Karl Capek Der gestohlene Kaktus und andere Geschichten   Verlag Dr. Rolf Passer Leipzig-Wien Autorisierte Übersetzung aus dem Tschechischen Copyright 1937 by Fr. Borový, deutsche Übersetzung Der gestohlene Kaktus »Hören Sie also an«, begann Herr Kubat, »was mir im vergangenen Sommer passiert ist. Ich war in einer gewöhnlichen Sommerfrische; es war dort nicht anders als in anderen Sommerfrischen: kein Wasser, kein Wald, keine Fische, nichts. Nur die Volkspartei war dort stark vertreten. Dann gibt es dort einen Verschönerungsverein mit einem sehr rührigen Obmann, Perlmutterindustrie und ein Postamt mit einer alten, langnasigen Postmeisterin. Also ein Ort wie andere Orte auch. Und als ich mich nun so gegen zwei Wochen lang den wohltuenden und gesundheitsfördernden Wirkungen einer durch nichts unterbrochenen Langeweile hingegeben hatte, bekam ich irgendwie das Gefühl, daß mich die Klatschbasen des Ortes und das, was man die öffentliche Meinung nennt, aufs Korn genommen hatten. Und da meine Briefe so auffallend sorgfältig zugeklebt waren, wenn ich sie erhielt, daß der Umschlag auf der Rückseite von frischem Gummi arabicum nur so glänzte, sagte ich mir: ›Aha, deine Post wird geöffnet; der Teufel hole diese Hexe von einer Postmeisterin!‹ Sie wissen ja – die Leute von der Post können angeblich jeden Briefumschlag öffnen. Na wart nur, sagte ich mir, setzte mich hin und schrieb mit meiner schönsten Handschrift: ›Du Gespenst von einer Postmeisterin, Du langnasige Fuchtel, Du Komet, Du neugieriges Tratschmaul, Du Klapperschlange, Du alte Schachtel, Du Hexe‹ usw. ›Hochachtungsvoll, Johann Kubat.‹ Hören Sie, unser Tschechisch ist wirklich eine reiche und präzise Sprache; ohne abzusetzen, hatte ich vierunddreißig Bezeichnungen zu Papier gebracht, die ein anständiger und aufrechter Mann jeder Dame gegenüber anwenden kann, ohne in den Verdacht zu kommen, daß er persönlich oder gar zudringlich wird. Zufrieden klebte ich meinen Brief zu, schrieb meine eigene Adresse auf den Umschlag und fuhr in das nächste Städtchen, um das Ganze dort in den Briefkasten zu werfen. Tags darauf lief ich zur Post und steckte mit bezauberndem Lächeln meinen Kopf zum Schalterfenster hinein. ›Frau Postmeisterin‹, sagte ich, ›ist für mich kein Brief da?‹ – ›Ich werde Sie klagen. Sie Lump!‹ fauchte mich die Postmeisterin an, mit dem furchtbarsten Blick, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. ›Aber Frau Postmeisterin‹, sagte ich voll Mitgefühl, ›haben Sie am Ende etwas Unangenehmes gelesen?‹ – Dann bin ich aber doch auf alle Fälle weggefahren.« »Das ist gar nichts«, meinte Herr Holan, Obergärtner der Holben-Gärten, »das war keine Kunst, die alte Vettel hineinzulegen. Interessanter ist schon die Geschichte, wie ich seinerzeit den Kakteendieb in die Falle gelockt habe. Der alte Holben ist, wie Sie wissen, ein großartiger Kakteenzüchter, seine Sammlung kann sehr leicht – ungelogen! – ihre Dreihunderttausend wert sein, die Unikate gar nicht eingerechnet. Der alte Herr tut sich viel darauf zugute, daß die Sammlung öffentlich zugänglich ist. ›Holan‹, pflegt er zu sagen, ›die Liebe zu den Kakteen ist eine edle Leidenschaft; man muß sie in den Menschen wach halten!‹ Ich bin anderer Ansicht. Ich meine, wenn so ein kleiner Kakteenprolet so einen goldenen Gruson sieht, der runde zwölf Hunderter kostet, dann tut ihm das Herz weh, weil er zu so was nie kommen kann. Aber der alte Herr will es so, also soll's mir recht sein. Im vorigen Jahr nun kamen wir allmählich darauf, daß uns Kakteen fehlten, und zwar nicht nur solche, die einem jeden in die Augen stechen, sondern noch mehr die ausgesprochenen Spezialitäten. Einmal war ein Echinocactus Wislizenii verschwunden, ein anderes Mal ein Graesnerii, dann wieder eine Wittia, die wir uns direkt aus Costarica hatten kommen lassen, dann wieder eine neue Spezies, die Frič geschickt hatte, dann ein Melocactus Leopoldii, ein Unikat, wie es schon seit mehr als fünfzig Jahren in Europa nicht zu sehen war, und zuletzt ein Pilocereus fimbriatus aus San Domingo, das erste Exemplar, das Europa erreicht hat. Der Dieb mußte also ein Kenner sein. Sie können sich nicht vorstellen, was für Wutanfälle der alte Herr bekam! ›Herr Holben‹, sagte ich ihm, ›sperren Sie einfach Ihre Glashäuser ab, dann haben Sie Ruhe von den Langfingern.‹ – ›Auf keinen Fall!‹ schrie der alte Herr, ›niemand soll in der Ausübung dieser edlen Leidenschaft behindert werden. Sie müssen den verfluchten Dieb eben fangen! Werfen Sie die Wächter hinaus, stellen Sie neue an! Rufen Sie die Polizei!‹ Er hatte leicht reden; sechsunddreißigtausend Töpfe haben wir – wir konnten nicht jeden einzelnen bewachen lassen. Ich tat, was ich konnte, nahm zwei pensionierte Revierinspektoren der Polizei auf, sie bewachten die Töpfe; und gerade da ging uns der Pilocereus fimbriatus verloren. Alles, was von ihm übrig blieb, war ein kleines Loch im Sand. Da packte auch mich der Zorn und ich machte mich selbst auf die Jagd nach dem Kakteendieb. Diese richtigen Kakteenzüchter, die sind, müssen Sie wissen, wie eine Sekte Derwische. Ich glaube, denen wachsen statt Bärten Stacheln und Glochiden im Gesicht – so besessen sind sie. Bei uns gibt es zwei solche Sekten: den ›Verein der Kakteenzüchter‹ und den ›Kakteenzüchterverband‹. Wodurch die sich voneinander unterscheiden, weiß ich nicht – es mag sein, daß die einen meinen, die Kakteen hätten unsterbliche Seelen, während jene es vorziehen, ihnen blutige Opfer darzubringen. Wie dem auch sei, die beiden Sekten hassen und verfolgen einander mit Feuer und Schwert, zu Lande und in der Luft. Ich machte mich also auf, besuchte die Obmänner beider Vereine und fragte sie, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, ob sie vielleicht eine Vermutung hätten, welches Mitglied der anderen Sekte die Holben-Kakteen geklaut haben könnte. Als ich ihnen erzählte, welchen Wert die gestohlenen Exemplare hätten, erklärten sie mit größter Entschiedenheit, es sei ausgeschlossen, daß ein Mitglied der gegnerischen Sekte sie entwendet haben könne, weil es unter denen nur Nichtwisser, Idioten und Pfuscher gebe, die niemals auch nur den Namen eines Wislizen oder eines Graesner gehört hätten, von einem Pilocereus fimbriatus ganz zu schweigen. Was aber die Mitglieder der eigenen Sekte betrifft, so sei deren Edelsinn und Ehrlichkeit selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben. Die seien sämtlich geradezu unfähig, zu stehlen, es wäre denn dann und wann einen Kaktus; hätte aber einer dieser Ehrenmänner des eigenen Verbandes in der Tat etwa so einen Wislizen in der Hand, dann würde er ihn zweifellos zum Zwecke der Anbetung und anderer Kulthandlungen den übrigen Mitgliedern zeigen; davon sei jedoch ihnen, den Obmännern, nichts bekannt geworden. Dann wiesen die beiden Herren noch darauf hin, daß es außerhalb der beiden anerkannten oder tolerierten Sekten auch einzelne wilde Kakteenzüchter gebe und die seien die allerschlimmsten. Das seien Leute, die sich ihrer leidenschaftlichen Art wegen mit den gemäßigten Sekten nicht vertragen könnten und auch sonst zu allerlei Irrlehren und Gewalttätigkeiten neigten. Diese wilden Kakteenzüchter seien angeblich zu allem fähig. Ich hatte also bei diesen beiden Herren nichts ausrichten können. Was nun? Ich stieg auf einen der schönen Ahornbäume in unserem Park und überlegte. Glauben Sie mir, man kann nirgends besser nachdenken als in einer Baumkrone. Dort fühlt sich der Mensch gleichsam gelöst; er wird ein wenig geschaukelt und überblickt zugleich alles von einem höheren Standpunkt. Ich bin der Ansicht, daß Philosophen auf Bäumen leben sollten wie Goldamseln. Und dort oben auf dem Ahornbaum habe ich einen Plan ausgeheckt. Ich lief zunächst zu allen mir bekannten Gärtnern und fragte sie: ›Leute, faulen bei euch keine Kakteen? Der alte Holben braucht welche für seine Versuche.‹ Ein paar hundert Marode trieb ich auf und steckte sie eines Nachts unter die anderen in Holbens Sammlung. Zwei Tage lang rührte ich mich nicht, am dritten ließ ich in allen Zeitungen folgendes drucken: Die weltberühmten Holbenschen Sammlungen in Gefahr! Wie uns gemeldet wird, ist ein großer Teil der einzigartigen Holbenschen Glashausgewächse von einer neuen, bisher unbekannten Krankheit befallen worden, die vermutlich aus Bolivien bei uns eingeschleppt wurde. Ihr unterliegen hauptsächlich Kakteen. Die Seuche bleibt eine Zeitlang latent, später stellen sich Fäulnis der Wurzeln, der Hälse und der Körper ein. Da die Krankheit epidemisch zu sein scheint und sich wohl durch bisher nicht festgestellte Mikrospuren rasch verbreitet, wurden die Holbenschen Sammlungen für die Öffentlichkeit geschlossen. Nach etwa zehn Tagen – wir mußten uns in dieser Zeit geradezu versteckt halten, um von den Kakteenzüchtern mit ihren Anfragen nicht zerrissen zu werden – schickte ich den Zeitungen eine zweite Notiz: Gelingt es, die Holbenschen Sammlungen zu retten? Wie wir erfahren, hat Professor Mackenzie aus Kew die Krankheit, von der die weltberühmten Holbenschen Kakteen befallen wurden, als einen ganz bestimmten tropischen Schimmelpilz (Malacorrhiza paraguayensis Wild.) agnosziert; er empfiehlt, die erkrankten Exemplare mit Harvard-Lotsen-Tinktur zu bespritzen. Die mit dieser Methode in den Holbenschen Sammlungen auf breitester Basis vorgenommenen Versuche haben zu großen Erfolgen geführt. Harvard-Lotsen-Tinktur ist hierorts bei dem und dem erhältlich. Als diese Mitteilung erschien, saß bereits ein Geheimer in dem betreffenden Laden und ich wartete bei meinem Telephon. Schon nach zwei Stunden rief mich der Beamte an: ›Also, Herr Holan, wir haben ihn!‹ Zehn Minuten später hielt ich einen kleinen Kerl am Kragen und schüttelte ihn. ›Aber, Herr‹, protestierte das Kerlchen, ›was machen Sie denn mit mir? Ich bin ja nur gekommen, um die bekannte Harvard-Lotsen-Tinktur zu kaufen ...‹ ›Ich weiß‹, sagte ich, ›nur gibt es Harvard-Lotsen-Tinktur genau so wenig wie eine neue Kakteenkrankheit. Aber Sie, Sie haben bei uns in den Holben'schen Sammlungen Kakteen gestohlen, Sie verflixter Spitzbube!‹ ›Gott sei Dank!‹ stieß das Männchen erleichtert hervor. ›Es gibt also keine solche Krankheit! Zehn Nächte habe ich vor Angst schlaflos verbracht; ich fürchtete, meine anderen Kakteen könnten angesteckt werden!‹ Ich hielt ihn fest, schleppte ihn ins Auto und fuhr mit ihm und dem Geheimen in sein Quartier. Also, so eine Sammlung habe ich, glauben Sie mir, noch nie gesehen. Der Mensch hauste in einem einzigen Dachkämmerchen in Wysotschan, das ganze Loch mag vier Meter lang und drei Meter tief gewesen sein: auf dem Fußboden in einer Ecke lag eine Decke, ein Tischchen war dort und ein Sessel – sonst nichts als Kakteen. Aber was für Exemplare und in was für einer Ordnung! So was findet man nicht wieder! ›Welche dieser Stücke sind bei Ihnen gestohlen worden?‹ fragte der Beamte; ich sah den Dieb an; er zitterte und würgte an seinen Tränen. ›Hören Sie‹, sagte ich dem Detektiv, ›es ist doch nicht so, wie wir geglaubt hatten; die hier haben weiter keinen Wert. Sagen Sie in der Polizeidirektion, daß der Schaden nicht höher als fünfzig Kronen ist und daß ich die Sache mit dem Herrn hier selbst ins reine bringen werde.‹ Als der Geheime fort war, sagte ich: ›So, Freundchen, jetzt packen Sie schön alles zusammen, was Sie uns weggetragen haben!‹ Der Mann schluckte, Tränen traten ihm in die Augen, und er flüsterte: ›Bitte, lieber Herr, könnte ich die Dinger nicht lieber absitzen?‹ ›Nichts da!‹ schrie ich ihn an, ›jetzt heißt es zurückgeben, was Sie uns geklaut haben!‹ Tief unglücklich machte er sich daran, ein Töpfchen nach dem andern herauszusuchen und beiseite zu stellen. Als er fertig war, waren es an die achtzig. Wir hatten nicht geahnt, daß uns so viele fehlten. Er hatte wohl Jahre dazu gebraucht, uns all das zu stehlen. Sicherheitshalber aber brüllte ich ihn an: ›Was, das soll alles sein?!‹ Jetzt stürzten ihm buchstäblich Fluten aus den Augen. Er holte noch einen weißlichen De Laitii und einen Corniger hervor, stellte sie neben die anderen und schluchzte: ›Mehr, Herr, habe ich von Ihnen nicht, meiner Seel!‹ ›Das wird sich noch herausstellen!‹ donnerte ich, ›aber jetzt sagen Sie mir, wie haben Sie uns das alles nur wegtragen können?‹ Er stotterte aufgeregt, und sein Adamsapfel hüpfte: ›Das war so: ich habe ... ich habe nämlich Kleider angezogen ...‹ ›Was für Kleider?‹ schrie ich. Da wurde er feuerrot vor Verlegenheit und stammelte: ›Frauenkleider, bitte.‹ ›Menschenskind! Warum ausgerechnet Frauenkleider?‹ Er seufzte: ›Weil sich, bitte, um so ein ältliches Frauenzimmer niemand richtig kümmert. Und dann‹, fügte er fast siegesbewußt hinzu‹, – es versteht sich, daß kein Mensch bei einer solchen Sache ein Frauenzimmer verdächtigen wird. Alle möglichen Leidenschaften haben Frauen, aber, Herr, nie im Leben gehen sie unter die Sammler! Haben Sie jemals von einer Frau gehört, die Briefmarken sammelt oder Insekten oder Inkunabeln und derlei Zeug? Nie, Herr, nie! Frauen haben nicht diese Gründlichkeit, auch nicht diese ... diese Besessenheit. Frauen sind furchtbar nüchtern. Und daß nur wir Männer fähig sind, eine Sammlung anzulegen – das ist der größte Unterschied zwischen uns und den Weibern. Für mich ist das Weltall nichts anderes als eine Sammlung von Sternen; es gibt einen Gott, der ist männlich und legt sich eine Sammlung von Welten an: deshalb gibt es auch so schrecklich viele. Wenn ich nur so viel Platz und solche Mittel hätte wie der! Wissen Sie, manchmal denke ich mir neue Kakteenarten aus, und nachts träume ich von ihnen. Von einem Kaktus zum Beispiel, der goldene Haare und enzianblaue Blüten haben müßte – ich habe ihn »Cephalocereus Nympha Aurea Racek« getauft; ich heiße nämlich Racek, bitte. Oder, wissen Sie, »Mammillaria Colubrina Racek«, oder »Astrophytum caespitosum Racek«; Herr, es gibt da so wunderbare Möglichkeiten! Wenn Sie wüßten ...‹ ›Einen Augenblick‹, unterbrach ich ihn, ›sagen Sie erst einmal: worin haben Sie die Kakteen weggetragen?‹ ›Im Busen, bitte‹, sagte er verschämt. ›Das sticht so angenehm!‹ Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht mehr das Herz hatte, ihm die Kakteen wegzunehmen? ›Wissen Sie, was ich mit Ihnen tue?‹ sagte ich streng, ›zum alten Herrn Holben führe ich Sie; der wird Ihnen beide Ohren ausreißen!‹ Das war eine Sache, meine Herren, als die zwei erst einmal beisammen waren! Die ganze Nacht über blieben sie im Glashaus, so lange brauchten sie, um die sechsunddreißigtausend Töpfe durchzugehen. ›Holan‹, sagte der alte Herr zu mir, ›das ist der erste Mensch, der Kakteen zu schätzen weiß!‹ Und es war kein Monat vergangen, da rüstete der alte Herr Holben unter Tränen diesen Herrn Racek für eine Reise nach Mexiko aus; er sollte dort Kakteen sammeln. Beide schworen Stein und Bein, daß dort irgendwo der Cephalocereus Nympha Aurea Racek wachsen müsse. Nach einem Jahr bekamen wir eine merkwürdige Nachricht: Herr Racek sei dort einen wunderbaren Märtyrertod gestorben. In den Jagdgründen irgend eines Indianerstammes habe er deren heiligen Kaktus Tschikuli aufgespürt, von dem man dort glaubt, er sei des Obergottes leiblicher Bruder. Nun habe er sich vor ihm nicht verneigt, wenn er ihn nicht sogar gestohlen habe. Wie dem auch sei, die freundlichen Indianer fesselten Herrn Racek, setzten ihn auf einen Echinocactus Visnaga Hooker, der elefantengroß und mit Stacheln in der Länge russischer Bajonette besät ist, und in sein Schicksal ergeben, hauchte unser Landsmann seine Seele aus. Das ist das Ende des Kakteendiebes.« Die Erzählung des alten Zuchthäuslers »Das ist nichts Besonderes«, sagte Herr Jandera, der Schriftsteller, »Diebe fangen, das ist eine alte Geschichte. Interessant wird die Sache erst, wenn der Dieb sucht, wen er eigentlich bestohlen hat. Das ist mir nämlich geschehen, wissen Sie. Ich habe da unlängst eine Geschichte geschrieben und sie drucken lassen, und als ich sie dann gedruckt las, überkam mich so eine peinliche Ahnung. Menschenskind, sagte ich mir, was Ähnliches hast du schon mal wo gelesen. Zum Donnerwetter, wem habe ich den Stoff nur geklaut? – Drei Tage ging ich herum wie ein drehkrankes Schaf und konnte und konnte nicht daraufkommen, von wem ich den Stoff, wie man so sagt, entlehnt hatte. Endlich traf ich einen Bekannten und sage ihm: ›Mir kommt vor, als ob meine letzte Geschichte da irgendwo gestohlen wäre.‹ – ›Das habe ich gleich auf den ersten Blick erkannt‹, meint der, ›die hast du von Tschechow geklaut.‹ – Da fiel mir wirklich ein Stein vom Herzen, und als ich dann mit einem Kritiker sprach, sagte ich ihm: ›Sie würden nicht glauben, Herr, manchmal begeht man ein Plagiat und hat davon keine Ahnung. Meine letzte Geschichte zum Beispiel ist gestohlen.‹ – ›Ich weiß‹, antwortete der Kritiker, ›die stammt von Maupassant.‹ – So ging ich alle meine guten Freunde durch. Hören Sie, wenn der Mensch mal auf die schiefe Ebene des Verbrechens gerät, dann weiß er nicht, wann er aufhören soll. Stellen Sie sich nur vor, diese eine einzige Geschichte hatte ich noch von Gottfried Keller gestohlen, von Dickens, von d'Annunzio, aus Tausendundeiner Nacht, von Charles Louis Philipp, Hamsun, Storm, Hardy, Andrejew, Bandinelli, Rosegger, Reymont und noch einer ganzen Reihe anderer. Daraus ersieht man, wie ein Mensch immer tiefer und tiefer ins Böse versinkt.« »Das ist noch gar nichts«, sagte Herr Bobek, der alte Zuchthäusler, und spuckte aus, »das erinnert mich an einen Fall, da hatte man einen Mörder, konnte aber keinen Ermordeten dazu finden. Nicht daß Sie etwa glauben, daß mir das passiert ist, aber ich habe ein halbes Jahr in demselben Zuchthaus gewohnt, in dem vorher der Mörder war. Das war in Palermo«, erklärte Herr Bobek und fügte bescheiden hinzu: »Ich war bloß wegen eines Koffers dort, der mir auf einem Schiff, auf dem ich von Neapel kam, in die Hand geraten war. Den Fall mit dem Mörder hat mir der Oberaufseher dieses Hauses erzählt; ich habe ihm nämlich Gottes Segen und Kreuzmariage beigebracht. Er war nämlich ein sehr frommer Mann, der Aufseher. Einmal in der Nacht also sahen zwei Polypen – in Italien gehen sie immer zu zweit – wie ein Mensch aus allen Kräften durch die Via Butera rennt, zum stinkigen Hafen hinunter. Also packten sie ihn und, porco dio, er hatte einen blutigen Dolch in der Hand. Selbstverständlich brachten sie ihn zur Wache und jetzt, Kerl, sag, wen du abgestochen hast! Der Bursch fing an zu flennen und sagte: ›Ich habe einen Menschen umgebracht, aber mehr sage ich euch nicht; wenn ich mehr sagte, würden noch andere Leute unglücklich.‹ – Und mehr bekamen sie wirklich nicht aus ihm heraus. Natürlich fing man gleich an, nach einer Leiche zu suchen. Aber es fand sich keine. Man ordnete also die Untersuchung aller teuren Verblichenen an, die zur Zeit als Verstorbene gemeldet waren. Aber es zeigte sich, alle waren christlich an Malaria und ähnlichen Dingen gestorben. Da machten sie sich von neuem über den Burschen her. Der gab an, Marco Biagio zu heißen, aus Castrogiovanni zu stammen und Tischlergeselle zu sein. Weiter gab er an, einem Christenmenschen an die zwanzig Stiche versetzt und ihn getötet zu haben. Aber wen, das sage er nicht, damit nicht noch andere Leute ins Unglück kämen. Und Schluß! Sonst rief er nur Gottes Strafe über sich herab und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Eine solche Reue, sagte der Aufseher, habe er sein Lebtag nicht gesehen. Sie wissen ja, diese Polypen glauben einem Menschen kein Wort. Sie sagten sich, der Marco hätte vielleicht gar niemanden erstochen und lügt nur so. Drum schickten sie den Dolch an die Universität und dort erklärte man, das Blut an der Klinge wäre Menschenblut und sie müsse das Herz durchstochen haben. Wie man so was erkennen kann, weiß ich nicht, bitte. Na ja, was aber sollten sie jetzt tun: den Mörder hatten sie, aber nicht den Ermordeten, und das geht doch nicht, einen Menschen wegen eines unbekannten Mordes vor Gericht zu stellen. Wissen Sie, ein Corpus delicti muß halt da sein. Inzwischen betete der Marco nur in einemfort und heulte und flehte, man möge ihn dem Gericht übergeben, damit er seine Todsünde abbüßen könne. ›Du porco‹, sagten sie zu ihm, ›wenn du willst, daß die Gerechtigkeit dich verurteilt, mußt du gestehen, wen du umgebracht hast. So ohne weiteres können wir dich nicht aufknüpfen. Nenne uns wenigstens irgendwelche Zeugen, du Maulesel, du verdammter!‹ – ›Ich bin selbst Zeuge!‹ schrie der Marco, ›und ich schwöre, daß ich einen Menschen umgebracht habe!‹ – So also stand die Sache. Der Aufseher sagte mir, der Marco wäre ein so hübscher und braver Mensch gewesen; noch nie hätten die so einen braven Mörder dort gehabt. Lesen konnte er nicht; aber die Bibel hatte er immerfort in der Hand, wenn auch oft verkehrt, und er weinte in sie hinein. Da schickten sie ihm so einen guten Pater, damit er ihn seelisch stärke und dabei geschickt ausfrage, wie und was mit dem Mord los sei. Der Pater ging vom Marco fort und fuhr sich über die Augen. Er meinte, wenn der Marco die Sache nicht noch irgendwie verderbe, dann fände er gewiß große Gnade; er sei eine nach Gerechtigkeit dürstende Seele. Aber außer solchen Reden und Tränen bekam auch der Pater nichts aus ihm heraus. ›Sie sollen mich hängen und Schluß!‹ sagte der Marco, ›damit ich für meine schwere Schuld endlich büße; Gerechtigkeit muß sein!‹ – Und das dauerte länger als ein halbes Jahr und noch immer fand man nirgends eine passende Leiche. Als ihnen die Geschichte dann schon zu dumm wurde, sagte der Polizeipräsident: ›Mordiano, wenn der Marco unter allen Umständen hängen will, so geben wir ihm halt den Mord, der drei Tage nach seinem Hochgehen dort in Arenella passiert ist, wo man das ermordete alte Weib gefunden hat. Es ist doch eine Schande, da haben wir einen Mörder ohne Mord und ohne Leiche, und dort haben wir einen so hübschen und offenkundigen Mord ohne Täter. Gebt das irgendwie zusammen. Wenn der Marco verurteilt sein will, kann es ihm doch gleich sein wofür; und irgendwie werden wir ihn schon belohnen, wenn er sich zu der Alten bekennt.‹ Das also bot man dem Marco an und versprach ihm, daß er dafür ganz bestimmt in kürzester Zeit den Strang bekommen und Ruhe haben werde. Der Marco zauderte eine Weile und erklärte dann: ›Nein, wenn meine Seele schon wegen des Verbrechens des Mordes verdammt ist, so will ich sie doch nicht mit neuen Todsünden belasten, mit Lüge, Betrug und Meineid.‹ – So ein gerechter Mensch war das, meine Herren! So ging es nun nicht mehr weiter. Im Zuchthaus dachte man jetzt nur noch daran, wie man den verdammten Marco los werden könnte. – ›Wissen Sie was‹, sagten sie zum Schließer, ›richten Sie es irgendwie ein, damit er ausreißen kann. Vors Gericht können wir ihn nicht stellen, das gäbe eine Blamage, und ihn freilassen, wenn er uns einen Mord eingesteht, das geht auch nicht. Sehen Sie zu, daß der dio cano maledetto irgendwie unauffällig verduftet.‹ Denken Sie nur, von dem Tag an schickte man den Marco ohne Begleitung um Pfeffer und Zwirn. Seine Zelle stand Tag und Nacht sperrangelweit offen, und der Marco lief den ganzen Tag alle Kirchen und alle Heiligen ab, aber abends kam er mit heraushängender Zunge angerannt, damit man ihm nicht um acht die Gefängnistore vor der Nase zumache. Einmal sperrte man absichtlich früher zu, aber da schlug er so einen Krach und hämmerte so an das Tor, daß man ihm öffnen mußte, damit er in seine Zelle könne. Eines Abends aber sagte der Aufseher zu Marco: ›Du porca madonna, heute schläfst du zum letztenmal hier. Wenn du nicht gestehen willst, wen du umgebracht hast, dann werfen wir dich hinaus, du bandito, du!‹ In jener Nacht erhängte sich der Marco an seinem Zellenfenster. Hören Sie, der Pater sagte zwar, daß jemand, der aus Gewissensbissen Selbstmord begeht, trotz der schweren Sünde erlöst werden könne, weil er im Zustand tätiger Reue gestorben sei. Aber wahrscheinlich wußte der Pater das nicht so sicher oder die Frage ist noch immer strittig: kurz und gut, glauben Sie mir, der Marco spukte in der Zelle. Das war nämlich so: wenn sie einen in seine Zelle einsperrten, dann erwachte das Gewissen in ihm und er fing an, seine Taten zu bereuen, tat Buße und bekehrte sich vollständig. Natürlich geschah das nicht bei jedem in der gleichen Zeit: bei einer Übertretung dauerte es eine Nacht; bei einem Vergehen zwei oder drei Tage und bei einem Verbrechen dauerte es manchmal auch drei Wochen, ehe sich der Sträfling bekehrt hatte. Am längsten hielten es Kassenknacker aus, Defraudanten und überhaupt solche, die große Gelder machen. Ich sage Ihnen, viel Geld verhärtet oder verstopft eben das Gewissen ganz besonders. Am wirksamsten war der Spuk immer am Jahrestag von Marcos Tod. Da machten die dort in Palermo aus der Zelle so eine Art Besserungsanstalt, wissen Sie – man sperrte die Sträflinge dort ein, damit sie ihre Taten bereuen und sich bessern. Na, Sie wissen ja, manche haben bei der Polizei Protektion, und andere Lumpen wieder, die werden von den Polypen gebraucht. Versteht sich, daß sie nicht jeden dort einsperrten und den einen oder andern für ihre eigenen Zwecke unbekehrt ließen. Ich glaube, manchmal nahmen sie von den großen Gaunern Schmiergelder und steckten sie dafür nicht in die wunderwirkende Zelle. Selbst bei Wundern gibt's halt keine Ehrlichkeit mehr. So, meine Herren, erzählte mir die Geschichte damals in Palermo der Aufseher, und die Kollegen, die dort waren, bestätigten sie mir. Da war gerade ein englischer Matrose wegen Gewalttätigkeit und Rauferei dort. Dieser Briggs ging schnurstracks aus der Zelle als Missionar nach Formosa, und wie ich später gehört habe, hat er dort den Märtyrertod gefunden. Das war sonderbar, kein Aufseher wollte in die Marcozelle auch nur einen Finger hineinstecken, solche Angst hatten sie, daß die Gnade auch über sie kommen könnte und daß sie ihre Taten bereuen würden. Dem Oberaufseher habe ich also, wie ich Ihnen schon erzählte, paar fromme Spiele beigebracht. War der wild, wenn er verlor! Aber als er einmal eine besonders schlechte Karte bekam, wurde er wütend und sperrte mich in die Zelle Marcos ein. ›Per bacco‹, brüllte er, ›dich will ich lehren!‹ Na, ich legte mich nieder und schlief ein. Am Morgen rief mich der Aufseher und fragte: ›Was ist, hast du dich bekehrt?‹ – ›Nicht daß ich wüßte, signore commandante‹, sagte ich; ›ich habe wie ein Holzklotz geschlafen.‹ – ›Also, marsch zurück!‹ schrie er mich an. – Aber was soll ich Ihnen lang erzählen: drei Wochen war ich in der Zelle und immerzu nichts: Es kam keine Reue über mich. Und da fing der Aufseher an, den Kopf zu schütteln und schließlich sagte er: ›Ihr Tschechen müßt schrecklich gottlose Menschen und Ketzer sein, daß so was keine Wirkung auf euch hat!‹ Und dann beschimpfte er mich jämmerlich. Und sehen Sie, seit der Zeit hat die Zelle Marcos ganz aufgehört, zu wirken: Man konnte hineinstecken, wen man wollte, er bekehrte sich nicht im geringsten. Ebensowenig besserte er sich, er bereute nicht, na, rein gar nichts. Kurz, die Sache hatte aufgehört zu funktionieren. Du lieber Himmel, gab das einen Krawall deshalb! Man jagte mich zur Direktion, weil ich ihnen die Zelle kaputtgemacht hätte, und was noch alles! Ich habe nur mit den Achseln gezuckt; konnte ich denn was dafür, na, nicht? So brummten sie mir wenigstens drei Tage Dunkelarrest auf, dafür, daß ich die Zelle angeblich beschädigt hätte.« Das Verschwinden des Herrn Hirsch »Was Sie da erzählt haben«, meinte Herr Fuchs, »ist ja sehr nett, aber der Fall hat einen großen Fehler: er ist nicht in Prag passiert. Wissen Sie, ich bin der Meinung, daß auch in Kriminalsachen man Rücksicht auf die Heimat zu nehmen hat. Was geht uns schließlich Palermo oder sonst ein entlegenes Nest an? Nichts! Aber wenn einmal so ein besseres Verbrechen hier in Prag gelingt, so bin ich geradezu stolz; dann wird in der ganzen Welt von uns gesprochen und so was macht mir halt warm, so bin ich schon. Außerdem sagt einem doch der nackte Verstand, daß in einer Stadt, in der so eine wirklich große Sache vor sich geht, geschäftlich doch manches los sein muß; man hat den Eindruck von ›großem Stil‹, nicht wahr, und die Welt faßt Zutrauen zu unserer Stadt. Aber nur, wenn man den Täter auch erwischt. Ich weiß nicht, ob Sie sich an den Fall mit dem alten Hirsch aus der Langengasse erinnern. Der hatte dort ein Fellgeschäft, aber gelegentlich handelte er auch mit Perserteppichen und dergleichen orientalischem Zeug. Vorher hatte er nämlich viele Jahre lang in Konstantinopel gelebt; dort hat übrigens seine Leber Schaden genommen, er sah immer krank aus, war mager wie eine krepierte Katze und seine Haut war braun, als käme sie direkt aus der Gerberlohe. Zu ihm also kamen diese gewissen Teppichhändler aus Armenien oder aus Smyrna, und mit diesen Leuten verstand er sich so gut, wie sich eben Diebe miteinander verstehen. Das sind gewaltige Gauner, diese Armenier, vor denen muß sich sogar ein Jude gehörig in acht nehmen. Der Hirsch hatte seine Felle im Erdgeschoß liegen, und von dort führte eine Wendeltreppe in sein Kontor. Hinter dem Kontor war die Wohnung, und in der Wohnung saß immer Frau Hirsch. Die war nämlich so dick, daß sie überhaupt nicht gehen konnte. Eines schönen Tages gegen Mittag geht der eine der Gehilfen hinauf ins Kontor, um Herrn Hirsch zu fragen, ob man einem gewissen Weil in Brünn Felle auf Kredit überlassen könne. Aber Herr Hirsch war nicht im Kontor. Der Gehilfe war überrascht, aber er sagte sich: Herr Hirsch wird vielleicht zu Frau Hirsch hineingegangen sein. Nach einer Weile erschien aber unten das Dienstmädchen; Herr Hirsch möge zum Essen hinaufkommen, sagt sie. ›Wieso hinaufkommen‹, fragt der Gehilfe, ›Herr Hirsch muß doch oben in der Wohnung sein!‹ – ›In der Wohnung?‹ meinte das Mädchen, ›Frau Hirsch sitzt doch den ganzen Tag gleich neben dem Kontor, und sie hat Herrn Hirsch seit früh nicht gesehen.‹ – ›Und wir‹, sagt der Gehilfe, ›wir haben ihn auch nicht gesehen, nicht wahr, Herr Wenzel?‹ – Der Wenzel war der Geschäftsdiener. – ›Um zehn Uhr habe ich ihm die Post gebracht‹, erzählte der Gehilfe, ›und Herr Hirsch hat mich noch angefahren, weil ich dem Lemberger wegen der Kalbsfelle nicht genug aufs Genick gestiegen bin. Seitdem hat er die Nase nicht mehr aus dem Kontor herausgesteckt.‹ – ›Jesusmariaundjosef!‹ sagte das Dienstmädchen, ›er ist aber nicht im Kontor! Ist er vielleicht in die Stadt gegangen?‹ – ›Durch den Laden nicht‹, antwortete der Gehilfe, ›sonst hätten wir ihn unbedingt sehen müssen, nicht wahr, Wenzel? Aber vielleicht durch die Wohnung?‹ – ›Ausgeschlossen, sonst hätte ihn doch Frau Hirsch gesehen!‹ – ›Also warten Sie mal‹, meinte der Gehilfe, ›als ich ihn sah, da war er im Schlafrock und in Pantoffeln; gehen Sie hinauf und sehen Sie nach, ob er Schuhe, Galoschen und Winterrock genommen hat.‹ – Es war nämlich November, müssen Sie wissen, und es hatte stark geregnet. – ›Wenn er sich angezogen hat‹, sagte der Gehilfe, ›dann ist er bestimmt in die Stadt gegangen; wenn nicht, so muß er hier im Haus stecken, das ist doch klar!‹ Gesagt, getan. Das Dienstmädchen sauste also hinauf und kam nach einiger Zeit ganz verstört von oben zurück. – ›Um Gottes Christi willen, Herr Hugo, der Herr Hirsch hat keine Schuhe angezogen, auch sonst hat er nichts genommen, und Frau Hirsch sagt, er kann einfach nicht durch die Wohnung weggegangen sein, er hätte doch durch ihr Zimmer gehen müssen.‹ – ›Durch den Laden ist er aber auch nicht gegangen‹, meinte der Gehilfe, ›er ist heute überhaupt nicht im Laden gewesen; er hat mich nur wegen der Post ins Kontor gerufen. Wenzel, kommen Sie, wir müssen ihn suchen!‹ Sie liefen zuerst ins Kontor. Dort war nicht die geringste Unordnung. Nur lagen in der Ecke ein paar zusammengerollte Teppiche, und auf dem Tisch lag ein angefangener Brief an den besagten Lemberger; über dem Tisch brannte die Gasflamme. – ›Eines steht also fest‹, urteilte Herr Hugo, ›Herr Hirsch ist nicht fortgegangen. Wäre er fortgegangen, so hätte er die Lampe ausgelöscht, nicht wahr? Er muß also irgendwo in der Wohnung sein.‹ – Sie durchsuchten die ganze Wohnung, aber sie fanden ihn nicht. Frau Hirsch saß in ihrem Lehnstuhl und weinte. Der Herr Hugo erzählte später, sie habe ausgesehen wie ein Haufen zitternder Sülze. – ›Frau Hirsch‹, sagte Herr Hugo, ›Frau Hirsch, weinen Sie nicht! Durchgegangen ist der Herr Hirsch einmal bestimmt nicht; Häute gehen jetzt gut und Außenstände hat er jetzt keine einkassiert. Irgendwo muß der Herr Chef schließlich sein. Bitte, wenn er sich bis zum Abend nicht findet, so melden wir es der Polizei, aber nicht früher: wissen Sie, Frau Hirsch, solche Sachen schaden einem Geschäft!‹ Sie warteten also bis zum Abend und suchten alles ab, von Herrn Hirsch aber fanden sie keine Spur. Zur gewohnten Stunde schloß Herr Hugo den Laden, ging zur Polizei und zeigte dort an, daß Herr Hirsch verlorengegangen sei. Die Polizei schickte Detektive, Sie wissen ja, wie diese Leute alles durchstöbern – aber sie fanden nicht den kleinsten Anhaltspunkt. Sie schnüffelten sogar auf dem Fußboden nach Blutspuren, aber nichts, nichts war da. Vorerst blieb nichts übrig, als das Kontor zu versiegeln; dann verhörten sie Frau Hirsch und das Personal über die Vorgänge am Morgen. Niemand hatte was Besonderes zu erzählen. Nur Herrn Hugo fiel ein, daß gegen Viertel elf der Reisende Herr Lebeda zu Herrn Hirsch gekommen war und etwa zehn Minuten mit ihm gesprochen hatte. Sie suchten also diesen Herrn Lebeda und fanden ihn selbstverständlich im Café Bristol beim Ramschl-Spiel. Herr Lebeda ließ schnell die Bank unterm Tisch verschwinden, aber der Detektiv sagte: ›Heute kommen wir nicht wegen Ramschl, Herr Lebeda, heute handelt es sich um den Herrn Hirsch; der Herr Hirsch ist verschwunden, und Sie sind der letzte, der ihn gesehen hat.‹ Gut und schön – aber der Herr Lebeda wußte ebenfalls nichts zu sagen. Er war in Angelegenheit von Riemen bei ihm gewesen; aufgefallen war ihm gar nichts, höchstens, daß Herr Hirsch noch magerer ausgesehen habe als sonst. ›Wie Sie aber abnehmen!‹ hatte er Herrn Hirsch gesagt. ›Mager‹, sagte der Kommissar, ›magerer, am magersten – aber so mager kann er doch nicht gewesen sein, daß er sich in Luft verflüchtigt hat! Etwas müßte doch von ihm zurückgeblieben sein – ein Knochen, oder die Zähne, nicht wahr? Und daß Sie ihn in der Aktentasche weggetragen haben, ist auch nicht gut möglich.‹ Aber jetzt passen Sie einmal auf, jetzt gehen wir an den Fall sozusagen von einer anderen Seite heran. Sie kennen doch die Gepäckaufbewahrungsstellen auf den Bahnhöfen, wo die Reisenden ihre Koffer und allerhand Kram deponieren. Zwei Tage waren seit dem Verschwinden des Herrn Hirsch vergangen, da sagte eine Bahnhofsgarderobefrau zu einem Dienstmann, da sei ein Koffer, der wolle ihr gar nicht recht gefallen. ›Ich weiß nicht, warum‹, sagte sie, ›aber ich fürchte mich geradezu vor dem Koffer.‹ Der Dienstmann sah sich den Koffer näher an, beroch ihn und meinte: ›Wissen Sie was, Mutterl, rufen Sie auf alle Fälle die Bahnhofspolizei!‹ Man brachte also einen Polizeihund an den Koffer heran, und der hatte das Ding kaum beschnuppert, als er auch schon zu knurren und die Haare aufzustellen begann. Das war auffallend genug, man brach den Koffer auf, und in den Koffer eingezwängt fand man die Leiche des Herrn Hirsch, im Schlafrock und in Pantoffeln. Die Sache war so sehr ruchbar geworden, weil der Arme doch leberleidend gewesen war. In einer tiefen Rinne rund um den Hals lag noch eine starke Rebschnur; man hatte ihn erdrosselt. Es blieb nur erstaunlich, wie er, in Schlafrock und Pantoffeln, aus seinem Kontor in den Koffer und im Koffer auf den Bahnhof gelangt war. Den Fall bekam der Inspektor Mejzlik zur weiteren Behandlung. Der sah sich die Leiche an und stellte sofort fest, daß auf dem Gesicht und an den Händen eine Menge grüner, blauer und roter Flecken waren. Auf der braunen Haut des Herrn Hirsch sah das ganz besonders seltsam aus. ›Sonderbare Verwesungsmerkmale –‹, meinte Herr Mejzlik und fuhr mit seinem Taschentuch kräftig über eine dieser Stellen – und der Fleck verschwand. ›Wissen Sie, was das sein kann?‹ sagte er zu den Leuten, die herumstanden. ›Anilin! Ich muß mich noch einmal im Kontor umsehen!‹ Im Kontor suchte er zuerst nach irgendwelchen Farben. Doch er fand nichts dergleichen. Plötzlich fielen ihm die zusammengerollten Teppiche in die Augen. Er hob einen von ihnen auf und rieb mit dem angefeuchteten Taschentuch über eine blaue Stelle des Musters; auf dem Tuch zeigte sich ein blauer Fleck. ›Ein verdammter Schund, diese Teppiche!‹ sagte der Herr Inspektor und suchte weiter. Auf dem Tisch des Herrn Hirsch fand er neben dem Tintenfaß die Reste von zwei, drei türkischen Zigaretten. ›Merken Sie sich, Mensch‹, sagte er zu einem der Detektive, ›bei diesen Teppichgeschäften rauchen die Leute immer eine Zigarette nach der andern; das ist schon so Sitte bei den Orientalen.‹ Dann rief er nach Herrn Hugo. ›Herr Hugo, nach diesem Herrn Lebeda war noch jemand hier – heraus mit der Sprache!‹ ›Jawohl‹, sagte Herr Hugo. ›Aber Herr Hirsch wollte niemals, daß wir von diesen Dingen reden. »Kümmern Sie sich um die Häute«, pflegte er uns zu sagen, »die Teppiche gehen Sie nichts an, die sind meine Sache!«‹ ›Natürlich‹, meinte Herr Mejzlik, ›weil sie geschmuggelt sind. Sehen Sie sie nur an, keiner hat eine Zollplombe. Ein Glück für Herrn Hirsch, daß er im besseren Jenseits ist, sonst hätte er jetzt verdammte Scherereien in der Hybernergasse; und Strafen müßte er blechen, daß er schwarz wird! Also rasch: wer war da?‹ ›Na‹, sagte Herr Hugo, ›so gegen halb elf kam in einem offenen Auto einer von diesen Armeniern, so ein dicker, gelblicher, und fragte auf türkisch oder so ähnlich nach Herrn Hirsch. Ich habe ihn hinauf ins Kontor gewiesen. Hinterher kam sein Diener, ein langer Kerl, spindeldürr und schwarz wie eine schwarze Katze, und er trug fünf große zusammengerollte Teppiche auf der Achsel. Wir zwei, der Wenzel und ich, haben uns noch gewundert, daß er soviel tragen kann. Die beiden gingen also ins Kontor und blieben vielleicht fünfzehn Minuten drin. Wir haben uns weiter nicht um sie gekümmert, aber es war die ganze Zeit über zu hören, wie der Nepper auf den Herrn Hirsch einredete. Dann kam der Diener heraus und trug vier von den fünf Teppichen wieder die Treppe herunter. Aha, dachte ich mir, einen hat der Hirsch wieder gekauft. Ja, und dann kam der Armenier, drehte sich noch in der Kontortür um und sagte noch etwas zu Herrn Hirsch; was er da sagte, das haben wir nicht verstanden. Na, und dann warf der lange Lulatsch die Teppiche ins Auto, und sie fuhren davon. Weiter war nichts Besonderes dabei – ich habe auch deshalb nicht davon geredet. Solche Teppichnepper waren oft und oft bei uns, und einer ist so ein Gauner wie der andere.‹ ›Wissen Sie, Herr Hugo‹, meinte höflich Herr Mejzlik, ›vielleicht war doch etwas Besonderes dabei. Die Sache ist nämlich die: der lange Lulatsch hat nämlich in einem der zusammengerollten Teppiche die Leiche des Herrn Hirsch weggetragen, verstanden? Um Gottes willen, Mensch, haben Sie denn nicht bemerkt, daß der Kerl herunter schwerfälliger gegangen ist als hinauf?