Julius Langbehn Rembrandt als Erzieher von einem Deutschen 1922 Leitgedanken. Zeichen des Niedergangs. Es ist nachgerade zum öffentlichen Geheimnis geworden, daß das geistige Leben des deutschen Volkes sich gegenwärtig in einem Zustande des langsamen, einige meinen auch des rapiden Verfalls befindet. Die Wissenschaft zerstiebt allseitig in Spezialismus; auf dem Gebiet des Denkens wie der schönen Literatur fehlt es an epochemachenden Individualitäten; die bildende Kunst, obwohl durch bedeutende Meister vertreten, entbehrt doch der Monumentalität und damit ihrer besten Wirkung; Musiker sind selten, Musikanten zahllos. Die Architektur ist die Achse der bildenden Kunst, wie die Philosophie die Achse alles wissenschaftlichen Denkens ist; augenblicklich gibt es aber weder eine deutsche Architektur noch eine deutsche Philosophie. Die großen Koryphäen auf den verschiedenen Gebieten sterben aus; les rois s'en vont . Das heutige Kunstgewerbe hat, auf seiner stilistischen Hetzjagd, alle Zeiten und Völker durchprobiert und ist trotzdem oder gerade deshalb nicht zu einem eigenen Stil gelangt. Ohne Frage spricht sich in allem diesem der demokratisierende nivellierende atomisierende Geist des Jahrhunderts aus. Zudem ist die Bildung der Gegenwart vorwiegend eine historische alexandrinische rückwärts gewandte; sie richtet ihr Absehen weniger darauf, Werte zu schaffen, als Werte zu registrieren. Und damit ist überhaupt die schwache Seite unserer modernen Zeitbildung getroffen; sie ist wissenschaftlich und will wissenschaftlich sein; aber je wissenschaftlicher sie wird, desto unschöpferischer wird sie. »Die Teile haben sie in der Hand, fehlt leider nur das geistige Band.« Goethe, der von den jetzigen Deutschen mehr theoretisch als praktisch verehrt wird, konnte Leute mit Brillen nicht leiden; Deutschland ist aber jetzt voll von wirklichen und geistigen Brillenträgern; wann wird es hierin zu Goethes Standpunkt zurückkehren? Den Bewohnern eines Reiches, wie das deutsche, steht es sicherlich nicht an, sich achselzuckend als Epigonen zu bekennen und auf einen Fortschritt in den eigentlich entscheidenden Fragen des geistigen Lebens zu verzichten. Kein Irrtum ist verhängnisvoller als der, wenn man glaubt, in den Hauptstücken der Bildung fertig zu sein; wenn man meint, sie nur im einzelnen noch nachflicken zu können: solange ein Volk lebendig ist, kann es sich der Notwendigkeit großer geistiger Achsenverschiebungen, in seinem Innern, nicht entziehen. Man macht heutzutage Entdeckungen in Ostafrika, aber es gibt in Deutschland selbst weit wichtigere Entdeckungen zu machen; es genügt nicht, daß die Deutschen sich als Staatsbürger entdeckt haben; sie sollten sich auch als Menschen entdecken! Wendung zur Kunst. In der Tat macht sich bereits ein Zug nach dieser Richtung hin bemerkbar; die Besseren unter den Gebildeten Deutschlands blicken nach neuen Zielen auf geistigem Gebiet aus. Bismarck hat allerdings geäußert »die Volksmeinung ist schwer zu erkennen«; und wirklich ist diese oft etwas ganz anderes, als die sogenannte öffentliche Meinung; aber selbst eine verborgene Strömung verrät sich durch ein dunkles Rauschen. So auch hier. Das Interesse an der Wissenschaft und insbesondere an der früher so populären Naturwissenschaft vermindert sich neuerdings in weiten Kreisen der deutschen Welt; es vollzieht sich ein merklicher Umschwung in der betreffenden allgemeinen Stimmung; die Zeiten, in welchen ein angesehenes Mitglied der Naturforscherversammlung zu Kassel diese allen Ernstes für das »Gehirn Deutschlands« erklären konnte, sind vorüber. Man glaubt nicht mehr so recht an diese Art von Evangelium. Man ist einigermaßen übersättigt von Induktion; man durstet nach Synthese. Wir stehen jetzt an der Wendung einer neuen Epoche. Die Herrschaft zwar nicht der Wissenschaft überhaupt, aber doch der gegenwärtigen und sich zeitweilig allmächtig dünkenden Wissenschaft neigt sich zu Ende. Die jetzige vorwiegend gelehrte Bildung der Deutschen bedeutet nur eine Durchgangsstufe innerhalb ihrer geistigen Gesamtentwickelung. Sie sind ein Kunstvolk und sollen sich daher innerlich wie äußerlich als ein solches bewähren; »zu allen Künsten Sachen Handtirungen so ein listig geschwind Volk, daß sie Niemanden nachstehen wollen« nennt sie bereits der alte Sebastian Frank in seiner Weltchronik. Schon in Goethe, ja wenn man will, schon in dem musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte Vorgefühl einer solchen Entwickelung; ersterer hatte bekanntlich bis zu seinem 40. Lebensjahr die ernstliche Absicht, sich der bildenden Kunst zu widmen; und die Haupttat des letzteren, die Bibelübersetzung, ist wesentlich eine künstlerische Tat. Besonders die Persönlichkeit Goethes ist in diesem Fall vorbildlich für das heutige deutsche Volk. Die geistige Signatur des letzteren ist zwar zurzeit noch eine wissenschaftliche; doch sie ist es nicht für immer; es scheint vielmehr, daß ihm jetzt zunächst ein Kunstzeitalter bevorsteht. Kleine und trotzdem deutliche Anzeichen bestätigen dies. Wie man an der Haltung eines Grashalms schon die herrschende Windrichtung erkennt, so zeigt sich die geistige Witterungsänderung, welche im heutigen Deutschland stattfindet, unter anderem auch darin, daß der Typus des »Professors« von der deutschen Alltagsbühne sowie aus dem deutschen Alltagsroman verschwindet, um demjenigen des »Künstlers« Platz zu machen. Auch die Trivialität hat ihre Gesetze; und sie gehen, harmonisch genug, denen der Genialität parallel. In diesem Fall verkünden sie beide nur Gutes; sie versprechen eine Erlösung von dem papiernen Zeitalter; sie verkünden eine Rückkehr zur Farbe und Lebensfreudigkeit, zur Einheit und Feinheit, zur Innigkeit und Innerlichkeit. Wenn das deutsche Volk sich wieder im rechten Sinne zum Bilde und zum Bilden kehrt, so wird es eine Bildung haben; so kann es genesen. »Darum bilde der Mensch sich in allem schön; jede Handlung sei ihm eine Kunstaufgabe«, hat Schinkel gesagt. Gerade die so hoch gestiegene Verwirrung und Verirrung in den durchgängig gangbaren Bildungsbegriffen der Deutschen spricht dafür, daß in ihnen bald eine radikale Änderung eintreten wird. »Ist das Chaos da, ist die Schöpfung nah,« singt ein neuerer Dichter. Der neubildende Geist kann in diesem Fall nur derjenige sein, welcher in den deutschen Künstlern, dies Wort im weitesten und besten Sinne genommen, lebt; sie sind die Vertreter einer Herzensbildung , während der Gelehrte als solcher grundsätzlich und sogar häufig ausschließlich einer Verstandesbildung huldigt. Gegenüber dem Niedergang der heute herrschenden wissenschaftlichen Bildung einerseits und dem Aufgang einer kommenden künstlerischen Bildung andererseits liegt es nun nahe, nach den Mittel zu fragen, um beide Vorgänge möglichst zu fördern, zu regeln, klar abzuwickeln. Das deutsche Volk ist in seiner jetzigen Bildung überreif; aber im Grunde ist diese Überreife nur eine Unreife; denn der Bildung gegenüber ist die Barbarei stets unreif; und in Deutschland ist die systematische, die wissenschaftliche, die gebildete Barbarei von jeher zu Hause gewesen. »Du kennst unser Deutschland; es hat noch nicht aufgehört, ungebildet zu sein,« schrieb einst Reuchlin an Manutius und könnte auch heute noch ein ehrlicher Deutscher dem andern schreiben. Überkultur ist tatsächlich noch roher, als Unkultur. Hier haben also etwaige neue erzieherische Faktoren einzusetzen; und zwar werden sie gerade entgegengesetzt wirken müssen, wie die bisherige oder gewöhnliche Erziehung; das Volk muß nicht von der Natur weg-, sondern zu ihr zurückerzogen werden. Durch wen? Durch sich selbst. Und wie? Indem es auf seine eigenen Urkräfte zurückgreift. Das Volk schafft sich selbst die Medizin, die es braucht; oder es tastet doch nach ihr. Individualismus der Deutschen. Das letzte Ziel nationaler Kunst wie Bildung bleibt zwar stets: Monumentalität, Stil, Gebundenheit; aber zunächst muß das deutsche Leben sich lösen , ehe es sich binden kann; die Schleife muß gelockert werden, ehe sie sich wieder schürzen läßt. Drei Aufgaben sind es, welche jetzt der Deutschen harren; nämlich ihren Geist erstens: zu individualisieren und zweitens: zu konsolidieren und drittens: zu monumentalisieren. Jede folgende Stufe der Entwickelung ist ohne die vorhergehende undenkbar. Individualismus ist das herrschende Prinzip der Welt, soweit diese von menschlichem Standpunkt aus beurteilt werden kann; zugleich aber ist er das herrschende Prinzip des Deutschtums. Durch einen derartigen direkten Bezug zum innersten Kern des Weltlebens wird Deutschland, wie es dies geographisch schon ist, so auch geistig und künstlerisch zu einem Reich der Mitte gestempelt; aber zu einem solchen, welches dem asiatischen Reich der Mitte gerade entgegengesetzt ist; denn nicht Zopf und Buchstabe, sondern Gesetz und Geist sollen in ihm regieren. Nur so kann seine sinkende Bildung wieder zu einer steigenden werden; und sich auch anderen Völkern gegenüber als eine solche bewähren. »Charakter haben und deutsch sein, ist ohne Frage gleichbedeutend,« sagt Fichte. Zu dieser ihm angebornen, jedoch im Laufe der Zeit vielfach verlorengegangenen Eigenschaft muß der Deutsche zurückerzogen werden. Eben in dem zerklüfteten Wesen, in jenem zentrifugalen Bestreben, welches dem Deutschen von jeher eigentümlich war, liegt seine Fähigkeit einer unendlich reichen und mannigfachen Ausstrahlung auf das Welt- und Menschheitsganze beschlossen. Je mehr es ihm gelingt, in dieser Hinsicht aus der Not eine Tugend zu machen, desto vollkommener wird er sein Dasein gestalten. Seine Neigung, individuell zu sein, dem eigenen Kopfe zu folgen, kurz die sprichwörtliche und politisch so oft nachteilig gewesene deutsche Uneinigkeit befähigt ihn ganz besonders, es auf künstlerisch-geistigem Gebiet weiter zu bringen als andere Völker. Individualismus ist die Wurzel aller Kunst; und da die Deutschen unzweifelhaft das eigenartigste und eigenwilligste aller Völker sind: so sind sie auch – falls es ihnen gelingt, die Welt klar widerzuspiegeln – das künstlerisch bedeutendste aller Völker. Bei keinem Volke der Welt findet man so viel lebende Karikaturen, wie bei den Deutschen; diese üble Eigenschaft hat aber auch ihre gute Kehrseite; sie zeigt, daß sie sehr bildungsfähig sind. Je ungeschliffener jemand ist, desto mehr ist an ihm zu schleifen; und desto höheren Glanz kann er erhalten. Die große Zukunft der Deutschen beruht auf ihrem exzentrischen Charakter. Aus dem gleichen Grunde kann ihre höchste Bildungsstufe nur eine kunsterfüllte sein; denn die höchste Bildungsstufe eines Volkes muß der tiefsten Seite seines Wesens entsprechen; und gesunder Individualismus ist, wie gesagt, die tiefste Seite des deutschen Wesens. Der Instinkt treibt sonach die gegenwärtigen Deutschen ganz richtig, wenn sie anfangen, mehr auf künstlerische Gestaltung als auf wissenschaftliche Forschung auszuschauen; aber eben dieser Instinkt sollte sich jetzt zum vollen Bewußtsein erhöhen und zur lebendigen Tat verwirklichen. Deutschland, das auf dem Gebiet der militärischen und sozialen Reform allen anderen europäischen wie außereuropäischen Staaten voranging, sollte dies nun auch auf dem Gebiet der künstlerischen wie geistigen Reform tun; und es kann dies tun, wenn es sich in rechter Art zu dem bekennt, was der Inhalt seines Seins, der Inhalt der Kunst, der Inhalt der Welt ist: Individualismus. Die Erziehung zu einem und in einem maßvollen Individualismus erweist sich mithin als die nächste Aufgabe des deutschen Volkes auf geistigem Gebiet. Diese neue und doch so alte Geistesrichtung steht dem heute herrschenden wissenschaftlichen Spezialismus ebenso fern, wie dem vor hundert Jahren herrschenden abstrakten Idealismus. Lessing und Schiller schrieben über die Erziehung des Menschengeschlechts; Goethe lebte selbst als Mensch schlechthin; aber nicht diesen letzteren, sondern den deutschen Menschen gilt es heutzutage zu erziehen und zu erzielen. Bei manchem Verlust ist es doch als ein bleibender Gewinn der jetzigen wissenschaftlichen wie politischen deutschen Geistesentwickelung zu bezeichnen, daß sie sich mehr und mehr von leeren Abstraktionen entfernt hat; damit ist zwar noch nicht das Rechte, aber doch der Weg zum Rechten gewonnen: »Humanität, Nationalität, Stammeseigentümlichkeit, Familiencharakter, Individualität sind eine Pyramide, deren Spitze näher an den Himmel reicht, als ihre Basis,« sagt Paul de Lagarde. Dieser große und weittragende, dieser echt- und urdeutsche Grundsatz ist nach seinem vollen Werte kaum zu würdigen. Nachdem das Pendel der nationalen Bildung vom Idealismus zunächst zum Spezialismus übergeschlagen ist, muß es nunmehr zwischen diesen beiden Extremen, bei einem gesunden Individualismus, stehenbleiben. Goethe hat bereits diese dreifache deutsche Bildungsskala nach ihrem richtigen Werte unterschieden und aufs bestimmteste formuliert: »Wir wollen indes hoffen und erwarten, wie es etwa in einem Jahrhundert mit uns Deutschen aussieht, und ob wir es sodann dahin werden gebracht haben, nicht mehr abstrakte Gelehrte und Philosophen, sondern Menschen zu sein.« Dem Menschen ist der Barbar entgegengesetzt, und das Wesen des Barbaren ist Maßlosigkeit, nach der einen oder nach der andern Seite. Das transzendente Denken der Deutschen von einst teilt daher gewisse Fehler mit dem materiellen Denken der Deutschen von heute; jenes hält sich ebenso weit über, wie dieses unter der Natur; es gibt also einen Punkt, wo sich Kant und Büchner treffen. Wer ein rechter Deutscher ist, der ist auch ein rechter Mensch; keineswegs umgekehrt; eben hierauf beruht der Vorzug des Deutschtums, welches durch das letzte Jahrhundert, vor dem Menschentum, welches durch das vorletzte Jahrhundert angestrebt wurde. Das Geheimnis besteht darin, sich an seine Individualität zu binden, aber sich nicht von ihr binden zu lassen. Der Deutsche wird sich gewissermaßen selbst widersprechen müssen, um seinem höheren Beruf gerecht zu werden; er wird seine Individualität – das anscheinend Freie und Gesetzlose – zum Gesetz erheben müssen; er wird sich selbst zu konstruieren haben. Denn das Individuelle wirkt erst dann nützlich, wenn es der rein persönlichen Willkür entrückt ist; wenn es sich dem großen Bau eines Volks- und Weltlebens einfügt; wenn es dient. Der Deutsche soll dem Deutschtum dienen. * Organisation vermehrt, Desorganisation verzehrt. Es wäre daher zu wünschen, daß die Herrschaft der Mittelmäßigkeiten in Deutschland aufhöre; und daß diese sich dem wahrhaft Großen wieder unterordnen mögen, daß sie bescheiden werden; daß sie sich erziehen lassen. Der erste Schritt hierzu ist Selbsterkenntnis; wer wenig Persönlichkeit besitzt, ist nur der Bruchteil eines Menschen, nicht ein Mensch; wer keine Persönlichkeit besitzt oder bewährt, ist eine Null! Und »alle Nullen der Welt sind, was ihren Gehalt und Wert anlangt, gleich einer einzigen Null«, hat Leonardo erklärt; dies gilt selbstverständlich auch von den vielen Nullen im heutigen Deutschland. Würde ihnen der große Einer des echten Individualismus vorgesetzt, so würde sich das geistige Nationalvermögen der Deutschen ganz überraschend vermehren. Er kann ihnen nur vorgesetzt werden dadurch, daß einzelne geistige Individualitäten – sei es aus der Vergangenheit oder Gegenwart – wieder führend an ihre Spitze treten. Historische Ideale. Jede Individualität fügt sich aus einer Anzahl von Eigenschaften zusammen; die Art dieser Eigenschaften und ihre, unter irgendeinem Neigungswinkel erfolgte Gruppierung zueinander bilden eben die Individualität. Wenn man eine vergleichende Übersicht sämtlicher unveränderlicher Eigenschaften eines Volkes als einen Querdurchschnitt seines Charakters bezeichnen kann, so darf der zusammenfassende Überblick über die Schar der Männer, welche diese genannten Eigenschaften im Laufe der Geschichte hervorragend entwickelt und veranschaulicht haben, als ein Längsdurchschnitt eben dieser Volksindividualität angesehen werden. Jener Querschnitt ist von abstrakter, dieser Längsschnitt von praktischer Art; er stellt, bildlich gesprochen, den Ahnensaal des betreffenden Volksgeistes dar; jede Eigenschaft des letzteren findet hier einen Hauptvertreter oder deren mehrere; die Tugenden wie Fehler eines Volks werden im Laufe der Geschichte zu Menschen. So auch bei den Deutschen. »Die Deutschen sind ehrliche Leute,« sagte schon Shakespeare: Luthers wie Bismarcks Vorzüge beruhen darauf; die Deutschen gelten von alters her für tapfer: Winkelried und Friedrich der Große beweisen es; ebenso ist ihr Denken in Leibniz und Kant, ihr Dichten in Walther von der Vogelweide und Goethe, ihr Singen in Bach und Mozart verkörpert. Andere Züge des Volkscharakters haben sich in andere Männer konzentriert; alle zusammen endlich ergeben die geistige Volksphysiognomie; und diese muß man befragen, wenn man über die Aufgaben und vorher bestimmten Schicksale eines Volks Auskunft haben will. Selbstverständlich wird die Antwort je nach den Zeiten und Umständen, unter denen sie erfolgt, eine verschiedene sein; selbstverständlich wird bald die eine bald die andere Eigenschaft als die führende zu gelten haben; aber immer wird es der Blick in die Vergangenheit, in die von handelnden Männern erfüllte Vergangenheit sein, welcher als Norm für die Zukunft dienen kann. Ein Volk wird für eine gesunde Zukunft erzogen durch seine beste Vergangenheit; und die Gegenwart soll das richtige Verhältnis zwischen beiden er- und vermitteln. Auf dieser Wage wägt man ein Volk. Es ist sicher: Deutschland kann seine Ideale nicht aufgeben, ohne sich selbst aufzugeben. Die historisierende und naturwissenschaftliche Richtung unserer gegenwärtigen Zeit steht dem an sich keineswegs entgegen; denn es hieße sehr oberflächlich urteilen, wenn man annehmen wollte, daß eine auf Wirklichkeit gegründete Weltanschauung des tieferen idealen Gehalts entbehren könne oder müsse. Die Bildung selbst schreitet niemals rückwärts; sie setzt wie der Baum stets neue Ringe an, welche die alten in sich einschließen: das nennt man Wachstum. Demgemäß haben die heutigen Deutschen, deren Großväter eine ideale und deren Väter eine historische Bildung besaßen, aus den Bildungsergebnissen der beiden vorhergehenden Generationen die Summe zu ziehen, indem sie sich – historische Ideale erwählen. Es sind dies Heroen des Geistes, Ahnen des Volks, Vertreter derjenigen seiner Charaktereigenschaften, welche in der gegenwärtigen und zunächst kommenden Zeit bestimmt sind, an die Oberfläche der Geschichte zu treten. »Es gibt nur ein Glück und das ist, sich selbst zu reformieren und klug genug zu sein, um völlig edel zu sein ,« sagt der vielfach unterschätzte Grabbe; und zu solchem Glück können jene Geister dem Deutschen verhelfen. Sie sind Spiegelbilder seines eigenen schönsten Daseins; an ihnen vermag das Volk seine Leistungen und seine Kräfte und seine Ziele zu messen; in ihnen ehrt es sich selbst. Sie dienen als Kristallisationspunkte für die jeweilige Geistesentwickelung des Volks; sie bilden die hohe Schule, auf welcher es sich für seine künftigen Geschicke vorzubereiten hat; kurz, sie sind die Erzieher ihres Volkes. Nur Geist kann den Geist beschwören; Faust stieg zu den Müttern hinab; der jetzige Deutsche muß zu seinen Vätern hinaufsteigen – um den Schlüssel zur Zukunft zu finden. Eine volle lebendige Gestalt, welche das Volk vor Augen hat, bedeutet hundertmal mehr als ein Schlagwort oder eine Theorie; das men, not measures gilt auch hier. Goethe hat auf diesen Weg gewiesen in den Worten: »Was an uns Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir unsere Altvorderen nicht aus den Augen verlieren.« Gleiches kann nur durch Gleiches erkannt werden; ein Volk versteht sich in seinen eigenen Volksgenossen; das ist der Vorzug der historischen vor den sonstigen Idealen. Jene haben vor diesen die innere Kontinuität des Lebens voraus. Neues Feuer zündet sich an altem an. Das Institut der »Eideshelfer« stellt sich als eine uralte deutsche und griechische Rechtsgewohnheit dar; recht verstandener Heroenkultus aber ist eine Art von sittlicher Eideshelferschaft, welche das Volk für seine letzten und tüchtigsten Eigenschaften in Anspruch nimmt. Das individualistische Prinzip, welches den Deutschen überwiegend beherrscht, gab seinem Wesen öfters etwas Unstetes, Zerfahrenes, Zerfließendes; nicht nur in politischen, sondern auch in geistigen Dingen hat sich dies bisher betätigt; gerade demgegenüber bieten jene historischen Ideale einen festigenden Halt. Sie haben als Gesamtpersönlichkeiten zu wirken; sie können und sollen leuchtende Paniere sein, um welche sich die Schar der Kämpfenden, Strebenden, ernst Wollenden in der Gegenwart sammelt. Sie sollen Muster sein; aber nicht für Kenner, sondern für Könner; nicht als eine Kost für Feinschmecker, sondern als eine solche für den Kern des Volks. Es ist praktisch von wenig Wert, das Genie auf Flaschen zu ziehen, wie es heutzutage in Shakespeare- und Goethegesellschaften geschieht; Genie will vielmehr an der Quelle genossen sein; nur so vermag es stärkend und befruchtend zu wirken. Besondere Zeiten erfordern es natürlich, zu einem besonderen Heldenbild aufzublicken; für die Auswahl des letzteren ist das Zeitbedürfnis und die geistige Zeitströmung richtungweisend. Umgekehrt wird sein Einfluß auf die verschiedenen Lebensgebiete eines Zeitalters von denjenigen Bewegungen und Problemen abhängen, welche dieses gerade erfüllen. In politischen Zeiten wird man auf politische Helden, in künstlerischen Zeiten auf künstlerische Helden hinsehen müssen; immer aber wird es darauf ankommen, in diesen Männern nicht das Vorübergehende, ihre spezielle Leistung, sondern das Bleibende, ihre innere Gesinnung nachzuahmen. Nicht das Zufällige, sondern das Notwendige, nicht den einzelnen Mann, sondern das Weben der Volksseele in ihm hat man in jedem Fall zu beachten und zu befolgen. Dann wird man von jener Geistesgemeinschaft, jenem Heroenkultus, jener Selbsterkenntnis des Volksgeistes auch die entsprechenden Früchte ernten. Einem Volk, das diese Methode der Erziehung auf sich anwendet, wird es so wenig an Kräften fehlen wie dem Antäus, solange er die mütterliche Erde berührte. Denn es ist sich selbst treu geblieben. Den großen konservativen Zug, welcher einem nationalen Geistesleben allein Stetigkeit und infolgedessen das verleiht, was es zu seinem gesunden Bestande unumgänglich braucht und was man etwa: Stil des nationalen Daseins nennen kann, findet ein jedes und auch das deutsche Volk nur im Anschluß an die großen und wahrhaft schöpferischen Geisteskräfte seiner eigenen Vergangenheit: an seine historischen Ideale. Von ihnen ist derselbe beschränkende, regelnde, normierende Einfluß innerlich zu erwarten, welchen die politische Neugestaltung Deutschlands äußerlich auf dieses teilweise ausgeübt hat und künftig noch ausüben wird; sie stehen zwischen Kunst und Politik in der Mitte; sie führen aus dieser zu jener hinüber. Es ist ein feiner und ganz individueller, aber auch tief bedeutsamer Zug der deutschen Volksseele, daß innerhalb des alten deutschen Rechts – gerade bei dem schon erwähnten Institut der Eideshelfer – die rein persönliche Überzeugung als ein juristischer Beweisgrund angesehen wurde; daß also Persönlichkeit und Subjektivität hier gleichsam objektiven Wert gewinnen. Gerade weil dieser Gebrauch so sehr alt ist und gerade weil er den heute vorherrschenden römischen Rechtsanschauungen schnurstracks zuwiderläuft, beweist er, wie hoch dem Deutschen die Persönlichkeit als solche steht und wie fremd die auf Objektivität abzielende, aber häufig nur geistige Farb- und Charakterlosigkeit erzielende heutige Wissenschaft seinem Herzen im Grunde ist. »Wer sich selbst fehlt, kann nur dadurch geheilt werden, daß man ihn sich selbst verschreibt,« äußert der tief denkende und tief fühlende Novalis; in modernes Deutsch übertragen, würde das lauten: »wer an Objektivität leidet, kann nur dadurch geheilt werden, daß man ihm Subjektivität verschreibt«. Soweit es sich nun aber um eine für Deutschland heraufdämmernde Kunstperiode handelt, so werden die leitenden Geister – die historischen Ideale, welche für eine solche maßgebend sind – unter den künstlerischen Heroen des Volkes zu suchen sein. Der Gang und die Richtung der deutschen Bildung werden für künftig offenbar durch diejenigen Männer vorgezeichnet, welche in dem Gesamtverlauf der bisherigen deutschen Geschichte als die tatsächlich höchsten Bildungsträger erscheinen. In ihnen sind gewissermaßen die festen mathematischen Punkte gegeben, welche eine Projizierung der kommenden deutschen Bildung in allgemeinen Umrissen ermöglichen; verbindet man diese Punkte zu einer Linie und verlängert dieselbe, so trifft man auf das rechte Ziel. Nun ist es aber bemerkenswert, daß bisher nicht Gelehrte, sondern Künstler die am weitesten vorragenden Höhepunkte der deutschen Bildung darstellen. Walther von der Vogelweide und Dürer, Shakespeare und Rembrandt, Goethe und Beethoven – nicht Renaissancephilologen oder Naturwissenschaftler von heute müssen als solche Höhepunkte gelten. Das Vorbild für heute: Rembrandt. Jede rechte Bildung ist bildend, formend, schöpferisch und also künstlerisch; insofern muß man es freudig begrüßen, daß sich unser Volk jetzt allmählich einer einseitig vorherrschenden Wissenschaft ab- und der Kunst zuwendet. Dies ist die geistige Achsenverschiebung, um welche es sich zunächst im deutschen Leben handelt; und es fragt sich nur, in welcher Art und unter welchem Zeichen sie sich nun vollziehen soll. Wenn die Deutschen das vorzugsweise individuelle Volk sind, so kann auf künstlerischem Gebiet ihnen auch nur der individuellste ihrer Künstler als geistiger Wegführer dienen; denn ein solcher wird sie am ehesten auf sich selbst zurückweisen. Unter allen deutschen Künstlern aber ist der individuellste – Rembrandt . Der Deutsche will seinem eigenen Kopfe folgen, und niemand tut es mehr als Rembrandt. In diesem Sinne muß er geradezu der deutscheste aller deutschen Maler und sogar der deutscheste aller deutschen Künstler genannt werden. Freilich entspricht seine äußere Geltung einem so hohen und einzigen inneren Werte bis jetzt noch nicht; er wird geschätzt, aber nicht genug. Rembrandt ist das Prototyp des deutschen Künstlers; er entspricht deshalb vollkommen als Vorbild vielen Wünschen und Bedürfnissen, welche dem deutschen Volke von heute auf geistigem Gebiet vorschweben – sei es auch teilweise unbewußt. Unter anderen Verhältnissen als den gegenwärtigen würde irgend ein anderer großer Deutscher diese Rolle übernehmen können und müssen; jetzt, da die Deutschen in ihrer Bildung an dem Spezialisten- und Schablonentum kranken, kann der ausgesprochenste Universalist und Individualist: Rembrandt ihnen helfen. Er kann sie zu sich selbst zurückführen. Er ist das betreffende historische Ideal für die nächste Zeit; er ist der feste Punkt, an den neue zukunftsreiche Bildungsformen sich anschließen können. Rembrandt aber war von Geburt ein Holländer. Es ist bezeichnend und eine äußere Bestätigung für den exzentrischen Charakter der Deutschen, daß ihr nationalster Künstler ihnen nur innerlich, nicht auch politisch angehört; der deutsche Volksgeist hatte sozusagen den deutschen Volkskörper aus den Fugen getrieben. Das muß jetzt anders werden; Geist und Körper, im Volk wie im einzelnen, sollen sich wieder zusammenfinden. Der Riß, welcher durch die moderne Kultur geht, muß sich wieder schließen. Und nur eine lebendige Menschengestalt, gleich Curtius in den Abgrund gestürzt, kann ihn schließen; Rembrandt ist ein solcher Mensch. Seine Persönlichkeit, in ihrer völligen Ungezwungenheit und Überindividualität, erscheint als ein wirksames Gegengift gegen das deutsche Schulmeistertum, welches schon so viel Unheil anrichtete. Dieser Mann paßt in keine Schablone; er spottet aller Versuche, ihn auf irgendein gelehrtes Prokrustesbett zu legen. Akademische Programme und Schulformeln lassen sich nicht auf ihn münzen, wie auf Rafael und andere; er bleibt, der er ist: Rembrandt. Vielleicht neigt der Deutsche nur deshalb so sehr zur Regel, weil sein Charakter von Haus aus ein regelloser ist; er strebt nach Korrektur, nach Ergänzung; aber er sollte eine solche Ergänzung mehr in sich als außer sich suchen; er sollte sich von den Fehlern seines Individualismus reinigen, indem er einen gesunden Individualismus zum Prinzip erhebt. Dadurch wird er seine Natur festigen und einschränken, ohne sie zu mindern oder zu schädigen. Er braucht Bildungstypen, aber nicht Bildungsschablone; denn ein Typus formt sich von innen nach außen, eine Schablone aber von außen nach innen; das ist ein grundlegender Unterschied. »Eines schickt sich nicht für alle.« Wie die griechischen Künstler in dem Kanon des Polyklet eine aus dem Volke selbst geschöpfte Normalfigur hatten, deren Maßen sie durchweg ihre Bildwerte anpaßten und denselben dadurch jenen Charakter des Ruhigen und Gleichmäßigen und Harmonischen gaben, welcher einen Hauptvorzug der griechischen Kunst bildet; so hat umgekehrt der deutsche Künstler und der deutsche Mann in einer Gestalt wie Rembrandt ein Muster des Bewegten und Ungleichartigen, des individuell Veranlagten vor sich, welches den Grundzug des deutschen Charakters und damit auch der deutschen Kunst bildet. Beide verhalten sich zueinander, wie der homophone zum polyphonen Gesang. Denn die Aufgaben der Völker sind verschieden; Konkordanz ist der Beruf der einen, Diskordanz der Beruf der anderen; jenes Los ist den Griechen, dieses den Deutschen gefallen; jene sind konzentrisch, diese exzentrisch angelegt. Und niemals ist wohl schöner der rastlose deutsche Geist dem ruhigen antiken Geist entgegengesetzt worden, als in dem tiefdeutschen Spruch Hölderlins: »Wir sind nichts; was wir suchen, ist alles«. Wenn man ihn mit dem aus der tiefsten Tiefe des griechischen Geistes geschöpften Begriff der olympischen Ruhe und Selbstgenügsamkeit vergleicht, so macht sich dieser Gegensatz noch deutlicher fühlbar; »wir suchen nichts; was wir sind, ist alles« hätten die Griechen sagen können. Um den Weg zur Wahrheit zurückzufinden; sie brauchen die Deutschen nur auf sich selbst zu besinnen: »das nenne ich ein deutsches Aussehen, stark, wohlerzogen und fein«, hat Rahel gesagt. Götter und Menschen, Dichter und Propheten, Mann und Weib rufen dem Deutschen zu: sei deutsch! Die Deutschen, als Volk genommen, sind nunmehr stark; aber »wohlerzogen« nur teilweise und »fein« noch weniger. Denn ihre Bildung ist unecht, und das Unechte ist nie fein. Wer das unschätzbare Gut seiner Individualität für den Glitter einer falschen Bildung hingibt, ist nicht klüger als der Neger, welcher sein Land und seine Freiheit für eine Flasche gefälschten Rums und einige Glasperlen verkauft. Stark, wohlerzogen und fein – ist der Charakter der Bachschen Musik; an ihr und zu ihr sollen sich die Deutschen hinaufbilden; stark wohlerzogen und fein – ist der Gehalt der Rembrandtschen Malerei; in sie sollen die Deutschen sich versenken. Das »wohltemperierte Klavier«, welches der eine und die sorgsam entwickelte Skala des »Helldunkels«, welche der andere hinterließ, sind höchste Bildungsmittel; sie sind es im eigentlichen wie im uneigentlichen, im fachkünstlerischen wie im menschlichen Sinne; sie sind es im deutschen Sinne. Originalität ist nicht das Ziel, sondern die Voraussetzung alles Künstlertums; sie ist in Rembrandt als einem Musterbeispiel gegeben; durch sie muß der Deutsche hindurchpassieren, wenn er geistig etwas werden will. Das ist die erzieherische Bedeutung dieses großen Künstlers. Wie von Cäsarismus, so könnte man auch von Rembrandtismus reden; nur daß dieser gerade das Gegenteil von jenem ist; denn jener zentralisiert ein Volk äußerlich, dieser individualisiert es innerlich. Das Neue muß an das Alte anknüpfen; aber nur an dem Punkte, wo es am freiesten ist; und am freiesten ist die bisherige deutsche Kultur in Rembrandt. Vieles nimmt man heutzutage unters Mikroskop; es dürfte gut sein, auch einmal einiges unters Makroskop zu nehmen; audiatur et altera pars . In diesem Sinne ward hier der Versuch gemacht, nicht einen Mann an der Zeit, sondern die Zeit – die heutige Gegenwart – an einem Manne zu messen. Es macht den modernen Nichtmenschen in der Regel wenig Eindruck, wenn man ihnen sagt: werdet Menschen; vielleicht macht es ihnen mehr Eindruck, wenn man sie auf einen ganz bestimmten Menschen verweist und ihnen zuruft: werdet Menschen wie Rembrandt. Selbstverständlich bezieht sich das nicht auf den Grad, sondern auf die Qualität seiner Befähigung. Diese Art von Menschlichkeit braucht nicht mit dem Verstande begriffen, nicht aus Büchern geschöpft zu werden; sie läßt sich mit Augen sehen und mit Herzen fühlen; sie ist kein Auszug in eine ideale und unbekannte Fremde: sie ist eine Rückkehr ins Vaterhaus. Rembrandt als Erzieher für I. Deutsche Kunst. Es waltet in jeder Zeit ein geheimes Bündnis verwandter Geister. Schließt, die ihr zusammengehört, den Kreis fester, daß die Wahrheit der Kunst immer klarer leuchte, überall Freude und Segen verbreitend. Robert Schumann Rembrandt ist ein bildender Künstler; auf die bildende Kunst wird er daher besonders stark einwirken müssen. Doch ist hierbei, wie schon hervorgehoben, immer im Auge zu behalten, daß es sich nicht um spezielle Nachahmung seiner Kunstübung, sondern um prinzipielle Nachahmung seiner Kunstgesinnung handelt. Nichts wäre falscher, als jetzt zu rembrandtisieren, wie man früher antikisiert hat; nichts ist notwendiger, als die rechte Nachahmung von der falschen Nachahmung zu scheiden. Kunstgesetze gibt es, Kunstrezepte nicht. Eine Kopie ist niemals Kunstwerk und eine Manier ist niemals Stil; einen Künstler oder eine Kunstrichtung kann man so wenig nachmachen, wie man einen Apfel oder eine Birne chemisch erzeugen kann; beide Kategorien von Dingen wachsen nur von innen heraus. Auf dies so sehr und so lange vernachlässigte Wachstum von innen heraus müssen die Deutschen wieder aufmerksam gemacht werden; und dazu kann ihnen, nach verschiedener Richtung hin, Rembrandt verhelfen. Der deutsche Charakter. Musik und Ehrlichkeit, Barbarei und Frömmigkeit, Kindersinn und Selbständigkeit sind hervorragendste Züge des deutschen Charakters; indem Rembrandt ihnen auf künstlerischem Gebiet gerecht wird, zeigt er sich vorzugsweise als einen echten Deutschen. Treue gegen sich selbst, Treue gegen das angeborene enge Stück deutscher Erde, Treue gegen den weiten lebendigen deutschen Volksgeist – kurz die Bewährung der schönsten deutschen Tugend, der Treue überhaupt ist es, welche Rembrandt uns lehren kann und soll. Individualität heißt wörtlich Unteilbarkeit; aber eben diese bedingt zugleich: Einteilbarkeit, innere Abstufung, durchgängige Organisation. Einzelseele, Stammesseele, Volksseele treffen sich und steigern sich gegenseitig in diesem Manne; Seelendreieinigkeit ist es, welche ihn so stark macht. Er ist Rembrandt, er ist Holländer, er ist Deutscher. In dem Begriff des Volkstümlichen und Volksmäßigen aber gipfelt diese künstlerische Skala; darum kann und wird es niemals eine allgemein verbindliche oder allgemeingültige, sondern immer und überall nur eine besonders gestaltete oder relativ gültige Kunstweise geben; eine Menschheitskunst, von der man wohl gesprochen hat, ist unmöglich. Denn das Unendliche kann uns nur in endlicher Form sichtbar werden; sowie man es ohne Umhüllung sinnlich darstellen will, zerfließt es in nichts; das Lebendige wird dann Schablone. Wie es nur Eichen, Tannen, Palmen usw., aber niemals einen Baum an sich gibt, so gibt es auch nur griechische deutsche, französische Kunst usw., aber niemals eine Kunst an sich. Aufgabe der Kunstgeschichte ist es, das Verhältnis jener sich in- und über- und nebeneinander gliedernden Individualitäten, soweit es sich auf künstlerischem Gebiet betätigt, klarzumachen; in der Praxis aber und in dem einzelnen Fall kann man sagen: die deutsche Kunst wird desto besser sein, je deutscher sie ist. Theorie oder gar fremde Theorie entscheidet hier nichts. Hier entscheiden vor allem jene praktischen und angeborenen Eigenschaften, wie sie z. B. Rembrandt im höchsten Maße besitzt. Solche Eigenschaften geben dem niederländischen Malerfürsten das Recht, als ein Hauptvertreter des deutschen Geistes und ein Haupterzieher des deutschen Volkes zu gelten; sie geben ihm die Fähigkeit, die heutige deutsche Volksseele, die ihrer selbst in so mancher Hinsicht vergessen hat, zu diesem ihrem Selbst zurückzuführen; und zwar zunächst auf dem Gebiete der Kunst. Aber ein Einfluß Rembrandtscher Gesinnung auf die Kunst des deutschen Volkes ist ohne einen gleichlaufenden Einfluß der gleichen Gesinnung auf das sittliche und das geistige Leben unseres Volles nicht denkbar. Die bildende Kunst des künftigen deutschen Volkslebens wird ihre Einwirkungen weit über ihre eigenen Grenzen hinaus erstrecken; und ebenso wird Rembrandt noch in anderer Hinsicht, als gerade in bezug auf seine Künstlerschaft, dem deutschen Geiste und dem Deutschen Reiche Anregung wie Anleitung von mancherlei Art bieten können. Ein rechter Mensch ist unerschöpflich; dies gilt auch von einem der echtesten Deutschen, dem Menschen Rembrandt. Die Individualisierung der Kunst, im Rembrandtschen Sinn, wird eine nähere Berührung der Kunst mit dem Leben schon ohne weiteres zur Folge haben. Erinnert sich die Kunst wieder der Volksseele, so wird sich auch die Volksseele wieder der Kunst erinnern; daß letzteres jetzt noch nicht der Fall ist, daß die deutsche Kunst sich heutzutage nur an den vagen Begriff des »Gebildeten« wendet, liegt auf der Hand. Ein wirklich bildender Einfluß der Kunst auf das Volk kann sich nur seitens einer wahrhaft volkstümlichen Kunst entwickeln. Auch hier kann Rembrandt wieder als Leit- und Augenpunkt dienen. Was den heutigen deutschen Künstlern und den heutigen deutschen Gebildeten mit am meisten fehlt: der tiefe innere Ernst der Gesinnung und des Lebens , das Absehen von allen Äußerlichkeiten: von Markt, Mode, Gesellschaft, Bildungstrivialität und Charakterromantik, findet sich nirgend so sehr wie bei Rembrandt! Keines Malers, ja keines Künstlers uns erhaltene Werke sind von einem so tiefen, weltvergessenen Ernst erfüllt, wie die seinigen. Die Gestalten, welche er schuf, blicken uns aus dem Grund ihrer Seele an; man möchte sagen, daß man nicht nur die Tätigkeit des Künstlers, sondern die Erscheinung des Kunstwerks selbst über dessen Seele vergißt. Dergleichen gelingt nur dem Größten. Rembrandts Kunst ist ganz Charakter; und sticht seltsam ab gegen die Frivolität, welche in dem Leben und den Leistungen der heutigen Künstlerwelt so oft vorherrscht. Nichts aber ist schlimmer als Charakterlosigkeit; sie ist das Verbrechen aller Verbrechen. Daß die Kunst auch eine sittliche Seite habe, daran denkt man heutzutage allzu selten; man fordert m dieser Hinsicht nicht viel vom Künstler; und bekommt deshalb auch in dieser Hinsicht nicht viel von ihm. Auch der niederländische Meister stand in der letzten Zeit seines Lebens allein gegenüber künstlerischen Tagesmoden, die damals in sein Vaterland eindrangen; aber er blieb, der er war. Der tiefe unbefangene, unerschütterliche Glaube an das Echte verließ ihn nicht; ihn sollten sich die Deutschen, so manchem unechten Bildungs- und Charakterschimmer von heute gegenüber, vorzüglich aneignen. Dann werden sie nicht nur den Künstler, sondern auch den Menschen Rembrandt ehren; und der Segen seiner großen und gesunden Erscheinung wird auf sie zurückfließen. Bismarck hat es als eines seiner politischen Geheimnisse verraten oder vielmehr als einen seiner politischen Grundsätze mit der gewohnten Offenheit ausgesprochen: »wenn ich den Wert eines Menschen kennen lernen will, so subtrahiere ich seine Eitelkeit von seinen Fähigkeiten; mit dem, was übrigbleibt, rechne ich dann erst«. Möchten die Deutschen dies Subtraktionsexempel nicht zu scheuen haben. Und »ernst hab' ich es stets gemeint«, sagte Goethe in seinem Alter. Möchten auch die jetzigen Deutschen dies von sich sagen können; dann wird es gut um sie stehen. Seele und Persönlichkeit. »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,« klagt der moderne Gelehrte mit Goethes Faust; und »immer strebe zum Ganzen«, antwortet es ihm aus Schillers Spruchweisheit. Zwei Seelen – in einer Brust – sind keine Seele; es ist das eigentlichste Wesen der Seele, daß sie nur eine ist; daher denn auch die Seelenlosigkeit der modernen Bildung. Jener Schritt von zwei zu eins ist es, welcher der Mittelmäßigkeit so schwer und dem Genie so leicht wird. »Nah ist und schwer zu fassen der Gott,« sagt Hölderlin. Individualität haben heißt Seele haben; die Individualität eines Menschen ist seine Seele; hier ist also der springende Punkt, von dem alle künstlerischen Bestrebungen ausgehen müssen. »Die Hauptsache ist, daß man eine Seele habe, die das Wahre liebt und die es aufnimmt, wo sie es findet,« sagte Goethe von der Aufgabe des Künstlers. Selbstverleugnung ist die Losung des Christen, Selbstbetätigung ist die Losung des Künstlers. »Eines ist not«, heißt es im Christentum; »Vieles ist not«, heißt es in der Kunst. Vor der Rücksicht auf die eigene geistige Persönlichkeit, den eigenen künstlerischen Charakter, die besondere angeborene Künstlerseele müssen demnach dem Künstler andere Rücksichten zurückstehen: Rücksichten des Eigennutzes, der Überlieferung, ja oft selbst der Pietät müssen vor diesem ersten Erfordernisse schweigen. Ein Verzicht auf die eigene Individualität erscheint nur berechtigt, wenn er zugunsten einer höheren und wahrhaft seelischen Weltauffassung stattfindet. Aber seiner Individualität abtrünnig zu werden, aus bloßem Eigennutz oder aus Eitelkeit, ist gemein. Die Persönlichkeit gehört an die Spitze der Kunst. Nur die erstere kann, wenn sie stark entwickelt wird, der letzteren das geben, was ihr heutzutage so sehr fehlt: echte Naivität. Dieser verlorene Ring muß wiedergefunden werden. Natur, Nation, Naivität entspringen einem gemeinsamen Wortstamme, der das Geborenwerden bezeichnet; also sich wiederum auf die gegebenen Eigenschaften des Menschen bezieht. Kunst aus erster Hand, nicht aus zweiter Hand brauchen wir. Es ist ein großer Unterschied, ob eine Mutter ihr Kind schreien hört oder ob jemand anders es schreien hört; so ist es auch ein großer Unterschied, ob ein Volk die Muster seiner Kunstübung von sich selbst oder aus der Fremde übernimmt; der Zusammenhang des Blutes entscheidet dort wie hier. Der Künstler soll in seiner Art bleiben und in seiner Art sich bilden; tut er es nicht, so verfällt er der – Entartung; auch Worte sind weise. Der jetzige Deutsche hat zwischen Art und Entartung zu wählen. Natürliche und künstliche Weine lassen sich chemisch gar nicht unterscheiden; was beide dennoch scharf voneinander trennt, ist der Mangel oder das Vorhandensein des Aromas, der Blume; dieser Begriff ist für die bisherige Wissenschaft nicht faßbar; und doch ist er es allein, auf den es in solchem Fall ankommt. Individualismus ist die »Blume« des Lebens. Die eigentliche Bedeutung der deutschen und aller Kunst überhaupt wurzelt im Typischen, Nationalen, Lokalen, Persönlichen; je klarer dies erkannt und je stärker dies betont wird, desto besser ist es für ihre Entwicklung; so auch im heutigen Deutschland. An der starken Persönlichkeit Rembrandts kann es sich aufrichten, erbauen, wiedergebären; ihr Wert ruht in ihrer Einzigkeit; und diese betätigt sich äußerlich wie innerlich, im kleinen wie im großen. Rembrandt ist unter den Künstlern des Nordens der einzige, welcher gleich den großen Künstlern des Südens seinen Vornamen zum Rufnamen erhob; der Name seines Vaters, nach dem er sich hätte nennen sollen, war Harmensz. Aber auch in seinem Vornamen »Rembrandt« liegt schon an sich ein ganz besonderer Hauch des Individuellen. Wie die individuelle und zuweilen überindividuelle Geistesrichtung der Engländer sich schon in ihren vielen und einem Festländer oft höchst sonderbar erscheinenden Vornamen – man denke nur an Percy Byshhe Shelley u. a. – kundgibt, so gilt ein gleiches auch von den Niederländern und am meisten von dem größten niederländischen Künstler. Sein Name ist fast so selten wie seine Kunst. Dieser Umstand deutet wiederum darauf hin, daß nicht nur Geist und Körper, sondern auch Namen und Sachen in einer eigenen, geheimen, unzweifelhaften Verbindung miteinander stehen; in der Natur ist alles Gesetz, nichts Zufall. Es gibt authentische Porträts Rembrandts sowohl wie Beethovens, auf welchen beide vollkommen wie Wahnsinnige aussehen; auch Goethe hat gelegentlich von sich gesagt, daß gewisse Gespräche, die er mit geistig sehr angeregten Leuten führte, ihn und sie in den Augen unbeteiligter Zuhörer hätten als Wahnsinnige erscheinen lassen müssen; so berührt die Persönlichkeit ihre äußerste Grenze. Jede Individualität stellt eine Abweichung vom Normalen dar; und wenn es gestattet ist, nach Analogie des Wortes Ideal ein Wort Normal zu bilden, so kann man sagen: sie ist ein verschobenes Normal; aber man muß sich hüten, Verschobenheit mit Verschrobenheit zu verwechseln. »Der Schädel Beethovens ist ein derart häßlicher, daß hinter dieser Schale niemand den edlen Kern hoher geistiger Begabung suchen würde,« äußerte ein moderner Anatom nach eigener Augenscheinnahme desselben. Was indes dieser Mann der Wissenschaft »häßlich« nannte, ist gerade im Rembrandtschen, im deutschen, im individuellen Sinne »schön«: nämlich ein hoher Grad von Unregelmäßigkeit, Verschobenheit, Eigenartigkeit; und so ergibt sich für den unparteiisch Urteilenden, daß Beethovens Schädel mit seiner Musik durchaus übereinstimmt. Klarheit, Ebenmaß, Gleichgewicht fehlt beiden; aber Kühnheit, Kraft, Reichtum der Formen und des Inhaltes besitzen beide. Auch hier behält die Natur gegenüber dem Professor recht; oder vielmehr der letztere kennt die Natur nur halb: der Schädel und die Kunst Rafaels bewegen sich in reinen, der Schädel und die Kunst Beethovens in unreinen Linien. Aber unreine Linien sind nicht unschöne Linien. Es liegt keinerlei Grund vor, die eine oder die andere Formation an sich vorzuziehen; Rafael, der Umbrer, ist den Griechen verwandt; Beethoven war ein Deutscher. Für Deutschland ist nun einmal die deutsche Schädelform die beste, die fruchtbarste; und eben das kann man von der Rembrandtschen Kunstrichtung, gegenüber der Rafaelschen, sagen. Nach einem alten Kunstgesetz soll Harmonie, die sich aus Disharmonie entwickelt, höher zu schätzen sein als eine solche, die sich aus der Harmonie selbst entwickelt; und danach wäre die deutsche Schädel-, Kunst- und Geistesform, wo sie in durchgebildeten Persönlichkeiten auftritt, jedenfalls als die höhere zu bezeichnen. Deutschlands Nationaldichter Schiller hat sogar gemeint und in seiner bestimmten und kurz formulierenden Art ausgesprochen: daß der Weg aller Bildung von der Natur durch die Unnatur zur Natur zurückgehe. Von Rembrandts Volks- und Kunstgeist 1. Wahrheitsliebe Falscher Klassizismus, wie man ihn während der letzten hundert Jahre vielfach in Deutschland gepflegt hat, ist unwahr; echter Klassizismus ist, seinem ganzen Wesen nach, wahr. Wahrheit ist im sittlichen wie im geistigen Leben die erste aller Pflichten; Rembrandt ist der Maler der Wahrheit und Natürlichkeit; und darauf ist seine ganze Meisterschaft gegründet. Was ist Wahrheit? hat man oft genug in der Kunst gefragt und oft auch hier den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Wahr ist, wer wahrt. Der Künstler hat seine Persönlichkeit zu wahren; durch sie wird er schöpferisch: und desto mehr, je mehr er sie wahrt – gegenüber allen äußeren Ansprüchen von Tradition, Markt, Mode, Theorie, eigener Schwäche und fremder Anmaßung. Wahr ist, was währt. Das Bleibende in Natur und Menschheit, die großen einheitlichen Züge in ihr, die feste Volksphysiognomie, welche weder in einzelpersönlicher Willkür noch in leere Abstraktionen überschlägt, sie allein währen – wie anderswo so auch in der Kunst. Das Wort »Wahrheit« erklärt also sich selbst; sie ist ein, ja sie ist das konservative Prinzip, wenn es richtig verstanden wird. Mode ist demokratisch, Stil ist aristokratisch. Was der deutschen Kunst von heute fehlt, ist ein konservativer Charakter; sie tastet bald so bald so; sie ist, innerlich und sogar ganz äußerlich, nirgends zu Hause. Bilder und Statuen müssen für ein bestimmtes Licht, für einen bestimmten Platz, für ein bestimmtes Gebäude, nicht für Markt oder Laden gearbeitet sein. Die antike Kunst gruppierte sich um den Tempel; die moderne Kunst gruppiert sich um die Bude; ein solches Zentrum bietet zu wenig Halt. Die echte Kunst ist nicht nur ihrem Ursprunge, sondern auch ihren Zielen nach lokal umgrenzt; sie bedarf, wie das einzelne Bild, eines festen Rahmens; und nur die konservativ-aristokratische Richtung des geistigen wie sozialen Lebens einer Nation kann ihr ihn bieten. An dieser eingebornen deutschen Geistesrichtung gilt es festzuhalten; sie gilt es zu vertiefen; denn der Deutsche ist nur wahr, wenn er deutsch ist und er ist nur deutsch, wenn er wahr ist. Kein bildender Künstler ist mehr wie Rembrandt in diesem Sinne wahr gewesen; keiner hat mehr wie er von äußerlicher Tradition und äußerlicher Klassizität abgesehen; er hat sich selbst dadurch zu einem »ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht« gemacht. Er währt, weil er wahrt. Eine solche »wahre« Erscheinung kann zum Maßstab für das geistige Leben von heute dienen. Weder die künstlerischen Naturalisten noch die wissenschaftlichen Spezialisten der deutschen Gegenwart »wahren« ihre eigene Persönlichkeit oder die großen bleibenden Züge in Natur wie Menschheit. Was beide interessiert und was beide darstellen, ist das unpersönliche Kleinigkeitswesen in Natur wie Menschheit; sie verleugnen sich selbst und den Weltgeist, d.h. Gott; sie sind durch und durch unwahr. Und eben darum sind sie vulgär. Die deutsche Ehrlichkeit, obwohl in neuerer Zeit etwas aus der Mode gekommen, ist doch kein leerer Schall; an ihr muß daher auch die deutsche Kunst einen vollen Anteil haben. Ein vielbedeutender Ausspruch Goethes »es ist unbedingt ein Zeichen von Wahrheitsliebe, überall in der Welt das Gute zu sehen«, bestätigt dies; und wenn ein solcher Ausspruch richtig ist, so muß man Rembrandt für einen und vielleicht den wahrheitsliebendsten unter allen Künstlern erklären. Keiner hat, wie er, im Schmutz der Welt das Gold des Geistes aufzulesen verstanden. Er ist dadurch mehr als irgendein anderer Künstler zum Eroberer im Gebiet der Kunst geworden. Rembrandt hat das ganze weite Gebiet dessen, was man vor ihm und auch lange nach ihm prosaisch nannte, dem Reich der Poesie einverleibt. Seit ihm kann man logischer und begründeterweise nicht behaupten, daß irgendein Gegenstand oder eine Situation in der Welt von der echten künstlerischen Darstellung ausgeschlossen oder ihr verschlossen sei; seit ihm gibt es für die bildende Kunst keine Grenzen mehr. In seiner göttlichen Unbefangenheit, seinem sachlichen Blick, seiner rücksichtslosen Verachtung aller willkürlich gezogenen Schranken der Kunst geht er sogar noch weiter als das erd- und himmelbewegende Kind Shakespeare. Er ist das enfant terrible der Kunst; aber im schönsten Sinne des Wortes: er ist ein Kind und dabei doch großartig, furchtbar, unheimlich durch die Tiefe seines forschenden Blickes, dem nichts verborgen bleibt. 2. Lokalismus. Rembrandt war nicht nur als Mensch, sondern auch in seinen speziellen künstlerischen Leistungen ein rechter Holländer. Starke Persönlichkeit erwächst nur aus starkem Stammesgeist und dieser nur aus starkem Volksgeist; die Betriebsamkeit, Freiheitsliebe, Gemütstiefe, Schlichtheit des holländischen Charakters spiegelt sich in Rembrandts Werken mehr als irgendwo. Das sind Eigenschaften, welche die heutige deutsche Kunst recht wohl gebrauchen kann. Aber auch von diesen selbst abgesehen, ist der der gesamtdeutschen Kunst gegenüber so ungemein hoch entwickelte provinzielle Charakter der Rembrandtschen Malerei noch in einem ganz anderen Sinne von entscheidendster Wichtigkeit. Das edle Gefühl der Stammeseigentümlichkeit ist den Deutschen, über ihrer politischen Zersetzung, vielfach abhanden gekommen: sie nennen sich Württemberger, aber nicht Schwaben, Hannoveraner, aber nicht Niederdeutsche; damit ist ein Stück Volksseele verlorengegangen, das wiedererobert werden muß. Und vor allem ist dies auf künstlerischem Gebiet erforderlich. Wer die Gesetzmäßigkeit der altgriechischen Lokalalphabete kennt, welche gewisse Buchstabenformen streng und konsequent, und ohne Wissen der Handhabenden auf einzelne kleine Landbezirke oder Inseln beschränkt: wer die harmonische und man möchte sagen musikalische Folgerichtigkeit der Grimmschen Lautgesetze auf sich wirken ließ; wer erfuhr, wie selbst heute noch sprachliche Verschiedenheiten und Eigentümlichkeiten Z. B. des Plattdeutschen von geübten Ohren zuweilen bis auf die von dem Sprechenden bewohnte Quadratmeile unterschieden werden; der weiß auch, wie tief, wie durchdringend, wie allbeherrschend in der Natur, selbst da, wo sie sich mit der Kultur berührt, das individualistische Prinzip ausgeprägt ist. Diesen Schattierungen der Natur hat die Kunst zu folgen. Die deutsche Kunst muß sich nach dem Bilde der von Tacitus geschilderten deutschen Dörfer entwickeln: »wo jedem ein Platz oder ein Hain gefällt, da siedelt er sich an«; gerade die frühesten Anfänge eines Volkslebens lassen oft seine Eigenart und seine damit gegebene Bestimmung am deutlichsten erkennen. Der rechte Künstler kann nicht lokal genug sein. Eine gesunde und wirklich gedeihliche Entwickelung des deutschen Kunstlebens ist mithin nur dann zu erwarten, wenn sie sich in möglichst viele und in ihrer Einzelart möglichst scharf ausgeprägte, geographische, landschaftliche, lokale Kunstschulen scheidet und gliedert. Hier ist Dezentralisation, nicht Zentralisation notwendig. Rembrandt selbst war das Haupt und Zentrum einer derartigen lokalen Kunstschule. Er ist dem Boden treu geblieben, dem er entstammt; er malte holländisch. In gleicher Weise hat sich die Kunst bei den Griechen, bei den Italienern und sogar, wiewohl in abgeschwächtem Maße, auch bei den Modernen entwickelt; es gilt nunmehr dies Prinzip für die deutsche Gegenwart und Zukunft festzuhalten, es zu verschärfen und womöglich zu vertiefen. Es ist nicht wünschenswert, daß Deutsche oder gar Ausländer sich mit Vorliebe in größeren Zentralpunkten der Kunst in Berlin oder Düsseldorf oder München zusammenfinden, zuweilen auch zusammenfilzen und dort nach der gerade herrschenden Mode malen: heute Cornelius, morgen Piloty. Darin liegt nicht die wahre Methode. Die Kunst braucht Zerstreutes, nicht gesammeltes Licht; unter dem Brennglas kann nichts wachsen. Eine rechte Kunst kann nur aus dem mannigfach nuancierten und doch in sich einheitlich verbundenen Volkscharakter erstehen. Die Mängel gewisser moderner Kunstentwickelungen beweisen dies. Die Pariser Kunst entbehrt sehr das französische Provinzleben; sie wechselt zwischen Demimonde und Proletariertum, zwischen Patchouli und Holzschuhen; und in der Münchener Kunst weiß man wenig von Hamburg. Es fehlen hier wie dort die innigen Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Teilen des Volksorganismus. Geist der Individualität ist Geist der Scholle. Die Kunst bedarf des Lokalismus und des Provinzialismus; hier ist der Kantönligeist am Platze; in den heimatlosen Millionenstädten werden Kunst und Künstler schnell verzehrt, aber selten erzeugt. Will man daher auch nicht mit dem Bismarck von 1848 wünschen, daß jene Millionenstädte »vom Erdboden vertilgt würden«, so möchte man doch wünschen, daß ihre Rolle im produzierenden Kunstleben eine minder bedeutende werde als bisher. Das atemlose Jagen nach Gewinst, welches an solchen Orten herrscht, ist höheren Interessen nicht förderlich; diese werden dort oft erstickt und öfter gemißbraucht. Auch erscheint es wünschenswert, daß einzelne sittliche Schattenseiten des millionenstädtischen Lebens auf künstlerischem Wege nicht noch mehr in Umlauf kommen, als es ohnehin schon der Fall ist. Durch eine eigentümliche Ironie des Schicksals geraten sonst leicht höchst frivole Kunstwerke in eine höchst ehrbare Umgebung; Beispiele liegen nahe. Die heitere und dekorative, aber innerlich hohle Kunst Makarts; die herben und kräftigen, aber innerlich kühlen Werke Menzels; die farbigen, aber innerlich teils groben, teils raffinierten Leistungen der Münchener Malerschule – sie alle spiegeln die Örtlichkeit ihres Ursprungs ganz unverkennbar wider. Aber weshalb soll der Deutsche sich mit diesen wenigen und nicht eben besten Reflexen seines nationalen Einzeldaseins begnügen? Weshalb sollten nicht auch die deutschen Mittelstädte, welche jetzt etwa die Bedeutung haben, wie Haarlem oder Leyden im einstigen Holland, zu künstlerischen Pflanzstätten werden? 3. Bürgertum Unerfahrene Kinder und geübte Diplomaten haben das oft blitzartige Durchschauen von Menschen und Charakteren miteinander gemein; aber freilich aus einem ganz entgegengesetzten Grunde: jene besitzen noch den Blick für das Ganze, diese schon denjenigen für die Einzelheiten des menschlichen Seelenlebens. Man kann sagen, daß der rechte Künstler beide genannten Eigenschaften in sich vereinigen muß; und Rembrandt hat eben diesen Doppelblick; er weiß die Seele des Menschen zu malen, wie keiner vor oder nach ihm! Er ist als Maler der Repräsentant, aber zugleich auch der Schilderer – Schilderer bedeutet im Holländischen: Maler – der deutschen Volksseele; er stellt sie von jener Seite dar, wo sie am tiefsten ist. Alles Hochtrabende, Akademische, Formalistische liegt ihm so fern wie möglich. Er spricht seine Gedanken mit derselben Offenheit und man möchte fast sagen Verlorenheit aus, wie es ein Kind tut; aber seine künstlerische Seele gibt auch an Schärfe und Feinheit der Beobachtung dem gewiegtesten Weltmanne nichts nach. Er taucht in die Tiefe und bringt Perlen herauf. Kein Künstler steht dem eigentlichen Bürgerstande so nahe, kein Künstler weiß so wie er den großen Gehalt in schlichte Form zu fassen. Aus dem Bilde eines Schreibmeisters, eines Gefängniswärters, in einfacher Radierung schwarz auf weiß, versteht er Seelengemälde zu machen, die einem Hamlet oder Fallstaff Shakespeares nicht nachstehen. Ein gelagertes Schwein oder eine Frau, die Pfannkuchen bäckt, weiß er mit wenigen hingekritzelten Strichen so zu zeichnen, daß es ihm kein Künstler der Welt nachmacht. Von ihm kann die Kunst den Zusammenhang mit dem Volk, mit dem Mittelstande wieder lernen, den sie infolge ihrer Kostümliebhabereien und ihres sonstigen Archaisierens verloren hatte. Erst wenn der Künstler sich nicht mehr als romantische Ausnahmeperson, sondern als ein Bürger unter Bürgern fühlt, kann er wieder zu gedeihlicher Tätigkeit gelangen. Wer die deutschen Künstler von heute kennt, weiß, daß dies bürgerliche und wenn man will spießbürgerliche Gefühl den meisten von ihnen fehlt; Rembrandt hatte es, so gut wie Shakespeare es hatte. Beide sind nicht trotzdem, sondern deswegen die großen Künstler, die sie sind. Zur Zeit als Shakespeare den Macbeth schrieb, mahnte er einen seiner Nachbarn um einige geliehene Scheffel Korn; und die betreffende Tragödie ist darum nicht schlechter geworden. Der Künstler, der im besten Sinne des Wortes »bürgerlich« ist, wird seinen Mitbürgern dadurch auch persönlich nahetreten und sie seinerseits um so eher zur Kunst hinüberziehen; nicht der Maler mit seiner manierierten Samtjacke, sondern Walther von der Vogelweide mit dem Schwert an der Seite, Peter Bischer im Schurzfell und Rembrandt in der Arbeitsbluse sind die rechten Künstlertypen. Je weniger der Künstler sich äußerlich von seinen Mitbürgern unterscheidet, desto besser ist es für ihn, desto echter wird er sein; ihn als eine Art von interessantem Vagabunden, Bohéme anzusehen, ist französische, nicht deutsche Auffassung. Nicht aufzufallen, ist das erste Gesetz des guten Tones; es gilt auch in bezug auf das persönliche Verhältnis des Künstlers zur bürgerlichen Gesellschaft: je mehr er mit ihr verschmilzt, desto besser ist es für ihn und für sie. Unscheinbarkeit steht jedem gut, und dem Großen am besten; und dem Deutschen ist sie eigentlich angeboren. Gerade hieraus erklärt sich Zum guten Teil die geringe Beachtung, welche Rembrandt bisher bei seinen weiteren Landsleuten, den Deutschen, gefunden hat. Es ist merkwürdig genug, daß der volkstümlichste aller Maler, ja wohl aller modernen Künstler der Durchschnittsmasse der heutigen Gebildeten am unbekanntesten oder doch geistig am fremdesten gegenübersteht. Rafael ist ihnen vertraut, aber Rembrandt nicht; und doch wäre ein Studium gerade des letzteren Künstlers den Deutschen so heilsam. Er ist in mancher Beziehung ihr besseres Selbst. Die künstlerische Persönlichkeit Rembrandts ist so überaus reich, daß hier nur wenige Hauptzüge seines Wesens hervorgehoben werden können, um dies nachzuweisen. 4. Musikalisches Richard Wagner hat richtig bemerkt, daß das Adagio »die Grundlage aller musikalischen Zeitbestimmung« sei; und insofern die Deutschen das musikalischeste aller Völker sind, darf man es das speziell deutsche Musiktempo nennen. Was ist wohl deutscher als ein Adagio von Beethoven? Hier erkennen wir unsere Seele. Rembrandts Bilder sind geradezu im Adagio gehalten, wie sie sich denn überhaupt einem musikalischen Empfinden nähern. In der Tat gibt es Brücken zwischen den einzelnen Künsten; die Architektur kann sich in die Plastik, die Plastik in die Malerei, die Malerei in die Musik verlieren; und zwar ohne sich zu verirren. Im Gegenteil, dieses Überfliegen einer Kunst in die andere scheint gerade dann stattzufinden, wenn jede einzelne Kunst ihr höchstes Niveau erreicht hat: die gotischen Dome lösen sich in Bildhauerarbeit auf; Michelangelo malte Skulpturen an der Decke der sixtinischen Kapelle; Leonardo und Giorgione waren nicht nur selbst bedeutende ausübende Musiker, sondern sie ließen auch von dieser Kunst etwas in ihre Gemälde überklingen. Die weiche Luft oberitalienischen Klimas und der milde Hauch oberitalienischer Musik äußert sich in ihren Bildern als das, was technisch sfumato genannt wird. Auch in Rembrandts Gemälde scheint etwas von dem leisen Rauschen des Meeres hineinzutönen, das seine Heimat umspült; weiche, süße, schmelzende Farbenakkorde durchfluten sie. Sie haben etwas von jenem stillen, tiefen, dunklen, bezaubernden Wohllaut an sich, wie er gewissen Volksliedern des nördlichen Deutschlands eignet; und wie man ihn etwa den Weisen des Rattenfängers von Hameln zuschreiben möchte. Kurz es ist eine niederdeutsche Musik und eine niederdeutsche Melancholie, die in seinen Bildern lebt. Melancholisch heißt wörtlich »schwarzgallig«: gerade etwas »Schwarzgalliges« ist schon äußerlich den Bildern Rembrandts eigen; sie bewegen sich gern in den Tönen Schwarz und Grüngelb, und sind so in ganz eigentlichem Sinn melancholisch. Aber sie sind dies auch innerlich; eine zur Harmonie aufgelöste Bitterkeit erfüllt sie – wie die Werke Beethovens. »Die Wollust der Kreatur ist gemenget mit Bitternis,« sagte Meister Eckhard; und von der Wollust der Kunst gilt oft dasselbe. Die musikalisch-melancholische Natur des Deutschen findet somit in Rembrandt ihr Echo. Eine Art von zart verschwiegener, weltabgekehrter deutscher Anmut ist ihm zuteil geworden: von der vollen, runden, hellen, heiteren Grazie des Südländers hat er nichts. Viele seiner Gemälde sind fast monochrom zu nennen; ihre Buntheit, soweit vorhanden, bewegt sich stets in sehr engen Grenzen; sie gleicht fast nur dem leisen Schillern der See. Dieser Maler ist in allen seinen Mitteln außerordentlich anspruchslos, dafür aber um so feiner. Etwas von jenem nebelhaften Duft und Schmelz, der seine Werke umspielt, wäre dem so mannigfach brutalisierten und vielfach allzu grell beleuchteten deutschen Leben von heute recht sehr zu wünschen, in der Kunst wie anderswo. 5. Abtönung Rembrandts Vornehmheit bleibt sich stets gleich. Es ist eine Vornehmheit, die aus der Wirklichkeit und dem Schoße des Volkes geboren ist. Es ist eine gedämpfte und fast lautlose, aber dadurch nur um so wirksamere Vornehmheit; sie ist nicht von prunkender und glänzender Art; sie strahlt von außen nach innen, nicht von innen nach außen; sie blendet nicht, sondern beruhigt. Rembrandts Kunst ist gerade hierin echt niederländisch, echt deutsch, echt nordisch; gerade hierdurch ist sie vielem überlegen, was man sonst wohl als besonders vornehm zu preisen pflegt: fremden, südlichen, glühenden Natur und Kunsteffekten. Die sogenannte exotische Farbenpracht ist sehr häufig nur exotische Farbenarmut; und dies darf man nicht übersehen; die nordischen Naturerzeugnisse im Tier- wie Pflanzenreiche sind in bezug auf künstlerische Wirkung reicher als jene südlichen. Aber auch hier sieht der Deutsche oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die tropische Sonne vergröbert; sie läßt die Natur in schreienderen, aber eben darum unfeineren Tönen reden: ein Papagei, ein Goldfisch, eine Orange können sich an wirklichem Farbenreichtum und wirklicher Farbenvornehmheit mit einem Huhn, einem Häring, einem Apfel nicht messen. Diese entwickeln, auf einer kleinen Fläche und mit Beibehaltung eines gleichartigen Lokaltons, eine weit reichere Menge von Nuancen als jene. Anderswo gilt das gleiche. Die matten Reflexe eines Brokatkleides wirken intensiver und prächtiger, als das bunteste Gewebe eines indischen Shawls. Gebrochene Töne sind, in geistigem Sinn, nie so stark wie einheitliche; ein grau in grau gemaltes und fein abgetöntes Bild ist künstlerisch von stärkerer Wirkung als das flimmerndste Mosaik. Darin berührt sich Rembrandt, seltsamer- oder nicht seltsamerweise, mit den Griechen; viele leise Nuancen, zum gleichmäßigen lichten feinen Lokalton verschmolzen, geben der griechischen Landschaft noch heute ihren einheitlichen Charakter; sie ist hell abgetönt, wie Rembrandts Bilder dunkel abgetönt sind, und man hat allen Grund anzunehmen, daß die altgriechische Malerei ein ähnliches Farbenprinzip befolgte. Deutschland und Griechenland reichen sich, über Italien hinweg, die Hand; und es ist sogar möglich, daß die jüngere Schwester in diesem Fall den Preis davonträgt; das Gefieder einer Rohrdommel z. B., von Rembrandts Hand gemalt, ist wohl die feinste, vornehmste, schmelzendste Farbenwirkung, welche menschliche Kunst je hervorgebracht hat. Die Werke dieses Malers befolgen das gleiche Farbengesetz, wie die nordische Natur; sie sind vornehm, weil sie schlicht und dabei nuancenreich sind; sie sind trüb, tief, anscheinend verworren und in Wirklichkeit von feinstem Geiste erfüllt: kurz, sie haben – Hamletcharakter. Hamlet aber ist der vornehmste Typus, welchen germanischer Künstlergeist schuf. Der englische und der niederländische Meister, der Dichter und der Maler, der heitere und der ernste Künstler begegnen sich in ihm wie auch sonst in ihren höchsten Leistungen. Was kann es Schöneres geben, als wenn sich verwandter Geist erkennt? Rembrandt und Shakespeare haben das mit der Sonne und dem Geiste gemein, daß sie auch das Geringste vergolden, verklären, adeln. Hier kann sich der Künstler von heute seine Weihe holen; hier kann er den Ritterschlag des Geistes empfangen; dann wird er dem schleichenden Dämon der Trivialität entrinnen. 6. Lebenslust. Ein erfahrener General hat behauptet, daß wenn zwei sonst gleich tüchtige Soldatenhaufen ins Gefecht geführt werden, von denen der eine gegessen hat und der andere nicht, unzweifelhaft derjenige siegen wird, welcher gegessen hat; der moralische Mut entscheidet in solchem Fall nicht. So nützt auch der bloße künstlerische Mut oder das bloße künstlerische Urteil nichts, wenn einem zu bildenden und insbesondere zur Kunst zu bildenden Volke die Grundlage einer gesunden und daseinskräftigen Lebenslust fehlt. Echte Kunst erwächst nur aus einer starken und unschuldigen Sinnlichkeit; eine gesunde und vollsaftige Lebenslust, wie sie Rembrandt eigen ist, wäre der blasierten und bildungsmüden, geistig und allzu häufig auch körperlich kahlköpfigen deutschen Jugend von heute sehr zu wünschen. An niederdeutscher Breite und Fülle, Derbheit und Frische, Ruhe und Gedrungenheit der Existenz fehlt es gar sehr. Nicht nur die Ausführung, sondern auch die Vorbedingungen eines wahrhaft künstlerischen Lebens und eines wahrhaft deutschen Lebens veranschaulicht der große holländische Maler. Er war mit gutem Appetit und gutem Humor gesegnet; er unterhielt sich gern mit einfachen Leuten aus dem Volke; und in seinen verschiedenen Selbstporträts, die eine vollständige Selbstbiographie darstellen, treten alle diese Eigenschaften deutlich hervor. Ad agio heißt zu deutsch: mit Behagen; dieser musikalische Terminus drückt nicht nur die reinste künstlerische, sondern auch die tiefste Lebensstimmung des Deutschen aus. Ein solches Behagen setzt sich in ernsten Charakteren gern zu einer tiefen, zarten, schmerzlichen Innerlichkeit um. Man kann vor Lust wie vor Leid verschmelzen; somit gibt es ein helles wie ein dunkles Adagio – ein Goethesches und ein Beethovensches – aus dem die deutsche Natur sich zusammensetzt. In Rembrandt, der zugleich lebenslustig und melancholisch ist, klingt dieser psychische Doppelton gleichmäßig an. Zumal von der ersteren Eigenschaft sollte jetzt wieder etwas in das durch Fabrikschlöte und Schreibtische so sehr beengte deutsche Leben zurückkehren. Denn zum Gehalt einer vollen Persönlichkeit gehört nicht nur geistige, sondern auch körperliche Lebens freude . Die Professoren, welche so viel über, Shakespeare schreiben, sollten ein wenig wie Shakespeare leben; dadurch würden sie ihre Bildung bedeutend vervollständigen; aber leider sind sie meistens geistig das, was Shakespeare gewesen sein soll, ehe er Dichter wurde – Strumpfwirker. Fröhliche Lust ist der leichte Schaum auf dem Meere des Lebens; aus ihm wird nicht nur die Göttin der Schönheit, sondern auch die der Kunst geboren. Rembrandt selbst war ein »Lebemann«; und auch seine Bilder haben öfter etwas von diesem Charakter; man möchte sie schlürfen wie köstliche Austern. Rein technisch genommen, weisen sie eine Delikatesse der inneren Beziehungen auf, welche von keinem anderen Maler jemals übertroffen oder auch nur erreicht worden ist; sie gleichen dem zarten, zitternden Schleim, aus dem sich das erste organische Leben entwickelt; sie scheinen nicht der Kunst, sondern der Natur und nicht der Natur, sondern deren letzten Tiefen anzugehören. Kunst und Persönlichkeit verschmelzen sich hier zu einer ganz einzigen Wirkung. Das wichtigste aller Probleme, die vollkommene Versöhnung von Geist und Sinnlichkeit, ist von diesem Künstler gelöst worden; wie jeder große Künstler, in seiner Art, es löst. Er zeigt Kraft ohne Brutalität und Zartheit ohne Schwäche! Ein Aufatmen der Erleichterung würde durch die deutsche Menschheit gehen, wenn sie sich wieder zu einer derartigen Anschauung bekehren könnte. Möchten die Gesinnungen sogleich und die Verhältnisse später sich dahin wenden! 7. Neuzeit gegen Altertum. Das Leben der Neuzeit bietet uns die merkwürdige Erscheinung, daß es sich – zwar nicht in der Masse, wohl aber in einzelnen Persönlichkeiten – zuweilen zu einer Geschlossenheit, Festigkeit und Schärfe des Charakters verdichtet, wie sie sogar den Griechen versagt war. Denn letztere hingen mehr von der jeweiligen Überlieferung ab, als der durchweg auf sich allein gestellte moderne Mensch. Gelingt es diesem aber in der Tat einmal, sich abzurunden, sein Wesen zu Gleichmaß und Klarheit durchzubilden; so vermag er in seinem Tun, Anschauen und Empfinden zu einem Grad der Sachlichkeit, der vollendeten Unbefangenheit zu gelangen, welcher dem antiken Leben gegenüber als ein wirklicher Fortschritt bezeichnet werden muß. Rembrandt ist eine derartige Persönlichkeit; er hat der Welt ans Herz gegriffen; er hat sich ganz allein ihr gegenüber gestellt. Das ist eine überaus große und in ihren Folgen fast unschätzbare Tat. Er hat damit der Kunst angeborene Freiheitsrechte zurückgegeben. Sein Hundertguldenblatt allein könnte schon als ein Tausendgüldenkraut gegen so mancherlei Schäden und Irrtümer des heutigen Kunstlebens dienen. Mögen die Kunstweisen und Kunstbeflissenen von heute dies nicht übersehen. Rembrandts Kunst, welche der griechischen Heiterkeit, des griechischen Maßes und der griechischen Ruhe so durchaus entbehrt, ist vielleicht im griechischen Sinne die stärkste Barbarei, die es je gegeben hat; aber diese Kunst ist zugleich auch die feinste Barbarei, die es je gegeben hat. Ebendarum kann und soll sie uns Deutschen, die wir einmal Barbaren sind und bleiben, als ein Muster deutscher Bildnerei und Bildung gelten. Dem lichten Tagesgestirn der griechischen steht der dämmernde Nachthimmel der nordischen Kunst gegenüber; und es dürfte schwer sein, zu entscheiden, welche der beiden Konstellationen die höhere ist; der Tag hat seine Reize wie die Nacht. Am wirklichen wie am geistigen Himmel wechseln die Erscheinungen; es ist der Tanz der Horen – der nie vergeht. Man mag es daher unentschieden lassen, ob die ursprünglich vorhandene Harmonie, wie sie den griechischen, oder die erst aus Disharmonie entwickelte Harmonie, wie sie den deutschen Künstlern eigentümlich ist, grundsätzlich die höhere sei; jedenfalls aber hat der Deutsche sich nach der deutschen Art von Harmonie zu richten. Und hierin stellt Rembrandt bisher die höchste Leistung dar: trüber, unarchitektonischer, unruhiger und in gewissem Sinne maßloser als seine Bilder ist nichts zu denken; dennoch ist weder auf deutschem noch griechischem Kunstboden je etwas Vollendeteres erzeugt worden als eben diese Bilder. Rembrandt ist ein echter Nibelunge, ein Held aus dem Nebelland; seine Werke machen den Eindruck, als ob der Nebel sich zu mystischen Bildern verdichtet habe; und sich verdichtet habe durch die Einwirkung eines Sonnenstrahls, der in ihn fällt; dieser Sonnenstrahl ist – der Geist der höchsten Individualität. Er hat Rembrandt zu Rembrandt gemacht. Auch in Griechenland gab es viele treffliche Künstler; aber in einem nur hat sich die bildende Kunst zu ihrer vollen Höhe erhoben: in Phidias. Er allein wurzelt in der tiefsten Tiefe des nationalen griechischen Empfindens; im attischen Geiste und ragt hinauf zur höchsten Höhe der nationalen griechischen Anschauung: zum Olymp. Rembrandt ist genau dasselbe für Holland und im weiteren Sinne für Deutschland, was Phidias für Griechenland ist und was der deutsche Künstler – der Zukunft – für Deutschland sein soll: der höchste und reinste, der freieste und feinste Ausdruck des volkstümlichen deutschen Geistes. Sein Empfinden wurzelt im niederdeutschen Geiste und seine Anschauung erhebt sich zur vollen Höhe des Individualismus. Es lassen sich innerhalb der Kunst drei Stadien, das der Identität, der Ungleichheit, der Individualität unterscheiden. In jedem Kunstschaffen vollzieht sich eine mehr oder minder direkte, eine mehr oder minder umfangreiche, eine mehr oder minder eingehende Spiegelung der Außenwelt. Je schärfer ein Kunstwerk seinen Gegenstand, zugleich sinnlich und geistig, widerspiegelt, desto besser ist es; und zu diesen Gegenständen gehören auch die geistigen Vorstellungen der Menschheit, des Volkes, des einzelnen. Jeder beliebige Gegenstand verhält sich zu seinem Spiegelbild, nach den Gesetzen der Optik wie des Geistes, streng symmetrisch; das letztere ist eine Wiederholung des ersteren und also in gewisser Hinsicht mit ihm identisch; beide stehen dadurch zueinander in dem Verhältnis einer hypothetischen Gleichheit. Jeder Gegenstand verhält sich aber auch zu seinem Spiegelbild streng rhythmisch; denn das letztere ist zwar eine Wiederholung, aber eine abgeschwächte Wiederholung des ersteren; dadurch hat eine Verschiebung des geistigen Schwerpunktes zwischen beiden stattgefunden und sie sind deshalb einander in gewisser Hinsicht ungleich. Jeder Gegenstand verhält sich endlich zu seinem Spiegelbild sozusagen unendlich; denn unendlich ist die Zahl der Spiegelbilder, die sich von einem Gegenstand nehmen lassen und von denen jedes die obigen Eigenschaften hat; dadurch wird jeder Gegenstand als Einheit genommen, zum Zentrum einer Welt von Spiegelbildern, welche von ihm ausgehen können und von denen keins dem andern tatsächlich gleich ist. Diese drei Stadien des Kunstschaffens und der Kunstauffassung finden sich auch historisch entwickelt: die ägyptische Kunst, soweit sie überhaupt zu einem Stil gelangt, kennt nur Symmetrie; die griechische fügt dieser den Rhythmus hinzu; und die moderne Kunst, wie sie ihre extremste Entwicklung in Rembrandt gefunden hat, schließt ab mit dem Individualismus. Keine Kunst ist architektonischer als die der Ägypter und keine unarchitektonischer als die Rembrandts; die scharf konturierte Knospe dort hat sich hier zur vollen und anscheinend regellosen Blume entfaltet: alle Entwickelung ist nur Lösung. Wer Rembrandt schätzt, braucht aber die Antike nicht gering zu schätzen. Ersterer selbst war im Besitz einer großen Sammlung von antiken Bildwerken; aber er ließ sich nicht direkt von ihnen beeinflussen; es gibt kaum einen Maler, welcher der Kunst des Altertums fremder und ferner gegenübersteht als er. Er bildete seinen Geist, aber nicht seinen Pinsel nach der Antike; und das ist das richtige Verhältnis, in welchem die Kunst des Altertums zu der der Neuzeit stehen soll und kann. Weder blinde Verehrung wie einstmals, noch blinde Vergessenheit wie heute vielfach, ziemt dem Künstler diesen wundervollen Erzeugnissen gegenüber. Sie wollen gewürdigt sein. Goethe, der sich das Fremde assimilierte, Shakespeare, der es überwand, und Rembrandt, der es von sich fernhielt, sind hierin vorbildlich für das deutsche Volk. 8. Christliches. Rembrandts Innerlichkeit geht weit. Man möchte sagen, daß er in manchen seiner Bilder mehr Prophet als Poet ist; er sucht den Geist lieber auf der dunklen als auf der hellen Seite des Daseins. Echte Religiosität, diese tief deutsche Eigenschaft, ist ihm in hohem Grade eigen. Er gibt uns die biblischen Geschichten so, wie wir sie uns als Kinder vorgestellt haben; er ist der Mund des Volkes in künstlerischen Dingen, und welcher Künstler kann oder soll mehr sein als dies? In bezug auf religiöse Malerei ist Rembrandt der denkbar stärkste Gegensatz zu Rafael; dieser gibt die triumphierende, jener die leidende Kirche. Seine alttestamentlichen Bilder sind von Bettelpatriarchen bevölkert – man könnte sie Geusen der Religion nennen – und seine sämtlichen neutestamentlichen Darstellungen veranschaulichen den Spruch: »Er hatte weder Gestalt noch Schöne.« Fast möchte man glauben, daß von jener trüben Freundlichkeit, jener gedämpften Lebensstimmung, jenem Blick nach innen hinein, welcher gewissen Bewohnern der norddeutschen Tiefebene, Hollands, Schottlands usw. eigen ist, auch dem liebevollen Stifter der christlichen Lehre persönlich etwas angehaftet habe. Wie das Land, so die Leute; die palästinische Wüste war keine Wüste gleich der Sahara, sondern eine Art von Heide; und der See Genezareth war stürmisch, wie es die Nordsee ist: zwischen Heide und See erwuchs das Christentum wie die Sinnesart der Niederdeutschen. In Rembrandts religiösen Bildern begegnen sich diese beiden Geistesrichtungen aus dem Süden und dem Norden; und eben dadurch gewinnen sie ihren echt christlichen Charakter. Aber freilich bleibt sein Christentum etwas hinter der kirchlichen Entwickelung zurück wie das der italischen Renaissancekünstler etwas über sie hinausgeht. Rafael und Michelangelo stehen innerhalb der katholischen Kirche und sehen als Künstler auf die Antike; Rembrandt steht innerhalb des Deutschtums und sieht, als Mensch, aufs Evangelium. Besser als Rembrandt hat niemand Geister zu sehen oder darzustellen gewußt; seine Engelsbilder sind an innerer und man möchte sagen spukhafter Wahrheit der Erscheinung nie erreicht worden. Der fühlbare Hauch des Ewigen umweht sie; sie sind Erzeugnisse des doppelten Gesichts. Das ist Spiritualismus, wie er sein soll, – insofern dieser Künstler es nämlich verstanden hat, die Vorstellungen des deutschen Volks vom Reiche des Jenseits, in ihrer echten und unverfälschten Gestalt, auf die Leinwand zu bringen. Das ist auch Zauber und Beschwörung, wiewohl nicht im spiritistischen Sinne; er hat jene Geister nicht geschaffen, er hat sie nur gesehen. Er zitierte sie. Menschlicher Geist gegenüber himmlischen Geistern ist wohl nie schöner dargestellt worden, als in dem zu Petersburg befindlichen Bilde Rembrandts, welches Abraham gegenüber den drei ihn besuchenden Engeln zeigt; und die treffliche Braunsche Photographie danach, mit dem Kopf Abrahams in Originalgröße, ist allgemein zugänglich. Diese Gestalt des Erzvaters ist die einzige im gesamten Bereich der Kunstgeschichte, welche dem Jeus des Phidias ebenbürtig gegenübersteht; ist hier der Gott ganz vermenschlicht, so ist dort der Mensch ganz vergöttlicht. Die Gestalt des Heilandes wird immer unvergleichlich sein. Aber mit Christus hat Rembrandt darin etwas Gemeinsames, daß jener die religiöse, dieser die künstlerische Armseligkeit – die Seligkeit der Armen – zu verdienten Ehren bringt; das Scherflein der Witwe und der verlorene Groschen der Magd wird von dem einen, das zerlumpte Kleid eines Bettlers und der Schimmer einer Pfütze von dem andern geistig geadelt. Hier wie dort ist der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden; religiöser und ästhetischer Hochmut müssen hier zu Kreuze kriechen; der Goldglanz des Ewigen verleugnet sich nicht, weder in Palästina noch in Holland. Wer tief in die Welt hineinblickt, findet dort das Vortreffliche. Und die Antike selbst, welcher man eine solche Art von Idealität am wenigsten zuzuschreiben pflegt, weist in ihrem praktischen Leben ganz ähnliche Züge auf. Als man dem Diogenes vorwarf, daß er sich zum Zwecke der Menschenbeobachtung in niedrige Kneipen begebe, erwiderte er: »Wenn die Sonne auch auf den Schmutz scheint, so bleibt sie darum doch die Sonne.« Von Diogenes bis zu Johannes dem Täufer ist es vielleicht nicht weiter, als von diesem bis zu Christus. Die Macht des Göttlichen reicht vom Mittelpunkt der Welt bis zu ihren äußersten Grenzen; Kunst und Leben, Vorzeit und Gegenwart, Heidentum und Christentum bezeugen sie. 9. Helldunkel. Farben sind bunte Schatten, Kinder des Tages und der Nacht; sie schweben zwischen Hell und Dunkel; und eben hier ist es, wo der Prozeß des Lebens sich abspielt. Die Menschheit schwebt, in ihrem ganzen Sein, zwischen Hell und Dunkel; in ihrem Bildungsgang oszilliert sie bald nach dem einen, bald nach dem anderen Pol; jetzt scheint sie wieder in einer Bewegung vom Hellen zum Dunklen begriffen; oder wenigstens scheint eine solche Bewegung wünschenswert, um den mehr stechenden als leuchtenden Glanz der heutigen Bildung etwas zu mildern. Denn nur diejenigen Dinge haben wirklichen Wert, in welchen das Element des Ewigen – das unendlich Helle – und das Element des Persönlichen – das unendlich Dunkle – sich das Gleichgewicht halten, sich vollkommen verstehen, sich gegenseitig beseelen. Jedes Ding strebt nach Ergänzung. Etwas wohltätige Dunkelheit würde der heutigen deutschen Bildung sehr gut tun; mit der gangbaren Aufgeklärtheit gemischt, würde sie für das geistige Dasein des Deutschen ein zukunftsschwangeres Helldunkel ergeben. Öfters ist gerade Disharmonie die Vorbedingung der Harmonie. Die Sonne entsendet nur dann einen Strahlenkranz, wenn sie hinter Wolken steht; und so ist sie am schönsten; denn sie ist helldunkel. Wo Hell und Dunkel aufeinander treffen, da halten sich die Geister gern auf; sie lieben die Dämmerstunde. Hell und Dunkel treffen sich aber, geistig wie technisch genommen, nirgends näher als in Rembrandts Bildern; diese geben demnach in nuce ein Abbild des deutschen und, wenn man will, des modernen Geistes überhaupt. Er neigt sich zum Pessimismus, zur dunklen Auffassung der Welt. Soweit diese nicht auf moralischer oder geistiger Schwäche beruht, birgt sie sicher einen großen Zug; weder die alttestamentlichen Propheten noch Heraklit, Buddha, Schopenhauer verleugnen ihn. Aber ihren wahren Wert erhält sie erst, wenn der goldene Lichtstrahl eines unverwüstlichen Optimismus, wie er stets in der unverfälschten Volksnatur lebt, sich ihr zugesellt. Beide zusammen ergeben, für den unparteiischen und künstlerischen Blick, erst die Einheit des Weltbildes; sie baut sich aus Lichtkontrasten auf und gleicht darin der Einheit eines Rembrandtschen Bildes. Goldiges Licht, das aus samtener Schwärze hervorbricht, verleiht seinen Gemälden ihren besonderen Reiz und Zauber. Es gibt nur einen Meister des Helldunkels. Wenn der Blitz durch die Gewitterwolke fährt, so ist das ein Rembrandtsches Bild; wenn hell leuchtende Geisteskraft sich mit der dunklen und schweren Masse überkommener Vorurteile streitet, so ist das ein Rembrandtsches Bild; wenn aus dunklen Ahnungen eine lichte Idee im Haupte des schaffenden Künstlers auftaucht, so ist das ein Rembrandtsches Bild! Von allen drei Vorgängen wird die kommende neue Bildungsperiode der Deutschen etwas an sich haben müssen. Rembrandt ist ein Schößling recht mitten aus der deutschen Pflanze heraus; er ist eins ihrer Herzblätter. Er ringt sich »aus finsterm Erdenschoß hin zu der Lichtesfülle«. Die aus Hell und Dunkel, aus Verstand und Mystizismus gemischte Natur dieses echt niederdeutschen Meisters läßt ihn mithin besonders geeignet erscheinen, bei der Überführung der deutschen Kultur aus dem Reich des Klaren, Kritischen – der Wissenschaft – in das des Halbklaren, Schöpferischen – der Kunst – einen maßgebenden Einfluß zu üben. Er vermählt Gegensätze, die sich auch sonst im deutschen Geistesleben nah und doch feindlich gegenüberstehen. Der hellste und der dunkelste deutsche Kopf, Lessing und Böhme, stammen beide aus einem und demselben kleinen Bezirk Deutschlands, der Oberlausitz; Kepler und Kerner sind beide Schwaben; daß neben dem hellsten Licht sich stets der dunkelste Schatten findet, gilt wie im physischen und moralischen so auch im geistigen Sinn. Die Wage der Welt kann sich nirgends senken, ohne sich gleichzeitig anderswo zu heben. Mag man die Schale mit dem dunklen oder die mit dem hellen Gewicht bewegen, immer findet eine beiderseitige Verschiebung der Kräfte statt; und eine desto stärkere Verschiebung, je stärker jene Bewegung war; man nennt dies Epoche machen. Dazu schickt sich jetzt wieder einmal der Deutsche an. Erfordernisse der Kunstpflege. 1. Kunst und Mode. Jedes Volk schafft sich, in seiner Kultur, ein schöneres Spiegelbild seines Selbst. Man hat in dieser Hinsicht neuerdings vielfach die Ziele richtig, aber die Mittel falsch gewählt. Wer ist zur Kunstpflege berufen? Leute von Welt, die sich natürlichen Sinn gewahrt haben. Dem deutschen Durchschnittsprofessor pflegen diese Eigenschaften alle beide und dem deutschen Ausnahmeprofessor wenigstens eine von ihnen zu fehlen. Selbstverständlich genügt es nicht, gelegentlich einen Frack zu tragen, um ein Mann von Welt zu sein; wie denn auch Burschikosität und Trivialität noch keineswegs Natürlichkeit sind. Weltmann und Künstler gehören wie von jeher geschichtlich so auch sachlich zusammen; denn wie jener ein Künstler – der Lebenslust, ist dieser ein Weltmann – des Geistes; beide leben in und aus dem Tanzen; beide sind dem heutigen Spezialistentum schnurstracks entgegengesetzt. Die Förderung der Kunst darf demnach weder eine Professorensache noch eine Modeliebhaberei sein. Es ist ein starker Irrtum, zu glauben: Wissenschaft, Frömmigkeit, Kunst oder irgend etwas Ernstes im Leben ließe sich dadurch fördern, daß man es zur Modesache mache. Jede Mode geht vorüber, und so wie sie vorüber ist, wird sie gerade von denen am meisten verachtet, welche sie vorher mitmachten. Wenn Kunsterzeugnisse, wie Briefmarken, nach der »Rarität« bezahlt werden, so deutet das unfehlbar auf eine sinkende Bildung; so war es in der römischen Kaiserzeit; und so ist es vielfach im heutigen Frankreich, Amerika, Deutschland. Einen sogenannten Raerener Krug mit 40 000 Mark zu bezahlen, gleicht dem bekannten Haarlemer Tulpenschwindel des 17. Jahrhunderts. Der Gegenstand wird hier nicht um seiner selbst willen, sondern um der günstigen Konjunktur willen, wie ein Börsenpapier gekauft und verkauft. Das ist geistige Prostitution; weder der Liebhaber noch der Künstler darf der Mode dienen; sonst werden beide charakterlos. Und der konservativsten aller bildenden Künste, der Baukunst, ist eine solche Ansicht am schädlichsten. Die heutige deutsche Architektur lebt vorwiegend von kopiertem Stil; sie gleicht dem Turmbau zu Babel. Gott hat die Sprachen der Bauleute verwirrt; sie sprechen je nachdem gotisch oder japanisch miteinander; aber deutsch sprechen sie nicht; und so verstehen sie einander nicht; und werden noch weniger vom Volk verstanden. Sie können zu keiner einheitlichen Kunstsprache, keinem Stil gelangen. In Großstädten, wie Babel und Berlin, erzeugt sich eine solche Sprachverwirrung am ersten; der rasche Umtrieb, welchen die Volkskräfte dort nehmen, zersplittert, ja zerstört ihre aufbauende Fähigkeit; im politischen wie im künstlerischen Leben. Sie sind eine Instanz der Unruhe; von ihnen gilt es wieder an die Instanz der Ruhe, die natürlicher und darum auch stetiger gebliebenen Volkskreise in Stadt wie Land zu appellieren. Diese sollten den Mut ihrer Meinung haben. Auf dem »Kunstmarkt« kann sich nie eine große und selten eine originale Kunstrichtung entwickeln; die deutsche Baugeschichte der letzten Zeit beweist es schlagend; sie ist, den Anforderungen des Marktes gehorchend, allmählich zu einer Art von Jahrmarktsstil gelangt. In den schwulstigen und schnörkelreichen Formen der wiederaufgefrischten sogenannten deutschen Renaissance machte sich jener in aufdringlichster und unerfreulichster Weise geltend; und die darauf gefolgte rein äußerliche Nachahmung des Rokoko wirkt fast noch ungünstiger. Es ist bezeichnend, daß in die vornehmen und soliden Bauten wie Stadtteile z. B. Berlins diese Architekturmoden keinen oder doch nur wenig Eingang gefunden haben; sie beschränken sich vorzugsweise auf die Geschäftsgegenden und erfüllen hier den geschäftlichen Zweck, Reklame zu machen, welchen man nie mit künstlerischen Zwecken verwechseln darf. Auch dieser Trommelwirbel wird verklingen. Tagesströmungen der Kunst, und selbst die besseren, bewegen sich stets an der Oberfläche; Künstler wie Kunstpfleger, die ihnen folgen, erreichen damit nur wenig. Es bedarf der großen schöpferischen Strömungen; und je tiefer diese greifen, desto weniger pflegen sie zunächst beim Publikum Anklang zu finden; und desto mehr sollten sie von den wenigen Verständigen geschützt wie genützt werden. Innerhalb der Politik und des Handels sind ein Nord- und ein Süddeutscher, Lornsen und List, der Entwickelung ihrer Zeit um ein halbes Jahrhundert vorausgeeilt; man hat sie damals verkannt; auf dem Kunstgebiet sollte es nicht ebenso gehen. * Die echte Kunst bedarf einer stetigen und ruhigen Pflege; diese kann ihr aber nur da zuteil werden, wo sich stetige und ruhige soziale Verhältnisse finden; also wo Grundbesitz vorwiegt. Der kaufmännische Spekulant, welcher heute Bettler und morgen Millionär ist oder auch umgekehrt, wird dem wahren Künstler nicht nützen. Nordamerika beweist es. Es wird erst eine eigene Kunst haben, wenn erblicher und grundbesitzender Reichtum dort heimisch geworden ist; der selfmademan hat allzuviel Unruhe in sich und ist daher der Kunst nur wenig geneigt; sammelt er einmal Bilder, so verkaufen seine Erben sie bald. Ähnlich ist es in Paris, der Stadt des ewig Neuen. Friedrich der Große hat das Geld »das Blut der Völker« genannt; und es ist dies auch; aber nur wenn es als Mittel , nicht als Zweck des Völker- wie Einzeldaseins angesehen wird. Zumal gilt dies von dem Verhältnis zwischen Geld und Kunst. Der Gedanke, die sixtinische Madonna für irgendeine Geldsumme zu verkaufen, würde von ihrem gegenwärtigen Besitzer selbstverständlich als eine ehrlose Zumutung zurückgewiesen werden; so hat auch das deutsche Volk seine ganz sinnfälligen und handgreiflichen Ideale, die es nicht dem Gelde aufopfern darf; dahin gehören die Werke seiner großen Künstler von einst und künftig. Die ersteren gehen allmählich in Museen, also in öffentlichen Besitz über; bezüglich der letzteren aber sollten, für einen gleichen oder ähnlichen Zweck, besondere Vorkehrungen getroffen werden. Die bildende Kunst könnte auch eine rechtsbildende sein. Vielleicht empfiehlt es sich, daß in der einen oder andern juristisch gültigen Form hervorragende Kunstwerke – seitens ihrer Urheber und im Einverständnis mit deren ersten Erwerbern – zu Fideikommissen gemacht würden. Der wirklich bedeutende Künstler wird sowohl geneigt wie befähigt sein, diesen Gedanken zu verwirklichen; Sache der juristischen Fachmänner wird es sein, ihn positiv auszugestalten. Die mittelmäßigen Künstler überläßt man dem Markt und der Mode. Jedenfalls erscheint es notwendig, die jetzige und künftige deutsche Kunst der Herrschaft des Geldbeutels zu entziehen, welche nur zu oft die Herrschaft der Gemeinheit ist. Es gilt, ein Gebiet der deutschen Bildung nach dem andern von verderblichen Miasmen zu reinigen; weder im geselligen noch im künstlerischen Leben der Deutschen darf Judas mit seinen Silberlingen als tonangebend gelten. Könnerschaft, nicht Kennerschaft sollten die deutschen Städte treiben; den Musen, nicht den Museen sollten sie ihre Kräfte widmen; kunsterzeugend, nicht nur kunstverzehrend, sollten sie sich verhalten. Es gibt ein eigentümliches Gesetz der Geschichte, daß manche Dinge sich mit der Zeit in ihr Gegenteil verkehren; man sieht es an den deutschen Gymnasien, welche das gerade Gegenteil von den griechischen Gymnasien sind; und man sieht es nicht zum wenigsten an den heutigen Museen, welche auf den Namen der Musen gegründet, sich deren Dienste doch vielfach hinderlich erweisen. Denn die Musen sind, wohl zu merken, die Vertreterinnen der schöpferischen, nicht der registrierenden Geistesrichtung. Gerade jene aber werden durch die heute herrschende Museenwut in den Hintergrund gedrängt; lucus a non lucendo . Museen enthalten Dinge, welche aus ihrem organischen Zusammenhange gerissen sind; in der Kunst ist der organische Zusammenhang aber alles; auch die vollkommenste Sammlung von menschlichen Augen, in Spiritus gesetzt, kann nicht den ganzen Menschen ersetzen. Jener kürzlich verstorbene Gesandte einer europäischen Großmacht, welcher sich eine Sammlung von Barbierbecken aller Zeiten angelegt hatte, war nicht viel klüger als Don Quixote, welcher das seine auf dem Kopfe trug; Barbierbecken gehören ins Barbierhaus, Augen in den menschlichen Kopf und Bilder in die Kirchen, Staatsgebäude oder Privathäuser! Verwende man daher nicht allzuviel Neigung und Kosten auf jene methodisch geordneten Rumpelkammern; lieber schmücke man das eigene Heim und das eigene Leben, nach heutigen Verhältnissen, künstlerisch aus. Das wirkt weit bildender, als der Besuch eines Museums, in dem jeder einzelne Gegenstand den andern und die Gesamtheit der Gegenstände oft den Besucher totschlägt. Wie die politische, so hat auch die künstlerische Freizügigkeit ihre Schattenseiten: sie führt dazu, daß schließlich nichts an seinem Platze, in seiner gebührenden Umgebung, in seiner Heimat bleibt: das Kunstwerk wird heimatlos , das Schlimmste, was ihm passieren kann. Dem sollte möglichst entgegengewirkt werden. Die übliche Aufstellung der Gegenstände in den Museen, nach Rubriken, ist direkt kunstwidrig; denn ein einzelner Gegenstand kann nur künstlerisch wirken, wenn er sich einem größeren Ganzen ein- und unterordnet. Davon ist bei jener Art von Anordnung keine Rede. Ein Kunstwerk ist wie das einzelne Wort einer Sprache; es hat nur Wert durch den Zusammenhang , in dem es jeweils steht. In dieser Hinsicht gleichen unsere Museen Wörterbüchern, welche die Worte zusammenhanglos an der Schnur aufreihen; solche Konglomerate sind zwar gut zum Nachschlagen; aber durch Nachschlagen in Wörterbüchern hat noch niemand den Geist und das Wesentliche einer Sprache erlernt. Es gehört sehr viel dazu, um ein Wörterbuch – und ein Museum – mit Verstand zu benutzen; bis jetzt hat man nur von Cäsar gehört, daß er in der Grammatik zu seinem Vergnügen las. Man muß in solchem Fall gewissermaßen statt der Wörter die durch sie bezeichneten Dinge, in allen ihren Beziehungen zu Welt und Leben, selbst abwandeln können. Nur ein sehr reicher Geist kann leere Kategorien ausfüllen und miteinander in Verbindung setzen und dadurch zu lebendigen Organen umschaffen. So hohe Anforderungen darf man an den Durchschnittsmenschen nicht stellen; dieser ist der lebendigen Einwirkung einer gesprochenen Sprache und eines einheitlichen Komplexes von Kunstwerken weit zugänglicher, als einem Schwall von wissenschaftlich geordneten Einzelheiten, deren sinnlose Nebeneinanderstellung er zwar nicht erkennt, aber doch empfindet. Durchgängige Lektüre einer Sprache, verbunden mit Übung im Sprechen, ist das beste Mittel zu ihrer Erlernung. Und das Wörterbuch darf dabei nur ein gelegentliches und erst in zweiter Linie in Betracht kommendes Hilfsmittel bleiben; dies gilt auch von unseren Museen. Sie sollten die Kunstsprache nicht nur in toten Wortregistern, sondern vielmehr und ganz überwiegend in ihrem lebendigen Zusammenhang lehren. Das Individuelle, nicht das Generelle soll hier das Wort führen; sonst herrscht nicht das Leben, sondern die Schablone; sonst schreckt man den Künstler ab, statt ihn anzulocken. Ein vernünftiger Erzieher darf das nicht übersehen. Es gibt große deutsche Kunststädte, in welchen sich die Künstler rühmen, selten oder nie ein Museum zu besuchen; das ist nicht das richtige Verhältnis der neuen zur alten Kunst; aber die Schuld solcher Ungehörigkeiten liegt überwiegend an der Beschaffenheit der Museen selbst. Es wäre daher ratsam und zweckmäßig, das Prinzip einzelner einheitlich dekorierter Innenräume, wie man es in größeren Museen und Ausstellungen teilweise schon anzuwenden begonnen hat, nach Kräften zu erweitern und womöglich zum herrschenden zu machen; dadurch wird nicht nur auf den Verstand und das Auge, sondern auch auf das Gefühl und das Urteil des Beschauers gewirkt. Rasch lernt man bekanntlich durch Beispiele, langsam durch Lehren. Je wissenschaftlicher jene obenerwähnten Anstalten oft sind, desto unkünstlerischer sind sie. Wissenschaft und Kunst stehen sich, in einiger Hinsicht, polar entgegen; aber wo es sich um künstlerische Zwecke handelt, muß eben die Kunst den Ausschlag geben. Die Wissenschaft hat in solchem Fall zu schweigen oder vielmehr zu dienen oder viel mehr beides zu tun. Nur wenn das künstlerische, nicht das wissenschaftliche Prinzip an die Spitze gestellt wird, dienen die Museen den Musen. Museen sind Erziehungsorgane; das ist ihr Verhältnis zum gesamten Volk; bloße Belegsammlungen für wissenschaftliche Forschung sollen sie nicht sein. Es wäre nicht recht, wollte man der Muse statt der Leier ein Lexikon unter den Arm geben. 3. Publikum und Genie. Eine Lehre darf sich ganz besonders das deutsche Publikum von dem großen niederländischen Erzieher sagen lassen. Man soll auch etwaigen, bei ihrem ersten Auftreten abnorm erscheinenden künstlerischen Persönlichkeiten verständigerweise Rechnung tragen; man soll es nicht machen, wie einst Deutschland gegenüber einem Heinrich von Kleist es gemacht hat; auch für die Masse gibt es Pflichten. Das »Kainsmal der Dichtung«, von dem Freiligrath redet, hat mancher Deutsche mit sich durchs Leben getragen. Ein Genie will mit schonender Hand und mit einem gewissen Vertrauen auch in dasjenige an ihm, was man nicht versteht, behandelt sein; es will gepflegt sein; denn es ist kindlicher Natur. Selbst ein Beethoven hat den Mangel einer liebevollen Rücksichtnahme auf die ihm eigentümlichen menschlichen wie künstlerischen Sonderbarkeiten häufig und bitter empfunden; seine Zuhörer waren oft schwerhöriger als er; auch, und besonders, in moralischer Hinsicht. Andere hochstehende Geister, wie Hölderlin, sind an einem solchen Mangel einfach zu Grunde gegangen; die grundfalsche Beurteilung, welche man während langer Zeit Männern wie Wagner, Menzel, Böcklin, Thoma in Deutschland angedeihen ließ, entsprang ihm; derartige Lehren sollten nicht verloren sein. Jeder Musikant weiß, daß einem Musikinstrument nichts schädlicher ist als Staub und schroffer Temperaturwechsel; einem Genie aber, das unendlich feiner organisiert ist als eine Geige oder ein Violoncell, ist nichts schädlicher als Sorge und schroffer Glückswechsel; wann wird das Publikum sich einmal danach richten? Soll jeder Künstler sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist– und dies war das künstlerische Glaubensbekenntnis Goethes – so sollen auch die Empfangenden ihrerseits sich einer solchen höchsten Mannigfaltigkeit der Kunstleistungen im allgemeinen, einer solchen höchsten Besonderheit der Kunstleistungen im einzelnen gewachsen zeigen. Sinnreich sagt die deutsche Sprache: einer Sache gewachsen sein; nämlich sie vermöge gewisser angeborener und mit dem Menschen verwachsener Eigenschaften beherrschen; möge das deutsche Volk eine solche Kraft beweisen und bewähren! Man hört zuweilen sagen: das Genie bricht sich Bahn; aber es sind schon Genies genug zugrunde gegangen, weil man sie nicht verstand. Es ist ja nicht jedermann gegeben, wahre und falsche Propheten zu unterscheiden; aber desto zurückhaltender sei man in seinem Urteil; desto ehrlicher und ehrenhafter bei der Prüfung. Ein Volk, das die Vertreter seines Genius nicht ehrt, geht leicht seiner eigenen Ehre verlustig; Ehrlosigkeit aber ist das Schlimmste, was einen Menschen oder ein Volk treffen kann. Schopenhauer hat gesagt, daß es einen Optimismus gebe, der ruchlos sei; es gibt aber auch einen Leichtsinn, von dem man sagen könnte, daß er infam sei; der den Geist mit Füßen tritt, weil er neu und unbefangen und selbstbewußt ist und darum in die Bahnen des Herkömmlichen nicht hineinpaßt. Kepler verkam und Newton wurde, nach seiner eigenen Aussage, bei seinen Lebzeiten nur von vier Menschen verstanden; beide waren Genies und klare Köpfe und Mathematiker; immerhin gibt es aber noch andere Fächer, in denen sich das Genie nicht so an den Fingern herzählen läßt, wie innerhalb der Mathematik. »Wir sind in Deutschland sehr verständig und haben guten Willen, beides für den Hausgebrauch; wenn aber einmal etwas Besonderes zum Vorschein kommt, so wissen wir gar nicht, was wir damit anfangen sollen, und der Verstand wird albern und der gute Wille schädlich,« bemerkt Goethe in seiner treffenden und vielleicht nur etwas zu milden Art. Denn es steht hier das Kostbarste auf dem Spiel, was ein Volk nächst seiner Ehre zu verlieren hat: nämlich seine schöpferische Kraft. »Lesen Sie dies verrückte Zeug,« sagte der einstmals tonangebende und jetzt verdientermaßen längst vergessene Berliner Kritiker Gubitz über eine Grabbesche Tragödie Zu Heine; »Lieber Gubitz, das ist kein verrücktes Zeug, das ist die Arbeit eines Genies,« antwortete ihm Heine. Leider sind die Heines nicht häufiger als die Grabbes; die Gubitze dagegen sterben nicht aus und das Publikum glaubt ihnen nur zu oft. Daß Wagners Musik keine Musik ist, ist lange genug behauptet worden; aber die Zeit verwischt solche Äußerungen bald; man hat sich ihrer aber, besonders neu auftretenden künstlerischen Persönlichkeiten gegenüber, so sehr und so oft wie möglich zu erinnern. Es sind dies Grundsätze einer zwar nicht materiellen, aber doch geistigen Nationalökonomie, welche nicht ungestraft vernachlässigt werden. Bekanntlich lernen die Völker nicht aus der Geschichte, weder aus der politischen noch aus der geistigen; aber wenn sie aus der letzteren lernen wollten, wie sie aus ihr lernen könnten, so würde das jahrhundertelange Vergessen, ja Verachten Shakespeares, Dürers, Bachs, Rembrandts sie lehren, in dem Vertrauen auf ihr eigenes Kunsturteil etwas vorsichtig zu sein. Das Publikum sollte jene Eigenschaften eines gesunden Individualismus und einer gesunden Selbsttreue an den Künstlern nicht nur dulden, es sollte sie fordern; vor allem aber sollte der so ungemein knorrige Künstlerkopf Rembrandts ihm als eine Mahnung vor Augen stehen: den hohen Wert der künstlerischen Einzelseele unter allen Umständen zu beachten, zu schätzen, auszunutzen. Nicht das, was der Markt und die herrschenden Zeitströmungen von ihm verlangen, soll der Künstler schaffen, sondern das, wozu ihn sein innerstes Herz treibt. Es wird seine Hauptaufgabe sein, sich darüber klar zu werden, ob er eine solche künstlerische Stimme des Herzens habe und wie sie laute; darauf beruht sein künstlerisches Seelenheil. Und dadurch wird der künstlerische Beruf zum sittlichen Beruf. Künstler ist nur, wer geistig auf eigenen Füßen steht; und er kann letzteres nur, wenn er auch sittlich auf eigenen Füßen steht; hier berührt sich gerade die künstlerische Eigenart sehr nahe mit dem persönlichen Selbständigkeitsgefühl des Niederdeutschen und mit dem moralischen Gefühl des Deutschen überhaupt. Rembrandt war nicht nur ein protestantischer Künstler, sondern auch ein künstlerischer Protestant im besten Sinne; jedes seiner Werke sagt mit lauter Stimme: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!