Friedrich Wilhelm Hackländer Namenlose Geschichten Erster Band 1855 Erstes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Es mag wohl manchem unserer Leser ergehen wie uns, daß er sich nämlich beim Anblick alter, zumal verfallener Gebäude und bei Spaziergängen auf wüsten Plätzen, die früher von einiger Bedeutung waren, unwillkürlich aber gern der Vorzeit erinnert, welche jene alten halbverfallenen Gelände bevölkerte und in glänzenden Gewändern voll Lust und Freude über die jetzt so öden Plätze dahinschritt. In unserer Umgebung, und wohnten wir auch in der kleinsten Stadt, ist so Manches, das durch sein Aussehen fremdartig in unser Leben hereinblickt. Sind es nicht alte Schlösser, welche Kunst und Fleiß der Vorfahren mit riesenhaften, reichverzierten Thorwegen, mit Statuen und Sculpturen aller Art geschmückt, so ist es ein einsamer Marktbrunnen mit Röhren in Gestalt fabelhafter Unthiere, aus denen das Wasser sprudelt, oder eine alte Rittergestalt, die sonderbar lächelnd auf die neue Generation herabblickt, welche sie umgibt und nicht selten ebenso verwundert hinaufschaut. Die alten Häuser rings um den Brunnen sind dieselben geblieben, und an hohen Giebeln hängen in den willkührlichsten Gestalten allerlei Dachrinnen-Thiere, die so häßlich, wie sie der Künstler geschaffen, nie existiren konnten; die Kirchthurm-Uhr hat denselben bekannten Klang, wie vor vielen hundert Jahren, nur ist sie vor Alter etwas heiser geworden; die Thüren da unten öffnen sich auf dieselbe Art wie früher, und die Bewohner der Häuser kommen nach wie vor aus denselben heraus, aber der alte Ritter da oben auf dem Brunnen sieht mit jedem Jahrzehnd das Aeußere dieser Menschen wechseln. Und wie hat sich dasselbe gar geändert seit der Zeit, wo er von seinem Piedestal herabsteigend, ohne viel Aufsehen zu erregen, unter ihnen hatte herwandeln können! Es ist aber nichts so geeignet, dergleichen Phantasien Raum zu geben, wie die Zeit der stillen Mitternacht, wo die Straßen leer, die Häuser geschlossen sind; nichts ist dann hörbar, als das Rauschen der Brunnen, und diese rieselten damals gerade so wie heute, in derselben Gestalt, mit demselben Ton. An das Portal eines alten Hauses gelehnt und an dem großen, mit Eisen beschlagenen Thor desselben lauschend, ist man leicht versucht, zu glauben, drinnen erhebe sich das alte, lustige Leben und versage die neue nüchterne Zeit mit ihren frostigen, poesielosen Gestalten. Dumpf wirbeln die Pauken, der Baß reißt gellend den Takt in das wirre Tongemälde einer lustigen Tanzmusik, Gläser klirren, und der Thorweg ist mit Dienern aller Art angefüllt, welche Fackeln tragen, um ihre Herrschaft nach Hause zu begleiten. Jetzt öffnen sich geräuschlos die Flügel des großen Thors, und die Treppe herab wimmelt der glänzende Zug der Gäste, die das gastliche Haus verlassen; Fackelglanz und Kerzenschimmer erhellen die gewölbten Vorhallen und schimmern auf Gold- und Silberstickerei, auf buntem Sammet und wallenden Federn. Der Hausherr steht oben an der Treppe, die Hand der Gemahlin ruht in der seinigen, und Beide winken den Gästen recht wehmüthig zum Abschied bis zur nächsten Mitternacht. Der Page, der vor ihnen steht, hält den kleinen Bologneser empor, der mit hinabschlüpfen wollte. Endlich hat sich das Haus entleert, Herr und Herrin auf der Treppe werden immer bleicher, immer unbestimmter und verschwinden endlich in dem Dampf der Fackeln und Kerzen; die gespenstigen Gäste ziehen in die Nacht hinaus mit unhörbarem Tritt, und obgleich die Damen von den Cavalieren aufs Beste unterhalten werden, hört man weder sprechen noch lachen: dunstig und nebelig schweben sie dahin und zerfließen vor dem nachschauenden Blick, ehe sie ihm verschwinden. So hat jeder Platz auf der Erde, jedes Haus, das wir bewohnen, seine mannigfachen Geschichten, die sich dem Auge des tiefer Schauenden bald anmuthig bald grauenhaft enthüllen. Vor Allem aber wollen wir in diesem Sinne einen Platz ins Auge fassen, auf welchem unsere einfache Geschichte beginnt. Nicht als ob derselbe große welthistorische Momente gesehen hätte, oder als ob auf demselben viel Ungeheures geschehen sei – nein, im Gegentheil, was hier geschah und wie sich dieser Platz im Laufe der Jahre änderte, mag auch an vielen andern Orten ebenso geschehen sein; nur erinnern wir uns nicht, daß schon Jemand desselben anderswo mit einigen beschreibenden Worten erwähnt hätte. Wie alle deutschen Städte in vergangenen Tagen, so hatte auch die Residenzstadt, von der wir eben sprechen, in alten, mittelalterlichen Zeiten Wall und Mauer, breite Gräben und Zugbrücken. Viele Schutzmittel gegen äußere Feinde zwängten die Stadt wie in einen eisernen Gürtel zusammen und gestatteten lange nicht, daß sich Leben und Treiben, Handel und Verkehr über diese Schranken hinaus ergoß. Als aber die Zeiten etwas milder wurden, oder die Stadt als fester Punkt ihre Bedeutung verlor, oder als das immer mehr sich regende Leben gewaltsam übersprudelte und vor den Mauern Häuser erstehen ließ, die hohnlachend über die abendliche Straßensperre zu den alten Thoren hereinsahen, da begannen diese allmählig zu verfallen, zuerst die Mauern, dann die Thorbogen, dann die festen Thürme, und was sich nicht von selbst demüthigte und aus Altersschwäche und Lebensüberdruß verfiel, dem half die Menschenhand nach und riß die alten Werke ebenso emsig nieder, wie sie dieselben früher aufgebaut; die Gräben füllten sich mit Schutt und Steinen, darüber wuchs Unkraut und Strauchwerk, Gras und Blumen, und diese verwesten wieder und wurden zu Staub und guter Erde, woraus wieder Neues erwuchs; und das ging so fort, bis sich die tiefen Gräben langsam auffüllten; und da auf dem guten, feuchten Grunde hier Bäume trefflich heranwuchsen, so gab es unter ihren überhangenden Zweigen bald schattige, angenehme Spaziergänge. Nur einer dieser Gräben widerstand hartnäckig jedem Versuche ihn zu entfernen. Nachdem auf fast allen Seiten der Stadt die Gräben verschwunden und einige der alten Thürme und Thorbogen, mit dichtem Epheu bewachsen, nur noch als eine Merkwürdigkeit fast mitten in der Stadt stehen geblieben waren, hatte sich einzig und allein auf der Stelle, von der wir sprechen, der Graben in seiner ganzen Tiefe und Breite erhalten. Nicht als ob die Stadt hier in ihrem Wachsthum zurückgeblieben sei, – im Gegentheil, sie war hier ausgedehnter als irgendwo, und den alten Stadtgraben faßten auf beiden Seiten lange Reihen neuer Häuser ein. Der erste Grund zu diesem hartnäckigen Festhalten an seinem längst nicht mehr zeitgemäßen Dasein war wohl, daß der alte Stadtgraben hier nicht so breit und tief war, wie anderswo, und man wohl glauben mochte, wenn erst die tieferen Stellen zugeschüttet seien, werde das Bischen hier von selbst nachfolgen. Zweitens hielt ihn als eine Art Kirchhof das Volk heilig; denn an dieser Stelle war bei den vielen Belagerungen, welche die Stadt ausgehalten, Sturm und Vertheidigung beständig am heftigsten gewesen, manch ein Bürger und Bürgerskind schlief da, niedergestreckt auf dem Felde der Ehre, den ewigen Schlaf. Mochte es nun die Rücksicht sein, um die Gefallenen hier zu ehren und ihrer Ruhestatt eine gewisse Weihe zu geben – genug, man erbaute an dem Stadtgraben mit den Steinen der Mauer ein Kloster, und fromme Kapuziner machten ihn zu ihrem Garten und pflanzten da in stiller Bescheidenheit ihren Kohl. Auch versäumten sie nicht, wo bei dem Aufgraben des Grundes Lanzenspitzen, Schwerterklingen, Pickelhauben und Menschenknochen in größerer Anzahl zum Vorschein kamen, ein Kreuz zu errichten, um, indem sie auf diese Art die Gefallenen ehrten, ihren Garten selbst gegen die Angriffe der Stadtbehörde sicher zu stellen. So lag der Klostergarten lange Zeit in einem stillen Grunde mitten in der Stadt, rings herum hatten die Mönche tüchtige Mauern aufgeführt, um die Blicke der Neugierigen abzuhalten, sie hatten Bäume gepflanzt, Wasser hergeleitet und lebten da unten fromm und gottgefällig. Da aber in dieser Welt nichts von Dauer ist, so hörte auch das Kloster an einem schönen Tage auf, ein Kloster zu sein, die Mönche verschwanden, die kleine Thür, die aus dem Gebäude in den Stadtgraben führte, wurde zugemauert, der Garten verwilderte, die Wasser hörten auf zu laufen, und die Bubenschaar belustigte sich lange Zeit damit, die Mauern abzubrechen und langsam in den Graben hinabrollen zu lassen; denn der Magistrat war noch nicht mit sich darüber einig, was mit dem alten Stadtgraben zu beginnen sei. Endlich beschloß man, denselben aufzufüllen, und that von Rechts wegen, was die Knaben der Stadt unbefugter Weise angefangen: die Mauern wurden hinabgeworfen, der Stadtgraben an beiden Seiten geöffnet und zum Durchgang in zwei Straßen gebraucht, die bis jetzt keine Verbindung hatten. Das Kapuziner-Kloster vermiethete man an eine Menge ärmerer Familien, von denen eine gute Anzahl in dem großen weitläufigen Gebäude Platz fand; des Gartens bemächtigten sich die Kinder der Stadt zu einem außerordentlich gut gelegenen Spielplatze, und hier geschah alles das, was die Jugend in ihrem lebensfrohen Uebermuth nur auszuführen pflegt. Bald wurde der Angriff und die Vertheidigung der Stadt dargestellt, und die junge Generation kämpfte mit hölzernen Schwertern und eben solchen Spießen tapfer und heldenmäßig auf derselben Stelle, wo ihre Vorfahren vor Alter das Gleiche gethan. Die Kinder äfften den Lauf der Zeit vollkommen nach, und als wegen allzuviel zerschlagener Nasen und blauer Augen, nicht zu gedenken der zerrissenen Hosen und Jacken, das Kampfspiel verboten wurde, so beschloß die ganze Versammlung, das Klosterleben wieder erstehen zu lassen, und alsbald tönten in dem Stadtgraben geistliche Gesänge, der weibliche Theil der Schule wurde streng abgesondert, und feierlichen Schrittes zogen die Buben in Procession unter dem Steingerölle dahin. Diese harmlosen Spiele aber sollten ein blutiges Ende nehmen; nicht als ob eines der Kinder einmal bedeutenden Schaden genommen hätte, sondern der Magistrat beschloß in seiner Weisheit, den alten Stadtgraben zur Richtstätte umzuwandeln, und hier wurde nun eine Reihe von Jahren geköpft und gestäubt und alle möglichen Strafen ausgeführt, die das Gericht für gut fand, den Verbrechern aufzulegen, ohne daß die Menschheit durch die vielen Beispiele im Geringsten gebessert worden wäre. Doch war der Platz von da an geflohen und gemieden, und man erzählte sich unter der Hand an langen Winterabenden von schrecklichen und unerhörten Spukgestalten, welche in dem alten Stadtgraben sichtbar wurden und die umher Wohnenden ängstigten. Bald wollte man die alten, längst vermoderten Kämpfer der Stadt gesehen haben, wie sie den letzten Geköpften voll Abscheu, daß das unreine Blut sich mit dem ihrigen vermische, über die Mauer entfernt hätten; bald habe sich, so sagte man, zur Nachtzeit die kleine vermauerte Thür des Klosters geöffnet, und die Mönche seien paarweise erschienen mit feierlichem Schritt und haben mit traurigem Gesang den Graben durchschritten, wehklagend, daß die heilige Stelle entweiht sei. Obgleich nun, wie es bei allen Gespenstergeschichten geht, nie Einer behauptete, er habe dies und das mit seinen eigenen Augen gesehen, so wurde doch, namentlich in der Dunkelheit, der alte Stadtgraben von Niemand gerne besucht, und man machte lieber einen großen Umweg, wenn man von einer Straße, welche in gerader Linie durch den Stadtgraben verbunden wurde, in die andere wollte. Die Bubenschaar hatte sich längst einen anderen Spielplatz ausgesucht und ließ dem Unkraut und Strauchwerk freien Spielraum, welches sich behaglich ausdehnte und diesen Platz mitten in der Stadt höchst unangenehm für das Auge machte. Endlich wurde dieser Anblick den Vätern der Stadt unerträglich, auch war man des Platzes hier sehr benöthigt, und so faßte man die großartige Idee, den alten Graben theilweise zu überwölben, anderntheils zu pflastern und den benachbarten Hauseigenthümern unentgeldlich kleine Stücke zu Hofraum und Garten abzutreten. Dieser Durchgang, finster und unheimlich, wie er war, gehörte nicht zu den angenehmen Theilen der Stadt und war doch den mittleren und ärmeren Volksklassen, die hier herum und namentlich in dem alten Kloster wohnten, von großem Nutzen. Da hatten Obstverkäuferinnen, vor dem Regen geschützt, ihre Waaren aufgestellt, da befanden sich kleine ambulante Bücher- und Bilderläden, und, wenn es draußen gar zu sehr stürmte und schneite, trieb auch wohl eine Knabenschaar ihre lärmenden Spiele hier und freute sich an dem dumpfen Klang, mit dem ihre dünnen Kinderstimmen von dem Gewölbe wiederhallten. Der Eingang ins Kloster war in demselben frei gelassen worden und befand sich an der Seite in einem kleinen melancholischen Hofe, hier ragten die von Alter geschwärzten Mauern unendlich in die Höhe, und neue viereckige Fenster wechselten ab mit den alten gothischen des ehemaligen Klosters; ein einsamer Streifen Epheu schlang sich dort hinauf, und wenn er auch wenig Sonnenlicht genoß, so hatte er desto mehr Feuchtigkeit, denn die alten, seltsam geformten Dachrinnen mündeten alle in den kleinen Hof, und wenn es regnete, spie es eine wahre Sündfluth von Wasser herab. Jedes der verschiedenen Fenster hier war anders verziert: an diesem flatterte Wäsche an dünnen Seilen, an jenem waren Blumenbretter angebracht, und Geranien und Kapuziner fristeten hier in dem dunklen Winkel ein kümmerliches Dasein; auf dem Boden dieses Hofes standen Fässer von allen erdenklichen Formen, um das kostbare Regenwasser aufzufangen, und wenn man dazwischen die großen Kehrichthaufen sah, so konnte man sich kopfschüttelnd fragen, warum die gestrenge Polizei nicht kräftigst einschritt. Doch wußte jeder, der genauer bekannt war, daß es unter den ordentlichen Familien, die hier wohnten, auch viel excentrische Gemüther gab, die es der Polizei schwer machten, sich allzu vorsorglich in ihre innern Angelegenheiten zu mischen. Dieser Durchgang nun, sowie die umliegenden Gebäude hießen: »Unter dem Stadtgraben.« Zweites Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Wenn der alte Stadtgraben schon am hellen Tage bei Sonnenschein ein unheimlicher und trübseliger Aufenthalt war, so konnte man ihn wirklich trostlos nennen, wenn man ihn an einem Abende betrat, wie an demjenigen, an welchem unsere namenlose Geschichte beginnt. Es war ein unfreundlicher, trüber Novembertag; dichte Nebel, welche die Erde einhüllten, hatten Vor- und Nachmittags kräftig mit einander gerungen, bald waren sie aufgestiegen und bedeckten die Höhen rings um die Stadt mit schweren, grauen Kuppen; bald sanken sie auf den Erdboden nieder und hüllten dort Alles so dicht ein, daß man, auf der Straße gehend, nicht auf drei Schritte deutlich bemerkte, ob einem ein Mensch, ein Pferd oder ein Wagen begegnete; dazu war es naßkalt, das Pflaster feucht und schlüpfrig, und man mußte fest auftreten, um nicht auszugleiten. Was der Nebel schon am Morgen hätte thun sollen, nämlich vollständig auf die Erde herab kommen, das that er erst am Abend, indem er sich in einen feinen, scharfen Regen auflöste, der mit einigem Schnee vermischt, den Dahinwandelnden vom Wind unangenehm in das Gesicht geweht wurde. Dabei befanden sich die Straßen der Stadt theilweise in großer Zerstörung; man war im Begriff, die alten Straßenlaternen zu pensioniren und die Residenzstadt mit Gas zu erleuchten; deßhalb war das Pflaster in einer Breite von vier Fuß und dabei oft ganze Straßenlängen ausgehoben und ein tiefer Graben gemacht, um den Gasrohren im Schooße der Erde ein bequemes Lager bereiten zu können. Wo diese Röhren bereits lagen, da war der Graben wieder zugeworfen, und wenn auch der harmlos Vorüberwandelnde, der zufällig auf die lose Erde trat, tief einsank, wenn auch Eilwagen und Omnibus, die mit zwei Räder hineingeriethen, dem Umschlagen nur mit genauer Noth entgingen, so waren das kleine Uebelstände, die in Anbetracht der allgemeinen Nützlichkeit der Sache wohl zu ertragen waren. Wo aber die Röhren noch nicht gelegt waren, da gähnte der Graben in einer Tiefe von vier Fuß, und um den Darüberschreitenden zu warnen, hatte man an solchen Stellen kleine schwarze, schmutzige Laternen aufgesteckt, die, schon an sich trübselig, jetzt durch Oelmangel, Nebel und Regen in einem wahrhaft jammervollen, trübrothen Licht dämmerten und den Wanderer schon allein durch ihr melancholisches Aussehen darauf vorbereiteten, daß sich zu seinen Füßen etwas Furchtbares aufthue. Ein solcher Graben mit einer solchen Laterne sperrte den einen Eingang des Stadtgrabens vollständig und zum großen Aerger aller Leute, die ihren Weg eigens hieher lenkten, um unter dem Gewölbe eine Zeit lang im Trockenen gehen zu können, und man hörte an dieser Stelle viele leise Flüche, sowie den halbunterdrückten Schrei weiblicher Stimmen, wenn sie an den tiefen Graben kamen und den Sprung wagten, das Lachen der Straßenjungen, die diesen unwillkürlichen Kraftanstrengungen zuschauten und sie mit einem Zungenschlag, wie auf der Rennbahn, begleiteten; dann traten Alle schallenden Schrittes in das Gewölbe, stampften mit den Füßen und schüttelten ihre Mäntel und Regenschirme, um den anhängenden Schnee zurück zu lassen, der auf diese Art in dem Gewölbe liegen blieb und dasselbe noch feuchter und unbehaglicher machte. Dazu pfiff der Wind von einer Seite, und die Straßenlaterne, die in der Mitte dieses Durchganges hieng, ächzte kläglich hin und her. In dem kleinen Seitenhofe brach sich der Luftstrom und fuhr heulend und pfeifend, da er keinen Ausweg an den steinernen Mauern fand, in die Höhe und in's Freie. Kein Thier war auf der Straße oder im Gewölbe zu sehen, und eine Katze, die eben von einem nachbarlichen Besuche kam, eilte mit rasenden Sätzen über den kleinen Hof in's Kapuzinerkloster, um sobald als möglich ihren warmen Ofenwinkel zu erreichen. Wer hätte nach allem dem glauben sollen, daß in diesem Gewölbe trotz des Unwetters eine Gesellschaft menschlicher Wesen, auf einem Stein neben der verwitterten Klosterthür saß und ruhig und unerschüttert von Sturm und Regen auf etwas zu warten schien? Es mochten sechs bis acht Frauen aus der niederen Volksklasse sein, die dort neben einander kauerten, mit einem trübseligen Schweigen, das nur zuweilen unterbrochen wurde durch einen absichtlich sehr laut ausgestoßenen Seufzer oder durch die Bemerkung, es scheine, als wolle der ganze Himmel mit all' seinen Wassern auf die Erde herabkommen. Die Weiber waren ärmlich angezogen, sie hatten unter ihre Umschlagtücher Kopf und Arme verborgen und zitterten trotzdem vor Kälte und Nässe; eine brennende Laterne stand in der Mitte vor ihnen, beleuchtete die abgemagerten und traurigen Gesichtszüge, und zeigte zu gleicher Zeit, daß vor jedem der Weiber auf dem Boden eine ebensolche Laterne, aber unangezündet, nebst einem kleinen blechernen Gefäße stand. Diese Frauen waren nichts mehr und nicht weniger als Dienerinnen der Stadt, und hatten die wichtige Verrichtung, täglich die Straßenlaternen mit frischem Oel zu versehen und sie anzuzünden. Das Oel wurde jeden Abend unter sie ausgetheilt, und beim Eintreten der Dämmerung fanden sie sich zu diesem Zwecke an gewissen Orten ein und verkürzten sich die Zeit, bis sie ihr Oel erhielten und an die Arbeit gehen konnten, mit allerlei Bemerkungen über ihr sauer verdientes geringes Brod, wobei sie gewöhnlich versicherten, daß das Amt einer Laternen-Anzünderin eine langsame Art von Hungertod sei. Doch hatten sich diese Ansichten der armen Weiber seit einiger Zeit bedeutend geändert, und wenn wir vorhin von unterschiedlichen Seufzern sprachen, so waren sie nicht vom schweren Amte erpreßt, sondern galten einer neuen Einrichtung, die sie mit dem Verluste ihres Erwerbs bedrohte – der Gasbeleuchtung nämlich. Ein neuer heftiger Windstoß, der durch das Gewölbe heulte und vor der Oeffnung desselben die kleine Laterne an dem breiten Graben auslöschte, brachte die Zungen der Laternen-Anzünderinnen auf einmal in Bewegung. »Geh' Sie doch hin, Winklere!« sagte eines der Weiber, »und zünd' Sie die Laterne wieder an; nicht wahr, Sie thut's mit Ihrem guten Gemüth? Mir war's dort finster genug, und wenn's in der Finsterniß ein paar zerbrochene Beine gäbe, welche die Gassenlicht-Herren zu bezahlen hätten, thät' mich's auch freuen.« »Natürlich werd' ich's wieder anzünden,« entgegnete die Angeredete, indem sie gewaltig hustete und sich zugleich erhob. Es war eine kleine buckelige Person, welche die brennende Laterne vom Boden aufhob und damit dem Eingange zuschritt. »Gebt nur Acht,« fuhr die andere Stimme fort, »die Winklere weiß schon, warum sie besorgt ist, die schleicht sich schon wieder in ein Aemtchen hinein, die wird schon wieder angestellt, und wenn sie sie auch um als Wetterhex auf das Dach setzen.« »Habt ihr denn eigentlich eine Idee davon,« sagte eine andere Stimme, »was das mit dem Gassenlicht eigentlich sagen will, und warum wir unsern Dienst deßhalb verlieren müssen? Laternen müssen sie nun doch einmal haben, und die Laternen muß auch ein Christenmensch putzen und muß ihnen Oel geben, das liegt auf der Hand; aber ich weiß schon, wir sollen abgeschafft werden, denn die Herren vom Stadtrath werden schon andere Leute im Auge haben, welche die Laternen anzünden sollen, ja, ja, ganz andere Leute als wir, und natürlich viel jünger und verständiger.« »Schwätz' Sie kein so dummes Zeug!« sagte die erste Stimme wieder, »das Gassenlicht ist nichts, wie so verflucht's Maschinenwerk; da bauen sie draußen ein Gassenhaus, und in dasselbe kommen große Maschinen, wie in der Spinnerei drüben am Bach, und ein großer Schornstein daneben, und das arbeitet in einer Viertelstunde alles das, wofür sich alle Laternen-Anzünderinnen Morgens und Abends zu plagen haben; ich sage euch, diese Maschine ist unser Unglück, und wo so ein Unrath anfängt zu laufen und zu wuseln, sollt man's gleich zerschlagen.« Eine dritte Stimme erhob sich jetzt schüchtern und wollte gehört haben, das Gassenlicht bekäme kein Oel, sondern werde durch die Luft allein hervorgebracht, – eine Behauptung, über deren Unhaltbarkeit und Lächerlichkeit sämmtliche Weiber in ein gellendes Gelächter ausbrachen. »Luft, Luft?« sagte die erste Stimme wieder; »wie man nur so dumm sein kann und so etwas glauben! Wozu legen sie denn diese dicken eisernen Röhren? Wohl damit die Luft hindurch geht? eine eiserne Röhre für die Luft! nun hör' mir einer an, so was hab' ich mein Lebtag nicht gehört. Ich will's euch sagen, was die Röhren bedeuten: Diese Röhren laufen in dem Gassenhaus alle in einem großen Kessel zusammen und dieser große Kessel ist voll Oel, und da thut man nichts, als jeden Abend den Hahnen aufmachen und läßt das Oel in die Laternen laufen, und so braucht man euch nicht mehr – verstanden?« »Bloß die Winklere allein,« sagte eine vierte Stimme mit krächzendem Ton; »dort kommt sie zurück gehumpelt, bloß die wird beibehalten, und, wenn man sie nicht als Wetterhex brauchen kann, so darf sie an dem großen Oelhahnen sitzen und ihn langsam aufdrehen.« »Spottet nur,« sagte die Verhöhnte und setzte die Laterne ruhig auf den Boden. »Ihr wißt Alle, daß ich ein so armes Weib bin, wie ihr, die ihre paar Groschen vom Laternenanzünden für ihr kümmerliches Leben ebenso braucht und die sonst nichts hat.« »Und die uns das Geschäft verderbt,« sagte die erste Stimme mit bitterem Tone, »ja Winklere, Sie hätte uns doch das Geschäft verdorben, wenn's der Teufel in den nächsten Tagen nicht ganz holen würde.« »Ich? – Und womit denn?« »Ja Sie! Hat Sie nicht durch Ihr Scharwenzeln und durch Ihre Bittgänge herausgeschlagen, daß die nichtsnutzige Weibsperson, die Marie, die Laternen in der hohen Gasse anzünden darf, und sind wir dadurch nicht alle verschimpfirt worden, und sagt nicht seit der Zeit der Stadtsoldat Steinmann, der, beiläufig gesagt, einst in der Hölle in dem Oel braten wird, das er uns abgezwackt und dem Rathe gestohlen, – hat er nicht seit der Zeit gesagt, wir seien alle zusammen liederliche Weibsbilder?« »Ja, ja, das hat er gesagt!« riefen mehrere Weiber; »und sobald wir entlassen sind,« setzte eine schrille Stimme hinzu, »kratze ich ihm sein scheeles Auge aus.« »Und das ist noch nicht Alles,« sagte die erste Stimme, »jetzt liegt die Marie schon ein halbes Jahr zu Bette als Strafe für ihren sündhaften Lebenswandel, und was thut die Frau Winklere, die hochmüthige Mama von dem hochmüthigen königlichen Stallknecht? Anstatt die Gelegenheit zu benutzen, um die Weibsperson los zu werden, geht sie her und versieht die ganze Zeit den Dienst der Marie.« »Und ist da was Böses drinn?« fragte die Winklere. »Ei, nun seh' mir eins die Frage an!« antwortete die Andere, »was hat der Steinmann neulich gesagt? Er hat gesagt, wenn er gewußt hätte, daß eine von uns zwei Stadtviertel versehen könnte, so hätte man eigentlich nur die Hälfte der Lampen-Anzünderinnen anzustellen gebraucht, und hat hinzugesetzt, wenn nicht ohnehin Alles aufhörte, so würde man darauf hin die Hälfte von uns fortjagen.« »Der Steinmann ist ein hartherziger, schlechter Kerl,« sagte die Winklere, die auch anfing in Zorn zu gerathen, so heftig es ihre zarte Stimme erlaubte, »und der Steinmann wird seiner gerechten Strafe nicht entgehen.« Ueber diesen Punkt waren sämmtliche Weiber vollkommen einig und Eine mit sehr schriller Stimme meinte, wenn es unter dem größten Höllenofen ein recht tiefes und glühendes Aschenloch gäbe, so wäre das ein passender Platz für den Steinmann. Doch wie man in der Fabel nur den Wolf zu nennen braucht, damit er erscheine, so war es auch hier, und die Weiber, die im Begriff waren, noch einige besondere und recht empfindliche Strafen zu erdenken, die den Stadtsoldaten im Jenseits unfehlbar erwarten dürften, bemerkten in demselben Augenblick am Ende des Durchgangs eine lange Gestalt und den Schein einer Laterne, welche hinter dieser Gestalt hergetragen wurde, wodurch dieselbe, da man weder das Licht selbst noch den Träger sah, wie in einem rothen Feuer heranzuschweben schien. Diese Gestalt war Herr Steinmann, welcher ein großes Oelgefäß in der Hand trug, und hinter ihm drein wandelte ein kleiner Bube mit der Laterne, von welcher der oben erwähnte Schein herkam. Bei diesem Anblick verstummten die Weiber plötzlich und flüsterten sich nur leise zu, keine solle mit dem Ungeheuer ein Wort sprechen. Dieses Ungeheuer näherte sich nun langsamen Schrittes, hustete zuweilen, und wenn dasselbe auch nicht gerade aussah, wie man sich die Ungeheuer gewöhnlich vorstellt, so war sein Gesicht doch so seltsamer Art, daß man glauben konnte, der Herr Stadtsoldat Steinmann habe einmal bei einer nächtlichen Runde etwas ganz furchtbar Entsetzliches gesehen, wodurch seine Gesichtszüge auf eine solch' unangenehme Art verzerrt worden seien, wie sie zum Schrecken aller kleinen Kinder sich öffentlich sehen ließen; dabei war er blatternarbig und hatte nur noch ein einziges Auge, welches sehr unangenehm schielte. Wenn er als Diener der öffentlichen Gewalt die Knabenschaar zur Ruhe bringen wollte, so brauchte er sich nur vor sie hinzustellen und sie mit seinem einzigen Auge scharf anzusehen, was vollkommen hinreichte, um die Buben in höchster Angst nach Hause zu jagen. Ja, sein Anblick erschien denselben so entsetzlich, daß sie, um sich selbst recht in Furcht und Schrecken zu jagen, zuweilen Steinmannles spielten, wobei dann der Knabe, der ihn vorzustellen die Ehre hatte, sich bemühte, durch die furchtbarsten Grimassen und Fratzen die Gesichtszüge des Stadtsoldaten nachzuahmen. In seiner Eigenschaft als Oberaufseher der Lampenputzerinnen und Oelvertheiler hatte er sich den Ruhm erworben, daß ein Wort von ihm, ja sein Anblick hinreichte, um die armen alten Frauen zur strengsten Pflichterfüllung anzuhalten. Wie eine Katze schlich er Tag und Nacht umher, und wenn eines der Weiber zufällig ein bischen Oel in ihrem Kännchen übrig behielt und nicht alles in die Laterne goß, so konnte plötzlich in dem hellen Scheine dicht vor der Uebelthäterin das schreckliche Gesicht des Herrn Steinmann auftauchen und sie lächelnd an ihre Pflicht erinnern. Dabei maß er ihnen das Oel so knapp zu, daß die Laternen schon eine Stunde, bevor sie erlöschen durften, auffallend zu kränkeln begannen und durch ein trübes Aufflackern deutlich anzeigten, daß es ihnen an der nothwendigen Nahrung fehle. Doch konnte man dem Steinmann darüber nichts anhaben, denn das Gefäß war bis an den Rand gefüllt, und wenn er der letzten Anzünderin ihr Oel gegeben, so drehte er dasselbe um, und es rann kein Tropfen mehr heraus; böse Zungen aber behaupteten, der Steinmann habe unten in seinem Oelgefaß einen großen Schwamm, den er später zu Hause in seine eigene Lampe auspresse. Die Oelvertheilung heute Abend begann von Seiten der Empfängerinnen mit einem melancholischen Schweigen und von Seiten des Austheilers mit einem bösartigen Blinzeln seines einzigen Auges; er bemerkte wohl, daß die Weiber beschlossen hatten, keine Unterhaltung anzuknüpfen, und es verursachte ihm deßhalb die größte Freude, durch ein einziges Wort im Stande zu sein, ihre Zungen aufs Feindseligste zu entfesseln. Während die Weiber ihre Oelgefäße schlossen und jede ihre Laterne anzündete, zog der Stadtsoldat eine Schnupftabaksdose aus Birkenrinde hervor, nahm bedächtig eine Prise und versicherte, wie leid es ihm thäte, daß er durch die neue Gasbeleuchtung gezwungen sei, bald für immer eine so angenehme Unterhaltung, wie ihm die Oelaustheilung gewähre, verlieren zu müssen. Die Winklere schloß mit einem stillen Seufzer ihre Laterne, die übrigen Weiber rafften sich entschlossen von ihrem Steinsitze auf, um davon zu gehen. »Von morgen an,« sagte der Stadtsoldat sehr bedächtig und langsam, indem er eine zweite Prise nahm, »braucht nur die Hälfte hieher zu kommen, um Oel zu fassen!« Und bei diesen Worten verzerrte sich sein Gesicht zu einem scheußlichen Lachen, als er bemerkte, wie auf diese Neuigkeit hin die Weiber plötzlich Halt machten und ihn ängstlich und erwartungsvoll ansahen. »Ja, ja, von morgen an nur noch die Hälfte,« fuhr er fort und klappte den Deckel auf seine Dose; »wir haben die Gasbeleuchtungs-Gesellschaft unabläßig angetrieben, und obgleich sie erst im nächsten Monat anfangen wollte, so werden doch schon, Dank unsern Bemühungen, in dem dritten, sechsten und achten Stadtviertel die Gaslaternen morgen Abend angezündet werden können; die betreffenden Weiber sind deßhalb von heute an schon entlassen.« Wie der Steinmann vorausgesehen hatte, so brach auf diese Ankündigung hin ein wahrer Strom von Worten, Klagen, ja Schmähungen los; manche Weiber setzten ihre Laternen hin, fuhren mit dem Schurzzipfel an die Augen und meinten, es sei gar nicht möglich, daß man ihnen so plötzlich und über Nacht ihr bisschen Brod nehmen könne. Es war in dem engen Durchgang ein Klagen und Lamentiren, daß es einen Stein hätte erbarmen können; aber je mehr die armen Weiber wehklagten und weinten, um so inniger freute sich Herr Steinmann; auch schien es ihm durchaus nicht wehe zu thun, wenn mitunter sehr harte Aeußerungen gegen seine eigene Person fielen, ja er nahm ganz ruhig und lächelnd eine neue Prise, als der Jammer der Weiber in offene Rebellion auszubrechen drohte, indem die Hartnäckigsten erklärten, wenn man sie so schonungslos fortjage, so würden sie auch heute schon keinen Dienst mehr thun, und der Teufel möge die Stadt beleuchten wie er wolle, und ihnen sei es gleich, wenn dies sogar durch eine große Feuersbrunst geschehe. Der Stadtsoldat stand, wie gesagt, in diesem Lärmen ruhig und lächelnd da, als wenn ihn das alles durchaus nichts anginge, und nur wenn eines der Weiber in ihrer Aufregung etwas zu nahe auf ihn zutrat, wandte er sich um und scheuchte sie mit einer furchtbaren Grimasse weit zurück; ihn schien dieses Geschrei außerordentlich zu amusiren, und anstatt, daß er sich Mühe gab, den Sturm zu beschwichtigen, vermehrte er ihn vielmehr noch durch seine Bemerkungen. »Dankt Gott,« sagte er lachend, »daß der scheußliche Hundedienst ein Ende hat! Habt ihr nicht allesammt oft bedauert, daß ihr euch je zum Geschäft des Lampenanzündens hergegeben, was? he? Habt ihr nicht immer euch verschworen und euch selbst Esel genannt, daß ihr je dieses Geschäft übernommen? Jetzt seid ihr's ja los, dankt eurem Heiland auf den Knieen dafür, dankt dem Steinmann, – jetzt macht, daß ihr fortkommt, oder ...« Das einzige Auge des Stadtsoldaten begann vor innerer Lust und Bosheit zu funkeln, und er streckte den gebieterischen Arm nach dem Eingange aus. Dies war das gewöhnliche Ende von dergleichen Scenen gewesen, und es hatten sich die Weiber darauf stillschweigend entfernt; heute aber, wo das lange Befürchtete so plötzlich über sie hereingebrochen war, wo die armen, durchnäßten und frierenden Weiber den harten Winter vor der Thür sahen, folgten sie nicht dem gebieterischen Wink ihres ewigen Plagegeistes, sondern ihre Thränen begannen reichlicher zu fließen und ihre Klagen übertönten das Geheul des Windes und den niederplätschernden Regen in dem engen Hofe nebenan. Leute, die durch das Gewölbe eilten, blieben einen Augenblick erstaunt stehen und gingen dann rasch fort, als sie den Steinmann gewahrten. Dieser schnupfte heftig und wollte ebenfalls den Schauplatz seiner Thaten verlassen, als eine große starke Frau, gefolgt von zwei Dienstmädchen, die auf ihren Köpfen große Körbe mit Wäsche trugen, in das Gewölbe trat und erstaunt bei den heulenden Weibern stehen blieb. Der Leser aber soll im nächsten Kapitel erfahren, wer diese Frau war und was sich weiter begeben. Drittes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Die Frau, welche bei dem großen Jammer der Lampenanzünderinnen plötzlich erschien und vor denselben ihren festen, aber eiligen Schritt anhielt, war die ehrsame Wittwe eines königlichen Hofkutschers, der in seinen besten Jahren das Zeitliche gesegnet und die Frau mit drei kleinen Kindern zurückgelassen hatte. Da die Besoldung des Kutschers von jeher nicht groß zu nennen war, auch derselbe bei dem stundenlangen Sitzen auf dem Bock, wenn er bei Bällen, Concerten und dergleichen in bitterkalter Nacht aus seine Herrschaft zu warten hatte, von dieser kleinen Besoldung ein Erkleckliches verwenden mußte, um sich Behufs innerer Erwärmung etwas Geistiges anzuschaffen, so kann man sich leicht einbilden, daß der Frau von den Ueberbleibseln des Gehaltes nicht viel zu gute kam, weßhalb sie ein einträgliches Geschäft, das sie von ihrer Mutter überkommen, sorgsam beibehielt und möglichst ausdehnte. Dieses Geschäft bestand in dem Besorgen der Wäsche für die Gesandtschaften und andere große Häuser der Stadt. Frau Welscher hatte ihren Mann, den Hofkutscher, eigentlich nur zum Staat geheirathet, und es ließ sich auch in den ersten Jahren ganz gut an, wenn die junge hübsche Frau mit dem stattlichen Manne in glänzender Livree Arm in Arm dahin wandelte. Sie hatten drei Kinder miteinander, als der Mann starb, und der Frau blieb von ihm nichts übrig, als das Andenken an manchen guten und manchen bösen Tag, die sie mitsammen verlebt, sowie die Kundschaft einiger Hofdamen, die der selige Kutscher Welscher beständig gefahren und in welch' angestrengtem Dienst er sich, so behaupteten nämlich seine Kameraden, den frühen Tod geholt; denn so eine Hofdame läßt nicht mit sich spassen und spaßt auch nicht mit ihrem Kutscher und ihren Pferden, und wenn Nachts alle Geschöpfe zur Ruhe gegangen sind, wenn sogar Wachposten und Nachtwächter einnicken, so hört man gewiß noch eine verspätete Equipage auf dem Pflaster rasseln – einen Hofdamenwagen. Frau Welscher hatte sich bei ihrem Geschäft und durch den Umgang mit vornehmen Leuten oder doch mit deren Kammerdienern und Kammerjungfern einen gewissen Grad von Bildung angeeignet, die sonst Leute ihres Ranges nicht besitzen; hierdurch, sowie durch einen außerordentlich rechtlichen und ehrsamen Lebenswandel hatte sich die Frau nicht nur in dem Hause, wo sie wohnte, sondern im ganzen Stadtviertel, wo dieses Haus lag, ein größeres Ansehen erworben, als selbst der Polizei-Commissär besaß. Sie wohnte in dem alten Kapuzinerkloster und war bei häufig vorkommenden Streitigkeiten der Nachbarschaft eine vollkommen competente richterliche Behörde, und wer bei einem Streit von ihr Unrecht bekam, der mochte sein Urtheil in aller Geduld hinnehmen, denn eine Appellation dagegen würde ihm die ganze Nachbarschaft für ein Majestätsverbrechen ausgelegt haben. Dieses Ansehen nun, in welchem die Waschfrau stand, äußerte sich auch bei ihrem Erscheinen sogleich auf die heulenden Lampenanzünderinnen, ja sogar auf den hartherzigen Steinmann. Die Weiber hörten auf zu weinen und eine beeilte sich auf die Frage der Frau Welscher nach dem Spectakel die schreckliche Ursache desselben anzugehen und hinzuzusetzen, auf welch' boshafte und scheußliche Weise der Stadtsoldat ihnen ihre Entlassung mitgetheilt. Die Waschfrau stemmte den Arm in die Seite, und die beiden Dienstmädchen hinter ihr thaten das Gleiche, es gehörte ihr ganzes Ansehen dazu, die keifenden und lärmenden Weiber zu vermögen, sich ruhig zu verhalten, nachdem sie, wie eine Schaar Gänse durcheinander schreiend, ihre Anklage alle zusammen bekräftigt hatten. Jetzt aber schwiegen sie mit Einemmal und hoben ihre Laternen in die Höhe, um aus den Gesichtszügen der Frau Welscher zu erfahren, ob sie aus denselben eine Hoffnung schöpfen könnten; natürlicher Weise war dem nicht so, die Waschfrau schüttelte den Kopf und sagte: »Seht, ihr Weiber, da ist nichts zu machen, der Stadtrath ist in seinem Recht; er hat euch angenommen, um die Straßenlaternen anzuzünden und jetzt, da keine mehr anzuzünden sind, wenigstens nicht in der Art wie früher, entläßt er euch und hat sein vollkommenes Recht dazu.