‹ ›Ja, das stimmt!‹ stammelte Herr Hugo und wurde blaß, ›ganz gebückt ist er gegangen! Aber, Herr Kommissar, das kann doch gar nicht sein! Der dicke Armenier ging doch erst nach ihm und redete noch in der Kontortüre mit Herrn Hirsch!‹ ›Er redete, aber nicht mit Herrn Hirsch, sondern ins leere Kontor hinein‹, sagte Doktor Mejzlik. ›Und vorher, während nämlich der Lange Herrn Hirsch erwürgte, redete der Herr ebenfalls unentwegt; wissen Sie, Herr Hugo, so ein Armenier – der ist gescheiter als Sie. Ja, und dann schaffte er die Leiche des Herrn Hirsch in dem zusammengerollten Teppich in sein Hotel; aber es regnete, und der schäbige, mit Anilin gefärbte Teppich wurde naß und färbte auf Herrn Hirsch ab. Das ist doch so klar wie ein Konto in euerem Hauptbuch da, nicht? Und im Hotel steckten die beiden die irdische Hülle des Herrn Hirsch in den Koffer, und den Koffer schickten sie auf den Bahnhof. Jawohl, Herr Hugo, so liegen die Dinge.‹ Inzwischen hatten die Geheimen bereits eine Spur von dem Armenier gefunden. Auf dem Koffer klebte die Vignette eines Berliner Hotels – an der konnte man erkennen, daß der Armenier reichlich Trinkgeld zu geben pflegte. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß die Hotelportiers der ganzen Welt einander mittels dieser Vignetten darüber benachrichtigen, wieviel Trinkgelder aus einem Gast herauszuziehen sind. Und weil also dieser Armenier ein guter Zahler war, hatte sich ihn der betreffende Berliner Portier gut gemerkt: Mazanian hieß er, und sein Reiseziel werde nach Prag wohl Wien sein. Aber erst in Bukarest bekamen sie ihn zu fassen. Dort hat er sich in der Untersuchungshaft erhängt. Warum er Herrn Hirsch ermordet hat, weiß kein Mensch. Die größte Wahrscheinlichkeit hat noch die Vermutung, daß die Vorgeschichte in Herrn Hirschs Konstantinopler Zeit liegt. Aber die Geschichte lehrt«, endete Herr Fuchs nachdenklich, »daß im Geschäftsleben Solidität doch die Hauptsache ist. Hätte der Armenier anständige Teppiche geführt, und nicht das elende Zeug mit den billigen Anilinfarben, so wäre man nicht so schnell draufgekommen, wie sie den Herrn Hirsch fortgeschafft haben, nicht wahr? Aber Pofel verkaufen – so was rächt sich immer.« Tschintamanin und Vogel »In Perserteppichen«, sagte Herr Doktor Vitasek, »kenne ich mich einigermaßen aus, das wissen Sie doch. Aber Sie haben schon recht, Herr Fuchs, wie es einmal war, ist es heute nicht mehr. Heute machen sich diese Gauner im Orient nicht mehr die Mühe, die Wolle mit Indigo, Safran, Cochenille, Kamelharn, Eichelextrakt und dergleichen edlen organischen Stoffen zu färben. Auch die Wolle, die sie verwenden, ist nicht mehr so gut wie früher, und wie die Muster heruntergekommen sind, davon kann man gar nicht reden, ohne zu heulen. Ja, es ist eine vergangene Kunst, die Teppichknüpferei. Und deshalb haben nur alte Stücke, Stücke, die vor dem Jahr 1870 geknüpft worden sind, heute noch großen Wert. Aber solche Stücke erwischt man nur, wenn irgendeine alte Familie Sachen verkauft, die noch vom Großvater stammen – aus ›Familienrücksichten‹, wie man in besseren Familien Verschuldung zu nennen pflegt. Vor einiger Zeit habe ich auf der Burg Rosenberg einen echten Siebenbürgener gesehen – Siebenbürgener sind diese gewissen kleinen Gebetsteppiche, wie die Türken sie im siebzehnten Jahrhundert gemacht haben, als sie sich in Siebenbürgen festgesetzt hatten. Jetzt trampeln dort die Touristen mit ihren Nagelschuhen drauf herum und kein Mensch weiß, wie wertvoll das Zeug ist; ja, es ist wirklich zum Weinen! Und so haben wir hier in Prag auch einen der allerseltensten Teppiche, und niemand weiß davon. Die Sache ist die: natürlich kenne ich sämtliche Teppichhändler, die es bei uns gibt, und gehe dann und wann von einem zum andern, um zu sehen, was bei ihnen los ist. Es kommt schon vor, daß irgendein Agent in Anatolien oder in Persien doch noch ein altes Stück erwischt, das aus einer Meschitte oder sonst irgendwo gestohlen wurde; das packen sie zu der gewöhnlichen Meterware, und die ganze Sendung wird dann, egal, was drin ist, nach Gewicht verkauft. Da könnte, denke ich mir, auch einmal ein Ladik oder ein Bergamo beigepackt worden sein, und deshalb springe ich mal zu dem, mal zu jenem Teppichhändler, setzte mich auf einen Stoß Ware, rauche meine Zigarette und sehe den Kerls zu, wie sie ihren Gimpeln ihre Bucharas, Saruks, Smyrnas verkaufen. Und dann passiert es manchmal, daß ich frage: was ist denn das dort unten, der Gelbe? Na, und dann stellt sich heraus, daß es ein Hamadan ist. So besuchte ich auch von Zeit zu Zeit eine gewisse Frau Severin – die hat in einem Hof drüben in der Altstadt ihren Laden – und man kann bei ihr hier und da ganz hübsche Kelims und Karamanien finden. Das ist eine dickliche, muntere Person, die nie zu reden aufhört; und ein Pudelweibchen hat sie, das ist so fett, daß einem schlecht wird, wenn man es ansieht. Ich kann so was nicht ausstehen. Diese verfetteten Hunde sind alle mürrisch und asthmatisch und ihr Bellen klingt immer gereizt. Hat übrigens schon einmal einer der Herren einen jungen Pudel gesehen? Ich nicht. Ich denke, es ist mit den Pudeln so ähnlich wie mit den Inspektoren, Revidenten und Steuerbeamten: alle sind alt. Das gehört wahrscheinlich zu den Rassemerkmalen. Mir lag aber daran, mit Frau Severin auf gutem Fuße zu bleiben, und so setzte ich mich immer in die Ecke, in der die Hündin Amina auf einem bestimmten großen, viereckig zusammengelegten Teppich schnarchte und schnaufte, und kraulte ihr den Rücken; Amina liebte das. ›Frau Severin‹, sagte ich einmal, ›mir scheint, Ihre Geschäfte gehen schlecht; der Teppich, auf dem ich sitze, liegt schon drei Jahre da.‹ ›Länger‹, meinte Frau Severin, ›gute zehn Jahre. Aber er gehört nicht mir.‹ ›Ah‹, sagte ich, ›der gehört wohl der Amina.‹ ›Aber woher!‹ lachte Frau Severin, ›er gehört einer Dame. Zu Hause, sagt sie, hat sie keinen Platz für ihn, und so liegt er eben hier. Mir ist er ordentlich im Weg, aber die Amina hat wenigstens ihren Platz, gelt, Amina?‹ Ich schlug einen Zipfel des Teppichs zurück, ohne mich durch Aminas wütendes Geknurre daran hindern zu lassen. ›Der ist alt‹, sagte ich, ›darf ich ihn einmal ansehen?‹ ›Warum nicht?‹ meinte Frau Severin und nahm Amina auf den Arm. ›Komm, Amina, der Herr schaut sich nur den Teppich an, und dann wird die Amina schön wieder hingelegt. Pst, Amina, nicht knurren! Geh, du bist dumm!‹ Inzwischen hatte ich den Teppich auseinandergebreitet, und mir schlug das Herz wie verrückt. Ein weißer Anatolier war das, aus dem siebzehnten Jahrhundert, stellenweise schon ganz abgetreten. Aber, denken Sie nur, es war ein Vogelteppich mit dem Tschintamaninmuster und mit Vögeln; das ist, müssen Sie wissen, ein heiliges Muster und darum verboten. So ein Teppich ist eine unerhörte Seltenheit. Und das Stück dort war mindestens fünf zu sechs Meter groß, weiß mit Türkisblau und Kirschrot ... Also, ich stellte mich zum Fenster, damit mir Frau Severin nicht ins Gesicht sehen könne, und sagte: ›Das ist ein alter Fetzen, Frau Severin, der wird durch das Herumliegen hier noch ganz kaputt. Ich sage Ihnen etwas: Sprechen Sie mit der Frau; wenn sie keinen Platz für ihn hat, so kaufe ich ihn.‹ ›Das wird schwer sein‹, antwortete Frau Severin, ›ich habe den Teppich nicht zum Verkaufen bekommen, und die Dame ist meistens in Meran oder in Nizza. Ich weiß nicht einmal, wann sie in Prag ist. Aber ich will versuchen, sie zu erreichen.‹ ›Haben Sie die Güte‹, sagte ich möglichst gleichgültig und ging. Sie müssen wissen, für einen Sammler ist es Ehrensache, so ein rares Stück für einen Pappenstiel zu kaufen. Ich kenne einen sehr bedeutenden und reichen Mann, einen Büchersammler. Es spielt keine Rolle für ihn, für eine dieser alten Scharteken auch ein paar Tausender auszugeben. Aber wenn es ihm gelingt, einem Trödler die Erstausgabe der Gedichte von Johann Krasoslav Chmelensky für zwei Kronen abzuhandeln, dann springt er vor Freude bis zur Decke. Es ist ein Sport; wie die Gemsenjagd. Ich habe mir also in den Kopf gesetzt, diesen Teppich billig zu erwerben und ihn dann dem Museum zu schenken; solche Stücke gehören nur dorthin. Nur wünschte ich mir, daß dann ein Zettel über ihm hängen sollte, mit der Aufschrift: ›Geschenk des Doktor Vitasek‹. Irgendeine Art Ehrgeiz hat eben jeder Mensch, und ich gebe zu, daß der Gedanke mir mächtig einheizte. Ich hatte einen schweren Kampf mit mir selbst auszufechten, um nicht gleich am nächsten Tag hinzurennen und mir den Teppich mit den Vögeln und den Tschintamanin wieder anzusehen. Die Sache ging mir nicht aus dem Kopf. Noch einen Tag, sagte ich mir immer wieder, mußt du es aushalten. Und ich hielt es aus, mir selber zum Trotz. Aus Selbstquälerei, das ist schon manchmal so. Aber nach etwa vierzehn Tagen fiel mir ein, daß ja auch jemand anderer den Vogelteppich finden könnte, und ich rannte zu Frau Severin. ›Ist etwas geschehen?‹ schrie ich schon in der Tür. ›Was soll geschehen sein?‹ fragte sie mich erstaunt, und ich kam wieder zu mir. ›Nichts‹, sagte ich, ›ich ging nur eben mal vorbei, und da fiel mir der alte weiße Teppich ein; verkauft ihn die Frau?‹ Frau Severin schüttelte den Kopf. ›Ach, woher! Die ist jetzt in Biarritz, und kein Mensch weiß, wann sie zurückkommt.‹ Ich kam oft, um zu sehen, ob der Teppich noch da sei. Natürlich lag immer die Amina auf ihm, sie war noch dicker und ihr Fell noch schäbiger als sonst, und sie wartete darauf, daß ich ihr den Rücken kraulte. Ich mußte dann nach London fahren, und da ich schon einmal dort war, suchte ich Keith auf – wissen Sie, Sir Douglas Keith ist heute die größte Kapazität für orientalische Teppiche. ›Sir Douglas‹, sagte ich ihm, ›sagen Sie mir, bitte, was könnte ein weißer Anatol mit Tschintamanin und Vögeln, fünf zu sechs Meter groß, ungefähr wert sein?‹ Sir Douglas sah mich über seine Brillengläser hinweg an und rief, offensichtlich wütend: ›Gar nichts!‹ ›Wieso gar nichts?‹ antwortete ich bestürzt, ›warum sollte so ein Teppich keinen Wert haben?‹ ›Weil es ihn nicht gibt!‹ schrie mich Sir Douglas an. ›Sie sollten es wissen, Herr: der größte Teppich mit Tschintamanin und Vögeln, der überhaupt bekannt ist, mißt kaum drei mal fünf Yard!‹ Mir stieg vor Freude das Blut in den Kopf. ›Aber nehmen wir einmal an‹, sagte ich, ›daß ein Stück von dieser Größe tatsächlich existierte; welchen Wert würde es haben?‹ ›Ich habe Ihnen schon gesagt: keinen!‹ schrie Sir Douglas. ›So ein Stück, Herr, wäre ein Unikat, und wie wollen Sie den Wert eines Unikats bestimmen? Wenn eine Sache ein Unikat ist, kann sie genau so gut zehntausend wie tausend Pfund wert sein, was weiß ich! Übrigens existiert so ein Teppich nicht, mein Herr, damit Sie es wissen! Guten Tag!‹ Sie können sich vorstellen, wie mir bei der Heimkehr zumute war. Herr des Himmels, ich mußte das Stück mit dem Tschintamanin bekommen! Und jetzt bitte ich Sie, sich das nur vorzustellen: unter keinen Umständen durfte ich auf den Verkauf drängen, das tut ein Sammler nicht; dann war da die Frau Severin, die gar kein Interesse daran hatte, den alten Fetzen, auf dem ihre Amina sich so wohl fühlte, zu verkaufen, und dann war da das verdammte Frauenzimmer, dem der Teppich gehörte, das heißt, sie fuhr von Meran nach Ostende, von Baden nach Vichy – die Person muß wohl eine Art medizinisches Lexikon zu Hause gehabt haben, so viel Krankheiten hatte sie zu kurieren; immerfort steckte sie in irgendeinem Bad. So ging ich also ungefähr alle vierzehn Tage zu Frau Severin und sah nach, ob der Teppich mit all seinen Vögeln noch in der Ecke liege, streichelte die widerliche Amina, bis sie vor Wollust quiekte, und damit meine Besuche nicht zu auffällig würden, kaufte ich jedesmal irgendeinen Teppich. Ich habe zu Hause, meine Herren, ganze Haufen dieser gewöhnlichen Schiras, Schirwan, Mossul, Kabristan – alles Meterware, aber immerhin war auch ein klassischer Derbent darunter, wie man ihn nicht alle Tage sieht, und ein alter blauer Khorasan. Aber was ich in diesen zwei Jahren gelitten habe, das kann nur ein Sammler begreifen. Was sind dagegen Liebesqualen! Und das Furchtbare ist, daß meines Wissens noch kein einziger Sammler sich das Leben genommen hat; im Gegenteil, sie erreichen gewöhnlich ein hohes Alter. Es muß schon eine gesunde Leidenschaft sein, das Sammeln. Eines schönen Tages sagte mir Frau Severin: ›Also die Frau Zanelli, der der Teppich gehört, ist jetzt da. Ich habe ihr gesagt, daß ich einen Käufer für den weißen Ladenhüter hätte; er verdirbt sowieso durch das Liegen, habe ich ihr gesagt. Aber sie hat darauf gemeint, er sei ein Familienstück, sie habe es nicht nötig, ihn zu verkaufen und ich solle ihn nur ruhig hier lassen!‹ Ich lief selbstverständlich sofort zu dieser Frau Zanelli. Weiß Gott was für eine Weltdame hatte ich mir vorgestellt. Aber in Wirklichkeit war sie eine häßliche alte Schachtel, mit einer violetten Nase und einer Perücke. Außerdem hatte sie einen merkwürdigen Tick, ihr Mund rutschte in regelmäßigen Abständen von der linken Wange bis zum Ohr hinauf. ›Gnädige Frau‹, sagte ich und konnte den Blick nicht davon wenden, wie ihr Maul über ihr Gesicht tanzte, ›ich interessiere mich für Ihren weißen Teppich. Das Stück ist zwar schadhaft, aber für mein Vorzimmer wäre es gerade das richtige, wissen Sie.‹ Während ich auf Antwort wartete, passierte es mir, daß auch mein Mund zu zucken anfing und auf die linke Seite hüpfte. Ob der Tick nun wirklich ansteckend war oder ob es nur meine Aufregung war, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich vergebens dagegen ankämpfte. ›Was erlauben Sie sich!‹ schrie mich das greuliche Frauenzimmer mit quietschender Stimme an. ›Machen Sie, daß Sie fortkommen, aber rasch, rasch!‹ kreischte sie. ›Das Stück ist noch von meinem Großvater. Wenn Sie nicht sofort verschwinden, rufe ich die Polizei! Ich bin eine von Zanelli, Herr! Ich verkaufe keine Teppiche! Mary! Der Mensch soll gehen!‹ Wie ein Schuljunge floh ich die Treppe hinunter. Am liebsten hätte ich vor Wut und Trauer geheult. Was hätte ich tun sollen? Das ganze Jahr über besuchte ich Frau Severin. Aminas Knurren war inzwischen zu einem Grunzen geworden, unbeschreiblich fett war sie und fast ganz kahl. Nach einem Jahr kam Frau von Zanelli wieder. Ich war schon ermüdet und tat damals etwas, dessen ich mich als Sammler eigentlich zu Tode schämen müßte: ich schickte meinen Freund zu ihr, den Advokaten Bimbal. Der ist ein eleganter Mann mit einem Bart, der ihm bei allen Frauen unbedingtes Vertrauen verschafft. Ich beauftragte ihn, der ehrenwerten Dame für den Vogelteppich einen vernünftigen Preis anzubieten. Ich wartete unten auf der Straße, erregt wie ein Brautwerber, der der Antwort harrt. Nach drei Stunden kam Bimbal wieder, wankend, und wischte sich den Schweiß von der Stirn. ›Du Halunke‹, fuhr er mich an, ›dich erwürge ich noch! Wie komme ich dazu, mir wegen deiner Dummheiten drei Stunden lang die Familiengeschichte der Zanellis anzuhören? Und daß du es weißt‹, schrie er giftig, ›den Teppich kriegst du nicht. Rund siebzehn Zanellis würden sich in ihren Gräbern am Olschaner Friedhof umdrehen, wenn das Familienandenken ins Museum käme. Herrgott noch einmal, wie habe ich mich da von dir hereinlegen lassen!‹ – Und er ließ mich stehen. Sie wissen ja, wie das ist: man setzt sich was in den Kopf, und davon läßt man nicht mehr ab. Und wenn man noch dazu ein Sammler ist, dann geht man auch morden, wenn es sein muß. Das Sammeln ist ja im Grunde genommen eigentlich eine heroische Beschäftigung. Und so entschloß ich mich, meine Herren, den Teppich mit den Tschintamanin und den Vögeln einfach zu stehlen. Ich begann damit, daß ich mir die Umgebung ansah. Der Laden der Frau Severin liegt im Hof. Es ist ein Durchhaus, das um neun Uhr abends gesperrt wird, und mit einem Sperrhaken wollte ich das Tor nicht öffnen, weil ich das nicht kann. Durch das Haus kommt man in einen Keller; dort könnte man sich verstecken, dachte ich, ehe das Haus geschlossen wird. Im Hofe steht noch ein Schuppen. Wenn es gelänge, auf das Dach dieses Schuppens zu kommen, so könnte man dann in den Nachbarhof hinuntersteigen, der gehörte zu einem Wirtshaus, und aus dem Wirtshaus herauszukommen würde dann keine Schwierigkeiten mehr machen. Die Sache schien also einfach genug. Es handelte sich nur noch darum, das Ladenfenster von außen aufzumachen. Zu diesem Zweck kaufte ich einen Glaserdiamanten und übte an meinen eigenen Fenstern das Ausschneiden von Scheiben. Bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß das Stehlen wirklich so einfach ist. Jedenfalls ist es schwieriger als eine Prostata-Operation oder als einem Menschen die Niere herauszunehmen. Die erste Schwierigkeit ist, sich nicht sehen zu lassen. Dann kommt das Warten, dann noch verschiedene andere Unbequemlichkeiten. Dann die Unsicherheit, man hat ja keine Ahnung, wie leicht man da oder dort anrennt. Es ist, glauben Sie mir, ein schweres Handwerk, und eines, das sich schlecht bezahlt macht. Wenn ich heute in meiner Wohnung einen Einbrecher fände, ich würde ihn bei der Hand nehmen und ihm sanft ins Gewissen reden: ›Menschenskind, macht es Ihnen wirklich Spaß, sich damit solche Mühe zu machen? Schauen Sie, lassen Sie sich doch eine bequemere Weise einfallen, Ihre Mitmenschen zu bestehlen!« Ich weiß nun allerdings nicht, wie es anderen Leuten ergeht, wenn sie stehlen; meine eigenen Erfahrungen sind nicht gerade günstig. An dem kritischen Abend – so sagt man doch – schlich ich mich in das Haus ein und versteckte mich auf der Kellertreppe. So wenigstens würde es in einem Polizeibericht heißen. In Wirklichkeit sah die Sache anders aus. Ich trieb mich eine halbe Stunde lang im Regen vor dem Haustor herum und machte mich dadurch natürlich jedem Vorübergehenden verdächtig. Endlich, mit dem Mut der Verzweiflung, wie man ihn hat, wenn man sich einen Zahn ziehen läßt, ermannte ich mich und betrat den Gang. Selbstverständlich stieß ich sofort mit einem Dienstmädchen zusammen, das nebenan aus dem Gasthaus Bier holen wollte. Nur um sie zu beruhigen, flüsterte ich ihr ›Herzchen‹ oder ›Kätzchen‹ oder sonst ein freundliches Wort zu und versetzte sie damit in solchen Schrecken, daß sie davonrannte. Ich verbarg mich auf der Kellertreppe. Die Ferkel von Hausbewohnern hatten dort ihre Aschenkübel und allerlei Gerümpel hingestellt, das bei meiner sogenannten Einschleicherei mit gewaltigem Krach umfiel. Jetzt kam das Dienstmädchen mit dem Bier zurück und erzählte dem Hausmeister mit allen Zeichen der Aufregung, im Hause sei ein Mann versteckt, den sie nicht kenne. Der prächtige Kerl von Hausmeister ließ sich jedoch nicht stören, er erklärte, der Fremde sei wahrscheinlich irgendein Saufbold gewesen, der den Weg ins Wirtshaus nebenan verfehlt habe. Eine Viertelstunde später versperrte er gähnend und spuckend die Haustür und still war's. Nur das starke und einsame Schlucken eines Dienstmädchens tönte von einem der oberen Stockwerke herab. Merkwürdig, wie gewaltig das Schlucken mancher Dienstmädchen sein kann, wahrscheinlich ist es Herzweh, was sie dazu bringt. Mir wurde langsam kalt, und es stank säuerlich und schimmlig. Ich befühlte die Wände um mich. Alles, was ich anfaßte, war feucht und schlüpfrig. Herrgott, eine riesige Sammlung von Fingerabdrücken des Doktor Vitasek, unseres berühmten Urologen, muß dort zurückgeblieben sein! Die Zeit wollte nicht vergehen. Als ich mir einbildete, es sei Mitternacht, war es gerade zehn Uhr. Um Mitternacht gedachte ich mit meinem Einbruch zu beginnen. Aber schon um elf hielt ich es nicht mehr aus und machte mich ans Stehlen. Sie können sich nicht vorstellen, was ein Mensch, der die Absicht hat, geräuschlos durch das Dunkel zu schleichen, an Lärm verursachen kann. Aber das ganze Haus war mit festem Schlaf gesegnet. Endlich langte ich beim Fenster an und begann das Glas zu schneiden; es kreischte greulich. Von drin kam gedämpftes Bellen. Jesus Maria, die Amina! ›Amina‹, flüsterte ich, ›halt's Maul, du Luder! Ich bin's, wart nur, ich kraule dir den Rücken!‹ Sie müssen sich vorstellen, wie schwer es ist, im Finstern den Diamanten dort wieder einzusetzen, wo man abgesetzt hat. Ich fuhr also mit dem Ding auf der Glastafel hin und her, so lange, bis ich die Geduld verlor, etwas fester zudrückte und die Scheibe klirrend in Trümmer ging. So, dachte ich, jetzt wird das ganze Haus zusammenlaufen, und ich sah mich nach einem Versteck um. Aber nichts dergleichen geschah. Mit einer schon perversen Ruhe drückte ich die andere Scheibe einfach ein und machte das Fenster auf. Amina bellte ein Weilchen, mundfaul und konventionell, als wollte sie nur den Eindruck erwecken, daß sie ein pflichttreuer Hund sei. Ich kroch also durchs Fenster und eilte zuerst zu dem scheußlichen Vieh. ›Amina‹, flüsterte ich wie im Fieber, ›wo hast du deinen Rücken? Sieh nur, mein Goldtierchen, das Herrchen ist ja dein Freund – das gefällt dir, was, du Luder?‹ Amina krümmte sich vor Wonne, das heißt, soweit ein Sack sich krümmen kann, und ich redete mit Honigzungen auf sie ein: ›So, und jetzt laß mich in Ruhe, du Köter!‹ Und dabei versuchte ich, den herrlichen Vogelteppich unter ihr wegzuziehen. Die Amina aber, die das Stück wohl für ihren ureigensten Besitz hielt, fing zu schreien an. Das war kein Bellen mehr, es war ein Gebrüll. ›Um Gottes willen, Amina‹, redete ich ihr hastig zu, ›sei still, du Canaille! Wart, ich mach dir ein schöneres Bett!‹ Und mit einem Ruck riß ich den scheußlichen, glänzenden Kirman von der Wand, auf den Frau Severin die größten Stücke hielt. ›Schau, Amina‹, flüsterte ich, ›darauf wirst du wunderbar schlafen!‹ Interessiert sah mir Amina zu. Aber sobald ich die Hand nach ihrem Teppich ausstreckte, begann sie wieder zu heulen. Ich stellte mir vor, daß man sie bis ans Ende der Stadt hören müsse. Durch erneutes, besonders liebevolles Kraulen brachte ich das Untier noch einmal in ekstatische Wonne und nahm es auf den Arm. Aber sowie ich nach dem weißen Unikat mit den Tschintamanin und den Vögeln langte, röchelte Amina asthmatisch und fing wieder zu schimpfen an. ›Du Biest‹, sagte ich vernichtet, ›so bleibt mir denn leider nichts übrig, als dich umzubringen!‹ Ich versichere Ihnen, daß ich es heute noch nicht begreifen kann; ich sah mit dem wildesten Haß von der Welt nach diesem scheußlichen, fetten, niederträchtigen Köter – aber ich konnte und konnte das Luder nicht umbringen. An Instrumenten fehlte es nicht, ich hatte ein gutes Messer bei mir, einen Hosenriemen um den Bauch; ich hätte den Hund abstechen, ich hätte ihn erdrosseln können, aber ich hatte einfach nicht das Herz dazu. Ich saß neben ihm, auf dem Götterteppich, und kraulte ihn hinter den Ohren. Es half nicht, daß ich mir zuflüsterte: Ein Feigling bist du! Ein, zwei Bewegungen und du bist am Ziel! So viele Menschen hast du operiert, so viele in Angst und Schmerzen sterben gesehen; und diesen Hund kannst du nicht töten? – Ich knirschte mit den Zähnen, um mir Mut zu machen; vergebens. Da fing ich zu weinen an. Ich glaube, vor Scham. Amina aber winselte und leckte mir das Gesicht. ›Du gemeines, elendiges Sauaas‹, brummte ich, klopfte sie noch einmal auf den haarlosen Rücken und kroch durch das Fenster auf den Hof. Damit besiegelte ich meine Niederlage und meinen Rückzug. Ich wollte mich auf den Schuppen schwingen, über das Dach den zweiten Hof erreichen und durch das Wirtshaus das Freie gewinnen. Aber – ich mag nicht mehr die Kraft dazu gehabt haben, das Dach mag höher gewesen sein, als ich vermutet hatte, kurz, ich kam nicht hinauf. Es blieb mir nichts übrig, als mich wieder auf der Kellertreppe zu verstecken; dort stand ich, halbtot vor Müdigkeit, bis zum Morgen. Natürlich hätte ich Idiot auf den Teppichen schlafen können; aber auf diese Idee war ich nicht gekommen. Als ich dann gegen Früh den Hausmeister das Tor aufsperren hörte, wartete ich noch eine Weile, dann verließ ich schnurstracks das Haus; im Tor stand der Hausmeister, und als er einen fremden Menschen aus dem Gang kommen sah, war er so überrascht, daß er vergaß, Lärm zu schlagen. Nach einigen Tagen besuchte ich Frau Severin. Sie hatte die Fenster vergittern lassen, und auf den heiligen Tschintamanin-Dekors wälzte sich natürlich die elende Kröte von einem Hund. Als sie mich sah, wedelte sie vertraut mit der dicken Leberwurst, die sie an Stelle eines Schweifes trug. ›Herr‹, sagte strahlend Frau Severin, ›das ist unsere goldige Amina, unser Schatz, unser gutes, treues Hündchen! Unlängst, wissen Sie, wollte ein Dieb durchs Fenster einbrechen; unsere Amina hat ihn vertrieben! Für nichts auf der Welt würde ich das Tier hergeben!‹ erklärte sie stolz. ›Aber Sie hat sie gerne, Herr. Die ist gescheit. Die kann gut unterscheiden, wer ein ehrlicher Mensch ist und wer nicht, gelt, Amina?!‹ Das ist schon die ganze Geschichte. Das Vogelteppich-Unikat liegt heute noch dort; es ist, glaube ich, eine der seltensten Tapisserien der ganzen Welt. Und grunzend vor Wonne stinkt und rekelt sich auf ihm noch heute die greuliche, räudige Amina. Wenn sie eines Tages in ihrem Fett erstickt ist, versuche ich es vielleicht noch einmal. Aber vorher muß ich noch genau lernen, wie man Gitter durchfeilt.« Vom Kassenknacker und vom Brandstifter »Ja, mein Lieber«, sagte Herr Jilek, »stehlen muß man eben können. Das sagte auch Herr Balaban, der Schränker, dessen letzte Kasse die von Scholle und Co. gewesen ist. Balaban war einer von den gebildeten und rechtschaffenen Einbrechern. Er war schon ein älterer Mensch, und da hat man selbstverständlich bereits größere Erfahrungen. Ein Junger setzt viel eher alles auf eine Karte, und es ist ja was daran, auch mit der Courage läßt sich allerhand ausrichten. Wenn der Mensch aber in die Jahre kommt, in denen man zu überlegen beginnt, hat er den Elan nicht mehr und geht an seine Arbeit mit größerer Vorsicht heran. Das ist so in der Politik und überhaupt im Leben. Dieser Herr Balaban nun vertrat die Meinung, daß jede Arbeit ihre Gesetze habe, und was die einbruchsicheren Kassen betreffe, so sollte ein Kassenknacker eigentlich immer allein arbeiten, weil man sich ja auf niemanden verlassen könne. Zweitens solle er niemals lange an einem und demselben Platz arbeiten, weil man sonst seine Arbeitsmethode bald erkennt. Drittens sei es erforderlich, daß er mit dem Fortschritt gehe und alles beherrsche, was es in seinem Fach an Neuerungen gebe, trotzdem aber müsse er an der alten Tradition und dem guten alten Handwerk festhalten; denn je größer die Zahl der Leute sei, die auf ungefähr gleiche Weise arbeiten, desto schwerer sei die Aufgabe der Polizei. Aus diesem Grunde blieb Balaban ein Anhänger des Sperrhakens, obwohl er über einen elektrischen Bohrer verfügte und auch mit Thermit umzugehen verstand. Er sagte, es wäre nichts als dumme Eitelkeit und unangebrachter Ehrgeiz, sich mit den modernen Panzersafes einzulassen; er für seinen Teil bleibe bei jenen alten soliden Firmen, die Stahlkassen aus der früheren Zeit haben und darin ehrliches bares Geld und nicht diese modernen Schecks. All diese Dinge hatte er wohl durchdacht und reiflich erwogen, der Balaban. Im Nebenberuf betrieb er einen Handel mit altem Messing, agentierte mit Realitäten, verkaufte Pferde und war überhaupt recht gut gestellt. Dieser Balaban also nahm sich vor, nur noch an eine einzige Kasse heranzugehen, aber das sollte eine so saubere Arbeit werden, daß die jüngere Generation Mund und Augen aufreißen werde. Es sei nämlich, erklärte er, unvergleichlich wichtiger, sich nicht erwischen zu lassen, als weiß Gott wie große Beute zu machen. Diese letzte Kasse, die sich Balaban sorgfältig ausgesucht hatte, war die der Firma Scholle und Co., das ist diese Fabrik draußen in Bubna. Es war ja wirklich saubere Arbeit, die er dort geleistet hat. Ich weiß es von einem Polizeiagenten, einem gewissen Pistora. Er stieg vom Hof aus durch das Fenster ein, ganz so wie es uns Herr Doktor Vitasek vorhin von sich erzählt hat, aber er mußte ein Gitter ausbrechen. Es war ein Genuß zu sehen, meinte Herr Pistora, wie sauber er dieses Gitter herausgenommen hat. Nicht die geringste Schweinerei hat er dabei gemacht – einfach wunderbar war die Arbeit. Und genau an der Stelle, an der er die Kasse anging, erledigte er sie auch. Nicht ein einziges unnötiges Loch war da, kein überflüssiger Kratzer, keine Abschürfung, nicht einmal der Lack war zerschunden. Es war direkt zu bemerken, sagte Pistora, mit welcher Liebe der Mann seine Arbeit getan hatte; die Kasse steht jetzt, eben wegen dieser meisterhaften Arbeit, im Polizeimuseum. Er nahm also dann das Geld heraus, es waren sechzigtausend, verzehrte ein mitgebrachtes Stück Brot mit Fett und verschwand, wiederum durchs Fenster. Ein Feldherr und ein Geldschrankknacker müssen vor allem den Rückzug gut vorbereiten, war eine von Balabans Maximen. Dann trug er das Geld zu seiner Base, das Werkzeug verstaute er bei einem gewissen Litzner, begab sich nach Hause, reinigte Kleider und Schuhe, wusch sich und legte sich, wie es sich für einen ordentlichen Menschen gehört, ins Bett. Es war noch nicht einmal acht Uhr früh geworden, als jemand an die Tür klopfte und rief: ›Aufmachen, Herr Balaban!‹ Balaban begriff nicht, wer das wohl sein könne, er ging aber mit ruhigem Gewissen öffnen. Da drängten sich zwei Polizisten in die Tür und hinter ihnen dieser Polizeiagent Pistora. Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen; er ist ein kleiner Kerl, hat Zähne wie ein Eichhörnchen und lacht ununterbrochen. Bevor er zur Polizei ging, war er bei einer Leichenbestattungsanstalt beschäftigt gewesen, er kam aber um seine Stellung, weil immer alle Leute lachen mußten, wenn er so vor dem Sarg dahergestiegen kam und so spaßig die Zähne zeigte. Es ist Ihnen wohl auch schon aufgefallen, daß viele Leute nur aus Verlegenheit grinsen, weil sie mit ihrem Maul nichts anzufangen wissen, so wie andere nicht wissen, was sie mit ihren Händen tun sollen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die meisten Leute nicht aufhören zu lachen, wenn sie einmal mit irgendeiner großen Persönlichkeit, mit einem regierenden Fürsten oder mit dem Präsidenten reden. Es ist nicht so sehr Freude, eher Verlegenheit. – Aber ich rede ja von Herrn Balaban. Der Balaban sah also die beiden Schutzleute und den Pistora und fuhr sie in gerechtem Zorn an: ›Was haben Sie hier zu suchen? Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen!‹ – Er staunte selbst über die Art, in der er sie anzischte. ›Aber, Herr Balaban‹, lachte Pistora, ›was wollen Sie? Wir kommen ja nur, um uns Ihre Zähne anzusehen!‹ Geradenwegs schritt er auf ein buntbemaltes Töpfchen zu, in das Balaban über Nacht sein Gebiß tat – er hatte nämlich den größten Teil seiner Zähne verloren, als er einmal genötigt war, aus einem Fenster zu springen. ›Nicht wahr, Herr Balaban‹, sagte Pistora und seine Freude war ihm anzumerken, ›das Zeug sitzt nicht fest, so ein falsches Gebiß! Beim Bohren wackeln sie, diese Zähne, und da haben Sie sie eben herausgenommen und auf den Schreibtisch gelegt. Dort war aber Staub, Herr Balaban – das sollten Sie wirklich schon wissen, daß in Büroräumen der Staub gewöhnlich fingerdick liegt. Na, und wenn wir so eine Spur von einem falschen Gebiß finden, da bleibt uns schon nichts übrig, Herr Balaban, als Sie zu besuchen, darüber dürfen Sie sich nicht aufregen. Wenn Sie wenigstens den Staub vorher abgewischt hätten!‹ ›Verflucht noch einmal!‹ rief Balaban. ›Sehen Sie, Pistora, man sagt immer, daß auch der gescheiteste Gauner einen Fehler macht, nicht wahr?‹ ›Sie haben sogar zwei gemacht‹, grinste Herr Pistora, ›wir haben nur einen Blick in den Raum geworfen, und sofort haben wir auf Sie getippt. Sie wissen doch – jeder ordentliche Einbrecher macht an Ort und Stelle was auf den Boden – damit er nicht erwischt wird; das ist schon so der Aberglaube. Sie aber, Sie sind ein Ungläubiger und ein Vernunftmensch, Sie halten nichts von solchem Aberglauben. Sie bilden sich ein, daß man alles mit dem Verstand machen kann. Jetzt haben Sie's. Ja, Herr Balaban, stehlen muß man können!‹« +++ »Manche von diesen Leuten sind aber doch sehr geschickt«, sagte hierauf bedächtig Herr Maly, »das muß man ihnen schon lassen. Ich hatte da einmal von einem Fall gelesen, vielleicht kennt jemand von Ihnen die Geschichte noch nicht. Es war irgendwo in der Steiermark. Dort lebte ein Mann, ein Sattler- und Riemermeister. Mit dem Taufnamen hieß er Anton und mit dem Familiennamen Huber oder Vogt oder Meyer – wie eben diese Leute schon heißen. Der Sattler hatte Namenstag und saß gerade beim Festessen – in Steiermark ist das Essen übrigens nicht einmal an Festtagen genießbar, dort ist es nicht wie bei uns. Man hat mir erzählt, daß man dort sogar Kastanien ißt. Der Sattler sitzt also im Kreise seiner Familie beim Mittagessen, und auf einmal klopft es ans Fenster und jemand schreit: ›Jesus Maria, Nachbar, das Dach brennt über euerm Kopf!‹ Der Sattler springt auf und, meiner Seel, der Dachgiebel steht in Flammen! Natürlich schreien die Kinder, die Frau heult und trägt die Uhr ins Freie – ich habe schon eine Menge Brände gesehen und dabei immer beobachtet, daß die Menschen da gewöhnlich den Kopf verlieren und damit beginnen, daß sie irgend etwas Wertloses retten; die Uhr oder die Kaffeemühle oder den Kanarienvogel. Erst wenn es zu spät ist, fällt ihnen ein, daß sie die Großmutter, die Kleider und noch andere wichtige Dinge drin vergessen haben. Inzwischen waren Leute zusammengelaufen und man fing an, einander bei der Löscharbeit im Wege zu stehen. Nach einiger Zeit kam auch die Feuerwehr – Sie wissen doch: jeder Feuerwehrmann muß sich umkleiden, bevor er zu löschen beginnt. Infolgedessen hatte schon ein zweites Gebäude Feuer gefangen, und am Abend lagen bereits siebzehn in Schutt und Asche. Wer einmal ein richtiges Feuer sehen will, muß in ein Dorf gehen oder in eine kleine Stadt. In der Großstadt ist es nicht mehr das Richtige, dort muß man die Geschicklichkeit der Feuerwehr mehr als den Brand bewundern. Am hübschesten ist es, wenn man selber beim Löschen helfen oder den anderen Ratschläge geben kann, wie sie löschen sollen. Das Löschen, wissen Sie, das ist eine wunderschöne Arbeit – wenn es so zischt und prasselt. Aber das Wasser vom Bach herüberschleppen, das ist schon weniger schön. Mit den Menschen ist es ja sehr sonderbar: wenn einer eine Katastrophe mit ansieht, dann will er auch, daß sie was ausgibt. Eine große Feuersbrunst oder eine große Überschwemmung, das ist etwas, was einen in Stimmung bringt. Man bekommt so das Gefühl, daß man im Leben auf seine Rechnung gekommen ist. Möglich auch, daß es noch eine heidnische Regung ist, in die man da verfällt. Weiß Gott! Tags darauf war es – na, es war eben, wie es nach einem Brand ist. So schön ein Brand ist, so scheußlich ist nachher die Brandstätte. Es ist ganz so wie bei der Liebe. Gebrochen blickt der Mensch um sich und meint, er könne sich nie wieder aufrappeln. Dort also war ein junger Gendarm, der die Aufgabe hatte, die Ursache des Feuers zu untersuchen. ›Herr Wachtmeister‹, sagte der Sattler Anton, ›ich möchte wetten, daß der Brand gelegt ist. Schon weil es gerade an meinem Namenstag, als ich beim Essen saß, losging. Aber warum sich jemand an mir hätte rächen wollen, will mir nicht einleuchten; ich habe keinem Menschen was zuleide getan, und was Politisches kann es schon gar nicht sein. Ich weiß also wahrhaftig nicht, wer mir das hätte antun wollen.‹ Es war Mittag und die Sonne brannte. Der Gendarm spazierte über die Brandstätte: Soll's der Teufel selber herauskriegen, wie das angefangen hat. ›Herr Anton‹, sagte er plötzlich, ›was glitzert denn dort oben auf dem Balken?‹ ›Dort war der Dachboden‹, sprach der Sattler, ›vielleicht ist es ein Nagel.‹ – ›Wie ein Nagel sieht das nicht aus‹, meinte der Gendarm, ›eher wie ein Spiegel.‹ – ›Wie sollte ein Spiegel dort hinkommen!‹ sagte der Sattler, ›auf dem Dachboden war nie etwas anderes als Stroh.‹ – ›Und es ist doch ein Spiegel‹, erklärte der Gendarm, ›ich werde es Ihnen beweisen.‹ Er stellte die Feuerwehrleiter an den verkohlten Balken, stieg hinauf und sagte: ›Passen Sie auf, Herr Anton, es ist kein Nagel und auch kein Spiegel, sondern es ist ein rundes Stück Glas, und es ist an dem Balken festgemacht. Was soll das nur sein, ich bitte Sie?‹ – ›Keine Ahnung‹, sagte der Sattler, ›vielleicht haben die Kinder damit gespielt.‹ Plötzlich, wie der Gendarm das Glas untersuchte, schrie er auf: ›Au! Das brennt ja! Was ist das?‹ und befühlte seine Nase. ›Herrgott!‹, brüllte er von neuem, ›jetzt hab ich mir die Hand verbrannt! Schnell, Herr Anton, geben Sie mir ein Papier!‹ Der Sattler reichte ihm ein Blatt aus einem Notizbuch und der Gendarm hielt das Papier unter das Glas. – ›So‹, sagte er nach einiger Zeit, ›mir scheint, Herr Anton, wir haben die Sache schon.‹ – Sodann stieg er auf der Leiter herab und hielt dem Sattler das Blatt Papier unter die Nase; ein Loch war hineingebrannt, das Papier rauchte noch. ›Herr Anton‹, sagte der Gendarm, ›hören Sie: dieses Glas ist eine Sammellinse, eine Lupe, und jetzt möchte ich nur gern wissen, wer es an dem Balken ausgerechnet über dem Strohhaufen befestigt hat. Aber das sage ich Ihnen, Herr Anton, wenn wir den Betreffenden haben, so geht er von hier nicht ohne Handschellen weg.‹ ›Um Himmels willen‹, sagte der Sattler, ›wir haben doch nie eine Lupe im Haus gehabt. Halt!‹ rief er plötzlich, ›warten Sie mal. Einmal hatte ich einen Jungen hier in der Lehre, Seppel hieß er, und der hat immerfort mit solchem Zeug gespielt! Deshalb hat er auch zu keiner vernünftigen Arbeit getaugt, und ich habe ihn hinausgeschmissen, weil er nichts als solche Dummheiten und Experimente im Schädel hatte. Ob's vielleicht dieser verfluchte Junge gewesen ist? – Aber das ist ja gar nicht möglich, Herr Wachtmeister. Anfang Februar habe ich ihn schon hinausgeworfen. Der steckt jetzt weiß Gott wo. Seit damals ist er hier nicht mehr gesehen worden.‹ ›Wir werden schon herausbekommen, ob die Linse ihm gehört‹, meinte der Gendarm, ›Telegraphieren Sie in die Stadt, Herr Anton, man soll sofort noch zwei Gendarmen herausschicken; die Linse darf inzwischen kein Mensch anrühren. Erst müssen wir den Jungen finden.‹ Man fand ihn. Er war in einem ganz andern Ort bei einem Taschner in der Lehre. Und als der Gendarm kaum in die Werkstätte eingetreten war, begann der Junge zu zittern wie Espenlaub. ›Sepp‹, schrie ihn der Gendarm an, ›wo warst du am 13. Juni?‹ ›Bitte, hier‹, stotterte der Bursche, ›seit dem 15. Februar bin ich hier und war auch nicht einen halben Tag fort; dafür habe ich Zeugen.‹ – ›Ich selbst kann das bezeugen‹, sagte der Taschner, ›er wohnt bei mir und hat auch auf mein Jüngstes aufzupassen.‹ ›Verflucht noch einmal‹, meinte der Gendarm, ›dann wird er's also doch nicht gewesen sein.‹ ›Was soll denn mit ihm los sein?‹ fragte der Taschnermeister. ›Ach was‹, sagte der Gendarm, ›er stand im Verdacht, am 13. Juni in dem verdammten Nest dort drüben dem Sattler Anton das Haus angezündet zu haben, und mit dem Haus die halbe Gemeinde.