Wilhelm Fischer. Frühlingsleid.     Leipzig Georg Heinrich Meyer 1898.   I. Er war noch ein kleiner Knabe und hieß Thiebald. Seine Mutter aber nannte ihn Balder. Einst im Frühling entdeckte er in dem Stachelbeergebüsch des Gärtchens hinter dem Hause ein Nest. Es war gegen Abend, als er diesen Fund machte. Das Herz schlug ihm vernehmbar vor Freude und Bewunderung; denn es war ein schöner Anblick, wie sich vier Köpfchen ihm entgegenreckten und gleich wieder enttäuscht zurückzogen, weil sie Mutter und Vater und nicht ihn erwartet hatten. Da kamen diese geflogen, brachten jedes etwas im Schnabel und atzten ihre Jungen damit. Das sah er alles. Er legte sich ausgestreckt ins Gras auf den Bauch, stützte 80 sich auf beide Arme, um alles genau zu beobachten. Die Alten sahen ihn wohl ein bißchen verwundert an, doch scheuten sie sich nicht im mindesten vor ihm, weil er ein so gutes Gesicht hatte, und seine Äuglein wie zwei blaue Sterne glänzten. Dann als das Abendessen der Kleinen beendigt war, schlüpfte die Mutter ins Nest, deckte sie mit ihren Fittichen, aber nicht so gänzlich, daß nicht eines oder das andere noch sein Köpfchen hervorreckte und Balder neugierig musterte. Aber der Vater war auf einen nahen Ast geflogen und sang noch eine Abendweise. Balder vergaß alles in der Welt und dünkte sich wie in ein wunderbares Land versetzt, wo die Tiere sprechen konnten. Denn der Grünling auf dem Aste sang vernehmlich: Balder, Balder, die Welt ist schön, freu' dich mit mir! Und die Jungen zwitscherten schon halb im Schlaf: ja, so ist's! Da fielen auch Balder die Augen zu und er schlief ein im Grase vor dem Stachelbeergebüsch, weil die Sterne, einer nach dem andern, langsam heraufzogen. Auch ein Traum kam mit, an den 81 erinnerte er sich noch später, und in dem Traume ging es also zu: Er hatte Flügel und flog mit vielen andern Grünlingen, Zeisigen und Finken in die Luft. Er aber war größer als sie alle und flog immer höher hinauf, bis er allein war. Das gab dann ein prächtiges Wiegen in der blauen Himmelsluft, und tief unter ihm lag die Stadt. Er sah erstaunt hinab, weil es von allen Seiten hell war mit goldenem Licht wie an einem Freudentage. Die Häuser waren klein geworden wie Kinderspielzeug, und feine Nadeln ragten als Türme daraus empor, aber ein goldener Schimmer ging von ihren Spitzen aus und fiel auf die Dächer. Die waren in allen Farben zu sehen, doch meistens rot, braun und violett und so, daß die eine Farbe immer weg huschte, wenn die andere kam, und dann doch auf dem Platze blieb. Das gab plötzlich der ganzen Stadt ein Antlitz, das belebt war, und auch die Glieder reckten sich wohlig im Grünen, bis sie die Hügel erreichten, die sich weich wie grüner Sammt um sie schmiegten. Aber sie trug auch ein Kleid, mit Grün und Blumen überstickt, das waren die 82 Gärten und Wäldchen in ihr, und ein silbernes Band schnitt durch das Kleid, das war der Strom: die Mur; und ein Krönlein saß auf dem Haupte der Stadt überaus wundersam geformt, das war ein Berg mit Gemäuer; der Schloßberg, und die großen blauen Berge in der Ferne sahen gar nicht verächtlich, sondern gütig auf dieses Krönlein hinab. Balder wiegte sich wohlig auf seinen Flügeln, und das Herz ward ihm leicht wie nie zuvor. Er sah gar nicht in die Ferne, obgleich auch sie leuchtend schön war mit Hügeln, Wäldern und Bergmauern, sondern nur auf die Stadt hinab, die ihm vertraut war und so seltsam herrlich tief unten lag. Da zwitscherte es plötzlich neben ihm: ich bin auch da, Balder! Erstaunt sah er ein Mägdlein bei sich, das hatte Flügel wie eine Amsel, und die Stimme, mit der sie dies sagte, klang eben so süß wie Amselton. Ihr Gesichtchen war schmal und lieblich und leuchtende braune Äuglein lachten ihn daraus an, während die roten Lippen ihres Schnäbelchens sich stolz kräuselten. »Was machst du da?« fragte das zierliche Wesen. 83 »Ich sehe mir die Welt an, Rene,« antwortete er. »Da wirst du was rechtes sehen! Du hast ja die Augen geschlossen und träumst, Balder!« sagte sie schnippisch. »Ich?« erwiderte er erstaunt und riß die Augen weit auf. »Das sind ja meine Flügel, die ich immer gehabt habe, wie sollte ich denn träumen! Du willst immer recht haben, Rene.« »Hab' ich auch,« sagte sie und flog spöttisch um ihn herum, so daß er die Stadt vergaß und dachte: das ist auch etwas zum Ansehen, obgleich ich ihr nicht immer gut sein kann, denn sie hat oft an einem etwas auszusetzen. Aber jetzt sind wir beide hier ganz allein, und wir müssen uns vertragen. Da flog sie über ihm, er blickte empor und sah, daß viele goldene Sterne im dunklen Himmelsblau leuchteten, sich bewegten und zu seltsamen Gestalten sich verschlangen. Er sah eine Weile verwundert dem Sternenreigen zu, dann sagte er zu dem lustigen Vöglein, das über ihm kreiste: »Komm, laß uns in den Himmel fliegen, dort ist's noch viel schöner als hier, und 84 wir können mit den Sternen tanzen. Vielleicht nehmen sie uns auf.« »Danke schön,« erwiderte sie. »Ich tanze lieber auf der Erde. Komm mit, wenn du willst.« Sprach's und flog jählings hinab. Er aber war unschlüssig, ob er ihr folgen sollte oder nicht, und da war sie entschwunden. Dafür klang ihm plötzlich ein Getön von vielen Vogelstimmen ins Ohr, und nmrauschte ihn ein Geschwirre von vielen Flügeln, überall sah er aufgesperrte Schnäbel, die ihn anfauchten, und es war ihm Angst dabei. Immer lauter wurden die Stimmen, er fühlte schon die Schnäbelhiebe einer Eule: da erwachte er plötzlich. Die treue Magd des Hauses, Ploni, stand vor ihm und hatte ihn aus dem Schlafe gerüttelt. Die Mutter sei nach Hause gekommen und habe ihn überall gesucht, sich um ihn geängstigt, und sie, Ploni, habe ihn nun glücklich gefunden. Schlaftrunken stand er auf seinen Beinen und konnte kaum etwas erwidern. Wäre er doch nicht schon zu schwer gewesen, so hätte ihn Ploni auf 85 ihren Armen ins Haus getragen. So aber führte sie ihn und geleitete ihn sorglich in das erhellte Gemach, wo ihn die Mutter mit gelindem Vorwurfe freudig empfing. Er wurde zu Bette gebracht und schlief die ganze Nacht hindurch einen traumlosen Schlaf. II. Der andere Tag war ein lichter Sonntagsmorgen, und der Vater der Nestvögelein sang vor seinem Fenster gar hell und wohlgemut, so daß er davon erwachte. Er stand auf, kleidete sich an, bekam seine Frühstücksmilch und saß bald über einem weißen Blatte Papier, worauf er zur Kurzweil allerlei Gestalten zeichnete. Das konnte er überraschend gut, obgleich er es von niemand gelernt hatte; es sei denn, daß er seiner Mutter manches abgeguckt, die sich damit in ihren freien Stunden beschäftigte. Sonst gab sie Unterricht in fremden Sprachen, wie im Englischen und Französischen und führte damit ihr Hauswesen. 86 Früher war sie nicht darauf angewiesen, als ihr Mann noch zugegen war, und konnte sich wie andere freie Frauen gebahren; aber nun mußte sie dem Erwerbe emsig nachgehen. Das that sie auch mit gutem Willen, wenn auch oft mit geheimer Traurigkeit, und dies weniger der auferlegten Arbeit wegen, als aus Sehnsucht nach dem abwesenden Manne. Balder zeichnete allerlei liebliche Gestalten, die trugen aber alle ein Antlitz, das eines Mägdleins, und es dünkte ihm selber wunderlich, daß dem so wäre. Deshalb verbarg er auch rasch das Papier, als ein überaus zierliches Kind hereintrat. Sie war in sonntäglicher Tracht und trug ihr weißes Kleidchen so, als wüßte sie darum, daß es ihr gut stehe. Sie war die einzige Tochter des stattlichen Hauses gegenüber, das dem reichen Kaufmanne gehörte, der Enzenbrunner hieß. Nun war sie in besonderer Angelegenheit herüber gekommen. Sie mußte an diesem Sonntage ihren Onkel besuchen, um ihm einen Blumenstrauß mit Glückwunsch zu überreichen, denn es war sein Namenstag. Sie mochte aber mit niemanden 87 lieber gehen als mit der Magd Ploni, die bei Balders Mutter diente, obgleich im eigenen Hause Mägde genug waren und auch ein Diener in langem, blauem Rock mit Metallknöpfen. Aber sie war in die Ploni verliebt, weil diese einen eigenen Klang in der Stimme hatte, der ihr gefiel, und noch dazu ein paar herzensgute Augen. Wie oft hatte sie die Mama gebeten, sie solle Ploni in ihren Dienst nehmen; aber diese mochte nicht Balders Mutter verlassen, auch nicht um höhern Lohn, weil sie der duldenden Frau anhänglich war. Jene, sagte sie bei sich, die Enzenbrunner haben das viele Geld, was den Menschen gefällt, aber meine Frau hat nichts anderes als was Gott gefällt. Ich bleibe bei ihr. Doch hatte sie das Mägdlein Rene auch liebgewonnen und that ihr alles zu Willen, was sie nur konnte. Deshalb war sie auch gerne bereit, mit ihr zu gehen, nachdem sie sich die Erlaubnis der Frau ausgebeten hatte. Weil aber diese den Vormittag aus dem Hause ging ihrem Berufe nach und Balder nicht allein bleiben sollte, nahm sie auch ihn mit, was dem Mägdlein recht war. 88 So gingen sie alle drei zufrieden in sonntäglicher Tracht ihres Weges, um den Oheim aufzusuchen. Dieser war ein reicher Hagestolz, der sich bereits von allen Geschäften zurückgezogen hatte, da er sich ältlich anließ, und hieß Herr Maypeter. Renes Eltern hatten, wie dies gemeiniglich geschieht, große Achtung vor ihm und dem Gelde, das er ihnen einst hinterlassen sollte. Er wohnte in einem sehr alten Hause, dessen unteres Geschoß das feste und dunkle Gewölbe eines ehemaligen Stadtthores bildete. Darin befanden sich viele dämmerige Gänge und Winkel und Balder fürchtete sich beinahe, als sie die schmale finstere Treppe hinan stiegen. Rene aber war nicht das erste Mal da und ging wohlgemut voran. Es fand sich aber, daß die großen Stuben der Wohnung, durch welche sie schritten, alle behaglich eingerichtet waren, wie es einem wohlhabenden Manne geziemte. Auch ließen die Fenster unbehindert einen guten Teil des Tageslichtes ein. Alte gebauchte Kästen mit vielen Lädchen, hohe dunkle Schränke und schöne Truhen füllten mit