen des Stadtraths zuweilen ein übler Geruch bemerklich mache – daß etwas faul sei im Staate Dänemark. Aber, meine Herren und verehrten Collegen, hätten wir erwarten können, daß ein Mann von so – ich wollte sagen: im gewöhnlichen Leben von so versöhnlichem Gemüthe wie mein verehrter College, der Herr Seifensieder-Ober-Zunftmeister« – diese Worte waren von einem ironisch sein sollenden Lächeln begleitet –, »ja, von so versöhnlicher Gemüthsart, daß dieser Mann, durch die Anklage gegen den hier herrschenden üblen Geruch, auf so eigenthümliche Art für den Antrag unseres allverehrtesten Herrn Stadtschultheißen zu wirken suchen würde? Aber um auch dem Gegner Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,« fuhr der Redner nach einer Pause fort, während welcher er langsam seine Arme übereinander geschlagen hatte – »etwas Wahres ist doch an der Sache. Der Stadtrath hat sich allerdings bei der Bürgerschaft in einen üblen Geruch gebracht, ich gebe die Wirkung zu, aber läugne die angegebene Ursache.« Ein Gemurmel flog um den Tisch herum, ein Gemurmel der Mißstimmung, aber auch des Beifalls, und wir müssen gestehen, daß das letztere fast die Oberhand hatte. »Ja, meine Herren, wir sind bei der Bürgerschaft in einen üblen Geruch gekommen, und ohne mich auf Vergangenes einzulassen, was ich könnte, ja, was ich sehr könnte, will ich bei der Angelegenheit, die uns gegenwärtig beschäftigt, verweilen und Ihnen beweisen, daß die Angelegenheit, so harmlos sie auch erscheint, wohl dazu angethan ist, diesen oft erwähnten üblen Geruch zu verstärken.« Ein theils erstaunendes, theils beistimmendes, theils fragendes Ah, Ah! wurde ringsum hörbar; nur der Stadtschultheiß blickte gedankenvoll wie früher vor sich nieder und lächelte ein ganz klein wenig, schlug aber rasch die Augen auf, als eine andere Stimme wie die des Sprechers ihm gegenüber hörbar wurde, die des Oberbauraths Lievens, eines langen, hageren Mannes mit großen Brillengläsern, der sich mit aufgestützten Händen halb erhob und um das Wort zu einer wichtigen Bemerkung bat, sobald der geehrte Vorredner geendigt. »Erlauben Sie mir, meine Herren,« fuhr Herr Krampler fort, »daß ich Ihnen in Betreff des Vorschlages unseres verehrten Herrn Stadtschultheißen die Worte des großen Dichters zurufe: ›Tiefer Sinn liegt oft im kind'schen Spiel!‹ Nicht aber, als ob ich den eben erwähnten Vorschlag mit dem Ausdrucke kindischen Spieles bezeichnen wollte – der Himmel bewahre mich davor! – Wenige schätzen und achten so wie ich das verehrte Oberhaupt unseres städtischen Staates –, sondern ich wollte nur ausdrücken, daß unter allen Projekten unseres verehrten Herrn Stadtschultheißen tiefer Sinn verborgen liegt, für Viele oft so tief, daß es nicht Jedermanns Sache ist, denselben zu entdecken.« – Diese letzten Worte, welche speciell dem Seifensieder-Ober-Zunftmeister galten, wurden denn auch demselben mit einem bezeichnenden Blicke zugesandt; dann fuhr der Redner in ruhigem Tone fort: »Ja, meine Herren, der Vorschlag, den wir so eben gehört, nimmt sich so harmlos aus, wie nur immer möglich. Es ist im großen Keller des Rathhauses,« sprach er in behaglich erzählendem Tone, »ein unterirdischer Gang, welcher sich, wie bekannt, unter einigen Straßen fortsetzt und in einem alten Gebäude endigt, in dessen oberem Theile sich das Staatsarchiv befindet und im unteren die Hauptwache. Es ist dies ein massives Gebäude mit sechs Fuß dicken Mauern, Fenstern wie Schießscharten, gewölbten Räumen, plattem, kupfernem Dache, durch Aufschüttung von vier Fuß Erde leicht bombenfest zu machen, also in eine Citadelle zu verwandeln!« »Ah, ah, ah! Das ist doch etwas zu weit gegangen!« »Ja, meine Herren, in eine Citadelle, in einen festen Platz, wichtig für bedenkliche Zeiten, die kommen können – in ein Zwing-Uri. »Diese Citadelle – ich werde mir erlauben, den Namen beizubehalten – hängt also durch einen unterirdischen Gang mit unserem Rathhause zusammen, ist aber in den großen Kellern desselben vermittelst einer eisernen Thür verschlossen, von so solider Construction, mit so festen Schlössern, so verklammert in den Mauern, daß es den stärksten Männern mit Heb- und Brecheisen unmöglich ist, die Thür auf- oder aus ihren Angeln zu brechen, ohne zu gleicher Zeit das Gewölbe selbst in Gefahr zu bringen – ist es nicht so, Herr Oberbaurath Lievens? Ich rufe gerade Sie auf, weil besonders Ihr Zeugniß, das eines politischen Gegners, für mich abzugeben von schlagender Wirkung sein muß – habe ich Recht oder Unrecht?« »Allerdings,« murmelte der Gefragte; »die Thür ist so fest, wie nur eine Thür sein kann; sie aufzubrechen ist fast unmöglich.« »Haben Sie es gehört, meine Herren?« jubelte Herr Krampler. »Der Herr Oberbaurath Lievens, ein Fachmann, wie wir wenige haben, kann nicht umhin, zu erklären, daß es beinahe unmöglich ist, die Thür mit Gewalt aufzubrechen!« »Und wenn dem so ist, was beweist das?« fragte der Stadtschultheiß in sehr ruhigem Tone. »Was das beweist? Daß wir im Besitze dieser Gitterthür, die wir mit unseren Schlüsseln jederzeit öffnen können, zu gleicher Zeit im Besitze eines unterirdischen Ganges sind, der bis zu jenem Gebäude führt, das einst zu einem Zwing-Uri werden kann, dessen Kanonen, drohend hieher gerichtet, die Freiheit der Bürgerschaft zu begraben im Stande sind – lassen Sie mich ausreden, meine Herren –, während im anderen Falle Söldlinge, die auf unsere Privilegien gehetzt werden, mit blutender Nase umkehren müßten an der Gitterthür im Rathhauskeller, durch welchen hindurch wir im Stande sein würden, sie zu empfangen und kräftig zurückzuwerfen.« – Der Redner hatte die letzten Sätze mit steigender Begeisterung gesprochen; jetzt aber ließ er plötzlich seine Stimme wieder sinken und fuhr in fragendem Tone fort: »Und warum diese alte, ehrwürdige Gitterthür entfernen? Warum nach und nach die glorreichen Zeugen einer besseren Vergangenheit ohne genügende Gründe vertilgen? Warum so beständig am Althergebrachten rütteln? Warum eine Mauer aufführen von kalten, fühllosen Steinen, die mit eben so leichter Mühe, als sie zusammengefügt wird, auch wieder hinweggeräumt werden kann? Warum alles das? Nicht, wie es so oft heißt, um einem tiefen, lange gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen, auch nicht um des üblen Geruches willen, der so oft unsere Sitzungen erfüllt, nein, meine Herren, das alles sind nicht die wahren Gründe, sondern ich will sie Ihnen aufdecken – unsere Gitterthür, unsere arme, bürgerliche Gitterthür soll den Platz räumen, weil man sich dadurch regierungsfreundlich bezeigen will, weil an hoher Stelle der Wunsch ausgesprochen wurde, daß das Ende des unterirdischen Ganges mit leichtem, gebrechlichem Mauerwerke verschlossen werde, und gerade deßhalb stimme ich gegen den Vorschlag des Herrn Stadtschultheißen und bin überzeugt, daß meine Stimme, die eines unabhängigen freien Mannes, nicht ohne Wirkung bleiben wird in dieser höchst achtbaren Versammlung.« Nachdem Herr Krampler also gesprochen, setzte er sich nieder, nicht ergriffen und bewegt wie sein verehrter Vorredner, sondern mit herausfordernden Blicken, welche der Reihe nach bald auf dem Gesichte Dieses oder Jenes haften blieben und sehr häufig mit einem leicht zustimmenden Kopfnicken beantwortet wurden. Auch der Stadtschultheiß hatte nach dem Schlusse der Rede um sich her geschaut, vorher aber seine Uhr zu Rathe gezogen, und sagte nun nach einer Pause mit einem freundlichen Lächeln auf seinen Zügen: »Als Antragsteller steht mir das Recht zu, noch einmal das Wort zu ergreifen. Doch was könnte ich mehr sagen, als ich schon Eingangs unserer heutigen Sitzung gesagt, nur meine Betheurung wiederholen, daß ich auch in dieser Sache nur das Wohl der Stadt und Bürgerschaft im Auge habe: vielleicht noch hinzufügen, daß unser verehrter Freund und College, der Herr Oberbaurath Lievens, auch meiner Ansicht das beste Zeugniß ausstellen und mir beipflichten muß, wenn ich sage, daß der unterirdische Gang, um den es sich handelt, an manchen Stellen morsch und baufällig ist und daß seine gelockerten Wände mit vorbeilaufenden sehr unreinlichen Kanälen leider in unläugbarem Zusammenhange stehen und daß dies jede empfängliche Nase der verehrten Versammlung schon häufig genug empfunden haben muß. Doch eilen wir zum Schlusse und schreiten wir zur Abstimmung: ich bitte die verehrten Herren Collegen, welche für meinen Antrag sind, sich zu erheben.« Dies geschah denn auch alsbald; doch sahen sich die Anhänger des Stadtschultheißen in so kleiner Zahl, daß der Vorschlag desselben auch ohne genaue Zählung sogleich als abgewiesen zu erkennen war. Diese Sache und auch die Sitzung wären hiermit wohl beendigt gewesen, wenn der Herr Oberbaurath Lievens nicht daran erinnert hätte, daß er vorhin das Wort zu einer kleinen Bemerkung verlangt habe; doch dauerte es eine Zeit lang, ehe der lange, hagere Mann, nachdem er sich schon lange erhoben, zu Worte kommen konnte, denn um die Tafelrunde flog ein sehr lautes Gemurmel, theils des Beifalls, theils aber auch der Mißbilligung über die eben Statt gehabte Verhandlung, welche Pause der Stadtschultheiß benutzte, um durch einen Zug an der Klingelschnur, die sich vor seinem Sitze unter der Tischplatte befand, den Amtsdiener herein zu rufen und ihm den Zettel zu übergeben, den er aber vorher in einen Umschlag gesteckt und diesen zugeklebt. »Schicken Sie dies meiner Frau,« sagte er dabei leise; »ich habe noch Aufträge für Sie, sonst könnten Sie es selbst hinbringen.« Wir wollen hier noch rasch beifügen, daß sich der Amtsdiener eilig entfernte und nach einiger Überlegung den Gehülfen des Marktmeisters unten beauftragte, das Schreiben schnell und pünktlich zu besorgen. Unterdessen sprach der Oberbaurath Lievens: »Mein verehrter Vorredner, der Metzger-Ober-Zunftmeister Herr Krampler, ließ uns eine Bemerkung hören, als ständen wir in den Augen der Bürgerschaft, ich sollte eigentlich sagen in den Nasen derselben in einem üblen Geruche, ohne daß äußerliche, natürliche Einwirkungen, wie sie der Herr Stadtschultheiß mit vollem Rechte angegeben, daran schuld waren. Der Stadtrath stände also nun, um mich deutlicher zu erklären, moralisch in einem üblen Geruche, und möchte ich mir die Frage an den verehrten Vorredner erlauben, welche unserer Handlungen einen solchen bitteren Vorwurf verdient haben.« Da sich nach diesen Worten Herr Lievens wieder auf seinen Stuhl niederließ, so schnellte Herr Krampler abermals kampfbereit in die Höhe und erwiederte, nachdem er um das Wort gebeten: »Habe ich von Handlungen gesprochen? Ich kann mich dessen nicht erinnern. Nein, Handlungen sind es gerade nicht, die den Stadtrath in einen üblen Geruch gebracht haben, nicht Sünden, um mich dieses harten Ausdruckes zu bedienen, die verübt, aber Sünden, die wir durch Nachlässigkeit, durch Gemächlichkeit, durch Wohldienerei begangen – Unterlassungssünden!« Wichtig und groß umherschauend, machte er hier eine Pause, während welcher er ein Paket Zeitungen aus der Tasche zog und dann erst fortfuhr: »Man wird mir das Zeugniß geben, daß ich nicht der Mann bin, der einen besonderen Werth legt auf das Geklatsch einzelner Tagesblätter, auf Zeitungsgeschwätz; aber, meine Herren, wenn die ganze Presse hiesiger Stadt so einstimmig unser Lob singt, so sollten wir doch in uns gehen und fragen, was daran verdient oder unverdient ist. So ist hier in den sämmtlichen Blättern, welche ich Ihnen vorzulegen die Ehre habe, eine ständige Rubrik zu sehen über die Straßenreinigung der Residenzstadt, und jeder Unbefangene muß gestehen, daß diese Artikel unendlich viel Wahres enthalten. Wir sind hier ganz unter uns und brauchen deßhalb kein Blatt vor den Mund zu nehmen, ja, wir brauchen nicht zu erröthen, wenn ich die Ansicht ausspreche, daß gerade unsere Stadt eine der schmutzigsten, dreckigsten des gesammten deutschen Vaterlandes ist . . .« »O–o–oh!« »Eine der schmierigsten unseres deutschen Vaterlandes,« wiederholte der Redner, »und ich kann die Behauptung wagen, daß es für einen reinlichen Menschen nur dann möglich ist, mit einigem Behagen die Straßen zu durchwandern, wenn vierzehntägiger Sonnenschein den Schmutz aufgetrocknet oder wenn wohlthätiges Frostwetter ihn zum Erstarren gebracht hat; in allen übrigen Zeiten aber sind Pflaster und Trottoir mit einer gelben, zähen, knöcheltiefen Brühe bedeckt, mit einem Urschmutze, Angesichts dessen man es dem Publikum und den Zeitungen nicht verargen kann, wenn sie uns freundschaftlich eine Ermahnung zukommen lassen, unsere Nase in den eigenen Dreck zu stecken, statt uns um andere, minder wichtige Dinge zu bekümmern – –« »Ich muß hier um das Wort bitten!« rief eine große, breitschulterige Persönlichkeit. »Wer mit einiger Sachkenntniß urtheilt, wird zugeben müssen, daß es bei den vielen Bauten nicht möglich ist, das Straßenpflaster reinlicher zu halten; doch sind an verschiedenen Straßen rein gekehrte Übergänge . . .« »Diese wollte ich so eben berühren,« unterbrach Herr Krampler mit gewaltiger Stimme den, der es gewagt, ihm in die Rede zu fallen. »Allerdings gibt es rein gekehrte Übergänge, aber wo sind solche zu finden? Nur in solchen Gegenden, wo die Herren Stadträthe wohnen! Ist die allgemeine Klage nun eine gerechte Klage . . .« »Eine Behauptung, die . . .« Der Herr Stadtschultheiß hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen und sagte nun, nachdem er langsam sich wieder aufrichtete: »Meine Herren! Ich muß Sie, der vorgerückten Zeit wegen, dringend ersuchen, nicht zu weitläufig zu werden, Dinge, die mit der Geschäftsordnung nichts zu thun haben, lieber für heute unberührt zu lassen, vor allen Dingen aber die Redeordnung zu beachten.« Diese letzteren Worte galten dem großen, breitschulterigen Manne, der sich nun auch nach einem leichten Kopfnicken rasch niedersetzte. Herr Krampler aber fuhr fort: »Ich werde mich möglichst kurz fassen, würde auch durchaus nicht das Wort verlangt haben, wenn nicht mein verehrter College Herr Oberbaurath Lievens mich dazu gedrängt, muß aber jetzt wiederholen, daß es unter Anderem der grundlose Schmutz unserer Residenz ist, der uns, den Stadtrath, bei der Bürgerschaft in einen üblen Geruch bringt; ferner aber, meine Herren, das ganz miserable Pflaster, auf dem die Bürgerschaft wandeln zu müssen so unglücklich ist . . .« »O–o–oh, zum Schluß! Oh, zum Schluß!« »Ja, das Straßenpflaster, meine Herren, welches nicht, wie es sollte, eine platte, angenehme Fläche bildet, sondern eine Composition ist von Erhöhungen und Löchern, von kleinen Hügeln und großen Thälern, ein Ruin für die Stiefel der Fußgänger, die Hufe der Pferde und die Räder der Equipagen, eine Zusammensetzung von Erhöhungen, über welche man stolpert, und von Kothlachen, in die man unversehens hineinpatscht . . .« »Zum Schluß, zum Schluß! Wir haben genug gehört!« »Ja, wir haben genug gehört!« rief Herr Krampler mit erhöhter Stimme. »Wir haben genug gehört, genug gelesen, sind aber selbst überzeugt, daß es nicht besser werden wird, bis der Stadtrath die Pflasterung der Stadt anderen und sachkundigeren Händen übergibt, wie eine unabhängige Partei dieses verehrten Collegiums schon so oft beantragt, und Sie werden mir zugeben, daß es ein Widersinn ist, die Pflasterung der Stadt durch einen Buchbindermeister besorgen zu, lassen . . .« »Genug, genug! Zum Schluß!« »Ja, zum Schluß,« stimmte der Metzger-Ober-Zunftmeister bei, indem er sich langsam niedersetzte, »denn um fertig zu werden mit allem dem, was uns bei der Bürgerschaft in einen üblen Geruch bringt, könnte ich mindestens vier Wochen lang fortfahren.« Hierauf verkündete der Stadtschultheiß den Schluß der heutigen Versammlung, das Aufnahme-Protokoll wurde verlesen und unterzeichnet und dann die Sitzung aufgehoben. Die Mitglieder des Stadtraths traten nachher kurze Zeit in verschiedene Gruppen zusammen, verließen aber bald, durch die Rathhausuhr an die weit über Mittag vorgerückte Zeit erinnert, nach kurzen, gegenseitigen Begrüßungen den Versammlungssaal. Zweites Kapitel. Der Stadtschultheiß schritt mit auf den Rücken gelegten Händen nachdenklich neben dem langen Tische hin und her, während der Amtsdiener beschäftigt war, die verschiedenen Aktenfascikel zusammen zu lesen, um sie wieder in's Archiv zu bringen. Letzterer that dies übrigens nicht schweigend, sondern indem er sich erlaubte, einige abgerissene Bemerkungen vor sich hinzusprechen, die aber darauf berechnet waren, von dem regierenden Oberhaupte der Stadt gehört zu werden. »Das hätte man sich doch denken können,« sagte Herr Sprandel – »das war eine vorher abgekartete Geschichte – Alles überlegt – Alles besprochen – davon pfiff der Spatz auf dem Dache.« »Was beliebt, he? Wovon pfiff der Spatz auf dem Dache?« »Habe ich etwas gesagt, Herr Stadtschultheiß?« »Vielleicht nach Ihrer Gewohnheit nur laut gedacht, wie ich annehmen will. Aber was war abgemacht und besprochen? Ich will, daß Sie reden.« »Nun, wegen der heutigen Verhandlung. Der Metzger-Oberzunftmeister Krampler hat seinen Kopf darauf gesetzt, daß der Vorschlag des Herrn Stadtschultheißen nicht durchgehen soll; er vergißt es nicht, daß sein Bruder bestraft wird, so oft er, statt im Schlachthause, zu Hause schlachtet.« »Dummes Zeug!« sagte der Stadtschultheiß, indem er sich an das Fenster stellte und auf den Marktplatz hinausschaute, der nun wieder leer von Käufern und Verkäufern war, dafür aber langsam mit dicht herabfallendem Schnee bedeckt wurde, welcher rasch die Spuren von heute Morgen unsichtbar machte. »Ja, dummes Zeug,« fuhr der Amtsdiener laut zu denken fort, »allerdings dummes Zeug von dem Metzger-Oberzunftmeister mit seinem Anhange; aber ich hatte es doch anders angefangen.« »Und was hätten Sie anders angefangen?« fragte der Stadtschultheiß, sich rasch umwendend. »Sprechen Sie – ich will es – was hätten Sie anders angefangen – nun?« »O, es ist das nur so meine Meinung, die Meinung eines ganz unwissenden, unbedeutenden Mannes.« »Nun denn, lassen Sie Ihre Meinung hören,« sagte das Oberhaupt der Stadt in herablassendem Tone, wobei Herr Welkermann seine Augen halb zuschloß und sein Kinn in die etwas weite, weiße Halsbinde vergrub, »lassen Sie hören; wir lieben es sehr, Stimmen aus allen Schichten der Bürgerschaft zu vernehmen. Und wie hätten Sie die Sache anders angefangen, anders dargestellt, anders vorgebracht?« »Wenn Sie mir also zu reden befehlen, Herr Stadtschultheiß, so will ich denn auch ehrlich sagen, daß ich das gar nicht dargestellt und gar nicht vorgebracht hätte.« »Ah, das ist neu! Und was hätten Sie gethan?« »Ich – verzeihen Sie mir aber, daß ich mir erlaube, zu sprechen, als wenn ich der Herr Stadtschultheiß gewesen wäre – in diesem Falle würde ich zum Amtsdiener gesagt haben: Sprandel, da haben wir im Keller ein eisernes Gitter vor einem unterirdischen Gange, der zuweilen donnermäßig schlecht riecht, was auch der Metzger-Oberzunftmeister Krampler gerade so gut weiß, wie wir Beide – also, hätte ich gesagt, dieser Gang muß mit Steinen zugemauert werden, und das lassen Sie mir besorgen, Sprandel.« »In der That, das ist eine ganz eigenthümliche Ansicht dieser Sache.« »Dann hätte der Amtsdiener Sprandel einen tüchtigen Maurer genommen, den er kennt, und da in dem großen Keller ganze Haufen Bausteine liegen, so wäre die Öffnung des Ganges im Handumdrehen zugemauert gewesen.« Der Stadtschultheiß hatte seinen Kopf hoch aus der Halsbinde erhoben, wie um besser hören zu können, was der Andere sprach, ließ aber sein Kinn alsdann wieder rasch und tiefer niedertauchen, wobei er kopfschüttelnd sagte: »Das sind ja ganz revolutionäre Ansichten, Sprandel; gerade so, als wenn ich Herr und Meister hier im Rathhause wäre und nicht bloß unter Controle des Stadtrathes verwaltende Behörde, von dem Zutrauen der Bürgerschaft dorthin gesetzt und deßhalb verpflichtet, Alles zu thun, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen.« »Die Bürgerschaft würde sich wenig darum gekümmert haben und hätte es dem Dank wissen müssen, der den alten Gang zumauern ließ.« Vielleicht, dachte der Stadtschultheiß, vielleicht wäre es so möglich gewesen. Er drehte sich abermals gegen das Fenster herum, blickte noch ein paar Minuten lang in die hin- und herwirbelnden Schneeflocken, that hierauf einen tiefen Athemzug und ließ sich alsdann von dem Amtsdiener seinen Überrock, Hut und Regenschirm geben, um nach Hause zu gehen, wo ihn dringende Geschäfte erwarteten. – Die Tageshelle eines solchen Winternachmittags – es war im Monat Januar – ist rasch vorüber, besonders wenn die Luft durch Schneegestöber verdunkelt wird, und so war es denn heute kaum vier Uhr, als schon die Straßenlaternen angezündet wurden und sich in den Häusern hier und da Fenster erhellten. Damit gingen auch die Geschäfte in der Rathhaushalle zu Ende; der Marktmeister verschloß seine Bücher und sein Gehülfe verließ den jetzt kalt gewordenen öden Raum, nachdem er seinen schwarzen Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, seine Mütze tief in den Kopf hineingezogen und einen grauen groben Plaid um die Schultern gehängt hatte. Draußen zündete er sich den Rest einer Cigarre an, den er sorgfältig in ein Papier gewickelt bei sich trug, und ging nun, die Hände in den Taschen seiner Beinkleider, so gut als möglich gegen Schnee und Kälte verwahrt davon. Wohin, das wußte er eigentlich selbst kaum. Nach seiner Wohnung? Was sollte er dort thun, in einem ungeheizten Raume, zwischen vier kahlen Wänden, mit der Aussicht auf die Dächer der Nachbarschaft, wenn überhaupt bei der Nacht eine Aussicht möglich gewesen wäre? Besser war jedenfalls der Gedanke, einen Gang aus der alten Stadt in die neue zu machen, dort, wo es auf den breiten Trottoirs und bei der helleren Gasbeleuchtung viel unterhaltender war, als hier in den winkeligen Gassen. Dort hatte er auch in einem sehr eleganten und frequenten Geschäfte einen Freund, den er zuweilen besuchen durfte, wenn derselbe gerade nicht zu sehr beschäftigt war; auch gab es dort oben allerlei Vergnügungen, die unentgeltlich zu haben waren; man konnte die reichen Equipagen betrachten, man konnte sich an dem großen Theater aufstellen, und nach all diesen Unterhaltungen schwebte ihm dann am glänzenden Endziele irgend ein kleines Wirthshaus vor, wo er vielleicht so bekannt war, mit der Bezahlung des zweiten Schoppens Bier auf morgen zu vertrösten, nachdem er dem Kellner für den ersten gerecht geworden. Ehe er aber die innere Stadt verließ, verschaffte er sich hier in einem kleinen Laden Alles wohlfeiler, als in ähnlichen Verkaufslokalen der reichen Stadttheile, wo die Metzger einen unvernünftigen Luxus trieben mit Blumen hinter ihren Schaufenstern, mit kleinen Springbrunnen und sinnreich verzierten Schweinsköpfen. Bei seinem abendlichen Spaziergange nahm er, vielleicht unwillkürlich, vielleicht aber auch in einer leicht begreiflichen Ideenverbindung, den gleichen Weg wie heute Mittag, wo er den Brief des Amtsdieners nach der Wohnung des Stadtschultheißen besorgte, wo es ihm sehr angenehm gewesen war, seine Botschaft an das hübsche Dienstmädchen ausrichten zu dürfen, welches heute Morgen einen großen Eindruck auf sein Herz gemacht. Da lag in Kurzem das große, stattliche Haus vor ihm, und an der langen Reihe der hohen Fenster sah man überall, wenn auch jetzt nur erst gedämpftes Licht, die Anfänge der später glänzenden Beleuchtung. Auf der einen Seite dieses Hauses war eine schmale Gasse, von der aus man die Nebenseite des Gebäudes, das Treppenhaus, Küche sowie auch die Stallung übersehen konnte. Hier machte sich ein ungewöhnliches Leben bemerkbar, Lichterglanz huschte die Treppe auf und ab, im Hofe war der Kutscher beschäftigt, auch die an der hinteren Seite des Hauses angebrachten Laternen zu entzünden, und die Küche strahlte in einem wahren Meere von Beleuchtung. Es ist sehr angenehm, die Zurüstungen zu einem glänzenden Feste in seinen ersten Anfängen zu sehen, wenn man später berechtigt ist, demselben anzuwohnen. Hat man aber die Aussicht auf ein Souper von Wurst und Bier, so ist es besser, von einer hell erleuchteten Küche mit zischenden und brodelnden Casserolen und Pfannen die Blicke abzuwenden. Unser Schreiber that dies denn auch, sein Haupt schmerzvoll mit dem Plaid verhüllt, doppeltes Leid im Herzen, denn als er ein paar Schritte weiter ging und einen Blick in das heimliche Stübchen neben der Küche warf, sah er dort das Fenster allerdings nur zu einer kleinen Spalte geöffnet; doch war diese groß genug, um einen süßen Bratenduft sowie einen feinen Geruch von Gewürzen aller Art, von kochenden Äpfeln und Rosinen entströmen und ihn bemerken zu lassen, daß der wohlbeleibte Koch im weißen Anzuge mit dem feisten, rothen, lächelnden Gesichte der Jungfer Margareth gerade ein Glas dampfenden Punsches ausfüllte und daß beide alsdann mit gegenseitigen wohlwollenden Blicken anstießen. Er hätte gern Prosit! gerufen, doch nahm er einen besseren Theil und zog schweigend seines Weges, wobei er aber dachte, daß, wenn er je in den Fall kommen sollte, ein derartiges reiches Hauswesen zu besitzen, er es nicht dulden würde, daß so feiste, unverschämte Köche, wenn auch vorübergehend, in seiner Küche beschäftigt würden. Jetzt hatte er die engen Gassen der alten Stadt hinter sich, und vor ihm lag die breite Schloßstraße, welche an der fürstlichen Residenz vorüberführte und die Hauptpulsader der neuen Stadt genannt werden konnte. Das Schneegestöber hatte aufgehört, nur hier und da noch wirbelten Flocken um die glänzenden Gaslaternen wie die Mücken ums Licht. Equipagen mit strahlenden Laternen rollten hin und her, die breiten Trottoirs waren mit Fußgängern aller Art bedeckt. Es war aber auch schon der Mühe werth, hier an den taghell erleuchteten Schaufenstern vorüber zu spazieren, die so verführerisch ausgelegten buntfarbigen Stoffe zu betrachten, die goldenen Geschmeide, die Bronze- und Krystallwaaren; nicht minder interessant schien es aber unserem Spaziergänger im grauen Plaid, die Leute zu betrachten, die wie er in die hohen Spiegelscheiben blickten, um aber oft etwas ganz Anderes zu beobachten, als die ausgelegten Waaren, Blicke zu entdecken, die hin und her gewechselt wurden, leise geflüsterte Worte zu verstehen oder zu deuten. Vor einem dieser Magazine, welches sich weniger durch den Reichthum oder die Mannigfaltigkeit der ausgelegten Waaren bemerklich machte, als durch eine lebensgroße Dame in violettem Sommerkleide, mit glänzend weißen Schultern, eben solchem Nacken und einem schönen Gesichte von einer fast erschreckenden Regelmäßigkeit, blieb unser Schreiber stehen. Sie hatte den Kopf kokett ein klein wenig auf die Seite geneigt, ein freundliches Lächeln spielte um ihren viel zu kleinen Mund und die großen, blauen, starren Augen schauten, anstatt die sie Betrachtenden ebenfalls anzusehen, ziemlich theilnahmlos hinaus in weite Fernen. Diese Dame drehte sich beständig, aber sehr langsam um sich selber herum, den Zuschauern jetzt den glänzenden Nacken mit dem kunstreichen Chignon zeigend, dann den etwas kühn gewölbten Busen mit zwei langen Locken, welche zur Seite ihres Kopfes herabhingen. Der Gehülfe des Marktmeisters betrachtete indessen, während er durch die Ladenscheibe sah, nicht die kokette, sich in Einem fort drehende Dame, auch nicht die kleinen Flaschen, Büchsen, Gläser mit den verschiedensten Aufschriften, oder Haar- und andere Bürsten, sondern seine Blicke drangen zwischen diesen Gegenständen hindurch in das Innere des Ladens, wo man vor vier großen Spiegeln vier bequeme Lehnsessel sah, von denen zwei mit Herren besetzt waren, welche, in weiße Pudermäntel gehüllt, sich frisiren ließen. Unser Zuschauer wartete geduldig, bis diese beiden Herren das Gewölbe wieder verlassen hatten und bis einer der Gehülfen des Friseurs, um frische Luft zu schöpfen, an die Thür des Magazins kam. Dann trat er vor, und an der Art, wie die Beiden sich begrüßten, konnte man sehen, daß es Bekannte waren; doch lag immerhin eine Verschiedenartigkeit in diesem Begrüßen und Erkennen, denn während der Mann im grauen Plaid fast schüchtern seine Mütze abnahm und in einem beinahe ehrerbietigen Tone sagte: »Ich würde dich einen Augenblick besuchen, wenn ich nicht fürchten müßte, zu stören,« entgegnete der Andere mit dem gezwungenen Lächeln eines großmüthigen Beschützers, indem er mit auseinander gespreizten Beinen da stand, sich langsam auf den Hüften wiegend: »Komm nur herein, alter Kerl, und setze dich in die Ecke; wir können ein wenig plaudern, denn unser gestrenger Chef ist ausgegangen.« Und vornehm in den Laden eingetreten, fuhr er alsdann fort: »Da laß dich einen Augenblick vor dem Spiegel nieder, und unser neuer Lehrling kann deine verwahrlosten Haare indeß ein wenig in Ordnung bringen; wenn du dich alsdann malerisch in deinen Plaid wickelst und dich dort in die halbdunkle Ecke begibst, so wird dich Jedermann für etwas Rechtes halten.« Der Lehrling warf dem Schreiber einen schon etwas gebrauchten Pudermantel um, den dieser selbst dicht unter dem Kinn zusammenzog, und als nun nach einiger Mühe sein struppiges Haar, durch Kamm und Bürste gebändigt, durch Pomade geglättet, anständige Formen annahm, meinte er, seufzend in den Spiegel blickend: »Wie wahr ist doch das Sprüchwort: Kleider machen Leute; denn wenn ich mich zu der Idee versteigen könnte, daß sich hier unter dem Pudermantel ein eleganter Anzug befände, so wirst du mir zugeben müssen, daß mein Kopf dazu passen würde, selbst wenn dieser Anzug ein modischer schwarzer Frack mit einem glänzenden Stern wäre, und ich alsdann wie ein vornehmer Herr aussähe.« »Nicht so ganz,« erwiederte lachend der Gehülfe des Friseurs; »sage meinetwegen, du würdest aussehen wie der erste Schreiber eines reichen Notars, oder wie ein Sprachlehrer, höchstens wie ein Candidat der Theologie, denn mit einem solchen hat dein scheinheiliges Gesicht mit den niedergeschlagenen Augen am meisten Ähnlichkeit, oder auch mit einem Tanzmeister, wenn man deinen hüpfenden Gang sieht, der so gar nicht zu deiner Physiognomie stimmt. Du bist überhaupt ein Kerl, der innerlich und äußerlich aus zwei ganz entgegengesetzten Theilen besteht: im Kopfe und in den Händen Talente genug, in deinem Herzen und in deinem Willen die größte Faulheit. Wie möchte ich so wie du für mageren Lohn den Marktweibern ihren Kohl und ihre Kartoffeln aufschreiben, da es ja doch in deinem Willen läge, dir bei einem Kupferstecher oder Lithographen ein behaglicheres und besseres Auskommen zu verschaffen?« »Ich kann nicht ruhig auf einem Platze sitzen bleiben,« erwiederte der Andere. »Du hast gut reden; ich möchte dich einmal den ganzen Tag auf dem Stuhle sitzen und Striche machen sehen, bis dir die Augen blind werden.« »Und das könntest du sehen und hast es schon oft gesehen – meinst, es sei weniger schwierig und unterhaltender, einzelne Haare in feine Seide zu fädeln?« »Das geschieht aber nur zur Abwechslung und wenn ihr nichts Anderes zu thun habt. Wie unterhaltend ist dagegen eure übrige Arbeit, den Leuten an ihren Köpfen herumzuspielen, dabei zu plaudern und zu lachen, alles Neue zu erfahren, Jedermanns Freund zu sein – und dann erst die Damen! Ich dachte mir schon oft, es ist sehr schade, daß ich kein Friseur geworden bin.« »Auch das hat seine Schattenseiten,« meinte seufzend der Haarkräusler-Gehülfe; »allerdings thut man dabei Blicke in Familien- und andere Geheimnisse und empfängt Eindrücke, die, ohne Aussicht auf Erfolg, nur zu unserer Beunruhigung dienen und schwer wieder zu verwischen sind.« »Aber ihr wißt, wofür ihr arbeitet, seid gut bezahlt, und das, was so nebenbei abfällt, ist auch nicht zu verachten, während so ein armer Kupferstecher oder ein noch ärmerer Lithograph gerade so viel verdient, um nicht Hungers zu sterben.« »Nun, bei der Marktschreiberei scheinst du mir auch nicht besser gestellt zu sein, du erscheinst da wahrhaftig in einem unverantwortlichen Anzuge; wenn nicht die Erinnerungen an unsere gemeinschaftliche Schulzeit so mächtig in mir wären und ich nicht wüßte, daß du im Grunde ein guter Kerl bist, so müßte ich wahrhaftig in meiner Stellung allen Umgang mit dir abbrechen.« Der Perrückenmacher sagte das, indem er den rechten Fuß wie in einem Tanzpas vorgesetzt hatte, den Oberkörper etwas zurückgebogen und seinen Freund von oben bis unten betrachtend, wobei er ein Brenneisen, welches er am Zeigefinger seiner rechten Hand hangen hatte, jetzt mit großer Geschicklichkeit im Kreise herum wirbelte – und das mußte wahr sein, der Andere, jetzt des so viele Mängel verhüllenden Pudermantels entledigt, sah gerade nicht empfehlenswerth aus. Seinen abgeschabten schwarzen Frack kennen wir bereits – Wäsche war durchaus keine sichtbar, die Weste nicht nennenswerth, und was seine Beinkleider anbelangte, so wollen wir lieber den Blick stillschweigend daran hinunter gleiten lassen, um sein Piedestal höchst traurig zu finden. Die letzte Bemerkung mochte der Friseur machen, denn er fragte ihn: »Trägst du Schuhe oder Stiefel?« »Stiefel, das will ich meinen!« »So würde ich dir den Rath geben, die Beinkleider in dieselben hinein zu stecken, wie es jetzt Mode ist, denn ich sehe an denselben ein paar verdächtige Fransen oder etwas Ähnliches; vor allen Dingen aber setze dich dort in die Ecke und wirf deinen Plaid malerisch auf Kniee und Füße – oder hast du vielleicht sonst noch Gänge vor, die deine Zeit in Anspruch nehmen?« »Das gerade nicht,« erwiederte der Gefragte und fuhr, nachdem er in der halbdunklen Ecke Platz genommen, etwas kleinlaut fort: »Es ist wahr, mit der verfluchten Schreiberei ist nicht viel verdient, man kommt auf keinen grünen Zweig! Zeit habe ich genug, aber kein Geld.« »Und was machst du mit deiner überflüssigen Zeit auf deinem sogenannten Bureau?« »Zeichnungen, um mir die Langeweile zu vertreiben.« »Und früher, als du zeichnen solltest, machtest du zu gleichem Zwecke unnöthige Schreibereien.« »Ja, der Mensch ist mit seinem Schicksale nie zufrieden!« seufzte der Gehülfe des Marktmeisters. »Und was zeichnest du?« »Spielereien, Caricaturen, lebende Buchstaben, das heißt Buchstaben, die aus menschlichen Körpern zusammengesetzt sind, und darin kann ich etwas leisten, das mußt du sehen.« Der Schreiber zog bei diesen Worten eine alte Brieftasche hervor, nahm daraus ein Blatt Papier, welches er auseinander faltete und dem Anderen überreichte. »Siehst du, wenn du das aus einiger Entfernung betrachtest, so liest du deutlich den Namen Sprandel, so heißt der Amtsdiener des Raths und das Factotum des Stadtschultheißen; schaust du es aber in der Nähe an, so findest du, daß die Buchstaben aus lauter einzelnen Sprandeln bestehen: Sprandel, wenn er Morgens verdrießlich daher schlendert, Sprandel, wenn er sich vorm Stadtschultheißen oder Einem vom Gemeinderathe buckelt, Sprandel, wenn er sich am Ofen den Rücken wärmt, Sprandel, wenn er seinen Frühstücksschoppen trinkt, und hier am Schlusse Sprandel, wie er mir über die Achsel schaut. Ist das nicht famos?« »Ich kenne deinen Sprandel nicht, aber du selbst bist zu erkennen, und deßhalb muß ich schon sagen, daß es unverantwortlich ist, so ein Talent, so eine feste Hand, so ein festes Auge nur zu dergleichen Kindereien zu benutzen.« »Nicht wahr, ich bin ähnlich, und erst der Sprandel, obgleich sein Gesicht nicht viel größer als ein Stecknadelkopf ist; es hat mich das aber Mühe genug gekostet, und siehst du, was die Hauptsache ist, das ist die feine Schraffirung von haarscharfen Strichen, die schräg über das Ganze laufen und Nebel und Regen vorstellen sollen; das ist gerade wie guillochirt – doch was verstehst du von der Guillochir-Maschine!« »Allerdings so gut wie gar nichts – aber laß mir das Blatt; ich frisire da zuweilen den Commis einer Kunsthandlung, die stark in Landkarten arbeitet, das wäre eigentlich dein Fach. Doch jetzt setze dich in jene Ecke, es kommen Leute.« Der Schreiber that, wie ihm befohlen, und der Andere, da er zwei Herren eintreten sah, zog an der Klingel, welche in das obere Atelier führte, und lud den einen Herrn mit einer graziösen Handbewegung zum Sitzen ein, während er dem anderen, der schon vor einem der Spiegel Platz genommen hatte, mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit den Pudermantel umwarf. »Einen geraden Scheitel, wie gewöhnlich, und Eispommade?« fragte der Friseur. »Geraden Scheitel, ja, aber Eispommade, nein; sie riecht nach einer Stunde wie altes Unschlitt, man kommt dadurch in die größte Verlegenheit.« Dann wandte er sich an den anderen jungen Herrn, ein Gespräch ungenirt fortsetzend, das beide schon wahrscheinlich auf der Straße angefangen. »Mit dem Alten ist in dieser Richtung nichts anzufangen; aber meiner Mutter habe ich es gesagt – es nutzt aber nichts –, warum dergleichen große Geschichten arrangiren, mag man sie nun Bälle nennen oder mit dem bescheidenen Namen Thés dansantes? Man kann doch nicht mehr thun, als die Zimmer so vollstopfen, wie nur immer möglich – und doch ladet man sich für zehn Eingeladene ein Dutzend Mißvergnügter auf den Hals, die man übergehen mußte. Überhaupt bin ich ein Feind aller dieser Damengesellschaften; man muß da Rücksichten nach allen Seiten nehmen, man ist den ganzen Abend ein gefesselter Sklave, man muß plaudern, wo man schweigen möchte, und umgekehrt; man muß auch tanzen, mit wem man nicht mag, zum Beispiel ich heute Abend in meiner Stellung als Sohn vom Hause sollte ich das wenigstens thun; aber ich glaube fast, daß ich mir den Fuß übertreten habe – ich rechne auf dich, du kannst für mich herumhüpfen – ich bin ohnehin schon zu alt dazu.« Der, welcher so sprach, war ein junger Mann von vielleicht 20 oder 22 Jahren, ziemlich groß, schlank, mit einem vollen, nicht unangenehmen Gesichte und kleinem Schnurrbarte. Der Andere, welcher sich nun ebenfalls unter den Händen, und zwar des zweiten Friseurs befand, war von kleiner, schmächtiger Statur, höchstens um einige Jahre älter und hatte ein schmales Gesicht, dem wohl der starke, röthliche Backenbart, welcher auf beiden Seiten in langen Spitzen bis auf die Brust herabhing, etwas Rundung geben sollte. Er wandte jetzt lachend seinen Kopf herum und entgegnete: »Was ich vermag, werde ich leisten, jugendlicher Greis, obgleich du mich in Betreff der kleinen Pfälzinger gewiß wieder vergessen hast.« »Vergessen keinenfalls, aber meine Alte machte ein Gesicht – weißt du, kein Gesicht des Verdrusses, aber eines von so grenzenloser Verwunderung, daß ich sogleich einsah, wie unmöglich es sei, hier durchzudringen. Sie sagte nur: ›Eine Schauspielerin? Ach, das muß ich mir ausbitten, was würde die Welt dazu sagen!‹« »Ja, die Welt, die Welt!« seufzte der Andere; »deine Mutter ist sonst eine so aufgeklärte Frau.« »Ich hatte viel für dich gethan,« fuhr der Andere fort; »ich hatte meine Tante, die Frau Haupt-Staatsschuldenzahlungs-Kassen-Revisorin – ein verfluchter Titel –, in ihrem Hause wohnt ja die Kleine, mit Hülfe meines Oheims, der schon als Demokrat freieren Ansichten huldigt, breitgeschlagen.« »Siehst du, das ist doch ein Beweis, wie anständig die Pfälzinger ist.« »Das mußt du am besten wissen, – das einzige Zweideutige, das ich von dem Mädchen weiß, ist, daß sie dir erlaubt, sie zu besuchen – geht mich aber nichts an. Meine Mutter schien's nicht so verstehen zu wollen; als ich sagte, Tante Revisorin hätte sich entschlossen, die Kleine mitzubringen, und das wäre doch ein sicherer Beweis ihrer Anständigkeit, da lachte sie laut auf und meinte: ›O, die Tante kenne ich; sie würde noch ganz jemand Anderes mitbringen, weil sie überzeugt wäre, dadurch ein Dutzend sogenannte anständige und brave Frauen zu ärgern.‹« »Auch nicht übel!« Das Frisiren war beendigt, und während sich der größere der beiden Herren, der Sohn des Stadtschultheißen Welkermann, im Spiegel betrachtete und dabei seinen eleganten Paletot von dem Gehülfen leicht abstauben ließ, meinte er: »Du wirst aber nicht zu kurz kommen; ich sage dir, die Mama hat im Departement der Einladungen für alles gesorgt, was gut und theuer ist, so wie der Alte im Departement der inneren Angelegenheiten. Auch habe ich es so eingerichtet, daß wir unter uns Pfarrerstöchtern im hinteren Zimmer soupiren, und zwar mit Beihülfe einer guten Anzahl Flaschen Roederer carte blanche. Bist du nun zufrieden?« »Ich hoffe, es zu werden,« erwiederte der mit dem rothen Barte. »Doch werde ich morgen mit der kleinen Pfälzinger einen schweren Stand haben, oder vielmehr mit ihrer Mutter, der viel daran gelegen war, die Tochter in euer Haus zu bringen.« »Diese Mutter ist eine sehr brave Frau, im Interesse ihrer Tochter nämlich; doch hoffe ich, Kleiner, daß du es begreifst, daß man dir dadurch ein neues Seil um die Hörner geworfen hätte,« entgegnete der Sohn des Stadtschultheißen in gleichgültigem Tone und setzte hinzu, während er, vor dem Spiegel stehend, seinen Schnurrbart drehte: »Begreiflicher Weise ohne irgend welche Anspielung.« »Ich mache mir nichts daraus, man muß sich eben an deine gewagten Bilder gewöhnen.« Hier erlaubte sich der Friseur, zu sagen: »Man freut sich allgemein auf den heutigen Ball des Herrn Stadtschultheißen; der Principal ist seit Mittag schon in den besten Häusern beschäftigt.« »Diese armen Schlachtopfer menschlicher Grausamkeit,« meinte Herr Welkermann junior, »die da frisirt einen ganzen Nachmittag sitzen müssen und schon todtmüde sind, bis sie erst einmal zum Anziehen kommen. Da haben wir es doch besser. Was meinst du, wollen wir in den Jagdclub und dort eine Partie Billard spielen?« »Dafür danke ich; ich hoffe mir heute Abend noch Bewegung genug zu machen.« »Oder bringen wir sonst die Zeit herum; ich habe mich schon gleich nach Tisch auf der Bank verabschiedet, was man sehr begreiflich fand.« Der Gehülfe reichte den beiden Herren ihre Hüte und sagte dabei, er wünsche ihnen viel Vergnügen. »Das wird mäßig genug ausfallen,« meinte der Sohn des Stadtschultheißen; »es ist eine harte Arbeit, so ein Ballabend. Ich bin überzeugt, Monsieur Fritz amusiren sich viel besser.« »Ich hoffe, das Meinige zu leisten, Herr Welkermann – eine kleine Tanzpartie im Tivoli.« »Dort ist es sehr amüsant. Was meinst du, Kleiner, wenn es bei uns nicht zu spät würde, könnten wir noch ein Bißchen dorthin gehen?« Nachdem die Beiden den Laden verlassen hatten, fragte der Gehülfe des Marktmeisters: »Denkst du wirklich daran, in's Tivoli zu gehen?« »Warum nicht? Und wenn es dir Spaß macht, kannst du mich begleiten. Ich habe heute einen guten Tag gehabt, und wenn ich dich auch gerade nicht zum Tanz auffordern will, so wirst du mir es nicht abschlagen, an einem kleinen Nachtessen Theil zu nehmen; ich weiß nicht, warum ich nun einmal den Affen an dir gefressen habe – sind es allein unsere Schulzeit-Erinnerungen, oder ist es die Hoffnung, daß du später doch noch etwas Tüchtiges leisten wirst, oder ist es, weil du jetzt schon was Rechtes bist, in der Liederlichkeit nämlich, und weil man mit dir immer ein gewisses Aufsehen macht? Doch sei still, bemühe dich mit keiner Antwort und laß deinen Plaid ein klein wenig mehr über die trostlosen Stiefel herabhangen; ich höre einen Wagen anfahren. Wahrscheinlich etwas, das hier bei uns nicht an Gestalten wie die deinige gewohnt ist.« Ein Lakai öffnete die Thür des kleinen Cabinets, und als er sah, daß niemand Fremdes da war – den Schreiber in der Ecke schien er nicht zu beachten –, flüsterte er dem Gehülfen zu: »Es ist mir recht, daß Sie allein sind; mein Herr will sich im Vorbeifahren rasch seine Haare herrichten lassen!« Und damit verschwand er wieder. »Wer ist sein Herr?« fragte leise der Schreiber. »Der Baron von Rivola, ein schon älterer Herr, wohnt eine Stunde von der Residenz auf seinem Gute, kommt aber häufig in die Stadt, ist nicht nur bei Hofe gern gesehen, sondern auch in allen Kreisen der Gesellschaft; es sollte mich gar nicht wundern, wenn er heute Abend beim Stadtschultheißen wäre. Doch halte dich ruhig, da kommt er.« Der Gehülfe ging nach diesen Worten dem hereinkommenden Herrn entgegen, machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn vor den größten Spiegel des Cabinets, neben welchem ausnahmsweise zwei Gasflammen brannten; auch wandte er sorgfältig das Sitzkissen des Fauteuils um und holte mit raschem Griffe aus einer Commode einen ganz reinen Pudermantel heraus. Baron Rivola, ein Mann stark in den Fünfzigern, ließ sich stillschweigend nieder und sagte erst, als ihn der Gehülfe fragend ansah: »Nur das Haar ausbürsten und etwas Pomade.« Dieses Haar, sehr stark und ungebändigt aufstrebend, war aber schon stark ergraut; unter demselben sah man eine hohe, breite Stirn, ein Paar blaue Brillengläser, eine starke, knochige Nase sowie einen scharf gezeichneten Mund mit dünnen Lippen und ein hervorstehendes Kinn, beides Zeichen großer Energie. »Befehlen der Herr Baron eine Zeitung?« »Ich danke, es wird nicht zu lange dauern.« »Schlechtes Wetter, Herr Baron; ich glaubte, heute nicht mehr das Glück zu haben, den Herrn Baron bei uns zu sehen.« »Es wäre auch zu Hause an meinem Kaminfeuer angenehmer; doch muß man der Gesellschaft, in welcher man lebt, Opfer bringen.« »Ich glaube, es ist eine Soirée bei Hofe; der Adjutant Sr. Majestät, Graf Dichsenheim, sprach heute Morgen davon.« »So – ich weiß nicht.« »Auch ist ein Ball beim Herrn Stadtschultheiß.« »A–a–ah!« Vielleicht mochte dieses ausholende Gespräch dem Betreffenden gerade nicht angenehm sein, denn er griff mit der Hand nach den Zeitungen, die vor ihm unter dem Spiegel lagen, bekam aber statt dessen die Zeichnung des Marktschreibergehülfen in die Hand, welche Monsieur Fritz dort hingelegt, Der Baron entfaltete sie, blickte sie zuerst gleichgültig, dann aber offenbar mit so großer Aufmerksamkeit und so unverkennbarem Interesse an, daß sich der Friseur nicht enthalten konnte, den Kopf seitwärts zu wenden und seinen Freund durch ein bedeutsames Nicken darauf aufmerksam zu machen. Der Herr Baron hatte jetzt das Papier ganz dicht der Gasflamme genähert und fragte: »Was ist denn das?« »Federproben eines meiner Freunde, der allerdings sehr correkt zu zeichnen versteht, wie der Herr Baron, der ein so großer Kenner ist, gewiß sogleich gesehen hat.« »Sehr correkt.« »Dieß ist aber nur die Frucht einer müßigen Stunde, nur so auf's Papier hingeworfen; wenn sich mein Freund Mühe geben will, so kann er noch ganz Anderes zu Stande bringen. Hat er doch neulich einmal das Vaterunser auf einen Kreuzer geschrieben, und so deutlich, daß man es mit der Loupe lesen konnte.« »Ah, mit der Loupe – er versteht damit umzugehen?« »Gewiß, Herr Baron.« Dieser faßte mit den Händen an den Taschen seiner Weste herum und brachte nach einigem Suchen eines der eben genannten Instrumente hervor, hielt dieses über die Zeichnung und prüfte lange, nachdem er seine blaue Brille in die Höhe geschoben und die Loupe vor das rechte Auge gebracht hatte. Dann sagte er: »In der That, sehr correkt!« Worauf er, nachdem er das Blatt hingelegt und die Loupe wieder eingeschoben, in gleichgültigem Tone sagte: »Und wer ist dieser Freund – ein Kupferstecher oder so etwas?« Monsieur Fritz zuckte mit den Achseln und sagte lächelnd: »Er ist von Allem etwas, Herr Baron, und im Ganzen mehr als wenig; er war auch einmal Kupferstecher, auch Lithograph, ist jetzt Schreibereigehülfe des Marktmeisters, wo er ein kärgliches Brod verdient, und – in diesem Augenblicke zufällig hier im Zimmer.« Der Betreffende, welcher den Augenblick gekommen glaubte, sich vorstellen zu dürfen, kam aus der Ecke hervor, wobei er aber die Vorsicht gebrauchte, durch den Plaid den unteren, defekten Theil seiner Beinkleider sowie seiner beschmutzten Stiefel bedeckt zu halten, was seiner ganzen Figur ein eigenthümliches Aussehen verlieh. »Ei,« sagte der alte Herr, indem er diese seltsame Erscheinung aufmerksam betrachtete, »für das, was Ihr Freund vielleicht könnte, hat er es nicht weit gebracht.« »Das habe ich ihm schon oft gesagt, Herr Baron; er hätte bei der Kupferstecherei bleiben sollen, aber er hat kein Sitzfleisch – verzeihen Sie mir den Ausdruck, Herr Baron!« Über die Züge des alten Herrn flog ein kurzes, scharfes Lächeln, als er erwiederte: »Er sieht allerdings sehr mager aus – ja, ohne Fleiß und Ausdauer bringt man es zu gar nichts.« »Er würde auch Fleiß und Ausdauer haben, aber nur für kurze Zeit; ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, Herr Baron?« »Ausdauer für kurze Zeit? Nein, das verstehe ich nicht.« »Ich meine nur, er würde eine gute Arbeit mit großem Fleiße, vieler Mühe und Ausdauer meisterhaft zu Stande bringen, wenn er dafür so ordentlich belohnt würde, daß er alsdann eine Zeit lang wieder nichts zu thun brauchte.« »Ah, und das Geld, welches er alsdann verdient, lustig auszugeben?« »So ist's, Herr Baron. Aber besser wäre es noch, wenn man ihm vielleicht einen ganz kleinen Dienst verschaffen könnte, vielleicht in einer Bibliothek, denn er kann auch Latein und Griechisch, und einen Katalog würde Niemand so schön schreiben, wie er; auch wäre er für ein Kupferstich-Cabinet verwendbar. Der Herr Baron haben eine so große Bekanntschaft,« fuhr der Gehülfe des Friseurs in bittendem Tone fort, »und schon so manchem jungen Künstler geholfen, wenn Sie nur einmal die Gnade hätten, sich meines Freundes gelegentlich zu erinnern – Franz Steffler, Gehülfe bei dem hiesigen Marktmeister.« »Schreiben Sie mir den Namen da auf die Zeichnung, und auch, wo Ihr Freund wohnt.« »Gott lohne es Ihnen, Herr Baron! So unscheinbar er auch aussieht, so hat er doch ein gutes Gemüth und ist über alle Beschreibung dankbar.« Der Freiherr von Rivola steckte die Zeichnung in die Tasche und sagte, während er seinen Hut aufsetzte: »Ich werde mich Ihres Freundes erinnern; ob ich aber etwas für ihn thun kann, ist die Frage.« Er verließ das Cabinet, und der Friseur eilte ihm nach bis auf die Straße, wo er ihn gern in den Wagen gehoben und den Schlag hinter ihm geschlossen hätte, wenn dies alles nicht der elegante Diener besorgt. »Siehst du, Kerl,« rief er hierauf, als er wieder in das Cabinet zurückgekommen war, »jetzt müßte mich Alles trügen, oder ich habe deinem Glücke eine gute Handhabe gedreht; wenn der etwas für dich thun will, so kann er's – dich vielleicht bei der Bibliothek anstellen lassen oder beim Kupferstich-Cabinet, oder auch dir eine gute Arbeit verschaffen, welche dir tüchtig Geld einträgt.« »Das Letztere wäre mir das Liebste, nur so viel, um mich ordentlich herrichten zu können, um nach Amerika auszuwandern, denn aufrichtig gestanden, hier komme ich doch auf keinen grünen Zweig.« »Darin hast du allerdings nicht Unrecht.« »Was hält mich hier zurück? Ich habe keine Eltern mehr, auch sonst keine Verwandten, und den Leuten, die sich allenfalls für mich interessiren, die zuweilen zärtlich nach mir ausschauen, ob ich noch am Leben bin, gehe ich gern aus dem Wege; ja, wenn ich wirklich einmal etwas Rechtes verdiente, so würden sie ihre Sorgfalt so weit treiben, mich höflich zu ersuchen, ihnen so bald als möglich einen freundschaftlichen Besuch zu machen. Deßhalb Geld verdient und dann aufgepackt und fort!« »Ohne Anzeige in den öffentlichen Blättern, wer vor deiner Abreise nach Amerika noch eine gültige Forderung zu stellen habe, möge sich bei Zeiten melden?« »Es ginge auch ohne das.« »Nun aber Scherz bei Seite. Ich weiß nicht, es ist mir immer, als wenn der Mann etwas für dich thäte; deßhalb wollen wir auch allen Ernstes heute Abend in's Tivoli gehen. Verfüge dich in deine Wohnung, mache dich so anständig, als immer möglich, und hole mich um acht Uhr ab.« Drittes Kapitel. Nachdem wir vorhin das Haus des Stadtschultheißen von der Straße angesehen mit seinen Zurichtungen zum heutigen Balle, müssen wir uns im Verlaufe unserer Geschichte schon erlauben, auch das Innere desselben zu betreten. Sehr viele Einladungen zum heutigen Feste waren ergangen, Einladungen mit verblümten Redensarten, wie sie jetzt bei solchen Veranlassungen der Brauch sind, die häufig nur errathen lassen, wozu der Gast eingeladen ist: »Für einen Ball bittet sich Madame N. von Herrn N. N. die Ehre aus, den Abend des und des bei ihr zubringen zu wollen«, oder: »Herr N. und Madame N. werden sich freuen, wenn Herr N. N. eine Tasse Thee bei ihnen annehmen wolle«; zu einem Diner heißt es gewöhnlich »auf einen Löffel Suppe«. Die Eingeladenen zum Feste des Stadtschultheißen wußten aber schon, woran sie waren, und Madame Welkermann hatte kein Geheimniß daraus gemacht, daß es ein wirklicher Ball sein solle, und zwar aus einer Veranlassung, die ihrem Mutterherzen wohlthat. War doch ihre achtzehn Jahre alte Tochter vor Kurzem aus der Pension zurückgekehrt und sollte nun mit vollem Glanze zum ersten Male in die Welt eingeführt werden! Madame Welkermann war eine brave Frau, hatte aber als Tochter einer der ersten Patrizierfamilien einer ehemaligen Reichsstadt den Glauben, sie habe Herrn Welkermann eine außerordentliche Ehre angethan, indem sie ihm ihre Hand reichte. Allerdings war dieser damals nichts Anderes gewesen, als ein kleiner städtischer Beamter, der übrigens, als Sohn des verstorbenen reichen Stadtschreibers Welkermann, mit Verstand sowie sehr vielen natürlichen Anlagen ausgerüstet, wohl zu einer guten Laufbahn Hoffnung gab, welche, wie wir bereits gesehen, denn auch eingetroffen war. Madame Welkermann war im Laufe der Jahre Stadtschultheißin geworden, und die Familien derer von der Eschenbach betrachteten sie, wenn auch nicht mit Stolz, doch mit Genugthuung. In der Küche des Hauses loderte das Feuer stärker als je, und der für heute dirigirende Koch gab sich die größte Mühe, die Thüren seines Appartements fest verschlossen zu halten, damit kein Speisegeruch auf Vorsaal und Treppe hinaus dringe, was er mit vollem Rechte für höchst unanständig erklärte. Doch bemerkte man nur in den unteren Räumen Leben und Bewegung; oben und auf den Treppen hatte alles unnöthige Gelaufe aufgehört, und das ganze ansehnliche und reiche Apartement befand sich zur Aufnahme der Gäste bereit und in voller Parade. Diese hielt der Stadtschultheiß in eigener Person, im schwarzen Frack, weißer Halsbinde, tadellos von den straff emporgebürsteten Haaren bis zu den Spitzen seiner lackirten Stiefel, nun zum letzten Male ab, und zwar in Begleitung seines heutigen dienstthuenden Adjutanten Herrn Ascher, eines ehemaligen Kammerlakaien, der sich vom Dienste zurückgezogen und nun in guten Häusern bei Festlichkeiten aushalf. Die Parade fing bei der Hausthür an, wo der Amtsdiener des Stadtraths stand, um die männlichen Gäste in die unten befindliche Garderobe zu weisen, die Damen dagegen zu bitten, sich zur Ablegung ihrer Mäntel und Shawls die Treppe hinauf zu bemühen. Daß Herr Sprandel mitten in grünem Gesträuche stand, versteht sich von selbst, ebenso, daß die breite Treppe mit Blumen besetzt und mit Teppichen belegt war. Dann kam man oben, nachdem man einen schweren Vorhang aufgehoben, welches Geschäft der Kutscher des Hauses für die Gäste zu besorgen hatte, in ein reich beleuchtetes Vestibüle. Es war dies in den gewöhnlichen Zeiten ein dunkler, unbehaglicher Raum, der aber jetzt, mit Teppichen belegt, mit Pflanzen und Sitzgelegenheiten decorirt, einen festlichen Anblick bot. »Charmant!« sagte der Stadtschultheiß zu Herrn Ascher, welcher sich stillschweigend verbeugte. Nun ging man durch die ganze Zimmerreihe, an der sämmtliche Thüren ausgehoben worden waren, sowie alles entfernt, was an die niederen täglichen Bedürfnisse des Lebens erinnern konnte. War doch sogar das Schlaf- und Arbeitszimmer des Herrn Welkermann nicht geschont worden und Alles, bis auf eine einzige abgesonderte Stube, in den Bereich der Festlichkeit gezogen! Diese Stube bot dafür aber auch ein merkwürdiges Durcheinander, ein wahres Chaos von Kisten, Schränken, Möbeln und Bettwerk. Es war ein Glück, daß dort Finsterniß herrschte, und der Stadtschultheiß hatte zu seiner Beruhigung den Schlüssel zweimal umgedreht und in seine Tasche gesteckt. »Es ist das alles in der That gelungen,« sagte er, nachdem er in der Begleitung Ascher's sämmtliche Zimmer durchgegangen; »es ist überall hell genug, nicht zu warm und duftet höchst angenehm.« »Letzteres ist das Einzige, was ich allenfalls auszusetzen hätte, Herr Stadtschultheiß,« meinte Herr Ascher mit einer wichtigen Miene. »Die Frau Stadtschultheiß haben das Räuchern angeordnet, trotzdem ich mir zu bemerken erlaubte, daß in den großen und vornehmen Häusern, in denen ich zu serviren das Glück habe, niemals geräuchert wird. Seine Excellenz der Herr Graf von Schapperbach, welcher mir beim Feste Alles zu überlassen pflegt, welcher mich an nichts zu erinnern braucht, denn er kennt mich, unterläßt es dennoch nie, nachdem er mir Alles übertragen, warnend den Zeigefinger aufzuheben – jedes Mal, Herr Stadtschultheiß –, was so viel heißen soll: Mein lieber Herr Ascher, ich bin mit allem, was Sie thun, einverstanden – aber um Gottes willen keine Räucherung!« »Man könnte ja ein paar Fenster öffnen,« meinte der Stadtschultheiß. »Unbesorgt; dieser Geruch verflüchtigt sich schon, ehe die Gäste kommen.« »Im Übrigen,« fragte der Herr des Hauses, »sind Sie aber überzeugt, daß unsere Apartements einen guten, ja, wohlthuenden oder, wie soll ich sagen, reichen Eindruck auf unsere Eingeladenen machen werden?« »Gewiß, Herr Stadtschultheiß. Ich bin überzeugt, daß sogar unsere jungen, verwöhnten Herren »superbe« sagen, und Sie werden sehen, daß Seine Excellenz der Herr Minister des Innern nicht verfehlen wird, Ihnen sogleich ein Compliment zu machen.« »Es sollte mich freuen, und ich weiß nicht, wem ich meine Erkenntlichkeit zu beweisen habe, wenn unser ganzes Fest so vorübergeht, wie wir es wünschen. Richten Sie Ihr Augenmerk noch ganz besonders auf das Souper – man wird in zwei Hälften zu Nacht speisen; zuerst die älteren Herrschaften, welche nicht tanzen, dann die jungen Leute. Seien Sie mit dem Champagner nicht zu sparsam, vergessen Sie aber auch nicht, daß wir zweierlei Sorten haben – nur zum Besten der jungen Leute, denen, vom Tanze erhitzt, etwas Leichtes, Ungefährliches viel zuträglicher ist.« »Verlassen Sie sich ganz auf mich, Herr Stadtschultheiß. Ich werde das besorgen, wie stets in den vornehmen Häusern, mit deren Vertrauen ich beehrt werde.« »So – ich danke Ihnen. Bleiben Sie so viel wie möglich in der Nähe, wenigstens bis die Geschichte vollkommen im Gange ist und dann von selbst geht. Vergessen Sie nicht, mir sagen zu lassen, sobald der Wagen des Ministers ankommt, damit ich ihm die Treppen hinab entgegengehen kann.« »Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, so glaube ich sagen zu müssen; bis an die Treppe wäre genug. Seine Excellenz der Graf Schapperbach pflegt nur die Treppe hinab zu gehen, wenn es sich um allerhöchste Mitglieder der fürstlichen Familie handelt. »Gut,« entgegnete der Herr des Hauses, indem er würdevoll sein Kinn aus der Halsbinde emporhob. »Machen wir es in diesem Punkte, wie der Graf Schapperbach.« Der ehemalige Kammer-Lakai zog sich mit einer Verbeugung krebsartig zurück und verließ alsdann in wichtiger Eilfertigkeit das Zimmer, nachdem er der Frau Stadtschultheißin an der Thür ein tieferes Compliment gemacht hatte, als vorhin deren Gatten. Madame Welkermann war geschmackvoll, ohne Überladung gekleidet und führte ihre Tochter an der Hand, die sich nun aber rasch dem Vater näherte, beide Hände um dessen Hals legte und ihn mit vor Freude strahlendem Gesichte herzlich küßte. »Das Kind hat sich kaum anziehen lassen,« sagte die Mutter; »sie war so ungeduldig und aufgeregt, daß es mich gar nicht wundern sollte, wenn noch jetzt, obgleich wir sie schon ein dutzendmal ringsum betrachtet, an ihrem Anzuge etwas Mangelhaftes wäre.« »Ich bemerke nichts,« meinte der Stadtschultheiß, indem er das schöne Mädchen eine Zeit lang mit großem Vergnügen betrachtete. »Sie sieht gut aus und vor allen Dingen einfach, wie ich es wünsche.« »Ah, mein weißes Kleid ist hübsch! Ich habe Weiß sehr gern, und ein junges Mädchen muß auf seinem ersten Balle immer im weißen Kleide erscheinen.« »Doch war Elise so eigensinnig, zu Gürtelband und Kopfputz die blaue Farbe zu wählen; Roth wäre mir bei ihren dunklen Haaren am liebsten gewesen.« »Du weißt, das ist kein Eigensinn, Mama.« »Meinetwegen denn, aber eine kindische Idee; sie hat sich mit ihrer Pensionsfreundin Lucy verabredet, zur Toilette ihres ersten Balles Blau und Weiß zu wählen, Lucy mit ihren hellblonden Haaren konnte das ganz gut thun, es wird ihr vortrefflich stehen – Lucy würde gewiß kein Roth genommen haben.« »Darin thust du ihr sehr Unrecht, Sie ist doch so gut, so freundlich, so nachgiebig; sie war es, die Roth vorschlug, weil sie sagte, das stände besser zu meinen dunklen Haaren. Aber ich bestand auf Blau weil ich wußte, wie reizend sie in Blau aussieht.« »Ein edler Wettstreit,« meinte Herr Welkermann lächelnd. »Nun, beruhige dich nur, Mama, Elise sieht recht gut aus.« »Wenn ich nur Tänzer bekomme!« »Nun, daran wird es dir wahrscheinlich nicht fehlen,« entgegnete die Mutter, wobei ihr Gesicht eine etwas hochmüthige Miene annahm und wobei sie auf ihre Tochter schaute und dann einen Blick über den hell erleuchteten und allerdings glänzenden Salon gleiten ließ. »Hast du auch Nachricht, daß Lucy gewiß kommt?« fragte Elise ihren Vater nach einer Pause. »Ganz sichere Nachricht. Baron Rivola schrieb mir noch heute Vormittag mit zwei Zeilen, das leichte Unwohlsein seiner Frau habe sich so rasch gebessert, daß auch diese bei uns erscheinen werde.« »Wie mich das freut!« antwortete Elise. Dann setzte sie hinzu, indem sie nach dem Eingange des Salons eilte: »Dort kommt auch mein Bruder Ferdinand, aber noch gar nicht schön angezogen.« Und in der That war es der junge Herr Welkermann, Sohn des Stadtschultheißen, Commis bei der königlichen Bank, dessen Bekanntschaft wir schon so glücklich gewesen, bei dem Hof-Friseur Herrn Sieger zu machen. Er schlenderte langsam durch das Vorzimmer, Alles mit größter Aufmerksamkeit, aber mit gleichgültiger Miene betrachtend. Er war in demselben Anzuge, wie wir ihn früher gesehen haben, den Hut auf dem Kopfe, die rechte Hand in der Tasche seines Beinkleides, und fuchtelte mit seinem Spazierstocke in der Luft herum. »Aber das ist doch zu arg, Ferdinand!« rief die Mutter, indem sie ihm einige Schritte entgegeneilte, während Herr Welkermann junior mit hoch erhobenem Kopfe und einigem Stirnrunzeln seinen Sprößling betrachtete: »So spät nach Hause zu kommen und noch gar nicht angezogen zu sein, wenn man jede Sekunde Gäste zu erwarten hat!« Ferdinand ließ sich durch diese Worte weder in seinen Betrachtungen stören, noch beeilte er sich, rascher näher zu kommen, und jetzt, wo er ziemlich in der Mitte des Zimmers stand, lüpfte er seinen Hut ein klein wenig gegen seinen Vater und sagte, sich umschauend: »Es ist recht hübsch bei euch, aber ich weiß nicht, was du willst, Mutter, mit deinem vorwurfsvollen Gesichte – ich komme ja noch viel zu früh, es ist ja noch Niemand da!« »Noch Niemand da!« wiederholte der Stadtschultheiß, indem er unmuthig mit den Achseln zuckte. »Und das sagt dieser Mensch, ganz so, wie er von der Straße hereinkommt, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand! Gott sei Dank, daß noch Niemand da ist, der dich hier und zu dieser Stunde in diesem Anzuge sieht!« »Mit euren Anzügen!« gab der Sohn in einem verächtlichen Tone zur Antwort. »Es ist ein sehr altmodisches Vorurtheil, daß man deßhalb anständiger aussehen soll, wenn man den Rock zu einem Schwalbenschwanz zusammengeschnitten hat, oder wenn man eine weiße Binde um den Hals schnürt, die Niemandem zum Gesichte steht! Wir sind im Begriffe, einen Klub zu gründen für persönliche Freiheit, und Paragraph 1 wird heißen: Verbannung des Fracks und des Cylinders.« »Und aller guten Manieren,« schaltete rasch der Stadtschultheiß ein. »Man sollte alle eure Klubs und Gesellschaften von Polizei wegen verbieten, und da wir, was uns anbelangt, noch nicht so weit in der Bildung vorgeschritten sind, so gehe auf dein Zimmer und mache dich schön nach unseren engherzigen Begriffen. Du sollst dir auch darin ein Muster an deinem Vater nehmen.« Ferdinand klemmte sein Glas in's Auge, und nachdem er den Stadtschultheißen einen Augenblick aufmerksam betrachtet, sagte er lächelnd: »Der Vater sieht ganz famos aus, das ist nicht zu läugnen. Seine weiße Weste und sein steifer Kragen machen eine gute Wirkung, die Wirkung einer starren Vergangenheit, welche wir Anderen glücklich überwunden haben.« »Es ist das Kleid, welches uns der Anstand für gewisse Vereinigungen vorschreibt,« sagte Herr Welkermann mit großer Würde. »Leider, daß ihr euch anmaßt, auch hieran zu rütteln.« »Lieber Vater, wir wollen darüber nicht streiten. Frack und weiße Halsbinde bleiben, wie gesagt, das Bild einer starren Vergangenheit, das Kleid einer Kaste, und da in unserem bewegten Jahrhundert aller Kastengeist, Gott sei Dank, verschwindet, so werde ich es auch noch erleben, daß der Frack zu Grabe getragen wird.« »Wenn wir einmal so weit sind,« entgegnete ungeduldig der Stadtschultheiß, »so möchte ich ihm den Nachruf widmen: Hier ruht das Kleid der alten guten Sitte!« »Da wir aber noch nicht so weit sind,« schaltete die Stadtschultheißin ein, »so geh' auf dein Zimmer, beweglicher junger Herr der Zukunft, und wirf dich in die starre Vergangenheit. Wahrhaftig, es ist mir gerade, als hörte ich schon Wagengerassel – der Schwester Elise hast du auch noch kein freundliches Wort gesagt, und das gute Kind steht doch schon lange vor dir und sieht dich lächelnd an!« »Ah, Lieschen! Sieht sehr gut aus.« »Danke Ferdinand – aber du mußt mich nicht mehr Lieschen nennen, wenigstens heute Abend nicht.« »Das kann ich am Ende auch lassen; aber in der That, du gefällst mir. Lies, Elise wollt' ich sagen.« »Nun denn, Herr Bruder, wenn dem so ist, erwiederte das junge Mädchen mit einem tiefen Knixe, »so will ich dir auch erlauben, daß du mit mir den Ball eröffnest.« »Ich tanzen?« fragte der junge Mensch mit großem Erstaunen. »Wie kommst du mir vor? Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, und in meinem Alter tanzt man nicht mehr, das überläßt man der nachwachsenden Generation.« Mit diesen Worten nahm er seinen Hut ab, weil es ihm wahrscheinlich zu warm wurde, und fuhr sich leicht mit der Hand über das Haar, an dem man noch die Spuren der künstlerischen Leistungen des Friseurs sah; dann spitzte er den Mund, als wollte er irgend eine Melodie pfeifen, und verließ den Salon. Seine Mutter blickte ihm nach mit etwas bekümmertem Gesichte, und es war ein nicht ganz natürliches Lächeln, das um ihre Lippen spielte, als sie nun sagte: »Er tanzt schon nicht mehr – und was thut man denn in seinem Alter?« Diese Frage beantwortete der Stadtschultheiß nach einer unmuthigen Bewegung und nachdem er seine Weste mit einem etwas heftigen Rucke über den Leib herabgezogen, indem er sagte: »Man erklärt Frack und weiße Halsbinde für ein altmodisches Kleidungsstück und bummelt dafür in einem Ding herum, was nicht Rock und nicht Jacke ist, aber weite Taschen hat, um die leeren Hände darin zu verbergen. Man reitet und fährt spazieren, man raucht Cigarren, man gibt das Geld der Eltern aus, man klagt über Langeweile und ein unerquickliches Dasein, weil man keine Lust hat, Kraft und Gedanken auf etwas Ernsthaftes zu richten; man führt prächtig tönende Redensarten im Munde und huldigt auf diese Art dem fortschreitenden Jahrhundert, dessen Prophet man zu sein glaubt ... – »Aber brennt da hinten nicht etwas?« rief er, sich unterbrechend, indem er die Luft schnüffelte und nach Ascher rief. Doch wurde dieser gleich mit der Versicherung im Vorzimmer sichtbar, daß dem nicht so sei, worauf er den Stadtschultheißen bat, sich vollkommen zu beruhigen, da in den vornehmsten Häusern, in welchen er bis jetzt servirt, bei ähnlichen Veranlassungen Funken, Brände oder dergleichen Ungehöriges durchaus nicht vorkommen könnten. Herr Ascher machte hierauf eine tiefe Verbeugung gegen das Vestibüle, deren Gegenstand Elise, welche der Thür zunächst stand, aber erst in einigen Sekunden zu sehen im Stande war. Dann aber eilte sie rasch gegen das Vorzimmer und rief: »Oheim Welkermann und Tante Brigitte!« Ascher hatte diese beiden ersten Gäste mit lauter Stimme ankündigen wollen; doch war ihm von den Betreffenden in einem etwas mürrischen Tone gesagt worden: »Lassen Sie das bleiben, wir sind dergleichen Geschichten nicht gewohnt.« Und jetzt näherten sich Beide, der Herr Haupt-Staatsschuldenzahlungs-Kassen-Revisor Welkermann mit Gattin, trotz der herzlichen Begrüßung Elisens, mit ziemlich frostigen Gesichtern. »Guten Abend, Albert, guten Abend, Brigitte!« sagte der Stadtschultheiß, während Madame Welkermann ihrer Schwägerin freundlich die Hand bot. »Ich freue mich recht, daß ihr so früh kommt.« Die Frau Revisorin war sehr einfach, aber doch mit einer gewissen Feierlichkeit gekleidet, wozu indessen ihre Haube, mit bunten, flatternden Bändern, nicht genau paßte, hatte in ihrem schon ältlichen Gesichte ein Paar stechende Augen, eine spitzige Nase und einen Mund mit faltigen Lippen, die, wenn sie nicht sprach, stets so fest zusammengezogen waren, als wollten sie ausdrücken: »Ich wollte doch den sehen, der mich zum Reden zwingt!« Sie machte jetzt vor dem Stadtschultheißen einen ziemlich förmlichen Knix, indem sie sagte: »War es uns doch zu Muthe, Albert und mir, als seien wir fehlgegangen; du kannst dir denken, daß wir zu Fuße kommen – geringe Revisorsleute wie wir nehmen keinen Wagen.« »Und warum glaubtet ihr fehlgegangen zu sein?« »Ich dachte, wir kämen zu Hofe, so prachtvoll ist es schon unten bei euch. Das Licht, die Blumen, dabei dein Amtsdiener, der wahrhaftig aussieht wie ein königlicher Portier, und auf der Treppe die Teppiche und alles das! Gewiß,« setzte sie mit einem stechenden Lächeln hinzu, »es gereut uns fast, daß wir gekommen sind – nicht wahr, Albert?« »Ich wüßte nicht, warum es mich gereuen sollte. Ich bin hier bei meinem Bruder; wenn ich auch nicht selbst tanze, denn dazu bin ich zu alt, so werde ich tanzen sehen; wenn ich auch nicht selbst spiele, denn dazu habe ich kein Geld, so schaue ich den Spielenden zu.« »Aber es gibt auch noch andere Vergnügungen, denen du hoffentlich nicht zusehen wirst,« sprach gutmüthig lächelnd der Stadtschultheiß, »ein Geplauder mit guten Freunden und dann unser Nachtessen – ah, du wirst zufrieden sein!« Die Revisorin wollte erwiedern: »Natürlich, wenn wir armen Leute abgefüttert sind, hat man genug gethan!« Doch wurde sie durch die laute Stimme Ascher's unterbrochen, welche aus dem Vorzimmer meldete: »Der Herr Oberbaurath Lievens, der Herr Geheime Ober-Steuerrath Marx.« Zuerst rauschten jetzt zwei Personen herein, der Oberbaurath und die Oberbauräthin, dann Steuerraths: Vater, Mutter, zwei Töchter, nicht mehr in der ganz ersten Jugendfrische, sowie der Sohn, ein sehr aufgeschossener, etwas schlankelhafter junger Referendar. In dieser Masse von Seide, leichten Stoffen, flatternden Bändern, Tüll, Spitzen und Blumen, die so durch die Thür hereinschob und sich dann näherte, war nur ein einziger, aber recht bemerkenswerther Kern, die Frau Oberbauräthin nämlich, eine schöne, starke, große Frau mit weißen, runden Armen, runden Schultern, einem schlanken Halse, auf dem der Kopf mit dem pikanten Gesichte frei und beweglich saß. Über ihren dunkel leuchtenden Augen sah man schön gewölbte Brauen, und in ihren vollen Haaren hatte sie nichts, als eine einzige rothe Rose und etwas Band von gleicher Farbe. »Mehr darf ich nicht thun,« pflegte sie kokett zu sagen; »denn bei der geringsten Frisur, die ich sonst anwende, erscheint mein zu dickes Haar unförmlich.« Und dick und schön war dieses Haar, das mußte ihr der Neid gestehen! Der Oberbaurath war eine klapperdürre Persönlichkeit und an ihm äußerlich nichts bemerkenswerth, als seine kolossalen Brillengläser sowie seine Manier, den Hut, mit beiden Händen am Rande gefaßt, auf dem Rücken zu tragen, wo derselbe bei jedem Schritte zierlich hin und her schwankte. Böse junge Leute hatten diesen Hut bei ähnlichen Festen wie das heutige schon einige Mal mit Brod, Papier, ja, mit Servietten gefüllt, ohne daß es der Besitzer gemerkt. Ober-Steuerrath und Frau hatten sich auf's wohlwollendste über die vortrefflichen Arrangements des Hauses ausgesprochen, während die beiden ältlichen Töchter förmlich mit einem freundschaftlichen Heißhunger über die jugendliche Elise hergefallen waren, sie in ihre Mitte genommen hatten, ihren Anzug gelobt und dabei hervorgehoben, daß Weiß immer die passendste Farbe für ganz junge Mädchen sei – sie selbst waren nämlich weiß gekleidet – und daß man erst später, nach langen, langen Jahren, dazu käme, durch etwas Farbiges nachzuhelfen, wenn das nöthig sein sollte. »Wenn das nöthig sein sollte?« sagte der junge Herr Marx, der bei den drei Mädchen stand und es sehr passend und geistreich fand, sich an der Unterhaltung der Art zu betheiligen, daß er von dem, was die anderen Leute sagten, beständig die letzten Worte wiederholte. »Ach, wie ich mich auf den heutigen Ball freue, Elise!« »Und ich erst, das könnt ihr euch denken!« »Das glaub' ich wohl. Welche Auswahl hast du unter den Tänzern – alle Welt wird dir huldigen.« »Wird Ihnen huldigen,« sagte der junge Marx. »Die Herren Lieutenants Schmitter und Schmetter, Herr Doktor Rosenfeld, Herr Doktor Goldglanz, der Herr Geheime Kammerrath Zipperer, der Herr Legations-Sekretär Baron Buff . . .« »Sehr erfreut, Sie zu sehen!« – »Deliciöses Apartement! Sie waren so freundlich, uns zu befehlen . . .« – »Bitte recht sehr! Sehr dankbar, daß Sie so gütig waren, unsere Einladung anzunehmen . . .« »Herr Bankdirektor von Schwemmer, Herr Rittmeister Graf Pliß, Herr Lieutenant von Falkenstein, Herrrrr – –« Ascher war schon nicht mehr recht im Stande, Titel und Namen der Ankommenden mit gehöriger Deutlichkeit zu sagen, so massenhaft drängten jetzt die Eingeladenen heran, weßhalb er den richtigen Ausweg ergriff, nur noch bedeutende Persönlichkeiten zu nennen und das geringere Gesindel unangemeldet durchschlüpfen zu lassen. »Herr Baron von Rivola!« Es war der alte Herr, den wir vor einer Stunde bei dem Hof-Friseur gesehen, jetzt im schwarzen Frack, einen Stern auf der Brust, in weißer Halsbinde und mit seiner blauen Brille. Er führte seine Frau am Arme, und an seiner rechten Seite sah man seine Tochter Lucy. Die Baronin Rivola war eine ausgezeichnete Erscheinung, elegant und vornehm; ihr Angesicht zeigte Spuren großer Schönheit, doch erschienen ihre Züge etwas blaß und abgespannt, vielleicht vom Nachweh des Unwohlseins der letzten Tage. Sie grüßte herablassend nach allen Seiten; doch schien das Lächeln, welches dabei um ihre feinen Lippen spielte, nicht ganz natürlich, und wenn es sehr rasch, wie immer, verschwand, so lagerte sich ohne Übergang ein tiefer Ernst, ja, etwas wie Verdrießlichkeit auf ihre Züge. Sie war eine geborene Gräfin Hartenstein, aus einem der vornehmsten und stolzesten Geschlechter des Landes, und als diese Ehe zu Stande kam, hatte alle Welt das bei dem ziemlich unbekannten Namen des Freiherrn von Rivola nur begreiflich gefunden, weil die Gräfin Hartenstein ihre Jugendblüthe ebensogut hinter sich hatte, wie der alte Graf den Blüthenstand seiner Finanzen. Lucy, die einzige Tochter des Barons, war von einer anmuthigen Schönheit. Ihre regelmäßigen, blendend weißen Gesichtszüge würden etwas bleich erschienen sein, wenn nicht der feinste Schimmer frischester Jugend dieselben rosig angehaucht hätte; ja, die ganze Erscheinung hatte etwas von einer sich noch nicht entwickelten Rose, aber von einer Waldrose durch die ungezwungene liebenswürdige Natürlichkeit dieses jungen Mädchens. Ihre großen, braunen Augen blickten freundlich und gutmüthig, und das Haar, von einem eigenthümlich hellen, aschfarbigen Blond hätte in seiner seltenen Fülle sogar von der Oberbauräthin beneidet werden können. Und dabei wurde es von Lucy ungezwungen, man hätte fast sagen können, unfrisirt getragen, nur von den früher schon besprochenen blauen Bändern zusammengehalten, aber nicht gebändigt, denn es drängte überall hindurch in krausen Locken und Wellen, auch so unseren Vergleich von vorhin rechtfertigend, den Vergleich mit einer Waldrose, und zwar mit einer weißen Waldrose. Dabei war Lucy von Rivola die einzige Tochter einer zärtlichen Mutter, eines um sie in jeder Hinsicht sorgenden reichen Vaters, achtzehn Jahre alt und ebenso wie ihre Freundin Elise heute zum ersten Male auf einem Balle – welches Glück, welche Seligkeit! Man hätte aber auch die heißhungrigen Blicke fast all der jungen Herren betrachten sollen und wie sie heimlich ihre Ballkarten hervorzogen, um auf die beiden Mädchen, die sich natürlich alsbald gefunden hatten, loszustürzen, sobald sich der erste Sturm der Begrüßungen gelegt haben würde. Nur der Sohn des Hauses, der jetzt auch, und wir müssen gestehen, in untadelhafter Toilette erschienen war, machte davon eine rühmliche Ausnahme. Hatte er doch mit einer höchst gleichgültigen Miene die Ballkarte zurückgewiesen, welche ihm der Bediente an der Thür einhändigen wollte, und war doch diese Miene nicht anders geworden, als er sich, nothgedrungen und von der Schwester herbeigewinkt, ein paar Sekunden lang mit Fräulein von Rivola unterhalten mußte, welche mit strahlendem Lächeln, geöffneten Lippen in einem fest geschlossenen Kreise junger Herren stand und leider schon so viele Körbe hatte austheilen müssen, daß man damit nicht nur die beiden Steuerrathstöchter, sondern auch noch eine Menge anderer armer Wesen hätte glücklich machen können. Das Einzige, wodurch der Sohn des Hauses indessen sein Interesse für die reizende Waldrose an den Tag legte, war, daß er sich durch seine Schwester einen Tanz für seinen Freund mit dem rothen Backenbarte zu verschaffen wußte, dem er alsdann sagte: »Siehst du wohl, das ist doch etwas ganz Anderes, als deine Pfälzinger – in der That, ein ganz hübsches Mädchen, diese Lucy von Rivola, ebenso gescheit als schön, freilich fast noch Backfisch, aber das hat auch seine angenehmen Seiten!« Unterdessen hatte Ascher auf die oben beschriebene Art an Einem fort angemeldet und war dabei auffallend heiser geworden, so daß man es ihm nicht übel nehmen konnte, wenn er, nachdem der größte Theil der Gäste anwesend war und als nun der Bediente Thee und Backwerk servirte, für einige Zeit von dem Schauplatze seiner angestrengten Thätigkeit verschwand, um drunten am Eingange der Küche ein Glas heißen Punsches zu sich zu nehmen. Hier hatte er auch die Hausthür im Auge und es war ihm möglich, sogleich die Ankunft Sr. Excellenz des Herrn Ministers des Innern zu melden, sobald sich die Equipage desselben zeigen würde. Droben hatte indessen Thee und Backwerk das Gute gehabt, nicht nur die Zungen zu lösen und das Gespräch lebhafter zu machen, sondern auch, da die Damen sich hier und da einen Platz zum Sitzen suchten, umstanden von den Herren, welche, die Cylinder unter dem linken Arme, dabei mit mehr oder weniger Grazie ihre Tasse hielten, die Gesellschaft aus einander zu treiben, den ersten und zweiten Salon überfließen zu machen, wodurch sich in kurzer Zeit der Strom der Gäste ziemlich gleichförmig durch das ganze Apartement vertheilte. Jetzt ertönte der erste Geigenstrich mit seiner elektrisirenden Wirkung, der sich sogar ältere Frauen ohne Bedenken insoweit hingaben, als sie durch Bewegungen mit dem Kopfe den Takt markirten und vielleicht zu einer Nachbarin sagten: »Ach, dabei erinnere ich mich dieses oder jenes Balles – wissen Sie noch, wie wir in der Polonaise hinter einander gingen, wo sich mir die Haarschleife gelöst hatte, was aber, wie mir die jungen Herren versicherten, sehr pikant aussah, daß man es nicht duldete, als ich sie mir wieder aufheften lassen wollte – wissen Sie es noch, meine liebe Commercienräthin?« »Ob ich es noch weiß, meine gute Ober-Regierungsräthin – war es doch derselbe Ball, wo es fast Aufsehen erregte, daß der junge Graf Schmettau mit mir, einer verheiratheten Frau, so häufig tanzte!« »Ach, die schönen Zeiten!« »Ja, jene schönen Zeiten!« Junge ältere Damen oder ältere junge Damen, die zufällig nicht engagirt worden waren, thaten dagegen häufig so, als hätten sie noch gar keine Ahnung davon, daß der Tanz drüben begonnen, oder wenn man sie vielleicht deßhalb fragend ansah oder gar etwas darüber bemerkte, so konnten sie mit jenem gänzlich ungezwungenen Lächeln sagen: »So ein Ballabend ist lang, ich würde um Alles in der Welt nicht mit dem ersten Tanze anfangen – erst die zweite Hälfte eines Balles ist das, was mich interessirt – Gott, man wird so noch müde genug!« In dem ersten, dem größten Salon des Hauses, wo die Gäste empfangen worden waren, hatte Ascher, nachdem er sich unten überzeugt, daß der Punsch den Gästen später gut schmecken würde, und nachdem er einen Anderen auf die Lauerpost von wegen des Ministers gestellt, einen großen runden Theetisch arrangirt, an welchem nun, nach langem Sträuben, die Oberbauräthin mit den schönen Haaren den Vorsitz führte. Man hatte diesen Ehrenposten begreiflicher Weise zuerst der Frau von Rivola angeboten; doch hatte diese auf die liebenswürdigste Art gebeten, man möge ihr gestatten, Lucy zum ersten Male tanzen zu sehen. Dann war sie Arm in Arm mit ihrem Gatten in das Nebenzimmer gegangen. »Es thut Einem ordentlich wohl,« sagte eine streng aussehende Ober-Kriegsräthin, den Beiden nachblickend, »wenn man auch in jenen Kreisen ein so vortreffliches Familienleben sieht, und das muß man den Rivola nachsagen, mein Mann, der es vom Kriegs-Minister hat, erzählte mir öfter davon. Er ist so voll zarter Aufmerksamkeit gegen die Frau, als wenn sie erst seit gestern verheirathet wären, und es muß schon eine wichtige Ursache sein, die ihn veranlassen könnte, einmal für längere Zeit sein Landhaus und seine Familie zu verlassen. Sie werden sehen, meine Damen, wie er den ganzen Abend um Frau und Tochter besorgt ist und wie er ihnen so gern alle die kleinen Dienste leistet, die uns so angenehm sind – mancher Andere könnte sich daran ein Beispiel nehmen.« Die streng aussehende Kriegsräthin betonte diese Worte ein wenig stark und blickte dabei nach dem Vorzimmer, wo ihr eigener Gemahl mit dem Strome junger Leute verschwunden war, vielleicht um in einem entfernten Zimmer zu spielen, vielleicht um dem Tanze zuzuschauen, vielleicht auch sogar, um selbst zu tanzen, natürlicher Weise, wenn er förmlich dazu genöthigt wurde. »Ja,« seufzte eine junge Lieutenantsfrau, welche sich ihren Mann erst vor einigen Monaten durch Hinterlegung der Caution erheirathet – »es ist ein so wohlthuendes Gefühl, selbst in einer größeren Gesellschaft Jemand an seiner Seite zu haben, mit dem man intime Gedanken austauschen kann.« »Und davon haben die Männer im Allgemeinen keinen Begriff.« »O, gewiß nicht!« »Es ist unbegreiflich, aber wahr – dürfte ich Sie um Zucker bitten, liebe Oberbauräthin?« »An so einem Ballabend,« fuhr die strenge Ober-Kriegsräthin fort, »sind wir Ballast für unsere Männer; wie froh sind sie, wenn sie uns irgendwo über Bord geworfen haben, um dann ihr Schifflein auf hoher Fluth allein tanzen zu lassen.« »Reichen Sie mir gefälligst Ihre Tasse, Frau Bankdirektor,« sagte die Oberbauräthin mit dem schönen Haare; sie hatte über das Thema rücksichtsloser oder unduldsamer Männer nicht mit eingestimmt, hatte aber auch keine Ursache dazu, denn wenn auch der Oberbaurath sich nicht immer als einen rücksichtsvollen, d. h. zärtlichen Ehemann bewies, so war er dagegen in einer gewissen Beziehung von einer Duldsamkeit, welche, wie die guten Freundinnen seiner schönen Frau zu sagen pflegten, an's Fabelhafte streifte – ja, besonders boshafte Zungen hatten oft den schlechten Witz gemacht, die Duldsamkeit des Oberbauraths grenze an's Geniale, was sich auf einen jungen Ingenieur bezog, der auf dem Bureau des Oberbauraths beschäftigt war und von dessen Gattin allerdings sehr bevorzugt wurde. »Sagen Sie mir doch, liebe Ober-Steuerräthin,« fragte die Bankdirektorin ihre Nachbarin, »wer ist die etwas eigenthümlich gekleidete Frau, die dort mit der Stadtschultheißin kommt?« »Das ist die Revisorin Welkermann, eine Frau mit einer unausstehlich scharfen Zunge.« »Man sieht es ihr an – sie hat so etwas Verbissenes in ihren Gesichtszügen.« »Beißt auch, wenn man ihr in die Quere kommt – eine böse Sieben,« sprach die streng aussehende Ober-Kriegsräthin, »und ist dabei boshaft wie ein Affe.« »Müssen wir ihr Platz machen, sie einladen, sich zu uns zu setzen?« »Es wird sich wohl nicht anders thun lassen, da sie mit ihrer Schwägerin gerade auf uns zu kommt.« »Das ist das Unangenehme an solchen Häusern, welche eine große und nicht zusammen passende Familie haben!« flüsterte die Commercienräthin hochmüthig. »Ach, meine Damen, wie freue ich mich,« sagte die Stadtschultheißin, welche dazu getreten, »daß Sie hier einen so hübschen Kreis haben; schade, daß ich als Hausfrau zu sehr beschäftigt bin, um mich demselben anzuschließen!« »Wie wir das bedauern!« meinte die Ober-Steuerräthin. »Aber Sie bringen uns dafür einen Ersatz, Ihre liebe Schwägerin. Bitte, Frau Ober-Revisorin, hier neben mir habe ich ein hübsches Plätzchen für Sie – die Damen kennen Sie doch alle?« »Ganz gewiß! – O ja wir haben das Vergnügen!« Nur die Bankdirektorin sagte: »Bitte, mich bekannt zu machen!« »Frau Haupt-Staatsschulden-Tilgungskassen-Ober-Revisorin Welkermann – Frau Bankdirektor von Schwemmer.« »Sehr erfreut, Sie endlich kennen zu lernen,« sagte die letztere, »nachdem ich schon so oft Freundliches und Liebes von Ihnen gehört!« »Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite,« entgegnete die Vorgestellte – »Sie sind zu gütig, auch die Frau Ober-Kriegsräthin, indem sie mich vorstellte! Mein Mann hat noch nicht das Glück gehabt, für seine Verdienste zum Ober-Revisor ernannt zu werden – einfach Revisorin, wenn ich bitten darf!« »Der Herr Revisor verdient schon längst, Rath beim Finanz-Ministerium zu sein,« entschied würdevoll die Geheime Commercienräthin; »mein Mann, der häufig auf der Staatsschuldenzahlungs-Kasse zu thun hat, spricht stets mit der wärmsten Anerkennung von Herrn Welkermann, ja, auch Seine Excellenz der Herr Minister des Innern, der auf einen Sprung bei uns war. Apropos,« wandte sie hier, ihr Gespräch unterbrechend, sich direkt an die Stadtschultheißin, »Sie erwarten doch Seine Excellenz heute Abend? Er sagte es mir und setzte hinzu, er würde mich um einen Platz in meinem Wagen bitten, doch sei er leider gezwungen, später zu kommen.« »Das würde Sie aber gewiß genirt haben, Frau Geheime Commercienräthin,« sagte die Revisorin so arglos wie möglich – »bei der jetzigen Toilette zu Vieren in einem Wagen.« »Warum zu Vieren?« »Nun, die Frau Ministerin hast du doch wohl auch eingeladen?« fragte boshaft die Frau Revisorin ihre Schwägerin. »Eingeladen wohl, aber sie hat abgelehnt, sie hat recht sehr bedauert, daß sie verhindert sei.« »Ah, sie ist verhindert!« sagte die strenge Ober-Kriegsräthin. »Schade,« meinte die Geheime Commercienräthin, »es ist eine so liebe Frau, die Ministerin! Ich traf sie gestern noch bei Baron Schnellers; da sagte sie, sie gehe selten in große Gesellschaft und vermeide es, wo sie könne; zu Hofe müsse sie natürlicher Weise, doch sei ihr auch das jedes Mal ein Opfer.« »Schade – recht schade!« murmelte es rings umher im Kreise, bis die Oberbauräthin dem Gespräche dadurch einen neuen Aufschwung gab, daß sie, gegen die Stadtschultheißin gewandt, hinzusetzte: »Ich hätte es der Frau Ministerin wohl gönnen mögen, wenn sie Ihr in der That wundervolles Apartement gesehen hätte – ein entzückendes Arrangement; ich muß schon gestehen, in einem Privathause nichts Ähnliches gefunden zu haben!« »Wunderbar – reizend – ausgezeichnet – und wie Alles so vergnügt und heiter ist!« »Es liegt doch eine große Belohnung darin, so eine Menge guter Freunde und Bekannten bei sich zu vereinigen und ihnen einen so wundervollen Abend zu verschaffen!« »Ja, es ist ein großes Opfer, Frau Stadtschultheißin, aber es wird anerkannt!« »Schade, daß meine Wohnung zu klein ist,« meinte die Ober-Steuerräthin, »ich würde nie mehr eine kleine Gesellschaft geben.« »Ich danke Ihnen herzlich!« erwiederte die Frau des Hauses. »Doch damit ich Ihr Lob verdiene, müssen Sie mich schon entschuldigen – das Auge der Hausfrau muß überall sein.« »Gewiß – allerdings – wie wir das bedauern!« Die Stadtschultheißin entfernte sich nach einer freundlichen Verbeugung, und da sie beim Weggehen an ihre Schwägerin eine leise Frage that, so sah auch diese sich veranlaßt, einen Kreis zu verlassen, von dem sie so sehr geschätzt und geliebt wurde und dem sie Gleiches mit Gleichem vergalt. »So,« sagte sie zu ihrer Schwägerin, als sie außer Hörweite waren; »ich glaube, ich bekäme die Gelbsucht, wenn ich bei diesen bösen Zungen und hochmüthigen Weibern eine Stunde bleiben müßte.« »Hast du die Commercienräthin gehört? Sollte man nicht glauben, Minister, Grafen und Prinzen bildeten ihre beständige Gesellschaft? Sie denkt nicht mehr daran, wie froh ihre Mutter war, wenn sie von der meinigen auf ein Schälchen Kaffee eingeladen war mit recht viel Eintunkens, denn die arme Frau hatte immer einen großen Hunger, und jetzt, da der Geheime Commercienrath durch seine bekannten Geschäftchen mit dem Bruder des Ministers, der auch noch sein Bißchen Vermögen an der Börse verlieren wird, einen Orden erschwindelt hat, weiß sie nicht mehr, wo ihr der Kopf steht.« Der Damenkreis, von dessen einem Mitgliede die Frau Revisorin also sprach, blieb indessen ein paar Minuten stumm bei einander sitzen; man hörte nichts, als das Klappern des Theelöffels und das Krachen des Backwerks zwischen den Zähnen. Dann sagte die Ober-Kriegsräthin: »Es ist allerdings sehr angenehm, sich bei einer so großen Gesellschaft viele Leute auf einmal zu verbinden, eine allgemeine Abfütterung zu halten, aber man ladet sich doch dabei viel Sorge, viele Geschäfte auf den Hals, ohne besonderen Dank zu erwerben.« »Ganz meine Ansicht,« sagte eifrig die Ober-Steuerräthin; »ich bin im Grunde froh, daß meine Zimmer mir verbieten, viele Leute zusammen zu laden. Welchen Sinn hat überhaupt eine so große Gesellschaft, wo man sich kaum rühren kann, wo man vor Hitze umkommt, wo man sein Bißchen Thee und sein bescheidenes Nachtessen durch Complimente und schöne Redensarten sauer genug verdienen muß?« »Ja, und wenn man es deutlich einsieht, weßhalb eine sonst so gute Frau wie die Stadtschultheißin sich eine solche Last aufladet – es ist unglaublich, nur um eine Excellenz bei sich zu sehen und darüber reden zu lassen; bei Mancher begreife ich das, aber bei der Welkermann nicht, sie ist sonst wirklich gut und gescheit.« »Gut, meinetwegen,« gab die Geheime Ober-Steuerräthin zu, »aber gescheit? Nun, man soll seinem Mitmenschen nichts Böses nachsagen, und deßhalb schweige ich lieber.« »Darin muß ich Ihnen Recht geben, Frau Ober-Steuerräthin,« meinte die Oberbauräthin, »Herr Welkermann ist aber nun einmal Stadtschultheiß, und das Sprüchwort sagt, wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand – doch lassen wir ihn aus dem Spiele. Was dagegen die Frau anbelangt, so braucht man, wie die Frau Ober-Steuerräthin so eben richtig bemerkt, nur ihr Bestreben zu sehen, vornehme Leute in ihr Haus zu locken; den jungen Prinzen Bartenfels hat sie auch eingeladen, doch sagte er meinem Bruder, dem Ober-Lieutenant, er wisse noch nicht, ob er komme, er habe eine Spielpartie, das sei ihm lieber.« »Doch muß man zugeben, daß die Stadtschultheißin eine Frau ist, mit der man auskommen kann – Verstand kann man nicht mit Geld kaufen; aber die Welkermann, die soeben da war, die Revisorin, das ist eine böse Sieben.« »Ja, ja, hätten Sie nur die Blicke bemerkt, mit denen sie Ihre Toilette musterte, Frau Geheime Commercienräthin, und die Ihrige, Frau Ober-Regierungsräthin!« »Ich habe es wohl bemerkt, und der Neid schaute ihr aus den Augen, als sie Ihren Bernsteinschmuck ansah.« »Nicht so laut, dort sitzt ihr Mann!« sagte die Commercienräthin. »Ein braver Mann – er thut mir in der Seele weh – der echte Kreuzträger!« »Ja, bei so einer Frau,« fuhr die Ober-Regierungsräthin fort – »aber Ihr Bernsteinschmuck ist wirklich wunderschön, Sie haben ihn noch nicht lange?« Die Angeredete griff etwas kokett mit ihren feinen Fingern nach der eben erwähnten Halskette, die in der That sehr schön war und mit ihrem matten Gelb die weißen Schultern der schönen Frau noch besonders hervorleuchten ließ. »Ich habe ihn noch nicht lange,« sagte sie in gleichgültigem Tone; »er gefiel meinem Manne, und da kaufte er ihn mir. – Doch fällt mir ein, daß ich dem Oberbaurathe etwas zu sagen habe – Sie werden mich entschuldigen, daß ich Sie verlasse, um ihn aufzusuchen, es ist etwas, das sich auf den heutigen Abend bezieht. Die Frau Stadtschultheiß war so gütig, den jungen Ingenieur Welden, der auf unserem Bureau arbeitet, einzuladen; doch kann derselbe erst später kommen, da er draußen auf der Bahnlinie war, die jetzt trassirt wird, um im nächsten Frühjahre in Angriff genommen zu werden – bis nachher, meine Damen!« Sie empfahl sich mit einem anmuthigen Lächeln, und als sie nun dahinschritt, die schöne, volle Gestalt, ihr schwarzes Haar in dicken Flechten auf den allerdings etwas stark entblößten Schultern wiegend, war sie eine auffallend üppige Erscheinung und wohl geeignet, die mißbilligenden Blicke so strenger Sittenrichterinnen nach sich zu ziehen. »Hm,« sagte die streng aussehende Ober-Kriegsräthin, »diese liebe Oberbauräthin ist von einer unglaublichen Naivetät oder hält uns für fabelhaft dumm; sie macht sich gar nichts daraus, von dem jungen Welden zu sprechen, als sei er für sie eine ganz unverfängliche Person, und doch weiß Jedermann . . .« »O gewiß, gewiß, es ist das ein öffentliches Geheimniß!« »Und ist es dabei nicht ungeheuer komisch,« fuhr die Ober-Kriegsräthin fort, »wenn sie von »unserem« Bureau, auf dem der junge Mensch arbeitet, spricht? Das ist doch ein Bißchen stark!« »Die gute Frau hat gewiß Niemanden, der ihr einen Wink darüber gibt; es ist schade um sie, ich mag sie wohl leiden – es ist eine angenehme Erscheinung.« »Aber gränzenlos kokett,« sagte die Ober-Kriegsräthin dieses Mal in ausnahmsweise strengem Tone, – betrachten Sie nur ihren vielbelobten Bernsteinschmuck, diese lange, vorn so tief herabhangende Kette. Das zieht allerdings die Blicke der Männer auf sich, aber wenn man so stark ist wie die gute Lievens, so sollte man eher die Blicke abzuwenden suchen, als anzuziehen – mich dauert nur ihr Mann.« »Ein lieber Mann, der Oberbaurath!« »Einer unserer besten Freunde!« »Aber was die Frau so eben erzählte, daß er den Bernsteinschmuck gekauft, das haben Sie doch nicht geglaubt?« »Es sähe ihm wenigstens nicht ähnlich, denn er ist furchtbar geizig.« »Unter uns,« flüsterte die Commercienräthin – »mein Mann hat es mir erzählt, Lievens hat bei den letzten Staatsbanken einer bedeutenden Eisengießerei des Auslandes große Bestellung zugewendet, und darauf ist Allerlei erfolgt – Sie werden mich verstehen, meine Damen.« »Auch der Bernsteinschmuck!« »Und auch – doch soll man seinem Nebenmenschen nichts Böses nachsagen, und ich würde es nicht erwähnt haben, wenn nicht gerade die Rede darauf gekommen wäre.« So sprach die Commercienräthin, indem sie langsam ihre Handschuhe anzog und ihr Ballbouquet vom Tische nahm, während sie hinzusetzte: »Jetzt wollen wir doch einmal sehen, wie es drüben aussieht; es muß dort, wo sie jetzt tanzen, eine recht artige Hitze sein – ich kenne das kleine Zimmer wohl. Gehen Sie mit, Frau Bankdirektor?« »Recht gern; es wäre mir lieb, eine Whistpartie zu finden – wir haben noch lange bis zum Souper, welches wohl um zehn Uhr beginnen wird; um eilf Uhr habe ich meinen Wagen bestellt.« Die Beiden gingen mit einander davon, und da sie so weit waren, daß die Zurückgebliebenen sie nicht mehr hören konnten, sagte die Commercienräthin: »Von dem Bernsteinschmucke und den Lieferungen der Eisengießerei habe ich vorhin der Ober-Kriegsräthin und der Ober-Regierungsräthin nicht umsonst erzählt, denn man weiß schon, wie es in Betreff der Lieferungen während des letzten Feldzuges zugegangen ist; die armen Soldaten mußten hungern und dursten, während – nun, ich will nichts Böses wiederholen.« Die Ober-Kriegsräthin und die Ober-Regierungsräthin blieben an dem großen Theetische sitzen, und erstere sagte nach einer Pause: »Es gibt doch kein wahreres Sprüchwort, als das vom Balken und Splitter: wenn auch die gute Oberbauräthin recht kokett ist, so läßt es sich doch mit ihr leben und man darf nachfragen, wer ihre Eltern gewesen sind, wogegen ein gewisses geheimnißvolles Dunkel über der Herkunft der Commercienräthin ruht. Daß deren Mutter ihrer Zeit auf Pfänder geliehen hat, das weiß ich ganz bestimmt und nun thut sie gerade in ihrem ganzen Auftreten, als stamme sie von einer der besten Familien des Landes – ja, gute Ober-Regierungsräthin, es ist nichts mehr mit dieser verdorbenen Welt!« »Gewiß nicht, und daß die klapperdürre Bankdirektorin allerdings keinen Bernsteinschmuck sehen läßt, um Blicke auf sich zu ziehen, versteht sich wohl von selbst.« »Kommen Sie, wir wollen einen Gang durch die Zimmer machen; man sieht und hört immer etwas Neues und bereichert dadurch seine Erfahrungen zum Besten seiner Nebenmenschen.« Viertes Kapitel. Das Zimmer, in welchem heute Abend getanzt wurde, war indessen durchaus nicht so klein, als man nach den Reden der Commercienräthin hätte vermuthen können. Es war allerdings kein Ballsaal, und wenn man auch zu der doppelten Quadrille, jede zu acht Paar, zuweilen mit dem Paare in seinem Rücken ein wenig in Collision kam, so hatte das bei der allgemeinen Heiterkeit nicht viel zu bedeuten. Auch waren rechts und links geräumige Nebenzimmer, welche die Tanzenden nach beendigter Tour aufnahmen, und was die Musik anbetraf, so war für dieselbe ein Stück des Corridors mit spanischen Wänden abgetheilt worden, so daß diese nicht im geringsten genirte. Seine Excellenz der Herr Staatsminister des Innern war allerdings etwas spät erschienen, aber er war doch gekommen und von dem Herrn des Hauses auf der Mitte der Treppe empfangen worden, sowie darauf durch das ganze Apartement geleitet, ein lebendiges Schaustück, dem zahllose Bücklinge und Knixe gespendet wurden, von welchen noch ein bescheidener Theil auf den vor Freude strahlenden Gastgeber fiel. Später war Seine Excellenz in einem kleinen Cabinete an einem Whist-Tische zur Ruhe gebracht worden, und wurde er hier von Ascher eigenhändig mit Thee bedient. Seine Mitspieler waren der Bankdirektor, der Geheime Commercienrath Zipperer und der Oberbaurath Lievens, mit dessen Gattin sich der Minister des Innern vorher nicht nur lange und huldreichst unterhalten, sondern sie auch gebeten hatte, wenn sie nichts Besseres zu thun wisse, während des Spiels an seiner Seite Platz zu nehmen, wobei er galant versicherte, eine schöne Frau brächte ihm jedes Mal Glück. Sie hatte das auf's bereitwilligste gethan, sich aber vorher erlaubt, Seiner Excellenz einen jungen Mann vorzustellen, der es als das höchste Glück betrachte, von Seiner Excellenz persönlich gekannt zu sein. Und dabei hatte die Bauräthin, während sie mit niedergeschlagenen Augen ihre Bernsteinkette in die Höhe zog, hinzugesetzt: »Eigentlich hätte mein Mann Ihnen den Herrn Ingenieur Welden vorstellen sollen, doch meinte er, das ohne einen besonderen Wunsch Eurer Excellenz nicht wagen zu können, wogegen ich,« sagte sie mit einem schalkhaften Lächeln, »mir vielleicht auch ohne speciellen Befehl so was erlauben darf.« Der Minister des Innern war ein kleiner und dicker Herr mit kurzem Halse und kurzem Athem; er hatte dicke Lippen und feiste Backen. Seine Gesichtsfarbe, die gewöhnlich sehr roth war, spielte, wenn er sich erhitzte oder für etwas lebhaft interessirte, in's Bläuliche, und wenn er mit Erregung und Gefühl sprach, so hatte seine Stimme etwas Fettiges. »Schöne Frau,« flüsterte er der Oberbauräthin zu, »Jeder, den Sie mir vorstellen, ist mir angenehm; nur möchte ich mit einem leichten Seufzer hinzusetzen, ich möchte dieser Kuno gewesen sein.« »Ach, Excellenz, es ist gefährlich, mit Ihnen zu reden, und wenn ich meine Bitte nicht schon ausgesprochen hätte, würde ich es nicht mehr thun.« »Eigentlich hätten Sie sich diese Mühe auch sparen können,« hörte man jetzt eine tiefe, wohlklingende Stimme in sehr gleichgültigem, fast trockenem Tone sagen. »Ich bin Seiner Excellenz bereits vorgestellt worden; nur erinnern sich der Herr Minister meiner nicht mehr.« Der, welcher so sprach und jetzt ohne irgend welche Verlegenheit an den Spieltisch trat, war ein junger, schlanker Mann von einigen zwanzig Jahren, mit ausdrucksvollen, ernsten Gesichtszügen, einem lebhaften Auge, mit blondem, leicht gelocktem Haar und einem etwas in's Röthliche spielenden Vollbarte. Er war in gehöriger Balltoilette, mit weißer Halsbinde – nur hatte die Schleife derselben sowie auch sein tief herabgeschlagener Kragen etwas sehr Ungezwungenes, welches übrigens auch sein ganzes Wesen, wenn er stand, ging und sprach, charakterisirte. »Ah, richtig, Herr Welden!« sagte die Excellenz mit einem freundlichen Lächeln. »Natürlich kennen wir uns, nur hatte ich mich Ihrer Person nicht mehr recht erinnert – oh, wir sahen uns häufig! Das letzte Mal, als wir dem guten Baron Rivola ein Stückchen seines Waldes wegnehmen mußten; ich glaube, er hat sich noch nicht recht darein finden können.« »Er hat es verschmerzt, wie er mir neulich sagte,« erwiederte der junge Ingenieur. »Daß es ihm unangenehm war, finde ich begreiflich; doch habe ich ihm seine nunmehrige Gränze ein wenig hergerichtet. Auch wird er neue Bäume anpflanzen, so daß sich der etwas schroffe Abschnitt vergleicht.« »Sie sind jetzt hier einer der Unsrigen?« fragte der Minister. »Nur für den Winter, Excellenz. Ich habe auf dem Bureau des Herrn Oberbauraths Lievens mit den Plänen der neuen Bahnlinie zu thun, hoffe aber mit dem frühesten Frühjahr wieder hinauszukommen.« »Es ist diesem jungen Manne,« wandte sich seine Excellenz mit einem freundlichen Lächeln an seine Nachbarin, »hier in der Stadt zu Muthe wie den gefangenen Waldvögeln, und wenn sie es auch noch so gut haben; und ich glaube,« setzte er flüsternd hinzu, »der da hat es gut, beneidenswerth gut auf dem Bureau Ihres Gemahls – ah, diese jungen Leute – was nützen uns Amt und Würde!« – Hier legte er leicht die rechte Hand an die linke Brust, an den Stern, den er auf dem Fracke trug, oder an die Stelle, wo er sein Herz vermuthete. »Was nützt uns alles das schönen Frauen gegenüber, wenn man die Sechzig auf dem Rücken hat! Spielen wir also, wenn es gefällig ist, obgleich auch nur mit Karten.« Der junge Ingenieur war mit einer leichten Verbeugung vom Tische zurückgekehrt, hatte sich an die Thür des Zimmers gestellt, in welchem getanzt wurde, und blickte ziemlich gleichgültig in das Gewühl der lustig sich drehenden Paare. Er war zu spät gekommen, um noch hoffen zu können, auf dem Coursblatte der begehrten Tänzerinnen notirt zu werden; auch war er kein leidenschaftlicher Tänzer und hatte auch hier kein Interesse, um es zu sein. Damit wollen wir aber nicht gesagt haben, als ob er alle an ihm vorbeischwebenden Damen mit derselben Gleichgültigkeit betrachtet hätte. Erging es ihm doch auch wie manchem anderen der zuschauenden älteren und jüngeren Herren, welche die Tochter des Hauses und Lucy von Rivola mit den angelegentlichsten Blicken verfolgten. Man konnte aber auch nichts Reizenderes sehen, als diese jungen Mädchen in ihrer anmuthig schwebenden Bewegung, so fest, so sicher und doch wieder so gänzlich ungenirt, nur ihrem eigenen, beiderseitigen Vergnügen lebend; denn wenn sie bei einem Ruhepunkte nicht gar zu weit aus einander standen, so reichten sie sich mit einem entzückten Lächeln gern die Hand oder flüsterten einander irgend ein gewisses gleichgültiges Wort zu, anstatt ihre Aufmerksamkeit auf das zu wenden, was ihnen ihre Tänzer sagten. Besonders aber war es Lucy, die mit ihrem eigenthümlichen Haar unter allen übrigen Tänzerinnen hervorleuchtete, und wenn sie so vorüberschwebte, zuweilen ihre blonden Locken durch ein energisches Kopfschütteln zurückwerfend, mit den großen, braunen Augen, die vor Glückseligkeit strahlten, plötzlich Jemanden anschauend, so konnten sich wohl gänzlich Fremde nicht enthalten, ihr mit der freundlichsten Theilnahme zuzunicken. So that auch Herr Welden, obgleich er kein Fremder für sie war, und über sein ernstes, fast theilnahmloses Gesicht flog ein wohlwollendes Lächeln, als sie ein paar Schritte von ihm entfernt ihren Kopf während des Tanzens nochmals gegen ihn umwandte und ihre strahlenden Augen so lange als möglich auf ihm ruhen ließ. Dann war der Walzer zu Ende, und die beiden jungen Mädchen, nachdem sie sich von ihren Tänzern flüchtig verabschiedet, traten an die Thür des Spielzimmers, wo der Ingenieur noch immer stand und nun von Elise und Lucy auf's freundlichste begrüßt wurde. »Sie kommen leider einmal recht spät, Herr Welden,« sagte die erstere, und Fräulein von Rivola setzte hinzu: »Daß Herr Welden überhaupt noch hieherkommt, wo ja nur getanzt und über die gleichgültigsten Dinge geplaudert wird, mußt du ihm als Tochter des Hauses sehr hoch anrechnen. Nicht wahr, Herr Welden, Sie wären lieber gar nicht gekommen?« Sie sagte dies in einem offenen, heiteren, neckenden Tone, der von dem jungen Manne ebenso erwiedert wurde, als er ihr entgegnete: »Darin haben Sie ganz Recht, mein Fräulein, Tanz und Geplauder haben mich aber gewiß nicht hiehergezogen, sondern nur die Artigkeit gegen unsern freundlichen Wirth, den Vater des Fräuleins Welkermann; dann aber vor allen Dingen, um Sie auf Ihrem ersten Balle tanzen zu sehen.« »Wie dankbar bin ich Ihnen für dieses Interesse, das ich hoch anrechnen muß! Aber in der That ist es unrecht, daß Sie so spät erscheinen, ich hätte Ihnen gerne einen Tanz aufgehoben.« »Das hätten Sie immerhin thun können, denn ich sagte Ihnen, ich würde sicher hieherkommen, und ich meine, ich hätte hinzugesetzt, wenn ich auch sonst nicht tanze, so würde es mich doch sehr freuen, mit Ihnen eine Ausnahme zu machen.« »Hätten Sie das wirklich gesagt?« erwiederte das junge Mädchen in einem beinahe erschrockenen Tone, wobei sie ihre kleine Tanzkarte aus dem Gürtelbande hervorzog, ihm dann aber, nachdem sie einen Blick darauf geworfen, mit heiterer Miene zurief: »O nein, so haben Sie nicht gesagt! ›Wenn ich überhaupt tanzen wollte,‹ sprachen Sie, ›so würde es mir Vergnügen machen, Sie um einen Tanz zu bitten‹ – haben Sie nicht so gesagt?« »Es kann sein,« erwiederte er lächelnd; »ich will zugeben, daß Sie Recht haben.« »Aber eine Extra-Tour, Herr Welden.« »Eine solche halte ich für Unrecht gegen den betreffenden Tänzer. Damit ich aber nicht zu kurz komme und ein wenig mit Ihnen plaudern kann, so werde ich suchen, während des Soupers in Ihre Nähe zu kommen. Doch hätte ich beinahe vergessen, den beiden Damen einen Gruß zu sagen, der mir an Sie aufgetragen wurde – aufgetragen sollte ich eigentlich nicht sagen, vielmehr las ich in den Mienen des Betreffenden, wie sehr er wünschte, bei Ihnen in Erinnerung gebracht zu werden.« »Ei, und wer kann das sein?« fragte Lucy. »Ein alter Herr, jetzt mit weißem Haar und Bart.« »Ein alter Herr – kannst du dir denken, Elise, wen Herr Welden meint?« »Ein alter, wohlwollender Herr, dessen Sprechen wie ein freundliches Murmeln klingt und dessen Gemurmel ich gern zugelauscht – –« »Ach, Sie sprechen wieder in Bildern und Räthseln!« meinte Elise. »Wer ist denn Ihr alter Herr?« Lucy hatte ihre Hand auf die Schulter ihrer Freundin gelegt, Herrn Welden dabei mit ihren tiefen, sinnigen Augen scharf angeblickt und sagte nun: »Ach, ich weiß es, wen er mit seinem alten, murmelnden Herrn meint, der jetzt ein weißes Haar und weißen Bart hat! Ist er nicht trotz alledem heute noch sehr beweglich, quecksilbern-unruhig, so daß er beständig zappelt, um von der Stelle zu können und, obwohl er sich in Einem fort bewegt und abmüht, doch an dem Orte bleibt, wo wir ihn gesehen?« »Ja, mein Kind.« »Verstehst du ihn denn nicht, Elise? Er meint ja den Wasserfall nicht weit von unserer Pension von Klosterberg!« »Ah so – und da waren Sie heute?« »Ja, ich mußte eine Messung nachsehen zu der Eisenbahnbrücke, die über den Wasserfall projektirt ist und im nächsten Frühjahr gebaut wird. Es war trotz des winterlichen Wetters prächtig da oben im Gebirge, lauter Schnee und Eis, und so eine Winterlandschaft hat eine große Schönheit.« »Ach ja, jetzt verstehe ich es,« sagte Elise nach einer Pause, »warum Herr Welden uns einen Gruß von dem Wasserfall bringt! Es war ja an jenem Orte vor einem Jahre, wo wir ihn zufällig trafen und wo unsere gestrenge Vorsteherin erlaubte, daß uns Herr Welden die Linie der damals erst projektirten Bahn erklärte.« »Ich habe sogleich daran gedacht,« meinte Lucy. »Damals aber sagten Sie uns, es sei vielleicht möglich, die Linie ein klein wenig nach Süden zu legen, um so den herrlichen Wasserfall zu schonen.« »Ich habe gethan, was ich konnte, um so den alten Herrn zu schonen, und es ist mir insoweit gelungen, als ich mit meinem Projekte durchgedrungen bin und ihn nun mit einem einzigen Bogen überwölben werde, statt die Schlucht zu zerstören, durch welche er fließt.« »Dafür wollen wir Ihnen dankbar sein, nicht wahr, Elise? Wir in unserem eigenen Namen und in dem aller jener unglücklichen Pensionärinnen, welche wie wir ihr Vergnügen haben an jener prächtigen Cascade, dem häufigen Endziele unserer Spaziergänge.« »Ich habe eine kleine Skizze davon gemacht, um zu sehen, wie sich der Wasserfall und Brücke ausnimmt.« »Für mich?« fragte Lucy. »Nein, mein Kind, dieses Mal nicht für Sie.« Sagte er das in einem besonders trockenen Tone oder hatte sie erwartet, er würde ihr die Zeichnung anbieten – genug, sie erwiederte plötzlich sehr ernst, fast verstimmt: »O, ich habe das auch nicht gesagt, um sie behalten zu dürfen, sondern nur um den Versuch zu machen, sie zu copiren, denn ich habe dazu gar nichts hübsches Neues mehr, und dann möchte ich auch eine Ansicht jenes Platzes noch bestimmter haben, als er in meiner Erinnerung lebt.« Abermals begann ein Tanz, und diesmal waren es ein paar unternehmende Lieutenants, welche sich eilfertig näherten, indem sie rasch ihrem Schnurrbarte die entsprechende Lage gegeben und die Uniform in die Taille herabgezogen hatten. Welden wandte sich langsam um, dem Spielzimmer zu, wo die Oberbauräthin Lievens immer noch neben Seiner Excellenz saß und ihm offenbar Glück brachte, wie er mit seiner fettigen Stimme behauptete. Die schöne Frau hatte den rechten Arm auf die Lehne des Sessels ihres Nachbars gestützt und schien gar nicht das Näherkommen des jungen Mannes zu beachten. Nur jetzt, als er dicht neben ihr stand, erhob sie langsam ihre glänzenden Augen zu ihm und sagte: »Ich dachte mir, Sie hätten getanzt oder wenigstens Lust gehabt, zu tanzen.« »Leider nicht, sonst würde vielleicht Eines durch das Andere ausgeführt. Ich sah zu und plauderte ein wenig.« »Gerade so wie ich hier dem Spiele zusehe ohne alles Interesse,« sagte sie mit einem Blicke, dessen eigentlicher Ausdruck noch durch einen leichten, kaum vernehmbaren Seufzer verstärkt wurde. »Wir könnten Sie ja mit einer kleinen Wette interessiren,« erwiederte Seine Excellenz, welche die Worte der Oberbauräthin ganz allein auf den Gang des Spiels bezog. »Was ich mit Vergnügen annehmen würde, wenn die Wärme aus dem Tanzsaale nicht gar zu stark herausdränge,« entgegnete sie, ihren Fächer entfaltend. »Ich muß mir schon einen kühleren Platz aussuchen.« Dabei erhob sie sich und sagte im Fortgehen zu dem jungen Ingenieur: »Wollen Sie mich vielleicht begleiten, Herr Welden? Man kann allerdings nicht weit gehen oder etwa Einsamkeit aufsuchen,« fuhr sie nach einem heiteren Lächeln fort, »denn die Zimmer der guten Stadtschultheißin sind gar so vollgepfropft. Doch habe ich noch nicht einmal alle gesehen, und wenn es Ihnen recht ist, machen wir gemeinschaftlich eine Zimmer-Promenade.« Er wollte ihr seinen Arm anbieten; doch lehnte sie dies dankend ab, wobei sie für einen Augenblick leicht ihre Hand auf seinen Arm legte und heiter sagte: »Man braucht den Leuten hier nicht Stoff zu unnöthigen Reden zu geben. Auch wenn ich gar nicht hinblicke, sehe ich mich beständig von verschiedenen Augen guter Freundinnen verfolgt, mache mir aber gar nichts daraus. »Sehen Sie,« fuhr sie nach einer Pause fort, während welcher sie einige Zimmer durchwandert, »hier, entfernt vom sogenannten Tanzsaale, ist es schon etwas leerer, und dort in dem Wohnzimmer der kleinen Elise scheint eine ganz erträgliche Atmosphäre zu sein. Es war fürchterlich heiß da drinnen – so, hier wollen wir uns setzen und ein wenig plaudern.« Sie ließ sich in die Ecke eines Sopha's nieder und bezeichnete für ihren Begleiter einen Stuhl, der daneben stand, wobei sie mit einem schalkhaften Lächeln sagte: »So sind wir denn vor den Augen der Welt und auch zu unserer eigenen Genugthuung durch eine hohe Lehne getrennt, und nun sagen Sie mir, wie gefällt es Ihnen hier?« Sie hatte sich bei diesen letzten Worten, welche sie sehr langsam sprach, so bequem als möglich in die Ecke des Sopha's niedergelassen, und so nahe an die bezeichnete Lehne, daß, wenn sie ihren Kopf noch etwas mehr hinübergelegt hätte, als sie schon that, ihre Haare mit denen des jungen Mannes in Berührung gekommen wären. Und es ist etwas höchst Gefährliches um eine solche Berührung; es ist das verrätherische Gefühl einer Kühle, von der man weiß, daß sie häufig heiße Gluth verbirgt, Schnee auf einem Vulcan; wir reden natürlich von einem so schönen, reichen Haar, welches uns zu denken gibt, und so war das der reizenden Frau, neben welcher Welden saß, ob mit den eben angegebenen Gefühlen, wollen wir gerade nicht behaupten, denn seine Mienen und sein Blick sprachen nicht dafür, ja, er machte sogar mit dem Stuhle eine leichte Wendung, wodurch er allerdings aus der gefährlichen Nähe dieses Haares, dadurch aber mehr noch in das Feuer ihrer sprühenden Augen kam. »Wie es mir hier gefällt? Hier auf dem Balle oder in meiner neuen Stellung auf dem Bureau? – Was das Letztere anbelangt, so muß ich ehrlich sagen, daß der Minister nicht ganz Unrecht hatte, als er von den Gefühlen eines gefangenen Waldvogels sprach. Noch wenn es eine Gefangenschaft ist, so wird diese allerdings gemildert, ja, ich möchte sagen, fast ganz wieder aufgehoben durch die Freundlichkeit des Herrn Oberbauraths und durch Ihre Güte.« »Empfinden Sie das wirklich, lieber Welden?« »Gewiß! In dieser Hinsicht sehe ich dem Frühling nicht mit dem gleichen Verlangen entgegen, wie ich es sonst wohl thun würde.« »Ach ja, dieser Frühling!« sagte sie mit einem leichten Seufzer. »Dann öffnet sich Ihr Käfig wieder und Sie flattern davon, vielleicht ohne eine angenehme Erinnerung an die Vergangenheit. Sind Sie überhaupt flatterhaft?« fragte sie rasch, indem sie sich gegen ihn wandte. »Ich glaube nicht,« entgegnete er lächelnd, »obgleich ich mir selbst darüber so genau noch keine Rechenschaft geben kann. Was ist flatterhaft? Mit Leichtigkeit einen Gegenstand vergessen, der uns interessirt? Wenn es das ist, so bin ich allerdings nicht flatterhaft, denn ich habe noch nie etwas vergessen, das mir werth geworden.« »Und was muß man thun, um Ihnen werth zu sein, um von Ihnen nicht so bald vergessen zu werden?« Beinahe hätte Welden nicht gewußt, was er für eine Antwort geben sollte, und er entgegnete nun: »Wer zum Beispiel so liebenswürdig gegen mich ist, wie Sie, verehrte Frau, darf wohl überzeugt sein, daß ich seiner mit Dankbarkeit gedenke.« »Mit Dankbarkeit?« gab sie lächelnd zur Antwort. »Das ist immer schon etwas, und ich bin vor der Hand zufrieden; aber nun sagen Sie mir auch, wie es Ihnen hier auf dem Balle gefällt?