Alfred Brust Spiele   *   1920 Kurt Wolff Verlag München     Inhalt Südseespiel Das Indische Spiel Das Spiel Jenseits Ein Bauspiel Frühlingsspiel Höllenspiel Ostrom Der singende Fisch     Südseespiel Menschen: Tipetepak Kamba Burubu Der Märchenerzähler Der Bildschnitzer Wila Volk   Die Darsteller treten auf und gehen stets vorwärts ab, so wie sie gerade gesprochen haben. Das Stück wird getragen gespielt. Handlung und Rede gehen ganz langsam schrittweise weiter – mit einer verinnerlichten Pathetik. Burubu und Kamba (gehen über die Bühne) . Burubu . Tipetepak geht vorüber. Tipetepak (geht über die Bühne; sie grüßt die Jünglinge leicht mit der Hand) . Burubu und Kamba (schlagen einmal zum Gegengruß die Handflächen ineinander) . Burubu . Was meinst du, wen sie wählen wird morgen am Abend? Kamba . Sie ist so weit . . . Mich wird sie wählen. Burubu . O – dich wird sie wählen . . . Und ich rieche den Weg, den sie gegangen ist – und du riechst ihn nicht. (Sie verlieren sich.) Der Märchenerzähler (kommt Tipetepak entgegen) . Tipetepak . Dich suche ich! Märchenerzähler . So hast du mich wohl finden müssen. Sprich, wovon die alte Krähe krächzen soll, schönes Mädchen. Tipetepak . Ich soll morgen wählen. 8 Märchenerzähler . O, ich werde dabei sein. Tipetepak . Weshalb wählt das Mädchen den Mann – und nicht der Mann das Mädchen? Märchenerzähler . Die Menschen, die füreinander bestimmt sind, finden sich doch. Da lassen die Männer der Frau gern die Wahl. Tipetepak . So will ich nachdenken bis morgen abend. Märchenerzähler (geht in den Hintergrund) . (Mit lautem Sprechen kommen von allen Seiten junge und alte Leute herbei. Die Jungen bilden einen Kreis. Die Alten verstreuen sich rings. Der Bildschnitzer und der Märchenerzähler stehen in der Mitte.) Märchenerzähler . Tipetepak soll heute wählen! Bildschnitzer . Ich habe ihr Bild in Holz geschnitzt. Der Jüngling, der nach der Wahl weint, soll es haben. Alle (klatschen in die Hand) . Tipetepak (mit Blumen im Haar, tritt auf, sieht sich verwirrt um und schreitet auf Kamba zu, der ihre Brüste beide mit dem Unterarm berührt) . Burubu (schluchzt auf und schlägt die Hände vors Gesicht) . Bildschnitzer (tritt auf ihn zu und reicht ihm eine ganz kleine Plastik) . Burubu, Freund, der du selbst bildest, dir, dir fällt es zu! 9 Tipetepak (sieht voll Staunen auf den Jüngling) . Burubu . Ich will mein Leben lang nur Schönes denken wie du. Still und weise will ich sein wie du. (Er geht fort, versunken in den Anblick des Bildes in seiner Hand.) Märchenerzähler . Es war eine Jungfrau in Palau, die hatte falsch gewählt. Vielleicht hatte sie richtig gewählt, denn wer kann sagen, daß er falsch gewählt hätte!? Da sah ihr Mann eine trächtige Sau in der Lust, und er kam heim und schlug seine Frau. Sie aber hielt den Rücken hin und weinte nicht; denn in den Stockschlägen fühlte sie die Süße der verbotenen Frucht. Ein Greis . Was denn lehrst du Schlimmes der Jugend? Märchenerzähler . Seht, es gibt kein Gutes und kein Schlimmes. Die Natur handelt, aber wir denken, und so wird es gut oder schlimm. Bildschnitzer (blickt Tipetepak sinnend an) . Es war eine Jungfrau in Palau . . . Das Volk (verliert sich schweigend) . Märchenerzähler . Wir wollen hingehen, wo es gilt, Menschenkinder fröhlich zu machen. Kamba und Tipetepak (allein) . Tipetepak (weint) . Kamba . Ich will dich süß betten in meiner Hütte. Da plätschert das Wasser vom Meer, in den Büschen flüstert der ruhige Wind. 10 Tipetepak . Du sprichst, sprichst, sprichst . . . Kamba . Komm . . . (Sie gehen.) Burubu (tritt auf; er ist herbe geworden im Gesicht, aber seine Augen sind leuchtender) . Wila (kommt ihm entgegen) . Weshalb verschließt du dich meiner Wahl? Ich weine nach dir in den Nächten. Der Mond fließt hin. Und Tipetepak hat einen Sohn. Burubu Noch viele Bilder hab ich zu schnitzen. Da hab ich noch viele Schmerzen und viel Alleinsein zu ertragen. Wila . Bring uns noch viele Bilder. Aber ich komme wieder. (Sie geht vorüber.) Tipetepak (tritt auf; sie ist schöner und ernster geworden) . Burubu . Ich sah dich lange nicht. Tipetepak (zittert) . Burubu Und schöner bist du und ernster geworden. Ich will ein Bild machen, herrlicher als jenes, das Maru mir einst geschenkt. Tipetepak . Du sprachst nie ein Wort . . . Burubu Tipetepak!– (Er tritt nahe an sie heran.) 11 Tipetepak . Du bist so schön – und Kamba hat viel Besitz hergeben müssen für deine Gesichte. Burubu (legt den Arm um ihre Schulter) . Frau! – Tipetepak (erschauert) . Burubu . Ich habe viel Freude in Kambas Hütte gehört. Und ich habe viel geweint . . . Und dann ging ich hin und machte ein Bild. Das wurden meine schönsten. (Er küßt ihren Hals.) Tipetepak (geht nach dem Hintergrunde und zieht Burubu an ihrem Halse mit fort) . Märchenerzähler und Bildschnitzer (gehen vorüber) . Bildschnitzer . Weshalb verstehen die Menschen nicht, was für eine tiefe Liebe in allen Gestalten liegt? Aber wenn sie etwas nicht begreifen, sagen sie gleich, es wäre schlecht! Da ist es besser, man stirbt; wie man überhaupt stirbt, wenn man die letzte Weisheit erkannt hat. Märchenerzähler . Und doch ist von der letzten Weisheit bis zur wahren Weisheit noch ein weiter Weg. Bildschnitzer . Es gibt nichts Schlechtes. Es gibt nur Notwendiges! (Man sieht sie nicht mehr.) Tipetepak (aus dem Hintergrunde; sie blickt verwirrt um sich) . Kamba (tritt ihr hastig entgegen; er hat einen Rohrstab in der Hand und atmet schwer) . 12 Tipetepak (erschrickt) . Kamba . Ich habe im Walde eine trächtige Sau in der Lust gesehn! Du warst mir untreu! Tipetepak (tonlos) . Schlag mich . . . Kamba (schlägt sie mit dem Rohrstab mehrmals auf den Rücken) . Tipetepak (trägt den Schmerz mit süßer Verzückung) . Kamba (heiser) . Komm! Tipetepak (folgt ihm schweigend) . Burubu (tritt verstört hervor) . Wila (geht ihm entgegen) . Burubu . Ach – dich suche ich nicht! Wila . Ich bin immer bei dir. Burubu . Weshalb tust du das? Weißt du nicht, daß ich allein sein muß? Wila . Du siehst keine Frau an. Das ist ungesund. Man redet von dir mit bösen Scherzen. Burubu . Laß sie reden. Was kümmert es mich, wovon sie reden?! Was ich denke, das wißt ihr nicht. 13 Wila . Ich will deine Trübnis hinweglächeln. Sieh – ich werde alt in Sehnsucht nach dir. Burubu . Werde alt; werde was du willst. Laß mich allein. Wila (abgehend) . Ich bin immer in deiner Nähe. Burubu (in sich hinein) . Ich bin alle Menschen. Tipetepak (Sie ist mager geworden und trägt ein kleines Kind auf dem Arm.) Burubu . Tipetepak! Tipetepak . Dein Kind! Burubu (steht überwältigt und bebt) . Und heute soll es geopfert werden! Märchenerzähler (tritt hinzu) . Dein zweites Kind, Tipetepak! Es soll heilig sterben! Tipetepak . Weshalb nur will man das? Märchenerzähler . Es gibt ein Land, da läßt man alle Kinder leben. Und es ist nicht genug im Lande, daß alle satt werden. Die Männer nehmen Pfeil und Bogen und fahren auf ihren Schiffen in fremde Länder und töten fremde Menschen, die nichts dafür können, und nehmen ihnen ihre Nahrung. Wir sind ein friedliches Volk und haben einen friedlichen König und wollen nicht das Blut fremder Menschen sehn. 14 Tipetepak . Aber auf ein Kind, ich meine, kommt es nicht an. Märchenerzähler . Was die Götter weisen Männern erzählt haben, daran soll man sich nicht stoßen. (Er geht fort.) Tipetepak (heftig) . Und ich gebe es nicht! Hilf mir, hilf mir! Ich gebe es nicht! (Sie küßt das Kind.) Burubu . Unser Kind . . . Tipetepak . Ich gehe hinab ans Meer. Dort weiß ich eine Stelle, wo man mich nicht findet. (Sie reicht Burubu das Kind, welcher es küßt, und geht schnell fort.) Kamba (tritt auf) . Sahst du Tipetepak mit dem Kinde? Burubu Ich habe sie gesehn. Kamba (sieht ihn fragend an) . Burubu . Ich sage es nicht, ich nicht! Kamba . Das Feuer knistert, und der Spieß wartet. Märchenerzähler (mit dem Kinde auf dem Arm) . Am Meer hatte sie sich versteckt. So wollen wir opfern. Tipetepak (hinterher) . Mein Kind! Laßt es nicht sterben! Tötet das Erste!! – 15 Kamba . Sie redet irre! Sie redet irre! Burubu (aus tiefster Überzeugung) . Das tut sie wirklich! Tipetepak (sieht ihn versteinert an) . Die Götter, die Götter. Märchenerzähler (mit dem Kinde ab) . Kamba (folgt ihm) . Burubu . Sie werden alle von dem Fleische essen, und es wird das Glück des Landes sein. Tipetepak . Und du, du, du? Burubu . Mein Boot trägt uns in ein anderes Land. Dort wollen wir uns einer anderen Erstgeburt erfreuen. Tipetepak (schmiegt sich an ihn) . Komm! (Sie gehen langsam nach dem Hintergrunde.) (Aus der Ferne hört man harten, heftigen Gesang.) Bildschnitzer (kommt und ruft getragen dem Gesange zu) : Wila ist hinabgestiegen ins Meer – zu den Fischen! Die Götter haben gerufen! (Der Gesang verstummt . . . Volk geht über die Bühne und trägt den Leichnam eines Kindes am Spieß.)     Das indische Spiel (Der exotischen Kulturspiele zweites Stück) Menschen: Vaddasin Vaddasins Mutter Sananasani Sananasanis Mutter Der Priester Der Fakir Der Bildner Der Arzt Männer und Frauen in Indien Schauplatz: Die wandernde Zeit Das Stück wird in langsam abgemessenem Schritte gespielt.   Der Priester (spricht mit geschlossenen Händen zum Himmel) . Deine ganze Kraft liegt in uns. Ich muß den Geist schärfen, daß ich sie finde. Es rauscht ein Strom, der bist du. Und wir sind der Strom, in dem wir fluten . . . Vaddasins Mutter (mit Vaddasin auf dem Arme) . Dies ist mein Sohn Vaddasin. Der Priester . Möge er einst durch die Kraft seines Geistes in das Licht des Alls gehoben werden. Sananasanis Mutter . Diesem Mädchen habe ich das Leben geschenkt. Der Priester . Gib ihm den Namen Sananasani. Und aus der Fülle der Erleuchtungen, die auf mich zuströmen, vermähle ich zwei junge Menschen für die Zukunft. (Er berührt die Kinder beide.) Es wird viel Schmerz in ihrem Leben sein. Doch sie werden das Höchste schauen! Geht hin in den Tempel und sammelt euch im Geiste Buddhas. Die Frauen (gehen vorwärts ab) . Der Fakir (tritt auf) . Der Priester . Du starker schöner Mensch! Junger Bruder. Der Fakir . Ich komme aus der Wildnis und will wert sein, ein Stern in eurer Kaste zu bedeuten . . . 20 Der Priester . Sprich, was du kannst. Der Fakir . Wer kann sprechen, was er kann? Wer kann beweisen? Man denkt, denkt, denkt! Denkt Menschen und Schicksale! Denkt Menschen ans Licht, denkt Menschen zu Tode. Du hast soeben getan, was ich gedacht habe! Der Priester . Ich war unfrei. Du bist stärker als ich! Der Fakir . Ich will zwanzig Jahre auf einem Bein stehn, leiblich ersterben und meinen Geist in Vaddasins Hirn tauchen, auf daß er zu großer Höhe geführt werde und von dort zu größter Höhe gelange. (Er stellt sich auf ein Bein, legt den Oberkörper nach hinten über, die Arme gestreckt zur Höhe.) Der Bildner (mit einer großen Figur) . Ich habe ein Bild gemacht und meinen ganzen Geist hineingelegt. Weihe es mit deinem Geiste, und es ist Gott! (Er stellt das Bild auf.) Der Priester . Wie schön das ist. Ich will mein Leben lang all mein Fühlen, Sinnen und Trachten in diese Gestalt senken. So soll sie leben zum Schicksal Sananasanis. (Er berührt die Plastik.) Schicksale zu bauen. Das ist die Aufgabe aller Priester und Former! (Er verliert sich schweigend.) Der Arzt (tritt auf) . Du hast Schmerzen . . . Der Bildner . Ja – du großer Arzt. Berühre mich und sage mir, ob es schon an der Zeit ist, daß ich hingehe . . . Der Arzt (nimmt die Hand des Bildners und blickt ihm tief ins Auge) . Dein Herz pocht in wilden Schlägen. Der Schmerz aber sitzt im Kopfe und sticht wie Messer. Ich fühle ihn so stark wie du . . . 21 Doch ich töte den Schmerz in meinem Hirn und sänftige den Blutdruck in meinem Herzen. Der Bildner (atmet auf) . Alles Weh ist von mir gegangen. Halte mich lange fest, auf daß ich ganz genese! Der Arzt . Noch andere Menschen wollen gesunden. Suche mich morgen wieder . . . (Er geht.) Der Bildner (verliert sich) . Der Priester (mit Sananasani und Vaddasin, die zehnjährig geworden sind, an der Hand) . Dies ist dein Gott, Sananasani . . . Und dies ist dein Gott, Vaddasin. (Er läßt die Kinder vor den Gestalten stehen.) Seid ernst und versunken in der Nähe eurer Götter. Sie lieben euch und weisen euch den Weg durch euer Leben. (Er geht fort und läßt die Kinder allein.) Vaddasin . Ich fürchte mich . . . Sananasani . Wovor fürchtest du dich? Vaddasin . Das weiß ich nicht. – Zehn Jahre steht mein Gott hier auf einem Bein, hat der Priester gesagt. Sananasani . Mein Gott denkt jetzt, ich soll fortgehen. – Vaddasin . Weshalb denkt er das? Sananasani . Vielleicht kommt eine giftige Schlange und tötet mich, wenn ich hierbleibe. Vaddasin . Im Angesicht deines Gottes? 22 Sananasani . Ist es denn nicht genug, daß er warnt? (Sie entfernt sich.) Vaddasin . Es ist möglich. (Er folgt ihr versunken.) Der Priester . (Er ist älter geworden. Vor dem Bilde aus Holz bleibt er in geschlossener Haltung stehn.) Das wilde Tier im Dschungel wird zahm in meiner Nähe. Vögel sterben in meinem Blick. Es wächst der Strauch zum Baum unter meinem Atem. Menschen siechen hin und sterben vor meinem Willen. Ich lege die Wucht meines Geistes in dieses Bild zum starken Erblühen Sananasanis. Vaddasin (vierzehnjährig) . Ich will Ruhe suchen bei meinem Gott . . . Was marterst Du mich in schlaflosen Nächten! Was läßt du mich weinen, daß die Knospen brechen und die Waldtaube in hohen Wipfeln gurrt und lacht! Schöne Tiere springen fröhlich auf herrlichen Fluren. Inmitten ruhiger Sterne schreitet der silberne Mond. Ich aber weine und weine und lege den Leib in kühles Wasser – und dennoch brennt er . . . Sananasani (vierzehnjährig) . Es reißt mich hierher. Der Duft von Jasmin nimmt mir die Sinne. Gott, Gott, Gott, töte doch meine Qual! Der Priester . In allen Göttern lebt guter Geist. Reicht euch die Hände im Bewußtsein eurer Götter. Geht in mein Haus und lernt euch kennen. Vaddasin und Sananasani (reichen einander bebend die Hände, blicken sich starr an und gehen zögernd nach dem Hintergrunde) . Der Arzt (älter geworden) . Ein Kaufmann aus Ägypten starb einen schweren Tod, weil er mit seinen eigenen Händen an sich Unzucht getrieben hat. Willst du für ihn beten? 23 Der Priester . Was irre Menschen an sich selbst erfahren, ist immer gut, ist Gebet. Da soll man nicht noch mehr beten. Vaddasin (mit strahlenden Augen aus dem Hintergrunde) . Dazu ist das Weib da!!!! – Wie schön . . . (Er geht weinend vorüber.) Der Priester und Der Arzt (folgen ihm schweigend ergriffen) . Männer und Frauen (von allen Seiten) . Alter Mann . Dies sind die Götter Vaddasins, des jungen Weisen, und seines Weibes Sananasani. Junger Mann . Hier wirkt das All Wunder in menschlichen Hirnen. Eine Frau . Lasset uns schweigen . . . (Das Volk steht abgeschlossen und versunken.) Drei Männer (bringen gefesselt einen Mörder ) . Der hat den Arzt gemordet. Er soll diesen Göttern geopfert werden. (Man drückt den Mörder in die Knie.) Das Volk (bildet einen Kreis um die Gruppe) . Vaddasin (siebzehnjährig, tritt ernst und langsam hervor) . Was ist mit diesem Manne? Ein Mann . Er soll sein Leben lassen, weil er ein anderes nahm. Vaddasin . Man zeichne seine Stirn mit einem Brandmal und lasse ihn unter uns. Wir werden ihn der Menschheit wiedergewinnen – und das All nicht unrein belasten. Die Reue ist mehr wert als dieser Tod. 24 Der Mörder (erhebt sich) . Dies ist der Tag, da eine neue Zeit anfängt. Vaddasin (vor seinem Gotte) . Ich sauge aus dir, was das All durch deine Form schickt und gebe es geläutert weiter. So kommt reines Denken ans Licht und strömt zu den Menschen, die meiner bedürfen. O brause rastlos Quell hohen Geistes. Und gib meinem Können Klang und Richtung. Alter Mann . Wir haben Hunger, jugendlicher Priester; ganz menschlichen, ganz irdischen Hunger. Das Volk stirbt ringsher an Entkräftung, und selbst die Starken rafft schlimmste Krankheit hinfort! Vaddasin . Was geht mich euer Magen an? Opfert gesunde Menschen und lasset sie euch als Nahrung dienen! Aber opfert! Und freßt nicht! Junge Frau . Er spricht das Grauen! Das Volk (weicht) . Vaddasin . So werden eure Zahl Seuchen und Hunger mindern. Die Erde will nicht mehr Menschen, als an ihrer Frucht satt werden. Und sie rächt alles Künstliche. Wenn ihr Tiere freßt, weshalb solltet ihr es nicht mit euch selber tun! (Er ist allein.) Sananasani . Willst du mich wirklich verlassen, Mann? Vaddasin . Ich muß, mein Weib! Drei Jahre habe ich genossen, was Süßes an dir ist. Mich ruft das All in die Einsamkeit. Freue dich! Du bist jung und schön. Freue dich deiner Schönheit und meiner Einsamkeit! 25 Sananasani . Ich sterbe daran. Ist dir das gleich . . . Vaddasin . Wenn du es tun willst, muß es mir gleich sein. Jeder Mensch muß seiner Sehnsucht folgen. O laß mich! (Das Holzbild berstet auseinander.) Sananasani (sinkt um und stirbt) . Der Priester (sehr alt) . Sananasani! . . . (Zum Götzen Fakir) Du bist stärker als ich! Der Fakir (sinkt lautlos zusammen) . Vaddasin . Was bin ich? Mir schwimmt das Auge. War ich denn nur ein Erzeuger von Gedanken für das Hirn eines höheren Menschen? (Zum Priester) Sprich, was ich war? Der Priester . Ein Werkzeug Gottes! Vaddasin (beugt sich über Sananasani, sinkt hin und stirbt) . Der Fakir (wächst und wird groß und lebend) . Ich habe das All geschaut. Jetzt bin ich ein Weiser. Der Priester . Zwei Blumen brachen . . . Der Fakir . Sterben und Werden, das ist das gleiche. Weshalb sollen nicht hundert Blumen brechen, um ihre Säfte zur Schönheit einer einzigen hinzuströmen!! Denn die Kraft bleibt! (Er hebt die Hände zum Himmel.) Es rauscht ein Strom, der bist du . . . Und wir sind der Strom, in dem wir fluten . . .     Das Spiel Jenseits Es treten auf: Der Prälat Conrad Senta Wacholder Resel   Der Schauplatz bringt weder Zeit noch Raum zum Ausdruck, ist losgelöst von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Die auftretenden Menschen gehen stets vorwärts ab. Bewegung wird nur durch die Sprache ausgedrückt. Conrad geht langsam über den Platz. Der Prälat kreuzt seinen Weg. »Sie hassen mich, weil mein Gesicht heiter und zufrieden ist,« sagt der Prälat. »Hassen, ist nicht das Richtige,« entgegnet Conrad. »Aber diese Art, den Seelenfrieden zu erringen, ist für die menschliche Gesamtheit nicht anwendbar.« »Vielleicht doch! Aber sollen wir paar Geistigen denn dieser Masse durchaus nichts voraus haben?« »Nein, das sollen wir eben nicht!« »Ob es sich aber nicht feststellen läßt – – –« versucht der Prälat zu fragen. Und Conrad schneidet ihm das Wort ab: »Herr, auf dieser Welt läßt sich überhaupt nichts feststellen.« Der Prälat, wohlgemut: »Schön. Machen Sie also Politik und vergessen Sie alles andere!« »Was kümmert's mich, was da draußen in allen Staaten ruckst und rackst! Es muß sich doch alles zum besten der neuen Seelen fügen, dieser neuen Seelen, die der kommende Tag mit unendlicher Reinheit königlich als das glühendste Frührot seinen jauchzenden Schritten voraussendet!« »Sehr schön, sehr schön! Aber Branntwein, Tabak und Weiber bringen uns nicht vorwärts.« Und der Prälat geht seines Weges, Senta kommt mit leichten Schritten daher. »Ich ängstige mich unbestimmt, wenn ich dich mit dem Priester reden weiß.« »Die Kirche, die Kirche; vielleicht werde ich noch einmal in dieser Einrichtung zu Hause sein!« 30 »Du sollst nicht grübeln, Conrad; ich bin deine Frau.« »Wo warst du jetzt?« Senta verfärbt sich. »Weshalb fragst du?« »Weshalb verfärbst du dich?« »Ich finde deine Frage unerhört!« »Kennst du Wacholder?« forscht er weiter. Senta ist erstaunt. »Ach – den! Ja – flüchtig.« »So – – – so – – –« »Komm mit; ich spiele dir Grieg vor,« sagt sie. »Es berührt mich peinlich, unerhört peinlich, so jemand im selben Raum musiziert. Er weckt mir Gefühle, innerste Erlebnisse, Stimmungen, mit denen ich gern allein sein möchte.« »Wir haben aber nur ein Zimmer,« spricht sie. »Ich weiß es,« sagt er tonlos und geht . . . Wacholder tritt zu ihr. »Ich muß dich sehn, Senta, immer muß ich dich sehn, sonst bin ich mutlos und lebensmüd.« »Du bist lästig, mein Freund. Du erinnerst mich unausgesetzt daran, daß ich einmal schwach gewesen bin.« »Ich weiß nicht, weshalb die Menschen alle ihre starken Augenblicke ›Schwäche‹ nennen,« sagt er. »Ich habe einen Mann, der Gott weiß was werden kann.« »Sprich nicht davon!« »O ja, er liebt mich. Er küßt mir allabendlich die Füße . . . Weshalb hab ich mich vergessen?« »Dummes Kind! Kannst du mir seine Erfindung zeigen?« »Seine Erfindung?« sagt sie. »Es ist vielleicht eine Erleuchtung gewesen! Farben und Töne, das ist seine Welt. Und da er sie gleichzeitig genießen muß, hat er sie verschwistert.« »Also er hat entdeckt, welche Farben die einzelnen Töne sind?« »Ja – das hat er. Er spielt, und die unendliche Reinheit und Ruhe der Farben ergießt sich über dich. Und wenn er den Regenbogen spielt, mußt du weinen.« »Du sagst das so seltsam, daß ich es fast glauben möchte.« »Es liegt ihm nichts daran, denn er zeigt seine Erfindung keinem Menschen.« »Ich komme mit dir . . .« »Nein – ich kann nicht!« »Senta! Laß mich doch wissen, wie du da lebst.« 31 »Komme in einer halben Stunde.« Sie gehen nach verschiedenen Seiten . . . Conrad und Resel kommen gegangen. »Kennen Sie diesen Herrn, Fräulein Resel?« »Nein . . .« »Er heißt Wacholder, sage ich Ihnen, und ich hasse ihn, trotzdem ich ihn nicht kenne.« »Sonderbar. Ich wüßte nicht, was an ihm zu hassen wäre.« »Also Sie kennen ihn.« » Ja – – – flüchtig.« »Weshalb – – – grüßt er Sie nicht?« »Was kümmert's mich!« »Uns zur Qual geboren sind die Frauen, wenn man sie ernst und heilig nimmt.« »Ist es wahr, daß Sie in der Hochzeitsnacht Ihre Frau gewürgt haben bis sie blau ward?« Conrad schweigt. »Sie riechen nach Branntwein.« Conrad packt mit beiden Händen ihre Oberarme. »Zwei feste Arme. Zwei runde Brüste. Zwei Säulenbeine und Hüften, Weib! Weib, weshalb sind Sie nicht nackt, sondern tragen kurze Röcke und durchbrochene Strümpfe und peitschen mit Ihrem federnden Gang unsere aufgeregten Sinne!?« Resel ist bleich und zittert. »Was wollen Sie?« Er läßt sie los und geht weinend ab. »Sie haben recht. Was will ich? Sie haben ganz recht! Was will ich denn nur!!!« * Wacholder und Resel gehen über den Platz. »Also Töne sagst du, Töne, die geheimnisvollerweise Farben im Raum erzeugen.« »So ist es,« spricht er. »Farben, auf denen das Auge ausruhn kann und die in seltsamem Zusammenhange mit der gemachten Musik stehn.« »So kann man also umgekehrt auch ein Bild in Tönen genießen, meinst du?!« »Das kann man. Mehr noch; es erscheint nachgerade unmöglich, ein Bild zu sehn, ohne an die dazugehörige Musik zu denken, 32 anderseits ein Musikstück zu hören, ohne ein Zusammenwirken lauterster Farben über sich ergehen zu vermeinen.