« Zur heutigen Kunstentfaltung. 1. Volkstum und Heimatrecht. Bisher hat man vielfach in Deutschland die Kunst von oben herab betrieben; versuche man es einmal von unten herauf; die Ergebnisse werden besser sein. Hier wie anderswo sollte man nicht das Volk den Gebildeten, sondern vielmehr die Gebildeten dem Volke zu nähern suchen. Die historisch unzweifelhafte Tatsache, daß das Aufkommen der Museen und der Niedergang einer freien, selbständigen, volkstümlichen Kunst während der letzten Jahrhunderte durchaus miteinander Hand in Hand gingen, muß jedenfalls zum Nachdenken auffordern. Nicht oft genug kann es wiederholt werden: an die Kunstgesinnung der alten Zeiten soll man sich halten, nicht an ihre Kunstleistungen; man soll die letzteren niemals im einzelnen nachahmen. Die moderne Zeit hat moderne Bedürfnisse und braucht eine moderne Kunst. Eine moderne Kunst aber kann nur gedeihen, wenn sie zugleich in sich das Gegengewicht des Bleibenden, Festen, Notwendigen, Angeborenen, Ewigen trägt. Dies ist nicht in etwaigen früheren künstlerischen Erzeugnissen des Volkscharakters – welche auch ihre Zeit hatten, in der sie einmal modern waren – sondern nur in der lebendigen Quelle des heutigen deutschen Volkscharakters zu finden. »Der Lebende hat recht.« Man hat nicht zurückzublicken, sondern um sich zu blicken; man hat von innen nach außen, nicht von außen nach innen vorzugehen; um neue Kunstformen, die bildsame Schale des Volksgeistes, anzusetzen, hat man nicht auf frühere abgestorbene Schalen zurückzugehen, sondern sich wiederum an den Kern selbst zu wenden. Und das kann nur geschehen durch ein Eingehen auf den besonderen lokalen Charakter der einzelnen Gegenden Deutschlands; dadurch allein kann man wieder zur Verschiedenheit, Mannigfaltigkeit, Naivität der künstlerischen Produktion gelangen. Den Volkscharakter muß man in seiner lebendigen Fauna, nicht in seinen Versteinerungen studieren. Die irrende Seele der Deutschen, welche sich künstlerisch jetzt in allen Erd- und Himmelsgegenden umhertreibt, muß sich wieder an den heimatlichen Boden binden; der holsteinische Maler soll holsteinisch, der thüringische thüringisch, der bayrische bayrisch malen: durch und durch, innerlich und äußerlich, gegenständlich wie geistig. Auf dieses uralte Volksrecht muß man zurückgreifen; eher wird eine Wendung zum Bessern nicht eintreten. Eher wird der Deutsche, der politisch eine Heimat gefunden, eine künstlerische Heimat nicht finden. Es gibt in Deutschland noch Stätten genug, wo ein echtes Volksgefühl wohnt, auch wenn es nicht gerade immer an die Oberfläche tritt; und es ist in der Kunst auch noch eine andere Art von Deutschtum denkbar als spielerisch tendenziöse deutsche Bauernmalerei! Fürst Bismarck hat gesagt, daß in der französischen Kommune von 1871 ein gesunder Kern verborgen gewesen sei: das Bedürfnis nach der preußischen Städteordnung; ebenso könnte man sagen, daß in dem neulich in Deutschland eingedrungenen Impressionismus, dieser künstlerischen Kommune, ein vielversprechender Kern enthalten sei: das Bedürfnis nach einer gesunden, klaren, lebenskräftigen, modernen, deutschen Malerei. Wenn das Momentane des Impressionismus sich mit dem Ewigen des Volkscharakters verbunden – und infolge dessen sich auch technisch konsolidiert – hat, so wird die rechte Kunst geboren. Rembrandt bietet beides in seinen Bildern; seinen Spuren gilt es also zu folgen; die deutschen Maler müssen Lokalmaler werden; und die übrigen Künstler sich möglichst nach der gleichen Seite entwickeln. Gelegentliche Anläufe dazu sind schon hie und da gemacht worden; aber sie verliefen teilweise im Sande; ein Defregger und ein Karl Gehrts lehren beispielsweise, welche Gefahr jene mannigfach zusammengewürfelten Künstlergesellschaften für den Einzelcharakter in sich bergen. In der Wissenschaft, wo es auf Individualität weniger ankommt, läßt sich vielleicht eine Zentralisation der betreffenden Einzelbestrebungen auf einen oder mehrere lokale Mittelpunkte des nationalen Lebens wünschen und durchführen; obwohl gerade das krankhafte Anschwellen einzelner großer Universitäten im heutigen Deutschland, z. B. Berlins, auch seine großen Bedenken hat; aber in der Kunst, wo Individualität alles ist, ist Zentralisation nichts oder vielmehr sie ist schlimmer als nichts; sie ist der Untergang. Eine Zentralisation, Pointierung, Hypnotisierung des gesamten geistigen Lebens auf einen Punkt hin, wie in Paris, führt zur Nervenzerrüttung; die einmal vorhandene und vorgeschriebene Form der staatlichen Entwickelung darf hier nicht zu Mißgriffen auf geistigem Gebiet verführen. Was in der Politik Desorganisation ist, die völlige Zerstreuung der Kräfte auf die kleinen Zentren, das ist in der Kunst Organisation. Man hat behauptet und es ist vielleicht wahr, daß die Berliner Bewegung von 1848 dem deutschen innerpolitischen Leben einen uneinbringlichen Schaden zugefügt habe; mit dem deutschen künstlerischen Leben darf es nicht ebenso gehen. Caveant consules. * Ein Theodor Storm beweist, was sich durch ein treues Festhalten an dem angeborenen Lokalcharakter und selbst bei völliger Abgeschiedenheit von der großen Welt auf dem Kunstgebiet leisten läßt; wie Storm ein ausgeprägt niederdeutscher Dichter ist – man möchte fast wünschen, daß er plattdeutsch geschrieben hätte – so könnte und sollte es auch ausgeprägt niederdeutsche Maler, Bildhauer usw. geben. Die bisher beste deutsche Schauspielschule, die Schrödersche, zeigt ein starkes und unleugbares Lokalkolorit; jene Breite, Kraft, Würde und Natürlichkeit, welche ihr eignete, ist ein echt niederdeutsches Gewächs. Ebenso sollten sich die sonstigen deutschen Stämme ihr künstlerisches Heimatrecht wahren. Die beiden, gegenüber anderweitigen Bestrebungen der Gegenwart in selbstgewählter Isolierung verharrenden Schweizer, Gottfried Keller und Böcklin, haben dies bereits für ihren Teil getan; die reinen Linien und das feine Silbergrau der Schweizerberge scheinen in der Kunst des einen, die buntgeblümten Matten und der idyllische Charakter der Schweizertäler in der des andern sich geistig widerzuspiegeln. So verfährt der echte Künstler: sein Fuß haftet fest auf der Erde; aber sein Blick richtet sich dabei frei gen Himmel. Möchte demnach bald eine Zeit kommen, wo die einzelnen deutschen Stämme und Gegenden und Städte wieder den Mut finden, ein lokales und selbständiges und positives Geistes- wie Kunstleben zu führen; das nationale Gesamtleben würde dadurch nur gesteigert werden. Viele einzelne Blätter bilden erst die volle duftende Rose; viele einzelne landschaftliche Kunstschulen geben erst die volle nationale Kunstrichtung; und andererseits gedeiht die Einzelseele des Künstlers erst wahrhaft in dem schützenden Bereich der sie umfangenden Stammesseele; Mann, Stamm, Volk sind aufeinander angewiesen. Auch hier ist Rembrandts Name segenbringend. 2. Archaismus. Eine Kultur, die ihren entscheidenden Schwerpunkt nicht in sich behält, ist eine falsche; eine solche falsche Kultur war die der hellenistischen Orientalen wie der späteren Römer; solche Kulturen kosten einem Volk den Charakter. Die heutigen Deutschen stehen überwiegend unter dem Einfluß einer falschen Kultur. Das zeigt sich auf künstlerischem Gebiete ganz besonders; man schwankt zwischen Romantik und Prosa, zwischen Verbildung und Roheit, zwischen Alexandrinismus und Zolaismus; die historisierende Richtung der Zeit findet in der Kostümmalerei, die spezialistische Richtung derselben in jenem phantasielosen Streben nach »Naturwahrheit« ihren Ausdruck, welches so häufig als künstlerische Tageslosung gilt. Auch hier ist der Blick auf einen echten und unbefangenen Künstler, wie Rembrandt, zu richten; auch hier ist die falsche Nachahmung, der Natur wie der Geschichte, von der rechten Nachahmung zu scheiden. Nachahmen und nacheifern ist zweierlei. Die Absicht vieler heutiger Maler, von der kahlen und oft so brutalen Prosa des Lebens der Gegenwart absehen zu wollen, ist richtig; aber die Ausführung, nunmehr die Poesie in Äußerlichkeiten und bunten Kleidern zu suchen, ist falsch. Kostümmalerei ist nicht Historienmalerei. Man hat es wiederum mit einer Zeitkrankheit zu tun, welche wenig besser ist als das frühere Ästhetisieren; und welche energisch bekämpft sein will, wenn sie nicht dem Guten den Weg verschließen soll. Gar zu gern berauscht sich die Gegenwart an historischem Flitter; die archäologische Geistesrichtung dominiert und die Meiningerei treibt ihre Blüten. Propheten und Apostel werden in Theaterbeduinen verwandelt; der Römermarmor wird ebenso sicher getroffen, wie der Römergeist verfehlt; Tademas Bilder sind Illustrationen zu Ebers' Romanen. Es ist bezeichnend für diese Art von Künstlern, daß sie sich vorzugsweise dem in Verwesung begriffenen Altertum, der römischen Kaiserzeit zuwenden; in der Tat stehen sie dem wirklichen Altertum, dem Geist der griechischen Blütezeit ferner als irgendeine Kunst, die es je gegeben hat. Nichts ist einem lebendigen Gesicht mehr, aber zugleich auch weniger ähnlich als eine Maske; nichts ist unkünstlerischer als eine Gestalt aus dem Wachsfigurenkabinett; nichts ist vom Kern verschiedener als die Schale. Und doch scheint die genannte archäologische Kunstrichtung diesen Unterschied nicht zu bemerken. Gerade solcher Afterhistorit und Afterkunst gegenüber hat man sich der echten Historik nur um so mehr zuzuwenden; die echte Katharina Cornaro z. B., deren Bild uns mehrfach erhalten ist, stellt in ihrer schlichten und gesunden Erscheinung das gerade Gegenteil von dem Sarah-Bernhardt-Charakter dar, welchen ihr Makart verliehen hat. Ebenso sind die einzelnen wie die gruppenweise verbundenen Porträtbilder Rembrandts von einem echt historischen, nationalen, volkstümlichen Geiste durchweht. Das ist Poesie, nicht Prose – und nicht Pose. Es gibt zwei Wege: die Kunst, welche der Geschichte parallel geht, und die, welche ihr nach rückwärts entgegen, indes öfters an ihr vorbeigeht. Rembrandt contra Piloty! Andererseits aber erscheint es immer noch besser, daß sich der Künstler der Volksphantasie, wenn auch einer sentimental angehauchten, als dem archäologischen Kleinkram überläßt. Makart contra Meininger! 3. Naturstudium und Ideengehalt. Etwas anderes ist es, zu zeugen, und etwas anderes, Leichen zu galvanisieren; das letztere ist zwar wissenschaftlicher als das erstere, aber dafür auch desto unkünstlerischer. »Hüte sich jeder Künstler vor dem Zersetzenden der Wissenschaft,« hat Cornelius gesagt, dessen geistigen Scharfblick selbst diejenigen gelten lassen werden, welche seine Kunstrichtung nicht billigen. Daß man heutzutage in künstlerischen Kreisen so überaus viel von Echtheit spricht, ist ein sicheres Zeichen, wie sehr es gerade dort an dieser Eigenschaft fehlt. Man schwärmt für echtes Talmi! Niemand hat bessere Kostüme gemalt als Rembrandt; und niemand ist weniger Kostümmaler im heutigen Sinne als er. Innere Anschauung läßt sich nicht durch äußeres Studium ersetzen. Der echte Künstler soll in seiner besonderen Kunst, sei er nun ein Maler oder Bildhauer oder Musiker, immer ein Dichter sein; und es ist bekannt, daß nicht eben viele deutsche Künstler von heute dieser Anforderung entsprechen. Rembrandt entspricht ihr; er ist Volksdichter in dem von Schiller definierten Sinn: »er vereinigt glückliche Wahl des Stoffs mit höchster Simplizität in Behandlung desselben«. Seine technische Meisterschaft, welche zuweilen an Zauberei grenzt, tut dieser Simplizität keinen Eintrag; sie steigert diese vielmehr noch bis zur durchsichtigsten Wirkung. Hierdurch tritt er in lebhaftesten und belehrendsten Gegensatz zu jenen Malern von heute, welche nach einer gewissermaßen photographischen Treue und Richtigkeit des Dargestellten streben. Diese stolpern gleichsam über ihre eigenen Füße; statt die Empfindung wiederzugeben, welche die Naturgegenstände im menschlichen Auge hervorrufen, wollen sie jene selbst wiedergeben; aber das ist unmöglich. Mit der Natur zu konkurrieren, sollte man nur aufgeben; mit dem menschlichen Auge oder vielmehr mit der menschlichen Seele zu konkurrieren, sollte man versuchen. Ein bloßer Abklatsch der Natur ist noch nicht Kunst. Auch zu dieser Frage hat der Altmeister Goethe in zwar scherzhafter, aber darum nicht minder deutlicher Weise Stellung genommen; er sagt: »wenn ich den Mops meiner Geliebten zum Verwechseln ähnlich abgebildet habe, so habe ich zwei Möpse, aber noch immer kein Kunstwerk«. Andererseits gibt es freilich Hündchenporträts von Velasquez und Kätzchenporträts von Paul Veronese, welche eine gleich vornehme und innerliche Charakteristik bieten, wie die eines beliebigen spanischen Granden oder venetianischen Senators. Es kommt eben in der Kunst auf die Auffassung an; das wie ist wichtiger als das was. Ein geistvolles Hundeporträt ist besser als ein geistloses Goetheporträt. Auf den verschiedensten Gebieten wiederholen sich die gleichen Erfahrungen; und große geistige Wandlungen vollziehen sich oft in analoger Art. Hugo Grotius bemerkt, daß viele der eigentlich spezifisch christlichen Lehren schon zu Zeiten Christi bei den jüdischen Rabbinern in Umlauf waren; aber er vergaß zu bemerken, daß Christus der einzige war, der diese Lehren lebte – und ihnen dadurch erst einen Gehalt verlieh. Dahin muß es auch in der deutschen Kunst kommen; und einzelne Anzeichen sprechen dafür, daß sich solche Wandlung bereits vorbereitet. Es sei nur an Böcklin einerseits und Uhde andererseits erinnert, in denen jetzt Rembrandtscher Individualismus und Rembrandtscher Stil wieder zutage treten; diesen könnte man als Gemütsmaler, jenen als Phantasiemaler bezeichnen. Beide zeigen, wie Rembrandt, einen musikalischen Gehalt in ihren Bildern; der eine in lebhaftem, der andere in gedämpftem Farbenrhythmus. »Tanz und Andacht«, Heiterkeit und Ernst hat Goethe als die zwei Elemente bezeichnet, welche alle Kunst beherrschen; sie scheiden sich auch hier. Die schlichte und andächtige Musik Uhdescher Farbengebung steht als ein ergänzender Gegensatz der reichen und gewissermaßen alle Farben des Regenbogens durchtanzenden und gelegentlich auch durchtobenden Malerei Böcklins gegenüber. Die künstlerische Geschlossenheit, die geistige Tiefe, die völlige Tendenzlosigkeit, welche Rembrandt besaß, fehlt diesen Künstlern; und darin zeigt sich, daß sie eben nur ein vorbereitendes Stadium vertreten. Andere neuere Künstler bleiben freilich hinter jenem Muster noch weiter zurück. Naturdarstellung ohne Idee, wie sie von ihnen angestrebt wird, ist nicht viel besser, als Ideendarstellung ohne Natur, wie man sie früher anstrebte. Beides gehört Zusammen; Homer und Phidias, Dante und Shakespeare, Rembrandt und Goethe sind nur dadurch groß geworden, daß sie ihrem bedeutenden Ideengehalt eine ebenso bedeutende Naturbeobachtung als ausgleichendes Gegengewicht hinzufügten. Von Rechts wegen darf der Künstler nur soviel Naturstudium in sein Werk legen, als er ihm an Ideengehalt ausgleichend gegenüberzusetzen hat. Legt er mehr Naturstudium hinein, so gibt er damit nur tote Natur; also Stilleben, nature morte , wie letzteres die Franzosen bezeichnenderweise nennen. Verfügt der Künstler dagegen über mehr Idee als Naturstudium, so wird es nur eine Art von Fata Morgana hervorbringen; so erging es Karstens Cornelius Genelli Overbeck. Ebenso verhält es sich mit dem »Häßlichen« in der Kunst. Holbeins Pietá in Basel und Rembrandts Anatomie im Haag zeigen, daß für eine wirklich geistige Kunst der Begriff des Häßlichen nicht existiert. Ein Weib – und ein Kunstwerk – darf in dem Grade häßlich sein, wie es innere Anmut hat. An dieser letzteren fehlt es den heutigen Naturalisten und darum haben sie kein Recht, das Häßliche darzustellen. Wie das höchste Ziel der Malerei weder Zeichnung noch Farbe ist, sondern vielmehr: mit der Farbe zu zeichnen; so ist die höchste Aufgabe aller bildenden, ja aller Kunst überhaupt: mit der Schärfe des äußeren Blicks eine reiche Phantasie zu verbinden. Jene neueren künstlerischen Bestrebungen, der Gemüts- wie Phantasiemaler, sind vorwiegend von peripherer Natur geblieben: sie entbehren noch der Beziehung zu einem lebendigen Zentrum; ein solches kann ihnen zukommen aus einer Neubelebung des deutschen Volksgeistes und einer Neugestaltung der deutschen Volksbildung. Die Rückkehr zu Rembrandt bedeutet hier zugleich ein Vorwärtsschreiten in die Zukunft. 4. Paris und Zola. In Paris fehlt es dem Künstler durchweg an der äußeren und inneren Ruhe, welche die erste Vorbedingung für eine erfreuliche Tätigkeit ist. Gemessene und wirklich monumental wirkende Kunstwerke sind von Franzosen selten geschaffen worden; die gallische Unruhe verhindert sie daran; oder die letztere schlägt, als Gegenwirkung, in die heutzutage dort noch vorkommende akademische Steifheit und Glätte um. Durch keine dieser beiden Richtungen sollte der Deutsche sich beeinflussen lassen. Das stetige Wesen des letzteren ist dem sprunghaften Wesen des Franzosen grundsätzlich entgegengesetzt; jenes leuchtet und dieses schillert; jenes schafft den Stil und dieses die Mode. Jenes führt zur echten Vornehmheit, wie sie einst in Venedig blühte und noch heute in England zu finden ist; dieses führt zur falschen Vornehmheit, zum Salonton, der leider aus Frankreich vielfach auch nach Deutschland eingeführt wurde. Gibt es in der modernen französischen Dramatik, die man in Paris und Berlin so sehr schätzt, nur ein einziges Werk, welches wahrhaft genial erscheint, welches aus den Tiefen der Seele geboren wurde? Die ehrliche Antwort hierauf lautet: nein. Im besten Fall hat man es mit geschickter Schreinerarbeit zu tun; das alte »weinerliche Lustspiel« steht in solchen Erzeugnissen wieder auf; sie sind Triumphe der Trivialität. Kotzebue im großen! Es gehört zu den traurigsten Vorkommnissen der modernen »Bildung«, daß diese Kunststücke den Deutschen für Kunstwerke verkauft werden dürfen. Lessing und Schiller würden dergleichen als Falschmünzerei bezeichnet haben; denn die Kameliendame Dumas' ist nicht besser, und nicht einmal so gut, wie die Reifrockdame Racines. Von dieser hat uns Lessing befreit; wer wird uns von jener befreien? Wer wird den deutschen Dichtern und Schauspielern es abgewöhnen, nach Paris zu schielen? Wer wird uns eine deutsche Bühne wiedergeben? Paris ist die Stadt der Demimonde und der zügellosen Demokratie; hier gesellt sich dem sittlichen der politische Krankheitsfall hinzu. Gerade diese beiden Faktoren aber sind dem deutschen Volke in seiner innersten Seele verhaßt, trotzdem, daß es gelegentlich mit ihnen kokettierte und kokettiert; sie sind beide als »französische Krankheit« nach Deutschland eingedrungen. Sie müssen auf den Tod bekämpft werden; und ebenso ein dritter Faktor, welcher lange in Paris heimisch war: jenes lebensfeindliche akademische Wesen, der seelenlose Scholastizismus. Ein seelenloser Spezialismus und ein wissensstolzer Pharisäismus begegnen sich in dem modernsten Scholastizismus – im Zolaismus. Was Ihering von dem römischen Recht rühmt, patzt auch auf jene angebliche Kunsttätigkeit: sie ist »ein äußerer Mechanismus, den jeder handhaben kann, der die Konstruktion desselben kennt«; sie erscheint als ein geregeltes Handwerk; sie will Mechanik an Stelle von Organik setzen; das ist modern-französisch und das ist undeutsch. Sie ist für die echte Kunst ein tödliches Gift. Ihre Trugapostel reden viel von l'école moderne ; von Persönlichkeit und Persönlichkeiten wird eigentlich gar nicht gesprochen. Diese ganze moderne »Schule« ist dazu verurteilt, unschöpferisch zu bleiben; denn schöpferisch ist nur das Seelenvolle, das Aristokratische, das Persönliche. Der Zolaismus besitzt keine dieser drei Eigenschaften. Sein Wesen besteht in der mißbräuchlichen Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien auf das, im engeren Sinne, künstlerische Gebiet; er will hier die gegebene Wahrheit, die Natur rechtfertigen, indem er sie mit dem Zollstab nachmißt; was überflüssig und unmöglich ist. Denn der Schwerpunkt der Kunst liegt nicht in der Analyse, sondern in der Synthese. Und die Kunst geht ohne weiteres von , die Wissenschaft auf Wahrheit aus; für die eine ist das Gegebene, für die andere das Gesuchte die höchste Instanz. Diese zwei Standpunkte darf man nicht verwechseln. Homer, Dante, Shakespeare hatten scharfe Augen; aber sie haben das Leben nicht stückweise oder gar ellenweise beobachtet, wie die heutigen »Realisten«. Es macht einen ungemein kläglichen Eindruck, wenn diese mit ihrem neuen »Kunstprinzip« die gesamte künstlerische Vergangenheit übertrumpft zu haben glaubten. Sie verachten, was sie nicht kennen – und nicht können. Das Bestreben, einen »wissenschaftlichen« Roman oder überhaupt irgendein »wissenschaftliches« Kunstwerk herzustellen, beruht auf einem Denkfehler; und kann also nie zu etwas Gesundem führen. Zola, zwar in Frankreich geboren, aber nach Namen, Herkunft und Temperament ein reiner Italiener, ist vielen seiner malenden Landsleute von heute durchaus verwandt; Brutalität, Sinnlichkeit und kalte Berechnung, gelegentlich mit ein wenig Sentimentalität und Romantik untermischt, charakterisieren ihn. Alle diese Eigenschaften sind ausgesprochen antideutsch. »Lebendige, aber plumpe Empfindung«, schreibt ein feiner Kunstkenner der altetruskischen Kunst zu; die neuitalienische Kunst hat dies Erbteil beibehalten; und Zola ist ihr Repräsentant. Abtönung ist seine Sache nicht; gesunde und zugleich feine Empfindung sucht man bei ihm vergebens. Er zählt zu jenen brutalen italienischen Kraftnaturen, welche sich wie Napoleon, Gambetta und andere an die Spitze der führungsbedürftigen Franzosen zu schwingen wissen. Er ist plebejisch wie sie; er ist Keltoromane; und was er schreibt, könnte man hinzufügen, sind keltische Romane. Das Krasse und Wüste, was seinen Werken eigen ist; ihr Mangel an tieferer geistiger Architektonik; die Unruhe und der Pessimismus, welcher sie erfüllt; hier und da auch ein verzückter Blick nach oben, der dazwischen fällt: alles das sind gallische Züge. Ja, noch mehr. Durch ihre Beschränkung der künstlerischen Freiheit, die Trostlosigkeit ihrer Gesinnung sowie durch die große »Billigkeit« ihres geistigen Standpunkts erinnert die Zolasche Arbeitsweise direkt und indirekt an die heutzutage kaufmännisch so beliebte »Zuchthausarbeit«. Bedeutende kaufmännische Erfolge sind auch jener ersteren beschieden gewesen; aber weniger auf Grund ihrer guten Eigenschaften, als weil sie an gewisse Instinkte der Masse appelliert, die man hier lieber nicht nennt und die gleichfalls stark an Zuchthausatmosphäre gemahnen. In dieser kann die Kunst nicht gedeihen. Sicherlich gibt es nichts, was dem Zolaismus mehr entgegensteht als jener zarte und dabei doch so starke Geist, welcher in den Werken echt deutscher Künstler, wie z. B. eines Walther von der Vogelweide, Dürer, Goethe, Mozart lebt. Und dieser Geist ist noch nicht tot; er ruht jetzt nur, wie er auch zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert oftmals ruhte. Wer weiß, wie bald wieder eine Blüte an dem grünenden Baume ausbricht! Jedenfalls werden die deutschen Nachahmer Zolas in Literatur wie Malerei, sich nie dauernd halten können; die fremde Unpoesie wird verschwinden und die deutsche Poesie wird bleiben. Mode vergeht, Kunst besteht. Als bloßes Mittel zum Zweck mag die Lehre Zolas nützlich sein; aber als solches ist sie nicht neu; sie als Zweck zu betrachten ist, vom deutschen Standpunkte aus, poetischer Landesverrat. Mögen die zolaisierenden deutschen Künstler, des Pinsels wie der Feder, sich dies gesagt sein lassen; mögen sie zu dem erfrischenden Quell des eigenen Volkstums und der angestammten Poesie zurückkehren. Deutsche Lieder sind mehr wert als französische Liederlichkeit. 5. Hellmalerei. Rembrandts Malerei kann man, ohne ungünstigen Nebenbegriff, eine Dunkelmalerei nennen; wenn ihr neuerdings, gleichfalls an Holland sich anschließend, in der Freilichtmalerei der Deutschen, eine Hellmalerei gegenübertrat, so zeigt sich nur: daß der helldunkle Charakter der Niederdeutschen, im Laufe der Jahrhunderte, bald die eine, bald die andere Seite seines Wesens mehr hervorkehrt. Die Hellmalerei erscheint freilich zunächst nur als eine Reaktion gegen das unwahre künstlerische Archaisieren von gestern; es ist ein kühler, nüchterner, norddeutscher Zug in ihr; und mit ihm sind ihre Fehler wie Vorzüge verschwistert. Wie dem kommenden geistigen Bauerntum die manierierte heutige Bauernmalerei, so geht dem kommenden geistigen Holländertum die manierierte heutige Hollandermalerei der Deutschen voraus. Eine ungesunde Gegenwart paktiert hier mit der gesunden Zukunft; wer gerecht sein will, hat also beide Zeitströmungen auseinanderzuhalten; und dann erst zu urteilen. Sicher ist es unzulässig, aus der reichen Palette der Natur einen einzelnen Ton auszuwählen und ihn dann zu privilegieren; dies gleicht den Kunststücken eines Paganini auf der G-Saite; es ist Virtuosentum, nicht Kunst. Die Hellmalerei hat Fehler; es ist ihre Schattenseite, daß sie keinen Schatten hat; sie ist eine Schlemihlmalerei. Man findet sie grau und häßlich; grau und häßlich pflegen aber Kinder gerade in der ersten Zeit nach ihrer Geburt zu sein; und da? Sprach» Wort: »häßliche Wiegenkinder, schöne Gassenkinder« gilt öfters im geistigen Leben. Poetische Hell- und Grellmaler, wie der jugendliche Schiller und der alternde Ibsen, sind schon oft Wegweiser in eine bessere Zukunft gewesen; von dem genialen Trotz eines Caravaggio leitet sich, in direkter künstlerischer Erbfolge, die Malerei eines Rembrandt ab; der Lehrer des letzteren, Pieter Lastmann, bildete sich nach und durch Caravaggio. Wenn damals italienische Schroffheit sich zu holländischer Milde verklärte, so könnte jetzt wohl norddeutsche Nüchternheit sich zu deutscher Fülle – der Kunst und des Geistes – abrunden. Daß man das neue Dogma, wie andere politische und künstlerische in Paris mißbraucht hat, ändert daran nichts. Die Hellmalerei ist, wie einst das Evangelium Rousseaus. Zwar auf französischem Boden, aber nicht aus französischem Geiste erwachsen; sie ist einseitig wie jener; und sie wirkt, wie jener, mehr anregend als schöpferisch; sie weist, wie jener, auf die Natur; und kann darum auch teilweise wirklich auf sie Zurückführen. Damit ist viel gewonnen. Ein Maler, der auf die eigentliche Glut der Farbe und damit auf das innerste Leben seines Kunstgebietes verzichtet, handelt sehr unpolitisch; aber es ist zuweilen politisch, unpolitisch zu sein; und somit mag auch diese Durchgangsphase der modernen Kunstentwickelung ihre Berechtigung haben. Das Negative, in Literatur wie Kunst, hat zu gewissen Zeiten einen hohen Wert. Die Hellmalerei enthält ein rationalistisches Element; sie gleicht darin der Periode der »Aufklärung« im achtzehnten Jahrhundert; sie überträgt diesen Begriff, und sogar ganz wörtlich, ins Künstlerisch-Technische. Die Hellmalerei kann und soll eine reinigende Wirkung haben, aber im höheren Sinne; zwei Wege stehen ihr offen: es wird von ihr abhängen, ob sie Lessing oder Nicolai sein will. Goethe wird sie freilich nie sein. Bis jetzt gibt sie mehr Forderung als Leistung; es fehlt ihr an großem oder auch nur genügendem geistigen Gehalt. Dieser kann erst gewonnen werden, wenn nicht Technik oder Tendenz, sondern Persönlichkeit wieder an die Spitze der Kunst tritt. Einseitig darf nur sein, wer bedeutend ist; und auch nur insofern er bedeutend ist; insofern nämlich seine Einseitigkeit eben auf seiner mächtig ausgeprägten Persönlichkeit beruht. In diesem Sinne war Rembrandt ein Dunkelmaler; ein Hellmaler von der gleichen Art, und im eigentlichen Sinne des Worts, fehlt uns bis jetzt; es sei denn, daß man Rubens als solchen gelten lasse. Die heutige Hellmalerei, als eine vorübergehende Zeit- und Kunstrichtung betrachtet, steht trotzdem Rembrandt nicht entgegen; gerade weil sie ihm bezüglich der Technik polar entgegengesetzt ist, vermag sie ihm an innerer Gesinnung um so leichter nahe zu kommen; denn sie ist der Gefahr einer rein äußerlichen Nachahmung dieses Meisters nicht ausgesetzt. Dem Goldton Rembrandts könnte – und sollte – ein Silberton der heutigen Hellmalerei entsprechen. 6. Japanisches Zum ersten Male im Laufe der Geschichte hat man gesehen, daß die Deutschen nicht nachahmen, sondern nachgeahmt werden – nämlich von ihren geographischen und geistigen Antipoden, den Japanern. Dem rein und fein empfindenden Deutschen kann dies keinen günstigen Eindruck machen; er wünscht ebensowenig, daß irgendeine fremde wie seine eigene Kultur gefälscht werde. In Japan deutschen Baustil oder etwas, das man so nennt, einzuführen, ist verfehlt. Bildende Kunst entwickelt sich und verfällt stets im Anschluß an die Architektur; sowie die Japaner ihre aus den Landesverhältnissen erwachsene Architektur aufgeben, werden sie ihre bisherige Kunst verlieren. Denn diese hat eine innere Verwandtschaft mit der leichten und lichten Bauart ihrer nationalen Häuser; gerade wie die helldunkle Malerei Rembrandts den helldunklen Wohnräumen der Holländer nachartet. Holland ist das einzige europäische Land, das noch heute eine Art von nationalem Baustil hat; und ihn hat als Privatarchitektur; das ist kein Zufall. Jener notwendige Anschluß der Malerei an die Architektur kann ein äußerlicher und mehr linearer wie bei den Griechen, oder ein innerlicher und mehr farbiger wie bei den Holländern und den Japanern sein. Die griechische Malerei war rein monumental; die japanische ist rein dekorativ; die niederländische und deutsche hält die Mitte zwischen beiden. Diese Standpunkte dürfen nicht vermischt oder verwischt werden. Auf den traurigen Ruhm, fremden Geschmack zu verderben, sollten die Deutschen verzichten; man hat lange genug gegen französische Moden geeifert; es ziemt sich nicht, jetzt deutsche Moden an ihre Stelle zu setzen – außerhalb Deutschlands. Das wäre unvernünftig und ungerecht und undeutsch. Der echte Künstler kann weder gegen seinen eigenen noch gegen den Charakter eines andern handeln. Eine wirkliche innere Aneignung deutscher Bildung durch die Japaner ist durch die unvereinbare Natur beider Völker völlig ausgeschlossen; der Deutsche ist dem Japaner geistig gerade so entgegengesetzt, wie er es körperlich ist. Blutstropfen, die einander allzu fremd sind, mischen sich nur mit ungünstigem Erfolge; Mulatten sind verrufen. Mulattenkunst ist nicht gut. Die Japaner selbst tun wenig klug daran, sich diejenige Bildung anzueignen, welche die Deutschen gerade im Begriffe sind, aufzugeben; denn diese wenden sich nunmehr von einer mehr spezialistischen und toten zu einer mehr individuellen und lebendigen Bildung. Wer wird gern abgelegte Kleider tragen? In der Wissenschaft, welche international und unpersönlich ist, können Deutsche und Japaner harmonieren; in der Kunst, welche aus der Volksindividualität oder gar nicht geboren wird, werden sie nie harmonieren. Jene Salonliebhaberei für japanische Erzeugnisse, welche im gegenwärtigen Deutschland und England grassiert, ändert daran nichts. Nicht die Nachahmungen chinesischen Porzellans, welche die Holländer produzierten, sondern Rembrandt hat deren Kunst bestimmt; vom Nipptisch aus läßt sich die Kunst nicht reformieren. Japaner haben für europäische Kunst nur wenig Verständnis; es ist bezeichnend, daß kürzlich einer derselben in einem von ihm veröffentlichten Werke die gegenwärtigen Japaner für das einzige Volk erklärte, »von dem die Kunst künftig noch Großes zu erwarten habe«. Die Erfüllung oder Nichterfüllung dieser Prophezeiung werden die Deutschen ruhig abwarten können; sie kontrastiert seltsam mit der jetzigen japanischen Nachgiebigkeit gegen fremde Einflüsse; und ist vielleicht nur bestimmt, diesen Rückzug zu decken oder gegen ihn zu protestieren. Sehen wir eine Gräsergruppe, naturgroß von Dürer gezeichnet, so glauben wir in die Hallen eines gotischen Domes zu blicken; eine japanische Haupt- und Staatsaktion, selbst von einem bedeutenden dortigen Maler dargestellt, erinnert stets an eine Heuschreckenversammlung. Der »Insektengeist« eines Hokusai kann sich mit dem »Insekten- und Löwengeist« eines Rembrandt nicht messen. Ein Chrysanthemumfeld ist hübsch, der Eichwald ist grandios; und eben dies Große entscheidet in der Kunst. Auch ist es widerstandsfähiger als das Kleine. Dasjenige Volk, welches seine besondere Eigenart am besten wahrt, wird es innerhalb der Kunst am weitesten bringen; die Japaner wenden sich von der ersteren ab; die Deutschen wenden sich ihr zu. Aus der Wappenblume Japans, dem Chrysanthemum, fertigt man Insektenpulver; das Wappentier Hollands, der Löwe, verkörpert den dort heimischen Heroengeist: diese Art von unbewußter und geistiger Heraldik ist sehr bezeichnend. 7. Religiöse Kunst Die Gestalten, die der Künstler schafft, müssen in einem höheren Lichte erstrahlen; dadurch werden sie vornehm; dadurch machte Rembrandt seine Gestalten vornehm. Selbst denjenigen neuesten deutschen Malern, welche Besseres anstreben, fehlt es darin noch recht sehr. Sie wollen natürlich sein und werden trivial; die zum Abendmahl versammelten Apostel dürfen nicht aussehen wie Packträger, die man in härene Kutten gesteckt hat. Theorie und Praxis, innen und außen, nahes und fernes berühren sich auch hier: »um eine Privatpost einzurichten, genügt es nicht, daß man einige Dienstmänner in Blusen steckt; es bedarf dazu einer jahrhundertelangen Tradition und amtlichen Autorität«, warnte der Reichspostmeister Stephan in einer rein praktischen und geschäftlichen Frage. Auch in der Kunst wird man die jahrhundertelange Tradition der inneren Heiligung und apostolischen Vornehmheit nicht ungestraft außer acht lassen. Die Majestät des Geistes will ihr Recht: und wird es ihr nicht zuteil, so bleibt sie eben unsichtbar. Es ist falsch, Christus in der Auffassung von Strauß oder Renan zu malen; es ist sogar falsch, ihn in der Auffassung des durch die moderne Wissenschaft kritisch gesichteten Neuen Testamentes zu malen; es ist allein richtig, ihn in derjenigen Gestalt zu malen, welche sich aus der Lutherschen Bibelübersetzung und katholisch-kirchlichen Tradition heraus- und in die deutsche Volksseele hineinprojiziert hat. Der Volksglaube ist hier maßgebend. Und dies Bild ist ein hehres, vornehmes, grandioses; ein Christusbild, welchem letztere Eigenschaften fehlen, bleibt darum trotz aller etwa sonst vorhandenen Vorzüge unwahr und verfehlt. Diejenigen Maler verstehen ihren künstlerischen Vorteil schlecht, welche einen Christus malen, nachdem er das wissenschaftliche Scherbengericht von heute passiert hat. Sie stellen nicht ihn dar, sondern einzelne archäologische oder sentimentale Scheiben seines Wesens: »du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.« An ihre höchsten Aufgaben muß eine Zeit auch ihren höchsten Gehalt setzen, wenn sie dessen hat; oder sie muß jene Aufgaben nicht einmal versuchen zu lösen. Leonardos Apostel sind Edelleute, geistig gehobene Abbilder seiner Zeit- und Landesgenossen; Rembrandts Apostel sind Bauern, geistig vertiefte Abbilder seiner Landes- und Zeitgenossen; aber Aristokraten sind sie beide. Jene sind von Adel umglänzt, aus diesen glänzt er hervor. Die hier genannten zwei Wege stehen auch der heutigen deutschen religiösen Malerei offen; aber der Weg Rembrandts wird ihr der natürlichere sein; und zwar weil er dem deutschen Charakter und den deutschen Zuständen der angemessenere ist. Dieser Weg ist nur demjenigen anzuraten, der über einen ganz besonders hohen Fonds innerer geistiger Vornehmheit verfügt; sonst könnte sich ereignen, was sich gelegentlich im heutigen Deutschland ereignet: der Maler ist von Adel, aber seine Bilder sind nicht von Adel. Denn der Adel der Gesinnung ist die höchste Gabe, die einem Künstler zuteil werden kann; er soll sie seinen Werken mitteilen; er soll ein schöpferischer Aristokrat sein. Das echt künstlerische und das echt religiöse Element sind jedenfalls berufen, einander überall zu stützen. Das Band zwischen Kunst und Religion, von jeher fest gewoben, ist nicht nur ein äußerliches; beide sehen aufs Ganze. Doch muß hier dringend vor dem Irrtum gewarnt werden, als ob es irgendwie möglich wäre, die Kunst zur Religion zu machen; jede solche Absicht ist seicht und oberflächlich; denn der Geist liegt immer tiefer als seine Erscheinung und der Begriff Religion an sich wiegt schwerer als der Begriff Kunst überhaupt. Wie einst die Israeliten in der Wüste durch eine Feuersäule geführt wurden, so kann der Feuergeist Rembrandts den die Wüste heutiger Grundsatzlosigkeit durchirrenden Kunstjüngern als eine führende und leitende Kraft, durch allerlei Anfechtung hindurch, sich bewähren. »Wer das Bildnis des Zeus von Phidias gesehen hat, kann nie wieder ganz unglücklich werden«, sagte man im Altertum. »Wer die biblischen Bilder von Rembrandt verstanden hat, kann nie wieder ganz unfromm werden«, könnte man in der Neuzeit sagen. Jener Strom geistigen, dem Göttlichen zugewandten Lebens, der sich von dem Pol der antiken zu dem der modernen Kunst, von Phidias zu Rembrandt zieht, sollte billigerweise auch in der Gegenwart wieder kreisen. Aber freilich kann er nur von innen, nicht von außen geboren werden. Eine frömmelnde Kunst ist schlimmer als eine gottlose; und eine fromme Kunst ist besser als beide. 8. Architektonik und Kunstgewerbe Die deutsche Kunst der Zukunft und nächsten Gegenwart wird die gleichen zwei Klippen, rechts und links, zu vermeiden haben, welche die religiöse, literarische, politische Bewegung Deutschlands jeweilig früher zu vermeiden hatte: die Nüchternen und die Schwärmgeister. Wie eine etwaige neue deutsche, schöne Literatur zwischen der Dürre des heutigen Professorentums und der Roheit des »jüngsten Deutschlands« die Mitte halten muß; so wird auch die deutsche bildende Kunst, wenn sie eine herrschende Stellung im künftigen deutschen Geistesleben einnehmen und behaupten will, ihren Weg zwischen Böcklin und den Hellmalern hindurch finden müssen; sie wird, trotz mancher gemeinsamen Anschauungen, schließlich beide ablehnen müssen, um – sie selbst zu sein. Eine gesunde Entwickelung, die sich von Extremen fernhält, wirkt immer aufbauend. Der oberdeutsche Maler Fellmann und der niederdeutsche Maler Leibl, beide nicht ohne einen monumentalen Zug in ihren Leistungen, weisen auf jene künstlerische Zukunftsrichtung schon jetzt hin. Doch wird hier zu dem national-individuellen noch ein mathematisch-architektonischer Kunstgehalt hinzukommen müssen. Wer die Bedeutung einer inneren geistigen Architektonik kennt, der wird auch wissen, daß dieses der einzige Weg ist, auf welchem das deutsche Volk sowie die deutsche Kunst wieder zu einem großen, geschlossenen, einheitlichen Charakter gelangen können. Jede Kultur ist ein individuell gearteter Bau; die Architektur, im engeren Sinne, stellt nur ein äußerliches und sinnlich greifbares Spiegelbild eben dieses Baues dar. Die sonstigen bildenden Künste ordnen sich diesem Bau ein und unter; werden die Deutschen also wieder selbständig bauen lernen, so werden sie auch wieder einen Stil haben. Wer bauen will, muß zu fügen, d.h. organisierte Massen unter sich organisch zu verbinden wissen. Die Fuge ist eine speziell deutsche Musikform; sie hat in Bach ihren höchsten und echt architektonischen Ausdruck gefunden; sie ist zugleich ein reiner künstlerischer Ausdruck echter Frömmigkeit: und führt so vom deutschen Geist zum Weltgeist, zu Gott hinüber. In ihm begegnen sich die natürliche und die künstlerische Architektonik; innere und äußere, geistige wie sinnliche Bauformen klingen hier zusammen; und zu letzteren gehört, allseitig gefaßt, auch die Malerei. Gedeihliches erreichen können nur solche Kunstbestrebungen, welche sich der Vergänglichkeit ihrer Mittel wie der Ewigkeit ihrer Ziele gleichermaßen bewußt sind; welche das Vorübergehende und das Bleibende in ihrer eignen Natur zu scheiden wissen; und welche dieses über jenes zu setzen wissen. Hält sich die Malerei hieran, so kann sie das Höchste leisten; so ist auch eine Durchgangsphase, wie die Hellmalerei, für sie nur eine Stufe zu jenem höchsten Ziel; eine Variation, und vielleicht nicht die schlechteste, in der großen Doppelfuge der Kunst und des modernen Volkslebens. Wie überall, so gibt es auch in Kunstsachen eine scheinbar und eine wirkliche Aktualität. Jene konstatiert und summiert die Masse des gerade Vorhandenen; diese erkennt die tieferen Strömungen und produziert das Große; jene ist häufig, diese selten zu finden. Der Routinier ist dem Genie nie gewachsen. Man muß sich vor künstlerischer Werkheiligkeit hüten; nicht »unserer Väter Werke«, sondern »unserer Väter Gesinnung« gilt es nachzuahmen; und aus ihr heraus Selbständiges zu schaffen. Die wirkliche Renaissance verfuhr so; sie folgte dem Geiste, nicht dem Buchstaben der alten Kunst: und wurde dadurch selbst schöpferisch. Goethe durfte über Palladio schreiben: »Er ist ein recht innerlich und von innen heraus großer Mensch gewesen«; und man kann hinzufügen, daß so manche Schwäche heutiger Kunst wie Künstler sich aus dieser mangelnden Größe von innen heraus erklärt; zumal innerhalb der Baukunst. Gebäude wollen gedichtet sein; meistens werden sie heutzutage nur gereimt; und sehen darum oft so ungereimt aus. Ähnliches gilt von den dekorativen Künsten. Das Publikum sollte hier die Augen offen halten. Geschichtlich betrachtet, gleicht die neudeutsche kunstgewerbliche Bewegung sehr der deutschen politischen Bewegung von 1848; sie entsprang mehr guten Absichten und unklaren Bedürfnissen, als einer klaren Einsicht und schöpferischen Leistungskraft; beide Bewegungen wurden von Professoren eingeleitet. Professorenpolitik hat viel mit Kapellmeistermusik gemein; und letztere, in ihrer wohlgemeinten Unfruchtbarkeit, erinnert wieder sehr an die heutigen Stilbestrebungen; sie können vielleicht zu einer Professorenkunst, aber nie zu einer Volkskunst führen. Wie 1848 sich nur wenige gesunde und feste Köpfe – Bismarck, Rethel, Hebbel, Dahlmann, Robert Mayer – vorzugsweise aus niederdeutschem Stamm von jener allgemeinen politischen Berauschung fern hielten; so ist es auch jetzt bezüglich des Kunstgewerbes. Damals wurde außerordentlich viel geredet und jetzt wird außerordentlich viel ausgestellt; aber einen bleibenden und schöpferischen Wert haben von den damaligen Reden nur diejenigen Bismarcks gehabt; von dem heute Ausgestellten ist der Prozentsatz des wirklich Bleibenden jedenfalls noch geringer. Viel Trivialität und wenig Genialität! Das Publikum wird nicht auf seine geistigen, ja nicht einmal auf seine materiellen Kosten kommen, wenn es der ersteren zu sehr traut. Aus weiterer Perspektive erscheinen die Dinge oft anders als in der Nähe; manches Große wird klein und manches Kleine groß. Das deutsche Volk hat seine Anfälle von Doktrinarismus; dieser kann die freie Entwicklung zwar nicht hindern, aber er kann sie sehr aufhalten; wie politisch und künstlerisch, so ist dies auch literarisch öfters der Fall gewesen. Die Tätigkeit eines Gottsched ging gerade wie das heutige Kunstgewerbe von guten Absichten aus und war nationalen Zielen zugewandt; aber sie blieb unfruchtbar und unwahr, weil sie dem Volksgeiste fern blieb. Anstatt den Hanswurst zu verbrennen, hätte Gottsched ihn veredeln sollen – wenn er es gekonnt hätte. Vielleicht würde es dann heute ein deutsches Lustspiel geben! Goethe verfuhr klüger; er verbrannte den volkstümlichen Faust nicht, sondern bildete ihn um; er schliff diesen rohen Diamanten. Freilich muß man dazu selbst Diamant sein; und das war Gottsched nicht; so wenig wie seine heutigen Nachfolger auf künstlerischem Gebiete es sind. Ihren Bestrebungen wird es nicht besser ergehen als den seinigen; sie werden gesunderen und tiefgreifenderen Richtungen des deutschen Geisteslebens über kurz oder lang Platz machen; und diese bereiten sich zum Teil schon jetzt vor. Das, was die Engländer Komfort nennen, ist der natürlich gegebene Ausgangspunkt für alle gesunden Bestrebungen auf diesem Gebiet; aus ihm hat sich erst der Stil zu entwickeln; und nicht umgekehrt, wie man jetzt verfährt. Wenn höchste Bequemlichkeit und höchste Schönheit in einem Gebrauchsgegenstand zusammenfallen, so ist er kunstgewerblich vollendet. Zwang und Freiheit sind die beiden Eltern der Geschwister: Kunst und Kunstgewerbe; aber dieses muß mehr dem Vater, jene mehr der Mutter ähnlich sehen. Hier gilt es: die gegebene Individualität zur Gesetzmäßigkeit auszubilden, dort: das gegebene Gesetz der Individualität gemäß auszugestalten. Die Kunst wächst von innen nach außen, das Kunstgewerbe von außen nach innen. Sowie man den beiderseitigen Standpunkt vertauscht, wird die Kunst, wie in der heutigen Architektur, zur Manier und das Kunstgewerbe, wie in seiner heutigen überwiegenden Anwendung, zum bloßen Luxusgewerbe. »Wenn ein Volk sich einmal aus der edlen Einfalt in das mehr Schimmernde verloren hat, so geht, wie ich glaube, der Weg nach der Einfalt zurück durch das höchst Affektierte, das mit dem Ekel endet«, urteilte Lichten« berg über die Deutschen. Das bloß Schimmernde ist auch heute auf künstlerischem Gebiet ungewöhnlich stark vertreten: und jedenfalls stärker als originale Erfindungskraft und echte Größe. In Deutschland werden die bildende Kunst wie das Kunstgewerbe den ihnen gebührenden festen Halt erst in einem nationalen Baustil finden; dieser kann sich nur aus einer Konsolidation des deutscheu Geisteslebens und diese nur aus einer Selbstbefreiung des deutschen Charakters entwickeln. Rembrandt hat die letztere, zu seiner Zeit und in seinem Lande, durchgeführt. Das Kunstgewerbe darf nicht, wie es jetzt großenteils der Fall ist, eine Treibhauspflanze sein; es soll im Freien oder noch lieber wild wachsen. Sparsamkeit in der Verwendung schmückender Formen muß seine erste Regel sein; nicht Üppigkeit, wie sie oft vorherrscht; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Einzelne wirklich praktische Anläufe zu einer rein deutschen Kunstübung finden sich hie und da; und bezeichnenderweise hat der gesunde Sinn der Niederdeutschen sich von jenem kunstgewerblichen Fieber verhältnismäßig am freiesten erhalten; sie sind ihren eigenen Weg gegangen. Die Tätigkeit eines F. A. Meyer in Hamburg braucht nur erwähnt zu werden; er war von Haus aus Ingenieur, wie Leonardo, Svedenborg, Semper; und es zeigt sich wieder einmal, daß die technische mehr als die theoretische Seite der Kunst bedeutet. Gesellt sich der ersteren Persönlichkeit hinzu, so ist der Künstler da – mit oder ohne Theorie. Konstruktion ist Kunst. 9. Seele und Stil Seele ist in einem Kunstwerke viel, aber nicht alles. Wie der Mensch aus Geist und Körper, Fleisch und Bein, Knochen und Mast besteht, so gliedert sich auch alles Kunstschaffen in zwei maßgebende Faktoren: Seele und Stil. Eine Individualität haben, heißt Seele haben, eine geschlossene Individualität haben, heißt Stil haben. Stil heißt eigentlich Griffel und im übertragenen Sinne Handschrift; also persönliche Eigenart, die sich äußerlich sichtbar dokumentiert; die Person, um die es sich dabei handelt, kann ein Mensch oder ein Stamm oder ein Volk oder eine Zeit sein. Handschrift aber entsteht immer durch ein Zusammenwirken zweier Faktoren: eines beweglichen, der Hand, sowie eines festen, des Stiftes. Indem die beweglichen Faktoren des Kunstlebens: Volksindividualität und Einzelseele, sich um das feste Zentrum desselben: die bleibenden Gesetze des geschichtlichen Werdens gruppieren, entsteht Stil. Stift und Schreibfläche stehen zueinander in dem gleichen Verhältnis wie die tragenden und bekleidenden, die konstruktiven und dekorativen Elemente der Architektur; der geschriebene und der gebaute Stil sind sich sehr nahe verwandt; jener ist Einzelhandschrift, dieser Volks- Handschrift; beides im inneren wie äußeren Sinne. Stil ist mithin geschlossener geistiger Charakter, der sich sinnlich offenbart . Und er entwickelt sich, ebenso wie und im Anschluß an die Individualität, in aufsteigender Gliederung der Massen; der Stil eines Stammes faßt den mehrerer Personen, der eines Volks den mehrerer Stämme, der einer Zeit den mehrerer Völker zusammen. Eine fremde Handschrift nachzuahmen ist in der Kunst ebenso überflüssig und unter Umständen verdammlich, wie es dies im Leben ist. Der Stil ist kein Kleid, das man aus- und anzieht; er ist ein Stück vom Kerzen des Volkes selbst. Stil kann sich nur aus der Persönlichkeit und zwar aus dem tiefsten innersten Keime der Persönlichkeit eines Volkes entwickeln – wie er etwa in Rembrandt Zutage liegt. Man hat diesen Begriff häufig zu eng gefaßt; vielleicht weil Stil ein ursprünglich griechisches Wort ist, hat man den durch dies Wort bezeichneten Begriff auch nur der griechischen oder ihr verwandten Kunstrichtung zuschreiben wollen. Insbesondere hat man Rembrandt gewissermaßen als ein Muster von Stillosigkeit oder Formlosigkeit in der Kunst hingestellt; aber man hat sich arg darin getäuscht. Es verhält sich gerade umgekehrt. Das Aparte und Eigentümliche, aber dabei vollständig in sich Ausgeglichene bestimmt den Wert eines jeden Kunstwerks; je mehr es von dieser Doppeleigenschaft an sich hat, desto besser ist es. Dieser Maßstab des künstlerischen Urteils ist ebenso einfach wie erschöpfend. Simplex sigillum veritatis. Und in diesem, dem einzig richtigen, weil allumfassenden Sinne ist der Meister von Amsterdam einer der ersten Stilisten, die es je gegeben hat. An ihm erkennt man die Wahrheit dessen, was Wagner ausgesprochen: »deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst und der Freude an ihr willen treiben.« Nur bei einem völligen Aufgehen des Künstlers in die Sache kommt es zu einer völligen Ausgeglichenheit innerhalb des Kunstwerks; dann wird dieses nicht gemacht, sondern geboren; dann entwickelt sich Geschlossenheit der Empfindung, der Form, der Situation; diese nennt man Stil! Die Verschiedenheit der Mittel, durch welche man solche Wirkung erzielt, kommt für die letztere selbst nicht in Betracht. Der Parthenon zu Athen hat eine Sonnenaufgangsschönheit; der Zwinger in Dresden hat eine Sonnenuntergangsschönheit; das Innere der Peterskirche in Rom gleicht der Mittagssonne und das der Markuskirche Zu Venedig der Mitternachtssonne. Wer will die eine dieser Schönheiten über die andere erheben? Es wäre höchst töricht, Rembrandt einen Realisten oder Naturalisten zu nennen; wie Rafael in der Form, ist er in der Farbe nichts weniger als naturwahr. Dieser hat seinen selbständigen und in gewissem Sinne unnatürlichen Stil gerade so gut wie jener; und insofern Rembrandt in seinen Bildern sogar eine noch intensivere persönliche Handschrift zeigt, als Rafael, hat der erstere noch mehr Stil als der letztere. So sieht z. B. kein wirkliches Feuer aus, wie das, welches Rembrandt malt: es ist ein Feuer aus einer anderen Welt; aus einer Welt, die Rembrandt heißt. Rembrandt ist ein Beispiel und das beste Beispiel dafür, wie eine Persönlichkeit sich zum Stil durcharbeitet, besonders aber sich durcharbeitet zu einem intensiv deutschen Stil. Es ist in gewissem Sinne ein Stil der Zerrissenheit; aber es ist ein Stil so sehr, und in mancher Hinsicht mehr, wie irgend einer. Gerade er kann den deutschen Künstlern am ersten zu einer klaren Unterscheidung zwischen echtem und falschem Stil verhelfen. Rembrandt hat echten Stil. Ein falscher Stil ist unkünstlerisch; aber ebenso unkünstlerisch ist Stillosigkeit. Die große Frage des Tages, ja des Jahrhunderts auf dem Gebiete der Kunst heißt: wie bekommen wir einen neuen Stil? Der gesunde Menschenverstand und die vergangene Kunstgeschichte beantworten diese Frage in gleicher Weise: neue Geistesströmungen, welche aus der Tiefe der Volksseele hervorsteigen müssen, werden durch neue sinnliche Formen, die sich jenen unwillkürlich anbilden, ihren handgreiflichen Ausdruck finden. So hat Rembrandt innerhalb der Malerei einen neuen Stil geschaffen; so allein kann auch innerhalb der heutigen deutschen bildenden Kunst ein neuer Stil entstehen. Vorschriften, Experimente, Muster von außen her helfen zu nichts. Aus irgend welchem alten Stil neue Geistesströmungen herleiten zu wollen, heißt den Gaul beim Schwanz aufzäumen. Renaissance und Gotik, Rokoko und Japanisches wirbeln jetzt in Deutschland durcheinander; von einem deutschen Stil ist wenig zu sehen; wenn auch öfters zu hören. Man vergißt: daß der Geist eines Volkes seine Bedürfnisse und die Bedürfnisse eines Volkes seinen Stil regeln; der moderne deutsche Geist aber will erst geweckt sein; er schläft noch. Nur aus der Erde kann ein Baum entwachsen; nur aus Individualismus kann sich Stil entwickeln; da nun schon lange nach der entgegengesetzten Seite gesündigt worden ist, so kann es nichts schaden, wenn die deutsche Kunst vorläufig ein wenig über-individuell werden sollte. Denn Überkraft läßt sich wohl zu Kraft mäßigen; aber Ohnmacht läßt sich nicht zu Kraft erhöhen. Der Mangel an großem Stil in der heutigen deutschen Kunst und der Mangel an lebendigem Stil in dem heutigen deutschen Kunstgewerbe, trotz des gerade hier vorhandenen Überflusses von Kunstrezepten, erfordert dringende Abhilfe. Die alten Künstler hatten Stil, weil sie ihn nicht suchten und weil sie selbst – Persönlichkeit hatten. Man strebt heute stets danach »stilgerecht« Zu sein; man sollte vielmehr danach streben »stilvoll« zu sein. Denn stilgerecht ist diejenige Tätigkeit, welche dem durch fremde oder frühere Stile vorgeschriebenen Rezept »gerecht« wird; stilvoll hingegen ist jene Tätigkeit, welche selbst Stil hat und dessen »voll« ist. Gerade das Streben nach Korrektheit kann oft sehr verderblich wirken. Es gibt auch ein neues Testament der Kunst; in ihm wird das Gesetz – des Stils – nicht aufgehoben, sondern erfüllt: wie Liebe mehr als Gerechtigkeit, so ist Leben mehr als Korrektheit. 10. Monumentalität Rembrandts Denkweise, nicht seine Malweise soll man nachahmen; man soll sich selbst treu bleiben, wie er es gewesen ist. Damit ist das heutige Stilproblem wieder auf den Kern des Menschlichen zurückgeführt. Wie in der geologischen, so ist auch in der geistigen Welt das Quellenfinden ein Geheimnis, aber keine Unmöglichkeit. Dort in den Niederlanden fließt ein Born, aus dem sich mancher Deutsche neues und volles Leben schöpfen kann; dort wo der deutsche Strom, der Rhein mündet, entspringt eine Quelle der deutschen Kunst. Mit Rembrandtaugen in die Welt zu blicken, wird niemand gereuen. Hier kann die Gegenwart lernen, wie man klassisch wird, ohne sich von den Klassikern beeinflussen zu lassen; indem man nämlich aus der eigenen angeborenen Natur schöpft, wie sie es taten. Folgt der Deutsche ihnen darin, so wird auch er sich mit der Zeit wieder zu einem klaren, festen, monumentalen, neuen Kunststil emporringen. Es gilt der männlichen Natur des Deutschen auch innerhalb der heimischen Kunst gerecht zu werden; hier wird in bezeichnender aber nicht erfreulicher Weise vielfach ein allzuweiblicher Ton angeschlagen. Weibliche Typen dominieren durchaus in der heutigen deutschen Malerei und Plastik; soweit es sich nicht um die Gestaltung von Porträts handelt, wird die Darstellung kräftiger und edler Männlichkeit geradezu vernachlässigt. Eher hält man sich noch an weibliche Nudität, nach den bekannten Pariser Mustern. Kurz, man meidet das Heroische und liebt das Sentimentale. Der markige Künstlerkopf eines Rethel wird über modernen Schattengrößen vergessen. Eine grandiose Auffassung der Geschichte sucht man in der gegenwärtigen deutschen Malerei und Plastik vergebens. Es fehlt den betreffenden Künstlern an Weite des Horizonts und noch mehr an Tiefe; darum verfallen ihre Leistungen so gern ins Weichliche und Kleinliche. Sie haben einen zu kurzen Atem. Das älteste deutsche Kunsturteil, welches wir haben, ist das eines zimbrischen Gesandten, dem man zu Rom im 2. Jahrhundert vor Christo eine nach Weise der damaligen alexandrinischen Kunst sorgfältig naturalistisch gearbeitete Statue eines Sklaven zeigte; »ich möchte ihn nicht einmal lebendig«, sagte der Deutsche. Sein künstlerischer Realismus war noch stärker als der damals im europäischen Süden gangbare. Eine Heroengestalt, wie der sogenannte Kephissos des Phidias, würde ihm besser gefallen haben. Er verlangte Kraft und Schönheit; und beides womöglich lebendig; die naturalistisch verkümmerte Erscheinung des heutigen Durchschnittsdeutschen würde ihm wenig behagt haben. Der gesunde und schöne und geisterfüllte Mensch bleibt stets das Höchste aller Kunstwerke auf Erden; photographische Treue oder ästhetisierende Untreue in einer »künstlerisch« gemeinten Wiedergabe seines Nutzern kann mit der Wirklichkeit nicht konkurrieren. In dieser Hinsicht dürfte jenes erste und primitive auch als bleibendes deutsches Kunsturteil Geltung haben: lebende Schönheit, nunmehr durch die Kultur zur Innerlichkeit verklärt, ist eine Grundaufgabe des deutschen Künstlers. In ihr, wenn sie seelisch erfaßt wird, begegnen sich Idealismus und Realismus. Werden künftighin die üblen Traditionen der letzten beiden deutschen Bildungsepochen, der idealistischen wie der spezialistischen, vermieden; entschließt man sich beherzt, nunmehr in eine gesund individualistische Bildungsepoche einzutreten; so kann sich echter Stil und infolgedessen echte Monumentalität, diese höchste Stufe der bildenden Kunst, in Deutschland wieder entwickeln. Dabei darf auch der äußerlich große Zug nicht fehlen. Die Vision des Ezechiel von Rafael, Correggios Magdalena in Dresden und Rembrandts radierte Schilderung der Geburt Christi zeigen zwar, daß räumliche Größe und künstlerische Größe an sich nichts miteinander zu tun haben; aber ein großes Volk wünscht seines Daseins auch durch räumlich große Denkmäler gewiß zu werden; der freie nationale Atemzug dehnt die Brust. Diesem Bedürfnis wird genügt werden müssen. Jedenfalls aber wird die deutsche Kunst ihre verlorene Monumentalität erst dann wiedergewinnen, wenn es ihr gelingt, ihre erst zu entwickelnde Individualität später durch das Mittel einer wahrhaft nationalen Architektur wieder zu binden. Bis dies hohe und schwierige Ziel erreicht ist, wird der deutsche Künstler und der Deutsche überhaupt gut tun, vor allem auf die möglichste Aus- und Durchbildung eben jener vielentscheidenden Individualität hinzustreben; und unter den erzieherischen Faktoren, welche dahin führen können, steht Rembrandt obenan. Was Mozart sagte, als er auf der Durchreise durch Leipzig zum ersten Male die Werke Bachs eingehender kennen lernte: »Das ist doch noch einmal einer, von dem man etwas lernen kann«, könnte und sollte auch mancher berühmte deutsche Maler von heute gegenüber Rembrandt sagen. Vielleicht wird dann einmal eine Zeit kommen, welche die Weiträumigkeit der Corneliusschen Kartons mit dem Tiefblick Menzelscher Lebensdarstellungen, die Farbenglut Böcklins mit der schlichten Innigkeit Uhdes verbindet; vielleicht wird es dann lokale deutsche Malerschulen geben, welche die Kunstideale dem Herzen des Volkes näher bringen, als es bisher der Fall ist. Vielleicht werden einer Zeit des großen geistigen Aufschwungs dann auch die großen geistigen Individualitäten nicht fehlen; vielleicht wird ein kommendes Kunstzeitalter seine Kunstheroen haben. II. Deutsche Wissenschaft Synthese des Geistes Viele heutige Gelehrte machen es wie viele heutige Maler; sie geben Studien für Bilder aus; beide sollten sich lieber zu vollem Schaffen erheben. Sie brauchen weniger Wissen und mehr Weisheit. Das Gefühl für den direkten Zusammenhang der einzelnen und einzelnsten natürlichen wie menschlichen Erscheinungen mit dem großen und einheitlich ausstrahlenden Weltganzen ist der heutigen Wissenschaft durchgängig verloren gegangen; insofern ist sie unphilosophisch und irreligiös zu nennen. Ja man könnte noch weiter gehen; man könnte sagen, daß sie in wesentlicher Hinsicht geistlos sei: denn Geist ist eben: die Beziehung aller Teile zum Ganzen und des Ganzen zu allen seinen Teilen. Die heutige Wissenschaft schwelgt in Einzelheiten; sie hat sich wie manchem ihrer Verehrer damit den Magen verdorben. Denkende Künstler verlangt man schon lange und neuerdings sogar »denkende Dienstmädchen«; sollte man nicht auch das Recht haben, denkende Gelehrte zu verlangen? In der großen Mühle des Spezialismus werden die geistigen Individualitäten, welche sicherlich jetzt in nicht geringerer Zahl und Güte vorhanden sind als je, geradezu zerpulvert; und ohne ausgesprochene wie ausgebildete Individualitäten gibt es keinerlei selbständige Produktion. Daher denn das Vorherrschen und Vordringen der Mittelmäßigkeiten im heutigen wissenschaftlichen Leben. Die geistigen Persönlichkeiten sterben aus und Nummern treten an ihre Stelle. Scharfblickende und unparteiische Beobachter haben das schon längst erkannt. »Diese Menschen sitzen sämtlich wie die Raupe auf einem Blatt; jeder meint, seines sei das beste, und um den Baum kümmern sie sich nicht«, berichtet schon K. von Kleist; und wie sehr hat sich diese Gattung seitdem vermehrt. »Studierende und Studierte aller Art gehen in der Regel auf Kunde aus, nicht auf Einsicht«, bemerkt Schopenhauer; und »in allen diesen Fragen halte ich von der Wissenschaft gerade so wenig, wie in der Beurteilung irgend welcher anderen organischen Bildungen«, sagte Bismarck einmal in offenem Reichstag. Beurteilung organischer Bildungen ist aber eine der höchsten Aufgaben, welche dem Menschen überhaupt gesetzt ist; und es scheint, daß die jetzige Wissenschaft dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen ist; hier liegt ihr Todeskeim. Es wäre von Nutzen, wenn sich heutige Forscher über diesen Tatbestand ernstlich Rechenschaft geben wollten. Ihn abzuleugnen, hilft nichts; eine Reaktion nach der entgegengesetzten Seite ist ebenso nützlich wie notwendig. Und sie wird sicherlich stattfinden, wenn die Wissenschaft an der Umbildung des innerdeutschen Lebens nach der künstlerischen Seite hin, welche sich jetzt vollzieht, möglichst Anteil nimmt; dann werden ihre Aufgaben, ihre Methoden, ihre Mittel, ihre Ziele sich in mancher Hinsicht ändern müssen. Wissen ist Stückwerk, Können ist Ganzwerk. Der Geist des Beobachtens wiegt den Geist des Schaffens nicht auf. Das Schöpferische liegt schon im Worte Kunst selbst ausgedrückt; es ist vom Können abgeleitet und im aktiven Sinne angewandt. Eine Sache »können« heißt hier: sie ins Leben rufen können, sie schaffen können. Schaffen kann aber, unter allen Umständen, nur der ganze Mensch. Weder ein Denken ohne Wissen wie früher, noch ein Wissen ohne Denken wie jetzt, ist dem Deutschen gemäß; er hat sich beider Kräfte gemeinschaftlich zu bedienen; und dies muß in künstlerischem Sinne geschehen. Je mehr die Wissenschaft sich, innerhalb der ihr gezogenen Grenzen , nach einer künstlerischen Richtung hin entwickelt, desto eher wird sie dem ihr jetzt anhaftenden Fluch des Spezialismus entgehen. Diese Umwandlung kann und soll sich auf sehr verschiedenen Gebieten vollziehen; aber wenn sie in richtiger Weise geschieht, so wird sie sich im Zeichen Rembrandts vollziehen. Ist es auch nur eine »Wirkung in die Ferne«, welche der große Mann hier ausübt, so ist es darum doch nicht minder eine sichere und heilsame Wirkung. Rembrandt ist der Vertreter des Künstlerischen und Echten, des Subjektiven und Nationalen innerhalb der deutschen Bildung; und als solcher hat er auch hier zu wirken. Der Geist Rembrandts ist ein Geist, der nicht seitwärts oder rückwärts schielt, sondern aus eigener Seele geradeaus blickt; ein Geist, der von der äußersten Oberfläche der Welt bis in ihren innersten Kern dringt; ein Geist, der das Niedrigste dem Höchsten vermählt. So fremd auch Rembrandts Persönlichkeit scheinbar der Wissenschaft an sich gegenübersteht, kann sich also doch ein befruchtender Regen künstlerischer Anschauungen und Anregungen gerade von ihm aus über dieses allmählich etwas trocken gewordene Feld ergießen. Erst wenn das Sonnenlicht der Vernunft sich mit der feuchten Wärme subjektiven Fühlens gattet, entsteht nach bekannten physischen wie physiologischen Gesetzen: das Organische. Dem Maler wie dem Forscher, dem Künstler wie dem Philosophen gemeinsam ist selbstverständlich das sorgfältigste Studium der Natur und das gewissenhafteste Streben nach sachlicher Wahrheit, welches ihren schließlichen Leistungen stets vorausgehen muß. Für beide Teile gilt der gleiche Kodex, nur seine Anwendung ist verschieden. Kunst und Wissenschaft streben also dem gleichen Ziele zu; es heißt: Synthese des Geistes. Die dringendste Aufgabe der heutigen deutschen Bildung ist es, sich einer solchen inneren Anschauungsform wieder zuzuwenden. Synthese ist Erkenntnis aus erster Hand, Induktion ist Erkenntnis aus zweiter Hand; Religion, Kunst, Vaterlandsliebe, Naturempfinden – alles, was dem Menschen teuer ist, was ihn eigentlich erst zum Menschen macht, kommt ihm durch Synthese zu. Dem gegenüber soll die Induktion zwar nicht aus dem Bereiche seines Daseins verschwinden, aber sie soll immerhin sich bescheiden. Synthese verschafft dem Menschen das, was ihm heilig ist; Induktion verschafft ihm das, was ihm nützlich ist; deshalb ist jene Geistestätigkeit von höherem Werte als diese. Religionskultus, Geisteskultus, Heroenkultus sind alle drei ein Appell an die höhere Natur des Menschen; sie alle führen zu einer aristokratischen Weltauffassung. Kultus ist mehr als Kultur – vorausgesetzt, daß beide ernst gemeint sind und sich auf richtigen Wegen befinden. Denn das Göttliche ist stets und unter allen Umständen mehr als das Menschliche; ja die Aufgabe jeder echten Kultur ist es, jene Überlegenheit des Kultus anzuerkennen und zu betätigen. Lange genug hat man das deutsche Geistesleben gelöst und aufgelöst; es ist nunmehr Zeit, es wieder zu binden und zu verbinden. Philosophische Betrachtungsart Das Gedeihen von Kunst und Wissenschaft hängt nicht zum wenigsten davon ab, daß sich beide an dem richtigen Punkt trennen – und vereinigen. Von dem Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft gilt dasselbe, was von dem Verhältnis zwischen Kunst und Kritik gilt. Das wirklich Schöpferische schließt die Kritik mit ein. Ja man kann nicht besser kritisieren, als wenn man das Richtige neben das Falsche, das Wesentliche neben das Unwesentliche stellt; aber freilich ist diese Art von Kritik nicht leicht zu handhaben. Es ist nicht Tageskritik, sondern dauernde Kritik; jene ist der spezialistischen, diese der philosophischen Wissenschaftlichkeit zu vergleichen. Das Anschauliche und das Beschauliche sind sich verwandt; bildende Kunst und Philosophie, diese schöne Doppelknospe, entrang sich einst dem griechischen Boden; sie sollte sich auch wieder dem deutschen Boden entringen. Die geistige Vornehmheit Rembrandts zeigt sich vor allem in dem tiefproblematischen und wenn man will philosophischen Zug, welcher seiner Kunst anhaftet; ja man könnte ihn den philosophischesten aller Maler nennen, wie man Shakespeare den philosophischesten aller Dichter genannt hat. Nicht als ob beide in ihren Werken abstrakte Philosophie getrieben hätten; aber wohl in dem Sinne, daß beide dort mehr Menschenkenntnis und Weltweisheit entwickeln, als bei irgend einem anderen Dichter oder Maler zu finden ist. Es ist ebenso bezeichnend für Rembrandt wie für seine Beziehungen zu der innersten Tiefe der deutschen Volksseele, daß er lange vor Goethe die Gestalt Fausts aus der Volkssage ins Gebiet der Kunst eingeführt hat. Bei ihm ist jene Einheit des Denkens und Empfindens noch vorhanden, welche jeder echten Philosophie zugrunde liegen muß. Die deutsche Philosophie – augenblicklich gibt es ja keine, aber wenn es wieder eine geben wird – kann hierin von dem Meister des Pinsels viel lernen; sie kann von ihm und seinesgleichen lernen, tief und zugleich volkstümlich zu sein. Schon Horaz hat gesagt, daß Homer mehr Weisheit lehre als Chrysipp und Krantor; leider nimmt man dies meist nur als poetische Redeblume; und doch war es als bittere oder vielmehr süße Wahrheit gemeint. Das Gebiet dieser »süßen Wahrheit« wird zu wenig kultiviert. Weisheit in ein licht- und goldstrahlendes Gewand schöner Worte und Bilder gehüllt, kann deren Wert nicht vermindern, sondern nur vermehren. Künstler, wie der vielseitigste aller Künstler, den es je gab, L. B. Alberti, haben es sogar offen ausgesprochen. »Wir Philosophen sind die Wissenden; durch unsere Schriften haben wir den Menschen Gesetze gegeben; und sie belehrt, das Leben frei und vernunftgemäß einzurichten«, sagt er mit berechtigtem Stolze. Ähnlich verhält es sich mit Rembrandt; nur daß er seine Gesinnung nicht in Worten, sondern in Farben kundgab. Schon Goethe hat über »Rembrandt als Denker« geschrieben. Dieser vielseitige Künstler ist tatsächlich ein Philosoph; er ist Philosoph vorzüglich darin und dadurch, daß er vielseitig ist; er steht mithin in offenem Gegensatz zu dem spezialistischen und deshalb notwendig unphilosophischen Geistesleben der Gegenwart. Den heutigen Gebildeten wie den Künstlern fehlt durchweg der Blick aufs Ganze der Welt; bei Rembrandt können sie ihn finden; er umfaßt Himmel und Erde, den Menschen und die Landschaft, die tote und die belebte Natur in gleichem Maße. Alltägliche Gegenstände und Ereignisse weiß er ins Wunderbare, wunderbare Ereignisse ins Alltägliche zu verklären; diese wie jene setzt er in direkte Beziehung zur Welt, zum Menschen, zum Herzen. Zentrale Weltanschauung aber ist philosophische Weltanschauung. Gerade in diesem Sinne kann die Gestalt Rembrandts, des künstlerischen Philosophen und philosophischen Künstlers auf das deutsche Geistesleben eine befruchtende Wirkung ausüben; sie kann lehren, den Begriff der Philosophie selbst weiter und tiefer zu fassen, als es bisher durchweg der Fall gewesen ist. Wer weiß, wie sehr die philosophischen Studien im jetzigen Deutschland darniederliegen – und wie es dort an selbständigem philosophischen Denken fast vollständig fehlt –, der wird auch zugeben, daß hier eine Erneuerung nottut. Die philosophische Goldader der Deutschen muß wieder angeschlagen werden! Einige Zitate aus Goethes Faust genügen nicht als philosophischer Gehalt des Lebens. Eine Philosophie ins Blaue hinein taugt so wenig wie eine Mystik ins Blaue hinein; beide können nur auf historischer Unterlage, im weiten Sinn des Worts, gedeihen; von dem Gegenteil weist die deutsche Geistesgeschichte beiderseits Beispiele genug auf. Mag der heutige Materialismus auch verächtlich auf alles herabblicken, was Philosophie heißt: Philosophie bleibt Philosophie; und sie wird sich ihren Platz zu erobern wissen. Sobald die deutsche Philosophie sich dazu entschließen kann, ihren Fuß auf deutsche Erde zu setzen, wird sie auch in den Kopf und das Herz des Deutschen wieder einziehen; und sie wird dann den Ehrenplatz in der deutschen Bildung einnehmen, der ihr von Rechts wegen zukommt. Die deutsche Bildung kann den Blick in die Tiefe nicht missen. Die deutsche Philosophie muß wieder schöpferisch werden. Der helleuchtende, aber im heutigen Bildungsnebel so gut wie gar nicht beachtete Geist eines geborenen Oberdeutschen aber akklimatisierten Niederdeutschen, Lichtenbergs, hat auch hier vorlängst das richtige getroffen: »Der Deutsche vernachlässigt diejenigen Wissenschaften, wozu ihn die Natur hauptsächlich bestimmt zu haben scheint, das Klarmachen in der Philosophie und höheren Geschichte.« Für die Philosophie wie überhaupt fürs Leben kommt es weniger darauf an, weit als tief zu sehen: nur muß man freilich vor allem klar sehen; dann erkennt man die Sonne auch im Sonnenstäubchen. Für den echten Geist gibt es nichts Triviales; und der Philosophie im besonderen würde es nicht schaden, wenn sie vom Kothurn auf den Soccus niederstiege: sie darf nicht hochtrabend sein. »Die Kunst steckt wahrhaftig in der Natur; wer sie heraus kann reihen, der hat sie«, sagt Dürer; und dies gilt nicht am wenigsten von der Kunst des Denkens. In der Wetterkunde hat sich gezeigt, daß die letzten Ergebnisse der Wissenschaft oft wieder zu den »Bauernregeln« zurückführen; es könnte sein, daß es mit den letzten Ergebnissen der Philosophie ebenso ginge. Wer es vermag, kann wohl über einen Apfel oder einen Ziegelstein gerade so köstliches sagen, wie irgend ein anderer über den Sternenhimmel oder den Apoll von Belvedere. Man braucht die Welt nur an einem Zipfel zu fassen, so hat man sie ganz. Eine echte Philosophie muß für den Bereich des Gedankens ungefähr das bieten, was die Bergpredigt für den Bereich des Gefühls bietet; eine solche Philosophie gab es bisher nicht; aber es ist möglich, wünschenswert, notwendig, daß es sie später einmal gebe. Für jetzt kann man nur die Forderung nach ihr aufstellen. Denn der erste Schritt, um etwas zu bekommen, ist, daß man es von sich und andern fordert. Größte Klarheit des Denkens und größte Tiefe des Denkens müssen innerhalb einer solchen Philosophie miteinander verbunden sein; und sie können miteinander nur verbunden sein bei größter Volkstümlichkeit des Denkens; denn die Seele des Volkes ist zugleich klar und tief. Jedenfalls wird die deutsche Philosophie mit der deutschen Volksseele die allerengste Fühlung zu suchen haben. Die Macht des Persönlichen zeigt sich auch hier. Die, welche bis jetzt als die bedeutendste der deutschen Philosophien gilt, die kantische, hat einen ausgesprochen lokalindividuellen Charakter: sittlich spiegelt sie das den preußischen Staat durchdringende Pflichtgefühl, geistig das dort vorwaltende Element des kühlen Verstandes wider. Ebenso ist in Paracelsus und Albertus Magnus, in Kegel und Schelling der hochfliegende, aber etwas wollenschieberische Geist der Schwaben deutlich zu erkennen; Gründlichkeit sowie Weitblick des Niederdeutschen feiern in Bacon ihren Triumph; die obersächsische Ubiquität wird durch Leibniz vertreten; Spinoza hinwieder zeigt jüdischen Dogmatismus, durchsetzt mit holländischer Beschaulichkeit. Die Gedanken des Philosophen reichen weit; aber eben darum wollen sie an das engste geknüpft sein. In der Tat läßt sich eine Philosophie denken, welche die Dinge des täglichen Lebens ebenso sehr von innen heraus durch die Macht der Gedanken und des Wortes verklärt, wie etwa Rembrandt sie von innen heraus durch die Macht der Form und der Farbe verklärt hat. Es wäre eine Philosophie der Alltäglichkeit, der Natürlichkeit, der Kindlichkeit; aber es würde keine Philosophie der Trivialität sein. E. v. Hartmann, der diese letztere vertritt, würde sich zu ihr etwa verhalten wie Nicolai zu Goethe. Diese Philosophie würde vielleicht die deutscheste aller Philosophien sein. Vielleicht mußte es eine Philosophie sein, die man auch singen könnte; denn das tiefste Innere des Volkes ist voll Poesie; eine Philosophie aber, die ihm gehören soll, mußte zu seinem tiefsten Innern sprechen. Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt. Der volkstümliche Philosoph soll dem dunklen Brunnen gleichen, in den bei hellem Tage die Sterne hineinscheinen. Es gibt einen Punkt im Innenleben des Menschen, wo sich alle seine tiefsten Bestrebungen treffen; und von dem sie wieder ausstrahlen; auf diesen konvergiert auch eine volkstümliche Philosophie. Ist sie echt, so wird sie aus dem Zentrum der Menschenseele geboren; sie wird nicht gemacht; sie wird erschaut. Es ist längst anerkannt, daß das, was man Intuition nennt, für die höchsten wissenschaftlichen Leistungen nicht nur förderlich, sondern sogar unentbehrlich ist. Und es könnte recht wohl sein, daß eine derartige deutsche Philosophie der Religion sehr nahe stände. Denn Religion, Philosophie, Politik, Poesie, bildende Kunst führen schließlich auf eine gemeinsame Quelle zurück: Echtheit der Gesinnung, Treue gegen sich selbst, Wahrheitsliebe. Hier liegt das Zentrum der Menschennatur. Bewegt es sich dem geistigen Weltzentrum parallel, so sind die Handlungen des Menschen richtig. Und je klarer sich der einzelne dieses inneren Zusammenhanges seines Selbst mit dem Weltganzen bewußt ist, desto besser ist es für ihn. So hat es Rembrandt gemacht. Einseitige Gelehrsamkeit 1. Spezialismus Wenn die Wissenschaft, welche wesentlich Sache des Verstandes ist, ins Gebiet des Kopfes gehört, so gehört die Kunst, welche den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, wesentlich ins Gebiet des Herzens; beide aber sind aufeinander angewiesen. Es ist ein Zeichen von sittlicher wie geistiger Unreife, wenn das Herz den Kopf ignorieren will; so ging es teilweise der Bildung des vorletzten Jahrhunderts. Aber es ist ein Zeichen von sittlicher wie geistiger Altersschwäche, wenn der Kopf das Herz ignorieren will; so geht es vielfach der Bildung des letzten Jahrhunderts. Vorzüglich im heutzutage ganz überwiegend unkünstlerischen, weil spezialistischen und mechanischen Betrieb der Wissenschaft äußert sich dies. Hier tut eine Wiedergeburt not. »Hat ein Professor wohl ein Herz?« fragte einst Lessing; »hat ein Professor wohl einen Kopf?«, möchte man jetzt fragen, wenn man sieht, wie der Sinn für das Gesamtleben der Welt so manchen lehrhaften Größen der Gegenwart abgeht. Die deutsche »Universität« gehört auch zu den Dingen, die sich mit der Zeit in ihr vollständiges Gegenteil verkehrt haben; von Rechts wegen sollte eine solche Anstalt »Spezialität« heißen; denn sie enthält nur Spezialitäten. Jeder Professor vertritt gegenwärtig eine solche; darauf ist er stolz. Aber eine Ansammlung von hundert Spezialitäten, ganz äußerlich nebeneinander gestellt, gibt noch lange keine Universität; »hundert graue Pferde machen noch keinen Schimmel«, sagt Goethe treffend. Universalität kann nur von innen heraus gewonnen werden; sie ist eng verbunden mit Menschlichkeit. Wenn das Alte Testament sich nicht zur rechten Zeit ins Neue Testament verwandelt, so wird es zum Talmud; es ist aber nicht zu wünschen, daß die deutsche Wissenschaft zur Talmudwissenschaft werde; einen Anflug davon hat sie schon. Die Universitäten werden erst wieder blühen, wenn sie ihrem Namen wieder Ehre machen; wenn die Spezialitäten sich dem »Universum« wieder zuwenden und – sich ihm unterordnen. Hier kommt zur geistigen Seite der Frage eine sittliche Seite derselben hinzu. Ein Mensch, der nicht individuell ist, ist nicht existent. Wer nur Spezialist ist, hat seine Seele dahingegeben; ja man darf sagen, daß der Teufel ein Spezialist sei; wie Gott sicher ein Universalist ist. Wer eine Seele hat, hält zu ihm. Universalismus und Individualismus aber gehen stets Hand in Hand; wie Makrokosmos und Mikrokosmos; und wie die Kunst mit allem Großen, was die Menschenbrust bewegt. Also weniger Brille und Mikroskop, mehr Auge und Herz braucht der heutige Deutsche, als er bis jetzt besitzt. Der einzelne Fachmann lehnt heute gern die Verantwortlichkeit für alles ab, was außerhalb seines »Faches« vorgeht; er nimmt hier seine Vernunft gefangen, wogegen er sich doch sonst so sehr sträubt; er verzichtet auf seine Menschenwürde. Es liegt viel Feigheit in solchem Verfahren; und einer Feigheit entspricht immer eine Tyrannei: der Spezialismus ist die Tyrannisierung aller durch alle; wie ein gesunder Individualismus die Befreiung aller durch alle ist. Es ist hohe Zeit, von jenem Wege abzugehen. Der Spezialismus hat, allerdings im üblen Sinne, mit dem Individualismus etwas gemein; eine Grimasse ähnelt dem inneren geistigen Ausdruck des Gesichts; aber trotzdem ist sie von ihm weiter entfernt, als die völlige Leblosigkeit es sein würde. Der Spezialismus ist die Grimasse des Individualismus. Dieser nimmt, je nach größerer oder geringerer Leistungsfähigkeit, einen größeren oder kleineren Kreis des Weltlebens für sich in Anspruch; jener greift einen beliebigen Ausschnitt, einen schmalen Kreissektor sozusagen aus dem Weltleben heraus und belegt ihn ausschließlich für sich. Der eine geht demnach als Kreis einem Kreise, dem allgemeinen Weltleben parallel; der andere macht einen Riß in dieses – und damit zugleich in den Menschen, der sich ihm überliefert. Eine mehr philosophische Behandlung der Wissenschaft – also eine solche, welche die Einzelfächer der Forschung in eine direkte Verbindung zum Weltganzen einerseits und zur menschlichen Natur andererseits setzt – ist das einzige Mittel zur Bekämpfung des heutigen Spezialismus. Und weil alle Philosophie auch von künstlerischer Art ist, so wird damit die Wissenschaft, in den jeweilig einzelnen Richtungen ihrer Tätigkeit, sich künstlerischer gestalten; nicht als ob sie deshalb an Schärfe der Beobachtung und der anzuwendenden Forschmethode verlieren sollte; aber wohl in dem Sinne, daß die Ergebnisse dieser Methode nur als Material zu dem einheitlichen Bau einer so oder so zu formenden Weltanschauung aufgefaßt werden. Also: die Ergebnisse der heutigen Wissenschaft sollen nicht als geistige Erzeugnisse letzter, sondern nur als solche vorletzter Instanz angesehen werden. Sie sollen das Material liefern, mit dem der philosophische oder sonstige Künstler operiert, um zu schaffen. Die Forscher aber sollen, soweit es ihnen möglich ist, selbst schaffend tätig sein; und, soweit ihnen dies nicht möglich ist, sich in aufrichtiger Bescheidenheit den schaffenden Geistern von einst und jetzt unterordnen. Es ist das Prinzip der echten Aristokratie: daß jeder an seinem Platze so viel gelten soll, wie er ist; daß aber auch niemand mehr gelten soll, als er ist; und daß er sich daher Höherstehenden willig unterzuordnen hat. In einem wirklich vornehmen Geistesleben, wie es doch den Deutschen zu wünschen ist, muß dies Prinzip herrschen. Und wenn es zu seiner berechtigten Geltung, auch innerhalb der Wissenschaft gelangt, so wird es dieser den demokratischen Charakter nehmen, welcher ihr jetzt noch vielfach anhaftet und allem Wissen, bloß als solchem, stets anhaften wird. Eine philosophische und antispezialistische Auffassung der Wissenschaft vermag also ihr geistiges Niveau zu heben. Indem das rein verstandesmäßige Wissen seine Ansprüche herabdrückt, wird die wirkliche Wissenschaft ihre Leistungen herausrücken; und das würde einen Bildungsfortschritt bezeichnen. 2. Mikroskopische Weltanschauung Ein echt philosophischer Betrieb der Wissenschaft würde sich, wenn man individuelle Tendenzen von rein persönlicher Art außer acht läßt, in mannigfachster Art äußern; zunächst dem Weltganzen gegenüber; oder genauer gesagt, im Gebiet der Naturwissenschaften. Das Auge des deutschen Forschers, welches zumeist mit einer Brille bewaffnet ist, ist zu sehr aufs Kleine gerichtet; es hat dadurch, im innerlichen Sinne, den weiten Weltblick verloren. Die Natur rächt sich; einzelne Sinne können nur geschärft – oder vielmehr zugespitzt – werden auf Kosten des ganzen Menschen; und damit geht das Gleichgewicht seiner geistigen Existenz verloren. Schon Spinoza, der zwar kein Gelehrter, aber wohl ein Denker und teilweise ein Künstler war, hält es nicht für ratsam, im physischen und geistigen Sinne allzusehr ins Kleine zu gehen; »die schönste Hand, durchs Mikroskop betrachtet, wird uns gräßlich vorkommen«, hat er weise und warnend bemerkt. Er spricht damit nicht nur eine philosophische und künstlerische, sondern ganz besonders eine naturwissenschaftliche Wahrheit aus. Andere sekundieren ihm. Goethe wollte vom Gebrauch des Mikroskops nichts wissen; und so absurd auch den meisten heutzutage eine derartige Anschauung scheinen mag: sie ist doch, innerhalb gewisser Grenzen, berechtigt. Hat die wissenschaftliche, spezialistische, mikroskopische Kultur von heute die menschliche Seele als solche wohl bedeutend vorwärts gebracht? Man muß diese Frage verneinen. Verschließe man die Augen nicht vor ihr; versuche die Wissenschaft lieber, sich wieder zum Goetheschen makroskopischen Standpunkt zu erheben. Sie braucht den Geist der scharfen Beobachtung darum nicht aufzugeben; sie soll ihn nur unterordnen dem Geist der Betrachtung. Eine bloße Wissenschaft der Tatsachen ist immer subaltern; sie bedeutet kaum mehr als eine bloße Wissenschaft der Doktrinen. Nur eine Wissenschaft der Gesetze, eine Wissenschaft des Geistes, eine Wissenschaft des Lebens kann wirklich Wissenschaft genannt werden! Einige ganz praktische Beispiele mögen genügen, um den Schaden anzudeuten, welchen ein Beharren und Aufgehen der Wissenschaft in dem rein mikroskopischen Standpunkt der letzteren unter Umständen zufügen können. Der größten naturwissenschaftlichen Entdeckung des neunzehnten Jahrhunderts, der Robert Mayerschen Wärmetheorie, wurde in dem seinerzeitigen und auch noch jetzigen Moniteur der Physiker, Poggendorfs Annalen, die Aufnahme zum Druck versagt, als ihr Urheber sie dort zuerst bekanntmachen wollte. Er sandte dieselbe, klar und bündig in einem Aufsatz von acht Seiten ausgesprochen, an die betreffende Redaktion; diese wies den Aufsatz als untauglich zurück. Die kleinen Entdeckungen präkonisiert man und die großen läßt man laufen. Mehr oder minder hat sich dergleichen freilich zu allen Zeiten ereignet; aber das Charakteristische und Neue ist, daß man dergleichen heutzutage für unmöglich erklärt; die Unwahrheit und der Hochmut der Gegenwart äußert sich darin, daß sie sich besser dünkt als andere Zeiten. Es verhält sich gerade umgekehrt: es ist jetzt wie je; und vielleicht nur ein wenig ärger. Auch in der Geschichtswissenschaft fehlt es nicht an ähnlichen Beispielen. Der Hermes des Praxiteles z. B. wurde sogleich nach seiner Auffindung von einem angesehenen archäologischen Fachmann für »späte römische Arbeit« erklärt; wer späte römische Arbeit kennt, weiß, welch ein Grad von künstlerischer Roheit und Wertlosigkeit damit bezeichnet werden sollte; bei etwas mehr künstlerischem Blick würde dem betreffenden Herrn ein solches Urteil und der deutschen Wissenschaft ein solches – Erlebnis erspart geblieben sein. Nie sehr und wie lange man die nützlichen Arbeiten Schliemanns anfeindete, ist bekannt. In diesen Fällen, deren Zahl sich noch beträchtlich vermehren ließe, fehlte es einfach an makroskopischem Blick; und doch wohl nur, well allzuviel mikroskopischer Blick vorhanden war. Es ist, als ob der große Geist Goethes das Unheil vorausgesehen hätte, welches die mikroskopisch beobachtende und mikroskopisch denkende Wissenschaft, also der Spezialismus von heute, dem deutschen Gesamtleben zufügen würde. Verachte man darum seine Ansicht nicht so sehr; sein Widerwille gegen das Mikroskop galt dem Spezialismus von heute; der nicht nur eine freiere und tiefere Gestaltung der Einzelwissenschaften, sondern auch alles echte und freie Menschentum unterdrückt. Der wahre Künstler steht immer auf Seite des letzteren; so Goethe; so Rembrandt und viele andere. Sie sind, menschlich wie geistig genommen, Antimikroskopiker. Es gibt kaum einen größeren Gegensatz zu den mittelalterlichen Miniaturen, als ihn die Rembrandtsche Malerei darstellt; wie jene mikroskopisch gestaltet sind, so schildert diese makroskopisch; und Zuweilen selbst bis zu einem Grade, daß er dem Laien als undeutlich verwischt, verblasen erscheint. Aber hier, wo man seine Schwächen zu erkennen glaubt, beginnt erst seine Größe; die Weite des Blickes ist es, welche ihn scheinbar über die Dinge hinweg, wirklich aber ihnen ins Herz hineinsehen läßt. Eine öde Dünenlandschaft, von seiner Hand gemalt, bewegt sich in so seinen und vornehmen Farbenakkorden, daß dieselben für Auge und Sinn eines Durchschnittsmenschen entschieden als zu hoch oder zu tief gegriffen erscheinen; aber dergleichen Fehler verzeiht man ihm gern. Es sind umgekehrte Majestätsverbrechen; Verbrechen, welche aus einer überlegenen Majestät des Geistes entstehen; und die nur vor dem unsicheren Forum der großen Masse als solche gelten. Seine scheinbare Schwäche und wirkliche Stärke teilt Rembrandt hier mit Goethe; und es wäre nicht so übel, wenn die deutsche Wissenschaft sich als dritte im Bunde erwiese. Möge man immerhin mikroskopisch beobachten; aber möge man makroskopisch denken; denn das heißt philosophisch denken. »Was ist, ist vernünftig«, sagt Hegel; und so scheint auch jenem Spezialismus eine gewisse geschichtliche Notwendigkeit zugrunde zu liegen; aber freilich nur insofern er eine vorübergehende Erscheinung ist. Wie die deutsche Malerei sich aus dem Engen frühmittelalterlicher Technik zu dem Weiten Rembrandtscher Kunst entwickelte; und wie jene, in mancher Hinsicht, sogar eine notwendige Vorstufe der letzteren war: so mag auch das einseitige Spezialistentum des deutschen Geisteslebens der Gegenwart nur die notwendige Vorstufe einer künftigen, vorzugsweise weiten und freien Geistesentwickelung sein. Vielleicht wird die Raupe, von der H. von Kleist sprach, noch einmal zum Schmetterling. 3. Falsche Objektivität Die falsche Objektivität ist vor allem zu bekämpfen. Kaltblütigkeit ist nützlich und auch ein Frosch hat kaltes Blut; aber die Frosch-Perspektive ist deshalb doch noch nicht die richtige Perspektive, um die Welt Zu beurteilen. Das vorletzte Jahrhundert, in seinem Idealismus, sah die Welt aus der Vogelperspektive an; das letzte, in seinem Spezialismus, sah sie aus der Froschperspektive an; hoffentlich wird das jetzige, in einem gesunden Individualismus, sie aus der menschlichen Perspektive ansehen. Der Mensch schwebt weder in den Wolken, noch hockt er im Sumpfe: aber steht, mit festem Fuß, auf der Erde; dies gilt für seine physische sowohl wie seine geistige Existenz. Die heutige Wissenschaft ist vernünftig, aber sie ist auch »dumpf«. Sie spricht nicht in dem hellen, frischen Herzenston, welcher der griechischen oder auch sonst jeder aufsteigenden nationalen Bildung eigen ist. Zu diesem Ton soll sie zurückkehren; und sie kann es, ja soll es, ohne ihre »Vernunft« aufzugeben. Wie die Bildung, nach dem obigen Schillerschen Ausspruch, stets von der Natur durch die Unnatur zur Natur zurückschreitet; so schreitet sie auch zunächst Zu »dumpfer« und darauf zu heller Existenz fort. Die Deutschen befinden sich jetzt an der Schwelle des Übergangs von der zweiten zur dritten Stufe dieses Kreislaufes. Das Endziel falschbeengter Wissenschaft ist: Tatsachen zu konstatieren; das Endziel der echten Wissenschaft ist: Werturteile abzugeben. Selbstverständlich muß dieser letzteren Tätigkeit jene erstere vorausgehen; und die falsche Wissenschaft ist eben deshalb die falsche, weil sie die halbe ist – weil sie auf halbem Wege stehen bleibt. Die Tätigkeit der meisten modernen Gelehrten ist von dieser Art und daher eine, sittlich, geistig, wie künstlerisch genommen, hohle. Ihre »Objektivität«, welche alle Dinge als gleichwertig behandelt, ist genau so unwahr wie jene moderne »Humanität«, welche alle Menschen für gleichwertig erklärt. Hier wie dort proklamiert man die Gerechtigkeit und dient der Ungerechtigkeit; man fälscht das Gewissen der Menschheit. Dieser Weg wird und muß verlassen werden. Es liegt im eigenen Interesse des Volkes, sich in seinen vorbereitenden Bildungsstadien nicht länger aufhalten zu lassen, als unbedingt nötig ist. Auf die mittelalterliche oder Ritterzeit ist die neuere oder Professorenzeit gefolgt; jetzt wird die neueste oder Menschenzeit kommen. Selbstverständlich kann die deutsche Wissenschaft ihre bisherigen Resultate nicht aufgeben; aber sie muß ihnen doch weit mehr als bisher das Element des Persönlichen hinzufügen; sie darf nicht mehr auf einer Seite hinken: auf der der sogenannten Objektivität. Erst aus der völligen Gleichberechtigung, der innigen Durchdringung, der geistigen Paarung von Objektivität und Subjektivität gehen lebendige Neubildungen hervor. Wenn die Kunst, nach Shakespeare, ein Spiegel ist, so kann man wohl die Wissenschaft einer Glasscheibe vergleichen; diese läßt das Licht durch, jener fängt es auf. Aber man darf auch nicht vergessen, daß eine Glasscheibe gerade erst durch den dunklen Untergrund, den man ihr gibt, zum Spiegel wird; so kann auch die Wissenschaft, wenn und insoweit sie sich der Kunst nähern soll, eines gewissen dunklen Untergrundes nicht entbehren. Das Fenster ist ein spezifisch deutscher und moderner Bauteil; es ist eine Glasscheibe, welche von außen gesehen spiegelt; von innen gesehen aber das Licht durchläßt; ihm kann man das deutsche Geistesleben vergleichen. Dieses wie jenes empfängt seinen dunklen Untergrund durch die Geschehnisse und Bestandteile des privaten, häuslichen, persönlichen Lebens; dieses wie jenes empfängt sein Licht aus den weiten lebensvollen Räumen der Natur. Hier wie dort gibt es nur ein lichtempfängliches Medium; aber je nachdem man zu ihm Stellung nimmt, wirkt es durchaus verschieden. Damit ist das normale Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft ebenso einfach wie deutlich umschrieben. Es bedarf nur noch eines besonderen Nachweises über die Art der Betätigung einer solchen Wechselwirkung; und dieser ist nicht schwer zu führen; man kann nämlich jede Tatsache gerade so wie jedes Fenster von außen und von innen betrachten. 