« Er zuckte mit den Achseln und sagte dann: »Es gibt Dinge, welche ich diesem geräuschvollen Treiben vorziehe. Ich habe nie ein Vergnügen daran gefunden, ohne eigentlichen Zweck mit vielen Leuten in einem engen Raume zu sein; man findet, besonders ohne eine so freundliche Führerin wie Sie, selten einen behaglichen Raum zum Sitzen, kaum zum Stehen, und wenn man plaudern will, muß man sich erst sorgfältig nach einer rückenfreien Ecke umsehen. Auch ist dieses Geplauder, wie man es gewöhnlich auf einem Balle führt – immer mit Ausnahmen,« setzte er verbindlich hinzu –, »nicht von der Art, wie ich es wünsche.« »Oder man muß eine große Menge von Bekannten haben, in deren Gedächtniß man sich durch irgend ein Wort, eine Frage auffrischen will, und Sie haben wohl nicht viele Bekannte hier?« »Sehr wenige. Bin ich doch selbst mit dem Herrn Stadtschultheißen nur flüchtig bekannt; seinen Sohn sah ich und sprach ihn einige Mal im Kaffeehause; dann kenne ich die Familie Rivola.« »Woher kennen Sie diese? Ah, wahrscheinlich von der Zeit im vergangenen Sommer, als draußen bei dem Gute des Barons die neue Eisenbahnlinie tracirt wurde!« »So ist es. Trotzdem ich gezwungen war, ihm ein hübsches Stückchen seines Waldes abzuschneiden, war er doch stets sehr freundlich gegen mich. Allerdings schonte ich auch sein Eigenthum so gut es mir nur möglich war, wofür man sich dankbar erwies, denn er öffnete mir nicht nur auf's freundlichste sein Haus, sondern er räumte mir auch auf einem Vorwerke ein kleines Gebäude zu einer Bauhütte für mich und mein Personal ein.« »Eine eigenthümliche Familie, diese Rivola – sie werden für sehr reich gehalten.« »Sind es auch, wie mir scheint; ihr Hauswesen ist wenigstens danach eingerichtet, und dabei sind sie gastfrei in der weitesten und schönsten Ausdehnung des Wortes.« »Nicht für Jedermann, mein lieber Herr Welden. Ich hörte schon sagen, daß, wenn das Haus des Barons auch häufig eingeladene Gesellschaften sähe, es doch sonst für das, was man vertrauliche Besuche nennt, beinahe hermetisch verschlossen sei.« »Möglich, daß er aus einem Grunde, den ich vielleicht errathe, mit mir eine Ausnahme machte. Der Baron Rivola ist nicht nur Kunstkenner, sondern war auch in seiner Jugend ausübender Künstler, Mechaniker, Bauliebhaber, und da ich in diesen Fächern einige Kenntnisse habe, so suchte er wohl deßhalb meine Gesellschaft, von welcher jedoch ich den größten Nutzen zog, denn ich kann Sie versichern, seine enormen Kenntnisse, sowie seine große Erfahrung haben mir schon Manches klar gemacht.« »War Fräulein Lucy damals schon zu Hause?« fragte die Oberbauräthin nach einer kleinen Pause. »Nein, sie war den Sommer über abwesend und ich sah sie erst in den letzten Tagen meines Dortseins, zu Anfang des Herbstes.« »Ein hübsches Kind.« »Ja, eigenthümlich und interessant, etwas verwöhnt, was ich begreiflich finde, denn sie ist der Abgott ihrer Eltern.« »Wie schön ist das sonderbare Haar dieses Mädchens!« meinte die Oberbauräthin nachdenkend, indem sie leicht mit ihrer Hand über ihre weiße, glatte Stirn strich. »Ich wünschte mir eines von dieser Farbe.« »Ah, Sie sollten zufrieden sein!« meinte der junge Ingenieur. »Ich sah ein so prachtvolles Haar wie das Ihrige nur in Rom, und die Römerinnen bilden sich etwas darauf ein.« »Das der Italienerinnen soll etwas hart und rauh sein, sagt man, während mein Haar vielleicht den einzige Vorzug der Weiche hat. Fühlen Sie es einmal an, Herr Welden, Sie sind ein Kenner.« Sie wandte das hübsche Gesicht kokett von ihm ab, und als er der Aufforderung gemäß die schweren, dicken Flechten, welche über ihren Nacken herabhingen, durch die Finger gleiten ließ, konnte es nicht fehlen, daß seine Hand mit ihrer weichen, glatten, kühlen Schulter in Berührung kam. Sie zuckte zusammen und sagte, sich ihm rasch wieder zuwendend: »Schade, daß Sie nicht tanzen, Herr Welden!« »Ich liebe überhaupt dieses Vergnügen nicht mehr so wie früher, tanze nur, wenn ich für Jemanden ein ganz besonderes Interesse empfinde.« »Für Jemanden, der Ihnen werth geworden? Wie schade, daß das bei mir Ihnen gegenüber noch nicht zutrifft!« »Würden Sie gern tanzen?« »Warum nicht,« entgegnete sie unbefangen, »wenn ich als Frau nicht fürchten müßte, den jungen Mädchen unnöthiger Weise Platz wegzunehmen.« »Darüber brauchen Sie sich keine Sorge zu machen,« erwiederte der junge Ingenieur, der sich bewußt war, ein ausgezeichneter Tänzer zu sein, der es verstand, eine gewandte Tänzerin sicher und zierlich durch die engste Lücke zu bringen. Auch dachte er dabei an die kleine Lucy, die es nicht einmal der Mühe werth gefunden hatte, nur ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß sie nicht mit ihm tanzen könne. Die Oberbauräthin hatte sich rasch erhoben, und indem sie jetzt ihren Arm in den des jungen Mannes legte, sprach sie: »Da wir nun zum Tanze gehen, dürfen Sie mich auch führen.« Und so gingen sie den Weg durch die Zimmer zurück, den sie soeben gekommen. Ihrem Manne am Spieltische sagte sie im Vorbeigehen: »Herr Welden hat mich zum Tanze aufgefordert.« Worauf der Oberbaurath in sehr gleichgültigem und trockenem Tone, welcher aber vollkommen zu seiner Geschäftsmiene und seiner ausgedörrten Gestalt stimmte, zur Antwort gab: »Das ist mir sehr angenehm, Mathilde.« »Ha, beneidenswerther junger Mann,« rief Se. Excellenz, »so mit schönen Frauen durchs Leben tanzen zu dürfen!« »Während wir hier im Schweiße unseres Angesichtes einen Rubber um den anderen verlieren – Coeur ist à tout! « Es war übrigens in demselben Augenblicke nicht leicht, sich ohne Gefahr in die dichten Massen der Tanzenden zu stürzen, denn ein beliebter Walzer, den die Musik spielte, hatte auch ältere Herren herbeigelockt, um, bekannten Klängen folgend, vielleicht in alten, süßen Erinnerungen zu schwelgen. »Entschuldigen Sie mich,« sagte Herr Welden zu der etwas schwer athmenden jungen, schönen Frau, »wenn ich Sie fester an mich schließe, als ich wohl zu thun pflege, denn sonst würde es unmöglich sein, da hinein und mit einiger Sicherheit wieder heraus zu kommen.« »Ich fürchte mich ein wenig, lieber Welden,« entgegnete sie mit leiser Stimme, indem sie sich mit halbgeschlossenen Augen fest an ihn anschloß. »Es wäre fürchterlich, wenn uns etwas widerfahren sollte – ist es mir doch gerade, als sähe ich schon verschiedene scharfe Blicke auf mich gerichtet und hörte liebevolles Geflüster über die da, die doch verheirathet sei und doch das Tanzen nicht lassen könne!« »Unbesorgt!« sagte er lachend und mit dem rechten Arme ihre feine Taille fester umschlingend; »ich habe nur einen Augenblick gewartet, um nicht mit jenem alten Herrn, der dort herumhüpft, zu caramboliren.« Und schnell, eh' die Brandung wiederkehrt, Der Jüngling sich Gott befiehlt! recitirte Se. Excellenz, welche mit ihrem Augenglase dem Paare zuschaute, als dieses nun in dem Strudel der Tanzenden verschwand, aber nicht unterging, und es war eine Freude, zu sehen, wenn der junge Ingenieur, mit seiner gerade nicht leichten Tänzerin allerdings die seltsamsten Figuren beschreibend, hierbei einem Paare vorüber schlüpfte, dort, sich auf der Stelle drehend, ein anderes vorüber ließ, jetzt, rückwärts tanzend, einen kleinen Raum hinter sich benutzte, um wieder in's Freie zu kommen, und dann durch eine zufällig entstandene Lücke von einem Ende des Saales bis an das andere schoß. Die Zuschauer klatschten Beifall, manche der Tanzenden hörten auf, um dem Paare Platz zu machen, manche Tänzerin mit lächelnder Miene, manche aber mit einem etwas spöttischen Gesichtsausdrucke, hier und dort eine junge Dame kopfschüttelnd oder mit großen, erstaunten Blicken, wie Lucy von Rivola. »Siehst du, wie gut Herr Welden tanzt,« sagte sie zu Elise, die sich ihrer Freundin genähert hatte – »und wie schön er tanzt! Wer ist denn seine Tänzerin?« »Eine Bekannte unseres Hauses.« »Eine schöne Frau!« sagte Lucy, indem sie mit ihren Blicken das Paar verfolgte, welches jetzt nicht weit von ihr an der Thür plötzlich still stand und dann lächelnd durch dieselbe verschwand. Dieses war die letzte Tour vor dem Souper gewesen, und Herr Ascher, der am Eingange des Apartements stand und auf diesen Moment mit nicht weniger Spannung gewartet hatte, als ein General auf das Aufblitzen des ersten Kanonenschusses beim Beginne einer Schlacht, entfaltete nun mit seinen Haustruppen eine großartige Thätigkeit – es sollte an kleinen Tischen, die in sämmtlichen Zimmern vertheilt waren, von allen Eingeladenen zu gleicher Zeit soupirt werden, eine Änderung des ursprünglichen Schlachtplanes, nach welchem zuerst der ältere Theil und dann erst die jungen Leute hätten abgefüttert werden sollen. Herr Ascher hatte dem zweifelnden Herrn des Hauses versichert, es mache sich auf diese Art unbedingt schöner und großartiger und für Jeden angenehmer, denn eine Andacht sei doch nicht mehr von den Tanzenden zu erwarten, wenn einmal im Nebenzimmer die Teller klapperten. Und Herr Ascher hatte nicht nur Recht behalten, sondern in kürzester Zeit das Unglaublichste geleistet. Dabei war er aber, besonders mit den spielenden Partieen, ziemlich schonungslos verfahren, so daß sich sogar Se. Excellenz der Herr Minister zu der Äußerung veranlaßt gesehen hatte: »Dieser Ascher ist ein ganz verfluchter Kerl – ich kenne ihn von ähnlichen Gelegenheiten her; er wäre im Stande, das Tischtuch über unsere Karten zu decken oder uns, was noch schrecklicher wäre, gar nicht serviren zu lassen – der Klügste gibt nach!« Darauf erhob sich Se. Excellenz vom Tische, Ascher that auch hier seine Schuldigkeit, und nach kurzer Zeit hörte man durch das ganze Apartement das leichte, vergnügliche Summen halblaut geführter Tischgespräche, das Klappern der Messer und Gabeln sowie das Klingen der Gläser. Fünftes Kapitel. Nach eingenommenem gutem Souper ändert sich gewöhnlich die Physiognomie eines Balles, Alles fühlt sich behaglicher, freier, mit den starren Formen gesellschaftlicher Etiquette wird es nicht mehr so ganz genau genommen, streng erzogene junge Damen erlauben sich schon ein kurzes, lautes Lachen, unternehmende Lieutenants werden kühner, und sehr schüchterne junge Leute, die es zu Anfang des Festes nicht gewagt hatten, ein Ballgespräch anders einzuleiten, als mit der Bemerkung, daß es heute im Saale sehr voll, sehr heiß sei oder daß es draußen regne oder schneie, schwangen sich jetzt schon zu dem Geständnisse auf, daß sie sich göttlich amusirten, ja, setzten sogar seufzend hinzu: O, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit eines ersten Balles! – was sich allerdings nicht reimte, aber trotzdem hier und da gern gehört wurde. Ältere Herren und Damen, besonders wenn sie ohne Ballnachwuchs erschienen waren, bewegten sich jetzt, häufig im langsamsten Tempo und dabei so angelegentlich plaudernd, als begänne für sie jetzt erst das eigentliche Vergnügen des Balles, der Thür zu, welche zur Treppe führte, und machten sauersüße Gesichter, wenn sie vielleicht noch im letzten Zimmer von solchen zum Dableiben und Sitzen eingeladen wurden, die hartnäckig an ihrem Tische geblieben und sich den Champagner gut schmecken ließen. Andere, die ausdauernder waren, erinnerten sich gern, daß bei den Festen des Stadtschultheißen später ein vortrefflicher Punsch servirt würde, und bedauerten nur, daß ein Rauchcabinet fehle, hier und da, aber sehr vereinzelt, setzte man auch noch eine Spielpartie fort, wogegen übrigens die meisten der Spieler Ruhe nach gethaner Arbeit – damit meinten sie das wirklich vortreffliche Souper – vorzogen; so auch Se. Excellenz der Herr Minister, der sich einen bequemen Fauteuil in einer Ecke ausgesucht und hier mit einem Riesenschlangengefühle behaglich ausruhte. Elise hatte ihre Freundin Lucy unter den Arm genommen und war mit ihr nach dem kleinen Zimmer gegangen, wo vordem Herr Welden mit der Oberbauräthin gesessen, dem kleinen, mit Pflanzen dekorirten Gemache, im gewöhnlichen Leben Elisens Schlafzimmer. »Bist du müde?« fragte die Tochter des Hauses. »Müde gerade nicht, aber ich habe sehr viel getanzt, und wenn ich dürfte, möchte ich wohl einige Touren überschlagen.« Die beiden jungen Mädchen setzten sich auf das Sopha, und Lucy legte ihren Kopf auf die Schulter der Freundin. »Du scheinst in der That müde, meine gute Lucy,« sagte jene schmeichelnd und beugte dabei ihr Köpfchen herab, um ihre Lippen in deren seidenweiches Haar zu drücken. »Nein, müde bin ich gerade nicht, aber ich habe mir von meinem ersten Balle eigentlich mehr versprochen; ich freue mich allerdings, wenn ich tanze, und doch finde ich eben kein so großes Interesse dabei. Auf den Bällen in der Pension, wo wir ganz unter uns waren, habe ich mich ebensogut amusirt – über was alles haben wir da nicht geplaudert, wie haben wir gelacht, besonders wenn Eine von uns sich einen kleinen Schnurrbart gemalt, was indessen streng verboten war!« »Und haben dabei immer von dem Vergnügen gesprochen, das uns später einmal ein wirklicher Ball gewähren würde.« »Und dir hat dieser erste wirkliche Ball auch alles gehalten, was du dir in der Einbildung davon versprochen hast? Ich freue mich in der That, dich so heiter und glücklich zu sehen, und du hast auch alle Ursache, es zu sein!« »Und du doch auch, liebe Lucy?« »Ich kann das nicht verneinen, ich wüßte wenigstens keine Ursache, es zu thun, und doch war ich zu Anfang glücklicher, als ich jetzt bin; vielleicht kommt es daher, daß mir meine gute Mutter heute so blaß und so ernst erscheint. Hast du das nicht auch bemerkt? Auch sitzt Papa so häufig neben ihr, fragt sie mit besorgter Miene, und wenn er ja einmal von ihr weggeht, so bemerke ich wohl, wie er nach ihr hinüber blickt.« »Deine Mutter war in den letzten Tagen unwohl; vielleicht denkt dein Vater daran, und du weißt ja überhaupt, wie sehr er sich um die geringste ernste oder trübe Miene deiner Mutter bekümmern kann.« »Ja, mein guter, guter Vater, meine theure, liebe Mutter! Ich glaube, du hast Recht; stimmt es mich doch auch bei all der Lust und Freude, die mich umgibt, unbegreiflicher Weise so sehr traurig, wenn ich meine Mutter so blaß, ja, so theilnahmlos da sitzen sehe – ich könnte weinen, Elise!« »Närrchen, dich hat das Tanzen aufgeregt! Deine Mutter fühlt sich wahrscheinlich etwas ermüdet; du wirst schon sehen, das ist morgen vorüber, und wenn ich dich in den nächsten Tagen besuche, so plaudern und lachen wir über den heutigen Ball, und deine Mutter lacht ebenfalls mit.« »Vielleicht – ich hoffe so!« Damit trat in der Unterhaltung der Beiden eine kleine Pause ein, und erst nach einigen Minuten fragte Lucy, ohne ihre Freundin anzusehen: »Wer, hast du mir vorhin gesagt, war die Dame, mit der Herr Welden getanzt?« »Eine Oberbauräthin Lievens; ihr Mann ist ein genauer Freund meines Vaters.« »Ah, sie hat einen Mann, diese Frau?« »Ja, er saß beim Souper neben deiner Mutter – ein großer, dünner Herr.« »Ah, der – der sieht ja älter aus wie mein Papa, er könnte ja der Vater dieser jungen Frau sein.« »Das haben andere Leute auch schon gesagt,« entgegnete Elise lächelnd. »Doch was kümmert dich« – sie wollte sagen: »Herr Welden,« verbesserte sich aber und sagte: »die Oberbauräthin?« »O, gar nichts – durchaus nichts; ich kam nur darauf, weil ich Beide vor dem Souper, als mich meine Mutter einen Augenblick aus dem Tanzsaale abrief, hier sitzen sah und weil ich es für eigenthümlich fand, daß Herr Welden dich, die Tochter des Hauses, nicht um einen Tanz bat und doch mit Anderen tanzte.« »Es wäre mir das eigentlich leid gewesen, denn ich hätte ihm keinen Tanz mehr geben können.« »Ich auch nicht, und würde ihm auch keinen gegeben haben.« »Mit wem wirst du jetzt tanzen, Lucy?« »Mit deinem Bruder; er war so galant, mich um einen Tanz zu bitten, was bei ihm äußerst selten ist.« »Da kommt er mit Herrn Welden.« Lucy richtete sich hastig auf und warf in einem energischen Kopfschütteln ihr gelocktes Haar, welches sich unter Band und Schleife eigensinnig bäumte und, wo es konnte, frei zu machen suchte, aus der erhitzten Stirn. »Was wollen die Beiden?« »Was weiß ich, liebes Herz? Der Eine, dich zum Tanze abholen, denn ich höre schon die Musik beginnen, der Andere? Das kann ich nicht errathen.« Damit traten die beiden jungen Leute in das Zimmer, und Ferdinand sagte mit seiner ungemeinen Gleichgültigkeit: »Mein gnädiges Fräulein, der Tanz beginnt; doch da ich weiß, daß es für Sie von gar keinem Werthe ist, mit meiner unwürdigen Wenigkeit zu tanzen, so möchte ich mir erlauben, Ihnen einen würdigen Stellvertreter für mich vorzustellen, Herrn Welden.« »Wie sich unsere Wünsche treffen, Herr Welkermann,« erwiederte das junge Mädchen lächelnd und ohne jetzt noch die geringste Spur von Aufregung zu verrathen – »ich bin Ihnen recht dankbar dafür, daß Sie mein Versprechen lösen!« »So darf ich vielleicht bitten, Fräulein von Rivola?« sagte der junge Ingenieur, vortretend. »Bitten wohl, Herr Welden, aber es thut mir sehr leid, Ihre Bitte nicht erfüllen zu können; ich bin recht froh, einen Tanz aussetzen zu dürfen, ich bin in der That ein wenig ermüdet, und Elise und ich, wir wollen eine Tour plaudern.« Welden verbeugte sich, nicht verwundert darüber, daß Lucy ihm einen Tanz abgeschlagen, aber einiger Maßen erstaunt, daß sie nicht hinzugesetzt hatte: »Wollen Sie nicht mit uns plaudern?« – denn sie plauderte sonst so gern mit ihm, und auch ihm machte es stets ein großes Vergnügen, die kindlichen, frischen Ansichten und Äußerungen des jungen Mädchens entweder lächelnd hinzunehmen oder mit dem Ernste und der Würde eines älteren Freundes zu corrigiren. »So ziehen wir uns denn zurück,« meinte Ferdinand lachend, »verschmäht und verstoßen, aber mit dem guten Bewußtsein, unsere Pflicht wie immer erfüllt zu haben – kommen Sie, Welden!« Und als sie nun beide das Zimmer verlassen hatten, setzte er hinzu: »Ich habe oben in meinem Apartement, das leider nur aus einer einzigen Stube besteht, ein kleines Jeu arrangirt, mit Cigarren, heißem Punsch und kühlem Bier; ich werde es auch den anderen richtigen Leuten sagen.« »Vielleicht komme ich,« erwiederte zerstreut der Ingenieur; »doch sehe ich dort Ihren Papa mit dem Oberbaurathe – der Herr Stadtschultheiß sagte mir schon vor dem Souper, daß er mich zu sprechen wünsche.« »Gut, so kommen Sie später,« versetzte der Sohn des Hauses, und dann sah man ihn langsam durch den Tanzsaal streichen, bald hier, bald dort einem der jungen Herren etwas zuflüstern und hierauf gegen die Treppe hin verschwinden. Welden trat zu einer Gruppe älterer Herren, die es sich in einer Ecke des Spielzimmers bequem gemacht hatten – es waren hier der Baron Rivola, der Oberbaurath Lievens und der Stadtschultheiß, letzterer vor Sr. Excellenz dem Minister des Innern stehend; dieser hatte seinen Hut in der Hand und versicherte mit einer noch fettigeren Stimme, als er sonst wohl zu haben pflegte, dem Herrn des Hauses, daß das Souper ganz außerordentlich gewesen sei – vortrefflich, wenn man die Menge der Gäste annehme, ganz aus–ge–zeich–net. Dann ergriff er heimlich mit zwei Fingern die rechte Hand des Stadtschultheißen, schüttelte sie ein wenig krampfhaft, schloß lächelnd seine Augen und wandte sich langsam, um ohne Aufsehen zu verschwinden. Herr Welkermann ließ sich mit dem Gefühle eines Mannes in den Stuhl nieder, der seine Schuldigkeit gethan, Anerkennung gefunden hat und mit sich selbst zufrieden ist. »Ich muß noch einmal auf die Sache zurückkommen, über die wir vorhin sprachen,« nahm der Oberbaurath Lievens das Wort, nachdem sich Se. Excellenz entfernt hatte. »Ich bin nun einmal der Ansicht, lieber Welkermann, daß ich die Sache nicht vor den Stadtrath gebracht hätte; Herr Baron von Rivola wird mir gewiß Recht geben.« »Ich weiß nicht ganz genau, um was es sich handelt,« entgegnete der Genannte in sehr höflichem Tone. »Um eine ganz einfache Geschichte,« erwiederte der Stadtschultheiß: »es besteht ein unterirdischer Gang, der in alten Zeiten Rathhaus und Münze zusammen verband.« »Sollte die Existenz dieses unterirdischen Ganges in seiner ganzen Ausdehnung nicht auch eine Fabel sein, wie die so vieler ähnlicher Gänge, von denen man spricht?« »O nein,« erwiederte der Oberbaurath, »mit diesem hat es seine Richtigkeit, es liegen die genauesten Pläne darüber vor.« »Und hat einer der Herren ihn je begangen oder untersucht?« »Von uns Niemand – wozu auch? In früheren Zeiten ist er öfter untersucht worden, worüber ebenfalls die Akten vorhanden sind; besonders gangbar hat man ihn auch damals nicht befunden, ja, bei dem letzten Augenschein, der vor beiläufig fünfzig Jahren laut stadträthlichem Beschlusse vorgenommen wurde, soll sich ungefähr in der Hälfte des Ganges eine Verengung gefunden haben, ungefähr in der Gegend, wo sich die Bärenstraße mit dem Glockengäßchen kreuzt, fast genau dort, wo das uralte Haus »Zum goldenen Hammer« steht, welches Ihnen gehört, Herr Baron von Rivola.« »Ah, dort – ja, ja, bei meinem unfruchtbaren Besitzthum, das mir nicht einmal die Steuern und Reparaturkosten einträgt. Ich hoffe immer noch,« setzte er mit einer verbindlichen Verbeugung gegen den Stadtschultheißen hinzu, »daß der Stadtrath dieses Haus kaufen wird, es abreiße und so die dort enge Passage erweitere.« »Es wäre doch schade um das alterthümliche Haus!« »Haus kann man es eigentlich nicht nennen, es ist vielmehr nur ein alter Thurm, seiner Festigkeit wegen übrig geblieben von der Umwallung der Stadt.« »Aber interessant – die Nachbarn lassen es sich einmal nicht nehmen, daß dort Geister umgehen; häufig in der Mitternacht sah man schon Licht in den unteren, gänzlich unbewohnten Räumen.« »Ja, ja, ich hörte davon,« sprach lächelnd Herr von Rivola, »gab mir auch die Mühe, die Sache zu untersuchen, und fand, daß die unheimliche Beleuchtung dieser Räume von dem Wiederscheine einer Laterne auf ein halb erblindetes Fenster herrühre; als ich darauf das Fenster durch einen tüchtigen eisernen Laden verschließen ließ, sah man nichts mehr von diesen nächtlichen gespensterhaften Beleuchtungen.« »Das ist allerdings wahr,« sagte der Stadtschultheiß, »doch berichteten damals häufig die Nachtwächter von eigenthümlichem Geräusche, welches sie in der stillen Nacht auf der Straße vor dem alten Thurme gehört.« »Ratten,« meinte der Oberbaurath. »Ganz gewiß Ratten,« sagte Herr von Rivola; »doch sind wir durch meine Frage ganz davon abgekommen, was der Herr Oberbaurath in Betreff der heutigen Stadtrathssitzung sagen wollte.« »Das ist sehr einfach, ich hätte, wie schon bemerkt, die Sache nicht vor den Stadtrath gebracht.« »Der unterirdische Gang nämlich,« wandte sich Herr Welkermann direkt an Herrn von Rivola, »dessen Existenz nicht zu läugnen ist, mündet in den großen Keller des Rathhauses und ist dort nur durch eine, allerdings sehr starke eiserne Gitterthür verschlossen, welche aber dumpfe Luft und unangenehme Gerüche aller Art nicht abhält; diese Gitterthür wollte ich entfernen und durch ein solides Mauerwerk ersetzen, ein Vorschlag, den aber die Majorität des Stadtrathes in heutiger Sitzung nicht gut zu heißen beliebte.« »Und ich meinte,« sprach Herr Lievens, »Welkermann hätte diese Kleinigkeit gar nicht vor den Stadtrath bringen, sondern mir, unter dem die städtischen Gebäude stehen, einfach den Auftrag geben sollen, die Öffnung zu vermauern; das hätte ohne alles Aufsehen geschehen können, da dort unten Bausteine genug vorhanden sind, und wenn ich an Welkermann's Stelle wäre, so würde ich vier Wochen vergehen lassen und es dann doch trotz Stadtrathsbeschluß so machen, wie ich es für das Richtige hielt.« Der Stadtschultheiß hatte eine äußerst wichtige Miene angenommen und wiederholte die Worte seines Freundes: »Gegen den Stadtrathsbeschluß« kopfschüttelnd und in bedenklichem Tone. »Das könnte allerdings Mißstimmungen hervorrufen,« meinte Herr von Rivola mit seiner ruhigen, fast sanften Stimme, welche nicht immer genau zusammenpaßte mit den scharf ausgeprägten energischen Zügen um den Mund. »Man könnte einfach die Thür bestehen lassen und damit auch den heutigen Beschluß des Stadtrathes; aber wer verbietet es Ihnen, hinter jener Thür eine solide Mauer aufzuführen?« »Ah, das ist wahr,« meinte der Oberbaurath, wobei ein vergnügliches Lächeln über seine Züge flog: »du hättest deinen Willen durchgesetzt, Welkermann, die Mauer wäre aufgerichtet, um die wirklich manchmal abscheulichen Dünste aufzuhalten, die aus dem Keller aufsteigen; und wenn der hochweise Stadtrath über kurz oder lang von der Sache erführe, so müßte er sich doch gestehen, sich in seinem Beschlusse vom Heutigen nicht besonders deutlich ausgedrückt zu haben.« »Und was die Maßregel an sich anbelangt,« meinte der Freiherr von Rivola, »so halte ich sie für so gut, daß der Herr Stadtschultheiß sich wohl erlauben könnte, darüber nicht nur anderer Ansicht zu sein, wie der Stadtrath, sondern auch seine Ansicht auf die eben erwähnte Art durchzuführen; früher, als ich noch des Glaubens war, es ließe sich mit dem alten Thurme, den ich, beiläufig gesagt, nicht einmal billig kaufte, irgend etwas Solides anfangen, war es mein erstes Geschäft, die Öffnung im unteren Gewölbe desselben, die wahrscheinlich in vordenklichen Zeiten mit dem alten Gange in Verbindung gestanden, zumauern zu lassen, denn auch da unten wurde man zuweilen von unangenehmen Ausdünstungen belästigt. Also, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Herr Stadtschultheiß, so würde ich allerdings das ehrwürdige Gitter nicht angreifen, aber, wie vorhin schon gesagt, ich würde hinter demselben eine sehr solide Mauer aufführen.« »Die Idee ist nicht übel, und ich bereue nur, dies nicht ohne Weiteres gethan zu haben, denn jetzt ist der stadträthliche Beschluß nicht ohne etwas jesuitische Deutelei, verzeihen Sie mir den Ausdruck, Herr Baron, zu umgehen.« »Aber doch zu umgehen, und wenn dir etwas daran gelegen ist, so thue es.« »Und würdest du,« wendete sich der Stadtschultheiß direkt an Herrn Lievens, »ohne Weiteres den Gang zumauern lassen, wenn ich dich damit beauftrage?« »Hm – hm – ja – allerdings.« »Es läge das in deinem Amte, der du die Oberaufsicht über alle städtischen Bauten hast.« »Allerdings, und ich würde mich davon wahrscheinlich auch nicht zurückziehen, trotz des stadträthlichen Beschlusses, obgleich dieser Beschluß mir heute schon kundgethan wurde, und würde auf einen förmlichen Befehl von dir die Arbeit sogleich ausführen lassen.« »Ja, auf einen förmlichen Befehl von mir, da gerade steckt der Knoten.« »Ach, das ließe sich auf die einfachste Art von der Welt umgehen,« sprach Herr von Rivola, nachdem er eine Zeit lang nachsinnend vor sich niedergeblickt – »Sie, Herr Oberbaurath, beauftragen einen Ihrer jungen Leute, natürlich Jemanden, auf den Sie sich verlassen können, die etwas schadhaft erscheinenden Wände des Rathhauskellers, wo sich die Gitterthür befindet, zu untersuchen und nach Befund und eigenem Ermessen zu handeln.« Bei diesen letzten Worten hob Herr von Rivola den Zeigefinger in die Höhe, als fordere er ganz besondere Aufmerksamkeit für dieselben. »Nach Befund und eigenem Ermessen.« »Sehr gut,« sagte der Oberbaurath, »dieser Befund ist eine schadhafte Stelle über der alten Gitterthür, worauf es der Untersucher für angemessen findet, die besagte Öffnung zu vermauern.« »Natürlich, und der Betreffende müßte Jemand sein, der nicht zurücktritt und Ihnen, falls er angefochten würde, beweist, daß er gerade so und nicht anders habe handeln können. Hätten Sie Jemand unter Ihren jungen Leuten, der das thäte?« »Das will ich meinen, und dort kommt er gerade wie gerufen,« erwiederte der Oberbaurath – »Herr Welden besorgt uns diese Kleinigkeit, dessen bin ich sicher; ich werde gleich mit ihm reden.« »Dürfte ich mir wohl erlauben, Ihnen das zu widerrathen?« sprach Herr von Rivola in gefälligem Tone, »Meiner Ansicht nach wäre es besser, dem Herrn Welden, den ich, wie Sie wissen, hochschätze, diese Sache allein, ohne Zeugen, vielleicht morgen gesprächsweise mitzutheilen – Sie verstehen mich?« »Gewiß,« sagte der Oberbaurath, und der Stadtschultheiß nickte ernsthaft mit dem Kopfe. »Im Übrigen muß ich um Entschuldigung bitten,« fuhr Herr von Rivola in freundlichstem Tone fort, »daß ich mir erlaubt habe, in Ihre Angelegenheit hinein zu reden – verzeihen Sie meine Freiheit und betrachten Sie, was wir gesprochen, wie jede andere gewöhnliche Conversation!« Mit diesen Warten erhob er sich, und indem er dem Herrn des Hauses die Hand reichte, flüsterte er ihm einige verbindliche Worte zu und sagte dann mit einer Verbeugung gegen den Oberbaurath: »Es ist schon spät; ich muß doch einmal nach Frau und Tochter sehen.« – Als er an Welden, der sich den Herren näherte, vorbei kam, klopfte er ihm leicht auf die Schulter, nickte ihm freundlich zu und verließ ihn alsdann mit den Worten: »Ich hoffe, daß Sie sich bald draußen bei uns sehen lassen!« »Ein gescheiter Mann, dieser Baron Rivola!« meinte der Oberbaurath. »Ja, so gescheit, um im gewöhnlichen Leben nichts Gewöhnliches zu sprechen; seine Worte sind vollgültige Stücke, er gibt sich in der Unterhaltung nie mit Scheidemünze ab.« »Etwas verschlossen, könnte man sagen, in seinen Redensarten wie in seinem Leben.« »Er lebt für seine Familie, ist aber gesellig, wo er dies für gut findet, nimmt allerdings selten Einladungen an, aber doch zuweilen.« Dies sagte der Stadtschultheiß in einer selbstgefälligen Laune. »Du kennst ihn schon länger?« »Seit ungefähr zehn Jahren, so lange er hier ist; ich vermittelte den Ankauf seines Gutes.« »Hältst du ihn für reich?« »Wer kann das sagen? Als er Eichenwald kaufte, bezahlte er es baar, und wie die Familie draußen lebt, muß er über große Einkünfte zu verfügen haben. Das Haus ist gut eingerichtet, der Park um dasselbe und der allerdings sehr kleine Gütercomplex bestens erhalten – der Baron hat Wagen und Pferde, hinlängliche Dienerschaft, weßhalb ich glaube, daß er sich in sehr guten Verhältnissen befindet. Das Gegentheil würde mir in meiner Stellung nicht verschwiegen geblieben sein. Woher er seine Einkünfte bezieht, weiß ich allerdings nicht, sie müssen ihm wahrscheinlich von auswärts, wo er früher lebte, vermittelt werden. Mein Sohn Ferdinand, der, wie du weißt, bei der königlichen Bank angestellt ist, sagte mir einmal, Rivola stände mit keinem der hiesigen Banquiers in einer fortdauernden Geschäftsverbindung.« »Es ist jedenfalls ein interessanter Mann, von großen Kenntnissen,« sagte der Oberbaurath, »Kenntnisse, über die ich erstaunte, als wir neulich zur Begutachtung der großen Eisenbahnbrücke droben waren, wo er die Güte hatte, die Commission zu Tische zu laden – ich sage dir, gediegene Kenntnisse, sowohl in der Architektur als in der Mechanik, und er zeichnet mit einer Sicherheit, die uns Alle in Erstaunen setzte, trotzdem er nur ein einziges gutes Auge hat und trotz seiner blauen Brille.« »Diese blaue Brille ist wohl das Einzige, das mir zuweilen an dem Manne unbehaglich ist, ich liebe überhaupt die blauen Brillen nicht, sie verdecken uns den Ausdruck des Auges; der, welcher sie trägt, steht für den Anderen beständig wie im tiefen Schatten, während jener auf unserem Gesichte unsere Gedanken besser abzulesen im Stande ist.« »Kennst du die Baronin näher?« »Ich sah sie allerdings häufig und muß gestehen, daß sie nie einen besonders günstigen Eindruck auf mich machte – so liebenswürdig und mittheilsam, wie er ist, eben so kalt und verschlossen liebt sie es, sich zu zeigen. Übrigens ist sie eine vornehme Dame von den besten Manieren – eine geborene Gräfin Hartenstein.« »Und die Rivola?« »Stammen, wie der Baron sagt, aus Italien, lebten längere Zeit in Frankreich, später in Belgien; ich habe den Namen früher nie gehört. Es ist rührend, aber begreiflich, mit welcher Zärtlichkeit, ja, ich möchte sagen, mit welcher Verehrung der Baron seine Frau liebt; bei allem, was er thut, scheint er nur auf ihr Wohl, an ihre Behaglichkeit zu denken. Er scheint sich ferner zur Lebensaufgabe zu machen, ihr das Dasein in jeder möglichen Weise zu verschönern, und wenn du heute darauf Achtung gibst, wie besorgt er auch in Kleinigkeiten um sie ist, so kommt er dir eher vor wie ein zärtlicher Bräutigam, als wie ein Ehemann, der schon eine erwachsene Tochter hat.« »Eine reizende Tochter, sie ist im höchsten Grade anziehend, ohne gerade regelmäßig schön zu sein,« sagte der Oberbaurath. Und da Welden indessen näher getreten war, so wandte er sich an denselben, indem er hinzusetzte: »Wir sprachen gerade von Fräulein von Rivola, die selbst für unsere älteren Herzen etwas außerordentlich Wohlthuendes, Anziehendes und Erwärmendes hat – sind Sie nicht meiner Ansicht?« »Gewiß, Herr Oberbaurath, Fräulein von Rivola ist eine sonnige Erscheinung, eine liebenswürdige junge Dame, deren Schattenseiten, wenn ich mich so ausdrücken darf, noch Vorzüge sind.« »Sehe mir einer diesen jungen Mann an,« lächelte Herr Lievens, »findet da mit seinen kaum dreißig Jahren Schattenseiten, wo wir ruhige Leute nur helles Licht erblicken! Und was sind das für Schattenseiten?« »Die auch vielleicht Vorzüge genannt werden können, wie ich schon vorhin bemerkt,« erwiederte der Ingenieur: »ich meine die offene, rückhaltlose Art, sich zu geben, welche bei dieser jungen Dame allerdings etwas so wunderbar Bestechendes hat.« »Was wollen Sie, lieber Welden,« warf der Stadtschultheiß ein, »bei einem jungen Mädchen, welches das Leben nur von der rosigsten Seite kennt, das einzige Kind zärtlicher Eltern, das mit einem warmen, empfänglichen Herzen alles begrüßt, was ihm entgegentritt! Meine Tochter Elise erzählte mir, wie Lucy so herzlich und ungezwungen allem entgegenfliegt, was einen angenehmen Eindruck auf sie macht, allerdings oft ohne große Überlegung, ohne Rückhaltung, und nicht nur bildlich, sondern sogar in der Wirklichkeit.« »Ja, ja, ich sah das auch wohl,« sagte Welden lächelnd; »möchte sie doch gern dahinschweben, mit ausgebreiteten Armen dem Schmetterlinge, der emporsteigenden Lerche folgend, und macht es ihr doch zuweilen Vergnügen, ihr Gesicht in alle Rosenkelche zu drücken, an denen sie vorüberkommt.« »Unschuldige Gelüste,« meinte der Oberbaurath, indem er aufstand und auf seine Uhr schaute, »das gibt sich alles mit der Zeit; man hat mir oft gesagt, meine Frau sei als Mädchen gerade so gewesen, eben so harmlos, eben so wohlwollend und entgegenkommend, und das hat sich doch bei ihr sehr verändert, was ich am besten wissen muß.« Es war ein eigenthümlicher Blick, eine nicht ganz beistimmende Miene, mit welcher der junge Ingenieur den Oberbaurath anblickte; dann begab er sich mit dem Herrn des Hauses in den schon recht leer gewordenen Tanzsaal. Die Musikanten waren müde, das sah man an ihren schon matt gewordenen Griffen und Strichen, die Tanzenden waren müde, denn sie machten zwischen dem Vergnügen außerordentlich lange Ruhepausen – Herr Ascher war müde, denn wenn er auch so aufrechten Hauptes wie zu Anfang des Balles an der Thür stand und mit seinem Blicke die Welt regierte, so war doch dieser Blick etwas matt und schläfrig geworden, und Herr Ascher gähnte hinter der vorgehaltenen Hand. Am lebendigsten, stellenweise sogar heiter und aufgeweckt ging es noch im Zimmer des Herrn Ferdinand im oberen Stocke zu, wo bei Bier und Punsch gespielt wurde, zuerst das gemüthliche Makao, dann das aufregendere Landsknecht. Obgleich man nicht besonders viel baares Geld auf dem Tische sah, so war doch der Umsatz nicht unbedeutend und wurde durch kleine Bons vermittelt, die einer Übereinkunft gemäß den dritten Tag von heute an eingelöst werden mußten. Aber auch dieses interessante Spiel ging zu Ende, freilich erst, als es im ganzen Hause schon sehr still geworden war; dann schlichen sich die letzten der Gäste die Treppe hinab, und Ferdinand öffnete einen Flügel seiner Fenster, um den garstigen Tabaksqualm hinauszulassen. Dann trat er mit einem nüchternen, verdrießlichen Blicke an den Tisch und betrachtete, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider gesteckt, die bunt umher gestreuten Kartenblätter; er hatte einige Hundert Gulden verloren, was ihn nicht gerade unglücklich machte, ihm aber doch sehr, sehr unangenehm war und zu denken gab. Sechstes Kapitel. Wenn man die Stadt, von der im vorigen Kapitel die Rede ist, im Norden auf einer guten, sehr breiten Chaussee verließ, so gelangte man, sanft ansteigend, auf ein stundenlanges und -breites Plateau, das gerade keine einförmige Fläche genannt werden konnte, sondern durch kleinere oder größere Einsattelungen malerische Abwechslung erhielt. Diese Einsattelungen bildeten hier und da langgestreckte, mäßige Thäler, meist mit kleineren Bächen, welche von den nördlich gelegenen hohen, mit Waldungen besetzten Bergen herabkamen und dem Wanderer lustig entgegenmurmelten. Auf diesem Plateau angekommen, bemerkte man, daß die höheren Berge, von denen wir soeben sprachen, auf einem Punkte einen stark hervortretenden Winkel bildeten, welcher, dicht bewaldet, unten mit Wiesen umsäumt war, und da, wo diese Wiesen sich mit der Hochebene verglichen, gewahrte man ein nicht sehr großes, aber weithin leuchtendes Gebäude, Eichenwald, das Landgut des Freiherrn von Rivola. Wohl eine gute Stunde führte die Landstraße über das Plateau fort, bald eines der eben erwähnten Thäler umgehend, bald ein anderes ab- und aufsteigend durchschneidend, ehe man Eichenwald erreichte. Endlich sah man es dicht vor sich liegen, ein viereckiges, hellgelbes Haus mit ziemlich flachem Dache, vorn ein breiter Altan, mit wenigen, aber großen Fenstern. Die Landstraße führt dicht an der Umfassungsmauer des Gartens vorbei, der zum Landhause gehörte, das aber, selbst etwas höher als die Landstraße gelegen, diese und die ganze Hochebene mit seiner Aussicht beherrschte. Zwei mächtige, steinerne Thorpfeiler mit starken Eisengittern führten in die Besitzung, und wenn man diese hinter sich hatte – doch mußte man vorher anläuten, und dann dauerte es oft eine Weile, ehe der Bediente vom Hause herabkam, um zu öffnen –, so gelangte man auf einem breiten Kieswege, der sich in einer schlangenförmigen Windung erhob, bei Blumenpartieen und Gebüsch vorüber an die oben erwähnte Terrasse, vor welcher sich ein Springbrunnen befand, der sein Wasser in einer förmlichen Garbe hoch emporwarf. Hier oben auf der Terrasse, wo man einen prächtigen, weiten Blick über die Hochebene, ja, auf den höher liegenden Theil der Stadt hatte, wo man die Kirchthürme derselben deutlich sah, war während der guten Jahreszeit ein Lieblingsplatz der hier wohnenden Familie, aber auch jetzt, zur Zeit des Winters, war der Blick auf die weite Winterlandschaft großartig schön. Es hatte in den letzten Tagen stark geschneit, dann war Frost eingetreten und nun wölbte sich ein klarer, blauer Himmel über die weiße, funkelnde Schneedecke. Wie eigenthümlich und doch so malerisch schön erschienen unter ihr die ausgebreitete Hochebene, die kleinen Thalschnitte mit ihren dunkeln Rändern, die Landstraße mit ihren Nebenwegen wie gelblich gefärbte Striche, die Hecken, kleinen Gebüsche wie Pelzverbrämung auf dem Kleide von weißem Sammt, das die Erde um sich geschlungen, und im Hintergrunde die große Stadt, durch die weißen Dächer ihrer Häuser fast unsichtbar geworden und nur kennbar hervortretend durch Dampf und Rauch, der dort aus dem Thale hervorqualmte. In der jetzigen Jahreszeit war das Landhaus auf dieser Seite fest gegen die Winterkälte verwahrt, die doppelten, bis auf den Boden gehenden Glasthüren verschlossen und von außen am Fußboden durch zierlich geflochtene Strohkränze gegen das Eindringen der Zugluft geschützt. Auf dieser Seite des Hauses war übrigens auch während der Sommermonate kein Eingang für die Fremden, sondern dieser befand sich auf der anderen Seite, konnte auch von der Straße erreicht werden, ohne daß man nöthig gehabt hätte, sich die große Gitterthür öffnen zu lassen, wenn man nämlich von der Chaussee aus einem schmalen Fußwege folgte, der außen an der hohen Gartenmauer vorbeilief und zu einem kleinen, aber festen Thürchen führte, das sich unmittelbar gegenüber dem Haupteingange befand; doch kannten und benutzten nur die genauen Freunde des Hauses diese kleine Pforte. Das Landhaus hatte einen großen Salon, welcher mit der Flügelthür auf die vorhin besprochene Terrasse ging und der allgemeine Versammlungsort für die Familie und das Empfangszimmer für die Fremden war. Dieser Salon war reich und elegant eingerichtet und sein Hauptreiz bestand in den großen Spiegelscheiben, durch welche man in die Landschaft hinaussah, hauptsächlich aber jetzt im Winter aus einer sehr behaglichen Kaminecke, den Thüren gegenüber, wo inmitten von den bequemsten Sitzgelegenheiten den ganzen Tag ein helles Steinkohlenfeuer glühte und den ziemlich großen Raum angenehm erwärmte. Rechts von diesem Salon befanden sich ein Speisezimmer und ein dazu gehöriges Servircabinet, welches durch ein Vorzimmer, mit Glas- und Porzellanschränken angefüllt, mit der Küche in Zusammenhang stand. Links vom Salon war eine kleine Bibliothek, daneben das Schreibzimmer des Herrn vom Hause sowie ein Gastzimmer, das aber selten benutzt wurde, und daneben ein anderes Zimmer für die Haushälterin, an welches wieder eine Art Rumpelkammer stieß, wo Herr von Rivola alles Mögliche aufbewahrte, Gegenstände, die er gerade nicht wegwerfen, aber aus den Augen schaffen wollte. Die festen Fensterladen dieser Rumpelkammer waren beständig verschlossen, denn Herr von Rivola meinte, es sei viel angenehmer, von außen auf diese zu schauen, als auf das Gerümpel, welches sich im Laufe der Jahre hier angesammelt. Im ersten Stocke des Hauses war die gleiche Zimmereintheilung wie unten; in der Mitte ein gemeinschaftlicher Salon, an dessen linker Seite sich Wohn- und Schlafgemach der Frau von Rivola und deren Tochter befanden; auf der anderen die des Hausherrn, und die einzige Abweichung von unten war hier oben ein kleines Zimmer in der Ecke, dessen Thür auf eine kleine, runde Treppe mündete, die beinahe ausschließlich von Herrn von Rivola benutzt wurde und unten durch eine starke eiserne Thür mit dem kleinen Hofraume in Verbindung stand. Einen weiteren Stock hatte das Haus nicht, und des sehr flachen Daches wegen auch unter demselben keine weiteren Räumlichkeiten. Neben dem Landhause, vielleicht auf fünfzehn Schritte Entfernung, war ein Hintergebäude mit den nothwendigen Räumlichkeiten für die Haushaltung, mit Stallung und Remise sowie Wohnung für die Dienerschaft. Dieses Haus war ziemlich lang und in der Mitte in zwei Theile getheilt durch einen breiten Thorbogen, vermittelst dessen man auf die dahinter liegende große Wiesenfläche gelangen konnte. Wenn der Grasertrag derselben auch für die auf der Höhe gelegene kleine Meierei benutzt wurde, so hatte der Freiherr von Rivola der im Sommer einförmig grünen Oberfläche doch dadurch eine malerische Abwechslung zu geben vermocht, daß er sie mit gewundenen, sanft aufsteigenden Wegen versah und hier und da eine kleine Gebüschpartie anlegte. An diese Wiese stieß der dichte Wald, welcher, am Saume allerdings jungen Nachwuchs zeigend, aus mächtigen Eichen bestand, von denen das Gut seinen Namen hatte. Wir sind es unserer wahrhaftigen Geschichte schuldig, trotz Schnee und Eis diesen Wald zu durchdringen, den beiden Fahrwegen folgend, bis zu der Stelle, wo, wie wir den Ingenieur Welden vor einigen Tagen auf dem Balle erzählen hörten, ein Stück von dem Walde des Freiherrn von Rivola für den neu projectirten Eisenbahnbau abgeschnitten werden mußte. Dies hatte allerdings in das früher so gut abgerundete Anwesen einen argen Riß gethan und ein Stück Wald, das nun jenseit der Bahnlinie lag, fast werthlos gemacht, eine kleine, reizende Berghöhe, welche früher für die Familie nicht nur dadurch werthvoll gewesen war, daß man hier oben nach Norden eine weite Aussicht hatte, sondern hauptsächlich dadurch, weil hier oben die Trümmer einer alten Burg, die Eichenkrone, lagen. Wie oft hatte sich Herr von Rivola mit Entwürfen getragen, den bequemen Fahrweg bis dort hinauf zu verlängern und später einmal die an sich nicht große Burg wieder aufzubauen und zum Sitze für seine Nachkommen zu machen! Vielleicht hätte er auch diesen Gedanken aufgeführt, wenn nicht Lucy sein einziges Kind gewesen wäre. So aber hatten die vernünftigen Einwendungen der Frau von Rivola gegen dieses kostspielige Unternehmen den Sieg davongetragen. Wir können da nicht umhin, die Bemerkung einzuschalten, daß die Rathschläge der Frau von Rivola überhaupt sehr maßgebend für ihren Gatten waren und daß er mit seinem großen Verstande, seiner Energie und seinen Lebenserfahrungen sich nicht selten durch die ruhige Berechnung seiner Frau von irgend einem Entschlusse, einem Plane abbringen ließ, den er mit Liebe gefaßt und längere Zeit mit sich herumgetragen. Dabei müssen wir aber hervorheben, daß die kluge Frau ihm niemals dergleichen Bemerkungen aufzudrängen suchte, sondern sie nur zu machen pflegte, wenn er mit ihr über seinen Plan sprach und ihren Rath einholte. Daß sie es aber vermochte, ihn stets und ehe er an die Ausführung ging, zum Auseinandersetzen seiner Plane zu bringen, darin bestand einestheils die wohlthätige Herrschaft, welche sie in dieser Richtung über ihn ausübte, anderentheils darin, daß sie seine Eigenliebe nie durch schroffe Bemerkungen oder eigensinnigen Widerspruch verletzte, sondern daß sie, auf seine Ansicht eingehend, ihm die betreffende Angelegenheit durch leidenschaftslose Betrachtungen in einem ganz anderen Lichte erscheinen ließ, als er sie bisher gesehen. Daß Herr von Rivola seine Frau heute noch, nach langjähriger Ehe, zärtlich liebte, wissen wir bereits. Sie verdiente das durch ihre großen und guten Eigenschaften, und wenn er mit seinem Verstande und seinen Kenntnissen sie auch in geistiger Beziehung weit überragte, so blickte er doch heute noch in fast schwärmerischer Verehrung zu ihr empor und that überlegend, wägend und prüfend alles, was ihm nur möglich war, um ihr das Leben angenehm zu machen, um jeden Schatten zu entfernen, der ihre Tage hätte verdüstern können. Vielleicht vermochte er das aber nicht immer, und in dem Falle, daß er ihr etwas Unangenehmes mitzutheilen hatte, that er das so schonend wie möglich und behielt gewiß das Schlimmste für sich allein. In welchem Leben, in welcher Ehe erscheinen nicht Ursachen zu trüben Stunden und Tagen – und vielleicht war es sein Bestreben, ihr dergleichen Ursachen zu verheimlichen, die Herrn von Rivola zuweilen so nachdenklich, so trübe, ja, finster gestimmt erscheinen ließen, wenn er allein vor seinem Schreibtische saß, die Hände gefalten, den Kopf tief auf die Brust herabgesunken. Wenn er in solchem Augenblicke seine Brille abgelegt hätte, so hätte ihn alsdann wohl sein düster umflortes Auge bemerken können, aber auch die ängstliche Hast, mit welcher er seine kummervollen Blicke durch die blauen Gläser wieder verdeckte, wenn er vor der Thür den ruhigen Schritt seiner Frau vernahm oder die helle Stimme Lucy's. Das Hintergebäude, von dem wir vorhin sprachen, hatte ein großes Gemach, welches zum Aufenthalte sowie zum Speisezimmer der Dienerschaft bestimmt war, und hier sehen wir nun zwei derselben am Frühstückstische sitzen, den Kutscher und den Bedienten, während Madame Werber, die Haushälterin, am Fenster stand. Alle drei waren schon lange Jahre im Hause, und der Bediente versah bei Herrn von Rivola zugleich die Stelle eines Kammerdieners. Dieser letztere rührte in einer großen Kaffeetasse und sagte alsdann: »Und wenn Sie, Madame Werber, und auch Ihr, David, hundert Mal das Gegentheil versichert, so bleibe ich doch bei meiner Behauptung, daß es nur Geiz von dem Herrn ist, wenn er uns Monate lang auf die Bezahlung unserer Rechnungen warten läßt, die wir ihm vorlegen – Geiz, sage ich, und nichts Anderes!« Die Haushälterin schüttelte bedenklich mit dem Kopfe, und es dauerte längere Zeit, ehe sie hierauf erwiederte: »Wenn es nur Geiz wäre, so wüßte die gnädige Frau, die ja alle Eigenheiten des gnädigen Herrn so genau kennt, auch davon und würde ihm sagen, daß es unschicklich ist, Haushaltungsrechnungen nicht zu bezahlen.« »Weiß sie denn um diese unbezahlten Rechnungen?« fragte der Kutscher. »Ich meinestheils will lieber all mein Erspartes bis zum letzten Heller daran verwenden, ehe ich einer so vornehmen Dame darin einen betrübten Augenblick machen möchte.« »Ganz meine Ansicht,« meinte die Haushälterin, »auch ich möchte die gnädige Frau mit so etwas absichtlich nicht beunruhigen; dafür aber kann ich nichts, daß sie neulich, als ich mein Buch und meine Rechnungen zum Herrn bringen wollte, zufällig hineinschaute und dann mit einem leichten Erstaunen sagte: ›Was, Madame Werber, da sehe ich ja unbezahlte Rechnungen, die über einen Monat alt sind – Sie wissen wohl, daß mein Mann das nicht leiden kann!‹« »Und ich sage dir,« sprach der Kutscher in einem entschuldigenden Tone zu dem Bedienten, »daß ich trotz der blauen Brille des gnädigen Herrn und trotzdem er in seinen Papieren kramte, doch deutlich die Verlegenheit auf seinem Gesichte bemerkte, als ich ihm, es können heute acht Tage sein, zum letzten Male meine ziemlich stark aufgelaufene Rechnung für Hafer und Heu vorlegte; auch zog er ein paar Schubladen auf, in welchen sich allerdings etwas Geld befand, und sagte dann in einem verdrießlichen Tone: »Ich mag bei dem Wetter Niemanden von euch in die Stadt schicken!« – Allerdings regnete und schneite es an demselben Morgen, was es nur konnte, aber Nachmittags fuhr der Herr selbst in die Stadt, ohne mich am anderen Morgen rufen zu lassen und nur zu sagen: ›Nun komm her, David, damit wir unsere Rechnungen ordnen!‹« Der Bediente hörte das ruhig an und blickte dabei lächelnd mit einem Gefühle außerordentlicher Sicherheit bald auf den Kutscher, bald auf die Haushälterin, wobei er behaglich mit den Fingern auf dem Tische trommelte, sich überhaupt ein Ansehen gab, als sei er im Stande, die Behauptungen, die er eben gehört, mit wenigen Worten niederzuschlagen. Doch ließ er die Beiden erst eine Weile reden, und erst als sie mit einander darüber einig waren, daß dies ein Zustand wäre, der bei dem sonst so respektablen Hause und der wohlwollend freundlich gesinnten Herrschaft sehr unangenehm sei, sprach er mit großer Würde nochmals das Wort »Geiz« aus, betonte es dreimal ausdrucksvoll hinter einander und fuhr dann erst nach einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich genugsam an den erstaunten, fragenden Blicken der Anderen geweidet hatte, fort: »Geiz, und das will ich euch sogleich beweisen. Auch ich legte dem Herrn neulich meine Rechnung vor, auch vor meinen Augen kramte er in den Schubladen seines Schreibtisches mit derselben Miene, von der David eben sprach, und schickte mich spazieren, ohne mir Geld zu geben, so gut wie euch. Kurz darauf hatte ich etwas in der Bibliothek zu thun und sah durch die Thür, daß der Herr, der in tiefen Gedanken an seinem Schreibtische saß und mich nicht bemerkt haben mochte, eine Schublade ganz herauszog, an einem Knopfe des Tisches drehte und nun aus einem verborgenen Winkel eine rothlederne Mappe hervorzog, die er vor sich legte, öffnete und in der sich – nun, was glaubt ihr wohl, daß sich darin befunden hätte?« »Nun, Papiere, Briefe,« sagte der Kutscher. »Weit gefehlt,« fuhr der Bediente in leiserem Tone fort; »es befand sich in der Mappe ein solcher dicker Pack großer Banknoten, daß mir bei dem Gedanken, wie viel Geld das wohl sein müsse, beinahe schwindelig wurde, denn das waren keine Fünf- oder Zehnguldenzettel, das waren Fünfhunderter, wenn nicht Tausender. Ich war überrascht und erfreut im Interesse unserer Herrschaft, ich kann wohl sagen, daß ich ein Buch, welches ich für das gnädige Fräulein umtauschen sollte, fast hätte auf den Boden fallen lassen, glücklicher Weise that ich das nicht, sondern schlich mich davon, ohne gehört zu werden.« »Daß dich das Donnerwetter!« rief der Kutscher, indem er die geballte Faust vor sich aus den Tisch legte. »Aber wie kann man so geizig sein?« »Herr des Himmels,« sagte Madame Werber, »das ist doch ein Bißchen stark, Leute in Verlegenheit zu setzen, die es sonst gut mit dem Hause meinen! Und doch beruhigt mich die Entdeckung, die Jakob gemacht hat.« »Auch mich hat es beruhigt, daß ich sie gemacht, das kann ich Sie versichern, Madame Werber; es ist doch viel besser, einem geizigen Herrn zu dienen, der nebenbei sein Haus und seine Leute so anständig hält, wie der Herr Baron, als wenn man bei Jemanden wäre, bei dem es so aussieht, daß er seine Haushaltungsrechnungen nicht zu bezahlen im Stande ist.« »Dafür würde ich mich bedanken, denn von einer solchen Lumperei bleibt leider Gottes immer etwas am Renommée der Dienerschaft kleben!« »Aber es ist doch nicht recht – Alles sollte seine Gränzen haben, auch der Geiz, und nach dem, was wir jetzt erfahren, werde ich mir erlauben, dem Herrn meine Rechnungen heute oder morgen auf's dringendste vorzulegen.« »Ja, das könnte nichts schaden,« pflichtete der Kutscher bei, »und obgleich ich an deinem pfiffig lächelnden Gesichte sehe,« wandte er sich an den Bedienten, »daß du nicht dieser Ansicht bist, so werde ich mir doch erlauben, eben so zu thun, wie Madame Werber, und hoffe, daß du es gerade so machen wirst.« »Das versteht sich von selbst, und ich lächelte nur, weil ich daran dachte, wie sehr man hier über die Verhältnisse des Herrn im Irrthum befangen war – Unsereiner sieht schon klarer. Ich habe einmal in einem Buche gelesen,« setzte er selbstgefällig hinzu, »daß ein gescheiter Kammerdiener jede, auch die kleinste Schwäche seines Herrn kennen müsse – wie sollte ihm alsdann der größte Fehler desselben, nämlich kein Geld zu haben, entgehen?« »Legen wir also unsere Rechnungen vor, und das so bald als möglich.« Als man damit im Reinen und wohl zufrieden war, zu diesem Entschlusse gekommen zu sein, ging die Haushälterin zu einem anderen Gesprächsthema über, indem sie fragte: »Nun, wie war es gestern Abend in der Stadt?« »Kalt und naß,« erwiederte David, »eine unangenehme Fahrt, die nur dadurch allenfalls erträglich gemacht wurde, weil der Herr, immer pünktlich wie seine Uhr, mich keine Viertelstunde warten ließ; und weil die kurze Zeit, die ich vor dem Hause des Stadtschultheißen halten mußte, mir dadurch angenehm vertrieben wurde, daß ich so wie noch ein anderer herrschaftlicher Kutscher, der neben mir hielt, von Rechts wegen mit einem heißen Glase Punsch bedacht wurde – respektable Leute das, wo dächten Andere, die sich viel vornehmer dünken, daran, daß ein armer Kutscher draußen auf seinem Bocke ebenfalls ein Mensch ist?« »Es war ein förmlicher Ball?« »Das will ich meinen, die Musik stolperte gerade nach Hause, als ich abfuhr; aber ich bin noch müde, denn ich hatte gestern einen harten Tag, die Pferde ebenfalls, war ich doch Nachmittags schon einmal in der Stadt!« »Der Herr mußte wohl wichtige Geschäfte haben, bei dem Wetter zwei Mal hinein zu fahren?« »Davon habe ich nicht viel gemerkt; er war bei dem Hoffriseur Sieger, und dann fuhren wir an das schmale Haus in der Stadt, neben dem alten Thurme, das heißt nicht eigentlich an das alte Haus selbst, sondern wir hielten an der Ecke der Straße, und der Herr ging allein hinein und blieb eine gute Weile aus.« »Waren Sie je in dem Hause?« fragte Madame Werber den Bedienten. »O ja, schon verschiedene Male; der Herr schickte mich schon häufig mit Briefen an den alten Friedrich, seinen ehemaligen Kammerdiener, der jetzt so eine Art von Verwalter über das Haus ist; es hat sich aber da nicht viel zu verwalten – das Haus ist ein schmales Ding, an den alten Thurm angeklebt, mit drei niedrigen Stockwerken, in deren unterstem der Friedrich wohnt, während die beiden anderen vermiethet sind, aber an geringe Leute – es wohnt nichts Rechtes da.« »Deßhalb ist dem Herrn wohl auch die ganze Sache verleidet, denn man sagt, er wolle Haus und Thurm verkaufen.« »Gewiß, das weiß ich aus bester Quelle; aber wer könnte die alten Gebäude gebrauchen? Nur die Stadt, um sie wegzureißen und so bei dem Winkelwerke der dortigen Straßen einen kleinen Platz zu gewinnen.« »Der Stadtschultheiß wird dem Herrn schon den Gefallen thun, aber die Stadt hat kein Geld.« »Wie kam der alte Thurm in den Besitz des Herrn von Rivola?« fragte die Haushälterin. »Er kaufte ihn, als er vor ungefähr zehn Jahren hieher kam; der Herr ist ja heute noch ein Liebhaber von so alterthümlichen Geschichten – hat er doch auch die Eichenkrone da oben erst später zu dem Gute hier gekauft.« »Die ihm die Eisenbahnlinie jetzt wieder davon abgetrennt hat.« »Ja, aber noch nicht bezahlt, so viel ich weiß – der Herr und die Verwaltung haben ja einen Prozeß mit einander.« »Richtig, bei dem Advokaten, der ihn führt, waren wir gestern, das hätte ich fast ganz vergessen; er brachte den Herrn an den Wagen, und während dieser einstieg, sagte er zu ihm: ›In den nächsten Tagen muß es entschieden sein!‹« »Daß Herr von Rivola die Eichenkrone gekauft, begreife ich ganz gut,« sagte die Haushälterin – »was ist da oben für eine prächtige Aussicht; aber den alten Thurm in der Stadt – mir graut immer, wenn ich ihn sehe, ich würde ihn nicht geschenkt nehmen, denn man sagt mir, es sei ehedem ein Gefängniß darin gewesen, ich glaube sogar, eine Folterkammer.« »Das hat den Herrn gerade angezogen; vielleicht dachte er, es seien alte Waffen und Geräthschaften dort versteckt oder begraben. Ich erfuhr einmal zufällig in einem Wirthshause nahe bei dem Thurme, daß der Herr und Friedrich lange damit beschäftigt waren, irgend etwas Interessantes darin zu finden; es muß aber nicht viel damit gewesen sein, außer ein paar alten Spießen und der Armbrust, die jetzt in der Bibliothek hängt.« »Nicht wahr, den Friedrich brachte der Herr damals mit, als er hieher kam?« »So ist es, Madame Werber, und er war längere Jahre hier auf dem Gute, welches der Herr bei seiner Ankunft sogleich gekauft hatte. Friedrich war verheirathet und wohnte in dem Zimmer, in welchem wir uns gerade befinden, bis die Frau von einem Schlaganfalle gelähmt wurde. Dann versetzte ihn Herr von Rivola in die Stadt; Kinder hatten sie keine, und er führt nun ein recht behagliches Leben, denn der Herr zahlt ihm ein ansehnliches Gehalt und thut auch sonst alles mögliche, um ihm die Last der Krankheit seiner Frau zu erleichtern.« »Es ist überhaupt ein braver Herr, der Herr Baron,« sagte der Kutscher, »und ich muß ehrlich sagen, es ist mir schon lieber, daß er geizig ist, als wenn ich denken müßte, seine Verhältnisse seien nicht in Ordnung und er habe kein Geld – nicht wegen der paar Gulden, die man allenfalls verlieren könnte, sondern wegen des Unglücks, das alsdann die gnädige Frau und das Fräulein mitbetreffen müßte, und die gnädige Frau ist aus einem absonderlich guten Hause, das weiß Niemand besser als ich. War doch mein Vater lange, lange Jahre in dem Hause des Grafen Hartenstein, wo es hoch herging, allerdings ein Bißchen zu hoch, und die gute, gnädige Frau hat es in ihrer Jugend schon einmal mit ansehen müssen, welcher Jammer es ist, wenn es mit einem so vornehmen Hause bergab geht! Es thäte mir in der Seele weh, wenn sie das zum zweiten Male erleben müßte, und an ihrer eigenen Wirthschaft. Deßhalb bin ich schon froh, daß der pfiffige Jakob, ohne es zu wollen, durch die Thür der Bibliothek in das Schreibzimmer geschaut und gesehen hat, wie der Herr einen so unmenschlichen Haufen Banknoten betrachtete. Nicht wahr, so hoch war der Haufen?« setzte er lächelnd hinzu, indem er mit der Hand über dem Tische eine allerdings etwas große Entfernung bezeichnete. »Wenn auch nicht gerade so groß,« entgegnete der Bediente, »so war es doch gewiß hundert Mal mehr, als wir Drei hier in unserem Leben aufbrauchen könnten.« »So wollen wir darauf hin unsere Rechnungen vorlegen,« entschied die Haushälterin. Siebentes Kapitel. In dem Parterresalon mit den drei großen Doppelfenstern pflegte sich die Familie jeden Morgen zum Frühstück zu versammeln, zum sogenannten zweiten Frühstück, welches aber in seiner Einfachheit wohl ein erstes hätte sein können. Herr von Rivola nahm hier eine Tasse Thee und ein paar geröstete Brodschnitten, vielleicht mit einem weichen Ei, seine Frau und Lucy Chocolade mit Brod und frischer Butter von der eigenen Meierei; die Damen saßen dabei in der Nähe des Kamins, wo sie oft nach Beendigung des Frühstücks, mit einem Buche oder einer weiblichen Arbeit beschäftigt, längere Zeit sitzen blieben, während Herr von Rivola, nachdem er kaum seinen Thee genommen, aufstand und an der Unterhaltung Theil nahm, indem er im großen Gemache auf und ab ging. Er pflegte überhaupt so wenig wie möglich zu sitzen, und wenn er nicht an seinem Schreibtische beschäftigt war, wo er allerdings stundenlang saß, so schritt er entweder in seinem Zimmer auf und ab oder er machte Spaziergänge durch seinen kleinen Park, wobei aber ein aufmerksamer Beobachter sehen konnte, daß er dies gewöhnlich nicht that, um nach seinen Blumengruppen oder Obstbäumen zu sehen, sondern einfach um sich Bewegung zu machen, denn er schritt vielleicht stundenlang auf einem geraden Wege hin und her, nachsinnend, mit gesenktem Haupte. Wären die Züge seines Gesichtes nicht fast beständig gleichmäßig ernst, ja, man hätte sagen können, theilnahmlos gewesen, so hätte man glauben mögen, er würde von einer inneren Unruhe umhergetrieben; so aber war es lediglich eine Gewohnheit, die er, wie wir eben gesagt, selbst in der Nähe seiner von ihm so sehr geliebten Familie beibehielt, und daß er für alles, was seine Frau und Tochter thaten, die herzlichste Theilnahme empfand, das bewies in solchen Augenblicken der alsdann rege Ausdruck seines Gesichtes, das zufriedene Lächeln um seinen Mund, ja, das Aufleuchten seines Blickes, welches man hier wohl sah, da er bei nicht allzu grellem Lichte im Zimmer seine Brille abzulegen pflegte. Zuweilen so während des Auf- und Abschreitens ging er dicht hinter Lucy's Stuhl vorbei, berührte leicht mit der Hand ihre Schulter, ihre Arme, oder ließ seine Finger über ihr blondes Haar gleiten, worauf dann das junge Mädchen nie verfehlte, mit dem Kopfe zu nicken, ihr Gesicht gegen ihn zu wenden, etwas, das sie eben gesagt, nochmals, direkt an ihn gerichtet, zu wiederholen, oder vielleicht einfach zu sagen: »Lieber Papa!« Darüber lächelte wohl Frau von Rivola auf die herzlichste Art, und wenn sie hierauf einen Blick mit ihrem Gatten wechselte, so drückte dieser Blick ihre Freude, ja, ihre Glückseligkeit aus, daß ihr das gütige Geschick ein so liebenswürdiges Wesen gegeben. Es war dieses allem Anscheine nach eine vollkommen glückliche und zufriedene Familie; des Glaubens mußte jeder sein, dem es vergönnt gewesen wäre, einen Blick in den Salon des Freiherrn zu werfen. Es war besonders heute Morgen Alles so licht, so hell, so freundlich; von draußen herein blinkte der Schnee, der hier oben schon seit einigen Tagen gefallen war, während es drunten noch gestern abwechselnd geschneit und geregnet hatte; er leuchtete förmlich unter dem klaren, blauen Winterhimmel – dazu die behagliche Wärme in dem Gemache, welche von dem offenen Kamine ausging, dessen spielende Flammen zugleich mit der weißen Landschaft draußen so recht ein schönes, behagliches Bild des Winters vervollständigten. Lucy sprach von dem Balle beim Stadtschultheißen, und wenn sie auch gestand, sich dort sehr gut unterhalten zu haben, so hätte sie sich doch mehr versprochen von einem ersten derartigen Vergnügen. »Vielleicht hätte ich sollen mit einem Balle bei Hofe anfangen,« sagte sie lächelnd und setzte fragend hinzu: »Was meinst du dazu, Papa?« »Der erste Eindruck wäre vielleicht größer gewesen, doch hast du so immerhin eine Steigerung zu erwarten.« »Und das ist auch etwas werth,« meinte Frau von Rivola; »es ist überhaupt besser, wenn man mit allen Dingen bescheiden anfängt.« »Und ich hatte es auch Elisen versprochen, daß ich bei ihr zum ersten Male so recht tanzen wolle.« »Und hast dein Wort gehalten, Lucy,« meinte die Mutter mit einem freundlichen Blicke auf das junge Mädchen; »ich mache dir auch darüber durchaus keinen Vorwurf, wenn du dich nur gut unterhalten hast.« »Während des Tanzens, gewiß, Mama, und auch nachher, wie ich mit Elisen darüber plaudern konnte.« »Ja, ja, du hast mit deiner Freundin viel zusammengesteckt,« sagte Herr von Rivola, indem er einen Augenblick stehen blieb und eine gar zu willkürliche Locke ihres Haares sanft unter das Netz, welches sie auf dem Kopfe trug, zwängte; »mich haben einige Male deine Tänzer gedauert, die du beim letzten Geigenstriche erbarmungslos stehen ließest, indem du ihnen kaum mit einer leichten Verbeugung gedankt. Du hättest dich von ihnen an deinen Platz zurückbegleiten lassen und freundlich das anhören sollen, was sie über das eben ausgestandene Vergnügen zu sagen hatten oder was sie sonst zu erzählen wußten.« »Ach, Papa, das war immer dieselbe Geschichte, dieselben Fragen: ob ich den Winter schon viel getanzt – Nein; ob ich mich amusire – o ja, recht sehr; ob es für mich nicht unangenehm sei, nach einem solchen Balle den weiten Weg zurückfahren zu müssen. Gewiß nicht, gab ich darauf zur Antwort und hätte gern hinzugesetzt: da schaukle ich in meinem bequemen Wagen, schließe die Augen und lasse halb im Traume die Bilder des vergangenen Abends, jetzt von der Erinnerung verschönert, an meiner Seele vorüberziehen. – Sei ruhig, liebe Mama,« unterbrach sie jetzt laut und fröhlich lachend den weichen, bewegten Ton ihrer Stimme, mit dem sie die letzten Worte gesprochen hatte – »blicke mich nicht mit so ernster Miene an, du kannst dir wohl denken, daß ich dergleichen nicht gesagt, kaum gedacht. Gegen wen hätte ich auch so etwas aussprechen sollen? Ich hatte fast gar keine Bekannten dort, Tänzer genug, und Niemanden, für den ich mich interessiren mochte.« »Ja, ja, es ist eigenthümlich,« sagte Herr von Rivola, »wie rasch Einem diese jungen Herren aus unserem Gesichtskreise gleiten? wie schnell heutzutage eine solche Tanzgeneration wechselt – es sind ja nicht einmal zwei Jahre, daß ich zuletzt in jenen Kreisen der Gesellschaft war, die wir beim Stadtschultheißen sahen, und wenn ich die älteren Herren ausnehme, so merkte auch ich beinahe nur fremde Gesichter, versteht sich unter den Tanzenden – junge Herren, die vor drei oder vier Jahren vielleicht ihren ersten Ball besuchten, bemerkte man jetzt schon gelangweilt, kaum hier und da an der Unterhaltung Theil nehmend oder am Spieltische.« »Darin hat Papa ganz Recht, die meisten jungen Herren, die ich dort kannte, tanzten eigentlich gar nicht, und wenn sie mir auch aus Artigkeit eine Tour anboten, so schienen sie nicht einmal darüber betrübt, wenn ich sie ihnen abschlagen mußte; das hat mich allein von Herrn Welden verdrossen, der kaum einen Tanz von mir verlangte, und er hat es hier bei uns im vergangenen Herbste doch so oft gesagt, wie sehr er sich freue, mit mir zu tanzen, wenn ich auf meinem ersten Balle erscheinen würde.« »Das war nur so eine Redensart,« sagte Frau von Rivola; »Herr Welden ist ein ernsthafter Geschäftsmann, der mit dir wie mit einem ganz kleinen Mädchen gespielt und der dir versprochen, mit dir zu tanzen, wie er dir auch versprochen haben würde, mit dir Schmetterlinge zu fangen oder deinen Puppenwagen zu ziehen, wenn du noch jünger gewesen wärest – es ist mir sogar lieber, daß er sein Versprechen nicht gehalten hat.« »Aber was man verspricht, muß man halten, und wenn ich mich recht entsinne, hat Herr Welden sogar den Versuch gemacht, das zu thun – ja, ja, so ist es,« fuhr Lucy fort, nachdem sie sich einige Augenblicke recht auffallend bedacht, »er hat einen Tanz von mir gewollt, aber so spät, daß ich keinen mehr für ihn übrig hatte – warum kam er nicht früher? Er darf mir keine Vorwürfe machen, daß ich ihn vernachläßigt.« »Das wird er gewiß nicht thun,« entgegnete Frau von Rivola lächelnd; »er erschien überhaupt wohl nicht auf dem Balle, um zu tanzen.« »Er gehört doch noch zu den jungen Leuten?« sagte Lucy, halb fragend. »Zu den jungen Leuten, welche heutzutage noch tanzen, gehört er doch wohl nicht mehr,« antwortete Herr von Rivola, am Fenster stehend, »er kann sich mit Fug und Recht auf einem Balle der Unterhaltung oder dem Spiele hingeben; ich schätze Herrn Welden auf dreißig Jahre, wenn er dieselben noch nicht überschritten hat.« »Und er hat doch getanzt,« sagte Lucy. »Ja, ja, mit der Frau seines Bureauchefs, das war so ein Tanz aus Convenienz.« »Meinst du?« fragte Frau von Rivola mit einem zweifelhaften Lächeln; doch als habe sie in Gegenwart ihrer Tochter schon zu viel gesagt, setzte sie rasch hinzu: »Eine angenehme Frau, die Oberbauräthin; Herr Welden hatte ganz Recht, mit ihr zu tanzen, Herr Lievens kann ihm in seiner Carriere viel nützen.« »Das glaube ich nun gerade nicht,« sagte Herr von Rivola in trockenem Tone; »ich schätze und achte unseren verehrten Freund, den Oberbaurath, aber wenn ich seine Fähigkeiten und Kenntnisse mit denen jenes jungen Ingenieurs vergleiche, so kommt ein großer Überschuß zu Welden's Gunsten heraus – ich kenne das.« »Nun, eine große Carriere wird er jedenfalls machen,« warf Lucy's Mutter leicht hin, »mit oder ohne Protection. Du verstehst, seine Kenntnisse zu beurtheilen, ich schätze sein offenes, angenehmes Wesen, seinen angeborenen Takt, sich im Salon so wie im Walde, vor seinen Arbeitern wie vor den vornehmsten Personen eben so richtig und energisch, wo das Noth thut, als zuvorkommend und fein zu benehmen – ist er von Familie?« Auf dem Gesichte des Herrn von Rivola zeigte sich ein eigenthümliches Lächeln, worauf er sagte: »Die Frage: ist er von Familie, ist gerade wie die andere: gehört er zur Gesellschaft, und in beiden liegt der versteckte Sinn, daß, wer nicht ein halbes Dutzend Ahnen aufzuweisen hat, weder zur Gesellschaft gehört noch von Familie ist – nicht wahr, meine sonst so gute Elisabeth?« »Allerdings, ich will dir gestehen,« gab Frau von Rivola in einem etwas hohen Tone zur Antwort, »daß ich diese beiden Benennungen zuweilen, und das sehr streng, in dem von dir angezogenen Tone, und gewiß mit vollem Rechte, auffasse – schlimm genug, daß Zeit und Verhältnisse so viel dazu beitragen, alle Schranken, welche sonst die gesellschaftlichen Kreise so wohlthätig trennten, niederzureißen. Doch kann das keine Beziehung auf Herrn Welden haben, den ich gerade deßhalb so besonders achte, weil er seine Stellung überall begreift, und um dir zu beweisen, daß ich deinem Herrn Welden eine kleine Concession machen will, wiederhole ich meine Frage mit dem genügenden Zusatze, ob er von einer bekannten Familie ist.« »Ich glaube nicht – das bietet auch heutzutage in seinem Stande gar keinen Vortheil mehr, ist überhaupt jetzt, um eine große Carriere zu machen, von wenig Bedeutung.« – Herr von Rivola sagte das nicht ohne Absicht, denn die etwas zu streng aristokratischen Gesinnungen seiner Frau, der geborenen Gräfin Hartenstein, waren vielleicht das Einzige, wodurch es zuweilen Differenzen zwischen beiden Gatten gab. – »Welden ist, so viel ich weiß, der Sohn eines armen Dorfschullehrers; er verlor Vater und Mutter sehr früh und wurde im Waisenhause erzogen, wo er sich aber durch Fleiß und Fähigkeiten so auszeichnete, daß man ihm die Mittel verschaffte, die polytechnische Schule zu besuchen; hier zählte er gleich zu den besten Köpfen, und als er seinen Cursus beendigt hatte, konnte er unter den verschiedenen Baubureaux wählen.« »Ist es dir nicht schon aufgefallen,« fragte Lucy's Mutter nach einem längeren Stillschweigen, »daß dieser Herr Welden unserem armen Vetter Eugen Hartenstein ähnlich sieht?« »Entfernt, ja, doch war Eugen, so viel ich mich erinnere, etwas größer und stärker gebaut, als Herr Welden.« »Du sahst meinen Vetter nur in der Kürassier-Uniform, wodurch er dir größer und stärker erschien; die Beiden haben eine große Ähnlichkeit miteinander, und das ist es auch wohl,« setzte Frau von Rivola nachsinnend hinzu, »weßhalb ich mich sogleich für Herrn Welden interessirte, – Mein guter Eugen – er war doch noch den Tag vorher bei uns, ehe er so unglücklich mit dem Pferde stürzte – Lucy, erinnerst du dich noch deines Vetters?« Das junge Mädchen hatte stillschweigend da gesessen, aber sehr aufmerksam dem Gespräche seiner Eltern gelauscht, wobei es seine braunen, leuchtenden Augen von Einem zum Anderen wandern ließ, ja, sich rückwärts wandte, als der Vater, immer noch am Fenster stehend, von der Vergangenheit des Herrn Welden und von diesem selbst manches Gute sprach; denn als die Mutter des Vetters Eugen erwähnte, hatte sie sich ganz gut den jungen Ingenieur in der Kürassier-Uniform denken können, und diese Ideenverbindung war wohl schuld daran, daß sie jetzt zur Antwort gab: »Gewiß, Mama, ich erinnere mich seiner, doch müßtesich Herr Welden in Uniform ebenfalls ganz gut ausnehmen.« »Das glaube ich auch,« sagte lachend Herr von Rivola, »aber du kannst versichert sein, Lucy, daß ihm die Uniform der Arbeit, seine hohen Stiefel und seine kurze, graue Jacke, lieber ist.« Lucy hätte hierauf gern gesagt: »Mir ist die seinige auch lieber« – doch that sie es nicht, vielmehr wandte sie das Gespräch, nachdem auch die Mutter weder auf Eugen noch auf Herrn Welden zurückkam, nach einer längeren Pause auf einen anderen Gegenstand, indem sie sagte: »Nicht wahr, liebe Mama, ich darf auf eine recht große Steigerung meiner Bälle für diesen Winter rechnen?« »Darüber mußt du mit deinem Vater reden.« »Nun, Papa, darf ich hoffen?« Herr von Rivola war hinter den Stuhl seiner Tochter getreten, bog ihren Kopf leicht hinten über, so daß er sie auf die Stirn küssen konnte; dann blickte er auf seine Frau, die ihn mit einem fragenden, freundlich wartenden Blicke ansah. »Du weißt, daß Mama in solchen Dingen allein zu wünschen und zu befehlen hat.« »Zu wünschen, ja; aber in den Erfüllungen meiner Wünsche bin ich, und mit Freuden, von dir abhängig.« »Also die Wünsche wären da,« sprach Herr von Rivola, indem es leicht um seine Lippen zuckte. Ob seine Augen dazu freundlich schauten, konnte man nicht genau sehen, denn als er vorhin in die blendende, schneebedeckte Landschaft hinaussah, hatte er seine blaue Brille wieder aufgesetzt. »Gewiß, Papa! Die Wünsche sind da, und recht viele. Zuerst ein paar Bälle bei Hofe, wozu du ja Einladungen erhältst, wie mir gestern der Rittmeister Graf Riß gesagt; er sah die Hofliste bei seinem Vetter, dem ersten Kammerherrn des Königs.« »Daran zweifle ich durchaus nicht,« fuhr Frau von Rivola in einem etwas hohen Tone fort, »und wenn Papa keine ganz besonderen Gründe dagegen hat, so wird er für diesen Winter, wo du, Lucy, in die Welt getreten bist, die Einladungen, welche ja alljährlich an uns kommen, annehmen.« »Welche Gründe sollten mich zur Ablehnung veranlassen?« »Nun, man muß Alles überlegen. Lucy braucht viel, wenn sie in der Welt so erscheinen soll, wie ich es für meine Tochter wünsche, und auch ich habe neulich einen bedenklichen Kriegsrath mit Madame Pauline und dem Hof-Juwelier gehalten – es ist doch schon einige Jahre her, daß wir zu großen Gelegenheiten nicht mehr erschienen sind.« »Papa hat es darin besser,« sagte heiter das junge Mädchen. »Sein schwarzer Frack ist immer modern, und seine weißen Halsbinden zu besorgen, habe ich von Madame Werber gelernt – ach, und es ist mir ein so großes Vergnügen, den guten Papa schön zu machen!« Über die ernst gewordenen Züge des also Erwähnten flog ein zweifelhaftes Lächeln, welches sich indessen in ein wirkliches und fast freudiges verwandelte, als die Baronin, nun aufblickend, ihm voll in's Gesicht schaute. Dann sagte sie zu ihrer Tochter: »Dein Vater muß für Alles sorgen, mein liebes Kind. Ich gestehe, es würde mir ein großes Vergnügen machen, gerade mit dir die Welt wieder zu besuchen; aber wenn wir jetzt nach einigen Unterbrechungen wieder bei Hofe erscheinen, so möchte ich nicht, daß aufmerksame Augen, an denen es nicht fehlen wird, vielleicht die Bemerkung machen: die Rivola traten doch vor ein paar Jahren anders auf, als jetzt; ihre Wagen, ihre Pferde, die Livreen ihrer Diener sind nicht schöner geworden!« Herr von Rivola unterdrückte einen leichten Seufzer, worauf er achselzuckend, aber immer noch mit heiterer Miene erwiederte: »Darin hat die Mutter ganz Recht, und wenn wir bei unserem Erscheinen auch durch Glanz und Pracht gerade kein Aufsehen erregen wollen, so soll und muß dieses Auftreten doch würdig und angemessen sein; es wird allerdings etwas Geld kosten, aber was thut's?« Er sagte das mit großer Gleichgültigkeit; nur zuckten die Finger seiner rechten Hand, welche er auf die Lehne von Lucy's Stuhl gelegt hatte, etwas krampfhaft zusammen, während er mit der linken Hand seine blaue Brille fester gegen die Augen drückte. »Und es muß doch wohl sein, daß wir wieder in die Welt gehen,« meinte Frau von Rivola; »nicht für mich, aber für Lucy, und wenn es dir keine großen Sorgen macht, lieber Albert, so gestehe ich dir schon, daß ich mich auf den Augenblick freue, mit einer solch' hübsch aufblühenden Tochter in den Kreisen der Gesellschaft zu erscheinen – wenn es dir also keine Sorgen macht . . .« »O, über die Sorgen sind wir hinüber!« sagte der Angeredete mit einem etwas harten Lächeln. »Prächtig, Papa! Wie ich mich darauf freue! Ach, das wäre ein glückseliger Winter – und die Steigerung im Vergnügen!« »Wie verstehst du denn eigentlich diese Steigerung des Vergnügens?« »Das ist doch sehr einfach. Gestern der Thé dansant bei meiner Freundin Elise, dann ein kleiner Hofball, dann ein großer Hofball, und zuletzt ein prächtiges Fest bei uns selbst!« »Was das Kind für eine ausschweifende Phantasie hat – was sagst du dazu, Albert?« »O, der Gedanke ist nicht so übel,« erwiederte Herr von Rivola in sehr ruhigem Tone – »ein Fest bei uns; doch müßte man dazu schon den Frühling abwarten. Man könnte doch eigentlich den Leuten nicht zumuthen, im Winter bei Schnee und Eis zu uns heraus zu fahren, um in später Nacht wieder heimzukehren.« »Ach so, ein Frühlingsfest wäre prächtig! Du bist doch ein sehr guter und sehr lieber Papa und ich eine recht bescheidene Tochter, das kannst du nicht anders sagen.« »Nun, nun, das geht allenfalls an, ich will gerade nicht das Gegentheil behaupten.« »Nein, Papa, das kannst du auch nicht; ich bin sogar so bescheiden, daß ich nicht einmal auf Versprechungen zurückkomme, die du mir gemacht.« »Und was hätte ich dir versprochen, meine liebe Lucy?« »Weißt du noch, ehe ich in die Pension trat, als die junge Gräfin Arnstein hier draußen war, um meinen Abschiedsbesuch zu erwiedern, da gefiel mir so außerordentlich ihre kleine Pony-Equipage, und da sagtest du, wenn ich einmal aus der Pension zurückkäme, würdest du mir auch eine solche zusammenstellen lassen.« »Habe ich das wirklich gesagt? Ja, ich glaube mich erinnern zu können.« »Aber, Kind, diese Extravaganzen!« sprach Frau von Rivola mit einem leichten, mißbilligenden Kopfschütteln. »Ach, es wäre so schön, Mama!« Diese zuckte die Achseln, indem sie wie fragend in das Gesicht ihres Mannes blickte, welches indessen in diesem Augenblicke weder Staunen, noch Überraschung, noch viel weniger aber den Ausdruck von Unzufriedenheit zeigte. »Wenn ich doch einmal Pferde, Wagen und Livree erneuern muß, so geht das vielleicht in Einem hin – und was thue ich nicht alles, um meinem geliebten, lieben Mädchen eine kleine Freude zu machen! Sei es darum. Wenn ich in die Stadt gehe, will ich sehen, was ich wegen einer Pony-Equipage thun kann.« »Ach, und einen kleinen Schlitten dazu, das wäre wunderbar – mit Bärendecken und einem prächtigen Geläute!« »Gewiß, auch einen Schlitten, Lucy.« Frau von Rivola hatte zweifelnd in das Gesicht ihres Mannes geblickt und immer erwartet, er würde in ironischem oder ärgerlichem Tone hinzusetzen: »Und was willst du sonst noch? Glaubst du, ich sei ein Krösus?« Sie hatte vorhin schon beinahe ängstlich von den Anschaffungen gesprochen, die dringend nothwendig seien, wenn man in diesem Winter mit Lucy bei Hofe erscheinen wolle; sie hatte erwartet, gefürchtet, bei ihrem Manne auf entschiedenen Widerspruch zu stoßen, und nun, da dies nicht der Fall war, da er alles das, was zusammen keine kleine Summe ausmachte, ruhig lächelnd bewilligte, so fühlte sich ihr Herz von einer großen Last befreit. Nicht als ob sie besonders für ihre Person so außerordentlichen Werth darauf gelegt hätte, mit Lucy in der großen Welt zu erscheinen – nebenbei war es allerdings der geborenen Gräfin Hartenstein recht angenehm, dies mit dem nöthigen Aufwande thun zu können – aber sie hatte angstvoll erwartet, Herr von Rivola würde ihr bei einer ähnlichen Anforderung erwiedern, daß seine Mittel ihm einen solchen Aufwand nicht erlaubten; denn wie groß seine Mittel seien, welche Einnahmen ihm zu Gebote ständen, darüber war sie während ihrer langjährigen Ehe ziemlich im Unklaren geblieben; anfänglich hatte sie sich auch sehr wenig darum bekümmert. Die Gräfin Hartenstein, aus einer finanziell zurückgekommenen Familie, lebte nach ihrer Verheirathung mit ihrem Manne in und mit der vornehmen Welt auf einem so großen Fuße, den nur der Besitz eines ganz außerordentlichen Vermögens rechtfertigen konnte. Und dieses Vermögen, der Ertrag von Gütern, sowie von industriellen Unternehmungen aller Art, welche Herr von Rivola in Belgien besaß, schien sich auch nicht im geringsten zu vermindern, und wenn die Familie endlich von Brüssel, wo sie anfänglich lebte, hieher in die Heimath der Gräfin Hartenstein zog und einfach auf dem Lande blieb, anstatt in der Residenzstadt ein großes Haus zu machen, so lag das nur daran, weil sich bei dem Freiherrn eine Augenkrankheit zu entwickeln begann, welche ihm unbedingte Schonung und Ruhe gebot. Leider waren auch diese nicht im Stande gewesen, den grauen Staar zurückzuhalten, der sich auf seinem rechten Auge gebildet hatte und allerdings später durch eine geschickte Operation beseitigt wurde, nicht aber ohne dem kranken Auge eine große Schwäche zu hinterlassen. So offen und rückhaltslos sich Herr von Rivola über alle Angelegenheiten gegen seine Frau, die er nicht nur innig liebte, sondern auch hoch verehrte, aussprach, so war dies doch nicht der Fall in Betreff seiner Einnahmen und seines Vermögens. Er vermied es, darüber zu reden, und wenn seine Frau in früheren Jahren zuweilen versucht hatte, ihn zu einer ausführlichen Mittheilung zu drängen, so war er, statt sich zu einer solchen herbeizulassen, immer sehr leicht darüber hinweggegangen, indem er vielleicht gesagt: »Es ist mir unmöglich, dir genau anzugeben, wie und wo ich meine Kapitalien angelegt – genug, sie existiren, wie du an der reichen und dabei soliden Art unseres Lebens siehst. Ich habe mein Vermögen durch Unternehmungen und Spekulationen erworben, und in solchen cursirt auch heute noch ein großer Theil desselben.« Wenn Frau von Rivola, als die Familie hieher und auf's Land zog, auch den Glauben der Welt zu theilen schien, es geschähe dies nur zur Schonung der Augen ihres Gemahls, so fand sich doch auch häufig, und zwar zu ihrem eigenen Erschrecken, in ihrem Herzen ein kleiner Widerspruch mit dieser Ansicht. Man hatte nämlich bei ihrem Wegzuge von Brüssel die ganze reiche, fast fürstliche Einrichtung ihres großen Hotels verkauft, die Dienerschaft, mit einer einzigen Ausnahme des alten Kammerdieners Frederic, entlassen, die kostbaren Equipagen und Pferde veräußert und war hier auf's Land gezogen, wo man, gegenüber von damals, in einfach bescheidenen Verhältnissen lebte. »Wozu wieder den alten Train beginnen?« hatte der Freiherr manchmal achselzuckend gesagt. »Welche Gründe könnten uns dazu nöthigen? Ich habe das Getreibe der großen Stadt so satt als möglich, und auch du hast mir häufig versichert, daß du dich nach Ruhe sehnst. Lucy ist acht Jahre alt« – so hatte er damals gesagt – »ihre beginnende Erziehung bedarf aller Sorgfalt des Vaters und der Mutter; ist sie einmal groß genug, um in die Welt zu treten, so wird es gerechtfertigt sein, unser Haus auf einen anderen, glänzenden Fuß zu setzen.« Dieser Zeitpunkt war gekommen, und wir haben schon vorhin erwähnt, daß Frau von Rivola einem Gespräche, wie das eben gehaltene, mit Spannung, fast mit Angst entgegen gesehen hatte. Glaubte sie doch zuweilen Entdeckungen gemacht zu haben, welche ihr den Beweis gaben, daß die Einfachheit ihres jetzigen Hauswesens doch etwas tiefere Ursachen hatte, als eine bloße Laune ihres Mannes, als ein Bedürfniß nach Ruhe und Zurückgezogenheit. Jetzt fühlte sich ihr Herz erleichtert, und sie konnte sich nicht enthalten, ihrem Manne mit dem Ausdrucke innigsten Dankes und mit deutlicher, sichtbarer Freude ihre beiden Hände entgegen zu strecken. »Ja, du bist ein lieber, lieber Papa!« jubelte Lucy. »Und noch Eines mußt du mir versprechen: daß ich dich in meiner Pony-Equipage, sobald ich solche habe, zuerst ausführen darf! Aber jetzt haben wir erschrecklich viel zu thun, nicht wahr, liebe Mama? Ich werde noch heute an Madame Pauline schreiben, daß wir sie morgen zwischen Eilf und Zwölf besuchen und daß sie sich um diese Zeit mit ihrem ganzen Magazine zu unserer Verfügung zu stellen hat.« »Gewiß, mein Kind, thue das,« sagte ihr Vater, und Frau von Rivola erhob sich lächelnd von dem Frühstückstische und bemerkte, indem sie ihre Hand auf Lucy's Haupt legte: »Wenn wir es auch nicht so arg machen wollen, wie du es in deinem kleinen Köpfchen denkst, so haben wir doch Manches nachzusehen und zu ordnen, um zu dem ersten Hofballe, der gewiß Anfangs der nächsten Woche stattfindet, bereit zu sein; deßhalb entschuldige uns, mein lieber Albert, wichtiger Geschäfte halber.« »Ja, wichtiger Geschäfte halber, mein lieber, guter Papa – oh, ich kann dir nicht sagen, wie glücklich du mich gemacht hast!« Damit wandte sich Lucy gegen ihn, schlang ihre beiden Hände um seinen Hals und küßte ihn wiederholt auf's herzlichste. Mutter und Tochter hatten das Zimmer verlassen, und Herr von Rivola stand noch immer auf derselben Stelle, wo er zuletzt mit diesen beiden geliebten Wesen gesprochen, hinter dem Stuhle, auf welchem Lucy gesessen. Warum blieb er dort noch stehen? Warum faßte er mit seinen beiden Händen krampfhaft die Lehne desselben? Warum erstarrte auf seinen Zügen so plötzlich das freundliche Lächeln, als die Thür sich hinter Beiden geschlossen? Warum biß er die Lippen aufeinander und ließ sein Haupt auf die Brust niedersinken, wobei seine Züge von gewaltigem Schmerze durchwühlt waren? – Warum? – Wir werden das erfahren, wenn wir Herrn von Rivola in sein Schreibzimmer folgen, wohin er sich mit wankenden Schritten begab. Achtes Kapitel. Herr von Rivola verschloß die Thür hinter sich, dann ging er langsamen Schrittes zu dem einzigen Fenster des Schreibzimmers, ließ dort den weißen Vorhang herab, obgleich ihm das Sonnenlicht auf dieser nördlichen Seite des Hauses durchaus nicht weh that; dann ließ er sich auf dem Stuhle vor dem Schreibtische nieder, wo er in sich zusammensank, die gefalteten Hände auf den Knieen. Es verging eine geraume Zeit, daß er so in tiefem Nachsinnen, in finsterem Brüten vor sich hinschaute. Zuweilen entrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust, zuweilen murmelte er ein paar Worte vor sich hin, welche wie eine Frage klangen, die er sich gleich darauf selbst beantwortete. Zuerst waren diese Fragen ziemlich lange gewesen, die Antworten kurz, häufig aus dem einzigen Worte Nein oder Nimmermehr bestehend; dann aber trat das umgekehrte Verhältniß ein, die Fragen wurden kürzer, die Antworten länger, und zuletzt verwandelten sich diese Worte in halblaut gesprochene Reflexionen. »Und was bleibt mir anders übrig, als es zu thun?« sprach er mit dumpfer Stimme. »O, ich wäre nicht zu feig, mir das Leben zu nehmen, aber ich habe nicht den Muth, die thränenden Augen, den Jammer meiner unglücklichen Elisabeth, meiner armen Lucy mit anzusehen! Nur für sie thue ich, was ich thun muß – Gott weiß es und wird es in meine Rechnung tragen, welch' unsäglich wilden Kampf ich Jahre lang gekämpft, welche Verzweiflung ich so oft, so lange verbergen mußte unter dem Schein froher Laune; wie ich behaglich, gleichgültig erscheinen mußte, in ungetrübter Stimmung, während meine Hände vor tiefem Schmerze krampfhaft zusammenzuckten, während meine Brust vor Schmerz zerspringen wollte. »Und doch muß es sein – greift doch der Ertrinkende nach einem Strohhalme, nach einer rettenden Hand, wenn er sich auch vielleicht schaudernd sagen muß, diese Hand sei zu schwach, um ihn zu retten, er werde seinen Retter mit sich in den kalten Tod ziehen – es ist doch eine Hoffnung, ein Aufschub, während dessen mir eine wirkliche Rettung erscheinen könnte!« Hierauf fuhr er sich mit der Hand hastig durch sein graues, immer noch dichtes Haar und legte seine blaue Brille ab, als hinderte ihn diese bei der genauen Durchsicht eines großen Buches, das er aus einem sorgfältig verschlossenen Gemache nun hervorholte. Langsam schlug er Blatt um Blatt herum und nahm zuweilen die Bleifeder, um hier und da die Grundsumme einer Zahlenreihe nachzurechnen – immer vergebens, wie man wohl an seinem traurigen Kopfschütteln hätte bemerken können. »Hier nichts und dort nichts!« seufzte er. »Es ist mein Rechnungsauszug von der königlichen Bank klar und deutlich abgeschlossen, und wenn mir die Herren von der Verwaltung in ihrem Schreiben auch mit den höflichsten Worten gesagt, die Überreichung dieses Rechnungsauszuges mit einem Saldo zu Gunsten der königlichen Bank geschähe nur, weil vierteljährige Abrechnung in ihrem Dienstreglement liege, so darf ich doch nicht wagen, meinen Credit dort höher anzuspannen.« Dann schloß er den kleinen Kassenbehälter auf, welcher sich unten in seinem Schreibtische befand, und betrachtete mit trüber Miene den mageren Inhalt derselben, ein paar Dutzend Goldstücke, einige Banknoten von keinem großen Betrage, einige sehr dünne Geldrollen, und wieder richtete er den Blick auf das große Buch, und zwar auf die letztbeschriebene Seite desselben, wo eine Forderung von 1000 Gulden verzeichnet stand, welche er an die Eisenbahnverwaltung für das abgetretene Stückchen Wald gestellt hatte, die aber für gut gefunden, darüber zu prozessiren. »Und wenn ich auch – handeln wollte, wenn ich auch thun muß, was ich nicht mehr lassen kann, so darf ich es doch nicht eher thun, als bis mir diese elende Summe ausbezahlt worden ist. Gestern sprach mein Advokat davon, daß die Entscheidung, und zwar eine Entscheidung zu meinen Gunsten, in den nächsten Tagen kommen müsse – in den nächsten Tagen, das ginge allenfalls noch an, wenn nicht wieder Wochen und Monate dazwischen lägen – Geld, baares Geld muß ich mir verschaffen, koste es, was es wolle!« Die Schlüssel in seiner Hand zitterten, als er nun ein anderes Schubladenfach ganz herauszog, um ein dahinter befindliches, sehr sorgfältig gearbeitetes Schloß zu öffnen, welches sich so tief im Hintergrunde des Schreibtisches befand, daß er sich auf den Boden niederkauern mußte, um dasselbe zu erreichen, worauf er sich wieder erhob, an einem der Knöpfe drehte, die sich vorn im Tische befanden, und nun erst im Stande war, eine kleine Kassette von Eisen aus jenem verborgenen Raume hervorzuziehen. Er öffnete diese Kassette, und in derselben lag eine rothe Mappe; auf dieser sah man ein Paar Schmucketuis von violettem Sammt, welche Herr von Rivola zu sich nahm und alsdann hastig mit einem scheuen Blicke auf die rothe Mappe den Deckel der Kassette wieder zudrückte. Durch einen Druck an der betreffenden Stelle ließ er von diesen beiden Etuis die Deckel aufspringen, und in jedem zeigten sich Stücke eines Schmuckes in alter Fassung, aber mit sehr schönen Brillanten. Er betrachtete einen Augenblick die funkelnden Steine, dann rückte er die Deckel wieder zu, legte die Etuis auf die Seite, zog dann mit einer düsteren Miene die eiserne Kassette zu sich und nahm nach sichtbarem Widerstreben die rothe Mappe heraus. Es war wohl dieselbe, von welcher der Bediente heute Morgen erzählte, daß er sie gesehen habe; denn als Herr von Rivola auch hier das künstliche Schloß geöffnet und den Deckel aufgeworfen hatte, sah man in der Mappe, auf's pünktlichste geordnet, mit Papierstreifen versehen, mehrere sehr schwere Pakete von Banknoten, und von Banknoten keines kleinen Betrages. Es waren Fünfhunderter und Tausender, wenn auch kein ungeheures Vermögen, wie es Jakob geschätzt, so doch immerhin ein sehr bedeutendes Kapital. Es war, als müßte sich der alte Mann erst langsam wieder an den Anblick dieses Reichthums gewöhnen, denn es dauerte eine Zeit lang, ehe sich etwas Scheues, Unruhiges in seinen Blicken verloren hatte, ehe er mit festem Auge, allerdings unter den düster zusammengezogenen Brauen, seinen sorgfältig verwahrten Schatz betrachtete, und auch dann währte es wieder ein paar Minuten, ehe er sich, wie es schien, entschließen konnte, die Banknoten mit den Händen zu berühren; ja, ehe er hierauf ein Paket herausnahm, erhob er sich vorher, um zu sehen, ob sich auch Niemand in der anstoßenden Bibliothek befände, ob der Vorhang an seinem Fenster sorgfältig herabgelassen war und ob der Schlüssel im Schlosse der Thür, welche in den Salon führte, so gestellt sei, daß Niemand durchsehen könne. Dann erst nahm er ein Paket der Fünfhunderter sowie eines der Tausender, zog aus jedem fünf bis sechs Banknoten heraus, legte diese vor sich hin und betrachtete nun aufmerksam die Zeichnungen auf denselben, indem er nicht nur jedes einzelne Blatt dicht vor sein linkes Auge brachte, sondern er holte alsdann auch noch aus einem kleinen Fache im Schreibtische eine Loupe, mit der er Schrift und Zeichnungen auf's genaueste untersuchte. Es schien ihm schwer zu werden, sich auch nur vom kleinsten Theile seines Schatzes zu trennen, und als hierauf seine Untersuchung zu seiner Zufriedenheit beendigt schien, notirte er sich mit einer Bleifeder nicht nur die einzelnen Nummern, sondern er schrieb auch auf die Rückseite von ein paar der Tausender-Banknoten mit flüchtigem Zuge seinen Namen; dann erst legte er sie sorgfältig in eine Brieftasche und steckte diese in die Brusttasche seines Rockes. Offenbar war Herr von Rivola ein Geizhals von der schlimmsten Art, dem es eine schwere Überwindung kostete, seinen hier aufgestapelten Mammon anzugreifen, und der erst im Stande war, sich ein wenig zu erheitern, nachdem er diesen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Ja, nachdem er die Banknoten in seine Brusttasche gelegt, klärte sich seine Miene ein wenig auf, und wenn seine Augenbrauen auch immer noch finster zusammengezogen blieben, so erschien doch jetzt wieder um seine bisher schlaffen Lippen jener Zug von Trotz und Energie, den man so häufig an ihm bemerkte. Er hatte jetzt den Kopf in beide Hände gestützt, saß in gebeugter Stellung über der geöffneten Kassette und blickte nun mit einem eigenthümlichen Ausdrucke von Wohlbehagen, ja, mit einer Art wilder Freude auf seinen Schatz, und es war, als koste es ihn jetzt Überwindung, seine Augen davon abzuwenden und den Deckel der Kassette wieder zu schließen. Dann aber fuhr er plötzlich mit einem Ausdrucke jähen Schreckens aus der Behaglichkeit, in die er versunken schien, und zwar aufgescheucht durch den hellen Ton von Lucy's Stimme, die, an der Thür des Schreibzimmers stehend, die Frage that, ob Papa vielleicht Aufträge nach der Stadt habe, denn Mama und sie seien bereit und fertig, um dorthin zu fahren. War der alte Mann doch in diesem Augenblicke anzuschauen, als habe er so eben einen wüsten, schweren Traum durchgekämpft! Er starrte vor sich hin, drückte dann seine beiden Hände an die pochenden Schläfe, und man hätte deutlich sehen können, welch' furchtbare Anstrengung es ihn kostete, die Frage seines Kindes mit einem natürlichen, ungezwungenen Tone zu beantworten, nachdem er vorher einen scheuen Blick gegen die Stubenthür geworfen. »Ach, ihr fahret nach der Stadt!« »Ja, Papa, im Schlitten – wie ich mich darauf freue! Hast du nichts zu besorgen?« »Ich danke dir, mein Kind.« »Soll ich hereinkommen und dir einen Kuß geben?« »Wenn du zurückkommst, will ich ihn doppelt haben, mein liebes Herz; ich habe Wichtiges zu schreiben, und möchte nicht gern gestört sein.« »Ich habe mir's gedacht, Papa; Mama auch. Sie läßt dich freundlich grüßen, und mit den Einkäufen wollen wir es so gnädig wie möglich machen – Adieu, Papa!« »Adieu, mein Kind!« Damit hörte man, wie sich ihr leichter Tritt von der Thür entfernte, und kurze Zeit darauf vernahm man das Klingeln eines Schlittens, der sich vom Stalle aus der Hausthür näherte. Herr von Rivola hatte indessen mit derselben ängstlichen Hast die Kassette wieder verborgen und verschlossen, und öffnete nun rasch das Fenster, um seiner Frau und Tochter, welche eben davonfuhren, noch mit der Hand nachzuwinken. Frau von Rivola sah heiter und vergnügt aus, und die überglückliche Lucy warf, sich umwendend, ihrem Vater Kußhände zu. Eine halbe Stunde nach ihnen verließ auch der Freiherr das Landhaus, und zwar zu Fuße. Es that ihm wohl, sich in der frischen Winterluft eine Bewegung zu machen. Er ging ebenfalls nach der Stadt, aber auf einem weit kürzeren Fußwege, auf welchem er fast eben so rasch dorthin gelangte, als der Schlitten auf der Landstraße, welche, vom Terrain gezwungen, große Umwege machte. Trotzdem er sehr langsam dahinschritt, so war er doch so sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er sich bereits nach sehr kurzer Zeit, wie ihm däuchte, plötzlich in dem Gewühle der Wagen und Menschen befand, welches schon eine gute Strecke vor dem Thore die Nähe der Residenz anzeigte. Hier folgte er eine Zeit lang der belebten Straße, die, langsam aufsteigend, zum Schloßplatze in der königlichen Residenz führte; dann bog er in eine Seitengasse und erreichte nach kurzer Zeit die niedrig gelegenen Stadtviertel, den Marktplatz und das Rathhaus. Von da wandte er sich durch ein wahres Labyrinth von Gäßchen und kam bald an einen Knotenpunkt derselben, dessen viele Ecken auf einer Seite in einen runden Thurm von massivem, dunklem Mauerwerke ausliefen. Neben demselben befand sich ein kleines Haus, welches mit diesem Thurme förmlich verwachsen zu sein schien. Von außen hatte derselbe durchaus nichts Bemerkenswerthes; seine schmalen, unregelmäßig angebrachten Fenster waren mit schweren Eisengittern versehen, und wenn man sich die Mühe gab, um den Blick durch die erblindeten Fensterscheiben dringen zu lassen, so bemerkte man, daß alle weitere Einsicht in das Innere durch eiserne Laden verwehrt war. Nirgends gewahrte man außen ein Thor oder einen sonstigen Eingang, auch keine Verzierung irgend welcher Art; doch war das alte Gemäuer scheinbar gut erhalten bis auf die Zinne, welche ehemals den oberen Rand gekrönt hatte. Diese war unter dem Dache des anstoßenden, bei Weitem jüngeren Hauses, welches Dach sich schützend über den alten Thurm ausbreitete, verborgen und nur noch in ihren unteren Theilen sichtbar. Herr von Rivola zog die Klingel an dem Hause, worauf die Thür von einem alten Manne geöffnet wurde, welcher den Ankommenden mit allen Zeichen der Ehrerbietung in ein Stübchen zu ebener Erde führte. Die Einrichtung des Stübchens war einfach, ohne ärmlich zu sein; ein großer Lehnstuhl neben dem Ofen, weiße Vorhänge an den Fenstern und einige Kupferstiche an den Wänden zeugten sogar von Wohlhabenheit. Der alte Mann schien in einem Buche gelesen zu haben, welches noch aufgeschlagen auf einem Tischchen neben denn Lehnsessel lag. Indessen setzte sich Herr von Rivola, während der alte Mann, ein kleines Sammtmützchen in der Hand haltend, vor ihm stehen blieb. »Was gibt es Neues, Friedrich? Was macht die Frau? Hat mein Advokat weiter nichts für mich geschickt?« Der alte Mann hatte ein offenes Gesicht, aber mit harten, durchgearbeiteten Zügen, und wenn wir nicht bereits wüßten, daß er während langer Jahre der Kammerdiener des Freiherrn gewesen war, so würden wir diesem Gesichtsausdrucke nach, auch wegen der ganzen Haltung dieser nicht großen aber derbknochigen Gestalt, besonders aber in Betracht seiner großen, rauhen Hände viel eher geglaubt haben, einen Handwerker, einen Schmied oder Schlosser vor uns zu sehen. Dabei hatte er dichte, buschige Augenbrauen, unter welchen hervor seine grauen Augen mit einem Feuer leuchteten, welches nicht gut in Einklang zu bringen war mit den sonstigen Spuren hohen Alters. »Das Beste werde ich zuerst beantworten,« erwiederte er in einem tiefen, etwas rauhen Tone. »Der Advokat war heute Morgen da und zeigte mir händereibend an, daß der Prozeß zu Ihren Gunsten entschieden sei, oder, daß ich es besser sage, die Eisenbahnverwaltung habe sich beim letzten Termine gar nicht mehr vertreten lassen, ihm, dem Advokaten, vielmehr die verlangte Summe von 6000 Gulden eingehändigt. Sie können dieselbe erheben, sobald es Ihnen beliebt.« Herr von Rivola that einen erleichternden Athemzug. »Sonst gibt es nichts Neues, gnädiger Herr. Mit der Frau ist es die alte, traurige Geschichte; sie verläßt ihr Bett nicht mehr, ist dankbar für alles, was man ihr thut, und daß ich mein Möglichstes für ihre Pflege leiste, wissen Sie.« »Gewiß, Friedrich auch darin bist du, wie in allen Dingen, zuverläßig und treu wie Gold.« »Warum sollte ich es auch nicht sein – Untreue schlägt ihren eigenen Herrn, und wer einen Herrn hat, wie Sie es mir stets gewesen sind, der müßte ein durchaus schlechter Kerl sein, wenn er nicht, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, treu wie Gold wäre und anhänglich wie ein guter Hund, wenn ich mich so ausdrücken darf. Noch reden wir darüber nicht weiter, gnädiger Herr; das ist meine Schuldigkeit und gar kein Verdienst.« Herr von Rivola blickte sinnend vor sich nieder, nachdem er vorher seinem alten Diener, mehrmals mit dem Kopfe nickend, voll in's Gesicht geschaut; dann versank er in ein längeres Stillschweigen, welches sich in einem tiefen und schmerzlichen Seufzer auflöste. »Friedrich, die Zeiten sind schlecht!« »Ich weiß es, gnädiger Herr, ich kann es mir wenigstens denken.« »Das Glück will mir nicht mehr so wohl, wie in früheren Zeiten; ich habe mich vergebens bemüht, irgend etwas zu verdienen, irgend ein neues und schönes Unternehmen in's Leben zu rufen, es ist mir nicht gelungen – ich habe spekulirt und viel dabei verloren.« »Ich erfuhr das,« sagte der alte Diener in ruhigem Tone. »Von wem?« fragte hastig Herr von Rivola. »Von dem alten Nikolas aus Lüttich, der mir zuweilen schreibt – es ist das eine treue Haut und hängt noch mit ganzer Seele an Ihnen.« »Ja, er kann darum wissen – ich verwandte große Summen, ich muß gestehen, die letzte, welche ich zu verwenden hatte, auf eine neue englische Erfindung, die allerdings erst in ihrer Kindheit ist, die aber ein Riese werden muß, die, wenn sie gelingt, Millionen einträgt.« »So schrieb auch Nikolas, er hatte auch darein, wie in alles, was Sie unternehmen, großes Vertrauen; aber die Herren lachten darüber, sie verlaborirten die Summen, welche Sie, gnädiger Herr, ihnen zugewiesen, und sagten dann achselzuckend: ›Es geht nicht!‹« »Ich weiß, ich weiß,« antwortete Herr von Rivola mit einem traurigen Blicke, »war ich doch, wie du weißt, im vergangenen Jahre Monate lang auf dem Eisenwerke und fühlte es wohl, daß ich weniger mit dem spröden Metalle, als mit dem unbeugsamen Widerspruchsgeiste der Betreffenden zu kämpfen hatte; die kleinen Proben gelangen, aber wenn wir etwas Größeres gießen wollten, so war es eben immer kein Gußstahl, der aus den Tiegeln kam, sondern ganz gewöhnliches, hartes, unelastisches Eisen – und doch sage ich dir, Friedrich, man wird dahin können, die größten Massen Gußstahl herzustellen, und von einer Zähigkeit, um sie in Geschützen schwersten Kalibers zu verwenden – ich werde das allerdings wohl nicht mehr erleben, oder wenn ich es erlebe, so werde ich sehen müssen, daß es Andere zu reichen Leuten macht, während ich mein letztes Geld daran verloren.« »Ihr letztes Geld, Herr Baron? Das wäre ja entsetzlich!« »Es ist entsetzlich, und ich stehe vor einem Abgrunde, dessen furchtbare Tiefe du allein zu ermessen im Stande bist!« »Ja, ja, ich verstehe Sie,« versetzte der alte Diener nach einer langen Pause, während welcher er langsam mit der umgekehrten Hand sich zu wiederholten Malen über seine Stirn und seine Augenbrauen gewischt. »Es kann uns doch Niemand hier hören?« »O nein – die arme, alte Frau liegt im dritten Zimmer, sie schläft, und das kleine Mädchen, welches für unsere Bedürfnisse sorgt, habe ich auf den Markt geschickt.« »Die Dampfschifffahrts-Gesellschaft, welche ich in's Leben rief,« fuhr der alte Freiherr in einem traurigen Tone fort, »mußte ebenfalls liquidiren, und nur dadurch, daß ich all den Summen, die ich hinein gesteckt, freiwillig entsagte, war es möglich, daß die übrigen Aktionäre ohne größeren Schaden davonkamen – auch da wird ein Anderer ernten, was ich gesäet.« »Wie es schon bei den Wasch- und Badehäusern geschehen; dieses Unternehmen mußten Sie ebenfalls mit großem Schaden abwickeln, und nun trägt es seine zwanzig Procent.« Herr von Rivola schaute seinen ehemaligen Diener mit einem traurigen Lächeln an, ehe er kopfnickend sagte: »Und so sind alle diese reellen, gut durchdachten, soliden Unternehmungen für mich zu Grunde gegangen, und wenn ich nicht selbst mit untergehen will, so muß ich mich dem Einzigen wieder zuwenden, von dem ich mich schon damals mit Schaudern abgewandt.« Über die harten Züge des Anderen zuckte es auf eine eigenthümlich schmerzliche Art; dann blinzelte er mit den Augen und preßte seine dünnen Lippen fest aufeinander. Herr von Rivola hatte sich rasch erhoben und einen Gang durch das kleine Zimmer gemacht; dann blieb er vor seinem alten Diener stehen, stützte seinen Kopf an dessen Schulter und sagte: »Es ist ja nicht für mich, gewiß nicht für mich – nur für meine Frau und für meine arme Lucy! O, könnte ich mein Haus verlassen, in meinem Innern ungekränkt, ohne mein Gewissen auf's Neue zu belasten; lieber möchte ich an der Schwelle den Staub von meinen Füßen schütteln, keinen Blick mehr rückwärts werfen und noch einmal anfangen, wie wir damals begonnen, ich mit der Feder, du mit Hammer und Feile in der Hand, um so im ehrlichen Gewerbe ein, wenn auch kärgliches Brod zu verdienen, ehrlich, unbescholten!« »Das ist nun leider vorbei,« erwiederte Friedrich in einem eigenthümlich rauhen Tone, »wir können nicht wieder anfangen, wie damals, auch meine Knochen sind alt geworden, und es thäte mir leid um die arme, alte Frau da drinnen, wenn ich sie für die letzten Wochen ihres Lebens, fürchte ich, wieder mit hinauszerren müßte in das rauhe Leben, und wenn auch – und wenn wir auch mit unserer Hände Arbeit ein mageres Brod verdienen könnten, – die Erinnerung an das, was geschehen, würde uns bleiben; man kann sein Gewissen nicht reinigen wie ein Stück Eisen von Rost und Schlacken.« »Und doch hatte ich gedacht, das zu können,« entgegnete eifrig Herr von Rivola, »und hatte auch dazu gethan, was in meiner Macht lag; du weißt es ganz genau, welche Summen ich damals, als meine Unternehmungen glänzenden Ertrag abwarfen, dazu verwandte, um – die Zeugen unserer Thätigkeit wieder in meine Hände zu bekommen.« »Ja, ja, ich weiß das.« »Gestehen darf ich dir wohl, daß ich mit einer gewissen Beruhigung, ja, mit Stolz die zerknitterten Blätter betrachtete, wenn sie sich nach und nach zu ansehnlichen Haufen in meiner rothen Mappe wieder ansammelten. Es hatte das mein Gewissen sehr erleichtert. Kam es mir doch vor wie eine allerdings leichtsinnige Anleihe, die ich gemacht und die vollkommen solid geworden war, nachdem ich sie zurückbezahlt; war es doch am Ende nichts Anderes, als ein allerdings unerlaubtes und gefährliches Wechselgeschäft, welches ich trieb mit einem reichen Geschäftshause, dem der Verlust einer Million im schlimmen Falle keinen großen Schaden machen würde.« »Und warum wollen Sie die gleiche Sache nicht heute wieder gerade so ansehen?« »Weil ich alt geworden bin, Friedrich, weil ich nicht mehr, wie damals, lange Jahre vor mir habe und die volle Kraft des Mannes in körperlicher und geistiger Beziehung, um meine Vergehen wieder gut zu machen – mein Geist hat seine Elasticität verloren, wie meine Augen die Schärfe der Sehkraft. Heute Morgen, als ich mit der Loupe diese haarscharf sich durcheinander kreuzenden Linien betrachtete, verdunkelte das Wasser sogleich meine Blicke; das hat mich sehr traurig gemacht.« »Wozu ich keinen Grund einsehe, sagte der Andere kopfschüttelnd, denn Sie hatten doch gewiß nicht die Absicht, eine so mühsame und gefährliche Arbeit wieder zu beginnen.« Herr von Rivola blieb hierauf die Antwort ein paar Minuten lang schuldig, während welcher er gegen das Fenster gewandt stand, die Hände auf den Rücken gelegt. »Und doch,« sagte er, sich rasch gegen Friedrich umwendend, »wäre es mir eine Erleichterung meines Gewissens gewesen, wenn ich erst wieder durch unsäglich mühevolle, angestrengte Arbeit zu jenem Ziele gelangt wäre; ich hätte gewissermaßen Leib und Leben eingesetzt, statt daß ich jetzt die Frucht des Verbrechens ernten kann, ohne Arbeit, ohne Mühe, indem ich faul die Hände in den Schooß lege.« »Denken Sie an jene Zeit, gnädiger Herr – denken Sie an jene schreckliche Zeit, wo Sie nach tage- und nächtelanger Arbeit vor Ihrem Tische zusammensanken, unvermögend, dem Schlafe zu widerstehen, und doch wieder zu aufgeregt, um sich demselben hingeben zu können – denken Sie, wenn ich Sie zuweilen gefunden, einen Schweißtropfen an jedem Haare, körperlich und geistig aufgerieben – o, das war eine gräßliche Zeit, und wenn ich mir alles das vergegenwärtige, so würde ich mir durchaus kein Gewissen daraus machen, heute einmal diese Frucht ohne Mühe zu pflücken!« Der alte Freiherr hatte sich langsam in seinen Lehnsessel niedergelassen und saß nun da, nachdenklich den Kopf auf die Brust gesenkt. Dann sagte er nach einer längeren Pause: »Und doch bedauere ich es, daß mein Auge stumpf geworden ist, daß meine Hand zittert; auf dem Wege hieher – ich kam nämlich zu Fuße – ist mir eine äußerst glückliche Idee gekommen, eine Manipulation zu noch größerer Sicherheit gegen jede Entdeckung.« »Sollte das nöthig sein – sollte Ihnen eine Sorge kommen, nachdem unsere Arbeit jahrelang durch die Welt gelaufen, ohne je beanstandet worden zu sein – gewiß vielfältig untersucht und geprüft, um eben so gültig wie ihre echten Brüder weiter zu wandern? Ah,« fuhr Friedrich lächelnd fort, »was eine Entdeckung anbelangt, wie man sie gewöhnlich fürchtet, darüber können Sie ganz ruhig sein!« »Kunst und Wissenschaft, auch in diesem Zweige, sind seit jener Zeit bedeutend fortgeschritten; wenn auch gerade keine neuen Platten hergestellt wurden, so ist es doch möglich, daß den vorhandenen irgend eine kleine, bedeutende Änderung angefügt wurde, die wir nicht kennen, und daß, wenn nun plötzlich eine größere Menge erschien ohne jene Änderung, man aufmerksam werden würde, sorgfältig nachforschen und – o, laß mich meinen Gedanken nicht weiter aussprechen, Friedrich!« »Das sind nur Muthmaßungen, gnädiger Herr,« versetzte der alte Diener in ruhigem Tone, »Befürchtungen, wie Sie sie öfter hatten, die sich aber stets grundlos erwiesen; nein, nein, ich glaube nicht, daß sich irgend etwas geändert habe. Sie sind von Ihrer kunstvollen Arbeit zu überzeugt; ich machte mir früher häufig und auch jetzt noch zuweilen das Vergnügen, in meinen müßigen Stunden, deren ich ja so viele habe, eines jener echten Papiere mit einem anderen vermittelst der schärfsten Loupe zu untersuchen – und was meine Augen anbelangt, darin leistete ich was damals –, nun war es mir aber niemals möglich, auch nur einen Unterschied zu entdecken von der Größe einer Haarspitze. Wie gesagt, darin können wir ganz sicher sein.« »Ja, wenn die Zahlen nicht wären,« sprach Herr von Rivola mehr zu sich selber, als zu dem Anderen. »Wenn ich vorhin von Abweichungen sprach, so meine ich solche, die wir selbst nicht schon längst erkannt haben.« »Darum handelt es sich eben,« sagte Herr von Rivola eifrig, »und gerade auf jener Abweichung beruht die Manipulation, von der ich vorhin sprach.« »Sie ist so unbedeutend, daß sie von Anderen nie entdeckt wurde; sie befindet sich in der linken Ecke der Tausender, dort, wo die Arabeske in Schneckenform endigt.« »So ist es, das haarscharfe Ende jener Verzierung läuft bei den echten genau parallel mit dem letzten Ringe, bei den unseren aber biegt es sich um eine Idee nach einwärts, ist auch vielleicht eine halbe Linie länger. Sobald nun durch die Ausgabe neuer Papiere irgend ein Verdacht rege werden könnte, wird man diese auf's genaueste untersuchen und dann vielleicht auf jene noch unmerklichere Abweichung in den Wasserzeichen kommen – eine Abweichung, die allerdings so unbedeutend ist, daß ich vor Jahren schon den Direktor der königlichen Bank eines Tages darauf aufmerksam machte, welcher aber so gütig war, mich vollkommen zu beruhigen; trotzdem aber wäre es möglich, daß man bei einer schärferen Untersuchung auch jene zu lange und zu eingebogene Arabeske entdeckte, und diese nun den echten Papieren, so viele ich derselben durch Umtausch hier und dort in meine Hände bekommen kann, ebenfalls anzufügen, ist eine Vorsichtsmaßregel, welche du gewiß nicht verwerfen wirst.« »Gewiß nicht, aber dieses Anfügen hat seine Schwierigkeit, ohne dadurch gerade die Blicke auf diesen Punkt hinzulenken.« »Mit der Feder könnte es nicht geschehen, nein, es dürfte nur auf mechanischem Wege mit einem Stempel hergestellt werden, in welchem die verlängerte und eingebogene Arabeskenspitze auf's genaueste geschnitten ist, und das zu thun, bin ich mit meinem Auge nicht mehr im Stande; auch ist meine Hand nicht mehr sicher genug, um zu einer so haarscharfen Linie den Grabstichel zu führen.« »Was das Auge anbelangt, damit könnte ich schon aushelfen,« meinte der alte Diener, »aber hier mit diesen Händen wäre es wohl eine Unmöglichkeit.« Damit betrachtete er seine groben, knochigen Finger. Herr von Rivola hatte sich rasch wieder erhoben und ging mit weit leichterem und sichererem Schritte, als er früher gethan, in dem kleinen Zimmer hin und her. Auch erschien seine Miene jetzt, wo er diese Angelegenheit, die ihn vorhin noch so tief niedergebeugt hatte, nun rein geschäftlich, wir möchten sagen: technisch behandelte, belebt, fast aufgeheitert; die tiefen Furchen seiner Stirn hatten sich zu den gewöhnlichen Falten geglättet und das schmerzliche, fast ängstliche Zucken um seine Mundwinkel hatte jetzt dem energischen Zuge wieder Platz gemacht. »Die Zahlung der Eisenbahnverwaltung, von der du mir vorhin sprachst,« sagte er auf- und abgehend in ruhigem, geschäftsmäßigem Tone, »hilft mir allerdings etwas, aber wenig, nutzt mir dagegen immerhin dadurch, daß ich öffentlich aus der Staatshauptkasse Gelder einzunehmen habe, und ich will schon dafür sorgen, daß man mich in Tausendern und Fünfhundertern ausbezahlt. Hier habe ich auch noch zwei Pretiosen mitgebracht – er holte bei diesen Worten das Etuis aus seiner Tasche hervor –, die ich dir da lassen werde und auf welche du mir bei dem Juwelenhändler in der Schloßstraße, nur nicht beim Hof-Juwelier, wohl verstanden, die Summe von 4000 Gulden aufnehmen sollst – sie sind das Vierfache werth. Dabei brauchst Du gar kein Geheimniß daraus zu machen, daß ich es bin, der sie für ein paar Tage in Versatz gibt; er wird durchaus keine Schwierigkeiten machen, und du läßt dir dafür Tausender geben.« »Das soll alles pünktlich, wie immer, besorgt werden, gnädiger Herr.« »Ich bin davon überzeugt, Friedrich, und du kannst mir glauben,« sagte Herr von Rivola mit einem leichten Seufzer, »daß ich so schonend, wie möglich, mit der Ausgabe jener Papiere sein werde – der Himmel ist mein Zeuge, wie glücklich ich wäre, nicht mehr zu diesen Mitteln meine Zuflucht nehmen zu müssen, aber ich kann nicht anders, ich habe Schulden, die mich drücken, ich habe sehr große Ausgaben vor mir, denen ich nicht entgehen kann.« Während Herr von Rivola so sprach, war er in die Nähe des Fensters gekommen und fragte nun plötzlich, hinausblickend: »Ah, wen haben wir da an der Hausthür?« Neuntes Kapitel. Der alte Diener war neben Herrn von Rivola getreten und sagte über die Achseln desselben schauend: »So viel ich mich erinnere, kennen Sie diesen jungen Herrn, den Sohn des Stadtschultheißen.