« »Jeder Ton also eine Farbe. Jede Farbe ein Klang . . . Und es ist irgendeine Mechanik dabei?« »Das ist nicht wichtig, wenn es auch schwer ist. Wichtig ist die Erkenntnis dabei, daß das so ist!« »Und wie kamst du dazu, solches zu sehn, wo er das Geheimnis vor allen Menschen verbirgt?« »Reden wir lieber von anderen Dingen.« Resel sagt hart: »Schön.« Er greift bittend nach ihrer Schulter. Sie wehrt. Sie sind vorüber . . . Conrad kommt, ihm entgegen der Prälat. »Seltsame Dinge sind über Sie in Umlauf, seltsame Dinge.« »Das sind die Frauen, Herr Prälat, von denen zu wissen Ihr hochehrwürdiger Beruf Sie entbindet. Die Frauen . . .« »Mag sein, daß sie schuld sind daran.« »Herrgott, was wissen Sie, was eine Frau ist!« Er ruft es im Schmerz aus und sinkt an die Schulter des Geistlichen. »Da ist irgendwo meine Frau. Sagen Sie mir, ist sie in diesem Augenblicke untreu?« »Das wissen nur Zweie: die Frau und der andere.« »Weshalb hat sich mir diese Qual ins Hirn gebrannt und hetzt mich durch die schönsten Tage des Lebens! Weshalb macht mir das alles die Erde so dunkel? Ist denn der Adamschmerz im Diesseits nicht zu ersticken?« »O ja, mein Freund, er ist zu ersticken. Wollen Sie nicht einmal beichten?« »Ein Beichtiger, hochwürdiger Herr, muß immer ein Freund sein. »Könnte ich denn dies nicht sein? Sie sehen mich nicht und sagen mir alles. Sie sprechen etwas ganz laut aus, und Ihr Herz wird leichter. Die Beichte in sich selbst hinein erlöst Sie vielleicht nicht vom Schuldgefühl.« »Was soll ich denn reden?« »Darf ich fragen? Darf ich fragen, wie oft Sie zu Weibern gehn?« 33 »Sehn Sie mich an, Herr; ich kenne kein nacktes Weib außer meiner Frau!« »Das ist viel. Das ist viel! Das ist in der Tat sehr viel, lieber Freund. Und trotzdem die Qual? Sündigen Sie vielleicht in Gedanken?« »Wer täte dieses nicht? Aber bin ich denn schuld daran? Kann ich dafür, daß ich die mich aufpeitschenden Blicke sinnlichster Menschen über mich ergehen lassen muß? Kann ich dafür, daß die Kleidung der Weibswelt mit der raffinierten Verhüllung allem Guten und Reinen meiner Seele offen ins Antlitz schlägt?«' »Ja – dafür können Sie, lieber Freund! Wie oft besuchen Sie Ihre Frau?« »Herr Prälat, Sie gehen sehr weit . . .« »Finden Sie? – Das mag sein . . . Lassen Sie sich aber das Eine sagen: Begierde wird niemals durch Befriedigung gestillt; immer nur durch Entsagung.« »Entsagung.« »Ja – Entsagung, Herr! Für Ihr Stadium sogar restlose Entsagung.« »Wer das wohl könnte . . .« »Haben Sie ein Ziel?« »Das Unendliche . . .« »Das haben alle großen und starken Menschen gewollt. Und sie haben entbehrt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.« »Das ist ja gar nicht möglich!« »Leben Sie wohl!« Er geht . . . Senta kommt. »Was du bloß immer mit dem schwarzen Menschen zu reden hast! Ich fürchte mich, Schatz.« »Ich muß – – – allein sein.« »Da bist du wieder häßlich, lieber Mann. Und dann bist du wieder freundlich und wieder – häßlich – und wieder lieb. Ich werde noch verrückt an dir!« Sie hat Tränen. »Ich muß – – allein sein! Laß mich allein . . .« »Und dann willst du nachher wieder wissen, wo ich gewesen bin. Und an deinen Augen muß ich sehen, daß du mir nicht glaubst, was ich auch sage. Und dann muß ich weinen. Und dann reut es dich. Und dann küßt du mich. Und nach der großen Qual 34 endlich, endlich finden wir uns wieder. Herrgott, wo soll ich hin! Schatz, Schatz, willst du mich denn ganz wahnsinnig machen!!« »Liebes Kind, quäl uns nicht. Jetzt wird alles, alles anders werden.« »Auch das hast du schon oft gesagt.« »Ich weiß wohl . . .« Er will gehen. »Gehst du wieder trinken?« »Ich weiß – nicht!« Er kämpft mit sich. »Ich will – versuchen, es nicht zu tun . . .« »Wir haben nichts mehr zum Abendbrot.« »Komm – – – –heim – – –« Er schwankt. Sie stützt ihn. Sie gehen . . . * Senta kommt, entgegen Wacholder. »Er bringt mich um! Wacholder! Er bringt mich um!« »Wer denn!!?« »Der Mann, der Mann!« »Das versteht kein Mensch.« »Er ist lutherisch. Und morgens um vier, wenn das Glöcklein läutet und es noch finster und kalt ist, steht er auf und geht zur Frühmesse.« »So weit also hat ihn der Prälat gebracht.« Der Prälat kommt. »Man spricht von mir.« »Ganz recht, Herr Prälat, ganz recht. Diese Frau beklagt sich – beklagt sich – – –« »Sie kann selbst reden . . . Oder stehen Sie in irgendeiner Beziehung zu der Dame?« »Ich heiße Wacholder, hochwürdiger Herr – – –« »Das will wenig sagen.« »Es handelt sich um meinen Mann, Herr Prälat.« »Lassen Sie Ihren Mann in Frieden, liebe Frau. Trinkt er noch?« »Nein.« »Ist er noch streitsüchtig?« »Nein.« 35 »Eifersüchtig?« »Gott – nein.« »Sind dann nicht die Bedingungen eines Eheglücks vollkommen erfüllt?« »Ich kann nichts dazu sagen . . .« »Was wollen Sie denn? Stören Sie nicht den Frieden dieser gefolterten Seele. Guten Tag.« Er geht. »Ich verstehe das nicht, Senta.« »Er rührt mich nicht mehr an; er rührt mich nicht mehr an!« »Wer denn, um Himmels willen!?« »Conrad rührt mich nicht mehr an! Und deshalb steht er morgens um vier auf und geht zur Frühmesse. Er will nicht sehn, wie ich aufstehe und mich ankleide. Und den ganzen Tag ist er im Freien, bis in die Nacht.« »Aber, liebe Senta, das ist doch nichts Schlimmes!« »Nichts Schlimmes, sagst du! Ach Gott, nichts Schlimmes!« »Mein liebes Kind, geb ich dir nicht alles, alles, was du brauchst? Les' ich denn nicht jeden deiner Wünsche dir vom Gesicht ab?« »Du verstehst nicht, Mensch, kannst nicht verstehn! Und wenn er endlich weiß, endlich weiß . . .« »Was soll er wissen?« »Daß – daß ich nicht mehr krank geworden bin; daß – – – Wacholder!!!« »Dies – – das – – das – ist ja –furchtbar, was du da sagst.« »Sterben . . . Sterben . . . Lang ausgestreckt liegen im Bett und das Bewußtsein haben, diese Welt im nächsten Augenblick auf immer verlassen zu müssen – verlassen zu müssen – diese Welt, die einem zwischen allen schweren Stunden doch einige schöne, herrliche gebracht hat – mit Sommer und Winter, mit grünen Lauben und schneeigen Gefilden. Ach – und dann sterben – auf immer, immer diesen Leib verlassen zu müssen – das – das muß schön sein.« »Es ist schwer, Senta. Denn man entdeckt dann immer wieder, daß man sich diesen oder jenen Lebensgenuß hat entgehen lassen.« »So schön – schwer ist sterben.« »Und hör mal, Kind, wir sind doch noch alle jung. Wir haben doch auch noch dieses oder jenes zu vollbringen. Es gibt noch einen Ausweg . . .« »Du glaubst?« 36 »Du mußt ihn zwingen. Zwingen mußt du ihn. Denn du bist doch ein Weib. Herr Gott! Und was für ein Weib! Du mußt ihn zwingen! Hörst du wohl! Zwingen, zwingen, zwingen!! Zwei schöne Beine sind stärker als der unerbittlichste Vorsatz.« Sie schweigt . . . »Ich mache ihn berühmt, daß ihm schwindlicht wird. Und er wird glücklich sein – es wird gelingen. Kennst du denn deinen Mann nicht?« »Ich hab ihn lieb. Wie soll ich ihn kennen.« Conrad, unverhofft. »Sieh da. Herr Wacholder, wenn ich nicht irre. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Es hat lange gedauert. Aber Sie haben ja nichts verloren . . .« »Du bist ja immer so fremd, Schatz.« » Ja, ja. Ich habe Grund, einsam zu sein. Und das kann auch noch eine Zeitlang dauern.« »Nein, Meister. Das muß ein Ende haben.« »Conrad heiß ich, wenn Sie wollen. Und im übrigen bitte ich Sie, mir keinerlei Interesse entgegenbringen zu wollen.« »Das geht nicht, mein Herr, man weiß von Ihrem ungeheueren Können. Sie müssen sich offenbaren.« »Damals, als ich noch nichts konnte, hatte ich einmal die Sehnsucht, berühmt zu werden. Nun ich Leistung bei mir finde, will ich nur einsam sein und nichts mehr Lautes wissen.« »Denk auch an mich, Mann. Es ist doch so schwer, in Armut zu leben.« »Wenn das Gemüt heiter ist, Senta, was heißt da Armut! Armut heißt meistens Freiheit, wenn man sie recht versteht.« »Mein Herr, Sie werden bestimmt öffentlich spielen. Leben Sie wohl!« Wacholder geht. »Wie doch diese lauten, beweglichen Menschen unangenehm sind! Und du hast sie gern, Senta!« »Es ist nicht dieses, Schatz. Wenn das Blut in den Adern kocht und der Leib reif ist, und niemand kommt ihn pflücken, jagt das Hirn nach Zerstreuung.« »Zerstreuung. Wir haben in den letzten Jahrhunderten genug davon gehabt. Es ist Zeit, daß eine Generation zerstäube und neu werde.« 37 »Und müssen wir das sein? Müssen denn wir unsere Leiber zu Markte tragen?« »Niemand kann um das Schicksal herum. Wir alle müssen hindurch.« »Mann, lieber Mann, weshalb bist du so kalt geworden?« »Ich bin nicht kalt! Es brennt mir in allen Gliedern!! Aber so es aufstürmt in mir und Unrast durch die Brust wälzt, muß ich zu meiner einsamsten Einsamkeit: zu Farben und Tönen.« »Dahin kann ich nicht folgen. Ich bleibe allein und verbrenne.« »Sei stark, Kind, und meide mich. Und wenn ich ganz rein und wunschlos sein werde, dann wird in mir der Wunsch aufblühen, ein Kind mit dir zu haben. Dann wird ein heiliges Zusammensein unsere Leiber adeln. Und wir werden ineinanderströmen und nie mehr voneinander können.« »Und wenn mich ein Wahnsinn packt?!« »Sieh mir ins Auge, Senta. Ach – du kannst es nicht. Es ist kaum ein Mensch da, der das noch kann . . .« Er ist im Begriff zu gehen. »Du gehst?« »Ja – ich muß sehn, wie sich die Bäume entkleiden! Es ist Herbst. Wenn Frühling sein wird, will ich dich erkennen.« Er geht. »Wenn ein Gott wäre und risse mir die Frucht aus dem Schoß!!! Aber – es – ist – kein – Gott – – – –« * Resel kommt, steht, blickt vor sich nieder und geht, bleibt wieder stehn und blickt sinnend ins Leere. Wacholder tritt ihr langsam entgegen. »Du schweigst seit jenem Farbenkonzert, Resel.« »Ja – denn er ist ein großer Mensch, und ich habe es nicht gewußt. Damals, als seine Augen aufbeteten zu mir, hab ich Spott über sein Blondhaupt gegossen. Ich wußte nicht, welch großer Mensch da lebte.« »Groß geworden ist er doch erst durch mich.« »Wie doch ein Mensch so unsinnig reden kann! Wenn du Berühmtheit Größe nennst, zeugt das von der unerhörten Beschränktheit deines Hirns. Aber deine Stirn ist niedrig, dein Auge ist flach und deine Sprache ist leer.« 38 »So – so – –. Was denn nennst du so groß an Conrad? Daß bei den Farben zehn, zwölf Frauen in Ohnmacht fielen? Daß so ein schwangeres Lockenköpfchen, welches sich nicht versagen konnte, dem raffinierten Abend beizuwohnen, spornstreichs niederkam? Ich suche Größe und finde immer nur Sensation.« »Ich wünsche Sie nicht mehr zu kennen, Wacholder. Ein eiserner Vorhang sei fortan zwischen uns!« Sie geht. »Hm! – Ja! – Ganz sonderbar!« Senta kommt. Bleich, durchsichtig ist sie geworden. Sie steht und sieht Wacholder lang ins Gesicht. »Ich vermags nicht! Und wenn ich es dennoch könnte, es ist zu spät. Er würde es dann erfahren.'« »Nur nicht so trostlos sich fallen lassen, Kind! In der Gefahr die Augen offenhalten. Das ist alles!« »Es wird niemand sein, der in der schweren Stunde in Liebe bei mir steht. Fremde Menschen werden mit lächelnden Mienen über meiner Schande gebeugt sein.« »Sprich doch nicht so, sprich doch nicht so, Senta! Es muß noch eine Tat geben, die uns darüber hinaushebt.« »Arm und Geist sind schwach geworden in der Zeit.« »Nein, siehst du.« Er hat ein Pistol. »Ein Fingerdruck und wir atmen frei . . .« »Ich soll!!! – – – – Nein, nein!!! – – Das – das – knallt so . . . Und . . . Und . . .« Er steckt das Pistol fort. »So nimm den Dolch und stich zu!« »Wer bläst dir das alles ein, Mensch!« »Sie werden alle sagen, er habe es selbst getan in seiner grenzenlosen Verwirrung. Und ich hab gehört, wie er Ähnliches äußerte. Ja – gewiß – ich hab's gehört. Das kann ich beschwören. Er hat es mir selbst gesagt . . .« »Du sprichst furchtbar, sage ich dir.« »Dann werden wir über allem sein, dann werden wir uns reinigen. Denn was nützt es wohl, daß man sich heute reinigt. Wir würden schmutzig vor allem dastehn immerdar. Ein frisches Unglück – und dann aufatmen! Noch einmal eine ganz irdische Tat, um darin inniger »Jenseits« leben zu können! Das ist es.« 39 Er zwingt ihr den Dolch in die Hand und sieht ihr in das Auge, daß sie sich willenlos ergibt. »Sei stark. Hörst du wohl!! Sei ganz stark, sag ich dir!!« Er ist fort! Ist geradezu geflüchtet! Conrad kommt. Senta hat das Werkzeug an ihrer Brust verborgen. »Was es doch seltsame Menschen gibt. Wacholder läuft vorüber, daß mich sein Luftdruck fast umweht.« »Ich hab keine Kraft mehr.« »Du bist schwach, Senta, durchsichtig wie Glas.« »Jedes Wort, das du sprichst, Schatz – – –« »Sei ruhig, ruhig, ruhig . . . Bald wird Frühling sein. Dann werden wir die Fessel zerbrechen und gegeneinander atmen.« »Ich kann es ja nicht!« Sie schreit es hinaus. Lieber, herzensguter Mann, ich kann es ja nicht!!« Sie sinkt an seine Schulter. Er wird größer. »Du trägst ein Messer . . .« Er sagt es ruhig. »Trag ich es? – Trag ich es? – Ja – da ist es, ist es!« Sie schleudert es weit von sich. »Aus Haß zu morden, kann heldenhaft sein, mein Weib. Aber es zu tun, um eine schlechte Tat zu verdecken, ist immer noch ein Verbrechen.« »Laß mich reden, laß mich reden! Zwei Minuten nur hör mich an!« »Schweige, Senta. Du schweige . . . Ich weiß ja alles, alles . . .« »Du weißt!! – Was weißt du?« »Wenn ein Mensch mit sich bricht, gehen gute Dinge jenseits vor sich.« »Und du hoffst noch?« »Daß unser Jenseits euer Diesseits werde, das ist alles, was ich hoffe . . .« »Du verzeihst?« »Ich werde bei dir sein in der schweren Stunde. Ich werde den Kopf dir halten und dir aus meinen Augen Kraft zu trinken geben.« »Das ist zuviel, das ist zuviel.« »Dein Kind sei mein Kind! Wer kennt die weisen Wege des heiligen Geschicks?! Es ist so schwer, alle Dinge im Raum zu verstehn, doch sind sie notwendig. Ob uns ein Stein zerschmettert, 40 oder eine Welle ersäuft, wir sind dagewesen von Anbeginn und werden vorhanden sein in allen, allen Zeiten, in welcher lieben Form es auch immer sein mag. Was in uns lebt, ist immer gut. Und alle Dinge atmen ihre eigne Schönheit.« Der Prälat tritt schnell hinzu. Er steht erstaunt, sieht das Messer liegen und atmet schwer. »Für die Würde Ihres Berufes gehen Sie sehr rasch, Priester.« »Ja – mein Herr. Das mag geschehn sein. Ich darf fortan gemessener schreiten.« Resel kommt langsamen Schritts. »Er ist tot. Und es rührt mich nicht. Er ist tot . . .« Senta sinkt mit einem hörbaren Hauch um. Der Prälat fängt sie auf. Die Szene ist bewegungslos. Senta erwacht und blickt fremd umher. Dann ahnt sie und leuchtet. Conrad schließt. »Das arme Kind in diesem Schoße! – Denn den Rhythmus jenes Menschen wird es erben.« Resel wird groß und blickt mit Augen restlosester Bewunderung auf ihn. Der Prälat schreitet sehr langsam und lächelnd davon.     Ein Bauspiel Gestalten: Baumeister Steen Hortense Sebastian Ein Arbeiter   Im Hintergrunde der Torso eines seltsamen Gebäudes. Hortense (kommt) . Was ist das für ein sonderbares Haus? Sebastian (mit Gießkanne und Harke) . Das ist gewiß kein Haus, aber es sollte vielleicht eins werden. Hortense . Ein Fragment also? Sebastian . Ganz recht. Wenn es Dichtungen und Bilder gibt, die Fragmente geblieben sind, weshalb sollte es nicht auch fragmentarische Bauten geben? Und die Fragmente gehören manchmal zum Besten des Schaffenden, wie die unvollendeten Sklaven des Michelangelo. Hortense . Aber dieser Torso, scheint's, ist bewohnt. Sebastian . In der Tat. So ist es auch. Hier lebt der eigentümliche Mensch, der dieses Ding ersonnen hat. Hortense . So ganz einzeln in dieser Natur . . . . Sebastian . Die Natur ist gar nicht so einzeln. Hier wachsen Bäume, halb Vogelbeerbaum und halb Weidenbaum, und in ihren alten Kronen gedeihen noch Himbeer-, Brombeer- und Johannisbeersträucher. Hortense . Ich verstehe nicht. Ich meine: was tut der Mensch hier allein? 44 Sebastian . Ich glaube, er wartet auf das Schicksal, das er in diese Mauern hineingebaut hat. Aber gesehen hab ich ihn noch nie, trotzdem ich schon zehn Jahre den Wald und die Heide bewächtere. Hortense . Und Sie haben Kenntnisse? Sebastian . Ja – wissen Sie: ein gebildeter Mensch muß sich doch in dem irdischen Strom der Umwertung nach einem poetischen Berufe umsehn. Hortense . Und in der Stadt kennt man den Baumeister auch nicht? Sebastian . Sicher nicht. Aber ich bin noch niemals in der Stadt gewesen. Hortense . Sonderbar! (Im Gebäude werden Fenster und Türen geöffnet.) Sebastian . Hören Sie mal. Da werden ja plötzlich Fenster und Tore geöffnet! Hortense . Ist das etwas Besonderes? Sebastian . Das sah ich noch nie. (Er geht mit einiger Aufregung hin und her.) Hortense . Gehen Sie nicht fort! Hören Sie! Sebastian . Das ist sehr schwer. Denn ich heiße bloß Sebastian. Hortense . Immerhin! Sie müssen jetzt unter allen Umständen warten. Sebastian . Sie fürchten sich ja, Fräulein Hortense! 45 Hortense (erschrickt) . Woher kennen Sie meinen Namen? Sebastian . Wissen Sie denn noch immer nicht, daß man den Namen eines Menschen fühlen kann? Hortense . Allerdings. Mein Geliebter hat mir das einmal erzählt. Sebastian . Weshalb sind Sie dann einsam geblieben? Hortense . Es gibt Fragen im Sein, die man sich selber nicht beantworten kann. Es muß wohl so stimmen, auf daß irgendein wichtiges Ding geschehe. Aber wie können Sie dies vermuten? Sebastian . Alte Leute wissen zuweilen alles. Sie hören nicht mehr, und sie sehen nicht mehr. Aber dann ist ihnen wahrscheinlich ein sechster Sinn aufgegangen. Eine Stimme (vom Hause her) . Worauf wartest du, Hortense? Hortense (erstarrt) . Sebastian (stellt Gießkanne und Harke fort und faltet die Hände) . Hortense (gläsern) . Ein Baumeister, der mir zehn Jahre Kraft in den Schoß sendet . . . Worauf warte ich? Muß ich nicht gehn? Sebastian (in höchster Erregung) . Er tritt herfür! Da ist irgendeine Sache. Und die wird bewegt. 46 Baumeister Steen (tritt langsam aus dem Gebäude heraus und kommt näher) . Sebastian (nimmt die Gießkanne und gießt) . Steen . Da ist das Haus, Hortense. Es hat lange gedauert, bis du es gefunden hast. Hortense . Aber es ist ja noch nicht fertig. Steen . Noch immer nicht? Nein! Aber es wird gleich der Fall sein. Hortense . Es kann doch nicht wachsen. Steen . Solche Häuser wachsen wirklich. Sie werden vielleicht nicht größer, wenn man sie ausmißt, aber sie runden sich ab in den Jahrzehnten, und die Landschaft zieht sie zu sich hin. Hortense . Du hast es mit Liebe gebaut. Steen . Ja – aber nicht mit der menschlichen Liebe, sondern mit jener mystischen und übersinnlichen, die weit höher ihren Ursprung hat. Mit derselben Liebe, mit der ich dich liebe und die du nicht verstandest und um derentwillen du hinausgingst, um sie verstehen zu lernen. – Und? – Hortense . Die Hütte der Wilden ist stilvoll. Es läßt sich darin wohnen. Aber ich habe doch in den Käfigen der Menschen gewohnt. Steen . Ich kenne sie nicht mehr. Wahrscheinlich verlangen sie noch immer nach einem ausdrucksvollen Baustil für Fabriken und Warenhäuser! Millionenpreise habe ich gestiftet für den abschreckendsten 47 Fabrikentwurf, Fürstendiplome für den elendsten Schacherkasten. Aber diese Baumeister grübeln doch lieber über die künstlerische Verhüllung von Kloaken und bemühen den Geist, idyllische Zuchthausfassaden zu ersinnen. Bauen! Bauen!! Sie legen Steine übereinander und nennen das »bauen«. Das Genie ist auch boshaft. Aber boshafte Baumeister gibt es nicht! Sebastian . Und wie ist es mit den Nägeln? Steen . Sie sind ein Dichter, Herr. Das sieht man Ihren Augen an. Und Dichtergespräche sind langweilig. Ich rede lieber mit Malern oder mit armen Leuten. Hortense . Aber wie ist es denn mit den Nägeln? Steen . Kein einziger Nagel. Alles, alles ist gebaut. Hortense . Dann darfst du mich tragen. Steen (hebt sie hoch und trägt sie in das Haus) . Zehn Jahre Kraft, Hortense. Kannst du das begreifen? Hortense . Ich glaube! – Meine Mutter starb daran. Und das Kind bin ich. Ein Arbeiter (kommt mit einer Kneifzange) . Sebastian (scharf, leiernd) . Wo will er mit der Kneifzange hin? Arbeiter . Wissen Sie nicht, daß ich mit einer Kneifzange ein ganzes Haus abbrechen kann? 48 Sebastian . Nein – das wußte ich nicht. Aber welches Haus? Arbeiter . Es steht nur eines hier. Und dasselbe! Die Regierung hat das so befohlen. Sebastian (stolz) . An diesem Hause befindet sich nicht ein einziger Nagel. Alles, alles ist gebaut! Arbeiter . Kein Nagel, sagen Sie? Dann muß ich der Regierung sagen, daß ich diese Arbeit nicht übernehme. Sebastian . Tu er das! Arbeiter (sehr feindlich) . Aber wenn Sie vielleicht das Haus schützen wollen, so aus einer poetischen Schwäche heraus, das sage ich Ihnen, wir haben noch ganz andere Werkzeuge, noch ganz andere! (Geht.) Sebastian . Du lieber Gott, bis dahin ist ja alles vorüber. (Das Gebäude teilt sich. Der Vordergrund wird dunkel. Der Hintergrund wird hell. Es ist ein weißes Zimmer sichtbar mit weißen Möbeln, die aber niemals in den Raum gebracht worden sind, sondern aus dem Fußboden und den Wänden herausgewachsen scheinen. Sie sind aus Stein, wie alles in dem Raume. Ein mystischer Glanz liegt auf allem.) Baumeister Steen (sitzt ganz steif und eckig in einem steinernen Sessel. Seine Sprache ist ebenfalls kalt, steif und eckig.) Seit die Kraft der zehn Jahre von mir gegangen ist, fühle ich meine Glieder hart werden – hart und kalt. Hortense . Heute ist deine rechte Hand zu Stein geworden. 49 Steen . Ja – es ist jetzt schon dicht am Halse – ganz kalt und hart. Über meine Zunge läuft ein leises Frösteln. Hortense . Es geht jetzt sehr schnell. Steen (spricht immer schwerer und schwerer von Wort zu Wort) . Dann muß ich noch manches wissen. Was malen die Maler jetzt? Hortense . Noch immer die Menschen und den Mond. Aber es braucht nicht mehr immer der Vollmond zu sein; auch der Halbmond ist schon gestattet. Steen . Ja, ja. Der Halbmond. Ich möchte einmal den Halbmond von vorn oder von hinten sehn. Das Profil wird auf die Dauer langweilig. – Und haben die Baumeister schon das Dach abgeschafft? Hortense . Nein – sie haben einige neue Dächer dazu erfunden. Doch – vielleicht hole ich den Arzt. Steen . Weshalb immer soviel Menschen? Hortense . Ich habe so schlecht geträumt. Steen . Die Menschen haben meistens schlechte Träume. Hortense . Du blinkst ja gar nicht mehr mit den Augenlidern! Steen . Wirklich nicht? Dann – dann gib mir noch einen Kuß. Hortense (tritt zu ihm) . Ich glaube nicht, daß er dich erwärmen kann. Du bist völlig astral. (Sie küßt ihn.) Steen . Der Kuß schmeckt nach Erde. 50 Hortense . Deine Lippen sind hell und kalt wie Eis. Sebastian (tritt aus dem Vordergrunde in das Zimmer) . Hortense . Sind Sie der Arzt? Sebastian . Weshalb immer soviel Menschen? Ich bin eben der Arzt. Hortense . Dieses Mannes Fleisch ist Stein geworden! Steen (verhauchend) . Das Dach . . . Das Dach . . . Sebastian (feierlich) . Aber der Geist darin wird ewig leben. (Pause.) Deshalb auch sollen sich die Menschen in Gebäuden und vor Bildwerken gesittet benehmen, denn sie können niemals wissen, wie der tiefe Geist, der darin steckt, sie durchschaut und vielen Grund findet, sie aus ganzer Seele zu verachten. Hortense . Sollte man nicht beten? Sebastian (hält die Hände wie offene Schalen hin) . Ja – und ich sage die Worte: Es ist schon recht, daß einmal ein Künstler zu der Materie eingeht, aus der er sein Leben lang geschöpft hat. Bisher haben das nur die Weltheilande gekonnt! Gib auch uns von diesem Können! (Das Gebäude schließt sich.) Hortense (tritt heraus und wendet sich nach der einen Seite) . Sebastian (kommt und wendet sich nach der anderen Seite) . Der Arbeiter (kommt mit der Kneifzange und bewegt sich mit eiligen Schritten auf das Gebäude zu) .     