anderm Hausgeräte die Wohnung warm 89 und wohlig aus. Den Boden deckten weiche farbige Teppiche, die mit den vielen alten Bildern an den Wänden freundlich zusammen stimmten. Auch der Oheim war ein ältlicher Herr, vor dem Balder schier erschrak, als er ihn erblickte. Dies geschah deshalb, weil ein großer ausgestopfter Uhu auf einem Schranke stand und es ihm schien, daß Herrn Maypeters Gesicht viel Ähnlichkeit mit diesem Vogel hatte. Dazu kam noch etwas, was der Uhu nicht besaß, wohl aber der Oheim: nämlich die Brauen waren ihm in einem Strich über der scharfen Nase zusammen gewachsen, so daß die großen runden Augen noch größer erschienen, als sie waren. Sonst stand er auf kurzen Beinen mit gedrungenem Leibe und trug einen langen grünen Rock mit hohem umgestülptem Kragen. Rene überreichte ihm ihren Blumenstrauß und wünschte ihm zu seinem Namenstage Glück, Gesundheit und langes Leben. Das that sie unbefangen und lächelnd wie in gewohnter Weise einem alten Onkel gegenüber, dessen Gesicht auch freundlicher ward, als er ihr für den Wunsch 90 dankte. Dann rief er der Wirtschafterin und ließ den Kindern Gebäck vorsetzen und dazu jedem ein feines Gläschen stellen, das die Größe eines Fingerhutes hatte, aber mit gutem, süßem Weine gefüllt war, und kümmerte sich nicht weiter um sie. Da auch Ploni sich entfernen mußte, um einer Besorgung willen, die sie für das Haus machen mußte, so saßen die Kinder an einem runden Tischchen über ihrem Gebäcke allein und ließen es sich schmecken. Dazu nippten sie auch fleißig von dem köstlichen Weine. Baldern wurde es dabei wieder ganz behaglich zu Mute, zumal Rene immer scherzte und plauderte, als wäre sie daheim. Nur blickte er verstohlen nach dem Zimmer, in das sich Herr Maypeter inzwischen entfernt hatte. Er meinte, jetzt müsse etwas wundersames kommen, etwas was er noch nicht gesehen hatte. In der Stube tickte eine große Wanduhr, die aber nur ihr würdevolles Antlitz zeigte; denn alles andere war in einem langen schmalen Kasten verborgen, der schier wie ein menschlicher Leib geschnitzt war. Auch traten andere Geräte mit bestimmten Gesichtszügen aus 91 den dunklen Winkeln des Gemaches hervor, die er vorhin nicht bemerkt hatte: es waren dies große Vasen aus fernen Ländern, die ihre Köpfe auf kurzem Hals über dicken Bäuchen erhoben. Dann zog etwas wie ein feines Singen und Klingen durch die Stube, und wenn er genau hinhorchte, schwand es vor ihm wie in die weite Luft zurück. Und Rene dünkte ihm immer lieblicher zu sein, so oft er sie anblickte; das machte die dunkle Umgebung, aus der sie alles Licht mit ihrem weißen Kleidchen an sich gezogen hatte. Aber das Klingen hub wieder an. Da blickte er erstaunt, wie die dunkel getäfelte Wand zurückwich, als ob sich dort eine verborgene Thüre geöffnet hätte, und er sah weit hinaus wie in einen Garten, der mit Licht und Blumen erfüllt war und den kleine Vögel durchschwebten, deren Gefieder golden und bläulich erschimmerte. Es war ihm, als hätte er geträumt, denn im nächsten Augenblicke stand wieder das dunkle Getäfel wie vorher, und Licht und Blumen, und die fremd gefiederten Geschöpfe waren verschwunden. Er teilte Renen seine Verwunderung mit, doch diese 92 fand nichts besonderes daran: ihr Oheim hätte eine große Stube, wo er Blumen und Vögel hielt, die von weit her gekommen waren und die er niemandem zeigte; sie selber war nur einmal zufällig hinein gekommen. Aber nun wollte sie nach ihm schauen, der in das Nebenzimmer gegangen war. Sie erhob sich von dem Tischlein, an dem sie saßen, und huschte in das anstoßende Gemach, kam aber bald wieder zurück und berichtete, der Oheim lese in einem schweren Buche, das vorne ein goldenes Schloß trage, und da dürfe man ihn nicht stören. Sie schlug Baldern vor, das Haus ein wenig zu besichtigen; allein habe sie sich bisher nicht getraut, es zu thun, da es so viel dunkle Gänge gebe, aber mit Balder werde sie es schon wagen. Dieser war dazu bereit, und sie gingen leise aus dem Gemach. Sie kamen in der That in dunkle Gänge und Winkel, die hoch gewölbt waren, so daß selbst die leichten Kinderschritte seltsam wiederhallten. Hier und da fiel das Tageslicht durch ein Fensterchen dämmerig herein, so daß sie sich in 93 das Gesicht sehen konnten. Und das war ihnen genug; denn sie sahen, daß sie beide guten Mutes waren. Aber als sie so dahin gingen und leise mit einander sprachen, was wohl jetzt kommen werde, da hielten sie plötzlich betroffen den Schritt an. Ein weites dunkles Gewölbe umgab sie, in welchem noch aus der Ferne sonderbare Gestalten auftauchten: große Männer, die aus der Dämmerung ragten und etwas wie ein Schwert in der Hand hielten. Da fürchtete sich Rene und wollte rasch umkehren, aber Balder zeigte sich jetzt als der Mutigere und sagte: »Komm nur! Sie thun uns nichts, sie sind ja von Stein«; und Rene atmete erleichtert auf. Als sie nahe kamen, waren es wirklich alte Steingestalten, die dort friedlich standen und das Schwert schon seit undenklichen Zeiten genau so in Händen hielten wie jetzt. Auch fehlte dem einen die Nase, der andere hatte gar, als sie näher zusahen, den Kopf verloren und wußte sich nicht zu helfen. Auch befanden sich andere seltsame Steine dort mit Buchstaben, die ihnen fremd waren, obgleich sie beide schon gut lesen konnten, und es ward ihnen schier 94 unheimlich zu Mute in dieser unbekannten Gegend. Rene wollte wieder umkehren, und Balder wollte es nun auch um ihretwillen. Aber sie fanden den Ausgang nicht und kamen nur in ein anderes Gewölbe, das noch dunkler war als das vorige, und Rene ward immer ängstlicher, so daß ihr schon das Weinen nahe kam, was Balder an ihrer Stimme merkte, als sie seufzte: »O was wird meine Mama sagen, wenn ich nicht heim komme!« Sie schmiegte sich dabei enger an ihn, und er umschlang sie beschützend und tröstete sie: »Fürchte dich nicht, Rene, wir kommen schon hinaus.« Er sah nämlich einen Lichtschein durch eine Ritze blinken und leitete sie dahin. Er bemerkte, daß es die Fuge einer Thüre sei, deren Klinke er nach einigem Suchen fand. Er drückte darauf mit aller Kraft; es war eine schwere Arbeit; aber endlich gab die Thüre nach und öffnete sich. Licht, so viel Licht strömte plötzlich in ihre Augen, daß sie sie schließen mußten und gar nichts sahen. Aber als sie sie wieder aufmachen konnten, da lag etwas Wunderbares vor ihnen. 95 Ein Garten mit lichtem Scheine that sich vor ihnen auf, der war so von Blumen durchblüht und von Bäumen durchlaubt, daß der Kinder Herzen vor Freude erpochten. Sie traten hinein und gingen Hand in Hand dahin. Immer weiter erstreckte sich der Garten und enthüllte seine Lieblichkeit immer reicher vor ihren Augen. Jeder blühende Strauch stand wie ein kleiner Fürst in seinem Gebiete, abgesondert von den übrigen und ließ sich's wohlig sein im klaren Sonnenscheine. Aber alle waren friedliche wohlhabende Nachbarn, die sich gegenseitig köstliche Farbe und würzigen Duft liehen, und wieder wie Bruder und Schwester aus einem Hause prangten in Feierkleidern, um einen Festtag zu begehen: den ihrer Mutter Sonne, die strahlte milde auf sie herab aus blauer Höhe. Die Kinder fühlten im Herzen eine goldene Sonnenstimmung aufleuchten, daß ihre Blicke davon erglänzten, und sie sahen sich eins das andere überrascht und freudig an. Der ganze Garten schien ihnen in einen goldenen Festmantel gehüllt zu sein, der nicht zu greifen und nicht zu fassen war, und ein Zipfel davon 96 umhüllte auch sie selbst, daß sie sich eng aneinander schmiegten unter seiner wohligen Berührung, und sie dünkten sich selber mit dem schönsten Festkleide geschmückt zu gehen. Sie kamen an ein großes mit Stein eingefaßtes Becken, dessen Wasser reichlich mit breiten Blättern bedeckt war, die wie grüne Teller auf der glitzernden Fläche schwammen und weiße Blüten zur Augenweide darboten. Blaue Schmetterlinge nippten von dieser Speise und andere wundersame Geschöpfe mit durchsichtig schillernden Flügeln umschwebten die weißen Kelche, die auf den grünen Tellern standen. Die Sonne strahlte überall darauf ihre Funken, die auftauchten, verschwanden und wiederkamen, wie ein Reigentanz goldener Elfen. Dann meinten die Kinder wieder, es seien doch nur die goldenen und silbernen Fischlein im grünen Wassersaal, die mit solchem Tanz den Festtag feierten. Sie standen lange davor, aber da war drüben im Garten ein ganzes Wäldchen, das sie auch zu sich rief mit leise wehenden Wipfeln in seinen grünen Schatten. Sie folgten dem Rufe und 97 traten andächtig hinein, weil sie glaubten, daß sich Frau Sonne aus all den schönsten Bäumen eine Kirche gebaut habe, um darin ihren Festtag zu begehen. Da gab es auch hellen freudigen Gesang in Fülle, und die Vöglein, die ihn anstimmten, saßen unsichtbar im Laube oder schwebten nur auf Augenblicke sichtbar durch das Gezweige dahin, das sich als grüne mit Goldtropfen betupfte Decke über ihnen wölbte. Gänge führten nach vielen Seiten dahin, und am Ende jedes Ganges blitzte wie ein Altarbild die ganze Sonnenherrlichkeit auf. Das merkwürdigste war aber ein großmächtiger Glasschrein, wie ein Reliquienkasten, der statt toter Gebeine herrliche Palmen barg und fremdartig schimmernde Blumen, die wie Schmetterlinge in köstlichen Sammetfarben durch die Luft zu schweben schienen. Vor dem Schreine hielt ein Baum Wacht wie ein Riese, der stand unter einem Baldachin, den zwölf Säulen trugen, und alle die Säulen waren die Kinder des einen Riesen. Es war rings umher stille; nur klang es wie entferntes Läuten durch die Halle: dem lauschten auch die 98 Vögelein, und darum war es stille. Auch ein hoher, wie den Kindern dünkte, hundertarmiger Leuchter ragte vor ihnen, der aus dem Grunde schmaler langer Blätter empor gewachsen war und gar herrlich leuchtete mit seinen goldgelben Blütenflammen. Nun schien es, daß auch die Vögelein dieses wundersame Gebilde neugierig betrachteten, als wäre es ihnen etwas Fremdes, und da bemerkte Balder, daß es Finken, Zeisige, Meisen und andere bekannte Vögel wären, die das Hälslein reckten und neugierige Äuglein machten. Vorhin aber, als er aus dem Gemache, wo sie an dem Tische saßen, einen Blick in Herrn Maypeters Garten gethan hatte, waren sie mit blau schillerndem, grünem und goldenem Gefieder dahin geschwebt. Er sagte nun zu Rene: »Sieh, in deines Onkels Garten giebt es auch gewöhnliche Finken und Zeisige, und sie thun so, als wenn sie hier daheim wären.