« Ein tiefer Seufzer war die Antwort auf diese Entscheidung, und die Weiber waren von diesem Augenblick an so hoffnungslos, als hätte der oberste Gerichtshof des Landes diesen Ausspruch gethan. »Ihr könnt nichts thun,« fuhr die Frau fort, »als euch an die Gnade des Rathes wenden, um irgend ein anderes Aemtchen zu erhalten; leider habt ihr keine Aussicht, mit diesem Gesuch von eurem Aufseher, – diesem Menschen da, – unterstützt zu werden; doch Gott ist barmherzig, und wenn ich einer von euch mit meinem besonderen Rathe dienen kann, so wißt ihr alle, wo ich wohne. Ihr aber,« wandte sie sich zum Stadtsoldaten, »solltet Euch in Eure Seele hineinschämen, diese armen Weiber, die mit dem erbärmlichen Lohne oft noch Mann und Kinder ernähren mußten, zu verhöhnen und ihren Abschied sauer zu machen.« »Vor wem soll ich mich schämen?« grinste der Steinmann, »vor Euch vielleicht?« »Ja, und vor der ganzen Stadt, die Euch kennt,« sagte die Frau, und die beiden Dienstmädchen setzten laut genug hinzu: »der widerwärtige, häßliche Kerl!« Der Stadtsoldat wollte alles Ernstes böse werden, doch war er klug genug, sich zu besinnen, daß er in einem Viertel sei, dem nicht zu trauen, und daß es nur ein Wort von der Frau, die vor ihm stand, bedürfe, um ihm den nächsten Besuch unter dem Stadtgraben sehr unangenehm zu machen; auch standen die beiden handfesten Mädchen der Waschfrau so herausfordernd da, ja, sie faßten schon an ihren schweren Körben, um sie auf den Boden zu setzen, was ganz wie eine Vorbereitung zum Kampfe aussah, wie ein: »Macht Euch fertig!« – um bei dem geringsten beleidigenden Worte, das er gegen ihre Frau und Meisterin ausstoßen würde, über ihn herfallen zu können, daß er es für besser hielt, unter verschiedenartigen Drohungen für die Zukunft mit seiner Laterne den Heimweg anzutreten. Auch die Weiber verabschiedeten sich von der Frau Welscher und gingen still seufzend ihres Weges. Anfänglich wankten die Laternen auf Einem Punkte durch das Gewölbe bis zum Ausgange, die ärmlichen Schuhe schlurften auf dem Pflaster, die Oelmaße klapperten, hie und da hustete Eine schwer auf, und als die Weiber von dem noch heftig strömenden Regen auf's Neue durchnäßt wurden, sagten sie einander wehmüthig gute Nacht und gingen nach allen Richtungen auseinander. Noch lange sah man die kleinen rothen Lichter in den Straßen umher irren, hörte die schweren Seile der Straßenlaternen niederrasseln und sah manch' blasses, eingefallenes Gesicht, wie es sich bemühte, den halb durchnäßten Docht in dem gläsernen Gehäuse anzuzünden. Droben aber, in den Fenstern der Häuser, wurden ebenfalls Lichter angezündet, und manch' frohes Kindergesicht drückte in dem behaglichen, warmen Zimmer die Nase platt an das angelaufene Fenster und konnte nicht begreifen, was die Frau an ihrer Laterne so lange zu schaffen habe; der Vater aber, der hinzu trat, sagte: »Nun, das hört glücklicher Weise auf, die ganze Stadt wird sich freuen über das Gaslicht, das wir jetzt bekommen.« Unterdessen ging die Frau Welscher ihrer Wohnung zu und hatte ein Gespräch angeknüpft mit der Winklere, die nebenher hinkte, um an dem alten Kapuzinerkloster eine Laterne anzuzünden. »Wie geht's Eurer Kranken?« sagte die Waschfrau, »Ihr könnt morgen eine warme Suppe für sie holen, – was macht die Marie?« »Ach, Ihr wißt ja noch nicht, – – Gott, das hab ich vergessen,« entgegnete die Winklere und setzte Oelmaß und Laterne auf den Boden, »Gott hab' sie selig, die unglückliche Person! Sie ist heute Mittag gestorben, ich glaube an Entkräftung, denn mit ihrer Schwindsucht hätte sie's noch ein paar Monate ausgehalten; ich hätt' es aber auch gewiß nicht früher sagen dürfen, denn wenn der Steinmann erfahren hätte, daß sie schon heute Mittag gestorben sei, so hätte er mir unbedingt den Lohn für den letzten Tag abgezogen.« »Die arme Person!« sagte die Frau Welscher weich. »Und wo ist das Kind?« »Ja, das Kind, das hab' ich bei ihr lassen müssen; ich hab's bei seiner armen Mutter eingeschlossen.« »Bei der Todten?« fragte erschreckt die Waschfrau. »Ich konnt's nicht anders machen,« entgegnete die Winklere, »es klammerte sich an das Bett fest und wollte seine Mutter durchaus nicht verlassen; hätt' ich es mit Gewalt hinweggenommen, so hätte das Gezeter und Geschrei des kleinen Mädchens die Nachbarn aufmerksam gemacht.« »Aber was wollt Ihr heute Nacht machen?« fragte die Frau; »wo soll das Kind bleiben?« »Ich will es in Gottes Namen in mein Stübchen nehmen und morgen sehen, ob sich mitleidige Seelen finden, die etwas für das Kind thun wollen.« »Und von dem Vater hat man nichts gehört?« fragte die Waschfrau, »hat er sie so elend zu Grunde gehen lassen, die arme Marie?« »Ach, daß sich Gott erbarme,« entgegnete die Winklere, »was denkt so ein Herr weiter an ein armes bürgerliches Mädchen, wenn er sie in's Unglück gebracht! Von sich hören lassen? ja, abgereist ist er und hat sie nicht wieder gesehen, und was hat er ihr zurückgelassen? ein paar seidene Kleider, einen goldenen Ring und so etwas Flitterkram.« »Ich mochte die Marie immer leiden,« sagte betrübt Frau Welscher, »es war ein gutes Geschöpf, eine fleißige Näherin, aber immer etwas leichtsinnig.« »Ob sie ein gutes Geschöpf war!« sagte die Winklere, und Thränen rollten über ihre Wangen. »Wie hat sie ihr Mädchen, das arme Kind, gepflegt! und sie hat es recht gut erzogen und immer aufgeputzt, wie eine Puppe; ach, daran hat sie sich die Schwindsucht an den Hals und zu todt genäht, Gott hab' sie selig! Und als sie nun endlich auf dem Bett lag und nicht mehr ausgehen konnte und auch am Ende nicht mehr im Bette nähen, und der Armendoctor kam, wie hat sie es da getrieben? Obgleich ihr der Tod in den Augen saß, hat sie ihn nie um ihren Zustand gefragt, sondern nur gesagt: »Das Kind darf doch auch davon nehmen? das arme Kind ist so schwach.« Und denken Sie nur, als er einmal Wein mitgebracht, da mußte die Kleine den Wein trinken, und die arme Creatur sagte, es stärke sie so viel mehr, wenn sie sehe, wie das Kind wieder zu Kräften komme, als wenn sie den Wein selbst trinke; ja, Frau Welscher,« schloß die Winklere ihre Rede und trocknete ihre Augen mit dem Halstuche: »es ist viel Elend in der Welt!« Die Waschfrau, deren Augen ebenfalls feucht wurden, schien über etwas ernstlich nachzudenken; sie ließ die beiden Mägde in das Haus hinauf gehen und ließ sie droben sagen, sie werde in einer halben Stunde nach Hause kommen; dann besann sie sich noch einen Augenblick und sagte darauf zur Winklere: »Komm' Sie, Frau, wir wollen zu dem armen Kinde gehen, ich will es heute Nacht zu mir nehmen, und morgen wollen wir sehen, was weiter zu machen ist.« Die arme Lampenanzünderin, welche über diesen Entschluß höchlich erfreut war, versicherte wiederholt, Gottes Segen werde solch' einem edlen Werke nicht fehlen, und so gingen die beiden Frauen dahin durch den Stadtgraben bis an's Ende der andern Straße, wo sie vor einem kleinen, unscheinbaren und höchst ärmlich aussehenden Hause stehen blieben; die Winklere deutete mit dem Finger auf ein Fenster im untern Stock, das gänzlich finster da lag und so niedrig am Boden, daß man daraus abnehmen konnte, das Zimmer, zu welchem dieses Fenster gehöre, müsse mehrere Fuß unter dem Boden liegen; das erste Stockwerk dieses Hauses war, wie es bei alten Gebäuden oft der Fall ist, über das untere hinausgebaut, und dann kam eine zweite, dritte und vierte Etage, und in allen brannte Licht, sogar in dem einzigen Giebelfenster, zu welchem die schneidenden Töne einer Violine in die Nacht hinausseufzten. – – Nur unten war's finster! – Vor diesem Hause befand sich eine Straßenlaterne, und die Winklere öffnete den kleinen Kasten und ließ sie herab, dann zündete sie das Licht in derselben an, mehr zu sich selber, als zu der Waschfrau sprechend: »Ach, diese Laterne habe ich immer am liebsten angesteckt, ein Licht konnten wir bei aller Sparsamkeit für die arme Person da drinnen nicht herausschlagen, und nun wußt' ich wohl, wie sehr sie sich in ihrem dunklen Zimmer freute, wenn sie mich endlich kommen hörte, sie und ihr Kind, und wenn sie in einem leichten Schlummer lag, dann wachte sie gern auf bei dem Rasseln der alten Laterne und versicherte, es sei ihr ordentlich, als erwärme sich die Stube, wenn die Lichtstrahlen hineinfielen. Sie fielen gerade auf ihr Bett, und wenn Sie durch das Fenster schauen wollten, Frau Welscher, so könnten Sie die arme, todte Person in ihrem Bette liegen sehen.– –Gott! das kleine Kind, es hat mich erkennt, hören Sie, wie es mir ein Zeichen gibt!« Und die Waschfrau, der es schauderte, durch das Fenster zu sehen, hörte wirklich, wie von innen an die Thür leise geklopft wurde – drei leichte, dumpfe Schläge. Rasch fuhr die Winklere in die Tasche, holte einen Schlüssel heraus und öffnete die Hausthür, welche zugleich den Eingang zum Zimmer bildete. Es war hier früher einmal ein Laden gewesen, aber die Specereiwaaren verdarben, weil das Gewölbe zu feucht war. Klopfenden Herzens traten die beiden Weiber in das Gemach, und ein kleines Mädchen von vier bis fünf Jahren lief eilig auf die Winklere zu und verbarg ihr Gesicht in den Falten ihres Rockes. »Ach Frau, ach Frau,« sagte das kleine Wesen, »laßt mich nicht mehr allein, die Mutter lacht nicht und spricht nicht mit mir, freilich ist sie todt, habt Ihr gesagt, und der Kummer habe sie todt gemacht, aber ich habe ihr ja nichts gethan, und mit mir könnte sie doch wohl sprechen.« »Sei ruhig, mein Kind,« sagte die Winklere; »das kommt Alles wieder.« Und sie trat mit gefalteten Händen und schweigend vor das Bett der todten Mutter. Die Waschfrau hatte sich vor demselben auf ein Knie niedergelassen und betete leise und innig; das Kind kauerte sich neben sie hin und legte die kalte starre Hand auf seinen Kopf, um die Mutter zu vermögen, ihr durch die dichten Locken zu fahren, was sie in früheren besseren Tagen so oft gethan. Aermlich war das Gemach über alle Beschreibung, sowie das Bett, in welchem die Todte lag; ein Stuhl mit einigem elendem Weißzeug und eine Kiste in der Ecke, keine Truhe, die etwas Werthvolles verschloß, sondern eine einfache Kiste aus weißen Brettern, mit Heu ausgefüllt, welches mit einem alten Weiberrock bedeckt war, – dort hatte das Kind geschlafen. Die Todte lag auf ihrem Bette ausgestreckt, eine Hand auf dem Herzen, die andere hing an der Seite herab; ihr Gesicht war, wie es bei Brustkranken gewöhnlich der Fall ist, eingefallen und wachsbleich, doch hatte der Tod dasselbe nicht verzerrt; es war das Antlitz eines jungen Weibes von einigen zwanzig Jahren, dem man ansah, daß es einstens schön gewesen war. Durch das gewölbte Fenster drang der Schein der Straßenlaterne, und da dieselbe vom Winde hin und her bewegt wurde, so warf das flackernde, zitternde Licht seine beweglichen Strahlen über das Antlitz der Gestorbenen, daß man hätte glauben können, sie zucke bisweilen mit den Lippen. Nachdem die beiden Weiber eine Zeitlang still gebetet, erhob sich die Frau Welscher und zog das ärmliche Leintuch über das Angesicht der Verstorbenen. Die Winklere nahm den alten Weiberrock aus dem Kasten in der Ecke und heftete ihn mit einigen Stecknadeln vor das Fenster des Zimmers; sie sagte, es sei ihr schauerlich, wenn das Licht der Laterne die ganze Nacht durch auf das Gesicht der armen Marie falle, und sie könne sich nicht des Gedankens erwehren, als werde sie davon aufgeweckt und schaue um sich, verwundert, daß sie gestorben sei; auch setzte sie mit leiser Stimme hinzu: »Ich wohne hier neben dran, und wenn ich heute Nacht vorbeiginge, so müßte ich durch das Fenster hineinsehen und würde immer glauben, sie lebe doch noch.« Als dieses geschehen war, zog sie eine Putzschachtel unter dem Bette hervor und nahm daraus einige alte seidene Tücher, welche sie dem kleinen Mädchen um den Kopf und um den Hals wand, zog ihm ein Paar Handschuhe an und schob ihm ein zusammengedrehtes Hemdchen unter den Arm. Damit war der An- und Auszug für das Kind besorgt, die Frau Welscher nahm es bei der Hand, und alle drei verließen das Zimmer. Nachdem die Thür geschlossen war, beteten sie noch ein Vaterunser, und die Waschfrau sagte: »Komm' Sie morgen früh, um nach dem Kinde zu sehen. Winklere,« – und alsdann ging sie ihrem Hause zu. Die Lampenanzünderin nahm ihre Laterne auf, überzeugte sich, daß der alte Rock das Fenster vollkommen verdecke, und ging dann eilig an ihr Geschäft, die übrigen Straßenlaternen anzuzünden. Sie hatte viel Zeit verloren und fürchtete nun, der Steinmann möge ihr unterwegs begegnen. Doch war dieser Plagegeist längst zu Hause; überhaupt schien Niemand sonderlich darauf Acht zu haben, daß jetzt erst die Laternen angezündet wurden; es stürmte und schneite an Einem fort, auf den Straßen war Niemand mehr zu sehen, und nur zuweilen hörte man in der Entfernung eine herrschaftliche Equipage rollen. Viertes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Das Haus, in welchem die Frau Welscher wohnte, das ehemalige Kapuzinerkloster, war von außen durch die dasselbe umgebenden Häusermassen der benachbarten engen Straßen und des Stadtgrabens kaum sichtbar; es hatte sich, des Unschönen seines Aeußern bewußt, bereitwillig versteckt und war zufrieden, daß blos sein einziger allenfalls schöner Theil, – es war ein riesenhafter, treppenförmiger Hausgiebel, – über die andern Dächer hinwegblickte und daß eine alte rostige Wetterfahne mit stattlichem Kreuze heute noch, wie schon vor ein paar hundert Jahren, von den umliegenden Höfen deutlich gesehen wurde. Auch im Innern war das Kloster zur Zeit seines Bestehens in der damaligen Umgebung wenig interessant gewesen; heute aber, wenn man durch die Straße kam, wo all' die neuen Häuser standen, mit viereckigen Fenstern und eben solchen Thüren, geraden Treppen und hellen Gängen, konnte man sich eines gewissen Eindrucks nicht erwehren, wenn man in das ehemalige Kloster trat. Der Eingang war in dem erwähnten kleinen Hofe, und an der massiven Thüre sah man deutlich das verstümmelte Wappen des gräflichen Geschlechts, unter dessen Protectorate das Kloster erbaut ward; hinter dieser Thür, die Tag und Nacht offen stand, gähnte ein langer finsterer Gang dem Eintretenden entgegen, und es dauerte eine Zeit lang, ehe in die Finsterniß einiges Licht kam, und zwar, wenn es draußen nicht gar zu dunkel war, durch eine kleine viereckige Oeffnung, die ins Freie gieng; dann bemerkte man, wenn sich das Auge etwas an die Dunkelheit gewöhnte, im Hintergrunde des Ganges von oben herab eine dürftige Helle, welche bei längerem Hinstarren die Formen einer alten Wendeltreppe erkennen ließ. Diese Helle kam aus dem ersten Stock, wo sich eine kleine Weinwirthschaft befand, welche recht sinnig das Refectorium des Klosters zu ihrem Gastzimmer gemacht. Von den untern Räumen des Hauses war nichts bewohnbar, und in diesem feuchten, dunklen Gewölbe wurden Fässer aufbewahrt und allerlei Geräth, das den Miethsleuten des Klosters im Wege stand. Die Wendeltreppe war von Stein und die einzige bequeme Einrichtung im Hause; gehörig breit und solid, wie sie war, konnten die Leute des Hauses die schwersten Lasten bequem auf ihr transportiren. Für die Kinder dieser Hausbewohner war sie nebenbei eine Quelle beständigen Vergnügens und ein Gegenstand stillen aber angenehmen Grauens; auf ihrem breiten Geländer rutschten die Knaben von oben hinunter, und auf den ungeheuren Ruheplätzen trieben die Mädchen ihre harmlosen Spiele. Vom zartesten Lebensalter an bis zu der Zeit, wo man die Schule verläßt, tummelten sich die Kinder, die in dem Kloster wohnten, auf der Treppe herum, und auf dem alten Steinwerk jauchzte und lachte es den ganzen Tag, rumorten und krabbelten eine Menge kleiner Geschöpfe beständig auf und nieder. Diese Treppe war ihre Gouvernante, ihre Amme, ihre Kleinkinderbewahr-Anstalt, und das dauerte den ganzen Tag, bis der Schatten des Abends begann zuerst den Fuß der Treppe und den untern Gang in tiefe Dunkelheit zu hüllen, und nun das erste Stockwerk, wo schon größere Fenster waren, und alsdann das zweite und zuletzt das dritte, wo ein großer Bogen im Dache die Treppe so lange erleuchtete, als überhaupt das Licht in der Natur noch nicht vollständig verschwunden war. Die, Kinder folgten allabendlich dem verschwindenden Licht, und dann hörten die lärmenden Spiele der Buben auf, sie kauerten zu den Mädchen hin auf den großen Ruheplätzen, zuerst auf dem ersten Stocke und dann auf dem zweiten, und wenn ihnen die unerbittliche, finstere Nacht überall geheimnißvoll und düster folgte, so saßen sie zuletzt noch an dem großen Dachbodenfenster und schauten in die goldene Abendluft und ließen ihre Gesichtchen bestrahlen von der letzten Gluth der untergehenden Sonne. In solchen Momenten stockte die lustige Unterhaltung der Kleinen, und aus dem dunkeln Treppenhause schienen schwarze Schatten emporzusteigen und mischten sich in die kindlich-frohen Gespräche; alsdann fröstelte es sogar den kecksten unter den Buben, die Kinder jedes Stockwerks drängten sich eng zusammen und suchten hastig, den Beherztesten an der Spitze, ihre Stuben auf, und bald war die Treppe leer und lag einsam und ausgestorben da. Es ging nämlich die Sage, es sei in dem alten Kloster zur Nachtzeit nicht geheuer, und die verstorbenen Kapuziner wandelten oft gespensterartig darin herum; namentlich wäre, so hieß es, der Bruder Pförtner ein unruhiger Gesell und erscheine allabendlich auf der Erde, um sich schmerzlich zu überzeugen, daß die Thür, die er so sorgfältig verschlossen, allnächtlich offen stehen bliebe. Der Bruder Pförtner, dessen Ebenbild aus Holz geschnitzt mit einem großen Schlüsselbund am Gürtel unten an der Treppe stand, war übrigens ein harmloses Gespenst und hatte nie Jemanden etwas zu Leide gethan; viele Bewohner des Hauses erzählten gern und bereitwillig, daß ein Bruder, ein Onkel, eine Tante, ein Vetter den Kapuziner deutlich wandeln gesehen. Einer sogar behauptete, er habe ihn selbst husten gehört, und ein Schuster im dritten Stock, der von seinen stillen Wirthshausfreuden schon zu jeder Stunde der Nacht nach Hause gekommen war, sagte aus: Den Kapuziner habe er eigentlich nicht gesehen, wohl aber sei er im Stande, tausend Eide zu schwören, daß in einer Nacht die Statue an der Treppe verschwunden gewesen sei; er habe mit den Händen auf den leeren Fleck gefühlt, und am andern Morgen sei sie wieder unten gestanden, wie immer. Tiefe Stille lag heute Abend in den untern Räumen des alten Hauses, sogar in der Schenkstube befanden sich des schlechten Wetters wegen nur zwei Gäste, welche vor dem helllodernden Feuer saßen, dessen Schein es war, welcher durch eine Oeffnung in der Thür die Treppe etwas Weniges beleuchtete; von hier aber ging sie finster in den zweiten Stock und lag da schmutzig und unreinlich mit Gemüse-Abfällen und Strohhalmen bedeckt; die Kalkwand, an der man sich hinauffühlen mußte, war glänzend und unangenehm schlüpfrig; im zweiten Stock waren die Bewohner alle in ihren Zimmern, darum hier Alles finster, und es kostete einige Mühe, in den dritten Stock hinauf zu tappen, wo die Frau Welscher wohnte. Man muß nicht glauben, daß diese würdige Frau so hoch hinaufgezogen wäre, um wohlfeiler in der Miethe zu sitzen, sie hatte vielmehr die großen Räume und Bodenkammern, die zum Trocknen ihrer Wäsche unerläßlich waren, ins Auge gefaßt, sowie eine feuerfeste, gewölbte Küche, die ihr sehr zu Statten kam. Aus dieser Küche nun brach, so oft sich die Thür öffnete und so oft die hin- und herlaufenden Dienstmädchen die großen Ofenthüren aufstießen, ein gewaltiger Feuerschein auf den Gang hinaus und beleuchtete die schwarzen Wände und das Geländer der Treppe blutroth. Die Wäsche der Frau Welscher war an dem heutigen Tage in jenes Stadium getreten, wo sie durch Bügeln einen sanften Glanz erhält und die letzte Hand an sie gelegt wird. Dieses Geschäft wurde im großen Wohnzimmer rechter Hand versehen, und alle Augenblicke öffnete sich die Thür und liefen die Mädchen zur Küche, um neue glühende Bolzen zu holen; die Ofenthür wurde mit einer eisernen Stange aufgestoßen, und dann sah es aus wie in einem kleinen Hochofen: eine unendliche Gluth strahlte heraus, und die Bügelstähle lagen darin roth und weiß glühend; hie und da fiel eines dieser glühenden Eisen auf den Steinboden, dann zischte die Feuchtigkeit desselben hoch auf, die Mädchen schrieen und suchten mit roth angestrahlten Gesichtern den Deserteur zu fangen und sperrten ihn lachend in das schwarze Bügeleisen. In dem Wohnzimmer der Frau Welscher sah es nun recht behaglich und freundlich aus; dieses Wohnzimmer war zugleich das Schlafgemach der Frau selber, und das große Ehebett stand in der Ecke hinter dem Ofen. Leider war dieses Bett seit dem Tode des seligen Herrn Welscher viel zu groß für die einsame Frau, da sie sich nie entschließen konnte, ihrem ersten Manne einen Nachfolger zu geben. Zwei große gothische Fenster gingen auf den ehemaligen Stadtgraben und zeigten bei Tage ein gutes Theil Dächer und Schornsteine der neueren Stadttheile. Das Wohnzimmer war ordentlich und reinlich möblirt. Doch sah man jedem einzelnen Stücke an, daß es schon lange Zeit gedient; auch war in der Farbe der Stühle von Eichenholz, sowie in dem Getäfel, welches durch das Zimmer lief, eine Harmonie eingetreten, die deutlich anzeigte, daß beide schon lange Jahre zusammen gewohnt hätten und älter geworden seien. Und so war es auch. Diese Wohnung hatte die Mutter der Frau Welscher schon lange Jahre vor ihrem Tode inne gehabt und hier dasselbe Geschäft getrieben, von dem die Tochter jetzt ihren Lebensunterhalt zog. In der linken Ecke des Zimmers stand ein großes Sopha, seine gepolsterten Arme mütterlich weit geöffnet und in seiner auffallenden. Größe im Stande, eine ganze Familie allliebend zu umschlingen. Hier befand sich die nachwachsende Familie Welscher, bestehend aus zwei Mädchen und einem Buben, erstere im Alter von acht und sieben Jahren, der männliche Sprößling dagegen ungefähr sechs, alle drei gesunde und wohlgebildete Kinder. Die beiden Fräulein Welscher saßen auf dem Sopha und buchstabirten in einem Bilderbuche; sie lasen einförmig und im strengsten Takte, wie es Kinder zu machen pflegen und was von Weitem klingt, wie der gedämpfte Ton einer melancholischen Straßenorgel. Der Sprößling aber stand hinter den Schwestern mit seinen beiden Füßen auf dem Sopha, hielt in der einen Hand einen gebratenen Apfel, in der andern ein ansehnliches Stück Butterbrod und sprach diesen beiden Leckerbissen sehr eifrig und mit der größten Unparteilichkeit zu. Das Bilderbuch der Schwestern handelte von der Naturgeschichte und erzählte von den einzelnen Eigenschaften, von den Fehlern und Tugenden der Hausthiere, und so oft die Schwestern sich bemühten, den Namen eines dieser nützlichen Geschöpfe auszusprechen, so bemühte sich der Herr Bruder mit vollen Backen und im schnarrenden Tone die Stimme dieses Thieres täuschend darzustellen und die eigenthümlichen Bewegungen desselben sehr geschickt zur Anschauung zu bringen. Bald krähte er wie ein Hahn und schlug dabei mit den Händen, daß Apfelblocken und Stücke Butterbrod in der Stube herumflogen, bald bellte er wie ein Hund und versuchte eine der Schwestern gelinde zu beißen, welche ihn statt aller Antwort vom Sopha herunterwarfen, worauf er alsdann mit einem großen Geschrei wieder hinaufkletterte. Mitten in der Stube befand sich eine lange Tafel, an welcher von drei Frauen eifrig gebügelt wurde; sie hatten einen ganzen Berg von fein geglätteter Wäsche vor sich aufgehäuft, und wenn sie sich gerade auf ihre Arbeit bückten, so sah man nichts, als ihre Hände mit den Bügeleisen, die eifrig und unaufhörlich rechts und links hinausfuhren. Die Dienstmädchen trugen die abgekühlten Eisen fort und brachten dafür andere mit glühenden Stählen; dies war ein kleiner Moment, wo ausgeruht wurde, darnach ergriff jede der Frauen ein frisches Bügeleisen, hielt es einen Augenblick an die Wange, um zu erproben, ob es nicht gar zu heiß sei, und fing wieder an zu arbeiten. In dem Zimmer herrschte bei solchen Veranlassungen die gewöhnliche dunstige und feuchte Atmosphäre, welche eine große Masse frischer Wäsche mit sich bringt; dazu klapperten die Bügeleisen und zischte die feuchte Leinwand, die beiden Schwestern lasen fort und fort, der Bruder lärmte und schrie, und auf dem Ofen schmorten einige Aepfel mit leisem singenden Geräusch und gaben in dem allgemeinen Dunst ihren eigenthümlichen Geruch ab. Wenn jedoch der Lärm des Buben zu arg wurde oder die feuchte Leinwand zu heftig zischte, so ließ sich aus der Ecke des Zimmers die feine zitternde Stimme einer alten Frau vernehmen, die dort Ruhe, hier Vorsicht gebot; überhaupt schien diese wirklich sehr alte Frau in Abwesenheit der Herrin des Hauses die Aufsicht zu führen. Sie saß an einem kleinen Tischchen in der Nähe eines der gothischen Fenster, und ihr schneeweißes Haar, das sie zurückgestrichen unter einer altmodischen, sehr reinlichen Haube trug, sowie die eingeschnittenen Gesichtszüge zeigten ihr sehr hohes Alter. Wenn ich sie vorhin Frau nannte, so habe ich sehr Unrecht gethan, denn sie war die vierundachtzig Jahre alte Jungfer Kiliane und ihres Zeichens erste Büglerin, als welche sie in der ganzen Stadt bekannt und respectirt war. Ihr Anzug bestand in einem altmodischen Cattun-Ueberrock und gekräuselten Busenstreifen von demselben Stoff, mit sehr kurzer Taille; vor sich hatte sie feine Damenwäsche, der sie mit einem kleinen zierlichen Bügeleisen die letzte Vollendung gab; zu ihrer Linken war eine Näherin, der die fehlerhaften Stücke hingereicht wurden, und welche Knöpfe und Bändel hinnähen mußte. Jungfer Kiliane trug eine große Brille und hatte trotz der starken Hitze, die im Zimmer herrschte, die Füße auf einer Wärmflasche stehen. Zu ihrer rechten Seite saß an einem größeren Tische eine andere Gestalt, die wir etwas näher ansehen müssen. Es bedarf nur eines Blickes auf die Nadel, welche dieselbe, ein junger Mann von vielleicht dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, in der Hand hielt, sowie auf seine nach orientalischer Weise untergeschlagenen Beine, um vollkommen gewiß zu sein, daß wir es mit einem Schneider zu thun haben; auch müssen wir leider hinzufügen, daß der junge Mann nur ein Flickschneider war. Wir können dies mit dem besten Willen unmöglich verheimlichen, denn er war gerade im Begriffe, an einem Beinkleid des jungen Herrn Welscher einen defect gewordenen, sehr notwendigen Theil zu ergänzen. An der ganzen Figur des Schneiders ist vor der Hand nichts Auffallendes und Bemerkenswerthes, als ein wirklich ausdrucksvolles Gesicht, sehr weiße Hände und eine gewisse gute Manier, mit welcher er sein volles, blondes Haar um den Kopf geordnet hatte; fing er aber an zu sprechen, so bemerkte man einen gelinden Zungenanstoß, verbunden mit der Schwierigkeit, den Buchstaben St auszusprechen, welchem Naturfehler er dadurch abzuhelfen suchte, daß er auf dem S so lange verharrte, bis er in den Bereich des T kam und alsdann krampfhaft über dasselbe herfiel und es festhielt. Bis jetzt fanden wir keine Gelegenheit, diese seltsame Sprachweise zu vernehmen, denn Alles war mit seiner Arbeit beschäftigt, und Niemand hatte Zeit, eine Conversation anzuknüpfen. Endlich jedoch fing die Schwarzwälder Uhr neben dem Ofen sehr laut an zu schnarren und schlug darauf hell und vernehmlich sieben Mal; was den jungen Herrn Welscher außerordentlich zu beunruhigen schien, denn er versicherte mit vollen Backen und immerfort kauend, daß es jetzt schon sieben Uhr sei, und er um diese Zeit gewöhnlich sein Nachtessen bekomme. Jungfer Kiliane, welche ihrem Gehör nicht recht traute, blickte die Uhr einen Augenblick durch ihre Brille fest an und sagte: »Wahrhaftig, es ist schon sieben Uhr, ich weiß nicht, wo die Frau bleibt.« »Die Frau,« entgegnete der Schneider, »bleibt selten über sieben Uhr aus, und ich glaube fassss-t, es issss-t ihr etwas Sonderbares begegnet.« »Sie werden sie im Gasthof lange aufgehalten haben, es ist eine englische Familie dort mit drei erwachsenen Töchtern und die können mit ihrer Wäsche nie ein Ende finden.« »Es sind überhaupt gar sonderbare Leute, diese Engländer, bessss-tändig mißvergnügt, haben viel Geld und sind dabei sehr knauserig. Gott, wenn ich so viel Geld hätte! ich habe mir oft gedacht, Jungfer Kiliane, wenn ich viel Geld hätte, was das für ein Leben gäbe.« »Nun, was war' es weiter?« fragte die alte Jungfer. »Zu erben habe ich eigentlich gar nichts,« seufzte der Schneider, »und wenn die ganze Welt ausssss-türbe, so bekäme ich doch in rechtmäßiger Weise keinen Kreuzer; aber die Lotterie, das issss-t mein Trost, meine Hoffnung.« »So? spielt Er in der Lotterie?« fragte die Kiliane. »Das nicht,« entgegnete der Schneider, »man muß das Glück seinen eigenen Weg gehenlassen, ihm bei Leibe nicht vorgreifen, auch hab' ich kein Geld dazu; doch denk' ich immer, ich bekomme einmal ein Loos geschenkt und dieses Loos gewinne den höchssss-ten Satz.« Die alte Büglerin schüttelte mit dem Kopf und meinte, da könne er lange warten. »Das glaub' ich auch,« versetzte der arme Flickschneider und ließ einen Augenblick die Hand mit der Nadel sinken, »und doch issss-t der Gedanke so schön, es sind meine seligssss-ten Träume, daß, wenn eines Tages der Collecteur zu mir hereinträte und während er spräche: Lieber Herr Dubel , sich vor Freude und Rührung die Augen mit seinem Sacktuch abwischte, lieber Herr Dubel, Sie haben das große Loos gewonnen, – dieser Augenblick wär' wahrhaftig selig.« Die Kiliane lächelte bei diesen Worten und sagte: »Jetzt wär' ich doch begierig, was Er mit all' dem Gelde anfienge, wenn man Ihm so zehn Säcke voll Doppel-Louisd'or ins Haus schleppte. Er kaufte Sich zuerst ein schönes Haus und neue Kleider?« Und dabei sah die alte Person fragend in die Höhe. Herr Dubel schüttelte still lächelnd mit dem Kopf. »Nicht? Nun Er würde sich ein großes Logis nehmen, einen Koch anschaffen, Equipage halten.« Herr Dubel schüttelte abermals mit dem Kopf. »Auch das nicht?« fragte verwundert die Kiliane, »Er wird doch alsdann nicht Flickschneider bleiben wollen?« Der Schneider steckte die Nadel auf sein linkes Knie, fuhr mit seiner weißen Hand durch die vollen Haare und schaute, wie in seligen Gedanken versunken, schmunzelnd an die Decke. Nach einigen Augenblicken, während welcher die alte Büglerin ihn aufmerksam ansah und selbst ihr Eisen ruhen ließ, sagte der Schneider: »Sieht Sie, Jungfer Kiliane, ich würde alsdann meinen Gedanken ausführen, den ich schon seit meiner frühssss-ten Jugend im Heizen trage, eine Schwärmerei, der ich mich nicht entschlagen kann, eine Lieblings-Idee, die mich verfolgt bei Tag und bei Nacht, ich würde nämlich – aber Sie wird lachen, Jungfer Kiliane, – ich würde nämlich Theater-Director werden.« »Theater-Director?« sagte erstaunt die Büglerin und ließ ihre Hände in den Schooß fallen. »Ja,« fuhr der Herr Dubel eifrig fort, »Theater-Director, Heger und Pfleger dieser schönen Kunssss-t, ich würde ein solches Regiment, einen solchen Herrscherssss-tab nicht mit dem Zepter eines Kaisers vertauschen; wäre ich nicht reicher und mächtiger, wie jedes gekrönte Haupt, ssss-tänden mir nicht alle Theile dieser Welt, alle SSSS-tände dieser Erde zu Gebot? Ich will nach Asien! ein Zug an der Klingel und Asiens Palmenwälder, Asiens Bambushäuser ssss-tehen vor meinem erssss-taunten Blick und aus allen Büschen schweben die Bajaderen hervor und loben mich, ihren Gebieter. Zu heiß issss-t mir diese Luft, zu drückend; ich will die brennende Brussss-t kühlen am Eise des Nordpols; noch einige tausend Meilen weiter, wie selbssss-t Franklin und Roß gekommen, will ich die Schneeluft genießen – Verwandlung, und es ssss-tarren die Eismassen empor, ein ewig zugefrorenes Meer liegt unabsehbar vor mir ausgebreitet, das Eis kracht, der Seevogel krächzt, die Einsamkeit thut dem Herzen wohl. Doch bin ich endlich übersättigt von dem einförmigen Anblick dieser ssss-tarren Massen – zurück nach dem Süden! italienische Luft, italienischer Himmel, ein Gasthaus in Terracina, das Schlafgemach der schönen Zerline!« Bei dieser heftigen Rede schüttelte die Kiliane erstaunt den Kopf und sagte: »Nehm' Er's mir nicht übel, Dubel, aber dergleichen schiefe Ansichten kommen von dem Lesen der vielen confusen Bücher her, mit denen Er sich abgibt.« Der Schneider hatte seine Scheere auf den Schenkel gestützt, ungefähr in der Art, wie gemalte Marschälle ihren Stab zu handhaben pflegen, und schaute triumphirend um sich, indem er fortfuhr: »Und das alles wäre mein, und das alles hienge an dem Blick meines Auges und hoffte und fürchtete bei dem Zucken meiner Wimper – o, ich wäre ein glückseliger Mensch, ich dürfte mich in den Coulissen aufhalten, ich dürfte mit den hochmüthigen Schauspielerinnen ganz vertraulich sprechen, dürfte den coquetten Sängerinnen einen kleinen Verweis geben und dürfte mit den niedlichen Tänzerinnen lachen und scherzen, und dabei wäre ich nicht blos geduldet, ich wäre die Person, um welche sich Alles dreht; vor mir zieht der Theaterdiener seinen Hut, und mich betrachtet der erssss-te Held in ssss-tiller Ehrfurcht ... O Gott, das wird aber nie sein, und ich werde mein Lebtag nichts werden, als ein erbarmungswürdiger Flickschneider!« – Hastig warf er die Scheere in der Hand herum und begann auf dem Tische mit großem Geklapper ein Stück Zeug zuzuschneiden; die Kiliane verfolgte mit ihrem kleinen Bügeleisen aufmerksam und hartnäckig eine eigensinnige Falte, die sich unbefugter Weise in eine Chemisette eingeschlichen, und vertilgte sie endlich nach längerem Kampfe. Die Bügeleisen klapperten wie zuvor, die Leinwand zischte, die Uhr pickte, und es war dasselbe Geräusch und Gesumme, wie den ganzen Abend, mit dem kleinen Unterschiede, daß der junge Herr Welscher eingeschlafen war und ein außerordentlich heftiges und tactmäßiges Schnarchen hören ließ. Eine der Büglerinnen meinte, es wäre, als säge er einen eichenen Block durch, und eine andere setzte lachend hinzu: »Ja, und jetzt kommt er wieder an einen harten Ast, und da springt ihm die Säge zurück.« Jungfer Kiliane hatte die Falte ausgerottet und nahm das vorige Gespräch wieder auf, indem sie sagte: »Aber wenn Er so viel Lust zum Komödienspielen hat, warum geht Er nicht hin und wird Schneider bei der Theater-Garderobe?