Frühlingsspiel Gestalten: Lenz Blümchen Sommersproß Bemerkung für die Darsteller: Lenz ist hellgrün gekleidet. Sommersproß dunkelgelb. Blümchen trägt ein blutrotes Kleid. – Die Kopfbedeckungen fallen fort.   Blümchen (sitzt auf der Bank und legt gelbe Blumen zum Strauße) . Lenz (tritt lautlos von hinten zu ihr) . Bist du mir böse? Blümchen (sanft) . Böse? Was ist das? Lenz . Böse? Das heißt graulich! Das ist, wenn zwei glückliche Menschen sich einen schönen Tag verheddern wollen. Blümchen . Hat sich der Groll deines Herzen gelegt? Lenz . Ich rührte ein wenig in dem Wasser des sumpfigen Grabens, und die Kaulquappen, Wasserspinnen und Schnecken kamen schlimm durcheinander. Und nun denke ich immer: Weshalb mußte ich sie so stören in ihrem geringen Dasein? Blümchen . Da war gewiß zu wenig Schmerz. Deshalb hat dich Gott gesandt, um der Lebewelt dieses elenden Tümpels eine plötzliche Qual zu sein. Lenz . Und du warst das Schicksal blühender Himmelsschlüsselchen. Die sterbenden Blumenkörper legst du zum Strauß. Blümchen . Sie hatten wohl ihren Zweck erfüllt und waren der Überfluß, den die Natur schafft, weil sie den Abgang weiß. (Schweigen.) 54 Lenz . Blümchen . . . Blümchen . Sag mir ein Lied vom Leben, Lenz. Lenz . Von meinem Leben. Von deinem Leben. Ein Lied vom Leben. Ja – auch das – – – (Schweigen.)         Überm Moore schwebt ein Licht. Sieh es nicht! Sieh es nicht! Bist noch jung und viel zu schön, irrem Leuchten nachzugehn. Dunkel, Mädchen, ist die Welt. Nur ein Leuchtlein sie erhellt. Wer dies Leuchtlein stürmisch greift, brandet aus, indes er reift. Wenn die Jahre weiter sind, dir vom Haupt der Schleier rinnt, folge sacht, folge sacht deinem Leuchtlein durch die Nacht. Gürtlein springt und Mieder reißt, und du weißt, und du weißt, daß dein Licht in irdner Frist Sonne, Regen, Acker ist. (Schweigen.) Blümchen . Großer Dichter. Lenz . Ja. Ich bin gewiß der größte. Denn das glauben alle Dichter von sich. Und wenn sie's nicht glauben, dann ist das schmerzlich. Blümchen . Und das hetzt euch unruhvoll durch die Nächte bis zum Morgen. Lenz . Und so fängt jeder Tag mit einem Trauerspiel an. 55 Blümchen . Sieh . . . zwei Trauermäntel um jene Blüten spielen. Lenz . Sie spielen nicht, Blümchen. Sie spielen nicht. Blümchen . Trauermäntel sah ich auf einem Kirchhof, so viele, daß die Bäume und Gräber ganz schwarz waren. Und vor dem einen Hügel lag eine Frau in Weinkrämpfen und klagte Gott an. Und die Scharen der Falter hoben sich auf und ließen sich nieder wie große schwarze Tücher. Ich war allein. Und da wurde mir zum ersten Male richtig Angst in meinem Leben. Lenz . In deinem kleinen Leben. Blümchen (sieht ihn ernst an) . Weshalb machst du es nicht größer! Lenz (ist fassungslos, findet keine Worte und stammelt schließlich) : Blümchen . . . (Er greift nach ihrer Hand, will sie küssen, doch sie entreißt sie ihm.) Blümchen (ist aufgestanden) . Weshalb machst du es nicht größer? Lenz . Ich – weiß nicht, Blümchen . . . Ich – ich will dich ja nur einmal küssen, – einmal nur küssen, süßes Kind! (Er umhalst und küßt sie. Sie küßt ihn wieder.) Blümchen (klagend) . Weshalb machst du es nicht größer? – Die Nachtigall wird Tag und Nacht nicht müde zu locken, und das Gurren der Waldtaube in den Wipfeln der Bäume geht bis her . . . 56 Lenz (nimmt sich zusammen und versucht lächerlich zu wirken) . Die Waldtaube, würde Sommersproß sagen, dehnt ihr Brutgebiet bis ins nördliche Europa aus. Sie legt fünf bis sechs Eier . . . . . . (Schweigt betreten.) Blümchen (hat sich abgewandt und weint) . Lenz (erschreckt) . Ja – da kommt er. (Er geht zaudernd ab.) Blümchen (sucht ihre Bewegung zu verbergen. Es gelingt ihr. Sie lächelt.) Sommersproß (tritt auf, bleibt stehn, blickt lächelnd auf die Schlüsselblumen in ihrer Hand) . Duftende Schlüsselblumen, liebstes Mädchen! Eine Frühlingspflanze, die gleichsam der Schlüssel ist, der den Himmel des Frühlings öffnet. Sie ist ein Einzelblütner mit merkwürdigen Verschiedenheiten, hat fünf Staubblätter, und der kugelige Fruchtknoten endigt auf einem Griffel in einer knopfförmigen Narbe. Die Bestäubung erfolgt durch Insekten, die durch den Duft und die leuchtende Farbe der Blüte angelockt werden. (Die Blüten fallen Blümchen aus der geöffneten Hand.) Blümchen . Seltsam . . . Sommersproß . Und du gleichest dieser Blume in jedem Glied deines reizenden Leibes. Deine Schritte federn so, daß mein Herz immer zittert. Weshalb bist du so kalt zu mir, Blümchen? Ich kann nicht dichten, siehst du – ich gehöre zu den bettelnden Menschen vor schönen Frauen. Ich erkenne ihren Reiz gar wohl, weil meinen Augen die herrliche Rundung ihrer Körper geläufig ist; aber ich habe nicht die Worte, ihnen das alles so zu sagen, wie sie es vielleicht gern hören möchten. Betteln, das kann ich. Doch es hat noch niemals eine Frau mir ein Ding geschenkt. 57 Blümchen . Du sprichst so ganz anders . . . Sommersproß . Tu ich das wirklich? Du weißt nicht, wie du mich erfreust, da du das sagst! Ich bin ja doch nur ein Mensch, um den sich eine Frau sorgen muß, denn ein Mann ist bei allem Können furchtbar hilflos auf der Welt. Blümchen . Jeden Tag bist du anders, bist du ganz neu. Ich habe deine Seele noch nicht kennen gelernt. Sommersproß (hält krampfhaft den Faden fest) . So, wie ich jetzt spreche, bin ich wirklich, Blümchen: arm, blind und bloß. Sieh mich an! Ich bin knochig und stark. Doch der Hauch einer schönen Seele muß mich berühren, damit ich sinnbar werde. In meinen Armen wärst du ein süßes Spielzeug. Meinem Herzen aber bist du tags die Sonne und nachts der Mond. So im Traum manchmal spiel ich mit deinen Zöpfen, so dicht am Halse, weißt du, daß mir ganz ängstlich wird. Blümchen . Sei still. Es quält mich. Sommersproß (heiser) . Hast du im Frühling noch niemals alles rot gesehn, Blümchen? Alle Pflanzen und lebenden Wesen lieben. Sie gehen so selig und unbehindert ineinander ein. Die Blüten zittern in der Befruchtung, und die Frösche breiten das weiche Fleisch wollüstig aus in der Umarmung. Es ist zum Wahnsinnigwerden, darin studieren zu müssen, hörst du . . . Blümchen (läßt sich matt auf die Bank sinken) . Sommersproß . Und dieses Ding ist es, das das Einzelwesen zur natürlichen Größe zieht. Es muß so heiß sein, daß alles dampft. Dann kocht jedes 58 Glied und schreit nach Berührung, Blümchen! Rot schwimmt alles vor den Augen, rot! Und das Harte und das Weiche heult zueinander hin. (Er wird von einer Art Aufweinen geschüttelt.) Blümchen (fliegend) . Sprich das nicht so schnell, du. Oder sag was anders! (Sie ist aufgestanden und biegt sich hastig, um vielleicht die Blüten aufzunehmen.) Sommersproß . Bieg dich nicht! Bieg dich nicht!! Reiß mir nicht mit deinem vollen Fleisch die Augen aus; Herrgott, du, wer hat noch solche Arme! (Er greift danach.) Solche Arme! (Er läßt den Kopf auf ihren Arm sinken und beißt hinein.) Blümchen (schreit auf) . Sommersproß . Das schmerzt. Ja – ja – ich weiß! Aber weshalb will man immer wieder! Die Zähne jauchzen! Und alles ist durcheinander! Beißen!! Blümchen! Blümchen! Laß mich neben dir ruhen! Sieh mir ins Gesicht. Sieh mich doch an. Es ist alles so stark, so hart an mir! In meinem Walde sind Mooslager, ganz weich und tief, gleich dort hinten; durch das grüne Dach blickt der blaue Himmel zu, und die Vögel freuen sich! Ich will dein Leben groß machen, und dir die Süße angewöhnen, hörst du! Blümchen (klagend) . Lenz . . . Lenz . . . Lenz . . . Sommersproß (blickt sich verzweifelt um und sucht nach Worten) . Blümchen! Blümchen! (Er hebt sie plötzlich auf.) Ich zwinge dich! Ich trage dich! Sage ja! Sage nein!! Ich trage dich! Blümchen (sieht ihn entsetzt an) . Sommersproß . Du wirst weinen! Aber du wirst glücklich sein!! (Er trägt sie fort.) 59 * * * Blümchen (sitzt auf der Bank und ist mit einer Handarbeit beschäftigt) . Lenz (steht daneben und erzählt) . . . . und als sie den Kranz von gelben Butterblumen und blauen Veilchen fertig hatte, setzte sie ihn schweigend dem Geliebten aufs Haupt . . . Blümchen (blickt auf) . Das ist nicht wahr. Das erzählt ihr Dichter bloß so in Romanen, weil ihr das von euern Eltern oder weiß Gott von wem gehört habt. Lenz . Was sagst du! Blümchen . Heut windet man keine Kränze mehr. Nicht mit Lachen, sondern mit Tränen will die Jugend das schwere Leben zwingen. Lenz . Du bist ernst, Blümchen. Aber du kennst nicht den Ernst des Lachens. Wirf doch das Handwerk fort, das du in Händen hältst und flechte mir den Kranz auf der bunten Wiese! Blümchen (sieht ihn unsicher an) . Ich bin – zu alt – Lenz . Und ich? Blümchen . Du bist – zu jung. Dichter sind wohl immer etwas zu jung. Lenz (weiß sein Erstaunen nirgend zu lassen) . Wie du das sprichst! Von welcher Warte drängst du dich da ins Leben! – Weißt du denn nicht, daß es im Wonnegefilde Mohammeds kein Alter gibt? Blümchen . Rede dem himmlischen Tauscher von den Ketten der Erde!! Lenz . Blümchen! Ernstlich! Was ist das mit dem Alter? 60 Blümchen . Das Alter ist die Liebe. Und die Liebe, das ist die Sorge. Und die Sorge – ich weiß nicht – Sieh mich nicht so an, Lenz. Lenz . Glaubst du denn nicht an mein lyrisches Leben, Kind! Glaubst du denn nicht, daß die Dichtung ein wichtiges Geschäft ist?! Du arbeitest da ein Ding. Das Ding ist eine Sorge, was es auch sei. Es ist eine Sorge! Ist sie denn nicht für mich, diese Sorge?! Blümchen (läßt erschreckt die Arbeit sinken) . Das – nein – das ist – laß das . . . Es ist auch fertig. (Sie legt die Arbeit beiseite.) Lenz . Nicht für mich. Und ich habe da tausend Wünsche hineingesehn! Verzeih. Blümchen . Du bist so langsam. Nein – du bist vielleicht auch sehr schnell! Aber bevor du schnell wirst, bist du so langsam wie eine schwere Frucht. Lenz . Langsam wie eine schwere Frucht . . . Sommersproß (tritt auf) . Hörst du den Vogel, Blümchen? Das ist die Mohrenlerche oder melanocorypha yeltonensis. Durch ihren herrlichen Gesang belebt sie die Salzsteppen von Transkaspien. Doch verirrt sie sich zuweilen bis zu uns. Und heuer habe ich hier eine ganze Anzahl von Exemplaren feststellen dürfen, was mir in der Forscherwelt einen großen Ruf eingebracht hat. Lenz . Es muß schrecklich sein, wenn man die vielen Vogelliedchen hört und gleich dazu den lateinischen Namen des Piepsers weiß. Sommersproß . Mitnichten. Es gewährt eine außerordentliche Befriedigung und 61 schützt vor der Überschätzung von Sinneseindrücken, die sogleich auf die natürliche Tatsache zurückgeführt werden. Zugleich gewährt es der Menschheit die außergewöhnliche Sicherheit, die keine Religion und kein Gedicht auszustrahlen imstande sind. (Mit Überzeugungskraft.) Die Wissenschaft ist der feste Punkt im Sein, von dem der Bürger diese Welt, soweit das menschliche Begriffsvermögen reicht, erforschen kann. Es ist dem Bürger nicht gegeben, nur einen Augenblick ohne diese Wissenschaft auf Erden auszuhalten. Sie ist der starke Boden, auf dem der Bau der Gesellschaft ruht. Lenz . Punkt! Es lebe die bürgerliche Wissenschaft und ihre Ausstrahlungen der Sicherheit. Punkt. Sommersproß (erfreut) . Hast du das Täschchen fertig, Herz? Blümchen (erhebt sich verlegen und hält ihre Arbeit in Händen) . Ja – – – Lenz (lächelt betreten) . Es ist ein herrliches Werk geworden. Sommersproß (nimmt ihr die Arbeit aus der Hand) . Wie dank ich dir! (Er ist sehr ergriffen.) Blümchen (wegwerfend) . Ach . . . Lenz (tritt weit zurück. Er beginnt zu reden: zunächst leise und leiernd, bis er sich zu anderen Tönen erhebt.) Bum! Bum! Wann es blitzt, da donnerts auch. Wenn der Blitz gezündet hat und man etwa ferne steht, dann dauerts bis zum Donner eine Weile. Aber die Blumenkelche schließen sich in der Wiese, und die Vögel ducken sich in ihren Nestchen. Und die 62 Menschen zittern unterm Blitzableiter und sind diesmal von der durch die Wissenschaft geschenkten Sicherheit nicht völlig überzeugt. Auch der Forscher wird bleich und bebt in den Lippen, wenn die Naturkräfte mit unvermutetem Ruck in sein Dasein stürzen. Sommersproß (unsicher) . Blümchen, ich glaube, dies kann uns nicht interessieren. Blümchen (sieht unschlüssig von einem zum andern) . Lenz . Nein – das geht mich allein 'was an. Und ich red zu den Bäumen und Dingen hier, die die Sinfonie meiner Brust verstehn. Die kennen mondheller Nächte Sehnsucht auf dieser Bank und lichter Frühlingstage hoffnunggeschwängertes Drängen. Die suchten mit uns nach den ersten Gräsern und Blütensternen und strahlten vor Wonne, als sie die fetten Knospen platzen ließen. Die Graugänse reckten sich peipushin, und die Frösche lachten dazu aus vollem Halse. Und dann nickten die Blumen einander nachbarlich zu, verliebten sich gar im Eifer gegenseitigen Anblicks. Und dennoch konnten sie niemals wissen, ob nicht ein plötzlicher Wind ihren Blütenstaub einem fremden Kelch in die Narbe treiben würde! Ist es nicht so? Ich kann mich auch irren . . . Aber nein – hier irre ich nicht. Denn die Seele des Menschen, wer er auch sei, ist ein empfindsam Ding und fühlt die Richtung der Atemzüge einer erschauernden Schwester. Es gibt einen Klopf im eigenen Hause, und ein Hauch geht hinaus. Blümchen . Wühl uns nicht so in den Eingeweiden, Lenz. Lenz (mit drängender Gewalt) . Tu ich dir weh, Kind? Nein! Sieh – dir blühen alle Wiesen der Welt ewig in meiner Brust. Ich hebe den Stab: und dir singen die Heere der ruhigen Fische in allen Meeren; Bo-Bäume und Zedern rauschen dir heilig den Nachtchoral, und die süßesten Rosen von Schiras freuen sich in den Knospen in Erwartung deines Gesichts. 63 Und die bunten Schiffe laufen nach fernen Ländern, die gewerkten Dinge seltsam-fremder Hände in deinen Hafen zu bringen. Ernste Maler rühren leuchtende Farben, seltene Geiger suchen aus wunder Brust ihre zartesten Töne dir zum Liede, dir – nur dir! Willst du all die schimmernden Worte missen, die seit Jahrtausenden selige Dichter nur für dich, für dich gedacht? Blümchen (sieht Lenz trunken an) . Sommersproß (angstvoll) . Hör' ihn nicht, hör' ihn nicht! Es ist Wahnsinn! Lenz . Willst du den herrlichen Wahnsinn missen, der diesem Körper entflammt, Schicksale baut, Schemen zertrümmert, Menschen emporreißt und Völker regiert? Sommersproß (hält ihr die Ohren zu) . Halt dir die Ohren zu! Es ist wörtliches Gift, das er sprüht. Lenz . Hast du noch nie den rasenden Rhythmus dieser entfesselten Seele gewußt? Blümchen (reißt sich los und fliegt zu ihm) . Halte mich fest! fest! fest!!!! (Ein Ruck geht durch die Szene.) Sommersproß (trocken) . Blümchen. Blümchen (löst sich. Blickt ihn an.) Du bist der – Herrrr! Aber ich will nicht! – – – Sommersproß . Du hast doch schon, Kind. Vergiß nicht, was wir gemeinsam haben. 64 Blümchen . Aber ich will nicht!! Begreifst du das denn? Sommersproß . Ich begreife. Und ich begreife auch das Eine: ich bin's gewesen – und ich bin's . . . Und wenn es Tausende sein werden: ich bin's, ich und immer, immer nur ich. Lenz (verzweifelt) . Nein, nein, nein, nein . . . Sommersproß . Sorge, Blümchen, – sorge . . . Pflück Beeren im Walde. Wem wirst du sie geben? Blümchen . Ist denn kein Gott da, der mir den Schluß sagt? Sommersproß (beginnt langsam den Platz zu verlassen) . Blümchen (wird von) Lenz (durch die folgenden, mit tiefer Wärme langsam gesprochenen Worte Sommersproß nachgedrängt) .         Alles vergeht; so auch dies. Danke ihm früh und spät, der dich ins Dunkel stieß. Denn die Kraft, die du am Boden findest, treibt auch den Schaft, an dem du dich aufwärts windest. Dies ist das Glück: jegliches Leben wird weise geendet, in ihn, der es sendet, rauscht es zurück.     Höllenspiel Personen des Spiels: Der Lehrer Der Schüler Die Frau Der Freund Der Schauspieler Der Landstreicher Der Dichter Die Handlungen gehen im Freien vor sich.   Der Lehrer (kommt, bleibt stehn und zeichnet mit dem Stock im Sande) . Blau – noch mehr blau. Aber sehr viel rot und schwarz. Der Schüler (kommt ihm entgegen) . Lehrer . Das sage ich dir für allemal: sehr viel rot und schwarz. – Was ist dies? Schüler . Ein quadratisches Gesicht. Lehrer . Nein, mein Lieber. Eine phantastische Notwendigkeit. Aber genug. Du kannst wieder gehn. Schüler . Wohin denn? Lehrer . Gehn – gehn – gehn. Ich muß auch gehn. Immerzu gehn. Schüler . Du hast deine unruhigen Tage. Lehrer . Nein – ich bin in die Hölle gekommen. Schüler Das versteh ich nicht. Lehrer . Man lebt ganz ahnungslos, vielleicht mit einer gewissen Unruhe, auf die man nicht achtgibt. Und plötzlich stürzt man mitten hinein in die Hölle. Schüler . Und wie fühlt man dieses? 68 Lehrer . Alles muß reif werden. Auch die Hölle muß reif werden. Nun werde ich vierzig Tage in der Hölle sein. Denn vierzig Tage, das ist so die Zahl. Sie steht in allen wichtigen Büchern, doch wird sie nicht gleich entdeckt. Schüler . Der Teufel also steckt in dir, und du bist beschäftigt, ihn auszutreiben. Lehrer . In mir ist nur das Gute und das Wahrhaftige. Du aber bist der Teufel, und alle Menschen, die ich kenne und die ich nicht kenne, die Guten und auch die Schlimmen, das ist der Teufel. Schüler . Ich bin wahrhaftig und weiß von nichts Teuflischem. Lehrer Auch du wirst lügen, sage ich dir, wenn auch andächtig, wie ein Hund bei der mittleren Kotfrummel. Schüler . Ich könnte dir ein heftiges Wort sagen. Aber da ich dein Schüler bin, gehn wir. Lehrer . Es riecht nach Windkugeln. Spürst du das? Schüler Ich spüre nichts. Lehrer (geht) . Die Frau (kommt) . Hier ist mein Mann gewesen. Das rieche ich. Es riecht hier nach schlechten Worten wie eine Dunggrube. Schüler . Ich glaube wirklich, es ist was passiert. 69 Frau (abwinkend) . Nicht reden. Ablenken und weiterleben. Schüler . Der Geduldige kennt nicht Verzweiflung. Frau . Soll ich heut stehn? Schüler . Ja – ich will arbeiten. Frau . Ich glaube – mein Leib berstet. Das muß gut sein – für das Bild. (Beide ab.) Der Lehrer (tritt wie gefoltert auf) . Der Freund . (folgt ihm) . O – diese Farben, die du gebrauchst, und diese unnachahmliche Geste deiner Gestalten sind doch der Brennpunkt aller Bewunderung. Lehrer . Laß mir die Bilder in Ruh – meine Bilder. Ich will nichts hören, sage ich dir. Nimm Michelangelo. Diese Kerle mit Weiberbeinen! Und sieh dir diese Weiber mit Männermuskeln an! Ja – das war ein Mann! Und immer nur Schmerz. Nichts, nichts als Schmerz. Freund . Davon andermal. Jetzt will ich nur die Werkstatt sehn. Lehrer . Und nie noch hat jemand Geschlechtsteile herrlicher gemacht als er! Freund (geht voran) . Lehrer (schlägt von hinten über ihn das Kreuz) . 70 Freund (sich wendend) . Mich friert. Lehrer Das ist innerlich, Jakob, innerlich. (Beide ab.) Der Schauspieler (tritt auf, blickt sich vorsichtig um und atmet auf) . Nein! Hier ist kein Mensch. Gott im Himmel, wie hast du mich gestraft. Nirgend ist mir gegeben, meine Rolle zu memorieren, denn in der Wildnis. Hier hört mich niemand, nur Gott, der dem Poeten das absurde Zeug eingab. Mag er sich daran ergötzen. Auf der Bühne, da ist es ernst für die Bohnen. Zwischen den Menschen ist es verrückt. Punkt. – Rechts also, von rechts kommt der einsame Storch geflogen. Und hier ist sein Nest. Da hat schon jemand das Nest gezeichnet. (Er geht ab, kommt sogleich wieder angelaufen, mit den Armen wie mit Flügeln auf- und niederschlagend. Auf der Sandzeichnung bleibt er auf einem Beine stehn und blickt beschaulich um sich her. Dann hebt er plötzlich das Gesicht nach oben und neigt es wieder zu Boden, dabei das Klappern des Storches nachahmend.) Bläck bläck bläck bläck bläck bläck bläck bläck bläck bläck bläck black black black black black black black block block block block bläck bläck bläck bläck black black black block. (Spricht schwer, wie in angestrengter Erinnerung.) Als ich in der Arche Noahs klapperte, da hat es die ganze Welt gehört. Heute bin ich der einsame Storch, und das kurze Lied ist bald gesungen. Die Sperlinge wischen ihre Schnäbel an dem Aste, worauf sie stehn, aber ich bin von Gott als Säule der Welt gelassen. Strindberg schätzte mein Alter auf hundert Jahre, doch er hat nicht gewußt, daß der Wald des himmlischen Vaters Hanfgarten ist. Hi, hi, hi, hi! Heute Nacht, wenn ich schlafen werde, wird mich der Herr Professor von dort unten greifen. Guten Tag, Herr Professor, guten Tag! Gewiß! Ihr Ringlein ist noch an meinem Fuße. Es macht mich stolz, und ich knabbere daran zuweilen in langsamen 71 Stunden. Aber wo ich in diesen Monaten war, werden Sie doch nicht ergründen. Auch wo unsere Millionen von Jungen bleiben, nicht, ohne die wir jedes Jahr wiederkehren. Der Herr schickt den Hund, der Hund treibt den Schwanz, der Schwanz treibt das Schwanzende, aber das Ende sagt: Haare, springet selbst! Bläck bläck bläck bläck usw. Der Landstreicher (tritt unterdes auf und bleibt stehn) . Na – hören Sie mal! Schauspieler (läßt das Bein sinken und dreht sich schnell um. Er sieht ergriffen drin, lüftet den Hut und geht fort.) Landstreicher (sitzt nieder, zieht eine Flöte hervor, probiert darauf allerhand Töne) . Das ist sauer, aber doch sehr wichtig. (Bläst.) Im Anfang war ein Ton. (Bläst.) Der Ton war im Anfang. (Bläst.) Der Mensch erfüllt die Erde mit Geräusch und zeigt sich darüber außerordentlich zufrieden. (Bläst und springt plötzlich nervös auf.) Der Mensch hält das Geräusch nicht aus!! Deshalb braucht er ein Antiphon. (Er bedient sich eines solchen.) Und nun geräuscht er nach Belieben. (Er geht umher und bläst aus Leibeskräften.) Ho, ho! Da kommt ein Dichter. Grüß Gott, Bruder in Apoll . . . Der Dichter (tritt auf. Er weint) . Landstreicher (nimmt den Ohrenschließer ab) . Sie haben Tränen? Sie weinen? Dichter (schluchzend) . Schmerz, zuviel Schmerz ist auf Erden. Landstreicher . Die Menschen von heute weinen bloß immer. Legen sie sich auf den rückwärtigen Bauchnabel, junger Mann. Da sehn Sie die Wolken wandern. Und plötzlich sind Sie nicht mehr hier. 72 Dichter . Und wer weiß, ob nicht auch in den Wolken Schmerz ist, so vor dem Winde hergehen zu müssen. Landstreicher . Ach was, weinen Sie nicht! Hier schenke ich Ihnen auch eine Flöte. Sehn Sie. (Drückt ihm die Flöte in die Hand.) So. Und nun weinen Sie nicht mehr . . . Dichter . Aber ich bin doch durchaus nicht musikalisch. Landstreicher . Sagen Sie das ja nicht. Die Menschen haben einen unberechenbaren Geschmack. Und die Flöte steht Ihnen gut zu Gesicht. Blasen Sie nur, blasen Sie nur, und dann klappern Sie ein wenig mit den Fingern. (Er nötigt ihn dazu.) Sehn Sie! Es ist ganz genau so wie dichten! Und nun werde ich singen. Und Sie werden mich begleiten. Jawohl . . . Also eine Arie! Arie, gesungen von einem Irrsinnigen! Dichter . Und ich soll dazu blasen? Landstreicher . Bloß blasen. Also los! (Singt.)         