Kramer \amp; Friemann Eine Lehrzeit von Fritz Müller-Partenkirchen     Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg und Berlin     Inhalt     Fanget an Der Familienrat Im Keller Das Konto Unverbrüchlich Der Rock Der Schrei So tun, als ob Französisch Nummer 2 und 3 Das Jubiläum Zyankali Fünf und sieben Pensioniert Neu Südend Das Zeugnis Wenn Die Wage Der Seraphim Nicht für voll Theater Wir Der Kapferer Das Organisator Der Kreislauf Blau, Gold, Violett Die Rede Wamprecht Simon Raff Gift Der Reisende Zwei Kollegs Die alte Zeit Die Genugtuung Verdacht Die Geliebte Gehilfe     Fanget an! Statt einer Vorrede Liebe Mitlehrlinge! Das sind wir nämlich alle heute: Ihr und ich und eure Prinzipale, jeder Deutsche. Der große Krieg hat uns dazu gemacht. Wir müssen von vorn anfangen. Jeder Lehrling muß das. Erinnert euch an euren ersten Lehrtag. Das könnt ihr leicht. Unvergeßlich ist er. Da hat man euch an einen Tisch gesetzt, einen blanken Tisch. Dann die Arbeit draufgelegt. Leere Blätter: »Schreibt! fangt an!« Liebe Mitlehrlinge, es ist heute wieder so, wie am ersten Lehrtag. Das ganze deutsche Volk an einen Tisch gesetzt, einen bitter blanken Tisch. Die Arbeit draufgelegt. Leere Blätter: »Fangt an! vorn, ganz vorn!« Freunde, ich schrieb an diesem Buch die letzte Zeile, als wir Frieden machten. Machen mußten. Jetzt stehen wir dazwischen, ihr und ich und alle. Zwischen einer Schlacht, die wir verloren haben, und einer Schlacht, die wir gewinnen können. Nein, gewinnen müssen. Verloren ist die Blutschlacht, gewinnen müssen wir die neue Schlacht der Arbeit . Freunde, uns allen ist einmal quer übern Lebensweg ein Mensch gelaufen, den wir nicht vergessen können. Ein Mensch, dem ein harter Arm über seinen Arbeitstisch gefahren ist – sei's ein Unglück, eine Krankheit, ein Bankerott, in Mark und Pfennig einer oder, schlimmer noch, ein seelischer – und hinunterfegte alles, was daraufstand, blank gefegt hat, bitter blank. Einen Augenblick ist er starr gestanden, der Geschlagene. Und was dann geschehen ist – je nun, was euer Mann getan hat, müßt ihr selber wissen. Der meinige hat die Zähne zusammengebissen und gesagt – nein, mit zusammengebissenen Zähnen kann man höchstens knirschen: »Jetzt gerad extra!« knirschte er, er hat leicht die Aermel aufgestreift, 4 den Mut und seine Seele. Und dann fing seine Arbeit an – Freunde, eine Arbeit, daß die Späne flogen. Liebe Mitlehrlinge, heute ist die Stunde, wo wir auch die Späne fliegen lassen müssen. Verflucht und zugenäht! die Schlacht gewinnen wir auf aller Erden Breiten! Freunde, wie es morgen aussieht, weiß kein Mensch. Wohl aber, wie in zwanzig Jahren. In zwanzig Jahren, Freunde, sind wir der Erde erstes Volk in Tüchtigkeit und Treuen. Dann aber unbestritten und auf ewig unbestreitbar! An euch liegt's mit, daß solche stolze Hoffnung nicht zu Schanden werde. Hopp, vor den Tisch gesetzt, vor unsern bitter blanken: »Fanget an!« Fritz Müller       Der Familienrat Heute war Familienrat. Der letzte Familienrat ist lange her. Das war, als Vater starb. Da war ich noch ganz klein und habe nichts verstanden. Ich weiß nur dunkel, daß es immer wieder schrill geläutet hat, und ein Onkel nach dem andern hat den Schnee vom Schirm geschüttelt und in die roten Hände geblasen und gesagt: »Traurige Sache, sehr traurige Sache.« Dann haben sie mich ins Kinderzimmer gesteckt. »Da spiel'!« haben sie gesagt. Aber es war nichts zum Spielen da, weil ich den Kasperl mit der Tschinell'n im Wohnzimmer am hinteren Sofafuß festgebunden hatte, und die Eisenbahn war im Papierkorb dort zum Ausruhn. Also hab' ich nur ganz leise gesagt: »Ich habe nichts zum Spielen.« – »Traurige Sache, sehr traurige Sache«, haben sie gesagt. Aber ich glaube, sie haben mich gar nicht gehört, weil es wieder geläutet hat, und die Tanten sind mit Geschrei hereingekommen und haben die Mutter immer wieder umarmt, von links und von rechts, und haben den Schnee von ihren Hüten in Mutters Hals hineingeschüttet. Und ich weiß noch, daß mich dabei gefroren hat. – Wenn nur der Gustl dagewesen wäre. Dann hätte ich mit dem spielen können. Aber den hatten sie zum Onkel Frank gesteckt, damit es keinen Krach im Kinderzimmer gäbe während des Familienrats, und weil Onkel Frank doch nicht zum Familienrat kommt, sondern gesagt hat: »Mit die Familienrät' da balst mir net gehst!« Heute weiß ich natürlich, daß dieser Satz falsch war, erstens grammatikalisch, weil nach »mit« der dritte Fall gehört und »balst« gar keine richtige Konjunktion ist. zweitens stilistisch, weil der Satz unvollständig ist. Das hat der Onkel Paul dem Onkel Frank auch damals gesagt. Ich weiß noch gut, wie sich der Onkel Frank dumm gestellt hat: »Wie müßte er denn richtig heißen, mein Satz?« Da hat der Onkel Paul auf einmal ausgeschaut wie 6 hinterm Katheder und hat an der Brille gerückt und gesagt: »Wenn du mir mit den Familienrät en nicht gehen würdest , so – –« »Halt«, hat Onkel Frank gesagt, »einen Augenblick, ich muß es mir notieren.« Da hat natürlich der Onkel Paul doch gemerkt, daß Onkel Frank ein Fopper war. Und er hat durch ein Rundschreiben an alle Onkel und Tanten mitgeteilt, daß künftige Familientage zwischen ihm und diesem Malermenschen zu wählen hätten. Worauf Onkel Frank mitteilte, daß er sich aufhängen würde, aber erst später. Vorher müßte er noch einen Familientag malen. Er hat ihn auch gemalt. Ich habe ihn erst hinter dem zweiten Familientag sehen dürfen. Aber da sehe ich, daß ich den ersten noch nicht fertig habe. Ich bin also allein im Kinderzimmer gesessen. Es war sehr langweilig. Da habe ich mit einem genagelten Schuh gegen das Nachtgeschirr geklopft, erst langsam, dann schneller. Es war mir, als wenn es eine Schiffsglocke wäre. Ich bin auch eingestiegen und habe eine weite Reise übers gelbe Meer gemacht. Aber noch ehe ich Anker werfen konnte, hat Onkel Paul vom Beratungszimmer den Kopf hereingesteckt und gesagt, ein solcher Spektakel sei unerhört bei einem Familienrat, und es sei traurig, sehr traurig. Danach ist es noch langweiliger geworden, und ich habe beschlossen, Gustls Bettstatt auseinanderzunehmen, weil ich noch nie ein zerlegtes Bett gesehen hatte. Zuerst ging alles gut. Ich habe mich gewundert, daß ein Bett, in dem man so viel wunderbare Sachen träumt, nur aus zwei Brettern links und rechts und einem Kopf- und Fußteil besteht, außer einem Strohsack. Aber dann dachte ich, vielleicht ist im Strohsack das Geheimnis. Ein Schlitz war schon drin. Also bin ich hineingekrochen. Das war gar nicht leicht. Aber es ist doch gegangen. Es war wunderbar drin. Das Stroh hat geheimnisvoll geknistert. Goldig hat ein wenig Sonne geflammt. Der Staub hat hin- und hergeglitzert. Es war wie ein ganzes Bündel Geschichten, die durcheinandergeschüttelt werden und man weiß nimmer, was zu was gehört. Aber auf einmal habe ich so stark niesen müssen, wovon die Bettstattbretter umgefallen sind. Das hat einen so wunderbaren Spektakel gegeben, daß ich mich schon darauf freute, 7 wenn jetzt Onkel Pauls Brille wieder durch die Türe fahren würde, um mir mitzuteilen, daß es traurig sei, sehr traurig. Aber da kam Mutter ganz still herein und hatte Augen, die waren vom Familienrat verweint. »Mutter«, habe ich geschrien, »haben sie dir etwas getan?« – »Nein«, hat sie gesagt, »es handelt sich um Onkel Adams Hypothek, die er auf Vaters Tod gekündigt hat, und von der es fraglich ist, ob Onkel Paul sie übernehmen kann. Aber das wirst du doch noch nicht verstehen. Daß ein braver Bub jedoch jetzt still sein muß, um der Mutter nicht noch Extrakummer zu machen, nicht wahr, Fritzl, das verstehst du?« Mäuschenstill hahe ich dann die Bettstatt wieder zusammengefügt. Wie ein angemalter Türke habe ich mich mit untergeschlagenen Beinen an die Türe gelehnt und darüber nachgedacht, was eine Hypothek ist. Was gutes sicher nicht, da Mutter weinte und da es von Onkel Adam kam. Der war nämlich so ein Süßer. Wenn man von dem käme, sagte Onkel Frank, so pappe alles, die Hände, die Augenlider, die Hose und die Gurgel. Da sei ihm der Onkel Paul doch lieber. Wenn der spräche, habe man höchstens das Gefühl, als wenn man harte Semmeln zwischen den Backenzähnen zermahlen müsse. Das sei wenigstens doch reinlich. Aber damit war noch nicht erklärt, was so eine Hypothek im Grunde war. Ich dachte so scharf nach als möglich. Davon wurde ich müde und schlief ein, mit dem Kopf an der Türe des Familienrats. Im Schlaf kam es mir vor, eine Hypothek müsse eine pappige aber bittere Marmelade sein, die über eine harte Semmel herunterrann und immerzu auf den Anzug tropfe. Zwischenhinein wachte ich wieder auf einen Nicker auf. Dann hörte ich es dumpf durch die Türe murmeln. Und nach einem langen Murmeln kam immer ein ganz kurzes Schluchzen. Das konnte aber auch vom Rascheln meiner Eisenbahn im Papierkorb kommen. Oder von der Tante Mathilde, obgleich die sonst immer fröhlich war. Ganz klar habe ich mir das Schluchzen nicht gemacht. Denn hätte ich sicher gewußt, daß es von der Mutter käme, hätte ich ja meinen Säbel umgürten und meinen Helm aufsetzen müssen und die Türe des Familienrats aufreißen, wild hineinstürzen müssen: »Her mit dem miserabligen Familienrat, daß ich ihn derstich!« Aber dazu war ich plötzlich zu müde, viel zu müde. 8 Als ich spät in meinem Bette aufgewacht bin, war der Familienrat vorbei. Die Wohnung war leer. Mutter war zu Onkel Frank hinüber, um Gustl zu holen. Ich bin im Hemd ins Wohnzimmer gegangen. Da war eine dickmuffige Luft. Ich suchte meine Spielsachen zusammen. Auf meiner Eisenbahn im Papierkorb hatten sie Zigarettenasche abgeklopft. Ganz verschmiert war die grüne Lokomotive. Mein Kasperl war noch am hinteren Sofafuß angebunden. Aber sein gutes, lachendes Gesicht war zertreten. Der Familienrat war darauf herumgetrampelt. Das war der erste Familienrat. Den hatte ich hinter der Türe erlebt. Heute, beim zweiten Familienrat, durfte ich mit hinein. Denn ich hatte mein Einjährigenzeugnis in der Tasche. Und es war zwölf Jahre später, zwölf zersorgte Witwenjahre meiner Mutter, und dann, es sollte über mich beraten werden. Onkel Adam war schon eine Viertelstunde früher gekommen. Er sagte zu Mutter dasselbe wie vor zwölf Jahren: »Es ist traurig, sehr traurig.« Nämlich, mein Rektor sei bei ihm gewesen, sagte er. Es wäre traurig, daß man den Rektor gerade auf ihn gehetzt habe. Warum nicht auf den Onkel Paul? Aber er kenne sich schon aus. Irgendein Schuft habe herumgesprochen, er sei reich und müsse mich studieren lassen. Aber der Reichtum sei eine Verleumdung. Es wäre schauderhaft, wie billig er sein Oelgeschäft verschleudern habe müssen damals. Was dagegen der neue Besitzer dran verdiene, der Schuft, das sei zum Grausen. Freilich, klagen helfe nichts. Man müsse sich halt durchschlagen bei den teuren Zeiten. Da käme nun dieser Rektor und sage, es sei eine Sünde, wenn der Junge nicht studieren dürfe. Sünde hin und Sünde her, ob der Onkel Adam etwa alle Sünden auszurotten verpflichtet wäre? Nein, sagte Tante Mathilde, die ganz sacht hereingekommen war, nicht alle Sünden, nur eine einzige, eine Adamssünde, den Geiz. Dazu lachte sie. Tante Mathilde lachte gerne. Sogar über die heiligsten Familiensachen. Das war immer herzerfrischend. Aber Onkel Adam tat, als sei sie gar nicht da. Nur zu meiner Mutter sagte er, es sei traurig, sehr traurig, daß man im Familienrat beleidigt würde von Leuten, die er 9 nie für voll genommen habe. Darauf lachte Tante Mathilde wieder: Ob sie sagen solle, um wieviel Onkel Adam sein Oelgeschäft verkauft habe. Sie wisse es nämlich von dem neuen Besitzer. Der jammere, daß er hereingelegt worden sei. Und es seien hundertdreiundneunzigtausend Mark gewesen. »Ja, aber in Ostbahnaktien!« schrie Onkel Adam. Ja, die jetzt doppelt so hoch im Kurse stünden, lachte Tante Mathilde. »Ha, was versteht ein Frauenzimmer denn von einem Kurs!« schrie Onkel Adam, »und überhaupt, es ist traurig, sehr traurig, und ich verzichte auf den ganzen sauberen Familienrat!« Er war so außer sich, daß er ganz komisch ausschaute, weil doch sein Gesicht sonst immer aufs Oelige eingestellt war. Aber da kam Onkel Paul herein und sagte, auch bei ihm wäre der Rektor gewesen, und ich müßte natürlich fortstudieren, mit einem solchen Zeugnis. Onkel Adam hatte schon wieder das Oelige und rieb die Hände: »Verehrter Schwager, man studiert mit Geld und nicht mit Zeugnissen. Aber auch die Zeugnisse sind kein Hindernis, wenn du so freundlich sein wirst, für das Geld aufzukommen.« »Ich?« sagte Onkel Paul betroffen, »ich muß mal studieren, ob ich einen Beitrag –« »Dummes Zeug«, sagte jemand an der Tür, »wenn man von einem knappen Oberlehrergehalt die Mutter und die Schwester miternährt, so hat das Studieren keinen Zweck.« Es war Onkel Frank, der Maler. »Ei, ei«, sagte Onkel Adam händereibend, »haben sie dich also auch zum Familienrat eingeladen.« »Keine Idee. Ich habe nur einen gemalt. Schon vor vielen Jahren. Der ist nicht ganz fertig geworden. Ich muß noch einige Lichter aufsetzen. Deshalb bin ich hergekommen.« Aber da ging wieder die Tür auf. Sie fuhren einen Rollstuhl herein. Darinnen saß Onkel Cäsar. Er war schlohweiß. Da wurden alle still. Onkel Cäsar war das Oberhaupt. Familiengötze, sagte Onkel Frank. Das war nicht schön. Denn Onkel Cäsar muß früher ein großer Mann gewesen sein. 10 Er soll in jungen Jahren eine Partei gegründet haben. Anno achtundvierzig sollen sie ihn beinahe geköpft haben, weil er als Student gesungen hat: »Arischtokrate, Die werre gebrate, Ferschte und Pfaffe, Die werre gehenkt!« und noch später hat er eine Zeitung geleitet, worin man lesen konnte, die neue Zeit müsse sich durchsetzen und wenn man bis an die Knöchel in Fürstenblut waten müsse. Er soll's dann etwas billiger gemacht haben. Aber von dem Blut war ihm doch einiges in den Augen geblieben. Onkel Frank sagte, statt der Knöchel habe es die Augen getroffen, weil er später im rechten Augenblick politisch Kopf gestanden hätte. Aber Onkel Frank spottete über alles. Auch über sich selber. Alle begrüßten den Onkel Cäsar sehr laut und sehr ehrfurchtsvoll. Sogar Onkel Frank verbeugte sich ein wenig. Nur unsere alte Kathi, die ihn hereingerollt hatte, sagte: »Laßt doch den alten Mann in Ruhe, ihr seht doch, daß er schlafen will.« Wirklich fielen ihm die roten Augen zu. Aber sie fanden die Kathi roh und jagten sie hinaus. »Fangen wir an« sagte Onkel Paul und blätterte in seinem Zensurbüchlein. »Es geht nicht«, sagte Mutter schüchtern, »es fehlt noch die Schossefine, die nähme es übel.« Die Schossefine war auch eine Tante oder eine Base. Niemand wußte die Verwandtschaft recht. Aber fragen wollte auch niemand. Sicher war nur eines, sie nahm alles übel. Wohin sie ging, immer ging ein Dunst von Uebelnehmen mit. »Wo ist Tante Schossefine?« fragte einst jemand. »Sie sitzt draußen auf dem Balkon und nimmt übel« sagte Onkel Frank. Sie nähme alles übel, sagt Onkel Frank, auch Katzen, Fliegen, Wind und Wetter. Einen verschwundenen Knopf nahm sie wochenlang übel. Man hätte ruhig ohne sie beginnen können. Uebel nahm sie, ob sie da war oder nicht. »Onkel Cäsar soll entscheiden« hieß es. Alle sahen auf ihn. Von der Seite war sein Gesicht noch immer wie sein Name. Aber von vorne war es milde auseinandergelaufen. In den 11 roten Augen glänzte manchmal noch ein Feuerfünkchen. Aber meistens schlief es. Die Wahrheit war, der Berühmte war kindisch geworden. Bei seinem hohen Alter hatte er ein Recht dazu. Aber sie ließen es ihm nicht. Sie plagten ihn mit großen Tönen. »Lieber Großonkel«, sagte Onkel Paul mit einer Verbeugung vor dem Rollstuhl, »wenn wir dich bitten dürften zu entscheiden?« »Ja ja», ächzte es schläfrig im Lehnstuhl, »wenn ich nur – wenn ich nur –« Das andere schien er zu vergessen. »Ganz meine Meinung«, fiel Onkel Adam verbindlich ein, »fangen wir also an.« »So?« kam es spitzig von der Türe, »so? ohne mich?« Es war die Schossefine. Sogleich war das Zimmer dick voll Uebelnehmigkeiten. Sie wurden ängstlich. Aber dann redeten sie sich auf Onkel Cäsar aus. Da verstummte ihre Spitzigkeit. Jemanden etwas übel nehmen, der einst fast geköpft worden wäre, getraute sie sich nicht. Dann wurde mein Zeugnis vorgelesen. Darauf ein Brief vom Rektor. Dann wurde ich gelobt. Jeder strich mir übern Kopf. Jeder sagte: »Es ist brav, mein Sohn, sehr brav.« Es klang genau wie: »Es ist traurig, sehr traurig.« Nur Onkel Cäsar hub wieder an: »Wenn ich nur – wenn ich nur nicht – nur nicht –.« Den Rest vergaß er wieder. Dann wurde vom Studium überhaupt gesprochen. Geschichten von armen Jungen wurden erzählt, die Minister wurden. »Denk' mal Bub, Minister!« sagte Onkel Paul. Sie sahen mich zärtlich an. Ich fühlte in mir den Cäsarenneffen. Onkel Paul räusperte sich: »Sein Handelsprofessor sagt, das meiste Zeug hätte er zur Volkswirtschaft.« »Also Kaufmann«, sagte Onkel Adam erleichtert. »Nein, den volkswirtschaftlichen Doktor.« »Na, der kostet nicht schlecht Geld!« »Endlich bei der Sache«, brummte Onkel Frank, »das Lange und Kurze von der ganzen Bafelei, verehrte Herrschaften: Wer zahlt's?« »Wie roh«, sagte Tante Schossefine und nahm übel. »Wenn ich nur – wenn ich nur nicht – wenn ich nur nicht immer –«, lallte Onkel Cäsar. 12 Aber den Vorsitz hatte Onkel Frank an sich gerissen: »Die Sache ist sehr einfach«, sagte er, »meine Bilder sind noch nicht soweit, daß sie jemanden studieren lassen können. Vetter Paul kommt auch nicht in Betracht. Base Mathild' hat nur eine knappe Rente. Auch von den beleidigten Leberwürsten der Schossefine kann er nicht studieren. Onkel Cäsar hat wohl Ruhm, doch keinen Mammon angehäuft. Bleibt nur –« »Hem«, hustete Onkel Adam, »bei diesen knappen Zeiten –« Aber Onkel Frank ließ nicht locker: »Willst du ihn studieren lassen oder nicht?« »Wovon? Ich bitte euch, wovon?« jammerte Onkel Adam. »Von deinen Oelrückständen, edler Adam«, sagte Onkel Frank. »Ich muß doch darauf aufmerksam machen«, sagte Onkel Paul, »daß bei dieser Verhandlungsweise der Junge keine hohe Meinung vom Familienrat –« »Bleibt nur Onkel Adam«, sagte Onkel Frank vergnügt. »Ich bin der gleichen Meinung«, sagte Tante Mathilde, »wer noch?« »Ich . . . ich . . . ich . . . das heißt, es kommt auf Onkel Cäsar an.« »Wenn ich nur – wenn ich nur nicht – wenn ich nur nicht immer so viel – so viel –«, lallte Onkel Cäsar. »Alle haben sich geäußert«, faßte Onkel Frank zusammen, »bis auf Vetter Adam.« »– und die Mutter«, sagte der geschwind, »wenn ich mich recht erinnere, war da außer ihrer Witwenrente noch eine Lebensversicherung.« »Die ist aufgebraucht«, sagte Mutter ruhig, »fünf Buben großgezogen – alle was gelernt – vier davon in Stellung.« »Aller Ehren wert; gewiß, gewiß, aber vielleicht wäre noch genug fürs Studium da, wenn man ein wenig knapper –« Mutter hatte plötzlich einen roten Kopf. Ich dachte, jetzt wird Onkel Frank dreinschlagen. Der aber strichelte im Skizzenbuch und hatte keine Ohren. Dafür stand unsere Kathi aus der Ofenecke auf, wo sie Kohlen nachschob und schlenkerte die Arme gegen Onkel 13 Adam: »Ein wenig knapper, sagen Sie? Ich hole jetzt im zwölften Jahre Pferdefleisch.« Draußen war sie. Drinnen war eine große Stille. Nur das Papier in Onkel Franks Skizzenbuch knisterte. Und ich hatte einen strengen Geschmack im Mund. Denn das mit dem Pferdefleisch hatte ich nicht gewußt. Onkel Adam erholte sich am raschesten: »Dann ist es freilich nötig –« »– daß du einspringst nicht wahr?« sagte Tante Mathilde froh. »– daß der Junge bald verdient und Kaufmann wird. Ich werde ihn bei Kramer \amp; Friemann unterbringen.« »Ich könnte von meiner Rente doch etwas abstibitzen«, sagte Tante Mathilde, »wenn auch andere helfen würden, um –« »Ich auch«, sagte Onkel Paul, »aber ob es reichen wird –« Das Skizzenbuch klappte zu. »Bub«, sagte Onkel Frank, »tu doch auch das Maul auf: Willst du studieren oder Kaufmann werden?« »Ich will Kaufmann werden«, sagte ich fest. »Wenn ich doch nicht immer so viel – so viel bieseln müßte!« jammerte es im Fahrstuhl.   Im Keller Als ich bei Kramer \amp; Friemann in die Lehre trat, war ich siebzehn Jahre alt und frisch aus der Handelsschule entlassen worden. Mit einem Zeugnis, »das sich gewaschen hatte«, wie mein Vormund sagte, als er mich bei der Firma unterbrachte. Montag früh um acht Uhr trat ich an. Ein wenig bänglich stand ich vor der Türe. Den Jungenfilzhut hatte ich schon abgenommen, drehte ihn in meinen Händen und wiederholte mir noch geschwind im Geiste die Regeln der indirekten Wechselarbitrage. Die indirekte Wechselarbitrage war das Schwierigste, was wir in der Schule gelernt hatten, und ich hatte einen »Einser« darin. Wer weiß, so dachte ich, wer weiß, vielleicht, daß dich der Herr Kramer gleich in der ersten Stunde danach fragt. Als ich auf die Klinke drückte, fielen mir noch blitzartig die 14 sämtlichen Schwefelverbindungen ein. Die sämtlichen Schwefelverbindungen hatte ich in der mündlichen Abgangsprüfung aufsagen müssen. Der Herr Friemann von Kramer \amp; Friemann konnte mir ruhig in den Schwefelverbindungen auf den Zahn fühlen, dachte ich noch – ich hatte ein gutes Gewissen. Und dann ging die Klinke nieder, und ich stand im Kassaraum von Kramer \amp; Friemann. Menschen rannten hin und her. Türen knallten zu. Geld erklirrte auf den Marmorbänken von den Schaltern. Laute, leise Stimmen kreuzten in einem Knäuel. Ich selber war im Nu hineingewickelt in dies Knäuel und hatte keine Ahnung von dem Lauf und Sinne der gekreuzten Fäden. »Es tut mir leid«, ertönte eine Stimme, »bei Zucker und bei Anguillotti können wir unmöglich mehr als ein Prozent Skonto geben.« »Wenn Sie meiner Konkurrenz auch liefern«, klang es von einem andern Schalter, »kann ich nichts mehr von Ihnen beziehen.« »Wallner!« rief eine tiefe Stimme, »rasch in die Buchhaltung mit dieser Aufstellung – nachsehen, ob vorher etwas offensteht!« »Rrrrr . . .!« das Telephon. »Benner, sehen Sie nach, ob die Sultaninen mit Begleitschein 1 oder 2 reisen!« »Nein, sie sind schon im Dreimonats-Zollager . . .« Anguillotti? Offenstehen? Begleitschein 2? Dreimonats-Zollager? Ich machte große Augen. Die Wörter drangen auf mich ein wie Feinde. Die Wörter hatten wir ja noch gar nicht in der Schule gehabt! Wie soll ich da bestehen? Ja, wenn von Schwefelverbindungen die Rede gewesen wäre oder von dem Konjunktiv nach Verben, » qui expriment un mouvement de l'âme « oder meinetwegen von den Atomgewichten oder den Ausdehnungskoeffizienten nach dem Gay-Lussac-Mariotteschen Gesetz, oder am liebsten von der indirekten Wechselarbitrage, in der ich einen Einser hatte . . . »Was wollen Sie?« sagte die dünne Stimme eines dicken Menschen mit einem Federhalter hinterm Ohr. 15 Ich sah ihn ganz erschrocken an. »Ich?« sagte ich unsicher. »Natürlich, wer denn sonst, wenn ich mit Ihnen spreche?« »Ich – ich will Herrn Kramer sprechen«, stotterte ich. »Herr Kramer ist verreist.« »Dann Herrn Friemann, bitte.« »Herr Friemann ist seit fünfzehn Jahren tot.« Mein Filzhut war in meinen Händen in eine rasende Drehbewegung gekommen. Jetzt fiel er zu Boden. »Tot?« sagte ich verlegen und machte runde Augen. »Gewiß«, ging es spöttisch weiter, »aber deswegen brauchen Sie nicht mehr zu trauern. Ich nehme an, daß Sie nicht wegen eines Kondolenzbesuches hier –« »Herr Dessauer«, mengte sich hier eine tiefe Stimme ein, »jagen Sie dem jungen Menschen keine unnötige Angst ein. Sie können doch ungefähr erraten haben, daß dies der neue Lehrling ist, der heute eintritt, – nicht wahr, Herr, nicht wahr, Müller?« »Ja ja, ja freilich«, sagte ich und atmete auf. »Also schön, ich bin der Prokurist. Ist recht, daß Sie da sind. Denke, wir kommen gut aus –« »Gewiß, gewiß«, sagte mechanisch und eifrig mein Kopf. Der Prokurist lächelte. »Ist gut. Hoffentlich bringen Sie bessere Vorkenntnisse mit, als Lehrlinge so gemeinhin haben –« Als ich wieder nickte, fielen mir zwangsweise wieder alle Schwefelverbindungen ein, und die indirekte Wechselarbitrage leuchtete fern am Horizonte auf. Aber ich sagte nichts. Er sollte nur fragen, dann würde er schon sehen. »Als jüngster Lehrling kommen Sie zunächst zur praktischen Arbeit in den Keller zu Herrn Bichlsberger – kommen Sie mit!« Er war schon an der Türe. Ich mußte laufen, so schnell ging er. Mit einem Aufzug fuhren wir in die Tiefe. Das Herz klopfte mir. Es war so dunkel. Wenn ich da an die hellen Schulsäle dachte . . . Unter einer Gasflamme stand ein dicker kleiner Mann. »Bichlsberger, warum zischt das Gas so? Kleiner drehen, kleiner drehen – so, hier ist der neue Lehrling – nehmen 16 Sie ihn tüchtig ran – Nacken steif, junger Mann, und Augen auf – adieu.« Er fuhr wieder mit dem Aufzug in die Höhe. »Wie hoassen S'?« fragte der Herr Bichlsberger. »Mein Name ist Müller«, sagte ich etwas gemessen. »Da herunten brauchen S' net a so hochdeutsch z'red'n, Miller – so, und jetzt können S' glei' anfanga mit die Ultramarinstranizen.« Ultramarinstranizen? Was war das nur? Davon hatten wir nie etwas in der Schule – »Aber halten S', mit dem Gwaanderl, mit dem feinen, können S' net arbeit'n da herunten. Ziag'n S' 'n Rock aus – so, jetzt die grüne Schürzen – na na, mei Liaber, die alte – die neue g'hört vorderhand noch mir, wenn S' es derlaub'n – so, und jetzt tuan S' in alle die Stranizen da immer fünf Pfund Ultramarinblau hinein, ham S' verstand'n, Numera Null Null – das Auswieg'n können S' doch hoffentlich?« Ich sah angestrengt auf die Wage. »Nein, das haben wir nicht in der Schule durchgenommen«, sagte ich gepreßt. »Ja, was ham S' denn nacha g'lernt in Ihrer Schul'?« sagte der Kellermeister Bichlsberger respektlos. Ich sah ihm gerade ins gutmütige Gesicht. Sollte ich dem das von den Atomgewichten erzählen und von den Ausdehnungskoeffizienten der Gase? Aber da fing er schon an, mir das rasche und genaue Wiegen zu erklären. Einen Papiersack nach dem anderen füllte ich. Der fünfte riß – blau puffte es mit dumpfem Knall auf den Boden – blau stäubte es nach allen Seiten – blau wurde mir vor meinen Augen – »Dappete Händ ham S' halt noch a bissel«, sagte der Kellermeister und zeigte mir, wie ich zusammenfegen mußte. Mitten unterm Fegen fiel mir ein: »Dazu also hast du dein Einjähriges gemacht – dazu bist du der Zweitbeste im Examen geworden – dazu . . .« »A bissel g'schwind, Miller, hopplahopp, a bissel g'schwind – bei uns herunten wird fei net' träumt.« 17 Und mein Besen fegte, daß es eine Freude war. Nein, daß es eine Trauer war. »Bimbim!« Es war das Kellertelephon. »Hier Bichlsberger – was ist denn scho' wieder? Was ham S' g'sagt? Ob die Ultramarinstranizen no' net fertig san? Ja mei', da müss'n S' no' a wenig warten – der neue Lehrling stellt sich no' a bisserl – no a bisserl tramhappert an . . .« Das war kein schöner Vormittag. Wenn das so weiterging in meiner Lehre? In so und so viel Stunden so und so viele Tüten mit Ultramarinblau füllen. Dann, als ich endlich fertig war, kam das Ultramaringrün an die Reihe. Und die letzte Stunde vor dem Mittagessen mußte ich Pakete schnüren. Es waren lauter Geheimnisse für mich. Ich schwitzte. »Auf die höheren Schulen heitzutag krieg'n die jungen Leit lauter damische Finger«, begleitete der Bichlsberger meine vertrackten Paketverknotungen. Dann schlug es endlich zwölf Uhr. »Bringen S' heit nachmittag ein ordentliches Arbeitsgwaandl mit«, sagte der Kellermeister. Und ich wünschte ihm noch, wie es sich gehört für einen gebildeten jungen Mann: »Herr Kellermeister, guten Appetit!« »Hier wird nix verschitt',« sagte er und ging. Aus dem Flur traf ich einen andern Lehrling. Der war durch meinen Eintritt vom jüngsten Stift eine Stufe aufgerückt. Jetzt war ich der jüngste Stift. Herablassend kam er auf mich zu und kniff ein Auge zu: »Gestatten – Adolf Sturmbrenner – habe ich die Ehre, mit Herrn Müller, dem neuen – dem neuen Volontär – äh?« Wie nobel klang dies »Volontär«, und wie gewöhnlich hörte sich »der Lehrling« an. Und dieser Adolf Sturmbrenner – endlich ein gebildeter Mensch. Er ging den gleichen Weg mit mir. Er legte hinterm Marienplatz die Hand auf meine Schulter: »Na, Sie werden sich eingewöhnen, Herr Kollege«, sagte er leutselig, »in welcher Abteilung stecken Sie eigentlich?« »Beim Kellermeister«, sagte ich kleinlaut. »Aha, Bichlsberger – dicker Prolet – kondoliere, Herr Kollege.« 18 Und dann wurde er vertraulicher. Er teilte mir mit, daß er bei Kramer \amp; Friemann nur auf dringendes Verlangen der Firma eingetreten sei, daß er aber das eine schon heraus habe: in dem Hause sei nicht alles wie es sein sollte. Oder ob das etwa bei einer bedeutenden Firma richtig sei, daß der verstorbene Inhaber Friemann ein halber Idiot gewesen wäre –? »Halber Idiot?« sagte ich, »woher wissen Sie –?« »Na, man weiß so manches – übrigens der andere, der Kramer – unter uns – auch nicht viel los –« »Aber wie kommt es, daß die Firma doch so einen großen Ruf hat? Da sind wohl die Prokuristen sehr –?« »Die Prokuristen? Lassen Sie mich aus, Herr Kollege. Der erste Prokurist, der Sie heute morgen führte – Mathis heißt er – ich sage Ihnen – doller Schwachkopf – weiter nichts als doller Schwachkopf . . .« Und dann machte er so nach und nach das ganze Haus herunter. Ich wußte nicht recht, was ich denken sollte. Bis es mir einfiel, daß da eigentlich nur mehr der Volontär Adolf Sturmbrenner übrig bliebe, der was taugte, auf dem die ganze Last des Hauses ruhte. Halb zweifelnd, halb bewundernd sah ich ihn von der Seite an. Schneidig war er, das war wahr. Eine große Krawatte hatte er mit grünen und roten Tupfen drauf, und einen pickfeinen Spazierstock mit einem silbernen feudalen Griff schwang er immerfort im Gehen. Ich fühlte mich arg im Hintertreffen ihm gegenüber. Und um nicht ganz hinter seiner überragenden Bedeutung zu verschwinden, schaltete ich ein: »Haben Sie auch mit indirekten Wechselarbitragen zu tun, Herr Sturmbrenner?« »Massenhaft«, sagte er, »massenhaft, sage ich Ihnen, seitdem das Schaf von einem Hauptbuchhalter immer diese Böcke mit den Effektenzinsen geschossen hat.« »Effektenzinsen?« sagte ich erstaunt, »Effektenzinsen kommen doch in indirekten Wechselarbitragen gar nicht vor, Herr Sturmbrenner?« »Nicht vor?« Einen Augenblick schien er verlegen zu werden. Aber er hatte sich schnell gefaßt. 19 »Sehen Sie, das ist es ja gerade, daß das diesem Menschen nicht einmal bekannt war.« Nachmittags mußte ich im Keller die Brutto- und Nettogewichte der Sesamölfässer auf einer Liste aufschreiben. Als dies vorbei war, sagte Herr Bichlsberger: »So, Miller, jetzt müssen S' lernen, wie man die Hering' von die Tonnen in die kleinen Fässerln umpackt.« »Was?« sagte ich empört, »Heringe soll ich packen?« »Ja, Miller, das ist eine von de allerschwersten Arbeiten, und eigentlich sollten Sie erst in ein paar Wochen drankommen.« Er sah ganz ehrlich und gutmütig aus. Wahrhaftig, der Mensch glaubte gar noch, daß er mir einen Gefallen täte. »Geben Sie sich keine Mühe, Bichlsberger«, sagte ich eisig, »Heringe packe ich nicht. Hat vielleicht je der Herr Sturmbrenner Heringe packen müssen?!« »Der Sturmbrenner? Nein, der hat nie Heringe gepackt.« »So – und warum soll ich das tun, und der nicht?« »Den hat man überhaupt zu nix brauchen können, weil er a – a Windhund ist.« »Bim – bim«, kam das Telephon. »Hier Bichlsberger – was ist scho' wieder los? So, zum Herrn Mathis soll ich kommen? Ja ja, sofort.« Rasch hatte er die grüne Schürze abgelegt, den guten Rock aus seinem Kellerschrank genommen und war hinaufgefahren. «Miller!« rief er noch zurück, »Miller, wenn a Bestellung kommt, sag'n S', gleich bin ich wieder da.« Und dann saß ich neben den Tonnen mit einem zerknitterten Herzen. Nein, alles was recht war: vor sechs Wochen hatte ich noch mit Logarithmen gerechnet, vor sechs Wochen hatte ich noch ein Conto terzo mit Pfund und Sterling, Schilling und Pence glänzend gelöst – und jetzt sollte ich Heringe . . .? Wenn das meine ehemaligen Professoren wüßten! Fast hätte ich geweint vor Zorn und Schmerz. Aber ich biß die Zähne zusammen. Da klirrte der Aufzug. Der Bichlsberger kam wieder. Aber noch ein zweiter Mann stieg aus. War das nicht Herr Mathis? 20 Ja, das war er. Er grüßte freundlich aber stumm. Stumm ging er in die hintere Kellerecke, wo die Garderobe war. Stumm kam er mit abgelegtem Rock und einer Lederschürze wieder in die Helle. Stumm kniete er sich nieder an den Tonnen, und stumm packte er, zusammen mit dem Bichlsberger, die Fische kunstgerecht von einem Faß ins andere. Ich weiß nicht, ob es eine Viertelstunde dauerte, ob eine ganze Stunde, ob noch länger. Ich weiß nur, daß ich auch stumm dabeistand, und daß langsam eine weißbrennende Scham in mir aufstieg und eine neue Erkenntnis von der Tüchtigkeit handwerklicher Arbeit und der Windhundigkeit allerlei Einbildungen. Und dann hatte der Herr Mathis aufgehört und zu dem Kellermeister gesagt: »So, Herr Bichlsberger, das war eine wahre Wohltat nach der vielen Kopfarbeit.« Und während er sich die Hände wusch, nickte er mir noch einmal freundlich zu, der Herr Mathis und stieg mit dem Aufzug geschwind in die Höhe. An diesem Nachmittage habe ich das Heringpacken kunstgerecht gelernt. Und sogar gepfiffen habe ich dabei. Einen Marsch haben wir zusammen gepfiffen, der Herr Bichlsberger und ich. Und als es Abend war, und das Geschäft geschlossen wurde, habe ich noch einmal gepfiffen. Das war, als der Herr Adolf Sturmbrenner wieder neben mir hergehen wollte und sagte: »Na, Herr Kollege, habe gehört, Sie hätten Krach gehabt mit dem Mathis – machen Sie sich nichts daraus, wenn der dolle Schwachkopf –« »Nein«, sagte ich geschwind und scharf, »nein, ich mache mir nichts daraus. Am allerwenigsten aber mache ich mir aus Ihnen, Herr Sturmbrenner. Auf Sie pfeife ich, Sie – Sie Windhund und Sie – Sie Ignorant in der indirekten Wechselarbitrage . . .!«   Das Konto Ein Gickel ist bei mir zu Haus ein Doppelvieh. Einmal ist's der Hahn, der im Hühnerhofe schillert, kräht und stolzt. Und noch öfter ist's der Gickel, der in einem selber schillert, 21 kräht und stolzt. Der Gickel auf dem Hühnerhofe hat ein zähes Leben. Jede Köchin kann davon erzählen, wenn sie einen schlachtet. Es soll Gickel geben, die mit abgehacktem Kopf noch über eine Mauer fliegen. Es könnten drüben Hühner leben, die sich ohne Kopf regieren lassen. Inwendig aber sind die Gickel noch viel zäher. Sie regieren immer kopflos. Ganz tot sind sie, glaub' ich, nie zu kriegen. Am wenigsten der Lehrlingsgickel. Mein Lehrlingsgickel war in der scharfen Luft des Warenkellers sanft eingeschlafen. Da kam ein Prokuristenzettel: »Lehrling Müller hat von morgen ab in die Stadtbuchhaltung einzutreten, Kontokorrent M–P. Mathis, Prokurist.« Mein Gickel hob sofort die Flügel. »Aha«, krähte er, »jetzt haben sie da droben deinen Wert erkannt, jetzt beginnt der Aufstieg. Ich bin bereit. Her mit dem Konto terzo!« Das Konto terzo, hatte unser Handelslehrer lockend unterstrichen, sei die Krone in der Geheimwissenschaft der Buchführung. Wer's beherrsche, sei ein halber König. Ich beherrschte es. Sogar mit Doppelwährung. Ich war ein halber König, heimlich und mit Arbeitsschutzkleidung heute noch im Warenkeller, offen und im Tagespurpur meines Wissens morgen in der Stadtbuchhaltung, Kontokorrent M–P. Freilich nur als ein halber König, dessen andre Hälfte überschattet war vom amtsverwachsenen Kanzler. Das war ein alter Buchhalter namens Vater, der mich scharf betrachtete: »Aha, der neue. Verstehst schon was von der Buchführung?« Das Du war bös. Noch böser war die Schätzung meiner Kenntnisse. Auf das Du hätte ich sagen können, mit zwei Fingern zwischen dem zweiten und dritten Westenknopf und mit überschlagenen Beinen, kühl, napoleonmäßig: »Ich wüßte nicht, Herr Vater, daß und wann wir Brüderschaft getrunken.« Aber leider fiel mir dieser seine Satz erst eine Stunde später ein. Was mir gleich einfiel, war nur: »Prüfen Sie, Herr Vater.« »Prüfen? Na also, was zum Beispiel ist ein fauler Kunde?« Fauler Kunde? Ich erschrak. Im ganzen Buchführungsunterricht war kein fauler Kunde vorgekommen. 22 »Ich weiß nicht,«, stotterte ich, »wenn es aber etwa mit dem Konto terzo zusammenhängt, so –« »Konto terzo? was soll denn das sein?« Ha, er wußte nicht, was Konto terzo ist. Ich wußte nicht, was fauler Kunde ist. Wir waren quitt. König und Kanzler konnten sich die Hände reichen. »Konto terzo ist«, sagte ich leutselig, »Konto terzo ist die buch- und zinsgerechte Abrechnung in dreierlei Landeswährung für ein gemeinsames Unternehmen zwischen drei gleichberechtigten Konsorten.« »So so, na ja, schön, und faule Kunden sind solche, mit denen mein Kontokorrent M–P Gott sei Dank nichts zu tun hat, weil wir ihnen rechtzeitig das faule Handwerk legen mit dem Mahnverfahren. Das kennst du doch?« »Es geht«, sagte ich etwas unsicher. »Schön«, prüfte er weiter, »was für eine Farbe kommt zuerst?« »Farbe?« »Natürlich, so was lehren sie in keiner Handelsschule. Also, zuerst kommt eine Mahnung auf einem blauen Formular, weil blau am wenigsten beleidigt. Dann kommt ein grünes Formular, weil noch Hoffnung ist. Die dritte Mahnung aber ist natürlich rot. Jetzt kommt der Text. Wie lautet der in blau?« »Sie schulden das und das. Wir bitten zu bezahlen.« »Nee, Verehrter. Die Glacéhandschuhe wären doch zu grob. Bei Durchsicht unserer Bücher finden wir auf Ihrem werten Konto noch ein Pöstchen soundso offen, das Ihrer gefälligen Aufmerksamkeit entgangen sein dürfte. Wir bitten Sie höflichst uns mitzuteilen, ob Sie hiermit einiggehen und zeichnen hochachtungsvollst. In grün fällt bei hochachtungsvollst und auch sonst das st weg. In rot sogar das hoch. Achtungsvoll ist einer unten durch. Sein Saldo kommt ins Schwarze Buch, das kennst du doch?« »Wenn es etwa mit dem Konto terzo zusammenhängt –« »Nee, faule Kunden sind im Schwarzen Buch. Das führt der rote Reuttermann dort drüben. Mit dem Gesindel gibt sich M–P nicht ab. Jetzt noch eine Frage: Was ist Bonität?« 23 »Bonität ist in der Steuerlehre die ertragstechnische Erfassung landwirtschaftlicher Grundstücke –« »Landwirtschaftlich? Hast du dich in der Tür geirrt. Bei Kramer \amp; Friemann machen sie nicht in Mist, sondern in Kolonialwaren. Bonität ist die Zahlungsfähigkeit der Kunden. Was die Prüfung deiner Wissensbonität betrifft –« »Warum prüfen Sie mich nicht in Konto terzo und –« »Weil wir das nicht brauchen. Und weil du's auch nicht brauchst. Was du brauchst, ist eine praktische breite Grundlage in der Handhabung des einfachen kaufmännischen Handwerkszeugs. Und jetzt hat sich's ausgeprüft. Nun wird geschafft. Trag mal die Postanweisungen in die Liste ein.« So kam es, daß der König weiter heimlich blieb. Daß er auf Weisung seines Kanzlers Postanweisungen sauber in Listen einzutragen hatte, tagelang. Natürlich war der König seinem Kanzler gram: »Warte nur, wenn ich einmal mein eigner Kanzler bin . . .« Der Weg dorthin war weit. Er führte über dornig Land der Unterordnung. Oede Strecken kopierter Briefe waren durchzumessen: »Noch sauberer, Müller, wie willst du einmal deinem Lehrling im Kopieren auf die Finger schauen, wenn du's selbst nicht recht gelernt hast?« Berge von Briefumschlägen waren zu beschreiben: »Keine Schnörkel, Müller. Ein Brief ist ein Besuch, sein Umschlag das Besuchsgewand. Möchtest du an deinen Hosen Schnörkel haben?« Die Mahnschreiben, blaue, grüne, rote, konnte man alsbald im Traum herunterhauen: »Genauer, Müller, bitte. Hinterm Ort das Komma nicht vergessen. Ohne Punkt ist das der elf September, nicht der elfte. Nach der Jahrzahl kommt ein Punkt, Verehrter. Kleinigkeiten, sagst du? Ein Freund von mir ist Brauereidirektor. Er schrieb einen gutbezahlten Posten aus. Hundertdreißig Angebote liefen ein. Nach der Datumüberschrift gesiebt – ha, da fehlt ein Komma, he, und da ein Punkt, hui, und dort ein zweiter – blieben dreizehn tadellose. Wer im Kleinen schludrig ist, kommt trotz Genie unter die Räder. Zweite Wahl der dreizehn nach dem Inhalt, blieben zwei. Die ließ er einzeln kommen. Zu beiden sagte er, auf den andern sei die Wahl gefallen. Nach dem Gesicht, das darauf einer machte, traf er seine letzte Wahl. Laß dein 24 Napoleongesicht zu Hause, Müller. Vorerst bleibst du noch am Punkt und Komma hängen, nicht am Antlitz eines Dschingis Khan.« Ei, Dschingis Khan? Mein Kanzler war gebildet? Sogar in Weltgeschichte? Ich werd's noch eine Weile mit ihm versuchen müssen. »Müller, seit einer Woche kopierst du tadellos, militärisch sind die Postanweisungen addiert, kein Tipselchen fehlt an den Briefen – dafür sollst du heute auch deinen ersten Uebertrag ins Kontokorrent machen.« Er schaute feierlich aus. Seine Augenbraunen standen hochgebogen. Wie segnend fuhr die Hand über den roten Saffianrücken des Kontokorrents, dann über die Goldbuchstaben M–P auf dem schweren Deckel. So muß ein Priester segnen, der zwei Ehehände ineinanderlegt. Ja, so war es: Ich sollte mit dem Buch verlobt werden. Dann schlug er's auf. Davon ging ein Lufthauch übers Pult. Es wehte mich an: »Junge, sieh mich recht an. Ich bin ein andres Buch, als die du bisher lasest. Ich bin kein Indianerbuch mit billigen Präriegeschichten. Ich bin kein Schulbuch, das ein jeder kaufen kann und wieder fortwirft. Ich bin ein Geschick. Ich bin von einer Firma ein lebendig Stück. Von Kramer \amp; Friemann bin ich eine Rippe. Ich bin mehr als im Debet eine Zuckerrechnung und im Credit eine Kassazahlung. Ich bin auch das, was zwischen Soll und Haben steht. Zwischen Soll und Haben steht die Arbeit, stehen Hoffnungen und Tränen, steht der Hunger, die Enttäuschung, der Erfolg, und schlagen Menschenherzen durch ein Leben voller Mühen. Noch mehr, Junge, bin ich: ein gestrenges Sieb. Kaufmann spielen gilt nicht, Kaufmann leben gilt. Der Kaufmann ist kein Larifari. In den Adern deines Volkes befrachtet er mit jedem Atemzug die tausend Schiffe, die zum Herzen ziehen. Befrachte mit und segle, mühe dich und steuere recht, sonst fällst du durch mein Sieb. Und mach den ersten Eintrag wie den letzten: treu. Und jetzt –« »Schreib'!« sagte der alte Buchhalter, »schreib' deinen ersten Eintrag, Müller: Hermann Pfister Soll Oktober 23. An Kaffee und Waren. Verfall 3 Monate . . . Mark 955.35 – hast du – keinen Schnörkel – gut so – 25 alle P-Einträge im Soll und Haben sollen Sie von jetzt ab machen, Müller . . .« Ha, Sie! Und die alten Hände hatte er mir auf die Schulter gelegt und tief ins Aug' geschaut: »Weiß freilich nicht recht, ob Sie bei der Gilde bleiben werden. An Ihnen zittert etwas, will mir scheinen, das sieht nicht wie Sitzfleisch aus. Gleichviel, Durchgang oder Endziel – Blut das eine wie das andere, Blut, Junge, aber keine Wassersuppe!« Ha, er war doch mehr als ein dürrer alter Federhalter, mehr als gebildet, er war ein Mensch. Ich werd' es wieder eine Weil' mit ihm versuchen müssen. Nur schade, daß er gar nichts aus sich machte. So bescheiden saß er auf dem Hochstuhl. So klein und still ging er übern Flur, daß die Kunden ihn für einen Boten hielten. Den Seßler aber hielten sie für unsern Prinzipal. Der Seßler war freilich nur ein Stadtreisender. Einer von einem Dutzend. Aber wie der auftrat: Was kost't die Welt samt den Planeten? Krawatte hurraxdax, Ueberzieher Donnerwetter, Stiefel huidibui. Einmal sah ihm der Herr Kramer nach und schüttelte den Kopf. Ich dachte damals, er beneidet ihn. Denn er sah ernst, fast finster drein. Und mit dem Prokuristen hat er sich beredet. Vielleicht darüber, wo der Seßler die Krawatten herbeziehe, dachte ich. Denn Herr Kramer machte eine Handbewegung: Bis zum Halse, Herr Mathis. Daß ich als jüngster Lehrling Luft war für den Göttermenschen Seßler, nahm ich hin. Immerhin, Beziehung hatte ich zu ihm. Die Kontenauszüge seiner Kunden durfte ich ihm überreichen. Bisher stumm. Nur einmal hatte ich versucht, ihm geistig nahzukommen. Auf der Brücke übers Konto terzo selbstverständlich. »Kleiner Quatschkopp«, sagte er. Aber es war keine Beleidigung. Denn erstens war's der göttergleiche Seßler. Und zweitens kraute er mir dabei wohlwollend das Nackenhaar und setzte »Donnerwetter, schau mal, netter Käfer!« zu, wobei er auf den Hof hinunterblickte, über den graziös das Kocherl der Familie Kramer wippte. »Junge, Junge«, sagte er, »du warst noch nie verliebt, was?« Ha, hier war der Angelhaken, seine Achtung zu erködern. 26 »Verliebt, Herr Seßler?« log ich, »Gott, dann und wann natürlich.« »Ei, ei, mit wem?« Ich setzte die Miene eines Menschen auf, der sich beim besten Willen nicht so Knall und Fall an alle seine Lieben erinnern kann. Aber da waren seine Siegeraugen über den Kontoauszug Hermann Pfister hingeglitten. »Saldo 1956,55«, las er stirnrunzelnd, »davon verfallen 1318,22. Und 'n Mahnungs-M hat er auch dazu gemacht, der olle Vater!« »Das habe ich gemacht, Herr Seßler«, sagte ich stolz, »weil der Mann am nächsten Ersten blau gemahnt wird.« »Dummes Zeug, der Mann ist prima prima.« »Herr Vater hat ihn in der Bonität um eins herabgesetzt.« »Der Vater ist 'n Döskopp. Der stößt mit seiner Mahnerei die besten Kunden vor den Bauch. Der Mann wird nicht gemahnt, verstanden?« »Aber wenn am Ersten der Posten noch immer offen steht, Herr Seßler –« »Er steht nicht mehr offen«, unterbrach er mich ärgerlich. »Soll mich freuen«, sagte ich mit Würde, »wenn ich bis dahin die Bezahlung eingetragen habe.« Er verwandelte sich. »Wie«, sagte er achtungsvoll, »wie, Herr Müller, Sie machen schon Einträge im Kontokorrent?« »Natürlich, alle Kunden mit P habe ich unter mir, sowohl die Belastungen aus dem Verkaufsbuch als die Gutschriften aus der Kasse.« »Donnerwetter, Herr Müller, Sie steigen rasch. Ich seh' Sie schon als Prokurist.« »So rasch geht das nicht, Herr Seßler«, wehrte ich bescheiden. »Na, werde mich jederzeit für Sie einsetzen. Verlassen Sie sich drauf. Intelligente junge Leute werden immer seltener heutzutage. Habe die Ehre, Herr Müller, habe die Ehre – übrigens, sagen Sie mal, darf ich Ihnen mal so eine ähnliche Krawatte wie ich –« »Ich fürchte«, stotterte ich beglückt, »ich werde sie nicht bezah–« 27 »Bezahlen? Aber bester Herr Müller: verehren, meine ich. Hab' da eine wunderbare Quelle. Kosten mich so gut wie nichts . . .« Strahlend ging ich durch die Woche. Nur eine Sorge drückte mich: Wenn die Krawatte kam, wie würde ich mich revanchieren? »Fritz, für dich ein Doppelbrief«, empfing mich abends Mutter. Es schälte sich daraus die Seßlersche Krawatte und ein Brief: »Lieber junger Freund. Es ist mir ein Vergnügen . . .« Mutter schüttelte den Kopf, genau wie ihn Herr Kramer neulich schüttelte. Aber sagen tat sie nichts. Ich desto mehr. »Mein Freund, der Herr Seßler . . . Herr Seßler, mein Freund . . .«, riß meine Rede nicht mehr ab. Bei Onkel Frank, dem Maler, den ich Sonntag vormittags im Atelier besuchen durfte, erschien ich erstmals mit der göttlich Getipfelten. »Aha«, lachte Onkel Frank, beim Pinseln seitwärts schauend, »hat dir wohl der Seßler aufgehängt.« »Wie, du kennst ihn, Onkel?« »Freilich, freilich«, pinselte er weiter, »fideles Huhn, urfideles Huhn.« Dann traf ich ihn in der Straßenbahn. Er begrüßte mich mit weitem Hutschwung. »Dank? nee nee, ich bitte Sie, mein lieber Freund. Revanche. Aber ist ja nicht der Mühe wert – das heißt, wenn Sie einem andern einen kleinen Gefallen tun wollen –?« Ich nickte glühend eifrig. »Sehen Sie, da ist das Konto Pfister. 1318 überfällig, glaub' ich. Der Mann ist gut. Der Mann ist mehr als gut. Aber na, es gibt da kleine Stockungen, wie Sie selbst wohl wissen werden –« Ich nickte in Gedanken meiner Zwanzigmarkvergütung zu, die ich monatlich von Kramer \amp; Friemann bezog. »– und wenn dann eine Tochter ausgesteuert, eine alte Mutter unterstützt wird, ein Sohn beim Militär ist und ein anderer für Amerika gerüstet werden soll – 'n bißchen viel, nicht wahr – na, der Mann kommt drüber weg – nur braucht er Zeit – wenn ihr ihn mit Mahnereien drangsaliert, 28 schmeißt so ein Mensch die Flinte ins Korn – macht womöglich auf sich selbst bumbum –« »Um Gotteswillen!« »Sie könnten ihn erretten.« »Ich?« »Mit drei Federstrichen im – im Haben, Sie verstehen?« »N–nein.« »Hm, sind doch sonst so hell: Knapp vor der Mahnung dreizehnhundert Märker als bezahlt ins Kredit eingetragen – verstehnse jetzt?« »Freilich, wenn er die bezahlt –« »L. L., langsame Leitung heute – na, ein andermal – was ich noch sagen wollte, lieber Freund: Ihr Onkel Frank erzählt mir, daß Sie den Markenfimmel haben – wie steht es mit der Schwarzen-Einser-Bayern?« »Hab' ich.« »Und mit dem Fehldruck »Dfutsches Reich«?« »Hab' ich.« »Und mit der blauen Mauritius?« »Oh, die wenn ich hätte!« »Können Sie haben, wenn – wenn Sie 'n bißchen nachdenken wollten, wie man diesem Konto Pfister ein wenig über die Mahnzeit hinüberhelfen könnte – ich spring' hier ab – wenn Sie morgen Abend 'n paar Minuten über den Geschäftsschluß bleiben, bring' ich sie mit.« »Die blaue Mauritius?« »Natürlich, wo ich sie doch doppelt habe, lieber Freund.« Doppelt, die blaue Mauritius doppelt! war doch ein Tausendkerl, dieser Seßler. Und das sagte er so ebenhin. Wußte er denn nicht, daß die blaue Mauritius der Markenträume höchster war? Sind nicht Straßenschlachten ihretwegen schon geschlagen worden? Ich suchte Onkel Frank auf: »Hast du nicht auch die blaue Mauritius?« »Gehabt, mein Lieber. Wenn ich sie noch hätte, sähest du was anderes als Leberkäs auf diesem Teller, edler Neffe.« »Sie ist seitdem noch seltener geworden, nicht wahr?« »Blödsinnig selten. So selten, daß es Leute geben soll, die ihren besten Freund um sie verraten. Na, es gibt auch 29 Freunde, die zu zwölft noch keine blaue Mauritius wert sind.« »Onkel Frank, morgen Abend hab' ich vielleicht schon eine«, prahlte ich. »Also doch 'n Kaufmann«, lachte er, »haben sich jetzt Kramer \amp; Friemann anstatt Heringe den Markenhandel zugelegt?« »Geheimnis, Onkel. Du sollst sie aber sehen, wenn ich sie ergattert habe.« »Schön, nur laß dich nicht betupfen«, sagte er, und tupfte mir Kremserweiß auf die Stirne. »Onkel«, sagte ich mißbilligend, »du nimmst doch gar nichts ernst.« »Hm«, sagte er und malte weiter. »Nicht einmal eine blaue Mauritius.« »Hm, sagst du . Und was sagt Onkel Adam?« »Du brächtest's nie zu was vor lauter Viechereien, sagt er.« »Gott sei Dank. Und Tante Schossefine?« »Sagt, du seist verrückt.« »Soll recht haben, die beleidigte Leberwurscht – komm mit, mein Sohn.« Damit hängte er sein Waldhorn ab, holte ein kleines Leiterwägelchen vom Keller, nahm sein Fahrrad aus dem Schuppen, hing es an den Wagen, setzte sich in diesen mit angezogenen Knien, hob das Waldhorn hoch und deklamierte: »Junge, wenn du deinen Onkel lieb hast, sollst du ihn beerben.« »Machen wir«, sagte ich lustig angesteckt. »Ist aber eine Bedingung dabei.« »Erfüllen wir.« »Du setzt dich auf das Rad und ziehst mich, derweil ich blase, durch drei Straßen.« »Aber Onkel –« »Erben oder ziehen, ziehen oder erben? Zieh – in meiner Vorstadt blamierst du deine Firma nicht. Hopp, aufgestiegen, los! – trara trara . . .« Die Leute haben baß geschaut wie ich da losgestrampelt bin, im Schlepptau den verrückten Maler, der zur Gaudi aller Vorstadtjungen einen Landler nach dem andern blies. 30 Aber nach der zweiten Straße fiel mir ein: »Ich seh' Sie schon als Prokuristen!« He, war das der Weg dazu? Rasch stieg ich ab. »Trara, halt, geliebter Neffe, noch die dritte Straße, oder ich enterbe dich!« »Onkel, du bist doch verrückt!« »Alte Sache, lieber Feigling, ich setze dich aufs Pflichtteil.« »Ist mir gleich, wenn ich nur morgen meine blaue Mauritius –« »Siehst du, du bist auch verrückt. Mauritius verrückt oder traraverrückt macht keinen Unterschied. Verrückt ist jeder. Ueberhaupt wer nicht ein Stück verrückt ist dann und wann, der ist – verrückt – gehab dich wohl, vieledler Markendepp und Neffe . . .« Das war am Vorletzten des Monats. Uebermorgen wurden mir die Mahnungen diktiert. Dazwischen war Mauritius fällig. Es schlug sieben im Kontor. Den aufatmenden Siebenklang vergißt keiner, der sich in Kontoren plagte: Geh nach Haus, hast deine Sache gut gemacht. Der Volontär Sturmbrenner am andern Ende traf schon gegen sechs die ersten Rückzugsvorbereitungen: Er zog ein neues Löschblatt für den nächsten Tag auf seinen Drücker. Eine Viertelstunde später schob er einen dicken Packen Unerledigtes ins Einsalzfach: »Hähä, man sollte es nicht glauben, wie vieles sich von selbst erledigt, wenn man's liegen läßt.« Um halbersieben reckte er die Arme knackend: »Herrgott, hab' ich mich geplagt.« Von sechsdreiviertel ab folgten sich die Dinge rasend: Federauswischen, Bücherzuklappen, Schubladen absperren. Fünf vor sieben ein mißbilligender Vergleichsblick zwischen Wand- und Taschenuhr: »Das Kontorgetüm geht wieder nach. Ich habe Sternwartzeit. Na, bis man sich im Gang die Hände wäscht . . .« Aber er wusch sich niemals, sondern rannte draußen wie besessen über die Treppe in das Extrazimmer seines feudalen Klubs »Kopierpresse«, wo er Schlag sieben Uhr erschien und kritisch seine Uhr verglich: »Na, meine Zwiebel geht mal wieder nach – ah, Kollege, wieder Mensch, entronnen dem Proletenpack – setzen Sie am nächsten Sonntag auf die Kora? – Marie, 31 mein Hochofen, soll schon längst an meinem Platze schäumen – verdammte Schweinerei das, lieber Herr Kollege . . .« Um dieselbe Zeit pflegte Vater auf den leeren Sturmbrennerplatz hinüberzuschielen: »Kommen tun sie wie die Barone, diese Neuen, und gehen wie die Maurer.« Er selbst ging fünf nach sieben. Seit sicher dreißig Jahren. Wenn man eine alte Junggesellenbude hat, ist es nicht so eilig. »Nun, Herr Müller? Wollen doch im M–P nicht übernachten?« Ich tat rasend eifrig: »Noch einige Memorialeinträge, Herr Vater. Morgen ist ja Mahntag.« »Mahntag? hm.« Wie er dazu lächelte, sah er beinah' blöde aus. Ich sah ihm nach und dachte überlegen: Ist halt auch schon alt, das Schießpulver erfindet der nicht mehr. Es war leer im großen Saal. Die Uhr tickte. Ich tat weiter eifrig. Aber die Uhr durchschaute mich, durchtickte mich: »Gib dir keine Mühe, junger Mann, ich weiß, was kommt.« Ich pfiff. Die Feder knirschte. Ich sah nicht auf. Ich spürte in dem leeren Saal die Schatten der Gestalten, die hier den Tag gewerkelt hatten, ehrlich, treulich, tüchtig. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich warf die Feder hin. Ich ging von einem leeren Platz zum andern. So verschieden war die Ordnung. Je nachdem die Tintenfässer standen, hätte man sagen können: »Hier sitzt der faule Sturmbrenner. Da ist des zappeligen Dessauers Reich. Dort herrscht die Zuverlässigkeit des alten Endres.« Tick tack – schnurr – halbacht. Leises Scharren an der Türe. Ei, der Seßler scharrt sonst nicht, der stürmt herein. Ei, das ist ja – Das schmucke runde Kocherl der Familie Kramer kugelt sich herein. Sie ist gar nicht schüchtern. »Sie sind also der Herr Müller? Ja ja, mein Bräutigam hat mir erzählt. Jawohl, Herr Seßler kann Sie auch gut leiden. Ich soll Ihnen sagen, daß er etwas später kommt. Er ist ja schauderhaft gehetzt, der arme Mensch.« Ich höre stumm. Das glitzerige Fräulein rückt mir näher. Es schiebt sich zwischen mich und M–P. Es hat mich abgeschnitten. Ein warmes Händchen liegt mir auf der Schulter. Ein warmer Atem weht mich an und meine siebzehn 32 Jahre: »Nicht wahr, Herr Müller, wenn Sie meinem Bräutigam mal irgendwie gefällig sein können, es soll nicht umsonst sein, lieber Schneck.« Sie hat mir einen Kuß gegeben, mir und meinen siebzehn Jahren. Ganz heiß ist mir. Ich muß gezittert haben. Das Knäuel in der Kehle will nicht hoch. Es pocht und hämmert, stürmt und singt. Tausend Jugenddinge mit dem zarten Flaum auf hellen Stirnen fangen an zu sinken. Sogar die blaue Mauritius taucht unter in dunkelrotem Blut. Ich greife mit einem Arm ins Leere. Nein, ins Leere nicht. Den festen kühlen Lederrücken M–P spüre ich mit einem Rucke in den Fingerspitzen. Langsam ebbt das Blut zurück. Ich bekomme keinen zweiten Kuß von ihr. Etwas ärgerlich sieht sie aus. Aber jetzt lächelt sie wieder: »Und daß ich bei Herrn Kramer in Dienst bin, wissen Sie. Ich kann da mehr als kochen, junger Mann. Man hat manchen Einfluß. Sie wären nicht der erste, dem ich nachgeholfen hab' im Avangsmang. Und auch sonst . . .« Wieder war sie dicht an mir. Wieder schnitt sie mich von M–P ab. Wieder wehte es mich heiß an: »Na ja, wenn Sie erst ein paar Jahre älter sind, mein lieber Schneck . . .