« »Ich habe früher auch daran gedacht,« entgegnete Herr Dubel, »und ich will Ihr gessss-tehen, daß ich mir einssss-tens alle Mühe gab, eine solche SSSS-telle zu erhalten, doch kam ich davon zurück, denn es issss-t ein ganz poesieloses und ärmliches Geschäft. Was issss-t so ein Theaterschneider? Den Tag über sitzt er zusammengekrümmt und muß nähen, bis die Nadel glüht, ach, und all' die schönen Kleider, die Abends auf dem Theater so herrlich ssss-trahlen und glänzen, setzt er zusammen aus geringen, schlechten SSSS-toffen, und die herrlichen SSSS-tickereien, womit sie prangen, sind nur elendes Flitterwerk, das er aufnäht, und kommt nun endlich die SSSS-tunde, wo der glückliche Künssss-tler ssss-tolz in seine Garderobe tritt, so issss-t der arme Schneider sein unterthäniger Diener, und muß sich hudeln lassen nach der Laune des Herrn, ja, nach dem Charakter der Rolle, die er gerade spielt. Tritt der Schauspieler als König auf, so issss-t der Schneider der Sclave, und der Tyrann, welchen er anzieht, lässss-t ihn für ein fehlendes Band, für eine etwas kurze Taille grimmig merken, wie es ihn nur Ein Wort kossss-te, um ihn lebenslänglich auf die Galeere zu schicken, oder wie er nichts Anderes verdiene, als unter dem Beil des Henkers zu fallen. Hat er den Anzug eines feilen Bösewichts, eines entsetzlich schlechten Kerls zu besorgen, so erhält er die heimtückischssss-ten, boshaftessss-ten Redensarten für einen kleinen Fehler: er solle Gift saufen bei der nächssss-ten Veranlassung, wünscht ihm der schlechte Charakter, oder er fährt plötzlich mit der Hand nach der verborgenen Tasche seines Rocks, wo er den Dolch aufbewahrt. Und auf diese Art, Jungfer Kiliane, muß sich so ein armer Teufel abplagen und muß bald hier, bald da sein. Kaum hat er den König und den Bösewicht angezogen, so ersucht ihn der würdige Hausgeissss-tliche, ihn endlich auch einmal zu bedienen, zuerssss-t würdevoll und liebreich, wie es die Rolle vorschreibt, dann aber heftig, wie in der Ermordungs-Scene des SSSS-tückes, und issss-t dieser endlich befriedigt, so muß er einen Trabanten anziehen, bis er, wenn das Zeichen zum Anfange des SSSS-tückes gegeben wird, ermattet in einen SSSS-tuhl fällt, und auch jetzt noch keine Ruhe, keine Idee, daß er hinter den Coulissen ssss-tehen und das SSSS-tück mit ansehen dürfe; der erssss-te Liebhaber hat während des erssss-ten Acts seinen Mantel umzunehmen, und der unglückliche Schneider wird mit dem Mantel an die letzte Coulisse possss-tirt, hinter einem alten Felsen und muß dort das SSSS-tichwort abwarten. – Jetzt schreit der Held: Zu den Waffen, tapfere Gefährten, Nieder mit dem Tyrannen! und rennt mich beinahe um. Geschwind meinen Mantel! eilen Sie sich doch in's Teufels Namen, Sie sind entsetzlich ungeschickt! Jetzt springt er wieder auf die Bühne – Hinaus in jene Wüssss-te – – –!« »Er erzählt das so lebendig,« sagte die Jungfer Kiliane lachend, »als habe Er das selbst mit angesehen.« »Das hab' ich auch,« entgegnete trübselig der Schneider; »einer meiner Bekannten issss-t in der Garderobe des Theaters und hat mich hie und da bei großen SSSS-tücken auf die Bühne geführt, zu Lust und Schmerz, und ich ging gewöhnlich mit zerrissenem Herzen nach Hause.« »Nehm' Er mir nicht übel,« entgegnete die alte Büglerin eifrig, »aber Er hat gar viel verrückte Ideen in seinem Kopf, schlag' Er sich die Grillen aus dem Sinn und bleib' Er fleißig bei seinem Handwerk, da kann was Rechtes aus ihm werden; Er ist ein fleißiger und geschickter Mensch und würde dem ersten Meister der Stadt keine Schande machen; ich begreif Ihn wahrhaftig nicht, warum Er Flickschneider bleibt und nicht lieber in eine solide Werkstatt geht.« Herr Dubel seufzte tief auf und entgegnete: »Weil ich meine Freiheit liebe, weil mich alles Rohe und Unelegante anekelt, ich habe die Gefühle eines reichen Mannes, ohne leider dessen Geld zu besitzen, ich kann nicht mit sechs Gesellen aus einer Schüssel essen, ich kann nicht mit zwei in einem Bett und mit vier in einer elenden Dachkammer schlafen; o Gott, ich kann's nicht!«– – In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, und die Frau Welscher trat ein, an der Hand ein kleines Mädchen führend, welches sich verwundert in dem Zimmer umsah, ebenso verwundert blickten die Büglerinnen auf die Frau und das Kind, es ruhte für einen Augenblick die Arbeit, und die Stille, welche im Zimmer herrschte, wurde nur durch das Picken der Uhr und das Schnarchen des Herrn Welscher unterbrochen; auch letzteres hörte in einigen Secunden auf, denn das Geschrei der kleinen Mädchen: »Mama, Mama!« erweckte den Sprößling, und er fuhr mit einem lauten Gebrüll in die Höhe und folgte schlaftrunken seinen Schwestern, welche mit dem Ausdruck des größten Erstaunens, ja mit einer Art von Schrecken das kleine Mädchen anstarren Die Frau Welscher ließ das arme Kind in der Nähe des Ofens stehen und ging rasch durch das Zimmer zur Jungfer Kiliane hin, nicht ohne vorher einen prüfenden, sachkundigen Blick auf die Haufen fertiger Wäsche auf dem großen Tische zu werfen; sie nickte zufrieden mit dem Kopfe und sagte alsdann zu der alten Büglerin: »Kiliane, komm' Sie in's Nebenzimmer, ich hab' mit Ihr zu sprechen;« worauf die Alte ihre Brille ablegte, sie einen Augenblick kopfschüttelnd ansah und alsdann mit ihr in's andere Zimmer ging. »Höre Sie,« sagte die Waschfrau, »die Marie ist gestorben, sie liegt in ihrem kleinen Zimmer neben der Winklere und hat auf der Herrgottswelt nichts zurückgelassen, als das kleine Mädchen, das ich eben mitgebracht; ich frag' Sie jetzt, Kiliane, was soll ich mit dem armen, kleinen Geschöpf anfangen, soll ich es nur für diese Nacht hier behalten und es morgen der Armen-Kommission übergeben, oder was meint Sie?« Die Kiliane stemmte die linke Hand in die Seite, stützte mit der rechten das Kinn, wie sie gewöhnlich that, wenn sie nachzudenken pflegte, dann sprach sie ziemlich rasch und heftig: »Frau, darin kann ich nicht rathen, Sie hat selbst drei Kinder, und wenn Ihr Einkommen auch ziemlich ist, so muß man sich doch nicht leichtsinniger Weise fremder Leute Kinder auf den Hals laden, und obendrein welcher Leute Kind!« »Die Marie war doch ein braves Mädchen.« »Bis sie sich verführen ließ,« entgegnete die Kiliane, »und das Mädchen dort in die Welt setzte; aber was geht das mich an. Sagt mir Eure feste Meinung, Frau, und dann will ich Euch sagen, was ich denke, aber lasset Euch durch Euer gutes Herz nicht hinreißen; man kann der ganzen Welt nicht helfen, und wenn man das Seinige vor Gott redlich thut, so könnte man, mein' ich, schon zufrieden sein.« Die Waschfrau legte ihre beiden Hände auf den Rücken und spazierte mit großen Schritten im Zimmer auf und ab; die Kiliane ließ den Kopf sinken und blinzelte unter ihrem mächtigen Haubenstreif mit einem seltsam pfiffig lächelnden Ausdruck auf die Frau Welscher hin. Die Kiliane hatte nämlich das beste Herz von der Welt, und wir sind überzeugt, daß sie in diesem Augenblick entschlossen war, das Kind selbst aufzunehmen, wenn die Frau Welscher sich veranlaßt sehen könnte, es fortzuschicken; doch so wie die Waschfrau das Factotum des ganzen Stadtviertels war, so war die alte Büglerin die oberste rathgebende Behörde bei der Frau Welscher selbst, und wozu die Kiliane rieth, das geschah unwiderruflich. In diesem wichtigen Falle nun wollte die Kiliane mit ihrem Rathe zurückhalten, bis sie einen festen Entschluß ihrer Freundin erfuhr, und dieser Entschluß ließ nicht lange auf sich warten. Die Waschfrau blieb mitten in dem Zimmer stehen, schlug mit der linken Faust auf die rechte Handfläche und sagte entschieden: »Und wenn ich heute zum ersten Male Ihrem Rathe nicht folgen sollte, Kiliane, so behalt' ich dieses arme kleine Mädchen doch da; wo drei Kinder essen, kann auch ein viertes mithalten.« Die Kiliane faltete die Hände, und ein paar Thränen rollten über ihr weißes Gesicht. »Gott weiß, daß Sie Recht hat,« sprach sie triumphirend, »vollkommen Recht, Frau, aber das war eine wichtige Sache, da mußte ich mit meinem Rathe zurückhalten, bis Sie mir Ihren festen Entschluß gesagt.« Inzwischen war das Kind, über dessen Schicksal hier entschieden wurde, der Gegenstand der Aufmerksamkeit sämmtlicher Anwesenden; die Mägde, welche neue Bügelstähle holten, blieben einen Augenblick an der Thür stehen, die Büglerinnen schauten mehr auf das Mädchen, als auf ihre Arbeit, und sogar der Herr Dubel war von seinem Tisch herabgestiegen mit der Absicht, einen Blick auf die Uhr zu werfen, eigentlich aber, um die kleine Fremde zu beschauen; am gespanntesten aber waren die drei Kinder der Frau Welscher auf die Dinge, welche da kommen sollten; sie standen im Halbkreis um das Mädchen herum, eifersüchtig und halb gereizt, wie es kleine Hunde zu machen pflegen, wenn sich ein fremder Eindringling zeigt. Das fremde Mädchen nun stand neben dem Ofen auf demselben Platze, wo die Waschfrau seine Hand losgelassen, und schaute verwundert in das seltsame Getriebe um sich; es mochte in einem Alter von sechs bis sieben Jahren sein, war ziemlich groß und zierlich gewachsen und hatte ein feines, blasses und sehr ausdrucksvolles Gesicht; lange, schwarze Locken, die früher sorgfältig geordnet waren, denen man aber ansah, daß in den letzten Tagen keine sorgsame Hand sich um sie bekümmert, beschatteten ihren Kopf, und ein großes glänzendes Auge gab den etwas ermatteten Zügen Leben und Bewegung. Der Anzug war ärmlich und bestand in einem Kleidchen von Wollenzeug, in dunklen Strümpfen und Schuhen, welche letztere offenbar einer erwachsenen Person angehörten. Um den Hals hatte das Mädchen seltsamer Weise einen langen, blauseidenen kostbaren Seidenstoff gewunden, wie ihn vornehme Herren zu einer guten Toilette zu tragen pflegen, und ihre Hände stacken in weißen, wenig beschmutzten Glace-Handschuhen, die ebenfalls einem Manne gehört hatten, und deren große Formen an den kleinen Fingern des Kindes sonderbar aussahen. Jungfer Kiliane trat ein und ging stillschweigend an ihre Arbeit, die Frau Welscher machte einen Gang durch's Zimmer, sagte ihren Kindern ein freundliches Wort, lobte den Fleiß der Büglerinnen und setzte das fremde Mädchen auf einen Stuhl neben dem Ofen, nachdem sie ihm zuvor das blaue Tuch und die Handschuhe ausgezogen, Beides in ein Papier gewickelt und in einem Schubladenfache sorgfältig aufgehoben. Mittlerweile war es acht Uhr geworden, die Dienstmädchen räumten einen der großen Tische ab, deckten ein sauberes, großes, leinenes Tischtuch darüber und brachten zinnerne Teller, Messer und Gabeln, sowie eine Schüssel voll dampfender Suppe und eine dergleichen voll Kartoffeln in der Schale, zu welcher ein Teller mit Gänsefett aufgesetzt und das Abendessen auf diese Art hergerichtet wurde. Alsdann setzte sich Alles zu Tische, die Jungfer Kiliane nahm den obern Platz an demselben ein, neben ihr saß der junge Herr Welscher, dann die Waschfrau selbst, dann das fremde Kind u. s. w. Das jüngste Fräulein Welscher, welches auf solche Art ihren Ehrenplatz neben der Mama verloren, aß vor Kummer und Neid heute Abend ihr Brod mit Thränen und konnte nur durch die ernsten Blicke der Mutter von einem förmlichen Attentat auf die arme Fremde abgehalten werden. Ueberhaupt zeigten sich sämmtliche drei Kinder nichts weniger als freundlich gegen dieselbe gesinnt, und der junge Herr Welscher, nachdem er zum Ergötzen der Dienstmägde unterschiedliche Grimassen gegen das Kind gemacht, warf ihm eine Hand voll zusammengeballter Kartoffelschalen zu, worauf er mit einer klatschenden Ohrfeige von der harten, knöchernen Hand der Kiliane belohnt wurde. Mittlerweile war die gewaltige Suppenfluth versiegt, die Kartoffeln verschwunden, und die letzten Reste des Gänsefettes vertilgte der junge Herr Welscher mit einem Stück Brod. Der Tisch wurde abgeräumt, die alte Kiliane sowie die Büglerinnen richteten sich zum Nachhausegehen, erstere band sich eine schwarze Kapuze um den Kopf, hängte ein kleines Tuchmäntelchen um und steckte ihre Laterne an; letztere richteten die großen Haufen Wäsche auf einen Seitentisch zusammen, stellten die Bügeleisen auf einen Haufen und schlugen ein großes Tischtuch über die fertige Wäsche. Der Herr Dubel zog seinen Rock an, suchte seinen Hut hervor und rechnete mit der Waschfrau ab; diese Abrechnung war eigentlich mehr ein Tauschgeschäft zu nennen, denn der Schneider besorgte einen Tag in der Woche die Flickereien für die Familie, und dafür wurde ihm seine Wäsche umsonst besorgt, und man muß gestehen, daß diese Wäsche, wenn auch klein an Zahl, doch bestens in Ordnung war. Hiefür sorgte aber auch die Kiliane, und jedes Hemd, das dem Herrn Dubel gehörte, jedes Vorhemdchen, jeder Vatermörder wurde von ihr mit besonderer Aufmerksamkeit durchgesehen, und wir sind überzeugt, sie hätte einen Fehler in der Wäsche eines gräflichen Hauses übersehen, aber eine schlecht gebügelt Weeste des Herrn Dubel hätte sie nicht durchgehen lassen. Dafür war der junge Mensch aber auch voll Artigkeit gegen die alte Person, las ihr Abends, ehe das Licht gebracht wurde, an den Tagen, wo er bei der Frau Welscher arbeitete, die Zeitung vor, begleitete sie, wie auch heute, nach ihrer Wohnung und führte sie dabei sorgsam, wie es nur ein Enkel thun kann, der überzeugt ist, daß ihm seine Großmutter ein bedeutendes Vermögen zu hinterlassen Willens ist. Heute Abend machte sich die Kiliane in ihren Taschen Einiges zu schaffen, ehe sie schied, dann pätschelte sie beim Weggehen das fremde Kind auf den Kopf und drückte ihm etwas in die Hand. Es wurde nun von allen Seiten gute Nacht gewünscht, – »wohl zu schlafen,« – »bis morgen also« – und bald war die Stube der Frau Welscher leer und man hörte nichts mehr, als das Picken der Uhr, das Sausen des Windes, welcher Regen und Schnee an die Fenster trieb, und dazu wie früher das Schnarchen des jungen Herrn Welscher, der nach genossenem Abendbrodt auf dem Sopha wieder eingeschlafen war. Die Waschfrau ordnete das Zimmer, richtete die Stühle an ihren Platz und nahm ein großes Buch vor, worin sie Soll und Haben für ihre Kunden eintrug, ins Soll so und so viel Dutzend Hemden, ins Haben die geleistete Zahlung. Nachdem dieses Geschäft beendigt, rief sie ihre beiden Töchter zu sich und sagte ihnen mit kurzer, aber eindringlicher Rede, das fremde Kind werde auch ferner bei ihnen wohnen und müsse artig und freundlich behandelt werden; wer nicht also thue, der werde sehen, wie es ihm gehe. »Es ist aber bald Weihnachten,« sagte die Frau und rechnete an den Fingern, »ihr könnt euch denken, wenn das heilige Christkind kommt und erfährt, daß ihr gegen ein fremdes, armes Kind unartig gewesen seid, so wird die Bescheerung für dieses Mal schlecht ausfallen. Wer von euch will zu eurem kleinen Bruder ins Bett und wer will bei dem Mädchen schlafen?« Auf diese Frage erfolgte keine Antwort, vielmehr zogen sich die zwei Gesichter der Fräulein Welscher bedächtig in die Länge, und die beiden Schürzen derselben dirigirten sich unwillkürlich gegen zwei Paar feuchte Augen. »Wer will bei dem fremden Kinde schlafen?« fragte die Frau abermals. »Du, Emilie?« Ein Kopfschütteln war die Antwort. »Du, Sophie?« Ein zweites Kopfschütteln. »Schön,« antwortete die Frau, »also wird das Kind im Bett der Mama schlafen.« Das war für die beiden Mädchen ein fürchterlicher Schlag, denn das Mama-Bett wurde von den Kindern wie ein Heiligthum betrachtet, und nur bei leichtem Unwohlsein oder bei einer außerordentlich guten Aufführung war einem hie und da erlaubt worden, in demselben bei der Mutter zu schlafen. Das Mama-Bett hatte aber auch namentlich Winters außerordentlich schätzbare Eigenschaften: in demselben befand sich eine gute, sehr breite Matratze und ein sehr dickes und weiches Federbett, und dann stand es auch in der Nähe des Ofens und war dadurch beständig von einer behaglichen Wärme durchströmt. Genug. Die beiden Töchter brachen bei dieser Erklärung der Mutter in ein lautes Weinen aus, dem sich der junge Herr Welscher, aus dem zweiten Schlaf erwachend, abermals und jetzt mit einem furchtbaren Gebrüll anschloß. Das fremde Kind drückte sich zitternd hinter den Ofen und wußte nicht, was mit ihm geschehen würde. Nach einigen Secunden aber erklärte sich Emilie bereit, das fremde Mädchen zu sich ins Bett zu nehmen, und wie schon hier auf Erden die Belohnung einer guten That oftmals rasch erfolgt, so auch jetzt: Emilie wurde in das Mama-Bett spedirt, Sophie und der Herr Welscher sollten zusammen schlafen und das Kind allein in dem andern Bett. Ehe aber dieses geschah, mußten die beiden Mägde einen großen Kübel übrig gebliebenen, warmen Seifenwassers hereintragen, das fremde Kind wurde von der Frau Welscher seiner armseligen Lümpchen entkleidet, in den Kübel gesetzt und sorgfältig gebadet und gewaschen. Als die Reihe an die Händchen des Mädchens kam, und es das linke, welches es fest geschlossen hielt, öffnen mußte, fand die Waschfrau in demselben einen alten holländischen Ducaten, welchen die gute Kiliane da hineingesteckt hatte. Dieser Ducaten wurde sorgfältig aufgehoben, alsdann die Haare des kleinen Mädchens sauber gekämmt und dasselbe hierauf mit reinem, frischem Weißzeug und einem gestreiften Nachtkittel bekleidet, dann wurden die dichten, schwarzen Haare unter einem weißen Nachthäubchen verborgen, und als das Kind so frisch und glänzend dastand, hatte die gute Frau Welscher Freude an ihrem Werk, küßte es auf die Stirn, ließ es ein Abendgebet sprechen und legte es alsdann zu Bette. Die Kinder gingen ebenfalls in das ihrige, Emilie ins Mama-Bett, und wir sind überzeugt, daß die ganze Familie eines guten und soliden Schlafes genoß. Fünftes Kapitel. Ein Bürgerball und seine Folgen. Die Gasbeleuchtung der Stadt, deren wir in den vorigen Kapiteln gedacht, war nun in einigen Stadtvierteln, namentlich in den neueren und breiteren Straßen, ins Leben getreten; die schmutzigen Gräben hatte man meist zugefüllt, an einigen Stellen dieselben sogar wieder gepflastert; doch erwies sich dies sehr bald als unpraktisch; das lockere Erdreich gab nach, und wo man die Röhren gelegt, bildeten schon nach wenigen Tagen die Pflastersteine eine ziemliche Vertiefung, in welcher sich Regen und Schneewasser ansammelte und sicherlich für die Fußgänger und Fahrenden schon unangenehm geworden wäre, wenn nicht ein frühzeitiges, aber starkes Frostwetter den Boden gehärtet und im nachfolgenden Schneesturme mit seiner weißen Decke wie mit einem großen Mantel christlicher Liebe die Schwächen des residenzlichen Pflasters bedeckt hätte. Es hat um diese Gasbeleuchtung bei den Vätern der Stadt manche Streitigkeiten gegeben, namentlich hatte die höchst schwierige Frage, was mit den alten Straßenlaternen wohl anzufangen sei, manche Debatte hervorgerufen. So viele Straßenlaternen, die der Stadt ein so bedeutendes Geld gekostet, so mir nichts dir nichts abzuschaffen, war von den jüngern Mitgliedern des Stadtraths freilich mit jugendlichem Leichtsinn bald ausgesprochen; aber die ältern Väter setzten lange Zeit hindurch dem Andringen der Neuerungssüchtigen die Frage entgegen: was geschieht mit den alten Straßenlaternen? eine Frage, die indessen wie so manche andere in der Welt nicht vollständig gelöst wurde. Genug, die Röhren waren gelegt, die Kandelaber aufgepflanzt, und an einem stillen Abend war die ganze Bevölkerung einiger Stadtviertel in großer Aufregung: es brannten heute die Gaslaternen zum ersten Male. Ein ganzer Haufen Buben zog hinter dem Anzünder her und verwunderte sich zuerst höchlich über das ungemein kleine Laternchen, das der Mann an einer langen Stange trug, brach aber alsdann in ein ungeheures Jubelgeschrei aus, als sich nun plötzlich die erste Flamme blendend weiß entzündete und hoch aufflackerte. Doch war diese Freude nicht von großer Dauer; denn weil die Einrichtung noch ziemlich mangelhaft war, so sank die Flamme bald wieder in sich zusammen, brannte dunkelroth, sprang wieder plötzlich in die Höhe und geberdete sich zum großen Ergötzen der Straßenjugend auf sehr komische Art. Die lange, breite Straße, welche zuerst beleuchtet wurde, sah aus, wie mit Irrlichtern besät, die bald groß, bald klein, bald blau, bald roth brannten. Vorn unter den Zuschauern, die beim Anzünden um jeden Candelaber einen großen Kreis bildeten, sah das häßliche verzerrte Gesicht des Stadtsoldaten Steinmann hervor; er freute sich ganz unsinnig über die neue Einrichtung, und seine Freude war um so größer, als er unter dem Haufen das betrübte Gesicht der alten Winklere erblickte, die bei mehreren ihrer entlassenen Colleginnen stand, die Hände in die Schürze gewickelt und dem neuen Licht traurig zuschauend. Zuweilen, wenn die Flammen ganz niedersanken und sich zu besinnen schienen, ob es nicht besser sei, zu erlöschen, zuckte ein zweifelhafter Hoffnungsstrahl auf ihrem Gesichte empor; Steinmann wurde in solchen Augenblicken ganz ingrimmig und jagte alsdann mit tüchtigen Scheltworten und auf handgreifliche Weise die Buben von der Stelle weg, wo die Röhre lag, indem er sich den Anschein gab, als glaube er, das Herumtrampeln auf denselben thue dem Lichte Schaden; hauptsächlich aber war es seine Lust, Kopfnüsse auszutheilen, was ihn zu diesem Verfahren bewog. Endlich verlief sich der Haufe und Steinmann ging die lange Straße hinab, jede Laterne aufmerksam betrachtend und hie und da einen harmlosen Spaziergänger wegjagend, der ebenfalls zufällig stehen blieb oder auf der verbotenen Rinne lief. Sein Hauptaugenmerk hatte der Stadtsoldat aber heute Abend der Straßenjugend gewidmet, welche auf den glatten, mit Schnee bedeckten Trottoirs lustig schleifte; da schlich er sich langsam hinzu, stellte dann rasch einen Fuß auf die Schleife und lachte laut auf, wenn die Buben plötzlich und heftig auf ihre Nase purzelten. Wehe auch dem Dienstmädchen, das unter dem Schleier der Nacht Wasser auf die Straße goß! Steinmann war da und Steinmann hielt die Frevlerin am Arme fest und notirte sich augenblicklich den Namen der Herrschaft, sowie die Hausnummer, zur gerechten Strafe. Unter so harmlosen Scherzen und Privatvergnügungen wandelte der Stadtsoldat seines Weges dahin, mit seinem einzigen Auge aufmerksam wie eine Katze umherspähend. Wo sich zufälliger Weise an einer dunklen Hausthür ein Liebespaar sehen ließ, da eilte er hin; doch war ihm heute Abend die Gasbeleuchtung in Ausübung der Sittlichkeitspolizei hinderlich; denn kaum näherte er sich besagter Hausthür, so verschwand das Mädchen hinter derselben, das Schloß fiel zu, und ein langer, wie es schien, baumstarker Handwerksgesell lachte dem Steinmann in's Gesicht. Am Ende der Straße blieb der Stadtsoldat vor einem ansehnlichen Hause stehen, ging die Treppen hinauf und erkundigte sich, als auf sein Klingeln die Glasthür geöffnet wurde, ob der Herr Stadtrath zu Hause sei. »Der Herr Stadtrath sind da,« antwortete das hübsche Dienstmädchen, »und der Herr Stadtrath rasiren sich eben.« »Fragen Sie ihn, ob ich ihn sprechen kann,« antwortete der Steinmann schmunzelnd und wollte dem Mädchen auf die runden Backen klopfen; doch öffnete sich in demselben Augenblick die Thür des Zimmers, der Herr Stadtrath in eigener Person trat hastig in den Gang, und bei seinem Anblicke sah man deutlich, daß das Dienstmädchen nicht gelogen, als es vorhin seine Beschäftigung angegeben. Der Stadtrath schwang in der linken Hand ein Rasirmesser, hatte eine weiße Serviette umgebunden, und der Seifenschaum auf seiner Wange zeigte deutlich an, wo er mit seiner Arbeit stehen geblieben war. »Ist Jemand vom Flaschner da?« fragte er hastig und setzte verdrießlich hinzu, als er des Stadtsoldaten ansichtig wurde: »so, der Steinmann! was gibt's Neues?« Steinmann zog seine Mütze herunter und meldete gehorsamst, daß die Gaslaternen in den Straßen angezündet seien und so hell und freundlich brennen, daß einem das Herz im Leibe lache. »Schon gut,« sagte der Stadtrath verdrießlich, »ich danke! – Wenn aber nur der Flaschner käme!« setzte er seufzend hinzu »guten Abend!« Damit zog er sich ins Zimmer zurück, und nachdem der Stadtsoldat einen vergeblichen Versuch gemacht, die Hand des Dienstmädchens zu erfassen, ging er ebenfalls davon. In dem Zimmer angekommen, nahm der Stadtrath das Geschäft des Rasirens, in welchem er durch die Ankunft des Stadtsoldaten unterbrochen worden war, eifrig wieder auf, doch kann man nicht sagen, daß dieser Eifer ein anhaltender war: denn kaum hatte er einen kräftigen Strich über die linke Wange gethan, so lief er an die Thür des offenstehenden Nebenzimmers und rief hinein: »Gott, wenn mich nur der Flaschner nicht sitzen läßt, ich habe eine solche Angst im Leibe, daß ich vor Zittern kaum das Rasirmesser halten kann. Wenn mich der Flaschner wirklich im Stich ließe, ich wäre blamirt, sowohl als Mensch wie als Stadtrath.« Aus dem Nebenzimmer antwortete hierauf eine fette weibliche Stimme: »Warum mußt du dir auch beständig solche Geschichten muthwilliger Weise auf den Hals laden? – Kümmere dich künftig um deine eigenen Sachen!« – Die Stimme sprach so langsam, daß, bevor sie geendigt hatte, der Stadtrath lange wieder vor seinem Toilettespiegel stand und schon einen halben Schnitt gethan hatte; jetzt hielt er aber inne und fuhr wieder an die Thür des Nebenzimmers. »Ich mir auf den Hals laden?« sagte er gereizt; »was lade ich mir auf den Hals? was lade ich mir muthwilliger Weise auf den Hals? Ich lade mir nichts auf den Hals, aber auf meinem Halse liegt das Wohl der Stadt, dafür muß ich treulich sorgen, und zu diesem Wohl der Stadt gehört auch das, was du nennst: muthwillig auf den Hals laden; – aber ihr Weiber habt keine Einsicht, keinen Begriff vom Großen und Schönen!«– Mit diesen letzten Worten ging der Stadtrath wieder an den Rasirtisch, murmelte aber immer in sich hinein: »Als wenn ich dergleichen gemeinnützige Anstalten zu meinem Privatvergnügen zu unterstützen pflegte! Ich lade mir dergleichen Geschichten auf den Hals, und obendrein muthwillig, sagt sie; ich müßte lachen, wenn ich nicht fürchtete, mich zu schneiden.« Die fette Stimme im Nebenzimmer hustete gelinde und sagte dann ruhig wie vorher: »Wer ist denn am meisten gelaufen wegen der Gasbeleuchtung, wer hat nicht Ruh' gehabt bei Tag und bei Nacht und so lange gewirthschaftet und graben lassen, bis die ganze Stadt wie ein Morast aussah? Ich für meine Person gehe seit der Zeit nicht mehr aus dem Hause; man läuft ja Gefahr, sich den Hals zu brechen.« Ungeachtet der Gefahr des Halsabschneidens lachte der Stadtrath bei diesen Worten krampfhaft auf, doch gebrauchte er dabei die Vorsicht, das Rasirmesser weit von sich weg zu halten; mit zwei Schritten war er wieder an der Thür des Nebenzimmers und rief: »Beim Herkules! es ist wirklich stark, was man Alles von dir erleben muß! Eine Einrichtung, von der ich mit Stolz reden kann, von welcher meine Kinder und Enkel ebenso sprechen werden, eine Einrichtung, welche der Nachwelt bis ins hundertste Glied zu Gute kommt, eine Einrichtung, die dadurch, weil eben bei dieser Einrichtung ich die Hauptursache war, wirklich ins Leben trat, und die dadurch für mich so äußerst ehrend ist, und das Alles begreifst du nicht einmal! Aber was schwatz' ich hier, was sprech' ich dir Vernunft vor, wozu nützt's? Ich will mich gar nicht mehr ereifern!« – Damit ging der würdige Vater der Stadt festen Schrittes zurück an seinen Spiegel, und da er sein Geschäft eifriger als je aufnahm, so wäre er in wenigen Augenblicken fertig gewesen, wenn die fette Stimme im Nebenzimmer nicht auf die lebhafte Rede des Stadtraths nach einer ziemlichen Pause geantwortet hätte: »Für all' das schwere Geld hättet ihr ein solides Schlachthaus bauen können.« »Ein Schlachthaus!« jauchzte der Stadtrath, und man konnte einen Moment lang ungewiß sein, ob dieses Jauchzen Freude oder Schmerz ausdrückte, aber es war mehr das letztere, was ihn bewegte, und mit einem großen Sprunge stand er abermals in der Thür des Nebenzimmers und wiederholte äußerst zornig: »Ein Schlachthaus, ei, ein Schlachthaus! Frau, man merkt augenblicklich, daß du eine Mezgerstochter bist! Ein Schlachthaus und eine Gasbeleuchtung! ob wohl ein vernünftiger Mensch im Stande sein wird, das in eine Paralelle zu stellen – ja, und in Einem Athem zu nennen? Eine Gasbeleuchtung, eine der edelsten und menschenfreundlichsten Einrichtungen, eine Einrichtung, welche die Stadt und Residenz den ersten und größten gleich stellt, – und haben wir nicht ebenfalls ein Schlachthaus? gelegen, wie ein Schlachthaus gelegen sein muß, in einem finstern Winkel der Stadt, klein, unscheinbar, und ist diese Lage in ihrer Kleinheit und Unbedeutenheit nicht recht sinnig gewählt? Soll man mit einem Schlachthause Staat machen? Nein! Soll man in einem prachtvollen Gebäude zur Schau tragen den schmerzvollen Tod so vieler unglücklicher Geschöpfe, in glänzender Umgebung recht erkennen lassen, welch' ein grausames, blutiges Geschöpf der Mensch ist? weite Hallen bauen, um gefühllose Zuschauer herbeizuziehen, die sich werden an dem fließenden Blut und dem Todesgeröchel unzähliger armer Schlachtopfer menschlicher Grausamkeit? Nein, verehrte Kollegen –« »Ja so!« verbesserte sich der Stadtrath, denn ihm war im Eifer des Gesprächs etwas von seiner Rede entschlüpft, die er vor einiger Zeit in der Stadtrathssitzung pro Gasbeleuchtung contra Schlachthaus gehalten. »Ich weiß wohl,« fuhr er hitziger fort, »daß mir gerade aus deiner Familie heftig opponirt wurde, und welche Minen dein Vetter, der Mezgeroberzunftmeister, wider mich springen ließ; ich werd' es ihm nie vergessen, daß er absichtlich den alten Ochsen mehrere Tage hangen ließ, die Nachbarschaft mit dem Geruch verpestete und also eine Bittschrift zu Wege brachte um Erbauung eines Schlachthauses; aber wir triumphirten – welch' eine Himmelsgabe ist das Licht u.s.w.! Aber jetzt spar' deine Bemerkungen und laß' mich mit meinem Rasiren zu Ende kommen.« Für jetzt wurde dieses Geschäft denn auch ohne Störung vollzogen; der Stadtrath wusch sich mit einem warmen Schwamme das Gesicht, kämmte sein etwas borstiges Haar gerade in die Höhe, legte alsdann eine weiße Halsbinde um, knöpfte sich in eine weiße Weste hinein, schlüpfte in einen schwarzen Frack, und als er sich so im Ballanzuge in seinem Spiegel beschaute, begriff er vollkommen das Gefühl, mit welchem sich Gott der Herr am sechsten Schöpfungstage eingestand, daß er mit seinem Werke zufrieden sei. So angezogen und gerüstet trat der Stadtrath ins Nebenzimmer; und während er die Hände auf den Nacken legt und mit großen Schritten nachdenkend auf- und abspaziert, und, so oft er ans Fenster kommt, vergnügt auf die hellen Strahlen der Gaslaternen hinabschaut, finden wir Zeit, uns in diesem Zimmer umzusehen und die persönliche Bekanntschaft der Besitzerin jener fetten Stimme zu machen. Das Zimmer, in welchem der Stadtrath seinen äußeren Menschen geputzt, war einfach möblirt; es hatte einen kleinen Sopha von Rohrgeflecht, einige Stühle, Commode und Spiegel und ein kleines Stehpult, auf dem sich mehrere Actenfascikel befanden; das andere Gemach daneben war mit einer gewissen bürgerlichen Eleganz möblirt, an den drei Fenstern desselben hingen weiße gestickte Vorhänge, diesen Fenstern gegenüber befand sich ein Sopha von Nußbaumholz mit grünfarbenem Plüsch überzogen, und im Zimmer umher eben solche Stühle. Vor dem Sopha stand ein runder Tisch; auf diesem eine kleine Lampe, ein Kaffee-Service mit zwei Tassen, und vor demselben auf dem Sopha saß die Inhaberin jener fetten Stimme, eine corpulente Frau, die Gemahlin des Stadtraths. Wir wollen dieser Dame nicht zu nahe treten, indem wir behaupten, daß sie sich im tiefsten Negligé befand, und setzen deßhalb hinzu, daß dieses Negligé einen Anstrich von großer Sauberkeit besaß und daß dasselbe am heutigen Tage eine Uebergangsperiode bildete, durch welche die Stadträthin aus dem Alltagsanzuge in den vollkommensten Ballstaat überzugehen im Begriffe war. Ja, es war der erste Winterball dieses Jahres, der heute Abend in der Bürgergesellschaft statt finden sollte, der erste Ball dieses Winters und der erste Ball ihres Lebens, den Stadtrath und Stadträten in dieser neuen Würde mit ihrer Gegenwart verherrlichen wollten. Die Frau war eben mit ihrer sechsten Tasse fertig, und eine außerordentliche Zufriedenheit glänzte auf ihrem dicken, wohlgerundeten, nicht unschönen Gesichte. Die Stadträthin war aus einer reichen Bürgersfamilie, deren Mitglieder sammt und sonders zur Wohlbeleibtheit sich hinneigten, sie war eines jener Wesen, die sich harmlos ihres Lebens freuen, die keinen Spektakel in der Welt machen wollen und können und in stiller Verborgenheit ein gedeihliches Leben führen. Leidenschaften kannte die Frau nicht, Kinder hatte sie keine, und besondere Vorliebe nur für einen guten Kaffee, im Kreise ihrer vertrautesten Bekanntinnen genossen. Die Stadträthin wäre bei etwas mehr Lebhaftigkeit eine interessante, schöne Frau gewesen; doch nahm sie sich kaum die Mühe, ihre Augenlider zu öffnen, und schien keine Ahnung davon zu haben, daß sie unter diesen Augenlidern ein Paar anziehende, schöne Augen verbarg. Der Stadtrath dagegen war eine kleine magere Figur, lebhaft, leicht erregt, und im Sprechen sowie in den Bewegungen von einer eidechsenartigen Behendigkeit. Er war Patriot und Vater der Stadt im edelsten Sinne des Wortes. Wir müssen gestehen, daß er vorhin mit vollem Rechte davon sprach, welche große Verdienste er sich um die Gaseinrichtung in der Residenzstadt erworben; rastlos war er von einer Behörde zur andern gelaufen, hatte Eingaben an das Ministerium und an den König zu Dutzenden gemacht und in der betreffenden Stadtrathssitzung durch seine feurige Rede, von der wir vorhin einige Proben hörten, den Ausschlag gegeben. Jetzt eilte er mit schnellen Schlitten im Zimmer auf und ab, horchte bei jedem Geräusch, das sich auf der Treppe hören ließ, und seufzte bei jeder fehlgeschlagenen Hoffnung nach dem Flaschner, der immer noch nicht erscheinen wollte. Bald trommelte er auf die Fensterscheiben, bald zupfte er an den Fenstervorhängen und trat an den Tisch, seine Frau zu ermahnen, daß sie sich anziehen möge. »Meine Liebe,« sagte er, »es ist noch eine halbe Stunde, bis der Wagen kommt, und du weißt, daß wir denselben mit dem Regierungsrath und Frau genommen haben und dieselben um alles in der Welt keine Secunde unnöthig vor dem Hause dürfen halten lassen; erzeige mir die Gefälligkeit und laß mich nicht noch obendrein auf dich warten; ich stehe ohnedies wie auf Kohlen und weiß mir vor Unruhe gar nicht zu helfen.« Dabei begann der Spaziergang durch das Zimmer von Neuem und mit solcher Hast, daß die Frackschöße flogen und der Stadtrath es nur mit größter Mühe vermeiden konnte, einige Stühle und ein Nachttischchen über den Haufen zu rennen. Die Frau zuckte die Achseln und konnte trotz der vorhin gehörten Strafpredigt sich nicht enthalten, abermals zu sagen: »Ja, wie kann man sich auch nur solche Geschichten auf den Hals laden?