« »Allerdings kenne ich ihn, nur wundere ich mich darüber, ihn hier, an deiner Hausthür, zu sehen; du siehst, er ist im Begriffe, die Klingel zu ziehen.« »Und wird das auch thun, gnädiger Herr, doch gilt dieser Besuch nicht mir; Sie werden sich erinnern, daß wir Miethsleute haben.« »Ach ja, ich vergaß, danach zu fragen, du erzähltest mir von einer Madame Mayer, die, sehr bescheiden auftretend, mit ihrer hübschen Tochter eingezogen sei, welche du für sehr stille Leute gehalten, die aber – ach, jetzt verstehe ich auch, wem der Besuch des Herrn Ferdinand gilt!« »Allerdings der Mayer, aber nicht der hübschen Tochter wegen. Unsere Mietherin,« fuhr Friedrich fort, nachdem ihn Herr von Rivola forschend angeblickt, »hat ein kleines, stilles Nebengeschäft, das mir unbehaglich ist; sie leiht auf Pfänder her und gibt auch den Söhnen reicher Eltern Geld auf Wechselunterschrift, weßhalb ich derselben auch mit Ihrer Genehmigung wieder kündigen werde.« »Eine solche Mietherin ist allerdings nicht angenehm.« Unterdessen hatte Herr Ferdinand – denn er war es wirklich – an dem Hause angeläutet, worauf die Thür von oben durch einen Zug geöffnet wurde. Der Eintretende warf sie ziemlich stark in's Schloß zurück und ging dann mit lauten Schritten durch den Corridor die Treppe hinauf. »Er ist häufig hier,« sagte der alte Diener – »es muß ein etwas lockerer junger Herr sein.« Herr von Rivola antwortete auf diese Bemerkung nichts, sondern schien in tiefes Nachdenken versunken zu sein; er hatte seinen rechten Arm gegen das Fenster gedrückt und seinen Kopf darauf gelegt. Endlich, nach längerem Stillschweigen, wandte er sich mit der Frage an Friedrich: »Er kommt also häufig hieher?« »Gewiß; ich kann wohl sagen, daß er einer der besten Kunden der Madame Mayer ist.« »Vortrefflich,« murmelte Herr von Rivola – »das ist eine gute Idee!« Er schritt ein paar Mal im Zimmer auf und ab; dann sagte er, vor dem alten Diener stehen bleibend: »Dieser junge Herr ist auf der königlichen Bank angestellt – es ist nicht übel, ihn zum Freunde zu haben; mache dir draußen im Gange etwas zu thun, wenn er herunter kommt, so betrachte ihn genau, siehst du an seiner zufriedenen Miene, daß er seinen Zweck erreicht hat, gut, so laß ihn gehen, hat er aber ein unzufriedenes oder enttäuschtes Gesicht, so sage ihm, ich sei hier, habe ihn gesehen und würde mich sehnen, ein paar Worte mit ihm zu plaudern.« Friedrich ging hinaus, und Herr von Rivola setzte sich in den großen Lehnstuhl, brauchte aber nicht lange zu warten, denn schon nach wenigen Minuten hörte man droben eine Thür ziemlich heftig zuschlagen, dann rasche, derbe Schritte, und Herr Ferdinand Welkermann, der seinen Zweck bei Madame Mayer auch nicht im entferntesten erreicht haben mußte, trat kurze Zeit darauf in das Zimmer, dessen Thür ihm Friedrich dienstfertig öffnete. Der junge Mann sah verdrießlich, ja, finster, aber durchaus nicht verlegen aus und begrüßte den Freiherrn auf eine nachlässige, ungezwungene Art, indem er seinen Hut abnahm und darauf dem alten Herrn, der sich ein wenig erhoben hatte, zwei Finger seiner rechten Hand entgegenstreckte. »Sie verzeihen mir, Herr Welkermann, daß ich mir erlaubte, Sie durch den Bedienten auf meine Anwesenheit hier aufmerksam zu machen, ich dachte mir aber, man läßt gute Freunde nicht so davon gehen, wenn man sich mit ihnen unter Einem Dache befindet; ich sah Sie eintreten und möchte mich gar zu gern nach Ihrem Befinden erkundigen, sowie nach dem Ihren werthen Familie – bitte, sich zu setzen.« Der alte Herr hatte bei diesen Worten einen Stuhl herbeigezogen und bot dem Anderen seinen Lehnstuhl an, auf dem auch Ferdinand ohne Weiteres Platz nahm. »Noch heute Morgen sprachen wir von dem charmanten Balle in Ihrem Hause; es war ganz deliciös, und wir amusirten uns vortrefflich, vor Allem meine Tochter Lucy, wie Sie sich wohl denken können.« Wenn auch Ferdinand durchaus nicht verlegen war, so befand er sich doch augenscheinlich in einer so verdrießlichen, bitteren Stimmung, daß er selbst von dem Restchen Höflichkeit, welches ihm noch geblieben war, hier den allerbescheidensten Gebrauch machte und die freundlichen Worte des alten Herrn mit einem viel oder nichts sagenden Achselzucken beantwortete; allerdings setzte er gleich darauf hinzu, er hoffe, Frau von Rivola und Fräulein Lucy befänden sich wohl, doch war das nur so in's Leere hinein gesprochen, und er schien es gar nicht einmal zu bemerken, daß ihm Herr von Rivola hierauf keine direkte Antwort gab, sondern sich mit einem Kopfnicken begnügte und, seinen Stuhl in vertraulicher Weise näher an den Sessel Ferdinand's herziehend, im freundlichsten Tone sagte: »Sie haben es mir doch nicht übel genommen, daß ich Sie bat, zu mir herein zu treten? Ich erkannte Sie, als Sie die Klingel zogen, und Friedrich sagte mir, daß Sie Madame Mayer, der Mietherin dieses meines Hauses, zuweilen Ihren Besuch machten – ah, junger Herr, Madame Mayer hat eine schöne Tochter, kommt man so zufällig hinter Ihre kleinen Geheimnisse?« »Verzeihen Sie mir,« gab Ferdinand mit großer Ruhe zur Antwort, »ich bemühe mich niemals, vor der Welt meine Thorheiten zu verbergen, denn ich habe die gewiß richtige Ansicht, daß man sich selbst ganz allein über das, was man thut, Rechenschaft schuldig ist – verstehen Sie mich recht, Herr Baron – ich spreche das ohne die geringste Anzüglichkeit aus, was ich Ihnen dadurch beweise, indem ich Ihnen sage, daß ich mich um die Schönheit des Fräuleins Mayer noch nicht im geringsten bekümmert, daß ich es leider aber mit der Mutter zu thun habe, welche ein alter, verfluchter Vampyr ist!« »Ah, ich verstehe Sie recht.« »Das ist nicht sehr schwer, Herr von Rivola; ich bin ein junger Mensch, der sein Leben genießt, der sich vergnügt, wie und wo er kann. Ich liebe ein gutes Diner inclusive des besten Weines, ich reite und fahre gern und habe, was vielleicht traurig ist, allzu große Leidenschaft für das Spiel; ich kann nun einmal nicht anders, und, ehrlich gesagt, was wäre das Leben ohne diese kleinen, ärmlichen Vergnügungen? In der letzten Zeit habe ich unglücklich gespielt und mich deßhalb häufiger an Madame Mayer wenden müssen, als mir lieb ist.« »Ah, Madame Mayer vermittelt Geldanleihen?« »Sagen Sie lieber, sie saugt Einem den letzten Tropfen Blutes aus; diese Frau hat die Unverschämtheit, sich mit zwanzig Procent vierteljährlich nicht zu begnügen – das ist denn doch ein wenig zu viel.« »Aber warum sich an eine solche Person wenden?« »Was wollen Sie, Herr Baron – daß man mit dem Bißchen Taschengeld nicht auskommen kann, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen; die laufenden Schulden werden allerdings nach genossener Strafpredigt vom Hause hier und da bezahlt, nun aber kommen andere Ausgaben, die man doch dem Alten unmöglich vorlegen kann. Wie singt der Chor in Robert der Teufel?« ›Der Wein, das Spiel und die verdammte Liebe!‹ »Beinahe so,« entgegnete lachend Herr von Rivola, »und wenn ich an meine Jugend zurück denke, da verstehe ich ganz die Lage, in die Sie bei der Lebhaftigkeit Ihres Temperaments zuweilen gerathen können.« »Gott lohne es Ihnen! Ich wollte, mein Vater hätte zuweilen auch dieses vernünftige Verständniß, aber weit gefehlt, und wenn ich nicht hier und da einen anständigen Zuschuß von meiner Mutter erhielte, so hätte ich mich schon längst für insolvent erklären müssen, und würde mich auch durchaus nicht geniren, das dem Alten zum Ärger zu thun; aber meine gesellschaftliche Stellung würde ebenfalls damit scheitern, und meine Anstellung an der königlichen Bank gibt einen nicht zu verachtenden Kredit – leider habe ich denselben in letzter Zeit ein wenig zu sehr angestrengt.« »Ich wollte vorhin sagen,« bemerkte Herr von Rivola mit freundlicher Miene, »daß ich mich aus meiner Jugend ebenfalls erinnere, Schulden gemacht zu haben, und zwar nicht unbedeutende Schulden, daß ich aber so klug war – Sie verzeihen mir den Ausdruck –, mich anstatt an solche Wucherer an gute Freunde meines Hauses zu wenden, an wohlwollende Leute, die selbst gelebt haben und die sich ein Vergnügen daraus machen, junge, anständige Leute aus kleinen Verlegenheiten zu ziehen.« »Wo wären solche Phönixe zu finden?« fragte Ferdinand achselzuckend. »Glauben Sie mir, Herr Baron, ich habe schon rings um mich her geschaut, um einen solchen Freund zu finden; aber die jungen Leute meiner Bekanntschaft haben selbst nichts, und zu den älteren Herren, die Einem allenfalls helfen könnten, hat man doch nicht das nöthige Vertrauen.« »Und warum nicht?« fragte Herr von Rivola in so ausdrucksvollem Tone und mit so wohlwollendem Blicke, daß Ferdinand diesen verstehen mußte; in seinen matten Augen blitzte eine leichte Freude auf, er richtete sich empor und erwiederte lächelnd: »Herr Baron, Sie sprachen da eben so zuversichtlich von guten Freunden, daß ich mir vielleicht die Bitte erlauben könnte, mich die Bekanntschaft eines solchen edlen Mannes machen zu lassen.« »Danach brauchen wir nicht lange zu suchen, Herr Welkermann; ich schätze Ihre Eltern und kenne deren gesellschaftliche Stellung, ich mag Sie selbst als einen eleganten, lebenslustigen jungen Herrn gut leiden und will nur noch hinzufügen: gebieten Sie über meine Kasse.« »Ah, Herr Baron, Sie überraschen mich in der That, aber . . .« »Kein Aber, mein lieber junger Freund; ich war so indiscret, Ihnen Ihre kleinen Geheimnisse zu entreißen, und müßte es jetzt als eine Beleidigung ansehen, wenn Sie meine unbedeutende Hülfe zurückweisen wollten – nun, sagen Sie ehrlich, womit kann ich Ihnen helfen?« »Helfen?« fragte der junge Mann achselzuckend; »erlauben Sie mir in dieser Richtung ein bescheidenes Stillschweigen – was mich aber augenblicklich drückt, ist allerdings ein kleinerer Posten . . .« »Nun, wie viel?« fragte Herr von Rivola, als Ferdinand stockte und schwieg. »So tausend bis zwölfhundert Gulden, dumme Spielschulden und Wetten; aber ich habe mir fest vorgenommen, die Kerls gehörig dafür abzustrafen – ich werde nur noch hoch spielen, wenn ich im Glücke bin.« »Das ist ein sehr vernünftiger Vorsatz – kleines Spiel, bis man das Wetter ausgekundschaftet, und sobald sich ein paar Sonnenblicke zeigen, mit tüchtigen Schlägen hintendrein; so hielt ich es in meiner Jugend und war gefürchtet, wenn ich an den Spieltisch trat – glauben Sie mir, mein lieber Herr Ferdinand, ich kann Ihnen mancherlei kleine praktische Anleitungen geben; wenn Sie mich draußen wieder einmal besuchen, sprechen wir mehr darüber.« Während Herr von Rivola dies mit großer Ruhe sagte, hatte er seine Brieftasche herausgezogen, derselben zwei Billets von je tausend Gulden entnommen, und zwar solche, auf die er flüchtig seinen Namen geschrieben, und legte sie vor den jungen Mann auf den Tisch, welcher trotz allem dem, was ihm Herr von Rivola gesagt, doch immer noch in einem kleinen Zweifel geblieben war und nun gegen seine sonstige Gewohnheit etwas befangen sagte: »Aber, Herr Baron, ich kann das unmöglich annehmen!« »Und warum nicht? Eine kleine Anleihe unter Freunden gegen Quittung und mäßige Zinsen zu fünf Procent per Jahr; ich glaube, Sie bezifferten Ihre augenblickliche Verlegenheit mit zwölfhundert Gulden, hier sind zweitausend, und wenn Sie den Rest anderswo verwenden wollen, bitte ich, mir über die ganze Summe gelegentlich einen Schein auszustellen.« »Das auf keinen Fall, Herr Baron,« erwiederte eifrig Herr Welkermann, »die zwölfhundert Gulden acceptire ich, aber keinen Heller weiter, und werde mir erlauben, Ihnen den Rest von achthundert Gulden heute noch zuzuschicken.« »Wie Sie wollen – damit wir uns aber ganz verstehen, will ich Ihnen auch neben der Freundschaft für Sie und Ihre Eltern noch einen anderen Grund sagen, welcher mich und mit Freuden dazu bestimmt, nicht nur heute, sondern auch später Ihren Banquier zu machen. Als die Person da oben einzog, wußte mein alter Diener nichts von dem Gewerbe, welches dieselbe betreibt; ich erfuhr es so eben erst, als ich Sie eintreten sah, worauf mir Friedrich sagte, daß Sie schon einige Male dort oben gewesen seien. Nun kann's mir aber nicht gleichgültig sein, daß mit dem Sohne eines Freundes in meinem Hause ein so sträflicher Wucher getrieben wird – Sie sehen daraus, wie sehr ich Egoist bin, und ich muß deßhalb Ihren Dank auf's entschiedenste zurückweisen.« »Darf ich mir also erlauben, Ihnen den Schein und den Rest von achthundert Gulden hieher zu schicken oder hinaus nach Eichenwald?« »Wohin Sie wollen; sollte es Sie aber im geringsten geniren, diese Tausender wechseln zu lassen, so glaube ich, noch zwölfhundert Gulden in kleinen Banknoten in meiner Brieftasche finden zu können.« Herr von Rivola griff nach diesen Worten in seine Brusttasche. »Bitte recht sehr,« sagte Ferdinand lächelnd und setzte in einem Tone hinzu, aus dem zu hören war, wie wohl es ihm that, Herrn von Rivola mit seiner amtlichen Stellung imponiren zu können: »Das Umwechseln der Banknoten ist ja mein tägliches Geschäft, allerdings zuweilen unter Tantalusqualen – aber was will man machen?« »Ah, richtig, Sie sind auf der Kasse der königlichen Bank selbst beschäftigt.« »Nur ausnahmsweise, aber häufig – man liebt es, den Sohn des Stadtschultheißen zu diesen Geschäften zu verwenden, die allerdings ein gewisses Zutrauen erheischen.« »Ich verstehe das vollkommen; es muß ein anstrengendes Geschäft sein, so einen ganzen Tag lang Zahlungen zu machen und Gelder einzuziehen.« »Das ist das Geschäft des Hauptkassirers; da habe ich gewöhnlich leichtere Arbeit: die Banknoten zu sortiren, die Pakete zu siegeln und einzutragen.« »So kann ich mich also, wenn ich einmal in den Fall komme, eine größere Summe in kleinere Abschnitte umzuwechseln, direkt auf der Bankkasse an Sie wenden?« »Das wohl nicht, dazu ist der Hauptkassirer da; aber wenn Sie mir in einem ähnlichen Falle die betreffende Summe anvertrauen wollen, so will ich sie Ihnen unter der Hand umsetzen.« Herr von Rivola dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Wenn Sie so freundlich sein wollten, Herr Welkermann, so können Sie mir dadurch gerade jetzt einen Gang ersparen; ich brauche für zehntausend Gulden kleinere Scheine: Fünfer, Zehner, Fünfziger, Hunderter, wie Sie es gerade haben – macht es Ihnen keine Mühe, mir diese umzuwechseln?« »Nicht die geringste, nur hätte ich dabei eine kleine Bitte, die nämlich, nicht darüber zu reden – ich kann durch eine solche Umwechslung unter der Hand durchaus in keine Ungelegenheit kommen, aber es soll gerade nicht sein; wenn Sie also nicht verlangen, daß ich mit dem Hauptkassirer, einem alten, widerwärtigen Brummelbären, der wie ein Angehöriger der heiligen Inquisition zu forschen und zu fragen pflegt, darüber reden soll, so besorge ich Ihnen das selbst, jetzt und so oft Sie wollen.« »Besten Dank! Hier sind also zehn Stück Tausender, oder zwölf Stück, die ich gerade bei mir habe.« »Und mit dem Scheine werde ich Ihnen heute noch die Gelder übermachen.« »Damit Sie aber mit dem Verpacken keine Mühe haben, so bitte ich, das Paket einfach versiegelt meinem alten Diener hier zu übergeben. – Nein, nein, Sie brauchen mir nicht zu danken, es ist das eine so unbedeutende Gefälligkeit, daß Sie mich in der That beschämen – seien Sie versichert, daß es mir ein wahres Vergnügen gewesen ist, einem so angenehmen jungen Manne, dem Sohne eines werthen Bekannten, gefällig zu sein – bitte, zu Hause meine besten Grüße zu sagen!« Bei diesen Worten hatte Herr von Rivola Ferdinand bis zur Hausthür begleitet und sich hier mit einem herzlichen Händedrucke von ihm verabschiedet; dann trat der alte Mann rasch in das Zimmer zurück und stellte sich an das Fenster, von wo er Herrn Welkermann nachblickte, der mit leichten, elastischen Schritten, in gehobener Haltung seinen Spazierstock schwingend, von dannen eilte. Doch war Herr von Rivola nicht der einzige, welcher ihm mit den Augen folgte; im oberen Stockwerke hatte auch Madame Mayer den Fenstervorhang etwas auf die Seite geschoben und sagte dann zu ihrer Tochter, welche hinter ihr stand: »Bei wem mag sich der Welkermann unten im Hause so lange aufgehalten haben? Vielleicht hat ihn der Alte ausgeforscht, weiß Gott, ihm am Ende selbst das Geld geliehen, denn der junge Herr läuft davon, als hätte er Kapitalien in seiner Tasche.« Herr von Rivola drunten schien in diesem Augenblicke von ernsten, ja, finsteren Gedanken überwältigt worden zu sein; der Würfel war gefallen, er hatte eine Saat eingestreut, die verderblich für ihn aufgehen konnte. Er griff mit der Hand hastig nach dem Fensterriegel, um das Fenster zu öffnen; ja, er hatte ein paar Sekunden lang die Absicht, den jungen Mann zurückzurufen – unmöglich – was geschehen war, konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Er hatte sein Schiff aus dem stillen, behaglichen Hafen, in welchem es Jahre lang geruht, wieder in die hohe See getrieben, der Wind hatte die Segel erfaßt, und nun, um die Klippen zu vermeiden, die sich allerdings während der Fahrt fürchterlich drohend erheben werden, und um das geträumte Goldland zu erreichen, kam es allerdings darauf an, mit fester, sicherer Hand das Ruder zu führen. Und dazu war er entschlossen. Als er sich umwandte, sah er den alten Diener an der Thür des Zimmers stehen, das er wieder betreten hatte, sobald sich Herr Welkermann junior entfernt. »Es drängt mich jetzt,« sagte Herr von Rivola zu ihm, »einmal wieder einen Gang durch den alten Thurm zu machen; es ist schon eine Zeit lang her, daß ich jene Ruine nicht betreten.« »Es sind schon manche Jahre, während ich dort aus- und eingehe und gern dort verweile,« erwiederte Friedrich. Dann nahm er von seinem alten Schreibtische ein paar Schlüssel und schritt seinem Herrn durch den Hausgang voran. Auf der Hälfte der Treppe, die in den oberen Stock führte, war links eine Thür, die an sich selbst und in ihrer Einfachheit so modern aussah, als führe sie in ein Zimmer des gleichen Hauses, in dem wir uns gerade befinden. Diese Thür aber sowie die ganze Wand des Treppenhauses war nur dazu da, um die Rundung des alten Thurmes zu verbergen, welcher mit seinen mächtigen Quadern gleich dahinter begann; hier war auch eine zweite Thür, mit einem rohen Spitzbogen geziert und mit einer eisernen Thür verschlossen, die Friedrich öffnete, worauf beide in ein rundes, leeres Gemach traten, welches eine Treppe enthielt, die aufwärts und abwärts führte. Die Beiden stiegen auf derselben zuerst in den unteren Raum, dessen Decke gewölbt war und welcher ein ziemlich helles Licht durch vier der schon oben erwähnten schmalen und vergitterten Fenster empfing, die so hoch über dem Boden angebracht waren, daß selbst Jemand, der von außen hereingeklettert wäre, nicht bis auf den Grund dieses Gemaches hätte sehen können. Auf einer Seite desselben sah man hier eine Feueresse mit einem ganz vollständigen Schlossergeräthe, mit Amboß und Schraubstöcken, deren Kamin mit einem des angebauten Hauses in Verbindung stand, so daß man selbst wenn hier unten gearbeitet wurde, keinen Rauch aus dem alten Thurme hätte aufsteigen sehen können. Doch schien die ganze Einrichtung lange Jahre nicht gebraucht worden zu sein; auf dem Amboß und den Schraubstöcken lag Staub und an den früher gewiß sehr blank und reinlich gewesenen Werkzeugen hatte sich hier und da der Rost angesetzt. »Das ist gut so,« bemerkte Herr von Rivola, nachdem er einen aufmerksamen Blick umhergeworfen; »man sieht, daß hier lange Jahre nicht gearbeitet worden ist.« »Es ist auch schon eine geraume Zeit her, daß ich das Schlosserhandwerk wieder aufgegeben,« gab der alte Diener mit einem eigenthümlichen Lächeln zur Antwort; »es kam nicht viel dabei heraus. Den goldenen Hammer ließ ich über der Thür, zum Zeichen, daß hier einstens viel Geld verdient worden ist.« Herr von Rivola schien diese Worte überhört zu haben; er ging langsam an der Wand des Gemaches vorbei, indem er an den kleinen Fenstern hinaufschaute. »Nach dieser Richtung,« sagte er endlich, indem er mit der ausgestreckten Hand die Mauer berührte, »liegt das Bärengäßchen, und dorthin,« fuhr er fort, indem er sich umwandte, »das Rathhaus, und deßhalb muß an jedem Theile des Thurmes der unterirdische Gang vorüberführen, von dem neulich die Rede war.« Er sagte dieses halblaut, doch hatte Friedrich seine Worte wohl verstanden. »Allerdings ist dort der unterirdische Gang,« sagte er; »es ist dies auch keine Fabel, wie ich früher geglaubt, und wenn Sie sich in den Keller hinunterbemühen wollen, so kann ich Ihnen deutlich eine Stelle zeigen, wo ehemals der Thurm eine kleine Thür hatte, durch welche man in einen Gang kommen konnte; sie muß später erst, und dann auch sehr nachlässig vermauert worden sein, man könnte sämmtliche Steine mit leichter Mühe herausziehen.« »Hätte man das vielleicht ändern sollen?« fragte Herr von Rivola, »Es wäre doch möglich, daß Jemand auf den Einfall gekommen wäre, den Gang zu untersuchen, und auf diese Art den alten Eingang da unten gefunden hätte.« »So leicht, wie Sie denken, gnädiger Herr, läßt er sich doch wohl nicht öffnen; für den Nothfall habe ich aber auch noch ein tüchtiges eisernes Kreuz davor befestigt. Wollen Sie es sehen?« »Für heute nicht; laß uns hinaufsteigen.« Sie gingen die Treppe durch das mittlere Gemach hinauf in ein oberes Thurmzimmer, welches schon wohnlicher aussah und an dessen Geräthschaften und Wandverzierungen man deutlich wahrnahm, daß hier eine künstlerische Hand geschafft. Eigenthümlich war die Decke dieses Gemaches construirt; sie bestand aus einem Zeltdache von Eisenblech, welches an vier Seiten mattes Glas statt Metall hatte, wodurch das ganze Gemach taghell erleuchtet war. Unter einer dieser Scheiben stand ein Arbeitstisch, wie ihn die Kupferstecher zu gebrauchen pflegen; über diesem bemerkte man eine sehr sinnreiche Einrichtung, um mit leichter Mühe das Licht zu dämpfen oder zu verstärken. In einem Kästchen neben dem Tische, welches mehrere Abtheilungen hatte, waren sorgfältig geordnet einfache und farbige Bleistifte, Rabenfedern und Tuschnäpfchen, Grabstichel, Radir- und Gravirnadeln, daneben in einem anderen Behälter Loupen der verschiedensten Größe und Fassung. Gegenüber, auf der anderen Seite des Thurmzimmers, sah man eine kleine Bibliothek rein technischer Werke, Schriften über Kupferstecherkunst, Baukunde, Mechanik, Daguerreotypie, Farbendruck, Anleitung zur Papierbereitung. Unter der Etagère, auf welcher diese Bücher standen, war ein kleiner Tisch mit einem Reibsteine für Farben und neben demselben verschiedene Porzellanschüsselchen mit Resten von Druckerschwärze und anderen farbigen Substanzen. An den Wänden des Gemaches hingen Abdrücke von Radirungen und Lithographieen, alles Arbeiten des Herrn von Rivola aus früheren Jahren; hier war seine Werkstatt, sein Studirzimmer, hier hatte er sich ehedem aus Liebhaberei in den verschiedensten Künsten versucht und auch vor der Welt, d. h. vor Leuten, die sich für so etwas interessirten, durchaus kein Hehl daraus gemacht; ja, er setzte einen Stolz darein, daß seine Bekannten es wußten, er sei ein eben so geschickter Landschafts- wie Portraitmaler, ein tüchtiger Zeichner, Lithograph, Kupferstecher, Drechsler, Chemiker, Uhrmacher, Mechaniker, Schlosser, kurz, in allen derlei Künsten und Wissenschaften außerordentlich bewandert und belesen. In früheren Zeiten, als Herr von Rivola sich noch mehrere Tage der Woche hier zu seinem Vergnügen beschäftigte, war es ihm sehr angenehm gewesen, Besuche zu empfangen, und er machte sich auch gar nichts daraus, gestört zu werden, wenn er las, laborirte oder seine Landschaften auf der Kupferplatte radirte; es bedurfte alsdann nichts Weiteres, als unten die Frage an Friedrich, ob der Herr Baron auf seinem Atelier sei, worauf der alte Diener die Betreffenden, die er ja meistens persönlich kannte, einfach die Treppe hinaufwies; daß er aber gleich darauf an einer kleinen Feder drückte, die sich unten, für jeden Anderen unsichtbar, in der Mauer befand, die mit einem Drahte und Hammer in Verbindung stand, welcher, droben an eine silberne Glocke schlagend, einen feinen, aber scharfen Ton von sich gab, wußte Niemand. Der Kupferstechertisch, an welchem Herr von Rivola malte oder gravirte, war durch eine sinnreiche Vorrichtung derartig construirt, daß es ihm möglich war, sobald der Ton jener Glocke erklang, jede Spur seiner wirklichen Beschäftigung zu verbergen. Der Tisch hatte nämlich unter der oberen, jederzeit sichtbaren Platte noch eine zweite verborgen, welche bis zu einer gewissen Breite herausgezogen werden konnte und vor welcher nun Herr von Rivola saß und arbeitete, um, sobald sich Jemand der Thür näherte, sich einfach etwas vorwärts zu neigen und durch diese Bewegung des Oberleibes die untere Tischplatte zurückzuschieben. So konnte Niemand beim Eintritte in's Zimmer bemerken, daß irgend eine Veränderung vorgegangen war, und Herr von Rivola empfing alsdann seine Besuche mit freundlichster, unbefangenster Miene, die Kupferplatte mit irgend einer angefangenen Landschaft vor sich, den Grabstichel oder die Gravirnadel in der Hand, und entschuldigte sich auf die höflichste Art wegen seiner bestaubten oder beschmutzten Fächer. Neben dem Arbeitstische befand sich eine zierliche Drehbank, welche allein zum Vergnügen der ihn besuchenden Damen seiner Bekanntschaft, die vor Neugierde brannten, das Atelier zu sehen und von Frau von Rivola bereitwilligst eingeführt wurden, zu dienen schien, denn auf derselben machte Herr von Rivola aus zusammengeleimten, buntfarbigen Hölzern die zierlichsten Arbeiten, und es galt damals als Modesache in der hohen und höchsten Gesellschaft der Residenzstadt, etwas von dieser hübschen Arbeit des Freiherrn unter seinen Nippsachen zu besitzen. Aber auch diese Mode sowie das Verlangen, den vornehmen Künstler in seiner Werkstatt zu besuchen, war, wie so manches Andere, außer Gebrauch gekommen, und es war gerade, als hätte Herr von Rivola mit der Abnahme der allgemeinen Bewunderung, die ihm für seine Talente gezollt wurde, auch die Lust an diesen selbst verloren; er kam weniger auf das Atelier, endlich gar nicht mehr, was seine Bekannten übrigens ganz begreiflich fanden, denn damals hatte sich sein Augenleiden, das Jahre lang unbedeutend zu sein schien, plötzlich so verschlimmert, daß ihm sein Arzt alle und jede anstrengende Thätigkeit der oben beschriebenen Art auf's ernstlichste untersagte. Heute stand er nun nach langer Zeit zum ersten Male wieder in dem runden Thurmzimmer, und es war ein eigenthümlicher, tiefer Ernst, der sich auf seine Züge gelagert hatte, als er nun alle die bekannten Dinge überschaute. Dabei vermied aber er und auch Friedrich es auf das sorgfältigste, irgend etwas zu berühren, ja, er schien den dicken Staub, der sich hier auf Alles gelagert hatte und der nur Jahren sein Entstehen verdanken konnte, auf's wohlgefälligste zu betrachten, wie er sich denn jetzt mit einem allerdings etwas trüben Lächeln über das Kästchen beugte und den alten Diener auf die schönen, soliden, regelmäßigen Spinngewebe aufmerksam machte, welche mit starken Fäden von jener Einrichtung zur Dämpfung des Lichtes bis herab auf den Arbeitstisch gespannt waren, die dort auf der anderen Seite mit ihren grauen Verzierungen die Titelwand mancher Bücher bedeckten und hier das Tretbrett der Drehbank gefesselt zu haben schienen. »Das ist ein schöner Staub,« sagte er, nachdem Beide lange geschwiegen, kopfnickend, »ein so natürlicher, schöner Staub, für mich eben so wohlgefällig wie der Edelrost für den Alterthumskenner.« »Ich habe ihn aber auch gehütet wie meinen Augapfel und bin nach langen Proben so weit gekommen, selbst die leichtesten Fußtapfen auf dem Boden hier wieder verwischen und undeutlich machen zu können.« Die Wände dieses Thurmzimmers waren nicht tapezirt, ja nicht einmal getüncht, nur mit einer einfach grauen, dem Auge wohlthuenden Farbe angestrichen. Zu beiden Seiten neben der Thür bemerkte man ein Paar schwere Pilaster mit ziemlich rohen Kapitalen als einzige Verzierung des Gemaches. Dorthin schaute Herr von Rivola und sprach alsdann mit leiser Stimme: »Es ist so, wie ich dir unten gesagt, Friedrich – ich kann mir nicht anders helfen, als daß ich jetzt Gebrauch mache von unserer Arbeit, die wir schon vor langen Jahren beendigt; gäbe es für mich einen Ausweg, ich würde ihn benutzen.« »Ich hätte nicht so lange damit gewartet,« meinte der alte Diener, »und wenn es am Ende gar nicht dazu gekommen wäre, so hätte mich nur die unsägliche Mühe gedauert, welche Sie sich damals mit dieser Riesenarbeit gegeben.« Und doch schien Herr von Rivola nochmals einen heftigen Kampf zu bestehen; er blickte unverwandt nach einem der alten, grauen Steinkapitäle, während er die Lippen fest aufeinander preßte und sein Gesicht vor Schmerz, ja vor Angst verzerrt war; dann sagte er in kaum hörbarem Tone: »So wollen wir denn die Platten herausnehmen.« Friedrich öffnete die Thür des Gemaches langsam und sorgfältig, wobei er von Zeit zu Zeit mit der Hand an eines der Kapitale griff und versuchte, es vom Platze zu bewegen, und endlich, nach längeren Versuchen, hatte er die Thür in die richtige Stellung gebracht, wodurch es ihm möglich war, das Kapital, welches durch einen äußerst feinen Mechanismus mit den Angeln der Thür in Verbindung stand, zu bewegen und wie die Thür eines kleinen Schrankes herauszudrehen. In dem Steine war eine kleine Höhlung, welche etwas in Papier Gewickeltes enthielt, das nun der alte Diener herausnahm und seinem Herrn überreichte. Dabei wurde weiter kein Wort gewechselt, und Beide verließen stillschweigend das Thurmgemach und stiegen die Treppe wieder hinab in den mittleren Theil des Thurmes, wo Friedrich die Thüren sorgfältig wieder verschloß. Unten in dem Wohnzimmer angekommen, schaute Herr von Rivola auf seine Uhr und dann entfernte er die feinen Seidenpapiere von dem Gegenstande, den er in der Hand trug. Es waren dies zwei kleine, dünne, äußerst fein gravirte Kupferplatten, die er, an das Fenster tretend, einen Augenblick betrachtete, wobei ein bitteres Lächeln über seine jetzt sehr gefurchten Züge flog. »Nimm eine Metallscheere, Friedrich,« sagte er alsdann, »und gib mir eine andere.« Der Diener holte die verlangten Werkzeuge herbei, und Beide begannen nun, die kostbaren Platten, die Frucht jahrelanger Anstrengung, in kleine Stücke zu zerschneiden. Es dauerte eine ziemliche Zeit, bis sie damit fertig waren; dann scharrte Herr von Rivola die einzelnen Theile sorgfältig zusammen und wandte sein Auge gegen den kleinen Steinkohlenofen, welcher im Zimmer stand und bei dem kalten Wetter draußen eine behagliche Wärme ausströmte. Friedrich verstand diesen Blick, öffnete die obere Thür des Ofens, worauf Herr von Rivola die Kupferstückchen, sie in beiden Handen tragend, auf die glühenden, intensiv brennenden Kohlen ausleerte. Dann wechselte er einen bezeichnenden Blick mit dem alten Diener, den dieser mit einem Zeichen der Zustimmung erwiederte, worauf Herr von Rivola sagte: »Rücke mir den Sessel hieher und nimm dir auch einen Stuhl; es interessirt mich, das kostbare Metall vergehen zu sehen.« Er ließ sich vor dem Ofen nieder, und nachdem Friedrich neben ihm Platz genommen, blickten Beide unverwandten Auges in die glänzende Helle, welche aus der untersten Ofenthür hervorstrahlte. »Ich sagte dir damals schon,« bemerkte Herr von Rivola, nachdem er ein paar Minuten schweigend da gesessen, »daß ich die Platten zerstören würde, ehe ich mich entschlossen, von dem ersten Abzuge derselben einen Gebrauch zu machen – von dem ersten Abzuge sollte ich eigentlich nicht sagen, denn ich machte damals einen einzigen, um die Sorgfalt der Arbeit zu probiren, kam aber wieder in seinen Besitz.« Obgleich diese Worte an den alten Diener gerichtet waren, so sprach doch Herr von Rivola, als rede er mit sich selber, wobei er den rechten Arm auf die Lehne des Stuhles gestützt und den Kopf darauf gelegt hatte, während er in den glühenden Wiederschein des Feuers starrte. »Ich sandte diese Tausend-Gulden-Note an den Polizeidirektor, ohne mich zu nennen – er sammelte damals für die Überschwemmten –, und ich wußte es so einzurichten, daß ich ihm einen Besuch machte, während gerade jener Brief bei ihm einlief, und hatte dabei das ungeheure Glück, den Bankdirektor dort zu finden, welcher, das Erstaunen des Beamten über die reiche Gabe theilend, die Banknote etwas mißtrauisch betrachtete; ja, er nahm sie mit sich und erzählte mir am anderen Abend bei einer Soirée des Kriegsministers, er habe allerdings im ersten Augenblicke die Echtheit dieser Banknote bezweifelt, doch sei dieselbe von dem Hauptkassirer als vollkommen unverdächtig erklärt worden – ob mir das eine Beruhigung war! »Am anderen Tage wechselte ich zehntausend Gulden auf der Bank und bekam dieselbe Note wieder. Darüber sind nun Jahre verflossen, die Noten in meinem Besitze haben sowohl durch das lange Liegen in meiner Mappe als auch durch kleine Nachhülfe vollkommen das Ansehen von Papiergeld bekommen, welches längst im Umlaufe war, die Platten sind zerstört – von deiner Treue bin ich überzeugt, und so glaube ich denn, was das anbetrifft, der Zukunft mit Ruhe entgegensehen zu können. – Und doch liegt es wie Felsenlast auf meiner Brust, und doch bin ich seit einer Stunde ein ganz anderer Mensch geworden. Zittere ich doch beinahe bei dem Gedanken, meine Frau wiederzusehen und meine Lucy, meine arme, gute Lucy mit den offenen, ehrlichen Augen! Ist es mir doch zu Muthe, als trüge ich das Zeichen des Verbrechens auf der Stirn! Ja, Friedrich, dieses furchtbare Gefühl kann ich nicht los werden, und ich habe in Einem fort das Bedürfniß, mit der Hand über jene Stelle zu fahren, wo ich eine rothe, verrätherische Stelle ahne!« »Wer wird solchen Gedanken nachhangen, gnädiger Herr? Wenn Sie damals so sprachen, erschöpft, aufgeregt von der Arbeit, so konnte ich das begreifen.« »O nein, wenn ich damals arbeitete, so konnte ich mir einreden, es sei Laune, das – das – täuschend nachzumachen, und ich war damals ein vermögender Mann und hatte nicht nöthig, mich durch ein Verbrechen zu retten; es war die Grille eines Künstlers – oh, wenn es das geblieben wäre!« Darauf versank er wieder in tiefes Nachsinnen, die Augen auf die rothe Gluth gerichtet, und erst als dort der erste weißglühende Tropfen sichtbar wurde, der, durch den eisernen Rost fallend, in der unten angehäuften Asche verlosch und verschwand, fuhr er aus seinen Träumereien empor und sagte: »Wie mir bei diesem Anblicke so lebhaft wieder jene Zeit vor die Seele tritt, wo wir Beide unsere Laufbahn begannen, du ein Lehrling in der Maschinenschlosserei, ich der arme Neffe des reichen Hüttenwerksbesitzers – erinnerst du dich, Friedrich, wie oft wir neben dem Gebläse des Hochofens kauerten, dem wilden Rauschen der Blasebälge ängstlich horchend und dabei durch die kleine, runde Öffnung in die Gluth schauten, wo ebenfalls solche glühende Tropfen aus den schmelzenden Eisensteinen herabrannen, ein schwaches Abbild des Höllenfeuers, wie uns der alte Maschinenmeister zu versichern pflegte?« »Ja, ja,« gab Friedrich kopfnickend zur Antwort, »seit jener Zeit hat sich viel geändert, auch in unseren Ansichten über Dies und Das.« »Ich möchte wohl noch einmal dort sitzen können, ein kleines, harmloses, unschuldiges Kind!« »Ich nicht, gnädiger Herr. Wozu auch – um vielleicht die Klippe, welche ich nun kenne, zu vermeiden und dafür an einer anderen um so ärger zu scheitern? Lassen Sie es gut sein mit diesen trüben Gedanken – denken Sie, Sie hätten als Künstler ein großes Werk zu Stande gebracht, für das Ihnen der Staat eine halbe Million bezahlt.« »O, es wäre gegen das, was ich jetzt fühle, ein entzückender Gedanke! Doch du hast Recht; ich kann nicht mehr zurück, ich will vorwärts, so gut es gehen mag.« Zuerst waren vereinzelte Tropfen des geschmolzenen Kupfers herabgefallen, dann hatten sich dieselben vermehrt, und jetzt hörte dieser eigenthümliche Regen wieder eben so langsam auf. »Das ist nun vorüber,« meinte Friedrich, indem er mit dem Schüreisen in der Asche wühlte und dann mit der Hand von den noch heißen, aber zusammengeronnenen Tropfen, die so bunt gefärbt waren, hervorsuchte. »Wir müssen sie hier entfernen,« fuhr er alsdann fort. »Jemand, der die Asche fände, könnte sich doch wundern, woher dieses Metall käme; man kann in der Welt nicht zu vorsichtig sein.« – Er hatte das Aschenfach hervorgezogen, dasselbe auf der Steinplatte vor dem Ofen entleert und in Kurzem die verschiedenen Kupferstücke zusammengesucht.« »Ich will sie mit mir nehmen, Friedrich,« meinte Herr von Rivola, welcher sich langsam erhoben hatte. »Vergiß nicht, heute Abend die ausgebrannten Kohlen noch einmal zu untersuchen, ob nichts mehr übrig geblieben ist.« »Unbesorgt; Sie kennen meine Vorsicht.« »Gewiß, mein alter Friedrich,« antwortete Herr von Rivola, indem er seinem Diener die Hand reichte, »und gerade deine Vorsicht und Treue ist es, welche es mir leichter macht, die Last meines Gewissens zu tragen.« »Ich trage sie gern mit Ihnen und gewiß ohne Eigennutz,« erwiederte der alte Mann achselzuckend. »Kommen Sie nur zu uns, wenn Sie eines Trostes bedürftig sind.« »Wie du zu mir kommen sollst, wenn du irgend einen Wunsch hast für dich oder deine arme Frau.« Friedrich machte eine abwehrende Geberde, was aber sein Herr nicht sah, da er sich in diesem Augenblicke abgewandt hatte, um seinen Hut vom Tische zu nehmen – »wir brauchen so wenig, die alte Frau und ich, und haben so viel!« »O, ihr seid reich und glücklich!« »Ich nicht so sehr, als die arme Frau; sie ist reich und glücklich, gnädiger Herr. Sie weiß wenig von der schlimmen Welt und hat in sich einen Schatz, von dem sie mir häufig mittheilt. Deßhalb sagte ich vorhin,« setzte er mit leiser Stimme in bittendem Tone und mit einem seltsam umflorten Blicke hinzu, »kommen Sie zu uns, gnädiger Herr, wenn Sie einmal des Trostes recht bedürftig sind, und verschmähen es nicht, an dem Bette der kranken Frau zu sitzen, wie ich sehr, sehr viele Stunden thue.« Es hatte sich ein tiefer Schatten auf den Zügen des Freiherrn gezeigt, und er wischte jetzt in der That über seine Stirn, wie er vorhin angedeutet, doch gewiß weniger, um dort einen eingebildeten rothen Flecken zu entfernen, als um seine Gedanken zu verjagen und zu verändern. Dies gelang ihm auch, denn er sagte gleich darauf in geschäftsmäßigem Tone: »Noch Eines, Friedrich. Meine Augen erlauben es mir nicht, die Änderung, von der ich dir früher sprach, selbst zu machen; doch glaube ich einen jungen Menschen gefunden zu haben, der tüchtig und dabei zu verwenden ist. Ich sah ihn neulich zufällig zu gleicher Zeit mit Federzeichnungen, die er gemacht, welche so fein und correkt waren, wie ich lange nichts gesehen; er selbst dagegen scheint aber durchaus nicht fein und correkt, vielmehr ein großer Lump zu sein; es ist das gut oder schlecht, wie man es nimmt.« »Ah, ich weiß, von wem Sie reden, gnädiger Herr! Der junge Mensch heißt Franz Steffler und ist Gehülfe des Marktschreibers.« »Ist er bekannt – als Lump oder als geschickter Zeichner?« »Als Beides; doch nur in einem beschränkten Kreise, ein Kreis, den ich deßhalb zuweilen berühre, weil sich meine Wohnung ja so nah' am Rathhause befindet und ich auf der Marktschreiberei zuweilen einspreche.« »Gut – sieh, was mit ihm zu machen ist; ich brauche dir gar keine Vorsicht anzuempfehlen. Der Gehülfe des Hof-Friseurs, wo ich Jenen traf, bat mich um meine Protection für Steffler. Natürlicher Weise wird er ihm auch meinen Namen genannt haben, weßhalb du kein Geheimniß daraus zu machen brauchst, daß ich mich für ihn interessiren, ihn vielleicht bei der Geheimen Staatsdruckerei empfehlen wolle. Sage ihm, ich würde eine kleine Probe von ihm verlangen als Beweis für sein scharfes Auge und seine feste Hand, etwas im Grunde sehr Unbedeutendes – du weißt, was ich meine.« »Gewiß, gnädiger Herr, verlassen Sie sich wie immer auch darin auf mich.« Herr von Rivola hatte die geschmolzenen Kupferstückchen sorgfältig in einer seiner Taschen verwahrt und nun das Haus verlassen. Er ging durch die Glockengasse fort mit festem Schritte und aufrechter Haltung, wie er immer zu thun pflegte. Friedrich, der im Zimmer geblieben war – sein Herr hatte es so haben wollen – blickte ihm durch das Fenster nach und murmelte vor sich hin: »Es hat ihn hart angegriffen, aber er wird es eben so rasch wieder vergessen in dem Bewußtsein, jetzt wieder über Hunderttausend zu gebieten in den Zerstreuungen und in dem Strudel der sogenannten Welt. Mir dagegen wird es schon schwerer, mit meinem Gewissen zurecht zu kommen. Ist mir doch der alte Thurm beinahe unheimlich geworden, da nun das, was dort so lange geschlummert, in's wirkliche Leben eintritt! Und doch möchte ich nicht mit ihm dahingehen, ich würde mich da draußen fürchten vor einem Schlage, der mich unversehens niederstreckte. Kommt mir doch jetzt die dunkle Hinterstube, wo die alte Frau liegt, mehr als je wie ein sicherer Zufluchtsort vor! Ich will mich zu ihr setzen, und sie soll mit ihrer guten, weichen Stimme von dem erzählen, was man ihr aus guten Büchern gestern Abend vorgelesen.« So that denn auch der alte Diener des Freiherrn. Er trat mit leisen Schritten in die halbdunkle Hinterstube, wo auf einem reinlichen Bette eine bejahrte Frau mit guten, sanften Zügen lag. Sie reichte ihm ihre schmale, weiße Hand, die er herzlich zwischen seinen knochigen Fingern drückte, und sie schien es gern zu hören, als er ihr nun erzählte, daß der gnädige Herr da gewesen sei, daß er auf's theilnehmendste nach ihr gefragt und sich die Räume des alten Thurmes wieder einmal angesehen habe. »Er hat doch nicht die Absicht, jetzt das Haus zu verkaufen?« fragte sie mit sehr leiser Stimme in ängstlichem Tone. »Jetzt, wo ich so krank bin!« »Welche Idee – warum er das Haus gerade jetzt verkaufen wolle!« »Ich habe dir schon erzählt, daß ich neulich von ihm träumte – o, sehr schmerzlich träumte! Ich sah ihn in ärmlichen Kleidern bleich und zitternd die Stadt verlassen; er hatte nichts bei sich, wie einen einzigen Stock, an dem er sich mühsam fortschleppte.« »Solche Träume bedeuten immer das Gegentheil – o, er ist sehr reich, der gnädige Herr!« – – – Und das war ja auch der Fall, wenigstens mußte es jeder glauben, der Herrn von Rivola in diesem Augenblicke sah. Er war rasch in den oberen Theil der Stadt gelangt und sah dort vor dem Laden des Hof-Juweliers seinen Schlitten halten. Wie freute sich Frau von Rivola, wie entzückt war Lucy, als der gütige Vater sie hier bei ihren Einkäufen überraschte! Er kam gerade recht, um sich von dem Juwelenhändler die Rechnung über die Gegenstände, welche seine Frau ausgesucht und ihm mit einem fragenden Blicke vorlegte, quittiren lassen zu können; der Betrag war nicht groß, etwas über viertausend Gulden. Papa wurde aber darauf wieder lachend und in Gnaden entlassen, denn die beiden Damen begaben sich von hier zu der ersten Putzmacherin der Stadt, Madame Pauline, zu wichtiger, geheimer Berathung, bei welcher ihm unmöglich Sitz und Stimme bewilligt werden konnte. Doch war ihm dies durchaus nicht unangenehm; hatte er doch seine eigenen Geschäfte zu besorgen, seinen Rechtsanwalt aufzusuchen, um sich Bericht erstatten zu lassen über die glückliche Beilegung seines Prozesses mit der Eisenbahn-Verwaltung. Hier empfing er auch das Papier über die ihm angewiesenen sechstausend Gulden und begab sich alsdann auf die Staats-Hauptkasse, um dieses Geld in Empfang zu nehmen. Auf seinen Wunsch übermachte man ihm den Betrag in Tausend-Gulden-Noten, und nachdem er darüber quittirt, erbat er sich freundlichst einen Bleistift, um vor den Augen des ersten Kassirers in flüchtigen Zügen seinen Namen auf die Rückseite der Banknoten zu schreiben. Zweiter Band. Zehntes Kapitel. Es mochten vielleicht vierzehn Tage nach diesen Vorfällen verflossen sein, um die bewegteste Zeit des gesellschaftlichen Lebens der Residenz, wo Abendgesellschaften aller Art, mit und ohne Spiel und Souperrouts, kleine und große Bälle im üppigsten Flor standen, als die Frau Staats-Hauptkassen-Schuldentilgungs-Revisorin Welkermann Einladungen zu einer Kaffeegesellschaft ergehen ließ, um auch das Ihrige zum allgemeinen Vergnügen beizutragen und sich für Genossenes zu revanchiren. Sie that es gerade an einem Tage, von dem sie wußte, daß ihre Schwägerin, die Frau Stadtschultheißin Welkermann, schon anderweitig gebeten war, um alsdann mit Achselzucken sagen zu können: Die Frau ist vornehm und hochmüthig geworden und findet es unter ihrer Würde, bei armen Revisorsleuten, die nicht so mit Teppichen und Silbergeschirr dienen können, ein harmloses Schälchen Kaffee anzunehmen! Deßhalb fehlte es der Gastgeberin aber nicht an Namen von gutem Klange, deren Trägerinnen sich um den runden Tisch versammelten, – doch bemerkte man hier meistens Gattinnen solcher Männer, welche der Regierung und dem Stadtschultheißen – letzterem besonders in den gemeinderäthlichen Sitzungen – Opposition zu machen pflegten. War doch auch der Revisor selbst ein Mann des Fortschritts und kämpfte wacker mit für das Beste des Volkes, für Freiheit und Aufklärung, wobei wir indessen nicht unterlassen können, zu bemerken, daß er in seinem eigenen Hauswesen diese glänzenden Ziele noch bei Weitem nicht erreicht hatte. Madame Welkermann wollte von persönlicher Freiheit in gewisser Beziehung nichts wissen, und was das Andere anbelangte, so war sie allerdings eifrig darauf aus, über alles, was ihr vorkam, gründlich aufgeklärt zu werden, dagegen sehr parteiisch und einseitig in Aufklärungen, die sie zu geben hatte. Die armen Revisorsleute, wie Madame Welkermann sich und ihren Gatten in ironischer Weise gern zu bezeichnen pflegte, hatten übrigens eine sehr behaglich aussehende Wohnung. Wenn da auch kein Luxus war in Teppichen, Portièren, kostbaren Bildern, Kronleuchtern und dergleichen, so war doch Alles sehr wohnlich und behaglich eingerichtet und von einer Pünktlichkeit und Reinlichkeit, welche der Stolz der Hausfrau und der Schreck ihrer Dienstmädchen war, denn sie liebte es, wenigstens an jedem Tage einmal, besonders des Morgens, die sogenannte Staubprobe zu machen, wobei sie mit dem Zeigefinger über gewöhnlich sehr versteckte Möbelflächen fuhr, um alsdann etwas darauf hangen Gebliebenes der Betreffenden, und zuweilen sehr dicht, unter die Nase zu halten. Auch liebte sie, die Fenstervorhänge sanft zu schütteln, dies aber gewöhnlich dann, wenn ein heller Sonnenstrahl in's Zimmer drang, und nahm sie hierauf die ohnedies harmlos umherfliegenden Staubatome zum Grundtexte einer erbaulichen Reinlichkeitspredigt. Böse Zungen behaupteten dabei, daß die Revisorin, um ihre Leute stets auf dem Allarmpunkte zu erhalten, zuweilen kleine Unordnungen, wenn solche sich nicht von selbst fanden, eigenhändig und heimlich arrangire, um so Gelegenheit zu finden, über Unordnung im Allgemeinen und Unsauberkeit im Speziellen zu reden. Herr Welkermann, der in seinen Freiheit athmenden Reden, die er in seinem Club, oder im Rathhause, oder bei Wahlbewegungen gern zu halten pflegte, stets ein heißes Unabhängigkeitsgefühl zur Schau trug, wagte es doch nicht, diese schönen Eigenschaften in sein Hauswesen zu übertragen. Hier stand er in dem zweifelhaften Verhältnisse, eigentlich nur geduldet und der erste Sklave einer tyrannischen Hausordnung zu sein. Saß er doch auf Kohlen, wenn eine Gemeinderathssitzung sich ausnahmsweise einmal über den Mittag ausdehnte, und war es in solchen Fällen wohl schon vorgekommen, daß sein Bruder, der Herr Stadtschultheiß, ihn höchstselbst nach Hause begleitet hatte! Ja, Leute, die boshaft genug waren, an seinem persönlichen Muthe zu Hause zu zweifeln, erinnerten sich seiner Rede, die er bei einer Wahl für seine Partei gehalten, daß er Mittags beim Glockenschlage Zwölf plötzlich mit den begeisterten Worten schloß, obgleich er noch lange nicht alles gesagt hatte, was er sagen wollte: »Doch wozu der weiteren Worte? Mögen die drohenden Schläge der Uhr es verkündigen unseren Feinden, ihnen, die auch zugleich Feinde des Rechtes und der Wahrheit sind, daß auch für sie die zwölfte Stunde in Kurzem schlagen wird!« Ungeheures Bravo, große, allgemeine Begeisterung, unter der Herr Welkermann sich so rasch er konnte nach Hause schlich. Doch es gibt auch Augenblicke, wo sich selbst das Lamm empört, und ein solcher war es, als die Frau Revisorin in ihrem Reinlichkeitsgefühle den Wunsch äußerte, er möge sich doch dazu entschließen, bei Regenwetter die Stiefel vor der Stubenthür auszuziehen, worauf er allerdings nicht heftig wurde, aber mit einem bezeichnenden Blicke auf das appetitliche Stubenmädchen die bedeutsamen Worte sprach: »Wenn du es für gut findest, in meinem Hause solche orientalische Moscheegebräuche einzuführen, so werde ich mir erlauben, andererseits die Türkei zum Muster zu nehmen.« Es war kurze Zeit vor der Kaffeestunde, beinahe um drei Uhr Nachmittags, jene günstige Zeit, wo die Verdauung des Mittagessens so weit vorgeschritten ist, um wieder etwas leisten zu können, und wo während der kurzen Tage der Winterzeit bald die Lampen angezündet werden konnten, um mit ihrem traulichen Scheine den Kreis der Damen noch enger zu schließen und ein freieres Wort zu gestatten, welches nach gehöriger Wirkung von der Sonnenseite des Kaffeetisches rasch in die Schatten des Abends und in die Vergessenheit hinüberflog. In dem blauen Zimmer war der Kaffeetisch mit äußerster Sorgfalt gedeckt und stand da an Kuchen und mürbem Backwerk in einer Auswahl, wie sie ein weibliches Herz nur erfreuen konnte; dabei ganze Berge schneeweißen, in den Bruchtheilen glänzenden Zuckers, sowie dickbäuchige Porzellankannen mit gelbem, fettem, gemüthlichem Rahm. Die Revisorin hatte ein einfaches schwarzseidenes Kleid an und eine Haube mit langen, gelben Bändern, welche vorn über ihre Schultern herabhingen, die sie aber, wenn bei aufregender Unterhaltung der Gesprächskampf begann, über die Achseln zu werfen pflegte. Man kannte diese Bewegung, und es machte dies auf ihre Gegner fast dieselbe Wirkung, als wenn ein Ritter sein Visir schließt und die Lanze einlegt. Sie traf ihre letzten Anordnungen, wobei sie ihrem Stubenmädchen wiederholte, daß sie überhaupt Alles von der linken Seite anzubieten und dazu, ohne gerade auf dumme Art zu lachen, ein heiteres Gesicht zu zeigen, dabei stets mit den Augen den ganzen Tisch zu übersehen habe und gleich bei der Hand sein müsse, wenn etwas umfalle oder sonst in Unordnung gerathe; auch müsse sie stets eine reine Serviette bei der Hand haben und sich natürlicher Weise niemals unterstehen, irgend etwas, am allerwenigsten ihre Finger an der weißen Schürze abzutrocknen. Diese Vorbereitung zum Gefechte commandirte die Revisorin mit tiefstem Ernste und einer eisigen Ruhe; ja, sie sah fast finster aus, als sie draußen der etwas leichtfertigen Köchin nochmals einschärfte, keine der Damen vorwitzig anzureden, wie sie es gern zu thun pflege, sondern nur bescheidene Antwort zu geben, auch nicht zum Beispiel zu sagen: »Ja wohl, Madame Krampler«, sondern »Frau Oberzunftmeister«; ferner schade es nichts, die Frau des Vorstandes der Feuerwehr einfach mit »Frau Direktor« anzureden. Vor allen Dingen aber solle sie Damen nicht einen Augenblick auf dem Vorplatze stehen lassen, sondern sogleich zur Ablegung ihrer Mäntel und Shawls in das Schreibzimmer des Herrn führen. Die Klingel ertönte, und Madame Welkermann huschte in's Zimmer zurück, um gleich darauf mit dem verbindlichsten Lächeln ihren Gästen bis unter die Thür entgegen zu gehen. »Ah, Frau Oberzunftmeister, Sie sind wie immer die Pünktlichste, freue mich sehr, Sie zu sehen! Bitte, nehmen Sie hier Platz – ich weiß, Sie lieben die Helle des Fensters nicht.« Madame Krampler war eine stämmige Frau, der es einige Mühe gemacht hatte, die zwei Stockwerke hoch zu steigen, und die sich nun, etwas schwer athmend, ohne viele Worte auf den angewiesenen Sitz niederließ. Wir müssen es hier dem geneigten Leser unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit anvertrauen, daß Madame Krampler etwas unter dem Niveau der anderen Gäste stand; doch hatte ihr Mann als Oberzunftmeister und Besitzer eines sehr großen Vermögens einen zu bedeutenden Anhang und war dem Revisor bei Parteizwecken sowie auch in Privatangelegenheiten schon zu oft gefällig gewesen, um seine Gattin, die auch in anderen, eben so guten Häusern erschien, nicht gleichfalls einzuladen. Dabei war sie eine gute, bescheidene Frau, welche, um durchaus kein Aufsehen zu erregen, stets zu früh kam und sehr wenig sprach; aber auch dieses Wenige war häufig noch zu viel, denn da sie etwas langsamen Geistes war, so warf sie gewöhnlich eine Bemerkung erst dann in die Conversation, nachdem das Gesprächsthema bereits auf einen anderen Gegenstand übergegangen war. Inzwischen läutete die Glocke draußen ununterbrochen und hörte man die flinke Zunge der Köchin mit lauter Stimme alle möglichen Titulaturen des Staatshandbuches aussprechen. Und dann sah man sie nach der Reihe erscheinen, mit freundlich gütigem Lächeln eintreten, von der Wirthin auf's herzlichste empfangen werden und die Frau Staats-Hauptkassen-Schuldentilgungs-Revisorin theils mit herzlichem Händedrucke, theils mit einer gewissen Vornehmheit begrüßen. Dann wurden stehend einige nothwendige Bemerkungen über das Wetter gemacht, rasch ein paar dringende Familienbeziehungen besprochen und das Aussehen im Allgemeinen ganz vortrefflich gefunden und dann, nach den nothwendigsten Complimenten, entwickelte sich eine prächtige Tafelrunde. Wir bemerken hier einige Bekannte von dem Balle des Stadtschultheißen her: die Ober-Steuerräthin Marx mit ihren beiden Töchtern, die leider schon so ältlich waren, daß sie sogar in diesem Kreise verheiratheter Damen zugelassen wurden und daß man sich in ihrer Gegenwart durchaus nicht genirte, von jenen kleinen, pikanten Anekdoten aus dem Nähkörbchen mitzutheilen; da befand sich ferner, und zwar am Ehrenplatze des Tisches, in der rechten Sophaecke, die streng aussehende Ober-Kriegsräthin Schnapper und schien mit ihrer spitzigen Nase das Ganze, die Hauswirthin inbegriffen, zu beherrschen, denn der Ober-Kriegsräthin noch schlagfertigere und noch schärfere Zunge war wohl die einzige, vor der die Revisorin einigen Respekt hatte; da war natürlich eine Madame Mayer und eine Madame Müller; da war der Kriegerstand vertreten durch die uns ebenfalls schon bekannte, erst kurz vorher verheirathete Lieutenantsfrau, sowie durch eine alte, zweifelhafte Majorin von etwas fadenscheinigem Äußern, zweifelhaft, weil sie als Wittwe eines einfachen Lieutenants eines kaiserlichen Grenzregiments sich ein paar Jahre als Frau Oberlieutenant in Pesth, später als Hauptmännin in einer kleinen österreichischen Stadt aufgehalten und sich nun hier in ihrer Vaterstadt als Majorin zur Ruhe gesetzt hatte; in ihrem Beitrage zur Unterhaltung kam sie selten über die Eingangsworte: »Mein Mann, der Major« – entweder daß sie danach ihre eigene Rede selbst vergessen hatte oder daß ihr das Wort von einer gewandteren Rednerin abgeschnitten wurde. Da waren noch andere Damen, die wir vielleicht im Verlaufe der Unterhaltung kennen lernen werden oder die ohne besonderes Interesse nur zum allgemeinen Ganzen gehörten und deren schüchterne Bemerkungen nicht der Mühe werth sind, um für die Nachwelt aufgezeichnet zu werden. Tassen und Löffelchen klapperten, das Stubenmädchen bot den von der Revisorin eingeschenkten Kaffee herum, Kuchen und mürbes Backwerk wurden so tapfer in Angriff genommen, daß die Hauswirthin kaum nöthig hatte, mit einigen schüchternen Nöthigungen das ohnehin hitzige Kaffeegefecht anzufeuern. Die Erste, welche von dem energischen Angriffe auf den überaus delikaten Kaffee abstand, war die Ober-Kriegsräthin, indem sie die strengen Augen auf die Hauswirthin richtete und mit dieser ein kleines Vorpostengeplänkel begann. »Wo ist denn Ihre liebe Schwägerin, die Frau Stadtschultheißin?« sagte sie mit so sanfter Stimme, als es ihr möglich war. »Ich hatte gehofft, sie hier zu finden – gewiß kommt sie später? Schade, daß sie nicht schon da ist!« Ein Bedauern, welches durch sämmtliche Damen im Chor unter den schmeichelhaftesten Äußerungen für die gute Stadtschultheißin verstärkt wurde. »Ach, ich habe wirklich Unglück mit meiner lieben Schwägerin!« gab die Revisorin mit einem freundlichen Lächeln zur Antwort. »Daß ich sie natürlicher Weise dringend bat, mir das Vergnügen zu machen, versteht sich von selbst; aber die gute Frau ist so in Anspruch genommen, daß sie sich oft nicht einmal ihrer eigenen Familie widmen kann.« Die Ober-Kriegsräthin schüttelte mit dem Kopfe, ehe sie trocken zur Antwort gab: »Ei, die Familie sollte immer vorgehen; meine Schwägerin sagt lieber zehn Gesellschaften ab, als daß sie bei mir eine Einladung ausschlägt.« »Verhältnisse bestimmen den Menschen, liebe Ober-Kriegsräthin,« versetzte Madame Welkermann mit einem leichten, schmerzlichen Tone um die Mundwinkel. »Darf ich wirklich keine Tasse Kaffee mehr anbieten?« »Danke schön, er war ganz vortrefflich! Da überleg' ich mir eben,« fuhr Madame Schnapper nach einer Pause fort, »wo unsere gute Stadtschultheißin sein könnte; außer unserem Kreise wüßte ich von keiner größeren Einladung, und es müßte auch etwas ganz Außerordentliches sein, um Ihnen abzusagen.« »Müßte es das wirklich?« fragte die Revisorin in einem etwas gedrückten Tone, wobei die gelben Haubenbänder auf ihrer Schulter ein wenig zu zucken schienen. »Ich nehme das nicht so genau,« setzte sie mit einem leichten Seufzer hinzu, »bin dergleichen schon gewohnt und habe treue Freundinnen genug, die auch eine kleine Zurücksetzung wohl verschmerzen lassen – bitte, Frau Majorin, nehmen Sie noch etwas von diesem mürben Kuchen!« setzte sie mit einer Gewandtheit im Ändern des Gesprächsthema's hinzu, welche ihrem vortrefflichen Herzen alle Ehre machte. »Er ist bei mir nach einem ganz neuen Recepte gebacken.« »Ganz ausgezeichnet,« sagte Madame Müller. »Ich habe noch nie etwas Ähnliches gegessen,« pflichtete Madame Mayer bei. »Mein Mann, der Major . . .« »Wenn er Ihnen in der That so schmeckt, meine liebe Madame Mayer, so bitte ich, verhelfen Sie sich noch zu einem Stückchen – und auch Sie, Frau Oberzunftmeister – ich sehe beständig Ihren Teller leer.« Frau Krampler, welche eifrig strickte, fuhr fast erschrocken aus ihrem Nachsinnen auf, und da sie sich doch auch verpflichtet fühlte, etwas zur Unterhaltung beizutragen, so sagte sie, noch mit dem vorigen Gesprächsthema beschäftigt: »Die Köchin der Frau Stadtschultheißin hat der meinigen eine Schwarzwildsulz gelehrt, die ganz vortrefflich ist.« »Ei, in der That? O . . .« Über die strengen Züge der Madame Schnapper flog ein bezeichnendes Lächeln, unter dem sie ihrem Gegenüber sagte: »Ich achte und ehre eine gute Sulz zum Schwarzwildpret, aber man kann eine gute Köchin haben und doch nicht immer ganz correkt gegen seine Verwandten sein.« Dies hatte weder die zweifelhafte Majorin, noch Madame Krampler verstanden, da sie sich keinen Zusammenhang zwischen einem Schwarzwild in Sülze und einer verwandten Familie denken konnten. Deßhalb sagte die Ober-Zunftmeisterin mit einem fragenden Blicke: »Ich sprach doch von Schwarzwild, und ich kann Sie versichern, es ist eine ganz köstliche Sulz; vielleicht wünscht jemand von den Damen das Recept . . .« Worauf die Majorin hinzusetzte: »Mein Mann, der Major, hatte . . .« (sie wollte sagen: hatte einen wahren Abscheu vor allem Schwarzwild); doch kam sie nicht dazu, die Bemerkung zu vollenden, denn die junge Lieutenantsfrau rief laut über den Tisch hinüber: »Ach, Frau Ober-Kriegsräthin, die Frau Ober-Steuerräthin erzählt da soeben, daß sie vorhin in der Kirche war und die Trauung des jungen Oberlieutenants Wimmer ansah.« »Schauderhaft!« meinten beide Fräulein Marx in gleichem Tone. »Es war ein schreckliches Paar!« »Sie kennen doch den kurzen, dicken Wimmer mit seinem lächelnden Gesichte, auf dem sich unverwüstliche Heiterkeit ausprägt?« sagte die Ober-Steuerräthin. »Denken Sie sich dazu eine wahre Hopfenstange von einem Frauenzimmer, im weißen Kleide decolletirt bei der Kälte, gelb wie eine Citrone von Gesicht und Schultern, und was für Schultern! Nein, ich sage Ihnen, etwas so Mageres und Spitziges habe ich in meinem Leben nicht gesehen!« »Man hätte darauf schreiben sollen: ›Wir wollen Schultern vorstellen!‹« meinte das jüngere Fräulein Marx. »Die ganze Figur sah aus wie ein Kleiderständer,« ergänzte die ältere. »Aber sie hat Geld, meine Damen,« sprach die Ober-Kriegsräthin und setzte hinzu, indem sie ihre Nase eine kleine Wendung gegen die Lieutenantin machen ließ: »Es ist das so eine eigenthümliche Geschichte mit manchen militärischen Heirathen; man kann die Kaution bezahlen, man möchte gern einen Mann haben – die jetzige Madame Wimmer soll reich sein.« »Mein Mann, der Major . . .« »Aber wie kann man sich zu so etwas entschließen?« seufzte Madame Müller, eine junge Frau von angenehmem Äußern, welche, wie die böse Welt sagte, ihren Mann verschiedener Umstände halber zu einer Neigungsheirath gezwungen hatte. »Ich meine nämlich, wenn ich Herr Oberlieutenant Wimmer wäre – schrecklich, wenn ich daran denke – ich fürchte, der junge Ehemann wird ein trostloses Erwachen haben!« Obgleich nun in diesen Worten durchaus nichts besonders Verfängliches lag, so bemühten sich doch beide Fräulein Marx, mit einem Anfluge von Erröthen auf ihre Teller niederzuschauen, und es war ein Glück, daß Madame Krampler die Bemerkung einwarf, daß der selbstgebackene Kuchen der Staats-Hauptkassen-Schuldentilgungs-Revisorin allerdings vortrefflich sei und daß sie gern bereit wäre, das Recept desselben gegen das der mehr erwähnten Sülze umzutauschen. »Und wie sie nach ihm hinuntergeschmachtet hat!« fuhr die Ober-Steuerräthin fort, die Trauungsfeierlichkeiten in der Kirche zu beschreiben, »und dabei wollte sie verschämt thun wie ein junges Mädchen, dieses alte Gerüst!« »Ja, es war schrecklich anzusehen!« betheuerten beide Fräulein Marx wie aus Einem Munde, und die ältere setzte hinzu: »Und als es nun zum Jasagen kam, schluckte der arme Wimmer vorher, als vermöge er irgend etwas kaum hinabzuwürgen. Er wird noch mehr zu würgen kriegen, ich kenne ihre Familie; alle ihre Schwestern sind verbissene Wesen, bis auf die jüngste, deren Fehltritt allein Entschuldigung findet in dem Beispiele ihrer Tante, die ja notorisch . . .« Hier war die Sprecherin so gnädig, sich durch einen Blick der Ober-Steuerräthin unterbrechen zu lassen, mit welchem diese, ihre Töchter betreffend, sagen zu wollen schien: »Schone die Unschuld!« was auch gewiß geschehen wäre, da die Hauswirthin die Unterhaltungsschleuse dadurch voll aufzog, indem sie das Kapitel auf die Verwerflichkeit der Dienstboten heutzutage brachte, wenn nicht, als die Conversation hierüber schon längst im Gange war, Madame Krampler die verfängliche Frage hineingeworfen hätte, ob denn jener Fehltritt von Folgen gewesen sei. Daraufhin flog für eine Minute lang ein Engel durch das Zimmer, oder ein Polizeidiener, wie man an anderen Orten zu sagen pflegt, und dann bedurfte es der ganzen Energie der Ober-Kriegsräthin, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Allerdings wählte sie hierzu ein die Revisorin etwas nahe berührendes Thema, denn sie erwähnte des neulichen Balles beim Stadtschultheißen, lobte das Fest im Allgemeinen und kam alsdann auf die gemeinderäthliche Sitzung zu sprechen, welche an jenem Tage stattgefunden hatte und die als nicht öffentlich, trotz Amtsgeheimniß, in der Stadt so bekannt geworden war, als sei die Verhandlung darüber gedruckt und vertheilt worden. Es war das für sämmtliche Damen ein so interessantes Thema, daß sich selbst Madame Krampler der Gegenwart hin- und die Versicherung abgab, daß ihr Mann, der Oberzunftmeister, nie so erregt nach Hause gekommen wäre, als gerade nach dieser Sitzung, und doch habe es sich in ihren Augen nur um eine große Kleinigkeit gehandelt.« »Eine Kleinigkeit?« bemerkte die Hauswirthin mit einem etwas auffallenden Lächeln, und die Ober-Kriegsräthin setzte mit ihrem strengen Blicke und einem entschiedenen Kopfschütteln hinzu: »Eine Kleinigkeit? Das möchte ich nun gerade nicht behaupten.« »Und warum nicht?« fragte die Ober-Steuerräthin. »Was kann Großes darin liegen, ob ein altes Gitter im Keller des Rathhauses offen bleibt oder zugemauert wird?« »Dabei kommt doch wohl Alles auf die Gründe an, welche der Herr Stadtschultheiß, mein sehr verehrter Schwager, hatte,« meinte die Revisorin. »Ja, die Gründe – allerdings, die Gründe sollte man genau kennen.« »Diese hat ja der Herr Stadtschultheiß durchaus nicht verheimlicht,« gab Madame Krampler zur Antwort, wobei sie so sehr bei der Sache war, daß sie das Strickzeug in den Schooß fallen ließ und ihre fetten Finger auf den Tisch zusammenfaltete. »Gewiß, er hat seine Gründe angegeben, und ich glaube, sie wären vom ganzen Gemeinderathe anerkannt worden, wenn man nicht gedacht hatte, es stecke die Regierung dahinter, welche eine Verbindung zwischen der Hauptwache und dem Rathhause für vorkommende Fälle beseitigen wolle, und deßhalb machten wir die Opposition.« »Die Regierung?« lief die Ober-Kriegsräthin in sehr entschiedenem Tone aus. »Was kann der Regierung daran liegen, ob ein Gitter im Rathhauskeller vermauert wird oder nicht! Wollte sie dadurch ihre Hauptwache für vorkommende Fälle, wie die Frau Oberzunftmeister sagte, schützen, so brauchte sie ja nur den Gang diesseits verschütten zu lassen, was ja auch längst geschehen ist, wie ich weiß. Nein, nein, meine Liebe,« setzte sie mit einem vielsagenden Lächeln hinzu, »es waren andere Gründe, die den Herrn Stadtschultheißen bestimmten!« »Gewiß, andere Gründe.« »Der üble Geruch bei den Sitzungen des Gemeinderaths.« »Den wird doch eine zugemauerte Thür nicht vertreiben!« sprach ironisch die Kriegsräthin. »Nein, nein; andere Gründe.« »Ja, ja, andere Gründe.« »Mein Mann, der Major . . .« »Gründe, die Jedermann weiß, denen man aber keine Worte leiht.« »Unter uns? Sind doch nur ganz gute Freundinnen hier versammelt!« Die Ober-Steuerräthin, welche nicht nur allen Hochzeitsfeierlichkeiten in der Kirche, allen Taufen daselbst oder allen wichtigen Begräbnissen auf dem Friedhofe, soweit dies möglich war, selbst beiwohnte oder sich durch eine ihrer Töchter vertreten ließ, hatte sehr lange bedeutsam mit dem Kopfe genickt und sagte jetzt: »Meine Damen, wir sind es eigentlich unserer verehrten Wirthin, der Staats-Hauptkassen-Schuldentilgungs-Revisorin schuldig, diese delikaten Punkte nicht weiter zu berühren; es ist das ein Geheimniß der Stadt, und obgleich Jeder es weiß, spricht man doch besonders in gewissen Kreisen nicht gern darüber.« In diesem Augenblicke nun zeigte die Revisorin ihre ganze Charaktergröße – sie warf das eine ihrer gelben Bänder über die rechte Schulter hinüber, richtete sich stolz und gerade auf und sagte: »Keine Rücksichten, meine Damen, keinen Zwang; Sie wissen wohl, daß es Lagen in diesem Leben gibt, in denen man sich besser an die Freundschaft, als an die Verwandtschaft anschließt.« »Sehr wahr, Frau Revisorin,« sagte die Ober-Kriegsräthin. »Auch habe ich wahrlich keine Ursache dazu,« fuhr die Hauswirthin fort, indem sie nun das andere gelbe Band über die betreffende Schulter warf. »Man ist seinen Verwandten nur so lange Rücksicht schuldig, als man von ihnen rücksichtsvoll behandelt wird.« »Gewiß, gewiß – o gewiß!« »Ich sagte es ja früher schon,« warf hier die Ober-Kriegsräthin achselzuckend ein, »daß ich durchaus von keiner Gesellschaft wüßte, wo die Frau Stadtschultheißin hätte verpflichtet sein können; ich kenne so ziemlich alle Einladungen in unseren Kreisen.« »Das wäre am Ende Nebensache. Du lieber Gott, wenn man eine so hohe gesellschaftliche Stellung einnimmt, wie mein Herr Schwager, der Stadtschultheiß, so begreift es sich, daß man sehr von oben auf arme Revisorsleute herabsieht!« Da diese Worte von einem ironischen Lächeln begleitet waren und die Hauswirthin dabei ihre Blicke über den behaglichen Kaffeetisch gleiten ließ, so erregten dieselben eine laute, ja, fast ausgelassene Heiterkeit. »Noch das bei Seite,« fuhr Madame Welkermann fort; »auch sonst noch in tausend Dingen – doch reden wir nicht darüber – lassen wir uns durchaus nicht in unserer gemüthlichen Unterhaltung stören. Fahren Sie fort, Frau Ober-Steuerräthin, und seien Sie versichert, daß ich die Letzte war, welche daran glaubt, daß dem Herrn Stadtschultheißen das Zumauern der Thür wegen eines üblen Geruches im Rathhaussaale so wichtig gewesen wäre – darin spielen ganz andere Motive.« »Gewiß, ganz andere, wichtige Gründe.« Inzwischen hatte sich die Dämmerung herabgelassen, mit dem heiteren Tageslichte waren auch vermittelst der geschäftigen Hände des Stubenmädchens, sowie der Köchin, die gemüthlichen Kaffeekannen und die Reste harmlosen Backwerks abgeräumt, zwei strahlende Lampen auf den Tisch gesetzt und die Fenstervorhänge herabgelassen worden. In den Ecken des Zimmers herrschte jene trauliche Dämmerung, von der wir früher schon einmal sprachen und die wie ein Band den Damenkreis enger zusammenschloß, welcher nun, von vorn so gemüthlich bestrahlt, sich zum Austausche ernsterer Reden viel geneigter fühlte, als früher bei dem Alles durchdringenden Tageslichte. Auch war eine riesenhafte Torte Dame blanche aufgesetzt worden, deren Name schon etwas Gespensterhaftes hatte, und neben derselben funkelte dunkelrother Wein in geschliffenen Karaffen. »Daß ein Verbindungsgang zwischen dem Rathhause und der Hauptwache besteht, darüber kann kein Zweifel herrschen,« erzählte die Ober-Kriegsräthin. »Mein Mann war vor zwei Jahren bei der Commission, welche diesen finsteren, unterirdischen Weg zu untersuchen hatte.« »Ah, wie das interessant ist!« sprachen beide Fräulein Marx, und die Majorin setzte hinzu: »Mein Mann, der Major, hatte einen ähnlichen . . .« »Diese Verbindung führte neben den Kellern der Häuser jenes alten, jetzt etwas ärmlichen Stadtviertels, und zwar so nahe vorüber, daß die Commission damals, wenn sie lauschend stehen blieb, die Leute in den Gewölben arbeiten, klopfen, plaudern, lachen und auch andere Töne hörte, deren Entstehung man sich nicht sogleich erklären konnte. Der Stadtschultheiß führte diese Commission und schien in dem alten Gange sehr bewandert zu sein, denn wo die Anderen sich trotz der Laternen nur tappend und ängstlich fortbewegten, ging er mit einer Sicherheit, als befände er sich in seinem Schreibzimmer.« »Ah, das ist ja erstaunlich!« »Überraschend!« meinte Madame Mayer gegen Madame Müller gewandt, indem sie ein sehr erstauntes Gesicht machte. »Auch kannte der Herr Stadtschultheiß nicht nur alle über den Gang hinlaufenden Straßen und wußte deren Lauf genau zu bezeichnen, sondern auch einzelne Häuser, wie zum Beispiel das an dem alten Thurme am Glockengäßchen, welches dem Herrn Baron von Rivola gehört.« »Ah, dem Herrn Baron von Rivola!« »Die runden Fundamente dieses Thurmes,« fuhr die Ober-Kriegsräthin fort, »bildeten eine Biegung in dem Gange, und als die Commission neugieriger Weise das alte, interessante Mauerwerk mit den Laternen beleuchten ließ, sah sie, daß sich hier eine Thür befand, welche nur locker durch eingeschobene Steine zugemacht erschien.« Alle Damen waren dieser Erzählung mit großer Aufmerksamkeit gefolgt, besonders die Ober-Steuerräthin, welche gierig jedes Wort von den Lippen der Rednerin abzulauschen schien, und zwar mit einem so beistimmenden Gesichtsausdrucke und dabei unruhig auf ihrem Stuhle hin und her rückend, daß man deutlich sah, sie warte nur auf einen günstigen Augenblick, um die weitere Erzählung an sich zu reißen. Dieser war jetzt erschienen, und zwar dadurch, daß die Ober-Kriegsräthin ihr Weinglas an die Lippen setzte, worauf die Andere fortfuhr: »Es ist ganz so, wie die Frau Ober-Kriegsräthin erzählt hat; ich habe es ebenfalls aus bester Quelle, von meinem Bruder, der damals Stadtbaumeister war. Das Mauerwerk in der Thür des allen Thurmes war so locker eingesetzt, daß man es mit der Schulter hätte eindrücken können, worauf man auch den Herrn Stadtschultheißen aufmerksam machte, der aber, weiterschreitend, erwiederte, eine wirkliche Öffnung sei hier nie gewesen.« »Wobei er aber, wie mein Mann versichert hat, eine etwas verlegene Miene gemacht habe.« »So ist es, meine Damen, ganz genau so,« fuhr die Ober-Steuerräthin in sehr lautem Tone fort, »und nun bitte ich Sie, mußte das nicht auffallend erscheinen – eine nothdürftig verschlossene Öffnung mit dem Rathhause in Verbindung stehend durch eine Gitterthür, zu welcher der Stadtschultheiß allein den Schlüssel hatte!« »Daß er allein diesen Schlüssel hat, weiß ich ganz genau,« bemerkte die Hauswirthin. »Das ist allerdings auffallend.« »Und verdächtig,« rief die Ober-Steuerräthin, »wenn man bedenkt, daß der Herr Stadtschultheiß damals schon in einem außerordentlich intimen Verkehr mit jenem Herrn von Rivola, dem Eigenthümer des alten Thurmes, stand, der zu jener Zeit plötzlich erschien und, wie alle Welt weiß, mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet wurde.« »Als Fremder allerdings, wie das ja gewöhnlich der Fall ist,« warf Madame Müller ein, »sonst aber wohl unverdienter Weise; kam er doch bald in die besten Gesellschaften und wurde gleich damals, wie auch heute noch, sehr gern bei Hofe gesehen.« »Aber darin liegt gerade etwas Verdächtiges; Herr Baron von Rivola hängt mit allem, was zu Hofe gehört, sehr genau zusammen, bewegt sich überhaupt nur in den höchsten Kreisen, verkehrt nur mit den vornehmsten Häusern, mit alleiniger Ausnahme desjenigen des Stadtschultheißen – und woher kommt das?« So schloß die Ober-Steuerräthin fragend, wobei sie einen festen, herausfordernden Blick auf sämmtliche Damen warf. »Ich möchte auch wissen, woher das kommt,« meinte die Revisorin – »vielleicht von der geistreichen Unterhaltung, welche der Baron und die Baronin bei meiner verehrten Schwägerin finden.« Über diese Äußerung lachten sämmtliche Damen pflichtschuldigst; dann fuhr die Ober-Kriegsräthin fort: »Über diesen Mann ist allerdings damals sehr viel gesprochen worden, und bei aller Milde, die meinem Charakter eigen ist, muß man diesen intimen Verkehr schon auffallend finden – weniger, was den Herrn Baron von Rivola anbetrifft, als seine Frau, die eine geborene Gräfin Hartenstein ist – damit ist schon genug gesagt.« »Gewiß, Frau Ober-Kriegsräthin, damit ist genug gesagt – diese Hartenstein sind arm wie die Kirchenmäuse, aber von einem empörenden Hochmuthe.« »Eine Frau, die nicht einmal weiß, ob sie sich für einen empfangenen Gruß bedanken soll.« »Die beständig wie eine Puppe ausgestreckt in ihrem Wagen liegt, mit halb geschlossenen Augen, als wolle sie sagen: ihr da unten seid Alle viel zu gering für mich!« »Eine Frau, die ihre Kammerjungfer hereinklingelt, wenn ihr das Schnupftuch entfallen ist.« »Ja,« rief hier Madame Mayer eifrig, »die die Gouvernante ihrer Tochter, eines respektablen Pfarrers Tochter und Verwandte von mir, eines Abends, als dieselbe nach vollbrachtem mühevollem Tagewerke vor dem Landhause saß, sich des schönen Abends freuend, dort mit den Worten wegwies: sie gehöre hinter das Haus, aber nicht auf die Terrasse, wo der Platz der Herrschaft sei.« »Ah, unglaublich, empörend!« »Und so eine Frau sollte sich so weit herablassen,« fuhr nach diesen Ausrufungen die Ober-Kriegsräthin kopfschüttelnd fort, »und eine Gesellschaft wie die im Hause unseres allverehrten Herrn Stadtschultheißen mit ihrer Gegenwart zu beglücken, wenn dazu nicht ganz besondere Gründe vorlägen? – ganz besondere Gründe, habe ich gesagt.« »Konnte doch ein Kind sehen,« fiel ihr die Revisorin hier eifrig in's Wort, »daß sie sich so unbehaglich als möglich in jener Gesellschaft fühlte; ließ sie doch ihren Mann gar nicht von der Seite und hätte wahrscheinlich ihrer Tochter den Tanz verboten, wenn das möglich gewesen wäre.« »Und beim Souper,« sprach die Ober-Steuerräthin, »saß sie in einer Ecke des Sopha's, ihren Mann rechts, ihre Tochter links, damit sie nur ja in keine Berührung käme mit den übrigen, so gar gewöhnlichen Menschen.« »Und wie sie ihre Nase so hoch erhoben hatte, wenn sie durch die Zimmer ging!« »Ja, und die Augen halb geschlossen.« »Selbst gegen Seine Excellenz den Herrn Minister sprach sie sehr von oben herab.« »Natürlich, er ist ja nicht von Adel.« Die Ober-Kriegsräthin hatte Mühe, ihre Stimme in diesem Durcheinandersprechen geltend zu machen, als sie ausrief: »Und nun, meine Damen, frage ich Sie, sollten es nicht ganz besondere Gründe sein, welche die Frau vermocht haben, jene Gesellschaft zu besuchen?« »Gewiß – o, gewiß!« »Die sie zwangen, dorthin zu gehen, wo es ihr so höchst unbehaglich war?« »Wer wird daran zweifeln!« »Also hat dieser Baron von Rivola vielleicht ganz eigenthümliche Verpflichtungen gegen den Stadtschultheißen.« »Und dieser gegen ihn, das lasse ich mir nicht abstreiten – allerdings heißt es: eine Pensionsfreundschaft der beiden jungen Mädchen, ja, gehorsamer Diener, man kennt das!« »Zwischen beiden Herren hat von jeher eine Muschelei stattgefunden.« »Und eine Muschelei, die das Auge der Welt zu scheuen hat.« »Woher sonst die unterirdische, geheimnißvolle Verbindung zwischen dem Rathhause und dem alten Thurme?« »Jenem alten Thurme, dem man nie etwas Gutes nachsagt.« »Man sollte so was nicht wiederholen, aber wir sind ja hier ganz unter uns, unter guten, verschwiegenen Freundinnen,« meinte die Ober-Steuerräthin; »doch ich erinnere mich ganz genau, wie man vor einigen Jahren davon sprach, daß namentlich während der Nacht allerlei seltsames Geräusch in dem alten Thurme gehört worden sei.« »Und das Haus, das daran gebaut ist, wird obendrein von ganz verdächtigen Leuten bewohnt; meine Büglerin, eine sehr zuverlässige Person, erzählte mir von einer Madame Mayer, die dort mit ihrer sehr hübschen Tochter wohne.« »Mit mehreren hübschen Töchtern und zwei Nichten.« »Es ist ein wahres Unglück, wenn man Mayer heißt!« seufzte die aus der Gesellschaft, welche mit dem nämlichen Namen behaftet war. »Und dazu der alte, geheimnißvolle Diener, der unten wohnt und den Hausherrn spielt; man sagt, er sei seines Handwerks ein Schlosser, aber für gute Häuser und ehrliche Leute hat er noch niemals gearbeitet, ich wenigstens weiß nichts davon.« »Dieser Mann hatte auch früher eine Frau, aber sie soll seit Jahren spurlos verschwunden sein; ohne daß man von ihrem Tode etwas erfahren; ja, das sind alles so gräuliche Geschichten, über die man eigentlich am besten schweigt.« »Und mit solchen Menschen steht der Stadtschultheiß in den engsten Beziehungen!« sagte die Revisorin mit einem Blicke gen Himmel. »Mich dauert trotz allem dem doch meine arme Schwägerin, denn wenn sie im Grunde auch keine gescheite und eine sehr übermüthige Frau ist, so ist sie doch gewiß an solch' schrecklichen Geschichten unschuldig und heißt doch einmal Welkermann – o, es ist eine schlechte Welt!« »Das weiß Gott, Frau Haupt-Staatsschulden-Tilgungskassen-Revisorin, daß es eine schlechte Welt ist,« meinte Madame Mayer, »und wenn man erst die böswilligen Verleumdungen dazu rechnet, denen sich manche Menschen leider Gottes so gern hingeben, was mag da alles über die seltsame Verbindung des Herrn von Rivola mit dem Stadtschultheißen und über das grauenhafte Treiben in dem unterirdischen Gange und dem alten Thurme gefabelt werden!« »Nun, so ganz Fabel wird es doch wohl nicht sein,« meinte die Ober-Steuerräthin. »Dazu muß ich auch mit tiefem Schmerze ›leider‹ sagen,« seufzte die Revisorin, »denn die Verbindung zwischen ihm und dem Baron von Rivola ist nun einmal offenkundig, und was den geheimnißvollen Gang anbelangt mit der betreffenden Gitterthür, so hat der Stadtschultheiß den Schlüssel dazu immer in ganz eigener Verwahrung.« »Grauenhaft!« »Und es war Alles so still und ruhig darüber geworden – kein Mensch dachte mehr daran, daß sich dort unter der Erde so unerhörte Dinge begeben, bis der Stadtschultheiß nun auf einmal diese Geschichte wieder aufwärmt, indem er verlangt, daß die Thür zugemauert werden soll. Warum verlangt er das eigentlich – ohne allen Grund? O, dieser Mann thut nie etwas ohne Grund!« So sprach die Ober-Steuerräthin, wobei man deutlich an ihren Blicken sah, daß sie noch ganz andere Dinge mittheilen könne, wenn sie nur wolle, und dann bog sie sich vornüber gegen den Tisch, den anderen Damen ein Zeichen machend, es eben so zu thun, worauf der ganze Kreis die Köpfe zusammenstreckte, als fürchteten sie sich, von etwas Unsichtbarem, das hinter ihnen herumschleiche, belauscht zu werden, worauf sie flüsternd fortfuhr: »Der Herr Baron von Rivola, der in den letzten Jahren selten mehr in dem alten Hause erschien, kommt jetzt wieder häufig dorthin; auch sagt man – hier dämpfte sie ihre Stimme abermals um ein Bedeutendes, – es stände mit seinem Vermögen durchaus nicht so brillant, als man wohl glaubt – er habe enorme Schulden, es fehle dort häufig an baarem Gelde.« »Und was du Leute für Aufwand machen!« »Ja, aber woher nehmen sie das Geld? – Sie versetzen, was sie haben. Mein Adolf, der mit dem Sohne des Juweliers Steiner in der Schloßstraße genau bekannt ist, hat mir erzählt, daß der alte Diener des Barons, derselbe, der in dem Thurme wohnt, neulich auf ein Armband und eine Brosche einige Tausend Gulden entliehen habe – lassen Sie mich ausreden, meine Damen; – diese Brillanten seien aber so wundervoll und groß gewesen, daß Herr Steiner ordentlich darüber erschrack – er hat zu seiner Frau gesagt, die Königin hätte keine schöneren, und hinzugefügt, er wäre anfänglich im Zweifel gewesen, ob sie auch echt seien.« Bei diesen Worten fuhren die Köpfe sämmtlicher Damen auseinander, als sei jede durch eine besondere Feder in die Höhe geschnellt worden, und eine betrachtete die andere mit der Miene eines eigenthümlichen Erstaunens. »Aber sie waren echt und hatten dadurch einen solchen Werth, daß der Juwelier Steiner viermal so viel darauf gegeben hätte, als verlangt wurde.« »Es ist immer eine eigenthümliche Geschichte, daß die Leute, die solchen Aufwand machen, auch in Geldverlegenheit kommen können, denn ihr Aufwand ist über alle Beschreibung, Der Baron hat vor Kurzem für seine Frau und Tochter nicht nur Wagen und neue Pferde gekauft, sondern sogar einen Schlitten mit Ponies für seine Tochter – und wenn ich eine Million hätte, würde ich meine Kinder nicht so verwöhnen!« »Mein Mann, der Major, hatte – Ponies . . .« »Leute, die wirklich Millionen besitzen, thun auch selten so etwas, und deßhalb ist das ganze Getreibe in dem Rivola'schen Hause auch, gelinde gesagt, seltsam.« »Man könnte ohne Weiteres sagen: verdächtig, wenn man an die Verbindung denkt, welche zwischen dem alten Thurme und dem unterirdischen Gange besteht.« »Wer weiß, was dort alles schon geschehen ist!« »Und in der nächsten Zeit geschehen wird!« »Deßhalb war es nicht klug von dem Herrn Stadtschultheißen, so auf das Zumauern jener Thür zu drängen.« »Seinem Freunde zu lieb, der dort nun treiben kann, was er will, ohne befürchten zu müssen, daß er durch irgend etwas gestört wird.« »Die Commission, von der Sie, Frau Ober-Kriegsräthin erzählten,« sprach Madame Krampler, welche mit ihren Gedanken noch immer in dem finsteren Gange umherstrich, »meinte damals schon, man könne die Gitterthür im Rathhauskeller ohne Weiteres zumauern.« »Ganz richtig – aber damals opponirte gerade mein verehrter Herr Schwager dagegen, ich erinnere mich ganz genau – und warum erscheint ihm das nun heute so wünschenswerth, was er damals so hartnäckig verwarf?« »Das Warum wird offenbar, wenn die Todten auferstehen,« deklamirte die Ober-Steuerräthin in einem ernsten Tone, worauf beide Fräulein Marx ihre Mutter inständig baten, doch nicht so grauliche Sachen zu sprechen, und die zweifelhafte Majorin aus tiefem Herzen seufzte: »Ach, du lieber Gott, ja, auch mein Mann, der Major, könnte auferstehen und reden!« Die Unterhaltung bekam hier einen augenblicklichen Riß, weil das Stubenmädchen eintrat um nach allenfallsigen leeren Flaschen und Tellern zu sehen; doch war diese Fürsorge unnöthig, da das lebhaft geführte Gespräch die Damen nicht zum wackeren Angriffe auf die aufgestellten Gottesgaben hatte kommen lassen. Dies sah denn auch die Hauswirthin mit Schrecken und setzte ihre hartnäckigen Nöthigungen so lange fort, bis rings umher die Messer und Löffelchen klirrten, bis die Gläser klangen und bis sich der Ausdruck von Güte und Milde auf den etwas erregten Zügen der Anwesenden gelagert hatte. Madame Krampler wollte allerdings noch einmal auf den unterirdischen Gang zurückkommen, doch fand dieses Gesprächsthema so wenig Anklang mehr, daß sich die Ober-Kriegsräthin nicht enthalten konnte, ihrer Nachbarin im Tone der Mißbilligung zuzuflüstern: »Diese Frau« – damit meinte sie die Oberzunftmeisterin – »ist offenbar eine halbe Stunde zu spät auf die Welt gekommen, denn sie schleicht stets mit ihren Bemerkungen hintendrein.« Überhaupt wollte so recht ein animirtes Gespräch nicht mehr zu Stande kommen, und als nun die Standuhr die siebente Stunde schlug, erinnerten sich die meisten anwesenden Damen, daß sie nun lange genug Zeit und Geduld der guten Revisorin mißbraucht und es unbescheiden wäre, noch länger zu bleiben. Eine Viertelstunde nachher hatten Alle das Haus verlassen und gingen einzeln oder auch zu Zwei oder Drei ihres Weges dahin; aufgeregt von der Unterhaltung, empfänglich für alles Gute, konnte es nicht fehlen, daß der Samen, welche Eine in das wohlwollende Gemüth der Anderen gesäet, zur üppigsten Saat aufschoß und daß es bald in dem Herzen einer Jeden unzweifelhaft war, daß zwischen dem Stadtschultheißen und dem Baron von Rivola eine geheimnißvolle Verbindung bestehe; daß der alte Thurm mit dem unterirdischen Gange eine sehr dunkle Geschichte habe, in welcher der ehemalige Bediente des Freiherrn, welcher seine Frau heimlich aus der Welt geschafft, eine große Rolle spiele. Manche erinnerten sich auch, daß der Stadtschultheiß ein Lebemann und dem schönen Geschlechte sehr zugethan gewesen, damals öffentlich, jetzt im Geheimen, und wenn er nun, wo Madame Mayer mit vielen schönen Töchtern und zahlreichen Nichten dort ihr Wesen treibe, den Gang zumauern wolle, so geschehe das nur, um die Blicke von seinem Treiben abzulenken. Was die Juwelen anbelangte, so wußte die gute Ober-Steuerräthin jedenfalls mehr, als sie gesagt, und so viel stand fest, entweder waren diese Juwelen falsch oder Gott weiß durch welches Verbrechen in die Hände des Herrn von Rivola gekommen. Elftes Kapitel. Auf dem Platze vor dem Rathhause herrschte das an Markttagen so unruhige und lebendige Treiben: da standen oder saßen in langen Reihen die Verkäufer und Verkäuferinnen hinter ihren Körben und Säcken, die meisten, so gut als es möglich war, in ihre Tücher gehüllt oder ihre dicken Tuchjacken zugeknöpft, mit schweren Fausthandschuhen, gerötheten Wangen und triefenden, blauen Nasen, denn es war recht kalt geworden, eine fest gefrorene Schneedecke lagerte auf der Erde, ein schneidiger Nordostwind fegte durch die Straßen; da wurde angeboten und gehandelt, Käufe abgeschlossen, oder die Betreffenden, die nicht handelseinig werden konnten, setzten achselzuckend ihren Weg fort. Possierlich war es dabei anzusehen, wenn die Marktweiber vor ihrer Waare hin und her trippelten, um die Füße zu erwärmen, und wenn sie fröstelnd ihre Arme eifrig übereinander schlugen. Wahrhaft abgehärtet erschienen dagegen die viel zarteren Köchinnen und Dienstmädchen guter Häuser, die, oft in einem dünnen Kattunkleidchen, mit sehr kleinem Umschlagetuch, ein Paar leichte, gestrickte Handschuhe an den Händen, die Kälte gar nicht zu fühlen schienen und ohne irgend eine hierauf bezügliche lebhaftere Bewegung zu machen mit dem Anstande und der Würde, wie sie sich für die Repräsentantinnen guter Häuser geziemen, ihre Einkäufe besorgten. So bemerken wir hier eine unserer Bekanntinnen, recht kokett angezogen, das hübsche, lockige Haar unter einem zierlichen Häubchen verborgen, ein leichtes Körbchen am Arme, welches allerdings nicht dazu geschaffen war, um gröbere Markterzeugnisse in sich aufzunehmen; auch schien Jungfer Margarethe heute Morgen außerordentlich wählerisch in ihren Einkäufen zu sein und schwer damit zu Stande zu kommen, denn wenn sie auch hier und da stehen blieb, um nach dem Preise einer Waare zu fragen, so sah man sie doch gleich darauf wieder kopfschüttelnd weitergehen. Auf diese Art Schritt um Schritt vordringend, näherte sie sich indessen, wenngleich langsam und zögernd, der offen stehenden Thür der unteren Rathhaushalle. Endlich aber beschrieb sie einen großen Bogen um die letzte Reihe der Marktweiber und schien es alsdann sehr eilig zu haben, an der Treppe der oben erwähnten Halle vorbei zu kommen. Zufälliger Weise aber befand sich hier noch eine letzte Verkäuferin, die so auffallend schöne Meerrettigstangen feil bot, daß Jungfer Margarethe unmöglich daran vorübergehen konnte; doch verlangte die Verkäuferin gar zu hohe Preise, so daß sich jene veranlaßt fand, mit hellklingender Stimme auf das Ungehörige der Forderung aufmerksam zu machen. »Da würde sich die Frau Stadtschultheißin bedanken,« rief sie lachend, »wenn ich so theuer einkaufte – nein, nein, es ist noch genug davon zu haben – ah, guten Morgen, Herr Amtsdiener, habe ich nicht vollkommen Recht? Denken Sie nur, was die Frau für ihren Meerrettig verlangt, es ist unerhört!« Der würdige Beamte hatte wahrscheinlich, von der hellen Stimme Margarethens angelockt, seinen warmen Ofen verlassen und war unter die Thür der Halle getreten, wo er das Dienstmädchen des Stadtschultheißen mit einem mehr als gnädigen, ja mit einem freundlichen Kopfnicken begrüßte. »Die wissen überhaupt nächstens gar nicht mehr, was sie verlangen sollen,« brummte er; »wie hat sich das alles geändert – wenn ich noch denke, daß man vor ein paar Jahren so einen ganzen Korb um zwölf Kreuzer kaufte!« »Und jetzt verlangt sie so viel für eine einzige Stange.« »Aber er ist sehr schön und saftig,« sagte die Verkäuferin; »wenn ich mit dem Messer hinein schneide und Sie daran riechen, so fängt die Jungfer augenblicklich an zu weinen.« »Dafür danke ich – man hat andere Gelegenheiten genug, das zu thun.« »Wenn ich was zu sagen hätte,« fuhr der würdige Beamte kopfnickend fort, »so sollte man, so oft die Weiber ihre Waare theuer hielten, auch mit der Marktsteuer hinaufgehen.« »Wenn der Meerrettig wirklich so gut und scharf ist, wie Sie sagt,« sprach Jungfer Margarethe mit sehr lauter Stimme, »so will ich doch einen Versuch machen.« Dabei schaute sie statt auf die Waare, die sie kaufen wollte, angelegentlich in das Innere der Markthalle, wo nun jemand Anderes zum Vorscheine kam und sich der Thür näherte. »Schlecht sieht er nicht aus; was meint Ihr dazu, Steffler?« Franz Steffler, der Gehülfe des Marktschreibers, welcher jetzt in ganzer Gestalt unter der Thür der Rathhaushalle sichtbar wurde, machte zuerst dem hübschen Dienstmädchen des Stadtschultheißen eine elegante, solide Verbeugung; dann sagte er: »Der Meerrettig ist zu empfehlen; ich kenne die Frau.« Der Handel wurde nun zur Zufriedenheit beider Theile abgeschlossen, und da Jungfer Margarethe in der Nachbarschaft auch noch andere Einkäufe zu machen hatte, so verstand es sich von selbst, daß sie die groben Meerrettigstangen nicht mit sich herumschleppte, sondern bis zu ihrer Zurückkunft in der Rathhaushalle deponirte. Herr Franz Steffler trug sie selbst in seinen Schreibverschlag und wickelte sie dort in ein blaues Papier, das er zum Überflusse noch mit einem Bindfaden umwand, wobei ihm der Amtsdiener, am Ofen stehend, mit einem mürrischen Lächeln – er hatte eigentlich kein anderes – zuschaute. »Es ist mir doch lieb, daß ich dergleichen hinter mir habe und um ein Paar hübscher Augen willen keine Papierverschwendung mehr treibe.« Hierauf blies er seine Backen auf und spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte, kam aber nicht dazu. »Allerdings ein Paar hübsche Augen,« sagte der Gehülfe des Marktmeisters, aus seinem Verschlage hervorkommend – »und was für Augen!« Mit dem Äußern des Herrn Steffler war eine große Veränderung vorgegangen: statt des fadenscheinigen, schwarzen Anzuges trug er jetzt einen wohlhabend aussehenden Paletot von braunem Winterstoffe, Beinkleider von derselben Farbe, und an seinem Halse bemerkte man sogar einen weißen Kragen; dabei war es eigenthümlich, wie dieses anständige Kleid auf den ganzen Menschen eingewirkt zu haben schien. Seine Bewegungen waren nicht mehr hüpfend, wie damals, auch tänzelte er nicht mehr mit dem Ausdrucke der Ehrerbietung um den Amtsdiener herum, bis es diesem gefiel, an dem warmen Ofen ein Bißchen Platz für den armen Steuerschreiber zu machen, sondern er pflanzte sich jetzt ohne Weiteres neben dem Amtsdiener auf, die Hände auf den Rücken gelegt, wobei er die ungnädigen Blicke desselben mit einem leichten Lächeln beantwortete. »Ja, die Zeiten ändern sich,« sagte er alsdann; »doch gab es gewiß eine Zeit, wo Sie für so hübsche Augen noch mehr gethan hätten, als einige Stangen Meerrettig in ein blaues Papier zu wickeln.« »Mehr allerdings, aber das doch wohl nicht,« antwortete der Amtsdiener in mürrischem Tone; »freilich haben sich die Zeiten geändert, daß sich Gott erbarme! Damals gehörte mehr dazu, als plötzlich einen guten Rock anhaben und Meerrettig einwickeln, um – doch ist darum nichts besser geworden, auch die Mädel heutzutage nicht.« »Mein lieber Herr Amtsdiener,« entgegnete der Andere in einem heiteren Tone, »auf das Äußere kommt's nicht an, man kann tragen, was man will, und bleibt deßhalb doch im Innern, was man ist – die innere Eigenschaft, die Fähigkeit, welche man besitzt, das macht eigentlich den Menschen aus; ich war allerdings noch vor Kurzem, was man einen rohen Edelstein nennt, und selbst Sie werden nicht läugnen, daß ich heute ziemlich geschliffen aussehe – doch wollen wir darüber kein Wort weiter verlieren. Da kommt auch Jungfer Margarethe zurück, und Sie sollen sehen, ob sie es nicht sehr wohlgefällig aufnimmt, daß ich ihr die schmutzigen Meerrettigstangen eingewickelt habe.« Dies war denn auch in der That der Fall; bei ihrem Eintreten nickte sie gegen den Amtsdiener nur leicht mit dem Kopfe und trat alsdann mit Herrn Steffler in den kleinen Verschlag, wobei sie gegen diesen die Bitte aussprach, die Gesammtsumme ihrer Einkäufe nachzurechnen. Der Amtsdiener draußen blies seine Backen auf und machte ein höchst unzufriedenes Gesicht, als in diesem Augenblicke die Glocke ertönte, welche ihn in den Sitzungs-Saal des Gemeinderathes hinaufrief. Der Steuerschreiber hatte sich an seinen Tisch gesetzt und durchflog die Zahlenreihe, während Jungfer Margarethe sehr dicht neben ihm stand, ihre Hand aufgestützt hatte und ihm über die Schulter sah. »Diese Rechnung ist richtig,« sagte er, mit einem leichten Seufzer aufschauend, und da er sich hierbei ein wenig emporrichtete, so konnte es nicht fehlen, daß er sie mit seiner Schulter streifte, – »bitte aber, selbst noch einmal nachzusehen: zwei und zwei sind vier und acht sind zwölf und sieben sind neunzehn und fünf sind vierundzwanzig – behalte zwei – zweiundfünfzig von dem anderen Zettel dazu machen sechsundsiebenzig, und nun einen Kuß dazu, süße Margarethe, so haben wir einen Gulden vierundzwanzig Kreuzer.« »Pfui, Herr Steffler, Sie können Ihre schlechten Witze niemals lassen und sind wirklich ein gefährlicher Mensch, der darauf ausgeht, ein unerfahrenes Mädchen in's Gerede zu bringen!« »Das sagen Sie nicht im Ernste, Margarethe – Sie wissen, wie gut und zart ich für Sie denke!« »Bei einem solchen Verlangen hier in der offenen Halle!« »O, mein liebes Kind, die Fenster sind vor Staub so blind, als man es nur wünschen kann, und ich kenne kein heimlicheres Winkelchen als diesen Verschlag.« »Das haben Sie wahrscheinlich schon oft erprobt?« »Jetzt, Margarethe, sage ich ›pfui‹ und setze mit Entrüstung hinzu: das ist nicht dein Ernst!« »Und wenn der Herr Amtsdiener Sprandel hereintritt, so fällt sein erster Blick hierher – ich kenne das.« »Aber er wird nicht hereintreten – sei gescheit, liebes Kind!« »O, ich bin sehr gescheit!« »Aber schlechte Zahlen machst du – ich glaube, ich habe mich doch geirrt; soll das hier ein Vierer sein oder am Ende ein Siebener? Sieh' einmal genau hin – noch näher – so ist es recht.« »Schämen Sie sich, Herr Steffler, so meine Arglosigkeit und Unschuld zu mißbrauchen! Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich gewiß nicht hieher gekommen, überhaupt . . .« »Was überhaupt, meine herzige Margarethe?« »Überhaupt spricht man schon im Hause davon, daß Sie sich so oft in der Nähe unseres Hauses sehen lassen, und der Kutscher hat neulich behauptet, er habe es ganz deutlich gesehen, wie Sie an der Ecke auf mich gewartet.« »Nun, und was weiter?« »Was weiter? Sie haben gut fragen – meinen Sie denn, man fange so mir nichts dir nichts eine Liebschaft an, ohne solide Aussichten zu haben?« »Das meine ich gewiß nicht, mein liebes Kind; ich habe dir schon gesagt, daß ich die besten Aussichten habe.« »Und doch bleiben Sie hier auf dieser kleinen Stelle, im ständigen Verkehr mit den dummen Marktweibern da draußen – das gefällt mir durchaus nicht.« Sie sagte das in einem etwas schnippischen Tone. »Alles hat einen Übergang, wie schon der selige Fuchs bemerkte, als man ihm das Fell über die Ohren zog – aufgesagt habe ich, und wenn nicht der Marktmeister, wie du wohl weißt, krank wäre, so würde ich gleich am anderen Tage ausgetreten sein.« »Und du wirst deine Anstellung bekommen?« »Das ist so gut, wie sicher, und zwar eine sehr respektable Anstellung, meinen Fähigkeiten entsprechend, in der Staatsdruckerei, auf dem Bureau der Staatsbanknoten.« »Und dann?« »Dann, meine süße Margarethe, brauche ich nicht mehr Abends um euer Haus herumzuschleichen; du kannst alsdann deine Liebe zu mir offen und frei gestehen.« »Nein, Sie sind wirklich unausstehlich, Herr Steffler,« schmollte das hübsche Dienstmädchen, indem es ihn auf die Finger schlug, »und dabei sind Sie von einer fürchterlichen Einbildung! Lassen Sie jetzt Ihre Kindereien gehen, und Sie meinen wohl, es sei etwas Rechtes, Ihre Liebe, und ich müßte mich sehr geehrt fühlen, dieselbe laut und öffentlich erklären zu können? Sagen Sie mir lieber etwas Vernünftiges von Ihren soliden Aussichten.« »Als Angestellter der Staatsdruckerei habe ich mehr als genügendes Auskommen.« »Ist diese Anstellung so gewiß?« »Wie der Tag scheint; obgleich ich in dem Herrn von Rivola einen mächtigen Fürsprecher besitze, so habe ich das Ganze doch mir selbst zu verdanken, was auch schon etwas werth ist. Herr von Rivola wurde zufällig auf mein Zeichen- und Gravirtalent aufmerksam; er ist ein großer Kunstkenner, und da er mich sogleich richtig erkannte, so war es ihm bei seinen großen Connexionen ein Leichtes, mich zu einer guten Stelle vorzuschlagen. Ich besorgte auch kleine Arbeiten für ihn, wofür er mich so außerordentlich belohnte, daß ich schon mit Recht der Ansicht sein kann, daß in mir etwas ganz Besonderes steckt; wenn ich freilich im Verhältniß danach beständig bezahlt würde, so könnte ich es noch zu einem Millionär bringen.« »Ich glaube, Sie schneiden ein wenig auf, Herr Steffler.« »Ganz und gar nicht, mein liebes Kind; so hundert Gulden für eine ganz kleine Arbeit und noch ein tüchtiges Geschenk für meine zukünftige Einrichtung, und das für eine Arbeit, die ich, unter uns gesagt, an einem einzigen Sonntagmorgen zu Stande brachte!« »Was war denn das für eine Arbeit?« »Man kann es eigentlich nicht einmal eine Arbeit nennen; es war nur eine Probe, damit sie in der Staatsdruckerei sehen können, daß ich ein scharfes Auge und eine sichere Hand habe.« »Wissen Sie nicht, lieber Franz, daß ich ebenfalls für Sie gearbeitet habe?« Der Steuerschreiber sah sie fragend an. »Neulich sprach ich einmal mit der Frau Stadtschultheißin, daß wohl die Zeit kommen könne, wo ich mich gern verändern möchte.« »So, du möchtest dich verändern?« »Nun ja – wenn – Sie wissen das ja« – bei diesen Worten spielte Jungfer Margarethe mit einer affectirten Verlegenheit an ihren Schurzbändern, – »und sagte das auch der Frau Stadtschultheißin, nannte dabei Ihren Namen und setzte hinzu, daß der Herr Baron von Rivola Ihnen eine gute Anstellung verschaffen wolle, worauf die Frau Stadtschultheißin erwiederte: ›Ja, in diesem Falle kannst du schon ruhig sein, denn wenn der Herr Baron von Rivola Jemanden protegirt, so muß dieser Jemand‹ – nein, ich sag' es doch nicht, du bist so schon eitel genug!« »›So muß dieser Jemand etwas Rechtes sein‹,« hat sie gesagt, ergänzte der Steuerschreiber – »›o, ich weiß genau, was in mir steckt!‹« »Lassen Sie Ihre Kindereien, da kommt der Herr Amtsdiener zurück; geben Sie mir meine Rechnung.« »Hier, Jungfer Margarethe,« sagte Herr Steffler, indem er, scheinbar mit großer Ruhe, nochmals die Zahlenreihe überflog und dann dem hübschen Dienstmädchen das Papier einhändigte, welches es dankend empfing, dann Herrn Sprandel einen Knix machte und hierauf mit so koketter Bewegung, als es ihr nur möglich war, die Halle verließ. Der Amtsdiener hatte bei seinem Eintreten rasch einen lauernden Blick hinter den Verschlag gesandt und sagte nun, als sich Jungfer Margarethe entfernt hatte: »Das hat lange genug gedauert – ich möchte nur wissen, was die Frau Stadtschultheißin denken würde, wenn sie erführe, daß ihr Dienstbote hier eine förmliche Auflage hielte; doch mir kann es gleichgültig sein, in jeder Beziehung gleichgültig.« Er ging bei diesen Worten quer durch die Halle, öffnete einen dort befindlichen Wandschrank, aus dem er eine große Laterne nahm, deren Lampe er mit einem Schwefel-Hölzchen anzündete; dann rückte er seine Mütze fester in die Stirn, blies die Backen auf und verließ das Gemach durch eine Thür, die sich hinter der großen Treppe befand und die zu öffnen ihm einige Mühe kostete. Herr Steffler, der durchaus keine Lust mehr verspürte, seine doch nun bald ganz beendigten Geschäfte für den erkrankten Marktmeister heute Morgen, da es ohnehin schon stark auf Mittag ging, fortzusetzen, klappte sein Buch zu, nahm seinen Hut und schloß den Verschlag hinter sich ab. Er stand schon unter der Eingangsthür, um die Halle zu verlassen, als er von oben Jemand die Treppe herabkommen und, sich umwendend, den Stadtschultheißen sah, der mit einem jungen Manne in eifrigem Gespräche die Stufen niederstieg und, ohne ihn zu bemerken, mit diesem durch dieselbe Thür ging, durch welche soeben der Amtsdiener mit seiner leuchtenden Laterne verschwunden war. Daran war nun durchaus nichts Auffallendes; jene Thür führte zu dem Rathhauskeller, in welchem der Stadtschultheiß wahrscheinlich irgend etwas in Augenschein nehmen wollte, vielleicht eine bauliche Veränderung, denn er erinnerte sich dunkel, den jungen Mann auch schon irgendwo gesehen zu haben – richtig, bei seinem Freunde, dem Friseur Fritz, welcher gesagt, der junge Mann sei ein Baumeister, Ingenieur oder dergleichen. Herr Steffler zog, auf der Treppe stehend, seine Handschuhe an und ging von dannen, um in der Nachbarschaft noch einen kleinen Besuch zu machen. Die Treppe, welche von der Halle in den tiefen Rathhauskeller führte, war breit, etwas schlüpfrig zwar, aber nicht so dunkel, daß man ein Licht gebraucht hätte, weßhalb der Amtsdiener mit seiner Laterne hinabgestiegen war, um unten auf die ihm folgenden beiden Herren zu warten. »Das ist ein schönes Gewölbe,« meinte der Ingenieur Welden, nachdem er mit dem Stadtschultheißen angekommen und den aus dicken Quadern gebauten Kreuzbogen aufmerksam betrachtete; »es wäre eine Freude, wenn man heutzutage noch so bauen dürfte. Dort in jener Ecke muß nach dem alten Plane, den ich genau durchgesehen, die fragliche Thür sein.« »Ja, dort ist sie, und hier der Schlüssel,« sagte der Stadtschultheiß – »leuchten Sie dorthin, Sprandel.« Der Ingenieur nahm den Schlüssel und drehte ihn nicht ohne große Kraftanstrengung in dem Schlosse herum, wobei er bemerkte: »Das ist lange nicht gebraucht worden.« Es war eine schwere, kunstlos gearbeitete, aber sehr feste eiserne Thür, vor welcher nun die Drei standen, der Amtsdiener mit hoch erhobener Laterne, deren Lichtschein in einen unterirdischen Gang sehen ließ, welcher hier begann und aus welchem eine modrige, allerdings etwas übel riechende Luft herausdrang. Welden nahm die Laterne aus der Hand des Amtsdieners, und nachdem er die Thür aufgedrückt, die sich kreischend in ihren Angeln drehte, ging er ohne Weiteres voran; ihm folgte der Stadtschultheiß, nachdem er Herrn Sprandel bedeutet, ihn oben in der Halle zu erwarten. »Ist der Weg hier eben, oder gibt es Stufen?« fragte der Ingenieur. »Ganz eben, nur läuft der Gang, der Straße folgend, wie Sie finden werden, ein wenig aufwärts.« Langsam weiter schreitend, beleuchtete Welden die Wände sowie die Decke des festgebauten Gewölbes und sagte: »Das ist ebenfalls in einer Zeit erbaut, wo man weder an Steinen noch an Zeit zu sparen pflegte – schade darum, daß dieser Gang, wie Sie mir sagten, auf der Seite der jetzigen Hauptwache verschüttet worden ist; er würde noch Jahrhunderte allem Gewichte trotzen, das man für gut fände, auf ihn zu laden.« »Und er hat nicht einmal viel zu tragen, denn er folgt meist den Straßen und geht nur kurz vor seinem Ende unter einem Häuserquadrat durch, ist auch wahrscheinlich der größeren Sicherheit wegen dort verschüttet worden.« »Wie das zusammengefügt ist und mit Sorgfalt gearbeitet!« Und so war es auch in der That; die Quadern, welche man zu dem Baue benutzt hatte, von festem Stein und so regelmäßig behauen, daß die Fugen heute, nach vielen hundert Jahren, noch wie mit dem Lineal gezogen erschienen und kaum zu bemerken waren. Die Luft hier war dick und warm, doch nicht so, daß sie das Athmen beschwerlich gemacht hätte. Von dem Geräusche des täglichen Verkehrs oben sowie von dem in den rechts und links anstoßenden Kellern hörte man nur wenig, zuweilen das Rollen eines Wagens, hier und da auch ein dumpfes Klopfen und Hämmern. »Ich hatte mir den Gang viel verfallener gedacht,« sprach Herr Welden, »und von dem Gesichtspunkte ausgehend, wäre ich ganz mit Ihnen einverstanden gewesen, auch die eine Mündung im Rathhauskeller zu vermauern, wie es mit der anderen bei der Hauptwache schon vor langen Jahren geschehen; wie ich aber jetzt die Construction des Gewölbes finde, so wäre es eigentlich schade, ihn gänzlich unzugänglich zu machen, es gibt Architekten genug, die hier an den Steinschnitten des Gewölbes etwas lernen können – doch was haben wir hier? Ah, eine Biegung des Ganges und an der runden Ecke derselben ein viel lockereres Mauerwerk, als wir bisher gesehen – betrachten Sie das, Herr Stadtschultheiß.« »Ich weiß wohl, wir sind hier an der Ecke der Bären- und Glockengasse, und die Rundung, welche wir hier haben, sind die Fundamente des alten Thurmes, der dem Herrn Baron von Rivola gehört.« »Richtig, den Thurm, welchen er, wie Sie mir sagten, der Stadt schon verschiedene Male zum Kaufe angeboten hat. Warum erwerben Sie dieses interessante Bauwerk nicht? Sie könnten es zu einem städtischen Archive oder dergleichen benutzen, ließen den Eingang, der hier unstreitig in den Thurm führte, wieder herstellen und hätten alsdann eine unterirdische Verbindung mit dem Rathhause, die für mancherlei Fälle wohl zu benutzen wäre.« »Daß hier ein Eingang war,« fuhr Welden nach einer Pause fort, während welcher er die Mauer mit der Laterne auf's sorgfältigste beleuchtete, »daran ist nicht zu zweifeln; sieht man doch deutlich hier die Thüreinfassung roh in Stein gehauen und bemerkt eben so genau, daß die Steine, welche die Öffnung jetzt verschließen, in späterer Zeit, und zwar mit sehr wenig Sorgfalt eingefügt worden sind.« »Ich wußte das wohl, auch sprechen schon die alten Chroniken davon, daß jener Thurm unter der Erde mit dem damaligen Jagdschlosse in genauer Verbindung stand durch diesen Gang, der dann weiter fort in einen alten Steinbruch führte, wo jetzt die Hauptwache steht; zu welchem Zwecke, ist nicht angegeben.« »Vielleicht zu ganz verschiedenen Zwecken, um ein Schlupfloch offen zu halten und, was diesen Thurm anbelangt, irgend einen sicheren Aufbewahrungsort zu haben, sei es für Schätze, sei es für Gefangene, und es wäre eine sehr dankbare Aufgabe, ihn gewissermaßen als Schatzkammer wieder herzustellen; so viel ich weiß, fehlt es Ihnen doch an Platz für Ihre Akten und Archive, und ich hätte schon lange gewünscht, daß die prächtigen Schränke in Ihrem schönen Rathhaussaale zu anderen Zwecken benutzt würden, als um vergilbte Papiere dort aufzubewahren.« »Ihr Gedanke gefällt mir in der That, und wenn man den Gang von hier aus, wo er allerdings nicht mehr so fest und mit Steinen und Schutt ausgefüllt ist, wenn man ihn gerade hier hinter dem Thurme mit einem soliden Mauerwerke verschlösse, so würde man sicher auch die von weiter her dringenden übeln Gerüche abschneiden. Wir könnten noch einige Schritte vordringen, und dann würden Sie gleich sehen, wie dort das Mauerwerk unhaltbar und zerklüfteter ist.« »Ich begreife das – der solid construirte Gang zwischen Thurm und Jagdschloß war ihnen die Hauptsache.« »Ganz richtig; weiterhin steht er durch Schachtlöcher mit einigen Häusern in Verbindung, durch welche die Bewohner, allerdings gegen die Vorschrift, Asche und Kehricht hinabschütten.« »Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir doch noch ein paar Schritte vorwärts,« sagte der Ingenieur – »doch halt – bitte, Herr Stadtschultheiß, bleiben Sie einen Augenblick stehen – hören Sie hier nicht ein eigenthümliches Geräusch?« »Nichts Besonderes, Fußtritte droben und das entfernte Rollen eines Wagens.« »Nein, nein, das ist es nicht – warten wir einen Augenblick, bis es über uns in der Straße wieder still geworden ist – jetzt hören Sie.« »In der That, Sie haben Recht – was kann das sein?« »Etwas wie das Rad einer Maschine, das sich ein paar Mal herumdreht und dann jedes Mal still gehalten wird. Ist hier in der Nähe irgendwo die Werkstätte eines Kupferdruckers?« »Daß ich nicht wüßte.« »Oder eines Lithographen?« »Auch nicht; hier herum gibt es nur Krämer, Metzger, Bäcker und dergleichen Gewerbsleute. Das Geräusch könnte ja auch von einem Spinnrade herkommen.« »Der Faden der Spinnerin müßte sehr regelmäßig abreißen,« meinte Welden kopfschüttelnd; »treten Sie ein wenig näher zu mir, hier hören Sie es deutlicher.« Er hielt die Laterne hoch empor, um oben das Gewölbe zu beleuchten, und dann ließ er den Schein des Lichtes langsam an der feuchtglänzenden Mauer herabgleiten bis zu der schlecht vermauerten Öffnung in dem runden Thurme. »Wenn Sie sich etwas niederbeugen wollen,« sagte er alsdann, »so hören Sie es am deutlichsten.« »Ach ja,« erwiederte der Stadtschultheiß, nachdem er eine Zeit lang an der Mauer gehorcht, »das Geräusch scheint in der That aus dem Thurme des Herrn von Rivola zu kommen; vielleicht daß sein alter Diener, der ehemalige Schlosser, sich mit der Drehbank seines Herrn zu schaffen macht?« »Ach, das könnte sein! Ja, ja, das Geräusch klingt so, als wenn ein widerspenstiges Rad nach verschiedenen Seiten probirt wird, um es wieder in Gang zu bringen. Jetzt hat das Geräusch ganz aufgehört; ich habe es mir immer zur Richtschnur genommen, über irgend etwas Ungewöhnliches, das ich besonders zur Nachtzeit höre, so lange nachzudenken oder, wenn es möglich ist, dasselbe zu untersuchen, bis ich zu irgend einer genügenden Erklärung gelange. Wenn das Jeder thäte, gäbe es keine Geistererscheinungen mehr.« »Dazu fehlt aber Manchem Ihre Umsicht oder Ihr Muth, mein lieber Herr Welden. Hier ist es jedoch sicher der alte Friedrich gewesen; wenn ich ihn wieder sehe, will ich ihn darum befragen. Lassen Sie uns aber jetzt noch einige Schritte weiter vordringen, damit Sie sehen, wie sich die Construction des Ganges hier endet.« »Ach ja, auffallend schlecht! Wie ich schon vorhin sagte, es ist meine Ansicht, daß es meinen Collegen von dazumal hauptsächlich darum zu thun war, die Verbindung zwischen Thurm und Rathhaus wahrscheinlich für den täglichen Verkehr im Stande zu halten; mit dem weiteren Gange mußte man sich für gewisse Fälle so gut als möglich behelfen.« »Das hier ist allerdings recht sorglos zusammengefügt, und hier dicht am Rivola'schen Hause sehen Sie einen jener Schächte, von denen ich vorhin sprach. Wie hier Kehricht und Asche zu einem tüchtigen Haufen angewachsen sind! Ich muß denen da oben wieder einmal die Polizeivorschrift auffrischen lassen.« Welden hatte mit der Laterne gegen den Boden geleuchtet, wo sich allerdings ein tüchtiger Haufen von Abfall aller Art und Asche befand; jetzt beugte er sich tief hinab und betrachtete etwas, das sich glänzend aus dem grauen Staube hervorhob. »Was haben Sie da?« »Wenn ich nicht irre, ein Stückchen geschmolzenen Kupfers, förmlich einen Tropfen bildend; man sollte glauben in der Nähe einer Galmeischmelze zu sein, gerade so tropft das Metall aus dem Steine.« »Sehen Sie wohl, wie interessant es ist, diesen alten Gang zu untersuchen,« meinte lächelnd der Stadtschultheiß. »Da haben wir schon ein paar wichtige Entdeckungen gemacht; wer weiß, was wir fänden, wenn wir noch weiter fortschritten! Doch habe ich Ihre Zeit und Geduld genugsam in Anspruch genommen, kann Ihnen auch weiter nichts mehr zeigen.« Welden hatte das Stückchen geschmolzenen Kupfers zwischen den Fingern gerieben und dann eigentlich ganz absichtslos in die Westentasche geschoben. Hierauf betrachtete er noch einen Augenblick die Steine und Erdmasse, welche sich allerdings hier jedem weiteren Vordringen widersetzten, und sagte alsdann: »Ich muß meinen Vorschlag von vorhin wiederholen, den alten Thurm zu kaufen und hier eine solide Mauer aufzuführen. Denken Sie nur, Herr Stadtschultheiß, was das für ein Rettungsweg wäre bei einem Brande oder dergleichen! Und dann eignet sich der alte Thurm mit seinen riesenhaften Mauern wie gar nichts Anderes zu einem städtischen Archiv.« Der Stadtschultheiß ging dem Anderen schweigend voraus durch den alten Gang zurück; Welden schloß die alte Gitterthür nicht ohne einige Mühe wieder zu und sagte dabei: »Wenn Sie mir den Schlüssel anvertrauen wollten, so würde ich dieses schöne, aber verrostete Schloß einmal nachsehen lassen; das müßte bei guter Behandlung wie ein Uhrwerk gehen.« »Thun Sie das, mein Lieber, und wenn Sie noch einen Augenblick Zeit für mich haben, so bitte ich Sie, mich nach oben zu begleiten.« Neben dem Rathhaussaale hatte der Stadtschultheiß ein kleines, aber behagliches Arbeitszimmer, wo er den jungen Ingenieur zum Sitzen einlud und, als dieser das dankend ablehnte, mit ihm auf und ab ging. »Das, was Sie mir vorhin vorschlugen, scheint mir als außerordentlich zweckmäßig. Der Herr Baron von Rivola äußerte schon einige Mal die Absicht, den Thurm und das Haus verkaufen zu wollen; auch war der verlangte Preis, ohne gerade gering zu sein, doch auch nicht übermäßig, und wir haben hier im Rathhause so wenig Platz, daß es schon sehr erwünscht wäre, in der Nähe einen solid gebauten Raum für Archiv, Magazin und dergleichen zu haben, sowie auch noch ein paar Schreibstuben für solche Geschäftszweige, die gerade nicht unmittelbar hier im Rathhause zu sein brauchen. Sie wissen, mein lieber junger Freund, daß ich neulich in der Gemeinderathssitzung recht tüchtig mit meinem Antrage auf Zumauern des Ganges überstimmt wurde; nun meinen allerdings meine Freunde, ich solle mich daran nicht kehren, und ich glaube, Sie machten neulich bei meinem Balle den Vorschlag, weder Gitterthür noch Öffnung zuzumauern, sondern dahinter ein solides Mauerwerk aufzuführen.« »Nein, nein; Herr von Rivola sagte so, und fand ich damals dagegen nichts einzuwenden. Heute aber, wo ich den Gang gesehen, faßte ich eine andere Ansicht.« »Und Ihre Ansicht ist ganz vortrefflich; ich werde vor den Gemeinderath hintreten und werde ihm sagen: Meine Herren und Collegen . . .