« Wieder hatte ich einen Kuß weg. Wieder fing's im Blut zu singen und zu sieden an. Wieder griff ich zitternd ans Pult. Nichts mehr dazwischen. Sie war draußen. Hastig ging ich auf und ab im Saal. Ich konnte mich nicht fassen. Ein kleiner Spiegel hing da. Glühend schaute ein Gesicht heraus. Auf den Gang zum Brunnen ging ich, wusch mich. Aus dem Spiegel glühte es noch immer. Das kam von innen. Das mußte auch von innen überwunden werden. Kühl und sachlich. Was war gleich kühl und sachlich? Ei, das Konto terzo. Will doch mal die Regeln wiederholen, laut und deutlich: »Zunächst ermittelt man den Saldo in der fremden Währung. Rechnet diesen um zum Abschlußkurs. Stellt den Saldo in der einheimischen Währung fest. Vergleicht mit dem umgerechneten Saldo der fremden Währung, woraus –« »Heda, Mensch, Sie üben wohl 'ne Rolle für das Hoftheater! Uff, bin ich gelaufen. Dachte schon, Sie seien fort. Hab' dem alten Pfister seinen Sohn zur Bahn gebracht. Amerika, Sie wissen ja. Die guten Leute können sich nicht 33 helfen. Na ja, man tut ja, was man kann. Hat dem Alten massig Geld gekostet. Nu nu, er bringt es wieder rein. Braucht nur Zeit, nichts weiter. Aha, da haben Sie das Konto aufgeschlagen. Donnerwetter, haben eine famose Schrift, Herr Müller. Da ist Zug drin. Müssen übrigens mal dem Vater beizubringen suchen, daß er ein neues M–P anschafft. Das da ist ja viel zu klein. Sage Ihnen, bei der Weltfirma, wo ich lernte, war 'n Hauptbuch, wenn man da die Blätter umgewendet hat, ging 'n Sturmwind durchs Kontor, haha. Ist noch gar nichts. In Amerika soll's Hauptbücher geben, wo man vom Soll ins Haben wie 'n Cowboy reiten muß. Haha, stellen Sie sich einmal den alten Vater vor zu Pferd, den Lasso schwingend, daß er seine Buchhaltungsböcke einfängt, die er Tag für Tag hineinschmiert –« »Herr Vater hat meines Wissens noch niemals eine falsche Buchung –« »Nehmen ihn in Schutz, den alten Döskopp, das ist brav von Ihnen, lieber Freund. Er ist aber doch zu kleinlich. Hat keinen rechten Schmiß. Herrgott, in der Firma, wo ich früher war, da war 'n großer Zug. Waggonweise bezogen wir den Streusand aus der Sahara. Einmal ließ ich einen Wagen ausladen. Auf einmal springt 'n Löwe 'raus. Den hatten sie aus Versehen in der Wüste eingeschaufelt. Na ja, wir ihm nach. Hat sich in unsern Lagerhäusern verkrochen. Das ganze Personal mit Flinten ausgerüstet, jagte einen ganzen Tag vergebens – so groß waren unsere Lagerhäuser, hahaha.« Ich lachte mit. Das letzte Stück vom heißen Blutbann vorhin lachte ich mir weg. Das Lachen ist mit siebzehn Jahren doch noch stärker als »mein lieber Schneck«. Seßler wurde immer aufgeräumter. »Nein, lassen Sie das Konto Pfister nur mal aufschlagen. Wahrhaftig, 1318,22 seit drei Wochen überfällig. Und morgen wollt ihr ihn kalthundeschnauzig mahnen? Wissen Sie, was für einen solchen Alten eine Mahnung sein kann? 'n Herzschlag, schrumm, der Tod.« »Aber Herr Seßler –«, sagte ich ängstlich. »Sein kann . Sicher braucht's noch nicht zu sein. Sicher aber wäre, daß Sie das alles ordnen könnten –« »Aber ich –« 34 »Jawohl, Sie, so jung Sie sind. Uebrigens, da fällt mir eine dolle Geschichte ein von einem kleinen Lehrling. Es war damals, als ich jenes Riesenhauptbuch führen mußte. Sie wissen doch, das jenen Sturmwind machte im Kontor, wenn es geblättert wurde? »Junge«, sag ich zu dem Knirps, »daß du mir nicht 'ran gehst an mein Hauptbuch, 's gibt 'n Unglück sonst, verstehste«. Natürlich geht er in der Mittagszeit doch 'ran. Ich, im Zorn, krieg' ihn im Genick zu packen und schmeiß ihn 'rein, auf Folio 268 347, glaub' ich, klapp das Hauptbuch zu und vergess' das Folio. Was aus ihm wurde? Je nun, erst bei der nächsten Inventur hat man einen roten Fleck gefunden auf Folio 268 347, das war alles, hahaha.« Wieder lachte ich von Herzen. Nein, war dieser Seßler ein hinreißender Mensch. So wenn ich hätte reden können! »So, jetzt nehmen Sie mal Ihre Feder, junger Freund. Der rote Fleck ist nämlich nicht zum Lachen. Stellen Sie sich vor, der alte Pfister täte sich was an infolge eurer blöden Mahnung. Stellen Sie sich vor, Sie müßten immer einen roten Fleck auf diesem Konto sehen, den Sie vermeiden hätten können. Na, nu tragen Sie mal ein. Nee, im Haben, nicht im Soll, Verehrter: Oktober 30. Per Zahlung – haben Sie?« »Ja«, sagte ich mechanisch, traumbefangen die eingetauchte Feder überm Haben haltend. »So lügen Sie doch nich', Verehrter. Keinen Strich noch haben Sie gemacht. Na ja, da schenkt man seine herrlichsten Krawatten her, läßt einen protegieren –« »Herr Seßler, ich – ich –« »'n Hasenfuß sind Se. Ihrem Onkel werd' ich's sagen, was er für einen jämmerlichen Angstmeier zum Neffen hat. Als ob das auch was wäre, was Sie machen sollen. Tragen Sie das Pöstchen heute ein. Verhindern so die miserable Mahnung morgen. Stornieren übermorgen wieder diesen Posten auf der andern Seite.« »Geht das?« schnaufte ich. »Warum denn nicht. Haben Sie von einem Storno nie gehört –« »Jawohl«, schnurrte ich mechanisch, »Storno ist die 35 Wiederaufhebung eines falsch eingetragenen Postens durch Einsetzen auf die Gegenseite –« »Na sehnse, übermorgen ist die öde Buchhalterei wieder stramm im Lot. Und bis im nächsten Vierteljahr die neue Mahnung käme, ist der Dreck ja längst bezahlt. Was noch nicht mal alles ist, Verehrter.« »Was noch?« begann ich, wieder schnaufend. »'ne prächtige Familie Pfister haben Sie übern Graben gebracht, jawoll, das haben Sie – also Oktober 30. Per Zahlung – haben Sie? Schön: Jetzt 1318.22. Na, man fix, schön, jetzt noch Kassafolio 48 – ich habe gestern nachgesehen in der Kassa unten – 's stimmt gerade mit 48 – haben Sie –« »Herr Seßler, es ist doch – ist doch gar nicht in der Kassa.« »Sehr richtig, junger Mann. Drum machen wir es übermorgen wieder 'raus, verehrter Hasenfuß. Herrgott –« Er griff in die Westentasche. Er fingerte ein kleines blaues Viereck heraus. Ein gezacktes Viereck. Er schmiß es nachlässig auf das Konto Pfister. »Herrgott, die versprochene Mauritius hätt' ich fast vergessen. Stecken se se ein.« Ich steckte sie nicht ein. Ich verschlang sie mit den Augen. Herrlich leuchtete der Schatz mich an. Riesengroß wuchs er übers Konto. Jämmerlich klein nahm sich ein Kassenzeichen aus. »Kassafolio 48«, diktierte Seßler zwingend. »K.-F. 48«, schrieb ich folgsam. Wieder fing das Blut zu singen an. Drohend. »So, jetzt woll'n wir aber gehen – Menschenskind, so stecken Sie doch die Mauritius ein – aha, acht Uhr – dort kommt der Hausverwalter Vogel schon, um alles zuzusperren – warten Sie, lassen Sie sich helfen, Ihren alten Schinken M–P in den Bücherschrank zu sperren – ja ja, verehrter Vogel, bis um acht hat er nachgearbeitet – ist ein fleißiger junger Mann, der Müller – kommen Sie – kommen Sie . . .« Auf der Straße wurde er plötzlich einsilbig. Kaum daß er 36 auf mich achtete. Nur als er abbog, sagte er: »Die Mauritius zeigen Sie nicht her, die Leute sind so neidisch.« Nicht sehen lassen? Zu dumm, was hat sie dann für einen Wert? Gleich nach dem Abendessen flog ich zu Onkel Frank hinaus. Er war nicht da. Seine Hausfrau hieß mich warten. Da saß ich still in seinem Atelier. Es war mir nicht behaglich. Ich hatte reden wollen, immer reden, nicht allein sein. Ich schaute Onkels Bilder an. Lauter Gesichter waren es. »Ich male nur Gesichter«, pflegte er zu sagen, »und von diesen nur eine Gruppe.« – »Welche Gruppe?« – »Das werdet ihr schon selbst erkennen mit der Zeit.« Aber wie sie auch verglichen, sie erkannten's nicht. »Es ist nicht der Mühe wert«, sagten sie, »er hat ja keinen Namen und verkauft hat er so gut wie nichts.« Da waren Bettler, Spieler, Tänzerinnen, Leute mit Zylindern, würdige Matronen, Lehrer, Gutsbesitzer, Viehhändler, alle Schichten der Bevölkerung. Sie hingen oder standen an den Wänden und schauten mich an. Ich hatte Zeit genug, ihnen die Blicke zurückzugeben. So verschieden wie die waren! Wie konnte Onkel Frank von einer Gruppe reden. Gemeinsam war da nicht ein Zug. Oder doch? Hm, um die Augen lag bei allen etwas merkwürdig Gespanntes. Was war das nur? Vielleicht brachte ich's heraus, wenn ich's nachahmte. Ich schaute in einen Spiegel. Ha, ich brauchte mich nicht anzustrengen, ich selber hatte diesen Zug. Und über meiner Schulter, hinter meinem Rücken, was für ein lebendiges Selbstbildnis von Onkel Frank, hu, es bewegte sich – »Bub, schau mir mal ins Gesicht.« »O Onkel Frank, ich hab' dich gar nicht kommen –« »Ins Gesicht sollst du mir schauen, Bub, geradeaus!« »Ja, Onkel, denk' dir, was ich in der Westentasche habe – die Mauritius.« Er hörte gar nicht zu. Seine Kohle strichelte auf einem Stück Papier. Seine Lippen murmelten kaum hörbar: »Wieder einer . . . . wieder einer . . . .« »Was hast du, Onkel?« sagte ich ängstlich. »Wieder einer . . . wieder einer . . .«, murmelte er und strichelte an meinem Kopfe weiter. Mir wurde schwül. Ich saß mit angepreßten Händen auf 37 dem Stuhle. War das der vergnügte Onkel Frank von gestern? Der zu Schelmenstreichen aufgelegte? War er in der Tat verrückt geworden. Oder war ich selber – »Schluß. Da, Bub, schau dich an.« Er hielt mir die Skizze hin. »Kennst du dich noch, he, Bub?« »Aber freilich, Onkel.« »Den Zug da auch, he?« Er wies auf einen angespannten Zug ums Auge. »Ich weiß nicht, Onkel«, sagte ich unsicher, »alle deine Bilder haben diesen merkwürdigen –« »Stimmt. Du hast ihn nicht gehabt. Bis heute. Jetzt hast ihn auch. Bub, Bub, was ist mit dir, seit gestern abend?« »Was soll sein – die blaue Mauritius hab' ich, das ist alles – schau doch, Onkel, schau!« Eifrig fingerte ich die Marke aus der Westentasche. Er sah sie an. Er hielt sie an die Lampe. Er nickte traurig: »Wie du . . . wie du.« »Wie ich?« versuchte ich zu lachen, »ich bin doch keine Marke.« »Aber falsch.« »Falsch?« zuckte ich zusammen. »Ja, unehrlich, gefälscht, wie deine Mauritius!« »Um Gotteswillen, Onkel, meine Mauritius sollte –« »Ha, seine Mauritius! Nach sich selber frägt er nicht, haha!« Bekümmert sah mich sein Gesicht an, auf dem der Schalk sonst wohnte. Da erkannte ich zum ersten Male, daß sein Schalk ein Mantel war. Daß ein furchtbar ernster Mensch darunter saß. Ein Mensch, der, unbekümmert um Erfolg und Ehrgeiz, fieberhaft an einem Werke, einem großen Werke Strich um Strich ansetzte. Ein Mensch, der – »Setz dich her zu mir. Durch welchen Schwindel hast du diesen blauen Schwindel dir ergattert?« »Oh Onkel, du glaubst wirklich, daß die Marke –« »Ich glaube nichts, ich weiß. Erzähle.« Da brach es in mir aus. Da fühlte ich, wie ich mich selber angelogen. Da heulte ich, bevor ich noch erzählen konnte. Er 38 ließ mich ausweinen. Er fuhr mir sacht übern Scheitel: »Und nun erzähl', damit wir's wieder ins Geleise bringen.« Da erzählte ich. Stück für Stück. Nichts ließ ich aus. Auch nicht die beiden Küsse. Auch Kassafolio 48 nicht. Mit der Mauritius schloß ich knirschend: »Eine gefälschte Mauritius! Der Schuft, der!« »Und du?« »Ich – ich traute ihm, weil – weil ich auch wußte, daß – er mit dir verkehrte, Onkel.« »Mit mir verkehren viele Schufte. Ich brauche sie. Zu meinen Bildern brauch' ich sie. Ich male alle Art von Schuftigkeit im Leben. Das ist meine Aufgabe. Auch euer Familientag hat mir Modell gestanden. Dich hab' ich ausgelassen, weil du nicht brauchbar warst. Ich hätte nicht gedacht, daß du mir sobald Modell –« »Aber Onkel«, wehrte ich mich, »du übertreibst. Den Posten buche ich übermorgen doch zurück und –« »Uebermorgen?« »Also morgen Abend.« »Morgen?« »Aber ich kann doch heute nicht mehr –« »Nein, heute kannst du schwindeln. Alles zu seiner Zeit, nicht wahr?« Wieder stieg es elend in mir auf. Ein bitterer Schluck – der Knäuel war heraus: »Was soll ich tun, Onkel Frank?« sagte ich still. »Was du tun sollst, weißt du längst: Seit einer halben Stunde ist der Zug ums Auge fort. Laß mich recht behalten.« Freundlich hat er mich zur Tür geleitet. Einen Blick warf ich in die Bilderrunde rückwärts. Aus den Rahmen sah's enttäuscht auf mich. Ich straffte mich: Nein, keiner von euch will ich bleiben. Dann ging ich in die Nacht, nach Hause. Mutter war noch auf. Sie sah mich prüfend an. Ihre Mienen wurden heller: »Du kamst mir heute Abend so verändert vor. Aber ich täuschte mich. Du bist der alte. Ich freue mich. Gute Nacht.« »Mutter, ich muß morgen sehr früh ins Geschäft. Erschrick nicht, wenn du morgen aufstehst, und ich bin schon fort.« 39 »Dann nimm wenigstens dein Frühstück mit. Ich richte es dir her. Nein, wie ich mich freue.« »Worüber, Mutter?« »Daß du mein alter Fritz bist. Komm.« Sie gab mir einen Kuß. Das war der dritte heute Abend. Auch von diesem sang's im Blute, als ich wach in meinem Bette lag. Nur streckenweise kam der Schlaf. Erquickend war er nicht. Blaue Mauritien und Kassafolien flochten sich durch die Träume. Um vier Uhr war ich aus den Federn. Um halbfünf Uhr glänzte mich das Firmenschild im späten Monde an. Ein kleiner Flecken war im Messing. Ich rieb mit dem Taschentuch. Der Flecken schwand. Das Tor war zu. Ich wußte eine lose Planke und stand im Hof. Ha, da klapperte ein Fenster in der Morgenluft. Vogel, sei bedankt, daß du ein wenig lässig warst. Mauervorsprung, Dachrinne, Finsternis – ich stand im großen Saal. Licht war nicht nötig. Der Mond schien auf die Pulte. Tu dich auf, du Bücherschrank . . . M–P rutschte willig auf das Pult. M–P schlug fast von selbst das rechte Konto auf. Die Blätter wölbten sich entgegen. So wie sich Küsse wölben. Diesmal war's der vierte. Der war der beste. Die Feder flog im Soll: Okt. 30. An Storno . . . 1318.22. Das Kontokorrent klappte zusammen. Ich tat's ihm nach. Bleischwer kam die Müdigkeit nach aller Aufregung. Ich schlich ins Warenlager. Hinter einem großen Farinfaß schlief ich ein. Tief und traumlos diesmal . . . Ich erwachte, weil mir der Farindeckel auf den Kopf fiel. Sturmbrenner glotzte mich an: »Aeh, wollte nur mal kosten – äh, Farin fürs Leben gern – unter uns natürlich, nicht wahr, Herr Kollege – übrigens, der Vater sucht Sie droben, glaub' ich – noch 'nen Augenblick, Kollege: Mit dem Seßler soll's 'ne eklige Geschichte geben – hat einkassierte Gelder unterschlagen oder so was – sollten den Farin doch auch mal kosten, Herr Kollege –« Ich flog hinauf. Der zappelige Dessauer kam mir entgegen: »Herr Vater ist im Privatkontor von Herrn Kramer. Der Seßler ist auch drin. Sie sollen eilen.« Bleich stand ich vor Herrn Kramer. M–P war vor ihm aufgeschlagen. Hermann Pfister las ich. Herr Kramer nickte 40 mir ernst zu. Desgleichen tat Herr Vater. Dann wandte sich Herr Kramer an etwas Zusammengesunkenes auf einem Stuhle in der Ecke: »Herr Seßler, das ist das dritte Konto, wo Sie einkassierte Gelder unterschlagen haben. Und damit nicht genug. Sie versuchten auch, noch andere brave Menschen mit hineinzuziehen. Mit welchen Mitteln, will ich gar nicht erst untersuchen. Nur gut, daß der Betreffende die Angel noch im Beißen merkte und sie ausspie, wie ich sehe. Auch ich speie aus, Herr Seßler. Vor Ihnen. Sie sind entlassen.« Aus der Ecke wimmerte es: »Und – und Sie wollen – wollen nicht dem Staatsanwalt, Herr Kramer –? »Ausgespien sagte ich. Das bedeutet, daß ich auch durch einen Dritten Ihren Namen nicht in meinen Mund nehmen will.« Dankwinselnd krümelte sich ein Mensch, der gestern göttlich war, zur Türe. »Ihnen danke ich nochmals, Herr Vater, daß Sie durch die insgeheimen Mahnungen vor dem Termin die Unterschlagung aufgedeckt. Sie sind mehr als ein Buchhalter. Sie sind ein Menschenkenner. Sie, Herr Müller, bleiben noch einen Augenblick.« Ich stand allein vor ihm. Er sah mich lange an. Dann auf einen kleinen Spruch über seinem Schreibtisch: Recht und treu. Ich wollte etwas stottern. »Nichts erzählen«, sagte er ruhig, »ich kann mir alles denken. Ich bin kein Moralist. Von mir selber weiß ich, daß die Treue mit einem geboren wird. Aber die Rechtschaffenheit muß man sich erkämpfen. Die nichterkämpfte ist nichts wert. Ihr erster Kampf ist gut gegangen, Müller, wenn auch knapp vorbei. Ich freue mich darüber. Eins noch für die Zukunft: Sie haben Glück gehabt. Nicht immer bleibt zum Storno Zeit. Noch besser wird es sein, von Anfang an so zu buchen, daß kein Storno nötig wird. Es ist gut, Herr Müller – nun, Ihre Hand?« Sie hatte halb gelähmt in meiner Westentasche gesteckt. Als ich sie herauszog und die seine drückte – und dankbar, ach so dankbar – blieb was kleben. »Was ist denn das?« »Eine – eine – eine blaue Mauritius – aber – aber eine falsche.« 41 Er betrachtete sie. »Ja«, sagte er lächelnd, »und auch sonst defekt: die Zähne sind ihr ausgebrochen – hoffentlich für immer, Müller?« Ich getraute mich nicht, ihm in sein gütiges Gesicht zu blicken. Ich sah dafür den Spruch an. »Recht und treu«, flammte es strenge überm Schreibtisch. »Ja, Herr Kramer«, gelobte ich.   Unverbrüchlich. In meinem Lehrvertrag stand eine Klausel: ». . . und verpflichtet sich der Lehrling, über alle ihm bekanntwerdenden Geschäftsgeheimnisse unverbrüchliches Stillschweigen zu beobachten.« Die Satzumstellung nach »und« war grammatikalisch falsch. Der Stil war schauderhaft. Aber aus dem Sinn der Klausel strömte große Kraft. Vor allem tat's ein Wort mir an: unverbrüchlich. Wie das dastand, wie es einen ansah: unverwandt. Und wie es klang: geheimnisvoll und drohend. Zum ersten Male in meinem Leben schob sich eine glatte Worthaut auf, eines Wortes Seele wogte bloß: unverbrüchlich. Vom ganzen Lehrvertrage weiß ich heute nur ein Wort: unverbrüchlich. Es ist genug. Von dicken Büchern bleibt uns oft ein Wort. Es ist genug. »Unverbrüchlich« war ein Zellkern. Wenn von einem strengen Tannenwald der ganze Wald vermodert, und es bleibt mir nur ein Zellkern – nicht größer, als daß ihrer dreizehn unter meinen Daumennagel gingen – es ist genug, daß ich den ganzen strengen Wald für meine Kinder neu erstehen lassen könnte. Mein Sohn ist gestern in die Lehre eingetreten. Mutter meinte, daß ich vorher mit ihm sprechen sollte. »Würdevoll und der Bedeutung dieses Tages entsprechend«, sagte sie. Da nahm ich ihn ins Zimmer. »Junge«, sagte ich, »Mutter sagt, ich müßte mit dir sprechen, würdevoll und der Bedeutung dieses Tages entsprechend.« »O jee«, machten seine Züge. »Es handelt sich um einen Schritt, mein Junge«, fuhr ich fort, »der richtunggebend für dein ganzes Leben sein wird.« 42 »Na ja«, wackelten seine Jungenohren. »Ich hoffe, daß du dir der physischen und der psychischen Tragweite des abgeschlossenen Lehrvertrages voll bewußt bist, Junge.« Er nickte folgsam. Aber seine Nasenflügel blähten sich – man konnte es erkennen – ein wenig gähnend: »Gott, was macht er wieder für 'ne Sauce, der Alte!« Ich schnippte ärgerlich den Daumen. Ein winziger Zellkern stäubte unterm Nagel auf. Er schwebte unsichtbaren Flügelschlags vor meines Sohnes Gesicht. Ich spüre leise von der eignen Lehrzeit her sein fernes Wehen. Ein Wort stieg langsam in mir auf, das mich damals angesehen hatte, unverwandt, geheimnisvoll und drohend. Ich machte ihm Bahn, ich räumte auf: »Betrag dich so in deiner Lehrzeit, Junge, daß ich Freude an dir haben kann und Ehre. Sei mit einem Worte –« »Gott, ist's noch nicht fertig?« bogen sich ihm ungeduldig unterm Oberleder seine Jungenzehen. »– und sei mit einem Worte: unverbrüchlich treu!« Wupp, war ihm der Zellkern flügelschlagend durch die Nase ins Gehirn gezogen, keimte, schlug Wurzel, schoß auf als großer strenger Tannenwald mit grünen Rauschewipfeln: Unverbrüchlich . . . unverbrüchlich . . . Keine Zehe bog sich, keine Ohren wackelten, zum ersten Male in seinem Leben schob sich ihm die glatte Worthaut auf, eines Wortes Seele wogte bloß: unverbrüchlich. »Bub, willst du das bedenken: unverbrüchlich?« »Ja, Vater«, klang das Wort aus ihm wie eine große tiefe Glocke. Wie's ihm weiter gehen wird mit den gelobten Unverbrüchlichkeiten, weiß ich nicht. Vielleicht ähnlich, wie es mir erging . . . Der Kaffee war eine erste Säule unseres Hauses. Er hat dessen Ruf begründet. Er schaufelte das meiste seines Kapitalzuwachses. Ihm galt das meiste Sinnen unsres Prinzipals. Daraus wuchs ihm eine Blüte: Ein Verfahren fand er, wie durch einen organischen Zusatz beim Rösten das Ergebnis im Gewicht und in der Güte wesentlich verbessert werden konnte. Die Patentierung freilich machte 43 Schwierigkeiten. Briefe über Briefe ans Patentamt wurden mir diktiert. Unterdessen zog der neue Kaffee seine Bahn und holte sich Erfolge auf Erfolge. Die Konkurrenz war wütend. Es kam ein Angebot ums andre auf Gewinnbeteiligung. Am eifrigsten waren Riesler \amp; Konsorten hinterher. Alles schlug Herr Kramer ab: »Erst sicher patentieren, dann verhandeln«, entschied er. Es war um diese Zeit, daß mich ein unbekannter Herr auf der Straße zu grüßen begann. Höchst respektvoll, mit einem Zirkelschwung des Hutes und mit einem raschem Ruck zurück in einem Winkel von reichlich fünfundvierzig Graden. Das war der Gruß, der damals unter den Studenten Vorschrift war. Also hält er dich für einen solchen, dachte ich geschmeichelt. Ich grüßte zirkelschwunghaft und mit reichlich sechzig Graden wieder. Einmal bat er mich um Feuer. »Gestatten?« sagte er, »mein Name ist v. Schwindrazheimer.« Verflucht, da konnte ich nicht hinten bleiben. »v. Miller«, log ich. »Sehr angenehm – würde mich riesig freuen, einmal abends eine Partie Billard im Kaffee Wittelsbach – nettes Lokal – honette Leute – wie gesagt: sehr freuen, Herr v. Miller.« Noch am gleichen Abend maßen wir die Billardstöcke. Ich war kein Held im Spiel. Dennoch gewann ich. v. Schwindrazheimer spielte gar zu lässig. Fünf Partien hatte ich gewonnen. Jetzt saßen wir beim Kaffee. Das Gespräch ging erst recht zähe. »Sie studieren?« fing ich an. »Ja, botanisches Laboratorium«, warf er hin, »und Sie?« »Praktische Handelswissenschaften.« »Sind zu beneiden. Grau alle Theorie, grün des Lebens goldner Baum. Plage mich seit Wochen mit dem Röstprozeß von Kaffeebohnen. Wird Sie wohl kaum interessieren?« »Im Gegenteil. Das Gebiet ist mir nicht unbekannt.« »Welcher Zufall. Habe Streit mit einem Herrn Kollegen. Der Mensch behauptet nämlich – nein, erst diesem Herrn hier, bitte – und mir etwas heller, Ober.« Der Kellner mit dem unbewegten Antlitz goß ihm die Milch nach. 44 »Ich glaube nämlich, daß im allgemeinen Kaffee viel zu dunkel ausgebrannt wird.« »Ganz meine Meinung, Herr v. Schwindrazheimer«, sagte ich eifrig. »Freut mich, freut mich sehr. Mein Kollege sagt nun freilich, daß die Ausbeute in Menge und Güte am höchsten ist, wenn der Rohkaffee in der bisher üblichen Weise möglichst dunkel ausgebrannt wird –« »Ihr Kollege ist ein Dummkopf«, warf ich fachlich ein. »Wogegen ich behaupte, daß möglichst milder Röstprozeß unter Zusatz irgendeines organischen Unterbrechungsmittels, das ich freilich noch nicht kenne –«. »Aber ich«, platzte ich großspurig heraus und schob die geleerte Kaffeetasse nervös zum Tischrand. »Was Sie nicht sagen«, zwinkerte der andere, »da wäre ich Ihnen dankbar – im wissenschaftlichen Interesse natürlich – wenn Sie mir einen kleinen Fingerzeig – den Teufel auch, jetzt hat der Mensch die Tasse untern Tisch gewischt!« »Macht nichts«, sagte der Ober mit dem unbewegten Gesicht, »unsre dicken Tassen sind ja unverbrüchlich!« »›Unverbrechlich‹, sagt man«, verbesserte v. Schwindrazheimer. »Unzerbrechlich«, verbesserte ich die Verbesserung. »Unverbrüchlich!« beharrte der Unbewegte hoheitsvoll. »Dummes Zeug«, sagte ich, »eine Tasse ist nicht unverbrüchlich. Unverbrüchlich ist was anderes, wie zum Beispiel in meinem Lehrvertrag –« »Ah, Sie haben einen Lehrvertrag?« unterbrach v. Schwindrazheimer. Ich biß mich auf die Lippen: »Gewiß, was jedoch nicht hindert, daß ich heute schon die verantwortlichsten Arbeiten wie Patentbriefe –« »Vermutlich auch Kaffee betreffend, nicht wahr?« »Natürlich.« »Aha, daher wissen Sie Bescheid in wissenschaftlichen Dingen und könnten die Wette zu meinem Gunsten entscheiden, lieber Herr v. Miller.« »Welche Wette?« 45 »Na, mit meinem Kollegen – immerhin ein paar hundert Mark –« »Donnerwetter!« »Wovon gern die Hälfte Ihnen gehören soll, wenn Sie mir jetzt sagen, welchen Zusatz – wissenschaftlich meine ich – was wollen Sie schon wieder, Ober?« »Ich schlug eben in unserm Duden nach«, sagte der Unbewegte, »es heißt dennoch unverbrüchlich, meine Herren.« »Schweigen Sie still«, sagte ärgerlich v. Schwindrazheimer. Stillschweigen? unverbrüchlich? – überfiel es mich heiß. Das Wort in meinem Lehrbrief reckte plötzlich seinen Hals und sah mich an aus strengen Augen: »Hast du stillgeschwiegen – unverbrüchlich?« Mir wurde heiß, so heiß. »Oder hast du schon geschwätzt?« fuhr's fort. »Noch nicht – noch nicht – Herr Ober, zahlen!« »Aber bester Herr v. Miller, warum so eilig. Sie wollten mir doch eben noch was erzählen von –« »Ein andermal. Ich muß heim. Ich heiße nicht v. Miller, sondern Müller – guten Abend.« Am nächsten Morgen ging der Buchhalter Vater an meinem Platz vorbei, blieb stehen, sagte nebenbei: »Was ich sagen wollte – sah Sie gestern Abend im Wittelsbach von fern – nehmen Sie sich vor diesem Menschen in acht.« »Vor welchem Menschen?« »Vor diesem Schwindelmeier von unserer Konkurrenz Riesling \amp; Konsorten, der Mensch ist ein Filou.«   Der Rock In der Zeitung stand: Kassenbote auf offener Straße beraubt, Schlag vors Hirn, Banknotentasche aus der Hand gerissen, kein Begleiter, der ihm hätte Hilfe bringen können. Unser alter Kassenbote Fröscheis bekam es mit dem Zittern. Die Firma nahm ihm seine offene Mappe aus der Hand. In die Innenseite seines Rockes wurde ihm eine Spezialtasche hineinkonstruiert. Alle kamen, um die Nase da hineinzustecken. Kassierer Brandmann war für einen elektrischen 46 Kontaktknopf an der Tasche, damit der Diebstahl im Gehirne Fröscheis läutete. Aber Fröscheis sagte, daß es ihm im Hirne überhaupt nicht läute, mit und ohne Diebstahl. Daraus wurde beschlossen, daß ich ihn von zehntausend Mark aufwärts begleiten müsse, um für ihn zu läuten, wenn es nötig würde. Ich war nicht schlecht stolz. »Mutter«, sagte ich, »mach mir eine Kassentasche rechts im Rock, dreißig Zentimeter tief, zwanzig breit, Lederfutter, Innenknöpfe, außen Monogramm, aber 'n bißchen fix.« – »Wozu denn?« – »Ich muß den alten Fröscheis begleiten.« – »Brauchst du zum Begleiten eine solche Tasche?« – »Das sind kommerzielle Sachen, Mutter, die verstehst du nicht.« Zweimal, dreimal in der Woche stelzte ich neben Fröscheis zu den Banken. Unbegreiflich, daß sich Fröscheis keine Haltung geben konnte, die den Notenbündeln seiner Innentasche gleichkam. Da hatte meine leere Tasche eine andere Würde. Ich fuhr immer mit der Hand hinein, damit sie sich den Leuten entgegenblähte: »Ha, wenn ihr wüßtet, wieviel Tausender ich halte . . .« Aber die Leute kümmerten sich um keine Blähung. Nur einmal drehten sich zwei Bäckerlehrlinge herum: »Du Kare, dem seinen Bauch treibt's auf von zuviel neuem Brot.« »Ihr Lehrlingsdeppen!« sagte ich. »Jee, er aa, der Tintenstift, der luftg'selchte! Mir hab'n unsre Finger immer noch lieber voll Teig als voll Gummi Arabikum, du Drehstuhlkrischperl!« »Was stehst denn da«, schmunzelte der alte Fröscheis, »hau ihnen eine 'runter!« »Es ist unter meiner Würde«, sagte ich, »wo wir fünfzigtausend Mark in der Tasche haben. Und außerdem haben sie nicht einmal das Einjährige.« »Ich auch nicht«, sagte er kurz und trabte weiter. Aber dann riß es ihm doch nochmal die alten dünnen Lippen spöttisch auseinander: »Herrgott, wenn ich denk', wie wir zu meiner Lehrlingszeit einander rumg'haut hab'n, daß d' Fetzen nur so 'rum'flog'n sind!« »Fröscheis«, sagte ich verweisend, »zu Ihrer Zeit war der Lehrlingsstand noch nicht gehoben.« 47 »Desweg'n hab'n uns d' Leberknödel g'rad so g'schmeckt – jesses, da ist ja der Gebrüder Bramberger – servus, auch auf d' Handelsbank?« »Ah, der Kramer \amp; Friemann – nein, die Handelsbank hab' ich schon hinter mir – jetzt kassier' ich nur noch g'schwind eine Doppelweißwurscht hint' im Pschorrbräu – was hast denn da für ein Springgingerl bei dir?« »Der neue Lehrling«, sagte er unbehaglich. Ich fühlte, ohne mich hätte er die Doppelweißwurscht mitgemacht. Mit fünfzigtausend für Kramer \amp; Friemann in der Tasche, es war unerhört. Noch unerhörter war seine Haltung am Handelsbankschalter. Dort schnupste er erst umständlich – mit fünfzigtausend! – und ließ sich Schwegerle \amp; Kompanie und Althaus Nachfolger zuvorkommen, die doch alle kleiner als unsere Firma waren. Und einem gewöhnlichen Dienstmädchen zwinkerte er zu – mit fünfzigtausend in der Spezialtasche! Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Schaun S', ich bin schon z' alt zum Umlernen. Ich war bei Kramer \amp; Friemann, wie Sie noch als Hemadlenz mit einem Hosenträtra herumgelaufen sind. Ich war schon da, wo Sie noch gar nicht auf der Welt g'wesen sind. Ich war schon da, wo's überhaupt noch kein Einjähriges gegeben hat, mein lieber Bub. Ich war schon da, wo der alte Herr Friemann selber den Hering einzeln hinterm Ladentisch verkauft hat und ich hab' d' Marinad' dazug'schütt't. Mir müssen S' nix mehr beibringen woll'n, mein lieber Bub, mein lieber Bub . . .« Wackelnd schritt er in dem hellen Sonnenschein dahin auf dem heißen Asphalt und zog mühsam seine Füße nach: »Ja, und den neumodischen Asphalt, wo man drin pappen bleibt bei zwanzig Grad Rehomir, den hat's selbigmal auch noch nicht 'geb'n, Gott sei Dank, den Dreck, den eingebildeten – ich glaub' alleweil, der hat auch schon das Einjährig', weil er einem d' Stiefel auszieh'n möcht' vor lauter Belehrung . . .« Eine Woche später waren sie ihm für immer ausgezogen, die Stiefel, als er strumpfsockig im Sarg lag. »Ich brauch' keine Stiefel mehr«, soll er kurz vorm Sterben gesagt haben, »ich bin meiner Lebtag g'nug drin 'rumg'laufen. Und den Janker mit der neumodischen innerwendigen Banknotentasch'n 48 möcht' ich auch nicht anhab'n, bitt' ich mir aus. Aber meine alte Ledertasch'n legt mir an die Seit'n, bittschön – man kann nicht wissen, ob sie drüben –« Hier soll er noch gelächelt haben, und die Nase soll es ihm verzogen haben, als wenn er seine letzte Prise Schnupftabak drin hochgezogen hätte. Dann war's aus. Mit der alten Tasche haben sie ihn begraben. Denn es war schon richtig: Niemand konnte wissen, ob sie sie drüben auch schon abgeschafft hatten. Drüben, wo die Kassenboten kaum mehr überfallen wurden. Drüben, wo seine alten Füße, statt auf pappigem Asphalt, ungezwängt auf federnden Wolkenbalken gehen durften. Drüben, wo es keine einjährig aufgeblasenen Lehrlinge gab, die einem alten Boten zwischen zwei himmlischen Einkassierungen die Doppelweißwurst hint' im Pschorrbräu nicht vergönnten. Die halbe Firma stand an seinem Grabe. Herr Kramer war im letzten Augenblick verhindert und schickte einen Zettel: »Herr Mathis, bitte, halten Sie die Leichenrede.« Prokurist Mathis war kein Freund vom vielen Reden. Dazu war er viel zu tätig. »Wir stehen hier am Grabe, eines Mannes« fing er freilich auch an, wie die andern »eines Mannes, der – eines Mannes, der –« Aber dann muß es ihm eingefallen sein, daß der Verstorbene niemals einen schönen Relativsatz gedrechselt hat. »Fröscheis«, warf er ihm die Erde nach, »du warst ein treuer Mann. Wir wollen's auch sein. Lebe wohl. Wir sorgen für die Deinen.« Am andern Tage waren 93 750.– Mark beim Proviantamt abzuheben und auf der Handelsbank einzuzahlen. Es hat seinen Grund, warum ich die genaue Summe noch nach fünfundzwanzig Jahren weiß und wissen werde, wenn es fünfzig Jahre sind. Der neue Kassenbote war noch nicht ernannt. Suchend gingen des Kassierers Brandmann Augen in die Runde. »Jetzt oder niemals«, klopfte mir das Herz. »Herr Brandmann«, trat ich vor und lüftete den Rockschoß, »die vorgeschriebene Tasche hätte ich.« »Das vorgeschriebene Alter wäre mir lieber«, lachte er, »na, aber ausnahmsweise . . .« Das Proviantamt war weit draußen. Schneller und 49 gehobener hat noch keiner die drei Kilometer abgewickelt. Gemessener noch keiner solche Summe nachgezählt. Nachzählen wollen. »Zählen Sie am Nebentische!« schrie mich der Beamte an, »der nächste bitte!« Es waren fünfzig Mark zu viel. Ich drängte mich in die Reihe zurück. »Was noch?« – »Entschuldigung, Sie haben sich geirrt, denn –« – »Geirrt? Dummes Zeug, die königliche Proviantamtskasse irrt sich nie! Der nächste, bitte!« Zwiespältig wanderte ich zurück mit meinen fünfzig Mark zu viel, aber immer noch gehoben. Ah, da war ja unsere Wohnung. Wie, wenn ich rasch der Mutter Guten Morgen sagte? Ja, Fröscheis, deine Doppelweißwurst fand ich nicht korrekt. Aber meine Protzerei vor der Mutter – »Mutter, was ich sagen wollte, ich habe heute über Hunderttausend dis–po–niert.« »Nein, aber so was. Da wirst du sicher Hunger haben. Darf ich dir –?« »Hem, ich habe wenig Zeit.« »Nun, zu einem Spiegelei wird es schon langen. Sieh, da schmort es schon in der Pfanne. So, jetzt noch Salz darauf. Nein, Hunderttausend sagst du? Fritz, wenn die mal dir gehören. Wenn du selbst Kommerzienrat –« »Wollen sehen, wollen sehen«, schmatzte ich mein Spiegelei so breit, daß – »Aber Fritz, mit Eigelb auf der Jacke laß ich dich nicht fort. Das fällt auf mich zurück. Komm, schlüpf in diese.« »Hem, ich habe höchste Zeit – dein Spiegelei war gar nicht übel, Mutter – grüß dich Gott.« Ich gab ihr einen Kuß. Einen gemesseneren als heute Morgen. Denn ich hatte über Hunderttausend dis–po–niert, inzwischen. So, jetzt zur Handelsbank. Ei, dort drüben in der Allee, rollte da nicht Onkel Cäsar, der Familienheilige? Der Großonkel, der Anno achtundvierzig mit dabei war. Den sie beinahe geköpft hatten, damals. Der uns Jungen immer als ein Riesenziel vor Augen schwebte: Soweit, wenn du's brächtest . . . bis zum Beinah-Köpfen, heißt das. »Ah, Onkel, freut mich, freut mich –« Aus alten, verkindeten Augen sah er mich verständnislos an. 50 »Was ich sagen wollte, Onkel: ich habe heute über hunderttausend disponiert.« »So, so.« »Dis–po–niert, Onkel!« »So, so.« »Du hast auch mal über – über hunderttausend disponiert – Parteigenossen, meine ich.« »So, so.« »Aber Onkel, das mußt du doch noch wissen.« »So, so.« »Alle Welt hat doch davon geredet.« »Geredet?« Ueber die verwässerten Augen flog ein kurzes Blitzen: »Geredet? Nein, Bub, wir haben weniger geredet damals, wir haben nur gehandelt und ge–ge–« Gelitten, hat er sagen wollen, ich sah es am verzerrten Antlitz. Die Altersschmerzen hatten ihn gepackt. Ich kämpfte mit der Lehre. Aber am Schalter der Handelsbank hatte ich schon wieder meine Zuversicht, meine Hunderttausendmarkeinbildung. »Nicht reden?« murmelte ich achselzuckend, »hat sich eben überlegt, der Alte – ich habe für Kramer \amp; Friemann dreiundneunzig –« »– tausendsiebenhundertundfünfzig Mark einzuzahlen«, ergänzte der Beamte verbindlich die geschmalzene Rede, »ich weiß – sind telephonisch angezeigt – die Quittung habe ich hier vorgeschrieben.« »Ich danke«, sagte ich trotzig und griff danach. »Erst die Summe, bitte,« lächelte der Beamte. Ich langte seelenruhig untern Rock. Teufel auch, wer hatte mir die Tasche zugenäht! Ja so, ich hatte heute meinen andern Rock. Dann waren die Banknotenbündel eben in der Obertasche. Ich griff hinein, ich fuhr leer zurück – nie wieder zwischen zwei Sekundengriffen meines Lebens ist mir so viel durch den Kopf gegangen: Kalt und heiß, und heiß und kalt – Schande, fortgejagt – lebenslange monatliche Abzahlung – es langte knapp, die ungeheure Summe zu verzinsen – zermürbt im Sterbebette und zerbröselt. – »Sie nehmen eine alte Schuld hinüber«, sagte der Pfarrer, »hoffen wir, daß drüben der Allmächtige . . .« – vergeblich' Hoffen: »An Saldovortrag«, schlug am Himmelstor ein Schuldbuch 51 auf, dreiundneunzigtausendsiebenhundertundfünfzig Mark – tut mir leid: himmelslänglich Zwangsarbeit im »Hallelujasingen« – Herrgott, wenn ich damals doch nicht – doch nicht – wo lag nur die Schuld? – ja, wenn ich besser aufgepaßt –nein, wenn ich einen solchen Auftrag gar nicht übernommen – nein, wenn ich nicht so aufgeprotzt vor Mutter und Onkel Cäsar – ja, für die Protzerei war das die himmlische Vergeltung – Gott, ich verspreche dir, ich werde niemals wieder protzen – niemals wieder, wenn du mir die dreihundertneunzigtausend herschaffst – jetzt gleich – du bist doch allmächtig, soviel ich weiß – also durch die Luft, wenn ich bitten darf – »Nun«, sagte der Beamte. Seine Stimme war gar nicht mehr freundlich. Seine Augen schielten nach dem Telephon. Herrgott, in zwei Minuten waren Kramer \amp; Friemann angerufen, hatten Kramer \amp; Friemann das Hörrohr ausgehängt: »Hier Kramer \amp; Friemann, wer dort? – ah, Handelsbank – was sagen Sie? Lehrling Müller? ohne dreiundneunzigtausend Mark am Schalter? – wie? – will verloren haben – was – schuldbewußtes Aussehen? – wie? Verlust vermutlich nur fingiert, um einem Spießgesellen Zeit zu geben . . . – ja ja, dem Menschen ist ja alles zuzutrauen – da war erst neulich eine Geschichte mit einer blauen Mauritiusmarke, für die er, glaub' ich, seine Seligkeit verpfändet hätte – natürlich übergeben Sie ihn sofort der Polizei – mir tut nur seine Mutter leid –« »Bitte«, sagte der Beamte messerscharf, »die Frau dahinten scheint Sie dringend sprechen zu –« Ich fuhr herum. Ich stammelte verzweifelt: »Mutter, Mutter, ich habe –« »– du hast den Rock vertauscht, Sohn«, sagte die Gütige lächelnd, »sieh, hier ist der Spiegeleierflecken und hier die dreiundneunzigtausend . . .« So schloß die Rockgeschichte gnädig ab. Sogar recht gnädig. Denn da war ein Ueberschuß von fünfzig Mark. Den wollte der Kassierer Brandmann absolut nicht nehmen. »Wie soll ich ihn denn buchen?« sagte er, »etwa Kassakonto an Kgl. Proviantamtsbockbeinigkeitskonto? Auch ein störrisches Unfehlbarkeitskonto macht sich schlecht in der Bilanz.« 52 »Aber ich kann die fünfzig Mark doch auch nicht behalten!« sagte ich. »Seien Sie kein Frosch: warum denn nicht. Wie Sie sie buchen werden, danach fragt kein Mensch.« Also gab ich sie der Mutter. Die nahm sie mit einem Abschlußlächeln. Wenn ich dieses recht verstanden habe: Konto Unverdienter Wertzuwachs an Mutterliebe.   Der Schrei In jede Lehrzeit fällt ein Schatten aus der Welt der schwülen Flüsterstraße. Einmal hatte mich Adolf Sturmbrenner, der Volontär, doch in seinen Klub »Kopierpresse« geschleppt. Es sei ihm eine Ehre, hatte er gesagt. Da kann man nicht so sein. Ein Lehrling ist des andern wert. Es war sehr fidel. Sturmbrenner war dort »alter Herr«. Verkehrte Welt: Bei Kramer \amp; Friemann war er noch nicht »junger Mann«. Der Vorsitzende der »Kopierpresse«, ein bemooster Lehrling, kommandierte Salamander. Ein Lehrling besaß ein Monokel. Er wurde verdonnert, eine Lehrlingsbierrede steigen zu lassen. »Verehrte Mitlehrlinge und Kopierpressanten«, sagte er, »Lehrjahre sind keine Herrenjahre, hat so ein blödes Huhn gegackert und ein Ei gelegt. Dieses Ei ist ein Windei. Hinten und vorn erstunken und erlogen. Warum sollten wir keine Herren sein? Niemand hindert uns daran, als dann und wann ein Prinzipal. Hochachtbare Mitlehrlinge, ich mache es kurz: Unsere Prinzipale sind aufgeblasene Despoten. Ein Verachtungsschluck ist noch zu gut für sie. Man muß sie anstechen wie Windeier. Dann kommt heraus, was in ihnen steckt: Wind vorne und Wind hinten. Ich beantrage eine Demonstration, welche dartut, daß wir freie Lehrlinge sind, und bitte um durchgreifende Vorschläge. Ich habe gesprochen. Hughi!« Darauf wurde der mit dem Monokel zum Obervolontär mit dem Prädikat Exzellenz ernannt. Als Demonstration schlug jemand vor, sämtliche Prinzipale mit dem Bann zu 53 belegen. Aber das gab Schwierigkeiten mangels korrekter Bannstrahlausführungsbestimmungen durch einen Lehrlingspapst. Dann wurde vorgeschlagen, die Lehrzeit abzuschaffen und die Lehrlingsbriefe zu zerreißen. Das sei, hieß es, viel zu negativ. Man müsse etwas Positives unternehmen. Sturmbrenner sah nach der Uhr. »Nach Mitternacht was Positives?« kreischte er, vom Alkohol bespornt, »da sei er also für die Wiesenstraße!« »Bravo!« hieß es, »bravo, Wiesenstraße!« Manche aber schwiegen und verschwanden. Ein blutjunges Mitglied, das sie heute aufgenommen hatten, wandte sich an mich: »Entschuldigung, was ist denn diese Wiesenstraße?« »Soviel ich weiß, nichts gutes –« Aber Sturmbrenner hatte die Frage aufgeschnappt: »Haha, unser Jüngster weiß nicht, was die Wiesenstraße ist – hurra, ich bin für seine Wiesenstraßentaufe!« Ich gab mir einen Ruck: »Wenn das die verrufene Straße ist, so wär' es Sünd' und Schande –« »Ui, ui, ui, der Herr Moral!« »– ihn dorthinzuschleifen und –« »Ei, gehen Sie doch mit, daß Ihrem Schützling nichts geschehe«, höhnte einer. »Ich gehe heim«, rief ich, »und er begleitet mich! « Der Blutjunge schwankte. »Na, Muttersöhnchen«, spottete Sturmbrenner, »geh doch mit deiner Großmama!« Es schoß ihm falsche Scham ins feuchte Jungenhirn: »Ich – ich gehe in die – in die – wie heißt sie doch –« »Wiesenstraße – hurra, in die Wiesenstraße! – nu, Großmutter, schließen Sie sich an – Gott, machen Sie kein solches Prinzipalsgesicht – es soll ja nur ein Gänsemarsch hindurch sein – und es geschieht ihm wirklich nichts, Ihrem flüggen Pflegesöhnchen – überzeugen Sie sich, bitte . . .« »Nein, ich brauch ihn nicht!« bemühte sich der Blutjunge männlich zu gröhlen. Das entschied es. Ich ging mit. Das ist jetzt einviertelhundert Jahr her. Aber es ist noch wie gestern. Jeder Schritt an diesem Abend ist mir gegenwärtig. Jede trübe flackernde Laterne unterwegs. Jedes Kneiplied, das sie in den menschenstillen Straßen mit 54 verhaltenem Uebermute sangen. Auch der Vorstadtschutzmann, der uns anhauchte: »Was wollt ihr da heraußen, marsch, ins Bett nach Hause!« Der Zwischenfall war in der »Kopierpresse« ein für allemal vorgesehen. » Divide et impera! « schrie der mit dem Monokel, »getrennt marschieren, vereint schlagen!« Sie flatterten auseinander. Der Blutjunge flatterte mit . . . man traf sich wieder in der totenstillen Straße. Nein, nicht still. Es flüsterte. Gestalten huschten. Licht schimmerte durch die Jalousien. Bemalte Mädchen standen in den Türen. Mechanisch öffneten und schlossen sich die dünnen Lippen: »Komm mit – komm mit . . .« Unser Gänsemarsch jedoch ging mitten durch. Ich sah mich um. Der Blutjunge hinter mir hatte flackernde Augen. Ah, dort unten war die Straße endlich – Holla, der mit dem Monokel war in einen offenen Hof gebogen und kommandierte mit gedämpfter Stimme einen Salamander. Aus allen Türen huschten die Bemalten, lachten, schäkerten und zogen – auf einmal saßen wir in einem schwülen Saal. Wieder öffneten sich Türen. Zutunlich kam's heran. Da – ein Schrei – Ein Mädchen war auf meinen Schützling zugestürzt: »Willi – Bruder – du!« Er sah sie zitternd an. Er kannte sie nicht. Eine sonderbare Aehnlichkeit hatte aus dem Himmel, durch die Nacht herunter, in die scheue Flüsterstraße hergelangt. Der Schrei war alles. Es war genug. Er ging uns jungen Menschen durch und durch. Auch dem Sturmbrenner. Auch dem mit dem Monokel. Er hatte mehr vermocht, als alle Tugendpredigten gegen alle Flüsterstraßen der Welt. Er hat den glitzernden Nesselschleier weggezogen. Eine Welt des Jammers von im Schmutz verkrampften armen Menschen lag uns plötzlich offen. Es hat uns eisig angehaucht. Uns war, als gingen andre Lippen stille auf und zu, Mütterlippen: »Kommt – kommt . . .« Wir kamen. Wir gingen still nach Hause. Und hinter uns der Schrei: »Willi – Bruder – du!« Gesegnet sei der Schrei. Wir haben ihm viel zu verdanken, der Blutjunge und ich. 55   So tun, als ob Bei Kramer \amp; Friemann war wieder der Massenversand der Preislisten fällig. Das war unsre Lehrlingsarbeit. Den Fakturisten gaben sie uns drein. Erster Tag – so so lala. Zweiter Tag: »Jungens«, sagte Dollmann väterlich und schlau, »kegelt euch doch nicht die Schreibgelenke aus«. Dritter Tag: »Na Kinder, mal so tun, als ob, genügt ja auch; wir stellen eine Wache aus.« – Vierter Tag: »Habt ja keine Schneid' – was liegt an ein paar Gläsern Franziskaner hintenrum – der Oberalte ist im Bad, und wenn der Alte kommen sollte, haben wir den Warnungspfiff von –« »Huiii!« pfiff es warnend aus dem Winkel, wo sie den Volontär Sturmbrenner als Wachtposten aufgestellt hatten. Die »Franziskaner« verschwanden an den Pulten. Papiere raschelten, Rücken bogen sich und die Federn schrieben rasend. Der Arbeitsraum war fieberhaft erfüllt von »tun als ob«. Prokurist Mathis mußte seine Freude haben, wie er durch die Reihen schritt. Durch die Ellenbogen sahen wir sein Gesicht. Es schmunzelte. Er verschwand. »Franziskaner vor!« kommandierte Dollmann überlegen, »er hat's gefressen. Ist auch nicht gescheiter als die andern. He, uns zu erwischen, muß schon einer früher aufstehn . . .« Wir fühlten uns. Nur einer murrte: Täuschung mache keine Freude. Wir täten ja, als wenn der Alte unser Feind sei – »Ist er auch!« schrie Dollmann, »er will uns »machen«, wir aber »machen« ihn.« Das sei dummes Zeug, er und wir wollten ganz dasselbe: ordentliche Arbeit, ohne welche keiner leben könne – »Predigt!« diktierte Dollmann. »Pfarrer Renner steigt in seinen »Franziskaner« und nimmt zur weiteren Strafe Sturmbrenners Arbeit.« Beifall. Achtungsschlucke. Viel Gemütlichkeit und wenig Arbeit. »Wenn wir uns Mühe geben, reicht die eine Arbeitshälfte noch fünf Tage«, teilte Dollmann mit. Trotz aller Gummizüge waren wir am vierten fertig. Wir 56 schickten zum Alten: Wir seien mit der einen Arbeitshälfte beinah fertig. Hm, das sei wohl Spaß? Nach seiner Rechnung hätten wir noch Arbeit für drei Tage. »Nein, ist der Alte dumm – Kinder, nichts zu tun – nicht eine Bohne – ich beantrage Anerkennungsschlücke für die Schlauheit unseres Prokuristen . . .« Die Schlücke rannen. Die Fidelität nahm zu. »Huiii!« der Pfiff der Wache. Papiere raschelten, Rücken bogen sich und Federn schrieben rasend. »Tun als ob« regierte fieberhaft im Arbeitsraum. »Was jetzt, Kinder –« »Huiii!« der Pfiff. Prokurist Mathis querte wieder in der andern Richtung. Papiere raschelten, Rücken bogen sich und Federn schrieben rasend. »Ich halte es nicht mehr aus«, sagte einer. »Ich auch nicht«, stimmte ihm ein anderer zu. »Huiii!« der Pfiff. Papiere raschelten, Rücken bogen sich und Federn schrieben rasend – nichts. »Der Teufel soll das »als ob« holen, Dollmann!« »Ja, Arbeit möcht' ich endlich!« »Ja, ja, ordentliche Arbeit, und der Renner hat schon Recht –« »Huiii!« der Pfiff. Die Papiere raschelten verzweifelt, ächzend bogen sich die Rücken, hoffnungslose Federn schrieben fieberhaft. »Ich geh' kaput!« »Ich bin zerfetzt!« »Wenn er noch mal durchkommt, bei Gott, ich werd' –« »Huiii!« der Pfiff. Kein Papier mehr, welches rascheln hätte können, arme Federn, ärmre Rücken bogen sich gegen »tun, als ob!« »Herr Mathis, bitte –« »Keine Zeit!« »Herr Mathis, wir haben wirklich –« »Morgen, morgen!« »Herr Mathis, nein wir müssen heute Arbeit haben oder –« 57 Herr Mathis stand im Gehen still. Herr Mathis hatte plötzlich Zeit. Herr Mathis lächelte: »Oder?« »Herr Mathis«, stammelte einer, »wir sind – Herr Mathis, wir haben –« »– eure »Franziskaner« im Pult, ich weiß – was noch?« »Herr Mathis, wir – wir werden –« »– die zweite Hälfte Arbeit in der halben Zeit vollenden, wie die erste, nicht wahr – gut, unter der Bedingung gebe ich sie 'raus – kommt mit!«   Französisch Eines Tages lag in der Einlaufmappe von Kramer \amp; Friemann ein Brief, der fing mit »Messieurs« an. Also französisch. Also verständlich für alle Leute, die auf Bildung hielten. Frage irgendeinen, ob er nicht auf Bildung hält. Die Mappe ging durch alle Hände. Jeder machte sein Zeichen auf den Brief aus Frankreich. »Kenntnis genommen F.« – »Gelesen B.« Als Lehrling kriegte ich die Mappe nicht. Heute hieß es: »Na, gebt sie auch dem Lehrling. Es ist was drin, das kann er übersetzen. Nicht als verständen wir nicht selbst französisch. Aber immerhin, er mag sich üben.« Die Uebung ergab: Eine Firma aus Marseille hatte von unserem Kaffeeröstpatent gehört. Ob uns einer ihrer Angestellten dieserhalb besuchen dürfe? Da es eine Uebersetzung zu meiner Uebung war, behielt ich sie für mich. Da kam ich aber schön an. Auf der Stelle soll ich sie in Umlauf setzen, hieß es. Also ging auch sie rundum. »Kenntnis genommen F.« – Gelesen B.« – »Sieh einer an, aus Frankreich«, ging es flüsternd durchs Kontor. »Haben Sie die Güte dem Manne zu schreiben, daß er uns willkommen sei,« sagte Herr Kramer zum Prokuristen. – »Schreiben Sie dem Manne, daß er kommen möchte«, sagte der Prokurist zum Korrespondenzvorstand. – »Der Mann soll kommen«, sagte der Korrespondenzvorstand zum Korrespondenten. – »Her mit dem Menschen!« sagte der Korrespondent zu mir und schmiß mir meine Uebersetzung zu. 58 »Entschuldigung, Herr Schneider«, sagte ich, »ich habe noch nie korrespondiert.« »Na, dann jetzt, zur Uebung – hopp!« Also schrieb ich, maßen letzter Weisung: » Monsieur, Venez! « Der Korrespondent Schneider legte die beiden verlorenen Wörtchen auf dem großen Briefbogen seinem Vorstand vor. Der pfiff auf französisch durch die Zähne: 'n bißchen wenig, lieber Schneider, könnte man nicht etwas mehr –? Der liebe Schneider pfiff es deutsch zu mir herüber: »Ich bitte mir 'n Brief aus, einen höflichen, nicht 'n Telegramm!« Also schrieb ich höflich: » Monsieur, Venez, s'il vous plait «. Die Zeit verging. Auf einmal wird gemeldet: »Im Wartezimmer steht ein Herr, der schicke diese Karte.« Auf der Karte stand: Emile Dufay, Représentant de Gigandet \amp; Cie., Marseille . Da kam er auch schon in Herrn Kramers Privatkontor eingetänzelt und begann, unendlich plätschernd, unsern Prinzipal französisch zuzudecken. Luftschnappend gibt ihn der mit einer französischen Handbewegung an den Prokuristen ab. Jetzt stürzt über den der Strom französischer Beredsamkeit. Herr Mathis lächelt. Er entdeckt im Wasserfall von Zeit zu Zeit ein Wort, das von einer fernen Schulzeit herübergrüßt. » Oui «, sagt dann Herr Mathis höflich, » oui «. Nach dem dritten Dutzend » oui « gibt er den Herrn Dufay ab: »Herr Frommholz, meines Wissens führten Sie den Briefwechsel – darf ich bitten.« Nun ging der Katarakt auf den Korrespondenzvorstand nieder. Er war nach fünf Minuten »alle« und jappte: »Es muß ein Irrtum sein, Sie schrieben doch den Brief, Herr Schneider – darf ich bitten.« Herr Dufay ritt die vierte Offensive. Wieder siegreich. Der arme Schneider verschanzte sich, wütend lächelnd, zwar bis an die Zähne. Aber er wurde französisch zerklopft, zersägt, zerschnitten, bis er verzweifelt zu mir herüberschielte: »Hm, den Vertreter des Welthauses Gigandet \amp; Cie., Marseille, dem Lehrling von Kramer \amp; Friemann überlassen?« Ich bereitete mich triumphierend vor mit » Monsieur «, und » Il m'est un grand plaisir, Monsieur « und » J'ai l'honneur, Monsieur « und » Voulez-vous aller avec moi dans le Hofbräuhaus, Monsieur? « als wir den Torwart Pleiner hinten sagen hörten: »Ich versteh' die Leut' nicht, daß sie sich so plagen mit dem Kasperl, wo er mit dem Kutscher ganz nett deutsch daherg'red't hat.« Deutsch? Ha, Verwandlung auf der Bühne! Von allen Seiten kam es auf Herrn Dufay von Gigandet \amp; Cie., Marseille, zugeströmt – Prinzipal und Prokurist und Vorstand – »Ah, Sie sprechen deutsch – famos, famos – na, da woll'n wir denn einmal . . .« Er hat leugnen wollen, der Herr Dufay. Es half ihm nichts. Die Gegenoffensiven wurden eingeleitet, deutsche Gegenoffensiven. Und ich kann heute noch bezeugen, daß die nicht von schlechten Eltern waren. Plätschernd, strömend, kataraktig, sündflutartig sind sie über ihn hereingebrochen. Tapfer hat er sich gewehrt mit »Ja« und »Sehr angenehm« und »Ganz meinerseits« und »Es ist mir ein Vergnügen« und »Nach Ihnen, wenn ich bitten darf, nach Ihnen!« Aber dann hat ihn eine Abordnung mit ins Hofbräuhaus genommen. Und da hat er dann die Waffen gestreckt. Bedingungslos.   Nummer 2 und 3 Die Fragen nach den letzten Gründen werden tiefsinnig von uns gestellt und lächelnd vom Leben beantwortet. Eine Lebensbahn springt himmelstürmend ab und mit Entsagung wieder ein – was war der letzte Grund? Da kommen sie mit Schaufeln um ihn aufzuschürfen. Stellt die Schaufeln in die Ecke, lachet lieber: ein kleines Blechstück war's mit »Frei« darauf und mit »Besetzt«. Zu meiner Lehrlingszeit bei Kramer \amp; Friemann gab's dort einen namens Pframm. Seines Zeichens war er Auflader. Was hat der alles aufgeladen! – die Petroleumfässer, die Rosinensäcke, die Makkaronikisten! – wenn man sie in eine Reihe stellte, wetten wir, es kommt mindestens der Abstand zweier Längengrade heraus. Wobei ich annehme, daß 60 euch der bekannt ist. Ich habe eben nachgeschlagen. 111,111... Kilometer sind es am Aequator. Als dieser Pframm den hundertelften Kilometer aufgeladen hatte, sagte er: »Es ist genug.« So einer sagt: »Es ist genug«, und die Arme reckt, kann er dir auch eine Rede halten über das Warum und Wie, wenn du ihn fragst. Meine Lehrlingsneugier hat's damals nicht mehr ausgehalten und den Pframm befragen müssen, als er seinen Lederaufladhaken hinschmiß. »Pframm«, habe ich gesagt, »wenn man solche Aufladschultern hat wie Sie, und einen solchen Aufladlupfer in den Knien wie Sie, so ist es schade, daß –« »Nix ist schad', junger Herr«, hat Pframm gesagt, und seine Worte kollerten wie die Schmalzkübel, die er auf den Wagen schutzte, »nix ist schad' – Schluß ist, sag' ich – unsereins hat auch sein' Ehrgeiz, blitzbombenelement – und meinen Sie, ich hab' umsonst Buchführung und Kontorkunde bei Klix genommen, ein Vierteljahr lang, die Stunde eine Mark und fünfzig – wieviel Kisten, glauben Sie, daß ich aufladen muß, bis ich eine Mark und fünfzig beieinand' hab' – und jetzt soll ein anderer die Petroleumfässer schmeißen – von jetzt ab bin ich bei der Rigestitatur, der Prokurist hat's mir versprochen, weil er einen Sinn hat dafür, daß man nicht ewig aufladen kann bis an sein selig' End' –« »Pframm«, schaltet meine junge Weisheit ein, »aufladen muß ein jeder, die Registratur hat auch ihre Mucken –« »Junger Herr, nix für ungut, aber das verstehen Sie nicht – das kann man nicht vergleichen – oder haben Sie vielleicht siebenundzwanzigtausend Wagen auf- und abgeladen, wie ich – und schaun Sie sich zum Beispiel den Binswanger von der Rigestitatur an – der ist zu mir in die Schul' 'gangen – jawohl zum Lehrer Wiesmaier, das war nämlich der mit dem Kropf – und kommt doch alle Tag' eine Stund' später ins Geschäft als ich und geht dafür eine Stund' früher, der eingebildete Hanswurscht –« »Aha, Pframm, der Neid also, der blasse Neid –« »Junger Herr, nix für ungut, aber was ein richtiger Auflader ist, der kennt gar keinen Neid – oder meinen Sie 61 vielleicht, ich beneid' den Binswanger um seine Bügelfalten in der Hos'n – wenn ich wollt', könnt' ich den ganzen Binswanger mit einem Handgriff niederbügeln, den zaundürren Bratheringsstecken, den – aber wie der Aff' sich herausnimmt, mich zu grüßen, wenn ich ihm auf der Straß' begegnet bin – so einen Schlenker macht er mit der linken Hand und stoßt den vorderen Hutrand 'rauf, aber nur ein bissel, daß man es kaum merkt – wo er doch mit mir in die Schul' 'gangen ist – zum Lehrer Wiesmaier – das war nämlich der mit dem Kropf –« »Also wegen des Grußes ist es, Pframm, daß Sie –« »Nix für ungut, junger Herr, ich mach mir überhaupt nix aus der dummen Grüßerei – was ein richtiger Auflader ist, halt die Peitsch'n nur ein bissel schief, das ist Gruß grad g'nug – aber deswegen ist der Binswanger doch ein ganz gemeiner Mensch –« »Na, aufgeblasen eben, Pframm, aber nicht gemein –« »Nix für ungut, junger Herr, aber war das vielleicht nicht gemein neulich, wo ich mit meinem Schlüssel warten muß vor Nummer 3 –« »Nummer 3?« »Nun wissen Sie doch, seitdem der Kramer \amp; Friemann in den neuen Neubau 'zog'n ist, hat doch ein jeder seinen Extraschlüssel für Nummera Null –« »Sie sprachen doch von Nummer 3?« »Nix für ungut, junger Herr, Sie brauchen sich nicht dümmer z'stell'n als S' sind, wo doch ein jeder weiß, daß bei uns Nummer Null von Nummer 1 bis 3 geht – und Nummer 1 ist für Herrn Kramer selber und die Prokuristen, was man ja verstehen kann und wo kein vernünftiger Mensch was dagegen hat – aber warum der Binswanger, der Hanswurscht, eine Nummer 2 als Nummer Null hat, mit einer Maschinerie, »Besetzt« und »Frei« – derweil' unser Nummer 3 das nicht hat, sondern alle Augenblick' wackelt einer draußen mit der Klinken, ob's noch nicht frei ist –« »Aha, und da haben Sie also selbst gewartet, neulich?« »Ja, heut vor einem Vierteljahr war das, daß ich warten hab' müssen und warten vor Nummera 3 – und hab' ich g'meint, ich derleb's nimmer – auf einmal seh ich, daß einer 62 von Nummer 2 vergessen g'habt hat, die Tür wieder zuzumachen – nix für ungut, junger Herr, aber was täten Sie in einem solchen Fall?« »Ich ging hinein auf Nummer 2.« »Auf Nummer 2? Da gehören Sie ja so wie so hin, wo Sie doch vom Personal sind.« »Hm, ob ich allerdings auf Nummer 1 –« »Nix für ungut, junger Mann: Sie täten's – Sie täten's ganz bestimmt, – heißt das, wenn's offen wär' und wenn Sie so lang' hätten warten müssen vor Nummer 2, wie ich vor Nummer 3 –« »Gut also, nehmen wir an, ich hätt's getan – was dann?« »Dann? Dann nähmen wir an, wie Sie wieder 'rausgehen, käm ein Prokurist – täten Sie sich bei dem vielleicht entschuldigen?« »Nein, er würde das sicher gar nicht erwarten und –« »Sehn Sie, da haben wir's, weil er ein anständiger Mensch ist, der Prokurist – aber der Binswanger, der ist ein eingebildeter Hanswurscht, sonst hätt' er mich nicht, wie er mich 'rauskommen sieht, so blöd' ang'schaut und so damisch g'fragt –« »Was hat er denn gefragt?« »Wie kommen Sie aus Nummer 2, wie? hat er g'fragt – auf hochdeutsch natürlich – wie man halt fragt, wenn man ein'n derblecken will.« »Und was haben Sie darauf gesagt?« »Wie ich aus Nummera 2 komm?« hab' ich g'sagt, »auf meine zwei Füß, wie Euer Hochwohlgeboren sehn«, hab' ich g'sagt. »So«, sagt er, »so? wissen Sie nicht, daß das verboten ist? – »Verboten?« sag' ich, »wo doch offen ist und wo die Maschinerie auf »Frei« steht und wo's überhaupt pressiert –« »Pressiert oder nicht pressiert«, sagt der Depp, »Nummer 2 ist für das Personal reserviert, wissen Sie das nicht?« – »Sie?« sag' ich, »Sie? Auf der Schul' hab'n wir Du zueinander g'sagt, und der Lehrer Wiesmaier, der wo den Kropf g'habt hat, der hätt' uns einen netten Landler 'blasen, wenn wir verschiedene Nummer Null hätten hab'n woll'n in der Schul' –« »In der Schule«, sagt der Aff', »war das ganz was anderes, Verehrter, aber bei 63 Kramer \amp; Friemann gehöre ich zum Personal, wogegen Sie –« – »O mei'« sag' ich, »als ob das auch was wär', zum Personal zu g'hör'n – wenn ich möcht', g'höret ich in einem Vierteljahr grad so gut zum Personal, als wie ein gewisser Binswanger, der beim Lehrer Wiesmaier auch nur einen Dreier im Rechnen g'habt hat wie ich!