4. Mechanisch Weltauffassung (Dubois-Reymond) Echte Bildung ist diejenige, welche stets die ganze Individualität eines Volkes ins Auge faßt; falsche Bildung ist diejenige, welche sie gar nicht oder nur teilweise berücksichtigt; von dieser Art ist die jetzt allgemein gangbare deutsche Bildung. Es wird gut sein, sich gelegentlich an einem einzelnen Beispiel zu verdeutlichen, wohin jene falsche Bildung führt. Wie eine absterbende Flamme vor dem Erlöschen noch einmal hell aufzuflackern pflegt, so hat das neueste deutsche Geistesleben in Dubois-Reymond einen seiner hervorragendsten und jedenfalls seinen bezeichnendsten Vertreter gefunden. Tüchtig und sogar ausgezeichnet als Spezialist, in dem von ihm bearbeiteten Einzelfach der Naturwissenschaft, stolpert und strauchelt er in bedenklichster Weise, sowie er sich in höhere Regionen wagt. Sein vor Jahren gehaltener Vortrag über Faust, worin er zugunsten einer überaus platten und trivialen Weltauffassung Goethe selbst zu korrigieren versucht, muß im schlimmsten Sinne als ein Vortrag des – Famulus Wagner über den Dr. Faust bezeichnet werden. Goethe wird darin allen Ernstes getadelt, daß er nicht Faust schließlich zum deutschen Universitätsprofessor und Gretchen zu seiner Frau gemacht habe; so urteilt der Zunftgelehrte über den freien Geist, der Routinier über das Genie, Nicolai über Goethe. Eine derartige Denkweise ist undeutsch und antideutsch. Wie weit der Riß nicht nur zwischen Leben und Wissenschaft, sondern auch zwischen Wissenschaft und Wissenschaft heutzutage klafft, ersieht man aus einer anderen gelegentlichen Äußerung eben dieses Gelehrten: »Die alte Kultur ging unter, weil sie auf dem Flugsand der Ästhetik und Spekulation ruhte«, sagte er in einem seinerzeit zu Köln gehaltenen Vortrage. Es ist kaum möglich, etwas Schieferes und Wahrheitswidrigeres über das Altertum zu sagen, als in diesen wenigen Worten ausgesprochen wird. Sie sind des windigsten französischen Causeurs würdig; und sie wurden öffentlich verkündet von jemand, den man zu den anscheinenden Grundsäulen der heutigen deutschen Bildung rechnet: und der das Publikum über zwei wichtigste Elemente eben dieser Bildung, Goethe und das Altertum, aufklären will. Die so außerordentlich oberflächliche und durch die neuere Geschichtschreibung längst verurteilte Phrase von dem »in Nacht und Finsternis versunkenen Mittelalter« führte der gleiche Redner bei jeder Gelegenheit im Munde. Man hat bezüglich mancher Studienfächer, z.B. der Theologie, in neuerer Zeit vielfach einen Mangel an allgemeiner Bildung behauptet; sollte dieser Mangel, nach den obigen Vorkommnissen, nicht auch im Fache der Naturwissenschaften zu finden sein? Jedenfalls haben die modernen Naturwissenschaften viel zur Brutalisierung der Massen beigetragen. Leibniz hat es für den Endzweck aller Wissenschaft erklärt, »die Frömmigkeit zu ehren und uns zu Gott zu erheben«; die neuere Wissenschaft denkt recht wenig leibnizisch. Hat man vorgeschlagen, die Theologen in den Naturwissenschaften zu prüfen, so könnte man vielleicht mit dem gleichen Rechte vorschlagen, die Naturwissenschaftler in der, recht verstandenen, Theologie zu prüfen. Wer das Göttliche in der Natur nicht erkennt, erkennt auch die Natur nicht richtig. Jedenfalls sieht man, wohin es führt, wenn solche Leute mit ihrer sogenannten hochmodernen Bildung einmal aus dem engen Kreise der Fachtätigkeit und Fachfähigkeit heraus« und wirklich bedeutenden Äußerungen des menschlichen Geistes gegenübertreten; sie fällen dann ebenso unbescheidene wie unbegründete Urteile. »Sich über das Höhere alles Urteils zu enthalten, ist eine zu edle Eigenschaft, als daß sie häufig sein könnte«, sagt W. von Humboldt. Wirklich muß man gegen solche geflissentliche Herabsetzung der idealen Instinkte des deutschen Volkes ernstliche Verwahrung einlegen. Dergleichen ist Mißbrauch des Katheders. Und dieser beschränkt sich nicht einmal auf allgemeine Bildungsfaktoren; sondern er erstreckt sich noch auf anderweitige Geistesgebiete, welche dem Spezialfach jener Leute besonders nahe liegen; auch hierfür bietet der bereits genannte Berliner Gelehrte ein schlagendes Beispiel. Ein »Professor« glaubt in der Regel an nichts; unter Umständen freilich auch an alles; unter keinen Umständen aber an seine eigene Inferiorität. Diese Charakterdiagnose gilt von Gottsched bis zu Dubois-Reymond. Letzterer hat, wie ein neuer Sokrates auftretend, seine und der heutigen Naturwissenschaft Unwissenheit bezüglich der eigentlichen inneren Lebensvorgänge der Natur mit bezeichnender Selbstgefälligkeit in das Wort »ignorabismus« zusammengefaßt. Für sich und seine Genossen, die Vertreter einer mechanischen Weltauffassung, hat Dubois-Reymond damit unzweifelhaft die Wahrheit gesprochen; ihnen sind jene großen und schwerwiegenden Probleme nicht zugänglich; aber eine andere Frage ist es, ob diese Weltauffassung eine endgültige, ob sie die allein richtige, ob sie überhaupt eine wissenschaftlich berechtigte ist? Vom philosophischen, künstlerischen, individuellen Standpunkt aus muß man diese Frage verneinen; und insofern der individuelle Standpunkt ein speziell deutscher Standpunkt ist, muß man sie auch von diesem aus verneinen. Wenn der Professor mit dem französischen Namen die allgemeine Weltordnung eine mechanische nennt, so erinnert das recht sehr an die heutigen Franzosen, welche in Moltke nur einen »Mechaniker« erblicken. Das Mechanische liegt hier beiderseits nicht in dem Beobachteten, sondern in dem Beobachter. Kepler und Newton, denen Dubois-Reymond jedenfalls an geistigem Range nachsteht, teilen seine mechanische Weltauffassung nicht; denn jener nahm ein künstlerisches und dieser ein ethisches Grundprinzip des Weltlebens an. Sie hatten sich die Einheit der Weltanschauung bewahrt, welche den Vertretern der neueren Wissenschaft durchweg verloren gegangen ist. Die Ansichten des deutschen und des englischen Weltdurchforschers widersprechen sich nicht, sondern bestätigen sich nur gegenseitig; sie spiegeln das Wesen des Weltgeistes wider, wie zwei Tautropfen die Sonne; ob der eine etwas mehr rötlich oder der andere etwas mehr grünlich schimmert, macht dabei keinen Unterschied. Beide haben die Welt als ein organisches Ganze, nicht als eine Maschine angesehen. Wie man über l'homme machine des vorigen Jahrhunderts längst zur Tagesordnung übergegangen ist, so wird man auch über le monde machine dieses Jahrhunderts baldigst zur Tagesordnung übergehen. Denn alles wiederholt sich in der Zeit und alles wird einmal von seinem gerechten Schicksal ereilt. Mensch wie Welt, die Svedenborg als identische Größen ansah, hat innerhalb von hundert Jahren das gleichgemessene Los betroffen; man will sie totschlagen, aber sie leben. Solche Leute, wie der Verfasser des l'homme machine und der genannte Apostel einer »mechanischen« Weltauffassung, sind die Totengräber ihrer Zeit; sie selbst sind so hohl wie die Gräber, die sie graben. Ein Wort gleich jenem ignorabimus enthält das letzte Wissen aber auch den letzten Willen einer Zeit. Man sieht schon die facies hippocratica; und es dauert nicht lange, so hört man die Scholle auf den Sarg poltern. Organische Werte, lebendige Werte Es läßt sich nicht leugnen, das eine Anschauungsweise, welche indem weiten lebenatmenden Bau der Welt nur einen Mechanismus sieht, für den feineren Sinn etwas Beleidigendes hat. Sie wird den höheren Bedürfnissen der einzelnen Menschenseele ebenso wenig gerecht wie der Denkmeise der edelsten Geister, welche die gesamte Menschheit bisher hervorgebracht hat; sie rechnet nicht mit den inkommensurablen Faktoren im Leben des Menschen und darum ist ihr Kalkül falsch. Aber das Kommensurable und das Inkommensurable sind stets aufeinander angewiesen. Und das meiste in der Welt wird durch inkommensurable Größen gemacht: Liebe, Ehre, Frömmigkeit sind Dinge, die sich nicht mit dem Zollstab ausmessen lassen; sie sind es, die über das Schicksal des einzelnen Menschen wie der gesamten Menschheit entscheiden; und inkommensurable Grüßen entscheiden auch im geistigen Leben. Wie jeder Nationalcharakter, so ist auch der Deutsche, in seiner reinen Gestalt, stark mit mystischen Elementen durchsetzt; dieser ursprünglich gegebenen Charaktermischung muß demnach die Bildung der Deutschen entsprechen. Verstandestätigkeit und innere Anschauung müssen beide, aber die letztere überwiegend in ihr zur Geltung gelangen. Erst wenn der starke Hauch einer reinen und seelentiefen Mystik, vereint mit dem Feuer des Geistes, in die dürren Reiser der spezialistischen Beobachtung fährt, kann eine neue, gewaltige Flamme des inneren nationalen Lebens emporlohen! Daß die Welt eine organische und nicht eine mechanische Einheit darstellt, darin stimmt der altgriechische Dichter Homer mit den altgermanischen Sängern, der nordische Seher Svedenborg mit der Anschauungsweise eines jeden echt deutsch denkenden Geistes überein. Diese Anschauung ist sicher, im besten Sinne des Worts, eine volkstümliche; und sie ist, gegenüber der heute vielfach herrschenden, rein materiellen und mechanischen Weltanschauung, die höhere, eben weil sie die tiefere ist. Organismus gilt mehr als Mechanismus; der Deutsche sollte sich von diesem zu jenem aufschwingen; eben jener Mechanismus ist das »Skelett im Hause« der deutschen Bildung. Auch für die Wissenschaft darf das Gerippe, also der rein mechanische Bau des Menschen wie der Welt, nicht Zweck, sondern stets nur Mittel sein. Zweck ist für sie, wie für jede menschliche Tätigkeit, der ganze Mensch . Diese ihre aufbauende Mission beachtet und betrachtet man gegenwärtig viel zu wenig. Wie alles Vorhandene, so geht auch das Denken seinen stufenmäßigen Gang; es entwickelt sich absatzweise, es vervielfältigt sich; es organisiert sich. Das Wesen des Organischen in Natur wie Kunst beruht darauf, daß es schöpferisch ist; daß es, anscheinend widersinnig, desto mehr wird je mehr man von ihm wegnimmt; und zwar in organischer Weise von ihm wegnimmt. Organismus läßt für Schablone keinen Platz und für Mechanismus nur soviel als diesem zukommt: nämlich einen untergeordneten; dadurch ist der Wissenschaft, der Kunst, der Bildung von heute ihre Bahn vorgeschrieben: nämlich ab vom Mechanischen und hin zum Organischen! Phidias, der zuerst das ex ungue leonem als den leitenden Grundsatz jeder echten künstlerischen Tätigkeit aufstellte, stellte damit bewußt oder unbewußt auch zuerst den leitenden Grundsatz jeder echten geistigen Erkenntnis auf. Cuvier hat denselben auf die äußeren Organismen des Naturlebens angewandt; in bezug auf die innere Organisation des Weltlebens harrt er noch seiner Durchführung. Wo immer das mechanische Prinzip sich dem organischen Prinzip in erklärter Feindschaft gegenüberstellt, da jenes wird an diesem seinen Meister finden. Für Leben, Kunst, Menschlichkeit gibt es jenen toten Punkt in der Welt, wo der heutigen Wissenschaft gewissermaßen der Verstand stille steht, nicht; sie gebären sich ewig neu; und darauf beruht ihre Überlegenheit über die einseitig betriebene Wissenschaft. Verstand, mit Leidenschaft durchsättigt, wird Vernunft. Das Maß, das der Verstand an die Dinge legt, geht nie rein auf; der Verstand kann einem stille stehn; daß die Vernunft einem gesunden Menschen stille gestanden wäre, davon hat man noch nicht gehört. Die Fehler der Menschen wiederholen sich immer und die Fehler der Gelehrten auch. Schon Bacon hat bemerkt, daß die letzteren »die Unzulänglichkeit ihrer Kenntnisse verleumderisch der Natur zur Last legen und aus ihrer Wissenschaft selbst beweisen, daß dasjenige, was sie vermittelst derselben nicht haben erreichen können, dem Laufe der Natur nach schlechterdings unerreichbar sei«; gerade so verfährt Dubois-Reymond. Freilich: »Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist« ... wohl aber ein schaffender Geist, wenn er Zugleich ein denkender ist; von diesem Standpunkt aus kann man dem ignorabinus Dubois-Reymonds ein kräftiges novimus entgegenrufen. Wir sind noch nicht am Ende aller Tage, wie so mancher Professor meint; es kann noch einmal ganz anders kommen, als es heute ist; die Wissenschaft wie das menschliche Denken überhaupt sind darauf angewiesen, sich stets neu zu gebären. Für den Spezialisten, den Kulturmenschen im niederen Sinne gilt jenes ignorabimus; für den Menschen im höheren Sinne gilt es nicht. Auf dem Widerspruch zwischen dem wirklichen inneren Wert jener mit soviel Emphase vorgetragenen Lehre und den großen äußeren Ansprüchen, mit welchen sie auftritt, beruht ihre sittliche Unwahrheit. Sie ist so außerordentlich billig und gibt sich für so außerordentlich wertvoll. Es ist eine Lehre für dürftige Seelen – für jene armen Seelen, welche im Fegefeuer des heutigen Spezialismus schmachten; aber auch das Fegefeuer ist nur ein Durchgangsstadium. Ein Genius wie derjenige Rembrandts vermag solch arme Spezialistenseelen aus ihrer Qual zu erretten; er kann und soll ihr Erzieher werden. Denn er hat alles, was ihnen fehlt. Wie Hamlet von der Blässe des Gedankens, sind sie von der Leichenfarbe der Gedankenlosigkeit angekränkelt. Durch Philosophie können sie zum Leben und durch Leben wieder zur Philosophie gelangen; dann wird sich auch die Röte der Gesundheit wieder bei ihnen einstellen. Fast so sehr wie Dubois-Reymond von Goethe, wird dieser von Rembrandt und Shakespeare an mystischer Geistestiefe, verbunden mit sinnlicher Freude und Fülle des Lebens übertroffen. Solchen breiten, offenen, großen Seelen wäre die engwinklige und engbegrenzte Weltauffassung des gegenwärtigen wissenschaftlichen Spezialistentums unbegreiflich und ein Gegenstand des souveränen Spottes gewesen. Es gibt wohl keinen größeren Gegensatz zu dem typischen Berliner Professor von heute als den typischen niederländischen Maler von einst. Dort geistige Gebundenheit, kühle Kritik, kennerhaftes Rückwärtsblicken; hier geistige Freiheit, frisches pulsierendes Leben, mannhaftes Umsichblicken; hier der Homunculus in und neben seiner Retorte; dort der Mensch, welcher der Welt schöpferisch gegenübersteht. In Dubois-Reymond einerseits, Rembrandt andererseits spitzt sich dieser Gegensatz noch schärfer zu; dem Kathederspezialisten steht der Kunstuniversalist, dem geschwätzigen aber leeren Rhetor der stumme aber beredte Bildner gegenüber. Jener ist durch und durch unschöpferisch, hochtrabend, trivial: dieser eine geist- und lebensprühende Gestalt von genialer Ursprünglichkeit wie Unbefangenheit. Eine, im geistigen Sinne, weniger mechanische Persönlichkeit als die Rembrandts und eine, im geistigen Sinne, weniger vornehme Persönlichkeit als die Dubois-Reymonds ist kaum zu denken; und noch um so weniger vornehm, als sie sich, in akademischer Pose, äußerlich vornehm zu gebärden suchte. Jedenfalls wird verdeutsche Volksgeist sich mit solchen Scheingrößen eines Tages auseinandersetzen und ihnen ihr Sündenregister präsentieren; eine lange Rechnung, die sie dann bezahlen müssen. »Die meisten von unseren berühmten Gelehrten sind Pasten, keine Edelsteine«, sagte Lichtenberg vor hundert Jahren; und es haben sich seitdem wohl die Verhältnisse aber nicht die Menschen geändert. Wagners, die sich als Fauste drapieren, gibt es heutzutage genug; wenn sie denn einmal leben sollen, so möchte man wenigstens wünschen, daß sie bescheiden werden. Tektonik der Natur Es gibt wissenschaftliche Geistesoperationen, welche künstlerischen Geistesoperationen sehr verwandt sind. Und zwar ist dies sogar innerhalb der reinsten und abstraktesten aller Wissenschaften der Fall, in der Mathematik. Es gibt mehr oder minder »elegante« Arten, ein mathematisches Problem zu lösen; die eleganteste Art, also nach einer rein formalen und sozusagen künstlerischen Begründung, gilt auch nach wissenschaftlichem Begriff für die beste. Ebenso wird die Naturwissenschaft ihre Aufgabe am besten lösen, wenn sie in ähnlicher Weise auch künstlerische Tendenzen berücksichtigt. Unter den möglichen Einzelfächern der Naturwissenschaft ist ein einzelnes noch nicht angebaut und fast nicht einmal als möglich erkannt; dennoch kommt ihm ein sehr hoher Rang zu: es ist dasjenige Fach, welches man als »Tektonik der Natur« bezeichnen könnte. Diese wird sich, eben auf Grund der reinen Mathematik, mit den mathematisch-künstlerischen Strukturverhältnissen der Naturwesen zu beschäftigen haben; die Formen und Formenverhältnisse eines jeden organischen Wesens, nach deren tektonischem und künstlerischem Werte, fallen in ihren Vereich; sie gibt, wenn man will, eine künstlerische Grammatik der Natur . Da man von einer »Grammatik der Ornamente« schon längst spricht, dürfte der erstere Ausdruck nicht zu gewagt sein; er greift nur weiter, als der letztere; denn es handelt sich hier um eine Grammatik nicht nur toter, sondern auch lebendiger, nicht nur ornamentaler, sondern auch struktiver Formen. Einzelne, aber unter sich ganz zusammenhanglose Versuche sind auf diesem Gebiete bereits gemacht worden: Ansätze zu einer späteren einheitlichen Auffassung hierin, aber auch nicht entfernt der wirkliche Anfang einer solchen. Freilich ist die Aufgabe umfassend genug. Der weitsehende Geist eines niederdeutschen Künstlers und Kunstdenkers, Sempers, hat gelegentlich diese neue Wissenschaft gestreift; und Karl von Vaer, der selbständigste Gegner oder vielmehr Berichtiger der Darwinschen Lehre, hat ebendasselbe von der naturwissenschaftlichen Seite her getan. Er hat darauf hingewiesen, wie sehr die Entwicklung des Gehirns und der Sprachorgane beim Menschen durch seinen aufrechten Gang bedingt werden: daß dieser den ganzen Bau des menschlichen Körpers erst ermöglicht. Die besonderen mathematisch-künstlerischen Strukturverhältnisse, die äußeren sinnlichen Formenverhältnisse des menschlichen Körpers in ihrer Summe, geben eine Silhouette des inneren geistigen Lebens, welches ihn beseelt. Hoffentlich wird die deutsche Wissenschaft, welche sich jetzt vorwiegend mit den Abnormitäten des menschlichen Körpers beschäftigt, sich wieder mehr seiner normalen Gestalt zuwenden. Die Lehre von der innern und äußern Tektonik des einzelmenschlichen Organismus ist für den Exerzierplatz ebensosehr von Wert wie für das Künstleratelier; die Wissenschaft kann hier den Anforderungen des Krieges wie der Kunst entgegen- und zuvorkommen. Welchen Reichtum von künstlerischer Form und Farbe übrigens schon ein Tierkörper, z. B. der eines geschlachteten Rindes enthält, hat Rembrandt mit seinem betreffenden Bilde im Louvre gezeigt. Für den, der zu sehen vermag, lehrt es jeder Fleischerladen; die Struktur, Gliederung, Abtönung der Formen geht bis ins einzelnste; und dennoch schließen sie sich zu voller und geschlossener Wirkung zusammen. Es ist eine lebendige, farbige, glutvolle Architektur; die Trümmer von Palmyra oder Athen sind nicht schöner als die eines tierischen Organismus. Auch Tizian und Rubens haben sie sich gern zum Vorwurf genommen; von Männern der Wissenschaft ist diese ihre Bedeutung freilich zu wenig gewürdigt worden. Vitruv berichtet, daß die alten Griechen ihre Tempelbauten den Maßen des menschlichen Körpers anpaßten. Und wenn Christus seinen Leib ausdrücklich einen »Tempel« nennt, so ist das mehr als ein Vergleich; es ist außer der übernatürlichen auch eine künstlerische Anschauungsweise; ja ein künstlerisches Urteil. Wenn er die »Lilien auf dem Felde« mit der höchsten menschlichen Pracht, mit »Salomo in aller seiner Herrlichkeit« vergleicht; wenn er dadurch Kunst- und Naturerzeugnisse unter einen gemeinsamen Gesichtspunkt bringt, so zeigt er auch hier die künstlerische Seite der Natur auf. Ein Darwin, der dem Christentum nicht übel wollte, hätte mehr von ihm lernen sollen. Und was von ihm, gilt von nahezu der gesamten heutigen Wissenschaft: sie ist christusscheu, menschenscheu, kunstscheu. Künstlerische Weltordnung. (Kepler gegenüber Darwin.) Eine bedeutungsvolle Schwäche Darwins liegt darin, daß er das künstlerische Element in der Natur so gut wie ganz ignoriert; er konstatiert Einzelheiten und verliert darüber die Einheit des Weltbildes aus dem Auge; ihm fehlt der philosophische Zug. Dieser hervorragendste Vertreter der heutigen Wissenschaftlichkeit betätigt die unplastische und unkonstruktive Sinnesart, welche in geistigen Dingen den Engländern oft eigen ist. Diese geben in geschichtlichen Biographien, statt eines abgeschlossenen Bildes, gern nur Haufen von Materialien; Darwin, der die Biographie der Welt schreiben will, macht es ebenso. Er liefert Bausteine, kein Gebäude. Darwin hat in seinen Lebenserinnerungen die ihm selbst, wie er sagt, unverständliche Tatsache verzeichnet, daß der ihm in seiner Jugendzeit in hohem Grade eigentümliche Sinn für Kunst und Poesie mit seiner Vertiefung in naturwissenschaftliche Studien stetig abgenommen habe und schließlich zu seinem eigenen Leidwesen ganz verschwunden sei. Diese Tatsache ist außerordentlich belehrend; eine Naturforschung, welche den Kunstsinn erstickt, ist sicher einseitig: und daher nicht die rechte. Der menschliche Geist atmet, von Rechts wegen, ein und aus; er hat in der Natur die Kunst und in der Kunst die Natur aufzusuchen. Erst der mathematische und tektonische Aufbau der einzelnen Naturwesen entscheidet endgültig über ihre Stellung zueinander, sowie zu dem sie umfassenden Erd- oder Weltganzen. Ein Beispiel für andere sei erwähnt. Innerhalb der Botanik sind rein mathematische Formengesetze, so das des goldenen Schnitts, als weitverbreitet und von hoher Bedeutung für die Gesamtgestaltung der Pflanzenwelt erst neuerdings nachgewiesen worden. Ein vollendeter Wohllaut der Form-, Maß- und Zahlenverhältnisse des Naturlebens gibt sich hier in überraschender Weise kund. Er bewegt sich in regelmäßigen Kadenzen, in harmonischen Akkorden, in streng gesetzmäßiger Folgerung und eröffnet so für eine künftige Naturforschung die allermerkwürdigsten Perspektiven. Im größten Maßstabe und mit glänzendstem Erfolg ist jene echt künstlerische und echt philosophische Denkmethode schon früh von einem der bedeutendsten Vertreter der Wissenschaft, welchen Deutschland je gehabt hat, von Kepler auf die Astronomie angewandt worden. Nach seiner eigenen ausdrücklichen Erklärung gelangte er von Forderungen rein und durchaus künstlerischer Art, von dem Suchen nach Einfachheit und Harmonie und Ausgleich innerhalb des Weltgebäudes, zu seinen unsterblichen Theorien. Er suchte nach der »elegantesten« Lösung des ihm vorliegenden Problems; und er fand sie. Er hat die Sphärenmusik demonstriert, welche Plato einst ahnte; diese Art von Musik gilt auch für irdische Sphären und Atmosphären; sowie für das, was sie an lebenden Wesen beherbergen. Wie jedes organische Geschöpf in seiner sinnlich wahrnehmbaren Existenz physikalischen und chemischen Gesetzen folgt, so folgt es in und während dieser Existenz auch künstlerischen Gesetzen; jene hat man längst in den Bereich der Naturwissenschaften gezogen; diese harren noch ihrer Ausbeutung, ja nur ihrer Konstatierung. Alle drei Arten von Gesetzen stehen begreiflicherweise unter sich in einem notwendigen Zusammenhange; ihn zu erkennen, nachzuweisen, darzustellen, ist eine der höchsten Aufgaben aller Naturwissenschaft. Ist sie gelöst, so wird die Naturwissenschaft einen künstlerischen Zug gewinnen, der den ihr sonst so gern anhaftenden Zug zum Materialismus und Mechanismus erfolgreich neutralisiert. Es wird dann eine Art von künstlerischer Mathematik geben; sie wird die erweiterte Umkehrung jener mathematischen Kunst sein, welche sich in der oben erwähnten »eleganten« Lösung mathematischer Probleme äußert; nicht umsonst hat unter den alten Philosophen Plato und unter den neueren Spinoza auf »Geometrie« ein hohes Gewicht gelegt. Erdmeßkunst, richtig verstanden, ist Weltmeßkunst; und zwar nicht nur im räumlichen, sondern auch im geistigen Sinne. Wer die Welt zu fassen vermag, vermag sie auch zu begreifen; und wer sie begreifen kann, kann sich ein Bild von ihr machen; er gewinnt eine Weltanschauung. So mündet die Naturwissenschaft in die Philosophie. Was Architektur für die bildende Kunst, eben das ist Architektonik für die denkende Kunst, d. h. die Philosophie; nämlich die Grundlage und der Rahmen ihres Wesens. Man spricht vom Bau des menschlichen Körpers sowie vom Bau der Welt; aber man sollte diesem künstlerischen Begriff auch innerlich gerecht werden; und ganz besonders auf wissenschaftlichem Gebiet. Von dem Verhältnis der Wissenschaft zur Kunst gilt in etwa das gleiche, was man von dem Verhältnis der Vernunft zur Religion gesagt hat: wenig Vernunft führt von Gott ab, viel Vernunft führt zu ihm zurück. Wenig Wissenschaft führt von der Kunst ab, viel Wissenschaft führt zu ihr hinüber. »Ich suche in mir den Gott, den ich außer mir überall finde«, lautet ein Ausspruch Keplers. Der bedeutendste deutsche Forscher sagt also genau das über die Motive seiner Handlungsweise aus, was der bedeutendste deutsche Politiker Bismarck aussprach, indem er bekannte, daß die tiefste Quelle seines politischen Handelns Religiosität sei. Ein Niederdeutscher und ein Oberdeutscher von bestem Schlage stimmen hierin überein; so müssen diese Motive wohl von echt deutscher Art sein. Zu ihnen sollte auch die deutsche Wissenschaft zurückkehren: zu Gott, zur Philosophie, zur Kunst. Eine derartige höchst künstlerische und zugleich höchst wissenschaftliche Auffassung der Natur würde erst deren wahrhaft objektive Darstellung ermöglichen. Die Einheit des Geistes der Natur spiegelt sich gewissermaßen parallel wider in der Einheitlichkeit des Aufbaues ihrer Organe; und dieser Aufbau selbst, wie jeder einheitliche Aufbau eines Organismus, fällt deshalb unter den Begriff des Künstlerischen. Die echt künstlerische Weltauffassung ist also nur scheinbar eine subjektive, in Wirklichkeit aber objektiv; da die Welt ein in sich zusammenhängendes und geschlossenes Ganzes bildet – was kein Vernünftiger leugnen wird – so ist nur diejenige Weltanschauung eine objektive, welche den einzelnen Organen dieses Ganzen, innerhalb dieses Ganzen und in stetem Hinblick darauf, ihren richtigen Platz anweist: der einseitige Spezialist kann nicht objektiv sein. Denn Einzelheiten, welche aus dem Zusammenhang eines Ganzen herausgerissen werden, geben sowohl von diesen Einzelheiten selbst wie von dem Ganzen, welchem sie ursprünglich angehören, ein falsches Bild. Eine Weltanschauung, die so verfährt, schielt. Die jetzige Wissenschaft ist stolz auf ihre Objektivität; aber sie vergißt leicht, daß Farblosigkeit und Monotonie nicht Wahrheit ist; daß es in der Welt, physisch und geistig, nichts völlig Farbloses gibt; und daß darum wahr und objektiv wahr nach dem Umfang menschlicher Kräfte nur das ist, was die Welt und ihren Bau wie in der Form so auch in der Farbe parallel widerspiegelt. Die Dinge empfangen physisch ihre Schattierung und demnach auch ihre Färbung durch die Stellung, welche sie zu einer beliebigen, aber stets zentral ausstrahlenden Lichtquelle einnehmen; man wird sie also auch geistig nur dann richtig beurteilen, wenn man ihre Stellung zu der sie schattierenden, abtönenden, färbenden, zentralen Lichtquelle – Zum Geiste des Weltganzen – ganz und voll in Betracht zieht. Insofern man diesen zentral wirkenden Weltgeist mit dem Namen »Gott« bezeichnet, ist der Beruf der Wissenschaft vorzugsweise ein göttlicher, d. h. am Gott gerichteter. Er ist aber auch zugleich vorzugsweise ein menschlicher; das darf man nicht vergessen. Zur Praktik der Wissenschaften. 1. Geschichtsschreibung. In der deutschen Geschichtschreibung herrschte bis jetzt mehr Verstand als Seele; ihrer bisherigen Art von Objektivität fehlt häufig das so unentbehrliche Gegengewicht einer entsprechenden starken Subjektivität; auch hier gilt es nunmehr das ethische Element offen an die Spitze zu stellen. Die logische Entwicklung der Tatsachen erschöpft die Aufgabe des Geschichtschreibers nicht. Ethik ist mehr als Logik; und sie soll darum auch mehr bedeuten. Der alte Gegensatz zwischen Schlosser und Ranke, welcher so lange zugunsten des letzteren verschoben war, muß sich wieder etwas zugunsten des ersteren ändern, wenn das normale geistige Gleichgewicht hergestellt werden soll. Es ist Gold in Rankes Schriften; aber der warme Pulsschlag des Blutes fehlt ihnen. Bei aller Schärfe und Klarheit der Beobachtung wie Darstellung ist etwas Tonloses, Farbloses, ja etwas zwar nicht sittlich, aber doch geistig Charakterloses in seiner Geschichtschreibung. Sie zeichnet weit mehr, als daß sie malt; und es ist doch nicht zu leugnen, daß letzteres gerade so sehr zur Aufgabe des Geschichtschreibers gehört wie ersteres. Die Weite des Horizontes allein genügt nicht, um ein Bild groß erscheinen zu lassen; es bedarf auch des entsprechenden Vordergrundes; und dieser, das tiefe Pathos der Gesinnung, fehlt bei Ranke. Er verfällt dadurch teilweise dem: summum jus, summa injuria . »Ein Maler muß malen können«, rief man einst mit vollem Recht Cornelius zu; und man könnte es mit nicht minderem Recht Ranke zurufen. Die Werke beider werden, trotz ihrer vorhandenen großen Vorzüge, nie ins Herz des Volks eindringen, weil sie nicht aus dem Herzen des Volks geflossen sind. In diesem Punkte leisteten sonst ganz unbeholfene altdeutsche Maler, wie Wohlgemuth, und sonst ganz unkritische altdeutsche Geschichtschreiber bedeutend mehr; und selbst in neuerer Zeit hat der vielfach angefeindete und jetzt mit Unrecht fast vergessene Gervinus, in seiner Geschichte der deutschen Dichtung, dasselbe geleistet. Es wird die Aufgabe der künftigen deutschen Geschichtschreiber sein, die edle Subjektivität solcher deutsch fühlenden Männer mit der kritischen Zuverlässigkeit Rankes zu verbinden. Man spricht nicht umsonst von Farbensattheit; und insofern diese Eigenschaft der Rankeschen Geschichtschreibung fehlt, könnte man sie eine hungrige nennen; es hat auch seine Kehrseite, wenn man, unter Verzicht auf jedes persönliche Urteil, rein sachlich sein will. Dergleichen erinnert stark an römische Rechtsprinzipien; in der Tat möchte man eine solche Gesinnung und Geschichtschreibung mehr römisch als deutsch nennen; jedenfalls ist sie ihrem Wesen nach international. Das volle Einsetzen der überzeugten Persönlichkeit, die ethische Darstellungsweise eines Schlossers, muß demgegenüber als eine spezifisch deutsche Geistestätigkeit bezeichnet werden. Sie ist dem Prinzip der Rembrandtschen Malerei verwandt; sie gründet sich auf innere Wärme, nicht auf innere Kälte; sie wendet sich an die oberen, nicht an die unteren Kräfte des Geistes. Wollte die deutsche Geschichtschreibung von heute in diesem Sinne weiterarbeiten, so würde sie wieder einen nationalen Geist gewinnen; so würde wasserklare Objektivität der Darstellung nicht ihr einziges Ideal sein; so würde sie neben Ranke noch andere Götter kennen. Es ist bezeichnend für die jetzige deutsche »Wissenschaftlichkeit«, daß man einen Forscher wie Johannes Janssen, den gründlicher Fleiß, Wahrheitsliebe und eine durch seinen besonderen Standpunkt bedingte, subjektive Geschichtsauffassung kennzeichnen, in ehrenrühriger Weise angreift. Man vermag Subjektivität nicht von mala fides zu unterscheiden; und man ist gewissenlos genug, die so gewonnenen Ansichten offen auszusprechen; freilich ist Ritterlichkeit nicht eben die Sache deutscher Gelehrter. Aber doch sollte man bedenken, daß es Fälle gibt, in denen derjenige seine eigene Ehre riskiert, der sie anderen nehmen will. Der Unparteiische wird es als ein Verdienst Johannes Janssens anerkennen, daß er auch einmal die Kehrseite des Reformationszeitalters aufgezeigt hat; der Vernünftige wird seine wie der protestantischen Geschichtschreiber Darstellung gegeneinander abwägen und sich selbst ein Urteil bilden; nur der Träge und Voreingenommene wird bei ihm zu kurz kommen. Wie der Grieche seine homerischen Rhapsoden, so sollte der Deutsche seine nationalen Geschichtschreiber anhören: empfangend und zugleich mitschaffend. Ranke bezeichnet durchaus nicht den Anfang, sondern das Ende einer großen Periode der deutschen Geschichtschreibung; und diese beginnt mit Niebuhr; Schlosser und Gervinus begleiten sie als Neben- und Gegenströmungen. Die Geschichtschreibung der Zukunft wird keiner dieser Richtungen einzeln huldigen dürfen: sie wird gleichermaßen eine Geschichtschreibung des Geistes wie eine solche des Charakters sein müssen. Dauernd im Leben eines Volkes sind die festen wiederkehrenden Züge seiner Individualität. Auf sie zurückzugreifen und sie besonders zu betonen, wo und wann und wie sie hervortreten, ist eine Hauptaufgabe der echten Historik; und diese wird am ehesten dann auf das Volk erziehlich einwirken, wenn sie ihm die einzelnen Züge seiner Individualität selbst, die lebendigen Gestalten seiner Geistesheroen, ins Gedächtnis zurückruft. Und die ganze Geschichtschreibung wird eine bedeutsame Bereicherung erfahren, wenn man sich erst entschließen wird, dem Einflüsse des Blutes auf die Entwicklung der Völker, Stämme, Menschen gründlicher nachzugehen. Man wird dann das Völkerleben nicht mehr nach unsicheren politischen Grenzen, weit mehr nach den mit- oder gegeneinander bewegten Blutströmungen , in Vergangenheit wie Gegenwart, schildern, studieren, beurteilen. Man wird dann auch den Deutschen geben, was der Deutschen ist. Ihr Blut liegt ganz überwiegend der vergangenen geistigen Blüte Südeuropas zugrunde – in der Renaissancezeit; ihr Blut eilt ganz überwiegend der künftigen geistigen Blüte Nordeuropas voraus – in den Niederdeutschen. Man spottet heutzutage über Stammbäume, wie man vor hundert Jahren über die Bibel spottete; letzteres hat bereits aufgehört; aber auch ersteres wird aufhören. Auf jenen Bäumen erwuchs die goldene Frucht deutschen Fürstentums. Nicht umsonst hat selbst ein Kaiser Wilhelm I. seine persönliche Liebe dem Gesetz der Ebenbürtigkeit, d. h. der absoluten Rassereinheit opfern müssen; über Deutsche darf nur deutsches Blut herrschen; das ist das erste und wichtigste unserer Volksrechte. Mithin decken sich Volks- und Fürstenrecht, die man so gern sich widersprechen läßt; eine klarblickende Wissenschaft erkennt und begründet solche Deckung; der landläufige Liberale freilich steht ihr dickstirnig gegenüber, faßt sie nicht, ja bekämpft sie heimlich und offen. Sein Zeitungsgehirn wird von dem großen Strom der Geschichte nicht befruchtet; es verliert eben dadurch die Fähigkeit zu denken; und wer nicht denkt, ist tot. Als ein schlagendes Beispiel für die oberflächliche und kurzsichtige Art, wie gewisse deutsche Spießbürger dem deutschen Adel gegenüberstehen, kann die bekannte Beurteilung des letzteren durch den Romanschriftsteller Spielhagen dienen. Wenn eine solche Persönlichkeit die eigentliche Heldenader des deutschen Charakters zu verunglimpfen sucht, so wird man dadurch an jenen Charaktertypus erinnert, den die Engländer treffend als »wütendes Kaninchen« bezeichnen. Derartige impotente Anschauungen dürfen im deutschen Geistesleben nicht vorwiegen. Grundpfosten, auf denen das Deutsche Reich ruht, dürfen nicht von den Ratten angenagt werden; man muß wünschen und hoffen, daß auch hierin sich ein Umschwung vollziehen wird. Allen körperlichen Verbindungen entsprechen geistige Verbindungen. Man wird solche nur richtig erkennen, wenn die Darstellung der im Menschen ursprünglich gegebenen Kräfte und ihres Ringens miteinander dahin kommt, wohin sie gehört; wenn die Geschichte auch vom anthropologischen und also im höheren Sinne vom konservativen Standpunkt aus betrachtet gehandhabt dargestellt wird. Aus der Rassen- und Sprachen-, aus der Kriegs- und Kunstgeschichte eines jeden Volkes wird man die Geschichte seines Leibes wie seiner Seele zu erläutern haben. »Der Krieg ist eine Sache der Psychologie«, hat Napoleon I. gesagt und die Geschichtschreibung ist es noch mehr; an die Spitze der letzteren gehört nicht die politische, sondern die Charaktergeschichte der Völker. Es handelt sich hier stets um Typologie; von dieser ist die Anthropologie nur eine Seite. Eine recht verstandene Anthropologie kann stets nur »Geschichte des Volkstums« sein, weil es einen Menschen an sich so wenig gibt, wie eine Kunst an sich oder einen Baum an sich; es gibt immer und überall nur individuelle Menschen, d. h. Volksangehörige. Es handelt sich also um folklore !! Sittengeschichte, Geistesgeschichte, Staatengeschichte hängen sämtlich von diesem eben erwähnten Gesichtspunkt ab und ordnen sich ihm natürlicher- wie logischerweise ein. Virchow selbst hat 1889 in einem Vortrage gesagt: »Überall, wo wir der Geschichte menschlicher Kultur in das einzelne nachgehen können, kommen wir darauf, daß es nicht die Massenarbeit gewesen ist, welche die Züge der Kultur bestimmt hat, sondern einzelne Persönlichkeiten, einzelne Stämme, einzelne Völker sind es, an welche sich die Fortschritte der Kultur knüpfen.« Wie er diese Meinung mit seinen sonstigen Anschauungen, die sich ausschließlich auf politische und wissenschaftliche Massenarbeit richten, vereinigen will, ist freilich unerfindlich. Seine Theorie verurteilt seine Praxis und diese jene; aber auch darin liegt etwas Gutes: gerade aus dein faulenden Samenkorn sprießt der Keim. Alexander Peez hat für diese neue Art von Geschichtschreibung vortreffliche Winke gegeben; er hat Europa »aus der Vogelperspektive« betrachtet; er hat dadurch höchst erfreulicherweise einen der jetzt fast ausschließlich herrschenden »dokumentarischen« Geschichtsforschung ganz entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Er hat die Grundlinien von demjenigen gegeben, was Rankes Weltgeschichte hätte sein sollen: eine Darstellung der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, insbesondere ihres europäischen Zweiges, auf Grund von rein tatsächlichen, aber doch für die bisherige Geschichtsforschung neuen Faktoren des äußeren wie inneren Lebens der Völker. Peez schreibt zwar noch nicht, aber er skizziert doch anthropologische und mithin – makroskopische Geschichte. Wirklich ist es die höchste Zeit, daß man neben den papiernen die gewachsenen Dokumente: die Haar- und Schädelformationen, den Wuchs und die Farbe, kurz, die äußere sinnliche Erscheinung der Völker wie ihrer Angehörigen Zur Unterlage der Geschichtsforschung macht. Eine blonde Locke kann unter Umständen ganze Folianten umwerfen. * Die Ceschichtschreiber eines Volkes sind die Apostel seines Heldentums. Hieraus ergeben sich weitere Anforderungen, welche man bezüglich der Ausübung ihres Berufs an sie stellen muß. Wie jede, so soll auch die geschichtliche Wissenschaft nicht »umkehren«, sondern sich einem freien, nationalen, künstlerischen Geistesleben ein- und unterordnen. Eine Geschichtschreibung, welche Licht und Schatten, Objektivität und Subjektivität mit überlegenem und überlegtem Urteil als gleichberechtigte Mittel der Darstellung handhabt, ist ohne Zweifel philosophischer und künstlerischer und besser als eine solche, welche sich bezüglich ihrer Arbeitsmittel auf einen dieser beiden Faktoren beschränkt. Objektivität und Subjektivität sind eben wissenschaftliche Mittel, nicht wissenschaftliche Zwecke; Zweck ist in diesem Falle nur die Plastik oder Deutlichkeit der Darstellung; und »Deutlichkeit ist die richtige Verteilung von Licht und Schatten«, hat ein weiser Mann gesagt. Licht und Schatten sollen nicht nur innerhalb der Darstellung des Geschichtschreibers, also sachlich richtig verteilt sein, wie es bei Ranke der Fall ist; sie sollen auch in dem Verhältnis des Darstellenden zu seiner Darstellung, also persönlich richtig verteilt sein, wie es bei Schlosser der Fall ist. Der letztere hat, als gesund empfindender Niederdeutscher, das Richtige getroffen; und es mindert sein Verdienst nicht, daß er kritisch von Ranke weit überholt worden ist; ethisch hat er Ranke weit überholt. Kritik scheidet, Ethik entscheidet . Der Geschichtsforscher darf und soll dem Gang der Geschichte, welcher nur das Große und wirklich Wertvolle bestehen läßt, ein wenig vorgreifen; er braucht die Verantwortlichkeit nicht zu scheuen; er muß den Mut der Entscheidung haben. Er soll Farbe bekennen. Der letztere Ausdruck ist von tief symbolischer Natur; denn aus der Gesinnung des Menschen heraus werden seine Werke geboren; und nur wer selbst Charakter hat, kann charaktervoll Geschichte schreiben. Eben dieser ethische Standpunkt führt zu einem anderen hinüber: dem künstlerischen Geschichtsforschung ist Wissenschaft, Geschichtschreibung ist Kunst; man darf diese beiden Tätigkeiten ja nicht miteinander verwechseln. Bloße Sichtung der Tatsachen, worauf man sich jetzt so vielfach beschränkt, ist auch hier nur die Hälfte der erforderlichen Arbeit und nicht einmal die bessere Hälfte. Es gibt zweierlei Arten von Kritik: die eine, welche das Wahre vom Falschen, die andere, welche das Wesentliche vom Unwesentlichen scheidet; jene ist negativ und reinigend, daher von niederer Art; diese ist positiv und gestaltend, daher von höherer Art. Die heutige deutsche Wissenschaft, in ihren verschiedenen historischen Fächern, befaßt sich überwiegend mit der ersteren Art von Kritik; sie fördert unzählige Tatsachen zutage, ohne viel nach deren Wert zu fragen; und sie erfüllt damit ihre große Aufgabe nur halb. Nachdem durch Darwin auch die Naturforschung gewissermaßen in die Geschichtswissenschaft eingegliedert worden ist, kann man sagen, daß die gesamte heutige Wissenschaft einen historischen Charakter trägt. Sie will die Geschichte der Welt und die Geschichte der Menschheit geben; sie ist also Weltgeschichte, noch in einem weiteren Sinne, als man dies Wort früher gebrauchte, aber sie wird dies nur sein können, wenn sie innerhalb jener beiden Gebiete die selbständige Verantwortlichkeit des Urteils nicht scheut: wenn sie, im besten Sinne des Wortes, wieder subjektiv wird. »Staub sollst du fressen und mit Lust«, darf nicht ihre Parole sein: weder in bezug auf den Staub der Dokumente noch auf den, in welchen alles Organische zu zerfallen bestimmt ist. Staub ist eine trockene Speise, die Gelehrten sollen von ihr nicht zu viel genießen; sie sollten sich an der Kunst Rembrandts, der schmelzendsten und darum in gewissem Sinne feuchtesten Kunst, die es je gegeben, ein Beispiel nehmen. Sie sollten ihre Kräfte nicht dem Verfall, sondern dem Wachstum widmen; sie sollten nicht nur zerlegen, sondern auch aufbauen. 2. Philologie. Das Wasser der Objektivität ist gut; aber der Wein der Begeisterung darf auch nicht fehlen; beides miteinander erst gibt die rechte Mischung. Die Griechen hielten es für barbarisch, Wein allein zu trinken; die Deutschen sollten es für barbarisch halten, Wasser allein zu trinken – auf geistigem Gebiet. Ohne Enthusiasmus ist, nach Goethe, eine Kunst nicht denkbar; und so auch nicht die Kunst der Geschichtschreibung – dies Wort im weitesten Sinne genommen und auf die verschiedensten Fächer der Historie, auch auf die philologischen angewandt. Wie wenig begeisternd die letzteren heutzutage in Deutschland wirken, weiß jedermann; hier täte es vor allem not, dem unendlich strömenden Wasser einmal wieder etwas Wein beizumischen. Diese Empfindung hat das deutsche Volk schon längst. Man darf ihm jetzt mit Goethe zurufen: Die Philologen, Sie haben Dich sowie sich selbst betrogen. Die Gesinnung eines Welker und Boeckh. eine echt und nützlich philologische, ist im heutigen Deutschland selten geworden, wo nicht verschwunden. Trugphilologie ist nachgefolgt. Katalogisieren, inventarisieren. registrieren ist zwar zuweilen notwendig; aber sowie es in einer Bildung überwiegt, stirbt diese. Eine Literatur von Handbüchern, seien letztere nun gut oder schlecht, ist eine totgeborene. Sapiunt ex indicibus : sie haben ihre Weisheit aus den Registern – der Bücher nämlich und nicht aus den Büchern selbst, hat ein bedeutender Philologe über eine gewisse Gattung seiner Fachgenossen gesagt; und diese Gattung nimmt jetzt sehr überhand. Man gelangt allmählich zu einer Wissenschaft der Zettel und der Verzettelung; sie steht, in bezug auf echte Erkenntnis des Altertums, im Zeichen des Shakespeareschen »Zettel«; Oberon, der Geist der Gnade, weilt fern. Die heutigen Philologen bleiben durchweg bei dem ersteren stehen; sie vermögen sachliche und formale, produktive und kritische Gesichtspunkte nicht gleichzeitig zu beherrschen. Zier zeigt beispielsweise die Erscheinung eines v. Willamowitz-Möllendorff, was dabei herauskommt, wenn der auf falschen Bahnen wandelnde wirkliche mit dem ebenso vorgehenden geistigen Kleinadel sich liiert: eine Wissenschaft der hämischen Seitenblicke! Der köstliche Wein des Altertums wird hier mit Schwefelsäure verfälscht; die Griechen werden bekämpft, indem man sie anscheinend preist. Die mehr und mehr hervortretende Ansicht, daß die Erzeugnisse des Altertums nur zur Betätigung von Textkritik usw. da seien, ist dürftig nach innen und nach außen gefährlich. Die Schüler an den Gymnasien und die Studenten an den Universitäten haben darunter zu leiden; ja die wesentliche Wirksamkeit der heutigen deutschen Gymnasien besteht darin, ihren Schülern für zeitlebens das Altertum zu verleiden. Das ist eine verderbliche Tätigkeit. Denn sie führt mindestens zur Halbbildung und vielfach zur Roheit. Seinerzeit konstatierte in öffentlicher Rede Professor Kirchhofs, Rektor der Universität Berlin, selbst hervorragender Altertumsforscher, daß für die Studien der überwiegenden Mehrzahl aller heutigen deutschen Philologiestudierenden nicht so sehr sachliche Rücksichten als solche auf das zu bestehende Examen maßgebend seien; und noch dazu auf ein Examen im Sinne der heute herrschenden Richtung. Einen »stark banausischen Charakter«, schreibt dieser Sach- und Fachkenner dem philologischen Studium an den heutigen deutschen Universitäten zu; aus den Philologen gehen aber die meisten Lehrer der gebildeten deutschen Jugend hervor. Es läßt sich denken, wie sehr letztere geistig wie sittlich unter jenem »banausischen Charakter« leiden muß. Die freie, vornehme, und in keiner Weise handwerksmäßige Persönlichkeit eines Rembrandt kann auch auf diesem Gebiet, so fern es ihr anscheinend liegt, als ein Richt- und Augenpunkt für bessere Bestrebungen dienen. Rembrandt ist so recht eine antiphilologische Erscheinung; und daher für überphilologische Ausschweifungen als ein wirksames Korrektiv zu empfehlen. Hier könnte er zum Erzieher der Erzieher werden. 3. Rechtspflege. Von einem Ihering ist die deutsche Rechtswissenschaft mit philosophischem Geiste behandelt worden; aber leider zu sehr im römischen Sinne. Er sagt, es sei »den Römern gelungen, aus dem Recht einen äußeren Mechanismus zu machen, den jeder handhaben könne, der die Konstruktion desselben kennt« und erkennt darin »den Sieg der Zweckmäßigkeitsidee über das subjektive Sittlichkeitsgefühl«. Und allerdings wird das Rechtsleben eines Volkes immer in einem Kompromiß zwischen Zweckmäßigkeit und Sittlichkeit bestehen; aber es fragt sich nur, ob der Schwerpunkt eben dieses Rechtslebens in die erste oder in die zweite Kategorie fallen soll. Das deutsche Recht sollte jedenfalls auf deutsche Treue gebaut sein. Es gibt nichts, was höher zu setzen wäre als Sittlichkeit; und der deutsche volkstümliche Geist hat dies öfters ausgesprochen. Nach römischem Rechtsbegriff gibt es eine Verjährung, nach deutschem Rechtsgefühl aber nicht; »hundert Jahre Unrecht machen noch keine Stunde Recht«, lautet ein deutscher Bauernspruch. Wie einst Ludwig XIV. sagte: es gibt keine Pyrenäen mehr, so möchten auch manche heutige Juristen sagen: es gibt keine Alpen mehr. Aber wie im politischen so machen sich auch im geistigen Leben die natürlichen Völkergrenzen immer wieder geltend; Ludwig XIV. hat das noch selbst erfahren und auch die heutigen Juristen werden es vielleicht noch selbst erfahren. Es ist freilich sehr fraglich, ob sich das deutsche Rechtsleben jetzt noch – seinem wesentlichen Schwerpunkt nach – auf eine rein volkstümliche Basis stellen läßt; aber keineswegs fraglich ist es, daß dies zu Ende des Mittelalters hätte geschehen können. Fremdvölkische Kulturelemente sind, wie schon erwähnt, innerhalb jeder Volksbildung von sekundärer Bedeutung. Wer sie, wie Ihering im Recht oder Winckelmann in der Kunst oder die 1848er Demokraten in der Politik zu primären Faktoren erhebt, der irrt; und solche Irrtümer kommen dem eigenen Volke oft teuer zu stehen. Auf den berechtigten Einwand, daß das deutsche Recht sich eigentlich hätte von innen heraus entwickeln müssen, erwidert freilich Ihering horribile dictu : »Die Entwicklung von innen heraus beginnt erst bei der Leiche«. Daß sich jeder pflanzliche, tierische, menschliche, geistige Organismus von innen heraus entwickelt, scheint diesem berühmten Rechtslehrer unbekannt geblieben zu sein; es ist bezeichnend für ihn, daß er hier nur »Mechanismus« oder »Leiche« kennt. .Das Lebendige, das in der Mitte liegt und worauf es allein ankommt, entgeht ihm. Er urteilt als Professor, als »Mechaniker«, als Römer; und betätigt so aufs schlagendste das obige Wort Bismarcks »in allen diesen Fragen halte ich von der Wissenschaft gerade so wenig, wie in der Beurteilung irgend welcher anderen organischen Bildungen«. Einer solchen Auffassung der Rechtswissenschaft muß entgegengetreten werden. Neuerdings hat man das Volk in den Geschwornen- und Schöffengerichten wieder juristisch gemacht; mm sollten auch die Juristen wieder etwas volkstümlich werden. Der Entwurf des neuen deutschen Zivilgesetzbuches z. B. entsprach nicht in dem Maße einheimischen deutschen Rechtsanschauungen, wie vom nationalen Standpunkt aus gewünscht werden mußte. Georg Beseler hat von diesem Entwurf gesagt: »Er verneint das selbständige deutschrechtliche Studium seit Conring und ignoriert eine weltgeschichtliche Kulturarbeit von 75 Jahren.« Man hat richtig bemerkt, daß er durchweg vom Standpunkt des Gelehrten und des Besitzenden abgefaßt war; der nichtgelehrte und nichtbesitzende, mithin ein sehr großer Teil des deutschen Volks kam darin zu kurz; daß bei Abfassung eines Gesetzbuches auch das Herz mitsprechen könne und müsse, scheint man nicht bedacht zu haben. Gesetze werden geboren, nicht gemacht. Vermutlich würde irgend ein juristischer Luther oder Stephan, wenn man ihn hätte haben können oder wollen, das erwähnte Gesetzbuch nationaler und individueller und darum besser entworfen haben, als es durch eine vielköpfige Kommission von Fachgelehrten überhaupt zu ermöglichen war. Kommissionsberatungen sind nicht immer wertvoll; viele Verständige ergeben noch keinen Verstand; an eine bekannte Xenie Schillers braucht hier nur erinnert zu werden. An jener Arbeit vermißt man vor allem den Stempel einer gewaltigen, schöpferischen, individuellen Persönlichkeit; aber selbst wenn diese nicht zur Stelle und Gefahr im Verzuge war, hätte sich durch vielleicht manches anders machen lassen. Volkstümliche und wissenschaftliche Rechtsanschauungen stehen sich zuweilen unvereinbar gegenüber. Das Volk vertritt auch hier das organische und lebendige, die Wissenschaft allzuoft das mechanische und abstrakte Prinzip; und jenes hat stets den Ausschlag zu geben. Indes ist es hoffentlich noch Zeit, in dieser Hinsicht Abhilfe eintreten zu lassen. Eine Zeit zeigt, was sie wert ist, je nachdem sie große Aufgaben, die ihr gestellt sind, löst oder nicht. Die heutige deutsche Jurisprudenz steht nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe; gegenüber der Lebensmittelfälschung, dem betrügerischen Bankerott und so manchem anderen unreellen Geschäftsgebaren der jetzigen deutschen Gegenwart versagt sie vielfach; und gerade hier sollte sie die Wächterin der physischen wie sittlichen Gesundheit sein. Kann sie es nicht mit dem ihr jetzt zu Gebote stehenden wissenschaftlichen und gesetzgeberischen Apparat, so muß sie ihn eben organisch erweitern, vertiefen, verschärfen. Wo das Unrecht erfinderisch ist, muß auch das Recht erfinderisch werden . Hier fehlt es. Die Erzeugnisse der neueren Gesetzgebung teilen offenbar das Schicksal gewisser gotischer Bauten von heute: sie sind nach dem äußeren Formenprinzip aber ohne inneres, lebendiges Stilgefühl konstruiert; sie beruhen zu sehr auf »wissenschaftlicher« Grundlage. Beiden fehlt daher, trotz der großen Zahl und der Mannigfaltigkeit ihrer Einzelformen, jener Reiz und jene Lebensfrische, welche früheren Kunst- wie Gesetzeswerken eigen ist. So können auch juristische Leistungen ihren künstlerischen Fehler haben; und zwar nicht etwa äußerlich und formal, sondern ganz sachlich und innerlich: allzu juristisch ist nicht mehr juristisch. Der Geheimrat, mag er nun Gesetze oder Bauten entwerfen, bleibt immer der gleiche: er konstruiert mit dem Verstande, nicht mit der Seele; und ihm fehlt der direkte Kontakt mit dem Volksgefühl. Das ist der Fluch seiner Existenz. Ein authentisches Wort des Fürsten Bismarck hierüber lautet zu stark, als daß es sich hier wiedergeben ließe. Ein Schüler Rembrandts, Owens, hat in einem großen und vortrefflichen Bilde dargestellt, wie die Advokaten mit ihren Federkielen die Gerechtigkeit ermorden; und Burns rechnet, in einem seiner schönsten Gedichte, a lawyer's tongue zu den Ingredienzien eines Hexenkessels; so verschiedenartige Zeugnisse beweisen immerhin etwas. Das eigentliche Volk steht den Juristen heute durchweg wie einer Art von unbegriffenen Dämonen gegenüber, die ihm oft Gutes und oft auch Böses erweisen. Kurz, diese Leute sind seinem Herzen fremd; doch brauchten sie dies nicht zu sein; sie würden es nicht sein, wenn sie deutscher wären. Gesetzgeber von heute sollten etwas von dem menschlich einfachen und schlicht volkstümlichen und echt niederdeutschen Geiste eines Möser an sich haben. Vollkommene Natürlichkeit ist die erste Vorbedingung jeder schöpferischen Kraft; sie führt weiter als bloße Theorie. Gesetzeskundige sind noch lange keine Gesetzeskünstler; in Deutschland gibt es deren gegenwärtig sehr wenige; möchten sie sich mehren. Im Recht schlägt sich das Volksleben nieder, in der Kunst steigt es auf. Im ältesten deutschen Volkstum berührt sich, eigentümlich genug, das Dichten mit dem Richten; manche Rechtssprüche waren in poetische Form gefaßt; darin offenbart sich ein feiner und gewissermaßen musikalischer Zug des Volkscharakters. Das deutsche Recht hat durchweg etwas Zartes, das römische Recht etwas Hartes in sich. Streichmusik ist deutsch und Blechmusik ist römisch; die deutsche Rechtswissenschaft sollte, bildlich gesprochen, mehr im Sinne jener als dieser gehandhabt werden. Sie sollte mehr der feingestimmten Volksempfindung als einer dröhnenden Systematik dienen. 4. Heimat- und Sprachkunde. Nachdem die deutsche Wissenschaft sich so mannigfach schon in räumliche und zeitliche Fernen verloren hat, könnte eine zeitweilige Rückkehr und eine vorzugsweise Konzentration auf das Heimatwesen ihr gut tun. Es wäre eine Wissenschaft im Sinne Rembrandts, der mit seiner Heimat enger verwachsen ist als irgend ein anderer Künstler. Die Wissenschaft bleibt ihrem Wesen nach stets international; aber sie kann diesen ihren internationalen Beruf auch national anwenden und auf ein individuelles, nationales, heimatliches Vorgehen dringen, um, soweit es bisher noch nicht geschehen ist, die deutsche Bildung aus und auf deren eigenem Boden zu ernähren. Ein Volk, das sich bewußtermaßen zur Einheit zusammenschließt wie das deutsche, hat es auch nötig, bewußtermaßen seine organische Vielheit zu betonen. Eine Berücksichtigung der geistigen Volksinteressen im nationalen und künstlerischen Sinn würde, falls man sie staatlicherseits beliebte, eine Menge von notwendig zu erledigenden Einzelaufgaben vorfinden. Nachdem man lange und sogar auf Staatskosten, wie nicht jedermann wissen dürfte, an einem Korpus der romischen Inschriften gearbeitet hat, wäre es wohl auch an der Zeit, an ein Korpus der deutschen Volkslieder zu denken. Die Dänen besitzen ein solches in ihren »Kaempeviser« schon lange. Vielleicht würde sich daraus für den deutschen Geist, für den deutschen Charakter und vor allem für die deutsche Musik – in Gegenwart und Zukunft – noch ungleich Wertvolleres ergeben, als jenes andere Korpus geleistet hat oder leisten wird. Unter vielem anderem ist auch eine musterhafte Gesamtausgabe der Werke Rembrandts unbedingt erforderlich, um dem deutschen Volke das bisher vielfach noch fehlende Verständnis für diesen seinen größten bildenden Künstler zu erschließen; daß sie bisher fehlte, ist fast nicht besser als wenn es an einer Gesamtausgabe Shakespeares fehlen würde; und es ist seltsam oder auch bezeichnend genug, daß man dies nicht längst bemerkt hat. Freilich müßte es in diesem Fall eine rein objektive, d. h. mit den besten Mitteln der modernen Technik und auf durchaus mechanischem Wege hergestellte Ausgabe sein; das deutsche Volk hat ein Recht darauf. Rembrandt in seiner eigenen Gestalt, nicht in der persönlich gefärbten Auffassung eines Kupferstechers, und wäre es der beste, kennen zu lernen. Die Auffassung eines Kupferstechers ist so wenig für Rembrandt maßgebend, wie diejenige eines Schauspielers für Shakespeare es ist. Der Künstler selbst will befragt sein, nicht seine Dolmetscher. Hier liegt der Fall vor, wo »Mechanik« berechtigt, und zwar allein berechtigt ist. Ähnliches läßt sich auf dem sprachlichen Gebiet leisten. Dessen volkstümlich philosophische Behandlung würde die besten Früchte tragen, und es ist verschiedentlich ein Anfang zu solcher gemacht. Die von K. Abel in seiner Schrift: »Über den Gegensinn der Urworte« begonnenen Studien, welche sich auf den Geistesgehalt sowie auf die durch alle Zeiten fortlaufende geistige Geschichte einzelner Worte und Wortformen beziehen, sind noch einer großen Erweiterung fähig. Es könnte sich daraus eine Art von geistiger oder vielmehr seelischer Grammatik ergeben, welche die rein formale und logische Grammatik der Sprachen in glücklichster Weise ergänzt. Die geschichtliche Entwickelung sowie die angeborenen Eigentümlichkeiten gerade des deutschen Sprachgeistes würden dadurch in neuer und heller Beleuchtung erscheinen. Hier können die Deutschen sich selbst kennen lernen; denn die deutsche Sprache ist offenbar, entsprechend der Natur des deutschen Geistes, die von allen lebenden Sprachen am meisten individuelle. Die Quellen des deutschen Geistes fließen fort und fort in der deutschen Sprache und es könnte nicht schaden, wenn mit niederdeutschem Geist auch etwas niederdeutsche Sprache in den Schatz der heutigen deutschen Bildung überginge. Die gegenwärtige deutsche Prosa, über deren Charakterlosigkeit so vielfach geklagt wird, könnte dabei nur gewinnen. Sie würde nicht, wie es in den sogenannten Gebirgsromanen geschieht, mit den: Dialekt zu kokettieren haben, indem sie ihn des Gegensatzes halber in eine ganz andere Sprache brockenweise einschiebt; sondern sie würde einzelne Worte und Wendungen des Volkes, in weiser Auswahl, in ihren eigenen lebendigen Zusammenhang hinübernehmen müssen. Andere Dialekte ließen sich ebenso verwerten; eine derartige Bereicherung aus dem Volksgeiste heraus würde der deutschen Sprache mehr nützen als ihre Fixierung durch eine Akademie nach französischem Muster, also eine Verarmung derselben, welche man von gelehrter Seite vorgeschlagen hat. Die deutsche Sprache muß deutsch gepflegt werden . Möglichste Pflege der Stammesdialekte als solche und ihre möglichst nahe Verbindung mit dem Hauptstamm der Schriftsprache ist hiefür das einzig richtige Programm; dieses hat sich den jeweilig bestehenden geschichtlichen Verhältnissen anzuschmiegen. Schiefheiten und Unwahrheiten der Bildung lassen sich in einem urwüchsigen Idiom weit weniger verbergen als in einem abgeschliffenen. Ueberhaupt ist jenes bescheidener, herzlicher, lieblicher als dieses; und insofern würde eine teilweise Rückkehr zu dialektischem Sprachgeist auch ihre sittliche Wirkung haben. Endlich dürfte ein großes und wissenschaftlich gesichtetes Sammelwerk über deutsche Volkssitten, Volkstrachten und körperliche Volkstypen nicht minder notwendig sein, wie eine gründliche und klarlegende Bearbeitung desjenigen, was man »deutsche Geistesgeographie« nennen könnte – nämlich eine wissenschaftliche Darlegung von den Beziehungen der Einzel individualitäten des deutschen Geisteslebens in Poesie, Kunst und Wissenschaft zu den betreffenden landschaftlichen sowie Stammes charakteren. Derartige wissenschaftliche Arbeiten würden, mit Verstand und Verständnis ins Werk gesetzt, das Blut im deutschen Volkskörper rascher und reiner pulsieren machen. Hier könnte die kritische und registrierende Tätigkeit der Wissenschaft im allereigentlichsten Sinne segensreich wirken. 5. Heilkunde. Die Gegner Bismarcks haben ihm einmal, erschreckt durch seine Unbefangenheit und Tatkraft, vorgeworfen: er sei ein Mensch, der »wenn ihm eine schwierige chirurgische Operation oder das Kommando eines Kriegsschiffes übertragen würde, ohne weiteres ans Werk ginge«; sie haben ihm damit, ohne es zu wollen, ein hohes Lob gespendet. Eben das ist der rechte Mensch, welcher sich nicht in die Schranken irgend welcher Fachbildung einpfercht, sondern im Notfall einer jeden Lage gewachsen ist. Künstler und Politiker haben das miteinander gemein, daß sie jeder Aufgabe gewachsen sein müssen; der Maler, der nur sein Handwerk versteht, versteht auch dieses nicht; und wehe dem Künstler, der nicht größer ist als seine Werke. Daß ein General auch Kriegsschiffe kommandieren kann, hat u. Caprivi gezeigt; ja derselbe Mann hat nicht gezögert, einen diplomatischen Posten anzunehmen; und ob es nicht besser gewesen wäre, Bismarck als Mackenzie zum Leibarzt Kaiser Friedrichs III. zu machen, ist immer noch fraglich. In diesem letzteren Fall hat die medizinische Arbeitsteilung sich von ihrer traurigsten Seite gezeigt. Bismarck aber hat gerade auf ärztlichem Gebiet, in bezug auf seinen eigenen Körper, den Mut eines selbständigen und rücksichtslosen Vorgehens bewiesen; er hat sich nicht von pfuschenden Autoritäten ins Grab kurieren lassen; für seine Gesundheit wie für sein Seelenheil ist jeder selbst verantwortlich. Was heutzutage auf dem Gebiete der Medizin nach wissenschaftlichen, d. h. in diesem Fall schablonenhaften Grundsätzen gesündigt wird, ist ganz unglaublich. »Man muß Bamberger vollständig beipflichten, wenn er meint, daß die meisten Kranken, welche während der Endokarditis« – einer Herzkrankheit – »selbst sterben, nicht an der Krankheit, sondern an der Behandlung derselben zugrunde gehen«, sagt Felix von Niemeyer. Es ist gar nicht so lange her, daß man Typhuskranke »wissenschaftlich« nach einem Wärmeverfahren behandelte und sie dadurch zu 90 Prozent tötete; jetzt weih man, daß sie mit einem Kälteverfahren behandelt werden müssen; wollte ein Kranker in jener früheren Zeit von der wissenschaftlichen Behandlung absehen, so hatte er Aussicht zu genesen; sonst nicht. Modearzeneien empfiehlt und verwirft man abwechselnd. Die bisherige Geschichte der Kochschen Einspritzung gegen Schwindsucht endlich erinnert lebhaft an den Law'schen Papierschwindel im vorletzten Jahrhundert; nur daß man in ersterem Fall nicht mit dem Vermögen, sondern mit der Gesundheit der Leute spielte; also mit einem weit kostbareren Gut. Hier hat man wieder einmal mikroskopisch beobachtet und nicht makroskopisch gedacht; man kommt um das Denken aber nicht herum; es ist die Vorbedingung einer jeden Krankenbehandlung. Das fiat experimentum in corpore vili gilt für sie nicht. Leider wurde nur schon zu oft hiergegen gesündigt; so auch seitens derjenigen Heilkundigen, welche die Kochsche Einspritzung mißbräuchlich und vorschnell anwendeten. Ärzte erklären zwar gelegentlich: ihr Beruf sei, Krankheiten zu verhüten und nicht zu heilen; aber sie handeln recht selten danach. Jeder Mensch und jeder Deutsche sollte zunächst vorbeugend sein eigener Arzt sein; die streng wissenschaftliche Heilkunde aber sollte stets den ganzen Menschen im Auge haben; ohne ein solches Verfahren zersplittert sie sich ins Endlose. Es war ein Grundsatz des Hippokrates: daß immer der ganze Mensch krank sei; dies ist der Grundsatz einer göttlichen Medizin; denn Gott ist der Geist des Ganzen. Einer derartigen Heilkunst sollte man sich wieder zuwenden. Schon jetzt ist das sogenannte medizinische Studium rein quantitativ nicht zu bewältigen; es wird also in nicht ferner Zeit einmal ein Augenblick eintreten, wo man in bezug auf die allgemeine Tendenz desselben umkehren, in bezug auf den faktischen Inhalt desselben aber abschwenken muß. Man wird umkehren müssen in bezug auf den Spezialismus und wird abschwenken müssen nach der Seite des Individuellen, Subjektiven, Menschlichen hin. Der Modearzt wird sich in einen Volksarzt verwandeln müssen. Massage, Terrainkur, Kaltwassermethode, schwedische Gymnastik nehmen hiezu schon einen Anlauf; jedenfalls wird man in dieser Richtung noch bedeutend fortzuschreiten haben. Sie behandelt den Menschen im ganzen und als Ganzes und deshalb richtig; man kann diese Heilmethode, mit Inbegriff aller Chirurgie, als die vorwiegend physikalische bezeichnen; und sie der bisherigen, vorwiegend chemischen, entgegensetzen. Vielleicht und hoffentlich bildet jene den Übergang zu einer teilweise psychischen Heilmethode. Und gerade in diesem Sinne kann man recht wohl von einer christlichen Medizin reden; ja sie als die feinste und innerlichste und geistvollste Art von Medizin – als eine tief aristokratische Heilmethode ansehen; daß sie zugleich eine echt volkstümliche ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die heutige medizinische Wissenschaft verfährt gegenüber der volkstümlichen Heilkunde durchweg so wie Gottsched gegenüber dem Hanswurst: anstatt das volkstümliche Element zu veredeln und zu vertiefen, verwirft sie es. Und doch ist auch hier das Natürlichste mit dem Vornehmsten identisch; auf eine Medizin des Wissens muß jetzt eine solche des Könnens folgen; sie würde eine echt künstlerische Heilkunde sein. Sie würde das Brauchbare der bisherigen wissenschaftlichen Medizin in sich einzuschließen haben; in der Sonderung des Brauchbaren von dem Unbrauchbaren auf diesem Gebiet besteht nunmehr die nächste Aufgabe des Heilkundigen von heute. Um Künstler werden zu können, muß er erst Kritiker sein; und seine Kritik wird sich oft genug in einen Krieg verwandeln müssen. Auch das Gebiet des Hypnotismus und der rein geistigen Suggestion mit rein körperlicher Folgewirkung, wie es besonders der neueren französischen ärztlichen Schule zum Studium dient, gehört einer gewissenhaften ärztlichen Wissenschaft an. Bei solchen Vorgängen begegnet sich das Naturleben mit dem Menschenleben, das unbewußte mit dem bewußten Dasein; an einem solchen Kreuzungspunkte zweier Weltkräfte läßt sich jede einzelne von ihnen besser beobachten, kontrollieren, erkennen, als sonst möglich. Einzelne hervorragende Forscher haben dies bereits anerkannt; »der Hypnotismus ist die Medizin der Zukunft«, erklärte Professor von Nußbaum in München; und andere ärztliche Autoritäten ersten Ranges, so Professor von Krafft-Ebing zu Wien sind ihm darin gefolgt. Hypnotismus ist Zauber; beide Worte sind viel mißbraucht worden und beide bezeichnen sachlich genommen nur eine Gruppe von tieferen und bisher unerklärt gebliebenen Naturgesetzen, sozusagen ein summarisches Verfahren der Natur; ohne Zweifel wird dem recht angewandten »Zauber« in der kommenden Bildung eine größere Rolle beschieden sein, als in der jetzigen. Was eigentlich »Kraft« sei, weiß noch heute kein Physiker zu sagen; aber die deutsche Sprache weiß es zu sagen: craft heißt im Englischen »Zauber«. Es würde besser um deutsche Wissenschaft stehen, wenn die Physiker als solche etwas Philologen und die Philologen als solche etwas Physiker sein wollten; wenn man der Einseitigkeit entsagen würde; wenn man denken würde! Novalis, nach seinem Beruf ein naturwissenschaftlicher Techniker, ist hier mit gutem Beispiel vorangegangen; er hat den Hypnotismus vorausgesehen und über ihn hinausgesehen; ihm hat der heutige Gelehrte, wenn auch nicht in den Leistungen, so doch in der Tendenz zu folgen. Alle geistigen und materiellen Vorgänge sollten womöglich zu den tiefsten Gesetzen des Welt- und Naturlebens in Beziehung gebracht werden, auch auf dem Gebiet der Heilkunde. 6. Wissenschaft der Eindrücke. Alles Leben schreitet stets in der Richtung von der Symmetrie zum Rhythmus fort, nicht umgekehrt; und insofern würde auch eine Entwicklung der Wissenschaft, wie sie durch eine teilweise Wendung zu mehr subjektiven Gebieten der Forschung sich vollzieht, nur eine natürliche sein. Jedenfalls darf man sagen, daß es nicht nur eine Wissenschaft der Erscheinungen gibt, welcher sich die heutigen Naturforscher überwiegend zuwenden, sondern auch eine Wissenschaft der Eindrücke, welcher sich ein Goethe vorzugsweise widmete. Freilich ist die letztere mehr von psychologischer als physikalischer, mehr von mystischer als spezialistischer Art; und es ist klar, daß sie sich dadurch mit der Kunst berührt. Aber Wissenschaft bleibt sie darum doch und kann als solche ausgebildet werden. Es könnte Z. B. eine Wissenschaft der Gerüche geben; und diese würde sich zur Chemie etwa verhalten, wie die Goethesche Farbenlehre zur Newtonschen; man hat sie sogar schon vorbereitet. Die bekannte Jägersche Seelendufttheorie ist durchaus nicht so sinnlos, wie man annimmt; sie ist nur die falsche Anwendung eines ganz richtigen Gedankens: daß nämlich jeder Mensch eine besondere und in sich geschlossene Individualität bilde, welche sich nicht nur geistig, sondern auch sinnlich in jeder seiner Handlungen, Erfahrungen, Äußerungen betätigt. Es ist nichts sicherer, als daß jeder Mensch einen individuellen Geruch hat, so wie er eine individuelle Stimme hat; jeder Hund weiß es. Daß unsere Werkzeuge und Studiengewohnheiten noch nicht sein genug sind, um diesen mannigfachen und unglaublich zart nüancierten Veränderungen im Wesen der Einzelmenschen zu folgen, hebt diese Tatsache nicht auf. Alle Geschehnisse im Reiche der Natur können und sollen Gegenstand der Forschung, der Vergleichung, der Gesetzeskonstatierung sein; es würde sehr willkürlich und nichts weniger als »objektiv« sein, wollte man ein ganzes und weites und vielversprechendes Gebiet von natürlichen Vorgängen dabei völlig übergehen. Der Umstand, daß diese Beobachtungen nicht leicht anzustellen sind, wird den echten Gelehrten nicht abschrecken, sondern anziehen. Es ist die so überaus wichtige Lehre von der Einheit der Menschennatur , welche hier wieder einmal, allerdings in etwas unverständlichen Ausdrücken, gepredigt wird; es ist nun zwar nicht jedermanns Sache, sich in letzteren zu finden; aber es ist jedermanns Pflicht, sich erstere stets gegenwärtig zu halten. Jäger verwechselt nur die Symptome oder vielmehr ein einzelnes Symptom des gesamten und einheitlichen Seelenlebens mit diesem selbst; dies ist ein rein logischer Irrtum, den man zwar nicht billigen, aber doch dem heute überall so stark fühlbaren Mangel an philosophischer Schulung zugute haben sollte. Dem landläufigen Materialismus von heute sind nicht minder arge Denkschnitzer begegnet. Iliacos muras intra peccatur et extra. Durch derartigen Vorspuk künden sich stets gewisse neue Zeiten an: wenn die Sonne aufgehen will, so wallt der Nebel. In keiner Weise aber ist abzusehen, weshalb subjektive Eindrücke der Menschennatur nicht auch auf sinnlichem Gebiet, wie dies auf geistigem Gebiet innerhalb der Psychologie schon längst üblich ist, ein Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung sein sollen; sollen sie aber Gegenstand dieser Forschung sein, so ist man auch verpflichtet, sie in den gesamten Bau des menschlichen Organismus und seiner Äußerungen einzureihen; und dies würde wieder Zur aufbauenden Naturwissenschaft, zur »Tektonik der Natur« zurückführen. Auf alle Fälle ist in der »Wissenschaft der Eindrücke« eine bedeutsame Gebietserweiterung der bisherigen Wissenschaft im allgemeinen und der Naturwissenschaft im besonderen gegeben. Handelt es sich in der »Tektonik der Natur« um ein einheitliches Zusammenfassen der Maßverhältnisse, also der inneren Symmetrie des Naturlebens, so handelt es sich hier um ein einheitliches Zusammenfassen der Gefühlsverhältnisse, also des inneren Rhythmus des Menschenlebens. Die Wissenschaft der Erscheinungen und die Wissenschaft der Eindrücke ergänzen sich gegenseitig, wie Strömung und Gegenströmung des elektrischen Fluidums. 7. Zoographie. Was jetzt unbekannt ist, ist darum nicht für immer unbekannt. Schädellehre, Physiognomik usw. sind dunkle Tastversuche der Wissenschaft; und es wäre ebenso falsch, ihre bisherigen Resultate unbesehen anzunehmen, als ihnen jede wissenschaftliche Weiterentwickelung absprechen zu wollen. Man hat gegen die Schädellehre eingewandt, daß die Form des Schädels von der des Gehirns in den meisten Fällen gar nicht abhängig sei; und dieser Einwand trifft zu, soweit es sich um einen direkten Rückschluß aus der Form des Schädels auf die Eigenschaften des Gehirns handelt, aber auf letztere kommt es hier zunächst nicht an, sondern vor allem, wie in dem früher erwähnten Fall Rafaels und Beethovens, auf die Gestalt des Schädels selbst. Diese gehört so gut wie die der Hand, des Fußes, der Zähne usw. Zur körperlichen Physiognomik; und für letztere ist das Wesentliche gerade die jeweilige gleichartige und übereinstimmende, den Gesamtcharakter der betreffenden Persönlichkeit in leiblicher wie geistiger Beziehung widerspiegelnde Formation aller einzelnen Gliedmaßen. Mit derartigen mathematisch-tektonischen Formverhältnissen des tierischen, pflanzlichen usw. Einzelindividuums hat sich die Wissenschaft als solche bisher überhaupt noch nicht beschäftigt. Wenn sie dies will, so wird sie freilich teilweise kunstgeschichtlich vorgehen müssen; denn die Kunstgeschichte hat es stets mit Einzelindividuen zu tun; nur daß die Anzahl der künstlerisch schöpferischen weit geringer ist, als die der natürlich geschaffenen Individuen. Aber auch von diesen will jedes einzelne in seiner Einzigart erkannt sein; und nicht nur, wie nach der bisherigen wissenschaftlichen Methode üblich, als ein Gattungstypus; die Wissenschaft muß auch individualisieren. In der Natur gibt es keinen Zufall, sondern nur Gesetz; und dies Gesetz gilt es überall aufzudecken. Auch der sicher vorhandene, aber uns bis jetzt nicht bekannte innere Farben- und Formenzusammenhang, z. B. zwischen den Samenkörnern und den jeweils aus ihnen entspringenden Pflanzen, zwischen dem Ei und der jeweils aus ihm entstehenden Vogelgattung – kurz, jene Art von wissenschaftlicher Untersuchung, welche die innere Einheit einer einzelnen organischen Entwicklung gerade in und durch die Verschiedenheit ihrer betreffenden zeitlichen Entwickelungsphasen nachweist und welche Goethe durch seine Metamorphose der Pflanzen begründet hat, kann und muß viel weiter ausgedehnt werden, als es bisher geschehen ist. Fakt man die Symptome der Stetigkeit innerhalb der Entwicklung organischer Gebilde etwa als deren genetische Längslinien auf, so kann man die Symptome der Verschiedenheit innerhalb eben dieser Entwickelung als deren genetische Querlinien betrachten. Ein Lamarck und Darwin haben mehr jene, ein Goethe und v. Baer mehr diese Beziehungen des Naturlebens im Auge gehabt. Und da es sich in dem ersteren Forschungsgebiet mehr um Raum- und Bewegungsverhältnisse, in dem letzteren mehr um Linien- und Schattierungsverhältnisse handelt, so bedarf eben dieses auch eines besonderen Namens: man könnte es »Zoographie« nennen. Diese ist nicht minder umfangreich und bedeutsam, in ihren Mitteln und Zielen, wie die Geographie; und wie man letztere erst spät als eine besondere Wissenschaft anerkannt und dann wiederum die Geologie an sie angeschlossen hat, so wird sich umgekehrt die Zoographie an die Zoologie, die schon längst als Wissenschaft anerkannt ist, anzugliedern haben. Diese neue Wissenschaft wird, wie ihre Begründer Goethe und v. Baer, einen gewissen künstlerischen Charakter nicht verleugnen können. Zoo- und Geographie beschäftigen sich mit der Gegenwart, Zoo- und Geologie mit der Vergangenheit des Erdenlebens; schon darum haftet jenen Wissenschaften notwendig ein lebendigerer und anschaulicherer Zug an als diesen. Graphik, als sinnliche Darstellung, ist der Ursprung aller Künste, und Logik, als geistige Erkenntnis, ist die Quelle aller Wissenschaften; so sind denn auch jene Namen, in ihrer Zusammensetzung, richtig gewählt: die Kunst gibt das Werdende, die Wissenschaft das Gewordene; jene schildert, diese begründet. Mit dem Worte \ξ\ώ\γ\ρ\α\φ\ί\α bezeichneten die alten Griechen die bildende Kunst, im weitesten Sinne, als Darstellung des Lebenden: \ξ\ώ\ο\ν; und mit dem Worte »Zoologie« könnte man, im weitesten Sinne, die gesamte gegenwärtige Wissenschaft bezeichnen; denn sie beschäftigt sich mit der Erkenntnis des Lebenden, in Natur wie Geschichte. So begegnen und überkreuzen sich, im tiefsten Grunde ihrer Bestrebungen, Altertum und Neuzeit, Kunst und Wissenschaft. Eine richtige Begriffsunterscheidung läßt sich in ihrer vollen Ausdehnung kaum erschöpfen; sie zieht, wie der ins Wasser geworfene Stein, immer weitere Kreise. Die organische Einheit der Welt darzutun, ist eins der höchsten Ziele wissenschaftlicher Forschung; und die organische Vielheit der Welt wiederzugeben, ist eine der höchsten Aufgaben künstlerischer Darstellung. Die »Tektonik der Natur« verhält sich zur Zoographie, wie die Mathematik zur Physik. Jedes Gewebe besteht aus Kette und Einschlag; nicht nur die Wissenschaft überhaupt, sondern jede einzelne Wissenschaft hat ihre objektive wie subjektive Seite; aber ihr Schwerpunkt liegt entweder mehr hier oder mehr dort. Und der Schwerpunkt entscheidet über die Lage eines Körpers. Das gilt physisch wie geistig; daraus erhellt schon von selbst die Stellung derjenigen Wissenschaften, welche sich teilweise mit, der Kunst berühren und welche man demgemäß die subjektiven nennen kann. Zu ihnen gehört ferner noch die Tierpsychologie sowie die Erforschung alles desjenigen, was man bisher aushilfsweise mit dem Namen Instinkt belegt hat; diese seelischen Regungen irgendwie objektiv klar- und darzustellen, ist bisher nicht gelungen. Die höchste Aufgabe der natürlichen Wissenschaft ist doch wohl: Schöpfung zu verstehen. Geht sie hierauf ernstlich aus, so wird es ihr vielleicht auch einmal gelingen, die täglich sich wiederholende physische Schöpfung zu verstehen, das Wesen der organischen Fortpflanzung zu erkennen. Damit würde das höchste Problem aller Naturforschung gelöst sein. Subjektive und künstlerische Forschung. (Goethes Farbenlehre.) Goethes gesamte Farbenlehre ist auf den Gegensatz einerseits und das Zusammenwirken andrerseits von »Hell« und »Dunkel« gegründet: er leistet theoretisch das, was Rembrandt praktisch geleistet hat: eine harmonische Lösung dieses Kontrastes. Ihre beiden Geister treffen sich; und überschneiden sich; und da sie ein und dasselbe Problem – die Farbenmischung–in ganz verschiedener und doch ganz gleichartiger Weise behandeln, so kann man bildlich sagen: sie stehen um einen vollen rechten Winkel voneinander ab. Dieser stellt eine feste Ecke innerhalb des Baus einer subjektiven Weltauffassung dar. Die Herzensangelegenheit des alternden und auf der Höhe des Welturteils stehenden Dichters, seine subjektive Farbenlehre gegenüber der Newtonschen objektiven, stellt ihn in einen offenen Gegensatz zur heutigen Wissenschaft, und zwar auf deren eigenstem Gebiet. Es ist weder sachlich richtig noch entspricht es der Pietät, diese Ansicht des großen Weimarers als eine bloße Marotte von ihm zu behandeln; das Problem liegt weit tiefer; es handelt sich hier um prinzipielle Strömungen und Gegenströmungen. Die modernen Naturwissenschaftler urteilen über Goethe von ihrem Fach standpunkt aus vollkommen richtig; aber ihr Unrecht liegt darin, daß sie ihren Standpunkt höher schätzen als das allgemein Menschliche. »Goethes Farbenlehre ist längst gerichtet«, sagte Dubois-Reymond; auch Christus ist »längst gerichtet,« aber gerade dadurch lebt er! In dieser Sache war Goethe nicht ohne Grund so überaus hartnäckig; denn er kämpfte für seinen Standpunkt, für sein Leben, für die Wurzel seines gesamten geistigen Daseins. Als Künstler, der er durch und durch war, nahm er stets und überall das Recht der Subjektivität für sich in Anspruch; daß er sich dabei der Grenzen und der sich zuweilen ergebenden Grenzverschiebungen gegenüber einer rein objektiv aufgefaßten Wissenschaftslehre nicht bewußt war, ist weniger ihm als seiner Zeit und seiner besonders gearteten Bildung zuzuschreiben. Er fühlte und beobachtete richtig, aber er dachte und schloß zuweilen falsch. Wirklich ist nicht zu leugnen, daß es neben sowie gegenüber der objektiven Farbenlehre noch eine subjektive Farbenlehre geben kann, und daß Goethe diese in vielen Fällen richtig erkannt und gelehrt hat. Er formulierte nur seine Meinung falsch, indem er sie der Newtonschen als ein Entweder – Oder gegenüberstellte; beide können sehr gut nebeneinander bestehen; daß auch Goethes Gegner in dieser Sache letzteres nicht zugaben und nicht zugeben, darin besteht ihrerseits ihr Unrecht. Freilich ist es historisch und logisch erklärlich, vielleicht sogar notwendig, daß auch diesmal – wie innerhalb der deutschen Bildung überhaupt – das Pendel zunächst nach rechts und dann nach links schwankte, ehe es in der Mitte stehen bleibt. Naturgesetze und Geschichtsgesetze, ja alle Gesetze der Welt gehen sich parallel; wie jede Strömung, so vollzieht sich auch die des Lebens durch einen stetigen gleichmäßigen Schub der Kräfte und Massen; darauf beruht die Einheit der Welt. Jene beiden Farbenlehren laufen einander auch parallel, aber nach entgegengesetzter Richtung hin; sie bilden dadurch einen kleinen Wirbel im Strom des geistigen Daseins. Newton sah die Natur, Goethe hatte sie. Dies Verhältnis der beiden Männer zur Natur ist zugleich ein solches zum Volk; Goethe steht im Volk, Newton ihm gegenüber; wie der echte Künstler immer im Volke, der Gelehrte, auch wenn er echt ist, ihm gegenübersteht. Goethe blickte von der freien Natur, Newton dagegen vom Innern des Hauses aus auf das Fenster; kein Wunder, daß beide Verschiedenes sahen; und doch war es nur eine und dieselbe Glasscheibe, auf welche beide ihren Blick lichteten. Goethe selbst hat einmal hervorgehoben, ein wie großer Unterschied es sei, »ob man eine Kirche von außen oder von innen betrachte«; dieser Unterschied ist es, der im geistigen und religiösen Sinn überhaupt erst eine Kirche konstituiert: auch hier läuft, wie sonst öfters, die physische mit der geistigen Tatsache parallel. Goethe unterließ es, die Nutzanwendung dieser Wahrheit, in Sachen der Farbenlehre, auf sich selbst zu machen; er hätte sich dadurch manchen Arger ersparen können. Sicherlich hätte er in diesem Punkte nicht nachgeben können, ohne sich selbst und das Beste seiner Natur zu verraten; aber er brauchte auch gar nicht nachzugeben; und ebensowenig brauchten seine Gegner nachzugeben. Beide hätten nicht sagen sollen »entweder – oder«, sondern »je – nachdem«. Auf Goethes Seiten waren die Konklusionen, auf seiten seiner Gegner die Prämissen falsch – oder vielmehr unvollständig; der eine ignorierte teilweise den objektiv sinnlichen Tatbestand, die anderen ignorierten ganz den subjektiv geistigen Eindruck; jener sah die Welt und in diesem besonderen Fall die Farbenphänomene zentral, diese sahen sie peripher an. Beide vergaßen aber, daß ein richtiger Kreis sowohl eine Peripherie wie ein Zentrum hat. Grenzen sind dazu da, daß sie respektiert werden; und ganz besonders auf geistigem Gebiet. Es ist demnach richtig, wenn man den Horizont Goethes in dieser einen Frage als einen begrenzten oder beschränkten bezeichnet; denn der Mensch überschreitet seine Grenzen nur, wenn und soweit er sie nicht kennt; und je enger sie sind, desto weniger kennt er sie. Das ist sein Verhängnis. Diesem Verhängnis sind die Gegner Goethes noch weniger entgangen als er; eben weil ihr geistiger Horizont, im allgemeinen, so unendlich viel enger war als der seinige: Goethe schoß etwas übers Ziel hinaus und sie blieben sehr weit hinter diesem zurück. Das Ziel aber ist die einheitliche, gerechte, objektiv-subjektive Auffassung der Natur. Auch die Sonne hat Flecken, und auch durch die Nacht schimmern oft viele Lichter; aber darum ist die Sonne doch stets heller als die Nacht. Ja ein neuerer Naturforscher hat die Hypothese aufgestellt, daß eben die Flecken der Sonne uns nur dadurch als solche erscheinen, daß sie Lichtschwingungen von einer ganz außerordentlichen und deshalb dem menschlichen Auge als Finsternis erscheinenden Höhe enthalten; daß sie den Durchblick auf den inneren, in unendlich hohen Temperaturgraden glühenden Kern der Sonne darstellen; während das, was wir Sonne nennen, eigentlich nur deren äußere, schwache Photosphäre ist. Vielleicht sind auch die Sonnenflecken Goethes von solcher Art. Doch mag diese Frage unentschieden bleiben: ist sie doch auch für die Sonne selbst noch nicht entschieden. Von den tieferen Bezügen der Natur ist noch wenig bekannt; des Forschens ist kein Ende; aber »das Unerforschliche ruhig zu verehren« , ist nach Goethe selbst die höchste Aufgabe des Menschen. Die wissenschaftliche Objektivität kann, wenn sie ihren Vorteil recht versteht, gerade auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Subjektivität noch die weitgehendsten Eroberungen machen. So ist, um ein Beispiel zu geben, die objektive Akustik von Helmholtz mit glänzendem Erfolge behandelt worden; mit der subjektiven Akustik beschäftigt sich fast niemand. Immerhin besaßen bereits die Griechen eine bedeutende, jetzt leider für uns verlorene Kenntnis von dieser; sie wußten, daß und wie durch die Forderungen der Akustik die künstlerische Form eines Gebäudes und diese durch jene beeinflußt wurde. Wie die subjektive Farbenlehre die Eindrücke des Auges, soll die subjektive Tonlehre die Eindrücke des Ohrs zusammenfassen, erläutern, anwenden. Zwischen diesen beiden einander polar entgegengesetzten Gebieten der Sinnestätigkeit – zwischen Auge und Ohr, Farbe und Form – bewegt sich noch eine Welt von Sinneseindrücken, welche erst teilweise bekannt ist und mehr als einem wissenschaftlichen Kolumbus zu tun geben könnte. Spezielle Fragen zu universalisieren und universelle Fragen zu spezialisieren, darauf wird es zunächst ankommen. Es ließe sich wohl eine Ästhetik des Schmetterlingsfluges denken; und möglicherweise würde man, wenn man die Schönheitslehre so in einem einzelnen Falle individualisiert, spezialisiert, isoliert, weiter kommen, als wenn man sie wie gewöhnlich ex abstracto behandelt: es wäre angewandte Ästhetik. Die Methode des Kopernikus, den gewohnten Standpunkt umzukehren, würde sich vielleicht auch hier bewähren; es könnte sein, daß sich die Gesetze des Planetenumlaufes in den Farbenschattierungen des Insektenflügels und diese in jenen wiederfänden. Derartige geistige Verbindungslinien nicht etwa spielend, sondern real denkend zu ziehen und sie danach zum geschlossenen Bilde zu vereinigen, ist eine der lohnendsten Tätigkeiten, welche dem Forscher überhaupt beschieden sein kann. Es ist eine makroskopische Tätigkeit. Natur, Geist, Leben bilden und bewegen sich stets in Übergängen. Diese pflegen nun zwar, wie sich auch bei Goethes Farbenlehre gezeigt hat, dem flachen Verstand und der niederen Kritik recht unbequem zu sein; aber man darf sie darum nicht in ihrem Werte herabsetzen. Jedenfalls kann man den deutschen Dichterfürsten selbst als einen Vertreter des Übergangs von der Kunst zur Wissenschaft hin, in seinen Naturstudien überhaupt, und von der Wissenschaft zur Kunst wiederum weg, in seinen Farbenstudien insbesondere, ansehen. Er offenbart hier einen mystischen Zug, der ihm als Künstler nicht übel steht, aber auch den heutigen Forscher, wenn und soweit er künstlerisch denken will, gut kleiden wird. Ja noch mehr als das; jene Geistesrichtung wird ihm, verständnisvoll gehandhabt, von hohem positivem Nutzen sein. Denn der Mantel der Philosophie sieht nicht nur stattlich aus, er wärmt auch gut. Je subjektiver und persönlicher eine Geistestätigkeit ist, desto mehr wird sie sich der Kunst zuneigen. Auch die eigentliche Kunst kraft im Menschen, d. h. die Art und Fähigkeit seiner künstlerisch produktiven Kräfte harrt noch ihrer genaueren Untersuchung und wissenschaftlichen Ausbeutung; außer einigen gelegentlichen Äußerungen großer Künstler, so Rafaels, Mozarts und Otto Ludwigs über die Art ihrer schaffenden Tätigkeit, ist hierüber so gut wie nichts bekannt. Daß gewisse Vertreter der »objektiven« Wissenschaften sowohl Beethoven wie Wagner allen Ernstes für wahnsinnig erklärt haben, beweist nur, wie sehr solche Forscher unter Umständen die Grenzen ihres Machtbereiches verkennen konnten. Und doch eröffnet sich gerade hier ein hochwichtiges Feld der wissenschaftlichen Forschung, auf welchem man, im Bunde mit Kunstgeschichte und Völkerpsychologie, zu den bedeutendsten geistigen Ergebnissen gelangen könnte. Eine solche »Lehre vom Kunstschaffen« wäre demnach den subjektiven Wissenschaften zuzuzählen, so noch manche andere; in ihnen allen würde Genialität und Kongenialität eine große Rolle spielen. Was sie alle verbindet, ist der mehr oder minder künstlerische Zug, der sie erfüllt; sie stehen gewissermaßen auf dem äußersten linken Flügel der Wissenschaft, auf demjenigen, welcher zur Kunst hinüberführt. Vermutlich wird in der kommenden Zeit die subjektive, lebendige, schöpferische, künstlerische Seite der Wissenschaft mehr als jetzt betont werden. Wissenschaft und Menschentum. Nichts braucht die Wissenschaft notwendiger, als Begeisterung und selbständiges Denken; und nichts vermeidet sie heutzutage sorgfältiger als diese zwei Dinge. Manche Gelehrte gehen wohl mit Begeisterung an ihre Arbeit; aber innerhalb ihrer Arbeit halten sie dieselbe für durchaus unzulässig; dieser Zwiespalt zwischen dem Menschen und dem Gelehrten ist die Erbsünde der heutigen Wissenschaft. Sie tritt überaus charakteristisch, und als Deutscher muß man sagen, fast beschämend, zutage in dem Verhalten zweier größter Spezialisten von heute: Ranke und Helmholtz, dort gegenüber dem Christentum, hier gegenüber Goethe. Wie Ranke in seiner Weltgeschichte zur Besprechung des Christentums kommt, sagt er: er werde von dessen eigentlich innerer Bedeutung absehen und nur von der »großen Kombination der welthistorischen Momente, in welchen es erschienen ist«, reden; also das religiöse Innenleben, einer der wichtigsten und entscheidendsten Faktoren aller Weltgeschichte, gehört nach ihm nicht in deren Bereich. Er will die Entwickelung des Menschheitslebens schildern, aber deren innersten Kern nur ganz äußerlicherweise berücksichtigen. Um höheren Anforderungen oder etwaigen Konflikten zu entgehen, zieht er sich in den Bereich seines Spezialistentums zurück. Das ist mehr vorsichtig als tief. Ähnlich Helmholtz; er sagt von Goethes Farbenlehre: sie sei »physikalisch genommen sinnlos«, und meint: Goethe habe »eine ganz andere Betrachtungsweise als die physikalische in der Naturforschung einführen wollen«; ob die erstere berechtigt oder gar notwendig sein könne, erörtert er nicht. Das ist mehr bequem als gründlich. Noch achtzig Jahre nach Kopernikus bestritt selbst ein Bacon aufs lebhafteste dessen Theorie; man darf sich daher nicht wundern, daß fünfzig Jahre nach Goethe selbst ein Helmholtz noch dessen farbenwissenschaftliche Entdeckungen bestreitet. Jedes Jahrhundert hat seine Fehler; es ist in einigen Punkten farbenblind; das jetzige soll nur ja nicht glauben, eine Ausnahme zu machen. Helmholtz hat offenbar die Absicht, gegen Goethe gerecht zu sein; aber er urteilt als Spezialist und ein solcher als solcher kann nie gerecht sein; denn er vermag, auf geistigem Gebiet, nicht Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Auf die richtige Beobachtung des universellen Physikers: daß ein getrübtes Licht unter gewissen Verhältnissen den Charakter von »etwas Körperlichem, Schattigem« annehme, fragt der spezielle Physiker naiv genug: »Sollen sich etwa körperliche Teile dem Lichte zumischen und mit ihm davonfliegen?« Und doch liegt es auf der Hand, daß Goethe nur meint: die Farben machten in einem solchen Fall den Eindruck von etwas Körperlichem. Die Wissenschaft der Erscheinungen steht hier der Wissenschaft der Eindrücke verständnislos und wenn man will »sinnlos« gegenüber. Die Streitfrage ist in dem vorliegenden Falle einfach die: ob der ganze Mensch oder allein sein Verstand das berechtigte Forum ist, vor welchem die Natur zu erscheinen hat; wer selbst ein ganzer Mensch ist, wird sich für das erstere Forum entscheiden. Goethe hat es getan; seine Naturforschung ist zugleich Weltforschung; die heutige Naturforschung ist dies nur teilweise. Gerade auf den Unterschied zwischen Natur und Welt kommt es hier an. Forschen und Denken. Das Rad der Zeit läßt sich freilich nicht zurückdrehen; das Spezialistentum von heute kann nicht oder doch nicht ohne weiteres aufgegeben werden. Aber um so wichtiger ist es und um so mehr ist es zu betonen: daß jeder einzelne daneben auch seinem bessern Selbst, dem Menschentume gerecht werden soll. So machte es, in seinem Fach, ein Rembrandt. Er war nicht Landschaftsmaler, nicht Bildnismaler, nicht Historienmaler, nicht Architekturmaler; er war ein ganzer Maler und ein ganzer Mann. Den unendlichen Wert eines lebendigen Menschen kann man an und in dieser unscheinbaren und doch strahlenden, dunklen und doch hellen Gestalt kennen lernen. Dem demokratischen Spezialistentum von heute muß ein aristokratisches Menschentum von künftig sich zugesellen – in der Lebenssphäre jedes einzelnen Deutschen. Wie die physische, so besteht auch die geistige Verdauung aus Endosmose und Exosmose. Man könnte freilich fragen, wie sich eine solch wissenschaftlich-geistige Doppeltätigkeit praktisch gestalten solle; z. B. eben innerhalb der Medizin; wie hat sich der einzelne hier zu dem heutigen Spezialismus zu stellen? Darauf ist folgendes zu erwidern. Die Kunst des Nichtwissens und Nichtwissenwollens muß gelernt, geübt, geschätzt werden; doch nicht im Sinne jenes übelberufenen ignorabimus auf dem Gebiet des organischen, sondern gerade umgekehrt auf dem Gebiet des mechanischen Weltlebens. Man muß über die Forderung Goethes »das Unerforschliche ruhig zu verehren« noch hinausgehen; man muß auch manches und vieles Erforschliche unerforscht lassen; und es ist nicht schwer zu sagen, bis zu welchem Grade dies der Fall sein soll. Das mechanische wie organische, das spezialistische wie menschliche Geistesleben sollen im einzelnen wissenschaftlich tätigen Menschen sich völlig die Wage halten. Was oben von der Kunst gesagt wurde: »von Rechts wegen darf der Künstler nur soviel Naturstudium in sein Werk legen, als er ihm an Ideengehalt ausgleichend gegenüberzusetzen hat«, gilt ebensosehr von der Wissenschaft. Der einzelne Mensch hat kein Recht, weiter zu forschen als er denken kann. Die Grenze der ersteren Tätigkeit wird durch die der letzteren bestimmt, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft der letzten Jahrzehnte, man vergleiche u. a. Darwin, hat schon weit mehr geforscht als sie denken konnte; es ist jetzt ein starkes plus von Forschung da; dieses muß nun zunächst durch ein starkes plus von Denken wettgemacht werden. Dem einzelnen Spezialisten kann man gegenwärtig nur raten, vorläufig dem Forschen zu entsagen und sich aufs Denken zu verlegen: bis in ihm, und der Wissenschaft überhaupt, sich wieder das notwendige Gleichgewicht zwischen beiden Geistesdisziplinen hergestellt hat. Ist letzteres geschehen, so wird die dringendste Sorge der Wissenschaft wie des einzelnen sein müssen: sich dies Palladium dauernd zu erhalten. Die falsche Wissenschaft strebt nach geistigem Fortschritt allein; die echte Wissenschaft strebt gleichzeitig nach geistigem Fortschritt und geistiger Abrundung: der Spezialist von heute hat sich dieser letzteren Richtung zuzuwenden, wenn er gesunden will. Freilich bedeutet das einen Bruch mit seiner gesamten Vergangenheit, sowie mit der gesamten sogenannten modernen und jetzt wahrscheinlich bald veralteten Geistesrichtung; ohne diesen Bruch ist aber eine Besserung unmöglich. Wer nicht – unter Umständen – zu brechen versteht, ist nicht nur kein Mensch, sondern auch kein Mann. Dies ist die unsittliche Seite des heutigen Spezialistentums. Es fehlt ihm an Ehrlichkeit; es kann nur ehrlicher werden zunächst durch Selbstvernichtung und dann durch Selbstbescheidung. Nur so wird aus einem Spezialisten ein Mensch. Der chemischen wie der künstlerischen Bildung geht Zersetzung voraus: der Marmorblock muß zersetzt werden, damit die Statue entstehen kann; so hat auch der Spezialismus sein Recht, zu sein und – zugrunde zu gehen. Ausblick. Es zeigt sich deutlich, daß nicht nur speziell, sondern auch prinzipiell die Bestrebungen der heutigen Wissenschaft noch in hohem Maße einer bedeutenden Erweiterung und Berichtigung fähig sind. Die heutige Wissenschaft, welche so gern rückwärts und erdwärts blickt, sollte endlich wieder anfangen, vorwärts und aufwärts zu blicken. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß es wirklich dazu kommt. Selbst gewisse Verirrungen im geistigen Leben der Gegenwart sind für dessen fernere Entwicklung eben nach der angegebenen Richtung hin, überaus bezeichnend; so der Spiritismus. Vielleicht dauert es gar nicht lange, bis unsere Zeit des Materialismus sich in eine solche zwar nicht des Spiritismus, aber doch des Spiritualismus verwandelt. Sie hat im ganzen eine auffallende Ähnlichkeit mit der römischen Kaiserzeit; auch auf diese Orgie des Materialismus und der Trivialität folgte einst ein spiritualistisches Erwachen: die Wendung zum Christentum. Auch damals trieb man Spiritismus; auch damals gingen die Geister dem Geiste voraus; vielleicht ist es in gleicher Weise auch unserer Epoche beschieden, noch einmal wieder aufzuatmen. Man hat gemeint, daß Zahl und Maß die Welt regieren, oder daß Geld die Welt regiert; aber beides ist nicht wahr; denn der Geist regiert die Welt . Vor diesem wirklichen Regenten müssen die Pseudoregenten weichen. Daß und wie Statistik irreführen kann, wird jetzt allgemein zugegeben; Zahlen beweisen – nichts, wenn es sich um Individualität handelt; sie bieten in diesem Fall Voraussetzungen, nicht Ergebnisse. Der Aberglaube wechselt: früher hatte er sich mehr das Gemüt zum Spielplatz erkoren; jetzt treibt er im Verstand sein Wesen. Und der Aberglaube an Zahlen ist keiner der geringsten. Man »hat« freilich den Schmetterling, wenn er gespießt und den Menschen, wenn er gekreuzigt ist; aber sein Leben hat man nicht. Dieser Unterschied kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden; der Gelehrte wie der Laie sollte ihn nie vergessen. Den wissenschaftlichen Autoritäten darf demnach nicht zu viel vertraut werden; ihr Ruhm ist oft groß; aber er hält nicht immer dauernd stand; oft nicht einmal vor dem Urteil der eigenen Nachfolger. Als die erste deutsche Eisenbahn gebaut werden sollte, gab die medizinische Fakultät zu Erlangen ein offizielles Gutachten dahin ab. daß die eventuellen Passagiere einer solchen Eisenbahn infolge der schnellen Fortbewegung sämtlich unheilbaren Gehirnkrankheiten verfallen würden. Mit dem Hypnotismus findet man sich heutzutage nicht viel besser ab. Wenige rühmliche Ausnahmen abgerechnet, gehen die jetzigen Professoren seinen Tatsachen aus dem Wege; sie ignorieren sie, weil sie sie nicht zu erklären vermögen; das ist unwissenschaftlich und unsittlich. Der wissenschaftliche Philister ähnelt hierin dem Philister überhaupt. Der Entdecker in großem Stile, welcher sie zu Achsenverschiebungen in ihrem Denken nötigt, ist ihnen ein Friedensstörer: sie hassen und bekämpfen ihn; und er wird oft gut daran tun, sie seinerseits zu bekämpfen. »Wer hat über Reformatoren mehr geschrien als der Haufe der Brotgelehrten? Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reiche des Wissens mehr auf als sie?« fragte Schiller. Eindruckswissenschaft und Hypnotismus, Tektonik der Natur und Geographie könnten die heutige dürre Wissenschaft befruchten; um so bezeichnender ist das Verhalten der Fachwissenschaft diesen Geistesfaktoren gegenüber. Jene selbst aber wechselt und wandelt. Der Apoll von Belvedere, auf den man vor hundert Jahren schwor, wird von den einschlägigen Fachgelehrten nunmehr über die Achsel angesehen; er ist für sie eine Mode von gestern. Der Holbeinschen Madonna, auf die man jetzt schwört, wird es nach hundert Jahren gerade so gehen; und doch sind beide vortreffliche Kunstwerke. Sie sind nicht von gestern noch von heute, sondern von ewigem Schönheitswert. Vergänglich sind nur die wissenschaftlichen Moden. Ein tektonischer Aufbau der Naturwissenschaft, eine ethische Auffassung der Geschichtschreibung, eine nationale Handhabung der Kritik, eine subjektive Ausgestaltung des Wissens vom Menschen und eine philosophische Verwertung des Wissens von der Welt – alle diese Faktoren müssen zusammenwirken, um der deutschen Wissenschaft ein neues Gesicht zu geben; um sie mehr zu individualisieren. Dann wird sie sich der Kunst nähern, ohne irgend etwas von ihrem bisherigen Werte einzubüßen. Das dadurch gewonnene und gegen früher bedeutend bereicherte Weltbild hat alsdann jeder Philosophierende, nach seiner besonderen Persönlichkeit, weiterhin auszugestalten und zu vertiefen. Die Folge einer Befruchtung der Wissenschaft durch einen solchen im höchsten Sinne subjektiven – und wenn man auch hier an ein bestimmtes Subjekt anknüpfen will, Rembrandtschen – Geist wird sein, daß sie dem Kerzen der Welt einerseits und dem Kerzen des eigenen Volkes andererseits näher rückt als bisher. Und damit ist viel erreicht; damit ist das tote Wissen zu lebendigem Schauen geworden: die Wissenschaft hat wieder einen Halt gewonnen, indem sie zur Philosophie zurückgekehrt ist. III. Deutsche Politik. Staaten- und Kunstentwickelung. Der Mensch ist heute noch so sehr und vielleicht mehr wie je ein »politisches Tier« – ein animal politicum, nach Aristoteles –; von dieser Eigenschaft werden alle seine geistigen Bestrebungen beeinflußt; und beeinflussen sie wieder. Die heutigen deutschen Verhältnisse bedürfen also vor allem einer Vertiefung und Erweiterung nach dieser Richtung hin. Der geistigen Neugeburt unseres Vaterlandes, wenn es zu einer solchen kommen soll, muß dessen politische Neugeburt vorausgehen. Äußerlich hat diese zwar um 1870 stattgefunden; innerlich bleibt sie noch zu fordern. Die deutsche Reichsverfassung unter dem neuen Kaisertum trug den tieferen Bedürfnissen des deutschen Volkstumes nicht in allen Stücken Rechnung; und die Art, wie sie von gewissen Parteien ausgenutzt ward, noch weniger; hier tut eine innere Wandlung not. Wie der Künstler ein Sohn seines Volkes, so ist die Kunst eine Tochter der jeweiligen geschichtlichen Konstellation. Es ist durchaus kein Zufall, daß Michelangelo und Tizian, Shakespeare und Bacon, Goethe und Beethoven gleichzeitig lebten und schufen; daß oft eine ganze Saat von großen Männern periodenweise in der Geschichte miteinander aufwächst: Keime zu großen Leistungen sind in der geistigen gerade wie in der physischen Natur stets und überall vorhanden. Es bedarf der günstigen Umstände und der helfenden Menschenhand, um beide zu wecken; gewisse Zeitverhältnisse lassen Genies aufsprießen, wie der Regen die Steppe ergrünen läßt. Es mag, außer dem einen, noch Shakespeares genug gegeben haben; aber nur in England, wo die Bedingungen günstig lagen, kam jener zur Entfaltung. Man lasse ihn, ganz so wie er war, in Frankreich geboren werden und er würde nie seine Tragödien noch Schauspiele geschrieben haben. Das Kunstwerk ist ein Erzeugnis verschiedener zusammenwirkender Kräfte: des Menschen, des Volkstums, der Zeitverhältnisse; sind diese drei Faktoren gleichzeitig und gemeinsam tätig, so entsteht das Große. Die politischen und sozialen Verbindungen sind alle für die eigentliche künstlerische Arbeit ebenso wichtig, als die letztere selbst; das galt zu allen Zeiten; und es gilt nicht zum wenigsten für das jetzige Deutschland. Die Persönlichkeit Rembrandts, wie sie uns geschichtlich überliefert ist, bestätigt dies nach vorwärts wie nach rückwärts, für die Vergangenheit wie für die Zukunft. »Eine holländische Kunst im eigentlichen Sinne tritt erst auf nach der Begründung des holländischen Staatenbundes«, sagt der augenblicklich beste deutsche Kenner der ersteren, Bode, und belegt dadurch wieder einmal, wie abhängig die geistige Entwickelung von der staatlichen Entwickelung ist. Die besonnene Naturforschung hat längst eingesehen, daß unter heutigen kosmischen Verhältnissen eine generatio aequivoca unmöglich ist; auch in einem anscheinend luft- und stoffleeren Raume unserer gegenwärtigen Welt befinden sich stets Keime des Lebens, welche ihrer Entfaltung harren; ebenso finden sich in demjenigen leer erscheinenden Raume der Geschichte, welchen Holland vor der Zeit seiner Befreiungskriege darstellt, alle Bedingungen zu einer höchsten geistigen Zeugung vereint vor. Sie sind nur latent. Es erhellt hieraus, wie außerordentlich wichtig es ist, sie zu kennen, zu benutzen und möglichst zu steigern. Ehe Karl August in Weimar regierte, war dieses nicht viel mehr als ein Schöppenstedt; man kann aus jedem Schöppenstedt ein Weimar machen, sei es in literarischer, künstlerischer oder sonstiger Beziehung: es kommt nur auf die Menschen an, von und mit denen es gemacht wird. Die holländische Kunst wurde, wie vor ihr das englische Schauspiel, scheinbar aber nichts weniger als wirklich aus dem Nichts geboren; und beide verdanken gerade dieser ihrer dunklen Herkunft den hellen Glanz, welcher sie umschimmert; sie sind den Leistungen früherer höchster Kulturepochen ebenbürtig nicht trotzdem, sondern gerade weil sie sich von jenen in der Art des Schaffens kaum beeinflussen ließen. In Rembrandt gipfelt diese Art von Entwickelung; er besitzt im höchsten Grade das, was man Rasse nennt; sein individueller Charakter ist so stark entwickelt, daß er zum gattungsmäßigen Charakter wird. Eine solche Kunst und ein solcher Künstler können nur da gedeihen, wo politische und menschliche Selbständigkeit zu ihrer vollen und freien Entfaltung gelangt sind. »Hier wurde die Schlacht von Waterloo geschlagen«, sagte Wellington, als er den Spielplatz von Eton besuchte; und in diesem Sinne möchte man sagen, daß Wilhelm von Oranien die Bilder Rembrandts gemalt habe. Letzterer ist eben ein Holländer vom Scheitel bis zur Sohle; Beharren beim Gegebenen, verbunden mit mächtigem Freiheitsdrang, charakterisieren ihn in erster Linie. Was er war, wurde er durch seine niederdeutsche und holländische Persönlichkeit. In ihm treffen sich die verschiedenen Richtungen des Volkscharakters, dem er seinem Stamme nach angehörte; von ihm können sie demgemäß auch wieder ausgehen; jeder große Mann stellt den Endpunkt einer alten und den Anfangspunkt einer neuen Zeit dar. Und hierin liegt die Lehre – die volkserziehliche Lehre – welche ein Rembrandt, von der besonderen Art seiner künstlerischen und geistigen Leistungen ganz abgesehen, den heutigen Deutschen auf nationalem wie politischem Gebiet geben kann. Wer die deutsche Kunst heben will, muß deshalb zuerst das deutsche Volkstum heben. Die Hebung des deutschen Volkscharakters kann aber nur in dessen Vertiefung bestehen; und diese muß zunächst eine politische sein. Keine Frucht ohne Blüte. Da Rembrandt nicht nur Holländer, sondern als solcher zugleich Niederdeutscher und Deutscher ist, so kehrt auch hier der Deutsche nur zu sich selbst zurück; wenn er zu Rembrandt zurückkehrt; er vollzieht eine Reform, zu deutsch Rückbildung. Die beiden Pole des niederdeutschen Charakters, Festigkeit und Freiheit, haben hiebei als Richtpunkte zu dienen. Das deutsche Volk muß seine inneren politischen und nationalen Verhältnisse erweitern, indem es sie teils festigt, teils lockert; denn nur in dem gleichzeitigen Zusammenwirken dieser beiden Tätigkeiten besteht alles Wachstum. Und nur dasjenige Volk lebt, welches wächst. Kämpfen und Schaffen. Der eiförmige Schädel Shakespeares gebar einst eine Welt; das Adlerprofil Moltkes muß darauf gerichtet sein, sie zu schützen. Denn Individualität will gegen die Welt verteidigt sein, eben weil sie selbst eine Welt in sich ist; dadurch gesellt sich zu der ursprünglich künstlerischen eine ursprünglich kriegerische Anlage des Deutschen; sie hat sich von der Völkerwanderung bis zur Landsknechtszeit und von dieser bis zur Gegenwart bewährt. »Die Deutschen sind ein freisam rachgierig, in den Kriegen gleich ein unüberwindlich und sieghaft Volk, das allen Völkern ein Schrecken ist, dem auch kein Abenteuer und Mutwill zuviel ist, das alle Spiele wagt«, sagt der erwähnte Sebastian Frank in seiner Weltchronik. Je individueller ein Volksgeist, desto tapferer und ehrliebender ist er; je abstrakter er sich entwickelt, desto weniger ist er geneigt und befähigt, seinen Platz auf dieser Erde zu behaupten oder zu erweitern. Einst ging der Dichter mit dem Denker Hand in Hand; jetzt steht dem Krieger der Künstler gegenüber, wiewohl nicht entgegen. Scheinbar feindselige Pole durchdringen sich hier, wie sonst, zu gegenseitiger Stärkung. Was Schiller von dem Soldaten gesagt hat: »Auf sich selber steht er da ganz allein«, das gilt auch vom Künstler; das volle Einsetzen der eigenen Persönlichkeit erfordert in beiden Fällen einen hohen sittlichen Mut; und sittliche Unterordnung muß zu diesen in beiden Fällen hinzukommen: dort unter die Gebote des Kriegsherrn, hier unter die der Volksseele. Auch die Griechen waren, gleich den Deutschen, als Krieger und Landsknechte berühmt, ehe sie als Künstler berühmt wurden; auch bei ihnen ging der künstlerischen die politische Befreiungstat voraus. »Selbst ist der Mann«, lautet die Losung des Kriegers wie des Künstlers; jener betätigt den Spruch nach außen, dieser nach innen; sie gehen im Grunde den gleichen Weg. Man kann den jetzigen Deutschen mit dem tempelbauenden Juden vergleichen, der in der einen Hand die Kelle, in der andern die Lanze zu führen genötigt war. Was der Künstler schafft, ist wohl wert, daß es der Krieger verteidigt; und was der Krieger vollführt, ist wohl wert, daß es der Künstler darstelle. Die Erziehung des deutschen Volkes durch Rembrandt, welche hauptsächlich eine künstlerische ist, steht keineswegs in Widerspruch mit seiner kriegerischen Entwickelungsperiode; vielmehr ergänzen sich beide notwendig. Nach und neben Griechenland gibt es kein Land der Welt, das auf verhältnismäßig kleinem Bezirk eine solche Menge von zugleich kriegs- und kunstberühmtem Ortsnamen aufzuweisen hätte, wie Holland; der mit Blut gedüngte Boden trug hier wahrhaft goldene Früchte. Zweitausend Bürger Haarlems wurden einst auf einmal von den Spaniern hingerichtet: aber ein Ruisdael erwuchs dort später; sechstausend Bürger von Leyden kamen bei seiner Belagerung um: aber aus den Übriggebliebenen entsprang ein Rembrandt. Die harten holländischen Bauernköpfe fielen in Masse vor den Streichen ihrer kriegserfahrenen Gegner; doch blieben deren genug übrig, um auch innerhalb des Kunstgebietes ihren eigenen Weg zu gehen und es dort zur höchsten Blüte zu bringen. Die Deutschen scheinen bestimmt, sich gleichartig zu entwickeln. Das mit Myrthen umwundene Schwert könnte, wie einst bei den Athenern, so auch ihnen jetzt das nationale Symbol werden. Harmodios und Aristogeiton, welche jenes Schwert führten, waren innerlich wie äußerlich die Vertreter eines freien und derben Bauerntums; die erhaltene lebensgroße Porträtgruppe, welche ihre dankbaren Landsleute ihnen setzten, zeigt sie noch heute ihrer äußeren Erscheinung nach als solche. Die griechische Idealität war nie »ästhetisch«, sondern stets von volkstümlicher Art; so sollte auch die deutsche Idealität von heute sich zeigen. Das erwähnte kriegerische Doppelstandbild von Athen ist daher dem bekannten künstlerischen von Weimar nach seiner sittlichen, menschlichen, geistigen Bedeutung ebenbürtig oder gar vorzuziehen. Langsam ist heute eine gesunde, tatkräftige Prosa an die Stelle einer erdabgewandten und zielunbewußten Weltanschauung gerückt; und diese gehört nur noch der Geschichte an. Besonders bemerkenswert erscheint die Rolle, welche zwei während der letztvergangenen hundert Jahre ausschlaggebende Faktoren des deutschen geistigen Lebens bei jenem Übergang spielen: Musik und Wissenschaft, die Musenkunst im eigentlichen und übertragenen Sinne. Die Zeit des deutschen Dichtens klingt in der großen Musikperiode des achtzehnten, die Zeit des deutschen Denkens in der großen, wenn auch schließlich einseitig gewordenen Wissenschaftsperiode des neunzehnten Jahrhunderts aus. Wie jene, mit ihrer sinnlichen Wirkung, dem Triumph der bildenden Kunst vorarbeitet; so liefert diese, mit ihrer exakten Forschung, das Material für den heutigen politischen und sozialen Kampf. Es braucht nur an die materiellen Erfolge der Naturwissenschaft einerseits, an die Bestrebungen Richard Wagners andererseits erinnert zu werden; jene leiden an völligem Mangel, diese an einigem Überfluß von idealem Schwung; beide charakterisieren sich dadurch als Zersetzungsprodukte. Aber freilich jene nach der negativen, diese nach der positiven Seite hin; jene wirkt mehr zerstörend, diese mehr aufbauend. So reiht sich ein Glied der Kette ans andere; gerade deshalb ist zu vermuten und diese Vermutung wird durch die heutige Sachlage bestätigt: daß jene zwei Bindeglieder an ihrer bisherigen Bedeutung verlieren werden, sowie der neue Geist der Zeit seine Herrschaft angetreten hat. Die Musik, welche dem fühlenden Herzen entspringt, und die Wissenschaft, welche das scharfe Auge der Kritik walten läßt, sind nur Vermittelungsstufen für das Zeitalter der kämpfenden und schaffenden Hand , welches dem Deutschen bevorsteht ... nachdem er das Zeitalter des Dichtens und Denkens, welches bisher seinen erfindungsreichen Kopf beschäftigte, mehr hinter sich gelassen hat. Die Dichtung des Worts macht der Dichtung der Tatsachen Platz, welche oft ergreifender und erfinderischer ist als jene. Die Entwickelungen und Notwendigkeiten der Geschichte reflektieren sich auf den Spiegel der Volksphantasie; aber in dem dieser eigenen gedämpften Lichte. Ein tiefer Sinn liegt oft im kind'schen Spiele – der Mythologie und zugleich im männlichen Ernste – der Geschichte eines Volkes. Hier wie im Lebenslauf des einzelnen Menschen, macht sich oft eine schöne Wechselseitigkeit der Beziehungen geltend; die Poesie ist oft genug prophetisch; mit den Taten seines Alters löst ein rechter Mensch sowie ein rechtes Volk die Träume seiner Jugend ein. Ares und Hephaistos, der Gott des Krieges und der der Kunst, waren bei den Griechen bezeichnenderweise die Söhne des höchsten Götterpaares; und beide jene Geistesrichtungen finden sich, veredelt und gesteigert, in der eingeborenen Lieblingstochter des Zeus, in Athene vereinigt. Nachdem Athen die Freiheit Griechenlands erstritten, gab es ihm die höchste Geistesblüte; seine zwei hauptsächlichsten Charaktereigenschaften hatte es selbst in und zu der Gestalt seiner genannten Stadtgöttin verdichtet: Tapferkeit und Schöpfungskraft . Athen hält, was Athene verspricht. Möchten auch die Deutschen stets gleichmäßig diese beiden führenden Eigenschaften bewähren; möchten auch sie die Träume ihrer Kindheit durch die Taten ihres Mannesalters betätigen; möchten auch sie halten, was Brunhild verspricht! Brunhild, die kriegerische Maid, ist in der deutschen Sage halb Walküre, halb Holländerin; sie trägt nicht nur den Goldhelm, sondern auch den Eisenpanzer; ihr Name selbst – ahd. brünne, Panzer – spricht es aus. In ihrer äußeren Erscheinung gleicht sie der griechischen Kriegs- und Kunstgöttin Athene; sie erscheint dadurch Rembrandt wie dem Griechengeist gleich sehr verwandt; und man könnte sie wohl als Bannerträgerin der streitbaren deutschen Kunst ansehen. ›Krieg und Kunst‹ ist eine griechische, eine deutsche, eine arische Losung; sie findet ihre schönste Verkörperung in dem Epos, der spezifisch arischen Dichtweise; und Homers Ilias ist ihr frühester Ausdruck. Auch in späteren Zeiten taucht sie gerade an entscheidenden Punkten wieder auf. Luther hat seiner besten Natur einen auch im engeren Sinne des Worts künstlerischen Ausdruck verliehen durch das Streitlied »Ein' feste Burg ist unser Gott«. In jedem deutschen Hause, das an Luthers Gläubigkeit teil hat, ist diese Doppelrichtung seines wie des deutschen Geistes noch heute ganz wirklich und handgreiflich anzutreffen: der Kampf mit der Welt und die Erhebung zu Gott, Bibel und Gesangbuch. Ähnlich verhält es sich in der darstellenden Kunst. Die holländische Bezeichnung für Theater – Schauburg – faßt jene beiden Geistestätigkeiten in zwei Silben und ein Wort zusammen. Das Globetheater, in welchem Shakespeare spielte, war in Form einer Festungsbastion erbaut; es weicht ebenso sehr von aller herkömmlichen Architektur, wie Shakespeare von aller herkömmlichen Dichtung ab; es stellt, freilich unbewußterweise, eine ganz augenfällige Verkörperung des »Ein' feste Burg ist unser Gott« dar. Eben derselbe Eindruck kehrt zwar nicht in Wirklichkeit, aber doch im Bilde bei Goethe wieder; er spricht gelegentlich davon: »in welcher unzugänglichen Burg der Mensch wohnt, dem es nur immer Ernst um sich und die Sachen ist«; und verkündet damit »den Gott in seiner Brust«. Die »feste Burg« hat Luther poetisch, Goethe prosaisch und Shakespeare sogar sinnlich formuliert. W. von Eschenbach hat sie schon in seiner »Burg des Graal« geschildert; Wagner, in seinem letzten und abschließenden Kunstwerk, hat diesen Gedanken wieder aufgenommen: Beweis genug, daß hier der eigentliche Kernpunkt des deutschen Wesens liegt. Der Deutsche streitet und singt. Und am schönsten ist es, wenn diese Doppeltätigkeit des deutschen Geistes sich ganz wörtlich offenbart, wie einst in Theodor Körner, welcher den Bund von Leier und Schwert mit seinem Blute besiegelte. Das ist ein herzerfreuendes Beispiel deutscher Kriegs- und Kunsttüchtigkeit. Von dem Barditus der alten Germanen und den Minneliedern der Ritterzeit bis zu Luthers Hochgesang und der Wacht am Rhein ist die deutsche Volksseele stets auf den gleichen Ton gestimmt gewesen. Es ist derjenige Ton, auf den Goethe wiederum ebenso kurz wie treffend und schön hingewiesen hat: Nicht die Leier nur hat Saiten, Saiten hat der Bogen auch. Nach der Ansicht eines ältesten griechischen Philosophen ist Liebe und Streit, φιλια χαι νειχοσdas eigentlich beherrschende Weltprinzip; es gilt noch heute und für den Deutschen: er nennt es jetzt Kunst und Krieg. An beiden hat die deutsche Wiedergeburt gleichmäßig Anteil. Um Krieg und Kunst handelt es sich in allem Völkerleben; der Gang der Weltgeschichte bewegt sich nach einer kriegerischen Marschmusik. Und dem Gesamtleben soll wiederum das Einzelleben parallel gehen; das ist der Weg des Helden durch die Welt: Parademarsch, im Kugelregen, bei klingendem Spiel! Monarchie, Republik und Volk. Es gibt ein Band und zwar ein sehr starkes Band, welches Kunst und Politik miteinander verbindet: es ist das Element des Persönlichen. Wie ein Schiff, so kann auch eine Armee und wie ein Kunstwerk, so kann auch eine Ministerkoalition nur von einem Mann geleitet werden. Der künstlerische Gehalt des Feldherrn sowie des Staatsmannes, welche beide im »König« zusammentreffen, beruht auf eben diesem Zusammenhange; sie alle schaffen individuell. Der monarchische Beruf des deutschen Volkes wird durch das Wort Volk – folk – selbst ausgedrückt; denn dieses bedeutet ursprünglich Gefolge; zu einem Gefolge aber gehört notwendig ein Führer. In dem konservativsten Teile Deutschlands, in Niederdeutschland, hat sich dieser ursprüngliche Sinn teilweise noch erhalten; »die Völker, zum Essen!