« Der Stadtrath war im Begriff, abermals zornig zu werden, bezwang sich aber, indem er auf der Treppe ein Geräusch hörte, und eilte achselzuckend ins Vorzimmer. Gott sei Dank! es war diesmal der so lange ersehnte Flaschner, und wenn er sich nicht in so außerordentlich rußigem und schwarzem Anzuge befunden hätte, so würde ihn der Stadtrath in der Freude seines Herzens trotz weißer Weste und Halsbinde feierlichst an seine Brust gedrückt haben; doch begnügte er sich ihm die Hand zu schütteln, und vernahm mit freudestrahlendem Gesicht die Botschaft, daß in der Bürgergesellschaft die Gaseinrichtung so eben zu Stande gebracht sei, daß der neue Kronleuchter aufgehängt worden, und daß die Lichter in demselben zu seiner, des Flaschners, vollkommenen Zufriedenheit am Brennen wären. Jetzt schwamm der Stadtrath in einem Ocean von Seligkeit; sein Schritt wurde gemäßigter und feierlicher, er streckte den Kopf in die Höhe, zog die Halsbinde hoch hinauf, und war selig in dem Gedanken, trotz vieler Mühe und Widersprüche solche Arrangements getroffen zu haben, die jeden der ankommenden Ballgäste aufs Höchste überraschen würden, und daß sein Name, der Name des Stadtraths Schwämmle, von Mund zu Mund gehen und von vielen schönen Lippen feiernd genannt werden würde. Die Stadträthin hatte sich langsam entfernt und kehrte bald darauf im Ballstaat zurück; sie war in ein schwarzseidenes Kleid hineingezwängt, und wenn man auf ihrem Rücken bemerkte, wie krampfhaft die Hacken und Haften in einander verbissen waren, so konnte man nur mit Schrecken daran denken, wie furchtbar es sein müßte, wenn diese armen Dinger durch allzu starke Bewegung gezwungen würden, einander loszulassen und sich heftig und unaufhaltsam zu trennen. Auf dem Kopfe trug Frau Schwämmle eine zierliche Haube mit Rosaband und hatte sich sogar in ihrer neuen Würde bis zu einer künstlichen Blume verstiegen. Der Stadtrath zog seine Handschuhe an, befestigte an dem rechten Arm eine weiße Schleife, das Zeichen seiner Würde als Festordner; dann nahm er seinen Hut, denn der Wagen mit Regierungsrath und Frau rollte vor, und nach einigen, durchaus nothwendigen Complimenten saßen alle Vier auf den gemäß ihrem Range ihnen zukommenden Plätzen und rollten dem Locale der Bürgergesellschaft zu. Sechstes Kapitel. Ein Bürgerball und seine Folgen. Wer den Stolz kennt, mit welchem die mittlere und die reiche Bürgerklasse das Local, das sie zu ihren Wintervergnügungen erbaut, als ihr Eigenthum zu betrachten pflegte, wie einige der ältern Herrn bei jedem Tanzvergnügen, bei jedem Concert Länge und Höhe des großen Saales mit prüfendem Blick maßen, um sich zu überzeugen, daß der Saal der höheren Bürgergesellschaft wenigstens um sechs Zoll niedriger und wenigstens um vier Zoll schmäler sei; wer die Strenge kennt, mit welcher in den meisten Fällen darauf gesehen wurde, daß zur Bürgergesellschaft, wenigstens zu den Mitgliedern derselben, nur Urbürgerkinder von reinem Blut zugelassen wurden; wer es weiß, daß bei dem Aufnahmegesuch eine Urgroßmutter oder ein Urgroßvater, der vor einigen achtzig Jahren eingewandert war, von dem Vorstand als fremdes, eingeschmuggeltes und nicht vollkommen ebenbürtiges Blut betrachtet wurde; wer sie endlich kennt diese Bürgergesellschaft-Republik mit streng abgesonderten Kreisen nach Familien, nach Vermögensverhältnissen und nach der königlichen Rangordnung, regiert von selbstgewählten Oberhäuptern, ein Staat, in welchem möglicherweise der letzte Cotillontänzer von heute morgen an der Spitze der Geschäfte stehen konnte; wer Alles dies genau überlegt und in's Auge faßt, der begreift den freudigen Schreck, die selige Ueberraschung, welche Jeden überschüttete und beschlich, indem er, als sich die Flügelthüren vor ihm öffneten, statt der bisherigen Stearinkerzen und Oellampen den herrlich glänzenden Kranz von Gaslichtern auf dem neuen Kronleuchter erblickte! Es war ein Gemurmel in dem Saale, ein Durcheinanderrennen, ein Betrachten des neuen, fabelhaften Lichtes, vom kleinsten Kellner in der Tiefe bis zum Orchester-Dirigenten in der Höhe, Alles war in außerordentliches Staunen, in vollkommene Befriedigung aufgelöst; Eins rannte, indem es aufwärts sah, gegen das Andere, und es gab heute mehr Entschuldigungen wegen Aufeinanderstoßens und getretener Hühneraugen, als sonst bei der verwickeltsten Cotillon-Tour. Es war noch früh, und die, welche zuerst gekommen waren, erfreuten sich sichtlich an dem unbegränzten Erstaunen der Nachfolgenden; von dem Glanze schon etwas gesättigt, warfen sich diese Anwesenden in die Brust und fühlten sich geschmeichelt von den Ausrufungen der Freude, mit denen jeder neue Ballgast in den Saal trat, und beantworteten die Fragen nach dem charmanten Licht mit selbstgefälligem Lächeln, als habe es sie selbst gar nicht überrascht, und Jeder ließ den Andern durchblicken, er habe, im Vertrauen gesagt, auch dabei die Hand im Spiele gehabt. Trotz dieser Undankbarkeit, wodurch die Verdienste des Vaters Schwämmle etwas geschmälert wurden, ward sein Name doch, zuerst mit leisem Gemurmel, dann lauter und immer lauter in allen Ecken genannt; einer seiner Collegen, der ihm freundlich gesinnt war und der mit ihm pro Gasbeleuchtung contra Schlachthaus gestimmt, eilte geschäftig durch den Saal, sprach hier mit Freunden und Bekannten und Unparteiischen, prallte dort mit einer kalten Verbeugung zurück, als er bemerkte, daß er in die Nähe einer Gruppe Schlachthaus-Menschen gerathen war. Der College des Stadtraths Schwämmle, ein schon ältlicher Mann von sanften Gesichtszügen und eben solcher Stimme, suchte schwitzend vor Hitze und innerer Aufregung die Anwesenden zu vermögen, dem Helden des Tages einen freundlichen, feierlichen Empfang zu bereiten. Die Freunde stimmten natürlich bei, den Unparteiischen war es gleichgültig, und die jungen Herrn und Damen, die eigentlich gar keiner Richtung angehörten, freuten sich auf das Beifallsgeschrei. Sogar bei einigen Blutmenschen seiner Bekanntschaft versuchte es der sanfte College, indem er ihre beiden Hände ergriff, und dabei dieselben freundlich schüttelnd den Versuch machte, ihnen schmunzelnd von unten herauf in die finster niedergeschlagenen Augen zu blicken. Bald sah man ihn hier, bald dort; jetzt eilte er die Stiege hinaus zum Orchester, klopfte dem Dirigenten auf die Schulter, indem er ihm einige Worte hastig sagte, bot dem Paukenisten eine Prise an und blieb oben stehen, sehr aufgeregt vor Erwartung, und sah mit klopfendem Herzen nach der Eingangsthür des Saales. Jetzt stürzt ein Kellner herein und winkt mit der Serviette, der sanfte College auf dem Orchester zupft die Halsbinde in die Höhe und gibt dem Dirigenten einen bedeutsamen Wink. Die Thür öffnet sich und als Vater Schwämmle hereintritt am Arme seiner dicken Gattin, da schmettern die Trompeten, da wirbeln die Pauken und der ganze Saal hallt wieder von dem wüthenden Geschrei: Hoch lebe Schwämmle! – Hoch der Stadtrath Schwämmle! – Drei Mal donnernder Tusch, und drei Mal schreien die Ballgäste. Die Orchester-Mitglieder haben sich würdig benommen, und namentlich der Paukenist, eingedenk der eben erhaltenen stadträthlichen Prise, hat gearbeitet, daß es klang, wie ein fern dahinziehendes Gewitter; ein solcher Moment muß das grausamste Herz erschüttern; ja, man bemerkte unten im Saale einige Schlachthaus- und Blutmenschen, die ebenfalls kräftig mitschreien; der sanfte College oben auf dem Orchester trommelt mit den Füßen, brüllt, daß er blau im Gesicht wird, und hat die goldene Schnupftabacksdose in der Hand, womit er alle Bewegungen des Taktstockes nachahmt; doch ist er vor Rührung und Hochgenuß beständig einen Vierteltakt voraus. Vater Schwämmle aber, solchergestalt überrascht und namenlos gefeiert, ließ den Arm seiner dicken Gattin los, drückte die Hände vor seine Brust, als wollte er sagen: Seid umschlungen Millionen! und wischte sich alsdann die Augen, indem er auf diese Art pantomimisch ausdrückte: Laßt sie fließen, die Thränen der Wonne! Dann trat er vollends in den Saal, mehr von der Menge geschoben, als freiwillig gehend; rechts und links griff er nach den Händen, die sich ihm entgegenstreckten, und drückte immer mehrere zugleich an sein Herz; auch versuchte er einige passende Worte zu stottern, aber er zeigte auf sein Herz: dieses sei zu voll, und warf dann einen schwärmerischen Blick an die Decke des Saales, was soviel heißen sollte als: »Das will ich euch nie vergessen!« Einige Augenblicke schwelgte der sanfte College oben im Anblick der Wogen von Glück und Ehre, in welchen der Stadtrath, sein Freund, da unten herumschwamm; dann aber, als er bemerkte, wie die Kraft des Schwimmers zu erliegen schien und die Fluthen liebevoller Aufmerksamkeiten über dem Haupt des Freundes zusammen zu schlagen drohten, gab er dem Orchester-Dirigenten ein Zeichen, worauf dieser eifrig auf seinen Notenpult klopfte, die linke Hand ebenfalls in die Höhe hob, sich um einige Zoll streckte, dann die Musikanten links und rechts herausfordernd ansah und beim Niederfallen des Taktirstockes eine lustige Polka losbrechen ließ, welche wie frischer Wirbelwind da unten in das nebelhafte Gewühl fuhr, den Menschenknäul auseinander trieb, die Paare ordnete und dem Stadtrath Raum und Zeit gab, sich aus dem erdrückenden Getümmel in die stille Heimlichkeit eines benachbarten Restaurationszimmers an der Hand seiner dicken Gattin zurückzuziehen. Diese Restaurationszimmer, welche den Saal auf allen Seiten umgaben, waren ebenfalls schon ziemlich angefüllt, und der Stadtrath Schwämmle schritt zwischen den Tischen hindurch, rechts und links freundlich grüßend und mit einiger Freude die ehrerbietigen Blicke hinnehmend, welche ihm von allen Seiten gespendet wurden. Auch diese Zimmer waren mit Gas beleuchtet, und die schlanken Messingröhren hingen von der Decke herab auf die Tische, bogen sich dann unten zierlich in die Höhe und ließen die weiße Flamme ausstrahlen. Der Stadtrath hatte fast das Gemach erreicht, wo ihrem Range gemäß seine Gattin sich gewöhnlich aufzuhalten pflegte, als ihm die unerwartete Ehre zu Theil wurde, von einem andern Tische eingeladen zu werden. Dieser Tisch war besetzt von den Gattinnen einiger Regierungs- und Kanzleiräthe, welche, die Höchsten im Range der Bürgergesellschaft, gewöhnlich ein eigenes Zimmer behaupteten. Zwar blickten einige ebenfalls hier sitzende, schon ältliche Honoratiorentöchter verschämt auf ihre Teller, als sich die Metzgerstochter in ihrer Nähe auf einen Stuhl niederließ, doch war der Stadtrath heute einmal der Held des Tages, und so konnte man sich schon erlauben, ihn einigermaßen zu feiern, namentlich da der Präsidirende dieses Damen-Cirkels, der pensionirte Hauptmann von Müller, dem Stadtrath einen Stuhl neben den seinigen schob und ihm mit kräftigen Worten versicherte, die neue Gasbeleuchtung hier mache sich verflucht schön. »Sehr schön! wirklich gut! außerordentlich schön!« bekräftigten die Damen im Kreise, und eine lange, dürre Hofräthin, die vor dem Theekessel saß, in weißem, zierlich ausgeschnittenem Kleid, fügte hinzu, indem sie der Stadträthin eine Tasse Thee reichte: »Ja, dieses helle Licht ist so geeignet für eine gutgewählte Toilette.« »Eine herrliche Erfindung!« sagte der Hauptmann: »wie hätte man noch vor zwanzig Jahren gelacht bei der Behauptung, man würde heut zu Tage einen Saal mit Luft erleuchten! Denn das Gas, meine Damen, ist nur eine brennbare Luft, welche von dem Gasometer durch die Röhren getrieben wird.« »Nur bei dem Tanzen soll es nicht ganz angenehm sein,« sagte eine der ältern Honoratiorentöchter, »es soll sehr heiß machen, man muß sich mit dem Tanzen in Acht nehmen.« Sie wollte damit andeuten, als sei sie freiwillig und aus Furcht vor der Hitze des Gases sitzen geblieben. Neben der dürren, nicht sehr schönen Hofräthin saß ein junger blasser Mensch von ungefähr zwanzig Jahren, ihr Sohn, was man aus einer erschreckenden Familienähnlichkeit deutlich sah. Dieser junge Mensch schien außerordentlich schüchtern und hatte seinen Stuhl so weit zurückgezogen, daß er kaum zwischen seiner Mama und einer sehr dicken Kanzleiräthin durchzublicken vermochte. So oft er von ersterer ermahnt wurde, einigen Thee zu genießen, streckte er seine Hand zitternd durch die kleine Lücke, die ihm geblieben, und Löffel und Tasse klapperten zusammen, während er einen furchtsamen Blick umherwarf, um zu erfahren, ob es auch Jemand bemerke, wie ungeschickt und unsicher er sich in dieser gewählten Gesellschaft benehme. Er befand sich heute zum erstenmal auf einem Balle und hatte diesen Ort des Vergnügens wahrhaftig nicht aus freien Stücken gewählt; die Hofräthin jedoch, welche sein zwanzigstes Jahr als den passenden Zeitpunkt zum Eintritt in die Welt bestimmte, war trotz seines Bittens von dieser Idee nicht abgegangen und behauptete, er könne nur auf praktischem Wege seine Ungeschicklichkeit und seine Furcht vor dem weiblichen Geschlecht überwinden. Der junge Mensch hatte den besten Tanzunterricht erhalten, einer der ersten Schneider der Residenz mußte ihm einen außerordentlich eleganten Ballanzug besorgen, und so saß er da im schwarzen Frack und weißen Glacehandschuhen und schauderte zusammen, so oft ein Kleid hinter ihm rauschte, denn da er noch sehr undeutliche Begriffe von den Gesetzen eines Balles hatte, so fürchtete er immer, von irgend einer tanzlustigen Dame in den Tanzsaal geschleppt zu werden – ein wehrloses Opfer zur Schlachtbank. Ach! er hatte sich nie auf den heutigen Abend gefreut, die ganze vergangene Nacht hatte er kein Auge zugethan und immer von allerlei Entsetzlichem geträumt, das ihm begegnen würde. Bald trat er seiner Tänzerin auf den Fuß, bald riß er ihr die Schleppe vom Kleid herunter, bald stürzte er mitten im Saale hin und über ihn alle Tänzer und Tänzerinnen, einen großen Haufen bildend, wie es zuweilen bei den Buben auf der Schleifbahn vorkommt; ja, in den Morgenstunden der vergangenen Nacht hatte er ein noch viel schrecklicheres Gesicht: da träumte ihm, er stehe in einer Française, und als er sich genau besah, bemerkte er zu seinem größten Entsetzen, daß er seine – Unaussprechlichen zu Hause gelassen habe. Aber trotz allem Widerstreben, trotz allem Bitten, ihm noch einige Jahre Ruhe zu gönnen, mußte er mit auf den Ball; und man klage die Mutter deßhalb nicht der Grausamkeit an. Sie hatte an ihrem Manne, dem Hofrath, das erschreckende Beispiel erlebt, was es heißt, einen Mann zu besitzen, der alle feinen Gesellschaften, alle großen Bälle, alle Tanzvergnügungen, alle Concerte floh und der nur Abends im Wirthshause hinter seinem Schoppen vergnügt war; sie wollte ihren Sohn nicht zu einem ähnlichen, unwürdigen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft erziehen. Die arme Frau hatte in ihrem Ehestand schon viel gelitten; um sogar in ihren jungen Jahren einen Ball zu besuchen, hing sie beständig von der Freundlichkeit, ja, von der Barmherzigkeit anderer Menschen ab; glücklicherweise war sie Hofräthin, zählte sich zur siebenten Rangklasse, weßhalb sämmtliche Sekretärs- und Revisors-Frauen es sich zur Ehre machten, in ihrer Gesellschaft zu sein. Jetzt aber war der Moment gekommen, wo sie nicht mehr von der Gnade der achten Rangklasse abhing, indem ihr Sohn in das Alter getreten war, in welchem er seine Mutter mit Anstand auf den Ball führen konnte, und dies war der zweite Grund, aus welchem sich der junge Eduard hier befand. Die erste Polka zu tanzen, hatte er entschieden abgelehnt und horchte mit klopfendem Herzen in den Ballsaal hinüber; er wünschte, der Tanz möchte eine Ewigkeit dauern, denn für den zweiten, einen Walzer, hatte ihm die unerbittliche Mutter den Befehl gegeben, ins öffentliche praktische Leben einzutreten. Man muß aber nicht glauben, daß der junge Eduard sich in seinem sonstigen bürgerlichen Leben mit einer ähnlichen Schüchternheit bewegte; vielmehr hatte er das Kneipgenie von seinem Vater ererbt; er fühlte sich im Wirthshause, in der Weinstube vollkommen an seinem Platze und bewegte sich allda mit größter Sicherheit. Auch dem weiblichen Geschlechte war er bis zu einer gewissen Rangklasse nicht abgeneigt; nur fürchtete er die verbindlichen Redensarten, die feinen Unterhaltungen, und in der Gesellschaft eines Kleides von Kattun oder Merino fühlte er sich weit behaglicher, als beim Rauschen eines seidenen Gewandes oder beim Flattern eines eleganten Ballanzuges. Drinnen im Saale aber schnarrte die Violine, jubelte die Clarinette, und dazwischen stöhnte der Contrebaß und schien in beständigem Hader zu liegen mit den dumpfen Paukenschlagen, die immerfort bemüht waren, seine brummende Stimme zu übertönen. Armer Eduard! Endlich war die Polka beendigt, und erhitzt vom Tanze, mit blitzenden Augen und glühenden Wangen flüchteten die Bürgerstöchter in die Restaurationszimmer und begaben sich allda unter die schützenden Fittiche ihrer respektiven Mütter und Tanten, um geduldig zu warten, bis beim Wiederanfange der Musik ein anderer Ritter die sanft widerstrebende Jungfrau aufs Neue vom Mutterbusen hinweg in den Wirbel des Tanzes reißen würde. Auch an den Tisch, von dem wir eben sprachen, traten einige erhitzte Mädchen, und die ebenfalls dicke und vollbusige Tochter der Kanzleiräthin, ein munteres, lustiges Ding, lehnte sich auf den Stuhl ihrer Mutter, hinter welchem der unglückliche Eduard saß, und als sie nach einer Tasse Thee und nach einigem Backwerk langte, streifte sie bemerklich den schüchternen jungen Mann. Es schwamm ihm vor den Augen, wo er nichts sah, als einen entblößten Nacken, eine schlanke Taille und ein sehr füll- und faltenreiches Ballkleid. Zu Vermehrung seiner Bestürzung gab ihm die Mutter einige sehr bedeutsame Winke und zeigte mit dem Finger auf das Mädchen vor ihm, so daß sich Eduard nicht anders zu helfen wußte, als indem er aufstand und den pensionierten Hauptmann ersuchte, mit ihm einen Gang in den Saal zu machen. Die Mutter entließ ihn mit der ernsten Ermahnung, um keinen Preis den nächsten Tanz zu versäumen, und Eduard versprach es klopfenden Herzens. Im Ballsaale wandelten unterschiedliche Gruppen von jungen Mädchen und jungen Herrn, fächelten sich mit ihren weißen Sacktüchern Kühlung zu und erholten sich von der gehabten Mühe. Aeltere Herrn hatten ebenfalls die Restaurationszimmer verlassen und betrachteten sich die jüngere weibliche Generation oder staunten an die Decke des Saals hinauf, wo der Kronleuchter in ungetrübter Herrlichkeit prangte. Der Stadtrath Schwämmle und sein sanfter College gingen ebenfalls auf und ab, und ersterer bemühte sich, durch liebevolle, freundliche Worte, die er an Einzelne spendete, die Ehre einigermaßen zu vergelten, die ihm in Masse zu Theil geworden. Der Hauptmann und der junge Eduard betrachteten sich die Damen; aber so oft der erstere auf eine Gruppe Mädchen lossteuerte, um seinen jungen Freund vorzustellen und ihn zu veranlassen, eine Tänzerin für den nächsten Walzer zu gewinnen, schauderte dieser jedesmal zurück und machte allerlei sonderbare Einwendungen. Endlich aber klopfte der Taktirstock auf dem Orchester bedeutsam aufs Notenpult – die jungen Damen geriethen in sichtbare Bewegung, die jungen Herrn stürzten wie Raubvögel auf sie los und in die Nebenzimmer, und dem jungen Eduard klopfte das Herz erschrecklich und es sauste ihm gewaltig in den Ohren – der Befehl der Mutter, der Walzer, der eben begann, die Ermahnung des Hauptmanns, ins Teufels Namen endlich zuzugreifen, alles das klang ihm wie Hohngelächter der Hölle, und er kam sich wie ein Verdammter vor, hinter dem die Himmelsthüre zugeschlagen ist, und der hinaus soll auf ein weites wogendes Meer, wo ihn vor dem fürchterlichen Falle nichts mehr erretten kann. »Engagiren Sie, engagiren Sie!« rief der Hauptmann, »die Zeit verrinnt, der Walzer beginnt! Sehen Sie, dort stehen drei Damen, die, wie mir scheint, noch keine Tänzer haben; fahren wir auf das Centrum los, auf jenes hübsche blonde Mädel, und wenn diese schon versagt ist, so wenden Sie sich an die beiden anderen, nette, allerliebste Kinder.« Der gute Hauptmann hatte auch nicht viel Ballkenntniß und schien durchaus nicht zu wissen, wie sich junge Damen zu geberden pflegen, die zu Anfang eines Walzers noch keine Tänzer haben; solche sehen schüchtern, aber dennoch auffordernd nach allen Seiten und gehen mit entschiedenen, aber sehr langsamen und kleinen Schritten einem Stuhle in der Ecke des Saales zu, breiten ihren Fächer aus, wenn sie einen besitzen, und sind es mehrere, so wandeln sie Arm in Arm dahin, mühsam aber hörbar lachend, als wollten sie sagen: »die unglücklichen Männer suchen Tänzerinnen und merken nicht, daß wir noch nicht engagirt sind.« Eine von ihnen schleift auch wohl muthwillig einen Walzerpas oder rennt unvorsichtiger Weise einem jungen Herrn in die Arme und sagt alsdann vielleicht, wenn der junge Mann sich entschuldigt: »Sie irren, ich bin noch nicht engagirt.« Die drei aber in der Mitte des Saales, die da festen Fußes stehen und den Angriff des jungen Eduard erwarten, konnte man, mit einiger Ballkenntniß, nicht zu jenen zählen; sie erwarten den heranstolpernden jungen Menschen sicheren Blickes, und die kleine Blonde, der es nicht an Tänzern fehlen würde, wenn der Ball auch dreimal vierundzwanzig Stunden dauerte, wirft trotzig die Lippen auf, als der unglückliche Eduard jetzt vor ihr steht und etwas von nächstem Walzer und großer Ehre und vielem Vergnügen stammelt, sie macht einen Knix und bedauert, daß sie engagirt ist. Die beiden andern rechts und links, nachdem der jammervolle Blick des neuen Tänzers auf sie gefallen ist, knixen ebenfalls und bedauern ebenfalls, daß sie engagirt sind, und in dem Augenblick glaubt der junge Mann, daß sämmtliche Damen, die jetzt in den Ballsaal treten, ihm gleichfalls zuknixen und ebenfalls bedauern, daß sie ebenso engagirt sind, und alsdann knixen ringsum die Stühle und Bänke, und bedauern, ihm nicht helfen zu können, und dann knixen die Musikanten auf dem Orchester und scheinen zu sagen, sie müßten spielen, und dann knixen die Flammen auf dem Kronleuchter, weil sie leuchten müssen, und dann der pensionirte Hauptmann, und Eduard summt und wogt es im Kopfe, und er weiß nicht, wie er an den Theetisch zu seiner Mutter zurückkommt und auf seinen Stuhl hinfällt, beladen mit drei allerliebsten Körben. Der Walzer beginnt und zornig strahlen die Augen der Hofräthin; umsonst erzählt der Hauptmann leise von der erlittenen Niederlage, umsonst bittet die dicke Kanzleiräthin ebenfalls leise, den jungen Menschen zu schonen, Alles umsonst; erzürnt richtet sich die Mutter empor in ihrer ganzen ansehnlichen Größe, mit einem Zornblick schmettert sie den Sohn noch tiefer hinab, verwandelt darauf durch ein äußerst sinnreiches Mienenspiel das erzürnte Antlitz in ein mildlächelndes und bittet die ihr gegenübersitzende, etwas ältliche Honoratiorentochter um die Ehre, mit ihrem Eduard den leider schon begonnenen Walzer zu tanzen. Eduard, durch der Mutter Hand emporgeschnellt, stammelte etwas von Ueberraschung, Unmöglichkeit, doch legt dies die Dame ihm gegenüber als einen glühenden Wunsch aus, mit ihr zu tanzen, sie nimmt ihr Sacktuch zierlich in die Hand, kommt eilig dem jungen Manne entgegen und der pensionirte Hauptmann muß das Paar in den Tanzsaal begleiten. Wie ein Fisch auf trockenem Sand schnappt der junge Mensch nach Athem, seine Kniee zittern ihm, er drückt krampfhaft die Hand seiner Tänzerin, welche diesen Druck freundlich erwiedert. Jetzt treten sie in den Saal und alle Augen richten sich nach dem so spät eingetretenen Paar, welches die Rollen getauscht zu haben scheint; sie tritt siegreich einher mit erhabenem Kopfe, eine reife, stolze Sonnenblume, er wankt an ihrer Seite, eine geknickte Lilie. An der Stelle, wo sie in die Reihe der Tanzenden eintreten, steht Vater Schwämmle und er macht sich ein Vergnügen daraus, den Sohn der Hofräthin, indem er die andern Paare um Entschuldigung bittet, vorne hin zu stellen. »Gleich kommt die Reihe an Sie,« flüstert der freundliche Stadtrath; die, welche gerade gewalzt haben, treten klopfenden Herzens in die hinteren Reihen, der Stadtrath zählt sechs neue Paare ab, voran den unglücklichen Eduard, der nicht mehr weiß, ob er sich in einem Tanzsaale oder sonst wo befindet; er könnte auf einem Caroussel sitzen, so täuschend und geschwind dreht sich Alles mit ihm herum; er macht einen krampfhaften Versuch, in ein Nebenzimmer zu entfliehen, doch seine Tänzerin hält ihn mit fester Hand. »Wenn's gefällig ist,« sagt Vater Schwämmle, und wie ein Wirbelwind sausen die sechs Paare dahin; zuerst erhält Eduard einige Rippenstöße und gelinde Fußtritte von den Nachfolgenden und genießt dadurch ein momentanes Bewußtsein; auch wird er, so oft er beim Orchester vorbeirast, durch Trompetengeschmetter und Paukenwirbel zu sich selber gebracht, sonst hat er aber die Augen geschlossen, und es ist ihm zu Muth, als sänke er langsam unter in einem tiefen Wasser, allerlei Nixen mit blitzenden Augen, bloßen Armen, in weißen Kleidern, schweben neben ihm her, endlich kommt er auf den Boden dieses tiefen Wassers an und vermag es festen Fuß zu fassen; er schlagt die Augen auf, athmet mühsam, und erinnert sich endlich, daß er im Ballsaal ist; seine Tänzerin steht neben ihm und versichert, es sei nicht so ganz schlecht gegangen; der pensionirte Hauptmann kommt und sagt dasselbe. Eduard, der mit Erstaunen bemerkt, daß er nicht niedergestürzt ist, daß er nicht ein halb Dutzend Kleider zerrissen hat, und daß an seinem eigenen Anzug auch nichts fehlt, fühlt sich wunderbar ermuthigt und gestärkt; es taucht, obgleich noch sehr undeutlich, eine Ahnung in ihm auf, daß das Tanzen doch am Ende ein Vergnügen sei, und als wieder die Reihe an ihn kommt, und als Herr Schwämmle wieder sagt: »Wenn's gefällig ist!« – da fühlt er nur ein gelindes Herzklopfen und ist wirklich schon im Stande, bei dem Umherwalzen einige Mal freiwillig die Augen zu öffnen. Jetzt ist der Tanz zu Ende und die Tänzerin führt ihren Tänzer im Triumph zum Theetisch zurück. Mutter Hofräthin, welche die ganze Zeit über auf Nadeln saß, und mit banger Sehnsucht dem Ausgang des Kampfes entgegen sah, ist höchlich erfreut bei der Versicherung, daß Alles gut abgelaufen. »Jetzt noch eine Française und eine Polka,« sagte das schelmische Mädchen, »und dann ist Herr Eduard für alle Zeiten eingetanzt.« »Mit einer so vortrefflichen Lehrmeisterin,« versetzte lächelnd die Mutter, »kann es ihm nicht fehlen, daß er in kurzer Zeit einige Sicherheit erlangt. Eduard wird Sie, mein Fräulein, um die nächste Française und um die nächste Polka bitten.« Eduard nickte mit dem Kopfe, und einige kaum verständliche Worte, die er hervorbrachte, sollten sagen, daß er sich außerordentlich glücklich schätzen würde, und obgleich man den Sinn dieser Rede errathen mußte, so verstand ihn das Fräulein doch vollkommen und erklärte sich bereitwillig, Française und Polka mit ihm zu tanzen. Darauf machte der junge Eduard und der pensionirte Hauptmann abermals einen Spaziergang in dem Saale, und der erstere trat schon weit sicherer auf als früher; er vermochte es sogar, bei der kleinen, blonden Person von vorhin mit einem kalten Blicke vorüber zu gehen, und alsdann begaben sich die beiden Herren nach dem großen Büffet, um einige Gläser Punsch zu sich zu nehmen. Hier befand sich der junge Eduard nun schon mehr in seinem Element; er setzte sich mit dem Hauptmann an einen Nebentisch, pflanzte den Hut verwegen ans sein Ohr und trank einige Gläser des warmen und starken Getränkes hastig nach einander aus. Auch der Hauptmann, der versicherte, daß ihm das Theewasser da drüben den ganzen Magen verdorben, nahm mehr von dem Punsche zu sich, als er hätte thun sollen, und in einer Viertelstunde – draußen wurde unterdessen die Masurka getanzt – befanden sich beide Herren in dem Anfang einer kleinen geistigen Erheiterung und wurden hiedurch so außerordentlich lustig und wohlgemuth, daß sie beschlossen, dieses erste Tanzdebut mit einer Flasche Champagner zu begießen. Wenn man in der Aufregung, namentlich nach einem heftig angreifenden Tanze, einigen Punsch genießt und darauf Champagner trinkt, so kann es vorkommen, daß man in Folge dieser verschiedenartigen Genüsse zu allerhand lustigen Streichen aufgelegt ist. Umsonst fing drüben die Française an, umsonst ermahnte der Hauptmann mit einigen schwachen Worten, man solle die »alte Schachtel« nicht sitzen lassen und an den Zorn der Mama denken; der junge Eduard hielt es in diesem Augenblicke für weit passender, einige kleine Entdeckungsreisen in der Nachbarschaft des Tanzsaales anzustellen. Der Hauptmann gab nach, und die Beiden traten in ein anstoßendes Zimmer, wo sich ihnen ein sonderbarer Anblick darbot. Sie geriethen nämlich in die Garderobe der Bürgergesellschaft, wo rings an den Wänden Mäntel und Ueberröcke, Kapuzen und Hüte aller Art hingen, jedes Stück mit einem Zettelchen versehen, auf welchem eine große Nummer zu lesen war. Die Atmosphäre in diesem Zimmer war nicht gerade angenehm zu nennen: vom Büffet herein drang unterschiedlicher Punsch- und Weingeruch, und die Mäntel und Ueberröcke, die draußen in dem Regen und Schnee ziemlich naß geworden waren, gaben einen wohlbekannten feuchten Duft von sich, der mit dem oben erwähnten Geruch eine sonderbare Mischung hervorbrachte. Inmitten dieses Gemachs aber hatte sich eine kleine Tanzgesellschaft gebildet, welche außerordentlich heiter und guter Dinge zu sein schien; es waren zwei Herren und drei Damen; der eine der Herren hatte eine Serviette unter dem Arm und leistete, wenn er gerade nicht mit Tanzen beschäftigt war, auf dem Balle die Dienste eines Kellners; der andere Herr aber, geliebter Leser, war Niemand anders, als der vortreffliche Herr Dubel, der bei Tanzgelegenheiten hier beschäftigt war, seine Kunst und seine Nadel der nothleidenden Menschheit zu widmen, das heißt, abgerissene Knöpfe anzunähen oder einen im Sturm des Tanzes defekt gewordenen Frackschoos zu repariren. Von den beiden Damen war die eine eine Nähterin, welche dem weiblichen Geschlecht der Ballgesellschaft dieselben Dienste leistete, wie Herr Dubel dem männlichen. Das zweite Mädchen war eine junge Dame aus der Stadt, die im Gasthofe, welcher zur Bürgergesellschaft gehörte, das Kochen erlernte; die dritte Dame, eine Putzmacherin, endlich saß auf einem Stuhle in der Ecke und schaute zu. In diesen harmlosen Zirkel nun traten der junge Eduard und der pensionirte Hauptmann, als die zwei Paare sich gerade aufgestellt hatten, um nach den fern herüberklingenden Tönen der Tanzmusik eine Française zu eigenem Nutzen und Frommen aufzuführen. Die Damen wollten sich beim Anblick der fremden Herren zurückziehen, doch holte der galante Hauptmann die Nähterin unter einem alten Mantel hervor, wohin sie sich geflüchtet, und der junge Eduard that also mit der Elevin der Kochkunst. Nach einigem Sträuben stellten sich die beiden Paare wieder auf; auf einen ermunternden Rippenstoß des Hauptmanns engagirte der junge Eduard die Putzmacherin, dann trat der Hauptmann allein als viertes Paar ein, und der Tanz begann zum großen Vergnügen sämmtlicher Anwesenden. Wie fühlte sich der junge Eduard so behaglich in diesem Zirkel, wie war die Putzmacherin charmant, und wie leicht tanzten die Nähterin und die Elevin, wie amüsant war erst der Kellner und der Herr Dubel! Namentlich der Letztere machte so kühne, herausfordernde Sprünge, Entrechats und Pirouetten; er und der Kellner steigerten einander und überboten sich; aber Dubel blieb der Held des Abends, und bei jeder beendigten Figur schwenkte er seine Tänzerin im Kreise, daß die Röcke flogen, und ließ sich, nachdem er ihr auf solche Art seine Kraft und Ueberlegenheit gezeigt, sanft auf ein Knie nieder, der siegreiche Ritter vor der zarten Dame. Auch Eduard war wie ausgewechselt, er hatte den Hut keck auf ein Ohr gesetzt, bald steckte er seine Hände in die Hosentaschen, bald schritt er an der Hand der Putzmacherin mit einer Sicherheit, die erstaunend war, und als nun gar der pensionirte Hauptmann einen Damenmantel von der Wand nahm und mit diesem tanzte, als sei es eine menschliche Figur, da stieg der Jubel auf die höchste Höhe. Leider endigte aber in diesem Augenblick die Française drüben, und der junge Eduard, der sich jetzt zu amusiren anfing, beredete die Anwesenden leicht, einigen Punsch zu sich zu nehmen und dann die nächste Polka ebenfalls en petit comité zu genießen. Mittlerweile hatte sein Verschwinden drüben am Theetische keine geringe Bestürzung hervorgerufen; seine ihm von der Mutter oktroyirte Tänzerin war gänzlich außer sich; denn da sie zuversichtlich auf Eduard wartete, so hatte sie ein anderes Engagement zur Française abgelehnt, – ein Fall, der ihr lange nicht vorgekommen war, und sie blieb nun doppelt sitzen. Die Hofräthin, welche begreiflicher Weise in dem Ausbleiben ihres Sohnes nur übergroße Angst und Schüchternheit erblickte, dachte trotzdem auf eine scharfe und exemplarische Bestrafung, und so oft sich nach Beendigung des Tanzes ein Männertritt im Zimmer hören ließ, richtete sie sich in voller Majestät empor. Aber Eduard kam immer nicht; die Polka begann, er blieb aus; zu dem Zorn der Mutter gesellte sich die Besorgniß, es könnte ihrem einzigen Sohne ein Unglück zugestoßen sein. Die Polka nahm ihren Fortgang, im Tanzsaale unter rauschender Musik ausgeführt von einigen vierzig geputzten und geschmückten Paaren, und im Nebenzimmer des Büffets ausgeführt von der kleinen Privatgesellschaft in größter Ausgelassenheit, wozu der neu angeschaffte Punsch das Seinige beigetragen. – – Sogar die schweigsame Stadträthin Schwämmle fand nun das Benehmen des jungen Eduards unbegreiflich, und die Honoratiorentochter that, als sei ihr so etwas in ihrem ganzen Leben nicht begegnet. Als nun auch die Polka beendigt war und kein Eduard erschien, beschloß die Hofräthin, ihren Sohn aufzusuchen; sie nahm die unglückliche Verlassene an ihren Arm und betrat den Tanzsaal mit erhobenem Haupte und tiefem Schmerz in ihren Zügen. Zuerst spähte sie in den Winkeln des Saales umher; denn sie glaubte nicht anders, als dort ihren Sohn zu finden, zerknirscht in einer Ecke sitzend und still weinend aus Furcht vor dem mütterlichen Zorn. Der Ballsaal war nicht mehr in der hellglänzenden und jungfräulichen Frische, wie vor einigen Stunden; ein feiner Staub und Duft erfüllte die Räume und verdunkelte die Lichter, welche überhaupt außerordentlich trüb zu brennen anfingen. Der Stadtrath Schwämmle und sein sanfter College betrachteten den Kronleuchter, an welchem die Flammen bald ungewöhnlich hoch flackerten, bald mehr in sich zusammensanken, als gerade nothwendig war; auch brannte das Gas nur hie und da weiß und klar, meistens aber dunkelroth und mit unheimlichem Feuer. Tänzer und Tänzerinnen bemerkten dies aber weniger, denn sie wogten während der großen Pause, die jetzt eingetreten war, plaudernd und lachend durcheinander; dort zog eine Schaar Mädchen, sechs bis acht, Arm in Arm, lustig und heiter, und vor ihnen tänzelten junge Herrn und sagten ihnen alle erdenkliche Artigkeiten; hier führte ein alter Herr seine ebenfalls schon ältliche Tochter spazieren und pflichtete derselben vollkommen bei, die Bürgerbälle seien das nicht mehr, was sie früher gewesen: keine gesetzten Tänzer mehr, die sich um gebildete junge Mädchen bekümmerten, sondern nur naseweises junges Volk, kaum der Ammenstube entwachsen, eine wahre Kleinkinder-Bewahr-Anstalt. In der Mitte des Saals trieb eine stattliche Mutter mit stolz erhobenem Haupte ihre vier erwachsenen Töchter vor sich her. Diese hatten ebenfalls den Kopf hoch und stolz erhoben, und wie alle fünf dahinzogen in ihren weißen, bauschigen Kleidern, hätte man sie für Schwäne halten können, wenn sie schweigsamer gewesen wären. Weiter hinten bemerkte man eine Anzahl junger Damen, welche zu zwei und zwei in einer Reihe hinter einander gingen und durchaus keinen der jungen Herrn zu beachten schienen; jetzt aber wurden die ersten von mehreren Tänzern angeredet und blieben plötzlich stehen; die nachfolgenden hätten ganz gut an der Seite vorbei gekonnt, aber sie blieben auch stehen und prallten an die ersten an, und die dritten prallten an die zweiten, und die vierten an die dritten und so fort; es war ein Anprallen, ein Lachen und Kichern, das höchst amüsant war – »und wie bin ich erschrocken!« sagten die Einen, »und wie haben Sie mich gestoßen!« sagten die Andern, und das ging so fort, bis sämmtliche Damen mit sämmtlichen Herrn, die sich hier zufällig begegneten, in ein eifriges Gespräch verwickelt waren. Aber Eduard kam immer nicht. – – – Die Pause war vorüber, der Staub durch ausgesprengtes Wasser niedergeschlagen, und die unglückliche Mutter suchte immer noch vergeblich ihren Sohn; da fügte es das Schicksal, dessen unerbittliche Hand ausgestreckt schwebt über dem Haupte der Menschen und unberufen und oft schrecklich die Zügel des Lebens erfaßt oder den Schleier von schauerlichen Thaten hinwegzieht, – da fügte es das Schicksal, daß die Hofräthin auf einen Knäul von Herren aufmerksam wurde, die in eifrigem und leidenschaftlichem Gespräche an der Eingangsthür des Saales standen, dort, wo es zum Büffet hineingeht, und es fügte sich ferner, daß aus diesem Knäul der Stadtrath Schwämmle mit erhitztem Gesicht heraustrat und auf die Hofräthin zuschritt, sie im Namen der Gesellschaft feierlichst ersuchend, dem Benehmen ihres Sohnes Einhalt zu thun, der im Begriffe sei, etwas Entsetzliches zu begehen. Ahnungsvoll, aber gefaßt, trat sie näher, und wie die Schaaren der Erwachenden am jüngsten Tage ihre dichten Reihen dem Engel des Gerichts öffnen, so öffnete sich der Knäul der jungen Herrn im Ballsaal vor der heranschreitenden zitternden Mutter, und sie sah das Entsetzliche, sie sah das namenlose Unglück, die Schmach, welche ihr Sohn ihrem Namen, ja, der ganzen Bürgergesellschaft angethan! – – Der junge Eduard stand in der Eingangsthür zum Büffet mit ungeheuer freundlichem und lächelndem Gesichtsausdrucke, und an einem Arme hatte er die sich sträubende Putzmacherin, an dem andern Arm die sich ebenfalls sträubende Nähterin, und obendrein hatte er das Gräßliche begangen, dem Stadtrath Schwämmle einige Grobheiten zu sagen, als er ihn aufmerksam machte auf die Unschicklichkeit, welche er zu begehen im Begriffe sei. Die Honoratiorentochter wollte bei diesem Anblicke in Ohnmacht fallen; da sie aber keinen Stuhl neben sich sah und keine bereitwillig geöffneten Arme, so ließ sie es vor der Hand bleiben; doch war es ihr in diesem schrecklichen Augenblicke, als werde es im Ballsaale dunkler und immer dunkler; die unglückliche Hofräthin hatte dasselbe Gefühl und kam auf die Vermuthung, auch sie müsse unbedingt eine Ohnmacht anwandeln, denn es flimmerte ihr nebelhaft vor den Augen; aber auch den jungen Herren, die umher standen, flimmerte es nebelhaft vor den Augen, und der Stadtrath und sein sanfter College sahen mit Entsetzen, daß die Flammen des Kronleuchters sich unendlich lang streckten und dann zu kleinen blauen Punkten zusammenschmolzen. »Entsetzlich!