« Der Auflader Pframm holte Atem. Die Erinnerung an die Binswangersche Gemeinheit hatte ihn überwältigt trotz seiner kolossalen Lungen und Schultern. »Nun«, sag' ich, »und was hat darauf der Binswanger –?« »Bleich ist er word'n, kalkbleich. Sein Taschenkalenderl hat er aus der Westentasch'n zog'n. Aufg'schlag'n hat er's. »In drei Monaten?« hat er 'rauszischt, »gut, heute haben wir den siebzehnten September – in drei Monaten ist der siebzehnte Dezember – wir werden ja sehen – wir werden uns wiedersprechen, Sie – Sie Aufschneider!« Der Auflader holte wieder Atem. »Bravo«, sagte ich ermunternd, »bravo, Pframm, heute haben wir den 14. Dezember.« »Ja«, sagt er, »und morgen fang' ich an in der Rigestitatur, aber« – und eine selige Vertraulichkeit zieht über sein gutmütiges Aufladergesicht – »aber den Schlüssel, den Schlüssel zu Nummera 2, den hab' ich heut' schon 'kriegt – sehn S', da ist er – zeig'n S' einmal den Ihrigen, junger Herr.« Er verglich ihn mit dem meinigen und wurde immer seliger: »Der eine ist wie der andere – ganz genau – ist doch wunderbar, daß man zwei Sachen so genau –« Ein Schatten fiel in den Torweg, ein dünner Schatten, in der Richtung gegen Nummer Null. »Bscht«, wisperte der Auslader mit sonderbarer Eile, »dort geht er, der Aff' – dem komm ich ja leicht vor – wiss'n S', ich bin heut grad extra schon fünfmal grad vor seiner Nas'n auf Nummera 2 – das Gesicht, sag' ich Ihnen, was der jed'smal macht, das Gesicht – » Besetzt! hahahaha . . .« * In knapp drei Monaten hatte also Pframm von Nummer 3 auf Nummer 2 umgesattelt. Zum zweiten 64 Stellenwechsel – so was lernt sich – brauchte er noch nicht sechs Wochen. Ich traf ihn wieder unterm Torweg: »Nun, Herr Pframm, wie weit ist's noch nach Nummer 1?« »Sie irren sich in der Richtung«, sagte Pframm hochdeutsch und traurig, »ich hab's satt.« Er sah in seine Hände. Sie waren weich geworden, schwammig weich. Es war nicht schwer zu raten, sie sehnten sich nach alten Schwielen. »Macht sie Ihnen keine Freude mehr, die Rigestitatur?« »Registratur«, verbesserte er jetzt mich , »der Teufel soll sie holen.« »Aber Herr Pframm, ich bitte Sie«, versuchte ich ihn auszuholen, »diese saubere Arbeit –« »Sauber? Ja, und schauderhaft – ABCD den ganzen Tag, bis man den Drehwurm hat!« »Aber man hat doch seinen stillen Arbeitsplatz –« »Still? haha – alle Augenblick' kommt einer hergeschossen: »Pframm, Akt Zuckerfabrik!« – »Pframm! Akt Reisevorschußkonto!« – »Pframm, der Provisionsakt ist nicht nachgeklebt!« – den ganzen Tag, »Pframm! Pframm!« es ist, um aus der Haut zu fahren – nun, einmal wird sich's ausgepframmt –« »Aber Pframm, Sie wollen doch nicht sterben?« scherzte ich. »Sterben? nein, gestorben bin ich, leben will ich wieder!« »Na, Pframm, unsereins lebt auch.« Er umfaßte prüfend meine Lehrlingsgestalt: »Hm, solange man jung ist, merkt man freilich nicht den Unterschied – aber später – nichts für ungut, Herr Volontär, aber richtig leben tut unsereins doch nur, wenn man zugreift – wenn man stemmen kann und lupfen – wenn man Akten einpappt, weiß man gar nicht mehr, daß man auch Schultern hat und Füße – ja, und wenn dann tüchtig aufgeladen ist, hübsch im Gleichgewicht und hochgetürmt, die Ross' ziehen an und man springt auf mit einem Satz, holla–hu! »Da wirbelt aber auch der Staub auf, Pframm, wie bei den Akten.« 65 »Staub? Das ist Dreck, Herr Volontär, nicht Staub! Dreck, ordentlicher Dreck, der ist schon recht, der ist gesund. Aber Aktenstaub, pfui Deifel!« Das Hochdeutsch fiel schon ab. Es konnte nicht mehr weit zu seinem Wagen sein. »Pframm«, frug ich ihn geradezu, »möchten Sie gern wieder Auflader –?« Es riß ihn ordentlich hoch: »Mögen? fragen S' nicht so dumm – mit Respekt zu sagen – Herr Volontär – ich mag freilich, aber der Kramer \amp; Friemann wird wohl nimmer mögen – ein Auflader, der vor der Zeit ausspannt, wird er sagen, ist verpfuscht . . .« Er trabte bekümmert ins Kontor ans Pult und fuchtelte wütend mit dem Pinsel im Gummiarabikumglas herum. Noch einen traf ich wütend an diesem Vormittag. Das war der Lagerhalter Hüttelmann. Ein neuer Fuhrknecht hätte, wie er sagte, den hochgeladenen Wagen ganz vermurkst. »Sehen Sie nur, wie verrückt der Kerl aufgeladen hat, der biegt nicht einmal um die zweite Ecke, eh' er den ganzen Krempel umschmeißt.« »Warum stellen Sie den ungeschickten Menschen ein?« fragte ich grün. Da wurde er auch grün vor Zorn. »Warum? warum? man kriegt ja keinen ordentlichen Nachwuchs mehr. Alles drängt sich ins Kontor. Ein jeder will ein feiner Herr sein, Bügelfalten haben, Nummer 1 markieren –« »Nummer 2«, schaltete ich ein. Aber er hörte nicht vor Eifer. »Ja«, rief er, »solche Leute wenn noch zu haben wären, wie der Pframm selig –« »Entschuldigung, das weiß ich nun bestimmt: der Pframm ist gar nicht selig, sondern im Gegenteil.« Er hörte noch immer nicht, vor lauter Händel mit dem neuen Fuhrknecht. Ich mußte ihn am Arme packen: »Herr Hüttelmann, was krieg' ich, wenn es mir gelänge, den Pframm wieder zum Aufladen zu überreden?« Er schaute ungläubig: »Reden Sie keinen Unsinn, junger Mann, der Mann kommt nicht mehr. Wer sein erstes Pfund Kontorstaub geschluckt hat, ist für uns verloren.« 66 »Mir scheint, es fehlen ihm noch ein paar Gramm am Pfund – was krieg' ich also?« »Durch Sonn und Mond hau' ich Sie!« brüllte er den Neuen an, »wenn Sie den zweiten Wagen auch so miserabel aufgeladen haben – wahrhaftig, noch miserabler! Runter, alles wieder runter, sag' ich, Sie Kamel von Gottes Zorn!« Schweigend lud der Neue ab. Bei der letzten Kiste aber drehte er sich um: »Steigts mir den Buckel rauf, ich geh' zur Konkurrenz!« Sprach's und verschwand zum Hof hinaus. Hüttelmann rannte verzweifelt um den abgeladenen Wagen: »Wer ladet mir den Wagen auf, he, wer!« Er war noch keine dreimal um den Wagen gerannt, schätze ich, als ich, den Pframm am Aermel gepackt, herankam: »Da, Pframm, es ist Not am Mann!« Pframm blinzelte von mir zu Hüttelmann, vom Hüttelmann zu mir, hob die Schultern hoch – nein, es war kein Achselzucken, nur sehen wollte er, ob sie nicht eingerostet wären – schmiß den Kontorrock hin, band sich eine Lederschürze vor und lud aus, lud auf – in schweigender Pracht und Seligkeit. Nicht minder selig war Hüttelmann inzwischen zum Prokuristen gerannt: Ob er den Pframm wieder haben dürfe? »Heute lieber als morgen – soll die Registratur schon halb vermurkst haben, der arme Dädalus.« Hüttelmann hielt's für den Vornamen. »Pframm!« kam er angepustet, »Dädalus Pframm, Sie bleiben wieder bei Roß und Wagen, ich hab's durchgesetzt!« Pframm hörte gar nicht hin. Er türmte in musterhafter Architektur die letzte Kiste, gab ihr einen letzten Ruck mit seinen Hünenschultern, überschaute alles kritisch, sich mit den Händen langsam in den Hüften wiegend – aufgesprungen war er – holla hüüü –! Ich lief eine kleine Strecke mit: »Und der Binswanger, he?« »Der? dem armen Steckerl gönn' ich seinen Gummiarabikum – der hat ja keine Ahnung, wie das wohltut, wenn man wieder seine Makkaronikisten lupfen kann – woll'n S' mitfahr'n, Herr Volontär?« 67 »Wenn ich dürfte«, lachte ich, »aber es geht nicht – ich hab' einen Schlüssel Nummer 2.« »Ja so, ja so.« Er griff im Fahren in die Tasche. Er schmiß mir einen Schlüssel zu: »Da, geb'n S' dem Materialverwalter Nummer 2. Sag'n S' ihm, ich möchte wieder meine Nummer 3, und ich pfeif auf »Besetzt« und »Frei« – b'sessen war ich, und frei bin ich –!« Es zwickte mich noch immer: »Aber der Binswanger –« »– ist ein armer Depp, das hat schon der Lehrer Wiesmaier g'sagt – wiss'n S', der mit dem Kropf – hü, Bräundl, hüüü . . .!«   Das Jubiläum Heute also . . . . Adolf Wiedmann hatte sich im Bett herumgedreht und blinzelte zum Fenster in die Morgendämmerung. In ihm selber war's nicht dämmerig. In ihm selber war es klar von einem stillen Licht. Vor ein paar Wochen war das Lichtlein aufgeglommen, flackernd erst und ungewiß, dann ward es größer, größer, und heute . . . heute morgen war es eine Sonne, die so sicher hinter dem Gebirge und Geröll des Lebens aufstieg, wie unsere alte Sonne jeden Tag. Wie eine Sonne? Nun, ein Jubiläum von einviertelhundert Jahren ist schon eine Sonne, dachte Adolf Wiedmann und reckte sich im Bette, daß es knackte in den Federn der alten Sprungfedernmatratze. Auch die Sprungfedern der Erinnerung knackten und schnellten rückwärts . . . Heute vor fünfundzwanzig Jahren war er eingetreten. Ein altes Ladenschild streckte sich aus der Vergangenheit über die fünfundzwanzig Jahre herüber. »Kramer \amp; Friemann« stand darauf. Es war keine neue Firma. Man sah es an dem Schild. Und dann war er, der Neue, nach und nach ein altes Firmenstück geworden. Groß war die Firma damals nicht, eine Handvoll Leute über Laden, Magazin und das Kontor verstreut, das war alles. Die hielten aber auch zusammen wie geschweißt. Es war keine Ueberheblichkeit des einen vor 68 dem andern. Der Kontordiener schien genau so wichtig wie der Hauptbuchhalter und der Prinzipal. Und eben dieser Kontordiener war Adolf Wiedmann. Und eben dieser Adolf Wiedmann drehte sich zum letztenmal im Bett herum und sprang heraus. Sprang mitten hinein in sein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum. Fest auf seine beiden Beine sprang er. Die gaben noch nicht nach, trotzdem sie nicht viel weniger als an die sechzig Jahre aufzustützen hatten. Ja, wenn bei ihm auch alles andere so zuverlässig gewesen wäre. Aber da war das Herz, das alte Herz, das klappte schon ein wenig nach . . . Und manchmal, wenn der alte Wiedmann nach der großen Aktenrevision den gebeugten Rücken rasch gerade straffte, gab's ihm einen Stich, daß er kaum noch schnaufen konnte. Wenn er dann mit der Rechten an den Kontorrock fuhr, wo links die Federhalter und die Stifte stecken, hätte er beschwören können, jetzt sei sein Herz auf einen Schnaufer oder zwei ganz stillgestanden. Heute nichts von Stillestehen. Heute hieß es, hurtig in die Kleider. Ein Jubiläum ist ein Jubiläum. Das darf man nicht beschweren mit kopfhängerischen Gedanken. »Wer weiß« – er seufzte doch ein wenig – »wer weiß, zu einem fünfzigjährigen wird es wohl nicht mehr reichen. Ueber den lichtgewordenen Kopf fuhr er sich und schaute in den Spiegel. Ein altes Gesicht sah ihm entgegen. Eins, das vom Kontor kreuz und quer zerprägt war, zerfältelt und zerpflückt. Es klopfte: »Zeit ist's, Herr Wiedmann, aufstehn!« Er lächelte erst. Dann sagte er: »Bin schon auf, Frau Kolbinger. Die Sonntagskleider aus dem Gangschrank durch den Türspalt, bitte.« »Die Sonntagskleider? Aber heut ist doch nicht –« »Weiß schon, nicht für Sie, aber für mich.« Draußen brummelte die Wirtin. Draußen schlurften Schritte. Draußen klinkte die Tür einen Spaltbreit auf – »Da, bitte. Vielleicht eine Taufe oder ein Begräbnis?« »Weder – noch. Es ist etwas zwischen diesen zwei –« »Ah, eine Hochzeit – aha – aha.« Befriedigt schlurfte es von dannen. Herr Adolf Wiedmann lächelte immerfort beim Anziehen. 69 Wie ein Königshase freute er sich, daß er niemanden was von seinem fünfundzwanzigjährigen gesagt hatte. Seiner Zimmerwirtin nicht, der Hausmeisterin nicht, seinen paar Verwandten in der Stadt nicht, nicht einmal seinem Barbier. Und erst recht natürlich keiner Seele im Geschäft. Wäre noch schöner, die Geschäftskollegen mit der Nase draufzustoßen. Die mußten das von selber wissen. War sein Eintritt im Geschäft nicht unverlöschlich aufgezeichnet? Hatte er nicht erst vorgestern dem Prinzipal das Personalbuch aus dem alten Schranke holen müssen? Im Personalbuch aber stand es auf der dritten Seite: Adolf Wiedmann, Eintritt am 1. Juli des Jahres soundso. Und wenn man dazu fünfundzwanzig Jahre legte, kam auf ein Haar der Tag von heute 'raus. War das nicht klar genug? Natürlich wußten sie es alle im Geschäft, wenn sie es auch nicht merken ließen. Ueber so etwas wird vorher nicht geredet zu dem Jubilar, das ist ja selbstverständlich. Aber er, der Adolf Wiedmann, hatte es halt doch gemerkt. Da war das Personalbuch, das man alle Augenblick verlangte und auf dem er eingetragen war auf Seite 3. Da war allerlei Geflüster im Kontor. Und wenn auch der jüngste Lehrling ihm gesagt hatte, um den Hauptbuchhalter habe sich's gedreht – ihm, dem alten Wiedmann machte man nichts vor. Da war ferner eine Vermesserei um sein Pult herum gewesen. Und wenn auch der Schreiner sagte, es handle sich um eine Wandbekleidung, er ließ sich hängen, wenn das nicht ein Transparent werden würde mit der umkränzten Lichtzahl 25 . . . So – jetzt war er fertig. Noch ein paar Bürstenstriche, einen letzten Blick in seinen alten Spiegel und leichtbeschwingt, soweit die Füße und das Herz erlaubten, den Gang entlang – »Herr Wiedmann, Ihren Kaffee!« »Schon gut, Frau Kolbinger – verzichte heute –«, draußen war er. So schnell, daß Frau Kolbinger die sorgsam zurechtgelegten Fragen wegen der Hochzeit mit dem besten Willen nicht mehr anbringen konnte. Nein, das war nicht recht von ihrem Zimmerherrn. Nun kam er erst am Abend heim und konnte ihr noch höchstens sagen, wie's gewesen war, 70 während sie in erster Linie wissen hätte wollen, wie es würde. Die Zukunft hatte sie von je gekitzelt, am Vergangenen ließ sich nichts mehr ändern. Auch bei Herrn Wiedmann war es heute so. Auch ihn bewegte auf dem alten Wege durch die Straßen, was bevorstand, nicht was gewesen. Gewesen waren fünfundzwanzig Jahre Pflichterfüllung, gewesen war vor zwanzig Jahren sein letzter schüchterner Versuch, sich eine kleine Frau zu holen, gewesen war die letzte Nacht voll wirrer Träume, gewesen auf ein Haar der letzte Kaffee, bei dem ihn die Frau Kolbinger ausholen hätte wollen . . . nein, es war besser, wenn er überhaupt den Kaffee strich – das Herz war wieder gar nicht recht in Ordnung – noch gestern hatten ihn die sonderbaren Stiche überfallen – hm, Stiche? – auch die Stiche gehörten zum Vergangenen, das ihn jetzt nichts anging. Jetzt, da er seinem höchsten Ehrentag zumarschierte, war das Heute Trumpf, die nächsten zwei, drei Stunden. In diesen würde es sich zeigen, ob ihn sein Geschäft zu schätzen wußte. Würde es sich zeigen, ob die Angestellten im Geschäft was für ihn übrig hätten. Würde es sich zeigen, ob der Prinzipal auch eine kleine Rede hielt. Ob er ihm in Anerkennung treuer Dienste ein paar Noten – nein, kein Geld, ein Händedruck und ein paar liebe Worte waren mehr. Und am Ende noch das Transparent an seinem Pulte und – und vielleicht – er zitterte vor verhaltener Freude – – vielleicht auch noch ein Ständchen? Ja, so ein Ständchen! Wann war es doch, da hatte er in einem Hof ein Ständchen spielen hören, ein wunderfeines Ständchen, und der Gefeierte hatte aus einem Fenster im dritten Stock gesehen. Wie der gerührt war, und wie alle Leute klatschten! Von der Rührung angesteckt, hatte ihn der Wunsch nicht mehr verlassen: Wie, wenn du auch einmal bei deinem Fünfundzwanzigjährigen . . . .? Nicht, daß er es verlangte. Nein, selber mußte so was kommen, dann erquickte es. Darum hatte er kein Wort vorher gesprochen, nicht ein Wort. Auf die Gefahr hin, daß sie's ganz vergessen würden. Und wenn sie es vergäßen . . .? Gut, so war es halt vergessen. Er, der Adolf Wiedmann, machte sich nicht allzuviel daraus. Nicht so viel! 71 »Guten Morgen, Herr Wiedmann!« Er fuhr herum. Aha, ein Lehrling. Wie der sich verstellte mit der Stimme! Aber er, der Wiedmann, hatte da ein feines Ohr. Er hörte doch den aufgeregten Jubiläumsklang aus dieses Lehrlings Stimme. Na ja, es würde kommen, was halt kommen mußte. Etwas befangen schritt er durch das Tor, den Hof – leer? – kein Mensch mit einem Musikinstrument? Schon gut, das kam ja alles später. Da war die Treppe. Aha, nochmal so blank gescheuert wie sonst. Langsam nahm er Stufe ab für Stufe, wie ein Feldherr. Da war das Kontor, nüchtern wie immer. Aber – er schnupperte leicht nach oben – das war, Gott soll ihn strafen, Jubiläumsluft. Daß die gewohnten Leute an gewohnten Pulten saßen, die gewohnte Arbeit machten, sich kein Strichelchen nach Adolf Wiedmann umsahen, täuschte ihn als alten Kenner nicht. Die mußten früher aufstehn, ihn zu täuschen. Da stand sein eigenes Arbeitspult. Er umfaßte es mit einem Blick – kein Transparent und keine Vorbereitung? Dummes Zeug, ein Transparent vorm Abend hatte keinen Zweck. Er blinzelte nach der Mattscheibe des Privatkontors von Herrn Kramer. Ob der nicht über einem Konzept zu einer Rede saß? Wie, leer? Na ja, dann übte er halt noch in seiner Wohnung – würde später kommen – Inzwischen kam die Arbeit. Adolf Wiedmann setzte sich an sein Pult, wie er es seit fünfundzwanzig Jahren, morgens, mittags, dreißigtausendmal getan. Adolf Wiedmann tauchte seine Feder ein und trug eingelaufene Rechnungen ein: Westerland \amp; Co., Hamburg, 27. Januar . . . Mk. 3246.75 Gebrüder Michaelles, Bremen, 28. Januar. Mk. 4588.15 Friedrich Paulsen – Die Kontoruhr schlug. Fertig mit den Rechnungen. Hinter ihm raschelten Blätter. Oder war's das Rascheln eines Kranzes? Aber er sah sich nicht um. Die Dinge des Glücks mußten von selber kommen. Er lief ihnen nicht nach. Nicht einmal den Halswirbel drehte er nach ihnen. Jawohl, das konnte er sich leisten. Er kam auch ohne Glück aus. In 72 fünfundzwanzig Jahren habe ich's bewiesen, dachte er, sich selber überredend. Obgleich er hätte wissen müssen, daß in den fünfundzwanzig Jahren eine ganze Menge Glück war. Oder war es kein Glück, in fünfundzwanzig Jahren niemals aufgekündigt zu werden? Da waren andere, die von einer schlechten Zeit aufs Pflaster hinausgeworfen, halb verhungerten. Und er? Keine Sorgen von Bedeutung, ein leidliches Sparkassenbuch . . . Und war es kein Glück, Dutzende von jungen Leuten heranbilden zu helfen, die ihren Weg in die Welt hinaus machten? Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, kam's ihm in den Sinn. In die weite Welt hinaus war er wohl noch nie gekommen. Aber ist die weite Welt nicht überall? Auch in einem Kontor, das sich jetzt zum Jubiläum rüsten würde. »Wiedmann!« »Bitte, Herr Kramer?« »Personalbuch, rasch!« Er flog zum Bücherschrank. Wie von selber schlug sich die Seite 3 auf. »Ist gut.« Aha, er machte Notizen. Lächelnd ging er an seinen Arbeitsplatz zurück. »Wiedmann!« »Ja?« »Stellen Sie das Personalbuch an seinen Platz zurück.« Die Zeit verrann. Die Uhr schlug neun. Hm, wenn er sich nicht täuschte: Vor zehn Uhr wurde nie ein Jubiläum – »Wiedmann, Postanweisungsbuch schon eingetragen?« »Nein, Herr Brandmann, in einer halben Stunde etwa, wenn –« »Schon gut – 'n bißchen fix, wenn ich bitten darf.« Wiedmanns Feder flog: Max Borner, Regensburg         Mk. 45.60 August Blümmer, Kempten Mk.  134.10 Stephan Kreidolf – »Bscht, Herr Wiedmann«, sagte da eine halblaute Stimme neben seinem Pult, »warum sind Sie heute gar so feierlich gekleidet?« 73 »Ich?« Er sah an sich hinab, dann auf den fragenden Volontär Sturmbrenner, »ich? ich bin gar nicht extra angezogen.« Hm, der wußte also nichts? Uebrigens ganz natürlich. Alle konnten doch nicht eingeweiht sein. Der Prinzipal, der Prokurist und noch einige vom oberen Personal, hatten die Geschichte unter sich beraten – die würden dann – Hm, zehn auf zehn – uff! War das ein langer Stich im Herzen. Er schnappte nach Luft. Es war ihm siedend eingefallen. Daß er aber auch nicht früher daran gedacht hatte! Hundertmal hatte er sich vorgestellt, wie der Prinzipal die Rede halten würde, wie sie ihm alle der Reihe nach die Hand drücken würden, alles das hatte er sich bis in die kleinste Einzelheit schon ausgemalt – wie oft, wie oft – aber was er drauf erwidern würde – und es war doch klar, er mußte drauf erwidern – nein, nicht viel, durchaus nicht viel, zwei Sätze etwa, oder auch nur einen – aber immerhin, wissen mußte man doch diesen Satz vorher – Und er begann, sich diesen Satz in fieberhafter Eile zurechtzulegen: »Herr Prinzipal, meine Herren«, würde er sagen, »ich bin von Ihrer Güte – ja, von Ihrer Güte, überwältigt und ich danke Ihnen von Herzen – ja, von ganzem Herzen für die unverdiente –« Teufel, noch eine Minute vor zehn – gleich würde Herr Kramer in seinem Privatkontor aufstehn, zum Prokuristen gehen – Da – da kamen Musiktöne vom Hofe herauf und trommelten leise an die Fensterscheiben – tralala – Klarinetten, Flöten, eine Orgel oder so was, aha aha – Ein sonniges Leuchten ging über Adolf Wiedmanns Züge. Sonnen von fünfundzwanzig Jahren spielten über sein Gesicht: »Ah, jetzt kam's – jetzt kam das Ständchen . . . . er hatte es ja doch gewußt – gewußt – uff!« Ein neuer Stich, ein letzter Stich – kurz schnaufte er auf, ein letztes Mal – vornüber sank der Kopf aufs Pult. Vom Hofe die Töne quollen und quollen: Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er – 74 orgelte der Invalide da drunten herauf, gleichmütig, unermüdlich – »Wiedmann, sagen Sie dem Mann, er soll aufhören und – – und geben Sie ihm eine Kleinigkeit – Wiedmann!!« Aber Wiedmann sagte dem Mann nichts mehr und gab dem Mann keine Kleinigkeit mehr. Wiedmann, dem der Herrgott im rechten Augenblick die rechte Gunst erwiesen hatte, war von eben diesem Herrgott auf einen weiten Weg geschickt worden, einen Weg, von dem er niemals wiederkommen würde, um auf dieser Erde fünfundzwanzigjährige Jubiläen zu feiern . . .   Zyankali Einer faß bei Kramer \amp; Friemann am dritten Fenster links, der war nicht jung und war nicht alt. Eine Wanduhr war er, deren Pendel in den Morgenstunden schwang, tick tack, tick tack. Da kam ein tick, aus blieb das tack, schief hing das Pendel in der Luft und war erstarrt. Kein Mensch im Hause kümmerte sich um die Uhr. Es wird Mittag, es wird Abend, und das Uhrgesicht zeigt immer noch die frohe Jugendstunde: Kommt ein Ungeduldiger, entrüstet sich: »Wie, halb acht Uhr Früh, und geht doch schon auf sechs Uhr abends – na, dir werden wir mal – die Zeiger schnurren, es zerrt an den Gewichten – angstvoll rappelt's im Gehäuse, flehend heben sich die Zeigerhände: »Sachte, sachte!« – »– werden dir mal Beine machen, ehrwürdiges Gehäuse!« Klick, ist die Hemmung ausgeschaltet, rasend sausen die Zeiger, poltern die Gewichte – schrumm, zerbricht das Werk und reißen die Ketten. Nachhallend noch ein müder Klageton vom inneren Getriebe – aus! Kemser war vor langen Jahren eingetreten. Er tickte fröhlich seine Arbeit mit dem Blick nach vorne. Nicht als ob er stürmen hätte wollen. Aber Stück um Stück sich langsam und bedächtig weiterhanteln, wie ein Stundenzeiger, ja, das hat er wollen. Als Bote hat er angefangen. Dann ward er Registrator. Eines Tages schrieb er Rechnungen. Dann hatte er Kassenblätter reinzuschreiben. Endlich winkte 75 ihm das Amt des Warenkalkulators. Das war der größte Sprung ins Reich der wirklichen Verantwortung. Einen Tag vor dem Aemterwechsel aber klopfte es an seine Junggesellenbude: »Herr Kemser, morgen sind Sie Kalkulator.« – »Ich hoffe.« – »Auch ich bewarb mich um den Posten, habe aber keine Aussicht, es sei denn, daß Sie sich entschlössen –« – »Tut mir leid, ich will nicht minder vorwärts kommen.« – »Lassen Sie mich vor, wenigstens für eine Zeitlang, für ein Jahr, dann will ich mir anderswo einen Posten suchen.« – »Mit welchem Recht –?« – »Kein Recht, ich bitte Sie darum, wie um eine Gnade. Mein Lebensglück hängt davon ab. Ich bin verlobt – wir möchten heiraten – Sie kennen meine Braut.« Er kannte sie wohl, war sie doch seine Jugendgespielin, an der er heut noch hing. – »Wenn ich diesen Posten nicht bekomme, jetzt, ist alles verloren. Der Vater ist gegen unsre Heirat, er möchte sie einem andern geben. Wenn ich morgen vor ihn treten kann mit diesem gutbezahlten Posten in der Hand, wird er zu unsrem Bunde Ja sagen. – Sie kennen die Familie, was der Vater will, das ist Gesetz.« Es war Stille in der Stube. »Herr Kemser, was darf ich meiner Braut sagen?« – »Ich bin mir noch nicht klar. Morgen früh –« »Morgen früh ist ja der Posten zu besetzen.« – »Eben drum.« – »Herr Kemser, haben Sie Erbarmen – meine Braut sprach von Zyankali . . .« Am andern Morgen. Der Prokurist war etwas feierlich an seinen Platz getreten: »Herr Kemser, wir haben beschlossen, den erledigten Kalkulatorposten in Ihre Hände –« – »Ich danke Ihnen für das Vertrauen, fühle mich jedoch dem Posten noch nicht recht gewachsen, weshalb ich bitten möchte, statt meiner den Herrn Kesselschmidt . . .« Man war erstaunt. Man war etwas verschnupft. Herr Kesselschmidt rückte ein. Herrn Kemsers Lebensuhr rückte aus. Schief blieb der Pendel hängen, als er tick gemacht – zu tack hat er nicht mehr ausgeholt um halbacht in der Frühe. Und langsam ging es auf Mittag zu . . . »Herr Kesselschmidt, wie ist es jetzt mit dem Posten? Das Jahr ist um – es gibt so viele Stellen anderwärts –« 76 »Ja, Herr Kemser, Sie sollten sich bewerben.« »Ich?« »Ja, denn sehen Sie, wir erwarten das erste Kind, meine Frau würde einen Todesschrecken haben, wenn ich jetzt meine Stellung wechseln würde. Und Sie werden sicher einsehen, daß das Glück einer Familie . . .« Herr Kemser sah es ein und schrieb Bewerbungsbriefe. Es war keine gute Zeit. Hundertdreißig Briefe schrieb er. Auf einen kam die Antwort: »Sie sind in der engeren Wahl, und wir werden demnächst . . .« Vor das »demnächst« schaltete sich ein vertraulicher Besuch der anderen Firma. »Hm«, antworteten Kramer \amp; Friemann, »Herr Kemser will die Stelle also wechseln? Wir können ihn empfehlen. Aber daß er gerade einen solchen Posten nehmen will? Wir trauen ihm nicht viel Unternehmungsgeist zu. Vor längerer Zeit hat er eine Beförderung in unsrer Firma ausgeschlagen . . .^ Die Herren wurden bedenklich. Er erhielt die Stelle nicht. Kramer \amp; Friemann schwankten einen Augenblick, ob sie ihm kündigen sollten. Herr Kemser hatte Angst. Seine Lebensuhr hielt zum Pendelschlag noch den Atem an. Die Zeiten waren schlecht, auch für einen Junggesellen. Er durfte bleiben. Er atmete auf. Er klammerte sich mit Dankbarkeit und Inbrunst an die alte Arbeit: Kassenblätter ins Reine zu schreiben. Es war freilich nur eine eintönige Arbeit. Aber man konnte sich beim Schreiben so viel denken. Niemand störte ihn. Er ging im Reich der Phantasie spazieren. Er dachte Lebensläufe aus mit jähem Aufstieg. Das titanenhafte Schicksal der Handelskapitäne von Kemsers Gnaden übergoß die Kassenblätter mit dem Licht von Leuchtraketen. Das war gut so. Denn das dritte Fenster links hatte wenig Licht. Und langsam ging es auf den Abend zu . . . Die Zeiten wurden besser. Die Zeitungsspalten »Gesuchtes Personal« waren dringlicher und länger. Herr Kesselschmidt war in eine andere Firma eingetreten. Der Kalkulatorposten war jetzt frei. Sollte man Herrn Kemser –? »So, Herrn Kemser?« hieß es, »daß er uns aufs neue einen Korb gibt, wie vor Jahren?« 77 Herr Kemser hätte keinen Korb gegeben, wenn ihm auch gebangt hat. Herr Kemser hatte sich geübt im Kalkulieren wochenlang. Herrn Kemsers Lebensuhr rumorte leise. Der Pendel knarrte. Er hielt's für Unternehmungslust. Aber es war Rost. Als ein anderer Kalkulator wurde, brauchte Kemser eine volle Woche, um sich's einzuphantasieren: Er angenommen? Hingeworfen hätte er den Bettel! Meint ihr, ich halte stille, bis es euch gefällt! Und langsam kam die Nacht . . . Kein Mensch mehr kümmerte sich um ihn. Geschlechter von Angestellten wechselten. Herr Kemser blieb bei seinen Kassablättern. Niemand hätte sich Herrn Kemser ohne Kassenblätter denken können. »Herr Kemser«, fragte ihn mein Lehrlingsfürwitz, »waren Sie Ihr ganzes Leben Kassenblätterschreiber?« Herr Kemser war nicht beleidigt. »Nein«, sagte er, »einmal hätte ich Kalkulator werden können. Aber ich habe es abgelehnt.« Und ich war wieder vorgeschickt: »Warum, Herr Kemser, lehnten Sie es ab?« »Weil – weil – die Kassenblätter haben einen Reiz, den ihr jungen Spritzer noch nicht recht verstehen könnt.« Wir hätten lachen können. Wir lachten nicht. Herrn Kemsers Züge waren nicht zum Lachen. Wer weiß, er hatte doch recht mit den Kassenblättern? Um seine Blätter hinterm Fenster links wob sich langsam scheuer Ruhm. Da geschah's in meinen späten Lehrlingstagen, daß der Warenkalkulator militärisch eingezogen wurde. »Wir müssen für sechs Wochen einen andern an den Posten stellen«, sagte unser Prokurist. »Es muß immerhin ein Mann sein, der fix und sicher rechnen kann – es ist mir dunkel in Erinnerung, als ob Herr Kemser mal vor vielen Jahren – ich will ihn doch rasch rufen.« Herr Kemser ward gerufen: »Herr Kemser, Sie haben früher mal dem Kalkulatorposten vorgestanden –« Herr Kemser hätte Nein sagen müssen. Herr Kemser sagte nicht Nein. Er stand nur still, wie jene Wanduhr mit dem 78 eingerosteten Pendel, die sich vormacht, daß sie schlagen könnte, wenn sie wollte. Herr Kemser tat es wohl, daß sich vergangene Zeiten zu seinem Gunsten langsam umzulagern schienen. »– deshalb möchten wir Sie nun bitten, für sechs Wochen aushilfsweise den Kalkulatorposten am ersten Fenster links . . .« Er wurde bleich. Er sagte nichts. Er nickte nur. Er ging mechanisch an seinen Platz am dritten Fenster links. »Herr Brandmann«, sagte der Prokurist zum Kassenvorgesetzten des Herrn Kemser, »ist er denn entbehrlich?« »Freilich, ich kann irgendeinen von den Lehrlingen an die Stelle setzen.« Sie setzten mich an seine Stelle. Bevor er nächste Woche kalkulierte, sollte er mich in die Kassenblätter einarbeiten. Es war zum Lachen. Abschrift, Addition und weiter nichts. Aber er zitterte, als er erklärte. Da tat ich ihm die Liebe, ehrfurchtsvoll zu lauschen. Unterdessen ging in seiner alten kassablattverstaubten Seele eine Schlacht vor: »Ich werd's nicht leisten können – ich kann nur addieren – an die zwanzig Jahre hab' ich addiert – das Multiplizieren und Dividieren hab' ich rein vergessen – wer hat mir noch gesagt, daß sie neuerdings mit Logarithmen rechnen – ich werde mich blamieren – aber wenn ich es gestehe, ist die Schande noch viel größer – was tun, was tun – ich sehe keinen Ausweg – Gott, wenn ich vor zwanzig Jahren doch den Posten angenommen hätte – warum hab' ich's nicht getan – weil da ein Mann war, glaub' ich, der heiraten wollte – Zyankali wollte sie nehmen, seine Braut, was ging mich der Mann an – was die Braut – zwanzig Jahre, zwanzig Jahre! gebt mir meine Abschriftszwanzigjahre wieder! Zyankali, ja, das ist leicht gesagt – Gott, hätt' sie's doch genommen – man soll Zyankalileuten niemals in die Arme fallen, find' ich – denn was nützt es – nach zwanzig Jahren muß es doch ein andrer dafür nehmen – o Gott, o Gott . . .« »Herr Mathis«, sagte ich zum Prokuristen, »mir kommt Herr Kemser so verstört vor.« Der Prokurist ging zum Kassierer: »Herr Brandmann, 79 der Herr Kemser macht mir Sorge. Vielleicht stellt er sich den Kalkulatorposten doch recht schwer vor für sein Alter –« »Ach was, lang genug hat er geträumt bei seinen Kassablättern. Es ist Zeit, daß er was nachholt. Der frische Wind wird in seine alten Knochen blasen . . .« Herr Kemser wurde immer fahriger. In seinen Augen flackerte es seltsam. »Sie haben doch Chemie studiert?« fragte er mich. – »Ein wenig«, sagte ich. – »Bitte, leihen Sie mir das Buch mal.« Ich gab's ihm. Ich sah ihn drin studieren. Ich fand's in seinem Pulte aufgeschlagen: »Zyankali«. Ein paar Zeilen waren angestrichen: »Auf eine zweite Art kann Zyankali aus ganz unschuldigen Grundstoffen hergestellt werden, die man in jeder Drogerie erhält. Man mischt reine Pottasche und gelbes Blutlaugensalz im Verhältnis von 2:3 und erhitzt die Mischung so lange, bis sich aus der Lösung Kristalle abscheiden. Diese sind Zyankali . . .« Rasch schob ich die Lade zu. In meinem Lehrlingskopf ging's wild zu: Uebermorgen sollte Herr Kemser kalkulieren, und heute oder morgen Abend . . .? Zwanzig Pläne kreuzten sich in meinem Kopf. Aber wie's so geht, solange man jung ist: man hat immer etwas anderes zu tun, man schiebt auf und weg. So schiebt der Bär den aufgehängten Klotz zur Seite, um zum Honigbrot zu kommen. Der Klotz schwingt zurück – man schiebt kräftiger zur Seite. Jetzt aber kommt der Klotz mit Macht und trommelt an die Schädeldecke – Gegen neun Uhr abends fing's in meinem Kopf zu trommeln an. »Mutter«, frug ich »darf ich noch Herrn Kemser rasch besuchen?« »Was willst du denn bei ihm?« »Wir – hm – wir – hm, ich glaube, wir wollen 'n kleines chemisches Experiment – gute Nacht, Mutter.« Herr Kemser hatte sein einsames Zimmer im vierten Stock. Gerade vom Flur ging man hinein. Die erste Treppe nahm ich schnell. Bei der zweiten fiel mir ein: Was sagst du nur Herrn Kemser? Bei der dritten ging es langsam. Bei der vierten überlegte ich, ob Umkehren nicht vernünftiger wäre. 80 Aber da sah ich Licht vom Schlüsselloche auf den Flur fallen. Also war er auf. Wenn ich nur wüßte, ob ich störte. Ich will doch mal sehen – Was ich sah durchs Schlüsselloch, war das: Ein Tisch. Darauf eine Spiritusflamme. Darüber eine Hand. In der Hand ein Löffel. Im Löffel eine Mischung. Links und rechts je eine Drogenschachtel. Die Flamme zitterte. Ich zitterte mit. Dann zwang ich mich zur Ruhe. Noch war es Zeit genug. Selbst wenn sich schon Kristalle abgeschieden haben sollten, konnte Kemser sie nicht kochend – ha, was war das? Steil leckte die Flamme hoch, schwermetallen rannen die Tränen nieder: Kemsers Küchenlöffel war geschmolzen. Brüchig drang die alte Stimme durch die Türe: »Verflucht, verflucht! ich muß mir morgen einen andern Löffel kaufen.« Morgen? Ich schnaufte aus und ging nach Hause. Jetzt wußte ich, was ich zu machen hatte. Zum Prokuristen ging ich und erzählte ihm von Zyankali und von einem armen alten Manne, der seine Uhr hat rosten lassen in der Jugend. Der Prokurist ging über die Kassa an das dritte Fenster links: »Herr Kemser, Herr Kassierer Brandmann sagt, Sie seien unentbehrlich für die Kassenblätter. Da werd ich' wohl das Kalkulieren selber machen müssen . . .« Zwei Menschen haben aufgeleuchtet, ein alter und ein junger. Und die verrostete Wanduhr hat noch manches Jahr im Inneren bescheidentlich geklungen, als habe sie noch Stunden anzuzeigen.   Fünf und sieben Das Wort Bilanz ist magisch. Schon unser Handelslehrer in der Schule hat's mit einem leisen Schauer ausgesprochen. Dabei wackelte sein Zwicker, seine Augen kriegten einen strengen Glanz, und seine rechte Hand klopfte dampfhammerartig aufs Katheder. Seitdem kann ich »Bilanz« weder hören noch lesen, ohne Zwicker wackeln, Augen glänzen und Hände hämmern zu sehen. Und es gibt mir immer wieder einen Ruck, wie in der Schulbank damals »Müller, ziehen Sie Bilanz!« 81 In den Zeitungsangeboten wimmelte es von bilanzfähigen, bilanzkundigen, bilanzperfekten Leuten, die ihre Dienste anboten. »Jeder Windhund nennt sich jetzt Bilanzmensch«, sagte Buchhalter Vater, »wir haben keinen im Kontor, der im Bewerbungsbrief nicht mit Bilanzen 'rumgeworfen hätte. Wenn's hochkommt, ist von tausend einer ein Bilanzler«. »Woher kommt das?« fragten meine Lehrlingsaugen. »Kann man auf Dichter lernen, einen Maler sich erschwitzen? Warum nicht? Weil es Kunst ist. Einen Trambahnzusammenstoß berichten, einen Engel durch Schablonen auf die Decke pinseln, kann man lernen. Lernen kann man Soll und Haben und die Zinsenkontorechnung. Bilanzen aber lernt man nicht. Die kann man oder kann man nicht. Die Bilanz ist eine Kunst. Nur wenige sind auserwählt, junger Mann.« Wahrhaftig, auch ihm wackelte der Zwicker, glänzte streng das Aug' und hämmerte aufs Pult die Hand: »Müller, ziehen Sie Bilanz!« Ich hielt's für eine Ohrentäuschung von der Schule her. »Müller, ziehen Sie Bilanz – natürlich nicht die große«, lächelte Buchhalter Vater, »vorerst tut's für Sie die Monatszusammenstellung der Debitoren M–P. Auch eine Art Bilanz, weil die Summe aller Kontensalden gleich sein muß dem Debitorensaldo im Hauptbuch – Sie verstehen?« Ja, das verstand ich. »Also hopp. Hier sind die Unterlagen. Wär' mir recht, wenn Sie's bis morgen fertig hätten.« Ich strahlte. Ich ging mit bilanzgespreizten Beinen mir die Hände waschen. Chirurgenartig muß man das beginnen. Auch Bilanzen dulden keine Infektion. Herausfordernd warf ich die Blicke durchs Kontor: »Menschen, seht Ihr nicht, ich ziehe jetzt Bilanz.« Wahrhaftig, mir hämmerte die Hand, ein unsichtbarer Zwicker wackelte auf meiner Nase. Ich rumorte feierlich auf meinem Pult. Schwarze Tinte, rote Tinte, Federhalter, Bleistifte, Lineal in Reih und Glied, die Kontenblätter im rechten Winkel sauber aufgeschichtet – die Instrumente sind in Ordnung, beginnen kann die sichere Hand des berühmten Operateurs. – »Hühneraugen sind empfindlich, Müller«, sagte der alte Buchhalter milde, »würden Sie von den meinigen 82 heruntersteigen wollen – heißt das, wenn Ihre Beschäftigung das zuläßt –? Was machen Sie denn übrigens für komische Vorbereitungen, junger Mann?« »Ich ziehe doch Bilanz.« »Ach so. Na ja. Uebrigens, je weniger man Aufhebens macht, desto sicherer vermeidet man den Bilanzteufel.« »Bilanzteufel? Was ist denn das?« »Erklären hilft da nichts. Sie werden ihn schon kennenlernen. Es kommt ihm auf die Dauer keiner aus. Die Klügsten sind gut Freund mit ihm. Je mehr sich einer mit ihm balgt, je mehr verfitzt er sich in seine Garne. Gelassenheit ist das einzige, was er nicht vertragen kann. Da verzieht er sich. Das steigt ihm in die Nase – die Ihrige brauchen Sie also, wie gesagt, nicht höher bilanzieren – oder heißt es balanzieren?« Ich sah es schon, auch der Weg zu den Bilanzen war mit guten Lehren gepflastert. »Und was ich sagen wollte, Sie addieren sonst nicht schlecht, feuchten nicht den Bleistift an, wie alte Weiber tun, haddeln nicht, wie die Spitaler, hupfen nicht von einem Bein aufs andere, wie die kleinen Kinder, aber hüten Sie sich vor der Additionsgenickstarre.« »Additionsgenickstarre?« »Erklären hilft da nichts. Sie werden sie schon kennenlernen. Es kommt ihr auf die Dauer keiner aus. Und nun: Kopfsprung, junger Mann.« Ich schnaufte tief. Ich stürzte mich auf – »Halt!« er hielt mir seine Dose hin, »erst schnupfen, junger Mann.« »Schnupfen?« »Ich schnupfe immer vor einer Bilanzarbeit, das reinigt das Gehirn.« »Aber ich schnupfe nie, Herr Vater.« »Na, dann nicht. Wenn das nur gut geht. Und jetzt stören Sie mich nicht mehr.« Ich störte ihn nicht mehr. Ich machte Kopfsprung in die Monatsziffern. Ich schwamm mit raschen Stößen. Ich zerteilte Ziffernheere. Ich faßte Ziffernbataillone zusammen. Ich kommandierte, wie Bilanzengenerale 83 kommandieren. Ich ordnete alles auf die große Endschlacht hin. Auf den Augenblick, wo Saldensumme gegen Saldo stimmen mußte. Die Zeit versank. Wie bei jeder ernsten Arbeit ward sie wesenslos. Es schlug sieben, ich wußte nichts. Die Räume leerten sich, ich wußte nichts. Der Hausverwalter Vogel klapperte mit Schlüsseln, ich wußte nichts. Erst bei seinem Abzug hörte ich ihn brummen: »Streber!« »Nein, Vogel, Streber bin ich nicht, ich bin Bilanzler.« »Streber!« beharrte er. »Bilanzler!« »Streber!« »Nehmen Sie's sofort zurück!« »Ja, wenn S' fortgehn, damit ich auch zu mei'm Tarock komm.« »Ich geh' nicht eher, bis ich die Bilanz da –« »Bilanzstreber!« »Meinetwegen. Geben Sie den Schlüssel. Gehn Sie zum Tarock.« »Ich nehm' den Streber zurück.« »Und ich behalte die Bilanz – gut' Nacht.« »Wern's S' nicht narrisch«, wünschte er. »Keine Sorge, Vogel.« »Mit den Zahlen ist schon mehr als einer narrisch worden. Alles lassen sich die Zahlen doch nicht g'fall'n.« »Gefallen?« »No ja, wie Ihr oft umgeht mit den Zahl'n – grad umeinanderschmeißen tut Ihr den ganzen Tag mit ihnen – jetzt gar auch in der Nacht – kein Wunder, daß sie narrisch werd'n, die Zahlen –« »Die Zahlen dürfen's meinetwegen –« »Sag'n S' das nicht – wenn erst die Zahlen narrisch sind, so werd'n 's die Menschen doppelt – Sie sind noch jung – Sie können viel erleb'n – hab'n S' schon z' Abend 'gessen?« »Nein, erst die Bilanz –« »Da hab'n wir's ja: schon halbert narrisch – gut' Nacht.« Rechnen, rechnen, rechnen. Immer hab' ich gern 84 gerechnet, auch heute noch. Es grause ihnen vor den Zahlen, sagen sie. Ich lass' sie reden. Es rollt ein unterirdisch Blut in Zahlen. Verborgene Herzen ticken drin. Manchmal meint man eines solchen Herzens Schlag zu hören, wie nächtlich durch die Wand der Liebsten Herz, von der uns Tür und Riegel trennt. Werden wir ihm nahe kommen, einmal ganz nahe, werden wir mit ihm die Hochzeit –? Ha, die Kontensalden waren aufgereiht. Wenn jetzt die Summe mit dem Hauptbuch stimmte, mochte Hochzeit sein. Hurra, es stimmte – nein, bis auf eine Mark! Lächerlich, die eine Mark bei den Millionenziffern! Man konnte sie ja stillverschwiegen ändern – Gott, eine Mark, die leg' ich ja aus meiner Tasche drauf – und morgen früh kann ich Herrn Vater: »Stimmt, Herr Vater!« ruhig sagen. Ruhig? Nein, die zugedeckte Mark wird sich nicht begraben lassen. Wird bei der nächsten Monatsbilanz an die Mauer klopfen: »Heda, ich lebe!« Gewiß, man kann einen zweiten dämpfenden Bewurf auftragen – hilft nichts, es klopft durch die dritte Bilanz: »Heda, ich lebe noch – hüte dich, ich kann nicht sterben – ich werde bei der Jahresbilanz mit dem Kopfe durch die Mauer rennen, den Zeigefinger auf dich hingestreckt: »Der da war es, der!« Gewiß, man kann auch für die Jahresbilanz noch eine extrafalsche Mauer ziehen, daß es stimmt. Eines Tages aber wird man seinen Posten wechseln. Auch wenn man bis ans Ende sich verbissen hat in seinen Platz, einmal mußt du selber hinter jene Mauer, durch die du's dann von draußen in dein Grab wirst reden hören: »Bei seinem Nachfolger ist es aufgekommen.« »Er hat betrogen –« – »Gott, um eine Mark!« – »Betrogen ist betrogen. Schreibt's auf den Personalakt: Hat um eine Mark betrogen, weil er die Gelegenheit zu mehr nicht fand –« Schon gut, ich habe die Bilanz nicht stimmend abgeändert. Ich werde morgen zu Herrn Vater sagen: »Stimmt um eine Mark nicht, nur um eine Mark.« – »Nur?« wird er seine alten Augenbrauen heben, »nur, junger Mann? Ob eine Bilanz um eine Mark nicht stimmt oder um eine Million, ist gleich, mein Sohn. Sie stimmt nicht, damit ist sie falsch und faul!« 85 Gut, so will ich selber doch nicht faul sein, nicht die Waffen strecken. Und müßt' ich mir die Nacht auch um die Ohren schlagen. Wohlan, wohlauf, wo steckst du, Fehler, wo? Ich rechnete, ich glühte. Mir saß auf den Schultern etwas, das da grinste. Vaters Worte tönten nach: »Erklären hilft da nichts. Sie werden ihn schon selber kennenlernen, den Bilanzteufel. Es kommt ihm auf die Dauer keiner aus. Gelassenheit ist das einzige, was er nicht vertragen kann . . .« Hm, Gelassenheit. Ruhe also, Ruhe. Addiert hinauf, hinab. Hinab, hinauf. Ruhe, Ruhe. Komisch, wie die Zahlen schauen. Die Fünfer und die Siebener waren mir doch sonst vertraut. Hat die späte Stunde sie verwandelt? Fremd sehen sie mich an, so fremd. Sind das wirklich Fünfer, echte Siebener? Hat sie mir einer nicht unter der Hand vertauscht? Und dann, was ist das eigentlich, eine Fünf? Und woher weiß man denn im Grunde, daß Fünf und Sieben zusammen Zwölf ergeben? Wer hat es denn gesagt? Der Lehrer in der Schule? Gut, und wer denn dem? Und dem und dem? Wenn die ganze Kette eine falsche Reihe wäre, bis hinab zu Adam Riese? Wenn Fünf und Sieben gar nicht Zwölfe, sondern Dreizehn wären? Wer kann im letzten Grund das Gegenteil behaupten? Mathematik? Lächerlich, auch sie ist aufgebaut auf diese Welt. Wie nun, wenn in einer andern Welt Sieben und Fünf doch Dreizehn . . . nein, Zwölf . . . nein . . . Dreizehn . . . Zwölf, sag' ich, Zwölf! . . . hähähä doch Dreizehn, Dreizehn, Dreizehn, hähähä . . . gebt jetzt endlich Ruhe, ihr Gelichter: Zahlen haben zu gehorchen, Zahlen sind des Menschen Diener – heute mehr als je, das weiß doch jedes Kind . . . aber wir haben doch in der Schule gelernt, daß . . . haha, Schule! Der Vogel ohne Schule wußte das schon besser vorhin: Die Menschen müssen schließlich werden wie die Zahlen – hab'n Sie schon zu Abend 'gessen, übrigens? . . . nein, nein, ich esse nicht, ich zwäng' euch denn zuvor . . . O armes Menschlein, kannst uns leid tun. Wir haben tausend Mittel, um dich irrezuführen . . . Zahlen, liebe Zahlen, habt ein wenig Mitleid, es ist ja meine erste Bilanz . . . hm, seine erste Bilanz – Bilanz aha, der Zwicker wackelt schon, der eingebildete – aber immerhin: 86 seine erste Bilanz – na ja, für diesmal wollen wir es gnädig mit dir machen: Wische über dein Genick! Ich wischte über mein Genick. Ich wurde freier. Ich fragte schüchtern: Was hatt' ich denn dahinten? Die Additionsgenickstarre – zähle noch einmal die ganze Reihe hinauf. Tat ich doch schon fünfmal. Tu's ein sechstes Mal. Aber es kommt doch nur dasselbe 'raus, jammerte ich. Tu, was wir sagen, oder – Nein, nein, ich will ja, will ja. Ich addierte. Die Zahlen sahen mich nicht mehr fremd an. Die Zahlen fügten sich. Die Zahlen nickten mir zu. Gutmütig nickten sie. Ha, was war das? Eine Mark weniger! Kann nicht sein. Hatte ja schon fünfmal voraddiert. Aber wenn's nun doch so – Gott, dann stimmte die Bilanz, oh oh, stimmte, stimmte . . . Ich addierte vorsichtig. Ganz behutsam, auf Filzsohlen addierte ich. An einer Stelle hielt ich: Fünf und Sieben ist – Fünf und Sieben ist – ist Zwölf – ja freilich, Zwölf – was denn sonst? – aber hatte ich nicht vorhin Dreizehn – Gott, wie kann man nur so dumm – so hirnverbrannt – so – so – so . . . Fluche nicht, du bist der erste nicht, den wir Fünf und Sieben ist Dreizehn zählen ließen, wenn wir's wollten. Hurra, hurra, ist Zwölf, ist Zwölf, die Bilanz stimmt, stimmt, stimmt . . .1 Wie ein Verrückter tanzte ich im nächtlichen Kontor herum. Der Vogel, vom Tarock daheim, schaute durchs Gangfenster und nickte: »Narrisch, narrisch, ganz und gar –« »Oh Herr Vogel, ich bin –« »– narrisch, weiß schon.« »Nein, glücklich bin ich.« »Ja ja, ist oft dasselbe. Jetzt gehn S' aber heim und machen sich ein' kalten Umschlag.« »Es stimmt, Herr Vogel, stimmt.« »Ist nur gut, daß Sie's jetzt selber einsehn. Also ganz kalt und alle fünf Minuten erneuern. Hab'n Sie jemand z' Haus, der –« »Es stimmt, wie wird sich meine Mutter freuen –« 87 »Mutter? Dann schadt's weiter nichts, daß S' narrisch word'n sind. Dann wird schon alles wieder gut. Jetzt aber heim. Was ich noch sag'n wollt': eine Mark hab' ich g'wonnen im Tarock –« »Ha, das ist die eine Mark, um die es nicht gestimmt hat – es stimmt – es stimmt!« »Und hab'n Sie schon zu Abend 'gessen?« »Es stimmt, hurra, es stimmt – Vogel, stimmen tut's – stimmen!« Ich tanze über die Steintreppe von Kramer \amp; Friemann ins Freie, in die nächtlich stillen Straßen. Ich ging bilanzerhoben über das vertraute Pflaster, vorbei an den vertrauten Häusern, den vertrauten Türmen. Und Pflaster, Häuser, Türme nickten freundlich: Seht – da kommt er, der Bilanzler, seht, da kommt er, dem die erste Bilanz gestimmt hat . . . Mutter war noch auf. Mutter wärmte mir das Abendessen auf. Mutter strich mir ohne Vorwurf über die Schläfe, die der Nachtwind nicht ganz kühlen hatte können – »Mutter denk' dir, sie stimmt – meine Bilanz stimmt!« »Ja, Bub, ja.« »Mutter, denk' dir, fünfmal hintereinander habe ich gezählt: Fünf und Sieben ist Dreizehn – haha, Dreizehn!« »Ja, Bub, ja.« »Mutter, denk' dir, erst das sechstemal hab' ich's gefunden.« »Was, Bub, was?« »Daß es Zwölf ist, und nicht Dreizehn, Mutter.« Sie sah mir fest ins Auge: »Wie ich dich kenne, Bub, wirst du noch oftmals Dreizehn zählen müssen, bis du Zwölf herausbekommst.« »Wie meinst das, Mutter? Ich spreche doch von Bilanzen, von Bi–lan–zen , Mutter.« »Ich auch, mein Sohn.«   Pensioniert Der Kassenbuchhalter Weidenmann war pensionsberechtigt. Als er knapp sechzig Jahre alt war, ließ er die Schultern ein 88 wenig hängen, neigte verzichtend den Kopf und sagte: »Werde mich wohl pensionieren lassen müssen, wie?« »Ja ja, Herr Weidenmann«, meinten die Leute. Sofort richtete sich der Kopf gerade. »Nun, ich denke, es hat noch Zeit«, sagte er und ging stramm ins Geschäft. Nur die Schultern hingen ein wenig abwärts. Knapp vor dem fünfundsechzigsten war es, daß die anderen fragten: »Nun, Herr Weidenmann, wie ist es mit der Pensionierung?« Jetzt wurden auch die Schultern gerade. »Pensionierung?« fragte er verwundert, als hörte er zum erstenmal dies Wort. »Pensionierung? Ach so, nun, ich denke, ihr werdet es wohl erwarten können.« Nun marschierte er auf Siebzig zu. Dann und wann riß es ihn freilich zusammen, so daß er zu Hause bleiben mußte. Alterszeichen im Rückgrat, in den Füßen; aber ins Geschäft schrieb er von einem miserablen Zahnweh auf dem hintersten Stockzahn unten rechts. In dem Briefe nahm sich der hinterste Stockzahn unten rechts fast jugendlich aus. »Donnerwetter, mit fast siebzig Jahren!« sagte Herr Kramer beim Lesen der Entschuldigung und untersuchte mit der Zungenspitze unwillkürlich seine eigenen Zähne. Der Prokurist aber lächelte. Einmal hatte er mit dem Buchhalter einen scharfen Streit gehabt und zum Schluß gewettert: »Herr Weidenmann, reißen Sie den Mund gefälligst nicht gar so weit auf!« Und bei eben jenem vermahnten Mundaufreißen hatte er festgestellt, daß der hinterste Stockzahn unten rechts bei Herrn Weidenmann gar nicht vorhanden war. Aber es waren nicht die Zähne allein. Auch die Füße ließen nach. Bei Siebzig ist das keine Schande. Trotzdem kaufte sich Herr Weidenmann hilfreiche Gummiabsätze. »Als ob das etwas hülfe«, sagten die anderen, »wenn einmal die Füße nachlassen.« Die Füße, sagten sie, und auf die Stirn deuteten sie und lächelten. Wie eben Freunde lächeln, wenn sie anderen was am Zeuge flicken können. Auch der alte Bürodiener Schwalbenmann hatte gelächelt, als ihm neulich der Weidenmann auf ein Versehen in der Registratur gekommen war und gemeint hatte: »Na, 89 Schwalbenmann, wie haben Sie nur Steinbeiß unter Sch registrieren können.« »Ach«, gab der Beamte treuherzig zur Antwort, »wenn man einmal so alt ist, wie ich und Sie, dann laßt's halt aus, Herr Weidenmann.« »Nun, was mich betrifft, ich merke nichts davon.« »Ja ja, das glaub i schon aber die anderen, Herr Buchhalter, die anderen!« Zu diesen anderen gehörte auch der Prokurist, der klagte: »Es geht nicht mehr so weiter, Herr Kramer, mit dem alten Weidenmann.« »Was ist denn schon wieder?« »Er hat das Delkredere-Konto schon wieder in die Bilanz gebracht, anstatt es vorher abzubuchen.« »Hm, das ist eine dumme Sache – das Alter eben, das Alter.« »Er muß sich pensionieren lassen.« »Das ist eine heikle Sache – seit fünfunddreißig Jahren im Dienst, und nun auf einmal futsch. Wollen Sie's ihm sagen?« »Ich dachte, daß Sie selbst am besten –« »Gewiß, gewiß, aber in diesem besonderen Falle wäre es mir doch lieber gewesen, Sie hätten das gemacht, mein lieber Mathis.« »Mein Lieber?« Der Prokurist lächelte. Und in diesem besonderen Falle? Hm, der besondere Fall, der war, daß Herr Kramer auch nicht mehr sehr weit von den Siebzig war. »Man könnte es schmerzlos mit einem Jubiläum versuchen?« »Wenn Sie meinen, ganz wie Sie meinen.« Und Herr Mathis meinte so, daß er dem siebzigsten Geburtstag des Buchhalters Weidenmann im nächsten Monat ein öffentliches Gepräge geben wollte. Er machte eine kleine, nette Feier, zu der auch die Angestellten geladen wurden. Nichts fehlte, die üblichen Blumen waren da, die übliche Adresse wurde überreicht, die üblichen Reden wurden gewechselt – ». . . und so habe ich denn unserem allverehrten Herrn Buchhalter Weidenmann im Auftrage des leider 90 verhinderten Herrn Kramer diese Widmung für seine treugeleisteten Dienste . . .« Jetzt stellte sich auch die übliche Rührung ein. Und dann war ganz am Ende der Ansprache die Rede davon, daß es dem Herrn Jubilar trotz seiner bewundernswerten Frische niemand verargen könne, wenn er jetzt ein Bedürfnis nach wohlverdienter Ruhe verspüren sollte und wenn . . . Und nun war alles gespannt auf die Erwiderung. Die hatte der Buchhalter vorzüglich vorbereitet, wie Oel floß sie in jungem Schwunge. Erst am Ende war sie stockend. Am Ende, wo das Nichtvorbereitete drankam, das von der Pensionierung: ». . . nein, ich gehöre nicht zu jenen, nicht zu jenen, die ein vorhandenes Pensionsrecht ausnützen – rücksichtslos ausnützen – nein, dazu gehöre ich nicht. Ich fühle mich noch fest und kräftig mit dem Geschäft verwachsen, und da der Herr Prokurist eben selbst noch die Güte hatte, von bewundernswerter Frische zu sprechen, so . . .« Der Prokurist trommelte nervös auf den Tisch. Und am andern Morgen mußte er berichten: »Es war nichts zu machen, Herr Kramer. Ein unglaublich zäher Mensch, dieser Weidenmann.« »Was ist mit ihm; machen Sie's kurz, Mathis.« »Er bleibt.« »Er bleibt?! Gut – einen Augenblick, bitte.« Herr Kramer drückte auf einen Knopf. Der alte Schwalbenmann schlurfte herein. »Herr Weidenmann soll kommen!« Der Herr Weidenmann kam ein wenig unsicher. Mit einem merkwürdig verschwiemelten Gesicht. Einem Gesicht, wie er's all die fünfunddreißig Jahre her noch nie herumgetragen hatte. Das Jubiläum eben, das Jubiläum gestern, und der famose Wein . . . »Mein lieber Weidenmann«, sagte Herr Kramer und streckte ihm herzlich die Hand hin, »mein lieber Weidenmann, ich höre also, daß Sie sich nun doch zur Pensionierung entschlossen haben.« Der Buchhalter machte ein angestrengtes Gesicht. Donnerwetter, sollte er also gestern doch in der Weinlaune –? »– aber ich kann Sie verstehen, mein lieber Weidenmann. 91 Alles in der Welt hat mal ein Ende. Und die Firma begreift es, daß jemand nach fünfunddreißig Jahren –« »Aber Herr Kramer!« »Daß jemand nach fünfunddreißig Jahren ruhebedürftig ist. Wir begreifen nicht nur, Herr Weidenmann, wir tun noch ein übriges und pensionieren Sie mit vollem Gehalt, Herr Weidenmann, trotzdem ja eigentlich noch ein Pensionszehntel theoretisch fehlt.« »Ich gratuliere, Herr Weidenmann«, sagte der Prokurist. Und der alte Buchhalter schüttelte ein wenig zögernd und ein wenig verworren die Hände seiner Vorgesetzten und schlich müde gegen die Türe. Diesmal hingen die Schultern arg, und der Kopf dachte nicht daran, sich aufzurichten. »Einen Augenblick noch, Herr Weidenmann, am nächsten Ersten also, nicht wahr? – Sie arbeiten bis dahin den Herrn Schwankhardt vollends ein, und außerdem wird der Herr Laxmeier . . .« Der Buchhalter hörte nichts mehr. Auf seinem Platze saß er vor der Probebilanz und addierte mechanisch. Nein, nein, das ging nicht. Jedesmal kam was anderes heraus. Er wollte lieber nachdenken. »Herr Weidenmann, kann ich vielleicht die Probebilanz addieren?« Der Herr Schwankhardt, sein Nachfolger, hatte es höflich und dienstbereit gesagt. »Lassen Sie mich in Ruhe. Noch hin ich auf meinem Posten!« »Aber, Herr Weidenmann, ich wollte doch nur –« »Schon gut, stören Sie mich jetzt nicht weiter. Sieben – dreizehn – einundzwanzig – fünfundzwanzig – dreiunddreißig . . .« Es nützte nichts: wieder kam was anderes heraus. Die Bleistiftspitze zitterte wie ein Bajonett, das sich auf rebellisch gewordene Soldaten richten mußte. Ei, nun hatte er sie fünfunddreißig Jahre unumschränkt beherrscht, diese Soldaten, zu Bataillonen formiert, zu Schlachten geführt, zu Siegen – und jetzt versagten sie den Dienst, jetzt wimmelten sie ihm halb betrunken durcheinander? Aber er würde sie schon noch einmal zwingen, diese Kerle. Bis zum nächsten Ersten mußten sie ja unter seiner Fuchtel 92 bleiben. Und nachher mochte ein anderer sehen, wie er mit ihnen fertig wurde. Ein anderer? Ach, richtig der Schwankhardt. Ob der freilich dem gewachsen war? Hm, tüchtig war er schon. Aber Buchhalter? Ihn ersetzen? Alle Bilanzfeinheiten, die er in fünfunddreißigjähriger Wirksamkeit herausgeklügelt. Nun, man würde ihn dann eben holen lassen müssen. An seine Wohnungstüre werden sie klopfen. »Ach, Herr Weidenmann, Herr Kramer läßt bitten, ob Sie sich nicht doch noch einmal der Bilanz annehmen wollten. Wissen Sie, der Herr Schwankhardt . . .« »Hm, eigentlich habe ich gerade heute keine Zeit. Aber wenn es Herr Kramer selber wünscht – na, sagen Sie ihm, in einer Stunde würde ich drüben sein.« Ja ja, so würde es kommen. So! Und jetzt gehorchten auch die Ziffern wieder – zweiundsechzig – neunundsechzig – vierundsiebzig – einundachtzig . . . * * * Als Herr Weidenmann zu gewohnter Zeit aus dem Schlaf erwachte, war es der Erste im Monat. Gestern hatte er seinem Nachfolger alles übergeben. Aber wie er jetzt den dünnen Schlaf aus den Augen rieb, hatte er das schon wieder vergessen, dachte nicht daran, daß heute Herr Schwankhardt auf dem Buchhalterplatze sitzen würde, pünktlich um acht Uhr. Ja ja, um acht Uhr erst würde Herr Schwankhardt kommen, wogegen er schon immer um halb acht Uhr durch das Tor marschierte. Nicht, daß er es gewußt hätte, aber er war es noch von früher her gewohnt, und um diese halbe Stunde war er allen Beamten vorausgeblieben bis gestern. Nein, bis heute; denn der alte Buchhalter ging wie gewohnt den alten Weg. Gebückt, beklemmt; es war ihm immer, als hätte er für heute etwas besonders Wichtiges vor. Was war es doch? Gleichviel, bei seiner Arbeit würde es ihm schon einfallen. Sicher hatte er sich's auf seinem Merkblock notiert. Hm, war es nicht das Delkredere-Konto? »Hopla!« sagte ein Bäckerjunge, der den alten Mann mit den schweren Füßen über einen Randstein stolpern sah. Aber das Lachen verging ihm, als der Alte zusammensank und nach 93 Atem rang. Geschwind stellte er den Semmelkorb auf die Seite und half, faßte unter die Arme, hob und zog. Aber da war der Alte schon wieder notdürftig auf den Beinen. »So so, ich danke; es geht schon wieder. Nur der Atem wird ein wenig kurz, das ist alles. Was – begleiten? Ich finde meinen Weg schon selbst. Guten Tag und danke schön.