« läßt Grabbe nach eigenen westfälischen Erinnerungen seine Thusnelda ihrem Hausgesinde zurufen. Fürst bedeutet wörtlich der Vorderste; und zwar unter einer Reihe von Genossen im Kampfe; richtig hat man daher gesagt: die preußischen Offiziere sind die Kameraden des Königs. Das monarchische Prinzip ist im Grunde ein adeliges Prinzip. Das Wesentliche der Monarchie wie jedes Adels ist die Erblichkeit, d. h. die Kontinuität der lebendigen Blut- und Charakterströmungen, welche sich durch Generationen hinzieht; und in solchem Sinne erscheint der Purpur als das rechte Symbol der Herrschaft. Er bezeichnet nicht das vergossene und tote, sondern das lebendige und wallende und waltende Blut. In der Person des Monarchen finden Blut und Gold, Volk und Vornehme ihre höchste Vereinigung; in ihm verdichtet sich das Leben einer Nation zur einheitlichen lebendigen Gestalt. Ist er geistig ebenso vornehm wie er politisch vornehm ist, so kommt er dem Ideal seines Berufs nahe: nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich ein Aristokrat, also ganz wörtlich ein »bester Herrscher« zu sein! Wie jeder rechte König von volkstümlicher, so ist auch jedes rechte Volk von königlicher Art und Gesinnung; es hüllt sich in den Purpur seiner Individualität und schmückt sich mit dem Kranze seiner Helden wie mit einer Krone. Diese Krone verleiht ihm den Adel, macht es aristokratisch. Zwischen Volk und Stamm schlägt die Brücke – das Fürstentum. Der erbliche König ist ein lebendiger Mensch, nicht eine bloße mehr oder minder wertvolle Nummer aus der Masse. Und sieht man als das beherrschende Weltprinzip und darum die Ursache aller Kraft wie Kraftsummierung: Gott an, so ist damit das Gottesgnadentum der Könige gegeben. »Die große Kraft kommt von Gott, die kleine vom Teufel«, sagte Hebbel; ein rechter König ist also, wie jeder rechte Mensch immer von Gottes Gnaden; und er ist es in desto höherem Grade, je mehr er selbst und sein Geschlecht geleistet hat, je mehr er ein Herrscher im guten Sinne ist. Wie der echte Dichter, so steht auch der echte Staatsmann auf einer höheren Warte als auf der Zinne der Partei. Er verteidigt nicht ein Programm; er verteidigt die Hausaltäre seines Volkes; und jedes ehrliche Mittel ist ihm dafür recht. Der Spruch von Thiers »die Republik wird konservativ sein oder sie wird nicht sein«, gilt von jedem Staat, der freiheitlichen Bestrebungen folgt; eine Monarchie dagegen sollte immer möglichst liberal regiert werden; gerade weil beide von Haus aus umgekehrt angelegt sind. Hier sammelt sich die Volkskraft in einen Punkt; dort geht sie aus von einem Punkt: in beiden Fällen aber ist ihre Wirkung eine zentrale. Die gegebenen geschichtlichen Verhältnisse werden darüber entscheiden müssen, ob das eine oder das andere der Fall sein soll; und ein Volk, das sich selbst kennt, wird bei einer solchen Wahl nicht zweifelhaft sein; es wird sich der eigenen einheitlichen Persönlichkeit erinnern und ihr gemäß handeln. Eine Besserung in den deutschen Verhältnissen , seien sie nun politischer oder anderer Natur, ist nur dadurch zu erreichen, daß man auf das Volk in seiner besten Gestalt einerseits, auf die Einzelpersönlichkeit in ihrer besten Gestalt andererseits zurückgreift. Jenes findet in dem Bauer, sei er nun von wirklicher oder geistiger Art, und diese in dem König, sei er nun von politischer oder künstlerischer Art, den berechtigtsten Vertreter. Der Ausspruch eines badischen Bauern im Jahre 1848 – »mer wend« – wir wollen – »d' Republik mit em Großherzog a der Spitz«, ist durchaus nicht so unverständig wie er im ersten Augenblick scheinen könnte; er ist vielmehr sehr verständig gedacht, wenn auch nicht gerade gesagt. Er formuliert, wenn auch in etwas naiver Weise, das eigentliche Urbild des deutschen Staates; und dieses war schon längst vorher in England wie in den Niederlanden praktisch verwirklicht worden. In letzteren gab es eine »Republik mit dem Großherzog an der Spitze«, nämlich die Generalstaaten mit dem Hause Oranien an der Spitze; und England, das einen Monarchen an der Spitze hat, ist noch 1887 von einem so gewiegten Staatskenner wie Bismarck, freilich unter dem Gelächter der ihn nicht verstehenden Fortschrittspartei, für eine Republik erklärt worden. Die Doktrinäre, welche über jene beiden Aussprüche von 1848 und 1887 lachten, waren weit schlechtere Politiker als die beiden Volksmänner, von welchen sie herrühren. Der süddeutsche und der norddeutsche, der wirkliche und der geistige Bauer, stimmen hier überein. Vox populi, vox dei . Eben diese sollte, vom Schwarzwälder Bauer bis zum Reichskanzler hinauf, für alle Deutschen gelten; sind die letzteren jetzt auch noch nicht reif für jene bezeichnete Regierungsform, so werden sie es doch einmal werden. »Republik« und »Großherzog«, Volk und Fürst, Bauer und Kaiser als gleichberechtigte Faktoren mit und nebeneinander herrschend – das ist das deutsche Staatsideal. Halt faß am Rich, do kölschen Boor, Mag et och falle söhß oo soor sagt ein weiteres niederdeutsches Sprichwort, das die Meinung jenes oberdeutschen Bauern bestätigt. Bezeichnenderweise hat Richard Wagner, in seiner künstlerischen Naivität, im Jahre 1848 ebenfalls die »Republik mit dem König« verlangt; auch hier begegnen sich wieder Bauer, Künstler und Staatsmann – letzterer als stellvertretender König – in ihren Anschauungen. Die Bäume, welche sich mit der Wurzel berühren, berühren sich auch mit der Krone. Wilhelm dem Ersten von Oranien warf man schon bei seinen Lebzeiten vor, daß er sich mit jedem Bauer wie mit seinesgleichen unterhielte; aber eben dies war außerordentlich staatsklug von ihm; der Bund zwischen dem Fürsten und der breiten Masse des Volkes verhütete hier etwaige dauernde Ausschreitungen der von Haus aus aristokratisch angelegten Mittelklassen. Eine solche Politik hat den Oraniern gute Früchte getragen; und so hat auch Friedrich der Große, als ihr rechter Nachfolger, sich einen roi des gueux genannt. Geusen hier wie dort! Man hat von gegnerischer Seite gemeint, daß Sozialismus und Monarchie so wenig zusammengehören, wie Feuer und Wasser; aber man vergißt dabei, daß die mächtigste materielle Kraft der Neuzeit, der Dampf, eben durch das Zusammenwirken jener beiden Gewalten entsteht; das gleiche gilt auf politischem Gebiet und man darf daher jenem Einwände gegenüber sagen: accipio omen . Bauer, Künstler, König Am leichtesten kann der König da volkstümlich sein, wo das Volk königlich ist. Der Niederdeutsche insbesondere, Bauer wie er ist, hat in seinem Wesen etwas Königliches; so auch Rembrandt; und es wäre gut, wenn gerade die Deutschen etwas von jenem bäuerlich-königlichen Wesen in sich übergehen ließen. Das Schachspiel, wörtlich Königsspiel, ähnelt dem Weltspiel wie sonst auch darin, daß es diese beiden Typen nahe miteinander verbindet. Der rechte Bauer sitzt wie ein König auf seinem Hof; und der rechte König soll, im besten Sinne, wie ein Bauer unter seinem Hofe leben, d. h. als ein erdgeborener Aristokrat, als der erste unter vielen, als der patriarchalisch und selbständig waltende Herrscher der Seinen. Beide gehören ganz zusammen; jeder von ihnen hat seinen Hof: der eine einen immobilen und auf die Erde projizierten, der andere einen mobilen und aus Menschen konstruierten; beide stellen ein Zentrum dar, mit einem umgebenden Kreise. Das alles Organische beherrschende Prinzip der Zelle, mit ihrem Zellenkern, ist hier aufs soziale Gebiet übertragen. Und dieses berührt sich wieder mit kosmischen Verhältnissen; der Bauer, der auf Grundbesitz begründet ist und ein Stück der Erdoberfläche sein eigen nennt, tritt dadurch in ein ganz direktes Verhältnis zum Erdzentrum; und durch dieses wieder zum Weltzentrum wie zum Herrn der Welt. Er steht Gott und der Natur nahe. Ein Bauer muß fromm sein; ein gottloser Bauer ist etwa Abscheuliches. Andererseits haben wieder Sonne und Mond so gut einen Hof um sich, wie jeder Bauer und jeder König den seinigen. Im organischen Bau der Welt berührt sich auch das Entfernteste; und eben darauf beruht seine Harmonie. »Wie der Sternenchor um die Sonne sich stellt«, und wie diese ihrerseits sich um ein uns bis jetzt unbekanntes räumliches Weltzentrum, eine Sonne der Sonnen bewegt, so soll sich von Rechts wegen das Volk dem Könige und dieser »dem König der Könige« unterordnen. Das aristokratische und individualistische Prinzip der Abstufung durchdringt alles Seiende. Die nackte Gegenüberstellung von Adel und Bürgertum ist die roheste und primitivste Vorstellung, welche man sich vom Aristokratismus machen kann. Bauern, gesetzte Bürger, Edelleute vertreten insgesamt das aristokratische Prinzip, wenn sie in abgestufter Gliederung als staatsbestimmende Faktoren nebeneinander stehen: Adel ist Abstufung . Im Grunde zeigt das Leben keine Quantitäts-, sondern nur Qualitätsunterschiede; und sie reichen vom Ysop an der Wand bis zur Zeder des Libanon, vom Bauer bis zum König, von diesem bis zu Gott: die Welt wird von einem Geiste regiert! Das politische Leben kann sich mithin nur dann richtig entwickeln, wenn es dem Menschenleben einerseits und dem Weltleben andererseits parallel geht. Es weist dem Menschen in der Welt seinen Platz an und steht darum zwischen beiden Mächten in der Mitte; diesen Standpunkt soll und darf es behaupten. Derselbe ist vor allem ein, im deutschen Sinne, nationaler Standpunkt. Die Neigung des Deutschen, zu gliedern und abzutönen, ist im Grunde eine urmusikalische; und seiner sonstigen, im engeren Sinne, musikalischen Begabung sehr verwandt; so berührt sich denn auch hier das scheinbar Innerlichste mit dem scheinbar Äußerlichsten: die Musik mit der Politik. Eine höhere Weltanschauung kennt weder innen noch außen, sondern nur die Mitte – das Leben. Im Bauer begegnet sich das irdische mit dem himmlischen, das äußere mit dem inneren Leben des Menschen, der König mit dem Künstler. Der Bauer, als Hausherr, ist ein ökonomischer König im kleinen; der König, als Landesherr, ist ein ökonomischer Künstler im großen. Der bildende und anschauende Künstler steht in der Mitte zwischen beiden: die unwillkürlichen Empfindungen der Volksseele hat er mit dem Bauern, das selbstherrliche Recht ihrer Ausgestaltung mit dem Könige gemein. Der König von Gottesgnaden, der Künstler von Geistesgnaden, der Bauer von Volkesgnaden stehen gewissermaßen gleichberechtigt nebeneinander; und wenn sie zusammenhalten, so sind sie unbesiegbar. »Vielherrschaft ist nicht gut, einer soll Herr sein«, verkündete schon der Sänger der altgriechischen bäuerlichen Könige, dem seinerseits ein stark bäuerlicher Zug innewohnt und der deshalb von dem niederdeutschen Bauern Voß so kongenial übersetzt worden ist. Homer, der große Künstler, war ein Bauernfreund und ein Königsfreund; das ist viel und vielleicht genug, was wir von seinem Leben wissen; er ist darin den Deutschen verwandt. Der Dichter soll mit dem Könige gehen nicht nur, weil beide »auf der Menschheit Höhen« wandeln, sondern auch und noch mehr, weil beide in den Tiefen des Volkstums wurzeln. Beider Beruf reicht, wie in seiner Art der des Bauern, vom Zentrum der Erde bis zur Peripherie des Himmels, vom echten Menschentum bis zum echten Gottesgnadentum: und ihren vorherbestimmten bleibenden Stand haben sie dort, wo diese Linie die Peripherie der Erde schneidet: nämlich in dem Stück Erde, aus dem sie und für das sie geboren sind. Künstler, Bauer, König stehen und fallen miteinander; sie stehen und fallen mit dem, was der Mensch Heimat nennt; und was ihm das Teuerste auf der Welt ist. Die Heimat ist das nächste Ideal; in diesem Sinne ist der Deutsche eine vorzugsweise ideale Natur. Bauerngeist ist Heimatgeist. Das deutsche Bauerntum gleicht dem tief im Boden wurzelnden Fels; das deutsche Künstlertum gleicht dem scharf und schön geformten Erz; deutsches Königtum sollte beide Eigentümlichkeiten in sich vereinigen. Rembrandt, der bäuerliche und königliche Künstler, ist in seiner Art ein eherner Fels, ein fester unverrückbarer Punkt, an den sich die deutsche Volksseele zu neuen und schöneren Gestaltungen ihrer selbst ankristallisieren kann. Man hat so lange gefragt, was das deutsche Vaterland ist, bis die Geschichte darauf eine Antwort gab; man sollte nun einmal fragen, was und wo der deutsche Geist ist, um zu sehen, ob es nicht auch darauf eine Antwort gibt? Narren und Kinder sagen die Wahrheit; vielleicht weiß sie in diesem Fall der Bauer zu offenbaren, der ein Stück von beiden ist; und ein Stück vom deutschen Helden dazu. Diese drei Wesenheiten, oft seltsam gemischt, machen auch den Künstler; sicherlich würde der deutsche Bauer sich zu Rembrandt hingezogen fühlen, wenn er ihn kennte; wie sicherlich Rembrandt für den, der ihn kennt, auf den deutschen Bauern verweist. Das Oben und das Unten in der Welt kreuzt sich zuweilen an Punkten, wo man diese Begegnung nicht sucht. Gerade jene drei Wesenheiten sind es, welche in zahlreichen Selbstporträts Rembrandts hervortreten. Bald überwiegt die eine, bald die andere, immer aber ist es der lebendige, kraftvolle, urwüchsige Mensch – der künstlerische Bauer – welcher uns aus ihnen ansieht. In seinem Dresdner Selbstbildnis, wo er sich gemeinsam mit seiner Frau dargestellt hat, vereinigen sich diese so verschiedenen und doch zusammengehörigen Töne zum herrlichsten Dreiklang. Es zeigt Wein, Weib, Gesang; es zeigt das Kind, den Narren, den Helden; es zeigt den Bauer, den Künstler, den König. Es zeigt Rembrandt. Zu Preußens Germanisierung Eine Verschiebung und Vertiefung des Preußentums nach der deutschen wie niederdeutschen Seite hin würde erst den unentbehrlichen Unterbau für eine Weiterentwickelung der heutigen Zustände überhaupt liefern, denn je breiter die Basis ist, auf welche eine solche Entwicklung gestellt wird, desto besser ist es. »Preußen muß germanisiert werden«, hat Bismarck mit Recht und vom deutschen Standpunkt aus verlangt; und damit zugleich deutlich ausgesprochen, daß dies Ziel bis jetzt noch nicht erreicht ist. Die altpreußischen Konservativen stehen im politischen Leben ein wenig auf dem nüchternen und beschränkten Standpunkt, welchen Nicolai im geistigen Leben vertritt. Wie die Berliner Bildung wieder zu deutscher Bildung werden, so sollte sich auch auf politischem Gebiete eine gleiche Wandlung vollziehen. Das deutsche Element in Preußen muß möglichst gestärkt, das undeutsche möglichst geschwächt werden; und man braucht zu diesem Zwecke nur an die bestehenden und durch die Geschichte selbst entwickelten Verhältnisse anzuknüpfen. 1. Innerer Verfall nach 1870 Zu der politischen und geistigen Entwicklung des künftigen Deutschlands, mag sie verlaufen wie sie will, wird Preußen den Rahmen abgeben müssen; und man ist infolgedessen berechtigt, auch ganz besondere Anforderungen an diesen Staat zu stellen. Nach dem Jahre 1870 ist bei den Deutschen der gewünschte und erwartete geistige Aufschwung nicht eingetreten. Es trat vielmehr in dieser Hinsicht ein Verfall ein; und dieser erklärt sich teilweise aus dem belastenden Druck, den eine lediglich nach außen gerichtete Tätigkeit stets auf das Innere eines Menschen oder Volkes ausüben muß. Das perikleische Zeitalter beginnt erst 50 Jahre nach der Schlacht bei Marathon; und so wird auch Deutschland wohl die ihm von Moltke prophezeiten 50 Jahre der Waffenbereitschaft abwarten müssen, ehe es einer neuen Hochblüte seines Geisteslebens entgegensehen kann. Jetzt gilt es aber doch, den Boden für eine solche frei zu machen. Es ist jetzt die Zeit der Pflugschar; die Ernte kommt später. Mirabeau ist der genialste, aber auch der scharfblickendste Feind, den Deutschland je gehabt hat. Er hat in seinem Werk über den preußischen Staat auf manche prinzipielle Grundschäden dieses sonst so vortrefflichen Organismus, so auf die übertriebene Anwendung des preußischen Reglementier- und Kommandogeistes im bürgerlichen Leben mit besonderer Schärfe hingewiesen. Andere in seiner »Geheimgeschichte des Berliner Hofes« niedergelegte Beobachtungen könnten fast im Jahre 1888 geschrieben sein. Die jetzigen Politiker, auf wie unterhalb der Ministertribüne, sollten diese Warnungen beherzigen. Die Staaten bestehen, aber vergehen auch durch das, wodurch sie groß geworden sind – wenn sie ihre organischen Eigentümlichkeiten nicht neuen Daseinsbedingungen anpassen. Auf geistigem Gebiet ist in dieser Hinsicht in dem neuen Deutschland wenig geschehen; der Kulturkampf hat der Kultur nicht gedient. Nüchternheit hat den preußischen Staat groß gemacht; sehe man zu, daß sie ihn nicht wieder klein mache. Das verurteilende Wort Mirabeaus »Fäulnis vor der Reife«, welches er über das Preußen Friedrich Wilhelms II. aussprach, und welches bald darauf bei Jena bestätigt wurde, paßt auf das heutige Preußen nicht mehr; aber es paßt auf die heutige preußische und deutsche Bildung. »Jede Zucht und Kunst beginnt zu früh, wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist«, bemerkt ein dem deutschen Volk bisher durchweg unbekannt gebliebener Erzieher desselben, Hölderlin. Es ist der Augenblick gekommen, eine Schwenkung zu machen – auf geistigem Gebiet. Bis jetzt hat Jena die Deutschen sittlich mehr gefördert, als Sedan. Vom Unglück lernt, wer überhaupt lernen kann, mehr als vom Glück; möge auch in diesem Fall ein, geistiger und sittlicher, Befreiungskrieg die baldige Besserung bringen! Preußen wird sich für einen solchen am besten vorbereiten, wenn es sich mehr und mehr in deutsche Empfindung und deutschen Geist hineinlebt; wenn es den Korporalstock mit dem Lorbeer des Friedens und der Kunst schmückt. Es wäre nicht das erstemal, daß ein dürrer Stab ergrünt; die deutsche Sage liebt es, große und bedeutsame innere Wandlungen durch dies Symbol zu veranschaulichen. An den geschichtlichen Vorbedingungen zu solchen fehlt es nicht. 2. Preußische Blutmischung Rein politisch genommen, ist der echte Niederdeutsche immer konservativ; aber er ist es nicht in jenem engherzigen Sinne, den dies Wort zuweilen östlich von der Elbe angenommen hat; er ist konservativ auf einer breiteren, volkstümlicheren, natürlicheren Basis. Mit den Vorteilen hat Preußen auch die Nachteile einer deutschen Kolonie auf teilweise fremdem Boden in seiner inneren Geschichte erfahren. Es ist keine Frage, daß in Preußen teils als slawische, teils als jüdische und französische Blutbeimischung, ein undeutsches Element vorhanden ist. Ja, der das ganze innerpolitische Leben seiner ostelbischen Provinzen erfüllende Gegensatz zwischen Junkern und Fortschrittlern ist vielleicht noch mehr ein solcher des Bluts als der Überzeugung. Die Macht des Blutes erstreckt sich weit; sie überwindet die Jahrhunderte, die Staaten, die Parteien und sogar die Sprache. Der früher oder später eingewanderte preußische Kleinadel von überwiegend deutscher Abstammung steht dem mehr oder minder eingesessenen preußischen Kleinbürgertum von überwiegend fremder, slawischer oder sonstiger Abstammung feindlich, ja in manchen Punkten unversöhnlich gegenüber. »Bis zu meinem letzten Atemzuge werde ich die Fortschrittspartei bekämpfen«, erklärte Bismarck noch 1887. So spricht nur die Stimme des Bluts. Derselbe Mann hatte auch einmal von dem »Nihilismus« der Fortschrittspartei geredet und man hat darüber gelächelt; aber nicht eben verständigerweise. Jene slawische oder orientalische Erbkrankheit ist innerhalb Preußens zwar durch den deutschen Einfluß abgeschwächt und zum Negativismus gemildert worden; aber zu verkennen ist sie im übrigen nicht. Die betreffenden beiden preußischen Volksströmungen unterscheiden sich schon rein äußerlich aufs deutlichste: es läßt sich kaum ein größerer Kontrast denken, als die hohe, hagere, blonde Gestalt des typischen preußischen Gardeoffiziers und Moltkes – gegenüber der untersetzten, beweglichen, dunkelhaarigen Erscheinung der Berliner Durchschnittsbevölkerung und so mancher einflußreicher Fortschrittler. Wie sehr das Gefühl für diesen Gegensatz des Bluts einst im deutschen Volke selbst lebendig war, dafür gibt es geschichtliche Beweise: noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde in Lüneburg, das slawische Bevölkerungsenklaven in seiner Nähe hat, niemand zum Bürgerrecht zugelassen, der nicht eidlich erhärtete, daß er weder Wende sei noch von solchen abstamme. Die gleiche Forderung galt im 16. Jahrhundert in Lessings Geburtsstadt, in Kamenz, sowie in anderen deutschen Städten mit slawischer Umgebung. Und läßt sich eine solche Trennung unter jetzigen Verhältnissen auch äußerlich nicht mehr durchführen, so kann doch eine entschiedenere Betonung der deutschen Individualität auf sittlichem, geistigem, politischem Gebiet nur günstig wirken. Eine Ahnenprobe zwar nicht auf rein deutsches Blut, aber auf rein deutsche Gesinnung hin angestellt, wäre so übel nicht. Die Fortschrittspartei dürfte sie, bezüglich der letzten Generationen, nur schlecht bestehen; sie hat zuviel fremdes politisches Blut in sich. Sie hat sich häufig mehr als recht ist, vom Haß der Bedrückten leiten lassen, während ihre Gegner allerdings auch etwas vom Abermut der Bedrücker zeigten. In Kolonien mit ursprünglich fremdbewohntem Boden ist beides nur natürlich; Öl und Essig mischen sich wohl, aber verbinden sich nicht. 3. Offizier und Unteroffizier Es gibt einen Gegensatz zwischen Preußentum und Berlinertum: im allgemeinen ist jenes mehr nüchtern, dieses mehr aufgeblasen; jenes enthält mehr den gesunden und unzerstörbaren Kern, dieses mehr die zerbrechliche und ziemlich dürftige Schale des preußischen Wesens. Die Tatsache, daß die »Fortschrittspartei« in Berlin ihre Hochburg besah, beleuchtet diesen Gegensatz aufs schärfste. Schon mehrfach hat man darauf aufmerksam gemacht, daß es für die deutsche innerpolitische Entwicklung nicht günstig sei, wenn in den Parlamenten allzu viel Berliner sitzen; trotz gelegentlich affichierter Königstreue vertraten sie nicht die echten Gefühle des deutschen Volkes; sie sind trivial und negativ. »Auch Berlin macht ein bedeutendes Geschäft in Brillanten, leider sind es nur imitierte«, bemerkte einmal in seinem geschäftlichen Teil das Berliner Tageblatt. Eine vornehme politische Gesinnung wird man überall eher finden, als in den speziell Berliner Kreisen. Berlin ist die Stadt der Drehorgeln und häufig genug auch der Drehorgelpolitik; das deutsche Volkslied enthält aber bessere Musik, als ein Metallzylinder; und in dem deutschen Herzen schlummern andere Melodien als »freisinnige«. An das Preußentum, nicht an das Berlinertum, hat eine etwaige Besserung und ein eventueller Fortschritt des preußischen Staates anzuschließen. Der Offiziersgeist in Preußen ist mehr altpreußisch, der Unteroffiziersgeist in Preußen mehr berlinisch; jener rekrutiert sich, wie seine Träger, aus den Provinzen und vom Lande; dieser findet seine lauteste Vertretung da, wo seine geistigen und politischen Führer zu Hause sind, in den Städten und in der Hauptstadt. Man muß demnach politisch wie geistig die Provinzen gegen die Hauptstadt aufbieten , ausspielen, marschieren lassen. Dann wird das eintreten, was die Ärzte in bezug auf den menschlichen Körper Entlastung des Zentrums nennen: also ein wirksamer Ausgleich der inneren Kräfte, zum Behufe der Gesundheit und der höheren Leistungsfähigkeit des Gesamtindividuums. Tellheim bedeutet mehr als Just und der Prinz von Homburg mehr als Eckensteher Rante; was aber mehr ist, das muß auch mehr gelten; dann werden höhere Interessen nicht zu kurz kommen. Je mehr das eigentliche Altpreußentum gegenüber dem Berlinertum, desto mehr wird auch der Offiziersgeist gegenüber jenem subalternen Geist in Preußen zur Geltung kommen, über den schon Freiherr vom Stein klagte; und desto günstiger werden sich die politischen, sittlichen, geistigen Interessen Preußens wie Deutschlands entwickeln. Der preußische Leutnant, welcher zwischen Ober- und Unteroffizieren in der Mitte steht, ist gewiß ein guter Typus; aber um unser politisches oder gar geistiges Leben zu beherrschen, dazu reicht er nicht aus; er steht, nach äußerem Rang wie innerer Einsicht, doch durchschnittlich auf einem subalternen Standpunkt. Es würde ihm nicht schaden, ohne Einbuße seiner bisherigen Eigenschaften, vom deutschen Bürger etwas zu lernen; man hat ihm seit 1870 gerne den Lorbeer aufgesetzt: aber der Lorbeer hat bekanntlich auch eine betäubende Eigenschaft. Das darf niemand vergessen. Wie der Künstler, so ist auch der Offizier, trotz des hohen Standplatzes beider, immer einem noch höheren Faktor untergeordnet: dem Menschen; und in diesem besonderen Fall dem deutschen Menschen. 4. Linkselbische Kräfte. Eine wahrhaft konservative Partei ist nur diejenige, welche die Hauptzüge des Volkscharakters, in diesem Falle des deutschen Volkscharakters, konservieren will und kann. Den preußischen Altkonservativen hat diese Fähigkeit gelegentlich versagt; als versprengten Kolonisten unter einer im übrigen mannigfach gemischten Volksmasse ist ihnen in etwa der Kontakt mit dem innersten Fühlen der deutschen Volksseele verloren gegangen. Dieser ist eher bei denjenigen politischen Parteien zu finden, welche sich vorwiegend aus dem »Reiche« rekrutieren; soweit anderweitige Einflüsse diesen Kontakt nicht wiederum aufheben oder schwächen. Ein Windthorst z.B. hatte jedenfalls einen stark niederdeutschen Zug in sich und hat ihn öfters sachlich geltend gemacht. Auch wenn man den italienischen sogenannten Regionalismus nicht in die deutsche Politik einführen will, scheint es doch empfehlenswert zu sein, die kompakte Masse der rein deutschen Bevölkerung Deutschlands, welche zwischen Elbe und Rhein liegt, für seine innere Politik vorzugsweise als ausschlaggebend zu betrachten. Der Schwerpunkt der deutschen inneren Politik muß dahin zu liegen kommen, wo der Schwerpunkt des deutschen Volkscharakters liegt; und dieser liegt unzweifelhaft zwischen Rhein und Elbe: »zwischen Frankreich und dem Böhmerwald, da wachsen unsre Reben.« Der geographische Parallelismus jener beiden Flüsse ist auch auf die Gestaltung der inneren deutschen Parteiverhältnisse nicht ohne Einfluß geblieben. Nach Namen, Wohnsitz, politischem Charakter und persönlichem Temperament vertrat ein Bennigsen das linkselbische wie ein Miquel das rechtsrheinische Flußgebiet; in dem ersteren trat mehr die passive Seite: die Zähigkeit, in dem letzteren mehr die aktive Seite: die Tätigkeit, des nordischen Charakters hervor; und das bessere deutsche Bürgertum sah lange in ihnen die Träger seiner politischen Interessen wie Anschauungen. Freilich muß es der deutschen Zukunft vorbehalten bleiben, die politische Richtung dieser beiden Männer zu verdichten und entschiedener als bisher auszugestalten; denn sie hat sich nicht stets ihrer Aufgabe gewachsen gezeigt; auch sie muß individueller, persönlicher, deutscher werden. Die Erdgeister behaupten immer ihr Recht; in der Politik nicht weniger wie im Geistesleben; in beiderlei Hinsicht bildet die Elbe die entscheidende Grenze oder, wenn man will, den Rubikon für das Deutschtum. So war es schon vor Jahrhunderten; das alte deutsche Bauernrecht erlischt an diesem geographischen Scheidestrich; » östlich der Elbe gibt es keine Weistümer «, bemerkt Jakob Grimm. Sie scheidet den kühlen von dem warmen Politiker, den Preußen von dem Deutschen; den kühlen von dem warmen Dichter, Lessing von Goethe; den kühlen von dem warmen Geschichtschreiber, Ranke von Schlosser; ja den kühlen von dem warmen Maler, Menzel von Böcklin. In Berlin selbst stehen sich beide Geistesrichtungen nahe genug gegenüber; Rauch ist ebensoweit westlich wie A. von Werner östlich der Elbe geboren. Dort ist der Enthusiasmus, hier der Rationalismus zu Hause. Indes ist weder die kalte noch die warme Kulturströmung für eine Konsolidierung des deutschen Geistes zu entbehren; sie sollen gemeinsam oder, wenn das nicht sein kann, wenigstens abwechselnd die geistige Führung haben. Die Tätigkeit Menzels hat mit der Tätigkeit Lessings die kühle und luftreinigende Wirkung gemein; beide führen den gleichen preußischen, norddeutschen, scharfen Stift. Und auch anderswo noch wiederholen sich neuerdings sogar lokal die entsprechenden Bestrebungen unserer klassischen Literaturperiode. Je ein Schweizer und ein Sachse, Böcklin und Uhde, bedeuten im neunzehnten Jahrhundert dasselbe für die bildende Kunst, was die den gleichen Stämmen ungehörigen Geßner und Klopstock im achtzehnten Jahrhundert für die dichtende Kunst bedeuteten: weniger eine Rückkehr zu, als ein Suchen nach Natur und Innerlichkeit. Aber daß solche Frühlingsvögel sich zeigten, kündet eben den Beginn einer neuen Zeit und wärmerer Geistesströmungen an; sie entstehen, wenn der politische Schmerpunkt sich irgendwo verschiebt; und es scheint, daß er sich jetzt wieder langsam von rechts der Elbe nach links der Elbe ziehen will. Das würde nur naturgemäß sein. In der Fremde friert das Herz und zuweilen auch der Geist; behaglich fühlen sich beide nur in der Heimat. Staatsgefühl haben die Preußen immer gehabt, aber das süße Heimatgefühl hat ihnen oft gefehlt; Heimatgefühl haben die Deutschen immer gehabt, aber das große Staatsgefühl hat ihnen lange gefehlt: im neuen Preußen und im neuen Deutschen Reiche sollen sich beide Geistesrichtungen durchdringen. 5. Bismarck Den Fortschrittlern wie den sogenannten Junkern ist etwas mehr von gesunder deutscher Gesinnung zu wünschen, als sie oft zeigen. Bismarck besaß eine solche; er ist, wie er selbst öfters betont hat, von linkselbischer Abstammung, diese scheidet ihn, ethnographisch und politisch, von Junkern wie von Fortschrittlern. Noch jetzt findet man zwischen Etendal und Tangermünde im niederen Volke einen Schlag von kernfesten Männern, mit blitzenden blauen Augen und halb kühnem, halb bedächtigem Gesichtsausdruck; der alte Sachsengeist lebt in ihnen; und als eine adelige Übersetzung dieser Männer muß Bismarck gelten. »Der soll König sein, der der Beste ist«, singen schon die Knaben bei Horaz. Das ist von jeher die Stimme des Volkes gewesen; und sollte einmal »der Beste« nicht von Geburt König sein, so kann der geborene König nichts klügeres tun, als ihn möglichst frei walten zu lassen. Die Deutschen kennen ein solches Beispiel. Bismarck, obwohl ein geborener Edelmann, hat doch viel vom Bauer an sich; gerade wie Cromwell, der ein Bauer und dennoch den Stuarts blutsverwandt war; »eine Wruke« – Feldrübe – »ist ihm lieber als eure ganze Politik«, sagte einer seiner besten Kenner, seine Gemahlin, gelegentlich von dem großen deutschen Reichskanzler. Niemand war im persönlichen Verkehr einfacher und ungesuchter als Bismarck; wie seine Politik, so ging auch er nicht auf Stelzen; beide wurzelten nach gesunder Bauernart in der Erde. Der Bauer darf sich nie über den König erheben; aber der König darf sich auch trotz seiner äußeren Stellung nie besser dünken als der Bauer, wenn er es nicht wirklich ist; nur so wird das nahe Verhältnis beider zueinander alle Stürme überdauern. Selbstbewußtsein und Selbstbeschränkung, in ihrer notwendigen Zusammengehörigkeit, sind wohl nie schöner und deutlicher zum Ausdruck gekommen als in den Worten des Fürsten Bismarck: »Meine Familie ist ebenso alt wie die Hohenzollern und es fiele mir gar nicht ein, ihnen zu dienen, wenn es von Gott nicht so bestimmt wäre.« Hier bewährt Bismarck seinen echt deutschen und darum echt aristokratischen Charakter; er stellt sich seinem Könige als ein Adliger dem Adligen gegenüber; aber er ordnet sich ihm zugleich unter gemäß der von Gott, d.h. der Natur der Dinge, den gegebenen Verhältnissen, dem erhaltenden Prinzip fest bestimmten Ordnung. Gerade das Verhältnis Bismarcks und Cromwells zu ihrem jeweiligen König ist überaus belehrend: der preußische König gewann eine Krone, weil er klug und ehrlich, der englische König verlor seinen Kopf, weil er unklug und unehrlich handelte – gegenüber dem echten Vertreter der derzeitigen Volksinteressen und Volksgefühle. Auch die staatlich angestellten Vertreter und Hüter geistiger Interessen sollten in einem ähnlichen Fall, wenn ihnen einmal ein nicht gerade staatlich autorisierter »Bester« entgegentritt, ebenso verfahren,– das ist deutscherseits öfter versäumt worden; möge man es bei der diesmaligen geistigen Wiedergeburt Deutschlands nicht versäumen. Den rechten Mann für eine solche herauszufinden und ihn, wenn es sein muß, gegen eine Welt von Angriffen zu halten, darauf kommt es jetzt wiederum an. So machte es Wilhelm I. mit Bismarck. An Gleichgültigkeit gegen die Tradition, an »Keckheit des Wurfs« gleicht Bismarcks Staatskunst einem Bilde Rembrandts; aber auch an »sorgfältiger Durchführung«, an selbstloser Berücksichtigung alles Tatsächlichen; sie ist rücksichtslos bis zur Gewalt und dennoch pietätvoll bis zur Delikatesse. Dadurch hat Bismarck etwas von der Breite, Kraft und Ungezwungenheit Rembrandtscher Kunst in die neuere deutsche Politik übertragen. Diese hat ihren dauernden Wert darin, daß sie nicht von irgend einer Theorie, sondern von einer gewaltigen Persönlichkeit ausging und daß eben diese Persönlichkeit in der Hauptsache ein Ausdruck des deutschen Volkstums war. Auch etwaige Fehler der erwähnten Politik sind, von menschlicher Unvollkommenheit an sich abgesehen, großenteils darauf zurückzuführen, daß dem Manne, welcher das Deutsche Reich von heute geschaffen hat, Gegner von einer ihm ebenbürtigen Bedeutung nicht gegenüberstanden. Ein politisches Holländertum kann diesem Mangel vielleicht teilweise abhelfen; es kann zu einer stärkeren Entwicklung des persönlichen Elements im inneren deutschen Staatsleben dienen; es kann die politische Schablone beeinträchtigen. Gerade sie lebte neuerdings wieder auf. Das deutsche Spießbürgertum zeigte sich dem abtretenden Bismarck gegenüber genau so wie es sich seinerzeit dem auftretenden gegenüber zeigte: borniert und unbescheiden. Diese Fraktionsmenschen, d.h. Bruchstückmenschen, d.h. Nichtmenschen, freuten sich über den Abgang des großen Kanzlers wie sich etwa Schüler über den ihres strengen Lehrers freuen; und doch brauchten sie jenen Lehrer noch so notwendig. Es machte einen wenig erbaulichen Eindruck, zu sehen, wie solche Leute durch papierene Adressen und einen Denkmalsgroschen ihrer Pflicht gegen den Schöpfer des neuen Deutschen Reichs zu genügen glaubten; wie sie dadurch ihr Gewissen beruhigen wollten; wie sie der Phrase dienten. Von ihnen gilt, was auch ein Goethe seinen Verehrern zurief, als sie ihm bei seinen Lebzeiten ein Denkmal setzten: Ja, wer eure Verehrung nicht kennte; Euch, nicht ihm setzt ihr Monumente. Die politische Unreife der Deutschen zeigte sich besonders darin, daß sie nach Bismarcks Abdankung zwischen diesem und einem Durchschnittsminister nicht unterschieden. Letzterer, der nur ein Rad in der Staatsmaschine ist, ist tot und hat zu schweigen, wenn er aus ihr herausgenommen wird; anders, wenn es sich um ein organisches Wesen, um einen Menschen, um einen Bismarck handelt. Eines Bismarck Wort gilt mit und ohne Amt. Diese Auffassung ist eine deutsche; die entgegengesetzte aber eine preußische; hier zeigte sich das Preußentum einmal wieder von seiner ungünstigen Seite: es will nicht parieren, wenn es die Unteroffiziersborte nicht sieht. Und der landläufige deutsche Philister, von seinem heimlichen Widerwillen gegen das Genie geleitet, macht es ebenso; diese Erfahrung ist sehr alt; »es ärgert mich, daß sie den Aristides stets den Gerechten nennen«, sagte der athenische Bürger. Bei dem Amtsabgang des Fürsten Bismarck wünschte ihm ein deutsches Blatt, durch einen freiwilligen oder unfreiwilligen Druckfehler, ein odium cum dignitate; es ist ungefähr so gekommen. Es sollte die Deutschen heiß überlaufen, wenn das Bild eines ihrer größten Helden sie jetzt wiederum fragend und vorwurfsvoll anblickt. Bismarck hat einst »nur« das ausgeführt, was der Nationalverein forderte; Goethe hat oft »nur« das ausgesprochen, was das deutsche Herz in seinen Tiefen bewegt; es wäre zu wünschen, daß noch mehr Männer erschienen, die »nur« so etwas täten. Die Genannten waren »nur« das Tipfelchen auf dem i; sie haben durch ihre aristokratische Erscheinung dem Massendasein der Deutschen einen zeitweiligen Halt gegeben. Wie der Lichtreflex die körperliche Form stellenweise aufhebt, um sie dennoch im ganzen zu stärken; so hebt der große Mann die nationale Freiheit teilweise auf, um sie dennoch im ganzen zu steigern. Das gilt insbesondere von den führenden deutschen Helden. Sie stehen als leuchtende, ruhige Gestalten den trüben, leidenschaftlichen Massenbewegungen der neueren Zeit gegenüber, wie sich diese z. B. im Mormonismus, in der Heilsarmee, der Temperenzbewegung, der Sozialdemokratie usw. gerade vorzugsweise auf niederdeutschem Gebiet äußern. 6. Bauerntum Der Niederdeutsche ist vor allem Bauer, und auch Preußen ist im Grunde ein Bauernstaat. Es ist eine deutsche Kolonie auf slawischem Boden; staatlich ist diese Kolonisation schon nahezu vollendet; geistig ist sie es noch lange nicht. Preußen wird nur seiner ursprunglichen Mission treu bleiben, wenn es die früher begonnene Arbeit nunmehr auf einem anderen Gebiet fortsetzt. Nach alter Schwabensitte haben die Hohenzollern, schon lange ehe man es mußte oder beachtete, die Sturmfahne des Reichs geführt. Sie haben diese dann auf niederdeutschem Boden aufgepflanzt, zunächst in der Altmark; und schon das ist eine kolonisatorische Tat, wenn auch noch innerhalb des deutschen Volkes und Bodens selbst. Später rückten sie langsam auf slawisches, litauisches usw. Gebiet; sie verteidigten die Mark und das Mark des Reiches; und wurden so zu Hütern seiner Ehre. Seine schöpferischen Kräfte in Staat und Krieg sowie seine lehrenden Kräfte in Kunst und Wissenschaft bezieht Preußen schon lange aus Deutschland und fast ausschließlich aus dem nordwestlichen oder niederen Deutschland: der alte Dessauer, Ferdinand von Braunschweig, Bernstorff, Scharnhorst, Stein, Hardenberg, Niebuhr, Bülow, Moltke und so viele andere sind nicht auf preußischem Boden gewachsen, sondern dorthin erst eingeführt worden; wie sie gewirkt haben, weiß die Geschichte. Kant ist von schottischem und Herder, seinem Namen nach zu urteilen, von holländischem Ursprung; Schopenhauers in Danzig eingewanderter Großvater war ein Holländer; diese drei Männer gehören also der direkten überseeischen niederdeutschen Einwanderung in Preußen an. Sie alle sind Kolonialgeister. Sie haben dem Beruf Preußens, als der deutschen Kernkolonie, gedient; sie waren konstruktiv tätig im Krieg wie im Frieden; sie waren schlagfertige Bauernnaturen im großen. Colonus heißt Bauer; nur Bauerngeist kann kolonisieren; das zeigt sich im Altertum wie in der Neuzeit. Die alten Deutschen, inmitten wie im Norden Europas, waren politisch, sozial und sittlich ein reines Bauernvolk. Es gibt solche alte Deutsche noch jetzt – in Südafrika. Als Bismarck mit dem Präsidenten der dortigen Burenrepublik sich in der beiderseitigen heimischen Mundart, dem Plattdeutsch verständigte, begegneten und erkannten sie sich nicht nur als Geistes-, sondern auch als Blutsverwandte; trotz des so verschiedenen Maßstabes der beiderseitigen äußeren Verhältnisse stehen sich diese beiden Zweige eines und desselben Stammes, Buren und Preußen, politisch verwandt und sittlich ebenbürtig gegenüber. Nur mit Ebenbürtigen kann man dauernde Allianzen schließen; Preußen sollte mit solchem Bauern- und Burengeist noch inniger vertraut werden; es sollte, wie es könnte, ihm geistig schöpferische Kräfte entlehnen. Sie sind in Rembrandt, als einem lebenden und redenden Symbol, verkörpert. Er ist vor allem Holländer, vor allem Niederdeutscher; und deshalb hier ein Volkserzieher nicht in seiner Eigenschaft als Künstler, sondern in derjenigen als Stammestypus. Wie nach außen die Welt, spiegelt er nach innen sein Heimatland wider; und das letztere Bild ist von nicht geringerem Wert als das erstere. Gegen ihn erhoben die Ästhetiker des vorigen Jahrhunderts den oft wiederholten und nach damaliger Meinung sehr schwerwiegenden Vorwurf, daß er »bäuerisch« sei; sie verurteilten damit, wie es Theoretikern zu gehen pflegt, das Beste an ihm. Er ist bäuerlich, aber nicht bäuerisch ; diese Begriffe darf man nicht verwechseln; so wenig wie kindlich und kindisch. Rembrandt ist ein erdbefreundeter Künstler; und eben diese Eigenschaft befähigt ihn, auf geistigem Gebiet als Kolonisator zu wirken: weil er Bauer ist, kann er Erbauer sein. Hierin ist sein Beruf zum Erzieher des deutschen Volkes am volkstümlichsten begründet. Eine »Verbauerung« Preußens ist also in mehr als einem Sinne wünschenswert. Besonders aber ist sie zu wünschen gegenüber den fluktuierenden und destruktiven Strebungen der großstädtischen Bevölkerungsmassen; Börsentreiberei und Fabrikarbeit lassen für höhere geistige Interessen wenig Zeit übrig; um so mehr sollte man sie anderswo und anderweitig suchen. Wenn der zusammenfügende bäuerliche Charakter sich mit den noch gesunden Zügen der zersetzenden modernen Bildung verbindet, so könnte sich möglicherweise eine Neubildung, ein gewisses vergeistigtes Bauerntum herausstellen, welches allen Ansprüchen an ein feineres nationales Leben genügt. Gebildete Gutsbesitzer sind immer noch die besten Typen des heutigen deutschen Lebens; Goethe, der sie so oft und so mannigfach in seinen Romanen auftreten läßt, hat dies anscheinend vorausgesehen; in ihnen verbindet sich das Alte, welches von jeher dem grundbesitzenden Stande eigen war, mit dem Neuen, welches fast ausnahmslos die Großstädte beherrscht. Auch der Fabrikant und der Kaufmann, wenn sie zu einigem Besitz gelangt sind, gehen gern in jenem Stand auf. Heimatboden nennt der Mann erst sein, wenn er Grundbesitz und insbesondere Landbesitz hat; und dieser gemeinsame Zug zum heimischen Grund und Boden ist es, welcher die bäuerliche Bevölkerung Deutschlands mit dem Adel und diesen wieder mit dem höheren Bürgertum verbindet: sie alle zieht es zur deutschen Erde. Sie sollten darum in der inneren deutschen Politik den Ton angeben. Wer den Bauernstand stärkt, stärkt das Volk; das deutsche »Heimstättengesetz« kann nicht genug zur Geltung gebracht werden – geistig wie materiell. 7. Ein historisches Vorbild (Venedig) Der einheitliche Strom der Geschichte reicht von Urzeiten bis in die Gegenwart; und das Staatsschiff fährt gut, das ihn benutzt. Es gibt ein geschichtliches Beispiel, welches heute nach mancher Seite den rechten Weg weisen kann. Wie das heutige Preußen war das einstige Venedig, der politisch am weitesten entwickelte Staat des Mittelalters, eine im wesentlichen germanisch-slawische Schöpfung. Es liegt da, wo ein germanischer Menschenschlag aus der Lombardei, auf keltoromanischem Untergrunde, sich mit einem slawo-illyrischen Menschenschlage aus Dalmatien verbindet; seine herrschende Adelsklasse gehörte vorwiegend der zuerst wie zuletzt genannten dieser drei Rassen an; und sein geistiges wie staatliches Leben hat sich demgemäß gestaltet. Dokumente, nicht nur papierener Art, bestätigen diese Tatsache. Es braucht in dieser Hinsicht nur an die altbekannten und altberühmten Namen der Gradenigo, Mocenigo, Zobenigo usw. erinnert zu werden, welche italienische Übersetzungen der entsprechenden und in ihrer etymologischen Bildung nicht minder bekannten südslawischen Namen auf -ic sind; ebenso ist unter den liegenden marmornen Gestalten der ältesten Dogengrabmäler in der venetianischen Westminsterabtei, der Kirche von S. Giovanni e Paolo, das schmale und hakenförmige Profil des illyrisch-dalmatischen Volksstammes häufig vertreten. Dieses unterscheidet sich aufs Bestimmteste von dem breitstirnigen rein germanischen Typus, mit gedrungenem Profil und schlichtem Haarwuchs, wie er in so vielen von Tizian und Tintoretto gemalten Porträts venetianischer Staatswürdenträger erhalten ist; und es scheint, daß in früherer Zeit der slawische, in späterer der deutsche Gesichtstypus überwiegt. Bis zum heutigen Tage aber noch hat Venedig seinen Fondaco dei Tedeschi , sein Warenhaus der Deutschen so gut wie sein Riva dei Schiavoni , seinen Quai der Dalmatiner. Östliche und westliche, ethnographische und geographische Strömungen begegnen sich hier. Insbesondere ist die Einwanderung vieler Sachsen in das nordöstliche Italien, während und kurz nach der Völkerwanderung, ausdrücklich historisch beglaubigt; sie blieben selbst in Verbindung mit dem Mutterlande; und ihr physisches wie geistiges Fortleben läßt sich gerade in Venedig mit am deutlichsten verfolgen. Die mehrfache Blutströmung im venetianischen Volkscharakter verleiht ihm seinen eigentümlichen Zug von Elastizität – und von politischer Befähigung. So wie England teilweise heute für die innere, war Venedig einst für die äußere Politik Europas die Hochschule; die seinerzeitigen venetianischen Gesandtschaftsberichte stellen selbst Bismarcksche diplomatische Schriftstücke in den Schatten. Eiserne Entschlossenheit und goldene Bedachtsamkeit paaren sich in dieser Menschengattung. Die einstige venetianische Politik stellt, ganz wie die neupreußische, eine Mischung von niederdeutscher Zähigkeit mit slawischer Gewandtheit dar; aber immerhin blieb das deutsche Element in Venedig doch das vorherrschende; und so sollte es auch in Preußen sein. Es kann gerade hierdurch auch jenen vornehmen Zug gewinnen, der ihm bis jetzt noch fehlt. Der venetianische Senator, in seinem lang nachschleppenden Gewand von Purpursamt, ist die einzige Erscheinung im politischen Leben der Neuzeit, welche sich innerlich wie äußerlich an Hoheit mit derjenigen eines altrömischen Senators messen kann; der englische Lord kommt dagegen erst in zweiter Linie. Ein gewisser poetisch-politischer Zug des Volkslebens, der sich anderswo nicht findet, macht sich hier bemerkbar. Daß solche Sitten, wie die Vermählung des Dogen mit dem Meere, dort überhaupt entstehen konnten, beweist, wie fein und lebendig das Gefühl für das gesellschaftliche Gesamtdasein bei diesen Menschen entwickelt war. Etwas rosiges Fleisch auf den mageren Knochen des politischen Lebens tut dem Auge wohl: es ist nicht schön und nicht einmal gut, wenn der Staatskörper nur Skelett bleibt. Wie in jeder Kunst, so genügt auch in der Staatskunst nicht die nackte Konstruktion; es bedarf dazu noch der Dekoration; in Venedig wußte man danach zu verfahren. Gerade diese Seite seines Wesens hat ihm so manche Herzen gewonnen; die deutsche Politik sollte sich etwas von solcher Gesinnung aneignen: stellt die Sozialreform panem in Aussicht, so darf man auch der circenses nicht vergessen. Die Natur der Volksmassen, und daher auch die Aufgabe der Staatsmänner bleibt stets die gleiche. Venedig war vornehm genug, diese Aufgabe vom, im besten Sinne, künstlerischen Standpunkt aus aufzufassen. Es verleugnet auch hierin nicht den überwiegend niederdeutschen Ursprung seiner Bevölkerung und seines Charakters. Preußen, das unter einer ähnlichen politischen Konstellation geboren ist, scheint dadurch gewissermaßen zum Nachfolger jenes fürstlichen Staatswesens berufen. Es soll sein Deutschtum und seinen Aristokratismus nach innen wie nach außen bereichern; ein »goldenes Buch« kann unter Umständen mehr als das papierene Buch einer Verfassung bedeuten. Denn jenes rechnet mit individuellen, dieses mit doktrinären Größen. Venedig ist wie innerlich so auch äußerlich mit Niederdeutschland durch gewisse feinere Beziehungen verknüpft. Amsterdam, der Wohnsitz Rembrandts, wird wohl ein nordisches Venedig genannt. Holland und der Lagunenstaat haben auch sonst noch viel Gemeinsames; man war sich dessen schon früh bewußt; ein altholländischer Dichter singt, auf das beiderseitige Wappen anspielend: Wo ist wohl ein Paar so stark und so klug Wie der Löw mit dem Schwert und der Löw mit dem Buch? Und diese venetianischen Anklänge wiederholen sich sogar an ganz moderner Stelle. Berlin, das nach einer neuesten statistischen Zählung mehr Brücken und Brückchen enthält als sowohl Amsterdam wie Venedig, entwickelt sich mehr und mehr zu einer echt niederdeutschen Land- und Wasserstadt, zu einem amphibischen Gemeinwesen. Das Hinterland Berlins, den Spreewald, hat man öfters ein »ländliches Venedig« genannt. Und man könnte das ganze Gebiet der nordwestgermanischen Stämme, welches sich über Marschen, Inseln und Halbinseln erstreckt, nicht nur als ein Groß-Holland, sondern auch als ein »Groß-Venedig« bezeichnen. Denn es ist ein Lagunengebiet im größten Stil. Ostpreußen endlich, der Keim des heutigen Deutschen Reichs, liegt am sinus Venedicus , wo lange vor den neudeutschen und holländischen Kolonisten, die später teilweise Venedig beherrschenden Goten ihre Wohnsitze hatten. Diese standen noch Jahrhunderte lang, von Italien aus, in Verbindung mit ihrer früheren deutschen Heimatstätte. Veneter, Cimbern, Goten, Langobarden sind nacheinander in die oberitalienische Ebene niedergestiegen; Völker wie Volksstämme gehen gern die gleichen Wege, die sie schon einmal gegangen sind, geographisch wie geistig; die Deutschen aber waren stets kriegerisch-aristokratisch und künstlerisch-aristokratisch gesinnt. Wie einst Volker, der Spielmann, zog später Beethoven vom Rhein an die Donau; wie Dietrich von Bern Oberitalien für die deutschen Waffen hat Shakespeare es für die deutsche Dichtung erobert; wie Arminius die kriegerischen hat Rembrandt die künstlerischen Eroberer, welche von jenseits der Alpen kamen, auf niederdeutschem Boden geschlagen. Die Ereignisse wechseln, aber die Geschichte bleibt. Der geistige wie politische, der nördliche wie südliche, der gegenwärtige wie vergangene Aristokratismus gehen hier auf eine gemeinsame Quelle zurück: die deutsche Natur. Dieser hat die deutsche Politik zu dienen. 8. Preußischer Adel Der Preuße, in seiner besten Gestalt, ist kühl und kühn; dies ist eine echt niederdeutsche Mischung von Charaktereigenschaften. Der mit zahlreichen Adelselementen »aus dem Reich« durchsetzte preußische Adel zeigt dieselbe Eigentümlichkeit; ebenso zeigte ihn das Geschlecht der Hohenzollern; sie vereinigten das Hochfliegende des schwäbischen Charakters mit niederdeutscher Nüchternheit. Beide Eigenschaften treten auch gesondert bei ihnen auf: Kurfürst Albrecht Achilles und Prinz Louis Ferdinand repräsentieren die eine, König Friedrich Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm I. die zweite; in den großen Häuptern des Hauses aber, wie Kurfürst Friedrich Wilhelm und König Friedrich II., durchdringen sie sich gegenseitig und leisten so das fast Unmögliche. Diese Fürsten verstanden zu rechnen und – zu schlagen. Bäume, auch Stammbäume, welche umgepflanzt worden sind, gedeihen am besten; und Kreuzung der Charaktere ist für das innere Volksleben oft sehr wichtig. Man scheint bisher nicht bemerkt oder doch nicht beachtet zu haben, daß die Einwanderung der Hohenzollern in die Mark Brandenburg eigentlich eine Rückwanderung war; denn sie sind ein schwäbisches Geschlecht; und der hauptsächlichste Ursitz der Schwaben, vor ihrer Auswanderung nach dem Süden Deutschlands, war zwischen Elbe und Oder gelegen. Der Zug des echten deutschen Volkscharakters wie der echten deutschen Bildung, ja wie aller echten Bildung überhaupt, aus der Heimat in die Fremde und aus der Fremde wieder zurück in die Heimat, offenbart sich auch in dem Entwickelungsgang des Hohenzollerngeschlechts. Der »fahrende« deutsche Krieger existiert nicht nur als Einzelperson; er existiert auch als Geschlecht, als Stamm, als Volk! Es gehört zu den feinen und tiefen Zügen, welche die Geschichte sich gelegentlich vorbehält, daß das neue Deutsche Reich von einem Kaiser aus oberdeutschem und einem Kanzler aus niederdeutschem Stamme gegründet wurde; zwei Hälften ergänzten sich so zum Kreise; und der Ring der deutschen Einheit war geschlossen. Er war es äußerlich; aber nicht oder noch nicht in jeder Beziehung innerlich. Das eigentliche Programm der preußischen Könige »es ist Preußens Bestimmung nicht, dem Genuß der erworbenen Güter zu leben« erinnert sehr an den vielberufenen Wahlspruch der transozeanischen Niederdeutschen: excelsior ; aber dem Staate Preußen hat sein rastloses Vorwärtsstreben auf politischem Gebiet eine gewisse geistige Magerkeit und Dürftigkeit eingetragen, deren er sich nunmehr entledigen sollte. Das Streitroß braucht andere Eigenschaften als das Rennpferd; und auf geistigem Gebiete sollte der erstere, nicht der letztere Typus, der des Strebers maßgebend sein. Nicht nur zum Luxus, sondern auch zur Kraft des Lebens gehört dasjenige, was die Franzosen largesse de vivre nennen; sie ist östlich der Elbe noch recht selten zu finden. Dem preußischen Adel könnte es nicht schaden, wenn er sich etwas von dem weiten Weltblick sowie der echten Kunstgesinnung des heutigen englischen und einstigen venetianischen Adels aneignete. Der Knappheit und Schneidigkeit seines Wesens braucht dies keinen Eintrag zu tun; es ist der natürliche Lauf der Dinge, daß aus dem Junker – dem Jungherrn – ein Edelmann wird. Wie den Künstler eine adelige Gesinnung, so würde den Adel eine im höchsten Sinne künstlerische Gesinnung überaus ehren. Jene frühere Zeit, welche Rembrandt wegen seines Bauerntums verkannte, war die gleiche, in welcher der deutsche Adel vielfach töricht genug war, auf den deutschen Bauer herabzusehen und ihn bei jeder Gelegenheit zu unterdrücken oder gar zu verfolgen; eine klarer blickende und gereiftere Anschauung läßt jetzt schon zum Teil und hoffentlich später noch mehr den deutschen Adel in dem deutschen Bauern seinen geborenen Verbündeten erblicken. Insofern kann auch die deutsche Politik, diese andere Kunst, von ihrer sinnigeren Schwester lernen; politische sowie im engeren Sinne künstlerische Fehler und Fortschritte gehen miteinander Hand m Hand; denn beide entspringen aus menschlichen Fehlern und Fortschritten. Den Deutschen fehlt bisher eine durchgebildete und feinsinnige Aristokratie, welche im öffentlichen Leben den guten Ton angäbe. Bis jetzt schwankt das letztere immer noch zu sehr zwischen Landjunkertum, bürgerlicher Protzenhaftigkeit und gelehrter Pedanterie. Die Deutschen sind formell, sie sollten formal werden. Die Kleinstaaterei ist überwunden, die Kleinstädterei muß überwunden werden. Dann wird mit dem geistigen auch der materielle Optimismus in Deutschland wieder einziehen. Auch die äußeren politischen Beziehungen eines Volkes werden sich dementsprechend zu gestalten haben. Wie das Sonnenlicht seine eigentliche Pracht erst zeigt, wenn es das klare und kristallinisch geformte Prisma passiert hat; so offenbart das Leben eines Volkes erst seine höchste Schönheit, wenn es durch das Medium einer klaren und entschieden gehandhabten Politik hindurchgegangen ist. Besonders wäre es zu wünschen gewesen, daß der deutsche Kaiser Wilhelm II. die oben erwähnte venetianische Politik befolgt hätte, welche dem staatlichen Leben einen Schimmer von Poesie verleiht. Politik darf sich freilich nicht in Quisquilien der Repräsentation verlieren; sie muß im Dogengeist und nicht im Korporalsgeist geführt werden; sie kann nur auf großen tatsächlichen politischen Leistungen beruhen – die sich in äußeren Glanz umsetzen. Fanfaren müssen etwas verkünden! Andererseits aber muß solche Politik in nächsten Beziehungen zur Volksseele selbst stehen. Die sittenbildende Kraft der letzteren hat sich hier zu betätigen; ein Gebrauch, den man adelt, wird zur Sitte. Ein »soziales Königtum« der Deutschen fordert als Ergänzung ein stilvolles Volkstum derselben; ein stilvolles Volkstum aber entwickelt sich nur aus individuellem Volkstum; und dieses ist in den beiden niederdeutschen Staaten, Venedig und Holland, teils politisch, teils künstlerisch vorgebildet. Die edelsteingeschmückte Kappe des Dogen der Lagunenstadt war ursprünglich – eine Fischermütze; erst nachdem der Staat aus kleinem und dürftigem Anfange sich allmählich zu Glanz und Macht emporgearbeitet hatte, wurde diese einfache Kopfbedeckung zum stilvollen und reichen Abzeichen der Herzogswürde. Die Würde wie ihr Zeichen entstammte dem Volke. Preußen und die Hohenzollern, welche sich gleichfalls aus kleinen Anfängen und aus dem deutschen Volke selbst emporgearbeitet haben, hätten ein solches Beispiel beachten sollen. In vielem hat der Regent dem Volke zu folgen; denn es ist ein urgermanischer Grundsatz, daß zwischen Herr und Diener ein Verhältnis gegenseitiger Treue und Folgsamkeit besteht; und dieser Grundsatz gilt nicht am wenigsten für das geistige Leben beider. Ein Herrscher hat nicht nur auf die Oberfläche, sondern auch in die Tiefen des Volkslebens zu blicken; dort gebiert sich das Neue. 9. Symmetrie und Rhythmus Architektonik und Seele, Symmetrie und Rhythmus sind diejenigen beiden Eigenschaften, welche vor allem dem griechischen Kunstwerke eignen; welche auch dem modernen Kunstwerke eignen sollen; und welche endlich dem modernsten aller Kunstwerke, dem heutigen Staat eignen sollten. Jede Statue hat ihr Stand- und Spielbein. Die schon erwähnte doppelartige Charakterrichtung der Hohenzollern, auf das Große und auf das Kleine, auf das Enthusiastische und auf das Nüchterne entspricht einer solchen Forderung; vermittelst jener sind sie zu ihrer historischen Bedeutung gelangt. Die Politik, als Kunst, spaltet sich nach zwei Seiten. Was Shakespeare als die höchste Aufgabe jedes Künstlers bezeichnet hat: der Besonnenheit und der Leidenschaft zugleich Rechnung zu tragen, ist auch die Aufgabe eines jeden Politikers, gerade weil und insofern er Künstler ist. Er kämpft mit doppelter Front; zugleich nach der festen und nach der freien, nach der konservativen wie nach der liberalen Seite. Er balanciert. Wenn sich zentripetale und zentrifugale Kräfte gleichmäßig betätigen, wird der Staats- wie der Weltkörper am sichersten seine Bahn wandeln. Rembrandt, in seiner Eigenschaft als Holländer und die Holländer, in ihrer Eigenschaft als Seebauern, verkörpern noch mehr als andere Niederdeutsche die erdentsprungene wie erdumfassende Doppeleigenschaft dieses Stammes: zu beharren und fortzuschreiten. In Preußen und auch im neuen Deutschland hatte bisher die erstere Richtung mehr den Ton angegeben; e« scheint angemessen, nun auch einmal die andere Seite des Volkscharakter politisch wirken zu lassen. Evolution, nicht Revolution ist der Beruf der Deutschen . Ein Ding entwickeln, heißt, es auf eine breitere Basis stellen, welche aus ihm selbst herausgewachsen ist. In diesem Sinne soll sich Preußen entwickeln; und zwar jetzt nicht nach außen, sondern nach innen hin! Über Weichsel und Oder müssen auch Weser und Rhein zu Worte kommen. Das Aufrechterhalten der eigenen Persönlichkeit ist der Grundzug des holländischen, des niederdeutschen, des deutschen Geistes; je maintiendrai lautet der Wahlspruch Oraniens. Aufrecht ist die Haltung des preußischen Soldaten, aufrecht ist die Gesinnung des preußischen Bürgers, aufrecht sollte auch der Mut jedes Deutschen sein. Das Stramme, Stracke, Gerade, wie es sich in der äußeren Haltung eines preußischen Kriegers ausspricht, ist von jeher der gute Grundzug preußischer Politik gewesen. »Die Geradheit hat Gott selbst ans Herz genommen«, bekundet Goethe. Geradheit des Geistes und der Gesinnung ist ein ausgeprägt deutscher Zug; in ihr spricht sich der deutsche Beruf Preußens aus; diese Charaktereigenschaft gilt es nun in einer besonderen Art weiter zu bilden. Eine stählerne Feder, in gestrecktem Zustande, ist stark; aber in gebogenem Zustande ist sie noch stärker. Zu dem Elemente des Geraden – der Symmetrie – welches bis jetzt in Preußen herrschte, muß nunmehr das Element des Schrägen – des Rhythmus – hinzutreten, welches jeglichem organischen Leben erst die Vollendung gibt. »En beeten scheef, het Gott lev«, sagt, jenen Goetheschen Spruch ergänzend und einschränkend, ein ebenso weises wie liebenswürdiges niederdeutsches Sprichwort; es kann und darf jetzt auch für Preußen gelten, nachdem es ganz Niederdeutschland in sich aufgenommen hat; Graecia saevum cepit victorem. Wie Deutschland zwischen Preußen und Holland liegt, so liegt für den Deutschen in dem preußischen Charakter eine Forderung, welche in dem holländischen Charakter ihre Erfüllung findet. Lessing hat einmal bedauert, daß Tanz und Gestikulation, überhaupt das körperlich rhythmische Element, die Musik des Körpers bei den Deutschen so wenig entwickelt sei; aber die letzteren haben dies Bedauern nicht fruktifiziert: sie sind noch gerade so unrhythmisch oder auch gelegentlich überrhythmisch wie früher. Es fehlt ihrem geistigen wie körperlichem Dasein an ruhigem musikalischem Fluß. Die Schule des Heeresdienstes reichte nicht aus, diesen zu erzielen; es muß eine Verstärkung dieser bildenden Tendenz von anderer Seite her eintreten. Die Härte des preußischen muß durch die Weichheit des niederländischen Wesens gemildert werden; wie jenes gelegentlich steif, so ist dieses gelegentlich formlos; zwischen beiden in der Mitte liegt oder sollte liegen: das elastische Wesen des Deutschen. Der Name wie die Persönlichkeit Rembrandts deuten, richtig verstanden, auf eine solche Entwickelung hin: er, der ganz Rhythmus ist, kann dem preußischen Staat, der ganz Symmetrie ist, als ein Gegenbild und Gegengewicht dienen; er kann den innerlich etwas allzustarren Organismus lockern, nicht um ihn zu schwächen, sondern um ihn zu stärken. Aus der harten und symmetrischen Knospe entwickelt sich die weiche und rhythmische Blume. Vom niederdeutschen Mutterboden In je näherer Verbindung eine Kolonie, bei aller sonstigen Freiheit der Entwickelung, mit ihrem Mutterlande steht, desto besser ist es für beide. Nordamerika hat den etwas zu rasch zerschnittenen Zusammenhang mit England, besonders in seinem geistigen Leben, schmerzlich entbehrt. Auch Preußen sollte einen möglichst nahen, inneren Anschluß an sein Mutterland oder vielmehr an seinen Mutterstamm, den niederdeutschen, anstreben. Pietät und Interesse raten dazu gleichmäßig. Es ist nicht als Zufall zu bewerten, daß Bismarck gerade in demjenigen Teil Niederdeutschlands geboren wurde, der direkt das ostelbische Preußen begrenzt, also an der geistigen Wasserscheide. Hier hat also schon einmal der deutsche Geist den preußischen Geist befruchtet. Befruchtung aber ist nur ein verstärktes Wachstum; und Wachstum nur ein verstärktes Konservieren; auf letztere Tätigkeit also kommt es an. Niederdeutscher Konservativismus ist urdeutscher Konservativismus; und er wird, wohl angewandt, nicht wenig dazu beitragen den deutschen Geist und das deutsche Reich selbst zu konservieren. Zwischen extremen Lebens- und Parteirichtungen hält das Niederdeutschtum in seiner niederen und höheren, staatlichen wie menschlichen Vertretung – die gesunde Mitte. 1. Kraft und Schlichtheit Der niederdeutsche Stamm ist stark – wie die Wurzel einer Pflanze, welche Felsen sprengt; und er hat sie schon öfters gesprengt; es ist keine lärmende, sondern eine stille, drängende, unwiderstehliche Kraft, die in ihm lebt. Er hat Shakespeare, Rembrandt, Beethoven hervorgebracht. Die Vorzüge des deutschen Volkes sind über seine verschiedenen Stämme verschieden verteilt; aber niemand wird es dem niederdeutschen Stamme abstreiten, daß er unter allen deutschen Stämmen, was natürliche Anlage betrifft, der besonnenste ist. Der niederdeutsche Geist ist ein Geist, der Besonnenheit und Freiheit vereint. Gerade etwas von diesem Geiste, etwas von dem weiten Blick und kräftigen Freiheitsdrang, der den Anwohnern der Nordsee eigen ist, würde den Wählern wie Erwählten der deutschen Nation wohl anstehen. Grau ist zwar des Niederdeutschen Charakterfarbe; aber es ist nicht das »niederträchtig Grau«, von dem Goethe gelegentlich spricht; es ist ein »vornehm Grau«. Jene eigentümliche Vornehmheit des Niedrigen, welche in der altspanischen Dichtung und Malerei so auffallend hervortritt, ist auch im Norden daheim. Eine gewisse behäbige Blässe, morbidezza, wie sie landschaftlich den Heidegegenden, körperlich den Venetianerinnen, geistig dem Hamlet eignet; eine edle Geradheit und sittliche Reinlichkeitsliebe, wie sie einen Karstens erfüllt; ein heiterer, vornehmer, weltumfassender Geist, wie er einen Shakespeare beseelt: das sind die Hauptzüge und Vorzüge des niederdeutschen Charakters in seiner besten Gestalt. Von allen Vornehmheiten der Welt erscheint die Vornehmheit des Niederdeutschen als die schlichteste; eben das Schlichte an ihm ist das Gewählte! Dem innerlich Vornehmen eignet besonders jene scheinbare Unscheinbarkeit, welche für Rembrandt so charakteristisch ist; jenes ruhige und zurückhaltende äußere Auftreten, welches der Franzose mit einem im Deutschen nicht wiederzugebenden Ausdruck als s'effacer bezeichnet; und welches z. B. der niederdeutsche Politiker Bennigsen ganz besonders besaß. Es ist die Gabe, sich den Dingen, nicht die Dinge sich unterzuordnen. Der Niederdeutsche hat diese Eigenschaft in so hohem Grade, daß man ihn bisher sowohl künstlerisch wie politisch, als eigenen nationalen Typus, eigentlich gar nicht gewahr geworden ist; ja daß er sich selbst in dieser Hinsicht nicht gewahr geworden ist. Aber Unscheinbarkeit ist nicht Farblosigkeit und das Schlichte ist nicht das Schlechte; der Flintstein ist zwar ein sehr gewöhnlicher Stein, trotzdem findet man zuweilen Rubine in ihm. Wie diejenige Frau die beste ist, von der man am wenigsten spricht, so ist auch derjenige Politiker der beste, der seine Persönlichkeit als solche am wenigsten in den Vordergrund dringt; der nicht niedere, sondern höhere persönliche Politik treibt; der ohne Eitelkeit und Eigennutz handelt. Niederdeutsche Staatsmänner sind vorwiegend so verfahren, sie häuften nicht Geld auf wie Richelieu oder Mazarin; sie strebten nicht nach persönlicher Macht wie Napoleon und Gambetta; sie dienten gern dem gemeinen Wohl. Wilhelm I. von Oranien besaß diese glückliche Unscheinbarkeit der Person, wie des äußeren Auftretens: und er verdankt ihr einen nicht geringen Tell seiner Erfolge. Große Dinge wachsen zwar oft mit Lärm, aber sie werden nie mit Lärm geboren. Vergleicht man die Mannesgestalt eines Oranien mit der schönen Pose eines Marquis Posa, so wird man inne, wie sehr der letztere von der geschichtlichen wie psychologischen Wahrheit abweicht; und daß Schiller hier in den gleichen Fehler verfallen ist, den er an Goethes Egmont so sehr tadelte. Die Natürlichkeit Bismarcks und die Zurückhaltung Moltkes, die Bescheidenheit Washingtons wie die Anspruchslosigkeit Franklins sind Züge von der gleichen Art. Eine gewisse Hausbackenheit scheint von echtem Heroismus, ja von echtem Adel unzertrennlich: sie ist im ältesten griechischen Geistesleben zu finden und verkündet dort die künftige Größe; Shakespeare hat sie durch seine Brautwerbungsszene Heinrich IV., dieses Juwel einer niederdeutschen Charakteristik trefflich beleuchtet. Es ist dies derselbe Fürst, den Shakespeare in seinem Heinrich IV. als einen liederlichen Geistesaristokraten geschildert hat und der sonach die beiden Seiten des niederdeutschen Charakters: Adel und Volkstümlichkeit in sich vereinte. In griechisch-archaischen, venetianischen wie holländischen Geschichtsporträts tritt jener Charakterzug gleichmäßig hervor. Ja er ist noch heute anzutreffen. Krüger, der mutige Präsident des Transvaallandes, wurde von einem Reisenden, der ihn besuchen und besichtigen wollte, in Holzschuhen vor seiner Farm stehend angetroffen; der Präsident einer Republik, das Staatsoberhaupt selbst in Holzschuhen; man bedenke! Aber ein »Diplomat in Holzschuhen« wurde auch Bismarck einst von seinen intimen Feinden genannt; der niederdeutsche Politiker bleibt im Salon wie in der Wildnis derselbe: und der niederdeutsche Volksmann, sei er Bauer, Schiffer oder Künstler, steht ihm darin gleich. Auch Rembrandt könnte man einen »Maler in Holzschuhen« nennen. Der niederdeutsche Künstler bewährt diesen Zug zum Schlichten, Unscheinbaren womöglich noch stärker als der niederdeutsche Staatsmann. Shakespeare hat in seinen Sonetten seinen künftigen hohen Ruhm mit bewußter Sicherheit und ganz wörtlich vorausgesagt; dennoch hat fast kein Dichter so wenig wie er sein Selbst nach außen hervorgekehrt. 2. Kolonisationsgeist Als vor mehreren Jahrzehnten zwei Männer in einem offenen Segelboot namens Homeward bound – das sie selbst gebaut und für das sie jedes Brett selbst gesägt und jeden Nagel selbst geschmiedet hatten – vom Kap der guten Hoffnung nach Norwegen fuhren, da konnte man sehen, was niederdeutsche Umsicht und Zähigkeit vermag; dem Volksstamm, der solche Männer hervorbringt, kann alles gelingen. Einem Wikinger, der in seinem Boot ausfährt, mag wohl auch eine Krone zufallen. Es ist die Eigentümlichkeit des Niederdeutschen, von einem festen und gegebenen Zentrum gleichsam in die Unendlichkeit hinauszustrahlen; dieses Lebensprinzip betätigt er gerade so gut in der täglichen Praxis wie auf politischem und geistigem Gebiet und nicht am wenigsten in der Kunst. Er erreicht so das Edelste. Zuweilen scheint es bei Rembrandt, daß der Geist Gottes aus dem Kot aufsteige; aber es ist nicht Kot, sondern niederdeutsche Erde, aus der er aufsteigt. Je natürlicher und simpler ein Volk in seinen Gesinnungen wie seinem Auftreten ist, eine desto weitere geschichtliche Arena eröffnet sich ihm. Kleine Züge bedeuten hier oft viel. Ein unbekannter niederdeutscher Ansiedler in Nordamerika, vor mehreren Generationen, zog dreißig Jahre lang als Pionier europäischer Kultur langsam westwärts; da es dort damals noch an Obstbäumen fehlte, so führte er stets einen Sack mit Apfelkernen bei sich, dessen Inhalt er überall aussäte; man nannte ihn John Appleseed. Seine stille, selbstlose und dabei doch so nützliche und sinnvolle Tätigkeit war eine urniederdeutsche: denn es ist die Art dieses gesegneten Stammes, überall, wohin er kommt, unmerklich die Saaten eines reichen organischen Lebens auszustreuen. Die niederdeutsche Kolonisation reicht geistig und politisch über das gesamte Deutschland, wie sie ökonomisch und materiell schon seit langem von der Wolga bis zur Bai von Alaska reicht. In der nordwestdeutschen Tiefebene liegt das Zentrum dieser großartigen Bestrebungen. Von hier aus verbreitet sich niederdeutsche Gesinnung und Gesittung, in einem Halbkreise ausstrahlend, über die gemäßigte Zone unserer Erde; der Bezirk ihrer Tätigkeit gleicht einem ausgebreiteten Fächer oder, wenn man will, dem kunstvollen Gewebe einer Spinne. Der engste konzentrische Ring desselben zieht sich von der russischen bis zur holländischen Grenze Deutschlands; und er ist in mancher Hinsicht von entscheidender Bedeutung. Die »Getreuen von Jever« hielten ganz besonders zum ersten deutschen Reichskanzler; es gibt vielleicht ein geheimes tieferes Band, welches die Bewohner der deutschen und außerdeutschen Nordseeküste mit jenem Träger der deutschen Nationalitätsidee verbindet; das Zentrum eines Kreises steht zu seiner Peripherie stets in engerer Beziehung als zu dem dazwischen liegenden Raume. Die deutsche Politik wird immer teilweise eine Seepolitik sein müssen; die niederdeutsche Politik, die einstige Hansapolitik ist dieser Notwendigkeit gefolgt; und das Volk selbst hat sie seinerzeit empfunden. Man hat gesagt: daß Hamburg und Lübeck die beiden Augen Niederdeutschlands seien; im weiteren Sinne können Amsterdam und Venedig dafür gelten; und im weitesten Sinne London und New-York. Immer aber ist es ein Augenpaar, das sich vom Lande auf die See richtet; und zwar nicht nur in kaufmännischer und politischer Beziehung; ebenso sehr und vielleicht noch mehr in geistiger Beziehung. 3. Holländertum Das merkwürdige und vielfach zu beobachtende Gesetz, daß der Strom der Kultur dem Laufe der großen Flüsse parallel, aber in umgekehrter Richtung sich bewegt, bewährt sich auch bei uns. Der Rhein führt sein Gold stromabwärts und seine Kultur stromaufwärts. Die speziell modernen unter den bildenden Künsten, Musik und Malerei, erwachten in der neueren Zeit zuerst in den Niederlanden wieder zu einem freieren und reicheren Leben; und von dort hat auch die speziell moderne unter den handelnden Künsten, die heutige europäische innere Politik, ihren ersten Ausgang genommen. Diese hat sich nachträglich den Norden, wie die Ölmalerei den Süden Europas erobert. Den so gegebenen Spuren hat man zu folgen. Holland liegt außerhalb des heutigen politischen Deutschlands; aber eben darum ist es der archimedische Punkt, von dem aus letzteres geistig in Bewegung gesetzt werden kann. Der deutsche Politiker soll mit derselben Frische Feinheit und Selbständigkeit, mit demselben tiefen Gefühl für angeborene Eigenart seinem hohen Beruf nachgehen, wie es seinerzeit der holländische Künstler getan hat. Das ist die Bedeutung Rembrandts für die deutsche Politik von heute. Der lebendige und selbstverantwortliche Mensch ist es. welcher allein in beiden Fällen zur echten und höchsten Leistung gelangt. * Rembrandt ist nicht nur Niederdeutscher im allgemeinen, sondern auch Holländer im besonderen; er ist Holländer in jedem Pinselstrich seiner Arbeiten; ja zuweilen ist er es bis zum Übermaß. Seine wirkliche wie geistige Heimat liegt zwischen Land und See. Hier, wo das Weltmeer die deutsche Erde küßt, haben beide einen Bund für die Ewigkeit geschlossen. Holland ist durchweg ein Bauernland; ein Erd- oder Schlammgeruch durchzieht sein ganzes Volksleben wie einst so jetzt. Es ist bezeichnend, daß die Hauptstadt des Landes, der Haag, noch bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ein Dorf war. Was Franz Hals malte, ist höheres Bauerntum und ebendieses gibt Rembrandt, nur in noch geläuterterer Form – mit einem Schutz Mystik durchsetzt. Auch technisch genommen, zeigt Rembrandts Malerei den gleichen Charakter: es ist eine holländische Schlammalerei; aber im edelsten Sinne. Die Holländer sind Bauern von besonderem Schlage: sie sind Seebauern , wie es einst die Griechen waren; somit stehen sie den festländischen Niederdeutschen verwandt und zugleich fremd gegenüber. Dies Verhältnis hat in einer besonders nahen Beziehung des holländischen Stammes zum preußischen Staate seinen historischen Ausdruck gefunden. Ist diese Verwandtschaft auch in neuerer Zeit mehr zurückgetreten, so ist sie doch eine starke und so fest mit den innersten Daseinsbedingungen des preußischen Staates verknüpfte, daß sie nie aufhören und jederzeit wieder stärker nach außen sich betätigen kann. Das eigentliche Königreich Preußen, die frühere Ordensprovinz, ist zum guten Teil von Holländern besiedelt worden, deren Nachkommen noch jetzt dort leben; in dem nationalsten Schauspiel des nationalsten holländischen Dichters, Vondels Gysbrecht van Amstel, erklärt der Held zum Schlusse des Stücks »ich geh' ins fette Preußenland«; eine Äußerung, die zu dem »hungrigen Preußentum«, von dem man früher in einigen Gegenden Deutschlands sprach, in erfreulichem Gegensatz steht. Der Große Kurfürst selbst war zum Teil in den Niederlanden erzogen und persönlich wie politisch den Holländern äußerst geneigt; er bewies es wiederholt durch entscheidende Kriegstaten; Berlin wurde von ihm auf holländische Art befestigt. »London« hieß die vorletzte und »Amsterdam« die letzte Tagesparole, welche er unmittelbar vor seinem Tode an seine Haustruppen ausgab; wichtige Verhandlungen mit den nordwestlichen Mächten lenkten seine Aufmerksamkeit damals vorzugsweise nach jener Richtung hin: aber man könnte in diesen zwei Worten auch noch eine andere Art von »Testament des Großen Kurfürsten« erblicken: eine Mahnung zum dauernden Anschluß an die stammverwandten niederdeutschen Staaten. Diese Vorliebe für das Holländertum vererbte sich auf seinen Enkel Friedrich Wilhelm I. Man sieht dies zwar meistens nur als eine Marotte des Letzteren an, aber es lag ihr ein tiefer politischer Instinkt zu Grunde: das Gefühl innerlichster Verwandtschaft zwischen Preußen und Holland. Potsdam, die Lieblingsstadt dieses Königs und die preußischeste aller preußischen Städte, war überwiegend in holländischem Stile erbaut. Der Name dieser Stadt selbst ist nach Analogie von Eidam, Schiedam, Amsterdam usw. wahrscheinlich holländischen und nicht, wie man gelegentlich vermutet hat, slawischen Ursprungs. Die Mark Brandenburg wurde, nach ausdrücklichem Bericht des Chronisten Helmold, durch Albrecht den Bären mit »zahlreichen Holländern, Seeländern und Flandern« besiedelt. Jedenfalls ist Potsdam, seinem inneren Charakter nach, eine halb holländische Stadt. Wie in Amsterdam so gab es auch in Berlin bis vor kurzem noch »Grachten«; das gleichfalls ursprünglich holländische Kanalwesen, dem sich Preußen neuerdings wieder zuwendet, verspricht ihm handelspolitisch eine große Zukunft. An die überwiegend holländische Physiognomie der älteren Teile aller großen norddeutschen Städte wie Danzig, Hamburg, ja teilweise selbst Magdeburg und Dresden, braucht nur erinnert zu werden. Ganz Norddeutschland ist von einem den Niederlanden entweder direkt entstammenden oder doch nahe verwandten Geiste erfüllt; und naturgemäß hat sich dieser in dem rechteigentlich norddeutschen Staat, Preußen, am stärksten geltend gemacht. Es würde also kein Sprung ins Ungewisse und überhaupt keinerlei Sprung sein, wenn Preußen sich auch innerlich wieder mehr dem Holländertum zuwenden würde; es würde damit nur seine ältesten und besten Traditionen wieder aufnehmen. Der preußische Staat befindet sich gewissermaßen noch im Junggesellenstand; er sollte sich zur Ehe mit dem Holländertum, seiner einstigen Jugendgeliebten, entschließen. Eine solche Ehe würde dauernde und schöne Früchte tragen. Das alte und halb holländische Berlin war schlichter, aber auch echter als das heutige; es würde wohl daran tun, bei seiner erweiterten und vertieften Weltstellung jener früheren Verhältnisse nicht zu vergessen. Es sollte zwar nicht wieder holländisch bauen; aber es sollte wieder etwas altpreußisch und damit holländisch gesinnt werden; dann würde es auch ganz deutsch gesinnt sein. In die Trockenheit des deutschen Lebens wiederum etwas niederländische Feuchtigkeit einzuführen, kann nur nützen; man denkt jetzt daran, Seefische auf billigere und raschere Weise als bisher ins innere Deutschland zu schaffen oder Berlin gar zu einem Seehafen zu machen; aber eine Einfuhr von politischer, geistiger, künstlerischer Seeluft dorthin würde noch nützlicher sein. »Die Lüftung der Nation kommt mir zu deren Aufklärung unumgänglich nötig vor«, sagte schon Lichtenberg. Wie eine geistige Ökonomie, gibt es auch eine geistige Hygiene; man darf weder diese noch jene vernachlässigen. Der Verbauerung Preußens muß demnach eine Verholländerung Preußens entsprechen und sich anschließen. Wie sie materiell und von oben herab, durch die Herrscher, schon einmal stattgefunden hat; so sollte sie jetzt geistig und von unten herauf, durch das Volk, wiederholt werden. Die großen geschichtlichen Strömungen bleiben sich räumlich wie zeitlich gleich; die staatsordnende und volksbildende Tätigkeit, welche einst der aufgeklärte Despotismus ausübte, fällt jetzt dem abgeklärten Liberalismus zu; er ist vorzugsweise ein holländisches Erzeugnis. Je mehr er sich an die von Holland, im inneren wie äußeren Staatsleben, stets bewiesene gesunde Mäßigung hält, desto besser wird es sein. Rembrandt, der freie Staatsbürger, ist daher für die Deutschen nicht minder wichtig als Rembrandt, der freie Künstler. Ob sein und Hollands Einfluß auf die deutsche Politik sich noch einmal darin zeigen wird, daß auch äußerlich ein näherer Anschluß des stammverwandten Landes an das Deutsche Reich erfolgt, bleibt der Zukunft überlassen; bis dahin kann es nicht schaden, wenn man in Deutschland wenigstens das Wesen der Holländer, wie sie einst waren und wie sie jetzt sind, richtig zu verstehen sich bemüht. Man ist deutscherseits oft geneigt, sie humoristisch zu beurteilen; aber sicherlich mit Unrecht; ernste Leute wollen ernst genommen sein. Sprache und Wesen der Holländer sind so wenig humoristisch, wie gewisse Bilder von Rembrandt, z. B. der Raub des Ganymed, es sind; sie in dieser Weise beurteilen, heißt ihren Charakter völlig verkennen. Es sind beiderseits volle, breite, zwanglose, aber dabei auch warme und geistvolle Naturlaute: daß dergleichen auf den modernen Menschen anscheinend komisch wirkt, zeigt, wie weit er selbst sich von Einfachheit und Natur entfernt hat. Ähnlich verhält es sich mit Shakespeares Troilus und Cressida; es ist kein burleskes Stück, sondern schildert eine griechische Begebenheit einfach im nordischen Volkston. Dichter wie Maler haben hier fremde Stoffe verheimatlicht. Jene obigen Vorurteile würden schwinden, wenn die Deutschen physisch wie geistig mehr zu »Hollandgängern« werden wollten; das Wort »der Rhein Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze« gilt auch für dessen unteren Lauf. Deutschland könnte der Annexionsfurcht der Holländer am besten dadurch ein Ende machen, daß es sich von ihnen annektieren ließe. 4. Nordgermanische Seestämme Wer die See hat, hat die Welt; und die Niederdeutschen, insgesamt genommen, haben die See; der Zug auch der übrigen heutigen Deutschen zur See zeigte sich in der großen Vorliebe, welche sie für ihre Marine hegten. Die See befreit, – oft auch von Sklaverei wie von Barbarei. Mit der politischen und geistigen Freiheit kommt den Völkern der Purpurschein echter Vornehmheit; jene wie diese, die innere wie äußere Hoheit des Lebens war vorzugsweise den Seevölkern beschieden: Griechen, Venetianer, Engländer, Niederländer beweisen es. Mögen es auch die Deutschen beweisen. Es bedarf eines vermittelnden Organs, eines Bindeglieds, einer Brücke – zwischen Deutschland und der übrigen Welt: In der See ist sie gegeben. Und als ein Brückenkopf dient ihr jener Kranz von dominierenden germanischen Staaten, welcher das heutige Deutsche Reich nach Nordwesten hin halbkreisförmig umschließt. Die jetzige deutsche Politik ist eine Politik der Blutsverwandtschaft; sie erstreckt sich vorwiegend auf die inneren Stämme Deutschlands; sie sollte sich aber auch, zunächst geistig und später vielleicht wirklich, auf seine äußeren Stämme erstrecken. Hier liegt die Reserve seiner Kraft! Der amphibische Teil Deutschlands, die Seestämme, müssen möglichst in seine künftige Interessensphäre mit einbezogen werden. Richtet sich künftighin die Achse der deutschen Bildung auf die Nordsee, so wird dieser geistige gerade wie der physische Nordpol einen Strahlenkranz magnetischer Strömungen wie Gegenströmungen um sich herum fordern und erzeugen. Holland, auf das schon hingewiesen worden ist, umfaßt einen Teil von ihnen. In diesem Lande begegnen sich indirekt Frankreich, England, Deutschland; es wendet seine drei Seiten gleichmäßig diesen drei besonders so zu nennenden modernen Staaten zu; es ist eine Art von Triangulationsdreieck für die europäische Kultur. Dadurch war es stets starken äußeren Einflüssen ausgesetzt; aber es mußte ihnen gegenüber seine besondere Eigenart zu wahren; und das ist ihm nützlich geworden. Holland selbst ist wie eine fette Scholle, die am Meere liegt; von ihm aus kann sich der weltumfassende Geist eines gesunden Individualismus über Deutschland, und von Deutschland weitaus in befruchtender Strömung ergießen. Holland endlich ist während der sogenannten Aufklärungsperiode die hohe Schule für die deutschen wie nordischen Fürsten gewesen. Wilhelm III. von Oranien und der Große Kurfürst, Peter der Große und Friedrich II. von Preußen haben sich durch einen längeren oder kürzeren dortigen Aufenthalt für ihre spätere große geschichtliche Rolle vorbereitet. Sie haben dort, zunächst für sich und dann für ihre Völker, Freiheit und Selbständigkeit gelernt; es ist zu wünschen, daß sich für das künftige geistige Leben Deutschlands ein ähnlicher Einfluß wieder geltend macht. Ein Volk bedarf einer größeren Arena, um zu lernen, als ein Fürst; da das deutsche Volk nun mündig geworden ist, wird es seine Kräfte auch geistig auf einem weiten Schauplatz üben und anstrengen müssen. Jene nordwestgermanischen Stämme und Staaten, die wie ein Groß-Holland zwischen Ozean und Festland liegen, sind dazu geeignet, bestimmt, unerläßlich. Sie können geistige Befreier ihres Mutterlandes werden; ihre verwandte und doch fremde Bildung ist ein passendes Gegengewicht gegen jene drückende Last des Alexandrinismus, unter welcher die jetzigen Deutschen seufzen. Nord- und Ostsee sind die beiden mächtigen Ausfallstore, welche das deutsche Land und der deutsche Geist sich vorbehalten hat. In den gebildeten Klassen der Ostseeprovinzen ist noch Individualität, in den ungebildeten Klassen Norwegens noch Natur vorhanden; in Dänemark ist der Sinn für feineres, geselliges und soziales Leben zu Hause. In Kopenhagen hat ein Bierbrauer mehr für dänische Kunst getan als irgendein deutscher Edelmann für die deutsche; er heißt Jacobsen. Die Dänen wollen nicht gern Deutsche sein; dennoch aber sind sie, im weitem Sinne, Niederdeutsche; Dänemark heißt sogar wörtlich »die niedere Mark«. Vielleicht wird es den Dänen einmal leichter werden, sich an Niederdeutschland als an Deutschland anzuschließen; ihr berühmtester König, Christian IV., war Kreishauptmann des niedersächsischen Kreises; das »Kong Chriftiern stod ved hoie Mast« hat eine viel schönere Melodie als der »tappre Landsoldat«. Dänemarks eigentlicher Beruf, Dänemarks Blüte und Ruhm wird immer »am hohen Mast«, nicht unter den »Landsoldaten« zu suchen sein. Es könnte in einem geistigen Groß-Deutschland recht gut ein Seitenstück zu Holland darstellen; neben den Generalstaaten der Admiralstaat. Der erlösende Hauch der See wird alsdann von beiden ausgehen: wie von Holland Freiheit, könnte von Dänemark Feinheit nach Deutschland eingeführt werden. Hamlet, der bisher feinste Germane, war ein Däne. England und Schottland bekämpften sich fünfhundert Jahre lang, ehe sie sich für immer einigten; Deutschland und Dänemark waren sich zwei Menschenalter feind; weshalb sollten nicht auch sie sich für immer einigen können? Zwischen Holland und Dänemark endlich liegt, geistig wie geographisch, England . »Jeder Engländer ist eine Insel«, hat Novalis gesagt und damit die individuelle Abgeschlossenheit des englischen Charakters treffend gekennzeichnet. In diesem Sinne soll auch Deutschland sich geistig insulieren und isolieren. Es wird dadurch einerseits seine angeborene Eigenart vertiefen, also das Ziel der echten Bildung erreichen und andererseits sein früheres Schweifen in die Fremde aufgeben, also die Fehler seiner Vergangenheit gutmachen. Die Engländer gelten sich und anderen heutzutage für das vornehmste aller Völker; sie sind es in gewissem Sinne, weil sie das individuellste aller Völker sind: unter den verschiedenen niederdeutschen Sonderstämmen stehen sie hierin am weitesten nach vorn. Amsterdam, London, Hamburg, Kopenhagen, Stockholm sind die gewaltigen Elemente einer elektrischen Batterie, deren Strom sich auch hier durch den Kontakt von Feuchtem und Trockenem, von Land und See erzeugt und durch den niederdeutscher Geist, wenn er ernstlich wollte, die Welt in Bewegung setzen könnte. EZ kommt nun freilich darauf an, daß diese große Aufgabe in wie außerhalb Deutschlands richtig verstanden wird. »Ich gebe Ihnen nur eine einzige Instruktion mit, ein gutes Einvernehmen mit England,« sagte Fürst Bismarck zu dem Hauptmann Wißmann, als dieser nach Ostafrika abreiste; sie gilt auch im weiteren Sinne und für gewisse weitere Aufgaben des Deutschen. Es gibt für ihn, wenn er eine geistige und künstlerische Weltpolitik betreiben will, nur eine einzige Instruktion: ein gutes Einvernehmen mit seinen Verwandten an der See. Andererseits bedürfen mindestens die kleineren unter jenen Staaten, wie Dänemark und das heutige Holland, des inneren Anschlusses an ein großes nationales Ganze, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, in der Enge zu verdumpfen. Wie die Einheit Deutschlands seinerzeit durch gemeinsame Handelsinteressen, wird die Einheit Germaniens jetzt durch gemeinsame Geistes Interessen gefordert und gefördert. Diese liegen sogar noch tiefer und führen daher, in gewisser Hinsicht, weiter als jene. Teilweise scheint man sich dieser Tatsache, diesseits wie jenseits der See, schon bewußt zu sein. In England ist deutsche Sprache, Kunst und Literatur zeitweilig Mode geworden; Carlyle hat sie dort früher schon ernstlich empfohlen; Holbein, Händel, Beethoven sind zuerst jenseits, Shakespeare ist zuerst diesseits der Nordsee voll gewürdigt worden. Diese fruchtbare Wechselwirkung zeigt sich in großen wie kleinen Dingen. Der Schotte Burns und der Schwede Bellmann haben ganz im Geiste Rembrandts gedichtet; das Volkstümliche, Humoristische, Seelenvolle und dabei zuweilen Visionäre ist ihnen allen dreien in auffallender Weise gemeinsam. Die Anglomanie, welche in gewissen politischen wie sozialen Kreisen des heutigen Deutschlands herrscht, sowie die neuerliche Schwärmerei der Deutschen für norwegische Literatur erscheinen gleichfalls als unbestimmte, wiewohl etwas ungesunde Fühler nach der obengenannten Richtung hin. Diese flüchtigen Kräuselungen an der Oberfläche des Meeres deuten auf bleibende Strömungen in seiner Tiefe. Nie die Schwärmereien und Eitelkeiten des Jünglings dem Ernst des Mannes, so gehen die hier genannten Neigungen einem sicher zu erwartenden späteren innerlichen Anschluß der Deutschen an ihre auswärtigen Vettern voraus. Sie wohnen von Riga bis Amsterdam; und wo das Auge eines einheimischen Deutschen dem eines ausheimischen Deutschen begegnet, da erkennen sie sich; da verstehen sie sich. Stimme des Bluts! 