« Rene hörte erstaunt zu und erwiderte: »Onkels Garten ist in einem großen Zimmer, und dies hier ist ein wirklicher Garten.« 99 »Wie?« fragte Balder, »gehört dieser nicht deinem Onkel?« »Wie magst du nur so fragen, Balder? Diesen Garten hat ein Prinz bauen lassen und nicht mein Onkel.« »Ein Prinz?« wiederholte Balder erstaunt, »das habe ich nicht gewußt. Ah, er hat ihn für sich bauen lassen, weil er Prinz ist, das mag sein.« »Nicht für sich,« sagte Rene. »Für wen denn sonst?« »Da, kannst du lesen?« Sie deutete auf ein Täfelchen, das sich nahe den Blättern des hohen Leuchters auf einem Stabe befand. »Kannst du lesen? Ja? Nun lies, was steht dort?« Balder las: » Agave americana. « »Nun siehst du, einen solchen Namen kannst du überall auf den Täfelchen geschrieben finden. Denn das ist ein Garten, wo die großen Studenten hereinkommen, um zu lernen, wie alle die Blumen und Bäume heißen.« Sie blickte Balder überlegen an, der sich schämte, so wenig davon gewußt zu haben. Aber er 100 faßte sich rasch und sagte: »Ich weiß, was das heißt americana .« »Woher weißt du es?« fragte Rene mißtrauisch. »Es ist ein großes Land, weit über dem Meere, heißt Amerika, und mein Vater lebt darin.« Nun fragte Rene erstaunt: »Wie ist er dahin gekommen?« »In einem Schiffe, Rene. Ich hab' es von meiner Mutter gehört.« »Und was thut er dort?« »Er zeigt es andern Leuten, wie sie in einem Berge in die Tiefe graben müssen, um vieles zu gewinnen, was man um Geld verkaufen kann.« »Gold?« fragte Rene. »Das wächst im Berge, das weiß ich.« »Vielleicht auch das, aber gewiß Eisen und noch andere Dinge, deren Namen ich vergessen habe. Wenn er wiederkommt, sind wir alle reich, und meine Mutter braucht nicht mehr Stunden zu geben, wie sie es jetzt thut.« 101 »Was ist denn dein Vater, daß er so weit weg gräbt?« »Ja, Rene, willst du es wissen: er ist Ingenieur.« Sie wiederholte das Wort, das ihr nicht recht geläufig war, und fragte dann: »Kann er nicht hier graben?« »Hier war er beim Militär, Rene, wo es viele giebt, die Ingenieure sind. Aber einer war noch mehr Ingenieur als er, mit goldenem Kragen, und der hat meinen Vater beleidigt. Deshalb ist er weg und bis Amerika gefahren und will nicht eher wiederkommen, bis er genug reich ist, um sein eigener Herr zu sein. Bis dahin ist es aber noch lange, und meine Mutter ist oft traurig, weil es so ist.« »Das glaube ich,« sagte Rene. Inzwischen ließ sich Plonis Stimme vernehmen, die nach den Kindern suchte und sich schon Sorgen machte, weil sie ihr abhanden gekommen waren. Auf ihre Frage, wie sie da herein gekommen, antwortete Rene: »Durch eine Thüre aus des Onkels Hause, wo es ganz finster 102 war;« und Ploni verwunderte sich, da sie keine solche Thüre kannte. Aber nun mahnte sie die Kinder zur Heimkehr, und sie kamen durch ein Gitterthor, das sich leicht öffnen ließ, auf die Straße, wo Häuser standen und Menschen gingen. Es war den Kindern, als wenn sie wieder in eine bekannte Welt gekommen wären. Sie befanden sich vor dem alten Hause, wo Onkel Maypeter im obern Stockwerk wohnte, und unten gähnte das einstige Stadtthor wie ein dunkler Rachen. Da zog ein fremdartiges Klingen durch die Luft, es kam wie aus weiter Ferne und ward doch hell und süß vernommen. Sie blickten auf und sahen den Onkel oben am offenen Fenster stehen, der in ein schön gewundenes Muschelhorn blies, das seltsam im Sonnenlichte schillerte. Und Rene sagte: »Horch, der Onkel ruft, ich muß mich bei ihm empfehlen. Wartet ein bißchen, ich komme gleich wieder,« und lief hinein. Sie warteten. Vor dem Hause erstreckte sich noch die alte Stadtmauer mit vorspringenden Ecken und einer 103 Bastei, auf der Baumwipfel wehten aus einem hübschen Gärtchen, das oben in fruchtbares Erdreich gepflanzt war. Weiter hinaus blitzte die Mur, die die Stadtmauer bespülte im Sonnenlichte, und noch weiter über den jenseitigen Häusern blickten schön gerandete Waldberge herein und schlossen den Sehkreis ab. Ein blauer Vogel schwebte von dort heran, den Balder mit Erstaunen bemerkte, denn er war größer als alle, die er kannte, und wie er daher flog, schimmerten seine Federn wundersam. Es war ein blauer Sittich. Er ließ sich herab und flatterte zierlich und freudig durch das offene Fenster zu Onkel Maypeter hinein. Inzwischen war Rene wieder gekommen und lachte: »Wenn du wüßtest, Ploni, was der Onkel zu mir gesagt hat!« »Was?« »Ich will's dir sagen, Ploni, aber nur dir allein. Du darfst es aber niemandem weiter sagen.« »Nein, niemandem.« Ploni neigte ihr Ohr zu dem Kinde herab, 104 und es flüsterte: »Als ich mich beim Onkel empfohlen habe, da sagte er mir: Höre, du Kleine! Wenn du einmal groß wirst und heiratest, das Bürschlein da unten wird nicht dein Mann sein.« »Geh, du spaßiges Fräulein,« erwiderte Ploni, »so hat er nicht geredet.« »Wohl, auf Ehre, Ploni! Aber bst!« lachte Rene und sie legte den Finger an den Mund und blickte auf Balder mit vergnügtem Gesichtchen. Dann setzten sie alle ihren Weg fort und kehrten friedlich heim. III. Rene hatte von Zeit zu Zeit Kindergesellschaft, die sie bewirten durfte: das waren Kinder befreundeter Familien, die mit ihren Eltern auf gleichem Fuße standen, und Balder war noch nie dabei gewesen. Nun bat sie ihre Mutter, auch ihn mit den andern laden zu dürfen. Die Mutter verwunderte sich darüber und fragte: 105 »Wie kommst du darauf? Gefällt er dir?« Und Rene antwortete freimütig. »Wohl, er gefällt mir.« So hatte die Mutter nichts gegen den Wunsch des Kindes einzuwenden, und Balder ward zur Gesellschaft geladen. Am bestimmten Tage fand sich eine Schar wohlgekleideter zierlicher Knaben und Mädchen zusammen, die von Rene freundlich und würdevoll empfangen wurden, wobei ihr die Mutter half. Hinter dem Hause war ein Plan mit Bäumen besetzt und mit Gesträuchen bepflanzt, zwischen welchen sich reinliche Kieswege dahinwanden, und da war auch ein runder Raum zum Ballspiele, das sie nach einigen vorgänglichen Ergötzlichkeiten anhuben. Es wurde ein Körbchen gebracht, worin sich so viele Bälle befanden als Spielgenossen anwesend waren, und die Bälle waren zur Hälfte blau und zur Hälfte rot. Jedes zog unter verhüllendem Tuche einen Ball heraus und reihte sich so, daß eine Schar mit blauen und eine andere mit roten Bällen sich gegenüber stand. Diese letztere hieß die Hölle und die andere mit 106 den blauen Bällen der Himmel. Warf nun eines aus der Himmelsschar seinen Ball in die Höhe, so mußte ein Gegner aus der Sippe der Roten trachten, ihn aufzufangen oder sonst seiner auf glimpfliche Weise habhaft zu werden. Damit war er erlöst und trat zu den Himmlischen über. Warf er dabei nach jenem mit seinem roten Ball und traf ihn, so mußte der Himmlische zu der Schar der Roten hinüber wandern und seinerseits trachten, erlöst zu werden. Traf er ihn nicht oder wollte er ihn schonen und nicht treffen, so blieb auch jener bei den Himmlischen, doch ohne Ball und konnte an dem Spiele nicht mehr selbständig teilnehmen, sondern nur als dienender Knappe des neuen himmlischen Kriegers. Das Spiel dauerte so lange bis alle erlöst waren. Balder hatte einen blauen Ball aus dem Korbe gezogen und stand an Renes Seite, die himmlisch war, fröhlich und wohlgemut im Streite. Es fehlte ihm nicht an Gewandtheit, und lange genug gewann er stets wieder das Abzeichen seines höheren Ranges: den empor geschleuderten blauen Ball. 107 Aber ein Knabe von der entgegengesetzten Seite, der Irg hieß, hatte es auf seinen Ruhm abgesehen. Er war noch kräftiger als Balder und brachte es allerdings nach vielem Bemühen zuwege, daß Balder aus der Schar der Seligen verstoßen, zu den Verdammten wandern mußte, während Irg seine Stelle frohlockend an Renes Seite einnahm. Und allem, was Balder that, um wieder erlöst zu werden, setzt Irg Widerstand entgegen und führte seine Sache so kräftig, daß jener schließlich ganz allein in der Hölle blieb, während alle andern schon sich des himmlischen Lichts erfreuten. Nun gab es kein anderes Mittel, ihm aus der Bedrängnis zu helfen, als daß eine bestimmte Anzahl der Seligen ihn mit mildem Spruche unter sich aufnahm. So ward ihm als Gnade zu teil, was er nicht als Recht erringen konnte, damit das Spiel zu Ende komme. Das verdroß ihn gewaltig, und sein Frohsinn war entschwunden und kam nicht wieder. Denn er dachte, daß Irg nicht immer redlich das Spiel gehandhabt habe, und daß er nur deshalb unterlegen sei. Es gab 108 wohl in dieser Kurzweil der jugendlichen Schar zuweilen leichten Zwist, aber da standen die Erwachsenen, Renes Mutter und die andern Pflegerinnen dabei, um ihn zu schlichten. Balder aber meinte, daß er um sein gutes Recht gekommen sei, und weil er darin am empfindlichsten war, denn er selbst scheute sich, jemandem unrecht zu thun, so ward er verdrießlicher als es sich in der muntern Gesellschaft geziemte. Inzwischen war der schöne Sommernachmittag immer schwüler geworden, graue Wolken zogen herauf und deckten den blauen Himmelsschein, so daß sich die Kinder in die kühle Halle zurückzogen, die den Vorraum des Hauses bildete, um dort andere weniger bewegte Spiele zu treiben. Aber Balder blieb mißmutig und ließ sich auch nicht durch Renes freundlichen Zuspruch aufhellen, die ihn damit tröstete, daß Irg schon öfter im Ballspiel dabei war, während Balder das erste Mal daran teilgenommen hatte. Da konnte es nicht fehlen, daß ihn