« kreischten viele Damen, und die fette Kanzleiräthin, die ebenfalls gefolgt war und an deren Mutterbusen sich die dicke Tochter ängstlich verbarg, sagte erschüttert, indem sie auf das überall verschwindende Licht zeigte: »Es ist kein Wunder, wenn erschreckliche Zeichen geschehen an einem Orte, wo Putzmacherinnen und Nähterinnen in der Gesellschaft anständiger Leute erscheinen.« Lieber Leser! hast du je eine Abbildung gesehen, wie bei dem großen Diner des hochseligen Königs Sardanapal die Finsterniß das Licht des Tages verschlang und die entsetzte, schauernde Menschheit sich gegenseitig an die Brust flüchtete, um Schutz zu suchen gegen die hereinbrechenden Schrecken der gewaltigen Natur? So ungefähr sah es in diesem Moment auch in der Bürgergesellschaft aus: noch einmal zuckten die Flammen gespenstig lang mit blauem, flackerndem Licht und zeigten die entsetzten Züge der erschrockenen Ballgesellschaft, die sich ohne Ansehen der Person, des Ranges und Geschlechts gegenseitig an die Brust flüchtete, – dann ging es wie ein Seufzer rings umher, es zischte und prasselte aus den Röhren, ein Angstruf erscholl und – tiefe Finsterniß herrschte im ganzen Hause. – – Stadtrath Schwämmle-Sardanapal hielt mit Mühe die unglückliche Hofräthin aufrecht und sah mit brechendem Auge, wie mehrere Schlachthaus- und Blutmenschen, hohnlachenden Larven gleich, mit angezündeten Talglichtern in den Saal sprangen; die Honoratiorentochter aber stürzte schreiend durch das Büffet in das Garderobezimmer, und als sie auch dort keinen Stuhl erblickte, wohl aber die geöffneten Arme des Herrn Dubel, so fand sie diesen Moment äußerst passend, in wirkliche Ohnmacht zu fallen;– – wie lange sie, die geknickte Blüthe, dort in den Armen des Schneiders ruhte, werden wir später erfahren. Siebentes Kapitel. Aus dem Marstall. Die Gebäude des königlichen Marstalles, obgleich sie in stattlicher Länge und Ausdehnung dalagen, sahen neben dem hohen, imposanten Schlosse durchaus nicht schön und bemerkenswerth aus; sie waren außerordentlich lang, einstöckig mit einer hohen Mansarde, hatten kleine Fenster und waren mit blaßgelber Farbe angestrichen. Wenn man dagegen seine Scheu vor dem weißen Plakat, das an dem Thore prangte und auf welchem deutlich zu lesen stand, daß für Jedermann, der nichts hier zu thun habe, der Ein- und Durchgang verboten sei, überwand und in die Ställe trat, so mußte man gestehen, daß die Pferde eine recht beneidenswerthe und angenehme Wohnung hatten; namentlich an frostigen Tagen oder wenn draußen Schnee und Winterregen fiel, mochte wohl schon Mancher die Pferde in ihrer behaglichen Stallung und der thierischen Gesellschaft um die sanfte Wärme, die hier herrschte, beneidet haben. Die Ställe waren außerordentlich hübsch und geschmackvoll eingerichtet; jedes Pferd hatte seinen besonderen Stand, und eins war von dem andern durch feststehende Barrieren getrennt. In jedem dieser Ständer befand sich eine steinerne, glatt geputzte Krippe, eine hübsche Raufe aus Gußeisen, der Boden war gepflastert, und wo diese kleine Wohnung für jedes einzelne Pferd hinten endigte, war ein zierliches Rohrgeflecht angebracht, welches auf dem Boden auflag und jedes Pferd, wenn es darauf trat, sanft erinnerte, daß hier die Gränzen seines Reiches seien und es nicht weiter zurückgehen dürfe. Ueber jedem Stande hing eine Tafel, worauf der Name des Bewohners verzeichnet war, und wenn man diese Namen las, so konnte man glauben, man sei in die Götter- und Heldenzeit versetzt und befinde sich in einem mythologischen Reitstall. Da waren Jupiter und Juno. Mars und Venus, Kastor und Pollux, Achill, Ulysses, Ajax u. s. w. Auch die Namen berühmter Orientalen sah man hier, und neben Achmet und Bairactar sah man Tamerlan, Roxana und Soliman. Am allerbehaglichsten war der Marstall Nachmittags um drei und vier Uhr, wenn die Pferde ihr Diner beendigt hatten, wenn das Heudessert verspeist war und die Thiere einer angenehmen Siesta oblagen; alsdann gewährten die ruhig dastehenden und still vergnügten Pferde in der feierlichen Stille, die sie umgab, einen höchst angenehmen Anblick; in dem mittleren Gange des Stalles, der mit dem technischen Ausdruck die Stallgasse heißt, war Alles schön aufgeräumt, man sah kein Geräth umherstehen, das nicht hieher gehörte, das nothwendige Lederzeug war an den Pfeilern der Stände zierlich aufgehängt, und wenn man so die Stallgasse hinabsah, bemerkte man nichts, als die vollen Schweife der Pferde, die vergnügt hin und her wedelten, und sah im Vorbeigehen hier einige mit gesenkten Köpfen und träumend dastehen, während andere leise zusammenflüsterten und allerlei unbekannte, seltsam klingende Töne ausstießen. Im Ganzen herrschte alsdann eine feierliche Stille, welche heute noch erhöht oder recht fühlbar wurde durch ein einfaches Lied, welches am untern Theile des Stalles von einer Stallwache gepfiffen wurde. »Wenn die Schwalben heimwärts ziehen« klang es in melancholischen Tönen und lullte die schläfrigen Pferde in tiefe und sanfte Träume von ihrer südlichen Heimath; denn alle, wie sie hier standen, waren arabischem Geblüt entsprossen. Von dem Künstler jedoch, der dieses Lied vortrug, war nichts zu sehen; er hatte sich vielleicht nach beendigtem Mittagessen in einen großen Haufen Stroh gelegt und hielt pfeifend ebenfalls seine Siesta. Das einzige menschliche Wesen, das wir demnach hier erblicken, war ein junger Mann in der Livree der königlichen Stallleute, welcher in der Mitte der Stallgasse auf der großen Futterkiste saß und mit seinen Sporen zum oben erwähnten Liede klirrend den Takt schlug. Der junge Mann war groß und schlank gebaut, hatte hellgelbe Lederhosen an und Kappenstiefel dazu, der obere Theil seines Körpers befand sich in Hemdärmeln, und die Kleidungsstücke, welche solchergestalt fehlten, lagen hübsch zusammengefaltet neben ihm auf der Kiste, nämlich eine rothe Weste, ein blauer Rock und auf demselben ein Paar Zügel; der lakirte Hut stand neben ihm auf einem Schemel und in demselben die große Wagenpeitsche. Dies alles deutete darauf hin, daß der junge Mann im Begriffe sei, einen Dienst anzutreten, und es ward diese Absicht noch bestätigt durch den Anblick eines Paars mächtiger Schimmel, die der Futterkiste gegenüber vollkommen angeschirrt und in ihren Ständern herumgedreht standen, so daß die Köpfe in die Stallgasse schauten. Diese Schimmel schienen es durchaus nicht angenehm zu finden, daß man im Begriffe war, sie aus der behaglichen Wärme des Stalles und der noch nicht beendigten Siesta an den Wagen zu spannen; denn sie schüttelten unwillig mit ihren Häuptern, steckten die Mäuler zusammen und schienen durch heftiges Schnauben ihren Unwillen über diese Ungerechtigkeit auszudrücken; auch stampften sie zornig mit den Hufen und schlugen hie und da an die Bretterwand, daß es dröhnte, so daß sich der Kutscher ihnen gegenüber mehrere Mal genöthigt sah, sie mit einigen passenden Worten zur Ruhe zu verweisen. Dieser schien sich nebenbei für die vorhabende Fahrt mit einem kleinen Vesperbrode zu stärken und hatte zu dem Zweck auf den Knieen einen großen Laib Brod, von welchem er von Zeit zu Zeit ein tüchtiges Stück abschnitt, neben ihm auf der Futterkiste stand ein Schoppenglas mit weißem Wein, das er zuweilen bedeutsam in die Höhe hob und durch dasselbe, sowie durch das Stallfenster an den grauen Winterhimmel hinaufsah, als vergleiche er die Flüssigkeit im Glase mit der Flüssigkeit draußen, die in Gestalt von weißen Schneeflocken lustig in der Luft herumtanzte. Nach einer jeden solchen Betrachtung nahm er einen tüchtigen Schluck und wischte sich alsdann mit der umgekehrten Hand den Schnurrbart. »He, he! alter Pluto!« rief er jetzt zu den Pferden hinüber, die neue Zeichen der Ungeduld gaben, »kann das alte Vieh nicht einen Augenblick stehen? kommst noch früh genug in den Schnee hinaus, wirst's schon noch satt kriegen, alte Creatur!« Und dann seufzte er in sich hinein: »Heute wird das Fahren wieder einmal kein Ende nehmen, ungefähr sechs bis acht Visiten – mit der ersten Hofdame,« zählte er an den Fingern, »dann mit der Kammerjungfer ein neues Kleid beim Schneider holen, vielleicht auch in die Leihbibliothek, um ein altes Buch heranzuschleppen, dann auf den alten Ball, das wird wieder eine schöne alte Geschichte werden! – Tibull!« rief er wieder zu den Pferden hinüber, »kann der alte Gaul keinen Augenblick still stehen? wart, ich werde ihm einen Besuch machen!« Mittlerweile hatte sich die Stallthüre langsam geöffnet und eine ärmlich, aber reinlich gekleidete Frau mit gebeugtem Rücken, etwas hinkend, schlich herein und sah sich, wie sie die Stallgasse herunter kam, schüchtern und vorsichtig und nach allen Seiten um. Hiebei faßte sie hauptsächlich die Schilder über den Pferdeständern ins Auge, und als sie schon von Weitem sah, daß »Tibull« und »Pluto« zum Herausziehen fertig dastanden, beschleunigte sie ihre Schritte und pätschelte einen Augenblick die Köpfe der Schimmel, ehe sie sich nach dem Futterkasten umwandte, von welchem der junge Kutscher lächelnd zuschaute. »Ich hatte nicht geglaubt, dich hier im Stalle zu finden, Joseph,« sagte die alte Frau, und der Kutscher entgegnete: »Ich hatt' es auch vor einer Stunde noch nicht geglaubt. Was macht die alte Frau, was läuft Sie in dem alten Schneewetter herum?« »Ei nun,« entgegnete dieselbe, »was soll ich zu Haus den ganzen Tag Holz verbrennen! Ich hab' nach ein paar Leuten gesehen, und jetzt wollt' ich wissen, was du machst, und ging glücklicher Weise durch den Stall, weil es da so angenehm warm ist, und bin nun froh, dich hier zu finden.« Der Leser kann unmöglich errathen, wer die alte Frau sei; denn obgleich sie ihm bereits vorgestellt wurde, so geschah dies doch nur bei Nacht und Nebel in aller Schnelligkeit, weßhalb wir uns erlauben müssen, zu sagen, daß wir die Frau Winklere vor uns haben, sowie ihren Sohn, den königlichen Kutscher. »Aber alte Frau,« entgegnete der junge Winkler, »Ihr wißt, daß der Durchgang durch den königlichen Stall verboten ist, und wenn Euch der alte Stallmeister sieht, so wird er sagen: »Alte Weiber gehören vor allen Dingen nicht in den Stall.« Nach dieser Ermahnung, die durchaus nicht so ernst gemeint war, hielt der Kutscher sein Glas abermals gegen das Stallfenster, diesmal prüfend, ob er von dem Weine etwas abgeben könne. Doch schien das Resultat dieser Prüfung günstig auszufallen, denn er reichte das Glas seiner Mutter hin: »Trinkt einmal, alte Frau, es ist ein vorzüglicher Achter; wollt Ihr auch ein Stück von dem alten Brod?« Die Frau Winklere nahm Beides dankbar an und trank mit sichtlichem Behagen einen Schluck von dem vorzüglichen Achter; eine längere Pause entstand, während welcher der Kutscher in das Schneegestöber hinaussah, die beiden Schimmel die Ohren gespitzt hatten, indem sie ebenfalls nach einem Stück Brod lüstern waren, und die unsichtbare Stallwache, jetzt aber in einer andern Tonart, die Schwalben fortwährend heimwärtsziehen ließ. »Hat's geschmeckt, alte Frau?« sagte der Kutscher gutmüthig lachend; »na, trinkt den Wein nur aus, es thut Eurem alten Körper wohl, und dann sagt, wo kommt Ihr eigentlich her? wart Ihr bei der Frau Welscher, was macht das alte Kind? ich wollte sagen, das Kind von der Marie; sitzt's hinter dem Ofen und freut sich, daß es einmal in einem warmen Zimmer ist, der arme Wurm? In meiner nächsten Zeit, die ich zum Ausgehen habe, werde ich die alte Welscher besuchen; in vollster Uniform werde ich sie besuchen, ich werde auf der Treppe mit den Sporen tüchtig klirren, daß sie im ganzen Hause ihre alten Thüren aufreißen und mit Erstaunen sehen, wie auch Leute vom alten Hof sich nach dem Kinde erkundigen. Wird die alte Welscher es bei sich behalten?« fragte er alsdann hastig, setzte aber, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu: »Seht, alte Frau, die Marie – Gott hab' sie selig – hat manchen dummen Streich gemacht, aber der allerdümmste von ihren Streichen war doch, daß sie, als das alte Kind nun einmal da war und als es laufen konnte, mit dem Steinle, Ihr wißt, den vom Stalle – war freilich nur ein Vicarier, – kein Verhältniß anfangen wollte; der Steinle hat geweint, wie ein alter Schloßhund, und hat bei der Collekte, die wir für das arme Kind zusammen gebracht, einen ganzen Gulden gegeben; jetzt haben wir doch schon vier Gulden und dreißig Kreuzer, und am Ende des Monats, ich kann leider für heute nichts thun, lege ich noch einen Gulden und dreißig Kreuzer darauf, das macht sechs Gulden.« »Nein, nein!« sagte die Frau Winklere, »du kannst den Monat nichts mehr geben, du hast ja meine Hausmiethe bezahlt und schon Anfangs vierundzwanzig Kreuzer zur Collekte gethan; du kannst nichts mehr geben, – o Gott, wenn ich doch wieder was verdienen könnte! Du ziehst dir ja an deinem Munde ab, was du mir zahlst – ach Gott! wenn ich nur wieder dazu komme, etwas verdienen zu können! Wo bin ich in diesen vier Tagen nicht als herumgelaufen und hab' doch nichts, wie eine armselige kleine Hoffnung.« »Heult nicht so, alte Frau,« sagte der Kutscher; »so lange was da ist, geb' ich Euch gern, was thu' ich sonst mit dem alten Gelde? So Gott will, bekomm' ich nächstens vier Gulden Zulage, und dann wird's schon besser gehen.« »Ich habe mir immer gedacht,« fuhr die Frau betrübt fort, »du willst einmal zum Stadtrath Schwämmle hingehen; der ist ein Mann, der bei der Stadt viel vermag und der so allerhand kleine Dienstchen zu vergeben hat; auch ist er im Grunde Schuld an unserem ganzen Unglück, denn er hat eigentlich die Gassenbeleuchtung angefangen; du nimmst ein Herz, und gehst zu ihm, – und dies that ich und sagte: Herr Stadtrath, ich bin eine arme, alte Frau und bin durch das Gassenlicht brodlos geworden; es gibt freilich viele arme Frauen, die ebenfalls brodlos geworden sind, aber ich habe einen Sohn, Herr Stadtrath –« »Nun, was soll da herauskommen?« sagte der Kutscher, neugierig und streng aussehend. »Ich hab' einen Sohn,« fuhr die Frau fort, »und dieser Sohn ist im königlichen Leibstall, Herr Stadtrath, und dieser Sohn ist ein braver Mensch, Herr Stadtrath, – du brauchst nicht zu lachen, Joseph, – und dieser Sohn, Herr Stadtrath, gibt mir mit Gewalt, was er erübrigen kann, und sehen Sie, das geht nicht bei einem königlichen Bedienten, Herr Stadtrath, ein königlicher Diener braucht alles, was er bekommt, und muß immer sauber und anständig einhergehen, namentlich die vom königlichen Stall, Herr Stadtrath, und wenn sich die vor den Augen des Stallmeisters nicht immer ordentlich sehen lassen, da kommen sie in Mißachtung und werden hintenan gesetzt, Herr Stadtrath, und bekommen keine Zulage und affeziren nicht und gehen zu Grund, und dann ist das Unglück erst vollständig da.« Die Frau war bei dieser Rede sichtlich bewegt geworden und wischte sich mit ihrem Schürzenzipfel die Augen; der Kutscher aber trommelte heftig mit seinen Sporen auf dem Futterkasten und bekämpfte eine ihm unmännlich scheinende Rührung mit Gewalt. Die Frau fuhr in ihrem Berichte fort »Und wie heißt Sie?« fragt der Herr Stadtrath Schwämmle, – Ich bin die Frau Winklere, sage ich. – Und Ihr Sohn heißt auch Winkler? sagt er, und antworte ich: Das will ich doch meinen, und dann sagt er: Schau, schau, das ist also der Reitknecht Winkler, Ihr Sohn; ei, ei, das trifft sich ja ganz hübsch, sagt er, ein sehr gewandter Bursche, ein braver Reitknecht.« »Aha!« lachte Joseph, »jetzt fällt mir ein, warum der mich lobt.« »Ihr wißt, Frau Winklere, sagte der Stadtrath zu mir, daß wir vor zwei Jahren die Prinzessin Karolina einholten in feierlichem Aufritt, und damals war ich noch nicht Stadtrath und ritt ein Pferd, das äußerst unbändig und scharf war, dazu die Musik, die vielen Fahnen, all' das Volk, das Hurraschreien – nun, da hat mir Ihr Sohn einen wesentlichen Dienst geleistet.« Der Kutscher lachte bei diesen Worten so unbändig, daß er mit seinen Händen die Seiten halten mußte, und schrie so lustig auf, daß Tibull und Pluto in ihrem leisen Gespräch plötzlich verstummten, und daß sogar das Schwalbenlied auf einmal abgebrochen wurde. »Der alte Schwämmle,« sagte er und wischte sich die Thränen aus den Augen, »der Herr Schwämmle saß gar zu komisch auf seinem Pferde, die Knie hoch an den Hals hinaufgezogen, die Fußspitzen abwärts, die Sporen hinter dem Sattelgurt vergraben, und das gequälte alte Vieh machte einen Bocksprung um den andern; da kommen wir vorbei gesegelt in vollem Galopp, hinter dem Prinzen Eugen eine zahlreiche Suite, und das klapperte und klirrte auf dem Pflaster, daß einem das Herz im Leibe lachte; ich ritt damals solch einen wilden alten Hengst, schneidig wie der Teufel, kaum vierjährig und das alte Vieh macht immer nur Sätze von sechs Ellen; so fuhren wir wie das Donnerwetter durch die berittenen Kaufleute, und der alte Schwämmle, dessen Pferd die Sache gefiel und das mit uns davon wollte, zog die Zügel unmenschlich kurz an – jetzt steigt der Gaul, gerade wie ich neben ihm bin, und ich denke bei mir: du altes Vieh brauchst auch wegen ein bißchen Haber nicht so wild zu thun, und der Schwämmle seufzte: um Gottes willen, halten Sie mein Pferd einen Augenblick! und ich, mitleidig, wie ich immer bin, parire meinen alten Hengst auf dem Pflaster, haue dem Gaul des Schwämmle Eins mit dem Knopf der Reitpeitsche über die Nase, daß er den Kopf zwischen die Füße streckte, dann fasse ich den Stadtrath am Arm, zeichne dem Gaul noch Eins über die Croupe und rufe: er solle in's Teufels Namen seine alten Sporen herausziehen, ich meinte natürlich aus dem Sattelgurt, der Schwämmle aber verstand die Geschichte anders und ließ sich von ein paar Leuten, die herzu sprangen, in der Geschwindigkeit die Sporen aus seinem alten Absatz herausreißen, und von dem Augenblick an ging der alte Gaul ruhig. Ja, so ein Sporn ist ein gefährliches Ding für Jemand, der es nicht versteht.« Die Frau Winklere schlug die Hände zusammen und sagte freudig lachend: »Ei der tausend, das hast du mir ja noch gar nie erzählt; deßhalb war der Stadtrath so freundlich, sieh, sieh! und deßhalb hat er mir Hoffnung gemacht auf einen kleinen Erwerb; er sagte nämlich, es sei eine kleine Stelle bei der Bürgergesellschaft offen, um die vierteljährigen Beiträge einzukassiren, und die könne er mir vielleicht verschaffen; obendrein, setzte er hinzu, wollten einige Herrn eine concertive Zeitung gründen, und da könnte ich vielleicht als Austrägerin hinkommen – aber warum hast du mir die Geschichte nie erzählt?« Der Kutscher hielt wiederholt sein Glas gegen das Fenster, und während er freundlich mit einem Auge dazu blinzelte, ließ er die Weintropfen, die sich jetzt noch in demselben befanden, in einer Ecke zusammenlaufen, verhalf sich zu diesem spärlichen Reste und sagte alsdann: »Es gibt manche Dinge, alte Frau, die man nicht gleich wieder erzählt, ich hatte den Morgen noch eine Geschichte, die für mich viel angenehmer war. Wie ich dem alten Schwämmle geholfen und nun so dahin fegte, um die alte Suite wieder einzuholen, da stand mein Schatz, das heißt mein jetziger Schatz, die Sophie, am Fenster, und wie sie mich so daher kommen sah, so hat sie mir später gestanden, habe es in ihrem Herzen lebhaft gesprochen: der und kein anderer! und Ihr wißt, alte Frau, auf die Sophie kann ich mir was einbilden.« »Das ist wahr!« sagte die Winklere und schaute mit mütterlichem Stolze recht hochmüthig um sich; »da ist Keiner vom ganzen Stall, der mit einem solchen Mädchen Bekanntschaft hat, nicht einmal der Oberbereiter.« Der Kutscher, welcher dieses Gespräch beendigen zu wollen schien, sagte jetzt, indem er von der Futterkiste herunter stieg: »Ihr habt mir aber noch gar nicht gesagt, ob die alte Welscher das Kind bei sich behalten will, oder was mit dem Wurm geschehen soll.« »Das habe ich wirklich noch nicht gesagt?« sagte die Frau eifrig; »nun freilich will sie es behalten, ach Gott! Die Welscher ist eine so brave Frau, und auch die Jungfer Kiliane ist recht brav, sie hat dem Kinde einen Dukaten geschenkt, um ihm etwas machen zu lassen, und will auch mit für dasselbe sorgen.« Der Kutscher nickte vergnügt mit dem Kopfe, zog alsdann eine dicke silberne Uhr heraus und überzeugte sich mit einem Blicke, daß es Zeit sei, an seinen Dienst zu gehen; doch hielt er sie zuvor an sein Ohr, um zu hören, ob sie nicht zufällig stehen geblieben sei, dann sagte er: »die Welscher hat's von ihrem Manne, dem alten Welscher; seh' Sie, Frau, das war ein Kutscher, der drehte mit Vieren auf einem Teller um, hieb Euch mit der Peitsche einen Achter in die Luft, daß man ihn nachher noch deutlich sehen konnte. Ich hab' als kleiner Bub' das Fahren von ihm gelernt und manche Ohrfeige von ihm bekommen. Als er gestorben war, soll Se. Majestät der König Sr. Excellenz dem Oberststallmeister gesagt haben: »›Geben Sie Acht, alter Oberststallmeister,‹« hat er gesagt, »›so Einen, wie den Welscher, bekommen wir so bald nicht wieder, geben Sie Acht, ich hab's gesagt!‹« Mit diesen Worten nahm der Kutscher seine rothe Weste von dem Schemel neben sich, fuhr mit der Hand an dem Tuch hinunter, als wollte er Staub abwischen, dessen sich aber keiner da befand, und zog sie an. Während er vorn zuknöpfte, bemühte sich die Mutter, das Futter der Weste so lang als möglich herabzuziehen, sich freuend über die gute Taille ihres Sohnes. »Aber Joseph,« sagte sie, »warst du nicht heute schon einmal im Dienst? Wie kommt es, daß du noch einmal einspannen mußt, und namentlich bei solchem Schneewetter?« »Weiß der Teufel, wie das kommt, alte Frau, das heißt, ich weiß es ganz genau, weßhalb ich heut' noch einmal fahren muß; aber ich möchte eigentlich nur wissen, warum bei mir immer so Widerwärtigkeiten vorkommen. Wird Einer krank, wie heute, so ist es sicherlich der, für den ich einstehen muß, und so auch jetzt: da hat einer einen Anfall von Wechselfieber gekriegt, und nun muß ich in dem Hundewetter hinaus und muß den Gespensterwagen fahren.« »Was sagst du, Joseph,« rief die Mutter entsetzt, »den Gespensterwagen?« »Freilich, alte Frau,« entgegnete der Kutscher und fuhr in seinen blauen Rock hinein, »den Gespensterwagen.« »Joseph, du willst wohl sagen: den Leichenwagen,« entgegnete die Winklere. Der Kutscher, welcher gerade den blauen Rock zuknöpfen wollte, hielt in diesem Geschäft plötzlich inne und spuckte auf die Seite aus, während er mit einem Blick der ungeheuersten Verachtung vor sich niedersah. »Einen Leichenwagen fahren?« sagte er alsdann bitter lachend; »alte Frau, was habt Ihr für merkwürdig verbrannte und alte Ideen! Ein königlicher Kutscher und ein Leichenwagen! wie kann man das nur in einem Augenblicke nennen? Doch ich vergaß,« setzte er lächelnd hinzu, »daß Ihr eigentlich nicht wissen könnt, was wir Stallleute unter dem alten Gespensterwagen verstehen. Seht Ihr, Mutter, der Gespensterwagen, das ist nichts mehr und nichts weniger, als der Wagen der ersten Hofdame und die Benennung »Gespensterwagen« ist eine sehr richtige und gut gewählte alte Benennung, ich habe sie nicht erfunden.« Der Kutscher setzte, während er zu sprechen fortfuhr, seinen lakirten Hut etwas keck aufs Ohr, warf die Zügel über die Schulter, nahm die Peitsche in die Hand und wickelte die Peitschenschnur auf, indem er das Ende derselben mit Zeigefinger und Daumen erfaßte und alsdann mit der Hand eine kreisförmige Bewegung beschrieb. »Alte Frau, es mag ein Wetter draußen sein, welches es will, es mag regnen oder schneien, es mag die Sonne scheinen oder es mag stürmen, daß sich Hunde und Katzen verbergen, paßt auf, der alte Gespensterwagen fahrt doch durch die Straßen; es mag Morgens oder Mittags sein, bei einer Hitze, wo jeder alte Christenmensch froh ist, im Schatten zu sein – der Gespensterwagen ist auf der Straße; es mag Nachmittags sein oder Abends, sei es in der Dämmerung oder Mitternachts zwischen zwölf und ein Uhr – Ihr könnt drauf fluchen, daß Ihr den Gespensterwagen seht; ewig rollen die Räder an dem alten Wagen, ewig schaukeln die Federn, und ich bin überzeugt, wenn die alte Hofdame einmal einen Tag lang nicht ausfahren sollte was jedoch noch nie vorgekommen ist, so würde der Gespensterwagen am ganzen Leibe zitternd in der Remise stehen, als sei ihm etwas Entsetzliches begegnet.« Die Frau Winklere schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Es fahren aber doch keine Gespenster darin?« »Für jetzt noch nicht,« sagte Joseph, »aber wenn die alte Hofdame einmal todt ist, wollen wir sehen, was geschieht; alsdann gehe ich dem Wagen zehn Schritt aus dem Wege; denn daß die Alte da oben einmal spuken muß, das kann nicht fehlen, sonst gäb' es keine Gerechtigkeit mehr, sie hat das um uns alle verdient.« Damit zog Herr Winkler seine beiden Schimmel aus dem Stande, sah sorgfältig nach, ob nicht ein Hälmchen Stroh oder Heu irgendwo sitzen geblieben sei, schnallte die Regendecke fester an und zog, den Hut hälftig auf das rechte Ohr gesetzt, die Stallgasse hinab. Am Ende derselben links in einem leeren Stande lag auf einem großen Strohhaufen der Pfeifer des Schwalbenliedes und war sanft entschlummert; Joseph, der dies schon von Weitem bemerkte, wickelte lächelnd seine Peitsche los und applicirte mit ungemeiner Sicherheit mit dem Ende der Schnur einen feinen Hieb auf einen Theil des Körpers, den die Stallwache unvorsichtigerweise emporstreckte, und als der also Getroffene in die Höhe sprang, rief der Kutscher mit ernster Miene: »Thür auf!« und ging gravitätisch mit seinen beiden Schimmeln von dannen, innerlich aufs vergnügteste lachend. Die Frau Winklere folgte ihrem Sohne, aber in sehr weiter Entfernung von den Schimmeln, denn sie hatte gehört, daß solche Thiere manchmal sehr bösartig seien und gern ausschlagen. In der Remise, die sich neben dem Marstall befand, war wegen des schlechten Wetters nur eine einzige Thüre geöffnet, und aus derselben hervor ragte die Deichsel des Gespensterwagens, und der Wind, der durch den Hof in die Remise fuhr, spielte mit den gelben, schweren Troddeln oder schüttelte auch zuweilen leise das Gestell des Wagens. Der Kutscher stellte die Pferde zu beiden Seiten der Deichsel, schnallte die Aufhalter fest, dann trat er an den Wagenschlag, öffnete ihn und nahm seinen mit Pelz besetzten Mantel heraus, den er alsdann mit großer Geschicklichkeit auf den Sitz des Bockes hinaufwarf. Hierauf steckte er die Peitsche daneben, spannte die Pferde vollends ein, schnallte die Zügel fest und reichte seiner Mutter die Hand zum Abschied, während er im Begriffe war, hinauf zu steigen. »Vergeßt also nicht, alte Frau,« sagte er, »zu der Welscher hinzugehen und ihr zu sagen, daß ich nächstens komme in großer Uniform, um mich nach dem Befinden des Kindes zu erkundigen; auch mehrere meiner Kollegen werden ebenfalls kommen, und das alte Haus soll aufpassen, ich meine nämlich das alte Kloster, wenn es uns heranwackeln sieht. Adieu Frau!« Mit diesen Worten schwang sich der Kutscher mit großer Leichtigkeit auf den Bock, fühlte mit der Hand, ob der Hut auch recht keck auf dem rechten Ohr sitze, setzte sich dann so leicht und elegant wie möglich in die rechte Ecke des Sitzes (die Kutscher vornehmer Herrschaften sitzen nie anders, als auf diese Art), dann nahm er die Zügel fest in die Hand, grüßte die Mutter nochmals mit der Peitsche und fuhr zum Thor hinaus, wobei er sorgfältig jedem Stoß der Rinnsteine und jedem anderen kleinen Hinderniß durch eine angenehme Biegung des Oberkörpers auswich und so in beständiger Bewegung war, seine Arme und Hände ausgenommen, die er unbeweglich und wie festgemauert hielt. Die Frau Winklere sah dem stattlichen Sohne nach, bis der Wagen um die Ecke des Schlosses verschwunden war. Achtes Kapitel. Aus dem Marstall. Anfangs fluchte Joseph bedeutend, als er so aus dem warmen Stalle heraus in den Schnee des November-Nachmittags kam und trotz seines dicken Mantels zusammenschauderte; auch hielt er kleine heftige Monologe über das alte Hundewetter, wie er es zu nennen beliebte, über den alten Gespensterwagen und über die alten Hofdamen, welche es aus lauter Uebermuth hinter ihrem alten Kamin nicht mehr aushalten können und absolut in den alten Straßen herumfahren und alle die alten Läden besuchen müssen, die sie ja schon hundert Mal gesehen. Daß sein Wagen gerade der einzige war, der sich in dem Schneegestöber auf den Straßen bewegte, trug auch nicht zur Verminderung seiner üblen Laune bei. Jetzt fuhr er vor eines der Schloßportale, hielt die Pferde an; ein Lakai, der aus der Glasthür heraussprang, öffnete den Schlag, warf den Wagentritt herunter und half der Hofdame einsteigen. So viel man in der Geschwindigkeit von derselben sehen konnte, war es eine ziemlich starke Dame mit sehr blondem Haar, die sich mürrisch in die Kissen warf, dem Bedienten einige Worte sagte, worauf dieser den Schlag zumachte, dem Kutscher ebenfalls einige Worte zuflüsterte, hinten aufsprang, und dann liefen die Pferde mit dem Wagen in scharfem Trabe davon. Dieses Mal ging es nach dem ersten Gasthofe, und als der Wagen dort hielt und der Lakai an den Schlag trat, reichte ihm die Hofdame eine Karte heraus, welche der Bediente dem Portier des Gasthofes übergab; dann rollte der Wagen weiter und hielt vor einem der ersten Kupferstich- und Bilderläden der Stadt. Die Hofdame stieg aus und verschwand in dem Gewölbe; der Lakai schloß die Ladenthür hinter ihr und trat alsdann so nahe als möglich zu dem Kutscher heran, um einige freundliche Worte mit ihm zu wechseln. »Heute wird's einmal wieder lange dauern,« sagte der Bediente und hüpfte dabei von einem Beine aufs andere, um sich die Füße zu erwärmen, wobei sein überlanger Rock malerisch in die Höhe wallte; »ich habe da eine schöne Liste von Besuchen in der Tasche, Freund Joseph; ich rathe Euch, laßt nur wacker laufen, sonst haben wir vor dem Balle keine Viertelstunde für uns.« »Wo geht's zunächst hin?« fragte der Kutscher. »Wahrscheinlich auf den Domplatz zu dem Hofjuwelier; ich habe schon viermal dahin laufen müssen, und jetzt ist ihm ein hoher Besuch von der gnädigen Frau selbst zugedacht; der Mann kann sich auf eine freundliche Anrede gefaßt machen – wie hat sie getobt! Ueberhaupt war das wieder ein schöner Tag! Sie kam mit rothgeweinten Augen von der jungen Herzogin herauf, das war schon um zehn Uhr, dann wurden Briefe geschrieben und ich und der Garderobediener mußten den ganzen Vormittag herumlaufen. Puh, schlechtes Wetter, schlechtes Wetter!« »Meint Er hier auf der Straße?« sagte lachend der Kutscher. »Hier und zu Hause,« entgegnete der Lakai; »Regen, Ungewitter und Sturm, was weiß ich!« »Und hat's eingeschlagen?« fragte der Kutscher außerordentlich vergnügt. »Kann wohl sein,« antwortete der Andere; »die Nelly hatte ein ganz rothes Gesicht und sehr verweinte Augen; unter Anderem,« fuhr der Lakai leiser fort und kletterte behende auf den Fußtritt neben dem Kutscherbock, »unter Anderem mußte ich einen Brief zu meinem früheren Herrn, dem Baron Karl, tragen, und als mir die Nelly den Brief gab, sagte sie: der ist auch an all' den Geschichten schuld, wenn nur der 'mal vor der Stadt draußen wäre! und dann setzte sie mit einer Beziehung auf mich hinzu: alles Männervolk taugt nicht, alle sind schlecht mit einander.« »Oho!« sagte der Kutscher, »die alte Hexe! ich meine nämlich die Nelly.« Und dann klatschte er zwischen die Pferde hinein, welche ungeduldig scharrten und trippelten, und wiederholte sein Oho! welches sowohl den Thieren wie dem Kollegen Lakaien galt, der bei der heftigen Bewegung nach dem Peitschenschlage und der Erschütterung des Wagens fast von demselben heruntergefallen wäre. »Ja, der Baron Karl wär' an Allem schuld, sagte die Nelly, und er thäte am Besten, sich gar nicht mehr sehen zu lassen. – Als ich nun meinem frühern Herrn den Brief überbrachte,« fuhr der Lakai fort, nachdem er wieder auf den Tritt geklettert war, – »ich gab ihn dem Jäger und blieb draußen ein Bischen am Kamin stehen, um meine Hände zu erwärmen – da hörte ich, wie der Baron drinnen laut lachte, und dann kam der Kammerdiener heraus und sagte zum Jäger: jetzt geht's doch auf den Ball, und nach drei Viertel auf acht Uhr soll der Brougham bestellt werden.« »Was sollen aber all' die alten Geschichten heißen?« sagte Joseph, »weiß der Teufel, was Ihr da hinten auf Eurem Wagen nicht allerhand Zeug ausheckt! Da haben wir's vorn auf dem Bock besser – eingespannt, aufgesessen, wohin? dann einen Zungenschlag – und fort geht's.« Der Lakai lächelte pfiffig und sagte: »Guter Freund, das versteht Ihr nicht; wir im Vorzimmer sehen so allerlei merkwürdige Sachen, und Manches gleitet durch unsere Hand; wißt Ihr, man macht die Augen zu, läßt sich mit der größten Bereitwilligkeit ein X für ein U machen und wird auf diese Art unentbehrlich.« Jetzt öffnete sich die Thür des Bilderladens, und der Besitzer desselben ersuchte den Lakaien, einen Augenblick herein zu kommen; ehe er aber heruntersprang, sagte ihm der Kutscher eilig: »Wenn wir von hier auf den Domplatz fahren, Jean, so mache ich einen kleinen Umweg; sollte die Alte deßwegen fragen, so sage Er nur, die gerade Straße dahin wäre so verflucht glatt.« »Ich verstehe,« sagte Jean pfiffig lächelnd; »eine kleine Fensterparade, Herr Joseph, verlaßt Euch auf mich.« Damit sprang er in den Laden und kam gleich darauf mit einer großen Mappe zurück, die er in die Equipage legte, wonach er der Hofdame ebenfalls hinein half; der Tritt flog herauf, die Thüre zu und Jean rief, indem er hinter den Wagen sprang: »Domplatz Numero vierundsechzig.« Pluto und Tibull, die einen kräftigen Merks mit der Peitsche bekamen, sausten dahin, daß der Schnee in die Höhe fuhr; fort ging es durch die Straßen und um die Ecken, wobei der Wagen oftmals zur Seite rutschte, so daß die Hofdame zuweilen erschrocken ihre Hand an das Fenster legte und Jean hinten die komischsten Seitensprünge machen mußte, um sich im Gleichgewicht zu erhalten; doch lachte derselbe, denn er war des guten Rosselenkers vorn sicher und freute sich innerlich, wie jetzt die Pferde in der Nähe eines unscheinbaren Häuschens in einen sanften Trab verfielen; dann öffnete sich in dem kleinen Häuschen ein kleines Fenster, und ein hübsches junges Mädchen sah heraus, welches dem Kutscher freundlich mit der Hand winkte und jetzt dem Wagen nachblickte, der nun wieder mit verdreifachter Schnelligkeit davon flog. Jetzt ging es um eine scharfe Ecke herum, so haarscharf an den Mauern eines alten Gebäudes vorbei, daß der Lakai bestürzt zurück blickte, ob nicht etwa ein Rand hängen geblieben sei; dann fuhren sie durch eine enge Gasse voller Kramläden, so eng, daß die Cattunstücke, die Hüte und Mützen, die da herum hingen, sowie Würste und Schinken, fast an die Wagenfenster schlugen, und endlich kamen sie auf den Domplatz und hielten mit einem ziemlichen Ruck vor Numero vierundsechzig. Schon während des Aussteigens hörte der Kutscher die Hofdame fragen, warum er einen solch' horriblen Weg gefahren sei; doch log der Lakai mit der größten Unverschämtheit und sagte: in den andern Straßen sei an mehreren Stellen wegen der neuen Gasbeleuchtung das Pflaster aufgerissen und deßhalb habe man einen Umweg machen müssen. Nachdem in dem Hause am Domplatz der Hofjuwelier seine verdienten Vorwürfe empfangen – warum hatte er auch das Unmögliche nicht gethan? – und der Lakai inzwischen die Wagenlaternen angezündet, stieg die Dame wieder ein und Joseph fuhr in mäßigem Tempo davon. Dieses Mal hielten sie vor einem Privathause, und nachdem Jean sich überzeugt, daß die Dame, welcher der Besuch galt, zu Hause war, begleitete er die gnädige Frau hinauf, kam aber bald darauf die Treppe wieder herunter gesprungen, trat an die linke Seite des Wagens und nachdem er den Kutscher gebeten, ein klein wenig Platz zu machen, schwang er sich neben ihn auf den Bock. »Da oben wird's lange dauern,« sagte er und zog eine kleine Horndose aus der Tasche, um sich und dem Kutscher zu einer Prise zu verhelfen; »wenn die da oben zusammenkommen, so dauert's eine geschlagene Stunde; 's ist halb fünf, paßt auf, wir sind um halb sechs noch auf dem Platz. »Ich möchte nur wissen,« brummte der Kutscher, »was die jeden Tag zusammen zu schwätzen haben! Unsereins besucht ja auch hie und da einen Bekannten, und dann sagt man: guten Tag! – Wie geht's? – Gut! – Behüt dich Gott! Und dann fährt man seiner Wege. Aber die haben immer eine alte Wirthschaft zusammen, als hinge das Heil der Welt davon ab. – Brrr, 's wird kalt!