5. Schleswig-Holstein Jene Seestämme sind, allgemein gefaßt, sämtlich Niederdeutsche; und das Zentrum des geographischen Halbkreises, den sie darstellen, bildet ein verhältnismäßig kleines Gebiet, welches aber in die europäische Geschichte schon oft bestimmenderweise eingriff. Schleswig-Holstein ist das einzige deutsche Land, welches von zwei Seiten durch die See bespült wird; schon dadurch erscheint es zu einer gewissen Vermittlerrolle zwischen den Nordwest-Germanen und den Reichsdeutschen berufen. Schleswig wie Holstein ist in seiner östlichen Hälfte von Sachsen, in seiner westlichen von Friesen bewohnt: friesische Festigkeit und sächsische Zähigkeit begegnen sich hier. Und indem sich diese Gebiete außerdem noch in südnördlicher Richtung Zusammenschlössen, formierten sie an dem politischen wie geistigen Himmel Deutschlands eine Art von nördlichem Kreuz, das dem »südlichen Kreuz« des wirklichen Himmels an Schönheit wie Bedeutsamkeit kaum nachsteht. Mannigfache Einflüsse und Strömungen des deutschen Volkslebens trafen von jeher in diesem Erdenwinkel zusammen; große Entscheidungen gingen von ihm aus. Das früheste Auftreten der Deutschen in der Geschichte, der Zug der Zimbern und Teutonen, nahm von hier seinen Ausgang geradeso wie die heute noch bestehende Weltseeherrschaft der Angelsachsen. Hier wohnten die Vorfahren Shakespeares, welcher auf dem britanischen Boden nur ein – Kolonist ist; hier legten Lornsen und Dahlmann den frühesten Grund zum gegenwärtigen Reich; hier suchte und fand der deutsche Volksgeist von 1848 seine erste und einzig gesunde Betätigung nach außen hin; hier waren Moltkes Eltern zu Hause und verlebte er selbst seine Jugend; hier befand sich, wie Lord Palmerston einst richtig urteilte, »das Zündholz, welches Europa in Brand stecken sollte«. Das »up ewig ungedeelt« prophezeite die künftige Einigung Deutschlands. Schleswig-Holstein, obwohl als solches jetzt vergessen, war einmal das Schoßkind der Deutschen; es galt als sehr wichtig; Volksinstinkt wie diplomatische Weisheit kamen darin überein. Seine Bedeutung entsprang seiner bevorzugten und in gewissem Sinne ganz einzigen geographischen Lage; und da diese Lage bleibt, so dürfte auch jene Bedeutung neueren Geschichtsverhältnissen entsprechend, sich künftighin wieder geltend machen. Es wäre nicht das erstemal, daß in der Geschichte der genius loci an gewisse Stätten sein erbliches Recht geltend machte. Niebuhr hat es auf wissenschaftlichem und staatsmännischem, Moltke auf militärischem Gebiete, beide aber – im Staate Preußen glänzend bewährt. Eine geschichtliche Fügung hat sogar den Wohnsitz des Schöpfers der deutschen Einheit zwar nicht in, aber doch bis dicht an die Grenzen Schleswig-Holsteins gerückt: Bismarck wohnte in Friedrichsruhe. Das frühere erbliche Fürstenhaus des Landes selbst stammt ebendaher, wo die »Getreuen von Jever« wohnen; also aus der Gegend, wo die Hauptmasse des sächsischen mit derjenigen des friesischen Stammes sich trifft; also wo abermals niederdeutsche Entschiedenheit und Elastizität sich einen. Dieses ursprünglich oldenburgische Herrschergeschlecht saß in seinen teils männlichen teils weiblichen Sprossen auf den Thronen der halben Welt: das russische und griechische Fürstenpaar gehörte ihm von beiden, das dänische und oldenburgische von männlicher, das englische sowie das deutsche und sächsische, württembergische, braunschweigische von weiblicher Seite an. Es steckt aber auch etwas von Hamletnatur in diesem Geschlecht; Gustav III. und Gustav IV. von Schweden, Peter III. und Paul I. von Rußland haben ein Ende genommen, wie es vielleicht Hamlet als regierendem König beschieden gewesen wäre; Idealität ist für Throninhaber gefährlich. Schloß Gottorp bei Schleswig, dem alle diese Fürsten entstammen, ist nicht nur das geographische, sondern auch fast das mathematische Zentrum aller jener Länder, welche den von ihm besetzten Thronen unterworfen sind. Es bildet darin einen bemerkenswerten Gegensatz zu dem antiken – Rom, das gleichfalls fast im mathematischen Mittelpunkt des Bezirkes seiner Weltherrschaft gelegen war. Es gibt auch eine geschichtliche Mathematik; und sie ist vielleicht bisher zu wenig beachtet worden. Freilich ist der Unterschied zwischen der südlichen Weltstadt und dem nordischen Herrensitz groß; dort Republikaner, welche auf die Unterdrückung, und hier Monarchen, welche auf die Pflege fremden Volkstums ausgingen. Dort Zentralisation, hier Individualisierung. Das besondere Schicksal gerade dieses Volksstammes erinnert an das so manches seiner Angehörigen, der vom Strohdach auszieht und jenseits des Ozeans eine Million findet. Es ist deutscher Märchenglaube, ins praktische Leben übersetzt; Hans im Glücke, der verliert und gewinnt. Schleswig-Holstein ist, politisch wie geistig, von jeher ein Land des Vorstoßes gewesen. Es lagert sich äußerlich wie innerlich als ein Sturmbock vor die gewaltige Heeressäule Deutschland; man darf daher vermuten, daß dies auch ferner so bleiben wird – im Rahmen der neueren deutschen Entwicklung. Ein solcher Vorstoß bedeutet, der Gesamtheit des deutschen Volkes gegenüber, einen erzieherischen Akt; in einzelnen Fällen, wie z. B. bei Lornsen, bedeutet er eine Winkelriedstat; aber er braucht nicht immer eine solche zu sein. Auch hierin hat sich die Zeit gewandelt; sie ist synthetischer geworden. Klaus Groth wird von den Vlamen geschätzt; im heutigen Dänemark gibt es eine deutschfreundliche Partei; friesische Seeleute wurden von den Engländern den eigenen vorgezogen. Das nordalbingische Gebiet wirkt über, nach allen Seiten hin. Es ist mit Deutschland durch politische Ein- und Unterordnung, mit Holland durch gemeinsame friesische Stammeszugehörigkeit, mit England als einer uralten Tochterkolonie, mit Dänemark durch gewisse Teile seiner Bevölkerung und mit Schweden durch wichtige geschichtliche Erinnerungen verbunden. Schleswig-Holstein ist das Hinterland Hamburgs; und diese Stadt ist das bedeutendste Mittelglied zwischen Deutschland und der See; ihre zuverlässigsten Schiffsführer bezieht sie aus jenem Hinterlande. Kiel, seine Hauptstadt, war auch deutsche Marinehauptstadt und der foot-step der Hohenzollern in die See. Ein kräftiger Schlag von Leuten wohnt in diesem Lande; sie besitzen physische wie moralische Gesundheit; vier Herzöge von Holstein sind auf den Schlachtfeldern Preußens gefallen; und »die Schleswig-Holsteiner haben sich geschlagen wie die Löwen«, sagte Bismarck 1870. Trotzdem oder ebendarum sind die »framen Holsten« von alters her berühmt; sie gelten als gottesfürchtig. Sie sind ein echt und rein deutscher Stamm und bleiben es hoffentlich; ihr Wohnort, ihr konservativer Charakter und die ihnen eigentümliche Begabung sprechen dafür. Man wird abzuwarten haben, ob und wie diese tapferen Grenzbewohner, die Ahnen Shakespeares und die Vettern Moltkes, ihre Vergangenheit durch ihre Zukunft rechtfertigen. Im achtzehnten Jahrhundert gab es ein preußisches Infanterieregiment »Jung-Holstein«; im neunzehnten gab es eine Berliner Literaturschule »Jung-Deutschland«; wie sonst, so dürfte auch in diesem Fall der individuelle Faktor dem allgemeinen, die provinzielle Gesundheit der hauptstädtischen Ungesundheit, das klare Preußentum dem unklaren Deutschtum vorzuziehen sein. Was Holland in der Vergangenheit und als selbständiger Staat, das wird möglicherweise Schleswig-Holstein für die Zukunft und als eingegliederter Bestandteil des Deutschen Reiches sein: der point de vue für eine freie und weitere Entwicklung des deutschen Geisteslebens. Schleswig-Holstein ist der einzige Teil Deutschlands, welcher zu Rembrandt in einer direkten künstlerischen Beziehung gestanden hat; welcher ihm Schüler sandte und seine Schüler beschäftigte; es braucht nur an Fabritius und Owens erinnert zu werden. Wie stets hat hier die See nicht getrennt, sondern verbunden. Der größte holländische Gelehrte und der größte holländische Künstler: Gerrits und Harmensz – sonst Erasmus und Rembrandt genannt – tragen beide die in Schleswig-Holstein sehr gewöhnlichen und dort nur ein wenig anders lautenden Namen: Gehrts und Harms. In späterer Zeit sind Schlüter, Karstens, Semper, deren bahnbrechende Wirksamkeit bis in die Gegenwart reicht, von hier ausgegangen. Einem Herzoge von Holstein-Augustenburg verdankte Schiller, teils direkt teils indirekt, die Muße der letzten zehn Jahre seines Lebens und die Möglichkeit, seine reifsten Werke hervorzubringen. Das war eine volkserzieherische Tat. Jeder der deutschen Stämme hat seine besondere Aufgabe innerhalb des allgemeinen nationalen Lebens zu erfüllen. Nicht an äußerer, sondern an innerer Geltung sollen sie miteinander wetteifern; dann wird sich zeigen, wer Sieger bleibt. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß, geschichtlich genommen, Schleswig-Holstein hier einen bedeutenden Vorsprung hat. Aus der kleinen Halbinsel Angeln, welche in die Ostsee wie aus der kleinen Halbinsel Attika, welche in das Mittelmeer hineinragt, haben sich zwei gleich mächtige, segenbringende Kulturströmungen über die Welt ergossen. Fein und plastisch wie das geographische Profil der einen, war auch der Geist, der von ihr ausging; breit und wuchtig wie das geographische Profil der andern, ist auch der Geist, der von ihr ausging. Es ist ein angelsächsischer, ein niederdeutscher, ein deutscher Geist; es ist ein Geist blühenden Lebens, gleich demjenigen Shakespeares und der letzten deutschen Kaiserin; es ist ein Geist der Gesundheit. Und diesem gehört die Zukunft. Wie das Wappen Hollands und Venedigs, so ist auch dasjenige Schleswigs ein – Löwe; kriegerischer und künstlerischer »Löwengeist« lebt in diesen genialen Stämmen; er soll dem »Insektengeist« der heutigen deutschen falschen Bildung entgegentreten. Großer Geist soll den kleinen Geist, eine Menschenbildung die Renommistenbildung besiegen. Geigentöne, dem Herzen entquollen, und nicht Trompetenstöße, dem Markte dienend, müssen hier gelten. Man soll streben, aber nicht Streber sein. Konservativ und frei Rembrandt ist als Person genommen der freieste und als Vertreter seines Volkstums genommen der gebundenste aller Künstler. In diesem Wechselspiel der beiden höchsten Fähigkeiten, die ein Künstler wie ein Politiker haben können, bewährt er sich als der Ausdruck desjenigen, was der Deutsche überhaupt und im besonderen in der Politik sein soll. Der Niederdeutsche erscheint vermöge seines geistig, sittlich und zum großen Teil auch staatlich durch und durch konservativen Charakters ganz vorzugsweise zur Vertretung und Entwicklung und Vertiefung des liberalen Prinzips berufen. Konservativ angelegte Völker sollten liberal regiert werden und liberal angelegte Völker sollten konservativ regiert werden. Die Bewohner von Attika und von Latium waren Bauern; diese in rein festländischer Art, jene schon vom befruchtenden und vergeistigenden Hauche der See berührt; der Niederdeutsche und mit ihm der Neudeutsche, welch letzterer in einiger Beziehung dem Römer, in anderer dem Griechen verwandt erscheint, soll gleichfalls jene beiden Arten von Bauerntum in sich vereinigen: er soll zugleich Märker und Holländer sein, wie es der Große Kurfürst und sein Enkel waren. Aus Bauern sollten die Deutschen mehr als bisher zu Seebauern werden. Der Niederdeutsche ist konservativ, insofern er Bauer und liberal, insofern er Kolonisator ist; Holland selbst ist eine dem Meere abgewonnene Kolonie; dieses Land, England, das ostelbische Preußen, Nordamerika sind nacheinander von dem zähen und kraftvollen Stamme besiedelt worden. Je früher sie besiedelt wurden, desto eher sind sie, nachdem sie durch das Kolonisieren liberal geworden, wieder zu ihrem ursprünglich konservativen Charakter zurückgekehrt; und konnten sich dann eben darum wieder den Luxus einer liberalen Gesinnung wie Staateneinrichtung erlauben. Nordamerika, die jüngste dieser Kolonien, ist noch am wenigsten konsolidiert; und daher in seinem Volkscharakter am wenigsten konservativ; und in seiner Gesinnung am wenigsten liberal. Die Masse gilt dort alles, die Individualität nichts; es ist scheinliberal. Preußen, die zweitjüngste in der Reihe, beginnt sich zu konsolidieren; und je konservativer es sich im Charakter seiner Bewohner entwickelt, desto echtliberaler darf es gesinnt sein und regiert werden. Das große Gesetz des Ausgleichs entgegengesetzter Kräfte, welches die gesamte Welt beherrscht, muß auch hier gelten. Eine innere und womöglich äußere Anlehnung an die älteren Schwesterkolonien, Holland und England, wird hier heilsam wirken. Sie wird Härten der Entwickelung mildern; sie wird dem preußischen Staate, in vielen Fällen, politisches Lehrgeld ersparen. Konservativ in der Politik zu sein in dem Sinne, wie es Rembrandt in seiner Kunst und jeder Bauer noch heute auf seinem Gute ist, das ist die Aufgabe der gegenwärtigen Deutschen: nämlich als ein freier Mann auf der ererbten Scholle zu sitzen, d. h. an den geschichtlichen Überlieferungen und Tatsachen im allgemeinen festzuhalten, sich aber die freie politische Entschließung in jedem einzelnen Falle vorzubehalten. Die Saiten der Leier müssen straff gespannt sein; aber die Hand soll sich in freiem Spiel auf ihnen regen. Dem gesunden Konservativismus des Niederdeutschen überhaupt entspricht somit ganz der gesunde Liberalismus des Holländers insbesondere. Dieser hat jahrhundertelang und mit siegreichem Erfolg die Freiheit verteidigt. Es ist bekannt, welch außerordentlich hohe, doch kaum zu hohe Schätzung so durchaus verschiedene Geschichtschreiber wie Schiller, Macaulay, Ranke, Motley dem Befreiungskampf der Niederlande beigelegt haben. Tatsächlich haben die Holländer bisher in Staat, Kunst und Handel mehr geleistet als irgendein anderer besonderer deutscher Stamm; und ebendarum, weil sie den Begriff der Freiheit in richtiger Weise verstanden: als eine Aufrechterhaltung der gesonderten Volkstümlichkeit, der volkstümlichen Persönlichkeit, der persönlichen Überzeugung. Es ist jene echt deutsche Art von Liberalismus, wie sie unter anderen Verhältnissen auch UhIand, Lornsen, Dahlmann vertraten: der Kampf ums alte Recht! Ein aristokratischer Zug fehlt dieser Gesinnung nicht; die von Dahlmann verfochtene Streitsache der holsteinischen Ritterschaft war es, welche zur Schleswig-Holsteinischen Frage und damit zur Einigung Deutschlands den ersten Anstoß gab; Aristokratismus und Liberalismus, in der rechten Form, heben gegenseitig ihre Fehler auf. Die holsteinischen und die athenischen »Ritter«, auf welch letztere einst Aristophanes seine Mitbürger verwies, vertraten das gleiche Prinzip: das gute, alte, eingeborene Wesen des Volkes. Auch damals gab es einen Eugen Richter, er hieß Kleon. Echte und falsche Volkstümlichkeit stehen sich gegenüber, wie die höhere und die gemeine Natur des Menschen; auch der heutige Deutsche sieht sich zwischen diese beiden Gegensätze gestellt: individuelle und nicht doktrinäre, nationale und nicht Parteipolitik hat er zu treiben: In dieser Hinsicht kann das einstmalige Holland, das Holland Rembrandts, dem künftigen Deutschland als nützlicher Wegweiser dienen. Es zeigt den Punkt an, wo und wie sich je nach den Umständen der Konservativismus in Liberalismus oder auch dieser in jenen verwandeln kann und soll. Es lehrt den Politiker von heute, diese beiden Gewichte in der Wagschale des Staates zweckmäßig zu handhaben; es führt zur wahren Freiheit – in der Politik und anderswo. Das Schwanken zwischen politischen Extremen, welches Preußen im Innern so lange beherrscht hat, würde so vermieden oder doch vermindert. Man hat oft nach England als Musterstaat geblickt; aber Holland liegt den Deutschen, innerlich wie äußerlich, noch näher. Man sollte sich diese beiden großen Reservoirs politischer Freiheit gleichmäßig zunutze machen. In den französischen Menschenrechten ist die Doktrin, in den englischen Staatsrechten die Tradition, in den holländischen Volksrechten die geschichtliche Tat der ausschlaggebende Faktor; und wenn der obenerwähnte Satz Lagardes richtig ist – wie er es ohne Zweifel ist –, daß eine Sache desto vollkommener wird, je individueller sie sich gestaltet: so muß auch unter jenen drei Stufen politischer Entwicklung die letztgenannte, die holländische, als die beste gelten. Sie ist zugleich die geschichtlich früheste unter ihnen: von Holland aus wurde 1688 England, zum Teil mit Hilfe von Brandenburgern, befreit und von England aus bezogen die geistigen Urheber der französischen Revolution von 1789, Voltaire, Diderot, Rousseau, ihre politischen Ideen. Statt an die einfach oder doppelt abgeleitete wird man also besser tun, sich an die ursprüngliche Quelle aller heutigen politischen Freiheit zu halten: an Holland selbst. Der landläufige Fehler, deutsche Ware nach Paris einzuführen und sie von dort als französische Ware wieder zu beziehen, ist von den Deutschen auch in bezug auf politische Grundlehren und Grundrechte gemacht worden; er sollte jetzt vermieden werden. Diejenigen Leute, welche einen sittlichen Fortschritt über Kants kategorischen Imperativ hinaus für unmöglich erklären, verfallen in einen ähnlichen Fehler, wie jene modernen Maler, denen Naturtreue als die höchste aller Kunstforderungen erscheint; was die Voraussetzung ihrer Tätigkeit sein sollte, das machen sie zu deren Ziel; sie verwechseln den Anfang der Kunst mit deren Ende. In der Kunst wie in der Sittlichkeit soll das höhere das niedere Prinzip nicht aufheben, sondern einschließen. Dieser Unterschied ist ein außerordentlich wichtiger: und von seiner richtigen Erkenntnis hängt vielleicht die Zukunft, jedenfalls aber die Freiheit Deutschlands ab. Die Geschichte entwickelt sich in Proportionen und Progressionen. Preußen verhält sich zu Deutschland wie Friedrich Wilhelm I. zu Friedrich II. und wie dieser wiederum zu Bismarck. Deutschland darf endgültig auch nicht bei dem letztgenannten Staatsmanns stehenbleiben; es wird weiter fortzuschreiten haben! Bismarcks staatsgründende und volkseinigende Tätigkeit mußte notwendig in dem konservativ angelegten Bauerntum ihren Schwerpunkt suchen; der innere Ausbau und die fernere Gliederung des Deutschen Reiches wird diesen Standpunkt beizubehalten haben; aber sie wird ihn mit einem weiteren Ringe der Entwickelung, mit dem liberal angelegten Holländertum umschließen müssen. Gerade Preußen sollte als freiheitlich-politische Vormacht der Erbe Hollands sein. Freiheit ist künstlerisch in Rembrandt und politisch in den Niederländern verkörpert; sie sollte künstlerisch-politisch in dem Deutschen sich verkörpern. So begegnen sich geistige und künstlerische, staatliche wie sittliche Forderungen; daß sie alle sich in diesem einen Punkte begegnen, ist ein weiterer Beweis für ihre Berechtigung. Denn wo sich viele Wahrheiten treffen, da liegt die Wahrheit. Wer sein köstlichstes Gut, die rechtverstandene geistige Freiheit, hinweggegeben hat, dem wird nichts recht glücken, er mag versuchen, was er will; darum halte man es fest oder strebe doch danach. Holländische Freiheit ist dem heutigen preußischen »Freisinn« gerade entgegengesetzt. Nicht in pomphaften Tiraden, sondern in männlichem Handeln äußert sich die Freiheit eines Volkes; nicht »Freiheit wie in Österreich«, sondern »Freiheit wie in den Niederlanden« muß heute die Losung sein. Deutschland ist mehr als Preußen und Österreich. Möge jeder Deutsche bedenken, was die Anführerin ditmarsischer Frauen vor einer der Befreiungsschlachten ihrer Landsleute diesen einst zurief: »Welk grote Herlichkeit und edel Kleinot de leve Friheid is!« Schwarz-Weiß-Rot – Schwarz-Rot-Gold »Denn es ist kein Bund zu machen zwischen den Söhnen des Lichts und der Finsternis.« Diese uralte Losung gilt noch für die neueste Gegenwart; und zwar auf allen Gebieten des wirklichen und geistigen Lebens. Eine klare Scheidung von hell und dunkel, schwarz und weiß ist jedenfalls besser als das fade Grau des Großstadtnebels und Großstadtstaubes, in welches sich die Bildung und Gesinnung des modernen Menschen allmählich aufzulösen droht. Will er wiedergeboren werden, so muß er sich neu schaffen; und jede Schöpfung beginnt mit einer Scheidung von Licht und Finsternis. Das schwarzweiße Banner, unter dessen Wehen der Deutsche politisch neugeboren worden ist, erscheint mithin als ein gutes Vorzeichen. Gesellt sich das Rot: die Blutfarbe, die Farbe der Individualität, dazu, so ist die neue deutsche Reichsfahne gewonnen. Es erübrigt den Deutschen noch, sie durch kommende Geistestaten zu rechtfertigen. Man hat Rot auch die Farbe der Liebe genannt; man könnte noch sagen, es sei die Farbe der Tapferkeit, welche fürs Vaterland ihr Blut vergießt; ja, man könnte es die Farbe des Lebens selbst nennen. In jeder dieser Beziehungen erscheint der Zusatz von Rot, welcher im neuen Deutschen Reich den preußischen Farben angefügt wurde, höchst passend. Schwarz und Weiß geben die schlichte Symmetrie, das Rot fügt den Rhythmus hinzu; ρεω ερυδρδσ ρυδγδσgehören der gleichen Sprachwurzel an, welche das Fließende und Lebendige bezeichnet. Und alle drei Farben zusammen können somit recht wohl den lebendigen, künstlerischen Organismus des Volkslebens symbolisieren, den Staat. Rot bezeichnet die Persönlichkeit, Schwarz und Weiß deren Schranken – die Mächte von Licht und Finsternis; zwischen diesen drei Faktoren spielt sich die Weltgeschichte ab. Auch Farben können beredt sein; und sieht man recht zu, so steckt in den deutschen Farben die deutsche Geschichte. Die innerste Natur eines Volkes verschmilzt sich mit den Bedürfnissen und Bildern seines täglichen Lebens; und Geistiges wie Sinnliches gehen unmerklich ineinander über. Der dunkle Rembrandt liebte die blonde Saskia, und der helle Shakespeare besang seine »schwarze Schöne«. Die Wege des Verstandes sind hell und die des Herzens dunkel; auch innerhalb der menschlichen Einzelnatur kehrt demnach jener allbeherrschende Gegensatz wieder. Im menschlichen Körper kreist ein Helles und ein dunkles Blut; und in der Menschheit, als einem politischen Körper, sollte es ebenso sein. Gemäßigter Aristokratismus ist beispielsweise für Deutschland wie Demokratismus für Amerika, wenigstens für das jetzige Amerika, natürlich und berechtigt; aber beide Systeme sind räumlich wie zeitlich zu sondern; es gibt eine rechte und eine linke Herzkammer, die getrennt funktionieren – und doch vereint. Die Farbe des Eisens, welche alle Völker befriedet und das deutsche Volk befreite, ist – schwarz; schwarz ist auch die Farbe der Erde, welche der Bauer pflügt und welcher der vaterländische Künstler seine Eigenart verdankt. Fügt man dies dunkelste aller Elemente zu jenen beiden andern, zu Blut und Gold: so hat man die Farben des einstigen idealen Deutschlands – Schwarz-Rot-Gold. Wenn es irgendeine Farbenzusammenstellung gibt, die vornehmer ist als Schwarz und Gold, so ist es Rot und Gold; und wenn es irgendeine Farbenzusammenstellung gibt, die vornehmer ist als beide, so ist's: Schwarz-Rot-Gold. Rubens hat die letztere zuweilen mit bewunderungswürdigem Effekt angebracht; so in dem Bilde des bethlehemitischen Kindermords zu München und in seinem bekannten »Liebesgarten«. Die Farbengebung Rembrandtscher Bilder bewegt sich sogar Vorzugsweise in diesem Dreiklang; wiewohl in gedämpfterer und darum auch vornehmerer Weise, als es bei dem großen vlämischen Virtuosen der Fall ist. Zu den schwarzen und goldigen Tönen, welche im wesentlichen die Rembrandtsche Palette beherrschen, gesellt sich häufig als ein dritter entscheidender Faktor das dunkle Blutrot. Rembrandt malte schwarzrotgold. Und es ist vom malerisch-technischen Gesichtspunkte aus bezeichnend, daß zwischen dem dunklen und dem hellen Element, zwischen der tiefschwarzen Finsternis und dem goldigen Lichtreflex, aus welchen sich fast jedes seiner Gemälde zusammensetzt, jenem blutroten Farbenton oft die Vermittlerrolle zufällt. Blut bindet. Dieser Maler ist ein Dichter; seine Bilder sind Volkslieder; sie sind im Volkston gehalten; und sogar in den Farben des Volks. Man kehrt stets zu seiner alten Liebe zurück. Deutschlands äußere politische Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen; es könnte recht wohl sein und muß sogar in gewisser Hinsicht sein, daß irgendwie ein abermaliger Wechsel seiner Nationalfarben folgt. Sie haben sich von Schwarz-Weiß zu Schwarz-Weiß-Rot verwandelt; möglicherweise verwandeln sie sich noch wieder zu Schwarz-Rot-Gold. Was wächst, verändert sich. Wenn man die geistige und die Rassengemeinschaft in Betracht zieht, welche das jetzige Deutschland mit Österreich verbindet und dieser irgendeinen nationalen Farbenausdruck geben wollte, so dürfte sich eine Herübernahme des österreichischen Gelb in die deutsche Flagge am ersten empfehlen. Auch auf diesem Wege würde man wieder zu Schwarz-Rot-Gold gelangen. Noch jetzt flaggt man gelegentlich in Österreich schwarz-rot-gold. Die deutschen Idealfarben sind noch nicht ganz erloschen. Ja, es gibt sogar einen Ort, wo sie noch jetzt vollkommen lebendig sind. Ein moderner Staat, der seinem Inhalt nach wesentlich niederdeutsch ist: das Land der Vlamen weist die gleichen Farben auf. Blau, Weiß und Rot ist holländisch; Schwarz, Rot und Gelb ist belgisch; es ist bekannt, welche Rolle diese beiden Farbengruppen beim ersten politischen Erwachen des neuen Deutschland 1848 gespielt haben. Es könnte sein und ist zu wünschen, daß wie der Ausgangs-, so auch der Endpunkt der Entwickelung des neuen Deutschland in diesen Farben gipfele; daß niederdeutsche Kunst und niederdeutsches Staatsleben, welche in Holland und Belgien einst ihre höchste Blüte gehabt, in erweitertem Maße sich auf das gegenwärtige Deutsche Reich übertragen. Die Politik schafft zuweilen neue Farbenzusammenstellungen; es könnte aber sein, daß sie auch einmal durch alte Farben-Zusammenstellungen bestimmt würde. Wollte man diese den Bildern Rembrandts entnehmen, so würde es eine echt deutsche Politik sein. Wenn die deutsche Erde im vaterländischen Kampfe von deutschem Blute feucht wird; und wenn ein deutscher Sonnenstrahl das Haupt des sterbenden Kriegers verklärt: dann glänzt es – schwarz-rot-gold! Sozialaristokratie Die Geige ist das spezifisch deutsche Musikinstrument; der Deutsche hat sie erfunden, kultiviert und führt sie noch immer meisterhaft. Die Geige ist ein Friedensinstrument; sie besänftigt, sie reizt nicht auf wie die Kriegstrompete. Auch die deutsche Politik muß sich vorzugsweise darauf richten, politische Friedens -Instrumente zu handhaben. Sie soll führen, aber zur Harmonie. Suum cuique. Die Geige ist ein aristokratisches Instrument; sie wirkt nicht durch lärmende, sondern durch gehaltene Töne; ihr Wesen ist feinste Nuancierung, edelste Abstufung. Wie für die äußere soll sie auch für die innere Politik des Deutschen Reiches vorbildlich sein; Macht und Recht haben beide, von oben nach unten, in sanften Übergängen und gerecht zu verteilen. Decrescendo. Ein großes Problem, welches wie ein Damoklesschwert über dem politischen Leben der Gegenwart hängt, die Auseinandersetzung zwischen hoch und niedrig, war einst in den Niederlanden zu glücklichster Harmonie gelöst; und zwar nicht vom Boden der Theorie: der normierenden Gesetzgebung, sondern von dem der Praxis: der eingeborenen Volksnatur aus. Gerade wie Athen, Rom, und Florenz zur Zeit ihres Aufsteigens, waren das alte Venedig und die einstigen Niederlande völlig aristokratisch organisiert; auch die heutigen Engländer sind ausgesprochene Sozialaristokraten; alle diese Staaten kennen politische Erfolge des vierten Standes nicht. Denn er bildet dort nicht eine besondere Stufe, sondern den bindenden Kitt innerhalb der gesamten Volksmasse. Neuerdings ist die Sozialdemokratie zwar auch nach Holland gedrungen; aber es ist charakteristisch, daß die dortige ordnungliebende Bevölkerung schon wiederholt durch zwar polizeiwidrige, aber immerhin der Absicht nach löbliche tätliche Demonstrationen gegen jene Umstürzler Partei ergriffen hat. Der alte gesunde Aristokratismus ist in diesen Volksmassen noch nicht ausgestorben; und er erwartet nicht alles von oben herab; er handelt selbst. Vielleicht ergibt sich mit der Zeit auch für Deutschland das einzige dauernd wirksame Mittel gegen die Sozialdemokratie: nämlich eine auf überlieferten geschichtlichen Zuständen beruhende und darum mit den gesunden Elementen der niederen Volksklasse einige Sozialaristokratie . Die Deutschen sind aristokratischer, als sie meinen. Heer, Kirche, Beamtentum sind bei ihnen, wie notwendig, aristokratisch gegliedert. Die Bauern sind, als solche, immer aristokratisch gesinnt; und ihre Zahl ist, was sehr in Betracht kommt, größer als die der Sozialdemokraten in Deutschland. Jedes Dorf gliedert sich nach Honoratioren, Bauern, Taglöhnern; diese Ordnung wird streng innegehalten; wehe dem, der sie antasten wollte. Das Prinzip der korporativen Gliederung endlich, welches jetzt allmählich wieder in Deutschland zur Herrschaft gelangt, ist ein – es ist das aristokratische Prinzip. Selbst der den Deutschen von jeher eigentümliche und gesellschaftlich noch heute von ihnen aufrechterhaltene Kastengeist gehört hierher; er macht, soweit ihn Menschlichkeit beseelt, das deutsche Bürgertum zu einer innerlich aristokratisierten Masse. Ganz Deutschland ist von latenter Sozialaristokratie erfüllt. Es wäre nur natürlich und vielleicht nur ehrlich, wenn die letztere sich auch dementsprechende äußere politische Lebensformen schaffen würde. Innere Lebensformen eines Volkes in äußere umzusetzen, ist eben der Beruf des Politikers; er kann, wie jeder andere Künstler, des Naturstudiums nicht entbehren; er hat die gegebene Volksindividualität zu studieren. Hier ist seine Operationsbasis. Fürst Bismarck hat die Einführung des allgemeinen Wahlrechts angeblich für den größten politischen Fehler seines Lebens erklärt; tat er es, so kann man ihm nur beistimmen; denn er handelte dadurch gegen den uraristokratischen Charakter des deutschen wie niederdeutschen Volks. Man muß diesen stärken, nicht ihn verneinen. Konstantin Frantz hat in jener Hinsicht einen bemerkenswerten Vorschlag gemacht; er beantragte eine parlamentarische Vertretung der Deutschen, welche ein Gegenstück zu der bestehenden territorialen Verfassung ihres Heerwesens und zu der wünschenswerten ihres Kunstlebens bilden würde; welche von kleineren zu stets größeren landschaftlichen Verbänden ununterbrochen aufsteigt. Jedenfalls kommt es darauf an, den deutschen Menschen nicht – wie gemäß dem bedauernswerten preußischen Dreiklassensystem – nur nach seinem Geldwerte, sondern auch nach seinem sittlichen, geistigen, gesellschaftlichen, geschichtlichen Werte einzuschätzen. Gleichheit ist Tod, Gliederung ist Leben. Eine auch noch so große Anzahl unter sich ganz gleichberechtigter Individuen ist niemals ein Volk; sie ist nicht einmal ein Heer; sondern eine Herde. Die politische wie jede andere Gleichwertigkeit aller Deutschen steht nur auf dem Papier; jeder praktische Politiker weiß dies; und glücklicherweise ist es so. Man hat die Natur nicht austreiben können. Ein Volk besteht aus Bürgern, Bauern, Künstlern, Edlen, Fürsten; es ist eine buntschattierte und zwar nach bestimmten Gesetzen buntschattierte Menge. Beachtet man diese Gesetze nicht, so wird der Volkskörper krank und gibt man sie gar ganz auf, so stirbt er: er verfällt der Despotie oder Anarchie. Die Sozialdemokratie stellt mithin einen Rückfall in das Herdenprinzip des menschlichen Daseins dar; sie ist ungegliederte, unbefruchtete, unbelebte menschliche Masse; es gilt deshalb sie zu gliedern, zu befruchten, zu beleben. Und zwar gerade an dem Punkt, wo sie am unfruchtbarsten ist: an dem der allgemeinen Gleichheit! Diese muß durchbrochen werden. Und als der einzige ehrliche Weg hierzu erscheint das von Schmoller verteidigte und in größeren französischen Fabriken angewandte System des »aufsteigenden Lohnes und Besitzes«; es kann dem Arbeiter wieder Ehrgeiz geben, der ihm jetzt fehlt; und dessen Mangel ihn eben zu jedem Umsturz geneigt macht. Massenrevolutionen werden stets nur von solchen Leuten beabsichtigt und gemacht, die nichts zu verlieren noch zu hoffen haben. Diesen praktisch-psychologischen Punkt, gerade den entscheidenden in der ganzen sozialen Frage, hat man bisher viel zu wenig berücksichtigt. Der besitz- und friedlose Pöbel muß wieder in Volk verwandelt weiden! Er muß den nach außen hin eingegliederten und in sich selbst abgegliederten Teil eines aristokratischen Ganzen bilden. Natürlich kann dies nur auf nationaler Basis geschehen; und somit wird eine Aristokratisierung der heutigen Sozialdemokratie zugleich eine Nationalisierung derselben sein. Um beides zu vollbringen, bedarf es einer politischen Künstlerhand; sie wird den sozialdemokratischen Massenehrgeiz in Einzelehrgeiz verwandeln müssen: sie wird aus Nummern Menschen machen müssen. Dadurch werden die Enterbten wieder zu Erbenden werden; denn der Arbeiter, der einen Besitz oder einen Ehrgeiz hat, hinterläßt beides seinen Kindern; und er wie sie werden infolgedessen staatserhaltend gesinnt sein. Mit den fluktuierenden Elementen, die bei einer solchen wie bei jeder Entwickelung der Sache übrigblieben, wird man leicht fertig werden. Hat der Arbeiter eine eigene Heimat, so hat er ein eigenes Ideal; und damit ist ihm geholfen; er ist aristokratisch geworden. Er ist der Erde und ihrem Segen wiedergegeben. Ganz wird die soziale Frage nie gelöst werden: für Deutschland wird sie annähernd nur dann gelöst werden, wenn die sittlich wie materiell besser gestellten Klassen seiner Bewohner sich als die geborenen Anwälte und Vormünder der sittlich wie materiell schlechter gestellten Klassen ernstlich betätigen ; und wenn dieses Verhältnis seinen bleibenden verfassungsmäßigen Ausdruck findet. Das letzte Wort des deutschen Verfassungslebens wird, wie gesagt, wahrscheinlich ein aristokratisches sein; und es muß dies sogar sein, wenn die Geschichte wie der innere Charakter eines Volkes über solche Frage entscheiden. Die politischen Scheinwahrheiten des Jahres 1789 sind nachgerade veraltet: es dürften an ihre Stelle politische Realwahrheiten des Jahres x treten. Nach der französischen Revolution kommt die deutsche Reform; nach der Gleichheit die Abstufung. Das Beste ist für das Volk gerade gut genug. Eine Veradelung der deutschen Nation würde deren Veredelung bedeuten. Wenn es der Adel als seine Aufgabe erkennt, für das Volk einzutreten; und wenn das Volk es als seine Aufgabe erkennt, für den Adel einzutreten; dann haben beide ihren Beruf erfaßt. Wo Aristokratie im heimischen Volksgeist wurzelt, da ist sie nicht verhaßt; hierin könnte das alte Holland manchen Politikern von heute eine gute Lehre geben. Die einstigen holländischen Generalstaaten hatten eine durchaus aristokratische Verfassung, mit der aber gerade das niedrige Volk sehr zufrieden war. Adel kommt von edel; und der Edle ist kein Gegner des Niedrigen; er ist nur ein Gegner des Gemeinen. Der echte Aristokrat ist voll von Liebe; seine Seligkeit ist die Leutseligkeit; er fühlt sich eins mit der Masse seines Volks. Sich des Schwachen gegen den Starken, sich des Rechts gegen das Unrecht, sich des Volks gegen seine Bedrücker anzunehmen, ist ritterlich: in diesem tätigen Sinne sollte das Rittertum wiedergeboren werden. Der deutsche Adel von heute füge zur adeligen Gesinnung die adelige Tat. zur sittlichen die geistige Höhe, zur Poesie die Politik! Und der politisch mündige Deutsche sollte endlich die Kinderschuhe ausgetreten haben; er sollte nicht mehr wie der politisch unmündige Franzose vor dem Wort »Adel« erschrecken: er sollte bedenken, wieviel echtes Deutschtum gerade im deutschen Geburtsadel steckt; jedenfalls mehr als in der ruhelosen und buntgemischten Bevölkerung gewisser deutschen Großstädte. Man klammert sich an Namen und übersieht die Sachen; man verwünscht die Sklaverei; und doch befand sich der antike Sklave, physisch wie moralisch, durchschnittlich besser als der moderne Fabrikarbeiter. Die Kraft des Wunsches und Willens, der psychischen Suggestion, welcher die neuere Wissenschaft ihre Aufmerksamkeit zuwendet, gilt auch im Bereich der Völkergeschichte: was ein Volk im tiefsten Innern seiner Seele ersehnt, das drängt zur Erfüllung; sei es früher oder später. Diese still wirkende Kraft kann kein Widerstand brechen; und sie liebt es, gerade das Unwahrscheinliche zu vollbringen; eine, im inneren und weiteren Sinne, aristokratische Verfassung des Deutschen Reiches gehört zu diesen wahrscheinlichen Unwahrscheinlichkeiten. Die angenehmste, die schönste, die beste politische Aussicht, welche sich dem Deutschen eröffnen kann, ist jedenfalls die auf einen liberalen Aristokratismus. Er erstreckt sich vom Bauer bis zum Fürsten; er umfaßt den echten Bürger wie den echten Edelmann; denn er ist darauf gegründet, daß der einzelne Deutsche erstens Charakter hat und zweitens ihn geltend macht. Zur Politik des Geisteslebens Wie sich um die vorletzte Jahrhundertwende aus der geistigen eine politische Wiedergeburt Deutschlands vorbereitete, so hat sich jetzt aus der politischen eine geistige Wiedergeburt vorzubereiten. Früher war man kosmopolitisch, jetzt sollte man kunstpolitisch sein; eben diese Kunstpolitik könnte das ideale Gegengewicht gegen die oft so trivialen Interessen der jeweiligen Tagespolitik bilden. Diese Idealität braucht nicht zarter oder zimperlicher Natur zu sein. »Man muß mit den Deutschen ungemein derb reden, wenn man von ihnen verstanden sein will,« hat selbst der feinsinnige Schiller gesagt. Das politische Deutschland ist eigentlich von Preußen erst zur Einheit genötigt worden: der rauhe Freier hat die zarte Maid bezwungen. So bedarf auch das deutsche Geistesleben gelegentlich einer festen und harten Hand, die es leitet. Kunst ist deutsch und Politik ist preußisch: Kunstpolitik ist deutschpreußisch; sie steht demnach im brennendsten Zeichen der Zeit. Bismarck, der die Politik für eine Kunst erklärte, hat damit die große Kunstperiode der Deutschen eingeleitet; wie er die moderne politische Periode der Deutschen, welche mit der Reformationszeit begann, abschließt: er steht zugleich an der Schwelle einer alten und neuen Zeit. Die märkischen Kiefernschonungen sehen am besten aus, wenn die blutrote Abendsonne durch sie hindurchscheint: vielleicht wird die deutschpreußische Politik sich am besten ausnehmen, wenn sie von der goldenen Morgensonne einer beginnenden Kunstzeit beleuchtet wird. Kunstpolitik ist Geistespolitik. 1. Nationale Selbstzucht Notwendigkeit und Freiheit lassen sich künstlerisch so gut wie politisch versöhnen; wie denn die Kunst stets am besten da gepflegt wird, wo man sie nicht aus rein ästhetischen, sondern aus Gründen des nationalen Selbst- und Hochgefühls fördert. So geschah es in Griechenland, in Italien, in Holland: so muß es im jetzigen Deutschland geschehen. Politik ist der Hebel, welcher die Kunst in Bewegung setzt; und die Politik, welche heutzutage das Gemüt des Deutschen bewegt, kann ihm darum auch die Brücke zu einer neuen Kunstwelt werden. Wie der Mensch in erster Linie ein »politisches Tier«, so ist er in zweiter Linie ein Kunsttier; und es ist der Fortschritt des 19. gegen das 18. Jahrhundert, daß man nicht mehr das Umgekehrte annimmt; danach gilt es nunmehr zu urteilen, zu handeln, zu leben. Ein Bewußtsein nationaler und infolgedessen auch persönlicher Selbständigkeit ist für eine freie künstlerische Entwickelung unbedingt erforderlich. Das berechtigte Selbstgefühl, mit welchem ein preußischer Offizier einhergeht, hat eine entschieden innere Verwandtschaft mit jenem Selbstgefühl, welches z. B. den einzelnen katholischen Priester erfüllt; sie stehen sich nahe: Thron und Altar werden von formverwandten Karyatiden getragen. Beide jene Stände, der Wehr- wie der Lehrstand, sind aristokratischer Natur; und beide ruhen auf dem festen Unterbau des dritten, des Nährstandes – des seiner innersten Natur nach gleichfalls aristokratischen Bauerstandes. Die deutschen Befreiungskriege zu Anfang des vorigen Jahrhunderts sind nicht von monarchischer Seite, sondern durch eine kriegerische Aristokratie des Geistes vorbereitet und durchgeführt worden. Scharnhorst, Stein, Clausewitz, York, Gneisenau usw. gestalteten Deutschland neu: Friedrich Wilhelm III. und Kaiser Franz I. von Österreich folgten den Bahnen jener nur zögernd, ja zum Teil widerwillig. Politisch genommen bildet der Bauer das bindende Mittelglied zwischen Adel und Bürgertum; denn er vereinigt das erhöhte Selbstbewußtsein des ersteren mit dem schlichten Tätigkeitssinn des letzteren. Scharnhorst selbst, der Vater des ganzen jetzigen deutschen Heerwesens, war ein Bauernsohn. Daß der Bauernstand die besten Soldaten für jeden wirklichen wie geistigen Krieg liefert, ist bekannt; daß er, in weiterem Sinne genommen, auch die besten Künstler liefert, zeigen Shakespeare und Rembrandt; und eben vermöge dieser letzteren Eigenschaft ist er berufen, das bindende Mittelglied abzugeben zwischen dem geistigen Adel und jenem geistigen Bürgertum – das man Wissenschaft nennt. So neigen alle tieferen und ernsteren Bestrebungen des Volkslebens nach einem Punkte hin. Auf Bauerntum, d. h. auf Volkstum im besten und einfachsten Sinne, wird sich auch das neue deutsche Kunstleben zu gründen haben. Preußen, als dem politisch führenden Staat, fällt hierbei wiederum eine besondere Aufgabe zu. Die normale künstlerische Entwicklung geht vom Rhythmus zur Symmetrie, vom Individualismus zum Stil; die normale politische Entwickelung geht von der Symmetrie zum Rhythmus, von der Einheit zur Freiheit. Eigenart, welche die Welt widerspiegelt, ist Kunst; sie kann die Welt aber nur widerspiegeln, wenn sie sich in straffe Selbstzucht nimmt, wenn sie ihr Wesen gewissermaßen glättet; denn nur glatte Flächen spiegeln. Eine derartige künstlerische Selbstzucht wird sich am besten auf dem Grunde politischer Selbstzucht entwickeln . Das ist die Bedeutung Preußens für die deutsche Kunst. Es kann also nicht nur gegenständlich, durch seine Taten, sondern auch geistig, durch seine Gesinnung, auf das deutsche Kunstleben einwirken! Zug um Zug ist eine gute Politik; derjenige Staat, welcher abwechselnd nach außen wie nach innen wächst, wird am weitesten kommen; und diese Politik ist, wie ein Blick auf die Geschichte lehrt, immer die besondere Politik Preußens gewesen. Es gilt, sie nunmehr in größerem Maßstabe zu handhaben. Friedrich II. hatte eine ausgesprochene persönliche Abneigung gegen die Kunst Chodowieckis und Friedrich Wilhelm III. eine solche gegen diejenige C. M. von Webers; um von der Gleichgültigkeit des einen Königs gegen Lessing und des andern gegen Goethe zu schweigen; vaterländische Politik und vaterländische Kunst gingen gelegentlich weit auseinander. Sie können jetzt miteinander gehen. Preußen hatte zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts den Grundsatz angenommen, die erlittenen Niederlagen durch Stärkung der wissenschaftlichen Kraft des Volkes wettzumachen; Deutschland hätte zu Ende des Jahrhunderts den Grundsatz annehmen sollen, die erfochtenen Siege durch Stärkung der künstlerischen Kraft des Volkes zu rechtfertigen. Dies Schuldkonto steht noch aus. Man kann unter den preußischen Hohenzollern konstruktive und dekorative Regenten unterscheiden. Für jene ist Friedrich II., für diese Friedrich I. der Haupttypus; jetzt kommt es darauf an, jene beiden Richtungen zu einer einzigen höheren zu verschmelzen; also das im besten Sinne dekorative Element des Staatslebens, die Kunst mit dessen konstruktiven Elementen, Politik und Krieg möglichst zu verbinden; also die tragenden Glieder des Staatsgebäudes, wie es bei den Säulen des griechischen Tempels der Fall ist, zugleich zu seinen schmückenden zu machen. Das preußische Exerzierreglement hat den Deutschen körperlich wie vielfach auch sittlich gelehrt, wieder aufrecht zu gehen; die preußische Politik hat ihn wieder berechtigt, anderen Nationen gegenüber sein Haupt gerade zu tragen. So menschlich und männlich war der Beruf Preußens schon von Anfang an. Für dieses Land sind schon wiederholt Zeiten gekommen, wo der subalterne Geist seines Exerzierreglements sich in heroische Taten umgesetzt hat. Möchte nun auch wieder einmal für Deutschland eine Zeit kommen, wo die vorwiegend subalternen Bestrebungen seines geistigen Lebens sich in lebendige und schöpferische Taten umsetzen! Ein Schwert ist, wie jede Waffe, etwas Mechanisches; und darum etwas Totes; es bekommt erst dadurch Wert und Leben, daß es von einem »organischen« Wesen gehandhabt wird. Das gilt von dem politischen wie von dem Geistesschwert Deutschlands. Auch hier soll die spätere Entwickelungsstufe, wie überall, die frühere nicht aus-, sondern einschließen; die Myrte stumpft das Schwert nicht ab, sie schmückt es nur. 2. Kunstpolitische Grundzüge. Im Kinde liegt das Träumerische, im Manne das Politische. Die Kindernatur des Deutschen fordert demnach, als ergänzenden Gegensatz, einen politischen Zug in seinem Charakter. Wo dieser mangelt wie bei Hölderlin oder wo er überwiegt wie bei Friedrich II., ist – ohne daß man die Person selbst als schuldig befinden darf – die eigentliche Harmonie ihres menschlichen Daseins gestört. Schillers Sympathie für den einen und seine Antipathie gegen den andern bleibt hierin bezeichnend für das innerste Fühlen des deutschen Volkes. Es ist nur natürlich, daß jener Zug mehr im deutschen Süden, dieser mehr im deutschen Norden sich entwickelte. Gleichwie dem Kinde der Künstler, steht dem Politiker der Krieger sehr nahe; aber jetzt, nachdem Deutschland geeinigt ist, werden auch Künstler und Politiker sich näherrücken müssen als bisher. Wie der Deutsche äußerlich zwischen Land und See, so steht er innerlich zwischen Kunst und Politik. Diese künstlerisch-politische Tätigkeit sollte, planmäßig und bewußt, auf das gesamte deutsche Geistesleben angewandt werden. Hier ist der entscheidende Punkt, wo die kindliche und die männliche Natur des Deutschen sich begegnen. Die Dinge nehmen, wie sie sind, heißt vernünftig und heißt Politiker sein; insofern ist vielleicht Politik die höchste Aufgabe des Menschen; aber aus den Dingen – nachdem man sie genommen hat, wie sie sind – das machen, was sie sein sollen, heißt schöpferisch und heißt Künstler sein; insofern ist Kunst eine noch höhere Aufgabe, welche jene andere in sich begreift. Man treibt Eisenbahnpolitik und Handelspolitik; man sollte nun auch »Kunstpolitik« treiben; damit würde ein neuer und höchst bedeutsamer Faktor ins nationale Leben der Deutschen eintreten. Kunst, Handel, Politik stehen in naher Verbindung miteinander; nicht nur weil der erstere Faktor von den beiden letzteren äußerlich oft stark beeinflußt wird; sondern auch aus tieferliegenden Gründen. Die Politik ist ein »Rechnen mit gegebenen Größen«; eben das ist auch die Hauptaufgabe des Handels und er erscheint dadurch als eine bloße Unterart der Politik. Aber auch alle Kunst ist ein Rechnen oder Operieren mit gegebenen Größen, d. h. mit der menschlichen Individualität und ihren Betätigungen; nur daß dort der Ton mehr auf dem »Rechnen«, hier mehr auf dem »Gegebenen« liegt. Mithin nimmt die Politik eine Mittelstellung zwischen Handel und Kunst ein; sie ist oft genug Handel und immer Kunst; so daß in letzterer Hinsicht sogar auf den Handel, der stets und ausnahmslos Politik ist, ein gewisser künstlerischer Schimmer fällt. Jede Tätigkeit, in ihrer Vollendung, wird zur Kunst. Aristoteles hat den Menschen ein politisches Tier genannt; nach dem Ausspruch Schillers: »Die Kunst, o Mensch, hast du allein,« ist er ein Kunsttier? faßt man die Meinung des griechischen Denkers und des deutschen Dichters Zusammen, so ergibt sich als dritte Bezeichnung: Der Mensch ist ein kunstpolitisches Tier. Beobachtung und Enthusiasmus begegnen sich hier kritisch, wie sie sich produktiv in jedem Kunstwerk begegnen. Insofern die Politik selbst schon eine Kunst ist, erscheint die Kunstpolitik sozusagen als eine Kunst in zweiter Potenz oder als eine Kunst der Künste; und insofern sie sich mit dem innersten Leben eines Volkes beschäftigt, wie es sich in seinem Denken und Dichten und Bilden äußert, kann man sie auch im Gegensatz zur bisherigen äußeren und inneren als eine innerste Politik bezeichnen. Eine Hauptaufgabe einer derartigen »innersten Politik« wird die nicht äußere oder innere, sondern innerste Kolonisation sein – die geistige Urbarmachung und Besiedelung des deutschen Bodens. Dürer und Bach waren die Söhne in die Heimat zurückgewanderter deutscher Kolonisten; die ganze oberitalienische Malerschule ist nur eine deutsche Kolonie auf keltoromanischem Boden. Einem solchen geographischen Wachstum einer jeden gesunden und aufsteigenden Rasse, dem in die Breite, wird immer ein künstlerisches Wachstum eben derselben, das in die Tiefe, entsprechen. Dort blüht das Genie. Die Kunstpolitik hat das letztere zu pflegen; sie soll den Dolmetscher zwischen ihm und der Masse machen; und die Wichtigkeit eines solchen Berufs kann kaum überschätzt werden. Sie hat die überfließende Quelle des Genies zu fassen und weiterzuleiten, damit sie ringsum ihren Segen verbreite. Wie es Politiker gab, lange ehe man das Wort und den Begriff Politik kannte; so haben auch in früheren Zeiten schon einzelne schöpferische Geister einen mehr oder minder bestimmten Anlauf zu kunstpolitischer Tätigkeit genommen; und zwar zunächst, indem sie beiden Geistesrichtungen gleichzeitig, aber gesondert dienten. Walther von der Vogelweide hat den Spruch: »Ein politisch Lied, ein garstig Lied« glänzend widerlegt; er war kein praktischer Politiker; aber politischer Enthusiasmus von echt deutscher und oberdeutscher Art erfüllte ihn. Später vereinigte ein Rubens Kunst und Politik in seiner Person: er war in letzterer sogar ganz praktisch und offiziell tätig; er bewies so seinen echt deutschen und niederdeutschen Weltverstand. Zeitlich und räumlich zwischen beiden stehend hat ein dritter deutscher Künstler, in kleinem Kreise, das gleiche geleistet; Lukas Cranach war Bürgermeister und ein sehr tüchtiger Bürgermeister von Wittenberg; daß seine politisch-künstlerische Doppelgestalt gerade an dem Angelpunkt der neueren deutschen Geistesentwickelung steht, darf als ein gutes Vorzeichen begrüßt werden. Die Griechen kannten solche Zugleich nach innen und nach außen gewandte Naturen nicht; Sophokles war ein schlechter Stratege und Perikles unglücklich in der äußeren Politik; es liegt in dem tätigen und rüstigen Wesen des deutschen Volkstums, beiden Anforderungen zugleich gerecht zu werden. Auch hier möchte man glauben, daß die Menschheit, welche im Griechentum Jüngling war, im Deutschtum Mann geworden sei. Ein tiefer Zug im deutschen Volkscharakter, der dessen besten Vertretern eigen ist, kommt ganz besonders jenen erzieherischen Absichten entgegen; Lessing hat etwas Staatsmännisches in seinem Wesen; et ist Oppositions- und Streitpolitiker; und über Schiller hat ein Goethe geradezu geurteilt: »Im Staatsrat wie am Teetisch würde er gleich groß gewesen sein.« Die Kunstpolitik ist eine Art von höherer Gärtnerkunst; Goethe selbst war ein solcher Kunstpolitiker und Kunstgärtner. Er und Schiller konnten nur darum echte Kunstpolitik treiben, weil sie echte Künstler waren. Wie ihre gemeinsame Tätigkeit im wesentlichen eine nationale, sittliche, aristokratische, deutsche war, so wird auch der künftige Kunstpolitiker auf die gleichen Eigenschaften sein hauptsächliches Augenmerk richten müssen. Wenn und indem die Deutschen sich politisch konsolidieren werden sie sich auch kunstpolitisch konsolidieren; ein zielbewußtes Zusammenfassen solcher Bestrebungen kann viel erreichen. Wie Politik angewandte Geschichte, so ist Kunstpolitik angewandte Kunstgeschichte; die »exakte« Neuzeit fordert ihr Recht. Aber wie immer, bedarf diese auch hier eines philosophischen, künstlerischen, individuell-menschlichen Untergrundes; sonst gerät sie auf Irrwege. Es gibt nicht nur eine Philosophie der Geschichte; es gibt auch eine Philosophie des Handels und jedes andern Dinges: schon Carlyle hat eine philosophy ot clothes geschrieben. Der Reflex, welchen das gesamte Weltleben auf irgendein Ding wirft, ist seine Philosophie. In diesem philosophischen Geiste will auch die Kunstpolitik behandelt sein; dann wird sie sich im rechten Sinne praktisch erweisen. Ihre Aufgabe wie die jeder echten Politik besteht darin: auszugleichen, zu parallelisieren, zu harmonisieren. In der Mitte zwischen Kunst und Politik steht: die Besonnenheit. Die Kunstpolitik kann man demnach als die höchste Leistung des künstlerischen Wagens bezeichnen. Ein in seiner Seele unruhiger Politiker taugt so wenig wie ein in seiner Seele unbewegter Künstler; die äußere Unruhe des ersteren muß auf innere Ruhe, wie die äußere Ruhe des zweiten auf innere Unruhe gegründet sein. Und die Geistesrichtung beider überkreuzt sich, indem auch der Politiker im tiefsten Grunde seines Herzens moralischen Instinkten folgt – die ihn zur Unruhe und Aktion treiben, während der Künstler im tiefsten Grunde seiner Individualität volksmäßigen Trieben folgt – die ihn zur Ruhe und Stetigkeit hinleiten. Das Auge des Politikers soll möglichst objektiv und dasjenige des Künstlers möglichst subjektiv sein: aber es gibt eine Höhe der Politik wie der Kunst, wo sich dies Verhältnis umkehrt. Die sixtinische Madonna stellt einen Vorgang aus dem inneren religiösen Leben fast mit der Ruhe und Nichtigkeit eines Spiegels dar; und die politischen Bestrebungen eines Volkes lohen zuweilen, wie in der Marseillaise, zu einem Liede der Leidenschaft auf. Dort hat die Seele ihre Ruhe, hier ihre Bewegung wiedergefunden. Beide Leistungen liegen im Grunde außerhalb der deutschen Natur. Denn Deutschland hat weder ein Kunstwerk von der geistigen Spiegelglätte jener Madonna, noch ein Lied von dem tosenden Schwung jener Volkshymne hervorgebracht; die Holbeinsche Muttergottes weist Inkongruenzen auf und die Wacht am Rhein ist weit besser gemeint als gedichtet. Die Bestimmung des Deutschen führt ihn auch hier auf eine goldene Mittellinie; sie ist durch seine unerreichten Volkslieder, und einzelne Kunsterzeugnisse wie etwa das Hundertguldenblatt Rembrandts, vorahnend angedeutet. Er ist – »still und bewegt«. 3. Handhabung der Kunstpolitik Demgemäß hat der Kunstpolitiker die verhaltene Leidenschaft des Politikers mit der verhaltenen Vernunft des Künstlers zu paaren. Er muß gleichmäßig etwas von jenen beiden Eigenschaften aufweisen, welche man Napoleon I. zuschrieb, »Phantasie des Dichters und Zahlensinn des Geometers«. Aber er wird diese nun nicht in der römisch-zentralistischen, roh schablonisierenden Art handhaben dürfen, wie der Genannte sie anwandte. Seine Tätigkeit muß eine umfassende und ganz besonders eine zusammenfassende sein; er muß sich zurückhalten von den falsch Gebildeten und muß sich halten an das Volk; und das Voll muß zu ihm halten. Die im Volk vorhandenen künstlerischen Kräfte zu nutzen, unbekannte ans Licht zu ziehen, neue Kräfte zu wecken und vor allem in einer oder mehreren Künsten selbst schöpferisch zu sein, ist die Aufgabe des Kunstpolitikers. Er muß nicht nur, wie Goethe verlangt, die Poesie, sondern auch noch einige andere Künste »kommandieren« können. Nur der Schaffende versteht den Schaffenden ganz. Kurz, er soll in gewissem Sinne Dichter sein: und zwar in dem Sinn, in welchem Schiller gesagt hat: »Alle fühlen es; wer es auszusprechen vermag, heißt ein Dichter.« Der Kunstgeist Goethes, welcher verlangt, daß man die Poesie kommandieren solle und der Kriegsgeist Bismarcks, welcher will, daß seine Botschafter »einschwenken wie die Unteroffiziere«, vereinigen sich zu der gleichen Forderung: Disziplin gegen sich wie gegen andere. Der Kunstpolitiker hat für die geistige, wie der Physiker für die materielle Welt die beherrschenden Formeln anzugeben. Er hat die inneren Bedürfnisse seines Volkes zu fixieren; er soll dessen Mundstück in Bildungsfragen sein. Ja, er soll in gewissem Sinne Prophet sein; Enthusiasmus, den man gegenwärtig in politischen Dingen so gern zitiert und in geistigen Dingen so ungern sieht, darf ihm nicht fehlen. Die Realisten von heute freilich verdammen diesen Geistesfaktor; um so mehr soll der Deutsche an ihm festhalten. Gegen die Schablone verteidige er die Individualität; gegen den unsittlichen Massenmenschen erhebe sich der sittliche Einzelmensch! Den letzteren vorzüglich hat der Kunstpolitiker zu stützen. Will das Volk einmal Autoritäten haben, so verweise er es auf gute und edle Autoritäten; auf die nationalen Helden, welche seine Erzieher sein sollen; auf Achill, nicht auf Thersites. Die Aufgabe der Kunstpolitik besteht darin, auf geistigem Gebiet der Natürlichkeit zum Recht zu verhelfen. Sie hat mithin einerseits abzuwehren, andererseits zu schützen: jenes gegenüber den schlechten, dieses gegenüber den guten Bestrebungen des nationalen geistigen Lebens. Die Kunstpolitik ist der Kunstkritik verwandt. Dasjenige Volk hat den größten Vorteil über die andern, welches aus seiner eigenen Vergangenheit am meisten lernt; jedes Volt wird am schärfsten durch seine eigene Geschichte kritisiert. Für den Kunstpolitiker gilt es besonders, daß er nicht ein doppeltes Maß der Beurteilung anwenden darf, indem er etwa geringere Anforderungen an die moderne als an die alte Kunst stellt. Die früheren Leistungen der bildenden Kunst, Rembrandt gegenüber Rafael und Dürer gegenüber Michelangelo, sind unter sich nicht verschiedener als die gesamte heutige Kunst es gegenüber der gesamten früheren Kunst ist. Man darf daher nicht nur, sondern man muß die jetzigen Meister mit den früheren vergleichen, um den wahren Wert jener zu bestimmen. Was Rembrandt und die Griechen untereinander, haben mit ihnen auch die besten heutigen Kunstleistungen gemein. Wer sich diesem Gerichtshof nicht stellen will, der fühlt sich selbst schuldig. Nur gesteigerte Anforderungen und, falls diese nicht erfüllt werden, ehrliches Bekennen der etwa vorhandenen künstlerischen Schwäche oder Unfähigkeit können die Kunst heben. Für Augurentum ist in ihr kein Platz,– und ebensowenig in der Kunstpolitik: sie muß in erster Linie eine deutsche und darum eine ehrliche Politik sein. Etwas Gewaltsamkeit kann ihr zuweilen nicht schaden. Es war ein kühner und wichtiger kunstpolitischer Schachzug des Papstes Julius II., als er vortreffliche Gemälde von den Wänden des Vatikans herunterschlagen ließ, um für die Werke Rafaels Platz zu schaffen. Das beste gehört an den besten Ort; und nur der ist konservativ, der das Große konserviert. Aber auch kunstpolitische Fehlgriffe sind in ihrer Art belehrend. Der verunglückte Versuch Friedrich Wilhelms IV., Männer wie Cornelius, Tieck, Rückert, Mendelssohn usw. in Berlin zu akklimatisieren, zeigt, wie Kunstpolitik nicht gemacht werden soll; rein äußerlich genommen, bleibt sie unfruchtbar. Sie will von innen heraus und nach inneren Notwendigkeiten gehandhabt sein. Jene Eigenschaft des Politikers, der sich den Dingen ganz hingibt, der die Verhältnisse beherrscht, weil er sich von ihnen beherrschen läßt, jene völlige Selbstvergessenheit muß der Kunstpolitiker in einem doppelt hohen Grade besitzen. Die Kunst hat nicht ihm, sondern er hat ihr zu dienen; indem er klar denkt und offen spricht – gegen das Schlechte und für das Gute. 4. Spießbürgertum Zumal wird es Aufgabe des Kunstpolitikers sein, jene krankhafte Abartung des Bürgertums, welche Spießbürgertum heißt, nicht über die Kunstverhältnisse eines Staates oder Volkes disponieren und dominieren zu lassen. »Sie begreifen nicht, daß es Dinge gibt, die sie nicht begreifen,« hat man treffend von diesen sogenannten Philistern gesagt. Die eigentliche Größe Beethovens ging den Deutschen erst auf, nachdem ihn die Engländer anerkannt hatten; und selbst ein Goethe hat Ähnliches erlebt; »unter solchen fortwährenden Umständen würde ich gewiß zugrunde gegangen sein«, sagte er von seiner Frankfurter Advokatenzeit. Bach galt bei seinen Lebzeiten für einen geschickten Virtuosen; Rembrandt wurde von seinen Zeitgenossen geschätzt, aber bei weitem nicht nach Verdienst; sein berühmtestes Bild »Die Nachtwache« befriedigte weder die Besteller noch das damalige Publikum. Cats, ein gleichzeitiger und recht spießbürgerlich gesinnter holländischer Dichter, verglich Rembrandt mit einer »Eule, die im Finstern haust«. Ästhetische Philister aus späterer Zeit haben seine Malerei wohl eine Eulenspiegelmalerei genannt; und sie rechtfertigt diesen Namen im guten Sinne: sie spottet eulenspiegelhafterweise aller herkömmlichen Schablone. Sie tanzt den gelehrten Herren auf der Nase; und diese haben sich von dem Schreck darüber teilweise noch nicht erholt, noch heute nennen sie z. B. seinen Raub des Ganymed eine »Geschmacklosigkeit«; so spricht nur der – Philister und stellt sich damit ein Zeugnis seiner eigenen Geistesarmut aus. Das ist der Humor davon! Humor ist ein helldunkles Element; und der Name Eulenspiegel selbst ist helldunkel; er gesellt der Eule, die das Dunkel liebt, den Spiegel, welcher des Zellen bedarf: der niederdeutsche Nationaltypus zeigt den niederdeutschen Nationalcharakter – sogar in seiner bloßen Etikette. Rembrandt gleicht in manchen seiner radierten Selbstporträts einer Eule mit gesträubtem Gefieder; und der Spiegel seiner Kunst ist es, in welchem er dieses Bild auffängt. Die Rembrandtsche Kunst ist durchaus antiphiliströs; und gerade dies ist nicht ihr geringstes Verdienst; zumal gegenüber den heutigen deutschen Bildungsverhältnissen. Sie schlägt ihnen ein Schnippchen; sie reicht die eine Hand Eulenspiegel und die andere Shakespeare; und durchmißt so den vollen niederdeutschen Horizont. Seit Simson hat freilich schon manches Kraftgenie den Philistern Rätsel zu raten aufgegeben und manches ist auch seitdem, wie Simson, von ihnen an die Mühle gestellt wurden. Ein Rembrandtsches Bild in der Dresdner Galerie stellt Simson dar, wie er den Philistern Rätsel aufgibt; merkwürdiger- und prophetischerweise hat der Maler hier den zuhorchenden »Philistern« genau einen Typus verliehen, wie man ihn unter der jetzigen deutschen Bedeutung des Worts zu verstehen pflegt; und ein anderer niederländischer Künstler, Jan Steen, hat es in einem zu Antwerpen befindlichen Bilde, dem »gefesselten Simson« gleichfalls getan. Genie und Trivialität, Heldentum und Philistertum standen von jeher in dem gleichen Verhältnis zueinander. Der Philister ist der gemeinsame Gegner der Krieger wie der Künstler; für jenen ist der Lorbeer nur ein Gemüse in der Suppe; für diese ist er das gemeinsame Zeichen ihres hohen und heiligen Berufs. Der Philister bewundert den Krieg wie die Kunst ungeheuer gern – aus der Ferne; »wenn hinten, weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen«, oder wenn die Schmerzen eines zu Tode gemarterten Genies ihm vorbiographisiert werden, dann ist ihm wohl. Er ist ein Feind alles desjenigen, was groß und gut ist. Er ist bildungsdumm. Von einem Hölderlin ist diese Menschengattung, am Schluß des Hyperion, mit bewunderungswürdiger Schärfe und Richtigkeit gezeichnet worden. Es ist die tiefe Lüge im Wesen des Philistertums, daß es das Genie öffentlich verehrt und heimlich haßt. Die kriegerische und künstlerische Entwickelung des künftigen Deutschland bedeutet also eine antiphiliströse Entwickelung. Das Volk ist nie trivial und der Vornehme ebensowenig; aber der Spießbürger ist trivial. Daher soll er von jenen beiden Geistesmächten in die Mitte genommen und womöglich erdrückt werden. Das ist eine Hauptaufgabe der Kunstpolitik. Sie soll bewirken, daß das Genie an seinen richtigen Platz gestellt wird. »Ich will dafür sorgen, daß dieser Fisch in sein Wasser komme,« sagte der Kurfürst von Sachsen einst über Winckelmann; aber doch erst nachdem dieser ihm, wie es heißt, seinen Glauben hatte verkaufen müssen. Derartige Opfer wird eine gerechte Kunstpolitik nie verlangen; im Gegenteil, sie wird den Menschen und den Künstler desto höher schätzen, je mehr beide sich in berechtigten Grenzen selbst treu bleiben. Die deutsche Gegenwart, welche kraftvollen, geistigen Individualitäten so außerordentlich abgeneigt ist, darf sich das gesagt sein lassen. Daß man Lessing als Dramaturgen nach Hamburg berief, war eine besonders für die damalige Zeit hervorragende kunstpolitische Leistung; daß man ihn wieder gehen hieß, war ein verhängnisvoller kunstpolitischer Fehler. Wie Weber in Dresden lebte und Lortzing in Berlin starb, ist bekannt; früher gab es Genies und keine Tantiemen; jetzt ist es umgekehrt. Das ist bezeichnend. Der Staat oder die Stadt, welche vorhandene geistige Kräfte nicht zu schätzen weiß, begeht eine Art von moralischem Selbstmord; es heißt zwar schon in der Bibel: »Die Väter steinigen die Propheten und die Enkel bekränzen deren Gräber;« aber sollte es immer so bleiben müssen? Sollte es nicht wenigstens Ausnahmen von der Regel geben können? Hätten die heutigen Deutschen, welche mit Propheten so wenig gesegnet sind, nicht allen Grund, solche Ausnahmen zu statuieren? 5. Deutsche Kunstpolitik Über die allgemeine künstlerische Richtung und Entwickelung einer Nation läßt sich irgendwie »Neues« nicht bestimmen; aber wenn Künstler und Publikum wissen, auf welche Hauptpunkte es bei dieser Entwickelung ankommt, so wird sich dieselbe leichter und rascher vollziehen, als es ohnedem der Fall gewesen wäre – im ganzen wie im einzelnen. Kunstpolitik ist auch für den Künstler selbst von hoher Wichtigkeit; eigentlich ist ihm nichts notwendiger als Politik: gegenüber den mannigfachen äußeren wie inneren Einflüssen, welche seine künstlerische Selbständigkeit und damit seine künstlerische Ehrlichkeit bedrohen. Nur zwischen der doppelten Schutzwand eigener und fremder Kunstpolitik kann sich die zarte Sinnpflanze, welche Individualität heißt, dauernd und fruchttragend behaupten. Je planmäßiger, auf Grund der gegebenen Verhältnisse und vorhandenen geistigen Faktoren, eine deutsche Kunstpolitik betrieben wird, desto bessere Erfolge wird sie aufzuweisen haben. Professoren und Musealbeamte können in der Regel hierfür wenig tun; denn sie blicken mehr rückwärts als vorwärts: sie selbst sind überwiegend die Opfer einer falschen Bildung und können darum nicht Priester einer neuen Bildung sein. Eine Bildung kann nicht gelehrt werden, sie muß gelebt werden. Erziehung und Unterricht sind zweierlei; das deutsche Volk ist schon viel zu viel unterrichtet: es will erzogen sein. Die rationelle Bewirtschaftung des geistigen Gesamtkapitals einer Nation ist für diese selbst von lebenentscheidender Bedeutung. Wird sie vollkommen durchgeführt, so kann die Schaffung neuer geistiger Werte, also das eigentliche innere Leben dieser Nation sehr gesteigert werden. Das Zeitalter einer geregelten und folgerichtig gehandhabten Kunstpolitik dürfte sich, gegen frühere Zeiten gehalten, mit der Zeit vor und nach der Einführung eines geregelten Ackerbaus vergleichen lassen. Was sonst nur zehnfältig, würde dann hundertfältig tragen; Bodenkultur und Geisteskultur zeigen sich abermals als verwandt. Man kann das Genie nicht züchten, aber man kann es ziehen . Die gegenwärtige Generation hat lange mit dem Bauerntum kokettiert; sie sollte einmal anfangen, es ernstlich zu lieben. Liebe ist fruchtbar, Koketterie unfruchtbar. Der Bauer und der Künstler produzieren, der Kaufmann und der Fachgelehrte vertreiben; Schätze des Handels wie des Wissens werden meist höher geschätzt als solche des Bodens oder der Phantasie; innerlich stehen die letzteren dem menschlichen Herzen und damit dem Menschentum überhaupt näher als die ersteren. Den Kunstpolitiker führt sein Weg vom Bauern zum Künstler; der Künstler, welcher aus dem Bauern, d. h. dem unverfälschten Volkstum hervorgehen sowie seinerseits wieder den Menschen d. h. das unverfälschte Einzelindividuum zur Reife bringen soll, ist das eigentliche Objekt seiner Tätigkeit. Bei einer bedachten Ausnutzung der vorhandenen geistigen Volkskräfte wird es sich vermeiden lassen, daß z. B. ein deutscher Dichter gerade dann physisch aufgezehrt ist, wenn seine geistigen Kräfte zu reifen beginnen: so erging es Schiller, der über seinem Demetrius hinwegstarb. Dieser Dichter, der sich nur langsam und teilweise zu jener »Unverfälschtheit« durchrang, hat in dem erwähnten Werke politische und zugleich kunstpolitische Wahrheiten von erstem Range ausgesprochen; Sätze wie »man muß die Stimmen wägen und nicht zählen« und »was ist die Mehrheit? Unsinn ist die Mehrheit«, sind echt deutsch empfunden. Sie formulieren und lösen das größte Problem der modernen Zeit; freilich in einer Art, für welche diese Zeit selbst noch nicht ganz reif ist; es sind erziehende Wahrheiten. Höchste politische Weisheit, getränkt mit den tiefsten Empfindungen der Volksseele, kurz, eine im Feuer nationaler Leidenschaft rotglühend gemachte Vernunft, das ist das Ziel der echten Kunstpolitik. Der Künstler muh prinzipiell stets neu sein, aber eben als Träger dieses neuen Prinzips möglichst viel von alten künstlerischen Errungenschaften in sich aufnehmen. Der Politiker muß prinzipiell stets vollkommen alt, d. h. im rechten Sinne konservativ sein, aber eben als Vertreter dieses alten Prinzips möglichst viel von neuen politischen Errungenschaften in sich aufnehmen. Der Kunstpolitiker hat diese doppelte Doppeleigenschaft in sich zu vereinigen; seine Aufgabe ist im Grunde reicher, aber auch schwieriger als die jener beiden anderen. Dadurch, daß der bisher größte deutsche Künstler: Shakespeare, und der bisher größte deutsche Politiker: Bismarck, dem niederdeutschen Stamme angehören, scheint dieser für eine Vereinigung der genannten beiden Eigenschaften, eben in der Kunstpolitik, vorherbestimmt zu sein. Der Niederdeutsche ist ein Mann der »gegebenen Größen«, er konserviert gern; aber er ist zugleich auch ein Mann des »Rechnens«, er kombiniert gern. Beide diese Neigungen tragen ihn, wie ein mächtiges Flügelpaar, einer großen Zukunft entgegen. Der größte Politiker und der größte Lyriker der niederdeutschen Vergangenheit, Cromwell wie Burns, waren im buchstäblichen Wortsinne Bauern; Reinbrandt vereint in sich den rauhen Scharfblick des einen mit der volkstümlichen Zartheit des andern: seinen Spuren hat auch der Kunstpolitiker zu folgen. Bezeichnend ist, daß das erste persönliche Zusammentreffen und gegenseitige Verstehen zwischen dem Hellenen Goethe und dem Deutschen Karl August – also der früheste Keim des goldenen Zeitalters der neueren deutschen Literatur – sich an eine Unterredung beider über die praktischen Reformvorschläge des verständig, volkstümlich, niederdeutsch denkenden Justus Moser knüpfte! Kunst und Politik, beide im weiteren Sinne genommen, begegneten sich hier – auf niederdeutschem Geistesboden. Advocatus patriae war nicht etwa ein poetischer und fiktiver, sondern der politische und offizielle Titel, welchen Moser seinerzeit als Vertreter der Landschaft Osnabrück führte; er hieß es und war es. Gerade die so real fühlenden und aller Pose abgeneigten Niederdeutschen haben durch die bloße Schöpfung eines solchen Titels bewiesen, wie nahe echte Prosa und echte Poesie einander stehen. Beide sollen im Kunstpolitiker zusammentreffen; er soll advocatus patriae sein! Wie nahe sich selbst die entgegengesetzten Vertreter des niederdeutschen Charakters stehen, zeigt die völlig verblüffende Ähnlichkeit gewisser Lenbachscher Skizzen des Bismarckkopfes mit einigen Rembrandtschen Selbstbildnissen; so mit einem in London befindlichen und anderen unter den Radierungen des Meisters. Die beiden Pole des niederdeutschen Wesens, Kunst und Politik, sind hier sichtbarlich durch die Achse der äußeren, typischen, persönlichen Erscheinung verbunden. Die Natur liebt es zuweilen, mit offenen Karten zu spielen; und wer ihr dabei zusieht, kann viel lernen. Aber noch eine weitere Charaktereigentümlichkeit befähigt den Niederdeutschen vorzugsweise zum Kunstpolitiker: daß er nämlich ein Niederdeutscher nicht nur dem Namen, sondern auch der Sache nach ist; daß seine geistige Tätigkeit vom Niedern zum Hohen, von unten nach oben geht – nicht umgekehrt, wie sie mit gleichen kunstpolitischen Zielen aber auf gerade entgegengesetztem Wege, z.B. der Oberdeutsche Schiller in seinen »Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen« entwickelte. Er hat die Forderung aufgestellt: der niederdeutsche Kunstpolitiker muß die Erfüllung bringen. 6. Wechselwirkung Der Sinn des Volks, des Bauern, des Niederdeutschen ist helldunkel. Der eigentümliche Charakter der Malerei Rembrandts ist der des Niederdeutschen überhaupt. Hell ist seine Politik, in Bismarck; dunkel ist seine Kunst, in Beethoven. Aber auch dunkel ist seine Politik, in Richard III.; und hell ist seine Kunst, in Shakespeare. Das helldunkle Wesen des Niederdeutschen zieht sich von seinem innerlichsten Denken und Fühlen bis zu seinen äußerlichsten Lebensgewohnheiten; er ist hart und zart; er trinkt »Stout and Ale«. Seine Seele schattiert sich, nuanciert sich, moderiert sich. Und ebenso hält er es bezüglich seiner staatlichen Pflichten, Neigungen, Taten; bald mäßigt er, bald treibt er an; kurz, er paßt sich an. Er ist elastisch. Er hat stets zwei Eisen im Feuer; und das ist eine treffliche Politik; denn es ist eine rhythmische Politik. Diese politische Rhythmik wird sich ganz besonders in dem zu betätigen haben, was man geistige Wechselwirkung der einzelnen Äußerungen wie Gesamtbestrebungen des menschlichen Daseins nennen kann. Die Spezialfächer eines gesunden und nationalen politischen Lebens – Handelspolitik, Eisenbahnpolitik, Sozialpolitik, Schulpolitik, Kunstpolitik oder wie sie immer heißen mögen – sollen wechselseitig zueinander und dann wieder alle insgesamt zu dem großen künstlerischen Begriff der Politik überhaupt in nächste Beziehung gesetzt werden. Und ebenso auf dem Felde der, im engeren Sinn, bisher so genannten Kunst. Bildende, handelnde, anschauende Künste müssen wechselseitig unter sich und dann wieder alle insgesamt dem hohen menschlichen Begriff des Schaffens verbunden werden. Wechselwirkung ist ein schönes Wort; es bezeichnet einen insonderheit deutschen Begriff: Brüder- und Freundespaare spielen im deutschen Geistesleben eine wichtige Rolle. Innerhalb der bildenden Kunst hat ein derartiges Verhältnis zweier bedeutender Menschen zueinander seine beste und man möchte sagen unübertreffliche Darstellung gefunden durch das Rietschelsche Doppelbildnis von Schiller und Goethe zu Weimar. Dichter und Denker, welche hier beide ineinander übergehen, halten einen gemeinsamen Ruhmeskranz. Als Ergebnis einer solchen erweiterten kunstpolitischen Tätigkeit wird auch das gesamte Leben eines Volkes sich wechselseitig mit demjenigen aller anderen Völker zu befruchten und werden die Lebensäußerungen dieser sich alle insgesamt wieder dem erhabenen göttlichen Begriff des Weltlebens unterzuordnen haben. Hierin gipfelt alle Geistespolitik. Denn das eigentliche Leben der Weltgeschichte entwickelt sich erst aus dem Wechselspiel zwischen fremdem und einheimischem Geiste bei den einzelnen Völkern. Man kann dies Verhältnis als das der »geschichtlichen Polarität« der Völker bezeichnen. Doch ist hier eine scharfe Grenze zu ziehen. Es muß stets festgehalten werden: daß einem beliebigen Volke nur die Aneignung der besten und größten Züge eines andern beliebigen Volkes gut bekommt. Diese enthalten Lebenskeime; kleine und schlechte Züge aber, die man etwa übernimmt, wirken sofort als Todeskeime. Sie zerstören den Organismus, der sie aufnimmt. Nur die edelsten Elemente zweier Völker können einander geistig, befruchten; hier summiert sich die Kraft. Gemeine Menschen dagegen werden in der Fremde, welche sie von gewissen Schranken löst? noch gemeiner. Nur an des Lebens Gipfel, der Blume, zündet sich Neues In der organischen Welt, in der empfindenden an. IV. Deutsche Bildung Es ist ein geschichtliches Gesetz, daß manche Bildungsrichtungen gerade dann in ihr Gegenteil umschlagen, wenn sie bei der letzten Spitze ihrer Entwickelung angelangt sind. Auch das heutige Deutschland, gerade weil sein Denken durchweg so spezialistisch und sein Fühlen durchweg so materiell ist, wird sich einer derartigen Metamorphose nicht entziehen können. Schon mehrfach hat der deutsche Charakter überraschende Wandelungen durchgemacht: auf die Roheit und Barbarei des alten England folgte das Zeitalter des reichsten Dichters, Shakespeares, und des tiefsten Forschers, Bacons; die dürftig und derb dahinlebenden ältesten Holländer wurden zu Lebensgenossen gerade des delikatesten aller Künstler, Rembrandts. Das Deutschland Goethes und Hegels endlich hat sich, für die übrige und zum Teil auch für die deutsche Welt ganz unerwartet, in das Land Bismarcks und Moltkes verwandelt. Der schroffe und zugleich zarte, vor allem aber die Gegensätze liebende germanische Charakter scheint für solche Umwandlungen besonders angelegt zu sein. Große und entscheidende Geistesumwälzungen künden sich aber keineswegs immer zuerst auf dem literarischen Markte an; wird doch das Christentum in der gleichzeitigen und so überaus reichen Literatur des Altertums kaum erwähnt. Charakter tut not Das neue Deutschland ist äußerlich durch eine Reihe von Reformen entstanden; Heeres-, Rechts-, Münz-, Verfassungs-, Zoll- und Sozialreform sind aufeinander gefolgt; die Bildungsreform fügt diesem ganzen System von Neuerungen nunmehr den notwendigen Schlußstein hinzu. Die Sozial- und die Bildungsreform insbesondere hängen nahe miteinander zusammen; beide sind Charakterfragen. Ein Volk, das Charakter hat, hat auch Brot; ein Volk, das Charakter hat, erlangt auch Bildung. Denn jeder Charakter, welcher sich mit der Welt auseinandersetzt, ist schöpferisch. Alle echte Kunst wird aus den verschwiegenen Tiefen des Charakters geboren. Die Sozialreform soll den Körper, die Bildungsreform den Geist unseres Volkes stärken. Jene ist bereits begonnen; diese gilt es nunmehr vorzubereiten; dann mag im rechten Augenblick der Kern die Schale sprengen. Unsere zerstückelte moderne Bildung muß sich wieder zum Ganzen abrunden; Rembrandt ist ein Stein zu solchem Bau; und dieser Bau ist vor allem »eine feste Burg« gegen sich selbst überhebendes Gelehrtentum. Der Standpunkt der biblischen Schriftgelehrten: das Wissen höher zu schätzen als den Charakter, ist häufig auch der der heutigen Weltgelehrten. Eine überwiegend kritische Bildung wie unsere jetzige verliert leicht das Ganze der Menschennatur aus dem Auge; und mit dieser geht der Charakter in die Brüche. Charakter ohne Bildung ist aber weit besser, als Bildung ohne Charakter. »An meinen Bildern müßt ihr nicht schnüffeln, die Farben sind ungesund,« hat Rembrandt gewarnt; und Goethe hat diesen Spruch für würdig befunden, ihn unter seine »Sprüche in Prosa« aufzunehmen. Dieser Geist des Schnüffelns ist in der heutigen Wissenschaft bekanntlich stark vertreten; auf geschichts- wie auf naturwissenschaftlichem Gebiet, und nicht am wenigsten den echten Helden deutscher Bildung selbst gegenüber, zeigt sich sein Walten. Die heutige Waschzettelliteratur über Goethe ist kaum mehr wert als – die Weste Schillers, welche in Gohlis bei Leipzig unter Glas und Rahmen gezeigt wird. Schiller wäre der erste gewesen, sich über solche Geschmacklosigkeiten lustig zu machen; und Goethe hat sich selbst schon bei seinen Lebzeiten gegen die alles durchspürende biographische Kleinkrämerei verwahrt. Dem Gelehrten mag Goethe dadurch äußerlich vielleicht bekannter werden; dem deutschen Publikum nicht; es vermag sich unter diesem Wust von Notizen nicht mehr zurechtzufinden. Man soll die Schriften deutscher Heroen an ihrer Gesinnung – nicht diese an jenen – messen. Wissen ist keine Weisheit; und Einzelwissen ohne Gesamtempfindung ist tot. Ein solches wirkt auf den Inhaber, menschlich wie sittlich genommen, nur nachteilig. So kam man dazu, selbst einem Goethe vorzuwerfen, daß er ganze Abende hindurch »in Gesellschaft der unterrichtetsten Männer« geschwiegen oder nur hm! hm! gesagt habe, als ob das Wissen an sich für den menschlichen Verkehr oder den Wert des Menschen irgend etwas bedeutete; als ob es nicht ganz allein darauf ankäme, welche Persönlichkeit hinter ihm steckt. Aber die Blinden vergessen leicht der Farbe. »Diese Zeiten sind schlechter als man denkt,« hat eben der gleiche Goethe gesagt; und niemand kann behaupten, daß in Geistes- und Bildungsangelegenheiten, welche hiermit vorzüglich gemeint waren, die Zeiten seitdem besser geworden sind. »Die Charaktere vieler Professoren fingen an, sich zu entblättern, gleich den Bäumen des Herbstes bei einem Nachtfrost,« hat ein echter deutscher Mann, in dem Mensch und Gelehrter noch nicht getrennt waren, Jakob Grimm, von seinen damaligen Kollegen gesagt. Sein kluges und ehrliches Bauerngesicht scheint aus diesen Worten gleichsam hervorzuleuchten; sollten die heutigen Nachfolger jener Kollegen wirklich besser geworden sein? Legt man heutzutage mehr Wert auf Charakterbildung wie damals? Ist man sittlicher geworden ? Man möchte diese Frage verneinen. » What are we to expect ? Wohin geraten wir?« lauteten die ruhigen und inhaltsschweren Worte, welche einst ein Cromwell der politischen Mißwirtschaft seines Landes bei seinem ersten öffentlichen Auftreten entgegenschleuderte; gegenüber der geistigen Mißwirtschaft im heutigen Deutschland scheinen sie wieder angebracht. Kann es so weitergehen, wie bisher? Nein. Woher soll dem Volke Hilfe kommen? Aus sich selbst. Das sind Fragen und Antworten, die sich jetzt unweigerlich aufdrängen. Die Gegenwart hält sich in ihrer Bildung für ungemein fertig; gerade das ist ein Zeichen, daß es mit letzterer bald fertig ist. Gegen den Rationalismus 1. Die Persönlichkeit Lessings Wenn es jetzt wieder zu einer deutschen Reformation kommt, so wird diese sicherlich in manchen Punkten an ideale Bestrebungen des achtzehnten Jahrhunderts anknüpfen; aber im ganzen wird diese Bewegung der Geister unbedingt einen volkstümlichen Charakter tragen müssen. Deutschlands »zweiter Reformator« jedoch, Lessing, besaß zur naiven Masse des Volkes so gut wie gar keine Beziehungen; und diese keine zu ihm. Luther fühlte noch mit dem gemeinen Mann, Lessing war dies nicht gegeben; in allen seinen Dramen erscheint keine echt volkstümliche Figur; Just, der allein etwas davon hat, ist – ein Bedienter. Der Bediente aber und sei es der beste, gehört nicht mehr zur freien Masse des Volks. Er hat sein Selbstbestimmungsrecht verloren und erscheint dadurch als der Antipode des Bauern; insofern ist die Wahl und Schilderung gerade dieses Typus für Lessing, als einen Gebildeten und Gelehrten, charakteristisch. Was Lessing selbst von seinen Jugenddramen sagte: »Ich schilderte die Welt, ehe ich sie kannte,« gilt in anderem Sinne auch von den Erzeugnissen seiner reiferen Muse. Sie bewegen sich, innerlich und äußerlich, in den höheren Regionen des Lebens; ihnen fehlt der Schlagschatten des niederen Volkstums und damit einer der wirksamsten Faktoren plastischer Darstellung. Er ist darin Kant verwandt; auch dieser hat sich der breiten Masse seines Volkes fremd gegenübergestellt: durch die künstelnde, undeutsche Terminologie, welche er in vielen seiner Schriften anwandte. Lessing hat mit Kant und dem preußischen Korporalstock das gemein, daß alle drei die Voraussetzung, doch nicht das Ziel der deutschen Entwicklung bilden. Für den eigentlichen Kern der Volksseele in ihren verschiedenen Äußerungen besaß Lessing wenig Verständnis. Trotz des hohen Ranges, den man ihm nach Geist und Charakter zusprechen muß, war er im Grunde religions- und vaterlandslos; Religion und Vaterland aber sind gerade die beiden maßgebenden Faktoren im heutigen Deutschland. Lessing selber hat gesagt, daß er manches in seinen Schriften nur »\γ\υ\μ\ν\α\σ\τ\ι\χ\ω\ς«, also »zur bloßen Übung« und ohne eigene innere Überzeugung behauptet habe. Unzweifelhaft war ihm etwas von jener inneren Kälte eigen, welche trotz aller sonstigen vortrefflichen Eigenschaften einen Friedrich II. für Schiller so abstoßend machte. Die instinktive Abneigung des jugendlichen Goethe gegen Lessing beruhte nicht nur auf äußerlichen Gründen; es war die Scheu eines warm empfindenden Herzens vor dem kalt überlegenden Verstand. Lessing liebte die Musik nicht und hat, wie er selbst erklärte, in seinem Leben nie geträumt; das Stigma einer vorwiegenden Verstandesrichtung war seiner ganzen Geistestätigkeit und der von ihm eingeleiteten Geistesbewegung aufgeprägt. Er erinnert darin einerseits an den musikfeindlichen Kant und andererseits an den religionsfeindlichen Voltaire, seinen sonstigen Gegner; aber während dieser hämischerweise anderen Leuten sein écrasez l'infame zurief, ging Lessing männlich gesinnt selbst an dies Unternehmen. Sein groß entworfenes Werk über die »Erziehung des Menschengeschlechts« erscheint dem unparteiisch Urteilenden mehr geistreich als wahr. Denn es sieht von den unerläßlichen individuellen Vorbedingungen eines jeden geistigen Prozesses vollkommen ab; es hätte ebensogut in China wie in Deutschland geschrieben werden können; es ist ungeschichtlich und schwebt darum im Leeren. Nach einem unanfechtbaren pädagogischen Grundsatz ist Einzelerziehung besser als Massenerziehung; und diese ohne jene nichts wert; in diesem Sinne ist auch Völkererziehung besser als abstrakte Menschheitserziehung. Der Erzieher soll individualisieren; das ist für ihn das erste aller Gebote; Lessing hat es in dem obigen Werke nicht beachtet. Es ist nur ein Luftschloß von grandioser Konstruktion. Man ist sogar versucht, zu glauben, daß Lessing bezüglich des »γυμναστιχωσ« Behaupteten gerade an dieses Geisteselaborat in erster Linie gedacht habe; und damit würde es freilich sehr an Wert verlieren. Zudem berührt sich auch hier wieder der große Volkserzieher mit seinen einschlägigen Gegnern; er ist geradeso dogmatisch wie sie; nur dogmatisiert er auf eigene Hand. Kaum jemand kann sich dem Geiste seiner Zeit entziehen. Man sieht, daß selbst bei einem so rein kritischen Geiste wie Lessing das subjektive Moment von höchster Bedeutung ist. Die kosmopolitische, dogmatische und zum Teil experimentelle Richtung Lessings war nicht geeignet, ihn dem Herzen des deutschen Volkes näher zu bringen. Lessing spricht aus den Gelehrten und zu den Gelehrten; wenn auch häufig gegen die Gelehrten. Man möchte sagen, er suchte das Volk, aber er fand es nicht. Und manches Traurige in seiner Lebensgeschichte, vorzüglich jene geistig desperate und desolate Stimmung, welche ihm so oft eigen ist, mag teilweise diesem Mangel entspringen. Wer sich mit seinem Volk oder seiner Mutter überwirft, der wird nie seines Lebens recht froh werden; auch Schopenhauer erging es ähnlich. Lessing büßte die Sünden seines Standes wie Rousseau die seines Jahrhunderts. Beiden fehlt die innere Heiterkeit, welche Söhne des Volks beseelt. In der deutschen Geistesgeographie stellt Lessing das dar, was man einen »interessanten Fall« nennt. Sein Name ist keineswegs, wie man gemeint hat, slawischen Ursprungs; es ist nie nachgewiesen worden, daß Lessings Voreltern ihn in einer slawischen Fassung geführt haben: er enthält vielmehr die bekannte deutsche und zumal friesische Gentilendung – ing; die friesischen Namen Conring, Malling, Letting u. a. sind bekannt. Friesische Kolonisten sind während des Mittelalters erwiesenermaßen vielfach nach dem heutigen Königreich Sachsen eingeführt worden. Rein friesische Orts« und Personennamen sowie friesischer Gesichtstypus sind dort noch jetzt nicht selten; besonders für die Oberlausitz und das Erzgebirge sind jene Besiedelungen urkundlich verbürgt. Es ist sehr wahrscheinlich und wird durch innere Gründe noch wahrscheinlicher gemacht, daß der deutsche Reformator, in dem keine Spur von slawischer Geisteseigentümlichkeil zu finden ist, jenen frühzeitigen Einwanderern durch seine Abstammung angehört. Denn diese letztere, nicht der Wohnsitz oder Geburtsort eines Menschen entscheidet über seine Individualität. Kolonisten sind, bezüglich ihrer geistigen Eigenart, stets dem Mutterlande zuzurechnen: und zwar nicht nur in der ersten, sondern auch in den folgenden Generationen. Der klare und kühle Geist des Friesenstammes hat in Lessing seinen bisher anscheinend größten Vertreter gefunden: er zeigt innerlich wie äußerlich die großen graublauen »Friesenaugen«, von denen Storm öfters redet. Sein lebhafter Unabhängigkeitssinn, seine un- und antilyrische Begabung, seine Spielsucht, sein ganzer Wett- und Wagegeist sprechen für eine solche Blutsverwandtschaft. »Die Friesen sollen frei sein, solange die Winde aus den Wolken wehen und die Welt stehen wird,« heißt es in ihrem alten Landrecht; es ist die geistige Devise Lessings. In echt holländischer, d. h. verstandesmäßiger Weise ist er ein Freund der Juden. Für seine Verstandesschärfe und Polyhistorie gibt es, wenn auch nicht mit gleicher Tiefe des Denkens verbunden, zahlreiche verwandte Beispiele gerade in dem holländischen Gelehrtenstande des 17. Jahrhunderts. Ihr Blick ist beschränkt, Lessings Blick ist weit: vielleicht würde dieser Prophet in seinem Vaterlande nicht so groß geworden sein, wie er es jetzt ist: denn oft entwickeln sich geistige Keime zu ihrer höchsten Blüte erst dann, wenn sie aus dem heimischen in einen fremden Boden verpflanzt werden. Das ist auch ein Segen der inneren Kolonisation. Immerhin zeigt Lessing gerade in der tiefsten Tiefe seines Wesens sich dem erwähnten Gelehrtentum verwandt. Beide verkörpern in sich jene mehr trockene und nüchterne Seite des holländischen Charakters, welche zu dessen feuriger Richtung – wie sie durch den batavischen Künstler Rembrandt veranschaulicht wird – einen äußerlich befremdenden, doch innerlich ergänzenden Gegensatz bildet. 2. Rembrandt und Lessing Friesen und Bataver haben sich in Holland zu einem Volke vermischt; und die daraus entspringende geistige Doppelströmung ist durch die ganze holländische Geschichte zu verfolgen. Der niederländische Befreiungskampf gegen die Spanier hatte sein geschichtliches Vorbild bereits in frühgermanischer Zeit: in dem vergeblichen Freiheitskampf des edlen und glutvoll empfindenden Bataverfürsten Claudius Civilis gegen die Römer; zu Leyden, Lugdunum Batavorum ist Rembrandt geboren. Beide große Niederländer drangen auf Freiheit und Selbständigkeit; für Freiheit und Selbständigkeit stritt auch Lessing: aber in seiner besonderen und jenen anderen beiden, durch einen gewissen Mangel an Enthusiasmus entgegengesetzten Art. Er erinnert darin, trotz größerer geistiger Beweglichkeit, auffallend an den kühlen und verständigen Geist des zweiten und erfolgreichen niederländischen Befreiungshelden, Wilhelm I. von Oranien. Lessing war ein Streiter, aber kein Sänger. Insofern Musik die seelenvollste Kunst und Gesang die seelenvollste Musik ist, erscheint das Frisia non cantat bezeichnend genug für die Geistesrichtung dieses sonst so vortrefflichen Volksschlages: und bezeichnend auch in seinem Gegensatz zu der so überaus musikalisch empfundenen Malerei Rembrandts. Wie Rembrandt und Beethoven der einen, gehören Franz Hals und Lessing der anderen jener beiden Richtungen an; die Trinklieder des letzteren und seine Neigung zu munterem Lebensgenuß sympathisieren sehr mit dem Meister von Haarlem, wie Beethovens Schwermut und seine düstere Kunststimmung mit der des Meisters von Amsterdam. Kalte und warme Strömungen mischen sich wie im Ozean, so auch im unendlichen Vereich des geistigen Lebens; nur daß dessen Gesetze denen der Physik gerade entgegengesetzt sind; denn hier sind die kalten, dort die warmen Strömungen die tieferen. Rembrandt und Beethoven leiten tiefer, als Lessing und Franz Hals . Wie von der Ostlüste Amerikas der wirkliche, geht von der Westküste Europas ein geistiger Golfstrom aus; es ist eine niederdeutsche Strömung; sie wirkt befruchtend und befreiend, wohin sie kommt! Ihren stärksten Ausdruck aber findet sie in dem empfindungsvollen Mystiker Rembrandt. Das friesische und das batavische Holland verhalten sich zu einander, wie das ostelbische und das westelbische Deutschland. Lessing sah in dem durchsichtigen doch starren Denker und speziellen Landsmann Rembrandts, Spinoza, einen ihm anverwandten Geist; ebenso wie Rembrandt in dem dunklen Denker und speziellen Landsmann Lessings, Böhme, einen ihm sinnverwandten Geist erkannt haben würde. Die nahe innere Zusammengehörigkeit der ersten beiden Männer bedarf keiner Begründung; diejenige der letzten beiden erstreckt sich sogar auf Äußerlichkeiten: der Lichtreflex beherrscht die gesamte Kunst Rembrandts und aus einem Lichtreflex – dem Schein der Sonne auf eine Zinnschüssel – wollte Böhme das eigentliche Wesen Gottes und der Welt erkannt haben. Er war darin Künstler, wie Rembrandt. Das Dunkle sucht, im Gebiet der inneren wie äußeren Anschauung, immer nach dem Hellen als seinem ausgleichenden Gegensatz; und diese Klaviatur des Geistes gilt für den einzelnen wie für ganze Völker. Sie erklingt bald in Übereinstimmungen, bald in Gegensätzen, immer aber harmonisch. Es ist sogar möglich, daß der helldunkle Charakter des Niederdeutschen sich geradezu als ein friesischsächsischer Charakter definieren läßt. Denn der Friese ist mehr hell und der Sachse mehr dunkel in seinem ganzen Wesen, seinen geistigen Bestrebungen, ja seiner äußern Erscheinung; es würde wahrscheinlich sehr ergiebig sein, diesen großen, nationalen Doppelakkord bis in seine Einzelheiten zu verfolgen. Er überträgt sich sogar auf das rein tatsächliche Verhältnis des größten deutschen Kritikers zum größten deutschen Maler; Lessing hat in seinen kunstkritischen Schriften auf Rembrandt, der ihn freilich in erheblichen Punkten widerlegt haben würde, keine Rücksicht genommen. Ebenso existieren weder Dürer noch Peter Vischer, weder Bach noch Schlüter für ihn; er ist hierin ganz Gelehrter und ganz Kind seiner Zeit; die deutsche bildende Kunst überhaupt scheint ihn kalt gelassen zu haben. Auch Luther kümmerte sich nicht um Kunst; aber weil er unter, nicht über ihr stand; weil er selbst dem Volksboden angehörte, dem sie entsprang. Trotzdem oder eben darum findet sich z. B. in seiner Bibelübersetzung vieles, was an die Schlichtheit und kindliche Tiefe der religiösen Bilder Rembrandts erinnert. Beide setzten sich durch diese einfache Auffassung hoher Dinge einer falschen Beurteilung aus; und Luther als die politischere Natur berücksichtigte die letztere sogar. »Gott grüße Dich, Du liebe Maria – also hätte ich den Gruß verdeutschen müssen, hätte ich das beste Deutsch hie sollen nehmen,« sagt er selbst in seinem Sendbrief vom Dolmetschen über den sogenannten englischen Gruß; übersetzt ihn aber doch tatsächlich und, wie er ausdrücklich angibt, aus Rücksicht auf die Menge etwas anders. Eine deutsche Bibelübersetzung in jener von Luther selbst für die bessere erklärten Sprache, in einer wahren Volks- und Herzenssprache, wäre wohl zu denken und – zu wünschen. Sie würde das gerade Gegenteil einer Professorenbibelübersetzung sein; sie würde eine echt evangelische sein und sich zu Luthers jetziger Bibelübersetzung etwa verhalten wie ein Bild Rembrandts zu einem solchen Dürers. Vielleicht ließe sich eine solche Bibelübersetzung nur im plattdeutschen oder einem andern deutschen Dialekte denken; denn hier spricht die Volksseele am schlichtesten. Lessings Art gleicht der dekorativen Kunst seiner Zeit, des Rokoko, die gleichfalls auf Lichtreflexe einen hohen und etwas übertriebenen Wert legt, ja teilweise auf sie allein gegründet ist; und beide finden ihr gemeinsames Echo in der gleichzeitigen Musik, z. B. eines Mozart, der auch persönlich sich Lessing verwandt zeigt. Alle Kinder einer Zeit sind sich verschwistert; das scharfe Licht der Lessingschen Schreibart, der heitere Glanz Mozartscher wie Haydnscher Musik und die vergoldeten Ornamente von Sanssouci atmen den gleichen Geist. Dekadenzzuständen gegenüber wirken jene zersetzenden Lichteffekte gewissermaßen reinigend, verklärend, erhebend; denn dem Schlechten geschieht sein Recht, wenn es verzehrt wird; eben dadurch wird es geheiligt. Was ist Mozart? Eine untergehende Sonne, welche den Sumpf bescheint. Von Lessing, Sterne, Mirabeau, Napoleon I. und anderen Geistern des Rokoko gilt dasselbe; sie alle wirken durch Helligkeit; bald im Großen bald im Kleinen, bald im Groben bald im Feinen. Sie sind Abendrot, Wetterleuchten, Blitz; stets treten sie in einen Gegensatz zu Rembrandt, welcher vorwiegend durch Dunkelheit wirkt. Er ist Mitternacht, Meereswelle, Mond. Aber die Zeit schreitet fort; der Morgen ist der Mitternacht näher als dem Abend; und die deutsche Zukunft ist Rembrandt näher als Lessing! 3. Lessing und die Gegenwart Lessing selbst sagt gelegentlich von sich, er habe zu viel Bücher gelesen, um das Ziel reiner Menschlichkeit zu erreichen. Wir werden also nur ihn und uns ehren, wenn wir über seine Leistungen hinausgreifen bis zu seinen Forderungen; und sogar über diese noch hinaus bis zu den Forderungen der deutschen Gegenwart. »Nur die Fertigkeit, sich bei einem jeden Vorfalle schnell bis zu allgemeinen Grundwahrheiten zu erheben, nur diese bildet den großen Geist, den wahren Helden in der Tugend, und den Erfinder in Wissenschaften und Künsten,« sagt er mit Recht; aber er hat damit nur die Hälfte dessen ausgesprochen, worauf es in diesem Fall ankommt. Das wahre Genie muß sich ebenso schnell und ebenso leicht zu vielen einzelnen Fällen herunterlassen wie zu jenen allgemeinen Gesichtspunkten aufsteigen können. Die Fähigkeit, zu abstrahieren, ist wichtig; aber die Fähigkeit, zu exemplifizieren, ist es ebensosehr. Nicht nur in dem bloßen »Hinauf«, wie es Lessing fordert, sondern in dem »Auf und ab«, wie es sich bei allen Vollgeistern, bei ihm nur stellenweise findet, liegt die eigentlich schöpferische Kraft beschlossen. Hier ist der Puls des geistigen Lebens. Es war die von Lessing oft selbst empfundene Lücke in seinem Wesen, welche ihn das Genie einseitig definieren und betätigen ließ. Es ist daher möglich und wahrscheinlich und notwendig, daß der deutsche Volksgeist, wenn er sich wirklich auf geistigem Gebiet lebendig zu regen beginnt, sich nun stark von Lessing ablenkt; gerade damit würde er in tieferem Sinne Lessing gemäß handeln. Denn Lessing hat nie die Überlegenheit Shakespeares und Luthers über sich, d. h. die der naiven über die rein abstrakte Denkweise bestritten; er hat sie vielmehr oft anerkannt. Würde es dem deutschen Volke gelingen, von dem überwiegenden Kultus der letzteren sich wieder zu dem überwiegenden Kultus der ersteren zu wenden, so wäre – unter den heutigen Umständen – der noch lebende Lessing gewiß der erste, ihm dazu Glück zu wünschen. Sind Staub und Moder beseitigt, so kann der Kehrbesen der Kritik wieder in die Ecke gestellt werden. Die am Boden kriechende Tatsächlichkeit der jetzigen wissenschaftlichen Forschung scheint den Übergang von jener zu dieser Richtung darzustellen; sie steht ebenso weit unter der Naivität, wie Lessing über ihr steht. Es läßt sich eine Zeit denken und sie ist vielleicht nicht fern, in welcher zwischen beiden Bestrebungen eine goldene Mittelstraße eingehalten wird. Wer den Kontakt mit dem Volke hat, wird weiter kommen als Lessing. Ohne die Ausschreitungen des Pastor Götze in Hamburg zu billigen, muß man doch sagen, daß sein Streit mit dem großen Kamenzer in gewissem Sinne ein Kampf des Volkes mit den Gebildeten war; und er entspann sich bezeichnenderweise an einer plattdeutschen Bibel. Die ebenfalls plattdeutschen Spottlieder, welche die Braunschweiger Jugend nach Lessings Tode auf diesen sang, zeigen, daß und wie das Volk selbst an dem bedeutsamen Streit Anteil nahm. Eine solche, allerdings negative Ehre ist keinem der anderen klassischen deutschen Literaturheroen zuteil geworden; man ehrte den großen Kritiker negativ, weil seine Tätigkeit eine negative, reinigende, zerstörende war; sehr positiv singt das Volk dagegen noch heute Luthers: »Ein' feste Burg ist unser Gott«. Von beiden hat das Volk Notiz genommen. Es huldigte Lessing, wie die Besiegten dem Besieger huldigen; aber es ist möglich, daß eben dies Volk einmal wieder auf sein angeborenes und uraltes und unanfechtbares geistiges Souveränitätsrecht zurückgreift; daß es dann seinerseits einmal wieder über Lessing siegt. Denn der Standpunkt eines Lessing ist kein solcher, über den hinaus sich kein Fortschritt denken ließe. Der Weltgeist geht Schritt vor Schritt; er atmet aus und atmet ein; und ebenso der Nationalgeist. Wie Deutschland durch Preußen, so ist die deutsche Bildung durch Lessing groß geworden; aber bei Lessing stehenzubleiben, ist nicht im Sinne Lessings. Gerade nach dem von letzterem proklamierten Grundsatz: »Daß für die verschiedenen Lebensalter eines Volkes oder der Menschheit auch verschiedene Erzieher und verschiedene Erziehungsmethoden nötig seien,« haben diese beiden Faktoren heute gegen andere für das innere deutsche Volksleben bedeutsamere zurückzutreten. Die verhältnismäßig engen preußischen Verhältnisse, in welchen Lessing während der Zeit seiner Entwickelung lebte, reagierten in ihm politisch wie geistig nach der Seite eines etwas übertriebenen» weltbürgerlichen Weitblicks; der heutige deutsche Geist hat sich von beiden Extremen fernzuhalten. Man hat gesagt: »Deutschlands Herzen sind da, wo Preußens Fahnen wehen;« man kann auch sagen: »Die preußischen Fahnen sollen da wehen, wo das deutsche Herz schlägt.« 4. Mommsen und Nicolai »O Erasmus von Rotterdam, wo willst du bleiben? Höre, du Ritter Christi! reite hervor neben den Herrn Jesus, beschütze die Wahrheit, erlange der Märtyrer Krone,« heißt es im Tagebuch des Nürnberger Meisters Dürer. So rief der deutsche Volksgeist den Gelehrten und sie antworteten nicht; so ruft der deutsche Volksgeist noch heute den Gelehrten und sie antworten nicht; sie zeigen sich hier im ungünstigen Sinne als Erben des Humanismus vom 16. Jahrhundert. Unter den deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gibt es einen, der eine ganz überraschende Ähnlichkeit mit Erasmus zeigt: Mommsen. Eine gewisse halbironische Teilnahme an geistigen und sittlichen Bestrebungen, welche dem Kern des deutschen Volkstums fremd gegenüberstehen, charakterisiert beide; aber wie einst, so wird auch heute das deutsche Volk, soweit es echt empfindet, sich zu den echten Vertretern seines Wesens halten. Mommsen ist ganz Erasmus darin, daß er übermäßig den »Zeitverhältnissen« Rechnung trägt; und auch die Motive mögen hier wie dort die gleichen sein. Beide stammen von der Nordsee und beiden eignet jene ungünstige Seite des friesisch-holländischen Charakters: das Kalte und Seelenlose und egoistisch Berechnende. Mommsen ist ursprünglich Jurist; was ja oft mit Formalist gleichbedeutend ist; gerade darum nahm der Natur- und Volksmensch Luther an dieser Menschengattung so besonderen Anstoß. Die Worte von Novalis, der ein ebenso frommer wie tiefdenkender Mensch war: »Es gibt geistvolle Historiker des Buchstabens, philologische Antiquare,« scheinen wie auf Mommsen gemünzt. Er ist der ausgesprochenste Vertreter jener Geistesrichtung im heutigen Deutschland, welche sich selbst treffend dadurch charakterisiert, daß sie entgegen der geschichtlichen Entwickelung sowohl wie dem Volksbewußtsein, die lateinische Schrift- und Druckweise für den deutschen Sprachgebrauch eingeführt wissen will. Sie verrät in einem solchen anscheinenden Nebenumstande, wes Geistes Kind sie ist; nämlich das Kind eines fremden, nicht eines deutschen Geistes. Selbst in dieser, wenn man will, sehr unpolitischen Frage, stehen Bismarck und das deutsche Volk auf der einen, Mommsen, der Mann der »Forschung« und der »Freiheit« auf der andern Seite; denn bekanntlich hat sich der erste deutsche Reichskanzler für, die neuere deutsche Wissenschaft gegen den Gebrauch der deutschen Schrift ausgesprochen. Mommsen vertritt nicht nur nach der Richtung seiner Studien, sondern auch nach seinem sonstigen Wesen ganz den kalten Geist des Römertums; er ist dem Griechentum innerlich ebenso fremd wie dem Christentum. Da aber die deutsche Bildung, nach ihren bisherigen besten Elementen, zwischen diesen beiden letzteren Mächten in der Mitte steht: so ergibt sich daraus ein undeutscher Zug im Charakter des Genannten. Die ätzende Schärfe seines Stils sowie manches andere in seiner Persönlichkeit erinnert auffallend an Voltaire; der Verstand beider ist groß; aber wie dem französischen, so fehlt auch dem deutschen Popularhistoriker die – Seele. Dieser Mangel reflektiert selbstverständlich bei beiden auf den Menschen. Voltaires Charakter als Mensch ist bekannt: als Dichter hat er eine der zartesten Gestalten der Geschichte, welche an Größe der Gesinnung wie des Unglücks nur von der Kassanora des Äschylus erreicht wird. Johanna d'Arc, in den Schmutz gezerrt; als Kritiker hat er Shakespeare und damit sich selbst verurteilt; man sieht, wohin »Geist« allein führt. Sinkende Zeiten bringen solchen Geist hervor; im Sumpfe wachsen schillernde Blumen. Wie äußerlich und oberflächlich der modernere dieser beiden »Geschichtschreiber« sich religiösen Dingen gegenüber verhält, welche doch für jede Periode der Geschichte mit aufs stärkste in Betracht kommen, erhellt aus dem seinerzeit von ihm gemachten Vorschlag eines Massenübertritts der heutigen deutschen Juden zum Christentum. Er fügt zwar hinzu: »Soweit sie es können, ohne gegen ihr Gewissen zu handeln.