ein bißchen Unglück traf. Aber später würde es schon besser gehen und Irg nicht mehr Sieger sein. Das alles half nicht. Balder 109 blieb wortkarg und sein Antlitz verdrossen. Dazu kam noch, daß Rene als gute kleine Hauswirtin alle ihre Gäste liebreich behandelte und auch mit Irg freundschaftlich sprach wie mit allen andern. Das konnte Balder gar nicht verwinden und fühlte sich noch mehr zurückgesetzt, so daß, wenn Rene sich wieder holdselig an ihn wendete, den sie vor allen andern auszeichnete, er ihr einsilbige mürrische Antworten gab. Da regte sich denn auch ihre unbescholtene kleine Mädchenwürde, und sie ließ den unholden Gesellen, wo er war. Es wurde dann auf den Tisch, der in die Halle gestellt ward, ein würziger Jausenkaffee mit schmackhaftem Gugelhopf aufgetragen, und die Kinder saßen bald herum und thaten ihm Ehre an. Als man aber genauer zusah, so fehlte einer: – es war Balder. Er hatte sich hinweggestohlen und das Haus verlassen. Unmut erfüllte Renes Kindesherz; das Lächeln, das noch soeben ihren Mund umspielte, verschwand, und etwas anderes drohte auf ihrem Gesichtchen Platz zu greifen, dessen sie sich schämte, nämlich: Weinen. Aber sie bezwang sich tapfer, denn so etwas würde sich 110 für die Hauswirtin gar nicht schicken, sagte sie sich, und behielt ihr Köpfchen und ihre häusliche Würde aufrecht. »Man muß viel von Balder leiden,« war alles, was sie noch dachte; dann nahm die Aufmerksamkeit auf ihre Gäste sie wieder völlig in Anspruch, und sie ermunterte jedes einzelne Fräulein und jeden Ritter der Tafelrunde, getrost zuzulangen. Die ließen es sich auch schmecken. IV. Balder aber war auf die Gasse gekommen, er wußte nicht, wie. Er stand unter dem gewitterhaften Himmel, an dem die Wolken dunkel herauf gezogen kamen. Des hatte er wenig acht, sein Unmut war zu schwer, als daß er den Blick erhoben hätte; er sah vielmehr zu Boden. Da hörte er plötzlich einen seltsam süßen Ton durch die Lüfte klingen, der ihm wohlbekannt war. Er mahnte ihn an einen herrlichen Garten, wo er mit Rene gewandelt war und an ein altes Haus mit dunkler Thüre, durch die er in die 111 wundersame Gegend gekommen war. Nun blickte er jäh auf und sah einige Schritte vor sich Herrn Maypeter auf der Gasse schreiten in seinem langen, grünen Rock mit aufrechtem Kragen, und aus einer der Hintertaschen ragte das Muschelhorn hervor. Das schillerte nicht, weil ihm das Sonnenlicht fehlte, aber hatte doch schön gedämpfte Farben. Baldern war es, als ob ihn der Ton gerufen hätte, und er mußte folgen. So ging er hinter Herrn Maypeter her, der sich nicht umdrehte, durch mehrere Gassen, die ihm immer unbekannter schienen, bis sie endlich auf einen viereckigen Platz kamen, der von Häusern umschlossen war, und hier wandte sich Herr Maypeter um und winkte ihn zu sich heran. Er trat befangen näher, und da Herr Maypeter seinen hohen weißen Hut etwas gegen das Hinterhaupt gestülpt trug, so konnte Balder genau die zusammen gewachsenen Brauen über den runden Augen sehen, was ihm kein traulicher Anblick war, sondern unheimlich schien. Herr Maypeter sah ihm scharf ins Gesicht und sagte: »Zeig mir, Bürschlein, wo ist dein Kopf?« 112 »Hier.« »Und dein Herz?« »Hier.« »Richtig. Nun siehst du, Kopf und Herz sind ziemlich weit von einander entfernt. Aber da drinnen giebt es eine eiserne Leiter, auf der das Geistchen des Kopfes und das Geistchen des Herzens zusammen kommen können. Und wenn das geschieht und die beiden Geisterchen beisammen sind, so giebt es einen gar wundersam süßen Klang, wie der meines Muschelhorns, das ich da habe. Aber nicht in allen Menschen ist die Leiter ganz. Da fehlen viele Sprossen, und Herz und Kopf kommen nicht zusammen. Wollen sie dennoch, giebt es nur Mißklang. Verstehst du das?« »Kopf und Herz müssen zusammen sein, das verstehe ich,« sagte Balder. »Aber daß es eine Leiter da drinnen giebt, das hab' ich nicht gewußt. Woher mag denn das Eisen dazu kommen?« »Aus dem Blute, Bürschlein. Da liegt genug darin, um die Leiter zu bauen. Und wie steht es bei dir? Ist die Leiter vorhanden?« »Ich weiß nicht«, sagte Balder kleinlaut. 113 »Nun, das sollst du erfahren«, erwiderte Herr Maypeter. »Ich habe einen blauen Sittich, der fliegt zu den Sternen hinauf. Dort ist alles genau beschrieben, was einer da drinnen in der Brust trägt. Das will ich von meinem Sittich nachlesen lassen – er kann nämlich lesen – wie es mit dir bestellt ist, und dir es einmal bei Gelegenheit wieder sagen. Gehab dich wohl!« Herr Maypeter verschwand, denn er war in ein Haus getreten, und Balder stand auf dem Platze allein. Er wußte aber nicht, wohin Herr Maypeter gekommen war, denn er hatte seinen letzten Worten sinnend mit gesenktem Kopfe zugehört. Als er aufblickte, sah er den blauen Sittich über dem Platze kreisen, sich herabsenken, gleich als wollte er nach seinem Herrn suchen. Da er aber diesen nicht fand, erhob er sich wieder in die schwere Gewitterluft, aus der unaufhörlich Blitze zuckten, die sein blaues Gefieder wundersam erschimmern ließen, und entschwand über den First des nächsten Hauses. Nun war aber das Gewitter immer näher gekommen und sandte als seinen Boten den sausenden 114 Wind voraus, der mit Staubwirbel einherzog. Balder wollte nach Hause eilen, aber die Gegend wo er sich befand, war ihm fremd. Doch gedachte er sich zurecht zu finden und mochte die Leute nicht um Auskunft fragen, die ohnedies an ihm vorüber eilten, um sich vor dem nahenden Gewitter zu bergen. So lenkte er aufs Geratewohl in eine Gasse ein und dann in eine andere, die in der Richtung seines Heimes lag, wie er meinte. Aber nun begann der Donner über seinem Haupte zu rollen, die Blitze folgten sich so rasch, daß die Häuser in einem fahlen Licht erglänzten, und der Regen strömte wuchtig herab. Unverdrossen schritt er dahin; denn ihm war der Gewitterhimmel mit seinen zuckenden Blitzen ein schöner Anblick, wenn er ihn sonst vom Fenster aus geborgen betrachten konnte. Deshalb kam ihn auch jetzt kein Mißmut an, wo er den strömenden Regen mit in den Kauf nehmen mußte. Zudem gelangte er bald in ein enges Gäßchen, das eine Art gedeckten Bogenganges bildete, wo er geschützt warten konnte, bis sich das Unwetter verzogen hatte. Doch dies dauerte noch eine Weile. Er 115 sah von dort in die Herrengasse hinaus, und da stäubte der Regen einher, als würde er von Unholden mit Besen gekehrt, und die Bäche schossen in den Rinnsalen dahin. Endlich nahm es ab, und der Schein der Sonne, die selber nicht sichtbar war, fiel in die Gasse. Nun sprühte ein feiner Goldregen herab, und ein schönes, altes Haus wurde draußen wundersam beglänzt, so daß es herrlich aus dem Grau der Umgebung ragte, mit schimmernden Fenstern, deren jedes von einem schlanken Säulchen in zwei Hälften geteilt wurde. Und an einem der Thore stand ein schmucker Geselle in Stein ausgehauen, der trug Waffen, lächelte aber ganz friedlich auf Balder herüber, als wollte er ihm sagen: Komm nur immer! Das Wetter ist vorbei und die Sonne beglänzt uns wieder. Da trat er auf die Gasse hinaus, die ihm plötzlich bekannt schien, und durch die er leicht heim finden konnte. Als er zuhause ankam, fand er seine Mutter in Sorge. Sie hatte beim Nahen des Unwetters Ploni mit einem Regenschirme zu 116 Rene hinüber geschickt, um Balder abzuholen. Diese war aber bis jetzt nicht wiedergekommen. Balder erzählte nun, daß er die Gesellschaft voreilig verlassen habe, nicht aber, warum er es gethan. Das konnte sich seine Mutter ohnehin denken, denn die empfindliche Art ihres Söhnleins war ihr nicht fremd. Sie liebte ihn jedoch zu sehr, um ihn nun anders als mit stillem Vorwurf anzublicken. Dabei hätte sie ihn gerne in die Arme geschlossen, um ihn über ein Leid zu trösten, das ihn vielleicht betroffen, aber sie mochte es nicht thun, denn Balder ließ solches nicht gerne über sich ergehen. Sie wäre oft durch ein zärtliches Wort aus seinem Munde, durch eine Liebkosung beglückt gewesen, wie andere Kinder es thun; aber Balder liebte seine Mutter, zeigte es ihr jedoch nicht. Sonst sah er ihr überraschend ähnlich, die noch eine junge, schöne Frau war, und hatte ihre hellen Augen und ihr lichtes Haar. Aber alles helle an ihm war trotz seiner Kindlichkeit von innen heraus umschattet, so daß sich die Mutter oft darüber verwunderte und sich wohl auch bekümmert fragte: Wie wird 117 der einst mit seiner unzugänglichen Art in der Welt fortkommen! Spät, als es schon dunkelte, kam Ploni. Sie war gänzlich durchnäßt. Sie hatte Balder drüben nicht gefunden und ihn überall gesucht wie eine Stecknadel in einem Heuschober, sagte sie. Zuerst hatte sie gedacht, er könne nicht weit sein, dann war sie immer weiter gegangen und immer im strömenden Regen. Die arme Seele hatte sich nun erkältet, zitterte vor Frost und mußte zu Bette. Das geschah jedoch mit aller Freude, weil sie Balder wieder heil und gesund vor sich sah, den sie so lange gesucht. V. Als Rene am andern Tage erfahren hatte, daß Ploni krank sei und im Bette liege, so hielt sie nichts zurück: sie mußte hinüber und den bösen Unfall beklagen, obgleich die Magd versicherte, daß ihr eigentlich nichts fehle. Das bißchen Heiserkeit und was drum und dran 118 hänge, werde bald vorüber sein, und sie wieder auf den Beinen stehen. Aber Rene ließ es sich nicht nehmen, an ihrem Bette zu weilen und ihr in kindlicher Weise Trost zuzusprechen. Und als Balder aus der Schule kam und auch nichts eiligeres zu thun hatte als in das Kämmerlein zu stürmen, wo Ploni lag, um zu fragen, wie es ihr gehe, da sah er Rene vor sich. Er hielt befangen den eiligen Schritt an, denn er fühlte sich schuldbewußt. Aber auch Rene war bei seinem Anblick etwas betroffen; denn sie hatte soeben der Magd erzählt, wie Balder sich ohne Gruß und Abschied am vorigen Tag entfernt und daß ihre Mama ihn einen unartigen Knaben genannt, den man nicht mehr einladen könne. Doch Ploni, die beide Kinder lieb hatte, rief Balder zu sich und meinte gutmütig: »Schau, da sitzt Rene, die du herb gemacht hast. Jetzt ist sie wieder gut, weil sie nicht anders als gut sein kann, mein' ich. Gieb ihr die Hand und sag', du wirst es nimmer thun. Gott geb', daß ich Euch alleweil freudig vor mir sehe!