‹ ›Am 13. Juni?‹ fragte der Taschner bestürzt. ›Sie, das ist aber doch sonderbar. An diesem Tag hat der Junge gefragt: »Den wievielten haben wir heute? Den 13. Juni? Das ist der Heilige Anton, nicht wahr? Ich sage Ihnen, heute geschieht irgendwo etwas.«‹ In diesem Augenblick sprang der Sepp auf und versuchte davonzurennen. Aber der Gendarm hatte ihn sofort beim Kragen. Unterwegs gestand der Junge dem Gendarmen alles: Er war wütend auf Meister Anton, weil ihn der Sattler wegen seiner Basteleien wie einen Hund geprügelt hatte. Er wollte sich an ihm rächen und so erforschte er, wo am 13. Juni, dem Tag des heiligen Anton, genau zu Mittag die Sonne stehen würde, darnach stellte er die Linse ein, um das Stroh in Brand zu stecken; er selbst würde dann weiß Gott wo sein. All das hatte er also schon im Februar vorbereitet, knapp bevor er seinen Dienst verlassen hatte. Sie werden es mir nicht glauben, aber man berief einen Wiener Astronomen, der die Linse untersuchte und gar nicht fassen konnte, wie haargenau der Junge sie auf die Sonnenkulmination des 13. Juni eingestellt hatte. Er meinte, dies zeuge von einer geradezu unerhörten Geschicklichkeit, um so mehr als der fünfzehnjährige Junge keinerlei astronomische Geräte zur Winkelmessung zur Verfügung hatte. Was mit dem Sepp weiter geschehen ist, weiß ich nicht. Aber ich werde den Gedanken nicht los, was für ein Astronom oder Physiker aus dem Lausbuben hätte werden können. Ein zweiter Newton oder so was Ähnliches mag in dem verdammten Bengel gesteckt haben! So viel Erfindungsgeist und so viel Talent gehen in der Welt verloren ... die Geduld, um Diamanten im Sande, Perlen im Meer zu suchen, bringen die Menschen auf; aber die seltensten und absonderlichsten Gaben Gottes in seinen Geschöpfen aufzuspüren, damit sie nicht zuschanden würden, dafür haben sie kein Interesse. Ob da nicht ein großer Fehler steckt?« Der gestohlene Mord »Das erinnert mich an einen Fall«, sagte Herr Houdek, »der auch großartig durchdacht und wunderbar vorbereitet gewesen ist. Ich fürchte nur, daß Ihnen die Geschichte nicht gefallen wird, weil sie eigentlich kein Ende und keine rechte Lösung hat. Wenn ich anfange Sie zu langweilen, dann sagen Sie es mir nur, und ich höre sofort auf. Wie Sie vielleicht wissen, wohne ich in der Krucemburggasse in den Weinbergen. Das ist eine dieser kurzen Quergassen, in denen es nicht einmal ein Wirtshaus gibt, keine Wäscherei, nicht einmal einen Kohlenhändler; dort geht man um zehn Uhr schlafen, ausgenommen jene Genießer, die das Radio aufdrehen und erst um elf ins Bett kriechen. Die Bevölkerung der Gegend besteht aus stillen Steuerträgern, Beamten bis zur siebenten Rangklasse, einigen Aquarienliebhabern, einem Zitherspieler, zwei Briefmarkensammlern, einem Vegetarianer, einem Spiritisten und einem Geschäftsreisenden, der selbstverständlich Theosoph ist. Den Rest machen die Quartiergeberinnen aus, bei denen die Obgenannten in ›sauberen, elegant eingerichteten Zimmern mit Frühstück‹ wohnen – so heißt es wenigstens in den Inseraten. Einmal in der Woche, am Donnerstag, pflegte der Theosoph erst um Mitternacht nach Hause zu kommen, dieser Abend gehörte irgendwelchen geistigen Exerzitien. An den Dienstagen hatten die Aquarianer ihre Vereinsversammlungen, an diesem Tag kamen sie ebenfalls erst gegen Mitternacht heim und stritten sich gewöhnlich noch unter der Laterne über Schleierschwänze und Lebendgebärende herum. Vor drei Jahren geschah es sogar, daß ein Betrunkener durch die Gasse kam. Man nimmt an, daß er aus Koschirsch war und sich nur zu uns verirrt hatte. Täglich aber um Viertel zwölf kam da ein Russe nach Hause, ein gewisser Kovalenko oder Kopytenko, ein eher kleiner Mann mit einem dünnen Bärtchen; er wohnte auf Nummer sieben bei Frau Jansky. Wovon der Russe lebte, wußte man nicht. Bis gegen fünf Uhr faulenzte er zu Hause, dann sah man ihn mit einer Aktentasche zur nächsten Straßenbahnhaltestelle gehen und in die Stadt hineinfahren. Punkt Viertel zwölf stieg er ebendort aus der Straßenbahn und bog in die Krucemberggasse ein. Später behauptete jemand zu wissen, daß der Russe die Zeit zwischen fünf und elf Uhr in einem Kaffeehaus verbringe, wo er mit anderen Russen herumstreite. Es gab aber auch Leute, die behaupteten, der Mann könne überhaupt kein Russe gewesen sein, weil Russen niemals so zeitig nach Hause gehen. Im vergangenen Februar, ich war schon halb eingeschlafen, hörte ich auf einmal einen Schuß knallen und dann noch vier. Erst war mir, als wäre ich ein kleiner Junge und schnalzte zu Hause auf dem Hofe mit der Peitsche; ich hatte geradezu meine Freude daran. Als ich aber vollends erwacht war, begriff ich, daß es sich um Revolverschüsse handelte, die jemand auf der Straße abgegeben hatte. Ich rannte also zum Fenster, öffnete und sah, daß gerade vor dem Siebenerhaus ein Mann auf dem Gehsteig lag, das Gesicht zur Erde gewendet und eine Aktentasche in der Hand. In demselben Augenblick wurden auch schon Schritte hörbar, von der Ecke her kam ein Schutzmann, lief zu dem Liegenden hin und versuchte ihn aufzurichten. Sehr bald gab er es wieder auf, murmelte ›Sakra!‹ und pfiff. Daraufhin erschien von der andern Ecke her ein zweiter Wachmann und lief zu dem ersten hin. Im Nu hätte ich Hausschuhe und Winterrock angezogen und sauste hinunter. Auch aus den anderen Häusern kamen Menschen, der Vegetarianer, der Zitherspieler, einer der Aquarienliebhaber, zwei Hausmeister und ein Briefmarkensammler. Andere erschienen nur zähneklappernd an ihren Fenstern; vermutlich dachten sie: ›Weiß der Teufel, es ist gescheiter, wenn man in so was nicht hineingerät!‹ Die beiden Wachleute hatten den Mann inzwischen auf den Rücken gedreht. ›Das ist doch der Russe, der Kopytenko oder Kovalenko, der da bei der Frau Jansky wohnt‹, sagte ich und schepperte vor Kälte. ›Ist er tot?‹ ›Ich weiß es nicht‹, sagte einer der Wachleute und sah ratlos um sich, ›einen Doktor müßte man hier haben.‹ ›Ja wollen Sie ihn denn hier liegen lassen?‹ stotterte empört der Zitherspieler. ›Man müßte ihn doch ins Spital schaffen!‹ Nun waren schon an die zwanzig von uns beisammen, alle schüttelten sich vor Kälte und Entsetzen, die Schutzleute knieten neben dem Erschossenen und knöpften ihm, Gott weiß warum, den Kragen auf. Jetzt hielt ein Taxi an der Ecke der Hauptstraße und der Chauffeur näherte sich uns. Er witterte vermutlich einen Betrunkenen, den er nach Hause fahren könne. ›Na, Kinder, wen habt ihr denn da?‹ erkundigte er sich freundlich. ›Einen ... einen ... Erschossenen‹, stammelte zähneklappernd der Vegetarianer, ›Mensch, laden Sie ihn in den Wa-Wa-Wagen und schaffen Sie ihn zur Unfallstation! Vielleicht lebt er noch!‹ ›Kruzitürken‹, meinte der Chauffeur, ›gern hab ich solche Fahrgäste nicht. Na, ich komm gleich hergefahren.‹ – Langsam stiefelte er zu seinem Wagen und fuhr ihn bis an den Gehsteig. ›Ladet ihn in Gottes Namen auf‹, sagte er. Die beiden Wachleute hoben den Russen auf. Es machte ihnen ordentlich Mühe, ihn im Taxi zu verstauen. Er war zwar, wie gesagt, eher klein; aber mit Toten läßt sich schwer hantieren. ›So, Herr Kollege‹, sagte der eine Schutzmann zum andern, ›Sie fahren mit ihm und ich schreib mir die Zeugen auf. Chauffeur, fahren Sie zur Unfallstation, aber schnell, wenn ich bitten darf!‹ ›Ja, schnell‹, brummte der Chauffeur, ›mit meinen schlechten Bremsen!‹ – und fuhr davon. Der hiergebliebene Schutzmann zog nun sein Notizbuch aus der Tasche und sagte: ›Ich muß Sie, meine Herren, um Ihre Namen bitten, es ist nur wegen der Zeugenschaft.‹ Dann begann er, so langsam, daß es zum Verzweifeln war, einen Namen nach dem andern in sein Notizbuch zu schreiben. Vielleicht hatte er steife Finger, wir jedenfalls froren wie die Hunde. Als ich wieder in mein Zimmer zurückkam, war es zehn Minuten nach Viertel zwölf. Das ganze Drama hatte also zehn Minuten gedauert. Ich weiß, Herr Fuchs, Sie denken, an der Sache ist nichts Besonderes. Schaun Sie, Herr Fuchs, in einer so anständigen Gasse ist so etwas schon ein großes Ereignis. Die anstoßenden Gassen wollen dabei nicht leer ausgehen, und es heißt dort: Gleich um die Ecke ist die Geschichte passiert. Die etwas weiter abliegenden spielen schon die Uninteressierten, aber Herr Fuchs, das ist nur der Neid und die Wut, weil es nicht bei ihnen passiert ist. Zwei Ecken weit von uns macht man schon eine geringschätzige Handbewegung und sagt: ›Dort drüben hat man angeblich jemanden halbtot geschlagen; aber wer weiß, ob überhaupt ein wahres Wort daran ist!‹ Aber das ist nichts weiter als ganz gemeine Eifersucht. Sie können sich denken, wie wir alle uns am nächsten Morgen auf die Zeitungen gestürzt haben. Vor allem natürlich, weil wir etwas über unseren Mord lesen wollten, aber es war schon auch eine große Genugtuung für uns, daß einmal über unsere Gasse geschrieben wird. Es ist ja eine alte Geschichte, daß man in den Zeitungen am liebsten das liest, was man selbst gesehen hat und wovon man sozusagen Augenzeuge gewesen ist. Angenommen, am Ujezd ist ein Pferd gestürzt und der Verkehr war für zehn Minuten gestört. Wer das mit angesehen hat und es am nächsten Tag in seiner Zeitung nicht findet, der ist verärgert, schmeißt das Blatt auf den Tisch und behauptet, es stehe nie etwas Anständiges drin. Die Leute nehmen es als persönliche Beleidigung, wenn die Zeitungen von einem Vorfall, an dem sie gewissermaßen Mitbesitzer sind, einfach keine Kenntnis nehmen. Ich bin der Meinung, daß die Rubrik ›Lokalbericht‹ von den Zeitungen nur für die ›Augenzeugen‹ unterhalten wird, damit die Leute, die ›dabei waren‹, nicht aus Wut das Blatt abbestellen. Wir alle waren also wie begossen, als wir in keiner Zeitung auch nur ein Wort über unseren Mordfall fanden. Die dümmsten Affären und die verdammte Politik füllen das Blatt aus, sogar ein Zusammenstoß eines Straßenbahnzuges mit einem Handwagerl, aber so einen ordentlichen Mord bringen sie nicht. Mit den Zeitungen ist es überhaupt ein Jammer, eine Korruptionswirtschaft ist es, nichts weiter! Erst der Briefmarkensammler hatte den Einfall, daß vielleicht die Polizei die Redaktionen ersucht hatte, im Interesse der Untersuchung einstweilen den Fall zu verschweigen. Damit gaben wir uns zufrieden, vielleicht erhöhte der Gedanke noch unsere Spannung. Wir waren stolz, in einer so wichtigen Gasse zu wohnen und aller Wahrscheinlichkeit nach in einer so sichtlich geheimnisvollen Sache Zeugen sein zu dürfen. Als aber am nächsten Tag wieder nichts in den Zeitungen stand, kein Mensch von der Polizei kam, um nachzuforschen, und, was uns am allermerkwürdigsten erschien, auch niemand bei Frau Jansky erschien, um das Zimmer des Russen zu durchsuchen und zu versiegeln – da wurde uns doch allmählich angst und bang. Der Zitherspieler meinte, die Polizei habe vielleicht einen Grund, die ganze Sache zu vertuschen. Wer weiß, worum es sich da handle! Als aber am dritten Tag unser Mord noch immer nicht erwähnt wurde, begann unsere Gasse sich zu empören; das werde man nicht auf sich beruhen lassen, schließlich war der Russe einer von uns, und wir werden schon dafür sorgen, daß die Sache ans Licht kommt. Unsere Gasse sei ohnedies ein Stiefkind der Behörden, das Pflaster sei schon lange miserabel, die Beleuchtung elend, wenn ein Abgeordneter oder irgendein Zeitungsmensch hier wohnte, würde alles ganz anders aussehen; aber so ist das schon einmal, um eine wirklich anständige Gasse schert sich kein Mensch. Mit einem Wort, die Unzufriedenheit war allgemein, und die Nachbarn betrauten mich als älteren und unabhängigen Menschen mit der Aufgabe, auf das Polizeikommissariat zu gehen und auf den Unfug mit dem Mord hinzuweisen. Ich ging zum Kommissar Bartoschek, den ich übrigens flüchtig kenne. Ein brummiger Mensch. Man sagt, er quäle sich wegen einer unglücklichen Liebe. Die soll sogar der Anlaß gewesen sein, dessentwegen er zur Polizei gegangen ist. ›Herr Kommissär‹, sagte ich zu ihm, ›ich komme nur fragen, was eigentlich mit dem Mord in unserer Gasse los ist. Es herrscht bei uns schon die größte Aufregung darüber, daß die Sache derart vertuscht wird.‹ ›Was für ein Mord?‹ meinte der Kommissär. ›Wir haben hier keinen Mord; es ist doch unser Rayon.‹ ›Man hat doch unlängst in unserer Gasse diesen Russen Kopytenko oder Kovalenko erschossen, und zwei Schutzmänner waren dabei. Einer hat uns noch als Zeugen aufgeschrieben, und der zweite hat den Russen zur Unfallstation gebracht.‹ ›Das ist unmöglich‹, sagte der Kommissär, ›wir haben keine Meldung. Das muß ein Irrtum sein.‹ ›Aber Herr Kommissär‹, begann ich mich aufzuregen, ›mindestens fünfzig Personen haben es gesehen, und alle können es bezeugen! Herr, wir sind ordentliche Bürger: wenn Sie uns befehlen, daß wir über diesen Mord das Maul halten sollen, dann werden einige von uns es wirklich halten, auch ohne zu wissen warum. Aber einen Menschen einfach niederknallen zu lassen und zu tun, als ob nichts geschehen wäre, das geht denn doch nicht; wir geben die Sache in die Zeitung!‹ ›Warten Sie‹, sagte Herr Bartoschek, er sah plötzlich so ernst aus, daß ich erschrak. ›Erzählen Sie mir, bitte, der Reihe nach, was geschehen ist.‹ Ich erzählte also schön der Reihe nach, und Herr Bartoschek wurde blaurot im Gesicht, als ob es in seinem Innern siedete. Als ich aber zu der Stelle kam, an der der eine Wachmann zum andern sagte: ›Herr Kollege, Sie fahren mit ihm, ich notiere mir inzwischen die Zeugen‹, – als ich das sagte, da atmete er sichtlich auf und rief: ›Gott sei Dank, das waren nicht unsere Leute! Warum, Herr, haben Sie um Gottes willen nicht noch andere Polizisten gerufen, sagt Ihnen denn nicht Ihr Verstand, daß uniformierte Schutzmänner einander nie Herr Kollege sagen? Vielleicht reden Geheime in Zivil einander so an, aber Uniformierte? Nie im Leben! Sie verdammter Zivilist, Sie Herr Kollege! Verhaften hätten Sie die Kerle lassen sollen!‹ ›Ja warum denn, bitte?‹ stotterte ich bestürzt. ›Weil die den Russen erschossen haben!‹ fuhr mich der Kommissär an. ›Zumindest haben sie dabei geholfen! Wie lange wohnen Sie in der Krucemburggasse, Herr?‹ ›Neun Jahre‹, sagte ich. ›Da könnten Sie schon wissen, Herr, daß um elf Uhr fünfzehn die nächste Polizeistreife bei der Markthalle ist, die zweite an der Ecke der Schlesischen und der Perun-Straße, die dritte geht im Dienstschritt die Konskriptionsnummer dreizehnhundertachtundachtzig entlang, und so weiter. Herr, an der Ecke, von der Ihr Wachmann gerannt kam, kann unser echter Schutzmann entweder um zehn Uhr achtundvierzig Minuten, und wenn das nicht der Fall ist, erst um zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten erscheinen; sonst nicht, und zwar weil er einfach nicht da ist! Großer Gott, jeder Dieb weiß das, und die dort Ansässigen wissen es nicht! Sie bilden sich wohl ein, daß hinter jeder Ecke immerfort ein Polizist steht, was? Herr, wenn zu der Zeit, von der Sie sprechen, um Ihre verdammte Ecke einer unserer Uniformierten gelaufen käme, – das wäre eine entsetzliche Sache! Erstens, weil der Betreffende zu dieser Zeit vorschriftsmäßig an der Markthalle vorbeizugehen hat und zweitens, weil er uns, wenn er trotzdem an Ihrer Ecke gewesen wäre, den Mord nicht gemeldet hätte. Das wäre wahrhaftig eine sehr ernste Angelegenheit!‹ ›Und der Mord?‹ Der Kommissär beruhigte sich bei dieser Frage sichtlich und sagte: ›Das ist wieder eine andere Geschichte. Das wird ein böser Fall, Herr Houdek. Da steckt irgendein kluger Kopf dahinter, und gewiß irgendeine größere Affäre. Die verfluchten Kerle haben die Sache gut eingefädelt. Sie wußten genau, wann der Russe nach Hause zu kommen pflegte, kannten die Marschvorschriften unserer Leute, dann haben sie mindestens zwei Tage gewonnen, weil ja die Polizei nichts erfuhr – und so werden sie wohl rechtzeitig verduftet sein und beiseitegeschafft haben, was sie wollten. Verstehen Sie es jetzt?‹ ›Nicht ganz‹, gestand ich. ›Passen Sie einmal auf‹, erklärte mir der Kommissär geduldig. ›Zwei ihrer Leute lauerten als Schutzmänner verkleidet hinter der Ecke, um den Russen zu erschießen oder ihn durch einen Dritten erschießen zu lassen. Ihr in der Gasse habt euch natürlich damit zufrieden gegeben, daß unsere musterhafte Polizei so rasch zur Stelle war. Hören Sie übrigens‹, er hatte einen Einfall, ›wie klang denn die Signalpfeife, mit der der Schutzmann pfiff?‹ ›Ziemlich schwach‹, sagte ich, ›aber ich dachte, das Entsetzen presse dem Mann so die Kehle zusammen.‹ ›Aha‹, sagte der Kommissär zufrieden, ›sie wollten eben erreichen, daß der Mord nicht der Polizei gemeldet wird; und so gewannen sie also Zeit, um über die Grenze zu entkommen, verstehen Sie? Und der Chauffeur gehörte selbstverständlich auch zu ihnen. Haben Sie sich vielleicht die Wagennummer gemerkt?‹ ›Wir haben uns nicht um sie gekümmert‹, sagte ich beschämt. ›Das spielt keine Rolle‹, entgegnete der Kommissär, ›sie war sowieso falsch. Aber so ist es den Gaunern gelungen, auch die Leiche des Russen beiseitezuschaffen. Er war übrigens gar kein Russe, sondern ein Mazedonier; Protasov hieß er. Ich danke Ihnen, mein Herr. Jetzt aber bitte ich Sie tatsächlich, über die Sache zu schweigen. Im Interesse der Untersuchung, wissen Sie. Selbstverständlich hat die Sache einen politischen Hintergrund; aber da steckt ein besonders kluger Kopf dahinter; für gewöhnlich, Herr Houdek, werden politische Attentate hundsmiserabel gemacht. Politik, das ist nicht einmal mehr ein ehrliches Verbrechen, das ist bloß eine rohe Rauferei‹, sagte angeekelt der Kommissär. Nach einiger Zeit klärte sich die Angelegenheit ein wenig auf. Das Motiv des Mordes ist aber nie bekannt geworden. Nur die Namen der Mörder hat man, aber die Herrschaften sind längst im Ausland. So kam es, daß unsere Gasse um ihren Mord gebracht wurde. Ganz als ob jemand das einzige Ruhmesblatt aus ihren Annalen gerissen hätte. Kommt einmal ein Fremder, einer aus der Foch-Straße oder gar einer aus Wrschowitz, so denkt er: Gott, ist das eine fade Gasse! – Kein Mensch glaubt uns, wenn wir uns dann damit rühmen, daß bei uns doch ein besonders geheimnisvoller Mord begangen worden ist; man gönnt es uns einfach nicht in den andern Gassen!« Der Fall mit dem Kind »Weil Sie vom Kommissar Bartoschek reden«, begann Herr Kratochvil, »da erinnere ich mich an einen Fall, der auch nicht an die Öffentlichkeit kam; das ist der Fall mit dem Kind. Eines schönen Tages kommt zu dem Bartoschek aufs Kommissariat eine junge Frau gelaufen, die Gattin eines Herrn, der Rat bei den staatlichen Gütern war, eines gewissen Landa; sie heult, daß sie kaum atmen kann. Dem Bartoschek tat sie leid, er fühlte mit ihr, obwohl sie eine scheußlich verschwollene Nase hatte und vom Weinen unzählige Flecken im Gesicht, und er tröstete sie, so gut das eben ein alter Junggeselle und noch dazu ein Polizist kann. ›Jesus Maria‹, sagte er, ›hören Sie schon auf, junge Frau, den Kopf wird er Ihnen ja nicht abreißen, er wird die Sache eine Nacht überschlafen, es wird schon alles wieder gut werden! Und wenn er einen gar zu großen Krawall macht, dann wird da der Wachmann eben mit Ihnen mitgehen und ihm ein paar aufs Maul geben. Aber besser wäre es schon, kleine Frau, wenn Sie Ihrem Mann keinen Anlaß zur Eifersucht geben wollten, – na und die Sache ist jetzt gut, nicht?‹ – Auf diese Weise werden nämlich, müssen Sie wissen, auf der Polizei die meisten Familientragödien geschlichtet. Aber die Frau schüttelte nur den Kopf und weinte, daß es nicht mitanzusehen war. ›Oder ist es diesmal anders? Zum Teufel hinein! Ist er Ihnen durchgegangen? Glauben Sie mir, er kommt wieder zurück, der Lump, der elendige! Er ist es ja gar nicht wert, der Halunke, daß Sie sich um seinetwillen so aufregen!‹ ›He ... Herr‹, wimmerte die junge Frau, ›man hat mir auf der Straße mein Kind gestohlen!‹ ›Was Sie nicht sagen!‹ meinte mißtrauisch der Herr Kommissar, ›und was sollte man denn mit dem Kind anfangen? Es wird sich nur verlaufen haben!‹ ›Aber nein!‹ schluchzte die unglückliche Mutter, ›die Rosel ist doch erst drei Monate alt!‹ ›Aha‹, brummte Herr Bartoschek, der keine Ahnung hatte, wann Kinder im allgemeinen zu gehen beginnen, ›aber wie konnte es Ihnen denn um Himmels willen gestohlen werden?‹ Allmählich, nachdem er ihr alle Eide geschworen hatte, daß er das Kind bestimmt finden werde, bekam er den Sachverhalt aus ihr heraus: Herr Landa war eben auf einer Dienstreise durch die staatlichen Güter, und Frau Landa wollte für ihre Rosel einen hübschen Latz sticken; und als sie dabei war, in einem Laden Seide für diesen Zweck auszusuchen, stand der Kinderwagen mit Rosel auf der Straße. Als sie wieder herauskam, war die Rosel samt dem Kinderwagen verschwunden. – Das war alles, was Herr Bartoschek im Verlauf einer guten halben Stunde von der schluchzenden Mutter erfahren konnte. ›Also, Frau Landa‹, sagte er endlich, ›so schlimm wird die Sache nicht sein. Überlegen Sie einmal, wer sollte ein Kind stehlen? Da kommt es schon öfter vor, daß man, im Gegenteil, so ein Balg weglegt. Einen derartigen Fall hatte ich schon einmal. Ich glaube, so ein Wurm hat gar keinen Wert, so was läßt sich ja kaum verkaufen. Aber der Kinderwagen, sehen Sie, der hat einen Wert und die Kissen – es waren doch sicher Federkissen – die haben auch einen Wert. Diese Dinge zu stehlen, hat schon eher einen Sinn. Ich möchte annehmen, daß das, was geklaut wurde, der Wagen und die Kissen sind. Ich wette, es war ein Frauenzimmer; ein Mann mit einem Kinderwagen würde doch auffallen. Na, und das Frauenzimmer wird das Kind schon wieder irgendwo weglegen‹, tröstete sie Bartoschek. ›Ich bitte Sie, was fängt sie schon damit an? Ich glaube, wir werden Ihnen den Schreihals noch heute bringen.‹ ›Aber die Rosel wird ja furchtbar Hunger leiden‹, jammerte Frau Landa, ›jetzt ist schon die Zeit, zu der sie trinken sollte!‹ ›Wir geben ihr schon zu trinken‹, versprach der Kommissar, ›gehen Sie jetzt ruhig nach Hause!‹ – und er rief einen Beamten, damit er die arme Frau begleite. Am Nachmittag erschien der Kommissar persönlich bei der jungen Frau. ›Frau Landa‹, meldete er ihr, ›den Kinderwagen hätten wir schon, jetzt fehlt uns nur noch das Kind. Den Wagen haben wir leer in einem Hausflur gefunden, und dort gibt es gar keine Kinder. Die Hausmeisterin dort sagt aus, daß eine Frau bei ihr erschienen sei, die bei ihr nur ihrem Kinde zu trinken geben wollte – na, und dann ist sie wieder fortgegangen. Es ist eine verfluchte Geschichte, die Frau hat also doch das Balg stehlen wollen und sonst nichts. Ich glaube, meine Liebe, wenn diese Person sich offenbar so liebevoll mit dem Kind beschäftigt, so wird sie ihm sonst nichts zuleide tun und es nicht aufessen; kurz, Sie können unbesorgt sein, und Schluß.‹ ›Aber ich will meine Rosel zurückhaben‹, rief Frau Landa verzweifelt. ›Ja‹, sagte im Amtston der Kommissar, ›da müssen Sie uns, liebe Frau, eine Photographie oder eine Beschreibung von dem Kind geben.‹ ›Aber, Herr Kommissar‹, meinte die junge Frau, ›haben Sie noch nicht gehört, daß man Kinder, ehe sie ein Jahr alt sind, nicht photographieren darf? Das tut nicht gut, sagt man, das Kind soll dann angeblich nicht mehr wachsen!‹ ›Hm‹, sagte der Kommissar, ›so beschreiben Sie mir wenigstens das Baby genau!‹ Das tat die Mutter nun recht ausführlich. Rosel sollte also so hübsche Härchen haben, ein Näschen und so schöne Äuglein, und viertausendvierhundertfünfzig Gramm wiege sie, und ein reizendes Popochen und Fältchen an den Beinen ... ›Was für Fältchen?‹ fragte der Kommissar. ›Fältchen zum Küssen‹, wimmerte die Mutter, ›und die süßesten Fingerchen, die Sie sich denken können, und wie sie Mutti anlachen konnte ...‹ ›Aber um Himmels willen, Frau‹, polterte Herr Bartoschek, ›daran können wir sie doch nicht erkennen! Hat sie irgendein besonderes Kennzeichen?‹ ›Eine rosa Schleife am Häubchen‹, schluchzte die junge Frau, ›jedes kleine Mädchen hat so eine rosa Schleife. Um aller Heiligen willen, Herr, finden Sie meine Rosel!‹ ›Und was für Zähne hat sie?‹ erkundigte sich Herr Bartoschek. ›Gar keine, sie ist doch erst drei Monate alt! Wenn Sie nur wüßten, wie süß sie lachen konnte!‹ Frau Landa fiel auf die Knie: ›Herr Kommissar‹, bat sie, ›versprechen Sie mir, daß Sie sie finden!‹ ›Wir werden tun, was wir können‹, brummte Herr Bartoschek verlegen, ›stehen Sie doch bitte auf. Die wichtigste Frage ist: warum hat die Person das Kind gestohlen? Können Sie mir vielleicht sagen, wozu man so einen Säugling verwenden kann?‹ Frau Landa sah ihn mit großen Augen an. ›Das ist doch das Allerschönste auf der Welt‹, erklärte sie, ›Herr, haben Sie denn gar keine mütterlichen Gefühle?‹ Dem Herrn Bartoschek paßte es nicht, zu bekennen, daß er in der Tat keine hatte: ›Ich glaube, nur eine Mutter kann so ein Balg gestohlen haben, eine, die ihr eigenes verloren hat und dafür ein anderes haben will. Wissen Sie, es ist dasselbe, wie wenn einem im Wirtshaus der Hut genommen wird, da sucht man sich halt einen anderen aus und geht. Ich habe übrigens schon veranlaßt, daß nachgeforscht wird, wem in Prag ein drei Monate altes Wickelkind gestorben ist, unsere Leute gehen dann in die betreffenden Häuser und sehen nach. Verstanden? Aber ich mache Sie aufmerksam: nach Ihrer Beschreibung können wir das Kind unmöglich erkennen.‹ ›Aber ich erkenne es!‹ schluchzte Frau Landa. Der Herr Kommissar zuckte die Achseln. ›Ich bleibe trotzdem bei meiner Meinung‹, meinte er nachdenklich, ›ich würde Gift darauf nehmen, daß das Frauenzimmer den Fratzen nur gestohlen hat, um Geld herauszubekommen. Aus Liebe, gute Frau, wird selten gestohlen, fast immer geht es um Geld. Aber hören Sie doch um Jesus Christi willen mit dem Weinen auf! Wir tun ja alles, was in unserer Macht steht!‹ Auf dem Kommissariat sagte Herr Bartoschek zu seinen Leuten: ›Hat einer von euch ein drei Monate altes Balg? Schicken Sie es mir her!‹ So brachte ihm also die Frau eines Schutzmannes ihr Jüngstes. Der Herr Kommissar ließ es auspacken und sagte: ›Das ist doch naß. Na also, Härchen hat es am Kopf, und Fältchen hat es auch – das hier ist wohl die Nase? Und Zähne hat es auch keine. – Sagen Sie mal, Frauchen, wie unterscheidet sich so ein Säugling von einem anderen?‹ Die Frau Schutzmann drückte ihr Kleinstes an die Brust. ›Das ist doch unser Mariechen‹, sagte sie stolz, ›ja sehen Sie denn nicht, Herr Kommissar, daß sie der ganze Vater ist?‹ Der Herr Kommissar schaute den Polizisten Hochmann mit unsicherem Blick an, der mit hochgezwirbeltem Schnurrbart und gerunzeltem Gesicht seinen Sprößling angrinste, mit seinem dicken Finger vor dem Gesicht des Säuglings herumfuchtelte und ihn mit Lauten wie ›Tititi‹ und ›Wauwauwau‹ erfreute. ›Ich weiß nicht recht‹, knurrte der Kommissar, ›die Nase zum Beispiel kommt mir etwas anders vor. Aber vielleicht wird sie noch wachsen. Warten Sie, ich gehe nur mal hinunter in den Park nachsehen, wie diese Wickelkinder ausschauen. Ja, unsereiner kümmert sich nur um Taschendiebe und andere Vagabunden, aber dieser Laich in den Steckkissen, mit dem bekommen wir nichts zu tun.‹ Nach einer Stunde kam Bartoschek niedergeschlagen zurück. ›Schrecklich, ein Kind sieht aus wie das andere! Wie soll man da eine Personenbeschreibung machen. Gesucht wird ein drei Monate altes Baby, weiblichen Geschlechts, mit Härchen, mit einem Näschen, mit Äuglein, mit Fältchen am Ärschlein. Besonderes Kennzeichen: wiegt viertausendvierhundertfünfzig Gramm. Glauben Sie, daß das genügt?‹ ›Herr Kommissar‹, sagte Hochmann ernst, ›das mit den viertausendvierhundertfünfzig Gramm würde ich weglassen, so ein Baby wiegt einmal mehr und einmal weniger, je nachdem, ob und was für einen Stuhl es gehabt hat.‹ ›Du meine Güte‹, jammerte der Kommissar, ›wie soll ich das alles wissen? Diese kleinen Kinder fallen doch nicht in unser Referat. Mir fällt da etwas ein‹, sagte er plötzlich erleichtert, ›könnten wir die Geschichte nicht jemandem anderen anhängen, meinetwegen der Mütter- und Säuglingsfürsorge?‹ ›Aber wir haben es doch als Diebstahlsfall bekommen‹, wandte der Schutzmann ein. ›Stimmt‹, knurrte der Kommissar. ›Mein Gott, wenn es eine Uhr wäre oder sonst eine vernünftige Sache, die gestohlen wurde, so wüßte ich mir schon Rat. Aber wie man gestohlene Kinder sucht, davon habe ich keine blasse Ahnung!‹ In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und herein trat, von einem Schutzmann geführt, die weinende Frau Landa. ›Herr Kommissar‹, meldete er, ›diese Frau wollte einer anderen Frau auf der Straße einen Säugling aus den Armen reißen und hat dabei so randaliert, daß ich sie festnehmen mußte.‹ ›Um Himmels willen, Frau Landa‹, fuhr sie der Kommissar an, ›was treiben Sie denn?‹ ›Es war doch meine Rosel‹, heulte die junge Frau. ›Das war keine Rosel‹, sagte der Schutzmann. ›Die Frau war die Frau Roubal aus der Budetschgasse, und das Kind ist ihr drei Monate alter Junge.‹ ›Da sehen Sie, Sie unglückselige Person‹, begann Herr Bartoschek zu wettern, ›was Sie anrichten. Wenn Sie sich noch einmal einmischen, so schmeißen wir Ihnen die Sache hin, verstanden? – Warten Sie‹, fiel ihm auf einmal ein, ›auf welchen Namen hört denn ihr Kleines?‹ ›Außer Rosel‹, schluchzte die Mutter, ›nennen wir sie Putzi, Dididi, Püppchen, Mausi, Hemdenmatz, Engelchen, Mamas Liebling, Papas Herzchen, Schnutchen, Käferchen, Busselchen, Schnucki, Minni, Pipi, Schneckerl, Goldi ...‹ ›Und auf alles das hört es?‹ fragte der Kommissar erstaunt. ›Alles versteht sie‹, versicherte die Mutter unter Tränen, ›und sie lacht so süß, wenn wir ihr Wauwauwau sagen oder Bububu oder Tititi oder Patzipatzi ...‹ ›Davon haben wir wenig‹, meinte der Kommissar, ›ich muß Ihnen leider sagen, Frau Landa, daß wir bisher Pech gehabt haben. In den Familien, in denen es Kindertodesfälle gegeben hat, hat sich Ihre Rosel nicht gefunden. Unsere Leute haben jedes einzelne Haus abgesucht.‹ Frau Landa sah starr vor sich hin. ›Herr Kommissar‹, stieß sie hervor und eine plötzliche Hoffnung schien in ihr aufzublitzen, ›dem, der meine Rosel findet, gebe ich zehntausend Kronen! Schreiben Sie eine Belohnung aus: wer Sie auf die Spur meines Kindes bringt, bekommt zehntausend!‹ ›Ich würde das an Ihrer Stelle nicht tun‹, sagte Herr Bartoschek. ›Sie haben kein Gefühl!‹ rief die junge Frau, ›ich würde für meine Rosel die ganze Welt geben!‹ ›Gut, wie Sie wollen‹, brummte ärgerlich Herr Bartoschek, ›ich werde das mit der Belohnung melden; aber mischen Sie sich um Gottes willen nicht mehr in die Sache ein!‹ ›Ein schwerer Fall ist das‹, stöhnte er, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. ›Aber warten Sie, ich weiß, was jetzt geschehen wird!‹ Und es geschah in der Tat: am nächsten Tag brachten drei Geheime je ein drei Monate altes brüllendes Mädchen und einer, es war der Pistora, steckte nur den Kopf zur Tür hinein und zeigte die Zähne: ›Herr Kommissar, wie wär's mit einem Jungen? Einen Jungen hätte ich, und billig!‹ ›Das kommt von dieser verfluchten Belohnung‹, schimpfte Herr Bartoschek, ›auf Ja und Nein werden wir ein ganzes Findelhaus hier haben. Verdammter Fall!‹ ›Verdammter Fall!‹ sagte er wütend, als er sich wieder in seiner Junggesellenbehausung fand. ›Wenn ich nur wüßte, wie wir das Balg jetzt finden!‹ In der Wohnung war gerade seine Aufwartefrau, eine alte Hexe mit einem Riesenmaul. Sie strahlte vor Begeisterung. ›Schauen Sie sie nur an, Herr Kommissar!‹ sagte sie ihm statt jeder Begrüßung, ›unsere Barina!‹ Sie müssen wissen, dieser Herr Bartoschek hatte von Herrn Justitz eine reinrassige Boxerhündin bekommen, eben diese Barina, und die hatte sich mit einem Wolfshund eingelassen. Mir ist es ein Rätsel, wie diese verschiedenen Hunderassen einander überhaupt als Hunde erkennen. Zum Beispiel kann ich nicht begreifen, woran ein Windhund erkennt, daß ein Dackel auch ein Hund ist. Wir Menschen, wir unterscheiden uns im großen und ganzen nur durch unsere Sprache und durch den Glauben und dabei möchten wir uns am liebsten gegenseitig auffressen. Diese Barina also hatte neun Welpen von einem Wolfshund und jetzt lag sie bei den Kleinen, wedelte mit dem Schwanz und lächelte selig. ›Schaun Sie nur‹, jubelte die Aufwartefrau, ›wie stolz sie auf die Jungen ist. Was sie sich auf sie einbildet, das Aas. Na, wie eben jede Mutter!‹ Herr Bartoschek überlegte eine Weile, dann fragte er: ›Wirklich, Frau, sind alle Mütter so?‹ ›Na, und ob!‹ erklärte die Frau. ›Probieren Sie nur einmal, vor irgendeiner Mutter ihr Kind zu loben!‹ ›Interessant‹, brummte Herr Bartoschek. ›Versuchen wir's einmal damit!‹ Am nächsten Tag gab es in Groß-Prag keine Mutter, die nicht entzückt gewesen wäre. Sobald eine von ihnen mit ihrem Kind auf dem Arm oder im Wagen aus dem Hause kam – schon war ein uniformierter Polizist oder ein Herr im steifen Hut bei ihr, grinste ihr reizendes Kindchen an und kraulte ihm liebevoll das Kinn. ›Ist das aber ein reizendes Kleines‹, sagten sie freundlich, ›wie alt ist es denn?‹ – Meine Herren, es war ein Tag der Freude und des Stolzes für die Prager Mütter! Es war noch nicht ganz elf Uhr Vormittag, als ein Geheimer bei Kommissar Bartoschek eintrat und eine blasse, zitternde Frau hereinschob. ›Da hätten wir sie also, Herr Kommissar‹, meldete er im Amtstone. ›Ich traf sie mit dem Kinderwagen, und als ich ihr sagte: »Ach, haben Sie aber ein reizendes Kleines, wie alt ist es denn?« – da warf sie mir böse Blicke zu und versteckte das Kind hinter den Vorhängen. Da habe ich gesagt: »Machen Sie keine Umstände, Frau, und kommen Sie mit!«‹ ›Laufen Sie um Frau Landa!‹ sagte der Kommissar. ›Und Sie, Sie Person, sagen Sie mir, warum um Himmels willen haben Sie denn das Kind gestohlen?‹ Die Person leugnete nicht lange. Sie war ein lediges Mädel und hatte von einem Herrn ein Töchterchen gehabt. In den letzten Tagen war im Bäuchlein des Kindes etwas nicht in Ordnung gewesen und es hatte zwei Nächte lang geschrieen. In der dritten Nacht gab ihm die Mutter im Bett die Brust und schlief beim Stillen ein; als sie früh aufwachte, sei das Kind blau unterlaufen und bereits tot gewesen. Ob so etwas möglich ist«, meinte Herr Kratochvil mit einem gewissen Zweifel, »weiß ich nicht.« »Möglich ist es schon«, mischte sich Doktor Vitasek ins Gespräch, »erstens war die Mutter nicht ausgeschlafen, zweitens dürfte das Kind einen Katarrh gehabt und ein paar Tage die Brust abgelehnt haben. Deshalb war wohl die Brust zu schwer, und als die Mutter einschlief, mag sie dem Kind auf das Näschen gerutscht und die Kleine erstickt haben. So etwas kann schon vorkommen. Also weiter!« »Vielleicht war es so«, fuhr Herr Kratochvil fort, »und als die Frau morgens sah, daß ihr Kind tot war, ging sie fort, um es zu melden. Unterwegs aber fiel ihr Frau Landas Kinderwagen ins Auge und da kam sie auf eine Idee: wenn sie sich ein anderes Kind beschaffte, so würde ihr der Herr weiter Alimente zahlen. Und außerdem«, Herr Kratochvil wurde rot vor Verlegenheit, »außerdem behauptete sie, die Milch habe sie so furchtbar gedrückt.« Doktor Vitasek nickte: »Das ist sehr wahrscheinlich!« Herr Kratochvil entschuldigte sich: »In diesen Sachen kenne ich mich nicht aus. Zu diesem Zwecke also stahl sie das Kind mit dem Wagen und ließ dann den Wagen in einem fremden Hausflur stehen, und die Rosel trug sie als Ersatz für ihr Kind heim. Aber sie muß schon ein verrücktes Frauenzimmer gewesen sein; denn ihr totes Kind legte sie indessen in den Eisschrank. Angeblich um es in der Nacht irgendwo zu vergraben oder wegzulegen; aber sie fand nicht den Mut dazu. Inzwischen war Frau Landa auf der Polizei erschienen. ›So, junge Frau‹, sagte Herr Bartoschek zu ihr, ›da haben Sie Ihr Baby wieder.‹ Frau Landa zerfloß in Tränen. ›Das ist doch nicht meine Rosel‹, stieß sie hervor. ›Meine Rosel hatte ein anderes Häubchen!‹ ›Himmelherrgott!‹ schrie der Kommissar, ›packen Sie sie aus!‹ Und als das Kind auf seinem Schreibtisch lag, hob er es an den Beinchen hoch und sagte: ›Schauen Sie nur, was für Fältchen es am Popochen hat!‹ – Aber da hatte Frau Landa das Kind schon genommen, und dann kniete sie neben ihm auf dem Fußboden und küßte seine Händchen und Füßchen. ›Meine Rosel‹, rief sie unter Tränen, ›mein Vögelchen, Dididi, du Muttis Liebling, du Zuckerschnutchen, du mein Goldchen ...‹ ›Ich bitte Sie, Frau‹, sagte Herr Bartoschek mürrisch, ›hören Sie auf oder, meiner Seel, ich gehe noch hin und heirate! Und die zehntausend Kronen spenden Sie für ledige Mütter, verstanden?‹ ›Herr Kommissar‹, sprach Frau Landa feierlich, ›nehmen Sie das Kind in Ihre Arme und segnen Sie es!‹ ›Muß das sein?‹ knurrte Herr Bartoschek, ›wie faßt man so etwas an? Aha! Aber schauen Sie, es fängt zu heulen an. Da haben Sie's, nehmen Sie's – aber rasch!‹ Und damit ist der Fall mit dem Kind zu Ende.« Die Gräfin »Ja, diese närrischen Frauenzimmer«, erzählte Herr Polgar, »die treiben mitunter unglaubliche Dinge. Im Jahr neunzehn oder zwanzig, in einem dieser Jahre, als in unserem ganzen gesegneten Mitteleuropa überall der Zunder glomm – damals ereignete sich das. Man wartete nur darauf, wo die Geschichte zuerst losgehen werde. Bei uns wimmelte es damals nur so von Spionen. Meine Referate waren zu dieser Zeit Schmuggel und Falschgeld; mit den Militärbehörden stand ich auch in Verbindung, hie und da rief man mich an und verlangte von mir Informationen. Damals also passierte die Geschichte mit der Gräfin ... nennen wir sie Mihaly. Ich weiß nicht mehr, wie es zuging, aber zu jener Zeit wurden die vom Militär durch einen anonymen Brief dazu veranlaßt, auf die Korrespondenz, die an die Adresse W. Manasse, poste restante, Zürich, abgehen würde, zu achten. Man fing einen solchen Brief auf. Und der war wirklich nach dem Code Nr. 11 chiffriert und enthielt die Mitteilung, daß das Infanterieregiment Nr. 28 in Prag liege, daß in Milowitz bei Prag eine Schießstätte sei und daß unsere Armee nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit Bajonetten ausgerüstet sei; nichts weiter als derartige Trotteleien. Aber Sie wissen doch, wie unsere Militärs sind. Wenn Sie einer fremden Macht verrieten, daß die Fußlappen, die unsere Infanterie trägt, von der Firma Oberländer geliefert wurden, so kommen Sie unweigerlich vor das Divisionsgericht und erwischen günstigstenfalls ein Jahr wegen Verbrechens der Spionage. Das gehört nämlich zu dem, was man so das militärische Prestige nennt. Also die Leute vom Militär zeigten mir beides: den chiffrierten Brief und die anonyme Anzeige. Ich bin kein Graphologe, meine Herren; aber ich mußte nur einen Blick auf die beiden Schriftstücke werfen, um mir zu sagen: die sehen doch aus, als stammten sie von derselben Hand. Die anonyme Anzeige war zwar – wie fast alle anonymen Anzeigen – mit Bleistift geschrieben; trotzdem bestand für mich kein Zweifel darüber, daß die Schrift die gleiche war wie die des chiffrierten Briefes. Ich schlug den Militärs vor, die Sache laufen zu lassen; es lohne sich nicht. Der Spion könne nur ein harmloser Dilettant sein. Militärische Kenntnisse solcher Art könne jedermann aus den Tageszeitungen schöpfen. Gut und schön. Nach ungefähr einem Monat besuchte mich ein Hauptmann des Spionageabwehrbüros, ein gutgewachsener, hübscher Bursche. ›Herr Polgar‹, sagte er mir, ›ich habe da eine ganz merkwürdige Geschichte. Unlängst tanzte ich mit einer Komtesse, einer schönen, brünetten Person. Sie kann kein Wort Tschechisch, aber sie tanzt, daß es nur so ein Vergnügen ist. Und heute bekam ich von ihr einen sentimentalen Brief. Ist das nicht auffällig?