« Aber da ein solcher Massenübertritt unmöglich aus innerer Überzeugung geschehen kann; und da ein Religionswechsel nicht nur wenn er gegen, sondern auch wenn er ohne innere Überzeugung erfolgt, mindestens eine Lüge ist – so ergeben sich die Folgerungen von selbst. Man weiß, in welch niederträchtiger Weise sich Heine über seine Taufe geäußert hat; er konnte sie mit seinem »Gewissen« vereinigen; aber eine derartige Seelenverkäuferei sollte doch niemand empfehlen. Religion ist nicht ein Mantel, der beliebig an- und ausgezogen wird. Und doch ist der Urheber jenes obigen Vorschlags einer von denjenigen, welche als Hauptsäulen der neuen deutschen Bildung gelten und im spezialistischen Sinne auch berechtigterweise gelten; aber im menschlichen Sinne glücklicherweise nicht. Mommsen hat die ihm eigentümliche, rein verstandesmäßige Richtung mit einem, der größer ist als er: mit Lessing und mit einem, der kleiner ist als er: mit Nicolai gemein. Auch Nicolai ist, seinem Namen nach zu schließen, von friesischer Abkunft; denn diese Art von patronymen Namensbildungen ist, soweit das von Deutschen bewohnte Deutschland in Betracht kommt, ganz allein in Friesland üblich und hat sich von daher nicht durch Gewohnheit, sondern ausschließlich durch Abstammung anderswohin verbreitet. Nicolai zeigt die friesische Nüchternheit, verbunden mit friesischer Hartnäckigkeit, bis zur Karikatur; ja sie führt bei ihm zur völligen Unbelehrbarkeit, zum passiven Fanatismus, zum geistigen Nihilismus. Er möchte den Künstlern wie Kunstwerken die Seele austreiben. Und er erinnert dadurch an jenen Zug im holländischen Charakter, den man Seelenverkäuferei genannt hat; wie denn auch der holländerfreundliche Friedrich Wilhelm I. gelegentlich seiner »großen Garde« diese Eigenschaft streift. Es ist also kein Zufall, daß auf geistigem Gebiet sich Lessing, Erasmus, Mommsen, Nicolai treffen; sowie daß Ihering als geborener Friese und Ranke – dessen Name nach Analogie der rein friesischen Namen: Zanke, Hanke u. a. ebenfalls auf friesische Abstammung deutet – sich ihnen anschließen. Kalter Verstand charakterisiert sie alle, wiewohl ihr moralischer Wert teilweise weit auseinandergeht,– aber es ist immerhin bezeichnend, daß sich diese kühlen Geister gerade auf preußischem Boden zusammenfinden. Auch sie stellen ein »Preußisch-Holland« dar. Preußen ist eine vorwiegend politische Arena; die Politik rechnet; und Seele kennt sie nicht; oder doch nur als einen Faktor in ihren Rechnungen; und damit ist das Wesen der Seele zerstört; denn sie ist selbstherrlich und triumphiert eben deshalb zuweilen sogar über die Politik. Darum wird diejenige Politik stets die beste sein, welche sich mit der Seele verbündet. Wenn die preußische Politik die Wege der deutschen Volksseele einhält, ist sie unbezwinglich; auch das deutsche Bildungswesen wird sich von diesem grundbestimmenden Faktor nicht zu weit entfernen dürfen. Leute wie Mommsen kann man als eine Art von geistigem Kleinadel, mit dessen Licht- und dessen Schattenseiten bezeichnen. Die ersteren vereinigen sich, wie das bezüglich des wirklichen preußischen Kleinadels in Bismarck der Fall gewesen ist, auch einmal zu einem Lichtblitz–wie in Lessing: und beide große Männer geraten, durch ihren weiten und freien Blick, in halben Gegensatz zu ihren ursprünglichen Standesgenossen. Sie sind in den hohen Adel übergetreten; Bismarck ist wirklicher Fürst geworden; Lessing hat man den Fürsten der Kritik genannt. Dennoch ist seine Zeit vorübergegangen: nach dem Scharfrichter kam der Mildrichter; auf Lessing ist Goethe gefolgt. 5. Dichtergeist und Nüchternheit Die Richtung, welche die Bildung des deutschen Volkes im neunzehnten Jahrhundert genommen hat, hängt ohne Zweifel mit seinen politischen Verwickelungen und Entwickelungen zusammen. Die deutsche Revolution von 1848 wurde großenteils durch Schillers »Marquis Posa« gemacht; und umgekehrt ist durch die Erfolge des Jahres 1870 der in Berlin von jeher heimische Geist Nicolais etwas mehr als wünschenswert auf das übrige Deutschland übergegangen. Dieser Vorgang ist wichtiger und bedrohlicher, als man wohl denkt. Es ist kein Zufall, daß Dubois-Reymonds »mechanische Weltanschauung« vorzugsweise dort ihre Verkünder und Verehrer findet, wo einst Schiller und Goethe vorzugsweise verständnislose Gegner fanden: in Berlin. Gerade letzteres sollte man nicht vergessen. Die Kontinuität der Geschichte ist sehr groß und ihre bleibenden sind ihre stärksten Faktoren. Die zwar nicht äußere aber innere Lokalphysiognomie einer Stadt oder eines Staates erhält sich auch dann noch sehr lange, wenn ihr im Laufe der Zeit neue Bevölkerungselemente zuwachsen: denn letztere werden eben aufgesogen. Das überwiegend orientalisierte kaiserliche Rom war von dem überwiegend italischen republikanischen Rom nur der Stufe, nicht aber der Art seines Charakters nach verschieden. Die heutigen Franzosen sind, nach den Hauptzügen ihres Nationalcharakters noch ganz dieselben turbulenten Gallier, welche Cäsar vor zweitausend Jahren beschrieb; und auch die heutigen Berliner sind im Grunde noch dieselben, wie die vor hundert Jahren. »Nicolai, der noch lebt.« schrieb Hebbel. Es ist nicht zu verkennen, daß dieser spezifische Berliner Geist dem rein deutschen Wesen entgegengesetzt ist. Goethe selbst hat dies oft empfunden und ausgesprochen; Berlin ist der einzige Ort, zu dem er sich offen als Antipode bekannt hat. »Was schiert mich der Berliner Bann, Geschmäcklerpfaffenwesen?« Für den diplomatisierenden Dichter, der im Tadeln und Opponieren sonst so überaus vorsichtig war, ist dies doppelt bezeichnend; das Gefühl des Gegensatzes muß demnach bei ihm sehr stark gewesen sein. »Wer mein Freund ist, der rate mir nicht, nach Berlin zu kommen,« sagt er bei einer anderen Gelegenheit. Die damaligen Dubois-Reymonds hatten ihm wahrscheinlich den dortigen Aufenthalt verleidet; daß jetzt die sogenannten Goethekenner ganz besonders in Berlin zu finden sind, kann diese Tatsache nur noch schärfer beleuchten. Literarische Feinschmeckerei vereint sich selten mit wahrer innerer Anteilnahme und Gesinnungsverwandtschaft. Dem Griechen steht der Alexandriner ebenso fern, ja noch ferner als der Barbar; denn dieser, als ein geistiges Kind, kann vielleicht noch zu voller Männlichkeit ausreifen; jener, als ein geistiger Greis, aber niemals. Schon im Altertum ging mit dem Aufblühen der Kennerschaft der Verfall der Kunst Hand in Hand; Goethes Gesellschaft war eine andere als die heutige Goethegesellschaft; sie fühlte menschlich, nicht kennerhaft. »Sie lassen mich alle grüßen und hassen mich bis in Tod,« hat Goethe von Leuten gesagt, die zu seinen berufsmäßigen Verehrern gezählt wurden. Man hat daher ganz richtigerweise von Goethepfaffen gesprochen; denn das bezeichnende aller Pfaffen ist, daß sie innerlich das hassen, was sie äußerlich verehren. Nichts aber war Goethe und ist jedem freien Geiste mehr zuwider als ein derartig pfäffisches Wesen. Eine Versöhnung zweier so verschiedener Standpunkte, auf der Basis der Gleichberechtigung, ist nicht möglich; denn der menschliche Standpunkt ist ein für allemal der höhere, der bescheidenere, der ehrlichere; er ist der echtere. Es ist ein uralter deutscher Rechtsgrundsatz, daß jeder nur von seinesgleichen gerichtet werde: er gilt auch im Reich des Geistes; und nicht am wenigsten für die Kritik. Die ästhetischen Tees des früheren Berlins waren gegen Goethe nicht gerechter, als es die politischen Fortschrittklubs des heutigen Berlins gegen – Bismarck sind. In beiden Fällen ist der Gerichtshof nicht kompetent; in beiden Fällen urteilt Deutschland anders als Berlin. Goethe seinerseits wurde es nie müde, Nicolai, den Propheten der Plattheit, zu verdammen. Die Art des letzteren, Goethe und Schiller von oben herab zu behandeln, ist bekannt; aber dieser Standpunkt wurde auch von klügeren Leuten geteilt; über Schillers Glocke schrieb selbst eine Caroline Schlegel: »Wir wären fast vor Lachen vom Stuhle gefallen,« als sie deren erste Wirkung auf die damals sogenannten geistreichen Kreise Berlins schilderte. Dies Urteil über ein Gedicht, welches ein Wunderwerk von poetischer Formulierung und in gewissem Sinne das deutscheste aller vorhandenen deutschen Gedichte ist, erscheint überaus bemerkenswert; so gleichgültig es an sich ist, so wichtig und weittragend ist es in seiner symptomatischen Bedeutung. Der nüchterne Geist war dem idealen Geiste feind. Schiller erwiderte jene Antipathie durchaus; er gab ein von ihm beabsichtigtes und zur Verherrlichung Friedrichs II. bestimmtes Epos »Leuthen« auf, weil ihm dessen Held »zu kalt« erschien. Hier war der schwäbische Dichter, wie auch sonst, der berufene Fahnenträger für die Gesinnung der eigentlich deutsch Fühlenden; und lange nach ihm noch haben ein Lornsen und ein Gervinus ähnlich empfunden. Es ist leichter, solche Urteile zu verdammen, als sie zu verstehen. Halte man diese tiefen und zarten Regungen des deutschen Volksgemüts ja nicht für gering; denn Männer, die mit dem Volksgeiste Fühlung haben, wissen ihm auch Ausdruck zu geben. Wohl dem Volk, das auf seine Propheten hört! Schiller war in Leistungen wie Gesinnungen ein geistiger Aristokrat; und doch ist er der volkstümlichste aller deutschen Dichter. Hier bestätigt sich aufs neue, daß Volksgeist und Geistesaristokratie einander anziehen. Friedrich II. war tatsächlich »kalt«. Eine großartige Verständigkeit bildete den Grundzug seines Wesens; mit ihr schlug er seine Schlachten und durch sie brachte er seine Provinzen zum Blühen: aber selbst gegenüber seinen näheren Bekannten und Vertrauten zeigt er kaum die Äußerung oder das Vorhandensein eines wirklich herzlichen Gefühls. Er war gelegentlich sentimental, aber nie leidenschaftlich und hat darin eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Napoleon I. und Cäsar. Als ein durchaus politischer, d. h. völlig klarer Charakter, eignete er sich für eine künstlerische Behandlung wenig; denn diese braucht für ihre Gestalten eine Trübung durch menschliche Affekte; ein durch und durch kühler Kopf lohnt eine poetische Darstellung nicht. Politik und Poesie stoßen sich zuweilen ab. Friedrich II. hatte kein Herz für die deutsche Dichtung und diese kein Herz für ihn; der Bund, den beide in Lessings Minna von Barnhelm schlossen, ist nur eine Vernunftehe; und auch bis heute noch hat der große König keine ihm ebenbürtigen poetischen Verherrlicher gefunden. »Mag der Rationalismus auch noch so nötig und gut sein auf anderen Gebieten, aber für die Kunst ist er der Tod,« sagte Cornelius. Die kalte Hand des preußischen Staatsgerippes konnte, wo sie sich direkt mit dem warmblütigen deutschen Volkskörper berührte, diesem nur ein unbehagliches Gefühl verursachen; indes sind unbehagliche Eindrücke im Leben und vor allem in der Erziehung notwendig; dies hat sich auch in der Erziehung Deutschlands durch Preußen bewährt. Solange Preußen und Deutschland nicht eins waren, solange das Gerippe sich noch außerhalb des Körpers befand, mußten beide einander abstoßen; jetzt da sie zusammengehören, hat dies Gefühl keine Berechtigung mehr. »Die Kälte« des preußischen Geistes hat hier zum Segen geführt; ebendarum aber wäre nichts falscher, als sie überhaupt auf geistigem Gebiet herrschend zu machen. Das Dämmerlicht der Poesie gehört nicht in die Politik und die Nüchternheit der letzteren nicht in die Kunst. Es sind Gegensätze, die stets wiederkehren und stets auseinandergehalten werden müssen. 6. Das geistige Berlin Berlin ist von jeher ein Sitz des Rationalismus gewesen. Ein negativer Zug, eine gewisse geistige Leere bei und trotz aller äußeren Betriebsamkeit überwiegt im Charakter des Berliners. Bismarck hat Berlin »eine Wüste von Ziegelsteinen und Zeitungen« genannt. Wüsten sind bekanntlich heiß und trocken; auch die Berliner geistige Atmosphäre ist dies; der eigentliche fruchtbare und befruchtende Hauch fehlt ihr. Es ist ein Hauptsitz der registrierenden und fast ein Gegner der schöpferischen Bildung; bis in die neueste Zeit hinein sind eigentlich schöpferische Künstler, wie Menzel, nicht durch sondern geradezu gegen Berlin emporgekommen. Berlin hat nicht sie, sondern sie haben Berlin groß gemacht. Noch jetzt kann man von einer spezifisch Berliner Bildung reden. Es ist eine Bildung auf rein wissenschaftlicher oder noch genauer gesagt: auf rein verstandesmäßiger Basis; darin liegt ihre scheinbare Stärke, sowie ihre wirkliche Schwäche. Es ist eine Bildung, in der Empfindung keinen Platz hat; in der das Herz verstummt; und die folglich nie volkstümlich sein kann. Sentimental und gelegentlich fanatisch, bildungsfanatisch kann sie freilich sein. Auch war sie einmal geistreich; nämlich zu den Zeiten Rahels. Doch ist das heutige Berlin nicht entfernt so geistreich oder geistvoll wie das frühere; es weiß mehr und denkt weniger; fast möchte man sagen täglich weniger. Es ist jüdisch gefärbt – im schlechten Sinne. Rahel war voll Seele, die heutigen Berliner Juden verleugnen durchweg wie ihre alten Propheten so diese neue Geistesheldin; sie dienen dem Götzen der »modernen Bildung«. Auf sonstige Bevölkerungskreise der Reichshauptstadt ging und geht viel davon über. Wenn Bescheidenheit klug macht, was richtig scheint, so läßt sich dieser ganze Wechsel auch geschichtlich begründen; wie Nicolai auf Friedrich den Großen ist Rahel auf Jena gefolgt; die deutschen Siege von 1870 scheinen wieder umgekehrt gewirkt zu haben. Berlin sollte dies bedenken. Berliner Größen, die einst in Deutschland eine wichtige Rolle spielten und die jetzt nach ihrem sehr beschränkten Werte zutreffend taxiert werden: so Gutzkow in der Literatur und Lasker in der Politik, könnten hier als warnende Beispiele dienen. Beide führten einmal auf ihrem Gebiet das große Wort; und beide sind im Grunde nur triviale Persönlichkeiten; für »eminent« hält man sie jetzt nicht einmal mehr in Berlin. Es gibt Fälle, in denen die deutsche Bildung und die Berliner Bildung sich sehr entschieden voneinander abheben. Ein totes Wissen, verbunden mit einer nur auf Tagesereignisse und Tagesinteressen gerichteten Gesinnung, führt sicher zur Trivialität, zu dem Erbteil Nicolais. Den Magneten und Magnaten der heutigen deutschen »schönen« Literatur, welche vorwiegend in Berlin ansässig sind, klebt durchweg etwas von diesem trivialen Geiste an. Das Überwuchern der Romanliteratur in dem Deutschland der letzten fünfzig Jahre ist nicht nur zufällig von dem Verschwinden einer wahrhaft bedeutenden poetischen Produktion, im engen und strengen Sinne dieses Wortes, begleitet gewesen. Und selbst der große »Berliner Roman« läßt bekanntlich noch immer auf sich warten. In der Literatur gibt es eigentlich nur zwei Genres: Goethe und Kotzebue; die jetzige deutsche Bühnendichtung, ebenfalls von Berlin beherrscht, huldigt durchaus dem Genre Kotzebue und Raupach; und was dieses gegenüber dem Genre Goethe bedeutet, weiß man. Daß Kotzebue technisch von den jetzigen Bühnengrößen übertroffen wird, macht die Sache nicht besser. Es kommt auf den grundsätzlichen Unterschied an; und dieser zieht sich gleichmäßig durch die heutige triviale wie die einstige klassische deutsche Literatur« Periode. Berlin vertritt, jetzt wie damals, den Geist der Trivialität; und das ist nicht gut. Schon Boerne hat sich in köstlicher Weise über die noch jetzt gangbare Gewohnheit der gebildeten Berliner lustig gemacht: geistige oder sonstige Tagesfragen durch gewisse Schlagworte abzutun, die dann jeder von ihnen dem andern nachspricht; und neuerdings gab man in einer großen deutschen Zeitung den inferioren Standpunkt der heutigen Berliner Literatur und ihres Publikums zu, fügte aber naiverweise zur Entschuldigung bei, daß »in einer so großen Stadt der einzelne keine Zeit habe, sich ein eigenes Urteil über geistige Dinge zu bilden«. Das mag sein; aber dann muß man sich eines Urteils enthalten. Am allerwenigsten darf man, unter solchen Verhältnissen, anderen das Urteil vorschreiben wollen. In Wien herrscht noch heute durchgehends ein feineres Geistesleben als in Berlin. Der Professor gilt dort nicht so viel wie hier; aber der bedeutende Künstler desto mehr. Ein Brahms ist in Berlin dauernd so wenig denkbar wie ein Mozart; der lebende Hebbel würde in Berlin genau so verfemt gewesen sein wie der lebende Cornelius; und ein Burgtheater ist dort nicht zu denken. Kunst kann dauernd nur da gedeihen, wo Temperament gedeiht . Letzteres fehlt in den gebildeten Kreisen der deutschen Hauptstadt; sie verstehen weder zu lachen noch zu weinen. Dazu kommt ein anderes. Berlin wird, soweit geistige Dinge in Betracht kommen, nunmehr im übrigen Deutschland eifrig nachgeahmt; und eine solche Art von Geisteshegemonie kann sehr schlimme Folgen haben. Gesunde, sowie fern von Berlin lebende Persönlichkeiten, es darf nur an die bereits obenerwähnten Keller und Storm erinnert werden, entzogen sich ihr zwar. Sie standen auf eigenen Füßen; aber es ist kein gutes Zeichen, wenn solche Früchte nur in den entlegensten Winkeln des Deutschen Reiches wachsen. Kommt das Echte eines Staats- oder Volkslebens an seine Peripherie, das Unechte aber ins Zentrum zu liegen, so wird das Ganze hohl. Das triviale Berlin bleibt sich eben stets gleich; es wird teils von Romantikern des Salons, teils von Romantikern der Gosse beherrscht; Wildenbruch suchte beide Richtungen in sich zu vereinigen. Nichts aber ist zu allen Zeiten in dieser Stadt seltener gewesen, als eine gesunde natürliche Genialität? sie neigte sich auf künstlerischem Gebiete stets zu zwei Ausartungen: Nüchternheit und Überspanntheit; sie schwankt zwischen Nicolai und E.T.A. Hoffmann, Müllner-Houwald und dem »jüngsten Deutschland«. Selbst in der Berliner Plastik machten sich jene zwei Strömungen bemerkbar; auf den akademisch-ledernen sog. Wrangelbrunnen folgte der ausschweifendbarocke sog. Begasbrunnen,– aber auf wie lange ? Genau wie in der Politik, stehen sich hier Stock-Konservative und Wüst-Freisinnige gegenüber; genau wie dort, schießen jene rechts und diese links am Ziele vorbei. Es wäre gut, wenn zwischen beiden geistigen Richtungen eine mittlere Diagonale eingehalten würde; glücklicherweise ist sie latent schon vorhanden. Der Durchschnittsberliner von heute wie von einst kennt nur das Geschäft und das Vergnügen; aber in diesen beiden Reichen bewegt sich die echte Kunst nicht. Trotzdem haben zwar nicht aus Berlin stammende, wohl aber in Berlin tätige Männer gerade künstlerisch dort Großes und Größtes geleistet; sie haben damit auch geistig Berlin den Charakter einer Kolonie gewahrt. Im Grunde ist jede große Hauptstadt eine – innere – Kolonie desjenigen Landes, dem sie angehört. Berlin gehört Deutschland und im engern Sinne Niederdeutschland an; es hat sich denn auch eine niederdeutsche Charakterader bewahrt; ihr gehören eine ganze Anzahl von geistigen Persönlichkeiten an, welche sich aus dem dortigen bunten Völkergemisch vorteilhaft abheben. An sie wird eine etwaige innere Weiterentwickelung Berlins anzuknüpfen haben; sie könnte und sollte im Zeichen Rembrandts geschehen. Es sieht zwar einer homöopathischen Kur ähnlich, wenn man der heutzutage so verschwommenen deutschen Bildung den anscheinend verschwommensten aller Maler als Muster empfiehlt; aber andererseits ist es gerade eine stark allopathische Kur, wenn man der heutigen Berliner Bildung Rembrandt, diese von innerer Gesundheit strotzende Persönlichkeit, als ein Heilmittel verschreibt. Keine Bildung hat mehr Schablone, als die Berliner; kein Künstler hat weniger Schablone, als Rembrandt. Die durchaus niederdeutschen Künstler: Schlüter, Karstens, Schinkel, Rauch sind die kenntlichsten Pioniere einer wahren künstlerischen Umbildung Verlins gewesen; und andere standen ihnen zur Seite: Lessing hat die Nüchternheit zur Kritik und L. Devrient die Überspanntheit zur Dämonik erhöht. Devrient, eigentlich de Vriendt, war von holländischer Abstammung. Sie alle sind fremde Pfropfreiser auf dem Baume des Berlinertums; und man sagt, daß edles Obst, auf Holzapfelstämme gesenkt, gut gedeiht; am besten aber gedeiht es, wenn diese vorher gekappt werden. So muß auch Berlin einen Teil seines bisherigen Nimbus verlieren, um ihn auf bessere Weise wiederzugewinnen. Die Gorgo mußte geköpft werden, ehe der Pegasus geboren werden konnte. Im weiteren Umkreise des preußischen Staates sowie des geistigen Lebens spiegeln den obigen Gegensatz die durch Geburt und Leben der früheren preußischen Residenzstadt Königsberg angehangen und einander persönlich befreundeten Männer: Kant und Hamann wieder. Jede Uhr hat Pendel und Gewicht. Menzel seinerseits neigt sich wieder mehr zur Nüchternheit; in ihm hat die im engeren Sinne so zu nennende Berliner Kunst ihren bisher höchsten Vertreter gefunden; er ist berlinisch und doch niederdeutsch. Schadow steht ihm in der Plastik, Chodowiecki in der Kleinkunst ebenbürtig gegenüber; beide sind echte Berliner; nur daß jener mehr die historische und staatliche, dieser mehr die private und idyllische Kunst wie Lebensanschauung vertritt. Auch hier streben schließlich die guten wie die üblen Geister einem einzigen großen Ziele zu: der Betätigung echt deutscher und echt künstlerischer Gesinnung. Ist das aber erreicht, so wird Berlin nicht nur die Hauptstadt von Deutschland, sondern Deutschland auch die Heimat von Berlin sein; und beides ist gleich notwendig. 7. Berlin und Nordamerika Die deutsche Reichshauptstadt ist im letzten Jahrhundert so rasch gewachsen, wie sonst nur nordamerikanische Städte; und wenn man weniger die äußere als die innere Erscheinung der Stadt, d. h. die geistige Durchschnittsphysiognomie ihrer Bewohner ins Auge faßt, so ist die Übereinstimmung fast noch größer. Stammesgemeinschaft ist immer Seelengemeinschaft; und Seelengemeinschaft ist immer Interessengemeinschaft; hier berührt sich die Politik mit den geheimsten Pfaden des Naturlebens. Das mochte ebenfalls ein Friedrich II. empfunden haben, wenn auch vielleicht in umgekehrter Schlußfolgerung, als er sich sofort dem neuerstandenen Freistaat jenseits des Ozeans anschloß. Nordamerika ist eine niederdeutsche Siedelung nach Westen, Preußen eine solche nach Osten hin; jene ist auf friedlichem, diese auf kriegerischem Wege entstanden; beide aber verleugnen ihre gemeinsame Heimat nicht. Rastloser Geschäftsgeist charakterisiert den Anwohner der Spree wie den des Hudson; aber freilich ist eben diese Unruhe auch dem Aufblühen eines selbständigen Geisteslebens beiderseits hinderlich gewesen. Universitäten und Museen, welche man hier wie dort mit großem Eifer gründet und pflegt, erzielen ein solches noch nicht. Diese gleichmäßige Entwicklung geht bis zu Äußerlichkeiten: das Kapitol und die Bildung zu Washington ist nur eine etwas vergrößerte und vergröberte Auflage der Kirchen am Gendarmenmarkt und der Bildung zu Berlin. Beiderseits zeigt sich ein Hasten und Jagen nach mannigfachen Bildungsergebnissen: beiderseits aber auch ein Mangel an stillem, ruhigem Wachstum von innen heraus: man treibt Raubbau an der Kultur ; der praktische Sinn der Niederdeutschen geht gewissermaßen mit ihnen durch. Es ist eine falsche Anwendung hier kaufmännischer, dort staatsmännischer Grundsätze auf das geistige Leben. Fabriken und Verwaltungsbezirke lassen sich zwar von außen organisieren; Kunst- und Geisteswerke aber nur von innen. Es wäre an der Zeit, das suum cuique auch hier anzuwenden; mit Geld und mit Beamten läßt sich viel machen; aber nicht alles. Berlin ist auch darin nordamerikanisch, daß ein bedeutender Bruchteil seiner Einwohnerschaft stets aus Zugewanderten besteht. Je mehr Vertreter idealer Interessen und selbstschöpferischer Geisteskraft sich unter diesen Zugewanderten befinden, desto besser wird es für Berlin und für Deutschland sein; Berlin wird dadurch seinen Charakter nicht ändern, aber es wird ihn heben. Hoffentlich wird diese Stadt nicht zum zweitenmal einen Lessing. Winckelmann, Semper von sich stoßen – wenn diese sich in einer den heutigen Verhältnissen angemessenen Gestalt wieder vorfinden sollten. Nordamerika erzeugt zahllose Zivilingenieure und Berlin zahllose Regierungsbaumeister; aber es sind »mechanische« Ingenieure und Baumeister. Die mechanisch und geistig gleich tüchtigen Kräfte in der Art, wenn auch nicht von der Höhe eines Leonardo, Svedenborg, Semper lassen auf sich warten. Die Überkultur diesseits und die Unkultur jenseits des Ozeans begegnen sich in ihren Mitteln; leider aber auch in ihrem Erfolg; welcher bisher, soweit es sich um neuschöpferischen Geist handelt, beiderseits gleich Null geblieben ist. Dieser Erfolg ist nur auf einem einzigen Weg zu erreichen: durch schöpferische, konstruierende, organisierende Persönlichkeiten; und zwar nicht im staatlich-administrativen, sondern im geistig-künstlerischen Sinne. Jene hat man, diese nicht. Das biblische Gleichnis vom Sauerteig gilt auch hier; und es trifft mit den besten und höchsten Resultaten der Wissenschaft darin zusammen: daß Organisches sich nur aus Organischem entwickelt. An diesem Tröpfchen organischen Geistes hat es in Berlin wie Nordamerika, auf geistig-künstlerischem Gebiet, bisher gefehlt. Findet dieser sich aber nicht ein, so ist Geld und Mühe umsonst aufgewendet: ihn zu suchen und zu fördern, soweit er etwa vorhanden ist, das ist die höchste Aufgabe aller derjenigen staatlichen Faktoren, welche sich der Geistes- und Kunstpflege widmen wollen. Und darüber, in welcher Richtung er zu suchen ist, kann ein Blick auf Rembrandt belehren. Rembrandts Bilder kann man kaufen, seinen Geist nicht; oder doch: wenn man ihn wieder zu erwecken weiß und Geldmittel hierfür richtig anwendet. Dann wird er auferstehen. 8. Preußische Bildung In der Tat ist etwas Hohles in der preußischen Geistesbildung; sie hat sich mehr von außen nach innen, als von innen nach außen entwickelt; sie ist eine erweiterte Berliner Bildung. Ihr fehlen vorzüglich zwei Dinge: echte Philosophie und echte Volkstümlichkeit. Sie denkt nicht und sie fühlt nicht; dadurch wird sie in vieler Hinsicht äußerlich und oberflächlich. »Ich war achtzehn Jahre alt und konnte so gut wie gar nichts; wäre ich der heutigen Schulbildung in die Kunde gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zugrunde gegangen,« sagte A. von Humboldt; und wieviel schlimmer ist es seitdem geworden. Regulative können das Leben zwar regulieren, aber es nicht hervorrufen; unter Umständen es sogar ersticken. Manche Regierungsverordnungen über das höhere Schulwesen in Preußen erinnern bedenklich an die beiden Kuppelbauten auf dem Gendarmenmarkt in Berlin; außen klassisch, prunkreich, vielgegliedert, anspruchsvoll; und innen: zwecklos. Hier hat der preußische Kommandogeist einmal über seinen Bereich hinausgegriffen; weder Kunst noch Bildung lassen sich auf Kommando erzeugen; sie keimen, wachsen, blühen langsam aus der Volksseele. »Schneider für Zivil und Militär« soll die Kultur nicht sein. So weit wie Boerne braucht man freilich nicht zu gehen, der in seinen weniger deutschen als »Pariser« Briefen schrieb: Er ist ein Preuße, also ein Windbeutel; doch ist es nicht zu leugnen, daß gerade auf dem geistigen Gebiete das Schneidige und Draufgeherische der Preußen öfters ins Windige umschlägt. Das hat sich von Nicolai bis Dubois-Reymond gezeigt. In bezug auf das Erziehungs- und Examenwesen hat Disraeli schon vor langer Zeit Preußen mit China verglichen. Es fehlt der gegenwärtigen deutschen Bildung, die durch die innere und äußere Politik Preußens so sehr beeinflußt wurde, an dem eigentlichen inneren Wohllaut: Mars war den Musen nie befreundet. Aber vielleicht ist es dem deutschen Volk noch vergönnt, sich Preußen für seine einigende Tätigkeit dankbar zu erweisen, indem es jene Hohlheit oder Lücke mit den Schätzen seiner Seele an- und ausfüllt. Preußen gab den Becher, so mag Deutschland den Wein geben. Es kann nicht schaden, ja es kann nur nützen, wenn in die preußische Kühle etwas deutsche Wärme hineinkommt. Ein kühler Kopf ist gut, aber nur wenn ein warmes Herz unter ihm sitzt; sonst tritt eine seelische Verknöcherung ein. Wenn Nüchternheit ihre Grenzen überschreitet, wird sie trivial. Der nicolaitische Geist war politisch berechtigt; geistig ist er es nur sehr teilweise. Das deutsche Herz gehört der Idealität; und diese Idealität hat sich jetzt als Herrschaft eines gesunden Individualismus zu betätigen. Deutschland kann das preußische Rückgrat, für das politische Leben, nicht entbehren; aber den freien Gebrauch seiner Glieder, für das geistige Leben, muß es behalten. Eine Verinnerlichung der preußischen und deutschen Bildung, wie sie jetzt ist, muß daher notwendig vor sich gehen. In militärischen Dingen ist die Schablone nicht nur erlaubt, sondern geboten; durch dies Medium hat sie sich unzweifelhaft der geistigen Bildung Preußens mitgeteilt; aber diese soll jetzt in derjenigen Deutschlands aufgehen. Wenn die gelehrten Deutschen, durch preußische Einwirkung, sich in schlagfertige Soldaten verwandelt hatten; so kann vielleicht auch der subalterne Geist jener speziell preußischen Bildung sich, durch deutsche Einwirkung, wieder endgültig zu höheren Anschauungen erheben. Wie im preußischen Staatsleben, so macht sich auch im Berliner Stadtleben ein – zeitliches – Oszillieren zwischen dem Grandiosen und dem Nüchternen geltend; es ist dahin zu streben, daß die erstere Richtung möglichst überwiege, ohne daß die letztere dabei aufgegeben werde. Preußen ist auf politisch-militärischem Gebiet durch seine Disziplin groß geworden; aber der Unteroffizier, im geistigen Sinne, hat dort öfters zu sehr das Wort gehabt. Er hat hie und da seine Befugnisse überschritten, indem er die ihm geistig Aber geordneten kritisieren und korrigieren wollte. Möge also der preußische Offiziersgeist, im innerlichen Sinne, wie er in Kant, Herder, Humboldt lebte, über den entsprechenden preußischen Unteroffiziersgeist, wie er in Wöllner, Nicolai, Dubois-Reymond sich kundgegeben hat, dauernd triumphieren. Die Bigotterie eines Wöllner und seiner Nachfolger sowie die Aufklärung eines Nicolai und seiner Nachfolger sind beide gleich seicht und ordinär; sie stehen der reinen Empfindung, deren alle echte Religion wie Kunst bedarf, gleichermaßen fremd und feindselig gegenüber. Preußen sollte seine vornehme Seite nach außen kehren; es sollte sie, wie dies im militärischen Leben üblich und selbstverständlich ist, auch im geistigen Leben vorherrschen lassen; das ist eine Pflicht, die sein hoher deutscher Beruf ihm auferlegt. Jede Art von Organisation beruht auf Subordination, mag man diesen Begriff nun gröber oder seiner auffassen; Subordination ist daher auch auf dem geistigen Gebiet ein- und durchzuführen: Nicolai soll vor Goethe Order parieren. Das wäre einmal ein gesunder Übergriff des »Militarismus« auf das bürgerliche Leben. Allerdings werden sich die bewußten oder unbewußten Anhänger Nicolais gegen eine solche Subordination ebensosehr sträuben, wie die meisten jetzt noch lebenden Deutschen sich einst gegen die politische Sudordination unter Preußen gesträubt haben; aber wahrscheinlich wird ihr Widerstand in diesem Fall ebensowenig erfolgreich sein wie in jenem früheren. Die Geschichte ist mächtiger als menschliche Wünsche. Der Deutsche hatte sich militarisiert; er muß sich nun zivilisieren, mit oder wider Willen. Zivilisation beruht auf Unterordnung der niederen Triebe und Anschauungen des Menschen unter die höheren. Subordination ist preußisch; und so gemeint, würde eine preußisch disziplinierte, doch keine Berliner Bildung für den Deutschen die rechte sein; möge er verstehen, zu lernen. Und möge er bescheiden sein. 9. Professorenschäden Mit ihrer politischen verloren die Griechen einst auch ihre geistige Freiheit und gelangten dadurch zu dem Verfall ihrer Bildung, zum Alexandrinismus; mit der politischen wird den Deutschen hoffentlich auch ihre geistige Freiheit wiederkommen, damit sie sich aus dem Verfall ihrer Bildung, dem modernen Alexandrinismus, erretten. Es scheint in der menschlichen Natur tief begründet, daß sich die Völker zeitweilig von einer rein verstandesmäßigen Bildung beherrschen lassen und daß sie, solange sie unter dem Einflüsse dieser Bildung stehen, gar nicht bemerken, wie hohl und unwahr sie ist. Pharisäer und Sophisten, After-Scholastiker und Spezialisten haben in den verschiedensten Ländern und Zeiten dies Prinzip vertreten; aber der echte und wahre Geist der Menschheit hat auch schließlich immer sich dagegen aufgelehnt – und darüber gesiegt. Wie die Vertreter der Goethe vorhergehenden deutschen Geistesperiode und teilweise selbst ein Lessing für die herannahende klassische Literaturperiode der Deutschen kein Verständnis hatten noch haben konnten, so fehlt auch den heutigen Gelehrten durchweg die Witterung für die bevorstehende und so überaus wichtige Wendung im deutschen Geistesleben. Es geht ihnen wie Lots Frau; sie sehen rückwärts und werden darüber zur Salzsäule; das heißt: sie studieren ihr Fach und werden darüber zu wandelnden Repertorien. Sie können das Publikum teilweise belehren, aber nicht beleben. Es ist bezeichnend, daß zu allen Zeiten mit der abnehmenden Qualität der geistigen Bestrebungen ihre Quantität ganz übermäßig zugenommen hat. Die Zahl der Pharisäer zu und bald nach Christi Zeiten machte einen unverhältnismäßig großen Bruchteil der damaligen Gesamtbevölkerung Judäas aus; die Sophisten in Athen und anderswo sahen fast die ganze griechische Jugend zu ihren Füßen; kurz vor dem Ende des Scholastizismus war die Universität Paris von 12+000 Studenten besucht; um 1890 hatte Berlin 8000 Studenten und wurden in Deutschland jährlich 14+000 neue Bücher gedruckt. Wie viele dieser Studenten und Bücher wohl für das nationale Leben von dauerndem Werte waren? Jedenfalls ein weit geringerer Prozentsatz als früher, da man beide noch in beschränkterer Zahl produzierte. Solche Änderung bedeutet keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt in der nationalen Bildung. Vernunft ist stets bei wenigen gewesen; und es wäre zu wünschen, daß die geistig Schwachen sich nicht durch jenen äußeren Schein täuschen ließen. Wenn dieser äußerliche und quantitative Aufschwung irgendeinen Wert hat, so ist es ein negativer; er bezeichnet, wie in jenen obigen Fällen, die letzte Station einer untergehenden Bildungsepoche; es ist der dunkle Weg, der ins Freie führt. Die heutigen Deutschen haben vielfach den richtigen Maßstab für geistige Werte verloren. Bismarck, der geflügelte Worte spricht und Büchmann, der sie druckt, gehören zwar zusammen; aber das Bild ist viel, ohne Rahmen; und der Rahmen ist nichts, ohne Bild. Dem Schwall des Geschriebenen gegenüber entbehrt der einzelne leicht des klaren Blicks; und dennoch: wenn jemand die Wahl hätte, ein eigenhändiges Gemälde Rafaels oder alles zu besitzen, was je über Rafaels Gemälde geschrieben wurde; wer würde bei solcher Wahl zweifeln? Diesen Unterschied gilt es, stets im Auge zu behalten: Dichtungen, nicht Kommentare, Menschen, nicht Gelehrte soll der heutige Deutsche schätzen und studieren; »Ein Lot Praxis ist mehr wert als ein Zentner Theorie,« verkündigt ein altbewährtes Sprichwort. Am übertriebenen Dozieren hat die deutsche Bildung von jeher gelitten; denn der Deutsche ist nun einmal zum Übertreiben geneigt, sei es aus Gewissenhaftigkeit, sei es aus Mangel an Selbstbeschränkung. Und dies ist der barbarische Zug in seinem Charakter. Schiller überschrieb sein erstes Werk: in tyrannos ; wollte jemand heute ein allgemeines Wort an die Deutschen richten, so müßte er es überschreiben: in barbaros . Sie sind nicht Barbaren der Roheit, sondern Barbaren der Bildung ; früher gab es »dunkle«, jetzt gibt es helle Barbarei. Der heutige Professor urteilt durchweg über Welt und Natur mit der gleichen Sicherheit, mit welcher der Handwerksmann etwa Kabinettsgeheimnisse und Staatsverhältnisse bei seinem Glase Bier erledigt; Klarheit ist dies allerdings; aber was für eine? Es ist die Klarheit des politischen Kannegießers, die Klarheit Nicolais, die Klarheit des Spezialisten! Der Professor ist heutzutage der Generalentrepreneur der deutschen Bildung: das ist gegenüber früheren Zuständen ein Rückschritt, ja geradezu ein geistiges Verarmen zu nennen. Die deutsche Bildung hat offenbar quantitativ zu-, aber qualitativ abgenommen. »Bewahre Gott, daß der Mensch, dessen Lehrmeisterin die ganze Natur ist, ein Wachsklumpen werden soll, worin ein Professor sein erhabenes Bildnis abdruckt,« sagt Lichtenberg. Dies Konto ist ohnehin stark belastet. Der deutsche Professor, ausgestattet mit der äußeren Autorität und dem innern Selbstgefühl eines Weisen, ist trotzdem jeder Torheit fähig; und er beweist es jetzt wie je. Ein Professor der Universität Rostock z. B. schrieb in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Abhandlung, in welcher er weitläufig nachwies, daß Bismarck überhaupt kein Staatsmann sei; und ein Professor der gleichen Universität schrieb zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine Abhandlung, in welcher er weitläufig nachwies, daß die ägyptischen Pyramiden nicht Kunst-, sondern Naturprodukte seien: eine Art von Kristallen, aus der Erde gewachsen. Ist es möglich, einen größeren Unsinn hervorzubringen als diese beiden Behauptungen? Der »Professor« ist die deutsche Nationalkrankheit; die durchgängige deutsche Jugenderziehung ist eine Art von bethlehemitischem Kindermord; diese zwei Wahrheiten können nicht oft genug wiederholt werden. Heutzutage sieht tatsächlich der Professor auf das deutsche Volk herab und das deutsche Volk zum Professor hinauf; möchte es lieber umgekehrt sein. Damit das Volk diese Ehre verdiene, muß es sich eine deutsche und eine vornehme Gesinnung aneignen; oder wenigstens muß es im deutschen Volk eine Minderheit geben, welche solche Ziele anstrebt; und welche dadurch einer falschen Bildung den Krieg erklärt. Das deutsche Volk sollte heute mehr auf die Stimme seines Herzens als auf die Stimme irreführender Professoren hören, mehr den Spuren seiner großen künstlerischen als seiner jetzigen vielfach entarteten gelehrten Landsleute folgen; und unter jenen steht Rembrandt in erster Linie. 10. Modernes Schulmeistertum Vor allem wird es darauf ankommen, daß die Deutschen ihre Feinde – zumal die im eigenen Lager hausenden – erkennen. Zwei solcher typischen Feinde wurden schon früher einzeln betrachtet: Zola und Dubois-Reymond. Dieser italienische und dieser deutsche Halbfranzose haben viel miteinander gemein; der eine will die Kunst z.B. des Romanschreibens »wissenschaftlich« ausüben; der andere Will das Kunstwerk z.B. des Goetheschen Faust »wissenschaftlich« kritisieren. Beide verraten dadurch Mißverstand, Dünkel und seelische Roheit. Zola und Dubois-Reymond stehen der echten Kunst gegenüber, wie die beiden biblischen Ältesten der Susanna im Bade; auch jene sind zudringlich; auch jene steigen in fremde Gärten, wenn sie sich mit höheren Dinge befassen wollen. Dubois-Reymond hegte innerlich die gleichen demokratisierenden Neigungen, auf die sich Zola schon seit jeher versteifte. Unbildung und Überbildung begegnen sich und desavouieren sich – im Naturalismus . Das künstlerische wie das wissenschaftliche Proletariat des Geistes wandelt ganz die gleichen Wege; kann man von Zola als sein wollendem Akademiker sagen: jeune cocotte, vieille bigote ; so darf man von Dubois-Reymond als sein wollendem Kunstrichter sagen: s'enfla si bene qu'il creva . Französische Dinge sprechen sich in französischer Sprache am besten aus. Zola im ersehnten Palmenfrack und Dubois-Reymond als anmaßender Verbesserer Goethes sind einander wert. Als Personen sind sie gleichgültig, aber als Gattungstypen wichtig; als solche muß man sie betrachten und als solche werden sie hier betrachtet. Sie sind Repräsentanten der Halbbildung; sie werden von dem großen Haufen verehrt; sie ahnen nicht, daß Seele in der Kultur alles ist. Und darum werden sie nie der Kultur dienen. Gegen solche seelenlose Bildung vorzugehen, das wäre der echte »Kulturkampf«. Wie das Gute, so kann auch das Schlechte, wenn man es der Anschauung zugänglich machen will, nicht begrifflich, sondern nur typisch aufgezeigt werden. Zu den Idealen gehören die Konterideale; die einen sagen dem deutschen Menschen, was er tun, die andern, was er lassen soll. Keine Liebe ohne Haß; zu dem sanften gehört stets der strenge Christus; sonst ist das Bild nicht vollkommen. Mögen darum auch die jetzigen Deutschen lernen, das Schlechte und Falsche zu hassen. Wer Haß sät, kann Liebe ernten; und er wird sie ernten, wenn er jenen an die rechte Stelle sät. Der große Irrtum, die Schule über die Persönlichkeit setzen zu wollen, zieht sich durch Jahrtausende. Die Farbe bleibt, nur die Nuancen wechseln; Zola predigt theoretisch und aktiv viel von milieu ; praktisch und passiv bestätigt er selbst seine Lehre. Die Geschichte ist freilich nicht sein Fach; und so weiß er von dem genannten Tatbestand nichts; dieser Lynkos ist blind. Die scheinbare Inkonsequenz Zolas, einen Sitz in der Akademie anzustreben, entpuppt sich mithin als reine Konsequenz; aus einem rohen wird er ein geleckter Schulmeister; aus einem Proletarier ein Pharisäer. Es ist dies der natürliche Gang aller geistigen Krapüle; und dem natürlichen Gang – des Genies – nach Golgatha gerade entgegengesetzt; es ist der Gang zum Synedrion! Die Genialität triumphiert, indem sie unterliegt und die Trivialität unterliegt, indem sie triumphiert. Auch hier überkreuzen sich die hellen und dunklen Bestrebungen wie Schicksale der Menschheit; sie runden sich stets ab; sie begleiten einander. Deutsches, französisches, mittelalterliches, griechisches, jüdisches Schulmeistertum ist identisch: es ist, dem freien, vergeistigten Menschentum gegenüber, immer zweiten Ranges und oft ordinär. Der »Schulmeister« opfert seine Seele – einer Theorie, einem Amt, einer Eitelkeit; und gar zu gern möchte er auch andere Seelen opfern. Zola und Dubois-Reymond sind Schulmeister. Sie verkörpern das, was einer echt deutschen Gesinnung am meisten zuwider ist: Brutalität des Fühlens und Hochmut des Wissens. Zola kokettiert mit der Gemeinheit wie Dubois-Reymond mit der Vornehmheit; es ist daher schwer zu entscheiden, welcher von ihnen der Bessere oder Schlechtere ist. Daß aber diese beiden unvornehmen Gestalten, diese zwei typischen Plebejer das gerade Gegenteil von dem erreichen, was sie sich vorgesetzt hatten: ausschlaggebend im geistigen Leben der Gegenwart mitzureden, stempelt sie schließlich zu einer Art von komischen Figuren. Sie betrügen sich selbst; sie sind eitel wie ihr Bemühen; sie sind durch und durch untragisch und erweisen sich somit auch hierin als die wahren Antipoden jener großen Künstlergestalten, welche sie direkt und indirekt bekämpfen. Sie erregen weder »Furcht« noch »Mitleid«; sie sind Spukgestalten, welche vor dem Licht des kommenden Tages verschwinden werden; und solche waren in der deutschen Geistesgeschichte schon öfters da. Zola und Dubois-Reymond finden sich zusammen in – Nicolai; wie dieser auf seinen angeblichen Naturverstand, pochen jene auf ihre angebliche Naturwahrheit und Naturwissenschaft; sie spotten damit ihrer selbst wie der Natur. Es erscheint bemerkenswert, daß Nicolai seinerzeit ein Mitglied der Münchener sowohl wie Berliner und Petersburger Akademie war; hierin schließt er sich dem wirklichen Akademiker Dubois-Reymond wie dem seinwollenden Akademiker Zola durchaus an. Deutlich genug zeigt sich also, daß auch die »Akademien« zu den Dingen gehören, welche sich mit der Zeit in ihr Gegenteil verkehrt haben. Jene drei Akademiker gehören zu den »dummen Teufeln«, von welchen die deutsche Sage so witzig zu melden weiß. Das Schwert des Geistes wird solche Bildungstyrannen zu treffen wissen. »Unser Zeitalter bedarf kräftiger Geister, die diese kleinsüchtigen, heimtückischen, elenden Schufte von Menschenseelen geißeln,« lautet ein holländisch oder deutsch derbes Wort von Beethoven. Zur Erziehung gehört die Rute! Die künstlerischen und wissenschaftlichen Vivisektoren von heute mögen sich also nicht beklagen, wenn man auch sie einmal viviseziert. Sie erfahren auf diese Weise selbst, was es heißt, »objektiv« behandelt zu werden: da sie doch so besonders für Objektivität schwärmen. Es ergibt sich dann freilich, daß bei ihnen der Kopf etwas flach und »Herz und Nieren« etwas schwach angelegt sind. Ihr Geist reicht nicht in die Höhe und ihr Charakter nicht in die Tiefe; es fehlt ihnen an Dimension. Sie sind Minimalgrößen und halten sich für Maximalgrößen; an diesem Rechenfehler werden sie sterben. Universale Anschauung Wenn sich das Engste mit dem Weitesten vermählt, so wird das Große geboren. »Im kleinsten Punkt die größte Kraft zu sammeln,« hat der deutsche Nationaldichter und -denker Schiller für die eigentliche Aufgabe des Menschen erklärt. Die heutige Bildung, in ihrer spezialistischen Einseitigkeit und Äußerlichkeit, ist allmählich auf einen solchen »kleinsten Punkt« zusammengeschrumpft; die »höchste Kraft« wird sie erst wiedererlangen, wenn sie ihren Horizont zur echt volkstümlichen und menschlichen Anschauungsweise erweitert. Und die Wichtigkeit dieses Problems kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Denn im rechten Sinne für das Ganze kann überhaupt nur der arbeiten, der aus dem Ganzen arbeitet; die Dinge führen dahin, wo sie herkommen. Bezüglich derjenigen heutigen Bildung, welche sich in erster Linie und einseitig an den Verstand wendet, darf und muß man sagen: wir haben genug davon! Die Natur reklamiert ihre Rechte, auch wo man glaubt, sie sich untertänig gemacht zu haben. Zumal wann und wo ein neuer Geist den Thron der Geschichte besteigt, pflegt dies vorzukommen: »Bete an, was du verbrannt hast und verbrenne, was du angebetet hast,« sprach der christliche Priester zu Chlodwig dem Großen, als er ihn taufte. Gliederung, nicht Zergliederung muß die Losung der kommenden Zeit sein. Individuell in der Kunst, organisch in der Wissenschaft, rhythmisch in der Politik soll sich das Leben des deutschen Volkes entfalten . Eine derartige einheitliche und zusammenhängende Schwenkung auf den einzelnen Gebieten der deutschen Bildung muß deren gesamter Neugestaltung notwendig vorausgehen. Und die Besserung selbst muß an einem ganz bestimmten Punkt einsetzen. Das naive deutsche Publikum, welches jetzt auf allen Gebieten am Munde der Spezialisten hängt, sollte wenigstens auf einigen derselben wieder anfangen, selbst zu urteilen; vor allem aber innerhalb der Kunst; welche nur durch und für den ganzen Menschen besteht. Es gibt auch ein Laienpriestertum der Kunst, und eine gesunde Entwickelung der letzteren ist ohne diesen Faktor nicht denkbar. Und wenn die Leute nicht urteilen können, so sollten sie wenigstens empfinden. Wahres Empfinden reicht oft weiter als gutes und immer weiter als schlechtes Urteilen. Nur die Anschauung, zunächst die äußere und dann die innere, ermöglicht ein wirkliches Verständnis der Dinge. Verständnis ist mehr als Verstand. Rembrandt könnte die Deutschen wieder lehren, daß gesunder Individualismus und lebendige Anschauung mehr gelten als Kritik und Gelehrsamkeit. Dies ist das nächste Ziel, welches einer Erziehung der Deutschen vorschweben muß. Nur so werden sie den Weg zu sich selbst und ihrer geistigen Unschuld zurückfinden. Die griechische Tempelarchitektur enthält optische Feinheiten – systematische Krümmungen von anscheinend geraden Linien –, welche sich mit bloßem Auge gar nicht und selbst mit Instrumenten nur schwer nachweisen lassen, die aber trotzdem zur Formenschönheit der Gebäude sehr viel beitragen; die Griechen konnten ihrer feinen künstlerischen Empfindung durch solche mathematisch-architektonische Delikatessen Ausdruck geben, weil sie den Grund- und Aufriß eines Gebäudes nicht blind nach irgendeinem vorgezeichneten Plan kopierten, sondern ihn in Wirklichkeit mit dem Auge visierten. Ebenso soll der Deutsche in seinem Kunst- wie Geistesleben verfahren. Er soll den Bau seiner Bildung nicht aus dem oder auf das Papier, sondern aus der inneren Anschauung konstruieren; dann wird sie, gleich dem griechischen Tempelbau, ebenso einfach und groß wie subtil werden. Phidias schuf den olympischen Zeus und eine lebensgroße Fliege; er besaß den »Insekten- und Löwengeist«, welchen Rahel vom Künstler fordert. Wenn man die Tiefe der Komposition mit der Subtilität der Ausführung in den Bildern Rembrandts vergleicht, so muß man sagen, daß auch er von jenem doppelten Geisteshauch beseelt war. An der ersten Hälfte desselben mangelt es den heutigen deutschen Bildungsvertretern nicht, um so mehr aber an der letzteren: und doch lassen sich die einzelnen Detailfragen der Volkserziehung nur im festen Zusammenhang mit deren großer Gesamtaufgabe lösen. Freilich würde dazu ein »philologischer Bismarck« gehören, wie ihn Professor von Esmarch gelegentlich einmal verlangt hat. Auch hier bedarf es der, bedarf es einer Persönlichkeit! Der früheste dichterisch besungene deutsche Held, der niederdeutsche Beowulf, stieg in die Tiefen des Meeres hinab, um dort mit – einem riesigen, uralten Weibe zu kämpfen: jenem philologischen Bismarck, wenn er kommen sollte, steht Ähnliches bevor. Durch eine Flut von guten wie schlechten Verbesserungsvorschlägen watend, wird er mit dem riesigen uralten Wuste deutscher Halbbildung aufzuräumen haben. Hoffentlich siegt er, wie sein Vorgänger; aber jedenfalls würden alle landläufigen Volkserzieher seine geborenen und geschworenen Feinde sein, wie alle landläufigen Politiker seinerzeit die geborenen und geschworenen Feinde Bismarcks waren; nichtsdestoweniger braucht Deutschland einen solchen Mann. Alle Bildung geht darauf aus, der Natur gewachsen zu sein; keine Berechnung, sondern nur geistige Anschauung ist der Natur gewachsen; darum ist eine auf innere wie äußere Anschauung gegründete die beste Volkserziehung. Idee heißt auf holländisch »Denkbild«; die niederdeutsche Sondersprache ist hierin, ihrer äußern Fassung nach, sehr sinnvoll; die hochdeutsche Allgemeinsprache sollte ihr, der inneren Gesinnung nach, folgen. Dann wird auch sie wieder zu gesunden Denkbildern gelangen. Die jetzige deutsche Bildung gleicht einem großen Katalog; und vielleicht wird jede Bildung etwas von einem solchen an sich haben. Aber wenn er einmal nicht zu entbehren ist, so sollte er sachlich, nicht alphabetisch geordnet sein: der Geist, nicht der Buchstabe muß in ihm herrschen . Wie das deutsche Zivilgesetzbuch nicht vorwiegend für die materiell, soll der deutsche Bildungskodex nicht vorwiegend für die geistig »Besitzenden« geschrieben sein. Manche Leute schreiben dicke Bücher über Bachsche Musik; wenn aber Goethe von ihr sagt, »es ist, als ob die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhält«, so gibt er mehr als jene; denn er gibt das Wesentliche. Ebenso geben dem nichtgelehrten, aber lebendig empfindenden Menschen beispielsweise die Priesterchöre in Mozarts »Zauderflöte« ein richtigeres Bild von dem echt ägyptischen und dessen »Türkischer Marsch« ein richtigeres Bild von dem echt türkischen Wesen als irgendein Antikenmuseum oder ein Orientreisender ihm zu bieten vermögen. Schillers Teil schildert die Schweiz besser als Bädekers Handbuch. »Genialität ist der Sinn für das Wesentliche.« Der strenge Pomp des ägyptischen, das dumpfe Ungestüm des türkischen, die freie Männlichkeit des schweizerischen Volkscharakters ist in den ebengenannten Werken sprechend wiedergegeben; sprechend vor allem fürs Volk; und dieser einzige Umstand ist von hoher Bedeutung. Kongenialität kann, in ihrer Art, Berge versetzen. Diese große Kraft darf der Deutsche sich nicht nehmen lassen. Künstlerische Bildung Eine Bildung kann objektiv, d.h. im wissenschaftlichen Sinne wertvoll sein, und doch subjektiv, d.h. im künstlerischen Sinne nichts taugen, weil ihr eben das Aroma des Individualismus fehlt. Dieser, je nachdem fehlende oder vorhandene Hauch kann überhaupt nur von individuell Empfindenden bemerkt werden; individuelle Bildungsempfindung aber ist im heutigen Deutschland äußerst selten; gerade so selten, wie spezialistischer Bildungsdünkel häufig ist. Blinder Eifer schadet nur. Man prüft heutzutage, und zwar höchst sorgfältig, die Bildung nach ihren chemischen Bestandteilen; aber leider nicht nach ihrem seelischen Aroma; und so versäumt man gerade das, was für geistige Neubelebung entscheidend ist. Die Folgen sind allgemein bekannt. Es kommt stets darauf an. daß die Bildung eines Volkes ein gewisses Gleichgewicht bewahre; in der gegenwärtigen Zeit, wo die Luft voll ist von teils abstrakten und rein verstandesmäßigen, teils materialistischen und mechanistischen Anschauungen, kann der einzelne – welcher einer einheitlichen, geistesklaren Weltanschauung ermangelt und doch sich jenes Gleichgewicht wahren will – nichts Besseres tun, als sich vorläufig entschieden auf die Seite des Gefühls, des Poetischen, des Künstlerischen zu stellen. Je mehr er es in Worten und Werken studiert, desto stärker wird er einem einseitigen Rationalismus gegenüber sein. Wer seiner Umgebung gewachsen sein will, muß sich ihr entgegenstemmen; und mit Besonnenheit. Alle Bildung ist etwas Organisches; Fälschungen organischer Stoffe aber lassen sich bei weitem nicht so leicht nachweisen wie diejenigen unorganischer Stoffe; um so schädlicher, gefährlicher, bekämpfenswerter sind sie. Reiner Wein und reine Bildung sind in Deutschland jetzt selten geworden. Erst wenn echte Philosophie die Wissenschaft wieder beseelt, erst wenn schlichte Vornehmheit und vornehme Schlichtheit im deutschen Geistesleben wieder herrschend ist, erst wenn man auch den Trägern einer künstlerischen Bildung als maßgebenden Volkserziehern sich wieder zuwendet; dann erst wird das deutsche Volk den Weg zu seinen verlorenen Idealen zurückfinden! Eine künstlerische Volksbildung wird stets auch zugleich eine aristokratische Volksbildung sein; denn sie braucht Ideale; sie braucht Helden; sie kann auf das Erbteil der Poesie nicht verzichten. Mythus ist die früheste Art von Kunst; und wie der Mensch, so ist auch die Kunst nur dann auf dem rechten Wege, falls sie ihren besten poetischen Traditionen getreu bleibt. 1. Das Klassische Die Griechen hatten eine Kultur von Marmor, die Deutschen sollten eine solche von Granit haben. Der Granit ist ein nordischer und germanischer Stein; in dem ur- und reindeutschen Nordlande, Skandinavien, steht er in großen Felsmassen an; und über die ganze niederdeutsche Tiefebene ist er in erratischen Blöcken verbreitet. Er ist ein sehr gewöhnlicher Stein; aber seine Widerstandskraft übertrifft die der meisten andern; er eignet sich geradesogut zum Straßenpflaster wie zu unvergänglichen Bauten und Denkmälern: er ist ein volkstümlicher und zugleich, in geschliffenem Zustande, ein sehr aristokratischer Stein. Die ungezählten Massen der deutschen Heersoldaten konnte man wohl dem granitnen Pflaster der deutschen Großstädte vergleichen; jeder fest zum andern gefügt und alle insgesamt undurchdringlich; die Erzstandbilder, welche sich zwischen ihnen auf granitgeschliffenem Sockel erheben, gleichen der echten deutschen Kunst, welche sich auf volkstümlichen Elementen aufbaut – nachdem sie durch Bildung geschliffen und so zu aristokratischer Würde erhoben sind. Auch die Steine haben ihre Sprache; und auch sie predigen die Lehre, daß alle Bildung der Natur parallel gehen müsse . Stein und Scharnhorst, Bismarck und Moltke sind gewaltige erratische Blöcke, welche dem Deutschen Reiche zum politischen Fundamente dienten; auf ihm soll sich nunmehr der volkstümlich-künstlerische Unterbau von geschliffenem Granit erheben. Einer späteren Glanzzeit deutscher Bildung mag es dann vorbehalten sein, diesen mit neuen, schönen, ehernen Idealen zu bekrönen. Das Gebäude der Kriegsakademie zu Berlin ist von der eben erwähnten Art; es erhebt sich als ein anmutiger Backsteinbau auf durchweg granitnem Sockel; und es ist zugleich einer der künstlerisch vollendetsten Bauten, welche dort seit 1870 ausgeführt wurden; in ihm begegnen sich Krieg und Kunst. Der höchsten Tatleistung eines Volkes entspricht gleichzeitig seine höchste Bildleistung, immer in relativer und zuweilen auch in absoluter Weise. Möge jenes Gebäude, zumal gegenüber anderweitigen mißglückten architektonischen Leistungen der deutschen Reichshauptstadt aus neuerer wie älterer Zeit, für das Leben des deutschen Volkes von sinnbildlicher Vorbedeutung sein; möge dies Volk aus und nach blutigem Streite die Blume der höchsten Schönheit pflücken. Dann wird seine Bildung ebensosehr eine kriegerische wie künstlerische und ebendadurch – eine klassische sein. Der Ausdruck »klassisch« ist von fremdländischer Art und bezeichnet ursprünglich einerseits den Normalbürger, civis classicus; andererseits den Normal- oder Liniensoldaten, mile classicus. Wenn dieser Begriff auf die höchsten Kunsterzeugnisse angewendet zu werden pflegt, so liegt darin wiederum ein Fingerzeig für die oft bewährte innere Zusammengehörigkeit von Krieg und Kunst. Das Klassische ist sogar dem Preußischen und in gewissem Sinne, dem Parademäßigen verwandt. Die Parade zeigt den Truppenkörper in seiner rein symmetrischen Form und völlig frei von der rhythmischen Einwirkung des Gefechts; ebenso ist ein Kunstwerk vollendet, wenn es sein individuelles und darum rhythmisches Leben den allgemeingültigen und darum symmetrischen Lebensbedingungen der Gattung, aus welcher es entspringt, angepaßt hat. Es hat den Kreislauf von der Natur durch die Unnatur zur Natur zurück durchmessen; es hat Stil gewonnen; es ist klassisch. Der Liniensoldat hat seinen Namen von den großen und einheitlichen Linien, in welche sich die Truppen unter normalen Verhältnissen formieren; das klassische Kunstwert führt seinen Namen mit Recht, wenn es seinen individuellen Charakter zur großen und einheitlichen Linienführung in materieller wie geistiger Hinsicht erweitert; aber beide Arten von Linien erhalten erst einen wirklichen Wert, wenn sie in und für eine jeweilige besondere Situation angewandt werden. Der Oberst, welcher die »Richtung« seines Regiments, der Bauer, welcher die zu pflügende Furche, der Kapitän, welcher den Kurs seines Schiffes und der Architekt, welcher die Flucht eines Gebäudes visiert – sie alle wissen wohl, daß und inwiefern »Linien« etwa bedeuten. Aber sie wissen auch, daß diese immer nur Mittel zum Zweck sind; daß sie den regelnden, nicht den entscheidenden Faktor im praktischen Leben bilden. Die deutsche sogenannte klassische Literaturperiode hat jene großen Linien des geistigen Lebens aufzuweisen; aber sie verlor sich teilweise in leeren Spekulationen und fremdländischen Liebhabereien. Die gegenwärtige deutsche Bildungsepoche strebt, in allen ihren einzelnen Aufgaben, durchaus nach spezieller Betätigung und Anwendung der ihr eigenen Ergebnisse; aber sie verliert darüber den großen einheitlichen Aufbau, zu dem das geistige Leben sich gliedern sollte, ganz aus den Augen. Hier ist ein Ausgleich nötig. Der feste und der freie Zug sollen sich im Kunstwerk, im Soldaten, im Politiker, im Menschen stets die Wage halten. Diese zwei Erd- und Urkräfte müssen sich überkreuzen und gegenseitig steigern; dann erst entsteht das wahrhaft Große. Eine solche Art von Klassizität ist der deutschen Bildung zu wünschen. Die letztere mußte das Stadium einer deutschen Paradebildung durchmachen, wie die preußische Armee es durchmachen mußte; aber sie darf nicht bei dem metaphysischen Parademarsch und den spezialistischen Gewehrgriffen stehenbleiben; sie soll weiterschreiten. Sie soll zur Kriegs- eine Kunstbildung werden; dann wird sie echten Stil haben; dann wird sich das innere Leben des deutschen Volkes in den ihm selbst von Haus aus eigentümlichen geistigen Linien bewegen. Es sind, physisch wie geistig genommen, die festen und groß gezogenen Linien des deutschen Bauernkopfes. Aber classis heißt auch die Flotte; was von Soldatenreihen gilt auch von Schiffsreihen; und vielleicht von diesen noch mehr als von jenen. Eine klassische Bildung ist ohne den freien Hauch der See kaum zu denken. Der alte Flottengeist der meergewohnten Niederländer, in seiner Selbständigkeit und Freiheitsliebe, gleicht der so überaus freien und selbständigen Malerei Rembrandts. In seinen kühn und bewegt gezeichneten, dunkel und purpurn gefärbten Bildern scheint jener Geist noch einmal kräftig aufzuleuchten; auch hier gatten sich Krieg und Kunst. Den behelmten Krieger und den Bauern in der Pelzmütze, die Vornehmen und das Volk, das Deutsche wie das Fremde hat der große niederdeutsche Meister gleich vortrefflich mit dem Pinsel dargestellt; er gibt in allen diesen Typen, gewissermaßen symbolisch, den Inhalt der deutschen Bildung, wie sie sich natürlich und geschichtlich aus vielen einzelnen Elementen zusammengesetzt hat; und wie sie sich, geistig und künstlerisch, zu einem einheitlichen Ganzen zusammenschließen sollte. Er konnte das, weil er dabei immer er selbst, weil er Holländer und Deutscher blieb. Er verlor sich nicht in den Dingen und diese verloren sich nicht in ihm; sondern beide zeugten miteinander eine neue, in ihrer Art klassische Welt. Die Kunst als etwas dem wirklichen Leben Fremdes anzusehen, ist stets ein Zeichen künstlerischer Schwäche; die Kunst soll das tägliche Leben vertiefen, sich nicht von ihm abwenden. Jenes Bestreben ist klassisch, und in diesem Sinne ist Rembrandts Kunstanschauung eine ausgewählt klassische; sie ist zweifellos bedeutend klassischer als diejenige Winckelmanns. Die schöne Zeit der »schönen Linien« ist nicht mehr; sie scheinen im Krieg wie in der Kunst ihre Rolle ausgespielt zu haben. In seiner eigenen Art und auf seine eigene Art klassisch zu sein, das ist das Beste, was das deutsche Volk von seinem künstlerisch-politischen Erzieher Rembrandt lernen kann. Das Klassische ist zugleich das rein Volkstümliche. 2. Winckelmann und Goethe Erziehung soll lehren, Falsches und Wahres zu unterscheiden. Die Beurteilung Rembrandts als eines angeblich stillosen, unklassischen Künstlers ging vorzüglich von derjenigen Richtung der deutschen Bildung aus, welche man die ästhetische nennt; der Genius Rembrandts wird an den Deutschen eine edle Rache nehmen, wenn er ihnen hilft, diese geistige Krankheit, soweit sie noch vorhanden ist, zu überwinden. In Deutschland hält man es für sehr wichtig, »dem Kinde einen Namen zu geben«; oft für so wichtig, daß das Kind selbst darüber vergessen wird; so ist es auch mit dem Namen Stil gegangen: man hat so viel davon gesprochen und so lange danach gesucht, bis aller Stil gründlich ausgerottet worden ist. Es erscheint als ein schlechter Tausch, um das Linsengericht einer ausländischen Kunstform das ureigne Erbteil des nationalen Fühlens zu verkaufen. Unsere jetzige höhere Bildung steht noch unter dem Zeichen Winckelmanns; ihre Begründer, Lessing und Goethe, haben sich gewissermaßen unter jenen gestellt; die Kritik des einen sowie das Schaffen des anderen sind von ihm stark beeinflußt. Winckelmann selbst repräsentiert ihnen gegenüber das erste Wiederauftreten der eigentlich künstlerisch treibenden Kraft, der Empfindung in Deutschland. Aber der Mann empfindet anders und soll anders empfinden als der Jüngling; so soll denn das deutsche Volk, da es nun politisch reif ist oder doch wird, auch künstlerisch anders empfinden als früher. Der Jüngling schwärmt für Welt und Menschheit; der Mann hält etwas auf seine Ahnen und Stammesgenossen; und dem deutschen Mann von heute kann es nur zum Heile gereichen, wenn er dies auch auf künstlerischem Gebiet tut. Winckelmanns Kunstanschauungen sind, den heutigen Anforderungen gegenüber, vielfach tertiärer Natur. Sowie er praktisch und aktiv vorgehen will, gibt er sich unglaubliche Blößen. Deutsche Kunst war ihm unbekannt und gleichgültig; so richtig sein Empfinden für die griechische, so falsch war sein Urteil über die deutsche Kunst. Jenes wird unsterblich sein, dieses war von Anfang an tot geboren. Es ist nicht leicht, der berückenden Griechenkunst zu widerstehen; mancher vortreffliche Deutsche hat dies erfahren; edle Gebeine sind es, die da bleichen, wo diese Sirene singt. Man hat das Nützliche und Schädliche, das Erhebende und Verderbliche in der Wirkung, welche Winckelmanns Geist auf Deutschland gehabt hat, sorgsam zu sondern. Leider haben nur wenige sein richtiges Empfinden, aber sehr viele sein falsches Urteil geerbt; es gilt also jenen Geist durch einen größeren und mächtigeren Geist, den Rembrandts zu bannen. Bei ihm ist zu finden, was jene suchten. Winckelmann, Karstens, Schiller waren Sehnsuchtslaute, welche sich der durch den Schwall fremder Bildung beengten und bedrängten deutschen Brust entwanden – Sehnsuchtslaute nach einer großen, tiefen, einheimischen, deutschen Bildung. Schiller zumal hat dem deutschen Volke einige Ziele seiner inneren Bildung mit divinatorischer Sicherheit vorgezeichnet. Es ist daher nur natürlich, daß gerade er der Liebling des Volkes geworden ist; denn die Sehnsucht ist dem Menschen oft lieber als die Erfüllung. Die letztere wird in diesem Fall teilweise schon durch Goethe dargestellt; Schiller und Goethe stehen sich, fremd und zugleich befreundet, gegenüber wie Morgenstern und Morgenröte; jener verkündet den Tag, diese bringt ihn. Aber es heißt auch hier, nicht stehenzubleiben, sondern fortzuschreiten. »Winckelmann und sein Jahrhundert«, das einst von Goethe zusammengefaßte, ist jetzt zeitlich und geistig vorüber. Und auch in der Persönlichkeit Goethes, wie sie nunmehr schon geschichtlich geworden ist, vollzieht sich mehr und mehr eine Scheidung des Bleibenden von dem Vorübergehenden . Die Zwiespältigkeit der bisherigen deutschen Bildung tritt gerade in ihm recht markant hervor. Goethe, als Dichter, plädiert für die Natur und das Einheimische; Goethe, als Kunstrichter, plädiert vorwiegend für das Fremde und vom deutschen Standpunkt aus Unnatürliche. Sein praktisches Urteil in Sachen der bildenden Kunst war nach dem Gutachten der besten heutigen Kenner ein einseitiges und beschränktes; die ungünstige Richtung zum Deklamatorischen, welche er der deutschen Bühne gegeben, deutet auf einen ähnlichen Mangel. Man muß also in seinem Wirken ebenfalls genau unterscheiden. Goethedienst kann auch Götzendienst sein. Da, wo Goethes Kunsttheorie in seine Kunstpraxis übergreift, wie in seiner Iphigenie, entstehen Zwischenbildungen, welche zwar ihren edlen Ursprung nicht verleugnen, aber doch für ein nationales Empfinden stets etwas Mißliches behalten. Gerade über Goethes Iphigenie hat ein neuerer Schriftsteller sehr treffend bemerkt, daß sie im Grunde nicht griechischer sei als die griechischen Reifrockdamen Racines; es ist eine Deutsche, die sich griechisch gebärdet; aber sie würde besser tun, sich deutsch zu gebärden. Dann würde sie wirklich von Stil – von deutschem Stil – durchdrungen sein, während sie es jetzt nur scheinbar ist; denn Stil ist eben die Einheit zwischen den inneren und äußeren Formen des Lebens; und diese fehlt hier. Goethe steht an einem Scheidewege. In seiner Jugend gravitierte er nach Shakespeare, in seinem Mannesalter nach der Antike; seine Jugendgedichte, wie Prometheus, Harzreise usw., geben uns die Goethesche Art am reinsten, trotz oder gerade wegen ihrer äußeren Formlosigkeit; er ist hier poetisch formlos wie Rembrandt malerisch formlos ist; wo die deutsche Volksseele ganz unbefangen auftritt, strebt sie mehr nach Rhythmus als nach Symmetrie. In Iphigenie und Tasso dagegen hat der Dichter sich den Mantel eines fremden Stiles übergeworfen; in den Erzeugnissen seiner vollendetsten poetischen Technik – in der urdeutschen Form der Ballade sowie in gewissen Teilen des Faust II endlich lehrt er zu einem eigenen, echten, durchgebildeten, deutschen Stil zurück. Falschen Auffassungen gegenüber muß es ganz besonders betont werden: hier, nicht in der Iphigenie ist der im wahren Sinne des Wortes stilvolle Goethe zu suchen und zu finden; hier hat die naiv unregelmäßige Form seiner Jugendgedichte sich zu einer kunstvoll unregelmäßigen Form verdichtet. Hier schafft er im Geiste, nicht in der äußeren Hülle der Griechen; hier wächst sein Stil von innen nach außen, nicht von außen nach innen; denn auch für einen solchen Geist wie Goethe ging der Weg zur Wahrheit durch den Irrtum. Und die Deutschen sollten ihm auf diesem Wege folgen; er selbst hat es unbefangen ausgesprochen: »Wir sind vielleicht zu antik gewesen, nun wollen wir es moderner lesen.« Goethe führt in diesem Fall zu Rembrandt hinüber; denn dieser ist deutscher, als jener. Rembrandt ist es, der auch hier das Evangelium des Gegebenen verkündet; der es praktisch demonstriert, daß nur im folgerichtigen Anschluß an angeborene und geistesverwandte, man möchte sagen geistesparallele Verhältnisse sich in Kunst wie Leben wahrhaft Bedeutendes leisten läßt; daß alles einseitige Konstruieren von außen und a priori in diesen Dingen entweder nutzlos oder gar schädlich ist. 3. Shakespeare und Rembrandt Die moderne Bildung soll sich ihrer Ahnen erinnern; und derjenigen am meisten, welche dem einseitigen heutigen Wissenschaftstum am direktesten entgegengesetzt sind; also welche die universalsten sind. Der südeuropäische Geist ist bisher zweimal, in Griechenland und im oberen Italien, zu einer hohen Blüte und universellen Fülle gelangt; in beiden Fällen folgte auf eine Zeit von überwiegend literarischen Interessen eine solche der grandios schöpferischen Kunstkraft; möge es künftig und diesseits der Alpen ebenso sein. An sich von Rembrandt sehr verschieden, aber an Vielseitigkeit ihm verwandt, ist ein großer Italiener: Leonardo. Dieser vereinigte in seiner Persönlichkeit gleichermaßen Kunst und Wissenschaft; gerade wie Homer, der älteste Stammherr antiker Bildung, in seinen Werken die beiden höchsten Seiten des späteren griechischen Geisteslebens, Plastik und Dramatik, vereinigte. Den Erdgeist in Goethes Faust möchte man sich etwa in der äußeren Gestalt dieses universalen Menschen denken; und zugleich entspricht dessen Bild dem herkömmlichen künstlerischen Typus des Gottvater. Seine Geistesrichtung ist eine im höchsten und besten Sinne philosophische; sie steht Dürer ebenso nahe wie Kepler; und ebendarum ist sie geeignet, die heutige spezialistische Denkweise günstig zu befruchten. Was nun Phidias und Leonardo für die Kultur des südlichen, sind Shakespeare und Rembrandt für diejenige des nördlichen Europa: plastisch-malerisch entwickelt sich die eine, dichterisch-malerisch die andere. Shakespeare stellt den germanischen Geist in seiner ganzen Vielgestaltigkeit – Individualität – dar; er hat alle deutschen Götter in seinen Werken versammelt; er verkörpert in sich den höchsten germanischen und arischen Geist. Das schöne Schillersche Wort: »Speere werfen und die Götter ehren« lebt in ihm wie in den Deutschen, in den Ariern. Und mit den Worten: »Aus Shakespeare spricht der Weltgeist, ja er ist der Weltgeist,« hat Goethe die einzig dastehende Universalität seiner Kunstanschauung hyperbolisch kühn gekennzeichnet. In dem Namen des angelsächsischen Dichterheroen selbst feiert die Vereinigung von Krieg und Kunst ihren höchsten Triumph: Shakespeare heißt »Speerschüttler« und Namen haben immer einen Grund; einer der Vorfahren des Dichters muß demnach als Krieger sich hervorgetan haben. Das war in den kriegerischen Zeiten Altenglands; in friedlicheren Zeiten verwandelte sich die Handkraft in Seelenkraft, die Kriegskraft in Kunstkraft. So gut wie die Welt der Naturwissenschaft hat auch die durch Shakespeare ins Leben gerufene Welt ihre Gesetze; auch sie beruht auf dem Tatsächlichen und mancher Professor hat sich schon gewundert, ja Abhandlungen geschrieben über das Wissen Shakespeares auf dem Gebiete des Staats- und Rechtslebens, der Pferde- und Schiffahrtskunde. Als Künstler stellt Shakespeare die vollkommenste geistige Uneigennützigkeit dar; er sagt eigentlich nur, was er überkommen hat; sei es aus der Natur oder aus der Geschichte. Er ist nicht Person; er ist ein Organ; er spricht als Volk. Und dieser leuchtende Punkt steigt ganz unvermittelt aus der dunklen Masse auf. Es ist ein Akkord, der aus der Tiefe klingt. Die großartige Kindernatur des britischen Dichterfürsten, in ihrem tiefen Ernst und ihrer weltspiegelnden Klarheit, möchte man dem ruhigen, unergründlichen Blick des jugendlichen Heilandes auf dem Arm der Sixtinischen Madonna vergleichen. Aus Shakespeares Seele wie aus Rafaels Werk strahlt uns ein Bild der Welt, deutlich und doch gedämpft, wie aus einem dunklen Spiegel entgegen. Nur solche lebendige schwarze Perlen, wie diese Augen, können solche künstlerische »schwarze Perlen« wie den Hamlet hervorbringen. Die eigentliche Aufgabe aller Erziehung ist es, den Menschen dasjenige mit vollem Bewußtsein und möglichster Überlegung tun zu lehren, wozu das Beste und Eigenste und Tiefste seiner Natur ihn ohnehin schon instinktiv treibt. Der Erzieher hat also einem dem advocatus diaboli entgegengesetzten Beruf; er ist der Anwalt der besseren Natur des Menschen. Dies gilt vom Volkserzieher so sehr und womöglich noch mehr wie vom Einzelerzieher. Shakespeare war einst für die Deutschen ein solcher Erzieher; und Rembrandt könnte es wieder sein. Auf die Vorherrschaft der redenden ist die der bildenden Kunst in Deutschland gefolgt; hat Shakespeares Kunst etwas Wortreiches, so hat diejenige Rembrandts etwas Wortkarges an sich; verhalf jener den Deutschen zu einer Bildungsepoche, in welcher der Gedanke und die Empfindung überwog, so könnte dieser ihnen zu einer solchen verhelfen, in welcher die schaffende Tat am meisten gilt. Nach der Shakespeareschen Fülle kann nunmehr Rembrandtsche Tiefe den festländischen und infolgedessen oft etwas zu fest gewordenen Geist wieder lockern und anregen. Wie die Aloe nur alle hundert Jahre, aber dann um so herrlicher blüht, so kann man zufrieden sein, wenn die deutsche Bildung nur alle hundert Jahre eine köstliche Frucht trägt; es scheint, daß jetzt bald wieder eine solche reift. Wenn die deutsche Dichtung des vorletzten Jahrhunderts wesentlich auf Shakespeare, die deutsche Wissenschaft des letzten Jahrhunderts wesentlich auf Bacon und die deutsche Politik ebendesselben wesentlich auf Bismarck beruht; so sollte die deutsche bildende Kunst des gegenwärtigen Jahrhunderts wesentlich auf Rembrandt beruhen. Alle vier sind Niederdeutsche und lassen dadurch vermuten, in welcher Hauptrichtung sich der deutsche Geist demnächst bewegen wird. Ist das kommende deutsche Kunstzeitalter mit niederdeutschem Geiste gesättigt, so wird es auch den Gefahren ausweichen, welche eine vorwiegend ästhetische Bildung sonst mit sich bringt. Der dem Niederdeutschen eigentümliche schlichte Hausverstand wird hoffentlich bessere Früchte tragen, als die hochfliegende Weisheit schwäbischer Philosophen aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts; nur diejenige künstlerische Phantasie ist den bedeutendsten Aufgaben gewachsen, welche des Ballastes einer gesunden Prosa nicht entbehrt. Shakespeare, der eine stark prosaische und Bacon, der eine stark poetische Ader aufweist, liefern hierfür den Beweis. Nirgends liegen Prosa und Poesie so dicht beisammen, wie in dem Niederdeutschen überhaupt und – in Rembrandt im besonderen; ebendarum ist er und sind sie als zuverlässige Führer im Reiche des Geistes anzusehen. Rembrandt und Shakespeare gehören beide der Nordsee, wie der Straßburger und Kölner Dom beide dem Rhein an; gewaltig aufragend, und von unerschöpflichem, doch einheitlichem Formenreichtum, leuchten uns die beiden Künstler wie die beiden Kunstwerke entgegen. Jedes Paar ist unter sich verwandt und doch verschieden; der sein abgetönte und äußerlich unfertige Charakter der Rembrandtschen Malerei gleicht dem oberrheinischen, die unübersehbare und doch in sich ausgeglichene Harmonie Shakespearescher Dichtung dem unterrheinischen Baudenkmal. Der Rhein, mit seinen beiden Kirchen, ist vorwiegend oberdeutsch und katholisch; die Nordsee, mit ihren beiden Künstlern, ist niederdeutsch und vorwiegend protestantisch; aber deutsch sind wiederum alle vier. Sage und Geschichte verlegen hierher, in diese vier festen Punkte, die Achse deutschen Sinnens und Fühlens. Wie an Stelle des rechten das linke Elbufer, so sollte an Stelle der Oder der deutsche Rhein wieder die Lebensader der deutschen Bildung sein. Rembrandt – van Rhyn – ist der nördliche Pol, auf den die in freier und doch gebundener Bewegung befindliche Magnetnadel des deutschen Individualismus stetig hinweist: und weit über diesem Nordpol steht jener schöne Polarstern, der das gleiche bedeutet: Shakespeare. Denn wer ist der Beherrscher der neueren deutschen, künstlerischen Kultur, wenn es nicht Shakespeare ist? Und wer ist sein Thronfolger, wenn es nicht Rembrandt ist? Beide sind durch ihren hohen Grad von Individualität und Universalität hierfür bestimmt. Goethe, der auch aus dem Rheintal stammt, hat sich dem englischen Dichter oft und offen untergeordnet; er hat, in seiner frischesten und unbefangensten Jugendzeit, auch Rembrandt aus vollem Herzen gehuldigt; gerade er verdient es deshalb, als das schöne Mittelglied angesehen zu werden, welches diese zwei Perioden niederdeutscher Geistesherrschaft miteinander verbindet. Sowenig wie Homer können Shakespeare oder Rembrandt nachgeahmt werden; aber beide können für das deutsche Leben befreiend und befruchtend wirken. Freilich hat sich um die Werke Rembrandts schon etwas von dem Leichengeruch verbreitet, welchen Kennerschaft nur allzu leicht jenen Kunst- wie Geisteswerken mitteilt, die sie ausschließlich für sich in Beschlag nimmt; aber sicherlich wird auch dieser große Deutsche, wie einst Shakespeare, von den Toten auferweckt werden: er wird wieder zum Volke zurückkehren, aus dem er emporstieg. Es ist wahr, seine Malerei gleicht mitunter einem umgestürzten Farbentopf; wenigstens für den, welcher deren tieferen Sinn nicht erkennt. Aber es wäre ganz gut, wenn die heutige deutsche Bildung, der man nachgerade die Rippen auf dem Leibe zählen kann, zunächst wieder etwas weniger Form und etwas mehr Farbe bekäme. Mit der Farbe könnte sie auch Seele bekommen; und man kann nicht oft genug sagen: Seele ist es, was sie braucht . Gespenster sind farblos und blutlos; das graue Gespenst – einer falschen Bildung – ist in dieser Hinsicht sogar echter als das in Deutschland schon hinlänglich bekannte rote Gespenst. Dem so gern realistisch schildernden Dante würde das hastige und hitzige Treiben unserer Gegenwart als ein treffliches Mittel zur Veranschaulichung infernaler Zustände gedient haben; verglich er doch einst das Treiben seiner Unterweltsgeister mit demjenigen der zahllosen Arbeitermassen im Arsenal von Venedig. Er beleuchtete dadurch die soziale Frage von heute – mit dem Lichte der Hölle. Aber wie Dante durch die dunklen und glühenden Tiefen des Jenseits nur mit Hilfe eines kundigen Führers, des eingeborenen Vertreters einer angeerbten Bildung, Virgils durchfand: so wird sich auch der heutige Deutsche durch den Schwall und Drang und Dampf einer falschen Bildung nur hindurcharbeiten können unter der Führung eines gleichfalls angestammten und angeerbten Bildungsträgers: Rembrandts. Graue Zeitgespenster können durch frische, lebensvolle Erscheinungen beschworen werden; Rembrandt ist, als Person wie als Typus genommen, eine solche. Darum ist gerade ein Mann, wie er, das passendste Ideal für das jetzige junge deutsche Geschlecht. 4. Faust und Hamlet Auf die mittelalterliche Hegemonie der Schwaben: der Sueven, der Schweifenden ist die neuzeitliche Hegemonie der Sachsen: der Sassen, der Seßhaften in der deutschen Politik gefolgt. Auf eine Zeit der Ausstrahlung des nationalen Lebens wie Volksmaterials folgt eine solche der Einstrahlung . Und in dem deutschen Geistesleben vollzieht sich natürlicherweise ebenderselbe Wechsel. Die Masse der Gebildeten hat ihre Ideale und diese ändern sich mit den Zeiten. Hat die tausendjährige Vorherrschaft Oberdeutschlands in der deutschen Kultur in dem erhebenden Bilde des von Goethe verherrlichten Oberdeutschen Faust ihren Abschluß gefunden; so kann die voraussichtlich jetzt beginnende Vorherrschaft Niederdeutschlands in der deutschen Bildung von dem ergreifenden Bilde des von Shakespeare geschilderten Niederdeutschen Hamlet ihren Ausgang nehmen. Auf den forschbegierigen und etwas materiell angehauchten Professor folgt der kunstliebende und etwas philosophisch angehauchte Prinz. Faust hat etwas von geistigem Strebertum, Hamlet etwas von geistigem Adel an sich; jenen zieht es in die Höhen, diesen in die Tiefen der Welt. Der neuerwachte künstlerische Geist Deutschlands vollbrachte in Goethes Faust seine erste große Tat, indem er seinen Vorgänger, den wissenschaftlichen Geist Deutschlands – der den Dichter Goethe selbst noch um einige Zeit überleben sollte – in der Gestalt dieses Professors darstellte und sich gerade dadurch von diesem befreit hat. Goethe nimmt Faust den Professorentalar ab; Dubois-Reymond möchte ihm zwar denselben wieder aufhängen; aber das deutsche Volk wird jenem, nicht diesem folgen. Es wurde schon gesagt, daß große Geister stets als Janusköpfe erscheinen; sie blicken so gut rückwärts wie vorwärts; sie ziehen das Fazit der Vergangenheit und buchen es aufs Konto der Zukunft. Shakespeare, Goethe gegenüber der größere Genius, umspannt gleichfalls einen zwiefachen, aber dementsprechend weiteren Kreis; denn der bedeutendste von ihm geschaffene dichterische Typus umfaßt zugleich die früheste Grund- und Anlage wie die späteste Entwickelung des deutschen Charakters: Hamlet ist ebensosehr edelmännischen wie künstlerischen Neigungen und Interessen ergeben. Der Deutsche ist vermöge seines Individualismus ein geborener Aristokrat; und vermöge ebendesselben ist er zum Künstler bestimmt; diese beiden Hauptrichtungen seines Innern treffen nicht nur zufällig im Dänenprinzen zusammen. Auch die typische Idealgestalt des deutschen Volksmärchens ist von ausgesprochen aristokratischer Natur; es ist der »Prinz«. Volkspoesie und Kunstpoesie begegnen sich hier in ihren höchsten Anforderungen wie Leistungen. In neuerer Zeit sind es die »Prinzen aus Genieland« gewesen, welche das deutsche Volk zu seinen Helden erkor. Die Gestalt des deutschen Professors, in Poesie oder Leben, kann dagegen nicht aufkommen. Der Prinz ist dem Professor überlegen; der Horizont Hamlets reicht weiter und zugleich tiefer als der des Faust. Wenn die deutsche Bildung sich von dem letzteren Typus zum ersteren wendet, so kann man mit einem solchen Wechsel der volksmäßigen Bestrebungen recht wohl zufrieden sein; es vollzieht sich damit eine Wendung zwar nicht vom Niedrigen, aber doch vom Niedrigeren zum Höheren. Und es ist auch ein Zug zum Mystizismus, der sich hier geltend macht. Das dunkle Samtkleid, in dem der Prinz gewöhnlich auf der Bühne erscheint, steht ihm gut; denn seine Seele ist ebenso dunkel. Was ist uns Mystizismus? Kindersinn, der sich aufs Weltganze richtet. Kunst und Wissenschaft sind die hellen Augen eines Volkes; in der Mystik schlägt sein Herz. Mit einem Dukaten kann man Roß und Reiter vergolden; mit einer Dosis echter Mystik kann man das Leben einer Nation vergolden. Wie die deutsche Bildung die Vertreter des inneren Schauens, so hat sie auch das innere Schauen selbst zu sehr vernachlässigt. Sie muß sich diesem wieder nähern. Nur derjenige hat allerdings das reiche Kapital der Mystik zu seiner Verfügung, welcher ihm ein gleich reiches Kapital von Realistik entgegenzusetzen weiß. Er schlägt dann sowohl den Mystiker, der die Wissenschaft, wie den Wissenschaftler, der die Mystik nicht kennt; in medio salus. In dem zugleich hofmännischen und tiefsinnigen, weltklugen und nebelhaften Charakter des Dänenprinzen ist mehr als in irgendeinem anderen Charakter der Unterschied zwischen dem inneren Denken und der façon de parler ausgebildet; ja dieser Unterschied wird bei ihm oft zum Gegensatz; und gibt seinem Wesen die Beimischung eines vornehmen und weltverachtenden Sarkasmus. Die Welle der schönen Empfindung bricht sich an dem harten Felsen der Wirklichkeit und leuchtet auf in dem Farbenspiele einer heiteren und dennoch bitteren Ironie. Hell und Dunkel liegt in Hamlet dicht beieinander; und ebendadurch erscheint das Helle in ihm noch heller, das Dunkle in ihm noch dunkler. Hierauf beruht größtenteils die eigentümliche Anziehungskraft, welche der Hamletcharakter auf jedermann ausübt. Wie aber den Bildern Rembrandts, so ist auch allen jenen vornehmen und impulsiven Naturen von der Art Hamlets ein gewisser unklarer und unpraktischer Zug eigen. Dieser, der nie Schauspieler war, hält lange Reden über die Pflichten eines solchen; sein geschichtliches Gegenbild, Svedenborg, war nie verheiratet und schrieb ein dickes Buch über die eheliche Liebe; Rousseau, ein dritter Geistesverwandter jener beiden, schrieb über Kindererziehung und sandte seine eigenen Kinder ins Findelhaus; Rembrandt endlich verfiel in seinem bürgerlichen Dasein dem – Bankerott. Das Träumen und Philosophieren hat seine Schattenseiten; wer das zweite Gesicht hat, dem fehlt mitunter das erste. Ja dieser Gegensatz findet sich sogar innerhalb der praktischen Lebenstätigkeit selbst; Pitt und Beaconsfield waren geniale Finanzpolitiker und konnten ihre persönlichen Finanzen nicht in Ordnung halten. Die Sehstärke des inneren Auges variiert je nach der Weite des Gesichtsfeldes, das sie bestreicht; dem Engblickenden erscheint das dunkel, was dem Weitblickenden hell erscheint; und zuweilen auch umgekehrt. Darum machen gewisse Persönlichkeiten einen so verschiedenartigen und vieldeutigen Eindruck; der Reichtum ihres Gehalts besteht darin, daß sie sehr viele Gesichtswinkel zulassen; jeder Beschauer spiegelt in ihnen seinen Horizont, je nach dem Umfang und der Tiefe desselben wider; sie haben einen außerordentlich wechselnden Lichtkoeffizienten. So ist Hamlet. Spinozas Klarheit und Knipperdollings Trübheit, Svedenborgs Tiefsinn und Rembrandts Kunstsinn begegnen sich in ihm. Er ist der tragische Held der deutschen Gewissenhaftigkeit, der deutschen Wahrheitsliebe, der deutschen Ehrlichkeit. Ehrlichkeit aber ist edler als Wißbegierde, Schwermut edler als Genußsucht; und darum Hamlet edler als Faust. Trotzdem bezeichnet jener nicht das letzte Ziel der deutschen inneren Entwickelung. Die Deutschen sollten sich dem Shakespeareschen Prinzen an vornehmer Gesinnung gleich, an Willensstärke jedoch überlegen zeigen. Dann wird dessen verhängnisvolles Schicksal zwar noch für ihre politisch zerrissene Vergangenheit, nicht aber für ihre künstlerisch geeinigte Zukunft bedeutsam sein. Insofern Shakespeare von Haus aus, und vielleicht mehr als je ein Mensch war, Optimist ist; und insofern die geistige Tendenz der Tragödie Hamlet, mag man sie sonst auslegen wie man will, unzweifelhaft eine grundpessimistische ist: erscheint sie als ein Umschlag, eine Negation, ja gewissermaßen eine Selbstvernichtung des großen Dichters. Und es gibt auch eine Erklärung für diese. Man scheint sie nicht bemerkt oder doch nicht hinreichend gewürdigt zu haben, weil sie zu nahe liegt: Pessimismus ist stets Altersschwäche – bei Rassen, Völkern, einzelnen. Hamlet steht also dem Faust II sehr nahe; Altersschwäche, cum grano salis zu verstehen, schuf beide Werke. Sie äußert sich bei Shakespeare, seiner tieferen Natur gemäß, anders als bei Goethe; bei jenem berührte sie nur das Wesen, bei diesem auch die Form des betreffenden Kunstwerks. So schön und so nah sind Wachstum und Verfall, Leben und Vergänglichkeit auf geistigem Gebiet miteinander verbunden. Aber wie das Kind sich gern dem Greise befreundet, ohne doch darum mit ihm auf der Lebensbahn abwärts zu steigen, nein, vielmehr um dessen Dasein zu ergänzen und erhöht fortzusetzen; so wird auch der Deutsche sich von Hamlet und Faust II, diesen Erzeugnissen des feinsten geistigen Hautgouts, diesen schönen Verfallsprodukten, diesen edlen, aber marklosen Greisengestalten ab- und einem erneuerten, frischen, kindlichen Leben zuzuwenden haben. Man muß seine Ahnen ehren, aber über sie hinaus fortschreiten. Faust sowohl wie Hamlet sind beide keine Helden der Tat, sondern solche des Gedankens; und in diesem Zweierlei, was sie sind und nicht sind, spiegelt sich der Charakter des deutschen Volles von früher wider. Faust faßt die beiden höchsten Typen des klassizistischen Deutschlands in sich einheitlich zusammen; während seiner ersten, wissensdurstigen Periode ist er Lessing, während seiner späteren Richtung auf frohen Lebensgenuß und praktische Tätigkeit dagegen Goethe ähnlich. In dem ältesten deutschen Faustbuch, der Grundlage der Goetheschen Tragödie, wird Faust in ausdrücklichen Gegensatz zu Luther gebracht; während der grüblerische, selbstpeinigende, musikliebende Hamlet diesem schon näher steht. Faust, das Ideal der wissenschaftlichen Deutschen, hat seine Zeit gehabt; Hamlet und Luther aber sollen sich in dem Zukunftsdeutschen zu einem höheren Dritten vereinigen; in dem Helden der künstlerischen Tat, Rembrandt, ist dies schon bis zu gewissem Grade geschehen. Als ein künstlerischer »helt aus Niederlant« erscheint Rembrandt sonach dem ältesten deutschen Heldenideal, dem durch das Epos verherrlichten Siegfried verwandt. Auch dieser ist ein »Prinz« und eine Persönlichkeit von edelstem, sittlichem Aristokratismus; wie das früheste so ist er vielleicht auch das schönste und jedenfalls das reinste dichterische Idealbild des deutschen Wesens: er zeigt noch nichts von Gedankenblässe. 5. Shakespeare und Wagner Der musikalische Charakter der Deutschen schimmert überall durch; er spielt gelegentlich in die Baukunst wie in die Politik hinüber; man spricht nicht nur zufällig von einem europäischen Konzert. Die Meinung der alten Spartaner, daß musikalische Bildung das innere Staatsleben beeinflusse, war eine tief begründete: sowohl nach der günstigen wie nach der ungünstigen Seite hin; in den endlosen politischen Tagesstreitigkeiten des heutigen Deutschlands meint man das Geklimper der 20 000 Pianos zu vernehmen, welche es jährlich fabriziert. Demgegenüber muß die deutsche Bildung wieder eine echt musikalische und musische werden; dann würde sie auch wieder eine edle und freie genannt werden können. In Richard Wagner hat das deutsche Volk neuerdings einen Anlauf zu einer cäsaristisch-künstlerischen Erscheinung genommen; er war eine stark betonte und sich stark betonende Persönlichkeit; aber ihm fehlte jener Zug des Schlichten, Unscheinbaren, Bescheidenen, der einen Shakespeare so liebenswürdig und zugleich so groß machte. Nach einem und vielleicht dem schönsten Spruch des Alten Testaments zeigte sich Gott dem Propheten nicht im Sturm, und nicht im Erdbeben, sondern im stillen, sanften Säuseln; dieses war sein tiefstes Wesen. Bach hat das letztere Stadium in der Musik erreicht; Wagner hat sich ihm stellenweise genähert, ist aber im ganzen doch künstlerisch wie menschlich bei den ersteren beiden stehengeblieben. Er hat alles, nur keine Ruhe; er weiß viele Leidenschaften darzustellen; aber das schöne Maß, welches Shakespeare und die Griechen aufweisen, ist ihm versagt. Seine Gefühle sind ekstatisch oder sie zerschmelzen; auf ebener, mäßiger Höhe, da wo das eigentlich Gesunde wohnt, halten sie sich nicht; sie sind raffiniert. Shakespeare ist Kaiser, Wagner ist empereur; allerdings ist er es nicht im Sinne des dritten, sondern des ersten Napoleon. Er erobert; er will dominieren und er dominiert; aber auf wie lange? Shakespeare war im Leben ein munterer Geselle, Wagner war der »Meister«. Das ruhige und verständige Wesen des einen, der hastige und ostensible Geist des andern ist für sie beiderseits höchst bezeichnend. »Einfalt und stille Größe« bietet Wagner nicht; und doch ist diese das innerste Zentrum wie alles Künstlertums so auch alles Volkstums. Das manum de tabula, war ihm wie einem anderen größeren Künstler, Leonardo, versagt; gerade dadurch unterscheidet Wagner sich von dem echten »Meister« Shakespeare; dieser ist stets rund und klar und fertig; jener häuft Wirkung auf Wirkung, ohne sich selbst oder einem rein empfindenden Hörer genug zu tun. Er ist nervös und macht nervös. Die beiden Wagner, Fausts Famulus und der große Musiker, haben etwas Gemeinsames; sie gehören als Supplemente zueinander: der geistigen Dürre des einen entspricht die geistige Überschwenglichkeit des andern. Auch mit seinem großen kritisierenden Landsmann berührt sich der reformatorische Musiker indirekt: der etwas frostigen Skala Lessingscher Deduktionen steht die etwas überhitzte Skala Wagnerscher Produktionen ergänzend gegenüber. Wagner fühlte sich persönlich mehr zu Schopenhauer als zu Shakespeare hingezogen; und es gibt vielleicht nichts, was ihn mehr charakterisiert als eben dies; der durch und durch un-, ja antikünstlerische Denker gewährte seinem exaltierten Wesen eine gewisse Beruhigung; der durch und durch gesund empfindende Dichter sagte seinem überreizten Gaumen nicht zu. Er bewundert ihn wohl – wer sollte nicht Shakespeare bewundern? – aber er steht ihm nicht nahe, fühlt sich ihm nicht verwandt, ist nicht von seiner Art. Die Sonnenblume versteht die Moosrose nicht! Das Wort, welches man Wagner so sehr verübelt hat: »Wenn Sie selbst wollen, haben wir jetzt eine deutsche Kunst,« ist streng genommen allerdings richtig. Denn als »Kunst« ist schließlich doch nur eine lebendig produktive Kunst zu rechnen, wenn sie zugleich großen, monumentalen Stil zeigt; und in dieser Hinsicht hat das neue Deutschland nur Wagner aufzuweisen. Zur Zeit können dafür überhaupt nur Musik und Malerei in Frage kommen; in jener verleugnet selbst Brahms den Epigonen nicht ganz; in dieser ist eine wirklich monumentale Kunstrichtung überhaupt nicht vorhanden. Man muß unterscheiden zwischen den Stufen der Entwickelung oder des Verfalls und gewissen Höhepunkten einer Kunst; letztere kann man als Progonentum bezeichnen; und in solchem Sinn ist Wagner ein Progone. Wagner ist sicher bedeutend, aber er bezeichnet eben nur ein Vorstadium in der künstlerischen Entwickelung des Deutschen; er ist ein Romantiker, kein Klassiker; schon darum ist er zweiten Ranges. Er archaisiert; und zwar weil er modernisiert; nämlich das deutsche Altertum. Er wollte deutsch sein; aber seine Art von Leidenschaft ist dies nicht immer; der laute Liebeswahnsinn seiner Isolde dürfte eher keltisch sein. In letzterem Fall wird der von dem Künstler geschilderte Liebeswahnsinn zwar durch die Sage gerechtfertigt, anderswo aber nicht; wie Wolfram von Eschenbachs so enthält auch Wagners Parsifal äußerlich und innerlich viel Keltoromanisches. Dieser Parsifal ist so deutsch und – so undeutsch wie Goethes Iphigenie. Jenes betäubende und berauschende Element, welches die Wagnersche Kunst so sehr charakterisiert, ist besonders undeutsch. Kein echt deutscher Künstler hat es in seinen Werken. Stille, tiefe verschwiegene Leidenschaft, wie sie in der Kriemhild des Nibelungenliedes lebt – die ist deutsch. In diesem Epos, welches in Deutschland entstand, findet man den rein deutschen Charakter; die nordische Mythologie dagegen enthält nach den neuesten Forschungen sehr viel fremde Geisteselemente. Wagner hat die richtigen mit den falschen Nibelungen verwechselt; er hat aus einer arg getrübten Quelle geschöpft; und vielleicht nur, weil der trübe, unruhige krasse und übertrieben sinnliche Charakter der nordischen Mythologie seinem eigenen innersten Wesen entsprach. Das Nibelungenlied ist klassisch; denn es ist eine Ausgeburt des reinen, ungemischten Volksgeistes; ohne irgendwie griechisch zu sein, ist es dem Homer aufs nächste verwandt. Andererseits kann Wagner, trotz seines Abscheus vor dem Judentum, einen gewissen Zusammenhang gerade mit Meyerbeer nicht verleugnen. Er hat dessen effektvolle Mache auf nationale Stoffe angewandt; und mit weit überlegener Fähigkeit; aber diese Mache selbst ist nicht national. Er hat Meyerbeer übermeyerbeert. Man spricht wohl von einer Stille vor dem Sturm; aber Wagner stellt den Sturm vor der Stille dar; seine Exaltation kann nicht mehr überboten werden. Nach ihm wird die Musik , wenn sie überhaupt fortschreiten will, zur höchsten Intimität zurückkehren müssen . Im vorletzten Jahrhundert begeisterten sich die Deutschen für »reine Vernunft« und im letzten für »reine Torheit«: hoffentlich werden sie sich im jetzigen Jahrhundert für reine Menschlichkeit begeistern. Nach der Ekstase kommt die Enstase – um kurz zu sprechen. Das Wort »Enstase« könnte man wohl zu deutsch mit Innigkeit übersetzen. Es ist diejenige Eigenschaft, welche dem Volkslied, der Bachschen, Gluckschen, Mozartschen, Beethovenschen Musik in ihren besten und ausgewähltesten Leistungen zukommt; es ist die musikalische Eigenschaft und Eigenheit des Deutschen. Vor ihr wird auch die geistvollste und glänzendste Äußerlichkeit, die kunstvollste oder empfundenste Leidenschaftlichkeit zurücktreten müssen; Wagner wird vor dem Ausspruch zurücktreten müssen, den er selbst einst getan hat: daß das Adagio »die Grundlage aller musikalischen Zeitbestimmung« sei. Seine Musik ist nicht adagio. Es ist zu erwarten, daß auf den mit allen seinen Schönheiten maßlosen Wagner eine in allen ihren Schönheiten maßvolle größere Künstlernatur folgen werde. Falsche Historik Dem Sinn des Niederdeutschen für Natürlichkeit entspringt auch sein Sinn für das echt Geschichtliche; die heutige alexandrinische Bildung huldigt in Kunst wie Wissenschaft dem falsch Geschichtlichen. Sie nimmt gar zu gern die Schale für den Kern. Nie hat man, wirklich und figürlich genommen, mehr Ausgrabungen veranstaltet als in der Gegenwart. Aus dem eintönigen Grau des Werktages dürstet man nach Farben; man sucht sie in der Vergangenheit; man schmückt und schminkt sich mit ihnen. Aber letzteres macht bekanntlich nur noch grauer; ein prophetisches Wort Heines findet sich wieder bestätigt: »Sonderbar schauerliche Neugier, die oft die Menschen antreibt, in die Gräber der Vergangenheit hinabzuschauen! Es geschieht dieses zu außerordentlichen Perioden, nach Abschluß einer Zeit oder kurz vor einer Katastrophe.« Eine Kultur, die zuviel gräbt, gräbt sich zuletzt – ihr Grab; Leichengeruch steigt aus der Erde auf; und er trifft die, welche vorlaut in sie hineinspähen. Es ist bezeichnend, daß der Gegenwart die Schädel altgriechischer Freiheitskämpfer und die Leiche eines großen Königs, wie Ramses II., nur Museenstücke sind. Eine pietätlose Sammelwut greift mehr und mehr um sich. Der Standpunkt: »Jeder Abendmahlskelch wandert doch einmal zum Trödler« mag modern sein, aber menschlich ist er nicht. Wer die Dinge und die Welt in ihrem Zusammenhang betrachtet, wird auch immer darauf halten, daß dieser Zusammenhang möglichst gewahrt werde; wer sich allzuviel mit Mumien und Totenschädeln beschäftigt, nimmt selbst etwas von deren Charakter an. »Cursed be he, who moves my bones«, schrieb Shakespeare auf seinen Grabstein und er wußte wohl warum; an der gegenwärtigen Generation, welche so gern die »Knochen« der Vergangenheit »bewegt«, ist sein Fluch teilweise in Erfüllung gegangen. Der Niederdeutsche ist solchen Bestrebungen nicht hold; er ist ein Mann des Wirklichen und Gegebenen, des Echten und Einfachen; gesellschaftliche, künstlerische, geistige Maskierung liebt er nicht; er hat den Karneval der modernen Bildung nur in beschränktem Maße mitgemacht. Gerade er scheint dadurch möglicherweise berufen, der im heutigen Deutschland so überaus verbreiteten Altertümelei, d. h. der falschen Historik entgegenzutreten. Es wäre gut, wenn er im Rate der deutschen Stämme ein kräftiges Wort ertönen ließe; ein Wort für die Sitte und gegen die Mode in künstlerischen Dingen. »Was die jedesmalige Generation als zweckmäßig erkennt und ausspricht, das ist historisch und kein Sprung, mag es auch noch so sehr von dem bisher Bestandenen abweichen,« hat ein niederdeutscher Held und Dulder, Lornsen, verkündet; und ein niederdeutscher Held und Sieger, Bismarck, hat danach gehandelt. An der heutigen Generation ist es mithin, das Urteil zu sprechen, sich eine Meinung und ein Herz zu fassen: historisch zu sein, nicht historisch zu scheinen. Vorwärts, nicht rückwärts muß die Schraube gedreht werden – wenn sie halten soll. Nach jeder Heldenzeit kommt eine Epigonenzeit; aber nach einer Epigonenzeit kann auch wieder eine Heldenzeit kommen. Mit Heldentum fängt die deutsche Geschichte an; mit Heldentum muß sie auch aufhören; oder vielmehr sie sollte stetig dabei beharren. Angewandte Geschichte. Das innere Leben der Völker wächst und entwickelt sich nach den gleichen Grundsätzen, wie sie auf einzelnen Kunstgebieten, z. B. innerhalb der Architektur gelten. Ein vereinzeltes Formenelement an sich bedeutet nichts; der sogenannte gotische Spitzbogen kommt schon in Mykenä vor, aber ohne daß er organisch verwendet und zu einem eigenen Bausystem ausgebildet wäre; erst eine spätere Zeit wußte ihn organisch zu vervielfältigen in den deutschen Domen des Mittelalters. So ist auch eine rein historische, rückwärts gewendete Betrachtung der geistigen Persönlichkeit Rembrandts wie seines Volkes zwar nicht wertlos; aber sie ist immerhin unfruchtbar. Erst wenn dieser Menschentypus im bildenden Sinne auf das nationale Leben der Gegenwart angewandt wird, kann sich wie dort aus einem besonderen baulichen Konstruktionsprinzip eine ganz herrliche Baukunst, so hier aus einem besonderen künstlerischen Gesinnungsprinzip eine ganz herrliche Geisteswelt entwickeln. Wie eine angewandte Mathematik, so gibt es auch eine angewandte Geschichte! In Übergangszeiten ist nichts nützlicher und notwendiger, als ein vergleichender und gewissermaßen sammelnder Überblick über den bisherigen Bestand an wirklicher Bildung. Das Ganze sammeln, lautet das Signal! Die bisherige europäische Bildungsachse reicht von Griechenland bis Niederdeutschland, von Homer bis Shakespeare, von Phidias bis Rembrandt. Von allen Kunstrichtungen und -schulen der Renaissancezeit ist keine dem natürlichen, rein griechischen Geiste näher gekommen als die venetianische; und das, obwohl oder gerade weil sie die Antike direkt am wenigsten nachgeahmt hat. Die Volkskulturen von Griechenland, Oberitalien, Niederdeutschland bieten, auch wenn man von den einzelnen besonders veranlagten Genien absieht, historische Vorbilder für den künftigen Deutschen als Minderheitstypus. Norden wie Süden gehören einer und derselben Erde an; die Höhen der Menschheit grüßen sich. Die räumlich wie zeitlich verschiedensten Ideale der Menschheit begegnen sich im Besonnenen, Milden, Menschlichen. Die griechische Jünglingsstatue, der Frauentypus eines Paul Veronese, die Menschen Shakespeares und Rembrandts – sie haben volle runde Wangen; sie sind volle runde Persönlichkeiten; sie sind als solche nur Abbilder der damaligen Wirklichkeit. Deutschland bedarf solcher Typen wieder. Ihnen gegenüber hat der moderne Mensch etwas Hungriges in seinem Wesen; er muß wenigstens hie und da wieder satt werden. Wir brauchen eine breitschultrige, keine engbrüstige Lebensphilosophie und Menschensorte. Wenn jene obigen historischen Massentypen, die alle an der See erwuchsen, bei uns als Minderheitstypen lebendig werden – so wird der deutsche Mensch wiedererstehen. 1. Griechisches. Phidias konnte keine Porträts und Rembrandt keine eigentlichen Kultbilder schaffen; in diesen Lücken ihres Wesens, die sich gegenseitig ergänzen, verrät sich die besondere Kunstanlage des einen wie des anderen am bestimmtesten. Man wird den Deutschen nur gerecht beurteilen, wenn man ihn mit seinem eigenen Matze mißt und, falls man ihn dennoch mit anderen vergleicht, den Unterschied des deutschen gegenüber dem fremden Wesen scharf festhält; am meisten ist dies notwendig bezüglich der griechischen Kultur, welche dem Deutschen innerlich so verwandt ist, der er so viel verdankt und von der er sich darum – in einigen seiner besten Vertreter: Winckelmann, Karstens, Goethe, Hölderlin – etwas übermäßig hat beeinflussen lassen. In dem deutschen Charakter liegt, wie gesagt, eine gewisse Unruhe; will man ihn dennoch künstlich zur Ruhe zwingen, so ergibt sich daraus Unwahrheit oder doch Schiefheit; sie haftet den gräzisierenden deutschen Kunstwerken der obigen Männer, so vortrefflich diese sonst auch sein mögen, unbedingt an. Im deutschen Wesen, gerade wo es sich ganz echt zeigt, liegt aber oft auch eine gewisse Unbarmherzigkeit; der Deutsche ist aufrichtig und grausam, wie es Kinder sein können: »Dies Geschlecht kennt kein Erbarmen.