« Balder blieb noch immer stumm, bis ihm 119 das kleine Mädchen zuerst die Hand reichte, dann sagte er: »Grüß dich Gott, Rene! Unsere Ploni ist krank, daran bin ich schuld, weil sie mich gesucht hat.« Dagegen verwahrte sich Ploni. Er war nicht schuld, nur sie selbst, weil sie so unvernünftig lange im Regen gegangen sei. Es wäre jedoch alles nicht der Rede wert. Und dann sagte sie zu Rene: »Schau, Kind! Balder ist nicht immer unfreundlich, nur manchmal. Und gegen dich trägt er ein gutes Herz im Leibe, sonst hätt' er dich nicht so schön abgezeichnet, wie er es gethan.« Nun erstaunte Rene und fragte: »Abgezeichnet? Mich? Kann er das?« »Ja wohl kann er das« erwiderte Ploni, »und wie ein Großer. Jetzt bring es her, deine Zeichnung, Balder, und zeig es ihr auch, dem herzigen Kinde, daß es seine Freude daran hat.« Er war rot geworden und rief vorwurfsvoll: »Warum hast du das gesagt, Ploni?« »Ist doch nichts ungutes dabei!« erwiderte 120 sie. »Wenn einer etwas kann, darf man davon reden.« Balder stand noch immer unschlüssig, aber nun bat ihn auch Rene: »Zeig' es mir, wie ich aussehe, willst du? Ja! Ja! Ploni will es auch.« Da ging er und kam mit dem begehrten Gegenstande zurück. Rene nahm das starke, weiße Blatt in die Hand, blickte hinein und betrachtete sich wie in einem Spiegel. Und es schien ihr, daß ihr Bild ihr noch viel schöner entgegen blickte als im Spiegel, obgleich es nur eine Bleistiftzeichnung war. Sie rief verwundert: »Das bin ich!« und errötete vor Freude. Dann umhalste sie plötzlich Balder und küßte ihn auf den Mund. Seiner bemächtigte sich ein Stolz wie nie zuvor in seinem Knabenleben, und er hätte in diesem Augenblicke mit keinem Königssohn getauscht. Dabei war auch er wieder rot geworden und stand freudig verlegen da. Ploni rief zufrieden: »So ist's recht. Das heiß' ich eine Versöhnung, Kinder!« Rene lächelte nun über sich selbst, daß sie 121 so eilig gewesen; aber weil sie es war, so wollte sie auch etwas dafür haben und sie fragte mit halb geneigtem Köpfchen und schelmisch emporblickend: »Schenkst du mir das, Balder?« »Gewiß,« rief er, »gern, Rene!« »Nun schönen Dank! das will ich meiner Mama zeigen.« Sprach's und lief davon. Sie zeigte es der Mama. Diese betrachtete es auch verwundert. Es war nur ein kindliches Werk, das merkte sie; aber sie erstaunte über die Ähnlichkeit und über einen Zug der Schönheit, der in dem Antlitz ihres Töchterleins lag, und den sie am Urbilde so eindringlich niemals bemerkt hatte. »Schau, schau!« sagte sie, »kann er das, so muß ihm manches andere verziehen werden, so auch, daß er sich nicht artig benommen hat.« »Nicht wahr, Mama?« rief Rene. »Ich darf ihn wieder einladen mit den andern, nicht wahr?« Renes Mutter lächelte. »Wenn dir darum zu thun ist, so mag es vielleicht noch geschehen.« 122 Er muß doch ein feiner Knabe sein, wenn er es auch nicht immer zeigt, dachte sie sich. So hatte Balder durch seine kindliche Kunst auch das Herz der Mama wieder gütig gestimmt, und Rene freute sich darüber. Aber sie hatte noch viel auszustehen. Balder kam mit den andern, war zuerst fröhlich und wohlgemut, vertrug sich auch mit Männlein und Fräulein, meinte jedoch ein besonderes Anrecht auf Renes Freundlichkeit zu haben, und ward sofort unmutig, wenn sie auch andere, besonders Irg, damit bedachte. Sie begriff nicht, wie sie hätte anders thun sollen, als gegen jedes ihrer Gäste hold zu sein, und begriff auch nicht Balders plötzliche Laune, sich auf einmal wieder abseits zu halten und ein finsteres Gesicht zu machen. Dieser selbst konnte nichts dagegen thun; es lag dies in seiner Natur, und er merkte darum auch nie, daß es auch anders sein könnte. Aber Rene verzieh ihm immer wieder, wenn er ihr irgendwie Leid geschaffen hatte, und dachte sich: er wird schon wieder froh werden. Denn Balder konnte auch zu Zeiten allen Mägdlein und Knaben gefallen, wenn er heiter war und 123 seinem Mißmut Urlaub gab. So kam Rene mit ihm, dem sie doch ein lieblicheres Antlitz zuwandte als allen andern, nur leidlich aus. VI. »Willst du mitkommen?« fragte Ploni, die wieder wohlauf war, den Knaben und hatte eine Gartenscheere in der Hand. »Ich soll drüben den Obstbäumen ein bißchen von ihrem Safte helfen, da sie zu üppig sind.« Balder war bereit und sie gingen hinüber. In einer Ecke des Obstgartens war ein schattiges Fichtengehölz mit einer schlichten Bank. Dort saß Rene, und Balder setzte sich zu ihr, während Ploni ihrem Werke nachging, die überschüssigen Triebe an den Fruchtzweigen der Aprikosen abzuspitzen. Sie hatte das oft daheim im Dorfe geübt, wo ihr Vater einen Bauernhof mit Obstgelände besaß. Inzwischen plauderte Rene traulich mit Balder. Sie teilte ihm mit, daß Irgs Mama nächstens ein Kinderfest in ihrem 124 Sommerhause geben werde. Diese sei eine so gute Freundin von ihrer eigenen Mama, daß Rene zu ihr Tante sagte, obgleich sie eigentlich nicht ihre Tante war, sondern nur Frau von Niederhold hieß. »Aber bei ihr ist's schön, Balder! Das Haus liegt im Zuserlthale, und geht man hoch hinauf wie auf einen Berg, und überall, so weit man sieht, ist es grün, und Bäume giebt es genug. Steht man aber ganz oben, so kann man gar weit sehen, wo lauter hohe Berge sind, und einige davon scheinen blau, andere wieder grün zu sein. Und paß auf, Balder! jetzt will ich dir etwas ganz besonderes sagen. Wir werden oben Kindertheater spielen, und du sollst mitthun.« »Ich?« fragte Balder. »Was soll ich spielen?« »Etwas schönes. Einen Prinzen. Den wollte Irg gerne für sich haben. Aber ich habe Mama gebeten, daß du der Prinz sein darfst, und Irg soll einen lustigen Knaben spielen, der auch vorkommt. Mama wird es schon erlauben, sie hat gesagt: Wir wollen es uns überlegen, Rene. – Nun höre, das Theater haben wir Mädchen 125 zusammengedichtet, Mama hat etwas dabei geholfen, aber nicht viel. Ich kann dir nicht alles daraus erzählen, nur etwas. Also höre. – Da ist ein Land mit einem Prinzen, und dem Lande geht es nicht ganz gut. Nun beraten sie, wie das zu machen sei, daß es ihnen ganz gut gehe. Ein paar weise Männer stehen auf und sprechen, daß sie in ihren Büchern nachgelesen haben, und da steht darin, daß der Prinz auf Reisen gehen muß, um eine Fee zu holen, die das Land glücklich machen wird. Aber wie die Fee aussieht, das wissen sie nicht, das muß der Prinz selber erkennen. Nun geht er auf Reisen mit einem Begleiter, der ein lustiger Knabe ist, und muß lange wandern. Das hört man gleich am Anfang, wo der lustige Knabe greint, daß er schon lange gelaufen sei und lieber daheim sitzen möchte. Aber der Prinz ist ernst und weiß was sich schickt, nämlich, so lange zu suchen, bis die rechte Fee gefunden ist. Nun finden sie eine Fee, die hat ein Kleid aus lauter Vergißmeinnicht, das ihr sehr gut steht. Sollte es die rechte sein? denkt sich der Prinz 126 und fragt, was sie dem Lande geben könnte. Und sie antwortet: Blumen. Wenn du mich mitnimmst, wird es das Blumenland sein. – Das ist schön, denkt sich wieder der Prinz. Aber braucht das Land Blumen? Damit wird ihm nicht geholfen sein. Es muß was anderes sein. – So verneigt er sich höflich, nimmt von der Fee Abschied und sagt: Es thut mir leid, aber Sie sind die rechte nicht. Nun gehn sie wieder weiter in eine andere Gegend. Das heißt, sie thun nur so, denn es ist derselbe Platz, wo gespielt wird. Sie gehn also weiter und treffen endlich eine Fee, die ein goldenes Kleid an hat. Diese Fee werde ich sein, und das Kleid wird nicht von Gold sein, sondern nur so ausschauen, wie das auf dem Theater geschieht. So fragt der Prinz die Fee, was sie dem Lande geben könne, wenn er sie mitnimmt. Sie sagt: Gold. Wenn du mich mitnimmst, wird es das Goldland sein. Denkt sich der Prinz: das ist die rechte. Gold ist besser als Blumen. – Er nimmt sie mit, und daheim ist große Freude. Alle tanzen zum Schluß, und dem Lande ist 127 geholfen. – Nun gefällt dir das Theater, Balder, sag'?« »Nein,« antwortete er. »Wie?« rief Rene bestürzt, »es gefällt dir nicht?« »Nein. Weil Blumen schöner sind als Gold.« »Aber Gold ist doch mehr wert als Blumen. Diese welken und das Gold nicht. Und mit Gold kann man alles kaufen, was man braucht, mit Blumen nicht. Allen hat es gefallen, das Theater so zu machen, nur dir nicht. Niemand denkt so wie du,« sagte das kleine Mädchen beleidigt. »Mag sein. Mir gefallen halt die Blumen besser. Die kann man abzeichnen, das Gold nicht.« »Du bist nicht gescheit, Balder. Mit dir kann kein Mensch auskommen. Du willst immer etwas anderes haben. Gut, gut, so brauchst du nicht mitzuspielen, und Irg wird den Prinzen geben; er möchte es ohnehin gern. Ich hab' geglaubt, daß es dir besser paßt. Das war auch nicht gescheit von mir,« und sie lachte. Aber Balder bemerkte, daß ihr das Weinen viel näher stand als das Lachen. Und es fiel 128 ihm ein, wie es doch schöner wäre, wenn er als Prinz Rene in das Land heimführte, sei sie nun Goldfee oder Blumenfee, es war doch immer Rene, und er sprach begütigend: »Ich will gerne mitspielen, wenn es sein kann.« »Aber dir gefällt ja das Theater nicht!« »Wohl, jetzt gefällt es mir doch. Ich hab' nicht gleich gedacht, daß du die Goldfee bist, Rene. Die Blumenfee ist eine ganz andere. Und du wirst wohl die bessere sein.« Nun lächelte sie wirklich, als er sich so mit ihr versöhnte. Sie gewann ihre Heiterkeit wieder, sprang auf und gaukelte unbetrübt um Ploni umher, die mit ihrer Baumarbeit beschäftigt war, bis sie sich trennten. Doch konnte sie das, was sie von Balder vorhin gehört, nicht gänzlich verwinden. Denn sie sagte am Abend zu ihrer Mama: »Balder ist doch nicht so gescheit, wie ich geglaubt habe. Aber er darf doch mitspielen, Mama, nicht wahr, und den Prinzen geben?