« – der Stadtschultheiß legte bei diesen Worten seine rechte Hand auf die Brust – »Sie haben neulich meinen Antrag verworfen, und ich habe mich dem Beschlusse des verehrlichen Collegiums so gern und willig gefügt, daß ich sogar nach reiflicher Überlegung auf den Gedanken gekommen bin, den Gang, der nach Ihrem Beschlusse erhalten bleiben soll, für das Allgemeine nützlich zu machen, indem – und so weiter und so weiter. Ich schmücke mich dabei mit fremden Federn,« setzte er mit einer verbindlichen Verbeugung gegen Welden hinzu, »doch werden Sie mir schon erlauben, mir auf diese Art Ihre vortreffliche Idee anzueignen.« »Gewiß.« »Und noch eine weitere Bitte erfüllen. Wenn ich mich auch selbst der Freundschaft des hochverehrten Mannes, des Herrn Barons von Rivola rühmen darf, so möchte ich doch nicht gern in meiner Eigenschaft als Stadtschultheiß ihn um den Preis seines Hauses fragen; die städtischen Mittel sind etwas beschränkt, und in diesem Punkte ist mit großen Herren am allerschlechtesten Kirschen essen. Sie aber, mein verehrter Freund, stehen ihm nicht nur näher, als ich – ich weiß, Sie sind Hausfreund in Eichenwald – bitte, bitte, so oft ich im Herbste draußen war, sah ich, daß man Sie wie zur Familie gehörig betrachtete, ja, sogar die Baronin – doch gehen wir darüber hinweg. Sie können dem Baron begreiflich machen, daß uns der alte Thurm allerdings sehr nützlich wäre und daß er gerade in Betracht unserer beschränkten Mittel wohl ein gelindes Opfer bringen könnte, um der Stadt die Anschaffung dieses kleinen, ihm doch so entbehrlichen Anwesens möglich zu machen. Sehen Sie, mein lieber junger Freund,« fuhr der Stadtschultheiß fort, indem er Welden seine beiden Hände darreichte, »wenn ich vor den Gemeinderath hintreten könnte, um meinen oft so mißgünstigen und widerhaarigen Collegen zu sagen: So fügt sich der Stadtschultheiß in eure Beschlüsse nicht nur, daß er seine eigene Idee, die Zumauerung des alten Ganges, bereitwilligst aufgab, nein, er that noch mehr, um euren Wünschen gefällig zu sein, er will diesen besagten Gang sogar wieder herstellen, um ihn in Verbindung zu bringen mit einem Denkmale alter Zeit, für das wir nützliche Verwendung haben und welch' altehrwürdiges Denkmal er für euch um den Spottpreis von so und so viel erhandelt hat – ich glaube, ein alter Römer hätte nicht mit größerer Selbstverläugnung handeln können.« »Ganz meine Ansicht,« gab Welden zur Antwort, während ein leichtes Lächeln über seine sonst ernsten Züge flog; »und um dieser Selbstverläugnung willen werde ich alles Mögliche thun, um von Herrn von Rivola in der That einen Spottpreis zu erlangen.« »Gott lohne es Ihnen! Seien Sie aber meiner vollen Dankbarkeit gewiß, und wenn Sie einmal – was nicht mehr lange dauern kann – als Mitglied des Rathes in den Saal hier nebenan eingeführt werden, so werde ich das als die glücklichste Zeit meiner Amtsführung betrachten, und was ich dazu beitragen kann . . .« Jetzt lächelte der junge Ingenieur in der That auf's herzlichste. Gewiß mochte ihm die Aussicht, einstens an dem großen, grünen Tische so viel leeres Stroh mitdreschen zu helfen, nicht gerade als das glänzendste Ziel seiner Wünsche erscheinen. Dem Stadtschultheißen schützte er allerdings seine Jugend und Unerfahrenheit im Geschäfte vor, worauf dieser ihm wohlwollend die Rechte auf die Schulter legte und in einem sehr ernsten Tone erwiederte: »Ihre Jugend, mein lieber Freund, würde der Stolz Ihrer Eltern sein, wenn diese das Glück gehabt hätten, Ihre glänzenden Erfolge zu erleben. Könnte ich von meinem Ferdinand dasselbe sagen! Verzeihen Sie mir, daß ich diesen Schatten in unsere Unterhaltung bringe, aber es ist ein Schatten, der mein Leben verbittert und über den Sie mir vielleicht ein paar Worte erlauben werden – Sie sind ja auch ein Bekannter meines Sohnes.« Welden verbeugte sich mit einem leichten Achselzucken. »O, ich verstehe diese Miene! Ich wollte auch eigentlich nur sagen: Sie kennen ihn, Sie sehen ihn auch zuweilen, obgleich Sie ein paar Jahre älter sind. O, wenn es Ihnen schon deßhalb möglich wäre, hier und da ein vernünftiges Wort mit ihm zu reden! Er schlägt so ganz aus der Art, daß ich zuweilen förmlich erschrocken bin, wie ein solcher Verschwender in unsere Familie hineingerathen konnte.« »Ferdinand ist allerdings etwas lustig, doch sonst ein in jeder Beziehung anständiger junger Mann; ich würde gewiß seinen Umgang nicht vermeiden, wenn ich mehr freie Zeit hätte.« »Davon hat er viel zu viel, das ist gerade das Unglück.« »Auch erlauben mir meine Mittel nicht, kleine, oft angenehme und gewiß unschuldige Thorheiten mitzumachen.« »Was nennen Sie seine Mittel? Das allerdings reichliche Taschengeld, welches ich ihm gebe, und dazu das Andere, das ihm seine Mutter heimlich zusteckt – ich wollte nicht davon reden, aber ich fürchte, er macht Schulden, bedeutende Schulden.« »Sollte Ihnen das verschwiegen bleiben?« »Vollkommen; und deßhalb fürchte ich, er ist in die Hände von Wucherern gefallen. Man weiß, daß ich einiges Vermögen besitze, und ist der Ansicht, der Stadtschultheiß könne doch unmöglich den eigenen Sohn in den Schuldthurm sperren lassen – es wäre darin etwas von einem Brutus, aber ich danke dafür! Nun weiß ich, Ferdinand hat einen ziemlichen Respekt vor Ihnen, eben so wie manche der jungen Leute, die er seine Freunde nennt, so der kleine Besenbach, der mit dem rothen Barte.« »Ah, ich kenne ihn!« »Thun Sie es einem besorgten Vater zu Liebe, Herr Welden, und sagen Sie es mir, wenn Sie etwas in dieser leidigen Angelegenheit erfahren. Ich weiß, daß er namentlich in allerletzter Zeit Summen ausgibt, die mich erschrecken, Summen für jenes gefährliche Kleeblatt: Wein, Spiel und Liebe! Seien Sie meiner Dankbarkeit und Verschwiegenheit gewiß und überzeugt, daß ich zu allen Gegendiensten bereit bin.« »Vielleicht ist das schwer zu erfahren, vielleicht auch ohne große Mühe, und da ich überzeugt bin, daß Sie, Herr Stadtschultheiß, Ihrem Sohne stets ein gütiger Vater sein werden, so will ich Ihnen gern Mittheilung darüber machen, wenn ich zufällig etwas erfahre – zufällig, denn dem nachzuforschen, wird sich nicht gut thun lassen.« »Was ich vollkommen begreife,« sagte der Stadtschultheiß und setzte mit einem herzlichen Ausdrucke in Blick und Miene hinzu: »Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen also mit zwei wichtigen Aufträgen beschwerlich geworden bin, unseren gemeinschaftlichen Freund, den Freiherrn von Rivola betreffend, und die Quelle, aus welcher mein ungerathener Sohn das Geld für seine Schulden schöpft – allerdings zwei ganz entgegengesetzte Dinge.« Zwölftes Kapitel. Welden hatte das Rathhaus verlassen und ging über den hart gefrorenen Schnee nach der oberen Stadt. Es war gegen die Mittagszeit, was man an der größeren Stille des gewerblichen Stadtviertels, von dem er soeben herkam, wohl bemerkte; denn hier waren die Werkstätten und kleineren Läden für eine oder zwei Stunden geschlossen, ebenso die Comptoirs und Bureaux, und alle, die von der Frühe bis zwölf Uhr gearbeitet hatten, genossen der verdienten Ruhe zwischen ihren vier Pfählen. Anders war es dagegen in der oberen Stadt, wo sich in den breiten Straßen, hervorgelockt von dem glänzenden Sonnenscheine, zahlreiche Spaziergänger hin und her bewegten, um den klingenden Schlitten mit den reich geschirrten Pferden zuzuschauen. Welden blieb häufig stehen, um hier und da ein paar Worte mit einem Bekannten zu wechseln oder um ebenfalls dem bunten Treiben auf der Schneebahn zuzuschauen. Hier war aber auch alles an's helle Tageslicht gezogen, was von Schlitten während der wärmeren Jahreszeit auf Söllern und in dunklen Magazinen von dieser nur zu kurzen Schmetterlingszeit zu träumen pflegte, und gerade so, wie während der Sommerszeit die bunt geflügelten Tagesfalter über die grünen Wiesen oder am Ufer des Baches dahinflattern, so schossen jetzt die Schlitten in allen Gestalten und Farben hin und wieder auf der weißglänzenden Schneefläche. Da bemerkte man neben neueren, eleganteren Schlitten alte in den phantastischsten Gestaltungen, ausgehöhlte Löwen und Bären, dort einen riesenhaften Schwan, hier in Muschelform, ähnlich dem Wagen der Schaumentstiegenen, nur war der Inhalt weniger schön und begehrlich. Auch Pelze in allen Formen brüsteten sich vom einfachen Rehfelle bis zur schwarzen Bärendecke, die, in rother und goldener Einfassung koketter Weise rechts und links zu beiden Seiten des Schlittens tief herabhangend, mit ihren Quasten und Troddeln den Schnee schleifte, und dazu hundertfach vielstimmiges Geklingel und das Knallen der Peitschen. Welden sah sich nach einer stilleren Seitenstraße um, denn er hatte dieses Getreibes genug, nachdem er es eine Viertelstunde betrachtet; doch hielt ihn noch das jetzt auffallende Zusammenströmen der Zuschauer am Rande des breiten Trottoirs. Ah, da kam der Hof mit der höchsten Gesellschaft in einigen zwanzig Schlitten! Allerdings ein prächtiger Anblick, die feurigen, herrlichen Pferde mit dem bunt verzierten Geschirre, Federbüsche auf den Köpfen, die kostbaren Pelzdecken, die Schlitten selbst in strotzender Vergoldung, Stallmeister und Vorreiter voran und zu beiden Seiten, alles das begleitet von einem wahrhaft betäubenden Geklingel, und die Herren und Damen in ihren reichen Wintertoiletten, Zobel und Hermelin, wohin man blickte, im reichsten Besätze auf schwarzen und farbigen Sammtmänteln. Jetzt wurde Welden von einem der Vorüberfahrenden freundlich durch eine tiefe Senkung der Peitsche gegrüßt: es war der Baron von Rivola, welcher die Obersthofmeisterin der Königin führte. Hinter ihm kam seine Frau an der Seite ihres Bruders, des Obersten der Leib-Kürassiere, Grafen Hartenstein. Es mußten das wohl neue Pferde sein, mit denen Herr von Rivola fuhr, ein Paar herrliche Rappen. Welden hatte sie bis jetzt noch nicht in seinem Stalle gesehen. Und wie geschmackvoll-einfach Geschirr und Schlitten waren! Letzterer tiefblau mit einer leichten Goldverzierung, nur mit einer wahren Verschwendung von Bärenpelz, hintenauf zwei Bediente mit niedrigen, blauen, silberbesetzten Mützen. Auch Frau von Rivola bemerkte den jungen Ingenieur; doch war es ein sehr einfaches, steifes Kopfnicken, mit dem sie seinen ehrfurchtsvollen Gruß erwiederte. Der Schlitten, welcher diesem folgte, erregte am meisten die Aufmerksamkeit der Zuschauermenge, besonders der Damenwelt, welche rechts und links an der Straße versammelt war. Derselbe war klein, aber von höchster Zierlichkeit, bespannt mit zwei muthigen Scheck-Ponies, die Geschirre roth mit Gold, die Decken von langhaarigem, seidenartig glänzendem Astrachanpelz, dessen Farbe so rein und leuchtend war, daß der Schnee gelblich dagegen erschien. Welden hatte bereits von der kleinen Equipage Lucy's gehört und erkannte schon von Weitem den Schlitten an seiner Bespannung, sonst hätte er das junge Mädchen kaum bemerken können, denn Lucy, die, einen Bedienten hinter sich, allein in ihrem Schlitten saß, war umringt von jungen Herren zu Pferde, von welchen einer, ihr Vetter, Graf Hartenstein von den Gardehusaren, auf der dem Ingenieur zugekehrten Seite des Schlittens heiter plaudernd dicht neben ihr ritt und sie so mit seinem Pferde fast verdeckte. Das junge Mädchen sah wundervoll aus; ihr schönes Gesicht war von der Kälte und von der Aufregung sanft geröthet, und da sie, freundlich aufschauend, die Bemerkungen des jungen Offiziers lächelnd erwiederte, so sah man zwischen den frischen, weich geformten Lippen ihre hellglänzenden Zähne. Sie trug ein anliegendes Kleid von blauem Sammt, mit weißem Pelze besetzt, und eine kleine Mütze von gleichem Stoffe und gleicher Farbe. Welden schaute der lieblichen Erscheinung, welche mit den nachfolgenden Schlitten wie ein bunter Traum an seinem Blicke vorüberzog, sinnend nach. Traum und Wirklichkeit – oder war dieses der eigentliche Lebenskreis des jungen Mädchens und für ihn die Erinnerung traumhaft, wenn er sich Lucy von Rivola zu Hause dachte, so einfach und natürlich mit ihm plaudernd, seinen Worten lauschend mit innigen Blicken, oder auf Spaziergängen an der Seite ihres Vaters, wenn sie ihm so gern eine seltene, ihr fremde Waldblume brachte, einen glänzenden Stein zur Beurtheilung, oder wenn sie sich seinen Hut ausbat, den höchst einfach grauen Filzhut, um eine Epheuranke darum zu winden – eigenthümliche Gedanken! Er wußte in der That nicht, weßhalb sie jetzt auf ihn eindrangen. Nur so viel wußte er, daß er sich nach seinem stillen Arbeitszimmer sehne, um auf dem Papiere die schwierige Construction jener Werke zu beendigen, die er im nächsten Frühjahre auszuführen hoffte dort oben in der malerisch schönen Landschaft, an deren zerklüftetem Terrain er unter kaum zu besiegenden Schwierigkeiten seine ganze Kunst zu zeigen vermochte. Ja, jenes Schaffen in Feld und Wald war die Wirklichkeit, seine Wirklichkeit, die glänzenden Bilder, welche soeben an seinem Blicke vorüberzogen, in denen das junge, schöne Mädchen für ihn allerdings den Mittelpunkt bildete, nur ein phantastischer Traum. »Die kleine Rivola ist allerdings so schön, daß selbst ein ruhiger Beobachter wie unser Freund Welden vor Erstaunen angefesselt bleibt!« hörte der Ingenieur Jemanden neben sich lachend sagen und sah, als er sich umwandte, daß der Kreis der Zuschauer um ihn her verschwunden war und er beinahe allein auf dem Trottoir stand, neben ihm ein eleganter einspänniger Schlitten, aus welchem die eben gehörten Worte heraustönten, und zwar aus dem Munde Besenbach's, der neben Ferdinand Welkermann, letzterer kutschirend, in der Ecke des Schlittens lehnte. »Schön ist nicht das richtige Wort,« meinte Ferdinand; »sagen wir meinetwegen: erfrischend anzusehen. Aber, offen gesagt, ist es im Ganzen etwas sehr Insipides um diese Eigenschaftswörter; ich bin überzeugt, so denkt Herr Welden auch, und statt dieser Maskerade nachzuschauen, hat er gewiß an einem dieser Häuser einen architektonischen Schnitzer entdeckt – wie geht es Ihnen?« »Danke, nicht schlecht,« gab der Ingenieur zur Antwort und setzte, näher tretend, hinzu: »wenn auch nicht so gut, wie Ihnen – Sie haben sich da ein hübsches Geschirr angeschafft!« »Man muß doch irgend etwas thun, um sich das langweilige Dasein zu verkürzen; alle Welt fährt im Schlitten, da thue ich es auch.« »Sie haben ja ein wirklich außerordentlich schönes Pferd!« »Er hat es von Herrn von Rivola erhandelt,« sagte Besenbach. »Haben Sie Rivola's prachtvolle Rappen gesehen?« »In der That, ein Paar brillante Pferde.« »Kosten ihn auch viertausend Gulden, inclusive dieses kleinen Fuchses, der so zu sagen als Knochenstück beigegeben wurde.« »Ein theures Knochenstück! Kostet mich achthundert Gulden und ist nicht einmal zum Reiten oder zu einem Wagen geeignet! Wenn die Schlittenbahn vorbei ist, werde ich es für das halbe Geld weggeben müssen.« »Was machen Sie sich daraus, Sie haben es ja!« meinte der junge Ingenieur. »Ja wohl, und wo unser Einkommen nicht ausreicht, machen wir Schulden!« lachte Besenbach. Ferdinand warf seinem Nachbar einen unangenehmen Blick zu, den er mit den Worten begleitete: »Du kannst eigentlich nicht sagen: machen wir Schulden, denn dieses Geschäft besorge ich für dich ebenfalls mit – doch laßt uns über etwas Gescheiteres reden. Haben Sie was vor, lieber Welden?« »Ich bin gerade im Begriffe, nach Hause zu gehen und zu arbeiten.« »Das wird auch wohl keine Ewigkeit dauern, in drei Stunden sehen Sie nichts mehr, und wenn Sie nichts Besseres zu thun wissen, so treffen Sie uns um fünf Uhr im Holländischen Hofe, wo wir ein kleines Diner machen; es ist so eine Art Schlitten-Club, der sich constituirt.« »Aber das Diner ist die Hauptsache,« lachte Besenbach: »es wäre hübsch von Ihnen, wenn Sie kämen, lieber Welden.« »Ich will sehen, was sich thun läßt; ganz sicher aber dürfen Sie auf mich nicht rechnen, ich könnte durch Eines oder das Andere auf dem Bureau festgehalten werden.« »Machen Sie das, wie Sie wollen und können, und wenn Sie auch erst beim Nachtische erscheinen, so sind Sie uns eben so angenehm und willkommen.« »Das wäre vielleicht möglich, zu Kaffee und einer Cigarre.« » Bon! « Das muthige Pferd, welches schon ungeduldig mit dem Fuße gescharrt, flog jetzt mit leichten Schlitten über die glatte Schneedecke dahin. Welden hatte zum Abschiede mit der Hand gegrüßt und verließ nun die breite Schloßstraße, um sich durch eine der schmalen Seitengassen nach seiner Wohnung zu begeben. Dieselbe befand sich in einem großen, stattlichen Hause in einer neuen Straße, die mit der Schloßstraße parallel lief, mit der, von welcher Welden soeben herkam. Oberbaurath Lievens hatte dieses Haus erbaut und den ganzen Parterrestock zu Eisenbahnbureaux an den Staat vermiethet. Er selbst wohnte im ersten Stocke, und da er kinderlos war und selbst wenig Platz gebrauchte, so hatte er dem jungen Ingenieur zwei rückwärts liegende Zimmer eingeräumt. Welden war nicht nur die rechte Hand seines Chefs, sondern man konnte ihn auch füglich als die rechte Hand des ganzen Baubureau's betrachten; ja, der Minister selbst hatte geschwankt, ob ihm nicht schon an Lievens' Stelle die Oberleitung selbständig übertragen werden könne. Doch war er dafür in einem Lande, wo zu einer derartigen Stelle ein gewisses Alter als höchst erforderlich galt, noch zu jung befunden worden. Allerdings hatte er bei seinen Kenntnissen die Bedingung stellen können, entweder ganz unabhängig oder gar nicht zu arbeiten; doch fesselte ihn ein Gefühl der Dankbarkeit an Lievens, auf dessen Bureau er schon als junger Mensch beschäftigt gewesen, der seine Fähigkeit vollkommen erkannte und ihm deßhalb ein Vorgesetzter war, wie er ihn sich nur wünschen konnte. Lächelte ihn doch der gute Oberbaurath auf eine gemüthliche Weise an, wenn er ihn hier und da um seinen Rath fragte, und pflegte alsdann zu sagen: »Machen Sie es, wie Sie wollen, es wird schon recht werden.« Was die Oberbauräthin anbelangte, so hatte sie sich schon damals, als der junge Mann mit dem ganzen Baubureau aus den Bergen nach der Stadt zurückkehrte, seiner mit mütterlicher Sorgfalt angenommen und war dem Wunsche ihres Gemahls, Welden so nahe als möglich bei sich zu haben, so bereitwillig entgegengekommen, daß sie ihm die beiden Zimmer, welche bis jetzt für allenfallsige Gäste benutzt wurden, sogleich einräumte. Der junge Ingenieur, welcher mit angestrengter Thätigkeit arbeitete und dem es anfänglich, wenn er Abends Zirkel und Reißfeder weggeworfen, eine Erholung war, das gutmüthige Geplauder seiner Hauswirthin anzuhören, hatte seine häufigen Besuche später als einen Zoll der Dankbarkeit fortgesetzt und auch dann nicht unterlassen, als sich ihm andere Häuser bereitwilligst geöffnet, besonders da er zu sehen glaubte, daß es die Oberbauräthin einigermaßen schwer nahm, wenn er nicht regelmäßig zu den gewöhnlichen Stunden bei ihr erschien. Wir wissen bereits, daß Welden der Sohn armer Eltern war, daß er diese früh verlor und sich nun gänzlich ohne Vermögen allein in der Welt forthelfen mußte. Dies war nur durch einen eisernen Fleiß möglich gewesen, und zwar nur dadurch, daß er seit frühester Jugend, nachdem er während des Tages mit angestrengtestem Fleiße gearbeitet hatte, auch noch Andere lehrte, oft bis tief in die Nacht hinein, um darauf mit dem kärglichsten Abendessen und sehr ärmlicher Umgebung seine Nachtruhe zu suchen und zu finden. Begreiflich war es, daß er so keine Zeit und Gelegenheit hatte, in Gesellschaft zu kommen, nicht in gute, aber auch nicht in schlechte; unbegreiflich dagegen, daß er trotzdem aus sich selbst heraus die gesellschaftlichen Formen der besten Art zu finden wußte und sich in dem ersten Salon, den er betrat, durchaus nicht eckig und ungelenk benahm, sondern so, als sei ihm Parquetboden und Teppich ganz bekannt und geläufig. Sein erstes Debüt hierin hatte er draußen im Rivola'schen Hause gegeben, und daß die Baronin selbst, welche auf gesellschaftliche Formen außerordentlich viel hielt, ihn für einen wohlgezogenen und äußerst anständigen jungen Mann erklärte, war wohl das größte Compliment, das man ihm machen konnte. Schon früher, ehe Herr von Rivola ihn in's Haus brachte, hatte er von ihm gesprochen, seine Umsicht, seine Kenntnisse gelobt, und dabei von seiner Kraft und Gewandtheit erzählt, wie er, schwierige Arbeiten leitend, zuweilen zum Staunen der Arbeiter selbst mit eingriff, und ihn dabei geschildert in seinen hohen Wasserstiefeln, der dicken, kurzen Joppe, wodurch nach und nach sowohl bei Frau von Rivola als bei Lucy ein ganz eigenthümliches Bild des jungen Ingenieurs entstanden war, und zwar so, daß, als derselbe nun endlich einmal in einfachem, kleidsamem Anzuge erschien, die Baronin später zu ihrem Manne sagte: »Ich war in der That ganz überrascht beim Anblicke deines Welden, den ich mir nach deinen Schilderungen als ein kleines, verwildertes Ungeheuer gedacht, und nun ... – Hätte man mir ihn als Herrn von Welden vorgestellt, so würde ich seinem Äußern und seinem Benehmen nach geglaubt haben, daß er aus einer sehr guten Familie sei.« Trotzdem er aber nach dem Begriffe der Frau von Rivola eigentlich aus gar keiner Familie war, nur ein höherer Arbeiter, welcher hier auf dem Lande nützliche Dienste erzeigte und glücklicher Weise von so guten gesellschaftlichen Formen war, daß man sich seiner nicht zu schämen brauchte, wenn ihn zufällig einmal ein Besuch aus der Stadt traf, dabei das offene, gerade Wesen des jungen Mannes, alles das hatte es gemacht, daß man ihn unbefangen, ja, fast traulich behandelte, und daraus war gefolgt, daß er, der sich ein etwas kindliches Gemüth bewahrt, unter dem nachwirkenden Eindrucke jener für ihn glücklichen Stunden im Rivola'schen Hause dasjenige der Oberbauräthin betrat, auch hier an Unbefangenheit und ganz harmlose Vertraulichkeit glaubend. Wäre Herr Welden in der That der Herr von Welden gewesen, so würde es die Baronin Rivola gewiß nicht so bereitwillig zugegeben haben, daß er Lucy, natürlicher Weise in Gegenwart von deren Gouvernante, auf Spaziergängen durch den Park oder durch Feld und Wald, wo das gute Mädchen so gern umherstreifte, begleitet hätte. Allerdings waren diese Spaziergänge zugleich Unterrichtsstunden für sie, in denen Welden mit ihr Botanik und Mineralogie trieb oder sie Ansichten der Natur zeichnen ließ, wofür sie ein hübsches Talent hatte. Auch im Hause behandelte ihn die Baronin in gleich unbefangener, vertraulicher Weise; er durfte ihr nicht nur zuweilen vorlesen, sondern sie erging sich auch gern mit ihm über das, was er gelesen, in weiterführenden Betrachtungen, ja, ihr Auge ruhte alsdann wohlwollend auf seinen offenen Zügen, und sie hatte sich dabei schon einmal auf dem Gedanken ertappt, wie schön es doch wäre, wenn sie einen eigenen Sohn ihr so gegenüber sitzen sehen könnte. Es war das eigentlich ein komischer, extravaganter Gedanke, der ihr dadurch gemildert erschien, daß sie sich Welden natürlicher Weise in der Uniform eines Kürassier- oder Husaren-Regiments dachte, und sie entschuldigte sich selbst gegenüber diesem Gedanken, daß der junge Mann in der That ihrem Vetter, dem Grafen Eugen Hartenstein, ziemlich ähnlich sehe. Als Welden nun hierauf in die Stadt und in das Haus des Oberbauraths kam, trug er sein Verhältniß zu Frau von Rivola auch hieher über, nur vermißte er allerdings Lucy's lebhaftes Gesicht, Lucy's munteres, herzliches Wesen, ja, er ertappte sich oft auf dem Gedanken, wenn er an den grauen, herbstlichen Himmel hinaufblickte oder auf die vier Wände seines Bureau-Zimmers, daß er sich gegen früher jetzt wie in einem Gefängnisse befinde, ließ seine Phantasie hinaus über Berg und Thal schweifen, lagerte sich, natürlich in Gedanken, unter dem duftigen Schatten der Wälder oder an einem munteren Bergwasser, welches seine klare Flut über breite, glatte Kiesel und vorbei an moosbedeckten Felsen führte, munter plaudernd, wobei ihm dann häufig die Gestalt des jungen Mädchens erschien, ganz verkörpert, ja, identisch mit dem wunderbaren Dufte des Waldes, mit der heiteren, gesprächigen, Herz und Seele erfrischenden Quelle – eine lieblich blühende, wilde Rose. Das Gute hatten Herbst und Winter, daß an Spaziergänge nicht gedacht werden konnte, er hätte dabei hier doch Manches von dem unbefangenen Wesen der Frau von Rivola und Lucy's vermißt; denn daß die Oberbauräthin nicht so ganz unbefangen, nicht so unbewußt natürlich mit ihm war, wie jene, hatte er trotz alledem bald herausgefühlt. Auch sie plauderte allerdings herzlich und zutraulich, aber aus allem, was sie sagte, klang ein Grundgedanke heraus, den er sich anfänglich nicht klar machen konnte, ja, er sprach aus ihren Blicken, wenn sie ihm gegenüber saß und sich, was auch hier häufig geschah, von ihm vorlesen ließ. Oft unterbrach sie auch den Lauf der Vorlesung, gerade wie Frau von Rivola gethan, nur waren die Betrachtungen, welche sie an etwas knüpfte, ganz anderer Art, meistens nicht aus dem Gelesenen hervorgehend, sondern in dasselbe hineingetragen, oft auch eine Situation der Romanfiguren mit ihrer eigenen Lage vergleichend, dabei zu scherzhaften Redewendungen Veranlassung gebend, welche die schöne Frau dadurch endete, daß sie sich zu dem jungen Manne hinüberbeugte, ihm das Buch mit sanfter Gewalt aus den Händen nahm und dabei sagte: »Lassen wir jetzt Vorlesung und Wortstreit; es ist gefährlich, sich mit Ihnen einzulassen.« Nun sah er aber anfänglich durchaus keine Gefahr dabei, weder für sich, noch für Madame Lievens. Fühlte er doch keine Regung irgend welcher Art, wenn sie ihr blitzendes Auge mit dem ruhelosen Blicke in seine Blicke versenkte und wenn sie alsdann, mit herabgesenkten Lidern das Feuer dieser Blicke auslöschend, sich in die Ecke des Sopha's zurücklehnte, die starken, aber schön geformten Lippen geöffnet und leicht aufseufzend. Nur einmal, als er ihr am Tage nach der Wagner'schen Oper die Legende des Tannhäuser vorlas, während sie an ihrem Flügel saß und aus der Oper die betreffenden Melodieen spielte, überkam ihn etwas wie eine gewaltige Sehnsucht nach Morgenthau, nach dem Dufte frischen Quellwassers, und er fühlte sich auf einmal so beengt, als sei er aus der frischen, sonnbeglänzten Natur selbst in den Hörselberg hinabgestiegen. Es war eigenthümlich, daß ihm gerade heute solche und ähnliche Gedanken kamen, jetzt, wo er über sein großes Reißbrett gebeugt stand und mit sicherer Hand Kreise zog und Linien zeichnete. Es war ein schönes Stück Arbeit, das er da vor sich hatte, die Construction einer Eisenbahnbrücke, welche in einem einzigen Bogen über ein schmales Felsthal gesprengt werden mußte. Unten floß das Bergwasser, an dem er so oft mit Lucy gewandelt; daneben befand sich ein Weg, der nach Eichenwald führte. Wie war es so erklärlich, daß ihm das blendend weiße Papier die Schneebahn, welche er so eben verlassen, lebhaft in's Gedächtniß zurückführte! War doch auch jetzt droben in den Bergen die Landschaft mit tiefem Schnee bedeckt, und war es doch als sicher anzunehmen, daß Lucy ihren Lieblingsweg an dem sprudelnden Bache vorbei häufig mit ihrem Schlitten und den beiden Ponies fahren würde – eine reizende Staffage unter dem hochgesprengten Brückenbogen! Und wenn sie emporblicken würde, wenn das Werk seiner Hände dort oben so kühn und sicher zwischen den beiden riesigen Natursteinpfeilern ruhe, vielleicht auch in späteren Zeiten noch an den Erbauer, ihren freundlichen Lehrer, denkend! Während er aber nun an das junge Mädchen dachte, hatte sich der Bleistift in seiner Hand hastig auf dem Papiere bewegt und ohne daß dies wissentlich in seiner Absicht gelegen war, trat mit Einem Male hier der kleine Schlitten mit den Pferdchen und der schönen Lenkerin hervor. Sie fuhr gegen den Brückenbogen und hob ihren Kopf empor, um sein Werk anschauen zu können. Das Köpfchen, welches er gezeichnet, war ganz klein und doch von einer solchen Ähnlichkeit, daß er, als es fertig war, fast erschrocken zu dem Gummi griff, um es wieder auszulöschen. Aber er that es nicht. Wozu auch, warum es nicht für spätere Zeiten aufbewahren, wo er überzeugt war, daß es ihm in der Erinnerung große Freude machen würde, sie so wieder zu sehen, aufblickend nach dem nun fertig gewordenen Werke, dessen Erbauer, er selbst, weiß Gott wo in der Welt herumstreifen würde? Er ließ die angefangene Zeichnung, wie sie war, und nahm die nöthigen Materialien, um einen anderen weißen Bogen darüber zu spannen, auf dem er alsdann wieder begann, Linien zu ziehen und Kreise zu zeichnen, diesmal ungestört von Gedanken, die vorhin so bereitwillig gewesen waren, ihm Anderes in seine Arbeit hineinzutragen. Jetzt hatte er sich dessen entledigt, und nach leichter, obgleich stundenlanger Arbeit stand die Construction der Brücke mit den nöthigen Gerüsten so sicher auf dem Papiere, daß er selbst seine Freude daran hatte. Dreizehntes Kapitel. Es begann bereits zu dunkeln, als Welden endlich die Reißfeder weglegte, sein Werk mit zufriedenen Blicken nochmals betrachtete und dann an's Fenster trat, um auf den stillen, schneebedeckten Hof hinabzuschauen. Die Uhr der Stadt schlug die fünfte Stunde, und er erinnerte sich, daß er Herrn Ferdinand Welkermann halb und halb versprochen hatte, zu dessen Diner im Holländischen Hofe zu kommen. Es war ihm indessen durchaus nichts daran gelegen, auch hatte er nicht geradezu abgelehnt, weil er sich der Unterhaltung mit dem Stadtschultheißen am heutigen Morgen erinnert hatte und gern etwas erfahren hätte, um den alten Herrn in Betreff seines Sohnes zu beruhigen. Daß die jungen Leute allerdings spielten, wußte er, jedoch nicht, wie hoch, da er Einladungen zu diesen Spielabenden, die oft an ihn ergangen waren, beständig abgelehnt hatte, und aus triftigen Gründen, welche jene auch gelten ließen; denn wenn Welden auch ein gutes Einkommen hatte, so wußte man dagegen, daß er in jeder Beziehung sehr anständig lebte und kleine Schwächen für eine gute Handzeichnung, für ein schönes Aquarell oder eine kostbare alte Waffe oder dergleichen hatte. Dem Diner beizuwohnen, fühlte er indessen durchaus keine Lust – während ein paar Stunden all das Geschwätz anhören zu müssen über Mädchen, Pferde und Hunde! Er konnte so später dort erscheinen, um eine Cigarre dort zu rauchen; er erinnerte sich jetzt, das eigentlich auch nur versprochen zu haben, und dann gab es sich von selbst, dem unvermeidlichen Spiele zuzuschauen. Welden nahm seinen Hut und Paletot und verließ das Zimmer; er mußte an der Küche vorbei, deren Thür weit geöffnet war und deren Beherrscherin, leise vor sich hinsingend, am Herde stand. »Ah, Herr Welden,« sagte sie, als sie ihn erblickte, »die Frau Oberbauräthin haben schon nach Ihnen gefragt; ich wußte aber nicht, daß Sie auf Ihrem Zimmer waren – ich hatte Sie nicht nach Hause kommen hören.« »So – ist die Frau Oberbauräthin in ihrem Zimmer?« »Gewiß, treten Sie nur ein.« »Ist Gesellschaft da?« »Niemand, als der Bruder der Frau Oberbauräthin, der Herr Polizeirath Merkel.« Es war dem Ingenieur angenehm, den Polizeirath zu treffen, weßhalb er denn auch ohne Weiteres seinen Paletot vor der Thür ablegte und in das Zimmer trat. Madame Lievens saß in der Ecke ihres Sopha's, beim strahlenden Lichte der Carcellampe mit einer Handarbeit beschäftigt, und vor ihr in einem kleinen Fauteuil lehnte behaglich der Polizeirath; er liebte es sehr, um diese Zeit der Dämmerung seine Besuche, besonders bei der einzigen Schwester, zu machen. Verheirathet war er nicht, weßhalb er die Zeit vom Verschwinden des Tageslichtes, bis zum Beginne des Theaters, oder bis zu der Stunde, wo er Bekannte in seinem Club traf, oder wo sonst Gesellschaft anfing, nicht gern in seinen vier Wänden verbrachte; es war ihm keine Erholung, dort allein zu sein, und da er oft tagelang schweigend über den verwickeltsten Akten saß, so fand er großes Behagen daran, in dieser Zwischenzeit sich am liebsten ganz gleichgültigem Geplauder hinzugeben. Der Polizeirath glich seiner Schwester und war ein schöner Mann, von elegantem Äußern und den besten gesellschaftlichen Manieren; er war es auch fast allein von seinen Collegen, der in die feinsten Kreise gezogen wurde, ja, der sich nicht nur der Gunst seines Ministers, sondern auch der allerhöchsten Zufriedenheit in hohem Grade erfreute. Er hatte schon in den delikatesten Missionen Außerordentliches geleistet, war schon häufig in andere Residenzstädte verschickt, ja, von dort erbeten worden, um in besonders schwierigen Fällen mit Rath und That an die Hand zu gehen. Herr Polizeirath Merkel trug bei passenden Gelegenheiten in den Knopflöchern seines schwarzen Fracks Orden der verschiedensten Potentaten und wäre schon längst durch den Titel »Geheimer Polizeirath« aus den Reihen seiner Collegen emporgehoben worden oder hätte mit dem Titel eines Geheimenrathes in die Regierung treten können, wenn er dies nicht stets hätte zu hintertreiben gewußt, da es in seiner Absicht lag, seinen jetzigen Chef, den Oberpolizeidirektor, einen schon alten Herrn, einstens in dieser hohen Würde zu ersetzen. Faktisch führte er dessen Departement jetzt schon, als Kanzleidirektor der Polizeiabtheilung, ziemlich selbständig, was aber nicht ausschloß, daß er sich interessanten Fällen eben so energisch wie unermüdlich widmete, als sei er einer der jüngsten Polizeibeamten gewesen. Seine Collegen, welche nicht nur seine Leidenschaft für alles das kannten, was mit großer Schwierigkeit verknüpft war, sondern die auch sammt und sonders vor seinem Scharfsinne und seiner Klugheit zurücktraten, überließen ihm bereitwilligst die Aufspürung und Klarlegung irgend eines ganz besonders bemerkenswerthen Verbrechens, und wenn es hieß, der Polizeirath Merkel habe irgend eine Sache ganz besonders in die Hand genommen, so gaben sich die betreffenden Übelthäter, im Eifer, ihm zu entgehen, oft die bemerkenswerthesten Blößen. Wer ihn nicht kannte, hätte ihn aber eher für alles Andere, als für einen Polizeibeamten gehalten; seine offenen, wohlwollenden Züge schienen Einblicke zu gestatten bis in das Innerste seiner Seele, und seine Redeweise war so harmlos, daß es jeder Unbefangene für Unrecht halten mußte, diesem Manne nicht mit dem größten Vertrauen entgegenzukommen. Wie schon oben bemerkt, saß er am heutigen Abende vor seiner Schwester, der Oberbauräthin, den Hut neben sich auf den Boden gestellt, den Stock quer auf den Knieen liegend, ganz behaglich plaudernd. Beim Eintritte Welden's wollte er sich in höflichster Weise erheben, was der junge Mann nur dadurch verhinderte, daß er rasch hinzutrat, die dargereichte Hand des Polizeiraths ergriff und, einen Stuhl herbeiziehend, sich auf eine Handbewegung der Frau vom Hause ebenfalls niederließ. Welden erkundigte sich nach dem Befinden der Oberbauräthin, und als ihm diese hierauf genügende Auskunft ertheilt, fragte sie ihn, ob er jetzt erst nach Hause komme. »Im Gegentheil,« gab der Ingenieur zur Antwort, »ich habe ein paar Stunden auf meinem Zimmer gearbeitet und war gerade im Begriffe, ein wenig an die frische Luft zu gehen – es muß ein herrlicher Abend draußen sein.« »Wie der ganze heutige Tag,« sagte der Polizeirath. »Der Hof hat wieder einmal das Glück gehabt, das schönste Wetter zu seiner Schlittenfahrt zu haben; Seine Majestät sind darin ganz besonders bevorzugt.« »Und es ist das wahrlich kein kleines Glück, wenn man dagegen Leute betrachtet, die von der Ungunst des Wetters so zu sagen verfolgt sind – ich zum Beispiel.« »Sie? Ich hatte das nicht gewußt,« warf Madame Lievens ein, ohne von ihrer Stickerei aufzuschauen. »Ja, ich, und wie Allem in diesem Leben, muß ich auch dem Wetter seine Gunst förmlich abkämpfen; ich habe das oft erfahren, wo ich bei Bauten sehnsüchtig auf Sonnenschein hoffte und alsdann bei strömendem Regen unter größeren Schwierigkeiten anfangen mußte.« »Und blieben Sieger, weil Sie nicht nachgaben.« »Ja, ich erkämpfte mir einen freundlichen Sonnenblick, als sollte ich für meine Beharrlichkeit belohnt werden.« »Uns geht es auch zuweilen nicht anders, und die moralischen Regengüsse, unter denen wir bei unserer Praxis zu leiden haben, sind oft schlimmer, als die wirklichen.« »Ja, und was Du am Ende Sonnenblicke nennst,« sprach Madame Lievens zu ihrem Bruder gewandt, »wäre für mich das Fürchterlichste.« »Es ist das eine Wissenschaft wie jede andere – Sie werden mich verstehen, mein lieber Herr Welden: bei Ihnen eine gelungene Construction, bei mir das verhängnißvolle: ›Ja, ich bin schuldig.‹« »Haben Sie die Schlittenfahrt heute gesehen?« fragte die Oberbauräthin; »ich fand sie nicht so außerordentlich als ich erwartete.« »Allerdings nicht sehr zahlreich,« versetzte Welden, nachdem er die an ihn gethane Frage durch ein Kopfnicken bejaht hatte, »doch sah man schöne Schlitten und prachtvolle Pferde.« »Besonders der des Freiherrn von Rivola,« sprach der Polizeirath; »reizend waren auch die Ponies, Geschirr und Schlitten von dessen Tochter.« »Und die Kleine selbst,« rief Madame Lievens, »wie sie emporschaute mit einem solchen Ausdrucke von Glückseligkeit auf ihrem rosigen Gesichte!« »Ist sie doch auch glücklich, dieses junge Mädchen,« sagte Welden nachdenkend, »mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers begabt, jung, schön, reich, die einzige Tochter ihrer Eltern, deren Abgott sie ist.« »Ja, und Eltern,« stimmte die Oberbauräthin ein, »die im Stande sind, alle ihre kleinen und großen Wünsche zu erfüllen; schon der Gedanke hätte mich als junges Mädchen glücklich gemacht, auch nur ein einziges Mal in einer solchen deliciösen Equipage fahren zu können – der Freiherr von Rivola muß enorm reich sein.« »Man weiß das nicht so genau,« sprach der Polizeirath, wobei er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und an die Decke emporschaute; »wie über der Herkunft seiner Familie, so schwebt auch über der Quelle seines Vermögens ein gewisses Dunkel, was ich aber wieder begreiflich finde. Der Freiherr von Rivola lebte früher in Belgien; dort war er industrieller Speculant, und wenn man alsdann von dieser bürgerlichen Sphäre in die allerhöchsten Regionen emporsteigt« – bei dem Worte ›emporsteigt‹ zeigte sich ein sarkastisches Lächeln auf den Zügen des klugen Mannes –, »so vermeidet man oft, über etwas Derartiges zu reden, woraus man sich sonst eine große Ehre macht.« »Das kann man von dem Freiherrn eigentlich nicht sagen,« erwiederte Welden; »er liebt es sogar sehr, seine gediegenen Kenntnisse zu zeigen.« »Als Kenner – ja, als genauer Kenner, was Handel und Industrie anbelangt, auch als Protector gemeinnütziger Unternehmungen; aber er wird nicht vielen Leuten erzählt haben, daß er in seiner Jugend an der Eisenfabrikation von der Pike auf gedient, daß er am Amboß gestanden und den Hochofen überwacht.« »Mir hat er davon erzählt.« »Ein Compliment für Sie, lieber Welden – verzeihen Sie mir, wenn ich Sie in's Gesicht lobe: er wußte, daß sich da die große Intelligenz mit der großen Intelligenz unterhielt; nehmen Sie mir dieses Lob nicht übel, Sie wissen, wie sehr ich Sie schätze und liebe!« Der Polizeirath reichte bei diesen Worten dem jungen Manne seine Hand, die Welden kräftig schüttelte, worauf der Andere, zu seiner Schwester gewendet, fortfuhr: »Ich habe dir schon oft gesagt, daß ich es bedauere, ihn nicht in unserem Departement zu haben, das wäre eine Kraft, auf die man sich verlassen könnte.« »Mir ist es so lieber!« erwiederte der junge Mann lachend. »Begreiflich – um aber noch einmal auf Herrn von Rivola zurückzukommen, so ist gerade wohl die Dunkelheit, welche für den großen Haufen auf seinem früheren Leben liegt, schuld daran, daß sich der Stadtklatsch, vor Allem die Kaffeeklatscherei, so gern mit ihm zu schaffen macht – ich kann diese furchtbare Leidenschaft vor dir frei und offen betonen, liebe Sophie, denn so viel ich weiß, bist du keine Liebhaberin dieser Kaffeekränzchen, welche schon so viel Böses gestiftet haben.« »Ich vermeide sie, wo ich kann,« gab Madame Lievens zur Antwort, »und bin lieber für mich allein oder für ein paar genaue Freunde zu Hause.« Da sich der Polizeirath in diesem Augenblicke mit der Hand über die Augen fuhr, so warf die schöne Frau über ihre Stickerei hinweg einen raschen, leuchtenden Blick auf Welden, den dieser mit einer kurzen, verbindlichen Verbeugung erwiederte. »Es ist eigenthümlich,« fuhr der Polizeirath fort, »wie sehr man sich gerade wieder in der letzten Zeit um Rivola bekümmert.« »Und doch wohl nicht ganz ohne Grund,« meinte die Oberbauräthin; »sie lebten ein paar Jahre still, wenig beachtet auf ihrem Landgute.« »Wenig beachtet kannst du eigentlich nicht sagen, sie waren in den allerhöchsten Kreisen gern gesehen.« »Meinetwegen ja; ich will also sagen: sie lebten ohne großen Aufwand bis ganz vor Kurzem.« »Wo Lucy zurückkam und nun in die Welt eintritt; es ist doch so klar und folgerichtig, daß die Rivola, wenn sie überhaupt ihre Tochter einführen wollen, dies mit einem gewissen Aufwande thun müssen. Aber dieser Aufwand ist es nicht, über den man spricht; der Himmel mag es wissen, woher es kommt, daß wieder einmal, wie früher schon, der alte, harmlose Thurm, welcher dem Freiherrn von Rivola gehört, in aller Welt Munde ist.« »Wer ist denn in dieser Beziehung alle Welt?« fragte Madame Lievens. »Amtsgeheimnisse,« erwiederte lachend der Polizeirath. »Ich kann Ihnen versichern, lieber Welden,« wandte er sich an diesen, »auch ohne Kaffeekränzchen zu besuchen, erfahre ich Aehnliches, wie dort verhandelt wird, so viel, daß mir oft die Ohren davon sausen.« »Und wahrscheinlich oft aus derselben Quelle.« »Das ist wohl möglich, und dabei ist es zuweilen recht schwer, die Spreu von dem Weizen zu sondern.« »Treiben wieder einmal Gespenster in dem alten Thurme ihr Wesen?« fragte die Oberbauräthin. »Nein, aber in dem Keller unter demselben soll Herr von Rivola in jüngster Zeit einen Schatz gefunden haben, der ihn, welcher vis-à-vis de rien gewesen, wieder zum reichen Manne gemacht und ihm gestattet, seinen allerdings etwas großen Aufwand in Pferden, Equipagen, Livreen zu machen, und dabei ist es eigenthümlich, daß mit dieser Schatzgräberei unser ruhiger, ehrenwerther und höchst solider Freund, der Stadtschultheiß, in Zusammenhang gebracht wird.« »Ah, durch seinen neulichen Antrag, den gewissen unterirdischen Gang zuzumauern,« bemerkte Welden lächelnd – »sehr gut – in der That – natürlich mußte der Gang abgesperrt werden, damit Herr von Rivola ungestört seine Schatzgräberei betreiben konnte – vortrefflich – in der That . . . !« »Der Stadtschultheiß aber macht keinen Aufwand, der nicht mit seinen Mitteln im Einklange stände.« »Er allerdings nicht,« erwiederte der Polizeirath, »aber sein Sohn, und wenn es mir auch im Traume nicht einfallen könnte, den Herrn von Rivola durch eine Schatzgräberei, die an sich schon eine Lächerlichkeit ist, mit dem Stadtschultheißen und dessen Sohn in Verbindung zu bringen, so ist es doch wahr und habe ich es aus guter Quelle, daß der letztere, besonders in jüngster Zeit, zuweilen eine recht tolle Verschwendung treibt.« »Er ist der Liebling seiner Mutter,« sagte Madame Lievens achselzuckend. »Die von der Eschenbach sind eine reiche Familie; sie wird ihm, was sie kann, zu seinen Ausschweifungen geben – sie ist eine gute, aber schwache Frau.« »Das ist auch meine Ansicht, obgleich man dem Stadtschultheißen über das Treiben seines Sohnes die Augen öffnen sollte.« »O, er weiß genau davon,« sagte Welden, »und sprach noch heute Morgen mit mir im Vertrauen darüber.« »Aber komisch ist es doch,« meinte die Oberbauräthin, »daß man den Aufwand des gewiß reichen Hauses Rivola mit den Ausgaben Ferdinands, jenes lockeren Zeisigs, und mit einer Schatzgräberei unter dem alten Thurme in Verbindung bringen will – rein lächerlich, nicht wahr, Joseph?« »Darüber bin ich ganz deiner Ansicht,« antwortete der Polizeirath nach einer kleinen Pause, während welcher er, das Kinn in die Hand gelegt, sinnend an die Decke emporgeschaut; »ich sehe darin vernünftiger Weise auch nicht den entferntesten möglichen Zusammenhang, und doch ist es mir in meiner Praxis schon vorgekommen, daß Gerüchte und Thatsachen, die mit einander anscheinend eben so wenig in Verbindung gebracht werden konnten, die von den verschiedensten Seiten und mehrmals zu gleicher Zeit an mich hintraten, sich später zu meiner größten Überraschung als ganz genau zusammenhängend darstellten – doch, wie schon gesagt, ganz ohne Vergleichung mit vorliegendem Falle. Gott soll mich bewahren, denn es ist ja heutzutage schon eine Absurdität, an Schatzgräbereien zu glauben, und noch dazu auf einem Boden, der so vielfach durchwühlt ist.« »Ich war heute Morgen zufällig in jenem unterirdischen Gange,« sagte der junge Ingenieur, »und zwar mit dem Stadtschultheißen; er hatte mich schon lange gebeten, denselben in Augenschein zu nehmen – ich bewunderte seine feste und schöne Construction.« »Nehmen Sie sich in Acht, lieber Welden, wenn das in einer Kaffeegesellschaft bekannt wird, so werden auch Sie mit jener Schatzgräberei in Verbindung gebracht, – man liebt es überhaupt, Sie mit dem Rivola'schen Hause in Verbindung zu bringen!« Die Oberbauräthin lächelte bei diesen Worten wohlwollend und freundlich, doch hob sich ihr Busen etwas stärker, als gewöhnlich. »Ja, und wenn man noch obendrein wüßte, daß wir in der That Metall dort unten gefunden.« »Wirklich?« fragte Herr Merkel. »Es ist nur ein Scherz. Wir drangen heute Morgen vor bis zum erwähnten runden Thurme des Herrn von Rivola; da sah ich beim Scheine einer Laterne zwischen Asche und Kehricht etwas hervorglänzen und fand dieses hier.« Er nahm aus der Westentasche das Metallklümpchen und reichte es dem Polizeirathe. »Kupfer,« sagte dieser in gleichgültigem Tone; »wenn das nun statt dessen ein erkaltetes Tröpfchen Blei gewesen wäre, so . . .« Er strich sich mit der Hand über die Augen und fuhr dann heiter lächelnd fort: »Wie einem doch die Polizeiwissenschaft förmlich in's Blut geht und wie man dadurch so gern geneigt ist, seine Phantasie über Dinge spielen zu lassen, von deren Grundlosigkeit, ja, Dummheit man sich überzeugt hat.« Madame Lievens und Welden sahen ihn fragend an. »Es machte zu gleicher Zeit noch ein anderes, viel tolleres Gerücht seine Runde in den hierzu besonders geeigneten Schichten unserer Gesellschaft. Sie wissen, daß in dem alten Hause des Herrn von Rivola, neben dem Thurme, einer seiner ehemaligen Bedienten wohnt, der gewissermaßen die Aufsicht dort führt und auf diese Art zur Ruhe gesetzt wurde.« »Ich kenne ihn wohl, den alten Friedrich,« sagte Welden, »ein geschickter Schlosser.« »Das ist er in der That,« fuhr der Polizeirath fort; »ich erholte mir schon mehrmals Raths bei ihm, noch vor Kurzem in einer verwickelten Angelegenheit, wo er mir constatiren mußte, ob ein überaus künstliches Schloß ohne den hierzu gefertigten Schlüssel geöffnet und wieder habe geschlossen werden können. – Dieser Mann hatte eine sehr kränkliche Frau, seit Jahren vom Schlage gelähmt, die er aber mit äußerster Sorgfalt und Liebe pflegte. Wir wissen das ganz genau – wir, die Polizei,« setzte er mit einem komisch gravitätischen Lächeln hinzu, indem er sich mit dem Zeigefinger auf die Brust tippte, »wie wir überhaupt Manches wissen, von dem sich die Schulweisheit Anderer nichts träumen läßt. Nun erfuhr ich vor ein paar Tagen, diese Frau sei gestorben, und dabei wahrhaft beunruhigende Nebenumstände, so bestimmt zwar, daß ich mich veranlaßt sah, ganz im Vertrauen mit dem Hausarzte jenes Mannes über die Sache zu reden; doch that ich das eigentlich nur, um Andere überzeugen zu können, denn ich selbst fühlte im ersten Augenblicke, daß an diesem Gerüchte eben so wenig war, als an dem von der Schatzgräberei, was mir denn auch jener Arzt bestätigte, indem er mir den Todesfall erzählte und klar aus einander setzte; die arme Frau, von dem langen Krankenlager geschwächt, war sanft und ruhig entschlafen, zufällig und vielleicht glücklicher Weise in des Arztes Gegenwart.« »Die Ausbreitung solcher Gerüchte sollte aber nicht unbestraft bleiben,« sagte die Oberbauräthin – »wer hat nicht schon unter Ähnlichem leiden müssen?« – Sie seufzte leicht auf, indem sie einen raschen Blick auf den Ingenieur warf. »Dieses Mal interessirt es mich ganz besonders, der Entstehung jenes Gerüchtes auf die Spur zu kommen,« fuhr der Polizeirath fort, »was mir auch in so fern gelungen, als ich festzustellen vermochte, daß am Tage nach einer gewissen Kaffeegesellschaft, die ich allerdings nicht näher zu bezeichnen vermag, in drei oder vier Häusern zugleich von dieser Angelegenheit gesprochen wurde.« »Man sollte eigentlich alle Kaffeegesellschaften verbieten,« meinte Welden lächelnd. »Oder wenigstens einen Polizeibeamten beiordnen, wie es ja bei minder gefährlichen Versammlungen zu geschehen pflegt,« sagte die Oberbauräthin. »Oder einen eigenen Verleumdungscodex ausarbeiten lassen,« sprach der Polizeirath, »mit großem Spielraume für den betreffenden Beamten: Entziehung des Kaffee's für sechs bis acht Wochen, Schloß vor den Mund von einem bis zu acht Tagen – und welchen Dank man sich durch letztere Maßregel bei allen Ehemännern verdienen würde! Diese selbst würden alsdann die unerbittlichsten Angeber ihrer Frauen sein. Doch Scherz bei Seite – ich sagte da vorhin, wie man doch so gern geneigt ist, die Phantasie auf unsere ernstesten Geschäfte einwirken zu lassen, wenigstens geneigt sein könnte, denn dadurch setzt man so leicht furchtbare und dabei glaubenswürdige Geschichten zusammen; die kranke Frau hätte über Nacht, ohne Beisein eines Arztes sterben können, und das Gerücht hätte sich mit viel mehr Wahrscheinlichkeit jenes Todesfalles bemächtigt, als es jetzt gethan. Man wäre alle möglichen unnatürlichen Todesarten durchgegangen, denen sie hätte erliegen können, und wenn Sie, lieber Welden, nun unter der Wohnung des Betreffenden in Asche und Kehricht statt des Kupfers ein geschmolzenes Tröpfchen Blei gefunden, so hätte man ja am Ende auch an eine neue Auflage jener alten Geschichten glauben können, wo der Betreffende dadurch getödtet wurde, daß man ihm ein Tröpfchen Blei in's Ohr goß und den kleinen Rest der übrig gebliebenen Masse unvorsichtiger Weise in die Kohlenasche schüttete.« »Du bist ein schrecklicher Mensch!« sagte die Oberbauräthin; »so oft du Abends bei uns bist und deine Geschichten vorbringst, träume ich in der Nacht von Mördern und Gespenstern.« »Und mit großem Unrecht, denn was ich dir erzähle, hat meistens einen versöhnenden Schluß, wie auch dieses Mal wieder; die arme Frau wurde auf die natürlichste Weise von ihren Leiden erlöst, unser Freund Welden fand kein Tröpfchen Blei, sondern ein Bißchen Kupfer, und so verschwindet das Geheimnißvolle wenigstens in dieser Richtung, das man wieder einmal mit jenem alten Hause in Verbindung gebracht, ohne daß aber ähnliche Gerüchte deßhalb ganz aufhören werden; so ein alter Thurm mit einem unterirdischen Gange bietet eine gar zu prächtige Gelegenheit und ist und bleibt gewissermaßen ein Geheimniß der Stadt – daß unser verehrter Freund, der Stadtschultheiß an dieses Geheimniß gerührt, dadurch entstand die Sage von der Schatzgräbern, welche Nahrung findet durch die allerdings etwas tolle Verschwendung seines Sohnes.« »Er muß Schulden machen, und bedeutende Schulden,« bemerkte Welden, »denn ich kann Sie versichern, Herr Polizeirath, daß der Stadtschultheiß eben so betrübt als erstaunt über die enormen Ausgaben seines Sohnes ist.« »Allerdings macht er Schulden, Wucherschulden, und wird sich in Kurzem auf eine böse Art hineingeritten haben, und dabei ist es merkwürdig, daß, was diese Schulden anbelangt, die Fäden auch wieder in dem Hause an dem alten Thurme zusammenlaufen. Dort wohnt eine sichere Frau Mayer, bei der Herr Ferdinand Welkermann seine kleinen Anleihen negociirt. Das ginge uns eigentlich nichts an, aber er spielt und verführt auch andere junge Leute dazu – es thäte mir wahrhaftig leid um den Stadtschultheißen und um die Stellung des jungen Mannes bei der Bank, wenn wir uns gelegentlich einmischen müßten.« Welden gedachte hier seines Versprechens, das er Ferdinand halb und halb gegeben, und beschloß, den jungen Mann aufzusuchen, um durch eine Warnung, die er ihm natürlich in aller Discretion zukommen ließ, vielleicht sein dem Stadtschultheißen gegebenes Versprechen lösen zu können. Die Oberbauräthin entließ ihn, wobei sie ihm auf die unbefangenste Art ihre Hand reichte und dann in ziemlich gleichgültigem Tone sagte: »Wenn Sie nicht zu spät nach Hause kommen, lieber Welden, so finden Sie uns noch und bekommen eine Tasse Thee; ich glaube, mein Mann hat etwas mit Ihnen zu reden. Gehst du auch schon?« fragte sie den Polizeirath, der sich ebenfalls erhoben hatte und seinen Hut in die Hand nahm. »Ja, ich habe noch privatim eine kleine Runde zu machen. Es wäre interessant für Sie, lieber Welden, wenn Sie mich begleiten könnten, das heißt, wenn ich Ihnen das Geschäftliche meines kleinen Abendspazierganges mittheilen dürfte – leider aber sind das Amtsgeheimnisse.« »Wofür dir Herr Welden nur dankbar sein kann,« sagte die schöne Frau, welche den Augenblick benutzt hatte, wo der Polizeirath aus der Ecke des Zimmers seinen Paletot herbeiholte, um dem jungen Ingenieur einen fast düster leuchtenden Blick zuzuwerfen. »Warum soll er sich seine Einbildung mit deinen Rabengeschichten bewölken lassen? – Gehen Sie nicht mit ihm und kommen recht bald wieder.« Vierzehntes Kapitel. Die beiden Männer hatten mit einander das Haus verlassen. Auf der Straße schob der Polizeirath seinen Arm unter den des Ingenieurs, indem er ihm sagte: »Bis zur Schloßstraße gehen unsere Wege zusammen; dann lasse ich Sie den geraden Weg der Tugend gehen und ich folge alsdann leider dem krummen Pfade des Lasters. Es ist ein Glück, daß ich nicht verheirathet bin – ein Arzt und ein Polizeibeamter sollten nie heirathen, oder Frauen finden, denen die Eifersucht etwas Unbekanntes ist und bleibt. Eigentlich ist es schade, daß ich Sie nicht mitnehmen kann, um Ihnen, wie ein zweiter Asmodeus, von dem inneren Treiben mancher Häuser mehr mitzutheilen, als vielleicht jener lustige Teufel im Stande wäre. Um aber alles das zu erfahren und auszuspüren, braucht man nicht nur Eifer zu unserem oft unglücklichen Geschäfte, sondern auch Talente.« »Wie Sie in hohem Grade haben!« sagte Welden lachend. »Wahrhaftig, wenn ich je einmal in gewissen Beziehungen ein böses Gewissen hätte, ich würde mich gar nicht mehr vor Ihnen sehen lassen!« »Und sich gerade dadurch verdächtig machen; doch haben Sie Recht. Ich weiß, daß ich in meinem Fache mehr bin und gelte, als hundert Andere; ich betreibe es mit Vorliebe rationell wissenschaftlich und muß Ihnen schon gestehen, mit einer Ausdauer, die manchmal einer besseren Sache werth wäre, als der, welcher ich meine Kräfte leihen muß. Gott sei Dank habe ich eine gute Gesundheit, und es kommt mir auf ein paar durchwachte Nächte nicht an. Wie gesagt, schade, daß Sie mich nicht begleiten können! Vielleicht später einmal. Heute habe ich zu Wichtiges vor, das heißt in einigen Stunden, wo ich meine Wohnung in einer Verkleidung verlasse, daß Sie mich nicht wieder kennen würden, und wenn wir beim hellen Gaslichte eine Flasche Champagner mit einander tränken.« »Das käme doch auf eine Wette an!« meinte Welden in heiterem Tone. »Die Sie gewiß verlieren würden; doch lassen wir das. Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich Sie später einmal mit, und Sie sollen erstaunen, wenn ich Ihnen zeigen werde, wie wir nicht nur begangene Unthaten zur Strafe zu ziehen suchen, sondern auch langsam reifende Verbrechen beobachten und häufig glücklich verhindern. Ich könnte Ihnen ein Haus zeigen, wo ein großer Betrüger vor seinen gepackten Koffern sitzt und nur noch eine Nachricht erwartet, um die Stadt zu verlassen; er wird die Nachricht erhalten, aber wenn er das betreffende Papier umwendet, seinen Verhaftsbefehl lesen. Noch ist das ein für uns unbedeutender Fall, weil er nicht zu große Schwierigkeiten bietet; aber ich könnte Sie an ein anderes Haus führen, ich könnte Ihnen erleuchtete Fenster zeigen, wo eine anscheinend glückliche und zufriedene Familie bei einander sitzt und wo ich alle Anzeichen habe, daß sich dort langsam das furchtbarste aller Verbrechen, ein Mord, vorbereitet. Dergleichen sind die tiefen Schatten unseres Standes, welche selbst mir oft das Herz erschüttern und die Brust fast zerspringen machen, wobei es mir aber eine Erleichterung ist,« setzte der Polizeirath hinzu, rasch aus einem sehr ernsten Tone in einen gefälligen übergehend, »mit einem lieben Freunde, wie Sie sind, darüber plaudern zu können. Doch vergessen Sie, was wir gesprochen, und wenn Sie wieder einmal Zeit und Lust zu einer guten Cigarre haben, so besuchen Sie mich auf meinem Bureau – Sie kennen das magische Wort, welches Ihnen stets meine Thür öffnet.« »Gewiß,« sagte Welden heiter lachend, »und habe mir vorgenommen, es zu benutzen, wenn ich einmal mit der heiligen Hermandad in einen ernsten Conflikt gekommen sein werde, und wenn Sie, verehrter Freund, selbst mich unter meinem eigenen Namen nicht annehmen würden, dann lasse ich Ihnen herein sagen, es wäre die Zeit, welche Sie bestimmten.« »Ganz richtig, so ist es, und dieser Ausdruck hat bei meinem vertrauten Amtsdiener eine solche Kraft, daß er Sie in meinem Schreibzimmer warten ließe, wenn ich zufällig nicht da wäre. Und nun auf Wiedersehen!« Der Polizeirath hatte den Arm Welden's losgelassen, schüttelte ihm herzlich die Hand und ließ ihn auf der breiten Schloßstraße allein, indem er in eine der kleinen Gassen trat, die hier mündeten. Es war eine mondhelle Nacht, und das Licht reflektirte so stark auf der weißen Schneedecke, daß man weit und breit wie am Tage um sich schauen konnte. Welden blieb unwillkürlich stehen, um dem Davongehenden nachzuschauen, der, wie es seine Gewohnheit war, in strammer Haltung, mit hoch erhobenem Kopfe die kleine Gasse betrat, um hier dicht vor den Augen des Ingenieurs zu verschwinden, das heißt, die Gestalt, welche er in der eben beschriebenen Haltung von sich gehen sah, war plötzlich eine ganz andere geworden, und statt des fest auftretenden Polizeirathes schlich jetzt ein gebeugter Mann mit schlottrigen, fast wankenden Schritten an den Häusern dahin. Überrascht wäre Welden ihm beinahe nachgeeilt; doch erinnerte er sich, was ihm Merkel soeben von seiner Verkleidungskunst gesagt, und er mußte sich gestehen, daß, wenn jener so im hellen Mondeslichte hier an ihm vorübergekommen wäre, er ihn schwerlich erkannt haben würde – dagegen im hellen Gaslichte mit ihm Champagner trinkend, wie vorhin der Polizeirath gesagt, würde ihm das Wiedererkennen doch schon leichter werden. Er ging die breite Straße hinab und kam am Ende derselben auf einen kleinen Platz, wo sich der Holländische Hof befand. Welden kannte das Zimmer, wo ähnliche kleine Diners und Soupers gehalten wurden, gegen den Hof des Hauses gelegen, und lenkte seine Schritte dorthin, nachdem er den Gruß des Portiers, der ihn kannte, mit einem leichten Kopfnicken erwiedert; doch eilte ihm ein Kellner voraus und öffnete diensteifrig das Vorzimmer, wo die Herren ihre Hüte und Überzieher abgelegt hatten und das in den kleinen, eleganten Speisesalon führte. Hier vernahm man schon das Klingen der Gläser und die durch einander sprechenden und lachenden Stimmen. Man war eben beim Dessert, als Welden eintrat und von den anwesenden zehn bis zwölf jungen Leuten mit lärmender Freundlichkeit begrüßt wurde. »Seht ihr wohl, ich habe es gesagt,« rief ihm Welkermann entgegen, »spät kommt er, doch er kommt!« »Immer noch früh genug,« fiel ihm Herr Besenbach mit dem rothen Backenbarte in's Wort, »um an dieser neuen, ganz vortrefflichen Auflage famos frappirten Champagners Theil zu nehmen.« »Welden ist ein Gourmand, er hat es im Voraus gewußt, daß das Diner manquirt sein würde.« »Und daß wir auf die alte, süßliche, schlecht frappirte Veuve Cliquot einen stärkeren Roederer Carte blanche setzen würden – ein Kapitalwein!« »Mit dem man bis morgen früh fortmachen könnte – ein Hoch auf Welden!« »Für welches er sich dadurch bedanken muß, daß er mit Jedem von uns ein Glas trinkt!« »Mit Vergnügen,« erwiederte der also Gefeierte; »doch werden Sie mir gestatten, das in ganz kleinen Pausen zu thun.« »Höchstens Pausen von drei Minuten – eingeschenkt! Und du, Besenbach, nimm die Uhr heraus und mache mit deiner bekannten Unparteilichkeit den Schiedsrichter!« »Oder mit deiner unbekannten Parteilichkeit!« Welden sah wohl, daß alle Anwesenden sich in heiterer Stimmung befanden und daß er nach dem Sprüchwort: »Mit den Wölfen muß man heulen, wenn man gemüthlich unter ihnen leben will!« das an ihn gestellte Verlangen erfüllen mußte. Auch fürchtete er sich durchaus nicht vor einem Dutzend Gläser guten, gekühlten Champagners, ja, es war ihm sogar lieb, sich dadurch etwas der Stimmung der Übrigen zu nähern. Und er hatte Recht; denn es ist nichts unangenehmer, als völlig ruhig und ohne die geringste Begeisterung ein ähnliches Gelage als Spätkommender mitmachen zu müssen. Er hielt auch nicht einmal die ihm bewilligten Pausen von drei Minuten zwischen jedem Glase ein und trank noch ein Glas extra auf das Wohl der ganzen Gesellschaft, worauf man ihn denn auch, was das Trinken anbelangte, in Frieden und die unterbrochene Unterhaltung wieder ihren alten Gang gehen ließ. Die Gesellschaft bestand aus jungen Kaufleuten, meistens Söhnen reicher und angesehener Häuser, aus ein paar Beamten und Offizieren in Civil. Die Gespräche drehten sich, wie meistens in ähnlichen Kreisen, um die üblichen Gegenstände: Mädchen, Pferde, Hunde, und Einer überbot den Anderen in mehr als pikanten Anekdoten. Die Cigarren wurden angezündet, und bald gesellte sich zum unsichtbaren, aber doch hier und da bemerklichen Dunste des Weines der sichtbare, ja, sehr dichte Dampf von einem Dutzend Cigarren. »Um noch einmal auf besagten Handel zurückzukommen, so habe ich es selbst gehört,« rief ein junger Cavallerie-Offizier, »wie der Oberstallmeister sagte, als Herr von Rivola mit seinen prachtvollen Rappen in den Hof fuhr. ›Das ist ein Ideal von einem Gespann, und ich hoffe nur, daß Seine Majestät diese wunderbaren Thiere heute nicht sorgfältig in's Auge fassen wird, denn sonst höre ich seine Frage, warum wir dem Ankaufe des Freiherrn von Rivola nicht zuvorgekommen seien.‹« »Die Pferde waren auch von dem Händler für den königlichen Dienst bestimmt, und ich müßte den jetzigen Besitzer nicht so genau kennen, wenn ich nicht wüßte, daß er sie auf die leiseste Andeutung hin Seiner Majestät zum Geschenke anbieten werde.« Dies sagte Ferdinand Welkermann, behaglich in seinen Stuhl zurückgelehnt und mit der zuversichtlichen Miene eines Mannes, der von der Richtigkeit seiner ausgesprochenen Meinung vollkommen überzeugt ist. »Ein schönes Geschenk von vierhundert Louisd'or!« »Nun, das ist gerade so, wie wenn man die Wurst nach der Speckseite wirft; dem Herrn von Rivola fehlt immer noch das große Band des Hausordens.« »Mir wäre doch die Wurst lieber wie die Speckseite.« »Das verstehst du nicht. Wenn man so bei Hofe aus- und eingeht und Excellenzen zu seiner täglichen Gesellschaft hat, so liebt man es doch, ein breites, rothes Band über der weißen Weste tragen zu dürfen.« »Als Toilettenstück meinetwegen,« entschied Ferdinand; »denn der Freiherr von Rivola ist ein viel zu gescheiter Mann, um sich im Grunde viel aus einem solchen Anhängsel zu machen.« »Ja, ein gescheiter und dabei ebenso liebenswürdiger als zuvorkommender Herr und Freund.« »Höre, Ferdinand,« sagte Besenbach lachend, »es ist eigentlich schade, daß du den alten Adel deiner Mutter nicht auf dich kannst übertragen lassen, denn sonst wüßte ich für dich keine bessere Partie, als die kleine Rivola.« »Pah, dummes Zeug!« »Bitte recht sehr! Dummes Zeug? Das ist ein Juwel, eine Perle!« »Hol' mich der Teufel, Sparner hat Recht – ein Diamant von reinstem Wasser!« »Von seltener Schönheit, ein rosiger Diamant – das sind die theuersten!« »Unschätzbar, wie Fräulein Rivola auch ohne die reiche Fassung durch das kolossale Vermögen ihres Vaters! Gewiß, Ferdinand, es ist schade, daß du nicht der Graf Welkermann bist; du hast, wie ich weiß, bei dem Vater einen verflucht dicken Stein im Brette!« »Und bei der Tochter!« lachte der Reiteroffizier. »Sah ich doch deutlich heute Mittag, daß die schöne Lucy sich rasch genug gegen uns wandte, sobald sie Ferdinand's Pferd und Schlitten bemerkte!« »Ihr haltet mich wohl für so dumm, dergleichen auf meine geringe Persönlichkeit zu beziehen! Dabei fanden sich andere Leute, wie ich, denen das Umschauen eher gelten konnte.« »Und wer denn, wenn man fragen darf!« »Nun, da waren zum Beispiel Sie selbst,« wandte sich der junge Welkermann an den Reiteroffizier, »dann Besenbach, dessen rother Bart wunderbar von dem weißen Schnee abstach, und auch unser Freund Welden dort, ein älterer und genauerer Bekannter im Rivola'schen Hause, als ich.« Der Ingenieur fühlte sich unangenehm berührt durch dieses Gespräch, hauptsächlich aber, als sein Name mit hineinverflochten wurde. Es war seinem richtigen Gefühle eine Entweihung, Lucy's in dieser Gesellschaft erwähnen zu hören. Es war ihm, als erscheine auf ihrem reinen, unschuldsvollen Bilde, wie es vor seiner Seele stand, ein leichter, trüber Anhauch, und wenn er auch in der nächsten Sekunde innerlich diesen Gedanken lächerlich fand, so versuchte er doch, den Namen des jungen Mädchens dadurch aus dem Gespräche zu bringen, daß er sagte: »Sie sind Alle im Irrthum, meine Herren. Auch ich bemerkte wohl, daß jene junge Dame den Kopf nach der Seite wandte, wo wir standen, doch, weiß Gott, nicht in der Absicht, um Einen von uns zu betrachten, sondern ich sah deutlich, wie sie auf die Stränge ihres Sattelpferdchens schaute, welche fast auf dem Boden schleiften, und darauf den kleinen Schecken durch eine leichte Berührung mit der Peitsche etwas antrieb.« »Sie waren verflucht aufmerksam darauf, mein lieber Welden,« bemerkte Ferdinand, dessen Eigenliebe ein wenig gekränkt war, da es ihm geschmeichelt hätte, wenn die Anderen auf ihrer Meinung, als habe Fräulein von Rivola nach ihm gesehen, beharrt hätten. Doch suchte er das verlorene Terrain dadurch wieder zu gewinnen, daß er mit einem ganz eigenthümlichen Lächeln hinzusetzte: »Wie sollte ich, eine so unbedeutende Persönlichkeit, auch dazu kommen? Und dann wißt ihr auch, daß die Weiber meine schwache Seite nicht sind; über diese Thorheiten bin ich hinaus. Ein Glas gut frappirten Champagners zu einem animirten Souper ziehe ich allen Lucy's der ganzen Welt vor.« Besenbach, der sich ein Geschäft daraus machte, seinem Freunde durch seine unbedeutende Persönlichkeit oder auch durch passende Bemerkungen ein Relief zu geben, konnte sich nicht enthalten, übermäßig zu lachen und dabei auszurufen: »Du bist ein ganz verfluchter Duckmäuser! Als wenn wir nicht wüßten, wie intim du mit dem alten Baron von Rivola bist, und als wenn wir das Sprüchwort nicht kennten, daß, wer die Tochter haben will . . .« »Was verstehst du davon?« rief der junge Welkermann hier unwirsch. »Das sind Geschäftsangelegenheiten, die ich als Beamter der Bank mit dem Freiherrn habe!« Wäre Besenbach's Auge nicht durch den Duft des Weines schon zu sehr getrübt gewesen, so hätte er wohl merken müssen, daß ihm Ferdinand ernstlich einen bösen Blick zuschleuderte; doch so hielt er alles, was jener sagte, noch für affektirte Leidenschaft, und fuhr mit lauter Stimme fort: »Sage was du willst, jugendlicher Bankbeamter, eure Geldgeschäfte werden auf euren Bureaux abgemacht! Du aber verkehrst auch noch außerhalb derselben auf das Intimste mit dem alten, reichen Freiherrn von Rivola, der eine so wunderschöne Tochter hat – ja, du verkehrst mit ihm, wie ich das ganz genau weiß, und zwar draußen auf seinem Landgute, sowie in dem kleinen, geheimnißvollen Hause an dem alten Thurme, und wenn ich Sie nun bitte, meine Herren, Ihre Gläser zu füllen, so geschieht das, um Sie zu ersuchen, mit mir auf das Wohl zu trinken des – des . . .« Hier schien nun endlich Besenbach den richtigen Ausdruck in den zornfunkelnden Augen seines Ferdinands erkannt zu haben, sowie auch eine verdächtige Bewegung desselben, als sei Ferdinand im Begriffe, ihm sein leeres Glas an den Kopf zu werfen, was den kleinen Mann dermaßen aus dem Concepte warf, daß er sich, verlegen umschauend, des Gegenstandes, auf dessen Wohl er trinken wollte, nicht mehr zu erinnern schien und sich hierauf unter allgemeinem Gelächter wieder niedersetzte. »Des – des –« spottete Ferdinand's Gegenüber. »Was hast du denn eigentlich sagen wollen?« »Du – kleines Vieh!« zischte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor. »Des – des – ich will es euch sagen,« fuhr er, sich erhebend, fort, »er meint das liebenswürdigste aller Spiele, dem wir schon lange, ja, allzu lange unsere Aufmerksamkeit entzogen, des liebenswürdigen Makao, wenn ihr nicht einen Landsknecht vorzieht!« »Vortrefflich!« riefen die Meisten. »Doch nichts von Landsknecht,« setzten ein paar Andere hinzu, »das ist ein insipides Spiel ohne alle aufregenden Nuancen – meine Tante, deine Tante – Makao, Makao!« Die Kellner, durch die Klingel herbeigerufen, beeilten sich, den Tisch abzuräumen und abzubürsten, dann eine grüne Wollendecke darüber zu breiten und ein Kästchen mit Karten herbeizubringen und dasselbe vor Ferdinand Welkermann zu stellen, der nun seine Geldbörse hervorzog und den Inhalt derselben, Gold- und Silberstücke, vor sich auf den Tisch schüttete. »Das mögen ungefähr vierhundert Gulden sein, doch ist die Bank bis zu jeder beliebigen Summe garantirt.« Bei diesen Worten zog er aus seiner Brusttasche ein wohlgefülltes Schreibbuch hervor, das er neben sich auf den Tisch legte. »Ehe wir anfangen, sollen die Kellner abtreten, sonst haben wir morgen früh wieder die übertriebensten Schwatzereien über unser kleines, harmloses Spiel!« »Ja, ja, der Franz und Joseph, so famos sie auch serviren, können ihr Maul nicht halten!« sagte Ferdinand Welkermann, mehrere Spiele Karten unter einander mischend. »Ich sprach vor unserem Diner mit Herrn Ringler darüber – auch so ein alter Philister, denn er meinte achselzuckend, unser Besuch sei allerdings eine große Ehre für sein Haus, aber wenn nicht gar zu hoch gespielt würde, sei es ihm doch lieber; er wäre schon ein paar Mal beinahe in unangenehme Conflikte mit der Polizei gerathen.« »Deßhalb wollen wir noch ein paar Flaschen hereinstellen lassen und dann die Thüren schließen.« »Warum nicht gar – was geht uns die Polizei an!« sagte Ferdinand aufblickend. »Man kann doch nicht die halbe Nacht ohne Bedienung da sitzen, und wenn wir die Thüren schließen, machen wir die Geschichte erst recht verdächtig! Das meinte auch Herr Ringler. Er versprach mir, die Kellner zu Bette zu schicken, und wird einen dummen, aber zuverlässigen Kerl in's Vorzimmer setzen, den wir hereinrufen können, sobald wir seiner benöthigt sind. Also, meine Herren, faites votre jeu! Ich werde drei Karten für euch auflegen, theilt euch unparteiisch darein – Sie spielen doch auch mit, Welden?« »Warum nicht, wenn Sie auch kleine Einsätze nicht verschmähen.« Nun begann das Spiel, anfänglich klein und bescheiden; man sah neben Thaler und Guldenstücken auch halbe Gulden und Sechser, man lachte noch über ein geborenes Honneur, und wenn einer der Baisse gegen den Banquier gewann, so zahlte dieser mit großem Gleichmuthe die immer noch unbedeutenden Summen. Dabei wurde noch ziemlich stark getrunken und zur Abwechslung Papiercigarren aus einem auf dem Tische stehenden Kistchen geraucht. »Es grenzt eigentlich an Straßenräuberei, wenn Sie die Bank haben,« sagte der Reiteroffizier zu Ferdinand; »schon das dritte Mal, daß Sie einen geborenen Neuner auflegen. Ich muß mich auf Sechser beschränken, sonst kann ich nächstens aufhören, oder verliere zu viel.« »Sie wissen, daß die Bank Credit gibt, so viel, als ihre Mittel erlauben,« sagte der Betreffende. »Bis morgen Mittag zwölf Uhr,« ergänzte Besenbach, »wie es mit allen ehrlichen Spielschulden gehalten wird.« »Deßhalb, Messieurs, faites votre jeu! « Und das Spiel wurde schon lebhafter und größer. Auch hatte die Bank nicht mehr so entschiedenes Glück wie Anfangs, obgleich immer noch das meiste baare Geld, Banknoten und Zettel, mit verschiedenen Summen und Unterschriften versehen, vor Ferdinand lagen. Besonders hatten Besenbach und der Reiteroffizier in der zweiten Taille bedeutende Chancen, ja, sogar Welden, vor dem sich, obgleich dieser mit kleinem Einsatze spielte, die Gulden- und Thalerstücke rasch aufhäuften. Doch flatterte das Glück auf Augenblicke wieder zu Ferdinand, wie eben jetzt, wo er, nach sechsmaligem Umschlag und Doubliren, mit einer gewissen Befriedigung sagte: »Es stehen vierhundert Gulden; wer hält sie?« » Moitié, für mich!« rief einer der jungen Kaufleute. »Und für mich den Rest,« sagte der Reiteroffizier. Ehe Ferdinand die Karten abzog, bemerkte er nochmals, daß die Bank auch für jede andere Summe garantirt sei, worauf von den Übrigen in verschiedenen Beträgen noch fast die gleiche Summe pointirt wurde, also im Ganzen beinahe achthundert Gulden standen. Der Reiteroffizier goustirte lange und sorgfältig, sah sich dann genöthigt, eine Karte zu kaufen, und legte darauf mit sehr unbefriedigtem Gesichtsausdrucke vier auf. Der Banquier kaufte ebenfalls und warf seine drei Karten mit einer sehr gleichgültigen Miene auf den großen Haufen; es waren drei Zehner, »Verloren – wie viel steht im Ganzen?« »Achthundertundvierzig Gulden im Ganzen.« »Hier ist ein Tausender,« sagte Ferdinand Welkermann, ohne die geringste Bewegung zu verrathen, indem er seine Brieftasche öffnete und die betreffende Banknote hinüber warf; »gebet mir heraus und theilet euch darein. Ich mag mein baares Geld nicht alles weggeben – und nun vorwärts, wenn ich bitten darf, es ist Alles garantirt.« Welden fing an, sich für das Spiel in hohem Grade zu interessiren, nicht als ob er leidenschaftlich gesetzt oder für einen der Spieler besonders Partei genommen hätte; er beobachtete Ferdinand, ja, er mußte die merkwürdige Ruhe bewundern, mit welcher dieser bedeutende Sätze einzog und ausbezahlte. Allerdings lag diese Ruhe und Gleichgültigkeit stets im Wesen des jungen Welkermann; doch hatte Welden den Ausdruck derselben, wie im gewöhnlichen Leben häufig geschieht, an diesem jungen Manne für Affektation gehalten, hier aber schien seine Ruhe und Kälte echt zu sein. Es lag Welden viel daran, die wirklichen Ursachen zu ergründen. War Ferdinand gleichgültig gegen das Spiel selbst oder gleichgültig gegen die Summen, die er verlor? Und im letzteren Falle mußte er nach den Befürchtungen seines Vaters eine sehr ergiebige Quelle haben, sich auf sehr leichte Art Geld zu verschaffen. Dies schien das Wahrscheinlichere, denn der Bankhalter, der offenbar in großem Unglück war, lächelte fast gemüthlich, so oft er eine neue große Note aus seinem Taschenbuche hervorzog, ja, er sagte, indem er leicht mit den Fingern über die Ränder des ziemlich dicken Pakets der Bankbillets fuhr: »Wartet nur, ich werde alles das schon wieder herumbringen, sei es nun in meiner eigenen Bank oder wenn Sie halten, Baron Miltau.« Diese letzten Worte galten speziell dem Reiteroffizier, der einen tüchtigen Haufen von Papier und Gold vor sich liegen hatte. »Ich habe nichts dagegen, die Bank zu nehmen,« sagte dieser, seine Gelder mit einem flüchtigen Blicke musternd; »ich kann sagen, daß die Bank für zweitausend Gulden garantirt ist. Bitte aber um Eines,« wandte er sich gegen Ferdinand, »forciren Sie mich gleich Anfangs nicht zu stark, denn sonst wird mein Vergnügen bald zu Ende sein – und nun zur Attaque, meine Herren!« Welden hatte die noch in seiner Hand befindlichen Karten dem Reiteroffizier zugeworfen, der den ganzen großen Haufen sortirte und mischte. Dann zündete der ehemalige Bankier eine Papiercigarre an, lehnte sich behaglich in den Stuhl zurück und sagte: »Unbesorgt, ich werde ein wenig ausruhen, führe aber später schon gewichtige Truppen gegen Sie in's Feld – wenn es nur nicht so verdammt heiß geworden wäre!« »Trink Champagner, der kühlt ab,« meinte der kleine Besenbach, der sehr vorsichtig und dabei recht glücklich spielte. Vor sich hatte er zierlich aufgestellte Geldhäufchen liegen, systematisch geordnet vom Sechser bis zum Friedrichsd'or – mit Papier gab er sich nicht gern ab. »Nein, ich möchte Wasser haben, frisches kaltes Wasser, aber alle diese Murmelthiere von Kellnern sind verschwunden – sieh doch Jemand zu, ob keiner im Vorzimmer ist.« Einer der jüngeren Leute sprang dienstfertig hinaus und kehrte gleich darauf mit der einzigen Bedienung zurück, die er draußen gefunden, einem Mittelding zwischen Kellner und Hausknecht, einem einfältig aussehenden Menschen, wie der Gastwirth, Herr Ringler, verheißen. »Der Kerl schlief draußen wie eine Bombe; ich mußte ihn erst aufwecken.« »Er soll Wasser bringen, aber frisches Wasser vom Brunnen weg.« »Jawohl, Herr.« »Auch könnten noch einige weitere Flaschen Champagner nichts schaden.« »Kannst du die ebenfalls beschaffen?« »Jawohl, Herr.« »So troll' dich und mach', daß du wiederkommst!« » Eh bien, Messieurs, le jeu est fait! « Und wiederum begann das Spiel, zuerst abermals mit kleineren Sätzen, wie zu Anfang, sich aber rascher steigernd. Ferdinand betheiligte sich nur mit unbedeutenden Sätzen, zwischen denen er hastig einige Gläser kalten Wassers hinunterstürzte, die ihm der Kellner einschenkte und darreichte, worauf sich dieser wieder in den Hintergrund des Zimmers zurückzog. Hatte der Sohn des Stadtschultheißen in seiner Bank Unglück gehabt, so machte dagegen Baron Miltau glänzende Geschäfte, unter sechs Mal drei, auch wohl vier geborene Honneurs; es war rein zum Verzweifeln, und mit solchem Ausdrucke, wenigstens mit dem des größten Unbehagens, schauten auch die Meisten auf den sich unverhältnißmäßig mehrenden Haufen von Gold und Papier. » Finis Poloniae! « sagte einer der jungen Kaufleute, wobei er sowohl an sein Portemonnaie als an seine Brieftasche leicht mit den Fingern schlug, ohne daß noch irgend etwas herausgefallen wäre. Welden betrachtete Ferdinand, der, ohne das Geringste zu setzen, mit großer Ruhe eine Papiercigarre um die andere rauchte, schon längst kein Wasser mehr trank, aber desto mehr Champagner, welcher ihm von Besenbach eingegossen wurde und wobei dieser nie unterließ, ihn mit dem Ellenbogen anzustoßen und ihm dabei zuzuflüstern: »Geh' ihm doch endlich einmal zu Leibe – wie kannst du denn zuschauen, daß wir so ausgeraubt werden?« Der Reiteroffizier hatte übrigens etwas von diesen Worten verstanden und warf lachend die Bemerkung hinüber: »Allerdings, eine hitzige Schlacht, und mit glorreichem Ende, wenn nicht bald Verstärkung gegen mich anrückt; Herr Welkermann hat sich in sein Zelt eingeschlossen, wie der selige Achill, und scheint mit seinen Myrmidonen nicht mehr eintreten zu wollen.« »Allerdings ist Achill müde,« erwiederte der Angeredete, indem er gähnte und mit der Hand über seine Augen fuhr; »doch werde ich meinen Patroklus schicken, um vielleicht die Feldschlacht noch einmal zum Stehen zu bringen. Da, Besenbach, pointire, wenn du Lust hast!« Damit warf er ihm seine gefüllte Brieftasche hinüber, aus welcher, durch den Wurf verschoben, Billette von tausend, fünfhundert und hundert Gulden hervorblickten. »Du brauchst dich nicht zu geniren!« »Gut denn – ein Einzelkampf zwischen Patroklus und Herkules.« Alles blickte gespannt auf die Spieler mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen. »Die Bank ist für dreitausend Gulden garantirt.« »So fangen wir klein an,« sagte Besenbach, »und nehmen ihr hundert Gulden – geborener Achter.« »Oder umgekehrt,« sagte lachend der Reiteroffizier, »hier ist die Geburt eines Neuners zu melden.« »Unerhört – abermals hundert.« »Leider mit dem gleichen Erfolge.« »Versuch es einmal mit fünfhundert,« sagte Ferdinand gleichgültig. »Verdammt, die sind auch beim Teufel – Baron Miltau, Sie haben einen Bund mit dem Bösen gemacht!« Ferdinand hatte ein großes Wasserglas mit Champagner hinuntergeschluckt, und seine Augen fingen an, unheimlich zu leuchten. – »Nochmals fünfhundert.« »Und nochmals verloren.« »Das ist wirklich ein ganz fabelhaftes Glück,« sagte einer der jüngeren Leute; »hören Sie auf, Welkermann, dem Baron Miltau ist heute nicht beizukommen!« »Und für wie viel ist die Bank garantirt?« fragte der Sohn des Stadtschultheißen mit einer Stimme, der man nicht die geringste Aufregung anmerkte und wobei sich sogar ein kleines Lächeln um seinen Mund zeigte. »Für dreitausend Gulden,« antwortete der Reiteroffizier; »den Rest ziehe ich zurück.« »Nicht mehr als billig.« »Couvrire diese dreitausend Gulden,« sagte Ferdinand zu Besenbach, »und dann laß mich einmal die Karten aufnehmen.« »Nein, nein,« riefen ein paar der Anwesenden, indem sie sich halb von ihren Stühlen erhoben, »das geht über den Spaß; treibt das meinetwegen so fort, nachdem wir das Zimmer im Rücken haben – Gute Nacht!« »Pfui, wer wird so kindisch sein, eine Spielgesellschaft unter guten Freunden durch vorzeitiges Weglaufen aus einander zu sprengen!« bemerkte Ferdinand; »was kann es euch verschlagen, ob ich verliere oder gewinne? Denkt, wir spielen um Nüsse oder um Rechenpfennige – haben doch diese Papierfetzen auch nur einen eingebildeten Werth.« »Du thust gerade, als wenn du eine Banknotenpresse bei dir zu Hause stehen hättest,« erwiederte lachend einer der Kaufleute; »nun ich kann auch noch da bleiben, mir kann es gleich sein.« »Also Sie halten die dreitausend?« »Gewiß.« Der Sohn des Stadtschultheißen nahm die Karten, ohne daß seine Finger oder seine Miene auch nur das geringste Zeichen von Aufregung verrathen hätten; doch goustirte er auf's sorgfältigste, bis oben der Strich erschien, der ihm ein Bild anzeigte. Dann wandte er die Karten lächelnd herum; die andere war ein Vierer – auf vier bleibt man nicht stehen; er ließ sich eine dritte Karte geben: es war ein Sechser; er hatte also verloren, wenn der Bankier nicht ebenfalls zwei Zehner oder zwei Bilder hatte. Dieser kaufte ebenfalls und legte mit triumphirendem Blicke ein Aß auf – er hatte um einen einzigen Point gewonnen, denn auch er hatte in der That zwei Zehner gehabt. Ein leiser Ruf der Überraschung flog durch den Kreis, der sich näher um die beiden Spielenden zusammendrängte – es war dieses aber auch ein ganz außerordentliches Spiel, so außergewöhnlich, daß es selbst die Aufmerksamkeit des Kellners erregte, der unbeachtet im Zimmer geblieben war und nun mit lang vorgestrecktem Halse, von Niemandem beachtet, über den Kreis hinüber auf den Tisch schaute. Der Reiteroffizier behielt sein Paket Karten in der Hand und blickte fragend zu Ferdinand hinüber, der sich lachend mit der Frage an Besenbach wandte: »Was haben wir noch aufzuwenden?« Der kleine Mann mit dem rothen Barte machte ein gar klägliches Gesicht, offenbar befand er sich durch das unsinnige Spiel in viel größerer Bestürzung, als der, dem es doch eigentlich galt. »Laß es gut sein,« flüsterte er ihm zu – »wozu seinem Gelde nachrennen und Alles verlieren?« »Das ist meine Sache; wie viel ist noch in der Brieftasche?« »Noch neun Stück Fünfhunderter.« »Halten Sie mir noch viertausend Gulden?« fragte Ferdinand in verbindlichem Tone den Baron von Miltau. »Mit Vergnügen, auch mehr.« »Gut, geben Sie aus.« Dieses Mal kam der junge Welkermann weder zum Goustiren noch zum Kaufen, denn der Cavallerieoffizier legte achselzuckend und mit den Worten: »Mir selbst unbegreiflich!« einen geborenen Neuner auf. Sonst sprach Keiner im Kreise rings umher, Alle schienen bestürzt über die unter den obwaltenden Umständen kolossale Höhe, welche das Spiel, das man mit Sechsern und halben Guldenstücken begonnen, so unverhofft genommen, – nur der, den es am meisten betraf, schien nicht viel Wesens daraus zu machen. Er steckte Portemonnaie und Brieftasche mit großer Ruhe ein, worauf er das letzte Bankbillet von fünfhundert Gulden, das er noch hatte, langsam zwischen den Fingern umherschob und dann der Länge nach bedächtig zusammenfaltete. Allerdings waren seine Blicke etwas starr geworden und seine Zunge schwer und lallend, als er sprach. »Es ist mir das allerdings unangenehm,« sagte er, »aber ich kann Ihnen auf meine Ehre versichern, mehr für Sie, als für mich selber, da es unsern heiteren Abend mit einer Dissonanz zu beschließen droht; deßhalb noch ein volles Glas, Besenbach, zur Abwehr der Mißstimmung, und ihr Anderen schenkt euch noch einmal ein – an Stoff fehlt es nicht – stoßt an auf unser besseres Glück ein ander Mal!« »Und zur Revanche jeder Zeit!« rief der Freiherr von Miltau. »Wie Sie wollen,« antwortete Ferdinand; »doch könnte mir auch die verflucht gescheite Idee kommen, gar keine Karten mehr anzurühren, vielleicht aus Mangel an Fonds,« setzte er mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu, »und um den eben ausgesprochenen Vorsatz halten zu können, ist es besser, wenn ich meine Schiffe hinter mir verbrenne.« Bei den letzten Worten näherte er die zu einem Fidibus zusammengedrehte, letzte Banknote dem Lichte, welches vor ihm stand, und ehe Welden, der, der einzige vollkommen Nüchterne, allen seinen Bewegungen auf's genaueste gefolgt war, ihn am Arme ergreifend daran hindern konnte, hatte das Papier bereits Feuer gefangen; doch riß es ihm der junge Ingenieur trotzdem aus der Hand, zerdrückte die Flamme mit den Händen und sagte dann, ihn ernst anschauend: »Herr Welkermann, ich kenne allerdings nicht Ihre Vermögensverhältnisse, aber ich glaube doch, Sie werden mir morgen Dank wissen, daß ich Sie von etwas abgehalten, das selbst durch die aufgeregte Stimmung, in der man sich eben befindet, nicht zu rechtfertigen ist!« Dieses war der Funke, welcher in den aufgehäuften Zündstoff flog, den der junge Mann bis jetzt mühsam vor dem Aufflammen bewahrt; er sprang, wie von einer Feder geschnellt, in die Höhe, seine feuchten Lippen bebten, und indem er beide Fäuste auf den Tisch stemmte, beugte er sich so weit gegen den Ingenieur, daß er dessen Stirn fast mit der seinigen berührte. »Weder morgen noch heute werde ich Ihnen Dank wissen, Herr – wissen Sie wohl, daß Sie eine Unverschämtheit gegen mich begangen, daß ich Ihnen darauf mit einer Ohrfeige antworten würde, wenn mich die Anwesenheit jener ehrenwerthen Leute nicht davon zurückhalten würde, und daß ich Sie trotzdem bitten muß, diese Ohrfeige als vollkommen genossen zu betrachten!« Welden war furchtbar erbleicht und athmete tief auf, ehe er im Stande war, auch nur durch ein leichtes Kopfnicken zu antworten, und dann erst nach einer ziemlich langen Pause, während welcher er die an einem Theile verbrannte Banknote ruhig auf den Tisch legte, zur Antwort gab: »Die anwesenden Herren werden es mir Dank wissen, wenn ich Ihre Worte heute Abend auf der Stelle nicht gebührend beantworte – morgen aber werde ich mir erlauben, Ihnen den heutigen Abend in Erinnerung zu bringen!« »Und mit vollem Rechte!« rief Baron Miltau, der sich mit den meisten der übrigen Anwesenden rasch erhoben hatte. Nur Besenbach war sitzen geblieben, und das aus guten Gründen, denn er hatte nicht Lust, den auflodernden Zorn seines guten Freundes auf sich zu lenken, konnte sich aber trotzdem nicht enthalten, in Ausrufungen wie: ›Unerhört! Unverzeihlich!‹ wenn auch leise, mit einzustimmen. Ferdinand hatte die Banknote wieder ergriffen, und indem er mit rollenden Augen, an der Unterlippe nagend, rings im Kreise umherschaute, stieß er mühsam die Worte hervor: »Und ich kann mit meinem Eigenthum schalten und walten, wie ich will!« »Ja, aber vor unseren Augen keinen solchen Wahnsinn treiben; ein Millionär würde sich das nicht erlauben, und wenn er es thäte, müßte man ihn unter Curatel stellen, und das wollen wir auch dir thun zu deinem eigenen Besten.« Der, welcher so sprach, einer der genaueren, älteren Freunde Ferdinands, hatte das Licht auf dem Tische ausgelöscht und sich ihm mit einer sehr entschlossenen Miene genähert, worauf Ferdinand anfänglich Lust zu haben schien, das Papier, welches er zwischen seinen zitternden Fingern hielt, zu zerreißen; doch besann er sich eines Vernünftigeren, und sich rasch umwendend, wobei er seinen Freund etwas unsanft zurückdrängte, warf er dem Kellner, der überrascht zugeschaut, die Banknote zu. Dieser schien erschrocken über das Geschenk zu sein und wollte es wieder auf den Tisch legen, doch winkte ihm Baron Miltau mit den Augen, worauf er sich in die Ecke des Zimmers zurückzog, wohin sich Welden ebenfalls begeben hatte, um seinen Hut zu nehmen. Hier flüsterte ihm der Kellner zu: »Erlauben Sie mir die Frage: wer ist der junge Herr, der mir die Banknote gegeben? Ich bin erst kurz im Hause und kenne ihn nicht: Sie werden es begreiflich finden, daß ich sie ihm morgen früh wieder zustelle.« »Gewiß, mein Freund, es ist der Sohn des Stadtschultheißen Welkermann, in der Bank angestellt; gehen Sie morgen früh dorthin, und ich bin überzeugt, er wird Ihnen dankbar sein.« Der Kellner zog sich nach einer Verbeugung zurück, und Welden verließ das Zimmer und den Gasthof, dessen Thür ihm ein schläfriger Hausknecht öffnete. Es war spät in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen; die Steine leuchteten in unbeschreiblicher Klarheit, der Schnee knirschte unter den Füßen des Dahinwandelnden, welcher bei sich dachte: »Das hat man davon, wenn man sich in fremde Angelegenheiten mischt, und statt dem Stadtschultheißen dienstbar zu sein, werde ich mich genöthigt sehen, seinem ungerathenen Sohne Eins auf den Pelz zu schießen oder – – vielleicht wäre es doch gescheiter gewesen, eine Tasse Thee bei meiner liebenswürdigen Hauswirthin anzunehmen.« Fünfzehntes Kapitel. Welden war am anderen Morgen allein auf seinem Bureau. Baron Miltau, der sich ihm in aller Frühe durch ein Billet, die Geschichte mit Welkermann betreffend, zur Verfügung gestellt und ihn darauf besucht, hatte ihn soeben verlassen, um sich als Cartelträger zu Ferdinand zu begeben. Es war ein Feiertag und deßhalb außer ihm Niemand auf den Zeichnungszimmern, nicht einmal der Oberbaurath Lievens, was dem jungen Ingenieur sehr angenehm war; er hatte seinen Kopf noch zu voll von dem gestrigen Vorfalle, um sich seinen eigenen Arbeiten oder denen der Anderen widmen zu können. Am Fenster stehend, blickte er an dem trüb gewordenen Winterhimmel empor, in Nachsinnen versunken, ob er gestern Abend hätte anders handeln können oder sollen – können vielleicht wohl, doch gereute es ihn durchaus nicht, daß er mit dem übermüthigen jungen Menschen so verfahren, wie er es gethan. Was konnte auch die Folge davon sein? Ein Zusammentreffen, wie er schon ähnliche gehabt – er war in der Lage, Ferdinand zu fordern, jener hatte also den ersten Schuß, und wenn die Kugel ihn nicht traf, wie es ja wohl möglich war, so lag es in seiner Hand, den jungen Mann ganz zu verschonen oder ihm einen leichten Denkzettel zu geben. Welden war ein guter Pistolenschütze, und, was die Hauptsache war, sein Gleichmuth und seine Ruhe hatten ihn in schwierigeren Lagen nicht verlassen, also auch nicht vor der Mündung einer Pistole. Es war vielleicht eigenthümlich, vielleicht auch sehr natürlich, daß ihm bei diesen Betrachtungen das Bild Lucy's von Rivola häufiger als sonst vor seine Seele trat, und er ärgerte sich, wenn er bedachte, daß man im Hause des Freiherrn, wie ja auch wohl überall in der Stadt, diese an sich so unangenehme Geschichte noch mit großen Zusätzen erfahren würde: ein Streit beim Spiele mit jüngeren, leichtsinnigen Leuten – was mochte man über ihn im Hause des Freiherrn denken, wo er stets als das Muster eines besonnenen und vollkommen soliden jungen Mannes gegolten hatte? Er beschloß, allen Gerüchten zuvorzukommen und dem Baron von Rivola die ganze Geschichte zu erzählen. So am Fenster stehend und mit seinen Gedanken beschäftigt, hatte er es überhört, daß an die Thür des Nebenzimmers, wo der Eingang zu den Bureaux war, geklopft wurde, und wandte sich jetzt rasch um, als er das Knarren dieser Thür sowie Schritte hörte, welche sich dem Gemache näherten, in dem er sich befand. Es war der Polizeirath Merkel, der mit seinem wohlwollenden Lächeln nun vor ihm auf der Schwelle stand und ihm einen freundlichen Guten Morgen bot. »Sie werden überrascht sein, mich schon so früh bei sich zu sehen.« »Bin aber sehr erfreut darüber,« erwiederte der junge Ingenieur, »und halte es für recht passend, daß die hohe Polizei, der eigentlich nichts heilig ist, wenigstens den Feiertag verehrt, indem sie ihre Geschäfte bei Seite läßt und Besuche macht.« »Leider kann ich Ihnen das nicht bejahen, so gern ich auch meine Sonn- und Feiertage für mich hätte. Glauben Sie mir, wir sind schlimmer daran, als die Briefträger, die doch nur zu gewissen Stunden in der Stadt umher zu traben haben, wogegen wir uns sagen können: keine Ruh' bei Tag und Nacht. – Doch wie geht es Ihnen? Ich hatte in der Nähe zu thun und bin nur gekommen, um nach Ihnen zu sehen, ja, sogar ohne bei meiner Schwester einzutreten.« »Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Polizeirath,« antwortete Welden, »besonders wenn Sie mir in der That ohne alle und jede Nebenabsicht so früh schon Ihren Besuch schenken.« »Man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen,« entgegnete der Andere lächelnd, indem er sich rittlings auf einen der Zeichenstühle setzte – »nun denn, so frage ich ohne alle Beziehung, ob Sie gut geschlafen haben.« Lag bei diesen Worten etwas Auffallendes in den Blicken des Polizeiraths oder glaubte Welden das nur, der sich, wie wir wissen, in Gedanken sehr mit dem gestrigen Abende beschäftigt hatte und deßhalb auch diese Frage damit in Zusammenhang brachte, genug, er erwiederte: »Wenig und unruhig; ich war lange auf und unsere Unterhaltung sehr animirt.« »Ja, ja,« machte der Polizeirath und fuhr in gleichgültigem Tone fort, während er mit seinem Spazierstocke etwas hangen gebliebenen Schnee von der Spitze seines Stiefels entfernte: »Das Spiel regt auf, selbst wenn man eigentlich so zu sagen nur Zuschauer ist.« »Habe ich vom Spiel gesprochen?« fragte Welden im Tone der Verwunderung. »Nein, aber ich,« versetzte der Andere, indem er dem jungen Manne mit großer Ruhe in's Gesicht schaute und dann lachend beifügte: »ich, der Polizeirath Merkel.« »Als solcher?« »Nein, als guter Freund meines guten Freundes.« »Sehen Sie, wie Recht ich vorhin hatte,« fuhr Welden nach einer kleinen Pause fort, während welcher er in das herzliche Lachen des Anderen eingestimmt hatte; »also Alles wohl berechnet und Heuchelei: das Respektiren des Feiertages, das Bedürfniß, mich am frühen Morgen zu sehen.« »Ich konnte doch nicht mit der Thür in's Haus fallen, ich konnte es Ihnen doch nicht sogleich sagen, ehe ich mich nur gesetzt und ehe Sie mir eine gute Cigarre angeboten, was Sie beiläufig noch nicht gethan haben, junger Mann.« »Hier ist das Beste, was ich habe, Flor fin, das wird Sie hoffentlich milder stimmen, denn Ihre Anrede verspricht nichts Gutes.« »Ihre Cigarre ist vortrefflich; doch nun lassen Sie mich fortfahren, undankbar aber gerecht. Junger Mann, Sie waren gestern Abend im Holländischen Hofe, und zwar in einem Hinterzimmer desselben, wo soupirt und später gespielt wurde, ein sehr interessantes, aber abscheuliches Spiel, welches man Makao nennt.« »Bis dahin sind das unläugbare Thatsachen.« »Ich brauche weder Läugnen noch Beistimmung, junger Herr, ich bin meiner Sache so gewiß, als ob ich selbst dabei gewesen wäre; Sie allerdings spielten sehr bescheiden, aber andere Leute trieben ein Spiel, das weit über deren Verhältnisse geht und in das sich die hohe Polizei eigentlich mischen sollte, wenn sie im vorliegenden Falle nicht Wichtigeres zu thun hätte.« »Wichtigeres – worin besteht dieses Wichtigere?« »In einem wahrscheinlich heute Morgen schon eingefädelten Engagement mit Herrn Ferdinand Welkermann, einem großen Taugenichts, dem eine tüchtige Lection allerdings nichts schaden könnte, für den ich aber in anderer Beziehung eine so große Zuneigung empfinde, daß es mir ganz entsetzlich wäre, wenn ihm auch nur ein Haar gekrümmt würde.« »Ich verstehe Sie wahrhaftig nicht, Herr Polizeirath.« »Ist auch vor der Hand ganz unnöthig.« »Aber wenn ich Sie versichere, daß die Polizei, trotz ihrer Allwissenheit, dieses Mal doch nicht den richtigen Weg geht?« »Mein lieber Welden,« gab hier der Polizeirath, plötzlich ernst werdend, zur Antwort, »ich verlange durchaus nicht, daß Sie mir den gestrigen Abend betreffende Zugeständnisse oder noch weniger Confidenzen machen; ich brauche das nicht, denn ich bin meiner Sache zu gewiß – wollen Sie Beweise?« »Warum nicht, wenn es Ihnen gefällig wäre?« »Mit vielem Vergnügen – also gestern Abend wurde in dem gewissen Hinterzimmer des Holländischen Hofes Makao gespielt; Sie setzten, wie es sich für einen vernünftigen Mann geziemt, Andere aber, verzeihen Sie mir den Ausdruck, wie die Narren, besonders Herr Welkermann, der außer unbedeutenderen Einsätzen das erste Mal dreitausend Gulden an Baron Miltau verloren, dann nochmals viertausend Gulden an denselben.« »Ich möchte wissen, wer Ihnen das verrathen hat.« »Niemand von denen, die anwesend waren – ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, daß Sie der Erste aus der gestrigen Gesellschaft sind, den ich seit vierundzwanzig Stunden spreche.« »Unbegreiflich!« »Allerdings. Sie schickten die Kellner fort, und es blieb nur im Vorzimmer ein unbedeutender, verschlafener Kerl, der ein paar Mal frisches Wasser und Champagner brachte . . .« »So ist es.« »Dem Herr Ferdinand Welkermann die theilweise verbrannte Banknote zuwarf, über welche Sie mit ihm in Streit geriethen.« »Das geht über meinen Begriff,« sagte Welden im höchsten Erstaunen – »das ist mir unbegreiflich, da Sie soeben Ihr Ehrenwort gaben, mit Niemandem der Anwesenden gesprochen zu haben!« »Was auch nicht nöthig war, da ich die Ehre hatte, selbst bei der Gesellschaft zu sein.« »Ah bah,« machte der junge Ingenieur zurückfahrend, »Sie haben mich zum Besten!« »Durchaus nicht; Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen gestern Abend auf der Straße sagte, Sie seien nicht im Stande, mich in einer meiner Verkleidungen zu erkennen, selbst nicht bei Gaslicht und Champagner, und Sie erkannten mich in der That nicht, als ich Sie gestern Abend fragte: Wer ist jener junge Herr, der mir die Banknote zugeworfen?« »Sie – – jener Kellner?« »Ich hatte die Ehre, und um Sie ganz zu überzeugen, bitte ich, dieses corpus delicti zu betrachten.« Bei diesen Worten hatte der Polizeirath die Fünfhundertguldenbanknote aus seiner Brusttasche hervorgezogen und überreichte sie Welden, der sie kopfschüttelnd annahm, aber statt sie zu betrachten, das Gesicht Merkels, dieses ihm so wohlbekannte Gesicht, mit großen Augen anschaute. Dann sagte er: »Sie überzeugen mich, und doch zweifle ich noch!« »Glauben Sie dem Beweise, den Sie in Ihren Händen halten; doch ist das, dessen ich vorher erwähnte, das tolle Spiel Welkermann's, diese angebrannte Banknote, nur Nebensache, vor der Hand wenigstens – was mich zu Ihnen führt, ist Ihr voraussichtliches Duell, das, es thut mir leid, es Ihnen zu sagen, unter keinen Umständen stattfinden darf.« »Unmöglich, Herr Polizeirath,« fuhr der Ingenieur heftig empor: »Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich mich vor einem Dutzend junger Leute beschimpfen lasse, ohne die nun einmal übliche Genugthuung dafür zu fordern!« »Gewiß nicht, und Sie sollen alle Genugthuung haben, die Sie wünschen können: Herr Ferdinand Welkermann soll Ihnen vor allen gestern Anwesenden Abbitte leisten und es Ihnen noch obendrein schriftlich geben, daß er das gethan.« »Dazu wird und kann er sich nie verstehen, und im Falle selbst, daß er sich dazu verstände, kann ich mich nicht damit zufriedenstellen.« »Blutdürstiger Wütherich – nehmen Sie sich vor der Polizei in Acht – was kann Ihnen daran gelegen sein, diesem unbesonnenen jungen Menschen eine Kugel in den Leib zu jagen? – O, ich weiß,« fuhr der Polizeirath nach einer Pause fort, als Welden, der heftig im Zimmer auf und ab gegangen war, nun vor ihm stehen bleibend, den Mund zum Sprechen öffnete – »Sie sind ein ganz vortrefflicher Schütze. Sie werden mir versichern, daß Sie ihn durchaus nicht gefährlich verwunden wollen; aber, mein lieber Freund, die Kugel geht ihren eigenen Weg, und ich habe es schon erlebt, daß die besten Schützen ihr Ziel fehlten, und daß Jemand mitten durchs Herz geschossen wurde, und zwar von einem Menschen, der früher nie eine Pistole in der Hand gehabt.« »Sei es darum!« sagte Welden in einem ärgerlichen Tone. »Aber weßhalb interessiren Sie sich für diesen Welkermann, der es doch, weiß Gott, verdient hat, daß man ihn einige Todesangst ausstehen läßt?« »Was noch sehr zweifelhaft ist,« erwiederte der Polizeirath mit großer Ruhe; »dieser Welkermann ist allerdings ein großer Taugenichts, ein Spieler, ein leichtsinniger Verschwender, aber durchaus nicht feig, dessen kann ich Sie versichern.« »Ich will mich von Herzen freuen, wenn dem so ist, alsdann wird er durchaus nicht einwilligen, mir die vorgeschlagene Abbitte zu thun.« »Vielleicht doch, denn dieser Welkermann ist neben all seinen Fehlern ein ganz guter Kerl, und wenn Sie gestern Abend noch länger geblieben wären, so hätten Sie eben so gut hören können, wie es der alte Kellner gehört, trotzdem er verschlafen im Vorzimmer saß, daß sich Welkermann selbst über sein Betragen gegen Sie größere Vorwürfe gemacht, als es alle Anwesenden thaten, und daß er auf der Stelle zu jeder Ehrenerklärung bereit gewesen wäre.« »Möglich – aber gerade deßhalb bin ich zufrieden, daß ich nicht mehr anwesend war.« Welden trat bei diesen Worten an das Fenster und setzte, an den Himmel emporschauend, hinzu: »Man spielt nicht mit solchen Dingen!« worauf er sich, nachdem Beide eine Weile geschwiegen, rasch gegen den Polizeirath mit der Frage umwandte: »Aber sagen Sie mir nun, verehrter Herr und Freund – Sie erlaubten mir häufig, Sie so zu nennen –, aus welchem Grunde sind Sie so zärtlich besorgt, daß dem Herrn Ferdinand Welkermann kein Leides geschieht?« »Warum gerade auch ihm, mein lieber Welden? Auch Sie sind gegen eine Kugel nicht versichert – wenn meine Forderung nun ganz allein in dem Interesse für Sie wurzelte?« »Unglaublich,« erwiederte der Ingenieur, indem er lächelnd den Kopf schüttelte; »die Motive, unser Duell zu verhindern, scheinen mir tiefer zu liegen.« »Nun denn, das Interesse des Polizeibeamten, eine Ungesetzlichkeit zu verhindern.« Welden machte bei diesen Worten ein so außerordentlich komisches Gesicht, daß es dem Anderen unmöglich war, ernsthaft zu bleiben. »Ah, ich sehe,« rief er lachend, »Sie glauben mir nicht!« »Nein, Herr Polizeirath.« »Nun denn, so will ich Ihnen gestehen,« antwortete er, plötzlich wieder ernst werdend, »daß ich allerdings triftige Ursachen habe, im gegenwärtigen Augenblicke das größte Interesse an der Person des Herrn Ferdinand Welkermann zu nehmen, und daß es mir äußerst fatal wäre, wenn Sie ihn mir todtschössen.« »Das ist schon etwas – aber wenn ich mich durch eine solche unglaubliche Nachgiebigkeit vor all meinen Bekannten lächerlich machen soll, so ist es doch vielleicht nicht indiscret, nach dem Grunde dieses Interesses zu fragen.« Der Polizeirath zuckte mit den Achseln. »Mit dem eben Gesagten bin ich an der Gränze aller meiner möglichen Mittheilungen, und bitte ich Sie dringend, lieber Welden, dem Freunde Gehör zu geben, damit der Beamte nicht genöthigt ist, gegen Sie aufzutreten.« »Wie so der Beamte?« »Ei, eine komische Frage; Sie wollen sich duelliren, die Polizei weiß darum und muß Alles thun, um das zu verhindern, denn Sie haben gute Lust, Ihren Gegner zusammenzuschießen, und dieser Gegner ist – der Sohn eines allgemein verehrten Mannes, des Stadtschultheißen.« »Ah, ich fange an, zu begreifen!« »Sehen Sie, junger Mann,« sprach der Polizeirath mit einem Ausdrucke außerordentlichen Wohlwollens in den Zügen und in der Stimme, »mich freut es nur, daß Sie Gründe errathen, die man Ihnen nicht sagen darf.« »Und wenn ich mich trotzdem weigere?« »So müßte ich mich veranlaßt sehen, Ihnen eine Begleitung zu geben, die Ihnen zuweilen recht hinderlich wäre – seien Sie vernünftig, ich rathe Ihnen als älterer Freund; versprechen Sie mir, daß, wenn Ihnen Ihr Gegner eine Erklärung gibt, mündlich und schriftlich, wie Sie es nur verlangen können, daß Sie sich alsdann zufrieden geben wollen.« Welden war hastig abermals im Zimmer einige Male auf und ab geschritten, und sein Kopfschütteln sowie seine finstere Miene zeigten deutlich, daß es ihm schwer, ja, unmöglich wurde, so schnell einen endgültigen Entschluß zu fassen. Endlich sagte er, vor dem Anderen stehen bleibend: »Ich kann Ihren Vorschlag nicht annehmen, die Sache ist schon eingefädelt, wie sie soll, denn die mir angethane Beleidigung war zu schwerer Art – will ihn aber auch nicht unbedingt ablehnen. Geben Sie mir drei Tage Bedenkzeit, wogegen ich Ihnen verspreche, daß das Duell innerhalb dieser drei Tage nicht stattfinden soll; ich, als der beleidigte Theil, werde das so einzurichten wissen, und daß ich so lange warte, ist schon ein großes Opfer, Herr Polizeirath, das ich Ihnen, einem mir wohlwollenden Freunde, bringe.« »Sie sind ein harter Kopf, doch was kann ich machen – ich nehme die mir gegebene Frist an, drei Tage ohne Duell und ohne neue Reibung, welche die Sache noch schlimmer machen könnte.« »Auch das verspreche ich Ihnen, ja, ich will noch weiter gehen, ich will einen in Sachen der Ehre erfahrenen und älteren Bekannten mit der Angelegenheit vertraut machen, mir seinen Rath ausbitten und sogar noch nach den drei Tagen dessen Rath, wenn auch nur bedingungsweise, maßgebend sein lassen.« »Und wer ist dieser ältere Bekannte, wenn ich fragen darf?« »Der Freiherr von Rivola – gewiß vollkommen competent in allen Ehrenangelegenheiten.« »Gewiß,« erwiederte der Polizeirath im vollkommensten Tone der Überzeugung, wobei er noch obendrein zustimmend mit dem Kopfe nickte – »allen Respekt vor den Ansichten des Herrn von Rivola in dieser und jeder anderen Angelegenheit.« »Und da ich heute Morgen doch nicht arbeiten kann,« fuhr Welden mit einem Zeichen des Mißbehagens fort, »so will ich gleich nach Eichenwald hinaus; »es ist das ein prächtiger Spaziergang bei dem hart gefrorenen Boden – erfrischend bei dem kalten Wetter.« »Und abkühlend,« lächelte Herr Merkel, »wenn, wie ich glaube, etwas Schnee fallen sollte – nun, das schadet Ihnen bei einem Spaziergange nach Eichenwald in keiner Beziehung.« Der Ingenieur schien anfänglich diese kleine, verdeckte Anspielung nicht zu verstehen oder verstehen zu wollen; als ihm aber der Andere heiter lächelnd voll in's Gesicht schaute, zuckte er leicht mit den Achseln. »Doch da fällt mir eben ein,« sagte der Polizeirath, seine Heiterkeit plötzlich unterbrechend, »daß Sie den Baron von Rivola schwerlich zu Hause treffen werden, denn so viel ich weiß, ist er in der Stadt oder doch im Begriffe, herein zu kommen – ich erfuhr das aus guter Quelle, von dem Bankdirektor Schwemmer, mit dem er eine Zusammenkunft hat.« »Die gewiß nicht lange dauern wird,« erwiederte Welden nach kurzem Nachsinnen, »und die mich in meinem Vorsätze bestärkt, recht langsam und so gemüthlich, als es mir in meiner Stimmung möglich, nach Eichenwald zu spazieren. Der Baron hat rasche Pferde und überholt mich wahrscheinlich, ehe ich sein Landgut erreiche.« »Darin haben Sie Recht,« versetzte der Polizeirath, aufstehend, »und was unsere Absprache anbelangt« – er reichte dem jungen Manne die Hand – »eine dreitägige Frist.« »So werde ich dieselbe, wie bedungen, halten, darauf können Sie sich verlassen. Sind Sie damit zufrieden?« »Ich muß wohl, doch wäre es mir lieber, wenn Sie diese drei Tage vorbeigehen ließen, ohne überhaupt Jemanden zu Herrn Ferdinand Welkermann zu schicken.« »Das kann unmöglich Ihr Ernst sein,« erwiederte Welden in kurzem, etwas rauhem Tone; »also es bleibt bei dem, was wir abgesprochen.« Der Polizeirath hatte sich entfernt, und der Ingenieur durchschritt mehrere Minuten lang das Zimmer nach allen Richtungen. Seine Miene war verdrießlich; er warf seine angebrannte und wieder ausgelöschte Cigarre unmuthig von sich, fuhr dann rasch mit der Hand ein paar Mal durch sein lockiges Haar und entledigte sich hierauf der grauen Juppe, die er beim Arbeiten zu tragen pflegte, um einen einfachen, kurzen, dunkeln Rock anzuziehen, den er oben am Halse zuknöpfte. Dann nahm er seinen weichen Hut, verließ Zimmer und Haus und ließ bei den raschen Schritten, mit denen er dahinging, bald die Stadt hinter sich. Das Wetter schien sich ändern zu wollen, und wenn auch der Boden noch hart gefroren war, so wehte doch vom Westen her ein weicher, fast warmer Wind, graue Wolkenmassen vor sich her jagend, die nach und nach den ganzen Himmel bedeckten. Nur dort über Eichenwald zeigte sich noch zwischen dem zerrissenen Gewölk eine leichte, blaue Stelle, die einen Sonnenstrahl durchließ, unter dem das weiße Landhaus auf der Höhe trotz des Schnee's hell leuchtend auf dem dunkeln Hintergrunde des Eichenwaldes hervortrat. Dorthin wandte er, vorwärts schreitend, seine Blicke, und je fester er diesen leuchtenden Punkt in's Auge faßte und je höher er über die hinter ihm liegende, in Dampf und Dunst eingehüllte Stadt emporstieg, um so leichter und freier wurde es ihm zu Muthe. »Es war eigentlich recht unklug von mir,« dachte er bei sich, »daß ich meine prächtige Station droben im Gebirge verließ, um nach der Stadt überzusiedeln. Dort hätte ich besser für das Frühjahr vorarbeiten können und ein herrliches und einsiedlerisches Leben geführt, wie es meinen Neigungen behagt. Hat er mir doch, mein alter Wirth droben, vorausgesagt, daß ich mich drunten in den engen Straßen und dumpfen Häusern nicht heimisch fühlen würde, hat er mir doch die Wintertage bei sich so ergötzlich ausgemalt, die lodernde Flamme in dem altmodischen Kamine, die knisternde Funken sprühenden Eichenklötze, die man sich obendrein noch selbst aus dem Walde holen darf, sein massives Haus, an der Berghalde gelegen, gleich über der Landesgrenze, und dazu noch die schönen Jagdgründe des Alten, um so ergiebiger durch den herrlichen Wechsel der starken Hirsche aus dem diesseitigen Revier und aus den Thalschluchten in dem jenseitigen. Und nicht einmal geschrieben habe ich dem alten Heilemann, wie ich ihm doch so fest versprochen!« Bei diesen Worten blieb er stehen, denn er hatte, in seine Gedanken versunken, mit raschen Schritten eine der Anhöhen bestiegen, die Thal und Stadt beherrschten, eine Stelle mit einer weit ausgedehnten Fernsicht, wohin er seine Spaziergänge gern zu richten pflegte. Hier, wo sich der Fußweg von Eichenwald, dessen wir früher schon erwähnten, mit der Fahrstraße vereinigte, hatte ehedem ein fester Wartthurm gestanden, von derselben Construction, wie der in der Nähe des Rathhauses, wahrscheinlich einer und derselben Zeit angehörig; doch war von diesem hier nicht viel mehr übrig geblieben, als ein verfallenes Kellergewölbe und ein Stück Mauerwerk an einer Stelle, hoch genug, um als Sitz zu dienen, an einer anderen, um dem müden Wanderer zu gestatten, mit aufgestützten Armen auf die Stadt hinabzuschauen. Letzteres that auch Welden, und fuhr dann, halblaut mit sich selbst redend, fort: »Aber in dem Dampf und Qualm, dem wirklichen und dem noch unausstehlicheren des menschlichen Getreibes, vergißt man der besten Vorsätze, und was bleibt uns Erquickliches übrig von dem, was sie da unten ihre Gesellschaft und ihr Vergnügen nennen? Nichts für die Gegenwart, nichts für die Vergangenheit! Ist es doch ein ungemüthliches, schattenhaftes Getreibe, wo Einer an dem Anderen vorübereilt, jetzt ihn mit einem freundlich sein sollenden Gruße anblickt oder ihm hohnlachend nachschaut, nichts Geist und Herz Erfrischendes! Lug und Trug in Worten und Mienen, Vergnügen, bei denen sich Jeder mehr oder minder langweilt, und das nennt man gesellschaftliche Unterhaltung!« Er hatte die letzten Worte ziemlich laut gesprochen, und fuhr nun überrascht, beinahe erschrocken zusammen, als er eine helle, klangvolle Stimme neben sich sagen hörte: »Sie sprechen ein hartes Urtheil aus.« Er wandte sich rasch um und blickte in Lucy's von Rivola sanft geröthetes, frisches Gesicht, in ihre hell leuchtenden Augen, mit denen sie ihn forschend und lächelnd betrachtete. »Ei, mein Fräulein, welch' unverhofftes Zusammentreffen!« »Vielleicht unverhofft, aber sehr natürlich,« erwiederte das junge Mädchen. »Sie waren so mit Ihren Gedanken beschäftigt, so im Anblicke der Stadt und in Ihre Philosophie vertieft, daß Sie meine Annäherung nicht gewahrten, und ich kann Sie versichern, daß ich durchaus nicht unhörbar herangeschlichen bin; das zur Entschuldigung, wenn ich Sie überrascht. Und was nun unser Zusammentreffen anbelangt, so geschah dies auf die allernatürlichste Weise von der Welt. Ich begleitete meinen Vater, welcher Geschäfte in der Stadt hatte, mit meinem kleinen Schlitten, um heute noch einmal die Schneebahn zu benutzen, die, nach dem Himmel zu urtheilen, morgen vergehen wird – sehen Sie, dort hinten hält mein Schlitten mit meinen Ponies –, und als mich Papa verlassen, wandelte mich die Lust an, hier von dem alten Gemäuer aus einen Blick auf die Stadt hinabzuwerfen. Ist es nicht hübsch, so die gleichen Gedanken zu haben?« »Gewiß, Fräulein, und ich schätze mich glücklich, statt auf dem Fahrwege fortzuschreiten, hier bei dem Fußwege der ja nach Eichenwald führt, einen Augenblick verweilt zuhaben.« »Und wo wollten Sie denn eigentlich hin?« »Nach Ihrem Landhause zu Herrn von Rivola. Doch jetzt, wo er, wie Sie mir sagen, in die Stadt gegangen ist, werde ich wohl wieder umkehren müssen, um meinen Besuch ein anderes Mal zu wiederholen.« »Ganz und gar nicht, Herr Welden, das heißt, wenn Sie in der Stadt nichts sehr Dringendes zu thun haben. Papa sagte mir, er bleibe nicht lange aus – warum also zurückkehren? Wenn Sie mich hier nicht zufällig getroffen hätten, so würden Sie auch Ihren Spaziergang fortgesetzt haben, und mit vollem Rechte, denn ehe wir nach Eichenwald zurückkommen, kann uns Papa vielleicht schon eingeholt haben; wenigstens bleibt er alsdann nicht mehr lange, darauf können Sie sich verlassen – bitte, gehen Sie mit, begleiten Sie mich!« Er verbeugte sich lächelnd und ward von einem höchst angenehmen Gefühle durchströmt, als er sah, wie ihn das junge, schöne Mädchen mit einem so guten, offenen Blicke betrachtete, als sie ihre Bitte aussprach, wenn sich auch auf ihrem eben noch so heiter lächelnden Gesichte ein ernster, fast ängstlicher Zug zeigte. »Gewiß, Fräulein Lucy, werde ich Sie begleiten, wenn Sie es mir erlauben. Ich würde mir einen Vorwurf daraus machen, Sie hier getroffen und dann allein gelassen zu haben. Wollen Sie Ihren Schlitten besteigen und mir gestatten, neben Ihnen zu gehen – ich werde schon Schritt halten können mit Ihren kleinen Pferdchen.« »O nein, ich will zu Fuß gehen, Gottlieb kann uns mit den Ponies folgen! Es weht von den Bergen herüber eine so milde, angenehme Luft, und ich freue mich darauf, einmal eine weitere Strecke gehen zu können, als vom Hause in den Park hinauf, und auch das ist ja kaum möglich bei dem tiefen Schnee. Gottlieb,« rief sie dem Bedienten zu, welcher aus der Fahrstraße hielt und nun mit abgezogenem Hute hinaufschaute, »fahre langsam gegen Eichenwald zurück und warte droben, wo der Fußweg wieder die Fahrstraße trifft! Und nun kommen Sie, Herr Welden, ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr es mich freut, daß ich mit Ihnen diesen kleinen Spaziergang machen darf. Sie waren so lange nicht mehr bei uns draußen, das ist eigentlich sehr unrecht von Ihnen, – Papa hat schon ein paar Mal nach Ihnen gefragt, und selbst Mama. Ich glaube, ich sah Sie zuletzt auf dem Balle des Stadtschultheißen, bei meinem ersten Balle, wo ich zuweilen so außerordentlich vergnügt war, das heißt an dem Abende selbst, denn am anderen Tage kam mir doch Manches anders vor.