Zieht, zieht, zieht – ach du Holde – Regen rauscht durch mein Gemüt. Flieht, flieht, flieht nach dem Golde. Dideldideldideldideldideldumdüt. Hahahahaha li la lu. Hahahahaha li la lu. Ha! Ha! Ha! Ha! Hahahaha li la lu. Die Frau (kommt im Hemd) . 73 Landstreicher (verdreht die Augen) . Man soll sich nicht wundern . . . Jetzt fehlt bloß noch, daß jemand Wagner spielt. – Wie hast du gefehlt, Schwester irdischen Jammers? Frau . Was kümmert es euch? Landstreicher . Blut kennt des Blutes Mühsal! Und die Reue ist immer unterwegs. Frau . Wenn Abend ist, werden meine nackten Füße in Tau sein. Busch und Baum werden mir das Dach bereiten zur Nacht. Landstreicher . Ein tiefsinniger Satz: wenn man in Not ist, merkt man plötzlich, weshalb so ein Busch eigentlich wächst. Frau . Und ich werde entbehren. O – es wird eine Lust sein zu entbehren! Landstreicher . Gnädige Frau verzeihen eine Verwechslung: nicht mehr nicht reich sein wollen ist noch lange kein Streben nach Armut. Gnädige Frau verzeihen, diese vielgeübte Verwechslung. Der Lehrer (tritt auf; ihm folgt, ihn beschwörend) Der Schauspieler . Ich verspreche Ihnen, Herr Malermeister, ich kenne diese Dame nicht. Ich bin der Menschendarsteller, der heute abend den einsamen Storch zu spielen hat. Frau (laut) . Trauerweiden will ich mir zur Hütte biegen und Nachtigallen in meine Kammer laden! Landstreicher . Schmerz, laß nach! Blase, Flötmann, blase! 74 Dichter (bläst) . Landstreicher (singt) .         Zieht, zieht, zieht – ach du Holde – Regen rauscht durch mein Gemüt. Flieht, flieht, flieht nach dem Golde. Dideldideldideldideldideldumdüt. Hahahahaha li la lu. Hahahahaha li la lu. Ha!Ha!Ha!Ha! Hahahaha li la lu. Frau (geht während der letzten Töne langsam fort) . Lehrer . Fredegunde, laß ab! Landstreicher . Den Sinn der Liebe kennt der Atmer nicht, deshalb richtet er sich nach dem Kompaß des Unterleibes. Schauspieler . Erbarmen Sie sich. Da muß irgendwas geschehn, irgendwas geschehn! (Er geht der Frau nach.) Landstreicher . Flötmann, ich glaube, wir lassen den Vorhang fallen, damit der Bürger unruhig bleibt! Dichter (bläst leise in die Flöte) . Lehrer (wendet sich ab und spricht voll Inbrunst) . »Man wird wiederum Weinberge pflanzen an den Hängen Samarias, pflanzen wird man und dazu pfeifen.«     Ostrom Gestalten: Fotius Spatzki Der Zar Eufemia Aleksandrowna Bobrikoff Staretz Ssladki Der Fürst Die Fürstin Der Minister Peter . Lakai Akim . Bauer bei Fotius (Sehr langsames Spiel.)   Zimmer auf einem Landsitz. Drei Türen, deren eine in die Badstube führt. Sessel an den Wänden. Kleiner Tisch mit Büchern. Peter (am Schlüsselloch zur Badstube. Er lauscht mit Zeichen höchster Erregung, die er, immer wenn sie den Höhepunkt erreicht zu haben scheint, durch einen Schluck aus dem Fläschchen, das er dann aus der Tasche zieht, zu sänftigen sucht. Dann lauscht er aufs neue und versucht auch durch das Schlüsselloch zu sehen. Plötzlich scheint er etwas Furchtbares gesehen und gehört zu haben. Es gelingt ihm nicht mehr zur Flasche zu greifen. Er hält sich zu gleicher Zeit mit den Daumen die Ohren und mit zwei Fingern die Augen zu und stürzt mit einem erschütternden, aber noch unterdrückten Aufschrei durch das Gemach. In eine Ecke kriechend, ruft er aus) Christus, erbarme dich! Weshalb muß ich dies alles erleiden! Akim (der leise eingetreten ist und Peter eine Zeitlang verwundert zugeschaut hat) . Weil du da hinsiehst – wahrscheinlich, Kleinerchen. Peter (fährt herum) . Euer – Euer Gnaden, hätte ich bald gesagt. Wie ist es möglich! Ich fasse es nicht, Väterchen. Aber leise, in Christi Namen, ganz leise. Sonst werden wir gehört. Akim . Also ist Eufemia Aleksandrowna heute nacht aus Wilna zurückgekehrt . . . Peter . Über euern Scharfsinn, Väterchen Akim! Richtig, sage ich! Richtig! Sie kam heute nacht an. 78 Akim . Du bist krank, Peter Petrowitsch, ernstlich krank. Peter (erschreckt) . Nein! Was du sagst! Aber ja, ja, ja! Ist denn dieses zu verwundern? Ein Mensch wie ein Baum kam ich hierher. Seht mich an! Mit vertrockneten Adern besorge ich jetzt das Bad und die Menschen im Schloß. Und kennst du diese Krankheit? Kennst du sie, frage ich dich im Vertrauen? Nein! Du kennst sie nicht. Aber du bist immer so freundlich zu mir. Nachts aus dem Schlafe heraus muß ich manchmal laut aufweinen über deine Freundlichkeit zu mir. Da will ich dir meine Krankheit sagen. Die Liebe ist es, Väterchen! Die Liebe! Jetzt wißt ihr's. Und ich weiß, ihr werdet es für euch behalten. Akim . Da kannst du sicher sein, Peter. Und ich will dem heiligen Fotij Spatzki sagen, daß er dich in sein Gebet einschließe. Peter . Ja – solch ein Mann, Akim. Was?! – Hm. Trinkst du vielleicht ein Schnäpschen, sieh? . . . Akim . Da will ich nicht nein sagen. So ein Schlückchen, weiß du. Hm . . . Peter (reicht ihm das Fläschchen) . Akim (leert es in einem Ansatz) . Peter (ist außerordentlich verblüfft) . Akim (reicht ihm die Flasche zurück. Dann leise fühlend.) Also die Liebe, sagst du. Peter (schnappt zu) . Ja – Väterchen! Hast du schon jemals geliebt? Sage mir das. Hast du jemals einer schönen Frau auch nur den Fuß geküßt? 79 Nein,Väterchen. Wie könntest du auch. Du bist ja bloß ein Bauer. So ein weiches Geschöpf! (Er macht die Geste des Fleischkneifens.) Und diese wundervollen Armhöhlen: Und dann so von den Waden an ganz langsam aufwärts. (In der Ausmalung dieses Gedankens stützt er sich, um nicht umzusinken, auf einen Stuhl. Er schweigt eine Weile mit verschleiertem Blick.) Und das kam so. Akim (tritt einen Schritt näher) . Peter . Sie hat nämlich eine Leidenschaft. Akim . Wer? Peter . Eufemia Aleksandrowna, sage ich. Ja – sie badet gern, Väterchen. O, sie badet! Seife, Seife und nochmals Seife und das viele, viele Wasser. Und eines Tages, – der Zar ist nach Wologda – was meinst du, wen sie sich ins Bad bestellt? Akim . Dich natürlich! Peter . Wer hat dir das gesagt?! Wahrhaftig. Peter, sagt sie; ich muß dich baden, sagt sie . . . Und dann hat sie mich gepeitscht. Und dann hat sie mich gewaschen. (Er schüttelt den Kopf und schweigt.) Und dann – – ja – weiter auch nichts!! Das ist es, verstehst du mich! Akim . Und sie war so schön? Peter (hastig abwehrend) . Sei still, sei still, sag ich! (Er weist auf die Tür.) Da – da – seh ich sie jeden Tag. Auch jetzt. Auch jetzt! Sie badet . . . Akim (schnell) . Wen? 80 Peter (sieht ihn verblüfft an) . Ja – das – das ist eine eigentümliche Geschichte, muß ich dir erzählen. Nicht allein ist sie zurückgekehrt, sondern hat einen Mann, einen Staretz, Staretz Ssladki mitgebracht. Ein nobler Herr, sage ich dir, der weiß, daß wir Russen in Europa leben. Sie wird ihn dem Zaren empfehlen, hat sie gesagt. O – sie ist um ihn herum. Ssladki hinten und Ssladki vorn und Ssladki hier und Ssladki da und Ssladki dies und Ssladki das und Ssladki allerwegen. Fotius Spatzki trägt nur die Kutte, und darunter ist er nackt wie Adam. Aber Staretz Ssladki hat seidene Hemden und Strümpfe und gestickte Westen und Gegenstände, die noch keinen Namen haben mögen. Stundenlang kann er sich die Fingernägel mit einem Dingrich reiben, das ich nicht kenne, und mit sieben verschiedenen Gewässern spült er sich den Mund. An allen Enden duftet er nach bitteren Mandeln. So er eintritt, erfüllt er das ganze Gemach mit diesem unerhörten Geruch. Ich roch einmal in Warschau an dem Testament eines polnischen Grafen. Das duftete auch so nach bitteren Mandeln, Myrten und Reseden. Da muß irgendwie ein Zusammenhang bestehen. Akim . Das ist wichtig. Darüber muß man wohl nachdenken. Es ist so wie im Traum, weißt du . . . oder – oder – Peter . Träumerisch ist der richtige Ausdruck. Ich lese zuweilen in diesen Büchern da. Träumerisch! O – du kennst die Sprache nicht, Väterchen, um den Gedanken mit der Weihe der romantischen Erkenntnis zu versüßen. Wer einmal im Westen gewesen ist, kommt nicht ohne den rhythmischen Schwung seelenschöner Ansichten in die Heimat zurück. Akim (kurz) . Versteh nicht! Hab auch keine Zeit jetzt. (Wärmer.) Aber über die Liebe, da müssen wir noch einmal reden. (Er geht.) 81 Peter . Ja – ja – oder – oder – – – (Wie Akim hinaus ist.) hätte ich das für mich behalten sollen . . . Wer weiß . . . (Steht in Gedanken versunken.) Der Zar (tritt ein) . Peter (beugt schlotternd die Knie) . Ma – Majestät – tät – Der Zar . Eufemia Aleksandrowna zurück? Peter . Sie sie sie kam heut nacht zurück – ja – ja – Der Zar . Und? Peter . Sie sie sie sie sie sie sie badet, wenn Majestät gestatten. Der Zar . Raus. Peter (in höchster Eile ab) . Der Zar (geht schnell einmal durchs Zimmer und dann auf die Badstubentür zu. Er klopft leise.) Eufemia! Ich bin's. Öffne doch. (Er blickt durchs Riegelloch.) Weshalb schweigst du, Liebling? Da – da – sehe ich dich! Hörst du? Fotius Spatzki (durch die Mitteltür. Ein von bezwungenen Leidenschaften durchwühltes Gesicht mit den Augen eines Heilandes. Er trägt Bart, Haar und Mantel russischer Popen.) 82 Der Zar (fährt im Zorn herum und schmilzt beim Anblick des Heiligen langsam zusammen. Nur die Augen flammen noch ein erzürntes Leuchten.) Wer – – – –!! Ah . . . Fotius. Fotius . Guten Tag, Nikolai Pawlowitsch. Ja – alles will baden. Der Zar Das – das Schloß ist klein. Es ist wirklich eng. Und dann kommen noch heute der Minister Maifeld-Samson und Fürst und Fürstin Rantin. Wir müssen doch nach Pawlowsk oder Petersburg zurück. Fotius . Aber die Luft hier draußen ist gut. Und man sieht und fühlt so viel. Der Bauer lenkt den Pflug durch den schweren Acker, glaubt an Christus und erinnert uns fortgesetzt an die Aufgabe unseres Volkes auf Erden. Der Zar . Vergiß nicht, daß wir Europäer sind. Und da kann der graue Bauer uns nicht helfen. Fotius . Die Biene ist ein klein Vögelchen und gibt doch die allersüßeste Frucht. Dein Volk ist der östliche Bauer. Weshalb liebst du nicht dein Volk? Der Zar . Ich – ich – ich liebe mein Volk. Fotius (heftig) . Wenn du das Volk nicht liebst als ein Vater, dann wird man dich steinigen und Christus an deine Stelle setzen. Du bist es, der die Stelle Christi auf Erden vertritt. Du mußt dich als ein Christus beweisen, denn dein Volk ist das einzig rechte Volk der Gotträger. Der Zar . Aber in Rom – – – 83 Fotius (heftiger) . Wo ist Rom? Hier ist Ostrom. Und aus dem Osten kommt das Volk, hat der Christ geweissagt. Der Zar . Kann man das alles so glauben? Fotius . Du brauchst nicht zu glauben, denn ich glaube für dich. Und so wird immer jemand sein, der für euch Zaren glaubt. Und wenn man demjenigen, der für euch glaubt, nur ein Haar krümmen wird, dann werdet ihr ausgelöscht werden aus dem Buche der Menschheit. Und eines Tages, der kommen wird, wird einer von euch einem für euch Glaubenden ein Haar krümmen, damit wir Christus an deine Stelle setzen können, denn ihr seid zu schwach, die Liebe eines solchen Volkes zu tragen. Der Zar (drohend) . Fotius, wer bist du? Ein frecher Bauer oder ein Prophet?! Fotius . Ich bin Baumeister an Gottes Baukasten. Du aber bist nicht von Ihm, sondern vom Tier. Der Zar . Peter hat St. Petersburg gebaut. Glaubst du nicht, daß er des Volkes Sendung gewußt hat? Fotius . Nein – das hat er nicht – wie so viele vor ihm. Aber von dem Leben und den Taten großer Menschen wird nur dasjenige euch Wesen offenbar, was zur Vollendung der Erde folgerichtig und notwendig ist. Der Zar . Du bist der frömmste Mann in Rußland und darfst mir alles sagen. So will ich dich denn auch um Rat befragen. Ist es gut, gegen die Türken in den Krieg zu gehen, auf daß Konstantinopel endlich unser werde? 84 Fotius . Laßt doch die Stätten, die die Erinnerung mit großen Namen meldet. So wie der Juden Herz Jerusalem, ist unser Herz Byzanz, darin wir jeder Kaiser sein wollen. Werdet nicht müde, es zu erobern, und hütet es fein. Der Zar . Es ist so schwer, mit dem Schwert in der Scheide zu leben. Fotius . Solange du noch den Ruhm nach der Größe der Faust mißt, hast du noch nichts von Christus und deinem Volke begriffen. Du bist das Tier aus Westen. Wach auf, daß dir der Osten teuerer werde. Der Zar (gereizt) . Laß diesen Ton! Ich will ihn nicht mehr ertragen! Ich bin Zar. Vergiß deine Herkunft nicht!! Steh mir Rede, weshalb du der lutherischen Geliebten des Ministers Samson die heiligste Zeremonie der Bestattung gewährt und der Mutter eines Wilnaer Staretz die heiligen Sakramente verweigert hast?! Fotius . Diese Mutter war aus Rom. Aber Luther war der erste Mann, der gen Rom » nein « brüllte. Der Zar (heftig) . Was kümmert das uns? (Er folgt dem Gedankengange nicht mehr, sondern ist sichtbar nur noch mit der Badstube beschäftigt. Seine Erregtheit Fotius gegenüber wird durch dessen Reden nur noch gesteigert.) Fotius . Wir sind Reußen – sie sind Preußen. Ich weiß nicht, wo das P da herkommt. Beide Völker werden einst zum gemeinsamen Kampfe über die Brücke am Meere hin einander die Hände reichen. Der Zar (böse) . Du träumst. Ich sehe nichts! 85 Fotius . Es wird vielleicht auch niemals sichtbar sein, sondern mit ganz anderen Bezeichnungen ans Licht kommen. Die himmlischen Dinge werden auf Erden mit sehr irdischen Mitteln ausgekämpft: ein Mord, ein Krieg, eine Lüge; es geschieht Unglück, und hinter dem Schmerz erkennt man auf einmal die himmlische Hand. Der Zar (in hellem Zorn, zitternd am Leibe) . Das ist Unsinn! Gotteslästerung! Lüge mich nicht an, du! Ich jage dich vom Hofe! Hast du mich verstanden?! Fotius (tritt lächelnd auf ihn zu, schlägt das Kreuz über ihn) . Christus sei mit dir . . . (Dann läßt er schweigend den geschlagenen Monarchen und geht.) Eufemia (öffnet die Badstubentür, steht einen Augenblick strahlend auf der Schwelle und fliegt dann jauchzend dem Zaren an den Hals) . Da bist du, mein Gott und mein Engel! Ah! Deine Stirn ist umwölkt. Dein Auge blickt durch alles Lächeln düster. Der Zar . Es gibt Menschen, liebes Herz, die mir durch sonderbare Worte in den Arm fallen. Eufemia . Ist es möglich? – Nun denn – erfülle die Stunde meiner Rückkehr eine ernste Sprache. Ich bin gestimmt. Ich weiß. Ich erkenne. Der Zar . Nicht doch! Rede von deiner Reise. Du hast Buntes gesehn. Eufemia . Ja, du. Es ist bunt in der Welt. Fremde Städte zeichnen seltsame Linien. Allerhand Völker bewohnen den Kontinent, aber sie sind bei aller Verschiedenheit eins wie das andere. Der Zar . Aber Wilna – Wilna – 86 Eufemia . Wenn man Wilna sieht, tut einem der Kopf weh, aber das Herz lacht. Die Glocken läuten über den Stätten furchtbarer Erinnerung, und die heiligen Männer aus Rom gehen schwarz mit feierlichen Gesten. Ah! Du! Solch eine Prozession! Ich habe geweint. Ich habe geweint! Der Zar . Und das Volk sang . . . Eufemia . Es sang. Ja. Aber es war, wie wenn das Meer braust. Kein Anfang war und auch kein Ende. Wie ein langsamer Donner von ungewöhnlicher Stärke lag es über den Straßen und Plätzen. Der Zar . Wie du blühst, wenn du so sprichst! Eufemia . Ich trage eine heilsame Blume im Herzen. Wo ich nun bin, wird ihr Duft gespürt. Der Zar . So anders bist du geworden, Eufemia Aleksandrowna. Leg dein Geheimnis in diese Hand. Eufemia (mit leichtem Schreck) . Mein Geheimnis? Ich – ich habe doch keins. Ja, doch, ich habe ein kleines. Doch ich will dich damit überraschen. Warte. Aber du bist krank. Dein Auge ist müde. In deinem Körper liegt ein gelähmter Schwung. Ich werde dich küssen. Mein Atem wird dir die springende Seele wiedergeben. Der Zar (mit wachsendem Staunen) . Du bist anders, Eufemia, ganz, ganz anders. Eufemia . Ich habe so viel gesehn. Und vieles ist in mir reif geworden. Das ist es. Aber du bist krank. Und dein Reich ist krank. Du und dein Osteuropa sind krank. Und ich will den Zahn ziehen, denn niemand 87 hat die Kraft sonst. Und ich muß ihn ziehen, wenn ich mit euch nicht ersticken will. Denn Stickluft ist, wo du gehst. In Wilna aber wachsen Myrten und Reseden. Und die gebundenen Bücher der frommen Männer riechen so schauersüß nach reinem Geist. Der Zar . Du siehst schwarz. Ich bin nicht krank. Nein! Nie noch war so viel Kraft in mir wie heut. Eufemia (mit fernen Augen) . Kraft? Hast du Kraft? Durch wen denn hast du die Kraft bekommen? Nein – du hast keine Kraft. Und wenn ich nur eine geringe Bitte hätte, siehe, du hast nicht Kraft, sie mir zu erfüllen. Der Zar . Du weißt doch gar nicht, was du da sprichst! Eufemia . Gib mir hunderttausend Soldaten und deine Hand für deinen Bruder, den Papst. Der Zar (erschreckt) . Was – du da redest. Eufemia (heftig drängend) . Hunderttausend Soldaten nur und die Hand, sag ich! Ich will dir Byzanz geben und Wien und die ganzen Völker im Süden, hörst du! Der Zar . Wo hast du das her! Wo hast du das her, sprich! Du redest von unerhörten Dingen in dieser Stunde. Eufemia . Zieh doch den Bauer empor, wenn du schon willst, aber stoß nicht deines Landes Intelligenz vor die Brust. Du zwingst uns, mit übelriechenden Leuten zusammenzuleben, die aus Wollust nackt unter der Kutte sind. Fotius Spatzki, er stinkt wie ein Ackerknecht, der er gewesen ist. Du befiehlst; er sagt nein. Du beugst dich und speiest so ins Gesicht der Adligen deines Landes. 88 Der Zar . Ich regiere! Ich! Eufemia! Ich dulde nicht solche Sprache. Eufemia . Wer verhindert es, daß du dem Papst die Hand gibst und dich zum Mächtigsten dieser Erde aufhebst? Versuche es doch, den Arm zu heben. Die Faust des Knechtes wird ihn berühren. Dann hebst du ihn nicht mehr. Der Zar . Hier ist nicht der Ort, von solchen Dingen zu reden, Eufemia. Laß uns gehn. Du bist müde, bist erregt. Ruhe noch, und du wirst anders denken. Eufemia (läßt sich geleiten) . Ich bin müde, dieses Bauernlebens unsäglich müde – ja. Und wer in Petersburg wäre es nicht müde, so regiert zu werden! (Während der Zar die Tür öffnet, steckt Akim den Kopf durch die Hintertür, läßt sie offen und schlüpft lautlos in die Badstube, stößt aber in der Tür mit Staretz Ssladki zusammen, der gerade heraus will. Erstauntes Mustern. Ssladki geht auf die Mitteltür zu, schließt sie heftig, um an dieser Stelle gehört zu werden.) Eufemia (dreht sich rasch um) . Ah! Der Staretz. Das ist die Überraschung. Ich habe Majestät einen Staretz mitgebracht. Ssladki (trägt auch den Vollbart und das lange Haar, beides aber deutlich verschnitten. Er ist eine außerordentlich einnehmende Erscheinung. Er verneigt sich.) Der gnadenreichen Majestät Nikolai Pawlowitsch untertänigster Staretz Ssladki. Der Zar . Ssladki . . . Ich erinnere mich. Deine Mutter stammte aus Rom. Ssladki . Majestät verzeihen, daß meine Mutter in Wilna geboren war. 89 Der Zar . Ah! Wirklich! Dann hat man mich belogen. Ja. Eufemia . Wie kann die Mutter eines Rechtgläubigen aus Rom stammen? Weshalb Rom? Rom? Oder doch – ja –. Ich verstehe! Eine Zunge, die im Nachtschweiß entstanden ist. Der Zar . Wo hast du studiert? Denn man sieht dir an, daß du studiert hast. Ssladki . In den steinernen Gärten der Troitzka Lawra und lateinisch in Rom. Der Zar . Rom. Also doch Rom . . . Ssladki . Nur in Rom kann man lateinisch lernen. Ich war dort Sekretär an der vatikanischen Bibliothek. Der Zar . Ah! Gibt es das? Auch für Nichtkatholiken? Ssladki . Ja – das gibt es. Und ich schulde Rom ewigen Dank, weil es mich lehrte, an der Welt Vergangenheit die Zukunft des irdischen Seins zu erkennen. Der Zar . Und – hast du den Papst gesehn? Ssladki . Ich habe den Vorzug gehabt, häufig zu Seiner Heiligkeit geladen zu werden. Der Zar . Ganz seltsam. Wer hat dich empfohlen? Ich begreife dies nicht. Ssladki . Ich habe gewiß eine Empfehlung gehabt, eine Empfehlung Eurer Majestät in Gott ruhenden Vaters! 90 Der Zar . Meines – Vaters – – Eufemia . Das ist sehr – spannend. Ssladki . Und – ich bitte, mich damit auch hierorts in Empfehlung bringen zu dürfen . . . . Der Zar . Gib her . . . Ssladki (reicht ihm die Schrift) . Der Zar . Wa – was? Dann – dann – dann wärst du – du – du mein – Halbbruder, wie man so sagt! Ssladki . So ist es, Nikolai Pawlowitsch. Ich bin Ihr Halbbruder. Und meine arme Mutter starb mit einem Gebet für Sie auf den Lippen. Sie hat Sie auf den Händen getragen, als Sie noch klein waren. Denn sie war Amme in St. Petersburg. Und unser Vater hat ihren schönen Leib sehr geliebt. Der Zar . Und – ich begreife es kaum! Weshalb wurdest du nicht Militär? Du hättest einen Adel und einen hohen Rang bei deinen Fähigkeiten erreicht. Ssladki . Rang und Adel regieren die Menschheit nur bedingt. Aber der treibende Geist fühlt seines irdischen Dauerns Wohnstatt vor. Der Zar (reicht ihm das Papier zurück) . Und – und du wünschest jetzt? Ssladki . Ich habe vielleicht nur deshalb gelebt, um diesen Wunsch einmal aussprechen zu dürfen. Vielleicht werd' ich ihn zwei-, dreimal in meinem Leben aussprechen müssen. Ich weiß es nicht. Doch es bringt mich dem Ziele näher. (Schweigt kurz.) Hunderttausend Soldaten und Ihre Hand für den Papst. 