« Und diese antwortete gütig: »Wir wollen sehen.« 129 VII. So blieb alles im gleichen. Aber in Renes Köpfchen tauchte noch manchmal der Gedanke auf, daß Balder nicht für sie als Gespiele passe, weil er so ganz anders sei als die andern, und man niemals mit ihm glatt auskomme; aber dann meinte sie wieder, man müsse ihm etwas zu gute halten. Denn es schien ihr doch, daß manches in ihm feiner sei, als in den andern. Wenn er nicht mißmutig war, so hatte er ein helles Gesicht, in das jedes gern blicken mochte, auch sie selbst; und weil er selten lachte, so klang es um so herzlicher, wenn es geschah, so daß er ihr dann besonders gut gefiel. Sie sagte es ihm auch: »Wenn du nur öfter lachen würdest, Balder, es wäre so hübsch.« Und er: »Ich kann mich auch freuen, ohne zu lachen. Wenn ich an etwas denke, was mir lieb ist, so freue ich mich und lache doch nicht.« Damit war sie zufrieden. – Aber doch hatte sie oft ihre liebe Not mit ihm und mußte ihm vieles nachsehen, wie sie ihrer Mama mitteilte, 130 wenn er zuweilen alle Kinder mit seinem eigenen Wesen plagte und sie besonders. Renes Mutter besaß einen Hof mit Meierei außerhalb der Stadt. Dahin nahm sie einst die Kinder mit, so viel ihrer auf zwei Wagen Platz hatten, und auch Balder war dabei. Alle freuten sich auf den prächtigen Ausflug, und die Stimmung der jungen Gesellschaft war so sonnig wie der Tag, an dem sie hinaus fuhren. Der Meierhof lag auf einer schönen Waldwiese, von der schattiger Wald hinan stieg. Man hatte allerlei Spiele vor, wie gewöhnlich, aber den Hauptreiz bot diesmal die Erlaubnis, in den Wald hinauf zu gehen und Erdbeeren zu sammeln. Diese waren nun in voller Reife, und man sagte es dem Walde zu besonderem Lobe nach, daß er reichlich damit versehen war. Nur wuchsen sie auf versteckten Plätzchen, und es galt nun solche zu entdecken. Der Wetteifer wurde somit angespornt, wer von den Kindern am meisten sammeln werde. Sie bekamen Täschchen aus Birkenrinde, die mit kleinen Stäben haltbar gefügt waren, und in 131 denen die Frucht sich besonders frisch erhielt. Also teilten sie sich mit Absicht und Zufall, um auf die Suche zu gehen. Rene und Balder hatten sich aneinander geschlossen; jedes trug sein Rindentäschchen sorgsam in der Hand, und sie stiegen wohlgemut hinan in den prächtigen Laubwald. Die Sonne blieb draußen; sie konnte nicht mit eindringen, denn die breitwipfeligen Buchen bildeten ein Dach, das ihr den Eingang wehrte. Dennoch tropfte ihr Licht überall durch die Dachlücken herein und schimmerte golden grün bis zum Grunde hinab, so daß die Flügeldecken der Käfer aufleuchteten, die dort ihr Wesen trieben unter zart gefiederten Farnen und Glockenblumen, und der graue Stamm einer einzelnen hohen Tanne mit hellen Tupfen besprengt wurde. Rene und Balder waren weiter als die andern vorgedrungen, und das Lachen und Jauchzen der zerstreuten Gesellschaft drang nur gedämpft zu ihnen. Alles war so schön um sie her, daß die Schönheit des Waldes auch die Kinder überfloß, und sie sich zuweilen erstaunt anblickten, als hätten 132 sie sich zum erstenmale gesehen. Rene plauderte traulich, und Balder hörte ihr zu. Er meinte wieder, aus dem Rauschen und Weben und aus dem seltsamen Lichtgefunkel in der Ferne müsse etwas wundersames kommen, und dachte dann, es sei genug wundersam, daß er hier mit Rene gehe. Er fühlte eine traumhafte Seligkeit im Herzen, als hätte er schon einmal von etwas geträumt, das so war, wie er es heute erlebte. Rene sah dagegen alles mit wirklichen Augen vor sich, jede Blume, jedes Gesträuch und jeden Grashalm, und sie war desto freudiger. Werden wir bald Erdbeeren finden? war unter den vielen wichtigen Gedanken, die in ihr auftauchten, der allergewichtigste. Das war ihr wirkliches Ziel, dem sie durch den ganzen Waldeszauber nachschritt, während Balder nichts deutlich sah, und doch alles um ihn her durchsichtig und lebendig ward. Rene beäugelte ihn schelmisch von der Seite und fragte: »An was denkst du?« »An garnichts,« erwiderte er. »Wie kann man denn an garnichts denken!« rief sie mit leisem Vorwurf aus. »Das ist nicht recht. 133 Und denkst du nicht an die Erdbeeren, die wir finden sollen, schönere als alle andern?« »Ja gewiß, auch an das. Wir müssen die schönsten finden, die im Walde sind, das weiß ich.« »Nun, das ist recht, wenn du so denkst. Das gefällt mir wieder von dir, Balder. Aber dann mußt du auch fleißig suchen und nicht so in die Luft schauen. Dort wachsen sie nicht.« Und ihr kindliches Lachen klang wie Vogelgesang in den Wald. Sie gingen weiter, das kleine Mädchen plaudernd und dabei immer eifrig suchend, Balder wieder mit seinem Blick in die Ferne verloren und darüber das Nahe übersehend. Plötzlich hielt Rene den Schritt an und reckte das schlanke Hälslein, ihre Augen leuchteten. »Siehst du was, Balder?« »Wo?« »Dort hinter den beiden Gebüschen. Dort ist alles rot von den schönsten Erdbeeren.« Und sie eilte darauf zu; Balder folgte ihr. Es war eine kleine Erhöhung, ein lauschiges Plätzchen, das den ganzen Vormittag von der 134 Sonne beschienen wurde; jetzt lag es im Schatten, und in der That war alles rot besäet von würzigen Erdbeeren inmitten des frischen Grüns. Rene jauchzte auf. »Wie froh bin ich, Balder! Wir werden die schönsten haben. Welch ein Glück! Nun sammeln wir rasch!« Aber Balder blickte noch immer vor sich in den Wald hinein. Dort webte es mit goldenem Sonnenlicht im Gezweige und rief und lockte ihn stumm und beredt: Komm, da ist es noch schöner. Und was du begehrest, findest du hier weit besser. – Er schwankte noch. Die Nähe lag vor ihm wie ein prächtig gedeckter Tisch, und er sollte weiter suchen! Da schien es ihm mit einem Male, als sehe er den blauen Sittich durch die grünen Baumwipfel schweben, und sein Gefieder erschimmerte wundersam. Dazu kam ein Klingen aus der Ferne durch den Wald gezogen, wie das seltsam süße Getön des Muschelhorns, das er schon zweimal gehört hatte, und das rief: Komm, folge mir nach. Immer weiter und du findest alles schöner: einen noch grüneren Wald und Erdbeeren, die noch röter sind. Komm! 135 Nun galt es kein Besinnen; er sagte eifrig zu Rene: »Bleiben wir hier nicht. Laß uns weiter gehen. Das sind noch immer nicht die schönsten Erdbeeren, die hier wachsen. Komm, die finden wir erst weiter oben.« Und er zeigte mit der Hand in eine unbestimmte Ferne. Rene, die sich schon gebückt hatte und zu sammeln begann, erwiderte: »Nein, nein, wie magst du nur so reden, Balder! Da müßte mich jeder auslachen, wenn ich von hier wegginge. Weiter suchen! das fiele mir ein, wo hier alles in Hülle und Fülle ist. Bleib' da, Balder, und sei froh.« »Nein, ich will nicht – ich kann nicht. Ich gehe weiter. Komm!« Rene nahm sich nicht Zeit aufzublicken, so emsig sammelte sie; aber in ihrem kindlichen Herzen stieg ein Zorn gegen Balder auf und sie sagte: »Geh du, wenn du willst. Ich bleibe.« »Gut, so gehe ich,« antwortete er. Nun rief sie ängstlich: »Du wirst mich doch nicht allein lassen, Balder, Balder!« Er aber war schon weiter gegangen. Das 136 wunderbare Klingen, das ihn noch immer durch den Wald tiefer hinein lockte, übertönte das Rufen des kleinen Mädchens; aber den blauen Sittich sah er nicht mehr. Rene erhob sich bestürzt, und etwas wie Furcht überkam sie; da hörte sie nahende Schritte, sie atmete erleichtert auf: es war Irg, der heran kam. Sie begrüßte ihn freudig und klagte über den thörichten Balder, der noch etwas weiter suchen wollte, was ihm vor der Nase lag: die prächtigsten Erdbeeren, und sie ermunterte nun Irg wohlwollend, mit ihr den Segen einzuheimsen. Beide füllten auch ihre Rindentäschchen bis zum Rande mit der duftigen Frucht und traten dann den Rückweg zur Meierei an, wo sich auch schon die andern versammelt hatten, jedes mit mehr oder minder des begehrten Gutes versehen. Auf der Waldwiese stand der Tisch mit weißem Linnen gedeckt; die Erwachsenen saßen bereits daran, und auch die Kinder nahmen ihre Plätze zur wohlverdienten Jause ein, deren Hauptschüssel köstlich süßen Rahm enthielt, zu dem die gesammelten Erdbeeren besonders gut schmecken sollten. 137 Alle saßen bereit, nur einer fehlte, das war Balder. Ein Fragen erhob sich von den Erwachsenen, wo er geblieben sei? Die Kinder wußten schon um die Sache, denn Irg hatte es ihnen mitgeteilt, und sie lachten und tuschelten über den thörichten Balder, der mit nichts zufrieden war und alles besser haben wollte als die andern. Endlich erschien er am Waldrande und kam mit langsamen Schritten näher. Die Kinder sahen es ihm gleich am Gesichte an, daß er nichts gefunden hatte. Und so war es auch; sein Rindentäschchen war leer. Sie lachten ihn weidlich aus; doch Renes Mutter tröstete ihn mit einigen Worten und lud ihn ein, sich zu Tisch zu setzen, und reichte ihm von dem allgemeinen Schatze, der gesammelt war. Er aß von der Milch, rührte jedoch die Erdbeeren nicht an. Rene selbst sprach garnichts, sie lachte auch nicht wie die anderen. Aber Balders sonniger Tag war getrübt; er blieb wortlos, in sich gekehrt und nahm an der ganzen Unterhaltung keinen Teil. Sie ließen ihn auch sein, wie er war. Er fühlte, daß er 138 an dem Ganzen selbst Schuld trage und daß ihn etwas verblendet hatte, weiter hinein in den Wald zu gehen. Er fühlte auch, daß er das Wirkliche verschmäht um eines lockenden Ungewissen willen; aber er hatte es in gutem Glauben gethan. Die Ferne hatte ihm zugerufen: Komm! und er mußte folgen. Das alles bedrückte sein kindliches Gemüt, und er war unzufrieden mit sich und den andern. Er sah auch, daß Rene heiter und wohlgemut mit allen sprach; nur für ihn hatte sie keinen Blick. Da regte sich in ihm der Trotz und er dachte sich: ich will ihr zeigen, daß mir nichts daran liegt. Und als die Kinder nach genossenem Mahle sich auf der Waldwiese im Spiele zu tummeln begannen, da war er in jäh erwachter Laune allen voran. Man erkannte ihn kaum wieder, so gewaltsam hatte er sich in eine aufgeregte Lustbarkeit hinein gezwungen und gefiel sich darin, jubelnder als alle andern zu sein. Die Erwachsenen am Tische sagten unter sich: Welch ein sonderbarer Knabe! Nun tollt er herum und ist doch vorhin wie ein Steinbild gesessen. Den Kindern gefiel er nun 139 wieder prächtig, und auch Rene betrachtete ihn oft verwundert; aber er hatte keinen Blick für sie, und es schien ihm mehr an dem Wohlgefallen aller andern zu liegen als an dem ihrigen. Aber als dies eine gute Weile gedauert hatte, schnappte er wieder ab; eben so plötzlich wie seine übermütige Laune gekommen war, entschwand sie wieder und ließ, wie ein gefälliges Musikstück, das jäh abgebrochen wird, die Empfindung des Mißtons zurück. Er stand wieder wortlos bei Seite und mißmutiger als je, so daß sich alle Teilnehmer der Geselligkeit in dem Gedanken vereinigten: Mit dem ist nichts anzufangen; zwingt er sich ja einmal gut zu thun, so ist es dann um so ärger mit ihm. Diese seine Stimmung hielt auch auf der Heimfahrt an. Er bedankte sich mit einigen leisen Worten bei Renes Mutter für die vergnügliche Gasterei, während es die andern mit lautem Jubel thaten, aber dann ging er hinweg, ohne von Rene Abschied zu nehmen. 