‹ ›Seien Sie doch froh, junger Mann‹, meinte ich. ›Sie haben eben Glück bei Frauen.‹ ›Aber Herr Polgar‹, sagte der Hauptmann und ließ erst jetzt seine Bestürzung erkennen, ›der Brief ist mit der gleichen Schrift, der gleichen Tinte und auf gleichem Papier geschrieben wie die Spionagenachrichten für Zürich. Ich weiß jetzt wirklich nicht, wie ich mich verhalten soll. Sie können sich vorstellen, wie einem Mann zumute ist, wenn er ein Frauenzimmer anzeigen soll, das ... hm ... das zu ihm ... und dann ... es handelt sich ja doch um eine Dame, Herr!‹ ›Ja, lieber Hauptmann‹, meinte ich, ›Ihre ritterlichen Gefühle, die müssen Sie diesmal vertagen. Die Frau müssen Sie natürlich verhaften lassen; in Ansehung des Ernstes der Angelegenheit verurteilen wir sie zum Tode und Sie werden dann die Ehre haben, zwölf Soldaten »Feuer!« zu kommandieren! Das Leben ist schon manchmal so romantisch. Aber – leider Gottes – ist da noch ein Hindernis: es existiert nämlich in Zürich gar kein W. Manasse, und bisher liegen vierzehn Chiffrebriefe auf seinen Namen unbehoben auf der Zürcher Post. Lassen Sie also die Sache auf sich beruhen, Herr, und tanzen Sie weiter mit Ihrer braunen Komtesse, so lange Sie jung sind!‹ Drei Tage lang quälte sich der Hauptmann mit Gewissensbissen, er magerte sichtlich ab, und schließlich zeigte er die Geschichte doch seinem Chef an. Sie können sich denken, daß sofort sechs Soldaten in einem Auto zur Komtesse Mihaly fuhren, sie verhafteten und ihre Papiere durchstöberten. Sie fanden den Code und allerhand Briefe von ausländischen politischen Agenten, sämtliche sozusagen hochverräterischen Inhaltes. Befragt, verweigerte die Komtesse jegliche Aussage, während ihre Schwester, ein sechzehnjähriger Backfisch, sich auf den Tisch setzte, die Knie bis unters Kinn zog, damit nur ja alles zu sehen sei, Zigaretten rauchte, mit den Offizieren flirtete und wie toll lachte. Als ich von der Geschichte hörte, lief ich in das Spionageabwehrbüro und sagte den Leuten: ›Laßt doch um Gottes willen diese Hysterikerin los! Mit der gibt es nur eine Blamage!‹ Die erklärten aber: ›Herr Polgar, die Komtesse Mihaly hat gestanden, im Dienst der Auslandsspionage zu stehen. Die Sache ist ernst.‹ – ›Aber das Frauenzimmer lügt doch!‹ schrie ich. – ›Herr Polgar –‹ sagte mir der Oberst streng, ›Sie sprechen von einer Dame. Komtesse Mihaly spricht die Wahrheit.‹ – Unglaublich, wie das Frauenzimmer den Offizieren den Kopf verdreht hatte! ›Zum Teufel‹, schimpfte ich, ›aus lauter Galanterie wollt Ihr sie also wirklich verurteilen lassen! Der Henker hole diese Ritterlichkeit! Merken Sie denn nicht, daß das Frauenzimmer Sie mit Absicht auf die Spur ihrer hochverräterischen Tätigkeit geführt hat? Glauben Sie doch diesem Luder nicht!‹ Doch die Militärs zuckten bloß mit dramatischem Bedauern die Achseln. Selbstverständlich ging die Geschichte durch alle Zeitungen, sogar durch die ausländischen. Der Adel der ganzen Welt war auf, Protestunterschriften wurden gesammelt, diplomatische Demarchen flogen hin und her, bis hinüber nach England empörte sich die öffentliche Meinung; aber Sie wissen ja – die Gerechtigkeit muß ihren Lauf nehmen. Und die hochgeborene Gräfin wurde in Anbetracht des herrschenden Kriegszustandes vors Divisionsgericht gestellt. Noch einmal – damals hatte ich schon meine Informationen – ging ich zur Militärbehörde und sagte den Leuten: ›Geben Sie die Person mir und lassen Sie mich für ihre Bestrafung sorgen!‹ – Nicht einmal hören wollten sie davon. Die Verhandlung war großartig. Ich war dort und wurde so gerührt wie bei der Kameliendame. Die Gräfin, lang wie ein Pfeil und braun wie ein Beduine, war geständig. – ›Ich bin stolz darauf‹, sagte sie, ›daß ich den Feinden dieses Landes dienen konnte!‹ Das Gericht wußte nicht, was es vor lauter Courtoisie und Strenge anfangen sollte – aber – da waren die hochverräterischen Briefe und ähnlicher Unsinn, und selbst bei Berücksichtigung aller entlastenden und belastenden außerordentlichen Milderungs- und Erschwerungsgründe konnte das Gericht nicht anders, als die Komtesse Mihaly zu einem Jahr Gefängnis verurteilen. Ich versichere Ihnen, eine schönere Verhandlung habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Zum Schluß erhob sich die Komtesse und erklärte mit klarer Stimme: ›Herr Vorsitzender, ich betrachte es als meine Pflicht, festzustellen, daß sich während der Untersuchung und während der Haft alle Offiziere mir gegenüber wie vollkommene Gentlemen benommen haben.‹ – Da aber fing ich vor Ergriffenheit fast laut zu weinen an! Nun ist aber die Sache so: ein Mensch, der die Wahrheit weiß, den juckt die Zunge. Es mußte aus mir heraus. Ich glaube nicht, daß die Menschen einfach aus Bosheit oder aus Dummheit die Wahrheit sagen, es ist oft mehr ein Bedürfnis, eine Art von unwiderstehlichem Zwang. Hören Sie, bitte: diese Mihaly hatte da in Wien den berüchtigten Major Westermann kennengelernt und hatte sich in ihn verliebt. Sie wissen doch, wer dieser Westermann ist: ein Kerl, bei dem das Heldentum ein Handwerk ist. Die Orden klirren nur so an ihm, Maria Theresia, Leopold, Eisernes Kreuz, türkische Sterne mit Brillanten und weiß Gott, was er noch alles im Krieg gesammelt hat. Dieser Westermann ist Führer einer Unzahl von illegalen Organisationen, Anstifter von Verschwörungen und Putschen überall, wo es sich um monarchistische Sachen dreht. In diesen Westermann also hatte sich die Gräfin verliebt und wollte sich offenbar die Sporen verdienen, die sie seiner würdig machen sollten. Weil sie in ihn verliebt war, markierte sie Spionage und verriet sich sorgfältig selbst, um sich mit Märtyrerruhm zu schmücken. Zu so was ist nur ein Frauenzimmer imstande. Ich besuchte sie also in ihrem Gefängnis. ›Madame‹, sagte ich ihr, ›überlegen Sie einmal: es ist doch eine langweilige Sache, ein ganzes Jahr hier zu sitzen. Es wäre vielleicht empfehlenswert, uns zu gestehen, was es mit Ihrer angeblichen Spionage in Wahrheit auf sich hat. Man könnte dann ein Gesuch um Wiederaufnahme machen.‹ ›Ich habe bereits gestanden, mein Herr‹, entgegnete eisig die Komtesse, ›ich habe weiter nichts zu sagen.‹ ›Herrgott nocheinmal!‹ die Sache wurde mir zu dumm, ›lassen Sie schon einmal diesen Unsinn! Major Westermann ist seit fünfzehn Jahren verheiratet und hat drei Kinder!‹ Die Gräfin wurde aschgrau. Noch nie habe ich eine Frau in einem Augenblick so häßlich werden gesehen. – ›Was ... was geht das mich an?‹ brachte sie hervor, aber ihre Zähne klapperten. ›Und vielleicht wird es Sie auch interessieren‹, schrie ich, ›daß Ihr Herr Major Westermann in Wirklichkeit ein Bäcker aus Proßnitz ist und Wenzel Malek heißt? Hier, sehen Sie! Eine alte Photographie! Na, erkennen Sie ihn? Um Gottes willen, Komtesse, wegen dieses Lumpen sind Sie ins Gefängnis gegangen?!‹ Wie versteinert saß die Mihaly da. Und jetzt sah ich mit einem Male, daß sie eigentlich nichts war als eine alte Jungfer, deren Traum vom Glück in sich zusammengebrochen war. Sie tat mir leid. Irgendwie schämte ich mich. ›Madame‹, sagte ich schnell, ›die Sache ist also in Ordnung, ich schicke Ihnen Ihren Rechtsanwalt und Sie sagen ihm ...‹ Da richtete sich die Mihaly auf, bleich, aber gespannt wie ein Bogen. ›Nein‹, stöhnte sie, ›es ist nicht nötig. Ich habe niemandem etwas zu sagen.‹ Und sie ging. Aber hinter der Tür brach sie zusammen; man mußte ihr die Finger aufbrechen, so krampfhaft waren ihre Fäuste geballt. Ich biß auf meine Lippen. Schön, sagte ich mir, die Wahrheit ist jetzt gerettet. Aber, du lieber Gott, ist es denn die ganze Wahrheit? All diese Enthüllungen und Enttäuschungen, die herben Erkenntnisse, Desillusionierungen, bitteren Erfahrungen – die sind nur ein Brocken der Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist etwas Größeres. Die Wahrheit ist, daß Liebe, Stolz, Leidenschaft, Ehrgeiz große und närrische Dinge sind, daß jedes Opfer Heldentum beweist und daß der Mensch in seiner Liebe etwas Schönes und Wunderbares ist. Das ist die andere, die größere Hälfte der Wahrheit. Aber man müßte ein Dichter sein, um das verstehen und sagen zu können.« +++ »So ist es«, sagte der Schutzmann Horalek, »bei der Wahrheit kommt es immer darauf an, wie man sie sagt. Da haben wir im vergangenen Jahr einmal einen Defraudanten festgenommen und als wir ihn gerade in der Daktyloskopie hatten, da sprang der Junge, hoppla, vom ersten Stock zum Fenster hinaus und fing an davonzurennen. Der Mann, der bei uns die Fingerabdrücke abnimmt, ist zwar ein älterer Herr; aber in diesem Augenblick dachte er nicht an seine Jahre, hoppla, er sprang dem Kerl schnurstracks nach und brach sich ein Bein. Immer, wenn einem von unseren Leuten etwas zustößt, packt uns die Wut. Und als wir den Burschen dann wieder hatten, nahmen wir uns ihn ein bißchen vor. Bei der Schwurgerichtsverhandlung waren wir Zeugen, und als wir drankamen, sagte uns der Verteidiger: ›Meine Herren, ich will Ihnen wahrhaftig keine Unannehmlichkeiten machen, und wenn es Ihnen peinlich ist, brauchen Sie meine Fragen nicht zu beantworten‹ – der Kerl von einem Anwalt war glatt wie ein Giftfläschchen – ›aber damals, als mein Klient den Fluchtversuch gemacht hatte, da wurde er auf der Polizei geschlagen, nicht wahr?‹ ›Aber woher denn!‹ entgegneten wir, ›wir haben nur nachgesehen, ob er sich am Ende bei dem Sprung weh getan hat, und als wir sahen, daß ihm nichts geschehen war – da haben wir ihm eben zugeredet.‹ ›Sie müssen ihm aber tüchtig zugeredet haben‹, meinte der Advokat mit einem höflichen Lächeln. ›Laut dem Zeugnis des Polizeiarztes hatte mein Klient infolge dieses Zuredens drei gebrochene Rippen und zusammen an die siebenhundert Quadratzentimeter blutunterlaufener Stellen, besonders auf dem Rücken.‹ Ich zuckte mit den Achseln. ›Der hat sich das Zureden halt sehr zu Herzen genommen‹, sagte ich, und die Sache war in Ordnung. Wissen Sie, wahr ist so manches; man muß nur das richtige Wort dafür finden.« Die Geschichte des Dirigenten Kalina »So ein Bluterguß oder eine Quetschung«, sagte Herr Dobesch, »schmerzt manchmal schlimmer als ein Knochenbruch. Ich kenne das; ich bin ein alter Fußballer und hatte schon eine Rippe, das Schlüsselbein und einen Daumen gebrochen. Heute spielt man längst nicht mehr mit solchem Elan wie damals. Im vergangenen Jahr habe ich nach längerer Zeit wieder einmal gespielt. Wir, die alten Herren, wollten den heutigen Jungen mal zeigen, wie meisterhaft wir die Taktik beherrschten. Wie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren spielte ich als Verteidiger, und als ich den Ball eben mit dem Bauch stoppte, gab mir der eigene Tormann einen Tritt in den ... hm, Steißbein nennt man das, oder cauda equina, wenn man Lateinisch kann. Eine Zeitlang schimpfte ich, aber ich spielte weiter und dachte nicht mehr daran. Erst in der Nacht fing das Zeug an weh zu tun, und am Morgen konnte ich mich überhaupt nicht mehr rühren. Das war ein Schmerz von der Art, daß ich nicht einmal eine Hand bewegen konnte, ich sage Ihnen, nicht einmal niesen konnte ich – merkwürdig, wie im menschlichen Körper voneinander entfernte Partien doch irgendwie zusammenhängen. So lag ich also auf dem Rücken wie ein toter Käfer, nicht einmal zur Seite konnte ich mich wenden, nicht einmal mit den großen Zehen wackeln, nichts. Nur stöhnen und ächzen konnte ich vor Schmerzen. Dieser Zustand hielt den ganzen Tag und die nächste Nacht an. Nicht eine Sekunde konnte ich schlafen. Sonderbar, wie einem die Zeit lang wird, wenn man sich nicht rühren kann. Verschüttet zu sein, muß eine der schrecklichsten Qualen sein. Ich habe gerechnet, Zahlen zur Potenz erhoben, gebetet, sogar längst vergessener Gedichte habe ich mich erinnert, nur damit Zeit vergehe, aber immer noch war es Nacht. Plötzlich, es mochte so gegen zwei Uhr morgens gewesen sein, hörte ich, wie jemand unten auf der Straße aus Leibeskräften lief, hinter diesem Jemand jagte eine ganze Meute her und ich hörte etwa sechs Stimmen durcheinander schreien: wart nur, du kriegst deinen Teil, ich bring dich um, Lump elender und dergleichen mehr. Es mußte gerade unter meinem Fenster gewesen sein, wo sie den Mann faßten, und nun ging es los: ein Scharren von sechs Paar Schuhen, Ohrfeigen, Schläge, die hölzern klangen, als schlüge man jemanden mit einem Knüppel über den Kopf, ein Keuchen, ein Wimmern, aber kein Schrei. Eine unerhörte Sache das, sechs Kerle gegen einen, und losgeprügelt wie auf einen Sack! Das kann man einfach nicht mit anhören. Ich wollte aufstehen und den Leuten sagen, daß man so was nicht tue, aber ich brüllte auf vor Schmerzen. Himmelherrgott, ich konnte mich nicht rühren! So ohnmächtig zu sein, ist etwas Furchtbares. Ich knirschte mit den Zähnen und blökte in meiner Wut wie ein Tier. Auf einmal aber gab es in mir einen Ruck, ich sprang aus dem Bett, packte meinen Stock und lief die Treppe hinunter. Auf der Straße war ich ganz blind. Ich rannte gegen einen der Kerle an und begann mit dem Stock auf ihn loszudreschen. Die anderen stoben nach allen Seiten auseinander. So habe ich noch keinen Menschen in meinem Leben verprügelt wie diesen Burschen! Erst nachher kam mir zu Bewußtsein, daß mir selbst dabei vor Schmerzen die Tränen aus den Augen liefen. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich mich über die Treppe hinauf wieder in mein Bett geschleppt hatte. Aber am Morgen konnte ich wieder gehen, es war wie ein Wunder. Nur eines wüßte ich gerne«, fügte Herr Dobesch seiner Geschichte nachdenklich hinzu, »ich wüßte gerne, wer es eigentlich war, den ich so verdroschen habe; ob es einer aus der Übermacht war oder der, auf den die anderen schon losgeschlagen hatten. Egal: Einer gegen Einen – das ist wenigstens fair.« +++ »So ohnmächtig zu sein ist etwas Furchtbares«, sagte der Dirigent und Komponist Kalina und nickte dabei nachdenklich mit dem Kopf. »Ich habe da einmal folgendes erlebt, meine Herren. Es war in Liverpool; man hatte mich eingeladen, dort ein Orchesterkonzert zu dirigieren. Ich kann kein Wort Englisch; aber wir Musiker verständigen uns ohne viel Worte, am besten geht das mit dem Taktstock in der Hand. Da klopft man ab, schreit etwas, verdreht die Augen, gestikuliert mit den Händen und fängt wieder von vorne an. Auf diese Weise lassen sich auch die subtilsten Gefühle ausdrücken. Wenn ich zum Beispiel mit den Händen diese Bewegung mache, so wird doch ein jeder begreifen, daß das mystischen Aufschwung und Erlösung von der Bürde und den Schmerzen dieser Welt bedeutet. Als ich nun nach Liverpool kam, erwartete man mich und brachte mich ins Hotel, wo ich mich ausruhen sollte. Aber als ich gebadet hatte, ging ich mir die Stadt ansehen – und da verirrte ich mich. Wenn ich in einer Stadt bin, die ich noch nicht kenne, so beginne ich, wenn ich mir sie ansehe, immer mit dem Fluß; an dem Fluß erkennt man, möchte ich sagen, die Orchestrierung einer Stadt. Auf der einen Seite hat man den ganzen Straßenlärm, die Trommeln und Kesselpauken, Trompeten, Hörner und das Blech; auf der anderen Seite: den Fluß, die Streicher, das Pianissimo der Geigen und die Harfen. Am Fluß, da hört man die ganze Stadt auf einmal. Auch in Liverpool gibt es einen Fluß, ich weiß nicht, wie er heißt, ich weiß nur, daß er gelb ist und schrecklich. Er braust und dröhnt, schreit, rasselt, lärmt und trompetet vor lauter Schiffen, Schleppern, Paketbooten, Lagerhäusern, Werften und Kränen. Sie müssen wissen, ich habe eine närrische Vorliebe für Schiffe, einerlei ob es dickbäuchige schwarze Schlepper sind, rotgefirnißte Frachtschiffe oder weiße Überseedampfer. Irgendwo hier muß doch, sagte ich mir, gleich um die Ecke das offene Meer sein, dorthin muß ich kommen, und so lief ich eben am Flußufer weiter. Zwei Stunden lief ich, immer geradeaus, vorbei an Magazinen, Schuppen, Docks. Schiffe waren nur selten zu sehen, manche hoch wie ein Dom oder solche mit drei dicken schrägen Schloten. Es stank nach Fischen, Pferdeschweiß, Jute, Rum, Schutt, Weizen, Kohle, Eisen – ja, wo große Mengen Eisen liegen, spürt man deutlich seinen Geruch. Auf mich wirkte dies alles wie eine Vision. Dann aber wurde es Nacht und ich gelangte zu einem Sandberg; auf der anderen Seite blinkte ein Leuchtturm und hier und dort schwamm in der Ferne ein kleines Licht – dort war vielleicht der Ozean. Ich setzte mich auf einen Stoß Bohlen und fühlte mich wunderbar allein und verloren. Ich lauschte dem Plätschern der Wellen, dem Rauschen des Wassers, und ich hätte heulen mögen vor Herzweh. Zwei Leute näherten sich, ein Mann und eine Frau. Sie sahen mich nicht. Sie setzten sich, mir abgewandt, und redeten leise miteinander. Hätte ich Englisch verstanden, so würde ich mich geräuspert haben, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß jemand sie hören könne. Da ich aber außer ›Hotel‹ und ›Shilling‹ kein englisches Wort kannte, glaubte ich still bleiben zu dürfen. Anfangs redeten sie größtenteils staccato. Dann begann der Mann langsam und leise etwas zu erklären, zögernd, als ob es nicht recht aus ihm herauswollte; dann aber schüttete er es rasch aus. Das Frauenzimmer schrie auf vor Entsetzen und sagte irgend etwas in furchtbarer Erregung. Er aber preßte ihre Hand, bis die Frau wimmerte, und begann verbissen auf sie einzureden. Kein Zweifel, das war kein Liebesgeflüster. Ein Musiker versteht das. Liebeswerbungen haben eine andere Kadenz und klingen anders: nicht so beklommen. Gespräche um Liebe sind tiefes Cello; aber dies hier war hoher Baß, gespielt in einem gewissen Presto rubato, in derselben Tonlage, als ob der Mann ein und dasselbe mehrmals wiederholte. Mir begann dies alles unheimlich zu werden. Es war etwas Böses, was der Mensch da sagte. Die Frau begann leise zu weinen und schrie einige Male auf; im Widerspruch, als wollte sie ihn zurückhalten. Ihre Stimme war die einer hölzernen Klarinette und klang nicht allzu jung. Doch die Männerstimme redete immer zischender, immer befehlshaberischer, immer drohender. Die weibliche fing an, voll Verzweiflung zu bitten, sie zitterte und überschlug sich vor Gram, es war ein Beben, wie es einen Menschen befällt, dem man einen Eisumschlag macht; ihre Zähne klapperten hörbar. Nun wurde die Rede des Mannes ein tiefes Brummen im reinsten Baß; fast verliebt klang es herüber. Das Weinen der Frau ging in ein schwaches, leidendes Schluchzen über. Für mich bedeutete es, daß ihr Widerstand nun gebrochen war. Nun aber kam wieder ein Crescendo des verliebten Basses und stoßweise, wohldurchdacht, fügte er Satz an Satz, ohne Gegenwehr zu finden. Machtlos nur wimmerte und schluchzte die weibliche Stimme dazwischen. Das war kein Sich-Wehren mehr, nur wahnsinnige Angst, keine Angst vor dem Mann, nur ein verstörtes, geisterhaftes Grauen vor etwas Kommendem. Noch einmal senkte sich die Männerstimme zu einem beschwichtigenden Summen und einem leisen Drohen. Das Schluchzen der Frau modulierte hinüber in Seufzer der Betäubung und der Schwäche, der Mann flüsterte noch in kaltem Tone einige Fragen, und die Antwort dürfte wohl ein Kopfnicken gewesen sein; denn er drängte nicht mehr. Dann standen die beiden auf und gingen, ein jeder in eine andere Richtung, davon. Ich glaube nicht an Hellsichtigkeit, meine Herren, aber ich glaube an die Musik. Dort, in der Nacht, als ich den beiden zuhörte, wußte ich mit Sicherheit, daß der Baß dabei war, die Klarinette zu etwas Furchtbarem zu überreden. Ich wußte, daß die Klarinette mit unterjochtem Willen nach Hause ging und daß sie ausführen werde, was ihr der Baß befohlen hatte. Ich hatte es gehört, und hören, meine Herren, ist in dieser Form für mich mehr, als wenn ich Worte verstehe. Ich wußte, daß ein Verbrechen vorbereitet wurde; und ich wußte, welcher Art dieses Verbrechen war. Ich hatte es an dem Grauen erkannt, das aus den beiden Stimmen wehte. Es lag in der Klangfarbe dieser Stimmen, in den Kadenzen, im Tempo, in den Intervallen, den Cäsuren – glauben Sie mir, die Musik ist präzise, genauer vielleicht als die Sprache. Die Klarinette war viel zu primitiv, als daß sie selbst etwas hätte durchführen können. Sie wird nur Hilfsperson sein, vielleicht einen Schlüssel ausliefern oder eine Tür aufschließen. Ausführen wird es der grobe, tiefe Baß, und die Klarinette wird dabei vor Entsetzen stöhnen. Ich rannte gegen die Stadt hin. Es war mir bewußt, daß etwas geschehen müsse; etwas mußte ich unternehmen, um es zu verhindern. Ein schreckliches Gefühl ist das, das Gefühl, man könnte zu spät kommen! Endlich erblickte ich an einer Straßenecke einen Schutzmann und rannte auf ihn zu. Verschwitzt und außer Atem wie ich war schrie ich: ›Herr, hier in der Stadt wird ein Mord vorbereitet!‹ Der Schutzmann zuckte mit den Achseln und sagte etwas, das ich nicht verstand. Großer Gott, jetzt fiel es mir erst ein, er versteht ja kein Wort von dem, was ich sage! ›Mord!‹ brüllte ich, als ob er taub gewesen wäre. ›Verstehen Sie? Man will irgendeine einsame alte Dame umbringen! Das Dienstmädchen oder die Wirtschafterin wird dabei helfen – Herrgott, tun Sie was, Mensch!‹ Der Schutzmann schüttelte nur den Kopf und sagte ein Wort – es klang wie ›Jurvej‹. ›Herr‹, erklärte ich ihm erbittert und schüttelte mich vor Wut und Grauen, ›dieses arme Frauenzimmer öffnet ihrem Liebhaber die Tür, Sie können Gift darauf nehmen! Verhindern Sie das! Suchen Sie sie!‹ Dabei fiel mir plötzlich ein, daß ich nicht einmal wußte, wie die Frau aussah. Aber wenn ich es auch gewußt hätte, ich hätte es nicht sagen können. ›Herr Jesus‹, schrie ich auf, ›das ist doch unmenschlich! Man kann das doch nicht einfach geschehen lassen!‹ Der englische Schutzmann sah mich aufmerksam an und versuchte, mich irgendwie zu beschwichtigen. Ich griff an meinen Kopf. ›Du Idiot!‹ schrie ich, außer mir vor Verzweiflung. ›So gehe ich eben selber und suche ...‹ Natürlich war das reinste Narretei. Aber sehen Sie, wenn es um ein Leben geht, so glaubt man, etwas tun zu müssen, und wenn es noch so zwecklos ist. Die ganze Nacht hindurch rannte ich durch Liverpool; vielleicht würde ich irgendwo sehen, wie jemand versuchte, sich in ein Haus einzuschleichen? Eine merkwürdige Stadt ist dieses Liverpool, so schrecklich tot ist es bei Nacht ... Gegen Morgen setzte ich mich auf den Rand eines Gehsteigs und weinte vor Müdigkeit. Ein Schutzmann griff mich auf, sagte: ›Jurvej‹, und brachte mich in mein Hotel. Wie ich an jenem Vormittag meine Probe geleitet habe, weiß ich nicht. Aber als wir fertig waren, warf ich den Taktstock zu Boden und lief auf die Straße. Die Zeitungsverkäufer riefen eben die Abendblätter aus. Ich kaufte eines – dort stand großmächtig die Überschrift ›MURDER‹, und darunter war die Photographie einer weißhaarigen Frau. ›Murder‹ heißt, glaube ich, Mord.« Der Tod des Barons Gandara »Also diesen Mörder«, sagte darauf Herr Menschik, »den haben sie bestimmt gefangen, die Liverpooler Polypen. Das war ein Berufsverbrecher und die erwischt man fast immer. Man sieht sich in so einem Falle einfach alle notorischen Lumpen an, die gerade frei herumlaufen, hopp – und jetzt Bursche, erzähl mir, was du für ein Alibi hast. Und wenn er kein Alibi hat, dann ist er es eben gewesen. Wirklich ungern arbeitet die Polizei aber mit unbekannten Faktoren und Größen. Dann bleibt ihr nichts übrig als zu versuchen, sie eben auf bekannte Größen zu bringen. Kriegen sie mal jemand in die Klauen, dann wird er gemessen, sie nehmen seine Fingerabdrücke, und dann gehört er schon ihnen. Von diesem Augenblick an wenden sie sich vertrauensvoll an ihn, wenn irgend etwas los ist. Wie zu einem alten Bekannten gehen sie dann zu ihm, so wie man zu seinem Friseur oder in seinen Tabakladen geht. Schwieriger ist es schon, wenn ein Nichtfachmann oder ein Neuling ein Verbrechen begeht, sagen wir Sie oder ich. Da ist es für die Polizei schon eine Heidenarbeit, der Sache auf den Grund zu kommen. Ich habe einen Bekannten bei der Polizeidirektion. Er heißt Rat Pitta und ist ein Onkel meiner Frau. Pitta steht auf dem Standpunkt: ist es ein Einbruch, so stammt er von einem Fachmann, ist es ein Mord, so wird es einer aus der Familie gemacht haben. Er hat seine festen Ansichten, der Herr Pitta. So behauptet er auch, daß ein Mensch nur ganz selten einen fremden Menschen ermordet, weil das nämlich gar keine so einfache Sache sei. Unter Bekannten ergebe sich da eher Gelegenheit, und im Haushalt liege dergleichen geradezu auf der Hand. Wenn er einen Mordfall bekommt, so versucht er zunächst zu erfahren, wer damit die geringsten Schwierigkeiten gehabt haben würde, und mit dem Betreffenden beschäftigt er sich. ›Weißt du, Menschik‹, sagt er, ›ich habe eben keine Spur Phantasie oder Spürsinn; das wird dir jeder hier bei uns bestätigen: ich bin der ärgste Trottel in der ganzen Polizeidirektion. Ich bin genau so primitiv wie der Mörder; was mir einfällt, ist ganz genau so alltäglich, durchschnittlich und dumm wie seine Beweggründe, wie sein Plan und wie seine Tat, und ich sage dir, daß es gerade deshalb bei mir so oft gut ausfällt.‹ Ich weiß nicht, ob einer der Herren sich noch an die Ermordung des exotischen Barons Gandara erinnert. Das war einer von diesen geheimnisvollen Abenteurern, Haare hatte er wie ein Rabe und schön war er wie Luzifer. Er wohnte in einer Villa am Gröberpark, und was sich dort alles zugetragen hat, das läßt sich gar nicht erzählen. Einmal gegen Morgen hörte man in der Nähe der Villa zwei Revolverschüsse. Es wurde Alarm geschlagen, und man fand den Baron erschossen im Garten seiner Villa. Seine Brieftasche war weg, sonst war nichts festzustellen. Also – ein rätselhafter Fall erster Klasse. Diesen Mord bekam mein Onkel Pitta, weil er gerade nichts anderes zu tun hatte. Ganz obenhin sagte ihm sein Chef, als er ihm den Fall übergab: ›Herr Kollega, das ist zwar kein Fall nach Ihrem Zuschnitt; aber es wäre nett, wenn Sie zeigen könnten, daß Sie für die Pensionierung noch nicht reif sind.‹ Onkel Pitta brummte, er werde sein möglichstes tun, und begab sich an den Tatort. Selbstverständlich fand er gar nichts, zankte mit den Detektiven, ging wieder nach Hause, setzte sich an seinen Tisch und zündete seine Tonpfeife an. Wer ihn so von dem stinkigen Rauch eingehüllt gesehen hätte, würde wohl vermutet haben, Herr Pitta brüte über seinem Fall. Weit gefehlt! Onkel Pitta brütete nicht, er war ein grundsätzlicher Feind des Nachdenkens. Der Mörder denkt auch nicht nach, pflegte er zu sagen, entweder es fällt ihm etwas ein oder es fällt ihm nichts ein. Die Kollegen bei der Direktion hatten Mitleid mit Onkel Pitta. Das sei kein Fall für ihn, meinten sie. Schade um den schönen Fall, und schade um Pitta. Pitta ist gut für alte Weiber, die von ihrem Neffen oder dem Liebhaber ihrer Dienstmädchen umgebracht worden sind. Einer der Herren, Kommissar Mejzlik, suchte wie zufällig Onkel Pitta auf, setzte sich vor ihn auf den Schreibtisch und sagte: ›Also, Herr Rat, was gibt's Neues im Fall Gandara?‹ ›Vielleicht hat er einen Neffen‹, meinte Onkel Pitta. ›Herr Rat‹, sagte Doktor Mejzlik, um ihm zu helfen, ›das wird diesmal wohl ein bißchen anders liegen. Dieser Baron Gandara war ein großer internationaler Spion, verstehen Sie? Gott weiß, was für sonderbare Sachen da mitspielen. Mir geht es nicht aus dem Kopf, daß seine Brieftasche fehlt. Ich an Ihrer Stelle würde doch trachten, mich zu informieren –‹ Onkel Pitta schüttelte den Kopf. ›Herr Kollega‹, sagte er, ›jeder von uns hat seine eigene Methode. Ich bin der Meinung, daß man zunächst untersuchen muß, ob es nicht irgendwelche Verwandte gibt, die ihn beerben könnten.‹ ›Zweitens‹, fuhr Doktor Mejzlik fort, ›ist uns bekannt, daß Baron Gandara hoch Hasard zu spielen pflegte. Sie kommen wenig in Gesellschaft, Herr Rat, Sie spielen höchstens bei Menschiks Domino und haben keine solchen Bekannten. Wenn es Ihnen recht ist, sehe ich mich einmal danach um, wer in den letzten Tagen mit ihm gespielt hat. Es könnte sich, wissen Sie, ja auch um eine sogenannte Ehrenschuld handeln –‹ Onkel Pitta blickte finster vor sich hin. ›Das ist nichts für mich‹, sagte er düster. ›Ich habe niemals in diesen höheren Kreisen gearbeitet, und ich will nicht in meinen alten Tagen damit anfangen. Mit Ehrenschulden und solchem Zeug soll man mich in Ruhe lassen, solche Fälle habe ich in meinem ganzen Leben nie gehabt. Wenn es kein Familienmord ist, dann wird es eben ein Raubmord sein, und den könnte dann nur jemand aus dem Haus begangen haben. Das ist die Regel. Vielleicht hat die Köchin einen Neffen.‹ ›Oder vielleicht der Chauffeur‹, meinte Doktor Mejzlik, um den Onkel zu ärgern. Onkel Pitta schüttelte den Kopf. ›Chauffeur –‹ sagte er. ›Chauffeur – so was hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben. Ich erinnere mich an keinen Fall, bei dem ein Chauffeur einen Raubmord begangen hätte. Chauffeure saufen, sie stehlen Benzin, aber daß sie morden, das ist mir noch nie untergekommen. Mejzlik, junger Mann, ich halte mich an meine Erfahrungen. Wenn Sie erst einmal so alt sein werden wie ich –‹ Doktor Mejzlik saß wie auf Nadeln. ›Herr Rat‹, sagte er rasch, ›es gibt da noch eine dritte Möglichkeit. Baron Gandara hatte ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau, bei Gott, mit der schönsten Frau von Prag! Vielleicht ist es ein Eifersuchtsmord.‹ ›Ja, so was kommt vor‹, mußte Onkel Pitta beistimmen. ›Solche Morde habe ich schon fünfmal gehabt. Und was ist der Mann der Dame?‹ ›Großkaufmann‹, antwortete Mejzlik, ›ganz große Firma.‹ Onkel Pitta überlegte. ›Das führt wieder zu nichts‹, sagte er. ›Mir ist es noch nie vorgekommen, daß ein Großkaufmann jemanden erschossen hätte. Die machen Betrügereien. Aber Morde aus Eifersucht praktiziert man in anderen Kreisen. Was fällt Ihnen nur ein, Herr Kollega!‹ ›Herr Rat‹, beharrte Doktor Mejzlik, ›wissen Sie, wovon dieser Baron Gandara lebte? Von Erpressungen. Er wußte greuliche Dinge von – na, von einer ganzen Reihe sehr reicher Leute. Man sollte doch in Erwägung ziehen, wer alles an – hm, an seinem Verschwinden Interesse haben konnte.‹ ›Sehen Sie‹, sagte Onkel Pitta, ›so einen Fall hatte ich wirklich schon einmal. Aber wir konnten nichts beweisen und es wurde eine erbärmliche Blamage. Und Sie wollen mir zumuten, daß ich mir an einer solchen Geschichte ein zweites Mal die Finger verbrenne? Nein, mir genügt ein gewöhnlicher Raubmord; ich mag diese sensationellen und rätselhaften Affären nicht. In Ihrem Alter, ja, da habe ich auch davon geträumt, daß ich einmal einen großartigen Fall löse; das ist so der gewöhnliche Ehrgeiz. Mein Lieber, mit den Jahren läßt man davon; da kommt man nämlich darauf, daß es nur ganz gewöhnliche Fälle gibt.‹ ›Der Baron Gandara ist kein gewöhnlicher Fall‹, wandte Kommissar Mejzlik ein, ›ich habe ihn gekannt, Herr: ein Hochstapler, schwarz wie ein Zigeuner – der schönste Lump, den ich je gesehen habe. Ein rätselhafter Bursche. Dämon. Falschspieler. Falscher Baron. So ein Mensch, Herr, stirbt nicht auf gewöhnliche Art, auch nicht durch einen gewöhnlichen Mord. Da handelt es sich um mehr. Um sehr rätselhafte Dinge.‹ ›Dann soll man mir so was nicht geben!‹ brummte Onkel Pitta verdrießlich. ›Ich habe keinen Kopf für so geheimnisvolle Geschichten. Ich pfeife auf alle Rätsel. Was ich gern habe, sind gewöhnliche, klare Morde, so wie zum Beispiel der Mord an der Tabakhändlerin einer war. Ich will keine neuen Methoden mehr lernen. Diesen Fall hat man mir jetzt schon gegeben, so mache ich ihn eben auf meine Art, und Sie werden sehen, es wird ein gewöhnlicher Raubmord daraus. Hätte man ihn Ihnen gegeben, so wäre eine kriminalistische Sensation daraus geworden, ein Liebesroman oder ein politisches Verbrechen. Sie finden Geschmack an Romantik, lieber Mejzlik; Sie hätten aus diesem Stoff etwas Fabelhaftes gemacht. Schade, daß Sie ihn nicht bekommen haben.‹ ›Hören Sie‹, stieß Doktor Mejzlik hervor, ›hätten Sie etwas dagegen, wenn ich ... ganz privat ... ebenfalls der Sache nachginge? Ich habe so viele Bekannte, die allerhand über den Gandara wissen – selbstverständlich würde ich Ihnen meine Informationen zur Verfügung stellen‹, fügte er schnell hinzu, ›der Fall würde Ihr Fall bleiben. Einverstanden?‹ Onkel Pitta schnaubte gereizt. ›Danke bestens‹, sagte er, ›aber das geht nicht. Sie haben einen ganz anderen Stil als ich, Herr Kollega. Bei Ihnen käme etwas ganz anderes heraus als bei mir. Und vermengen läßt sich das nicht. Was sollte ich mit Ihren Spionen, Spielern, Dämchen und dergleichen Honoratioren anfangen? Nein, Kamerad, da tu ich nicht mit. Lassen Sie mich allein arbeiten, und die Geschichte wird sich zu einem meiner ganz gewöhnlichen und dreckigen Fälle herauswachsen ... Jeder macht's, wie er's kann.‹ In diesem Augenblick klopfte es und ein Detektiv trat ein. ›Herr Rat‹, meldete er, ›wir haben festgestellt, daß der Hausmeister in Gandaras Villa einen Neffen hat, einen zwanzigjährigen Burschen, arbeitslos, wohnhaft Wrschowitz, Nr. 1451. Er ist oft bei seinem Onkel, dem Hausmeister, gewesen. – Das Dienstmädchen dort hat einen Soldaten, aber der ist jetzt auf Manöver.‹ ›In Ordnung‹, sagte Onkel Pitta. ›Forschen Sie den Hausmeistersneffen aus, machen Sie Hausdurchsuchung und bringen Sie ihn her!‹ Zwei Stunden später hatte Onkel Pitta Gandaras Brieftasche in der Hand, die im Bett des Burschen gefunden worden war. In der Nacht erwischte man den Burschen beim Bummeln, und am Morgen gestand er, daß er Gandara erschossen habe, um ihm die Brieftasche zu rauben. Sie enthielt 50.000 Kronen. ›Siehst du, Menschik‹, sagte mir damals Onkel Pitta, ›es ist genau so ein Fall wie der mit dem alten Weib in der Steingasse. Die hat auch der Neffe des Hausmeisters umgebracht. Aber, sapperlot, wenn ich mir nur vorstelle, daß Doktor Mejzlik den Fall unter die Finger gekriegt hätte – was hätte der aus dem Stoff gemacht! Ich habe eben nicht die nötige Phantasie, das ist das Ganze!‹« Die Geschichte vom Heiratsschwindler »Daran ist viel Wahres«, sagte der Detektiv Holub und räusperte sich bescheiden, »wir von der Polizei haben solche Extratouren und diese gewissen ausgefallenen Sachen nicht gern; aber auch neue Leute sind uns nicht recht. Ein alter, bewährter Verbrecher – mit dem ist doch ein ganz anderes Arbeiten. Vor allem weiß man sofort, daß er es war, weil man sein Fach kennt; zweitens weiß man, wo er zu finden ist, und drittens macht so einer keinerlei Scherereien und leugnet nicht einmal, weil er weiß, daß es vergeblich wäre. Ja, meine Herren, mit so einem erfahrenen Menschen zu arbeiten, das ist schon ein reines Vergnügen. Und ich kann Ihnen sagen, daß sich diese Berufsverbrecher auch im Zuchthaus ganz besonderer Beliebtheit erfreuen und ein ganz anderes Vertrauen genießen als diese Neulinge und Zufallsdelinquenten, die nur renitente Querulanten sind, denen nichts recht ist. Ein guter alter Zuchthäusler aber weiß, daß das Gefängnis eben sein Arbeitsrisiko ist, und darum macht er sich und den andern die Sache nicht unnötig schwer. Aber das gehört eigentlich nicht mehr hierher. Einmal, es sind jetzt fünf Jahre her, bekamen wir von allen Ecken und Enden des Landes Anzeigen – ein Heiratsschwindler trieb sich auf dem böhmischen flachen Land herum und stiftete viel Schaden. Ein Unbekannter – nach der Beschreibung ein etwas bejahrter Herr, dicklich, glatzköpfig, mit fünf Goldzähnen im Mund. Er legte sich die Namen Müller, Schimek, Prochaska, Schebek, Bilek, Schinderka, Hromadka, Pivoda, Berger, Bejtschek, Stotschek und noch allerlei andere zu. Verflucht – die Beschreibung paßte auf keinen unserer guten Bekannten aus der Heiratsschwindlergilde. Es mußte sich um einen neuen Mann handeln. Unser Herr Rat ließ mich also rufen und sagte: ›Holub, Sie machen doch Zugdienst; wenn Sie schon in der Eisenbahn sitzen, so passen Sie auf, ob Sie nicht einem Kerl mit fünf Goldzähnen begegnen.‹ – Na, schön. Ich fing an, den Leuten in den Zügen auf die Zähne zu gucken, und binnen vierzehn Tagen hatte ich nicht weniger als drei Herren mit je fünf Goldzähnen angehalten und aufgefordert, sich zu legitimieren. Du lieber Himmel – einer von ihnen war Schulinspektor, ein anderer war sogar Abgeordneter – fragen Sie mich nicht, was für Freundlichkeiten ich von den Herren und bei uns im Amt zu hören bekommen habe. Jetzt packte mich aber die Wut und ich setzte mir in den Kopf: den Kujon mußt du fassen. Der Fall gehörte gar nicht mir, aber ich hatte es mir vorgenommen, mich an dem Kerl zu rächen. Ich fuhr also auf eigene Faust zu allen betrogenen Witwen und Waisen, denen der Gauner mit den Goldzähnen unter Zusage der Ehe ihr Geld abgenommen hatte. Nicht zu glauben, wie gottserbärmlich diese mißhandelten Witwen und Waisen reden und flennen können! Alle waren sich darüber einig, daß er ein intelligenter und solider Herr war und daß er Goldzähne und eine wunderschöne und wohlerzogene Art hatte, vom Glück des Familienlebens zu schwärmen. Einen Daumenabdruck hatte aber keine einzige von ihm genommen. Gräßlich, wie leichtgläubig diese Weiber sind. Das elfte Opfer – ein Frauenzimmer in Kamenitz – erzählte mir unter Tränen, der Herr sei dreimal bei ihr gewesen; und immer sei er mit dem Zug um halb elf Uhr vormittags angekommen; als er beim letzten Male, mit ihrem Geld in der Tasche weggegangen war, habe er zufällig die Konskriptionsnummer ihres Häuschens gesehen und überrascht bemerkt: ›Sehen Sie, Fräulein Mitzi, es muß Gottes Wille sein, daß wir einander heiraten. Sie haben die Hausnummer 618, und um 6 Uhr 18 geht der Zug ab, mit dem ich immer zu Ihnen fahre. Ist das nicht ein Zeichen des Himmels?‹ – ›Fräulein‹, sagte ich, ›das könnte wirklich ein Zeichen des Himmels sein!‹ und sofort zog ich meinen Fahrplan heraus und suchte einen Zug, der irgendwo um 6 Uhr 18 abgeht und Anschluß an den Zug hat, der um halb elf in Kamenitz ankommt. Ich fand heraus, daß am wahrscheinlichsten die Station Bistritz-Neudorf am Ausgangspunkte dieser Reisen lag. Ein Zugsdetektiv muß sich im Fahrplan auskennen, meine Herren. Selbstverständlich fuhr ich an meinem ersten freien Tag nach Bistritz-Neudorf und erkundigte mich bei den Stationsbeamten, ob nicht dort auffallend oft ein dicker Herr mit Goldzähnen abreiste. ›Ja‹, sagte der Stationsvorsteher, ›das ist der Herr Lacina, der Reisende, der wohnt dort unten in der Gasse. Gestern abend ist er wieder von einer Reise zurückgekommen.‹ – Ich gehe also zu diesem Herrn Lacina hin und treffe auf dem Flur eine saubere kleine Frau. ›Wohnt hier ein Herr Lacina?‹ frage ich. ›Ja‹, sagt sie, ›das ist mein Mann. Aber jetzt hält er gerade sein Nachmittagsschläfchen.‹ – ›Das macht mir nichts aus‹, sage ich und gehe hinein. Auf dem Kanapee liegt ein Mann in Hemdsärmeln und ruft: ›Oje, das ist ja der Herr Holub, Mutter, gib ihm doch einen Stuhl.‹ Mein Zorn war in diesem Moment wie weggeblasen. Das war doch der alte Losbetrüger Plichta! Mindestens zehnmal ist der Mann schon gesessen. ›Grüß dich, Vinzi‹, sage ich, ›du arbeitest also nicht mehr in Losen?