« Und er fand den Weg wie an jedem Tag dieser fünfunddreißig Jahre. Nur daß er ein wenig schwankte, als er durch das Tor ging. Er merkte es nicht, wie der Hausverwalter erstaunt grüßte und die Bürodiener hinter ihm herflüsterten: »Jetzt kommt er also doch wieder, und wir dachten . . .« Es kam ihm kaum klar zum Bewußtsein, daß er ein wenig benommen auf seinem alten Platze saß und plötzlich erstaunte: »Ader, Herr Müller, Sie haben ja noch gar nicht meine Bücher aus dem Schrank gebracht!« »Ich glaubte – ich dachte«, stotterte ich. »Sie haben nichts zu glauben. Marsch, ein bißchen fix! Das ist doch wahrhaftig das erstemal, daß meine Bücher nicht zur rechten Zeit – ja ja, die jungen Leute heutzutage . . .« Das Hauptbuch lag da und er schlug es mitten auf. Teufel, schon wieder diese Atemnot! Und nur von der kleinen Anstrengung. Ob er vielleicht für sein Alter doch zu schwere, fette Speisen aß? Nun, er würde es heute der Frau Rüchenmann einmal sagen müssen. Die Geschäftsräume füllten sich. Nach den Bürodienern und Lehrlingen kamen die ersten Angestellten. Sie gingen durch den Buchhaltungsraum und sahen verwundert den alten Weidenmann am Fenster sitzen, ganz vergraben in sein Hauptbuch. Und sie wollten etwas sagen. Aber irgendein Lehrling oder ein Bürodiener legte den Finger an den Mund und deutete ein »Bscht« an und flüsterte: »Er ist wie immer gekommen. Vielleicht, daß Herr Kramer doch wieder . . .« Kopfschüttelnd wandten sich die Beamten zu ihren Plätzen. Und jetzt kam auch Herr Schwankhardt. Er blieb wie vom Blitz getroffen an der Türe stehen. Aller Augen richteten sich auf ihn. Was würde er jetzt sagen? Was würde er jetzt tun? Aber noch ehe er den Mund geöffnet hatte, stand der 94 Prokurist an seiner Seite und schaute mit einem verlegenen Lächeln vom Nachfolger hinüber zum Vorgänger am Fensterplatz, der noch immer ganz vergraben in seinem Bücherberg dasaß und anscheinend kein Wort von dem Gesumme um ihn vernahm. »Herr Mathis, Herr Mathis«, brachte der Nachfolger mühsam heraus, »das ist, das ist eine Beleidigung. Ich verlange von Ihnen, daß Sie dem Herrn Weidenmann sofort mitteilen, daß er seine Rolle endlich ausgespielt hat und daß –« Herr Kramer ging an den beiden vorbei, schweigend und entschlossen auf den Fensterplatz zu, wo der alte Buchhalter noch immer tief gebeugt zwischen seinen Büchern saß und tat, als ginge ihn das alles gar nichts an. Eine schwere Hand legte sich ihm auf die Schulter. »Herr Weidenmann, darf ich bitten!« Aber da zuckte Herr Kramer plötzlich zusammen, zog rasch die Hand zurück und sagte beherrscht zu den staunenden Beamten: »Sie haben recht, Herr Weidenmann hat seine Rolle wirklich ausgespielt – aber sagen kann ich's ihm nicht mehr, denn er ist tot .«   Neu-Südend Schlenk war Hauptbuchhalter. Schlenk hatte den höchsten Kontorstuhl. Schlenk hatte ein Extrapult. Schlenk führte ein Buch, auf dem mit Goldschrift stand: »Geheimbuch«. Schlenk sprach mit ihm, dem Brotherrn, wie mit seinesgleichen. Schlenk führte mich in seine Wissenschaft ein mit: »Wo's nicht drin steckt, kann man's nicht 'reinklopfen, was Rassepferde sind, die laufen auf drei Beinen.« Schlenk war mein Gott und Vorbild im Debet und Credit. Das war im ersten Lehrjahr, wo er unnahbar auf dem hohen Drehstuhl saß. Im zweiten wurde er vertraulich. Wenn die andern fortgegangen waren, drehte er sich mit einem Ruck um neunzig Grad zu mir, dem letzten Lehrling: »In diesem Monat werden es dreitausend.« – »Jawohl, Herr Schlenk« – »Was, ›jawohl‹? Weißt du denn, dreitausend ›was‹?« – »Nein, Herr Schlenk.« – 95 Dreitausend Mark natürlich.« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Was, ›jawohl‹? Weißt du denn, dreitausend Mark ›wozu‹?« – »Nein, Herr Schlenk.« –»Dreitausend Mark Erspartes, natürlich, wofür ich mir eine Neu-Südend kaufen werde.« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Was ›jawohl‹? Weißt du denn, was Neu-Südend ist?« – »Eine Bodengesellschaft, deren Aktien gegenwärtig 100 stehen.« Herr Schlenk war baff: »Junge, Junge, woher – natürlich, die modernen Handelsschulen – Unverdautes – vollgestopft – frühreif – tut nicht gut, mein Junge.« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Was ›jawohl‹? Weißt du denn, warum's nicht guttut?« – »Nein, Herr Schlenk.« – »Weil – weil du ein grüner Junge bist, mein Junge.« – »Herr Schlenk, ich bin im zweiten Lehrjahr und –« – »Grün ist nicht schlimm, mein Junge. Grau und dürr ist schlimmer. Ich wollt', ich wär wieder grün, mein Junge.« – »Jawohl, Herr Schlenk.« Damit vergrub er sich wieder ins Geheimbuch. Aber es ließ ihm keine Ruhe. Er tauchte wieder auf: »Dann hast du in deiner Schnellbleich-Handelsschule wohl auch schon gelernt, warum man sich Neu-Südend kauft, he?« – »Man kann mit solchen Bodenaktien sehr viel Geld verdienen. Oft über Nacht. Es soll Bodenaktien geben, die aufs Zehnfache ihres Wertes steigen.« – »Zehnfach!? Junge, weißt du, was das heißt?« – »Das würde bedeuten, daß Ihre dreitausend Mark plötzlich dreißigtausend Ma –« Es gab dem Kontorstuhl einen Ruck, daß es Herrn Schlenk um die restlichen zweihundertsiebzig Grade drehte, womit es ihn wider Willen wieder ins Geheimbuch warf, aus dem es dumpf und abgehackt zu murmeln anfing: »Dreißigtausend – verflucht – dreißigtausend – weiß Gott, ich schmeiß' den Federhalter hin – weiß Gott, ich machte mir's bequem – dreißigtausend – verflucht – verflucht –« Am Ende des Monats, Neu-Südend standen 102, drehte er sich nach Geschäftsschluß wieder väterlich zu mir: »Ich hab' sie 'rin, mein Junge.« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Was ›jawohl‹? Weißt du denn, mein Junge, was ich 'rin –?« – »Dreitausend Mark Nominal 96 Neu-Südend-Aktien zu 102 plus 4 Prozent Stückzinsen ab 1. April ergeben einen Einstandswert von –.« – »Junge, Junge, und du meinst also, daß sie steigen werden?« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Was ›jawohl‹? Woher solltest du denn wissen, ob –?« –»Ei, Herr Schlenk, Sie werden doch nicht ein Papier kaufen, woran Sie verlieren.« – »Stimmt mein Junge, da gehörte ich verhauen – schade übrigens, daß ich's nicht zu 100 – denk' mal, wenn ich einen Tag gewartet und sie morgen doch zu 100 – verflucht – verflucht –.« – »Ei, Herr Schlenk, dann werden Sie eben beim Verkauf die Grenze auch um zwei Prozent höher legen müssen, um es wieder 'reinzubringen.« – »Junge, Junge, wenn das nur guttut.« – »Jawohl, Herr Schlenk« – »Was ›jawohl‹? Ich meine doch das Spekulieren.« – »Ich auch, Herr Schlenk.« Neu-Südend taten es dem Herrn Schlenk am nächsten Tage nicht an, sich für 100 einkaufen zu lassen. Sie standen 108. Der Drehstuhl quietschte nach Kontorschluß vergnügt: »Siehst du, mein Junge, wie recht ich hatte, nicht zu warten.« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Wär' auch noch schöner: ein alter Rechengaul, wie ich, muß so etwas im kleinen Finger haben – 108 weniger 102, mein Junge, gibt –,« – »Sechs Prozent auf dreitausend Mark Nominal geben hundertachtzig Mark Gewinn, wozu noch Stückzins –.« – »Junge, Junge: Hundertachtzig Mark Gewinn in einem Tag, wo ich einen Monat mit allem Fleiß als Hauptbuchhalter – aber was geht dich mein Gehalt an – hätte nicht gedacht, daß du so naseweis –.« – »Herr Schlenk, ich bin im zweiten Lehrjahr und habe Sie gar nicht nach Ihrem Gehalt –« – »Schon gut, mein Junge – und um wie viel, sagtest du, daß in dem Rechenbeispiel in der Handelsschule jene Bodenaktien –?« – »Auf das Zehnfache, Herr Schlenk.« Langes Schweigen. Dann beim Nachhausegehen wohlwollend ein Klaps auf meine Schulter: »Junge, bin mit dir zufrieden. Werde beim Prinzipal beantragen, deine Lehrzeit 'n bißchen abzukürzen. Wo's nicht drin steckt, da kann man's nicht 'reinklopfen, was Rassepferde sind, die laufen auf drei Beinen – und glaubst du, Junge, daß die 97 Dinger weitersteigen werden?« – »Zweifellos, Herr Schlenk.« – »Was ›zweifellos‹? Woher willst du wissen, daß –?« – »Es steckt drin, Herr Schlenk, Sie werden sehen, man braucht es nicht hineinzuklopfen.« Der Lehrling, der Grasgrüne, der ein Taschengeld von zwei Mark fünfzig wöchentlich sein eigen nannte, behielt recht. Neu-Südend stiegen auf 115, 120, 130, 150. »Na, Junge, hatte ich nicht einen feinen Riecher?« frohlockte der hohe Kontorstuhl. – »Sie meinen, ich, Herr Schlenk?«, sagte ich selbstbewußt, »ich bin's gewesen, der Ihnen damals sagte, es stecke drin, man brauche es nicht 'reinzuklo –« »Junge, Junge, als ob das nicht von jeher mein Spruch – na ja, die Schnellbleich-Handelsschule heutzutage – frühreif – naseweis und – und, sag' mal, glaubst du, daß sie weitersteigen werden, he?« – »Nein, Herr Schlenk«, sagte ich beleidigt. – »Wie? Was? Was fällt dir ein, mein Junge – du nimmst dir ja Freiheiten heraus – das mit der abgekürzten Lehrzeit werde ich mir sehr überlegen –.« – »Ich habe mich versprochen, Herr Schlenk: Neu-Südend werden selbstverständlich weitersteigen. Ich hab' da einen Riecher –.« – » Wer hat einen Riecher, he?« – »Sie, Herr Schlenk, Sie, natürlich.« Der Riecher roch. Neu-Südend krochen weiter in die Höhe. Sie druckten sie mit 200 in die Zeitung. »Junge, weißt du, daß ich damit glatt hundert Prozent ins Verdienen bringe?« – »Weniger zwei Prozent, Herr Schlenk, Sie kauften sie zu hundertzwei«, sagte ich altklug. Neu-Südend machte von sich reden. Die Villen wuchsen aus dem Boden. Die reichsten Leute zog's ins Südend. »Wer ein bißchen auf sich hält, hat eine Villa in Neu-Südend«, sagte Herr Schlenk. »Und Sie, Herr Schlenk?« sagte ich vorlaut. – »Ich? ich hab' die Aktien – 387 heute, Junge, glaubst du, daß sie weiter –?« – Ich warf mich in die schmale Lehrlingsbrust: »Sie sollen sehen, Herr Schlenk, daß unsere Neu-Südend –.« – »Unsere? Erlaube mal –.« –»– noch mehr als einen Hunderter erklettern werden, Herr Schlenk.« Er lächelte befriedigt. Um diesen Preis ließ er sich mein mitbesitzendes »unser« gern gefallen. War ich nicht wirklich Mitbesitzer? Wer mitfühlt, besitzt 98 auch mit. Mehr als ich hat auch Herr Schlenk das Steigen seiner Neu-Südend nicht erleben können. Ich schlug jeden Tag die Abendzeitung mit einer Hast auf, daß meine Schwester sich beklagte: »Mutter, er zerreißt mir die Romanfortsetzung!« – »Was mir an deinem dummen Roman vorn liegt, ich schaue hinten nach, im Handelsteil, wo meine Neu-Südend – aber das verstehst du doch nicht.« Mutter lächelte über mich und sie. Hinten und vorne – »ihr« Roman, »meine« Südend, war das nicht dasselbe? Als Neu-Südend 120 standen, hatte es bedächtig vom Drehstuhl geklungen: »Ich werde sie verkaufen – sicher ist sicher – was meinst du, Junge? – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Das wäre immerhin ein Nutzen von zwanzig Prozent und –.« – »Achtzehn, Herr Schlenk.« – »Stimmt, und du wirst mich doch nicht für so dumm halten, mein Junge, daß ich mit lumpigen achtzehn Prozent –« – »Nein, Herr Schlenk.« Das wiederholte sich. »240, sagst du, stehn sie heute? – das wäre immerhin ein Nutzen von 140 Pro –.« – »138, Herr Schlenk.« – »Stimmt, mein Junge, und du wirst doch nicht glauben, daß ich mit dieser ungeraden Zahl den Abschlußstrich –.« – »Nein, Herr Schlenk.« – »Ja, wenn sie, sagen wir, 400 –.« Dann standen sie 400. Herr Schlenk verdiente lumpige 298 Prozent – »so eine blöde ungerade Zahl«, sagte er nach meiner Zweierkorrektur. 500 standen sie. Herr Schlenk verdiente 398 Prozent – »ist es nicht komisch«, sagte er, »ich kann die zwei Prozent, um die ich sie damals zu teuer kaufte, nicht einholen. Ich mag sie verkaufen, wie ich will – immer bin ich 2 Prozent zu kurz.« Nicht zu kurz kam seine Phantasie. »Jetzt, wenn sie noch um zwanzig steigen, könnte ich ein Jahrlang mit der Arbeit aussetzen, wenn ich wollte, verstehst du, Junge?« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Aber ich will nicht, verstehst du, Junge?« – »Jawohl, Herr Schlenk.« – »Sondern ich lasse sie ruhig noch auf, sagen wir, 600 steigen, verstehst du, Junge?« – »Natürlich, Herr Schlenk.« – »Dann kauf' ich mir ein Haus – oder meinst du, daß ich bis 700 –?« – »Natürlich, Herr Schlenk.« – »Dann könnte ich mir das 99 Haus auch ordentlich möblieren – oder was würdest du tun, he?« – »Ordentlich möblieren, Herr Schlenk.« – »Ach was, ob du sie noch weiter steigen ließest, meine ich?« – »Natürlich, Herr Schlenk.« In Neu-Südend schossen Straßen auf um Straßen. Plätze knospten. Bogenlampen blühten aus dem Sand. Die Neu-Südendaktie blühte mit. Sie, die zu Pari so bescheiden tat, hatte geschwollene Manieren bekommen. Zu Pari war sie einfachen Leuten nachgelaufen: »Kauft mich, ei, so kauft mich doch.« – »Sogar Buchhaltern soll sie sich angeboten haben«, dachte Herr Schlenk, ohne zu bedenken, daß er doch selber – – aber nein, es würde sich ohnehin bald ausgebuchhaltert haben, er war jetzt Aktionär. Mit seiner Aktie würde er bald dick und fett geworden sein, mit ihr eine fingerbreite goldene Uhrkette sich auf den Aktienbauch gelegt haben – »Herr Schlenk«, kam ich atemlos gestürzt, »unsre Neu-Südend stehen auf 990!« – Herr Schlenk zwang sich eine eisenharte Napoleonsmiene übers zitternde Gesicht: »Nun, was hab' ich dir gesagt, mein Junge: Zehnfach –.« – »Herr Schlenk, das sagte ich.« Aber er hörte nicht. Er rechnete: »Junge, Junge, bei 1000 schmeiße ich den ganzen Krempel hin und –.« – »Herr Schlenk, die Bank wünscht Sie am Telephon zu sprechen.« Er nahm das Hörrohr. Es riß ihm die Hacken zusammen: »Was sagen Sie: schließen 1000? – wie sagen Sie: verkaufen?« Plötzlich warf er sich in die nachlässige Haltung eines Millionärs: »Na ja, meinetwegen, notieren Sie für die morgige Börse den Verkauf – warten Sie: nicht unter 1000, bitte – das heißt, 2 mehr, 1002 also – weniger auf keinen Fall – wenn nich, denn eben nich, verstehnse?« Er hing das Hörrohr lässig ein. Ich hatte einen feuerroten Kopf, als er mit gefrornem Lächeln an sein Pult ging: »Herr Schlenk, wenn Sie doch bei 1000«, stotterte ich, »ich habe ein Gefühl, als ob –.« – »Ach was, Gefühl: Berechnung, Junge, eiskalte Berechnung – merk dir das, mein Sohn, sonst wirst du's nie zu etwas bringen.« Am andern Morgen, eh' die Börse anfing, ächzte der Drehstuhl und ächzte. Als es einen Augenblick lang leer im 100 Kontor war, fiel die Sicherheit. Er winkte mir. Ein von monatelanger Erregung zerfurchtes Gesicht starrte mich an: »Lauf schnell auf die Börse, Junge«, flüsterte er, »gib dem Bankvertreter diesen Brief – ich zieh das Limit zurück.« Und aufglänzend fügte er hinzu: »Du wirst's erleben heute, was für einen Riesensprung Neu-Südend in den zweiten Tausender hineintut – eil dich, Junge, sonst sind sie weg, meine Neu-Südend, zu dem Lumpenpreis von 1002!« Ich stürzte mit dem Brief hinaus zum Tor. Noch wie heute weiß ich's, ein Sonnenmorgen war es. Die Leute sahen alle froh aus. Vergnügt die ganze Welt. Und ließ sich Zeit. Nur ich mit meinem Brief ein Störer. Ich rannte auf einen Dienstmann um die Ecke. Er brummte mir nach: »Auch einer, der es nicht erwarten kann, bis er unter die Räder kommt, der Unverstand!« Ich drehte mich im Laufen um: »Sie sind der Unverstand: Was wissen Sie vom großen Sprung – Neu-Südend – zweiter Tausender!« schnaufte ich und rannte weiter. Die Börse hatte angefangen. Auf dem Pfeiler, wo Neu-Südend-Aktien gehandelt wurden, hing eine Tafel. 1001 war der erste Kurs mit Kreide aufnotiert. Die Ziffer sah so komisch aus. Zwei dicke Nullen, links und rechts von einem steifen Bajonettsoldaten bewacht, suchten auszubrechen. Um den Pfeiler war ein aufgeregtes Summen. Leute schrien Zahlen hin und her. Ich schoß auf den Bankvertreter und knitterte ihm den Brief in die Hand. Er las ihn ruhig. »1001¼, 1001⅓, 1001¼, 1001¾!« brandete es um uns. Ein anderer Bankvertreter sprang auf ihn zu, packte ihn am Rockknopf: »Herr Schwabacher, Sie geben 3000 zu 1002, höre ich – ich will sie neh –.« – »Bedaure, ziehe das Limit zurück.« Das Geschrei ging weiter: »1001¼, 1001⅓, 1001⅝, 1000, 999½, 1000, 1001½ . . .Ich spürte es bis in die Fingerspitzen: Das Schicksal zitterte um 1002 herum. Plötzlich trat eine Stille ein. Darauf eine Stimme. »Neu-Südend 1002, wer gibt?« Ein Schwindel packte mich. »Ich!« schrie ich. Gelächter. »Was will dies Bürschchen!« hörte ich es rufen. Und während ich hinausging wie ein Wasserüberstürzter, sagte eine klare Stimme: »Es ist ein 101 Unfug – Neu-Südend ist ein Wasserkopf – Sie werden sehen, es gibt eine Katastrophe . . .« Ein verzerrtes Gesicht durchbohrte mich vom Drehstuhl. Eine heisere Stimme flüsterte: »Zurückgezogen, Junge?« – »Jawohl, Herr Schlenk.« An diesem Abend las ich auf der letzten Zeitungsseite: »Neu-Südend-Aktien, in denen eine zügellose Spekulation seit Monaten wahre Orgien feiert, überschritten zu Börsenbeginn den Kurs 1000. Dann griff eine Ernüchterung Platz. Das Papier ist scharf rückgängig und schloß zu 902.« Herr Schlenk saß am andern Morgen unbewegt vor seinen Büchern. Kein Wort sprach er. Das Mitgefühl drückte mir die Kehle ab. »Herr Schlenk«, flüsterte ich, »sie werden wieder steigen, Ihre Neu-Südend.« Er sah mich erstaunt an, fast abweisend, als wenn er sagen wollte: »Was gehen mich denn Neu-Südend an?« Ich wurde irre: »Soll ich – Herr Schlenk, soll ich auf die Börse –?« – »Den Mund sollst du halten – deine Arbeit sollst du tun – nicht in anderer Leute Sachen sollst du dich mischen.« An diesem Abend standen Neu-Südend-Aktien 850. Verdrossen saß ich auf meinem Schemel. Plötzlich klang's ängstlich neben mir, beinahe bittend: »Junge?« – »Jawohl, Herr Schlenk?« – »In fünf Minuten fängt die Börse an – lauf' rasch hinüber – sag', ich verkaufe zu 850 – nein, 860 – nein, 870 – das heißt, wenn sie gerade heute sich erholten – zu 900 also – ich verliere allerdings dabei noch hundert –.« – »Nein, Herr Schlenk, 800 würden Sie gewinnen – bei 800 würden Sie noch immer 700 gewinnen – Herr Schlenk, verkaufen Sie, so gut es geht.« – »Bist wohl verrückt – bei 900 bleibt es, nimm den Zettel mit der Unterschrift – aber eil' dich.« An diesem Tage stand es in der Zeitung: »Neu-Südend konnten sich heute von ihrem Rückgang bis auf 899 erholen, um dann in wilden Zuckungen bis auf 780 zu ermatten. Es wäre unseres Erachtens an der Zeit, daß der Börsenkommissar selbst . . .« Ich brachte wieder ein Limit zum Pfeiler: 780. Der Bankvertreter lächelte: »Es liegen Verkaufslimite zu 700 vor.« 630 grinste es aus der Abendzeitung. 102 »Gut, ich verkaufe das Teufelspapier zu 630«, ächzte es vom Drehstuhl, »Junge, lauf'.« – Ich lief . . . Kurs 627. Was bin ich damals mit Limiten hinter Neu-Südend hergelaufen: »Neu-Südend, höre doch, ich bitte dich, laß dich erwischen!« Aber Neu-Südend hörten nicht. Sie liefen schneller als ich. Sie hatten es noch eiliger als Herr Schlenk, auf ihrem Wege abwärts. Mit tollem Juchzen, wie am Stock der Aelpler talab springt, rutschten sie in Sätzen auf 600, auf 500, auf 400, die flehenden Limite des Herrn Schlenk dahinterher, immer eine Handbreit weg vom Ziel. Der Häuserkrach begann. Die Wohnungen in Neu-Südend standen leer. Die Dividenden wurden eingestellt. Neu-Südend sanken ins Bodenlose. Es kam der Tag, da ich für Herrn Schlenk mit dem Limit 102 zur Börse lief – vergeblich, sie standen 101. Da tat er einen Fluch: »Ich will nichts mehr wissen von dem Schandpapier, es ist Luft für mich!« Recht behielt er: Ohne Luft kann niemand leben, und Herr Schlenk nicht ohne die Neu-Südend. Er schlug sie heimlich in der Zeitung auf. Er begleitete sie schwitzend weiter auf 80, auf 70 und auf 50, er sah sie endlich sich verschnaufen in der Wüstenei von 40. Er dachte nicht mehr ans Verkaufen. Sie rückten in die Ferne, in das ›Wenn‹. »Wenn ich sie damals zu 1000 abgestoßen hätte«, sagte Herr Schlenk. »Wenn ich sie zu 900 hätte fahren lassen«, begann er zu erzählen. »Wenn ich kein Limit gegeben hätte . . . wenn . . . wenn . . .« Man konnte mit Herrn Schlenk sprechen, was man wollte, mit drei vier Sätzen war er bei dem Wenn. »Herr Schlenk, Sie sollten Urlaub nehmen – hinaus aufs Land.« – »Land? Hat sich was mit Land. Etwa gar Neu-Südend, he? Nun denken Sie, wenn ich damals, als sie 1000 standen . . .« »Herr Schlenk, kommen Sie heute Abend mit zum Kegeln?« – »Kegeln? Schuß ins Volle, he – einmal, sag' ich Ihnen, hatte ich einen Schuß ins Volle frei – das war damals, als Neu-Südend 1000 standen – wenn ich damals . . .« »Was halten Sie von Rußland, Herr Schlenk?« – »Rußland? Kolossales Land – Riesenzukunft – sehen Sie nur diese Flächen auf der Karte – da wenn einer eine 103 Bodengesellschaft daraus machte, he? – ob diese Aktien auf 1000 stiegen, wie damals meine Neu-Südend, die ich zu 1002 verkaufen hätte können, Herr, wenn . . .« Erst lachten die Leute. Dann lächelten sie. Dann bekamen sie steinerne Mienen. Dann wichen sie ihm aus. Dann wanden sie sich unter seinen Händen, wenn er sie beim Rockknopf kriegte: »Ich sage Ihnen, wenn ich damals, als Neu-Südend über 1000 gingen . . .«, und überließen ihm den Rockknopf, nur um freizukommen. So auf sich selbst zurückgeworfen und auf seine Neu-Südend, konnte er mitten in der Arbeit seine Bücher zuschlagen und Berechnungen, Tabellen, Kurven aufstellen, die dartun sollten, was geschehen hätte müssen, damit er die Neu-Südend doch zum höchsten Kurse abgeschüttelt hätte. Stundenlang brütete er darüber. Seine Arbeit blieb liegen. Er wurde nachlässig. Er empfand den leisen Tadel nicht, den der Prinzipal einfließen ließ. Er kam ganze Tage nicht ins Geschäft, weil ihm unterwegs eine neue Wenn-Möglichkeit in den Sinn gekommen war, der er gestikulierend durch die Straßen in die Felder nachging. Dabei war er auf die Schuldüberwälzung gelangt: »Wenn an jenem Morgen meine Hausfrau mich nicht so geärgert hätte, als ich ins Geschäft ging – wer weiß, ob ich nicht dann doch zu 1000 . . .« – »Wenn mich nicht der Briefträger damals auf der Straße aufgehalten hätte – wer weiß, ob nicht doch verkauft . . .« – Und endlich blieb er bei mir stecken: »Junge, Junge, wenn du doch damals nicht so schnell gelaufen wärest, hätt' er sie verkauft gehabt zu 1002 – denk' mal, 1002!« – »Aber Herr Schlenk, Sie sagten doch: ›Lauf schnell‹!« Der Widerspruch reizte ihn, daß er blaurot wurde: »Mußt du denn immer alles tun, was dir jeder – jeder Schwachkopf sagt!«, schrie er, »das ganze Unglück kommt von deiner dummen Lauferei!« Er wurde täglich ausfälliger. Immer feindseliger sah er mich an. Es kam so weit, daß der Prinzipal mich fragte. Ich wich aus. »Erzähle!«, sagte er ruhig, aber zwingend. Da erzählte ich. Er hörte schweigend zu. Dann tat er einen langen Atemzug: »Herr Schlenk ist 24 Jahre im Geschäft. Er soll bleiben trotz – trotz Neu-Südend. Und wenn Sie als 104 ausgelernter Lehrling nicht die Nachsicht gegen einen alten Mann aufbringen, der es ohnehin kaum lang mehr machen wird, so –« Ich sah noch, wie sie einen alten Buchhalter enterbten. Stück für Stück und schonend. Ein Buch nach dem andern nahmen sie ihm unter einem Vorwand. Das letzte war das Geheimbuch mit der Goldschrift. Einen Bogen nach dem andern bedeckte er mit Kurven: »Wenn . . .« Wenn er einen Bogen fertig hatte, steckelte er unsicher an meinem Platze vorüber, leise zischend: »Du mit deiner dummen Lauferei, wenn du damals.« Eines Tages war sein Platz leer. »Der alte Schlenk ist tot«, hieß es. In seinem Nachlaß fanden sich drei Neu-Südend-Aktien. Der Prinzipal wog sie in seiner Hand. »Verdammt leicht«, murmelte er, »möge ihm die Erde auch so leicht sein.« Dann wandte er sich zu mir: »Läuten Sie die Bank an, welchen ungefähren Wert heute die Neu-Südend-Aktien . . .« – Der Bescheid war knapp: »Makulatur!« Der Prinzipal wog sie abermals: »Wollen Sie sie haben – als Andenken? Vielleicht schützen sie Sie mal – es gibt Neu-Südend-Aktien in der ganzen Welt, wohin Sie schauen, junger Mann.«   Das Zeugnis Buchhalter Vater hatte mir erzählt, wie man Leute nach Punkt und Komma im Bewerbungsschreiben auswählt. Prokurist Mathis erweiterte mein Lehrlingswissen von diesen Zeichen nach der Seele Seite. Gegen Ende meiner Lehrzeit war ein Posten von Bedeutung zu besetzen. Unsre Firma schrieb ihn aus, ganz knapp und fest umrandet: Verlangt das und das, gegeben das, Bewerbungen, die dem einen nicht genügen und das andere nicht wollen, zwecklos. Das siebte bis auf eine Handvoll. Diese Handvoll ward bestellt. Immer einer jeden Vormittag. Das gab dann jedesmal eine Vorstellung, auch nach der Theaterseite. Ich weiß es deshalb noch ganz genau, weil ich mitzuspielen hatte. Des Versuchers Rolle war mir eingelernt. 105 »Gescheiter ist es«, sagte Mathis, »vorher eine kleine Komödie, die niemand weh tut, als nachher ein Trauerspiel.« Hinter einer Glastür wartete ich aufs Stichwort. Ein Bewerber ward hereingelassen. Er verbeugte sich schon dreimal an der Türe. »Auweh«, dachte ich, wie ich den Mathis kenne . . .« Aber Mathis war der Verbeugung wegen lange nicht so oberflächlich, wie ein Lehrling. Der Bewerber drechselte schwungvoll Satz um Satz. »Auweh«, dachte ich, »wie ich den Mathis kenne . . .« Aber Mathis war der Worte wegen lange nicht so siebengescheit wie ein gewisser Lehrling. Der Bewerber fing an zu versprechen, dies und jenes, ganze Berge. »Auweh«, dachte ich, »wie ich den Mathis kenne . . .« Aber ich kannte ihn noch lange nicht. Er ließ es alles über sich ergehen. Der Bewerber begann, mit stolzer Miene Zeugnisse auszupacken. »Ganz vernünftig«, dachte ich, »denn –« »Lassen Sie die Zeugnisse nur ruhig drinnen«, sagte Herr Mathis lächelnd. Der Bewerber war schier beleidigt: »Aber Sie müssen doch –« »Was ich muß, ist vorher schon geschehen. Ich erkundigte mich frischweg bei den angegebenen Firmen. Möglichst mündlich. Geschriebene Austrittszeugnisse – na ja, man weiß ja – wünschen alles Gute und so weiter – oder hätten Sie schon mal ein Zeugnis so gelesen: ›Inhaber dieses ist ein Lump‹ – wohlverstanden, wenn er einer war –« Der Bewerber war zum andernmal beleidigt. »Natürlich sind Sie keiner«, lachte Mathis, »ständen sonst nicht hier –nicht in der engsten Wahl – auch sonst stimmt alles: Fähigkeiten und persönliche Gewandtheit, worüber ich in fünf Minuten, Angesicht zu Angesicht mehr erfahre, als was in einem Dutzend Zeugnissen drinsteht, oder vielmehr nicht drinsteht – was gibt es, Müller?« »Herr Mathis«, kam ich mit der eingelernten Rolle, »Herr Mathis, dieser Wechsel ist zurückgekommen.« »Warum?« »Ich vermute, Sie vergaßen ihn zu unterschreiben, als ich den Begleitbrief vorlegte.« 106 »Unsinn, Sie hätten's beim Versenden merken müssen!« »Ich – ich dachte«, stotterte ich auftragsmäßig, Sie selbst hätten beim Lesen des Briefes, ehe Sie ihn unterschrieben –« »Ach was, da hätt' ich viel zu tun – man kann nicht alles lesen, was man unterschreibt – nicht wahr, Herr, das finden Sie doch auch?« Der Bewerber klappte vor eiliger Zustimmung fast zusammen: »Natürlich – selbstverständlich – überhaupt, diese jungen Leute von heutzutage –« »– haben recht, verehrter Herr«, sagte Mathis ernst. Der Bewerder sah verdutzt darein: »Aber Sie selbst haben doch soeben –« »– Sie soeben auf die Probe stellen wollen – nehmen Sie's nicht ungut – der Posten braucht mehr als Zeugnisse, mehr als Gewandtheit, mehr als Können – er braucht Rückgrat – Charakter auch vor Vorgesetzten – wie sollen wir sonst die Wahrheit hören, die auch uns Vorgesetzten not tut, dann und wann, im Auftrage des Geschäftes, dem wir alle dienen – Sie sehen selbst: das letzte Zeugnis hat nicht ganz genügt – ich bitte sehr, die kleine Komödie zu entschuldigen . . .« So geschah es einmal, zweimal. Beim drittenmal aber, als Herr Mathis sagte: ». . . nicht wahr, Herr, das finden Sie doch auch?« klappte der Bewerber nicht zusammen. War es der Bewerber, der auf einmal ernst wurde, sehr ernst: »Nein, ich finde, daß man alle Briefe, die man unterschreibt, erst lesen muß – Verzeihung – ich weiß, mein Freimut ist nicht diplomatisch –« »Hem.« »– und meine Aussicht auf die Stelle wird auf Null zusammenschrumpfen –« Herr Mathis lächelte: »Sie irren, Herr; Sie sind unser Mann. – Charakter ist es, was wir für den Posten brauchen.« 107   Wenn Jeder richtige Lehrling fühlt sich wöchentlich zweimal verkannt und dreimal beleidigt. Darin sind sie alle gleich. Verschieden sind sie nur darin, wie sie darüber hinwegkommen. Ich tat's mittels Wenn. Dabei ist's mir so gegangen: Ins Warenlager kam ein neuer Expedient. Schramm hieß er. Er war tüchtig, rechtlich, unbestechlich, mit einem Worte eine erste Kraft. Aber, er sagte zu mir »Stift«. »Mein Name ist Müller«, sagte ich. »Ist gut, Stift« sagte er. »Wenn Sie beim Stift beharren, dann – dann –« »Nu, was ist dann?« sagte er gemütlich. »Dann Sind Sie auch kein Expedient in meinen Augen, sondern – sondern –« »Nu, was denn?« »Sondern ein Versandmensch – so!« »Habe nichts dagegen – zählen Sie mal den Bestand der Stearinkerzen im hinteren Lager nach, Stift.« Wütend ging ich in das hintere Lager. Die Stearinkerzen lagen aufgeschichtet in den obersten Fächern. Ich schleppte eine Staffelleiter her. Brütend saß ich auf der höchsten Staffel vor den Kerzenpaketen und fing zu zählen an. Bis zwanzig kam ich. Da fiel mir wieder ein: »Stift hat er gesagt, der – der Schuft!« Wenn man »Schuft!« sagt, kann man nicht mehr weiterzählen. Wenigstens fünf Minuten lang. Noch dazu, wenn es sommerheiß ist und man mit dem Kopfe an die Lagerdecke stößt. Aber Auftrag ist Auftrag. Also: Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig . . . Bei dreiundfünfzig fiel es mir von neuem ein: »Stift hat er gesagt, der – Schuft! – na, warte, wenn – wenn –« Ich spürte hundert Möglichkeiten hinter »Wenn«. Aber wieder schob der Kerzenauftrag sie zur Seite: Vierundfünfzig, fünfundfünfzig, sechsundfünfzig . . . endlich: neunundneunzig Stearinkerzenpakete waren es. So, nun hatte ich mir das Wenn verdient: »Stift hat er gesagt, der Schuft, – na, warte, wenn – wenn ich dich mal zwischen Dunkel und Sixtminet im Sporergäßchen treffen sollte . . .« Von meinem Hochsitz sah ich durch die Oberluke auf den 108 Hof. Eine Katze saß auf einer Tonne. Es war die Firmakatze, angestellt fürs Jagdgebiet des großen Warenlagers. Sie war tüchtig, rechtlich, unbestechlich, mit einem Worte eine erste Kraft. Aber es ging über ihre Kräfte. Deshalb hatte sich die Oberkatze einen Lehrling zugelegt. Diese Unterkatze saß am Fuß der Tonne und wurde eben eingeweiht: »Und was ich noch sagen wollte, Stift –« »Ich heiße Miezi«, schaltete die Unterkatze ein. »Ist gut, Stift.« »Ist das auch bei Katzen so«, dachte ich auf meinem Hochsitz, »meinetwegen, ich bin keine Katze – ich heiße Müller – und wenn er wieder Stift zu mir sagt, dieser Schuft – und wenn ich ihn im Dunkeln in der Sporergasse treffe – und wenn ich einen Stecken bei mir habe – und er keinen –« Huii, fuhren draußen Oberkatze und Unterkatze aufeinander los. Die Oberkatze beutelte die Unterkatze im Genick. Verflucht, die Oberkatzen scheinen immer einen Stecken bei sich zu haben. Mit dem Sporergäßchen war es nichts. Ich mußte es mit einem andern Wenn versuchen. Es ging nicht. Mir fiel nichts ein. Ich brauchte einen Vorspann für das neue Wenn: »Stift hatte er zu mir gesagt, Stift, der Schuft! – na, warte, wenn ich's meinem großen Bruder sagte –« Draußen hatte sich die Unterkatze von der Genickbeutelei erholt. Sie ging wütend nach dem Tore: »Na, warte, wenn ich's meinem großen Bruder sage – –!« »Hihi, du hast ja keinen großen Bruder!« Teufel, ist ja wahr, ich hatte gleichfalls keinen großen Bruder: »Na, warte, wenn ich meinen Onkel Cäsar auf dich hetze – den berühmten Onkel, der Anno achtundvierzig bei der Revolution beteiligt war, und von dem es heißt, daß er einmal geschrieben hat: ›Und wenn wir bis an die Knöchel in Fürstenblut waten müssen . . .‹« Draußen drehte die Unterkatze den Kopf drohend zurück: »Na, warte, wenn ich meine Tante Mau auf dich hetze – die berühmte Tante, die Anno was weiß ich die Katzenherrscher einer ganzen Straße in die Flucht schlug – auch wenn du es nicht glauben solltest –« »Doch, doch«, schnurrte gemütlich die Oberkatze auf der 109 Tonne, »ich weiß davon – nur ist's ein bischen lang her – deiner Tante sind seitdem die Zähne ausgefallen –« Teufel, ist ja wahr, auch meinem Onkel Cäsar sind seitdem die Zähne ausgefallen, und er fährt in einem Rollstuhl durch den Stadtpark. »Na, warte, wenn – wenn – nun, wenn die Außenwelt versagte, lege ich mich selbst ins Zeug – – warte, warte, wenn ich einmal nicht mehr Stift bin – wollte sagen, Lehrling – sondern Buchhalter – ja, und dann Abteilungsvorstand – ja, und dann vielleicht Prokurist – ja, und dann selbst ein Prinzipal, der unsrem jetzigen Prinzipal die ganze Firma abkauft – ja, und wenn ich dann den Auftrag geben werde: ›Bringt mir mal den Expedienten Schramm in mein Privatkontor –‹« Draußen saß die Unterkatze auf dem einen Hoftorpfosten und zischte in der Richtung nach der Tonne: »Na, warte, wenn ich einmal keine kleine Katze mehr bin, sondern eine erwachsene Katze – ja, und dann Familienvorstand – ja, und dann vielleicht von dieser Firma mit der alleinigen Konzession für die Mäusejagd im Lager betraut werde – ja, und wenn ich dann den Auftrag geben werde: ›Bringt mir mal jene Oberkatze von damals –‹« »So werden sie dir sagen«, sagte die Oberkatze: »Ist ja längst gestorben –« Teufel, ist ja wahr, auch der Expedient Schramm wird mit dem Sterben nicht drauf warten können, bis ich jene lange Leiter aufgestiegen wäre: »Na, warte, wenn ich – wenn ich – was denn gleich – helf', was helfen mag – richtig, wenn der Versandmensch irgendeine Tochter hätte – ja, und wenn die Tochter irgendwo und irgendwann ins Wasser fiele – ja, und wenn ich sie vom Tode des Ertrinkens rettete, – ja, und wenn sie mir vor Dankbarkeit um den Hals fiele: ›Ewig dein‹ – ›Ich bedaure sehr, mein Fräulein‹, würde ich dann sagen, ›aber Sie werden einem Menschen, den Ihr Vater einen Stift geheißen hat – jawohl einen Stift – kaum die Hand fürs Leben geben wollen –‹« »He, fertig mit dem Kerzenzählen? Wie viele Pakete, bitte?« »Neunundneunzig«, sagte ich und stieg froh herunter. Denn 110 er hatte ›Bitte‹ zu mir gesagt, jawohl, ›Bitte‹, der grobe Schramm. – »Neunundneunzig, schön – und hier ist meine Tochter, die bei der Prinzipalsfamilie einen Besuch machen soll – wenn Sie so gefällig wären, meiner Tochter den Weg zu zeigen, Herr Müller – –.« Herr Müller! Keine Spur von Stift mehr! Selig ging ich an der Tochter Seite. Sie war so nett und lieb zu mir und gab mir die Hand zum Abschied. Ja, sogar »Auf Wiedersehen!« sagte sie, »Herr Müller.« So gut ging mir die Arbeit nach der Rückkehr von der Hand. Auf einmal aber stand ich still: »Weiß Gott« dachte ich, »wenn Fräulein Olga heute oder morgen in das Wasser fiele – verflixt, verflixt, ich kann ja gar nicht schwimmen, sondern nur ein wenig paddeln –« »Heda, ich habe die Stearinkerzen nachgezählt – es sind nicht neunundneunzig, sondern hundertundein Pakete – ich sag' es ja: es ist doch kein Verlaß auf einen Stift –« »Stift!« begehrte ich auf, »Herr Schramm, Sie haben vorhin, als Ihre Tochter da war –« »Na ja, vor Frauensleuten – aber im Geschäfte müssen Sie erstmal zuverlässiger werden – nicht nur etwas paddeln, sondern richtig schwimmen lernen, eh' ich auf den ›Stift‹ verzichten kann, wertester Herr Müller . . .«   Die Wage Fünfundzwanzig Jahre nach meiner Lehrzeit ging ich in einer fremden Stadt durch eine fremde Straße. Ein Kellerfenster stand offen. Drunten brannten sie Kaffee. Ein Duft zog herauf. Einen Duft hat keiner je gewogen. Millionstelmilligrammwagen gäben keinen Ausschlag. Den Ausschlag gibt das Leben. So mächtig, daß die Gewichte auf dem Wägeteller durcheinanderklirren wie die Geschicke. Dies Klirren trug der Kaffeeduft vom Kellerfenster auf den unwägbaren Schwingen zentnerschwer. Duft und Klirren trugen mich zurück. Ich war wieder Lehrling bei Kramer \amp; Friemann. Die Gittertüre knarrte. 111 Der Prokurist schob mich herein zu tausend Kaffeesäcken und einem einzigen Geruch: »Den laß dir in die Nase steigen, damit aus dir was wird!« Als ob Gerüche aus den Menschen etwas machen könnten, dachte meine Naseweisheit. Heute weiß ich's besser. Heute weiß ich, daß ein Geruch noch übern Tod hinausgreift. Was von dir bleibt, ist der Geruch, der gute oder muffige, in welchem du mit deinem Werk gestanden. Außer dem Geruch aus tausend Säcken trug der Kaffeeboden noch zwei von ihm untrennbare Wesen: Den alten Schröder und die alte Wage. Alt und alt ist zweierlei. Verglichen mit der alten Wage, war der alte Schröder jung. »Ja, Heuschreck, grüner«, sagte der Wagemeister zu mir, »die da ist so alt wie die Firma.« – »Und wie alt ist die Firma?« – »Wie die Wage, Heuschreck, grüner, wie die Wage.« Wenn der Tag im Dämmer ausgewogen wurde, konnte man es sehen: Der eine Hebelarm der Wage ragte weit in die Vergangenheit und gespenstisch reckte sich ein Zeiger in die Zukunft. Dazwischen stand der alte Wagemann Schröder, ewig murmelnd: »Zweiundfünfzig Kilo – schreib, Müller, sechsundfünfzig ein halb Kilo – hast du's?« Ich schrieb und nickte. »Nummer drei: fünfundzwanzig ein viertel Kilo – schreib, Müller – wem gehört der Sack, – schau nach.« »Der Frau Pfeilschifter in der Westenriederstraße.« »Aha.« Er gab den Gewichten einen kleinen Stoß, um dem Kaffeesack mit gutem Gewissen noch ein paar Bohnen nachzufüllen: »Wissen S', Müller, die Frau Pfeilschifter verkauft an kleine Leut', denen 's guttut, wenn zwei Bohnen d'reingehn auf ein Viertelpfund.« »So, und unser Firmeninteresse, Schröder?« »Unser was?« Er kannte kein Fremdwort. »Das Recht unseres Hauses auf den ihm zustehenden Geschäftsgewinn«, übersetzte ich schwulstig. Er zwinkerte mich gütig an: »Dafür hab' ich dem dicken Fallermeier seine zehn Säck' um so genauer ausg'wog'n, Heuschreck, grüner.« Schröder und die Wage waren ganz verwachsen. Er putzte sie, er ölte sie, betreute sie, wie man ein kleines Kind betreut. 112 Nein, eher wie man eine Braut behandelt. Denn er gab ihr gleiche Rechte. Er ordnete sich unter, wenn er ihre Zeichen ablas, gespannt und folgsam. An die vierzig Jahre treuer Brautschaft will was heißen. Ueberallhin nahm er diese Brautschaft mit. Auf der Straße sah ich ihn den andern Gründe auseinandersetzen. Erst verstand ich seine Handbewegungen nicht. Dann begriff ich sie: Gewichte tat er in die Schale, eins ums andere. Mit den Schultern schwankte er. Jetzt spielten sie aufeinander ein, standen im Gleichgewicht. Der Gegner war gewogen. Es hätte einen nicht gewundert, wären Wagegestänge aus seinen Scharnieren herausgewachsen, dezimal erstarrt, und hätte Schröder fürderhin als öffentliche Wag' gedient. Eines Tages führten sie Besuch durchs Lagerhaus. Es war ein junger Ingenieur. Er beklopfte allerlei Maschinen kritisch. Auch auf den Kaffeeboden kam er, beäugte Schröders Wage: »Altes Möbel, was?« Schröder gab keine Antwort. »Uraltes Möbel, was!« »Meinen Sie meine Wage?« »Ja, verflucht altes Möbel, was!« »Das ist kein Möbel, sondern meine Wage, Herr.« »Nu, nu, wollen sich wohl duellieren Ihres alten Möbels wegen – übrigens, sollten mal die Teile auseinandernehmen, Alter.« »Teile? auseinander?« »Ja, Petroleum legen, Glaspapier abreiben. Bißchen polieren. Werden staunen, wie adrett das Ding dann wieder spiegelt und ausschaut.« »Danke, tut's auch so.« »Nu, nu, abermals beleidigt? Also Petroleum, Glaspapier, polieren. Oder wenn Sie das nicht wollen, dann 'ne neue Wage mit 'ner bess'ren Konstruktion als dieses alte Dings da – nichts für ungut – guten Morgen, Alter.« Schröder sah ihm feindselig nach: »Sicher einer von den Neumodischen – was sagt er, daß sie haben müßte: Struktion? – soll meine Wag' in Ruhe lassen, dieser Kerl, sonst hat's g'schnackelt.« »Vielleicht hat er doch recht, Schröder«, wagte ich. 113 »Willst wohl auch ein solcher siebeng'scheiter Grasaff' werden, grüner Heuschreck, he!« »Sie knarrt wirklich manchmal, und die Schnäbel reiben aneinander.« »Das tun jüngere Schnäbel auch«, sagte er anzüglich, »ohne daß man sie gleich aus den Scharnieren nimmt und in Petroleum legt.« Ich hätte beleidigt sein müssen. Aber das war doch zu billig. Ich schnitt dafür in leichtem Aufriß das ergrimmte Schröderantlitz in das Seitenteil der Wage. Erst übersah er's. »Nummer eins, dreiundfünfzig Kilo – aufschreib'n Mül – ja, was ist – was ist denn – ist denn –!« Er starrte sein Gesicht an, »wer hat – wer hat denn – hat denn –!« »Ich, Schröder.« »Schau ich so entsetzlich –?« »Nur wenn man Ihre Wag' beleidigt, Ihre knarrige«, lachte ich herzlos. Aber er hörte gar nicht auf mich. Immer wieder ging er um die Striche herum, schüttelte den Kopf und schraubte die Seitenwand los. Das ging aber nur, wenn er den einen Wagebalken vorher wegnahm. Und das nur, wenn er einen Seitenhebel lockerte. Und das nur, wenn – kurz und gut, er tat, was er zweiundvierzig Jahre nie getan: die ganze Wage nahm er auseinander. Als die Teile faul und leblos hingeschmissen lagen, gab's ihm einen Ruck: »Meine Wag'«, jammerte er leise, »meine Wag'.« Ich glaub', ihm war zu Mut, wie einem Bräutigam, der seine brave Braut zerlegt. Faul und leblos hingeschmissen liegen ihre armen Teile. Und die lange Liebe, die sich rätselvoll vom Spiel des Gliederganzen nährte, ist ertrunken in dem großen Schrecken – vorbei, vorbei. Vergebens, daß er sie – die Glieder seiner alten Braut – nun doch noch in Petroleum legte, daß er sie verzweifelt rieb mit Glaspapier, daß er an ihnen keuchend hin- und herpolierte – »Schröder«, sagte der vorübergehende Prokurist, »Sie haben also schon erfahren, daß die neue Wage angekommen ist?« 114 Er sah ihn stumm und verständnislos an. Er schaute unbeteiligt zu, wie sie von der Laderampe etwas Strohverpacktes anschleppten, wie sich's metallisch glänzend daraus schälte. –»Na, Schröder, Freude an der neuen, wie?« fragte der Prokurist ermunternd und ging. Aber Schröder hatte keine Freude. Wie soll einer, der soeben seine Braut geschlachtet hat, an einer neuen Freude haben? »Hallo Schröder, diese Säcke Kaffee müssen heute noch fort!« rief der Lagerhalter. »Meinetwegen.« »Sie sind noch nicht gewogen, Schröder!« »Meinetwegen.« Sie schleppten ihren Kaffeeballen auf die neue spiegelblanke Wage: »Schröder, wiegen! Müller, aufschreiben!« Die Tinte floß mir langsam aus gezückter Feder. Schröder wog nicht. Es war nichts mit ihm zu machen. Ein anderer mußte wiegen. Schröder stand in der Ecke und bastelte an den Teilen seiner alten Braut. »Meine Wag'«, hörte ich ihn leise jammern, »meine Wag'.« In dieser Nacht ist er nicht heimgegangen. Heimlich hat er sich auf dem Kaffeeboden einschließen lassen. Heimlich bastelte er die ganze Nacht. Als der junge Morgen anbrach, war seine alte Braut aufs neu' lebendig geworden. Und mit ihr die alte Liebe, die rätselvoll vom Spiel des Gliederganzen wieder auf ihn ausströmte. Er jammerte nicht mehr »meine Wag'«, murmelte er fröhlich »meine Wag'«. Als ich eintrat, standen schon die ersten Säcke wieder drauf. Des Alten Daumen und Zeigefinger prüfte ruhig an dem alten Zünglein: »Vierundfünfzig ein halb Kilo – was ist denn, Müller? hoppla, aufgeschrieben! . . .«   Der Seraphim Im Gewürzkeller hatten wir einen, den hießen sie den Idioten. In der Lohnliste war er mit Kumpf eingetragen, S. Kumpf. 115 »Den hat die Firma sicher aus Mitleid eingestellt?« fragte ich, der Lehrling. »Dummes Zeug«, sagte Hüttelmann, der Lagerhalter, »Mitleid gibt es nicht im Kaufmannslexikon. Jeder Mensch ist brauchbar. Der Kumpf mahlt Singaporepfeffer hell. Wir hatten früher einen andern an der Mahlmaschine, der war hell. Aber sein Pfeffer wurde dunkel. Umgekehrt ist's besser.« Jetzt sah ich den verkrüppelten Kumpf anders an. Daß er ins Getriebe seiner Mahlmaschine kroch und es beredete und streichelte, kam mir nicht idiotisch vor. Der wußte schon warum. »Kumpf«, sagte ich vertraulich, »wie kommt es, daß bei dir der Singapore weiß wird?« Er schaute etwas blöde. »Wird halt so wollen«, krächzte er. Seine Stimme war mit der Zeit geworden, wie sein Singaporepfeffer, wenn er in der Mahlmaschine zerrieben wurde. »Was hat der Kumpf für eine grauenhafte Stimme«, sagte ich zum Lagerhalter. »Nur wenn er spricht, nicht wenn er singt.« »Haha, singen, der Kumpf und singen!« »Da ist nichts zum Lachen. Man kann ihn nur nicht hören. Die Mahlmaschine rattert so und schluckt sein Singen.« Da schrieb eines Tages die Fabrik für Mahlmaschinen, man könne jetzt das Rattern ganz verschwinden machen. Ein Monteur kam und fing an, die Mahlmaschine vom Fundament loszuschrauben. Aber da packte ihn Kumpf am Arm: »Laß, oder –!« »Aber Mensch, ich will's ihr ja bequemer machen – schau.« Er zeigte ihm die schalldämpfenden Filzunterlagen: »Wie ein feiner Herr im Polsterstuhl soll's deine Mahlmaschine künftig haben.« Da ließ er's geschehen. Aber mißtrauisch wandte er kein Auge ab, bis der Monteur sagte: »So, jetzt laß sie laufen.« Kumpf schaltete in der Nebenkammer den Strom ein. Als er kein Rattern hörte, verzerrte es ihm das Gesicht: »Sie läuft nicht mehr!« krächzte er, »sie läuft –« Da blieb ihm der Mund offen stehen. Die Maschine lief. Allen Lärm trank der Filz. 116 »He bist du nun zufrieden?« sagte der Monteur stolz zu dem Verkrüppelten. Aber dem verzog es weiter das Gesicht. Am liebsten hätte er geheult. Sie hatten seine Singapore bestohlen. Das altvertraute Rattern hatten sie ihr abgeluchst. Ein paar Tage malte er den Singapore stumm und traurig. Aber auf einmal – »Horch«, sagte Hüttelmann, »jetzt kann man's hören.« Aus dem Gewürzkeller kam ein fernes Summen herauf. »Am Bestellrohr kann man's besser hören – na, was singt er?« Ich preßte mein Ohr ans grüne Schallrohr. Eine weiche Stimme sang im Keller: »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer, Und – Dann war eine Pause. Von vorne fing es wieder an: »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer, Und –« Dann wieder eine Pause. Dann wieder der König. Und so immerzu. Mir rutschte das Lachen von der Pulverpfanne. »Ist das – ist das –?« »Ja, der Idiot«, nickte Hüttelmann, »er hat's in einem alten Schmöker aufgelesen. Er singt immer nur das eine.« So einfach der Gesang war, so bezwingend war er. Ich brütete still über meinen Lohnlisten. Aber vor den inneren Augen schoben sich die Kellergewölbe auseinander. Es rauschte das weite, weite Meer. Ein Schiff kam gezogen, ein altes Schiff aus Singapore. Vorn am Bugspriet saß ein verkrüppelter König und sang. Ohne daß ich's wollte, brummte ich die Melodie leise mit: »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer . . .« »Aha«, sagte übers Pult herüber Hüttelmann, »aha, hat Sie's auch gepackt – ja ja, steckt an – nu, brauchen sich nicht zu schämen – mir scheint, das ganze Kontor brummt's mit.« 117 Ich hob den Kopf. Ueber allen Pulten wiegten Köpfe, über allen Pulten brummte es rhythmisch in die Arbeit: »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer . . .« Von der Kasse kam Herr Brandmann hergelaufen und machte seitwärts geballte Hände: »Unfug – Singerei – wer – wo!« Wir wiesen nach dem Gewürzkeller. Er rannte hinunter. Er kam aufgeblasen wieder 'rauf. Auf seinem Gesicht stand: Na, dem Idioten habe ich das Handwerk gelegt! Als er in seine Kasse zurückgestelzt war, war es eine Weile still. Dann fing es wieder an, ganz fein: »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer, Und –« Gleich kam der Brandmann wieder hergeschossen, funkelnd: »Die Herren in diesem Kontor ermuntern wohl den Idioten, wie?« »Wir haben weder zu ermuntern, noch zu untersagen«, gab Hüttelmann zur Antwort. »Es muß Sie doch in Ihrer Arbeit stören!« »Ich glaube nicht. Im Gegenteil –« »Aber die Geschäftsordnung –« »In der Geschäftsordnung steht nichts, daß Singen im Gewürzkeller verboten ist.« »Aber Ihr gesunder Sinn müßte Ihnen doch sagen –« Er war ganz nahe an den grünen Schalltrichter herangekommen, aus dem's vernehmbar stieg: »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer . . .« Er stutzte. Dann streckte er wieder die geballten Hände seitwärts: »König! – welch ein Blech – weite, weite Meer! – welch ein Blödsinn – wenn draußen das bekannt wird, daß in unserer Firma gesungen wird – na, ich danke – einer singenden Firma würde ich nicht so viel Kredit –« »Was gibt's?« Der Prokurist stand in der Türe. Erst berichtete Kassierer Brandmann aufgeregt, dann ruhig Hüttelmann. Der Prokurist stand unentschlossen und 118 machte ein paar Schritte. Dabei kam er an das grüne Schallrohr. »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer –« kam's vom Keller herauf. »Es muß eine alte Ballade sein«, sagte der Prokurist ruhig und ging in sein Kontor zurück. Brandmann stand verdutzt. »Skandal!« murmelte er und stampfte in seinen Kassenraum. Der Idiot hat nicht mehr lang gesungen. Ein Vierteljahr später starb er. »Zu enge Brust«, sagte der Arzt. »Ja«, sagte Hüttelmann, über das »und« ist sie nicht hinausgekommen.« Wieder ein Vierteljahr später starb des Kassierer Brandmanns Frau. Brandmann stampfte nicht mehr durchs Kontor. Einmal in der Mittagspause fand ich ihn im leeren Kontor am grünen Schallrohr stehen, ein wenig geneigt das Ohr. »Wie hat es doch geheißen?« fragte er. »Und der König kam gezogen Uebers weite, weite Meer, Und –« »Ja, und«, sagte er langsam»und –« Dann setzte er hinzu: »Merkwürdig, daß er Kumpf hieß.« »Er hatte auch einen Vornamen«, sagte ich. »Ja, S. stand immer in den Lohnlisten, glaube ich. Warum der niemals ausgeschrieben –?« »Ich habe in den Akten nachgesehen«, sagte ich, »S. hieß Seraphim.«   Nicht für voll »Herr Vater«, sagte ich zum alten Stadtbuchhalter M–P, »ich hab' gehört, wir kriegen ein – e.« Er schaute übers Konto, rückte an der Brille: »Lehrlingsgewäsch.« »Bitte sehr, Herr Vater, ich weiß es von Fräulein Olga.« »Kenn ich nicht.« »Olga Hüttelmann, die Tochter unsres Lagerhalters, ist die Freundin von Berta Schwarz, der Neuen.« 119 »Kenne ich auch nicht.« »Jetzt noch nicht, Herr Vater, aber bald. Ans dritte Fenster kommt sie zu den Kunden mit S.« »Unsinn, S hat doch der Niedermeier.« »Aber das Sch gibt er ab, es wird ihm zuviel.« »Schämen soll er sich: an ein Frauenzimmer!« Er machte wütende Einträge. Ein neues Konto sollte überschrieben werden: Weiß. »Herr Vater, Sie haben Schwarz geschrieben.« »Verflucht! Da sehen Sie, was für einen Unsinn solch ein Frauenzimmer – mit meinem Willen kommt sie nicht herein, und wenn der Niedermeier nicht ein solcher Lappschwanz wäre.« »Bscht, da kommt sie mit dem Prokuristen – sehen Sie, ans dritte Fenster – hab' ich's nicht gewußt!« Der alte Buchhalter nahm die Brille ab. Er blinzelte unsicher. Auch der Prokurist war nicht ganz sicher, man sah's ihm an. Das ganze Kontor wurde unsicher: Unerhört. Bei Kramer \amp; Friemann ein Frauenzimmer! »Was soll ein Flietscherl im Kontor?« murmelte Zifferer, der Mann der Preislisten. »Eine fade Nocken in der Firma, Gott behüt' mich!« murmelte Dollmann, der Fakturist. »Das arme Hascherl kann mir leid tun«, sagte Enders, der Kreditmann. Der nervöse Niedermeier zitterte hinter seinem S. Aber das Frauenzimmer, das Flietscherl, die Nocken und das arme Hascherl stand fest und frisch am dritten Fenster und schaute. Der Prokurist schwankte noch. Dann sagte er laut: »Fräulein Berta Schwarz übernimmt das Sch. Ich heiße Sie willkommen und wünsche Ihnen Glück –« »Mir hat keiner Glück gewünscht, als ich eintrat«, brummte der Zifferer. »Herr Vater«, fuhr der Prokurist fort, »Sie als Aeltester nehmen sich des Fräuleins weiter an – ich muß auf die Reichsbank.« Da geschah das erstaunliche, daß Vater auf das Flietscherl zuging, ihr fest ins Aug' sah und die Hand gab: »Sie 120 werden's nicht leicht haben, Fräulein Schwarz, bei so vielen Mannsbildern –« Das Kontor fiel aus der Erstarrung, es lächelte. »– aber wenn man einen guten Willen hat, wie Sie – und was kann, wie Sie – und überhaupt – also, das ist Herr – deswegen brauchen Sie nicht rot zu werden, Herr Niedermeier – und hier will Ihnen unser Herr Zifferer die Hand geben – und hier Herr Enders – na na, nicht drängeln bitte . . .^ Fräulein Schwarz war nicht schön, was man so heißt. Damals freilich war sie die einzige Frau auf fünf Dutzend Männer in täglich neun Stunden. Also war sie schön trotzalledem. Also wurde sie verehrt. Also stellte ihr Herr Zifferer zu Beginn der Arbeitswoche ein Blumensträußlein auf das Pult. Also rückte Herr Niedermeier alle Dienstag mit einem zweiten Sträußchen nach. Also ließ es sich Herr Dollmann Mittwochs auch nicht nehmen. Also lustwandelte Berta Schwarz am Samstag in einem Garten statt im Sand der Kundenschulden Sch. Mit mancher Arbeit tat sie sich auch noch schwer. Zum Beispiel mit der Zinsenstaffel. Das ist keine Schande. Es gibt viele Bücher darüber. Und noch immer kommt ein neues, das es besser weiß. Kein Wunder also, daß sie fragen mußte: »Und wie steht's mit den roten Zahlen für die Vortragsposten, Herr Niedermeier?« – »Geben Sie, ich mach' es gerne für Sie.« – »Darf ich es nicht selber –« Aber da rechnete er schon auf Mord und Brand. Oder ein Kunde Mellinger verkaufte sein Geschäft an einen namens Schindler. Das gab einen Saldoübertrag von Herrn Vaters Reich in die Sphäre Sch. »Herr Vater, lassen Sie mich im Memoriale den Uebertrag besorgen.« – »Ist schon besorgt«, lächelte Herr Vater. – »Aber ich hätte doch gern selber –« – »Nein, nein, das bißchen Aufmerksamkeit müssen Sie einem alten Knaben nicht verkümmern, Fräulein Schwarz.« Oder es waren die neuen Zahlungsbonitäten von Herrn Endres Listen in die Konten einzutragen. »Herr Endres, darf ich um die Listen bitten?« – »Bitten ja, Zweck hat's freilich keinen.« – »Und warum nicht?« stammelte sie verwirrt. – 121 »Weil ich's gestern Abend für Sie eingetragen habe, liebes Fräulein.« Alle überboten sich. Am schlechtesten im Rennen schnitt Herr Ebel ab. So gern hätte er die Mahnungen ihr abgenommen. Aber über »Darf ich –?« kam er nicht hinaus vor Schüchternheit. So jung ich war, daß gerade dieser ihr am treuesten ergeben war, sah ich doch. Man hat dafür Augen, wenn man selbst verliebt ist. Wenn man selber bis zum Halse errötet, als es eines Abends pfeilgerad' und hold auf einen zugesegelt kam: »Und wie kommt ihr denn mit meiner Freundin aus, Herr Müller?« – »Oh, glänzend, Fräulein Olga.« – »Ja ja, ich weiß, aber eine Blödheit ist es doch.« Aus allen Himmeln fiel ich: »Eine Blödheit?« – »Nun ja, sie meint es ernst mit ihrer Arbeit, ihr aber nehmt Fräulein Schwarz nicht für voll.« – »Bitte, Fräulein Olga, wir verehren sie sogar.« – »Ei, wir? da macht sich etwa ein gewisser Jemand auch nichts draus, mit mir an einem Sonntagnachmittag unter den Arkaden –« –»Oh, Fräulein Olga, das wenn Sie mir erlaubten«, stammelte ich begeistert. – »Ihnen?« schauspielerte sie, »nein, das erlaubt man nur solchen, die man voll nimmt.« – »Und mich nehmen Sie also –?« – »– erst dann voll«, lachte sie, »wenn Fräulein Schwarz bei euch auch voll genommen wird – dann auf Wiedersehn, Herr Müller, unter den Arkaden.« Sie war davongeflattert. Ich bewegte an dem Abend große Pläne. Ein Zufall, daß Herr Ebel von der Straßenbahn mitten in diese Pläne sprang. War das ein Finger Gottes? Alles hab' ich ihm erzählt. »Nicht voll?« sagte er nachdenklich, »nicht voll? ja, das ist's, ich danke Ihnen.« – »Wofür?« Aber Herr Ebel war davon und sparte sich die Antwort auf den nächsten Tag. Dieser Tag war fast ein Drama. »Herr Niedermeier«, kam Fräulein Schwarz, »wollen Sie mir sagen, wie man diese überfälligen Posten –?« – »Nicht nötig, Fräulein Schwarz, hab' auf diesem Blatt schon alles für Sie ausge –« – Aber da langte eine Hand herein, zerriß das Blatt und sagte ruhig: »Welch ein Unsinn, Fräulein Schwarz ist doch kein Kind. Wenn Sie's nicht erklären wollen, werde 122 ich –« Knirschend deckte ihr Herr Niedermeier das Gesetz der überfälligen Zinsenposten auf. Eine Stunde später trat der alte Herr Vater an ihr Pult: »Denken Sie, Fräulein Schwarz, ich kann die Mahnungen, die ich für Sie geschrieben, nicht mehr finden.« – »Ich freue mich, endlich lerne ich sie selbst zu schreiben.« Gegen Mittag kam Herr Endres liebenswürdig angetänzelt: »Ich weiß, Sie plagen sich seit Tagen mit der Versandstatistik Ihrer Kunden. Hier habe ich für Sie – Donner, wer hat mir die Tinte draufgeschüttet!« Während er wütete, fing ich einen Blick auf. Er kam vom Pulte des Herrn Ebel: »Sieh, ich nehme dich für voll.« Was soll ich noch erzählen? Etwa, daß Fräulein Schwarz seit reichlich zwanzig Jahren Ebel heißt? Und ich? Je nun, ich hab' vor reichlich ebensoviel Jahren unter den Arkaden wandeln dürfen. Sogar ungestraft. Denn Fräulein Olga Hüttelmann hat heute alle sechs Wochen ein anderes Dienstmädchen und heißt Olga Maier.   Theater Ich merkte bald, der Spreißler vom Zigarrenlager suchte meine Freundschaft. Darauf war ich stolz als Lehrling. Denn ich hatte erst ein Taschengeld, und er verdiente schon ganz hübsch. Der Spreißler wußte täglich, was »gegeben« wurde. »Heute gibt's den ›Tell‹«, sagte er. – »O je«, sagte ich. Er sah mich strafend an: »Warum ›O je‹!« – »Weil wir ihn ein halbes Jahr lang in der Schule hatten.« – »Sei froh.« – »Ja, daß sich's ausgetellt hat jetzt.« – »Schäm' dich – ich hab' in der Volksschule niemals Tell lesen dürfen.« – »Sei froh, wir haben sieben Tellaufsätze machen müssen.