« »Und worin fühlten Sie sich getäuscht, Fräulein Lucy, wenn ich fragen darf?« »Getäuscht habe ich mich gerade nicht gefühlt, doch dachte ich, indem ich mir den Ball wieder vergegenwärtigte, den Ball, dem ich mit einem so heißen Verlangen entgegengesehen, daß fast alles Vergnügen auf demselben – fast alles habe ich gesagt,« fuhr sie lächelnd fort, wobei sie ihren kleinen Zeigefinger emporhielt – »doch nur erkünstelt und unnatürlich ist, eine schwache Copie anderer Vergnügungen, die minder geräuschvoll, aber nachhaltig sind. Aber Sie werden über meine Bemerkung lächeln.« »Gewiß nicht, Fräulein Lucy; ich höre Ihnen mit Vergnügen zu und verstehe alles, was Sie sagen und nicht sagen.« »Woher das Letztere, wenn ich fragen darf?« »Das lese ich vielleicht aus Ihren Mienen, aus Ihren Blicken.« »Ich möchte Ihnen aber auch alles sagen, was ich denke.« »Und ich würde es so gern hören.« »Und mir aufrichtig sagen, ob meine Bemerkungen richtig sind, wie Sie ja auch meine Fehler beim Zeichnen corrigirten?« »Gerade so.« »Nun, ich hatte mich darauf gefreut, in's Leben einzutreten, wie man es zu nennen pflegt, auf Bälle und Gesellschaften. Ich hatte den Augenblick nicht erwarten können, am Tage meines ersten Balles in den Wagen zu steigen; ach, welche Seligkeit! Und wissen Sie wohl, was in jenem Augenblicke den einzigen Schatten in mein Glück warf? Der Gedanke, aus jenen strahlenden Räumen, aus jenem geräuschvollen Treiben wieder nach dem einsamen Eichenwald zurückkehren zu müssen. Dieser Schatten aber verlor sich mehr und mehr bei jedem Feste, das ich in letzter Zeit mitgemacht, und ich habe deren viele und glänzende mitgemacht; ja, er verlor sich so gänzlich, daß gestern, als ich in den Wagen stieg, um mit Mama zu einer Soirée bei dem Minister des Auswärtigen zu fahren – Papa war schon in der Stadt –, ich mit Wonne an jenen Augenblick dachte, wo der Wagen wieder dort oben vor dem Landhause halten würde, wo ich wieder in mein kleines Zimmer eintreten könne. Verstehen Sie das?« »Allerdings verstehe ich das, aber Sie dürfen diesen Gedanken nicht in Ihr Leben eintreten lassen. Ihrem Stande und Ihrem Reichthume nach sind Sie für jenes glänzende Leben erzogen worden; jene Gesellschaften, die Sie schon wieder liebgewinnen werden, machen einen Theil Ihres Lebensberufes aus.« »Und das sagen Sie mir mit so heiterer Miene, Sie, den ich vorhin an dem alten Wartthurme Worte ausrufen hörte, die einen ganz entgegengesetzten Sinn hatten?« »Ah, mein Fräulein, das war ein Selbstgespräch! Ich stellte mich in Gedanken jenen sogenannten Vergnügungen gegenüber.« »Für welche Sie sich zu gut dünken, die aber für mich gerade recht wären. Es thut mir leid, daß ich das von Ihnen hören muß; Sie sollten mich besser kennen – o, könnte ich Ihnen beweisen, daß mir gar nichts mehr daran liegt, in jenem Treibhausleben selbst wie eine künstliche Pflanze zu erscheinen, bei nachgemachter Sonne, bei all dem künstlichen Schimmer, dem künstlichen Lächeln, künstlichen Blumen, künstlichen Freuden! Darin gleiche ich meinem guten Vater, und wenn meine Mutter nicht wäre, so würde ich jetzt schon erklären, keine Bälle mehr zu besuchen. »Ah, wie schön ist es hier oben!« fuhr sie nach einer Pause fort, indem sie stehen blieb und ihre feine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte. »Welch entzückender Duft schon dort aus der aufgebrochenen Erde emporsteigt! Wissen Sie, daß ich gestern schon Schneeglöckchen gefunden habe – und so mahnt mich Alles an den Frühling, an ein wirkliches, natürliches Leben, und deßhalb mag ich gar nicht mehr hinein in die dumpfige Stadt.« Welden hatte dem jungen Mädchen mit Staunen, ja, mit inniger Freude zugehört. Waren es doch seine eigenen Gedanken von vorhin, die sie hier, wenngleich mit anderen Worten, aussprach! O, er hatte es schon früher herausgefühlt, mit welch' tiefen Schätzen wahrer Empfindung das Herz dieses Kindes angefüllt war! Hatten ihn doch schon so oft ihre einfachen Worte bewegt, ja, erquickt wie Quellengeriesel an einem heißen Tage, wie Waldesduft auf staubiger Straße! Als sie so neben ihm stand, die hellen, seelenvollen Augen mit kindlicher Innigkeit auf ihn gerichtet, da überkam ihn ein Gefühl, wie es doch so traurig sei, gänzlich allein in der Welt zu stehen, und wie es ihn so überaus glücklich machen würde, für eine jüngere, geliebte Schwester arbeiten zu dürfen, sie zu leiten, sie sorgsam durch das Leben zu führen und ihr wahrlich ein besseres Leben zu bereiten, als diesem jungen, schönen, vornehmen und reichen Mädchen zu Theil werden mußte. Lucy schien seine Gedanken zu verstehen, sie schien es zu empfinden, daß sie hier einem Herzen voll Wohlwollen, voll aufopfernder Freundschaft nahe war; er fühlte den Druck ihrer kleinen Hand auf seinem Arme, das Licht ihrer braunen Augen verdüsterte sich ein wenig und ein schmerzlicher Zug zuckte um ihre feinen, reizenden Lippen, als sie sagte: »Und bei alledem war es nicht recht von Ihnen, lieber Herr Welden, daß Sie sich so lange nicht bei uns sehen ließen. Wie gern hätte ich mit Ihnen über Dies und Das geplaudert, wohl manchmal über Unbedeutendes, aber auch Ihren Rath verlangt über Wichtiges, und wenn Sie mir dann vielleicht gesagt hätten, wie Sie das Leben und Treiben der sogenannten großen Welt ansehen, so würde ich Ihnen gestanden haben, daß ich gerade so denke und daß ich mich freue, wenn einmal der Frühling wieder da sein wird, wenn die Bäume grünen, die Blumen blühen und wenn wir unsere Spaziergänge abermals aufnehmen dürfen durch Feld und Wald.« Er konnte sich nicht enthalten, leicht ihre Hand in die seinige zu nehmen und ihr mit dem herzlichsten Ausdrucke der Freundschaft, den er in den Ton seiner Stimme zu legen vermochte, zu antworten: »O ja, Fräulein Lucy, der Frühling wird kommen, auch Bäume und Blumen werden blühen, Manches aber wird und muß anders werden! Sie sind kein Kind mehr, und wenn auch ich selbst darauf hoffe, in Ihrer lieben Gesellschaft hier und da das märchenhafte Geflüster des Waldes zu hören oder das traumartige Gemurmel des Bergwassers, an dem Sie so gern verweilten, so wird es doch von jetzt ab nur geschehen unter dem vollen Rechte des gesellschaftlichen Herkommens, und so soll und muß es auch sein.« Sie blickte ihn fast erschrocken an, als sie hierauf erwiederte: »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so mit mir reden würden! Warum wollen Sie nicht mehr sein, wie früher?« »Ich werde mich gewiß nicht ändern, sondern bin nur so glücklich, die Verhältnisse ruhig und richtig überschauen zu können.« »Ja, ruhig und richtig.« »Mit dem wiederkehrenden Frühling werden Bälle und Soiréen allerdings aufhören, doch wird dann die sogenannte Gesellschaft, vor allen Dingen aber Ihre Eltern andere Ansprüche an Sie machen. Sie sind nun einmal in das Leben eingetreten, Sie schwimmen auf dem Strome der Welt dahin, glücklicherweise nicht in einem gebrechlichen Kahne, wie tausend Andere, sondern auf einer stattlichen Gondel mit bunten, flatternden Wimpeln. Anfangs schauen Sie allerdings sehnsuchtsvoll rückwärts nach dem Ufer, wo Sie Ihre Kindheit verlebten; doch verblassen diese Ufer nach und nach, um am Ende ganz zu verschwinden, um Ihnen den unverkümmerten Genuß all der Herrlichkeit zu gestatten, an der Sie der Strom des Lebens vorüberführen wird, um Ihr Schifflein endlich, hoffentlich lind und leise, in einen freundlichen Hafen zu tragen.« »Und Sie?« »Ah, ich befinde mich schon stark in der Strömung, aber nicht sanft mit dem Strome schwimmend wie Sie, nein, in kräftiger Arbeit, bald, um von einem Ufer an das andere zu gelangen, oder um gegen die Strömung aufwärts zu rudern, auch hier und da, um einen bösen Strudel zu vermeiden!« »Ihre Worte gefallen mir, obgleich ich sie nicht ganz verstehe, und doch wohl verstehe, aber vielleicht nicht ganz den Sinn, welchen Sie hineinlegen wollen. Könnten wir uns denn auf dem Strome nicht später einmal wieder begegnen?« »O ja, gewiß, ich hoffe es sogar! Dann werde ich, im Falle Sie mich wiedererkennen, Ihnen freundlich von fern mit der Hand winken und Ihnen vielleicht zurufen: Ich habe die Tage von Eichenwald nie vergessen, eben so wenig, wie meine kleine Freundin Lucy!« »O, darauf hoffe ich!« Sie hatte ihre kleinen Hände auf seinem Arme zusammengefaltet und blickte ihn ein paar Sekunden lang mit ihren schönen, klaren Augen an und mit einem Ausdrucke, in dem ihre ganze Seele lag, wogegen er ruhig und freundlich auf sie niederschaute. Dann wandte sie sich mit einem leichten Seufzer von ihm und sagte: »Ach, da ist auch Gottlieb mit meinem Schlitten – wie kurz mir der Weg geworden ist!« Welden trat neben die kleine Equipage, nahm die Zügel aus den Händen des Bedienten, sowie auch die Peitsche, um sie an Lucy zu geben. »So soll ich also einsteigen?« sagte diese. »Ich glaube, es ist wohl besser, und wenn Sie mir erlauben, so gehe ich neben Ihrem Gespann her; ich werde wohl mit den kleinen Thieren Schritt halten können.« Die beiden Schecken schüttelten allerdings unmuthig mit den Köpfen, daß sie, so nahe ihrem Stalle, im langsamsten Schritte gehen mußten; dabei klingelten die Schellen ihres Geschirres, daß es eine wahre Freude war. Auch schien das junge Mädchen sich höchlichst daran zu ergötzen, denn sie hielt die Zügel noch straffer gespannt und sagte lächelnd mit einem Seitenblicke auf den Ingenieur: »Wart', ich will euch lehren, ungeduldig zu sein und davonrennen zu wollen; fest will ich euch halten, so fest ich kann, und wenn ihr folgsam seid und euch ruhig in euer Schicksal findet, so sollt ihr es auch gut bei mir haben; ich will euch hegen und pflegen, lieb haben und streicheln, aber Gehorsam verlange ich – Gehorsam.« Sechzehntes Kapitel. Während so die beiden jungen Leute langsam nach Eichenwald zogen und droben von dem Kammerdiener des Freiherrn, der im schwarzen Fracke und weißer Halsbinde ehrfurchtsvoll wartend am Fuße der Terrassentreppe stand, empfangen wurden, hatte Herr von Rivola mit seinen raschen Pferden und seinem leichten Coupé schon längst die Stadt erreicht, und seine Equipage hielt vor dem königlichen Bankgebäude. Er war die Treppe hinaufgegangen in den ersten Stock, wo die Wohnung sowie das Arbeitscabinet Herrn Schwemmer's waren, der ihm an der Treppe entgegenkam und sich mit den tiefsten Verbeugungen und den allerhöflichsten Worten entschuldigte, dem Freiherrn eine so große Mühe gemacht zu haben. »Doch werden Sie deutlich in meinem Billet gelesen haben«, sagte er, »daß ich ausdrücklich um die Erlaubniß bat, Sie draußen in Eichenwald aufsuchen zu dürfen.« Worauf der Freiherr von Rivola verbindlich erwiederte: »Gewiß, Herr Direktor; doch werden Sie es durchaus als eine Mühe der kleinsten Art betrachten, daß ich zu Ihnen komme, nicht einmal der geringsten Zeitverschwendung, denn ich hatte nicht nur in der Stadt zu thun, sondern auch später auf Ihrer Kasse.« Der Bankdirektor war vorausgeeilt und hatte die Thür seines behaglichen Arbeitszimmers so weit als möglich geöffnet. Hier trat der Fuß auf dicke Teppiche, hier sah man die Wände in Sammttapeten von einem wohlthuenden, hellen Grau, wozu die blauen Vorhänge von schwerem Seidendamast von einer sehr angenehmen, ruhigen Wirkung waren. Der Bankdirektor rollte einen Fauteuil an seinen Arbeitstisch, bat Herrn von Rivola, Platz zu nehmen, und nachdem dieser sich niedergelassen, erkundigte sich Herr Schwemmer stehend nach dem Befinden der hochverehrten Familie Rivola. »Ich danke Ihnen sehr, Herr Direktor! Meine Frau und Tochter befinden sich recht wohl, erstere allerdings hier und da ein wenig ermüdet von den großen Leistungen in Gesellschaften aller Art, die uns in diesem Winter zugemuthet werden. Aber was thut man nicht alles und mit bestem Willen, wenn man ein einziges Kind in die Welt führt!« »Und welche Tochter, Herr Baron!« erwiederte der Bankdirektor, indem er mit dem Ausdrucke des Entzückens gen Himmel blickte. »Nein, ich sage Ihnen, wie war die junge Dame wieder reizend und liebenswürdig auf dem Balle Seiner Excellenz des Herrn Ministers des Auswärtigen – und dabei diese Güte und Milde, so unbewußt ihres großen Werthes!« »Ich glaube, das ist so, und von allem Angenehmen, was Sie über Lucy sagen, freut mich das am meisten.« »Und dabei der feine, richtige Takt ihres Benehmens, der Verstand, die Klugheit, mit der sie, unter uns gesagt, das oft so fade Geschwätz der jungen Männer zu würdigen und zu beantworten weiß! Hörte ich doch neulich selbst, wie Königliche Hoheit der Prinz Georg zum Grafen Eugen in Beziehung auf Fräulein Lucy sagte: ›Ja, mein lieber Graf, schön zu sein ist keine Kunst, aber diese Schönheit so durch Geist und Liebenswürdigkeit zu heben – à la bonne heure! ‹ »Und die Frau Baronin ist doch nicht leidend?« fragte der freundliche Finanzmann, da Herr von Rivola, einen Augenblick an Lucy denkend, sinnend vor sich niedersah. »O, durchaus nicht, im Gegentheil, sie befand sich nie wohler, als gerade jetzt, und ist so glücklich im Glücke ihrer Tochter ... – Darf ich auch meinerseits mich nach dem Befinden der Frau Direktor erkundigen?« »Sie ist passabel wohl und auch im Übrigen zufrieden.« »Man sieht sie wenig in diesem Winter.« »Meine Tochter erwartet Familienzuwachs, ich bin im Begriffe, in die Würde eines Großvaters einzutreten – sehr schmeichelhaft und ehrenvoll, aber . . .« Er fuhr mit der Hand durch seine schon stark ergrauten Haare, wobei sich auf seinem Gesichte ein zweifelhaftes Lächeln zeigte. »Doch, es ist immerhin ein großes Glück, das zu erleben, und ich danke dem Himmel dafür!« »Gewiß, Herr Direktor. Genehmigen Sie meinen besten Glückwunsch! Und nun bitte ich, wenn Sie etwas Geschäftliches für mich haben, versichert zu sein, daß ich ganz zu Ihrem Befehle stehe.« »Bitte, Herr Baron, ich erwarte stets die Ihrigen und erlaube mir, Ihnen zuerst zu bemerken, daß nach Ihrem Befehle der Ankauf der hundertzwanzigtausend Gulden in österreichischen Creditaktien bestens besorgt wurde.« »Ich danke Ihnen – und nun?« Der Bankdirektor hatte sich in seinen Stuhl niedergelassen und sagte, indem er seine Hände zusammenfaltete: »Und nun, mein Herr Baron, eine kleine Privatangelegenheit, das heißt vielmehr, eine private Bankangelegenheit, eine vertrauliche Bankangelegenheit, ein Amtsgeheimniß von größter Wichtigkeit.« Da Herr Schwemmer einen Augenblick, wie eine Antwort erwartend, schwieg, so sagte Herr von Rivola: »Sehr schmeichelhaft für mich, eine solche Mittheilung – ich werde Ihr Vertrauen zu würdigen wissen.« »Erlauben Sie mir, vorauszuschicken,« fuhr der Bankdirektor fort, »daß ich in dieser delikaten Sache zuerst mit meinem unmittelbaren Chef, mit Seiner Excellenz dem Herrn Finanzminister, berieth, der nach den ersten Worten ausrief: ›Wenn wir den Herrn Baron von Rivola veranlassen könnten, uns darin mit seiner tiefen Sachkenntniß, seinem gewichtigen Rathe an die Hand zu gehen, so wäre das von außerordentlicher Wichtigkeit!‹« »Ich stehe mit Vergnügen bereit; es handelt sich also . . .« Der Direktor der königlichen Bank blickte um sich her, als wolle er sich vergewissern, daß sonst Niemand in der Nähe sei, der ihn hören könne; dann sagte er in flüsterndem Tone: »Es handelt sich um gefälschte Banknoten!« Baron von Rivola drückte seine blaue Brille mit großer Ruhe etwas näher an die Augen und sagte dann mit einem leichten Achselzucken: »Wieder einmal die schon so oft dagewesene und schon so oft verunglückte Geschichte.« »Allerdings schon oft da gewesen, mein hochverehrter Herr Baron, aber noch nicht in diesem kolossalen Umfange, mit solcher Sicherheit auftretend, so wahrhaft kunstvolle, ja, bewundernswürdige Arbeit, wenn ich mich in einer so schlechten Sache dieses Ausdruckes bedienen darf. Wir Alle sind rathlos: der Vorstand der königlichen Banknoten-Fabrikation, mein Hauptkassirer, ein Geschäftsmann, der, ich möchte sagen, eine falsche Banknote am Geruche kennt, ich selbst, dem doch auch schon manches Stück durch die Finger gelaufen ist.« Auf den Zügen des Herrn von Rivola zeigte sich ein ungläubiges Lächeln. »Und dabei ist das keine Fälschung im gewöhnlichen Maßstabe, wie schon oft vorgekommen ist, lumpige Einser oder Fünfer, die obendrein noch so schlecht gemacht sind, daß der unwissendste Gewürzkrämer sie erkennt – nein, hier handelt es sich um Tausendgulden-Noten – Kunstwerke, bewundernswerthe Kunstwerke, scheußliche, niederträchtige Kunstwerke!« Herr Schwemmer hob bei diesen Worten jammernd die Hände in die Höhe. »Und worin liegt denn eigentlich der Beweis,« fragte Herr von Rivola mit jenem ruhigen, energischen Tone, der ihm eigen war, »daß Sie es wirklich mit Fälschung zu thun haben?« »Weil durch den größten Zufall von der Welt eine Nummer zweimal bei der Bank eingelaufen ist, und diese beiden Nummern liegen vor – ich werde sie Ihnen sogleich zeigen; aber weder ich, noch der Hauptkassirer der Bank, noch einer der technischen Beamten der Notenfabrikation sind im Stande, darauf zu schwören, welches die echte und welches die unechte ist. Das kann einen Geschäftsmann zur Verzweiflung bringen. Ich hatte anfänglich die schwache Hoffnung, dieselbe Nummer könnte von uns zweimal angefertigt worden sein.« »Unmöglich,« sagte Herr von Rivola mit der gleichen, großen Ruhe. »Noten werden, wie bekannt, durch die Maschine gestempelt; ein Mensch kann sich irren, die Maschine nie.« »Das sagte auch der Maschinenmeister; also haben wir es mit einer Fälschung zu thun.« »Wenn zwei gleiche Nummern vorliegen, gewiß.« »Gott der Gerechte! Und mit wem haben wir es in diesem Falle zu thun? Nicht mit einem einzigen Bösewichte, sondern mit einer ganzen Bande von Schurken, welche zu gleicher Zeit die größten Künstler sind!« »Woraus schließen Sie das?« »Weil ein Mensch allein nicht im Stande ist, eine Banknote herzustellen wie die, welche ich sogleich die Ehre haben werde, Ihnen vorzulegen. Es ist nichts daran verfehlt, nichts auch nur mit einer Spur von Leichtsinn gemacht, Alles trifft zu, es ist, um sich die Haare auszureißen! Papier, Wasserzeichen, Arabesken, Schrift und Ziffern in Ausführung und Farbe mit einer fürchterlichen Genauigkeit – ha, unter uns gesagt, sogar die geheimen Zeichen, von denen doch eigentlich Niemand außer uns eine Ahnung haben kann!« Als der Bankdirektor von Haarausraufen sprach, fuhr er im Eifer der Aufregung nach seinem grauen Kopfe, so daß ihm Herr von Rivola lächelnd die Hand auf den Arm legte und in dem beruhigendsten Tone sagte: »Wozu diese Alteration, mein verehrtester Herr und Freund? Ich bitte Sie, es ist nicht das erste Mal, daß falsche Banknoten gemacht worden sind, es wird auch nicht das letzte Mal sein, und gerade, daß die Falsifikate so täuschend sind, dient als Entschuldigung für Ihre Beamten, dieselben nicht früher entdeckt zu haben; oder glauben Sie, daß diese Ausgaben von jüngster Zeit datiren?« »Es wäre mir eine Beruhigung, das zu wissen, davon nur eine Ahnung zu haben; aber wir wissen gar nichts, wir stehen vor einem grausenvollen Räthsel, wir fahren mit der Stange im Nebel herum, denn unter uns im höchsten Vertrauen gesagt: läge die doppelte Nummer nicht vor, so würden wir nie auf die Vermuthung gekommen sein, es mit falschen Banknoten zu thun zu haben. Nachdem aber einmal dieses Gespenst in solcher Furchtbarkeit vor uns erschienen, sehen wir überall Gespenster, und hat mein Hauptkassirer,« setzte Herr Schwemmer mit einem tiefen Seufzer hinzu, »schon eine ansehnliche Menge Scheine von fünfhundert und tausend Gulden als verdächtig ausgeschossen. Dabei aber hat er immer noch einen Trost, der Ihnen allerdings seltsam erscheinen wird; aber es war und ist mir heute noch eine, wenngleich ganz kleine Beruhigung: auf einigen Scheinen nämlich, die ich Ihnen auch vorlegen werde befindet sich, allerdings in flüchtigen Bleistiftzügen, Ihr Name: an diesen Nothanker klammerten wir uns, mein Hauptkassirer und ich.« »Wie so das?« fragte Herr von Rivola. »Ohne Ihnen Complimente machen zu wollen, sind wir von Ihrer tiefen Sachkenntniß, vor Allem, was Kupferstecherkunst und dergleichen anbelangt, so überzeugt, daß wir denken, einem scharfen Blicke wie dem Ihrigen würde etwas Verdächtiges in einer Banknote nicht entgangen sein – Sie, welcher schon so häufig unserem betreffenden Chef bei der Notenfabrik gediegene Winke über Dies und Das gab; ja, der die geheimen Zeichen unserer Noten kennt, würden Ihren Namen nicht auf ein Billet gesetzt haben, das Ihnen auch nur im geringsten verdächtig erschienen wäre.« Der Baron von Rivola hatte mit einem leichten Kopfschütteln zugehört, dann seine Brille abgenommen und mit einem feinen Battisttuche leicht sein krankes Auge betupft. Dann sagte er: »Ach, mein lieber Freund, hätten Sie vor zehn, zwölf Jahren von meinem scharfen Blicke gesprochen, so würde ich Ihnen gern Recht gegeben haben, heute aber brauche ich sogar für mein gesundes Auge eine sehr scharfe Loupe, wenn ich überhaupt etwas genau untersuchen will. Glücklicher Weise trage ich immer eine solche bei mir, um Ihnen dienlich sein zu können. Was nun aber meinen Namen auf gewissen Banknoten anbelangt, so habe ich allerdings die Gewohnheit, zuweilen Noten damit zu versehen; es ist das eine Versicherungsmaßregel, die ich gebrauche, um wenigstens noch nach einiger Zeit zu wissen, woher ich diese oder jene Zahlung erhalten. Leider muß ich Ihnen aber sagen, daß ich auch zuweilen meinen Namen auf irgend eine besondere Art schreibe, wenn mir vielleicht an einer Banknote, die durch meine Hände läuft, etwas verdächtig erscheint.« »Gerechter Himmel,« rief der Bankdirektor schmerzlich bewegt, so haben Sie vielleicht selbst eine Ahnung davon gehabt, daß wir es mit Falsifikaten zu thun haben?« »In früheren Zeiten,« fuhr Herr von Rivola in ruhigem Tone fort, »habe ich das als eine sehr praktische Maßregel befunden und erinnere mich eines Falles in Brüssel vor langen Jahren, wo gerade dadurch, daß ich einer mir verdächtig erscheinenden Banknote meinen Namen beifügte, ich mich nach einiger Zeit noch zu erinnern im Stande war, woher ich sie erhalten, und so zur Entdeckung des Verbrechens, leider nicht der Verbrecher, welche spurlos verschwunden, wesentlich beitrug.« »So helfen Sie uns auch diesmal, mein verehrter Herr Baron!« rief der Bankdirektor, indem er beide Hände des Anderen ergriff und sie herzlich schüttelte. »Denken Sie, welch' ungeheuren Dienst Sie dem Staate leisten, denn wie ich schon vorhin gesagt, wir haben es hier mit einer Bande zu thun, die uns mit den kolossalsten Summen überschwemmt!« »Mit dem größten Vergnügen,« gab der Freiherr zur Antwort. »Doch da fällt mir eben ein; daß ich letzthin eine Zahlung, allerdings von wenigen Tausend Gulden, die ich von der königlichen Eisenbahnkasse erhielt, mit meinem Namen bezeichnete, da ich gerade diese Papiere – ich glaube, es waren Billette zu tausend Gulden – zu einem besonderen Zwecke bestimmt hatte. Und nun bitte ich, lassen Sie mich die Wunderwerke sehen.« Der Bankdirektor drehte seinen Stuhl etwas gegen den Schreibtisch, schloß dort eine Schublade auf, nahm eine große Brieftasche und aus dieser zwei Bankbillette von je tausend Gulden, welche er dem Herrn von Rivola mit den Worten darreichte: »Bitte, zuerst die gleichen Nummern zu betrachten – alle Zahlen derselben von einer so schauderhaften Schärfe, von einer so fürchterlichen Ähnlichkeit, daß man toll werden möchte!« Der Andere hatte die Banknoten genommen, sich erhoben und damit an das Fenster gestellt, wo er seine blaue Brille gegen die Stirn schob, die Loupe aus der Westentasche nahm und nun die beiden Zettel auf das genaueste und umständlichste untersuchte. Herr Schwemmer, in höchster Aufregung, trippelte, seine Hände um einander bewegend, um ihn herum, schaute ihm zuweilen über die Achsel oder in das Gesicht und machte seiner gespannten Erwartung Luft in verschiedenen Ausrufungen, als: »Nicht wahr, erschrecklich täuschend, furchtbar ähnlich? Ein Meisterwerk des Verbrechens! Höllische Kerle, die dabei thätig waren, ganz verfluchte, verfluchte, verfluchte Spitzbuben! Habe ich nicht Recht, mein Freund?« Herr von Rivola ließ sich dadurch nicht im mindesten stören, seine Untersuchung eben so sorgfältig fortzusetzen und zu beendigen, wie er sie angefangen; er untersuchte jede Stelle des Druckes auf's genaueste mit der Loupe, er betrachtete prüfend und aufmerksam die Wasserzeichen, er ließ das Papier wiederholt durch die Finger gleiten, er berührte es mit der Zunge, knitterte dann eine der Noten fest in der Hand zusammen, um zu beobachten, wie rasch sich dieselbe und mit wie viel Elasticität wieder aus einander bog – dann zuckte er die Achseln und sagte: »Das ist allerdings eine wunderbare Arbeit; Sie haben Recht; wir stehen hier vor einem noch nie dagewesenen Räthsel.« »Nicht wahr, mein lieber Freund, es ist entsetzlich! Und glauben Sie im Stande zu sein, mit Bestimmtheit sagen zu können: das ist die echte und dies ist die falsche Banknote?« »Wie sprach sich Ihr Hauptkassirer über diesen Punkt hier aus?« »Nicht mit Bestimmtheit; das ist gerade das Grauenhafte. Sehen Sie,« fuhr Herr Schwemmer, mit dem Finger auf zwei Stellen der verschiedenen Noten zeigend, fort, »diese Zahlen Eins und Zwei hat der Hauptkassirer in meiner Gegenwart beigefügt; wir nahmen ein Protokoll auf über unsere Untersuchung, natürlich im Beisein des Chefs der Notenfabrik, und wir alle Drei waren der Ansicht, Nummer Eins sei die echte Banknote, obgleich keiner von uns, ehrlich gesagt, im Stande war, triftige, stichhaltige Gründe für unsere Behauptung anzugeben.« »Es war ein finanzieller Instinkt,« meinte Herr von Rivola, »aber ich fürchte, derselbe hat Sie irregeführt.« »Wie so? Wie meinen Sie das? Glauben Sie, Nummer Zwei sei die echte Banknote?« »Ja, meinen geringen Kenntnissen nach glaube ich das allerdings aussprechen zu dürfen.« »Und Ihre Gründe, Herr Baron? Verzeihen Sie, daß ich danach frage! Sie können sich denken, wie wichtig es mir ist, für Ihre entgegengesetzte Behauptung Gründe zu haben. Haben Sie in der That Gründe zu Ihrer Vermuthung?« »Gewiß; aber ehe ich sie ausspreche, möchte ich Sie bitten, mir noch ein paar Banknoten des gleichen Werthes vorzulegen, am liebsten solche, welche kürzlich im öffentlichen Verkehre waren.« »Das soll sogleich geschehen,« sagte der Bankdirektor, indem er rasch einige Zeilen schrieb und dann durch einen Zug an der Klingel einen der Bankdiener herbeirief mit dem Befehle, das hier Verlangte beim Hauptkassirer zu holen. Darauf wandte er sich mit der Bitte an Herrn von Rivola, gefälligst wieder Platz nehmen zu wollen, da er fürchten müsse, ihn allzu sehr zu ermüden. Doch dankte dieser und bat höflich um Erlaubniß, im Zimmer auf und ab gehen zu dürfen, wobei ihm denn auch der Bankdirektor sogleich Gesellschaft leistete, die Hände auf dem Rücken verschränkt, in gleichem Schritt und Tritt. Nach einigen Sekunden sagte der Freiherr: »Halten Sie mich nicht für indiscret, wenn ich mir erlaube, noch eine Frage an Sie zu stellen; natürlicher Weise hängt es ganz von Ihnen ab, mir eine Antwort zu geben oder nicht. Sie werden mir glauben, daß ich jedes Amtsgeheimniß achte.« »Fragen Sie, fragen Sie, mein lieber Baron – was Amtsgeheimnisse! Wie konnten wir vor Ihnen dergleichen haben? Haben Sie nur Ihre tiefe Sachkenntniß betreffend, keine Geheimnisse vor uns armen Beamten! Wie froh bin ich, Sie belästigt zu haben, denn schon die Gewißheit, mit der Sie eine andere Banknote hier als die ächte erklären, beruhigt mich ganz außerordentlich! Fragen Sie, ich bitte!« »Sie sagten vorhin, Ihr Hauptkassirer hätte, nachdem einmal ein Verdacht rege geworden, eine Menge verdächtiger Noten ausgeschieden?« »Allerdings verdächtige; aber, wie Sie vorhin sagten, verdächtig aus finanziellem Instinkt, ohne Gründe, ohne genügende Gründe.« »Gut; aber glauben Sie mir, ich achte diesen finanziellen Instinkt. Haben Sie eine Ahnung davon, woher diese verdächtigen Papiere in Ihre Kasse geflossen sind?« »Das ist das Furchtbare, daß wir davon gar keine Ahnung haben!« »Und die doppelten Nummern betreffend?« »Eben so wenig; diese befanden sich in zwei Paketen, von denen einer unserer jüngeren Beamten, der Herr Ferdinand Welkermann, behauptete, sie seien beide von der Generalsteuerdirektion eingesandt worden. Ferner sagen der Hauptkassirer und die beiden Nebenkassirer aus, daß Banknoten in gleich hohem Werthe nur aus großen, ganz bekannten Häusern eingelaufen seien, und daß auch mit diesen Umwechslungen in bedeutenden Beträgen seit Jahren nicht stattgefunden, so daß es also unmöglich ist, daß auf eine oder die andere Art falsche Banknoten bei uns eingeschmuggelt werden konnten. Das Protokoll darüber ist unterzeichnet von dem Hauptkassirer, den beiden Nebenkassirern und dem Kassenhülfsbeamten Herrn Ferdinand Welkermann – den Sie ja wohl kennen –, Sohn des Stadtschultheißen.« Ein heiteres, vielleicht auch ein wohlwollendes Lächeln hätte man es nennen können, welches bei den letzten Worten über die Zuge des Herrn von Rivola flog, als er erwiederte: »Ja, ich kenne ihn, ein intelligenter junger Mensch, etwas lustig zwar und, ich glaube, gibt viel Geld aus.« »Ist aber dabei ein tüchtiger Arbeiter. Was wollen Sie, mein verehrter Herr – Jugend hat keine Tugend, und vor allen Dingen unsere reiche Jugend nicht. Mama Welkermann hilft ihrem einzigen Söhnchen gern mit ihrem Ersparten aus – die Leute haben's ja.« Unterdessen war der Bankdiener mit der Meldung eingetreten, der Hauptkassirer wolle, wenn es dem Herrn Direktor genehm wäre, das Verlangte selbst bringen; worauf dieser, nach einem Blicke auf Herrn von Rivola und einem zustimmenden Zeichen desselben, den Beamten ersuchen ließ, rasch herauf zu kommen. Dieser erschien denn auch nach einigen Minuten, verschiedene Banknoten in der Hand haltend, die er nach einer tiefen Verbeugung gegen den ihm wohl bekannten Freiherrn von Rivola seinem Chef übergab. Herr Beil, der Hauptkassirer der königlichen Bank, war ein schon ältliches, vertrocknetes Männchen mit langsamen, eckigen Bewegungen; sein Gesicht zeigte eine hervortretende, spitzige Nase und ein Paar scharfe Augen unter buschigen Augenbrauen, deren Stärke um so mehr hervortrat, als fast sein ganzer übriger Kopf kahl und glatt war wie eine Billardkugel. Auf der Kasse pflegte er eine schwarzsammtne Mütze zu tragen, die er jetzt unter dem Arme hielt. Während Herr von Rivola, wiederum am Fenster stehend, die erhaltenen Banknoten aufmerksam betrachtete, flüsterte der Bankdirektor Herrn Beil in die Ohren: »Er ist nicht unserer Ansicht, daß Nummer Eins die echte Banknote sei.« »Und welche Gründe gibt der Herr Baron dafür an?« »Pst – die werden Sie sogleich von ihm erfahren.« Herr von Rivola ließ die Hand mit den Banknoten sinken und sagte in einem Tone der Überzeugung: »Es ist in der That so, wie ich Ihnen vorhin angedeutet – darf ich die Herren bitten, näher zu treten und mich einen Augenblick anzuhören?« Die Beiden traten herbei, und Herr Schwemmer schob den Kassirer dicht vor Herrn von Rivola hin, da er dem kleinen Manne über die Achseln schauen konnte. »Sie werden sich wohl erinnern, Herr Bankdirektor,« sagte nun Herr von Rivola, »daß ich Sie schon vor Jahren auf eine allerdings sehr kleine Verschiedenheit in den Wasserzeichen der Banknoten aufmerksam machte, ich glaube, es war im Beisein des Herrn Mettel, des Chefs der Notenfabrikation; doch waren Sie beide der Ansicht, daß dies nicht Verdacht erregend sei, und ich glaube, Sie hatten Recht, denn ich überzeugte mich später, es sei durch irgend einen Zufall möglich, daß Wasserzeichen aus der gleichen Form allerdings ähnliche unbedeutende Verschiedenheiten zeigen könnten, sei es durch eine Ungleichheit des Papierbrei's, durch eine zu langsame oder zu rasche Trocknung, oder der Himmel mag wissen, durch welchen anderen Umstand. Gehen wir also darüber hinweg, obgleich ich eine von diesen Abweichungen auch hier wieder entdeckt habe. Aber nun bitte ich, Herr Hauptkassirer, nehmen Sie meine Loupe – ich hoffe, sie wird nicht zu scharf für Sie sein – und betrachten Sie einmal hier in der linken Ecke die Arabeske in Schneckenform – prägen Sie sich die Form derselben genau ein und betrachten nun dieselbe Arabeske auf dieser anderen Banknote – sind Sie im Stande, die Verschiedenheit zu entdecken?« »Allerdings, aber kaum: hier ist das haarscharfe Ende jener Verzierung etwas mehr eingebogen und länger. Wenn ich sage: länger,« fuhr er lächelnd fort, »so verstehe ich darunter die Länge von ein paar Millimetern, welche aber hier das Ende der Arabesken näher an den letzten Ring bringen, als dort. Wahrhaftig; es ist so!« sagte Herr Beil. »Erstaunlich!« rief der Bankdirektor mit einem Blicke der Verwunderung auf Herrn von Rivola aus. »Nun wäre es aber möglich, daß der Künstler, der diese Platte geschnitten, dieselbe, nachdem sie eine Zeit lang gedient, nochmals zur Durchsicht erhalten und vielleicht das Betreffende nachgeschnitten hätte und in diesem Falle nur ein Theil der Banknoten gleicher Summe diese Abweichung zeigte, wogegen im anderen Falle, wenn der betreffende Künstler nicht selbst die echte Platte nachgeschnitten, alle Noten, auf denen sich die Verlängerung zeigte, falsch wären, und das ist auch meine Ansicht, weßhalb ich diese hier, Nummer Eins, entgegengesetzt Ihrer Meinung, für die falsche erklären muß.« »Das ist doch wenigstens ein Anhaltspunkt,« sagte der Bankdirektor. »Aber ein sehr kleiner und schwacher, mit allem Respekt vor der erstaunenswerthen Sachkenntniß des Herrn Barons,« sprach Herr Beil, der unterdessen auch die übrigen Banknoten an der bezeichneten Stelle mit der Loupe auf's genaueste untersucht – »denn ich bitte, diese Note zu betrachten, eine stark gebrauchte Note von sehr alter Ausgabe, welche ebenfalls die eingebogene Arabeske zeigt, wonach also damals schon, vor langen, langen Jahren das Falsum begangen worden wäre.« »Da haben Sie Recht,« antwortete Herr von Rivola nach minutenlangem Nachdenken und Betrachten der betreffenden Banknote; »dann also wäre das Falsum schon vor ungefähr fünfzehn Jahren geschehen, fünf Jahre früher, ehe ich das Glück hatte, hier zu sein.« »Entsetzlich, entsetzlich!« rief der Bankdirektor, indem er hastig durch das Zimmer rannte und sich dabei mit den Händen an beide Ohren griff. »So wären wir also seit jener Zeit mit falschen Noten von so großem Betrage überschwemmt worden, so wären vielleicht fabelhafte Summen im Umlauf, die wir nicht einmal festzustellen vermögen – Herr des Himmels,« fuhr er, plötzlich stehen bleibend und die Hände zusammenschlagend, fort, »wenn davon etwas in die Öffentlichkeit dränge, nachdem wir gezwungen sind, einen Bericht an Seine Majestät den König zu machen, worin wir ihm anzeigen, daß Allerhöchstdesselben Notenfabrikation sowie Allerhöchstdesselben Bankdirektion auf so fürchterliche Art hinter die Ohren geschlagen wurde, ohne zu wissen, woher diese hageldichten Streiche fielen – das überlebe ich nicht, ich nehme vorher meine Entlassung!« Der Hauptkassirer schauderte sichtlich zusammen. »Das wäre wohl der Mühe werth,« meinte Herr von Rivola mit einem leichten Achselzucken, »einem solchen Faktum gegenüber das Feld zu räumen und sich dadurch als geschlagen zu bezeichnen – im Gegentheil, es gilt jetzt, das Steuer fest in der Hand zu behalten und mit dem Senkblei des Verstandes nach diesen unsichtbaren, gefahrdrohenden Klippen zu sondiren – still und verschwiegen.« »Ja, still und verschwiegen,« seufzte Herr Schwemmer, »das war auch meine Ansicht gegenüber Seiner Excellenz dem Herrn Finanzminister, der sogleich die ganze Schweinerei an die große Glocke hängen wollte, das heißt mit anderen Worten: öffentliche Anzeige machen von dieser unerhörten Banknotenfälschung.« »Das wäre sehr unpraktisch, und sobald ich Seine Excellenz sehe, werde ich mir erlauben, ihm das zu bemerken.« »Thun Sie das der Sache zu lieb, hochverehrter Freund, thun Sie das so bald als möglich,« sagte der Bankdirektor, die Hände zusammenfaltend; »und dann stehen Sie uns mit Ihrem guten Rathe bei, wie und wo wir unser Senkblei auswerfen sollen – ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, denn es kann doch einem Chef der königlichen Bank nichts Fürchterlicheres vorkommen, als daß er Noten ausgeben oder annehmen muß, von denen er nicht weiß, ob sie echt oder falsch sind – fürchterlich!« »Entsetzlich!« hallte es aus der Brust des Hauptkassirers wieder. Herr von Rivola hatte die Noten wieder auf den Schreibtisch niedergelegt und sagte, mit dem Finger auf eine derselben deutend, auf der sein Name in leichten Bleistiftstrichen stand: »Das ist eine, von denen wir vorhin sprachen, und ich erinnere mich genau, sie auf der Eisenbahnkasse erhalten zu haben, wo ich vor dem betreffenden Beamten meinen Namen schrieb. Doch wie schon gesagt, verehrter Freund,« fuhr Herr von Rivola fort, nachdem er dem Bankdirektor die Hand gereicht, »nehmen Sie sich die Sache nicht so zu Herzen; vor allen Dingen Ruhe und Verschwiegenheit. Will man einen wirksamen Schlag gegen diese Banknotenverfertiger führen, so muß man suchen, ohne Lärm in ihre Nähe zu kommen.« »Und dazu rechne ich sehr auf Ihre Hülfe.« »Ich werde thun, was ich kann.« Herr von Rivola hatte seinen Hut genommen und war im Begriffe, das Zimmer zu verlassen, als der Bankdiener, eintretend, den Herrn Polizeirath Merkel meldete, welcher den Herrn Direktor sogleich zu sprechen wünschte. Siebzehntes Kapitel. Der Hauptkassirer der Bank verließ mit einer tiefen Verbeugung das Zimmer, nachdem der Polizeirath eingetreten, und Herr von Rivola wollte es eben so machen; doch hielt ihn Herr Schwemmer mit der einen Hand, während er dem Eintretenden die andere darreichte, wobei er sagte: »Sie finden uns hier gerade in einer wichtigen Conferenz, werther Herr Polizeirath, zu welcher Sie vielleicht im Stande sind, ein ergiebiges Scherflein beizutragen. Ist's vielleicht so? Sie würden mich überglücklich machen. Vor allen Dingen danke ich Ihnen, daß Sie Seine Excellenz den Herrn Finanzminister und mich in der guten Idee bestärkten, den Herrn Baron von Rivola in dieser höchst wichtigen Angelegenheit um seinen Rath zu bitten, denn er hat uns jetzt schon erstaunenswerthe Aufschlüsse gegeben.« »Sie übertreiben, verehrter Freund; ich habe Ihnen nur meine Ansichten mitgetheilt, in denen Sie so gütig waren, einige Wahrscheinlichkeit zu finden – doch nun habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!« »Nicht doch, nicht doch, Herr Baron, ich bitte Sie dringend, noch ein paar Augenblicke zu bleiben, um zu hören, was unser guter Polizeirath mitzutheilen hat, die gewisse Angelegenheit betreffend, denn ich bin überzeugt, daß unser verehrter Freund nur deßhalb zu uns kam.« »Darauf muß ich mit Ja und Nein antworten,« versetzte Herr Merkel, »und ich glaube fast, das Nein wird überwiegend sein.« »Sehen Sie,« sagte Herr von Rivola, »also gebietet mir schon die Discretion, mich zu entfernen.« »Und doch möchte ich Sie selbst bitten, noch ein paar Augenblicke zu bleiben,« sagte der Polizeirath. »Wir sind ja ganz unter uns, und was ich Ihnen zu sagen habe, könnte möglicherweise doch jene Angelegenheit berühren – ich sage: möglicherweise, obgleich ich weit entfernt davon bin, eine solche Möglichkeit vorauszusetzen. Jedenfalls aber wäre es mir wichtig, die Ansicht des Herrn Barons darüber zu hören.« »Setzen wir uns, meine Herren, setzen wir uns!« Nachdem alle Drei Platz genommen, sprach der Polizeirath in seiner heiteren, wohlwollenden Art und Weise: »Es war mir schon längst bekannt, daß in einem unserer hiesigen ersten Gasthofe von jungen Leuten der besseren Stände sehr hoch gespielt würde, und ich hatte Gelegenheit, mich davon zu überzeugen; es wurden da Summen gesetzt, die weit über die Vermögensverhältnisse der meisten Spieler gingen.« »Da könnte man froh sein, keinen Sohn zu haben,« warf Herr von Rivola lächelnd ein. »Es ging da hoch her bei Makao und Champagner, ja, der letztere spielte eine so bedeutende Rolle, daß einer dieser jungen Leute, nachdem er schließlich alles verlor, was er noch bei sich hatte, den Rest seiner Baarschaft, eine Fünfhundertgulden-Note, am Lichte verbrennen wollte.« »Dieser Leichtsinn!« rief der Bankdirektor. »Und wer war das, wenn man fragen darf?« »Das vielleicht später,« erwiederte der Polizeirath, verbindlich lächelnd. »Doch als ich hörte, daß von den jungen Leuten mit Banknoten hohen Werthes wie mit werthlosen Papieren umgegangen wurde, kam mir plötzlich die Idee: wie, wenn einer jener jungen Leute wüßte, daß er es hier mit werthlosem Papier zu thun habe?« »Bei Gott, das ist wahr – ein Lichtstrahl!« »Aber vor der Hand nur ein sehr geringer,« fuhr Herr Merkel fort. »Mir gelang es, die eben erwähnte, angebrannte Fünfhundertgulden-Note in meinen Besitz zu bringen; hier ist sie, meine Herren, und es handelt sich vor allen Dingen darum, festzustellen, ob wir es mit einem echten Papier zu thun haben oder mit einem Falsum, und hierin ist es mir sehr wichtig, die Ansicht des Herrn Barons zu vernehmen.« »Mir schwindelt,« rief der Bankdirektor – »was, nach all dem Jammer, den uns die falschen Tausendgulden-Noten machen, auch noch die Möglichkeit, daß es gefälschte Fünfhunderter gebe? – nein, das wäre zu viel!« »Warum sollte diese Möglichkeit nicht vorhanden sein?« fragte ruhig Herr von Rivola, worauf er sich erhob, seine Loupe nahm und, an's Fenster tretend, das Papier einer genauen Untersuchung unterwarf. Endlich sagte er: »Beruhigen Sie sich, Herr Bankdirektor, meiner Ansicht nach ist diese Note echt und unverdächtig.« »Gott sei Dank!« »So möchte ich ebenfalls ausrufen,« sprach der Polizeirath, »denn wenn wir auch hiedurch einen Faden verlieren, so muß ich anderentheils sagen, daß ich wieder sehr zufrieden bin, meinen Verdacht nicht bestätigt zu sehen und dem betreffenden jungen Menschen nur das Prädicat ›leichtsinnig‹ ertheilen zu müssen, denn es betrifft den Sohn eines unserer gemeinschaftlichen Freunde.« Der Bankdirektor blickte fragend auf und Herr von Rivola nahm discreter Weise den Hut, um sich zu entfernen; doch bat ihn Herr Merkel wiederholt, noch einen Augenblick zu bleiben, indem er hinzusetzte, daß ja alles, was hier gesprochen würde, selbstverständlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit stehe, daß es ihm aber wünschenswerth sei, wenn Herr von Rivola, als in das Amtsgeheimniß der Bank eingeweiht, auch den Namen jenes jungen Mannes erführe. – »Es ist leider der Sohn unseres verehrten Freundes, des Stadtschultheißen.« »Ei, ei, ei, ei,« rief Herr Schwemmer, indem er sich in größtem Unmuthe hin und her bewegte, »dieser junge, leichtsinnige Strick – leichtsinnig, leichtsinnig, aber kein Bösewicht, dafür möchte ich haftbar werden – was meinen Sie, Herr von Rivola?« »Wenn Sie das Wort ›Bösewicht‹ auf ihn als Banknotenfälscher anwenden,« erwiederte der alte Baron lächelnd, »so bin ich ganz Ihrer Ansicht, denn dieser junge Herr, den ich auch zu kennen das Glück habe, hätte weder Geduld noch Fleiß, um sich mit einem so wichtigen Geschäfte abzugeben.« »Aber als Mithelfer, als Verbreiter zu diesem,« meinte der Polizeirath nachdenkend. Der Bankdirektor schüttelte mit dem Kopfe und Herr von Rivola sagte: »Gerade weil er als unbesonnener junger Mensch bekannt ist, wird eine große Keckheit dazu gehören, sich ihm anzuvertrauen – nein, nein, Leute, die so vortreffliche Banknoten machen, sind gewöhnlich klüger.« »Darin muß ich Ihnen allerdings beistimmen,« sagte der Polizeirath, und der Bankdirektor setzte hinzu: »Ganz meine Ansicht.« »Also, meine verehrten Freunde,« sagte Herr Schwemmer nach einer längeren Pause, während welcher jeder der drei Herren mit ganz verschiedenen Gedanken beschäftigt war, »so viel steht fest, daß wir vor einem Staatsbetruge in kolossalem Maßstabe stehen, und zwar ziemlich rathlos, da wir keine Ahnung haben, von wo aus die Streiche gegen uns geführt werden. Ehe Sie kamen,« wandte er sich direkt an den Polizeirath, »sprach Herr von Rivola seine Ansicht aus, »diese Sache mit der größten Heimlichkeit zu behandeln, was gewiß auch Ihre Ansicht ist.« »Jedenfalls – ich möchte noch ganz besonders darum gebeten haben; machen wir Lärm, so haben wir keinen weiteren Nutzen davon, als die Verbrecher aufmerksam zu machen. Also um Gotteswillen die strengste Verschwiegenheit, und dabei hoffe ich auch, Herr Bankdirektor, Sie sind meiner Ansicht, daß es besser ist, den jungen Welkermann zu beobachten, statt mit ihm über den gestrigen Vorfall zu reden. Meinen Sie nicht auch, Herr von Rivola?« »Ganz gewiß.« »Leider gelang es mir bis jetzt nicht, in den Besitz einer Tausendgulden-Note zu kommen, von denen ebenfalls in den Händen des jungen Welkermann gesehen wurden; aber daß er, obgleich von sehr reichen Eltern, bei dem Spiele so toll in's Zeug ging, bleibt meinem Polizeiverstande immer etwas verdächtig. Deßhalb ist es nothwendig, ihn, ohne daß er es weiß, im Auge zu behalten, und das soll meine eifrigste Sorge sein.« »Und auch die meinige,« sagte Herr Schwemmer; »doch würde es allem Furchtbaren die Krone aufsetzen, wenn ein Bankbeamter selbst – doch nein, nein, das ist nicht möglich – ganz unmöglich!« Herr von Rivola reichte dem tief erschütterten Bankdirektor lächelnd seine Hand, indem er sagte: »Zählen Sie ganz auf mich und lassen Sie mich ohne Bedenken wissen, wann, wie und wo ich Ihnen nützlich sein kann.« Er machte eine Verbeugung gegen die beiden Herren und wollte sich entfernen; doch sagte ihm der Polizeirath: »Bester Herr Baron, ich sah da unten Ihren Wagen halten; würden Sie nicht so gütig sein, mich eine kurze Strecke mitzunehmen, das heißt, wenn mein Ziel, das Rathhaus, nicht zu sehr aus Ihrem Wege liegt?« »Im Gegentheil, ich fahre denselben Weg, da ich nach meinem kleinen Hause neben dem alten Thurme will.« »Nun denn, auf Wiedersehen, Herr Bankdirektor!« Die beiden Herren verließen das Zimmer und stiegen unten in den Wagen, nachdem Herr von Rivola dem Kutscher befohlen, nach dem Rathhause zu fahren. Unterwegs sagte der Polizeirath: »Ich muß zum Stadtschultheißen in einer städtischen Angelegenheit, die auch Sie gewissermaßen mitbetrifft; man will nämlich in verschiedenen Häusern der Glockenstraße neue Einsenkungen bemerkt haben, die von dem alten Gange herrühren könnten, dessen Gewölbe auf der Strecke von Ihrem Thurme nach der Hauptwache sehr schadhaft ist – apropos,« fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, »hat man Ihnen neuerdings keine Anträge über den Ankauf Ihres Hauses gemacht?« »Nein; doch, unter uns gesagt, warte ich sehnlich darauf, um mich des für mich jetzt gänzlich nutzlosen Anwesens um jeden Preis zu entledigen.« »Um jeden Preis?« sprach Herr Merkel mit einem schalkhaften Lächeln. »Um jeden Preis; Sie wissen, es wohnt dort ein alter Diener von mir, dessen Frau, die lange Jahre krank war, vor Kurzem starb, worauf es dem alten Manne unheimlich in dem verlassenen Hause geworden ist; er möchte nach Belgien, in seine Heimath, zurückkehren.« »Wollen Sie mir Vollmacht geben, den Verkauf Ihres Hauses zu vermitteln?« »Unbeschränkte Vollmacht.« »Das trifft sich vortrefflich; ich finde beim Stadtschultheißen die städtische Baukommission unter dem Vorsitze meines Schwagers – ich werde über die Sache reden, wobei ich Ihre Uneigennützigkeit in so helles Licht setze, daß Ihnen das Ehrenbürgerrecht der Stadt nicht entgehen kann – also ernstlich, darf ich für Sie unterhandeln?« »Ernstlich, um jeden Preis,« sagte Herr von Rivola, wobei er, anscheinend mit sehr gleichgültiger Miene, zum Fenster hinausblickte, sich aber jetzt rasch an die andere Seite wandte, als der Polizeirath sagte: »Sehen Sie dort unseren jungen Herrn, über den wir beim Bankdirektor sprachen?« »Ferdinand Welkermann?« »Ja, dort unter dem Thorbogen – Ihre Pferde sind furchtbar flüchtig, Herr Baron, das fliegt alles nur so an uns vorüber; als Polizeimann ist es eigentlich von mir pflichtwidrig, so schnell zu fahren – sahen Sie den jungen Welkermann nicht?« »Nicht deutlich, aber ich glaube, er war es.« »Gewiß, ich habe ein scharfes Auge – er stand da im Gespräche mit einem gewissen Herrn Steffler, der uns bekannt ist.« »Wer ist das?« »Unter uns gesagt, ein etwas anrüchiges Subjekt, und daß er gerade mit Herrn Welkermann verkehrt, will mir nicht gefallen.« »Vielleicht einer seiner Spielgenossen?« »O nein, er gehört einer weit tieferen Gesellschaftsklasse an – dieser Mensch war bis vor ganz Kurzem Gehülfe des Marktmeisters, früher Lithograph, Kupferstecher, alles Mögliche, und ich weiß, daß er sich in letzter Zeit viel in der Nähe des Hauses des Stadtschultheißen sehen ließ – ich muß seinem Namen in meiner Brieftasche einen tüchtigen Strich anfügen.« »Es wäre wohl interessant,« sagte Herr von Rivola heiter, »Ihre Brieftasche in dieser Richtung durchsehen zu können; da mag eine eigenthümliche Gesellschaft beisammen sein und Mancher einen oder mehrere Striche haben, der sich dieser Ehre nicht versieht.« »Allerdings, und Striche verschiedener Bedeutung, die ich nur allein kenne – es ist das mein Hauptbuch, und wenn ich es aufschlage, sehe ich sogleich, was für die Betreffenden in's Soll eingetragen ist – aber da sind wir schon; ich danke Ihnen, Herr Baron, daß Sie mich mitgenommen haben, und werde den Verkauf Ihres Hauses mit einer Schnelligkeit besorgen, welche Sie in Erstaunen setzen soll – bleiben Sie heute noch länger in der Stadt?« »Wohl noch für eine Stunde, während welcher ich in meinem kleinen Hause anzutreffen bin.« »Schön, vielleicht kann ich Sie hier noch ein Resultat wissen lassen.« Auch Herr von Rivola hatte nach dem Polizeirathe den Wagen verlassen und befahl dem Kutscher, ihn im Hofe von Holland zu erwarten, worauf er den Weg nach seinem kleinen Hause mit raschen, festen Schritten einschlug, den Kopf erhoben, ehrfurchtsvolle Grüße der ihm Begegnenden freundlich erwiedernd. Der alte Friedrich, welcher am Fenster stand und den Baron kommen sah, öffnete die Thür und sah zu seinem Erstaunen, daß, sobald sich dieselbe wieder hinter dem alten Herrn geschlossen hatte, dieser völlig verwandelt erschien; seine eben noch so energisch angespannten Gesichtszüge sanken schlaff zusammen, eben so die rüstige Haltung seines Körpers, ja, er faßte mit der rechten Hand die Mauer des engen Ganges, als müßte er sich halten, um nur in's Zimmer zu gelangen. Dort sank er denn auch wie kraftlos auf den alten Lehnstuhl nieder, so daß Friedrich, der ihm kopfschüttelnd gefolgt war, mit allen Zeichen des Schreckens fragte, ob und was ihm Fürchterliches zugestoßen sei. Statt diese Frage sogleich zu beantworten, ließ sich Herr von Rivola ein Glas frischen Wassers geben, um, sobald der Diener das Zimmer verlassen hatte, es zu holen, vor den kleinen Spiegel zu treten, der im Gemache befindlich war, und dort mit einem traurigen Lächeln seine allerdings sehr verstörten Gesichtszüge zu betrachten. Friedrich, welcher sogleich mit dem verlangten Wasser zurückkam, wagte keine zweite Frage, doch sagte Herr von Rivola, als er getrunken und sich dann wieder in den Sessel niedergelassen hatte: »Ich weiß in der That nicht, was mich so plötzlich überfallen, eine Körperschwäche, wie ich nie Ähnliches empfunden, auf dem kurzen Wege vom Rathhause hieher – bis dorthin fuhr ich in meinem Wagen. Du siehst mich erstaunt an, deine bestürzten Mienen fragen nach einem Grunde meiner plötzlichen Schwäche, und doch ist eigentlich keiner vorhanden, der mich so dazu veranlassen konnte – ich war einer Ohnmacht nahe, als ich eintrat, jetzt geht es mir besser.« »Dem Himmel sei gedankt, ich fürchtete schon . ..!« »Ich weiß schon, was du fürchtetest,« rief der Andere rasch, aber mit leiser Stimme: »ja, ja, es ist entsetzlich, daß man so etwas fürchten muß, und trotzdem ich häufig ähnliche Gespenster am hellen Tage sehe, so kannst du dir kaum denken, wie eine an sich vielleicht unbedeutende Mittheilung mich zu erschüttern vermag.« »Also doch eine Mittheilung?« »Ja, ich komme soeben von der Direktion der königlichen Bank; man wollte meinen Rath in einer Angelegenheit.« »A–a–ah so!« »Ja, der Teufel hat es so gefügt, daß zwei Tausendguldennoten von der gleichen Nummer bei der Bank eingelaufen sind.« »Ein fürchterlicher Zufall!« »Allerdings, aber beide sind von so vortrefflicher Arbeit, daß die weisen Herren dort oben nicht wissen, welche echt und welche falsch ist.« »Und Sie, Herr Baron?« »Ich erkannte sie augenblicklich und bezeichnete ihnen die echte als falsch. Das aber würde mich an sich weniger erschreckt haben, doch hat dieser junge Welkermann, dem ich freundlicher Weise mit kleinen Anlehen ausgeholfen, durch unverantwortlich hohes Spiel die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen und dabei die Dummheit gehabt, in einem Anfalle nichtssagender Prahlerei vor einer Gesellschaft junger Leute eine meiner Fünfhundertguldennoten anzuzünden.« »Man sollte ihn dafür . . .« »Ja, ja, einen ähnlichen Wunsch, wie du da unausgesprochen läßt, habe ich auch; doch ist mit reden nichts gethan, wir müssen handeln. Hast du Steffler bestellt?« »Wie Sie befohlen; er war schon einmal da und wird wieder kommen.« »Er treibt sich hier in den Straßen herum – ich sah ihn vorhin unter einem Thorbogen mit dem jungen Welkermann plaudern – woher kennen sich die Beiden?« Der alte Friedrich lächelte auf eine eigenthümliche Art, ehe er zur Antwort gab: »Sie haben irgend ein gemeinschaftliches Interesse; es ist das ein kleines Verhältniß des jungen Herrn Welkermann, dessen Erbschaft mit allen Folgen Herr Steffler angetreten hat.« »Ah, ich verstehe, das Stubenmädchen aus dem Hause des Stadtschultheißen. Und ist sie entschlossen, ihn zu begleiten?« »Sie ist mehr dazu entschlossen, als er selbst; dieser Kerl macht Seitensprünge, wie ein Fuchs, der nicht weiß, ob er das Huhn oder die Ente nehmen soll.« »Der sich aber wohl hüten wird, in's Fangeisen seiner Schulden zu springen.« »Ich habe ihm den letzteren Gesichtspunkt recht klar gemacht, und da ich weiß, daß es in diesem Falle auf tausend Gulden weiter nicht ankommt, so hatte er sich denn auch zur Auswanderung entschlossen.« »Das alles ist schön und gut, aber wer weiß, ob er nicht anderen Sinnes wird, wenn er die wogende See vor sich sieht.« »Daran habe ich auch gedacht, und da Sie mir erlaubt haben, nach Belgien zurückzukehren – es ist mir unerträglich hier in der Einsamkeit dieses öden Hauses,« unterbrach er sich, indem er mit der Hand über die Augen fuhr, – »so würde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Herrn Steffler und das junge Mädchen bis auf das Schiff zu begleiten – im Falle Sie mich hier nicht besser gebrauchen können.« »Nein, nein, ich wünsche dich weg von hier,« sagte Herr von Rivola hastig, »so bald als möglich – in Sicherheit,« murmelte er, für den Anderen unverständlich, um gleich darauf mit lauter Stimme fortzufahren: »Dort kannst du mir vielleicht besser nützen, als hier, mein guter alter Friedrich!« Er reichte dem Diener seine Hand. »Es ist eigenthümlich,« fuhr dieser zur Erde blickend fort, »wie ich die arme Frau vermisse, seit sie todt ist; sie und dieses Haus waren mein Alles, und jetzt ist mir gerade so, als sei nicht nur ein altes, kränkliches Wesen von der Erde verschwunden, sondern als sei für mich die ganze Welt ausgestorben – ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, gnädiger Herr?« »Ob ich dich verstehe – ich mag mich in einen ähnlichen Fall nicht hineindenken, ich glaube, es würde mir alsdann an einer Reise nach Ostende nicht genügen!« – Herr von Rivola sagte das in einem dumpfen Tone, um alsdann nach einem tiefen Seufzer mit gewöhnlicher Stimme fortzufahren: »Doch mußt du nicht so schwarz sehen, Friedrich, du hast Verwandte dort unten, während ich in dem Falle – und dann hoffe ich auch immer noch, daß du meiner in gleicher Anhänglichkeit und Liebe gedenkst.« »O gewiß, mein lieber, gnädiger Herr, ich schäme mich, daß ich so eben gesagt, die Welt sei ausgestorben für mich! Und doch – und doch, o, wenn auch Sie diese Stadt verlassen könnten, ich glaube, wir könnten da drunten noch einmal ein neues und vielleicht ein glücklicheres Leben beginnen!« »Möglich, aber doch unmöglich – mein alter Lebensbaum würde selbst in meiner Heimath keine Wurzel mehr schlagen – ich muß hier stehen bleiben und allen Wettern trotzen – wann willst du reisen?« »Sobald Sie eine endgültige Entscheidung über dieses Haus getroffen haben.« »Hoffentlich wird das bald geschehen sein, vielleicht noch in dieser Stunde; ich habe es durch einen Freund der Stadt unter jeder ihr beliebigen Bedingung angeboten.« »Und haben gewiß Recht daran gethan, Herr Baron – ich muß Ihnen schon gestehen, daß ich mit geheimem Grauen daran dachte, wenn jemand Anderes, als ich, die Räume des alten Thurmes leeren sollte – ich glaube doch, es wäre am Ende besser gewesen, wenn wir das schon vor Jahren gethan hätten.« Herr von Rivola hatte sich mühsam erhoben, um nach einem langsamen Gange durch das Zimmer an das Fenster zu treten, wobei ihm der Andere mit einem kummervollen Blicke nachschaute. Hier hinaussehend, sagte er: »Daran ist nun nichts mehr zu ändern, und ich glaube immer noch, daß ich Recht hatte, mein ehemaliges Atelier nicht heimlich zu zerstören – warum soll ich es läugnen, daß ich mich vor Jahren mit all diesen Künsten beschäftigte? Gerade die Öffentlichkeit, mit der ich arbeitete, mußte bis jetzt jedweden Verdacht beseitigen. Doch kämen auch die Betrachtungen jetzt zu spät,« setzte er, sich rasch umwendend, hinzu, »denn dort sehe ich ein paar Herren kommen, was mir anzeigt, daß die Stadt mein Anerbieten annahm. Öffne die Hausthür, Friedrich, du wirst rascher abreisen können, als du erwartest.« Wenige Augenblicke nachher trat der Stadtschultheiß in die kleine Stube, nach ihm der Oberbaurath Lievens sowie der Polizeirath Merkel, gefolgt von Sprandel, dem Amtsdiener des Raths, welch' letzterer aber mit Friedrich in dem Hausgange stehen blieb. Der Stadtschultheiß hatte sein Kinn würdevoll in die weiße Halsbinde vergraben, und während er beide Hände dem Baron Rivola entgegenstreckte, sagte er mit einem herzlichen, fast gerührtem Ausdrucke der Stimme: »Hochverehrter, theurer Freund, würdiger Mitbürger unserer Stadt, Sie haben uns durch Ihren großmüthigen Antrag eine eben so unverhoffte als außerordentliche Freude bereitet; wären die Mittel unserer Gemeinde nicht so gering, so würde ich unter keiner Bedingung von Ihrer Großmuth Gebrauch machen . . .« »Welche aber der Herr Stadtschultheiß und das ganze Collegium nun ohne Weiteres anzunehmen sich beeilt,« fiel ihm der Polizeirath, heiter lächelnd, in die Rede, worauf er hinter der vorgehaltenen Hand halblaut hinzusetzte: »Und Ihr Ehrenbürgerrecht, auf Pergament mit Golddruck, braucht nur noch ausgefertigt zu werden.« »Darf ich die Herren nicht bitten, Platz zu nehmen?« fragte Herr von Rivola. »Doch,« meinte der Oberbaurath Lievens, »es wäre vielleicht besser, dem verehrten Besitzer des Hauses keinen unnöthigen Zeitverlust zu bereiten und, wenn auch nur pro forma, eine rasche Besichtigung der Lokalitäten vorzunehmen.« Damit waren Alle einverstanden, und nachdem man flüchtig die paar Zimmer durchschritten, welche der alte Friedrich bewohnte, öffnete dieser die uns wohl bekannten Räume des alten Thurmes. Hier fand sich Alles noch im selben Zustande, wie wir es vor Kurzem gesehen, in allen Stockwerken Möbel, Geräthschaften, Fenster mit so dickem Staube und Spinngeweben bedeckt, daß Jeder deutlich sah, wie einsam man diese Gemächer lange, lange Jahre hindurch gelassen hatte. »Ich ließ sie unwillkürlich in diesen Zustand kommen,« sagte der Hausbesitzer, wie sich entschuldigend, »denn als ich bei meinem verschlimmerten Augenleiden nicht mehr zum Atelier kam, dachte ich nicht im entferntesten daran, daß es mir nie mehr vergönnt sein werde, Bleistift oder Grabstichel in die Hand zu nehmen; ich hoffte von einem Tage zum anderen, von einer Woche zur anderen, und Sie sehen, meine Herren,« setzte er mit einem traurigen Lächeln hinzu, »wie sich hier meine Hoffnungen erfüllt haben – wie unsere Hoffnungen so oft erfüllt werden, indem das Schicksal unsere liebste Erinnerung mit Staub und Moder bedeckt, und deßhalb brauchen Sie mir auch kein Verdienst daraus zu machen, daß ich Thurm und Haus unter jeder Bedingung an die Stadt übergebe, denn ich werde froh sein, wenn das alles einmal vollständig aus meinem Gedächtnisse erloschen ist.« »Dazu wird gründlich Rath werden, nicht wahr, Lievens?« sagte der Polizeirath zu seinem Schwager; »ich meine schon, ich sehe es, wie ihr diese heilige Halle der Kunst mit Akten und Rümpelwerk vollstopft.« »Mit Rümpelwerk weniger,« meinte der Stadtschultheiß mit einer wichtigen Miene; »das gibt hier einen wunderbaren Ort zur Beherbergung der Stadtarchive – dazu der unvergleichlich solide Gang, der in's Rathhaus führt.« »Und den wir jetzt nicht mehr zumauern wollen,« sagte der Oberbaurath, wobei sich seine dürren Züge in viereckige Linien zusammenzogen, welches ein Lächeln vorstellen sollte. »Gewiß nicht, aber dort unten an dem Fundamente des Thurmes wollen wir ihn mit einem soliden Mauerwerke verschließen, wodurch alsdann die verschiedensten Zwecke erfüllt sind: Sicherheit für unsere Archive und Abhaltung der übeln Gerüche, die aus dem ferner liegenden Theile des unterirdischen Ganges bis in's Rathhaus drangen und sich notorisch in unserem Sitzungssaale bemerkbar machten.« »Und in welchem guten Geruche werden alsdann die gemeinderäthlichen Verhandlungen erscheinen!« pflichtete der Polizeirath heiter bei; dann sagte er, den Finger in die Staubmasse, welche auf dem Tische lag, drückend: »Hier könnte ein Statistiker wichtige Notizen sammeln, welche Staubmasse sich in einem gewissen Zeitraume ablagert – wie lange ist es wohl, Herr Baron, daß dieser Raum nicht benutzt wurde?« »Das können wohl acht Jahre sein – ich erstaune selbst darüber, wie bei verschlossenen Fenstern dieser Staub sich so massenhaft ansammeln konnte.« »Wohl bei verschlossenen, aber nicht ganz dichten Fenstern,« gab Herr Merkel zur Antwort, »denn dort oben bemerke ich kleine Öffnungen an denselben, welche der Luft und also auch allen Staubatomen willig den Eingang lassen.« Der Stadtschultheiß, welcher die Räume auf's genaueste betrachtet hatte, auch den Fußboden eines derselben messend durchschritt, schien mit allem, was er hier gefunden, wohl zufrieden zu sein, und sagte: »Ich denke, wir könnten jetzt zu weiteren Verhandlungen wieder nach unten gehen« – worauf sämmtliche Herren, seiner Aufforderung Folge leistend, das Gemach verließen, mit Ausnahme des Polizeiraths, welcher, hin- und hergehend, etwas auf dem Boden zu suchen schien. »Komm doch, Merkel,« sagte der Oberbaurath, worauf der Stadtschultheiß, zurückblickend, lächelnd bemerkte: »Mir scheint, der Polizeirath wittert hier irgend ein schönes Verbrechen, das vielleicht vor langen Jahren in diesem Thurme vollbracht wurde – ist es so?« »Oder sammelst du vielleicht genaue Notizen für den Staubstatistiker?« fragte Lievens. »Keines von beiden – ich sehe soeben, daß ich ein Glas aus meiner Lorgnette verloren habe, und wahrscheinlich hier oben, denn vorhin, als ich, neben dem Arbeitstische des Herrn von Rivola stehend, die Dachfenster betrachtete, hatte ich noch beide Gläser; doch bitte ich, voranzugehen, ich folge gleich nach – auch Sie, mein werther Herr und Freund,« wandte er sich an den Hausbesitzer, »was soll ich Ihnen Mühe machen, das verlorene Glas suchen zu helfen? Ich glaube fast, es ist hinter den Arbeitstisch gerollt, und wenn Sie erlauben, rücke ich denselben ein wenig auf die Seite.« »Wer mit dieser Polizei zu schaffen hat, verliert seine Zeit,« meinte der Oberbaurath, wobei er mit dem Stadtschultheißen unter der Thür stehen blieb, da der Freiherr von Rivola selbst mit Hand anlegte, um den schweren Arbeitstisch etwas auf die Seite zu rücken. »Ich bin nur zufrieden,« sagte der Polizeirath, sich rasch bückend, »daß ich Ihnen keine unnöthige Mühe gemacht, dort liegt das verlorene Glas, und die Staubschicht ist so dicht, daß man es nicht einmal fallen hörte; jetzt will ich aber auch keinen ferneren Aufenthalt verursachen.« »Kommen Sie, Herr Baron,« sagte der Oberbaurath, draußen im Gange stehend, »der Herr Stadtschultheiß ist schon hinabgegangen; lassen Sie diesen langweiliges Polizisten, sonst rauben wir Ihnen zu viel von Ihrer kostbaren Zeit – kommen Sie.« Herr von Rivola wollte als höflicher Mann der Letzte sein, der das Zimmer verließ, doch gab er dem Drängen des Herrn Lievens nach und stieg mit diesem langsam die Treppe hinab. Der Polizeirath hatte das wiedergefundene Glas vom Boden aufgenommen und an seinem Taschentuche vom Staube gereinigt; dann nahm er ein kleines Stückchen alten, vergilbten Papiers, welches zu Boden gefallen war, als man den Arbeitstisch abrückte, wickelte das Glas sorgfältig hinein und steckte es in die Tasche, worauf er ebenfalls das Gemach verließ, die Treppe hinabstieg und die anderen Herren in dem unteren Zimmer fand, gerade in dem Augenblicke, als Herr von Rivola sprach: »Ich bleibe bei dem, was ich unserem werthen Freunde, dem Herrn Polizeirathe, vorhin gesagt; schlagen Sie mir für Haus und Thurm eine beliebige Summe vor, und ich werde dieselbe annehmen.« »Aber über die Größe dieser Summe könnten Sie doch vielleicht so gütig sein, annähernd irgend eine Andeutung zu geben,« bemerkte der Stadtschultheiß, welcher sich offenbar in einer Verlegenheit befand. »Meinen Sie nicht auch,« wandte er sich an den Oberbaurath, »daß der Herr Baron irgend eine Forderung stellen solle?« Da Herr Lievens kopfschüttelnd schwieg, so sagte der Polizeirath: »Ich glaube, es wurde noch nie einem braven Manne so sauer gemacht, der Stadt etwas zu schenken, denn daß es im Grunde darauf hinauskommt, kann ein Kind verstehen; da unser verehrter Freund nicht als Schenker da stehen möchte, so verlangt er eine kleine Summe – gut denn, und ich, als unparteiisch, will eine kleine, runde Zahl nennen – wie wäre es mit zweitausend Gulden?« »Ah,« sagte der Stadtschultheiß beinahe unwillig, »ein solches Gebot grenzt doch ein wenig . . .« »An Unverschämtheit, wollen Sie sagen,« lachte der Polizeirath, »allerdings . . .« »Doch nehme ich es an,« sagte rasch Herr von Rivola; »lassen Sie einen Kaufbrief ausfertigen – dieses Haus mit dem alten Thurme um zweitausend Gulden.« »Aber Herr Baron, das ist eine Großmuth, welche die Stadt kaum annehmen kann, und ich werde mir erlauben müssen, bei den bürgerlichen Collegien einen ehrenden Ausdruck des Dankes zu beantragen.« »Den ich mit großer Freude annehmen werde.« »Also abgemacht,« sagte Herr Merkel: »morgen außerordentliche Gemeinderathssitzung, Vortrag des eben Geschehenen, große Rührung mit erhebenden Reden, ein prächtiges Archiv erworben, nichts mehr von Zumauern der besagten Gitterthür – seid umschlungen, Millionen! Und nun, meine Herren, lasse ich Sie im Stich, denn ich habe heute noch Wichtiges zu besorgen.« Aber auch die beiden anderen Herren blieben nicht mehr lange. Der Stadtschultheiß that das Klügste, was er in diesem schönen, großen Augenblicke thun konnte, seine Gesichtszüge drückten tiefe Bewegung aus, er ergriff auch jetzt wieder, wie bei seinem Erscheinen vor einer Stunde, beide Hände des Freiherrn von Rivola, doch war die Art, wie er dieselben jetzt drückte und schüttelte, von Rührung übermannt, so Dank ausdrückend, daß es begreiflich war, er vermöge kein Wort dazu zu sprechen, und daß man es natürlich finden mußte, als er sich hierauf nach einem raschen Kopfnicken mit zwinkernden Augen abwandte und Zimmer und Haus eiligst verließ. Herr von Rivola stützte seine rechte Hand auf die Fensterbrüstung, blickte den Davongehenden stumm und finster nach und sagte erst nach einiger Zeit, ohne sein Gesicht dem wieder eingetretenen alten Diener zuzuwenden: »Auch dieses Geschäft wäre abgethan; sie werden sich beeilen, den Kaufvertrag auszufertigen, und nachdem wir noch eine schwierige Arbeit vollbracht: die Vernichtung von Gegenständen, die mir eigenthümlicher Weise jetzt, wo sie verschwinden sollen, wieder anfangen, theurer zu werden, kannst du, mein alter Friedrich, in Frieden von dannen ziehen.« Achtzehntes Kapitel. Herr von Rivola ging nach dem Holländischen Hofe und traf vor demselben den Vetter seiner Frau, den Grafen Hartenstein von den Gardehusaren, der ihm mit großer Wichtigkeit von einem bevorstehenden Maskenballfeste bei Hofe erzählte, ihn bat, Lucy davon in Kenntniß zu setzen und ihr zu sagen, daß er ihr morgen eine Partie Costumebilder hinaussenden, auch wahrscheinlich selbst kommen würde, um sie um die Betheiligung an der Quadrille zu bitten; doch hörte er das alles nur wie im Traume, und wenn der junge Offizier nicht gar zu eilig gewesen wäre und zu sehr beschäftigt mit der bevorstehenden Maskerade, so müßte es ihm nicht entgangen sein, wie Herrn von Rivola's starre, gedankenvolle Blicke, statt ihn anzusehen, neben ihm hinaus in weite, weite Fernen zu gehen schienen. Hierauf war der Husarenoffizier mit Einem Male verschwunden gewesen, und nun bestieg Herr von Rivola seinen Wagen, warf sich tief in die weichen Ecken, daß ihn Niemand, an dem er vorüberfuhr, sehen konnte, zog auch noch zum Überfluß den grünseidenen Vorhang an der anderen Seite herab und versank, während die ungeduldigen Pferde mit dem leichten Coupé rasch davonflogen, in ein tiefes und nichts weniger als erquickliches Nachsinnen. Das, was er heute Morgen gehört und gesehen, ging noch einmal rasch an seinem inneren Auge vorüber: die Stunde im Cabinette des Bankdirektors, die gefälschten Noten, Friedrichs Bericht über die bevorstehende Abreise Stefflers, das kleine Haus mit dem alten Thurme, der Verkauf desselben, Alles mehr oder minder für ihn widerliche Bilder, welche aber, rasch verblassend, einer anderen Gestalt bereitwilligst Platz machten, einer Gestalt, die drohend vor ihm erschien und die er nicht zu überwältigen, nicht zu verjagen im Stande war, so sehr sich auch sein gequältes Hirn hierzu abmühte – die Gestalt Ferdinands, welche ihm die halb verbrannte, gefälschte Banknote entgegenhielt. Es fiel ihm jetzt centnerschwer auf die Seele, daß er unverantwortlich thöricht und leichtsinnig gehandelt, sich dieses jungen Menschen zu bedienen. Wie unverfänglich, wie günstig war ihm die so unverhofft gekommene Hülfe desselben damals erschienen und erschien ihm auf Augenblicke selbst heute noch, wenn er bedachte, daß der grenzenlose Leichtsinn des jungen Menschen, der ihm einestheils gefährlich werden konnte, anderentheils wieder im Stande war, im schlimmsten Falle die ganze ungeheure Schuld von ihm ab auf jenen zu wälzen. Worin war der Beweis, daß es falsche Banknoten gewesen, die Ferdinand von ihm erhalten, welche derselbe ohne Überlegung gegen echte auf der Bank umgetauscht? Allerdings war es möglich, daß jetzt dem jungen Manne eine Ahnung gekommen war, er habe aus seiner Hand falsche Banknoten erhalten, möglich, aber nicht gewiß, ja, sogar unwahrscheinlich; denn wem hätte es heute noch in den Sinn kommen können, er, der Freiherr von Rivola, so hoch angesehen in allen Kreisen der Gesellschaft, habe auch nur im entferntesten etwas zu thun mit solchen Fälschungen? Das war ein Hoffnungsstrahl, und selbst im schlimmsten Falle war es ja viel denkbarer, daß dieser leichtsinnige junge Mensch selbst bei diesen Fälschungen die Hand im Spiel habe. Herr von Rivola athmete leichter auf, als er nun in rascher Reihenfolge der heutigen Erlebnisse an den Moment kam, wo der Polizeirath ihn auf Ferdinand Welkermann aufmerksam gemacht, als jener in einem halbdunklen Thorbogen mit Steffler plauderte, mit Steffler, einem anrüchtigen Menschen, wie Merkel sich ausgedrückt, und der als Kupferstecher und bei seinem verdächtigen Lebenswandel leicht in Verdacht zu bringen war, um so mehr, da er in Kurzem spurlos verschwunden sein würde. Hier blitzte dem tief Nachdenkenden eine so glückliche Idee durch den Kopf, daß er schon im Begriffe war, den Kutscher wieder umkehren zu lassen, um seinen alten Diener nochmals aufzusuchen, als ihm einfiel, daß derselbe heute jedenfalls noch nach Eichenwald kommen würde und er ihm dort mit weniger Aufsehen seine Gedanken mittheilen konnte. Steffler mußte veranlaßt werden, von Ferdinand Welkermann eine Summe zu seiner Auswanderung zu erhalten, mußte Beweise dafür hinterlassen, daß er diese Summe bekommen, und daß es auf diese Art Ferdinand Welkermann gewesen, der ihn bei Seite geschafft. Auf Augenblicke beschwichtigte dieser Gedanke allerdings die fieberhafte Unruhe, welche sich Herrn von Rivola's bemächtigt hatte; doch konnte er sich nicht enthalten, aus dem tiefsten Grunde seiner Seele den Wunsch hervorzuseufzen: Besser noch, wenn es mir möglich wäre, Beide miteinander eine Reise über das Weltmeer machen zu lassen, oder noch eine weitere Reise, wenn es anders nicht möglich wäre! Das plötzliche Anhalten des Wagens riß ihn gewaltsam aus seinen Träumereien empor, welche wieder anfingen, seine Seele mit düsteren, unheimlichen Bildern zu bevölkern. Er dankte dem Himmel, daß er so plötzlich aus seinen Phantasieen herausgerissen wurde, so plötzlich aus der finsteren Nacht seiner Gedanken zum hellsten Tage der Gegenwart erwachend, denn der Wagen hielt an der Terrasse vor dem Schlosse Eichenwald, und in der geöffneten Glasthür sah er seine Tochter Lucy stehen, die ihm mit den Worten entgegeneilte: »Aber, Papa, du bist lange, sehr lange ausgeblieben! Wir haben dich schon über eine Stunde zurückerwartet, Mama, ich und Herr Welden, der uns zu besuchen gekommen ist!« Bei der Nennung des letzteren Namens zeigte sich eine Wolke auf der Stirn des Herrn von Rivola; es war ihm nicht angenehm, jetzt einen Fremden sehen zu müssen, wenn auch dieser Fremde ein so genauer Freund des Hauses war. Er hatte sich fast behaglich ausgemalt, sich jetzt in sein Schreibzimmer zurückzuziehen und dort seinen Gedanken nachzuhangen, ringend mit dem Geschicke, das ihn zu überwältigen drohte und dem er geneigt war, trotzig die Stirn entgegen zu bieten. Nur wer sich selbst verläßt, ist verlassen! Auch war das im Grunde vielleicht nur ein Wetterleuchten, die Atmosphäre reinigend und kam nicht Verderben bringend herangezogen. »Papa, hast du etwas Unangenehmes gehabt?« fragte Lucy, sich an ihn schmiegend. »Gewiß nicht, mein Kind; nur Geschäfte ernster Art,« antwortete er und gab sich alle Mühe, die Falten von seiner Stirn zu verbannen, ja, mit einem heiteren, lächelnden Ausdrucke in den Salon zu treten, wo sich einer der Diener beeilte, das Frühstück aufzutragen. Welden hatte sich beim Eintritte des Freiherrn erhoben und griff nach seinem Hute, um, wie er sagte, nicht länger zur Last zu fallen. Doch betrachtete Lucy bei dieser Äußerung ihre Mutter mit einem recht besorgten Blicke, ohne daß diese ihn sah, vielmehr aus eigenem Antriebe sagte: »Sie werden doch jetzt nicht nach der Stadt zurückkehren wollen, da mein Mann gekommen ist, der sich gewiß freut, mit Ihnen plaudern zu können! Auch sehen Sie, daß man Sie zu den genauen Bekannten des Hauses rechnet – man hat bereits ein Couvert für Sie aufgelegt.« »Bleiben Sie, lieber Freund,« sagte nun auch der Freiherr, »und wenn Sie mir vielleicht etwas mitzutheilen haben, so stehe ich nachher ganz zu Ihrem Befehl.« Darauf setzten sich die Vier um den Frühstückstisch herum, und da der Herr des Hauses jede Schüssel, welche ihm der Kammerdiener anbot, durch ein leichtes Kopfschütteln abwies, so mußte er auf einen fragenden Blick seiner Frau die allerdings nicht richtige Auskunft geben, daß er in der Stadt bereits gefrühstückt habe. »Ich hatte auf der Bank zu thun,« sagte er in gleichgültigem Tone, »und konnte dort eine Einladung des guten Direktors Schwemmer nicht abschlagen.« »Sahst du Jemanden aus der Gesellschaft?« »Ja, deinen Vetter Eugen Hartenstein und erfuhr Interessantes für meine liebe Lucy; es soll zur Beendigung der Saison noch ein großes Maskenfest bei Hofe stattfinden und sehr brillant werden, und wird man dir morgen oder übermorgen ein ganzes Paket Costumebilder senden. Auch wird Eugen, wie er mir sagte, selbst herauskommen, um dich zu einer Quadrille einzuladen.« »Ach, das ist prächtig!« rief das junge Mädchen. »Und sagte er nichts über das Costume, in welchem wir erscheinen werden?« »Nein, er schien sehr eilig zu sein.« »Eine maskirte Quadrille fehlt mir noch zu meinen Erlebnissen – wenn ich diese mitgemacht, habe ich alles genossen, was in der großen Welt vorkommt, nicht wahr, Mama, und kann dann im Nothfalle von meinen Erinnerungen zehren.« Sie warf bei diesen Worten, statt auf ihre Mutter zu sehen, einen lächelnden Blick nach Welden hinüber. »Du hast allerdings deinen Eintritt in die Gesellschaft auf eine recht geräuschvolle, glänzende Art gehalten – ich erinnere mich keiner Saison mit so vielen und meistens sehr glänzenden Festen – ehrlich gesagt, bin ich nicht betrübt darüber, wenn wir endlich einmal ein wenig Ruhe bekommen.« »Und ich, Mama, glaube mir, habe nächstens einen Horreur vor all den glänzend erleuchteten Sälen und betrachte meine kleine Lampe Abends, wenn wir einmal zufällig allein sind, mit dem Ausdrucke des innigsten Vergnügens.« »Glauben Sie, daß diese kleine Schwätzerin die Wahrheit sagt?« wandte sich die Baronin an den Ingenieur. »Warum nicht, gnädige Frau? Ja, ich bin überzeugt, Fräulein Lucy hat dieses Gefühl wirklich, täuscht sich aber vielleicht unbewußt in demselben. Sie ist der Feste und Bälle nicht so überdrüssig, als sie sich vielmehr nach einer kleinen Abwechslung sehnt.« »Wie wir Alle,« versetzte Frau von Rivola; »ich hoffe darauf, ja, ich bin davon überzeugt, daß du den nächsten Winter wieder mit dem gleichen Interesse beginnen wirst – nicht wahr, Albert, das ist auch deine Meinung?« »O ja, gewiß, mit dem gleichen Interesse, vielleicht noch mit einem ganz anderen Interesse, und dann mit um so größerem Interesse.« Die Baronin hustete leicht hinter der vorgehaltenen Hand; sie glaubte ihren Mann zu verstehen, ohne thun zu wollen, als verstände sie ihn – Graf Eugen Hartenstein bemühte sich allerdings auffallend um die schöne und so enorm reiche Cousine. – »Und wann soll dieses Maskenfest stattfinden?« fragte sie, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. »In der übernächsten Woche, glaube ich.« »Das wäre eine kurze Zeit, um mit neuen Costumes fertig zu werden,« meinte Lucy's Mutter. »Haben Sie schon ein Maskenfest bei Hofe gesehen?« wandte sich das junge Mädchen fragend an Welden. »Nein, mein Fräulein; es wird auch wohl nicht leicht sein, gerade an einem solchen Tage Zutritt zu erhalten.« »Bei einem solchen großen Maskenfeste weit eher, als bei einem kleinen Balle,« sagte Herr von Rivola. »Wenn es Ihnen Spaß machen würde, bäte ich den Obersthofmeister Seiner Majestät recht gern um eine Einladung für Sie.« Welden war schon im Begriffe, dieses freundliche Anerbieten dankend abzulehnen, als ihn ein eigenthümlicher Blick aus Lucy's schönem Auge traf, ein Blick, der ihm unwillkürlich zu Herzen ging und ihm eine seltsame Bewegung, sogar eine unerklärliche Aufregung verursachte. Es lag eine innige Bitte in diesem Blicke, sowie um ihre leicht geöffneten Lippen; sie fesselte seine auf sie gerichteten Augen damit, ja, hielt sie magnetisch fest, bis er, statt abzulehnen, das Anerbieten des Herrn von Rivola dankend angenommen. Vielleicht hätte er dies doch nicht gethan, wenn er die mißbilligende Miene der Frau des Hauses bemerkt hätte. Aber er sah in diesem Augenblicke nur Lucy, die jetzt mit dem Ausdrucke der herzlichsten Freude vor sich niederbückte. Das Frühstück war beendigt, und nachdem sich Alle erhoben, trat das junge Mädchen mit Welden an eines der geöffneten Fenster, um ihn auf die finster heranziehenden Wolken aufmerksam zu machen. Dann sagte sie rasch und leise: »Wie würde ich mich freuen, Sie auf jenem Maskenballe zu sehen!« Der Freiherr von Rivola war an den Kamin getreten und hatte seinen Fuß auf eine der Stangen desselben gestellt, als ihm die Baronin leise sagte: »Du weißt, ich kann diesen jungen Menschen recht wohl leiden; er versteht seine Stellung und überschritt nie die Schranken derselben, und diese gute Eigenschaft solltest du an ihm würdigen und ihn nicht, wie vorhin durch dein Anerbieten einer Einladung zu Hofe, in Kreise bringen, wo er sich unheimlich fühlt, da er nun einmal nicht hineingehört; doch lasse ich euch jetzt,« setzte sie mit lauter Stimme hinzu. »Vielleicht hast du mit Herrn Welden etwas Geschäftliches; ich glaube, er deutete so etwas an – komm, Lucy!« Sie grüßte den jungen Ingenieur wohlwollend, aber vornehm mit einem leichten Kopfnicken, wogegen das junge Mädchen Welden freundlich die Hand reichte, ehe sie mit ihrer Mutter den Salon verließ. Nach einer ziemlich langen Pause sagte Herr von Rivola: »Haben Sie etwas für mich, lieber Welden, so wollen wir in mein Schreibzimmer gehen; ich gebe Ihnen eine Cigarre, rauche auch vielleicht selbst mit – es heitert das auf und zerstreut unsere ernsten Gedanken.« Gleich darauf saßen Beide in dem uns bekannten Schreibzimmer, und zwar in einer Ecke desselben auf zwei bequemen Fauteuils an dem Fenster, welches eine Aussicht auf die fern liegende Stadt gewährte, Beide schweigend rauchend, Welden, indem er einen leichten Eingang zu seiner Mittheilung suchte, der alte Freiherr, welcher wieder in seine tiefen Träumereien verfallen war. Endlich richtete sich letzterer nach einem schweren Athemzuge in die Höhe und sagte, an den trüb bedeckten Himmel aufschauend: »Auch da zieht sich was Tüchtiges zusammen – Schnee oder Regen, letzterer wäre unangenehm; ich fürchte, das Wetter läßt Sie nicht ungestraft nach Hause kommen.« »Ich bin wohl Ihrer Ansicht, Herr Baron, und würde mich auch schon längst beurlaubt haben, wenn ich nicht herausgekommen wäre, um Ihre Ansicht in einer Sache zu hören, die mir so wichtig erscheint, daß ich sie nur Ihrer großen Erfahrung und Ihrem mich ehrenden Wohlwollen unterbreiten möchte.« »Ah, Sie haben etwas auf dem Herzen! Lassen Sie hören.« Nun erzählte Welden die Erlebnisse des gestrigen Abends; zuerst im Allgemeinen von der Einladung eines seiner Bekannten, an einem Souper Theil zu nehmen, die er abgelehnt, später aber doch aus Höflichkeit hingegangen sei. Man habe dort soupirt, stark getrunken und zuletzt noch stärker gespielt. Der alte Herr hatte den Kopf in die Hand gestützt und schien mit großer Gleichgültigkeit zuzuhören, bis Welden im Verlaufe seiner Erzählung sagte: »Es war der junge Welkermann, der beim Makao den Bankhalter machte.« »Ferdinand Welkermann – und wann geschah das?« »Gestern Abend, wie ich Ihnen schon sagte.« »Ah–a–ah, gestern Abend! Richtig, so sagten Sie! Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen ein wenig zerstreut zuhörte; seien Sie aber überzeugt, mein lieber Welden, daß ich jetzt Ihren Worten mit vollster Aufmerksamkeit lausche.« Und daß dem so war, sah man nun an der gänzlich veränderten Haltung des Freiherrn von Rivola. Er saß aufgerichtet in seinem Lehnstuhle und blickte Welden unverkennbar mit dem Ausdrucke der gespanntesten Aufmerksamkeit an. Dieser erzählte weiter von dem Verlaufe des Spiels, von dem Verluste des Bankhalters, von dessen scheinbarer Gleichgültigkeit bis zum Losbrechen der uns bekannten Scene, wo Ferdinand durch den Versuch, die Fünfhundertgulden-Note zu verbrennen, Anlaß zu seiner Einmischung gab, der alsdann jene Beleidigung folgte, welche der junge Ingenieur mit etwas gerötheter Stirn und leuchtenden Augen erzählte. Doch hatte man in diesem Augenblicke glauben können, der Freiherr von Rivola, der Zuhörer, sei bei dieser Angelegenheit eben so betheiligt, wie der Erzähler, denn er saß nicht nur hoch aufgerichtet da, lauschend mit gespanntester Aufmerksamkeit, sondern die Erregtheit in seinen Zügen drückte ein ganz besonderes Interesse aus. Er hatte mit den Händen die Lehne seines Sessels erfaßt und beugte sich vornüber, als wolle er jedes Wort, ja, jeden Gedanken von den Zügen des Anderen ablesen. Endlich aber, als jener geendigt, strich er langsam mit der Hand über die Augen und sagte, sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnend und sich gewaltsam fassend: »Das ist sehr stark unter Freunden!« »Wenigstens unter Bekannten.« »Und was thaten Sie heute Morgen darauf?« »Ich that, was ich thun konnte, und sandte in der Person des Oberlieutenants von Miltau einen Zeugen an Herrn Ferdinand Welkermann, um mit ihm das Nähere zu besprechen.« »Und dieser Zeuge?« »War noch nicht wieder zurück, als ich meine Wohnung verließ.« »Ah, mein lieber Freund, Sie hätten noch warten müssen! In einer solchen Sache muß Alles Schlag auf Schlag gehen, das ist so meine Ansicht.« Der alte Freiherr sprach dies, obgleich in gedehntem Tone, mit großer Energie, indem er jedes Wort scharf betonte, wobei seine Finger eigenthümlich zuckten. »Wenn man so etwas kühl werden läßt, so ist man nicht mehr im Stande, es mit der Zähigkeit zu behandeln, wie man dergleichen behandeln muß. Ich kann Ihnen nur sagen: dieser Herr Ferdinand Welkermann hat sich gegen Sie auf eine ganz unnennbare Art benommen; ich achte und schätze dessen Vater, den Herrn Stadtschultheißen, aber ich würde diesem jungen, übermüthigen Menschen eine derbe Lection recht wohl gönnen.« »Das ist auch ganz meine Ansicht, Herr Baron, und ich würde meinen ausgesandten Zeugen ohne einen besonderen Zwischenfall sicher in meiner Wohnung erwartet haben.« »Was war das für ein Zwischenfall, wenn ich fragen darf?« »Es besuchte mich ein Bekannter, der zufällig von unserer Streitigkeit erfahren hatte.« »Zufällig? So etwas erfährt man nicht zufällig,« antwortete Herr von Rivola mißtrauisch. »Wollte dieser Bekannte vielleicht vermittelnd auftreten?« »Das war allerdings die Absicht des Herrn Polizeiraths Merkel.« »Ah–a–ah – der . . .« »Vielleicht aus Freundschaft für den Stadtschultheißen, vielleicht auch als Mann der Ordnung.« »Das Letztere wäre allenfalls möglich, aber – doch bitte, lieber Welden, erzählen Sie weiter und so ausführlich, als es Ihnen möglich ist und Sie sich der Unterredung mit Herrn Merkel erinnern.« Das that denn auch der junge Ingenieur, und um so umständlicher, als er sah, mit welchem gesteigerten Interesse Herr von Rivola seinen Worten lauschte. Ja, dieses Interesse nahm so überhand, daß es ihn, als der Andere geendigt, nicht mehr auf seinem Stuhle duldete, sondern er sich rasch erhob, die Hände auf dem Rücken zusammenlegte und mit großen Schritten ein paar Mal in dem Gemache auf und nieder ging. »Dieser Polizeirath Merkel,« sagte er alsdann, vor Welden stehen bleibend, »ist in der That ein unvergleichlicher Beamter – so, so, er war also selbst bei jener Spielgesellschaft anwesend in Gestalt eines Kellners?« »Und so unkenntlich, daß ich ohne Arg mit ihm sprach, obgleich er mir ein paar Stunden früher eine Wette anbot, ich würde ihn in keiner seiner Verkleidungen erkennen.« »Ein Mann, vor dem sich die Verbrecher in Acht zu nehmen haben,« meinte Herr von Rivola nachdenkend. Dann fuhr er nach einer Pause wie aus Träumen empor und sagte: »Also so stehen die Sachen; Sie waren freundlich genug, dem Polizeirath Ihr Wort zu geben, die Sache während dreier Tage auf sich beruhen zu lassen.« »Sie hätten das wohl nicht gethan, Herr Baron?« fragte Welden, der auf dem Gesichte des alten Herrn ein ganz eigenthümliches Lächeln zu entdecken glaubte. »Ich? Gewiß nicht, das heißt, in meiner Jugend nicht, und auch jetzt noch müßten es ganz besondere Gründe sein, die mich zu so etwas bestimmen könnten. Doch bin ich weit entfernt, mein lieber Freund, Ihnen auch nur den geringsten Vorwurf darüber machen zu wollen, – o, ich kenne den Polizeirath Merkel! Unter der Maske der Freundschaft und des Wohlwollens versteht er es meisterlich, sich des Vertrauens irgend Jemands zu bemeistern, und seine Überredungskunst ist sprüchwörtlich geworden! Doch ist in der Sache noch nichts verloren. Sie haben allerdings in den drei Tagen eine überflüssige Menge Zeit, um Alles zu ordnen, und können am vierten, das wäre nächsten Samstag, Ihre Zusammenkunft haben; kann ich Ihnen dabei irgendwie nützlich sein, so bestimmen Sie über mich; als Ihren Zeugen will ich mich nicht anbieten, da Oberlieutenant Miltau vollkommen in Allem bewandert ist, doch werde ich Ihnen meinen Wagen mit den schnellsten Pferden zur Verfügung stellen – es könnte ja sein, daß das Duell einen ernsteren Ausgang nähme, als wir hoffen wollen. Sie fordern, und obgleich Herr Welkermann die Wahl der Waffe hat, so traue ich dem Herrn von Miltau doch wohl zu, daß er sich über Pistolen einigte, denn er weiß ja wohl so gut wie ich, daß Sie ein vortrefflicher Schütze sind.« »Ich muß jede Waffe annehmen, die mir Herr Welkermann vorschlägt, möchte auch, ehrlich gesagt, meine Überlegenheit im Schießen nicht gegen ihn benutzen; wenn er nicht selbst Pistolen verlangt, hoffe ich ihm aber auch mit dem Degen einen Denkzettel zu geben.« »Den er verdient und auch erhalten wird, mein lieber wackerer Freund, wenn Sie im entscheidenden Augenblicke nicht zu weichmüthig sind ... Glauben Sie mir, lieber Welden,« fuhr Herr von Rivola fort, nachdem er einen Moment zum Fenster hinausgeschaut, »ich habe durchaus kein Interesse daran, ob Sie sich mit Herrn Welkermann schlagen oder nicht, eben so wenig, ob dieser allerdings leichtsinnige und unverschämte junge Mensch etwas Tüchtiges abkriegt oder nicht, ja, ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht noch mehr gegen ihn aufreizen, denn Sie haben, weiß Gott, gegründete Ursache, ihn vor die Mündung Ihrer Pistole oder ohne Schonung vor die Spitze Ihres Degens zu nehmen – wie gesagt, weit entfernt davon, Ihren gerechten Zorn zu steigern, kann ich Ihnen doch nicht verschweigen, daß die Ihnen angethane Beleidigung eine so ausgesuchte, eine so intensive ist, daß ich darüber alle und jede Rücksicht vergessen würde. Verzeihen Sie mir, ich spreche darin nur meine individuelle Ansicht aus.« »Wofür ich Ihnen meinen Dank sage, denn sie ist auch die meinige, und obgleich ich jetzt noch mehr bedauern kann, auf den Polizeirath Merkel gehört zu haben, so weiß ich doch, was ich nach Ablauf der leider zugestandenen drei Tage zu thun habe.« »Ich bin überzeugt, daß Sie das wissen, und will nur noch hinzufügen, daß mich das Benehmen des Herrn Welkermann auf's tiefste empört hat. Verzeihen Sie mir, daß ich diesen unendlich kitzlichen und unendlich delikaten Punkt noch einmal berühre, aber es kann im Leben vorkommen, daß man, von seiner Aufregung hingerissen, Jemandem eine Ohrfeige gibt, und kann der also Handelnde immerhin ein ganz tüchtiger Kerl, ein vollkommener Ehrenmann sein, aber Jemandem eine Ohrfeige anbieten und ihn bitten, sie als genossen zu betrachten, das ist gemein, unverschämt und feige!« Welden stieg bei diesen Worten die Röthe in's Gesicht und er klemmte seine Unterlippe zwischen die Zähne, worauf Herr von Rivola in begütigendem Tone fortfuhr: »Und das ist gerade so, als wenn Ihnen ein toller Hund begegnet; Sie können augenblicklich nichts thun, als ihm aus dem Wege gehen oder, wenn Sie zufällig Offizier sind, Ihren Säbel ziehen, Ihren Angreifer zusammenhauen, um alsdann vor jedem vernünftigen Gerichte mit allen Ehren freigesprochen zu werden.« Welden hatte sich erhoben, und, indem er dem alten Freiherrn die Hand darreichte, sagte er: »Sie werden mich entschuldigen, daß ich Sie mit meiner Angelegenheit belästigte; aber es war nur darum zu thun, Ihren Rath zu hören sowie auch, Ihnen den Verlauf jenes Streites, der leider bei Spiel und Wein entstand, der Wahrheit gemäß zu erzählen. Und nun kann kommen, was will, ich werde in Ihren Augen, Herr Baron, sowie in denen Ihrer Frau Gemahlin, die mir so viel Wohlwollen bezeigte, nicht als Händelsucher oder als ein Mensch von zweideutigem Lebenswandel erscheinen.« »Wie können Sie nur dergleichen denken?« rief Herr von Rivola in bewegtem Ton. »Sie wissen ja, wie wir Alle hier Sie schätzen und lieben, ja, Sie wissen das, mein lieber Welden und können sich wohl denken, daß ich deßhalb dem Morgen des Samstags mit nicht geringerer Spannung entgegensehe, als Sie selbst, bitte Sie deßhalb dringend, mir den Ort der Zusammenkunft bezeichnen zu wollen und meinen Wagen anzunehmen; seien Sie überzeugt, daß im schlimmen Falle meine Rappen sie in wenigen Stunden über die Grenze bringen. Dann noch eine Frage, welche ich aus wahrhaft väterlicher Zuneigung an Sie richte und die ich vertrauensvoll zu beantworten bitte: Sind Sie genügend mit Geld versehen?« »Gewiß, für alle Fälle – ich danke bestens, Herr Baron.« »Auch darin sind Sie ein geordneter Mann, was mich freut – Sie wollen uns also schon verlassen? Gestatten Sie mir, daß ich für Sie einspannen lasse, der Himmel sieht so aus, als wolle er durch einen tüchtigen Regenguß mit dem Schnee die ernstesten Händel anfangen.« »Ich glaube, nicht so bald, mache mir auch nichts daraus und danke bestens für Ihr freundliches Anerbieten.« »Vergessen Sie aber nicht, mir früh genug den Ort Ihrer Zusammenkunft anzuzeigen!« »Gewiß nicht.« Welden verließ das Landhaus, ohne die Baronin und Lucy wiedergesehen zu haben. Als er in's Freie trat, fuhr ihm ein naßkalter Wind entgegen; es war ein recht trübseliger Wintertag geworden, der Himmel eine einzige graue Wolke, von der ein feiner Regen herabfiel und in den Sträuchern und Bäumen am Wege jenes eigenthümliche Geräusch des herabrutschenden Schnee's hervorbrachte. Um dem nachzuhelfen, schüttelte der Wind die Krone der Bäume, so daß kurze Zeit nachher, als Welden kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, die aus der beschneiten Hochebene hier und da hervortretenden kleinen Waldungen wie schwarze Inseln in einem stillen, weißen Ocean aussahen und alles das, zugleich mit dem trüben, melancholischen Tone der benachbarten Dorfglocken, einen unvergeßlich düsteren, traurigen Eindruck auf ihn machte. Neunzehntes Kapitel. Zwei Tage später saß der Polizeirath Merkel im Schreibzimmer seiner Wohnung und arbeitete. Es war dieses ein helles, freundliches Gemach auf der Polizeidirektion und bot einen ebenso behaglichen Anblick, als der Bewohner desselben mit seinem beständigen gleichförmigen Lächeln und der guten, wohlwollenden Miene. Die Wohnung des Polizeiraths, welche man ihm, dem Junggesellen und unermüdlichen Arbeiter, gern eingeräumt hatte, lag im ersten Stocke des großen, weitläufigen Gebäudes in einer der Hauptstraßen der Stadt, hatte eine weite Aussicht, da sie auf einen ziemlich großen Platz stieß, und bestand aus vier Zimmern und einem Vorzimmer, wo sich der Bureaudiener befand. Hier korrespondirte diese Wohnung mit der großen Treppe, hatte aber hinten vermittelst einer kleinen Stiege noch einen besonderen Ausgang und hier eine Thür mit einem festen und sehr künstlichen Schlosse, dessen Schlüssel Herr Merkel nie von sich ließ, ja, die er beständig selbst öffnete, wenn ein vertraulicher Besuch erschien, der sich durch eine nur sehr wenigen Personen bekannte Vorrichtung von der Straße her klingelnd bemerkbar machen konnte. Die ganze Wohnung, obgleich so zu sagen im Herzen der Polizei gelegen, hatte aber durchaus nichts von jenem Finstern oder auch nur Ernsten, welches diese erhabene Behörde sonst in fast allen ihren Gliedern oder Zweigen zu kennzeichnen pflegt. Hier sah man weder düstere Aktenschränke noch jene drohenden Stehpulte, hinter denen hervor wir gewohnt sind, auf kategorische Weise befragt zu werden, auch nicht jene langweiligen Tische, mit grünen Tüchern bedeckt, auf denen wir allerlei verdächtige Gegenstände, erbrochene Schlösser, Schlüssel und Dietriche, dünne Strickleitern, ja, Dolche und Pistolen zu sehen wähnen. Nichts sah man hier von allem dem, obgleich jedes der eben genannten Requisiten hier genügend vorhanden war; die Akten hatten sich schlauer Weise hinter den Thüren eines zierlichen Bücherschrankes mit grünseidenen Vorhängen verkrochen, die anderen verdächtigen Zeugen von der Thätigkeit des Polizeirathes fanden sich wohlgeordnet in verschlossenen Schubladen, und statt des steifen, grau angestrichenen Stehpultes sah man hier, quer an eines der Fenster geschoben, einen sehr eleganten Schreibtisch von feinem Holze, mit harmlosen Nippsachen besetzt, vor dem der Polizeirath in einem äußerst bequemen Lehnstuhle saß. Doch befand er sich nicht allein; vor ihm, die rechte Hand auf den Schreibtisch gestützt, stand eine sehr elegante Dame, in schwerem, dunkelen Seidenzeug gekleidet, in einem kurzen, grauen Mantel mit weißen Perlmutterknöpfen, einen kleinen, coketten, weißseidenen Hut auf dem Kopfe, kurz, die Oberbauräthin Lievens, die Schwester des Polizeirathes, in ihrer ganzen üppigen Schönheit. In der linken Hand hatte sie einen feinen Regenschirm und machte sich das Vergnügen, die Spitze desselben in den Papierkorb neben dem Schreibtische zu bohren, während sie mit einigen anderen Zeichen von Ungeduld den Worten ihres Bruders lauschte, der, ohne diese Ungeduld im geringsten zu theilen, freundlich und behaglich, wie es seine Gewohnheit war, mit ihr sprach. »Du siehst also, meine liebe Sophie,« sagte er, »daß ich dir eigentlich nicht mehr zu sagen im Stande bin.« »Eigentlich ja, aber uneigentlich, wenn du willst, habe ich jetzt, so zu sagen, wieder einmal Kastanien für dich aus dem Feuer geholt und kann nun mit schönem Danke von dir nach Hause gehen – hoffe aber, daß dein Zusatz »eigentlich« so viel sagen will, als: du wolltest heute einmal ein Übriges thun.« Der Polizeirath blickte lächelnd zur Decke empor, ehe er zur Antwort gab: »So seid ihr Weiber nun einmal, und wenn man die unschuldigsten Fragen von der Welt an euch stellt, so glaubt ihr immer, es müsse Gott weiß was Geheimes dahinter stecken.« »Und bei dir mit vollem Rechte; ich kenne deine harmlose Miene, weiß aber ganz genau, daß du nicht einmal fragst: Wie geht es Ihnen? oder: Wie viel Uhr ist es? ohne deine besonderen Gründe dazu zu haben.« »Da müßte ich ja ein ganz unglücklicher Mensch sein!« »Das bist du auch, aber glücklich in deinem Unglücke; doch wozu diese Abschweifung, genug, ich will nun einmal wissen, warum mich der Herr Polizeirath mit seinem außerordentlichen Vertrauen beehrt, warum du mich veranlaßt, dir die genauesten Mittheilungen zu machen, was Herr Welden thut und treibt.« »Warum? Weil ich an diesem jungen, vortrefflichen Manne, wie du selber weißt, einen ganz besonderen Antheil nehme – einen Antheil, setzte er freundlich lächelnd hinzu, in dem wir uns begegnen.« »O, mein Interesse ist ganz anderer Art, in Wirklichkeit wohlwollend, harmlos, nicht nur dem Scheine nach.« »Das meinige ebenfalls; habe ich je eine Äußerung anderer Art über ihn fallen lassen?« »O nein, aber du hast deine guten Gründe, um über alles das, was er in den letzten Tagen that und thut, unterrichtet zu sein, und diese Gründe will ich wissen.« »So, du willst?« »Ja, mein lieber Bruder – wenn du nicht willst, daß ich Herrn Welden einfach sage: nehmen sie sich in Acht, die hohe Polizei läßt Sie beobachten, sie weiß durch mich, daß sie in den letzten zwei Tagen viel zu Hause waren und schrieben, alle ihre kleinen Rechnungen bezahlten, ja, gestern Abend spät einen Koffer packten, als wenn sie eine weite Reise machen wollten.« »Nun, wenn du ihm das sagtest,« entgegnete Herr Merkel in fast lustigem Tone, »so würde Herr Welden ungefähr wissen, um was es sich handelt.« »So werde ich es sogleich thun, sobald ich nach Hause komme.« »Sei gescheit, Sophie, und glaube mir, daß alles, was geschieht, nur zum Besten deines Herrn Welden ist.« »Meines Herrn Welden?« versetzte die schöne Frau achselzuckend – »gut denn, so sei auch du so gescheit und sage mir, was ich wissen will, denn du bist überzeugt, daß ich nichts gegen das Interesse meines Herrn Welden thun werde.« Der Polizeirath hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, rieb alsdann seine Hände behaglich um einander und betrachtete seine Fingerspitzen, indem er sagte: »Das ließe sich allenfalls thun, wenn du klug genug wärest, nicht klüger sein zu wollen, als es dir die Klugheit – das bin ich – gebietet; es ist das auch eigentlich gar kein Geheimniß, am wenigsten ein Amtsgeheimniß und am allerwenigsten etwas gegen die Person des Herrn Welden gerichtet, nein, nein, wie schon bemerkt, das alles geschah und geschieht gerade in seinem Interesse.« »Nun, so theile mir dieses Interesse mit.« »Dir könnte ich das wohl, aber so wie du das dir Mitgetheilte weiter mittheiltest, so hätte es alles Interesse verloren für dich, für mich und für Herrn Welden.« »Wenn ich dir nun aber mein Wort gebe, weder über das, was du mir mittheilst, zu reden, noch auf irgend welche andere Art Jemandem darüber Mittheilung zu machen – du weißt, man kann Jemandem auch schriftlich mittheilen oder in einem Selbstgespräche, – wenn ich dir nun aber verspreche, nichts dergleichen zu thun, oder wenn ich dir im anderen Falle die Versicherung gebe, sogleich Herrn Welden zu sagen, daß er beobachtet wird und daß du es leider schon wüßtest, er habe Vorbereitungen zu einer längeren Reise gemacht?« »Ja, ja, vielleicht zu einer längeren Reise.« »Nein, nein, das ist nicht möglich,« rief die schöne Frau in großer Erregung, »das würde Herr Welden niemals thun; er würde mich – uns nicht heimlich verlassen, das traue ich ihm nicht zu – o, gewiß nicht – gewiß nicht!« »Man wird oft zu etwas gegen seinen Willen gedrängt.« »Wer sollte ihn drängen? Herr Welden ist in jeder Beziehung ein wohlgeordneter junger Mann, und als mein Mann gestern seine kleine Tour antrat – er ist, wie du weißt, in Geschäften für acht Tage abwesend, – da besprach er noch Dies und Das mit Herrn Welden und übergab ihm das ganze Bureau, wie er es ja immer zu thun pflegt, sobald er sich in Geschäften entfernt – aber deine Worte sind zweideutig, wie immer, und wenn du sagst: eine Reise, so lauert etwas Anderes dahinter – sei ehrlich, Joseph, wie ich es immer gegen dich gewesen bin!« »›Wer kann dir widerstehen?‹ heißt es in irgend einer Oper,« erwiederte freundlich Herr Merkel. »Gut, ich will von meiner Gewohnheit abgehen und dir ehrlich und offen sagen, um was es sich handelt; aber setze dich dort in den kleinen Fauteuil, damit, wenn du erschrickst . . .« »Unbesorgt, ich habe eine starke Natur.« »Herr Welden hat neulich Abends einen kleinen Streit mit irgend Jemandem gehabt, der ihn dabei auf's gröbste beleidigte, so daß also Herr Welden sich veranlaßt sah, jenen um eine Zusammenkunft zu bitten.« »Ein Duell – ah, ich glaube, du sagst die Wahrheit!« »Wie immer, wenn ich will. Allerdings, es ist ein Duell auf Pistolen, fünf Schritte Barriere, welches morgen früh sieben Uhr in einem kleinen Wäldchen zwischen hier und dem Landgute des Barons Rivola, Eichenwald, stattfinden soll.« »Und ist Baron Rivola dabei betheiligt?« fragte Madame Lievens hastig. »Kaum – es müßte denn sein, daß der Freiherr unserem jungen Freunde für einen möglichen ernsten Fall Wagen und dergleichen angeboten hat.« »Sonst wäre kein Grund denkbar, weßhalb sich Herr von Rivola für dieses Duell interessirte?« »Keiner, darüber kannst du dich beruhigen,« erwiederte der Polizeirath, indem ein ganz kleines Lächeln in seinen Mundwinkeln erschien. Die Oberbauräthin that einen tiefen Athemzug und ihre schönen, dunkeln Augen schienen mit Einem Male umflort; sie preßte die frischen, weichen Lippen fest auf einander und blickte ihren Bruder ein paar Augenblicke starr an, ehe sie sagte: »Ich glaube dir – das ist ja aber entsetzlich!« »Nicht wahr? Ein Duell auf fünf Schritte Barriere, und wegen einer ganz elenden Ursache!« Die schöne Frau faltete ihre Hände krampfhaft zusammen und sagte mit einem flehenden Blicke: »Ich bitte dich, Joseph, theile mir auch jene Ursache mit!« »Warum nicht; es war neulich Abends bei einer Spielgesellschaft, an demselben Tage, wo ich Herrn Welden bei dir traf und mit ihm fortging. Er kam zu dieser Gesellschaft, weil er es versprochen hatte, und da entstand ein Wortwechsel, bei welchem Herr Ferdinand Welkermann – du siehst, wie aufrichtig ich bin – unserem jungen Freunde eine Beleidigung zuschleuderte, die allerdings, nach unseren Begriffen von Ehre, nur durch ein scharfes Duell wieder abgewaschen werden kann.« »O mein Gott, o mein Gott!« rief die schöne Frau aus, indem sie händeringend im Zimmer auf und ab ging. »Ich erfuhr das alles zufällig,« sagte der Polizeirath mit großer Ruhe, »und da ich hoffte, die Sache ließe sich am Ende doch noch gütlich beilegen, so veranlaßte ich Herrn Welden, mir sein Ehrenwort zu geben, drei Tage lang das Duell zu verschieben. Das war nun vorgestern, und heute Abend oder vielmehr morgen früh um sieben Uhr sind die bedungenen drei Tage vorüber.« »Und das Duell wird stattfinden?« rief sie angstvoll. »Würde stattfinden, wenn du, meine liebe Schwester, mir nicht durch deine Mittheilung bewiesen hättest, daß Herr Welden ein Hitzkopf ist, der, trotzdem ihm Herr Welkermann die genügendsten Erklärungen geben will, doch die Sache mit der Pistole in der Hand abzumachen wünscht, und weil ich deßhalb andere Maßregeln treffen muß.« »Und du glaubst, das Duell verhindern zu können?« »Zuversichtlich, wenn du dein mir gegebenes Wort hältst und Herrn Welden keine Mittheilungen machst – wogegen im anderen Falle allerdings der junge Herr gewarnt würde und Mittel und Wege fände, die Zusammenkunft doch stattfinden zu lassen.« »Also morgen früh?« »Morgen früh um sieben Uhr.« »Aber sage mir, Joseph, wie kannst du es möglich machen, daß Herr Welden das Haus morgen früh nicht verläßt, um seinen Feind irgendwo zu finden?« »Ja, wenn ich das vermöchte, wenn ich ihn wie einen Schulknaben in sein Zimmer einzuschließen vermöchte, nur bis sieben Uhr – aber das ist unmöglich – doch habe ich noch ein anderes Mittel, das mir nicht so leicht fehlschlägt.« Frau Lievens war an das Fenster getreten; sie faßte mit der Hand den Griff der Verschlußstange und drückte ihre heiße Stirn gegen das kalte Metall. So verblieb sie ein paar Minuten in tiefes Nachdenken versunken und schrack alsdann sichtbar zusammen, als ihr der Polizeirath in launigem Tone zurief: »Nun, willst du mich in meinen Bemühungen unterstützen? Denke dir etwas aus, um ihn von diesem garstigen Duell zurückzuhalten. Ihr Weiber seid erfinderisch, du könntest ja zum Beispiel sämmtliche Hausschlüssel verloren gehen lassen.« Sie hatte sich gegen ihren Bruder gewandt und blickte ihn starr an, wobei man aber deutlich an dem Ausdrucke ihrer großen, glänzenden Augen sah, daß ihre Gedanken anderswo beschäftigt waren, was auch der Polizeirath zu bemerken schien, denn er erhob sich, trat lächelnd auf sie zu und sagte, ihre Hand ergreifend: »Wahrhaftig, Sophie, überlege dir das mit den verloren gegangenen Hausschlüsseln, du könntest mir und ihm dadurch einen großen Dienst erzeigen.« »Also morgen früh um sieben Uhr,« sagte sie, tief und schwer athmend; »aber da ist es ja noch dunkel.« »Im Gegentheil, hell genug, um seinen Mann auf fünf oder zehn Schritte zu sehen – man sieht, daß du spät aufstehst.« »Ja, das ist wahr,« gab sie träumerisch zur Antwort, um aber gleich darauf mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit hinzuzufügen: »Du wirst mit mir zufrieden sein, Joseph, das heißt mit der Verschwiegenheit, die ich deinem Vertrauen entgegensetze – also du glaubst wirklich, das Duell verhindern zu können, selbst wenn Herr Welden auf dem Kampfplatze erscheint?« »Selbst dann noch – doch wäre es mir allerdings lieber, wenn er die gegebene Frist von drei Tagen freiwillig verlängern wollte; es ist aber dazu nicht die geringste Aussicht vorhanden – versuche du einmal deine Überredungskunst.« »Recht gern,« gab sie zur Antwort, wobei es freudig in ihren Augen aufglänzte; »aber so müßte ich ihm ja gestehen, daß ich um das Duell weiß.« »Nun so gestehe es ihm, es wissen noch mehr Leute darum.« »Und meine Belohnung?« fragte sie mit einem reizenden, schalkhaften Lächeln. »Das Bewußtsein, eine gute That gethan zu haben, mit dem ich mich so oft zufrieden geben muß.« Sie reichte ihm ihre Hand, worauf er mit ihr das Zimmer verließ und sie über die kleine Nebentreppe hinabgeleitete. Als er wieder zurückkam, trat er an das Fenster und sah die Oberbauräthin, welche das Ende des großen Platzes erreicht hatte und dort stehen blieb, um mit Jemandem zu sprechen; er erkannte aber die andere Dame nicht und nahm seine Lorgnette zu Hülfe, wo er dann, das rechte Auge zugekniffen, mit einiger Anstrengung sah, daß es die Frau Revisorin Welkermann war, welche mit seiner Schwester etwas Wichtiges zu verhandeln schien und sie dann in eine Nebenstraße begleitete. »Ich möchte gerade nicht, daß sie mit dieser General-Stadtklatsche von der Geschichte spräche. Doch ist Sophie selbst so klug, das nicht zu thun.« So dachte Herr Merkel, während er an seinen Schreibtisch zurücktrat und dort durch ein Zeichen mit der Glocke den Amtsdiener herbeirief, der auch sogleich erschien. »Da, nimm meine Lorgnette, Anton, und laß sie mir wieder herstellen: es fehlt das rechte Glas.« »Haben der Herr Polizeirath das Glas nicht mehr?« »Doch, doch, ich glaube, ich habe es zu mir gesteckt – richtig, da ist es.« – Er griff in seine Westentasche und zog das in Papier eingewickelte Glas hervor. – »Da, nimm es; es ist mir vor ein paar Tagen herausgefallen, doch glaube ich nicht, daß es Schaden gelitten hat.« Der Amtsdiener entwickelte das unscheinbare, vergilbte Papier und ließ es auf den Schreibtisch niederfallen, worauf er das Augenglas aufmerksam betrachtete, welches aber durch den Fall keinen Schaden gelitten hatte; dann verließ er das Zimmer, da er keinen weiteren Befehl von dem Polizeirathe erhielt. Dieser ließ sich wieder in seinen Stuhl nieder, warf ein Knie über das andere und stützte den Kopf in die Hand. »Ich weiß nicht,« dachte er, »warum ich den Gedanken nicht los werden kann, daß Ferdinand Welkermann in irgend einem Zusammenhange mit dem so plötzlichen Auftauchen falscher Banknoten steht? Die unsinnige Verschwendung dieses jungen Menschen in der letzten Zeit ist um so mehr Verdacht erregend, da mir der Stadtschultheiß die Versicherung gab, von ihm beziehe er dergleichen Summen nicht, und eben so wenig von der Frau Mama, wenn diese auch allerdings all ihr Erspartes, ja, das Meiste, worüber sie verfügen kann, an ihren saubern Herrn Sohn wendet; nun ist es allerdings möglich daß er sich mit Schulden behilft, mit Wucherschulden, doch die Leute, bei denen er anklopft, unter Anderen Madame Mayer, sind keine so ergiebigen Quellen. Daß Herr von Rivola allerdings die bewußte Fünfhundertgulden-Note für echt erklärte, hat mein Concept ein wenig verrückt, denn wenn Einer das versteht, so ist es der alte Freiherr; ja, wäre die Note falsch, so gäbe mir das ein wundervolles Licht, doch zweifelt ja auch der Chef der Notenfabrikation nicht an ihrer Echtheit – pah, das wäre eigentlich kein haltbarer Grund, sind doch sämmtliche Beamten nicht im Stande, mit Gewißheit zu sagen, welche von den vorgekommenen gleichlautenden Nummern der Tausender-Noten echt und welche falsch ist – – und immer und immer wieder kommen meine Gedanken auf jenen jungen Menschen zurück; dieses wahrhaft tolle Umgehen mit Banknoten, das Vorkommen der gefälschten in der königlichen Bank, und gerade in Paketen, welche niemand Anderes wie Welkermann sortirt hat – nein, nein, ich darf mich der Möglichkeit nicht aussetzen, daß mir Welden diesen kostbaren Ferdinand todtschießt – ah, es wäre keine Kleinigkeit, die Urheber solch' prächtiger Fälschungen zu entdecken, dadurch könnte mir ein glänzendes Avancement, vielleicht bis zum Polizeiministerium, nicht entgehen.« Er richtete sich bei diesen Gedanken hoch auf, indem er fortfuhr: »Mein alter, würdiger Chef wartet so nur noch auf einen passenden Nachfolger.« Der Amtsdiener war leise in's Zimmer getreten und meldete den Polizeiagenten Schmetterer, welcher nach einer Handbewegung des Polizeirathes gleich darauf eintrat. Wenn wir hier beifügen, daß Herr Schmetterer die rechte Hand seines unmittelbaren Chefs genannt werden konnte und ihm in den verwickeltsten Angelegenheiten schon die außerordentlichsten Dienste geleistet, so thun wir es, weil das unscheinbare Äußere dieses Mannes durchaus nicht im Einklange mit solchen vortrefflichen Eigenschaften stand. Herr Schmetterer, der in Civilkleidern erschien, hatte ein unbedeutendes, verflachtes Gesicht von einem fast einfältigen Ausdrucke, dazu fahles, blondes Haar, eine schlaff herunterhangende Unterlippe und bewegte sich in eckiger, schlotteriger Art. »Nun, was haben wir Neues?« rief ihm der Polizeirath entgegen. »In der Angelegenheit mit Herrn Welden unveränderter Standpunkt; der Kutscher Klein ist mit einem verschlossenen Wagen auf morgen früh sechs Uhr an das Kaltenberger Thor bestellt, der Herr Lieutenant von Miltau war einige Male bei dem Doktor Brenner; auch wissen der Herr Polizeirath wohl, daß Herr Welden vorgestern, nachdem Sie ihn eben verlassen, zu Fuß nach Eichenwald hinaus spazierte.« »Ja, ja, davon habe ich mich zufällig selbst überzeugt, und Sie sagten es mir ja auch.« »Erfuhr aber noch, daß er droben an dem alten Wartthurme Fräulein von Rivola traf und mit ihr zu Fuße nach Eichenwald ging.« »Ei der Tausend, das interessirt mich!« »Auch daß Herr Welden bis drei Uhr Nachmittags in Eichenwald blieb und dann im stärksten Regen zu Fuße nach Hause zurückging?« »Also mit Fräulein von Rivola spazierte er und traf die junge Dame ohne alle Begleitung da oben?« »Sie war in ihrem kleinen Schlitten mit ihren Schecken und ihrem Bedienten dorthin gefahren.« »Ich danke Ihnen – was wissen Sie sonst noch?« »Etwas, das vielleicht interessanter ist: Franz Steffler bereitet sich stark zur Abreise vor – doch das wissen Sie und wäre vielleicht heute Morgen schon abgereist, wenn ich es nicht für gut befunden hätte, eine Verzögerung in der Ausfertigung seiner Papiere eintreten zu lassen.« »Das ist sehr gut.« »Er macht seinen Bekannten, unter denen ich einige Freunde habe, durchaus kein Hehl daraus, daß er Jemandem durch seine Abreise einen großen Dienst erzeigt.« »Ei, ei – weiter, Herr Schmetterer!« Der Polizeiagent schlug langsam seine Augen auf, mit denen er bis jetzt hartnäckig an sich hinunter geschaut hatte, und wer diesen Blick so ohne Verstellung, wie jetzt, aus dem dummen Gesichte hervorleuchten sah, dem mußte es sogleich klar werden, daß er es in Betreff dieses Gesichtes, sowie der ganzen einfältigen Haltung des Menschen mit einer wohlberechneten Maske zu thun habe; dieser Blick war voll Klugheit, Intelligenz und Bosheit. »Ja, ja, das deuteten Sie neulich schon an, und dieser Jemand ist Herr Ferdinand Welkermann – aber glauben Sie in der That, Schmetterer, daß der einzige Zusammenhang zwischen Beiden jenes junge Mädchen ist, die Margarethe im Hause des Stadtschultheißen?« »Die dort war, Herr Polizeirath,« erwiederte der Andere, wobei er das ›war‹ sehr stark betonte, »denn Jungfer Margarethe ist heute Morgen abgereist – zu Verwandten, wie es heißt; ich hätte auch gern ihre Abreise verhindert, doch war der Herr Stadtschultheiß selbst so gütig, sich der nöthigen Papiere für die hübsche Margarethe anzunehmen.« »Beantworten Sie mir meine Frage: glauben Sie nicht, daß sonst etwas den Steffler zur Abreise nöthigen könnte oder er noch auf irgend eine andere Art mit Ferdinand Welkermann zusammenhängt?« »Ich sehe nicht klar darin,« gab der Polizeiagent mit einem lauernden Blicke auf das in diesem Moment höchst gleichgültig aussehende Gesicht Herrn Merkels zur Antwort; »Steffler ist mir allerdings ein Räthsel, zu dem ich jedoch noch keine Auflösung finden kann: Schulden hatte er zwar, doch sind alle pünktlich bezahlt – mit was für Geld? Darüber sind die Ansichten verschieden; ich glaube, mit dem Kapital, welches er von Herrn Ferdinand Welkermann erhalten, um den Reisebegleiter der Jungfer Margarethe zu machen, Andere aber wollen dagegen behaupten, er sei von einem sehr vornehmen Herrn unterstützt worden.« »Das sagten Sie früher schon: von Herrn von Rivola – doch ist das ganz unverdächtig; dieser Steffler war ein sehr geschickter Kupferstecher, und wir wissen ganz genau, daß Herr von Rivola dergleichen Leute gern protegirte.