91 Der Zar (auf Eufemia zu) . Ah – das – so. Aber, aber so schnell. –  : – Wie siehst du die Zukunft Rußlands, Staretz? Ssladki . Ich kenne Rom. Und ich kenne Ostrom. Ich habe sie beide in meinen Händen gewogen und für gleich schwer und voll befunden. Sie ruhen beide mächtig an den zwei Polen der Angel der Welt. Sie streben beide kraftvoll aufwärts. Um wie viel stärker wäre gemeinsames Wollen mit einander entgegengebogenen Armen! Dann würden die orthodoxen Völker von einem Zepter regiert und der Stab einer auserwählten Intelligenz könnte die himmlischen Segnungen in die kleinste Hütte tragen. Aus Mangel und Überfluß entstünde ein fruchtbarer Ausgleich. Ja – Rom wäre imstande, uns mehr zu bieten, als wir Rom zu senden vermöchten. Ich denke da an ein Heer von Bildnern und Formern, die ihre gewaltige Kunst in den Dienst unserer Tempel stellen würden. Vor Skulpturen und Gemälden von erdrückender Wucht würden die russischen Völker mit noch tieferen Erschütterungen des wahrhaftigen Gottgedankens inne werden. Das Vorbild schafft Eifer. Das breite Land der Bauern würde die Auswahl geförderter Geister weit über sich selbst hinausheben. Ein Schwung und ein nie gespürter Rhythmus käme über das Land – über Europa – und damit über die ganze Welt. Tempel würden entstehen, nicht in der kalten Pracht der gekuppelten Türme nur: nein! – die intelligente Wärme exotischer Düfte würde den Betern verkünden, daß der Erdteile Bestes als Altaragium gesandt sei . . . Eufemia (sinkt mit Verzückung in einen Sessel) . Ist das nicht groß – groß – groß?! Ssladki . Es würde sich endlich erweisen, daß eines deutschen Mönchleins Kraft von etlichen hundert Jahren nicht ausgereicht hat, einen eisernen Keil zwischen zwei Kirchen zu treiben, der heute noch eine unerforschliche Festigkeit aufweist, aber durch zwei gemeinsame Hände wie ein lästiger Splitter entfernt werden kann. 92 Der Zar . Und – dann käme – – Ssladki . – das grenzenlose Strömen der Völker! Der Zar . Ja – das – kommt dann! Aber wie, wie, wie?! Ssladki . Das – das weiß man noch nicht. Der Zar . Wenn du wissen wirst, wie das kommt, dann– dann will ich die Hand gen Rom recken. Du bist mein Gast. (Zu Eufemia.) Wir gehen wohl! (Er reicht ihr den Arm. Sie gehen.) Ssladki (verneigt sich) . Akim (kommt aus der Badstube, sieht lächelnd auf Ssladki, zieht eine Schnupftabaksdose und priest und reicht sie auch Ssladki hin) . Ssladki (verwundert und mit heftiger Stimme) . Was ist denn das?! Akim . Tabak, Väterchen, Tabak . . . * * * Abenddämmerung. Kleiner bebuschter Platz mit Ruhebänken im Schloßgarten. Mit einer scharfen Ecke ragt das Schloß in die Szene hinein. Akim (kommt langsam, geht bis zur Schloßecke und blickt vorsichtig herum. Dann stößt er zweimal einen Pfiff aus und winkt jemanden zu) . Peter (kommt; verstört, bleich, zerfahren, übernervös) . Meiner Seel! Da hat man dich bis auf der Terrasse gehört. 93 Akim . Ist Fotius Spatzki dort? Ich kann schlecht sehn, weißt du. Peter . Nein, Väterchen. Der heilige Mann zeigt sich heut nicht. Ist ihm auch nicht zu verdenken. Akim . Wie? (Tief Atem schöpfend.) O . . . Peter! Du riechst nach Südwein. Da sieh dich fein vor bei den Herrschaften. Peter . Die haben den Geruch immer in der Nase und riechen's nicht . . . Aber weshalb redest du davon? Ich habe das alles so satt, satt, satt! Es ist furchtbar schwer. Es ist ganz furchtbar schwer, sage ich dir. Akim . Was denn? Peter . Das kann man nicht so aussprechen. Ich weiß nicht. Aufstehen und anziehen. Und die täglichen Geschäfte vom Morgen bis zum Abend. Und die Dienstboten. Und dann der Zug im Herzen. Und alles – alles! Wenn man doch Geld hätte, Geld! Akim . Gott hat den Menschen nicht erschaffen, um Pfennige zu sammeln. Arbeiten und stille sein, das ist die Rettung. Peter . Ich tu's. Ich bin's. Aber nimm die Frauen weg vor meinen Augen; nimm sie alle weg, daß sie nicht mehr mit ihrem Fleisch, Fleisch, Fleisch mit breiten Beinen auf den schmalen Stühlen sitzen, hörst du! Nimm sie doch weg! Lösche sie aus! O – daß ich in brennender Wüste lebte, vierzig Jahre! Ich will nicht klagen. Akim . Du bist krank, Peter. Das hab ich dir schon heut in der Früh gesagt. Steck das Evangelium in deine Tasche. Und wenn dich das Weib reizt oder das Fleisch knechtet, bohre die Augen ins Buch, ganz fest ins Buch, verstehst du!! 94 Peter . Ich – ich habe schon den Herrgott verleugnet, Akim. Es ist doch nichts mehr zu machen! Im Schlaf plötzlich überfällt es mich; so aus dem Traum heraus; ganz heiß und rot. Die Wände tanzen. Und kein Weib ist da, das einem das Hirn kühlt. Akim . Das – das – das kenne ich nicht, Peter. Peter . Du bist ja bloß ein Bauer – bloß ein Bauer . . . Du kennst das nicht. Du fühlst das nicht. Und die Dienstmädchen riechen nach muffigen Zimmern und abzutrocknenden Geschirren und nassen Lappen. Nein! Nein!! Nein!!! Eine Dame muß es sein. Eine Dame. Eine Dame. Und warum gerade sie, sie, sie! Eufemia . . . Es liegt ihr so im Gesicht. Irgendwie liegt ihr das Ding im Gesicht. Akim . Höre – du solltest ihr einmal sagen, wie schrecklich sie in deinen Träumen rase, wie furchtbar ihr Leib dein Hirn zerklüfte. Aus der Tiefe deiner geschlagenen Seele solltest du einmal zu ihr reden. So ganz warm, weißt du. »Euer Gnaden – Euer Gnaden – ich sterbe an Ihrem Körper«, oder so ähnlich. Die Weiber sind ein gar hilfreich Volk, Kleinerchen. Auch ich – kannte einmal eine Frau. Aber das war da ganz anders. Doch im Grunde ist ja die Ursache immer dieselbe. Peter (mit großen Augen) . Akim. Du hast das Rechte gesprochen. Wahrhaftig. Du hast den Kern, wie man so sagt, auf den Teller gelegt. Ich knie nieder vor ihr. Und die Worte, Akim, die Worte werde ich schon finden! Ich weiß ja, wo sie allein ist. O Gott! Wie das Herz mir klopft, wenn ich mir das nur leise vorstelle! Ich knie vor ihr – und – und – rede – rede – trunken – selig – und sie – sie – ja – was? Sie! Hahaha! Sie stößt mich mit dem Stiefel ins Gesicht! Äh!! (Er sinkt erschüttert gegen Akim.) Akim (richtet ihn auf) . I nun! Kleinerchen! Steh doch grade, siehst du! Wer denn stößt dich? Keiner stößt dich. Und alle Sünden werden noch in 95 demselben Leben bestraft, denk mal. Keiner stößt dich! Was du dir gleich ausmalst! Und wie es dich anpackt. Du bist krank, mußt ins Bett. Peter . Bett, Bett, Bett, Bett!! Das eben fürcht' ich. Das Bett! Bett! Bett! Hörst du . . . Akim . Ja – sieh. Es wird ja schon besser. Wirst wieder stark werden, Kleinerchen. Und wenn auch nicht hier, dann im Himmel. Glaube nur an den Himmel. Und wenn auch das Fleisch wild wird und ganz aus Sünde besteht, glaube du an den Himmel. Früh oder spät – der Himmel ist ja schließlich doch das Richtige. Peter . Ich – muß wohl gehn. Ja – und ich verzeih euch allen. Hörst du wohl! Das ist wichtig. Ich verzeih euch allen alles. Auch dir, Väterchen, auch dir. Akim . I nun! Was hättest du mir zu verzeihen! Hab dir ja nie was zu Leid getan. Peter . Hm . . . Hm . . . Ja . . . Aber – ich verzeih dir doch. (Reicht dem verwunderten Akim die Hand und geht rasch ab.) Fotius (kommt) . Akim (auf ihn zu) . Väterchen, es geht schief. Es geht schief. Mehr weiß ich nicht zu sagen. Fotius . Wo drückt denn wieder Rußlands Schuh? Akim . Ich weiß nicht, welche Zehe das ist. Aber der Staretz hat das Loch gefunden. Fotius . Was gefunden, Akim? 96 Akim . Das – das Ding, das da kommen soll nach dem Strömen der Völker, weißt du. Ich versteh' nicht recht. Aber er hat gesiegt. Eufemia Aleksandrowna hat schon dreimal heut gebadet. Zeig' dich dem Zaren, und du wirst die Richtung der Deichsel hören. Und wir beide, Väterchen, fahren einsam eine Strecke über Land. Darauf – darauf freu' ich mich am meisten. Rußlands Hütten an den Straßen werden unsere Wohnstatt sein. Fotius . Wie? Ich weiß nicht, was du redest. Alle Menschen reden heute fremd zu mir. Und ich denke mir, daß da irgendwie ein kurzer Satz in meinem Hirn fehlt. Akim . Weißt du es denn wirklich nicht? Der Wagen ist für dich nach Tomsk bestellt – nach Tomsk – nach Sibirien. Heute abend sollst du reisen. Fotius . Reisen? Ich soll reisen? Wer befiehlt, wann Fotij Spatzki reisen soll?! Fotij Spatzki hat nicht Zeit zum Reisen. O – er ginge gern nach Tomsk in die Einsamkeit. Aber Rußland läßt's nicht zu. Akim . Väterchen, es sind doch alles Menschen, die deine große Liebe nicht wert sind. Willst du mit dem Munde streiten? Fotius . Ich streite nicht. Es gibt nichts zu streiten. Es sind ein paar Köpfchen in Rußland verwirrt. Siehe – sie sollen gesunden. Akim . Väterchen, du bist groß. Und diese Menschen sind so klein und schlecht – – – Fotius . Wenn sie auch schlecht sind: ich liebe diese Menschen, denn sie sind geistig furchtbar arm und bedrängt. Ich liebe sie, und wenn sie's nicht wollen. ich liebe sie und sollte es mit Knuten sein!! Akim . Mit Knuten? 97 Fotius . Geh jetzt . . . Und der Wagen fährt vor, wie es befohlen ist. Akim (geht) . Sicher wirst du das Rechte treffen. Eufemia (kommt) . Ah! Fotius Spatzki! Sie reisen nach Tomsk, habe ich gehört. Das ist schade. Es verspricht jetzt sehr spannend zu werden am Hofe. Fotius . Eufemia Aleksandrowna, ich bedauere Sie. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich Sie von ganzem Herzen bedauere. Ich habe Sie bisher so sehr geduldet. Und wenn es hoch kam, befragte ich meinen Gott und schwieg und litt Ihr Wesen weiter. Nun aber muß ich Sie ausstreichen, vollkommen ausstreichen. Immer noch wollen Sie Rußland regieren, und nun Sie so nah am Ziel sind, muß ich Sie ausstreichen. Eufemia . Der Griffel, Freund, ist nicht mehr in Ihrer Hand. Aber ich will gern an Sie denken und – vielleicht – Sie einmal in Ihrer Einsamkeit besuchen. Fotius . Vergessen Sie dies nicht! Ich will dann später alles für Sie tun, denn ich werde Ihnen in gewisser Beziehung dankbar sein müssen. Eufemia (reicht ihm die Hand) . Keine Feindschaft also. Fotius (bewegt) .» Ich liebe meine Feinde. (Ab.) Peter (fällt in die Szene. Überstürzend.) Eu – Euer Gnaden! Geruhen Sie – geruhen Sie den Aufschrei einer gepeitschten Seele zu vernehmen; ja – ich sage – den 98 Aufschrei einer gepeitschten Seele, die aus entsetzlicher Not furchtbare Träume gebärt. Eufemia . Peter? Was willst du? Peter . Ich will, will reden, reden! Senken Sie Ihre stillen Blicke nicht so strenge in mein Gesicht. Ein von Verzweiflung durch den Zirkus gehetzter Sklave steht vor Ihnen, bar aller Gewalt über seinen Verstand und voll bis zum Halse von der Bitterkeit eines empörenden Gifts! Eufemia . Was habe ich denn damit zu tun, Mensch? »Mensch« rief man in Rußland verächtlich den Kellner. A. B. Peter (sucht krampfhaft nach Worten) . Ich – das – Sie –. Endlich findet die Flamme den hohlen Weg, und nun jagt sie dahin, ohne das Ziel zu kennen. Schmale Brust reckt sich aus Körper hoch, keucht unter den Faustschlägen des rasenden Herzens. Irrlichtert es aus den rollenden Wagenrädern der Augen; trübsalgesandten Wollens nicht mehr achtend, formt Geist magere Lippen zum runden Ton. Eufemia (zurücktretend) . Was – was denn? Was willst du? Peter (gellend) . Heulen knechtet den ausgespritzten Leib auf nächtigem Lager! Sehnsuchtsvoller Tanz weicher Arme geht rot bis in grauenden Tag!! (Auf beiden Knien.) Dein, göttliches Weib, dein, dein, dein, dein!!! schreit, was heiß und Fleisch an mir ist, Stunde und Stunde um Stunde! Eufemia (mit wollüstiger Wut) . Hundsblut! Du wagst es!! (Sie stößt ihn mit dem Stiefel ins Gesicht.) 99 Peter (sinkt aufs Gesicht, es mit den Händen bedeckend) . Äh!! Eufemia (bespeit ihn) . Pfui! Pfui! Pfui! Peter (springt auf) . Ich – verzeih dir. Ja – ich – verzeih dir. Auch dir, dir, dir!! (Er taumelt seitwärts vorüber.) Ssladki (kommt langsamen Schritts) . Ist – Fotius da? Ich mag ihm nicht begegnen. Leicht ums Herz wird mir's erst, wenn ich ihn unterwegs weiß. Dennoch muß er ein Weiser sein. Weshalb hindert doch hier das Schicksal mit strenger Hand die Herrlichkeit einer wahrhaftigen Freundschaft? Eufemia . Deshalb bist du so still zu mir den ganzen Tag? Ssladki . Bin ich's? Ja – es ist möglich, daß ich das bin. Und ich weiß es eigentlich auch. Eufemia . Hat dich mein Handeln nicht befriedigt? Hab ich dir nicht bewiesen, daß eine Frau zehn Männer ersetzen kann? Aber du sprichst bedrückt, wenn du mich siehst, so auch ein heimliches Leuchten in deinen Augen zittert. Ssladki . Zittert es wirklich? Ja – es zittert. Deshalb ist es nicht stark genug. Wenn du es klar sehn wirst, dann erst wird man das Steuer spüren in meiner Hand. Eufemia . Das also ist es? Ssladki . Nein – auch nicht das. Weshalb willst du es wissen? Neugierde ist nur geringen Seelen zu eigen; denn sie fürchten oft, Schlechtes von sich zu hören. 100 Eufemia (erregt) . Nein – ich fürchte nicht. Ich hab mich noch nie gefürchtet. O – ich habe Kraft! Faß meinen Arm! Da ist Kraft, dich und Fürsten und Heilige vor die Tür zu stoßen! Hast du in Rußland so einen Arm gesehn? Man fürchtet ihn, wenn meine Stirnader schwillt, aber man beißt hinein, wenn er liebend umfängt. Ich steh auf zwei schönen Beinen, Mönch. Gib acht, daß sie dich nicht erwürgen! Ssladki . Kleine Seele . . . Arme kleine Seele . . . Glaubst du wirklich, man habe mich so schutzlos nach Osten gesandt? Rom, Seelchen, ist klug. Rom ist weise. Rom ist der Herr der großen Idee der Einheit der Menschheit. Du aber wirst Rom niemals erkennen. wenn du so bleibst, wie du bist. Eufemia . Wie denn – bin ich? Schlechter als du? Wirfst du mir Sünde vor? Ssladki Der Vorwurf ist immer verspätet. Es gibt Momente im Leben, da wird die Seele ganz licht. Sieh – ich weiß, daß auf Sünde Schmerz kommt. Ich werde ihn tragen, denn ich bin schlicht, wie ich auch sei. Dein großer Schmerz aber wird dich vernichten. Eufemia . Der Schmerz? Welch ein Schmerz? Ssladki . Ja – dein Schmerz kommt. Fühlst du das nicht? Ist die Luft um dich her nicht ganz voll davon? Jetzt flieht mich dein Blick. Deine Seele ist reif für den großen klärenden Schmerz deines Lebens. Aber du weißt es nicht; denn du hast dir selber noch niemals die Wahrheit gesagt. Eufemia . Wer – wer denn bist du auf einmal, daß du so sprichst? Ich – ich versteh' deine Worte nicht, wenn ich vielleicht ihren Sinn auch ahne. 101 Ssladki . Worte kommen, klingen, gehen. Und wenn wir sie nicht begreifen: etwas in uns nimmt sie auf und trägt sie durch unser ganzes Leben. Werde klar! Greife dich an! Geh hinaus! Ganz plötzlich geh du hinaus – ohne Grund – ohne Wort – nur geh, geh, geh! ganz gleich welchen Weg! Eufemia (starr – tonlos) . Ich – begreife dich plötzlich. Nun ich mein Werk getan, das Werk, das sonst niemand vollbracht hätte – nun ich mein Werk getan, kann ich gehn. Du brauchst mich nicht mehr. Das ist es. Ich habe Kraft, ich bin dir im Wege. Ssladki . Nicht im Wege bist du mir in dem Sinn deiner Worte. Ich will dir beweisen, daß du mir nicht im Wege sein kannst, daß ich dich liebe, daß ich schweigen würde, wenn ich dich nicht liebte. Ja – ich liebe deine schöne Schale und deinen guten Kern, den noch kaum jemand gekostet hat, deinen Kern, dessen herben Geschmack du selber nicht kennst, weil dein Verstand oder Unverstand ihn unablässig trübt. Nicht im Wege bist du mir, denn ich weiß, daß du in Wilna katholisch wurdest! Eufemia (verfärbt sich) . Ah – dieser Wortbruch!! Ssladki . Er war eine Waffe, um mich vor dir zu schützen, denn Rom hat deine Sehnsucht erkannt. Sieh – wir könnten mit dieser Waffe gemeinsam leben. Dennoch sag' ich: geh – wie du stehst – geh – geh! Eufemia . Niemals, Lieber, niemals wird ein Wort von mir dein Handeln beschränken. Alles, was ich weiß und habe leg' ich in deine Hand. Fürchte nicht meine Sünde, ich bitt' dich, fürcht' meine Sünde nicht. Ich habe heut meine letzte schlechte Tat begangen. Höre du! Stoß' mich nicht fort! Lösch' mich nicht aus. Meine Kerze brennt nur für dich! 102 Ssladki . Du hast brutal gesündigt. Wie kannst du als Strafe verfeinertes Unglück erwarten? Ich fürchte dein Unglück, spürst du das nicht? Dein Unglück kann das große Werk in den Abgrund stürzen. Eufemia . Ist denn das Werk nicht gelungen? Weißt du denn nicht, daß dieses Werk gelingen mußte ? Liegt es nicht im Rhythmus der Zeit, im Wollen der Erde und Menschheit? Geht der Kurier des Zaren nicht morgen nach Rom? Ssladki . Ja – es gelang. Drum trage dein Unglück von diesem Werk fort Geh! Eh' es zu spät ist – ich weiß nicht – geh! Eufemia . Ich – bleibe! Und wenn du willst – du hast es in deiner Hand – du kannst mich vernichten, wenn du mein schwarzes Unglück siehst. Ich bleibe. Denn du hast von Rom einen Okkultismus geerbt, den ich nicht teile. Ssladki . Nicht aus Rom stammt diese Lehre. Ein westlicher Bauer lehrte mich's. Eufemia . Ein Bauer . . . Auch ein Bauer! Ich pflege die Lehren der Bauern und kleinen Leute mit einer Bewegung zu brechen. (Sie atmet auf.) Mut, Mönch, Mut! Der Fels, den du auf meine Brust gewälzt, fiel ins Meer und machte nur leichte Wellen im weiten Wasser. – – Da kommt Fotius. Laß uns durchs Schloß die Terrasse erreichen. (Sie gehen.) Die Fürstin und Fotius (treten auf) . Die Fürstin . Es scheint, er flieht dich, Väterchen. Und ist doch ein Mann von großen Talenten. Fotius . Ja – ich glaube, daß er große Talente hat. 103 Die Fürstin . Weshalb müssen die großen Talente immer gegeneinander wirken? Können sie nicht einmal nur Hand in Hand Gemeinsames wollen!? Fotius . Doch; wir Menschen wollen ja dasselbe. Aber wir wollen es jeder auf andere Art. Da entsteht dann die Reibung, welche die treibende Wärme der Umwertung der Dinge erzeugt. Die Fürstin . Und er sprach so herrlich von Michelangelo. Fotius . Eines Tages wird offenbar werden, daß der russische Bauer in Bild und Skulptur größere Innigkeiten der Menschheit geschenkt, als einst Michelangelo, der Römischen Größter. Die Fürstin . Das versteh ich nicht. Fotius . Nein – wie sollten Sie auch. Aber was wissen die Preußen, was wissen die Franken, was wissen denn alle Menschen von Michelangelo? Nichts – Liebe – fast gar nichts. Aber die Kunst aller russischen Bauern zusammen ist größer als Michelangelo war. Und der russische Bauer kennt seinen Nachbar. Da liegt es. Die Fürstin . Also die Volkskunst? Fotius . Sehn Sie, Sie wissen es . . . Die Fürstin . Schwer . . . Schwer . . . Schwer . . . Es ist so ein schwerer Abend heut. Die Menschen am Fluß singen traurige Lieder. Und von den Feldern kommt der herbstliche Geruch der abgeblühten Kartoffeln. (Eine leidenschaftliche Musik ertönt im Hintergrunde.) 104 Fotius . Ah! Welch eine Musik! Die Fürstin . Ein Tanz, ein russischer Tanz jenseits des Flusses. Fotius . In meiner Heimat tanzt man solche Tänze. Als ich noch jung war, hab auch ich im Dorf die Mädchen in Arm genommen. Es war eine leichte Zeit, kann man sagen. Nacht für Nacht mit den Liebchen im Feld – und die lieben Lieder an den stillen Flüssen. – In meiner Heimat schläft man nur im Winter . . . Die Fürstin . Wie du von deiner Heimat sprichst –! Deine Augen sind ganz jung geworden . . . Fotius (leise jauchzend) . O – wieder so einmal tanzen, – Fürstin!! Sich wieder so einmal drehen im Kreise und das warme Kind auf die schönen Backen küssen. Läßt der heilige Beruf dies nicht zu? Auch Christus besuchte ja schließlich die Feste der Pharisäer. Wir sind dumpf geworden in unserem sittsamen Vorbild . . . Wein trinken! Und einmal wieder die Brüste schöner Frauen drücken. Ah – – es ist wirklich ein schwerer Abend. Die Fürstin . Zu wem sprichst du, Väterchen? Fotius . Solche Worte spricht man zu keinem Menschen. Solche Worte spricht man überhaupt nicht. Man denkt sie nur. Die Fürstin . Dies ist dein Herbst, der ans Tor klopft. Aber nur himmlische Frucht kannst du ernten. Bist kein irdischer Sämann gewesen; kannst kein irdischer Ernter sein. Fotius . Hätte sich mir ein Schoß entgegengereckt wie Sie, ich würd' auch dem irdischen Teil meines Daseins gezollt haben. 105 Die Fürstin (erbebt) . Fotius . . . Fotius . . . Sprich . . . Sprich du. Rede weiter. Fotius (leise) . Ja – ich liebe dich sehr, kleine Frau. Die Fürstin (sinkt langsam auf eine Bank und blickt ihn unverwandt mit brennenden Augen an) . (Sie schweigen lange, vielleicht eine halbe oder ganze Minute lang.) Fotius (löst sich dann langsam aus dem Schweigen heraus und geht hinter das Schloß, immer der Musik entgegen) . Wieder so einmal tanzen. Fürstin! Lachen und singen und trinken, und das warme Mädchen auf die schönen Backen küssen! (Leise singend.) Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Hoi . . . Die Fürstin (blickt ihm weit übergebeugt mit seligen Augen lange nach. Plötzlich greift sie sich entsetzt an den Kopf, taumelt mit krampfhaft hinausgerichteten Blicken zurück und stöhnt laut auf) . (Man hört von der Schloßterrasse her entrüstete Rufe, lautes grelles Auflachen. Das Geräusch von umgestoßenen Tischen und Stühlen dringt her. Tumultartiges Rufen, Schreien, Lachen.) Eufemia (rast mit fliegender Erregung in die Szene und fällt auf eine Bank) . Dieser – Knecht! Dieser – schamlose Empörer! Sehn Sie doch nicht hin, Teuerste! Sehn Sie nicht hin! Sehn Sie dort nicht hin! Er tanzt – tanzt nackt, nackt, nackt! zu der banalen Musik. Er hat die Kutte abgeworfen und tanzt nackt, ganz nackt, nackt, nackt!!! (Sie schlägt die Hände vors Gesicht.) O!! 106 Die Fürstin (sieht mit seligen Augen lächelnd hinaus. Sie hebt einen Arm und jauchzt leise empor) . Wie schön ist dieser Greis! (Es ist still geworden. Nur die Musik spielt leise weiter.) Eufemia (erhebt sich mit sprachlosem Staunen) . * * * Gleich darauf. Zimmer im Schloß. Im Hintergrunde große Glastüren, die auf die Terrasse und ins Freie hinausführen. Links und rechts Türen. Rings an den Wänden goldene Leuchter mit brennenden Kerzen. Kleine Tafel mit bequemen Sitzgelegenheiten. Karaffen mit Schnaps auf der Tafel. Weinflaschen, Trinkbecher und die beladenen kalten Schüsseln. Auf besonderem Tischchen der Samowar mit Gläsern. Der Fürst und der Staretz Ssladki (treten aus dem Hintergrunde in den Raum) . Der Fürst . Jenseits des Flusses stand eine Menge und staunte. Ist er verrückt? Nackt!! Ssladki (begeistert) . Das glaube ich nicht. Aber alle bedeutenden Menschen sind so sonderbar in den täglichen Handlungen. Er war – wer weiß – hingerissen von der Musik, die so schön klang. Mit der Kutte konnt' er nicht tanzen; da warf er die Kutte ab. Und er lebt vielleicht im Geiste so weit von hier entfernt, daß er den Ort dieser Tat wirklich vergessen konnte. Der Fürst (gerührt und ergriffen) . Das ist eine außerordentlich edle Deutung, Staretz; möge sie so auf die Nachwelt kommen! Denn es ist möglich, daß die Kinder und Kindeskinder und die Kinder der Kindeskinder davon noch reden. Nicht soll von diesem Zaren ein trüber Geschmack in die Geschichte kommen. 107 Ssladki . Nein, nein! Alle Menschen ringsher erkannten den Schmerz in seinem Gesicht, Fürst, als er wieder zu seinem Mantel griff. Der Fürst . Weshalb denn Schmerz, sagen Sie! Ssladki . Du lieber Gott – es ist ja so sehr viel Schmerz nur deshalb auf Erden, damit sich die Nebenmenschen in der Barmherzigkeit üben. Die Seele mahnt und klopft, im Traum genau so wie im Wachsein. Der Fürst (mit prüfendem Blick) . Sonderbar . . . Ssladki . Immer aber pflegt sie uns dann zu überraschen, wenn wir ganz ahnungslos sind. Der Minister (kommt. Kleiner, dicker Herr.) Hahahaha! Meine Herren, da ist ja ein ganz tolles Ding passiert. Ein ganz tolles Ding ist da passiert, sage ich Ihnen. Da ruhen alle Hände und wackeln alle Köpfe, und alle Bäuche platzen da. Der Fürst . Sie sind ja einiges erregt, Minister. Ich glaube, wir machen einen Sakuski, bevor Sie beginnen. Der Minister . Sakuski! Prächtig! Von morgens bis abends Sakuski. Schenken Sie ein, schenken Sie ein, Fürst. Staretz, eine Seele flog in den Himmel. Ich hab's gehört. Mit eigenen Ohren hab ich's gehört. Denn ich schnitt ihn ab, und es entlud sich aus seinem Hintern der übliche Donner. Der Fürst . Was ist das? Ssladki . Sie scherzen etwas sehr heftig. 