« »Ja, 's wird kalt,« sagte der Lakai und steckte seine Hände in die Taschen seines langen Rockes, »'s wird recht kalt heute Nacht; ich freue mich jetzt schon auf das Warten, wenn der Ball zu Ende ist, und heute ist dasselbe doppelt, für Euch und für mich.« »Wie so doppelt?« fragte Joseph, »ich werde doch am Ende nicht mit zwei Wagen hinfahren sollen?« »Wenn auch nicht mit zwei Wagen,« lachte der Lakai, »so doch mit einem Wagen zweimal.« »Macht mir keine alten Geschichten vor, Freund Jean! Ich fahre die alte Hofdame und das alte Hoffräulein, und damit Basta!« »Allerdings,« entgegnete Jean, »nur mit dem Unterschiede, daß die Beiden heute nicht zusammenfahren, wie sonst, sondern Jede allein, macht zweimal; 's hat ja was gegeben.« – Damit stieß er den Kutscher pfiffig lächelnd an die Rippen. »Alle Donnerwetter!« fluchte Joseph, »was kümmert uns das, wenn's was gegeben hat! Ich fahre, wie mein Befehl lautet, einmal mit dem alten Gespensterwagen vor das alte Schloß und dann nach dem alten Ball; einmal nur, sage ich Euch, und dann spanne ich aus und fahre um zwölf Uhr zum Abholen, aber auch nur einmal.« »Das ist bald gesagt,« meinte der Lakai; »doch habe ich von der gnädigen Frau den Auftrag an Euch und muß es also ausrichten: sie will allein auf den Ball fahren, und wenn das Hoffräulein auch hin will, so fahrt Ihr nochmals und holt auch die ab.« »Das ist doch die infamste Thierquälerei!« entgegnete der Kutscher; »doch nun muß ich's schon thun, denn wenn ich's auf eine alte Strafwache ankommen ließe und nur einmal führe, so hätte Niemand anders den Schaden davon, als das Hoffräulein, und die mag ich wohl leiden.« »O, eine scharmante Dame!« entgegnete der Lakai, »so freundlich, so liebenswürdig, und was sie sagt, das meint sie auch, und verklagen thut sie auch Niemanden, hat's aber auch nicht nöthig; denn wenn sie zum tölpelhaftesten Schloßknecht sagt: wollt Ihr so gut sein, mein Freund? so ginge er durch's Feuer für sie, – gebildeterer Leute, wie wir sind, nicht zu gedenken.« »Ja wohl, ja wohl,« bekräftigte der Kutscher. »Ich glaube, die hat in ihrem ganzen Leben nicht gelogen. Wenn die Andere – die da droben – zufällig sagt: Jean, ich bin mit Euch zufrieden, so kann man drauf rechnen, daß es alsdann bei der Tafel zum Hofmarschall heißt: der Jean wird mit jedem Tage dümmer und unbehülflicher; und es ist gefährlich, wenn sie was Böses über einen sagt: die Herzogin selbst glaubt ihr in allweg, und da man das bei Hofe weiß, so hat sie einen Anhang, der merkwürdig ist; und die haßt das Hoffräulein nun seit heute, und wie haßt sie sie!« »Aber weßhalb?« fragte der Kutscher, »sie muß doch, beim Blitz! eine Ursache haben!« Der Lakai stieß ihn abermals freundschaftlich in die Rippen und sagte mit pfiffigem Lächeln: »Ei, mein früherer Herr, von dem ich Euch vorhin erzählte, der Baron Karl, und das Hoffräulein.« Der Kutscher nickte fragend mit dem Kopfe und der Lakai antwortete durch dieselbe Bewegung. »Ich habe schon lange bemerkt,« setzte der Lakai wichtigthuend hinzu, »daß Baron Karl dem Fräulein die Cour macht, unsereins bemerkt das augenblicklich.« Joseph hatte einen Augenblick nachgedacht und gab alsdann das Resultat seiner Betrachtungen Preis, indem er sagte: »Hört, alter Jean, das gäbe ein merkwürdig schönes altes Paar – ein schönes Paar, wollt' ich sagen; was der Mann für einen Geschmack in Pferd und Wagen hat! wenn ich nicht königlicher Kutscher wäre, oder auch meinetwegen so, so würde ich 'mir wahrhaftig eine Ehre daraus machen, – ja, eine Ehre, ich hab' es gesagt, – das Paar zur Trauung in die Kirche zu fahren, im großen Staatswagen, ich auf einer reichgestickten Bockdecke, sehr schöne Uniform mit weißer Perrücke und spitzem Hut, vor mir die zwei prachtvollen englischen Braunen, die er hat, – ich sage Euch, alter Jean, ich will nicht Joseph heißen, aber die Leute schauten mehr auf Kutscher und Geschirr, wie auf den Bräutigam, der drinnen sitzt.« »Dahin hat's noch weit,« sagte der Lakai und nahm äußerst wehmüthig eine Prise Taback, »ja, wenn die da oben wollte!« »Ja, was geht's denn die Alte da oben an?« fragte der Kutscher. »Merkt Ihr denn gar nichts, Joseph! habt Ihr denn nie gesehen, wie der Baron Karl halbe Stunden lang am Wagenschlag der gnädigen Frau stand und mit ihr schwätzte, während er das Hoffräulein, die auch drinnen saß, kaum fragte, wie es ihr gehe?« »Nun ja, was weiter?« »Was weiter?« sagte Jean; »und im Schlosse macht er's gerade so; Ihr wißt doch, das Hoffräulein, das nicht Vater und Mutter mehr hat, ist von der alten Herzogin erzogen worden und hat sich gewöhnt, sowohl den Befehlen derselben, als auch denen der ersten Hofdame, unserer gnädigen Frau, unbedingt zu gehorchen; sie ist jetzt achtzehn Jahre alt und wird natürlicher Weise noch immer wie ein kleines Mädchen behandelt; daß sie sich die Cour machen ließe; oder daß die überhaupt jetzt schon ein Herz hätte, das ist keiner von den alten Damen eingefallen. Also im Schlosse macht er's gerade so: da konnte er wohl Stunden lang der Hofdame die lächerlichsten Geschichten erzählen und sagte dem Fräulein nur hie und da ein einziges Wort; aber für mich, der ich meinen früheren Herrn wohl kannte, war dieses einzige Wort vollkommen verständlich – der gnädigen Frau brachte er die prachtvollsten und seltsamsten Blumen und dem Fräulein gab er höchst selten eine einfache Blüthe, aber Joseph, ich verstand das Alles, die Frau aber ...« »Nun?« sagte der Kutscher und es schien ihm ein Licht aufzudämmern, »die Alte ...« »Hat natürlich geglaubt ...« lachte der Lakai. »Hat geglaubt, der Baron ...« sagte der Kutscher, ebenfalls lachend und nickte mit dem Kopfe. »Sei in sie selbst verliebt!« platzte der Lakai laut lachend heraus und der Kutscher lachte nun so heftig, daß Tibull und Pluto erschreckt zusammenfuhren. Nachdem sich Jean durch eine neue Prise restaurirt, fuhr er fort: »Heute ist nun die Geschichte an den Tag gekommen, und Ihr könnt Euch denken, wie man bei der alten und jungen Herzogin den Baron als ein Ungeheuer und das Fräulein als eine ausgelassene Person dargestellt hat; der Brief, den ich heute Morgen habe hinbringen müssen, hat ihm wahrscheinlich den Besuch des Schlosses untersagt und ihn auch wohl ersucht, nicht auf den Ball zu gehen, weßhalb es mich freut, daß er doch hinfahren wird – ha, der würde sich um des Teufels Hofdamen nichts bekümmern.« »Unter diesen Verhältnissen,« entgegnete der Kutscher, »werde ich wahrscheinlich nicht zwei Mal zu fahren haben, wie Ihr gemeint habt, Jean; denn es ist doch sonnenklar, daß das Hoffräulein heute Abend zu Hause bleibt und nicht auf den alten Ball geht.« »Ja, das kann sie aber nicht, denn die Prinzessin Eugen, welche den Ball gibt, hat das Fräulein außerordentlich lieb, und die würde nicht nachlassen, bis sie erführe, weßhalb sie zu Hause geblieben wäre, und dann käme die ganze Geschichte zu früh an den Tag; nein, das geht nicht! Aber jetzt wollen wir noch eine Prise nehmen, und dann will ich mich hinauf verfügen, es könnte bald an der Zeit sein, daß die gnädige Frau herabkäme.« So war es auch in der That, und Jean war eben ins Haus gegangen, so kam er auch wieder heraus, riß den Schlag auf, hob die Hofdame hinein und fort rollte der Wagen. Jetzt ging es zu einem großen Modewaarenmagazin – weniger um Einkäufe zu machen, vielmehr wollte die Hofdame eine ihrer Bekannten treffen, die dorthin gefahren war. Vor dem Magazin stand ein herrschaftlicher Wagen, und kaum war Jean von dem seinigen heruntergesprungen und hatte den Schlag geöffnet, als die Thür des Ladens aufgerissen wurde und eine junge Dame heraustrat, dicht in ihren Shawl gewickelt, die eben in ihre Equipage steigen wollte, als Jean mit abgezogenem Hute naher trat und gehorsamst meldete, hier sei die Frau von C., welche die Frau Gräfin einen Augenblick sprechen und deßhalb aussteigen wolle. Sogleich eilte die junge Dame im Shawl auf die Hofequipage zu; nachdem einige Komplimente gewechselt waren, da Frau von C. unter allen Umständen aussteigen wollte (sie war nämlich fest überzeugt, daß die Gräfin dies nicht zugeben würde), sprang letztere in den Wagen, Jean drückte den Schlag sanft zu und blieb an demselben horchend stehen. Der Kutscher auf seinem Bock hatte das wohl bemerkt und dachte bei sich: der infame Schlingel! er muß schon wieder wissen, was die Zwei da drinnen sprechen! Damit wickelte er leise seine Peitsche los und schwang sie herum und traf mit derselben Geschicklichkeit den lauschenden Jean auf denselben Theil des Körpers, wie früher die schlafende Stallwache. Nachdem im Wagen selbst die ersten Begrüßungen vorüber waren, nachdem die Hofdame geklagt, daß sie entsetzliche Migräne habe, leitete sie die fernere Unterhaltung so gut und zweckmäßig ein, daß die Gräfin im nächsten Augenblick vollkommen überzeugt war, es laste ein schwerer Kummer auf dem Herzen der Hofdame; bald hatte sie auch die Ursache dieses Kummers entdeckt und erfuhr zu ihrem großen Erstaunen, daß Baron Karl, einer der liebenswürdigsten, elegantesten Cavaliere, sowohl bei der alten wie bei der jungen Herzogin in die vollkommenste Ungnade gefallen sei. »Das ist ja unglaublich!« rief die Gräfin. »Natürlich kann und darf ich nicht in Sie dringen, eine Ursache dieses schrecklichen Ereignisses zu erfahren; ich kenne den edlen und liebenswürdigen Charakter der Frau Herzogin vollkommen und bin fest überzeugt, daß der Baron sich ein bedeutendes Vergehen gegen die hohen Herrschaften hat zu Schulden kommen lassen; denn wegen einer Kleinigkeit, wegen einer pikanten Salongeschichte allenfalls ist die Frau Herzogin nicht im Stande, Jemanden nur finster anzusehen. Ja, ja, diese jungen Leute!« Die Hofdame seufzte aus tiefem Herzen. »Ich weiß, was Sie dabei leiden, liebe Freundin,« fuhr die Gräfin fort; »aber ist es nicht möglich, etwas Näheres über diese Geschichte zu erfahren, einen kleinen Wink, nm die Ursache zu errathen? Hat vielleicht der junge Herzog die, wie man allgemein sagt etwas leichten Gesellschaften des Barons zu häufig besucht?« Die Hofdame schwieg und seufzte abermals. »Mir ist das genug,« fuhr die Gräfin eifrig fort, »ich will der Frau Herzogin beweisen, daß ihre Feinde auch die meinigen sind, – darf man die Geschichte einigen Bekannten anvertrauen?« »Leider kann man sie nicht verschweigen,« entgegnete die Hofdame. »Liebe Clara, was mein Herz dabei leidet, können Sie sich denken. Gott im Himmel! wie ich heute den jungen Mann in Schutz nahm. Sie hätten das hören sollen! ja es war meine Schuldigkeit, er hat sich ja gegen mich beständig so aufmerksam, so liebevoll benommen; ich versichere Ihnen, Gräfin, ich hatte mit der Herzogin eine heftige Scene, aber ich mußte ihn fallen lassen.« »Sollte hier eine andere Ursache zu Grunde liegen, meine gute, innig geliebte Freundin?« sagte die Gräfin und faßte beide Hände der Hofdame, »vertrauen Sie's mir an, liebe Adelaid; wir haben alle wohl bemerkt, wie der junge Mann beständig in Ihrer Nähe war, sollte er vielleicht – Sie verzeihen meine freundschaftliche Zudringlichkeit – sollte er vielleicht von Leidenschaft verblendet – ja, es kann nicht anders sein!« rief sie aus, »sollte er Ihnen eine Deklaration gemacht haben? O, diese jungen Leute sind so unvorsichtig, ich kenne das!« »Schweigen Sie, Clara!« rief die Hofdame mit gebrochener Stimme und drückte ihr Taschentuch an die Augen. »O läugnen Sie nicht!« rief die Gräfin dringender, »ich kenne Ihr edles Herz, ich kenne Ihr Pflichtgefühl, Sie haben ihn zurecht gewiesen, Sie haben dem jungen Leichtsinn eine tüchtige Lektion gegeben.« »Clara!« bat die Hofdame mit bewegter Stimme. »Jetzt durchschau' ich die ganze Geschichte!« rief die Gräfin triumphirend. »Sie durften das Ihrer hohen Freundin, der Herzogin, nicht verschweigen, und der Befehl, das Schloß nicht mehr zu besuchen, wird nun in der Gesellschaft durch die Ungnade der Frau Herzogin vollkommen motivirt.« »Ich bitte Sie, liebe Gräfin!« entgegnete die Hofdame mit einer Stimme, die überzeugend klingen sollte, »Sie haben mich vollkommen mißverstanden, die Sache ist ganz anders, ich versichere es Ihnen, ganz anders! Wer das je gedacht hätte!« setzte sie hinzu und brach in wirkliche Thränen aus. Die Gräfin, ebenfalls tief bewegt, faßte abermals ihre Hände und sagte mit leiser Stimme: »Fassung, theure Adelaid! Wir wollen diesen jungen Leuten zeigen, was es heißt, so leichtsinnig und unüberlegt zu Werke zu gehen; noch hab' ich Zeit, einigen meiner Bekannten den Baron als vollkommenes Ungeheuer zu schildern. Adieu, liebe Freundin, in zwei kleinen Stunden habe ich wieder das Glück, Sie zu sehen.« Damit hauchte sie einen Kuß auf die Stirn der Hofdame und hüpfte aus dem Wagen. »Ja,« sprach sie zu sich selber, als sie ihrer Equipage zueilte, »dieser leichtsinnige junge Mensch, er verdient es vollkommen, daß man ihn für eine Zeit lang schlecht behandelt; geht da her – ich begreife die Welt nicht mehr – und macht der armen Adelaid den Hof, einer Frau hoch in den Dreißigen, als wenn es sonst keine schönen Frauen in der Gesellschaft gäbe! Aber er soll schlecht behandelt werden!« Damit warf sie hastig die Thür ihres Brougham zu und fuhr davon. Jean hatte ebenfalls den Wagenschlag geschlossen, rief dem Kutscher einen erhaltenen Befehl zu – nach Hause! – und sprang hinten auf; er hatte von der Unterhaltung keine Sylbe verloren, und während er so an der Equipage an seinen beiden Quasten hing und hin und her wackelte, machte er sich allerhand seltsame Ideen und meinte, es wäre so übel nicht, wenn er heute Abend seinen ehemaligen Herrn, den Baron Karl, auf einige Augenblicke besuchte. Sobald sie vor das Schloß fuhren, war dieser Vorsatz bei ihm zur Reife gelangt; er verabschiedete sich von Joseph, welcher Pluto und Tibull ausspannte, und ging lustig pfeifend durch die Nacht davon. Neuntes Kapitel. Vor dem Hofball. Es wird dem Leser nicht unangenehm sein, einen Augenblick die feuchten, kalten Straßen zu verlassen und mit uns in eine kleine, sehr elegante und behagliche Wohnung einzutreten, die sich am Ende der Stadt befindet. Es ist ein massives, zierlich gebautes Haus, von hohen Bäumen, welche in der jetzigen Jahreszeit mit ihren kahlen Aesten das Gebäude von allen Seiten wie mit einem Gitterwerk umschlingen und zwischen welche hindurch aus den Fenstern des ersten Stocks heller Lichterglanz auf die dunkle Straße bricht. Wir betreten den Kiesweg, der nicht unter unsern Füßen knarrt, wir öffnen geräuschlos die Hausthür und gehen über einen beleuchteten Gang ein escalier dérobéc hinauf; oben ist die Thür eines Vorzimmers nur angelehnt, wir gehen dreist hinein und haben das unaussprechliche Vergnügen, hier die Bedienten des Hausherrn zu überraschen, welche, da das Diner beendigt ist, in behaglicher Ruhe sitzen und die Reste einer Straßburger Gänseleberpastete verzehren und dieses ziemlich schwer verdauliche Gericht zur Erleichterung ihres Magens mit einigen Resten Bordeaux und Champagner reichlich begießen. Es sind hier im Ganzen vier Personen, die besagtem Geschäft mit größerem oder geringerem Eifer obliegen; die eigentlichen Vertilger der Gänseleberpastete sind aber zwei sehr elegant gekleidete Lakaien in himmelblauen Fräcken, langen weißen, mit Gold besetzten Westen, weißen Halsbinden, weißen kurzen Hosen und weißen seidenen Strümpfen in schwarz lakirten Schuhen. Eine bemerkenswerthe dritte Person steht mit dem Rücken gegen den Ofen und hält einen Champagnerkelch, den sie eben ausgetrunken, und stiert, wie in tiefe Träumereien versunken, gedankenlos vor sich hin, eine riesenhafte Figur, und seine Kleidung ist ebenfalls reich und geschmackvoll, – der Jäger. Besonders zu beachten ist der Kopf desselben; wir gestehen, nie einen volleren und schwärzeren Bart gesehen zu haben, er umfaßt die Wangen und das ganze Kinn dichtgekräuselt, und der Schnurrbart hebt sich in zwei langen Spitzen drohend davon ab. Der Ausdruck des Gesichtes ist, wie wir schon bemerkten, träumend, ja schwärmerisch zu nennen, und der Jäger erhebt nur zuweilen die Augen, um mit tiefer Verachtung dem gefräßigen Treiben der Lakaien zuzuschauen. Die vierte Person endlich ist unser Bekannter von vorhin, der Hoflakai Jean, der ruhig neben dem Ofen auf einem Stuhle sitzt. »Sie wollen nicht mithalten, Herr Lukas?« sagte einer der Lakaien zu dem Jäger und holte gerade eine große Trüffel aus dem Pastetengehäuse. »Laßt ihn doch, wenn er nicht will,« meinte der Andere, »er würde ja doch behaupten, er träume nur, daß wir eine Gänseleberpastete essen.« Jean sah lächelnd zu dem Jäger empor, der sein Champagnerglas niedersetzte und ruhig aus dem Zimmer ging. »Wenn ich der Herr wäre,« sprach der erste Lakai mit vollen Backen kauend, »ich behielt' einen solchen närrischen Kerl gar nicht bei mir;« worauf der Andere lachend entgegnete: »Sag' ihm doch, er solle dich zum Jäger machen und Lukas fortschicken.« Der also Angeredete zuckte die Achsel und sagte: »Er hat nun einmal den Narren an ihm gefressen; mir kann's im Grunde schon recht sein, aber ich hasse ihn nun einmal, denn ein Mensch, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wie wir, oder der nicht verrückt ist, wie er, kann nicht wie der Herr Lukas glauben, er träume alles, was er thue, er träume, was er esse und trinke, und er müsse endlich an einem schönen Morgen einmal ernstlich aufwachen.« »Glaubt er wirklich noch daran?« fragte Jean. »O ja,« entgegnete der erste Lakai, »und er ist ungeheuer pfiffig in seiner Narrheit: wenn er etwas nicht thun will, so sagt er: wozu auch? wenn ich nächstens aufwache, ist's ja doch nicht geschehen.« »Das kannst du ihm nie verzeihen,« lachte der andere Lakai und setzte dann, zu Jean gewendet, hinzu: »er hat den Lukas neulich um zehn Gulden anpumpen wollen, und darauf hat ihm der Jäger geantwortet, er würde es recht gern thun, aber was könne es ihm nützen? beim Erwachen nächstens habe er ja doch keine zehn Gulden!.« »Ja, so ist's,« sagte der erste Lakai, »aber ich bin fest überzeugt und hoffe darauf, der wird noch einmal auf eine unangenehme Art geweckt werden.« Bei diesen Worten versorgte er eine halbe Flasche Bordeaux und spülte dadurch seinen Aerger über den träumerischen Jäger hinab. Der andere Lakai aber, der schon länger im Dienst war, sprach zu dem Bordeauxtrinker: »Wenn dir übrigens deine Stelle im Hause lieb ist, so rathe ich dir, über den Herrn Lukas keine Witze zu machen, am allerwenigsten an Orten, wo man sie hören könnte; dergleichen ist bei uns, wie du weißt, kurz entschieden. Sieh nur den Jean da hinten an, der war' auch nicht aus dem Haus gekommen, wenn er mit dem Jäger hätte leben können.« »'s ist aber dessen Schade nicht gewesen,« sagte der Erste. »Allerdings,« entgegnete der Andere; »aber um Hoflakai zu werden, kann man nur Kerle brauchen, die gepfiffen sind und keine Strohköpfe.« Jean zupfte geschmeichelt seine weiße Halsbinde und erwiderte, er habe eigentlich durchaus nicht wegen des Jägers das Haus verlassen, denn im Grunde sei der Lukas ein Mensch, neben dem sich ganz gut leben lasse; »wohl verstanden,« setzte er wichtig thuend hinzu, »ein Bedienter, der nur nach der Zufriedenheit und nicht nach dem Vertrauen des Herrn strebt. Ich konnte mich mit ersterer nicht begnügen, ich muß wissen, was um mich her geschieht, und bei einigen Versuchen, dies zu erfahren, kriegt' ich einen Wortwechsel mit dem Herrn Lukas, und wir trennten uns auf die freundlichste Weise von der Welt.« Da das Haus, in welchem wir uns eben befinden, ziemlich klein war und unmöglich viel Räumlichkeit enthalten konnte, so waren die Bedienten genöthigt, die eben erwähnte Unterhaltung mit gedämpfter Stimme zu führen. An die Thür des Vorzimmers stieß drüben das Eßzimmer, in welchem sich ein kleiner Tisch zu sechs Personen in jener malerischen Unordnung befand, die eine reich mit Silber und Krystall besetzte verlassene Tafel darbietet, an welcher sechs junge Herrn so eben ihr Diner eingenommen. In der Mitte des nicht zu großen Tisches stand ein prachtvoller silberner Aufsatz, ein Rebengewinde vorstellend, und zwischen den fein gearbeiteten Blättern aus mattem Metall sah man wirkliche Früchte aller Weltgegenden und Jahreszeiten geschmackvoll geordnet, und oben drauf ein riesenhaftes Blumenbouquet, welches die herrlichsten Wohlgerüche ausduftete. Doch war sowohl Blumenbouquet als Fruchtaufsatz zerzaust und in Unordnung gerathen, und von ersterm hatte sich jeder der jungen Herrn eine wohlriechende Blüthe in das Knopfloch gesteckt. Die leeren Champagnerflaschen in schweren Eiskübeln standen zwischen den Couverts neben kleinen, außerordentlich massiven krystallenen Gefäßen, welche für jeden Gast besonders mit Eis gefüllt waren, um die Champagnerkelche darin abzukühlen. Reiche Damastservietten lagen neben und über einander, die zu Anfang des Diners so zierliche Gläserpyramide bei jedem Teller war in Unordnung gerathen, und in ihnen blitzten Getränke von allen Farben vom Weiß der Santerne bis zum tiefen Purpurroth des Bordeaux; dazu leuchteten sechszehn Wachskerzen von schweren, silbernen Girandolen, und ihr Licht strahlte wider in dem Krystall und Silber mit tausend glänzenden Punkten und zitternden Sternen. Das Zimmer selbst war sehr einfach möblirt, die Wände bedeckte eine einfarbige Ledertapete, in welche unterschiedliche Figuren in altem Geschmack gepreßt waren; unten war ein drei Fuß hohes Getäfel von geschnitztem Eichenholz und mit demselben gelben Leder überzogen wie die Tapeten, nur waren auf ihnen statt der eingepreßten Zeichnungen kleine vergoldete Figuren aufgesetzt; Fenster und Thüren waren mit schwerem, korinthfarbenem Sammet verhängt, und der Einrichter dieses schönen kleinen Gemachs hatte vollkommen gefühlt, wie unangenehm es sei, bei einem guten Diner durch Betrachtung der Fensterformen gestört zu werden und dadurch genöthigt zu sein, einen Theil der so angenehm beschäftigten Phantasie auf unnütze Gegenstände zu verwenden; deßhalb ließ der breite Sammetvorhang nur ahnen, wo vielleicht die Fenster sein könnten, und der Blick glitt wohlgefällig an der weichen Masse des Sammets wieder auf den eigenen Teller hinab. Was den Koch des Hauses anbelangt, so können wir nur sagen, daß nichts als die in Unordnung gebrachte Tafel an ein Zimmer erinnerte, in welchem eben gespeist wurde, und daß die Feinheit der aufgetragenen Schüsseln dem würzigen Aroma des riesenhaften Blumenbouquets durchaus nichts von seiner Frische benommen. Heben wir den schweren Sammetvorhang, welcher die Thür zum Salon verbirgt, in die Höhe und treten, Dank unserer Unsichtbarkeit, in denselben unbemerkt ein, so finden wir sechs junge Herrn, welche von den sechs Stühlen im Eßzimmer aufgestanden sind, sich nun nach der gehabten Mühe in weichen Fauteuils ausdehnen und, von einer guten Zigarre unterstützt, dem Werke der Verdauung obliegen. Der Jäger verließ so eben durch die andere Thüre den Salon, mit fester Hand einen schweren silbernen Teller tragend, auf welchem er den Kaffee umhergereicht. Dieser Salon war ebenso elegant, nur ungleich reicher möblirt, als das Speisezimmer. In einem großen Kamin von weißem Marmor brannten große Holzblöcke, in welche das Auge, durch die spielende Flamme angenehm unterhalten, gedankenlos und doch sanft träumend hineinstarrte. Die Unterhaltung in diesem Gemache ist sehr einsylbig, und man hört einen Augenblick nichts als das Klappern der Tassen, wenn sie auf einem großen Tische von Marmor geschoben werden, der in der Mitte des Zimmers steht, oder als das Picken der Uhr, die jetzt langsam, tiefklingend die siebente Stunde schlägt. »Es ist sieben Uhr,« sagte einer der jungen Herrn, indem er sich mühsam aus dem weichen Fauteuil aufraffte; »wer geht mit mir denselben Weg?« »Ist das Gehen,« fragte ein Anderer, »buchstäblich zu verstehen oder hast du deinen Wagen bestellt?« »Ei, mein Lieber,« versetzte Jener, »bei solch' scheußlichem Wetter dürfen meine Pferde nicht aus dem Stalle; doch da auch das Nachhausegehen nicht buchstäblich zu verstehen ist, so habe ich mir die Freiheit genommen, mich einer Drotschke zu bedienen, welche wahrscheinlich schon dort unten hält.« Mit diesen Worten trat er an's Fenster und zählte, durch die Scheibe sehend, zwei ... vier ... sechs Wagenlaternen, welche in dem Hofe durch den dunklen Abend leuchteten. »Ich habe es ebenso gemacht,« sagte ein Dritter und suchte, langsam im Zimmer umhergehend, seinen Hut, und ein Vierter setzte lachend hinzu: »Da ich im Voraus gewußt, daß Jeder von euch eine Drotschke bestellen wird, so habe ich es unterlassen, dasselbe zu thun, und Einer von euch kann die Ehre haben, mich nach Hause zu bringen.« »Gehen wir also,« sagte der Erstere; »guten Abend, Karl! wir sehen uns doch auf dem Balle?« Diese Frage richtete er an einen jungen Mann, welcher vor dem Kamin saß und einen mächtigen Holzblock mit der Zange herumwarf. »Wahrscheinlich komme ich auf eine halbe Stunde,« erwiderte der Hausherr, denn er war es, und reichte die Hand zum Abschiede, wobei er aufstand und seine vier Gäste, welche eben gesprochen, bis an die Thür geleitete. »Behüt' euch Gott! – Bis nachher! – Bis morgen!« – Der Jäger im Vorzimmer zog die Thüre hinter den Gästen ins Schloß, sie stiegen die Treppen hinab, und bald darauf hörte man unten drei Wagen über das Pflaster davonrasseln. Der Hund im Hofe bellte jedem eifrigst nach, dann ward es wieder still, wie vorher. In dem Salon blieb bei dem Herrn des Hauses nur Einer der Gäste zurück, welcher nun seinen Fauteuil näher an das Feuer zog und die Füße behaglich ausstreckte. Der Baron Karl stand ihm gegenüber, auf die Kaminplatte gestützt, und setzte einen kleinen Chinesen, der da stand, in Bewegung, so daß derselbe eifrigst mit dem Kopfe nickte; dann blickte er auf die Uhr und sagte: »Wir haben noch eine Weile Zeit, und es ist schön von dir, daß du noch bleibst.« »Schreibe es meiner Neugierde zu,« entgegnete der im Fauteuil. »Deine Andeutungen vor Tisch haben mich auf die näheren Umstände heißhungrig gemacht – also Alles entdeckt! Du bist ein entlarvter Verbrecher.« »In der That ein entlarvter Verbrecher,« entgegnete der Baron lachend, und der kleine Chinese bekräftigte es durch unzähliges Nicken mit dem Kopfe. »Wie ist aber die Sache so plötzlich gekommen?« forschte der Andere weiter; »und was soll jetzt geschehen?« »Ich ging also gestern in's Schloß,« antwortete der Baron, »wie immer um dieselbe Zeit und wurde wie immer angenommen; man öffnete mir den Salon und Jean sagte mir, Frau von C. werde gleich herauskommen. Ich stehe also in dem Zimmer, die würdige Dame läßt mich eine Zeit lang warten, ich setze mich, ich stehe wieder auf, ich schaue durch die Fenster auf den Schloßhof und besehe zum tausendsten Mal alle Bilder und gehe endlich durch eine offen stehende Thür, natürlich entgegengesetzt den innersten geheiligten Gemächern der Frau von C., in ein anstoßendes Gemach, von da in ein zweites und drittes, komme endlich vor eine halb angelehnte Thür, öffne dieselbe leise – denke dir mein Erstaunen, meine freudige Ueberraschung, ich befinde mich im Zimmer meiner angebeteten Pauline und sehe sie vor einem kleinen Tischchen sitzen und zeichnen,« »Ah!« rief der Andere aus. »Du weißt, wie viel tausend Mal ich schon im Schlosse war, du weißt, wie oft ich schon den Versuch machte, – natürlich in allen Formen, – dem Fräulein meinen Besuch abzustatten; du weißt auch, daß ich nie dazu kam; dir wird es gerade so gegangen sein: man wurde durch den Lakaien nach den Zimmern der Frau von C. gewiesen, und gewöhnlich in deren Beisein gab Pauline ihre Audienzen.« »Das ging so weit,« sagte der Andere lachend, »daß von den Damen nur die allervertrautesten Bekannten nicht genöthigt waren, denselben Weg zu machen; meine Schwester Clara hat mir's oft erzählt, und die Lakaien haben den besonderen Befehl, nur die näher Bezeichneten und vollkommen Vertrauten durch den eigentlichen Eingang zu den Zimmern des Hoffräuleins gehen zu lassen.« »Einen Augenblick,« fuhr der Baron fort, »stehe ich also erstaunt, und war schon im Begriffe, mich zurückzuziehen, als ich schnell überlegte, daß eine solche Gelegenheit, Paulinen einige Worte allein zu sagen, nicht sobald widerkehren dürfte; auch hatte sie bereits meinen Eintritt bemerkt und war mit einem Ausruf der Ueberraschung von ihrem Sitze aufgestanden.« »Da ich mit meinen Absichten auf das Mädchen vollkommen im Klaren war, so brauchte ich natürlich nicht viele Worte, um mich ihr zu erklären. Daß sie mir gut war, hatte ich lange bemerkt, doch wollte ich es aus ihrem eigenen Munde hören; und genug, nach einer kleinen Viertelstunde gestand sie mir denn auch, daß ich ihr nicht gleichgültig sei, und erlaubte mir, bei der Frau Herzogin um ihre Hand anzuhalten.« »Soweit war Alles gut; aber nun faßte ich ihre Hand, zog sie sanft an mich und erlaubte mir einen Kuß auf die Stirn, nur auf die Stirn, ich gebe mein Wort darauf – das Mädchen hat so etwas Imponirendes, man kann ihr nur wie einer Heiligen nahen, – ich küsse sie also leicht auf die Stirn, als ich das Rauschen eines seidenen Kleides hinter mir höre, ich wende mich rasch um und erblicke Frau von C., welche unter der Thüre steht und in Ohnmacht sinken will; doch hielt sie es für besser, dies nicht wirklich zu thun, sondern sie erholte sich zusehends und winkte mir majestätisch mit der Hand, ihr zu folgen; sie schritt vor mir her durch die hohen Zimmer wie ein mächtiges Gespenst mit erhobener Hand und ohne mich eines Blickes zu würdigen, bis zu dem Ende ihres Appartements, wo sie die Thür öffnete und mich entließ. Sie kam mir vor, wie der Engel mit dem flammenden Schwert an den Pforten des Paradieses und ich hätte mir gar nichts daraus gemacht, dasselbe, ein zweiter Adam, zu verlassen, wenn ich nur meine Eva hätte mitnehmen dürfen.« »Und versuchtest du keine Explikation?« fragte der Andere unbändig lachend; »Versuchtest du nicht, ihr deine aufrichtigen Absichten darzulegen?« »Nein, wahrhaftig!« antwortete der Baron; »ihr Blick war fürchterlich, und ich muß gestehen, daß ich der Frau von C. gegenüber nicht ohne alle Schuld bin.« »Du hast ihr die Cour gemacht,« sagte der Andere, »das weiß der ganze Hof.« »Konnte ich denn anders?« entgegnete heftig der Baron und ließ den Chinesen ein Kompliment machen, daß dessen Nase den dicken Bauch berührte; »es blieb mir keine andere Wahl, um Paulinen hie und da sehen zu können; doch ist die Strafe dem Verbrechen auf dem Fuße gefolgt; heute erhielt ich ein Schreiben der Frau von C., worin sie mir in Allerhöchstem Auftrage mittheilt, daß man vor der Hand nicht mehr wünsche, mich im Schlosse zu sehen, und daß selbst Ihre Majestät die Königin äußerst ungehalten auf mein unziemliches Betragen sei. Natürlich haben sie mich als Don Juan II., als Lovelace den Schlimmern geschildert, ich bin ein verabscheuungswürdiges Ungeheuer, ein Hofvampyr. – Auch enthielt der Brief die feste Voraussetzung, daß ich mich auf dem heutigen Balle der Prinzeß Eugen nicht würde sehen lassen; doch haben sie sich in dieser Voraussetzung vollkommen geirrt, und ich werde nicht fehlen.« »Hätte ich die Geschichte nur heute Mittag gewußt, so würde ich mich bei meiner Schwester Clara erkundigt haben, ob du schon in die Acht erklärt seiest, was auf keinen Fall ausbleiben kann, und dann wirst du unmenschlich behandelt. Von den Frauen verzeiht dir keine, daß du der alten Hofdame so lange die Cour gemacht, und die Comtessen hassen dich alle, weil du drei Viertel jedes Balls der befohlene Tänzer der Prinzessinnen warst und sonst nur mit Frau von C. und Paulinen getanzt hast.« »Ich muß das über mich ergehen lassen,« sagte achselzuckend der Baron, »kann aber nicht wegbleiben, denn ich will jeden Versuch machen, Paulinen ein paar Worte zuzuflüstern, daß sie fest auf mich bauen soll, und dann will ich auch deren Beschützerin, der Prinzeß Eugen, den ganzen Verlauf der Sache klar auseinander setzen.« »Bei Lichte besehen,« entgegnete der Andere, indem er aufstand und einen Blick in den Spiegel warf, »kannst du auch nichts Besseres thun.« Er zog wohlgefällig seine Cravatte in die Höhe und strich den großen schwarzen Schnurrbart. »Du bist eine gefallene Größe, lieber Freund, und obgleich mir dein Mißgeschick sehr zu Herzen geht, bin ich doch Egoist genug, mich zu freuen, daß wir bei den Frauen einen so gefährlichen Nebenbuhler los sind.« »Du bist mir ein schöner Kerl!« sagte der Baron lachend, und Jener fuhr fort, indem er abermals in den Spiegel sah: »Und doch, wenn du das Mädchen heirathen darfst, so bist du unser einem nicht mehr im Wege, und wir haben doppelten Vortheil, eine kleine allerliebste Dame bei deinen vortrefflichen Diner's, was kann erwünschter sein?« »Wenn ich aber nicht heirathen darf?« sagte der Baron und sah lächelnd seinen Freund an, »wenn ich in dem Falle nicht mehr hier bleibe und mein Haus geschlossen wird?« »Teufel auch!« antwortete der Andere ziemlich ernst; das wäre höchst fatal! Ich will dir einen guten Rath geben: wenn sie dir das Mädchen unter keinerlei Bedingung geben, so kehre zu den Füßen der Frau von C. zurück, sie wird dir verzeihen, und du bist ...« »Wieder Tänzer der Prinzessinnen!« ergänzte ironisch lachend der Baron, »werde wieder gut behandelt; ja, ja, ich will mir's überlegen.« »Bis nachher! – Adieu'.« Abermals rollte unten ein Wagen fort, abermals bellte unten der Hofhund, und der Baron Karl warf seine Cigarre in's Feuer und ging nachdenkend mit großen Schritten auf und ab; er schien mit sich zu Rathe zu gehen und etwas Wichtiges zu überlegen, und je mehr er sich in Gedanken vertiefte, desto heiterer wurden seine Mienen, und als er endlich an den Kamin zurück trat und die Klingel zog, summte er leise vor sich hin: »Unter blüh'nden Mandelbäumen, An der Loire grünem Strand.« Lukas trat ein. »Ist der Hoflakai noch draußen? Laß ihn herein kommen!« Jean trat in's Zimmer, machte seinem ehemaligen Herrn eine tiefe Verbeugung und referirte auf's Umständlichste, was er von der Unterredung der Hofdame mit der Gräfin Clara erlauscht. Zuweilen unterbrach ihn der Baron mit einem lachenden: »Ei, ei! schön! sehr schön!« und sagte, als der Hoflakai geendigt hatte, indem er aus der Westentasche ein paar Dukaten nahm und sie ihm hinreichte: »Ich bin dir für deine Mittheilungen sehr dankbar; hier, bezahle dir eine Droschke, damit du nicht zu spät in's Schloß kommst.« Der Lakai machte eine zögernde Verbeugung, und auf die Frage, ob es noch etwas gäbe, sagte er mit dem allerdevotesten Tone: »Wenn in dem Haushalt Euer Gnaden wieder einmal eine Stelle frei würde, so würde ich mich außerordentlich glücklich schätzen, wenn die Augen des Herrn Barons auf mich fielen, ich würde ganz glücklich sein, wenn ich mir jetzt das Vertrauen des gnädigen Herrn, das mir früher gefehlt, erworben; das war der einzige Kummer, den ich hatte, Herr Baron.« »Du bist ehrgeizig,« antwortete Dieser, und klopfte Jean lachend auf die Achseln; »vor der Hand dienst du mir besser in deiner jetzigen Stellung, später wollen wir einmal weiter sehen.« – Er winkte mit dem Kopfe und der Hoflakai verschwand. Ein neuer Zug an der Glocke rief den Jäger abermals herein. »Wie geht's, Lukas?