« Wiederum leuchtete ein eigenthümlicher Blitz aus den herabfallenden Augenlidern des Herrn Schmetterer auf seinen Chef, um abermals auf dessen gleichgültigem Gesichte wieder zu erlöschen; dann sagte er: »Daß Steffler in letzter Zeit viel mit dem alten Bedienten des Herrn von Rivola verkehrte, ist übrigens unläugbar.« »Lassen Sie das, Schmetterer,« fuhr der Andere fort; »wenn man in gewagten Zusammenstellungen zu weit geht, so kann es Einem gehen wie einem Reiter, der sein Pferd muthwillig und unvorsichtig steigen läßt, um es zu weiten Sprüngen zu forciren: man läuft Gefahr, zu überschlagen – lassen Sie mir den alten Friedrich in Ruhe, das war ein guter und braver Mensch.« »Den Gefallen kann ich dem Herrn Polizeirathe mit großer Leichtigkeit thun, denn Friedrich, der Diener des Herrn von Rivola, ist heute in aller Frühe abgereist, und fand ich diese schnelle Abreise ein wenig sonderbar.« »Ich durchaus nicht – dem armen Menschen war der Aufenthalt in dem alten, unheimlichen Hause, nachdem obendrein seine Frau gestorben, unleidlich geworden, und da das Haus verkauft wurde – ich war selbst bei der Verhandlung –, so begreife ich vollkommen, daß er es so bald als möglich verließ.« »Jawohl, nachdem er Tag und Nacht gearbeitet, um die Gegenstände in dem sogenannten Atelier des Herrn von Rivola theils durch Feuer und Hammer zu zerstören, theils zum Mitnehmen in Kisten zu verpacken.« »Auch diese Eile finde ich begreiflich, denn der Stadtschultheiß hat seine Gründe, so bald als möglich im Namen der Stadt von dem alten Thurme Besitz zu nehmen.« Hier lächelte Herr Schmetterer so auffallend, daß der Polizeirath nicht umhin konnte, nach der Veranlassung zu fragen, worauf der Polizeiagent zur Antwort gab: »O, nichts Besonderes, es ist nur die alte Geschichte, die mir immer so komisch erscheint, so oft ich davon höre, und ich höre oft davon; das Geheimniß der Stadt nämlich, der alte Thurm, der unterirdische Gang im Zusammenhange mit dem Rathhause und im Zusammenhange mit dem Stadtschultheißen – doch darf man Ihnen, Herr Polizeirath, mit solchen Klatschereien nicht kommen, ich weiß das wohl.« »Nein, gewiß nicht – ich hasse dergleichen.« »Auch ich glaube nicht daran, Herr Polizeirath, aber wie oft hat sich schon in solchen Reden und Gerüchten ein Körnlein Wahrheit gefunden, und die Kunst liegt nur darin, sie herauszubringen.« »Pah, Unsinn!« »Gewiß, sehr viel Unsinn, Herr Polizeirath – aber glauben Sie mir, es ist doch auffallend, daß es in unserer guten Residenz keine Zusammenkunft gibt, keine Thee- und Kaffeegesellschaft, worin das Geheimniß der Stadt, wie sie es nennen, nicht des Langen und Breiten verhandelt wird.« »O ja, ich weiß das alles,« versetzte Herr Merkel mit Zeichen der Ungeduld: »der Stadtschultheiß hat Gott weiß welch' finstere Gründe gehabt, den unterirdischen Gang zumauern zu lassen – wer weiß, was er selbst in früheren Zeiten in dem alten Thurme Schreckliches getrieben und heute noch treibt, natürlich in Gemeinschaft mit Herrn von Rivola, dessen Reichthum, dessen plötzliches Erscheinen vor Jahren hier, ja, dessen blaue Brille Allen so verdächtig ist – geben Sie nur Acht, lieber Schmetterer, sogar daß er der Stadt sein kleines, aber immerhin nicht werthloses Besitzthum beinahe zum Geschenk macht, wird auf's Neue Veranlassung geben, ihn zu verdächtigen.« »O ja, ist schon geschehen.« »Ihn und seinen alten Diener, von dem man ja ohnehin schon erzählt, er hätte seine Frau umgebracht.« »Und mit allen Nebenumständen erzählt man das: dadurch, daß er ihr Blei in's Ohr gegossen habe – will man doch von diesem geschmolzenen, erkalteten Blei unter verdächtigenden Umständen in dem unterirdischen Gange gefunden haben.« »Zufällig war es Kupfer, wie ich Ihnen neulich schon sagte – sehen Sie, Schmetterer, wie dieses alte Weibervolk Land und Leute hinter einander hetzt.« »Und schonen nicht einmal ihren Stadtschultheißen, denn daß er bei allem dem betheiligt ist, das erfährt man sehr leicht durch das Augenwinken und Achselzucken; die gewisse Frau, die in dem Häuschen am alten Thurme wohnte, war nicht des Dieners Frau und würde vielleicht am Leben geblieben sein, wenn man dem Stadtschultheißen gestattet hätte, den alten Gang zu vermauern.« »Das sind ja Ungeheuerlichkeiten, Schmetterer – darin ist aber auch nicht die Spur eines vernünftigen Zusammenhanges.« »Braucht's auch gar nicht, Herr Polizeirath, um in unserer guten Stadt Klatschereien auszusinnen und auszubreiten – ich möchte mich anheischig machen, es als glaubwürdig unter dieses Volk zu bringen, daß ich, Schmetterer, trotz meines blonden Haares und meiner durchaus nicht jüdischen Physiognomie, ein heimlicher Israelite bin, der an jedem Ostertage ein unschuldiges Christenknäblein abschlachtet – viele alte Weiber beiderlei Geschlechtes würden die Sache für möglich halten, und das wäre doch noch viel unwahrscheinlicher, als das Andere.« »Als welches Andere?« fragte ihn der Polizeirath in sehr ungeduldigem Tone. »Als ein Zusammenhang zwischen dem alten Thurme mitsammt seinem Besitzer, dem Herrn von Rivola, und dem Stadtschultheißen.« »Pfui, Schmetterer, ich hätte Sie für gescheiter gehalten! Reden wir nicht mehr darüber.« »Und Franz Steffler, für den sich Friedrich im Namen und Auftrage seines Herrn gestern Abend noch auf's dringlichste verwandte?« »Er wird nicht aus der Welt gehen; halten Sie meinethalben seine Papiere noch ein paar Tage zurück, wenn es ohne Aufsehen geschehen kann.« »Und mit Herrn Welden?« »Das ist ein eben so unangenehmes als schwieriges Geschäft,« antwortete der Polizeirath, während er im Zimmer hin und her ging, gefolgt von dem zuweilen seltsam aufleuchtenden Blicke seines Untergebenen. »Also kann ich darin weiter nichts thun?« »Nein. Ich danke Ihnen, lieber Schmetterer; was da geschehen soll, muß ich selbst besorgen.« Nachdem hierauf der Polizeiagent das Zimmer verlassen, trat Herr Merkel für einen Augenblick an das Fenster und murmelte mißmuthig, während er auf den Platz hinausschaute: »Der Teufel hole dieses Geheimniß! Es ist ein wahres Unglück, daß man Herrn Schmetterer und Consorten so nothwendig braucht – hat mir da mit seinem dummen Stadtklatsch die ganze Laune verdorben – suchen wir uns einen Sorgenbrecher.« Dabei trat er an den Tisch zurück und nahm aus einem dort befindlichen Kistchen eine Cigarre, dann, als er kein Feuerzeug vorfand, klingelte er und ließ sich eine brennende Kerze bringen. Der Diener stellte diese auf den Tisch und drehte aus einem unbeschriebenen Stückchen Papier, welches auf dem Schreibtische lag, einen Fidibus, den er angezündet seinem Herrn darreichte. Der Polizeirath brannte seine Cigarre an, und als er hierauf den Fidibus ausblies, hefteten sich seine Augen auf das Stückchen Papier, zuerst mit einem Blicke höchster Gleichgültigkeit, welcher sich aber gleich darauf in den des höchsten Interesses verwandelte: er faltete das Papier rasch aus einander, legte es vor sich hin und öffnete hierauf eine kleine Schublade an seinem Schreibtische, worauf er hastig ein Briefcouvert und aus demselben die uns wohlbekannte angebrannte Fünfhundertgulden-Note nahm, dann eilte er mit beiden an das Fenster, wo er mit der größten Aufmerksamkeit die angebrannten Stellen mit einander verglich. Er mußte dabei zu einem für ihn eben so wichtigen als überraschenden Ergebnisse gelangt sein, denn seine Augen glänzten hell vor Aufregung und um seine Mundwinkel spielte ein eigenthümliches Lächeln der Befriedigung. Er wiederholte diese Untersuchung noch einige Male auf's angelegentlichste, dann sprach er zu sich selber, während er beide Hände niedersinken ließ: »Das wäre ein unerhörter Fund, zu schön, um so ohne Weiteres daran zu glauben; es ist mir doch schon damals aufgefallen, daß der verbrannte Rand dieser Banknote auf eine eigenthümliche Art in's Gelbliche schimmert, was ich früher an Papieren nie bemerkt .. . Und wenn dem so ist, so haben wir es hier mit dem gleichen Stoffe zu thun, aus dem man die Banknote verfertigt, und es ist dies dasselbe Stückchen Papier, in welches ich mein wiedergefundenes Augenglas wickelte und das ich gefunden in dem Atelier des Herrn von Rivola – vielleicht aber auch eine wunderbare, wenn gleich unverdächtige Zufälligkeit . . . Ah, wer könnte auch Anderes mit jenem Namen in Verbindung bringen?! Doch forschen wir weiter – und auf eine so einfache Art, daß es mir unbegreiflich ist, wie ich nicht sogleich darauf verfiel!« Er hob rasch das Papier in die Höhe, und als er, es gegen das Licht haltend, hinschaute, bemerkte er, aber nur am äußersten Rande, Spuren des ihm so wohlbekannten Wasserzeichens. Er legte die Hände auf dem Rücken zusammen und ging nachdenklich auf und ab. »Hier haben wir es also,« fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, »unzweifelhaft mit einem Stückchen Banknotenpapier zu thun, und zwar der Farbe des Brandes nach mit einem Stückchen echten Papiers, da auch jene Fünfhundertgulden-Banknote, welche genau dieselben Brandränder hat, nach der Versicherung eines so großen Kenners wie Herrn von Rivola echt ist . . . Wie kommt aber ein Stückchen echten, ungedruckten Banknotenpapiers in den Besitz des Freiherrn? Eine wichtige Frage, doch im Grunde nicht schwer zu beantworten: wie oft hat Herr von Rivola an betreffender Stelle Rathschläge und Winke, die Notenfabrikation anbelangend, gegeben, und wie leicht ist es nicht möglich, daß er sich zu irgend einem Experimente in dieser Richtung etwas von diesem Papiere verabfolgen ließ! Wir wollen uns diesen Punkt notiren; eine Anfrage danach kann immerhin nichts schaden.« Er zog bei diesen Worten seine bekannte Brieftasche hervor und machte die nothwendigen Notizen. »Anders aber würden sich die Sachen gestalten, wenn, entgegen der Ansicht des Herrn von Rivola und meiner Ansicht gemäß, die bewußte Fünfhundertgulden-Banknote falsch wäre. Ich komme mit meinem Verdachte immer wieder auf Ferdinand Welkermann zurück, hinter dessen Namen sich natürlich die wirklichen Verfertiger verbergen. »Wäre aber die Fünfhundertgulden-Banknote falsch, so könnte auch dieses Papier hier von einer Fälschung herrühren und wäre, als im Atelier des Herrn von Rivola gefunden, Verdacht erregend – auf wen aber? Auf diesen Herrn selber? Gott soll mich in Gnaden vor einem solchen Gedanken bewahren, das würde selbst für den Polizeirath Merkel zu ausschweifend, zu toll sein! Aber jene Werkstatt selber, Jahre lang im Besitze und unter der alleinigen Aufsicht jenes Dieners, der mit seinem finsteren, verschlossenen Wesen eigentlich nichts Zutrauen Erregendes hatte ... »Vorläufig wollen wir eine zweite Notiz machen, genaue Untersuchung der besten Fachmänner einleiten, ob sie diese Fünfhundertgulden-Note für echt erklären, oder ob man irgend ein verdächtiges Zeichen an derselben entdecken könne. »Wäre in dem Atelier des Herrn von Rivola etwas Ungehöriges vor sich gegangen, so müßte das vor Jahren geschehen sein, denn ich sah es ja selbst und ganz zufällig mit an, in welch' bestaubtem Zustande sich dort Alles befand – so was ist nicht künstlich herzustellen . . . oh über die trügerischen Blitze, die unsere Umgebung für Augenblicke erhellen, um nachher Alles desto finsterer erscheinen zu lassen!« Er nahm vor seinem Schreibtische wieder Platz, wobei er die vor sich hingelegten Blätter aufmerksam betrachtete. Endlich schien ihm ein neuer und nicht unwichtiger Gedanke gekommen zu sein; seine Mienen belebten sich auffallend, sein Auge glänzte wie vorhin am Fenster, während er eine zweite Schublade seines Schreibtisches öffnete und derselben zwei Banknoten entnahm, eine zu einem Gulden, eine zu fünf Gulden. Darauf faltete er zuerst die erste zusammen, wie vorhin das Stückchen Papier, und entzündete sie an dem brennenden Lichte, um sie gleich darauf wieder sorgfältig auszulöschen und zu betrachten. – Ah, da war keine Täuschung möglich; die verbrannte Stelle dieser offenbar echten Banknote – denn sie war aus einem von dem Bureau der Notenfabrikation erhaltenen, noch unberührten Pakete – zeigte einen feinen Streifen, der offenbar bräunlich-gelb erschien. Rasch machte er die gleiche Probe mit der Fünfgulden-Note mit dem nämlichen Erfolge und war sicher, dadurch den Beweis hergestellt zu haben, daß er es sowohl bei der Fünfhundertgulden-Note als bei dem im Atelier des Herrn von Rivola gefundenen Papier mit einem anderen Stoffe zu thun habe, als das Papier war, dessen man sich zur Fabrikation der echten Noten bediene, daß also jedenfalls die Fünfhundertgulden-Note aus den Händen Ferdinand Welkermann's eine gefälschte war. Er fühlte sein Herz vor Aufregung stärker klopfen und erhob sich rasch, um an das Fenster zu treten, dort seine Blicke auf den einförmigen grauen Winterhimmel zu richten und so seine Gedanken fester beisammen halten zu können. Er hatte nie so rasch, so scharf, so folgerichtig überlegt wie in diesem Augenblicke: ja, ja, daran hatte er keinen Zweifel mehr, die Fünfhundertgulden-Note war trotz der Versicherung des Herrn von Rivola, welcher sich wohl auch einmal täuschen konnte, eine gefälschte; Ferdinand Welkermann hatte dieselbe unter sehr erschwerenden Umständen weggegeben, und wenn dieser auch nicht bei der Fälschung betheiligt war, so wußte er doch sicher, daß es gefälschte Banknoten seien, die er so leichtsinniger Weise verschleuderte. Weiter wußte er, daß Ferdinand Welkermann besonders in letzter Zeit häufig in dem kleinen Hause bei dem alten Thurme, wo der bejahrte Diener des Herrn von Rivola hauste, gesehen worden war; ebenfalls Steffler, der zugleich ein liederlicher Kerl und ein geschickter Kupferstecher war; ferner Friedrich selbst, dessen Geschicklichkeit als Schlosser und Mechaniker der Polizeirath ja selbst schon erprobt – o, es war ihm gerade zu Muthe, als habe er bis jetzt geblendet im Dunkeln getappt und als werde ihm jetzt mit Einem Male die Binde von den Augen gerissen, um ihn in ein helles, Alles scharf beleuchtendes Licht blicken zu lassen! Und jener alte Diener des Herrn von Rivola war verschwunden, Steffler auf dem Punkte, abzureisen, und Ferdinand Welkermann im Begriffe, sich vielleicht todtschießen zu lassen – denn davon war der Polizeirath überzeugt, die Vorbereitungen Welden's, von denen er erfahren, gingen darauf hin, eine Zusammenkunft mit Welkermann zu haben, sobald jene drei Tage vorüber wären, und daß jenes Duell stattfinde, mußte unter allen Umständen verhindert werden. Der Polizeirath nahm Hut und Paletot, ließ sich einen Wagen kommen und fuhr zu seinem Chef, dem Polizeiminister. Dritter Band. Zwanzigstes Kapitel. Es ist immerhin ein eigenthümliches Gefühl, wenn man sich auf ein Duell vorbereitet, mit seinen Vorgängen und Anordnungen, als da sind: verweigerte Annahme jeder Ehrenerklärung und die Bedingung, auf fünf Schritte Barriere, in die Mündung einer Pistole sehen zu müssen. Es hat das Ähnlichkeit mit einer großen und gefahrvollen Reise, von der man nicht genau weiß, ob man sie glücklich beendigen und die vier Wände seines Zimmers wiedersehen wird, welche wir vor Antritt derselben sinnend und vielleicht zum letzten Male betrachten. Dabei fällt Einem dann gewöhnlich noch Dieses und Jenes ein; man öffnet Gefache in Tischen und Schränken, deren Inhalt man lange Jahre nicht angesehen, um sie hierauf wieder mit gleichgültigen Blicken zurückzuschieben, oder irgend etwas herauszunehmen, das man häufig mit einem schmerzlichen Lächeln betrachtet. So erging es Welden, welcher, tief in der Nacht vor seinem Schreibtische sitzend, eine Schublade desselben geöffnet hatte und nach allerlei Gleichgültigem, was er in ihr liegen ließ, eine vertrocknete Rose hervornahm und beim Anblicke derselben an einen heiteren Frühlingstag des vergangenen Jahres dachte, wo er diese Rose während eines Spieles als Zeichen oder Pfand für irgend etwas Unbedeutendes von Lucy von Rivola erhalten. Es war das in dem Parke hinter Eichenwald gewesen, und das liebliche Mädchen hatte diese eben aufgeblühte Rose, so ganz ihr Ebenbild, aus ihrem Haar gezogen und ihm mit einem freundlichen Blicke dargereicht. Nun war das Pfand vertrocknet, aber das Bild der Geberin stand mit glühenden Farben so frisch und lebendig vor ihm, daß er sich nicht enthalten konnte, die Rose wiederholt an seine Lippen zu drücken und dazu mit leisem, innigem Tone zu sprechen: »O, wäre ich im Stande, damit deinem reinen, warmen Herzen einen freundlichen Gruß zu sagen – vielleicht den letzten, und wohl zu meinem Glücke, wenn es der letzte wäre!« Dabei erinnerte er sich der Zeichnung, welche er vor kurzem gemacht: die Felsschlucht mit dem Wasserfalle und Lucy mit ihrem kleinen Schlitten vorstellend. Er holte das Zeichenbrett, auf welchem sie sich befand, und nachdem er die schroff aufsteigenden Felsen zu beiden Seiten der Thalschlucht mit einem trüben Lächeln betrachtet, schrieb er oben auf das Blatt mit Bleistift die Worte: »Ich habe nach langem Überlegen gefunden, daß es schwierig, ja, unmöglich sein würde, diese Kluft zu überbrücken – vielleicht könnte diese Zeichnung ein Gedenkblatt sein für Fräulein Lucy von Rivola von ihrem ganz ergebenen Welden.« Dann schnitt er das Blatt herunter, rollte es in einen weißen Bogen zusammen, versiegelte diesen und schrieb darauf den Namen des Freifräuleins von Rivola. Es war schon spät in der Nacht, und so oft Welden einen Blick nach seinem Schlafzimmer warf, so oft konnte er sich eines unbehaglichen Gefühls nicht erwehren, wenn er daran dachte, sich auf sein Lager zu strecken, dort wahrscheinlich sogleich einzuschlafen, um vielleicht beim Grauen des Tages zu erwachen, um nicht mehr Zeit zu finden, Das und Jenes, was ihm noch einfallen könnte, zu ordnen. Und er hatte doch schon viel Nöthiges geordnet im Laufe der letzten Tage, besonders des heutigen Nachmittags und Abends; dann hatte er der Einladung seiner freundlichen Wirthin Folge geleistet und in deren Zimmer, welches an das seinige stieß, eine Tasse Thee getrunken, wobei er sich alle Mühe gegeben, so heiter und unbefangen als nur immer möglich zu erscheinen. Doch war ihm das nicht recht gelungen; wenigstens hatte er dadurch nicht die beabsichtigte Wirkung auf die liebenswürdige, schöne Frau ausgeübt, in deren Gesellschaft er heute Abend, wie schon so oft, ein paar Stunden zugebracht. Die Oberbauräthin war offenbar mit etwas Unangenehmem sehr beschäftigt gewesen und hatte sich vergebliche Mühe gegeben, das zuweilen durch eine gezwungene, sprühende Laune zu verdecken; sie hatte mit ihm heiter geplaudert und gelacht; doch wenn sich auch dieses Lächeln an ihren schwellenden Lippen, an ihren blendend weißen Zähnen gezeigt hatte, so war es immer wieder gedämpft worden durch einen trüben, schmerzlichen Blick ihres glänzenden, sonst so glücklich strahlenden Auges, besonders wenn sie ihn an dem heutigen Abende lange und nachsinnend betrachtete. Auch war es ihm nicht entgangen, wie so häufig ihr Busen von tiefen Athemzügen gehoben wurde, ja, von Seufzern, welche sie sich vergebliche Mühe gab, hinweg zu lächeln. Wohl hatte er sie nach der Ursache ihrer trüben Stimmung gefragt; doch wenn er alsdann bemerkte, daß sie sich kopfschüttelnd abwandte, um ihm ihre plötzlich mit Thränen gefüllten Augen zu verbergen, so hatte er discreter Weise geschwiegen und das Gespräch auf ein gleichgültiges Thema geführt, wobei es ihm allerdings eine seltsame Empfindung gab, wenn er bei sich dachte, sie könnte von seinem Vorhaben Kenntniß erlangt haben und ihm gelte die tiefe Rührung ihres Herzens, die sie sich zwar mit aller Kraft zu unterdrücken bemühte. Einige Mal schon war er im Begriffe gewesen, offen mit ihr zu reden, ja, es kam ihm vor, als wolle sie ihn durch irgend eine Bemerkung hierzu ermuntern; doch erschien es ihm kleinlich, unwürdig, ja, gefährlich, auf diese Art eine innige Theilnahmebezeigung der ohnehin so sehr erregten, schönen Frau herauszufordern. Gefährlich – gewiß, denn er hatte es zuweilen wohl in seinem Herzen gefühlt, daß der heiße Blick, den sie häufig aus ihren schönen Augen auf ihn geschleudert, mehr als Freundschaft ausdrücken sollte – ja, gefährlich selbst für ihn, denn auch sein Blut war in Wallung zu bringen, und er wußte genugsam aus den eigenthümlichen Lebensverhältnissen der jungen Frau, um nicht Manches vollkommen erklärlich zu finden. Als er nun heute Abend von ihr Abschied genommen, hatte sie seine Rechte mit ihren beiden Händen ergriffen, dieselbe fest und innig gedrückt und dann einen Augenblick, ehe er das hindern konnte, sich rasch niederbeugend, ihre heiße Stirn darauf gelegt; hierauf hatte sie sich wieder hoch aufgerichtet, ihn mit feuchten Blicken und leicht geöffneten Lippen, zwischen denen die weißen Zähne hervorschimmerten, mühsam athmend, lange angeschaut und ihm dann, als er nach der Thür ging, mit leiser Stimme, aber in heftiger Weise gesagt: »Und so können Sie mich verlassen, Albert?! Gute Nacht – gute Nacht denn, Albert!« Langsam war er hierauf in sein Zimmer hinübergegangen, nicht ohne mehrmals geschwankt zu haben, nochmals zu ihr zurückzukehren, um ihr für so viel Freundschaft und Anhänglichkeit noch ein gutes, herzliches Wort zu sagen, vielleicht das letzte in diesem Leben. Aber gerade der Gedanke war es, der ihn zurückhielt, daß er fürchtete, ihr gegenüber seine Kraft, seine Haltung zu verlieren. Und so war er in sein Zimmer gegangen und hatte bis spät in die Nacht hinein gearbeitet, scheinbar in tiefer Einsamkeit, denn er hatte es nicht vernommen, während er Schubladen auf- und zuschloß, während er Papiere ordnete oder zerriß, daß zuweilen ein vorsichtig schleichender Schritt bis an sein Zimmer kam, ein Wesen, welches ihn heiß und innig liebte, eine Frau, die, ihren Kopf niederbeugend, leise, leise das Ohr an die Thür legte und jedes Geräusch des zerrissenen Papiers so mit empfand, als würde ihr eigenes Herz zerrissen. Auch sie hatte heute Abend das entscheidende Wort, sein Duell betreffend, hundertmal auf der Zunge gehabt – hatte sie doch seit gestern an nichts Anderes gedacht! – und immer wieder hatte sie es zurückgedrängt in dem Gedanken, daß jetzt, während er scheinbar so ruhig vor ihr saß, noch nicht der Augenblick gekommen sei, um günstig auf seinen Entschluß einzuwirken; er würde den Versuch gemacht haben, sie mit guten Worten, mit Vernunftgründen zu beschwichtigen, ja, er würde sie am Ende selbst zu der Überzeugung gedrängt haben, daß seine Ehre jene Zusammenkunft gebieterisch verlange – oder er hätte ihr vielleicht zweideutige Versprechungen gemacht, um daraufhin doch das zu thun, was er für das Richtige hielt. Sie hatte sich halb entkleidet auf ihr Bett geworfen, um bei jedem zufälligen Geräusch im Hause, bei jedem Glockenschlage emporzuschrecken, um alsdann wieder mit laut klopfendem Herzen an seiner Thür zu lauschen – und immer wieder hörte sie ihn in seinem Zimmer beschäftigt. Doch war Welden endlich mit allem, was er zu thun hatte, fertig geworden, und seine letzte Arbeit war, von allen seinen Schubladen, sowie von dem Schranke, in welchem sich die Bauakten befanden, die Schlüssel einzustecken und die geschriebenen Briefe und Pakete auf seinem Schreibtische recht augenfällig zu ordnen. Dann fühlte er, wie ihn die Müdigkeit übermannte und wie nothwendig es sei, sich durch einige Stunden guten Schlafes für morgen zu stärken. Auch war jetzt, wo alles Nöthige besorgt schien, eine wohlthuende Ruhe in sein Herz eingezogen, und mit dieser das Bedürfniß des Schlafes. Die Befürchtung des zu späten Erwachens hatte er nicht, denn neben einem untrüglichen Mittel, welches darin bestand, daß er kurz vor dem Schlafengehen die betreffende Stundenzahl in gleichförmigen Schlägen auf seinem Nachttischchen markirte, hatte er auch dem Baron Miltau für alle Fälle seinen Hausschlüssel gegeben, und daß Miltau, der gerade in diesen Tagen jeden Morgen um vier Uhr in den Stall mußte, fehlen würde, daran war nicht zu denken. So schlief er denn augenblicklich ein, nachdem er sich wenig entkleidet niedergelegt, und that einen tiefen und gesunden Schlaf. Auch waren seine Träume durchaus nicht so beunruhigender Art, wie man vielleicht hätte denken können; nur einmal sah er sich mit der Überbrückung einer Thalschlucht mit tiefen, steilen Wänden beschäftigt, auf deren schroffer Kante er mit Anordnungen thätig war, um einen schweren Balken hinüber zu schieben. Eigenthümlicher Weise war es dieselbe Schlucht, welche er für Lucy von Rivola ausgezeichnet, und das wußte er selbst im Traume; ja, es war ihm, als höre er ein leise klingendes Geräusch, wie von einem fernen Schlittengeläute, und als er sich rasch vornüberbeugte, verlor er das Gleichgewicht und fiel tief, tief hinab, aber ohne dabei den geringsten Schmerz zu empfinden. Vielmehr durchströmte ihn ein wonniges Gefühl bei diesem Sturze; dann fächelte eine warme Luft um seine Stirn, und es war ihm, als höre er, aber kaum vernehmbar, seinen Namen aussprechen: »Albert!« Und dann wiederholt: »Albert!« – wie von einer leicht aufschluchzenden Stimme. Damit zerriß sein Traum und es überfuhr ihn ein eigener Schauer, als er in die Wirklichkeit zurücktrat; der Schimmer eines Lichtes im Nebenzimmer warf einen zweifelhaften Schein auf sein Lager und auf eine weibliche Gestalt, die, neben ihm stehend, sich auf ihn herabgebeugt hatte und deren dickes, schweres Haar kühl auf seine heiße Wange herabfloß – oder war es die Fortsetzung seines Traumes? Er schloß unwillkürlich seine Augen wieder, worauf der Lichtschimmer verschwand, aber nicht das heiße, fast beängstigende Gefühl, daß sich die Gestalt, welche er so eben gesehen, ihm näherte und abermals flüsternd seinen Namen rief. »Um des Himmels willen,« rief er, sich halb aufrichtend, »suchen Sie meine Hülfe? Was ist geschehen?« »O, es ist bis jetzt gar nichts geschehen,« hörte er eine bekannte, weiche Stimme zitternd antworten, »aber es soll etwas geschehen, und deßhalb suche ich Ihre Hülfe, Albert – für Sie selbst! O, verzeihen Sie meiner namenlosen Angst, die mich so weit brachte, Sie beim Grauen des Tages anzuflehen, das Haus nicht zu verlassen!« »So, graut schon der Morgen? – O, lassen Sie mich!« »Nein, nein, der Morgen graut noch nicht,« hörte er sie mit ängstlich zitternder Stimme ausrufen: »ich irrte mich, es war nur der Schein der Lampe!« »O nein, nein – lassen Sie mich!« »Nein, nein, ich lasse Sie nicht, bis Sie mir versprechen, meine innige Bitte zu erfüllen! Nein, ich lasse Sie nicht, und sollte ich Sie mit Gewalt zurückhalten müssen, indem ich mich fest an Sie klammere! Sie haben Zeit genug, mich wenigstens anzuhören!« Es war ihm klar, auch ohne daß er es aussprach, was das wild aufgeregte, schöne Weib von ihm wollte; es hatte seine Verabredung auf heute Morgen erfahren, es wollte dieselbe hindern; er fühlte sich in einer furchtbaren Lage. Er warf einen Blick gegen das Fenster, doch da dieses dicht verhangen war, so konnte er nicht sehen, ob der Tag heraufdämmere, wohl aber sah er, als er sich aufgerichtet, in die angsterfüllten, reizenden Züge einer Frau, die ihn, wie er wußte, heiß und innig liebte; er sah ihr aufgelöstes, prachtvolles, schwarzes Haar von der bleichen Stirn tief über ihre weiße Schulter herabfallen, den blendenden Schein ihres bewegten Busens erhöhend. »Versprechen Sie mir, das Haus nicht zu verlassen, mehr will ich ja nicht, mehr verlange ich ja nicht, und werde mich augenblicklich zurückziehen, um Ihnen nicht weiter beschwerlich zu fallen!« Sie sagte das mit zitternder Stimme, von Schluchzen unterbrochen, während sie sich emporrichtete und seine Hand ergriff, mit der er sie, wenn gleich sanft, von sich drückte. »Sie wissen also, um was es sich handelt?« »O, ich weiß es, ich weiß es! Ich wußte es gestern Abend, ich wußte es seit mehreren Tagen!« »Und Sie nehmen so innigen Antheil an mir?« fragte er in herzlichem Tone. »O, den innigsten!« »Nun denn, so können Sie die Bitte, welche Sie so eben gethan, nicht im Ernste an mich stellen. Wissen Sie, was das Zusammentreffen bedeutet, zu welchem ich in kurzer Zeit aufbrechen muß? Nun, wenn Sie das wissen, so brauche ich Ihnen nicht zu sagen, daß keine Macht mich abzuhalten im Stande ist, bei einem Zusammentreffen zu erscheinen, wo mehr als mein Wort verpfändet ist!« »Vernunftgründe,« rief sie aus, indem sie mit einer heftigen Bewegung ihr Haar mit beiden Händen von der Stirn zurückwarf, »die ich nicht verstehen kann, nicht verstehen will! Muß ich es denn aussprechen, daß ich nicht mehr leben will, wenn du unglücklich bist? Soll ich gezwungen sein, mein Haar auszureißen und aller Welt zuzurufen, daß ich mein Alles verloren? Ja, Albert, mein Alles, alles, was ich liebe auf dieser Welt – Alles – Alles!« Sie war bei den letzten Worten, die sie in wildester Aufregung sprach, vor dem Bette auf die Kniee niedergesunken, hatte ihre beiden Arme um seinen Hals geworfen, ihn gewaltig an sich gezogen und sich mit einem heißen Kusse an seine Lippen festgesogen. Vergeblich hatte er es einen Augenblick versucht, ihre zarten, fest in einander geschlungenen Hände von seinem Nacken zu lösen; vergebens hatte er alsdann sich aufzurichten versucht und dadurch nur erreicht, daß er das schöne Weib vom Boden emporhob, wobei seine Hand mit ihrem warmen, zuckenden Körper in eine Berührung kam, die ihm das Blut gewaltsam zum Herzen zurückströmen ließ, sein Auge verdunkelte und ihn um so mehr in eine tiefe, aber selige Nacht zurückwarf, als sich ihr reiches Haar wie ein schwarzer Schleier rings um sein Haupt ausbreitete. – »Und kannst du mich jetzt noch verlassen, Albert?« »Um des Himmels Barmherzigkeit willen, mich zwingt mein Wort dazu! Könntest du es mit ansehen, wie man mit Fingern auf mich als auf einen Feigling deuten würde?« »Gewiß, gewiß, ich weiß ja, daß du nicht feige bist! Du bist hochherzig und kühn, und gerade da du das bist, wirst du mich jetzt nicht verlassen!« »Ich muß, Sophie, ich muß – sieh, wie jetzt der Morgen selbst durch mein verhängtes Fenster hereindämmert – ich habe wenig Zeit mehr zu verlieren – wenn du mich liebst, so laß mich aus deinen süßen Armen, laß mich keine Gewalt anwenden, wozu du mich zwingen würdest, wenn du meinen Bitten kein Gehör schenkst!« »Nein, nein,« rief sie in höchster Aufregung, »zwingen sollst du mich nicht, aber ich will dich zwingen, bei mir zu bleiben – ich werde die Thür deines Zimmers verschließen und den Schlüssel zum Fenster hinauswerfen – thue dann, was du willst, bringe das Haus in Allarm, laß meine Leute von außen öffnen, und sie sollen mich bei dir finden – ich will dich dann vor ihren Augen mit meinen Armen umschlingen, und wenn du alsdann Gewalt anwendest, Albert, so schwöre ich, ich lasse mich von dir auf die Straße hinauszerren!« Mit unbezwinglicher Kraft schnellte ihr elastischer Körper nach diesen wild ausgestoßenen Worten empor und von ihm weg dem Nebenzimmer zu; er war wie erstarrt, er konnte ihr nicht zuvorkommen, und seine Aufregung steigerte sich zum Entsetzen, als er sie jetzt im Nebenzimmer einen wilden Schrei ausstoßen hörte und sie mit allen Zeichen des Schreckens zurückstürzen sah, wobei sie mit der rechten Hand zitternd und mit dem Ausdrucke der Angst zurückwies, als habe sie dort draußen ein Gespenst gesehen. Welden nahm sich kaum die Zeit, einen Rock überzuwerfen, worauf er in sein Wohnzimmer eilte, um hier sogleich den furchtbaren Schrecken der armen Frau begreiflich zu finden, wenn auch der Gegenstand, welcher sich hier seinen Augen darbot, an sich selbst nichts so Fürchterliches hatte. Es war Lieutenant Miltau, der unter der Thür des Wohnzimmers stand und ihn jetzt mit einem zweifelhaften Lächeln anstarrte. »Aber, Herr von Miltau!« brauste der junge Ingenieur auf. »Aber, mein verehrter Herr,« entgegnete der Andere in einem etwas spitzigen Tone, jedoch mit großer Ruhe, wobei er seine Stimme absichtlich sehr zu dämpfen schien, »wenn man Jemandem seinen Hausschlüssel anvertraut und die Bitte hinzufügt, von diesem Hausschlüssel Gebrauch zu machen, so muß man sich nicht wundern, wenn man – wenn man auf eine Art – überfallen wird, die Einem allerdings recht unangenehm sein kann – doch will ich trotz allem dem um Entschuldigung bitten, ich hätte freilich klopfen können und sollen.« Der junge Ingenieur hatte große Mühe, seiner begreiflichen Aufregung so weit Meister zu werden, daß er, dem Anderen näher tretend, ebenfalls in leisem Tone sagte: »Ich sehe wohl ein, es bedarf durchaus keiner Entschuldigung, oder ich müßte dieselbe von Ihnen erbitten – aber Sie werden begreiflich finden, Herr von Miltau, daß . . .« »O, ich begreife Manches,« erwiederte der Andere mit einem eiskalten Tone und mit einem so spöttischen Lächeln, daß ihn Welden verwundert und betroffen anschaute. »Ich begreife alles das so genau, daß Sie es ebenfalls begreiflich finden werden, wenn ich mir nicht die Mühe nehme, Ihnen zu sagen, warum ich eigentlich hergekommen.« »Allerdings, denn ich kenne ja Ihre freundliche Absicht, mich zu begleiten; doch muß ich ehrlich sagen, Herr von Miltau, ich verstehe nicht den sonderbaren Ton, die sonderbare Miene, mit der Sie zu mir reden. Verzeihen Sie mir indessen,« fuhr er nach einem kurzen Augenblicke in schmerzlichem Tone fort, wobei er beide Hände an seine Schläfe drückte, »ich befinde mich in einem Zustande, daß es auch möglich ist, ich hätte das anders aufgenommen, als Sie es mir sagen wollten – nicht wahr, es ist so? Gestatten Sie mir einen Moment, um meinen Hut zu nehmen, und ich stehe dann ganz zu Ihrer Verfügung.« Ohne hierauf eine Antwort abzuwarten, ging er in's Nebenzimmer zurück und war glücklich, die arme Frau nicht mehr dort zu finden – sie hatte durch die Thür dieses Zimmers dasselbe verlassen. Als Welden zurückkehrte, Paletot und Hut in der Hand, sah er den Lieutenant Miltau noch immer auf derselben Stelle stehen, mit übereinander geschlagenen Armen, ihn mit dem nämlichen sonderbaren Lächeln betrachtend. »So, ich bin fertig – wenn es Ihnen gefällig ist, gehen wir.« »Und wohin denn, Herr Welden, wenn ich fragen darf?« versetzte der Offizier in rauhem Tone. »Beliebt es Ihnen, eine Komödie mit mir zu spielen?« »Ich verstehe Sie nicht, Herr Lieutenant!« »Sie wollen mich nicht verstehen – o, ich begreife das!« »Sie kamen doch, um mich abzuholen?« »Nicht so ganz – ich kam, um Ihnen eine Nachricht zu bringen, die mir so überraschend war, daß ich nicht anders glaubte, als sie müsse auch auf Sie die gleiche Wirkung ausüben – jetzt aber verstehe ich, warum dies nicht der Fall ist.« Welden war bei der letzten Rede des Offiziers einen Schritt zurückgetreten, und als er jetzt in dessen Haltung, in seiner Art, zu sprechen, in seinen Blicken nicht nur etwas Gehässiges, sondern sogar etwas Verächtliches fand, schaute er ihn mit einem festen Blicke an und sagte in einem entschiedenen Tone: »Auf mein Wort, ich verstehe Sie nicht – sind Sie vielleicht plötzlich aus meinem Zeugen derjenige meines Gegners geworden? Bei Gott, Herr Lieutenant, wenn dem so wäre, Sie konnten nicht anders gegen mich auftreten!« »Ihres Gegners? Ah, Sie meinen Herrn Ferdinand Welkermann! Warum nennen Sie diesen Herrn noch immer Ihren Gegner, da Sie doch wohl selbst am besten wissen, daß man ihm die Möglichkeit benommen, Ihr Gegner zu sein?« »Glauben Sie mir, ich weiß von gar nichts!« »Ich will so freundlich sein, Ihnen diesen Gefallen zu thun,« antwortete der Lieutenant von Miltau mit einer ceremoniösen Verbeugung und fuhr fort, als er sah, daß Welden ihm heftig einen Schritt näher trat: »Wenn Sie nämlich sich selbst den Gefallen thun wollen, mich ruhig anzuhören.« »Ich bitte, ich bitte!« rief der Andere mit vor Erregung zitternder Stimme. »Ich glaube Ihnen gestern schon gesagt zu haben, daß ich heute mit der Stallaufsicht beehrt bin – ein angenehmes Geschäft, welches veranlaßt, um vier Uhr schon in der Welt zu erscheinen, so vor einer Stunde, wo ich durch den Besuch des Herrn Besenbach erfreut wurde, welcher erschien, um mir mit allen Zeichen einer sehr glaubwürdigen Überraschung – er betonte das Wort »glaubwürdig« sehr stark – die Meldung zu machen, daß das projectirte Duell nicht stattfinden könne, da Herr Ferdinand Welkermann soeben in seiner Wohnung verhaftet worden sei.« »Unmöglich! Durch wen?« Herr von Miltau zuckte mit einem verächtlichen Lächeln die Achseln, während er sagte: »Sie halten mich eigentlich für unanständig gutmüthig – doch sei es darum – es war der Polizeirath Merkel, welcher ihn verhaftete.« »Ah, ich hatte es mir denken können!« »Gott sei gedankt, daß Sie das endlich zugeben! Und nun, Herr Welden, bin ich mit Ihnen wohl für ewige Zeiten fertig?« »Nicht so, Herr Lieutenant, nicht so!« rief der Andere mit blitzenden Augen. »Hinter Ihren Blicken lauert etwas, das ich ergründen möchte, ja, das ich ergründen muß, und wofür ich von Ihnen genügende Erklärung zu verlangen das Recht zu haben glaube.« »Die ich aber keine Lust habe, Ihnen zu geben, mein lieber Herr Ingenieur. Richten Sie sich auf, wie Sie wollen, bedrohen Sie mich mit Ihren Blicken, wie Sie mögen, ich in meiner Stellung fürchte nicht, von Ihrer diensteifrigen Polizei verhaftet zu werden, wie der arme Welkermann!« »Ich würde doch vielleicht Mittel haben, Sie zu zwingen, endlich mit der Sprache herauszurücken, statt sich immerfort hinter Räthseln zu verschanzen!« »Sie nicht mehr, Herr!« rief der Offizier in einem brutalen Tone. »Machen Sie sich nicht noch lächerlicher, als Sie in meinen Augen sowie in denen jedes Ehrenmannes erscheinen müssen! – Und nun leben Sie wohl und glücklich, wenn Ihnen das möglich ist!« Der Offizier wandte sich langsam um, um das Zimmer zu verlassen; doch sprang Welden zwischen ihn und die Thür, und ohne ihn mit einer Fingerspitze zu berühren, hielt er seine Hand drohend gegen ihn ausgestreckt, wobei er ihm zudonnerte: »Herr, Sie kommen nicht über diese Schwelle, bis Sie mich in kurzen, bündigen Worten klar wissen lassen, was ich umsonst aus Ihren Reden zu erklären mich bemühe!« Herrn von Miltau's Hand zuckte nach seinem Säbel; doch biß er sich bestürzt auf die Lippen, als er die große, kräftige Gestalt Welden's, der er sammt seiner Waffe nicht gewachsen war, mit einem flüchtigen Blicke nochmals überschaut. Dann sagte er, sich verbeugend: »Und nachdem ich Ihr Verlangen erfüllt, werden Sie mir vielleicht erlauben, mich zurückzuziehen?« »Gewiß,« gab Welden nach einem tiefen Athemzuge zur Antwort, »und ich werde mich an das andere Ende des Zimmers begeben, um von dort zu hören, was Sie mir Furchtbares zu sagen haben – aber keine Deklamationen, wenn ich bitten darf – Thatsachen, ich will Thatsachen hören!« Er schritt langsam von der Thür gegen das Fenster, neben welchem er sich an die Wand lehnte. Doch folgte ihm der Offizier furchtlos nach und sagte nun, dicht vor ihm stehend: »Thatsachen kann ich allerdings nicht aussprechen, aber eine so natürliche Zusammenstellung, daß sich der selbst für einen Dummkopf halten müßte, dem sie nicht klar in die Augen springen würde: Sie gehen ein Duell ein, Sie beehren mich, Ihr Zeuge zu sein, Sie schieben dieses Duell drei Tage lang unnöthig auf, und am Morgen des vierten erfährt Ihr Zeuge, daß Ihr Gegner verhaftet worden ist – verhaftet durch wen? Durch den Polizeirath Merkel, dessen Schwester ich vorhin das Glück hatte, hier zu sehen – verstehen Sie meine Zusammenstellung?« »Ja, ich verstehe sie,« sagte Welden mit dumpfer Stimme, indem er furchtbar erbleichte. »Und so werden Sie mir wohl gestatten, mich jetzt zurückzuziehen?« »Gewiß, und ich danke Ihnen sogar für Ihre Aufrichtigkeit, wenn auch Ihre Worte im Verlaufe des ganzen Gespräches nicht gerade gut gewählt waren.« »Ich stehe für meine Worte ein.« »Dafür doppelten Dank!« rief Welden mit einer heiseren Stimme. »So habe ich also das Vergnügen, zwei Ehrensachen abmachen zu können?« »Aber eine nach der anderen, mein lieber Herr,« versetzte der Offizier mit einem leichten Achselzucken. »Wenn der Ehre des Herrn Welkermann Genüge geschehen ist, so könnte ich vielleicht zu Befehl stehen, wenn . . .« »Wenn? Bitte, reden Sie aus!« »Wenn Sie Herrn Welkermann Genüge leisten können – doch glaube ich, daß das unmöglich sein wird; Sie nahmen die Polizei zu Hülfe und haben auf diese Art jedes Arrangement, wie es sonst unter Ehrenmännern gebräuchlich ist, unmöglich gemacht.« Nachdem Herr von Miltau das gesagt, blieb er noch einen Augenblick mit hoch aufgerichtetem Kopfe stehen, um alsdann, sich langsam umwendend, das Zimmer zu verlassen. Welden hatte mit einer Hand den Griff der Fensterstange gepackt und blickte ihm lange, lange nach mit starren Augen, mit zuckenden Lippen, mit wild klopfendem Herzen, mit hastig ausgestoßenem Athem. Einundzwanzigstes Kapitel. In dem Hause des Stadtschultheißen herrschte keine kleine Bestürzung; war doch beim Grauen des Tages die Polizei dort erschienen, allerdings nur in der Gestalt des mit dem Hause befreundeten Polizeirathes Merkel, hatte mit dem Stadtschultheißen eine längere Unterredung gehabt und war von dem Entschlusse, vor das Zimmer des Herrn Ferdinand eine Ehrenwache zu setzen, nur durch die Versicherung des Herrn Welkermann junior, dafür haften zu wollen, daß sein Sohn das Haus nicht verlasse, abgegangen. Wären in den Zeiten des tiefsten Friedens, in denen unsere Geschichte spielt, plötzlich feindliche Truppen in das Haus eingefallen, oder hätte es sich unter der Gewalt eines tüchtigen Erdbebens geschüttelt, die Bestürzung, besonders in den unteren Regionen, hatte nicht größer sein können. Und doch war man hier in letzter Zeit an Aufregendes schon gewöhnt; hatte doch Jungfer Margarethe, der Liebling der Küche, das Haus unter Umständen verlassen, welche der ehrenfesten Köchin den begreiflichen und verzeihlichen Ausdruck: Pfui Teufel! entlockt hatten – war doch Margarethe, die von hoffnungslosen Bewerbern gewöhnlich nur das »Freifräulein« genannt wurde, mit einem Menschen verschwunden, davongegangen, ausgewandert, den die Köchin, wie sie hoch und heilig versicherte, nie anders als mit einem Handschuhe bewaffnet zur Thür hinaus gejagt haben würde. Und nun noch die Polizei im Hause! Die Köchin saß neben ihrem Heerde, die Kaffeemühle auf dem Schooße, und sagte zu dem Hausknechte, der neben ihr stand: »Und nach allem dem wundere ich mich über gar nichts mehr, ja, wenn ich morgen früh ohne Kopf erwachte, ich würde es begreiflich finden!« Am ruhigsten war bezeichnenderweise noch die Hauptperson dieser traurigen Geschichte, Ferdinand Welkermann selbst, welcher denn auch, nachdem der Polizeirath sich entfernt, seinem Vater achselzuckend gestanden, daß er allerdings auf heute Morgen eine Zusammenkunft mit Welden verabredet gehabt, und daß er eigentlich nicht begreife, warum sich die Polizei so vorsorglich in seine Angelegenheiten mische. Dieses Warum aber wurde ihm am frühen Morgen schon klar gemacht, als nämlich sein eigener Zeuge, Herr Besenbach, mit Herrn von Miltau, dem Zeugen seines Gegners, auf seinem Zimmer erschien – Besuche anzunehmen, war ihm nämlich nicht verboten – und als hier der Lieutenant von Miltau nach einigem Achselzucken und einigen sehr unbedeutenden Weigerungen seine Erlebnisse von heute Morgen so weit berichtete, daß man aus seinen Äußerungen entnehmen konnte, selbst er, der Sekundant Weldens, habe die Überzeugung gewonnen, jener sei dem Vorhaben der Polizei nicht fremd gewesen und habe es nicht ungern gesehen, daß der Polizeirath Merkel, als Schwager des Oberbauraths Lievens von der Ehrensache in Kenntniß gesetzt – mehr sagte er allerdings nicht, – die Angelegenheit verhindert habe. »Hole die Pest alle feigen Memmen!« citirte der kleine Besenbach mit einer Entrüstung, die etwas Komisches hatte, die man aber begreiflich fand, wenn man wußte, daß er einigen jungen Damen seiner Bekanntschaft von dem bevorstehenden Duell, und wie er das nicht nur arrangirt, sondern auch im Nothfalle für seinen Freund Welkermann eintreten würde, berichtet hatte. Er setzte hinzu, indem er mit der rechten Hand seinen langen, rothen Backenbart sorgfältig in die Höhe zog: »O, es ist etwas Empörendes um die Feigheit! Was wird nun weiter geschehen?« »Das hängt nun alles davon ab, wie lange mich die Polizei in ihren Krallen hält, ob sie überhaupt ein Recht dazu hat, und diese Frage wird mein Alter heute Morgen mit unserem Rechtsfreunde erörtern – auch habe ich ihn zum Bankdirektor geschickt, der schon im Stande sein wird, mich zu reklamiren.« »Übrigens macht sich so ein kleiner Hausarrest nicht übel,« meinte Besenbach, »besonders eines Duells wegen, das gibt Relief.« »Und ist jedenfalls sehr anständig – Herr Welkermann, Sie stehen da wie ein Held gegenüber diesem prahlerischen Baubeflissenen – wie man sich in derlei Leuten täuschen kann, ich hätte diesen Welden für einen anständigen Kerl gehalten.« »Ich fand immer an ihm etwas Lauerndes, etwas Unheimliches,« sagte Besenbach; »er gab sich immer so ein Air, als habe er ein Recht dazu, uns andere junge Leute von der Höhe seiner Tugend herab anzuschauen – meinst du nicht auch so, Ferdinand?« »Nein, ich meine das nicht, gab dieser trocken zur Antwort; geliebt habe ich diesen Welden nie, aber ich hielt ihn für einen anständigen, ehrenhaften Kerl, und halte ihn auch jetzt noch dafür.« »Ah bah,« rief der Lieutenant, »nach dem Wenigen, aber vollkommen Genügenden, das ich von dem Vielen mittheilen durfte, ohne . . .« »Ich weiß nicht, was Sie noch mehr erzählen könnten, verlange auch nicht nach Ihrem Geheimniß, denn ich wittere darin eine Unterrocksgeschichte, und wollen wir davon nichts weiter aufdecken.« »Das ist bei dir der reine Widerspruchsgeist, doch hoffe ich, du wirst mit diesem Welden auf keinerlei Art mehr anbinden.« »Das hängt davon ab – für feige kann ich ihn nicht halten, denn sonst hätte er ja meine sehr weit gehenden Erklärungen annehmen können.« »Die Sie ihm doch hoffentlich nicht wiederholen würden?« »Schwerlich, wogegen mich aber durchaus nichts hindern könnte, ihm zu Diensten zu sein, sobald er mir beweist, daß er an diesem Auftreten der Polizei gegen mich unschuldig ist, und ich glaube, er ist es.« »Du bist ein unverbesserlicher Kerl,« sagte der kleine Besenbach und setzte hinzu, indem er sich in die Brust warf: »Aber Eines bitte ich mir aus, daß keine Unterredung mit Welden über diese Angelegenheit stattfindet, ohne daß ich dabei bin!« »Nein, nein,« gab Ferdinand Welkermann in einem etwas spöttischen Tone zur Antwort, »du sollst, wie immer, von Allem haben, sollst in dem Falle mit deinen kurzen Beinen die Entfernung abschreiten und Eins, Zwei, Drei zählen dürfen.« Noch eine Zeit lang ging das Gespräch der drei jungen Leute, aber ohne weiteres Interesse für unsere Geschichte, fort, worauf sie sich trennten, und auf der Treppe sagte Besenbach zum Lieutenant von Miltau: »Sehen Sie, so ist dieser unberechenbare Kerl, dieser Welkermann; da kommt eine Weibergeschichte in's Spiel – denn das ist doch so, wenn Sie es auch discreter Weise verschweigen, – und er begreift es, ja, er entschuldigt es am Ende, daß jener Welden schlecht an ihm handeln konnte.« »Es ist überhaupt eine eigenthümliche Mischung in diesem guten Welkermann,« sagte der Lieutenant kopfschüttelnd. »Ja, eine gute Mischung aus fast lauter vortrefflichen Eigenschaften; aber alles das ist gelähmt durch seine kolossale Gleichgültigkeit, mit der er in diesem Augenblicke bereit ist, das wegzuwerfen, was ihm soeben noch von höchstem Interesse erschien – ich muß mich wahrhaftig selbst bewundern, daß ich so lange im Stande war, in fester Freundschaft zu ihm zu halten.« »Das macht die Anhänglichkeit, Besenbach,« lachte der Andere, »Sie ließen sich nicht so leicht abschütteln.« »Das ist wahr, weil ich ihn trotz allem dem für einen guten, aufopferungsfähigen Kerl halte – wenn er nur nicht diese ungeheure Gleichgültigkeit gegen Alles hätte; gleichgültig bei allen seinen Vergnügungen, gleichgültig, wenn er ißt und trinkt, wenn er liebt oder wenn er das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft, und ich glaube, er würde sich ebenso wenig daraus machen, sein Leben wegzuwerfen, wenn er einen halbwegs vernünftigen Anlaß dazu findet – wie gesagt, ein sehr sonderbarer Kerl!« Ferdinand war allein in seinem Zimmer zurückgeblieben und hatte mit einem kurzen Kopfnicken von Miltau und Besenbach Abschied genommen; dann war er einige Male im Zimmer auf- und abgegangen, die Hände in die Taschen seiner Beinkleider gesteckt, mit gespitztem Munde, als wolle er eine Melodie pfeifen, mit der Miene der Gleichgültigkeit. Doch flog zuweilen ein düsterer Schatten über sein Gesicht, welcher immer wieder zu kommen schien, obgleich er ihn durch Achselzucken oder Schütteln des Kopfes zu verjagen suchte. »Und warum sollte es nicht so sein,« sprach er endlich zu sich selber, »wie jener langweilige Kerl, der Miltau, gesagt? Warum sollte die hohe Polizei aus zärtlicher Sorge für mich, sowie aus Verehrung für meinen Herrn Papa nicht diesen Riegel vorgeschoben haben? Gewiß, was könnte es auch anders sein? Meine Schulden sind in guten Händen und nicht so schreiender Art, daß man bei mir unter Zimmerarrest eine Vermögensuntersuchung anordnen würde – dummes Zeug! Und was könnte auch mein sehr ehrenwerther und liebenswürdiger Hauptgläubiger, der Freiherr von Rivola, für einen Grund haben, mich ein wenig zu compromittiren? – Weg damit! – Es ist doch sonderbar, daß gerade ich auf diese reiche Quelle stoßen mußte; er hätte ja auch einen Anderen finden können – doch wäre ein Anderer schwerlich im Stande gewesen, ihm die kleine, an sich unbedeutende Gefälligkeit zu leisten.« In diesem Augenblicke zeigte sich wieder ein recht düsterer Schatten auf seinen Zügen, und er schien einige Minuten zu brauchen, um einen widerwärtigen Gedanken von sich abzuschütteln. »Unbedeutende Gefälligkeiten waren es allerdings, schienen es wenigstens zu sein – doch warum wünschte Herr von Rivola nicht, daß ich den Umtausch seiner Papiere öffentlich als ein Geschäft wie jedes andere betrieb? Da läßt mich mein Gedächtniß im Stiche, und ich weiß nicht mehr genau, bat er mich um einen privaten Austausch, oder bot ich es ihm an – ich glaube, das Letztere; es war mir auf diese Art bequemer, hätte sonst mit den langweiligen Kerls auf der Bank Explikationen haben müssen, dachte auch nicht weiter daran, daß es vielleicht besser gewesen wäre, den Umtausch durch den Hauptkassirer bewerkstelligen zu lassen, bis – bis – an jenem Morgen, wo es einen tüchtigen Schlag in unser Comptoir that, als der Hauptkassirer mit einer längeren Nase, als er gewöhnlich hat, die beiden gleichen Nummern der Tausender-Banknoten schreckensbleich zu dem Bankdirektor hinauftrug. – Es hatte das allerdings etwas Unheimliches, so als wenn man von einem großen Diebstahle hört, der im eigenen Hause begangen worden ist, oder von einem Gespenste, das Jemand gesehen haben will – warum mir nur auch gerade heute diese Geschichten so lebendig einfallen? – Ah, weg damit!« Doch schien es nicht so leicht für ihn zu sein, auf andere Gedanken zu kommen, denn gleich darauf lehnte er den Kopf gegen das Fenster, biß an seinen Nägeln herum und starrte finster vor sich nieder, um erst nach längerer Zeit wieder mit dem halblauten Ausrufe emporzufahren: »Der Teufel hole diese Selbstquälereien! Ich weiß es in der That selbst nicht genau, ob ich eine dieser verfluchten Nummern von Herrn von Rivola erhalten – und wenn auch – lächerliche Ideenverbindung; aus seinen Händen oder direkt aus dem Bureau der Notenfabrikation, das wäre in diesem Falle gleichbedeutend, denn so wenig dort falsche gemacht werden, ebenso wenig hat Herr von Rivola dergleichen wissentlich im Besitz – und wollte ich auch, natürlich mit seiner Genehmigung, es jetzt sagen, daß ich hier und da für ihn Noten eingewechselt, ich dürfte es nicht thun, ohne mich und auch ihn garstig bloßzustellen – pfui Teufel, lieber eine Kugel vor den Kopf, als in eine solche Geschichte hineinzukommen! »An Weldens Statt hätte ich nicht so gehandelt, das heißt, ich halte auch ihn nicht fähig dazu – daß zwischen ihm und der Oberbauräthin oder, besser noch gesagt, zwischen ihr und Welden ein kleines Verhältniß besteht, daran habe ich nie gezweifelt, und daß ein leidenschaftliches Weib, wie sie ist, ihren Bruder auch ohne Weldens Vorwissen dazu bestimmen konnte, ein so arges Verbrechen wie das Duell zu verhindern, ist sehr glaubwürdig, und darum habe ich das Vergnügen, hier einige Tage ausruhen zu dürfen – hole der Henker die ganze tolle Wirthschaft!« – Unter dem Schlafzimmer Ferdinands waren die Wohnzimmer der Familie, und hier befand sich die Stadtschultheißin in viel aufgeregterer Stimmung, als ihr Herr Sohn; auch war die Gesellschaft, in der sie sich gerade befand, nicht darnach, ihre an sich schon so weit gehenden Besorgnisse zu zerstreuen. Die Frau Haupt-Staatsschulden-Tilgungskassen-Revisorin hatte Alles erfahren durch eine befreundete Milchfrau, welche ihr die schlimme Nachricht so rasch wie möglich überbracht, und säumte nun nicht, sich in dem Trauerhause, wie sie es nannte, allsogleich einfinden, wobei sie ihren Eintritt in's Zimmer der Stadtschultheißin unter der Bemerkung hielt, daß dergleichen Entsetzliches in der Familie Welkermann bis jetzt noch niemals vorgekommen sei. – »Also ein Duell, Frau Schwägerin, ein wirkliches Duell, bei dem es blutig zugehen kann – so sagt man – und ist das gewiß die alleinige Ursache?« »Ich meine, wir könnten an dieser Ursache vollkommen genug haben!« gab die betrübte Mutter mit einem tiefen Seufzer zur Antwort. »Dasselbe sagte ich dem Revisor, als ich sein Kopfschütteln bei Erwähnung des Duells bemerkte, und als er hinzusetzte: ›Es sollte mich wundern, wenn ein Duell die alleinige Ursache wäre,‹ – daß man deinen Ferdinand, den Sohn des Stadtschultheißen, in's Gefängniß gebracht.« »Aber wer hat dir denn etwas von einem Gefängnisse gesagt?« »Wer? Nun, die Leute sagen es – ich habe es von drei, vier Bekannten nach einander gehört.« »So früh am Morgen schon?« »Allerdings, aber, unter uns gesagt, geahnt hat man schon längst dergleichen – ich darf nur Niemanden nennen, sonst könnte ich dir Namen von Gewicht beibringen, Leute, die schon lange darüber einig waren, daß es mit deinem Sohne Ferdinand ein solches Ende nehmen würde.« Die arme Frau saß da wie ein Bild des Jammers, den Kopf tief hinabgebeugt, die Hände in ihrem Schooße gefaltet, und wenn sie auch genau bekannt war mit der spitzen Zunge ihrer lieben Schwägerin, sowie mit deren boshafter Art, selbst die harmloseste Geschichte als höchst bedeutend erscheinen zu lassen, wenn es so in ihren Kram taugte, so lag doch jetzt ein so schweres Faktum vor, das schon zu allerlei Vermuthungen Raum geben konnte; die Polizei war in ihrem Hause gewesen, hatte ihrem und des Stadtschultheißen Sohne Zimmerhaft auferlegt – ihrem Sohne, dem Sohne einer geborenen von der Eschenbach, von altem reichsstädtischem Adel, dessen Mitglieder heute noch in der ehmaligen freien Reichsstadt von der Bürgerschaft mit einer Ehrfurcht begrüßt wurden, wie man sie hier in der Residenzstadt kaum vor Sr. Majestät dem Könige sehen ließ. Der Stadtschultheiß hatte sich allerdings nicht so viel aus dieser Geschichte seines Herrn Sohnes gemacht; er hatte achselzuckend von leichtsinnigen Leuten im Allgemeinen und unverantwortlich leichtsinnigen Leuten im Speciellen gesprochen, hatte freilich gemeint, eine solche Begegnung hätte Ferdinand wohl vermeiden können, da es aber einmal so weit gediehen sei, so – und wenn sich die Polizei nicht hinein gemischt hätte, wäre es – man ist deßhalb nicht gerade verloren, wenn man auf die Mensur geht, sonst wäre ich selbst – worauf er in Erinnerung an seine eigenen Jugendthorheiten mit seinem Spazierstocke in der Luft eine Quarte gehauen und das Zimmer verlassen hatte. »Ja, es war vorauszusehen, daß es so kommen würde,« meinte die Revisorin nach einer langen, langen Pause, in welcher sie sich bemüht hatte, durch Achselzucken und Seufzen, durch Kopfschütteln und wahrhaft kummervolle Blicke der armen Stadtschultheißin das Herz noch schwerer zu machen. »Und ich, die Mutter, hatte so gar keine Ahnung von allem dem!« »Ja, ja, das glaube ich; wer wird dir auch so etwas sagen, wer wird dir mit etwas kommen, was der ganzen Stadt schon längst kein Geheimniß mehr war?« »Und was ich jetzt noch nicht verstehe!« »Begreiflich, man sagt dir nur von einem Duell mit Herrn Welden.« »Nur – ja, um Gottes willen, was ist denn sonst noch zu sagen? Was ist das, was der Stadt schon längst kein Geheimniß war?« »Laß mich lieber darüber schweigen – ich bin ja nur gekommen, um dir etwas Tröstliches zu sagen, und nicht, um deinen Kummer zu vermehren.« »Aber was du mir da sagst, dient gewiß nicht zu meiner Beruhigung, im Gegentheil, ich fühle aus deinen Worten heraus, daß ich noch viel Schlimmeres erfahren soll – nun, wie Gott will – ich werde auch mit diesem bitteren Tranke zu Ende kommen – was ist es denn eigentlich?« »Nein, nein, es ist besser, ich rede nicht darüber – weißt du, Thatsachen kann und will ich dir nicht mittheilen, und das Ganze ist ein etwas düsteres Geheimniß, womit sich die Stadt schon seit einiger Zeit beschäftigt.« »Ein düsteres Geheimniß, das meinen Sohn betrifft? – Und ich weiß nichts davon!« »Deinen Sohn und – doch es ist besser, wir reden nicht darüber.« »Doch, doch, ich will wissen, was du auf dem Herzen hast – meinen Sohn und – –? Also auch noch jemand Anderes aus meinem Hause soll in ein Geheimniß verwickelt sein, welches der Stadt düster vorkommt?« »Dringe nicht in mich – du weißt, wie ungern ich mich mit Klatschereien abgebe.« Obgleich nun die gute Stadtschultheißin sehr vom Gegentheile des eben Gesagten überzeugt war und sie wahrscheinlich in jeder anderen, ruhigeren Stimmung über Ähnliches, was ihre gute Schwägerin gesagt hatte, lächelnd hinweggegangen sein würde, so ließ das ihre jetzige Aufregung nicht zu, und als sie endlich fest und bestimmt erklärt hatte, sie wolle wissen, was das für ein Stadtgeheimniß sei, so sagte die Andere mit einer Bewegung ihrer dürren Finger, als wolle sie ausdrücken, sie wasche ihre Hände in Unschuld: »Es sind, wie schon vorhin gesagt, keine Thatsachen, die ich dir mittheilen kann, aber es treffen ganz eigenthümliche Dinge zusammen, um manches, was dein Mann gethan, in einem sonderbaren Lichte erscheinen zu lassen, wie es denn auch in der Stadt höchst sonderbar angesehen wird.« Und nun erzählte sie in einem sehr wohlwollenden Tone, mit häufigen Unterbrechungen, daß sie für ihre Person das allerdings sehr lächerlich fände, von den bekannten Bemühungen des Stadtschultheißen, den im Rathhauskeller mündenden unterirdischen Gang dort vermauern zu lassen, – eine Sache, von welcher die Stadtschultheißin allerdings gehört, um welche sie sich aber als unbedeutend nicht bekümmert hatte. »Dieser unterirdische Gang,« fuhr die Andere fort, »verband das kleine Haus des Herrn von Rivola eben so genau mit dem Rathhause, als dein Mann selbst mit dieser Persönlichkeit eng verbunden war – was der Grund dieser Verbindung sei, wußte Niemand anzugeben.« »O ja, ich weiß es; mein Mann erzeigte Herrn von Rivola Gefälligkeiten, für welche dieser ihm Dankbarkeit schuldig war.« »Möglich, daß sie sich gegenseitig Gefälligkeiten erzeigten,« fuhr die Revisorin in trockenem Tone fort; »aber man verwunderte sich trotzdem über diese dicke Freundschaft und begriff nicht, wie der Stadtschultheiß auf einmal auf den Gedanken kam, jene so lange bestandene und gewiß häufig benutzte Verbindung zwischen dem Rathhause und dem alten Thurme zu unterbrechen. Was in jenem alten Thurme seit langen Jahren alles getrieben worden ist, bin ich natürlicher Weise nicht im Stande, genau anzugeben; aber man soll da eigenthümlich eingerichtete Zimmer gefunden haben, furchtbare, unerklärliche Maschinen, Kellergewölbe mit Fallthüren – ja, böse Zungen, auf die ich übrigens nichts gebe, sprechen von einem förmlichen Gefängniß mit Ketten und Banden, das dort tief unter dem Boden existiren soll. Wahr und erwiesen dagegen ist es, daß man in dem unterirdischen Gange geschmolzenes Blei in höchst verdächtiger Form gefunden hat, welches man mit dem räthselhaft schnellen Tode einer Person in dem kleinen Hause neben dem alten Thurme in Verbindung bringen will.« Die Stadtschultheißin hatte bis hieher mit weit aufgerissenen, starren Augen zugehört; dann aber flog ein, allerdings trübes Lächeln über ihre Züge, während sie sagte: »Geh' doch, du erzählst mir Märchen, um mich zu zerstreuen.« »Wollte Gott, es könnte dich zerstreuen! Doch was du Märchen nennst, wird sehr bald in greifbaren Figuren vor dich hintreten – daß in dem alten Hause neulich eine Person rasch und unverhofft gestorben, hast du gewiß ebenfalls erfahren?« »Ja, es war die Frau eines alten Dieners des Herrn von Rivola.« »So sagt man.« »Eine Frau, welche an einer schweren Krankheit lange, lange darniederlag.« Die Revisorin zuckte mitleidig lächelnd die Achseln. »Man sagt allerdings so, aber Niemand hat diese arme Person je gesehen – war sie die Frau des sogenannten Dieners Friedrich, war sie eine andere Unglückliche? – kurz, der Doctor, der allerdings zu spät gerufen wurde und die Ärmste nur in einem halbdunkeln Zimmer gesehen hat, soll nur mit Kopfschütteln und Achselzucken davon sprechen.« »Aber was willst du mit allem dem?« rief jetzt die Stadtschultheißin in einem erschreckten Tone. »Du sagst da Dinge, die Einen schaudern lassen, aus einem Hause, mit welchen mein Mann in einer geheimnißvollen Verbindung stehen soll!« »Die Verbindung ist nicht zu läugnen, sonst will ich durchaus nichts gesagt haben,« antwortete die Revisorin in einem spitzigen Tone; »aber es gibt Leute, die mit sehenden Augen blind sind und die doch keinen Glauben haben, wenn man ihnen Thatsachen an die Hand gibt.« »Aber du gibst mir keine Thatsachen!« »Weil du mich in Einem fort unterbrichst. Daß das Haus am alten Thurme ein höchst verdächtiges ist, wirst du nach allem dem doch nicht mehr bezweifeln, und daß dein Mann Ursache haben mußte, jetzt mit Einem Male den unterirdischen Gang, der dahin führt, abzusperren – du lieber Himmel, weiter sage ich ja nichts, und das sind doch Dinge, die ziemlich klar sehen lassen; willst du aber noch von näheren Verbindungen zwischen dem alten Hause und den Deinigen wissen, so brauche ich dir nur jenes hoffärtige Ding, die Margarethe, in Erinnerung zu bringen, welche mit einem höchst verdächtigen Menschen, wie du weißt, so gut wie durchgegangen ist. Dieser Mensch aber wurde fast täglich im alten Hause des Herrn von Rivola gesehen, ja, häufig im Verkehr mit dem ehrenwerthen Freiherrn selbst so wie auch mit deinem Herrn Sohne, und eben so wahr als es ist, daß dem Herr Sohn das Geld zur Reise deines schönen Stubenmädchens und jenes Herrn Steffler hergegeben, eben so wahr ist es auch, daß dein Mann, der Herr Stadtschultheiß selbst, die nöthigen Papiere für Margarethe besorgte und nicht minder einen Reisepaß für jenen schlechten Kerl, den Steffler, den, wenn er nicht gestern bei Nacht und Nebel durchgegangen wäre, die Polizei gerade so gut erwischt hätte, wie deinen Herrn Sohn – so, und wenn du jetzt nach allem dem noch nicht klar sehen willst, dann bist du in der That noch mehr zu bedauern.« Die Stadtschultheißin war unter einem krampfhaften Zittern rasch aufgestanden und hatte sich von ihrer Schwägerin abgewandt, während sie ihr Taschentuch mit beiden Händen vor die Augen drückte und heftig zu weinen anfing, wobei jene sie mit einem boshaften Lächeln und einem schadenfrohen Aufleuchten ihrer scharfen, grauen Augen betrachtete; dann warf die Revisorin einen zufriedenen Blick auf die elegante, reiche Zimmereinrichtung und dachte bei sich: »Nun, es wäre ja keine Gerechtigkeit, wenn zu all dem Glanze und zu all der Herrlichkeit dieses Hauses nicht auch ein Schatten beigemischt würde!« Doch kam nichts dergleichen über ihre Lippen, vielmehr erhob sie sich, tief aufseufzend, indem sie sagte: »Ich habe es für meine Schuldigkeit gehalten, dir das zu sagen, doch glaube mir, ich habe noch sehr Vieles verschwiegen, und wenn ich dich jetzt verlasse, so spreche ich dabei die Hoffnung aus, daß sich Manches noch zum Guten aufklären möge.« Frau Welkermann vermochte ihr nicht zu antworten, sondern nickte nur mit dem Kopfe, ohne sich nach der Revisorin umzuschauen, die denn auch Miene machte, mit einem gemüthlichen Lächeln und der steifen, aufrechten Haltung ihres Körpers das Zimmer zu verlassen; doch wurde sie unter der Thür desselben noch für eine kurze Weile aufgehalten, da diese sich öffnete und Lucy von Rivola an der Seite ihrer Freundin Elise eintrat, deren Hand sie fest in der ihrigen hielt und welche sie, ohne der Revisorin große Beachtung zu schenken, rasch zu Frau Welkermann hinzog. »Ach, meine liebe Frau Stadtschultheiß,« sagte das junge Mädchen, »verzeihen Sie mir, daß ich schon so früh komme! Aber ich mußte meiner guten Elise aus vollem, treuem Herzen meinen Schmerz über den traurigen Vorfall bezeigen; auch mein Vater würde mitgekommen sein, doch hielt er es für passender, sich später nach Ihrem Befinden zu erkundigen.« »Sie sind ein gutes, liebes Kind, und ich danke Ihnen herzlich für Ihre Theilnahme!« gab Elisens Mutter zur Antwort, indem sie Lucy auf die Stirn küßte, wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte. Die Revisorin war noch einen Augenblick an der Thür stehen geblieben und verließ erst dann das Zimmer, nachdem sie durch Lucy's Worte erfahren, daß diese schon um das Unangenehme wußte, welches sich hier im Hause ereignet. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte sie da bleiben müssen, um den Vorfall zur Kenntniß des Fräuleins zu bringen. »Aber das sind ja ganz traurige Geschichten!« sagte Lucy mit bekümmerter Miene. »Und breiten sich rascher aus, als gute Nachrichten,« meinte Elise – »es ist das so der Lauf der Welt.« »Ich begleitete meinen Vater nach der Stadt und blieb im Wagen sitzen, da Papa auf dem Rathhause etwas zu thun hatte – ich glaube, der Herr Stadtschultheiß hat ihm von dem Vorgefallenen Mittheilung gemacht, oder auch vielleicht ein Bekannter des Herrn Ferdinand, der Lieutenant von Miltau, den Papa anrief, als er vorübergehen wollte, und mit dem er sich eine Zeit lang angelegentlich unterhielt; dann sagte er mir, ich solle hieher fahren, während er seine übrigen Geschäfte besorge. Es hat Papa recht bestürzt gemacht, er nimmt den allergrößten Antheil, und ich selbst, Elise, ach, ich zittere noch, wenn ich daran denke, daß ein Duell hätte stattfinden können!« »Auch ich, Lucy, und da ist es immer noch besser, daß es kam, wie es gekommen ist; man muß von zwei Übeln das kleinste wählen – aber setze dich doch, Lucy!« »Einen Augenblick, recht gern, Elise – ich muß Papa später am Schlosse abholen. – Und das Duell hat mit Herrn Welden stattfinden sollen? – Wie das schrecklich ist! – Herr Ferdinand soll ziemlich schuldlos bei dieser Geschichte sein, glaubte ich aus den Worten meines Vaters zu entnehmen, der mit dem Betragen des Herrn Welden nicht zufrieden scheint – ist's nicht so?« »Es ist doch wohl möglich,« antwortete die Stadtschultheißin kopfnickend, doch mehr für sich selber, als in Entgegnung auf die Frage des Fräuleins. Elise aber sagte, während die Röthe des Zornes über ihre jetzt so bleichen Züge flog und sich ihre Lippen ein klein wenig öffneten: »Die Wahrheit vor Allem: ich bin fest überzeugt, daß die Schuld an Ferdinand liegt – wie der Anfang, so das Ende, wenn man Wind säet, muß man sich nicht wundern, wenn Sturm aufgeht!« Die Stadtschultheißin warf einen bittenden Blick auf ihre Tochter, worauf diese aber muthig, ja finster fortfuhr: »Und warum soll ich das nicht sagen? Es wird Leute genug geben in dieser schlechten Welt, die meinem Herrn Bruder nicht die Spur eines Unrechts vorwerfen werden, weil er der Sohn des Stadtschultheißen ist, und die den Anderen verdammen, dem keine gewichtigen Verbindungen und keine große Familie zur Seite stehen – deßhalb schmerzt es mich auch, Lucy, wenn dein Vater in der That das Unrecht auf Seiten Welden's sehen wollte.« Frau Welkermann hatte sich seufzend erhoben, als Elise so sprach, war dann langsam an ihren Schreibtisch getreten und dann unvermerkt aus dem Zimmer gegangen, wohl um das Gespräch der beiden Mädchen nicht zu stören, vielleicht aber auch, weil sie den bitteren Bemerkungen ihrer Tochter nichts entgegenzusetzen vermochte. »Wie es mich freut, liebe Elise, daß du so über Herrn Welden sprichst,« sagte Lucy in innigem Tone – »ich weiß, du kannst ihn gut leiden und würdest nichts Schlimmes über ihn sagen!« »Doch nur, weil das nach meiner Ansicht die Unwahrheit wäre; Recht muß Recht bleiben, wenn wir auch darunter zu leiden haben, und ich habe schon viel gelitten unter dem Unrecht, das mir mein Bruder Ferdinand angethan.« »Übertreibst du nicht, Elise?« fragte Lucy mit einem freudigen Aufleuchten ihrer Blicke. »Was hat denn Ferdinand so Unrechtes gethan?« »Ich kann das nicht sagen, da du Manches doch nicht verstehen würdest; aber er hat den Eltern und auch mir dieses Herzeleid zugefügt.« »Also hältst du auch Herrn Welden in dieser Angelegenheit nicht für schuldig?« »Gewiß nicht – Herr Welden ist für mich das Ideal eines jungen Mannes!« »Wie mich das freut, weil Papa so ganz anders gesprochen hat!« »Seit wann denn?« »Heute Morgen, nachdem er die Nachricht über den Vorfall in eurem Hause erhalten. Vor einigen Tagen war Herr Welden längere Zeit bei uns, und mein Vater war mit ihm so gut und lieb, wie er es nur mit seinen vertrauten Freunden ist und wie es Herr Welden auch verdient.« »Und was sagt er jetzt über ihn?« »Ich hörte wohl seine Worte, aber ich verstand sie nicht genau; er sagte: ›Wie ich mich in diesem Welden getäuscht habe – wie schlecht von ihm, so wenig sein Wort zu halten!‹ – Er sprach das allerdings mehr zu sich selber, als zu mir, doch deutlich genug, daß ich es verstehen konnte – ach, liebe Elise, und ich erschrack über das, was er sagte; es wäre eine Schande, so schlecht und feige zu sein! Und damit meinte er niemand Anders, als Herrn Welden.« »Beruhige dich, mein Herz, du wirst das mißverstanden haben; so schlecht und so feige, das paßt nicht auf Welden.« »Aber auf deinen Bruder auch nicht, und Einen von diesen Beiden meinte er doch ganz gewiß.« »Feige – nein, das paßt allerdings nicht auf meinen Bruder; feige ist er nicht, aber – doch laß es gut sein, Kind,« unterbrach sie sich selber, »wozu über Sachen nachgrübeln, die entweder Räthsel für uns bleiben sollen oder sich von selbst auflösen? Hier glaube ich das Letztere; es ist noch manches Unklare in dieser Geschichte, vor dem ich allerdings zittere, daß es sich auflöse – doch wie Gott will, wir werden auch darüber hinwegkommen!« »Du gewiß, Elise, mit deinem ruhigen Gemüthe, mit der Vernunft und Klugheit, die du stets zu Rathe ziehst – wie ich alles das an dir bewundere, vor Allem die Ruhe, mit der du dem Kommenden entgegensiehst – ich kann das nicht, ja leider kann ich es nicht!« Bei diesen letzten Worten hatte Lucy ihren Arm um den Hals der Freundin geschlungen und ihren Kopf an die Brust Elisens gelegt, über deren Zügen sich jetzt ein wohlwollendes, aber etwas trübes Lächeln zeigte. »Närrchen,« sagte sie schmeichelnd, »ich begreife es wohl, daß du allem Kommenden mit großer Ungeduld entgegenblickst, weicht doch in deinem glücklichen Leben das Schöne immer dem Schöneren.« »Nicht so ganz, Elise, nicht so ganz; ich blicke seit Kurzem oft recht traurig, ja, recht schmerzlich in die Zukunft!« »Du? – Ah, das ist etwas Neues! Hast du vielleicht einen Wunsch in deinem kleinen Herzen, der sich nicht so leicht erfüllen läßt? Möchtest du eine andere kleine Equipage haben, oder eine neue Kammerjungfer, oder deine Brillanten anders gefaßt?« »Du spottest über mich, Elise – es ist viel Wichtigeres, was mich beschäftigt.« »Wenn ich dir einen guten Rath geben kann oder wenn du meine Ansicht hören willst, so sage mir, was dich bekümmert.« »Es hat sich mir noch nicht ganz bestimmt gezeigt, es huschte nur einige Male wie hinter trüben Schleiern schattenhaft an mir vorüber.« »Ich verstehe dich nicht.« »Du kennst doch meinen Vetter Eugen Hartenstein?« »Den Husarenoffizier? Der kann doch nicht schattenhaft für dich sein – nicht einmal räthselhaft.« »Er nicht, aber einige Worte, die meine Mutter neulich mit meinem Vater über ihn in Beziehung auf mich sprach.« »Ah, nun glaube ich dich zu verstehen!« »Und ist das nicht schrecklich, Elise?« »Ganz und gar nicht – ich würde das für eine recht passende Verbindung halten.« »Aber ich liebe meinen Vetter Eugen Hartenstein durchaus nicht!« »Das wäre schon etwas, um nicht ganz heiter in die Zukunft zu blicken – aber, meine liebe Lucy, wenn . . .« »Aber, meine gute, gute Elise, sprich es doch aus, was du sagen wolltest!« »Wenn du vielleicht jemand Anders liebtest, dann allerdings . . .« »Dann gibst du es zu, daß ich eine Ursache hätte, traurig, kummervoll in die Zukunft zu blicken?« sagte Lucy von Rivola, während sie ihren Kopf rasch erhob und ihr von einer tiefen Röthe bestrahltes Gesicht an die kühle Wange ihrer Freundin drückte und hierauf in leidenschaftlicher Erregung fortfuhr: »Nun denn, warum soll ich es läugnen? Ja, ich liebe – o, so sehr, so sehr – ja, ich liebe ihn!« »Welden . . .?« »Das habe ich dir ja noch nicht gesagt.« »Aber ich wußte es, mein armes Herz, ich, deine treue Freundin, die wie Niemand in deinem offenen, ehrlichen Auge zu lesen versteht – weißt du aber auch, meine liebe Lucy, daß das eine recht traurige Liebe ist?« »Ich habe es mir zuweilen gesagt, aber es selbst nicht geglaubt, bis mein Vater heute Morgen so über Welden sprach – o, das hat mich namenlos unglücklich gemacht – ja, ich liebte ihn absichtslos, ohne irgend eine Hoffnung – wie sollte ich auch dazu kommen, etwas von seinem Herzen zu erwarten, von ihm, der das kleine, unbedeutende Mädchen nur so gleichgültig wohlwollend betrachtet, der kaum einen Blick für mich hat, wenn ich, ihn anschauend, oft nur mühsam meine Thränen zurückhalten kann – weißt du wohl, Elise, daß ich recht sehr unglücklich bin, daß ich es fühle, ohne genau zu wissen, warum, wie sich meine Zukunft finster umzieht?« »Närrchen, du kannst und wirst noch glücklich werden!« »Glücklich nicht, vielleicht ruhig und zufrieden, wenn ein großes Unglück, das mir bevorsteht, vorübergegangen sein wird, ohne zu viel an meinem Herzen zerstört zu haben!« »An deinem achtzehnjährigen Herzen – es wäre das allerdings ein großes Unglück, wenn dieses kleine Herz nicht zu vernünftig wäre, um sich einer so hoffnungslosen Liebe wegen tief zu betrüben!« »Du spottest meiner, Elise; und doch fühle ich tiefer, als du nur denkst!« »Ich weiß das – ich möchte dich erheitern, obgleich ich selber nicht heiter bin – ach, wie sehne ich mich nach der schönen Zeit des Frühlings, und möchte dann mit dir hinausziehen, wie damals, durch Feld und Wald, aber gänzlich frei und unabhängig, fort aus diesen Mauern, fort von diesen Menschen!« »Ja, ja,« sagte Lucy, träumerisch mit dem Kopfe nickend, »weit, weit fort von hier – und weißt du auch, wohin? O, ich vergesse es nie, wie du es mir damals als ein seliges Glück schildertest, abgeschlossen von der ganzen Welt mit gleichgestimmten Seelen leben zu können – weißt du es wohl noch, Elise, wie wir uns ein kleines Gärtchen und eine kleine Zelle ausmalten, in der wir glücklich sein wollten, oder denkst du nicht mehr so?« »Gewiß denke ich noch so, mein liebes Herz – aber du? – Gib Acht, wie bald für dich die Sonne wieder glänzend scheint und alle finsteren Schatten verschwinden läßt!« »Aber wenn dem nicht so ist, wenn ein Unglück, das mir droht, obgleich ich selbst nicht weiß, woher, über mich hereinbrechen sollte, ein wirklich schweres Unglück, dann, Elise, würdest du mich vielleicht doch mit dir nehmen, wenn du einmal entschlossen bist, diese böse Welt zu verlassen?« »Dann, ja, dann! Mit wem wäre ich lieber auf immer vereint, als mit dir?!« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Als Welden nach dem Furchtbaren, das ihm heute Morgen begegnet war, wie aus einer tiefen Betäubung wieder erwachte und in seinem Zimmer umherblickte, schien ihm Alles ein böser, schwerer Traum zu sein, und doch sah er an allem, was ihn umgab, die furchtbare Wahrheit; da lagen auf seinem Schreibtische die Papiere und Pakete, wie er sie in der Nacht geordnet; da sah er seinen Koffer verschlossen neben der Thür stehen; da hörte er die Uhr des benachbarten Kirchthurmes schlagen, sieben Mal, und jeder Schlag schien ihm hohnlachend zu sagen: »Wie wäre dir jetzt so wohl, wenn du draußen ständest, fünf Schritte vor der Mündung einer Pistole – oder, noch besser, wenn die Kugel, dem Lauf entflogen, ihr Ziel, dein Herz, nicht verfehlt hätte!« Merkwürdiger Weise schienen all die zahlreichen Uhren der Stadt, welche jetzt nach einander in den verschiedensten Tonarten anschlugen, nicht nur der gleichen Ansicht zu sein, sondern ihre Gedanken und Meinungen noch schärfer auszusprechen, daß man es von diesem Welden nimmermehr erwartet hätte, sich auf solch' strafbare Art zurückhalten zu lassen, und daß die ganze Stadt wohl Recht hatte in ihrer Vermuthung, Welden sei doch nicht ganz unschuldig daran, daß der Polizeirath Merkel – ihr Bruder – so entscheidend eingegriffen habe; »– sehr – glaub – lich – sehr – glaub – lich!« brummte die Thurmglocke, und das Glöcklein der Kapuzinerkirche gellte schließlich: »gewiß – gewiß – gewiß!« »Wenn die Glocken es verkünden, muß wohl etwas Wahres daran sein,« murmelte der junge Ingenieur in dumpfem Tone zwischen den fest auf einander gebissenen Zähnen hervor. Und dann kamen Augenblicke, wo er seine beiden Hände fest an die Schläfen drückte und sich alle Mühe geben mußte, das, was Miltau gesagt und die Glocken wiederholt, selbst nicht zu glauben, denn es war gar zu unwahrscheinlich. Doch gingen diese furchtbaren Gedanken auch vorüber, wenigstens für kurze Zeit, und dann überlegte er mit brennender Stirn, was jetzt zu thun sei; sein Gedanke war, Ferdinand Welkermann aufzusuchen, um diesem der Wahrheit gemäß Alles zu erzählen, wie es sich begeben – Alles? – Unmöglich! Hoffte er doch immer noch etwas von der Discretion Miltau's, wenn er anderentheils schon zugeben mußte, jener könne nicht anders, als den Ruf einer unglücklichen Frau vernichten, um seine Behauptung, Welden sei ein elender, feiger Wicht, aufrecht zu erhalten. Und würde Welkermann anderer Ansicht sein oder sein wollen? Das Letztere vielleicht; denn auch Welden erkannte seinem Gegner bei all dessen Fehlern ehrenhafte Gesinnungen zu. Was aber thun, wenn er zu Welkermann kam und dieser ihm achselzuckend wiederholte, was Herr von Miltau ihm hier auf dieser Stelle gesagt? Nein, nein, das zu ertragen wäre ihm heute Morgen bei der Aufregung, in der er sich befand, unmöglich gewesen! Wo sollte er Rath und Hülfe suchen? Bei Herrn von Rivola? Sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, wenn er an diesen dachte und an die Unterredung, welche er mit ihm gehabt. Bei dem Polizeirath Merkel? Ja, es war das Beste, diesen aufzusuchen und von ihm eine kategorische Erklärung zu verlangen, daß – daß er, der arme Welden, unschuldig sei. Er lachte selbst ingrimmig auf, als er diesen Gedanken ausbildete und weiter verfolgte, als er daran dachte, seine zerrissene Ehre durch ein polizeiliches Zeugniß wieder herstellen zu wollen. Und selbst eine Unterredung mit dem Polizeirath betreffend, stiegen undurchdringliche Schranken vor ihm auf; konnte er doch nicht vor ihn hintreten und ihm sagen: »Herr, man hält mich für fähig, auf Sie eingewirkt zu haben, weil Ihre Schwester – freundlich für mich gesinnt ist! Geben Sie mir ein Zeugniß, daß dem nicht so ist, trotzdem Ihre Frau Schwester ein wenig stark compromittirt scheint!« Ah, verflucht, so war ihm jede Aussicht verbaut, wohin er sich wandte, und er konnte nichts thun, als sich seinen Feinden auf Gnade und Ungnade ergeben! Und das wollte er doch nicht – nein, bei Gott, das konnte er nicht! Er mußte wenigstens den Versuch machen, Ferdinand Welkermann von seiner Unschuld zu überzeugen und alsdann dessen Großmuth die Bestimmung über den Vollzug des Duells überlassen. »Seine Haft wird nur einige Tage dauern,« dachte er ganz richtig, »kaum einige Tage; denn welches Recht hat Merkel überhaupt, Ferdinand Welkermann zu verhaften?« – Und da es ihm nach langem Überlegen das Zweckmäßigste schien, sich über die Dauer der Haft Ferdinands Gewißheit zu verschaffen, zog er sich rasch vollständig an, um zum Polizeirath zu gehen, welchen er sich schon erlauben konnte, so früh am Morgen aufzusuchen. Er warf einen scheuen Blick nach seinem Schlafzimmer und biß seine Zähne in die Lippen, als er hierauf das Zimmer verließ. Doch konnte er sich nicht enthalten, draußen im Gange ein paar Mal lauschend stehen zu bleiben; aber er hörte kein Geräusch, als die Stimme des Dienstmädchens in der Küche, die ihr Tagewerk mit einem halblaut gesungenen Liede begann. Wie wohl that ihm draußen der Anblick des trüben, grauen Himmels, das Wehen eines scharfen Nordostwindes, welcher ihm zuweilen einzelne, schwere Regentropfen prickelnd in's Gesicht jagte; wie angenehm war es ihm bei diesem häßlichen Wetter, wenige Leute auf der Straße zu sehen und, wie er glaubte, von keinem Bekannten bemerkt worden zu sein, als er, nun noch einmal rasch umbiegend, in das Gebäude der Polizeidirektion trat. Der Amtsdiener des Herrn Merkel, welcher in Welden einen genauen Freund seines Herrn erkannte, machte trotzdem ein zweifelhaftes Gesicht bei dessen Frage nach dem Polizeirath. »Allerdings,« sagte er, »ist derselbe schon sichtbar, aber ich weiß nicht, Herr Welden, ob . . .« »Sie mich anmelden können? Wenn ich Sie nun aber versichere, daß dies die Zeit ist, welche mir der Herr Polizeirath bestimmt hat?« »Ah, das ist etwas Anderes, und bitte ich Sie, nur einzutreten! Der Herr Polizeirath ist allerdings noch nicht zurückgekehrt – er ging in einer dringenden Angelegenheit zu Seiner Excellenz dem Herrn Polizeiminister –, aber die Anderen sind bereits drinnen.« Welden war mit seiner eigenen Angelegenheit zu sehr beschäftigt, um auf die letzte Bemerkung des Amtsdieners besonderes Gewicht zu legen, und trat durchs Vorzimmer in das Schreibcabinet des Polizeiraths. Fast wäre er indessen wieder umgekehrt, als er hier neben der Thür einen Mann sitzen sah, den er wohl kannte, den geheimen Polizeiagenten Schmetterer, der in Dienstangelegenheiten auf den Herrn Polizeirath zu warten schien. Auch befand sich hier noch ein anderer Herr, in etwas gebückter Haltung in der Nähe des Ofens sitzend. Er war sehr gut, ja, mit Auswahl gekleidet und schien, obgleich sich Herr Schmetterer bei dem Erscheinen Weldens grüßend erhob, keine Notiz von dem Eingetretenen zu nehmen, denn er wandte nicht einmal den Kopf, sondern fuhr in der Beschäftigung fort, einen kleinen, feinen Spazierstock in die zwischen seinen Füßen befindliche Ritze des Fußbodens einzubohren. Welden dankte für einen Stuhl, den ihm Herr Schmetterer zuvorkommend anbot, und ging, mit seinen Gedanken beschäftigt, in dem Zimmer auf und ab, wobei er aber wohl bemerkte, daß der Fremde seinen Kopf erhoben hatte und ihn wahrscheinlich betrachtete; doch schaute derselbe jetzt, als sich der Ingenieur auf seinem Gange umgewandt, mit einem nüchternen, fast trüben Lächeln an den mit grauen Wolken bedeckten Himmel empor, wobei er leise seufzte. Welden kannte ihn nicht, obgleich er sich wohl erinnerte, dieses Gesicht schon irgendwo gesehen zu haben. Jetzt nahten sich eilige Schritte der Thür, und der Polizeirath trat nach seiner Gewohnheit rasch ein, lächelte äußerst wohlwollend und freundlich, als er Welden zunickte und ihm seine Rechte entgegenstreckte, und wandte sich hierauf nach einem kurzen Blicke auf Schmetterer gegen den Fremden, der sich nun ebenfalls erhoben hatte, und sagte zu diesem: »Ah, da wären wir also wieder, mein lieber Herr Steffler!« »Ich muß hinzufügen: leider, Herr Polizeirath! Denn es ist hart, wenn man gezwungen ist, eine lang projectirte wichtige Reise so gänzlich unnöthiger Weise zu unterbrechen!« »Machen Sie sich darüber weiter keine Sorgen; Sie werden Ihre Reise später nicht nur wieder fortsetzen können, sondern ich verspreche Ihnen auch noch eine gute Entschädigung, wenn es wirklich wahr sein sollte, daß wir Ihre Reise unnöthiger Weise unterbrechen. Doch setzen Sie sich, ich bitte darum!« Hierauf ging der Polizeirath zu Welden, der sich discreter Weise an das Fenster zurückgezogen hatte und nun sagte: »Verzeihen Sie, Herr Polizeirath, daß ich das mir von Ihnen gütigst ertheilte Paßwort anwandte, um Sie zu so früher Morgenstunde zu sehen – auch um Sie wahrscheinlich in wichtigen Geschäften zu stören.« »Machen Sie sich darüber keine Sorgen, mein lieber Freund,« entgegnete der Polizeirath, die Hände reibend. »Hätte ich doch darauf schwören wollen, daß ich heute Morgen das Vergnügen haben würde, Sie bei mir zu sehen!« »Es wäre mir allerdings sehr angenehm gewesen, einige Worte mit Ihnen reden zu können.« »Und warum das nicht? Doch ich verstehe,« fuhr der Polizeirath mit einem Blicke auf Steffler fort. »Wissen Sie was, setzen Sie sich und nehmen Sie zu Ihrer Unterhaltung eine Zeitung, so lange ich ein paar nöthige Worte mit diesem Herrn rede.« »Wenn ich Sie nicht störe – doch werde ich mich bemühen, meine ganze Aufmerksamkeit den Tagesneuigkeiten zuzuwenden.« »Davon bin ich überzeugt,« sprach der Polizeirath und trat dann dicht zu Herrn Steffler, dem er mit halbleiser Stimme sagte: »Ich habe Sie nur deßhalb gleich nach Ihrer Rückkehr kommen lassen, da mir Herr Schmetterer Ihren etwas sehr lebhaft ausgesprochenen Wunsch mittheilte, mich zu sehen.« »Und darin hatte ich wohl nicht Unrecht, Herr Polizeirath,« versetzte der Angeredete in einem scharfen, heiseren Tone. »Wenn man so plötzlich und ohne allen denkbaren Grund von einem Polizeibeamten angehalten wird, hat man wohl das Recht, nach der Ursache zu fragen.« »Gewiß, gewiß, Sie haben das Recht, und es soll Ihnen auch seiner Zeit eine genügende Antwort nicht vorenthalten bleiben.« »Seiner Zeit? Ach, Herr Polizeirath, das ist ein schreckliches Wort! Ich hatte wirklich nicht anders erwartet, als daß es sich mir vielleicht um eine einfache Frage handle, nach deren Beantwortung man mich wieder meines Weges ziehen ließe. Herr Polizeirath, bedenken Sie, daß ich eine geliebte Braut habe, die meiner sehnsüchtig harrt!« »Leider ja, ich weiß das, Herr Steffler, aber die gebieterische Nothwendigkeit gestattet mir nun einmal nicht, Sie so rasch, wie Sie denken, wieder zu entlassen; doch soll Alles zur Beschleunigung geschehen, das verspreche ich Ihnen auf mein Wort, bitte Sie aber dabei, sich in Geduld zu fügen. Herr Schmetterer wird Ihnen schon gesagt haben, daß ich, um Ihre Angelegenheit rascher zu betreiben, für ein gutes Zimmer hier ganz in meiner Nähe gesorgt habe, ein anständiges Zimmer, in welchem es Ihnen durchaus an nichts fehlen soll.« »Ich habe es schon gesehen, Herr Polizeirath,« erwiederte Steffler mit einem recht traurigen Blicke und einem tiefen Seufzer, den er sich vergeblich Mühe gab, zu unterdrücken. »Es ist recht klein und hat stark vergitterte Fenster.« »Wie wir es eben hier haben,« gab der Polizeirath achselzuckend zur Antwort; »doch glauben Sie mir, es wird nicht lange dauern, wozu auch Sie sehr viel beizutragen im Stande sind.« »Nun denn, es ist eine Schickung – Sie werden sehen, daß man mir Unrecht thut.« Damit machte er eine tiefe Verbeugung und ging, gefolgt von dem Polizeiagenten Schmetterer, der Thür zu. Dort blieb er aber einen Augenblick wie überlegend stehen und sagte dann, sich umwendend: »Würde es mir nicht gestattet sein, Herr Polizeirath, ein paar wohlwollende Gönner, die ich hier habe, von meiner Rückkehr brieflich in Kenntniß zu setzen?« »Vielleicht, Herr Steffler. Wer sind diese Gönner?« Der Andere zauderte einen Moment mit der Antwort; dann sagte er mit einem raschen Blicke auf Welden und mit lauterer Stimme, als er bisher gesprochen: »Es sind dies Herr Ferdinand Welkermann, der Sohn des Stadtschultheißen, und der Herr Baron von Rivola.« Der junge Ingenieur hatte sich in der That alle Mühe gegeben, die Zeitung mit Aufmerksamkeit zu lesen, um nicht genöthigt zu sein, unwillkürlich etwas von dem Gespräche der Anderen zu vernehmen; doch schlug jetzt der laut ausgesprochene Name der beiden Leute, mit denen er sich in der letzten Zeit sehr beschäftigt, so eindringlich an sein Ohr, daß er nicht anders konnte, als aufzuschauen und auf diese Art dem Blicke des Herrn Steffler zu begegnen, der über die Aufmerksamkeit, welche er erregt, ein sehr zufriedenes Gesicht machte und sogar die etwas barsche Antwort des Polizeirathes: »Hoffentlich wird Ihr Besuch nicht so lange dauern, daß Sie nöthig hätten, Ihre Bekannten davon in Kenntniß zu setzen,« zu verschmerzen schien. »Das ist ein ganz eigenthümlicher Mensch,« fuhr Herr Merkel, gegen Welden gewandt, fort, nachdem sich die Thür hinter dem unfreiwilligen Gaste der Polizeidirektion geschlossen. »Kannten Sie ihn? Ist er Ihnen früher schon begegnet?« »Ich meine, ich hätte ihn schon gesehen, aber unter so gleichgültigen Umständen, daß mir nichts mehr davon erinnerlich ist. Was hat er für eine Beziehung zu Ferdinand Welkermann oder zu Herrn von Rivola, oder ist dies vielleicht eine indiscrete Frage?« »Ganz und gar nicht; ich will Ihnen später darüber sagen, was ich vermag. Doch jetzt, mein junger Freund, lassen Sie mich wissen, was Sie so früh zu mir herführt?« »Sollten Sie keine Ahnung davon haben, Herr Polizeirath?« »Eine kleine allerdings; doch scheint mir Ihre Miene zu erregt, als daß Sie nur deßhalb zu mir gekommen waren, um mich darüber ein wenig zur Rechenschaft zu ziehen, daß ich mich in Dinge gemischt, die mich, Ihrer Ansicht nach, eigentlich gar nichts angehen sollten.« »Ah, Herr Polizeirath,« rief Welden, »ich meine, auch einfach dafür könnte wohl meine erregte Miene verzeihlich erscheinen! Nicht genug, daß Sie mich drei Tage lang hinhalten und mich schon dadurch in eine schiefe Stellung bringen – nein, sie verhaften meinen Gegner unter so außerordentlichen Umständen, daß alle Welt vollkommen das Recht hat, mit den Fingern auf mich zu deuten!« Je heftiger der Ingenieur diese Worte hervorstieß, um so ruhiger, ja, um so behaglicher schien sich der Andere zu fühlen; er rieb sich mit einem lächelnden Gesichtsausdrucke die Hände, ehe er zur Antwort gab: »Es sollte mir in der That leid thun, diese Wirkung hervorgebracht zu haben. Aber wie ist das vernünftiger Weise denkbar?« »So einfach, Herr Polizeirath, daß ich es nicht verstehe, wie Sie nicht schon von selbst auf diese Idee kommen,« versetzte Welden mit sehr bewegter Stimme: »Alle Welt weiß, daß ich im Hause Ihrer Frau Schwester wohne, daß ich der Familie derselben sehr befreundet bin . . .« »Alle Teufel, daran habe ich nicht gedacht!« »Sie, Herr Polizeirath, der nicht leicht etwas vergißt? Doch freut es mich, daß Sie meine unangenehme Lage einzusehen scheinen – meine fürchterliche Lage!« fuhr er heftiger fort. »Ah, man hält Sie für fähig, durch meine Schwester auf mich eingewirkt zu haben, und man glaubt, ich hätte auf mich einwirken lassen! Das ist allerdings schlimm, aber . . .« »Man war so freundlich, mir mit ziemlich klaren Worten in's Gesicht zu sagen, daß man mich für einen erbärmlichen, feigen Menschen halte, und um das Gegentheil zu beweisen, könnten wohl aus dem einzigen Duell mehrere entstehen.« »Hm,« machte der Polizeirath, indem zum ersten Male heute Morgen auf seinem gleichmäßig heiteren Gesichte ein verdrießlicher Zug erschien, »was ist aber da zu thun? Glauben Sie mir, mein lieber Freund, daß ich den Ernst und das Unangenehme Ihrer Lage nicht nur vollkommen einsehe, sondern auch bereit bin, zu helfen, wo und wie ich kann – aber wie? Darin liegt gerade die Schwierigkeit.« »Nichts einfacher, als das, Sie erklären öffentlich den wirklichen Grund, warum Sie Herrn Ferdinand Welkermann unter Hausarrest gesetzt.« »Mit Vergnügen – schriftlich auf Stempelpapier, um das Duell mit Ihnen zu verhindern.« »Bah, Herr Polizeirath, das ist nicht der wirkliche Grund!« Herr Merkel, der einen Augenblick an's Fenster getreten war, wandte sich rasch um und blickte den jungen Ingenieur erstaunt an. »Seien wir so aufrichtig gegen einander, wie es der fürchterliche Ernst meiner Lage verlangt. Ja, Herr Polizeirath, Sie sehen in mir einen sonst ruhigen und ziemlich vernünftigen Menschen, der aber durch das, was ihm widerfahren, an den Rand der Verzweiflung gebracht ist. Glauben Sie, ich werde es ertragen, daß Ehrenmänner vor mir die Achseln zucken, daß Leute wie Herr Besenbach und Consorten mir in den Bart spucken? Und sie haben alle Ursache dazu. Deßhalb, Herr Polizeirath, muß ich Sie dringend bitten, mir den anderen, wirklichen Grund zu nennen.« »Wenn ich nun aber keinen anderen Grund habe, oder wenn . . .« »Dieser Grund vor der Hand noch Amtsgeheimniß bleiben müßte?« ergänzte Welden. »Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich schon bei unserer Unterredung vor einigen Tagen aus Äußerungen, die Sie über Welkermann thaten, entnahm, daß Ihnen seine Person als solche zu kostbar sei, um sie in den Fall zu bringen, von mir todtgeschossen zu werden.« »Sie irren, lieber Welden, an der Person liegt mir nichts; als Mann des Gesetzes war es mir darum zu thun, das Duell zu verhindern.« »Ist das Ihre endgültige Erklärung?« »Ich weiß keine andere, wenigstens keine, die ich Ihnen heute zu geben im Stande wäre.« »Ah, das ist ein Hoffnungsstrahl!« rief der junge Ingenieur mit bebender Stimme. »Also heute sind Sie nicht im Stande, mir den wirklichen Grund der Verhaftung Welkermann's anzugeben, aber morgen, übermorgen, oder wollen Sie mich wieder in den Bann von drei Tagen thun?« »Ich will nichts, als Ihr Bestes, mein lieber Freund,« erwiederte der Polizeirath, indem er sich der beiden Hände des jungen Mannes bemächtigte. »Ich will, daß Sie ruhig sind, ich will, daß Sie das Unangenehme wie ein Mann ertragen, und verspreche dagegen, Ihnen und der Welt in kürzester Zeit eine Erklärung über das Vorgefallene zu geben, welche gewiß nicht verfehlen wird, Alles zu Ihrem Vortheil aufzuklären.« Welden blickte düster vor sich nieder und versetzte dann kopfschüttelnd: »Es gibt einen Argwohn, der auf uns lasten bleibt, einen Flecken, den wir nicht mehr auszutilgen vermögen; es ist das der Vorwurf der Feigheit, unter dessen furchtbarem Drucke ich ohne Kraft des Widerstandes mein Haupt beugen muß. Würde man mich eines Mordes beschuldigen, eines Diebstahls meinetwegen – es könnte mir vielleicht gelingen, meine Unschuld zu beweisen; aber wenn Sie in meinem Falle einen körperlichen Eid für meine Unschuld ablegen, man wird trotzdem Ihnen und mir nicht glauben, und das einzige Mildernde wäre die Veröffentlichung des Grundes, des wirklichen Grundes, aus welchem Sie, und gerade am heutigen Morgen, Ferdinand Welkermann verhaften ließen. Nennen Sie mir diesen Grund.« Der Polizeirath befand sich offenbar in großer Verlegenheit; er war von dem Fenster weggetreten und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, mit weiten Schritten durch das Gemach. Er hatte in der That eine herzliche Freundschaft für Welden, denn er achtete dessen vortreffliche Eigenschaften als Mensch, seine große Befähigung als Künstler, und er war nicht einen Augenblick in Zweifel darüber, daß sich Welden durch die Verhaftung Welkermann's in einer qualvollen Lage befände; er hätte so gern den wirklichen Grund jener Verhaftung gesagt, denn er hatte ja einen anderen Grund; doch erschien es ihm unmöglich, dadurch sein gut gelungenes Spiel zu zerstören, denn das mußte er sich eingestehen, sprach er es einmal aus, daß er den Sohn des Stadtschultheißen nicht verhaftet habe, um ein Duell zu verhindern, so begab er sich überhaupt des Rechtes zu dieser Verhaftung, welche nur im Einverständnisse mit dem Vater Ferdinand's zur Verhütung einer großen Thorheit für einige Tage möglich war, – nannte er den wirklichen Grund, so war das gerade so, als wenn auf der Mensur ein Fechter zum anderen spräche: »Decke deine Brust, decke dein Herz, dorthin zielt die Spitze meines Degens!« Und wenn der Polizeirath dagegen im Vorbeischreiten in die auf ihn gerichteten brennenden Blicke des jungen Mannes mit dem beinahe flehenden Ausdrucke schaute, fühlte er sich fast bewogen, etwas zu thun, was er noch niemals gethan: ein Amtsgeheimniß zu verrathen – fast, sagen wir, denn als er eben im Begriffe war, es zu thun, erschien ihm sein Amtsdiener wie ein rettender Engel und meldete den Bankdirektor, Herrn Schwemmer, sowie den Chef der Notenfabrikation, Herrn Scholtze. Welden fuhr mit einem unangenehmen Gefühl empor und sagte, als ihm der Polizeirath mit einem bedauernden Achselzucken voll in das Gesicht sah: »So wäre das also heute Morgen verlorene Zeit und Mühe gewesen; ich verlasse Sie für jetzt, Herr Polizeirath, da ich nicht indiscret genug bin, noch zu bleiben. Doch habe ich eine Bitte, welche Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden; Sie können sich denken, daß es mich drängt, Herrn Ferdinand Welkermann zu sprechen, und bitte ich, mir dazu eine schriftliche Ermächtigung zu geben.« »Sollte das nothwendig sein?« »Wer weiß – aber es wäre mir für alle Fälle wünschenswerth, und diese Bitte werden Sie mir hoffentlich nicht abschlagen.« »Sie verkennen mich in der That, lieber Welden,« erwiederte Herr Merkel, zum Tische tretend, um dort die verlangten Zeilen niederzuschreiben. »Ich würde Ihnen auch jeden anderen Wunsch erfüllen, wenn nicht die unangenehmste Nothwendigkeit mir das heute noch zu thun verböte. Aber glauben Sie mir, daß ich in dieser fatalen Angelegenheit für Sie so besorgt sein werde, wie Sie es nur selbst sein können, und daß ich fest von einem befriedigenden Resultate überzeugt bin.« »Das bin ich auch,« sagte Welden mit dumpfer, eigenthümlich klingender Stimme und einem seltsamen Lächeln, worauf er das gewünschte Papier aus den Händen des Polizeiraths empfing und sich nach einer tiefen Verbeugung entfernte. Unter der Thür begegnete er den angemeldeten beiden Herren, von denen der Bankdirektor Schwemmer in sichtlicher Aufregung eintrat, was er dadurch bewies, daß er sich mit seinem Taschentuche Kühlung zufächelte und dasselbe wiederholt an seine Stirn drückte, als wollte er dort nicht befindlichen Schweiß abtrocknen. Auch ließ er sich sogleich in den Lehnstuhl neben dem Schreibtische nieder und reichte dann erst mit einem kalten Lächeln dem Polizeirath seine Rechte zur Begrüßung. »Ihre Aufregung verspricht etwas,« sagte der letztere mit einem zufriedenen Lächeln, »doch sollten Sie das alles gleichmüthig nehmen, verehrter Herr Bankdirektor, und in Ihrem Äußern nichts davon verrathen.« »Das thue ich auch gewöhnlich nicht, und Herr Scholtze muß mir bezeugen, daß ich an seiner Seite lächelnd durch die Straßen schritt; aber hier, unter Freunden, lasse ich meine Maske fallen und mache durchaus kein Hehl daraus, daß mich diese fürchterliche Geschichte auf's tiefste erschüttert.« »Setzen Sie sich, Herr Scholtze, wenn ich bitten darf, und lassen wir uns ruhig über die Angelegenheit reden. Also es gibt etwas Neues?« Der Chef der Notenfabrikation hatte ebenfalls Platz genommen und sagte nun, indem er seine Brieftasche hervorzog: »Allerdings gibt es etwas Neues, und zwar die Bestätigung, daß wir es mit einer Fälschung in großartigem Maßstabe zu thun haben.« »Dem lieben Gott sei es geklagt,« seufzte Herr Schwemmer. »Sie können sich denken, Verehrtester, daß in den letzten Tagen alle eingelaufenen Noten mit mehr als Argusaugen betrachtet wurden; Verdächtiges fand sich allerdings, aber gestern erst die trostlose Gewißheit. Betrachten Sie die beiden Tausendgulden-Noten in der Hand des Herrn Scholtze gegen das Licht, und Sie werden finden, daß das Wasserzeichen an manchen Stellen kaum noch zu sehen, an manchen aber ganz verschwunden ist.« »Ich conferirte darüber gestern mit unserem ersten Chemiker, dem Professor Förster, der meine Ansicht bestätigte, daß das Wasserzeichen zwar mangelhaft, aber doch zugleich mit dem Papier fabricirt sei, und daß den undeutlichen Stellen desselben mit einer Säure nachgeholfen worden sei, die dasselbe freilich täuschend herstellt, welche aber im Verlaufe von Jahren wieder gänzlich verschwindet.« »Und hätten wir trotz alledem noch zweifeln können,« fuhr der Bankdirektor fort, »so hätte sich die Fälschung durch etwas Anderes bis zur Evidenz erwiesen; dem Professor Förster erschien eine Zahl – hier, die zweite in der fortlaufenden Nummer – etwas verdächtig; er machte einen Versuch, und wie Sie genau sehen, fand sich, daß dieser undeutlich erschienenen Zahl künstlich nachgeholfen worden war, aber statt mit Druckerschwärze, was auch bei der größten Sorgfalt nicht gut möglich war, mit chinesischem Tusche, der sich bei der Probe auflöste.« »A–a–a–ah,« sagte der Polizeirath, »das sind sehr wichtige und erfreuliche Thatsachen!« »Erfreulich – das kann ich nun gerade nicht sagen!« rief der Bankdirektor schmerzlich. »Doch bin auch ich wenigstens darüber erfreut, daß wir einmal festen Grund unter den Füßen fühlen!« »Aber einen Grund, dem viel Unangenehmes für uns alle entsprießen muß,« sagte der Chef der Notenfabrikation; »denn Professor Förster ist nicht nur Ihrer Ansicht, Herr Polizeirath, daß die Farbe an den Brandrändern dieser Fünfhundertgulden-Note verdächtig ist, sondern er hat durch einen ähnlichen Versuch wie bei der Tausendgulden-Note sich überzeugt, daß auch hier, und zwar bei diesem F am Anfange des Wortes Fünfhundert, mit Tusch nachgeholfen worden ist.« »A–a–a–ah,« rief der Polizeirath aufspringend, »das ist für mich von ungeheurer Wichtigkeit! Wenn diese Fünfhundertgulden-Note wirklich falsch ist, so rufe ich mit Entzücken aus, wie der Seemann nach monatelanger Fahrt: Land, Land!« »Das wäre immerhin schon etwas,« meinte Herr Schwemmer; aber nach meinem Berichte an Seine Königliche Majestät über das ganze namenlose Unglück melde ich mich krank und nehme einen vierwöchentlichen Urlaub.« »Wer wird so kleinmüthig sein, Herr Bankdirektor, und was haben Sie denn zu fürchten? Gar nichts! Nur dürfen Sie keinen voreiligen Bericht machen – wir dürfen erst dann über die Thatsache dieser Fälschung berichten, wenn wir zu gleicher Zeit sagen können: da ist das Verbrechen und hier sind die Verbrecher, Alles hübsch bei einander.« »Das wäre allerdings ein Milderungsgrund – und glauben Sie in der That, eine Spur gefunden zu haben?« »Ich bin davon überzeugt, doch gestatten Sie mir noch einige Fragen: wo fanden sich diese offenbar falschen Notenscheine?« »In der Kasse der Bank selber – das ist für mich gerade das Unheimlichste der ganzen Geschichte.« »Wer hat die Pakete sortirt, in welchen man sie gefunden?« »Der junge Welkermann – apropos,« rief der Bankdirektor, indem er sich aufrichtete und Herrn Merkel mit großen Augen anschaute, »das hätte ich ja beinahe vergessen; Sie haben mir ja heute den Welkermann, einen meiner besten Arbeiter, verhaftet.« »Verhaftet kann man eigentlich nicht sagen,« erwiederte der Polizeirath mit sanfter Stimme; »ich sagte Ihnen ja schon, daß ich es im Einverständniß mit dem Herrn Stadtschultheißen für nothwendig hielt, dessen Sohn von einem thörichten Duell abzuhalten, und war der Herr Stadtschultheiß mit mir darüber einig, dem etwas leichtsinnigen jungen Menschen ein paar Tage Hausarrest zu geben.« »Ah so, dagegen läßt sich durchaus nichts einwenden.« »Nun aber noch eine andere Frage: Haben Sie nichts darüber herausgebracht, ob besonders in letzter Zeit von irgend einer Seite her ein auffallender Notenumsatz stattgefunden hat?« »Ein auffallender – nein,« erwiederte der Bankdirektor, »und von verdächtiger Seite her noch weniger; nur glaubt sich einer der Bankdiener zu erinnern, daß Herr Ferdinand Welkermann eines Tages Noten in den betreffenden Kassenschrank gethan und dafür andere herausgenommen, die er in seine Brieftasche gelegt – allerdings ein nicht ganz richtiges Verfahren, für welches ich auch nicht ermangeln werde, dem Welkermann ernste Vorstellungen zu machen. Aber nun bitte ich Sie um Alles, Herr Polizeirath, lassen Sie auch uns etwas von dem Lichte sehen, das Sie in dieser finstern Angelegenheit entdeckt zu haben glauben.« Der Polizeirath machte ein auffallend ernstes Gesicht und sagte dann in einem bestimmten Tone: »Verzeihen Sie mir, Herr Bankdirektor, daß ich das für heute noch nicht zu thun im Stande bin; der Schein, den ich sehe, könnte sich möglicher Weise auch als ein Irrlicht darstellen; sobald ich aber einmal ganz klar sehe, und ich zweifle nicht, daß dies der Fall sein wird, werde ich Ihnen gewiß meine Entdeckung nicht vorenthalten – vertrauen Sie meiner Umsicht und Thätigkeit.« Dreiundzwanzigstes Kapitel. Weldens Angelegenheit, sein verhindertes Duell anbelangend, hatte sich für ihn so unangenehm entwickelt, als er es an dem betreffenden Morgen in seiner finsteren Phantasie vorausgesehen. Nachdem er hierauf später den Polizeirath verlassen, hatte er einen Brief an Ferdinand Welkermann geschrieben, worin er diesen um eine Unterredung gebeten, darauf aber die Antwort erhalten, er, Welkermann, könne sich durchaus nicht entsinnen, welches Geschäft Herr Welden mit ihm abzumachen habe – sollte es eine gewisse Angelegenheit betreffen, so sei dazu die bekannte Mittelsperson, Herr Lieutenant von Miltau in Anspruch zu nehmen. Welden versuchte hierauf, den Herrn Baron von Rivola zu sprechen, doch sagte man ihm auf Eichenwald, die Familie sei nach der Stadt gefahren und würde schwerlich in den nächsten Stunden zurückkehren. Auch wurde ihm ein Schreiben, das er auf dem Landhause zurückließ und worin er für den folgenden Tag um eine Unterredung bat, am nächsten Morgen von dem Freiherrn mit den kurzen Zeilen beantwortet: ›obgleich der ergebenst Unterzeichnete sich nicht genau erinnere, daß er etwas Geschäftliches mit dem Herrn Ingenieur Welden zu verhandeln habe, so werde er doch morgen Nachmittag zwischen zwei und vier Uhr auf seinem Landhause zu sprechen sein.‹ Welden machte sich schon gleich nach Mittag auf den Weg und ging langsam die Höhen hinan bis zu den Trümmern des alten Wartthurmes, an welchen er sich eine Zeit lang, auf die Stadt hinabblickend, lehnte. Er hatte keinen bestimmten, am allerwenigsten einen heiteren Gedanken, den er verfolgte, und die Bilder der letzten Tage waren so trauriger, entsetzlicher Art gewesen, daß er nur mit einem schmerzlichen Ausrufe des Tages gedenken konnte, an welchem er zuletzt hier oben gestanden und wo er so unverhofft durch die Erscheinung Lucy's von Rivola erfreut worden war. Wie hatte sich in der kurzen Zeit alles das geändert, und obgleich rings umher der warme Hauch einer entzückenden Frühlingsluft auf ihn einwirkte, so hätte er doch viel lieber Schnee und Eis auf den Fluren gesehen, an seiner heißen Stirn gefühlt, als in seinem Herzen, aus dem alle Frühlings- und Lebenslust verschwunden war. Wie hatten ihm die kalten, kurzen Zeilen des ihm sonst so freundlich gesinnten Freiherrn von Rivola durch die Seele geschnitten – also auch da wußte man schon genugsam von seiner Angelegenheit. – »Desto besser,« murmelte er trotzig durch die zusammengebissenen Zähne, »so kann ich mir jede Einleitung ersparen!« Er schritt rüstig aus und hatte in Kurzem Eichenwald erreicht. Ob man dort seine Ankunft schon von Weitem bemerkt oder ob sich der Kammerdiener zufällig im Garten befand, um ihn in ein kleines Vorzimmer neben dem Schreibcabinet zu führen, wo er einen Augenblick warten möge, anstatt in den Salon zu Frau von Rivola, wie sonst wohl geschehen, wenn der Herr des Hauses verhindert war, ihn augenblicklich zu empfangen – was lag daran, es war das eine bezeichnende Nachschrift zu den erhaltenen Zeilen, und er wartete geduldig. Frau von Rivola war zu Hause; er hörte den Ton ihrer Stimme, als sie die Thür des Salons öffnete und dem dort wahrscheinlich auf der Schwelle befindlichen Diener einige Worte sagte. Auch Lucy war da; er vernahm die leise widerhallenden Töne ihres Flügels, welcher in dem Zimmer der Frau von Rivola stand. Wie oft hatte man ihn, an das Instrument gelehnt, zuhorchen lassen, eine Gunst, die ihm damals nicht so groß erschienen war, wie jetzt; denn was würde er im gegenwärtigen Augenblicke darum gegeben haben, wenn ihn Lucy hereingerufen, wenn er hätte zuschauen dürfen, wie ihre feinen Finger über die Tasten flogen, ihrem prächtigen Spiele lauschend, wenn sie ihr glänzendes Auge zu ihm mit der Frage erhoben hätte: Gefällt Ihnen das, mein lieber Herr Welden, oder soll ich Ihnen etwas Anderes spielen? Ob wohl der Kammerdiener angewiesen war, ihn anders zu empfangen, als sonst? Er mochte das nicht glauben. Auch hatte ihn der alte Mann freundlich, wie immer, in das kleine Vorzimmer geleitet und dort einen Stuhl herbeigerückt. »Sie kommen etwas zu früh, Herr Welden, es ist erst halb zwei Uhr; doch wird der gnädige Herr, der sich in der Stadt befindet und immer sehr pünktlich ist, sicher um zwei Uhr erscheinen.« Und so war es denn auch; die Uhr auf dem Kamine zeigte noch einige Minuten vor der bezeichneten Stunde, als Welden das Rollen eines Wagens vernahm, der an der Seite des Hauses neben dem Stallgebäude hielt, sowie gleich darauf den festen, schweren Schritt des Herrn von Rivola, der rasch in das anstoßende Schreibzimmer eintrat und sich dort, wie der junge Ingenieur hörte, in seinen Lehnstuhl niederließ. Doch verblieb er nicht lange so, sondern Welden vernahm, wie er gleich darauf mit hastigen Schritten in dem Schreibzimmer hin und her ging. Die Uhr zeigte schon zehn Minuten nach Zwei, als der Kammerdiener vom Gange her eintrat und dem Wartenden zuflüsterte: »Der gnädige Herr scheint Sie vergessen zu haben, ich werde ihn nochmals an Sie erinnern.« »Bitte aber, hinzuzusetzen, daß ich gern länger warte und auch die Zeit dazu habe, wenn es dem Herrn Baron ungelegen sein sollte, mich jetzt zu sehen.« In der That dauerte es auch noch eine gute Weile, ehe der Kammerdiener die Thür öffnete und den jungen Mann durch eine Handbewegung ersuchte, einzutreten. Herr von Rivola stand am Fenster, und als er sich langsam gegen Welden umwandte, erschrack dieser über die auffallende Blässe seines Gesichtes. Auch lag etwas Verstörtes über den Zügen des alten Freiherrn, das er vergebens durch ein sehr kaltes Lächeln zu verdecken sich bemühte. »Sie haben mich zu sprechen gewünscht,« sagte er, indem er mit steifer Förmlichkeit auf einen Stuhl zeigte und sich selbst langsam und mühevoll in seinen Schreibsessel niederließ. »Erlauben Sie mir, daß ich stehen bleibe,« sagte Welden nach einer absichtlich ziemlich langen Pause, während welcher er darauf gewartet hatte, daß ihn Herr von Rivola anschauen würde; doch dieser hatte seine Augen auf den Fußboden geheftet, hatte die Hände gefalten und ganz das Aussehen eines Mannes, der viel mehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt ist, als mit dem, was der Andere im Begriffe ist, ihm zu sagen. »Sie erlauben mir, stehen zu bleiben?« wiederholte deßhalb Welden in lauterem Tone. »Wie es Ihnen beliebt – gewiß,« versetzte Herr von Rivola, aus seinen Träumereien auffahrend. »Gestatten mir vielleicht auch, offen und ehrlich mit Ihnen zu reden, Herr Baron, wie ich das stets gethan?« »Auch das – ah ja, ich erinnere mich, Ihre Worte waren stets die eines offenen und redlichen Mannes,« erwiederte der Andere, wobei er auf den Ausdruck »Worte« einen so besonderen Nachdruck legte, daß Welden fragen mußte: »Nur meine Worte, Herr Baron?« »Habe ich so gesagt? O, wenn es Ihnen gefällig wäre, wollen wir nicht über Worte streiten, noch viel weniger über den Ausdruck derselben; Sie baten mich um eine Unterredung, me voilà, und vielleicht halten Sie es nicht unartig von mir, daß ich später Anderes zu thun habe?« Der junge Mann biß die Lippen auf einander, und man sah es seinem leuchtenden Blicke an, daß er im Begriffe war, etwas darauf zu erwiedern, was er vielleicht im nächsten Augenblicke bereut hätte; doch zwang er sich, trat einen Schritt näher und sagte alsdann, nachdem er sich rasch mit der Hand über die Stirn gefahren, in dem tiefen, treuherzigen Tone, der ihm so eigen war: »Herr Baron, ich bitte Sie herzlich, unsere Unterredung nicht in dem Tone fortführen zu wollen, wie Sie dieselbe begonnen, und muß ich Ihnen wiederholen, daß nicht nur meine Worte Ihnen gegenüber stets offen, ehrlich und frei von jedem Vorwürfe waren – ja, ich habe Sie um eine Unterredung gebeten, um Ihnen zu beweisen, daß es unrecht ist, mich darunter leiden zu lassen, daß die Macht der Verhältnisse stärker ist, als ich.« Und nun erzählte er ihm mit kurzen, aber bestimmten Worten, was sich gestern Morgen in seinem Zimmer begeben, ohne irgend einen Namen zu nennen, ohne aber auch als Mann dem Manne gegenüber irgend etwas Erhebliches zu verschweigen, und dabei wußte es Gott allein, wie schmerzlich es ihm wurde, sich gerade dem, der vor ihm saß, so ohne Rückhalt entdecken zu müssen. Aber er hielt es für nothwendig, von jener wilden Betäubung zu sprechen, die ihn umfangen gehalten, die ihn verhindert, sein Zimmer, das Haus, in welchem er wohnte, früher zu verlassen, als es selbst nothwendig gewesen wäre, um zur bestimmten Stunde auf dem bezeichneten Platze zu erscheinen. »Daß etwas Entsetzliches in dem Zusammentreffen aller dieser Umstände für mich liegt, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, aber hier hebe ich meine Hand zum Schwure auf und nehmen Sie meine Versicherung als den feierlichsten Eid, daß ich weder etwas geahnt von der Verhaftung Ferdinand Welkermanns, noch viel weniger etwas dazu beigetragen!« Der alte Herr hatte Welden aufmerksam zugehört und that einen tiefen Athemzug, als jener geendet. Daß er keine Lüge gesprochen, dafür zeugte der offene und ehrliche Blick seines Auges. Das schien auch Herr von Rivola zu empfinden, denn er nickte leicht mit dem Kopfe, um aber gleich darauf achselzuckend zu sagen: »Und wenn dem in der That so ist, so würden Sie doch das Opfer dieses Zusammentreffens von Umständen sein, und wenn ein Gott sichtbares Zeugniß für Sie ablegte, die Welt wird Sie, verzeihen Sie mir den harten Ausdruck, nicht nur für einen feigen Menschen halten, sondern auch, was eben so schlimm ist, für einen Niederträchtigen, der den Ruf einer armen Frau compromittirt hat, um sich aus der unangenehmen Geschichte zu ziehen.« »Herr von Rivola!« brauste der junge Ingenieur auf. »Ich habe gesagt, die Welt wird so sprechen.« »Und Sie dachten so – o, ich las das in dem kalten Tone Ihrer Zeilen!« »Wenn ich wirklich so gedacht,« entgegnete der Andere in einem kühlen Tone, »so können Sie mir auch meine Zeilen nicht verübeln, denn ich erlaubte mir, hier auf dieser Stelle meine Ansicht über das, was auf die Ihnen angethane Beleidigung folgen müsse, sehr klar, denke ich, aus einander zu setzen – Sie handelten anders . . .« »Ich nicht, Herr Baron – bei Gott, ich nicht – die Umstände handelten für mich, und wenn Sie meinen Worten von vorhin nur den geringsten Glauben schenken, so bitte ich Sie um Ihren Rath, was ich weiter thun soll.« »Der ist nicht leicht zu geben, ja, unmöglich; thun Sie, was Sie wollen, die Welt wird Ihnen keinen Glauben schenken.« »Die Welt?« rief der junge Mann heftig aus. – »Wer ist denn die Welt, die es wagen kann, uns so zu tyrannisiren? Wer hat das Recht, uns zu Tode zu hetzen mit den grimmigen Furien der Verleumdung?« »Die Welt oder was wir so nennen, ist allerdings ein Phantom, das aus Tausenden von Zungen besteht, von denen wir nicht im Stande sind, einer einzigen Stillschweigen zu gebieten.« »Dann kümmert mich die Welt auch nicht, wenn ich es nur vermag, denen, an deren Achtung und Freundschaft mir gelegen ist, meine Unschuld zu beweisen.« »Und können Sie das?« fragte Herr von Rivola mit einem zweifelhaften Lächeln. »A–a–a–ah, diese Frage aus Ihrem Munde wirft mich furchtbar darnieder – also auch Sie, Herr Baron, der mich seit Jahren kennt, der mir die herzlichste Freundschaft bewiesen, der mich, einen Mann ohne Rang und Namen, freundschaftlich bei sich im Kreise seiner Familie aufgenommen – auch Sie glauben mir also nur aus Höflichkeit, vielleicht aus Mitleiden, nicht aus Überzeugung?