« – »Tellaufsätze? Tell spielt man oder liest man, aber einen Aufsatz kann man doch aus Tell nicht –« Da verstand ich freilich, daß er sich noch für Tell begeistern konnte. Daß er ihn auswendig lernte, während er im Lager räumte. Daß er ihn aufsagte, während er die Lagerlisten schrieb. Daß er einmal schüchtern fragte, ob ich 123 Sonntagvormittag ins Lager kommen wolle. Wenn niemand da sei, lege sich's am besten los. Den Teufel auch, wie hat er mit der Geßlerszene losgelegt! Wie alte Geßlerhüte wackelten die Zedernkistchen. Ein halbes Dutzend focht er mit den Armen vom Gestell herab. Sie klatschten mit einem Riesenbeifall auf den Boden. Ich klatschte ehrlich mit: »Spreißler«, sagte ich, wie man so sagt, »du hättest Schauspieler werden sollen.« »Hättest?« glühte er, »das will ich ja!« Jetzt kriegte ich die großen Augen: »Aber Spreißler, bei Kramer \amp; Friemann –« »– wohnt die Freiheit nicht und wird kein Tell gegeben – weiß ich – weiß ich – darum will ich fort!« »Fort? wohin?« »Aufs Theater.« »Aber muß man da nicht mehr –?« »Ich kann die ›Jungfrau, ich kann die ›Stuart‹, ich kann den ›Egmont‹, den ›Wallenstein‹, den halben ›Faust‹, das Vernünftige von Shakespeare . . .« Er sprach Shakespe-a-re. Ich hatte nicht den Mut zu korrigieren. Darauf kam es schließlich nicht an. »Willst du mitgehn?« fragte er geradezu. »Wie, zum Theater?« »Nein, ich will mich prüfen lassen – da ist ein Zeuge gut, verstehst du?« Aha: Duell, und ich soll seine Siegerschaft bezeugen. »Ich bin bestellt«, glänzte er, »heute Nachmittag – schau her – du kennst doch Reimar Schwüloff? – inseriert alle Montag und Donnerstag: ›Aufstrebende, die sich der Bühne widmen wollen, erhalten Rat und Unterweisung‹ – er hat mir geschrieben – denk' doch: Reimar Schwüloff selbst . . .« Schwüloff wohnte hoch und seltsam schmierig. »Künstlerlaune«, flüsterte Spreißler im Vorzimmer. Da kam Reimar Schwüloff schon hereingetigert. Uebernächtig, versoffen, dachte ich. »Wahnsinnig interessant«, flüsterte Spreißler. Mit Napoleonsschritten drang Schwüloff ein auf Spreißler: »Weiß schon – schreiben glühend – direkt dramatisch – zweifellos begabt für Bühne – sollten Stunden nehmen – bin bereit, Ihnen ausnahmsweise –« 124 »Zunächst will mein Freund sich prüfen lassen«, fiel ich nüchtern ein. Er schien mich jetzt erst zu bemerken: »Aha, noch einer – scheinen mir mehr ins sarkastische Fach zu schlagen, während Ihr Freund die Heldenrollen wie Wallenstein, Graf Leicester.« »Darf ich vielleicht die Leicesterszene mit Elisabeth –?« stammelte Spreißler. Der Uebernächtige gähnte, schaute auf die Uhr: »Na, man zu!« Freund Spreißler zitterte. Der Uebernächtige gähnte zum zweitenmal: »Ich sollte eigentlich jetzt Stunden – Zeit kostbar – machen Sie voran!« Spreißler machte voran. Erst noch befangen, dann mit dem Pathos vom Zigarrenlager. Weit kam er nicht. Der Uebernächtige gähnte zum drittenmal, schrie: »Famos, famos! an mein Herz, mein Künstlerherz – ich hab's gewußt: epochal – direkt epochal!« Er umarmte ihn. Spreißler zitterte vor Freude und stotterte: »Darf ich die Szene nicht zu Ende?« »Wozu? – die Sache ist entschieden – Sie sind talentiert – riesig talentiert – epochal talentiert – Sie müssen Stunden nehmen – weil Sie's sind, sagen wir zehn Mark – ich nehm' sonst zwanzig – hier ein Formular – unterschreiben Sie mal auf ein halbes Jahr – oder gleich 'n ganzes –« Es gab mir einen Ruck. »Mein Freund wird das Formular mitnehmen«, sagte ich, »und zu Hause in aller Ruhe seine Entscheidungen treffen.« Er sah mich ärgerlich an: »Sie haben keinen Schwung – Sie scheinen ein Banause – nicht zwei Pfennig gebe ich für Ihre Eignung zum Theater –« »Ich auch nicht«, sagte ich »komm Spreißler – du wirst schreiben – wir empfehlen uns, Herr Schwüloff.« Schweigend gingen wir die Treppe hinab, schweigend die Straße entlang, schweigend durch den Park. Aber am Flußufer packte er mich am Rockknopf: »Wenn du ihn mir nur nicht verbiestert hast«, sagte er bedrückt. »Wen?« stellte ich mich an. 125 »Den Meister.« »Welchen Meister?« »Reimar Schwüloff doch.« »Der?« sagte ich mit der Klargesichtigkeit des Freundes, »der ist kein Meister.« »Was denn?« sagte er sauer. »Ein Schwindler zu zehn Mark die Stunde.« Er brauste auf. Er schrie mich an: »Du zerstörst mir meine Zukunft, du gönnst mir nicht, daß ich berühmt –!« »Spreißler«, sagte ich, und sah ihm herzlich in die geröteten Augen, »ich gönn' dir alles, nur nicht, daß du dem versoffenen Kerl in die Klauen kommst, hast du nicht gesehen, Mensch, wie . . .« Eindringlich sprach ich auf ihn ein. Umsonst. Er schrie, er focht mit den Armen in den trüben Herbsttag, er stellte sich an einen kleinen Wasserwirbel des Flusses, er deklamierte: »Ich Unglückseliger, mir bleibt nur noch –« Theater, dachte ich, Theater. Aber leid tat er mir doch, schrecklich leid. »Spreißler, schau', ich will's wieder gutmachen.« »Schlange, mir aus dem Angesicht!« schauspielerte er weiter, daß ein Angler am andern Ufer die Faust ballte: »Spinnete Tröpf', vertreibts mir alle Fisch, damische Komödiedeppen!« Wieder schweigend wanderten wir parkquer. Der Nebel war so dicht geworden, daß wir den Weg verloren. Spreißler stieß mit der Stiefelspitze an eine Blechbüchse. Sie schepperte. Der Deckel sprang ab. Sie war hohl. Auf dem Deckel stand: »Prima Wallenstein Schuhwichse«. »Du, Spreißler«, sagte ich, »warum willst du eigentlich aufs Theater?« »Weil ich muß.« »Und warum mußt du?« »Weil ein innerer Drang mich in jene lichten Höhen treibt, wo –« Ich unterbrach ihn mit einem zweiten Hellgesicht an diesem Tag – was kein Verdienst war, sondern eine Wallung. »Drang in lichte Höhen, Spreißler?, ist's denn ein dunkles Loch bei Kramer \amp; Friemann?« 126 »Nein, ich weiß, ich habe einen schönen Posten, aber –«, und wie donnerte er sich auf, »ich habe einen verfehlten Beruf und keine Menschenseele, die mir Klarheit schafft in – in –« »– lichte Höhen, weiß schon. Aber was die Klarheit anlangt, Spreißler, die könnt' ich dir verschaffen.« »Du – du –?« »Ich Banause, meinst du, weiß schon. Mein Onkel Cäsar war ein Schulkamerad von Strasser.« »Strasser? Walter Strasser« sprach er den Namen ehrfürchtig nach. »Nein, dessen Vater. Mit einer Visitenkarte Onkel Cäsars aber wenn wir ausgerüstet sind, wird's der Sohn dir sagen.« »Was?« »Ob du den Beruf verfehlt hast. Und was Walter Strasser sagt, das wirst du wohl doch glauben?« »Strasser, Walter Strasser . . .« wiederholte er verzückt. Das war im Herbst am späten Abend. Am nächsten Tage schneite es. Als ich am Zigarrenlager vorüber ging, schmiß er eine Kistchensäule um: »Mensch, komm doch herein – hast du sie?« »Da hätt' ich ihn um Mitternacht besuchen müssen. Aber nächsten Sonntag kann ich –« »Ui, eine volle Woche.« »Dafür darfst du mitkommen, willst du?« »Ist dein Onkel der Berühmte, von dem die Leute sagen, daß er Anno achtundvierzig bis an die Knöchel im – im Fürstenblut gewatet hat?« »Waten hatte wollen.« »Er ist also nicht gewatet? Schade.« »Warum?« »Nun, ich denke mir das ungeheuer eindrucksvoll auf der Bühne.« »Im Leben auch, nur daß da weniger das Publikum als er selbst den Eindruck gekriegt hätte.« »Wieso, was für einen –?« »Hinten am Hals, beim Köpfen, mein' ich.« Am nächsten Sonntag standen wir feierlich vor des alten Demokraten Wohnung. Die Haushälterin blinzelte 127 mißtrauisch: »Nix da, der gnä' Herr kriegt kei' Luft!« Damit waren wir wieder an der Luft, die er nicht kriegen konnte. Dann in vierzehn Tagen: »Nix da, kriegt immer noch kei' Luft!« So ging es noch ein paarmal. Schließlich kriegte auch der Spreißler keine mehr. Heftig schnaufend und die Arme werfend, lief er hochdramatisch durchs Zigarrenlager: »Ich Unglückseliger! wenn dein Onkel vorher stürbe!« Knapp vor Weihnachten versuchten wir es noch einmal. Die Haushälterin schien milder: »Es geht ihm etwas besser.« Spreißler drehte seinen Hut: »Es handelt sich um meine Zukunft, bitte«, sagte er flehend. Da ließ sie uns ein. Sie selber müsse etwas holen, sagte sie. Hochgeschichtet lagen die Kissen. Darauf sein alter Freiheitskopf. »Onkel, wie geht's?« Er antwortete nicht. Pfeifend gingen seine Atemzüge. Aber still und klar im Windsturm lag sein Auge, wie ein tiefgebetteter Bergsee, über den hoch der Wilde Jäger braust. Das Alterskindische der letzten Jahre war verweht, das Kindliche geblieben. So mag er achtundvierzig ausgesehen haben, als die Barrikaden wuchsen. »Onkel, mein Freund Spreißler will sich prüfen lassen.« Er sagte wieder nichts. Er lächelte. Vielleicht, daß er gedacht: »Prüfen lassen? Dazu fragt das Leben nicht erst um Erlaubnis.« »Zum Theater will er nämlich, Onkel.« Er lächelte wieder. Vielleicht hat er gedacht: »Da ist er schon: die ganze Welt ist ein Theater, ich muß das wissen – auf die Seite, Kinder, den eisernen Vorhang lassen sie für mich herunter – ihr könnt noch eine Weile draußen weiterspielen.« »Und da du den Vater des großen Schauspielers Walter Strasser kanntest –« »Strasser?«, murmelte er, »Strasser?« – ja ja, der Strasser war es, der – der –« Er kam nicht weiter. Qualvoll pfiff die Luft. Auf einmal wurde es ihm seltsam leicht. Der Wilde Jäger jagte übern letzten Hochgebirgskamm. Auch in der Höhe überm Bergsee ward es still und heiter. Ein Schalk umrandete das alte Freiheitsauge. Sonderbar klar erklang's im dumpfen Raum: »Ja, das war der Strasser, der dem Lateinprofessor das Juckpulver in die Tabaksdose mischte – so so, bei dem will er sich prüfen –« 128 »Nein, Onkel, bei seinem Sohn, der –« »Sohn? haha, fragt ihn doch mal, ob er auch Juckpulver –?« Ein neuer Wilder Jäger stürmte übern Kamm. Er fiel senkrecht auf den Bergsee. Wirr ward sein Auge. Schrecklich warf es seinen Körper. Unsern jungen Seelen wurde es so ängstlich. Wir küßten seine Hand. Auf den Zehenspitzen schlichen wir hinaus. Unschlüssig standen wir im Gang. »Du«, sagte Spreißler, »bist du böse, wenn ich's sage?« »Was denn?« »Wir – wir haben die Visitenkarte vergessen – es lagen welche auf dem Schreibtisch.« Ich horchte. Es war ganz still drin geworden. »Ich – traue mich nicht mehr hinein«, sagte ich beklommen. »Dann – dann gehe ich, wenn – wenn du glaubst, daß er es nicht übelnimmt.« Er schlüpfte hinein. Er kam bleich heraus. So weiß, wie die Karte in seiner Hand. Er brachte kein Wort hervor. »Spreißler«, sagte ich mechanisch, »hat er – hat er's übelge–?« »Ich – ich glaube nicht.« Einen Tag vor Weihnachten, wieder an einem Schneesonntag war es, da haben sie den alten Freiheitskämpfer begraben. Spreißler war auch dabei. Auf dem Heimweg öffnete er zögernd die Brieftasche. Die weiße Karte klappte auf. »Gehst du mit?« sagte er schüchtern und doch flehentlich. Von einem Fuß trat er verlegen auf den andern, daß die Schuhe schmutzig wurden. Es juckte mich, aufzudonnern: »Schäme dich – am Begräbnistage meines Onkels – einen Tag vor Weihnachten wagst du . . .!« Aber da mußte ich niesen. Und beim Niesen fiel mir ein: »Ja, das war der Strasser, haha, der dem Lateinprofessor das Juckpulver in die Tabaksdose mischte, haha.« Nein, wenn mein Onkel, der Freiheitsheld, beim Sterben nicht mal feierlich-moralisch wurde, brauchte ich, sein Neffe, es nach seinem Tod erst recht nicht. »Gut, ich gehe mit. Aber wir müssen damit rechnen, Spreißler, daß er uns hinauswirft – denk' doch: heute Abend ist Weihnachtsabend –« »Jaja, aber wo sich's doch um meine Zukunft handelt –« 129 »Um deine, Spreißler, nicht um seine.« »Und dann haben wir doch die Karte, komm nur, komm geschwind.« Dennoch gingen wir in einem Bogen durch den Park in die Wohnung des großen Tragöden. »Wie stellst du ihn dir eigentlich privat vor?« fragte Spreißler. »Ich weiß nicht. Du?« »Wie den Mann am Grab deines Onkels, der im Namen des Vereins die Rede hielt. Was der für eine Stimme hatte! Und sahst du, wie er seine Arme warf –« »Ja ja, epochal, würde Reimar Schwüloff sagen.« Er hörte gar nicht. »Wie kläglich wenig und wie schwunglos dagegen der Mann im grauen Ueberzieher sprach – wer war der eigentlich?« »Weiß nicht – bscht, da vor uns geht er – wie komisch – Nummer 47 – geht ins gleiche Haus – er wird doch nicht –« Der unscheinbare Graue betrachtete uns freundlich: »Nun, wohin?« »Zu Herrn Strasser, dem berühmten –« »Na na, berühmt?« meinte er geringschätzig. »Erlauben Sie«, donnerte Spreißler, »Sie könnten froh sein, wenn Sie so berühmt –« »Na schön, da will ich also froh sein – und was wollt ihr nun von mir?« Unsere Antwort mußte wohl nicht gar zu klar gelautet haben. »Schön«, sagte er lächelnd, »das erklärt ihr mir dann nach den Feiertagen –« Aber da zückten wir die Karte. »Hm«, meinte er ernst, »wenn dieser Tote euch empfiehlt – darf ich bitten.« Wir stotterten, wir stolperten, wir drehten Phrasen, wir saßen in seinem hohen Arbeitszimmer. »Na, was also?« unterbrach er uns, »den Wallenstein, den Tell, den ?« »Den Leicester«, sagte Spreißler, »wenn ich bitten dürfte.« Er durfte. Ich flüsterte ihm zu: »Leise, Spreißler, leise.« Aber er sah mich vernichtend an. Etwa so: »Ha, du willst mich in der Wendestunde meines Lebens hereinlegen – nein, das soll dir nicht gelingen.« Er legte los, zigarrenlagermäßig legte er los. Einen 130 Leicester legte er hin, mit Tönen: armdick. Und bevor es ihn rollengemäß vor Bewegung umriß, brüllte er wie ein Stier. Und dann schlug er hin. Prachtvoll schlug er hin. Regungslos lag er auf dem Teppich. Regungslos saß auch der berühmte Mime. Auch ich hielt mich für verpflichtet, den Atem anzuhalten. So saßen wir und lagen wir, und die Zeit verging. Ich höre den Perpendikel heute noch gehen, ganz ruhig, ganz gleichmäßig, derweil Spreißler auf dem roten Teppich lag und wartete. Worauf er wartete? Ei, auf das Urteil. Nein, zunächst darauf, daß der Berühmte sagen würde: »Darf ich Ihnen helfen, mein Herr?« Denn von selber konnte er nach dieser gewaltigen Szene nicht gut aufstehen. Es wäre nett gewesen, wenn der Berühmte ihm dazu geholfen hätte. Oder doch wenigstens »Stehen Sie auf, mein Herr«, mußte er sagen. Aber er sagte nichts. Ticktack, ticktack machte das große kühle Pendel. Ganz eisig strömte es von ihm herüber. Ticktack, ticktack, die Zeit verrann. »Um Gotteswillen«, dachte Spreißler auf dem Teppich, »einmal muß er doch was sagen.« Ticktack, ticktack, die Zeit verrann. »Herr im Himmel«, dachte Spreißler, »er wird doch nicht meinen, ich hätte naturwahr gespielt, daß mich der Schlag gerührt hat?« Ticktack, ticktack, die Zeit verrann. Der Schweiß brach dem Spreißler aus. »Dann helpt dat nicht«, dachte ich, »ich bin nun einmal sein Freund –« »Herr Strasser«, sagte ich in die Eiseskälte, »würden Sie vielleicht erlauben, daß mein Freund jetzt aufsteht?« Er schien aus einem Traum aufzufahren: »Freilich, freilich«, sagte er freundlich, »ich muß rein ein wenig gedöst haben – ich habe über eine Statistik nachdenken müssen, meine Herren, über eine seltsame Statistik – übrigens, was tun Sie auf dem Boden – ist Ihnen etwas zugestoßen, Herr Spreißler?« Dem armen Spreißler wankten die Knie. Auf ein Haar wäre er wieder hingeschlagen. Diesmal stumm und echt. Ticktack, ticktack, machte das Pendel. Es wurde wieder furchtbar still. 131 »Statistik, Herr Strasser?« sagte ich mechanisch. »Ja, denken Sie: In Deutschland wollen jährlich, gering gerechnet, hundertfünfzigtausend Menschen aufs Theater. Tausend davon, hochgerechnet, kommen drauf. Neunhundert davon, gering gerechnet, gehen unter, schlammig, nicht pompös. Von den hundert haben fünfzig Talent. Dreißig von den fünfzig zerbrüllen sich das Talent, ja ja, zerbrüllen. Bleiben zwanzig. Davon sterben fünfzehn, ehe sie sich durch ein Riesental der Arbeit bis zur Quelle durchgekämpft, aus der Genie fließt. Fünf trinken draus – von hundertfünfzigtausend jährlich fünfe, hoch, sehr hoch gerechnet, meine Herren – ja so, was mich betrifft? – ich gehöre nicht zu diesen fünfen – noch nicht –vielleicht mal später – man weiß das nie – es ist eine Gnade . . . ach so, noch eines. Herr Spreißler: Sie haben Ideale – Sie haben entschieden Ideale – das ist schön – und noch schöner ist es, wenn sie einem nicht zertrümmert werden vom Theater – denn das werden sie, Herr Spreißler, unerbittlich – und dann haben Sie auch einen Beruf, einen geachteten Beruf – das ist am schönsten – übrigens, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, meine Herren, daß es verfehlte Berufe eigentlich gar nicht gibt, weil – je nun, weil ein tüchtiger Kerl mindestens zu achtundvierzig Berufen tauglich ist – nein, nein, nicht von mir, die Weisheit – die habe ich von meinem Vater – und der hat's von einem andern Achtundvierziger – einem echten Achtundvierziger – ja, den wir heute begraben haben . . . Ja so, noch eines, Herr Spreißler: freute mich, wenn Sie mir mal bestätigen würden, daß – daß Sie heute nicht umsonst auf meinem Teppich lagen, sondern – na ja, wir werden es ja sehen in – in, sagen wir mal, zwanzig Jahren, hoch gegriffen . . .« Wir haben's noch gesehen. Schon nach gar nicht vielen Jahren. Und bestätigt hat er's ihm auch, der Spreißler, dem Strasser. Denn es ist noch gar nicht lange her, daß ein alter Schauspieler zu seinem Jubiläum eine Zigarrenschachtel kriegte. Und in der Schachtel war das Modell eines reizenden Alpenhäuschens im Gebirge. Und das Original dazu, richtig, ja, von dem hat's in dem Brief geheißen, daß es einer von den fünfen als Altersruheangebinde annehmen möchte 132 von – und das setze ich hier am besten wörtlich her – »von einem unter hundertfünfzigtausend und nebstbei bayerischem Kommerzienrat.«   Wir Am 1. Oktober begann meine Lehre bei Kramer \amp; Friemann. Am 2. Oktober fragte mich im Hauseingang ein Bauernkunde, wo er hier bezahlen könne. » Wir haben unsre Kasse im ersten Stockwerk«, sagte ich. Später mußte ich Mahnbriefe schreiben und machte einen stolzen W-Schwung: »Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß . . .« Onkel Frank, der Maler, zog mich auf: die und jene Firma in der Stadt sei noch erheblich größer. »Bitte«, sagte ich beleidigt, » wir sind die erste Firma dieser Art.« »Wir?« neckte er, »wer ist denn wir?« Alsogleich war ich bedeppert. Gleich aber auch verstand er es, mich mit einer Anekdote aufzurichten: Eine Firma habe er gekannt, eine Kleiderfirma im Schleckergässel, die bestand aus Prinzipal und Lehrling. Der Lehrling sah den ganzen Tag durchs Fenster. »Herr Prinzipal, wir kriegen ein Gewitter.« Habe sich der Prinzipal herumgedreht: »Was heißt wir? Bist du Teilhaber vom Geschäft? Wenn du ein Gewitter kriegst, kriegst du's allein.« Da lachten wir beide. Er aber setzte zu: »Ohne Spaß, mein Junge, es gibt auch ein ernstes Wir. Du wirst es kennen lernen.« Von da ab fing ich an, die Lehrlingsohren aufzurichten, wenn ein Wir erklang. Buchhalter Vater war gewiß bescheiden. Am Stammtisch saß er mit gebeugtem Rücken. Jeder grobe Lackl hätte ihn zum Ducken bringen können. Denn da hatte er nur sich dagegen einzusetzen: »Ich gestatte mir . . . ich möchte mir erlauben . . .« So aber einer etwas über seine Firma sagte, hei, wie hat's ihn hoch gerissen – ganz anders noch als mich – wie verflog die Demut, wie blitzten seine Augen, 133 sprungbereit wie eine Katze, deren Brut bedroht ist, stand er: »Mit Verlaub, was reden Sie da Dummes, wir sind, wir werden und wir haben . . .« Ich mußte denken, Ich hat sicher seinen Wert, Ich ist Rückgrat, Wir aber ist das Rückgratsmark. Aus Ich wird Wir nicht dadurch, daß der Schnabel von spitz auf breit gestellt wird. Zu Wir gehörte mehr. Was nur, was? Bei Mutter war es knapp um diese Zeit. Vaters Lebensversicherung hatte sich verzehrt. Mutter mußte sich umstellen auf Zimmervermieten. Das ging nicht ganz reibungslos im Innern und Aeußern. Fürs Aeußere tat Mutters Energie das ihrige, und fürs Innere – »Fritz«, sagte sie, »wir müssen halt zusammenhalten, wir . . .« Ich horchte auf: Diesen Wir-Klang hatte ich schon irgendwo gehört. »Herr Vater«, sagte ich, »nicht wahr, Sie haben nicht nur glatte Zeiten erlebt?« Spitzbübisch sah sein altes Kontokorrentgesicht vom Buch auf: »Nicht daß ich wüßte, ich habe weder Frau noch Kind verloren, nicht einmal einen Freund – ich bin allein.« »Das ist nicht wahr, Herr Vater, Sie sind doch verheiratet – heimlich.« »Dummes Zeug –« »Mit der Firma, mein' ich.« »Ja so, ja so. Sie haben recht. Eine Ehe ist das auch. Nicht immer eine glatte. Glatte Ehen schweißen nicht zusammen. Wir aber, wir  . . .« Jetzt wußte ich's. In solchem Wir lag Kampf, in solchem Wir lag Not, in solchem Wir lag einstehn einer für den andern. Vater hatte dieses Wir nicht ganz allein gepachtet. Wir sagte auch der alte Lagerverwalter, sagte der alte Kassendiener. Im Wir von allen dreien klang es wie ein fernes Hifthorn aus versunkenen Schlachten. Gegen Ende meiner Lehrzeit war es, daß der Mann, der die Statistik führte, wieder seinen Kopf zu schütteln anfing: »Gewürze minus, hm, Gewürze minus, hm . . .?« Niemand achtete auf ihn. Er schüttelte oft den Kopf. Das Kopfschütteln hatte die Statistik so an sich, hieß es. Aber er schüttelte weiter: »Komisch sollten die Gewürze, hm, sollten sie, hm . . .?« 134 »Es scheint ihm was verwürzt zu sein«, kicherte der Volontär, »verpfeffert oder durch unglückliche Liebe irgendwie versalzen –« »Versalzen?« murmelte der Statistiker wie im Traum und haute dem Volontär eine statistische Ohrfeige herunter – die in Wirklichkeit. Dadurch kam es auf. Nämlich, der Volontär war aus einer Familie, wo Ohrfeigen schriftlich oder mündlich wohl zu Hause waren, aber niemals solche mit der Hand. Weshalb er sich beschwerdeführend an den Prokuristen wandte. Der untersuchte die Ohrfeige, wobei sich ergab, daß – der Gewürzumsatz der Firma in der letzten Zeit sehr zurückgegangen war. Der Prokurist war ganz bestürzt. Er ging mit der Statistik an sein Pult und rechnete und rechnete. Der Volontär war verdutzt. Damit war ihm nicht gedient. »Herr Mathis, darf ich mir erlauben –« »Jetzt nicht, später.« Herr Mathis rechnete. Der Volontär trat von einem Bein aufs andere und hielt sich die Wange. Die falsche nämlich. Es war so viel Zeit vergangen, daß er sie verwechselte. Gleichviel, Recht muß Recht sein, und eine Ohrfeige ist eine Ohrfeige, sei die Backe noch bestimmbar oder nicht. »Herr Mathis, darf ich mir erlauben –« Der Prokurist rechnete. »– mir erlauben, ganz ergebenst –« Herr Mathis rechnete. »– auf meine Ohrfeige hinzuweisen, jawohl –« Herr Mathis rechnete. »– welche ruhig einzustecken, jawohl –« Herr Mathis rechnete. »– mir mein Ehrenstandpunkt untersagt, jawohl, strikte untersagt und –« Wupp, rutschte Mathis Hand aus. Jetzt hielt sich der Volontär beide Wangen. Vielleicht alle zwei mit Recht. »Wie können Sie mich fünfmal stören«, rechtfertigte sich Herr Mathis, »wenn der Gewürzumsatz um über 50 Prozent zurückgegangen ist – wie kommt das nur – wie das nur kommt –« Es gab eine Gewürzsitzung. Die Gewürzproben wurden 135 untersucht und gut befunden. Das Ergebnis war statistisch: Köpfeschütteln. Dann wurden die Stadtreisenden befragt. Die hielten eine Extrasitzung und überbrachten ihr Ergebnis feierlich dem Prokuristen: Das käme von den zu geringen Gewürzbestellungen der Kundschaft. Herrn Mathis hat es wieder in der Hand gezuckt. Aber es blieb beim Zucken. Die Stadtreisenden waren in dem Alter, das gestattet, ohne Volontärquittung blöd zu sein. Aber ein »Donnerwetter, meine Herren, Sie müssen's 'rausbekommen!« gab es doch. Bestellungen aufzunehmen, sei keine Kunst, noch nicht einmal, sie auf der Höhe zu erhalten. Kunst aber sei, bei bester Ware einen Rückgang zu erleiden, »den Teufel auch, Ihr Herren, dazu kann man Ihnen gratulieren! – morgen Abend, bitte, anderen Bericht!« Am nächsten Abend ging es durcheinander: Die Kundschaft wolle mit der Sprache nicht heraus. Der vor einem Jahr bei uns entlassene Schumpf vielleicht – »Vielleicht!«, fuhr Mathis auf, »vielleicht kennt unsere Firma nicht! Sind Sie vielleicht angestellt? Nein, fest. Bekommen Sie Gehalt und Provision vielleicht? Nein, sicher. Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, herauszubringen, was ein richtiger Vertreter eigentlich im kleinen Finger haben sollte. Ist es abermals ein Schlag ins Wasser, werde ich – an die Umbesetzung einiger Vertreterposten denken müssen – vielleicht . . .« Die Woche wurde schwül. Es regnete Gerüchte. Die Wahrscheinlichkeit, daß der entlassene Schumpf dahinterstecke, wurde größer. Der Prokurist blieb finster: »Beweise, meine Herren, Beweise, es fehlen noch zwei Tage an der Woche.« Ich hörte, wie zwei Reisende sich auf der Treppe unterhielten: »Ist leicht gesagt: Beweise!« – »Natürlich, wenn wir offiziell erscheinen, geht der Vorhang 'runter – behüt' dich Gott, Beweis!« – »Ja, soll selber hingehn, der Herr Mathis!« – »Ist auch ein Unsinn – das beste wär' ein unscheinbarer Dritter, der sich hinters Faß steckt, wenn die Konkurrenz, wenn dieser Schumpfhalunke . . .« Das war Donnerstagabend. Am Freitag früh reichte ein Stadtreisender seine Kündigung ein. Nachmittags ein zweiter. 136 »Wir werden nicht so dumm sein, uns zuvorkommen zu lassen«, sprachen sie herum. Samstag früh lag es dick auf den Kontoren. Gespannte Gesichter, murksige Gesichter. Samstagnachmittag hatte man das Gefühl: Ueber Sonntag gibt es eine Explosion. Da – die Klingel des Prokuristen. »Müller, tragen Sie diesen Brief zur Stellenvermittlung des Kaufmännischen Vereins, rasch, bitte.« Ich trabte mit dem Briefe durch die samstäglichen Straßen. Angestelltentrupps trabten mit. Die Banken schlossen eine Stunde früher als wir. Wochenschluß. Die Sonntagsfreude lag auf allen Wegen. Und ich – hatte einen Brief in der Hand, von dem ich nur zu gut wußte, was er enthielt: »Empfehlen Sie mir sofort Ersatz für entlassene Stadtreisende . . .« Ich schaute auf die Briefanschrift: Die straffe Handschrift unseres Prokuristen. Ja, der kannte keine lange Fackelei. Der hielt auch in der Drohung mehr, als er versprochen hatte – Ich schaute auf. Vor mir ging ein Mensch, der mir bekannt schien. War das nicht Schumpf, der entlassene Schumpf? Wupp, weg war er. Eine Klingel. Aha, in den Laden der Frau Schregle war er eingetreten. Frau Schregle war auch unsre Kundin. Also – Also zauderte ich nur einen Augenblick. Dann – dann sah ich einen dicken Mann in denselben Laden treten. Ui, der war Front und Flankendeckung zugleich. Ich also dicht hinterher. Drinnen blieb er schnaufend neben einer Tonne stehen. Famos! ich schlüpfte hinter sie und spitzte meine Luser so angestrengt, daß ich in den Adern meiner Schläfe Tropfen fallen fühlte, tick tick, tick tick . . . »Also meine Frau schickt mich – Sie wissen schon: Weihnachten – da braucht man allerhand Gewürze –«, schnaufte der Dicke. »Einen Augenblick, oder würden Sie erlauben, Herr Schumpf, daß ich vor Ihnen –« »Selbstverständlich, der Käufer geht vor.« »Net alleweil«, schmunzelte der Dicke, »früher hat es eine Zeit 'geb'n, hat mein Großvater g'sagt, wo zwei Kunden 137 einem Reisenden nachgelaufen sind. Heute freilich laufen zwei Reisende einem Kunden nach und – übrigens kenne ich Sie – Sie sind bei der Firma Kramer \amp; Frie –« »Schon lange nicht mehr. Jetzt bei der Konkurrenz. Die weiß meine Qualität mehr zu schätzen und ist in jeder Hinsicht leistungsfähiger als –« »Kennen wir, kennen wir: der alte Schuh ist immer lumpig, wenn man inzwischen Plattfüß' kriegt hat oder sonst den Fuß sich überstaucht hat –« »Ich verbitte mir das, wenn Sie damit sagen wollen, daß –« »Nix will ich sag'n, Weihnachtsg'würz' will ich bei der Frau Schregle kaufen und –« »Sehen Sie, gerade in Gewürzen sind wir Kramer \amp; Friemann über, bedeutend über.« »So? Warum?« »Warum? Na, Frau Schregle kann es Ihnen sagen. Der hab' ich's schon das letztemal vertraut, nicht wahr, Frau Schregle?« Ich spitzte vorsichtig hinter meiner Tabaktonne hervor. Herrgott, machte die Frau Schregle ein pfiffiges Gesicht: »Ja, wissen tu ich's schon – aber Sie selber hab'n gesagt, Herr Schumpf, ich dürft' es niemand anderem –« »Damit meinte ich die Konkurrenz. Ihre Kundschaft aber hat ein Recht darauf zu wissen, daß die Gewürze meiner Firma besser sind. Besser sein müssen. Denn wir mahlen nicht Zigarrenkistenholz in unserm Zimmt –« »W – wie, das tut die alte Firma Kramer \amp; Frie –« »Gott, wenn das alles wäre – aber da kommt auch in den Pfeffer Dreck, den die Lehrjungen auf dem Hof zusammenscharren und –« »W – wie, w – was, Dreck –?« »Ganz zu schweigen von dem, was die Profitmacher den gestoßenen Nelken beimischen – ich sage Ihnen –« »Sag'n S' mir nix – heißt das, nur das eine sag'n S' mir: woher wissen Sie denn –« »Woher? – haha – wenn man so was selbst gesehen hat und deshalb ausgetreten ist aus solcher sauberen Firma –« »Hm, dann freilich – ist doch eine Schand', wie schlecht 138 die Welt heute ist – also Frau Schregle, auf dem Zettel da stehn die Gewürze, die wo meine Frau – aber, wenn ich bitten darf, nicht den Dreck von Kramer \amp; Frie –« »Hie–hie– ha– ziii!« machte jemand hinter der beißenden Tabaktonne. Ich war dieser Jemand. Ich, der ich während obigen Gesprächs an dreißig Nieser gewaltsam unterdrückt hatte. Mit dem Erfolg, daß der einunddreißigste Nieser an Gewalt und Sturmkraft alles Unterdrückte mit einemmal zusammenfaßte. Und mit dem weiteren Erfolge, daß sich jetzt drei Köpfe über meine Tonne neigten, ein Frauenkopf und zwei Männerköpfe, ein dicker und ein dünner. Und daß der dünne Kopf auf einmal anfing zu zetern: »Ha, Spion! – ha, der Kerl ist ein Lehrling von Kramer \amp; Friemann – na wart, Bürschchen, ein Wort wenn du weitersagst von dem, was du gehört hast, dann –« »Lassen Sie ihn doch«, sagte der Dicke gemütlich, »Zigarrenkistenstaub als Zimmt verkaufen ist eine Gemeinheit, die soll jeder Mensch erfahren –« »Gewiß, gewiß«, schnappte Schumpf, »nur nicht seine Firma –« Der Dicke riß die Augen auf: »Aber die weiß doch selber, was für Schmierereien –« »Ja«, rann mir jetzt die Jungengalle über, »ja, die Schmierereien, die Herr Schumpf bei uns verübte, wissen schon alle in der Firma, haben wir schon vor seiner plötzlichen Entlassung gewußt und –« »Schweig, du Schuft!« »Schuft?!« schrie ich, »Schuft ist ein Mensch, der wider besseres Wissen von seiner alten Firma sagt, sie habe Dreck –« »Na, ich will nicht stören«, murmelte der Dicke, »komme später wieder, Frau Schregle.« Draußen war er. Auch Frau Schregle entschwand hinter einem Türvorhang, den sie von hinten straff hielt, ich konnte einen Finger sehen. Schumpf fuhr auf und ab wie eine wilde Hummel. Plötzlich stand er vor mir still. Eine Börse zog er. Saufreundlich, wie sie in meiner Vaterstadt sagen, wurde sein Gesicht: »Hör' mal, es soll mir auf einen blauen Lappen nicht ankommen, wenn du – du verstehst?« Einen schmierigen Hunderter hielt er mir vor die Nase. 139 Ich überlegte nicht. In solchen Augenblicken gilt die Ueberlegung keinen Pfifferling. Man handelt, wie man muß, weil aus einem eine Hand herausgreift und – »Her damit«, griff eine Hand aus mir heraus, »nur her damit und Dreck zu Dreck!« »Ha, Halunke!« Er erwischte mich beim Rock. Ich riß mich los. Ein Fetzen blieb ihm in der Hand. Mit der andern griff er wieder. Auf mein Handgelenk hatte er's abgesehen. Wir rangen einen Augenblick. Die Tür klingelte. Der Dicke wieder. Es gelang mir, zwischen seinen Beinen durchzuschlüpfen – ha, frei . . . – – – Als ich bei Kramer \amp; Friemann ankam, waren die Kontore geschlossen. Hausverwalter Vogel schepperte mit seinem Schlüsselbund im Hof herum: »Nur Herr Mathis ist noch oben – halt, wie schaun denn Sie von hinten aus. – Sind Sie unter eine Räubersbande –?« Ich hörte nichts mehr. Ich flog die Wendeltreppe hinauf. Ich stand vorm Prokuristen. Ich hielt in der Hand einen zerknitterten Brief, von dem eine Ecke abgerissen war. Diesen Brief sah der Prokurist: »Was für einen Unfug haben Sie –?« Aber da sah er auch noch den entrissenen Hunderter, sah mein Gesicht und wurde seltsam ruhig: »Erzählen Sie.« Wie wenn von einem stürzenden Holzstoß die Buchenscheite prasseln, erzählte ich, immer den zerknitterten Brief in der einen Hand, und in der andern den Bestechungshunderter. »Geben Sie«, sagte er und langte ruhig nach dem Brief, »der ist jetzt nicht mehr nötig – jetzt können wir den Menschen und die Gewürzstatistik an der Gurgel packen – geben Sie – ja, den Hunderter . . . geben Sie, – nein, jetzt mein' ich Ihre Hand – wir danken Ihnen, wir . . .« » Wir «, hatte er gesagt und meinte mich. » Wir «, hatte er gesagt und meinte mich und sich und alle in dem Hause. » Wir «, hatte er gesagt und Blut der Firma rann in mich. Die Arbeit und der Arbeitsstolz von Hunderten von Menschen, die in Geschlechterfolgen für die Firma tätig waren, kreiste jetzt in meinen Adern. » Wir «, hatte er gesagt, und diese Mehrzahl war die beste in meiner ganzen Lehrzeit. 140   Der Kapferer Der Kapferer aus Hinterstetten war ein Bauer in den Bergen. Daneben hatte er ein Laderl. Die Klingel ging darin stundaus, stundein. Hätte der Kapferer eine Buchführung gehabt, so wäre offenbar geworden, wievielmal mehr das kleine Laderl Geld verdiente als die große Oekanamie, wie er sie nannte. Aber dieser Offenbarung ging er aus dem Wege: »Jojo, der Kapferer bin i, mit soviel Küh' im Stall vorn und soviel Tagwerk' drumherum und das kloa' Laderl hintenaus geht d'rein.« Dieser Kapferer war einer der besten Kunden der Großfirma Kramer \amp; Friemann. Ich mußte das wissen, denn als Lehrling hab' ich in Statistik machen dürfen. Eines Tages stand er im Kontor, mit der Krachledernen und dem langen dünnen Stecken. Hatte ihn kein Mensch hereingebeten. Stand einfach da: So, da bin i. Der Hausverwalter Vogel schwirrte aufgeregt um ihn herum: »Erlauben Sie, Sie sind wohl irr gegangen –« »Nein, aber du, mein Lieber: Irrgäng', Bittgäng' und Schneidergäng' sind die einzigen drei Gäng', die ich nicht gehn mag, mit Verlaub.« Jetzt wurde unser Vogel giftig: »Mit Verlaub ist hier keine Oekonomie, mit Verlaub!« »Oekanamie? was verstehst du von Oekanamie, ha?« Er ließ den dünnen Haselstecken vielverheißend pfeifen. Der Vogel entfloh. Wir im Kontor hatten einen Heidenspaß. Aber da ging das Schubfenster im Prokuristenkontor auf: »Was ist denn das für ein Heidenlä–« Da fing der Kapferer zu strahlen an, hoch gingen seine Aermel, an denen die silbernen Bauernknöpfe klirrten: »Jesses, der Kleine!« Denn man konnte streiten, ob Herr Mathis kleiner von Statur war oder tüchtiger von Geist. Er überdachte seine Augen, wie er's im letzten Sommer im Gebirg von Hinterstetten tat, wenn er ein Wanderziel ins Auge faßte: »Ah, du bist's, komm nur 'rein zu mir!« winkte er dem Bauern zu. Der stapfte in das Allerheiligste. Türe zu und Fenster. Lachen klirrte, Silberknöpfe tickten drein. Uns draußen wob 141 sich ein Geheimnis. Die Köpfe steckten wir zusammen über Büchern: »Habt Ihr's gesehn, wie familiär . . . da steckt was dahinter . . . sicher ein Verwandter . . . so so, einen Bauernvetter hat er also . . . na, ist wenigstens vernünftig, daß er 'n nicht verleugnet . . . hm, oder meint ihr nicht, daß da ein ledig's Kind dazwischen spielen könnte . . .« Hu, ihnen gruselte ganz wohlig vor Geheimnis. Gar zu gern hätten sie dem Ueberragenden was Menschliches hinaufgepappt. Aber da erschienen beide wieder in der Türe. »Vogel«, rief der Prokurist, »he, nehmen Sie Herrn Kapferer doch Hut und Stock ab!« Kapferer? Das ledige Geheimnis riß. Klar und sonder Romantik stand ein Konto vor den Augen: Alois Kapferer, Hinterstetten, älteste und beste Landkundschaft, Zahlungsweise prima, prima . . . »So, mein lieber Kapferer«, sagte der Prokurist – denn mit Gebirglern war man du und du – »jetzt willst du natürlich das Hofbräuhaus besuchen?« »Da kimm i grad her«, stapfte der Kapferer lachend mit dem Stecken auf. »Oder die Pinakothek?« scherzte der Prokurist. »Da gehn wir dann am Ab'nd hin, soviel Bier vertrag' i in der Fruh net«, spektakelte der Kapferer. Herr Mathis war verlegen: »Dann – dann vielleicht ein wenig in die Isarlandschaft, Kapferer?« »Mich stimmts, Landschaft hab' i 's ganze Jahr, mei' Lieber – was extrig's möcht' i sehn, das i sonst net sehn kann, weißt.« »Was extrig's? hm, wir haben weltberühmte Kirchen in der Stadt –« »Laßts mich aus, beten kann i z'Haus.« Der alte Endres war hinzugetreten. Derselbe, der die Kreditwürdigkeit der Konten zu überwachen hatte: »Darf ich einen Vorschlag machen?« Herr Mathis atmete auf: »Freilich – muß nämlich fort – Aufsichtsratssitzung –« »Da geh' i mit«, entschied der Kapferer. Lächelnde Verlegenheit. Endres schlug ihm auf die 142 Schulter: »Geht nicht, Kapferer, dort fallst durch – dort wird geprüft – Kontorwissenschaften –« »Dann – dann zeigts mir erst die Wisselschaften«, versteifte sich der Kapferer. »Gern – fangen wir bei der Registratur an – G–H–I–K«, klopfte Endres auf die Fächerdeckel, »da haben wir den Akt Kapferer.« Auf dem blauen Aktendeckel leuchtete in Rundschrift: »Alois Kapferer, Hinterstetten.« »Hätt' mir nicht 'denkt, daß ich so schön g'schrieb'n werd'n könnt'«, kraute er sich hinterm Ohr. »Im Hauptbuch stehst noch schöner – schau.« Er schlug ein Konto mit roter Kopfschrift auf: »Alois Kapferer«, buchstabierte der aus Hinterstetten fast ehrfürchtig. Aber dann wurde er kritisch: »Warum schreibts mich denn gleich zweimal auf, ha?« »Das eine ist die Korrespondenz –« »Ha?« »Die Korrespondenz«, sagte Endres lauter, als verstünde das der Kapferer besser, und blätterte im Akt. »Kospenz, was ist denn dös? – also, Schriebischreibi, – warum sagst denn nicht gleich: Brief?« »Ja, so könnte man auch sagen.« »Aha, mir scheint, bei den Wisselschaften red't man g'schwoll'n daher, damit man wunder glaub'n soll, was dahintersteckt.« – »Bitte, 15 Pfund Dreireiterrauchtabak zu schicken«, las er seine eigne Karte ab – »so so, das ist also a Kospenz?« »Ja, und hier im Hauptbuch wird hineingeschrieben, was Ihr zahlen müßt – zum Beispiel 136,95 –« »Du, das hab' i sei' scho' lang g'schickt!« »Stimmt«, nickte Endres. »Warum tuts mich dann net aus – warum streichts mich denn net durch?« sagte der Kapferer mißtrauisch. »Bitte, hier im Haben ist die Zahlung eingeschrieben: 136,95.« »Was, jetzt habts es mir gleich zweimal 'naufg'haut!« »Nein, das zweitemal bedeutet es: bezahlt – habt Ihr denn in Hinterstetten keine Buchführung?« »Buchführung? meine Küh' brauchen keine –« 143 »Aber im Laden –« »Wird alles bar 'zahlt – mir scheint, mir scheint, Eure Wisselschaften sind in der Hauptsach' für die Schlawiner, die wo net bar bezahl'n woll'n.« Ei, auf einen Hinterstettner Eindruck zu machen, hatten wir uns leichter vorgestellt. Endres versuchte es mit einer Schreibmaschine, die gerade aufgekommen war. Aber unbestochen schaute der Kapferer zu, und zur Druckschrift schüttelte er den Kopf: »Jetzt wo man schreiben kann, als wenn's gedruckt wär', wird g'wiß noch mehr gelog'n.« Aber als die Schreibmaschine am Ende einer Zeile läutete, sprang er doch zurück: »Jesses«, sagte er, »i hab' mir 'denkt, es kommt am Bahnübergang a Lokomotiv' daher! – derweil' ist's bloß a Dreschmaschin'!« Dann wurde ihm der große Kassenschrank vorgeritten. Geheime Türen schlugen daran auf und zu, silberne Schlösser spiegelten. Er aber sah unsre eigne Ehrfurcht vor dem Riesenmöbel: »Da habts aber a hübsch Trumm Hausaltar!« sagte er. Endres ärgerte sich: »Kapferer, kann dir denn gar nichts imponieren?« »Ha?« »Ob gar nichts Eindruck aus dich machen kann?« »Ha?« »Warum du deine Aug'n net aufreißt?!« »I hab' g'meint, Ihr habts a bissel an' Oekanamie aa?« Das also war's: Kaufmannschaft ohne Oekonomie hielt er nicht für voll. Damals lachten wir. Heute, nach dem Weltkrieg, wissen wir es besser. Im Weltkrieg hätte Endres nicht spöttisch zu ihm gesagt: »Meinst wohl, daß wir eine Kuh an jedes Konto stellen sollten und unsre Lehrlinge an Butterfässer – aber komm nur her, jetzt hab' ich noch was, was dir deine Augen wie Salzbüchseln aufreißt.« Er führte ihn in eine Zelle, wo die neue Wundertat des Telephons erglänzte: Glotzender Schalltrichter, funkelnde Hörrohre und darunter ein damals noch mächtiger Kasten mit den eingesperrten Elementen. »Schau, Kapferer, von hier aus könntest bis nach Hinterstetten sprechen.« 144 Kapferer blinzelte ihn listig an: »Da mußt einen andern Dummen suchen.« »Nein, Kapferer, 's ist mein Ernst.« »Also gut«, blinzelte er weiter, »dann will ich dischkurier'n mit mei'm Wei'.« »Das könntest du, wenn sie auch ein Telephon hätte.« »Ha?« »Ein – ein solches Dischkurierkastl.« Kapferer lachte dröhnend. Er hatte es heraus: »Das ist kein Kunststück, dann dischkurieret' sie und dischkurieret' i, ein jeder in sei'm Kastl, und keiner könnt' den andern hör'n hoho –« Endres war beleidigt: »Herr Mathis erzählte mir, Ihr hättet einen Vetter hier im Magistrat?« »Jo, den Bampfer Josef.« »Ihr kennt doch seine Stimme?« »Jo, er bampft halt.« Mit Kurbeln, Drücken, Rufen wurde umständlich die Verbindung hergestellt. Der Kapferer blinzelte von Zeit zu Zeit in die Zelle: »Plagts Euch nur, Ihr stimmts mich net . . .« »So, Kapferer, jetzt ist dein Vetter da.« Er drückte ihm das Hörrohr an: »Kannst ihn hörn?« Jetzt riß es dem Kapferer wirklich die Augen auf: »Kruzitürken!« murmelte er, »der Seppl bampft.« »Jetzt sprich, Kapferer.« »Was denn?« zitterte er, so hatte ihn die Ehrfurcht vor der Erfindung jetzt gepackt. »Was dir grad' einfallt, Kapferer.« Da nahm der Kapferer mit der Lunge einen Anlauf, als wenn er ohne Telephon über die halbe Stadt ins Rathaus hätte schrein müssen: »Ja, Seppl, Teifelslackl, bischt es oder bischt es net!« »Freilich bin ich's, Alois«, piepte es durchs Telephon. »Ja, also dann«, brüllte der Kapferer, »das ist ja eine Viecherei – eine Viecherei!« Eine Viecherei, das war die höchste Eigenschaft, zu der sich seine ökanamische Anerkennung aufschwingen konnte. Er schnaufte noch lange nach Beendigung des Gesprächs. 145 Wir zeigten ihm noch allerlei. Im hydraulischen Fahrstuhl ließen wir ihn in den Keller fahren. Die pneumatische Postkugel ließen wir von der Buchhalterei in den Kassenraum hinunterrollen und zurück. Er ließ alles schweigend und schnaufend über sich ergehen. Man sah's ihm an, nur das Telephon hatte es ihm angetan. Immer wieder wanderten seine Gedanken nach dem Dischkurierkastl. Wie es auch über sein gescheites Bauerngesicht hin- und widerzuckte: Mit dem Wunder wurde er nicht fertig. Aber auf einmal hatte er's. Auf einmal lief er von uns fort. »Halt, Kapferer, wohin?« rief Endres. Er hörte nicht. Quer lief er durchs Kontor. Einen Stuhl warf er um. Bücher wischte er vom Tisch. Schnurstracks auf die Telephonzelle steuerte er. Das Türchen riß er auf. Pfiffig fing er an zu lachen: »Haha, da müßts früher aufstehn, wenn Ihr den Kapferer aus Hinterstetten reinleg'n wollt, haha.« »Aber Kapferer, du irrst dich –« »Nix da – derwuschen hab' ich Euch«, schrie er und deutete auf den großen Elementenkasten unterm Telephon, »dadrinn' steckt er!« »Wer, Kapferer, wer?« »Der Bampfersepp – laßt 'n 'raus, sag' ich . . .!«   Der Organisator In meinem dritten Lehrjahr bei Kramer \amp; Friemann sank der Reingewinn. Herr Blunck erfuhr es in der Bilanzsitzung. Er kam wie immer angeschwänzelt, händereibend: »Na, wieder zwölf Prozent?« Herr Kramer trommelte am Fenster. Der Prokurist sah mir ins Lehrlingsstenogramm: »Kommen Sie mit?« Herr Blunck hörte mit schwänzeln auf und rieb doppelt schnell die Hände: »Vielleicht fünfzehn Prozent – oder – oder gar zwanzig?« schrillte er. Herr Blunck war »stiller« Teilhaber. Herr Kramer trommelte rascher. Der Prokurist sagte trocken: »Knapp sechs, Herr Blunck.« 146 Herrn Blunck klappte der Unterkiefer herunter. Er vergaß ihn wieder hochzuklappen. So sieht ein Nußknacker aus, dem die Nuß herausrollt. »Sechs Prozent, schlechter Witz, was?« schnappte er. Am Fenster drehte sich Herr Kramer um: »Wir machen weder gute noch schlechte Witze, Herr Blunck, wir arbeiten.« »Seh' ich, seh' ich an den lumpigen sechs Pro –« »Lumpig?« »Na ja, Sie hatten doch schon über zwanzig. Warum ist dieser Satz nicht beibehalten worden, he?« »Herr Blunck, Sie sind Geldmann. Kaufmann sind Sie nicht. Sonst wüßten Sie, daß es unvermeidbar –« »Ach was, ich hatte fest mit zwölf gerechnet – im voraus disponiert – Anbau – Landhaus – Badereise – ich kann doch meiner Frau nicht sagen: ›Ottilie, warte, bis wieder zwölf Prozent‹ –« »Das ist nicht so schlimm, Herr Blunck«, fiel der Prokurist ein. »Nicht so schlimm!« brauste der stille Teilhaber auf, »wie steh' ich da – lachhaft – Wortbruch –!« »Nicht unsre Schuld, Herr Blunck. Wir pflegen nicht früher zu versprechen, als wir's halten können«, sagte der Prokurist ärgerlich. Vergeblich hatte der Prinzipal abgewinkt. Es war heraus. Herr Blunck kriegte Kulleraugen: »So – so behandelt man mich und – und meine Kapitalien – na, schön, ich kann's ja anderswo, wo man mich besser –« Herr Kramer besänftigte. Geld war knapp, ein Ersatzmann nicht von heute auf morgen zu beschaffen. »Seien Sie friedlich, so war's nicht gemeint, nicht wahr, Herr Mathis?« Herr Mathis nickte nicht. Herr Mathis las aus einem Büchlein ab: »Wie's gemeint war? Herr Blunck hat laut Statistik in den letzten zehn Jahren 160 Prozent seines Kapitals als Zins erhalten, das macht jährlich sechzehn –« »Nu ja, nu ja«, murmelte Herr Blunck. »– sechzehn Prozent, und wird vermutlich in den nächsten zehn Jahren einen ähnlichen Prozentsatz –« »Nu ja, nu ja.« »– Prozentsatz kriegen. Wenn er aber glaubt, an andrer 147 Stelle mehr Gewinn zu ziehen, sollten wir ihn nicht hindern –« »Nu nu, nehmen Sie's nicht tragisch«, schnappte er ab, »man darf doch wohl noch sagen, daß sechs Prozent nicht übermäßig viel – hm, sagen Sie – ist's nicht denkbar, daß ein Fehler der Bilanz –?« »Herr Blunck, ein Kaufmann pflegt keine Bilanz vorzulegen, die nicht stimmt.« »Na, ich mein' ja nur: falsche Addition oder so was –« »Die Addition ist richtig.« »Dann ist vielleicht das Warenlager zu ungünstig eingestellt.« »Wir setzen die Werte richtig, das heißt vorsichtig ein.« »Dann – arbeitet Ihr nicht rationell genug – kennen Sie das neue Taylorsystem? – es soll wunderbar sein – mir ist da ein Organisator empfohlen worden, ein kolossaler Organisator – nur mal probieren bitte – eine Woche etwa – und wenn Sie dann nicht selbst . . .« Eine Woche später wurde er uns vorgestellt: »Herr Hasenfratz – Organisator – Anordnungen unbedingt Folge leisten . . .« Er ging von Pult zu Pult. Wie ein Fuchs ging er. Und immer sah er spöttisch aus. Der Stimme nach war er ein Hahn. »Herr«, krähte er den alten Buchhalter Vater an, »Herr – Buch hier falsch eingerichtet – Soll- und Habenspalten nebeneinander, nicht auseinander – spart Bewegung – spart Papier . . .« Der alte Vater war sprachlos. Er wollte was erwidern. Aber Hasenfratz luchste schon am nächsten Pult ins Versandbuch: »Herr«, krähte er, »Herr – Summenübertrag auf nächste Seite Unsinn – jede Seite wird für sich addiert – reduziert Fehlerquellen – spart Korrekturen . . .« Hui, war er schon ans dritte Pult gewischt: »Herr, Kassenabschrift ist Blödsinn – Blaupapier, bei Urschrift unterlegt, gibt zwei Fliegen auf einen Schlag – schaltet Fehler aus – spart Arbeitskraft . . .« Das war ein Summen in der Vesperpause, ein empörtes. Nicht einen hatte er verschont. »Mir sagt er, daß der Zins sofort beim Eintrag eines jeden Postens in die Extraspalte 148 eingesetzt wird, der Depp, der g'schneckelte«, begehrte einer auf. »Und ich soll bei meinen Briefen »achtungsvoll«, »geehrt« und, was weiß ich noch, unterschlagen, meint der siebeng'scheite Gickel!« »Und meine Lagerlisten soll ich nicht mehr schreiben dürfen, sie müßten vorgedruckt sein, sagte der Reformmensch, der verrückte! Und seit fünfzehn Jahren hab' ich sie geschrieben.« »Ja, ich weiß«, pflichtete der alte Buchhalter Vater langsam bei, »die Ueberschrift allein war ein kalligraphisches Kunstwerk.« »Hm, hm ja, man tut in seiner Firma, was man kann«, sagte der Lagerschreiber geschmeichelt. »Und zum L war oftmals mehr als eine Viertelstunde nötig.« Der Lagerhalter wurde unsicher: »Man nimmt sich eben Zeit.« »›Zeit genommen, Zeit gestohlen!‹ sagt der Katzenfratz, oder Hasenfratz oder was er sonst für ein Fratz ist, ein siebeng'scheiter.« »Zu blöd, als ob wir nicht machen könnten, was wir wollten, mit unsrer Zeit!« »Unsre Zeit? mich hat der Hasenfratz angekräht, es sei die Zeit der Firma, nicht die unsre!« »Das ist wahr.« Sie starrten den alten Buchhalter an: »Wie – was – für solchen Kerl nehmen Sie Partei – Sie, dem er Soll- und Habenspalten aneinanderpappte –« »Ich hab' es ausprobiert. Man spart wirklich Zeit, Papier, und es wird übersichtlicher.« Ich sah ihn an, den Alten. Eine Ahnung überkam mich, was ihn das Geständnis kostete. »Herr Vater«, sagte einer, »seien Sie nicht dumm. Wenn wir zusammenhalten, schmeißen wir den Kerl 'raus.« Er wiegte den grauen Kopf: »Es kommt weniger auf den Herausschmiß an.« »Auf was denn sonst?« »Ob's der Firma nützt.« »Dummes Zeug, erst nützen wir uns selber, das ist auch 149 modern!« rief ein neuer, »ist gescheiter, als wenn wir's diesen Kramer, Blunck und Konsorten scheffelweise in den Rachen werfen!« »Ich spreche von der Firma.« »Na, daraus besteht sie doch!« Der Alte sah ihn überlegen an: »Wenn das Ihre ganze Weisheit ist –« »Na, woraus besteht sie denn nach Ihrer Meinung?« »Zu einem Teil aus Blunck und Kramer, zu einem Teil aus uns –« »Nu, noch was?« »Und zum größten Teil aus etwas, was man nicht erklären kann, nur fühlen.« »Hurra, es lebe das Gefühl des alten Vater!« spöttelte der Neue. Niemand hurrate mit. Auf der verrunzelten Buchhaltersstirne glänzte etwas Unbegreifbares, was man nicht verspotten konnte. Etwas, was die Menschen hier zusammenhielt. Etwas, was sie in gut' und bösen Jahren Treu' hieß halten. Etwas, was meilenweit von Geld und Gut entfernt lag, was ihnen draußen stolz den Arbeitsrücken straffte, wenn die Reden draußen gingen: »Kramer \amp; Friemann sind . . . Kramer \amp; Friemann haben . . . Kramer \amp; Friemann werden . . .« Etwas, worin sie sich fühlten, wie Kinder unterm Herzen einer Mutter. Etwas, was nicht sterben konnte, wie ein Mensch – Herr Friemann starb: die Firma blieb. Herr Kramer würde sterben: bleiben wird die Firma. Ja, die Firma war's, ein Stück der unwägbaren Ewigkeit, die den Goldreif zog um arbeitsgebeugte Stirnen. Die die Silberfäden durch die stillen und bescheidenen Teilarbeiten dieser Federn und Gehirne zog und einen Saum der Schleppe wirkte, die – wenn der Feierabend nach getaner Arbeit atmet – leise durch Kontor und Arbeitsstätten rauscht. Was Reingewinn und Lohnkampf, was Salär und Konjunkturen, wenn die Schleppe an Bilanzen streifte, daß sie zitterten vor Ehrfurcht und die Angestellten und die Knechte es im Arbeitsrhythmus raunen hörten: »Euer bestes tut, damit ich euer bestes tun kann.« 150 »Was man als gut erkannt hat, muß man tun, der Eigenlieb' zum Trotz«, faßte Vater jetzt zusammen. Bedächtig sagte Endres, der Kreditprüfer: »Wenn's einem aber gegen seine Seele geht –« »Muß man es lassen. Gedruckte Lagerlisten aber und die neue Kontenteilung rühren noch an keine Seele, denk' ich, also . . .« Also setzte Hasenfratz, der Kräher, die Kontorreformen durch. Das war nicht alles. Auch auf der Laderampe griff er über. Eine Weile war er listig blinzelnd im Betrieb der Rollfuhrwerke dagestanden, rechnend und notierend, als er auch schon krähte: »Spazierenfahren toter Lasten ist ja Unsinn!« »Mit Verlaub, das Fuhrwerk für den elften Stadtbezirk hat heute eben wenig Ladung –« »Und der zehnte Stadtbezirk so viel, daß Ihr ein Reservepferd davorgespannt habt«, rief er spöttisch, »das kann man sparen, wenn man –« »– Sie in das Geschirr spannt, darf ich bitten?« Der ergrimmte Lagerhalter hielt ein Kummet hoch. Wir dachten, ha, jetzt kracht's. Aber da ergab sich eine neue Eigenschaft von Hasenfratz: Er war unbeleidigbar. »Nee«, lachte er, »ich laufe schon im Kummet – heute in dem, in einem andern morgen – nichts Starres, Herr, elastisch muß man sein – auch die Stadtbezirke – ein drittel 'runter von der Ladung zehn und 'rauf damit auf Ladung elf – in den Stall das zweite Roß – oder besser noch: Ihr kutschiert damit in einer freien Stunde in das Land der Schlauheit, Herr . . .« Auch im Lagerhaus rumorte es und brummte es gewaltig. Half aber nichts: In der zweiten Woche war es reformierter als die Kontore. In der dritten Woche ächzte zwar die Maschinerie noch in den neuen Gleisen. Aber in der vierten ward sie ausgeglichen, und am Monatsende ging sie glatt. »Doch 'n famoser Kerl, dieser Hasenfratze«, hieß es beifallsklatschend, »nur daß er einen arg herumhetzt.« »Ja, wenn er morgen fortgeht, will ich keinen Selbstmord –« 151 »Wie ich höre, hat er sich entschlossen, noch einen zweiten Monat –« »Blech, sind ja reformiert!« »Er will uns außerdem auch noch katholisch machen, sagt er. Jetzt käme erst die Seele, sagt er, eine Taylor-System-Seele – oder Sailor Tystem Seele – oder Teele Sailor System – hol's der Taylor – ich vergaß es.« Diesen Monat werd' ich nie vergessen. Mit vielem guten Willen hat er angefangen, rannte sich in einem Starrkrampf fest und – doch ich will ihn selbst erzählen lassen, unsern zweiten Taylormonat. Man versammelte das Personal zu einem Vortrag. »Meine Herren«, sagte der Hasenfratz, »die Reform der Dinge hätten wir gemacht. Jetzt kommt das Lebendige daran, Sie selber, meine Herren. So wie der Mensch ist, ist er nichts. Das System fehlt. Die menschlichen Organe, sich selber überlassen, treiben nur Allotria. Die Augen gehen spazieren. Die Lungen pumpen einmal wenig, einmal viel. Die Ohren hören Dinge, die sie nicht zu hören brauchen. Auch das Herz macht Extrasprünge und schlägt Generalgalopp, wo steter, stiller Trab am Platze wäre. Das muß anders werden, meine Herren. In Extravaganzen ist der Mensch nicht auf der Welt, sondern zur Methode. Methodisch muß die Arbeit werden, auch die kleinste. Wie viele Handgriffe werden ganz umsonst gemacht. Wie viele Atemzüge sind nur für die Katz. Wie viele Gedanken laufen, statt auf Arbeitsschienen, nichtsnutzige Geleise, zum Beispiel in der Liebe und in andern Albernheiten. Die größte Energieverschwendung aber ist, daß einer dies und das macht. Das Dies genügt, das Das ist stets vom Uebel, meine Herren!« Hier riefen welche, die als Drückeberger galten, Bravo. Sie hätten's später gern zurückgenommen. »Wenn einer ein Journal führt, hat er nur Journale zu führen, nicht zugleich noch andre Bücher.« »Bravo, bravo!« »In einem schmalen Bette gräbt der Fluß am tiefsten. Auf eine scharf umgrenzte, ständig nachgeprüfte Arbeit eingestellt, holt man das Letzte aus den Menschen. Die Arbeitsleistung steigt –« 152 »Und der Mensch fällt«, sagte eine ruhige Stimme. Endres war es, der Kreditmann. »Ruhe, fertigreden lassen!« »Mit reden bin ich fertig, ich beginne praktisch«, sagte Hasenfratz. Es war, als ob er seine Aermel schürze. Mit der Uhr in der Hand stellt er sich neben den Buchhalter Niedermeier: »Tragen sie diese hundert Debetposten ein – halt, hierher das Tintenfaß, dorthin das Lineal – Handgriffe ausprobieren – nicht links sehn und nicht rechts – los!« Niedermeier legte sich ins Schwitzzeug. Blätter flogen, die Posten hagelten ins Buch. Der mit der Uhr nickte befriedigt: »Ich stelle fest, Sie können zwanzig Posten in knapp achtzehn Minuten übertragen, hundert also in einer halben Stunde. Ergibt im Monat – warten Sie – an siebzehntausend Posten Leistungsfähigkeit, wobei ich die Rutine außer Ansatz lasse. Laut Statistik übertrugen Sie bisher im Monat knapp achttausend. Mithin ergibt sich adamriesig, daß Sie noch ein zweites Buch übernehmen können –« »Aber –«, wehrte sich der grausam enttäuschte Niedermeier. »Verehrter Herr, wir kennen diese Aber – Zeit lassen – überlegen, nicht wahr – dringt nicht durch – Sie tragen ein – überlegen tut ein andrer – darf ich bitten, Herr Endres, mit mir chronometrisch festzustellen, wieviel Durchschnittszeit die Kreditprüfung eines Kontos in Anspruch nimmt . . .« Ein jeder wurde eingespannt. Der Schraubstock quietschte. In den Schweiß rann Blut ein, Zorn, Empörung, Kündigungsgemurmel – Einer ging flüsternd von Pult zu Pult: »Heute abend acht Uhr da und da. Wer ein Fratz ist, kann zu Hause bleiben.« Keiner blieb zu Hause. Alle protestierten. Endres führte die Versammlung. Jeden, der hereinkam, stellte er ironisch vor: Buchhalter Niedermeier, Kontokorrentmaschine A–F, leistet mäßig angeheizt, die Stunde x+a/z Einträge, wobei x sein Gewicht in Kilogramm, z sein Zentimeterumfang.« »Versandapparat Wenzel, hasenfratzisch aufgezogen, soviel Kolli die Minute . . .« 153 Korrespondenzmechanismus Dessauer, funktioniert nur, wenn die Handgelenke mit Eisengallustinte angeölt und mit Formularen angepeitscht . . .« »Kassiermotor Brandmann, läuft gern heiß, zählt in der Stunde, scharf in Schwung gehalten, achtzig Rollen, elf Pfund Scheine . . .« Aber als wir alle beisammen waren, wurde er ernst: »Wer klagt an?« Da trat der alte Vater vor, ausgemergelt, mit verhetzten Blicken: »Wenn ich noch ein Rest von Mensch bin, hört mich an. Wenn nicht, werft mich zum alten Eisen. War ich je grundsätzlich gegen neues? Hab' ich nicht für Hasenfratz Partei genommen, solange er die Sachen unter neuem Winkel angepackt hat? Jetzt aber packt er uns an. Die Seele schindet er uns aus dem Leib. Was bleibt über? Eine seelenlose Profitmaschine. Wenn die des Lebens Zweck ist, rage ich als überzählig in die neue Welt. Laßt mich hinaus. Ich bin zu alt. Ich lerne nicht mehr um. Ich scheue keine Arbeit. Aber zwischen einer und der andern will ich einmal schnaufen können. Er aber bindet mich an eines tollen Rosses Schweif. Als ich nach einer Arbeit bedächtig schnupfen wollte, gab er seinem Taylorroß die Peitsche, hui, bin ich durchs Gestrüpp geschleift worden, zerschunden und zerfetzt. Leute, ich mag unmodern geworden sein. Aber daran halt' ich fest, die knappe Spanne, die für mich noch bleibt: Ich bin nicht für die Arbeit da, die Arbeit ist für mich da. Ich habe meine Arbeit lieb, doch ihr Sklave bin ich nicht. So wie ich in meinem langen Leben Arbeit lieben lernte, war sie deutsch. Doch wie sie uns aufgepackt werden soll – nein, Kinder: lieber deutsch sterben, als taylorisch verderben!