« fragte freundlich der Baron; »nicht wahr, wir träumen sonderbares Zeug? Ja, lieber Freund, auch ich habe gar merkwürdige Träume, zuweilen finster und unheimlich, aber ich hoffe, das Erwachen soll angenehm sein – was meinst du?« Der Jäger zuckte mit den Achseln und erwiderte ernst: »Das Träumen dauert aber schon lange, Herr Baron, und wenn ich nicht bald aufwache, so fürchte ich wahrhaftig, ich muß fortträumen bis in die andere Welt hinüber; ich habe mich aber so an meine Träume gewöhnt, sie sind unterschiedlich recht angenehm. Schuld des Herrn Barons, daß wenn ich plötzlich aufwache und den blauen Regenschirm sehe, ich mich wahrscheinlich nach dem langen Schlafe zurücksehnen werde. Aber, Herr Baron,« sagte er sehr ernst und trat näher, »wenn ich alsdann aufwachte, ganz allein in der Welt stehend, und machte mich auf und suchte nach Ihnen, – denn ich fange an zu glauben, daß Sie irgendwo in der Welt existiren müssen – so dürfte ich doch bei Ihnen eintreten, und Sie nähmen mich vielleicht so freundlich in Ihre wirklichen Dienste, wie Sie es bisher im Traume gethan?« Man konnte in diesem Augenblick nicht genau unterscheiden, ob es das blitzende Auge des Jägers war oder eine Thräne in den dunklen Wimpern, worin sich die Wachskerzen auf dem Kamin widerspiegelten. Der Baron reichte dem Diener gerührt die Hand und sagte ernst und feierlich: »Träumend ober wachend, Lukas, du bist mir stets willkommen; mein Haus ist beständig für dich offen.« Der Jäger verbeugte sich dankend und drückte mit seinen beiden Händen die Rechte des Barons, dann ließ er sie los und stand wieder kerzengerade da, die Befehle seines Herrn erwartend. »Lukas,« sagte derselbe, »es ist mir von großer Wichtigkeit, noch vor dem Balle jenen Kutscher zu sprechen, welcher die Frau von C., die Hofdame, gewöhnlich zu fahren pflegt und auch diesen Abend fahren wird; kennst du ihn vielleicht?« »Es wird Joseph sein,« sagte der Jäger, »ich habe ihn heute in der Dämmerung fahren sehen, Jean war hinten auf.« »So nimm meinen Brougham,« entgegnete der Baron, »such' den Kutscher augenblicklich und bring' ihn mir hieher.« »Der Herr Baron wollen mir die Bemerkung erlauben: es ist schon halb acht, und um diese Zeit pflegen die königlichen Kutscher ihre Pferde aufzuschirren; er wird nicht Zeit haben, abzukommen.« »Du hast Recht,« sagte der Baron, »nimm aber dennoch meinen Wagen, fahre an den Marstall und sage dem Kutscher, ich wolle ihn dort sprechen, aber im Vertrauen sprechen, sobald er vom Palais der Prinzeß Eugen zurückkommt, – ist der Joseph ein vertrauter Mensch?« »O ja, Herr Baron, wenn er will,« entgegnete der Jäger, »und er wird wohl keine Ursache haben, Sie zu täuschen.« »Gut also,« sagte der Baron, »einige Minuten nach Acht fahre ich!« und setzte leise zu sich selber hinzu: »Ich werde alsdann etwas später auf den Ball kommen und gehörig begafft werden; das Gift über mich hat dann Zeit sich auszubreiten; ich muß der Gesellschaft diesen Gefallen schon erweisen.« Er winkte dem Jäger freundlich mit der Hand, der sich alsbald entfernte, und zog sich in sein Ankleidezimmer zurück. Zehntes Kapitel. Aus dem Marstall. Es mochte drei Viertel auf Acht sein, als Joseph die beiden Schimmel Pluto und Tibull abermals in ihren Ständern herumdrehte und zum Einspannen fertig machte. Der Stall hatte ein ganz anderes Aussehen, als heute Nachmittag; viele Laternen, die von der Decke herab hingen, beleuchteten den langen Gang ziemlich hell, und man sah jetzt wenigstens ebenso viel, wie am Tage; denn die kleinen Fenster ließen kein überflüssiges Licht herein. Die Pferde hatten soupirt, und unter ihnen war frisches Stroh geschüttet, in welchem ihrem Bette sie so recht behaglich standen und herumtrampelten. Hie und da wandte eins den Kopf herum und sah mit seinen leuchtenden Augen nach den Laternen, deren Licht sich in denselben wiederspiegelte; manches wälzte sich auch schon behaglich in seinem Strohlager und sah äußerst vergnügt den armen Collegen zu, welche eingeschirrt dastanden, um in Nacht und Schnee hinaus zu gehen. Es war diesen Abend viel mehr Leben, viel mehr Spektakel in dem Stall, als heute Nachmittag; auch eine Menge Kutscher liefen umher oder schirrten auf, dort wurde den Pferden laut zugerufen, hier wieherte ein Hengst, der neben seinen Gefährten zurückbleiben mußte, dort zog einer der Stallleute den Rock an und kämmte sich vor einem handgroßen Spiegel den Backenbart. Auch sah man diesen Abend in der Stallgasse viel weniger Pferdeschweife, aber desto mehr Köpfe, indem fast ein Drittel sämmtlicher Pferde zum Einschirren bereit standen; – bei so einem großen Ball sind eine Menge Equipagen nothwendig und der ganze Hof bedient sich derselben, einschließlich der Kammerherren und Adjutanten, wenn sie auch Pferde selbst genug im Stall stehen haben. Joseph stand neben seinen Schimmeln und war eben beschäftigt, an dem Kopfzeug Tibull's den Kehlriemen zuzuschnallen, und zog über dem Stirnband das lange, weiße Haarbüschel herunter. »Ich möchte doch wissen,« sprach er zu sich selber, »was der alte Baron von mir will! Wenn der Lukas ein Kerl wäre, der überhaupt zu so dummen alten Spässen aufgelegt wäre, so würde ich glauben, er wolle sich einen mit mir machen; aber den alten Jäger habe ich nie lachen sehen; er schaut beständig mit einem so finsteren Gesicht in die Welt, daß man darauf schwören kann, ihm fällt's nie ein, einen alten schlechten Witz zu machen. Nun, will schon sehen, was man von mir will.« In der Stallgasse wurde unterdessen bedeutend gelärmt, auch mitunter gejubelt, und allerlei Witze und lautes Lachen erscholl in diesen sonst so stillen Räumen. In der Mitte des Ganges ging eine sehr dicke Gestalt auf und ab, die Hände auf den Rücken gelegt, in blauem, bis unter den Hals zugeknöpftem Livreerock; derselbe war von Farbe und Schnitt wie alle übrigen, nur hatte er an dem Kragenrande eine schwere Goldborte. Die Beine dieser Gestalt waren zum Unterschiede von den übrigen Stallleuten mit langen, blauen Beinkleidern versehen, auch trugen sie Stiefel ohne Sporen. Wo sich aber in der Stallgasse der dicke Mann sehen ließ, da sank das laute Sprechen zum leisen Flüstern herab und das Lachen zu mühsam unterdrücktem Kichern; auch langten die Meisten ehrerbietig an ihren lakirten Hut, wenn er würdevoll vorüberschritt, und die Stallungen standen in solchem Augenblicke bolzgerade in den Ständern der Pferde, wo sie gerade einschirren halfen. Dieser Mann war auch eine außerordentlich wichtige Person im Staate, es war der Oberkutscher, Herr Mundels, und er allein hatte das Vorrecht, die Allerhöchsten Personen zu fahren – er war nämlich Leibkutscher des Königs und vollkommen mit sich darüber einig, daß sein Amt wichtiger als das einer jeden der obersten Hofchargen sei; war es doch z. B. nur bei ganz großen und feierlichen Gelegenheiten so einem Hofmarschall vergönnt, mit seinem Stabe vorauszutreten, und konnte sich auch diese Charge nicht rühmen, vor dem König bedeckten Hauptes sitzen zu dürfen, wohl aber der Oberkutscher. Wie feierlich und würdig schaute er von seiner reichgestickten Bockdecke herunter, wie wohl that es ihm, wenn Jeder, der nur von Weitem die dicke Gestalt mit dem Zügel in der Hand da oben erblickte, stehen blieb und ehrerbietig an den Hut langte, wie war er so voll Ehre, wenn er, freilich etwas mühsam, auf seinen Sitz hinaufkletterte! Ja, Herr Mundels, der im gewöhnlichen Leben der leutseligste und freundlichste Mann war, machte ordentlich ein ernstes, ingrimmiges Gesicht, wenn er, den dreieckigen Hut quer auf den Kopf gedrückt und die Peitsche majestätisch auf den rechten Schenkel gestützt, da oben saß. Wie ehrfurchtsvoll langte aber auch der Leiblakei an seinen Hut und ersuchte ihn, ob er so freundlich sein wolle, da- und dorthin zu fahren! Als er heute Abend so in der Stallgasse herumspazierte, hätte man ihn für einen alten Ritter halten können, der eben im Begriffe ist, sein Schlachtroß zu besteigen und Alles vor sich nieder zu werfen, so feierlich und festen Fußes schritt er einher, den Kopf hoch erhoben und im stolzesten Selbstbewußtsein frei um sich schauend. Sein Page, in Gestalt eines kleinen Stalljungen, ging Schritt für Schritt hinter ihm drein und trug ihm Helm und Lanze, das heißt: den dreieckigen, goldbordirten Hut und die mächtig lange Peitsche mit dem Elfenbeingriff. Jetzt wurde dem Oberkutscher gemeldet, daß für ihn eingespannt sei, worauf er langsam zur Thür hinausschritt, eilfertig gefolgt von den andern Kutschern, welche, ihre Pferde an der Hand, ihm folgten, auch Joseph mit Pluto und Tibull. Dieses Mal waren in der Remise sämmtliche Thüren geöffnet, und aus allen schauten die Wagendeichseln hervor; das sonst so finstere Gelaß sah jetzt mit den vielen Wagenlaternen wie illuminirt aus und bot einen freundlichen Anblick dar. Nachdem der Oberkutscher aus den Händen seines Pagen Helm und Lanze empfangen und sich auf seinen Bock geschwungen hatte, fuhr er langsam und feierlich davon, ebenso Joseph mit dem Gespensterwagen und die übrigen alle, worauf sie sich nach allen Richtungen zerstreuten und bald die Remise so dunkel ließen, wie früher. Die Stallthüre wurde geschlossen, und wir sind überzeugt, daß die Stallwache, sich außerordentlich freuend, bei dem nassen Schneewetter hier bleiben zu können, sich abermals auf einen Strohhaufen warf und abermals anfing, das Schwalbenlied zu pfeifen. Jean hatte Recht gehabt: die erste Hofdame fuhr allein auf den Ball und ließ außerdem, ehe sie herunter kam, ihren Wagen noch eine kleine Weile warten, so daß Joseph, als er zum Palais des Prinzen Eugen hinauf fuhr, schon seinen sämmtlichen Collegen begegnete, die von dort zurückkamen. Als er nun zum zweiten Male vor das Schloß fuhr und wieder zum Palais hinauf und dann in die Remise zurückkehrte, waren die andern Wagen schon alle wieder ausgespannt, und er befand sich in dem dunklen Raum allein, da auch Jean schon am Palais sich eilfertig entfernt hatte. Joseph hatte kaum die Stränge gelöst und die Aufhalter los geschnallt, als er das dumpfe, leise, zitternde Rollen eines leichten Broughams vernahm und jetzt die beiden Laternen dieses Wagens sah, der auf einmal an der Schloßecke hielt; er hörte den Schlag öffnen und sah, wie ein Herr, in einen Mantel gewickelt, sich der Remise näherte. Eine Stimme sagte: »Ist es Joseph?« und der Kutscher trat vor. »Es freut mich, daß Ihr Wort gehalten,« sagte der Baron Karl, denn er war es, und zog den Kutscher mit sich in das Innere der Remise; »ich glaube, ich kann mich auf Euch verlassen.« »Was ich verspreche, gnädiger Herr,« entgegnete Joseph, »daran pflege ich ein für allemal nichts zu ändern, und es muß mir eine Ehre sein, von einem Herrn wie Sie ausgesucht zu werden.« »Ihr seid ein gescheidter Mensch,« fuhr der Baron fort, »und werdet mich verstehen.« »Was das Gescheidtsein anbelangt,« sagte der Kutscher, »so will ich mich allenfalls dazu verstehen, wenn es in mein altes Geschäft hineinschlägt, wenn ich damit dienen kann und es nicht gegen die alte Stallordnung anstößt, recht gern!« »Ihr sollt mir einen Gefallen erzeigen,« entgegnete der Baron; »es ist durchaus nichts Unrechtes, was ich verlange, und es liegt in Eurem Geschäft.« »Nun, wenn etwas mit Peitsche und Zügel auszurichten ist und sonst keinen alten Hacken hat, da will ich einmal hören.« »Ihr holt heute Abend die Hofdame, Frau von C., vom Balle ab?« »Allerdings um zwölf Uhr, und auch das alte Hoffräulein.« »Wen, altes?« »Bitte um Entschuldigung, wollte sagen das Hoffräulein auch von dem alten Balle, Punkt zwölf Uhr, das heißt, etwas später, da ich zweimal fahren muß.« »Ganz recht, ganz recht! Und wenn Ihr mit dem Hoffräulein zurückkommt, so könnte es Euch ja in der Nähe des Triumphbogens passiren, daß eines von Euren Pferden sich einen Stein in das Hufeisen träte; was man in dem Falle thut, wißt Ihr ja.« »Ah ja!« sagte der Kutscher, und ein leichtes Lächeln flog über sein Gesicht. »So wie Ihr also am Triumphbogen merkt, daß das Handpferd einen Stein im Hufe hat, so ...« »Halte ich an,« sagte Joseph, »und klopfe den alten Stein wieder heraus, ich verstehe.« »Ganz recht! Zu lange wird das Herausklopfen nicht dauern,« fügte der Baron hinzu; »und wenn man in dem Wagen ungeduldig wird, wird man es Euch schon sagen.« »Verstanden,« antwortete der Kutscher; »ist das Alles?« »Vor der Hand, ja,« entgegnete der Baron und näherte zu gleicher Zeit seine Hand der des Kutschers, wo er etwas hineingleiten ließ. Joseph sträubte sich anfänglich, die Geldstücke zu nehmen, und hielt den Baron, der sich aus der Remise entfernen wollte, am Mantel fest. »Laßt nur gut sein, Joseph,« sagte dieser, »eine Kleinigkeit! Oder wollt Ihr sonst noch etwas sagen?« fügte er hinzu, als ihn der Kutscher nicht los ließ. »Verzeihen Sie, Herr Baron,« sagte Joseph, »aber ich hätte allerdings noch etwas zu bemerken; ich wollte nämlich nur fragen, ob auch dem Hoffräulein ein Gefallen damit geschieht, wenn ich sie an dem alten Triumphbogen mitten in der Nacht auf einmal halten lasse, ich kann es wahrhaftig nur in dem Falle thun, wenn es ihr recht ist, und das werden Sie mir in Wahrheit sagen.« »Unbesorgt,« sagte der Baron, »es geschieht mit ihrem Willen – nun was weiter?« »Dann möchte ich noch wissen,« fuhr der Kutscher pfiffig lächelnd fort, und faßte zur Entschuldigung, daß er den ungeduldigen Cavalier so lange aufhielt, ehrerbietig mit der Hand an seinen lackirten Hut, »dann wollte ich also nur noch wissen, wenn die alte Hofdame da oben die Geschichte zufällig einmal erfahren sollte, ob es sie auch vielleicht recht freuen würde.« »Im Gegentheil,« lachte der Baron, indem er davonsprang, »die würde kein sonderliches Gefallen daran haben.« »Ganz gut,« sagte der Kutscher, »Tibull soll sich einen mächtigen Stein in den alten Huf eintreten.« Draußen rollte der Brougham davon, und Joseph trat an seine Wagenlaterne, öffnete behutsam seine Hand und sah mit wirklich außerordentlichem Erstaunen, daß er vier Dukaten in derselben hielt; doch mochte die Größe dieser Summe daran Schuld sein, daß er auf den Gedanken kam, es könne für so viel Geld unmöglich etwas Anderes als etwas sehr Unrechtes von ihm verlangt werden, weßhalb er sich die Sache hin und her überlegte und zu Beruhigung seines Gewissens endlich vollkommen mit sich im Klaren war, daß es durchaus nicht gegen die Stallordnung und gegen den königlichen Dienst verstoße, an dem alten Triumphbogen einen Augenblick zu halten. »Was ich versprochen, werde ich thun,« sagte er zu sich selber, »aber etwas Anderes geschieht unter keiner Bedingung; die alte Wagenthür darf mir nicht geöffnet werden, und es darf Niemand hinein, und es darf Niemand heraus.« Ihm schwebte etwas von einer gewaltsamen Entführung vor, und in Folge dessen beschloß er, daß unter gar keinen Bedingungen die Wagenthür geöffnet werden dürfe. »Der Teufel auch,« sagte er, »das gäbe eine saubere alte Geschichte, wenn sie mir das Hoffräulein wegnähmen, und es hieße am andern Morgen: Der Joseph, der Esel, ist mit einem leeren Wagen nach Hause gekommen! Daraus wird nichts! Und was das Geld anbelangt,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort und besah die vier funkelnden Goldstücke, »so ist es besser, ich behalte für meine Person nichts davon. Dieß da,« er schob ein Stück in die linke Westentasche, »ist für die alte Frau, 's ist da so gut angelegt, als wenn ich es in die Armenbüchse thäte; dieß da,« er schob zwei Stück in die rechte Westentasche, »ist zur Collekte für das arme Kind, und für den letzten Dukaten werde ich heute Abend in der Kutscherstube einen capitalen Punsch aufwichsen; ich bin das meinen Kameraden schuldig, denn jeder von ihnen hätte eben so gut wie ich zufällig den alten Gespensterwagen heute Abend fahren und das Geld ebenfalls verdienen können. Abgemacht! Komm, Pluto!« Damit warf er die Zügel über die Schulter, nahm die Peitsche in die Hand und zog in den Stall. Bald waren die Pferde ausgeschirrt; Joseph steckte die Hände in die Taschen und ging in die Stadt hinaus, um augenblicklich die Ingredienzien zum erwähnten Punsch einzukaufen. Wie naß war es auf den Straßen, wie fegte der Wind und rasselten die wenigen alten Straßenlaternen, die noch hier und dort hingen und trübselig roth brannten! Wenige Leute waren in dem Wetter draußen, und diese Wenigen eilten, in Mäntel eingehüllt, rasch ihres Weges oder balancirten mühsam die durch den Sturm rebellisch gewordenen Regenschirme. Der Kutscher mußte lachen, als er vor sich her einen Mann gehen sah, der mit seinem ohnehin defekten Regenschirm alle möglichen Versuche machte, sich vor der Nässe zu schützen und dem Sturme Trotz zu bieten. Bald drehte er das hellbraune, vor Alter verschiedenartig gestreifte Dach links, bald rechts, hob es jetzt hoch empor und senkte es dann auf seinen Kopf, wobei er bald aussah, wie ein wandernder Pilz, und jetzt, als er sich ganz niederduckte, um eine vom Regen angeschwollene Rinne zu überspringen, und dann wieder, vom Winde geweht, rechts fuhr und darauf wieder links, wie eine wahnsinnig gewordene Schildkröte. Der unglückliche Träger des unglücklichen Regenschirms, der sich noch zu guter Letzt durch einen außerordentlichen Windstoß verzweiflungsvoll überschlug und wie um Barmherzigkeit jammernd seine früher abwärts gekehrten Spitzen nun wie eben so viel Arme aufwärts gen Himmel streckte, trat zu gleicher Zeit in den Laden des Spezereihändlers. Wie lachte der Kutscher, als er nun in das Gesicht des Regenschirmmannes sah und auf die ärmlichen Kleider desselben, an welchen das Wasser heruntertröpfelte! Doch lachte Joseph nicht aus bösem Herzen oder aus Schadenfreude, sondern weil er sich freute, in dem Durchnäßten einen alten Bekannten zu finden, und weil er merkte, daß derselbe trotz des schauerlichen Wetters in einem dünnen schwarzen Frack sich befand und daß er gelbe nasse Glaçehandschuhe anhatte und daß der eine seiner Vatermörder schlaff herabhing und der andere hoch aufgerichtet dastand, als fordere er die ganze Welt zur Rechenschaft auf über die Niederlage seines leblos hingesunkenen Kameraden. Dem Durchnäßten war nicht wohl zu Muthe; er blickte mit einer Jammermiene auf seinen zerstörten Schirm und auf seine ruinirte Toilette, und der Kutscher mußte alle möglichen Trostgründe aufsuchen, ehe es ihm gelang, auf dem blassen Gesicht des Andern ein leichtes Lächeln hervorzurufen. »Nehm' Er's mir nicht übel, Dubel,« sagte Joseph immer fort lachend, »aber Er sieht so komisch und defekt aus, so einer nassen alten Katze ähnlich, daß man Ihn unmöglich ohne Freuden ansehen kann! Was hat Er denn zum Teufel in dem alten Hundewetter auf den Straßen herum zu laufen, und obendrein in dem alten schwarzen Frack? Ich glaube gar, Er will auf den Hofball, he? alter Suitier!« Der Schneider mußte bei dieser Anrede ebenfalls mitlachen, und seine feurige Phantasie spiegelte ihm vor, es könne einem Cavalier, der wirklich zum Hofball gehe, ebenfalls ein solches Unglück zustoßen; doch beschatteten sich gleich darauf seine Züge wieder und er stieß einen schweren Seufzer aus. »Hatt' Er heute Abend was vor, alter Dubel?« fuhr der Kutscher fort; »ich glaube wahrhaftig, Er war auf dem Wege zu einem alten Rendezvous, he! hab' ich's getroffen?« Der Herr Dubel erhob sein niedergeschlagenes Auge, und der schmerzlich lächelnde Blick, mit dem er den Kutscher ansah, sagte mehr als tausend Worte, daß das unerbittliche Regenwetter wirklich eine der schönsten Hoffnungen des Schneiders vernichtet. »O Gott!« seufzte er, »was soll sie – was soll man, wollte ich sagen, von mir denken?« »Also wirklich so ein altes Rendezvous?« lachte der Kutscher, »Dubel, Dubel, Er ist ein Himmelsakermenter!« »Ach, geht mir weg, Joseph,« entgegnete der Schneider, »man kann so was nicht gleich Rendezvous nennen! sagen wir: eine Einladung in ein höchssss-t anssss-tändiges und achtbares Haus, wo sich allerdings eine junge Dame befindet, die mir gewissermaßen eine Erkenntlichkeit schuldig issss-t, ein sehr anssss-tändiges Haus.« – Dabei machte er den vergeblichen Versuch, den herabhängenden Vatermörder sanft aufzurichten. »Jetzt ist aber diese Einladung,« antwortete der Kutscher, »aus lauter Wasser zu Wasser geworden, und ich will Ihm was sagen, alter Dubel: so kann Er in das anständige Haus nicht gehen, also weiß Er was, komm' Er mit mir in den Stall; ich will hier eben das Nöthige zu einem tüchtigen Punsch einkaufen, und da kann Er mithalten, 's ist besser so; in dem anständigen Hause bekommt Er doch nur Thee zu saufen, und kann auch an einem andern Abend hingehen. Komm' Er nur mit! ich geb' Ihm da meinen alten Mantel, und da kann Er Seinen Frack zum Trocknen an den Ofen hängen.« Der Schneider stellte den rechten Fuß zierlich vor den linken, erkundigte sich, wie viel Uhr es sei, und versank, indem er die Hände auf den Rücken legte, einen Augenblick in tiefes Nachdenken. Wollte man der Wichtigkeit seiner Mienen glauben, so konnte man voraussetzen, er spräche ungefähr folgender Maßen zu sich selber: 's ist jetzt halb Neun; bis ich zu Hause bin, ist es Neun; meinem Kammerdiener gab ich die Erlaubnis, auszugehen, mein Kutscher, der Schlingel, ist im Wirthshaus; ehe ich mich also umkleide, ehe ich durch den Stallbuben einspannen lasse, ist es halb Zehn; nein, nein, das geht nicht! ich komme auf jeden Fall zu spät! Und nachdem der Schneider also gedacht, entschloß er sich, von seiner hohen socialen Stellung herab zu steigen und im Kutscherzimmer des königlichen Marstalles einen Punsch einzunehmen. Einige Flaschen Rum, sowie der nothwendige Zucker und Citronen waren bald gekauft, und die Beiden traten ihren Rückweg an. Der Herr Dubel machte keinen weitern Versuch, mit dem widerspenstigen Regenschirm gegen Wind und Wetter zu steuern, und langte aus diesem Grunde so ziemlich bis auf die Haut durchnäßt in dem warmen Kutscherzimmer an, wo er sich behaglich an dem Ofen niederließ und seinen dünnen Frack mit dem dichten Mantel vertauschte. Eilftes Kapitel. Ein Hofball und seine Folgen. Unterdessen rollte der Baron Karl, in die Ecke seines Wagens geschmiegt, dem Palais des Prinzen zu. Ein Anderer an seiner Stelle würde Angesichts der drohenden Wetterwolken, welche an seinem gesellschaftlichen Horizont finster und hastig emporstiegen, einigermaßen bekümmert, wenigstens sehr nachdenkend gewesen sein; Letzteres war der Baron auch, aber ohne daß irgend eine Bekümmerniß an diesem Nachdenken Schuld gewesen wäre; vielmehr nickte er zuweilen befriedigt mit dem Kopfe oder lachte vergnügt in sich hinein, und als er jetzt an dem dumpfen Rollen der Räder hörte, daß er unter dem gewölbten Steinportal des Palais angekommen sei, öffnete er behende wie sonst den Schlag seines Wagens, sprang hinaus und sagte freundlich zu dem Jäger, indem er seinen Mantel abwarf, er bäte ihn, seinen Wagen nicht zu vergessen. Lukas nickte und fuhr davon. Der Baron schritt durch die geöffneten Glasthüren festen Schrittes und aufrechten Hauptes an den sich tief verneigenden Portiers und Lakaien vorbei und ging auf dem dicken Teppichstreifen die breite Steintreppe hinauf, welche durch Gewächse aller Zonen und durch Reihen blühender Blumen zu einer Gartenterrasse umgewandelt war. Der Baron erschien in der That etwas spät an den Thüren des Vorzimmers, und da es keine Kleinigkeit ist, auf einem Hofballe zu spät zu kommen, so würden Viele an seiner Stelle diese geheiligten Räume mit bangem Herzen betreten haben, wenn sie auch nicht, wie er, mit doppelter und dreifacher Schuld beladen gewesen wären. Geräuschlos öffneten ihm die Kammerdiener die Thür eines ersten Zimmers, und er trat stolz und vornehm hinein. Hier waren solche Gäste versammelt, welche als Beamte von der und der Rangklasse zu den größeren Bällen bei den höchsten Herrschaften geladen wurden, meistens ältliche und gebrechliche Gestalten mit eckigen Haartouren, steifen, ernsthaften Gesichtern, weißen, mehrere Stockwerke hohen Halsbinden und eben solchen Westen, deren Schnitt etwas Patriarchalisches hatte. Die Fräcke dieser Herren stammten gleichfalls nicht aus dem letzten Jahrzehend und waren meistens aus der Frühlingszeit ihres Lebens, weßhalb sie auch größtentheils etwas Leichtes, Idyllisches hatten; vorn war es unmöglich, sie zusammen zu knöpfen, und hinten endigten sie mit langen Schößen im Schwalbenschwanzgeschmack. So standen sie eng geschaart, die kleinen Würdeträger des Beamtenthums, in zwei Reihen, einen Durchgang frei lassend, und sowohl die Eingangs- wie die Ausgangsthür fest im Auge behaltend, allzeit fertig, durch einen tiefen Bückling die Aufmerksamkeit einer hohen Person auf sich zu ziehen. Unter ihnen befanden sich etliche jüngere Gestalten, einige mit aufgeweckten Gesichtszügen und gewissermaßen eleganter Toilette, junge Künstler, welche die kunstliebende Fürstin nicht zu vergessen pflegte und die sich hier zeigen durften. Ihre Hofballexistenz war eigentlich nicht lustiger und vergnügter, als die der andern Herrn, bei welchen sie standen; einige der Kecksten unternahmen wohl schüchtern eine Entdeckungsreise in die angränzenden höhern Regionen, kehrten aber baldigst zurück, geblendet von dem Sternenschimmer und dem Kerzenglanz; nur zuweilen wagte es ein außerordentlich unternehmender Segler und wand sich durch die starren Eismassen der Hofherren hindurch in die Nähe des Tanzsaales, bis es für ein so kleines, unbedeutendes Schifflein kein Fahrwasser mehr gab, oder bis dem Wagehals an einem gewaltigen Eisblock in Gestalt einer dicken, alten Hofdame, die nicht zu umsegeln war, der Schiffbruch drohte. Der Baron grüßte die sich verneigenden Beamten freundlich, winkte hie und da einem Künstler mit der Hand und bemerkte mit ordentlichem Wohlgefallen, wie kühl und förmlich ihn der Cavalier des Hauses, ein alter, eingetrockneter Kammerherr, grüßte. Der Baron konnte es nicht unterlassen, ihm auf das freundlichste die Hand zu drücken und sie ihm länger als gewöhnlich zu schütteln, wobei er sich freute an der erschrecklichen Freundlichkeit, mit welcher ihn der Verlegene Cavalier angrinste. In diesem zweiten Zimmer sah es schon ganz anders aus: hier glänzten und strahlten die verschiedenartigsten Uniformen, und höhere Beamte und Stabsoffiziere freuten sich allda ihres Lebens. Schüchterne Lieutenants, die eben in die Welt traten und in der Gesellschaft noch nicht vorgestellt waren, rüsteten sich klopfenden Herzens und versuchten es, unter immerwährenden Entschuldigungen, unter tausend Verbeugungen und süßen Worten, den Durchgang zum Ballsaal zu erzwingen. Im dritten und vierten Zimmer bemerkte man vereinzelte Damen, sowie deren in kleinen Gruppen, welche von ältlichen Herrn eifrig unterhalten wurden. Man könnte die Zimmer eines Hofballs füglich mit den verschiedenen Regionen eines Gebirges vergleichen – erstes Zimmer: Schneeregion, wenige verkrüppelte Zwergtannen; zweites Zimmer: hochstämmige, steife Fichtenwaldungen, einige Vogelkirschen mit rothen glänzenden Beeren; drittes und viertes Zimmer: etwas wärmeres Klima, Vereinzelte Alpenblumen, die schon ein rauheres Klima vertragen können, und einige Erlen im Gespräche mit unterschiedlichem Nadelholz; im fünften und sechsten Zimmer blühen schon seltenere Gewächse aller Art; auch Brillanten gedeihen hier, doch erlangen sie in diesen Gemächern noch nicht vollkommene Reife und große Schönheit; stark vergoldetes Silber, Granaten, Bernstein, Emaille ist vorherrschend; etwas tiefer unten im achten, neunten Zimmer, und neben dem Ballsaale entfaltet sich aber vor dem erstaunten Auge die ganze Pracht einer südlichen Zone; Brillanten sind vorherrschend, und große Rubinen mit dem stammenden tiefen Roth, prachtvolle, feingezackte Spitzen in den phantastischsten Zeichnungen wallen auf Roben von weißer und farbiger Seide. Bunte Stoffe mit den glühendsten Farben flattern, Fächer mit bunten Federn zittern hin und her, glänzende Augen strahlen, und zwischen allem dem befinden sich schwarze Fräcke, steif und unheimlich, oder spazieren umher wie hochmüthige Raben auf einem Schneefelde unter anmuthig gezackten Eis- und Schneeblumen. Der Baron hatte auf seiner Wanderung bis hieher unterschiedliche und durchaus nicht zu verkennende Merkmale entdeckt, welche ihm deutlich sagten, daß im Morgenroth des Lebens sein Stern schon verblichen. Eine Whistpartie wurde ihm im vierten Zimmer angetragen, er aber gleich darauf von seinem Partner gebeten, sein schlechtes Gedächtniß zu entschuldigen, indem Graf X die vierte Karte bereits in Empfang genommen. Aeltliche Damen, mit denen er sonst auf dem freundlichsten Fuße stand, hatten seinen Gruß mit einem unendlich tiefen und förmlichen Knix erwidert, eine Schaar von Comtessen endlich schaute ihm neugierig und erwartungsvoll nach und folgte ihm in einiger Entfernung, um seinen Empfang bei den hohen Herrschaften zu sehen. Das Gift gegen ihn hatte tüchtig gewirkt, und die Mittheilungen über ihn waren von seiner Freundin, der Gräfin Clara, gewissenhaft benutzt worden; er sah nicht ohne Lächeln, wie Frau von C. bei seinem Eintritt überrascht das Taschentuch an das Gesicht führte, und wie ihn die Gräfin Clara scheinbar mit einem Blicke des größten Erstaunens grüßte. Nach allem dem gehörte seine ganze Gewandtheit dazu, um sich völlig unbefangen und ebenso elegant und redselig wie sonst dem Kreise der höchsten Damen zu nähern, der fürstlichen Wirthin sein Compliment zu machen und mit dieser liebenswürdigen Dame in dem Gespräche fortzufahren, in dem Moment, als die alte Herzogin hinter ihrem riesenhaften Fächer sein tiefes Compliment erwiderte, als habe sie nicht ihm, sondern einer Schaar liebenswürdiger kleiner Kinder zugelächelt, die auf eben diesem Fächer gemalt waren. Diese so sichtbar ausgedrückte Ungnade fiel für die noch nichts Wissenden des glatten Hofzirkels wie ein Stein auf die stille Fläche eines See's und zog weite Kreise, die sich immer mehr ausdehnten und den Sturz den entfernten Gestaden mittheilten. Was kümmerte aber alles dies den Baron? Stand nicht hinter dem Stuhle der jungen Herzogin das Hoffräulein, seine angebetete Pauline, die Königin seines Herzens, vor seinem Gewissen und vor Gott seine Braut? Er hätte Stunden lang hier stehen können, von Allen begafft, von Niemand angeredet, wenn er nicht hätte fürchten müssen, die Ungnade, welche auf ihm lastete, auch auf die unschuldige Quelle derselben überzutragen, indem sein Auge nur an ihr hing, an ihr, die sich verwirrt zu einer Bekannten niederbeugte, um ihr etwas Gleichgültiges ins Ohr zu sagen. Aus diesem Grunde aber riß er sich aus dem ihm so süßen Anblicke los, machte seine Verbeugung und trat zurück. Wo er aber ging und stand, fühlte er deutlich, wie die Blicke der Umstehenden auf ihm hafteten, und hörte, wie man sich in die Ohren zischelte, und konnte lächeln, wenn er bedachte, wie unzählige falsche Vermuthungen man über ihn wohl habe und welche Ursache für die Ungnade, in die er so plötzlich gefallen, angegeben wurde. Der Ball nahm unterdessen seinen Fortgang, und die Zeit rollte unaufhaltsam dahin, wie es diese sanfte Trösterin für alles menschliche Unglück ja immer zu machen pflegt. Stunde um Stunde verrann hier im Tanzsaal unter rauschender Musik, unter fröhlichen Menschen – sie waren es wenigstens dem Aeußern nach, – berechnet nach Walzer, Masurka, Française; und verrann ebenso in irgend einem dämmerigen Krankenzimmer, wo die Secunden gezählt wurden von fieberhaften Pulsschlägen und tiefen, schweren Athemzügen. – Die Lieutenants und andere jungen Herrn tanzten mit den jungen Damen nach der rauschenden Musik, und die älteren Damen saßen in lebhafter Unterhaltung um die Kamine; die älteren Herren spielten Whist oder ennuyirten sich; von den Bewohnern der Schneeregion verschwand einer nach dem andern, zufrieden, sich gezeigt zu haben und auf dem Hofballe gewesen zu sein. Der Baron schritt durch den Tanzsaal, wechselte mit guten Bekannten, die sich aus der Ungnade, welche über ihn verhängt war, nichts machten, einige freundliche Worte und stieß endlich auf seinen Gast bei dem heutigen Diner, den er unter dem Arme nahm und in ein Nebenzimmer zog. »Höre,« sagte dieser lachend, »du thätest besser, meinen Arm los zu lassen; Mensch, du compromittirst mich auf eine fürchterliche Art, siehst du? schon schaut man neugierig auf uns herüber! O Gott, wenn das meine Schwester Clara sieht, so werde ich heute Abend keinesfalls zum Tanze kommandirt!« »Laß das gut sein,« versetzte der Baron, »meine Sonne geht unter, um sich desto strahlender wieder empor zu schwingen; ich bin ein schwüler Sommerabend, ein heftiges Gewitter hat mich verfinstert; dann folgt aber eine liebliche milde Nacht; du weißt, wenn die Wolken sich wie weiche Schleier anmuthig dehnen und wenden und einen pas de shwal mit dem Monde tanzen. Jetzt tändeln sie um ihn herum und lassen nur an dem sanften Glanze ahnen, wo sich der schöne Himmelskörper befindet; jetzt hebt sich das silberne Gewebe, und er lauscht verschämt hindurch; die untern Wolken sinken abwärts, und bald steht ein ungetrübter, klarer Himmel vor uns.« »Das ist Alles schön und gut,« sagte der Andere, nachdem sich die Beiden in einem entfernten Zimmer in zwei Fauteuils am Kamine niedergelassen, »das ist Alles schön und gut, aber ich glaube, deine Nacht wird verzweifelt lang sein, so eine Polarnacht, und wenn deine Sonne wirklich wieder aufsteigt, leuchtet sie trübselig am Horizont durch dichte Nebel und erhebt sich zu keinem rechten Licht und Glanze mehr.« Der Baron bemühte sich, die glimmenden Holzblöcke in dem Kamin anzufachen, und als ihm dieses gelang, so daß die Flammen hell hinaufschlugen, sprach er triumphirend: »Glänzend wird sie wieder strahlen, die Flammen meines Glückes werden aufschlagen, wie die Flammen aus dieser erloschenen Gluth; aber ernstlich gesprochen, gib mir einen Rath, was in meiner Sache zu machen ist.« »Da ist guter Rath auf jeden Fall theuer,« entgegnete der Andere, »oder sehr wohlfeil, wie du willst. Laß morgen früh einspannen, fahre zur alten Herzogin und halte um die Hand des Hoffräuleins an; du bist eine der ersten Parthieen, die ich kenne, man kann dir das Mädchen im Grunde nicht abschlagen!« »Und wenn sie es doch thun, wenn sie sich darauf capriciren, mir ihren Besitz zu verweigern, wie dann?« »Ja, was dann? dann bleibt freilich nichts übrig –« »Als Paulinen zu entführen, meinst du.« »Bst, bst, bst!« sagte der Andere erschrocken und sah sich schüchtern rings um: »wie kann man nur so etwas sagen! eine Entführung bei Hofe! das ist ja seit ewigen Zeiten nicht vorgekommen.« »Weil es sich seit ewigen Zeiten der Mühe nicht lohnte, von da etwas zu entführen; aber verzeihe mir den Spaß, ich denke nicht im Entferntesten an dergleichen. Meine Meinung ist ebenfalls, ich lasse mich morgen früh melden und werde neugierig sein, zu erfahren, welche Gründe man geltend machen könnte, um mir die Hand des Fräuleins zu versagen.« »Das ist Alles ganz schön und gut,« entgegnete der Andere, »aber ich kann dir versichern, daß es ihnen an Gründen durchaus nicht fehlt; es wäre bei Gott am Besten, du nähertest dich auf die eine oder die andere Art der Frau von E. wieder. Du kannst ihr ja vielleicht sagen oder sagen lassen –« »›Ich liebe eigentlich nur sie‹,« willst du sagen. »Nein, nein! ich habe gegen sie gefehlt, ich hätte ehrlicher sein sollen, ich habe unter der Maske gespielt, das ist wahr; aber wenn ich mich ihr je wieder nahe, so sei es mit offenem Visir und sei es, indem ich durch ein offenes Bekenntniß meiner Liebe zu Paulinen den Versuch wenigstens mache, mich in ihrer Gunst zu restauriren.« »Aber eben zu diesem Zwecke mußt du dich der Baronin wieder nähern,« antwortete der Andere und sah mit Schrecken auf seine Uhr, wie schnell die Zeit vergehe. Er versicherte, zu einem Walzer, der nächstens anfangen müsse, und zu einer Masurka, zu einem Strohmann im Whist engagirt zu sein, und schwor, für einige sehr wichtige Causerieen in Anspruch genommen zu sein. Aus all' diesen Gründen stand er von seinem Fanteuil auf und wiederholte: »Aber eben zu diesem Zwecke halte ich es für dringend nothwendig, daß du es versuchst, bei Frau von C. vorzukommen. Zum Teufel! du mußt nicht den Allzukostbaren spielen und vor allen Dingen nicht vergessen, daß die Einwilligung zu einer Verbindung mit Paulinen sehr von der Baronin abhängen dürfte.