« Welden zuckte furchtbar zusammen und drückte seine Hände einen Augenblick mit einem Ausrufe des Schmerzes gegen seine Stirn, als er bemerkte, wie Herr von Rivola, die Achseln zuckend, neben ihm vorbei in's Leere hinausschaute. – »Also auch Sie?« Der alte Herr erhob sich langsam und trat an das Fenster, von wo er, ohne Welden anzuschauen, herübersprach: »Und doch will ich Ihnen einen Rath geben: Sie sind ein Mann von großen Kenntnissen, Sie haben viel gelernt, Sie sind jung, ach, und die Jugend ist ein großes Glück – man vergißt, man schmiegt sich leichter – verlassen Sie die Stadt, das Land und kümmern sich den Teufel um das, was man Ihnen hier nachredet.« »Ja,« antwortete der Andere mit dumpfem Tone, »das ließe sich auf Wochen, auf Monate, auf Jahre thun, bis mich irgend eine gute Seele in Amerika, in Asien wiedersieht und dort derselben Welt, von der Sie vorhin sprachen, darüber Aufklärung gibt, warum ich eigentlich mein Vaterland verlassen – und dann – nein, Herr Baron, jetzt von hier verschwinden, gäbe ich der Verleumdung Recht; vielleicht bleibt mir noch ein anderer Weg; ich werde alle Rücksicht bei Seite setzen, ich werde mich an die Fersen des Polizeirathes heften, ich werde ihn zwingen, daß er öffentlich den Grund angibt, weßhalb er Ferdinand Welkermann verhaftet.« »Um das Duell zu verhindern.« »O nein, das ist nicht der wahre Grund, hat er mir doch selbst gestanden, daß er vielleicht in einigen Tagen im Stande sein werde, durch Nennung eines anderen Grundes meine Unschuld zu beweisen.« Während der eben stattgehabten Unterredung hatten die Gesichtszüge des Herrn von Rivola die Blässe, welche dem jungen Manne aufgefallen war, verloren und beinahe ihre natürliche Farbe wieder angenommen; jetzt aber, bei den letzten Worten Weldens erschien der alte Herr bleicher wie zuvor; alle Energie war von seinen Zügen gewichen, seine soeben noch fest zusammengepreßten Lippen waren schlaff und faltig. Letzteres aber dauerte nur einen Augenblick, dann raffte er sich mit einem etwas erkünstelten Lächeln auf und sagte, indem er das Gesicht dem Fenster zuwandte: »Redensarten das – und was könnte eine Veranlassung abgeben, gegen Herrn Ferdinand Welkermann auf diese Art einzuschreiten – gegen ihn, den Sohn des Stadtschultheißen, eines so geachteten Mannes – gegen ihn, der vielleicht, wie viele junge Leute, ein leichtes Leben führt, aber, so viel ich weiß, nie zu einer Klage Veranlassung gab, welche ihn mit der Polizei in Berührung bringen könnte?« »Das ist ganz meine Ansicht – ich dachte schon: Schulden, doch würde der Polizeirath Merkel, wenn das der Fall wäre, jeden anderen Versuch gemacht haben.« »Gewiß – ich glaube nicht, daß Herr Welkermann Schulden hat, die ihn geniren – es wäre dies wenigstens unverantwortlich bei den Quellen, die ihm zu Gebote stehen.« – Die letzten Worte murmelte Herr von Rivola fast unhörbar. – »Also ist das Duell der einzige Grund, und kann ich nur bedauern, daß Sie nicht rascher zu Werke gegangen sind.« »Auf die Gefahr hin, Ihre Zeit länger in Anspruch zu nehmen, als es Ihnen vielleicht lieb ist,« gab hierauf der Ingenieur in sehr ruhigem und festem Tone zur Antwort, »muß ich mir doch erlauben, Ihnen zu sagen, daß ein Zusammentreffen von Umständen mich zu der Ansicht führt, als läge in der That ein anderer Grund zur Verhaftung Ferdinand Welkermann's vor.« »Und welche Umstände, wenn ich bitten darf?« »Ich war gestern früh bei dem Polizeirath Merkel.« »Sie verkehren viel mit der Polizei, wie mir vorkommt?« »Nicht mehr, als mir nöthig erscheint. – Ehe ich aber dort mit Herrn Merkel verkehren konnte, war ich, ohne das gerade zu wollen, Zeuge einer kurzen Unterredung zwischen dem Polizeirathe und einem jungen Manne, der, wie es den Anschein hatte, von einer Reise ziemlich unfreiwillig zurückgekehrt war, denn ich sah ihn in Begleitung eines Polizeiagenten und hörte, wie man ihn auf ein Zimmer der Polizeidirektion brachte.« Herr von Rivola hatte seine Hand fest auf den bronzenen Griff des Fensterverschlusses gelegt, wobei er so angelegentlich in die Landschaft hinausblickte, daß man hätte glauben können, er überhöre die Worte des Anderen, wenn er nicht mit leiser Stimme gefragt hätte: »Und in welchem Zusammenhange glauben Sie nun, daß der junge Mann mit Herrn Welkermann steht?« »Das weiß ich nicht, nur hörte ich, daß er, ehe er in Begleitung des Polizeiagenten das Zimmer verließ, die Frage stellte, ob es ihm nicht vergönnt sei, hiesige Gönner von seinem unfreiwilligen Aufenthalte in Kenntniß zu setzen.« »Erstaunlich – und als seinen Gönner bezeichnete er Herrn Ferdinand Welkermann?« »Ja, Herr Baron, und nannte auch noch einen anderen Namen, den Ihrigen.« »A–a–a–ah – in der That, außerordentlich – vielleicht ein armer Teufel, dem ich Wohlthaten erzeigt – Sie kannten jenen jungen Mann nicht?« »Ich kannte ihn nicht, hörte aber, daß ihn der Polizeirath Steffler nannte.« »Ein Name – mir gänzlich – unerinnerlich,« sprach Herr von Rivola nach einer Pause, während welcher er offenbar über diesen Namen nachgedacht hatte. »Aber ich begreife immer noch nicht, wie die Sache mit Herrn Welkermann damit in Zusammenhang gebracht werden kann.« »Aufrichtig gesagt, bin auch ich nicht im Stande, eine solche Verbindung nachzuweisen; doch es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort im Stande ist, uns das Dunkel einer ganzen Reihe unerklärlicher Thaten aufzuhellen, ein Licht, allerdings rascher wieder verschwindend, wie ein Blitzstrahl in der Nacht – aber er hat zu unseren Füßen den Pfad erleuchtet, der uns sicher am Rande des Abgrundes hinführt.« Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust des alten Herrn. – Er hatte jetzt beide Hände auf den Bronzegriff am Fenster gestützt und seinen Kopf darauf gelegt. So verharrte er über eine volle Minute, und als er sich hierauf umwandte und zu Welden mit matter Stimme sagte: »Entschuldigen Sie mich, ich fühlte mich heute Morgen schon angegriffen und jetzt ernstlich unwohl!« da war sein Aussehen ganz so, um diesen Worten vollen Glauben beimessen zu lassen. »Ich bedauere das aufrichtig,« entgegnete Welden, »hatte ich doch immer noch gehofft, heute so von Ihnen scheiden zu können, wie ich bis jetzt immer so glücklich war, es zu thun, mit dankbarem Herzen von einem wohlwollenden Freunde – so aber . . .« Er vollendete den begonnenen Satz nicht, da er sah, wie Herr von Rivola, auf seinen Lehnsessel niedersinkend, ihm wie zum Abschiede mit der Hand winkte; nur sagte er noch, ehe er das Zimmer verließ: »Ich darf mich vielleicht noch nach dem Befinden der verehrten Frau Baronin und Fräulein Lucy's erkundigen?« »Sie befinden sich wohl – sehr wohl – ich danke Ihnen – sind aber beide verhindert, Sie zu sehen.« Ein schmerzliches Lächeln flog über die Züge des jungen Mannes, als er durch das Vorzimmer auf das Vestibüle trat, und sein Blick wurde nicht heiterer, als er auch jetzt wieder die Töne vernahm, welche Lucy ihrem Instrumente entlockte. Sie spielte ein Volkslied, dessen Worte er ihr erst vor Kurzem aufgeschrieben: Ich möcht' am liebsten sterben, Da wär's auf einmal still. Worte und Gesang folgten ihm zum Hause hinaus und begleiteten ihn auf seinem einsamen Gange nach der Stadt. Aber wenn sein Herz grausam zerrissen war, sein Denken, sein Fühlen von einer tiefen Nacht umgeben, in der ihm kein Hoffnungsstrahl mehr leuchtete, so war doch der Zustand seines Innern wahrhaft beneidenswerth, ja, wahrhaft glückselig zu nennen im Gegensatze zur verzweiflungsvollen Stimmung des Herrn von Rivola. Als Welden den Freiherrn von Rivola verlassen hatte, sank dieser auf erschreckende Art in seinem Sessel zusammen. – Ja, ja, es war ein anderer Grund vorhanden, um dessentwillen Ferdinand Welkermann verhaftet war – hatte er doch heute Morgen selbst einen Besuch bei dem Bankdirektor gemacht und war von diesem mit den Worten empfangen worden: »Ich muß Ihnen ehrlich sagen, verehrtester Herr und Gönner, daß es mich in der That freut, auch Sie einmal im Irrthume gefunden zu haben! – Wie so? Womit? – Weil die angebrannte Fünfhundertgulden-Note, die Sie für echt erklärten, in der That ebenfalls eine verfluchte Fälschung ist. Sie zweifeln? Sehen Sie hier, unser großer Chemiker, Professor Förster, hat es herausgebracht, daß dieser Zahl an der Spitze meines Bleistiftes mit Tusche nachgeholfen worden ist!« – Da hatte ihn ein furchtbarer Schrecken erfaßt, obgleich ihm der Bankdirektor nichts Neues sagte. – »Sie werden vielleicht glauben, wir hätten es hier mit einer Note zu thun,« hatte jener fortgefahren, »die echt ist und an der sich vielleicht Jemand den Spaß gemacht, einer nicht ganz scharfen Zahl auf diese Art nachzuhelfen; aber bei den echten sind alle Zahlen scharf und deutlich, wie Sie sich sogleich an tausend Exemplaren überzeugen können. Den Verbrechern hat auf dieser Stelle ein Stempel versagt, denn hier haben Sie zwanzig Fünfhundertgulden-Noten, auf welchen allen ohne Ausnahme dem betreffenden Vierer nachgeholfen worden ist!« Glücklicher Weise war Herr Schwemmer kein Mann, welcher in dem Gesichte eines Anderen richtig zu lesen verstand, sonst hätte er das Erbleichen des Herrn von Rivola, das Zucken seiner Mundwinkel, den perlenden Schweiß auf dessen Stirn wohl für etwas Anderes gehalten, als die gränzenloseste Überraschung oder den Ausdruck des Verdrusses, sich so sehr geirrt zu haben. Dagegen hatte der Freiherr wohl gesehen, daß der Bankdirektor ihn, wie immer, mit dem vollsten Vertrauen, mit der größten Unbefangenheit behandelte; hatte er ihm doch mit vorgehaltener Hand de moi à vous ganz confidentiel die Mittheilung gemacht, daß der Polizeirath Merkel eine Spur zu haben glaube. Und nun war ihm von einer anderen Seite die Kunde gekommen, daß Steffler sich in den Händen des Polizeirathes befinde. Doch so zusammengedrückt, so vernichtet auch in diesem Augenblicke die Elasticität seines Geistes war, so kehrte doch nach und nach die Spannkraft seines Körpers wieder und wirkte auf seine Seele ein: Und wer ist Steffler? – Ein liederliches, nicht zu beachtendes Subjekt, dem ich Wohlthaten erzeigt – was weiß er von der ganzen Geschichte? So gut wie gar nichts. Daß ich aus Mitleiden, um ihm Beschäftigung zu geben, ihn eine unbedeutende Arbeit machen, ihn eine nichtssagende Arabeske schneiden ließ – bah – was ist das weiter? – Ich werde alt – alt, das ist das größte Unglück – vor Jahren hätte ich über das allerdings unbehagliche Zusammentreffen von Umständen gelacht, ja, es hätte mir Freude gemacht, auf diese Art in einen Kampf des Geistes verwickelt zu werden – der Geist eines Mannes wie ich gegen den eines Polizeirathes Merkel! – Aber auch die Beklemmung hier,« fuhr er, nach einem tiefen Athemzuge auf die breite Brust klopfend, fort, »wird und muß vorübergehen, und dann wollen wir frei vor die Welt hintreten, keck und dreist, jedes Zucken irgend einer Wimper beobachtend, Blick um Blick furchtlos erwidernd – dann wollen wir sehen, ob der Verdacht, selbst des Kühnsten, sich an mich wagen wird!« »Aber dieser Welkermann? – Ein Verschwender und Spieler, ein leichtsinniger junger Mensch – selbst wenn man ihn zwingen könnte, seine Geldquelle anzugeben – und man wird das thun, da dieses gedankenlose Thier durch Verbrennen der bewußten Banknote die Aufmerksamkeit erregt – wenn er von Anleihen spricht, die er da und dort gemacht, von der Güte seiner Mutter, deren blinde Liebe ihm glücklicher Weise mehr gab, als sie verantworten kann, wenn er alsdann mich nennt, der ihm mit ziemlichen Summen aushalf – was kümmere ich mich darum – war es meine Pflicht, falsche Banknoten zu erkennen, und wie konnte ich das überhaupt, da das selbst den Bankbeamten und dem Chef der Notenfabrikation so lange unmöglich war? – Kann man offener verfahren, als ich es that, da ich so häufig meinen Namen auf große Noten setzte, um Niemanden im Dunkel zu lassen, daß dieselben in meinem Besitze gewesen? – Und wenn Welkermann selbst davon reden sollte, daß er mir häufig Noten umgewechselt, wußte ich denn, ob er das offen an der Bankkasse that, und brauche ich das zu verheimlichen? – Nein – nein und tausend Mal nein! – Was mich allein betrübt, war die Schwäche, die mich heute Morgen und soeben wieder angewandelt – noch vor diesem Welden. – Dieser junge Mensch, fuhr er unmuthig auf, dem ich so herzliches Wohlwollen gezeigt und der, statt meinem Rathe zu folgen, mindestens mittelbar Veranlassung gab, daß die Polizei sich in seine Angelegenheiten mischte – hol' ihn der Teufel! – Doch, was liegt an all' dem, ich fühle es, mein Geist ist noch frisch, wie damals, und der alte Körper soll es wagen, sich gegen diesen Geist aufzulehnen – offenes Auge, heitere Stirn – vogue la galère! « Die Lebhaftigkeit, mit der Herr von Rivola das Vorstehende gedacht, theilweise auch halblaut vor sich hin gesprochen, ja, die Zuversicht, die damit wieder in sein Herz gekommen, hatte sein Blut rascher kreisen lassen und seine Wangen wieder mit dem gewöhnlichen Roth gefärbt, weßhalb er auch ein leises Klopfen an der Thür, nachdem er rasch einen Blick in den Spiegel geworfen, mit einem lauten »Herein!« beantwortete. Es war Frau von Rivola, welche mit einem Briefe in der Hand eintrat. »Verzeihe, wenn ich dich störe,« sagte sie, »aber ich erhielt da soeben ein Schreiben meines Vetters Hartenstein, des alten Grafen nämlich, dessen Inhalt dir nicht unangenehm sein wird.« »So, willigt er ein?« »Nach einigen ausgesprochenen Zweifeln und Bedenken, ja. Du, weißt, ich habe keine Geheimnisse vor dir, und mag dir deßhalb auch nicht vorenthalten, daß . . .« »Deine Familie noch immer nicht einen kleinen Zweifel an dem genügenden Alter der meinigen unterdrücken kann – nun, ich will dagegen nichts mehr einwenden, hätte aber wahrhaftig keine weiteren Schritte gethan, um meine Tochter zur Gräfin Hartenstein zu machen.« »Aber du wirst es mir nicht abstreiten, daß es eine vortreffliche und sehr passende Partie ist.« »Ja, ja, besonders für dich und deine Familie – meine liebe Elisabeth – verstehe mich recht; so wie ich den Stolz der Deinigen kenne, so würde dir die beste Partie für Lucy doch nicht so vortheilhaft erschienen sein, als die mit ihrem Vetter Eugen, und doch ist gerade die Vetterschaft das, was mir bei diesem Arrangement das am wenigsten Angenehme ist.« »Eine so entfernte Verwandtschaft – was will das sagen?« entgegnete Frau von Rivola, leicht die Achseln zuckend. »Und Lucy?« »Das Mädchen ist mir seit kurzer Zeit ein Räthsel: nachdenkend, ernst, verschlossen.« »Seit wann?« »Seit wenigen Tagen.« »Du gabst ihr Andeutungen über deinen Wunsch in Betreff ihrer Verbindung mit dem Grafen Eugen?« »Allerdings.« »Und wie nahm sie das auf?« »Wie ein junges Mädchen überhaupt so etwas aufzunehmen pflegt; zuerst lachte sie laut und herzlich und nahm das für einen prächtigen Spaß; dann, als ich ihr sagte, dieses Arrangement sei unser vollständiger Ernst, blickte sie mich erstaunt an, es zuckte eigenthümlich um ihren Mund und zuletzt rief sie aus: »Ach, es ist doch nur ein Scherz, wie könnte es auch anders sein!« »Und seit dem Augenblicke findest du sie verschlossener, ernster geworden?« »Ja, und gereizt in ihrem ganzen Wesen. – Bemerktest du gestern Abend nicht, wie sie dir gegen ihre sonstige Gewohnheit heftig widersprach, als du dich über Welden ausdrücktest, als du sagtest, er habe sich etwas zu Schulden kommen lassen, was du niemals von ihm erwartet, als du überhaupt seinen Charakter in harten Worten angriffst – mir übrigens aus der Seele gesprochen, denn ich habe es nie begreifen können, warum du diesen jungen Mann so in die Intimität unserer Familie gezogen – ist dir in der That gestern Abend das Betragen Lucy's nicht aufgefallen?« »Ich war ausschließlich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt.« »Und vorhin war dieser Herr Welden bei dir?« »Ja, ich habe ihn aber nach Verdienst ziemlich kurz gehalten, ihm auch ziemlich verständlich gesagt, daß ihr Beide keine Zeit hättet, ihn zu sehen.« »Deine Tochter aber hat ihn doch gesehen.« »Ah bah – wie wäre das möglich?« »Allerdings nur gesehen; sie saß an ihrem Flügel und spielte, um auf einmal mit einer Dissonanz die angefangene Weise zu zerreißen; dann erhob sie sich rasch, trat an die Glasthür, welche auf den Altan führt, und rief aus: ›Dort geht Herr Welden – er war hier und hat nicht nach uns gefragt?‹« »Das ist allerdings eigenthümlich – wie soll ich das verstehen?« Herr von Rivola that diese Frage, indem er seine blaue Brille auf die Stirn schob und seine Frau mit einem matten Blicke anschaute, ja, jetzt zeigten sich unter seinen Augen in weißen, kleinen, eingsponnenen Ringen die Spuren seiner früheren Abspannung wieder so deutlich, daß Frau von Rivola, statt ihm zu antworten, ihrerseits die Frage an ihn stellte, ob er sich unwohl fühle. »Ja und nein, es ist mir nicht ganz so, wie gewöhnlich, doch vorübergehend – du wolltest mir noch etwas in Betreff Lucy's sagen.« »Als ob ich nicht schon genug gesagt hätte!« erwiederte die Baronin mit hoch aufgerichtetem Kopfe. »Ich meine, es wäre stark genug, wenn Lucy mit allen Zeichen der Erregung einem solchen jungen Menschen nachschaut und in sehr deutlichen Worten ihr Bedauern ausdrückt, daß dieser junge Mensch nicht nach ihr gesehen – findest du das nicht auch?« »O ja, gewiß,« sagte Herr von Rivola, nachdem er hastig seine Brille wieder über die Augen herabgezogen hatte. »Auch sagte mir heute Morgen ihre Kammerfrau, Lucy sei gestern Abend mit Thränen in den Augen zu Bette gegangen, habe sehr unruhig geschlafen und während der Nacht, ob schlummernd oder wachend, wisse sie nicht ganz genau, ein paar Mal die Worte ausgesprochen: ›Lieber gehe ich in's Kloster!‹« »Davon hat ihr geträumt – sie war gestern bei ihrer romantischen Freundin Elise, und wer weiß, was die jungen Mädchen da zusammen phantasirt haben.« »Ich mag es überhaupt nicht leiden, daß sie so oft dorthin geht.« »Was hast du an Elisen auszusetzen? Sie ist ein sehr anständiges Mädchen und ihr ernster Sinn paßt mir sehr gut zu der heiteren Laune deiner Tochter.« »Aber ich mag nun einmal den allzu intimen Verkehr mit dem Hause des Stadtschultheißen nicht – man spricht in der Gesellschaft darüber, man lächelt über deine große Freundschaft mit Herrn Welkermann, man findet dieselbe unbegreiflich und sucht Motive dafür, die . . .« »Ah, etwas höherer Stadtklatsch – ehrlich gesagt, ich mache mir nicht viel daraus.« »Aber ich und meine Familie, uns ist es nicht so gleichgültig; man spricht von Heimlichkeiten, die dich und den Stadtschultheißen verbänden.« »Ah, das Geheimniß der Stadt,« gab Herr von Rivola mit einem nicht ganz freien Lächeln zur Antwort – »ich habe darüber die lächerlichsten Dinge gehört.« »Lächerlich könnte ich das gerade nicht nennen, nach dem, was geschehen.« »Und was denn, wenn ich fragen darf?« »Der Stadtschultheiß soll auf die auffallendste Art plötzlich den unterirdischen Gang zwischen dem Rathhause und deinem alten, unheimlichen Thurme haben zuschütten lassen wollen, nach einem geheimnißvollen, verdächtigen Vorfalle in deinem kleinen Hause dort.« »Das ist mir neu – von welchem Vorfalle spricht man?« »Von dem raschen Tode jener alten Frau.« »Ah, Elisabeth, wie kann man so dummes Zeug wiederholen? Das geht ja alles gegen den natürlichen Menschenverstand! – Du weißt ja selbst, wie lange und schwer krank die arme Frau meines Friedrich war.« »Ich weiß das genau und wiederhole auch nur, was die Stadt von deiner Verbindung mit Herrn Welkermann spricht, von einem Geheimnisse, das euch so intim zusammenhält, und dieses Gerücht hat neue Nahrung erhalten durch die Verhaftung Ferdinand Welkermann's, dieses leichtsinnigen jungen Menschen, dem du auch mehr Vertraulichkeit bewiesen, als gerade nothwendig war.« Herr von Rivola versuchte abermals zu lächeln, da er aber wohl fühlte, daß ihm dies nicht so unbefangen gelungen war, wie er wohl wünschte, so erhob er sich rasch und trat mit einer nicht zu verkennenden Bewegung des Unmuthes an das Fenster, wie um zu zeigen, daß er diese Unterredung abgebrochen wünsche, was denn auch sogleich von Seiten der Baronin geschah, denn sie sagte nur noch, allerdings mit sehr erhobenem Kopfe und etwas strengem, beinahe feindseligem Gesichtsausdrucke: »Du läßt mir also wenigstens in Betreff meiner Tochter freie Hand?« »Gewiß, wie bisher immer.« Darauf faltete sie den Brief wieder zusammen und verließ das Zimmer leise und geräuschlos, wie sie gekommen war. Herr von Rivola blieb noch längere Zeit am Fenster stehen, in tiefes Nachdenken versunken auf die Landschaft blickend; dann wandte er sich mit einem schmerzlichen Seufzer um, ging mit langsamen Schritten nach dem Schreibtische, wo er sich auf seinen Sessel niederließ und dann, die Hände gefalten, vor sich niederschaute. »Meine liebe Lucy, vielleicht meine arme Lucy!« entrang sich dann seiner Brust mit dem Ausdrucke des herbsten Schmerzes. Was hätte er darum gegeben, sein Kind jetzt zu sich hereinrufen zu dürfen, ihr gutes, klares Auge zu sehen, ihre freundliche Stimme zu hören – aber er fürchtete sich, Lucy zu rufen, ihm bangte vor Thränen in ihren Blicken, vor dem Ausdrucke des Schmerzes in ihren Worten, vor der Offenherzigkeit seines Kindes, er hatte Angst vor einer Scene mit seiner harten Frau. Und so blieb er allein vor seinem Schreibtische sitzen, in sich zusammengesunken, mit gefaltenen Händen, tief schmerzlich nachsinnend. Vierundzwanzigstes Kapitel. Herr Ferdinand Welkermann ertrug seinen Zimmer-, eigentlich Hausarrest mit großer Gemüthlichkeit, nachdem die ersten, unangenehmsten Tage und Stunden vorüber waren, besonders nachdem er eine ziemlich belebte Unterredung mit seinem in der ganzen Strenge auftretenden Vater hinter sich hatte. Daß der Sohn sich dabei mit der gleichen Offenheit und Rückhaltslosigkeit ausgesprochen hätte wie Herr Welkermann senior, wollen wir gerade nicht behaupten, besonders was den Abschnitt der Passiven des jungen Bankbeamten anbelangte; denn wenn er auch eine recht hübsche Summe an Schulden zugegeben hatte, die er neben den großen Zuschüssen von Seiten der Mama und dem reichlichen Taschengelde von väterlicher Seite contrahirt, so hatte er es doch für unnöthig gehalten, von seinen Geldbeziehungen zu Herrn von Rivola zu sprechen. Hätte er doch, einmal damit angefangen, mit Nennung der ganzen Summe herausgehen müssen, da er sich denken konnte, daß sein Vater wohl Mittel und Wege gefunden hätte, dieselbe zu erfahren, weßhalb er diesen zarten Punkt lieber unberührt ließ, etwas Reue heuchelte, ja, ein wenig Zerknirschung, und dabei das Versprechen gab, künftig in seinen Angelegenheiten geordneter werden zu wollen. Daraufhin hatte der Stadtschultheiß wie auch schon früher die Idee, durch eine Stubenhaft jenes unangenehme Duell zu verhindern, für sehr gut gefunden und diese Ansicht gelegentlich auch dem Polizeirath Merkel zu erkennen gegeben, wobei er aber nicht bemerkte, daß dieser für ihn sonst so wohlwollende Beamte ihm mit einer gewissen Befangenheit versicherte, es sei bei den obwaltenden Verhältnissen doch wohl nöthig, diese häusliche Haft noch um einige Tage zu verlängern. Gewiß nicht auf lange Zeit, hatte er gleich darauf mit seiner gewöhnlichen, heiteren Miene hinzugesetzt; doch traue ich diesem Welden nicht, es ist das ein etwas heftiger, rücksichtsloser Charakter. Sollte aber die Haft für Ihren Herrn Sohn wegen seiner Stellung auf der königlichen Bank Unangenehmes haben, obgleich man dort den Grund derselben genau weiß, so können wir ja einfach sagen, er befände sich unwohl und bliebe nur deßhalb noch einige Zeit zu Hause – nicht wahr, das geht ganz vortrefflich?« Und so blieb denn Ferdinand unter dem Vorwande eines leichten Unwohlseins zu Hause und vertrieb sich die Zeit, so gut es ihm möglich war; er las, was an neuen Romanen erschien, und leistete darin Unglaubliches; er correspondirte mit seinen Freunden, empfing seine Mutter des Tages einige Male, und die gute Frau, welche ihren Sohn bisher fast nur beim Mittagessen auf kurze Zeit gesehen hatte, fand, daß in dieser Beziehung sein gezwungenes Zuhausebleiben gerade nichts Unangenehmes hatte. Elise sah er nicht und machte sich nichts daraus, daß seine Schwester dies sichtlich vermied; berührten ihn doch deren kalte, strenge Reden stets auf's empfindlichste, und hatte er schon oft erfahren, daß sie mit ihrem richtigen Gefühl seinen Lebenswandel durchschaute und sein Inneres mit einer sehr unangenehmen Wahrheit und Offenheit beurtheilte. Abends war gewöhnlich Spiel bei Doria, und wenn auch seine Fußböden nicht cyprischen Nektar leckten, so wurde doch Einiges an Champagner verbraucht, natürlicher Weise heimlich, um Mama nicht zu erschrecken, wobei Herr Besenbach eine ungemeine Fertigkeit entwickelte, den Flaschen ohne das mindeste Geräusch den Hals zu brechen, wie er zu sagen pflegte. Auch am Tage besuchten ihn seine Freunde, so oft sie eine freie Stunde hatten, und nahmen diesen Zimmerarrest für eine ganz verflucht komische Folge des Duells mit Welden, wobei dieser natürlicher Weise übel wegkam, und müssen wir es daher begreiflich finden, daß Ferdinand Welkermann einige Male schon die Meldung des Bedienten, der junge Ingenieur sei drunten und wünsche ihn dringend zu sprechen, mit einem verächtlichen Achselzucken und mit dem Bescheid erwiedert hatte: »Sage ihm, ich sei zu unwohl, um Jemanden sehen zu können.« Da aber bei unserer veränderlichen Menschennatur alles Ding nur eine Weile schön ist, so fand auch Herr Ferdinand Welkermann seine Haft, nachdem dieselbe bereits eine Woche gedauert, so unerträglich als möglich, und versicherte Herrn Besenbach, wenn diese dumme Komödie nicht bald von selbst aufhöre, werde er schon Mittel und Wege finden, sein gegebenes Ehrenwort, die Wohnung nicht zu verlassen, von dem Polizeirath Merkel zurückzuverlangen. Ja, wenn es noch schlechtes Wetter gewesen wäre! Aber so hatten Regen und Wind dem mildesten Frühlingswetter Platz gemacht, die Bäume trieben Knospen und Blüthen, und was nutzten dem Gefangenen alle die schönen Veilchensträuße, welche ihm von seiner Mutter gebracht wurden – hatte er doch keine Gelegenheit, diese duftenden Blumen als zarte Aufmerksamkeit an geeigneter Stelle niederzulegen! Nein, nein, das mußte in den nächsten Tagen anders werden! Herr Merkel mußte ihm sein Ehrenwort zurückgeben, wofür er ihm ja ein anderes einhändigen konnte, daß es ihm nämlich nicht mehr in den Sinn komme, sich mit dem, der sich so infam gegen ihn benommen, zu schlagen. Als er gerade einmal ganz besonders mit solchen Gedanken beschäftigt war, kam ihm nichts erwünschter, als die Meldung des Bedienten, der Herr Polizeirath sei soeben in's Haus getreten, auf der Treppe aber von seiner Frau Mutter aufgehalten worden und würde gewiß sogleich dem jungen Herrn seinen Besuch machen. Ferdinand rüstete sich, ihn auf würdige Art zu empfangen; er warf sich in einen Fauteuil, streckte sich lang in demselben aus, faltete die Hände, ließ den Kopf auf die Brust herabsinken und war dabei so in Gedanken vertieft, daß er einmal und zweimal das Klopfen an der Thür überhörte und erst beim dritten Male mit schwacher Stimme »Herein!« rief. Der Polizeirath erschien auf der Schwelle, etwas ernster wie gewöhnlich aussehend, zwang aber sein Gesicht zu einiger Heiterkeit, als er sah, daß Ferdinand mühsam seinen Kopf aufrichtete, sich schwerfällig erhob und den Guten Morgen, den ihm der Eintretende bot, begleitet von einem tiefen Seufzer zurückgab. »Bleiben Sie in Ihrer Ruhe, bleiben Sie ja in Ihrer Ruhe,« sagte er, indem er rasch einen Stuhl nahm und sich neben Ferdinand niederließ. »Sie sind unwohl?« »Es muß wohl so sein, wird aber auch Niemanden Wunder nehmen; ich fühle eine scheußliche Abspannung, eine niederträchtige Müdigkeit in allen meinen Gliedern, bin kaum im Stande, etwas Vernünftiges zu denken.« »Die Grippe grassirt wieder stark in der Stadt; Sie werden einen kleinen Anfall davon haben?« »Ei was, Herr Polizeirath, es ist kein Anfall von Grippe, was mich darniederdrückt, es ist dieser unmotivirte Zimmerarrest, der mich noch ganz krank machen wird! Nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich bin am Ende mit meiner ganzen Geduld! Den Teufel auch, was ist das für eine Geschichte – in den ersten zwei Tagen hat es die Welt amusirt und mich auch, aber jetzt findet es Jedermann langweilig und mich dazu, was gerade kein Compliment für einen jungen Menschen meines Schlages ist!« »Ei, ei, so ungeduldig? Und Sie wissen doch ganz genau, daß nur die besten Motive uns zwangen, Sie ein wenig von Ihrer gewöhnlichen Beschäftigung abzuhalten! Sie wissen ebenfalls, daß auch unser verehrter Herr Stadtschultheiß vollkommen damit einverstanden war.« »O ja, o ja, wer wollte daran zweifeln? Auch meine Frau Mama findet es wahrscheinlich sehr behaglich, mich auf diese Art für meine kleinen wie großen Sünden büßen zu lassen.« »Wahrlich keine schwere Buße, acht Tage Zimmerarrest! Sie hätten in der That schon ein wenig mehr verdient, mein lieber Herr Welkermann.« »Und wofür, wenn ich bitten darf? Weil ich mich zu diesem Duell bereit finden ließ?« »Auch, mein Verehrtester; aber besonders, weil Sie dieses Duell hervorgerufen, bei verbotenem Spiel hervorgerufen, und bei welch' hohem Spiel! Glauben Sie mir, ich bin davon ganz genau unterrichtet.« »Ei,« sagte Ferdinand Welkermann, sich lebhaft aufrichtend, »Ihren Worten nach, Herr Polizeirath, lerne ich vielleicht eine neue Seite kennen, unter der ich meine Haft zu betrachten habe?« »Wer weiß – es ist das in der That sehr möglich, und deßhalb sollten Sie sich auch nicht so kategorisch auf den Standpunkt eines unschuldig Gekränkten stellen, besonders nicht einem wohlwollenden Freunde gegenüber, als welchen ich mich stets für Sie und Ihr Haus bewiesen.« »Den Teufel auch, Sie sagen das mit sehr ernstem Gesichte! So wäre vielleicht dieses kleine, unschuldige Spiel die Schuld, daß man mich hier eingesponnen hat? Aber sagen Sie mir doch, mein lieber Herr Polizeirath, welchen Paragraphen des Gesetzbuches brachten Sie in dieser Beziehung gegen mich in Anwendung?« »Das ist nicht so ganz leicht zu beantworten. Es gibt allerdings keinen einzelnen Paragraphen, der dazu berechtigt oder auffordert, aber es gibt Fälle,« setzte Herr Merkel achselzuckend hinzu, »wo man trotz aller möglichen Rücksicht gezwungen ist, ein paar solcher Paragraphen zusammenzusetzen, um eine Verhaftung selbst gegen seinen eigenen Willen etwas in die Länge zu ziehen.« »Ah, das ist stark!« rief Ferdinand Welkermann aufspringend. »Ich dachte, Sie seien gekommen, um mir zu sagen, daß die ganze Farce vorüber sei und daß ich wieder meiner Wege gehen könne, denn Sie werden ja überzeugt sein, daß es mir nach dem, was vorgefallen oder was die Welt spricht, nicht mehr in den Sinn kommen wird, mich dem Ingenieur Welden zu stellen! Wußten Sie in der That nichts davon, was in dem Hause Ihres Herrn Schwagers, des Oberbauraths Lievens, an jenem denkwürdigen Morgen vorgefallen?« Der junge Mann hatte dies in einem scharfen Tone gesagt, ja, seine Frage unverkennbar mit dem Ausdrucke der Bosheit gestellt, wobei er im Zimmer auf und ab schlenderte und, äußerst unbefangen thuend, an die Decke hinaufblickte. Der Polizeirath hatte sich ein klein wenig auf die Lippen gebissen; doch da es wohl nicht in seiner Absicht lag, dies den Anderen sehen zu lassen, so ließ er seine zusammengezogenen Lippen, sobald sich Ferdinand auf seinem Gange umwandte, in ein heiteres Lächeln übergehen, mit welchem er zur Antwort gab: »Es ist mir in der That angenehm, daß Sie von selbst auf dieses Thema kommen; ich wollte es gerade berühren. Glauben Sie mir, mein lieber Herr Welkermann, Sie sind in einem fast sträflichen Irrthume, wenn Sie annehmen, Herr Welden hätte nur eine Ahnung gehabt, daß ich mich veranlaßt sehen würde, Sie an jenem denkwürdigen Morgen, wie Sie sagten, zu verhaften, und ich muß hinzusetzen,« sagte er in einem ernsten Tone, »daß die Vermuthung, Herr Welden habe auf mich eingewirkt und ich hätte auf mich einwirken lassen, ein Verbrechen wäre.« »Hm,« machte Ferdinand, plötzlich vor dem Polizeirath stehen bleibend und ihn mit einem Blicke betrachtend, in welchem sich Zweifel und Unbehaglichkeit ausdrückte. »Glauben Sie mir nicht? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf: Herr Welden ist vollkommen unschuldig an Ihrer Verhaftung, ja, ich habe ihn leider dadurch in eine sehr unangenehme Lage gebracht.« »Und mich in eine Lage, die mir zu denken gibt,« sagte Ferdinand Welkermann, der, sehr ernst geworden, mit über einander geschlagenen Armen den Polizeirath betrachtete. »Aufrichtig gesagt,« fuhr er nach einer ziemlichen Pause fort, »ich hatte mir meine Stubenhaft allerdings aus dieser etwas unlauteren Quelle abgeleitet. Verstehen Sie mich recht, Herr Polizeirath, ich meinte damit den Ursprung dieser Quelle, denn sowie Sie einmal Kenntniß erhielten, es sei ein Duell in Aussicht, das nicht anders als durch die Verhaftung eines der Betheiligten verhindert werden konnte, so waren Sie in Ihrer amtlichen Eigenschaft vollkommen im Rechte, mir, besonders da mein Vater damit einverstanden war, einen kleinen Zimmerarrest zu geben; wie ich aber jetzt die Sache ansehe, so wäre das Duell vielleicht nicht der einzige Grund dazu gewesen.« »Mit Offenheit kommt man am weitesten, mein lieber Herr Welkermann, um darin hinter Ihnen nicht zurückzubleiben, will ich Ihnen gestehen, daß allerdings noch ein anderer Grund vorhanden ist, der mich zwang, Sie Ihrer Freiheit zu berauben.« »Auf den wäre ich wahrhaftig begierig!« Herr Merkel blickte den vor ihm stehenden jungen Mann mit einem festen, scharfen Blicke an, wobei er sich selbst gestehen mußte, daß in Ferdinands offenem Auge sowie in der unverkennbaren Spannung, mit der er ihn ansah, durchaus nichts Verdächtiges oder Verstecktes lag; ja, er hatte vielmehr das Ansehen Jemandes, der sich darauf freut, einen höchst unhaltbaren Grund ad absurdum führen zu können. »Nun, Herr Polizeirath? Bitte, lassen Sie mich nicht zu lange warten.« Herr Merkel hatte langsam sein Schnupftuch hervorgezogen und es bedächtig an seine Nase gebracht, so daß es eine ziemliche Weile dauerte, ehe er zur Antwort gab: »Es ist das eine eigene Sache um die Nennung dieses Grundes; ich gehe schon mehrere Tage mit mir darüber zu Rathe, ob ich Ihnen diesen Grund mittheilen soll und darf.« »Das könnte ich doch wohl verlangen.« »Gewiß; aber es verhält sich damit wie mit der Bewegung des Fingers am Drücker eines geladenen Gewehres, dessen Hahn gespannt ist: die Kugel fliegt ihrem Ziele zu – wer kann sie zurückhalten? Sowie ich Ihnen diesen Grund nenne, muß ich diesem Grunde gemäß gegen Sie handeln.« »Immerhin – ich bin auf Alles gefaßt.« »Sie spielten neulich im Holländischen Hofe mit großem Unglücke und mit großen Summen?« »Ah, wir nähern uns Ihrem Grunde!« »Wir nähern uns allerdings,« fuhr Herr Merkel fort, indem er ebenfalls aufgestanden war und sich, scheinbar ganz unbefangen, so in dem Zimmer aufstellte, daß er sich zwischen Ferdinand und der Thür befand. »Ei, mir scheint, Ihr Grund hat eine gehörige Tiefe?« »Nachdem Sie gespielt und etwas in Aufregung gerathen waren, zogen Sie eine Fünfhundertgulden-Note hervor und zündeten dieselbe am Lichte an?« »Sie sind vortrefflich unterrichtet – ich wußte nicht, daß es einen so bedenklichen Paragraphen gegen Hazardspiele und Verschwendung gäbe; auch dachte ich mir immer, letztere sei eigentlich eine Familienangelegenheit.« Herr Merkel schien dies durch ein Kopfnicken zuzugeben oder machte diese Pantomime nur, weil es ihm nicht ganz leicht wurde, die nächsten Worte auszusprechen; ja, seine Stimme war etwas bewegt, als er nun, sonst aber mit großer Ruhe, sagte: »Unser Grund liegt noch tiefer – die Fünfhundertgulden-Note, welche Sie anzündeten, aber glücklicher Weise nicht ganz verbrannten, war eine gefälschte, ebenso wie drei der Tausendgulden-Noten, welche Herr von Miltau von Ihnen empfing.« »Bah, Sie treiben Ihren Spaß mit mir!« »Sehe ich aus wie Jemand, der scherzt? Glauben Sie mir, Herr Welkermann, ich betrachte diesen Augenblick als furchtbar ernst – bitte, sehen Sie ihn auch so an.« »Ja, was soll denn das bedeuten? Ich verstehe Sie in der That nicht – falsche Noten kann es allerdings geben; falsche Tausender sind bei der Bank eingelaufen, aber von Fünfhundertern habe ich nie etwas gehört. Doch gesetzt, es wäre eine falsche Fünfhundertgulden-Note gewesen, was ich aber auf's bestimmteste bestreiten möchte, denn ich habe einen Blick dafür – wie kann es mich compromittiren, wenn sie sich zuletzt in meiner Hand befindet?« »Habe ich gesagt: compromittiren?« fragte Herr Merkel mit einem lauernden Blicke. »Nun, beim Teufel, auf das Wort kommt es wohl nicht an! Sie sprechen von einem Grunde meiner Verhaftung und in demselben Athem von einer gefälschten Banknote; das, meine ich, wäre compromittirt genug! Treiben Sie bei dieser Zusammenstellung in der That keinen Scherz mit mir?« »Hören Sie mich weiter, und Sie werden sich diese Frage selbst beantworten. Es sind falsche Banknoten vorhanden, nicht nur von tausend Gulden, sondern auch von fünfhundert Gulden im öffentlichen Verkehr, besonders aber – und ich bitte das wohl zu beachten – in großer Anzahl in der Kasse der Bank.« »Worüber ich mich nicht wundere, denn diese falschen Tausender sind so vortrefflich gemacht, daß sie im Stande waren, sich dem Argwohn unseres Hauptkassirers zu entziehen, und das will etwas heißen, wenn Sie den Mann kennen.« »Könnten aber nicht Fälle eingetreten sein, Herr Welkermann,« sagte der Polizeirath mit einer absichtlich scharfen Betonung des Wortes, »daß falsche Banknoten auf einem anderen Wege in die Kasse der Bank gelangt wären, als durch die Hände des Hauptkassirers? Ah, ich sehe, Sie verstehen mich!« setzte er rasch hinzu, als er bemerkte, wie der junge Mann mit einem sehr unbehaglichen Gesichtsausdrucke seine Unterlippe zwischen die Zähne klemmte. Seien Sie offenherzig, es ist gewiß das Beste, was Sie thun können.« »Offenherzig? Ich wüßte wahrhaftig nicht, worin! Es kann am Ende vorkommen, daß man sich einmal einen Schein in der Kasse selbst umwechselt, doch war das ganz unbedeutend und nicht der Rede werth.« »Wenn das unbedeutend wäre, würde es allerdings nicht der Rede werth sein, aber wo es einmal geschieht, daß man Tausende auf diese Art umwechselt und daß sich unter diesen Tausenden mehr als die Hälfte falscher Noten befinden, so könnte man doch veranlaßt sein, darüber zu reden.« Der junge Beamte machte eine unmuthige Bewegung und trat dann rasch an das Fenster, wo er nachdenkend an den Himmel hinaufblickte. Sah er doch da oben das Bild dieser letzten Stunde, denn das ganze Himmelsgewölbe, soeben noch klar, blau, voll Sonnenschein, begann sich mit den Vorläufern eines aufsteigenden Gewitters zu überziehen; es donnerte leise in der Ferne. – Der Fall, von dem der Polizeirath sprach, konnte allerdings der seinige sein; hatte er doch Banknoten in ziemlichem Betrage an der Kasse umgewechselt, und wenn ihm auch Herr von Rivola, dem er so große Verpflichtungen schuldig war, nicht gerade verboten hatte, darüber zu reden, so wäre es doch lächerlich gewesen, den Namen dieses so hochgeachteten Mannes gerade jetzt zu nennen – niemals! Dazu war er fest entschlossen, und antwortete, sich rasch umwendend: »Ich mache durchaus kein Hehl daraus, daß ich gegen die Vorschrift Noten umwechselte, und wenn sich zufällig falsche dabei befanden – was liegt daran? Wie kann man mich dafür zur Verantwortung ziehen wollen?« »Gewiß nicht, wenn Sie sich vielleicht erinnern wollten, von wem Sie diese Banknoten erhalten haben.« »Und wenn ich mich dessen nun nicht mehr erinnern könnte?« »Das wäre allerdings sehr, sehr schlimm, denn in diesem Falle müßte ich mich veranlaßt sehen, Ihre Haft dadurch zu verstärken, daß ich Sie bäte, neben meiner Wohnung ein kleines Zimmer zu beziehen.« »Den Teufel auch, das ist mir doch ein wenig zu stark! So viel ich weiß, wohnen Sie auf der Polizeidirektion?« Herr Merkel nickte, statt zu antworten, mit dem Kopfe. »Und Sie glauben,« fuhr der Andere mit heftiger Stimme fort, »daß ich mich eines so albernen Grundes halber gutwillig bei Ihnen einsperren ließe?« »Es würde mir leid thun, Ihre Begleitung erzwingen zu müssen. Seien Sie gescheit, mein lieber Herr Welkermann,« fuhr er in zutraulichem Tone fort, indem er, näher tretend, seine Hand auf den Arm des jungen Mannes legte, »wozu unnöthiges Aufsehen machen? Ich handle nach meinem Gewissen und nach meiner Pflicht, Sie sind verdächtig – ich sage es Ihnen gerade heraus – falsche Banknoten wissentlich verbreitet zu haben, deßhalb muß ich mich Ihrer Person versichern auf jede Verantwortung hin, und deßhalb bitte ich Sie, meinen Arm zu nehmen und mich zu begleiten – Sie haben dagegen mein Versprechen, daß ich Ihnen in diesem Falle jede andere Begleitung, die ich in der Nähe habe, ersparen werde.« »Die Sie in der Nähe haben?« fragte der junge Mann erbleichend. »Einen meiner vertrautesten Unterbeamten, in bürgerlicher Kleidung, Herrn Schmetterer.« »Thun Sie, was Sie wollen, ich werde nicht mit Ihnen gehen.« »Bedenken Sie sich eines Besseren, Herr Welkermann – bringen Sie mich nicht in die furchtbare Verlegenheit, hier, im Hause Ihres so hochverehrten Vaters, eines meiner genauesten Bekannten, ein Aufsehen der unangenehmsten Art erregen zu müssen.« »Thun Sie, was Sie wollen, ich gehe gutwillig nicht mit Ihnen.« »So werde ich einen Wagen holen lassen, wenn Sie nicht gehen wollen.« »Keine Wortklauberei; ich werde weder mit Ihnen gehen, noch fahren, ich werde meinen Vater rufen lassen und den Rechtsfreund unseres Hauses; ich will denselben diesen unerhörten Fall vortragen, und man wird den Schutz des Gesetzes gegen Sie anrufen – das werde ich thun, thun Sie dagegen, was Sie wollen, aber mit Ihnen und Ihrem Herrn Schmetterer freiwillig gehen,« rief er mit einem Blicke auflodernden Zornes, »nie und nimmermehr!« »Sie setzen mich in eine große Verlegenheit,« sagte Herr Merkel, den Kopf hin- und herwiegend, »und ich verdiene das doch weder um Sie, noch um die Rücksicht, mit der ich hier in Ihrem väterlichen Hause auftrete.« »Lassen Sie uns darüber keine Worte mehr verlieren,« erwiederte Ferdinand, der seine gewöhnliche phlegmatische Ruhe, ob echt oder geheuchelt, wieder erlangt zu haben schien; »verfahren Sie mit mir, wie Sie wollen, das heißt, bringen Sie mich mit Gewalt in Ihre Polizeidirektion, wenn Sie das Recht dazu haben; ich werde der Gewalt weichen, aber nicht Ihrer Überredung. O, hätte ich mich vor acht Tagen besser vorgesehen, als ich mich gutmüthiger Weise bereit finden ließ, diesen Zimmerarrest anzunehmen!« »Ist das Ihr letztes Wort?« »Mein letztes gegen Sie in dieser Angelegenheit.« »Gut, so werde ich Ihren Vater, den Herrn Stadtschultheißen, aufsuchen und ihm die triftigsten Beweise bringen, daß ich das Recht habe, Sie wegen dringenden Verdachtes, wissentlich bei Verbreitung falscher Banknoten mitgewirkt zu haben, in sicheren Gewahrsam zu nehmen.« Nachdem der Polizeirath dies gesagt, blieb er einen Augenblick, wie Antwort erwartend, stehen; auch als er sah, wie sich Ferdinand, ohne sich weiter um ihn zu bekümmern, an's Fenster lehnte, ging er nach der Thür, rief Herrn Schmetterer herein und sagte diesem in einem ernsten Tone, durch den aber immer noch etwas wie Wohlwollen klang: »Sie bleiben hier im Zimmer bei Herrn Welkermann, bis ich zurückkomme oder Ihnen einen weiteren Befehl schicke. Sie lassen Niemanden zu ihm, es sei denn, daß ich selbst Jemanden schriftlich dazu ermächtige. Sie lassen ihn mit Niemandem reden, auch nicht mit Mitgliedern seiner Familie, mit Niemandem ohne alle Ausnahme.« Dann verließ er das Zimmer. Ferdinand glaubte zu träumen – was war das? Er, ein Beamter der königlichen Bank, beschuldigt, falsche Noten wissentlich verbreitet zu haben? Wachte er oder befand er sich in tiefem Schlafe? Nein, nein, er wachte; das waren die Häuser, welche er jeden Tag aus seinem Fenster sah, das war sein Zimmer – da, auf einem Stuhle an der Thür, saß ein Mensch mit blondem, fahlem Haar und einem einfältigen Gesichtsausdrucke, der ihn bewachen sollte – also befand er sich in der That in ernsterer Haft, als vor einer Stunde. – Er biß sich auf die Lippen, er knirschte mit den Zähnen, als er nun dachte, daß noch im Laufe des heutigen Tages, spätestens morgen früh, die Welt von dem großen Ereignisse in Kenntniß gesetzt sein würde, er, Ferdinand Welkermann, der Mittelpunkt der eleganten und verschwenderischen jungen Männerwelt, sei wegen Antheils an Banknotenfälschung verhaftet worden. Und nichts war natürlicher, als daß sich dieses Gerücht wie ein Lauffeuer verbreiten würde. Jetzt schon mußte seine arme, gute Mutter darum wissen, auch die Dienstboten des Hauses und durch diese seine Tante, die Revisorin Welkermann, und dann war die größtmöglichste und schnellste Verbreitung gesichert. Was aber konnte die ganze Geschichte zu bedeuten haben? Wie konnte er in diesen häßlichen Verdacht kommen? Möglich, daß sich unter den Banknoten, die er für Herrn von Rivola umgewechselt, falsche befunden hatten – wie konnte man aber ihn dafür verantwortlich machen, oder wie Herrn von Rivola, einen reichen Mann aus der besten Gesellschaft – einen so vorsichtigen Mann, so über allen Verdacht erhaben, der, wie Ferdinand häufig gesehen, auf Banknoten von großem Betrage seinen Namen schrieb, um den Beweis zu führen, diese oder jene Note sei durch seine Hände gegangen? Pah, war er doch selbst von seiner Unschuld so sehr überzeugt, daß er über die ganze Geschichte hätte lächeln können, wenn ihm nicht der vorsichtige Charakter des Polizeiraths Merkel, dieses gefürchteten Beamten, eingefallen wäre! Wer weiß, welche verfluchten Umstände zusammengewirkt haben, um einen so garstigen Verdacht auf mich zu werfen, der allerdings verschwinden muß wie Nebel vor der Sonne, Dank des Zeitalters, in dem wir leben, und der Öffentlichkeit unseres ganzen Gerichtswesens, bei welcher es nicht mehr so leicht vorkommen kann, daß man gezwungen ist, eine Suppe auszuessen, die man sich nicht selbst eingebrockt hat – pah, auch das wird vorübergehen! Und doch hatte er gleich darauf wieder einen anderen Gedanken, bei dem es ihm fröstelnd den Rücken hinaufflog: die Sicherheit, mit der Merkel gegen ihn aufgetreten war, die Aussicht, welche er ihm eröffnet, vielleicht mit Gewalt auf die Polizeidirektion gebracht zu werden – und das alles sollte ohne die triftigsten, wenn auch nur Scheingründe, vor sich gehen können? Und wenn es vor sich ging, welcher Spruch des Gerichts könnte der Verleumdung befehlen, nicht achselzuckend hinzuzusetzen: ›Ja, wenn man Sohn des Stadtschultheißen ist, wenn man mächtige Freunde hat wie Herrn von Rivola, ja, wie den Polizeirath Merkel selbst, so läßt sich Manches vertuschen!‹ Dabei fiel ihm Welden ein, einer der geachtetsten und loyalsten jungen Leute, von dem bisher Jedermann mit der größten Achtung gesprochen und den man nun über die Achsel ansah, weil man Gründe, ja, nach den Worten Merkels auch nur Scheingründe hatte, ihn niederträchtiger Feigheit zu beschuldigen, dessen guter Ruf dadurch wohl für immer vernichtet war. Das Blut stieg ihm bei diesen Gedanken zu Kopfe, er rieb seine heiße Stirn und wandte sich dann von dem Fenster weg, um hastig in dem Zimmer auf- und abzugehen. An der Thür saß der Mann mit dem blonden Haar in etwas gebückter Haltung, seine Hände auf den Knieen gefalten, und betrachtete sich, anscheinend mit großer Gleichgültigkeit, die Einrichtung des Gemaches, zuweilen auch mit einem aufleuchtenden, intelligenten Blicke den vor ihm auf- und abwandelnden jungen Mann. Da wurde ziemlich laut und deutlich an die Zimmerthür geklopft. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Ferdinand, plötzlich stehen bleibend, rief »Herein!« warf aber seinen Kopf unmuthig in die Höhe, da sich der Thürdrücker wohl bewegte, die Thür sich aber nicht öffnete, weil der vorsichtige Herr Schmetterer von innen abgeschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt hatte. Er erhob sich aber rasch, um nachzusehen, wer draußen sei, und Ferdinand hörte ihn in der Thür, die er halb hinter sich zugezogen hatte, sagen: »Ich bedauere sehr, Herr Welkermann ist verhindert, Besuche anzunehmen.« »Ich weiß es, doch gibt es auch Ausnahmen von der Regel,« hörte Ferdinand eine Stimme sagen, deren bekannter Klang ihn unangenehm berührte. »Eine Ausnahme würde nur auf schriftlichen Befehl des Herrn Polizeiraths Merkel zu machen erlaubt sein.« »Den habe ich gerade – da, überzeugen Sie sich.« »Richtig, aber ohne Datum und nicht erst heute Morgen geschrieben; doch da ich Sie neulich bei dem Herrn Polizeirath gesehen, so will ich das Papier gelten lassen.« Herr Schmetterer öffnete die Thür, und Welden trat in das Zimmer. Es war ein eigenthümliches Wiedersehen, das dieser beiden jungen Leute. Welden blieb nach einem tiefen Athemzuge nicht weit vom Eingange des Zimmers stehen, und man sah, welche Gewalt er sich anthat, um die Unterhaltung mit einer gewöhnlichen Phrase zu beginnen. Doch kam ihm Ferdinand zu Hülfe, indem er rasch auf ihn zutrat, ihm die Hand reichte und sagte: »Seien Sie mir willkommen, Herr Welden, ich schätze mich glücklich, Ihnen sagen zu können, daß ich Aufklärung über eine gewisse Sache erhalten, die mich für meine Person vollkommen von der Ehrenhaftigkeit Ihres ganzen Betragens überzeugt – wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen das schriftlich.« Über den bleichen Zügen des Ingenieurs zeigte sich ein trübes Lächeln, als er erwiederte: »Ob schriftlich, ob mündlich, Ihr Zeugniß wird nimmermehr im Stande sein, meine vor der Welt ruinirte Ehre herzustellen. Ich fühlte das soeben wieder, als ich in Ihr Haus eintrat: ich las Erbitterung, ja, Verachtung in den Mienen Ihrer Dienerschaft, ich sah es wohl, mit welcher Geberde des Abscheues Ihre mir sonst so freundlich gesinnte Mutter bei meinem Anblicke rasch die Thür verschloß – nur Ihre Schwester Elise gönnte mir ein ernstes, gütiges Wort, doch auch sie hätte mich ohne dieses Papier nicht zu Ihnen gelassen – ah, es ist entsetzlich, so gänzlich unschuldig gebrandmarkt zu sein!« Wie hatte sich Welden in den wenigen Tagen verändert; die sonst so feinen Züge seines Gesichtes erschienen tief gefurcht und dadurch entstellt, seine Augen leuchteten nicht mehr in ruhiger Klarheit, sondern sie brannten fieberhaft unter den gerötheten Lidern. Ferdinand, der seine eigene Angelegenheit für den Augenblick vergessen, hatte inniges Mitleiden mit ihm und sagte in tröstendem Tone: »Das wird vorübergehen; man spricht vielleicht noch vier Wochen davon, dann ist die ganze Angelegenheit vergessen.« »Die Angelegenheit vergißt sich vielleicht, aber nicht, was diese Angelegenheit auf mich gehäuft; man würde möglicher Weise nach Jahren sich ihrer kaum mehr erinnern, aber Niemand wird es vergessen, wie niederträchtig, wie erbärmlich und feige sich damals ein gewisser Welden benommen!« »Ah, die Stimme der Wahrheit wird auch das aufklären – erlauben Sie mir, lieber Welden, daß ich jedes Zeugniß dafür ausstelle, das heißt, sowie ich wieder in der Lage bin, das zu thun,« setzte er mit eigenthümlich bewegter Stimme und mit einem bezeichnenden Blicke auf Herrn Schmetterer hinzu, welcher sich wieder ruhig auf seinen Stuhl neben der Thür niedergelassen. Welden, der Wort und Blick verstand, sagte: »Das alles versetzt mich in das größte Erstaunen; ich erfuhr allerdings, daß ein anderer Grund, als unser Duell, für Ihre Zimmerhaft vorliege – welcher Grund aber triftig genug ist, um Ihnen eine verschlossene Thür und diese Gesellschaft zu verschaffen, das verstehe ich in der That nicht.« »Ja, das sind seltsame Sachen,« gab Ferdinand mit einem düstern Blicke zur Antwort; »wenn ich Ihnen den Grund mittheile, so werden Sie mir als einem Leidensbruder kräftig die Hand schütteln, und was die Verleumdung anbelangt, der ich dadurch anheimfalle, so habe ich Ihnen ein Doublé vorgegeben – doch davon nachher; ich möchte Ihnen wirklich helfen, so lange ich Ihnen noch helfen kann.« »Ich bin in der äußersten Bestürzung über Ihre Worte. Ich ahnte wohl, daß etwas gegen Sie im Werke sei; ich hörte darüber einige Worte von unserem gemeinschaftlichen Freunde, dem Herrn Polizeirath Merkel; ich war schon mehrere Male in Ihrem Hause, aber man wies mich jedes Mal ab, unter dem Vorgeben, Sie seien krank.« Der Polizeiagent that so, als widme er diesem Gespräche nur sehr geringe Aufmerksamkeit, doch bei Nennung des Namens seines Chefs blitzte es aus seinen halb zugeschlossenen Augen hervor. »Sagen Sie mir doch,« fragte jetzt Welden, »kennen Sie einen gewissen Steffler?« »Ein anrüchiger Kerl – ja, ich kenne ihn; ich habe ihm Geld gegeben, damit er auswandern kann – eines der Dienstmädchen unseres Hauses hatte sich unbegreiflicher Weise mit ihm eingelassen – sehr unbegreiflicher Weise, nachdem – doch davon ein anderes Mal – ich hatte Ursache, ihm zu seiner Reise behülflich zu sein – was ist's mit Steffler?« »Darüber könnte Ihnen jener Herr bessere Auskunft geben, als ich,« antwortete Welden mit einer Bewegung seines Kopfes gegen Schmetterer hin, der aber durchaus keine Miene machte, als nehme er das geringste Interesse an dieser Unterredung. »Wie so?« fragte Ferdinand. »Nun, weil Steffler durch eben diesen Herrn hier zu dem Polizeirath Merkel gebracht wurde, als ich zufällig bei ihm war – man wies jenem eine Wohnung auf der Polizeidirektion an, und ehe er das Zimmer verließ, nannte er zwei Namen seiner Gönner, die man, wie er wünschte, von seiner Rückkehr in Kenntniß setzen möge – Ihren Namen und den des Freiherrn von Rivola.« »Ein verfluchter Kerl, dieser Steffler, ein großthuerischer, nichtsnutziger Schuft! Mir ist aber in der That recht unangenehm zu Muthe, denn warum soll ich Ihnen ein Geheimniß machen aus dem Stande meiner Angelegenheit; auch für mich hält der gütige Polizeirath eine Wohnung bereit!« Welden fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück, indem er im höchsten Schrecken die Worte hervorstieß: »Wie ist das möglich? Ah, Sie treiben Ihren Scherz mit mir!« »Durchaus nicht, das sehen Sie aus der Gesellschaft dieses würdigen Mannes sowie an der verschlossenen Thür meines Zimmers, die Ihnen ja ebenfalls aufgefallen ist. Trotz allem dem sehen Sie mich ziemlich ruhig, denn ich bin so überzeugt, daß sich diese Sache in Kurzem zu meinen Gunsten aufklären wird, daß ich jetzt schon darüber lachen könnte, wenn ich nicht überzeugt wäre, Ihr Leidensbruder in der vollsten Bedeutung des Wortes zu sein – keine Macht der Erde wird es vermögen, meinen Namen von dem Verdachte rein zu waschen, mit dem man ihn belastet, und wenn auch mein Name allerdings der eines leichtsinnigen jungen Menschen, eines Spielers und Verschwenders ist, so glaube ich doch nie Veranlassung gegeben zu haben, mich für einen Fälscher der schlimmsten Art zu halten!« »Was sprachen Sie da eben?« »Nun, für Jemanden, der wissentlich falsche Banknoten verbreitet hat, freilich nur für einen Hehler, der aber in diesem sauberen Gewerbe der Schlimmste ist!« »Sie sehen, wie bestürzt ich bin – treiben Sie in der That keinen Scherz mit mir?« »Ich bin wahrhaftig nicht zum Scherzen aufgelegt – ich habe die volle Wahrheit gesagt! Reichen Sie mir Ihre Hand; wir Beide sind ein prächtiges Fressen für die tausendköpfige Schlange Verleumdung, die ich schon an allen Ecken und Enden pfeifen höre! Ah, wie schade, daß unser Duell gestört wurde; ich glaube, wir waren erbost genug auf einander, um gegenseitig fest drauf zu halten – ich hätte es dieser Polizei wahrhaftig gegönnt, einen stillen Mann, wie ich hätte sein können, in's Verhör zu nehmen!« »Ah, jetzt wird es mir klar,« rief der Ingenieur, »warum mir Merkel sagte, Ihr Leben sei ihm zu kostbar, um es mir Preis zu geben!« »Schade, daß Sie ihm damals Ihr Ehrenwort gaben!« »Nur für drei Tage,« antwortete Welden und setzte mit einem düstern Blicke hinzu: »Ehrlich gesagt, suchte ich Sie am vierten Tage auf, um unsere Angelegenheit wieder aufzunehmen.« »Ich war verblendet, wie alle Übrigen – hätte ich gewußt, wie schuldlos Sie an Allem waren und was sich hier begeben würde, ich wäre mit Freuden für Sie bereit gewesen, um so jeden Makel, der auf Ihrer Ehre hätte haften können, gründlich zu zerstören.« »Wohl das einzige Mittel, aber furchtbar ernst für Einen von uns Beiden, denn nur der ernsteste Ausgang hätte der Welt beweisen können, daß ich nicht aus Feigheit, ja, daß ich überhaupt nicht zum Verräther an Ihnen geworden bin!« Ferdinand fuhr sich mit der Hand über die Augen und sagte dann: »Schade, daß es so gekommen ist, ja, jetzt doppelt schade, denn mir wäre alles, alles recht gewesen, das mich vor dem, was hier geschehen, bewahrt hätte – o, könnte ich durch etwas, sei es, was es wolle, jenen Morgen zurückerkaufen, an welchem ich Sie erwartet, mit einem bösen Fluche gegen Sie auf den Lippen – lieber ein gesundes Duell mit jedem Ausgange, als das – was vor mir!« Er lehnte den Kopf gegen das Fenster, und man sah an seinen heftigen Athemzügen und an dem unmuthigen Zucken seines Körpers, wie gewaltig er mit dem, was er eben sagte, beschäftigt war. Herr Schmetterer auf seinem Stuhle an der Thür schien sich nicht ganz behaglich bei dieser Unterredung zu befinden, ohne daß man übrigens hiervon etwas auf seinem vollkommen gleichgültigen Gesichte hatte lesen können; doch dachte er bei sich: »Es ist mir ganz unbegreiflich, wie der Herr Polizeirath, nachdem er sich einmal dafür ausgesprochen, diesen jungen Herrn mit Niemanden verkehren zu lassen, nun doch Erlaubniß gibt, daß der Andere ihn besucht, wobei ich für sehr unnöthig halte, daß er ihm erzählte, jener Steffler sei zurückgebracht worden – ganz unnöthig, und wenn jener junge Herr sich nicht bald von selbst entfernt, so werde ich die Ausrede gebrauchen, daß eine Unterredung, selbst auf schriftliche Erlaubniß, nicht länger als eine halbe Stunde dauern dürfe.« Ferdinand fuhr heftig aus seiner Stellung am Fenster herum und rief: »Es ist förmlich zum Tollwerden, wenn ich bedenke, was in der letzten Stunde mit mir vorgegangen ist, und wenn ich hinzusetze, daß, obgleich schuldlos wie ein neugeborenes Kind, doch diesen schwarzen Flecken Niemand mehr von mir und meinem Namen nehmen wird, so kann ich es wiederholt nur auf's innigste bedauern, daß unsere Zusammenkunft nicht stattgefunden hat, wobei es am besten gewesen, wenn ich auf dem Platze geblieben wäre!« »Ich würde mir jetzt den Vorrang darin nicht gern streitig machen lassen,« sagte Welden in ruhigem, leidenschaftslosem Tone; »ich mußte zuerst und eben so unschuldig leiden, wie Sie, also gebührt mir auch zuerst eine gründliche Änderung dieser unausstehlichen Lage.« »Es wäre eigentlich originell,« rief der Andere mit einem Anfluge seines gewöhnlichen Leichtsinns in Blick und Stimme, »wenn wir uns diesen aufgedrungenen Zeugen dort zu Nutzen und ihn zu unserem beiderseitigen Secundanten machten, wenigstens zum unparteiischen Zuschauer, der später bestätigen müßte, daß der Zweikampf zwischen uns, den ich Ihnen vollkommen schuldig bin, auf die ehrlichste Art von der Welt stattgefunden habe – was meinen Sie dazu, Herr – wie ist doch Ihr Name?« »Mein Name ist Schmetterer,« entgegnete der Polizeiagent, aufstehend, und setzte mit gesenktem Haupte und in sehr bescheidenem Tone hinzu: »Machen Sie sich selbst, Herr Welkermann, und mir keine Ungelegenheiten – Sie wissen wohl, daß ich das, was Sie jenem Herrn da vorschlugen, unter keiner Bedingung leiden würde; überhaupt hat diese Unterredung schon recht lange gedauert.« »Ich glaube, daß Sie das durchaus nichts angeht!« brauste Ferdinand auf. »Und was meinen Vorschlag anbelangt, den ich, allerdings mit sehr ernstem Hintergrunde, im Scherze gethan, so habe ich leider keine Degen bei der Hand und halte den Knall von Pistolen hier in unserem stillen, friedlichen Hause selbst für unanständig und compromittirend, wobei es andererseits das Richtigste wäre, wenn wir uns gegenseitig eine Kugel vor den Kopf schössen – meinen Sie nicht auch, Welden?« »Gewiß!« »Unser Handel muß aus- und abgemacht werden; es liegt zu sehr in Ihrem Interesse, und wenn Sie auch heute die gelindeste Erklärung meinerseits als genügend zur Ausgleichung annehmen würden, so müßte ich mich doch weigern, eine derartige Erklärung zu geben – man kann als gute Freunde auf den Kampfplatz gehen und doch vor der Welt verpflichtet sein, auf einander zu schießen – meinen Sie nicht auch?« »Gewiß!« »Man kann sich eben so gut vorher die Hand schütteln, wie nachher, beim Vorrücken gegen die Barriere geräth unser Blut doch in Wallung. Habe ich Recht?« »Sie sprechen ganz meine Meinung aus,« erwiederte der Ingenieur, mit einem aufleuchtenden Blicke näher tretend und mit seinen beiden Händen die Rechte des Anderen ergreifend und herzlich schüttelnd; »ja, unsere Angelegenheit muß abgemacht werden!« »Und so ernsthaft, wie möglich, ich bin dafür, keine Spielerei!« »Nein, keine Spielerei!« »Und welche Freude wird es mir gewähren,« rief Ferdinand, in eine wilde Heiterkeit ausbrechend, »der still lauernden Gerechtigkeit eine Nase zu drehen – wie gesagt, Degen habe ich keine, Pistolen knallen zu sehr – wir könnten aber ein wenig auf spanische Art mit Messern auf einander losgehen – ich wäre dazu wahrhaftig ganz in der Laune.« »Meine Herren,« sagte der Polizeiagent, indem er sich zwischen die beiden jungen Leute stellte, »obgleich ich fest überzeugt bin, daß Sie nur im Scherze diese Redensarten führen, so kann ich das doch unmöglich dulden, und wenn Sie in diesem Tone fortfahren wollten, so muß ich entweder Herrn Welden bitten, das Zimmer zu verlassen, oder mich, wenn dem nicht Folge geleistet wird, nach Hülfe umsehen.« »Der Mann hat Recht,« meinte Welden. »Aber ist es nicht schade?« rief Ferdinand, der in immer größere Aufregung gerieth. »Es wäre dies eine so günstige Gelegenheit, unsere Sache abzumachen, und gerade vor diesem Herrn abzumachen, der alsdann auf seinen Amtseid bezeugen könnte, wie richtig Alles zugegangen – schade darum, diese spanische Art des Zweikampfes hat immer etwas Poetisches, ja Ritterliches, doch – wüßte ich noch eine andere, die noch weniger Geräusch und Aussehen machen würde.« »Mir wäre jede recht, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.« »Jede?« »Jede!« »So schlage ich Ihnen die amerikanische Art des Duells vor, etwas roh zwar, etwas nervenaufregend, aber recht passend für unsere Verhältnisse, – sind Sie damit einverstanden?« »Warum nicht?« »Natürlich sind wir Beide so vernünftig, die Ansicht des braven Herrn Schmetterer zu theilen, daß es unthunlich ist, die Sache hier im Zimmer vor seinen Augen auszumachen – wir sind ihm das für die Artigkeit schuldig, mit der er unsere Unterredung bis jetzt so gut wie ungestört ließ; aber verbieten kann er es uns nicht, daß wir einen Zeitraum festsetzen, bis wann mir unseren Handel ganz endgültig für Einen von uns Beiden abmachen – was meinen Sie heute über vier Wochen – wir haben heute den zwölften April, also am zwölften Mai – Morgens um eilf Uhr?« fügte er bei, nachdem er einen Blick auf seine Uhr geworfen. »Am zwölften Mai, Morgens um eilf Uhr,« stimmte Welden in ruhigem Tone bei. »Auf Ehrenwort!« »Versteht sich von selbst, auf Ehrenwort!« Welkermann legte seine Rechte in die des jungen Ingenieurs, und während Beider Hände ein paar Sekunden lang vereinigt blieben, schaute Einer dem Anderen fest in die Augen. »So wollen wir würfeln,« sagte Ferdinand, sich abwendend, »und der, welcher den niedrigsten Wurf thut, hat den Vortritt – der Andere kann ihm ja folgen, wenn es ihm Spaß macht oder wenn ihn die Verhältnisse dazu bestimmen.« Herr Schmetterer hatte schweigend zugehört, und wenn es ihm auch nicht ganz klar war, was unter amerikanischem Duell zu verstehen sei, so hielt er es doch für seine Pflicht und für sein Recht, das Würfeln eines Gefangenen zu verhüten, und er that dies mit kurzen und bestimmten Worten. »Sie sind in der That komisch,« fuhr ihn Ferdinand an, welcher schon einen Würfelbecher von seinem Schreibtische herbeigeholt hatte – »spielen wir denn um Geld oder Geldeswerth?« »Vielleicht um etwas Kostbareres, was ich nicht weiß, was mich auch im Grunde nichts angeht, da ich es nur mit der Gegenwart zu thun habe und ich es in derselben nicht gestatten kann, daß ein Gefangener mit einem Besuche würfelt. Mein lieber Herr Welkermann,« fuhr er bittend fort, »zwingen Sie mich nicht dazu, ein unangenehmes Aufsehen im Hause Ihres Herrn Vaters machen zu müssen, indem ich Hülfe herbeirufe und alsdann thue, was mir und Ihnen nicht lieb ist.« »Ah bah, mit Ihrer Hülfe,« rief Ferdinand trotzig, »glauben Sie denn, ich fürchte mich vor Ihnen und Ihren Helfern – ich bliebe überhaupt gutwillig hier in meinem Zimmer, wenn ich nicht wüßte, daß die Komödie meiner Gefangenschaft bald ausgespielt hat? Ah,« setzte er zähneknirschend hinzu, »wenn sich auch alles Andere so in Ordnung bringen und wieder gänzlich verwischen ließe! Kommen Sie, Welden, wollen Sie, daß ich zuerst werfe?« Doch mit einer Kraft, die man dem kleinen, schmächtigen Manne nicht zugetraut hätte, legte Schmetterer seine Hand auf den Würfelbecher, und dabei hatten sich seine schlaffen Züge belebt und aus seinen Augen leuchtete Muth und Entschlossenheit. »Noch schone ich Sie und Ihr Haus,« rief er mit einer Stimme, welche ganz anders klang, als der Ton, in welchem er bisher gesprochen; »zwingen Sie mich nicht, die Thür zu öffnen!« »Und dann, wenn ich bitten darf?« fragte Ferdinand mit einem verächtlichen Blicke. »Meine Leute von draußen hereinzurufen und Ihnen, wenn das nöthig sein sollte, Handeisen anzulegen.« Ferdinand fühlte, wie ihn bei diesen Worten ein Schauer überflog; auch Weldens Gesicht wurde bleicher, wie bisher. Beide hatten den gleichen Gedanken; wenn der Mann berechtigt war, so zu sprechen und vielleicht auch so zu handeln, wie er sprach, so mußte allerdings der Verdacht eines schweren Verbrechens vorliegen. »Aber es bleibt bei unserer Absprache!« rief Welkermann mit düster blitzendem Auge und etwas heiserer Stimme. »Kommen Sie an's Fenster, Welden, das wird uns doch wohl erlaubt sein – oder nicht?« Herr Schmetterer, der nicht ganz mit sich im Reinen war, folgte ihnen dorthin, wo von dem vorübergezogenen Gewitter noch immer schwere Tropfen gegen die Scheiben geworfen wurden; er traute diesen beiden unbesonnenen jungen Leuten, von denen besonders der Eine sich in einer furchtbaren Aufregung befand, jede mögliche Thorheit zu – wer weiß, ob der Sohn des Stadtschultheißen nicht die Absicht hatte, das Fenster zu öffnen und sich auf die Straße hinabzustürzen? Doch sah der Polizeiagent im nächsten Augenblicke, daß er sich in dieser Voraussetzung getäuscht, denn Beide lehnten ruhig an der Fensterbrüstung und führten ein ganz harmloses Gespräch. »Sehen Sie diese beiden schweren Tropfen,« sagte Ferdinand zu Welden, »die soeben in gleicher Höhe gegen die Scheibe geworfen wurden und die sich zu besinnen scheinen, ob sie abwärts rollen sollen? Ich wette, daß der auf meiner Seite zuerst unten ankommt.« »Gut, so nehme ich den anderen.« »Und der, welcher zuerst ankommt,« sagte Welkermann in englischer Sprache, »hat den Vortritt.« Es hätte für einen eingeweihten Zuschauer etwas Grauenhaftes sein müssen, die starren Blicke der jungen Leute zu beobachten, wie sie bald den einen, bald den anderen der Wassertropfen mit gleichem Interesse betrachteten. Derjenige des Ingenieurs fing zuerst an, langsam abwärts zu rollen, doch eine Sekunde später folgte der andere rascher und überholte ihn um ein paar Linien: Beider Athem ging schwer und ein gleichförmiges, eigenthümliches Lächeln zeigte sich auf ihren Zügen. Welden kam etwas vor, jetzt hatte ihn der Andere wieder erreicht und war dicht neben ihm. Die Wolken am Himmel waren verschwunden, fortgejagt von einem leichten Winde, und der heitere, fröhliche Sonnenschein blitzte gegen das Fenster und ließ die beiden Tropfen erglänzen wie Edelsteine oder wie Thränen. Sie sahen nichts davon, sondern achteten nur, schwer athmend, auf das langsame Fortschreiten der Zeiger dieser furchtbaren Todtenuhr. Es wurde an die Thür geklopft; sie hörten eben so wenig davon, als daß Herr Schmetterer den Schlüssel im Schlosse umdrehte und sie öffnete. Noch einen halben Zoll hatten die beiden Regentropfen zu durchlaufen, und als fürchteten sie selbst eine Unterbrechung, beeilten sie sich, das zu thun. Da wurde der Welden's, auf welchen er jetzt seine heißen, starren Blicke richtete, plötzlich aufgehalten, wahrscheinlich durch ein unbedeutendes Korn im Glase, während der andere Wassertropfen sich zwar langsam aber stetig fortbewegte. »Ferdinand! – Ferdinand!« hörte man in diesem Augenblicke eine laute Stimme in jammerndem, herzzerreißendem Tone ausrufen – in einem Tone, welcher die Nerven erzittern machte und der selbst den jungen Mann, dem dieser Ruf galt, trotz des furchtbar ernsten Augenblickes vermochte, seinen Kopf umzuwenden. Ehe er das aber that, streiften seine düstern Augen das bleiche Gesicht des Anderen, während er ihm zuflüsterte: »Die Sache ist entschieden – Sie liegen fest vor Anker – noch eine Sekunde, und ich habe ausgelebt – sei es drum, Sie werden nicht daran zweifeln; daß ich mein Wort halte!« »Ferdinand! Ferdinand!« rief Frau Welkermann verzweiflungsvoll aus, indem sie sich an den Hals ihres Sohnes warf und sein Gesicht mit ihren heißen Thränen überschwemmte. »Was hast du dir selbst gethan? Was hast du uns gethan? O mein Gott, ist es denn wahr?« Hinter ihr war der Stadtschultheiß in das Zimmer getreten; sein ernstes, ja, düsteres Gesicht tief in die weiße Halsbinde vergraben, blieb er an der Thür stehen, während er seine rechte Hand an die Augen brachte, in denen es seltsam zu zwinkern begann. »So sprich doch, Ferdinand, sprich ein Wort zu deiner unglücklichen Mutter, sage ihr, daß Alles nicht wahr, daß du unschuldig bist!« »Und würdest du mir glauben?« entgegnete Ferdinand mit dumpfer Stimme. »Ich zweifle daran – man hat euch allerlei Schlimmes, allerlei Furchtbares über mich gesagt – man hat mir dort vielversprechende Gesellschaft gegeben – man ladet mich ein, die Polizeidirektion zu besuchen; das ist allerdings sehr gravirend, und wenn ich mir die Sache näher überlege,« setzte er mit einem Blicke aus Welden, welcher immer noch die Fensterscheiben anstarrte, hinzu, »so ist allerdings Alles verloren.« »Nichts ist verloren,« rief der Ingenieur auf einmal in jubelndem Tone, »nichts – gar nichts – es wäre aber auch entsetzlich gewesen, wenn dieses frevelhafte Spiel zu einem Ergebnisse geführt hätte!« »Ah, Sie haben mich zum Besten,« erwiederte Ferdinand, während die Anderen verwundert aufschauten, »Sie wollen sich selbst und mich täuschen – fehlte doch kaum eine Linie!« »Sehen Sie her: hier hielt Ihr Tropfen, während der meinige, seitwärts überfließend, sich mit dem Ihrigen vereinigte.« »Ah bah,« rief der junge Welkermann, »eine Ausrede, deren Grund ich verstehe!« »Ein Wort, für das ich in der That ernstliche Händel mit Ihnen anfangen möchte!« »Aber Ferdinand, Ferdinand,« rief Frau Welkermann, die Hände zusammenschlagend, »ich glaube wirklich, daß Alles verloren ist – und, Herr Welden, auch Sie – Sie, dem ich bisher stets das Wort redete, der sich stets so freundlich, so wohlwollend, so feinfühlend benahm!« »Es erscheint mir das alles wie ein böser Traum,« sagte der Stadtschultheiß, näher tretend; »die uns bewilligte halbe Stunde wird in unnützen Redensarten vergehen, und ich erlaube mir, Ihnen zu sagen, Herr Welden,« wandte er sich mit bebender Stimme an den Ingenieur, »daß ich mit meinem Sohne Einiges zu besprechen wünschte und deßhalb für jetzt auf Ihre angenehme Gesellschaft verzichten muß.« Der also Angeredete biß sich auf die Lippen und schloß in tief schmerzlicher Bewegung einen Moment lang seine Augen, als er sich vor dem Stadtschultheißen verbeugte und dann ebenfalls vor Frau Welkermann, die aber, sich rasch von ihm wendend, ihr Gesicht auf der Schulter Ferdinand's verbarg, welch' letzterer, ihm zum Abschiede mit der Hand winkend, sagte: »Gehen Sie in Frieden, Welden – ich hoffe, daß wir uns vorher noch einmal wiedersehen.« Dieses einfache Wort »vorher« traf ihn wie ein Keulenschlag, ließ ihn erbeben und betäubte ihn derart, daß er nicht wußte, wie er aus dem Zimmer gekommen, noch auf den ersten Stock des Hauses gelangt war. Hier blieb er, tief Athem holend, stehen, und als er sich recht besonnen auf die Bedeutung des Wortes, welches er soeben aus Ferdinand's Munde gehört, wollte er wieder hinauf stürmen und an seiner Seite bleiben, bis jener ihm geschworen, daß er nicht an seinem Worte zweifle. Da ward er zurückgehalten durch eine Hand, die sich auf seinen Arm legte, und sah, sich rasch umwendend, in Elisens ernstes, blasses Gesicht. »Wollen Sie wohl die Güte haben, Herr Welden, mir einen Augenblick in den Garten zu folgen? Ich und noch jemand Anderes möchten mit Ihnen reden. Hier oben kann das nicht geschehen, da ich jeden Augenblick meine Eltern zurück erwarte – wollen Sie mir folgen?« Der Ingenieur machte eine stumme Verbeugung und ging mit langsamen Schritten an der Seite Elisens die Treppen hinab. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der Garten des Welkermann'schen Hauses war von je her der Lieblingsaufenthalt Elisens gewesen, da derselbe in seiner stillen Abgeschiedenheit ihren Neigungen, ja, ihren Wünschen zu sehr zusagte. Er hatte rings umher so hohe Mauern, daß man von den Nachbarshäusern nicht hereinschauen konnte, und obendrein befanden sich entlang dieser Mauern alte Kastanienbäume, die im hohen Sommer mit ihren starken, vollen Kronen den kleinen Raum zu drei Viertheilen wie mit dichten, grünen Schleiern zudeckten; nur in der Mitte, wohin der Strahl der Sonne gelangen konnte, befanden sich Blumenbeete rings um einen kleinen Springbrunnen, und wenn auch die Anlage des ganzen Gartens etwas Einförmiges hatte, so lag doch etwas Traulich-Heimliches in diesem buntfarbigen Mittelpunkte mit dem murmelnden Wasser, rings umgeben und geschützt von der Mauer und den breitästigen Bäumen. Auf den Zweigen derselben entwickelte sich eben der Frühling in voller Pracht; die kleinen, hellgrünen, noch vor wenigen Tagen fest zusammengerollten Blättchen reckten sich auseinander, daß es anzusehen war, als strecke jeder Baum Tausende von Händen in die blaue Luft hinaus, und wie duftete Alles heute so wunderbar nach dem leichten Regen, welcher unerklärliche und doch so bekannte Gerüche aus dem jungfräulichen Laube, aus dem Grase, aus der warmen Erde hervorlockte! Während des Weges sagte Elise zu ihrem Begleiter: »Es hat unser Haus viel Unglück betroffen; wer hätte gedacht, daß es so kommen würde?« Obwohl sie sich bemühte, dies so ruhig als möglich zu sagen, so zitterte doch eine tiefe Empfindung durch ihre Worte und veranlaßte Welden, ihr mit aller Wärme, die ihm möglich war, zur Antwort zu geben: »Der Schein trügt, Fräulein Elise, wie so oft in dieser Welt; glauben Sie mir – glauben Sie mir, wir stehen hier vor einer allerdings scheinbar zusammenpassenden Kette von Umständen, die aber vor der Wahrheit auseinander fallen wird.« »Und ich fürchte vielmehr, die Ringe dieser Kette werden sich fester um meinen Bruder schließen und so meinen Eltern namenloses Unglück bereiten.« »Ich bitte Sie herzlich, Fräulein Elise, vertrauen Sie mir und seien Sie überzeugt, daß ich Ferdinand's Angelegenheit wie die meinige betrachte, in diesem Augenblicke mehr als je – oder glauben Sie, mir nicht vertrauen zu können?« »Warum nicht?« erwiederte sie, ihn offen anschauend, »O, könnte ich so an der Schuld meines Bruders zweifeln, als ich überzeugt war, daß man Ihnen mit jenen Beschuldigungen, von denen ich einen Theil erfahren, Unrecht gethan!« »Das lohne Ihnen Gott, Fräulein Elise! Also gibt es noch edle Herzen, die mich solcher Schlechtigkeit nicht fähig hielten – nun denn, so vertrauen Sie mir auch und sagen Sie mir unumwunden, wann und wie ich rathen und helfen kann.« »Das kann allein nur Gott, der die Unschuld kennt und einschreiten wird, wenn er es für gut findet,« erwiederte sie in ruhigem, sanftem Tone, indem sie ihre Augen zum blauen Himmel emporhob. »Aber Sie wünschten doch eine Unterredung mit mir?« »Ich bat Sie nur, mir zu einer Unterredung zu folgen; dort – ist Jemand, der Sie zu sprechen wünscht; ich that vielleicht Unrecht, Sie hieher zu führen, aber ich kenne das gute, reine Herz meiner theuren Lucy.« »Ah, Lucy – ah, Fräulein Lucy!« rief Welden überrascht, als er das junge Mädchen, von dem eben die Rede war, unter den Kastanienbäumen hervortreten sah, »der Frühling des Frühlings, die schönste Rosenknospe in dieser entzückenden Jahreszeit.« Erschien sie ihm doch wirklich so mit ihrem vor Scham leicht erröthenden Antlitze, mit den niedergeschlagenen Augen, mit den leuchtenden Thautropfen, die auf ihrem blonden Haar ruhten! Lucy hielt ihren Hut in der Hand, und ein leichter Wind, der durch die Bäume strich, hatte die dort gesammelten schweren Tropfen auf das Haupt des jungen Mädchens hinabgestäubt. Diese Regentropfen und jener – es schauderte ihn, wenn er daran dachte. Während Fräulein von Rivola dem jungen Manne ihre kleine, rechte Hand bot, legte sie die andere in den Arm Elisens, zog diese sanft an sich, als stumme Bitte, daß sie sie nicht verlassen dürfe, und dann traten alle Drei unter die Bäume zurück. »Ich mußte Sie sehen, Herr Welden,« sagte Lucy schüchtern; »ich mußte Sie sprechen – vorher noch einmal sprechen . . .« Dann stockte sie verlegen. Schon wieder dieses schreckliche Wort: vorher – für ihn auch hier von so schmerzlicher Bedeutung, denn er wußte wohl, was dieses »vorher« zu sagen hatte. War es doch seit einigen Tagen in der Stadt kein Geheimnis mehr, daß Graf Eugen Hartenstein Fräulein von Rivola heirathen werde! »Ich hätte ja gern gewartet,« setzte das junge Mädchen nach einer kleinen Pause hinzu, »bis Sie uns wieder besucht hätten; doch waren Sie ja neulich bei uns, ohne nach mir zu sehen, und ich dachte gewiß nicht mit Unrecht, daß dies nicht ohne Absicht geschehen sei.« »Eine Absicht lag allerdings darin, daß man mich verhinderte, nach Ihnen zu sehen, Fräulein Lucy, und gewiß hat Ihr Herr Vater Sie darüber nicht im Unklaren gelassen.« »Ah, er sprach allerdings Manches über Sie, was mich tief betrübte, ja, was mich unglücklich gemacht hätte, wenn ich – wenn ich – nicht überzeugt gewesen wäre, daß man Sie bei meinem Vater verleumdet.« »Wie danke ich Ihnen für dieses Wort! Es erhebt mich, es macht mich glücklich, denn es gibt mir den Beweis, daß von denen, an deren Meinung mir gelegen ist, mich doch Mancher nicht ungehört und ungerecht verdammen wird. Und doch,« fuhr er in einem bitteren Tone fort, »greife ich ja wie ein Ertrinkender nach einem unhaltbaren Strohhalme! Wenn ich Ihnen auch herzlich danke für Ihre gute Meinung, Fräulein Lucy, so würde sich doch diese Meinung anders gestalten, wenn Sie – wenn Sie das, was man mir zum Vorwurfe macht, mit den Augen Ihres Herrn Vaters, mit denen der ganzen Welt betrachten würden.« »O, Herr Welden,« gab sie mit gefaltenen Händen zur Antwort, »reden Sie nicht so Böses über sich selber, nur heute nicht, jetzt nicht! Und wenn die ganze Welt Übles von Ihnen sagen würde, ich würde es ja doch nicht glauben, und ich spreche die Wahrheit – hier, Ihnen gegenüber, die volle Wahrheit, wie ich sie in meinem Herzen fühle! Ich bin auch gekommen, um Ihnen aufrichtig zu sagen, was man zu Hause über mich beschlossen hat.« »Ich weiß davon, Fräulein Lucy.« »Nicht um Ihren Rath zu verlangen, denn ich bin überzeugt, Sie würden mir rathen, mich dem Willen meiner Eltern zu unterwerfen! Sie haben mir schon oft früher scherzhaft gesagt, kleine Kinder müssen gehorchen, und Sie würden mir das jetzt wiederholen.« »Wahrscheinlich würde ich das thun.« »Sehen Sie – so will ich Sie also nicht um Ihren Rath fragen, sondern will Ihnen nur sagen, daß ich noch einen letzten Versuch machen werde, meinen Vater zu bestimmen, daß er mir die Freiheit meines Handelns läßt. O, mein Vater ist milde und gut und hat ein weiches Herz! Deßhalb ist es mir auch so unbegreiflich, daß er Ihnen zürnen kann, Herr Welden, und mir ist das gerade jetzt doppelt schmerzlich, denn wenn er Ihnen in diesem Augenblicke nicht zürnte, so hätte ich vielmehr den Muth, ihm zu sagen: ›laß mich doch bei dir, wie bis jetzt – ach, ich habe mich von jeher darauf gefreut, mit den lieben Freunden des Hauses diesen Sommer und noch viele Jahre beisammen zu bleiben!‹« »Aber Herr von Rivola zürnt mir?« »Ja, er zürnt Ihnen, und auch die Mama, woraus ich mir indessen nicht so viel machen würde, denn Sie waren ihr früher gleichgültig, während mein Vater Sie geliebt hat – für meine Mutter ist überhaupt alles gleichgültig, was nicht zur Erreichung eines Zieles dient; was ihr aber im Wege steht, das haßt sie, und so werden auch Sie jetzt von ihr gehaßt.« »Ich verstehe das nicht recht, Fräulein Lucy,« gab Welden zur Antwort, obgleich er in Wirklichkeit doch etwas in ihren Worten erkannte, was sein Herz schneller schlagen ließ und was ihn veranlaßte, einen Blick auf Elise zu werfen, die an der Gartenmauer, in tiefe Gedanken versunken, auf- und abging. Auch vermied er es dabei, Lucy's leuchtenden, seelenvollen Blicken zu begegnen oder das fast wehmüthige Lächeln um ihren Mund zu betrachten, welches ihre feinen Lippen bewegte und die schneeweißen Zähne dazwischen hervorschimmern ließ – durchschauerte es ihn doch so schon tief und gewaltig, als sie jetzt ihre kleine Hand auf seinen Arm legte. »Ja, sie glaubt, Sie ständen ihrem Ziele im Wege, und dieses Ziel ist, mich mit Eugen Hartenstein zu verheirathen.« Hier konnte sich Welden trotz alledem nicht enthalten, sie anzuschauen; doch sah er nichts, als das reizende Profil ihres Gesichtchens, da sie den Kopf von ihm abgewandt und den Blick auf den Boden geheftet hatte. Zu verdenken war es ihm hierbei indessen nicht, wenigstens verzeihlich, daß er seine Hand leicht auf ihre kleinen Finger legte und durch diese Berührung ihre Blicke magnetisch anzog. Als sich nun Beider Augen begegneten, da schwammen die des jungen Mädchens in einer stillgestandenen Thräne, die Lippen Beider aber waren halb geöffnet, wie um leichter das wunderbare Weh des schmerzlichsten Entzückens auszuhauchen, unter dem ihre Herzen schneller schlugen und hätten brechen mögen. Es war einer jener bedeutsamen Momente, die über das Glück eines ganzen Lebens entscheiden; hier aber lag die Entscheidung schon hinter ihnen, und keine Hoffnung auf Glück und Seligkeit vor ihnen. Es dauerte eine lange, lange Weile, während die Blicke Beider fest in einander wurzelten, und während sie, ihren zarten Körper hervorhebend, ihm so nahe kam, daß er ihren warmen, süßen, rasch ausgestoßenen Athem um seine Lippen spürte – weiter nichts, wobei sie ihn aber zauberhaft anzog und fesselte durch den unaussprechlich innigen Ausdruck ihres tiefglänzenden, sanften Auges. Dann glitt ihre Hand von dem Arme herab in die seinige und sie sprach, indem sie sich wieder halb von ihm abwandte: »Das habe ich Ihnen nur sagen wollen und hielt es für eine liebe Pflicht, das zu thun gegenüber dem, was mit mir beschlossen ist, und gegenüber den bitteren, gehässigen Worten, die ich über Sie gehört.« »O, meine Seele dankt Ihnen jauchzend dafür, Lucy! Ihre Worte haben wieder ein helles, mildes Licht verbreitet in meinem so finsteren Innern, wenn auch die Strahlen der Sonne, nach denen ich mich so gewaltig sehne, meinem Auge niemals aufgehen werden, niemals aufgehen können, und wenn ich auch nicht gewürdigt bin, glänzende Tage der Freude erleben zu können, so will ich doch mit Seligkeit denken an die Morgenröthe eines unerreichbaren Glückes, die ich in Ihrem Auge geschaut, die aus Ihren Worten in mein Herz geleuchtet und die es gestählt für ewige Zeiten.« »Und nun muß es geschieden sein,« hörten sie die ernste Stimme Elisens sagen, welche zu ihnen getreten war und das leise weinende Mädchen in ihre Arme schloß. »Gehen Sie mit Gott, Herr Welden, und je länger es dauert, bis wir hier uns wiedersehen, desto besser ist es für uns Alle.« Er blickte einen Augenblick fragend auf Lucy, er hätte sich durch ein Wort von ihr gern zurückhalten lassen; doch hatte sie ihr Gesicht an dem Herzen ihrer Freundin verborgen, und so sagte er ihr ein kurzes Wort des Abschiedes und durchschritt den Garten. Ehe er aber in das Haus eintrat, blickte er noch einmal zurück und sah Lucy hoch aufgerichtet neben ihrer Freundin stehen, sah, wie sie jetzt ihre Hand an die Lippen führte und darauf den Arm gegen ihn ausstreckte. Damit aber war nun, als er in's Haus eingetreten, seine ganze Umgebung wie durch einen Zauberschlag verändert – dort die Seligkeit der ersten Liebe eines reinen, jugendlich warmen Herzens, die, gleich einer duftenden Rosenknospe, unter Thränen aus ihrer Hülle gebrochen war – hier die trostlose Klage einer unglücklichen Mutter, welche ihren Sohn wiederholt in ihre Arme schloß und ihn nicht von sich lassen wollte. Er erreichte die Thür des Hauses wankend wie im Traume, und sein Geist trat erst wieder klar in die Wirklichkeit, als er das Rollen eines fest verschlossenen Wagens vernahm, der sich vom Hause des Stadtschultheißen im raschen Laufe der Pferde entfernte. Welden ging seinem Hause zu und hatte auf dem Wege dorthin so sehr seine Fassung wiedergewonnen, daß er anscheinend vollkommen ruhig sein Zeichnungs-Bureau wieder betrat. Sein Chef, der Oberbaurath Lievens, war länger ausgeblieben, als er am Anfange geglaubt, und erst vor einer Stunde von seiner Dienstreise zurückgekehrt. Was Frau Lievens anbetraf, so hatte er sie seit jenem Morgen nicht wiedergesehen; er hatte sich nicht absichtlich ihrem Blicke entzogen, ja, er hatte sie sogar am folgenden Tage aufgesucht, um ihr nicht vorzuenthalten, in welch' furchtbare Lage sie ihn durch ihr leidenschaftliches Auftreten gebracht. Da erfuhr er, daß sie zu einer älteren Schwester gereist sei, die in einer benachbarten Stadt verheirathet war, und wir wollen nicht verschweigen, daß er bei dieser Nachricht leichter aufathmete. Der Oberbaurath war von seiner Inspectionsreise zurückgekehrt, die Hände so voll Arbeit, wie man zu sagen pflegt, daß es ihm nicht unlieb war, anstatt verschiedene Stunden des Tages, beim Mittagessen oder am Theetische, der Unterhaltung seiner Frau widmen zu müssen, jetzt vollkommen freie Zeit zu haben, um mit Welden, der die Seele des ganzen Bau-Departements war, das Nöthige verarbeiten zu können, und es gab des Nöthigen und Nöthigsten so vieles; hatte doch die Regierung des Nachbarlandes, welche so lange hartnäckig einen gewissen Eisenbahnanschluß verweigert, diesen endlich bewilligt, und mußte man sich nun über Hals und Kopf beeilen, um das Publikum den Vortheil dieses Anschlusses so bald als möglich genießen zu lassen. An den Vorarbeiten hierzu hatte Welden allerdings schon seit Jahren gearbeitet, und er brauchte nur der Reihe nach seine Mappen herzugeben, um mit den Detailzeichnungen und Accordirungen beginnen zu können. Dazu aber war es nöthig, sich an Ort und Stelle zu begeben, und der junge Ingenieur begrüßte den Befehl seines Chefs, sich so bald als möglich reisefertig zu machen, mit der ungetheiltesten Freude; hoffte er doch, in anderer Umgebung, bei angestrengten Arbeiten all das Entzückende, aber auch all das Furchtbare, in das er so willenlos hineingerathen, vergessen zu können! Ja, und dabei erschien es ihm als kein geringer Vortheil, dieses Haus, das Haus des Oberbauraths, wo er längere Zeit so harmlos und stillzufrieden gelebt, nun verlassen zu können, nicht, um auf der Schwelle, ohne rückwärts zu blicken, den Staub von seinen Stiefeln zu schütteln, aber doch mit einem wehmüthigen, traurigen Gefühle. Und wie bald kam dieser Augenblick! Das Bureau des Oberbauraths Lievens wurde zwischen diesem und dem Ingenieur getheilt, das heißt, letzterer nahm die fähigsten der jungen Leute mit sich, während die übrigen beim Oberbaurath blieben, der als vermittelndes Element in der Nähe des Ministeriums zu bleiben hatte. Und nach einigen Tagen verließ Welden die Stadt, und absichtlich abermals zu Fuß, langsam die Höhen ersteigend bis zu jenem alten Gemäuer, wohin er seinen Wagen bestellt hatte und von wo aus er noch einen schmerzlichen Blick auf das Häusermeer zu seinen Füßen warf, und wahrlich keinen hoffenden nach Eichenwald hinüber. Dann wandte er sich ab, wie man sich von einem offenen Grabe abwendet, in das man sein Theuerstes hinabgesenkt, das unsere Liebe, einen Theil unseres Glaubens und unsere ganze Hoffnung einschließt. Seiner Brust entrang sich ein leichter Schrei, wie ihn der Falke vielleicht ausstößt, wenn er, seinem Gefängniß entronnen, sich hoch in die klare, reine Luft emporschwingt; aber bei ihm war es nicht nur ein Schrei der Befriedigung, sondern auch ein Schrei tiefsten Schmerzes. Dann warf er sich in den Wagen, drückte sich fest in eine Ecke desselben, und während er dahinrollte, versenkte er sich mit aller Kraft in Erinnerungen der letztvergangenen Tage – ach, und dabei trat jener kleine Garten, wo er Lucy zuletzt gesehen, so tief schmerzlich vor seine Seele, Lucy's Hingebung, seine so plötzlich erwachte und nun zur Leidenschaft gewordene Liebe – sonst war ihm das Scheiden von Allen da unten leicht geworden. Mit seinen nothwendigen Besuchen war Welden bald fertig gewesen; er ließ Wenige hier zurück, deren Freundschaft, ja, deren Wohlwollen gegen ihn sich bei dem gewissen Vorfalle erprobt hatte. Bei dem Polizeirath Merkel allein verblieb er längere Zeit und sagte ihm auch, wie er nicht ohne Leid in mancher Beziehung die Stadt verlasse, – dann bat er ihn auf's dringendste, ihm doch hier und da Kenntniß zu geben von dem Verlaufe des Prozesses gegen Ferdinand Welkermann, was Herr Merkel auch mit seinem freundschaftlichsten und wohlwollendsten Lächeln versprach. Dann schieden sie, und es freute Welden, als er hierbei bemerkte, wie jener diesen Abschied nicht so leicht nahm, wie er ihn mit herzlichen Worten hinaus an die Treppe geleitete, wie er ihm wiederholt beide Hände drückte und ihm sagte: »Glauben Sie, es thut mir recht leid, daß Sie gehen – ich hätte lieber ein paar Hundert Andere vermissen mögen, brave Leute und Spitzbuben, obgleich auch an den letzteren mein Herz gewissermaßen hängt, wie Sie wissen. Nun, Sie haben Recht, es ist hier kein Boden für Sie; man muß hier scheren oder geschoren werden; ich bin hier für's Erstere angestellt und begreife es wohl, daß Sie sich das Letztere schwerlich gefallen lassen möchten. Doch Sie werden sehen, ich besuche Sie in meinen Ferien; vor der Hand habe ich noch eine riesige Arbeit vor mir, riesiger, als Sie vielleicht denken, obgleich Sie wissen, was ich meine. Doch sobald das vorüber ist, nehme ich Urlaub und komme zu Ihnen. Wohl weiß ich ungefähr, welche Gegend des Gebirges Sie mit Spaten und Haue unsicher machen, und kann mir auch wohl denken, wo Ihr Hauptquartier sein wird – richtig, bei dem alten Heilemann, von dem Sie schon so viel erzählt – nun, da suche ich Sie auf und begleite Sie durch Dick und Dünn. Das wird ein prächtiges Leben werden! Ich schaue Ihnen zu, wenn Sie Felsen sprengen, und gehe mit Ihnen auf die Jagd, nicht als Selbstschütze, davor möge Sie der Herr in Gnaden bewahren, sondern ich klatsche in die Hände, daß die Feldhühnerketten nur so auffliegen – brrrrrrr – und nun Gott befohlen, lieber Welden!« Damit hatte sich der Polizeirath abgewandt und die Thür seines Vorzimmers rasch hinter sich zugemacht. Innerhalb derselben blieb er einen Augenblick gedankenvoll stehen, fuhr sich mit der Hand über die Augen, und seine heitere, wohlwollende Miene hatte sich plötzlich in eine mürrische, finstere verwandelt. »Wenn ich wieder einmal auf die Welt komme,« sprach er zu sich selber, »so werde ich kein Polizeibeamter, sondern suche mir ein Geschäft, wie jener glückliche junge Mensch dort, in Feld und Wald – dort allein kann man zufrieden sein; aber so wie man das Menschenvolk, namentlich von seiner Schattenseite fassen muß, so hat man keinen frohen Augenblick mehr. Es liegt allerdings etwas Großes darin, mit aller Geisteskraft zu combiniren, um einem so still schleichenden Verbrechen entgegen zu treten und ihm Halt! Werda? zurufen zu können. Doch sollte man dabei eigentlich gar kein Herz haben – einen guten Theil desselben habe ich mir allerdings schon abgewöhnt, aber es kommt immer wieder, und ich glaube, wenn ich einmal aufhörte, Polizeibeamter zu sein, so würde mir über Nacht mein ganzes schönes Herz wieder so voll und groß wachsen, wie es ehemals gewesen ist – aber Polizeidirektor, vielleicht Minister der Polizei zu werden, das ist auch keine Kleinigkeit!« Unter diesem Selbstgespräche war der Polizeirath in sein Zimmer zurückgegangen und hatte sich dort an seinen Schreibtisch gestellt, die Rechte auf denselben stützend. »Mich dauert in der That der alte Welkermann in tiefster Seele,« sagte er, zum Fenster hinaus auf den freien Platz vor demselben blickend. »Wie ich vernommen, hat er gestern schon den Rücktritt von seinem Amte als Stadtschultheiß angezeigt – es thut mir in der Seele weh, und doch kann kein Zweifel dabei sein: sein Sohn ist nicht unschuldig zu dieser Hehlerei gekommen; daß er am Ende bei der Fabrikation nicht thätig war, das glaube ich schon nach den Verhören mit Steffler annehmen zu können. Aber der andere Schatten, der da vor mir aufsteigt, ist noch fürchterlicher, mich selbst wahrhaft erschreckend, ja, erschütternd, und wenn ich auch Beweise gesammelt habe, die sich leicht zu einem befriedigenden Resultate an einander reihen lassen, so ist dieses Resultat doch so schrecklicher Art, daß ich es Seiner Excellenz dem Herrn Polizeiminister, meinem alten, würdigen, aber etwas ängstlichen Chef, nicht übel nehmen konnte, als er gestern sagte: ›Ich glaube, Sie sind toll geworden, Merkel!‹« Er ließ sich, nachdem er die letzten Worte ziemlich deutlich vor sich hin gesprochen, auf seinen Stuhl nieder, nahm aus einer zweifach verschlossenen Schublade des Schreibtisches eine kleine Mappe mit Papieren und blätterte darin, während er kopfschüttelnd sagte: »Und doch ist der ganz ergebene Merkel nicht toll geworden, im Gegentheil, er glaubt, daß er ganz ungeheuer vernünftig ist; da ist hier das Blatt unbedruckten Banknotenpapiers, das ich selbst im sogenannten Atelier des Herrn von Rivola aufgehoben; da ist ferner der Brief des Chefs der Notenfabrikation sowie das Protokoll seiner Beamten, daß nie und zu keiner Zeit unbedrucktes Banknotenpapier abgegeben worden ist, auch nicht einmal für Herrn von Rivola zu einer Untersuchung; hier haben wir ferner das Gutachten des Professors Förster, wonach er seine Behauptung beweist, daß das Wasserzeichen in dem fraglichen Papier vermittels einer ihm allerdings selbst noch unbekannten Säure hergestellt ist; hier haben wir die Verhörsakten Steffler's, worin er erzählt, daß er mit Herrn von Rivola bekannt geworden, als jener bei dem Hoffriseur diese Federzeichnung hier gesehen und von dem Gehilfen des Hoffriseurs erfahren: Steffler sei allerdings ein armer Teufel und ein etwas leichtsinniger Kerl, aber dabei ein geschickter Kupferstecher. Und daß die falschen Noten in Kupfer gestochen wurden, darüber herrscht eben so wenig ein Zweifel, als daß Steffler sie allerdings nicht gemacht hat – doch kann er etwas daran geändert haben, und einmal schien dieser schlaue Fuchs etwas von einem derartigen Bekenntnisse auf der Zunge zu haben, denn daß er sich selbst gleich darauf corrigirte und angab, er habe nur zur Probe für Herrn von Rivola eine kleine Arabeske in Kupfer geschnitten, ist kaum glaublich. »Ich will aber den Fall annehmen, Steffler sei bei dieser Fälschung förmlich unschuldig, so bleibt es doch im höchsten Grade verdächtig, daß Herr von Rivola diesen Menschen an sich gezogen, denn dieser kluge und umsichtige Mann hat während der Dauer seines hiesigen Aufenthaltes nie ohne Überlegung gehandelt; am auffallendsten aber muß es mir sein, daß er damals, als er mich in seinem Wagen nach dem Rathhause führte und als ich von Steffler, den wir mit dem jungen Welkermann plaudernd sahen, sprach, Steffler durchaus nicht zu kennen vorgab. »Ich resumire also: wenn auch Steffler bei der vorliegenden Banknotenfälschung nicht betheiligt war, so wurde er von Herrn von Rivola vielleicht für eine neue, verbesserte Auflage gewonnen, welche – und das beweist Steffler's Reise – im Auslande angefertigt werden sollte; denn daß die Augen des alten Herrn nicht mehr in dem Zustande sind, um eine so feine und anstrengende Arbeit selbst zu unternehmen, dafür bürgt mir das Urtheil seines geschickten Hausarztes, der zufälliger Weise auch der meinige ist und den ich gesprächsweise darüber hörte. »Nun aber kommen wir zu der großen Frage: Wo sind die vorliegenden falschen Banknoten angefertigt worden? – und darüber ist meine Ansicht so klar, daß ich bereit wäre, darüber einen körperlichen Eid abzulegen; die Platten wurden vor Jahren im sogenannten Atelier im alten Thurme, und zwar von Herrn von Rivola allein, gestochen, der Druck geschah vielleicht mit Hülfe seines Dieners, der, wie ich ja selbst am besten weiß, ein geschickter Schlosser und Mechaniker ist. »Alles das war unendlich geschickt und mit großer Klugheit angelegt, und wahrscheinlich während wir, seine Bekannten, ihn häufig bei seinen künstlerischen Arbeiten besuchten – wozu er ja uns Allen auf's bereitwilligste ungehinderten Eintritt gewährte – arbeitete er. Daß zwischen jener Zeit und jetzt schon der Zeitraum von Jahren liegt, beweist am besten der Zustand, in welchem wir das Atelier fanden, einige Tage vorher, ehe der alte Thurm der Stadt übergeben wurde. O, hätte ich damals einen Grund gehabt, die Geräthschaften und alles, was sich dort befand, in genaueste Untersuchung zu ziehen! Aber, ehrlich gesagt, ich würde nur vor kurzer Zeit noch selbst die gleiche Antwort gegeben haben, welche mir Seine Excellenz spendete: Ich glaube, Merkel, du bist toll geworden! »Und doch hat das auch wieder sein Gutes; der Herr von Rivola, welcher allerdings durch die Verhaftung Ferdinand Welkermann's unangenehm berührt worden sein soll, wiegt sich noch in vollkommener Sicherheit, obgleich er zugegeben, daß er den jungen Bankbeamten einige Male ersucht habe, ihm Banknoten auszuwechseln. Sagte mir doch der alte, schlaue Fuchs selber, er bestreite durchaus die Möglichkeit nicht, daß sich unter jenen Banknoten falsche befunden hätten – habe er doch selbst mehrmals Verdächtiges an verschiedenen Noten zu bemerken geglaubt, aber selten verfehlt, diese alsdann mit seinem vollen Namen zu bezeichnen, um vorkommenden Falles daran erinnert werden zu können – o, er ist entsetzlich vorsichtig zu Werke gegangen! Aber trotzdem beweist sich abermals die Wahrheit des sehr richtigen Satzes, daß es leicht ist, Banknoten täuschend nachzuahmen, aber sehr schwer, sie ungefährdet in Umlauf zu bringen. »Und nun zu unserem Schlußresumé: Herr von Rivola hat vor Jahren die Banknoten angefertigt, hat eine hinreichende Anzahl davon gedruckt, aber die Platten vor noch nicht langer Zeit zerstört, und auf diese Zusammenstellung habe ich Ursache, mir etwas einzubilden.« Bei diesem letzten Gedanken öffnete er abermals die Schublade und nahm aus einem kleinen Schächtelchen etwas hervor, das er aufmerksam betrachtete, während er halblaut vor sich hinsprach: »Die Kupferplatten wurden zerschnitten, die Stücke im Kohlenfeuer des Ofens geschmolzen und dann wahrscheinlich nach allen vier Winden hin zerstreut, bis auf Eines – bis auf dieses hier, welches unbemerkt in der Asche blieb und von Welden gefunden wurde. »Wenn alles das nicht Anzeichen genug sind, um die Hand nach dem Betreffenden auszustrecken, so weiß ich nicht, was man noch abwarten soll – und ist es nicht schauderhaft dabei, abzuhängen von einem Vorgesetzten, der vor dem Gedanken zurückschaudert, einen Freiherrn am Kragen zu nehmen? Als ob ein Freiherr nicht eben so gut ein Spitzbube sein könnte, wie jeder Andere! Es ist das wahrhaft trostlos; man hält alles das noch nicht für genügend, und ich soll abwarten, bis ich weitere, noch erschwerendere Umstände finde – nun, da können wir lange warten.« Die Thür hatte sich langsam geöffnet, und der Aufwärter meldete Herrn Schmetterer. »Ist er allein?« »Nein, er hat einen Menschen bei sich, welcher wie der Diener eines guten Hauses aussieht.« »So laß Beide eintreten,« sagte der Polizeirath rasch und mit einer sehr erheiterten Miene. Gleich darauf erschien Herr Schmetterer und hinter ihm Jakob, einer der Diener des Herrn von Rivola. Letzterer machte ein einigermaßen verlegenes Gesicht, blieb an der Thür stehen und machte nur kleine, zögernde Schritte, als ihn der Andere ersuchte, sich dem Herrn Polizeirath zu nähern. »Nun?« sagte dieser mit einem fragenden Blicke auf Schmetterer. »Da habe ich den Herrn Jakob Veigel allerdings mitgebracht,« gab der Polizeiagent achselzuckend zur Antwort, »aber er versicherte mir auf der Treppe, keine tausend Pferde sollten im Stande sein, ihn von der Stelle zu ziehen, wenn er selbst nicht vorwärts gehe, oder ihn zu zwingen, ein Wort zu sagen, das er verschweigen wolle.« »Darin hat Jakob Veigel ganz Recht,« sagte der Polizeirath in beistimmendem Tone. »Man muß Jedem die Freiheit des Handelns lassen, und freue ich mich deßhalb auch um so mehr, daß er freiwillig zu mir kommt.« »Das kann man eigentlich nicht sagen,« sprach der Bediente in trotzigem Tone. »Ich bin nur mitgegangen, weil der da vor diesem Hause, als ich vorüberkam, gar zu familiär mit mir that und weil das gerade auf Unsereins kein vortheilhaftes Licht wirft – nichts für ungut, aber ich habe mit der Polizei nicht gern zu schaffen.« »Es ist eigenthümlich,« meinte Herr Merkel lächelnd, »welches Vorurtheil man im Allgemeinen gegen uns hat, höchst eigenthümlich; doch wollen wir darüber nicht reden. Es handelt sich nur, glaube ich, um eine Äußerung, welche Herr Veigel gethan und die meinen guten Bekannten, den Herrn von Rivola betrifft.« »Ich wüßte mich keiner meiner Äußerungen zu entsinnen, die wichtig genug wäre, um hier davon zu reden.« Der Polizeirath warf einen raschen, bezeichnenden Blick auf Schmetterer, der ihn auffing wie ein geschickter Ballschläger den Ball, und sogleich sagte: »Der Herr Polizeirath meint die Äußerung, welche Sie vorgestern im Blauen Karpfen gethan, als Sie nämlich sagten – ich muß Ihre eigenen Worte gebrauchen –: Mein Herr, der Baron, ist ein Hexenmeister, oder er muß einen Dukatenmacher im Hause haben, denn kein Mensch weiß, wo das viele, viele Geld herkommt, das er ausgibt.« »Wenn ich das gesagt habe, so habe ich es im Rausche gethan. Ich weiß ganz genau, daß der gnädige Herr seine Einnahmen aus Belgien bezieht, von den großen Eisenwerken, die er dort noch besitzt.« »Wer weiß das nicht!« stimmte der Polizeirath bei. »Der Herr Baron bezieht sein Geld allerdings aus seinen Fabriken in Belgien durch die hiesige Bank, wo ich ihn schon mehrmals große Summen erheben und mit nach Hause nehmen sah, meistens Fünfhunderter- und Tausender-Scheine.« »Ja, ja, so ist es, die gibt er meistens aus und hat mehr davon,« setzte er mit einem verächtlichen Blicke auf den Polizeirath hinzu, »als sich mancher arme Teufel träumen läßt.« »Davon bin ich überzeugt,« meinte Herr Merkel in mildem und etwas gleichgültigem Tone. »Ein Herr, der so große Ausgaben hat, wie der Herr von Rivola, ist genöthigt, immer viel Geld in seinem Hause zu haben, und das, obgleich er draußen auf dem Lande wohnt, ohne alle Gefahr, denn so viel ich weiß, hat Herr von Rivola einen äußerst festen Geldschrank.« »Das gerade nicht,« warf der Polizeiagent rasch ein. »Deßhalb machte ich dem Herrn Veigel auch gelinde Vorwürfe, daß er von solchen Dingen im Wirthshause spräche. Er will mir freilich nicht glauben, und ich bitte Sie, ihm zu bestätigen, daß es sehr unvorsichtig ist, vor fremden Menschen darüber zu plaudern, wie er gethan; sein Herr verwahre die Banknoten einfach in seinem Schreibtische in einer rothen Mappe.« »Nun ja,« erwiederte Herr Merkel, »was man so an kleinem Gelde für den täglichen Bedarf braucht – nicht wahr, Herr Veigel?« Da dieser die Zähne auf einander biß und, statt zu antworten, zum Fenster hinausschaute, so sagte Herr Schmetterer für ihn: »Nein, nein, er sprach von einem solchen Paket der größten Banknoten« – hier zeigte er die Dicke des Pakets durch die Entfernung seiner beiden Hände von einander an – »ja, er sagte zu dem Reitknechte des Grafen von Heckeren in geringschätzendem Tone: Was thue ich mit dem Reichthum deines Herrn, ein paarmal Hunderttausend Gulden? Viermal so viel hat mein Herr in seiner großen, rothen Brieftasche immer vorräthig!« »Sehen Sie, wie das unvorsichtig war!« sagte der Polizeirath mit aufgehobenem Zeigefinger. »Wenn man einsam auf dem Lande wohnt, muß man im Wirthshause nicht solche Dinge erzählen, das heißt, wenn Sie das wirklich erzählt haben.« »Ja, ich habe es erzählt, warum soll ich es läugnen – der Reitknecht des Grafen Heckeren neckte mich und meinte, mit dem Reichthume meines Herrn könne es über Nacht einmal ein Ende nehmen, und da sagte ich ihm allerdings, mein Herr hätte im Schreibtische in seiner rothen Brieftasche gewöhnlich viermal so viel Banknoten liegen, als sein Herr besäße.« Der Polizeirath nickte langsam mit dem Kopfe und versetzte dann in sehr gleichgültigem Tone: »Nun ja; Sie sagten das, wie man so was sagt, um Jemanden abzutrumpfen.« »Nein, ich sagte es, weil es die Wahrheit ist!« antwortete der Bediente in barschem Tone und setzte mit einem giftigen Blicke hinzu: »Hätte ich freilich gewußt, daß man sogar im Wirthshause belauscht wird und dadurch Ungelegenheiten bekommen kann, so hätte ich gewiß mein Maul gehalten!« Der Polizeirath lehnte sich in seinen Sessel zurück, faltete die Hände und sagte, indem er seine Daumen um einander herumspazieren ließ: »Im Grunde genommen, Schmetterer, hätten Sie Herrn Veigel nicht zu mir heraufbemühen sollen; doch ich weiß wohl, Sie thaten das ja nur, weil ich Ihnen sagte, Herr Veigel könnte mir einen Brief an Herrn von Rivola besorgen.« »Davon sagte er nichts, sonst wäre ich wahrscheinlich bereitwilliger mitgegangen.« »Vergeßlichkeit, Vergeßlichkeit!« drohte der Polizeirath mit aufgehobenem Zeigefinger gegen Herrn Schmetterer. »Doch hat das nichts zu bedeuten; Herr Veigel wird schon so freundlich sein und einen Brief an Herrn von Rivola mitnehmen. Lassen Sie uns allein, Schmetterer, rücken Sie aber vorher einen Stuhl für Herrn Veigel an den Schreibtisch.« »O, bitte recht sehr, Herr Polizeirath, ich kann ganz gut stehen!« »Nein, nein, setzen Sie sich nur daher; ich habe Sie vielleicht noch etwas zu fragen, und muß meine Brust eines Katarrhs wegen noch ein wenig schonen – setzen Sie sich immerhin, Herr Veigel.« Schmetterer that auf's pünktlichste, wie ihm befohlen, brachte einen Stuhl so nahe an den Schreibtisch des Herrn Merkel, daß der Bediente seinen Arm hätte darauf stützen können, was er aber nicht that – im Gegentheil, er rückte, als ein gut gezogener Diener, den Stuhl wieder etwas ab und sogar mit einer kleinen Wendung in's Zimmer hinein, um durchaus nicht auf's Papier zu sehen, während der Polizeirath schrieb. Ehe sich aber Jakob Veigel gesetzt hatte, ja, während er mit einem finsteren Blicke dem davongehenden Polizeiagenten nachschaute, hatte sich Herr Merkel gebückt, um etwas vom Boden aufzuheben, so sah es wenigstens aus; in Wahrheit aber hatte er etwas so auf den Boden gelegt, daß es dem Bedienten in die Augen fallen mußte, sobald sich dieser gesetzt. Und dann fing der Polizeirath an zu schreiben, blickte aber, während seine Feder über das Papier flog, mit einer kaum merklichen Drehung seiner Augen auf alle Bewegungen des neben ihm Sitzenden, ja, mit der Achtsamkeit eines Anglers, der die Schnur in der gleichen Sekunde emporschnellen will, in welcher der Fisch angebissen. Der Fisch aber war Jakob Veigel, und der Köder lag vor ihm auf dem Boden. Eine Zeit lang zwar schien er ihn durchaus nicht zu bemerken; er blickte an die Decke empor, dann zum Fenster hinaus, an sich hinunter auf seine schwarzsammtnen Beinkleider, von denen er ein kleines Stäubchen wegknipste, dann rückte er an der Schnalle seiner Gamaschen, beschaute den unteren Theil seiner Schuhe, die bei dem feuchten Wetter etwas schmutzig geworden waren, dann starrte er vor sich auf den Boden und bemerkte endlich den Köder, welchen ihm der Polizeirath hingeworfen. Es mußte dieser Köder einige Anziehungskraft auf ihn ausüben; das sah Herr Merkel mit einer Bewegung, welche zu verbergen er sich die größte Mühe gab; das Einzige, was er that, war, daß er das Geschriebene zu überlesen schien, dabei aber zu seiner Befriedigung sah, daß der Bediente etwas vom Boden aufhob, es betrachtete und dann in seine Westentasche stecken wollte. Hierin kam ihm aber Herr Merkel mit der ganz unbefangen klingenden Frage zuvor: »Ließen Sie etwas fallen, Herr Veigel?« »O ja, aber etwas Unbedeutendes; es muß mir aus der Tasche gerollt sein, ist aber von durchaus keinem Werthe.« Dabei hielt er ihm zwischen seinen Fingerspitzen den kleinen Kupfertropfen entgegen, den der Polizeirath vorhin auf den Boden gelegt hatte, worauf dieser fragte: »Haben Sie das in der That fallen lassen?« »Ich denke so, denn ich hatte etwas Ähnliches in der Westentasche.« »Seltsam – und ich meinte gerade, dieses Stückchen Kupfer auf meinem Schreibtische gehabt zu haben, ehe Sie eintraten.« Der Bediente griff in seine Westentasche mit einem Lächeln der Überzeugung, welches aber mit Einem Male nachließ, als er nun ein anderes, ganz ähnliches Klümpchen hervorbrachte. »Sehen Sie wohl, mein lieber Herr Veigel, daß Sie mir beinahe mein Eigenthum genommen hätten!« »Ich bitte tausendmal um Verzeihung!« »Unnöthig, unnöthig, mein lieber Freund; es ist das nicht der Mühe werth, und wenn es Ihnen Vergnügen macht, so stecken Sie dieses noch zu dem Ihrigen – ich glaube so beinahe, daß beide aus derselben Quelle kommen.« Er sagte das mit der größten Unbefangenheit, während er wieder fortfuhr, zu schreiben. »Ihr Herr war vor einigen Tagen bei mir, er zeigte mir den Unterschied der Metalle auf einem Probirsteine, und hat alsdann das Ding da auf meinem Schreibtische liegen lassen.« »Ja, ja, so wird es sein, Herr Polizeirath, denn der gnädige Herr hat öfters solche Kügelchen im Sacke; er wirft damit bald nach den Fischen im Wasser, bald nach den Vögeln im Gebüsche; neulich hob ich eines aus Neugierde auf und steckte es zu mir – sehen Sie, es ist fast das gleiche, nur ist das meinige ein wenig größer.« »In der That, Sie haben Recht – eine Spielerei – so, und mein Brief ist fertig, ich will ihn nur noch in den Umschlag stecken und überschreiben.« Die Zeilen aber, welche der Polizeirath geschrieben, lauteten: »Mein verehrter Herr Baron! Die bewußte Angelegenheit scheint mir doch nicht so schlimm zu sein, als wir Beide geglaubt. Gestatten Sie mir, daß ich Sie in den nächsten Tagen besuche, um nochmals Ihren so höchst schätzbaren Rath und Ihre Kenntnisse in Anspruch zu nehmen. Mit aller Hochachtung Ihr ganz ergebenster Diener Joseph Merkel.« Dann versiegelte er den Umschlag, überschrieb ihn, und als er ihn dem Diener des Herrn Barons von Rivola übergab, sagte er ihm in wohlmeinendem Tone: »Und nun wiederhole ich noch einmal, Herr Veigel, seien Sie in Ihren Äußerungen vorsichtig – vergessen Sie nicht, daß Sie draußen auf Eichenwald im Ganzen doch ziemlich abgelegen wohnen, und zürnen Sie diesem guten Schmetterer nicht, der es wahrhaftig nicht übel gemeint hat – hier ist der Brief, und bitte ich nur noch, dem Herrn Baron meine besten Empfehlungen auszurichten.« Der Bediente verließ das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung, und als sich die Thür hinter ihm geschlossen, richtete sich der Polizeirath hoch auf, strich sich mit einem triumphirenden Lächeln über die Stirn und sagte: »Jetzt bin ich doch neugierig, ob Seine Excellenz abermals sagen wird: Merkel, Sie sind toll geworden!?« Er klingelte, und als der Aufwärter erschien, befahl er ihm, Herrn Schmetterer zu senden, der auch alsbald mit einem stillvergnügten Lächeln auf den Zügen eintrat. »Ich glaube, wir nähern uns dem Ziele,« sagte Herr Merkel, »aber um so schärfer und sorgfältiger müssen wir alle unsere Fäden anspannen und in der Hand behalten. Sind Sie Ihrer Leute, welche Sie in das Rivola'sche Haus gebracht haben, auch vollkommen sicher?« »So sicher, als wenn ich mich selbst dort befände – die Tochter eines meiner besten Agenten und selbst eine vortreffliche Person ist ohne alles Aufsehen als Aushelferin in der Küche angenommen, Stadler bei dem Gärtner untergebracht worden, und Bangart, den ich selbst hierzu vorgeschlagen, wohnt in dem kleinen Bauernhäuschen zehn Minuten oberhalb Eichenwald, von wo er im Stande ist, jede ankommende und abgehende Person zu beaufsichtigen; er hat ein gutes Pferd bei sich und ist der Mann dazu, bei der geringsten Meldung, welche ihm von einer der beiden oben erwähnten Personen gemacht wird, ohne Weiteres nach den erhaltenen Anweisungen rücksichtslos einzuschreiten.« »Gut, mehr kann man nicht thun, und doch zittre ich förmlich bei dem Gedanken, daß irgend ein Ungefähr uns diese kostbare Beute aus den Händen reißen möge – wir haben es da mit einem verflucht schlauen Herrn zu thun.« »Würden Sie es ungnädig nehmen, Herr Polizeirath, wenn ich mir die Bemerkung erlaubte, warum denn Sie selbst bis morgen oder übermorgen warten, anstatt heute vorzugehen?« »Weil – weil – nun, ich brauche in dieser Sache vor Ihnen kein Geheimniß zu haben . . .« »In keiner Sache, Herr Polizeirath.« »Ich weiß, ich weiß – weil also mir von oben herab Winke gegeben wurden, die Sache mit der größtmöglichsten Schonung anzugreifen! Sie werden das verstehen: wollte ich heute handeln, so müßte ich es ohne Befehl thun, ganz auf meine eigene Verantwortung – ja, schlimmer noch: man hat mir sogar befohlen, erst dann energisch vorzugehen, nachdem man Seine Majestät von der Geschichte in Kenntniß gesetzt habe, und das zu thun, zögert mein verehrter Chef von einem Tage zum anderen – begreife es auch vollkommen; man steckt den nicht gern in's Gefängniß, mit welchem man am Abend vorher vielleicht eine Partie Whist gespielt. Deßhalb können wir, die wir uns auf Vorposten befinden, nicht vorsichtig und verschwiegen genug sein. Haben Sie Ihre Befehle für einen plötzlichen, wirksamen Überfall genau gegeben?« »Ganz genau; ohne Stadler würde es übrigens nicht zu machen sein, und auch der muß sich vielleicht von der Küche aus unterstützen lassen; das große Gitterthor des Gartens an der Straße nach der Stadt wird sorgfältiger als je verschlossen, ebenso das kleine Thor bei den Stallungen, und müssen wir, um ungehindert sofort bis in's Haus dringen zu können, auf beiden Seiten zugleich den Angriff machen. Das ist aber alles bestens besorgt, darüber können Sie sich beruhigen, Herr Polizeirath.« »Gut – und Sie haben für die nothwendige Verbindung zwischen hier und Eichenwald und dem kleinen Bauernhause gesorgt, daß Sie zu jeder Stunde des Tages, ja, sogar Nachts Ihre Leute zu allarmiren im Stande sind?« »Gewiß, Bangart hat den Befehl, täglich viermal an die alte Thurmruine auf der Höhe vor der Stadt zu gehen; dort ist ein Stein, unter dem er im Falle seine Instruktion findet.« »Versichern Sie sich nochmals der Wachsamkeit Ihrer Leute, es muß in den nächsten Tagen etwas geschehen, und um das zu betreiben, habe ich einen wichtigen Gang zu thun – in einer Stunde finden Sie mich wieder hier.