« Die Malerei Kolbeins z. B. hat oft etwas fast Verletzendes an sich; er gibt die Dinge, wie er sie sieht; vor dem mitleidslosen Hauch einer solchen und ihr verwandten Kunst zerstieben die herkömmlichen Formen griechischer oder gräzisierender Kunstweise. Aber ein gemeinsamer Zug verbindet dennoch den echt deutschen mit dem echt griechischen Künstler; beide haben sich das unschätzbare Gut der Unbefangenheit bewahrt. Mehr kindlich milde äußert sie sich dort, mehr männlich hart hier. Der griechische Charakter verhält sich zum deutschen, wie der Meißel zur schwingenden Saite; wie das gerade, feingeschnittene, griechische zu dem geschwungenen, scharfknochigen, deutschen Profil; wie der nackte Athlet zum geharnischten Ritter. Mit der Zeit prägen sich die Züge des Menschen, und so auch der Menschheit, allmählich schärfer aus. Die zarte Unruhe führt zum künstlerischen Empfinden und die harte Unbarmherzigkeit zur kriegerischen Tat der Deutschen; Schwert und Fidelbogen gehören schon in ihren alten Heldensagen zusammen. Selbst das Christentum hat den Deutschen diesen ihren angeborenen Charakter nicht nehmen können; ihr Schutzpatron ist noch heute der heilige Erzengel Michael mit dem feurigen Schwerte, der Wächter am Throne Gottes; also eine Erscheinung, welche Streitbarkeit und Idealität, ja wenn man will, Krieg und Kunst in sich vereinigt. Ex chersoneso cimbrica zeichnete Karstens, – der einzige unter den deutschen Malern, der auch äußerlich in wirklich griechischem Geiste schuf –, die meisten seiner Werke; der deutsche Künstler bediente sich römischer und griechischer Worte; er schilderte dadurch sich und seine Zeit. Auf der cimbrischen Halbinsel entstand das antikisierende Epos Klopstocks; und ebenda die Vossische Homerübersetzung; von hier gingen demnach die ersten positiven Anläufe der klassischen deutschen Literaturepoche des vorletzten Jahrhunderts aus. Der deutsche Geist unternahm von hier aus einen Vorstoß nach der Antike hin; und er entsprach damit ohne Zweifel einem tiefen Gefühl innerer Verwandtschaft; aber er tat es in falscher Weise. Wie oben gesagt, ist objektiv genommen, Rembrandt griechischer als Winckelmann; so ist auch, objektiv genommen, die deutsche Volksnatur griechischer als die deutsche Volksbildung. Dieser Unterschied muß scharf festgehalten werden, gerade weil er so oft verwischt worden ist. Daß Rembrandt ein »Grieche« war, wird manchem ebenso unwahrscheinlich dünken, wie daß die Griechen einstmals Zöpfe trugen; und doch ist beides einfache historische Wahrheit; in bezug auf die griechischen Zöpfe sogar ganz wörtliche Wahrheit. Freilich lernt man die Griechen nicht ausschließlich in kopienreichen Altertumsmuseen oder aus ideenarmen Lehrbüchern der Ästhetik kennen; man kommt heutzutage den griechischen Originalen schon allmählich näher; möchte man nun auch den deutschen Originalen näher kommen. Beide werden sich dadurch zuerst fremder und dann verwandter erscheinen. Es ist wahr, daß der Deutsche sich vom Griechen durch wesentliche Charaktereigenschaften unterscheidet; aber geht man weiter in die Tiefe ihres Wesens, so gelangt man wieder zu einer auffälligen beiderseitigen Übereinstimmung. Nach einer antiken Überlieferung bedeutet ελλην ursprünglich »verständig«; die Hellenen sind also die Verständigen; so weise und selbsterkennend war dies Volk in trotz und wegen seiner Kindlichkeit. Es gibt ein Scheingriechentum und ein Wahrgriechentum. »Griechheit, was war sie? Verstand und Maß und KIarheit, « sagt Schiller; dies ist das echte Griechentum, welches dem echten Deutschtum – das vorwiegend auf Verständigkeit beruht – außerordentlich nahe kommt. Hieran, nicht an äußere griechische Formenprinzipien soll man sich halten. Jene Verständigkeit ist bei den Griechen mehr von sanfter, bei den Deutschen mehr von schneidender Art: Perikles und Bismarck! Jener reale Idealismus, der einen Shakespeare auszeichnet, war auch den Griechen eigen. Und mag es ein Beweis uralter Volksverwandtschaft oder nur ein Ergebnis ähnlicher, äußerer Lebensbedingungen sein, es darf als ein verheißungsvolles Zeichen gelten: daß man unter allen Menschenrassen und -stämmen der heutigen bewohnten Erde allein bei den Niederdeutschen jenen schlichten, geradegeschnittenen, ruhigblickenden, männlichen Typus, mit vollem Bart und wenig hervortretenden Lippen, noch zahlreich und offenbar gattungsmäßig vertreten findet, welcher künstlerisch im Zeus des Phidias vorliegt. Möge die Siegesgöttin, die an die Hand jenes Göttertypus gefesselt war, auch diesen Menschentypus nicht verlassen! Es ist ein Gesichtsschnitt, den man an gebildeten und vornehmen Engländern, aber auch an deutschen und niedersächsischen Bauern häufig findet. In Athen war die σωφροσυνχ zu Hause; die Athener, in ihrer guten Zeit und als reiner Stammestypus, waren selbst unter den besonnenen Griechen die besonnensten und darum die genialsten. Phidias, dieser besonnenste aller bildenden Künstler, hat jene Geisteskraft in seinem Zeusbild als momentanen, in seinem Athenabild als bleibenden, in beiden aber als beherrschenden Charakterzug zum Ausdruck gebracht. Hier hat sich die Besonnenheit drei oder vier Mal mit sich selbst multipliziert; sie ist griechisch, attisch, bildnerisch, mythisch; sie hat sich zur festen, sichtbaren, künstlerischen Norm und Form kristallisiert. Wer nicht weiß, was Genie ist, kann es hier lernen. Um griechische Statuen zu verstehen, muß man die griechische Sprache kennen – behauptet der Gelehrte; um griechische Statuen zu verstehen, muß man griechische Augen haben – erwidert der Künstler; und Rembrandt hatte sie. Es besteht eine innere Kunstverwandtschaft der Niederdeutschen mit den Griechen, die ihrer äußeren Naturverwandtschaft und der ihnen gemeinsamen inneren Ruhe entspricht; es gibt sogar gewisse Punkte, in welchen sich die griechische und die holländische Kunst direkt berühren. Der Kopf des Potterschen Stiers auf dem berühmten Bilde im Haag ist dem bekannten Phidiasschen Pferdekopf aus dem Parthenongiebel innerlichst verwandt. Hier wie dort wird das animalische Leben in seiner ganzen Tiefe erfaßt und dargestellt; innerhalb der speziell italienischen Kunst sucht man vergebens nach einer solchen Leistung. Anklänge daran finden sich nur bei Dürer, wenn er etwa einen Taubenflügel oder dem nach Namen wie Abstammung germanischen Leonardo, wenn er einzelne menschliche Gliedmaßen mit einer fast unheimlichen Genauigkeit ab- und aufzeichnet. »In der Kunst gibt es keine Nebensachen,« lautet der Ausspruch eines bedeutenden Künstlers; und er gilt auch vom Kriege: was hier der Gamaschenknopf, bedeutet dort das Naturdetail. Rafael und Michelangelo umfassen nur die hohe, die Deutschen und die Griechen sowohl die hohe wie die niedere Seite der Kunst; jene haben »Löwengeist«, aber keinen »Insektengeist«; diese haben beides. Das Niedrige als gottgeweiht anzusehen, ist griechisch und deutsch; Phidias und Rembrandt brauchen nicht exklusiv zu sein in ihrer Stoffwahl, weil sie – vornehm sind. Die griechischen Götter selbst waren nur Reflexe, von der griechischen Menschheit in die Natur geworfen. Im Zeus von Olympia hat der attische Bildhauer recht eigentlich den » milden Mann « dargestellt, den die altdeutsche Sage so hoch preist, zu dem sich ein Goethe allmählich emporbildete, als der ein Shakespeare wie ein Sophokles von ihren Zeitgenossen gerühmt wurden und der sich am schönsten in der einzigartigen, unvergleichlichen Gestalt Christi verkörpert hat. Der Name Christus ist ein griechischer Name; das Evangelium ward griechisch geschrieben; wie denn das Christentum, der bisher höchste Faktor des inneren deutschen Lebens, in mancher Hinsicht von mildem Griechengeiste durchflutet ist. 2. Venetianisches Venedig ist geschichtlich genommen der einzige Punkt, wo deutscher Geist mit griechischem Geist sich, ohne Vermittelung der Römerkultur, direkt berührt hat; und das ist hoch bedeutsam. Zudem ist das alte Venedig, dessen Bewohner von niederdeutscher Abkunft und daher dem niederdeutschen Meister blutsverwandt sind, die vornehmste Stadt und das vornehmste Gemeinwesen, welches Europa je gehabt hat; es war sich selbst dessen wohl bewußt und ist in dieser Beziehung bis jetzt noch nicht wieder erreicht worden. »Hier bin ich ein Edelmann, daheim ein Schmarotzer,« berichtete Dürer aus Venedig; und sein Wort gilt in mancher Hinsicht auch von der deutschen Volksart selbst; wie sie sich in Deutschland und Oberitalien entwickelt hat: hier edelmännisch, dort pfahlbürgerlich! Für den letzteren Standpunkt haben die gesellschaftlichen Verhältnisse des achtzehnten und die politischen Verhältnisse des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland weitere Belege geliefert. »In Deutschland ist alles zu finden, nur nicht eine grandiose Ansicht von irgendeiner Sache,« durfte noch Cornelius schreiben. Diesem Pfahlbürgertum entgegenzuwirken, scheint das alte Venedig noch heute berufen. Es ist so recht eine adelige Stadt . Im Mittelalter aber hatte das Wort »adelig« etwa den Sinn des heutigen »ideal«; da man doch so gerne Fremdwörter ausrottet, könnte es vielleicht jetzt wieder verwandt werden. Ist doch Idealität ohnehin nicht« anderes als ein Hinstreben nach sittlichem, geistigem und körperlichem Adel. Man hat sich in neuerer Zeit oft. sei es nun auf politischem oder sozialem Gebiet, überdemokratisch gebärdet; etwas innerer und äußerer Aristokratismus, nach venetianischer und Rembrandtscher Art, würde dem deutschen Volke darum sehr gut tun. Die eigentümliche Mischung von Handel und Vornehmheit, Kunst und Politik, bescheidenem Volkstum und kraftvoller Herrschernatur, wie sie das alte Venedig darstellt, ist dem neuen Deutschland noch nicht zuteil geworden. Aber sie ist in seiner bisherigen Entwickelung latent vorhanden; sie offenbar zu machen, würde eine echte Offenbarung des deutschen Geistes sein. Wenn Rembrandt kein Niederländer wäre, so verdiente er ein Venetianer zu sein; dies gilt von seiner Person wie von seiner Malerei. An den Mündungen des Po wie des Rheins treffen der starke Heimatsinn der Marschbewohner mit dem weiten Weltblick der Seefahrer zusammen. Das Streben des Niederdeutschen aus dem Engen ins Weite betätigt sich beiderseits. Und man möchte wünschen, daß von dem Adel, welcher aus dem Zusammenwirken solcher Verhältnisse politisch wie künstlerisch erwuchs, auch in das heutige Deutschland etwas überginge. Politisch hat Deutschland seine Rechte an Venedig aufgegeben; geistig darf es dies nicht; im Gegenteil: es sollte hier und anderswo, wann und wie es nur angeht, seine geistigen wie moralischen und künstlerischen Renforts verstärken . Shakespeare, der germanische Urdichter, sympathisierte nicht umsonst so stark mit Venedig. Politischer, geistiger, künstlerischer Aristokratismus stützten und stärkten dort einander; sie erzeugten Glanz und Ruhm. Wie Rembrandt das Gegenteil Rafaels, ist die Markuskirche zu Venedig das Gegenteil der Peterskirche zu Rom. Das dunkle und goldglänzende Innere der ersteren zeigt eine überraschende Ähnlichkeit mit dem von Rembrandt öfters gemalten Tempel Salomonis; der Weg von Amsterdam nach Jerusalem geht über Venedig. Und mehr als das. Die Innenräume jenes nationalen venetianischen »Tempels« entsprechen völlig dem Malprinzip des großen Niederländers. Ihre künstlerische Wirkung setzt sich zusammen aus mystischem Dunkel und mystischem Licht; sie sind erfüllt von malerischem, plastischem, architektonischem und musikalischem Gehalt: ganz so wie die Bilder des Helldunkelmeisters. Diese wie jene sind überreich an Detail, scheinbar ohne konstruktive Ordnung und wirklich voll von geschichtlichem, geistigem, seelischem Wachstum. Diese wie jene sind nach ihrem eigenen besonderen Gesetz »komponiert«. Ein großer Mann hat von der Markuskirche gesagt: sie sei ein Ding, das keinen Hintergrund habe; man kann dies auch von der Kunst Rembrandts sagen. Beide sind eine Welt in sich; eine solche hat aber keinen Hintergrund: darin beruht ihr Wesen; sie steht der Ewigkeit gerade gegenüber. Hat man von Shakespeare vermutungsweise angenommen, daß er in Venedig gewesen sei, als Matrose; so braucht man von Rembrandt dies nicht anzunehmen: er ist dort gewesen – als Seher. Andererseits aber gibt es zahlreiche Bilder der oberitalienischen Malerschule, welche sich dem niederländischen Helldunkel völlig nähern; es braucht nur an Giorgione, Tizian, Schiavone, die Bassanos und andere erinnert zu werden. Der Christuskopf auf dem Schweißtuch der heiligen Veronika, von unbekanntem Mailänder Meister, im Berliner Museum stellt die Krone einer derartigen Malerei dar. Er ist, wie die Rembrandtschen Bilder, fast monochrom gemalt; er gleicht ihnen an innerer Vornehmheit wie seelischer Tiefe; er spricht lautlos, aber nur umso beredter zum Herzen. Auch er ist »still und bewegt«; aus ihm weht uns germanischer Geist an; dieser erfüllt den Bataver wie den Lombarden. Venedig, der einzelnen aristokratischen Stadt von einstmals, steht Nordamerika, ein ganzer demokratischer Kontinent von heute gegenüber; indes dürfte den jetzigen Deutschen die Wahl zwischen beiden Mustern nicht schwer fallen. Venetianisierung ist besser als Amerikanisierung . Es ist sogar nicht unmöglich und jedenfalls zu hoffen, daß die letztere, wie sie sich heutzutage diesseits und jenseits des großen Meeres geltend macht, nur eine Vorstufe für die erstere ist. Der äußeren und inneren Ähnlichkeit Moltkes mit altvenetianischen Dogen wurde schon gedacht; ein Nordamerikaner aber hat seinerzeit über eben diesen Helden treffend gesagt: he has properly a New-England face ; Moltkes der Industrie wie des Handels hat es bekanntlich in Nordamerika von jeher gegeben. Der Sieger von 1870 hat sich einmal als »Graf Molke, Bauer« unterzeichnet. So findet sich der niederdeutsche Demokratismus und Aristokratismus schließlich in einem Typus und wenn man will, in einem Punkte wieder zusammen. Es ist der Typus des höheren Bauern, des rechnenden Aristokraten, des genialen Kalkulators; das italienische Staatsoberhaupt, der deutsche Feldmarschall, der amerikanische Großunternehmer zeigen ihn gleichmäßig; es ist ein überlegener, herrschender, siegender Typus; es ist eine Zukunftsschwangere masque de fer . Unter ihr pulsiert das zarteste Leben. Den Lyriker Shelley hat man cor cordium genannt und Moltke hat das Wort vom »Stoß ins Herz« gesprochen; dennoch konnte der erstere ebenso tapfer sein wie der letztere mild. Das ist niederdeutsche Doppelnatur. Eben diese Verbindung von Milde und Härte ist in der Lagunenstadt zu Hause. Die alten Venetianer waren, wie gesagt, teilweise Langobarden; diese wohnten ursprünglich am linken Ufer der unteren Elbe; es sind die Südalbinger zu den Nordalbingern. Hier gruppiert sich wieder das geistige, wie oben das politische Leben der Deutschen je rechts und links von der Elbe; und der betreffende Zusammenhang läßt sich sogar sichtbar nachweisen: der Abgeordnete von Bennigsen zeigte einen Gesichts- und Schädeltypus, den man noch heute in der Lombardei häufig antrifft. Dieser Typus verbindet Nord- und Südgermanien. Es war eben nicht nur Geistes-, sondern auch Blutsverwandtschaft, welche den Angelsachsen und demnach Abkömmling der Nordalbinger, Shakespeare so außerordentlich zu Venedig hinzog; nichts ist seinen Dichtertypen so ähnlich wie die Malertypen Paul Veroneses. Noblesse hier wie dort! Nord- und Südalbinger haben sich von jeher zu politischem, geselligem, geistigem Aristokratismus geneigt; beiden wurde infolgedessen in der Vergangenheit eine hier mehr glänzende, dort mehr verschwiegene, geschichtliche Ausnahme- und Vorzugsstellung zuteil. Es ist zu erwarten, daß wie –nach dem Obigen – Schleswig-Holstein, so auch Venedig noch eine besondere Bedeutung im innern deutschen Leben gewinnen dürfte. Nach verschiedenen Seiten zeigt Venedig als historisches Ideal dem deutschen Volke, im Spiegelbild und im kleinen Maßstäbe und in der Vergangenheit, was es in Wirklichkeit und in größerem Maßstäbe und in der Zukunft sein könnte wie sollte. Es ist früher tatsächlich die Hauptstadt des guten Geschmacks in Europa gewesen; es sollte dies geistig wieder werden. Dann würde statt der leichtfertigen Dame Paris wieder eine echte Edeldame in der europäischen Gesellschaft den Ton angeben. 3. Niederdeutsches Wo die politischen, da liegen auch die geistigen Keime eines Volkslebens: Niederdeutschland ist wie das politische, so auch das geistige Bindeglied zwischen Preußen und Deutschland. Möchte denn der niederdeutsche Charakter, welcher innere Tiefe mit äußerer Schlichtheit verbindet, recht bald sich im gesamten deutschen Leben bemerkbar machen! Der Rauch, der aus der Scholle aufsteigt, ist die Seele des Landes; zu dieser Seele muß die deutsche Bildung zurückkehren. Die im jetzigen Deutschland so mannigfaltig grassierende Bauernmalerei und Bauerndichtung entspringt dem dunklen, aber nur zu häufig in manierierter Weise sich äußernden Gefühl: daß die Nation sich von jener gesunden Grundlage ihres geistigen Daseins entfernt habe und zu ihr wieder zurückkehren müsse. Man schwärmt gegenwärtig für die Bewohner des Schwarzwalds, wie man im vorigen Jahrhundert für die von Otaheiti schwärmte; möge man auch jetzt, wie damals, schließlich den Weg von der Unnatur zur Natur zurückfinden. Es ist wahr, der fränkische Stamm z. B. hat einen Dürer, Luther, Bach, Goethe und der bayrische Stamm einen Mozart erzeugt; aber beide sind für eine Wirklichkeitskunst – für das, was man echten Realismus nennen kann – nur in beschränktem Maße eingetreten. Ihren vollen Sieg feiert jene nur in den Geistesheroen aus niederdeutschem Stamm: Shakespeare gegen Goethe! Insbesondere ist der niederdeutsche Typus Mensch dafür befähigt und berufen, eine ebenso natürliche wie edle Geselligkeit zu pflegen; kein Geringerer als eben Goethe hat das bezeugt. Er spricht ausdrücklich von der »Humanität im besten Sinne des Wortes, die sich durchaus im nördlichen Deutschland verbreitet hat« und fügt hinzu: »Eine gewisse Kultur, die vom Herzen ausgeht , ist daselbst einheimisch wie vielleicht nirgends.« Man darf sagen, daß dies vielfach noch heute wahr ist; daß hier also ein Kern und Keim für deutsches Geistesleben, für deutsches Familienleben, für deutsches Menschenleben gegeben ist! Das Kennzeichen des niederdeutschen Volkstums, das Plattdeutsche, ist eine ausgemachte Bauernsprache. Der weiche, verschmolzene »butterige« und dabei doch kräftige Charakter der Rembrandtschen Malerei stimmt durchaus mit ihr überein. Rembrandt malte plattdeutsch – wie er holländisch, d. h. ein etwas breiteres und selbstbewußteres Plattdeutsch sprach. Man kann ihn einen Dialektmaler nennen. Es ließe sich wohl auch eine Plastik denken, welche in diesem Geiste gehalten wäre; eine solche würde freilich Winckelmannschen Schönheitstheorien sehr wenig entsprechen,– sie würde jenen Bildhauern, welche noch heute auf »schöne Linien« halten, einen ähnlichen Eindruck machen, wie ihn Shakespeare auf Voltaire machte: nämlich den eines »betrunkenen Wilden«. Aber dem, der sie wagen wollte und könnte, würde sie sich gut lohnen; daß sie gerade in Holland entstehen muß, ist nicht gesagt; daß sie nur in Niederdeutschland entstehen kann, scheint sicher. Es könnte sein, daß der niederdeutsche Bauer im inneren Leben Deutschlands noch eine wichtige Rolle spielen wird; er hat lange genug geschwiegen; möglicherweise beginnt er nun zu reden, sogar im eigentlichen Sinne des Worts. Man hat sich neuerdings des Plattdeutschen vorwiegend in humoristischer Absicht als Schriftsprache bedient; indes ist eine solche Verwendung durchaus nicht erschöpfend: der traditionelle Eulenspiegel erschließt nur eine Seite, nicht den gesamten Inhalt des niederdeutschen Menschen. Es sollte eine ernsthafte, plattdeutsche Prosa geben. Fritz Reuter ist wesentlich Humorist und kann darum hier nicht in Betracht kommen; Pathos, wo er es versucht, steht ihm nicht an; eines gleichmäßigen, dauernden, getragenen Ernstes ist er seinerseits nicht fähig; wohl aber ist die plattdeutsche Sprache des Pathos fähig. Ja sie ist für diesen bestimmt. Man sagt, daß es schrecklich sei, wenn ein Mann weint; so dürfte vielleicht eine plattdeutsche Tragik jede andere überbieten; aus dem Schlichten entwickelt sich am ehesten das Grandiose. Welch eine starke und erhabene Wirkung noch jetzt dem niederdeutschen Dialekt zur Verfügung steht, weiß derjenige, welcher den Bundeseid kennt, den die Buren vor ihrem Kampfe mit den Engländern 1880 schworen: ein so ingrimmiger Ernst und eine so hochgetragene Ausdrucksweise findet sich kaum in einer Shakespeareschen Tragödie. Es ist eine echte Heldensprache; Bismarck und Moltke hätten sich, wenn sie wollten, in ihrer gemeinsamen Landessprache: auf plattdeutsch miteinander unterhalten können. Und diese Sprachbrüderschaft beider Männer ist kein zufälliges Symptom; wie aus der Mutterlauge der Kristall, so schlägt sich aus der Muttersprache der Geist nieder – und wirkt weiter. Wer plattdeutsch fühlt, der wird auch plattdeutsch schreiben können. Aber freilich müßte dies kein beliebiger Schullehrer, sondern ein plattdeutscher Chaucer oder Hebel sein; er könnte diesen reichen Sprachschatz heben. Vielleicht findet ein solcher sich mit der Zeit. Man hat neuerdings bereits angefangen, selbst in Nordamerika wieder plattdeutsch zu predigen; der Neudruck einer plattdeutschen Bibel, wie es deren früher so viele gab, geht diesen Bestrebungen fördernd zur Seite. Eine gelegentlich schon versuchte plattdeutsche Übersetzung des Homer würde, wenn von einem Meister der Übersetzungskunst ausgeführt, den treuherzigen, klaren und kräftigen Naturton des Originals unzweifelhaft gut und vielleicht besser noch als das Hochdeutsche wiedergeben; denn das ältere deutsche ist dem alten griechischen Idiom seelisch verwandt; Grundsäulen der Bildung, wie die Bibel und Homer, sollten sich ihm nicht verschließen. Aristophanes, Don Quixote, Lafontaine, Geliert, Holberg, Simplizissimus, Chaucer: kurz, alle jene Schriften, in denen eine starke Ader von Natürlichkeit schlägt, würden sich zur Übertragung ins Plattdeutsche eignen. Das älteste Literaturwerk der deutschen Sprache war eine Übersetzung, die der Bibel durch Ulfilas; die ungarische und südslawische Literatur hat sich erst in diesem Jahrhundert aus Übersetzungen und – einheimischen Volksliedern entwickelt; weshalb sollte der speziell niederdeutschen Literatur ein ähnlicher Weg versagt sein? »Eulenspiegel soll ein sehr schöner Mann gewesen sein,« heißt es in einem alten Volksbericht; er lebt jetzt nur noch als Possenfigur; sollte auch seine Sprache, soweit sie literarisch gehandhabt wird, sich nicht wieder zu schönem Ernst erheben können? Klaus Groths Versuche nach dieser Richtung hin blieben bisher vereinzelt; auch nähern sie sich oft zu sehr dem Sentimentalen; und das ist nicht niederdeutsch. Die Fülle und Biegsamkeit des plattdeutschen Dialekts befähigen ihn jedenfalls zu einer großen Entwickelung; es sind einmal plattdeutsche Opern in Hamburg aufgeführt worden; warum sollte es nicht wieder so kommen? Wie Holland und Hamburg – als Häupter des weiteren und engeren Niederdeutschlands – so hat auch das alte Venedig sich stets seinen Volksdialekt gewahrt. Die dortigen Senatsverhandlungen, die öffentlichen Beschlüsse, die Gesandtschaftsberichte sind in demselben gehalten: das sog. Schriftitalienisch wurde dabei nicht berücksichtigt. Man begnügte sich mit einem Plattitalienisch. Und das ist tief bedeutsam; man sprach »wie einem der Schnabel gewachsen war«; man sprach individuell. Und sogar das Schriftitalienisch ist auf eine ähnliche Weise entstanden. Der toskanische Vulgärdialekt wurde vor Dante ebenso verachtet und für unliterarisch gehalten, wie jetzt der niederdeutsche; die göttliche Komödie machte ihn für die Weltliteratur hoffähig. »Er schrieb nicht wie er sollte«, urteilten damalige gelehrte Zeitgenossen über Dante; die Nachwelt hat anders geurteilt. Volk und Gelehrte messen recht oft mit verschiedenem Maß. Noch im vorigen Jahrhundert hat ein Dichter von erstem Range das gleiche Beispiel gegeben, wie Dante, nämlich Robert Burns. Luther und Lessing, Shakespeare und Moliere, Dante und Cervantes wirkten dadurch, daß sie zur Natürlichkeit und zu volkstümlicher Gesinnung zurückkehrten. Nur auf solcher Folie kann sich ein neuer und großer Zug der Literatur entfalten. »Zu Hamburg erst habe ich den Reichtum der deutschen Sprache kennen gelernt,« bezeugt Lessing; dieser Reichtum geht zweifellos auf die nahen Beziehungen der dortigen Sprechweise zum Plattdeutschen zurück. Hamburg und Amsterdam sehen einander wie äußerlich so auch innerlich ähnlich; man sollte daher denken, daß auf dem verwandten Boden, wenn auch nicht gerade ein Rembrandt, so doch ihm verwandte Kunstbestrebungen aufwachsen könnten; die Plattdeutschen sollten sich nur künstlerisch entdecken; wer weiß, was daraus folgte! Der Reichstagsabgeordnete Reinhold hat in einer Reihe von öffentlichen Aufsätzen die künstlerischen Aufgaben und Ziele erörtert, welche sich nunmehr der Stadt Berlin, nachdem sie Reichshauptstadt geworden, aufdrängen müßten; und er hat dabei speziell auf Hamburg als ein nachahmenswertes Beispiel hingewiesen. Geheime Bauräte gibt es in Hamburg nicht: wohl aber öffentliche Bauwerke – die rein praktisch gemeint und doch schön sind. Der Niederdeutsche bewahrt sich eben, trotz seines Weitblicks, gern den Sinn für das Natürliche; dadurch konnte Hamburg die stehende Schule des guten deutschen Schauspiels werden. Es scheint nicht unmöglich, daß es auf dem Gebiet der bildenden Kunst zu einer ähnlichen Rolle berufen oder doch befähigt ist. Innere Vornehmheit und Schwung der Gesinnung müssen freilich hinzukommen, wenn etwas erreicht werden soll. Die Natürlichkeit allein tut's nicht; denn »man muß ein ehrlicher Mann sein, aber man ist verdammt wenig, wenn man nichts ist als ein ehrlicher Mann«, sagt Lessing. Es wäre nicht das erste Mal, daß Hamburg im deutschen Geistesleben Epoche macht; schon einmal ist letzteres, durch Klopstock und Lessing, von dieser Stadt aus befruchtet worden; schon einmal hat man hier einen Rückweg zu Natur und Wahrheit gefunden. Eine Stadt wie ein Staat kann nichts besseres tun, als seinen ehrenvollsten Traditionen treu bleiben: das ist Konservativismus, wie er sein soll; und zugleich Liberalismus, wie er sein soll. – Als die zwei ergänzenden Seiten niederdeutschen Lebens und Dichtens, Singens und Sagens stehen sich der höfische Reinecke und der derbe Eulenspiegel, der Adelsdichter Shakespeare und der Volksdichter Chaucer gegenüber. Bei Chaucer tritt der Vornehme, bei Shakespeare der Volksmann nur ausnahmsweise und künstlerisch untergeordnet auf. Jede dieser beiden Strömungen bedingt die andere: die erste ist mehr in der Hütte, die zweite mehr im Paläste zu treffen; eigentlich sowohl wie uneigentlich genommen. Die stets wiederkehrende Entsprechung zwischen dem aristokratischen und dem demokratischen Element im Niederdeutschen hat sich auch ganz äußerlich und doch wieder innerlich im Volksleben kundgegeben. In Nordamerika, wo der Massengeist des niederdeutschen Stammes zu seinem relativ stärksten Ausdruck gelangt ist, pflegt gewöhnlich bei Präsidentschaftswahlen a dark horse , d. h. ein völlig unbekannter Mann oder eine bloße Nummer aus der Menge den Sieg davonzutragen; im skandinavischen Norden, wo die aristokratischen Geister des germanischen Stammes, wo die Hamlets und Svedenborgs zu Hause sind, spielt das auch aus Ibsens Dichtungen bekannte »weiße Pferd« – hvide hesten – die visionäre und für das Innenleben bedeutsame, ja oft verhängnisvolle Einzelerscheinung, in der Volkssage eine hervorragende Rolle. Beide Anschauungsweisen knüpfen gleichmäßig an das urgermanische Symbol, an das Schildzeichen der alten Sachsen, welches noch heute auf den Dächern niedersächsischer Bauernhöfe und im Wappen des niedersächsischen Landes Braunschweig zu finden ist: an das springende Pferd an. Niederdeutsche Kraft und »Pferdekraft« hat England wie Nordamerika besiedelt; möge sie nun auch auf edlerem Gebiete sich betätigen, und im Zeichen des Sachsenpferdes und seiner Kraft eine neue schöpferische Periode für das Geistesleben der Deutschen beginnen! Die demokratische Bewegung der Neuzeit hat mit dem amerikanischen Befreiungskampfe des vorletzten Jahrhunderts begonnen und nachträglich auch auf Deutschland ihre Schatten geworfen. Wer weiß, ob nicht einmal umgekehrt etwas aristokratisches Licht von Deutschland auf Amerika zurückfällt; es gibt und gab erfahrene transozeanische Politiker, welche dergleichen für möglich halten. Jedenfalls darf »das dunkle Pferd«, der demokratische Geist in Deutschland nicht zum maßgebenden Faktor des nationalen Lebens werden; hier ist »das weiße Pferd«, der vornehme menschliche Einzeltypus politisch wie geistig am Platze. Zwischen beiden Anschauungen liegt mehr als ein Ozean. Der Niederdeutsche neigt zur Synthese, zum Zusammenschluß. Politisch hat er das in den verschiedensten Teilen seines Gebietes und mit dem glänzendsten Erfolge betätigt: die »vereinigten« Niederlande, das »vereinigte« Königreich von Großbritannien, die »vereinigten« Staaten von Nordamerika, die »vereinigten« Königreiche Schweden und Norwegen, das »ungeteilte« Schleswig-Holstein, der seinerzeitige deutsche National»verein«, und das wesentlich auf niederdeutschem Boden emporgewachsene und von niederdeutschen Männern formulierte »verbündete« Deutsche Reich von heute beweisen es. Jenen Beruf zur Synthese kann und wird der Niederdeutsche auch auf geistigem Gebiete betätigen; er scheint daher besonders geeignet, den bisher vorherrschenden Zersetzungstendenzen innerhalb der deutschen Bildung ein Halt zuzurufen: Zusammenschluß, auf geistigem Gebiet, ist Aufbau. Körperpflege und Volksgesundheit Auch der Körper will sein Recht; dieser wichtige Faktor deutscher Bildung darf nicht vergessen werden. Wie sehr von gesundem »Blut« die gesunde Sittlichkeit abhängt, weiß jeder Menschenkundige; die Naturwissenschaft hat die Lehre von der Erbsünde längst bestätigt; aber die Sozialwissenschaft hat die sich daraus ergebenden Folgerungen noch nicht hinreichend gezogen. Tief bedeutsam ist es, daß Christus seinerzeit nicht nur ein geistiger, sondern auch ein körperlicher Heiland war; mens sana in corpore sano ; körperliche Gebrechen schließen noch jetzt vom geistlichen Stande aus. Andererseits ist es das Gute am preußischen wie an allen Militärstaaten, daß der Körper in ihnen auch etwas gilt, während er im heutigen deutschen Gelehrtenstande häufig an seinen Rechten verkürzt wird. Bismarck und Mommsen z. B. sind nicht nur geistige, sondern auch körperliche Antipoden. Es ist charakteristisch, daß der letztere einmal vorgeschlagen hat: Denkmäler für geistig bedeutende Männer »nur in Büstenform« zu errichten; der Körper soll eskamotiert werden, er wird nicht mehr zur Persönlichkeit gerechnet; freilich mitunter aus persönlichen Gründen. Da dachten die Griechen anders und auch manche Moderne. Montaigue hat die anscheinend widersinnige, aber wirklich tiefsinnige Bemerkung gemacht, daß hochgewachsene Leute vorzugsweise hochherzig seien. Es ist dies eine Art von Weisheit des Leibes, welche man vielleicht noch nicht genug gewürdigt hat. Die Landsleute Bismarcks und Moltkes dürfen mit ihr zufrieden sein; und es ist schön, das Physische dem Geistigen so gleichgeordnet zu sehen. Die Harmonie der Welt ist größer, als man denkt. Daß der körperliche Idealismus im Leben eines Volkes keinen unwesentlichen Faktor darstellt, weiß jeder Geschichtskenner; das stetig heruntergehende Rekrutenmaß in dem heutigen Frankreich liefert den Beweis aus dem Gegenteil. »Vereine für Körperpflege« hat es auch in dem neuesten Deutschland gegeben; aber man hat sie wieder fallen lassen; auch hierin wird der deutsche Mensch sich neuzubilden haben. »Vor allem ist mir zuwider das ägyptische Hinbrüten , welches ich doch überall bei den Deutschen finde. Solange sie nicht eine breite Brust, helle Augen und elastische Glieder bekommen, solange sie nicht hellenisches Leben erhalten, werden sie auch nicht frei werden, keine Helden und Herolde des warmblütigen Lebens«, sagt Julius Mosen, dieser echte Volksmann und Volksdichter. Die Forderung gebiert die Erfüllung; und die Erfüllung gebiert neue Forderung. Möge es auch hinsichtlich des deutschen körperlichen Lebens sich so verhalten. Das reine Wissen erschlafft durchweg den Menschen. Eine bekannte antike Porträtstatue, der sog. Aristoteles Spada ist hiefür sehr illustrativ; man hat neuerdings die Richtigkeit ihrer Benennung angezweifelt; jedenfalls stellt sie einen musterhaften Alexandriner dar. Sie gibt so recht ein Bild des grübelnden, unfrohen, sich selbst und die Welt zerfasernden Forschers. Ihm fehlt die geistige wie die körperliche Frische. Die schönste aller griechischen Porträtstatuen dagegen, die des sog. Sophokles vom Lateran, stellt in ihrer so äußerlich wie innerlich vollen, runden, geschlossenen Erscheinung ein Urbild echtester und gesundester Menschlichkeit dar; diese Gestalt erhebt, jene bedrückt den natürlich fühlenden Beschauer. Die letzten hundert Jahre deutscher Geistesentwickelung haben ähnliche Gegensätze gezeitigt; es ist ein weiter Abstand von den offenen und lebensvollen Zügen eines Lessing, Goethe oder selbst minder bedeutender damaliger Geistesgrößen bis zu dem doktrinär bebrillten Gesicht eines Virchow oder den kritisch zersetzten Zügen eines Mommsen. Gesichtsforschung gehört auch zur Geschichtsforschung. Der Mensch ist so wie er aussieht; sein und aussehen aber soll er menschlich. Nach den gleichen Gesetzen, nach welchen der menschliche Körper aufgebaut ist, bewegt er sich; und seine Bewegungen sind als eine flüssige Architektur zu bezeichnen; sie kann und muß auch ihren Stil haben. An diesem nimmt die Umhüllung des Körpers teil. Die moderne Kultur ist, wie die moderne Kleidung, nur eine Vermummung; es wäre gut, wenn beide sich dem natürlichen Wuchs des deutschen Menschen wieder mehr anpassen wollen. Vielleicht wird dann mit dem Körper des Deutschen auch seine Tracht wieder zu ihrem alten Rechte gelangen – nämlich zur Buntfarbigkeit; auch in dieser Rücksicht ist das Natürliche so selten geworden, daß man es für unnatürlich hält. Bisher wird unter den Deutschen die Farbe im wesentlichen nur von den Kriegern, Künstlern und – Bauern vertreten. Bei den ersteren, vermittelst ihrer Uniform, in Wirklichkeit; bei den zweiten, durch ihre Werke, in der Phantasie; bei den dritten, durch die noch erhaltenen Lokaltrachten, als phantasievolles Eingehen auf die wirkliche Umgebung. Auch der deutsche Student bekennt teilweise noch »Farbe«. Man möchte wünschen, daß von ihm aus sich etwas »farbige« Gesinnung auch auf diejenigen deutschen Volksschichten verbreitete, die ihrer noch entbehren – die im grauen Philistertum dahinleben. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, in der sich der Deutsche mit bedauernder Verwunderung an diejenige Periode seiner Geschichte erinnert, wo er um seine verlorene politische und geistige Freiheit in dunklen Kleidern trauerte. Eine Hasenfellmütze ist sehr hübsch; aber man hält es jetzt nicht für »gebildet«, sie zu tragen; statt dessen verhunzt man den schönen Schmuck der Natur zu farb- und formlosen Zylinderhüten: hier hat man ein Symbol der heutigen deutschen Bildung. Also zurück zum Hasenfell! Letzteres ist nach Form und Farbe wie nach seiner hier einschlägigen inneren Bedeutung ein echt Rembrandtscher Vorwurf; es ist natürlich, künstlerisch, aristokratisch; der Zylinderhut ist unnatürlich, unkünstlerisch, ordinär. Er ist eine Kellner- und Bediententracht und birgt nur zu oft eine Kellner- und Bedientengesinnung. Deutsche sollen Männer sein. Epigonengesinnung ist immer Bedientengesinnung – gegenüber der Weltgeschichte; sie beweist einen Mangel an moralischem Mut; gerade wie jede Art von Weltschmerz ihn beweist. Körperliche, soziale und sittliche Schwäche hängen, in bezug auf die Gesamtmasse eines Volks, nahe zusammen. Bei einer Rückkehr zu wirklich gesunden Verhältnissen des inneren wie äußeren Lebens verschwinden solche pessimistischen Gespenster ohne weiteres. Hüstelnde Bureaukraten können die Welt nicht regieren. In Holland, England, Nordamerika gelten diese auch nichts; in Deutschland immerhin noch etwas. Es sollte sich in dieser Hinsicht seine nordwestlichen Nachbarn zum Muster nehmen. Stellt man z. B. den heutigen deutschen Durchschnittsgelehrten neben den heutigen gebildeten Durchschnittsengländer, so fällt der Vergleich sehr zuungunsten des ersteren aus: dort mehr Wissen und Willensschwäche, hier mehr Können und Willensstärke; dieser gleicht einer Gans mit künstlich vergrößerter Leber, jener aber der Möwe, die kühn und frei ihre Kreise zieht – vor einem weltweiten Horizont. Die See befreit nicht nur den Geist und Charakter, sondern auch den Körper. Etwas von dem antiken hellenischen Leben besitzen die jetzigen Engländer in ihrer Sportliebhaberei; sie sind besser geschult als die jetzigen Deutschen. Besonders sollten die letzteren darauf sehen, ihren Körper nicht durch Biertrinken allzu sehr aufzuschwemmen; die zahllosen Wirtshäuser könnten sonst für die Volksgesundheit leicht das bedeuten, was Bazillenherde für die Gesundheit des einzelnen sind; schon einmal, in der Zeit unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Kriege, haben die Deutschen ihren Geist und ihren Körper in vielem Biere erstickt. »Soll ich einen Schwamm heiraten?« frug Porzia die Nerissa, als diese ihr vorschlug, einen Deutschen zu heiraten. Ein wenig hiervon dürften sich auch die deutschen Studenten gesagt sein lassen; eine Reform ihres körperlichen Lebens, nach der Seite des englischen Sportes hin, würde ihnen sehr wohltun; und ebenso den übrigen erwachsenen Deutschen. Wenn es statt der 50 000 Schenklokale, die es im jetzigen Preußen gibt, dort 50 000 öffentliche Badeanstalten gäbe, so würde es um die physische, geistige und sogar sittliche Gesundheit seiner gesamten Staatsangehörigen besser stehen als jetzt. Denn körperliche und sittliche Reinlichkeit fordern sich gegenseitig. Es würde wahrscheinlich weniger Sozialdemokraten in Deutschland geben, wenn es dort mehr Bäder gebe. In der Vorsorge für sie würde der Staat zugleich panem und circenses bieten; ein Bad ist ein Genuß und eine Kur; ja man kann fast sagen, ein Nahrungsmittel. Es wäre zu wünschen, daß solche und ähnliche Bedürfnisse von einem deutschen »Wohlfahrtsausschuß« gefördert würden, der wie einst der französische gegen die Aristokratie, so nun für das Volk und damit indirekt auch für eine richtig verstandene Aristokratie wirken würde. Die Volksgesundheit im großen kann nicht genug gepflegt werden. Man hat die moderne Zeit treffend eine »Barbarei bei Gasbeleuchtung« genannt; sie ist brutal und wissenschaftlich zugleich: beides läßt sich recht wohl vereinigen; beides führt zur seelischen wie körperlichen Verkümmerung. Es ist ein Zeichen barbarischer Zeiten, wenn Kraft nicht mehr ohne Brutalität gedacht werden kann. Aber selbst die Brutalität erschöpft sich einmal; auch hier ist dem Deutschen das »schöne griechische Maß« zu empfehlen. Mit der körperlichen und geistigen Gesundheit würde dem deutschen Volke auch die Ruhe wiederkehren; sie ist eine griechische und eine aristokratische Eigenschaft; sie sollte eine deutsche Eigenschaft sein. Jugenderziehung Diejenige Erziehung, die ein Volk bewußt oder unbewußt durch seine edelsten Männer erfährt, ist die beste Volkserziehung. Und selbst ungünstige Umstände können hierbei zum Vorteil dienen. Was schon gebildet ist, kann nicht mehr gebildet werden, gibt also keinen Anlaß mehr zu lebendiger Schaffenstätigkeit; insofern ist die innere Unbildung, welche sich unter dem äußeren Scheine von Bildung im heutigen Deutschland vielfach verbirgt, sogar als ein Glück zu betrachten: dieser rohe Boden harrt der Bearbeitung, bedarf der Bearbeitung, dankt die Bearbeitung. »Besen werden immer stumpf gekehrt und Jungen immer geboren,« lautet ein Goethescher Orakelspruch; die Besen der heutigen deutschen Volkserzieher sind schon recht stumpf gekehrt; es wird bald von ihnen heißen: »Besen Besen, sei's gewesen« und neue »Jungen« werden die neue Zeit erleben. Auch Erziehungssünden, im einzelnen wie im ganzen, können getilgt, gebüßt, gehoben werden. Manche verstohlene Träne, die ein blondhaariges Kind sich heimlich aus den Augen wischt, dürfte noch einmal den erziehungswütigen Pedanten von heute schwerer aufs Gewissen fallen, als sie denken. Man wird seinen ärgsten Feind segnen, wenn er ein Kind im Arme hält und man wird seinem besten Freunde fluchen, wenn er ein Kind morden will. Hierdurch ist die Stellungnahme jedes echten Deutschen zur heutigen Erziehungsfrage geregelt: er wird in seinen Kindern die Zukunft seines Volkes zu verteidigen haben; er wird nicht dulden dürfen, daß sie dem Moloch einer falschen Bildung zum Opfer gebracht werden . Er darf sie nicht verkrüppeln, verbilden, quälen lassen. Deutsche Kinder sieht man jetzt, auf ihrem Schulwege, ganze Bibliotheken unterm Arme tragen; hier kann man buchstäblich sagen: qui trop embrasse, mal étreint . Wirklich ist nirgends so, wie in Deutschland, von jeher die jugendliche menschliche Seele mißhandelt worden. Die Zeit eines entarteten Scholastizismus, die Zeit des Pennalismus, die Gegenwart beweisen es; wann werden die deutschen Erzieher endlich mündig werden? Wann werden sie einmal anfangen, den Körper und die Seele ihrer Zöglinge zu bilden? Einige Turnstunden wöchentlich besagen für den jugendlichen Körper nichts; einige patriotische oder salbungsvolle Redensarten täglich besagen für die jugendliche Seele nichts: beide wollen frei und männlich, wollen adelig erzogen sein. Ein Grundschaden des heutigen deutschen höheren Schulunterrichts besteht darin: daß der Lehrer seine Schüler nehmen muß, wie sie kommen; daß er sie sich nicht auswählen kann; daß also zwischen beiden nur in den seltensten Fällen ein dauerndes und intimes, d. h. individuelles Verhältnis möglich wird. Der Lehrer sollte Künstler sein und ist – Fabrikant. Weit besser als die heutige Gymnasialerziehung war die mittelalterliche Pagenerziehung; es wäre zu wünschen, daß sie in moderner Form wiederauflebte; daß man auch hier wieder zum Prinzip der Persönlichkeit zurückkehrte. Durchführbar ist dieses freilich nur für eine edle Minderheit der Nation. Aber damit würde das Prinzip der allgemeinen Dressur durchbrochen; ebendarauf kommt es jetzt an. Und was von der allgemeinen, gilt auch von der Künstlererziehung; jeder tüchtige Künstler von heute weiß, daß die einstmalige Sitte der Künstler, bei einem bestimmten Meister in die Lehre zu treten, der heutigen Dressur durch die Kunstakademien weit vorzuziehen ist; daß letztere ihren jugendlichen Zöglingen das Genie auszutreiben pflegen, wie und wo sie nur können; daß sie oft geistiges Eunuchentum fördern. Der Staat bezahlt häufig genug die Kunstakademien, damit sie die Kunst ruinieren. Der überwiegend geist- und seelenlose Charakter der heutigen deutschen Kunst, sowie die starke »Konkurrenz« auf dem Kunstmarkte rührt ganz besonders von jenen Verhältnissen her; man erzieht nicht nur ein materielles, sondern auch ein geistiges Künstlerproletariat. Kurz, mit der heutigen deutschen Jugenderziehung verhält es sich wie mit Rolands Stute; sie hatte alle denkbaren Vorzüge, die ein Pferd haben konnte – und nur den einen Fehler, daß sie tot war. Mehr als irgendwo gilt hier das men, not measures. Einer Reform der deutschen Jugenderziehung muß dieser Satz zugrunde gelegt werden; ohne ihn wird man zu nichts kommen. Wie sehr es im heutigen deutschen Schulwesen an »Männern« fehlt, hat seinerzeit die auf kaiserliche Order berufene Schulkonferenz gezeigt. Man ruft nicht umsonst nach Schulreform. Der überkritische Philologe von heute zeigt sich auch ihr gegenüber oft als unkritisch; zumal bezüglich der sogenannten klassischen Bildungselemente; man scheidet die griechischen nicht genug von den römischen. Eine Kunst der Römer hat es nie gegeben; der überwiegend alexandrinische Ursprung ihres Baustils ist neuerdings erwiesen worden; der geistige Wert ihrer Literatur aber ist, gegenüber demjenigen der griechischen und deutschen, ein verschwindender. An den deutschen Gymnasien sollte das römische Bildungselement gegenüber dem griechischen, d. h. der Buchstabe gegen den Geist zurücktreten . Wird daneben vorwiegend Deutsch, Geschichte, Mathematik getrieben, so läßt ein im wesentlichen auf diese vier Unterrichtsfächer gestützter Lehrplan die günstigsten Erfolge hoffen. Körperliche Spiele, nach englischer Art, und obligatorische öftere Bäder müßten hinzukommen; aller andere Ballast aber sollte einfach weggeworfen werden. Ohne einen kräftigen Schnitt geht es hier einmal nicht ab. Die religiöse und sittliche Anleitung dagegen wäre mit allen Unterrichtsfächern gleichmäßig zu verbinden. Endlich müßte die Schülerzahl auf eine Minorität wirklich begabter Kinder von einheimischer Abstammung beschränkt werden; nur so kann der Unterricht den Lehrern zur Freude und den Lernenden zum Nutzen gereichen. Das überschüssige Schülermaterial wäre etwa an eine Einheitsschule, neben und unterhalb welcher die Volksschule ruhig weiterbestehen könnte, abzugeben; und erstere würde, wie das Gymnasium, in ihren höheren Klassen die Berechtigung zum Einjährigendienst verleihen. Das Gymnasium wird dadurch wieder zu dem gemacht, was es ursprünglich in Deutschland war, eine Minoritätsschule. Ihr und nur ihr läßt sich ein individueller Charakter aufprägen. Sie kann die Geburtsstätte von Männern sein, welche charaktervoll Geschichte machen und charaktervoll Geschichte schreiben. Volksseele und Herzensbildung Eine Bildung, die keinerlei Herzenstöne anschlägt, ist tot. Daß diese Töne in der landläufigen deutschen Bildung so gut wie ganz fehlen, weiß jedermann; und jedermann kann die entsprechenden Folgerungen daraus ziehen. Der Mensch bedarf der Wissenschaft, wie des täglichen Brotes; aber er lebt nicht von Brot allein; und wenn es die Bäcker hundertmal predigen. Es steht anders – und besser. Die Kinder, das Volk, die Griechen sind drei verjüngende Quellen, aus welchen die deutsche Bildung schöpfen darf und soll. Wo findet man die Griechen? In ihren Werken. Wo findet man das Volk? In seinen Liedern. Wo findet man die Kinder? Überall. Nur aus dem Mutterschutz des allgemein Menschlichen kann das Kind mit den hellen Augen, die neue deutsche Bildung, geboren werden. Die gedachten wie gelebten, die poetischen wie historischen Ideale eines Volkes entwachsen einem gemeinsamen Boden: der Volksseele. Solange der eingeborene Erdcharakter des deutschen Volkes gepflegt und erhalten wird, wird auch dieses selbst gedeihen. Übelstände vermögen ihm wohl zu schaden, aber nicht es zu vernichten. Wie sich in einem gesunden Körper von einem Punkt aus Fäulnis, so kann sich auch in einem kranken Körper von einem Punkt aus Gesundheit verbreiten; es kommt nur darauf an, ob die regenerative und rekreative Kraft dazu noch vorhanden ist; und diese fehlt dem deutschen Volkskörper nicht. Rembrandt ist ein solcher gesundheitverbreitender Punkt; die heilende Kraft der Scholle spricht aus ihm; sie ist selbst einem »Ozean von Erbärmlichkeit« gewachsen. Bauernseele ist Volksseele. Der Mensch, in seiner urtümlichsten Lebensform, ist Bauer; je befreundeter die Kultur des Geistes und des Bodens einander bleiben, desto besser ist es für beide; Land und Leute, Leib und Seele gehören zusammen. Die Rückkehr zu einem gesunden Individualismus steht dem Deutschen immer frei, mögen die Zeiten sonst sein, wie sie wollen; und den Weg zu ihm wird er finden, wann und wo er sich von der Erde – der ihm angeborenen Eigenart, zum Himmel – dem Reich höchster Ideale emporwendet. Schlägt die heutige Bildung ernstlich diese Richtung auf Rembrandt hin ein, so wird sie sich bald mit dem Volksgeist, der stets dem Erdgeist verwandt erscheint, wieder in Übereinstimmung befinden; sie wird zu alten und fälschlicherweise verachteten Vorstellungen zurückkehren. Sie wird finden, daß diese nicht verachtet, sondern geschätzt werden müssen. Man hat oft genug geleugnet, daß es einen persönlichen Teufel und einen persönlichen Gott gebe; aber wenn das Persönliche, das Individuelle in allem Welt- und Geistesleben die höchste Kraft ist – wie sie es tatsächlich ist –, so müssen auch umgekehrt die höchsten Potenzen innerhalb dieses Gebietes selbst sich dem klaren und wahrheitliebenden Blick zu bestimmten Persönlichkeiten verdichten. Die Proteste der Halbbildung hiergegen besagen nichts; »den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie am Kragen hätte«. Es kommt viel weniger darauf an, die »konventionellen Lügen«, als die ewigen Wahrheiten der Kulturmenschheit zu betonen. Die Kontinuität des Volkslebens zu wahren, darauf kommt alles an. Alte Volksrechte aus der Erde zu graben, ist eine Hauptaufgabe der Gegenwart; und eines der ersten und wichtigsten Grundrechte des deutschen Volkes ist das Recht auf eine durch und durch einheimische Kunst, auf ein durch und durch einheimisches Geistesleben. Dabei hat das, was innerlich ersten Ranges ist, auch äußerlich den Ton anzugeben: das deutsche Herz! Nur eine Bildung und eine Kunst, welche das deutsche Herz als wahrhafte Autorität anerkennt, kann dem inneren Leben der Deutschen eine glückliche Zukunft verbürgen. Auf diesen Punkt gilt es, den Kurs des Schiffes zu lenken; dann wird es an allen Klippen vorbeikommen; auch an der Klippe jenes kühlen Geistes eines Friedrich II. und Lessing, welcher wohl in der Politik, aber nicht im Geistesleben dauernd herrschen soll. Der Geist der deutschen Bildung kann erst wieder lebendig werden, wenn er wieder deutsches Blut in sich aufnimmt. Ein Gehirn, das blutleer ist, vermag nicht zu denken; eine Philosophie, die nicht volkstümlich ist, beraubt sich eines großen Teiles ihrer Wirkung; die edelsten und tiefsten und dunkelsten Instinkte der Volksseele sollen durch jede Art von Geistestätigkeit hindurchschimmern, wie das Blut durch die Haut. Ein Denkerantlitz, dem der rosige Anhauch von Mystik fehlt, ist nicht gesund. Von Bauern und Königen wurde der neugeborene Heiland der Welt Zuerst verehrt; »Bauern und Könige«, im wörtlichen wie geistigen Sinne, werden auch der wiedergeborenen deutschen Bildung zur Seite stehen müssen, wenn sie gedeihen soll. Vielleicht entschließen sich noch die Weisheitssucher von heute, einem solchen Zeichen zu folgen und ihre Knie vor dem zu beugen, was besser ist als sie: vor dem Heil, das aus der Niedrigkeit kommt! Die deutsche Bildung, welche so lange zum Abstrakten und Glänzenden hinaufgegangen ist, muß nunmehr wieder zum Schlichten und Konkreten heruntergehen; sonst könnte sie sich, gleich einer zu hoch gespannten Stimme, überschlagen. Je niedriger der Deutsche seinen Standpunkt nimmt, um zu den höchsten Zielen zu gelangen, um so weiter wird er es bringen: Mit der durchmessenen Distanz des inneren Aufschwungs wächst die entsprechende geistige und sittliche Leistungsfähigkeit. Nicht umsonst hat Goethe betont, daß er es sich zur Aufgabe gemacht habe, die tiefsten Sachen stets in der einfachsten Form zu sagen; dadurch hat er sich die Herzen der Deutschen gewonnen. Er dichtete, dachte, redete, baute von unten herauf. Diese Art von Entwickelung ist eine ganz besonders deutsche; sogar im reinsten Wortsinn; denn deutsch, thiutisco , heißt ursprünglich »volkstümlich«: sein Name schon ruft dem Deutschen zu, volkstümlich zu sein. Diese urdeutsche Volkstümlichkeit entspricht durchaus dem urdeutschen Aristokratismus. Das größte Problem der Gegenwart ist: den so gewaltig klaffenden Riß zwischen Gebildeten und Ungebildeten zu überbrücken; vermittels der bisher so beliebten Halbbildung läßt es sich aber nicht lösen. Nicht von oben aus rekonstruiert man Häuser und Nationen; nur wenn der Volksboden seine schöpferischen Tiefen auftut, kann neues geistiges Leben in Deutschland erblühen. Die jetzige deutsche Gelehrtenbildung muß zu einer künftigen deutschen Volksbildung werden; nicht nur Goethe, sondern auch andere Dichter haben das vorausgesehen und sich im voraus zu dieser Entwickelung bekannt. »Ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk,« sagt Heine; und eben diesen Standpunkt vertrat politisch ein Bismarck, als er erklärte: »Die Regierung ist auch Volk.« Die Begriffe Staat und Volk, Volk und Gebildete sollen nicht zu künstlichen Gegensätzen verschärft, sondern zu natürlicher Harmonie ausgeglichen werden. Darin gipfelt alle Einzel- wie Volkserziehung: nicht zu entzweien, sondern zu versöhnen: das Unten und Oben, das Außen und Innen des Menschenlebens zur Einheit zusammenzufassen! Vor diesem Ziele verschwinden alle Berufs- und Standesunterschiede: nur Menschen begegnen den Menschen; hoch und nieder reichen sich die Hände. V. Deutsche Menschheit Menschentum und Kunst So hoch man die Kunst auch stellen mag, man darf nie vergessen, daß sie nur Mittel, nicht Zweck ist; Zweck bleibt das, im besten Sinne, menschliche Dasein selbst. »Ich will nicht wegen meiner Schriften, sondern um meiner selbst willen geschätzt sein,« sagte Montaigne. Hier ist der Punkt, wo die der Praxis des Lebens scheinbar fernstehenden, künstlerischen Interessen sich aufs direkteste mit ihr berühren. Rafael und Mozart würden Menschen ersten Ranges sein, wenn auch jener nie einen Pinsel berührt und dieser nie eine Note geschrieben hätte: denn die Gesinnung macht den Menschen; und der Mensch macht den Künstler. Nicht weniger wie die Vorzüge beruhen hierauf die Fehler des Künstlers, des politischen sowohl wie des bildenden, des handelnden sowohl wie des anschauenden. Es ist so bekannt wie bezeichnend, daß Bismarck in der Politik von jeher rein persönlichen Einflüssen das allergrößte Gewicht beigelegt hat; der erfahrenste Praktiker begegnet sich darin mit dem edelsten Theoretiker, die deutsche Politik mit der deutschen Dichtung. Schiller weiß von der griechischen Kunst nichts besseres zu sagen, als: »Der Hauptwert der griechischen Kunstwerke besteht darin, daß sie uns lehren, es habe einmal Menschen gegeben, die solche Dinge schaffen konnten.« Die ganze Pracht des griechischen Olymp, der ja auch nur ein Erzeugnis poetischer und kunsttätiger Volkskraft ist, erscheint untergeordnet, ja fast dekorativ gegenüber dieser konstruktiven Volkskraft selbst! Die Terrakotten von Tanagra, welche nicht mehr bezwecken und erreichen als einfache Wiedergabe des altgriechischen Lebens – man könnte sie als antike und plastische Photographien bezeichnen – übertreffen in einer Hinsicht sogar die Werke des Phidias: weil sie die ganze Zartheit, Schärfe und Tiefe des griechischen Volkscharakters uns getreu wie ein Spiegel vor Augen bringen; weil sie von und im Volksgeiste geschaffen und eben darum keine Photographien von moderner Art sind; weil sie aus erster Hand schöpfen da, wo selbst der größte Künstler aus zweiter Hand schöpft; weil sie uns ohne alle individuelle Zutat nichts geben, als den griechischen Menschen. Man kann diese Kunstwerke den Volksliedern vergleichen: Dialektdichtung, wo sie wahr und tief auftritt, ist in gewisser Hinsicht der Kunstdichtung immer überlegen; denn sie steht dem Herzen des Volkes um eine Stufe näher als diese. Für prosaische Schriftwerke gilt sogar das gleiche. Ein persönlich unbedeutender Schriftsteller, wie Plutarch, überliefert Züge des griechischen Charakters, welche an Größe und greifbarer Anschaulichkeit selbst von den Schilderungen eines Homer nicht erreicht werden. Ebenso verhält es sich im jetzigen deutschen Norden. Das neueröffnete Reichsmuseum zu Amsterdam z. B. birgt, neben den höchsten Meisterwerten Rembrandts, eine Menge von einzelnen wie Gruppenporträts aus älterer holländischer Zeit, welche einer jeden höheren künstlerischen Bedeutung entbehren; aber welche soviel echtes Volkstum und echte Männlichkeit atmen, daß sie nicht nur zeitlich, sondern auch geistig, nicht nur künstlerisch, sondern auch menschlich als die notwendigen und nach einer gewissen Seite hin selbst überlegenen Vorgänger oder Ergänzungen jener späteren Hochblüte gelten müssen. Diese Bilder führen, wie eine geologische Karte, früh vergangene Schichten des deutschen Volks- wie Geisteslebens vor Augen; und es ist viel goldhaltiges Gestein darunter. Sie geben die holländischen Menschen, ausschließlich wie sie waren, noch nicht durch das Medium einer großen Künstlerseele gesehen; und es sind Leute wie von Eichenholz. In Griechenland wie in Holland ist es der Volksboden, die Volkskunst, aus der die höhere Kunst emporwächst. Volkskunst aber kann nur dort gedeihen, wo das Volksleben durch und durch gesund ist; wo es sich echt menschlich entwickelt. Daher wird es erst wieder eine deutsche Kunst geben, wenn es wieder deutsche Menschen geben wird – im griechischen und holländischen Sinne. Wie selten ein wirklich menschliches Dasein nach höheren Anforderungen gemessen im jetzigen Deutschland ist, weiß jedermann. »Vergönne man doch auch einmal einem Deutschen, daß er lebe , was heutzutage so selten der Fall ist«, schrieb einst Knebel von sich; und in diesem Sinne »leben« gegenwärtig doch wohl weit weniger Deutsche als vor hundert Jahren. Es handelt sich demnach darum, die Bedingungen zu solchem »Leben« für die Deutschen nach Möglichkeit wiederherzustellen. Menschentum und Volkstum Der Weg des modernen Menschen geht von der Zweiheit zur Einheit, von der Spaltung zum Zusammenschluß, vom Spezialisten zum – Menschen. Dieser ist das alte und doch so neue Endergebnis aller Bildung; auf ihn hat alle Erziehung hinzuwirken; ihn hat sie zu schaffen. Die moderne Menschheit, welche sich nach zwei Seiten hin spaltet: in Geschäftsgeist und Gelehrsamkeit, Unbildung und Überbildung, falsche Sentimentalität und falsche Geistigkeit – sie macht einem natürlich empfindenden Menschen, in dem jetzigen Zeitalter der Museen, nur allzusehr den Eindruck, welchen einem völlig naiv empfindenden Menschen von heute eine Antikensammlung macht: er sieht nur Körper ohne Köpfe und Köpfe ohne Körper. Solcher Anblick kann leicht eine Art von Totengräberhumor wecken; aber dieser ist unfruchtbar; wie alle Ironie. Es gilt vielmehr, auf Heilmittel zu denken. Wie ein Mensch, so assimiliert sich auch ein Volk den Dingen, die es liebt; möge das deutsche Volk jetzt wieder seine Liebe zum Ganzen wenden; so wird es auch selbst wieder zum Ganzen werden. Eine Gestalt wie Rembrandt kann, wenigstens für Deutschland, die Brücke schlagen zwischen dem zerstückelten Menschen von heute und den: ganzen Menschen der Zukunft. Aus dem Ganzen zu leben, aus dem Ganzen zu schaffen: diese kostbare Eigenschaft, welche der gegenwärtigen Generation so gut wie verloren gegangen ist, kann ihr wieder zuteil werden, wenn sie sich den niederländischen Meister zum Muster nimmt. Die Leute von heute verzehren ihr Leben lotweise und erschöpfen es trotzdem bald; zu Rembrandts Zeiten verzehrte man es zentnerweise und erschöpfte es doch nicht. Das Bild Rembrandts, richtig verstanden, könnte wohl als ein umgekehrtes Medusenhaupt wirken: wiederbelebend, was so lange versteinert war. Der Geist einer Zeit verrät sich sogar in ihren geringsten Erzeugnissen und oft auf eine überraschende Art. Es ist der Unterschied der älteren: griechischen, italienischen, deutschen, gegenüber den heutigen Geldmünzen, daß jene aus der Fläche und diese auf die Fläche des Prägestückes modelliert sind; jene sind im ganzen, diese ins einzelne geformt; darum wirken jene reich und lebendig und künstlerisch, diese hart und tot und heraldisch. Jene sind Kunstwerke, diese bloße Formeln; jene haben Stil, diese keinen; jene sind von innen nach außen, diese von außen nach innen geformt, gebildet gesehen. Der typische moderne Mensch gleicht den Geldstücken, die durch seine Hand gehen: er ist rund, hart, fest, scharfgeprägt, aber seelenlos. Wie kann er wieder Seele bekommen? Wenn er einen Funken jenes Geistes in sich aufnimmt und wieder in sich aufleben läßt, der einen Rembrandt beseelte – jenes umfassenden, unternehmenden, anspruchslosen, niederdeutschen Geistes, der auch in einem Shakespeare wie in einem Bismarck lebte. »Ei so habt doch endlich einmal Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen«, hat der Weimarer Dichterheros den Deutschen zugerufen. Er wollte sie zu Menschen machen; aber es ist ihm bisher nicht gelungen; man staunt gerade seine besten Bestrebungen vielmehr wie etwas Fremdes und Unmögliches an; ein trauriges Zeichen für die jetzige Kultur. »Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen«, sagte Friedrich der Große, als er starb; Sklaven sind die jetzigen Deutschen nun zwar nicht; aber daß sie wirklich freie Menschen sind, wäre eine zu gewagte Behauptung. Deutschland hat geistig sowohl wie politisch den Schritt von der Notwendigkeit zur Freiheit noch nicht getan. »Vergesset niemals, daß ihr Mensch seid«, mahnte derselbe Friedrich der Große in seinem Testament seinen Nachfolger; man möchte diesen Spruch über die Tore Deutschlands schreiben. »Es ist leichter ein Molla zu werden als ein Mensch zu werden«, lautet ein iranisches und ironisches Sprichwort; und bekanntlich nimmt der Molla im Morgenlande die gleiche Stellung ein wie der Professor im Abendlande. Das Menschliche gehört überall an die Spitze; sonst ist die Kultur nicht frei. Ist sie es, so wird man den einzelnen Menschen nicht mehr nach seinen Gehirnfunktionen, sondern nach den Leistungen seiner gesamten Persönlichkeit abschätzen, von denen jene nur einen untergeordneten Teil bilden. Wie sich das Gehirn Beethovens von demjenigen eines Affen unterscheidet, weiß man; wie es sich von dem eines beliebigen Schuhmachergesellen unterscheidet, weiß man nicht; und man wird dies auch auf dem Wege der bloßen Gehirnuntersuchung nie erführen können. Die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen ist nicht nur ein Ergebnis des Gehirns, sondern des Verhältnisses des Gehirns zum ganzen Menschen; und eben dieses ist wieder das Ergebnis zahlloser anderer Verhältnisse in bezug auf Vorfahren, Charakteranlage, Umgebung, Erziehung usw.; eins der höchsten Verhältnisse aber, von welchem alle diese Verhältnisse abhängen ist: das Volkstum eines Menschen. Hier liegt die Quelle seiner natürlichen Kraft. Ein je deutlicherer und tieferer Ausdruck desselben er von Haus aus ist und je ernstlicher er sich auch zu ihm bekennt, desto mehr wird er leisten können. »To move the whole man together« bezeichnete Lichtenberg als die wichtigste Lebensregel, welche es für den Menschen überhaupt gebe; und sie gilt fürs praktische wie fürs geistige Leben. Gesetzmäßige Individualität und individuelle Gesetzmäßigkeit – so heißt das große Ziel, welches des Volkes der europäischen Mitte wartet. Alles Staatliche ist nur Form; auch im heutigen Deutschland; es ist Zeit, daß in diese Form ein Geist gegossen werde. Das von den jetzigen Deutschen zu erstrebende und zu erreichende Menschentum erscheint demnach als die Zwischenstufe zwischen der politischen Einheit, die sie im ganzen und nach außen hin bereits besitzen und der geistigen Freiheit, welche ihnen im einzelnen und nach innen zu noch fehlt. Der lösende und stärkende Glaube an ein echtes Menschentum ist es. welcher erst unser nationales Leben zu rechter Blüte erwecken kann. Aber zu dem Substantiv: Mensch muß noch das Adjektiv: deutsch kommen. Denn im Leben bedeutet die Theorie nichts und der spezielle Fall alles; richtig betrachtet, birgt er bereits alle Theorie in sich; so bedeutet auch »Menschentum« nichts Greifbares, wenn es nicht im besonderen ein deutsches usw. Menschentum ist. Tut aber ein Volk in seiner Entwickelung einen entscheidenden Schritt vorwärts, so ist damit – nach physischen wie geistigen Gesetzen – die Notwendigkeit gegeben, daß es dann alle diejenigen Dinge, die es innerlich angehen, unter einem ganz veränderten Gesichtswinkel sieht; und je klarer es sich dieses Vorganges bewußt ist, desto besser steht es um seine gesamte Existenz. Wer vorwärts geht, ohne rundzublicken, täte besser, stehen zu bleiben. Demgemäß ergibt sich für den Deutschen von heute zunächst die dringende Pflicht, seine Bildung und sein Menschentum nach allen Seiten hin abzugrenzen, festzulegen, zu vertiefen. Er wird abmessen müssen, wie weit sein Horizont reicht; und er wird bestrebt sein müssen, ihn ganz auszufüllen; er wird sich seinen Geistesverwandten und Geistesfeinden klar gegenüberstellen müssen; er wird die Mittel gründlich zu erwägen und abzuschätzen haben, welche seiner künftigen Selbsterziehung dienen können: er wird sein Kriegertum und Künstlertum in Menschentum auflösen müssen. In trinitate robur. . Menschheit ist Form, Deutschtum ist Farbe; Form und Farbe aber vereinen sich innerlichst in der Blume. Kristallklar und farbig leuchtend muß die deutsche Bildung sein; sie soll dem besten Rheinwein gleichen; wie er das Blut des Landes ist, soll sie das Blut des Volkes sein. Der deutsche Mensch sei individuell, künstlerisch, philosophisch, synthetisch, gläubig, frei! Von ihm, wie er ist, hat die deutsche Kunstpolitik auszugehen; auf ihn, wie er sein soll, hat sie hinzuarbeiten: das ist Volkserziehung. Von edlen Seelenkräften 1. Genie Im geistigen Leben ist das Genie der speziell aristokratische Faktor; man hat ihn als solchen oft mißverstanden; ja gelegentlich, sogar in sein Gegenteil verkehrt. Wahrheit und Vornehmheit sind einander verwandt. Es ist eine Unwahrheit, wenn der geistig Geringere sich dem geistig Vornehmeren als gleichberechtigt gegenüberstehen will, wie etwa ein Eugen Richter einem Bismarck oder ein Nicolai einem Goethe; »wer einen tadelt, der stellt sich ihm gleich«, hat letzterer richtig bemerkt. Und der geistig Vornehmere würde sich seinerseits einer Unwahrheit schuldig machen, wozu er nicht fähig ist, wenn er seine tiefere Einsicht dem geistig Geringeren gleichstellen oder gar unterordnen wollte: daher die steten Kämpfe, denen das Genie ausgesetzt ist. Nicht nur in der Brust des einzelnen Menschen, sondern auch im Leben der gesamten Menschheit streitet die gemeine mit der höheren Natur. Das Genie vertritt die letztere; es ist vornehm, insofern es natürlicher und demnach wahrer ist, als andere Leute. Das Genie weiß die Welt im Grashalm, aber auch den Grashalm in der Welt, d. h. den Bau des Grashalms im Bau der gesamten Welt wieder zu erkennen; es steht zwischen den: Größten und dem Kleinsten; es spezialisiert und generalisiert zu gleicher Zeit. Es ist konservativ, weil es wahrt; und es ist liberal, weil es sich, d. h. seine eigene Individualität wahrt. Genie ist etwas sehr Einfaches und eben darum Seltenes. »Diejenigen Menschen, welche natürlich bleiben, nennt man Genies«, lautet ein sinn- und trostvoller Ausspruch Rahels. Genial ist derjenige, welcher seinem Genius folgt. Jeder Mensch erfreut sich eines solchen; mag dieser nun leise oder gewaltig seine Schwingen regen. Es kommt weniger auf die Höhe der Leistungsfähigkeit eines Menschen, als darauf an, daß er reale und ideale Interessen in sich gleichmäßig entwickele; es kommt auf Abrundung seines Wesens an. Da liegt's. Auch der Unbedeutende kann in seiner Art genial sein, wenn er seine Person zu vollkommenem Gleichmaß abrundet; und der Geniale wird es desto mehr sein, je mehr er ebendasselbe tut. Seinem Genius folgen, heißt den gegebenen und angeborenen Bedingungen seines inneren Daseins folgen; Genie, Genius, Generation entspringen einer und derselben Wortwurzel, welche den Vorgang der Zeugung und Abstammung bezeichnet. Wer seine eigene Natur verleugnet, kann nie schöpferisch sein; der Überfluß von Unnatur und der Mangel an Genie im gegenwärtigen Zeitalter sind notwendig miteinander verbunden. Nur wer natürlich ist, ist ehrlich; und nur wer ehrlich ist, kann die Wahrheit erkennen; in diesem Sinne sagt die Bibel: »Die Furcht Gottes ist aller Weisheit Anfang.« Alles Große entspringt aus der einen und einzigen Wurzel: dem Sittlichen. Natürlichkeit ist das Majestätsrecht der Menschheit; möchten es sich die Deutschen nicht nehmen lassen. Rembrandt ist, wie der wahrste so auch der genialste aller deutschen Maler, weil er der natürlichste aller deutschen Maler ist. »Das Genie ist der Sinn für das Wesentliche«, hat man gesagt; man könnte hinzufügen: »Talent ist der Sinn für Nebensachen«; und es gibt offenbar sehr viele Talente im heutigen Deutschland. Sie stellen sich dem Genie gern mit Mißtrauen oder doch mit Ironie gegenüber; und bringen es so in Verruf. »Wer mich ein Genie nennt, den schlage ich hinter die Ohren«, sagt Lessing; Bismarck hat sich ähnlich geäußert; und beide sind – Genies. Gerade sie zeigen aufs deutlichste, was Genie ist und was es nicht ist. Paolo Mantegazza, ein italienischer Physiologe und Phraseologe von neuestem Datum schildert beispielsweise in seinen Estasi umane , wie Bismarck bei der Erinnerung an seine Erfolge und Moltke bei derjenigen an seine Siege in »Ekstase« gerate; sicher ein Gedanke, der an unfreiwilliger Komik nichts zu wünschen übrig läßt; man denke sich einen verzückten Bismarck oder Moltke! Eben der Mangel jeder irgendwie zu denkenden Ekstase bezeichnet das innerste Wesen jener Männer. Die landläufig-triviale Anschauung von dem, was Genie ist, ist wohl nie schlagender ad absurdum geführt worden, als durch jene wohlgemeinte Betrachtung des transalpinen Professors; südliche Phantasie und nordischer Wirklichkeitssinn beleuchten sich in diesem Fall gegenseitig; aber nicht zum Vorteil der ersteren. Der Romane versteht den Germanen nur selten; jener fühlt romanisch und romantisch; dieser denkt deutsch und deutlich. Wer das Genie für einen unerklärlichen und den Lauf der Welt unterbrechenden Faktor hält, gleicht dem Wilden, welcher den Weißen für einen Zauberer hält – weil dieser ein Schießgewehr handhabt. Auch zwischen dem Genie und dem Durchschnittsmenschen existiert nur eine Grad-, keine Grundverschiedenheit. Es gibt allerdings Ausnahmemenschen, aber nur der Quantität, nicht der Qualität ihrer natürlichen Gaben nach. Die Menschheit stuft sich allmählich ab – vom Genie bis zum Kotzebue. Uebrigens gibt es nichts, was dem Wesen des echten Genies mehr entgegengesetzt wäre, als eine unklare Schwärmerei. Im Rausch vollbringt man weder Mannes- noch Künstlertaten. Es ist Zeit, sich von diesem Irrtum gründlich zu befreien. Das Gefühl, und selbst das schöpferische Gefühl, bringt so wenig ein Kunstwerk hervor wie der Farbenfabrikant ein Bild hervorbringt; beide liefern nur das Material, mit dem der Künstler arbeitet. Seine Tätigkeit, wenn sie echt ist, wird immer aus warmer Empfindung und kalter Aberlegung gemischt sein. 2. Besonnenheit und Genialität Besonnenheit ist weit mehr ein Zeichen echten Genies, als Phantastik. Die Besonnenheit ist es, die den Gebildeten vom Barbaren unterscheidet. Man spricht von dunkler Barbarei; und deutet schon dadurch an, daß Bildung eigentlich in Klarheit bestehe: in Klarheit über sich selbst wie über die Dinge, wie über das Verhältnis beider zueinander. Der Mensch ist desto mehr Genie, je mehr er sich dem reinen Typus seiner Gattung: dem homo sapiens nähert; das horazische sapere aude – sei besonnen! – gilt noch heute; kurz, ein Genie ist derjenige, welcher stets und ganz intensiv besonnen ist. Besonnenheit, auf eine bestimmte Aufgabe gerichtet, bedeutet Konzentration; und Konzentration, aufs höchste gesteigert, bedeutet Schöpfung: darum ist das Genie schöpferisch. Diese Definition umfaßt gleichermaßen das militärische, politische, künstlerische, wie sittliche Genie; ihnen allen gemeinsam ist die hohe innere Sammlung; und weil diese in der unruhigen und zerstreuten heutigen Generation so selten geworden ist, ist in ihr auch das Genie so selten geworden. Zum Genie gehört zweierlei: etwas göttlicher Leichtsinn und viel menschlicher Scharfsinn. Die eigene Individualität freizulegen, sie von äußeren Schlacken und Zufälligkeiten zu reinigen, also Unnatur von sich fernzuhalten; das ist die eigentliche Tätigkeit des Genies. »Wer so fleißig ist wie ich, wird solche Sachen machen wie ich«, hat Bach geäußert; und dieses verständige Urteil eines tiefdenkenden Künstlers erscheint eher geeignet, über das innerste Wesen des Genies aufzuklären, als die oft gehörten Meinungen weltunerfahrener junger Leute oder kunstunerfahrener Ästhetiker. Jener Ausspruch ist keine Bescheidenheitsphrase: er ist überhaupt nicht persönlich gemeint. Der große Mann, welcher aus dem Volke entsprungen ist, stellt damit sich selbst wieder mitten ins Volk hinein. Was ein Genie über sich selbst aussagt, ist glaubhafter, als was alle Talente oder Nichttalente über dieses vermuten. »Das Genie ist der Fleiß«, hat man auch gemeint; aber im Grunde ist der Fleiß nur ein Teil und eine Seite der Besonnenheit: er ist aktive Besonnenheit. Man fragte Newton, wie er eigentlich dazu gekommen sei, das Gesetz der Schwere zu finden; »weil ich immer daran gedacht habe«, erwiderte er. Die wahre Bedeutung des Begriffs Genie wird sich am ehesten auf Gebieten zeigen, welche von seiner herkömmlichen falschen Anwendung gänzlich abliegen. Genial ist z. B. die Bemerkung Bismarcks: Daß der Kleinkaufmann sich seinen Käufern gegenüber stets im Vorteil befinde, weil er den reellen Wert seiner Waren besser kenne, als sie. Es ist eine Bemerkung, aus der sich sehr weittragende praktische wie sittliche Folgerungen ergeben; die fast jeder Mensch jeden Tag einigemal machen könnte; und die doch nicht so leicht jemand macht. Sie ist genial, weil sie das Wesentliche der Sache trifft! Und sie ist wichtig, insofern sie auch auf geistige Dinge übergreift. »Es ist schlecht ein Handel mit ihm zu machen, weil er seinen Wert ganz kennt«, schrieb Schiller über Goethe an Cotta – in Verlagsgeschäften; den Handel darauf zu gründen, daß der eine Teil den Wert der betreffenden Ware nicht oder nur teilweise kennt, wird sich sittlich kaum rechtfertigen lassen. Genial war es ferner von Bismarck, daß er unter den größten Schwierigkeiten 1866 die Einverleibung Sachsens in Preußen verhinderte; denn es war eine Tat der höchsten Besonnenheit; »ich sehe, daß auch Sie ein deutsches Herz in der Brust tragen«, sagte auf die Mitteilung davon später v. d. Pfordten zu ihm; aber ein so deutsches Herz Bismarck auch besitzen mochte, in diesem Fall war es mehr seine Vernunft als sein Herz, welches entschied. Der Süddeutsche nimmt das Genie gern von der Gefühlsseite; der Norddeutsche wendet sich eher der Vernunftseite zu; aber freilich ist diese nicht nur die Verstandesseite; denn die Vernunft umfaßt auch das Gefühl, der Verstand nicht. Genialität ist die Mischung höchster Besonnenheit mit höchster Leidenschaft; aber so, daß die Besonnenheit stets als die führende, die Leid enschaft als die geführte Kraft erscheint. Wie der Engel mit dem feurigen Schwert vor dem Paradiese, soll der Verstand vor dem Herzen Wache stehn. Das Agens einer verhaltenen Leidenschaft unterscheidet die Besonnenheit von ihrer Karikatur, der Nüchternheit. Das Genie verbindet stets den lecken Wurf des Ganzen mit der sorgfältigen Durchführung des einzelnen; Lessings Bienenfleiß ist ebenso bekannt wie seine im besten Sinne »kecke« Polemik. Lessings und Goethes Keckheit, Klotzens und Nicolais Geckheit gehören zusammen, es sind Komplementärfarben. Auch dem größten Staatsmann unseres Zeitalters hat bekanntlich viel politische Geckheit gegenübergestanden. Fleiß und Keckheit sind zwei polare Strömungen, die zusammengehören: Bismarcks Politik war stellenweis sehr kühn; andrerseits bemaß sich die Zahl von Schriftstücken, welche jährlich das deutsche Auswärtige Amt passierten, nach Zehntausenden. Fleiß ist die Fähigkeit, seine ganze Persönlichkeit auf große und kleine Dinge innerlich zu konzentrieren; diese Konzentrationsfähigkeit hat nicht jeder; der gute Wille allein genügt dazu nicht. Er kann zwar blinden, aber nie sehenden Fleiß erzeugen; dieser ist eine Gabe von oben her. Bismarck war seinerzeit nicht nur der klügste, sondern wahrscheinlich auch der fleißigste Mann Deutschlands; und vielleicht nur jenes, weil er dieses war; er hatte die Gabe des Fleißes in einem so hohen Grade, daß sie ihm angeboren gewesen sein muß; es war seine zweite, aber auch seine – erste Natur; es war sein Genie. Der Geschäftsmann ist dem Feldherrn, dieser dem Politiker und dieser wieder dem speziell sogenannten Künstler darin verwandt, daß alle–disponieren. Disponieren heißt, Kleines und Großes zueinander in Verhältnis setzen. Das Große besteht nur durch das Kleine; und dieses durch jenes; aber beides muß, um lebendig zu wirken, in einer Hand vereinigt sein. Es ist die Hand des echten Künstlers; wenn sie das Herz des Menschen berührt, so macht sie es schlagen! 3. Kunstweisheit Die Griechen, das genialste unter allen Völkern, waren zugleich das besonnenste unter allen Völkern. Besonnenheit ist diejenige Eigenschaft, welche auch den größten schöpferischen Geistern der nachgriechischen Zeit, mögen sie sonst unter sich noch so verschieden sein, gleichmäßig eignet; Shakespeare und Bismarck, Leonardo und Mozart, Bach und Rembrandt besitzen sie; und der letztere in den so tief durchdachten Licht- und Schattenwirkungen seiner Bilder nicht am wenigsten. Sein Kunst gefühl ist groß, aber sein Kunst verstand noch größer; ja man kann ihn fast als den hervorragendsten Vertreter einer rein überlegenden Kunst ansehen, den es je gegeben; denn kein Künstler hat jemals ein an sich so einfaches und einseitiges malerisches Rezept so unendlich abzuwandeln und so geschickt zu verwerten gewußt, wie er. Er ist in dieser Hinsicht ganz Kalkül und eben darum ganz – Genie. Die künstlerische Seele bedarf des Rechnens, wie das Ei der Schale; je unfruchtbarer die letztere an sich ist, desto besser dient sie dazu, das werdende Leben zu schützen. Rembrandt konnte jenes »Rezept« anwenden, weil er damit den innersten Charakterkern seines eigenen Volksstammes traf; ohne diesen würde ihm dasselbe zum Schaden gereicht, ihn der Schablone überliefert haben; mit ihm gelangte er zur Kunst des – Helldunkels. Rembrandt geht hier von einem Punkt, fast von einem Nichts aus; denn wenn irgendwo, so sind in der Kunst die Rezepte vollkommen nichtig; aber es ist ein archimedischer Punkt, von dem er ausgeht. Dem unerschöpflichen Reichtum, der ganzen weiten Welt den Erfindungen und Empfindungen in den Werten Rembrandts steht die Einseitigkeit und rein prinzipiell genommen sogar Dürftigkeit in der Technik derselben äußerlich zwar befremdend, innerlich aber ergänzend gegenüber. Ein Diamant, von reinstem Wasser, ist auch an sich eintönig; aber geschliffen erglänzt er wunderbar: es ist der Kalkül, welcher den Diamanten des Kunstgefühls schleift. Daß dieser Kalkül oft sehr rasch und, bei gehöriger Übung, fast unbewußterweise vor sich geht, ändert an der Tatfache selbst nichts, Übung macht den Meister; und besonders, wenn sie nicht mehr als solche empfunden wird. Der Kunstverstand erst gestaltet die künstlerische Individualität zu einem fertigen und in sich geschlossenen Ganzen; aber freilich der selbstgefundene und nicht irgend ein theoretisch angeeigneter Kunstverstand: der Diamant kann nur mit seinem eigenen Staube geschliffen werden. Die ältesten angelsächsischen Dichter wie die ältesten niederländischen Musiker, also die frühesten künstlerischen Vorfahren Shakespeares wie Beethovens, sind beide durch eine fast unglaubliche Formenkombinationsgabe ausgezeichnet. Alle künstlerische Weisheit ist nur bewußt gewordene und bewußt gehandhabte künstlerische Individualität. Das Kunstgefühl wagt und der Kunstverstand wägt; der Kriegsspruch: »Erst wägen, dann wagen« gilt also innerhalb der Kunst umgekehrt: sie schreitet von der Freiheit zur Gebundenheit fort. Sie wird; aber sie wird gesetzmäßig; und man nennt dies leben. Rafaels Art, zu kalkulieren, weicht von derjenigen Rembrandts gerade so sehr ab, wie seine Naturanlage von derjenigen Rembrandts abweicht; beide brauchen ihren Verstand wie beide den Pinsel brauchen: aber zu ganz verschiedenen Zwecken. Sie konstruieren. Bei Rafael ist dies schon dem oberflächlichen, bei Rembrandt erst dem tieferen Beobachter klar. Nichts erscheint auf den, ersten Blick toter und unorganischer als ein Schneefeld; aber man braucht nur eine Fingerspitze voll davon aufzuheben, um zu sehen, daß es durch und durch organisch, kristallinisch, mathematisch geordnet ist; dieser Tod ist voll von Leben. Ebenso trägt jedes wahre Kunstwerk, mag es noch so form- und regellos aussehen, seine mathematischen Konstruktionsgesetze in sich. Der nordische Künstler hat seine Bilder dem Nebel abzuringen, welcher seine Heimat umschattet: daher das Dunkelgrollende in der Musik eines Beethoven wie in der Malerei eines Rembrandt. Man hat bezüglich Beethovenscher Musik von »Unspielbarkeit« und bezüglich Rembrandtscher Malerei von »Ungenießbarkeit« gesprochen; man hält für verworren, was mystisch ist: und irrt sich darin sehr. Je tiefer eine Individualität angelegt ist, desto tiefer sieht sie in die Welt. Freilich ist es nicht jedermann gegeben, in ihr Gesetzmäßigkeiten zu erkennen; wohl aber dem Genius. Die anscheinend form- und regellosen Bilder Rembrandts bestätigen dies; sie haben ihre eigene Mathematik für sich: es ist eine Mathematik der Schatten ; sie operiert nicht mit Zahlen-, sondern mit Helligkeitsgrößen. Diese werden, ganz wie jene, nach ihren eigenen Gesetzen kombiniert. In der Kunst, gerade wie in der Natur, fühlt man die Gesetze eher als man sie erkennt; die Gesetzmäßigkeit sowie der Kalkül, aus welchem diese letztere entspringt, ist auch in Rembrandtschen Gemälden leichter zu fühlen als zu erkennen. Nur verhält es sich hier umgekehrt wie in dem obigen Fall: je weniger Schnee man nebeneinander sieht, desto organischer erscheint er; je mehr Rembrandtscher Bilder man nebeneinander sieht, desto organischer erscheinen sie. Sie gleichen in ihrer Gesamtheit einem vielflächigen Brillanten; dessen Lichtarchitektonik ist aber ebenso einfach nach ihrem Prinzip wie reich in der Anwendung; sie zeigt jene »Einheit in der Mannigfaltigkeit«, welches alles organische Leben erfüllt. Auf dem rechten Kalkül beruht die Höhe der Kunst wie des Krieges; in ihm begegnen sich Gedanke und Gefühl; er reklamiert und proklamiert die Einheit der Menschennatur, welche sonst so leicht und so oft verloren geht. Die Planeten – wörtlich: Irrsterne – haben ihren Namen daher, weil es den Alten schien, als ob deren Bewegungen willkürlich und mit denen des übrigen Sternenhimmels nicht in Übereinstimmung stattfänden; und doch sind gerade sie diejenigen Weltkörper, deren gesetzmäßiges Dasein dem der Erde am verwandtesten ist. So ist auch der scheinbar stil- und maßlose Rembrandt gerade derjenige Künstler, dessen innere Gesetzmäßigkeit der Natur der Deutschen am nächsten steht. Individualität scheint gesetzloser und ist gesetzmäßiger als Schablone. Außer Pindars Oden dürfte es auf künstlerischem Gebiet kaum etwas geben, was so intensiv durchkomponiert wäre, wie gewisse Bilder Rembrandts; allerdings komponieren diese beiden Meister anders als Homer und Rafael; und dies ist es, was so häufig übersehen wird. Die Empfänglichkeit des Publikums hat sich hier der Leistung des Künstlers, bis jetzt wenigstens, nicht gewachsen gezeigt. Eine Geometrie im wörtlichen Sinne macht sich in den radierten Landschaften Rembrandts geltend; er bevorzugt hier die parallelen oder sich überschneidenden Linien; man kann diese Landschaften als Variationen über den flachen holländischen Horizont ansehen; sie sind fugenartig. Der Meister folgt darin nur einem nationalen Zug. Holland selbst ist – durch seine Deiche, Kanäle und geradegeschnittenen Äcker – wie mit Mathematik überzogen. Sie macht sich in seiner wie in sonstiger niederdeutscher Architektur und Architektonik geltend. An die friesischen Holzschnitzereien braucht nur erinnert zu werden; sie verlieren sich zuweilen sogar in mathematische Dürre. Den niedersächsischen Backsteinbau dagegen, wie er in Stralsund, Wismar, Rostock, Lüneburg usw. blühte, darf man einen im besten Sinne mathematischen Baustil nennen; er ist auf bloße Linienverhältnisse gegründet; und diese steigern sich oft zu reichster Wirkung, ja zu einem fast musikalischen Wohllaut der Form. Wie so oft wird auch hier die Musik aus der Mathematik geboren . »Alles muß zu Mathematik werden«, sagt in solchem Sinne bedeutsam genug Novalis. Und andere Helden des Geistes haben eben diesen Grundsatz praktisch betätigt. Dantes Poesie z. B. entspricht ihm völlig: sie bewegt sich in rein zahlenmäßigem Aufbau; und letzterer dient überlegterweise ihrer grandiosen Phantastik zum festen Gerippe. Auch Shakespeares Werke sind von geheimer Mathematik belebt; sie äußert sich bei ihm, in seinen Jugendarbeiten offener und in den späteren versteckter, als eine ganz verstandesmäßig berechnete, man möchte sagen, an den Fingern abgezählte Parallelität einerseits und Kontrastierung andererseits der einzelnen Szenen, Charaktere, Wendungen, ja Worte. Es behagt der Kraft, sich selbst zu bändigen. H. v. Kleist und Grabbe sind trotz ihrer Fehler als Menschen, gerade als Künstler und in ihren ausgereiften Werken, überaus verständig. Als Schumann einmal einen gemeinsamen Toast auf seine beiden speziellen Helden, Jean Paul und Bach ausbrachte, entsetzte man sich darüber; man wußte nicht, daß Ungebundenheit und Gebundenheit in der Künstlerseele sich oft seltsam mischen; ja, daß sie sich gegenseitig fordern, wie die Positive und Negative des elektrischen Stromes. Diese Pole stehen sich bald näher, bald ferner; bei Wagner z. B. fallen sie oft weit auseinander; finden sich dann aber auch wieder innigst bei ihm zusammen. Jeder Kristall hat seine besonderen Neigungswinkel; aber schön sind sie alle; von Dante bis Wagner. Kunstanlage beruht auf Individualismus, auf »Löwengeist«; Kunstbildung beruht auf Kalkül, auf »Insektengeist«; das Genie geht den Weg vom einen zum andern; und sein Volk folgt ihm darin. Es wird erzogen. Deutschland hat diesen Weg erst teilweise zurückgelegt; es hat bisher mehr und anders kalkuliert, als seine Individualität erfordert; und das hat zersetzend auf seine Bildung gewirkt. Der deutschen Wissenschaft fehlt es an Kunst und der deutschen Kunst an – Mathematik. Kepler erweiterte die mathematische Weltanschauung dadurch, daß er künstlerische Prinzipien auf sie anwandte; ein heutiger künstlerischer Kepler hätte umgekehrt zu verfahren. Die Kunst ist einer derartigen Befruchtung aber erst dann zugänglich, wenn sie in gesunder Art individuell geworden ist. 4. Verständigkeit Obwohl die Deutschen im Lauf der Geschichte sich oft als politische Konfusionsräte gezeigt haben, ist doch andererseits in ihrem »verständigen« Wesen eine starte politische Ader enthalten; und sie teilen diese Doppeleigenschaft mit den – Franzosen. »Gesunder Menschenverstand ist etwas Französisches«, sagt ein Sprichwort jenseits der Vogesen; es gilt dort, wiewohl oft und gerade jetzt dementiert. In der bekannten französischen clarté begegnen sich einigermaßen die Verständigkeit der Griechen und die der Deutschen; Frankreich hat im Norden viele germanische, im Süden einige griechische Elemente in sich aufgenommen; in der heutigen deutschen Bildungskonfusion könnte gerade ein derartiger Blick über die Vogesen hinüber nicht schaden. Das do, ut des gilt auch auf geistigem Gebiet und zwischen den Nationen. Vielleicht ist jener Punkt, wo sich deutsche Verständigkeit und französischer Klarsinn treffen, der einzige, von welchem aus eine Besserung der heutigen Beziehungen beider Völker sich erwarten ließe. Wie ein echtes und falsches Deutschtum, so gibt es auch ein echtes und falsches Franzosentum; und es liegt in der Natur der Sache begründet, daß letzteres in politischen wie geistigen Dingen bald seine günstige, bald seine ungünstige Seite, zuweilen auch eine Mischung von beiden hervorkehrt. Einen Denker von der Natürlichkeit Montaignes oder einen Dichter von der Grazie Molières hat Deutschland bisher nicht hervorgebracht. Die neuere französische Plastik wird von der gegenwärtigen deutschen nicht erreicht. Die französische Geistesverwirrung, wie sie jetzt öfters hervortritt, ist nur die Kehrseite der früheren und wahrscheinlich immer noch latent vorhandenen französischen Geistesgesundheit; gallo-romanische streiten sich dort mit griechisch-deutschen Einflüssen; ebenso steht es bei den Deutschen – soweit es sich um rein geistige Interessen handelt. Wie immer gilt es auch hier, auf die besten und tiefsten Züge des eigenen Volkscharakters mutig zurückzugreifen; sie sind dem unparteiischen Beobachter nicht verborgen; und kennzeichnen sich sogar äußerlich. In Holstein wie im Schwarzwald kann man zuweilen Bauernmädchen finden, welche in Haltung, Bewegung und Charakter an beste griechische Kunstwerke erinnern. Fremde Bildung wirkt desto segensreicher, je gründlicher sie der heimischen assimiliert wird; es sollte den Deutschen nicht schwer fallen, sich griechisches »Maß« zu assimilieren. Ihr verständiges Wesen bestimmt sie gewissermaßen dazu. In dieser Eigenschaft treffen echtes Griechentum, echtes Deutschtum und echtes Franzosentum zusammen. Wenn der Deutsche von der Schale auf den Kern des Griechentums vorgedrungen sein wird, dann hat er in seiner eigenen Erziehung einen bedeutenden Schritt vorwärts getan: nämlich den Schritt vom Schein zur Wahrheit. Anglomanie, Gallomanie, Gräkomanie – jede Art von Manie hat zu weichen und endgültig der Vernunft, dem Maß, dem wahren Deutschtum Platz zu machen. Verständigkeit ist auch der Grundzug im Charakter der Bewohner der heutigen deutschen Hauptstadt: nämlich der wirklichen und eingeborenen Berliner; und ganz besonders in den niederen, von falscher Bildungstünche noch weniger angegriffenen Volksschichten. Diese sind schlicht und klar, wie ihr Weißbier; und es ist nicht unmöglich, daß auf und aus diesem gesunden Untergrunde noch einmal echte und höhere Bildungsinteressen emporwachsen; wie aus dem Preußen Friedrich Wilhelms I. später dasjenige Friedrichs II. und Wilhelms I. wurde. Geist entwickelt sich überall aus dem Lokalgeist; er ist in jenen niederen Berliner Volksschichten noch zu finden; sie entstammen durchweg dem sandigen Boden der Mark; sie sind von niederdeutscher Art; und können demnach möglicherweise als ein Bindemittel zwischen dem Geist der deutschen Hauptstadt und dem Geist des deutschen Volles dienen. Denn auf Bildungsfähigkeit kommt es an, nicht auf »Bildung«. Der Berliner Maurer, auch der von heute, ist originaler und deshalb bildungsfähiger als der Berliner Geheimrat; Zelter war der einzige persönliche Freund Goethes. Er war wie Goethes und aller edlen Bildung unversöhnlicher Feind, Nicolai, ein echter Berliner; aber er entstammte dem unliterarischen und volkstümlichen, nicht dem literarischen und »gebildeten« Berlin. Wie so oft, finden auch hier Gift und Gegengift sich nahe beisammen. Das Vornehme und das Volkstümliche sympathisieren stets miteinander; und der Bildungsdünkel hat an keinem von beiden teil; er ist unfruchtbar. Verständigkeit dagegen, wenn sie sich mit Originalität paart, erzeugt Bildung; die heutigen Deutschen besitzen freilich Verständigkeit sowohl wie Originalität; aber leider haben sie nicht immer beides in- und miteinander. Das Volk soll nicht von den Gebildeten lernen, sondern die Gebildeten sollen vom Volke lernen – natürlich zu sein ; denn darauf kommt es jetzt an. Also zurück zur heimischen Volksseele, meine Herren» wenn's gefällig ist; und zurück zur Naivität, wenn's möglich ist: zurück Zur Wahrheit und Natürlichkeit aber auf alle Fälle! 5. Kindlichkeit Heroenzeit ist Kinderzeit. Wenn wieder eine deutsche Bildungsepoche kommt, welche Heldentum nicht nur durch Überlieferung, sondern auch durch die Tat kennt; wenn die Epigonen von heute sich in Progonen verwandeln wollen: so wird man noch einen weiteren Zug im deutschen Volkscharakter pflegen und hervorkehren müssen, der ihm mit dem Griechen gemein ist. Der echte und reine Deutsche hat, mehr als sonst irgend andere Völker, etwas Kindliches in seinem Wesen: er gleicht darin den alten Griechen. »Droben überm Sternenzelt muß ein großer Vater wohnen«; diese Worte, welche Schiller gedichtet und Beethoven komponiert hat, spiegeln die arische Grundnatur am tiefsten und reinsten wieder. Der deutsche »Allvater«, der griechische »Vater der Götter und Menschen«, der christliche »Vater unser, der du bist im Himmel« sind ihrem letzten Ursprünge nach identisch. Im Auge liegt die Seele und so auch die Seele des Kindes. »Das schönaugigste aller Völker« werden die Griechen von einem antiken Schriftsteller genannt; und ein schönes, blaues, deutsches Auge dürfte unter den gleichen modernen Völkern den Vorzug beanspruchen. »Ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder«, sagte einst ein ägyptischer Priester zu Solon; und zwar sehr richtig: die Griechen erfüllten teilweise schon von Natur aus die Forderung Christi: »Werdet wie die Kindlein.« Im Kindlich-Menschlichen also vereinigen sich die beiden Hauptfaktoren der bisherigen deutschen Bildung: Griechentum und Christentum. Aber freilich ist es immer wieder der Geist, keineswegs der Buchstabe des Griechentums, um den es sich hier handelt; von dem letzteren bieten die heutigen deutschen Gymnasien genug und zuviel; von dem ersteren in der Regel wenig. In diesem Sinne ist also das »small latin and less greek« , welches man Shakespeare zuschrieb, auszulegen wie anzuwenden. So modern Shakespeare ist, war er doch mehr Grieche als die Leute, welchen ihm seinen Mangel an griechischer Buchstabenbildung vorwarfen; und auch weit mehr als die jetzigen offiziellen Vertreter der letzteren. Eine gewisse Kindernatur ist vielfach noch den heutigen Neugriechen eigen; nicht minder ist sie in hervorragenden Männern der germanischen Vergangenheit zu erkennen. Walther von der Vogelweide, Dürer, Mozart, Burns, Hölderlin u. a. sind bestätigende Beispiele dafür; in ihnen begegnen sich, auch ohne daß sie es wußten oder wollten, Griechentum und Christentum; sie weisen daher den Weg, welchen die deutsche Kultur in ihren höchsten Bestrebungen zu gehen hat: nämlich zugleich Kind und Künstler zu sein . Rafael leitet von den Griechen zu ihnen hinüber. Diesen Geistern und ihresgleichen gehört das Beste der Zukunft – weil ihnen das Beste der Vergangenheit gehört! Griechentum wie Christentum, Kindlichkeit wie Menschlichkeit blühen in ihnen, tragen in ihnen Frucht; und die Deutschen können stolz darauf sein, daß es im tiefsten Grunde deutsche Geister sind. Goethe wurde noch in seinem späteren Alter von Übelwollenden gerade das vorgeworfen, was der ägyptische Priester dem Solon vorhielt: daß er ewig ein Kind bleibe; und wenn Friedrich II., mitten zwischen zwei entscheidenden Schlachten des Siebenjährigen Krieges, im Lagerzelte seinem Vorleser de Catt ein ganzes Menuett vortanzt, so zeigt dies, daß auch in seiner einsamen und stolzen Seele der gleiche Zug schlummerte. Die deutschen Männer des Worts wie der Tat tragen ihn fast ausnahmslos. Er ist ihre edelste Zier. Und es ist vielleicht die ärgste Schuld der gegenwärtigen Zeit, daß sie unter den: Wüste einer äußerlichen Bildung diesen Zug erstickt oder doch versteckt hat. Der Siegfriedsmut ist ihr verloren gegangen! Wer seine Männlichkeit mit seiner Kindlichkeit bezahlt, macht ein schlechtes Geschäft; wer jene zu dieser addiert, ein gutes; eine organische Entwicklung kann ohne solches Addieren nicht vor sich gehen. Daß Rembrandt ganz dieser Forderung entspricht, wurde schon oben erwähnt. Vor Gott und dem Kinde ist alles gleich. Kinder haben einen tiefen Ernst; sie sind nach einer Bemerkung Goethes »unerbittliche Realisten«; aber es ist echter nicht falscher Realismus, der sie erfüllt; er ruht auf idealem Grunde. Nur die zarten Fibern eines kindlich empfindenden Herzens besitzen jene gleichzeitige Eindrucks- wie Ausdrucksfähigkeit, welche den wahren Künstler macht. Wenn das Kind den Stuhl schlägt, an den es sich gestoßen hat, so ist es Poet; es beseelt das Leblose; es anthropomorphisiert; es schafft. Der Deutsche ist ein grübelndes und zuweilen raufluftiges, aber dabei doch spiel- und sangesfrohes Kind; und ein ebensolcher Mann; der Grieche war ein innerlich wie äußerlich vorzugsweise schönes Kind; und ein ebensolcher Jüngling. Eben diese Eigenschaften mildern sich in den weiblichen Typen beider Völker zu einigermaßen ergänzenden Zügen. Die griechische Anmut ist heiter, mit einem Anflug von Sieghaftem; die deutsche Anmut ist demütig, mit einem Anflug von Schmerzhaftem: eine Athene mit der Siegesgöttin auf der Hand ist dort, eine »schmerzhafte Muttergottes« hier ein Spiegelbild der betreffenden Volksnatur. Frauen und Kinder sind sich geistig verwandt. Schiller, in welchem sich deutscher, kindlicher Idealismus und deutscher, männlicher Ernst schön vereinen, hat auf den Kunsttrieb des Kindes, sein »Spielen« und das sich daraus entwickelnde »Spiel der Kräfte« im Menschen hingewiesen. Wäre er selbst, nach seiner angeborenen Charakterart, noch etwas mehr Kind gewesen, so würde er als praktischer Künstler mehr geleistet haben wie jetzt. Sein Idealismus war nicht zu kindlich, sondern gegenteils nicht kindlich genug; er trug noch etwas zu sehr die Spuren eines rein abstrakten Denkens an sich. Kindernatur ist konkret. Ein Kind sieht ungemein deutlich und oft deutlicher als Erwachsene; doch ist sein Horizont durch mangelnde Erfahrung negativ wie der des Künstlers durch vorhandene Individualität positiv eingeschränkt: beide sehen nicht weit über die Welt weg, wohl aber oft tief in sie hinein. Sie leben in einer Art von geistigem Zwielicht; sie sind Helldunkel. Dämmerung ist dem doppelten Gesicht günstig: und somit auch dem künstlerischen Schauen. Der Künstler ist desto mächtiger, je beschränkter d. h. individueller er als Mensch ist; und in seiner Tätigkeit ist er desto deutlicher, je dunkler d. h. kindlicher er selbst als Mensch ist. »Die Natur ist einfacher als man begreifen und zugleich verschränkter als man sagen kann«, erklärt Goethe. Diesen geheimnisvollen Wegen der Natur hat man sorgsam zu folgen. Christus, das Kind , ist auch im höchsten, nämlich im religiösen Sinne Künstler ; in jener wie in dieser Hinsicht zeigt er sich als ein solcher »Realist«, daß er mit seinem eigenen Fleisch und Blut malt; daß er sein Kunstwerk nicht außer sich, sondern in sich hinstellt; und daß ihm der gesamte Himmel zum Rahmen desselben kaum groß genug ist. Kinder produzieren nicht Kunstwerke, sondern agieren selbst als Kunstwerke; sie spielen: solange sie noch klein sind, in heiterer und wenn sie erst erwachsen sind, in erhabener Art. Die Tragödie des Kindes – es ist eigentlich die eines jeden Kindes –. welches die Schlechtigkeit der Welt zum ersten Male kennen lernt, ist vielleicht die traurigste aller Tragödien. Wenn sie sich durch ein ganzes Leben hinzieht, vermag sie das »Mitleid« und die »Furcht« einer Welt zu erregen: so in erhabenster Steigerung im Leben Christi. Es ist ein Spiel, ein tief erschütterndes Trauerspiel! Hinsichtlich der Kindernatur gilt es noch, eine Art von optischer Täuschung zu zerstören; in reinen Menschen hat man oft etwas Kindliches gefunden; aber es ist umgekehrt: in den Kindern liegt noch das rein Menschliche. Und dieses, als das Wesentliche, ist das Primäre. Ebenso auf volkstümlichem Gebiet: das Volkstümliche ist keineswegs bäuerlich, aber wohl ist der Bauer volkstümlich: Subjekt und Prädikat dürfen hier nicht verwechselt werden. Durch ihre kindliche Anlage sind also die Deutschen ganz besonders zur – Menschlichkeit befähigt. Liebe, die Wurzel alles Guten, ist, natürlich betrachtet, vorwiegend eine Eigenschaft der Jugend und der Arier. 