108 Der Minister . Scherz? Ich versteh nicht. Das Wort ist doch kein Knoten. Ssladki (darauf eingehend) . Doch! Das ist es! Ein Dichter erzählte mir, daß es einen Volksstamm gegeben habe, der die Schrift nicht kannte, dafür aber eine Knüpfsprache besaß, sodaß man aus einem Bindfaden ein ganzes Buch knoten konnte. Alle Worte der Menschen sind Knoten, kleinere oder auch größere. Der Minister (blickt ihn mit blöden Augen tiefsinnig an) . Es – hat – seine Richtigkeit mit dem Knüpfen. Ja – es ist da zweifellos eine Art Verbindung zwischen Ihren Worten und dem Ding, das da geschehn ist. Denn Peter, der Mensch , hat sich wirklich aufgeknüpft! Der Fürst . Hier im Schloß? Ssladki . Nicht möglich, was Sie da sagen! Der Minister . Weshalb sollte das wohl nicht möglich sein, wie? Aber der Umstand, der Umstand! Das ist ja die Sache. Der Fürst . Wie denn? Wo denn? Der Minister . Im Zimmer der Dame Eufemia ist es geschehn. Ssladki . Eu – Eufemia – – sagen Sie – Der Minister . Sie kennen doch das Bild, Fürst, das Bild, von dem sie sich nicht trennen kann? 109 Ssladki . Das – das Bild? Der Minister . Ja – wissen Sie – es ist das Bild, das von Orlow gemalt ist. Eine staunenswerte Leistung müssen Sie begreifen. Der Fürst . Staunenswert? Der Minister . Der Lakai hat nämlich auf dem Bilde irgendwo herumgekratzt. Und was meinen Sie? Der Maler hat sie wirklich zuerst nackt gemalt, dann mit einer Masse überzogen und erst darauf das Kostüm gemeistert. Jetzt hat der Lümmel das Kostüm herabgekratzt – und im Angesicht dieser Blöße hat er sich erhängt! Wie? Ssladki (hängt völlig leblos im Sessel) . Der Fürst (verwirrt) . Ist denn dieses – dieses möglich . . . Und – und die Dame? Der Minister . Liegt in Schreikrämpfen und hat dennoch so viel Gegenwart, daß sie behauptet, sie werde sofort den Verstand verlieren. Der Fürst . Na – wir – wir müssen uns dann wohl schnellstens mit der Tatsache abfinden. Auch Eufemia wird sich beruhigen. Der Minister . Ach, das Teufelsweib! Das alles macht sie ja bloß noch reizender. Ja – sie hält das Messer fest – fest! Das Unglück wird bei ihr zum Glück. Ssladki (atmet auf) . Der Fürst . Es hat Sie angegriffen, Staretz. 110 Ssladki (erhebt sich) . Danke. Es ist vorüber, wenn es auch sehr seltsam ist. Der Minister . O – und wie stolz doch die Dame sein wird; denn ein Licht, das ihretwegen verlöscht – und sollte es nur auch eine Tranfunzel sein – erweckt in den Weibern sonderbare Gefühle. Eufemia und der Zar (treten ein) . Eufemia (stolz, mit einem Anflug von Schlichtsein, aber unerhört fern) . Ein Glas Tee, Fürst. Der Fürst (bemüht sich) . (Schweigen.) Eufemia (setzt sich) . Danke. Sie geben mir wohl ein Zimmer auf Ihrem Flügel, Fürst. Der Fürst (verneigt sich) . Eufemia . Können Sie auch Träume deuten, Staretz? Ssladki (ganz beklommen über diese Frage) . Es – gibt nur eine einzige Deutung. Der Traum ist das Barometer der menschlichen Seele. Je nach dem Zustand derselben sind die Träume schlecht oder gut. (Holt aus.) Und da die meisten Menschen böse sind, haben sie auch meistens schlechte Träume. Eufemia (schweigt betreten) . Der Minister (lächelt boshaft) . Na – dann erzählen Sie uns nur Ihren Traum. 111 Eufemia . Danke . . . (Heftiges Geschrei einer weiblichen Stimme im Nebenraum. Aufregung.) Der Zar . Was ist denn dieses nun wieder!!! Der Fürst (auf die Tür zu) . Meine – Meine Frau – – – Die Fürstin (stürzt herein. Ihre Garderobe ist mitgenommen. Sie hält den vorderen Saum ihres Rockes empor, atmet mühsam. Ihrem Munde entquillt ein Gurgeln) Fotius (folgt mit ruhigem Schritt. Bart und Haar sind wild. Sein Mantel ist offen) . Verzeihen Sie mir . . . Es war doch ganz dunkel in dem Zimmer. Und ich habe wirklich geglaubt, es sei Eufemia Aleksandrowna. Der Zar (verliert den Boden und sinkt in einen Sessel) . Eufemia (springt auf, sinkt wieder zurück und springt wieder auf) . Wa – was – – –? Fotius Täubchen – – ich dachte – – du – – – Eufemia (blickt in Verzweiflung um sich. Niemand sieht sie an. Sie fühlt plötzlich, daß ihre Stunde geschlagen hat) . Staretz, Staretz. Mönch! Weshalb – weshalb hast du mich nicht ausgelöscht?! (Der Teufel blitzt aus ihren Augen.) Nun ist das russische Rom für die Welt verloren! (Sie blickt sich noch einmal um. Im eisigen Schweigen wankt sie mühsam durch die Glastür ab.) Akim (tritt im selben Augenblick durch diese Tür ein) . Ihr Wagen ist vorgefahren, Staretz. 112 Ssladki . Mein – mein – Wagen? Wohin denn? Akim . Die Deichsel zeigt in der Richtung auf Tomsk. Ssladki (lächelt vornehm und gefaßt) . Können die Pferde hier rückwärts laufen? Der Zar (hat sich gesammelt und erhebt sich innerlich kochend) . Fotius (brüllt ihn mit geballten Fäusten in den Stuhl zurück) . Das Volk!!! (Die ganze Gesellschaft verharrt gebannt unter den Blicken des Bauern.) Ssladki (findet sich zurecht) . Es – ist noch zu früh – noch zu früh. Dein Volk, Fotius Spatzki, ist noch nicht reif, mein Volk zu werden. In fünfzig Jahren will ich wiederkommen. Denn ich lebe sehr lange . . . (Im Abgehen bleibt er vor Fotius stehen und blickt ihn mit ehrlicher. Bewunderung an.) Trotzdem! Fotius (hebt die Hand zum Segen) . Christus sei mit dir . . . Ssladki (geht schweigend hinaus) . (Die Spannung löst sich. Man blickt einander verwundert ins Gesicht.) An den Leser der Handschrift! Es ist wirklich gleichgültig, ob Fotius Spatzki die Fürstin vergewaltigt hat, oder ob sie sich ihm freiwillig hingab und die Aufregung inszeniert hat. Ja – es ist eine ganze Anzahl anderer Deutungen möglich. Diese aber, so sage ich, ist ganz unwichtig. Tatsache ist jedenfalls, daß Fotius Spatzki gelogen hat. Man wolle ihn nicht mit Grigorij Rasputin verwechseln, obgleich dieses lockend genug erscheint. Doch am Ende ist ja der Fotius-Typ dem Russen geläufiger, als derjenige Tschitschikoffs. Und Fotius Spatzki hat bisher seinen Gogol nicht gefunden. Seltsam genug! A. B.     Der singende Fisch Drama in drei Nächten Gestalten: Wendefeuer Frau Wendefeuer Anatolie Wendefeuer Stöbsand Frau Stöbsand Veronika Stöbsand Gailus Bragström Der Schauplatz ist auf der Kurischen Nehrung.   Die erste Nacht Schauplatz Große Stube bei Wendefeuers. Die eine Seite ist von einem riesigen Lehmofen vollständig eingenommen. Nur an der Hinterwand befindet sich ein schmaler Gang, in dem ein Bett steht, dessen Fußende sichtbar ist. Durch die Hinterwand führt eine Tür mit Glasfenstern ins Freie, dem Ofen gegenüber eine Tür zu einem zweiten Raume. Das Zimmer macht einen ärmlichen Eindruck. Tisch mit langer Bank und Stühlen usw. Ein Öllämpchen erhellt die Stube dürftig. Anatolie (sitzt auf der Bank am Tisch und liest in einem alten dicken Buche. Plötzlich werden ihre Augen größer, sie richtet sich auf, schlägt das Buch zu und stößt es von sich.) Ein furchtbares Buch! Veronika (tritt ein) . Anatolie (beachtet sie kaum) . Ein furchtbares Buch . . . Veronika . Die Bibel – – ach – – – Anatolie . »Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.« Veronika . Unsinn, Anatolie. Barer Unsinn! Das heißt, es ist Unsinn, daß du dieses zwei Tage vor deiner Hochzeit liest. Ich würde mich dann lieber an die Bücher Ruth und Esther halten. »Ansieht, ihrer zu 116 begehren –«, hör mal: wenn wir Mädchen durch die Straßen gehn, stehen in den Häusern hinter den Gardinen die Selbstbeflecker. Wieviel Mal hat man uns schon so besessen! Mit Gewalt und ohne Gewalt – in roten Zimmern und in dunkeln Wäldern. Kann man da keusch sein, wenn so 'was ist? Anatolie . Quäl mich nicht noch, Veronika. Kannst du denn keine milden Worte finden? Veronika . Ha!! Aber ich habe das Glück gefunden, das Glück! Ja – in demselben Buche hab ich es gefunden. Anatolie . Es ist ja alles so voll Elend. Und dies Buch ist so hoch. (Sie sinkt sinnend auf die Bank zurück.) Veronika . Sieh mal! Wir haben alle eine große Meinung von uns. Und wenn wir uns den Geliebten unseres Herzens geträumt haben, so war das doch immer der Beste, der Herrlichste, der Schönste, der Reinste, der Süßeste aller Männer dieser Erde. Und wir haben hierhin und dorthin gesehn, aber gefunden haben wir ihn nie, denn es scheint ihn nur ein einzig Mal gegeben zu haben – und dann nicht mehr. Aber wir werden nicht müde, ihn immer von neuem zu suchen. So tragen wir sein Bild in uns. Und dieses Bild nur lieben wir. Ja – ich liebe Ihn, Ihn, Ihn und immer nur Ihn, den Seltsam-Empfangenen, Ewiggerechten, den Sohn Gottes . . . Gib acht: eines Nachts hat er mich besucht! Anatolie . Was du da – redest! Veronika . Und was gehn mich dann noch die mattroten Gemächer an, in denen sich schöne Frauen blonden Herren hingeben! Was kümmert mich dann noch der Transtiefel des Fischers, der sich vielleicht einmal in mein Bett legen wird! Ich sage nichts, Anatolie, gar nichts. Ich habe ja Ihn, Ihn, Ihn und immer nur Ihn! Er nur berührt mich, wo er nur will. Er liebkost mich in den Nächten! Hier – hier – da! Ich hab ihn immer bei mir. Nicht am Kreuz. 117 Nein. Er steht und lächelt mich an. (Sie stellt ein kleines Standbild auf den Tisch.) Sieh! Ist er nicht herrlich? Ich will Magdalena heißen . . . Du! Du! Du! (Sie küßt die Plastik voll Leidenschaft.) Anatolie . Das ist entsetzlich, Veronika! Siehst du denn keine Sünde? Veronika . So es eine Sünde ist, ist es die kleinste von allen. Ich liebe Ihn. Er wird mir vergeben. Anatolie . Wer hat dich auf diesen Weg gestoßen? Veronika . Du. Anatolie . Ich versteh dich nicht. Veronika . Du ganz allein. Ich hab es gegen das Meer gebrüllt, als es am stärksten tobte. Ich hab's den Möwen und Sternen erzählt bei Tag und Nacht. Die Möwen haben gelacht, und die Sterne – die machen auch bloß traurig. Wenn man die Sterne fragt, bekommt man zur Antwort, daß das alles ganz klar und richtig sei. Und damit haben sich ja die Menschen noch immer beschieden. Anatolie . Du bist weh und wund, Veronika. Komm, wir sitzen nebeneinander und schweigen. Vielleicht begreifen wir es dann! Veronika (setzt sich auf den Tisch und blickt Anatolie schweigend an) . Hast du bemerkt, daß alles, was man gern haben möchte, im Leben immer ein anderer bekommt? Anatolie . Zunächst . . . Ja . . . Das kommt vor. Aber der Beharrliche empfängt die Frucht. Veronika . Schön. Schön!! Aber diesmal ist das nicht wahr. Ich werde dir das beweisen. Bin ich häßlicher als du? Sieh mich an. Ich ähnele 118 dir so, daß ich fast glauben möchte, wir hätten eine Mutter oder einen Vater gehabt. Du bist wie meine Mutter. Du bist so langsam, so ganz langsam. Weißt du denn, daß meine Mutter deines Vaters erste Frau gewesen ist? Anatolie (erhebt sich) . Wer – – – was sagst du? Mein Vater ist . . . Deine Mutter – Frau – – Veronika . Ja – ich las unter alten Schriften heute eine Ehescheidungsurkunde. Aber da stand nur ganz kurz die Tatsache drin. Meine Mutter ist deines Vaters erste Frau gewesen. Und sie wurden, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, geschieden. Abgesehen davon ist nicht daran zu zweifeln, daß deine Mutter wirklich deine rechte Mutter ist. Du hast dasselbe Mal auf deinem Arm wie sie und dein linker Fuß ist ein wenig kürzer, genau so wie der ihrige. Aber es ist seltsam, daß sie die geborene Hast ist und du so sonderbar langsam bist. Sie läuft, läuft, läuft. Es muß ein großer Schmerz in ihr sein, nicht so langsam gehn zu können wie die anderen Menschen. Anatolie (mitten im Zimmer) . Du sprichst heute, als habest du das alles auswendig gelernt; als seist du hergekommen, um – – ich weiß nicht – Veronika . Um dich zu quälen. Sprich es nur aus. Nein, Anatolie. Ich habe meinen Liebsten immer bei mir. Er ist der Herrlichste, der Einzige! Ich will deinen Bräutigam nicht mehr! Es gab Stunden, Tage, da glaubte ich, irr zu werden. Das geht alles vorüber. Und man kann nachher nicht einmal sagen, warum das alles so und gerade so und nicht anders und auch nicht ein wenig anders gewesen ist oder hätte sein können. Anatolie . Gailus? Hast du Gailus geliebt? Liebst du Gailus? (Laut hinaus.) Weshalb hast du ihn denn nicht genommen? Weshalb hast du ihn denn nicht genommen?! Herr Gott!! 119 Veronika . Du und ich, wir sind zueinander zu leise gewesen. Man ist oft so leise, daß man sich verirrt. Aber die Sterne meinen, das sei alles ganz so in der Ordnung. Wir sind zu leise gewesen, und das muß schon so stimmen, sagen die Sterne. Dennoch bin ich erstaunt, daß dich dieses erregt. O ja – ich hätte ihn wahrhaftig mögen. Er ist so lieb und gut und rein. Er trinkt keinen Schnaps. Er ist so sanft wie sein litauischer Name. In meinen Träumen bin ich ihm oft begegnet, und Mutter erzählte mir, ich hätte oftmals im Schlafe den Namen Gailus gestöhnt. Aber du warst ja ärmer als ich. Ich glaube, das hat den Ausschlag gegeben. Du freust dich nicht? Anatolie . Das fragen mich alle Menschen. Und ich weiß nicht warum. Ich weiß auch nicht, warum ich mich nicht freuen kann. Höre, Veronika! Ich habe eine so große, große Angst! Und kein Mensch ist da, dem ich mich an die Brust werfen könnte. Das kann doch alles nicht richtig sein. Mir graut es vor dieser unsittlichen Berührung, in die die Menschen uns mit ihren unsichtbaren Gesetzen hineinziehen! Ein fremder Mann soll plötzlich mit mir machen dürfen, was er Lust hat! Das kann doch gar nicht möglich sein! Kinder haben, und keine Kinder haben: das hat man alles so gehört und gesprochen. Aber auf einmal steht man davor. Ist es nicht grauenvoll, wenn ein Mann sinnlich ist und das Weib will davon nichts wissen! Ja – ich liebe Gailus. Wahrhaftig, ich liebe ihn so sehr. Aber – wenn man liebt, muß das denn gleich mit den Händen sein?! Die Seele ist es, die da liebt, aber die Eingeweide sind doch etwas anderes! Veronika! Erbarme dich doch! Steh nicht so stumm! Ich glaube, es ist eine Nadel in meinem Hirn, die mich so sticht. Veronika . Ja – wenn man liebt, dann muß das nicht gleich mit den Händen sein. Aber die Menschen können nur noch mit den Händen – lieben . . . Wenn du meine Mutter hättest, würdest du ruhiger, abgeklärter sein. Da du aber deine ewig laufende Mutter hast, wirst du dich wohl mit den Händen lieben lassen müssen. Überhaupt, ich glaube, wir haben uns in unserer einsamen Landschaft, die die Maler so gern malen, zu viel mit Büchern und fernen 120 Menschen beschäftigt, haben träumen gelernt und noch keinen Mann verführt. Nun mußt du den Rest deiner Tage schweigen . . . Anatolie . Und du? Veronika . Ich weiß nicht. Es kommt ja immer alles ganz anders. Da draußen vor dem Strande wurde den ganzen Nachmittag der einsame Kutter herumgeworfen. Er schoß Raketen im Sturm. Es hat ihm alles nichts geholfen. Unsere Boote konnten nicht hinaus. Er muß seinem Schicksal überlassen bleiben. Und drei Tage pflegt hier der Sturm zu brüllen. Ein heißes Gebet und ein kühles Grab. Gute Nacht . . . Aber nein! Der Sturm ging vorüber. Und Boot und Leute werden bald geborgen sein. Der Mond steht hoch. Auch in dieser Leute Schicksal ist das alles ganz anders gekommen, siehst du. Ist das nicht beruhigend? Anatolie . Ja – sie werden gerettet, und sie treten an den Tisch. Und sie fangen an zu sprechen. Und ihren Worten haftet auch das sinnliche Zittern an. Ihre Augen sind ebenfalls verschleiert, wenn sie ein Mädchen ansehn. Sie blicken uns gar nicht an. Sie blicken immer vorüber. Wenn wir nicht hinsehn, dann fressen sie uns. Es ist furchtbar, so einen Mann zu überraschen, wenn er uns mit den Augen frißt, und er wird sich, glaube ich, immer rächen. Veronika (durch die Tür blickend) . Gailus kommt über die Düne. Da will ich schnell zu den Leuten an den Strand gehn. Anatolie (fliegend) . Veronika! Wenn du mich lieb hast, Veronika, dann bleibe hier, hörst du mich! Bleibe bei mir! Laß mich nicht allein, bis die Leute kommen. Sei mir gut, sei mir nicht böse! Ich habe dir keinen Schmerz zufügen wollen. Bleibe. Bleibe. Geh doch nicht, Veronika! Ich war noch nie allein mit diesem Manne! Veronika . Warst noch nie mit ihm allein? Niemals, sagst du?! Dann kannst du ihn ja gar nicht kennen. Dann muß ich doch gehn, sieh! Muß 121 doch! O Gott – wie leben die Menschen traurig. (Sie ist schnell draußen.) Anatolie (blickt in Angst erstarrt minutenlang auf die Tür) . Gailus (tritt ein. Er blickt sich um und atmet auf.) Allein! Begreifst du das, Anatolie? Wir sind allein in der Nacht. Die anderen sind um Schiffsnöte draußen am Strande. Wie das so warm ist, daran zu denken. Guten Abend. (Schweigen.) Ich glaube, du mußt sprechen, Anatolie. Mir fehlt dein Wort in diesem Raume. Weshalb sind deine Augen wie Glas? Weshalb ist dein Gesicht wie Stein? Es gibt nicht Steine auf dieser Nehrung, Bernstein nur, der wie dein Haar ist. Steh nicht so starr, liebliches Mädchen. Ich bin dir gut. O – ich bin so gut, wie ich es gar nicht sagen kann. (Schweigen.) Zu Hause backen sie Kuchen für die kommenden Tage, denn den meisten Menschen geht das Glück durch den vollen Bauch. Ich begnüge mich mit Wasser und Brot, wenn ich glücklich sein darf. Dir aber hab ich etwas gewerkt. Da wir allein sind, will ich es dir geben. Du sollst es tragen in unserer Einsamkeit. Sieh, ein Kettchen aus Bernstein mit einem goldenen Christus am Kreuz daran. Leg es um. So . . . Anatolie . Das – das ist schön. Und – ich habe auch etwas. (Sie holt ein schmales, gewebtes, sehr buntes Band.) Da. Ich habe nicht so viel. Aber ich hatte große Freude, als ich es arbeitete. Gailus . Meiner Voreltern Volk, von dem die alten Inder abstammen, wie jetzt die Gelehrten wissen, nannte dieses Band Juosta, ein Sinnbild der Reinheit und Schöne, in das die Liebende ihre geheimsten Wünsche hineinwebte. Ich will es lesen und antun, Anatolie, wenn wir den großen Weg gehn werden. Anatolie (plötzlich) . Du – du mußt ganz ruhig sein, wenn wir zusammen sein werden. Du – du mußt nichts tun, was – was stören könnte, verstehst du 122 mich! Du mußt freundlich sein zu mir und allen Menschen und immer so ganz gleichmäßig! Begreifst du, was ich sage?! Es kann so ein Schweigen, ein furchtbares Schweigen kommen, in dem die Körper ohne Seele sind; dann mußt du hinausgehn ans Meer, hörst du! und mußt so lange lauschen, bis die Seele wieder stark ist. Dann geh du zu den Elchen und sieh, wie sie stundenlang bewegungslos auf der Düne stehn. Da hole dir von ihnen ihre Urweltsruhe. Und dann komm wieder, wie ein edler Elch im Herbst; fremd, fremd, fremd in der weiten Zeit und ganz groß inmitten aller kleinen Dinge. Gailus . Sieh mich an, zarte Seele. Kannst du mich fürchten? Ich kann keinen Fisch sterben sehn und habe keine Peitsche für meine Pferde. Mich bangt um den Wurm im Schnabel des Huhns und um die Vöglein, wenn die Weihe über den Baumkronen stehn. Sollte ich dich so anrühren können, daß du mir zerbrichst? Anatolie . Ich weiß nicht . . . Die Menschen leben alle in ihren Gedanken ein ganz anderes Leben als dasjenige, welches dem schnellen Auge sichtbar ist. (Sie geht nach dem Ofen, bückt sich und ist beschäftigt.) Gailus (verfolgt sie unbeobachtet mit heißen Blicken, aus denen unverhohlene Liebe spricht) . Anatolie (zuckt unter diesem Blicke plötzlich zusammen und wendet ihm das volle Gesicht zu) . Gailus (erschrickt) . Anatolie (steht aufrecht und erbebt) . Gailus (geht mit rotem Gesicht langsam auf sie zu) . Ich werde dich küssen . . . Anatolie (steht steif, groß, aber innerlich zusammengepreßt) . 123 Gailus Ich werde dich küssen, schöne Braut. (Steht dicht vor Anatolien, zittert am ganzen Leibe und küßt sie leise auf die Stirn, ohne sie sonst zu berühren.) Ich habe dich zum erstenmal geküßt. Ich habe dich zum erstenmal geküßt. (Er sieht sie tief an.) Deine Brust muß so weiß wie Marmor sein. Herrlich war dein Gang immer in den Dünen. Diese Arme werden mich umschlingen. Morgen – – – übermorgen – – – weshalb dauert das so lange, lange! . . . Bist du mir nicht gut? Hast du mich nicht gern? Lieblich zittern deine Knie. (Er betastet Anatolie leise mit den Fingerspitzen.) Leise. Leise. Du bist fest, Mädchen . . . Mädchen . . . Anatoliens (Augen werden größer und entsetzen sich) . Gailus . Schweige. Schweige. Sprich kein Wort! Du bist fest und schön. Fühlst du, wie dein Blut mich in die Fingerspitzen sticht? Küsse mich, Anatolie. Sprich kein Wort und küsse mich. Auf den Mund. Auf den Mund. Willst du nicht? Sieh, dich greifen meine Arme. (Er hebt sie empor.) Du bist leicht, leicht, leicht! Du bist voll. Du bist voll. Weib! Weib!! Weib!!! (Er trägt sie schnell nach dem Bette hinter den Ofen.) Anatolie . Christus, rette mich! Christus, rette mich! Allmächtiger. (Ein kurzer Kampf.) Gailus (schreit auf, stürzt zurück, von Anatolien am Halse gewürgt) . (Ein Poltern von Holzschuhen vor der Tür.) Anatolie (steht wieder starr) . Gailus (faßt sich schnell. Er greift zum Halse. Blut. Er schlägt rasch den Rockkragen hoch.) 124 Frau Wendefeuer (kommt ins Zimmer gelaufen. Diese Frau kann nicht langsam gehn. Ihr Gang ist ein immerwährender gleichmäßiger, langsamer Laufschritt. Sie schlüpft aus den Holzschuhen.) Kinder. Kinder. Das Boot ist da. Eben haben sie es eingebracht. Und nur ein einziger Mann war drin, denkt mal. Der ist allein von Schweden quer über die Ostsee gefahren. Sie bringen ihn her. Sie bringen ihn her. Gleich werden sie hier sein. Warmes Wasser, Anatolie. Warmes Wasser. Der Mann muß Grog trinken. Er war ganz steif vor Kälte. Anatolie (am Ofen) . Das Wasser kocht. Gailus . Da will ich ihnen aber schnell noch entgegengehn. (Ab.) Frau Wendefeuer (läuft hierhin und dorthin, sucht, ordnet, wirtschaftet) . Im Fischerboot quer über die Ostsee. Ist das nicht seltsam? Die Männer unten, die auch schon weit herumgekommen sind, haben Derartiges noch nie gehört. Aus Schweden. Drei Tage und drei Nächte allein und ohne Schlaf auf dem Wasser. Ein sonderbarer Mensch. Ein sonderbarer Mensch. Anatolie (steht am Ofen und sieht die Mutter unverwandt an) . Weshalb hast du das damals getan, Mutter? Frau Wendefeuer (bleibt erschreckt stehn und blickt ihre Tochter mit offenem Munde an) . Das . . . Damals . . . Was . . . Anatolie . Weshalb hast du nie zu mir gesprochen, Mutter? Weshalb muß ich das von fremden Menschen hören und mir Falsches dabei denken? Frau Wendefeuer (schluckt an Worten) . Sonst – sonst pflegen die Eltern ihren Kindern solches auf dem 125 Totenbett zu sagen. Aber ihr lebt heute schneller, trotzdem ihr langsamer seid. Anatolie . Weshalb hast du das getan? Frau Wendefeuer (zuckt mit den Achseln und läuft aufgeregter umher) . Die Kinder sollen froh sein, daß man sie in die Welt gesetzt hat. Aber sie sind gar nicht froh. Sie sind unfreundlich und klagen. Schließlich muß man seine Kinder um Entschuldigung bitten, daß man sie überhaupt gemacht hat. Anatolie . Hab ich das verdient? Doch wer kann sagen, was er verdient hat, wenn nicht in diesem, dann vielleicht in einem früheren Leben. Aber ist es dir denn gar nicht angenehmer, dich deinem Kinde gegenüber so von Herzen ausgesprochen zu haben? Frau Wendefeuer Laß mich sein, Mädchen. Wirst schon noch alles erfahren. Anatolie . Sieh, Mutter, ich weiß jetzt, warum du mich oft so seltsam ansahst; warum du so schmerzvoll weintest, wenn du von der Jugend sprachst und plötzlich stille schwiegst. Glaubst du denn, ich weiß es nicht, daß sehr viel Leid in dir sein muß? Und daß es mit den Jahren immer schwerer wird, dieses Leid so einsam herumzutragen? Wenn ich Mutter würde, hätte ich keinen anderen Wunsch, als mich einmal an der Brust des erwachsenen Kindes von Herzen auszuweinen. Frau Wendefeuer (die Worte unwillig abschüttelnd) . Du sprichst, wie du das in deinen dummen Büchern, die ich dir hätte verbieten sollen, gelesen hast. Bücher machen Kinder bloß störrisch und undankbar. Anatolie . Aber weshalb sprichst du jetzt unwahr? Du wirst rot. Das habe ich nicht gewollt. Ich will mit deinem Körper gar nicht rechten. 