‹ – ›Aber wo!‹ sagte Plichta und richtete sich auf seinem Kanapee auf, ›das gibt zuviel Laufereien, Herr Holub, und ich bin kein Jüngling mehr. Zweiundfünfzig Jahre – da läßt sich der Mensch schon gerne irgendwo nieder. Von Haus zu Haus rennen, das ist nichts mehr für unsereinen.‹ ›Also deshalb hast du dich auf Heiratsschwindel verlegt, du Gauner du, was?‹ Plichta seufzte. ›Herr Holub‹, sagte er, ›mit irgend etwas muß sich der Mensch doch beschäftigen. Wissen Sie, das letzte Mal wie ich gesessen bin, sind meine Zähne kaputt gegangen. Ich glaube, das machen die vielen Linsen dort. Ich mußte mir also die Zähne reparieren lassen, nicht wahr? Und Sie würden nicht glauben, Herr Holub, was für einen Kredit einem solche Goldzähne geben! Was die für ein Vertrauen erwecken! Und außerdem beginnt der Mensch, wenn die Zähne wieder in Ordnung sind, besser zu verdauen und wird dick. Ja – unsereins muß mit dem arbeiten, was er hat.‹ ›Und wo hast du das Geld?‹ fragte ich. ›In meinem Notizbuch, da stehen elf Betrügereien, zusammen macht es netto zweihundertsechzehntausend Kronen. Wo sind sie?‹ ›Herr Holub‹, sagte Plichta, ›Sie müssen wissen: hier gehört alles meiner Frau. Geschäft ist Geschäft. Ich besitze nichts als das, was ich in der Tasche habe: das sind genau sechshundertfünfzig Kronen, eine goldene Uhr und die Goldzähne. Mutter, ich fahre mit Herrn Holub nach Prag. Herr Holub, die Zähne muß ich noch abzahlen. Dreihundert bin ich auf sie noch schuldig, die lasse ich gleich hier.‹ – ›Und hundertfünfzig Kronen bekommt der Schneider noch‹, erinnerte ihn Mutter. ›Sehr richtig‹, meinte Herr Plichta. ›Herr Holub, ich bin immer für die Genauigkeit. Es geht nichts über Ordnung, nicht wahr? Ein Mensch, der keine Schulden hat, kann einem jeden ehrlich ins Gesicht schauen. Das gehört schon zum Geschäft, nicht wahr, Herr Holub? Mutter, bürste mir den Winterrock ein bißchen aus, damit ich dir in Prag keine Schande mache. So, gehen wir, Herr Holub.‹ Damals bekam der Plichta fünf Monate. Vor den Geschworenen erklärte der überwiegende Teil der Frauenzimmer, daß sie ihm ihr Geld freiwillig gegeben und ihm längst verziehen hätten. Nur eine, eine Alte, verzieh gar nichts; gerade die war eine reiche Witwe und er hatte ihr nicht mehr als fünftausend abgenommen. Ein halbes Jahr darauf hörte ich von zwei neuen Fällen von Heiratsschwindel. Das wird gewiß wieder der Plichta sein, dachte ich; aber ich kümmerte mich weiter nicht darum. Ich hatte um diese Zeit in Pardubitz auf dem Bahnhof zu tun; ein Kofferdieb, einer von den Burschen, die auf dem Bahnsteig das herumstehende Gepäck klauen, trieb dort sein Unwesen. Und weil ich in einem Dorf, ungefähr eine Stunde von Pardubitz, meine Familie auf Sommerfrische hatte, fuhr ich hin und brachte ihnen ein Köfferchen mit Würstchen und anderen Selchwaren; Sie wissen doch, auf dem Dorf ist das eine Kostbarkeit. Wie ich so im Zug bin, gehe ich aus Gewohnheit durch alle Waggons und finde in einem Abteil den Plichta, wie er gerade einer älteren Dame von der Verdorbenheit dieser Welt erzählt. ›Vinzi‹, sage ich, ›bist du schon wieder dabei, jemandem die Ehe zu versprechen?‹ Plichta wurde rot und entschuldigte sich hastig bei der Dame, er hätte mit dem Herrn hier eine geschäftliche Unterredung ... Als er mich auf dem Gang einholte, sagte er mir tadelnd: ›Herr Holub, so was sollten Sie mir vor fremden Leuten doch nicht antun! Zwinkern Sie mir einfach zu, das genügt, ich komme dann schon. Weswegen sind Sie hinter mir her?‹ ›Wir haben da wieder zwei Fälle‹, sagte ich, ›aber heute habe ich eigentlich etwas anderes zu tun. Ich übergebe dich in Pardubitz den Gendarmen.‹ ›Herr Holub, tun Sie mir das nicht an. Ich bin schon so an Sie gewöhnt, und Sie kennen mich auch schon so gut, ich gehe lieber mit Ihnen! Aus alter Bekanntschaft, Herr Holub, ja?‹ ›Das geht nicht‹, sagte ich, ›ich will erst zu meiner Familie, die wohnt eine Stunde weit von hier. Was soll ich in der Zwischenzeit mit dir anfangen?‹ ›Ich begleite Sie, Herr Holub‹, schlug Herr Plichta vor, ›wenigstens wird Ihnen die Zeit nicht lang.‹ Na schön, ich ließ also den Plichta mit mir kommen, und als wir außerhalb der Stadt waren, sagte er: ›Geben Sie mir Ihren Koffer, Herr Holub, ich trage ihn schon! Und dann, Herr Holub – sehen Sie, ich bin kein junger Mensch mehr, und Sie duzen mich immer vor allen Leuten – wissen Sie, das macht sich nicht gut.‹ Ich stellte ihn meiner Frau und meiner Schwägerin als meinen alten Freund Herrn Plichta vor. Meine Schwägerin ist ein recht hübsches Mädel von fünfundzwanzig Jahren; Herr Plichta redete mit ihr so nett und so solide, den Kindern gab er Bonbons – und nach dem Kaffee meinte Herr Plichta, er würde sehr gerne mit dem Fräulein und den Kindern einen kleinen Spaziergang machen; mir zwinkerte er zu, als ob er sagen wollte: wir Männer, wir verstehen einander schon; und dann meinte er noch, ich hätte doch gewiß mit meiner Frau allein zu reden. So eine edle Seele war er, der Plichta. Und als sie nach einer Stunde zurückkamen, hielten die Kinder Herrn Plichta an den Händen, meine Schwägerin sah aus wie eine Rose, und beim Abschied drückte sie ihm überlange die Hand. ›Hör' mal, Plichta‹, sagte ich ihm, als wir gegangen waren, ›was ist dir denn eingefallen, daß du unserer Mitzi den Kopf verdreht hast?‹ ›Das geschieht schon so aus Gewohnheit‹, sagte er fast traurig, ›Herr Holub – ich kann nichts dafür, das machen die Zähne. Nur Unannehmlichkeiten habe ich durch diese Zähne, nicht wahr? Ich rede mit den Frauenzimmern niemals von Liebe – das würde zu meinem Alter gar nicht passen. Und sehen Sie, gerade darauf beißen sie alle an. Ich muß mir sogar manchmal sagen: die Weiber lieben mich gar nicht um meiner selbst willen, sondern nur aus Eigennutz, weil sie auf eine gesicherte Stellung aus sind, und nach der sehe ich eben aus.‹ In Pardubitz, auf dem Bahnhof, sagte ich ihm: ›Plichta, jetzt muß ich dich doch den Gendarmen übergeben; ich habe hier noch in einer Diebstahlssache zu arbeiten.‹ ›Herr Holub‹, bat der Plichta, ›setzen Sie mich doch inzwischen in die Bahnhofsrestauration. Ich bestelle einen Tee und lese die Zeitungen. – Da haben Sie mein Geld; es sind etwas mehr als vierzehntausend; ohne Geld werde ich Ihnen nicht davonlaufen. Ich habe ja nicht einmal genug, um die Zeche zu bezahlen.‹ Ich setzte ihn also in Gottes Namen in die Bahnhofsrestauration und ging meiner Wege. Nach einer Stunde schaute ich durchs Fenster. Plichta saß auf seinem Platz. Er hatte einen goldenen Zwicker auf der Nase und las Zeitungen. Eine halbe Stunde später war ich fertig und ging zu ihm. Jetzt saß er bereits am Nebentisch neben einer auffallend üppigen Blondine und tadelte voll Würde den Kellner, weil er ihr einen Kaffee mit Haut gebracht hatte. Als er mich erblickte, nahm er Abschied von der Dame und kam auf mich zu. ›Herr Holub‹, sagte er, ›könnten Sie mich nicht erst in einer Woche abholen? Ich hätte gerade jetzt Arbeit.‹ ›Sehr reich?‹ fragte ich. Plichta winkte nur mit der Hand. ›Die hat eine Fabrik, Herr Holub, und sie braucht notwendig einen erfahrenen Menschen, der sie in allem beraten kann. Jetzt hat sie gerade einige Maschinen zu übernehmen und zu bezahlen‹, flüsterte er. ›Aha‹, sagte ich, ›na komm' mit, ich stelle dich ihr vor.‹ Wir näherten uns der blonden Dame. ›Servus Loisi‹, sagte ich ihr, ›noch immer auf die gewissen älteren Herren los, was?‹ Die Blondine errötete bis an die Schulterblätter. ›Jesus Maria, Herr Holub, ich habe nicht gewußt, daß der Herr da ein Freund von Ihnen ist.‹ ›Dann schau, daß du weiterkommst!‹ riet ich ihr. ›Der Herr Rat Dunder hätte eine Menge mit dir zu besprechen. Du weißt es ja: er nennt diese Sachen Betrug!‹ Plichta war ehrlich bestürzt. ›Herr Holub‹, sagte er, ›darauf wär' ich gar nicht gekommen, daß die Dame auch eine Gaunerin ist!‹ ›Und was für eine‹, erklärte ich ihm, ›und außerdem ist sie ein ganz gemeines Frauenzimmer. Stell dir nur vor – sie lockt älteren Herren Geld heraus – unter dem Vorwand, sie zu heiraten!‹ Direkt blaß wurde der brave Plichta. ›Pfui Teufel!‹ spuckte er aus, ›da soll ein Mensch noch an die Weiber glauben! Da hört sich aber alles auf, Herr Holub, nicht wahr?‹ ›Also warte jetzt hier‹, sagte ich, ›ich kaufe dir die Fahrkarte nach Prag. Zweiter oder dritter Klasse?‹ ›Sparen Sie, Herr Holub‹, sagte er, ›ich bin Arrestant und habe Anspruch auf freie Fahrt, das ist doch richtig? Nehmen Sie mich nur auf ärarische Kosten mit. Unsereiner muß auf jeden Heller schauen.‹ Auf dem ganzen Weg nach Prag hörte Plichta nicht auf, das Frauenzimmer zu beschimpfen. Nie habe ich eine ehrlichere moralische Entrüstung gesehen. Als wir in Prag ausstiegen, sagte Herr Plichta: ›Herr Holub, ich weiß, diesmal werden es sieben Monate – und ich vertrage die Kost dort so schlecht. Ich möchte mich gerne noch einmal ordentlich anessen, verstehen Sie das? Die vierzehntausend, die Sie mir abgenommen haben, sind alles, was mir der letzte Fall eingebracht hat – wenigstens ein Abendessen möchte ich davon haben. Und außerdem möchte ich mich bei Ihnen für den Kaffee revanchieren.‹ Wir gingen miteinander in ein gutes Gasthaus. Plichta ließ sich einen Rostbraten geben und trank fünf Krügel Bier. Ich bezahlte aus seiner Brieftasche, nachdem er vorher dreimal die Rechnung geprüft hatte, damit der Kellner uns nicht beschwindle. ›So‹, sagte ich, ›und jetzt zur Direktion!‹ ›Einen Augenblick noch‹, hielt Plichta mich zurück, ›ich hatte bei diesem letzten Fall sehr große Spesen. Da waren einmal vier Fahrten hin und zurück zu achtundvierzig Kronen, macht dreihundertvierundachtzig.‹ Er setzte seinen Zwicker auf und schrieb die Zahlen auf ein Stück Papier. ›Dann Diäten – sagen wir: dreißig Kronen per Tag, ich muß anständig leben, Herr Holub, das gehört zum Geschäft. Das macht also weitere hundertzwanzig Kronen. Ferner habe ich dem Fräulein einen Blumenstrauß für fünfunddreißig Kronen verehrt, das erfordert die Höflichkeit, das werden Sie verstehen. Der Verlobungsring machte zweihundertvierzig Kronen aus – er war nur vergoldet, Herr Holub. Wenn ich kein so ehrlicher Kerl wäre, so würde ich sagen, er sei aus Gold gewesen, und dann könnte ich gute sechshundert aufschreiben, nicht wahr? Dann kommt noch eine Torte für dreißig Kronen. Dazu kommen noch fünf Briefe zu einer Krone. Und schließlich hat das Inserat, durch das ich sie kennengelernt habe, achtzehn Kronen gekostet. Das sind also ... alles in allem achthundertzweiunddreißig Kronen, Herr Holub. Ich bitte Sie, ziehen Sie den Betrag ab, nehmen Sie ihn beiseite, ich lasse ihn einstweilen bei Ihnen. Ich bin für Ordnung, Herr Holub. Wenigstens meine Regie muß ich gedeckt haben. So, jetzt können wir gehen.‹ Wir waren schon auf dem Gang der Polizeidirektion, da fiel dem Herrn Plichta noch ein: ›Herr Holub, ich habe ja dem Fräulein auch noch ein Fläschchen Parfüm um zwanzig Kronen gekauft; da habe ich also um weitere zwanzig Kronen mehr bei Ihnen gut.‹ Dann schneuzte er sich sorgfältig und ließ sich ruhigen Gewissens abführen.« Die Ballade vom Juraj Cup »So was kommt wirklich vor, meine Herren«, sagte nun der Gendarmeriekapitän Havelka, »manchmal zeigt sich bei Verbrechern so eine Art ganz besonderer Gewissenhaftigkeit – Ordnungssinn möchte ich es nennen. Ich könnte Ihnen allerlei darüber erzählen, aber der merkwürdigste Fall ist sicherlich der mit dem Juraj Cup. Ich habe ihn miterlebt, damals, als ich in Jasina in Karpathorußland bei der Gendarmerie war. Es war in einer Januarnacht, wir saßen beim Juden und soffen. Da waren: der Bezirkshauptmann, ein Eisenbahninspektor, andere hervorragende Honoratioren und, wie es sich dort von selbst versteht – Zigeuner. Diese Zigeuner – Herrgott, ich weiß nicht, was für ein sonderbares Pack die sind. Ich glaube, Hamiten sind sie. Wenn die einem so ins Ohr fiedeln, immer näher kommen, immer leiser werden, diese Rattenfänger, diese verfluchten, wenn sie einem ... ich möchte sagen, so ins Ohr zaubern, so ... so ... so ziehen sie einem einfach die Seele aus dem Leib. Ich sage Ihnen, diese Zigeunermusik – ein furchtbares und geheimes Laster ist sie. Und wenn sie sich also derart an mir festsaugten, da heulte ich auf, brüllte wie ein Hirsch, stieß das Bajonett durch die Tischplatte, zerschlug Gläser, sang und schlug den Kopf gegen die Wand; ich hätte irgend jemanden umbringen können oder lieben – ja, solche Dinge gehen in einem vor, meine Herren, den die Zigeuner behext haben. Und als wir gerade mitten drin waren, kam der Schankjude und sagte, daß draußen vor dem Wirtshaus irgendein Ruthene stehe und auf mich warte. ›So soll er weiter warten oder morgen kommen!‹ schrie ich, ›ich weine hier um meine jungen Tage und begrabe meine Träume, ich liebe eine Frau, eine schöne große Frau – spiel auf, Diebszigeuner, spiel mir den Schmerz aus der Seele!‹ – Solche Reden führte ich. Das gehört schon so dazu, das mit dem Schmerz und daß man nicht aufhören kann zu saufen. Nach etwa einer Stunde kam der Wirt wieder; der Ruthene stehe draußen in der Kälte und warte noch immer auf mich. Ich aber hatte meine jungen Tage noch lange nicht genügend beweint und mein Leid war noch nicht im Tokaier ertränkt. Ich winkte also bloß mit der Hand wie der Dschingis-Chan, mir sei alles einerlei, spielt nur, Zigeuner, spielt! Was in dieser Nacht weiter geschah, kann ich nicht mehr sagen. Aber gegen Morgen, als ich aus der Schenke trat, war der Frost so scharf, daß der Schnee unter den Schritten wie Glas klirrte – und vor der Spelunke stand in weißen Opanken, weißen Hosen und weißem Schafpelz der Ruthene. Als er mich sah, verneigte er sich tief und ein Röcheln kam aus seinem Mund. ›Was willst du, Bacsi‹, redete ich ihn an, ›wenn du mich aufhältst, kriegst du ein paar übers Maul!‹ ›Großmächtiger Herr‹, sagte der Ruthene, ›mich schickt der Vorsteher aus Volova Lehota her. Man hat die Marina Matejova ermordet.‹ Ich wurde ein wenig nüchtern. Volova Lehota war ein Dorf oder eher ein Weiler von dreizehn Hütten, vielleicht dreißig Kilometer weit oben in den Bergen. Mit einem Wort, in dieser Kälte eine schöne Bescherung. ›Um Gottes willen‹, schrie ich, ›wer hat sie umgebracht?‹ ›Ich habe getötet, großmächtiger Herr –‹, sagte der Ruthene demütig. ›Juraj Cup nennt man mich, Dimitri Cup's Sohn.‹ ›Und du bist gekommen, um dich selbst anzuzeigen?‹ fuhr ich ihn an. ›Der Vorsteher hat es befohlen –‹, sprach Juraj Cup ergeben. ›»Juraj«, befahl er, »geh hin und melde dem Gendarm, daß du Marina Matejova erschlagen hast!«‹ ›Und warum hast du sie erschlagen?‹ brüllte ich. ›Gott hat es befohlen‹, sagte Juraj, als ob es sich um eine selbstverständliche Sache handelte. ›»Töte Marina Matejova«, befahl der Herr, »deine leibliche Schwester, die vom bösen Geist besessen ist!«‹ ›Aber wie zum Teufel bist du aus Volova Lehota hierher gekommen?‹ ›Mit Gottes Hilfe‹, antwortete fromm der Juraj Cup. ›Der Herr hat mich beschützt, damit ich nicht im Schnee umkomme. Sein Name sei gelobt!‹ Wenn Sie wüßten, meine Herren, was so ein Schneesturm in den Karpathen bedeutet; wenn Sie wüßten, was das heißt, wenn dort der Schnee zwei Meter hoch liegt. Wenn Sie dieses kleine schwache Geschöpf Gottes Juraj Cup gesehen hätten, diesen Mann, der sechs Stunden in dem furchtbaren Frost vor der Schenke wartete, um sich selbst anzuzeigen und um mir zu bekennen, daß er die unwürdige Dienerin Gottes Marina Matejova umgebracht hat – ich weiß nicht, wie Sie sich verhalten hätten. Ich – ich habe mich bekreuzigt, und auch der Juraj Cup schlug ein Kreuz; dann habe ich ihn verhaftet. Ich wusch mir das Gesicht mit Schnee, legte Schneeschuhe an und mit einem zweiten Gendarmen, Kroupa hieß er, machte ich mich auf den Weg hinauf nach Volova Lehota. Und wenn der Gendarmeriegeneral selbst mir entgegengetreten wäre und mir gesagt hätte: ›Havelka, du Rindvieh, nirgends gehst du hin, bei so einem Schnee kostet der Weg das Leben!‹ – so hätte ich salutiert und hätte gesagt: ›Melde gehorsamst, Herr General, Gott hat es befohlen‹, und wäre doch gegangen. Und der Kroupa wäre auch gegangen, und zwar weil er aus Žižkov war; ich habe noch nie einen Žižkover gesehen, der nicht dabei gewesen wäre, wenn es sich darum handelte zu zeigen, was einer kann, an einem Bravourstück oder sonst an einem Unsinn. Also fuhren wir los. Ich habe nicht die Absicht, Ihnen den Weg zu schildern. Nur soviel will ich Ihnen sagen, daß der Kroupa zuletzt vor Angst und vor Müdigkeit schluchzte wie ein kleines Kind. An die zwanzig Mal sagten wir uns: Jetzt ist es zu Ende. Jetzt bleiben wir auf der Stelle. Elf Stunden brauchten wir, um die dreißig Kilometer hinter uns zu bringen; von einer Nacht bis zur anderen. Das sage ich nur, damit Sie einen Begriff bekommen, wie es war. Gendarmen haben Roßnaturen, meine Herren. Wenn so einer schon in den Schnee fällt und heult, daß er nicht weiter könne, dann muß es schon so arg sein, daß es sich einfach nicht schildern läßt. Ich ging wie im Traum und sagte mir nur immer wieder: Der Juraj Cup ist diesen Weg gegangen, dieses Menschlein, und er hat dann noch sechs Stunden in der Kälte gewartet, weil es ihm der Vorsteher so befohlen hatte, Juraj Cup in den nassen Opanken, Juraj Cup im Schneesturm, Juraj Cup mit Gottes Hilfe. Nicht wahr, wenn Sie sähen, daß ein Stein aufwärts fällt statt abwärts, so würden Sie das ein Wunder nennen? Aber von diesem Weg des Juraj Cup, der kam, um sich selbst anzuzeigen, spricht niemand als von einem Wunder, und dennoch war es ein größeres Zeichen und eine gewaltigere Kraft war darin als in dem aufwärtsfallenden Stein. Warten Sie, so sag' ich es vielleicht am besten: Wenn einer Wunder sehen will, dann muß er, meine ich, die Menschen ansehen und nicht die Steine. Als wir schließlich in Volova Lehota ankamen, wankten wir wie Schatten, wir waren wahrhaftig mehr tot als lebendig. Wir pochten an die Tür des Ortsvorstehers – alles schlief. Endlich kam der Vorsteher mit seinem Gewehr heraus, so ein bärtiger Riese, und als er uns sah, kniete er nieder und band uns die Skier los, aber er sprach kein Wort. Wenn ich mich all dessen erinnere, so ist mir, als erblickte ich irgendwelche seltsame Bilder feierlich vereinfacht: wie uns der Vorsteher wortlos in eine der Hütten führte; in der Stube brannten zwei Kerzen; vor der Ikone kniete eine schwarze Frau, auf dem Bett lag im weißen Hemd die Leiche der Marina Matejova, den Hals bis zur Wirbelsäule durchschnitten. Es war eine furchtbare Wunde, aber dabei so sonderbar sauber, wie wenn der Fleischer ein Schwein teilt. Das Gesicht war ganz unirdisch weiß, so weiß wie nur Menschen, die bis zum allerletzten Tropfen ausgeblutet sind. Ohne ein Wort zu sprechen, führte uns der Vorsteher wieder zurück. In seiner Stube hatten sich indessen elf Männer in ihren Schafspelzen eingefunden. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie diese Pelze stinken: es ist ein beklemmender und irgendwie alttestamentarischer Geruch. Der Vorsteher hieß uns am Tische Platz nehmen, spuckte aus, verneigte sich und sprach: ›Im Namen Gottes klagen wir euch den Tod der Dienerin des Herrn Marina Matejova. Der Herr sei ihr gnädig!‹ ›Amen!‹ sagten elf Bauern und bekreuzten sich. Der Vorsteher begann nun: Es war vor zwei Tagen, da habe er in der Nacht ein Kratzen gehört, als ob draußen vor der Tür jemand scharrte. Er habe es für einen Fuchs gehalten, sein Gewehr genommen und geöffnet. Auf der Schwelle lag ein Weib. Er hob sie auf, ihr Kopf fiel nach hinten. Es war Marina Matejova und ihre Kehle war durchschnitten; auch die Luftröhre, mithin war sie stumm. Der Vorsteher habe Marina in die Stube getragen und sie aufs Bett gelegt. Dann habe er den Hirten befohlen Alarm zu blasen und alle Bauern aus Volova Lehota zu ihm zu rufen. Als sie beisammen waren, wandte er sich an Marina und sprach: ›Marina Matejova, bevor du stirbst, lege Zeugnis ab, wer dich gemordet hat! Marina Matejova, habe ich dich getötet?‹ Marina konnte nicht den Kopf schütteln, so schloß sie nur die Augen. ›Marina, war es der hier, dein Nachbar Vlaho, Vasils Sohn?‹ Marina schloß wieder die anklagenden Augen. ›Marina Matejova, war es dieser Bauer hier, war es Kohut, den man Vanka heißt? War es jener hier, der Martin Dudasch, dein Nachbar? – Marina, war es der da, Baran, Sandor genannt? – Marina, war es, der hier steht, Andrej Vorobec? – Marina Matejova, war es der Klimko ohne Ohr, der hier vor dir steht? – Marina, war es dieser dort, Stephan Bobot? – Marina, war Tatka dein Mörder, der Bergbauer, der Sohn Mihal Tatkas? Marina –‹ In diesem Augenblick tat die Tür sich auf, und herein trat Marina Matejovas Bruder, Juraj Cup. Marina erzitterte und riß die Augen auf. ›Marina‹, fuhr der Vorsteher fort, ›wer hat dich getötet? War es der hier, Fodor, genannt Terentik?‹ Marina aber antwortete nicht mehr. ›Betet!‹ sagte Juraj Cup, und alle Bauern fielen auf die Knie. Schließlich erhob sich der Vorsteher zuerst und sagte: ›Laßt die Frauen herein!‹ ›Noch nicht!‹ sprach da der alte Dudasch. ›Marina Matejova, verstorbene Dienerin des Herrn, gib in Gottes Namen ein Zeichen: Hat Duro, der Hirt dich umgebracht?‹ Es war still. ›Marina Matejova, so hat Toth Ivan, Ivan's Sohn dich getötet?‹ Nicht einmal ein Atmen ging durch den Raum. ›Marina Matejova, in Gottes Namen, so hat also dein leiblicher Bruder Juraj Cup dich gemordet.‹ +++ ›Ich habe es getan‹, sprach Juraj Cup. ›Der Herr hat es befohlen. »Töte Marina«, sprach der Herr, »die vom bösen Geiste besessen ist!«‹ ›Drückt ihr die Augen zu!‹ ordnete der Vorsteher an. ›Juraj, du gehst jetzt nach Jasina und stellst dich den Gendarmen. »Ich habe«, wirst du sagen, »Marina Matejova ermordet.« Ehe du es gesagt hast, wirst du dich nicht niedersetzen und wirst keinen Bissen zu dir nehmen. Geh, Juraj!‹ Dann habe er die Tür geöffnet und die Weiber eingelassen, damit sie an der Leiche wehklagten. Ich weiß nicht, ob es der Geruch der Schafspelze war oder die Müdigkeit oder die wunderliche Schönheit und Würde, die in all dem lag, was ich gesehen und gehört hatte; jedenfalls trieb es mich hinaus in die Kälte, weil mein Kopf sich zu drehen schien. Ich schwöre Ihnen, meine Herren, in mir stieg etwas hoch, als ob ich aufstehen und sagen müßte: Kinder Gottes! Kinder Gottes! Wir – wir werden den Juraj Cup nach menschlichem Gesetz richten; in euch aber ist Gottes Gesetz! – Mir war, als müßte ich mich tief vor diesen Leuten verneigen – aber ein Gendarm tut so etwas nicht, und darum ging ich hinaus und fluchte so lange vor mich hin, bis ich meine Gendarmenseele wieder gefunden hatte. Es ist ein rauhes Handwerk, das Handwerk der Gendarmen. Am Morgen stöberte ich in Juraj Cup's Hütte einige Dollarnoten auf, die die verstorbene Marina von ihrem Manne aus Amerika bekommen hatte. Selbstverständlich mußte ich das melden, und die Juristen machten aus dem Falle einen Raubmord. Juraj Cup wurde zum Tod durch den Strang verurteilt. Mir aber wird kein Mensch einreden können, daß er den Weg von Volova Lehota nach Jasina durch menschliche Kraft zurückgelegt hat. Ich weiß sehr gut, was Menschenkraft ist. Ich glaube, ich weiß auch ein wenig, was Gottes Gericht – und was das Gewissen ist.« Schwindel »Heutzutage«, sagte Herr Lacina, »nennt man das nicht mehr Gewissen, jetzt nennen sie es verdrängte Vorstellungen, aber glauben Sie mir, es ist gehupft wie gesprungen. Ich weiß nicht, ob jemand von Ihnen den Fall des Fabrikanten Gierke kennt, der war ein reicher und vornehmer Mann, groß und stark wie eine Säule. Man erzählte, er sei Witwer. Aber sonst wußte man eigentlich nichts über ihn, und das lag daran, daß er ein verschlossener Charakter war. Er hatte es schon weit über die Vierzig gebracht, da verliebte er sich in irgendeine hübsche, kleine Puppe, siebzehn Jahre war sie alt und atemraubend schön, wie man so sagt. Wirkliche Schönheit kann einem tatsächlich das Herz zusammenpressen; ich weiß nicht, ob es Leid ist oder Zärtlichkeit. Dieses Mädchen also heiratete den Gierke, denn schließlich war er ja der große und reiche Herr Gierke. Die Hochzeitsreise machten sie nach Italien, und dort geschah Folgendes: sie standen in Venedig, oben auf dem berühmten Campanile, und als Herr Gierke von dort hinabsah – es soll ja ein wundervoller Ausblick sein – erblaßte er, drehte sich zu seiner Frau hin und fiel um wie vom Blitz getroffen. Seit diesem Vorfall nahm seine Verschlossenheit noch zu. Nur mit großer Selbstüberwindung brachte er es fertig, daß man von ihm nicht den Eindruck eines Kranken bekam. Aber seine Augen wirkten unruhig und verzweifelt. Sie können sich denken, daß die junge Frau sich Sorgen machte und ihn möglichst schnell nach Hause brachte. Sie hatten ein schönes Haus am Stadtpark, und dort begann Gierkes absonderliches Benehmen. Immerzu ging er von einem Fenster zum anderen, um sich zu überzeugen, daß es auch gut verschlossen sei, und kaum saß er, so sprang er gleich wieder auf und rannte zu irgendeinem Fenster, das offen geblieben war, um es zuzumachen. Sogar in der Nacht stand er auf und geisterte im ganzen Haus umher. – Fragte man ihn nach der Ursache, so murmelte er nur, es sei dieser verdammte Schwindel und er wolle nur das Fenster schließen, aus Angst, er könnte hinausfallen. Die junge Frau ließ alle Fenster vergittern, um ihn von seiner Angst zu befreien. Für ein paar Tage war ihm damit geholfen. Gierke beruhigte sich ein wenig, aber bald lief er wieder von einem Fenster zum anderen und rüttelte an den Gittern, um sich zu überzeugen, daß sie auch fest seien. Dann ließ er Fensterläden aus Stahl machen, und hinter diesen Fensterplatten lebte er wie eingemauert. Kurze Zeit tat auch dies seine Wirkung. Aber dann stellten sich die Schwindelanfälle wieder ein, wenn er Treppen steigen sollte. Man mußte ihn über die Treppen führen und ihn stützen wie einen Krüppel, dennoch zitterte er wie Espenlaub und Schweiß trat aus seinen Poren. Ja, mitunter mußte er mitten auf der Treppe haltmachen; dann setzte er sich hin und schluchzte krampfhaft – so arg waren seine Angstgefühle. Sie können sich denken, daß man alle möglichen Ärzte rief, und es war so, wie wir es kennen: ein Bader sagte, die Schwindelanfälle kämen von Überarbeitung, ein Zweiter, es sei eine Erkrankung des Labyrinths, der Dritte, es komme von einer Verstopfung, der Vierte konstatierte Blutleere im Gehirn. Ich für mein Teil habe die Beobachtung gemacht, daß sich in jedem Menschen, der auf einem Gebiete Fachmann wird, durch irgendeinen inneren Prozeß ein starrer Standpunkt herausbildet. So ein Spezialist pflegt dann zu sagen: ›Herr Kollega, von meinem Standpunkt aus verhält sich die Sache so und so.‹ Ein Zweiter wieder wird einwenden: ›Jawohl, Herr Kollega, aber von meinem Standpunkt aus liegen die Dinge diametral entgegengesetzt.‹ Ich meine, man sollte Standpunkte so wie Hüte und Stöcke im Vorzimmer ablegen. Läßt man so einen Menschen mit seinem Standpunkt irgendwo eintreten, so richtet er dort mit Sicherheit Schaden an; zumindest aber gibt es Streit mit den anderen. Um aber bei Gierke zu bleiben – Herrn Gierke quälte und kurierte also jeden Monat ein anderer berühmter Fachmann, und ein jeder nach anderen großartigen Methoden. Der Gierke war zufällig ein Kerl wie ein Berg, er hielt es aus. Aber er konnte jetzt nicht einmal mehr seinen Lehnstuhl verlassen. Sobald er nur auf den Fußboden sah, überkam ihn das Schwindelgefühl, er stierte nur ins Dunkel, stumm und ohne sich zu bewegen. Mitunter ging ein Zucken durch seinen Körper: Das geschah, wenn er weinte. Damals gab es einen neuen Doktor, einen Neurologen, von dem es hieß, er könne Wunder wirken. Dozent Spitz war sein Name. Dieser Doktor Spitz etablierte sich ausdrücklich zur Heilung verdrängter Vorstellungen. Seine These lautete: beinahe jeder Mensch habe in seinem Unterbewußtsein allerlei gräßliche Vorstellungen, Erinnerungen, Begierden, die er unterdrückte, weil er Angst vor ihnen habe. Und diese verdrängten Vorstellungen seien es, die Unrast, Unordnung und diese gewissen Nervenstörungen verursachten. Bekomme aber ein geschickter Arzt derartige verdrängte Vorstellungen auf irgendeine Weise zu fassen und vermöge er sie ans Tageslicht zu ziehen, so bringe dies dem Patienten Erleichterung, und alles könne wieder in Ordnung kommen. So ein psychoanalytischer Feldscher muß allerdings das unbedingte Vertrauen des betreffenden Patienten erwerben, um aus ihm alles Erdenkliche herausziehen zu können; was ihm in der Nacht träumt, an welche Ereignisse aus der Kindheit er sich erinnert und dergleichen Dinge mehr. Und zum Schluß sagt er: ›So, mein Lieber, vor Jahren haben Sie diese oder jene Erfahrung gemacht – gewöhnlich ist es eine, deren man sich schämen muß – und das drückt Sie in Ihrem Unterbewußtsein – wir nennen das ein psychisches Trauma. Und jetzt ist es weg, eins, zwei, drei, Hokuspokus, eins, zwei, drei, Sie sind geheilt!‹ Das ist die ganze Hexerei. Glauben Sie mir, er war wirklich ein Zauberer, dieser Doktor Spitz. Sie haben keine Ahnung, wie viele reiche Leute mit verdrängten Vorstellungen herumlaufen. Bei armen Leuten kommt das in der Regel seltener vor. Kurz und gut: dieser Spitz hatte eine fabelhafte Praxis. Als nun bei Gierke alle erdenklichen ärztlichen Kapazitäten einander abgelöst hatten, rief man den Dozenten Spitz und Dozent Spitz erklärte, diese Schwindelanfälle kämen nur von den Nerven, und er, Hugo Spitz, stehe dafür ein, daß er den Patienten von ihnen befreien könne. Na; schön. Nun, aus Gierke war nicht viel herauszubekommen. Spitz mochte ihn fragen, was er wollte, Gierke antwortete kaum. Schließlich tat er überhaupt nicht mehr den Mund auf und zu guter Letzt warf er Dozent Spitz hinaus. Doktor Spitz war verzweifelt. Ein so hervorragender Patient, das ist doch eine Prestigeangelegenheit. Und dann war es ja wirklich ein ganz besonders schöner und schwerer Fall eines Nervenleidens. Dazu kam noch, daß Frau Irma Gierke sehr hübsch und tief unglücklich war. So verbiß sich denn Dozent Spitz in diesen Fall. ›Wenn ich die verdrängte Vorstellung bei Gierke nicht finde‹, brummte er, ›hänge ich die ganze Medizin an den Nagel und gehe zu Löbl Seide verkaufen.‹ Er ging der Sache mit einer neuen analytischen Methode zu Leibe. Er begann damit, daß er feststellte, wo in der Welt Tanten, Basen, Schwäger und sonstige ältere Verwandte aller Grade des Patienten lebten. Dann versuchte er das Vertrauen jedes einzelnen zu erwerben – Ärzte dieser Schule müssen vor allem geduldig zuhören können. Die Verwandten waren begeistert von diesem Doktor Spitz, von seiner Aufmerksamkeit und seiner Liebenswürdigkeit. Aber Doktor Spitz bekam, je länger die Unterhaltungen dauerten, einen immer ernsteren Gesichtsausdruck, und schließlich wandte er sich an ein vertrauenswürdiges Büro, das zwei verläßliche Leute irgendwohin auf Reisen schickte. Als die beiden zurückgekehrt waren, bezahlte sie Doktor Spitz für ihre Mühe und ging geradeswegs zu Gierke. Gierke saß im Halbdunkel in seinem Lehnstuhl, kaum der geringsten Bewegung fähig. ›Ich werde Sie nicht belästigen‹, sagte Doktor Spitz, ›Sie müssen mir kein Wort antworten. Ich werde Sie nach gar nichts fragen. Für mich handelt es sich nur darum, die Ursache Ihrer Schwindelanfälle bloßzulegen. Sie haben diese Ursache in Ihr Unterbewußtsein gedrängt. Und diese verdrängte Vorstellung ist so stark, daß Sie die schweren Störungen hervorruft ...‹ ›Ich habe Sie nicht gerufen, Doktor‹, unterbrach ihn Gierke und streckte die Hand nach der Klingel aus. ›Ich weiß es‹, sagte Doktor Spitz, ›aber gedulden Sie sich einen Augenblick! Als der Schwindelanfall zum ersten Male bei Ihnen auftrat, damals auf dem Campanile in Venedig, erinnern Sie sich, Herr, erinnern Sie sich doch – was haben Sie dabei gefühlt?‹ Gierke saß starr da, den Finger auf der Klingel. ›Damals haben Sie‹, fuhr Doktor Spitz fort, ›damals haben Sie ein furchtbares, wahnsinniges Verlangen verspürt, Ihre schöne junge Frau von dem Glockenturm hinabzustoßen. Aber Sie liebten sie maßlos, und so entstand in Ihnen ein Konflikt, der sich in eine starke psychische Erschütterung fortpflanzte. Sie stürzten in einem Schwindelanfall zusammen.‹ Es war still im Zimmer. Nur die nach der Klingel ausgestreckte Hand sank plötzlich herab. ›Von diesem Augenblick an setzte sich in Ihnen dieses Schwindelgefühl fest, das Grauen vor dem Abgrund. Von diesem Augenblick an verschlossen Sie die Fenster und konnten nicht mehr abwärts blicken, weil Sie die Vorstellung nicht los werden konnten, Sie würden vielleicht Frau Irma hinabstürzen.‹ Gierke stöhnte in seinem Lehnstuhl zum Erbarmen. ›Die Frage ist aber jetzt‹, fuhr Doktor Spitz fort, ›wo der Ursprungsort dieser Zwangsvorstellung liegt. Herr Gierke, vor achtzehn Jahren waren Sie verheiratet. Herr Gierke, Ihre erste Frau kam auf einer Tour in den Alpen ums Leben. Sie stürzte bei einer Besteigung der Hohen Wand ab, und Sie waren der Erbe.‹ Nichts war hörbar als der fliegende und röchelnde Atem Gierkes. ›Gierke‹, rief Doktor Spitz, ›Sie haben Ihre erste Frau ermordet. Sie haben sie in den Abgrund gestürzt und deshalb, verstehen Sie, deshalb werden Sie den Gedanken nicht los, Sie müßten auch Ihre zweite Frau töten: die Frau, die Sie lieben. Deshalb haben Sie Angst vor der Tiefe; deshalb leiden Sie an Schwindel ...‹ Der Mann im Lehnstuhl brüllte auf: ›Doktor, Doktor, was soll ich tun? Was soll ich nur tun?‹ Erschüttert und furchtbar traurig saß Doktor Spitz vor ihm. ›Herr‹, sagte er, ›wäre ich gläubig, so würde ich Ihnen raten: Nehmen Sie Ihre Strafe auf sich, dann wird Gott Ihnen vergeben. Aber mit uns Ärzten ist es schon so, daß unser Glaube nicht sehr weit geht. Sie müssen mit sich selbst ausmachen, was Sie jetzt zu tun haben. Aber vom ärztlichen Standpunkt aus darf ich Sie wohl für geheilt halten. Stehen Sie auf, Herr Gierke.‹ Gierke erhob sich, bleich wie die Wand. ›Nun‹, fragte Doktor Spitz, ›dreht sich Ihnen der Kopf?‹ Gierke verneinte. ›Sehen Sie‹, Dozent Spitz atmete auf, ›jetzt verschwinden auch alle anderen Erscheinungen. Ihr Schwindel rührte nur von den verdrängten Vorstellungen her. Die sind jetzt gelöst, und alles wird gut werden. Versuchen Sie zum Fenster hinauszuschauen. Na, prächtig! Als ob alles Krankhafte von Ihnen abgefallen wäre, wie? Keine Spur von Schwindel, nicht wahr? Herr Gierke, Sie sind der schönste Fall, der mir jemals untergekommen ist!‹ Doktor Spitz klatschte geradezu in die Hände vor Begeisterung: ›Vollkommen geheilt! Darf ich Frau Irma rufen? Nein? Aha, Sie wollen sie selbst überraschen – Herrgott, wird die eine Freude haben, wenn sie Sie wieder gehen sieht! Da haben Sie ein Beispiel, Herr Gierke, was für Wunder die Wissenschaft vollbringen kann!‹ Hätte er nicht gesehen, daß Gierke Ruhe benötigte, er hätte vor Freude über seinen Erfolg noch zwei Stunden lang weitergeredet. So aber verschrieb er ihm Brom und empfahl sich. ›Ich begleite Sie, Herr Doktor‹, sagte Gierke höflich und führte den Arzt bis zum Treppenabsatz, ›wirklich merkwürdig, keine Spur von Schwindel, keine Spur ...‹ ›Hurra‹, rief der Dozent begeistert, ›Sie fühlen sich also gesund?‹ ›Vollkommen gesund‹, sagte Gierke leise und sah dem Doktor nach. Und als der Dozent das Haustor zugeschlagen hatte, hörte man einen schweren Sturz. Nach einer Weile fand man am Fuß der Treppe Gierkes Körper. Er war tot, die Ursache waren einige Bruchverletzungen, die er sich zugezogen hatte, als er im Fallen auf das Treppengeländer aufgeschlagen war. Als man es dem Doktor Spitz meldete, stieß er einen Pfiff aus und blickte ein wenig sonderbar vor sich hin. Dann griff er nach dem Buch, in dem seine Patienten verzeichnet standen, und schrieb zu Gierkes Namen nur das Datum und ein einziges Wort: Suicidium. Wissen Sie, Herr Fuchs, Suicidium heißt nämlich Selbstmord.« Die Ohrenbeichte »Unterdrückte Vorstellungen«, meinte Pater Voves, der Pfarrer von Sankt Matthäus, »unterdrückte Vorstellungen zu kurieren, das gehört zu den ältesten Errungenschaften der Menschheit; nur nennt unsere heilige Kirche diese Medizin: sacramentum sanctae confessionis. Wenn dich was in der Seele drückt, wenn du dich einer Sache schämst, dann geh zur heiligen Beichte, Kujon, und lade den Unrat ab, den du in der Seele trägst! Nur sagen wir dazu nicht ›Heilung von Nervendefekten‹, sondern wir nennen es Reue, Buße, Vergebung der Sünden. Da fällt mir eine Geschichte ein, die sich schon vor ein paar Jahren abgespielt hat. Es war ein grausam heißer Sommertag, und ich ging in mein Kirchlein – wissen Sie, ich denke immer, diese Evangelischen konnten nur im Norden groß werden, dort, wo dem Menschen nicht einmal im Sommer heiß ist. Bei uns, in unseren katholischen Kirchen, ist den ganzen Tag irgend etwas los – Messe, Beten, Vesper oder wenigstens die Bilder und die Figuren. Wann man es wünscht, hat man einen Grund auf einen Sprung hineinzugehen, sich abzukühlen, seinen Gedanken nachzuhängen – am wichtigsten ist das natürlich, wenn draußen die Luft wie in einem Backofen ist. Darum gibt es Ketzer nur in den kalten und unwirtlichen Gegenden und Katholiken in den wärmeren Ländern; das macht der Schatten und die Kühle in den Gotteshäusern. Damals also war ein so schrecklich heißer Tag, und als ich in die Kirche trat, schlug einem die kühle Luft gleich so schön und versöhnlich entgegen; der Kirchendiener näherte sich mir und teilte mir mit, daß ein Mensch schon über eine Stunde hier warte – ein Mensch, der zu beichten wünsche. Mein Gott, so was kommt oft genug vor. Ich ging also in die Sakristei, nahm die Stola und setzte mich in den Beichtstuhl. Der Kirchendiener brachte den Büßer hin. Es war ein nicht mehr junger, gutgekleideter Mensch, ein Geschäftsreisender, nahm ich an, oder ein Realitätenagent, blaß im Gesicht und aufgedunsen. Er kniete vor dem Beichtstuhl nieder und schwieg. ›Na, los!‹ half ich ihm. ›Sprechen Sie mir nach: ich armer, sündiger Mensch beichte und bekenne vor Gott, dem Allmächtigen ...‹ ›Nein!‹ stieß der Mensch hervor, ›ich will es anders sagen. Lassen Sie mich! Ich sage es anders!‹ – Plötzlich begann sein Kinn zu zittern und Schweiß trat auf seine Stirn. Ich hatte mit einem Male das Gefühl, furchtbarer Häßlichkeit gegenüberzusitzen. Nur einmal hatte ich bis dahin eine ähnliche Erschütterung erlebt, einmal, als ich bei der Exhumierung eines Toten zugegen sein mußte, eines Toten, der schon ... der sich schon in Verwesung befand. Ersparen Sie mir, Ihnen das zu schildern. ›Um des Herrgotts willen, was ist mit Ihnen?‹ schrie ich ihn erschrocken an. ›Gleich ... sofort ...‹ stotterte der Mensch, seufzte tief auf, schneuzte sich laut und sagte: ›Es ist schon wieder vorüber. Ich beginne also jetzt, hochwürdiger Herr. Es sind jetzt zwanzig Jahre her, da ...‹ Ich werde Ihnen nicht erzählen, meine Herren, was ich von ihm gehört habe. Erstens weil es ja Beichtgeheimnis ist, und zweitens ... eine so furchtbare, bestialische, widerwärtige Untat wie diese läßt sich kaum schildern, und in allen Einzelheiten stieß dieser Mensch die Geschichte aus sich hervor – nichts, nichts verschwieg er! Ich dachte schon, ich hielte es nicht länger im Beichtstuhl aus, wollte mir die Ohren zuhalten, ich weiß nicht, was ich sonst noch tat; ich stopfte mir die Stola in den Mund, um nicht vor Entsetzen laut aufzuschreien. ›So, jetzt ist es heraus‹, sagte der Mensch schließlich zufrieden und schneuzte sich erleichtert. ›Schönen Dank, hochwürdiger Herr.