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Die Stadtschultheißin Welkermann war nicht im Stande, sich unter den heftigen Schicksalsschlägen, welche sie betroffen, auch nur in so fern wieder aufzurichten, um mit der Hoffnung in die Zukunft zu schauen, welche der Stadtschultheiß nicht unterließ, ihr beständig einzuflößen. »Die Sache ist allerdings schlimm und trifft mich selbst an der Wurzel; nachdem ich aber, allerdings vor Zeugen und im Beisein des Polizeirathes, eine Unterredung mit Ferdinand gehabt, bin ich fest überzeugt, daß er keine Idee davon hatte, daß überhaupt falsche Banknoten existiren. Zwar hat er leichtsinnig gehandelt, wie schon oft, aber er ist kein Verbrecher, und wenn er auch dem Bankdirektor davon hätte Anzeige machen sollen, daß er für Herrn von Rivola hier und da Noten umgewechselt habe, so ist doch der Name eines so hochstehenden, allgemein geachteten und ungeheuer reichen Mannes Bürgschaft genug, um auch dieses Vergehen Ferdinand's erklärlich zu finden.« »Deines Herrn von Rivola!« hatte Frau Welkermann mit Betonung zur Antwort gegeben und sich dabei des Gespräches mit ihrer Schwägerin, der Frau Staatsschulden-Tilgungskassen-Revisorin, erinnert. – »O mein Gott – o mein Gott!« Ihre Thränen strömten alsdann so reichlich, als hätte sie einen Verstorbenen zu beklagen, einen wenigstens moralisch Gestorbenen, und gegen diesen Ausdruck konnte selbst der Stadtschultheiß nichts Stichhaltiges einwenden. »Ich weiß es wohl,« hatte er gesagt, während er mit zusammengelegten Händen und einem trüben Blick an den Himmel emporschaute, »seine Laufbahn ist hier für ewige Zeiten verdorben, eben so wie die meinige.« Darauf hin hatte er eines Morgens, als das Jammern kein Ende nehmen wollte, über die mütterliche Schwachheit gegen alles, was den ungerathenen Sohn betraf, mit vollem Rechte geeifert und hinzugesetzt, daß er in Anbetracht der obwaltenden Umstände den längst gefaßten Entschluß ausgeführt und seinen Rücktritt von Amt und Würden der Stadt angezeigt. Herr Welkermann hatte gefürchtet, durch diese Erklärung einen neuen und größeren Sturm heraufzubeschwören, und war beinahe angenehm überrascht, als sich seine Frau, noch mehr aber Elise mit dieser Maßregel vollkommen einverstanden erklärten. »Ich athme wieder auf,« sagte die Stadtschultheißin, bei dem Gedanken, die Stadt verlassen zu können – »wie danke ich dir für diesen Entschluß, sehe ich doch auch für Ferdinand nur in einer Entfernung von hier das einzige Heil!« – Die Familie war nach manchen Tagen fortwährender Klagen wieder einmal im Begriffe, in eine gemüthliche Unterhaltung einzulenken, als das Erscheinen der Frau Schwägerin Revisorin besonders bei dem Stadtschultheißen und auch bei Elisen einen scharfen Mißton hervorbrachte und Frau Welkermann veranlaßte, ihre Thränen reichlicher strömen zu lassen. »Weine nur,« sprach die Revisorin aus gefühlvoller Seele, nachdem sie den Stadtschultheißen kühl und Elise herablassend gegrüßt, »weine nur, du hast alle Ursache dazu!« Herr Welkermann wollte dieses Gespräch durch eine scharfe Erwiderung schon zu Anfang beendigen, doch verstand er einen bittenden Blick seiner Tochter und verließ mit dieser achselzuckend das Zimmer. »Ja, weine nur,« wiederholte die wohlwollende Trösterin, »wenn Jemand volle Ursache hat, so bist du es. Ich bin gekommen, dich so gut wie möglich zu trösten, muß dir aber zuvor ehrlich gestehen, daß – obgleich es schon seit einiger Zeit für mich keine große Ehre war, ebenfalls den Namen deines Mannes tragen zu müssen, ich, die arme Revisorin – seit gestern, wo der Herr Stadtschultheiß in öffentlicher Sitzung sein Amt niederlegte, alles das, was man hören mußte, nicht mehr zum Aushalten ist!« »Ach, du solltest mich nicht auf's Neue erschrecken und betrüben!« »Ich dich erschrecken und betrüben – ich, die nicht im Stande ist, einem Missethäter etwas Schlimmes nachzusagen? O, du hast mich von je her verkannt – ich verzeihe dir – ihr Alle habt mich verkannt, doch ich verzeihe euch Allen – du siehst, wie ich eurem namenlosen Unglücke Rechnung trage!« Dabei erhob sie ihre Augen gen Himmel und schüttelte langsam mit dem Kopfe. »Ich weiß, daß mein Mann seine Stelle niedergelegt hat, und ich freue mich darüber!« »Ja, du freust dich darüber, du armes Weib, wie du dich seit Jahren über so Vieles gefreut hast, weil du nie den Muth hattest, von allen diesen Geschichten die Schattenseite anzuschauen – was sage ich: Schattenseite? – die Nachtseite, die finsterste, trostloseste Mitternachtsseite – doch, lassen wir das, ich wollte dir nur mit der mir so eigenen Schonung von der gestrigen Sitzung berichten, was mir die gute Krampler darüber erzählt hat. Das Schreiben deines Mannes wurde nicht nur stillschweigend angehört, sondern auch sein Rücktritt einstimmig angenommen; selbst sein Special, der Seifensieder-Oberzunftmeister Spitzler, sagte: ›Es ist das Gescheiteste, was Herr Welkermann nach all diesen Sachen thun kann.‹ – Siehst du, mir, der armen Revisorin, gab es einen Stich durchs Herz, als ich hörte, dieser Spitzler, dieser seifensiederische Speichellecker, habe gesagt: ›Herr Welkermann‹ und nicht: ›Unser gewesener verehrter Herr Stadtschultheiß‹ – o, so was ist empörend!« »Ich habe es nicht anders erwartet.« »Auch nicht, daß man eine Dankadresse an deinen Mann würde ergehen lassen oder sein Beileid bezeigen für das traurige Vorgefallene der letzten Zeit? – Nichts von allem dem; der Stadtschreiber wurde beauftragt, den Brief deines Mannes einfach zu beantworten.« »Nun, und damit war wohl Alles zu Ende?« »Im Gegentheil; auf der Tagesordnung stand der Bericht über die Einrichtung jenes verruchten Hauses, welches dein Mann um eine Bagatelle von jenem Herrn von Rivola für die Stadt erhandelt – o, diese verdächtige Personage wollte es mit all seinen schrecklichen Erinnerungen vom Halse haben!« »Laß uns darüber nicht mehr reden – mag das sein, was es will, so sollte der Gemeinderath dankbar dafür sein, daß ihm mein Mann dieses für die Stadt so nothwendige Haus um einen so billigen Preis verschafft.« »Dankbar? Wenn ich dir nun sage, daß man nahe daran war, diesen Kauf rückgängig zu machen, daß sich sämmtliche Gemeinderäthinnen dahin geeinigt, dieses unheimliche Geschenk nicht anzunehmen, daß es mit seiner Vergangenheit nur ein böses Beispiel für sie sein müsse, daß man nicht wissen könne, zu welch' fürchterlichen Dingen auch noch ferner jener unterirdische Gang benutzt werde?« »Auch noch ferner? O, wie du grausam bist!« »Die Wahrheit vor Allem – ich habe es mir angelobt, stets die Wahrheit zu sagen – aber nur die Wahrheit, wenn du diese aber nicht hören willst, so kann ich auch schweigen.« »So sprich denn!« sagte die arme, gequälte Frau mit einem tiefen Seufzer. »Ja, das war beschlossen von lauter braven, würdigen Frauen, von Frauen, die nicht alles unbedingt glauben, was ihre Männer ihnen zu sagen für gut finden – von Frauen, die ihre Augen offen behalten und ihr Hausrecht zu wahren wissen.« Jeden dieser Sätze sprach die Revisorin mit einer nicht zu verkennenden Betonung, wobei ihre grauen Augen immer schärfer, ihre Nase immer spitziger wurde. »Und weißt du auch, warum dieser Beschluß nicht zur Ausführung kam?« »Wie soll ich das wissen?« »Weil eine wohlwollende, versöhnliche Seele – ich will sie nicht nennen, diese Seele – zufällig bei dieser Verhandlung anwesend war, die vermittelnd vorschlug, das wüste Haus dadurch unschädlich zu machen, daß man den unterirdischen Gang zumauere – ich kann dir versichern, dieser Vorschlag wurde von sämmtlichen Gemeinderäthinnen zum Beschluß erhoben und darauf heute, wie sich das von selbst versteht, vom Gemeinderathe ebenso einstimmig angenommen.« »So muß ich Ihnen ja auch noch dafür dankbar sein, werthe Frau Schwägerin,« hörte man jetzt die Stimme des Stadtschultheißen sagen, der ungehört wieder eingetreten war, »daß eine Maßregel, die ich vorschlug, weil ich sie als nützlich erkannt, ausgeführt wird, nachdem sie von einem wichtigeren Collegium, als dem der Gemeinderäthe, befürwortet wurde – sagen Sie das diesem Collegium, wenn ich bitten darf; im Übrigen aber wünschte ich diese Unterhaltung mit meiner Frau ein für alle Mal abgebrochen!« »Ich glaube, Sie recht zu verstehen, Herr Schwager,« gab die Revisorin in scharfem Tone zur Antwort, indem sie sich langsam erhob und ceremoniös verbeugte – »endlich einmal sind Sie so wahr, um kein Geheimniß mehr zu machen aus dem Groll und dem Hasse, den Sie, der vornehme, reiche Mann, gegen mich, die arme Revisorsfrau, stets im Herzen trugen!« »Aber, Sophie!« »Laß sie nur ausreden – wenn man sich zum letzten Male sieht, muß man nichts auf seiner Seele behalten.« »Und ich – habe nichts mehr zu sagen, will nichts mehr zu sagen haben – will nicht – verstehen Sie mich wohl, nicht aus Unkenntniß der Lage der Sache; denn wenn man von gewisser Seite auch Alles gethan hat, um gewisse Dinge zu verschleiern und zu bemänteln, so können Sie mir doch glauben, Herr Schwager, daß das Geheimniß der Stadt Niemandem mehr ein Geheimniß ist!« »Ah, das Geheimniß der Stadt, verehrte Frau Schwägerin – Sie bringen mich da auf das richtige Capitel: wissen Sie, was das Geheimniß der Stadt ist – nicht nur unserer Stadt, sondern auch jeder anderen, in der sich edle, wohlwollende Seelen so gründlich um das Beste ihrer Nebenmenschen bekümmern? Ich will es Ihnen sagen: das Geheimniß der Stadt ist meistens an und für sich ein ganz unbedeutendes Ding – hier bei uns zum Beispiel das Zumauern des unterirdischen Ganges, anderswo vielleicht eine unschuldige, etwas freie Äußerung, der auffallende Anzug einer Frau, die zufällige Begegnung zweier Personen, etwas Geld, das der Nachbar mehr ausgibt, als wir – das ist der kleine, nicht redenswerthe Punkt, den Klatschsucht und Verläumdung lawinenartig zu vergrößern wissen. Daß man darin gegen mich besonders thätig war, hauptsächlich von nahe stehenden Verwandten und sogenannten Freunden, weiß ich ganz genau, und wenn auch die unglückselige Geschichte mit Ferdinand nicht dazwischen gekommen wäre, so würde es doch den jakobinischen Clubs, Kaffeegesellschaften genannt, gelungen sein, meinen guten Namen auf's Schaffot zu bringen, wie es schon mit so manchem anderen gegangen ist und fortan noch geschehen wird, so lange es Weiber gibt, die, statt sich um ihre Haushaltungsgeschäfte zu bekümmern, unerbittlich Jagd machen auf den guten Namen ihres unschuldigen Nebenmenschen. – So, jetzt wissen Sie meine Meinung von dem Geheimnisse der Stadt, und um Ihnen, was uns anbelangt, keine fernere Veranlassung zu geben, sich in dieser Richtung mit uns zu beschäftigen, so habe ich die Ehre, mich und mein ganzes Haus für alle Zeiten Ihrer Vergessenheit zu empfehlen!« Die Geberde, welche der Stadtschultheiß bei den letzten Worten machte, war so bezeichnend, daß darauf erfolgen mußte, was erfolgte, daß nämlich die Frau Haupt-Staatsschulden-Tilgungskassen-Revisorin, mit einem schmerzlichen Blicke auf ihre Schwägerin und einem, in welchem Haß und Verachtung gemischt war; auf den Stadtschultheißen, den Kopf in den Nacken warf und zum Zimmer hinausrauschte. »So, der böse Geist wäre ausgetrieben,« fuhr Herr Welkermann nach einer kleinen Pause, aufathmend, fort; »wollte Gott, ich hätte früher in dieser Richtung bessere Umschau gehalten! Doch ist noch nicht Alles verloren, und du wirst sehen, daß es auch außerhalb der Kreise unserer sogenannten wohlwollenden Freunde noch Menschen gibt, die es gut mit uns meinen – freie, unabhängige Menschen, und es ist ein Glück, daß unsere Verhältnisse uns nicht zwingen, sie gerade in den Mauern dieser Stadt zu suchen! – O, wie ich mich nach frischer Luft und nach anderen Gesichtern sehne – wie es mich drängt, ein wenig über die Berge hinweg zu kommen, die unserer guten Stadt förmlich den Hals zuschnüren und ihr nicht gestatten, frisch und fröhlich aufzuathmen!« »Und Ferdinand?« fragte die besorgte Mutter. »Es wird ihm nicht schwer werden, seine vollkommene Schuldlosigkeit zu beweisen – ich bin davon fest überzeugt und will dir auch nicht verhehlen, daß der Polizeirath Merkel, der alte, langjährige Freund unseres Hauses, gleichfalls die beste Meinung von ihm hat. Daß er immer noch einen Rückhalt in den so klaren Aussagen Ferdinand's wittert, das liegt nun einmal in seinem Geschäfte, und deßhalb konnte ich es ihm heute Morgen auch nicht übel nehmen, daß er mich dringend bat, auf meinen Sohn einzuwirken, um ihn zu veranlassen, mir unverhohlen Alles, selbst das Gravirendste, mitzutheilen; auch ließ er mich zu diesem Zwecke mit Ferdinand allein, doch muß ich dir schon gestehen, daß seine Betheuerungen, er habe alles gesagt, was er wisse, auf mich den Eindruck vollkommenster Wahrheit machten. Dabei ersuchte er mich, an Welden, von dem er mit der größten Achtung und Freundlichkeit sprach, ein paar Worte gelangen zu lassen, die er gern selbst aufgeschrieben hätte, wenn ihm nicht alle Schreibmaterialien auf's strengste untersagt wären.« »Ach, dieser Welden,« sagte Frau Welkermann nach einem tiefen Seufzer, »ich hatte ihn so gern, er war in unserem Hause so gut aufgenommen, und von dem unglückseligen Zusammentreffen mit ihm datirt sich das Unglück Ferdinand's.« »Woran aber Welden so unschuldig ist, wie du und ich; das ist auch Ferdinand's Ansicht, und deßhalb nahm ich gar keinen Anstand, ihm das Versprechen zu geben, Welden die paar Worte zu schreiben, Worte, deren Sinn ich übrigens nicht begriff, die mir aber in der Angelegenheit unseres Sohnes als gänzlich unverfänglich erschienen, denn sonst würde ich nicht verfehlt haben, den Polizeirath Merkel, der, wie schon bemerkt, gegen uns so wohlwollend wie möglich handelt, davon in Kenntniß zu setzen.« »Und was sollst du denn Herrn Welden von unserem unglücklichen Ferdinand schreiben?« »Daß Ferdinand den zwölften Mai eben so wenig vergessen würde, als die Freundlichkeit Welden's, und daß er sicher wüßte, die fragliche Thräne, die um ihn geweint worden, sei den geraden Weg abwärts gegangen, ohne sich mit einer anderen Thräne zu vermischen, und deßhalb würde er seine Verpflichtungen erfüllen.« »Ich verstehe das nicht.« »Ich auch nicht,« sagte der Stadtschultheiß: »doch vermuthe ich fast,« setzte er hinzu, während sich seit mehreren Tagen zum ersten Male wieder ein kleines Lächeln auf seinen Zügen zeigte, »daß das irgend eine Geschichte ist, wie sie junge Leute wohl zu haben pflegen – eine Thräne, die um ihn geweint worden – nun, ich versprach, ihm den Gefallen zu thun – hier ist der Brief an Herrn Welden, und ich werde ihn sogleich auf die Post bringen lassen.« Dies geschah denn auch, und da es für unsere Geschichte von großer Wichtigkeit ist, beim Empfange des Schreibens gegenwärtig zu sein, so wollen wir demselben vorauseilen, um uns dabei auch nach dem jungen Ingenieur umzusehen. Welden hatte stundenlang finster brütend in der Ecke seines Wagens gesessen, und erst nach und nach, als schon mehrere Berg- und Hügelreihen zwischen ihm und der Stadt lagen, welche er verlassen, als die Strahlen der Sonne freundlich um ihn spielten und als bei ihrem warmen Kusse das ganze, wunderbar liebliche Bild des Frühlings so mächtig auf ihn eindrang, da war es ihm, als erwache er aus tiefem Schlafe und sei das, was er in den letzten Wochen und Tagen erlebt, nur ein schwerer, böser Traum gewesen. Und diesen Gedanken hielt er fest, war doch die Vergangenheit für ihn farb- und leblos geworden und mußte es bleiben, wenn er auf eine erträgliche Zukunft hoffen wollte. – Und er hatte noch eine Zukunft, das fühlte er; ja, mit dem Zurückdrängen jener traumhaften Gestalten – und er konnte sie zurückdrängen bis auf ein einziges Bild, das allerdings eben so glänzend als schmerzlich zwischen allen anderen hervorstrahlte – erschien die große, schöne Aufgabe, die vor ihm lag, schon der Mühe werth, um jene düsteren Schatten zu vergessen. So heiterten sich nach und nach seine Gedanken auf und gewannen, wie er langsam aufwärts stieg in die freiere, elastischere Luft des Gebirgslandes, wo er seine Thätigkeit entfalten sollte, ihre alte Frische und Spannkraft wieder, besonders jetzt, wo er mit Einem Male vor sich zwischen zwei niedrigen, bewaldeten Hügelreihen ein schmales Wiesenthal erblickte, mit kleinen, roth und weiß beflaggten Signalstangen. Ah, wie ließ ihn diese erste Spur der riesenhaften Arbeit, die er vor sich hatte, so leicht und freudig aufathmen! Und je weiter er fuhr, um so schärfer und ausgesprochener wurden diese Spuren. Da sah man schon die Vorarbeiten zu einem beginnenden Damme, dort zum Durchstiche einer quer vorliegenden Hügelkette; weiterhin an einer höheren Felswand bemerkte man schon die Maße eines Tunnelgewölbes einhauen, und an den Ufern jenes reißenden Baches lagerten schon Steinhaufen und Gerüstholz zu einer projectirten Brücke. Ah, wie das lustig anzusehen war – und erst eine Stunde später, als er das tief liegende Waldthal erreichte, wo die Arbeiten im vergangenen Herbste eingestellt worden und wo man jetzt wieder eifrig daran war, den haushohen Bahndamm zu vollenden, wo Karren auf provisorischen Schienen von zahlreichen Arbeitern hin- und her geschoben wurden, wo Welden aus seinem Wagen sprang, auf den Damm eilte, die Arbeiter anredete und von diesen sowie von seinen Unter-Beamten und Bauführern mit einem lauten Hurrah begrüßt wurde! Es war dies eine Freudenbezeigung, die sich wie ein Lauffeuer auf der ganzen Linie fortsetzte, ein Telegraph menschlicher Stimmen, der endlich fern ab im Forste zwischen den bewaldeten Hügeln erstarb, aber nicht, ohne dort als lautes Echo den dumpfen Knall von drei bis vier Böllern erweckt zu haben. »Da hat gewiß der alte Heilemann wieder die Hand im Spiele,« sagte Welden mit heiterem Gesichte zu dem neben ihm dahin schreitenden Ingenieur. »So ist es, Herr – Welden,« antwortete der Ingenieur; »es wurde gestern vom Bauamte angezeigt, daß Sie heute kommen würden, und da wir nicht anders dachten, als Sie nähmen Ihre Wohnung wieder bei Herrn Heilemann, so zeigten wir ihm Ihre Ankunft an.« »Wenn er Platz für mich hat, werde ich gewiß zu ihm gehen.« »O, was das anbelangt, so können Sie sich beruhigen, er hat Ihre Zimmer den ganzen Winter über leer stehen lassen.« »Gut, ich freue mich recht sehr, den alten Heilemann wiederzusehen! Und wie steht's hier oben mit den Arbeitern – werden wir genug Tagelöhner haben können? Die Bahnlinie soll mit Aufbietung aller Kräfte gebaut werden.« »Es wird nicht fehlen – es melden sich aus der Gegend Leute genug zur Arbeit, und dann ist uns auch schon ein bedeutender Zuzug von Fremden angezeigt.« »Ah, wie ich mich auf unsere Arbeit freue, es wird ein schönes und malerisches Werk werden!« »Gewiß, Herr – Welden.« »Ich glaube, es wird Ihnen schwer, meinen Namen auszusprechen,« sagte Welden lachend – »haben Sie mich denn so ganz vergessen?« »Im Gegentheil – Sie können mir glauben, daß wir mit einer wahren Herzensangst der Bestätigung Ihrer Ernennung entgegensahen, und um ihre Freude auszudrücken, haben die Arbeiter fast die ganze Nacht an den Guirlanden und Kränzen gearbeitet, die Sie dort am Eingange des engen Thales sehen.« »Also gilt alles das mir?« fragte der Ingenieur mit strahlendem Auge und setzte nach einer Pause hinzu: »Ich dachte mir, Sie erwarteten irgend eine hohe Person.« »Nun, ich meine,« erwiederte der junge Bauführer schmunzelnd, »wenn man ein solches Riesenwerk zu bauen anfängt, so könnte man sich schon für eine hohe Person halten.« »Ja, ja, zu bauen anfängt, aber das alles ist vor der Hand nur bedingungsweise – ich darf allerdings hier oben anfangen, aber wer weiß, ob sie mir nicht in kurzer Zeit einen würdigen Baurath, der des Schreibens wohl kundig ist, als Ober-Ingenieur hieher schicken – man hat Ähnliches schon erlebt.« »Ich glaube kaum,« gab der Bauführer lächelnd zur Antwort. »Nun, wir wollen sehen; wenn sie mich nur wenigstens ein halbes Jahr hier oben allein lassen, bis mir so viel als möglich in Angriff genommen haben, damit sie uns nicht mehr zu viel verderben können, dann wollte ich schon zufrieden sein – meine Pläne zu dem hohen Viaduct der Kirchheimer Schlucht sind doch zur Zeit angekommen?« »Gewiß, und wir haben sie schon tüchtig studirt, wozu Sie uns ja schriftlich die Erlaubniß gaben.« »Wird die Ausführung dieser Plane irgendwie Anstände haben?« »Nicht im geringsten – sie sind so genau und dabei so praktisch, daß jeder Werkmeister den Viaduct bauen könnte.« »Ich freue mich aber doch, dabei sein zu können – es gibt das eine hübsche, aufregende Arbeit.« Während dessen waren Beide auf der langen, hier schon deutlich hervortretenden Bahnlinie dahin gegangen, von den Arbeitern auf's herzlichste begrüßt, sowie auch von den hier und da vertheilten jüngeren Bauführern, die Welden theils von früher noch kannte oder die er sich anderentheils von seinem Begleiter nennen ließ. Jetzt beschrieb die Bahnlinie eine große Kurve um den Ausläufer einer hohen Bergkette herum, deren Durchbohrung man durch diesen Bogen vermieden hatte, und Welden sah vor sich das Dörfchen Kirchheim liegen und auf einer Anhöhe diesseits das Haus seines Gastfreundes Heilemann. Rechts und links von der Bahnlinie sah man hier von Zeit zu Zeit große Stangen mit Laubgewinden, die sich kurz vor dem Dorfe als Guirlanden quer über die Bahn von einer Stange zur anderen schlangen und deren letzte ein auf Papier gemaltes riesiges »Willkommen!« trug. Da krachte es abermals aus den Böllern vor Heilemann's Hause, neben dem ein mächtiger Baum aufgepflanzt war, auf dessen Spitze eine riesige schwarzrothgoldene Flagge flatterte. Da sah man Heilemann selbst vor der Thür seines Hauses stehen und schon von Weitem seinen Dreispitz schwingen, und obgleich heute kein Sonntag war, so befand sich doch der reiche Bauer mit Frau und Tochter, ja, mit seinem ganzen Hausgesinde in festtäglichem Anzuge. Er selbst war wahrhaft stattlich anzusehen in dem langen, blauen Rocke von feinstem Tuche, der rothen Weste, an welcher Silberzwanziger die Stelle der Knöpfe vertraten, mit den kurzen hirschledernen Hosen und den blau- und weißgestreiften, Strümpfen, nicht zu vergessen die blank gewichsten Schuhe mit den schweren silbernen Schnallen. An der rechten Seite aus dem Beinkleide hervor schaute der silberbeschlagene Griff eines Messers, und wenn sich Herr Heilemann zufällig umgedreht hätte, so würden wir, da er sich in großer Parade befand, hinten aus der Tasche seines Rockes die bunten Quasten sowie die Mundspitze seiner Tabakspfeife, eines echten Ulmer Kopfes, gesehen haben. Aber Herr Heilemann drehte sich nicht herum, er blickte dem rasch Herankommenden mit frohem, stark geröthetem Antlitze entgegen, in der Rechten den Hut schwingend, den er aber jetzt mit einem tüchtigen Schlage auf seinem Kopfe befestigte, um Welden seine beiden Hände entgegenstrecken zu können. Neben ihm stand die Bäuerin mit einem Teller in der Hand, auf dem sich das Ehrenglas des Hauses voll funkelnden Weines, sowie eine blendend weiße Brodschnitte befand, und bald hinter der Mutter verborgen bemerkte man Jungfer Dorothea, die vierzehnjährige Tochter des reichen Hofbauers und Ortsvorstehers. Letztere hatte ganz rothe Wangen, weil sie sich mächtig schämte, so vor aller Welt und besonders vor den jungen Bauleuten ebenfalls einen Teller tragen zu müssen, auf dem man indessen nichts sah, als einen großen Blumenstrauß. Vater Heilemann hatte es aber nicht anders gethan, und wenn es nach seinem Wunsche gegangen wäre, sagte die Bäuerin später lachend, so hätte er sogar den Kühen und Ochsen im Stalle die Hörner mit Blumen umwinden lassen. Wenn nun Welden auch schon vor einem Jahre, als er zum zweiten Male das gastfreie Haus des Herrn Heilemann betreten hatte, auf's herzlichste begrüßt worden war, so war doch der heutige Empfang ein so überwältigend feierlicher, daß der Ingenieur nun, dem Beispiele seines Wirthes folgend, ebenfalls den Hut abnahm und in der Hand behielt, um so ehrfurchtsvoll die gediegenen Worte zu hören, mit denen ihn Heilemann begrüßte, wobei es ihn indessen einigermaßen befremdete, als er nun am Schlusse derselben unter dem Blumenstrauße Dorotheens einen großen Brief hervorzog, ihn dem jungen Manne einhändigte und dabei mit seiner gewaltigen Stimme rief: »Und so sei er denn nochmals willkommen und lebe hoch unser neuer Herr Ober-Ingenieur – hoch und abermals hoch!« Und dasselbe riefen die Bauleute und schrieen die Knechte und Mägde des Hauses. Auch krachten die Böller abermals, und dann führte Heilemann seinen Gast unter diesem allgemeinen Gelärm in die ihm von früher her so wohl bekannten Zimmer. Dann ließ er ihn allein, und Welden trat mit einem unaussprechlich wohlthuenden Gefühl an das Fenster und ließ seine Blicke über die frisch grünen, eben erst belaubten Wälder streifen, wo er jeden Weg kannte, wo er schon so froh und glücklich gewesen war und wo er es wieder hätte sein können – wenn nicht – wenn nicht – seine jüngste Vergangenheit gewesen wäre, an die er jetzt wieder so plötzlich erinnert wurde durch das Erblicken der ihm so wohl bekannten Schriftzüge seines früheren Chefs. Er riß den Umschlag ab, und der Inhalt des Schreibens konnte für ihn nicht befriedigender sein: es war ein ministerielles Decret, welches ihn zum Oberingenieur der zu erbauenden Bahn ernannte und die Ausführung derselben ohne jede Beschränkung in seine Hand legte, womit natürlicher Weise ein Gehalt verbunden war, das seine kühnsten Erwartungen übertraf. Oberbaurath Lievens hatte ihm dieses Schreiben übermittelt und einige herzliche Zeilen hinzugefügt, wobei er ihm und zu gleicher Zeit auch dem Staate zu dieser Anstellung Glück wünschte. Schließlich sagte er: »Was uns allein hierbei schmerzlich fällt, mir und meiner Frau, welche selbstverständlich den regsten Antheil an Ihrem Glücke nimmt, ist der Umstand, daß wir Sie nun so bald nicht mehr sehen werden, indem man mir bei der Auflösung meines Eisenbahnbureau's die Erbauung der schon längst projektirten großen Donaubrücke übertragen hat. Somit liegt zwischen Ihnen, der sich an der Nordgrenze befindet, und zwischen uns, die wir im äußersten Süden sein werden, das ganze, wenn auch nicht gerade ungeheure Reich, brieflich allerdings leicht zu durchfliegen, sowie es auch keine Entfernung ist für unsere herzlichsten Wünsche.« Welden blieb gedankenvoll am Fenster lehnen, nachdem er diese Schreiben gelesen; dann sprach er zu sich selber: »Mein günstiges Schicksal sei gepriesen, das mir Arbeit vollauf gibt, um damit alle finsteren Gedanken verjagen zu können!« Und so war es auch; sein Wirkungskreis war so weit und herrlich, aber dabei von so großer Verantwortlichkeit begleitet, daß er trotz seiner gediegenen Kenntnisse genug zu thun hatte, um die ihm gestellte Aufgabe ehrenvoll zu bewältigen. Aber er warf sich mit voller Lust und Jugendkraft in die vielseitige Arbeit, ja, er wollte sogar heute, als am Tage seiner Ankunft, diesen nicht als Feiertag gelten lassen, wie es Heilemann angeordnet. Angenehm für Welden, hatte dieser ein junges, kräftiges, selbst aufgezogenes Reitpferd überflüssig, das der Ober-Ingenieur sogleich kaufte, selbst sattelte und zäumte und in die waldige Gegend hinaus ritt, um sich an verschiedenen Stellen über einige Punkte, die ganz besondere Schwierigkeiten darboten, aufzuklären. Auch die nächsten Tage brachten der Arbeiten so viele, daß Welden nicht Zeit gewann, an die Vergangenheit zu denken, und wenn er auch dergleichen Gedanken mit aller Kraft zurückdrängte, so empfing er doch nach einigen Tagen einen Brief mit dem Poststempel der Residenz nicht ohne sichtbare Aufregung. Es war dieses ein Schreiben des Stadtschultheißen Welkermann – er hatte sogleich nach der Unterschrift geblickt, um nun, wie er dachte, die Zeilen ruhig durchlesen zu können; aber es kam anders, als er erwartet; schon nach den ersten Worten, die er las, spannten sich seine Mienen scharf und waren überflogen von einem ängstlichen Ausdrucke; er preßte seine Lippen fest auf einander, und als er zu Ende gelesen, ließ er die Hand mit dem Briefe sinken und rief mit erschreckter Stimme, während seine Züge mit einer tiefen Blässe überzogen waren: »Dieser unglückselige Mensch! – Ach, warum willigte ich ein, ein so frevelhaftes Spiel zu treiben? – Und wenn es mich statt seiner getroffen hätte – lebensmüde, wie ich mich in jenen furchtbaren Tagen fühlte, würde ich nicht am Ende auch die Wahrheit bezweifeln? – Welch ein furchtbarer Wechsel gegenüber der seligen Ruhe, die ich hier genossen! – Ich muß hin zu ihm, ich muß ihm seinen Unglauben zu benehmen suchen, mich im Nothfalle an den Polizeirath wenden und ihn als letzte Hülfe in Bande und Fesseln legen lassen!« Wiederholt las er den Brief in fliegender Hast; diese Zeilen, in so ruhigem Ausdrucke sie auch von dem unglücklichen Vater Ferdinands ahnungslos geschrieben waren, ließen für ihn keine andere Deutung zu. Am Schlusse sagte Herr Welkermann: »In der Angelegenheit Ferdinands vertraue ich auf Gott und auf seine Unschuld, von welcher ich auf's festeste überzeugt bin; doch können Sie sich denken, mein lieber Herr Welden, daß es mir nach dem, was vorgefallen, unmöglich ist, länger hier in der Residenz zu bleiben. Wie glücklich sind Sie, dort auf dem Lande in der herrlichen, Alles versöhnenden Natur weilen zu dürfen, und auch ich will Alles thun, um eines ähnlichen Glückes theilhaftig zu werden, zu welchem Zwecke ich Sie bitte, die Einlage Ihrem vortrefflichen Wirthe, Herrn Heilemann, zu übergeben. Es handelt sich darin um ein schönes Gut, das nicht weit von Kirchheim zu verkaufen ist, und ersuche ich in der Einlage Herrn Heilemann noch um einige erklärende Einzelheiten, die mir nothwendig sind. – Glauben Sie mir, mein lieber Herr Welden, daß wir uns Alle sehr darauf freuen, Sie dorten, so nahe Ihrem schönen Wirkungskreise, begrüßen zu können.« Er faltete diesen Brief zusammen und war nach kurzer Überlegung entschlossen, nach der Stadt zurückzukehren, Ferdinand aufzusuchen und ihn wo möglich von seinem gefährlichen Wahne zu befreien, als habe er, Welden, an jenem verhängnißvollen Morgen den Großmüthigen gespielt und als habe nicht vielmehr das Schicksal durch Zusammenfließen der Regentropfen milde und gütig ihr frevelndes Spiel geendigt. – Aber wenn es ihm nicht gelingen würde, Ferdinand zu überzeugen? O, diesen Gedanken mochte er nicht verfolgen – er wäre in seinen Folgen zu entsetzlich für Beide gewesen! Um allen Fragen seines freundlichen Wirthes über seine Abwesenheit zu entgehen, besonders da dieselbe nur ein paar Tage dauern würde, beschloß er, gar nichts davon zu sagen, sondern nur eine längere Untersuchung auf der Bahnlinie vorzugeben, weßhalb er sein Pferd sattelte, etwas Wäsche zu sich steckte und einen Weg quer durch das Gebirge wählte, wo er nach einigen Stunden im Thale die Landstraße und von dort mit Postgelegenheit die Residenz erreichen konnte. Auf der mehrstündigen nächtlichen Fahrt dorthin hatte er Zeit genug, durch reifliche Überlegung zu dem Entschlusse zu kommen, dem Polizeirath Merkel die ganze Thorheit jener Unterredung mit Ferdinand einzugestehen, ihm das Schreiben des Stadtschultheißen zu zeigen und so um so eher und rascher die Erlaubniß, Ferdinand sprechen zu können, zu erhalten. Achtundzwanzigstes Kapitel. Welden kam in der Frühe des Morgens in der Residenz an und begab sich, sobald es ihm die Zeit anständiger Weise gestattete, zu dem Polizeirath Merkel, um von diesem die Erlaubniß zu erhalten, Ferdinand zu sehen. Er erinnerte sich dabei lebhaft des unseligen Morgens vor nicht langer Zeit, an welchem er in so großer Aufregung die Treppen hinaufgestiegen war. Oben bei dem Amtsdiener gebrauchte er dieselbe Zauberformel, welche ihm damals sogleich Einlaß verschafft hatte und die auch heute wieder von gleicher Wirkung war. Doch blickte ihn Herr Merkel einigermaßen befremdet, ja, mit einem so unverkennbaren Anfluge von übler Laune an, daß es einiger Sekunden bedurfte, ehe auf dessen Gesicht ein schwaches Lächeln aufdämmerte. – »Ich hätte wahrlich nicht gedacht,« sagte er alsdann, »Sie vorher bei mir zu sehen, ehe ich Sie droben in Ihren Bergen aufgesucht haben würde.« »Es ist das aber auch eine ganz außergewöhnliche Ursache, die mich aus meinen dringenden Arbeiten herausgerissen hat,« gab der Ingenieur zur Antwort, und erzählte nun in kurzen, aber sehr präcisen Worten, was damals vorgefallen war, als er mit Ferdinand in Gegenwart des Polizeiagenten Schmetterer jene Unterredung gehabt. Hierbei können wir nicht verschweigen, daß der Polizeirath anfänglich mit großer Unaufmerksamkeit dem lauschte, was Welden ihm sagte; erfuhr er doch vor der Hand nichts Neues, denn der Wortlaut jener Unterredung war ihm von Schmetterer in beinahe stenographischer Treue berichtet worden. Auch war Herr Merkel, als Welden zu ihm eintrat, in seinen Gedanken, die Angelegenheit des Herrn von Rivola betreffend, sehr beschäftigt, und zwar unangenehm beschäftigt gewesen, denn trotz seines wiederholten ausführlichen, mündlichen Berichtes an den Polizeiminister hatte die alte Excellenz achselzuckend gesagt: »Und doch können Sie sich irren, mein lieber Polizeirath, und dadurch einen Unschuldigen und sich selbst compromittiren und die ganze vornehme Welt bis hoch hinauf auf's tiefste beleidigen. Ich gebe zu, daß die Indicien sehr gravirender Natur sind, aber es bleibt immer ein Indicienfall, der sich kaum jemals zur juristischen Klarheit wird durcharbeiten können. Ich darf Ihnen nicht einmal gestatten,« hatte die Excellenz hinzugesetzt, »auf eigene Verantwortung vorzugehen, und wenn Sie mir auch schriftlich geben, daß Sie gegen meinen speciellen Befehl gehandelt, so würde ich der Mitschuld doch nicht entgehen, und dafür danke ich – ehrlich gesagt, dazu fehlt mir der Muth.« Das Einzige, was der Polizeirath nach einer langen Unterredung hatte herausschlagen können, war dessen Versprechen, die Sache am betreffenden höheren Orte nochmals, und zwar sogleich in Anregung zu bringen und über ein Resultat, ob günstig, ob ungünstig, ihm alsbald Mittheilung zu machen. Diese Mittheilung erwartete Merkel seit gestern in fieberhafter Ungeduld, denn er verhehlte sich nicht, daß seine Bemühungen, den Freiherrn von Rivola zu überwachen, so vorsichtig und geschickt er auch dabei zu Werke gegangen sei, doch durch irgend etwas verrathen werden könnten und der Betreffende, dem endlich die Augen über seine Lage geöffnet, zur Flucht oder wenigstens zur Entfernung oder Vernichtung seines Banknotenvorraths in der rothen Mappe veranlaßt werden möchte. Durch alles dies hatte sich bei dem Polizeirath der Entschluß festgestellt, das Schreiben des Ministers, welches er sehnlichst erwartete, seinem Wunsche gemäß zu deuten, wenn auch nur ein Ausdruck desselben irgend eine Deutung in seinem Sinne möglich machen würde, ja, im anderen Falle ganz auf eigene Verantwortung zu handeln, besonders dann, wenn sich durch Zufall oder durch Schmetterer's Nachforschungen in den Räumen des alten Thurmes noch irgend etwas Belastendes ergeben würde. Diese Gedanken, welche rastlos das Gehirn des Polizeiraths durchkreuzten, waren denn auch Schuld daran, daß er von dem, was ihm Welden erzählte, nur die Schlagwörter auffing, um einen allgemeinen Faden zu behalten, und dann erst aufmerksamer wurde, als die Mittheilungen des Ingenieurs für ihn anfingen, da interessant zu werden, wo jene Schmetterer's über denselben Gegenstand ihr Interesse verloren hatten, da nämlich, wo Ferdinand mit Welden an das Fenster getreten war, um den herabrollenden Regentropfen in der uns bekannten Absicht zuzuschauen. »Da kann man sehen, daß die Polizei bei allem dem viel zu nachsichtig verfährt!« rief Herr Merkel zum ersten Male am heutigen Morgen mit einem unverkennbar heiteren Gesichtsausdrucke. »Viel zu nachsichtig, denn Schmetterer hätte sich mit Ihnen ebenfalls an's Fenster drängen müssen, um Ihre selbstmörderische Absicht zu errathen, und wenn dies geschehen wäre, dieselbe durch Verwischung der Regentropfen zu vereiteln!« »Glücklicher Weise war der Zufall so freundlich, die Rolle der Polizei zu übernehmen, denn unser allerdings etwas frevelhaftes Beginnen blieb ohne Erfolg, die Tropfen flossen zusammen, aber gerade in einem Augenblicke, wo Ferdinand nicht anders konnte, als sich gegen seine Mutter zu wenden, welche jammernd in das Zimmer stürzte. Und nun erhalte ich diesen Brief des Stadtschultheißen – lesen Sie selbst – war es daraufhin nicht meine Pflicht, sogleich hieher zu eilen, und ist es Angesichts dieser Zeilen nicht Ihre Pflicht, mir sogleich eine Unterredung mit Herrn Welkermann zu gestatten?« Der Polizeirath hatte den Brief mit großer Aufmerksamkeit gelesen, sich dann rasch erhoben und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab, während er mit untermischten Pausen zu Welden sagte: »Das alles ist so klar wie möglich, doch traue ich dem jungen Menschen nicht den Wahnsinn zu, eine Sache, die Sie wie einen Scherz ansahen, mit so furchtbarem Ernste beschließen zu wollen – ah, gehen Sie, Welden, das ist ganz unmöglich, oder wollen Sie mir vielleicht gestehen, daß Sie im anderen Falle selbst gehandelt hätten, wie Sie jetzt von Welkermann fürchten?« Der Ingenieur zuckte mit den Achseln, ehe er zur Antwort gab: »Ich glaube doch, daß ich so gehandelt hätte; ich glaube, daß ich die Stärke dazu gehabt haben würde, denn im anderen Falle wäre ich ja verächtlicher gewesen, als man damals von mir geglaubt, an jenem Morgen, wo ich hier bei Ihnen war, dem eine Reihe so fürchterlicher Tage folgte, daß ich unter dem zermalmenden Eindrucke derselben jenes allerdings frevelhafte Spiel einging und – vielleicht wohl leider zu Ende geführt haben würde.« »Und wenn ich Ihnen nun trotz alledem den Zutritt zu Herrn Welkermann verweigern müßte?« »Das wäre sehr schlimm, Herr Polizeirath; denn zuerst müßte ich, selbst auf die Gefahr hin, ebenfalls eingesperrt zu werden, Alles versuchen, um mit List oder Gewalt zu ihm zu dringen, und dann müßte ich mich an Personen von Einfluß wenden, die vielleicht so mitleidig wären, einen so frevelhaften Selbstmord zu verhüten. Denn wie die Sachen liegen, wäre auch nicht mehr die Idee eines Duells in dem Beginnen Ferdinands zu entdecken.« »Eine Idee von Vernunft war niemals darin,« murmelte der Polizeirath. »Das ist noch das Schlimmste und Fluchwürdigste von allem Unsauberen, was wir von jenseit des Meeres erhalten haben – aber sagen Sie mir, junger Mensch,« rief er aus, indem er die Hände zusammenschlug und vor Welden stehen blieb, »fürchteten Sie denn in Wahrheit so sehr die Stimme der Welt, daß Sie die Hand zu solchem Wahnsinne bieten konnten?« »Ich bin heute ruhiger geworden und könnte vielleicht zugeben, daß ich die Sache in ihrem richtigen Lichte betrachte, wogegen Sie mir nicht verübeln werden, daß von allem dem, was ich damals erfahren, eine Begierde in mir rege wurde, die Sache auf so rasche und, wenn Sie wollen, schreckliche Weise zu erledigen: er oder ich!« »Und was erlebten Sie denn so furchtbar Schlimmes?« versetzte der Polizeirath mit einem spöttischen Lächeln. »Daß junge Leute von gleichem, heißem Blute wie Sie etwas zweifelhaft von Ihrem Muthe sprachen?« »Nicht nur junge Leute, Herr Polizeirath, sondern auch Männer, die man im Punkte der Ehre wohl als Autoritäten anerkennen darf – Herr von Rivola zum Beispiel.« »Ah, Herr von Rivola,« sagte der Polizeirath kopfnickend – »der allerdings – im Punkte dessen, was wir so Ehre nennen – ach ja, ach ja!« »Er fand, daß ich die Angelegenheit gegen Herrn Welkermann nicht schwer genug nehmen könne, daß ein Duell in der ernsthaftesten Form unumgänglich nothwendig sei.« »Wann war das ungefähr?« fragte der Polizeirath mit großer Aufmerksamkeit. »An dem Tage, wo Sie mich nöthigten, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, die Sache dreimal vierundzwanzig Stunden ruhen zu lassen.« »Ah, an jenem Tage! Und damals meinte Herr von Rivola, die Sache lasse sich nicht gütlich vergleichen?« »So war seine Ansicht.« Der Polizeirath trat einen Augenblick an das Fenster, um sich gleich darauf dem jungen Manne wieder zu nähern und ihm zu sagen, während er seine Hand sanft auf dessen Schulter legte: »Sprechen Sie offen und ehrlich mit mir, Welden – als Sie sich damals mit Herrn von Rivola besprachen, machten seine Worte auf Sie den Eindruck, als wenn er selbst irgend eine Feindschaft, irgend einen Haß gegen Herrn Welkermann im Herzen trüge?« »Wenn ich mich recht erinnere,« versetzte der Andere nach einigem Besinnen, »so machte die Rede des Herrn von Rivola wenigstens den Eindruck auf mich, als sei ihm daran gelegen, daß dieses Duell zu Stande käme, eine Ansicht, in der ich einige Tage nachher bestärkt wurde durch die für mich sehr unangenehme Aufregung, in welche ich Herrn von Rivola versetzt fand durch die Nachricht, daß unser Duell vereitelt worden sei – durch Ihre Freundlichkeit, Herr Polizeirath.« »Bitte recht sehr – Sie fanden ihn damals in der That sehr aufgeregt? Um welche Stunde kann das ungefähr gewesen sein?« »Es war gegen zwei Uhr Nachmittags, ich wartete seine Rückkehr aus der Stadt ab; er sah leidend und sehr angegriffen aus.« »Ja, ja, das trifft ungefähr zusammen,« murmelte der Polizeirath, abermals seinen Spaziergang durch das Zimmer wieder aufnehmend, wobei ihm die Blicke Weldens folgten, während dieser sagte: »Und nun erlösen Sie mich aus meiner unbehaglichen Stellung, lassen Sie mich zu Herrn Welkermann, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich es so gut als möglich vermeiden werde, irgend ein anderes Gesprächsthema zu berühren, als das, weßhalb ich hiehergekommen bin.« »Gut, Sie sollen Ihren Willen haben, und zwar sogleich.« Er rief durch den Ton seiner Glocke den Aufwärter herbei, welchem er den Befehl gab, Herrn Welden zum Gefangenen zu führen, wobei er, gegen den Ingenieur gewandt, hinzusetzte: »Ich sehe Sie später noch auf einen Augenblick.« Ferdinand Welkermann bewohnte in dem Gebäude, wo wir uns gerade befinden, ein nicht sehr großes Zimmer mit mäßiger Einrichtung; doch hatte die Fürsorge der Mutter ihm einen einfachen Fauteuil verschafft, in welchem er, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, beim Eintritte Weldens lang ausgestreckt lag. Dieser ging rasch auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte in einem vorwurfsvollen Tone: »Den Inhalt der Zeilen, welche ich von Ihrem Herrn Vater erhielt, darf ich wohl als einen Scherz betrachten?« »Im Gegentheil,« antwortete Ferdinand, indem er den Versuch machte, sich langsam zu erheben, »Sie sehen mich ganz in der Stimmung, Sie mit den Worten jener Gladiatoren zu begrüßen: Moriturus te salutat! « »Ah, wer wird so kleinmüthig geworden sein!« »Kleinmüthig, ich? Durchaus nicht – ich will mich nur im kaufmännischen Sinne als solides Haus bezeigen und den auf den zwölften Mai acceptirten Wechsel am Verfalltage einlösen.« Welden warf den Kopf rasch in die Höhe und sagte dann, indem er Ferdinands rechte Hand ergriff: »Lassen Sie uns wie Männer sprechen und nicht wie Kinder.« »Der Meinung bin ich auch, nachdem wir ein wenig wie Kinder gehandelt.« »Allerdings; aber ein gütiges Geschick vereitelte diesen kindischen Streich.« »Wie so? Wir haben gleichmäßig eingesetzt, und ich verlor, das ist so klar wie der Tag, Sie waren allerdings so freundlich, mir das Gegentheil zu versichern; Sie wollten, ich solle Ihnen meinen Verlust schuldig bleiben, wozu ich aber keine Lust habe – bitte, lieber Welden, lassen Sie mich ausreden. Ich habe mich immer auf's sorgsamste bemüht, meine Spielschulden zu bezahlen, und so werde ich auch dieses Mal thun.« »Ah, Herr Welkermann,« rief der Andere, indem ein tiefer Ernst seine Züge beschattete, »sagen Sie mir nach einer kleinen Weile, daß Sie zu scherzen belieben, denn, bei Gott, könnte ich annehmen, daß Sie im Ernste reden, so würden Sie mich in einen Zustand versetzen, über dessen Eindruck sich mein Haar emporsträuben würde!« Welkermann hatte seine Rechte langsam aus den umschlingenden Fingern Weldens zurückgezogen und nagte, düster vor sich hinstierend, an seinen Nägeln, ehe er zur Antwort gab: »Sie haben das Leben wieder lieb gewonnen, ich begreife das – mir aber ist es in dieser Umgebung – er warf einen scheuen Blick auf die stark vergitterten Fenster – eine schwere Last geworden, die ich mich glücklich fühle, auf eine solch' anständige Weise abschütteln zu können.« »Das ist aber keine anständige Weise, das wäre ein ganz gewöhnlicher, unmotivirter . . .« »Reden Sie doch aus!« sagte der Andere, da Welden stockte. »Und wenn es das in der That wäre, so werden Sie mir doch ein ehrliches Begräbniß dadurch nicht verhindern, daß Sie meine Worte Lügen strafen, wenn die Welt erfährt, es habe sich hier um eine allerdings etwas eigenthümliche Art von Zweikampf gehandelt! Sie werden im Gegentheil meine Aussage bekräftigen.« »Und wenn ich dazu in diesem entsetzlichen Falle nicht im Stande wäre?« fragte Welden in einem eigenthümlichen Tone, dessen Kälte und Ruhe so auffallend klangen, daß Ferdinand unwillkürlich in die Höhe blickte. »Wenn ich nach dem zwölften Mai ebenfalls verhindert wäre, etwas für Sie zu thun?« »Ich sehe den Grund nicht ein,« meinte Ferdinand, »Sie stehen so gesund vor mir in voller Lebenskraft und Lebenslust,« setzte er mit einem trüben Lächeln hinzu. Dann fuhr er mit einem leisen Schauder fort: »Ja, hätten Sie, wie ich, lange Tage und noch längere Nächte in diesen kahlen Mauern zugebracht, mit der Aussicht auf eine fernere vieljährige Versorgung, so würde ich es begreiflich finden, Ihren Muth gebeugt zu sehen, aber so – gehen Sie, lieber Welden, und seien Sie glücklich!« »Ich werde allerdings gehen, und zwar sogleich gehen, wenn Sie bei Ihrem thörichten, ja, verbrecherischen Entschlusse beharren. Ich werde, von Ihnen Abschied nehmend, Ihnen die Hand reichen auf ein Wiedersehen am zwölften Mai, eilf Uhr Vormittags – geben Sie mir darauf Ihre Hand.« »Daß ich der Narr wäre, für den Sie mich halten – was geht Sie mein verfallender Wechsel an!« »Viel, Alles – unsere Schuld ist zusammengeflossen wie jene Regentropfen, und daß dem so ist, dafür hebe ich hier meine Hand zum feierlichen Schwur gen Himmel!« »Ah, lassen Sie mich, lassen Sie mich!« rief Welkermann in einem schrillen Tone, indem er beide Hände vor das Gesicht drückte. »Ich lege vor Gott diesen Schwur ab, dreimal nach einander in jeder Form, welche Sie wollen, und wenn Sie mir darauf noch keinen Glauben schenken, so kann ich Ihnen nur sagen: ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort, daß wir uns am zwölften Mai wiedersehen, wenn ein Wiedersehen danach überhaupt noch möglich ist!« »Lassen Sie mich, lassen Sie mich!« wiederholte der Andere mit wild bewegter Stimme, indem er aufsprang und im Zimmer auf- und abrannte. »O, wenn Sie wüßten, wie grausam es von Ihnen ist, mich zu erschüttern in einem so guten und wohl überlegten Entschlusse!« »Wie können Sie das sagen, Sie, der Sie von Ihrer eigenen Unschuld nicht überzeugter sein können, als ich selbst, als Ihre Eltern, ja, als Ihre Richter es sein werden?« »Ah, meine Richter – ja, ich werde vor meine Richter gestellt werden wie ein ganz gemeiner Verbrecher, der ich bei Gott nicht bin! Man wird vielleicht an meine Unschuld glauben und mich freisprechen, aber man wird mir mit Achselzucken nachschauen, wenn ich über die Straße gehe, und man wird sich zuflüstern: Das ist der Welkermann, welcher der Falschmünzerei verdächtig eingesperrt war, der Sohn des Stadtschultheißen, welcher aber – und das hätte man sich denken können – freigesprochen wurde!« »Ah, welche Idee! Achtbare Männer werden Zeugniß für Sie ablegen, Ihre Freunde, wozu ich mich vor allen Anderen zähle, der Polizeirath Merkel, Herr von Rivola . . .« »Ah, er!« sprach Ferdinand, plötzlich stehen bleibend, mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdrucke. »Ich fürchte fast, daß, wenn er im Stande sein wird, Zeugniß für mich abzulegen, er vielleicht achselzuckend sagen könnte: Das ist ein leichtsinniger junger Mensch, dem viel zuzutrauen wäre! Und wenn er nicht mehr im Stande ist, gültig für mich zu zeugen, so könnte das meine Sache nur verschlimmern.« »Ich verstehe Sie nicht – gewiß, ich verstehe Sie nicht.« »Begreiflich,« lächelte der Andere; »wenn man so wie Sie draußen in Luft und Sonnenschein lebt, wenn man ein Freund des Rivola'schen Hauses ist, wenn man mit Interesse in die glänzenden Augen der schönen Lucy schaut, so sieht man Manches anders an, als wenn man wie ich, Stunde um Stunde in der Einsamkeit hinbrütend, sich Vergangenes in nackter und ungeschminkter Wahrheit vor Augen bringt, wenn Einem dabei plötzlich Worte, Blicke einfallen, die, durch Einsamkeit und Nachdenken geschärft, einen ganz anderen Sinn erhalten, einen richtigeren Sinn, so kann man auf Ergebnisse kommen, die man kaum wagt, sich selbst zuzuflüstern.« »Sie sprechen in Räthseln für mich.« »Ich glaubs, ich glaubs; doch sagte ich soeben, es gibt Dinge, die man kaum wagt, sich selbst zuzuflüstern.« »Herrn von Rivola betreffend?« fragte Welden im Tone höchster Spannung und mit verhaltenem Athem, denn es war ihm, als dränge in die dunklen Reden Ferdinands plötzlich ein scharfes, schneidendes Licht. »Die Anklage gegen Sie beruht ja hauptsächlich darauf, daß Sie so gefällig waren, Banknoten, welche Ihnen Herr von Rivola übergeben, ohne Weiteres an der Kasse umzuwechseln.« »Darin liegt es ja gerade!« gab der Andere zur Antwort und setzte mit einem lauten Lachen hinzu: »Wenn Herr von Rivola nicht Herr von Rivola wäre, müßte er doch unfehlbar mein Zimmernachbar sein!« »O–o–o–oh!« brachte Welden mühsam hervor, dann sprach er zu sich selber: »Und sollte der Polizeirath Merkel einen ähnlichen Gedanken haben? Erschien es mir doch sonderbar, mit welch' großem Interesse er zuhörte, als ich ihm davon sprach, wie mich Herr von Rivola zu jenem Duell mit Welkermann angetrieben – forschte er doch so genau nach Tag und Stunde! Ach, wenn über dem Haupte von Lucy's Vater ein so furchtbares Verhängniß schwebte!« Ferdinand war näher getreten und sagte nun, indem er zutraulich seine Hand auf Weldens Schulter legte: »Ah, Sie denken über meine Worte nach – könnte ich Ihnen nur meine Überzeugung geben!« »Daß Herr von Rivola . . .« »Pst,« sagte der Andere rasch und leise, »die Wände hier haben Ohren, wie in der Höhle des Tyrannen von Syrakus, und ich glaube,« setzte er mit einem Blicke auf die Thür hinzu, »Herr Dionys Schmetterer hat uns belauscht – sie haben da an der Thür eine recht artige Vorrichtung.« Welden schien die letzten Worte Ferdinands überhört zu haben. »Nein, nein,« rief er plötzlich aus, »das ist ein falscher Verdacht, das wäre zu fürchterlich!« »Allerdings,« meinte Welkermann mit einem spöttischen Lächeln – »unglaublich immerhin, und würde die sogenannte Gesellschaft tief erschüttern.« »Sprachen Sie diesen Verdacht schon irgendwo aus?« »Wofür halten Sie mich? Herr von Rivola hat mir immerhin Gutes erzeigt, und da ich Wohlthaten nie vergesse, so habe ich mir vorgenommen, das alles mit dem allgemeinen Saldo am zwölften Mai zu tilgen.« »O, wenn ich Ihnen sagen könnte, in welch' furchtbare Aufregung Sie mich versetzt haben, ja, daß ich darüber vergaß, was mich hieher geführt! Herr Welkermann,« rief er darauf in flehendem Tone, »ich beschwöre Sie bei allem, was heilig ist, glauben Sie an die Wahrheit meiner Worte, daß die Vorsehung unser frevelhaftes Spiel in der That vereitelt hat! Zwingen Sie mich nicht, Ihnen zu wiederholen, in welche Lage Sie mich im anderen Falle bringen würden! Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie nach meiner Versicherung, nach meinem Schwur die Sache auf sich beruhen lassen wollen, bis Ihre Unschuld erkannt ist, bis Sie Ihrer Haft entlassen sind, wo ich mich Ihnen alsdann in jeder Form, die Ihnen beliebt, zur Verfügung stellen werde! Sie sagten mir vorhin allerdings, Sie hätten Ihren Argwohn gegen Herrn von Rivola in keiner Weise laut werden lassen, und ich glaube Ihnen; aber Äußerungen, welche der Polizeirath vorhin gegen mich gethan, lassen mich vermuthen, daß er seine Hand rücksichtslos auch gegen ihn ausstrecken wird, wie er es gegen Sie gethan.« »Daran zweifle ich nicht, und ich habe mich in der That nur gewundert, Herrn von Rivola nicht schon zum Zimmernachbar erhalten zu haben.« »Entsetzlich! Ich glaube an seine Schuld so wenig als an die Ihrige – würden Sie es nicht einem Freunde gedankt haben, der Sie durch eine Warnung vor Ihrer Haft bewahrt hätte?« »Kaum – ich würde in meiner Unschuld dieser Haft nicht aus dem Wege gegangen sein; aber in Betreff des Herrn von Rivola haben Sie Recht: ich glaube fast, man erzeigte demselben einen Dienst, wenn man ihn veranlassen könnte, eine Reise in's Ausland zu machen.« »Und damit wäre keine Zeit zu verlieren. Aber wie kann ich Sie verlassen, ehe Sie mir Wort und Handschlag gegeben, daß Sie jenes Schrecklichere auf sich beruhen lassen wollen? Glauben Sie mir doch, daß Sie Ihre Lage ganz anders betrachten werden, sobald Sie sich nicht mehr zwischen diesen öden Mauern befinden – o, es ist so wahr, wie Sie vorhin sagten, daß uns Alles anders erscheint in freier Luft und Sonnenschein! Lassen Sie alsdann die Stadt hinter sich, folgen Sie mir in meine Berge, und es werden nicht Wochen vergehen, daß Sie mir eben so herzlich, eben so innig danken, wie ich Sie jetzt innig und herzlich anflehe, diesen meinen Dank zu verdienen!« Welkermann war an's Fenster getreten, von wo aus er allerdings nur auf öde Mauern blicken und nichts von dem Hoffnung verheißenden Grün der Bäume sehen konnte, sondern nur ein kleines Stück des blauen Himmels, an dem aber hoch oben eine lang gestreckte Vogelschaar ihren Zug gegen Norden nahm. »O, könnte ich Sie plötzlich jetzt mitten hineinversetzen in den sprossenden, knospenden Frühling, in die von Kräuterduft durchwürzte Waldeinsamkeit! Hoffen Sie – hoffen Sie auf bessere, schönere Tage!« Da wandte sich der Andere rasch gegen den Bittenden und Flehenden, streckte ihm seine beiden Hände entgegen, und obgleich er ohne alle weitere Betheuerung nur die Worte sprach: »Gut denn, ich will erwarten, was da kommt!« – so war doch der Ton seiner Stimme so voll Wahrheit, daß Welden ihn mit einem Ausrufe der Freude in seine Arme zog, ihm herzlich dankte und dann sagte: »Und nun muß ich Sie verlassen, um, wenn es möglich ist, vielleicht einem anderen Unglücke noch rechtzeitig vorzubeugen.« Er eilte schnell zur Thür, klopfte dort an, und die außerordentlich rasche Art, mit der ihm dort von Herrn Schmetterer geöffnet wurde, zeigte ihm, daß dieser würdige Beamte sich in nächster Nähe der Thür befunden hatte; auch schien er Herrn Welden erwartet zu haben, wenigstens verbeugte er sich auf solche Weise vor ihm und ging ihm dann voran nach den Zimmern des Polizeiraths, als wenn es sich von selbst verstände, daß der junge Ingenieur dorthin gehen werde. Dies geschah denn auch, weil sich Welden seines gegebenen Versprechens erinnerte; Herr Merkel aber war für einen Augenblick ausgegangen, wie der Polizeiagent sagte, nachdem er die Thür zum Schreibzimmer seines Herrn geöffnet, »wird aber wahrscheinlich in Kurzem wiederkommen und läßt recht dringend bitten, ihn hier zu erwarten.« Welden, auf's lebhafteste mit seinen Gedanken beschäftigt, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und hob jetzt ohne Absicht ein Papier vom Boden auf, das in der Nähe des Schreibtisches lag und wahrscheinlich vom Luftzuge heruntergeweht worden war. Es war ein beschriebenes Blatt, welches der Polizeirath auf die Ecke des Schreibtisches gelegt haben mochte und vielleicht mitzunehmen vergessen hatte. Welden war schon im Begriffe, es wieder an seinen Platz zu legen, als er unwillkürlich auf demselben den Namen Rivola las, den Namen des Mannes, mit dem er sich in seinen Gedanken so angelegentlich beschäftigte. War es ihm zu verargen, daß seine Augen rasch die geschriebenen Zeilen durchflogen, daß er mit steigendem Antheile las: »Mein lieber Polizeirath! In der Sache des Herrn von Rivola habe ich auf Ihre wiederholten Vorstellungen endlich so viel erlangt, daß man Ihnen gestattet, gegen denselben, aber auf die schonendste Weise vorzugehen – ich wiederhole Ihnen, auf die schonendste Weise, und möchte mir noch erlauben, hinzuzufügen, ob Sie nicht meiner Ansicht sind, daß erst der Ausgang einer Unterredung mit Herrn von Rivola, mit Ihrer bekannten Geschicklichkeit geführt, entscheidend sein dürfte, ob Weiteres zu geschehen hätte; doch soll auch selbst dieses Weitere die Grenze eines Hausarrestes nicht übersteigen. Der Polizeiminister.« Das »soll« war zweimal unterstrichen. Welden warf das Papier von sich, als brenne es zwischen seinen Fingern; dann stürzte er gegen die Thür – diese war verschlossen. Einen Augenblick stand er rathlos; sollte er klopfen, Lärm machen? Wahrscheinlich ohne allen Nutzen, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß dieses Abschließen der Thür kein zufälliges war. Da entsann er sich glücklicher Weise der kleinen, geheimen Treppe, welche aus dem Schreibzimmer des Herrn Polizeiraths direkt in's Freie führte; auch hatte ihm dieser einmal in einer vertraulichen Stunde mitgetheilt, wie das Schloß der unteren Thür selbst ohne Schlüssel zu öffnen sei. Ohne sich lange zu besinnen, eilte er dort hinab, betrat nach wenigen Augenblicken die Straße und rief einen Fiaker an, der zufällig vorüberfuhr. Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Umgebung von Eichenwald hatte sich, seit wir sie zum letzten Male gesehen, sehr zu ihrem Vortheile verwandelt; die Wiesen schimmerten im saftigsten Grün, die kleinen Sträucher waren in lichtgrüne Blätter eingehüllt, zwischen denen sich hier und da ihre natürlichen Blüthen in den verschiedensten Farben zeigten. Auch schien gerade dieses Mal das Frühjahr ganz besonders schön werden zu wollen: die erwachte warme Erde duftete so angenehm, wie selten, und die Lerche, welche sich von der aufgebrochenen Scholle in die Höhe schwang, schien fast trunken von Glückseligkeit zu sein, so übermüthig trillerte und jubilirte sie in die blaue Luft hinaus. – Und Eichenwald selbst lag in einem wahren Strauße von Blüthen, den ein Kranz von Laub- und Nadelholz einfaßte, wobei namentlich das letztere mit den Tausenden und Tausenden hellgrüner Tupfen der kleinen, neugierigen Triebe auf den tiefgrünen Zweigen der ernsten Bäume hervortrat, – welch' würziger Duft strömte dabei aus den Tannenwäldern! Es war wahrhaftig kein Wunder, daß im Landhause des Freiherrn von Rivola Fenster und Thüren weit geöffnet waren, um die winterliche Luft, die sich etwa noch in den Winkeln und Ecken versteckt hatte, auszuathmen und dagegen den herrlichen Duft des Frühlings einzuziehen. Auch der Garten rings um das schöne Wohnhaus hatte schon überall die winterlichen Hüllen abgeworfen und zeigte sich im Feierkleide, würdig der schönen Jahreszeit; da war auf den Wegen kein Laub mehr zu sehen, da waren die Linien der Rasenplätze und Graseinfassungen scharf und glatt umhauen, da sah man die milde Erde auf den Blumenbeeten so aufgelockert und doch wieder so glatt, daß man ordentlich zu bemerken glaubte, wie üppig die überwinterten Pflanzen ihre dicken, saftigen Stengel und Blätter emportrieben; die Rosen zeigten schon kleine Knospen, die schweren Blüthenbüsche des zierlichen Flieders dort in dem Rondel, wo das weiße Marmorbild der Flora stand, hauchten die süßesten Düfte aus, und der mächtige Springbrunnen vor der Terrasse warf einen glitzernden Strahl des frischesten Wald- und Bergwassers hoch in die Luft empor. An Dienern und Arbeitern aller Art, die das alles hier in Ordnung brachten oder erhielten, fehlte es nicht, und besonders am heutigen Morgen sah man in und außer dem Hause Alles in ganz besonders emsiger Thätigkeit: hier rechten die Gartenburschen die Wege und machten förmlich Jagd auf jeden Grashalm, der sich schüchtern zwischen dem feinen Kies hervorwagte, während andere dort unzählige große und kleine Pflanzentöpfe und Kübel an dem Hauptaufgange zur Terrasse malerisch gruppirten. Unter Aufsicht der Frau Werber waren die Hausbedienten beschäftigt, in dem großen Salon, der auf die eben erwähnte Terrasse mündete, einen kleinen, aber höchst eleganten Frühstückstisch herzurichten, während begreiflicher Weise von der Herrschaft hier unten Niemand sichtbar war; Herr von Rivola arbeitete in seinem Schreibzimmer und die Baronin mit ihrer Tochter befanden sich im oberen Theile des Hauses, Jakob hatte in der Bibliothek zu thun; er räumte Bücher auf, die sein Herr heute Morgen gebraucht, und staubte die Glasscheiben ab. Da aber die Thür, welche von hier in's Schreibzimmer führte, nicht, wie an jenem Tage, als Jakob die rothe Brieftasche bemerkt hatte, offen stand, sondern fest verschlossen, dagegen das Fenster nach dem Hofe zu geöffnet war, so unterbrach er häufig seine Arbeit, um Eins mit dem Kutscher zu plaudern, welcher in der weißen Schürze neben einem gestern angekommenen Landau stand, Federn und Achsen desselben, sowie durch leichtes Zuwerfen der Wagenthüren die Güte der Schlösser an denselben untersuchend, während ein paar Stallbuben mit wollenen Lappen beschäftigt waren, Staub, wo sich solcher allenfalls vorfand, zu vertilgen. »Der ist in der That famos,« sagte Jakob mit einer Kennermiene, »und sieht elegant aus.« »Wobei er solid ist und nicht zu schwer,« gab der Kutscher zur Antwort, indem er den Wagen mit seiner mächtigen Faust eine halbe Räderumdrehung vor- und zurückschob, »und das ist hier in den Bergen die Hauptsache.« »Für Euch, David,« lächelte Jakob, »oder vielmehr für die Pferde; mir ist es wichtiger, ob die Verdecke leicht auf- und zugemacht werden können.« »Gerade recht,« brummte der Kutscher. »Soll der neue Wagen heute gebraucht werden?« »So viel ich von dem Kammerdiener gehört, wollen die Herrschaften nach dem Frühstücke zur Eichenkrone hinauffahren – na, dabei können wir sehen, was der Landau leistet, sowie auch der Viererzug Rappen, welchen das gnädige Fräulein mitbekommen wird.« »Ich wollte, sie bekäme mich auch mit,« meinte Jakob mit heiterer Miene, – »da wird man's gut haben, wenn auch der Graf Hartenstein, den ich von einem meiner Bekannten her, welcher schon drei Jahre Reitknecht bei ihm ist, genau kenne, nicht der ist, mit welchem man gern Kirschen ißt.« »Dummes Geschwätz – auch der Herr Baron hier hält dir deinen Mund ziemlich sauber von Kirschen, sollte ich meinen.« »Ah, das ist ein Herr, der auch Andere leben läßt, und wenn Alle, welche hier zu befehlen haben, so wären, dächte ich nicht daran, mich zu verändern.« »Nicht wahr, das Frühstück ist auf zwölf Uhr bestellt?« »Punkt zwölf Uhr, zehn Couverts, nur Familie, niemand Fremdes – Verlobung und Unterzeichnung des Heirathscontraktes.« »Das ist mir gleichgültig, ich habe nur nach der Zeit gefragt, um ungefähr zu wissen, wann der Wagen befohlen werden könnte – he, ihr Burschen,« rief er den Stallbuben zu, »nehmt da Wasser zu den Flecken am rechten Hinterrade, sonst bringt ihr sie nicht weg. – Stadler,« wandte er sich an einen der Gärtner, der auf dieser Seite des Hauses Pflanzen begoß, »geben Sie mir einmal auf einen Augenblick Ihre Gießkanne.« Der Gärtner brachte das Verlangte herbei und sagte, als er es niedersetzte: »Ich brauche sie sogleich nicht mehr; lassen Sie sie nachher unter den Schuppen stellen.« Dann nahm er seine Schaufel auf die Schulter und verließ den Hof durch das kleine Thörchen zwischen dem Ökonomie- und Stallgebäude, welches beständig verschlossen war und das er auch jetzt wieder hinter sich zusperrte. »Dieser Stadler ist immer da zu finden, wo sich zwei Leute zusammen unterhalten,« sagte Jakob. »Habt Ihr das nicht auch schon bemerkt, David?« »Ich bekümmere mich um so was nicht.« »Ich weiß nicht, ich kann diesen Kerl nicht ausstehen, der immer . . .« Statt seinen Satz zu vollenden, verschwand der Bediente vom Fenster, da er im Nebenzimmer ein Geräusch gehört zu haben glaubte. Stadler aber ging von außen um das Ökonomiegebäude und verschwand an der Grenze des Parkes in einem Hohlwege, welcher von dort sanft aufwärts zu einem kleinen, einsam am Rande des Waldes stehenden Häuschen führte, von wo jetzt ein Mann, rasch den Hohlweg abwärts schreitend, fast in der Mitte desselben mit Stadler zusammentraf. »Ich habe kaum abkommen können,« sagte dieser, »da drunten Alles die Hände voll zu thun hat – wir haben um zwölf Uhr Verlobung.« »Ich weiß – ich weiß – das wird eine garstige Unterbrechung werden.« »So gibt es was Neues, Bangart?« »Ja, und Wichtiges – er hat mir sagen lassen, daß wir Alle auf unserem Posten sein sollen – er würde bald kommen.« »So will er . . . .?« »Insgeheim eine Unterredung mit deinem Herrn haben – aber ganz insgeheim – wenigstens will er, wo möglich, ohne gesehen zu werden, in das Schreibzimmer des Herrn von Rivola gelangen.« »Gut, ich werde mir an der kleinen Thür zu schaffen machen – den Weg von dort in's Haus kennt er genau, nur soll er nicht durch die Bibliothek gehen, wo der Bediente Jakob beschäftigt ist, sondern durch das kleine Vorzimmer neben dem Salon.« »Also auf deinen Posten!« »Und was habe ich weiter zu thun?« »Die kleine Thür hinter dem Polizeirathe zu verschließen, den Schlüssel zu dir zu nehmen und dich alsdann an das große Gartenthür zu begeben; von da wirst du mich auf der Höhe des Fahrweges stehen sehen, dabei aber beständig die Terrasse vor dem großen Salon im Auge behalten; siehst du nun den Polizeirath dort erscheinen und dir winken, so gibst du mir ein Zeichen. Du bist also überzeugt, daß dein Herr jetzt gerade allein in seinem Schreibzimmer ist?« »Ganz allein – ich erfuhr von der Lisette, daß die Damen droben in ihren Zimmern sind.« »So mache dir an der kleinen Thür zu schaffen und erwarte ihn in der Nähe, damit du ihm von Allem Bericht erstatten kannst.« »Gut, so gehe ich denn auf meinen Posten.« »Und ich kehre nach meinem Hause zurück, um ihn droben zu empfangen – unter uns gesagt, Stadler, ich bin froh, wenn die Geschichte endlich einmal ein Ende nimmt, denn es ist keine kleine Arbeit, so beständig auf dem Posten zu sein.« »Und für mich da unten noch obendrein gefährlich, denn wenn die Anderen einen Argwohn hätten, ich glaube, sie schlügen mich todt.« – Während Stadler und Bangart so mit einander redeten, fuhr ein Wagen, was die Pferde laufen konnten, auf dem Wege von der Stadt gegen Eichenwald zu, und der Kutscher hielt an dem großen Parkthore. Ein Herr sprang aus dem Wagen, läutete an und fragte, sobald ihm einer der herbeigeeilten Gartengehülfen geöffnet, nach dem Herrn von Rivola, worauf jener, mit den Achseln zuckend, erwiederte, »der Herr Baron würde heute schwerlich zu sprechen sein; er sei wichtig beschäftigt und der Befehl gegeben worden, Niemanden vorzulassen.« Trotz dieser Antwort machte der Angekommene, welcher in großer Aufregung zu sein schien, an der Seite des Gartengehülfen rasch einige Schritte auf dem breiten Kieswege, offenbar in der Absicht, sich trotz der Abweisung dem Hause zu nähern und dabei auf einen günstigen Zufall rechnend. Darin hatte er sich denn auch glücklicher Weise nicht getäuscht und erblickte nicht sobald den ihm wohl bekannten Kammerdiener des Hauses, als er, den Gärtner zurücklassend, rasch auf jenen zueilte. Der Kammerdiener erkannte Welden sogleich, und da der Ingenieur schon häufig mit en famille dinirt hatte, ihm also ein besonderer Grad von Vertraulichkeit mit der Herrschaft nicht abzusprechen war, so ging ihm der Kammerdiener einige Schritte entgegen und sprach dann in aufrichtigem Tone sein Bedauern aus, daß es ihm in der That unmöglich sein würde, ihn in diesem Augenblicke bei dem gnädigen Herrn zu melden. »Und doch ist es nothwendig – dringend nothwendig, nicht in meinen Angelegenheiten, sondern in etwas, das den Herrn Baron ganz besonders interessirt; ich mußte ihm versprechen, ihm darüber mitzutheilen, was ich erfahren, in jeder Stunde, sei es, welche es wolle.« »Um Ihnen gefällig zu sein, wollen wir einen Versuch machen.« »Ich brauche nicht länger, als fünf Minuten – ja, kaum diese, wenn Herr von Rivola meine Mittheilung nicht für wichtig genug hält.« »Gut – bitte, folgen Sie mir.« Sie schritten die mit Blumen garnirte Treppe zur Terrasse hinan, dann durch den großen Salon, wo der Kammerdiener lächelnd auf die reich gedeckte Tafel wies und Welden hinter der vorgehaltenen Hand zuflüsterte: »Zum Frühstücke zur Feier der Verlobung des gnädigen Fräuleins.« »Ah so!« »Warten Sie hier einen Augenblick.« Der Kammerdiener verschwand im Nebenzimmer, und es durchflog den jungen Mann ein eigenthümliches Gefühl, als er die glänzende Tafel anschaute, bedeckt mit Silber und Krystall, und als er bedachte, weßhalb er hieher gekommen. Er konnte sich einer bitteren Empfindung nicht erwehren, als er die hoch aristokratischen Personen, die in Kurzem um diesen Tisch sitzen sollten, in Gedanken dem gegenüber stellte, was den Besitzer dieses Hauses vielleicht in der gleichen Stunde erwartete. – Dabei wurde diese Stimmung nicht gemildert durch die im Nebenzimmer in ziemlich scharfem Tone ausgesprochenen Worte des Hausherrn: »Ich weiß nicht, was ich mit dem Herrn Ober-Ingenieur Welden heute zu verhandeln hätte; wenn er aber durchaus darauf besteht – dieses »durchaus« war doppelt betont, – so lassen Sie ihn eben hereinkommen.« Aber trotzdem wartete Welden die Rückkehr des Kammerdieners nicht ab, sondern trat rasch in das Nebenzimmer und stand hier vor Herrn von Rivola, der ihn mit einem ernsten, fast finsteren Blicke betrachtete. Der Kammerdiener zog sich zurück und machte die Thür hinter sich zu. »Sie werden es begreiflich finden, Herr Ober-Ingenieur,« sagte der Freiherr nach einer kurzen, peinlichen Pause, »daß ich einiger Maßen überrascht bin, Sie nach unserer letzten Unterredung wieder bei mir zu sehen.« »Und dürfen überzeugt sein, daß nur die wichtigste Angelegenheit mich dazu veranlassen konnte.« »Eine wichtige Angelegenheit, die uns Beide berührt? – Das ist mir gerade unerklärlich.« »Erlauben Sie mir, aus Mangel an Zeit ohne alle Einleitung auf diese Angelegenheit zu kommen,« sagte Welden mit einem Blicke nach der Thür. »Darum bitte ich recht sehr.« »Ich war soeben bei Herrn Ferdinand Welkermann, welcher, wie Ihnen bekannt sein wird, auf der Polizeidirektion in Haft ist.« »Bei Ihrem früheren Gegner, mit dem Sie sich sehr rasch aussöhnten.« »Lassen wir das – er betheuerte mir seine Unschuld und nannte mir dabei Ihren Namen.« »An seiner Unschuld habe ich nie gezweifelt – doch was kann ich für ihn thun? Nichts – gar nichts.« »Er nannte Ihren Namen als Jemandes, der ihm Gutes erzeigt und dem er einen Gegendienst leisten möchte.« »Ich wüßte nicht, worin.« »Vielleicht, daß es in seiner Absicht lag, mich zu veranlassen, hieher zu gehen.« »Und zu welchem Zwecke?« »Kurz und gut, Herr von Rivola, um Sie zu warnen.« »Ah, Her–r–r, Sie gehen etwas keck, etwas zu vertraulich zu Werke!« »Die Zeit fehlt mir, um auf Ihre Worte zu entgegnen, und ich kann nur wiederholen, Herr Baron, daß ich in Erinnerung der vielen Güte und Freundlichkeit, welche ich in Ihrem Hause erfahren, gekommen bin, um Sie zu warnen, da ich weiß, daß Ihnen Unheil, wenigstens Unannehmlichkeiten der schwersten Art drohen.« Der alte Mann hatte sich plötzlich entfärbt, hielt aber ein verächtliches Lächeln auf den Lippen fest und sagte, indem er seine blaue Brille dichter gegen die Augen drückte: »Unannehmlichkeiten – Unheil? Was Sie nicht alles wissen – wie wichtig Sie sich in meinen Augen darstellen!« Welden that einen tiefen Athemzug; dann sagte er in entschlossenem Tone: »Herr Baron, Gott im Himmel weiß allein, wo sich Verdacht und wirkliche Schuld scheiden – ich bin von Ihrer Schuldlosigkeit überzeugt, aber Andere, deren Meinung schwerer in's Gewicht fällt, scheinen es nicht zu sein.« »Wer sind – diese – Anderen?« »Der Polizeiminister und der Polizeirath Merkel.« »A–a–a–ah!« stieß Herr von Rivola mühsam hervor, indem er beide Hände von sich abstreckte und den Oberleib vorbeugte. »Glauben Sie mir, Herr von Rivola,« bat der junge Mann mit zusammengelegten Handen, »ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen lieb und theuer ist – wie gesagt, ich bin von Ihrer Unschuld überzeugt, aber wenn Sie trotz derselben Ursache haben sollten, den Besuch des Polizeiraths Merkel, der Ihnen vielleicht in der nächsten Viertelstunde bevorsteht, gerade heute zu vermeiden . . .« »Der Polizeirath Merkel will mich besuchen – heute noch?« »Auf einen Befehl des Polizeiministers – den ich gelesen und in welchem ihm endlich die Erlaubniß gegeben wird, in der bewußten Angelegenheit, wenn gleich mit aller Schonung, gegen Sie vorzugehen.« Der alte Mann stieß einen so unheimlichen Ton aus, indem er zusammenzubrechen schien, daß Welden rasch auf ihn zueilte; doch hatte er bereits durch Aufstützen der bebenden Hand auf die Ecke des Tisches wieder etwas Haltung gewonnen und brachte keuchend die Worte hervor: »Sie sagen das nicht aus irgend einem anderen – Grunde, – um sich zu rächen – um mich zu erschrecken?« Nur die Absicht, den alten Mann vor dem Umfallen zu bewahren, hatte Welden gegen ihn hingetrieben, wogegen er jetzt, beim Anblicke der entsetzlich verstörten Züge des Herrn von Rivola, die seine Schuld verriethen, wenn auch seine Lippen darüber schwiegen, schaudernd einen Schritt zurücktrat, wobei er in dumpfem Tone ausrief: »Herr des Himmels, wie furchtbar ist das! – Doch um so weniger ist Ihre Zeit zu verlieren,« setzte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen mit seiner gewohnten Entschlossenheit rasch hinzu – »vertrauen Sie mir, Herr von Rivola – folgen Sie mir, ich beschwöre Sie, nehmen Sie Ihren Hut und gehen Sie mit mir in den Garten: es kann das kein Aufsehen erregen, und auch das nicht, wenn Sie drunten am Gitterthore in meinen Wagen steigen, welcher dort hält.« »Ja, ja, Ihren Wagen – oder lasse ich selbst einspannen, ich habe raschere und ausdauerndere Pferde!« »Das würde unnöthiges Aufsehen geben – ich fürchte fast, daß Sie von Spähern umringt sind – ich führe Sie quer durch die Berge auf die nächste Poststation und von da nach Kirchheim, wo ich augenblicklich beschäftigt bin – Sie kennen Kirchheim, hart an der Grenze?« »Ja, ja, hart an der Grenze, und das ist gut – eilen wir!« Wie er aber den Tisch losließ, um seinen Hut zu nehmen, der auf einem Stuhle lag, schwankte er hin und her und konnte nicht anders, wie er mit einem matten Lächeln sagte, als einen Augenblick ausruhen, ehe sie gingen. Dann brach er förmlich auf einem Sopha in der Ecke des Zimmers zusammen, drückte die Hände vor das Gesicht und sagte mit einem Tone des tiefsten Wehes, welcher schneidend in Weldens Seele drang: »O, meine Lucy – meine arme, arme Lucy!« Plötzlich aber schien er sich zu besinnen, wie nothwendig es sei, zu eilen, denn er half sich mühsam, aber rasch von dem Sopha empor, und seine Finger griffen nach einem Schlüsselbunde, den er in der Tasche seines Rockes trug; die Schlüssel klirrten laut zusammen, als er sie hervorzog. »Ja, ja, kommen Sie,« rief er hastig, mit zuckenden Lippen Welden zu – »kommen Sie, es ist vielleicht gut, wenn ich Sie nach Kirchheim begleite, um denen hier von jenseit der Grenze zu sagen, was ich Ihnen zu wissen thun will – in der Nähe sind dergleichen Leute so rücksichtslos – o, es ist lächerlich, mir solche Dummheiten zuzutrauen – aber ich kenne das – was die Polizei schonend nennt, und ein guter Name, der einmal mit Schmutz beworfen ist, mag sehen, wie er wieder zu höherer Reinheit kommt – deßhalb weichen wir dem aus – ich muß das thun – o, mein armer Kopf, ich kann kaum mehr denken – für meine Frau und meine gute, gute Lucy, – von drüben werde ich selbst an den König schreiben und mich über die Rücksichtslosigkeit seiner Beamten beklagen – aber meine Frau – ich muß ihr doch sagen, weßhalb ich mit Ihnen gegangen bin – und doch kann ich ihr nichts sagen – darf ich ihr nichts sagen, trotzdem wir heute Gäste erwarten – ah, das ist sehr traurig, entsetzlich traurig!« Er beugte sein Haupt wie unter der Wucht eines furchtbaren Druckes tief herab, und es dauerte einige lange, für Welden bange Sekunden, ehe er sich wieder aufrichtete; dann stieß er rasch hervor: »Ja, Welden, Sie sind mein Schutzengel, Sie werden mir mit Ihrer Entschlossenheit helfen, mich mit Ihrer starken Hand unterstützen – kommen Sie – kommen Sie, ehe es zu spät ist!« »Ehe – es – zu – spät – ist!« Dies sagte Herr von Rivola in dem heiseren Tone des tiefsten Entsetzens und streckte die Hände weit von sich ab, wie Jemand, der ein Gespenst sieht, dessen Erscheinen er gefürchtet und das er von sich abwehren möchte, denn unter der Thür, die in's Schreibzimmer fühlte, stand der Polizeirath Merkel. Es war ein furchtbarer Augenblick für alle Drei – ein Augenblick, in welchem die Betreffenden von den widerstreitendsten Gefühlen erfüllt waren, sich aber fast unwillkürlich im Sinne der Worte einigten, welche Herr von Rivola mit tonloser Stimme aussprach: »Herr Polizeirath, wir haben Sie erwartet.« Damit schien auch der alte Mann seine Fassungslosigkeit verloren zu haben, und setzte hinzu, indem er auf den Beamten zutrat: »Es ist hier im Vorzimmer wohl nicht der Ort, darüber zu reden – folgen Sie mir in mein Schreibcabinet – und Herr Welden?« Der Polizeirath warf einen lächelnden Blick auf den jungen Ingenieur und meinte alsdann: »Ich würde sagen, Sie hatten mein Vertrauen mißbraucht, doch da das für einen Dritten geschah, will ich es so streng nicht nehmen – ja, ich könnte Ihnen vielleicht dankbar dafür sein, daß Sie mir hier einen sehr bitteren Anfang erspart haben; jetzt aber muß ich Sie bitten, uns zu verlassen.« Herr von Rivola hatte langsam seine blaue Brille abgenommen, um seine Augen mit dem Schnupftuche abzuwischen, und als er hierauf seinen Blick gegen Welden richtete, lag im Ausdrucke desselben das Gefühl innigsten Dankes; auch streckte er ihm beide Hände entgegen, wobei er sagte: »Gehen Sie mit Gott, mein lieber junger Freund, und seien Sie versichert, daß der Groll, den ich gegen Sie in meinem Herzen hegte, vor meiner ehemaligen Freundschaft für Sie, vor meiner herzlichen Liebe verschwunden ist – gehen Sie mit Gott!« Wie Welden hierauf aus dem Zimmer gekommen war und das Haus verlassen hatte, wußte er später nicht mehr: er fand sich endlich vor seinem Wagen stehen, und als er auf das Landhaus zurückblickte, glaubte er, an einem der offenen Fenster Lucy lehnen zu sehen, ja, es war ihm, als winke sie ihm mit der Hand zum Abschiede; dann fühlte er, wie der Wagen mit ihm davon fuhr. Herr von Rivola hatte sich unterdessen auf dem Stuhle vor seinem Schreibtische niedergelassen, und der Polizeirath saß dicht vor ihm. So unbefangen dieser auch in ähnlichen Fällen ein Gespräch eröffnen konnte, so war es ihm doch lieb, daß der Andere sagte: »Ich weiß, daß Sie von dem Polizeiminister ermächtigt sind, sich in einer gewissen Angelegenheit mit mir zu benehmen, weiß aber auch, daß Ihnen darin die größte Schonung meiner Person und meines Hauses anempfohlen wurde, und glaube noch hinzusetzen zu dürfen, daß ich diese Schonung von Ihnen, einem langjährigen Bekannten, auch ohnehin hätte erwarten können – und nun bitte ich, mir zu sagen: worauf gründet sich der Befehl des Polizei-Ministers, sowie Ihr etwas brüskes Eindringen in mein Haus?« Was der Polizeirath hierauf sagen wollte, hatte er bei sich so genau überlegt, ja, Wort für Wort wohl erwogen und ausgearbeitet, daß er nun im Stande war, in der klarsten Auseinandersetzung, mit auf's logischste zusammengefügten Thatsachen seinem bedauernswürdigen Gegenüber den Beweis zu führen, wie er vollkommen, überzeugt sei, daß Herr von Rivola der Verfertiger der falschen Banknoten sei. Und wie er nach einander aller Umstände erwähnte, von dem kleinen Kupferklümpchen an bis zu dem im alten Thurme aufgefundenen Stückchen Papier, wie er auf's scharfsinnigste alle leichteren Nebenumstände hinein verflocht und mit vollkommenster Überzeugung seinem Ziele näher kam, so erkannte er selbst immer mehr die Richtigkeit alles dessen, was er sagte, in dem stufenweisen Zusammensinken des Freiherrn, und als er schließlich der rothen Mappe hier in eben diesem Schreibtische erwähnte, deren augenblickliche Auslieferung er verlangte, drückte Herr von Rivola die Hände vor das Gesicht und stieß einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus. »Und nun, was soll weiter geschehen?« »Die Ausübung meiner Pflicht,« gab hierauf der Polizeirath zur Antwort, »ist mir noch niemals so sauer geworden, als im gegenwärtigen Augenblicke – ich glaube, es ist nichts Anderes zu thun, als daß Sie die Güte haben, mich nach der Stadt zu begleiten.« »Heute – jetzt – in diesem Augenblicke?« rief Herr von Rivola, auffahrend. »Unmöglich – unmöglich!« »Um kein Aufsehen zu erregen, nehmen wir einen Ihrer Wagen.« »Heute – jetzt? Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß dies unmöglich ist – unmöglich – unmöglich!« »Aber was wollen Sie denn, daß ich thun soll?« »Mit Schonung gegen mich handeln, Herr Polizeirath!« »Mit Schonung, gewiß – ich würde auch so mit Ihnen verfahren, wenn mir dies auch nicht, wie Sie zu wissen scheinen, noch ganz besonders anempfohlen worden wäre – aber sagen Sie mir, mein verehrter Herr, wie soll ich vor meinem Vorgesetzten, der mich hieher gesandt, bestehen, wenn ich Ihrem Verlangen nach das Haus verlasse, ohne mich Ihrer Person versichert zu haben?« »A–a–a–ah, Sie wollen sich meiner Person versichern?« »Leider muß ich das, mein lieber Herr von Rivola – leider muß ich das, in dem Punkte habe ich ganz bestimmte Befehle!« »Sich – meiner – Person – versichern – mich in's Gefängniß führen?« »Leider – leider!« sagte der Polizeirath mit einem bedauernden Achselzucken. »Und heute?« »Heute!« »In dieser Stunde?« »Sogleich, wenn es Ihnen gefällig ist!« »Nein, nein,« rief der unglückliche alte Mann, hastig aufspringend, in lautem Tone – er hatte bis jetzt das Gespräch mit leiser Stimme geführt – »das ist unmöglich – unmöglich! Wissen Sie wohl, Herr Polizeirath, daß ich in der nächsten Viertelstunde Gäste erwarte, Gäste, welche den höchsten Kreisen der Gesellschaft angehören?« »Ich weiß das.« »Wissen Sie auch, daß es sich um die Verlobung meiner armen Tochter Lucy handelt, um deren Verlobung mit dem Grafen Eugen Hartenstein – und nennen das mit Schonung handeln; den Vater zu verhaften, während er im Begriffe steht, den Heirathscontrakt seiner Tochter zu unterzeichnen?« »Auch die Schonung hat ihre Grenzen, Herr Baron.« »Wenn ich Ihnen aber mein Wort gebe, daß ich mich in zwei Stunden zu Ihrer Verfügung stellen will, nachdem Sie sich diese zwei Stunden, ohne Aufsehen zu erregen, hier in meinem Cabinette aufgehalten – mein feierliches Ehrenwort – das Wort eines . . .? – Ah, ich verstehe Ihren Blick!« fuhr er, wild ausbrechend fort, wobei er sich mit einer verzweiflungsvollen Geberde vor die Stirn schlug. »Sie thun mir Unrecht, Herr Baron,« sagte der Polizeirath, näher tretend und sanft die Hand des Anderen ergreifend – »Sie haben meine Miene vollkommen mißverstanden, denn sie sollte meine Zustimmung ausdrücken, so wie ich dies jetzt mit klaren Worten thue – ja, ich will, Ihrem Worte vertrauend, zwei Stunden dort nebenan in der Bibliothek auf Sie warten.« »Ich danke Ihnen – zwei Stunden, eine lange Zeit, und doch wie rasch wird sie verflogen sein! Gehen Sie denn, Herr Polizeirath, und gestatten Sie mir, daß ich mich ein wenig erhole von dem furchtbaren Schlage, um mit heiterem Gesichte meinen Gästen gegenübertreten zu können.« Herr Merkel ging nach einer höflichen Verbeugung in das Bibliothekzimmer und setzte sich dort auf einen Stuhl an's Fenster. »Diese zwei Stunden konnte ich dem unglücklichen Manne schon bewilligen,« dachte er; »ein Entrinnen, selbst wenn er sein Ehrenwort leichtsinnig brechen wollte, ist unmöglich. Eichenwald ist rings umher zu gut besetzt, und seine Energie ist gebrochen. Ja, wenn dieser tolle Hitzkopf, dieser Welden, noch da geblieben wäre, würde ich den Anderen nicht eine Sekunde lang außer Acht gelassen haben – ein ganz verfluchter Bursche, dieser Welden!« Der, dem dieser Ehrentitel galt, hatte indessen allerdings in seinem Wagen Eichenwald verlassen, war aber noch nicht weit gekommen, als er, bewegt von den widerstreitendsten Gefühlen, gequält von den schlimmsten Gedanken, seinem Kutscher befahl, zu halten und ihn zu erwarten, dann aus dem Wagen sprang, gegen das große Gitterthor des Parkes zurückeilte, den schattigen Garten betrat und sich hier durch die verschlungenen Wege der dichten Gebüsche dem Landhause so weit näherte, bis er die Terrasse und eines der Fenster von Herrn von Rivola's Schreibzimmer im Auge hatte. Während dessen war der alte Herr, vor seinem Schreibtische sitzend, kraftlos in sich zusammengesunken und machte erst nach einiger Zeit die furchtbarsten Anstrengungen, um seine Fassung wieder zu gewinnen: »Sturm – Schiffbruch, die ganze Frucht tausendfältiger Mühe verloren – retten wir, was vielleicht noch zu retten ist!« Die Schlüssel des Schreibtisches zitterten in seiner Hand, weßhalb er die Finger fest zusammenpreßte, damit das Klirren nicht im Nebenzimmer gehört werde, und dabei war sein Blick so unsicher geworden, daß er mehrere Male vergeblich versuchte, den richtigen Schlüssel einzustecken. Noch raffte er sich mit übermenschlicher Anstrengung zusammen, öffnete den Schreibtisch, zog das uns wohlbekannte Fach hervor und war im Begriffe, die rothe Mappe herauszunehmen, als er, erschreckt aufhorchend, vor seiner Zimmerthür das Rauschen eines Kleides und eine ihm wohlbekannte Stimme vernahm, welche fragte: »Darf ich hereinkommen, Papa?« Rasch warf er die Schublade wieder zu, setzte hastig seine blaue Brille auf, damit Lucy seine feuchten und gerötheten Augen nicht sähe, und sagte dann: »Gewiß, mein Kind, gewiß – ich freue mich, dich zu sehen.« Und daß er sich in der That darüber freute, hätte man sehen können an seinem jetzt plötzlich ganz veränderten Gesichtsausdrucke. Trat doch das holde Geschöpf in seinem einfachen, weißen Kleide wie ein Friedensengel vor ihn hin, erschien ihm doch seine Tochter wie ein Stern in finstern Nacht, groß, Rettung verheißend – war es ihm doch, als rief ihm eine Stimme zu: »Nein, nein, es ist ja nicht möglich, so unglücklich zu werden – es ist ja alles das nur ein böser Traum, aus dem ich erwachen muß, sobald sie an meine Seite tritt!« Und als sie nun neben ihm stand, als sie sich über ihn hinbeugte, als ihre Wangen seine Stirn berührten, da legte er seinen Arm um ihren Hals, zog sie heftig und innig an sich, und seiner Brust entstiegen die schmerzlichen Laute verhaltenen Weinens. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er sie aus seinen Armen ließ, bis das junge Mädchen darauf ihren Vater betrachtete, bis sie mit ihren weichen Fingern leicht ein paar Thränen von seinen Wangen wischte und bis sie dann in einem so eigenthümlichen, so rührenden Tone sagte: »Papa, auch du scheinst nicht froh und nicht glücklich zu sein an dem heutigen, festlichen Tage?« »Auch du?« gab er in fragendem Tone zur Antwort. »Und wer ist es noch mehr, dem dieser Tag nicht heiter erscheint?« Ein paar Sekunden lang schwieg Lucy auf diese Frage, und erst nachdem sie die Rechte ihres Vaters genommen, sie an ihr Herz, an ihre Stirn, an ihre Lippen gedrückt, sagte sie mit leiser, bebender Stimme: »Ich bin nicht glücklich am heutigen Tage – werde aber doch deine gehorsame Tochter sein.« Zu jeder anderen Zeit würde er über die Worte seiner Tochter, als über die Launen eines jungen Mädchens, gelächelt haben: heute aber, selbst so unglücklich mit dem namenlosen Weh in seinem Herzen, zog er sein Kind noch fester an sich, wobei er hastig die Worte ausstieß: »Aber du sollst ja glücklich werden, Lucy, du sollst und mußt glücklich werden, wenigstens du – wenn auch ... Doch warum bist du nicht glücklich? Spricht dein Herz nicht für die Verbindung, die wir, die besonders deine Mutter so wünschenswerth für dich ansieht?« »Ich sagte dir vorhin schon, ich würde deine gehorsame Tochter sein,« erwiederte Lucy mit einem recht ernsten, traurigen Blicke; »das weißt du auch, und eben so gut weiß ich, daß die Festlichkeit, auf welche sich meine Mutter so unsäglich freut, in kurzer Zeit stattfinden wird – aber ich habe nie vor dir geheuchelt, mein guter Vater, und will dir deßhalb auch jetzt nicht verhehlen, daß mich zu meinem Vetter Hartenstein nicht jenes Gefühl hinzieht, das man haben muß, um eine glückliche Braut zu werden; ich möchte nicht so bald schon dieses unser liebes Haus verlassen, Mama und dich verlassen – o, ich möchte noch lange, lange Jahre bei euch bleiben!« Herr von Rivola stieß einen tiefen, schmerzlichen Seufzer aus; dann sagte er, seinen scheuen Blick eine Sekunde lang nach der Thür des Nebenzimmers richtend: »Aber man kann nicht immer zusammenbleiben, meine liebe, gute Lucy – nein, nein, man kann nicht immer – endlich muß es doch einmal geschieden sein – wenn – auch – mit – aller Schonung.« »Gewiß, mein lieber, guter Vater, ich begreife das wohl,« sagte sie in weichem, zutrauensvollem Tone, wobei sie ihn leicht auf die eiskalte Stirn küßte. »Ich begreife es und verstehe es, wäre aber von selbst wohl nie darauf gekommen, wenigstens noch lange, lange, lange nicht, eine solche Trennung anzubahnen. Wenn ich aber,« setzte sie mit einem verschämten, reizenden Lächeln hinzu, »selbst einmal Veranlassung dazu gegeben hätte, so würde ich auch an dem betreffenden Tage haben ausrufen können: O, ich fühle mich sehr, sehr glücklich!« »Und heute fühlst du dich unglücklich?« »Beinahe so.« »Und ohne eine andere Veranlassung, als daß dir dein Vetter Eugen Hartenstein gleichgültig ist?« »O, er ist mir sehr gleichgültig!« »Und du hast keine andere Veranlassung, Lucy? Sieh mir in die Augen, mein gutes, ehrliches, offenherziges Mädchen – sprich mit deutlichen, klaren Worten – oder soll ich dir vielleicht sagen, was mir jene beiden Thränentropfen erzählen, welche da unter deinen Wimpern hervorquellen?« »O, laß sie dir erzählen,« rief sie schmerzlich bewegt aus, wobei sie sich in seine Arme warf – »laß dir von ihnen die volle Wahrheit erzählen, ich will ja nichts verheimlichen!« »Lucy, du liebst!« »Ich weiß es nicht.« »Dir ist jemand Anders theurer, als dein Vetter Hartenstein?« »O, Viele sind mir theurer, als er – du und meine gute Mutter und Elise . . .« »Und wer noch mehr?« »Und – Herr Welden.« Herr von Rivola löste sanft die ihn umschlingenden Arme seines Kindes, sah darauf Lucy in das tief erröthende Gesicht, wobei er langsam ihre Worte wiederholte: »Und Herr Welden.« »Ich hätte dir das nicht gesagt, mein guter Vater, wenn ich es nicht am heutigen Tage für meine Pflicht halten würde, und ich habe es dir gerade am heutigen Tage gesagt, um wahr vor dir zu erscheinen und um mich später rechtfertigen zu können, wenn ich mit meinem Vetter Hartenstein nicht ganz so glücklich werden sollte, wie ihr es wünscht.« »Als – wir – es – wünschen – ja, gewiß.« »Ich habe es erst heute gesagt, weil ich ja wohl weiß, daß nichts mehr zu ändern ist, und weil ich dir und Mama nicht den Kummer machen wollte, irgend etwas an dem zu ändern, was euch Freude macht.« »Meine gute, gute Lucy!« »Die Festlichkeit wird und muß also vor sich gehen, verstehst du, mein guter Vater – sie muß vor sich gehen, denn ich möchte den Schmerz der guten Mutter nicht mit ansehen, wenn das, was sie so mühsam fast zu Stande gebracht, vereitelt würde – und durch meine Schuld – o, nie, nie!« Der alte Mann hatte sein Kind mit einer so hastigen Bewegung von sich geschoben, daß ihm Lucy erschreckt nachsah, als er, nachdem er nun rasch aufgestanden war, in dem Zimmer auf- und abschritt. Er schien plötzlich mit einem Gedanken beschäftigt, der ihm beim ersten Erfassen fürchterlich erscheinen mochte, denn er zuckte mit dem Kopfe und wehrte mit der rechten Hand etwas Unsichtbares hastig von sich ab; doch glättete sich bald darauf seine Stirn wieder, seine Augen verloren den Ausdruck des Entsetzens, und nachdem er noch einige Male, sinnend auf den Boden blickend, an Lucy vorübergeschritten war, blieb er vor ihr stehen und sagte: »Ja, ja, es müßte allerdings ein ganz erstaunliches Aufsehen machen, wenn plötzlich ein solch' störendes Ereigniß einträte!« »O nein, nein!« »Nicht gerade durch deine Schuld, Lucy,« sprach er mit einem traurigen Lächeln; »es könnte ja ein wohlthätiges Erdbeben kommen, oder der Himmel einstürzen, oder etwas Anderes dergleichen.« »Dein Scherz thut mir weh, denn ich sehe wohl, er kommt nicht aus einem frohen Herzen – aber verzeihe, lieber Vater,« rief sie, auf ihn zueilend und ihre beiden Hände auf seine Schultern legend, »daß ich an Einem fort nur von mir gesprochen und nicht nach deinem Befinden gefragt, obgleich es mir beim Eintreten aufgefallen, wie blaß du bist!« »Ja, so ein Ereigniß,« sagte er, ohne auf ihre Worte zu achten – »wer weiß – wer weiß – vielleicht daß auch die Hartenstein verhindert sind oder daß es sonst etwas gibt – wir haben wohl noch eine halbe Stunde, ehe dein Heirathsvertrag unterzeichnet wird.« In diesem Augenblick öffnete der Kammerdiener langsam die Thür und meldete, daß auf der Höhe des Weges einige Wagen gesehen würden. »Wie heißt es doch in jenem Gedichte?« fragte Herr von Rivola mit einem matten Lächeln. »Ah, richtig – ›und das Unglück schreitet schnell‹ – ich lasse meine Frau bitten, die Herrschaften zu empfangen.« Als der Kammerdiener die Thüre leise hinter sich zugezogen hatte, blickte Herr von Rivola wohl eine halbe Minute lang in die Höhe, wobei er seine Unterlippe zwischen die Zähne klemmte; dann legte er rasch seine beiden Hände um Lucy's Haupt, und ohne irgend welche Anstrengung zu machen, seine hervorstürzenden Thränen zu verbergen, rief er mit einem wilden, leidenschaftlichen, herzzerreißenden Tone: »Und nun lebe wohl, meine Lucy, mein innig geliebtes Kind, du, mein Glück, du, die Freude meines Lebens! Gehe jetzt zu deiner Mutter – es ist die höchste Zeit!« »Nein, nein, so verlasse ich dich nicht! O, wie bin ich jetzt doppelt unglücklich, dir diesen Kummer, diese Aufregung verursacht zu haben!« »Du nicht, du nicht – bei Gott, du nicht, mein Kind! Es ist mein Verhängniß, es ist die ewige Gerechtigkeit, die einen so tiefen Schatten wirft in mein Leben gerade an dem Tage, der mir so froh und festlich erschien – geh' zu deiner Mutter und laß mich jetzt allein, um – mich zu sammeln – ich bitte dich herzlich, Lucy, verlasse mich!« Und als sie ging, gehorsam seinem Befehle, als sie schon an der Thür war, um das Zimmer zu verlassen, da rief er: »Lucy!« mit einem Tone, der tief in ihre Seele schnitt, da eilte er auf sie zu, schloß sie nochmals heftig in seine Arme, küßte ihre Stirn, ihre Lippen, ihre Augen, ihr Haar, und sagte dann, während ein Thränenstrom ihn fast erstickte: »Und nun, mein geliebtes Kind, mag kommen, was will – können wir doch nicht verlangen, daß unser Lebenspfad immer glatt und eben ist, daß die Sonne beständig von einem wolkenlosen Himmel auf uns herablächelt – aber was auch geschieht, was auch kommen mag, denke, Lucy, – denke, Lucy, daß es von jeher mein innigstes Bestreben war, dein Glück, nur dein Glück zu begründen! Denke oft an diese Stunde, und sei versichert, daß dein armer Vater nicht anders handeln konnte, als er handelte! Halte mich deßhalb so lieb in deinem Gedächtniß, wie ich dich liebe – und nun lebe wohl, Lucy!« Darauf drängte er sie sanft zur Thür hinaus, und als sie hörte, daß er den Schlüssel im Schlosse zweimal umdrehte, war es ihr gerade, als müsse sie wieder gewaltsam zu ihm eindringen und an seiner Seite bleiben, bis er sich gesammelt habe, bis er mit ihr hinaus in den Salon gehen könne. Doch hatte sie weder Zeit zum Handeln, noch zum Überlegen, denn sie vernahm jetzt die Stimme ihrer Mutter, welche beunruhigt nach ihr fragte. Herr von Rivola war an der Thür stehen geblieben und streckte seine Hände aus, wie sein verschwundenes Kind segnend, und so verharrte er wohl eine Minute, das Antlitz nach oben gerichtet, sich innig flehend an Ihn wendend, der unser Aller Vater ist. Es war ein stummes Gebet, das er dachte und das ihn wunderbar gestärkt zu haben schien, denn das fieberhaft Erregte in seinen Zügen war verschwunden und hatte einem so ruhigen Ausdrucke Platz gemacht, daß Lucy, wenn sie es gesehen hatte, darüber erstaunt und erfreut gewesen wäre. Aber er schien noch nicht daran zu denken, in den Salon zu gehen, um dort seine hohen Gäste zu empfangen, obgleich er das Rollen ihrer Equipagen, das Anhalten derselben vor der Terrasse, ja, sogar vereinzelte Ausrufungen freudiger Begrüßung vernommen hatte; vielmehr öffnete er die Thür des Bibliothekzimmers und bat Herrn Merkel, für einen Augenblick bei ihm einzutreten – »nur für einen Augenblick, mein verehrter Herr Polizeirath,« wiederholte er und setzte alsdann mit einem fast heiteren Ausdrucke hinzu: »Sie haben mir zwei Stunden bewilligt, und wenn ich auch vielleicht diese ganze Zeit nicht auszunutzen brauche, so wissen Sie, daß ich da draußen noch ein Geschäft abzumachen habe, nach dessen Beendigung erst ich mich ganz zu Ihrer Verfügung stellen kann. Um Ihnen aber zu beweisen, wie sehr es mir darum zu thun ist, mich für Ihre Freundlichkeit und Schonung dankbar zu bezeigen, so will ich vorher, ehe ich meinen Weg da hinaus antrete, Ihnen die gewünschte rothe Mappe mit ihrem ganzen Inhalte einhändigen.« Herr Merkel verbeugte sich schweigend, und als er nun näher zum Tische trat, war er überrascht, ja, erfreut von der Ruhe und Fassung, mit welcher Herr von Rivola zu ihm sprach, und von der festen Hand des alten Herrn, mit welcher er das uns wohlbekannte geheime Fach aufschloß, die rothe Mappe herausnahm, sie behutsam öffnete und alsdann eine Masse von Banknoten, Tausender und Fünfhunderter, wohlgeordnet in bezeichneten Paketen, seinen erstaunten Blicken darlegte. »Dies war doch, was Sie gewünscht?« sagte der alte Herr. »Allerdings, und ich kann Ihnen dabei nicht verhehlen, daß es mehr ist, als ich erwartet.« »Sie sehen daraus, Herr Polizeirath, was für ein vortrefflicher Haushälter ich bin – nehmen Sie Alles, wenn ich bitten darf.« »Nachdem Sie mir vielleicht eine Zählung gestattet und ich hierauf ein kleines Protokoll aufgenommen über den allerdings erstaunlichen Inhalt dieser Mappe.« »Wozu diese Förmlichkeiten? Herr Polizeirath, Sie dürfen mir glauben, daß meine Zeit unendlich kostbar ist – machen wir die Sache für den Augenblick einfacher; hier ist Bindfaden, Siegellack und Petschaft, verschließen Sie die Mappe damit, und wenn Sie dieselbe später eröffnen, so können Sie ja, wenn Sie wollen, das unverletzte Siegel vorher constatiren lassen.« »Wenn es Ihnen so lieber ist . . .« »Ich bitte darum – nehmen Sie Platz.« »Nur für einen Augenblick, wenn Sie erlauben – ich will Ihre kostbare Zeit nicht unnöthig in Anspruch nehmen,« sagte Herr Merkel, indem er rasch einen Stuhl an den Schreibtisch schob, sich vor die Banknoten setzte, um dieselben, ehe er sie wieder in die Mappe verschloß, noch einmal mit aufrichtiger Bewunderung zu betrachten. »Welche Arbeit,« rief er dann – »welche erstaunliche Arbeit!« »Was wollen Sie – das Ergebniß langer, mühe- und arbeitsvoller Jahre – dieser Schatz, Herr Polizeirath, könnte noch ungleich größer sein, wenn ich nicht große Summen für das allgemeine Wohl geopfert hätte durch meine Betheiligung an gemeinnützigen Anstalten, die leider zum kleinsten Theile für mich nutzbringend gewesen sind.« »Wer weiß das nicht, Herr Baron! Sie haben große Summen geopfert auf eine edle, uneigennützige Art; es wird das gewiß nie vergessen werden.« »Ich hoffe so, wenn auch nicht für mich – ich bin ein alter Mann – so doch vielleicht für meine Frau und meine einzige Tochter. O, meine arme Lucy!« rief der alte Mann plötzlich in einem so schneidenden Tone, daß der Polizeirath ihm mit warmer Empfindung die Hand auf den Arm legte und mit einem leichten Drucke sagte: »Vergessen Sie nicht, Herr von Rivola, daß Sie mächtige Freunde haben, und daß auch ich, der hier vor Ihnen sitzt, ein aufrichtiger Bewunderer bin ebensowohl Ihrer großen Kenntnisse als Ihrer sonstigen ausgezeichneten Eigenschaften. O, Herr von Rivola, man spricht uns Polizeileuten gern das tiefe Gefühl ab, und doch kann ich Ihnen den Jammer nicht beschreiben, der mich befällt, wenn ich bedenke, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie Ihr tiefes Wissen nur dem allgemeinen Wohle gewidmet hätten!« Hier zeigte sich auf dem Gesichte des alten Herrn ein ganz eigenthümliches Lächeln, als er versetzte: »Und soll ich Ihnen vielleicht sagen, was aus mir geworden wäre? Ein armer Mann, ein Bettler! Wer hat mir Ersatz geboten, als ich große Summen hier und da verlor, als ich Dampfschiffe bauen ließ, als ich Wasch- und Badeanstalten einrichtete, als ich versuchte, aus ordinärem Gußeisen Stahl zu machen? Niemand! Der Narr hieß es, mit seinen schwindelhaften Projekten, dieser unruhige Kopf, der nicht genug zusammenscharren kann! – Doch lassen wir das jetzt,« setzte er hinzu, einen Blick auf die Standuhr über dem Kamine richtend, »unaufhaltsam rennt der Zeiger – der Zeiger dort, wie der unserer Lebensuhr – was hilft alles vergebliche Klagen? Sind wir doch nicht im Stande, auch nur den hundertsten Theil der vorbeigezogenen Sekunde zurückzukaufen! Also vorwärts mit festen Augen, bis unsere Stunde ausgeschlagen hat!« Der Polizeirath hatte die Mappe mit Bindfaden umwunden und sorgfältig versiegelt; er nahm sie unter den Arm und sagte alsdann, sich nach der Thür des Nebenzimmers zurückziehend: »Besorgen Sie Ihre Geschäfte mit aller Bequemlichkeit, Herr von Rivola; ich warte gern auch über die bedungene Zeit. Rufen Sie mich, wenn es Ihnen gefällig ist, daß wir mit einander das Haus verlassen.« Darauf war Herr von Rivola allein und horchte aufmerksam, weil er vernahm, daß abermals Wagen an der Terrasse anfuhren und daß abermals ankommende Gäste von seiner Frau auf's heiterste begrüßt wurden. »Man wird mich nicht eher vermissen, als bis Alle versammelt sind, das heißt, bis der alte Graf Hartenstein da ist, und da er nie vor der bestimmten Stunde kommt, so habe ich noch gut zehn Minuten für mich – viel, und doch wie wenig, wie entsetzlich wenig!« Er setzte sich rasch an seinen Schreibtisch, nahm einen Briefbogen und füllte alle vier Seiten desselben in fliegender Eile; dann steckte er ihn in einen Umschlag, siegelte denselben zu, überschrieb ihn an seine Frau und steckte den Brief so unter die Papiere, welche auf seinem Schreibtische lagen, daß er erst nach einigem Suchen gefunden werden konnte. Hierauf öffnete er mit fester Hand eine andere verborgene Schublade seines Schreibtisches, wobei die Schlüssel zwischen seinen Fingern auch nicht im geringsten klirrten, und holte dort eine kleine Büchse von einem matten, silberähnlichen Metall – es war Platina – hervor. In dieser befand sich ein Metallfläschchen, das vielleicht zur Hälfte mit einer weißen Flüssigkeit gefüllt war. Er goß davon etwas in einen kleinen Löffel, den er alsdann behutsam neben sich hinlegte, worauf er das Krystallfläschchen wieder in den Platinabehälter verschloß, nachdem er vorher die Flüssigkeit vermittelst einer auf seinem Tische stehenden Wasserkaraffe durch Aufgießen bis zum Rande des Fläschchens verdünnt hatte. Sorgfältig brachte er nun die kleine Büchse wieder an ihren Platz und drückte ein Miniaturportrait seiner Tochter Lucy, welches sich stets auf dem Tische befand, dicht vor seine Augen – vor seine umflorten Augen mit den zuckenden Wimpern – vor seine Augen, die, mit Thränen angefüllt, ihm kaum gestatteten, den kleinen Löffel mit Sicherheit zum Munde zu führen. – – Welden war nicht im Stande gewesen, das dichte Gebüsch zu verlassen, in welchem er sich verborgen hielt und von wo aus er die Terrasse vor dem Landhause, sowie eines der Fenster in dem Schreibzimmer des Herrn von Rivola sehen konnte; ja, er vermochte nicht, sich hier loszureißen, obgleich er wußte, daß er nicht unentdeckt geblieben, denn von den Bedienten des Hauses hatten ihn einige in den Park gehen sehen, und dann waren noch Leute, welche er bisher nie unter der Dienerschaft bemerkt, mehrere Male an ihm vorübergegangen und hatten ihn mit mißtrauischen Blicken betrachtet. Das kümmerte ihn indessen wenig, denn er konnte sich denken, wer diese Leute waren, und gerade weil er sie hier umherschleichen sah, fiel es ihm um so weniger ein, seinen Platz zu verlassen. Endlich fuhren die ersten Wagen durch das Gitterthor, glänzende Equipagen mit reich geschirrten, prächtigen Pferden und galonirten Bedienten. Sie hielten nach einander droben auf der Terrasse, und er kannte die vornehmen Leute wohl, welche da ausstiegen und die zuerst von der Frau des Hauses allein empfangen wurden. Dann sah er auch Lucy erscheinen, und ihr Gesicht erschien ihm bleicher, als der weiße Stoff ihres Gewandes; sie stand an der Hand ihrer Mutter und lächelte den Ankommenden entgegen, aber es war das kein frisches, fröhliches Lächeln, wie er es an Lucy gewohnt war, vielmehr ein Lächeln, welches hart an der Grenze des Weinens stand. Auch schienen ihre umflorten Augen, anstatt auf den Ankommenden zu haften, über diese hinweg in dem Garten umher zu irren; zuweilen auch dünkte es ihm, als zucke sie schmerzlich zusammen und wende dann ihren Kopf rascher rückwärts gegen das Schreibzimmer ihres Vaters. Ahnte sie, was sich dort begab, oder ahnte es ihre stolze, hochmüthige Mutter, oder all die vornehmen Herrschaften? – Die letzteren gewiß nicht, denn das plauderte so unbefangen und vergnügt durch einander dort auf der Terrasse, wo sie beisammen standen und wo jeder neu Ankommende mit einem vergnügten Worte, mit einem heiteren Scherze empfangen wurde. Ah, wie sie so glücklich waren, diese vornehmen Leute! Da mit Einem Male fuhr Welden gewaltsam empor aus seinem Versteck, er hielt sich nicht mehr zurück, denn da droben mußte sich etwas Außergewöhnliches begeben haben: Lucy hatte sich von der Hand ihrer Mutter losgerissen und war, einen Schrei ausstoßend, in das Haus zurückgeeilt, während Frau von Rivola furchtbar erbleicht stehen blieb und die Unruhe ihrer Gäste zu beschwichtigen schien. In wenigen raschen Sätzen hatte der junge Ingenieur, Terrasse und Haus umkreisend, die andere Eingangsthür erreicht und war dort eingedrungen, ohne sich lange zu besinnen, stand aber hier athemlos, als er den Polizeirath Merkel sah, der ihm mit verstörter Miene entgegen trat und ihm zurief: »Einen Arzt, einen Arzt! Wo finde ich Kutscher und Reitknecht, daß man nach der Stadt eilt, um einen Arzt zu holen? O, das ist schrecklich, das ist jammervoll! Dort, dort – gehen Sie in's Schreibzimmer und warten Sie, bis ich zurückkomme!« Welden durchschauerte es, denn es mußte etwas Furchtbares sein, was den sonst so ruhigen Mann also verwandelt. Die Thür des Bibliothekzimmers stand offen, er konnte durch dieses hindurch in das Schreibzimmer blicken; da sah er Herrn von Rivola auf seinem Stuhle sitzen, sein Kopf war tief auf die Brust herabgesunken, seine Hände hingen schlaff neben den Lehnen seines Sessels, vor ihm kniete Lucy, ihre Hände ringend, an der Thür stand Frau von Rivola schreckensbleich, doch besonnen genug, um den Schlüssel im Schlosse umzudrehen. Rasch hatte sich jetzt Welden genähert, und ein leichter Ruf des Schreckens, der von seinen Lippen drang, ließ das junge Mädchen aufschauen; er reichte ihr seine beiden Hände, um sie aufzurichten, und mußte es geschehen lassen, daß sie laut aufschluchzend an seine Brust sank, wobei sie ausrief: »Ein Freund, ein wirklicher Freund bei all dem Jammer!« »Ein namenloses Unglück gerade jetzt!« rief Frau von Rivola und setzte alsdann, näher tretend, mit leiser, unsicherer Stimme hinzu: »Verstehen Sie etwas von all dem, Herr Welden? Sie waren hier vor einer halben Stunde, Sie waren der Letzte, der eine längere Unterredung mit ihm hatte – o, mein Gott, dieses grauenvolle Schicksal! Hier dieses furchtbare Unglück, und unsere Gäste draußen!« »Deßhalb Fassung und rasches Überlegen – ja, ich war hier bei Herrn von Rivola, ich hatte eine Unterredung mit ihm und fand ihn so aufgeregt, daß ich es fast begreiflich finde – ein Nervenschlag hat seinem Leben ein Ende gemacht.« Während er so sprach, das ohnmächtig gewordene Mädchen in seinen Armen haltend, hafteten seine Blicke auf dem kleinen Löffel, der den erstarrten Fingern entglitten war und neben dem Stuhle auf dem Boden lag. Auch Frau von Rivola sah diesen Löffel zu gleicher Zeit, und ihn rasch aufhebend, wiederholte sie, mit dem starren Ausdrucke des Entsetzens in ihrem Blicke, mechanisch die Worte Welden's: »Ja, so ist es, ein Nervenschlag hat seinem Leben ein Ende gemacht.« Dann zuckte sie zusammen und verließ mit wankenden Schritten das Zimmer, um denen draußen Mittheilung zu machen von dem furchtbaren Schlage, der ihr Haus betroffen. – – Hiermit schließt unsere Geschichte, hiermit muß sie schließen, da von dem Geheimnisse der Stadt auf so gewaltsame Weise der Schleier abgerissen ward und es nun klar am Tage lag und von einem Dutzend Kaffee- und eben so vielen Theegesellschaften auf's überzeugendste festgestellt wurde, welch' inniger Zusammenhang bestanden zwischen dem Verlangen des Stadtschultheißen, die Gitterthür zuzumauern, und jenem schrecklichen Vorfalle auf Eichenwald. Daß alle Glieder der Kette, welche zwischen diesen beiden Punkten lagen, sich eben so furchtbar ergänzten, wer möchte daran zweifeln? – gewiß Niemand von denen, die es so sehr liebten, mit fühlendem Herzen bei Kaffee und süßem Backwerk den guten Namen ihres Nebenmenschen gründlich zu zerarbeiten. War es doch so klar wie der Tag, daß der Stadtschultheiß irgend einen Antheil hatte an dem verbrecherischen Treiben des alten Freiherrn – warum hätte er denn sonst, als die Sache zum Ausbruche zu kommen drohte, eine so kluge Maßregel befürwortet, wie das Zumauern jener Gitterthür? – gewiß nicht des schlechten Geruches wegen, sondern einzig und allein um eine feste Mauer aufzurichten zwischen sich und jenem unheimlichen Thurme, in welchem ja Verbrechen verübt worden waren, bei deren bloßem Gedanken jeder tugendhaften Klatschschwester die Haut schauderte. Hatte man dort nicht in stiller Mitternacht aus dem unterirdischen Gewölbe hervor so häufig schauerliches Klagen und Stöhnen gehört, seltsames Geräusch aller Art, die unerklärlichsten Töne? Hatte dort nicht eine Frau Mayer mit vielen schönen Töchtern und sehr vielen schönen Nichten gewohnt? War nicht die Frau des alten Dieners Friedrich plötzlich ohne Anzeige und erlangte Erlaubniß hierzu gestorben, also auf eine furchtbare Art ermordet worden? Beweise dafür hatten sich ja genügend in dem unterirdischen Gange vorgefunden: große Massen flüssig gewesenen Metalls, die auf eine raffinirte Todesart schließen ließen, ferner Stricke, Ketten, Beile, kurz, der ganze, vollständige Apparat einer Mörderhöhle! Daß von all dem Schrecklichen nichts an das Tageslicht gezogen und die Thäter dem strafenden Arme der Gerechtigkeit überliefert wurden, wer mochte sich darüber wundern! Ja, wenn es kleine, unbedeutende Leute gewesen wären – aber so – – Mit welcher Sehnsucht hofften die betreffenden guten Herzen darauf, daß sich aus allem dem ein recht hübscher Scandal entwickeln würde, und wie waren sie entrüstet, als sie sich getäuscht fanden! Herr von Rivola war allerdings auf seinem Landgute Eichenwald gestorben, aber eines ganz natürlichen Todes, wie die Betreffenden es mit den glaubwürdigsten Mienen Jedermann versicherten, der es hören wollte; allerdings war an dem Neuigkeitshimmel der Residenz ein schweres, prachtvolles Gewitter aufgestiegen, und einige leuchtende Blitze, welche in jenen Tagen die schwarzen Wolken erhellten, zeigten ein großes Verbrechen in räthselhafter Form und von einer fabelhaften Ausdehnung; aber das Gewitter war nicht zum Ausbruche gekommen, sondern es hatte sich verzogen, und man hörte eines Tages mit Erstaunen, daß man der Frau von Rivola am betreffenden Allerhöchsten Orte eine huldreiche Audienz gewährt und daß dieselbe darauf zu einem ihrer Brüder, einem Grafen Hartenstein, auf das Land gezogen sei. Auch war Ferdinand Welkermann nicht nur aus seiner ziemlich langen Haft entlassen worden, sondern man sah sich auch veranlaßt, ihm genügende Erklärungen zu geben, ja, man hätte ihn sogar in seinem bisherigen Amte belassen, wenn er es kluger Weise nicht vorgezogen, in einem anderen Theile der Erde sein Glück zu versuchen. Ob er Steffler, an dem nun ebenfalls keine weitere Schuld gefunden wurde, mit sich nahm, oder ob dieser allein seinen Weg nach Amerika fand, wissen wir nicht genau anzugeben. Herr Merkel hätte darüber allerdings sowie auch noch über manches Andere, das Geheimniß der Stadt betreffend, sogleich schon genauere Auskunft geben können, doch beobachtete er, so lange er Polizeirath war, über diese Angelegenheit ein ziemlich verdrießliches Stillschweigen, und erst nach einem halben Jahre, als er Polizeidirektor geworden war, gestand er Welden, den er in Kirchheim besuchte, daß es ihn selbst glücklicher als seine Ernennung gemacht haben würde, wenn er einen gewissen, höchst interessanten Fall, den er indessen nicht näher bezeichnen wolle, mit Gründlichkeit hätte zergliedern können. Der Stadtschultheiß hatte ebenfalls die Residenz verlassen, auf die Empfehlung des alten Heilemann hin jenes Gut bei Kirchheim gekauft und dasselbe mit seiner Frau und seiner Tochter Elise bezogen, welch' letztere noch ein junges Mädchen, ihre beste Freundin, Lucy, nicht ohne Kampf mit sich genommen hatte; denn wenn Frau von Rivola es auch wohl gefühlt, wie dringend nöthig es für Lucy sei, an einem stillen, friedlichen Orte zu weilen, fern von den Zeugen ihres ehemaligen Lebens, fern von allem, was sie an jenen furchtbaren Schlag erinnern mußte, der so schmerzlich ihr junges Dasein betroffen, so hatte sie sich doch in der Liebe zu ihrem einzigen Kinde, sowie in dem Gefühle der Einsamkeit lange gesträubt, Lucy, wenn auch nur auf einige Monate, von sich zu lassen. Doch – die Freundschaft hatte gesiegt. Ob diesem Siege der Freundschaft noch ein anderer Sieg über Lucy's Herz folgte, darüber haben wir im Augenblicke keine Gewißheit, obgleich eine recht angenehme Aussicht. Das Leben auf dem Gute des Herrn Welkermann gestaltete sich zu einem höchst angenehmen und behaglichen; es lag nicht nur dicht an der Eisenbahnlinie, welche der Ober-Ingenieur Welden baute, sondern es wurde auch durch diese in so fern berührt, als einem Waldbache der Bahnlinie wegen eine andere Richtung gegeben werden mußte, was zu ausführlichen und langen Verhandlungen zwischen dem Bauamte und Herrn Welkermann Veranlassung gab, welche Verhandlungen der Ober-Ingenieur Welden stets in eigener Person zu leiten pflegte. Dabei ereignete es sich nun – nein, so wollten wir eigentlich nicht sagen, denn es war vor der Hand noch von keinem Ereignisse die Rede, – dabei geschah es – doch auch dieser Ausdruck ist nicht ganz richtig, da einstweilen gar nichts geschah, – da fand es sich, haben wir das Recht, zu sagen, denn es fand sich allerdings, daß Lucy von Rivola sich sehr für die Eisenbahn- und Waldbachfrage interessirte und häufig zu den Verhandlungen hierüber zugelassen wurde, wobei – – Leider bin ich, der Erzähler dieser wahrhaftigen Geschichte, in den vielleicht nicht ganz unverdienten Ruf gekommen, als sei ich ein unverbesserlicher Hochzeitsstifter. Ob dies in den Augen meiner schönen Leserinnen ein Fehler ist, weiß ich nicht, doch lehrt es mich vorsichtig sein, und darf ich deßhalb zum Schlusse dieser Zeilen, der Wahrheit folgend, nur noch sagen, was ich von einem Augenzeugen weiß, daß nämlich nach Monaten Frau von Rivola selbst gekommen sei, um ihre Tochter abzuholen, daß sie bei dieser Veranlassung zuerst eine große Unterredung mit Herrn Welkermann, dann eine mit dem Herrn Ober-Ingenieur Welden gehabt und daß dieser hierauf eine Stunde später mit Lucy von Rivola auf einer Anhöhe im Walde gesehen wurde, von wo man eine prachtvolle Rundschau auf das rings umher liegende wellenförmige Land hatte. Beide seien sehr heiter, sehr glücklich gewesen: Lucy habe den Kopf an Welden's Schulter gelehnt und ihm etwas zugeflüstert – gewiß kein Geheimniß der Stadt, vielleicht aber das Geheimniß eines seligen Herzens. – –