126 Körper sind wirklich nur Körper. Ich will mit deiner Seele reden. Alle Seelen sind gut. Es gibt keine schlechten Seelen. Und deine Seele schämt sich für deinen Körper, wenn du nicht recht redest. Frau Wendefeuer . Hör auf, sag ich. Das ist mir zuviel. Du bist nicht meine Großmutter. Du bist da. Gib dich zufrieden, daß ich dich als ein in Bett und Wirtschaft strammes Weibsbild in die Welt gesetzt habe. Wenn du erst wissen wirst, wie überhaupt so ein Mann riecht – übermorgen – dann redest du ganz anders und trachtest nicht mehr nach Alfanzereien. Anatolie . Du hast mich hinausgestoßen, ohne mich zu kennen. Ihr treibt mich in ein fremdes Haus zu einem fremden Menschen, den ich nie gesucht habe. Ihr seid grausam, grausam, grausam! Kein Tier ist so grausam wie der Mensch. Frau Wendefeuer . Hör mal, Anatolie. Ich will dir was erzählen, da du mich durchaus reden hören möchtest. Meine Eltern waren Fleischer, richtige Fleischer. Mein Vater schlachtete die Schweine und meine Mutter machte Wurst. Ich hatte von Kindesbeinen an immer nur Schweinefleisch gegessen. Dieses saftige Fleisch, dessen Fett einem so aus den Mundwinkeln hervorspritzt, wenn man hineinbeißt. Fast alle Fleischer und Schlächter essen in der Hauptsache Schweinefleisch. Und das sieht man diesen Leuten an. Und alle Leute, die viel Schweinefleisch essen, sind außerordentlich sinnlich. Das weißt du noch nicht. Aber es ist so. Später, als alles vorüber war, und als ich erfuhr, daß vornehme Leute und ganze Völker sogar den Genuß dieses Fleisches meiden, da hab ich es nie mehr gegessen, siehst du . . . Und auch du hast noch niemals davon gegessen. Anatolie . Weshalb erzählst du mir das? Frau Wendefeuer . (sehr erstaunt) . Ich glaubte doch, du wollest dieses wissen!? 127 Anatolie (lächelt) . So . . . Frau Wendefeuer (atmet erleichtert auf, als sie draußen Stimmen und Schritte hört) . Jetzt kommen sie! Jetzt kommen sie! (Sie setzt sich hin und her in Bewegung, stellt Flasche und Gläser auf den Tisch, holt warmes Wasser und ist beschäftigt.) Anatolie (tritt weit ins Zimmer zurück) . (Die Tür wird geöffnet von jemandem, der draußen bleibt.) Bragström (tritt ein. Hellblonder Schwede. Hüne. Frau Wendefeuer, die gerade vorüberläuft, hält er freundlich mit beiden Armen auf.) Langsam, liebe Frau. Langsam. (Peinliche Minute.) Frau Wendefeuer (versucht schleppend und trippelnd nach dem Vordergrunde zu kommen. Da bleibt sie stehen, wird übermannt und weint verstohlen in ihre Schürze.) Bragström (bemerkt es und murmelt) . Sünde. Anatolie (horcht auf) . Bragström (sieht Anatolie groß und frei an, tritt auf sie zu und reicht ihr mit weiter Geste die Hand) . Ich heiße Bragström, liebe Schwester. (Vor dem Hause hörte man Stimmen »Gute Nacht« sagen. Inzwischen treten ins Zimmer Wendefeuer , Gailus , Stöbsand , Frau Stöbsand und Veronika .) Wendefeuer . Jetzt wollen wir uns diesen Mann bei Licht besehn. Stöbsand . Bragström heißt er. 128 Wendefeuer . Bragström . . . Und er weiß nicht, weshalb er über die Ostsee fuhr und gerade hier landen mußte. Er weiß es nicht, kann es nicht wissen. Aber etwas muß es wohl schließlich sein. Denn es ist immer etwas dabei, wenn wo ein fremder Mensch ohne Ursache plötzlich da ist. Frau Stöbsand (geht zur Frau Wendefeuer und legt ihr die Hand auf die Schulter) . Frau Wendefeuer . Und ich habe mich doch so gefreut. Bragström (setzt sich schwer auf die Bank am Tisch) . Es muß wohl seinen Zweck haben, da ohne Grund auf Erden kein Ding geschieht. Stöbsand . Aber ihr müßt doch wissen, weshalb ihr auf Gotland die Segel hißtet. Wendefeuer . Ts, ts, ts . . . Bragström . Der Mensch pflegt in der Regel gar nichts zu wissen. Packt euch denn nicht manchmal die Lust, wenn die Brise das Segel füllt, das Boot einmal laufen zu lassen, wohin es lustig ist? Stöbsand . Das schon – – – Wendefeuer . Aber – – – Bragström . Das sind wichtige Momente im menschlichen Leben. Dann will uns das Schicksal an den gehörigen Ort bringen. Und ich ließ den Kahn laufen, um der Zukunft keinen Stein in den Weg zu schmeißen. Wendefeuer . Ts, ts, ts. Was ihr da drüben für Gedanken habt! 129 Bragström (greift von ungefähr zur Bibel und wirft sie aufgeschlagen auf den Tisch) . So macht man das! Was steht da oben? Gailus (nimmt und liest) . »Der Herr tut nichts, er offenbare denn sein Geheimnis den Propheten, seinen Knechten. Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Der Herr redet, wer sollte nicht weissagen?!« Anatolie (tritt gespannt näher) . Stöbsand . Aber da unten bei den Fischen ist es naß und kalt. Frau Stöbsand . Und die Schlösser im Meer hat noch niemand gesehn. Bragström . Glücklich sind die Fischlein, liebe Freunde. Sie hungern nicht, sie frieren nicht, sie sammeln nicht für morgen und haben keinen Widerstand. Sie treiben keine Unzucht und kennen keinen Freund; und an ihren Räubern rächen sie sich nicht, denn sie wissen, daß ein Wesen immer Tilger und auch immer Brot sein muß. Gailus (blickt Anatolie unsicher an) . Bragström . Und dann ist noch eine Sehnsucht in meiner Seele. Vielleicht finde ich einmal den Menschen, der schon den singenden Fisch gehört hat. (Alle horchen lächelnd auf.) Anatolie (geht, während Bragström redet, ganz langsam, Schritt für Schritt, auf den Tisch zu und sitzt plötzlich ihm genau gegenüber und hängt gespannt an seinem Munde) . 130 Veronika (im Hintergrunde, mit großen Augen) . Den singenden Fisch? – – – Bragström . Es geht eine Sage vom singenden Fisch. (Aufmerksames Schweigen.) Bragström (erzählt jetzt langsam, mit Pausen, das Folgende. Nach und nach ketten sich die Blicke Bragströms und Anatoliens aneinander und zuletzt spricht er nur noch zu ihr.) Als die ersten Menschen auf der Erde alt genug waren, daß sie sterben mußten, nahm Gott ihre Seelen und gab sie neuen, jungen Menschen. Denn in sein Reich konnte er sie nicht aufnehmen, da sie noch nicht reif und stark genug waren. So mußten sie viele Leben leben, in Menschen und in Tieren. Aber die erste gottreife Seele nahm er hin und legte sie in einen Fisch. Seit der Zeit gehen all die Seelen guter und ganz herrlicher Menschen in Fische ein und leben dort ihr stilles Leben auf den Gründen der Meere bis zum jüngsten Tage. ( Bewegung.) Und der Heiland kam auf die Welt und redete von Gott und all den großen Dingen Gottes. Und als er ausgesprochen hatte, was zu sprechen war, ging er hin und starb den schweren, süßen Tod am Kreuz. Und auch seine Seele legte Gott in einen Fisch und nahm dabei allen Fischen, die bis dahin hatten reden können, ihre Sprache; denn es war genug von Gott gesprochen worden, und die Fische sollten nichts mehr von den heiligen Dingen den Menschen verraten. Selber sollten die Menschen durch die Gabe des Geistes, die der Herr ihnen geschenkt, die guten Dinge dieser Welt ergründen und dabei durch Not, Kampf und Arbeit die Erde für den jüngsten Tag vorbereiten. Doch dem Fisch, der die Heilandseele trägt, gab er einen Ton zu singen. Da war eine stille Freude in den Fischen . . . (Bewegung.) Als die Mutter Jesu starb, fragte sie der Herr Herr , ob sie auch ein stiller Fisch werden wolle. »Blind und bloß sind die Menschen«, sagte er und sah sie an. Und sie sprach:»Ich will bis ans Ende dieser Tage Frauenleben leben, denn die Frauen sind sehr arm und gestoßen. Da will ich ihnen Trost und Leuchte sein in der bangen 131 Nacht bis zum Tage.« Froh und traurig wurde der Fisch, der die Heilandseele trägt, als er dieses hörte. Er sollte seine Mutter nicht an seiner Seite fühlen. Deshalb hörte er auf zu singen. Nur von Zeit zu Zeit singt er einmal seinen Ton. Und dann hört ihn von all den Menschen nur die eine einzige Frau, welche das Marienleben lebt. Und er singt den Ton zum Zeichen, daß sie die Maria sei, denn ihr süßer Leib weiß es nicht; singt zum Zeichen, daß er sich nach der Marienseele sehne. Singt ihr Kraft zu ihrem schweren Wege hin. (Er ist aufgestanden.) Anatolie (hat sich ebenfalls erhoben. Ihre geöffneten Lippen beben. Sie haben sich beide über den Tisch gebeugt, um einander näher zu sein.) ( Schweigen bei den übrigen, die Anatolie mit grenzenlosem Staunen anstarren.) Bragström (mit lauter Innigkeit, ganz nahe Anatolien) . Hat sie den Ton der Heilandseele einmal gehört, kann sie ihn nie mehr vergessen, sondern trägt seine Schönheit in Seele und Ohr und bleibt unbefleckt bis an das menschliche Ende!!! 132 * Die zweite Nacht Schauplatz Es ist das Mittelstück eines kleinen Gartens sichtbar, der auf einer Anhöhe liegt. Im Hintergrunde geht es hinab zum Strande, und dahinter liegt das offene Meer. Auf der einen Seite des Gartens steht das Fischerhäuschen, eine Veranda davor. Der Garten ist der Beschaffenheit des Bodens gemäß nur spärlich bewachsen. Niedriges Nadelbuschwerk, dazwischen die welken Stauden verblühter Blumen. Denn es ist Herbst. Das Laub kümmerlicher Birken ist gelb. Dem Hause gegenüber wächst die Krone einer versandeten Kiefer trotzig aus dem Boden. Daneben steht eine kleine hölzerne Bank. Das Meer rauscht gedämpft. Wendefeuer (strolcht mit einem langen Säbel wie ein Indianer durch den Garten) . Bragström (kommt vom Strande her) . Wendefeuer (stellt ihn) . Halt! Halt!! Steh still, sag ich, oder du bist eine Leiche. Bragström (windet ihm mit kurzem Griff die Waffe aus der Hand) . Warum nicht gar, lieber Bruder! Was seid ihr hier für gefährlich Volk? Wendefeuer . Ist ja bloß ein Scherz, Bragström. Gib her. So. Ts, ts, ts, was ihr da drüben für Menschen seid. Keinen Spaß versteht ihr. Wer kann da das Leben noch ertragen! Bragström . Was kampiert ihr denn mit blanken Waffen herum? Das ganze Gehöft ist eine Festung. Ist der Elch ausgebrochen, oder gibt es Wegelagerer? 133 Wendefeuer . Das ist ja doch alles bloß so, Bragström. Jedes Volk hat seine Sitten. Bei uns pflegt der Bräutigam die Braut zu rauben. Das ist in der Nacht vor der Hochzeit. Aber das ist, sage ich dir, bloß so. Nachher wird gegessen und getrunken. Und es ist alles ganz ordentlich und sittsam. Am Morgen wird dann zur Kirche gefahren. Verstehst du. In alten Zeiten hat sich das alles in Wirklichkeit zugetragen. Da sind die Menschen noch besser gewesen. Bragström . Ernste Spiele . . . Spielt nur weiter . . . (Er geht ins Haus.) Wendefeuer (ihm nach) . Aber das ist doch alles bloß so. Ts, ts, ts . . . Stöbsand (kommt ihm entgegen) . Ich sage dir, Wendefeuer, wir haben sonderbare Kinder. Wenn bloß schon erst morgen wär. Wendefeuer . Ta, ta, ta . . . Wird alles zwischen die Beine genommen, Stöbsand. Wird alles zwischen die Beine genommen. Wenn bloß der Bragström unter Segel wär. Stöbsand . Wie will der da zurück! Wendefeuer . Gefällt mir nicht. Gefällt mir nicht. Sieht Geister am hellichten Tag. Ist einer von den sogenannten guten Menschen. Kuck mal untern Tisch, wenn wir sitzen, ob da nicht ein Schwarzfuß stampft. Stöbsand . Unter drei Tagen läßt der Sturm niemals locker. Große Schiffe sind da vorn in den Stunden gestern abgesackt. Aber der Teufel hängt sich Gottes Regenmantel um. Nichts von Sturm. Und der Kahn läuft glatt auf den Strand. – Auch noch nicht so schlimm; wenn bloß die Weibsleut nicht so drehig wären, wenn wo ein sonderbares Ding passiert. Die haben immer gleich Gefühle, hast du mich verstanden . . . 134 Wendefeuer . In Rio de Janeiro hatt ich einmal Eine, muß ich dir erzählen . . . Ts, ts, ts, das war so . . . (Sie gehen um das Haus ab.) Frau Wendefeuer (aus dem Hause) . Mann! Mann! Mann! Wo bist du? Bist du nicht hier? Sie will nicht! Sie will nicht! Heut am Polterabend will sie plötzlich nicht! Sie will überhaupt nicht! O Gott! O Gott! Welche Schande bereitet mir mein Kind! Welche Schande, Schande, Schande! Mann! Mann! Mann! Sie will nicht! Sie will nicht. (Sie läuft um das Haus ab.) Veronika (tritt hinter der versandeten Kiefer hervor. Sie reckt sich und streckt sich; streckt die Arme ganz hoch zum Himmel hinauf, dabei auf den Fußspitzen stehend.) Sie will nicht! Sie will nicht! Kannst du es fassen? Sie will nicht! (Geht so leise jauchzend vorwärts.) Ich will! Ich will! Hahahaha! Ich will! Frau Stöbsand (steht in der Verandatür) . Was tust du hier, Kind? Veronika . Ich? – Ich saß in der Laube dort. Da ist man so einsam und winzig zwischen Himmel, Haff und Meer. Frau Stöbsand . Du bist ganz schwer heut nacht, Veronika. Sind die Stunden so weh? Veronika . Mir ist plötzlich ganz leicht, Mutter. Ich möchte springen, daß alles zittert. Frau Stöbsand (näher) . Du weinst? Ist denn das Tränen wert? Nein – das ist nicht Tränen wert. Ich möchte alle Frauen auf Erden lehren, nicht mehr zu weinen. Lächle, lächle! Aber lache und weine nicht. Lächeln ist das Los der Gesichter! 135 Veronika . Und dann ist man auf einmal in Lächeln erstarrt. Frau Stöbsand . Habe Christus, Kind. Und dann bleibt dein Lächeln flüssig. Hab ich ihn dir nicht gegeben? Liebe ihn in der Glut. So ganz aus Innen heraus. Schaue, so sagte meine Mutter. Schaue. Schweig stille und schaue. Veronika . Mutter, ich habe solche Angst, daß ich nicht verstehe, was du zu mir sprichst. Du sagst ein Wort und fühlst. Ich aber höre ein Wort und fühle nicht. Oder ich fühle etwas anderes. Die Worte klingen, aber dasselbe Gefühl kommt nicht mit. Frau Stöbsand . Die Menschen haben es schwer. Veronika . Das versteh ich. Frau Stöbsand . Laß mich gegen dein Blut reden. Auch das wirst du verstehn. Du liebst einen Mann. Veronika . Lieb ich ihn, Mutter? Lieb ich ihn bloß? Ist das denn nicht etwas anderes? Sag mir, was ist Liebe, damit ich weiß, ob ich den Mann liebe. Frau Stöbsand . Liebe ist, wenn – wenn – – (Schweigen.) Veronika . Du weißt es nicht . . . Frau Stöbsand . Wart. Ich hab den Satz auswendig gelernt. Als ich noch jung war, hat ihn mir jemand gesagt: Liebe ist der Wunsch, seinem Mitmenschen ohne jeden Grund und Selbstzweck Gutes zu erweisen. Alles andere ist nicht Liebe. Veronika . Hör mich, Mutter! Ich liebe ihn. Jetzt weiß ich, daß ich ihn liebe! 136 Frau Stöbsand . Liebst du ihn nicht doch, weil er dir gefällt? Veronika . Ja! . . . Frau Stöbsand . Also ist es keine Liebe. Du möchtest – jede Stelle seines Körpers küssen. Aber möchtest du auch einem Siechen, einem Aussätzigen jede Stelle seines Körpers küssen? Veronika . Soll man denn nicht nur das Schöne lieben? Frau Stöbsand . Man soll allen Menschen ohne jeden Selbstzweck Gutes erweisen. So ist mir das damals gesagt worden. Du aber bist sinnlich. Veronika . Dann bin ich sinnlich, Mutter; aber ich muß ihn lieben. Frau Stöbsand . Du gehst in sein Bett. Und dann ist es vorbei. Ich weiß es, Kind. Laß dir doch sagen, was ich weiß. Du gehst immer in sein Bett. Und dann weißt du, wie er dich umarmt. Und dann weißt du, was er dir gibt; weißt, was er dir noch geben kann, was er dir nicht gibt und zu andern Frauen trägt. Andere Männer gehn in deinen Kreis, denn die Sinnlichkeit hat kein Genügen. Und dann kommt das Ewiggleiche, die unsittliche Qual. Veronika . Ich versteh nicht, was du sagst, Mutter. Frau Stöbsand . Nein – du verstehst mich nicht. Kannst mich nicht verstehn. Sieh, ich hab es auch nicht verstanden, Kind, als mir jemand dieses alles in der Jugend sagte. Und da hab ich es an meinem Leibe erfahren müssen. Und dann hab ich es verstanden. Aber später erinnerst du dich all der Worte; trauerst ihnen nach. So ist es im Leben . . . 137 Anatolie (in der Verandatür) . Ich bin so müde – müde – – Frau Stöbsand . Wenn man nicht schlafen darf, dann ist man müde. Anatolie . Und ich will nicht, will nicht!! Frau Stöbsand . Geh hinein, Veronika, daß ihr Fehlen nicht ins Gewicht fällt. Veronika (läuft zu Anatolie hin und küßt sie heftig auf den Mund und auf die Hände) . Anatolie (fährt zurück) . Dein Kuß ist kalt und heiß. Zwei Flammen tanzen in deiner Glut . . . Veronika (jauchzend) . Ich habe dich lieb! (Ins Haus.) Frau Stöbsand . Sie schwärmt . . . Anatolie . Du bist glücklich in der Ehe – – so sagt man. Frau Stöbsand . Ja – denn ich habe auf alles verzichtet. Anatolie . Aber– als du die Ehe schlossest – wolltest du dich da besitzen lassen? Frau Stöbsand . Ich habe zwei Ehen geschlossen. Und ich wollte in beiden dasselbe, was alle wollen. Aber vielleicht wollte ich es anders. Und deshalb ist das alles so gekommen. Die jungen Dinger sehen den Bart und zittern. Und nach dem ersten Male entheiligen sie die Aufgabe der Frau. – Liebe du Gailus . . . 138 Anatolie . Er ist – so schlecht! Frau Stöbsand . Aber er hat einen Charakter. Das heißt, er ist bestimmt so und so. Die anderen Menschen haben nur eine Ansammlung von Gewohnheiten. Und ein schlechter Charakter ist immer noch besser. Anatolie . Aber ich will das Häßliche nicht! Frau Stöbsand . Du mußt es hinnehmen, wie ein Feld das Korn hinnimmt, welches in seinen Schoß geworfen wird. Auch das Feld trägt die Frucht und fragt nicht, wem sie zugute kommt. Anatolie . Müssen die Seelen nicht reif sein, wenn der Leib das Korn empfangen soll? Frau Stöbsand . Du hast so früh – ich weiß nicht woher – die ganze Tiefe und Schwere des Lebens erkannt. Das muß eine Gabe des Himmels sein. Die anderen Menschen erfahren dies erst alles langsam und qualvoll am eigenen Leibe, und dann ist es immer zu spät, das gerechte Leben zu beginnen. Auch ich würde denken und sein wie du, wenn ich heute noch einmal anfangen könnte – Tochter meiner Seele. Anatolie . Weshalb sagst du das? Frau Stöbsand . Du bist meiner Seele Tochter, Anatolie. Deine Mutter aber war die Beharrliche; deshalb hat sie dich empfangen. Anatolie . Wie ist das gewesen? Frau Stöbsand . Es war – wie morgen . . . Hochzeit war. Die Männer waren – wie immer – betrunken. Da nahm er deine Mutter und hat vielleicht an mich gedacht. So bist du unbefleckt von mir empfangen 139 worden. Und deshalb bist du so geworden wie ich sein möchte – so langsam und von Innen heraus. Die Langsamkeit ist eine Tugend. Sieh einen Baum mit seinen Früchten an; das alles ist so herrlich langsam. Und am langsamsten sind die Sterne. Anatolie . Unbefleckt, sagst du!! – Aber – ist es denn nicht furchtbar, wie die Menschen leben?! Frau Stöbsand . Sie wollen es nicht besser haben. Und wer sie glücklich machen will, den nageln sie ans Kreuz. Denn der christliche Heide frißt dir deine Eingeweide aus, und nachher verübt er Unzucht an deinem Leichnam. Anatolie (in Angst) . Celina, ich will doch nicht! Hilf mir! Hilf mir! Ich will doch nicht!! Habe Seele – tiefe Seele! Hilf deiner Tochter aufwärts, aufwärts, Celina!! Willst du mich zerreißen und beflecken lassen?! Frau Stöbsand . Die Menschen haben es schwer, denn in ihrem Leben kommt immer alles so wie es muß. Bragström schlug vorhin für dich die Bibel auf. Er tut es ungern so oft. Aber er tat es doch. Und da zitterte das Wort, Anatolie: »Wenn du stille bist, wird dir geholfen.« Bragström (unvermittelt in der Tür) . Wenn du keinen Ausweg weißt, mußt du es schon tun. Tu es, Mädchen, tu es . . . Wenn es nicht das Rechte ist, wird der Gott schon stoßen!! Anatolie (mit breiten Armen) . Und soll ich denn niemals den singenden Fisch hören? Frau Stöbsand . Den singenden Fisch? Bragström . Es täte der Welt not, daß wieder einmal eine Frau den singenden Fisch hörte. Seid wachsam und habet den Willen . . . 140 Frau Stöbsand . Wachsam zu sein ist der Frau von allem Können geblieben. Willen zu haben ist ihr nur spärlich vergönnt. (Schmerzvoll.) Wir sind ja alle einmal schön gewesen! Bragström . Im Süden lodern die Leidenschaften. Da ist das Weib ohne Willen. Aber im Norden ist der Mensch befreiter vom Leibe. Da regt sich der Wille der Frau. Seht nach Norden, wenn ihr betet; immer nach Norden . . . Anatolie . Frei sein – – –! Bragström . Das heißt nur: vom Leibe befreit. Der Mensch muß stöhnen, wenn er nicht lächeln kann. (Mit abwesenden Augen.) Und – es wird ein Geschehen in diesem Hause sein . . . Frau Stöbsand . Welch ein Geschehen? Bragström (wieder gegenwärtig) . Was sprach ich? Frau Stöbsand . Welch ein Geschehen wird in diesem Hause sein? Bragström . Ich weiß nicht. Ich – höre – manchmal auf zu denken. Und dann spreche ich so etwas hin . . . Ich weiß nicht. Frau Wendefeuer (kommt ums Haus gelaufen) . Da ist das Frauenzimmer. Sie will auf einmal nicht, Celina. Ist dir schon so was jemals vorgekommen? Sie will ihn nicht heiraten! Und heute sagt sie das! Heute! Sie will ihre armen Eltern in Not und Schande stürzen. Ich möchte alles hinschmeißen und ins Meer laufen. O Gott, Weibsbild, weshalb hab ich dir nie den Hintern versohlt. Tanzen hättest du vor Hiebe müssen, tanzen! 141 Wendefeuer (von Stöbsand zurückzuhalten versucht, kommt ebenfalls ums Haus) . Ach was! Ich schlag ihr eins auf die Fresse: Dann wird sie schon wollen, sag ich. Paß auf. Da ist sie. Stöbsand . Na – dann mach. Ich tät's auch nicht anders. Wendefeuer (greift sie brüllend an und stößt sie bis zur Kiefer) . Dummes Balg! Denkst du, das ist ein Spaß!? Frau Stöbsand . Das tut man nicht. Stöbsand (zieht sie mit festem Griff zurück) . Halt's Maul . . . Frau Wendefeuer . Sie glaubt, wir haben sie zum Spaß in die Welt gesetzt. Wendefeuer . In die Städte gehn möchtest du und die Straßen auf- und ablaufen, wenn es dunkel wird. Du Kröte, ich will dich lehren, wart. Frau Wendefeuer . »Ja« – soll sie sofort sagen – »ja«. (Sie reißt einen Birkenast ab.) Ich hab dich noch nie geschlagen. Aber jetzt gibt es was! Das Mensch! Das Mensch! Wendefeuer . Ich hänge sie auf, wo sie steht. Frau Wendefeuer (schlägt Anatolie mit der Rute ins Gesicht) . Du Schwein! Du Schwein! Anatolie (steht bleich und regungslos) . Wendefeuer . Gib ihr. Gib ihr. Ordentlich. (Er geht mit dem Säbel auf sie zu.) 142 Bragström (löst sich langsam los und geht vorwärts) . Gailus (springt aus dem Hintergrunde hervor) . Bragström (bleibt stehn) . Es wird klar . . . Gailus (stößt im Sprung mit seinem Körper die Mutter zurück und entreißt Wendefeuer den Säbel, den er diesem ins Kreuz wirft) . Pöbel! Packt euch!! Wer hat diese Schmach zugelassen? Frau Wendefeuer . Schimpf nur. Schimpf nur. Sie will dich ja gar nicht! Gailus (mit ganzer Kraft) . Ich frage euch, wer diese Schmach zugelassen hat?! Bragström (ruhig) . Sei froh, daß du jetzt handeln darfst. (Er geht ins Haus.) Frau Stöbsand . So ist es. (Sie folgt ihm.) Gailus . Geht ins Haus, sag ich euch. Alle miteinander! Ich brauche keine krummen Ohren! Stöbsand . Wer wird doch gleich so schimpfen am Polterabend! Wendefeuer . Ts, ts, ts. Es ist ja doch bloß so . . . Frau Wendefeuer . Weil sie doch nicht wollte! Verstehst du . . . Weil sie doch durchaus nicht wollte. 