‹ ›Halt!‹ rief ich, ›und was ist mit der Buße?‹ ›Buße? Was fällt Ihnen ein?‹ Der Mensch zwinkerte mir durch das Fensterchen beinahe vertraulich zu. ›Ich bin nicht gläubig, Herr Pfarrer, mir war's nur darum zu tun, mich zu erleichtern. Wissen Sie, wenn ich längere Zeit nicht über die Sache gesprochen habe, dann sehe ich alles vor mir ... ich kann nicht schlafen ... kein Aug' schließe ich da ... und wenn es so über mich kommt, dann muß es eben heraus ... ich muß es jemandem erzählen. Und Sie, Sie sind doch dazu da, das ist doch Ihr Handwerk – und anzeigen dürfen Sie mich nicht, das verbietet das Beichtgeheimnis. Vergebung der Sünden? Davon halte ich nichts. Wenn einer den Glauben nicht hat, hilft ihm das wenig. Danke bestens, hochwürdiger Herr! Ergebener Diener!‹ – Und ehe ich mich nur umsehen konnte, hatte er mit munteren Schritten die Kirche verlassen. Es mochte ein Jahr vergangen sein, da erschien er wieder. Er hielt mich vor der Kirche an, bleich und demütig. ›Hochwürdiger Herr‹, stammelte er, ›ich möchte Ihnen beichten.‹ ›Mensch‹, sagte ich, ›nicht ohne Buße. Wenn Sie nicht gewillt sind, Buße zu tun, dann haben wir nichts miteinander zu schaffen.‹ ›Jesus Maria!‹ stöhnte der Mann verzweifelt, ›das sagt mir jetzt schon jeder Pater! Keiner will mir mehr die Beichte abnehmen, und ich brauche sie so schrecklich notwendig ... Hochwürden, was liegt Ihnen daran ... wenn ich noch einmal ...‹ Seine Lippen begannen zu zittern, ganz wie damals. ›Nein!‹ herrschte ich ihn an, ›Sie tun Buße oder Sie erzählen mir alles in Gegenwart einer weltlichen Person!‹ ›Ja‹, jammerte der Mensch, ›die mich dann anzeigt! Hol' Sie der Teufel!‹ Und er rannte davon. Ich sehe ihn vor mir: noch sein Rücken, wie er so lief, war ein Abbild seiner Verzweiflung. Seit damals habe ich ihn nicht wieder vor Augen bekommen.« +++ »Die Geschichte, Hochwürden«, sagte jetzt der Advokat Doktor Baum, »ist noch nicht zu Ende. Einmal – auch das ist schon Jahre her – kam zu mir in die Kanzlei ein Mensch mit blassem und aufgedunsenem Gesicht. Ich muß gestehen – er hat mir nicht gefallen. Und als ich ihn gebeten hatte, Platz zu nehmen und ihn fragte: ›Was führt Sie zu mir, lieber Freund?‹ fing er an: ›Wie ist das, Herr Doktor, wenn ein Mensch sich Ihnen anvertraut, wenn Ihnen ein Klient erzählt, daß er sich etwas hat zuschulden kommen lassen ...‹ ›Dann darf ich es selbstverständlich nicht gegen ihn verwenden‹, fiel ich ihm ins Wort, ›Herr, da käme eine hübsche Disziplinarstrafe heraus – das wäre noch das Geringste ...‹ ›Das ist gut so!‹ Der Bursche atmete sichtlich auf. ›Herr Doktor, ich muß Ihnen etwas sagen. Vor vierzehn Jahren ...‹ – und dann, Hochwürden, habe ich vermutlich dasselbe gehört, was er Ihnen damals erzählte.« »Sagen Sie es nicht!« unterbrach ihn Pater Voves. »Fällt mir gar nicht ein«, brummte Doktor Baum. »Wissen Sie, die Sache war viel zu arg, und der Kerl stieß es hervor, als ob er sonst daran ersticken müßte: schwitzend, grau im Gesicht, mit geschlossenen Augen ... es sah so aus, als ob er sich seelisch übergeben müßte. Als er fertig war, atmete er auf und wischte sich mit dem Taschentuch über die Lippen. ›Aber um Himmels willen‹, sagte ich, ›was soll ich nur damit anfangen? Wenn Sie einen aufrichtigen Rat von mir wollen ...‹ ›Nein!‹ rief das merkwürdige Geschöpf. ›Ich will keinen Rat! Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu sagen, was ich damals getan habe. Aber denken Sie immer daran, daß Sie es nicht gegen mich verwenden dürfen!‹ Dann stand er auf und sagte ganz ruhig: ›Was bin ich schuldig, Herr Doktor?‹ ›Fünfzig Kronen‹, sagte ich vernichtet. Er zog einen Fünfziger aus der Brieftasche. ›Meine Hochachtung, Herr Doktor!‹ sagte er und ging. Ich wüßte gern, wie viele Prager Advokaten er so abgegrast hat. Bei mir ist er kein zweites Mal erschienen.« +++ »Die Geschichte ist noch immer nicht zu Ende«, ließ sich Doktor Vitasek vernehmen. »Vor einigen Jahren, ich war damals noch Sekundararzt im Spital, brachte man einen Menschen hin, eben mit so einem blassen, aufgedunsenen Gesicht; die Beine angeschwollen wie ein Wasserschaff, mit Krämpfen, Atembeschwerden – kurz, es war die schönste Nierenentzündung, die man sich denken kann. Selbstverständlich gab es da keine Hilfe mehr. Einmal rief mich die Pflegerin: der Nephritiker auf Nummer sieben sei im Begriffe, wieder Krämpfe zu bekommen. Ich ging also zu ihm hin und sah den Ärmsten nach Luft schnappen, pitschnaß vor Schweiß, die Augen vor Grauen weit aufgerissen – diese Angstzustände bei Nephritis sind etwas Entsetzliches. ›Ich gebe Ihnen eine Injektion, Freund‹, sagte ich, ›dann geht das vorüber.‹ Der Patient schüttelte den Kopf. ›Doktor‹, brachte er mit Mühe hervor, ›ich ... ich muß Ihnen etwas sagen ... aber – das Frauenzimmer soll fortgehen!‹ Ich hätte es für richtiger gehalten, Em O einzuspritzen; aber ich sah in seine Augen und schickte die Pflegerin hinaus. ›Also, heraus damit!‹ sagte ich, ›aber nachher wird geschlafen!‹ ›Doktor‹, stöhnte der Mensch, ›ich kann nicht weiter ... ich sehe immerfort diese ... ich kann nicht schlafen ... ich muß es Ihnen sagen ...‹ Und dann erzählte er – inmitten von Krämpfen und Atemnot. Entsetzlich war das. Nie habe ich Ähnliches gehört.« »Hm.« Es war Doktor Baum, der Advokat, der sich räusperte. »Fürchten Sie sich nicht«, fuhr Doktor Vitasek fort, »ich erzähle es nicht, die Sache fällt unter das ärztliche Berufsgeheimnis. Ja, und dann lag er da wie ein nasser Fetzen, vollkommen erschöpft. Wissen Sie, Hochwürden«, wandte er sich an den Pfarrer Voves, »Absolution konnte ich ihm keine geben«, und zu Doktor Baum: »und klugen Rat auch keinen, aber zwei Dosen Morphium, meine Herren, und dann, als er zu sich kam, noch einmal, und dann wieder – bis er eben nicht mehr erwachte. Ich habe dem Mann ordentlich geholfen, das sollen Sie wissen, meine Herren.« »Amen«, sagte Pater Voves und versank für kurze Zeit in Nachdenken. »Das war brav von Ihnen«, fügte er dann noch weich hinzu, »jetzt quält er sich wenigstens nicht mehr.« Vom lyrischen Dieb »Manchmal liegen die Dinge auch ganz anders«, meldete sich nach längerem Schweigen Herr Zach, der Redakteur. »Oft weiß man nicht recht, ob es das schlechte Gewissen ist oder vielleicht eher die Eitelkeit und ein gewisses Schaustellungsbedürfnis. Sicher würde dieser oder jener Berufsverbrecher einfach zerspringen, wenn er nicht hie und da mit seinen Taten von sich reden machen könnte. Ich glaube, viele Verbrechen würden nicht begangen werden, wenn die Gesellschaft sie einfach ignorierte. So einem ausgepichten Fachmann macht die starke öffentliche Anteilnahme geradezu warm. Ich will ja nicht sagen, daß die Menschen nur um solchen Ruhmes willen stehlen und rauben. Sie tun es des Geldes wegen, aus Leichtsinn, unter dem Einfluß schlechter Gesellschaft. Aber – wenn sie einmal an dieser aura popularis gerochen haben, dann erwacht in ihnen eine gewisse Großmannsucht; bei den Politikern und sonstigen Personen des öffentlichen Lebens ist es ja nicht anders. Es ist schon eine Reihe von Jahren her, daß ich das ausgezeichnete Kreiswochenblatt ›Der Bote aus dem Osten‹ redigierte. Ich stamme zwar aus dem Westen, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie hitzig ich für die regionalen Interessen Ost-Böhmens gekämpft habe. Dieses Ost-Böhmen ist ein sanftes Hügelland, wie hingemalt mit seinen Zwetschkenalleen und seinen stillen Bächlein; aber ich habe Woche für Woche ›unser rauhes Bergvolk, das mit der herben Natur und der Benachteiligung durch die Regierung so hart zu ringen hat‹ aufgerüttelt. Meine Herren, das floß so leicht aus der Feder und kam recht vom Herzen. Zwei Jahre nur habe ich dort gewirkt. Aber diese zwei Jahre genügten mir, um den Menschen dort die Überzeugung beizubringen, daß sie rauhe Gebirgsbewohner seien, daß ihr Leben heroisch sei und hart, und daß ihr Land zwar arm sei, doch von melancholischer Schönheit und ein rechtes Bergland. – Ich glaube, mehr kann ein Journalist nicht tun, als die Umgebung von Tschaslau in eine Art Norwegen zu verwandeln. Ein Beispiel dafür, welch ungeheure Aufgaben die Zeitung zu lösen fähig ist. Sie wissen doch, meine Herren, ein Provinzredakteur hat sich vor allem anderen um die Lokalchronik zu bekümmern. Einmal hielt mich der Polizeikommissar an und sagte: ›Heute nacht hat ein Gauner den Laden des Herrn Waschata ausgeraubt, die Gemischtwarenhandlung. Und was sagen Sie nur dazu, Herr Redakteur, dieser Haderlump hat dort ein Gedicht aufgeschrieben und hat das Zeug auf dem Pult liegen lassen; haben Sie schon einmal von so einer Frechheit gehört?‹ ›Zeigen Sie mir das Gedicht!‹ bat ich rasch. ›Das ist eine Sache für den »Boten«. Sie werden Augen machen, wie die Presse Ihnen den Burschen in die Hände liefern wird. Und dann, Herr, stellen Sie sich vor, was für eine Sensation die Geschichte für unsere Stadt und für die ganze Gegend wird!‹ Nach längerem Hin- und Herreden gab er mir das Gedicht, und ich druckte es im ›Boten aus dem Osten‹ ab. Soweit ich mich heute noch erinnern kann, will ich es Ihnen aufsagen. Es lautete so ähnlich wie: ›Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, Sieben, acht, neun, zehn, Elf, zwölf die Uhr schon schlägt, Die Stunde, da der Dieb sich regt. Kaum stemmte ich die Türe auf, Klangen Schritte von der Straße herauf. Ich war' kein Dieb, hätt' ich Angst verspürt. Der Schritte Klang sich wieder verliert. Horcht der Mensch ins Dunkel, wo nichts sich regt, So hört er, wie laut das Herz ihm schlägt. Mein Herz ist ein Waisenkind wie ich, Lebte meine Mutter, sie weinte um mich. Mancher Mensch kann hienieden nur unglücklich sein, Es raschelt ein Mäuslein, wir sind allein. Zwei Diebe sind da, ich und die Maus, Ich streue ihr ein paar Brotkrumen aus. Sie zeigt sich nicht; weiß nicht, wo sie blieb. Der Dieb hat Furcht sogar vor dem Dieb.‹ Und in diesem Stil weiter bis zum Schluß, wo es heißt: ›Ach vieles ich hier noch schreiben könnt'.. Doch meine Kerze zu Ende brennt.‹ Dieses Gedicht also habe ich gedruckt und eine ausführliche psychologische und schöngeistige Analyse dazu geschrieben. Ich hob seine balladeske Art hervor und wies beredt auf die zartbesaitete Seele des Dichters hin. Die Sache war eine Sensation besonderer Art. Blätter gegnerischer Parteien und anderer Kreisstädte behaupteten, das Ganze sei nichts als Mache und Fälschung. Andere Feinde Ost-Böhmens erklärten wiederum, das Gedicht sei ein Plagiat, eine unbeholfene Übersetzung aus dem Englischen und weiß Gott was sonst noch. Aber als ich mitten in der schönsten Polemik zu Gunsten unseres Kreisdichterdiebes begriffen war, erschien der Polizeikommissar bei mir und sagte: ›Sie, Herr Redakteur, jetzt könnten Sie schon Schluß machen mit Ihrem verdammten Dieb! Stellen Sie sich nur vor, in dieser Woche hat er schon wieder zwei Wohnungen und einen Laden ausgeraubt, und jedes Mal lag am Tatort ein langes Gedicht!‹ ›Bravo! Das drucken wir sofort ab!‹ ›Das könnte Ihnen so passen, Herr‹, knurrte der Kommissar, ›aber das hieße ja dem Kerl Vorschub leisten! Der stiehlt ja nur mehr aus literarischem Ehrgeiz! Damit wird jetzt Schluß gemacht, verstanden? Schreiben Sie, daß die Gedichte Mist seien, daß ihnen die Form fehlt oder die Stimmung oder was Sie wollen! Ich glaube, dann hört der Halunke zu stehlen auf.‹ ›Hm‹, sagte ich, ›das wird nicht gut gehen, nachdem wir schon einmal so sehr für ihn eingetreten sind. Aber wir drucken einfach kein Gedicht mehr ab und damit wird die Sache erledigt sein.‹ In den nächsten Tagen ereigneten sich weitere fünf Diebstähle mit den dazugehörigen Gedichten. Aber der ›Bote aus dem Osten‹ schwieg wie ein Grab. Meine einzige Angst war, daß unser Dieb etwa in seinem beleidigten Autorenstolz in die Turnauer oder in die Taborer Gegend hinüberwechseln und der dortigen Kreispresse Material liefern könnte. Wie die Spießer dort sich nur aufgeblasen hätten! Unser Schweigen schien den Dieb ein wenig zu verwirren. Drei Wochen lang herrschte Ruhe. Dann aber ging es von neuem los mit den Diebstählen, nur mit dem Unterschied, daß die dazugehörigen Gedichte nun direkt in die Redaktion des ›Boten aus dem Osten‹ geschickt wurden. Aber der ›Bote‹ blieb hart. Einerseits wünschte er es sich nicht mit den Ortsbehörden zu verderben, und überdies wurden die Gedichte immer schwächer und schwächer. Der Autor begann sich zu wiederholen und quälte sich mit allerlei romantischem Zierat. Mit einem Wort, er begann sich aufzuführen wie ein wirklicher Schriftsteller. Einmal nachts kam ich aus dem Wirtshaus nach Hause, pfiff vor mich hin wie ein Star und rieb ein Zündholz an, um meine Petroleumlampe in Brand zu setzen. In diesem Augenblick blies jemand hinter meinem Rücken in das Streichholz und es verlöschte. ›Kein Licht machen!‹ sagte eine tiefe Stimme. ›Ich bin es!‹ ›Aha!‹ meinte ich, ›und worum handelt es sich?‹ ›Ich komme fragen‹, sprach die tiefe Stimme, ›was mit meinen Gedichten los ist.‹ ›Menschenskind‹, sagte ich – ich hatte immer noch keine Ahnung, worum es sich handelte – ›jetzt sind keine Redaktionsstunden. Kommen Sie morgen um elf!‹ ›Ja, damit Sie mich verhaften lassen!‹ sprach bitter die Stimme. ›Das geht nicht! Warum drucken Sie meine Gedichte nicht mehr?‹ Jetzt endlich ging mir ein Licht auf. Das war unser Dieb. ›Darüber wäre viel zu sagen‹, entgegnete ich, ›setzen Sie sich, junger Mann! Wenn Sie es denn wissen wollen, ich drucke Ihre Gedichte nicht, weil sie nichts wert sind. So!‹ ›Ich dachte‹, äußerte sich schmerzlich die Stimme, ›daß sie ... daß sie nicht ärger sind als das erste.‹ ›Das erste ging noch an‹, erklärte ich strenge. ›Da war noch echtes Gefühl drin, verstehen Sie, es hatte intuitive Frische, eine gewisse Unmittelbarkeit und Kraft des Erlebens, Stimmung hatte es, alles mögliche. Aber die anderen, Mensch, die waren Mist!‹ ›Aber ich habe sie doch‹, stöhnte der Mann im Dunkeln, ›ich habe sie doch genau so – genau so geschrieben wie das erste.‹ ›Das ist es ja eben‹, sagte ich mit unbeirrbarer Härte, ›Sie wiederholen sich. Es stand wieder dort, daß Sie draußen Schritte hörten ...‹ ›Aber ich habe sie doch wirklich gehört‹, verteidigte sich die Stimme, ›Herr Redakteur, beim Stehlen muß einer die Ohren spitzen, ob nicht draußen Schritte zu hören sind.‹ ›Und eine Maus war auch wieder da‹, fuhr ich fort. ›Ja, die Maus‹, sprach kleinmütig die Stimme, ›was soll ich aber tun, wenn immer eine Maus da ist? Aber nur in drei Gedichten steht etwas von einer Maus.‹ ›Mit einem Wort, aus Ihren Versen ist öde literarische Routine geworden. Ohne Originalität, ohne Inspiration, ohne Erneuerung der Gefühle. Lieber Freund, das geht nicht! Ein Dichter darf sich nicht wiederholen.‹ Die Stimme schwieg eine Weile. ›Herr Redakteur‹, ließ sie sich dann vernehmen, ›wenn es aber immer wieder das gleiche ist! Gehen Sie mal stehlen – ein Diebstahl ist wie der andere.‹ Er seufzte. ›Das ist eine schwere Sache.‹ ›Ganz richtig‹, sagte ich, ›Sie sollten es einmal von einer anderen Seite her versuchen!‹ ›Vielleicht Kirchenraub?‹ schlug die Stimme vor, ›oder soll ich auf Friedhöfen arbeiten?‹ Ich schüttelte energisch den Kopf. ›Nein, das führt zu nichts. Es ist ja nicht so sehr der Stoff, das Erleben ist es, worauf es ankommt. In Ihren Versen fehlt das Konflikthafte. Immer wieder kommt es nur zu einer äußerlichen Beschreibung eines gewöhnlichen Diebstahls. Nach einem verinnerlichten Motiv müßten Sie sich umsehen! Das Gewissen zum Beispiel wäre eines.‹ Die Stimme überlegte. ›Gewissensbisse meinen Sie oder dergleichen. Glauben Sie, daß die Gedichte dann besser würden?‹ ›Und ob, Kamerad!‹ rief ich. ›Das gibt ihnen erst psychologische Tiefe und Bewegtheit.‹ ›Ich werde es versuchen‹, meinte die Stimme nachdenklich. ›Aber ich weiß nicht, ob ich dann noch werde stehlen können. Man verliert da leicht seine Sicherheit, wissen Sie? Und wenn man die Sicherheit nicht hat, wird man leicht erwischt.‹ ›Und wenn schon!‹ rief ich aus, ›Menschenskind, Junge, was wäre denn dabei? Können Sie sich nicht vorstellen, was für herrliche Gedichte Sie in carcere et catenis schreiben würden? Ich könnte Ihnen ein Gedicht zeigen, das im Gefängnis geschrieben wurde, da würden Sie Augen machen!‹ ›Und hat es eine Zeitung gedruckt?‹ fragte die Stimme begierig. ›Junge, Junge‹, sagte ich, ›es ist eines der berühmtesten Gedichte der Weltliteratur. Machen Sie Licht, ich lese es Ihnen vor!‹ Mein Gast ließ ein Streichholz aufflammen, und die Petroleumlampe beleuchtete das Zimmer. Es zeigte sich, daß der Mann ein blasser, finniger Bursche war, wie Diebe und Dichter in der Regel. ›Warten Sie, gleich suche ich es heraus.‹ Ich kramte die Übersetzung von Oskar Wildes ›Ballade aus dem Zuchthaus von Reading‹ hervor. Damals war das Gedicht in Mode. Nie in meinem Leben habe ich mit soviel Gefühl vorgetragen wie damals. Sie kennen doch die Verse: ›So tötet jeder, wie er kann ...‹ Mein Besucher ließ kein Auge von mir. Als ich zu der Stelle kam, wie der Mann zum Galgen geführt wird, bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzte. Als ich zu Ende gelesen hatte, war es mäuschenstill im Zimmer. Ich wollte die Erhabenheit des Augenblicks nicht stören. Nach einiger Zeit öffnete ich das Fenster und sagte: ›Der kürzeste Weg führt dann dort über den Zaun. Gute Nacht!‹ – Und ich verlöschte das Licht. ›Gute Nacht.‹ Seine Stimme klang wie die eines Menschen, der tief erschüttert ist. ›Ich danke.‹ – Dann verschwand er, lautlos wie eine Fledermaus. Ich glaube, er war doch ein recht geschickter Dieb. Zwei Tage darauf faßte man ihn in einem Laden, in den er eingebrochen war. Man fand ihn an einem Pult sitzend, wie er an einem Bleistiftstumpf kaute. Auf dem Papier, das vor ihm lag, stand geschrieben: ›So stiehlt ein jeder, wie er kann ...‹ sonst nichts. Sicherlich sollte es eine Variation der ›Ballade aus dem Zuchthaus von Reading‹ werden. Man verurteilte ihn wegen der diversen Einbrüche zu eineinhalb Jahren. Einige Monate nach seiner Einlieferung stellte man mir ein Heft Gedichte zu. Furchtbare Gedichte: nichts als ›feuchte, unterirdische Verliese‹, ›Kasematten ‹, ›Gitter‹, ›klirrende Ketten an den Füßen‹, ›dumpfiges Brot‹, ›der Weg zum Galgen‹ und Gott weiß was noch alles. Ich war erschüttert; so grauenhaft schilderte der Mann die Zustände in dem betreffenden Zuchthaus. Sie wissen doch, wenn man Journalist ist, steckt man in alles seine Nase hinein. Ich erreichte es also, daß mich der Direktor zur Besichtigung der Anstalt einlud. Und ich kann Ihnen sagen, es war ein ganz anständiges Institut, fast neu, nach modernen, humanen Grundsätzen gebaut; ich traf meinen Dieb vor einem Blechnapf mit Linsen. ›Was ist denn mit Ihnen los?‹ fragte ich, ›wo sind denn die »klirrenden Ketten«, von denen Sie geschrieben haben?‹ Mein Dieb wurde rot und sah verlegen zum Direktor hin. ›Herr Redakteur‹, stotterte er, ›über die Dinge, wie sie hier wirklich sind, lassen sich eben keine Gedichte schreiben. Und da ist es halt schwer ...‹ ›Und Sie sind zufrieden?‹ ›Ach ja ...‹, brummte er verlegen, ›nur gibt es leider nichts, worüber man schreiben könnte ...‹ Ich bin dem Manne nie mehr begegnet. Weder unter ›Gerichtssaal‹ noch unter ›Poesie‹.« Das Gericht des Herrn Havlena »Wenn schon von Zeitungen die Rede ist«, sagte Herr Beran, »so möchte ich Ihnen auch etwas erzählen: Sie wissen doch – die meisten Leser schlagen, wenn sie ihr Blatt in die Hand nehmen, vor allem andern den ›Gerichtssaal‹ auf. Man weiß bis heute nicht, ob das auf die verborgenen verbrecherischen Instinkte der Menschen oder auf ihr Bedürfnis nach Befriedigung ihrer Moral und ihres Rechtsempfindens zurückzuführen ist. Sicher ist, daß nichts so leidenschaftlich gelesen wird wie die Prozeßberichte. Einen Tag ohne Gerichtsfall darf es also für eine Zeitung nicht geben. Nun gibt es aber doch, wie Sie wissen, die Zeit der Gerichtsferien. Die Gerichte sind geschlossen, aber in der Zeitung darf die Spalte ›Aus dem Gerichtssaal‹ auch da nicht fehlen. Dann kommt es auch vor, daß sogar in der Saison an einem Tag, an dem verhandelt wird, kein einziger interessanter Fall vorliegt, der Gerichtssaalberichter aber muß einfach seinen interessanten Fall haben, woher er ihn nimmt, danach wird nicht gefragt. Was soll so ein Mann tun? Er muß sich seine Fälle geradezu aus den Fingern saugen. Es gibt eine richtige Börse für solche erfundene Gerichtsfälle, dort wird verkauft, gekauft, geborgt, getauscht; die Leihgebühr besteht in zwanzig Zigaretten oder ähnlichem. Ich kenne dieses Geschäft; bei meiner Quartierfrau wohnte einmal so ein Gerichtssaalberichterstatter; ein Säufer war er, ein Schlampsack, aber im übrigen sehr begabt und viel zu schlecht bezahlt. In dem Kaffeehaus, in das die Gerichtssaalreferenten gewöhnlich gingen, tauchte eines Tages ein neuer Mann auf, ein merkwürdiger Kerl, schäbig, dreckig und aufgedunsen. Er hieß Havlena und war ein verbummelter Jusstudent, eine verkommene Existenz. Niemand wußte, wovon er eigentlich lebte, nicht einmal er selbst konnte es sagen. Dieser Havlena also, dieser Tagedieb, war eine merkwürdige Mischung aus Begabtheit für Verbrechen und für Jurisprudenz. Gab ihm einer der Journalisten eine Virginia und ein Bier, so kniff er die Augen zusammen, tat ein paar Züge und erzählte den schönsten und sensationellsten Kriminalfall, den man sich nur vorstellen kann. Dann skizzierte er die Hauptstützpunkte der Verteidigung und die entsprechende Replik des Staatsanwaltes, und schließlich sprach er im Namen der Republik das Urteil. Wenn er fertig war, schlug er, als erwachte er aus einem Traum, die Augen auf und brummte: ›Und jetzt pumpen Sie mir fünf Kronen.‹ Einmal machten die Leute mit ihm ein Experiment. Und er ersann tatsächlich in einer Sitzung einundzwanzig Strafsachen, eine schöner als die andere. Erst bei der letzten besann er sich einen Augenblick, dann sagte er: ›Halt, dieser Fall gehört weder vor den Einzelrichter noch vor den Senat; für den ist das Geschworenengericht zuständig, und Schwurgerichtssachen mache ich nicht.‹ Er war ein grundsätzlicher Gegner der Schwurgerichte. Aber eines mußte man ihm lassen: seine Urteile waren streng, aber juristisch prachtvoll fundiert. Darin lag sein größter Ehrgeiz. Als die Journalisten diesen Havlena entdeckt hatten und die Beobachtung machten, daß seine Fälle viel weniger alltäglich und weniger öde waren als diejenigen, die sich in der Wirklichkeit des Karlsplatzes abspielten, schlossen sie mit ihm sozusagen einen Kartellvertrag: für jeden von ihm erdachten Fall erhält Herr Havlena die sogenannte Gerichtstaxe, d. i. eine Virginia und zehn Kronen, außerdem für jeden Monat von ihm verhängter Strafe zwei Kronen. Denn je größer die Strafe, um so schwerer der Fall. Nie vorher wurde die Gerichtssaalrubrik mit solcher Gier verschlungen als zu der Zeit, da Havlena die Fälle lieferte. Heute sind die Zeitungen längst nicht mehr das, was sie damals waren; jetzt finden Sie in den Blättern nichts als Politik und Presseauseinandersetzungen. Wer soll das lesen? Einmal nun fiel dem Havlena der folgende Fall ein – er hatte schon weit bessere erfunden, aber die hatten weiter keine Folgen nach sich gezogen, bei diesem aber flog die Geschichte auf. Die Sache war in Kürze diese: Ein alter Junggeselle lebte auf Kriegsfuß mit einer ehrenwerten Witwe, die auf dem gleichen Gang ihm gegenüber wohnte. Er schaffte sich einen Papagei an und brachte ihm bei, immer, wenn die Nachbarin auf diesem Gang erschien, aus vollem Halse ›Du Schlampe!‹ zu schreien. Die Witwe verklagte den Herrn wegen Ehrenbeleidigung. Das Bezirksgericht erkannte, daß der Beklagte die Privatklägerin durch den Papagei dem öffentlichen Gespött preisgegeben habe und verurteilte ihn im Namen der Republik zu vierzehn Tagen Gefängnis mit Bewährungsfrist und zur Tragung der Kosten. ›Ich bekomme elf Kronen und die Virginia‹, schloß Havlena die Verhandlung. Dieser Fall des Herrn Havlena erschien in fünf oder sechs Zeitungen, freilich in unterschiedlichen journalistischen Aufmachungen. In einer Zeitung führte er den Titel: ›Im stillen Haus.‹ In einem zweiten Blatt lautete die Schlagzeile: ›Der Hausherr und die arme Witwe. ‹ Ein drittes schrieb: ›Der angeklagte Papagei‹ – und so weiter. Eines Tages aber erhielten sämtliche Zeitungen, die den Fall gebracht hatten, eine Zuschrift des Justizministeriums: ›Das unterfertigte Ministerium ersucht um Mitteilung, vor welchem Bezirksgericht sich der in Nummer so und so Ihres geschätzten Blattes angeführte Ehrenbeleidigungsprozeß abgespielt hat. Das angeführte Erkenntnis ist, sowohl was die Verschuldensfrage als auch was das Urteil selbst betrifft, nichtig sowie gesetzwidrig, da es nicht der Angeklagte war, der sich den inkriminierten Ausspruch zuschulden kommen ließ, sondern der Papagei. Es läßt sich also keineswegs als erwiesen annehmen, daß sich die Äußerung besagten Vogels zweifelsfrei auf die Klägerin bezogen hat ... Demnach‹, ging es weiter, ›könne besagter Ausspruch nicht als Ehrenbeleidigung angesehen werden, sondern äußerstenfalls als grober Unfug oder als Erregung öffentlichen Ärgernisses, welch beide Vergehen lediglich mit einer polizeilichen Verwarnung zu ahnden wären, mit einer Ordnungsstrafe oder mit einer Aufforderung, besagten Vogel zu entfernen. Das Justizministerium wünsche deshalb festzustellen, welches Bezirksgericht sich mit diesem Streitfalle beschäftigt habe, um eine entsprechende Untersuchung einzuleiten ...‹ und so weiter, wie es eben bei einer richtigen Amtsaffaire weiterzugehen hat. ›Jesus Maria, da haben Sie uns was Schönes angerichtet, Herr Havlena!‹ fuhren die Gerichtssaalberichterstatter auf ihren Lieferanten los. ›Da – sehen Sie nur, Ihr Urteil in der Papageienaffaire ist nichtig und gesetzwidrig!‹ Havlena wurde weiß wie eine Wand. ›Was?‹ schrie er, ›gesetzwidrig soll mein Urteil sein? Zum Teufel, so etwas wagt das Ministerium zu behaupten? Von mir? Von Havlena?!‹ Die Journalisten erzählten mir, sie hätten nie einen tiefer beleidigten und aufgeregteren Menschen gesehen. ›Na, die werden schauen!‹ brüllte Havlena außer sich. ›Denen werde ich noch zeigen, ob mein Urteil gesetzwidrig ist oder nicht! So was kann ich mir nicht gefallen lassen!‹ Vor Gram und Ärger soff er sich sofort sternhagelvoll, dann ließ er sich einen Bogen Papier geben und schrieb eine ausführliche juristische Analyse des Falles, die zur Stützung seines Urteils diente: dadurch, daß der Herr seinen Papagei lehrte, die Nachbarin zu beschimpfen, habe er den Vorsatz deutlich bekundet, sie zu beleidigen und herabzusetzen; der Dolus sei mithin unverkennbar; der Papagei sei nämlich nicht Subjekt, sondern nur das Instrument zur Herbeiführung besagten Deliktes gewesen ... und so fort. Es soll die großartigste und spitzfindigste juristische Abhandlung gewesen sein, der die Journalisten in ihrem Leben begegnet waren. Er unterschrieb die Eingabe mit J.U.C. Wenzel Havlena, m.p. und schickte sie an das Justizministerium. ›Solange das nicht erledigt ist‹, erklärte er hart, ›werde ich keine Urteile mehr fällen; ich muß erst Satisfaktion erhalten.‹ Das Justizministerium dachte natürlich nicht daran, auf Havlenas Zuschrift zu reagieren. Havlena lief indessen verbittert herum, übel gelaunt, er magerte sogar ab und verkam immer mehr. Als er schon aufhören mußte, mit einer Antwort des Ministeriums zu rechnen, wurde sein Aussehen nachgerade unheimlich, mit irrem Blick spuckte er schweigend vor sich hin, führte aufreizende Reden, und endlich erklärte er: ›Passen Sie auf, jetzt werde ich den Leuten zeigen, wer Recht hat.‹ Zwei Monate lang ließ er sich nicht blicken, dann aber erschien er plötzlich angeheitert und strahlenden Blickes und meldete: ›Also, endlich ist die Klage gegen mich eingereicht worden. Verdammte alte Schachtel. Uff, hat das eine Arbeit gegeben, sie dazu zu kriegen! Man sollte nicht glauben, wie friedliebend so ein altes Frauenzimmer sein kann! Ich mußte ihr sogar einen Wisch unterschreiben, daß ich auf jeden Fall ihre Kosten bezahle ... Aber jetzt, Kinder, kommt die Sache vors Gericht!‹ ›Was für eine Sache?‹ fragten die Journalisten. ›Die Geschichte mit dem Papagei, natürlich‹, meinte Havlena. ›Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich die Sache nicht auf sich beruhen lasse. Ich habe mir also einen Papagei gekauft und ihm hundertmal vorgesagt: »Du Schlampe! Du scheußliche alte Schachtel!« Leute, das war eine Viechsarbeit! Sechs Wochen lang habe ich kein menschliches Wort gesprochen als nur: »Du Schlampe! Du scheußliche alte Schachtel!« Jetzt kann es der Papagei schon ausgezeichnet, nur daß der verfluchte Ochse gar nicht aufhören will damit; und er will sich nicht und nicht angewöhnen, es nur meiner Nachbarin und sonst niemandem über den Hof zuzuschreien. Die ist ein altes Weib, eine Musiklehrerin aus besserer Familie, eine brave Person. Aber bei uns im Haus gibt es kein anderes Weibsbild, und so mußte ich sie eben für meine Zwecke nehmen. Wissen Sie, sich so einen Fall auszudenken ist kinderleicht, aber ihn auszuführen, Herrgott noch einmal, ist das eine Arbeit! Ich konnte es dem Kerl von einem Papagei nicht und nicht beibringen, daß er nur sie zu beschimpfen hatte. Er beschimpft ganz einfach jeden. Ich glaube, er tut es aus Bosheit.‹ Havlena tat einen tiefen Schluck und fuhr fort: ›Ich mußte die Sache also anders anpacken. Sobald sich die alte Jungfer am Fenster oder auf dem Hof zeigte, riß ich rasch das Fenster auf und der Papagei schrie: »Du Schlampe! Du scheußliche alte Schachtel!« Dann machte ich das Fenster schnell wieder zu, und so war es gewissermaßen nur sie, die er beschimpfte. Die Alte aber lachte darüber und rief nur: »Ach, Herr Havlena, haben Sie aber einen herzigen Vogel!«‹ ›Der Schlag soll die Alte treffen!‹ knurrte Herr Havlena weiter. ›Volle vierzehn Tage lang mußte ich auf sie einreden, bis sie damit einverstanden war, mich zu verklagen. Aber das ganze Haus ist Zeuge. Und jetzt wird die Sache also vor Gericht ausgetragen!‹ Herr Havlena rieb sich die Hände. ›Das müßte schon verhext sein, wenn sie mich nicht wegen Ehrenbeleidigung verurteilen! Das schenke ich ihnen nicht, den Herrschaften oben im Ministerium!‹ Bis zum Tag der Verhandlung soff Havlena wie ein Bürstenbinder, und seine Erregung und Ungeduld waren unerträglich. Vor Gericht aber betrug er sich ungemein würdevoll, hielt selbst eine messerscharf zugespitzte Rede gegen seine Person, berief sich hiebei auf alle Mitbewohner des Hauses, mit Bezugnahme auf das öffentliche Ärgernis, und beantragte strengste Bestrafung. Der Richter, ein rechtschaffener alter Herr Rat, kraute sich den Bart und erklärte, er müsse den Papagei hören. Er vertagte also die Verhandlung und trug dem Herrn Angeklagten auf, den Vogel als Corpus delicti respektive als Zeugen zum nächsten Termin mitzubringen. Herr Havlena erschien also zur nächsten Verhandlung mit Käfig und Papagei. Als der Papagei das erschreckte Fräulein Schriftführerin erblickte, rollte er mit den Augen und schrie aus vollem Halse: ›Du Schlampe! Du scheußliche alte Schachtel!‹ ›Das genügt mir‹, sagte der Herr Rat. ›Aus der Aussage des Papageis Lory geht hervor, daß die von ihm ausgestoßenen Beschimpfungen sich nicht in direkter und zweifelsfreier Weise auf die Privatklägerin bezogen haben.‹ Der Papagei sah ihn an und kreischte: ›Du Schlampe!‹ ›Es steht vielmehr fest‹, fuhr der Richter fort, ›daß er die inkriminierten Ausdrücke allen Personen gegenüber, sogar ohne Unterschied des Geschlechtes verwendet. Es fehlt die beleidigende Absicht, Herr Havlena.‹ Wie von einer Tarantel gestochen, fuhr Havlena auf. ›Herr Rat‹, protestierte er aufgeregt, ›der Dolus besteht darin, daß ich das Fenster immer wieder nur geöffnet habe, wenn der Papagei Gelegenheit hatte, direkt und ausschließlich die Frau Privatklägerin zu beschimpfen!‹ ›Die Sache ist nicht einfach‹, erklärte der Herr Rat. ›In diesem Öffnen des Fensters mag ja ein gewisser Dolus liegen, aber das Öffnen eines Fensters bildet an sich nicht den Tatbestand der Beleidigung. Ich kann Sie doch nicht verurteilen, weil Sie von Zeit zu Zeit das Fenster aufgemacht haben. Sie können nicht schlüssig nachweisen, Herr Havlena, daß Ihr Papagei auch wirklich die Frau Privatklägerin gemeint hat.‹ ›Aber ich habe sie gemeint‹, kämpfte Havlena weiter. ›Möglich, aber kein Zeuge kann darüber etwas sagen‹, wendete der Herr Rat ein. ›Sehen Sie, aus Ihrem Mund hat niemand die inkriminierten Ausdrücke gehört. Es hilft nichts, Herr Havlena‹, und er setzte sich das Barett auf, ›es hilft nichts, ich muß Sie freisprechen.‹ ›Ich erhebe Nichtigkeitsbeschwerde und lege Berufung gegen den Freispruch ein!‹ schrie Havlena, griff nach dem Vogelkäfig und rannte wütend aus dem Verhandlungszimmer; ein Wunder, daß er nicht weinte. Wir sahen ihn dann noch manchmal, immer betrunken und immer in tiefer Verzweiflung. ›Sagen Sie, Herr‹, schluchzte er, ›heißt das noch Gerechtigkeit? Gibt es noch ein Recht auf der Welt? Aber ich gebe keine Ruhe. Ich treibe die Sache bis zur letzten Instanz! Ich muß Satisfaktion bekommen. Jawohl, meine Herren! Und wenn ich bis zu meiner letzten Stunde prozessieren müßte ... Es geht ja nicht um mich, es geht um das Recht!‹ Wie die Sache von Seiten der Berufungsinstanz entschieden wurde, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß schließlich der Oberste Gerichtshof die Sache im Revisionsverfahren einfach abwies. Nun blieb Havlena verschwunden, als hätte der Erdboden ihn verschluckt. Es gibt Leute, die ihn wie einen Schatten durch die Straßen irren gesehen und etwas vor sich hinmurmeln gehört haben wollen. Überdies heißt es, daß noch heute mehrmals im Jahr umfängliche und flammende Beschwerdeschriften in der Angelegenheit ›Beleidigung, begangen durch einen Papagei‹ beim Justizministerium einlaufen. Aber die Belieferung der Gerichtssaalberichterstatter mit Straffällen hat Herr Havlena vollkommen eingestellt. Vermutlich weil sein Glaube an Recht und Gerechtigkeit erschüttert war.« Die Nadel »Ich selbst habe zwar nie mit Gerichten zu schaffen gehabt«, begann Herr Kostelecky, »aber ich muß sagen, mir gefällt diese ungeheure Genauigkeit, auch dieses viele Reden, und vor allem, daß die Gerichte so viel Umstände machen, auch wenn es sich nur um einen Schmarren dreht. Da bekommt man erst das richtige Zutrauen zu der Gerechtigkeit. Wenn die Justiz in der einen Hand eine Waage hat, dann soll es schon eine Apothekerwaage sein, und wenn sie in der andern ein Schwert hält, dann muß dieses Schwert scharf sein wie ein Rasiermesser. Mir fällt dazu ein Fall ein, der in unserer Straße passiert ist. Eine Hausmeisterin, eine gewisse Frau Maschek, kaufte einmal bei ihrem Krämer Semmeln, und wie sie gerade dabei ist, eine davon zu essen, spürt sie, wie etwas sie in den Gaumen sticht. Sie greift also ins Maul und zieht richtig eine Nadel heraus, die sich in ihren Gaumen eingebohrt hatte. Es dauerte eine Weile, ehe sie erschrocken darauf kam: Du lieber Himmel, ich hätte ja die Nadel verschlucken können, und dann hätte sie mir ein Loch in den Magen gemacht. Das hätte das Leben kosten können! Jetzt heißt es herausbekommen, wer der Lump ist, der die Nadel in die Semmel getan hat. – Sie machte sich also auf und trug die Nadel samt der angebissenen Semmel zur Polizei. Die Polizei verhörte den Krämer, sie verhörte auch den Bäcker, der die Semmel gebacken hatte. Selbstverständlich wollte keiner etwas von der Nadel gewußt haben. Die Polizei übergab den Fall dem Gericht, denn es war ja offensichtlich ein Fall von ›leichter Körperverletzung‹. Der Untersuchungsrichter war ein gewissenhafter und gründlicher Amtsmensch, verhörte noch einmal genau den Krämer und selbstverständlich auch den Bäcker. Beide versicherten und beschworen, daß sie es nicht seien, bei denen die Nadel in die Semmel geraten war. Der Untersuchungsrichter durchforschte den Laden des Krämers und stellte fest, daß er keine Nadeln enthalte. Dann begab er sich zum Bäcker und beaufsichtigte das Werden der Semmeln. Eine ganze Nacht verbrachte er in der Backstube und sah zu, wie der Teig gemacht wurde, wie man ihn aufgehen ließ, wie der Backofen geheizt wurde, wie man die Semmeln flocht und sie in den Backofen schob, wie sie dort blieben, bis sie goldbraun wieder herauskamen. Er stellte solcherart einwandfrei fest, daß beim Semmelbacken tatsächlich keine Nadeln verwendet werden. Sie können sich gar nicht vorstellen, was für eine hübsche Arbeit das Semmelbacken und besonders das Brotbacken ist. Ich kenne das, weil mein seliger Großvater eine Bäckerei hatte. Beim Brotbacken gibt es zwei, drei große, beinahe göttliche Geheimnisse. Das erste Mysterium tritt ein, wenn der Sauerteig angemacht wird. Man läßt ihn im Backtrog stehen, und nun vollzieht sich unter dem Deckel eine zauberhafte Verwandlung: man muß sie nur abwarten – aus dem Mehl und dem Wasser ist lebendiger Gärteig geworden. Dann wird dieser Teig mit dem andern vermengt und mit dem Knetscheit umgerührt. Auch das mutet wie etwas Religiöses an, wie ein kultischer Tanz oder dergleichen. Nun kommt eine Plache über das Ganze, und der Teig gärt. Das ist dann die zweite geheimnisvolle Verwandlung, wie der Teig majestätisch aufgeht, und dabei darf man das Tuch nicht aufheben und neugierig zugucken – ich sage Ihnen, das ist nicht weniger schön und nicht weniger sonderbar als eine Schwangerschaft. Ich habe mir oft gedacht, daß ›der Backtrog‹ eigentlich weiblichen Geschlechtes sein sollte. Das dritte Geheimnis ist das Backen selbst. Was wird da nur im Backofen aus dem weichen, blassen Teig! Du lieber Gott, ist es denn nicht wie bei einem Wunder, wenn die Leute so einen goldbräunlichen Laib herausziehen, der duftet, wie selbst ein kleines Kind nicht köstlicher duften kann? Ich glaube, man sollte bei den drei Verwandlungen in den Backstuben läuten, wie man bei der Wandlung in den Kirchen läutet. Aber, um auf meine Geschichte zurückzukommen, der Untersuchungsrichter war nun mit seiner Weisheit am Ende. Die Sache ruhen zu lassen, fiel ihm indessen nicht ein. Er nahm also die Nadel und schickte sie an das Chemische Institut, damit man dort feststelle, ob die Nadel vor oder nach dem Backen in die Semmel geraten war. Dieser Richter hielt ganz besonders viel von wissenschaftlichen Gutachten. Am Chemischen Institut arbeitete damals ein gewisser Professor Uher, einer von diesen sehr gelehrten bärtigen Herren. Als ihm die Nadel zugestellt wurde, begann er lästerlich zu fluchen. Was diese Gerichte alles von ihm haben wollten! Vor kurzem erst hatte man ihm Eingeweide geschickt, die schon so verdorben waren, daß es nicht einmal der Prosektor mit ihnen aushalten konnte; und was sollte das Chemische Institut mit irgendeiner Nadel anfangen? Schließlich jedoch legte er sich die Sache irgendwie zurecht, und der Fall begann ihn zu interessieren, ihn als Wissenschaftler, verstehen Sie? Am Ende, sagte er sich, gehen mit so einer Nadel in der Tat Veränderungen vor sich, wenn sie in den Teig kommt oder mit ihm gebacken wird. Beim Gären bilden sich im Teig gewisse Säuren und weiß Gott was sonst noch, auch beim Backen, und man kann nicht wissen, ob die Nadel an ihrer Oberfläche nicht leichte Zersetzungs- oder Korrosionsspuren davonträgt. Unter dem Mikroskop müßte sich derartiges feststellen lassen. Er ging also die Sache an. Er begann damit, daß er ein paar hundert Nadeln kaufte, und zwar sowohl vollkommen saubere, als auch mehr oder minder rostige, und dann fing er an, im Chemischen Institut Semmeln zu backen. Beim ersten Experiment gab er die Nadeln gleich in den Sauerteig, um festzustellen, wie der Gärprozeß auf sie wirke. Beim zweiten Versuch gab er sie in den frisch angemachten Brotteig. Beim dritten in den bereits gärenden Teig. Beim vierten in den ausgegorenen. Dann tat er sie knapp vor dem Backen hinein. Dann während des Backens. Dann steckte er sie in die noch warmen Semmeln. Und schließlich in die schon fertigen. Dann machte er, der Kontrolle wegen, die ganze Versuchsreihe noch einmal. Ich will Ihnen nicht viel erzählen – vierzehn Tage hindurch war das Chemische Institut ausschließlich damit beschäftigt, Semmeln mit Nadeln zu backen. Der Professor, der Dozent, vier Assistenten und der Diener mischten Tag für Tag Teig, buken und machten Semmeln, dann untersuchten sie die verwendeten Nadeln mikroskopisch und stellten Vergleiche an. Das gab wieder eine Woche Arbeit. Das Ergebnis aber war die genaue Feststellung, daß die betreffende Nadel in die bereits gebackene Semmel hineingesteckt worden war; ihr mikroskopisches Bild entsprach haargenau dem, das die in fertiges Gebäck eingestochenen Versuchsnadeln ergaben. Auf Grund dieses ausführlichen Gutachtens war es für den Untersuchungsrichter nicht mehr zweifelhaft, daß die Nadel entweder beim Krämer oder auf dem Wege vom Bäcker zum Krämer in die Semmel geraten sein müsse. Der Bäcker, dem dies vorgehalten wurde, erinnerte sich nun plötzlich: ›Sakra, gerade an dem Tag habe ich den Lehrjungen hinausgeschmissen, der die Semmeln im Korb auszutragen hat!