6. Vornehmheit und Natürlichkeit Es ist ein seiner Zug der Natur, daß das einfach Menschliche zugleich das hoch Vornehme ist. Nur der kann vornehm sein, der natürlich ist, und nur der darf sich natürlich geben, der vornehm ist. Den geistigen Aristokraten wird es stets zur Ungezwungenheit sowie den unverdorben Empfindenden stets zum geistigen Aristokratismus ziehen; das Volk und seine Helden gehören zusammen. Shakespeare ist der vornehmste aller Dichter, weil er der natürlichste aller Dichter ist; seine Werke erscheinen weniger als Erzeugnisse der Kunst wie der Natur; und darum sind sie vornehm wie diese – wann und wo sie rein auftritt. Schlichter Volkscharakter, reich nuanciert und vielseitig vertieft und zum Ausgangspunkt aller Bildung gemacht, würde dem heutigen deutschen Geistesleben einen vornehmen Stempel aufdrücken; aus ihm würde eine Saat von – Persönlichkeiten hervorgehen; und nur solche können gebildet sein. Viele Bildungen machen erst die Bildung. Rembrandt kann als ein entscheidendes Gegengewicht gegen die weitgediehene Trivialität der heutigen Bildung dienen; der Begriff und die Betätigung echter Vornehmheit fehlt dem heutigen Deutschen durchgängig; und dieser Mangel ist ein wesentlicher. Denn er schließt den eines feineren geistigen Lebens in sich. Die betreffende Patinader Edelrost einer großen geschichtlichen Vergangenheit, erzeugt sich zwar natürlicherweise erst mit der Zeit; aber es ist doch gut» die Augen schon möglichst früh an jene zu gewöhnen: an den äußeren Eindrücken schult sich der innere Sinn. Innerhalb der deutschen Bildung macht sich jener Mangel auf mancherlei Art bemerkbar; sie ist reich an Trivialitäten, Spezialitäten, Velleitäten; einem lebendigen Adel der Gesinnung widerstrebt sie gern. In der gesamten schönen Literatur erscheint Graf Moltke als der einzige wirklich vornehme Schriftsteller; in der Malerei hatte Feuerbach einen vornehmen Zug, aber es erging ihm schlecht genug. Wie Volkstümlichkeit von Reklame, so ist Salonton von Vornehmheit höchst verschieden. Rankes Vornehmheit ist lediglich eine solche der Kritik, nicht der Seele; es ist nicht eine Vornehmheit Rembrandts, sondern eine solche Lessings; die beiden »Friesen« treffen sich in der Fremde. Rembrandt ist volkstümlich und vornehm Zugleich; eben dadurch wird er zu einem sicheren Maßstab für andere, seien es echte oder falsche Größen. Eugen Richter und Kotzebue sind teilweise volkstümlich, aber sie sind nie vornehm; Metternich und Voltaire sind teilweise vornehm, aber sie sind nie volkstümlich. Blücher und Fritz Reuter sind völlig volkstümlich, es strömt etwas vom Herzblut des Volkes in ihnen; aber der goldene Schimmer einer inneren Vornehmheit fehlt ihnen. Clausewitz und Novalis sind völlig vornehm; aber sie sind nicht volkstümlich; den ungebildeten Deutschen ist nicht einmal ihr Name bekannt. In der heutigen deutschen Gesellschaft sucht man vergeblich nach weiblichen Typen, wie sie uns die Meisterhand eines Liotard und anderer Künstler der Rokokozeit in sprechender Lebendigkeit aufbewahrt hat; es geht ein geistig aristokratischer Zug durch sie, den die heutige Damenwelt öfters vermissen läßt; gesellschaftlicher Luxus, gemeinnützige Bestrebungen von mehr äußerlicher Art oder gar die literarische Produktionsweise von heute können ihn nicht ersetzen. Der »prometheische Funke« leuchtet oder – verglimmt auch in Frauenköpfen; sie sind sogar vorzugsweise das Thermometer des Zeitgeistes; denn sie reflektieren uns nur, deutlich und abgeklärt, den männlichen Geist ihrer Zeit. Jener rein menschliche Adel der Gesinnung, welcher in Schiller, Hölderlin und manchen ihrer geringeren Zeitgenossen lebte, ist ausgestorben; oder er tritt mindestens nicht ans Tageslicht. Ähnliche Erscheinungen sind im heutigen oder künftigen Deutschland erst wieder zu erwarten, wenn man auch dort zu einer freien und naturgemäßen Allgemeinbildung zurückgekehrt ist. Die Ungezwungenheit und Natürlichkeit der menschlichen wie künstlerischen Existenz eines Rembrandt wird hier gute Dienste leisten. Trotz seines derbsinnlichen Äußeren ist dieser eben doch ein ausgesprochener Geistesaristokrat; man erkennt dies am besten, wenn man seine Werke mit denen der holländischen Kleinmaler, den Vertretern eben jenes niederen Volkes in der Kunst vergleicht. Auch seine Freundschaft mit dem späteren Bürgermeister Six von Amsterdam, dem Haupte einer hocharistokratischen Familie und danach auch eines hocharistokratischen Gemeinwesens, ist hiefür bezeichnend. Rembrandt kann, richtig verstanden, den Deutschen die Vornehmheit inokulieren; und eine solche Impfung würde sie gegen manche Krankheit schützen. Beispiele wirken; vielleicht kommt dem jetzt so rauch- und pulvergeschwärzten Antlitz des Deutschen von dem niederländischen Farbenkünstler her, noch einmal etwas frische und feine Farbe. Wo Kraft sich mit Selbstbewußtsein, wo Heiterkeit sich mit Ernst mischt, da wird sich auch schließlich jene sozial und politisch vornehme Gesinnung einstellen, welche die schönste Zier der Nationen ist. Wer auch eine derartige Vornehmheit kann sich nur von innen nach außen entwickeln: der Deutsche soll vornehm sein, nicht vornehm tun . Sinnlichkeit, ohne eine Spur von Gemeinheit, ist immer vornehm; in diesem Sinne hat jedes Kind nicht nur moralisch etwas Heiliges, sondern auch künstlerisch etwas Vornehmes an sich; und dieselbe Eigenschaft kommt jedem Künstler, soweit er Kind ist, zu; die Griechen, die Renaissanceitaliener, Shakespeare bestätigen es. Der aristokratische Charakter aller Kunst, den man von jeher erkannt hat, ist also tief begründet und er läßt sich noch von verschiedenen anderen Seiten rechtfertigen. Schon weil die Kunst höheren Interessen der Menschheit dient und diese stets nur einer Minderheit der Menschen ernstlich am Herzen liegen, ist sie aristokratisch. Sie ist es auch darum, weil sie männliche Selbständigkeit verlangt; es ist vornehmer, auf eigenen Füßen zu stehen, als sich zum Sklaven fremder und falscher Theorien zu machen. Bemerkenswert ist, daß in Hannover die sogenannten »schönen Familien« die dortigen vornehmen Familien sind; gerade dies Land ist ein echt- und urdeutscher Boden; es zeigt sich mithin deutlich, daß das künstlerisch Schöne und das politisch Vornehme auch in der Ursprünglichen deutschen Volksauffassung zusammengehen. Diese beiden geistigen Faktoren haben sich in der Vergangenheit und – Gegenwart voneinander getrennt; sie sollen sich in der Zukunft wieder vereinigen. Das deutsche Volk soll eine im besten Sinne »schöne Familie« bilden; und zwar besonders seinen nächsten Vorfahren wie seinen nächsten Nachbarn gegenüber. Es soll den höheren menschlichen Interessen dienen. Die neue Zeit wird unter neuen Zeichen stehen; sie wollen beachtet und gedeutet sein; sie wollen befolgt sein. Es ist längst bekannt, daß das menschliche Blut Eisen enthält; Blut und Eisen haben das jetzige Deutsche Reich nach außen gegründet. Das menschliche Blut enthält aber nach neuesten chemischen Untersuchungen auch Gold; und nur wenn das Gold echter Vornehmheit dem eingeborenen deutschen Charakter erhalten bleibt, so wird jenem gewaltigen äußeren ein ebenso gewaltiger innerer Aufschwung des deutschen Volksgeistes folgen. 7. Bescheidenheit Wer soll Herrscher sein? Der Bescheidenste . Freilich kann derjenige, welcher nichts ist, leicht bescheiden sein; oder vielmehr er kann es nie sein; denn Bescheidenheit entsteht nur durch Subtraktion: indem man seine Ansprüche von seinen Fähigkeiten abzieht. Mögen alle diejenigen Deutschen, an welchen etwas zu subtrahieren ist, sich diesem Wettkampfe stellen! Eine nationale, geistige, sittliche Reform in dem Zeichen der »Bescheidenheit« würde eine echt deutsche Reform sein. Denn der Deutsche ist von Haus aus bescheiden; er ist es freilich neuerdings nicht immer geblieben; eben darin, das; er zu dieser seiner Grund- und Ureigenschaft zurückkehrt, besteht auch hier die Rückbildung – Reform – welche ihm nottut. »Mich dünkt bei den Deutschen zu bemerken, daß ihnen das Irren und sich Aufblasen nicht ganz natürlich und bequem ist; sie haben nur Grazie in der strengen Ausübung von dem, was sie für wahr und recht erkennen«, hat Rahel gesagt. Der Besonnene ist bescheiden und der Bescheidene ist besonnen. Nur wer staatsklug und bescheiden zugleich ist, kann dauernd die Welt beherrschen; darf sie beherrschen; soll sie beherrschen. Gerade in einer Zeit des Egoismus ist bei sonst gleichem Kraftmaße der Strebenden derjenige unter ihnen der mächtigste, welcher keinen Egoismus besitzt; denn ihm ist alsdann eine Schranke weniger gezogen als den andern. Uneigennützigkeit aber ist der höchste Grad von Bescheidenheit; der Eigennützige ist mächtig, der Uneigennützige mächtiger. »Rechtschaffenheit ist die beste Politik«, hat Macaulay gemeint; man könnte diesen Spruch dahin erweitern, daß man sagte: »Uneigennützigkeit ist die beste Politik.« Die Deutschen könnten ein erstes unter allen Völkern der Erde sein, wenn sie ihre bisherigen Erfolge festhalten und ausdehnen, außerdem aber ihre frühere Bescheidenheit wiedergewinnen würden. Zug und Gegenzug ergeben erst die Harmonie. Der Deutsche sollte nunmehr wieder das werden, was er in seiner ursprünglichen Kunst wie Poesie ist: der milde Mann! Dieser Ausdruck ist die wörtliche Übersetzung von gentleman; und gentle Shakespeare wurde dieser, einer der edelsten aller bisherigen Deutschen, von seinen Zeitgenossen genannt; hier ist das Ideal des Deutschen! Ein künftiger Linné des Geistes wird die Gattung Mensch vielleicht nicht nach der Weisheit, als Koma sondern nach der Güte, als vir benevolus bezeichnen. Und darin wäre sicher ein Kulturfortschritt zu erkennen. »Unser höchstes Ziel besteht gar nicht darin, zu wissen, sondern gut zu sein «, hat ein trefflicher Deutscher von heute gesagt. »Selig sind, die da geistlich arm sind.« Findet die deutsche bildende Kunst wieder einmal in einer einzelnen Persönlichkeit ihr Zentrum wie die deutsche dichtende Kunst es in Shakespeare besaß, so wird eine solche Persönlichkeit sicher von der »einfältigen« Art sein. Je weniger sie scheinen wird, desto mehr wird sie sein; und je mehr sie sein wird, desto weniger wird sie scheinen. Die Kunst soll erheben und vertiefen, nicht blenden; künstlerische Simplizität, hoheitsvoll wie bei Leonardo oder demütig wie bei Rembrandt, ist daher das beste Erziehungsmittel für den unruhigen und zerstreuten großen Haufen, für die Beschauer, für das Publikum. Kein Maler hat so zahlreiche Selbstporträts hinterlassen wie Rembrandt; und einem flüchtigen Beobachter könnte dies wohl als Selbstgefälligkeit erscheinen; aber in Wahrheit beweist er gerade dadurch seine vollkommene Unparteilichkeit, Sachlichkeit und – Unscheinbarkeit. Er sagt gerade heraus, was er meint, wie ein Kind: er greift zu dem Nächsten, wie ein Kind; er hat keine Nebengedanken, wie auch ein Kind sie nicht hat. Die »Einheit in der Mannigfaltigkeit«, welche aller Kunst und die Fähigkeit, simple Motive ins Unendliche zu variieren, welche dem niederdeutschen Charakter zugrunde liegt, betätigen sich hier aufs schönste. Rembrandt betont sein Ich; Shakespeare läßt es verschwinden; mag aber die schöpferische Geisteskraft den Weg vom Allgemeinen zum Besonderen oder den umgekehrten einschlagen, sie gibt und kann nichts anderes geben als was sie selbst ist. Das Beispiel der Genannten bestätigt dies aufs neue; und Christus zeigt in allerhöchstem Maße jene Eigenschaft: sein Ich zu betonen, indem man auf dasselbe verzichtet und es schließlich sogar vernichtet: »Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen.« Von den »geistig Schwachen« gibt es leider heutzutage genug; nur wenige Deutsche lassen sich von dem modernen Bildungsschwall nicht einschüchtern; ihr Joch drückt sie hart! Diesen wissensbedrängten und kunstbedürftigen Seelen von heute bleibt nur eine Wahl: sich einer äußerlichen Bildung ab- und echter Herzenseinfalt wieder zuzuwenden. Wie und bis zu welchem Grade dies dem einzelnen gelingt, das hängt von seiner Persönlichkeit ab; aber keiner darf den ernstlichen Versuch dazu unterlassen. Sie sollen wieder geistlich arm werden! Das Evangelium Christi ist noch nicht tot; und es kann auch weltlich angewandt werden; denn seine geistlichen Wahrheiten sind auch geistige Wahrheiten. 8. Ehre und Sitte Eine falsche Kultur schwächt nicht nur geistig, sondern auch sittlich. Wie die Wissenschaft in ihrem letzten Grunde auf den Menschen, so führt der Mensch in seinem letzten Grunde auf das Sittliche. Auf diesen Punkt wird also der deutsche Mensch und der deutsche Künstler sein festes Augenmerk zu richten haben. Ehrenmann ist ein Minoritätsbegriff. Ehre ist nie allgemein; sie kann nur im Gegensatz zur Unehrenhaftigkeit gedacht werden; und ist also ein aristokratischer Faktor. Im Konflikt zwischen Vorteil und Ehre entscheidet sich bei vollkommen freier Wahl immer nur eine Minderheit der Menschen für die letztere. Die Ehre des Künstlers besteht darin, seinem besten Selbst treu zu bleiben unter allen Umständen. Er berührt sich darin wieder mit dem militärischen Geist. Die Ehre des deutschen Offiziers gibt sich vorwiegend nach außen hin kund, aber sie ist darum nicht weniger innerlich gemeint; die Ehre des deutschen Künstlers richtet sich wesentlich nach innen, aber sie sollte sich trotzdem nicht minder äußerlich dartun. Er kann darin von dem heutigen Krieger noch viel lernen; Integrität der Persönlichkeit, Integrität der Gesinnung, Integrität des Handelns ist beiden gemeinsam oder sollte es wenigstens sein. Also auf Charakter kommt es an! Die Gedankenblässe der gegenwärtigen Bildung ist oft genug der »blassen Furcht« verwandt. Fürst Bismarck hat in seiner Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 gesagt: »Die Tapferkeit ist bei allen zivilisierten Nationen gleich.« Er hat damit bewußter- oder unbewußterweise die große und weitgreifende Wahrheit ausgesprochen, daß Tapferkeit auch einen Teil der Zivilisation bildet; daß also nicht nur geistige, sondern auch moralische Kraftleistungen dem »zivilisierten« Menschen zukommen. Die neueste deutsche Bildungsfrage ist nicht zum wenigsten eine Frage des Mutes. Der zivilisierte Deutsche wird seine Tapferkeit darin zu zeigen haben, daß er den Mut besitzt – echt und selbständig zu sein, auch auf geistigem Gebiet. Er wird sich gegen den Ansturm äußerlicher Einflüsse zu wahren haben; von ödem Strebertum und oder Plutokratie hat er sich gleich fern zu halten. Das Parvenütum von heute beruht auf sittlicher Halbbildung und führt zu sittlicher Mißbildung; der Pöbel im Frack kann nicht scharf genug gegeißelt werden. Wer auf mehr oder minder ehrenvolle Weise zu einem Haufen Geldes gelangt ist, darf darum noch lange nicht »vornehme« Allüren annehmen; so mancher moderne Trimalchio hält sich einen Bedienten; läßt er sich aber einmal auf geistige Fragen ein, so redet er sich um den Hals. Es wäre zu wünschen, daß einem solchen unwahren und frivolisierenden Treiben, das vielfach soziale Fäulniskeime in sich birgt, auch einmal von oben her Einhalt geboten würde; daß die besseren Klassen sich ihm endgültig entziehen würden: wir wollen Reinlichkeit! Eine adelige oder bürgerliche Gesellschaft, welche Leute, die das Zuchthaus mit dem Ärmel gestreift haben, auch nur unter sich duldet, ist verloren. Hier liegen die wahren Keime zur Revolution! Für eine Reform des deutschen Gesellschaftslebens gibt es nur eine einzige Vorbedingung; es ist die folgende: daß man den gesellschaftlichen Wert eines Menschen nicht nach dem Gelde abschätzt, das er besitzt. Dieser letztere Standpunkt, der denkbar roheste, ist leider jetzt nur zu häufig der maßgebende; man sieht infolgedessen den Offizier zum Heiratsspekulanten und den Künstler zum Salonstatisten herabsinken; gibt man diesen Standpunkt nicht auf, so wird das deutsche Gemüt veröden. Das goldene Kalb muß umgestürzt werden. Selbstverständlich aber wird die Erfüllung einer solchen Forderung einen gewissen sittlichen Aufschwung des deutschen Volkes voraussetzen. Ohne einen solchen ist nie Großes gelungen; und ohne einen solchen, darf man hinzufügen, werden die Deutschen nie sie selbst sein. Der moderne Mensch, welcher auf seine Modernität so stolz ist, sollte endlich aufhören, sich seine Weltanschauung vom ersten besten Kellner diktieren zu lassen. Es gibt noch eine andere Noblesse als die, welche sich durch Trinkgeldergeben äußert. Geld zu haben ist für den Menschen ebenso notwendig, wie die physiologische Entlastung seines Körpers von gewissen unreinen Stoffen; aber darum diese letztere Funktion für den Mittelpunkt des Lebens zu erklären, wäre doch verfehlt. Das neunzehnte Jahrhundert predigte fast solche Ansicht. Sie muß bestritten werden. Der eigentliche Daseinskampf des modernen Menschen ist der nicht materielle, sondern sittliche Kampf gegen das Geld: er soll es sich, aber nicht sich ihm unterjochen; der moderne Siegfried – der wiedergeborene Deutsche – soll diesen gleißenden Drachen töten. Für ihn handelt es sich hier um einen heiligen Krieg und zugleich um das höchste aller sozialen Probleme; es handelt sich um den Kampf der Seele gegen das Seelenlose; und wenn man will. Gottes gegen den Teufel. Denn Sittlichkeit ist nur da, wo Seele ist. In der Sittlichkeit aber gibt es, wie überall, nur ein Vor oder Zurück, kein Stehenbleiben; dies möge man bedenken. Offiziere, Gelehrte, Künstler vergeben sich etwas, wenn sie an Genußsucht mit dem Bankier wetteifern. Der rohe Geldkultus ist ein nordamerikanischer und zugleich schlechtjüdischer Zug, welcher in dem jetzigen Berlin mehr und mehr überhand nimmt; eine deutsche und ehrenfeste Gesinnung sollte demgegenüber ganz entschieden Stellung nehmen. Es ist roh und plebejisch, sich an einer Geselligkeit zu beteiligen, welche auf platte Sinnlichkeit und leere Renommisterei gegründet ist; welche der wahren, inneren Bescheidenheit entbehrt; welche weder sittlichen noch geistigen Gehalt in sich hat. Solche Geselligkeit war in dem Berlin Friedrich Wilhelms II. zu Hause; und sie taucht im jetzigen Berlin stark wieder auf; ja sie verbreitet sich von dort aus mehr und mehr auf andere große Städte. Wer kein »Haus« hat, der soll auch keins machen. Offizier- und Beamtenkreise sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen und zu einer edlen Nüchternheit des materiellen Lebens zurückkehren. »Repräsentieren« wird sonst »Lügen«. Gastereien auf geborgten Schüsseln fehlt das süße Aroma des eigenen Herdes. Gastlichkeit besteht nicht darin, daß man den Geldbeutel zieht und für einige Leute das Essen und Trinken bezahlt; sie besteht darin, daß man andere an dem Geist wie der Lust des eigenen Hauses teilnehmen läßt. Das ist deutsche und individuelle, jene andere ist schablonenhafte und Berliner Gastlichkeit. »Alles was die Individualität vernichtet, ist Despotismus, mit welchem Namen man es auch bezeichne«, bemerkt ein so ausgesprochener Realist wie John Stuart Mill. Mögen mithin diejenigen Deutschen, welche der Veredelung der Individualität huldigen, zusammenhalten; trage jeder von ihnen den leuchtenden Kranz auf der Stirne, der ihn zu einem Priester höheren Menschentums macht. Dann wird das Individuum, der einzelne, der Mensch, wieder zu seinem Rechte gelangen. Das Recht des einzelnen ist hier das Recht aller. Abstufung der Geister Das schlimme und wahre Wort: »Erst gib mir zu leben, dann will ich ehrlich sein«, gilt zwar für die Masse der Menschen; aber für eine Auswahl der Menschen gilt es nicht; eben darum ist diese berufen jene zu führen – in materieller, geistiger, sittlicher Hinsicht. Alle großen Kulturfragen der Menschheit hängen davon ab, ob sich zuweilen eine Anzahl von Leuten findet, welche die Ehre dem Leben vorzieht. Sie soll herrschen. Das Naturreich selbst ist aristokratisch aufgebaut; es gliedert sich von niederen zu höheren Zuständen, von niederen zu höheren Wesen. Kurz, sämtliche Probleme, welche sich aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen ergeben, führen auf das eine große, aristokratische Problem zurück: auf das der berechtigten Über- und Unterordnung der Menschen unter sich. Aus ihm entfließen auch die heute schwebenden deutschen Volksprobleme. 1. Edle Minderheit »Fein« soll der Deutsche, nach dem erwähnten Ausspruch Rahels, sein. Die oculi truces , welche schon Tacitus den Deutschen zuschreibt, müssen nunmehr zu sanfterem Blick gebändigt werden. Die jetzigen deutschen Bauern, wo und soweit sie sich unverdorben erhalten haben, sind den alten Deutschen des Tacitus noch am verwandtesten; aus Erde schuf Gott den Menschen und aus den Bauern könnte man den Deutschen schaffen – wenn man den ersteren Begriff richtig versteht. Aus bäuerlicher Wurzel muß sich der künftige innere Aristokratismus der Deutschen entwickeln. Man glaubt an Erbsünde; man sollte auch an Erbtugend glauben; freilich ist jene allgemein und diese ist es nicht. Gerade in dem, was man Menschlichkeit nennt, ist ein auch äußerlich aristokratischer Zug nicht zu verkennen; denn die Zahl derer, welche wahrhaft »Menschen« sein können und wollen, wird immer nur eine Minderzahl darstellen. Diese edlere Minderheit soll die Geschicke der Deutschen entscheiden, jedenfalls im geistigen und womöglich auch im politischen Leben. Dann wird das uraristokratische Gesicht dieses Volkstypus aus der demokratischen Maske, die er für geraume Zeit trug, wieder auftauchen. Nach der Majoritätszeit kommt die Minoritätszeit. Das Griechentum, die Renaissancezeit, die klassische deutsche Literaturperiode waren solche Minoritätszeiten; die edleren aber der Zahl nach beschränkteren Schichten des betreffenden Volksorganismus waren damals geistig die herrschenden; und »was einmal war, kann wieder kommen«. Der aktive, schöpferische, männliche Geist der Menschheit tritt in solchen Zeiten mehr an die Oberfläche: er taucht zwar danach wieder unter; aber seine Werke bleiben. »Eine Schanze ist nur ein Haufen Dreck; aber der Soldat verteidigt sie mit seinem Leben, weil seine Fahne darüber weht«, sagt Goethe. Ein menschlicher Name, sei es auch der größte und beste, ist allerdings vergänglich; aber es gibt Namen, an welche sich zuzeiten die Ehre einer Nation knüpft: Rembrandt ist ein solcher Name. Diejenigen Deutschen befinden sich jetzt noch in der Minderheit, welche den durch ihn bezeichneten Zielen zustreben; aber Mehrheit oder Minderheit entscheidet hier nicht; die größten und rühmlichsten Siege der Welt sind immer von Minderheiten erfochten worden. Die Kämpfe der Niederländer, der Schweizer, der Griechen bezeugen es! Wie den letzteren in der Schlacht bei Salamis die Stammheroen eben jenes Bodens erschienen, um den und auf dem gekämpft wurde; so werden auch den Deutschen in der Entscheidungsschlacht gegen eine falsche Bildung die großen Helden der deutschen Erde, als gewaltige Mitstreiter, Zur Seite stehen. Der gegenwärtig so einflußreiche Professor mag dann von seinem hohen Katheder, wie Xerxes von seinem Thron am Griechenufer aus, diesem Kampfe zusehen. Der Sieg wird auch heute nicht da sein, wo die Mehrzahl ist, sondern da, wo freier Mut, einheimischer Geist und echte Menschlichkeit sich finden . »Da ward es aller Welt und vornehmlich dem Könige offenbar, daß es wohl viel Menschen wären, aber wenig Männer«, erzählt der ehrliche Herodot; und so werden vielleicht auch künftige Deutsche sagen können. Auch innerhalb der freien Künste sollten sich die Individualitäten neben- und übereinander gruppieren. Bereits im achtzehnten Jahrhundert nahm die deutsche Geistesentwickelung tatsächlich einen bedeutsamen Anlauf nach einer solchen Richtung hin; es gab damals in Hamburg, in Berlin, in Weimar, in Düsseldorf, in Wien und anderswo individuell geartete Geisteskreise. Nicht nur literarisch oder poetisch, sondern auch allgemein menschlich und philosophisch gliederte sich damals der deutsche Volkskörper in einzelne größere Massen. Es waren Organe, die sich gegenseitig befruchteten; ohne Voß^ Luise gäbe es nicht Goethes Hermann und Dorothea; und ohne Kant nicht den gereiften Schiller; aber diese Ansätze zu einer reicheren Ausgestaltung des nationalen Innenlebens starben später ab. Man sollte sie jetzt wieder erwecken. Gemeinschaften wie jene oben erwähnten, müssen wiederkehren. Sie sind als synthetische Faktoren des Volkslebens zu bezeichnen; und deren bedürfen die Deutschen jetzt mehr als je; sie werden desto eher erscheinen, je entschiedener und bewußter man sie anstrebt. Diese Einheit Deutschlands bleibt noch Zu erringen! Die bisherigen Anläufe Zu ihr sind durch ein verhängnisvolles Geschick unterbrochen worden. Goethe blieb aus dem Kranze jüngerer Genossen, die ihn hätten umgeben können und sollen: Schiller, Hölderlin, Novalis, Kleist einsam zurück. Der Haß des letzteren gegen den herrschenden Dichtersurften wäre kaum geblieben; auch Schiller sagte einmal über Goethe: »Ich hasse diesen Menschen«, und liebte ihn dennoch später. Der Reife ist dem Reifen gewogen. Immerhin haben Goethe und Schiller in ihren »Xenien«, als eine oberste Orakelbehörde, Hunderte von Sprüchen über das damalige und damit auch über das jetzige deutsche Geistesleben abgegeben. Es waren zugleich kriegerische Brand» Pfeile, welche sich gegen nichtige oder falsche Kunst» wie Bildungsanschauungen richteten. Kurz ein solches Kunstorakel stellt auf geistigem Gebiet eine »Herrschaft der Besten«, mithin eine Aristokratie im eigentlichen Sinne des Worts dar. Es sollte heute wieder einen hohen Rat in geistigen Dingen Deutschlands geben, wie er in Weimar, als der zeitweiligen kunstpolitischen Hauptstadt Deutschlands, damals bestanden hat. Die Männer, welche ihm angehören, werden sich den trivialen geistigen Tagesströmungen möglichst fern und den tieferen, geistigen Volksströmungen möglichst nahe zu halten haben. Ein festes Zusammenhalten der Gutgesinnten und ein freiwilliges Unterordnen des Kleineren unter den Größeren ist dabei unerläßlich. Kriegs- wie Kunstorganisation kann immer nur eine aristokratische, d. h. lebendig und gesetzmäßig in sich abgestufte sein. Die etwaige äußere Form derselben wird sich erst künftig bestimmen lassen; sie hängt von Zeit und Umständen und Menschen ab; am leichtesten dürfte sie sich unter dem Schütze des deutschen Adels entwickeln. Was dieser an politischen Rechten verloren hat, könnte er an kunstpolitischen Rechten wiedergewinnen. Wie die deutschen Schlösser und Fürstensitze in der Regel von ihren Parks umgeben sind, deren schwellende grüne Pracht jene erst zur rechten architektonischen Wirkung kommen läßt; so sollte der einzelne deutsche Fürst sich mit einem geistig und künstlerisch angeregten, dem deutschen Boden entstammenden Gesellschaftskreis umgeben – um seines Berufes auch nach außen imposant zu walten. Einen Fürsten, der seine Fürstenpflicht nur mechanisch absolviert, wird das Volk wenig achten; einen solchen, der sie organisch durchführt wird es verehren. Jagd, Sport und Parade genügen hiezu nicht. Die neue Pflicht, welche das neue Deutsche Reich seinen Magnaten auferlegt, heißt: Pflege und Stärkung des deutschen Volkstums nach der individuellen, persönlichen, lokalen Seite hin. Kurz, sie sollten die leitenden Sozialaristokraten sein. Aber freilich gehört dazu, daß sie sich nicht durch Tageskunst und Tageskritik beirren lassen,– daß sie, wie Karl August von Weimar gesunden eigenen künstlerischen wie menschlichen Neigungen folgen; daß sie das gute Neue erkennen, fördern, verteidigen. Hier gibt es eine Souveränität zu holen! 2. Mann und Masse Es kommt nicht darauf an, daß man dem Erfolg huldigt; es kommt darauf an, daß man den großen Mann auch in einer unscheinbaren Hülle erkennt; daß man Vertrauen zu ihm hat und dies durch Taten beweist. Das Gefallen, welches das sogenannte große Publikum jetzt an Wagner, Böcklin, Ibsen zeigt, spricht mehr gegen diese Künstler als das Mißfallen, das man ihnen früher entgegenbrachte; sie könnten nicht Mode werden, wenn sie nicht teilweise der Mode dienten: sei es auch nur dadurch, daß sie ihr widersprechen. Widerspruch kitzelt. Den großen Haufen muß man links liegen lassen; man muß seinetwegen nicht einmal nach rechts gehen; man muß geradeaus gehen. Dieser gerade Weg wird dem Volke wie dem einzelnen vorgezeichnet durch – seine Individualität, die er ausbilden, vertiefen, verteidigen soll: immotus in undis. Wer dem Echten dient, wird es nur mit den Echten halten; diese werden als Wenige immer den Vielen entgegenstehen. Die Anziehungskraft der ersteren wächst je mehr sie sich selbst um einen festen Mittelpunkt scharen; und sie können dadurch die letzteren, falls es gut geht, unwillkürlich nach sich ziehen. Aber der Beifall der »gebildeten«, d. h. halbgebildeten Masse ist unter allen Umständen wenig wertvoll; es sei denn, daß sie sich entschließt, zur gesunden Natur zurückzukehren. Und dies wird immer nur vorübergehend der Fall sein; wenn es überhaupt dazu kommt. Ein Volk lernt langsam. Da man vor Toten zuweilen mehr Respekt hat als vor Lebenden, so ist immerhin die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß ein Rembrandt den heutigen »Zeitgenossen« etwas mehr Eindruck macht als die Obengenannten. Im Grunde stimmen zwar die Genien des 17. mit denen des 19. Jahrhunderts überein; sie sind Originale und stoßen darum an; aber ihr Schicksal kann belehrend wirken für diejenigen, welche noch belehrungsfähig sind. Ein Mann macht viele. Dieser geheime Magnetismus zwischen den Vielen und dem Einen ist eines der wichtigsten und vielleicht überhaupt das wichtigste Volkserziehungsmittel. Mann und Masse gehören zusammen, wie Schwert und Schild; in dem Manne schlägt der nationale Geist zu, durch die Masse deckt er sich. Zu den einzelnen so hoch entwickelten Individualitäten, wie Shakespeare und Rembrandt, bildet der sonst so stark ausgebildete Massengeist und Massentrieb der Niederdeutschen einen frappanten und – natürlichen Gegensatz. Sie gleichen darin den unzählbaren Grashalmen ihrer eigenen heimatlichen Marschweiden, aus denen gelegentlich eine Hyazinthe auftaucht; oder dem unendlichen Schwärm der Heringe, dieses speziell niederdeutschen Fisches, den ein »Heringskönig« zu begleiten pflegt. Die tieferen Charaktereigenschaften des Stammes verdichten sich jeweilig zu einem hochbegabten Individuum, das nicht minder überraschend wirkt als eine Blume von seltenem Duft oder ein phosphoreszierendes Tiefseewunder. Man könnte auch sagen: der Mann ragt aus der Masse, wie eine niederdeutsche Eiche über ein niederdeutsches Kleefeld; und es ist ein eigener Zug der Geschichte, daß der bisher größte niederdeutsche Mann und Staatsmann, Bismarck, eben dieses volkstümliche Doppelbild in seinem Wappen führt: drei Kleeblätter in drei Eichenblättern! Der Niederdeutsche ist gewöhnlich; und seine leitenden Geister sind ganz ungewöhnlich gewöhnlich. Dichtgedrängte Massen eines gleichen geistigen Materials zeigen gern die Neigung, sich an einem bestimmten Punkt in ihr Gegenteil zu entladen: so entsprang der phantasiereiche und gefühlvolle Shakespeare den praktischen und politischen Engländern; so der bewegliche und vibrierende Geist Rembrandts dem phlegmatischen und stetigen Holländertum; so der klarste aller Politiker, Bismarck, den bisher unklarsten Politikern, den Deutschen; so noch in neuester Zeit der bizarre Böcklin den nüchternen Schweizern. Und solche Glanzpunkte eines nationalen Daseins wirken dann ihrerseits wieder gestaltend auf die Masse zurück; ein einziger heller Reflex, richtig auf eine dunkle Fläche gesetzt, kann ihr Plastik und Leben verleihen. Die Begriffe der »Masse« und des »Mannes«, der großen Menge wie der Einzelpersönlichkeit setzen sich wechselseitig ineinander um. Der große Mensch findet sich in allen wieder; und alle finden sich in ihm wieder. »Mon dieu, ayes pitié de moi; mon dieu, ayes pitié de ce pauvre peuple«, rief der sterbende Oranien aus und erinnert durch diesen Doppelblick nach oben wie nach unten, auf sich wie auf sein Volk, an ein weit größeres Beispiel aufopfernder Menschenliebe. Zwischen Gott und dem Volk steht – der Mann. Mann und Masse verhalten sich zueinander wie das männliche und weibliche Prinzip innerhalb der gesamten Welt: jenes wird aus diesem geboren, und befruchtet es dann seinerseits wieder. Der Mann lebt in der »Masse« und die Masse erkennt sich in dem »Mann«. Das Männliche ist der höchste Ausdruck des Menschlichen; denn es ist schöpferisch, künstlerisch, aufbauend. Die besondere Abstufung Zwischen Masse und Mann spiegelt nur eine andere allgemeine geistige Abstufung im menschlichen Dasein wider: nämlich die zwischen Natur und Genie. Das letztere hat für die gesamte nachchristliche Zeit in dem niederdeutschen Shakespeare einen hervorragendsten Vertreter gefunden; die erstere ist in dem überwiegend naturwissenschaftlichen Zug des geistigen Lebens der Gegenwart zu zeitweise herrschender Geltung gekommen; und eben dieser Strömung entspricht die bisherige Proklamierung des demokratischen oder Massenprinzips in der politischen Jetztzeit. Adel und Volk, Genie und Natur, Mann und Masse gehören zusammen. Es ist ein altes und oft, zuletzt noch durch den mehrfachen Wechsel der politischen Gesinnung der Deutschen während der letzten Generationen bestätigtes geschichtliches Gesetz: daß auf die Demokratie stets der Cäsar folgt; so fordert auch die demokratisch-naturwissenschaftliche Richtung der modernen Zeit als ein ihr unvermeidlich folgendes Supplement einen cäsaristisch-künstlerischen Typus, d. h. das nunmehr zu erwartende Hervortreten einer gewaltigen und rein geistig vorherrschenden Einzelindividualität. Demokratie ist ein Körper, der sich nach einem Kopf sehnt; darum beträgt sie sich oft so kopflos; und darum findet sie so leicht einen Kopf – sei er nun ein Demagog oder ein Cäsar. Es ist wahrscheinlich, daß jene voraussichtliche Reaktion da auftreten wird, wo die Aktion am stärksten war; mithin da, wo in politischer Hinsicht der demokratische Massengeist und in künstlerischer Hinsicht jener Geist der Unscheinbarkeit, die zwang- und anspruchslose künstlerische Selbstbestimmung bisher sich am stärksten geltend machte: also auf niederdeutschem Boden. Jener Mann, wenn er kommt, wird wahrscheinlich ein Stammes- und muß notwendig ein Geistesverwandter von Rembrandt sein. Pflanzen wachsen schußweise und Volksindividualitäten auch. 3. Der heimliche Kaiser Da Bescheidenheit zweifellos diejenige Tugend ist, welche bei der jetzigen deutschen Generation am wenigsten gilt; so wird es, nach dem obigen Gesetz des ergänzenden Gegensatzes zwischen Mann und Masse, vor allem ein bescheidener Mann sein, den man als einigende und zusammenfassende Persönlichkeit auf deutschem Bildungsgebiet nunmehr zu erwarten hat. Er wird dem Mechanischen, Materiellen, Brutalen möglichst ab- und dem Individuellen, Geistigen, Sittlichen möglichst zugewandt sein. Er wird so sein, wie die »Masse« jetzt nicht ist. Nach dem Stande der heutigen deutschen Verhältnisse darf man sagen, daß dieser »Mann« eine kunstpolitische Persönlichkeit sein wird; eine solche, welche die schließlich gewonnene politische Schulung der Deutschen auf ihre längst vorhandene künstlerische Begabung anwendet; und beiden dadurch erst die Vollendung gibt. Künstler und Beschauer, Führer und Volk, Gott und Welt gehören zusammen. Das geheimnisvolle Wechselspiel zwischen Peripherie und Zentrum, deren keines ohne das andere gedacht werden kann, überträgt sich aus der Mathematik auf das Volksleben. Nimmer in tausend Köpfen, der Genius wohnt nur in Einem, Und die unendliche Welt wurzelt zuletzt doch im Punkt hat ein niederdeutscher Dichter, Hebbel, erklärt; und ein oberdeutscher Dichter, Schiller, hat sich zu dem gleichen Glauben bekannt: Millionen sorgen dafür, daß die Gattung bestehe, Aber durch wenige nur pflanzet die Menschheit sich fort. Die Zeit bedarf eines gewaltigen Hebels, der die toten Massen in Bewegung zu setzen weiß; ihm gebührt die Herrschaft. Aber freilich nicht nach Tyrannenart, sondern in der Art, daß er die Gefühle, die Wünsche, die Befehle seines Volkes ausführt, zuweilen auch anscheinend gegen dessen Willen. Hebbel hat ferner gesagt, daß jede Zeit auf geistigem Gebiet ihren »heimlichen Kaiser« habe; und die Geschichte bestätigt es, daß gerade die größten geistigen Kräfte bei ihren Lebzeiten und für die Gesamtheit ihrer Zeitgenossen oft »heimlich« bleiben. Man sieht die Sonne nicht, weil sie scheint. Leonardo, Shakespeare, Rembrandt, Bach, Bismarck – solange man diesen nicht erkannte – waren heimliche Kaiser der Deutschen für die letzten fünf Jahrhunderte. Ihnen schlossen sich auch »heimliche« Herzöge und Vasallen an; so für das letzte Jahrhundert in der diskreten Erscheinung eines Moltke und in der vornehm verschwindenden Gestalt eines Clausewitz. Der erstere blieb bis zu seinem 64. Jahre dem deutschen Volke unbekannt; der letztere, welcher sein klassisches und bis heute noch gültiges Werk: »Vom Kriege«, erst nach seinem Tode erscheinen ließ, verstand das s'ettacer aus dem Grunde. Hölderlin und Novalis sind solche halbverschwindende Größen auf geistigem Gebiet. Wie Moltke erst in seinem Alter und Clausewitz erst nach seinem Tode, so werden jene beiden noch nicht einmal jetzt von der Allgemeinheit nach dem ihnen zukommenden Werte geschätzt. Was die beiden Krieger bewußter-, taten die beiden Künstler unbewußterweise: sie löschten sich im Gedächtnis der Mitwelt aus, aber nicht für immer. Sie sind kostbaren Palimpsesten zu vergleichen, deren Schrift erneuert werden kann. Die Sehnsucht nach dem politischen Kaisertum war den Deutschen in Erfüllung gegangen; möge nun das geistige Kaisertum, wenn es ihnen beschieden ist, nicht allzulange auf sich warten lassen. Wenn ein solcher »heimlicher Kaiser« kommt, so wird er die Gabe, zu führen und zu formen, besitzen müssen. Er wird dadurch in einen entschiedenen Gegensatz zu dem gegenwärtigen papiernen Zeitalter treten. »Das Kritzeln und Schmieren kommt mir als Zeichen eines verderbten Jahrhunderts vor«, sagte vor dreihundert Jahren Montaigne; und »der Lesegeist ist dem Deutschen so angeboren, daß er ihn nicht einmal verläßt, wenn die Vernunft fort ist«, meinte vor hundert Jahren Lichtenberg. Gegen den toten Buchstabenkult wird also der heimliche Kaiser die lebendige, geistvolle Persönlichkeit auszuspielen haben. Seine erste Pflicht aber wird es sein, sich nicht als ein römischer, sondern als ein deutscher Kaiser zu zeigen; er wird unter einer Reihe gleichgesinnter Geister ein primus inter pares sein – er wird unter dem deutschen geistigen Adel die erste Stelle einnehmen müssen. Adel ist immer korporativ; und Korporationen können nur etwas leisten, wenn sie sich einem tüchtigen Führer unterordnen; sonst sind sie allzu leicht der Verknöcherung ausgesetzt. Aristokratie ist ein Kopf, der ein Gehirn braucht. Der »heimliche Kaiser« soll im wesentlichen die Tätigkeit eines solchen übernehmen: er soll denken, leiten, organisieren – für die Gesamtheit. Aber wie man das Gehirn in einem lebendigen Kopfe nie sieht, so muß auch seine einzelninteressierte Persönlichkeit gewissermaßen verschwinden vor der Rolle, welche ihm als Vertreter der Gesamtpersönlichkeit seiner Stammesgenossen zufällt. Seine eigene Individualität muß in der Individualität seines Volles aufgehen, sich in ihr spiegeln, sich mit ihr decken. »Der Beste soll Herr sein.« Dasjenige Naturwesen ist das höchste, welches am meisten Güte mit am meisten Mannheit verbindet: dies Wesen ist der Mensch; insonderheit der edle arische Mensch. Güte und Mannheit zusammen ergeben Ritterlichkeit; sie ist die eigentliche eingeborene Tugend des Deutschen; zu ihr soll er zurückehren. Es ist möglich und zu wünschen, daß sich jenes Ideal in einer einzelnen Persönlichkeit, eben in dem »heimlichen Kaiser« ganz besonders verkörpern wird. Die bisherigen deutschen Geisteskaiser waren bald mehr milde, bald mehr Mann; jetzt sollen sich diese beiden Eigenschaften zusammenschließen und zusammenschweißen; so wird sich das deutsche Dasein runden. Wenn jener »milde Mann« kommt, wird er nur der Sprecher für die Volksmasse sein. Gedanken, welche die eines einzelnen sind und bleiben, gleichen der vereinzelten Pflanzenzelle; Gedanken, welche von einem einzelnen ausgesprochen werden und doch die eines ganzen Volkes sind, gleichen dem Samenkorn: es ist klein, aber es kann zum gewaltigen Baum werden, wie das Senfkorn des Evangelismus. Von lebendigen Menschen können immer lebendige Worte ausgehen. Der »heimliche Kaiser« wird, wie jeder seiner Vorfahren und Vorregenten, ein erst geborner Sohn der deutschen Volksseele sein; ist er dies nicht, so ist er nicht der Kaiser; ist er es aber, so wird er auch von ihr geliebt sein; denn welche Mutter wird ihr Kind nicht lieben? Und als Kind muß dieser heimliche Kaiser sich vor allem zeigen. Er soll das eigentliche enfant terrible der Deutschen sein; das mit einem wahren Worte ganze Gebäude von Schein und Unwahrheit umstößt; das der Natur wieder zu ihrem Recht hilft gegenüber der Unnatur: enfant in seinem Wesen und terrible in seiner Tätigkeit. Er hat die echten Deutschen zu lieben und die Afterdeutschen zu hassen; denn zu jeder Sympathie gehört eine Antipathie; Liebe und Strenge sind die beiden Eigenschaften, deren ein Arzt und Reformator bedarf. Die höhere Bestimmung dieses »milden Mannes« wird sich aber noch in anderer Weise äußern; das Gefühl und Bewußtsein derselben wird ihm jene innere Ruhe verleihen, welche sein Beruf notwendig erfordert, und welche ihn wiederum als »Mann« der stets bewegten und unruhigen »Masse« entgegensetzt. Der Spruch Talleyrands: »surtour point de zèle« , wird auch sein Spruch sein müssen. Er ist von politischer aber zugleich auch von künstlerischer Art; er ergänzt den Spruch Goethes, »daß ohne Enthusiasmus keine Kunst zu denken sei«; denn ohne innere Sammlung, Festigkeit, Stetigkeit ist sie ebensowenig zu denken. »Die elektromotorische Kraft des Nervs ist am größten im Zustand der Ruhe«, heißt ein physiologisches Gesetz. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht; Ruhe ist die erste Kaiserpflicht: Ruhe ist die erste Geistespflicht. Ein Imperator muß eherne Züge haben; denn er ist der Ruhepunkt einer Welt; und der Markstein einer Epoche. Ruhige Massen werden dadurch geformt, befruchtet, belebt, daß man ihnen Bewegung und bewegte Massen dadurch, daß man ihnen Ruhe mitteilt. Dem punctum saliens ist der Kristallisationspunkt entgegengesetzt; und diesen letztern erfordern die heutigen deutschen Bildungsverhältnisse, nachdem jener erstere durch die neueren deutschen politischen Verhältnisse gegeben wurde. Man hat gesagt, daß die vielgerühmte Ruhe Homers nichts anderes sei als die größte Schnelligkeit, mit welcher er den Ereignissen und Gegenständen in ihrer Bewegung folgt; man könnte sagen, daß die dem Künstler unbedingt nötige innere Ruhe nur die allerrapideste Bewegung sei, mit der er dem Weltganzen und dessen Einzelheiten folgt. Von dieser Art soll auch die Ruhe des »heimlichen Kaisers« sein; dann wird sie echte und höchste Aktivität wie Aktualität sein. Dann wird er den Bewegungen des eigenen Volksgeistes sowie denen der ihm feindlichen Bestrebungen aufs schnellste folgen können. Bescheidenheit und Ruhe sind demnach die zwei Hauptcharakterzüge, deren der »heimliche Kaiser« bedarf, um seiner Rolle gewachsen zu sein; es ist anscheinend wenig und doch sehr viel. Denn die genannten beiden Eigenschaften gerade sind es, welche der modernen Zeit fehlen; wer jene hat, wird diese beherrschen; durch ihre Fehler beherrscht man die Menschen; und wer sie beherrscht, der kann sie erziehen. Alle, welche den Glauben höher halten als das Wissen, werden die geborenen und erkorenen Bundesgenossen jenes Geistbeherrschers sein. Hinter diesem undurchdringlichen Wall wird der »heimliche Kaiser« Hof halten; von hier aus wird er ein Schutz der geistig Schwachen sein, gerade wie der wirkliche Kaiser ein Schutz der wirtschaftlich Schwachen sein soll. Aus alten Hufeisen schmiedet man die besten Toledoklingen, und aus alten Volksanschauungen die besten Geisteswaffen. Das Schmieden ist ein spezifisch deutsches Handwerk; Siegfried war ein Schmied ehe er ein Held wurde; und der ist der beste Held, welcher seine Waffen selber schmiedet. Auch der »heimliche Kaiser«, wenn er kommen sollte, wird etwas von dieser Eigenschaft an sich haben müssen. Das Feuer seines Geistes wird die alten Volksanschauungen zerschmelzen und die Kraft seines Arms wird sie zu neuen, und darum doch alten, streit- wie sieghaften Anschauungen umformen müssen. Möge er kommen! Scheidung der Geister Die geistigen Kräfte eines Menschen oder eines Volkes, welche wie ein Bündel von Keimen in diesen schlummern, müssen sich voneinander trennen, miteinander konkurrieren, einander widerstreben – wenn jeder einzelne von ihnen und wenn das Ganze gedeihen soll. Erziehung geht darauf aus, eine derartige innere Entwickelung geordnet und gleichmäßig zu gestalten. Sie spielt eine Kraft gegen die andere aus; sie fördert, gegenüber den niederen, die höheren Kräfte des menschlichen Einzel- und Gesamtindividuums. Es ist also notwendig, daß die Natürlichkeit sich mit der Unnatürlichkeit auseinandersetzt: es ist notwendig, daß die unteren und die oberen Mächte des menschlichen Geistes sich scheiden: nur so kann ein harmonisches Menschendasein sich entwickeln. Die Besonnenheit hat mit der Plattheit, das Geniale mit dem Trivialen, das Ewige mit dem Vergänglichen zu kämpfen. In gewissen Momenten des Volkslebens spitzt sich dieser große Streit ganz besonders zu; es kommt dann Zu einer Entscheidungsschlacht. 1. Götter und Giganten Große Entscheidungen lehren in der Form der Auseinandersetzung feindlicher Kräfte, im materiellen wie geistigen Weltleben regelmäßig wieder. Dem Kampf zwischen Hitze und Feuchtigkeit, wie er sich in der wirklichen Atmosphäre als Gewitter entladet, entspricht der Streit der Geister des Lichts mit denen der Finsternis, wie ihn die Bibel, oder der Götter mit den Giganten, wie ihn die griechische Dichtkunst dargestellt hat. Was in der letzteren die Naivität ursprünglich empfindender Seher und Dichter zu phantasiegebornen Gestalten verkörperte, das sieht der moderne Mensch nah und handgreiflich und nur allzu wirksam vor sich: falsche Geistesgewalten, die sich den Thron der Welt anmaßen wollen. Wie vor 300 und 3000 Jahren hat diesen Streit noch heute die Menschheit durchzukämpfen: bei alt böse Feind, mit Ernst er's letzt meint ... Das Reich muß uns doch bleiben. Die geistigen Ahnen des deutschen Volkes, die Vertreter seiner großen typischen Eigenschaften, die ihm überlieferten historischen Ideale – kurz, seine Helden sind es, mit denen und für die er gegen das Gemeine kämpfen soll. Daß diese Heroen noch lebendig sind, daß man sie nur aufzurufen braucht, um ihres sieghaften Beistandes in der unvermeidlichen Geistesschlacht gewiß zu sein – das ist die schöne Wahrheit, die hell durch das Dunkel der geistigen deutschen Gegenwart leuchtet. Ihre Taten und Gesinnungen, ihre Gedanken und Gefühle, ihre Sprüche und Prophezeiungen richten sich, wie die Blitze und Donnerkeile jener griechischen Göttergestalten, gegen die selbstüberhebende Schar der Trivialen von heute. Unabhängig von Zeit und Raum saust dieser hageldichte Regen von Geschossen auf die »Erdsöhne«, die Materiellen, herab. Und er wird seine Wirkung nicht verfehlen. Der Kampf zwischen den griechischen Göttern und Giganten wurde dadurch entschieden, daß den ersteren ein starker Held: Herakles zur Hilfe kam. Der Kampf zwischen den deutschen Geisteshelden und Giganten dürfte ähnlich entschieden werden; und durch einen ähnlichen starken Bundesgenossen. Dieser neue und heutige Herakles, ebensosehr ein Sohn des Himmels wie der Erde und von unüberwindlicher Stärke, ist – das Volk ; ja fast könnte man sagen, es sei der Bauer; wie denn auch der altgriechische Herakles manche bäuerliche Züge in seinem Charakter aufweist. Der deutsche Michel ist ein Bauer; er bildet die volkstümliche und heitere Kehrseite zu seinem ernsten und vornehmen Namens- und Geistesvetter, dem die Deutschen beschützenden heiligen Erzengel Michael; daß die derbe und die edle Volkskraft von Rechts wegen zusammengehören, wird hier sogar durch die Gemeinsamkeit des Namens ausgedrückt. In dem Kampf zwischen Genialität und Trivialität gibt die Natürlichkeit, welche auf feiten der erstern steht, immer den Ausschlag. Der beste Verbündete der Aristokratie ist – das Volk. Die alte Parallelität mythischer wie geistiger Vorgänge und Vorstellungen bewährt sich in diesem Fall; und sie wird durch einen eigenen kunstgeschichtlichen Umstand noch nachträglich illustriert. Deutschland besitzt in dem zu Berlin befindlichen pergamenischen Altarwerk die hervorragendste antike Darstellung jener griechischen Göttermorgendämmerung. Aber die Morgenröte ist der Abendröte verwandt; die jetzige sinkende deutsche Bildung, welche sich mit der demnächstigen steigenden deutschen Bildung auseinandersetzen muß, hat in jenem großen, dekorativen Werke ihr eigenes Spiegelbild vor sich, und zwar sachlich wie künstlerisch genommen. Die Gestalten des pergamenischen Altars gehören einer sinkenden, ja versinkenden Kunstepoche an; sie zeigen bei hoher technischer Virtuosität ein inneres Pathos, welches nicht mehr gesteigert werden und also auch keine Weiterentwickelung auf der gleichen Bahn gestatten kann; sie erinnern dadurch an die Kunst Richard Wagners. Wie in mythologisch-inhaltlicher das erste, sprechen sie in künstlerisch-formaler Hinsicht das letzte Wort der schaffenden griechischen Phantasie. Die heutige deutsche Musealbegeisterung, welche in dem genannten Kunstwerk ihre bedeutendste Leistung geliefert hat, erscheint gleichfalls als das letzte Wort und wenn man will als der Schwanengesang einer untergehenden Bildungsepoche. Auch hier knüpft sich das Ende an den Anfang; die registrierende Tätigkeit erinnert immer noch ein wenig an die produzierende, die Museen an die Musen. Der pergamenische Altarfries wurde errichtet zu Ehren des Sieges einer griechischen Kulturmacht über barbarische Horden, welche sie von außen her mit Vernichtung bedrohten; und es waren gallische Horden, welcher man sich damals zu erwehren hatte. Die künstlerische Richtung von Zola und die wissenschaftliche von Dubois-Reymond führen im letzten Grunde gleichfalls auf gallischen Einfluß zurück; und gallische Einflüsse sind im heutigen Theater-, Literatur- wie Kunstleben Deutschlands häufig zu spüren; besonders die »Berliner Bildung« französiert gern. Und hierbei sind ungesundjüdische Einflüsse besonders tätig; die Giganten haben ihre Schlangenfuße: aber auch diesen ist die deutsche Kraft gewachsen! Durch galloromanischen Einfluß, der zurückzuschlagen war, ist das deutsche Kaiserreich gegründet worden; durch galloromanischen Einfluß, wenn er zurückgeschlagen wird, läßt sich auch die neue deutsche Bildung gründen. Siegt deutsches über – im schlechten Sinne – französisches, gesundes eingebornes über krankes fremdartiges Wesen, so ist das Vaterland gerettet. Das lehrt die Berliner Bildung, das Berliner Museum, die Berliner Gigantomachie! Die Dämonen, welche die letztere uns vorführt, sind »ein Teil der Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft«. Giganten wälzen, Götter bilden; für den, der das Göttliche in der menschlichen Natur zu schätzen weiß und zu pflegen gedenkt, ist es keine Frage, welcher der beiden Parteien er sich anschließen muß: derjenigen der Umwälzung oder derjenigen der Umbildung. Wie die Giganten mit tiefer Symbolik innerhalb der griechischen Kunst und Architektur vorzugsweise als tragende Kräfte verwandt werden; so wird auch die jetzige wissenschaftliche Allgemeinbildung der Deutschen, wenn sie vor ihrer künftigen mehr künstlerischen Allgemeinbildung unterlegen sein sollte, immer noch als eine, ja als die tragende Kraft innerhalb des Baues eines echt deutschen Geisteslebens dienen müssen. Der Ausgleich zwischen tragenden und getragenen Kräften ist das letzte Ziel einer jeden geistigen wie künstlerischen Auseinandersehung; dieser Ausgleich ist für Deutschland erreicht, wenn seine spezialistische wissenschaftliche Bildungsepoche nur als eine Vorbereitung für seine universelle künstlerische Bildungsepoche angesehen wird: wenn auf das Piedestal die Statue zu stehen kommt. Und wann wird sich diese große Wandlung vollziehen? Am Allerdeutschentag. 2. Pharisäerwahn Es ist bezeichnend und vielleicht nicht genügend bekannt, daß das altjüdische Pharisäertum einen durch und durch demokratischen Stand darstellte; er war jedermann aus dem Volle zugänglich; er war ein Stand von hochmütigen Parvenüs. Sie handelten also ganz konsequent, wenn sie die Hoheit des Geistes in Christus bekämpften; und dieser handelte ganz konsequent, wenn er die Gemeinheit des Geistes in ihnen bekämpfte. Auch sie machten aus der Religion einen »äußeren Mechanismus, den jeder handhaben kann, der die Konstruktion desselben kennt«; sie entzogen ihr das innere Leben; sie machten sie zur mongolischen Gebetsmühle. Dazu darf die deutsche Wissenschaft, die deutsche Kunst, das deutsche Geistesleben nicht herabgewürdigt werden; das wäre eine plebejische Weltauffassung; einer solchen hat der geistige, der sittliche, der politische, der körperliche Adel entgegenzutreten. Echtes und Unechtes, Adel und Pöbel, Wahrheit und Lüge stehen sich unversöhnlich gegenüber. Noch heute handelt es sich um ganz dieselbe Scheidung wie einstmals. Alles Leben ist Kampf; so auch das Leben der Deutschen; es ist ein Kampf zwischen Volkstum und Plebejertum. Diese beiden Begriffe können nicht scharf genug auseinander gehalten werden; auf ihrer Verwechslung beruht das Unheil wie auf ihrer Scheidung das Heil des deutschen Volkslebens. Bismarck und Rembrandt sind volkstümlich, Eugen Richter und Zola sind plebejisch. Liebe zum Volk und Haß gegen den Pöbel – so heißt das neue deutsche Evangelium. Eben dieser Gegensatz betätigt sich noch auf einem weit höheren Schauplatz: Eine immer gültige, rein natürliche Bedeutung des Lebens und Leidens Christi besteht darin, daß es uns versinnlicht, wie stets der edlere Teil der Menschheit von ihrem gemeineren Teil angegriffen, verfolgt, und gepeinigt wird. Politische wie geistige Tendenzen gehen miteinander stets parallel – in den größten wie in den kleinsten Kreisen, in den ältesten wie in den neuesten Zeiten; das rein Menschliche und Volkstümliche, verkörpert in einer bedeutenden Persönlichkeit, hat überall seitens der Doktrinäre einen fanatischen und oft für die Gesamtheit verhängnisvollen Widerstand gefunden; gar zu gern appellieren diese an die rohe Masse. Die Pharisäer, welche Christus, und die Republikaner, welche Cäsar ermorden; der fanatische Fortschrittler, welcher auf Bismarck schießt; sie sind einander innerlich verwandt. »Es ist das alte Schauspiel: die Irren, welche ihren Arzt erschlagen«, sagt Hebbel über Cäsars Tod; »jetzt jubeln sie mir zu, früher spuckten sie vor mir aus«, hat der deutsche Reichskanzler noch 1888 über sich bemerkt; »morgen wählen sie doch einen Sozialdemokraten«, äußerte Kaiser Wilhelm I. in seinen letzten Lebenstagen, als das Volk vor seinem Fenster jauchzte. Es scheint, daß die Menschen sich hierin stets gleich bleiben; aber der Vernünftige wird es nicht mit der Masse, sondern mit den Männern hatten. Die Masse allein ist nicht das Volk. Wie die religiösen Pharisäer stets von dem Prophetentum, leben die geistigen Pharisäer stets von dem Poetentum. Das ist die tiefe Lüge ihres innern Daseins; aber auch diese rächt sich einmal. Denn wer Gott oder edler Poesie zu dienen vorgibt, indem er sie verleugnet, der ist dem Tod verfallen. Gefühl und Erkennen, Kunst und Kritik, Religion und Wissenschaft, die im Grunde dieselben Freunde und dieselben Gegner haben, entwickeln sich nur dann recht, wenn sie sich menschlich entwickeln. Auf Kreuzigung folgt Auferstehung; auf Auferstehung aber in nicht ferner Zeit ein Untergang der betreffenden ungerechten Richter. Mögen sich diese also auch heutzutage nicht allzu sicher fühlen. Das Publikum wird ihnen freilich vorläufig glauben; denn sie sind »Fachmänner«. Die betörte Masse, der hochmütige Pharisäer und die leidende Menschennatur – es sind immer die drei gleichen Elemente, welche in großen geistigen Entwickelungskämpfen wiederkehren. Aber die reine menschliche Seele , die Volksseele, die Einzelseele triumphiert über alles; keine materiellen oder geistigen Martern können sie vernichten; keine Bildungsschablone kann sie so einzwängen, daß nicht noch ein Funke ihres Lebens übrig bliebe. Sie ist stark und sie ist zart. Nenn die Vertreter einer greisenhaften, liebeleeren Kultur meinen, sie vollends totgemacht zu haben und nun in selbstgefälligem Dünkel den »kahlen, schuldigen Scheitel« noch ein wenig höher tragen als sonst; so taucht sie plötzlich wieder auf: lächelnd jung und unbesiegbar. Der Hochmut wird doch immer vor der Bescheidenheit unterliegen. Solange das deutsche Volk sich diesen hohen Glauben bewahrt, ist es nicht verloren; soweit es ihn tapfer verteidigt, hat es eine Zukunft; und sobald es ihn verwirklicht, ist es groß. 3. Edles und unedles Judentum In jeder Nation waltet eine edle und eine gemeine oder, wenn man will, positive und negative Volkskraft; man kann dies Verhältnis eines Volkes zu sich selbst als dessen »seelische Polarität« bezeichnen: im Gegensatz zu der bereits erwähnten »geschichtlichen Polarität«. Um jedes Volk streiten sich Gott und der Teufel; so auch um das Volk der Juden. Ein echter und altgläubiger Jude hat unverkennbar etwas Vornehmes an sich; er gehört zu jener uralten, sittlichen und geistigen Aristokratie, von der die meisten modernen Juden abgewichen sind; in dieser Hinsicht fühlte Lord Beaconsfield also halbwegs richtig, als er sie für den ältesten Adel der Welt erklärte. In Rembrandts Vorliebe für die Juden begegnen sich seine lokale und seine vornehme Gesinnung, sein Blick in die Nähe und sein Blick in die Höhe. Er hatte diese Menschengattung täglich vor Augen; denn er wohnte in der Judenbreitstraße zu Amsterdam; die Keime solcher künstlerischen und geistigen Besonderheiten liegen oft näher zur Hand, als man meint. Rembrandts Juden waren echte Juden; die nichts anderes sein wollten als Juden; und die also Charakter hatten. Er hielt es mit den aristokratischen, nicht mit den plebejischen Juden; jene zogen ihn, trotz ihrer Fremdartigkeit, als verwandte Geister an; diese, wie sie heute vielfach sind, würde er verabscheut oder nie begriffen haben. Es ist ein weiter Weg von Abraham, Hiob, Jesajas, dem Psalmisten, bis zu den heutigen Börsenjobbern; so weit wie der vom Edlen bis zum Gemeinen; und man darf diesen Unterschied nie vergessen. Die wahrheitsliebende Rahel sagte von ihrem eigenen Bruder, daß er ein »Schuft« sei; sie schied sich von ihm wie sie mußte; denn sie war eine sittliche, geistige und sogar soziale Aristokratin. In Heine trifft sich gewissermaßen dies Geschwisterpaar. Börne war ein ehrlicher Mann; seinen Religionswechsel kann man bedauern wie den Winckelmanns, d.h. jeden nicht mit ganzer Seele vollzogenen; aber man muß ihn entschuldigen. Er selbst hat die Geldgier seines Volkes verdammt. Glanz und Elend, Licht und Schatten liegen mithin in den Juden dicht beieinander; sie stellen eine echt Rembrandtsche Mischung dar; kein Wunder, daß sie diesem Künstler gefielen. Was verwerflich an ihnen ist, übergeht er oder weiß es durch den Hauch seines Geistes zu adeln. Spinoza, der einsame Glasschleifer in seinem Dachstübchen, würde den passendsten Gegenstand für eine Radierung Rembrandts abgegeben haben. Letzterer trug, nach der Periode seines Sturzes, dessen schmerzliche Folgen mit einer philosophischen Ruhe und Fassung, welche des ersteren ganz würdig gewesen wäre. Glanz und Schatten erfüllt sie beide von innen wie von außen; Glanz und Schatten werfen sie gegenseitig aufeinander. Spinoza hat etwas von deutscher Unbeugsamkeit in seiner Gesinnung und Rembrandt etwas von orientalischer Schmiegsamkeit in seiner Kunst: jeder von ihnen ist so bedeutend, weil es ihm als Person gelungen ist, etwas dem Charakter seiner Rasse Entgegengesetztes in sich aufzunehmen und diesen dadurch zu befruchten. In Handels Oratorien hat sich echt alttestamentlicher Charakter zu echt deutschem Charakter verklärt; starker menschlicher Geist lebt in ihnen; und sanfter göttlicher Geist spricht aus ihnen. Das ist Polarität. Die heimische Seele bedarf des leisen Anstoßes aus der Fremde; er trübt sie, aber er trübt sie göttlich; denn er trübt sie zur Zeugung, zum Schaffen, zum höheren Leben. Zweifellos hat Luther an Sprachgewalt von dem Psalmisten viel gelernt; und zweifellos ist Goethe von Spinoza, wie dieser von den Holländern, stark befruchtet worden: so sollten vornehme Juden und vornehme Deutsche einander befruchten. Die altjüdische Einrichtung des Jubeljahrs beruht auf einer wahrhaft erhabenen Idee; diese löst, in ihrer Art, die soziale Frage; indes stehen von einer solchen Idee heutige Durchschnittsjuden weltweit ab. Sie halten das Gesetz nicht mehr! Ihre Ausbeutungsgier ist oft genug grenzenlos; sie gehen krumme Wege; und ihre Moral ist nicht unsere. Sie würdigen Kunst wie Wissenschaft herab; es zieht sie gern zum Pöbel; sie sympathisieren geradezu mit der Fäulnis. Ein allerliebstes Bild Schwinds in der Schackschen Galerie zu München stellt den kirchenbauenden heiligen Wolfgang dar, wie ihm der Teufel auf einem Schubkarren Steine zuführen muß, dienend und doch widerstrebend; so verhält sich das schlechte Judentum, von dem sich einst Jesajas schied: und von dem sich die edlen Geister stets scheiden werden, zu dem echten Deutschtum. Der Deutsche, der das gute Judentum so oft anerkannt hat, wird sicherlich auch das niederträchtige Judentum zu strafen wissen; und derjenige Jude, welcher sich rein fühlt, wird ihm zu folgen haben. Er wird sich von seinen korrupten Stammesgenossen unbedingt lossagen müssen. Spinoza hat es getan; den schärfsten Angriff, den das Judentum als solches bisher überhaupt erfahren hat, hat er in seinem theologisch-politischen Traktat gegen dieses gerichtet; so wenig christlich er sonst ist, folgt er hier doch den Spuren Christi. In die so wichtige Judenfrage wird ein etwa kommender »heimlicher Kaiser« tätig eingreifen müssen; er wird sein Szepter zu neigen und die Schafe von den Böcken zu sondern haben; denn ein Herrscher soll vor allem gerecht sein. Gerecht aber ist es, für das Edle und gegen das Gemeine einzutreten; dem Edlen wie Gemeinen gleiche Rechte einzuräumen, ist eine Scheingerechtigkeit, es ist nur eine Gerechtigkeit von Teufels Gnaden. Es ist keine deutsche Gerechtigkeit. Wer ein rechter Israelit ohne Falsch ist, wie die Bibel sagt, der wird sicherlich jenem künftigen Richter und Führer willkommen sein; willkommen als ein ehrlicher und vielleicht auch geistvoller Fremdling; von den »gefälschten« morallosen Juden gilt dies nicht. Ein Deutschland, in deren Sinne gehalten, wäre dem Fluche verfallen. Echten Juden können sich daher echte Deutsche recht wohl befreunden; auch solchen, die sich wie Spinoza, Rahel, Börne nur ein edles, abstraktes Judentum bewahrt haben; aber gegen alle unechten Juden werden alle echten Deutschen stets zusammenstehen. Indes muß auch hier vor einem Abweg gewarnt werden; an Stelle des heute vielfach in Deutschland herrschenden plebejischen Semitismus darf man nicht einen plebejischen Antisemitismus setzen; die künftige deutsche Kultur soll beiden solchen Richtungen gleich fern stehen. Und dies läßt sich noch deutlicher formulieren. Das deutsche Volk darf stolz darauf sein, einen solchen Gast wie die Rahel beherbergt zu haben – was der plebejische Antisemit nie zugeben wird; das deutsche Volk hat ein Recht, mauschelnde Literaturgrößen von heute zur Tür hinaus zu befördern – was der plebejische Semit nie zugeben wird. Möge also der Deutsche auch hierin sich aristokratisch zeigen. 4. Fäulnis und akademische Jugend Wie in der Politik, so muß auch in der Kunst die Gesundheit sich mit der Fäulnis auseinandersetzen. Der schlecht jüdische Charakter, welcher so gern mit Zola sympathisiert, ist wie dieser dem rein deutschen Wesen eines Walther v.d. Vogelweide, Dürer, Mozart völlig entgegengesetzt; dieses Gegensatzes sollten sich die Deutschen heute am meisten auf zwei wichtigen Gebieten des öffentlichen Lebens: in Presse und Theater, erinnern. Der Journalist sollte ein Priester der öffentlichen Meinung sein, heute ist er oft nur deren Pfaffe. Soweit insbesondere die sogenannten Jüngstdeutschen das jetzige deutsche Geistesleben beeinflussen, gilt von ihm der scharfe Spruch des so überaus humanen, aber geistige Ausartungen unerbittlich geißelnden Altmeisters Goethe: »Juden und Huren, die werden's fressen.« Das deutsche Theater selbst, welches sich jetzt überwiegend in den Händen moderner Juden befindet, ist unfruchtbar, trivial und teilweise unzüchtig geworden; seine Reinigung wie Neubelebung gäbe mehr als einem Lessing zu tun. Hier tun scharfe Mittel not! Im achtzehnten Jahrhundert gingen Minister und Mätressen Hand in Hand, zum Schaden des deutschen Volkes; im letzten Jahrhundert gingen verderbtes Professoren- und Judentum Hand in Hand, zum Schaden des deutschen Volkes. Was einst Wöllner und die Gräfin Lichtenau, das sind neuerdings Dubois-Reymond und Paul Lindau; beide Paare wirkten als fäulniserregende Keime; wie das eine auf politischem, so das andere auf geistigem Gebiet. Wann wird wohl der deutsche Dichter erscheinen, der diese in einem Drama kennzeichnet, wie Lessing in »Emilia Galotti« und Schiller in »Luise Millerin« jene gekennzeichnet haben? Freilich mußte es ein Dichter sein, gegen den Ibsen noch zahm erschiene; und er würde durch ein Meer von Gift und Kot zu waten haben, um seinen Zweck zu erreichen. Aber vielleicht würde er der HI. Christophorus sein, der den Erlöser auf seinen Schultern trägt; der den Deutschen das – Kindertum wiederbringt. Auch in Schiller protestierte letzteres gegen eine greisenhafte Kultur. Möge seine Stuttgarter Statue, von Thorwaldsen geschaffen, mit ihrem Totenrichterernst für seine Nachfolger im Kampf gegen Geistesfäule vorbildlich sein. Schiller, der jugendliche Schwabendichter, der einstige Wortführer der reingesinnten deutschen Jugend, sollte wieder auferstehen! Schon einmal ist die studierende deutsche Jugend, in den Zeiten der alten Burschenschaft, für die idealen Interessen des Vaterlandes eingetreten; schon einmal hat sie feindselige Mächte des deutschen Innenlebens bekämpft und dadurch eine spätere nationale Hochentwickelung vorbereitet. Die Lage der Dinge ist im heutigen Deutschland so, daß sie ein ähnliches Vorgehen erfordert; und manche Zeichen deuten sogar darauf hin, daß dies bald geschehen wird. Die edelste Gesinnung der deutschen Studenten war von jeher ein Gradmesser für das Wollen des deutschen Volks; jene sind noch unabhängig und durchweg gesund; sie wohnen gewissermaßen in einem windgeschützten Winkel des modernen Lebens, wo sie noch nicht vor die schlimme Wahl gestellt sind: entweder unterzugehen oder einen jahrzehntelangen, erbitterten Kampf ums materielle Dasein zu führen. Von hier kann darum neues Wachstum ausgehen. Der deutsche Student hat, in seiner besten Form, etwas vom jungen Edelmann an sich. Hier tritt die tiefste Seite des Charakters wieder an die Oberfläche; dafür zu sorgen, daß es nicht bei dieser Oberfläche bleibe, ist heute eine Hauptaufgabe. »Die Pflege idealer Bestrebungen inmitten der Wogen eines krassen Materialismus ist Aufgabe der Burschenschaft geblieben«, hat Emin Pascha 1890 erklärt. Dem kosmopolitischen Materialismus, Skeptizismus, Demokratismus wird sonach der deutsche Idealismus, der deutsche Glaube, der deutsche Aristokratismus entgegenzusetzen sein. In der Tat ist hier die Bahn gegeben, wo das wirkliche , nicht das literarische »junge Deutschland« wieder seine angeborene Idealität betätigen kann und soll; es wird eine kämpfende Idealität sein müssen; und man darf sagen: desto besser. Mit dem Worte Idealität geht es wie mit dem Worte Christentum; beide sind soviel mißbraucht worden, daß man sich ihrer kaum bedienen kann, ohne mißverstanden zu werden: dennoch bleiben diese Mächte was sie sind. Ob Idealismus im Schillerschen Sinne oder Individualismus im Rembrandtschen Sinne ... es ist tiefer, freier, selbständiger, tapferer, deutscher Geist, der sich in diesen beiden Richtungen offenbart; ihre Anwendung auf die Zeitverhältnisse ist ungleichartig; aber der besseren deutschen Natur, dem echten deutschen Genius dienen beide. Der heutige Materialismus, welcher sich von diesen Mächten fachlich wie historisch in die Mitte genommen sieht, kann ihnen nicht widerstehen; wie er im Grunde nur eine Reaktion gegen den Idealismus, so stellt der gesunde Individualismus wiederum nur eine Reaktion gegen ihn dar und begegnet sich so mit dem Idealismus. Individuell ist der deutsche Student; im besten Sinne aristokratisch soll er sein. Vornehmheit besteht nicht nur darin, sich von dem Gemeinen fernzuhalten oder es zu ignorieren; sie besteht vor allem auch darin, das Gemeine zu bekämpfen: wer nicht durch den Schmutz waten kann, wird nie eine Schlacht gewinnen. Hieraus folgt, daß der Kampf aristokratischer Deutscher gegen modernes Plebejertum jeder Akt nur dann von Erfolg sein kann, wenn er von dem höchsten sittlichen wie geistigen Standpunkt aus geführt wird . Scharf und nobel – ist unsere Devise. Wir müssen ritterlich sein, ob auch der Feind nicht ritterlich ist. Möge die deutsche Jugend dieser Gesinnung treu bleiben; möge sie in ihr Mann werden! 5. Wehrhafter Friede Das Gold , welches nicht rostet, kann man als ein Sinnbild des Bleibenden: des ewig Menschlichen und das Blut , welches nicht rastet, als ein solches der Persönlichkeit: des besonders Deutschen ansehen; beide zusammen aber ergeben – den deutschen Menschen. Des Körpers Blässe pflegt man durch Eisen zu kurieren; des Gedankens Blässe kann man in diesem Fall durch Gold kurieren; die eine Kur hat Deutschland schon durchgemacht, die andere steht ihm noch bevor. Blut und Eisen war eine Kriegsbotschaft; Blut und Gold ist eine Friedensbotschaft; die Rüstung des Krieges ist eisern und das Gewand des Friedens ist golden; unter beiden aber muß schlagen – ein Herz. Das Individuelle und das Aristokratische, das Natürliche und das Vornehme, Volk und Fürst, Blut und Gold – um diesen Doppelgedanken dreht sich seit jeher das deutsche Dasein. Im innersten Winkel von Niederdeutschland, zwischen Weser und Elbe findet man nicht selten Leute, denen dieser Gedanke aufs und ins Gesicht geschrieben ist: rötlich strahlende Wangen, in denen das Blut feurig kreist, werden von einem hoch- und goldblonden Barte umrahmt. Es ist der apollinische Typus ins Niederdeutsche übersetzt; und also ein Typus der deutschen Jugend; und also ein Typus der deutschen Zukunft. Zugleich aber ist es auch der Typus der deutschen Vergangenheit in ihrer größten und schönsten Form; es ist der geistige Typus Shakespeares und Rembrandts; in jenem überwiegt der helle Schein des Goldes, in diesem die dunkle Kraft des Blutes. Aus Blut und Gold endlich ist die Morgenröte in ihrer verheißungsvollen Schönheit gemischt; auch eine Morgenröte des deutschen Geistes, wenn sie wieder bevorsteht, kann nur aus diesen Elementen gemischt sein. Aurora musis amica . Dem Kriege wird ein künstlerischer Charakter nicht fehlen, solange er von Leuten wie Moltke geleitet wird; und der Kunst wird ein kriegerischer Charakter nicht fehlen, solange sie Leute wie – Nicolai und seine Nachfolger zu bekämpfen hat. Eine freie und befreiende Bildung ist jedes Opfer wert; sie soll mit dem Schwert und mit der Feder, in Krieg und Frieden verteidigt werden; sie ist das Palladium des deutschen Volkes. Es gibt nur einen Gott und jeder Mensch hat nur eine Ehre; so gibt es auch nur einen Weg zur freien, selbständigen, menschlichen Entwickelung für ein Volk: es ist derjenige, welcher ihm durch die besten Regungen seiner eigenen Natur vorgedeutet wird. Friede – ahd. fred – heißt eigentlich »Wehr«; dadurch ist die Bestimmung des deutschen Volkes für den wehrhaften Frieden von vornherein gegeben. »Ich liebe den Krieg, den göttlichen Vater des Friedens«, hat schon hundert Jahre vor dem ersten deutschen Reichskanzler ein preußischer Denker, Hamann, gesagt. Ein echter Niederdeutscher und eine Rembrandt innerlich wie äußerlich auffallend ähnliche Erscheinung, der große Vorgänger Bismarcks, Cromwell, setzte auf seine Münzen: Pax queritur bello. Es gibt Wahrheiten, die sich durch Jahrhunderte hindurchziehen; die einem und demselben Boden entstammen; und immer wieder aus ihm hervorbrechen. Dieser wehrhafte Friede gilt vor allem auch innerlich, geistig, künstlerisch; auch hier heißt es, die Hand stets am Schwert haben, um gegenüber fremder Anmaßung wie Entartung die eigene individuelle Entwickelung zu sichern; der deutsche Geist ist streitbarer Natur, Deutschland ist sein Haus; sein Haus ist seine Burg; und wer sie antastet, hat es mit ihm zu tun. Der Streit zwischen einer falschen, gelehrten und einer echten, volkstümlichen Bildung muß und wird einmal ausgefochten werden; eine volkstümliche Bildung kann aber immer nur eine künstlerische, eine im Sinne Rembrandts gehaltene sein. Den Niederdeutschen ist Deutschlands politische Neugestaltung in erster Linie mit zu verdanken; kommt einmal eine Zeit, die auf geistigem Gebiet Helden erfordert, so werden sie es sicherlich auch an solchen nicht fehlen lassen. Die Menschlichkeit will das Beste; und die Streitbarkeit leistet das Beste – wenn sie jener dient; ja Menschlichkeit läßt sich nur durchführen, wenn sie mannhaft verteidigt wird, und Streitbarkeit läßt sich nur rechtfertigen, wenn sie menschlich gehandhabt wird. Wehrhaftigkeit und Wahrhaftigkeit sind sich sachlich wie sprachlich verwandt; die eine ist die oberste Pflicht des Kriegers wie die andere die oberste Pflicht des Künstlers. Beide gehören zu den obersten Pflichten – des Menschen; und vorzüglich des deutschen Menschen: weil sie seiner tiefsten Charakteranlage entsprechen. Deutsche Menschen sind ehrliche Menschen; deutsche Menschen sind tapfere Menschen. »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«, sagt Goethe etwas tautologisch und allzu milde; er zeigt hier seine kampffeindliche Gesinnung; er stellt ein rein weltbürgerliches Ideal auf. Er dient allein der Kunst. »An den wohledlen und gestrengen Herrn« adressierte man im alten Deutschland und adressiert man noch im heutigen Holland Briefe; man hob die beiden hauptsächlichsten Eigenschaften des deutschen Mannes hervor; und formulierte so das volkstümliche Ideal desselben. »Wohledel und gestrenge« soll der Deutsche sein; er soll dem Edlen wie dem Schönen dienen und das Schlechte unerbittlich bekämpfen; für ihn gibt es von Rechts wegen nur eine einzige gesunde Politik: die Eisenfaust im Sammethandschuh. Den letzteren wußte Goethe mit vollendeter Grazie zu tragen; die erstere hat Bismarck der Welt gezeigt; aber der jetzige Deutsche hat über beide hinaus fortzuschreiten . Er soll auch hier die Ringe seiner Entwickelung addieren; er soll wachsen; er soll die Hand Bismarcks in den Handschuh Goethes stecken. Dann ist er Mensch und Deutscher; dann ist er Weltbürger und Volksbürger; dann hat er den Kreislauf durchmessen: von der Natur durch die – edle – Unnatur zur veredelten Natur! Christentum und Deutschtum Zu dem stolzesten Denkmal der bisherigen deutschen Kunst, zum Bau des Kölner Domes haben alle Deutschen einmütig beigesteuert; die Unterschiede der Partei und sogar des Bekenntnisses verschwanden vor einer solchen Aufgabe; sie gleicht darin einem etwaigen Bau des deutschen Geisteslebens. Er darf nicht Parteisache sein. Und wie jenes pangermanische Bauwerk der älteren Tochter des Christentums, der katholischen Kirche zunächst geweiht ist; und wie dennoch der Protestant an ihm teil hat; so muß auch jenes neubeginnende Leben dem früher geborenen Kinde der Menschheit, dem Glauben im weitesten Sinne des Worts zunächst geweiht sein; und das Wissen dennoch Anteil an ihm haben. Aber dieser Anteil darf nur ein untergeordneter sein; kein normierender, oder gar schablonisierender; denn Wissen gibt sozusagen nur den Querschnitt eines jeden Dinges; also zugleich ein vollkommen richtiges und vollkommen falsches Bild von ihm. Das Wissen erzeugt Pygmäen, der Glaube erzeugt Heroen. Deutschtum und Christentum finden sich in der Vergangenheit zusammen. Das eigentümlichste und bedeutsamste deutsche Bauwerk nach dem Kölner Dom und gewissermaßen ein weltliches Seitenstück zu diesem ist das Schloß Marienburg bei Danzig, die architektonisch so überaus charaktervolle Wiege des preußischen Staats; es verherrlicht in seinem Baustil mit ausdrücklicher Absicht das Zusammenwirken von Kreuz und Schwert; also im tieferen Sinne dasjenige von Kunst und Krieg, von Christentum und Deutschtum. Das christliche Bekenntnis der überwiegenden Mehrzahl aller Deutschen ist eine gegebene Tatsache; die geographische Lage Deutschlands, welche ihm die Politik der gewaffneten Hand aufnötigt, ist es ebenfalls; Christentum und Wehrhaftigkeit sind also vom Deutschtum bis weiters nicht zu trennen. Von dem altdeutschen Heiland, welcher Christus als einen führenden »Herzog« darstellt, bis zur ganz modernen Heilsarmee, welche Religiosität und Kriegertum in minder geschmackvoller Weise verbindet, haben Kampfgeist und Gläubigkeit von jeher und zumal auf niederdeutschem Boden ein inniges Bündnis miteinander geschlossen; bald zeigt es sich in aristokratischer, bald in demokratischer Form; immer aber ist es – deutsch. In der Tat begegnen sich die deutsche Ehrlichkeit und die christliche Wahrhaftigkeit auf halbem Wege; und der deutschen Treue steht die christliche Liebe wohl an. Liebe ist die Wurzel alles Guten. Wer nicht mit herzlicher Liebe über Christus schreibt oder redet, der soll es lieber bleiben lassen; denn Christus gebührt nicht nur Hochachtung: ihm gebührt Hingabe . Das Christentum praktisch ins tägliche Leben zu übersetzen, wie es künstlerisch Rembrandt getan, wird immer eine der Hauptaufgaben des Deutschen bleiben. Und das deutsche Volk wird beim Christentum beharren müssen, solange es keine bessere Basis für sein geistiges Dasein besitzt; dies aber ist nicht der Fall. In Christus hat sich die Natürlichkeit zu völliger Selbstlosigkeit und die Vornehmheit zu völliger Erhabenheit gesteigert. Christus stellt die vollkommenste sittliche Uneigennützigkeit dar. Er ist der Urtypus des Kampfes gegen das Pharisäertum; die größte Unbarmherzigkeit gegen dieses sowie die größte Liebe zum Volk charakterisieren ihn; und diesem Banner hat man zu folgen – heute, morgen, immerdar! Wie und wo die Pharisäer neu werden, da wird auch Christus neu werden müssen; nach der positiven wie nach der negativen Seite hin; für uns Deutsche noch besonders nach der deutschen Seite hin. Gift und Gegengift, Pharisäertum und Christentum treten ans Licht auf dem gleichen Boden; und es ist nur ein Punkt , wo sich diese zwei Wege scheiden; der heutige Deutsche aber steht an diesem Punkte. Möge er zu wählen wissen. Der Schwerpunkt des Christentums liegt in dem persönlichen Charakter, in dem persönlichen Wollen, in der persönlichen Leistung Christi; auf diesem Boden gibt es keinerlei Differenzen; denn wer wollte oder könnte dem persönlichen Wesen Christi opponieren? Sein sittlicher Adel kann nicht übertroffen werden; für unsere »Seele« vergoß er sein »Blut«. Er bewies dadurch, daß beides zusammengehört; und zwar nicht nur wie das Alte Testament meint, innerhalb des einzelnen Menschen; sondern auch wie das Neue Testament lehrt, innerhalb der gesamten Menschheit. Christi Blut ist unsere Seele! Jeder Mensch sollte ein direkter Nachfolger Christi sein. Das gilt nicht nur für die Religion, sondern für alle Gebiete des Lebens. Diejenigen Leute, mag ihre kirchliche oder unkirchliche Stellung sein wie sie will, welche zu dieser tiefsten Persönlichkeit kein oder ein antipathisches Verhältnis haben, taugen nicht. Sie ist geradezu als ein Prüfstein für den Menschenwert des einzelnen anzusehen. Voltaire, der bei manchen guten und sogar edlen Charaktereigenschaften im ganzen doch einem alten Weibe, etwa einer geistreichen, bejahrten und boshaften Marquise des ancien régime glich – eben dieser Voltaire konnte den Namen Christi nicht aussprechen hören, ohne in moralische Krämpfe zu verfallen. Er ist der rechte Repräsentant einer untergehenden, greisenhaften, kranken Kultur, die allem kindlich Großen und menschlich Großen und natürlich Großen und einfach Großen verständnislos gegenübersteht. Sein wegwerfendes Urteil über Shakespeare entspricht dem; die Griechen glaubte er selbst übertroffen zu haben; kurz, er ist ein rechtes Bild jener Kritiklosigkeit, welche sich selbst für Kritik hält. Shakespeare, die Griechen, das Christentum tritt er mit Füßen und setzt sich selbst auf den Thron; er ist Götze und Götzendiener zugleich. Er erscheint als eine Art von Mene Tetel für gewisse Größen von heute, welche sich auf ihren »Geist« und ihr »Wissen« etwas einbilden; er war zu seiner Zeit ein Totenvogel, und sie sind heute Totenvögel wie er. Es ist sicher auch eine Schattenseite an den deutschen literarischen Klassikern des vorletzten und den deutschen bildenden Künstlern des letzten Jahrhunderts, daß sie der Person Christi gern ausweichen – weil diese damals wie heute vielfach falsch beleuchtet und falsch verehrt wurde. Wenigstens dies »Kind« sollte man nicht mit dem Bade ausschütten. Christus, das Kind, bleibt immer der Höchste. Ex oriente lux . Zwar ist die deutsche Malerei neuerdings wieder etwas religiös geworden; aber es mag dahingestellt bleiben, ob dies nur aus religiösen Motiven geschah. Christus bleibt Christus, auch wenn man ihn jetzt zu Panoramen und Romanen verarbeitet; hat er die Kreuzigung überstanden, so wird er auch dieses überstehen. Katholisches, Reformatorisches Von dem tapferen, ehrlichen, frommen, deutschen Geist des Rittertums sollten Schule und Gesellschaft. Kunst- wie Geistesleben des heutigen Deutschlands wieder etwas in sich aufnehmen. Das wäre ein Gegengift gegen das drohende Amerikanertum; das wäre Kraftüberleitung, die zur nationalen Verjüngung führte; das wäre eine Erweckung der Toten, wie sie in jeder großen Zeit stattfinden muß! Nur dann wird Neues geboren, wenn man die alten Geister aufruft; dies klingt darwinistisch, ist aber nur menschlich; Natur wie Geschichte gehen stets dieselben Wege. Es sind die Wege des gleichzeitigen Beharrens und Fortschreitens. Für den gemeinen Verstand schließt sich beides aus; für den höheren Verstand gehört es zueinander; fordert es sich gegenseitig. Danach hat sich die Stellung des heutigen Deutschen gegenüber dem Christentum, gegenüber dem Mittelalter, gegenüber dem Katholizismus zu regeln. Nicht wenige der besten Protestanten aus deutschem Geblüt, so Shakespeare, Bach, Bacon, Leibniz, Lessing, Schiller, Novalis, Hebbel, Lagaroe, weisen eine katholikenfreundliche Ader auf. Und der leitende Geist des letzten deutschen Jahrhunderts, Goethe, ist ihnen darin gefolgt: sein Faust enthält vielfach katholische, sowie mittelalterliche Elemente und klingt schließlich sogar in offensten Katholizismus aus. Der Faustcharakter ist ohne letzteren gar nicht denkbar; beide gehören – wieder einmal – als polare Strömungen zusammen. An Goethes Faust hat der Katholik teil wie der Protestant am Kölner Dom. Alles, was ernst und edel ist, muß sich irgendwo treffen. Denkende Protestanten sollten sich dergleichen Wahrheiten nicht verschließen; sie sollten sich der Haltung der obigen weisen und milden Männer erinnern; diese stellen sich dem Dursystem Luthers als eine sänftigende Mollharmonie entgegen. Neben dem: »Ein' feste Burg ist unser Gott«, darf und muß das »veni creator spiritus« seinen Rang voll behaupten. Ja in den jetzigen Zeiten geistiger Dürre hat der Deutsche besondere Veranlassung, den »Schöpfer Geist« anzurufen; dieser hat sich bisher noch nicht auf die »Burg« des Deutschen Reiches niedergelassen. Das erstere dieser beiden Lieder hat man ein Volkslied genannt, das Zweite könnte man ein Menschheitslied nennen; es gibt aber viele Völker und nur eine Menschheit; die denkbar höchste Polarität ist die zwischen der Vielheit der Welt und ihrer Einheit. »Wir glauben all an einen Gott«, können sowohl Katholiken wie Protestanten singen; es ist ein Akkord, der aus der Ewigkeit kommt und zu ihr führt; es ist ein Akkord der höchsten Synthese. Engelchöre singen so. In dem Charakter einer jeden Institution, an der Menschen teilhaben, liegt es, daß sich Schlechtes in sie einschleicht; so gab und gibt es protestantische wie katholische Pfaffen; aber man darf sie nie mit den Priestern verwechseln. Dies geschieht von protestantischer noch mehr als von katholischer Seite. Die durch Luther eingeleitete religiöse Bewegung hat auch ihre Schattenseiten gehabt; und die Gerechtigkeit erfordert, dies hervorzuheben. Man soll nicht Bilderstürmer sein. John Knox sagte einmal über ein Marienbild, es sei »nur ein bemaltes Brett«; das ist nicht wahr: es ist ein Symbol des Großen, des Ewigen, des Menschlichen. Menschheit und Gottheit begegnen sich in ihm. Dies gilt von der Sixtinischen Madonna so gut wie von jedem Marienbild im deutschen Bauernhause. Gerade im Marien- und Heiligenkultus liegt ein ausgesprochen germanischer Zug – ein deutscher Erdgeruch – den Luther etwas zu rasch abgelehnt hat; möglicherweise werden die Deutschen, wenn sie sich auf ihr Deutschtum besinnen, desselben wieder inne werden; jedenfalls aber wird in einem Zeitalter, das der Kunst gewidmet ist, der im tiefsten Sinne künstlerischen Religion, dem Katholizismus ein geräumiger Platz gewahrt werden müssen. Jedes Bild Christi, der Muttergottes, der Heiligen ist das Bild einer mehr oder minder erhabenen Seele; und leichter als im Buchstaben erkennt sich der Mensch im Bilde; zumal wenn er kindlichen Herzens ist. Mehr als ein geschriebenes oder gesprochenes wirkt oft ein gemaltes oder gesungenes ecce homo . Der Katholizismus hat nicht mit der Vergangenheit gebrochen; er hat sich die alt- und urdeutsche »Bild«-gesinnung bewahrt, welche der Protestantismus verbannte. Hier liegt der tiefste Keim der deutschen Seele. Er heißt: Anschauung, nicht Spekulation. Auch sonst sind manche vorzügliche Quellen des geistigen wie sittlichen Lebens den Deutschen durch die Reformation des 16. Jahrhunderts abgegraben worden. In den Niederlanden wurden durch sie viele unersetzliche Kunstwerte zerstört; der große niederdeutsche Bildhauer Brüggemann verkam im Elend, weil jene ihn unbeschäftigt ließ; ja sie hat vielfach die äußere und innere Freudigkeit aus den deutschen Herzen verdrängt. Rembrandt nimmt hierin etwa eine Mittelstellung zwischen Katholiken und Protestanten ein; er war kein Kopfhänger: er war fromm und freudig. Andererseits enthält die katholische Legende und frühere Kirchentradition einen reichen Schatz sowohl von Poesie wie Religiosität, der von den Durchschnittsprotestanten keineswegs genügend gewürdigt wird. Wie viele von ihnen kennen die Kirchenväter? Wieviele die acta der Bollandisten? In dem heiligen Antonius, in Bernhard von Clairveaux, in Thomas a Kempis lebt ein großer mütterlicher Geist; der Deutsche soll sich gerade auf diesen zwar nicht beschränken, aber er darf ihn nicht entbehren; er findet in ihm das Korrelat zu seiner geistigen Männlichkeit. Kein rechter Baum ist ohne Laub. Jene trefflichen Männer haben ihrerzeit schon gegen Buchbildung und Buchgesinnung protestiert; als den heiligen Antonius ein »gebildeter« Freund fragte, wie er in der ägyptischen Wüste ohne Bibliothek leben könne, erwiderte jener: »Ich lese nur in einem Buche, in dem der Schöpfung«; und Bernhard von Clairveaux hat sich ebenso geäußert: »Glaube dem Erfahrenen; du wirst etwas mehr in den Wäldern als in den Büchern finden; Holz und Stein werden dir sagen, wovon die Meister nicht zu reden wissen«. Diese Worte gelten auch für den modernen Menschen. Der heutige Deutsche soll zu seinen »Vätern« aufsteigen; aber er soll, wie Faust, auch der »Mütter« gedenken: die deutsche Erde, die Natur, die früheste christliche Kirche sind solche Mütter. In das neueste deutsche Geistesleben ragt demnach der älteste Katholizismus tief hinein. Je reifer der Deutsche wird, desto mehr wird ihm eben dieser Standpunkt einleuchten: denn was vom einzelnen menschlichen, gilt auch vom gesamten religiösen Leben: das Kind wie den Mann zieht es zu seiner Mutter, der Jüngling stürmt ihr oft davon. Die Geschichte schreitet auch über große Persönlichkeiten fort; sie ist noch mächtiger als Luther; die deutsche Volksseele ist noch mehr als ihre Söhne. In die schöpferischen Tiefen jener gilt es jetzt zurückzutauchen; dann wird die Gestalt Luthers bleiben, indem sie sich verschiebt. Sie kann sich dem geistigen Wachstum des deutschen Volkes nicht entziehen. Auf religiösem Gebiet und vom höchsten Standpunkt aus gesehen, wird es Luther wahrscheinlich ebenso wie Lessing ergehen: er wird als eine notwendige aber negative Größe zu gelten haben, an deren Stelle späterhin ebenso notwendige aber positive Größen treten müssen. Eine »dritte Reformation« führt in ihren letzten Konsequenzen nicht nur über den geringeren, sondern auch über den größeren der beiden Männer hinaus – zurück zu dem milden, poesievollen, deutschen, aristokratischen Gemütsleben des Mittelalters; zurück zu den tiefen mütterlichen Instinkten der frühesten christlich-germanischen Periode; zurück zu dem starken, tapferen, kindlichen, bildsamen und bildersehenden Wesen des ältesten Deutschen, zum Deutschtum in seiner reinsten Form. Die deutsche Seele will ihr Recht! Aber diesem dreifachen Zurück entspricht auch ein dreifaches Vorwärts; der heutige Deutsche hat tapfer hineinzuschreiten in die neuen Bahnen einer künstlerischen, einer wehrhaften, einer adeligen Bildung; das Neueste berührt sich nochmals mit dem Ältesten und das Individuelle nochmals mit dem Vornehmen. Aus dem Kinde ist ein Mann und aus dem Bauern ein Adeliger geworden. Indem sich so in der Geschichte eines einzelnen Volkes ein auf- und ein absteigender Geistesstrom begegnen, ist die höchste seelische Wechselwirkung eingetreten; jedes einzelne Mitglied des Volkes aber sollte sie in sich erfahren; nur dann hat es teil am Leben des Ganzen. Protestanten wie Katholiken können sich in solcher Gesinnung zusammenfinden. Wenn diese sich auch äußerlich als ein Priestertum der Wahrheit und Liebe kundgäbe, so würde – ein Luther gegen sie nichts einzuwenden haben, ja sich von ihr überwunden erklären. Selbst unter den Schwierigkeiten des modernen äußeren Daseins ist sie einer Minderheit von Rittern des Geistes zugänglich. Diese werden mit der Tat für sie einzutreten haben. Gemeinschaft der Heiligen ist auch eine »Minderheit«; zu ihr müssen wir zurück; ihre alte und ihre neue Form schließen sich nicht aus; sie stärken und ergänzen sich vielmehr. In diesem Sinn soll jeder Deutsche ein »Ritter vom heiligen Geiste« sein. Einkehr Will der neue, deutsche Mensch in sich und seinem geistigen Dasein ein gesundes Gleichgewicht herstellen, so muß er vor allem konservativ in seiner Seele sein; die antike und die Renaissancebildung entwickelten sich aus gebundenen Verhältnissen zur Freiheit; die moderne Bildung hat sich aus freien – und überfreien – Verhältnissen zur Festigkeit zu entwickeln. Dann erst ist der rechte Ausgleich der inneren Kräfte gewonnen. Ein Jahr 1848 des Geistes steht noch aus; nach den Gesetzen jener Polarität, welche alles geschichtliche Werden beherrscht, wird es sich in umgekehrter Richtung geltend machen müssen wie das Jahr 1848 innerhalb der Politik; es wird nicht eine Lösung, sondern eine Bindung des Volksgeistes , eine Abwendung vom geistigen Demokratismus und ein Hinwenden zum geistigen Aristokratismus bedeuten. Innerer, nicht äußerer Zentralismus bildet das notwendige Gegengewicht zu allem Individualismus. Der Weg von der heutigen Majoritäts- zur künftigen Minoritätsherrschaft führt demzufolge, wenn er eingeschlagen werden soll, durch die Isolierung einzelner Deutscher; das heißt: eine neue und feinere und wahrhaft selbständige Lebensrichtung wird sich zunächst abgesondert von und in einem gewissen Gegensatz zu der Masse des Volks entwickeln müssen. Einsamkeit ist hier schön, groß, notwendig. Platz muß da sein, wo eine Welt geboren wird. Die großen, einsamen Seelen wußten und wissen dies nur zu wohl; und sie sind auch im geistigen Leben des heutigen Deutschlands vorhanden; wie die »Geister« sind auch sie gern da, wo man sie nicht sucht. Sie sind es, von denen die jeweilige Erneuerung eines Volkes ausgeht. In denjenigen geschichtlichen Menschheitsperioden, in welchen wie heutzutage jeweilig eine Vergletscherung der menschlichen Seele eintritt, haben einzelne festgefügte und hochbegabte Individuen der gegenwärtigen Gattung homo sapiens das eigentlich innere Leben des »Gesamtmenschen« in bessere Zeiten hinüberzutreten. Und sie tun es jetzt so wie je. Von der deutschen Kunst, von der deutschen Bildung, vom deutschen geistigen Leben gilt das, was einst Schiller gesagt hat: »Die Gipfel der Menschheit werden erglänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern ruht«; und die jetzigen Deutschen sind berufen, ein solches Seherwort zu verwirklichen. Es gibt auch heute noch Männer, die Charakter haben, weil sie einsam sind und einsam sind, weil sie Charakter haben. Je mehr ihrer sind, desto besser wird es sein; sie geben das Knochengerüst für einen künftigen Bildungskörper ab; Sehnen, Muskeln, Nerven sollen sich ihnen anfügen. Zur Einsamkeit und Einkehr in sich selbst möchte man daher vor allem den heutigen Deutschen raten. Der geistige und gemütliche Gehalt der jetzigen deutschen Geselligkeit ist ohnehin, gegen früher, bedeutend zurückgegangen; sie hat sich veräußerlicht; man verlangt materiell weit mehr und leistet ideell weit weniger als noch vor vierzig Jahren; Fachgespräche, Vergnügungssucht und mündlich ausgetauschte Zeitungslektüre überwiegen nunmehr. Ein natürlich empfindender Mensch kann sich in dieser Umgebung nicht wohl fühlen; er wird folglich an solcher Geselligkeit nicht viel verlieren. Freilich braucht man nicht so weit zu gehen wie Ibsen, welcher sagt: »Derjenige ist der stärkste, welcher allein steht«; aber sicherlich wird derjenige der stärkste sein, welcher sein persönliches Dasein von seinem gattungsmäßigen Dasein am klarsten zu trennen weiß; und es trotzdem versteht, beide in nächste Beziehung zueinander zu bringen. Zwei verschiedenartige Metalle, welche sich berühren, erzeugen Elektrizität. Wiedergeburt Lebendige Gestalten wiegen schwerer als tote Begriffe. Rembrandt, dem einen Manne, werden viele Männer folgen. Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Sommer; aber sie verkündigt ihn; und ist darum glückverheißend. In Rembrandt liegen die Eigenheiten der deutschen Natur dicht beisammen; so daß sie, wie Blumenblätter in der Knospe, noch den Eindruck des Ungeordneten machen. Auch für sie wird der Sommer kommen. Macht sich der stille und gewaltige Hauch Rembrandtschen Geistes in der germanischen Eigenart wieder geltend, so kann sie sich wieder einmal neu beleben; so kann sie sich – konsolidieren. Individualität, die sich gefestigt hat, ergibt Stil. Daß nicht nur die deutsche Kunst, sondern auch das deutsche Leben wieder Stil gewinne, ist das zu hoffende Endergebnis einer solchen Erziehung. Stil ist dem Spezialismus, Menschentum der Bildungsschablone gerade entgegengesetzt. Jeder Spezialist hat sein Fach; er hat, wo er sein Haupt hinlege; aber »des Menschen Sohn« hat dies nicht. So war es zu Christi Zeiten; so ist es heute; so wird es in sinkenden Zeiten immer sein. Nur eine neue Geistesblüte, eine wieder aufsteigende Entwickelung des deutschen Volkslebens kann darin Wandel schaffen. Sie wird sich in der Richtung nach dem Religiösen wie dem Wehrhaften, nach dem Künstlerischen wie dem Kriegerischen, nach dem Kindlichen wie dem Männlichen bewegen müssen. Das ist die kommende deutsche Polarität. Wichtiger als die sprachlichen ist es, die künstlerischen Fremdwörter Deutschlands auszurotten; und vorzüglich wird man das eine große Fremdwort, das die deutsche Kunst lange Jahre beherrschte, durch ein deutsches Wort und eine deutsche Tat ersetzen müssen: nicht Renaissance, sondern Wiedergeburt soll erstrebt werden. An Stelle der Phrase muß die Wirklichkeit treten; jene spricht man andern nach; diese erlebt man selbst. »Es ist keine Zeile darin, die nicht erlebt worden wäre«, hat Goethe von seinen eigenen Gedichten gesagt; es wird um die deutsche Kunst wie um den deutschen Geist erst dann gut stehen, wenn man von ihnen das gleiche sagen darf. Das nennt man Wiedergeburt. Der Akt der Neugeburt wird wesentlich darin zu bestehen haben: daß sich die besseren Deutschen von den schlechteren Deutschen scheiden; daß jene auf diese Einfluß gewinnen: daß jene diese möglichst zu sich hinüberziehen; daß jene diese aufklären. Die unedlere Mehrheit soll von der »edleren Minderheit« erzogen werden; sie soll von ihr beherrscht werden; sie soll von ihr geadelt werden. Wir brauchen Leute, die sich um ihre eigene Achse drehen; die Vollcharaktere, nicht Halbcharaktere sind; die Vollbildung, nicht Halbbildung haben. Aus solchen Menschen nur kann sich jene edlere Minderheit zusammensetzen. Kurz, wir bedürfen in Deutschland einer »Partei der Unabhängigen«; sie wird eine Adelspartei, im höhern Sinne , sein müssen; denn sie wird die Bauern, die Bürger, die Edelleute, die deutschgesinnte Geistlichkeit, die deutschgesinnte Künstlerschaft, die deutschgesinnte Jugend umfassen müssen. Das neue geistige Leben der Deutschen ist insonderheit eine Sache der deutschen Jugend; und zwar der unverdorbenen, unverbildeten, unbefangenen deutschen Jugend. Sie hat das Recht. Die Jugend ist mehr der Synthese wie das Alter mehr der Induktion zugeneigt; leben, geboren werden, schaffen ist aber ein höchst synthetischer Akt; ihn soll der jetzige Deutsche vollbringen. Dazu wird er im höchsten Grade Kind sein müssen. Glaubt man an einen dauernden oder auch nur zeitweiligen Fortschritt innerhalb der Menschheit, so stellt sich jedes Kind, gegenüber seinem Elternpaar, als eine »edlere Minderheit« dar; innerhalb eines Volkes, einer Rasse, aller Rassen ist es ebenso. Menschenseele und deutscher Charakter sollen auch jetzt eine edlere Minderheit miteinander zeugen, welche für das Echte streitet und das Schöne pflegt. Daher muß die deutsche Wiedergeburt von der deutschen Kindernatur ausgehen; greisenhafte Völker, wie z. B. die heutigen Türken, sind dieses Auskunftsmittels beraubt; jugendlichen Völkern steht es zu Gebote. Benutzen sie es gut, so kehrt auch der Glaube wieder bei ihnen ein; echter Glaube ist immer Kinderglaube; und echte Menschheit immer Kindheit. Ein Organismus lebt nur dadurch, daß er wächst; und er wächst nur dadurch, daß er stetig innere Achsenverschiebungen erfährt; daß er von einer Mathematik erfüllt ist, die sich selbst untreu wird; die rhythmisch wird, die lebendig wird. Wenn aber eine Achse sich verschiebt, so kreuzt sie sich selbst; so streitet sie mit sich selbst: darum ist kein Wachstum ohne streitbare Auseinandersetzung des Organismus mit sich selbst zu denken. Das ist echte Sphärenmusik; und sie gilt auch in der nationalen Sphäre; nach solchen Takten werden Völker geboren. Ja. das gesamte Weltleben ist nur ein Kampf zwischen Alter und Jugend; und man kann nicht zweifeln, wem dabei der Sieg zufällt; wem er schon längst zugefallen ist: Gott ist jung und der Teufel ist alt. Das Alter wirft Steine auf die Jugend, doch diese schüttelt sie lachend ab. Der Kampf zwischen beiden ist unvermeidlich; es ist ein Kampf zwischen Leben und Tod; und zugleich einer auf Leben und Tod. Der Deutsche wird sich demnach mit seinen eigenen Untugenden, mit seiner eigenen Altersschwäche auseinanderzusetzen haben; nur so kann er wiedergeboren werden. Wiedergeburt besteht eben darin, daß man wieder das wird, was man von Haus aus ist und was man nur zeitweilig oder teilweise aufgehört hat zu sein; daß man zu seinem eigentlichen Wesen zurückkehrt und sich aus diesem neu gebiert, wie die Pflanze aus dem Samenkorn. Das ist jetzt unsere vornehmste nationale Aufgabe. Der Deutsche in seiner Reinheit ist der Mensch \χ\α\ί \ξ\ο\χ\ή\ν augenblicklich zwar ist er es nicht: aber er kann es wieder werden. Um dies Ziel zu erreichen, darf ihm kein Preis zu hoch, kein Streit zu schwer sein. Dazu wird er im höchsten Grade Mann sein müßen. Auf die Ausreifung der Persönlichkeit weist, drängt, entwickelt sich alles hin. Der Stufengang innerer Entwicklung geht vom Kinde durch den Mann zum Menschen . Alle drei sind Gottes, wenn sie das, was sie sind, ganz sind. »Gott ist der Geist des Ganzen.« Insofern Christus der Vertreter der höchsten geistigen wie sittlichen wie religiösen Jugendlichkeit, der eigentlichen Gotteskindschaft ist, darf man sagen, daß jede deutsche Wiedergeburt sich in seinem Zeichen vollziehen muß. Inmitten des Brüggemannschen Altares zu Schleswig, eines immer noch nicht genug geschätzten Meisterwerks deutscher Plastik, steht ein holzgeschnitztes, lebensgroßes, pausbäckiges Christuskind, mit einem wirklichen linnenen Hemdchen angetan; eine liebliche Sage berichtet, daß dies Christkindchen zu jedem Neujahr ein neues Hemd erhalten müsse; erhalte es das aber nicht, so weine es. Dem deutschen Kinde, dem deutschen Volke ergeht es ebenso: es weint nach einem neuen Hemde; es weint nach einer Wiedergeburt an Leib und Seele! Schlußwort Bescheidenheit, Einsamkeit, Ruhe – gesunder Individualismus, volkstümlicher Aristokratismus, seelenvolle Kunst – das sind Heilmittel, welche der Deutsche auf sich anwenden muß, wenn er sich dem geistigen Elend der Gegenwart entziehen will. Diese Güter lassen sich nicht ohne Kampf erringen; für die nächste Zukunft des deutschen Geisteslebens gilt daher die Losung: Bindet die Klingen! Schule ist Mittel und Persönlichkeit ist Zweck; die jetzige deutsche Bildung hat dies Verhältnis auf den Kopf gestellt; es muß daher wieder auf seine Füße gestellt werden. Christus und die Pharisäer, Persönlichkeit und Schule werden sich im deutschen Geistesleben miteinander zu messen haben; der Streit muß ein durchaus ehrlicher sein; und das deutsche Volk wird über dessen Ausgang richten. Sein Wort entscheidet! Es kann am Ende doch noch sein, daß das Urwüchsige in der Natur des Deutschen das Gekünstelte in ihr überwiegt und überwindet. Das deutsche Volk braucht lange, bis es reif wird. Aber aus dem langsamen Wachstum des deutschen Geistes darf man vielleicht auf einen hohen Grad von Vollendung schließen, der ihm noch bestimmt ist. Der deutsche Geist, der so häufig kosmopolitisch in die Fremde schweifte, wird nun, im Zeichen Rembrandts, sein Meisterstück zu liefern haben: indem er zu sich selbst zurückkehrt und sich vorwiegend einer schöpferischen Tätigkeit widmet. Die Kunst heilt, was der Krieg verwundet. Die Franzosen erstaunten 1870, daß das Volk der Denker sich in ein Volk der Krieger verwandelt hatte; mögen sie und hoffentlich recht bald erstaunen, wenn das Volk der Forscher sich in ein Volk der Künstler verwandelt. Es ist nur natürlich, daß ein Land, welches von Waffen und Fabriken starrte, die sich im Grunde beide gegen dessen Nachbarn richteten, bei diesen nicht beliebt war. Geistige und sittliche Überlegenheit aber, falls sie sich als echt erweist, versöhnt. Was hier ein einzelnes Volk gewinnt, das gewinnt auch die Menschheit; und es kommt somit allen übrigen Völkern zugute. Ein Volk, das sich auf sich und in sich selbst zusammenschließt, wird dadurch unwillkürlich auch mächtig über andere. Griechenland hat es bewiesen; Deutschland wird es hoffentlich beweisen. Man hat von einem »Gott der Deutschen« gesprochen; so gibt es auch einen »Teufel der Deutschen«; er wohnt im modernen Paris und kehrt gern in Berlin ein. Läßt sich dieser Gast auch auf die Dauer nicht bannen, so ist es doch gut, wenn man ihn kennt: er heißt Plebejertum . Dieses äußert sich in der Kunst als Brutalismus, in der Wissenschaft als Spezialismus, in der Politik als Demokratismus, in der Bildung als Doktrinarismus, gegenüber der »Menschheit« als Pharisäismus. Daß aber der Teufel zuletzt geprellt wird, ist bekanntlich eine insonderheit deutsche Wahrheit und Weisheit. In solchem Glauben und solcher Tatsache triumphiert das innerste Gefühl der geistigen Gesundheit über gelegentliche Anwandlungen von geistiger Krankheit; ehrlich währt am längsten. Deutsche Ehrlichkeit ist mehr als französische Eitelkeit und deutscher Geist mehr als französischer Ungeist. Wenn »der Sinn für das Wesentliche« bei den Deutschen wieder einkehren wird; wenn sie wieder zu Menschen geworden sein werden: dann werden sie über ihren jetzigen »wissenschaftlichen« Aberglauben lachen. Der trivialmodernen Bildung eines Dubois-Reymond und Zola wird eine genial-moderne Bildung der Rembrandt und Genossen folgen; man wird sich von dem und den Teufeln wieder zu Gott wenden: man wird wieder deutsch werden! Deutsch sein, heißt Mensch sein; wenigstens für den Deutschen; und vielfach auch für andere Völker. Denn es heißt, individuell sein; es heißt, ernst sein; es heißt, fromm sein; es heißt, Gott und dem Göttlichen dienen. Es heißt, leben.