« Bekümmert sahen seine guten Augen in den Saal. Es packte uns mit Macht. »Wir kündigen, wir kündigen!« schrien welche. Da nahm er noch einmal das Wort: »Kündigen? Ihr mögt das tun. Ihr seid noch jung. Ich kann nicht kündigen. Ich bin in die Firma eingewachsen. Ich bin Blut vom Blut der alten Firma. Wenn ein Glied sich losreißt, kann der Körper weiterleben, das Glied jedoch verdorrt. Tut, was ihr wollt, laßt den alten Vater bleiben und –« 154 Da sprang Endres auf: »Bleiben ist eins, kündigen ein andres, leider gibt es noch ein drittes, Leute: Ich sah auf seinem Taylorzettel die vergleichende Statistik. Uns Alten wird der Atem langsam kürzer. Ein junges Roß rennt vor und wirft um eine Null Komma ix Prozent höhere Rente für die Firma ab. Also, Leute, noch ein drittes gibt's: gekündigt werden.« Der alte Vater aber machte kein von Kündigungsangst verzerrtes Angesicht. Der alte Vater stand nur langsam auf und hat mit einem Ton, der durch ein Menschenleben Arbeit mir stetig nachgegangen ist, gesagt, lächelnd gesagt: »Gekündigt werden kann mich nicht mehr schrecken. Wenn mir auf den Januar gekündigt wird, so bin ich im Dezember tot.« . . . Der Organisator Hasenfratz war mit seiner Arbeit fertig. Er hatte seine Abschiedskonferenz beim Prokuristen. »Halt, eins noch«, sagte dieser, »die Kontorkontrolle Ihres Systems –?« »– wird am besten mittels unauffällig eingebauter Deckenspiegel durchgeführt. Sie können so von ihrem Pult aus jeden Augenblick jeden Federstrich jedes Angestellten kontrollieren – wunderbar, nicht wahr?« »Schauderhaft –« »Wie?« »Ich meine: technisch großartig, Herr Hasenfratz.« »Und das beste: Sie können mindestens ein Drittel Ihres Personals entlassen – am besten die auf diesem Zettel – ich verglich die Leistungsfähigkeit statistisch – wie zu erwarten, sind's die Alten – ich nehme an, daß Sie im Interesse Ihrer Firma von keinerlei Humanitätsduselei beschwert sind – damit wäre meine Mission erfüllt – den Spiegeleinbau besorgt am besten Matterns Nachfolger – das vereinbarte Honorar erhebe ich an Ihrer Kasse – ich darf mich empfehlen –?« Der Prokurist starrte auf den Entlassungszettel. Hasenfratz zögerte: »Ich hätte immerhin erwartet, daß mir Dank für meine Tätigkeit –« »Ich danke – danke dem Himmel – Ihre sachlichen Neuerungen in Ehren – daß wir es nicht nötig haben, unsre Angestellten zu zerfetzen.« 155 Hasenfratz blickte seelenruhig nach der Decke. Er schien zu rechnen: »Die Wahrscheinlichkeit rückständig empfindender Prokuristen kann man mit fünfeinhalb Prozent in Ansatz bringen – ich empfehle mich.« Kaum war er draußen, kam Endres herein. Er schielte nach dem Zettel, schien aber gefaßt: »Ich vermute, daß ich auf dem Zettel stehe – Herr Vater auch und mancher andre, der im Dienste grau geworden –« »Ja, Sie stehen drauf, Herr Endres, auch Herr Vater.« »Schön – ich habe noch vor meinem Austritt eine hasenfrätzische Anweisung ausgearbeitet über rationelles Husten während der Kontorarbeiten und –« »Einen Augenblick, Herr Endres: ich huste mit –« Endres strahlte auf: »Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Mathis, wollen Sie damit sagen –« »– daß wir unsrer Angestellten Hand und Kopf gemietet haben, nicht ihre Seele.« Endres streckte seine alte Hand aus: »Ich weiß«, sagte er, »denn ein Herzstück dieser Seele schlägt ja ohnehin für unsre Firma.«   Der Kreislauf Hinten bei den Mustergläsern saß der alte Holm und schrieb Adressen. Alles was an Schriftlichem hinauskam, ging durch seine Hand. Freilich recht mechanisch. Holm sprach mit keinem Menschen. Pünktlich kam er, pünktlich ging er. So untergeordnet seine Arbeit war, nie hat ein Tipfelchen gefehlt. »Ein vertrockneter Pedant«, sagte der Volontär Sturmbrenner, dessen Arbeitstipfelchen zu wünschen übrig ließen. Alle mußten wir an Holm vorbei, wenn's an die Arbeit ging. Alle grüßten ihn. Einige respektvoll. Sturmbrenner machte einen Fingerschnackler, zuckte seine Lehrlingsschultern und sagte zu mir: »Den grüßen Sie, Kollege, diesen alten Deppen?« Buchhalter Vater drehte sich um: »Junger Mann, Herr Holm hat's einmal weiter gebracht gehabt, als wir alle miteinander, Sie und Ihre Zukunft eingeschlossen.« 156 »Na, zum Adressenschreiben bring' ich's auch noch«, spottete Sturmbrenner. »Nicht auf das dünne Endstück einer Arbeit kommt es an, die ganze Lebensarbeit wird gewogen.« Sturmbrenner blies über seinen Schreibärmel: »Nun, und wieviel Gramm –?« »Zentner wiegt sie«, brauste Vater auf, »um die halbe Erde ging sie, während eines jungen Windhunds Spur im Sande verweht – an die Arbeit, bitte.« »Er spinnt«, murmelte Sturmbrenner beleidigt in seine Arbeit, »er spinnt total, Kollege.« »Wenn Vater bisher etwas sagte, hat's immer gestimmt,« sagte ich. »Sie halten's also auch mit dem Adressenschreiber?« spottete er. »Ich halte dafür, daß er große Züge im Gesicht hat, die auf etwas anders zurückweisen als auf Adressenschreiben.« »Gott, ein jeder hat mal irgendwann irgendwas getaugt.« »Ja, Sie zum Beispiel mit Ihrer Schnauze, Ihrer schnodderigen«, sagte Buchhalter Vater übers Pult herüber, »und das will ich Ihnen sagen: wenn Sie den Mann nicht grüßen, gehe ich zum Prinzipal, Herrn Kramer, und –« »Der wird sich wegen eines Adressenschreibers kaum aufregen.« In diesem Augenblicke ging Herr Kramer mit Holm durchs Kontor. Er schien ihn eindringlich um etwas zu bitten: ». . . und ich dachte, Herr Holm, da Sie doch selbst so lange in China waren, würden Sie uns Ihren Rat in dieser Sache nicht vorenthalt –« »Ich gebe keinen Rat mehr«, sagte das steinerne Gesicht, »nichts ist sicher, alles fließt.« »Ich weiß, Herr Holm. Aber ob Sie damals – ich meine, zu Ihrer Zeit – einen solchen Abschluß unter gleichen Umständen gutgeheißen hätten, könnten Sie uns doch ohne Gewähr –« Holms Gesicht gewann Leben. Alte Gedanken schossen alte, längstverlassene Geleise. »Ja«, sagte er, »das hätte ich.« Schon war er wieder starr. »Das genügt mir, danke Ihnen sehr, Herr Holm . . .« 157 Es sah aus, als wolle er ihm die Hand drücken. Aber Holm war schon unterwegs zum Musterzimmer, um Adressen zu schreiben. »Komisch«, brummte Sturmbrenner, »unbegreiflich«. Dabei beruhigte er sich. Ich nicht. Mir ließ es keine Ruhe. Holms Vergangenheit saß mir im Genick und raunte mir ins Ohr: »Ja, Junge, der hat viel erlebt . . . so viel, wenn du einmal bewältigst . . .« Aber fragen tat ich Vater nicht. Er würde mir's schon selber sagen, wenn er es für richtig hält. Dann kam die Nacht, die ihre Bilder von den Farben malt, die am Tag nicht ausgepinselt werden durften. Holm tauchte auf. Den starren Mund geschlossen: »Herr Holm, man sagt, Sie hätten eine große Zeit gehabt?« – Holm blieb unbewegt. »Ich weiß nicht mehr.« – »Ist es wahr, daß Sie einmal in China?« – »Weiß nicht mehr.« – »Und daß Sie dort große Dinge –?« – »Weiß nicht mehr, muß jetzt Adressen schreiben . . .« Am andern Tag hielt ich's nicht mehr länger aus. »Herr Vater«, begann ich zagend – »Weiß schon: Holm, nicht wahr?« lächelte er. – »Woher wissen Sie –?« – »Hat Sie wohl die ganze Nacht gezwickt, nicht wahr?« – »Woher wissen Sie –?« – »Nun, wenn man so lange Buchhalter ist, wie ich, lernt man auch in der Geheimbuchführung der Lehrlingsherzen ein wenig lesen. Können mich nach Haus begleiten. Will unterwegs von Holm erzählen. Lang ist die Geschichte nicht. Ich kenne nur den groben Umriß. Auch nur, soweit er sichtbar ist. Das Feine, Unsichtbare wird man sich ergänzen müssen.« Die Geschichte, die er mir erzählt hat, hab' ich damals nicht verstanden. Ich war zu jung dazu. Heute verstehe ich sie. Sie hat jahrelang als Klotz in meinem Kopf gelegen, ehe sie zu keimen anfing. Das ist mit hundert Brocken so, die grob und unverstanden in die Jugend fallen. Viele Jahre gehen wir drumherum. Die Jahre selber spinnen drüberhin, durchwachsen mit tastenden Wurzeln die Brocken, bis sie eines Tages auseinanderfallen und uns den süßen oder bittern Kern enthüllen. Holm hat angefangen, wie er aufgehört hat: mit 158 Adressenschreiben bei derselben Firma. Nur daß der Ehrgeiz in ihm brannte, als er anfing, der Ehrgeiz, der ihn eine steile Leiter aufwärtshetzte. Vater hat ihn nur das kleine Anfangsstück bei Kramer \amp; Friemann überklettern sehen. Dann verschwand er vom Gesichtsfeld. Von Zeit zu Zeit kam Kunde: Kassierer bei der Bank geworden – Prokurist in einem Speditionsgeschäft – stellvertretender Direktor eines Ueberseehauses – Spezialbevollmächtigter eines Ausfuhrsyndikates für China – seine ungewöhnlichen Exporterfolge gingen durch die Zeitung – neuen großen Warenströmen hat er eine Furche durch die halbe Welt gegraben – ein Heer von Angestellten hat er drüben dirigiert – auf einmal – . . . gestern hat er noch aus einer Flut von Telegrammen einen wundervollen Feldzugsplan entworfen, mit Geschick die Schwierigkeiten für ein halbes Jahr hinweggeräumt, und heute sein Telegramm von Shanghai an das Syndikat nach Hamburg: »Ich danke ab.« Sie hielten's erst für einen schlechten Witz. Dann für einen Schachzug. Sie kabelten ihm, verdoppelt sei sein Jahresgehalt. Unverrückt kam durch denselben Draht die Antwort: »Rücktritt fest beschlossen. Nachfolger ausgesucht. Abfahre übermorgen Dampfer Sussex. Holm.« In Hamburg stürmen sie aufs neue: »Holm, Sie werden doch nicht . . . Holm, wir brauchen Sie . . . Holm, was ist nur über Sie gekommen, sind Sie krank?« – »Nein, nur müd.« – »Gut, Sie sollen ein Jahr Urlaub haben, wenn Sie nachher wieder –« – »Nein, fertig bin ich.« – »Sie meinen mit den Nerven, Holm?« – »Ich weiß nicht, sind's die Nerven oder sonstwas – um meinen Abschied bitt' ich – ich will Schluß.« Nun gut, so hat er Schluß gemacht. Hatt' einiges erspart. Viel war's nicht. Ist eine Weile unstet spazierengelaufen. Hat das Müßigsein nicht vertragen können. Hat sich in Geschäften vorgestellt. Ah, der erfolgreiche Holm, hat es geheißen, für den mache man irgendeinen Posten frei, und wenn's der erste wäre. – Nein, nicht den ersten wolle er, den letzten. – Ob das Spaß sei? – In Geschäften habe er noch nie gespaßt. – Gut also, welchen Posten? – Adressenschreiber. 159 Da hätten sich die Prinzipale angesehen und verlegen vorgeschützt, sie würden morgen schreiben. Wären froh gewesen, wie er draußen war und hätten sich bedeutsam zugenickt: Ja, es sei schlimm, daß die chinesische Sonne diesem tüchtigen Menschen am Ende eines tatenreichen Lebens das Gehirn verwirrt. Von Firma wäre er geirrt zu Firma. Ueberall das Nicken und verhaltenes Mitleid: »Jawohl, Herr Holm, wir werden Ihnen morgen schreiben.« Sie schrieben nie. Sie schickten ihm den Nervenarzt. Der machte eine Nadelprobe in der Wirbelsäule. Der durchforschte ihn nach Freudschem Muster. Der ließ ihn schwierige Worte sagen: Artilleriekaserne, Psychologie, Tetraeder. Holm sprach sie glatt. Der Arzt kam zu den Auftraggebern: »Meine Herren, Holm ist intakt.« Das heißt, so wollte er es sagen. Aber er war von Nachtbesuchen überanstrengt. Sein Sprachnerv machte, ohne daß er's wußte, einen Hopser. »Meine Herren«, sagte er, »der Mann ist antikt.« Da sahen sich die Prinzipale wieder an und sagten, es sei gut und – schafften ihn als Hausarzt ab. Und so wäre es gekommen, daß ein gesunder Mensch einen anderen gesunden Menschen bei gesunden Philistern aus dem Sattel hob. Womit Holm freilich noch immer keine Stellung hatte. Als sein Erspartes völlig auf die Neige ging, sei er zu Kramer \amp; Friemann gekommen, wo er mit Adressenschreiben angefangen hatte: »Herr Kramer, bitte um Adressenarbeit.« Herr Kramer sei erschüttert gewesen. Aber merken ließ er nichts. »Freilich«, habe er gesagt, »natürlich, wenn es Ihnen Spaß macht, Holm.« – Nein, Spaß gerade nicht, aber immerhin, es sei was sicheres. – Herr Kramer sei kein Doktor, aber das habe er gespürt, in diesem Wort »was sicheres« steckte der Schlüssel. Er habe ihn vorsichtig gedreht, den Schlüssel, und da sei die Tür plötzlich aufgegangen. Aus ihm herausgequollen sei sein ganzes Leben. Auf der Stirn die Etikette: »Uebermaß an Arbeit«. Heiß verzehrend hatte ihn der Ehrgeiz umgetrieben. Keine Ruhe und Rast. Höher, höher. In Posten ward er aufgeschoben, wo es hieß, mit Unbekannten rechnen, lauter Unbekannten. Telegramme hatten ihn Tag und Nacht umwirbelt. Mehr als einmal haben Hunderttausende an einem simplen Ja 160 oder Nein gehangen. Aber aus hundert Unsicherheiten habe sich das sichre Ja ergeben, grinsend hat ein falsches Nein den Rachen aufgemacht, daß es ihn verschlinge. Es hat ihn nicht verschlungen. Durch tausend Klippen ist er glücklich durchgekommen. Von Erfolg zu Erfolg. Wo er freilich täglich auch hätte stranden können, Hohn hinter sich. Viel beneidet von den vielen, die von heute auf morgen leben, hochgeschätzt von seinen Auftraggebern. Er selber unablässig mitten im Gewirr von Fädenbündeln, die, verknüpft mit seinen Nerven, immer an ihm rissen, dahin, dorthin. Bis er's eines Tages nicht länger mehr ertrug. Bis er das blanke Webeschiffchen mit Gewalt erfaßte: »Halt!« Bis er im fernen Land in hastendem Getriebe eine stille Vision hatte: Adressenschreiben. Das war die erste Staffel gewesen, wo er mit dem Absatz hinten noch auf sichrer Mutter Erde stand, ohne X und Y. Wo er das erste Geld verdiente, das erste sichre Geld. Das Gefühl des ersten selbstverdienten Zwanzigmarkstückes sei gewaltig. Es verblasse nicht, wenn später auch Millionen durch die Hände gingen. Das Büchlein sei ihm wieder aufgetaucht, wo er das schmale Monatsverdienst links eingetragen habe, und rechts die sauber ausgetipfelten Ausgaben, Pfennig für Pfennig. Und es habe stets gestimmt, und stets sei er im Gleichgewicht gewesen, für sich und still versenkt in seiner stillen Welt, die ihm dann der Ehrgeiz und die Ueberarbeit so grausam auseinandergerissen und zerzupften. Nun sei er müde, furchtbar müde, und ihn verlange nur nach einem kleinen Büchlein, wo er sein schmales aber sichres Monatseinkommen links, und rechts – Herr Kramer habe ruhig zugehört: »Es sei, Herr Holm. So lange, bis Sie selbst, von der Eintönigkeit der Arbeit abgestoßen, verlangen, daß –« »Eintönig«, habe Holm gelächelt, »Adressen sind nicht eintönig. Ich weiß noch genau, wie damals meine Phantasie durch die Adressen spielte. Schrankenlos. Welten sind mir aus den seltsamen Firmen und den seltsameren Orten aufgetaucht – Welten, die keine spätere Wirklichkeit erreichte – überhaupt, Herr Kramer: Wirklichkeit? wer sagt uns, daß die sogenannten Wirklichkeiten nicht verzerrte 161 Träume sind, und die sogenannten Träume unverzerrte Wirklichkeit.« »So hat Herr Holm den Posten bei den Mustergläsern angetreten«, schloß Vater seine Erzählung. »Wer um sein seltsam Schicksal weiß, – mir hat's Herr Kramer anvertraut – behandelt ihn respektvoll. Tun Sie's auch und helfen Sie dazu bei andern.« Ich hab's nicht begriffen. Verstand entscheidet nicht. So wenig als es in China Holmscher Ehrgeiz entschieden hat. Entschieden hat das Gefühl. Und im Gefühl, so jung ich war, erfaßte ich doch unbewußt die Holmtragödie hinten bei den Mustergläsern. Als ich nachmittags ins Geschäft ging, lief er mir wieder in den Weg, der superkluge Volontär Sturmbrenner. »Der Holm ist doch verrückt«, bemerkte er. Ich hätte ihm links und rechts eine 'runterhauen können. Aber es fiel mir ein: Das hatte Vater nicht gemeint, als er sagte: »– und helfen Sie bei andern.« Also habe ich ihm das von China wiedererzählt, sturmbrennerisch verbrämt, so daß er's schlucken konnte. Er hat's geschluckt und »Komisch«, dazu gesagt, »komisch«. Als wir beide durch das Musterzimmer gingen, saß Holm schon da, links die Adressenstöße, rechts ein schmales Büchlein aufgeschlagen. Ich habe tief den Hut gezogen. Sturmbrenner tat desgleichen. Das starre Gesicht hat uns ruhig angesehen. Mir war, als habe er gelächelt. Ganz fern gelächelt. Mit einem Chinalächeln, wie es lebenslang auf elfenbeinernen Gesichtern der Chinesen spielt.   Blau – Gold – Violett Bei Kramer \amp; Friemann war Inventur. Wir Lehrlinge wurden scharf herangeholt. Todmüde kam ich heim zur Mutter. Da saß Franz Mark da. Heimlich spielte Mutters Lampenlicht unter seinen aufgeknöpften Rock und enthüllte die verbotene Verbindung Marizalia. Kein Mensch hat je gewußt, was Marizalia heißt. Ich vermute heute, daß in grauer Vorzeit ein Pennäler diesen Namen versehentlich gestottert hat. Vielleicht 162 hat er vernünftig sagen wollen: »Marie, zahlen!« Aber weil es hinterm sechsten Liter Bier war, wurde Marizalia draus. Ist aber erst ein solcher Volltonname da, so muß auch der zugehörige Inhalt hineingelegt werden. Und darum wurde die geheime Handelsschulverbindung Marizalia um den Namen herumgegründet. Das mächtigste an ihr war das Geheimnis und die Gefahr. Laut Schulstatut stand der Ausschluß hinter ihr. Unzähligen Müttern hat sie Kummer gemacht, die Marizalia. Ich kenne Mütter, die abends ins erschnüffelte Kneipzimmer der Verbindung stürzten. »Der Rektor folgt mir auf dem Fuße!« Aber kein Rektor folgte. Nur Verfolgtenruhm ging um und hob junge Stirnen, straffte junges Rückgrat in der Richtung nach der Männlichkeit. Heute habe ich den Rektor mit dem gütigen Gesicht im Verdacht, er hat Jahr für Jahr um Blau-Gold-Violett gewußt. Blau-Gold-Violett waren nämlich bei Gründung der Marizalia die einzigen noch verfügbaren Farben. Alle andern waren von den offiziellen Verbindungen des Landes schon belegt. Mit einem blau-gold-violetten Hängeband an der Westentasche saß also Franz Mark da und schwang eine offizielle Ansprache an mich im Telegrammstil: »Marizalia hohe Ehre schätzen, mich als ehemaliges heimliches Verbindungsmitglied in ihrem Schoße willkommen heißen – heutige Schlußkneipe – übermorgen Schulentlassungsfeier – 'n ja, 'n ja –« Ich war hundemüde von der Inventur. Aber die Ehre – 'n ja, 'n ja. Mutter sah besorgt nach: »Wenn du nur beim Zeug bist morgen –?« Franz Mark kratzte kavalierartig hintenaus: »Gestatten, gnädige Frau – wir übernehmen jede Responsabilität – 'n ja, 'n ja.« Im Hinterzimmer des »Grünen Krokodils« war großer Tag. Die Marizalia war vollzählig. Sie wären alle durchgekommen, hatte sie der Rektor morgens nach dem mündlichen Examen wissen lassen. Die große Nervenspannung war gelöst. Jubel hätte herrschen sollen. Statt dessen war die Stimmung ernst. Der heimliche 163 Flimmermantel der Marizalia war gefallen. Nackt stand sie da vor einem großen Tor. Und hinterm Tor das große schulbanklose Unbekannte. Wie wird's da draußen sein? Erlöst von einer Prüfungsangst, reckte sich ihnen die neue Prüfung auf, dunkel, drohend, um und um bespickt mit so viel unregelmäßigeren Verben als » falloir « und » naître «. Falloir ist müssen, naître ist geboren werden: »Junger Mann, du mußt – junger Mann, du kannst aufs neu geboren werden, junger Mann jetzt gilt es, zwischen Pflicht und Drang den einen schmalen Weg zu steuern!« Nicht daß ich damals so gescheit gewesen wäre. Gott bewahr' mich. Jung und dumm war ich und ließ mir Weihrauch streuen von der Marizalia. Rechts vom Präsidenten saß ich würdevoll und ließ es ölig auf mich niedertropfen: »Ehrengast in unserer Mitte . . . Sturm und Drang der Schulbank hinter sich . . . Mitarbeiter einer Weltfirma . . . Mitschaffer am, wie der Dichter sagt, sausenden Webstuhl der Zeit (er stieß ein wenig mit der Zunge an und sagte »saufenden«, was niemand störte) . . . beantrage kolossalen Begrüßungsschluck.« Mächtig mußte ich Bescheid tun. Dann tat sich ein Silentium auf für meine Gegenrede. Ich ließ mich treiben und durchstreifte wehmütig-selige Schulerinnerungen. »'n ja, 'n ja«, stand auf den Gesichtern, »aber wie sieht's hinterm dunklen Tor aus? Von den Erfahrungen deiner Weltfirma möchten wir was hören.« Ich schwankte. Von Kramer \amp; Friemann erzählen? Von dem alten Buchhalter und dem jungen Volontär? Zwischen einem Achtungsschluck und einem Anerkennungsschluck der Marizalia meinen Lehrlingskampf hineinzutragen? Kämpfe, die man kämpfen muß und nicht erzählen. »Freunde«, sagte ich, »Freunde –« »Kommilitonen«, wurde ich verbessert. »Dummes Zeug!« fuhr's mir heraus, »draußen ist man Freund oder Feind, in beiden Fällen aber ist man deutsch!« Die Marizalia war betroffen. Jemand beantragte in der Verlegenheit einen honorablen Riesenschluck zu meinen Gunsten. Jetzt aber war ich schon im Zuge – »Dummes Zeug, bei Kramer \amp; Friemann wird auch nicht 164 gesoffen, nicht mal honorabel, wenn man vorwärtskommen will. Gearbeitet wird fürs erste, wenn ich's denn schon sagen soll, und fürs zweite wird wieder gearbeitet, haben sie mir beigebracht, und fürs dritte wird erst recht gearbeitet nach der Lehrzeit, sagen sie voraus –« »Na, arbeiten mußten wir auch in der Schule«, knurrte ein Marizalia-Muttersöhnchen, ein dickes. »Stimmt«, rief ich, »aber glaubt einem ›alten Herrn‹: jene Schularbeit ist weiter nichts als eine schwache Vorbereitung auf . . .« Ich sah's an ihren Mienen: Das große, dunkle Tor hatte sich ein wenig aufgetan. Durch einen schmalen Lehrlingsspalt hab' ich ihnen ein Gesicht gezeichnet, ein strenges, das sich mir selber erst mit dünnem Umriß aufgetan. Das Bier verschäumte in den Krügen. Der Stahl des Schlägers lief so matt an. Schlaff hingen blau-gold-violette Bänder aus erschrockenen jungen Westentaschen. Franz Mark saß begossen da. Einer flüsterte ihm zu –, ich konnte es hören: »Hast uns einen netten Moralfatzken eingeladen – pfui deixel, speib' Hering', ich komm dir einen Verachtungsschluck!« Aber niemand hielt mit, er selber nicht. »Moralfatzke hängt!« sagte ich mutig, »nach eurem ersten Lehrjahr sollt ihr mich drum hängen, wenn's euch dann noch danach ist – die Marizalia möge trotzdem wachsen, blühen und gedeihen, prosit!« Sie taten man Bescheid. Da wurde mir flau. Ich war ein Dummkopf gewesen, beim letzten Freiheitskommers von der Arbeit große Töne aufzuspielen. Die kam von selber. Die brauchte keinen Kündiger, am wenigsten einen, der noch nicht das erste Tänzchen mit ihr fertig hatte. Mir geschah schon recht. Sie würden sicher über mich den Bierverruf – »Ich beantrage das Bundeslied!« schmetterte der Präsident in die Schwüle, »Musik spiele die Weise vor!« Sie sangen das Bundeslied, das ein Marizalier selbst gedichtet hatte. Erst klang's dünn, dann mächtiger von Strophe zu Strophe. Ich spürte es wohl: Ein Protest war's, ein Protest gegen den Moralfatzken. ». . . für Blau-Gold-Violett in Kampf und Tod zu gehn!« 165 brüllte der Chor. Ich hatte es wieder gutmachen wollen wegen meiner Predigt. Aber jetzt bockte der Satir in mir: »Ich bitt' ums Wort!« rief ich. »In welcher causa ?« fragte mißtrauisch der Präsident. » Causa Bundeslied der Marizalia.« » Habeas! « »Freunde«, sagte ich, »ich kann mich aus meiner Marizaliazeit erinnern, daß in die Statuten ein Satz hineinkam: Wahrheit über alles. Ist der Satz gestrichen?« »Nein, gilt noch«, sagte der Präsident unwirsch, »heraus mit Ihrem Flederwisch, alter Herr!« »Nun gut, das neue Bundeslied in allen Ehren. Aber ich für meinen Teil könnte für Blau-Gold-Violett nicht in Kampf und Tod gehn.« » Pereat! « »Für Blau? na ja, das ginge noch. Für Gold natürlich auch. Aber für Violett, nee –« Tumult. Zwei Lager schieden sich. Die Minderheit stimmte mir nachdenklich bei: »Nein, für Violett kann man in der Tat nicht sterben.« Die Mehrzahl aber brüllte: »Wir gehn in den Tod für Violett . . . in den Tod . . . in den Toood!« »Silentium!« schrie der Präsident, »ich kann aus der Verbindungsgeschichte erhärten, daß in der Tat im Gründungsjahre der Marizalia nicht für Blau-Gold-Violett in Kampf und Tod gegangen wurde –« »Aaah!« »Sondern für Blau-Gold-Weiß. Aber die Hermanduren zogen ins Grüne Krokodil und zerschmissen unsre Humpen: Blau-Gold-Weiß hätten sie, nicht wir. Sie seien eine schlagende Verbindung. Wenn wir uns nicht fügten, würden sie vom Leder ziehen, daß uns vor den Augen blau und rot –« »Stimmt: Blau und Rot gemischt gibt Violett –« »Kommilitonen, was blieb uns übrig, als für Blau-Gold-Violett zu –« »Und Blau-Gold-Rot zum Beispiel?« »– hatten die Sigambrier –« »Und Blau-Gold-Grün?« 166 »– hatten die Markomannen. Es nützt nichts, Kommilitonen, wir müssen für Blau-Gold-Violett –« »– leben!« rief ich, »nicht sterben! Für Violett sterben ist abscheulich. Aber violett zu leben, soll so übel nicht sein . . .« Sie sahen mich mißtrauisch an. Aber da entschloß ich mich, von meinem Lehrlingstaschengeld eine Runde zu »schmeißen«, um zu beweisen, daß man leben kann für Blau-Gold-Violett. Die Runde fuhr auf. Das Mißtrauen schmolz. Die Marizalia ließ mich leben. In später Stunde wurde ein Antrag gestellt, das Bundeslied nach der violetten Lebensseite umzuformen. Aber der Wirt der Marizalia schmiß den Antrag untern Tisch: »Meine Herr'n zwoa Stunden is 's über d' Bolzeistund' – Marie, ham s' 'zahlt, die Herr'n?« »Jawoi, Herr Bimpfinger, jawoi.« »Nacha dreh' 's das Gas aus – wohl zu ruhn, meine Herr'n.« Die Marizalia hat mich heimbegleitet, Arm in Arm. Als ich den Schlüssel ins Tor steckte, deutete einer stumm die Straße hinauf nach Osten. Die Sonne ging auf. Seidigblau das Firmament. Golden rollt hinein der Sonnenball. Violett schoß es auf im Kampfe mit der Nacht. Mich überkam die Rührung. Oben klirrte ein Fenster. Durchwachte Mutteraugen schauten herab. Auch ich wies nach dem Himmel: »Mutter«, rief ich, »für Blau-Gold-Violett!« Sie lächelte und nickte: »Weil d' nur wieder da bist.« »Jawohl, Mutter«, schrie ich, übermannt vom Abend, und der Inventuranstrengung, »jawohl, aber nur für Blau-Gold-Violett!« »Freilich, freilich«, winkte sie gütig. Darauf brachte der Präsident der Marizalia ein Hoch auf meine Mutter aus. Mich aber umarmte er mit undeutlichem Gemurmel: »Für Blau-Gold-Violett, so sei es, alter Herr und Bruder . . .« 167   Die Rede Im letzten Jahre meiner Lehre bei Kramer \amp; Friemann erhielt ich einen Fragebogen: Die höhere Handelsschule bittet ihre ehemaligen Schüler, aus ihren Kaufmannserfahrungen mitzuteilen, a) ob die auf der Schule vermittelten Kenntnisse den praktischen Anforderungen entsprachen, b) wenn nicht, b) 1. warum? b) 2. welche etwaigen Aenderungsvorschläge Angefragter zu machen hätte, b) 2. alpha) mit Rücksicht auf das allgemeine Unterrichtsgefüge, b) 2. beta) mit Rücksicht auf die handelstechnischen Fächer, b) 2. gamma . . . delta . . . Ja ja, es war ein langer Fragebogen. Und er war mehr als lang, er war vom alten Rektor gut gemeint. Er war mehr als gut gemeint, er war unerhört. Daß eine unfehlbare Schulbehörde Rat bei alten Schülern suche, wie man's besser machen könne, bei Schülern, die man – wenn sie jetzt auch Prokuristen oder Prinzipale waren – seinerzeit in den Karzer hätte sperren können, wenn sie sich unterfangen hätten, etwas besser als die Lehrerschaft zu wissen, das war, das war – nun kurz und gut, der alte Rektor wurde von der Oberschulbehörde abgesägt. Grund a) offiziell: Amtsmüdigkeit, b) unter uns: Der Fragebogen. Und als ich eben dran war, diesen Fragebogen gewissenhaft zu füllen, kam vom neuen Rektor seine erste Amtsverfügung: »Werter Herr! Den Ihnen zugegangenen Fragebogen wollen Sie als ungeschrieben ansehn. Achtungsvoll: der Rektor. Bumm.« Wenn ein Rektor Bumm heißt, schlägt schon sein Name jede Antwort tot. Gar wenn die Antwort kritisch wäre. Aber dann kam noch etwas Gedrucktes: »Zur Schulentlassungsfeier der Absolventen wird Euer Wohlgeboren Erscheinen anheimgestellt. Achtungsvoll: Der Rektor. Bumm.« Anheimgestellt ist ein kurioses Wort. Wenn man's ehrlich auseinanderfaltet, heißt es: Sie haben zu erscheinen und im übrigen das Maul zu halten. Wenn man über vierzig ist, wie heute ich, so weiß man das. Damals aber war ich noch nicht zwanzig. Also überlegte ich: »Anheimgestellt? Famos, vielleicht bietet sich dann mündliche Gelegenheit, den ausgefallenen Fragebogen auszufüllen. Denn ich hatte 168 manches auf dem Herzen, a) und b) und c) und alpha, beta, gamma, und ich hielt's für meine Pflicht zu – nun ja, was ein junger Mensch im Weltverbesserungsalter eben für seine Pflicht hält. Der Tag war da. Die alte Aula umfing mich wieder mit dem alten strengen Zauber. Die beiden grünen Säulen vor dem Rednerpulte präsentierten das Gewehr. Alpha stand golden auf der einen, auf der andern Omega. Zwischen Alpha und Omega sprach der neue Rektor und hörte nicht mehr auf. Nach jedem Absatz dachten wir aufschnaufend: Gott sei Dank bumm. Er aber, Bumm, begann den nächsten Absatz. Eine ausgedörrte Bartflechte von verschiedenen Geisten, in denen er die Anstalt zu leiten gedachte, hing nach einer Stunde vom Katheder. Und noch immer neue Geiste kamen. Ein Schüler war ohnmächtig geworden. Man führte ihn hinaus. Der Rektor redete. Der Schönschreiblehrer war ohnmächtig geworden. Man führte ihn hinaus. Der Rektor redete. Der Primus der Oberklasse war ohnmächtig geworden. Man führte ihn hinaus. Der Rektor schaltete in seine Rede, das ginge nicht, der Primus habe ja nach ihm die Schülerrede – »Ruhig Blut«, hörte ich neben mir den Sprachlehrer zum Zeichenlehrer sagen, »ruhig Blut, bis unser Rektor oben fertig ist, erwacht der Primus pumperlg'sund aus seiner dritten Ohnmacht.« Der andere seufzte: »Da war unser alter Rektor doch ein andrer. ›Ja ja, nein nein, was darüber ist, ist vom Uebel‹, pflegte er zu sagen und ›Ja, und wenn schon reden‹, sagte er ›nicht vergessen, daß man mit zehn Sätzen tiefste Weisheit ausschöpft, mit dreißig eine Sache von Bedeutung, mit fünfzig eine Alltäglichkeit, und von hundert Sätzen ab begännen Nichtigkeiten‹.« »Bscht, wenn's ein Schüler hörte – ah Sie sind es, Müller – na wie geht's? – schon Prokurist geworden?« »Auf dem Weg dazu. Meine Lehre wird in diesem Sommer aus.« »Na, da haben Sie wohl manches anders vorgefunden, 169 wie die Schule lehrte – was gibt's da vorne – ist er noch nicht fert –« »Doch, soeben. Er wütet, weil die Schülerrede ausfällt – he Müller: und wenn Sie einsprängen?« Möglich, daß er Scherz gemeint hat. Ich meinte Ernst und nickte. Der andere lief zum Rektor. Der nickte gleichfalls und verkündete: »An Stelle des erkrankten wird ein alter Schüler ein paar Worte . . .« Ich schlängelte mich wie im Traume durch die Reihen. Jetzt war noch der Weg von einer grünen Säule zu der anderen zu machen, von Alpha bis nach Omega, und mir war das Herz so voll, so eifrig voll . . . ». . . und weil ich als alter Schüler dieser Anstalt weiß, wie viele brave Reden von diesem Platz gehalten wurden, Reden nach doppelt korrigiertem Konzept, kann's nicht schaden, wenn man ausnahmsweise eine Stegreifrede . . .« Erstaunte Gesichter. Tuscheln. Hochgezogene Augenbraunen. Mich aber stieß das junge Herz fast übermütig an die Innenbrust: ». . . nicht als liebte ich die Anstalt nicht. O nein, sie hat mir viel gegeben, viel. Aber wen man liebt, dem muß man auch die Wahrheit sagen. Lieber hätte ich sie geschrieben, ich und viele andre, denen Fragebögen zugekommen sind. Die Fragebögen unsres lieben alten Rektors, dem sie ohne Sang und Klang den Laufpaß gegeben haben. Den sie ersetzen durch den neuen Rektor, unsern vielgehaßten Rechenlehrer Bumm . . .« Wellen gingen durch den Saal und brandeten ans Pult. Ich aber war im Zug und steuerte mein Pultschiff durch die Brandung. ». . . Ja, vielgehaßt. Einmal muß es doch heraus. Wann erführen sonst die Lehrer, ob man sie haßte oder liebte! Die Lehrerwahrheit regnete das ganze Jahr auf unsre Köpfe. Am Schluß des Jahres bittet auch einmal die Schülerwahrheit um das Wort. Das lange liebe Jahr sind wir zensiert worden. Jetzt teilen wir ein Zeugnis aus. Ich bin kein Schüler mehr. Mich hat des Lebens Ernst in meiner Lehre schon mit manchem Flügelschlag gestreift. Offen darf ich reden. Denn ich liebe meine alte Schule. Den alten Rektor liebe ich von 170 ganzer Seele. Sein gütig-offenes Gesicht hat weit in meine Lehrzeit nachgeleuchtet. Viel haben wir bei ihm gelernt von Dingen, die im Lehrplan stehen. Und noch mehr von Dingen, welche nicht drin stehn. Hoch unser alter lieber Rektor . . .« Brausen in der Aula. Hochgehobene Hände. Eingeflochtene Zischer. ». . . den neuen aber lieb' ich nicht. Keiner, der ihn liebte, wenn er parteiisch seine Noten in das Büchlein malte. Wenn er hämisch immer wieder zu beweisen suchte, daß wir Ochsen wären, statt uns den Mut zu heben in der verflixten Wechselarbitrage. Ueberhaupt die Arbitrage! Ich hab' herumgehorcht bei Banken. Ausgelacht hat mich ein alter Bankmann: Arbitragen würden, wenn es hochkommt, von sechs auserwählten Köpfen durchgeführt im Reich. Von sechs, derweil im Jahre zweimalhunderttausend Handelsschüler hoffnungslos die Köpfe dran zermartern müßten. Ist das nicht ein Unfug? Dinge aber, die wir draußen nötig haben, wie das liebe Brot, bekamen wir nicht zu sehen. Oder hätte je Professor Bumm ein Wechselformular, eine Aktie, eine Schuldverschreibung in der Klasse zirkulieren lassen! Wie hat der Erdkundenlehrer alle Bergspitzenhöhen, alle See- und Ozeantiefen hundertfach uns schwitzen lassen, und von modernen Handelswegen, von der Erde überhaupt als hämmernde, dampfende Arbeitsstätte haben wir so viel wie nichts erfahren. Die Atomgewichte des Bariums und des Strontiums und der Hallogene haben wir herunterschnurren müssen, Dinge, deretwegen nie das Leben oder Prinzipale uns verhören werden. Dinge aber, die uns Jungkaufleuten zwischen Haut und Knochen zu liegen kommen sollten, wurden kaum gestreift. Oder hätten wir vom Gang der Weizenernte um die Erde etwas vernommen? Je vom ersten Zink- und Zuckerland der Erde was gehört? Woll- und Baumwoll-, Leinen-, Seidenfasern jemals griffig mit den Fingerspitzen unterscheiden lernen oder Chinatee von Ceylontee? Freilich hat man uns dafür mit Brechungsformeln bikonvexer Linsen regaliert und den Pythagoras in Grund und Boden hinein beweisen lassen, auf dreizehn Arten, eine mehr als der Professor selber konnte. Und wie ist es in den Sprachen erst gewesen? Sprache kommt von sprechen. Hatten wir gesprochen? Regeln übern 171 Konjunktiv und über die Veränderung des Participe passé hatten wir auswendig gelernt, Schlachtensätze hatten wir gedrechselt und die Heldentaten der Jungfrau von Orleans hatten wir auf englisch und französisch abgeleiert. Nein, ich dürfte doch nicht ungerecht sein, eines Satzes aus dem praktischen Leben erinnerte ich mich doch noch. Im Plötz auf Seite 93 stünde er und laute: Das junge Huhn des alten Kapitäns ist im Hafen von Genua gestorben. In meinen drei Lehrjahren bei Kramer \amp; Friemann habe ich manchen Auslandsbrief gelesen. In keinem einzigen sei vom jungen Huhn des alten Kapitäns auch nur die Spur gewesen. Aber vielleicht käme das daher, weil es im Hafen von Genua gestorben sei? Wollte Gott, es wäre so. Aber es wird jedes Jahr im Unterricht neu ausgegraben und verdickt weiter die Grammatikluft . . .« Im Saale ein beklemmend Schweigen. Blitzartig fiel mir ein: »Von hundert Sätzen ab beginnen Nichtigkeiten.« Ich mußte eilen. ». . . die Grammatikluft sei nicht das einzige. Es gäbe Lehrer an der Schule, die hätten uns das geistige Gerüst spröde gemacht mit Paragraphenrippen statt elastisch für den Kampf des Lebens. Wenn das Leben draußen manchem seine Rippen bräche, statt zu formen, müßte mancher quälerisch verdorrte Lehrer an die seinen schlagen: Meine Schuld! Gott sei Dank, an dieser Anstalt sei die große Mehrzahl der Lehrer anders. Seien so, daß wir sie hätten lieben und verehren können. Seien so, daß ihre Worte und ihr Beispiel uns ein Stab gewesen seien in der rauhen Lehrzeit draußen. Ihnen schlagen unsre Herzen zu, wie auch unsre Lebenskähne draußen schaukeln müßten. Ihre Tüchtigkeit und ihre Güte wollen wir mit treuer Arbeit draußen lohnen. Und wären wir auf Grund derselben was geworden draußen – manchmal trotz der Schulzensuren und öfter noch nach manchem Strauß und Straucheln – so vergäßen wir die Lehrer nimmermehr und die anderen – auch nicht! – hoch die Schule!« War das ein Schreien und ein Rufen. Hände winkten. Fäuste ballten sich zum Pult hinauf. Der Rektor schrie nach dem Pedell, er solle mich herunterreißen, zwei, nein, drei 172 Tage in den Karzer werfen. Gelächter auf der andern Seite. Handgemenge. Knäuelweise wälzten sich Versammlungsteile auf die Straße. Schutzmannshelme blitzten auf. – Sonderbar, wie dick der Schutzmann war. Fast so dick wie eine Säule. Und die Uniform war grünlich marmoriert. Und das Blitzende darüber war kein Helm, sondern ein Goldbuchstabe. Ja, jetzt ward es deutlich, das – Omega auf der zweiten grünen Säule, die ich auf dem Wege zum Katheder zu umwandern hatte. Und erst auf der letzten Treppenstufe ward es mir bewußt, daß ich die ganze große Rede, die mir zwischen beiden grünen Alpha- und Omegasäulen durch den jungen Brausekopf geschossen, noch nicht gehalten hatte, jetzt erst halten mußte. Jetzt, da ich verschüchtert vor den vielen Leuten, die rundum auf mich starrten, meinen Lehrlingsmund langsam auftat und ein wenig zitternd sagte: »Verehrte Lehrer, liebe Eltern und Schüler! Als ehemaliger Schüler dieser Schule bitte ich Sie, mit mir einzustimmen in den Ruf: Die Schule, die geliebte Schule, die uns in treuer Arbeit so viel auf den Weg gab, lebe hoch!« Benommenen Kopfes ließ ich mich von der abziehenden Menge die ausgetretene vertraute Treppe hinunterspülen. Eine Hand legte sich mir von hinten auf die Schulter. Es war der Zeichenlehrer: »Bravo, Müller, schon unser alter Rektor sagte, ein Satz sei besser als zwei, zehn besser als zwanzig, von hundert nicht zu reden. Wenn man den langen – bscht – den langen Sums von vorher gegenhält, so war Ihre Rede – wollte sagen, Ihr Satz, so übel nicht, machen Sie so weiter, junger Mann . . .«   Wamprecht Früher gab es Kaffeeriecher, die in Haus und Straße nach verbotenen Kaffee forschten. Auch bei Kramer \amp; Friemann gab es einen Kaffeeriecher. Wamprecht hieß er, der alte Wamprecht. Er forschte aber in erlaubtem Kaffee. Wir Lehrlinge konnten seinen Nutzen lange nicht begreifen: »Kriegt den doppelten Gehalt eines Buchhalters«, kritisierten 173 wir, »und was hat er groß zu tun? Angebotene Kaffeesorten durchzuriechen und mit wichtig hochgezogenen Brauen zu behaupten: »Ischt guat . . . ischt schiach« – als ob das auch was wäre – für das Sündengeld mach' ich zehnmal einen Kaffeeriecher.« »Ich auch«, sagte Buchhalter Vater, »wenn's nur auf den guten Willen ankäm.« »Worauf denn sonst noch?« »Auf die Nase.« Alles was recht ist, eine Nase hatte Wamprecht, eine Riesenzinke, mit der sieben naseweise Lehrlingsnasen zusammengebacken, nicht hätten konkurrieren können. »Und auf die Größe kommt es nicht mal an«, belehrte Vater weiter, »sondern auf den Riecher.« »Gott«, schnüffelten wir Lehrlingsnasen, »daß der eine Kaffee voller oder schwächer als der andre riecht, das wissen unsere Nasen auch.« Der Buchhalter holte schweigend eine Rechnung aus dem Fach. »Michelson Brothers, Rio de Janeiro, Pfund Sterling 5017. 2. 3.«, lasen wir. »Das sind hunderttausend Mark für fünfzehnhundert Sack Kaffee«, fügte er hinzu. »Na ja«, beharrte unsere Lehrlingsklugheit, »und was weiter?« »Was weiter? Plus Wamprechts Nase verdienen wir 'ne schöne Stange Gold daran.« »Und ohne?« zwinkerten wir. »Wär' es möglich, daß wir nichts verdienten oder gar noch draufbezahlten.« Langsam fingen jetzt auch wir die Wamprechtsnase zu verehren an. Einen mystischen Glanz bekam sie. Einen metallischen hatte sie schon ohnehin. »Schaut ihm mal zu«, sagte der Prokurist, »es ist eben eine neue Mustersendung aus Hamburg eingetroffen.« Da stellten wir uns im Musterzimmer ehrfurchtsvoll an die Wand und schauten zu. Der Kontordiener legte feierlich die blauen Mustertüten auf den langen Tisch. Weiß erglänzten auf den blauen Körpern die rechteckigen Zettelbrüste 174 mit der Aufschrift »Santos good average Ernte 1891«, »Maracaibo flachbohnig good middle«, »Guatemala 1890 großbohnig voll« . . . und in Reihen lagen die spitzigen Dreiecksgesichter mit den Einaugen der Messingmusterklammer, erwartungsvoll wie wir: Was nun? Nun ging zum zweitenmal die Türe auf. Frau Schräder, die Putzfrau, stellte die kleine Rösttrommel mit der Spiritusbeheizung auf den Tisch. Nicht minder feierlich. Erst das drittemal trat langsam Wamprecht durch die Türe. Vielmehr seine Nase. Denn was sonst noch an ihm war, schlenkerte nur nebensächlich um die Wamprechtsnase. Wir hatten das Gefühl, daß ein Posaunenchor jetzt blasen müßte, als die Nase schweigend glänzend in das Musterzimmer schritt. Uns sah er an, wie Priester Messeknaben anschaun, die den Weihrauch streuen. Die erste Tüte griff er, »Preanger Gold perlbohnig mild«, drückte gütig in die Ränder, daß das Opfer bauchig wurde, sich blähte, und das Kaffeeblut herausrann in die hohle Wamprechtshand: »Herr, hier bin ich, was soll ich tun zu deinem Lob und Preis?« Langsam und strahlend senkte sich die Riesennasenampel ins Kaffeegeriesel, flackerte, schnüffelte, schwang erwägend hin und her und zischte leise: »Ds, ds, ds . . .« Kam die nächste Tüte, »Java dunkelgelb riesenbohnig mokkaartig Vollgeschmack«, neigte sich und rann und sah die Ampel glühn und hörte des Wamprechtsgottes Stimme: »Ds, ds, ds . . .« Kam die dritte Tüte, die vierte, die fünfte, die ganze lange Opferreihe wurde vorgemustert: »Ds, ds, ds . . . ds, ds, ds . . . ds, ds, ds . . .« Ein Wink, der Priesterkontordiener zündete die Spiritusflamme unter der Rösttrommel an. Ein zweiter Wink, ich durfte einen Mustertüteninhalt in die Trommel schütten. Scheu und zitternd tat ich's. Die Bohnen prasselten. Gerüche stiegen auf. Nebel wallten. Brasilien hob sich aus der Ozeanbläue. Kaffeewälder rauschten. Bahnen keuchten. Dampfer tuteten. Federn schrieben auf Fakturen: Kramer \amp; Friemann Soll an 100 Sack Mokka klein perlbohnig vollschmeckend . . . Ein dritter Wink, die Priestergehilfin 175 Putzfrau Schräder kurbelte die Rösttrommel. Gleichmäßig feierlich. Choralmusik, kein Lehrlingsherz vergißt sie. Aus dem Nebel heben sich Kontore, rollen Wägen, knallen Knechte mit den Peitschen, fahren Ladendiener mit den Schaufeln in die Kästen: »Gnädige Frau, diese Sorte Maracaibo kann ich Ihnen ganz besonders empfehlen . . .« Die Riesennase schnuppert leicht. Das Rösten ist zu Ende. Ein vierter Wink, Frau Schräder hört zu kurbeln auf. Auf die Trommel. Wieder wallen Opferdämpfe. Braun und glänzend perlt's aus der Höhle. »Na, Herr Wamprecht«, platzte der Prokurist ins Musterzimmer, »ist der Maracaibo was für unsere Mittelkundschaft?« »Ds, ds, ds«, macht's mißbilligend unter der Augurennase, »muß mir's überlegen – über Mittag – nicht so einfach – ds, ds, ds.« Der Prokurist nickt und geht. Einen Lehrling sticht der Hafer: »Entschuldigung, Herr Wamprecht, der alte Kassendiener sagt, früher hätten Sie sofort aus dem Handgelenk –« »Ds, ds, ds, der alte Kassendiener ist ein altes Rindvieh.« »Ja, und warum können Sie erst nach dem Mittagessen –?« »Ds, ds, ds, Sie sind ein junges Rindvieh.« Des alten Wamprechts Tod fiel noch in meine Lehrzeit. Ein Stück der alten Firma sank mit ihm ins Grab. Wehmütig habe ich seine Nase mitbegraben helfen. »Alle müssen einmal sterben«, sagte am anderen Tage der Vorstand der Kaffeeabteilung, »auch unser Wamprecht. In Gottesnamen, wenn er nur seine Nase vererben hätte können. Sie ist unersetzlich. Nie hat jemand den Kaffeegeschmack der Kundschaft so genau getroffen, als – was gibt's denn?« »Eine Frau ist draußen –« »Meinetwegen.« »Sie sagt, sie sei die Haushälterin unseres Wamprechts und –« »In welcher Sache –?« »In Sachen Kaffee, sagt sie.« 176 »Ich lasse bitten.« Sie kommt herein, rotkariert, zahnluckig, freundlich zwinkernd. Hausdiener Vogel, der die Volksgestalten kennt, wie irgendeiner, zwinkert gleichfalls und faßt sein Flüsterurteil so zusammen: »Kaffeeurschel.« Kaffeeurschel ist in meiner Heimatstadt ein Frauenzimmer, das mit Kaffee aufsteht, mit Kaffee zu Bett geht und dazwischen einundzwanzigmal am Tage den warmgestellten Göttertrank kritisch untersuchend aus der Ofenröhre zieht, während sie sich in der Nacht mit etwas weniger behilft. »Also ich wär' halt dem Herrn Wamprecht seine –« »Weiß ich. Sie wünschen?« »Also ich hätt' halt frag'n woll'n, ob ich die Kaffeemüsterln weiter krieget' zum Probieren?« »Welche Kaffeemuster?« »Halt die er all'weil heim'bracht hat und die i' probieren hab' müssen all'weil.« »Sie?« »No ja, weil sei' Nas'n und sei' Zung'n nimmer auf der Höh' war'n und er g'sagt hat, niemand treffet' so wie ich den G'schmack von eurer Kundschaft – jaa –« »Wie, Sie wollen einen Maracaibo von einem Preanger unterschei –?« »Ds, ds, ds –« Der Kaffeevorstand schloß einen Augenblick die Augen. Ihm war, der alte Wamprecht lebe. »– und einen flachbohnigen Guatemala von einem Santos good middle ordinary –?« »Ds, ds, ds, ein' Schmarr'n – ob 'n d' Leut mög'n oder net, schmeck' i' halt – ds, ds, ds . . .« Auf Grund dessen schloß man einen Vertrag mit der Kaffeeurschel, einen lebenslänglichen Geheimkaffeeprobiervertrag, kraft desselben wir nicht nur die Zufriedenheit unserer verwöhntesten Kaffeeabnehmer behielten, sondern auf Salärkonto noch ein doppeltes Buchhaltergehalt ersparten. 177   Simon Raff Einmal sah ich ihn auf einer Apfelsinenschale ausgleiten, fallen – wupp, war er wieder hoch. »Das reinste Stehaufmännchen, dieser Simon Raff«, sagte ich. »Stehauf heißen sie ihn seit zwanzig Jahren«, sagte Buchhalter Vater, »ich selber nenne ihn den Alsojetzt.« »Also jetzt, das ist komisch!« sagte meine Lehrlingsweisheit, »warum?« »Das soll er selber sagen – he, Herr Raff!« Das kleine Männchen drehte sich mäßig eilig um: »Ah, Herr Vater, was gibt es also jetzt?« »Unsere Kunden bestellen Zucker über Zucker.« »Also jetzt das freut mich – guten Abend also jetzt.« »Rasend komisch!« sagte ich überlegen. »Ich werde Ihnen was erzählen, was Simon Raffisches – wenn Sie's dann noch komisch finden, zahl' ich einen Taler.« »Also los!« »Also jetzt zunächst die Additionen – wie lange brauchten Sie zuletzt dafür?« »Drei Stunden.« »Gut, machen Sie 's in zweieinhalb.« Gesagt, getan. »Also jetzt der Alsojetzt«, lächelte der Buchhalter, »daß er in Zucker macht, seit zwanzig Jahren, wissen Sie. Auch daß er Kommissionär ist. Kommissionär ist –?« »– derjenige«, rasselte ich herunter, »der in fremdem Auftrag und für fremde Rechnung An- und Verkäufe tätigt.« »In eigenem Namen, Verehrter, sonst sind's nur Agenten ohne Risiko. Das Risiko entscheidet. Zwei große Gruppen gibt es in der Kaufmannswelt. Solche mit und solche ohne Risiko. Die ›ohne‹ sind die Kärrner. König sind die ›mit‹.« »Na, König dieses kleine Männchen –?« »Er trägt seine Krone innen, nach außen ritzen nur die Zacken – sahen Sie die hundert Krähenfüße nicht?« »Doch. Er muß viel durchgemacht –« 178 »Im Grund nur eines: Risiko.« »Also ein Spekulant?« »Ja und nein. Ja, weil bei bewegten Zuckerpreisen das Spekulative sich von selbst ergibt. Nein, weil ihm fehlt, was Spekulantentum so häßlich macht: die Sucht, rasch und ohne Mühe reich zu werden.« »Was treibt ihn dann zum Risiko?« »Das Risiko.« »Das verstehe ich nicht, Herr Vater.« »Ist keine Schande. Aufgepaßt: Was hielten Sie von einem pensionsberechtigten Dichter?« »Nichts.« »Und von einem Bauern, der sein Korn im sicheren Gewächshause zöge?« »Noch weniger.« »Der Simon Raff am wenigsten. Er hat was von einem Dichter und von einem Bauern. Sicher ist ihm nur die Saat. Dahinter aber schillern alle Möglichkeiten. Er braucht das Risiko. Unsicherheiten locken ihn. Geschäfte sind ihm nicht Gelegenheiten zu verdienen, sondern so viel Fragen an das Schicksal. Schauer überlaufen ihn vor Lebensfreude: Was wird sein, wenn ich die Karte wende? Was, wenn jene? Es prickelt ihm im Blut –« »Mir auch, Herr Vater«, ist es mir entfahren. Er sah mich lange an: »Das kann sich nur erlauben, wer außerm Prickeln auch das Alsojetzt im Blut hat, wie der Simon Raff.« »Verstehe ich wieder nicht, Herr Vater.« »Sie werden's, wenn Sie mehr von Simon Raff erfahren.« »Ach ja, ich bitte drum, Herr Vater.« »Morgen, wenn Sie wieder eine halbe Stunde eingespart mit fixer Arbeit – alles will verdient sein, junger Mann.« Andern Tags legte ich mich kräftig in die Riemen. Buchhalter Vater schaltete eine Belohnungspause ein. »Dieser Simon Raff«, begann er, »ist ein Mensch, der –« Rrrr, das Kassentelephon: »Hier Kassierer Brandmann, ist Konto Simon Raff glatt?« – »Bis auf einen kleinen 179 Provisionsvorschuß, der sich bei der nächsten Abrechnung ausgleicht.« – »Gratuliere, Raff hat umgeschmissen!« Vater sah mich an: »Raff erzählt sich selber. Wenn Sie's noch komisch finden, zahl' ich meinen Taler.« Ich schüttelte den Kopf: »Ein Bankrott ist schrecklich, nicht wahr?« »Nur der erste. Vom dritten ab gewöhnt sich's. Der da ist dem Raff sein sechster oder siebter.« »Wie kann er's nur ertragen?« »Wir wollen ihn mal fragen heute abend in der ›Gelben Jacke‹.« Mit einem leichten Schauer trat ich in das Hinterstübchen der Gelben Jacke. Da wird er sitzen, dachte ich, gebrochen und geschlagen, Tränen und Verzweiflung in den Augen. Und der gute Vater wird versuchen, ihn moralisch aufzufrischen. Aber das Hinterstübchen war leer. »Dort in der Ecke ist sonst sein Platz«, sagte die Kellnerin. Sonst? Ich mußte an die kalte Isar denken. Aber da stand er in der Türe, klein, beweglich, unertrunken. Vater streckte ihm die Hand hin: »Ich kondoliere.« Er riß die Augen auf: »Kondolieren? Ja ja, das war gestern, daß ich den Konkurs erklären mußte. Blöde Sache. Zuckerpreis wie toll gefallen. Ganz gegen meine Berechnung. Sage Ihnen, hatte alles kalkuliert, Ernteaussicht, Börsenpositionen, Vorratsschätzung. Totsicher hätten Preise steigen müssen. Wirft auf einmal Kuba seinen Zucker nach Europa statt nach der Union. Einfach Wahnsinn. Aber nichts zu machen. Wie 'n Kartenhaus klappte die Zuckerbörse zusammen. Toll sag' ich Ihnen, wie die Menschen schrien. Arme Teufel. Können einem Leid tun.« »Und Sie selbst, Herr Raff –« »Ich? Gott – man muß es nehmen, wie es ist. Ich täte mir leid, wenn ich mir leid täte. Hab' ich etwa die Preise fallen lassen? Ohne Kuba hätt' ich recht gehabt, blödsinnig recht. Also das ist abgetan. Also jetzt, was halten Sie davon, ob Zucker weiter fällt?« »Also jetzt«, wiederholte Vater und blickte mich bedeutsam an, »also jetzt halte ich zunächst dafür, daß wir uns setzen.« 180 Im Sitzen entwickelte er uns neue Pläne. Ein jeder fing mit »Also jetzt passen Sie auf« an. Ein jeder schloß mit »Also jetzt habe ich nicht recht?« Nach einer Viertelstunde schwammen wir in lauter Zucker. Die ganze Welt war Zucker für den Simon Raff. Was es etwa sonst noch gab, schlenkerte bedeutungslos herum um seinen Zucker. »Also jetzt«, schloß er, »ist es unvermeidlich, daß der Zucker wieder hoch geht. Also jetzt könnte man sich, sagen wir fünfhundert Sack Rendement 88, Ultimo Dezember, hereintun, was meinen Sie also jetzt, Herr Vater?« »Ich meine, daß Sie von Zucker Ihre Finger lassen sollten.« Das kleine Männchen blickte erstaunt: »Also jetzt, das finde ich sonderbar, wo ich doch seit vierzig Jahren Zucker handle. Als ob ich ohne Zucker leben könnte.« »Sollen Sie auch nicht. Nur für eigene Rechnung sollen Sie nicht handeln –« Simon Raff schlug auf den Tisch: »Bin ich ein Dutzendkommis, he! Ich bin ein Zuckermensch, ein freier, und kann kaufen und verkaufen, wie ich –« »Vorerst haben Sie Konkurs, Herr Raff.« »Ich werd' mich wieder in die Höhe raffen. Ich werde auf Kramer \amp; Friemann verzichten können und –« »Verstehen Sie mich recht, Herr Raff, für Ihre alten Tage sollen Sie sich's doch behaglicher –« »Bin nicht fürs Behagliche.« »– und sichrer machen können.« »Bin nicht für fade Sicherheiten.« »Wofür sind Sie denn?« »Für Zucker.« »Nun gut, was haben Sie davon?« In den grauen Augen des Männchens glomm ein fernes Feuer auf: »Was ich davon habe? Sie haben, scheint es, nie von Raff gehört und seinem großen Zucker Corner, he . . .« Mit steigender Begeisterung erzählte er von einer Zuckerschwänze, die den Zucker eines Erdteils in ein Lager sperrte, um die Preise zu diktieren. »Zuckerkönig war ich, wissen Sie, was das bedeutet?« 181 Vater nickte ängstlich, suchte abzurücken, aber, warm geworden, umstellte ihn der Alte mit immer glühenderen Schilderungen seiner Zuckerherrlichkeit von damals. Unter einem Vorwand schlüpften wir ins Freie. Er rief uns nach: »Also jetzt, ich gehe in die Hausse, hängen lass' ich mich, wenn ich nicht einen zweiten Zuckerring zustande bringe . . .« Vater zog mich eilig fort. Unter einer spitzig brennenden Laterne hielt er: »Welch ein Jammer!« »Jammer?« widersprach ich, »einmal war er doch Zuckerkönig.« »Er? Gott behüte! Ein kleiner Spekulant, nichts weiter!« »Und der Zuckerkönig Raff?« »Ein Namensvetter. Solange hat er des Berühmten Zuckerstreich sich vorgeredet, bis er sich mit ihm verwechselt hat. Es ist kein Zweifel, der Bankrott hat ihm den Kopf verwirrt.« Traurig senkte er den Kopf: »Er tut mir leid. Er ist nicht verächtlich. Er war reich. Er hat sich nichts gegönnt. Aermer lebte er als ich und Sie. Stoff zu einem großen Kaufmann war in ihm. Aber der Sinn für Fährlichkeiten hat ihn krankhaft überwuchert. Armer Raff, trotz deines Also jetzt: diesmal wird's das Ende für dich sein . . .« Es war nicht das Ende. Hamburger Verwandte setzten ihm eine kärgliche Pension aus. Täglich ging er weiter an die Zuckerbörse. Der Türhüter sperrte dem fadenscheinigen Rock den Eingang. Aber ein großer Zuckerherr schaffte ihm ein Plätzchen neben einem Börsenpfeiler in der dunkelsten Ecke. Dort stand er stundenlang und horchte auf das Tosen der steigenden und fallenden Märkte. Wenn eine Pause eintrat, machte seine dürre Hand eine weltumfassende Bewegung, und seine dünne Stimme piepste winzig: »Also jetzt, ich nehme tausend Sack Rendement 88 Ultimo Dezember – ich nehme zweitausend – ich nehme fünftausend – ich nehme zehntausend – ich nehme hunderttausend Ultimo – wer also jetzt, wer . . .?« Sie ließen ihn gewähren. Sie wußten, warum. Wenn im Gebrüll der Zuckerschlachten einer sich zu weit ins schwanke Land des Ultimos wagen wollte – ein scheuer Blick in jene dunkle Ecke, wo eine alte Zuckerruine krächzend mit sich selber spekulierte, und die Zügel waren wieder fest. 182   Gift War das ein Getue und Geraune, als das erste Fräulein eintrat. Schon bei der dritten fiel das Raunen fort. Das Getue aber schwand auch bei der zehnten nicht. Es fiel auf ein erträglich Maß. Die Else Wacker war die zwölfte. Das Getue beschränkte sich auf Adolf Sturmbrenner, den Volontär. Ich als Mitlehrling war empört. Denn ich hatte kein Getue mit der Else Wacker. Ich verehrte sie in aller Stille. Es ist wahr, sie war die erste nicht. Da war vor einem Jahr die Olga Hüttelmann gewesen, die Tochter unsres Lagerhalters. Sie hatte mir erlaubt, an einem Sonntagvormittag unter den Arkaden mit ihr auf- und abzugehen. Aber das war auch das Ende. Ich weiß nicht, wie wir draufgekommen sind. Ich glaube sie erzählte, daß ihr Bruder wegen der Geometrie sitzengeblieben sei. Darauf sagte ich, mir hätte so was nie passieren können. Zum Beweise erzählte ich ihr von den vier Kongruenzfällen der Dreiecke. Die hatte ich noch gut im Kopf. Ich zeichnete sie mit dem Stock in den Arkadensand vor der Bank. Um elf sagte sie, sie müsse heim. »Einen Augenblick, Fräulein Olga«, sagte ich, »bis ich den vierten Kongruenzfall –« Aber sie beharrte auf dem Heimgang. Sie hat mich zu meinem Erstaunen nie wieder unter die Arkaden bestellt. Um mich vor ähnlichen Enttäuschungen zu hüten, beschloß ich, meine zweite Liebe stille zu verehren. Damit fiel ich auf der andern Seite in das Wasser. Denn nun schöpfte Adolf Sturmbrenner den Rahm ab. Uebrigens ein Mensch, der ein halbes Jahr nach der Schule keine Ahnung mehr von den vier Kongruenzfällen hatte. Dafür wußte er Bescheid im Herzenknicken. In der Schule hatte er das nicht gelernt. Er mußte ein geheimes Mittel haben. Ihm flogen Herzen nur so zu. Mochten sie, schwer können solche Herzen doch nicht wiegen, hatte ich mich bisher getröstet. Von der Else Wacker aber hätt' es mich gewurmt. Denn deren Herz war keine leichte Ware, glaubte ich zu fühlen. Man fühlt ja, was man wünscht. Aber einmal sah ich, wie sie einen Brief las. Auch Adolf 183 Sturmbrenner sah es. Sofort setzte er ein schmerzliches Gesicht auf. Jetzt schaute Else Wacker auf sein Pult hinüber. Feierlich und voller Weltschmerz nickte er ihr zu. Dunkles Mitleid huschte über ihre Züge. Ah, dachte ich, das ist also ein geheimes Mittel, na, warte nur . . . Er konnte ruhig warten. Denn in Mitleid konnte ich nicht machen. Von den vier Kongruenzfällen abgesehen, stand mir da zuviel im Wege. Das Schiebefenster vom Prokuristenzimmer klirrte auf: »Einen Auszug vom Konto Hunzinger \amp; Co., Fräulein Wacker!« rief der Prokurist. »Fräulein Wacker ist am Telephon«, sagte jemand, »darf's vielleicht der Müller machen?« Ich durfte. Ich wälzte ihr Kontokorrent. Ein Brief flog auf. Unterschrift: »Ihr tiefgebeugter Adolf Sturmbrenner.« Ich weiß, ich hätte mir daran genügen lassen sollen. Zeig mir aber einer einen, der das könnte, wenn der Nebenbuhler tiefgebeugt an die Geliebte schriebe. Ich las den Brief. Es standen große Worte drin von Schmerz und Unglück, von der Eitelkeit des Glücks und den Hinfälligkeiten des Menschenlebens. So überzeugend stand es da, daß mich selber fast das Mitleid packte: der arme Sturmbrenner. »Konto Hunzinger schon fertig?