‹ Man lud den Buben vor und er gestand, daß er, um sich an dem Meister zu rächen, die Nadel in die Semmel gesteckt hatte. Seines jugendlichen Alters wegen kam der Junge mit einer Verwarnung davon; der Bäckermeister aber wurde zu fünfzig Kronen Geldstrafe, bedingt, verurteilt, da er für sein Personal haftet. Hier haben Sie also ein Beispiel dafür, wie gut es ist, daß die Gerechtigkeit so genau und so gründlich funktioniert. Die Sache hatte übrigens noch andere Folgen. Wir Männer haben, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, so einen eigenen Ehrgeiz in uns, eine gewisse Starrköpfigkeit oder so was Ähnliches. Kurz, im Chemischen Institut, wo man schon einmal angefangen hatte, Experimentiersemmeln zu backen, im Chemischen Institut setzten sich die Chemiker in den Kopf, sie müßten großartig backen können. Anfangs waren die Semmeln unregelmäßig, schlecht aufgegangen, unansehnlich. Aber je länger man buk, desto besser wurden sie. Später bestreute man sie mit Mohn, Salz oder Kümmel, und jetzt flochten sie sie auch schon so schön, daß es eine Freude war, sie anzusehen. Schließlich konnte man die Gelehrten überall prahlen hören, in ganz Prag würden keine so guten, knusprigen und schön braun gebackenen Semmeln gemacht wie im Chemischen Institut.« +++ »Sie haben es Starrköpfigkeit genannt, Herr Kostelecky«, meinte Herr Lelek, »ich würde es eher einen Sport nennen: so eine Vorliebe für eine hundertprozentige Leistung. Was ein richtiger Mann ist, unternimmt so etwas nicht wegen des Ergebnisses, das kann ganz gering sein, sondern er macht es, weil es in gewissem Sinne ein Spiel ist, eine selbsterzeugte Spannung. Ich möchte Ihnen das mit einem Beispiel erklären, freilich werden Sie sagen: Es ist eine Dummheit und gehört nicht hierher. Als ich noch bei uns in der Buchhaltung tätig war und die Halbjahrsbilanzen zu machen hatte, kam es manchmal vor, daß die Ziffern nicht stimmten. Einmal zum Beispiel fehlten uns genau drei Heller in der Kasse. Ich hätte ja ohne weiteres die drei Heller in die Kasse legen können, aber das wäre kein sauberes Spiel gewesen, unsportlich würde man das nennen, vom buchhalterischen Standpunkt aus. Da heißt es schon herausfinden, in welchem von den etwa vierzehntausend Posten der Fehler steckt. Und ich muß Ihnen gestehen, daß ich vor dem Abschluß immer darauf gebrannt habe, daß irgendwo so ein Fehler steckt. Wenn es so weit war, blieb ich auch die ganze Nacht hindurch in meiner Buchhaltung, schichtete den Riesenstoß von Geschäftsbüchern vor mir auf und ging die Sache an. Merkwürdig, die Zahlenkolonnen waren für mich keine Ziffern, sondern körperhafte Dinge. Zuweilen hatte ich die Vorstellung, daß ich an ihnen hinauf und hinunter kletterte wie an einem steilen Felsen oder aber ich stieg an ihnen hinab wie an einer Leiter in einen tiefen Schacht. Dann fühlte ich mich wieder als Jäger, der sich durch einen dichten Jungwald von Ziffern hindurcharbeitet, um ein seltenes und scheues Wild zu erjagen: dieses Wild waren die drei Heller. Oder ich hatte das Gefühl, ich sei ein Detektiv und lauerte verborgen in einer Ecke. Tausende Gestalten huschen an mir vorbei, ich aber warte gespannt, bis ich ihn habe, den Spitzbuben, den Täter, und ihn am Kragen fasse: den Rechenfehler. Dann wieder kam es mir vor, als säße ich am Flußufer und hätte die Angel nach Fischen ausgeworfen; plötzlich zuckt die Rute, ha, und jetzt habe ich dich, du Luder! Die häufigste Vorstellung aber war die, daß ich ein Jäger sei und durch betautes Heidelbeergestrüpp auf und ab watete. In mir war eine solche Freude an der Bewegung und an der eigenen Kraft, ein solches Hochgefühl von Freiheit und Spannung, als erlebte ich ein großes Abenteuer. Die ganze Nacht hielt ich mich wach, um den drei Hellern nachzujagen, und wenn ich sie erwischt hatte, fiel es mir nicht ein, mir zu sagen: es sind ja nur drei lumpige Heller. Sie waren die Trophäe, und ich ging schlafen, begeistert und im Bewußtsein meines Sieges – beinahe wäre ich in Schuhen ins Bett gekrochen. Das ist eigentlich alles.« Das Telegramm »Man sagt so: Kleinigkeiten«, sagte Herr Doleschal, »ich habe die Beobachtung gemacht, daß die Menschen sich nur natürlich und aufrichtig benehmen, solange es um die gewöhnlichen Alltäglichkeiten geht. Sowie aber einer in eine außergewöhnliche und irgendwie pathetische Lage gerät, dann ist es, als wäre ein neuer Mensch in ihn gefahren. Die Leute reden dann mit einer anderen, ich möchte fast sagen dramatischen Stimme, sie gebrauchen andere Worte, andere Argumente, ja sogar andere Gefühle. Heroismus erwacht in ihnen, Ruhmsucht, Opfermut und ähnliche heldenhafte Charakterzüge. Es ist ganz so, als hätten sie ein Ozon eingeatmet, das sie zwingt, große Gebärden zu machen. Möglich auch, daß sie in dem Gefühl, in einer außergewöhnlichen oder katastrophalen Situation zu sein, eine gewisse geheime Befriedigung finden, kurz, sie benehmen sich wie Theaterhelden. Ist diese Hochspannung wieder vorbei, so kehren diese Menschen wieder in ihre normalen Maße zurück. Aber dann ist ihnen so zu Mute wie eben Menschen, die enttäuscht und ernüchtert wurden. Ich habe einen Vetter, ein gewisser Kalous, ein ordentlicher, würdiger Büromensch. Bürger, Familienvater, bis zu einem gewissen Grade ein Pantoffelheld und ein wenig Pedant, wie wir reifen Männer gewöhnlich. Seine Frau ist eine brave, häusliche Person, eine musterhafte Familiengluckhenne, ergebene Gattin, ein Haussklave, wie er im Büchel steht und so weiter. Dann ist eine Tochter da, ein hübsches Mädel namens Vera. Sie war, als die Geschichte sich ereignete, gerade in Frankreich, um sich im Französischen zu vervollkommnen, weil sie für den Fall, daß sie keinen Mann fände, die Sprachprüfung ablegen wollte. Ferner gab es den Sohn, einen Bengel vom Gymnasium, Toni heißt er, ein guter Fußballer, aber ein herzlich schwacher Schüler. Es war also eine typisch durchschnittliche Familie des sogenannten besseren Mittelstandes. Diese Familie Kalous also saß einmal bei Tisch, als jemand klingelte. Frau Kalous öffnete, tauchte dann wieder in der Tür auf, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und sagte, rot vor Aufregung: ›Jesus Maria, Vater, ein Telegramm!‹ – Sie wissen doch, von welchem Entsetzen Frauen gepackt werden, wenn ein Telegramm kommt; irgendwie muß es mit der weiblichen Konstitution zusammenhängen, daß Frauen immer einen Schicksalsschlag erwarten. ›Nu, nu, Mutter‹, brummte Herr Kalous und versuchte seine Ruhe und seine Würde zu bewahren, ›wer mag denn wohl ...‹ Aber seine Hand zitterte, als er das Telegramm öffnete. Alle, auch in der Tür das Dienstmädchen, starrten atemlos auf das Familienoberhaupt. ›Von Vera‹, sagte endlich Herr Kalous mit einer Stimme, die fremd klang. ›Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur ein Wort davon verstehe!‹ ›Zeig her!‹ stieß Frau Kalous hervor. ›Warte!‹ meinte Herr Kalous streng. ›Es ist sicher verstümmelt. Da steht: glabserdes dsinpers fald fourre bellevue grenoble vera.‹ ›Was soll das heißen?‹ stöhnte Frau Kalous. ›Sieh selber‹, sagte Herr Kalous bissig, ›wenn du glaubst, daß du es besser verstehst! Na also, du weißt natürlich schon, was es bedeutet.‹ Frau Kalous traten Tränen in die Augen. ›Es ist ihr etwas zugestoßen‹, flüsterte sie, ›sonst hätte sie nicht telegraphiert.‹ ›Was du nicht sagst!‹ schrie Herr Kalous und zog sich den Rock an. Offenbar hatte er das Gefühl, daß es sich nicht schicke, einer so ernsten Situation in Hemdsärmeln gegenüberzustehen. ›Gehen Sie in die Küche, Annie!‹ befahl er dem Dienstmädchen, dann sagte er mit tragischer Stimme: ›Das Telegramm ist aus Grenoble. Ich glaube, Vera ist mit jemandem durchgegangen.‹ ›Mit wem?‹ schrie Frau Kalous entsetzt. ›Was weiß denn ich?‹ polterte Herr Kalous. ›Wahrscheinlich mit irgendeinem Künstler oder sonst einem Lumpen! Das hat man von der Selbständigkeit der Frau! So etwas Ähnliches habe ich erwartet! Ich wollte sie nicht in dieses verdammte Paris fahren lassen! Aber du, du warst ja so sehr dafür ...‹ ›Ich? Ich soll dafür gewesen sein?!‹ Frau Kalous riß die Geduld. › Du hast ja nicht aufgehört zu predigen, daß sie etwas lernen müsse, um sich einmal selbst erhalten zu können!‹ Frau Kalous schluchzte auf und warf sich in einen Sessel. ›Meine unglückliche Vera! Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen ... Vielleicht ist sie krank ...‹ Herr Kalous begann erregt im Zimmer auf und ab zu laufen. ›Krank!‹ rief er, ›warum sollte sie krank sein? Wenn es nur kein Selbstmordversuch ist! Der Kerl hat sie vielleicht entführt und jetzt läßt er sie sitzen ...‹ Frau Kalous war im Begriff, ihre Schürze aufzubinden. ›Ich fahre hin zu ihr‹, erklärte sie weinend. ›Ich lasse sie dort nicht allein ...‹ ›Nirgendshin fährst du!' brüllte Herr Kalous. Frau Kalous richtete sich hoch auf; niemals noch hatte sie eine solche Würde gehabt. ›Kalous‹, sprach sie, ›ich bin die Mutter. Ich kenne meine Pflicht.‹ – Hierauf entfernte sie sich majestätischen Schrittes. Die beiden Herren, will sagen Kalous Vater und Toni Kalous Sohn blieben allein zurück. ›Wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen‹, sagte Kalous Vater dumpf. ›Vielleicht ist Vera irgendwohin verschleppt worden. Sprich nichts davon vor der Mutter. Ich werde selbst nach Grenoble fahren.‹ ›Vater‹, sagte Toni mit der tiefsten Stimme, deren er fähig war, – sonst pflegte er ›Papa‹ zu sagen – ›überlaß das mir! Ich werde fahren, etwas Französisch kann ich ...‹ ›Ja, – so ein Bursche wie du, der wäre so der Mann, vor dem die dort Respekt hätten!‹ unterbrach ihn Vater Kalous. ›Mein Kind rette ich! Ich nehme den nächsten Zug – wenn es nur nicht zu spät ist!‹ ›Mit dem Zug!‹ höhnte Toni. ›Warum nicht gleich zu Fuß? Wenn ich fahre, ich würde mit dem Flugzeug nach Straßburg ...‹ ›Und du glaubst vielleicht, daß ich nicht fliegen werde?!‹ schrie Vater Kalous. ›Daß du es nur weißt, ich fliege! Aber diesen Lumpen‹, setzte er kampflustig fort und ballte die Fäuste, ›den zerreiße ich in Stücke! Mein unglückliches Kind!‹ Toni legte ihm die Hand auf die Schulter. Es war geradezu wunderbar, wie der Lausbub so mit einem Schlage zum Manne wurde. ›Vater‹, sagte er sanft, ›das ist nichts für dich; du bist nicht mehr jung genug. Laß mich machen! Du weißt doch: für meine Schwester tue ich, was nur Menschenkraft vermag!‹ – Bis dahin hatte er für seine Schwester, wie jüngere Brüder gewöhnlich, nichts als gesunde männliche Verachtung übrig gehabt. Vater Kalous schüttelte den Kopf. ›Nein‹, sprach er düster, ›das ist meine Sache. Auf wen sollte ein Kind rechnen können, wenn nicht auf den Vater? Toni, ich reise. Du wirst inzwischen deiner Mutter eine Stütze sein. Du weißt, die Frauen ...‹ In diesem Augenblick trat Frau Kalous in die Tür, zum Ausgehen fertig, aber sonderbarerweise sah sie nicht aus wie jemand, der eine Stütze braucht. ›Wohin gehst du, wenn ich fragen darf?‹ fuhr Kalous sie an. Ihre Stimme klang kühl, als sie antwortete: ›In die Bank, Geld holen. Ich fahre zu meiner Tochter in die Fremde.‹ ›Blödsinn!‹ schrie Kalous. Frau Kalous zuckte die Achseln. ›Ich weiß, was ich tue. Und ich weiß auch, warum ich es tue.‹ ›Frau‹, erklärte Kalous entschlossen, ›nimm zur Kenntnis, daß ich selbst zu Vera reise.‹ ›Du?‹ Frau Kalous sagte es nicht ohne Geringschätzung. ›Was könntest du dort helfen? Warum solltest du dich in deiner Bequemlichkeit stören lassen?‹ fügte sie noch vernichtend hinzu. Vater Kalous richtete sich auf, und Zornesröte überzog sein Antlitz. ›Kümmere du dich nur nicht darum, was ich dort zu tun habe‹, sagte er scharf. ›Ich habe längst alles erwogen, was dort zu geschehen hat. Ich bin auf alles vorbereitet. Sag' dem Dienstmädchen, sie soll mir den Koffer vorbereiten, ja?‹ ›Aber ich kenne dich doch‹, sagte Frau Kalous. ›Wenn dir dein Chef keinen Urlaub gibt, rührst du dich nicht weg.‹ ›Ich pfeife auf den Chef!‹ brüllte Kalous. ›Ich pfeife auf das Büro! Und wenn sie mich hinausschmeißen! Ich schlage mich schon irgendwie durch! Ich habe mich mein Leben lang für meine Familie aufgeopfert und ich werde auch dieses letzte Opfer bringen, verstanden?‹ Frau Kalous ließ sich auf den Rand des Sessels sinken. ›Mann‹, sagte sie mit gepreßter Stimme, ›begreife doch, um was es hier geht! Ich fahre doch hin, um sie zu pflegen, ich habe das sichere Gefühl, daß Vera zwischen Leben und Tod schwebt. Und da muß ich bei ihr sein ...‹ ›Und ich habe eine sichere Ahnung‹, erklärte Kalous, ›daß sie in die Klauen eines Schurken geraten ist. Wenn wir wenigstens wüßten, was in dem Telegramm steht! Damit wir uns auf die Wahrheit gefaßt machen können!‹ ›Auf die entsetzliche Wahrheit!‹ jammerte Frau Kalous. ›Möglich‹, sprach düster Herr Kalous, ›ich fürchte mich auch nur daran zu denken, was das Telegramm bedeuten könnte.‹ ›Du‹, äußerte Frau Kalous unsicher, ›wir könnten vielleicht Herrn Horvat fragen.‹ ›Wonach denn?‹ Herr Kalous stutzte. ›Danach, was in dem Telegramm steht; der Herr Horvat ist doch der Mann, der diese chiffrierten Sachen zu entziffern hat –‹ ›Richtig, der könnte das herausbekommen. Annie!‹ brüllte er, ›springen Sie in den fünften Stock zu Herrn Horvat, wir lassen ihn sehr bitten, herunterzukommen!‹ Dieser Herr Horvat war nämlich in unserem Geheimdienst tätig, zu seinen Hauptobliegenheiten gehörte die Entzifferung von Geheimschriften. Er soll ein ganz genialer Kerl sein, dieser Horvat. Wenn man ihm genug Zeit läßt, so gibt es keine Chiffre, die er nicht enträtselt. Aber so etwas gibt furchtbar viel Arbeit, und die Leute, die sich damit befassen, sind gewöhnlich etwas verrückt. Herr Horvat erschien also nach einiger Zeit bei Familie Kalous. Der Horvat ist ein schmächtiger Mensch, ziemlich nervös, er riecht furchtbar nach Pfefferminz. ›Herr Horvat‹, sagte Herr Kalous, ›ich habe ein Telegramm bekommen und kann es nicht entziffern. Da habe ich mir gedacht, ob Sie nicht so liebenswürdig sein würden –‹ ›Zeigen Sie!‹ sagte Herr Horvat, las das Telegramm von Anfang bis zu Ende und blieb mit geschlossenen Augen sitzen. Es herrschte Grabesstille. ›Von wem ist denn das Telegramm?‹ ließ sich Herr Horvat nach einer Weile vernehmen. ›Von unserer Tochter Vera‹, erklärte Kalous. ›Sie studiert augenblicklich in Frankreich.‹ ›Aha!‹ äußerte sich Herr Horvat, ›so schicken Sie ihr ruhig telegraphisch sagen wir zweihundert Francs ins Hotel Bellevue nach Grenoble, und die Sache ist erledigt.‹ ›Sie haben es entziffert?‹ fragte atemlos Herr Kalous. ›Keine Spur‹, brummte Herr Horvat. ›Das sind doch keine Chiffren, das ist nur ein verstümmelter Text. Aber ich bitte Sie, weshalb sollte so ein junges Mädel sonst telegraphieren? Vermutlich hat sie ihr Handtäschchen mit ihrem Geld irgendwo angebaut, und das ist die ganze Geschichte. So was kann vorkommen.‹ ›Und könnte nicht ... könnte in dem Telegramm nicht vielleicht was Schlimmeres stehen?‹ fragte Kalous unsicher. ›Warum sollte denn gerade etwas Schlimmes darin stehen?‹ wandte Herr Horvat erstaunt ein. ›Im allgemeinen passieren nur gewöhnliche Dinge. Diese Damentäschchen sind alle miteinander nichts wert.‹ ›Dann also danke ich Ihnen bestens, Herr‹, sagte Kalous eisig. ›Keine Ursache‹, knurrte Herr Horvat und ging. Bei Kalous' war es nun eine Weile still. ›Hör mal‹, brach Herr Kalous verlegen als erster das Schweigen. ›Dieser Horvat gefällt mir nicht besonders; er ist ... hm, ein Grobian.‹ Frau Kalous begann ihre Sonntagskleider aufzuknöpfen. ›Ein Ekel ist er‹, sagte sie, ›du, und schickst du der Vera das Geld?‹ ›Aber ja‹, brummte Kalous gereizt. ›Dumme Gans, das Täschchen muß sie verlieren! Stehle ich denn mein Geld? Die würde ein paar hinter die Ohren ...‹ ›Ich spare mir jeden Heller ab‹, fügte Frau Kalous mit Bitterkeit hinzu, ›und sie, das gnädige Fräulein, sie kann nicht aufpassen! Ein wahres Kreuz ist das mit den Kindern –‹ ›Und du steh nicht hier herum wie ein Ochse, fauler Bengel, geh' lernen!‹ schrie Herr Kalous seinen Sohn Toni an, dann schlenderte er geruhsam zur Post. Nie noch war er so wütend wie damals. Und was diesen Herrn Horvat betrifft, so hielt ihn Kalous seit damals für einen taktlosen, zynischen, sogar beinahe unanständigen Menschen. Ganz als ob der Mann ihn beleidigt hätte.« Der Mann, der nicht schlafen konnte »Als Herr Doleschal vorhin vom Dechiffrieren sprach«, meinte jetzt Herr Kafka, »da fiel mir ein Streich ein, den ich einmal einem Kollegen, einem gewissen Musil, gespielt habe. Dieser Musil ist ein ganz besonders gebildeter und subtiler Mensch, aber das Prototyp eines Intellektuellen: in allem und jedem sieht er ein Problem und sucht eine ›Einstellung‹ dazu. So hat er zum Beispiel sogar eine ›Einstellung‹ gegenüber seiner Frau, er lebt mit ihr in keiner Ehe, sondern in einem Eheproblem. Außerdem gibt es für ihn das soziale Problem, die sexuelle Frage, das Problem des Unterbewußten, das Erziehungsproblem, die Krise der heutigen Kultur und noch eine ganze Menge anderer Krisen und Probleme. Mir sind derartige Menschen, die in jeder Sache ein Problem wittern, genau so unerträglich wie die Menschen mit Grundsätzen. Ich habe eine Abneigung gegen Probleme. Für mich ist ein Ei ein Ei; und wenn jemand mir damit käme, das Ei problematisch zu finden, so würde ich es mit der Angst bekommen, daß das Ei verdorben ist. Ich sage Ihnen das nur, um Ihnen diesen Musil ein bißchen vor Augen zu führen. Einmal vor Weihnachten beschloß er, ins Riesengebirge Ski fahren zu gehen, und da er noch Verschiedenes zu besorgen hatte, erklärte er, er komme noch einmal zurück, um sich von uns Kollegen zu verabschieden. Und wie er schon gegangen war, erschien der Doktor Mandel, wissen Sie, dieser bekannte Publizist, übrigens auch so ein sonderbarer Kauz, und wollte dringend Herrn Musil sprechen. Musil ist nicht da, sagte ich, aber er hat die Absicht, vor der Abreise noch für einen Sprung herzukommen. Herr Doktor Mandel schien betrübt. ›Ich kann nicht warten‹, sagte er, ›aber ich schreibe hier auf ein Stück Papier, was ich ihm zu sagen habe.‹ Und er setzte sich hin und schrieb. Ich glaube nicht, meine Herren, daß Sie schon einmal eine Schrift gesehen haben, so unleserlich wie die des Herrn Doktor Mandel. Sie sieht aus wie die Aufzeichnungen eines Seismographen – ein langer, abgerissener, waagrechter Strich, der stellenweise zittrig aussieht oder spitz aufsteigt. Mir war die Schrift gut bekannt und ich sah ihm nur zu, wie seine Hand über das Papier fuhr. Plötzlich schnitt Doktor Mandel ein ärgerliches Gesicht, zerknüllte ungeduldig das Blatt Papier, warf es in den Korb und sprang auf. Es würde zu lang werden, brummte er, und weg war er. Sie wissen doch, einen Tag vor Weihnachten hat kein Mensch große Lust zu einer ernsten Arbeit. Ich setzte mich also an den Tisch und fing an, auf ein Blatt Papier diese gewissen seismographischen Striche zu malen; lange, zittrige Linien; hie und da, wie es mir gerade einfiel, ließ ich sie aufwärts oder abwärts hüpfen. Eine Zeitlang unterhielt ich mich damit, dann legte ich das bekritzelte Papier auf Musils Tisch hinüber. Ich hatte es kaum hingelegt, als Musil hereinstürzte, schon in Gebirgstracht, Skier und Stöcke auf der Schulter. ›Jetzt fahre ich‹, rief er fröhlich schon in der Tür. ›Ein Herr war da, der Sie sprechen wollte‹, sagte ich gemessen. ›Er hat Ihnen einen Brief hinterlassen, es soll sich um eine wichtige Sache handeln.‹ ›Zeigen Sie her!‹ sagte Musil rasch. ›Oh‹, er stutzte, ›das ist ja von Doktor Mandel; was wollte er denn von mir?‹ ›Keine Ahnung‹, brummte ich unwirsch, ›er hatte es sehr eilig. Aber wissen Sie, mit dieser Schrift könnte ich nicht fertig werden.‹ ›Ich bin sein Gekritzel gewöhnt‹, erklärte Musil leichthin, stellte Skier und Stöcke hin und setzte sich an den Tisch. Nach einer Weile wurde er sonderbar ernst. Eine halbe Stunde lang war es totenstill im Raum. ›Die ersten zwei Wörter hätte ich jetzt‹, sagte Musil erleichtert und stand auf, ›sie heißen: »Lieber Herr!« Aber jetzt muß ich mich beeilen. Ich nehme den Brief mit und es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn es mir nicht gelänge, ihn noch im Zug zu entziffern!‹ Nach Neujahr kam er zurück. ›Wie ist es Ihnen ergangen?‹ fragte ich ihn. ›Mensch – Musil, schön ist es so im Winter in den Bergen, was?‹ Musil machte eine müde Bewegung mit der Hand. ›Weiß ich's denn?‹ sagte er. ›Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen – ich habe das Hotelzimmer nicht verlassen; nicht einmal die Nase habe ich hinausgesteckt. Aber wenn man den Leuten glauben will, so war es dort wunderschön.‹ ›Ja, was war denn los?‹ fragte ich teilnahmsvoll, ›waren Sie krank?‹ ›Krank nicht‹, sagte Musil mit gemachter Bescheidenheit, ›aber ich habe die ganze Zeit damit verbracht, den Brief des Doktor Mandel zu entziffern. Aber damit Sie es nur wissen, ich habe die Aufgabe gelöst‹, erklärte er triumphierend. ›Die ganzen Nächte bin ich an der Arbeit gesessen – aber was ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, das führe ich durch.‹ Ich hatte nicht den Mut, ihm zu gestehen, daß der Brief nichts als mein sinnloses Gekritzel war. ›War der Brief wenigstens wichtig?‹ fragte ich gespannt. ›Hat er die Mühe gelohnt?‹ ›Darauf kommt es nicht an‹, antwortete Musil stolz. ›Was mich an der Sache interessiert hat, war das graphologische Problem. Doktor Mandel hat mich in seinem Brief darum ersucht, innerhalb von vierzehn Tagen einen Beitrag für seine Zeitschrift zu schreiben – worüber, das ist allerdings die einzige Stelle, die ich nicht enträtseln konnte; außerdem wünschte er mir fröhliche Feiertage und einen angenehmen Aufenthalt im Gebirge. Im großen und ganzen also keine besondere Angelegenheit. Doch die Lösung, Herr, die Lösung methodisch zu finden, das war eine harte Nuß; aber das ist gut so, denn an nichts kann der Mensch seinen Geist besser schärfen. Das lohnt schon die Arbeit von ein paar Tagen und Nächten.‹« +++ »Nicht schön von Ihnen«, sagte tadelnd Herr Paulus. »Hol' der Teufel die paar Tage, aber schade um die schlaflosen Nächte. Der Schlaf, meine Herren, der ist mehr als ein Ausruhen für den Körper, der Schlaf ist so etwas wie eine Reinigung, wie eine Absolution für den vergangenen Tag. Schlafen zu dürfen ist eine Gnade! In den ersten paar Minuten nach einem guten Schlaf ist jede Seele rein und unschuldig wie ein Kind. Ich muß es wissen; ich selbst habe nämlich eine Zeitlang an Schlaflosigkeit gelitten. Ich weiß nicht, ob infolge eines ungeregelten Lebens oder ob sonst was mit mir nicht in Ordnung war – kurz, sobald ich mich ins Bett gelegt und in den Augen das gewisse Prickeln vor dem Einschlafen verspürt hatte, begann es in mir gleichsam zu zucken, und dann lag ich Stunden um Stunden da und stierte in die Finsternis, bis der Tag zu grauen begann. Ein ganzes Jahr ging das so, ein Jahr ohne Schlaf. Wenn der Mensch nicht einschlafen kann, versucht er zuerst an nichts zu denken. Er zählt deshalb oder er betet. Dann fällt ihm plötzlich ein: Herrgott noch einmal, gestern habe ich da etwas zu erledigen vergessen! Dann fällt ihm ein, daß man ihn vielleicht in einem Laden beim Zahlen betrogen hat. Dann glaubt er sich jetzt erst zu erinnern, daß ihm neulich seine Frau oder ein Freund eine so sonderbare Antwort gegeben hat. Ein Möbelstück kracht, und der Mensch meint, es sei ein Dieb und ihm wird kalt, erst vor Angst, dann vor Scham wegen seiner Angst. Und wenn ihn die Angst erst einmal beim Kragen hat, beginnt er seinen Körper zu beobachten, und, in Schweiß gebadet, seine bescheidenen Kenntnisse über Karzinome und Nierenentzündungen zu rekapitulieren. Er weiß nicht, warum jetzt auf einmal die Erkenntnis auftaucht, daß er vor zwanzig Jahren eine peinliche Eselei begangen hat, einen so dummen Fehler, daß die Scham ihm jetzt den Schweiß aus den Poren treibt. Schritt für Schritt konfrontiert er sich immer von neuem mit irgendeinem Ich, das sonderbar, unabweisbar und unerlöst ist; mit seiner Schwäche, mit seinen eigenen Gebrechen, Dummheiten, Blamagen und längst vergangenem Leid. Alles Peinliche und Schmerzhafte, alles Erniedrigende, das er je erlebt hat, schwimmt an die Oberfläche. Nichts bleibt einem Menschen erspart, der keinen Schlaf findet. Deine ganze Welt verschiebt sich und rutscht in eine quälende Perspektive. Längst Vergessenes grinst dich an, als wollte es sagen: ›Du Ochse, schön hast du dich damals benommen! Und erinnerst du dich, wie deine erste Liebe, vierzehn Jahre alt warst du damals, nicht zum Rendezvous gekommen ist? Du sollst es wissen, zur selben Zeit küßte sie einen anderen, deinen Freund Fritz, und sie lachten über dich! Du Idiot, Idiot, Idiot!‹ – Und der Mensch wälzt sich in seinem heißen Bett und zwingt sich zu dem Gedanken: Herr des Himmels, das geht mich doch nichts mehr an! Gewesen ist gewesen! – Dabei stimmt das gar nicht, glauben Sie mir! Was gewesen war, ist. Auch das, wovon du nichts mehr weißt, wirkt weiter. Ich glaube, auch nach dem Tode noch dauert das Gedächtnis. Liebe Freunde, Sie kennen mich doch ein wenig. Sie wissen – ich bin kein Griesgram, kein Hypochonder, kein Querulant, kein Rührmichnichtan, kein Raunzer, kein ekelhafter Kerl und kein Schwarzseher. Ich liebe das Leben und die Menschen und mich selber; ich gehe die Dinge an wie ein Narr, prügle mich gerne in der Welt herum; ich glaube, ich habe eine harte Haut. Auch damals, als ich den Schlaf verloren hatte, habe ich bei Tag gearbeitet wie ein rechter Kerl, bin ganz munter herumgestiegen und habe mich an jede Aufgabe herangemacht, die mir gestellt wurde. Sie wissen, daß ich im Rufe stehe, gottlob ein aktiver Mensch zu sein. Aber kaum war ich abends ins Bett gekrochen und kaum hatten die Qualen der schlaflosen Nacht begonnen, so spaltete sich mein Leben. Fort war das Dasein des tätigen, erfolgreichen, selbstsicheren und gesunden Mannes, dem dank seiner Energie, seiner gesunden Vernunft und seines unverschämten Glücks einfach alles gelang. Ein armer gehetzter Mensch lag da im Bett, der sich mit Grauen seiner Mißerfolge, seiner Schande, des ganzen Schmutzes und der ganzen Niedrigkeit seines Lebens bewußt wurde. Zwei Leben habe ich damals gelebt, die fast gar keine Berührungspunkte hatten und die einander denkbar unähnlich waren: das eine bei Tag, ein Leben der Erfolge, der Tätigkeit, des Verkehrs mit Menschen, des Vertrauens, der amüsanten Unterbrechungen; ein Leben, das mich in seiner Art glücklich machte und mir die Selbstzufriedenheit gab, die ich brauchte. In der Nacht aber schloß sich das andere Leben auf, ein Leben, gewebt aus Schmerzen und Bedenken; das Leben eines Menschen, dem nichts glückte, der von allen verraten wurde und der sich selbst seinen Mitmenschen gegenüber engherzig und dumm benahm; das Leben eines um alles Betrogenen, eines tragischen Tölpels, den ein jeder haßt und belügt, eines Schwächlings, der sein Spiel verloren hat und von Schande zu Schande torkelt. Ein jedes dieser beiden Leben war in sich geschlossen und abgerundet. Befand ich mich auf der einen Seite, so schien es mir, als gehörte das andere Leben einer anderen Person, als betreffe es mich gar nicht, oder als wäre es nur scheinbar vorhanden, eine Selbsttäuschung oder eine Halluzination. Bei Tag liebte, bei Nacht verdächtigte und haßte ich. Bei Tag erlebte ich unsere Welt, die Welt der Menschen; bei Nacht erlebte ich mich selbst. Und wer nur sich selbst erlebt, der verliert die Welt. Und so scheint es mir denn, als wäre der Schlummer ein tiefes, dunkles Wasser. Alles, wovon wir nichts wissen und nichts wissen sollen, fließt da hinab. Die sonderbare Traurigkeit, die sich in uns niederschlägt, wird weggespült und rinnt ins Unterbewußtsein, das uferlos ist. Unsere Schlechtigkeit, unsere Feigheit, alle unsere alltäglichen und peinlichen Sünden, unsere beschämenden Dummheiten und Mißerfolge, die Sekunden der Lüge und Lieblosigkeit im Blick derer, die wir lieben – das, worin wir gefehlt und das, worin andere an uns gesündigt haben, das alles fließt in guten Nächten still hinweg aus dem Bereich des Bewußtseins. Der Schlaf ist unendlich barmherzig; er vergibt uns wie auch unseren Schuldigern. Und noch etwas will ich Ihnen sagen, das, was wir so unser Leben nennen, das ist nicht alles, was wir erlebt haben; es ist nur eine Auswahl. Was wir erleben, ist viel zu viel; es ist mehr, als unser Verstand fassen kann. Deshalb wählen wir nur aus, was uns behagt, und knüpfen aus den Fäden sozusagen eine vereinfachte Handlung. Das Produkt nennen wir dann unser Leben. Aber was für Abfälle wir da liegen lassen, welch sonderbare und schreckliche Dinge wir einfach übergehen – du lieber Gott, wenn der Mensch sich dessen bewußt würde! Aber wir haben gerade nur die Kraft, ein vereinfachtes Leben zu leben. Mehr zu erleben, ginge über unsere Kraft. Wir hätten keine Möglichkeit, das Leben zu ertragen, wenn wir nicht unterwegs das größere Stück unseres Lebens verlieren würden.« Die Briefmarkensammlung »Das ist so wahr wie die Welt«, sagte der alte Herr Karas, »wenn der Mensch in seiner Vergangenheit stöbern wollte, dann würde er Stoff für ein paar andere Leben finden ... Einmal – aus Irrtum oder aus Neigung – hat er sich nur eines dieser Leben ausgesucht und lebt es nun bis zu Ende. Aber das Schlimme ist, daß die anderen, die ungelebten Leben, nicht ganz tot sind. Und manchmal kommt es vor, daß du in ihnen Schmerzen verspürst wie in einem amputierten Bein. Als ungefähr zehnjähriger Junge begann ich, mir eine Markensammlung anzulegen. Der Vater sah es nicht gern. Er meinte, es könne mich am Lernen hindern. Aber ich hatte einen Schulkameraden, den Tschepelka Loisl, und mit dem verstand ich mich in unserer philatelistischen Leidenschaft. Der Loisl war der Sohn eines Drehorgelspielers, ein struppiger, sommersprossiger Junge, ruppig wie ein Spatz, und ich liebte ihn, wie nur Kinder einen Kameraden lieben können. Ich bin heute ein alter Mann, ich hatte eine Frau und habe Kinder, aber ich sage Ihnen, kein Gefühl geht über die Freundschaft. Aber der Mensch ist zur Freundschaft nur fähig, so lange er jung ist; dann verkrustet er und wird selbstsüchtig. Eine echte Freundschaft, die entspringt einzig und allein der Begeisterung und Bewunderung, der Fülle und dem Übermaß der Gefühle. Du hast so viel, daß du geben mußt, das ist es. Mein Vater war Notar, der Erste der Ortshonoratioren, ein unerhört würdevoller und strenger Herr, und ich hatte den Loisl ins Herz geschlossen, dessen Vater nichts als ein besoffener Drehorgelspieler war und die Mutter eine abgerackerte Wäscherin; ich verehrte und vergötterte diesen Loisl, weil er geschickter war als ich, selbständig und tapfer wie eine Ratte, weil er Sommersprossen auf der Nase hatte und weil er mit der linken Hand Steine schmeißen konnte. Ich weiß nicht mehr, was ich alles an ihm geliebt habe – nur daß es sicherlich die stärkste Liebe meines Lebens war. Der Loisl also war mein Vertrauter, als ich begann, die Markensammlung anzulegen. Jemand hat hier gesagt, nur Männer hätten Sinn fürs Sammeln. Das ist richtig. Ich denke, es wird ein Überbleibsel aus jener Zeit sein, in der jeder Mann eine Sammlung von Köpfen erlegter Feinde anlegte, von erbeuteten Waffen, Bärenfellen, Hirschgeweihen und dergleichen. Aber so eine Briefmarkensammlung, die ist mehr als bloß ein Besitz, die ist ein ewiges Abenteuer. Mit einem gewissen Beben berührt der Mensch ein Stück ferner Länder, sagen wir Bhutans, Boliviens oder des Kap der Guten Hoffnung; man bekommt mit diesen exotischen Gegenden so etwas wie eine persönliche Fühlung. Etwas vom Reisetrieb, von der Lust auf See zu fahren, überhaupt von männlicher Abenteurerbegierde steckt im Briefmarkensammeln. Es ist wie bei den Kreuzzügen. Mein Vater also wollte nichts davon wissen. Väter lieben es im allgemeinen nicht, wenn ihre Söhne etwas anderes tun als sie selbst. Ich, meine Herren, habe mich meinen Söhnen gegenüber nicht anders verhalten. Mit den Vatergefühlen ist es überhaupt so eine Sache. In einem Vater lebt eine große Liebe, aber auch eine gewisse Voreingenommenheit, ein Mißtrauen, vielleicht Feindschaft oder wie man es sonst nennen soll. Je mehr er seine Kinder liebt, desto mehr Platz ist auch für das andere Gefühl da. Ich mußte mich also mit meiner Markensammlung auf dem Dachboden verstecken, damit der Vater nichts davon erfahre. Dort stand eine alte Truhe, eine sogenannte Mehlkiste, und in diese Kiste verkrochen wir uns wie zwei Mäuse und zeigten einander unsere Schätze: ›Schau, das hier ist Holland, das hier Ägypten, das hier Sverige oder Schweden.‹ Und gerade darin, daß ich mich mit meinem Reichtum verstecken mußte, lag das fast sündhaft Schöne. Die Art, wie ich mir meine Marken verschaffte – das war wieder ein anderes Abenteuer. Ich lief zu mir bekannten oder unbekannten Familien und bettelte um die Erlaubnis, mir von ihren alten Briefen die Marken ablösen zu dürfen. Bei manchen gab es auf dem Dachboden oder in einem alten Sekretär Schubladen voll alter Papiere. Das waren meine seligsten Stunden, wenn ich, auf der Erde sitzend, die verstaubten Papierstöße durchstöberte und nach einer Marke suchte, die ich noch nicht in meiner Sammlung hatte. Ich Esel sammelte natürlich keine Dubletten. Und wenn es einmal vorkam, daß ich eine alte Lombardei, irgendeinen deutschen Kleinstaat oder eine Freie Stadt fand, so fühlte ich eine Freude, die beinahe weh tat – jedes übermäßige Glück schmerzt so süß. Indessen wartete draußen der Loisl auf mich, und wenn ich endlich wieder erschien, so flüsterte ich noch in der Tür: ›Loisl, Loisl, eine Hannover war dort!‹ – ›Hast du sie?‹ – ›Freilich.‹ – Und wir rannten nach Hause mit unserer Beute und krochen in die Truhe. In unserer Gegend gab es Textilfabriken, die allerhand Ramschware erzeugten, Jute, Kaliko, Kattun und Baumwollzeug. Dieser Mist wird bei uns ausschließlich für die Farbigen der ganzen Erdkugel erzeugt. Man erlaubte mir, in den Papierkörben dort nach Marken zu suchen. Das war mein reichstes Jagdrevier. Siam konnte man dort finden, Südafrika, China, Liberia, Afghanistan, Borneo, Brasilien, Neu-Seeland, Indien, Kongo-Staat – ich weiß nicht, ob Ihnen so wie mir schon die bloßen Namen ins Ohr klingen wie ein Geheimnis und wie eine Sehnsucht. Herrgott, diese Freude, dieses Unmaß von Freude, wenn gar etwa einmal eine Marke aus den Straits-Settlements dabei war – oder Korea! Nepal! Neu-Guinea! Sierra Leone! Madagaskar! Diesen Rausch, meine Herren, kann nur ein Jäger begreifen oder ein Schatzsucher oder ein Archäologe, der seine Ausgrabungen macht. Suchen und Finden, das ist die größte Spannung und die stärkste Befriedigung, die das Leben dem Menschen zu gewähren hat. Etwas sollte ein jeder suchen; wenn es nicht gerade Marken sind, so könnte es zum Beispiel die Wahrheit sein, oder das goldene Farnkraut oder Steinpfeilspitzen und Aschenurnen. Das also waren die schönsten Jahre meines Lebens. Die Jahre mit dem Loisl und mit den Marken. Dann bekam ich Scharlach, man ließ den Loisl nicht zu mir, aber er stand draußen im Korridor und pfiff, damit ich ihn wenigstens hörte. Einmal paßte man nicht auf mich auf oder weiß der Himmel, was sonst los war, kurz, ich riß aus und, schwupps, war ich auf dem Boden, bei meinen Marken. Ich war so schwach, daß ich den Deckel der Truhe kaum heben konnte. Aber die Truhe war leer. Die Schachtel mit den Marken war verschwunden. Wie weh das tat und wie ich erschrak, kann ich Ihnen heute kaum schildern. Ich glaube, ich stand wie versteinert da und konnte nicht einmal weinen; so preßte es mir die Kehle zusammen. Es war schon fürchterlich genug, daß meine Marken, mein größter Schatz, weg waren. Aber noch fürchterlicher war es, daß es bestimmt der Loisl war, mein einziger Freund, der sie gestohlen hatte, während ich krank lag. Entsetzen, Enttäuschung, Verzweiflung kamen über mich – man weiß nicht, wieviel ein Kind so durchmachen kann! Ich weiß nicht mehr, wie ich es zustande brachte, wieder hinunter zu gelangen. Aber nachher lag ich in hohem Fieber, und in den lichten Augenblicken dachte ich verzweifelt nach. Weder meinem Vater noch meiner Tante sagte ich auch nur ein Wort – meine Mutter lebte nicht mehr – ich wußte, daß sie mich nicht verstehen könnten, und seit damals gab es eine gewisse Entfremdung zwischen ihnen und mir. Meine kindliche Beziehung zu ihnen war eigentlich seit damals gelöst. Der Verrat des Loisl, meine Herren – beinahe hätte er mich getötet. Es war die erste und die größte Enttäuschung, die mir durch einen Menschen zuteil wurde. Bettler nannte ich ihn bitter; ein Bettler ist der Loisl, und deshalb stiehlt er. Das habe ich davon, daß ich mit einem Bettler Kameradschaft schloß. Ich wurde hart. Damals fing ich an, Unterschiede zwischen Menschen zu machen. Ich hatte den Zustand der sozialen Unschuld verloren. Aber ich wußte damals noch nicht, daß es so war und was alles in mir zusammenstürzte und wie tief es mich erschüttert hatte. Als mich das Fieber verlassen hatte, ging auch der Schmerz über die verlorenen Marken von mir. Nur eins gab mir noch einen Stich ins Herz: daß ich den Loisl mit neuen Kameraden sah. Aber als er auf mich zugelaufen kam, ein wenig verlegen nach so langer Zeit, da sagte ich ihm trocken und erwachsen: ›Geh' nur! Mit dir rede ich nicht!