143 Wendefeuer . Ts, ts, ts . . . Stöbsand . Wir haben sonderbare Kinder. Die werden immer sonderbarer. Wenn die noch Kinder haben, sind wir schon verrückt . . . Wendefeuer . Ts, ts, ts . . . (Alle ab ins Haus.) (Schweigen.) Gailus . Muß ich – wieder gehn? – Sieh, ich bin nicht gekommen, um dich zu rauben, wie die anderen das zu tun pflegen. Ich bin gekommen, dich zu fragen. Und nun find ich alles so . . . Muß ich – wieder gehn? Ich will gehn, Anatolie. Ich will gehn! Sei ganz ohne Furcht. Niemand wird dir etwas tun in diesem Hause. Oder komm zu mir. Ich will dir Wohnung geben und alles, was ich habe. Will hinauslaufen an das Meer, wenn das Blut zu rasen anfängt. Will so tun, wie du sagtest. Willst du? Sprich . . . Wie du bleich bist. Wie ich mich nach deiner Stimme sehne, Anatolie! Sage nur ein Wort. Ich will gehn, gehn, gehn! – Glaubst du nicht, daß ich es können werde? Zwei junge Menschen im großen Hause allein! Das ist furchtbar, Anatolie! Das ist ganz entsetzlich, sage ich dir. Zwei junge Menschen im großen Hause allein! Muß es dann nicht kommen? Muß es dann nicht kommen? Jede Nacht Haben und Nicht-dürfen! Wir sind keine Götter, Anatolie! Und auch die Götter, glaub ich, haben das getan! Anatolie (eintönig) . Und der christliche Heide frißt mir meine Eingeweide aus. Und dann verübt er Unzucht an meinem Leichnam. Gailus . Das ist nicht wirklich! Das ist nicht wirklich! Anatolie . Es war ein Traum in dieser Nacht . . . Ich war eine edle Hündin und hatte einen guten Herrn, den ich verließ. Und wie ich meinen 144 guten Herrn verlassen hatte, verfolgte mich ein kleiner, kleiner Hund mit sehr langen Haaren und ganz entsetzlich bösen Augen. Und ich große Hündin floh vor diesem kleinen Hunde mit der bösen spitzen Schnauze. Und als ich nicht mehr weiter konnte, weil da ein großes Wasser war und die Männer an den Seiten grinsend standen, warf ich mich in die Flut und lag bewegungslos auf dem Rücken. Und der kleine Hund mit den langen, langen Haaren und den ganz entsetzlich bösen Augen sprang auf meinen Leib. Und mit der spitzen, spitzen Schnauze biß er in rasend stiller Wollust in meinen Bauch, soff mein Blut und fraß die Eingeweide auf. Und ich rührte mich nicht, weil mir so sehr angst, so sehr angst, angst, angst war!! Denn er würde mich berühren, wenn er mich getötet hatte! Und ich starb. Und ich starb in namenloser Angst um die Reinheit meines Leichnams. Und wie ich so tot war, fiel der kleine böse, grauenvolle Hund von mir ab, drehte mich dem Ufer zu, stierte in mein ausgehöhltes Inneres. (Mit furchtbarem Schrei.) Und dann mußt ich es geschehen lassen!!! – – – – – – Die Männer aber freuten sich . . . Gailus (entsetzt) . Das war doch bloß ein Traum!! Das war doch bloß ein Traum, den ich verschuldet habe!! O Gott! Anatolie . Und ich war wieder Mensch, und ging durch eine große Stadt, die ich schon oft in meinen Träumen sah. Und überall gingen Männer und Frauen ganz nackt. Und die Männer gingen mit auflebendem Fleische umher. Die Mädchen schämten sich, und die Frauen lachten. Weshalb weiß ich dieses alles, wo ich es doch niemals sah!? Meine Träume waren diese Nacht der Abglanz deiner schreienden Gedanken! Gailus . Ich – ich fürchte mich vor dir! Du bist nicht von derselben Erde, Anatolie! Deine Geburt war doch schon so anders, reden alle Leute! Du wächst fremdes Schicksal heraus . . . Das ist noch alles nicht zu Ende! Das ist noch alles nicht zu Ende!! 145 Anatolie (ekstatisch) . Ich will euch hinausjagen auf das blache Feld und euch mit einem neuen Feuer verbrennen. Ich will euch blenden mit einem neuen Stahl, der mit einem anderen Hammer gespitzt und in einer neuen Glut geläutert ist. Ich will die Krüge und Löffel eures Daseins zerbrechen, und eure Finger will ich euch vom Rumpfe trennen. Die Ohren will ich euch zuwerfen, daß ihr hinfort nicht hören könnt. In euere Münder will ich Lehm stopfen, auf daß er von der Hitze eures Fleisches zu Stein brenne! Ich will den Schoß eurer Weiber krank machen nach der Erstgeburt! Ekel soll euch davor erfüllen! Und der Saft in euern Stöcken soll erstarren!! Das »Gift meiner Seele« will ich in euer Blut tröpfen . . . (Ein reiner, sanft anschwellender Ton, klar und von nie erreichter Schönheit erfüllt den Raum.) Anatolie (verklärt gegen das Meer) . Hörst du? – – Hörst du? – – – Gailus (weicht ganz nach dem Hause zurück) . Ich höre nichts! Anatolie (stärker) . Hörst du?! – – Hörst du?! – – Gailus (verzweifelt) . Ich – höre – nichts!! Anatolie (geht langsam mit weiten Armen dem Strande entgegen) . Ich höre den singenden Fisch . . . Ich höre den singenden Fisch . . . 146 * Die dritte Nacht Schauplatz wie in voriger Nacht. Es ist Schnee gefallen. Wendefeuer und Stöbsand (kommen betrunken aus dem Hause) . Stöbsand . Nun hat sie das Dach auf dem Kopfe. (Stößt auf.) Aber den Hochzeitsschnaps ist mir der Gailus noch schuldig. Wendefeuer . Kerls, die den Rum nicht vertragen, haben Dreck in den Knochen, sag ich. (Stößt auf.) Prost, Bruder, Prost. Da liegt Gewürze drin. Das Zeug ist heut verdammt süffig. (Sie gehen nach dem Hintergrunde und schlagen Wasser ab.) Stöbsand (stößt dabei Wendefeuer an) . Du. Ich glaub, der Gailus hat gar keinen Priapus. Wendefeuer (sieht ihn verdutzt an) . Ts, ts, ts . . . Stöbsand . Verstehst nicht? Er ist so Einer. Er hat vielleicht gar keinen – – Hahahaha! Arme Anatolie! Wir haben uns bewiesen. Das ist wahr! Aber paß auf. Er hat gar keinen Priapus. Wendefeuer . Das ist kein Spaß. Ist ein Grund zur Scheidung. Ts, ts, ts. Stöbsand . Versteh mich. Ich meine das bloß so. Weißt du, was ich ihm sagen werde? Gailus, werd ich ihm sagen, wenn du den Schnaps nicht trinkst, dann werd ich den Leuten erzählen, daß du keinen Priapus hast! 147 Wendefeuer . Hihihi! Er hat keinen! Das ist gut. Haha!! Stöbsand . Wirst sehn, der trinkt dann, wieviel ich bloß will. Wendefeuer . Ich lache mich tot, Stöbsand. Hihihihi! Komm. Stöbsand . Er hat keinen – – – Er hat keinen – – – (Ab ins Haus.) Bragström (kommt sinnend vom Strande her. Er bleibt stehn, setzt sich dann auf die Bank. Bitter.) Sind Menschen am Meer, die wie die Igel am Krampfbein leben. Wenn sie vollgesogen sind, fallen sie ab. Ruhe! Ruhe!! Wo ist da Ruhe? Dort draußen – – – Anatolie (aus dem Hause) . Luft! Luft!! Bragström . Hier oben geht sie klar und rein. Und der frische Schnee leuchtet weit hinaus. Anatolie . Du hier – so einsam . . . Bragström . Ich bin doch Dichter, müßtest du begriffen haben. Anatolie . Du schreibst. Bragström . Ach was! Schulmeisters schreiben auch . . . Anatolie . Wie ist das? 148 Bragström . Ich weiß das nicht. Dichter aber sind Menschen, die allen Dingen durch Berührung einen unendlichen Festtag bereiten. Anatolie . Und deshalb sind sie immer unterwegs in der Welt . . . Bragström . Sahst du am Tag die ziehenden Kibitze lärmen? Drei Stare waren noch unter dem Haufen. Die sehen ihre Eltern niemals wieder und auch ihre Kinder nicht, wenn sie schon welche hatten. Und haben keine Scholle, kein bleibendes Dach. Wo die Sonne wärmt und der Acker grünt, da sind sie zu Hause und leben mit einem neuen Weibchen – einen Sommer lang. Anatolie . Aber sie wissen doch so wenig mit ihrem kleinen Hirn. Bragström . Wer hat das gesagt? Von allen Wesen der Welt scheint der Mensch am allerwenigsten zu wissen. Da seh ich das Leben großer Männer und ihre Werke an. Dieser hat Dieses gewußt und Jener Jenes gekonnt. Aber ist es nicht ein furchtbarer Schmerz, daß ein Einziger nicht Alles gewußt und gekonnt hat, sondern jeder nur sein Teil?! Haben dich Tieraugen noch nie so angesehn, daß dir angst wurde? Und hast du denn noch niemals in die Augen vieler Menschen auf einmal geblickt?! Ich hab's getan und sie angebrüllt: Gott redet, ihr Herren, ich spreche nur! und betete dabei zu meinem Gott: Laß mich nicht knechten von Knechten, die meiner Knechte Knechte sind! Aber der Mensch hat so einen langsamen Rhythmus. Der Mensch ist etwas so Langsames, wie es noch kaum begriffen worden ist. Es gibt Menschen, die sind schon viele tausend Jahre alt und noch immer nicht zu Ende. (Er schweigt. Dann springt er plötzlich auf, greift sich an den Kopf und blickt mit großen Augen in See. Er reckt die Arme in die Ferne.) Jetzt stirbt meine Mutter! Sie stirbt! Sie stirbt! Anatolie (erschreckt) . Wer – – – was – – – wo – – –? 149 Bragström . Tot – tot – tot – tot. Und ich bin nicht auf Gotland. Anatolie . Was sagst du da? Bragström (erschüttert) . Jetzt ist sie tot, Mädchen. Anatolie . Wie kannst du dieses wissen? Bragström . Du wirst es sehn. Anatolie . Ich? – Ich? Wie – – das – – – Bragström (wieder gegenwärtig) . Ja – wie neu – neu – neu – Nun muß ich wieder reisen . . . reisen . . . Anatolie Wohin denn? Bragström . Ich muß meine Mutter begraben . . . Anatolie . Jetzt fürchte ich mich. Bragström . Ja – ihr habt hier voreinander so viele Geheimnisse; und dann erschreckt ihr immer, wenn ihr etwas Altes hört. Ihr lebt hier dauernd in der Furcht, etwas Unangenehmes zu hören. Heute ist dein zwanzigster Geburtstag. Weißt du das? Keiner hat den Mut gehabt, dir dieses zu erzählen. Auch Frau Stöbsand nicht. Ich soll es tun. Ich – der Fremde . . . Anatolie . Zwanzig . . . Nein – das ist nicht richtig. Bragström . Doch, doch, doch. Heut vor zwanzig Jahren wurdest du gezeugt. Ein höchst seltener Fall, daß ein Kind den Tag seiner Zeugung, seiner wahrhaftigen Geburt angeben kann. 150 Anatolie . Aber weshalb ist das alles so? Ich verstehe nicht. Bragström . Ich auch nicht. Und es ist im Leben großer Menschen immer die Hauptsache, daß sie nicht verstehen. Wenn du etwas nicht verstehst: das ist ein großer Augenblick. Wenn du weise werden willst, mußt du nicht verstehen. Anatolie . Du sprichst so durcheinander, so ganz bunt. Dennoch wunderst du dich nicht, daß ich mich so plötzlich – entschlossen habe . . . Bragström . Es ist doch so sehr gleichgültig im Grunde, was ein Mensch tut. (Im Hause erklingt ein litauischer Trettanz nach diesem Rhythmus: – ᴗ – ᴗ – ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ – ᴗ – ᴗ – ᴗ ᴗ – ᴗ ᴗ ᴗ – – ᴗ – ᴗ – – – – ᴗ – ᴗ – – –       ᴗ ᴗ ᴗ       ᴗ ᴗ ᴗ – ᴗ – ᴗ – Den starken Ton unterstreichen die Tänzer regelmäßig mit kräftigem Auftreten des Fußes. Bei den drei starken Tönen hintereinander klatschen die Tänzer dreimal in die Hände.) Anatolie . Weshalb bist du hier? Veronika (aus dem Hause) . Gailus sucht dich, Anatolie. Er will mit dir tanzen. Anatolie . Du weißt, daß ich nicht tanze. Veronika . Er will aber doch. Und da du ja seine Frau bist, mußt du gehorchen. 151 Bragström (zeigt auf Veronika) . Das ist Anatolie. Und (auf Anatolie zeigend) du bist Veronika. (Dann geht er ums Haus ab.) Veronika . Ein sonderbarer Mensch! Könntest du ihn lieben? Anatolie . Ich liebe doch Gailus. Veronika . Du! Du!! Du!!! Das ist ja doch nicht wahr! Du liebst ihn nicht. Du willst etwas anderes . . . Anatolie . Was denn? Veronika . Er hat jetzt getrunken. Anatolie . Wer? Veronika . Gailus hat getrunken. Anatolie . Mag er sich freuen. Er hat doch solche Angst vor mir. Da mußte er wohl trinken. Veronika . Nein, Anatolie. Die Männer haben ihm etwas gesagt. Ich hab's gesehn. Da ist er blaß geworden. Und dann hat er getrunken. Immerzu . . . Jetzt will er mit dir tanzen . . . Freust du dich auf das Bett? Es ist schon spät. Bald wird er dich nach Hause führen. Anatolie . Ich freue mich, Veronika. Ich freue mich so sehr. Denn ich werde Schicksal sehen. Es wird ja nicht sein . . . Veronika . Was wird nicht sein? Die jungen Burschen, die das Bett erproben, kommen bald zurück. O Gott! Anatolie!! Dann . . . Gib mir die Hand. 152 Anatolie . Was denn? Veronika . Er hat noch nie ein Weib berührt. Und dann werdet ihr zusammen sein. Anatolie! Das ist doch gar nicht möglich! Anatolie . Nein, Veronika. Das ist nicht möglich. Fühlst du, daß das alles gar nicht möglich sein kann? Es wird etwas dazwischen kommen. Muß ja! Muß ja! Fühlst du dieses auch?! Denn ich habe doch – – – – gehört. Ich habe doch – – – – gehört . . . Veronika . Aber es kommt ja doch! Es kommt ja doch!! Ich fühle jetzt, wie du im Schlitten sitzest, fühle, was du selig fühlen wirst. Jetzt seid ihr gleich da! Jetzt seid ihr gleich da!! Der Schlitten hält, Ihr steigt aus, und er bringt dich ins Haus! ins Haus!! Alles bebt, bebt, bebt und will!! Alles zittert so . . . Rot von Innen und Außen! (Weint wild auf.) Ich möchte Du sein! Du sein!! (Erstickend.) So ganz bis zum Halse schwer möchte ich Du sein . . . Frau Stöbsand (verstört aus dem Hause) . Veronika! Veronika! Du mußt hineingehen! Du mußt heut Nacht immer da sein, wo das Licht brennt. Du mußt immer sein, wo ich dich sehen kann. Geh hinein. Tanze! Tanze! Bis du umfällst, tanze! Veronika (mit schweren Schritten ins Haus) . Die See geht hoch auf der Erde. Frau Stöbsand (in steigender Erregung) . Der Schlitten muß gleich da sein, um dich zu holen. Fahre dann sofort! Sofort!! Hörst du, Anatolie! Die Menschen sind es, die das Schicksal machen und vererben! Anatolie (mild) . Bragström sagt, ich habe heut Geburtstag. 153 Frau Stöbsand . Ja, ja. Vor zwanzig Jahren heiratete ich deinen Vater. Er war betrunken. Und da nahm er deine Mutter! So war es. Es ist noch dasselbe Haus. Und da steht noch dieselbe Laube. Es war Schnee. Und alles war so wie heute. Ich saß auf der Bank und ließ es geschehn. Ob das eine Sünde war, weiß ich nicht. Bragström (kommt ums Haus. Er hat einen Pelz angezogen, einen zweiten trägt er auf dem Arme. In der anderen Hand trägt er eine große Tasche.) Frau Stöbsand (fiebernd) . Wo – wo willst du hin, Bragström? Bragström » Ich muß wieder über See nach Schweden hin. Meine Mutter ist gestorben. Da muß ich sie begraben. Frau Stöbsand . Warte noch! Warte noch eine Stunde oder zwei. Wenn der Schlitten fährt, will ich mit dir reisen . . . Bragström . Ich kann nicht noch zwei Stunden warten. Ich muß ganz schnell fahren. Drei Tage warte ich doch schon. Siehe, jetzt will ich das Schicksal drängen. Anatolie . Kann – er – das? Bragström . Weil ich kam, mußte doch ein Ding geschehn. Ich darf nicht mehr zögern . . . Frau Stöbsand . Ich will mit dir fahren, Bragström. Gleich muß der Schlitten kommen. Aber bis dahin muß ich doch wachen, wachen! Verstehst du nicht. Ich muß beide Hände vor ein Fleisch halten; ganz fest muß ich sie halten. Denn das Leben darf nur diesen einen einzigen Weg gehen; immer nur den einen Weg, den ich sehe . . . 154 Bragström . Sieh doch nur! Du weißt, daß das Schicksal in uns drin ist. Dennoch willst du mit den Händen handeln. Frau Stöbsand . Ganz steil steh ich jetzt in der Welt. Ich habe Willen. Ich trommle mit den Fäusten gegen die himmlische Tür. Gib acht! Der Pförtner wird der gläubigen Seele öffnen . . . Anatolie . Mutter meiner Seele. Bragström . Es stürmt hinter deinen Bergen . . . Der zweite Föhn deines Lebens bricht das Eis. Der Jammer der Ertrinkenden wird dich festhalten. Und wenn du dort weit mein Segel siehst in der Früh, so schick ihm dein Segel »Hoffnung« nach, das durch wilde Fahrt den ruhigen Hafen erreichen wird. Seid schwer und zusammen . . . (Er geht zum Strande hinab.) Frau Stöbsand . Bragström. Bragström . . . Höre doch! Bragström! Er hört nicht, will nicht hören. Ich komme. Ich komme . . . Bis das Boot frei ist, bin ich bei dir! Bragström . . . Bragström . . . Anatolie . Mutter meiner Seele!! Frau Stöbsand . Kann ich dir trauen, Kind? Kann ich dir von ganzem Herzen vertrauen? Sage »ja«. Sage »ja«. Ich flehe dich an, Anatolie! Mich erstickt der Ekel, der sinnliche Ekel. Stöbsand mißbraucht mich Nacht für Nacht. (Auf Knien.) Rette mich, Anatolie! Rette mich doch! Es wird auch dir so gehn. Es wird auch dir so gehen! Aber ich hab es doch solange ertragen. Da kann ich nicht mehr. Laß mich doch mit Bragström fahren. Laß mich doch mit Bragström fahren!! Anatolie . Ich hindere dich nicht. Frau Stöbsand . Ja – du – du hinderst mich. Halte Gailus fest. Ganz fest halte ihn, nur diese, diese Nacht. Er ist betrunken. Halte ihn fest. 155 Anatolie . Steh auf. Ich werde mit ihm schlafen. Frau Stöbsand . Wirst du es wirklich tun? Kann ich hinab zum Strande? Kann ich? Kann ich? Ich will den Mann – den Mann nicht mehr sehen! (Schlittengeläute, das langsam näherkommt, jetzt in der Ferne.) Anatolie (steht teilnahmlos in der Szene, ganz nach Innen gekehrt) . Frau Stöbsand (mit ausbrechender Freude) . Anatolie! Jetzt kommt der Schlitten. Hörst du? Er kommt schon vom Haff herauf. Was die Pferde langsam sind! Und die Burschen haben doch keine Mädchen mit. Freust du dich nicht, Kind, daß du die Mutter deiner Seele rettest? Du tust es mit deinem ganzen Leibe. Du trägst den Schmerz. Und wenn er zu groß wird, kommt auch für dich ein fremder Schiffer aus Schweden und fährt dich über die See! Anatolie . Was tut dein Mann? Frau Stöbsand . Sei ruhig. Quäle mich nicht! Die Menschen haben kein Gesetz, dieses zu bestrafen. Und Gott verhüllt sein Gesicht und läßt das zu. Er nimmt mich Nacht für Nacht im Dunkel für deine laufende Mutter! Er nennt mich mit ihrem Namen. Er kleidet mich an wie sie es tut, und dann muß ich – laufen – – – laufen – – – Anatolie (schüttelt sich) . Frau Stöbsand . Schüttele es heraus aus deinem Hirn, wenn du es kannst. Was die Pferde langsam sind. Und es sind doch keine Mädchen mit. Bragström ist schon am Boot. Siehst du dort! Der Vollmond hängt über dem kleinen Schiff. Hat er Kraft, es ins Wasser zu stoßen? – Ein harter Mensch . . . Er lebt nach anderen Gesetzen . . . Was die Pferde langsam sind . . . Ich muß doch sehn. (Sie läuft ums Haus ab.) 156 Anatolie . Sieh nur! Und siehe recht, recht, recht! Frau Wendefeuer (kurz in der Tür) . Anatolie ! Der Schlitten kommt. Dein Mann wird dich ins Bett bringen . . . Anatolie . Ich komme. Frau Wendefeuer (ab) . Anatolie . Jetzt ist – es noch Zeit. (Sie geht nach dem Hintergrunde und blickt nach dem Strande hin.) Er müht sich mit dem Boote ab. (Sie blickt noch einmal nach dem Hause zurück und will entfliehen.) Ich – bin – gleich – frei – – – Sonst ist es nur ein Märchen gewesen . . . Und es darf doch kein Märchen sein . . . Veronika (aus dem Hause) . Anatolie! Wo bist du? Anatolie! Ich habe mit deinem Manne getanzt! Sein Atem liegt mir noch ganz heiß im Haar. Und – und – du – der – Schlitten – – – Anatolie (weicht nach dem Strande zurück) . Geh nur. Geh nur . . . Ich will dich nicht. Ich muß noch einen Augenblick allein sein. Veronika . Er nannte mich Anatolie und – hat mich gedrückt – so von Innen heraus. Gailus (vollkommen betrunken) . Anatolie! Jetzt bring ich dich ins Bett. Hörst du? Klinglingling! Das ist – der – Schlitten – ist das Klinglinglinglingling. (Er faßt Veronika um die Hüfte.) 157 Veronika (lacht) . Steh aufrecht! Er ist glatt! Gailus . Du bist glatt. Anatolie (ist entsetzt zurückgewichen und nicht mehr zu sehen) . Veronika (blickt sich forschend um) . Hab ich dich doch! . . . Schnell . . . Schnell . . . Bis der Schlitten kommt . . . Gailus . Und das bimmelt und das bammelt, daß die Düne wackelt. (Er beißt sie in den Hals.) Veronika (zieht ihn hinter die versandete Kiefer) . Anatolie (wird im Hintergrunde sichtbar) . »Ich fürchte mich vor dir, daß mir die Haut schauert. Ich entsetze mich vor deinem Gericht.« (Sie kommt bis zur Bank.) Es war schon alles einmal so. (Sie setzt sich.) So war das doch schon . . . (Schweigt.) Veronika . Du – Lieber – Lieber – Gailus (schreit plötzlich auf) . Frau Stöbsand (kommt hinter dem Hause hervor. Sie bleibt wie erstarrt stehn.) Gailus . Aas!! Aas!!! Veronika (stürzt hinter der Kiefer hervor mit geängstigtem Lachen. Ihre Augen flackern. Sie sieht niemanden.) Hab ich dich doch! 158 Gailus . Du – du hast mich gestohlen!! Aas! Ich schlag dich tot! Stöbsand (aus dem Hause) . Was – was ist hier los!? Gailus (torkelt auf die Bühne) . Dein Luder hat mich gestohlen. Dein Luder hat meine Frucht! Sie sagt – sie sagt – sie sei Anatolie . . . Stöbsand (würgt) . Das – das – das – wart!! (Er läuft ins Haus.) Veronika . Ja!! – Der Beharrliche empfängt die Frucht!! (Sie läuft nach dem Hintergrunde hinter das Haus ab.) Gailus . O! Ich kriege dich schon! Ich kriege dich schon! Und dann ist es mit dir aus!! (Torkelt hinterdrein.) Wendefeuer (kommt) . Was ist passiert? Sind die Weibsleut besoffen? Frau Wendefeuer (kommt) . Ach Gott! Ach Gott! Das wird ein Unglück. Habt ihr denn keine, keine Worte? Das gibt ein Unglück, sag ich bloß! Stöbsand (mit einer Flinte) . Wo ist sie? Wo ist sie, frag ich! (Er läuft nach dem Hintergrunde.) Euch hab ich schon. Und das gleich . . . (Er läuft Gailus und Veronika nach.) 159 Frau Wendefeuer . Halt ihn doch! Halt ihn doch! Er schießt sie. Er schießt sie noch! Wendefeuer (hinterdrein) . Ts, ts, ts! Frau Wendefeuer (folgt ihm) . Sind das Menschen! Sind das Kinder! Frau Stöbsand (schwer aus der Starre heraus, mit aufsteigendem Haß) . Und – – du!?! Anatolie (aufstehend, mit Güte) . Kann ich es sagen? Frau Stöbsand (dämonisch) . Du fährst! – – – Anatolie . Wenn du es nicht tust . . . Frau Stöbsand . Fahre! Fahre nur!! Fahre! Fahre! Ja! Du sollst fahren! Jetzt geht alles vorüber. Im Frühjahr muß ich Gräber vor dem Treibsand schützen . . . Anatolie . Denk auch an meines, falls es ein nasses sein sollte. Frau Stöbsand (mit kaum verhaltener Schadenfreude) . Und wenn er dich liebt? O!! Er wird dich lieben. Du bist jung und schön. Und er ist auch bloß ein Mann. Anatolie . Dann – werden wir singen! 160 Frau Stöbsand . Singen! Ja – singen ist gut. Singen! Singen!! Aber man kann nicht immerzu singen. Haha!! Anatolie . Schweig stille und schaue . . . Ich hab ja den singenden Fisch gehört!!! (Sie wendet sich schnell und ist ausgelöscht wie ein Licht.) Frau Stöbsand Du! – – Du hast!! – – – Höre doch! Sie läuft hinab! O Gott!! Was hat sie?? (Sie sinkt an der Bank zusammen.) (Das Schlittengeläute ist jetzt ganz nahe.) (In einiger Entfernung hört man zwei Schüsse fallen.)