« klirrte ein Fenster. Hui, da brannte mir ein anderer Sturm auf meinen Fingern. Aber zwischenhinein tauchte das gramzerwühlte Antlitz immer wieder aus dem Brief. »An Saldovortrag«, schrieb ich, »Gott, wenn's ihm wirklich gar so schlecht geht . . .« »Okt. 15. Per Rimesse«, schrieb ich, »hm, wenn ich ihn doch falsch beurteilt hätte . . .« »Dez. 3. An Zucker«, schrieb ich, »der arme Teufel, wenn er gar so glücklos ist, so ist's wohl meine Pflicht, zu seinen Gunsten zu verzich –« »Heda«, klirrte das Fenster, »soll ich ewig auf den Kontoauszug Hunzinger \amp; Co. –?« »Hier ist er bitte.« »Ist gut.« Er setzte schon zur Unterschrift die Feder an, ließ sie aber sinken: »Was haben Sie denn da geschrieben: 184 »Saldo schlechtgeht . . . Okt. 15. Per Rimesse falsch beurteilt . . . Dez. 3. An Zuckerpflichtverzicht – Mensch, sind Sie verrückt geworden oder – oder –« Er sah mich scharf an: »– oder verliebt? »Nein«, stammelte ich, »ein anderer –« Er pfiff leise durch die Zähne: »Aha – sind reichlich jung für solche Dinge, junger Mann – na, seien Sie vergnügt, daß es ein anderer ist und schreiben Sie das Konto nochmal.« Abends auf dem Heimweg gab ich mir einen Ruck. Die Verehrung von Fräulein Else wollte ich mir aus dem Herzen reißen. Großmut üben gegen den Rivalen. »Sturmbrenner«, sagte ich, »Sie tun mir leid.« »Warum denn?« lachte er. »Sie müssen in einer schrecklichen Verfassung gewesen sein, gestern abend.« »I wo, pudelwohl ist mir gewesen bei drei Maß Bier und einem Pfund Leberkäs.« »Aber der Brief, den Sie an – an –« »Hat sie Ihnen was gebeichtet, he?« Ich wurde rot: »Nein, sie nicht, aber aber –« Er hörte gar nicht zu. Er ließ elegant das Stöckchen flirren. Er markierte Don Juan und Weltmann: »Lieber Freund, so sind nun mal die Weiber – mit Mitleid fängt man keine Fische, aber Mädchens – und geht's mit Briefen nicht, dann hab' ich noch ein Mittel, das ist unfehlbar – Sie sind ja noch 'n Grünling – aber wenn Sie mir versprechen, bei der Wacker meine Kreise nicht zu stören, will ich's Ihnen sagen – na, was ist, sind Sie verrückt geworden oder – oder –« Ich war empört in eine Nebenstraße abgeschwenkt. Ging da nicht die Else Wacker? In einer Wallung kam ich auf sie zu: »Fräulein Wacker, Sie müssen nicht alles für bare Münze nehmen, was Herr Sturmbrenner Ihnen etwa schreibt –« »Ach«, sagte sie aufrichtig bekümmert, »was er schreibt, ist nicht das schlimmste, aber was er mündlich –« Sie unterbrach sich, sah mich prüfend von der Seite an und fuhr dann offenherzig fort: »Sehen Sie, ich hab' mir nichts aus ihm gemacht. Er läßt mir aber keine Ruhe. Jetzt droht er gar, wenn ich ihn nicht erhöre, sich was anzutun.« 185 »Keine Sorge, Fräulein Wacker«, sagte ich eifrig, »er spielt ja nur mit Ihnen und –« »Aber denken Sie, wenn ich das Leben eines Menschen auf dem Gewissen –« »Ohne Sorge, so was sagt man oder schreibt man, aber bis zum Tun ist noch ein weiter –« »Nein, nein«, sagte sie ängstlich, »er hat mir doch das Fläschchen selbst gezeigt.« »Welches Fläschchen?« »Ein Totenkopf ist drauf mit gekreuzten Knochen und darunter steht Gift, o Gift – o Herr Müller, wenn Sie ihm das nehmen könnten – so dankbar, wie ich Ihnen wäre –« »Wollen sehen, wollen sehen«, murmelte ich zwiespältig und nahm vor ihrem Hause Abschied. Diese Nacht führten Totenköpfe einen Tanz auf um mein Bett. Auf jedem dieser Köpfe trommelten zwei Knochen Generalmarsch. Ich duckte mich unter die Decke. Da tanzten und trommelten sie noch näher. Mir brach der Schweiß aus. Da kam eine Stimme: »Pack doch zu!« Da nahm ich meinen Mut zusammen. Nach einem Schädel griff ich. Er zerfiel in Staub. Nach einem zweiten langte ich, nach einem dritten, einem vierten. Sie zerfielen alle. Gewonnen hatte ich, gewonnen. Froh und früh ging ich ins Geschäft am andern Morgen. Es war eine Viertelstunde vor der Zeit, als ich vor der Glastür des Kontors stand. Stimmen? Ich stellte mich auf die Zehen: Ah, Fräulein Wacker und Herr Sturmbrenner. Und ihre Stimmen gingen hoch. »Um Gotteswillen, tun Sie sich nichts an!« »Was liegt an meinem Leben«, kam die Antwort theatralisch, »wenn Sie mich nicht lieben – mein Fläschchen hier wird aller Not ein Ende machen.« »Tun Sie's fort, Herr Adolf –« »Erst müssen Sie mir sagen: Adolf, ich liebe Sie!« »Nun denn, in Gottesnamen –« »Nein, in Teufelsnamen!« schrie ich, rannte durch die Türe, riß ihm das Fläschchen aus der Hand, entkorkte seine Totenknochen, hob es an den Mund und – 186 »Herr im Himmel«, rief sie, »er vergiftet sich!« Sie versuchte mich zu hindern. Aber ich hatte es schon ausgetrunken. Mit einem Schluck. Und lachte: »Keine Angst, ich sah's ihm am Gesicht an: Der Fläschcheninhalt war, was seiner Liebe Inhalt ist: Wasser!« Vom Prokuristenzimmer klirrte das Schubfenster: »Schön, daß Sie schon früher an die Arbeit gehn – es ist Bilanz und Inventurzeit, da tut ganze Arbeit not und reiner Tisch.« Das Fenster klirrte zurück. Wir gingen still an unsere Pulte.   Der Reisende Im Anfang einer Lehrzeit sind die Ohren gläsern hell. Auch unverstandene Laute fängt die heiße Muschel auf und verwahrt sie unterirdisch. Da leben und wachsen sie und weben Netze, ohne daß man's weiß. Erst nach Jahren klopfen sie an die Bewußtseinsoberfläche, frisch und kugelrund. Man möchte sie für Neugeborene halten, so unbefangen ist ihr Tritt. Aber da ist ein Schein, ein wissender, in ihren Augen. Der kann Jahre alt sein. Frag' sie immerhin nach Nam' und Art: »Mit wem habe ich die Ehre?« – »Schüchtermann, Sie wissen doch noch –?« – Du weißt von nichts. Aber du bist wohlerzogen. Also sagst du »Schüchtermann? Freilich, freilich – na, das freut mich sehr, Herr Schüchtermann.« Ist er boshaft, dein Besuch, so kann's passieren, daß er lächelt: »Freuen? hem, ich war einmal Ihr Feind, Sie wissen doch –?« Wieder weißt du nichts und wieder sagst du: »Feind? Natürlich – ach, es waren schöne Zeiten, wollte sagen, kampsfröhliche Zeiten, nicht wahr?« – »Kampf? Ei, Sie wußten damals gar nicht, daß ich Ihnen feindlich –« – »Freilich, hem, wie man das nur hat vergessen können – merkwürdig, nicht wahr?« – »Ja, um so merkwürdiger, als ich Sie nur auf die Probe stellte: wir haben uns nie gekannt, mein Herr.« – »Hab' ich's doch gewußt – Schüchtermann? – nein, nie gehört, völlig unbekannt.« – »Na na, nie gehört, besinnen Sie sich besser . . .« 187 Da gibst du's auf. Ehrlich gibst du dich gefangen. Stillgeduldig, ohne alle Vorstellungsfaxereien, läßt du's in dir widerklingen, wie bei einer alten Glocke, deren Klöppel später Herbstwind an die Ränder des Bewußtseins schlägt: »Schüchtermann, Schüchtermann . . .« Und dazwischen ist ein junges Piepsen, das aus meiner Lehrzeit stammen könnte, wenn es nicht von jungen Vögeln ist, deren Nest am alten Glockenrande klebt . . . »Nein, dieser Schüchtermann, ds, ds, ds«, kam's so oft vom Pult Herrn Zundermanns, der die Briefe mit unseren auswärtigen Reisenden zu wechseln hatte. Dann wieder kam's vom Pulte, wo die Preise durchgesehen wurden: »Der tut sich leicht, der Schüchtermann: bewilligt seinen Kunden Preise für einen Sack, als wenn sie hundert abgenommen hätten . . .« Und vom Pult des alten Endres, wo man die Kredite prüfte, brummt es: »Nein, dieser Schüchtermann, schreibt weiter nichts als »Ist gut« – aufs leere Auskunftsformular des neuen Kunden. »Ist gut« – als ob das eine Auskunft wäre! »Ist gut« – zum Donner, nein, ist nicht gut! Ich glaube gar, der Schüchtermann treibt Schindluder mit uns. Na, dem wollen wir ein Licht aufstecken, wenn er heimkommt, wie?« Die letzte Frage galt den andern Pulten, wo ein Echo aufsprang: »Ja ja, soll nur kommen . . . Hühnchen pflücken . . . Bartel Most geholt hat . . . tut, als sei er ganz allein die Firma . . . mal Fraktur mit diesem Menschen sprechen . . .« Aus diesen Reden wob sich mir ein Bild: Unverschämter Oger, dieser Schüchtermann, auf den ein wohlverdientes Schicksal unabwendbar zumarschierte. Dann ging's ins allgemeine: »Ueberhaupt die Reisenden . . . veraltete Einrichtung . . . geht auch ohne sie . . . Kunden sollen mit Postkarten bestellen . . . unheimlich, was sich damit sparen läßt . . . sagen wir mal hunderttausend Reisende brauchen täglich, Spesen eingeschlossen, zwanzig Märker, macht zwei Millionen täglich . . . was sagen Sie: produktiv, 'n Reisender? . . . hm ja, in schlechten Witzen . . . wie, volkswirtschaftlich unentbehrlich? Schmieröl der wirtschaftlichen Maschinerie? . . . na, hör'n Sie mal, 'n Schmieröl, das uns jährlich eine halbe Milliarde Kosten 188 aufbuttert . . . Ja ja, vom Ranzigwerden nicht zu reden . . . wenn die Kosten dann noch alles wären . . . aber denkt mal an den Aerger und Verdruß, den diese Sorte Menschen . . . Ja, grün hat man sich über diesen Schüchtermann schon ärgern müssen, der sich gegen das Kontor so aufspielt, als schaffe er allein die Werte, während wir ein überflüssig Pack . . . schade, daß er erst zu Weihnacht von der Tour kommt . . . na, um so gründlicher soll das Aufwaschen sein . . . hem, am besten wär's, wir wählten einen, der es im Namen aller besorgte, daß . . .« Herr Endres lehnte ab. Er sei zu alt. Der die Preise prüfte, schaute unbeteiligt durch das Fenster. Noch einer oder zweie fingen heftig an, Bücher zu wälzen. Jemand sagte: »Zundermann!« »Bravo«, schrien alle, »bravo, Zundermann! Der schreibt ihnen ja ohnehin täglich – kennt am besten ihre Schwächen – ja, der Zundermann, das ist ein ganzer Kerl . . .« Zundermann verneigte sich mehrere Male abgehackt und telegraphisch, ein Morseticker: »Ehre – werde nicht verfehlen – Liste sämtlicher Beschwerden machen – verflucht nochmal – ganz auf mich verlassen – Spezialität, solche Menschen klein zu machen . . .« Eine Woche vor Weihnachten erinnerten sie ihn ans Kleinmachen: »Herr Zundermann, ist's richtig, daß der Schüchtermann schon übermorgen von der Tour –?« »Schüchtermann, immer Schüchtermann, laßt mich zufrieden mit diesem Menschen!« »A-aber Sie wollten ihn doch – doch klein machen!« »Mach ich auch, mach ich auch, nur Ruhe, alles zu seiner Zeit.« Sie nickten. Einen Tag lang nickten sie. »Herr Zundermann, nicht wahr, morgen kommt der Schüchtermann von seiner –?« »– Tour zurück, jawohl, eben mach ich seine Abrechnung.« »Aha, aha, gehörig gepfeffert, was?« »Ja, kriegt eine Riesenprovision. Wie er's nur anfängt, wieder ein Drittel Mehrumsatz –« »Ach«, sagten sie enttäuscht, »wir meinen die moralische Abrechnung, Herr Zundermann.« 189 »Die moralische? ach so – selbstverständlich – werde nicht ermangeln, ihm unsere Beschwerden vorzutragen –« »Klein machen, sagten Sie damals, Herr Zundermann –« »Natürlich, auch klein machen –« »Ganz klein, Herr Zundermann?« »So klein es irgend geht – hem, ich sollte meinen, daß ich das verstehe –« »Bravo, Zundermann – ja ja, der Zundermann, das ist halt einer – unser Zundermann . . .« Am andern Tag sah ich den Buchhalter Vater einem roten Strich im Wandkalender zunicken: »Also heute ist Schüchtermannstag.« »Sind Sie auch so bös auf diesen Kerl wie die andern?« fragte meine Lehrlingsneugier. »Kerl? hem, der Ton ist falsch, mein Lieber – Kerl, mußt du sagen – ein ganzer Kerl ist er . . .« Dann erzählte er vom ältesten Reisenden der Firma. Er habe die schwierigste Tour. Die Kundschaft auf dem flachen Lande, wo es keine Eisenbahnen gäbe. Das ganze liebe Jahr sei er unterwegs mit seinem Kütschchen. Auch andere Reisende hätten Kutsch' und Kutscher. Der Schüchtermann aber habe einen ganz besonderen Kutscher. Sich selber nämlich. Er hätte drauf bestanden. Auf Kutscher sei doch kein Verlaß, behaupte er. Auf ihn selbst als Kutscher also auch nicht, habe er schon lachend eingestanden. Aber dann brauche er sich nur über sich selbst zu ärgern. Und es sei am gesündesten, wenn der Aerger hübsch innerhalb der Familie bleibe. Und überhaupt, der Schüchtermann, der sei schon recht. Kein so moderner Springinsfeld mit Bügelhosen, sondern einer von der alten Schule. Kein Schwadroneur. Die Firma hätte keinen besseren je gehabt. »Aber«, sagte ich, »die anderen Herren im Kontor –« »– haben ihre scharfen Sprüchlein nicht zum erstenmal gegen ihn gebetet, solange er – draußen war.« »Und wenn er heimkam?« »Bscht, da steht er in der Türe.« Breitbehaglich füllte die Gestalt den Rahmen. Breitbehaglich ging der Mund des alten Reiseonkels auf: »Guten Morgen, Kinder – da habt ihr mich mal wieder.« Sie drängten sich um ihn. Sie schüttelten ihm die Hand. Aber der die 190 Preise nachsah und der alte Endres blieben sitzen, tief die Köpfe in den Büchern. Sofort schob sich Schüchtermann zu ihnen hin. Ein frischer Landhauch wehte von ihm her. Nach links, nach rechts legte er je eine Bärenpratze auf die Schulter derer, die so taten: »Seid mir doch nicht bös? Wenn Ihr aber einen Bodensatz habt, frisch herausgehustet, der alte Schüchtermann kann's noch vertragen.« Sie versuchten ernst zu lächeln. »Wischiwaschi«, wehrte er, »entweder – oder, Freund oder Feind, Hand oder Faust, was ist die Losung?« Da gaben sie ihm auch die Hand, im Hinterkopf den Vorbehalt: Der Zundermann hat's übernommen, der Zundermann wird's ihm schon besor – ja, wo war er denn, der Zundermann? Onkel Schüchtermann hatte gutwillig die Brauen gerunzelt: »Wo ist mein Schriebischreibi?« »In der Kassa läuft er 'rum«, sagte jemand. »Soll mal kommen, wenn sein Vater da ist . . . aha, Sie bringen ihn – na, Zundermann, grüßgott – nein, nicht die Fingerspitzen, bitte, – wenn man ein Jahr lang fort war, hat man auf die ganze Hand ein Recht und auf ein offenes Gesicht hat ein verkniffnes – so wie Sie jetzt dreinschaun, sieht bei Regenwetter auch mein Gaul aus – steht übrigens unten im Hof – hat sich ein Jahr lang tüchtig abgerackert – hätte sich 'n Willkommdatsch aufs Hinterteil verdient, Ihr Herren Lehrlinge . . .« Wir Lehrlinge stürmten in den Hof. Wir datschten ihm das Hinterteil, das Vorderteil, die Mitte und den Hals. Als ich zurückkam, standen sie noch beisammen: ». . . und dann, Herr Zundermann, es hat mir jemand eingeblasen, daß Sie mir etwas Besonderes zu sagen hätten –« Aha, zum Höhepunkt des Dramas war ich grad' noch rechtgekommen. Das Kontor hielt den Atem an, so schien es mir. Nur der Buchhalter Vater nicht. Der schnaubte vergnügt durch die Nase und lächelte so eigen, wie Souffleure lächeln, wenn sie flüsternd ihre Helden leiten. »Kopf hoch, Brust heraus, blitzende Augen, in Klammern«, flüsterte Vater aus dem Textbuch zum Zundermannspult hinüber. 191 Dem Zundermann fiel der Kopf auf die Brust, die Brust sank ein, die Augen wurden unsichtbar. »Nun, was besonders also?« wiederholte Schüchtermann mit einer merkwürdigen Mischung von Unerbittlichkeit und Gutmütigkeit. Zundermann machte eine Miene schwierigen Erinnerns: »Was besonderes? ich wüßte nicht –« »Sie müssen wissen.« »Hm ja, hm ja, jetzt fällt's mir ein: Meine Aufzeichnungen Ihrer Aufträge gaben dieses Jahr einen besonders hohen Umsatz, was mich freut . . .« Das war der Schüchtermann meines ersten Lehrjahres. Der meines letzten Lehrjahres wurde stumm. »Nervöse Erkrankung des Kehlkopfs«, sagte der Vertrauensarzt unserer Firma, »kein Wunder bei einem Reisenden, der seit Jahren reden muß und reden –« »Sie irren«, sagte unser Prinzipal, »er war nie ein Schwätzer.« »Dann wird die Erkältung schuld sein. Bei jedem Wetter unterwegs und jede Nacht ein anderes Bett – ich weiß mir schönre Lose.« »Sie irren sich wieder«, sagte unser Prinzipal, »ich habe selbst gereist in jungen Jahren. Reisen ist gesünder als Kontorluft. Und was Lose anbelangt – er war glücklich im Berufe, ist es noch – zu mehr kann's keiner bringen, auch Sie nicht, nichts für ungut, Herr Doktor.« »Dann«, sagte ärgerlich der Arzt, »geben Sie ihm ein Vierteljahr lang Urlaub.« »Sie irren sich abermals, er sagte mir, nur keinen Urlaub, Urlaub wäre sein Tod.« »Dann«, brauste der Doktor auf, »dann verordnen Sie ihm selber etwas – guten Morgen.« Unser Prinzipal lachte und verordnete dem alten Schüchtermann – mich. Seine Stimme versagte nämlich streckenweise. Zwischenhinein löste sich der Krampf im Kehlkopf, daß er wieder sprechen konnte. Ich sollte ihn auf seiner Tour begleiten. In den guten Stunden würde er mir sagen, was ich in den schlechten Stunden zu den Kunden sprechen müßte. So wurde ich im dritten Jahr Unterreisender. Im Kontor 192 machten sie mich graulen: »Junge, Junge, du gehst einen schweren Gang . . . noch so jung und schon verdorben auf der Reise . . . einen Sechsläufigen würde ich auf alle Fälle bei mir tragen . . .« Auch Zundermann schaute altklug übers Pult: »Und lassen Sie sich nicht von diesem Schüchtermann anstecken.« »Dummes Zeug«, sagte Buchhalter Vater unwillig, »ein besserer Reisender wie der kann er gar nicht werden.« Ohne daß sie's wußten, stand Schüchtermann hinter ihnen, die Hand am Kehlkopf. Er sprach kein Wort. Nur schauen tat er. Oh, wie hat er schauen können! Die beiden Blicke, die er auf Vater warf und Zundermann, mit diesen beiden Blicken, am Anfang und am Ende einer Seelenleiter müßte man, so hat mich oft bedünkt, die ganze Welt regieren können. Wortlos. Und noch ein dritter Blick, der war für mich: »Komm, mein Junge«, sagte dieser Blick, »wir gehören jetzt zusammen, drunten steht der Gaul und scharrt . . .« Eine Zeit begann, die werd' ich nie vergessen können. Von Häusern, Straßen, Schulen, Büchern, Pulten war mein Leben dicht umstellt gewesen. Kamen Gaul und Wagen, schwang ein alter Weiser seine Peitsche: »Hü! an die frische Luft, hü!« Aecker, Felder, Bäume fingen an zu reden: »Endlich da? bist lange ausgeblieben.« Dörfer, Städtchen reihten sich seitwärts an Schnüren, standen still und nickten freundlich: »Na, wie behagt der Tausch, verehrter Grünling?« Bauern, Landkundschaften fluteten vorbei am Wagenschlag und warfen einen Blick auf mein grünliches Kontorgesicht und bekamen alle ein und denselben Vorsatz. Mittags oder abends, wenn wir dann im Blauen Eber oder Goldenen Ochsen rasteten, wurden Päckchen abgegeben: »Für den Reisendenbub'n und er soll sich's schmecken lassen.« Schmalznudeln um Schmalznudeln wickelte ich aus. Nicht eine hat mir Schüchtermann abgenommen. Alle mußte ich allein verzehren. Und sie halfen. Halfen gegen alles. Wenn ich Kopfweh hatte – »Heraus mit der Schmalznudel – hinein mit der Schmalznudel!« bedeutete mir Schüchtermann. Wenn ich Zahnweh hatte: »Eine Schmalznudel in den hohlen Zahn, mein Lieber!« Wenn mir die Füße froren: »Mensch, warum 193 haben Sie nicht rechtzeitig eine Schmalznudel gegessen?« Wenn der Weltschmerz auf der Kutsche saß und uns die Absätze seiner Bammelfüße gegen 's Hirndach schlug – »Menschenskind, haben Sie vergessen, daß hinter Ihnen noch ein Paket Schmalznudeln liegt?« Das waren gute Tage für den Leib. Für die Seele waren sie nicht schlechter. Da war das Pferd. Zum erstenmal sah ich einem Tier ins Herz. Wer eines Tieres Seele leugnet, hatte noch für kein Tier zu sorgen. Ich spannte aus, ich spannte ein, ich schüttete den Hafer in den Trog. Oft sah mich der Gaul an, lang und dunkel. Seitdem muß ich Tieren gut sein. Daß es nicht das Wort ist, das entscheidet, sah ich besser noch an Onkel Schüchtermann. Ganze Tage saß er stumm in der Kalesche. Aber Kraft ging aus von ihm. Er lehrte mich, sich auf die stumme Zwiesprache einzustellen, stundenlang. Man verlernt's nicht wieder. Und wenn sein Kehlkopf wieder gut war, kam kein Katarakt von aufgestauter Rede. Spärlich, fast kümmerlich rundeten sich seine Sätze. Jeder war in Güte eingebettet und Humor. Mit einem Satze war ein Mensch gezeichnet und ein Tier. Einmal fragte ich, wie ich das Pferd kutschieren sollte. Da konnte er leise wiehern und mich ansehn, wie das Pferd getan hat: »Auf den Berg 'nauf treib mich net, Den Berg hinab verlaß mich net, Auf dem Ebnen schon' mich net, Im Stall vergiß mich net.« Oder er zeichnete einen unbewegten Kunden, dem ein Auftrag nur mit Mühe abzupressen war: »Berghofer oder die Hölzerne Gnad'.« Oder den bissigen Weinmaier von Hinterpettenbach, dem der Schnabel unaufhörlich ging: »Schaumwein mit Essigsäure.« Oder den schwierigen Lederer von Zeißenhofen: »Der Gradextra, der müßte wie die Sau behandelt werden, die zum Schlachthaus soll', sagte er, nämlich z'hinterstvorderst.« Er hat's mir vorgemacht, da sein Kehlkopf grad' gut aufgelegt war. Es war damals vom Geschäft die Losung ausgegeben: Landkundschaft für echten Tee gewinnen. »Lederer, ich hätt' ein neues G'söff.« Der Lederer wollte 194 sofort abwinken. Aber er kam nicht dazu. »Lederer, die andern ham's mir alle b'stellt, für dich ist's aber, glaub' ich nichts.« Sofort warf der Lederer das Steuer nach der andern Seite: »Jetzt grad' extra zeigst mir dein G'söff.« Scheinbar widerwillig kochte Schüchtermann den Probetee, sich eine Tasse, dem Lederer eine Tasse. »Lederer, erst sollst du's probieren.« – »Jetzt grad' extra du.« Also probierte Schüchtermann, verzog das Gesicht und sagte: »Das wenn dir schmeckt, Lederer, heiß ich Hans, pfui Teufel!« Probierte der Lederer: »Schmeckt gar net schlecht, schmeckt ausgezeichnet, dein Büchel nimm, schreib auf: Fünf Pfund für 'n Lederer.« »Lederer, wären für den Anfang nicht auch drei genügend?« »Dein Bleistift nimmst, hab' ich g'sagt, jetzt schreibst von dem G'söff grad extra zehn Pfund auf!« Dann gab's einen andern, den Schwimpfinger von Filzemoos, der hatte die Bestellkrankheit. Ein gewissenloser Reisender könnte den in Grund und Boden legen, daß er erstickte in bestellten Waren, erklärte mir Schüchtermann. »Schwimpfinger, wieviel Kaffee brauchst du?« Schwimpfinger warf in sein bescheidenes Lädchen einen Blick, als wenn der Doge von Venedig seine Speicher prüfe: »Fünf Zentner könnt' ich brauchen!« »Oder zehn, Herr Schwimpfinger?« »Hm, auch zehn.« »Oder zwanzig, dreißig, fünfzig – na, machen wir es kurz, Herr Schwimpfinger: Wir schicken hundert Zentner, – Pfund wollt' ich sagen, also hundert Pfund, nicht wahr? »Ja ja, hundert Pfund natürlich«, sagte Schwimpfinger erleichtert. So war viel zu lernen aus des Reiseonkels Reden. Mehr aus seiner Stummheit. Mitten im Besuch bei Kunden streikte oft sein Kehlkopf. Wie wenn ein Schwert fällt, gut und böse sonder Wahl durchschneidend. Erst Erschrecken, bis man anfing, seiner Güte Mienenspiel auch ohne Worte zu verstehen. Freundlich sah er in mein Auge. Plötzlich wußte ich, was ich zu sagen hatte. Stumm empfing ich seine Winke: 195 »Musterkasten öffnen – das anbieten – jenes nicht – behutsam da – dort eine Lippe mal riskiert – nachgeben mit den Preisen – halt, genug – fest sein, hörst du – nicht aufschneiden, bitte – nach den Kindern fragen – nichts von Familienangelegenheiten – Religion sachte – bscht, hier regiert die Frau – um Gotteswillen jetzt nicht schimpfen auf die Konkurrenz – eins, zwei, drei, heidi – behaglich plaudern – zum Abendschoppen einladen . . .« Stumm empfing ich, redend gab's mein Sprachrohr weiter. Immer fühlte ich am Zucken eines unsichtbaren Drahtes: Das hast recht gemacht, das nur mäßig, dies saudumm. Am schönsten aber war es, wenn wir im Hinterstübchen eines alten Kunden saßen, das Geschäftliche erledigt war und die große Pause kam. »Bscht, junge Schnauze halten!« telegraphierte es von ihm zu mir. Das war nicht immer leicht für meine grüne Weisheit. Dann kam die Frau herein, die Kinder schmiegten sich an Onkel Schüchtermann. Seine schwere Hand kraute zart auf ihren leichten Scheiteln. Ihre Schulhefte zeigten sie ihm. Mit den Augen, mit Nicken und Schütteln lobte er und machte aufmerksam auf Fehler. Mit Fingerschnalzen, Klopfen auf die Knie machte er die besten Scherze. Und wenn die Onkelhand minutenlang auf jungen Schultern ruhte, war das nicht besser und nicht schlechter als eine erzählte Geschichte. Still und rundum im Zimmer gingen seine Augen und zwangen uns zu gleichem. Jetzt erst sah man, was im Zimmer hing und stand und darauf wartete, zu reden. Lauter Dinge, die an unserer Rede sonst erstickten. Dann kam ein ruhevoller Abschied. Unter der Türe fiel der Mutter ein, daß sie in dem und dem um Rat zu fragen hatte. Voll Ausdruck sah er ihr beim Reden ins Gesicht. Und wenn's die Mutter grad so machte, wußte sie schon lange, eh' sie ausgesprochen hatte, was ihr Onkel Schüchtermann geraten hätte. Nein, ein moderner Reisender war er nicht. Geschniegelt war er nicht, und durch keine Bügelhose erhöhte er bei der Kundschaft unserer Firma Glanz. Für Zundermanns fortschrittliche Ratschläge war er nie zu haben. »Gott, man hat doch Ladenhüter, die man los sein will«, hat ihm Zundermann wie oft bedeutet. Aber er war nie dazu zu bringen, seinen 196 Kunden etwas »aufzuhängen«. »Ein aufgeschwätzter schlechter Sack Reis«, vertraute er mir an, »verderbe mehr als zwanzig solcher Säcke, die man in die Isar schütte.« Nie hat ihn Zundermann dazu gebracht, an jeder Postanstalt, wo das Wägelchen vorbeikutschierte, eine Kontrollkarte an die Firma einzustecken, die durch den Stempelaufdruck Zeit und Ort ergab für die Statistik. Niemals hat er aufgehört, von seiner Kundschaft zu sprechen, so oft man ihm auch sagte, daß es unsere Kundschaft heiße. Nein, er war nicht modern, der Schüchtermann. Er hat nie begreifen können, daß ein Reisender sich nur auf den Geschäftsgewinn und auf nichts anderes einzustellen habe. Die moderne Stoßkraft der Reklame war ihm stets ein Greuel. Er kannte keine andere Umsatzförderung denn Biederkeit und Treue. Andere Reklame als diese, pflegte er zu sagen, stinke. Das alles also war er nicht. Aber ein Vater seiner Kunden, ja, das war er. Ströme des Segens gingen von ihm aus. Und gestorben ist er an – je nun, an der Reklame, welche stank. Ich weiß es noch wie heute, als er mir den Zundermannschen Brief gab. Wir hatten eben unsere Kutsche eingestellt im Schwarzen Lamm und unser Roß versorgt. Der Hausknecht mit der grünen Schürze kam herbeigehinkt: »Herr Schüchtermann, ein Brief, ein dicker Brief!« Breit und schmalzig fetzte Zundermann darin auseinander, alle andern Reisenden machten jetzt Reklame. Der mit Plakaten, jener mit Broschüren, wieder einer mit versilberten Köchinnenbroschen in jedem fünfzigsten Paket Feigenkaffee. Nur einer sei bis jetzt reklamelos. Das wirke nachgerade als ein Flecken im Geschäft. Die Geschäftsleitung sei auf seinen Vorschlag übereingekommen, auch ihn, den Schüchtermann, in den Reklamefeldzug einzufügen. Für seine Landkundschaft sei eins der neu aufgekommenen Automobile die zündendste Reklame. Besonders wenn vorne und hinten leuchtende Plakate aufgeklebt seien. Ein solches Automobil habe die Firma angekauft und einen sachkundigen Lenker auch gemietet. Pferd und Kutsche seien einstweilen im »Schwarzen Lamm« von Sössenweiher einzustellen. Auto und Lenker träfen am Freitag am gleichen Orte ein. 197 So jung ich war, die Wirkung dieses Briefes war mir klar. Schüchtermann hob die Hand zur Stirne. »Das ist – das ist – das ist –«, brachte er heraus. Weiter nichts. Zwei Schwerter waren auf ihn niedergesaust: der Brief, der Kehlkopfkrampf. Dunkelroten Kopfes, mit den Armen fechtend, ging er auf sein Zimmer. Zwei Stunden sah ich nichts von ihm. Aber auf der halben Treppe sah ich ein, daß ich nicht trösten konnte. Den Kampf der alten Weltanschauung mit der neuen hatte er allein zu fechten. Verdrossen saß ich im Gastlokal. Vor mir ein großer Abreißkalender. »Freitag«, las ich mechanisch ab. Stand nicht auch im Zundermannschen Briefe was von einem Frei–? Rrr – pff – rr – pff, puffte und knatterte etwas in der Toreinfahrt. Ich sprang hinaus. Das Auto. Vorne rote Kaffeeplakate, hinten schrillte silbern unser Tee. In der Mitte saß lang und dünn ein Lenker, an dem nur eines dick war, eine glühende Nase. Unten fauchte es. Und ringsum stank es von Benzin. Noch weiter ringsum war das ganze Dorf versammelt. Zundermann hatte recht: die Reklame wirkte. »Ich bin Kistler, der Schofför!« schrie der Dünne vom Bock herunter, »holen Sie den Schüchtermann und sagen Sie ihm –« Er verstummte. Auf der Treppe stand Schüchtermann, stumm und weiß. Der Ratterkasten schwieg. In der Menge hörte das Gemurmel auf. Alle schauten auf Schüchtermann. Jeder spürte das elektrische Knistern im Blitzableiter, knapp bevor der Blitz hineinfährt. Aber sie täuschten sich. Schüchtermann machte ein paar kühle Handbewegungen: In die Remise! Das andere später! Marsch! Es duckte sich der Dünne. Der Kasten knatterte, stank und verschwand. Das Dorf ging heim. Was die beiden dann auf seinem Zimmer sprachen, erfuhr ich nie. Aber wie es ausgehn würde, wußte ich. Ein Satz im Zundermannschen Brief hatte sich mir eingeprägt, ein Nachsatz, vom Prinzipal selbst geschrieben: »Werter Herr Schüchtermann, es hilft alles nichts, die neue Zeit rückt auch für uns alte Knaben an. Ich weiß, Sie werden sich nicht entgegenstemmen, der Firma zu Liebe. Mit Gruß Ihr Kramer.« 198 Der Firma zu Liebe – die Entscheidung war gefallen. Ich wunderte mich nicht, daß am nächsten Morgen Schüchtermann schon gefrühstückt hatte, als ich verschlafen von meinem Zimmer herunterkam. Ich wunderte mich nicht, als die Kellnerin nach meiner ersten Tasse Kaffee hereinkam: »Rasch, junger Herr, der Höllenkasten steht schon draußen!« Ich wunderte mich nicht, daß er schon still und gedrückt in der Wagenecke saß, vor ihm der Schofför, die Hand an den Hebeln. Ich wunderte mich nicht, daß er mich zum Sitzen einlud, derweil er selbst auf einen Augenblick heruntersprang. Ich wußte, ohne daß ich's sah, er fuhr in der Remise der Kalesche zum letzten Male abschiednehmend übers Polster, hat im Stall zum letzten Male dem Braunen auf den Hals geklopft: »Behüt' euch Gott – es geht nicht anders – neue Zeit – Firma zu Liebe – behüt' euch Gott . . .« Dann ging's unter dem Geschrei der Dorfjugend in den schneidend klaren Bergmorgen hinein. Die Ketten rasselten, die Räder ächzten, Oel troff in den Straßenstaub, Schmieröl der neuen Volkswirtschaft. Ein Gefangenengitter richtete die neue Wirtschaft auf vor Schüchtermann. Die erste Gitterstange war Kistler, der Schofför auf dem Bock. Kerzengerade saß er da. Nicht einmal in der ersten Stunde wendete er sich um. Auf seinem Rücken spürte ich sein Gesicht. Hämisch war's und schadenfroh. Ueber eins aber wunderte ich mich doch: Muß ein Auto auf gerader Straße in Kurven fahren? Oder sind die Kurven etwa im Gehirn von Kistler? Ein Morgennachtrag des Wirts vom Schwarzen Lamm auf unsere Rechnung hätte mich belehren können: »Einen ½ Liter Roten extra an Herr Schupfär.« Aber dann vergaß ich alles über der morgenlichen Bergwelt, die sich auftat. Nie, auch nicht in der Einsamkeit, ist sie mir schöner aufgegangen, als an jenem ratternden, verknitterten, benzinverstunkenen Morgen. Die höchsten Seelenkurven gehen ihre eignen Gesetze, unbekümmert um alles Kreischen und Gestank der Welt. Gegen die Morgenpracht der Berge kam kein Höllenkasten auf, auf dessen Bock ein versoffener Gitterstab, in dessen Ecke stummer Kummer saß. Immer schöner wurde die Bergaufwärtsstraße. Gräser 199 neigten sich und Tannen rauschten, von fernen Gipfeln funkelte der rote Morgenschnee. Rehe flohen lachend her vor unserm unbeholfenen Ungetüm. Bächlein glitzerten so spöttisch her: »So, das also ist die neue Zeit? na, sie mag alles sein, nur graziös, das ist sie nicht, weiß Gott . . .« »Aaah!« Unsere Maschine hatte die Straßenhöhe erklommen. Die schweigende Schönheit des Gebirges goß sich über uns: »Trinkt, trinkt jetzt – später könnte es zu spät sein, Kinder . . .« Ich trank, trank nie so tief in meinem Leben. Alles um mich versank. Meine Lehrzeit. Das Geschäft. Das Auto. Schüchtermann. Rasend ging die Fahrt den Berg hinab. Die Erdenschwere verstäubte. Was Wunder, finge jetzt ein Himmelchor von Engeln an zu singen – »Mensch!« schrie's an meiner Seite und packte den Schofför von hinten, »Mensch, Sie fahren zickzack, sind Sie denn betrunken!« Die Gitterstange wendete sich um. Ueber der dicken Nase zwei Schlitze, keine Augen. Um den Mund ein Grinsen: »Betrunken? hähähä – selbst be–be betrr–« In die schnarrende Folge von rrr schoß schief und sicher greifend eine dicke Telegraphenstange. Packte das Auto. Schlenkerte es wie ein Hund die Katze am Genick. Riß es auf. Schnalzte uns zu dritt herab wie Fliegen . . . Als ich von einer leichten Prellohnmacht im Grase zu mir kam, sah ich dreierlei. Erstens den blutenden Schofför, den ernüchterten und schreienden: »Jesses, mein Auto! jesses, mein schönes Auto!« Zweitens lange Bauernbeine querfeldein übers Gras spinnend. Drittens, als ich mich wandte, Schüchtermanns Kopf von hinten zersplittert auf einem Meilenstein, vorne aber ganz klar und stiller Güte voll vom alten Schlag, wie es seines Lebens ganze Reise war.   Zwei Kollegs »Nein«, sagte der Arzt zu mir, »heute gehen Sie noch nicht ins Geschäft. Heute erholen Sie sich noch. Kramer \amp; Friemann werden auch mal ohne Lehrling auskommen. Oder 200 glauben Sie, es ginge ohne Sie dort drüber und drunter, he?« Noch ein freundlicher Klapps: »Na, hopp, aufstehn, anziehn, bummeln – Sie wissen doch, was richtig bummeln heißt?« »Ja, mein Schulkamerad Kaffel, der jetzige Student –« »Ach was, Kaffel – Sie sollen kaffeln, und er soll mal 'n bißchen müllern. Auch Nerven muß man tauschen dann und wann. Ich kenne Ihren Kaffel nicht. Wette aber, daß die Kaffelnerven aufgeschwemmt sind, während die Ihrigen – na, vergnügten Bummeltag – ich schreibe ins Geschäft, Sie kämen – sagen wir mal, übermorgen.« Der Herbsttag räkelte sich in den stillen Straßen. Blattgold klingelte leise in den Bäumen. Auf einem freien Platze lag ein Bronzelöwe, ein verschlafner. Aber stählern strammten sich die Muskeln trotzdem. Aus seinen halbgeschlossenen Augen blinzelte: »Ich könnte, wenn ich wollte.« So wie ihm, war mir, dem Auferstandenen: »Oh, ich könnte, wenn ich wollte.« Aber ich sollte ja nicht wollen. Bummeln sollte ich. Wie macht man das nur, bummeln? Am Ende einer straffen Lehrzeit hat man das vergessen. Ich dachte immer, bummeln lerne sich von selbst. Das ist nicht wahr. Es ist eine Kunst, und keine kleine. »Bummeln will ich, bummeln, bummeln«, plärrte ich halblaut vor mich hin, als ich eilig durch den Stadtpark rannte, »bummeln, bummeln, zum Donnerwetter, bummeln will ich.« Meine Hände in den Hosentaschen ballten sich, zum Bummeln tatbereit. Ich fing langsam an zu schwitzen, vor lauter Bummelei. »He, der Müller – na, drückste heut' nicht den Kontorstuhl?« Der Kaffel war es. Der begnadete Kaffel, der weiter hat studieren dürfen. Der an meiner Seite im Einjährigenexamen gesessen. Der, behufs Abschriebs der »verdammten Algebra«, seinen Kopf im Wirbel hatte drehen können, damals, wie ich heute den Kontorstuhl. Der mich jahrelang nachher auf Platz und Straße immer gleich begrüßt hat: »Mensch, mit deinen Einsern, warum haste eigentlich nicht studiert, he?« »Weil ich«, setzte ich mit der Wahrheit ein, stockte mit der falschen Scham und fuhr mit der Lüge fort: »Mein Onkel 201 sagt, die Anstellungsaussichten seien schlecht, ein paar Jahre Praxis eingeschaltet, könnten gar nicht schaden, sagt er.« »Ne, mein Junge«, sagte er dann immer gönnerhaft, »mich hättest du nur halb mit Dütendrehen. Da sitzt sich's anders zu den Füßen hoher Wissenschaften.« Hoch ging seine Nase. Er schnüffelte verächtlich. Ich hatte vorher den Bestand im Heringskeller aufgenommen. Das kam ihm in die Nase. Seine Mienen sagten's. Er platzte grob heraus: »Sag' mal, zum Studieren hat wohl das bei dir gefehlt?« Er rieb den Daumen an den andern Fingern. Ich wurde heißrot. »Dummes Zeug«, sagte ich, »meine Onkel haben Geld wie Heu. Aber der Familienrat hat's mal beschlossen. Später hol' ich das gelehrte Zeug mal alles spielend nach.« – »Na, höre, ganz so einfach sind die Kollegs doch nicht.« – »Nun, was du bewältigst, hol' ich mir im Schlaf. Erinnere dich gefälligst: In der Algebra wärst du ohne mich glatt durchgefallen.« – »Es ist nicht schön von dir, mir das jetzt einzureiben.« – »Reibst du mir das Geld hin, reib' ich dir die Grütze hin.« – »Komm, wir wollen wieder gut sein, ich erzähl' dir auch was feines von unsrer neuen Verbindung Hermandura . . .« So endete das immer. Diesmal ging es anders. Als er hörte, daß ich heute frei sei, sagte er: »Famos, da gehste mit zu Benz. Wirtschaftslehrer. Was für dich. Wie, nicht eingeschrieben? Macht nichts, wird geschunden, links herum, dann geradeaus, marsch!« Ich ließ mich schleppen. Ehrfürchtig ging ich durch die hohen Hallen, geduckt und ängstlich, sie könnten es mir ansehn, daß ich nicht hierhergehöre. Er lotste mich in eine Bank. Studenten lärmten, stiegen über Bänke, lachten dröhnend, wirbelten Staub auf. Auf einmal Ruhe. Ein goldbebrillter Mann stand hinterm Pult und redete. Ich war so verwirrt, daß ich den Sinn nicht faßte. Immer dachte ich im Kreise: »Ich säße heute rechtens hier, wenn der Familientag das bißchen Geld bewilligt hätte.« Das Herz krampfte sich. Die harte Lehrlingsarbeit wurde sprunglebendig. Demütigungen hoben die Ringelköpfe. Heringsfässer rollten. Jemand schrie: »Müller, he die Lagerzettel!« – »Bedaure, sitz' zu Füßen hoher Wissenschaften. Ruhe, daß ich Benz verstehe –« Jetzt erst fand ich Anschluß an den Vortrag. Der war 202 meisterhaft. Glasklar baute sich der Umriß der verschiedenen Wirtschaftslehren. Der Merkantilismus zog vorüber, die Physiokraten, die Smithianer, die Historiker, die Sozialisten. »Aber alle die Systeme«, faßte Benz zusammen, »zeigten irgendwo ein Loch, wo Wasser 'rausrann. Das macht, in ihrer Güterlehre gähnt ein unsichtbarer Spalt. Darinnen klopft die Seele. Die regiert die ökonomischen Gesetze. Nicht das Gut regiert. Das Gut gehorcht. Es ist ein Unfug, toten Säcken Reis und Kaffee, Korn und Zucker unser Weltgeschehen aufzuladen. Den Ausschlag gibt die Geistigkeit, die reine Geistigkeit. Ein System der Seele müßte, fern von allen Heringsfässern, aufgemauert werden. Von ihm betrachtet, lösten sich die Wirtschaftswidersprüche . . .« Da saß ich in der Bank und glühte. Die alte Lust des Studiums regte sich und schäumte auf wie junger Wein. Jäh brannten mich die Kaufmannsjahre als verloren. Dämon Arbeit drückt mich an hochgetürmte Säcke. Ich hatte das Gefühl, als ginge langsam Sacknaht auf um Sacknaht. Kaffeebohnen rannen, Zucker rieselte und Pfeffer stäubte. Kaffee, Zucker, Pfeffer wuchsen um mich auf zu Kegeln, höher, immer höher. Jetzt ließ mich Dämon Arbeit los. Höhnisch rief er: »Lauf!« Ich wollte laufen. Es ging nicht. Die Warenhügel sperrten mir den Weg. Ueber Kaffee stolperte ich. Zucker stopfte mir den Mund. Pfeffer drang mir in die Nase. Mühsam richtete ich mich auf. Die rinnenden Haufen griffen höher. Sie gingen mir zum Hals. Aus meinem Halse schlug durch den Mund mir eine Flamme: die Geistigkeit, die reine Geistigkeit. Sie leckte noch an Säcken, hinaus, hinaus! Da platzten breitmäulig alle Nähte. Es regnete Kaffee, Pfeffer, Zucker. Prasselnd schlug's die Flamme nieder. Die Geistigkeit erstickte. Ich mit ihr. Schon war der Kopf bedeckt. Nur die Arme griffen noch ein letztes Mal heraus, sehnsüchtig – »Mensch«, tuschelte es neben mir, »warum streckst du deine Hände gegen das Katheder, du blamierst dich ja.« »Zusammenfassend kann man sagen«, dozierte es vom Pult ins Läuten auf dem Gange, »daß die reinen Geistigkeiten über alle andern Güter siegen müssen, wenn wir menschenwürdig nicht nur weiter – sondern höherleben wollen.« Beifallsgetrampel. Staub wirbelte auf. Ich mußte niesen. 203 »Der verdammte Pfeffer!« dachte ich mechanisch. Stumm, in einer Wolke ging ich aus dem Hörsaal. »Na, was sagst du zu unsrem Benz?« »Prachtvoll sprach er. Ich wollte – wollte –« »Das erzählst du mir ein andermal, nicht wahr – ich muß jetzt eilen in die Morgenkneipe – hast leider nicht Couleur, sonst nähme ich dich mit. Was sagst du, noch eine Vorlesung? Hm, dort drüben liest jetzt der alte Rimm. Soll früher gut gelesen haben. Ist jetzt fast erblindet, glaub' ich. Aber immer noch ein rechter Knoten. Man sagt, es fehle ihm die reine Geistigkeit. Wenn du aber Zeit hast – sie strömen schon hinein – geh nur einfach mit . . .« Wieder saß ich in der Bank und hörte. Ein alter Mann hatte sich mit sanfter Hilfe des Pedells zum Pult hinaufgetappt. Verrunzelt das Gesicht. Seltsam jugendlich durchschnitten von einem strengen Schnauzbart. Richtlinien der Weltgeschichte, hieß sein Kolleg. Der große Hörsaal war überfüllt. Studenten aller Fakultäten drängten sich. Ergraute Köpfe ragten ruhig im Gewimmel, Männer, Frauen. Mancher stahl sich diese Stunde vom Beruf. Es war bekannt, daß viele ohne Karte hörten. Schinden, hieß das die Studentensprache. Als der Alte auf dem Pult stand, gab es hinten Lärm. Einer der Studenten hatte sich erlaubt, einen Köter ins Kolleg zu nehmen. Professor Rimm erhob die erloschenen Augen: »Was ist dahinten?« – »Der Hund muß hinaus!« – »Ach, lassen Sie, auf einen mehr oder weniger, der meine Kollegien schindet, kommt's nicht an!« Alle lachten, nur Professor Rimm nicht. Er wartete wie einer, der über allen Heiterkeiten und Traurigkeiten dieser Welt stand – »Zur Sache, meine Herren . . .« Die Sache war eine Kritik der üblichen historischen Betrachtungsweise. Er nahm Bezug auf Stunden vorher. Nur einen weiteren Ausschnitt füge er jetzt an. Von Königen und lauten Schlachten wisse die Geschichte zu erzählen. Nichts von den stillen Schlachten der Kontore, Warenkeller, Wechselstuben. Dort seien der Geschichte Würfel hingerollt, nicht in der Fürsten Marmorzimmer. Die Fürsten und der Fürsten Heere seien nur Vollzugsorgane. Langsam steige heute 204 Kaufmanns Herrschgewalt aus der Versenkung, allmählich sichtbar auch den blöden Augen. Seine eigentliche Bedeutung aber sei noch immer nicht genug erkannt. Noch immer sähe man nicht, wer es ist, der an des Weltgeschehens Tore klopft. Man vernehme nur den Widerhall, wenn die Politik das Klopfen auffängt. Der Kaufmann sei es, der mit Mosesstäben an der Erde Felsen schlage, daß es silbern anfängt, überall zu rieseln. Danach kämen erst die Geistigen, um die Becher hinzuhalten und sich einzureden, sie seien die Erschließer. Die reine Geistigkeit erschließe niemals, sie sammle nur und netze. Führer, Felsensprenger seien immer jene Wagemutigen gewesen, die den Sprung ins Ungewisse wagten. Das nämlich sei des Kaufmanns innerste Essenz: Alle Arten Ungewißheit an den Hörnern anzupacken und sie zur Gewißheit zu gestalten und zu zähmen. Freilich sei es tragisch anzusehn, wie der und jener im erreichten Ziel erstarre, im zufriedenen Genuß zum Pfeffersack aufschwelle. Aber neue Jungmannscharen stießen nach, und alle erschauerten vom Rieseln unerschlossener Möglichkeiten: Drauf und dran, wir wollen's wagen! So sprach Professor Rimm. Wie anders drang dies Zeichen auf mich ein. Ungläubig erst lauschte ich dem hohen Lied des Kaufmanns: Das hab' ich nicht gewußt, daß man's auch so betrachten kann. Weiter strömte es vom Pult: Hüten aber sollten wir uns vor der Lockung reiner Geistigkeit. Inzucht sei das. Geist mit Geist ergäbe auf die Dauer Krüppelkinder. Wenn die überschürften Nerven locker ließen, wenn es dumpfig rieche in Gelehrtenstuben, heraus in die Kontore und Hammerstätten. Hart auf hart müsse man die Dinge dieser Erde aufeinanderprallen sehen, um die ermüdeten Gehirnatome neuzuschmieden. Und mit erhöhter Stimme schloß er: »Alle Gefilde der Erde und der Seele haben Dichter schon durchmessen. Das Reich des Kaufmanns und Gewerblers haben sie noch kaum gestreift. So künftige Dichter unter euch sind, in die Kontore, Märkte taucht die Feder, taucht sie in die heißen Schmiedeöfen, Erzquadern ungehobner Schätze glühen auf – greift zu, greift zu! Greift nach dem Mönche, der vor Hunderten von Jahren in der Zelle erfaßt ward vom Wunder der Doppelbuchführung. Nach diesem Instrument, das 205 Handelsflotten um die Erde ziehen ließ und den stampfenden Zug von Aktiengesellschaften. Greift nach dem Wechselinstrument, das die ersten Breschen in die starren Staatengrenzen schlug! Greift nach dem Stämpfel, der am Hochofen den Lehmpfropfen im Stichloch wegstößt, daß der flüssige Eisenstrom herausschießt, diese heiße Funkelquelle allen Fortschritts und so vielen Kummers dieser Welt . . .« Die Glocke hatte geläutet. Der Vortrag war zu Ende. Der Saal war leer. Die Studenten gingen heim. Ich saß noch immer da zu Füßen eines stillen Pultes, von welchem ein Gewaltiger gepredigt hatte. Mir war, als sei ich mit dem Kopfe durch Kaffee, Zucker, Pfeffer, wieder in die freie Luft gestoßen. Als setzten sich die Waren wieder rückwärts in Bewegung. Kaffee, Zucker, Pfeffer rieselten nach oben, schlüpften durch die Nähte in die Säcke. Die Nähte schlossen sich, die Säcke wurden wieder prall. Sie schauten unverwandt auf mich, als sagten sie: »Kommandiere!« – »Links um!« kommandierte ich. Sie drehten sich in Reihen stramm nach links. – »Gerade aus, marsch!« Sie marschierten. – »Halt!« Sie machten Halt. – »Aufgepaßt, jetzt wollen wir –« »Ja, unser Herr Professor Rimm, das ist halt einer«, rappelte der Pedell mir mit dem Schlüsselbunde um die Ohren, »aus dem machen 's anderswo ein Dutzend, und es fall'n noch anderthalbe ab als Knochenbeiwag' – so jetzt muß ich zusperr'n – schad, daß er blind ist, schad' . . .« Gesenkten Kopfes ging ich heim: Schad, daß er blind ist – blind? es wäre nicht zum erstenmal gewesen, daß ein Blinder einen andern Blinden sehend machte . . . Professor Rimm, du bist schon lange tot. Neulich habe ich dein Grab gefunden. Es war ganz bescheiden. Daneben war ein imposantes. Seine Inschrift sprach vom »größten Augenarzt der Stadt«. Der Inschriftmeißler muß sich wohl im Stein vergriffen haben: Der die meisten Stare stach, der lag daneben unterm kleinen Steine. Ich selbst war sein Patient. Wenn auch nur ein eingeschmuggelter, ein schwarzer, wie ein anderer armer Teufel hinten, der wie Pontius in das Credo kam: »Lassen Sie, auf einen mehr oder weniger kommt's nicht an . . .« 206   Die alte Zeit Einer unserer Lehrlinge hieß Stunk. Und so war er auch. Schon am zweiten Tage hatte er den ersten Krach. Herr Zwiesel kam auf Besuch. Zwiesel \amp; Sohn waren alte Kunden. Also hieß es, ihn bei guter Laune zu halten. »Stunk, holen Sie für Herrn Zwiesel und mich zwei Theaterkarten«, sagte Herr Kramer. Stunk ging. »Halt, Stunk, für meine Frau noch eine dritte«, rief ihm Herr Kramer nach. Stunk kam mit zwei. »Wo ist die dritte?« Stunk, der nicht zugeben wollte, daß er die dritte vergessen habe, warf sich in die Handelsgesetzbuchbrust: »Zwei sind geschäftlich, die dritte ist privat; laut Paragraph soundso des Handelsgesetzbuches ist der Lehrling nicht verpflichtet . . .« »Das kann ja nett werden«, sagte der Kassierer Brandmann, dem er zugeteilt war, »Stunk, kopieren Sie mal dies Blatt.« Stunk kopierte. »Stunk, fegen Sie mal mit dem Besen jene Spinnewebe überm Kassenschrank herunt–« »Besen? Spinnewebe? Bedaure sehr, Herr Brandmann, aber laut Paragraph soundso des Handelsgesetzbuches braucht ein Lehrling andere als kaufmännische Arbeiten niemals zu . . .« Dann rückte Stunk an meinen alten Posten bei Buchhalter Vater. »Wenn überhaupt mit einem«, dachte ich, »dann wird er sich mit dem vertragen.« Ja, Schnecken! Schon nach einer Woche hielt er ihm das Handelsgesetzbuch unter die Nase: »Alter Herr, ich kenne jetzt den Kram in Ihrer Sparte –« »Hm, es geht.« »Und da laut Gesetz der Lehrling reihum in alle Sparten einzuweihen ist –« »Hem, Herr Stunk, Zeit lassen, Zeit lassen –« »Zeit? Habe keine Zeit – will vorwärtskommen – will –« »Na, bis zum Kommerzienrat hat's noch eine hübsche Strecke, – Herr Kramer brauchte dazu –« 207 »Kramer? alte Schule – haben 'n anderes Tempo, wir Jungen –« »Hum, Junge? in der Tat, mein Junge –« »Hrem, Herr Vater, ich mache Sie aufmerksam, daß das Kaufmannsgericht auch für Beleidigungen an Lehrlingen zuständig ist und ich bei Wiederholung nicht verfehlen werde, die mir gesetzlich zustehende Befugnis . . .« »Gott behüt' mich«, seufzte der Vater, als ich ihn begleiten durfte, »wenn der neue Nachwuchs so wird –« »Es sind nicht alle so, Herr Vater«, sagte ich mit Pharisäerdünkel. »Nein, nein, die neue Zeit ist anders – Gott, wenn ich da an meine Lehrzeit denke –« »Ach ja, Herr Vater, Sie haben mir schon lange versprochen, von Ihrer Lehrzeit Anno –?« »›Anno‹? Vor einem Menschenalter sagte man noch ›Jahr‹, Verehrter«, lächelte er. Dann spürte ich fast väterlich seine Hand auf der Schulter: »Komm mal mit.« Wir stiegen steil in seine Wohnung. Er setzte Tee auf, deckte, machte es behaglich, wie nur Mutter es sonst konnte. Er schlug die alten Beine übereinander, paffte und begann: »Ja, mein Sohn: fünf Jahre Lehrzeit bei Göggelmann \amp; Sohn waren keine leichte Sache. Fünf Jahre morgens früh um vier Uhr 'raus, mein Freund – aber haben sie mich mürb gemacht, die fünfe und die viere? – schau die alten Vaterknochen an – kannst zufrieden sein, wenn du in meinem Alter noch so aufrecht neben deinem Hauptbuch stehst. Im Waschkrug oft ein Klumpen Eis. Also wie ein Pfeil mit offner Hemdenbrust übern Schneehof und den Schlafkopf untern Brunnen, bis er dampfte von Wasser und morgenfrischer Unternehmungslust. Dann Kaffee gebrannt in der großen Rösttrommel, bis ich wieder dampfte. Eine Probe des gebrannten Tagesquantums brachte ich dem alten Göggelmann ans Bett. Erst dieser Wunderduft machte ihn aufstehfähig. Kritisch klemmte er die Bohnen zwischen seine Finger. Ohne recht die Augen aufzumachen, brummte er noch regelmäßig: »Noch 'n bischen dunkler, Junge! Hast die andern schon geweckt?« – »Erst den Kaffee, sagten Sie, Herr Gög –.« – »Dummes Zeug, als ob's nur ein erst gäbe – 208 ein ordentlicher Lehrbub' setzt sich aus lauter erst zusammen.« – »Soll ich dann von morgen ab –?« – »Morgen? dummes Zeug – ein ordentlicher Lehrbub' hat kein morgen – setzt sich aus lauter heute zusammen – na, mal hopp!« Dann weckte ich und klopfte wie ein rasender kleiner Derwisch im ganzen Haus herum, von Morgenflüchen umprasselt: »Der verdammte Junge, wieder zwei Minuten zu früh geweckt – na, warte, wenn ich dich nachher unter die Finger kriege . . .!« Sie kriegten mich alle unter die Finger, nach der Reihe, war ich doch als ein einziger Lehrling einem jeden extra unterstellt. Hat's mir was geschadet? – nein, mein Sohn, die Handelsbübchen von heutzutage – nimm's nicht krumm – kriegen nicht die Hälfte unserer alten Menschenlehre – in Büchern und in aufgeblasenen Rechten stunken sie herum, statt sich den Wind um steife Ohren wehen zu lassen – ja, wenn es um besagte Ohren immer nur der Wind gewesen wäre, damals – Püffe waren's auch, Verehrter. Ist deshalb eine Perle aus der Kron' gefallen? Schon deshalb nicht, mein Junge, weil eine ordentliche Lehrlingskrone keine billigen Perlen, sondern teure Dornen hat. Gott, wenn man heute einem an die Krone faßt – »Wo ist das Gesetzbuch!« schreien sie, die Mutterbüblein. Gesetz? Gesetz, mein Sohn, ist: Frühe Püffe, gute Püffe – späte Püffe, bittre Püffe. Püffe überhaupt bleiben keinem erspart. Ich kannte aber mehr als einen, der verspätete Püffe mit dem Leben hat quittieren müssen, mehr als einen, ja . . .« Er sog lange an seiner Pfeife. »Beim Wecken sind Sie stehengeblieben, Herr Vater«, weckte ich ihn. »Richtig, hinterm Wecken kam das Nachfüllen der Vorratsschubladen – Junge, Junge, wie ist man da mit Penang ganz und Mehlis 3 und Karolinenextrareis und Sultaninen eleme vertraut geworden, und Kaffeesorten hat man blindlings unterscheiden können, ob die Heimat Java oder Rio oder Ecuador war. Die ganze Kolonialwelt ist farbig und duftig in uns selber hochgeblüht. Da können eure Warenkundebücher in der Schule nicht dran hin. Jeden Handelshochschulabsolventen mit der ersten Note will ich noch jeden Tag mit Chinatee betrügen statt des verlangten Ceylon, daß ihm 209 grüner vor den Augen wird als es mein Tee ist – wir damals haben nach dem dritten Lehrjahr fünfzehn Pfennige Preisunterschied pro Pfund aus jedem Fingerhut voll heraus gerochen, ohne ihn erst in euren Reagenzgläsern aufkochen zu müssen, und überhaupt –« »Und hinterm Vorratsnachfüllen, was kam da, Herr Vater?« »Da kam – da kamen sie langsam ins Kontor getropft, der dicke Maier, dann der gotische Maier –« »Gotisch?« »Na ja, zum Unterschied. Er hatte so einen spitzbogigen Schädel. Aber, Hand aufs Herz: gelernt habe ich die Buchhalterei bei ihm. Wenn auch nicht wissenschaftlich, wie auf euren höheren Handelsschulen, wo es Lehrer geben soll, die sich miteinander streiten, ob Passiva plus Gewinn gleich Aktiva, oder Aktiva minus Passiva gleich Gewinn – als ob das nicht gehupft wäre wie gesprungen.« »Herr Vater, ganze Bücher für und gegen hat man da geschrieben. Zwei Professoren kenne ich, die waren Jugendfreunde. Aber später hat sich der eine für die P+G=A Gleichung entschieden, der andere für A–P=G. Seitdem gehen sie steif und grußlos auf der Straße aneinander vorbei. Ihre Frauen schauen sich nicht an. Und in ihren Büchern spucken sie voreinander aus.« »Nicht möglich«, lachte er und spuckte vergnügt und kunstvoll über meine Lehrlingsknie diagonal durchs Zimmer in den Spucknapf, »übrigens, solche Spucker gab's auch damals, nur nicht wissenschaftlich. Der gotische Maier konnte rasend werden und im Zischen spucken, wenn ich An und Per im Konto wegließ – daß ich's nur gestehe: ich hab' es oft nicht aus Versehen weggelassen, sondern nur um seine wundervollen Wutausbrüche zu studieren. Da war der dicke Maier anders. Den brachte nichts aus seiner Heiterkeit. Nur eine schwache Stelle hatte er: fürs Theater hielt er sich geboren.« »Wie unser Herr Spreißler im Zigarrenlager«, schaltete ich ein. »Nicht nur der. In jedem Kaufmannshause brennt bei jedem zweiten Angestellten zwischen fünfzehn und 210 fünfundzwanzig eine felsenfeste Ueberzeugung: Eigentlich gehörte ich aufs Theater.« »Und ist's Ihrem dicken Maier damals besser hinausgegangen, als unserm Spreißler?« »Ja, er hat sich seine Bühne bei Göggelmann \amp; Sohn im Keller aufgeschlagen. Ohne Risiko und immer vor vollen Bänken. Ach, wie viele Viertelstunden haben wir uns abgestohlen, um den Deklamationen des dicken Maiers Beifall zu klatschen, daß der Keller dröhnte und der griechische Wein in den Fässern rebellisch wurde.« »Aber, der alte Herr Göggelmann?« »Der hörte droben wohl das Dröhnen, lief aber immer in der falschen Richtung. Hintenherum hatten wir uns längst an unsere Arbeitsstätten heraufverflüchtigt, als er pustend angekeucht kam: »Wo waren Sie, Herr Maier?« – »Mal draußen, mal drinnen – mal drinnen, mal draußen, wie das die menschliche Konstitution von Zeit zu Zeit verlangt, Herr Göggelmann.« »Hören Sie, Herr Vater, man war zu eurer Zeit so wenig auf den Mund gefallen, wie heute der Herr Stunk.« »Nur daß wir kein Handelsgesetzbuch dazu brauchten. Freilich, der Hauptunterschied von heute und damals liegt wo anders, junger Freund«, setzte er nachdenklich zu. »Wo, Herr Vater?« »Man hat sich damals nicht so schrecklich gesperrt, mal einen tüchtigen Stumpen Unrecht zu erleiden. Man war nicht so zimperlich. Man war reicher. Man wußte, daß man unterm Druck von Leiden besser wächst, als unter Paragraphen. Man hat noch Sinn gehabt für den Humor des Drucks, der doch nur zeitlich ist, den sie aber heute gar so ernsthaft nehmen, daß sie im Reichstag die Gesetzmaschine knarren lassen, wenn mal ein Lehrling in Posemukel aus Versehen eine hinter seine ebenso hochgeborenen als nassen Oehrchen kriegt.« Das war die längste Rede, die ich Vater halten hörte. Ihr Sinn ist mir erst später aufgegangen. Damals war sie mir nur unbehaglich. »Herr Vater«, lenkte ich ihn ab, »und was kam hinter dem Theater?« »Die Wirklichkeit, mein Lieber, Botengänge hab' ich machen müssen, mit solcher Fixigkeit, daß mir das 211 Lehrlingsherz zum Halse aufschlug: »Da und da geh' hin!« schrien sie mich an, »rasch, sollst schon wieder da sein!« Briefe hab' ich schreiben müssen, daß es mir den Zeigefinger durchgedrückt hat – da schauen Sie her.« Er zeigte mir den alten Finger, der durch Millionen Soll und Haben seine Zahl und Schrift gemalt hat. »Auch den linken Zeigefinger haben Sie beinah' platt geschrieben«, sagte ich ehrfürchtig. Er lachte. »Nein, mein Lieber, diese Plattheit kommt vom Schreiben nicht, die kommt von der Liebe.« Unwillkürlich sah ich mich im Vaterzimmer um. »Nein«, fing er meinen Blick auf, »stehn und hängen tut sie nirgends. Auch in keinem Album ist sie heimlich eingesperrt. Sie war in jenem Augenblicke überwunden, als mein Blut floß.« Blut? Herrn Vaters Altgestalt ward wieder jung, romantisch sah ich ihn verwundet im Duell. »Nee«, lachte er, »Duell war's nicht, wenn's auch um die Wurst ging. Nämlich um die Leoniwurst. Nämlich ich habe aushilfsweise auch bedienen müssen bei Göggelmann \amp; Sohn. Nämlich bedienen, daß Arme und Beine nur so verschlenkerten vor Eile. Nämlich daß kaum Zeit war, Kunden ins Gesicht zu schauen. Nämlich eines Tages stand natürlich sie vor mir, die einzig eine, ohne daß ich sie erkannte. Sie, die keine Ahnung meiner stillen Liebe hatte. Sie, die nur leichthin sagte: »Für achtzig Pfennig Durcheinander, bitte.« Ich schnitt und schnitt Wurst und Wurst. Bei der Leoni sah ich auf, erkannte sie, bezwang mich, schnitt und schnitt – »Um Gotteswillen«, rief sie, »Ihr Fingerspitzchen!« Zu spät, ein Stück von meinem Finger war beim Durcheinander. Lachend ging sie aus dem Laden. Ich glaube; wenn ich ihr mein Herz in Scheiben zugeschnitten hätte, sie hätte auch gelacht und keinen Pfennig mehr bezahlt als achtzig Pfennig für den Durcheinander.« Er lachte nicht. Nur nachdenksam betrachtete er den alten Zeigefinger: »Ja, mein Freund, so wird man platt und alt und bleibet – unbeweibet.