140 VIII. Das that ihm am andern Morgen leid, aber da war es zu spät. Das Bewußtsein einer Schuld drückte ihn. Wenn er sie nur sehen könnte, er würde es gerne wieder gut machen, dachte er; aber er sah sie nicht. Auch zu Ploni kam sie nicht in den folgenden Tagen, wie sie es so oft gern gethan hatte, und er dachte sich, daß sie um seinetwillen nicht komme. Darüber wurde das Leid immer schwerer, das er mit sich herum trug. Er konnte es endlich nicht länger verwinden, und als er sie einmal durch das Gitterthor im Hofe weilen sah, faßte er einen raschen Entschluß und ging hinüber. Sie sah ihn mit ruhiger Miene an, als er ihr seinen guten Tag, Rene, sagte. »Ich bin gekommen,« fügte er hinzu, »dich zu fragen, wie es mit dem Kindertheater ist, und ob ich das, was der Prinz zu sprechen hat, bald von dir bekomme. Ich muß es doch auswendig lernen. Und dann, glaub' ich, probiert man das 141 einigemal mit allen zusammen. So macht man es im wirklichen Theater auch.« Das kleine Mädchen sah an ihm vorbei. »Nun, was ist es, Rene, willst du nicht antworten?« fragte er noch einmal. »O ja«, erwiderte sie. »Ich will dir schon antworten.« Sie setzte sich auf eine Bank, die in der Nähe war, an das eine Ende. »Du kannst dort sitzen, Balder, wenn du willst;« und sie wies ihm das andere Ende an. Er that so, wie sie ihm geheißen. Sie blickte vor sich hin in den Sand und sagte: »Weil du mich fragst, so will ich dir antworten, daß du nicht den Prinzen spielen wirst. Das haben wir uns anders überlegt, Mama und ich. Irg taugt doch besser dazu, meinen wir beide, Mama und ich, als du.« »Rene,« sagte er, »willst du das thun?« »Ja, das muß ich thun. Weißt du, Balder, ich kann mich nicht immer von dir ärgern lassen. Du bist einer, dem man nichts recht machen kann, das hab' ich jetzt heraus bekommen. Du willst 142 alles schöner haben, als es ist. Und es ist nicht. Was du vor dir siehst, das magst du nicht, und wenn es noch so hübsch ist. Du mußt weiter gehen, und was du dann findest, das hast du ja letzthin gemerkt. Das war dir auch nicht recht, leer zurück zu kommen, und du hast alle andern geärgert. Dann warst du sehr fröhlich, das ist wahr, aber mich hast du immer noch geärgert, und zuletzt alle andern wieder. Ich hab' es gut gemeint mit dir, daß du den Prinzen spielen sollst; aber wenn dir dann auf einmal etwas nicht gefällt, bist du imstande, uns das ganze Spiel zu verderben und mich zu beleidigen. Das will Mama und ich nicht. Hast du doch schon einmal gerade heraus gesagt, daß dir mein goldenes Kleid, das ich als Goldfee tragen muß, nicht gefällt.« »Rene, da hab' ich mich bald wieder auf das Richtige besonnen und dir gesagt, daß es mir doch gefällt.« »So? Und du hast es noch gar nicht gesehen. Es ist nicht von Gold, sondern sieht nur so aus, als ob es wäre. Aber Irg hat es so 143 gefallen, daß er meinte, er habe noch nie etwas schöneres gesehen. Ob es dir gefallen würde, das ist noch eine Frage.« »Was dem Irg gefällt, das gefällt mir noch lange nicht«, erwiderte er nun trotzig. »Siehst du? Deshalb ist es besser, daß Irg den Prinzen spielt, denn ihm gefällt alles gerade wie es ist, und dir nicht. Jetzt hast du die Antwort. Bist du damit zufrieden?« Und sie blickte ihn mit aller Würde an, die ihrer Kindlichkeit zu Gebote stand und die auf ihrem lieblichen Gesichtchen zum Ausdruck kommen konnte. »Wenn du damit zufrieden bist, Rene, bin ich es auch«, erwiderte er leidvoll und trotzig. »Dann ist ja so alles in Ordnung, wenn du damit zufrieden bist, Balder. Ich bin es.« Das kleine Mädchen erhob sich, und Balder folgte ihrem Beispiele. Sie wartete noch auf ein Wort von ihm. Vielleicht wird er bitten, dachte sie sich. Wer weiß, ob sie sich nicht noch dann anders besinnen würde. Aber Balder konnte nicht bitten, das lag nicht in seiner Art. »Dann will ich gehen, Rene«, sagte er. »Leb' 144 wohl!« Und er ging, ohne den Kopf nach ihr umzuwenden, die ihm lange nachblickte und dann eine kleine Empfindung von Reue mit den Worten dämpfte: »Er ist doch nicht gescheit. Mag er gehen!« IX. Ihm aber war es trüb zu Mute, als er wieder auf die Gasse trat. Es fehlte ihm etwas, als wäre ihm irgend ein Licht aus seinem jungen Leben hinweg genommen worden. Nun war es mit Rene vorbei: er konnte sie nicht mehr sehen. Und mit seinem kindlichen Leid im Herzen, vergaß er auf alles, nur das eine fühlte er: die Dunkelheit der Stunde, die über ihn gekommen. So schritt er, ohne zu wissen, wohin, die Gasse hinab, als ihn Ploni einholte, die gerade freien Ausgang hatte. Sie richtete einige Worte an ihn, und indem sie ihn anblickte, wurde sie bestürzt über den verstörten Ausdruck seines Gesichtes. 145 »Was ist dir, Balder?« fragte sie. »Was ist dir geschehen?« »Nichts«, antwortete er; »mir ist gar nichts geschehen. Wie kannst du nur so fragen, Ploni?« Und er versuchte zu lächeln, doch sein Auge hellte sich dabei nicht auf. »Aber doch, dir ist etwas, Balder«, wiederholte sie besorgt. »Nein, nein«, sagte er nun gereizt. »Wenn du mich nicht ärgern willst, so denke so etwas nicht.« Da sie ihn genugsam kannte, begütigte sie ihn in ihrer trauten Weise und fragte dann: »Willst du nicht mitkommen? Wir gehen spazieren. Ich habe heute von deiner Mutter Erlaubnis bekommen, eine Verwandte zu besuchen; aber weil es so schön ist, möchte ich lieber ein bißchen im Grünen gehen. Willst du mitkommen?« »Ja,« erwiderte er. Es widerstrebte ihm, nach Hause zu gehen und sich auch den Fragen der Mutter auszusetzen, die gewiß nicht ausbleiben würden; denn er wußte, daß sein Antlitz nichts verheimlichen konnte. 146 So zog er es vor, mit Ploni zu gehen. Diese kehrte nur noch um, um ihrer Frau zu berichten, daß sie Balder mitnehme, und war rasch wieder zur Stelle. Dann trat sie den Spaziergang mit dem kindlichen Begleiter an. Sie erreichten den Baumgang, der sich auf dem alten Stadtwalle in unabsehbarer Windung dahin zog. Seine hundertjährigen Kastanienbäume bildeten ein grünes Dach, unter dem sie in wohliger Kühle dahin schritten. Ihr lachte das Herz über die prächtigen Bäume, die sich ihres langen Lebens wonnesam zu erfreuen schienen. Aber zum Lachen war es keine Zeit, dachte sie; denn Balder ging noch immer trübsinnig an ihrer Seite und hatte kein Auge für das herrliche Laub, das sich zu beiden Seiten und über ihnen in einander schlang. »Höre, als du noch ein ganz kleines Kind warst«, begann sie, »da hab' ich dich schon gepflegt. Damals konntest du sehr heiter sein, aber auch mit großen Augen ernst schauen, das ist wahr. Doch lange hat es nicht gedauert, und du warst wieder fröhlich. Warum nicht auch 147 jetzt? Denk' einmal nach, vielleicht geht's. Was fehlt dir?« »Mir fehlt nichts«, erwiderte er sanft. »Das will ich meinen! bist du doch, Gott sei Dank, ein gesunder und frischer Bub'. Aber damals, in der Zeit, an die ich zurück denke, war's doch anders. Da bist du tüchtig herumgaloppiert. Erinnerst du dich noch an den Hund, den du so lieb gehabt hast?« Er nickte mit dem Kopfe. »Ja, du erinnerst dich. Er hat Wuck geheißen, war groß, und die weiße Wolle ist dick und zottig auf seinem Leib gesessen. Einmal an einem Sommerabend, es war wie heut', komm' ich in die Stube, du hast dich mit Wuck den ganzen Nachmittag im Hof herumgetrieben, das machte euch beiden warm; – also komm' ich in die Stube, da liegt Wuck lang dahin gestreckt unter dem Tisch und schnarcht, und wer liegt mit beiden kleinen Armen um seinen Hals und die Wange tief in die Wolle gedrückt? Balder. O, das war herzig anzusehen, der Hund und das 148 Kind, wie sie zusammenliegen und schlafen! Das weißt du nicht mehr?« »Nein,« sagte er. »Der arme Wuck«, fuhr sie fort, »er war so brav, hat niemandem nie nichts zu Leid gethan; aber ein böser Nachbar hat ihn heimlich mit Gift vergeben, weil sich die Leute vor ihm geschreckt haben. Das hat aber derselbige gelogen. Nie, Zeit meines Lebens, vergeß' ich's, wie mich der arme Wuck in seiner letzten Stunde mit den Augen eines Menschen angesehen hat, der sagen will: Kannst du mir nicht helfen? Nein, ich hab' ihm nicht helfen können. Und der Arme ist gestorben. Noch jetzt möcht' ich weinen, wenn ich daran denke.« Und sie führte das weiße Taschentuch, das sie sorgsam in der Hand trug, zum Auge. Sie bedachte jedoch, daß sie ihren kindlichen Begleiter aufheitern wolle und nun selber trübsinnig werde. So trocknete sie rasch die Thräne, die zwischen ihren Wimpern glänzte und sagte: »Das sind alte Geschichten, auf die ich da komme. Aber heute wär's schon zu schön in dieser 149 Gotteswelt, wenn du nur nicht traurig wärst, Balder.