‹ Loisl wurde rot, und nach einer Weile sagte er: ›Auch gut!‹ – Seit damals haßte er mich verbissen, wie eben ein Proletarier. Das also war das Ereignis, das mein ganzes Leben entscheidend beeinflußt hat, meine Lebensauswahl, wie Herr Paulus es nennen würde. Meine Welt war, möchte ich sagen, entheiligt. Ich hatte das Vertrauen zu den Menschen verloren, hatte hassen gelernt und verachten. Nie mehr hatte ich einen Kameraden, und als ich heranwuchs, begann ich sogar, mir etwas darauf einzubilden, daß ich niemanden brauchte, daß ich niemandem etwas schenkte, daß ich allein war. Später merkte ich, daß kein Mensch mich leiden konnte. Ich habe es mir damit erklärt, daß ich selbst die Liebe verachtete und auf alle Sentimentalitäten pfeife. So wurde aus mir ein stolzer, ehrsüchtiger, nur auf sich selbst bedachter, aber peinlich korrekter Mensch. Ich war böse und hart gegen meine Untergebenen, ich habe ohne Liebe geheiratet, meine Kinder in Furcht und Gehorsam erzogen, und durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit nicht geringe Verdienste erworben. Das war mein Leben, mein ganzes Leben; ich kümmerte mich um nichts anderes als um das, was ich unter meiner Pflicht verstand. Wenn ich einst zu Gott eingehen werde, werden Sie in den Zeitungen lesen können, wie arbeitsam und von welch musterhaftem Charakter ich gewesen bin. Wenn die Menschen nur wüßten, wie viel Einsamkeit, Mißtrauen und Hartherzigkeit in meinem Leben steckt! Vor drei Jahren starb meine Frau. Ich wollte es weder mir selbst noch sonst jemand eingestehen, aber mir war furchtbar traurig zumute, und in dieser Stimmung kramte ich in allerlei Familienandenken herum, die noch aus Vaters und Mutters Besitz auf mich gekommen waren: Photographien, Briefe, meine alten Schulhefte – es würgte mich geradezu im Hals, als ich sah, mit welcher Sorgfalt mein gestrenger Vater sie aufbewahrt und geordnet hatte. Am Ende hatte er mich doch lieber gehabt, als ich damals verstehen konnte. Auf dem Boden war ein ganzer Schrank voll mit derlei altem Kram; und zuunterst in einer Lade eine Schachtel, mit meines Vaters Petschaft versiegelt. Als ich sie aufmachte, fand ich in ihr die Briefmarkensammlung, die ich fünfzig Jahre früher angelegt hatte. Ich schäme mich nicht, es Ihnen zu gestehen: Tränen stürzten mir aus den Augen und ich trug die Schachtel wie einen Schatz auf mein Zimmer. Das also war es damals gewesen, begriff ich mit einem Schlag. Als ich krank lag, hatte irgend jemand die Sammlung gefunden, und der Vater hatte sie konfisziert, damit ich ihretwegen das Lernen nicht vernachlässigte. Er hätte es nicht tun sollen. Aber jetzt weiß ich, daß auch darin nichts lag als seine Strenge und seine Liebe; es ist schon so, daß auch er damals begann, mir leid zu tun ... Nun aber kam es mir zum Bewußtsein: der Loisl hat mir also die Marken gar nicht gestohlen! Um Himmels willen, wie sehr hatte ich ihm unrecht getan! Ich sah den sommersprossigen und zerrissenen Gassenjungen vor mir. Gott weiß, ob er noch lebt und was aus ihm geworden ist! Schmerz und Scham stiegen in mir auf. Nur geführt von meinem falschen Verdacht, hatte ich meinen einzigen Kameraden verloren! Meine Kindheit! Nur deshalb ist es geschehen, daß ich die Armen verachten lernte; daher meine Hoffart; dies die Ursache, warum ich mich keinem Menschen anschließen konnte. Daher mein Widerwillen gegen Briefmarken. Darum also habe ich nie an meine Braut und später nie an meine Frau geschrieben und behauptet, ich sei über Gefühlsduseleien erhaben; meine Frau hat darunter zu leiden gehabt. Darum war ich so hart, darum so einsam. Darum, nur darum habe ich so viel erreicht und so musterhaft meine Pflicht erfüllt – plötzlich, meine Herren, sah ich mein ganzes Leben mit anderen Augen an. Und es erschien mir öde und ohne Sinn. Ich hätte doch ein ganz anderes Leben führen können, fiel mir ein. Wenn das nicht geschehen wäre – was war nicht für Begeisterung und Abenteurerlust in mir, Liebe, Ritterlichkeit, Phantasie und Vertrauen, die merkwürdigsten, die unbändigsten Dinge – Herrgott, was hätte ich alles sein können – Weltreisender, Schauspieler, Soldat! Hätte doch die Menschen lieben können, mit ihnen trinken, sie verstehen – und weiß der Himmel was sonst noch! Mir war, als taute eine Eisschicht in mir auf. Eine Marke nach der anderen nahm ich vor. Alle waren sie da: Lombardei, Kuba, Siam, Hannover, Nicaragua, Philippinen, all die Länder, in die zu fahren ich damals gewünscht habe und die ich jetzt nie mehr werde sehen können. An jeder dieser Marken haftete ein Stück von etwas, das hätte geschehen können und nicht geschehen ist. Eine ganze Nacht saß ich über den Marken und hielt Gericht über mein Leben. Und ich erkannte, daß es ein fremdes, ein künstliches und unpersönliches Leben gewesen ist, und daß das, was eigentlich mein Leben hätte werden sollen, nie Wirklichkeit geworden ist.« – Herr Karas machte eine Handbewegung. – »Wenn ich überlege, was ich alles hätte sein können ... und wie sehr ich dem Loisl Unrecht getan habe ...« Pater Voves, der unter den Zuhörern war, sah besonders ernst und mitfühlend drein. Möglich, daß etwas aus seinem eigenen Leben ihm vorschwebte. »Herr Karas«, sagte er ergriffen, »denken Sie nicht mehr daran! Was könnte es helfen? Jetzt läßt sich nichts mehr gutmachen, jetzt können Sie nicht noch einmal beginnen ...« »Mit dem Leben nicht«, seufzte Herr Karas und wurde ein bißchen rot, »aber wissen Sie, wenigstens ... wenigstens mit dem Markensammeln habe ich jetzt wieder begonnen ...« Ein gewöhnlicher Mord »Ich habe oft darüber nachgedacht«, sagte Herr Hanak, »warum wir eigentlich das Unrecht für etwas Schlimmeres halten als allerlei Elend, von dem die Menschheit sonst heimgesucht ist. Wird zum Beispiel ein Mensch unschuldig verurteilt, so quält und beunruhigt uns das mehr als die Vorstellung, daß Tausende von Menschen in Not und Jammer leben. Ich habe Elend von einer Art gesehen, daß mit ihm verglichen jedes Gefängnis ein Paradies ist, und dennoch kann man sagen, daß uns das größte Elend nicht so empört wie Unrecht. Fast möchte ich behaupten, daß wir mit einer Art Instinkt für die Gerechtigkeit ausgestattet sind und daß das Gefühl für Schuld und Unschuld, für Recht und Gerechtigkeit ebenso ursprünglich, ebenso furchtbar und ebenso tief ist, wie die Liebe oder der Hunger. Bedenken Sie einmal: ich war, genau so wie Sie alle, vier Jahre im Krieg. Wir brauchen einander nicht erst zu erzählen, was wir da alles gesehen haben. Aber Sie werden zugeben, daß sich unsereiner damals an so manches gewöhnt hat: zum Beispiel an Tote. Hunderte und aber Hunderte toter junger Menschen, manchmal in recht furchtbarer Art tot, habe ich gesehen, das können Sie mir glauben. Und ich muß gestehen, es war mir schon so gleichgültig, als hätte es sich um alte Hadern gehandelt; nur der Gestank konnte mir etwas anhaben. Mensch, habe ich mir damals gesagt, wenn du aus diesem viehischen Wirrwarr heil nach Hause kommst, dann kann dich nichts mehr im Leben aus der Fassung bringen. Ungefähr ein halbes Jahr nach dem Kriegsende war ich daheim in Slatina. Eines Morgens klopft es an mein Fenster und jemand ruft: ›Herr Hanak, die Frau Turek ist ermordet worden, kommen Sie schnell!‹ Die Frau Turek war die Besitzerin eines kleinen Ladens mit Papier und Zwirn. Kein Mensch scherte sich um sie. Nur hie und da betrat jemand den Laden und kaufte eine Spule Zwirn oder eine Weihnachtspostkarte. Vom Laden führte eine Glastür in eine kleine Küche; dort schlief die Alte. An dieser Tür hingen Vorhänge, und wenn die Glocke im Laden schellte, schaute Frau Turek durch die Vorhänge, wischte sich die Hände an der Schürze ab und schlurfte in den Laden. ›Sie wünschen?‹ fragte sie mißtrauisch. Man hatte das Gefühl, ein Eindringling zu sein und trachtete, möglichst schnell wieder den Laden zu verlassen. Es war so, wie wenn man einen Stein von der Erde aufhebt und nun in der feuchten Grube, in der er gelegen war, einen vereinsamten und aufgeschreckten Käfer hin- und herschießen sieht. Schnell läßt man den Stein wieder fallen, damit der widerwärtige Käfer sich beruhige. Ich lief sofort hin, aus ganz gewöhnlicher Neugier glaube ich. Vor dem Laden drängten sich die Menschen wie Bienen vor dem Flugloch. Der Ortspolizist, der mich als gebildeten Menschen schätzte, erlaubte mir einzutreten. Schrill klang die Glocke durch die Stille des Ladens, ganz wie sonst. Aber ihr heller und eifriger Ton machte mich in diesem Augenblick erschauern, mir kam es vor, als gehöre er nicht her. Auf der Küchenschwelle lag Frau Turek mit dem Gesicht zur Erde, unter dem Kopf eine fast schwarze Blutlache. Die weißen Haare im Nacken waren blutig und schwärzlich verklebt. Und plötzlich fühlte ich etwas, das ich im Krieg nie gekannt habe: das Entsetzen vor einem toten Menschen. Merkwürdig, den Krieg habe ich fast ganz vergessen. Auch die anderen Menschen vergessen ihn allmählich, vielleicht muß es deswegen wieder einmal einen neuen Krieg geben. Aber diese ermordete Alte, die eigentlich für niemand auf der Welt da war, diese armselige Krämerin, die nicht einmal imstande war, eine Ansichtskarte wie sich's gehört zu verkaufen – die werde ich nie vergessen. Ein Ermordeter ist etwas anderes als ein Toter; etwas Furchtbares und Geheimnisvolles haftet ihm an. Unbegreiflich, warum gerade diese Frau Turek ermordet wurde, so eine unauffällige und farblose Person, um die sich doch weit und breit niemand gekümmert hatte. Wie kommt es, daß sie so pathetisch hier liegt, daß der Gendarm sich über sie beugt und daß draußen so viele Menschen sich drängen, nur um wenigstens ein Stückchen von Frau Turek zu sehen? Es ist schon so: nie hat das arme alte Weib sich solcher Aufmerksamkeit erfreut wie jetzt, da sie mit dem Gesicht in der schwarzen Blutlache lag. Plötzlich schien sie eine merkwürdige und schauderhafte Bedeutung bekommen zu haben. Nie hatte ich beachtet, was sie anhatte oder wie sie eigentlich aussah. Jetzt aber war es, als sähe ich sie durch ein ungeheuer stark und grotesk vergrößerndes Glas. An dem einen Fuß hatte sie einen Filzpantoffel, der andere war bloß. Man sah den an der Ferse gestopften Strumpf – noch jetzt sehe ich jeden Stich; und auch dies war furchtbar, ich hatte die Empfindung, daß auch dieser arme Strumpf gemordet worden war. Die eine Hand krampfte sich in den Boden, vertrocknet und hilflos wie eine Vogelkralle. Am schauerlichsten aber erschien mir der dünne Haarknoten im Nacken der Ermordeten. Er war sorgfältig geflochten und glänzte inmitten des Blutgerinnsels wie altes Zinn. Ich glaube, daß ich nie etwas Kläglicheres gesehen habe als diesen besudelten kleinen Zopf. Hinter dem Ohr war ein Blutstreifen eingetrocknet. Über ihm glitzerte ein silberner Ohrring mit einem blauen Stein. Ich konnte es nicht länger ertragen; meine Beine zitterten. ›Gott im Himmel!‹ entfuhr es mir. Der Gendarm, der etwas auf dem Küchenboden suchte, richtete sich auf und starrte mich an. Er war bleich wie vor einer Ohnmacht. ›Mensch, waren Sie denn nicht im Krieg?‹ stammelte ich. ›Ja, aber dies hier ist etwas anderes‹, sagte der Gendarm mit heiserer Stimme. ›Sehen Sie doch‹, er zeigte auf die Vorhänge an der Tür, die zerknüllt und fleckig aussahen; vermutlich hatte sich der Mörder an ihnen die Hände abgetrocknet. ›Mein Gott!‹ stieß ich hervor. Ich weiß nicht, was eigentlich das Entsetzlichste daran war: die Vorstellung von den klebrigen, blutigen Händen oder die, daß auch diese Vorhänge, diese sauberen Vorhänge dem Verbrechen zum Opfer gefallen waren. Plötzlich piepste der Kanarienvogel in der Küche und trillerte drauf los. Da hielt ich es nicht länger aus und rannte von Grauen gejagt aus dem Laden. Ich glaube, ich war noch bleicher als der Gendarm. Im Hof setzte ich mich auf eine Wagendeichsel und versuchte meine Gedanken zu ordnen. ›Dummkopf‹, sagte ich mir, ›Feigling! Das ist doch nichts als ein gewöhnlicher Mord. Hast du denn noch nie Blut gesehen, warst du denn nicht selbst mit deinem eigenen Blut besudelt wie ein Schwein? Hast du nicht deine Soldaten angebrüllt, sie mögen die Grube für die hundertdreißig Toten schneller graben? Hundertdreißig Tote, einer neben dem andern, das ist schon eine stattliche Reihe, auch wenn man sie so schlichtet wie Schindeln! Bist du nicht diese Reihe abgegangen, hast du nicht deine Zigarette geraucht und die Mannschaft angebrüllt: Also vorwärts, vorwärts, damit das endlich einmal verschwindet! So viele Tote hast du gesehen, so viele Tote ...‹ ›Ja, das ist es‹, sagte ich mir, ›so viele Tote habe ich gesehen – und keinen einzigen Toten. Neben keinen einzigen habe ich mich hingekniet, um ihm ins Gesicht zu schauen, um sein Gesicht, seine Haare anzurühren. Ein Toter ist furchtbar still; man muß allein sein mit ihm ... man muß den Atem anhalten ... dann versteht man ihn. Jeder einzelne dieser hundertdreißig hätte versucht, dir zu sagen: Herr Leutnant, man hat mich umgebracht. Sehen Sie meine Hände an, es sind doch Menschenhände! Aber wir haben uns von den Toten abgewandt, wir alle; wir mußten Krieg führen, wir konnten nicht den Gefallenen lauschen. Mein Gott, um jeden einzelnen dieser Toten hätten die Menschen sich drängen müssen wie die Bienen um das Flugloch – Männer, Frauen, Kinder – damit sie schaudernd wenigstens ein kleines Stück von ihm zu sehen bekämen; den Fuß im schweren Stiefel oder die verklebten Haare. Dann hätte es vielleicht nicht geschehen müssen; dann hätte es gar nicht geschehen können.‹ Ich habe meine Mutter begraben; sie sah so feierlich aus, so versöhnt, so ordentlich in ihrem schönen Sarg. Es war ein merkwürdiger Anblick, aber kein furchtbarer. Aber das – das ist etwas anderes als der Tod. Der Ermordete ist nicht tot. Der Ermordete klagt an, es ist, als schriee der höchste, der nicht zu ertragende Schmerz aus ihm. Wir beide wissen es, ich und der Gendarm: wir wissen von dem Spuk dort im Laden. – Und so begann es in mir zu dämmern. Vielleicht haben wir keine Seele, ich weiß es nicht; aber es sind Dinge in uns, die unsterblich sind, Dinge, wie der Drang nach Gerechtigkeit. Ich bin um nichts besser als irgendein anderer; aber es ist etwas in mir, das nicht nur mir gehört – die Ahnung einer strengen und großen Ordnung. Ich drücke das nicht gut aus, ich weiß es: aber damals, in jenem Augenblick, habe ich gewußt, was ein Verbrechen, was eine Beleidigung Gottes ist. Laßt euch sagen: ein ermordeter Mensch ist wie ein entweihter und verwüsteter Tempel.« »Und den, der sie ermordet hat, die Alte, haben sie den erwischt?« ließ sich Herr Dobesch vernehmen. »Freilich«, antwortete Herr Hanak, »ich habe ihn gesehen, als ihn zwei Tage später die Gendarmen aus dem Laden führten, nach einem Verhör am Tatort. Es waren vielleicht nur fünf Sekunden, aber auch ihn sah ich wie durch ein ungeheures Vergrößerungsglas. Ein junger Bursch war er. An den Händen hatte er Ketten; er schien es so merkwürdig eilig zu haben, daß ihm die Gendarmen kaum folgen konnten. Auf seiner Nase glänzte Schweiß, und die hervorgequollenen Augen zuckten verstört. Man sah ihm an, wie tief verängstigt er war – wie ein Kaninchen auf dem Seziertisch. Mein Leben lang werde ich dieses Gesicht nicht vergessen. Mir war elend zumute nach dieser Begegnung. Jetzt kommt er also vors Gericht, stelle ich mir vor; ein paar Monate lang wird man ihn noch herumziehen, dann wird man ihn zum Tode verurteilen. Ja, meine Herren, beinahe tat er mir leid; beinahe hätte ich aufgeatmet, wenn er entwischt wäre. Nicht daß sein Gesicht mir symphatisch gewesen wäre, eher im Gegenteil. Aber ich habe ihn von ganz nahe gesehen, ich sah das angstvolle Zucken seiner Augen. Ich bin sonst nicht gerade empfindsam, zum Teufel, nein; aber so aus der Nähe – da war er kein Mörder – da war er einfach ein Mensch. Ich bin nicht sicher, aufrichtig gesagt; ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich sein Richter wäre. Aber das Ganze machte mich so traurig, daß ich selbst Erlösung nötig hätte.« Der Geschworene »Ich habe einmal Richter sein müssen«, sagte Herr Firbas und räusperte sich, »damals, als ich als Geschworener ausgelost war. Damals kam gerade der Fall Luise Kadanik, die ihren Mann ermordet hatte, an die Reihe. Wir waren acht Männer und vier Frauen, und wir Männer sagten uns, mehr oder weniger im stillen: das kann gut werden, diese vier Vetteln werden gewiß versuchen, das Frauenzimmer freizusprechen! Wir waren also schon im vorhinein keine Freunde der Luise Kadanik. Im ganzen besehen war es eigentlich der normale Fall einer unglücklichen Ehe. Kadanik war Zivilgeometer gewesen und hatte eine um zwanzig Jahre jüngere Frau geheiratet. Als Luise vor dem Altar stand, war sie ein junges Mädchen, und es fand sich ein Zeuge, der auszusagen wußte, die Frau habe schon an dem der Hochzeit folgenden Tage geweint, sei kreidebleich gewesen und habe sich vor Ekel geschüttelt, als der neugebackene Ehemann sie berühren wollte. Ich habe oft daran gedacht, welche fürchterliche Erfahrungen so ein unschuldiges junges Ding nach der Hochzeit häufig genug machen muß. Stellen Sie sich nur vor, beispielsweise, daß so ein Mann gewöhnt ist, nur mit gewissen Frauenzimmern umzugehen und sich dann auch danach benimmt. Was da so in einer jungen Person vorgeht, davon kann sich vermutlich ein Mann gar keine Vorstellung machen. – Der Staatsanwalt aber konnte dem eine andere Zeugenaussage gegenüberstellen, derzufolge die Luise angeblich schon vor ihrer Ehe ein Techtelmechtel mit einem Studenten gehabt habe, mit dem sie auch nach ihrer Verheiratung noch Briefe gewechselt haben soll. Wie dem auch immer gewesen sein mochte: bald nach der Hochzeit zeigte es sich, daß es in dieser Ehe nicht klappte. In Frau Luise entstand ein physischer Widerwille gegen ihren Mann, nach einem Jahr gab es eine Fehlgeburt, und seit damals hatte sie ein Frauenleiden. Der Herr Geometer hielt sich anderwärts schadlos; zu Hause schlug er bei jeder Gelegenheit Krach und tobte wegen jedes verausgabten Hellers. An jenem Unglückstage hatten sie wieder einen Auftritt wegen eines Hemdes aus Crêpe de Chine oder dergleichen, und der Herr Geometer schickte sich eben an, seine Hausschuhe mit seinen Schuhen zu vertauschen, weil er keine Lust hatte, sich zu Hause die Laune verderben zu lassen. In diesem Augenblick ging Luise von hinten an ihn heran und schoß aus einem Browning in seinen Hinterkopf. Dann rannte sie auf den Gang hinaus und trommelte an die Tür eines Nachbarn, man solle hineingehen, drin liege ihr Mann, sie habe ihn umgebracht, und jetzt gehe sie die Selbstanzeige machen. Aber schon auf der Treppe brach sie in Krämpfen zusammen. Das war alles. Nun saßen wir da, wir zwölf, und hatten über ihre Schuld zu entscheiden. Die Luise sei, hieß es, einmal ein hübsches Mädchen gewesen. Aber das wird Ihnen ja bekannt sein, daß ein Frauenzimmer in der Untersuchungshaft nicht schöner wird. So aufgeschwemmt sah sie aus, und aus ihrem blassen Gesicht leuchteten böse und haßerfüllte Augen. Oben thronte der Vorsitzende, die Mensch gewordene Gerechtigkeit, unerhört würdevoll, fast priesterlich in seinem schwarzen Talar. Der Staatsanwalt war der schönste Staatsanwalt, den ich je zu sehen bekam: stark wie ein Stier, angespannt und kampflustig wie ein gut genährter Tiger. Man konnte es ihm anmerken, mit welcher Freude an der eigenen Kraft und Überlegenheit er sich auf sein Opfer stürzte, dessen glühende Augen so haßerfüllt auf ihn gerichtet waren. Der Verteidiger der Angeklagten sprang ein um das andere Mal gereizt auf und hatte Geplänkel mit ihm. Uns Geschworenen war das peinlich; denn es sah oft genug so aus, als handelte es sich hier nicht darum, über die Mörderin Gericht zu halten, sondern um einen Streit zwischen dem Verteidiger und dem Staatsanwalt. Dann also waren wir da, die Richter aus dem Volke, berufen, nach unserem menschlichen Gewissen zu richten. Aber so sehr wir auch den Willen dazu hatten, die Mehrzahl unter uns langweilte sich entsetzlich bei dieser Advokatenmache und bei den prozessualen Formalitäten. Hinten drängten sich die Zuhörer und delektierten sich an dem Falle Luise Kadanik. Manchmal, wenn sie in die Enge getrieben nichts mehr zu sagen wußte, konnte man die Leute hören, wie sie vor Wonne geradezu grunzten.« Herr Firbas strich sich über die Stirn, wie um Schweiß abzuwischen. »Mir war oft genug zu Mute, als wäre ich nicht auf die Geschworenenbank, sondern auf eine Marterbank gesetzt worden; als müßte ich, ich selbst, aufspringen und rufen: ›Ich gestehe alles, macht mit mir, was ihr wollt!‹ Die Zeugen kamen. Wichtigtuerisch sagten sie aus, ein jeder blähte sich irgendwie auf, er wisse noch dies und jenes – die ganze Kleinstadt sprach aus diesen Aussagen, dieser ganze Haufe von Gehässigkeit, Klatsch, Protektion, Gezischel, Neid, Schmähsucht, Politik und Langeweile. Wollte man den Zeugen glauben, so war der Verstorbene ein ehrenwerter und aufrechter Mann und ein ordentlicher Bürger gewesen, von untadeligem Ruf; dann aber wieder ein Schürzenjäger und Geizhals, ein brutaler Mensch, zügellos und grob, kurz – man konnte wählen. Schlimmer kam Frau Luise weg; sie sei ein leichtsinniges Frauenzimmer, verschwenderisch, trage Seidenwäsche, kümmere sich nicht um den Haushalt, mache Schulden ... Mit einem eisigen Lächeln beugte sich der Staatsanwalt vor.›Angeklagte‹, sagte er,›hatten Sie schon vor der Ehe intimen Verkehr mit einem Manne?‹ Die Angeklagte schwieg; aber ein fahles Erröten huschte über ihre Wangen. Der Verteidiger sprang auf und ersuchte aufgeregt um die Vernehmung irgendeiner Frauensperson, die von Kadanik mißbraucht worden war, als sie bei ihm diente. Er habe ein Kind mit ihr gehabt ... Das Gesicht des Vorsitzenden verfinsterte sich. Man konnte geradezu sehen, was seine Gedanken waren: um Himmels willen, die Verhandlung zieht sich ja immer mehr in die Länge! – Indessen schleppten sich die peinlichen häuslichen Angelegenheiten ohne Ende weiter: wer von den beiden den Anstoß zu den ehelichen Zwistigkeiten gegeben, wieviel Frau Luise für den Haushalt bekommen, ob ihr Gatte Grund zur Eifersucht gehabt habe. Manchmal sah es ganze Stunden lang so aus, als sei hier gar nicht vom toten Kadanik und seiner Ehe die Rede, sondern von mir oder irgendeinem anderen der Geschworenen oder von wem immer. Mein Gott, was die da über den Toten aussagten, das könnten sie auch über mich aussagen. So gehen die Dinge vielleicht überall vor sich. Weshalb redete man nur davon? Mir war, als zöge man uns alle Stück für Stück nackt aus, uns Männer und die Frauen; als nähme man unseren eigenen kleinen Hader in die Wäsche, als lüftete man unsere schmutzigen kleinen Intimitäten öffentlich aus, als zöge man die Geheimnisse unserer Betten und unsere Gewohnheiten aus dem Schlafzimmer ans Tageslicht. Es war unser eigenes Leben, das dort geschildert wurde, nur war die Schilderung bösartig und grausam wie eine Schilderung der Hölle. Sicher war der Kadanik im Grunde kein schlechter Kerl. Etwas heftig war er wohl, er hat die Frau oft angefahren und erniedrigt; hart und geizig war er, weil er schwer und wenig verdiente. Er war ein Weiberheld, verführte seine Dienstmädchen, hatte ein Verhältnis mit irgendeiner Witwe, aber es mag sein, daß er es nur aus Trotz tat und aus beleidigtem Männerstolz, weil Luise, seine Frau, ihn haßte wie widerliches Ungeziefer. Das Sonderbarste war folgendes: wenn einer der Zeugen des Verteidigers gegen den Ermordeten aussagte, wie zänkisch und kleinlich er gewesen sei, wie brutal, wie grob in seiner Sinnlichkeit und welche Paschamanieren er gehabt, da regte sich in uns männlichen Geschworenen zweierlei: Mißfallen und Solidarität. Halt! fühlten wir, wenn man uns selbst deshalb zur Verantwortung zöge ... Und wenn wieder ein Zeuge der anderen Seite Frau Luise belastete, ihrer Putzsucht oder ihres Leichtsinns wegen und weiß Gott weshalb noch, so verspürten wir Männer auf der Geschworenenbank eher etwas wie Wohlwollen, etwas, das sie in Schutz nahm; aber die vier Frauenzimmer hinter uns bekamen bei solchen Gelegenheiten schmale Lippen und unversöhnliche Augen. Stunden- und tagelang zog diese Ehehölle an uns vorbei, gesehen mit den Augen von Dienstboten und Ärzten, Nachbarn und Klatschbasen. Streitigkeiten, Schulden, Krankheiten, häusliche Auftritte, alle Hysterie, all das Böse und Quälende, das einem Paar Menschen zugeteilt ist – als würde man menschliche Eingeweide in ihrer ganzen Häßlichkeit vor uns zur Schau aufhängen. Ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen versichere, daß ich eine brave, anständige Frau habe. Aber damals habe ich manchmal nicht die Luise Kadanik vor mir gesehen, sondern meine eigene Frau, meine Lida; angeklagt, ihren Mann, Herrn Firbas, durch einen Schuß in den Hinterkopf ermordet zu haben. Ich verspürte den furchtbaren Schmerz dieses Schusses im Hinterkopf. Ich sah, wie Lida, bleich und verquollen, die Lippen zusammengepreßt, mit Augen, die vor Grauen, Widerwillen und Erniedrigung wahnsinnig in die Welt starrten, vor mir stand und gegen mich Klage führte. Ja, es war Lida, die man hier entkleidete und wie Schlachtvieh ausweidete. Meine Frau war es, mein Schlafzimmer, mein Leid, es waren meine Geheimnisse, meine Grobheiten. Mir war zum Weinen zumute, und ich wollte sagen: siehst du, Lida, so weit hast du uns gebracht! – Ich schloß die Augen, um diese entsetzliche Vision loszuwerden. Lag aber das Dunkel vor mir, so waren die Zeugenaussagen, die ich hörte, noch quälender für mich, und als ich die Augen aufriß und nach Luise blickte, krampfte es mir das Herz zusammen: Himmel, Lida, wie hast du dich verändert! Als ich von der Verhandlung nach Hause kam, erwartete mich Lida voll Spannung und fragte: ›Nun, wird sie verurteilt?‹ – Es war ja eine Art Sensationsprozeß, und besonders die Frauen nahmen Anteil an dem Fall. – ›Ich‹, erklärte meine Frau voll brennendem Interesse, ›ich würde sie verurteilen!‹ ›Das geht dich nichts an!‹ schrie ich sie an. Es war qualvoll für mich, mit ihr davon zu reden. Am letzten Abend vor dem Urteilsspruch packte mich eine unerklärliche Unruhe. Ich lief im Zimmer auf und ab und überlegte: vielleicht wird es ein Freispruch, wozu wären sonst vier Weiber unter den Geschworenen? Wenn nur einer von uns die Schuldfrage verneint, wird sie freigesprochen! Wird es meine Stimme sein? – Ich fand die Antwort nicht. Unvermittelt befiel mich der Gedanke: Du hast doch in deinem Nachttisch einen geladenen Revolver – das ist eine Gewohnheit noch aus der Kriegszeit. Wie leicht könnte es geschehen, daß er einmal meiner Frau Lida zur unrechten Zeit in die Hand fiele! Ich griff nach dem Revolver: sollte ich ihn nicht verstecken oder mich überhaupt von ihm trennen? – Noch nicht, grinste ich, erst wird abgewartet, wie die Sache mit der Luise ausgeht! – Ja, wie es ausgeht ... Und wieder begann ich mich zu quälen ... Was um Himmels willen werde ich tun, wie soll ich stimmen? Am letzten Verhandlungstag plaidierte der Staatsanwalt – seine Rede war gut und hart. Ich weiß nicht, wo er das Recht dazu hernahm, aber er ergriff das Wort im Namen der menschlichen Familienbande. Ich hörte es wie aus der Ferne, als er besonderen Nachdruck auf Worte wie: Familie, häusliches Leben, Ehe, Mann und Frau, Aufgaben und Pflichten der Frau legte. Man behauptete, es sei eine der hervorragendsten Reden vor Gericht gewesen. Dann erhielt der Verteidiger das Wort und stellte etwas Furchtbares an: er baute sein Plaidoyer auf eine sexual-pathologische Analyse auf, wies nach, welche Widerstände eine geschlechtlich-kühle oder, wie man das nennt, frigide Frau einem brutalen Mann, einem Manntier gegenüber empfinden müsse; wie ihr physischer Ekel zum Haß heranwächst; welch ein tragisches Opfer eine solche Frau sei, ausgeliefert den Begierden eines rücksichtslosen Sexualtyrannen ... An dieser Stelle seiner Rede spürte man geradezu, wie alle Geschworenen von Frau Luise abrückten, wie in ihnen unbewußt ein gewisser Widerstand gegen das Anormale ausbrach, gegen etwas, das die menschliche Ordnung irgendwie umzustürzen oder zu verändern droht. Die vier Frauen unter uns waren blaß, Feindschaft gegen jene Frau erfüllte sie, die so etwas wie eine Verpflichtung verletzt hatte. Und der Dummkopf von einem Rechtsanwalt trampelte weiter und immer eifriger auf seiner sexualpathologischen These herum! Der Vorsitzende, der den verärgerten Ausdruck im Gesicht der Geschworenen nachsichtig beobachtet hatte, versuchte in seinem Resumé die Situation zu retten ... Er sprach weder von Familie noch von sexueller Hörigkeit, sondern er sprach von der Ermordung eines Menschen. Uns Geschworenen fiel ein Stein vom Herzen. So betrachtet, schien uns die Sache, aufrichtig gesagt, weit genießbarer, einfacher und beinahe erträglich. Bis zuletzt hatte ich keine Ahnung, wie ich die Schuldfrage beantworten würde. Aber als man uns die klare Frage stellte: ›Ist Luise Kadanik schuldig, auf ihren Gatten, Johann Kadanik, mit der Absicht ihn zu töten, geschossen zu haben?‹ – da sagte ich, der ich als erster an die Reihe kam, ohne zu überlegen:›Ja!‹ Denn sie hatte ja zweifellos die Absicht gehabt, ihn zu ermorden, und sie hat es ja auch getan. Und so antworteten alle zwölf Geschworenen mit ›Ja‹. Dann herrschte gedrückte Stille. Ich sah die vier Frauen unter den Geschworenen an. Hart, beinahe feierlich sahen sie drein, als hätten sie eben in einem Kampf für die menschliche Familie gesiegt. Als ich nach Hause kam, lief mir Lida, meine Frau, entgegen und fragte, bleich vor Aufregung: ›Also wie ist es ausgefallen?‹ ›Mit der Luise?‹ sagte ich mechanisch. ›Mit zwölf Stimmen schuldig. Verurteilt zum Tode durch den Strang.‹ ›Schrecklich!‹ stöhnte Lida mit naiver Grausamkeit, ›aber verdient hat sie es.‹ In diesem Augenblick riß etwas in mir entzwei, ich weiß nicht, ob es die Spannung war, aber ich brüllte Lida an:›Ja, sie hat es verdient, weil sie eine Dummheit gemacht hat! Merk dir's, Lida, hätte sie in die Schläfe geschossen und nicht in den Hinterkopf, dann hätte sie sagen können, es sei Selbstmord gewesen, verstehst du? – Dann hätte sie freigesprochen werden können. Merk's dir, Lida, in die Schläfe!‹ Ich schlug die Tür hinter mir zu. Ich mußte allein sein. Und, damit Sie es wissen, mein Revolver liegt heute noch in der unversperrten Schublade. Ich habe ihn nicht weggeräumt.« Die letzten Dinge des Menschen »Zum Tod verurteilt zu sein – ja, das ist eine furchtbare Erfahrung«, sagte jetzt Herr Kukla. »Ich kenne das. Ich habe einmal die letzten Augenblicke vor meiner eigenen Hinrichtung erlebt. Nur im Traum natürlich, aber der Traum gehört doch auch zum Leben des Menschen, wenn er auch nur am Rande dieses Lebens liegt. An diesem Rand, meine Herren, bleibt von unserer Großartigkeit wenig übrig; nichts von dem, worauf wir uns weiß Gott was eingebildet haben; das Geschlecht bleibt, die Angst, ein bißchen Selbstgefälligkeit und höchstens noch ein paar Dinge, derentwegen wir uns sonst zu schämen pflegen. Vielleicht sind dies die letzten Dinge des Menschen. Eines Nachmittags kam ich nach Hause, abgehetzt wie ein Tier, so viel Arbeit lag hinter mir. Ich streckte mich auf dem Fußboden aus und schlief wie ein Stück Holz. Ohne jeden Anlaß träumte ich sofort, daß die Tür sich öffne, ein wildfremder Herr vor mir stehe und hinter ihm zwei Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten. Ich weiß nicht, warum die Soldaten in Kosakenuniformen steckten. ›Stehen Sie auf!‹ sagte der Unbekannte grob. ›Machen Sie sich fertig, das Todesurteil wird morgen früh an Ihnen vollstreckt. Verstanden?‹ ›Verstanden – ja‹, sagte ich, ›aber ich weiß eigentlich nicht, weshalb –‹ ›Das geht Sie auch nichts an‹, fuhr mich der Herr an. ›Wir haben den Vollstreckungsbefehl hier.‹ Und er schlug die Tür hinter sich zu. Ich blieb allein und überlegte. Wie ist das eigentlich, wenn der Mensch im Schlaf überlegt? Denkt er da wirklich oder träumt er nur, daß er denkt? Waren es Gedanken oder träumte ich Gedanken, so wie man Gesichter träumt? Ich weiß nur, daß ich angestrengt zu überlegen schien und mich gleichzeitig über dieses Überlegen wunderte. Das erste, was mich in Anspruch nahm, war eine gewisse Schadenfreude darüber, daß hier ein Irrtum vorliege, daß ich morgen aus Versehen hingerichtet werden würde und daß die Blamage auf Seiten der anderen liegen werde. Gleichzeitig aber begann es mich zu beunruhigen: daß ich nun also wirklich hingerichtet werden solle und Frau und Kind zurücklassen müsse. Was sollte nur aus ihnen werden, ja, was denn nur? – Das war ein echter Schmerz, ganz als ob das Herz wirklich blutete – aber zur genau gleichen Zeit fühlte ich mit wohliger Befriedigung, wie schön es von mir sei, daß ich mich so um Weib und Kind sorgte. Das also, sagte ich mir, ist der letzte Gedanke eines Mannes, der in den Tod geht! Ich empfand ein gewisses Hochgefühl, daß es ein so großer, väterlicher Kummer war, dem ich mich hingab. Erhebend kam mir das vor. Das muß ich meiner Frau sagen, dachte ich selbstgefällig. Aber dann kam Angst über mich. Mir fiel ein, daß Hinrichtungen im allgemeinen sehr zeitig, beim Morgengrauen vollstreckt werden, daß ich also, um justifiziert zu werden, sehr früh würde aufstehen müssen. Ich bin ein Mensch, der sehr schwer aufsteht, und die Vorstellung, daß mich die Soldaten schon vor Tag wecken würden, war stärker als alles andere. Mir sank das Herz und ich wollte weinen über mein grausames Schicksal. So peinigend war diese Vorstellung, daß ich erwachte. Ich atmete erleichtert auf. Aber meiner Frau habe ich diesen Traum nie erzählt.« +++ »Die letzten Dinge des Menschen«, meinte Herr Skrivanek nachdenklich und wurde rot vor Verlegenheit, »– ich könnte Ihnen da etwas erzählen, aber ich – vielleicht würde es Ihnen dumm vorkommen?« »Nein«, versicherte Herr Fuchs, »schießen Sie nur los!« »Also –«, sagte unsicher Herr Skrivanek, »ich ... ich wollte mich nämlich einmal erschießen ... und wenn der Herr Kukla schon von dem ›Rand des Lebens‹ gesprochen hat ... so meine ich: das ist auch so ein Rand des Lebens, das, wo ein Mensch ist, wenn er sich umbringen will.« »Was Sie nicht sagen«, warf Herr Karas ein, »warum wollten Sie sich denn umbringen?« »Weil ich ein verweichlichter Mensch bin«, antwortete Herr Skrivanek und wurde noch röter, »ich bin nämlich ... ich kann nämlich keinen Schmerz ertragen, und damals ... damals hatte ich eine Entzündung des Drillingsnervs ... die Ärzte sagen, das seien die schlimmsten Schmerzen, die der Mensch ... ja ...« »Das stimmt«, brummte Doktor Vitasek, »da können Sie einem ehrlich leid tun. Wiederholt es sich?« »O ja«, Skrivanek wurde feuerrot, »aber jetzt ist das mit dem Selbstmord nicht mehr so ... deshalb will ich Ihnen eben erzählen ...« »So erzählen Sie doch!« animierte ihn Herr Doleschal. »Es läßt sich so schwer ausdrücken«, wehrte Herr Skrivanek scheu ab, »schon das mit den Schmerzen ...« »Ja, bei dieser Sache brüllen Menschen wie Tiere«, sagte Doktor Vitasek. »Und als es bei mir am schlimmsten war ... in der dritten Nacht war das ... da legte ich den Browning auf meinen Nachttisch. Eine Stunde warte ich noch, dachte ich, länger halte ich es nicht aus. Warum soll denn gerade ich soviel ertragen? Ich hatte immerfort das Gefühl, daß mir ein furchtbares Unrecht widerfahre. Warum ich? Warum nur gerade ich?« »Sie hätten was einnehmen sollen«, knurrte Doktor Vitasek, »Trigemin oder Veramon, Adalin, Algokratin, Migradon –« »Das habe ich ja getan«, protestierte Skrivanek, »Herr, ich habe von dem Zeug so viel geschluckt, daß ... daß es überhaupt nicht mehr wirkte. Das heißt ... eingeschläfert haben mich die Pulver, aber die Schmerzen blieben wach, verstehen Sie? Die Schmerzen hielten an, aber es waren nicht mehr meine Schmerzen ... ich war so betäubt, daß ich mich selbst verlor. Von mir selbst wußte ich nichts, aber ich wußte von den Schmerzen ... und allmählich wurde mir so, als gehörten die Schmerzen zu jemand anderem. Ich hörte diesen anderen ... ich hörte ihn leise vor sich hinwimmern – und ich hatte furchtbares Mitleid mit ihm ... die Tränen flössen mir aus den Augen, vor Mitgefühl mit diesem andern. Ich spürte es, wie die Schmerzen immer schlimmer wurden – um Himmels willen, sagte ich mir, wie kann der Mensch das nur aushalten! Vielleicht ... vielleicht sollte ich ihn erschießen, diesen Menschen, damit er sich nicht so quält! In diesem Augenblick aber ging ein Schauern durch mich ... nein, ich darf es doch nicht. Ich weiß nicht ... auf einmal fühlte ich gewaltige Achtung vor dem Leben dieses Menschen – es war, weil er so unendlich litt!« Herr Skrivanek strich sich verlegen über die Stirn. »Ich kann Ihnen das kaum schildern. Vielleicht waren meine Sinne von den vielen Medikamenten verwirrt ... aber es war alles so unerhört klar damals, so sonnenklar. Ich hatte eine Erscheinung: der da so litt, der so stöhnte, der war die Menschheit selbst ... einfach der Mensch selbst ... und ich, ich war nur ein Zeuge seiner Qualen, nur ein Nachtwächter am Schmerzenslager der Menschheit. Wäre ich nicht dabei – so dachte ich – so wären diese Schmerzen vergeblich, sie wären etwas Großes, wovon aber niemand wüßte! Vorher nämlich, solange die Schmerzen nur meine Schmerzen gewesen waren, da war ich nichts als ein Wurm, ein Nichts gewesen. Aber jetzt, als der Schmerz so über mich hinauswuchs, da spürte ich ... mit Grauen vielleicht ... wie groß das Leben ist. Ich spürte ...« Schweißperlen standen auf Herrn Skrivaneks Stirn. »Sie dürfen mich nicht auslachen: ich spürte ... ich begriff, daß der Schmerz ein Opfer ist. Und deshalb, verstehen Sie, deshalb legt jede Religion den Schmerz auf den Altar der Gottheit. Deshalb gab es blutige Opfer – deshalb Märtyrer ... deshalb den Gott am Kreuze. Ich habe begriffen, daß ... daß ... daß aus dem Schmerz des Menschen ein geheimer Segen erwächst ... Wir müssen leiden, auf daß das Leben geheiligt sei. Keine Freude ist stark und groß genug, um dies zu vermögen ... und was ich fühlte, war: wenn du dies erträgst – dann wird ein Heiligtum in dir sein!« »Und haben Sie es nun in sich, dieses Heiligtum?« fragte Pater Voves interessiert. Herr Skrivanek wurde noch einmal feuerrot. »Aber nein«, sagte er rasch, »davon weiß der Mensch doch nichts. Nur ist eben seit dieser Zeit ... eine Art von Achtung in mir ... Achtung vor allem möglichen ... alles erscheint mir jetzt wichtiger als früher einmal, jede Kleinigkeit, jeder Mensch, verstehen Sie? Alles hat ungeheueren Wert. Wenn ich einen Sonnenuntergang sehe, so sage ich mir: das lohnt meine Schmerzen; oder wenn ich die Menschen sehe, wenn sie arbeiten, wenn sie ihren täglichen Tag leben ... alles hat durch die Schmerzen seinen Wert bekommen. Und ich weiß jetzt, daß es ein schrecklicher, ein unsagbar großer Preis ist. Es gibt weder Böses, glaube ich jetzt, noch Strafen. Es gibt nur den Schmerz, und der ist dazu da, dem Leben diesen Wert zu geben, diesen ungeheueren Wert ...« Herr Skrivanek hielt inne. Er wußte nicht weiter. »Sie sind sehr gütig zu mir«, stieß er noch hervor und schneuzte sich gerührt, um sein flammendes Gesicht zu verbergen.   Zeichnungen von Vlastimil Rada aus Urheberrechtsgründen nicht mit augenommen. Re.