« Lehrlingstäppisch, wie ich war, versuchte ich zu trösten: »Na, Herr Vater, nur den Kopf nicht verlieren –« »Kopf?« sagte er sachlich, »nein, der Kopf war unbeteiligt damals. Der gehörte den Indianerbüchern. Es kam da noch 212 ein zweiter Lehrling, der hatte ganze Stöße in seinem Koffer. Damit steckte er mich an. Wir lasen, bis der Kopf geraucht hat.« »Aber hatten Sie denn Zeit dazu, Herr Vater?« »Nein, wir mußten sie uns stehlen. Abends neun Uhr in die Klappe, war die strengste Regel. Fünf Minuten nach neun schauten Göggelmann \amp; Sohn von unten nach dem Lehrlingsfenster, ob das Licht gelöscht war, und dann alle zehn Minuten wieder. Der Fall lag verzweifelt. Noch dazu, weil wir totmüde waren, und der Schlaf uns bleischwer an die Lider fuhr. Aber jung, wie wir waren, besiegten wir den Schlaf und besiegten Göggelmann \amp; Sohn. Den Schlaf vermittels heimlichen kalten Tee in der Ofenröhre. Und Göggelmann \amp; Sohn vermittels einer andern Röhre, die wir – Patent Vater – aus einem Hosenbeine konstruierten, das kunstvoll um die Lampe gebunden wurde und mit dem andern Ende sich bei knapper Durchsicht auf den Tisch gestützt hat, sanft bestrahlt vom hosenbeinig eingefangenen Lichtkegel, und in einer Nacht von uns verschlungen samt Old Shatterhand, dem Trapper, unzähligen zischenden Pfeilen und sausenden Tomahawks, von den mit Kettenkugeln hingemetzelten Feindeshaufen gar nicht zu reden.« »Und am andern Morgen, Herr Vater?« »Waren wir frisch beim Zeug. Ja, während der Handvoll Schlaf hab' ich noch Zeit gefunden, traumzuwandeln. Wenn Frau Göggelmann \amp; Sohn noch lebte, könnte sie bestätigen, wie ich eines Nachts um eins im Hemde auf dem Gang gestanden bin und mittels einer Kerze unzählige Fingerspitzeln in den Wassereimer zu schneiden versuchte – oh, es waren wundervolle harte Zeiten, junger Mann!« Zwiespältig saß ich da: sollte ich beneiden oder bemitleiden? Er aber las mich ab: »Beneiden Sie mich ruhig, und wenn Sie einmal später einen Sohn in eine Lehr' zu geben haben, verraten Sie ihm nur mein Glücksgeheimnis: Kleine Lehre, große Mühe – Gott, wie arm sind doch dagegen die modernen Lehrlinge, die von der Schule serienweise in die großen Bankgeschäfte rückten und dort außer Bügelfalten und einem versilberten Spazierstöckchen, das sie Sonntag vormittags zur 213 Wachtparade schwingen dürfen, nichts erleben, keinen Shatterhand und keine Fingerspitzchen.« Da aber ward ich heiß. »Sie täuschen sich, Herr Vater, auch wir Neuen haben Shatterhand und Fingerspitzchen. Blut fließt auch in uns zum Durcheinander. Und es ist nicht wesentlich, daß unsere Hosenbeine Bügelfalten haben, während wir darüber, statt darunter Berne und Bölsche lesen, statt Indianerbücher.« »Bscht, bscht«, begütigte er meinen Eifer, »Ihr mögt noch gehen, grausen aber tut mir, wenn ich an die Kaufmannslehre in der Zukunft denke.« »Herr Vater, ich glaube, Sie sehen auch da zu schwarz.« »Zu schwarz?« Er faltete ein Heftchen auseinander. »Der Stunk hat's liegen lassen. Es sind die Statuten des Klubs Kopierpresse. Hören sie: »Ziel unseres Volontärklubs ist Abschaffung des mitteralterlichen Instituts der Lehrzeit. Mittel dazu ist die Organisation freier Volontärverbände. Tod allen Sklavenhaltern! Es lebe die Volontärrevolution!« – Na, junger Freund, treten Sie doch ein in diesen Idealklub, in diese Metzgerstätte der Poesie unserer alten schönen Lehrzeit!« Hohn und Schmerz stritten auf dem alten guten Gesicht. Ich fühlte tief mit ihm. Ich mußte ihn aufrichten, so jung ich war: »Herr Vater«, sagte ich, »hat's zur Zeit von Christoph Kolumbus auch Lehrlinge gegeben?« »Natürlich.« »Und auch zur Zeit der Befreiungskriege?« »Selbstverständlich.« »Und glauben Sie nicht, daß die Kolumbuslehrlinge über die Befreiungslehrlinge sich ähnlich gesorgt haben würden, als – als – nun als Sie, Herr Vater über den Volontärklub Kopierpresse?« Er sah mich lange an. »Junge«, sagte er und strich mir übers Haar, »du hast viel gelesen und bist nicht dumm. Wollte nur, du hättest recht, aber lies doch selbst: »Abschaffung der Lehrzeit überhaupt.« »Herr Vater, sagten Sie nicht selber, abschaffen könne kein Mensch seine Lehrzeit, nur verschieben?« Er war fast betroffen: »Junge«, sagte er langsam, »dann 214 blieben wir also in alle Zukunft eine Art Kolumbuslehrlinge –« »Ja, Herr Vater«, fiel ich freudig ein, bekennereifrig, »Kolumbuslehrlinge, die niemals müde werden wollen, neue Welten zu entdecken!« Er sagte nichts. Es wurde ganz still im alten Junggesellenzimmer. Die Uhr tickte. Seine Pfeife verglomm. Der Tee wurde kalt. Aber goldhell blieb er. Hell, wie des alten Buchhalters Stirne, hinter der versunkene Lehrzeiten neckisch spielten und Taue in die Neuzeit warfen, sehnsüchtige Taue: »Heda, faßt an, tut mit!« Ich habe gestern meinen Sohn der Lehre übergeben, und ich weiß: »Vater, du bist lang gestorben. Längst schon verwaltest du da droben irgendein himmlisches Kontokorrent M–P. Schaue mal einen Augenblick darüber und herab: Sie fassen an, die Neuen, sie tun mit nach ihrer Weise.«   Die Genugtuung Lange vor meiner Lehrzeit bei Kramer \amp; Friemann war er aus der Firma ausgeschieden. Knall und Fall. Allerlei Legenden über ihn schwirrten um in den Kontoren. Manche widersprachen sich. Ein roter Faden aber ging durch alle: Ein Original war er, der Registrator Garip, ein wunderlicher Mensch. Und da war ein Scheitelpunkt in seinem Leben. Der hatte ihn verdreht gemacht. Bis zu diesem Scheitelpunkte war er wie jeder andere brave Durchschnittsregistrator, schlecht und recht, heftete und klebte, numerierte, paginierte, foliierte, und sein Atem ging geruhig durchs Kontor. Da geschah es, daß eine kleine Hilfskassierin ging. Gehen mußte. Ihr Liebster war am Vorstadttheater. Statist oder so was. Also mit der Geste nach der großen Rolle behaftet, dritter Richard, König Lear und Egmont. Also fest der Meinung, daß man ihn böswillig vom Sonnenruhm zurückhielt. Also bös auf bös der Meinung, daß man schmieren und bestechen müsse. Also half ihm die Geliebte mit einem Griff in die Kasse von Kramer \amp; Friemann. Der Griff war nicht gerade tief. Aber ihrerseits vom besten 215 Gewissen begleitet: Um dem göttlichen Talente des Geliebten Luft zu machen, was verschlug's da, wenn der Reingewinn der reichen Firma einmal sachte um ein paar Hunderter zurückfrisiert wurde? Daß unser Prinzipal sich der Meinung gar nicht anschloß, war ein Zufall, dachte die Kassierin. Daß er aber sagte: »Fräulein Krümpel, morgen suche ich Ersatz für Sie, übermorgen ist Ihr Austritt!« war eine Gemeinheit – dachte Fräulein Krümpel. Aber merken ließ sie's nicht. Sondern schuftete die beiden Tage noch wie wahnsinnig an ihren Listenarbeiten. »Meine Nachfolgerin soll keinen Rückstand übernehmen«, sagte sie. Fast wäre der Prinzipal wieder weich geworden. Besonders als Fräulein Krümpel am letzten Abend bat, noch eine Stunde nacharbeiten zu dürfen. Mochte sie. Die Kassenschränke waren fest verschlossen. Bücher würde sie kaum fressen. Und im übrigen mußte ihr beim Fortgang durch den Hausverwalter Vogel aufgesperrt werden. Wen der mit seinen Sperberaugen abstreifte, der trug keinen Span hinaus. Fräulein Krümpel arbeitete eine gute Stunde nach. Vogel klirrte draußen mit den Schlüsseln. Sie tat ihm leid. Gott, wer hat keine dunklen Blätter in seinem Lebensbuche umgewendet? Nur daß es Kluge innerhalb der Paragraphen tun, während die Dummen – noch nicht einmal die schlechtesten – am Rande in den Stacheldrähten hängenbleiben. Jetzt ging sie. Vogel übersah den Kassenraum. Vogel übersah den Buchhaltungsraum. Vogel übersah mit Röntgenaugen Fräulein Krümpels Innenraum. Alles ordentlich. Er meldete es noch weisungsgemäß durchs Haustelephon dem Prinzipal. Den packte eine letzte milde Regung. »Sagen Sie ihr, sie soll morgen doch noch einmal bei mir vorsprechen«, gab er durch den Draht hinunter. Fräulein Krümpel sprach nicht vor. An ihrer Stelle sprach zunächst Buchhalter Niedermaier vor: Jemand habe tausend sorgfältig geordnete Mahnkarten durcheinander geworfen. Dann sprach der Rechnungsschreiber Dollmann vor: Die Rechnungen der ganzen Woche seien heillos verwirrt. Darauf kam der Statistiker: Seine kunstvolle Kartenstatistik sei ein Urbrei. 216 Schließlich kam der Preiskalkulator Zifferer: Die Hunderte von Kalkulationsunterlagen für die neue Jahrespreisliste seien unlösbare Knäuel. In allen Kontoren war ein aufgeregtes Summen. Wie wenn im Bienenstaat der Feind einbricht. Ein Granatenvolltreffer hätte das Personal nicht kopfloser durcheinanderlaufen lassen können. Die Granate hatte gestern abend Fräulein Krümpel geschleudert. Jetzt war sie geplatzt. Das feine Adersystem des Geschäfts, die heilige Ordnung, war aufgerissen. Blut quoll und gerann. Wehklagen war. Ratlosigkeit rief nach dem Doktor. Jemand schrie: Diese Schweinerei ist niemals wieder gutzumachen!« Ein anderer rief: »Wenn's gut geht, dauert's Wochen und Monate!« Prokurist und Prinzipal waren selber einen Augenblick hilflos. Da war es, daß des Registrators Garip große Stunde schlug, mit dem altgedienten alphabetischen Ordnungsblicke hatte er den Wust der Blätter und Karten überprüft. Gewachsen war er ein und einen halben Zoll. »Halt«, sagte er mit Feldherrnruhe, »halt, ich verpflichte mich, bis heute abend alles wieder in die alte Ordnung einzurenken!« Staunend sahen sie ihn an. Dann mißtrauisch: »Bis heute abend?« dachten sie, »ist ja Blödsinn – Herkules sogar hat xmal länger gebraucht, um auszumisten – armer Garip – sicher hat die Krümpel auch seine Gehirnregistratur durcheinandergeschmissen.« »Nur eine Bedingung stelle ich: Alleinherrschaft. Wenn mir die betroffenen Herren dreinreden, würd' mein System versagen. Wenn sie aber Urlaub bis zum Abend kriegen könnten . . .« Sie kriegten Urlaub. Sie durften spazieren gehen. Aber sie hielten es nicht aus. In der Mittagspause spitzten sie herein: »Na, was ist?« – »Hinaus!« brüllte sie der Registrator Garip an. Sie gingen wieder. Sie schwankten. Sollten sie den Bummel in die Isarauen weitermachen oder die freiwillige Rettungsstation auf den kommenden Fall Garip schonend vorbereiten? Gegen Abend aber standen sie an ihren Pulten, halb beschämt und halb voll Jubilieren: die Blätter, Karten, Listen 217 waren alle tadellos in Ordnung. Wie der Mensch mal ist, auch der dankbare: sie suchten zunächst eifrig einen stehengebliebenen Fehler zu entdecken, den sie dem Helden Garip unter die Registratornase hätten reiben können: »Na, Garip, ganz nett soweit, nur diese Karte da und jene Liste, na ja, alles konnten Sie nicht wissen . . .« Aber Garip hatte alles gewußt. Nicht ein Fäserchen hatte er beim Ordnungmachen übersehen. Da quoll denn doch die Dankbarkeit über in den Buchhalterherzen: »Garip, allen Respekt . . .« – »Garip, sind doch ein Tausendkerl . . .« – »Garip, ein Genie sind Sie, ein unheimliches Registraturgenie . . .« Garip tat bescheiden abwehrend. Aber die anderthalb Zoll gab er nicht mehr her. Die wuchsen weiter. Die wurden zwei Zoll, drei Zoll, vier und fünf Zoll . . . Die wurden nach und nach ein Fimmel, eine fixe Idee: »Ich wenn damals nicht gewesen wäre, als das Unheil Krümpel über meine Firma hereinbrach . . .« Erst lächelte man nachsichtig: »Gott, jeder hat in seinem Leben etwas, was ihn stolz macht. Wär' ja schlimm, wenn's nicht so wäre.« Auch daß er alle Nasenlang um Gehaltsaufbesserung einkam, mochte hingehn: »Er hat uns damals wirklich einen Dienst geleistet«, nickten sich die Vorgesetzten zu. Aber dann häuften sich die Eigenheiten. Er steckelte mit hochgeworfenem Kopfe durch die Straßen und erwartete von den ältesten Leuten des Personals, daß sie ihn zuerst grüßten. Wenn irgendeiner sein Dienstjubiläum feierte, so stand er noch lange nach verrauschter Feier erwartungsvoll in einer Ecke und vertraute später dem und jenem: Eigentlich hätte er erwartet, daß der Prinzipal am Schlusse seiner Ansprache auch den Fall Krümpel streife. Nicht als ob er Wert drauf lege. Aber immerhin, einen Markstein in der Firmengeschichte dürfe man bei offiziellen Anlässen nicht übersehen . . . »Das geht nicht so weiter«, brummte der Prokurist, »ich will ihn mir mal unter vier Augen ein wenig zu leihen nehmen.« Er redete ihm gütlich zu, man sei gewiß nicht undankbar, doch alles habe seine Grenzen. Und wenn ein jeder, der der Firma irgendwie einen Dienst geleistet, täglich und 218 stündlich darauf pochen wollte, habe man ein Pochwerk oder eine Schmollstube statt des Handlungshauses. Ob er das nicht einsähe? Ja, das sähe er ein, aber auf einen neuen Titel Oberregistrator müsse er bestehen bleiben. »Meinetwegen Oberregistrator oder Generalregistrator«, dachte der Prokurist, »wenn's ihm Spaß macht und es damit Schluß ist.« Aber es war nicht Schluß. Der Einbildungskreisel war in Schwung gekommen. Er mußte die verdrehte Kurve vollenden. Oberregistrator Garip setzte eine riesige Denkschrift auf: a) Fall Krümpel. b) Lösung des Knotens durch Garip. c) Unterlassene Würdigungen des Falles. d) Ausmalung dessen, was geschehen hätte können, wenn Garip nicht dem Falle Krümpel sich überlegen erwiesen hätte. e) Nachweis, daß ein Bankrott nicht zu umgehen gewesen wäre. f) Folgerung: Der ergebenst Unterfertigte bittet um Verleihung der Prokura. Prinzipal und Prokurist sollen Tränen gelacht haben beim Empfang des Briefes. Sie nahmen es zunächst als Lustspiel und überließen dem Papierkorb, über jene Denkschrift nachzudenken. Aber als Registrator Garip seine Denkschrift in dem Korb entdeckte, wurde es eine Tragödie. Leichenblaß stand er im Privatkontor und sagte düster: »Ich kündige. Es tut mir leid, die Firma ihrem Schicksal überlassen zu müssen, es sei denn, daß sich die Herren in letzter Stunde noch entschlössen –« Sie entschlossen sich nicht. Sie atmeten auf, nicht selber kündigen zu müssen. Garip schied . . . Garip nahm keine neue Stelle an. Lässig saß er bei Frau und Kind daheim und wartete. Worauf er wartete? Wenn die arbeitsverhärmte Frau, die jetzt für alle schaffen mußte, ihn mit leisem Vorwurf ansah, reckten sich in ihm die aufgesetzten Zolle: »Frau, sei getrost, sie werden's ohne mich nicht machen können. Eines Tages wird es ihnen überm Kopf zusammenbrechen. Sie werden mich holen. Sollst es sehen, morgen oder übermorgen kommen sie angerückt und bitten . . .« So hat er gewartet von einem Ersten zum andern Ersten. Zwischenhinein, wenn das Elend in der Familie stieg, bewarb er sich um eine neue Stelle. Wenn es aber zum Klappen 219 kam, ging er schwer umher und sagte dumpf: »Und wenn sie mich nun holen wollen, und ich bin bei einer andern Firma? – nein, ich darf's der alten Firma doch nicht antun – verdient hat sie's freilich nicht, aber bis zum nächsten Ersten will ich nochmal warten, des Prinzipals halber . . .« Ja, wenn darüber auch die Familie zersplittert: Männer können warten aus Prinzip. Frauen können's nicht. Sie sind zu wenig objektiv, behauptet ja die Wissenschaft. Frau Garip machte einen schweren Gang zur alten Firma, kehrte halbwegs um, ging wieder, kehrte wieder um, zuletzt im Ladehof, auf den des Prokuristen Fenster ging. »Müller«, sagte er zu mir, »laufen Sie hinab und holen Sie die Frau, die hat was auf dem Herzen.« Ich lief und holte. Frau Garip beichtete. Von da ab holte sie sich monatlich eine kleine Pension von unserer Kassa. So zufrieden war sie und so dankbar. Und sie hatte nur die eine Angst: »Daß es um Gotteswillen nicht mein Mann erfährt! Er ist so eigen, wissen Sie –« »Ja, wir wissen es genugsam und wir wären mehr dafür, daß Sie ihm selbst einmal den Star gestochen hätten, rücksichtslos –« Frau Garips Blick ließ ihn verstummen. »Frauen können eben niemals objektiv sein«, brummte er. So ging das in die Jahre. Garip machte Holz klein. Garip schleppte Kohlen in die Küche. Garip nahm Abschriftsarbeiten ins Haus. Garip half den Kindern bei den Schularbeiten. Garip hatte Frau und Kinder lieb, soweit Prinzipien dies gestatten. Garip wurde geliebt von Weib und Kind, prinzipienlos und unbedingt. Da wurde Garip krank. »Es ist mir schrecklich«, sagte er, »denk' mal, Frau, wenn sie jetzt kämen, mich zu holen« – »Nun, was dann?« wagte seine Frau mit einem leisen kritischen Anklang. »Was dann? Ei, sagen tät' ich ihnen: ›Habt Ihr endlich hergefunden?‹ Natürlich hätten sie dann allerhand Entschuldigungen. Kenne das.« »Und dann?« »Ei, dann gäbe ich zunächst mal einen Korb. Nur prinzipiell natürlich. ›Tut mir leid, meine Herren‹, sagte ich, ›da 220 sind anderweitige Verpflichtungen – aber immerhin, wollen einmal sehen – sprechen Sie morgen mal wieder vor.‹ Ja ja, das würd' ich sagen, Frau.« »Und dann?« »Ei, dann würden sie natürlich ganz verzweifelt tun. Kenne das. Irgendeine Krümpel Nummer 2 hätte ihnen wieder das unterste zu oberst geschmissen, würden sie sagen. Der Betrieb stünde still, würden sie sagen. Und sie hätten nur die eine Hoffnung: ›Garip, Garip, hilf uns!‹« »Und dann?« »Na, was soll man machen, Frau. Helfen würde ich in Gottesnamen. Mitgehn würde ich und –« »Um Gotteswillen, Mann, in deinem kranken Zustand!« »Zustand hin und Zustand her – Gott, es ist doch meine alte Firma – aber weiß schon: Für Prinzipien haben Frauen keinen Sinn . . .« Der Kassierer Brandmann sah auf seinen Vormerkzettel: »Frau Garip ist in diesem Monat nicht gekommen – Müller schreiben Sie 'ne Postanweisung – ach so, da steht ja ein Vermerk: Nur persönlich, Mann darf nichts erfahren – hm wie wär's, wenn Sie auf dem Heimweg ihr die Monatssumme in verschwiegener Weise überbrächten . . .« Ich stieg in der engen Gasse eine steile Treppe aufwärts. Da war das Schild: »Garip, Oberregistrator.« Die Tür war angelehnt. Stimmen drangen auf den Hausgang. Eine angstvoll: »Sie haben also keine Hoffnung mehr, Herr Doktor, keine?« – »Da Sie die Wahrheit wissen müssen: Nein, Frau Garip.« – »O Gott, was soll ich tun?« – »Es gibt nur eines: Keine Tränen, machen sie ihm die letzte Stunde leicht – Gott befohlen, gute Frau.« Er hat mich beinah' umgerannt. Ich tat, als ginge ich eine Treppe höher. Das war eine Speichertreppe, eine stille. Auf dieser saß ich lange. Alles, was ich über den Fall Garip im Geschäft erfahren hatte, ging mir durch den Sinn. Eine Lösung schwamm mir dunkel im Bewußtsein. Ich konnte sie nicht klar erkennen. Ich wühlte sinnend in der Tasche. Das Pensionsgeld für Frau Garip klirrte. Ich stieg hinunter. Ich läutete. 221 »Frau Garip«, sagte ich leise, »ich komme von der Firma Kramer \amp; Friemann, um –« Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen: »Endlich! endlich! Also hat mein Mann doch recht bekommen! Aber Sie kommen zu spät –« Ich begriff in einer inneren Erleuchtung, was sie meinte. Eine merkwürdige Gewalt stieß mich: »Tu es, tu es!« – »Aber es ist eine Lüge«, wehrte ich mich. – »Schäm dich, um welcher Bagatellen hast du schon gelogen! Hier gilt's mehr – rasch, wenn's nicht zu spät sein soll!« »Zu spät, Frau Garip?« sagte ich beherrscht und so laut, daß man's in der ganzen kleinen Wohnung hören mußte, »ich hoffe nicht. Von der Firma Kramer \amp; Friemann habe ich den festen Auftrag –« Ein Schrei aus einem Zimmer, ein heiserer Jubelschrei aus einer alten Registratorkehle: »Sie kommen! sie – sie holen mich! Frau, Frau, führ' sie herein!« Ich stand an einem Sterbebett. Seine Hand hielt ich. Lügenabgehärtet hielt ich seinem letzten Blick stand. Parierte seine letzten forschenden Fragen: »Geht wieder alles drunter und drüber in der Firma?« »Ja, Herr Garip, ja.« »Dachte mir's. Da soll ich also kommen, nicht wahr?« stöhnte er. »Ja, Herr Garip, ja.« »Eigentlich – ja, eigentlich hättet ihr verdient, daß ich – daß ich – aber na, es ist wohl eilig bei ihnen – und bei mir auch –« »Ja, Herr Garip, ja.« »Ich komme – ich komme – Mutter, meine Kleider –« Sie sah mich an. Ihre Lüge stieß zu meiner, und als sie sich die Hand gegeben hatten, schmolzen sie zu einem dritten um: wahrhaftige Barmherzigkeit. »Lieber Mann, nicht heute – heute mußt du dich noch schonen – und der Herr hat mir gesagt, es hätte noch bis morgen Zeit, nicht wahr?« »Ja, Herr Garip, ja.« Er sah mich plötzlich mit dem durchdringenden Mißtrauen des Sterbenden an. Eiskalt, wie ein altgesottener Lügner 222 hielt ich stand: »Ja, bis morgen hat es Zeit, Herr Garip, dann allerdings –« »Keine Sorge, junger Mann. Sagen Sie der Firma, wenn Not an Mann ist, sei der Registrator Garip nie zu spät gekommen. Halt, sagen Sie den Herren weiter – kann mir ja denken, daß es ihnen etwas jämmerlich zumute ist – daß ich nichts nachgetragen hätte – gar nichts – Gott, wenn's hart auf hart geht, muß man auch vergessen können – muß man zusammenrücken und sich helfen – nicht wahr, Frau? – schon aus Prinzip, junger Mann, obgleich die Frauen dafür kein Verständnis haben, unter uns . . .« Er lächelte. Es war nicht das letzte Lächeln, das ich von ihm sah. Auch nicht das schönste. Das schönste und das letzte sah ich anderntages, da er auf der Totenbahre lag, selig und mit dem verzeihenden Leuchten der Unentbehrlichkeit auf der stillen Stirne.   Verdacht Ein Durchgangsposten jedes Lehrlings ist die Portokasse. Geldzeichen gehen erstmals durch die junge Hand. Ein leichter Schauer stellt sich ein. Erklommen ist die erste Stufe einer Leiter, auf deren letzter Sprosse Bankkassierer Tag für Tag Millionenwerte wandern lassen, unbestechlich, oder – wenn das »un« fällt – selber wandern in die dunkle Zelle, je nachdem. Daher der leichte Schauer, als ich erstmals unsere Markenkasse übernahm. Geld, Ruf, Bangen, Tränen und Erstarken steigen unterm aufgeklappten Deckel jeder Kasse, auch der kleinsten, hoch und ringeln sich und starren dir ins Angesicht: »Wie wirst du's halten? wie wird's dir ergehen?« Mir erging es so: Mit meinem ersten Portokassentag wurde ich ein anderer. Panzer legten sich um meine Brust. Ein Schloß schob sich davor. Breiter wurde ich. Eisern wurde meine Lehrlingsstirne: Mit einem Wort, man wird, was man verwalten muß, ein Kassenschrank. 223 Meine Mutter sah mir nach: »Du bist so verändert – fehlt dir etwas?« – »Nein, seit gestern habe ich die Portokasse zu verwalten.« Ein alter Schulfreund aus der ersten Volksschulzeit, der Milchfrau-Pepperl, sah sich auf der Straße nach mir um, mit ausgestrecktem Daumen über seiner Schulter: »Jee, er aa, der Herr Kommerzienrat . . .« Seelisch leicht erschüttert ging ich weiter. Ein Schutzmann, dessen Handlungsfrau ein Konto bei uns hatte, grüßte mich. »Vermutlich hat er irgendwie erfahren, daß ich jetzt die Portokasse führe«, dachte ich und ging, seelisch aufgeforstet, weiter, wieder jeder Zoll ein »Feuersichrer«. Auch feuersichre Menschen haben ihren Ehrgeiz. Der meine war nach vierzehn Tagen: Hundert Mark Tagesumsatz in der Portokasse. Unter meinem Vorgänger war die höchste Tagesziffer einmal neunzig Mark in Marken. Ich brachte es auf fünfundneunzig Mark am dritten Samstag. Am nächsten Freitag ging ich unter den Korrespondenten betteln: »Bitte, könnten nicht verschiedene Briefe bis morgen liegenbleiben?« Die Korrespondenten sahen sich an: »Der Lehrling spinnt.« – »Bitte sehr, ich spinne nicht, ich möchte morgen eine dreistellige Summe in die Ausgangsseite meines Portobuches.« Da lachten sie und steckten Briefe, die nicht eilig waren, einen Tag ins Einzelfach. Tags darauf regnete es Briefe auf mein Postpult. Meine Ausgangsseiten schwollen. Nachmittag um fünf Uhr zählte ich zusammen: 99 Mark 10 Pfennig. Ich streifte durch die Kontore. Niemand schrieb mehr Briefe. Das war ein Unfug. Das war eine Beleidigung. Aber ich als Lehrling konnte doch nicht wettern. Höchstens diplomatisch handeln: »Noch Briefe fällig, meine Herren?« – »Nein, alles erledigt.« – Könnte man nicht doch noch einige –?« – »Spinnt halt wieder«, zuckte einer mit den Achseln. Ein anderer hatte Mitleid. Möglich, daß er einmal gleichen Hundertschmerz empfunden hatte. »Machen wir«, sagte er und adressierte dreißig vorgedruckte Reisendebesuchsanzeigen an die Kunden. Dreißig mal drei macht neunzig, plus neunundneunzig Komma zehn – hurra, wie glänzte diesen Abend meine Eins mit den zwei dicken Nullen im Portobuch! Ich schob es einem jeden, der es sehen mochte, unter die Nase. 224 Auch solchen, die's nicht sehen wollten. Die sagten zwar: »Na ja, hundert Mark in Marken, was ist da groß dabei?« Da warf ich mich in meine feuersichre Kassenschrankbrust: »Was dabei ist? Ein Markstein in der Portogeschichte unsrer Firma ist es, daß Sie's wissen!« Das war ein froher Markstein. Es gibt auch harte, die ein Morgentau mit Tränen netzt. Es kam ein Tag, da stimmte meine Kasse nicht. Zwanzig Mark zu wenig. Ach was, ein Rechenfehler. So oft habe ich nie wieder eine Seite addiert. Aber da biß die Maus keinen Faden ab, es fehlten zwanzig Mark. Was tun? Vor den Prokuristen treten und bekennen? Nein, nur das nicht. Nur nicht mit dem Kassiererkainszeichen herumlaufen: Achtung! da ist einer, dessen Kasse nicht gestimmt hat! Nein, sie mußte stimmen, kost' es, was es wolle. Wie kann man eine Portokasse stimmend machen? Zwei Wege gab's. In der Ausgabenseite so viele Briefe an Maier, Schmid und Schulze setzen, bis es zwanzig Mark gab. Schön, dann war unter den fingierten Briefen auch ein unsichtbarer an den Lehrling Müller, eine Todesanzeige: »Wir teilen Ihnen mit, daß Ihr gut Gewissen eben sanft verschieden ist, nein, erstickt an zwanzig Mark, es ruhe in Unfrieden Ihr ganzes Leben lang.« Fort mit dem ersten Weg. Wie war der zweite? Ei, man zahlte aus der eignen Tasche drauf. Gut, mach deinen Beutel auf: Hm, eine Mark und dreißig . . . wird die Mutter helfen? . . . Ja, sie wird von sauren Groschen zwanzig Mark für ihren Sohn . . . halt, Onkel Frank, der Maler . . . Weltmännische Gebärde angelegt, leichthin geworfen: »Onkel, sag' mal, könntest mir mit zwanzig Märkern unter die Arme –?« Er sah mir so lange unter die Nase, bis sie zum Teufel ging, die weltmännische Gebärde, bis ein kleiner Junge beichtete. »Schafskopf«, sagte er, »dem Prokuristen hättest du es sagen müssen.« – »Zu spät, seit drei Tagen habe ich den falschen Saldo vorgetragen, es ginge gegen alle kaufmännische Ehre.« – »Na, wenn die anders ist, als die gewöhnliche – hier sind die zwanzig – aber gib acht, mein Junge.« – »Worauf?« – »Daß es keine fünfundzwanzig werden – fünfundzwanzig hintendrauf vom Schicksal, weißt 225 du – nein, kein Rückzahlungsversprechen – ich kürz' es dir am Erbe, wenn ich sterbe.« Kassen, welche stimmen, wirken lebensfreudig. Hoch trug ich die Stirn wieder. Erst recht natürlich, als die Revision kam. Am liebsten hätte ich die Hände in die Hosentaschen gesteckt und gepfiffen: »Revidiert nur, auf den Pfennig stimmt es.« »Da ist ja noch was«, sagte der Revisor und zog zwischen eingeklemmten Deckeln 40 Marken zu 50 Pfennig hervor. Mir wurde schwül. »Zwanzig Mark Ueberschuß«, sagte stirnrunzelnd die Revision, »woher kommen die?« »Ich – ich weiß nicht.« »Die Einnahmen stimmen. Die Ausgaben auch. Und dennoch Ueberschuß. Sonderbar! sehr sonderbar . . .« Die Revision klappte das Buch zu. Es wurde frostig im Kontor. »Was soll ich mit dem Ueberschuß beginnen?« Achselzucken: »Vortragen, bis sich's aufgeklärt hat – sonderbar, hm, sehr sonderbar . . .« Von Stund' an fing es im Kontor zu raunen an: Schon gehört? Portokasse stimmte nicht . . . sonderbar, sehr sonderbar . . . Nicht, daß sie's an mich selber hingesprochen hätten. Nein, Aug' in Auge wurden sie sogar freundlicher. Von jeder händereibenden griesigen Freundlichkeit, die sich anfühlt, wie schlechte Margarine. Ich sah es wohl: Glotzäugig ging es um und flüsternd. Kam ich nahe – verlegne Stummheit. Da faßte ich mir ein Herz: »Wovon war die Rede, bitte?« »Ach, nichts von Bedeutung.« Aber nachher sah ich's blau angestrichen in einer Zeitungsnummer: Ein Kommerzienrat hatte alle seine Ehrenämter niederlegen müssen. Es war herausgekommen, daß er als Lehrling vor fünfunddreißig Jahren seiner Angebeteten eine blaue Schärpenschleife gekauft hatte. Gleichzeitig stimmte seine Portokasse nicht. Ergebnis damals: Drei Gefängnistage. Ergebnis jetzt: Schande in den weißen Bart und eine Kugel. Dazu ein Nachruf, der so schloß: Wenn über eine dumme alte Sache Endlich Gras gewachsen ist, Kommt sicher ein Kamel, Das dieses Gras dann frißt. 226 »Entsetzlich!« sagten sie bedauernd im Kontor. Was sie freilich nicht gehindert hat, mir einen namenlosen Zettel in das Portobuch zu schmuggeln, »Mittel, um eine überschüssige Portokasse stimmend zu machen, ›Eine blaue Schärpenschleife für die Rosamunde‹. Freundlichen Gruß.« Blutige Tränen. Meine Lehrzeit war hinfort mit schwarzem Tuch verhangen. Nie wieder wird sie hell und freundlich werden. Mutter grämte sich zu Hause. Sie fragte mir die Seele aus dem Leibe. Ich ließ sie fragen, fragen, bis ich endlich sagte: »Laß nur, mir kann niemand helfen.« – »Auch Onkel Frank nicht?« Ich ging zu ihm: »Onkel, du hast recht behalten, es sind fünfundzwanzig hintendrauf geworden.« Er legte Pinsel und Palette fort: »Ja ja, das kommt von deiner Extraehrenwurst.« »Hilf mir, Onkel.« »Daß es wieder schief hinausgeht, Junge! Zweimal bin ich nicht so dumm. Ehrensachen hat man selber auszuschlecken. Wenn's hart auf hart geht, kann kein andrer helfen. Verdammt und überzwerch: hilf dir doch selbst. Morgen abend antreten zum Bericht – gute Nacht, mein Junge!« Vierundzwanzig Stunden stiegen zähe auf und flossen ab. »Ich melde mich zur Stelle, Onkel.« »Hast dir geholfen?« »Ja.« »Wie?« »Ich hab's dem Prokuristen gesagt.« »Und der?« »Hat gelacht und hat's dem Prinzipal erzählt, so laut, daß es alle hören mußten. Sie haben auch gelacht. Sie flüstern nicht mehr. Oh, ich bin so glücklich. Aufrichtigkeit ist immer noch das beste.« Er trat mir wieder scharf unter die Nase: »Ich weiß noch was besseres und größeres, Junge: Würde zu behaupten, wenn man falsch verdächtigt wird.« Er maß mich mit den hellen Maleraugen: »Du bist gewachsen, Junge – noch was auf dem Herzen?« »Ja, hier sind deine zwanzig Mark.« »Behalten. Gesagt, gesagt. Wird vom Erbe abgezogen.« 227 »Aber was – was soll ich mit – mit –?« »Sei nicht dalkig, kauf eine blaue Schärpenschleife.« »Aber – aber ich kann doch keine Schleife tra –« »Dummkopf, deine Angebetete.« »Aber wenn ich – wenn ich doch keine –« »Dann schaff' dir eine an, zum Donnerwetter – oder soll ich sie dir malen? – Junge, Junge, was ist das für eine Jugend heute? – scheitert auf ein Haar an Portokassen und weiß mit neunzehn Jahren niemand, dem man mit blauen Schleifen Freude machen kann, verehrungsvolle – nu' aber rasch, mein Junge . . .«   Die Geliebte »Dann schaff' dir eben eine an«, hatte Onkel Frank gesagt. Meine Lehrlingsruhe war hin. Eine – ja, wenn es eine Krawatte gewesen wäre oder eine Bildungsunterlage oder eine Charaktereigenschaft, die ich mir hätte anschaffen sollen. Man quält sich ja noch schwerere Dinge an in einer rechtschaffenen Lehrzeit. Aber eine Liebste! Eine auf Befehl. Nein, dazu fehlte mir die Anschaffreudigkeit. Aber wenn Onkel Frank, der Maler mit den hellen Augen, etwas sagte, wenn er zusetzte, freilich nur mit Blicken: »Pfui, schäme dich, wer mit neunzehn Jahren niemand verehrt, der ist ein Stockfisch ohne Eingeweide«, und mit Worten: »Junge, Junge, wer nicht liebt, hat Marmelade in den Adern anstatt Blut –« »Aber Onkel, Mutter sagt –« »Weiß schon, Mütter sagen immer anders. Aber frage sie mal, ob zu ihrer Maienzeit nicht mehr als einer sie verehrte und –« »Ja, das hat sie oft erzählt.« »Na, siehste.« »Aber sie meint, Verehrtwerden und Verehren seien zweierlei. Verehrtwerden ginge wohl, indessen das Verehren hat immer einen Stich ins – ins –« Er lachte hell auf: »Meine Schwester in Ehren, hohen Ehren. Sie wird noch verehrt. Auch von mir, mein Junge. Im Verehren aber sind wir Männer zuständig, sag' ihr.« 228 »Wir Männer«, sagte er vergnügt und setzte ernst dazu: »Glaub mir, das Verehren steht noch eine halbe Stufe höher auf den Leitern dessen, was man Glück nennt. Wer verehrt wird, hat keine Wahl mehr. Er muß werden, wie ihn die Verehrung sieht. Aber wer verehrt, schafft die Verehrte schöpferisch zur Göttin um, und wenn sie nur ein leichtes Wassermädel wär' vom Kaffee Karlstor –« »Mutter sagt auch, wer zu früh verehre, mache meistens eine große Dummheit.« »Wieder richtig. Aber wer nicht früh verehrt, macht statt der großen Dummheit hundertsechsunddreißig kleine, windige, käufliche, hundeschnäuzige. Junge, sieh mich an und sprich mir nach: Die eine große Dummheit lebe!« »Sie lebe!« sagte ich folgsam aber schüchtern. So wurde ich aus seinem Atelier entlassen, wo die vielen sonderbaren Köpfe hingen, die keinen Käufer fanden, weil die Leute sagten, daß sie irgendwas verhöhnten, sie wüßten nur nicht was. Erst als er kam zu sterben, hat es einer rausgefunden. Und sie rissen sich um die Bilder. »Dann schaff' dir eben eine an!« – sollte ich mich mit den neunzehn Lehrlingsjahren auch um eine Liebste reißen? Nein, überlegte ich, von Reißen hat er nichts gesagt. Schaff' dir eine an. Hm ja, wie macht man so was, wie? Ich sah mich um im Land. Land war für mich vorerst die Firma Kramer \amp; Friemann, wo mein Lehrlingsschiff vor Anker lag. Wie schafften sie sich eine an, die an den Pulten saßen mir zur Rechten und zur Linken? Da war der Volontär Sturmbrenner. Den holte ich beiläufig aus. »Ich«, sagte er, »schaff' mir überhaupt keine an, mir laufen sie von selber nach, für jeden Finger eine.« Hm, dachte ich, das nützt mir nichts. Erstens, weil mir meines Wissens keine nachlief. Zweitens, weil Onkel Frank ausdrücklich vom Anschaffen gesprochen hatte. Dann war der Kassierer Brandmann da, der so energisch im Geschäft tat. Von dem ging auch die Rede, daß er eine Liebste hätte. Vorsichtig fragte ich herum: »Wie hat er sie sich angeschafft?« – »Er sie sich?« lachten sie, »nee, aber sie sich ihn!« Dann war ein ganzes Pult von Korrespondenten da. Die 229 drehten jeden Samstag von der Liebe auf. Früher taten sie's vom Bergsport oder Radsport. Dann sattelten sie auf Liebe um, sagten sie. Die Sportausdrücke nahmen sie mit. »Na, Kollege, wie läuft's sich mit der schwarzen Anna?« – »Danke, es geht, man muß die kleine Uebersetzung einschalten.« Wieder einer sprach von seiner Liebsten wie von den Bergspitzen, die er früher »gemacht« hatte. Und am Montag kamen sie ins Kontor mit gespienen Gesichtern, wie Buchhalter Vater sagte. Nein, sie wollte ich nicht um Rat fragen, wegen der Anschaffung einer Liebsten. Dann war im Magazin einer in meinem Alter. Den fragte ich. Nicht geradezu, sondern diplomatisch, hintenrum. Aber er nahm es nicht ernst. »Willst mich wohl aufziehn, was?« lachte er. – »Durchaus nicht, also sag' mir, wie man's anstellt, um –« – »Gott, man fragt sie, wie sie heißt, und dann – na ja, dann jeht man eben mit ihr, verstehste?« Nein, da ging ich nicht mit. Da ging ich lieber zu meinem Vorgesetzten, dem Buchhalter Vater. »Herr Vater, werden Sie mich auslachen, wenn ich Sie frage?« – »Na?« – »Wie haben Sie sich seinerzeit eine angeschafft?« – »Eine was?« – »Nun, halt eine Liebste.« Ich hatte den alten Buchhalter nur gütig gekannt. Jetzt schlug er um. Zorn sprühte aus den Augen: »Pfui, Sie haben sich wohl auch zu jenem Pack geschlagen, das am Montag das Heiligste und Herrlichste mit gespienen Gesichtern quittiert . . .« Wie Feuerfunken sprühte die Rede des sonst so Schweigsamen. Mir wurde warm, behaglich warm. »Endlich bei dem Rechten«, dachte es in mir. Und ich ließ es um mich funkeln von Verachtung dessen, wie die Liebe nicht beschaffen sei . . . Von Stund' an fing ich an, mir eine Liebste anzuschaffen. Es ging nicht auf einmal. Alle guten Dinge wollen Stück um Stück errungen sein. Wer im ganzen kauft, kauft unbesehen. Der Dinge Herz und Niere aber werden offenbar, baut man Stein auf Stein. Mit Geologenaugen ging ich um im Lande meiner jungen Phantasie – auftaten sich die bloßen Schichten – und schleppte Stein um Stein . . . »Na wie heißt sie?« fragte Onkel Frank. – »Soundso . . .« 230 Mit dem Namen war es eine Woche gut. »Und was hat sie denn für Haare, he?« – »Die und die . . .« Und wieder nach einer Woche: »Du hast mir noch kein Wort von ihren Augen, ihrem Munde, ihren Ohren . . .« – »Soundso, und soundso, und soundso . . .« »Lieber Neffe, dein Onkel lebt nicht nur von ihren äußeren Formen, auch von jedem Worte, das durch den holdseligen Mund deiner Auserwählten geht.« – »Sie sagt das und das, und das und das . . .« Wieder geht ein Sonntag ins Land: »Alles schön und gut, mein Lieber, aber eine Wohnung hat doch jeder, selbst ein Engel.« – Ich stutzte: »Du wirst doch nicht –?« – »Natürlich werd' ich. Ich müßte meinem grauen Haar zum Trotz kein Mensch von Fleisch und Blut sein, stritt' ich nicht mit dir aufs Messer um der Erde herrlichstes Geschöpf.« »Nun, Onkel«, stotterte ich begütigend, »es wird andere Geschöpfe geben, die nicht minder lieb und schön und edel –« »Einen Augenblick, wir wollen mal addieren – wo hab' ich denn den Zettel – also: Haare, sonnengoldgewebt im Fluß von Märchenwellen –« »Du meinst, das gäb' es nicht?« wehrte ich mich trotzend, »schon Heine sagt es ähnlich und –« »– und Augensterne, lieblich glänzend –« »Bitte sehr: auch Goethe sagt in Wilhelm Meister –« »– einen Mund, den der Güte weicher Griffel sanft gezeichnet –« »Hast du nie bei Hölderlin gelesen, Onkel, daß seine Liebste ganz genau den gleichen Mund –?« »– Ohren, die ein Gott in schönheitstrunkener Stunde hat geformt –« »Als ob nicht Schillers Laura ebenso beschrieben, Onkel, und –« »Nun, die Charaktereigenschaften auf der anderen Zettelseite: Ohne Lug und Trug und voll Vertrauen –« »Du tust gerade so, als ob du nie von Bürgers Leonore –« »Ferner«, las er unbarmherzig weiter, »ferner: von einer siegreichen Heiterkeit des unwandelbaren Gemüts –« »Aber Onkel, weißt du nicht, daß schon Geibel –« 231 »Von durchdringendem Verstande, vor dem des Lebens Schleier eilig fallen. –« »Du wirst mir zugeben, Onkel, daß das gleiche Bild von Lenau –« »Geb' ich zu. Mehr noch: Ich gebe zu, daß du Glück hast, Riesenglück in deiner ersten Liebe. Andere Sterbliche müssen sich an einer jener Edeleigenschaften genügen lassen, die dir alle zugefallen sind bei deiner Liebsten – wo sagtest du noch, daß sie wohnt?« Da saß ich fest. Helf', was helfen mag. Hatt' ich Blut für meine Liebste aus den hundert Dingen, die ich liebte und verehrte, ausgesogen, kam's auf eine Wohnung nicht mehr an: Pettenkoferstraße 40 wohnt sie.« – »Zweiter Stock?« – »Nein im ersten selbstverständlich.« Nicht nur Mörder kehren an den Ort der Tat zurück. Am nächsten Tage suchte ich die Pettenkoferstraße ab. Nummer 34, 36, 38 – halt, 40 fehlte. 40 war leerer Bauplatz. Nein, nicht leer. Verrostete Gießkannen lagen umher und alte Schaufeln. In der Mitte war eine Sandgrube ausgehoben. Mutter Erde Schichten lagen bloß. Zitterten und flimmerten sie nicht im Abendlicht? Ueber Mutter Erde gehen viele Tritte, ohne daß sie's achtet. Nur wenn Liebe sie berührt, laufen ihr die Schauer über den Leib von Pol zu Pol. Und gab es etwas Liebeloseres als einen brachen Stadtbauplatz? Wer durfte mir verwehren, ihn mit meiner Liebe einzuhegen, zu bepflanzen. Auch mit verrosteten Gießkannen kann man gießen, auch mit alten Schaufeln Gold aus Schichten heben, das die Dichter dort hineingelegt. Mit beruhigtem Gewissen kehrte ich um. Aber einen Bogen schlug ich doch. Kam dort nicht Onkel Frank die Straße herauf, Hausnummern zählend . . . »Sag' mal«, warf er später ins Gespräch, »sie gibt doch was auf Kleider, wie?« – »Es geht.« – »Wie wär's mit einer blauen Schärpenschleife? Die zwanzig Mark, die du mir wiedergeben wolltest, könnten schöner nicht verwendet werden.« Er wählte selbst das Blau. Dann am nächsten Montag: »Bist doch gestern mit ihr ausgewesen?« – »Freilich, Onkel.« – »Wie stand ihr denn die Schärpe?« – »Herrlich, Onkel, herrlich.« 232 Immer dichter wurde das Gespinst. Noch konnte ich die Fäden meiner Liebe übersehen. Verlängert aber sah ich sie auf einen Punkt hinlaufen, einen kritischen. Kommen würde einst ein Tag, wo alles aufflog, alles. Mir wurde schwül. Lugbeladen ging ich durch den Tag. Da kam die Nacht. Milde nahm sie einen armen Sünder bei der Hand, hob mit der andern einen Vorhang: »Sieh!« Da stand meine Liebste. Und sie war um und um, wie ich sie beschrieben hatte. Auch zugelächelt hat sie mir, das Haar mir aus der Stirn gestrichen: »Ich hab' dich lieb. Wir müssen unsrer Liebe wert sein, willst du?« Ob ich wollte! Eifrig und glückselig ging mein Nicken über den Tag, die Woche, in den Monat und das Jahr. Was ich tat und ließ, ich tat's und ließ es ihr zulieb, nur ihr. »War das recht, Geliebte, sag'? und das und das?« umwarb ich sie des Nachts mit Fragen. Ich wußte voraus, wann sie nicken würde und war glücklich. Wußte voraus, wann sie traurig blicken würde und trug einen neuen Vorsatz in den nächsten Tag. Und eine neue Frage in die nächste Nacht: »Bist du jetzt zufrieden, Liebste?« Da, auf einmal lasen wir es in der Zeitung, Onkel Frank war über Nacht ein berühmter Mann geworden. Den Professorentitel hatte man ihm verliehen. Mutter ging zu ihm. Sie fand ihn krank. Ein altes, längst verschlepptes Leiden hatte ihn wieder gepackt. Er wollte keinen Arzt. Mutter ging persönlich zu unserm alten Hausarzt, um ihn zu unterrichten. Ich ging solange zu Onkel Frank. Warum war ich nicht früher bei ihm gewesen? Jetzt würde er mich der Lieblosigkeit und Feigheit anklagen. Ja, Feigheit – seinen Schmerzen hatte ich ausweichen wollen. Ich flog die vier Treppen zu seinem Atelier herauf, in dem dunklen Gang stieß ich auf einen Mann, der mich einen dummen Jungen schalt. An einen andern, der mich an der Schulter packte: »Der Herr Professor wird Sie nicht empfangen können, junger Mann.« – »Es ist mein Onkel, mein Onkel Frank«, sagte ich hastig. »So, Ihr Onkel«, sagte er und hielt mich am Rockknopf fest, »ist über Nacht berühmt geworden, Ihr Onkel – seit der Generaldirektor der Museen seine Bilder entdeckt hat und einen großen Artikel schrieb, haben sie es eilig, ihn zu ehren. Sie kommen reichlich spät, 233 die Ehren. Zu spät. Ihr Onkel, dieser Sonderling will keinen Doktor, aber wenn ich's recht taxiere: lange wird er's nicht mehr machen.« Ich starrte den dicken Mann an. Er zog seine Karte: »Emil Briesenhaus \amp; Co., Kunsthändler. Ich hab' ihn immer anerkannt, junger Mann. Jetzt raufen sie sich um seine Bilder – blödsinnige Preise – da Sie sein Neffe sind – wenn Sie im Bildernachlaß etwas für mich tun können, soll nicht Ihr Schaden sein, junger Herr.« Ich verstehe heute noch nicht, wie ich ganz erstarrt ihm zuhörte, trotzdem ich mich erinnerte, wie Onkel Frank von ihm gesprochen hatte, diesem mit allen Wassern gewaschenen Briesenhaus. Da ging die Tür auf, heraus kam die Wirtin vom Onkel, die Frau Meißner. Sie sagte, sie sei froh, daß ich da sei, sie müsse einen kurzen Ausgang machen, der Eile habe. Ich ging hinein. Erschauernd stand ich in dem kahlen Raum. Fast alle Bilder waren fort. Ein verfallenes Gesicht in den Kissen fing meinen Blick auf und lächelte mich an: »Ja ja, sie haben mich entdeckt. Unglaublich, vor dem Sterben noch! Sie heißen mich genial, na ja und so weiter. Wenn mich nicht alles täuscht, so wird eben ein Nachruf mit Raketen und Leuchtkugeln geschrieben –« »Du darfst nicht sterben, Onkel, hörst du«, schrie ich. »Grämt euch nicht, ich bin an der Reihe, kommt doch näher Kinder.« Verstohlen sah ich mich um: War da noch jemand? Sprach er im Fieber? »Onkel«, stotterte ich, »du irrst dich, ich bin allein.« »Keine Flausen, Junge«, lächelte er aus den Kissen, »setzt euch zu mir ans Bett, du und deine – deine Liebste – meinst du, ich könnte sie nicht sehen – he, oder soll ich sie beschreiben, frei nach Goethe, Schiller, Heine, Lenau und –« »Onkel«, fiel ich am Bettrand auf die Knie, »ich habe – habe dich belogen und –« »Dummer Bub, mich hast du nicht belogen und betrogen. Dich noch weniger. Ich beneide dich um deine Liebste. Wollte, meiner Jugend wäre sie auch beschieden gewesen, deine unsichtbare Liebste. Statt dessen war sie durchwimmelt von – von 234 – na ja, du wirst sie kennen vom Kontor her, jene Montagsgesichter mit den Ringen um die Augen. Schlechte Freunde haben sie vermittelt. Ich wollte dich bewahren. Ich sagte: Schaff' dir eine an, verstehst du: eine . Denn ich hatte viele, verstehst du: viele . Du bist ein Sonntagskind und hast ein Glück gehabt, wie es einer unter tausend hat in deiner Jugend. Du bist vorbeigeglitten an der gang und gäben Liebe – du wähltest dir die herrlichste der Liebsten in der Jugend, die unsichtbare – kommt, gebt mir die Hand – es tut einem alten Knaben gut, junge Hände anzufassen, die Ehrfurcht voreinander haben, die sich nicht verplempert haben – Kinder, wenn ich drüben bin, soll ich den alten Schiller von euch grüßen: Wenn es wirklich wahr sei, daß der schöne Wahn zerreiße mit dem Gürtel, mit dem Schleier – na ja, kurz und gut, es gäbe außerdem noch Schärpen für unsichtbare Jugendlieben, blaue Schärpen, die nicht rissen – du hast sie doch zu Hause, Junge?« »Ueber meinem Bette hängt sie, Onkel.« »Gut so, gut – wie wird deine Frau einst glücklich sein, wenn du ihr sagen kannst: »Und hier, mein Schatz, mein Hochzeitsangebinde. Eine reine Schärpe von der Unsichtbaren« – übrigens, ich habe sie gemalt, mein Junge – sie ist spät zu mir gekommen – hat mir einen späten Preis gebracht – ja ja, mein Junge, in der Zeitung stand es: Ein eigenartig berückendes Bildnis »Unsichtbare Liebste« eines bisher unbekannten Malers hat sich die Goldene Medaille geholt – so, Kinder, nun noch einmal eure Hand auf meine heiße Stirne – so nun geht ihr – hörst du, mein Junge, gehen sollt ihr – wie sagst du? nicht allein sterben lassen? na schön, so laß mir deine Liebste da – du kannst nun ruhig gehen – weißt ja selbst, wie gut man bei ihr aufgehoben ist, der unsichtbaren Liebsten – geh', mein Junge, geh' . . .« Seine Lippen bewegten sich weiter in undeutlichem Gemurmel. Ich rief nach der Wirtin und ging Mutter holen. Die ist dann zu Onkel Frank gegangen. Ich habe fast die ganze Nacht wach gelegen. Aber als ich gegen Morgen dennoch einschlief, stand sie wieder da, die Liebste, ernst und mild wie immer, die Wangen zart von kalter Luft gerötet: »Ich soll dich von ihm grüßen, er ist leicht gestorben . . .« 235   Gehilfe Auf einmal war die Lehrzeit um. Die Lehrzeituhr ist komisch. Erst sah ich nur den Stundenzeiger. Wie der kroch. Nie würde meine Lehrzeit enden, nie. Im zweiten Lehrjahr hielt ich's mit dem Zeiger der Minute. Bewegung sah man, man sah Zweck und Ziel. Im letzten Lehrjahr ritt ich auf dem Zeiger der Sekunde Galopp ins Land des freien Handlungsgehilfen. Halt, nicht so schnell! Wie, der Freispruch schon am nächsten Samstag? Ist ja richtig, daß Lehrlingssüße nicht auf Daunen gehen, aber einer weiteren Lehrlingsrunde wäre ich bei Gott nicht gram gewesen. Hatte in der letzten Zeit mehr als einen Lehrling ins Gehilfenland marschieren sehen. Habe nicht finden können, daß er eine Woche nach dem Freispruch wie ein großer Losgewinner ausgesehen hätte. Es sei denn, daß beginnende Philisterfalten und der erste zarte Bauchansatz als großes Los zu werten wären. Also Freispruch hin und Freispruch her, was kümmert mich – »Müller«, stand plötzlich der Prokurist an meinem Pulte, »nächsten Samstag sind Sie frei.« – »Ich weiß, Herr Mathis.« – »Wir wollen eine kleine Feier machen.« – »Feier? meinetwegen? bei den andern Lehrlingen ist doch auch nicht –« Er lächelte: »Sie sind ein ganz besonderer Lehrling, Müller«. Ich wurde rot. Alle meine Lehrlingsböcke schossen mir durchs Hirn – nein, ich hatte nichts voraus, es sei denn einen kleinen Ueberschuß an Böcken. Der Prokurist ließ mich lächelnd weiterzappeln. Endlich sagte er ernst: »Wir sind stark gewachsen. Damit wächst die Arbeitsleistung. Diese ist der Tod des Lehrlings. Wir nehmen keine neuen Lehrlinge mehr. Sie sind der letzte unsrer Firma. Darin sind Sie was Besonderes. Daher die Feier oder, wenn Sie wollen, das Begräbnis nächsten Samstag. Sind Sie mit dem Zollauszug schon fertig – ein bißchen eilig, wenn ich bitten darf, Herr Müller . . .« Der Zollauszug wäre fast mißglückt. Festgepränge drohte seine Zeilen zu zersprengen. Zwischen seine Zahlen schlangen sich Girlanden. Oder waren's Totenkränze? »Mutter«, sagte ich am Samstag morgen, »meinen 236 Sonntagsanzug bitte.« – »Hast dich einen Tag verzählt, mein Junge, heute ist –« – »Schlußtag meiner Lehre, Mutter. Ab Montag bin ich Gehilfe mit hundert Mark im Monat – denk' mal: hundert Mark bring' ich dir an jedem Ersten . . .« Sie sah mich groß an. Ich saß noch halb im Bett und wühlte mit den Armen Hundertmärkerrenommagen in die Kissen. Auf einmal sah ich runde Flecken auf die weiße Decke fallen, größer werden, größer – »Mutter, warum weinst du?« – »Weil du jetzt ein Mann bist und nicht mehr mein – mein –.« – »Da irrst du, Mutter, ich bleibe doch dein großer Junge – warum weinst du noch immer, Mutter?« – »Weil du heute ein studierter Mann sein könntest, wenn damals Onkel Adam nicht so knauserig . . .« Das Mitleid mit mir selber überfiel mich. Ja, ich hätte heute bunte Mütze und Bänder tragen können, morgen durch das Staatsexamen Doktor werden, übermorgen als ein Mann mit Würden durch die Straßen gehen können, wenn – ja wenn – »Onkel Adam ist ein Schuft!« sagte ich und schlug einen Riß ins Oberbett, daß es wirbelte von Federn. Schweigend holte Mutter Faden her und Nadel. Während sie den Federnausbruch flickte, wusch ich mein Gesicht mit Seife. »Wenn auch kein Schuft«, plusterte ich in Seifenblasen, »so doch wenigstens ein Geizhals!« Dabei schmiß ich eine Seifenschale in zwei Stücke. Schweigend holte Mutter den Porzellankitt. Während sie strich und aneinanderfügte, zog ich Hose an und Kragen. »Und wenn er auch kein Schuft und Geizhals ist«, riß ich an den Hosenträgern, »so ist er mindestens kein nobler Mensch – ich habe gesprochen!« Dabei riß der Gummiteil des Hosenträgers. Schweigend streifte Mutter ihr Strumpfband ab und half meinem Hosenträger wieder auf den Gummi. Das Mitleid mit mir selber schwand, die Selbsterkenntnis lohte: »Und ich, Mutter«, sagte ich, »ich bin ein Esel. Anstatt mich zu freuen, daß ich heute freigesprochen werde –« »Hast du nicht vergessen, dir den Hals zu waschen?« sagte Mutter sachlich und legte die Betten an die Morgensonne. 237 »Man kann nicht an alles denken«, brummte ich, »wenn man – wenn man –« »Junge, Junge, ob man hundert Mark im Monat kriegt oder seinen Doktor macht, der Hals muß doch gewaschen werden, darin sind wir alle gleich, nicht wahr?« Ich schruppte zornig aber folgsam den vergessenen Hals. Dabei wurde Mutter wieder weich: »Ja ja, studieren wenn du hättest können, Junge . . . Ja, hätte Onkel Frank das Geld Onkel Adams gehabt –« »Meinst du, Mutter, Onkel Frank hat nur gescherzt damit, daß ich ihn beerben –?« »Ach Gott, sein Nachlaß wird wohl kaum die Leichenkosten decken – hat ja nie ein Bild verkauft, so viel ich weiß.« »Da irrst du, Mutter, er selbst hat mir gesagt, sie hätten ihn am Ende doch entdeckt und ihm die Bilder aus der Hand gerissen.« Mutter staunte. Sie stand still und breitete die Schürze als müsse sie einen plötzlichen Wolkenbruch in Gold drin auffangen. »Junge«, sagte sie selig glänzend, »denk' mal, wenn du doch studieren könntest – du, mein lieber später Student . . .« Sie halste mich und küßte mich. Mit blankem Hals und zwiespältigen Gefühlen ging ich ins Geschäft. Alles war im Grund wie immer. Nur mir erschien es anders heute. Das Firmenschild am Tor erglänzte heller. Im Hof hatten angeschirrte Wagenpferde ein Schleifchen in der Mähne. Ich fühlte mich versucht, den Fuhrknecht auf die breite Schulter zu klopfen: »Na, wäre meinetwegen eigentlich nicht nötig gewesen.« Aber da fiel mir ein, das Schleifchen hatten diese Pferde, seit der Knecht auf Freiersfüßen ging. Aber daß im Treppenhaus die Tritte heute feierlicher klangen, fast wie in der Kirche, das war keine Täuschung. Auch daß das Gesicht der großen Wanduhr sonntäglich dreinsah, konnte jeder sehen, der Sinn für einen Lehrlingsfreispruch hatte. Ob die Papiere auf den Pulten gemessener raschelten als sonst, lasse ich dahingestellt. Aber daß der Morgengruß der anderen bedeutungsvoller klang, als seit drei Jahren, lass' ich mir nicht nehmen. Den alten Buchhalter Vater ausgenommen, der mich noch nie in meiner Lehrzeit so gleichgültig, 238 ja, fast mürrisch angesehen hatte. Das tat mir fast weh. Stand doch meiner Lehrzeit größter Teil gerade unter seinen Fittichen. Aber da war keine Zeit zu spintisieren. Der Pendelschlag der Tagesarbeit setzte eines Lehrlings wegen nicht aus. Gar an einem Samstag, wo die Botenfuhren drängten und die Wochenreste aufgearbeitet werden mußten. Der Schritt der Arbeit riß mich mit im Fluge. Auf einmal war es zehn vor eins. Ich erschrak. Die Uhr mit mir: Sie hatten es vergessen. In zehn Minuten schloß die Woche. Klanglos sank ein Lehrlingsabschied in Vergessenheit. Es war bitter. Drei Jahre sind drei Jahre. Millionen Schläge meines Herzens hatten drin gezittert, im Takt und außer Takt, aber immer pflichtgemäß. Ich verlangte nichts Besonderes. Ein gutes Wort nur, keinen Trommelwirbel, keinen Trompetenstoß. Wort, Stoß und Wirbel blieben aus, so begann das zugeschnürte Lehrlingsherz selbst zu trommeln, tief vergrub ich meinen Kummer in den Büchern, da fuhr ich auf – Das Wort erklang, das gute Wort. Unversehens, auf geheimen Wink hatten sie sich um mein Pult geschart. Des Prokuristen Stimme hob und senkte sich schon eine ganze Weile, ehe ich begann den Sinn zu fassen. Nur Blöcke davon stehen heute noch in meinem Kopf, Findlinge der heißen Lehrzeit, nicht der Eiszeit: ». . . die Lehrzeit des Kaufmanns Verlobungszeit, also seine schönste . . . selten löst die Ehe die Verlobungswechsel ein . . . häufig wird die Kaufmannsehe knöchern, ärmlich und verbissen . . . meine eigne Lehrzeit längst versunken . . . aber wenn's mich kalt anweht im harten Kampf der Konkurrenzgewalten, wenn ich müde werde, wenn die herbe Frage aus den Büchern ihr Gorgonenhaupt erhebt: »Wozu, wozu das alles?« flüchte ich mich in die sonnigen Bezirke der vergangenen Lehrzeit, neue Kraft daraus zu saugen . . . machen Sie es auch so, junger Mann . . . Sie sind nicht der erste, der's vermag, jedoch in unserm Haus der letzte . . . wissen Sie, was das heißt: der Großbetrieb stampft auf den alten kleingeteilten Fluren und verwalzt so manche Blüte . . . die schönste ist die Lehrzeit . . . was kommen wird, wenn ein paar Riesentruste der Erde Handlungshäuser aufgesogen haben werden, weiß kein Mensch 239 . . . vielleicht schießt eine neue Welt mit neuen Blumen aus zerwalzten Reichen . . . hoffen wir's . . . vielleicht erleben's unsre jungen Pioniere noch . . . dann werden Sie, der noch die alte Lehrlingswelt erlebt hat als der letzten einer, begnadet sein, eine Brücke zwischen zwei grünenden Ufern über den grauen Geröllstrom hastenden Erwerbs zu schlagen . . . werden den Künftigen erzählen können, wie es war und wie's geworden ist . . .« »Ja«, bestätigte mit einem Schlag die alte Kontoruhr. »Ein Uhr«, sagte der Prokurist, »vorbei die Lehre, die Gehilfenzeit beginnt. Hier ist Ihr Lehrzeugnis. Da der Vertragsentwurf für einen Buchhalterposten, wenn Sie übern ersten Probemonat bleiben wollen . . . nein, noch kein Ja . . . reiflich überlegen . . . auch den Kaufmann bindet kein Vertrag, es wäre denn darin der Herzschlag von Treu und Glauben spürbar . . . Ihre Hand, Herr Müller: Ich begrüße Sie als freien Mitarbeiter meiner Firma!« Zaghaft schlug ich in die dargebotene Rechte. Alle drückten mir die Hand: »Viel Glück auch, Herr Kollege!« Buchhalter Vater war der letzte. Wieder zwang er sich zur Brummigkeit. Es gelang ihm nicht. Es hing feucht in seinen Wimpern. Mit beiden Händen nahm er plötzlich meine Jungenhand: »Bleiben Sie ein ordentlicher Kerl, Donnerwetter . . .« »Auch Herr Kramer will Sie sprechen.« Ich stand im Allerheiligsten des Prinzipals. Ein durchfurchtes Arbeitsantlitz sah mich an, lang und gütig. Er war nie ein Freund von vielen Worten. Seine Blicke sagten mehr. Goldsichre Wechselunterschriften waren seine Blicke. Er sah in der Salärliste nach und griff rechts in eine Geldkassette: »Herr Buchhalter Müller«, sagte er ruhig, »Ihr erstes Monatsgehalt zum voraus fällig, darf ich bitten.« Hundert Mark in fünf Goldstücken lagen auf dem grünen Tisch. Sie glitzerten und gleißten. Sie haben viele Jahre überglitzert. Noch heute, wenn ich abends vor dem Einschlafen die Augen kurze Zeit zusammenpresse, glitzert es manchmal stolz herüber, das erste Gehalt . . . Auf einmal hielt ich auch Frau Kramers Hand in meiner. Ein aufgeschlagenes Geschenkalbum glitt mir in die Hände. Ich las in ihrer Handschrift: 240 Wohl, es rechne der Kaufmann Und mehre die Fülle der Habe, Die ihm der freundliche Gott Beut mit dem Flügel am Fuß. Doch nimmer ins Herz ihm Krieche die Zahl und der Zinsfuß! Mittel sei ihm das Geld, Dienend dem besseren Zweck, Sonst, fürwahr, ergibt das Konto Des Lebens ein Manko, Und bei dem ganzen Geschäft Deckt er die Spesen sich kaum. Als ich, trunken wie vom jungen Weine, heimkam, stand Mutter unter der Türe. In der Hand ein langes Amtspapier. Ich las von hinten: »Testamentsabschrift des verstorbenen Kunstmalers Frank . . .« »Junge!« rief Mutter und schwang das Papier, »Junge, jetzt kannst du studieren – denke doch: studieren!« Da sagte ich – ja, was sagte ich da wohl, ihr jungen Freunde vom Kontorstuhl . . .?