« Inzwischen waren sie so weit im Baumgang gekommen, daß sie den grün bewaldeten Berg aufsteigen sahen, der einst wehrhaft zum Schutz und Trutz der Stadt diente und nun die Krone ihrer Schönheit bildete: den Schloßberg. »Gehen wir hinauf«, sagte sie, und Balder folgte ihr gern. Wie sie höher stiegen, so ward es ihm leichter zu Mute. Das Gehänge war durchgrünt und durchblüht, bevölkert mit allerlei Sippen von zutraulichen Vöglein, und überall nickte das Laub, durch dessen grünen Schleier das liebliche Bild der Stadt herauf glänzte. »Nun ist dein Gesicht wieder freundlich, das merke ich schon«, sagte Ploni. »Aber höre, Balder, am besten gefällst du mir, wenn du über deinem Blatt Papier sitzest und zeichnest. Ich hab' dich schon oft beobachtet. Du bist dabei glücklich wie ein kleiner Engel. Ein solches stilles Lächeln, so eine gute Heiterkeit, ja, kannst du nicht immer so schön sein?« »Das möcht' ich wohl, Ploni; das macht mir 150 Freude. Aber ich kann viel zu wenig. Ich hab' noch nichts gelernt.« »Wirst schon lernen Balder. Um das ist mir nicht bang. Da werden die Leute noch mehr staunen, als ich es jetzt thue, über all das Gute, was du zuwege bringst.« »Ja, Ploni, das ist leicht gesagt: wirst schon lernen. Aber dazu braucht man Geld, um in eine große Schule zu gehen, und du weißt, wir sind arm. Die Mutter muß sich plagen, um alles zu schaffen, was wir brauchen. Ja, wenn der Vater wieder käme, dann wär' es möglich, in eine große Schule zu gehen. Er möchte es gewiß gerne haben, wie ich. Aber er ist weit, in Amerika, und wer weiß, ob er jemals wiederkommt. Denn wenn er kein Vermögen mitbringt, so daß es uns allen wieder gut geht, kommt er nicht zurück, sagte mir die Mutter einmal. Und wer weiß, ob das sein wird. Ja, wenn er wieder käme, da hätte ich Freude genug.« »Ja, wenn er wiederkäme,« wiederholte Ploni traurig, »dann wär' uns allen geholfen. Aber denken wir jetzt nicht daran, Balder. Sieh dich 151 um! Ist das nicht schön, so dem Himmel ein bißchen näher zu steigen und sich die Welt anzusehen? Um wie viel Köpfe sind wir jetzt größer geworden als daheim, wenn wir so hinunter schauen auf die Dächer?« Sie waren oben angekommen. Als er hinab sah, erstund ihm eine Seligkeit im Herzen, und es gemahnte ihn an einen Traum der ihn einst in die Lüfte trug, wo er die Herrlichkeit unten ausgebreitet sah. Der sonnige Schein der Ferne überwob alles wie mit einem Zauberschleier, durch dessen durchsichtigen Goldglanz die Dinge schöner schimmerten als sie waren. Die lachenden grünen mit weißen Häusern besäten Hügel und die fernen blauen Berge umrahmten tausend Bilder zu einem einzigen unerschöpflichen Bilde der Erdenschönheit. Und alles hatte seine eigene Farbe, die mit der nächsten zusammenfloß, sich wieder eigentümlich abhob und wieder vereinigte zu einer Harmonie still träumenden Erdenglückes. So war alles fern und so nahe gerückt dem Knaben, daß es ihm schien, jedes Ding habe seinen eigenen Klang, 152 davon käme das selige Klingen in den Lüften, das er in seinem Herzen hörte. Das war die Freude, die in ihm erbrauste. Die Stadt selbst ruhte auf ihrem grünen Lager hingeschmiegt im umschlossenen Felde, so als wenn alles Leid aus ihr entschwunden wäre, weil auch sie dem Auge Schönheit schenkte, die kein Leid kennt. In seinem kindlichen Herzen fühlte Balder all dieses, ohne sich dessen bewußt zu werden, und sein Antlitz wurde davon so überleuchtet, daß Ploni verwundert ausrief: »Schau, Balder, jetzt bist du einmal wieder ganz so, wie ich mir dich wünsche, wie ein kleiner Engel. Ist dir's recht, daß ich dich heraus geführt habe?« »Ja, mir ist's recht,« antwortete er. »Und du bist nicht mehr mißmutig? doch was frag' ich! Ich sehe ja, du bist's nicht.« »Nein, ich bin nicht mißmutig.« »Nun wollen wir uns noch einmal recht satt schauen und dann heim gehen. Denn es ist spät geworden. Die Sonne ist auch schon drunten.« Sie thaten so und wandten sich zur Heimkehr. Unter dem Gipfel war ein freier Platz, 153 wo sich ein alter fester Turm erhob, und daran klebte wie ein Schwalbennest angebaut eine kleine Wirtschaft. Leute saßen davor an Tischen unter den Bäumen und ergötzten sich an einem Trunk mit bescheidenem Imbiß wie auch an dem Ausblick. Balder und Ploni wollten gerade vorbei gehen, als er abseits von den Übrigen an einem Tische Herrn Maypeter sitzen sah in seinem langen Rocke mit hohem Kragen. Er hatte ein Glas Bier vor sich und sah hinaus in die grünende Ferne und in den rotglühenden Abendhimmel. Balder konnte kein Auge von ihm verwenden; das bemerkte Herr Maypeter nach einer Weile und winkte ihn zu sich heran. »Wie heißest du?« fragte er. »Balder Prettinger.« »Richtig. Ich muß dir ja sagen, wie es bei dir mit der Leiter bestellt ist, auf der zwei Geisterchen zusammenkommen und singen, daß es einen gar herrlichen Klang giebt: nämlich das eine vom Kopf und das andere vom Herzen. Mein Sittich war oben bei den Sternen, hat gelesen, 154 was über dich geschrieben steht, und es mir getreulich überbracht. Die eiserne Leiter ist da drinnen bei dir noch nicht fertig. Du weißt, das Eisen dazu kommt aus dem Blut; aber es dauert manchmal ein Leben lang, bis die Leiter fertig wird, und man muß viel Leid haben, bis es geschieht. Denn siehst du, das Leid zieht zuerst das Eisen aus dem Blut; zwar manchmal auch die Freude, aber die ist viel seltener. Deshalb ist vornehmlich das Leid der Baumeister der Leiter und bewirkt es, daß die Geister des Kopfes und Herzens in einem Menschen zusammenkommen und einig sind, was einen gar herrlichen Klang giebt; so wie der meines Muschelhorns aber noch viel schöner. Nun, hast du Leid Balder Prettinger?« »Ja«, erwiderte er. »Dann ist's recht, und mir ist nicht bange um dich, daß Kopf und Herz nicht einmal noch bei dir zusammenkommen. Nun geh mit Gott!« und er winkte ihm mit der Hand zu. Balder stand in tiefem Sinnen, neigte sich aber doch vor Herrn Maypeter und ging. Ploni 155 erwartete ihn und fragte: »Was hat er so viel wichtig mit dir geredet, Balder? »Das weiß ich selbst noch nicht, Ploni. Ich muß darüber nachdenken. Aber ich werde gewiß darauf kommen, denn so wie von fern weiß ich's schon jetzt, aber ich kann's noch nicht sagen.« »Wenn's nur etwas gutes ist!« »Es ist etwas gutes, mein' ich.« »Dann ist's mir auch recht. Jetzt gehen wir heim, Balder, es ist schon spät.« Als sie in die Stadt hinab kamen, dämmerte es schon durch die Gassen. Und wie Balder sinnend ging und sich das Gehörte zu verdeutlichen suchte, da schwebte das Leid, in den Mantel der Dämmerung gehüllt, an ihn heran, ganz nahe, berührte seine Stirn und hauchte ihn mit leisem Atem an. Ja, er mußte Leid haben, und da war es schon. Alles dämmerte um ihn her, und er mußte in die Augen der Finsternis blicken. Die lichte Höhe, wo er soeben gestanden, war weit hinauf entrückt, und er sah sie nicht mehr. Aber das Leid hatte sich so schwer gemacht, und doch, so groß es war, hatte es in seinem kleinen 156 Kinderherzen Platz gefunden und saß nun darin geduckt wie ein Vöglein im Nest. Seinen Mantel hatte es draußen gelassen: die Dämmerung, die umhüllte alles. Nur Plonis Augen glänzten ihm entgegen, wenn er zu ihr aufsah, die ihn mit sanften Worten mahnte, nicht wieder mißmutig zu sein. Wie er sich doch so rasch verändern könne! Oben war er doch so lieb und freudig gewesen. Aber er dachte sich: es muß sein, man muß Leid haben, und schwieg, obgleich es ihm das Herz schwer bedrückte, wie es drinnen saß. Um jede Straßenecke ließ die Dämmerung einen Zipfel des Mantels wehen, und er mußte dorthin blicken, und der dunkelblaue Himmel über ihm, der sich mit goldenen Sterngebilden füllte, blieb unbeachtet. Was wird mir geschehen? etwas ist so schwer in mir, seufzte er bei sich und sagte dann laut: »Ach, Ploni, ich werde großes Leid haben.« »Red' nicht so ungeschickt, Balder«, erwiderte sie. »Dir fehlt ja nichts.« 157 »Wohl, wohl, Ploni, mir fehlt etwas, ich weiß nur nicht was. Doch ja! Mir fehlt die Freude. Nicht wahr, Ploni, der Mensch muß auch Freude haben?« »Gewiß, das muß er, und du wirst sie auch haben. Du bist ja brav.« »Ja, Freude, die muß auch sein,« wiederholte er nachdenklich. »Und doch ist's so dunkel, ich sehe sie nicht. Nicht wahr, Ploni, die Freude muß licht sein wie lauter Sonnenlicht?« »Ja, gewiß. Und wer brav ist, zu dem kommt sie.« »Vielleicht, Ploni. Aber jetzt wird es immer finsterer. Siehst du nicht?« »Das muß ja so sein, weil es Nacht ist, Balder.« Also muß es sein, seufzte er bei sich. Sie waren in die Gasse gekommen, wo sie wohnten. Plötzlich stand er still und deutete mit der Hand nach dem Hause, das sein Heim war, und fragte mit bebender Stimme: »Ploni, was ist dort?« 158 »Schau,« sagte sie erstaunt, »alle vier Fenster der Wohnung sind erleuchtet. Was ist denn das?« »Ploni!« rief er angstvoll, »die Mutter wird doch nicht krank geworden sein?« »Gott behüte! Sie war doch ganz frisch, als ich weggegangen bin.« »Ploni, schnell, laß uns eilen,« rief er. »Etwas ist geschehen. Nie waren noch alle vier Fenster auf einmal beleuchtet.« Sie beschleunigten ihre Schritte und kamen ins Haus. Balder lief voran und öffnete die Thüre. Sein Herz pochte angstvoll. Die Mutter war heil und gesund im erhellten Gemache und brach bei seinem Anblick in einen Jubelschrei aus: »Balder, sieh!« An ihrer Seite stand ein hochgewachsener Mann. Er wußte kaum, wie ihm geschah. Da fühlte er sich von zwei kräftigen Armen umfaßt, empor gehoben, an eine breite Brust gedrückt, und sein Mund empfing von bärtigen Lippen heiße Küsse. Und die Mutter rief jubelnd: 159 »Sieh, Balder! der Vater! Er ist heimgekehrt Wir haben ihn wieder!« Da entschwand das Leid aus seinem Herzen, die Freude kehrte darin ein wie ein heißer goldener Sonnenstrahl, und er schloß die Augen und weinte am Halse seines Vaters.