« Bei diesen Worten hatte der Graf eine sehr wichtige Miene angenommen, zupfte vor dem Kaminspiegel seine Halsbinde in die Höhe und strich wohlgefällig das rothe Ordensband, welches um dieselbe geschlungen war, nieder. »Glaub mir, Charles,« fuhr er fort, »ohne Frau von C. geht's nun einmal nicht; schreib' ihr zwei Zeilen, und noch heute Abend, jetzt gleich – dort auf dem Tischchen steht Alles, was du brauchst; man läßt es ihr noch heute Abend zukommen – es ist wahrhaftig das Beste so.« Der Baron sah nachdenkend in die Flamme des Kamins und stieß mit dem Schüreisen die glühenden Kohlen zusammen; er schien sich nur ungern der Baronin zu nähern, sah aber zu gleicher Zeit, wie nothwendig es sei, diesen Schritt zu thun. Der Graf fuhr fort: »Je mehr ich mir das überlege, so ist dies der einzige Weg, zu dem Ziele zu gelangen. Nebenbei gesagt, bist du der Frau von C. wahrhaftig eine kleine Erklärung schuldig; schreib' ihr also zwei freundliche Zeilen, aber ganz in demselben Styl wie früher, und bitte sie, sie möge dir auf morgen eine Stunde bestimmen.« Der Baron ging widerstrebend an den kleinen Schreibtisch, aber er ging und schrieb mit noch größerem Widerwillen sechs Zeilen, die er in ein Couvert steckte, versiegelte und seinem Freunde übergab. »Da nimm!« sagte er, »aber besorg's pünktlich, ich fahre gleich nach zwölf Uhr zu Hause; wenn du nach dem Ball noch einen Augenblick bei mir vorkommst, soll mich's freuen; im andern Fall aber laß mich mein Schicksal morgen früh mit ein paar Worten wissen.« »Du gehst schon?« »Was soll ich hier machen? Paulinen kann ich ohne Aufsehen zu erregen, nicht sprechen; Prinz Eugen wird von der alten Herzogin nicht losgelassen, und im Uebrigen ist mir draußen Regen und Schnee lieber, als all' die Gesichter hier, die es heute für unverantwortlich von mir halten, daß ich in der Welt bin, daß ich überhaupt je geboren wurde. – Gute Nacht!« Der Graf steckte das Briefchen in seine Westentasche, fuhr emsig mit der rechten Hand über seinen linken Handschuh, wo sich eine kleine Falte gezeigt, und ging in den Ballsaal zurück. Der Baron blieb noch einen Augenblick stehen, und seine Augen folgten ihm; doch glitten seine Blicke bei der dahin wandelnden Gestalt vorbei und blieben auf einer Française haften, die sich im Tanzsaal aufgestellt. Sie war es, die dort hervorleuchtete, umgeben von Ordenssteinen und Brillanten, und es kam ihm vor, als werde jede Figur nur deßhalb gezogen und ausgeführt, um ihre Schönheit in vollem Licht zu zeigen. Wie stolz und doch lieblich schritt sie einher an der Hand des fürstlichen Wirthes, des Prinzen Eugen – und dieses herrliche Mädchen war sein, und was das Schönste war, es wußte Niemand von dem geschlossenen Bund dieser beiden Herzen; ja, Niemand Fremdes kannte dieses süße Geheimniß, Niemand, als dort das Mädchen selbst im Glanz von tausend Kerzen und hier er, in dem halb dunklen Zimmer, sie von fern betrachtend! Der Baron mußte sich mit Gewalt von dem Anblicke losreißen und eilte, indem er die glänzenden Zimmer hinter sich ließ, über eine kleine, ihm bekannte Treppe hinunter in das Vestibül und dann hinaus in die Nacht. Der Graf war in den Ballsaal getreten und glitt durch einen Haufen Zuschauer, welche bewundernd die Française betrachteten; leicht und gewandt schoß er dahin, mit vollen Segeln, bald seine Flagge hoch am Mast tragend, bald dieselbe tief senkend vor einer höchsten Person, und war gerade im Begriff, sich bei mehreren Damen an einem Kamin zu einer Causerie niederzulassen, als er plötzlich von seiner Schwester Clara geentert wurde, die ihn in ein schon ziemlich leer gewordenes Vorzimmer entführte. Die Dame stellte sich an einen Marmortisch, stützte die eine Hand darauf, während sie mit der andern ihr großes Ballbouquet schwang, und sagte: »Nun, du kannst es brauchen, daß du dich stundenlang mit dem Baron Karl in ein Nebenzimmer zurückziehst, vor den Augen des ganzen Hofes bei einer so offenkundigen Ungnade!« »Bah!« entgegnete der Bruder, »was geht das mich an? Mit deiner Wuth, alle Geschichten zu vergrößern! Stundenlang, sagst du, sei ich mit ihm in einem Nebenzimmer gewesen? – Kaum eine Viertelstunde, und wer wird's gesehen haben, wer wird auf uns achten?« »Auf dich allerdings Niemand,« lachte spöttisch die Schwester, »aber dem Baron folgen heute Abend tausend Augen. Und wenn ihr nur etwas Wichtiges zu verhandeln hattet! Aber was wird's sein? ein neues Pferd, eine Whistpartie, – wie gesagt, Alfons, du solltest klüger sein. – Mit wem hast du heute Abend getanzt? Bist du von einer fürstlichen Person befohlen worden? – Natürlich nein!« fuhr die Schwester nach einer kleinen Pause fort, als der Graf schweigend, aber im Gefühl seiner sonstigen Unwiderstehlichkeit Cravatte und Ordensband abermals zurecht rückte – »natürlich nein! weil Jedermann weiß, wie liirt du mit dem Baron bist – und dich obendrein mit ihm absondern! sei klug, Alfons!« »Bah!« sagte abermals der Graf, »bedenke nur, Clara, ein Freund und so eine einfache Ungnade!« Die Gräfin ließ fast vor Schrecken ihr Ballbouquet fallen. »Eine einfache Ungnade, sagst du? – eine dreifache, eine zehnfache, eine tausendfache sag' ich dir! und deine Existenz bei Hofe so auf's Spiel setzen! wegen gar nichts, wegen eines morgigen Diner's, wegen einer Opernprobe oder dergleichen! nicht wahr?« »Du bist einmal wieder voreilig und oben hinaus wie immer!« entgegnete Alfons wichtig thuend und fuhr fort, nachdem er sich überzeugt hatte, daß das Briefchen noch in seiner Westentasche war: »Wir haben Wichtiges verhandelt, sehr Wichtiges!« »Wichtiges?« spottete die Schwester; »hat er dich vielleicht aufgeklärt über sein Verhältniß zu der armen Adelaid – das Ungeheuer! – so sprich doch, wenn du etwas weißt!« Der Graf sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, lächelte abermals sehr wichtig, zog das Briefchen aus der Tasche und sagte, indem er es seiner Schwester zeigte: »du siehst nun, daß weder von einem Diner, noch von einer Opernprobe die Rede war; ich soll das der Frau von C. übergeben.« »So gib her!« sagte eifrig die Gräfin und wollte das Billet an sich nehmen, »ich kann es besser besorgen als du.« »Unmöglich, liebe Clara!« entgegnete der Graf lachend, »das ist für mich viel zu wichtig, ich muß der Frau von C., deren Augen wahrscheinlich unter den Tausenden waren, die mir nachgesehen, begreiflich machen, was ich in dem Nebenzimmer zu thun hatte – 's ist nur wegen der Ungnade,« setzte er spottend hinzu. Die Gräfin biß sich auf die Lippen, und nachdem sie einen Moment nachgedacht, war sie entschlossen, dem Bruder bei der allmächtigen Hofdame den Rang abzulaufen und ihr tröstend zu versichern, der Baron scheine sein grenzenloses Unrecht einzusehen und werde den Versuch machen, sich ihr de- und wehmüthig zu nahen. Damit rauschte sie hinaus und ließ ihren Bruder stehen. Dieser säumte auch nicht lange und hatte bald die passendste Gelegenheit gefunden, sein Billet der Hofdame überreichen zu können. Frau von C. verließ in der nächsten halben Stunde ihre Gesellschaft, warf sich in einen einsam stehenden Fauteuil, der durch eine Gruppe riesenhafter Orangenbäume gedeckt und vereinzelt dastand, und nahm den Grafen sehr gnädig auf, der ihr mit wenigen entschuldigenden Worten das Briefchen übergab und sich dann schleunigst zurückzog. Ihm kam es vor, als habe ihre Hand gezittert, als sie das Billet übernahm; doch beobachtete er sie aus der Ferne und sah bald darauf, wie sie sich triumphirend von ihrem Fauteuil erhob und unter der Menge verschwand. »Ich mochte doch wissen,« sagte Alfons zu sich selber, »was dieser Kerl da geschrieben hat; ich fürchte, er dreht den Mantel nach dem Winde, – arme Pauline!« Seine Vermuthung, als habe der Baron etwas außerordentlich Freundliches und Liebenswürdiges geschrieben, wurde für ihn fast zur vollkommensten Gewißheit durch die gnädige Behandlung, die ihm von der Frau von C. später zu Theil ward. Nicht nur, daß sie fast zehn Minuten lang über die gleichgültigsten Dinge, aber vor den Augen der alten Herzogin, mit ihm sprach, sondern es wurde ihm auch das hohe Glück zu Theil, auf dem heutigen Balle zwei Mal zum Tänzer für die jüngeren Prinzessinnen befohlen zu werden. – Glückseliger Alfons! Zwölftes Kapitel. Aus dem Kutscherzimmer. Das Kutscherzimmer des königlichen Marstalles war an Ballabenden wie der heutige der Versammlungsort für sämmtliche dienstthuende Kutscher, welche sich hier durch allerlei Kurzweil die Zeit bis zur Mitternacht vertrieben und alsdann ihre Wagen wieder einspannten, um ihre Herrschaften vom Balle abzuholen. Dieses Gemach, in den Mansarden des Marstalls gelegen, war außerordentlich groß und wurde zur Geschirrkammer für alte Prachtstücke gebraucht, welche außer Cours gekommen waren und nur hie und da noch bei Maskeraden, Caroussells und dergleichen benutzt wurden. Rings herum an den Wänden hingen diese alten Geschirre, reich mit Silber und vergoldeter Bronze beschlagen, mit bunten Bändern und farbigem Sammet aufgeputzt, in seltsamen Formen, die ein Sattler unserer Zeit in seinen kühnsten Phantasieen nie mehr hätte erfinden können. Daneben standen ungeheuerliche Sättel, und wo die blanken Nägel saßen, da hatte der Rost jedes Mal einen kleinen braunen Ring herumgezogen oder das Zeug durchfressen, und sie stachen vereinzelt in dem Holz. Auch alte, merkwürdig aussehende und sonderbar verzierte Schlitten waren da mit vergoldeten Gestellen, auf welchen Hirsche, Bären und andere Unthiere standen, deren Leib oben geöffnet und mit schwarzem Pelz ausgeschlagen war, um die Herrschaften in sich aufzunehmen. Diese waren ebenfalls seit undenklichen Zeiten nicht mehr gebraucht worden und schauten wehmüthig zu den kleinen Fenstern der Mansarde hinaus, wenn draußen der Schnee fiel und sie zurückbleiben mußten. Ingrimmig sperrte ein weißer Eisbär seinen Rachen auf, und wir sind überzeugt, daß er hie und da einen klagenden Laut ausstieß und wüthend sein Schellengeschirr schüttelte, wenn draußen die lange Peitsche knallte, wenn die Schellen an lustig dahinfahrenden Schlitten klingelten, wenn Fackelglanz an den trüben Fenstern vorbeifuhr, das Gemach auf einen Augenblick wie Blitze erhellend. Die ganze Einwohnerschaft dieses Zimmers war überhaupt recht gespensterhaft und sehr geeignet zu einem tollen Getreibe um Mitternacht. Da stand das Schlachtroß irgend eines alten Herzogs, plump ausgestopft, mit den glasigen Augen weit in unabsehbare Fernen hinausstierend, als erblicke es die Vergangenheit und sehe deutlich vor sich das alte blutgetränkte Feld, wo es sich zum letzten Male wiehernd gebäumt, und die alten Fahnen, denen es voll Kampfbegierde gefolgt. Auf seinem Rücken lag derselbe alte Sattel, und in dessen Halftern stacken noch dieselben alten Pistolen, die sein Herr gebraucht. In der einen befand sich vielleicht noch altes verrostetes Pulver, eine alte, fleckige Kugel und irgend ein zweihundertjähriger Papierpfropfen, abgerissen von einem unvordenklichen Landesanzeiger. Neben diesem Schlachtroß befand sich ein kleines Voltigirpferd von einem außerordentlich füllenartigen Ansehen; der Kopf hatte einen höchst wunderlichen Ausdruck und schaute auf dem dünnen Halse sehr altklug in die Welt; dazu der runde, mit Leder ausgestopfte Rücken, die vier geraden, unten ausgestreckten Beine, unförmlich und eckig, wie die eines lebendigen Füllens. Dieser Voltigirbock war um die Mitternachtsstunde das prachtvollste angehende Geisterpferd, das man je hätte sehen können; wie schauerlich und komisch zugleich, wenn es, von irgend einem Kobold geritten, daher galoppirt wäre, beständig stolpernd mit den unbehülflichen, steifen Beinen und beständig wackelnd mit dem viel zu schweren Kopfe! Wenn wir uns auch nicht unbedingt für das Dasein von Spukgestalten und Gespenstern aussprechen, so glauben wir doch lebhaft an leise Gespräche, welche das hohe, weitgereiste Schlachtroß mit dem kleinen, nicht über die Sattlerwerkstatt und den Marstall hinaus gekommene Voltigirpferd zur Erinnerung an alte, herrliche Tage für das Eine und zur Belehrung für das Andere hielten. »Gibt's Länder, Vater, wo nicht Berge sind?« Wenn man nun zu diesem kleinen Gemach sehr niedrige Mansardenfenster nimmt, mit kleinen Scheiben, die angelaufen sind und trüb und dunstig in allen Farben des Regenbogens spielen und obendrein durch dichte Spinngewebe tief verschleiert sind, und wenn man hiezu die sonderbaren Fresken betrachtet, welche von der kunstreichen Hand talentvoller Stallbuben keck auf die schmutzig-gelben Wände geworfen, Bilder aus dem Stalldienst oder Stillleben im Stalle darstellend, so kann man dieses Gemach nicht geradezu wohnlich und annehmlich finden. Die eben erwähnten Fresken waren entstanden zu einer Zeit, als das Zimmer eine Art von Carcer für die Stallbuben war, weßhalb sich hier namentlich Scenen aus dem Märtyrerthum verschiedener Reitzöglinge vorfanden. Dort war der Oberkutscher Herr Mündels zum Sprechen ähnlich getroffen, wie er im Begriffe war, mit einer Hand von sechs Fingern eine ungeheure Ohrfeige auszutheilen; hier stand ein arabischer Hengst, der, wenn die Zeichnung vollkommen correkt war, was Körperschönheit anbetraf, freilich weit hinter dem Voltigirbock zurückblieb, und war derselbe in dem Moment aufgefaßt, wo er sich vermittelst mehrerer, der Anatomie bis jetzt unbekannter Gelenke in seinem Rückgrathe, auf's allermerkwürdigste bäumte. Daneben sah man Hinrichtungen verruchter Verbrecher, sowie einige Stallobere gezeichnet, sinnreich mit der Erscheinung einiger handfester Mägde in Verbindung gebracht, wie sie offenbar auf verbotenen Wegen gingen. Bei Abend dagegen, wenn namentlich, wie es heute der Fall war, in dem Zimmer einige Talglichter brannten, wenn der große Ofen in der Mitte eine behagliche Wärme ausströmte, so daß der Schlitten-Eisbär vor Wärme beinahe zu heulen anfing, – eine merkwürdige Thatsache, welche die Menageriebesitzer zu behaupten pflegen, – wenn die leblosen Gestalten rings umher, wie heute, mit lustigen Gesichtern besetzt waren, so befand man sich nicht so übel in dem alten Kutscherzimmer. Wenn wir so eben von den leblosen Gegenständen rings umher sprachen, die von den Anwesenden besetzt seien, so ist dies buchstäblich zu verstehen; denn da es in dem Kutscherzimmer an Stühlen und Bänken fehlte, so wurden Schlitten oder Sattelböcke zum Liegen oder Sitzen benutzt. Der Oberkutscher, Herr Mundels, welcher die Einladung Josephs auf eine Herzstärkung herablassend angenommen, hatte es sich in einem Schlitten bequem gemacht und ruhte in dem Bauche des erwähnten Eisbären, denselben vollkommen ausfüllend; hinter ihm auf der Wurst hockte ein Vorreiter, die Peitsche im Stiefel, und ein anderer Kutscher hatte sich vorn auf das Trittbrett gesetzt, dem Vorgesetzten die Aussicht auf den Ofen und den Punsch gehorsamst freilassend. Joseph befand sich neben dem Ofen selbst, schüttete Rum und warmes Wasser in eine sehr große Waschschüssel, schnitt Citronen und Zucker hinein, ungefähr in denselben Dimensionen, wie man den Pferden das Brod einbrockt, und rührte diese Brühe behutsam mit einem zinnernen Löffel um, nachdem er denselben vorher vermittelst seines Sacktuches vom Staube gereinigt. Im Ganzen waren acht Personen hier versammelt, worunter unser Bekannter, der Herr Dubel, der neben dem Ofen auf dem defekten Sitz einer Kutsche saß, den er aus einem Winkel herbeigeschleppt hatte. Seinen Frack hatte der Schneider zwischen die Geweihe eines Schlittenhirsches zum Trocknen aufgehängt und fühlte sich in dem ihm verheißenen und auch zu Theil gewordenen Kutschermantel, durchglüht von dem warmen, starken Getränke, äußerst behaglich. Jean, der nicht fehlte, hatte sich ein Lager auf dem Boden zubereitet und ruhte da auf einem alten ledernen Sitzkissen. Zwischen dem Gastgeber selbst und dem Jäger Lukas, der ebenfalls erschienen war, hatte sich ein kleiner Höflichkeitsstreit entsponnen, indem Jeder dem Andern den Sattel des Schlachtrosses anbot und Jeder mit dem Voltigirbock vorlieb nehmen wollte. Endlich aber drang Joseph durch, der Herr Lukas schwang sich auf den schwarzen Hengst, und das alte Gestell erzitterte, während er aufstieg, wahrscheinlich aus Freude über den stattlichen passenden Reiter; denn wie der Jäger da oben saß mit dem bleichen Gesicht und dem kohlschwarzen Bart, in dem grünen, reich mit Gold geschmückten Kleide, fiel es Jedem auf, wie sehr Pferd und Reiter zusammenpaßten. Der Herr Dubel, der sehr für das Wunderbare geneigt war, versicherte, es sei ihm, als müsse der todte Hengst jeden Augenblick anfangen zu wiehern; und der Oberkutscher meinte, nachdem er einen tüchtigen Schluck von dem Punsch zu sich genommen, es habe durchaus keinen Anstand, daß der Jäger auf dem Schlachtrosse, wie der selige Herr von Rodenstein, der wilde Jäger, ausschaue. Lukas selbst fand diese Vergleichung außerordentlich passend und meinte, ein solcher Traum in dem gewöhnlichen, langweiligen Traum des Lebens würde ihm nicht so übel gefallen. Joseph schwang sich, nachdem alle Gläser gefüllt waren, auf den Voltigirbock und setzte sich dort zurecht, beide Beine auf einer Seite, wie es in manchen Gegenden die Bauern zu machen pflegen, wenn sie zu Markt fahren. »Ja, ja,« unterbrach nach einer Pause der Oberkutscher die Stille, »es hat durchaus keinen Anstand, daß der alte Hengst mehr erfahren hat, als wir alle zusammen; wenn der erzählen wollte!« »Es ist auf jeden Fall etwas Merkwürdiges um das Ausgestopftwerden,« sagte Jean; »das ist doch dieselbe Haut von demselben Hengst, den der alte Herzog selbst geritten.« »Und dasselbe alte Sattelzeug und dieselben alten Pistolen,« sagte Joseph, und Lukas fügte hinzu: »Man fühlt sich auch ganz sonderbar hier oben, und wenn man so hinausstarrt und mit den Augen die Mauern durchbohrt, so kann man einen hübschen Schlachtenlärm träumen.« Jean, der sein großes Glas ausgetrunken hatte, konnte sich von der Idee des Ausstopfens nicht trennen und meinte, es sei sehr traurig, daß man nicht auch die Menschen solchergestalt conservire, auf jeden Fall sollte man in jeder Familie das ausgestopfte Exemplar eines berühmten Vorfahren besitzen. »Es muß doch eine ganz eigene Raçe von Pferden gewesen sein, diese Dinger da,« sagte schüchtern der Vorreiter, »denn wenn man annimmt, daß so ein Vieh den schweren Reiter trug und in der Schlacht bolzgerade in die Höhe stieg und so zu sagen mitkämpfte, – das würde keines mehr von unsern Gäulen thun.« »Das macht der Ehrgeiz und das Selbstgefühl,« sagte wichtig der Oberkutscher; »in der heutigen Schlacht lauft Alles in einer Reihe und Eins verläßt sich auf das Andere; aber damals gingen so zwei Reiter auf einander los – hast du mich gesehen! und wenn sich die Herren mit ihren Schwertern zerschlugen, so hieben die Pferde mit ihren Hufen aufeinander los; ich habe einmal in einem Buch gelesen, wie das Schlachtroß eines Ritters mit dem rechten Huf die Lanze des Feinds auf die Seite schlug, während es mit dem andern das Pferd so auf die Brust stieß, daß es sich überschlug.« »Erstaunlich! – Unbegreiflich!« – sagten die Zuhörer, und der Oberkutscher, der in den Augen Joseph's und des Jägers einige Zweifel zu lesen schien, fügte hinzu: »Ich versichere euch, dergleichen hat durchaus keinen Anstand, und Niemand von euch wird einem Pferde Klugheit und Muth absprechen.« »Das ist wahr,« sagte der Kutscher auf dem Trittbrett, »ein Pferd ist das gescheidteste Thier in der ganzen Welt;« und der Vorreiter fügte hinzu: »das allergescheidteste.« »Ich möchte mir erlauben zu sagen,« mischte sich der Herr Dubel schüchtern in die Unterhaltung, – »daß neben dem Pferde wohl der Elephant genannt werden könnte; der Elephant issss-t wohl eben so intelligent, wie das Pferd.« Der Oberkutscher dachte einen Augenblick nach, that einen tüchtigen Zug aus seinem Glase und sagte alsdann beistimmend: »Es hat durchaus keinen Anstand; namentlich ist der Elephant außerordentlich ehrgeizig; ich habe einmal in einem Buch gelesen, daß ein Elephant in einer Menagerie, der bei einer Vorstellung zu viel Rum trank und sich vor einem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum berauscht zeigte, sich aus Scham und Reue selbst um's Leben brachte.« »Wahrhaftig!« riefen der Kutscher und der Vorreiter, und der Herr Dubel erlaubte sich schüchtern zu fragen, wie der Elephant das angefangen, worauf der Oberkutscher versicherte, er habe sich an seinem Rüssel aufgehängt, und hinzusetzte mit einem Ton, der alle Zweifel niederschlug: »Es hat durchaus keinen Anstand, daß sich ein Elephant an seinem eigenen Rüssel aufhängen kann.« Diese Erzählung aber war den Anwesenden so wunderbar erschienen, daß eine Zeit lang tiefes Stillschweigen herrschte, und als darauf der Herr Dubel die Unterhaltung wieder aufnahm, zeigte dessen Frage, daß sich sein Geist mit etwas Phantastischem beschäftigte; denn er erkundigte sich, ob Niemand von den Anwesenden wisse, ob die Benennung: »Gespensterwagen,« welchen sein Freund, der Herr Joseph, heute Abend zu führen die Ehre habe, nicht irgend einen bestimmten und glaublichen Grund habe. Joseph zuckte die Achseln und sagte, er habe sich nie darum bekümmert und die alte Benennung recht passend gefunden für das ewige Herumschwärmen des alten Gespensterwagens. Der Kutscher auf dem Trittbrett aber meinte, indem er sich nach dem Oberkutscher umsah, er habe früher einmal etwas von einem Gespensterwagen gehört, und wenn eine dergleichen Geschichte wirklich existire, so müsse dieselbe dem Herrn Mundels unbedingt bekannt sein. »Es hat durchaus keinen Anstand,« sagte der so schmeichelhaft Aufgeforderte, »daß einmal in früheren Jahren eine Geschichte mit einem Gespensterwagen passirt ist, und so viel ich mich deren erinnere, will ich euch davon mittheilen.« Joseph schwang sich von seinem Voltigirbock herab, füllte die Gläser auf's Neue, und der Oberkutscher erzählte: Von Veilchen I. und dem Gespensterwagen »Vor langen Jahren, ich glaube, es war in der Zeit, wo der schwarze Hengst da noch als Füllen auf der Wiese herumlief, und wo die Schlitten und Geschirrstücke hier im Zimmer nur als etwas außerordentlich Prächtiges bei hohen festlichen Gelegenheiten gebraucht wurden, da war ein Ur-Urvetter meines Vaters ebenfalls Kutscher bei Hof, und dem ist eine seltsame Geschichte mit dem Gespensterwagen passirt. Da war nun ein alter Kammerherr bei Hof, der bei sehr vielen guten Eigenschaften eine Schwäche für Veilchen hatte: das ganze Jahr standen dergleichen Blumen blühend in seinem Zimmer, seine Knieschnallen an den weißen seidenen Strümpfen waren mit Veilchen gestickt, seine Beinkleider waren Veilchenfarben und die goldenen ciselirten Knöpfe auf seinem Rock bildeten ebenfalls diese Blumen; dabei hatte er gewöhnlich einen Veilchenstrauß in der Hand, seine sämmtlichen Kleider rochen nach Veilchenpulver, und die Hofherrn nannten ihn nur Veilchen I. Der Kammerherr wäre ein vortrefflicher Mann bei Hof gewesen, wenn er nicht einen großen Fehler gehabt hätte: er litt nämlich an einer fürchterlichen Zerstreuung, die sich schon öfters kund gethan und manche komische Geschichten hervorgebracht hatte. Endlich eines Tages wurde er beauftragt, eine sehr vornehme Dame zum Hofdiner abzuholen. Hätte man nun schon damals die kleinen miserablen zweisitzigen Coupé's gekannt, welche, beiläufig gesagt, kein ordentlicher Kutscher im Stande ist, würdevoll und großartig zu führen, so wäre dem Kammerherrn wahrscheinlich nichts passirt; aber in jener Zeit war ein Hofwagen eine majestätische schwere Maschine, sechssitzig, mit hohen Spiegelgläsern, auf allen Seiten schwer vergoldet, mit ungeheuer hohen Federn und kleinen Rädern, und wenn davor ein Kutscher saß, von solidem Umfange, mit weißer Perrücke und langem gesticktem Paraderock, so hatte es gar keinen Anstand, daß eine solche Auffahrt sich prachtvoll und großartig ausnahm. Der Kammerherr nun fährt vor, holt die vornehme Dame auf's zierlichste aus ihren Gemächern herab, und als sie unten am Wagen angekommen sind, begeht er in der Zerstreuung das Entsetzliche – steigt zuerst hinein, setzt sich auf den Ehrensitz und läßt die vornehme Dame auf dem Rücksitz Platz nehmen. Wie sehr sie sich auch bemüht, auf den andern Platz zu gelangen, so gibt es der Kammerherr um keine Welt zu, da er fest und steif glaubt, er sitze, wie es sich gehöre, auf dem Rücksitz, und bittet die Dame um Gotteswillen, ihm das nicht anzuthun und auf seine Seite zu sitzen. So kommen sie vor's Schloß unter beständigen Demonstrationen und Complimenten, gehen zum Hofdiner, und als dort die Hofherren Veilchen I. seine Zerstreuung erzählen, fällt er wie aus den Wolken und bald darauf in die tiefste Ungnade, und ich versichere euch, es ist kein Spaß, bei Hof in Ungnade zu fallen. Seine vertrautesten Freunde wandten sich von ihm ab, er fand keine Partie Piquet mehr, die Kammerdiener, welche früher die Thür weit aufrissen, wenn er hereintrat, öffneten sie jetzt faul und nachläßig, so daß er öfters mit dem Degen anstieß; die Damen bei Hof, welche ihn bisher um seine Leidenschaft für die Veilchen bewundert, konnten plötzlich den Geruch dieser Blumen nicht mehr ausstehen; bei den größten Cirkeln sprachen die höchsten Personen mit ihm kein Wort, und wenn er den Dienst hatte, so pflegte der Fürst, wenn er sich zurückzog, die Thür seines Schlafzimmers selbst zu öffnen; kurz, Veilchen I. war eine gefallene Größe. Umsonst sprachen einige ihm treugebliebene Freunde von lebensgefährlichen Selbstmordversuchen, die der unglückliche Kammerherr glücklich überstanden; umsonst fiel er in eine lange Krankheit – sein Glück wollte nicht aufblühen; man that, nachdem er endlich wieder kam, als sei er gestern erst dagewesen, und fragte nicht einmal, warum man ihn mondenlang nicht gesehen; umsonst schwand er zum Schatten und wurde entsetzlich mager. Niemand erkundigte sich, wo seine Körperfülle geblieben. Da kam er auf die sinnreiche Idee und ließ sich einen neuen Anzug machen, wieder mit Veilchen besetzt, aber statt der veilchenfarbenen Beinkleider waren dieselben von weißer Seide, und statt des dunklen Violett prangten diese Blümchen auf Rock und Weste jetzt im tiefsten Schwarz; er sah von Weitem aus, wie mit großen schwarzen Schmeißfliegen bedeckt, und sein Anblick glich dem eines kranken und melancholischen Fliegenschimmels. Das wirkte endlich, und bei dem nächsten großen Hofzirkel, als er so auf diese Art tieftrauernd erschien, blieb der Fürst erstaunt vor ihm stehen und sprach mit ihm. Wie Engelsgeläute klang die Frage, die er that, in den Ohren des armen Kammerherrn; der Fürst fragte nämlich: Sind Sie musikalisch? und Veilchen I. bückte sich tief und antwortete: Ja, Euer Durchlaucht, ich schlage das Spinet und singe häufig : Blühe, liebes Veilchen! Der Fürst lachte, der ganze Hof lachte, und Veilchen I. lachte mit.« Hier machte der Oberkutscher eine Pause und ließ sich neuen Punsch eingießen; die Anderen änderten ihre Stellung ein wenig, um bequemer zu sitzen, nur Lukas behauptete wie eine Statue seinen Sitz in dem alten Reitersattel, er versetzte sich lebhaft in jene Zeit zurück, und wenn er sich die Sache recht überlegte, so hatte er vielleicht damals schon einmal gelebt und träumte vielleicht von da an immerfort, schon ein paar Jahrhunderte lang. Aber nein; einmal hatte er eine kurze Zeit lang wirklich gelebt und etwas Entsetzliches erlebt, das war ihm in seinen Träumereien vollkommen klar, und doch kam er sich zuweilen vor wie ein Wesen, das von Anbeginn der Welt existirt und das, Gott weiß in welchem unbekannten Winkel irgend eines alten Hauses fortschlummert und an dem lange, lange Jahre vorbeirollen, während es schläft und träumt; ein Wesen, das sich nur einmal, wie gesagt, erhoben hatte und wirklich ins Leben getreten war; aber an den Moment dachte er nur mit Schaudern und war außerordentlich froh, als er darauf wieder einschlief und ruhig fortträumen konnte. Im Uebrigen trank er seinen Punsch so gut wie jeder Andere und horchte aufmerksam wie jeder Andere auf die Erzählung des Oberkutschers, der also fortfuhr: »Es hat also durchaus keinen Anstand, daß man anfing, den armen Kammerherrn bei Hofe wieder zu bemerken, und daß die Sonne der Gnade wieder über seinem Haupte zu leuchten begann; aber es war keine fette, wohlthuende Sommersonne, die einem alten Körper so gut bekommt, nein, es war eine magere, blasse Wintersonne, die sich meistens hinter neidischen Schneewolken verbarg und nur höchst selten ein kümmerliches Licht auf den armen Kammerherrn fallen ließ. Als er das nächste Mal den Dienst hatte und dem Fürsten die Thür des Schlafzimmers öffnete, sah ihn Seine Durchlaucht lächelnd an, bewegte die Lippen und pfiff zum höchsten Entzücken des Kammerherrn einen Theil von der Melodie: Blühe, liebes Veilchen! Der Glückliche war außer sich und ging aufrechten Hauptes und stolzen Schrittes durch die dichten Reihen der Dienerschaft nach Hause. Daß eine solche Gnade, eine solche Anerkennung ihm heute zu Theil geworden war, konnte sein schwaches Herz nicht ohne heftige Aeußerungen ertragen. Zu Hause angekommen, setzte er sich an sein Spinet und raste in wilden Phantasieen über das Thema: Blühe, liebes Veilchen! Natürlicher Weise ließ der Kammerherr am andern Tage die Trauer von seinen Kleidern verschwinden und die Veilchen an seinem Leibe blühten in ihrer natürlichen Farbe und Schönheit wieder auf; aber Niemand bemerkte es: die Zeit sämmtlicher Veilchen war eigentlich vorbei, und nach diesem Rückfalle grämte sich der Kammerherr mehr als je ab, er wurde nach wie vor nicht bemerkt, man sprach nicht mehr mit ihm – doch halt! – richtig! noch ein einziges Mal, als er den Dienst hatte, sah ihn der Fürst an und pfiff gedankenlos einen Takt des bekannten Liedes, worauf sich Veilchen I. tief, sehr tief verneigte und worauf die Gnadensonne für ihn auf immer untergegangen war. Vergeblich kam er nach längerer Zeit, als er gänzlich unbeachtet blieb, wieder mit den Trauerveilchen, selbst das schlug nicht mehr an; vergebens erklärte er, unter solchen Umständen seinen Abschied nehmen zu müssen, es hielt ihn Niemand davon zurück; sein Schmerz steigerte sich auf eine fürchterliche Höhe, er begann unzusammenhängend zu sprechen und allerlei seltsames Zeug zu treiben. So geschah es, daß, als er eines Tages den Dienst hatte und den Fürsten an der Thür an sich vorbeigehen ließ, er den Kopf erhob und halblaut zwischen den Zähnen summte: »Blühe, liebes Veilchen!« Der Herr lachte aber nicht mehr darüber, sah vielmehr seinen Kammerherrn ernst an, machte eine sonderbare Handbewegung, und den andern Tag wurde der Kammerherr in Ruhestand versetzt. Der Ur-Urvetter meines Vaters fuhr ihn an jenem Tage nach Hause und hat versichert, er hätte nie ein jämmerlicheres Geschäft versehen; den Strauß, den er in der Hand trug, zerpflückte er unterwegs Stück für Stück und ließ die Blumen auf die Straßen flattern; in seinen Zimmern angekommen, setzte er sich an sein Spinet und spielte die verhängnißvolle Melodie immer und immerfort, ohne aufzuhören, von Morgens zehn Uhr bis Nachts um zwölf Uhr, und auch da spielte er noch fort, in die stille Mitternachtsstunde hinein, und wie Geisterruf klang es durch die hohen Zimmer: »Blühe, liebes Veilchen!« Gespenstige Schatten stiegen aus den Saiten des Spinet's hervor: eine Legion verstorbener Kammerherrn, die alle in Ungnade gefallen waren, schritten ins Zimmer und begrüßten ihn freundlich, nickten ihm zu und winkten ihm, in ihre Reihe zu treten. Aus der Luft herab fielen Myriaden von Veilchenblättern und hüllten die ganze Welt in violette Trauerschleier. Die Wachskerzen auf den schweren Leuchtern tropften dicke Thränen herab und hüllten sich ebenfalls in dichte Wachsschleier, und rings durch das Zimmer zogen tiefe Seufzer.«– – – Hier hielt der Oberkutscher einen Augenblick inne, um den Eindruck zu gewahren, welchen die tiefen, mitternächtlichen Seufzer auf seine Zuhörer hervorgebracht. Augenscheinlich waren Alle davon ergriffen, und er fuhr also befriedigt fort: »Es hat demnach keinen Anstand, daß ein solch' mitternächtliches Geseufze etwas höchst Grausiges an sich hat. Keiner von euch hat je etwas dergleichen gehört – oder du etwa?« wandte sich der Herr Mündels zum Vorreiter, der unruhig hin und her rückte; »hast du etwa schon ein Geseufze um Mitternacht gehört? und wenn du schon eines gehört hast, so wird es wohl ein eigenes gewesen sein, daß du mit einer blauen Nase nach Haus gekommen bist – aber,« fuhr der Oberkutscher feierlich fort, »ein Seufzer, den die Wände ausstoßen, ist etwas höchst Merkwürdiges, das fühlte auch der Kammerherr, ließ sich zu Bett bringen und legte sich hin, um nicht mehr aufzustehen.« »Er wäre am Ende ruhig und sanft gestorben, wie es einem guten Christen zukommt, und sein ewiger Schlaf wäre wahrscheinlich nicht gestört worden, wenn ihm nicht ein alter Bekannter unvorsichtig und voreilig genug erzählt hätte, daß sich der Fürst oft seiner in Gnaden erinnere, daß er fast jeden Abend beim Zubettegehen den diensttuenden Cavalier frage: Wie war doch die verrückte Melodie? – blühe – blühe – und daß der Herr ebenso wenig wie der Diener die Melodie je vollkommen zu Stande brächten. Und was pfeift der dienstthuende Kammerherr auf die Frage Seiner Durchlaucht für eine Weise? fragte der Sterbende mit matter Stimme, und der Andere antwortete: Nun, eine beliebige Melodie. Eine beliebige Melodie statt des herrlichen Liedes: Blühe, liebes Veilchen! das ist ja ganz entsetzlich! und damit schloß er die Augen und war todt. Kurze Zeit darauf, es war Winter geworden,« erzählte der Oberkutscher mit ernster Stimme weiter, »stand der Ur-Urvetter meines Vaters spät in der großen Remise und putzte die Spiegelscheiben an dem Wagen, womit er an dem Abend die Herrschaften vom Balle abholen mußte; der Wagen schaukelte und ächzte von der Bewegung, draußen war es kalt und unfreundlich, und als er mit seinem Geschäft fertig war, setzte er sich hinein auf die weichen Sammtkissen der Carosse und versank bald in einen festen und gesunden Schlaf. Mitten in seinen Träumen aber war es ihm, als stehe vor dem Wagen und schaue durch die Spiegelfenster hinein ein ihm wohlbekannter Lakai und sage, er, der Kutscher nämlich, habe vor zwölf Uhr einzuspannen und um die Mitternachtsstunde vor die St. Hubertuskirche zu fahren. Das träumte ihm nur, aber so außerordentlich klar und deutlich, daß unser Vetter, als er um drei Viertel auf zwölf Uhr aus seinem Schlaf erwachte, eilig seine beiden Pferde einspannte und nach der St. Hubertuskirche fuhr. Er hat später oft gesagt, wenn er diese Geschichte erzählte, er sei nie im Stande gewesen, darüber nachzudenken, wie sonderbar es doch sei, daß er Nachts um zwölf Uhr Jemanden an der Hubertuskirche abholen solle, er habe sich dies und das gedacht und es für nicht unglaublich gehalten, daß es einer Hofdame wohl einmal einfallen könne, Nachts um zwölf Uhr eine Beichte zu thun. So sei er also ruhig hinaus gefahren und habe gleichmüthig vor dem Thore des Friedhofs gehalten, welcher die Kirche umschließt. Bald darauf habe sich diese Thüre geöffnet, es sei Jemand herausgekommen und sei in den Wagen gestiegen, auch habe es außerordentlich nach Veilchen gerochen. Der Kutscher hat sich in diesem Augenblick nur gewundert, daß der Wagen gar keine Bewegung gemacht und daß er, ohne einen Befehl zu erhalten, vollkommen genau gewußt, er müsse nach Hof fahren. Das that er denn auch, und obgleich er selbst durchaus nicht erschreckt oder alterirt war, so waren dagegen die beiden Rappen vor dem Wagen, sonst die besten Pferde von der Welt, kaum zu halten. Am Portal des Schlosses angekommen, wurde der Wagen geöffnet, die dienstthuenden Lakaien im Gange stießen einen entsetzlichen Schrei aus, indem die Wagen- und die Schloßthür von selbst aufsprangen, ohne daß man Jemanden hindurchgehen sah, und unser Vetter, der Kutscher, der jetzt plötzlich wie aus einem tiefen Schlaf erwachte, jagte nach Hause, spannte aus und verkroch sich zitternd in sein Bett.« Hier schwieg der Oberkutscher, trank den Rest seines kalt gewordenen Punsches aus und war sichtlich erfreut, seine Zuhörer in großer Spannung gelassen zu haben und mit einiger Neugierde, was mit dem Passagier des Gespensterwagens eigentlich geschehen sei. Der Herr Dubel konnte auch nicht unterlassen, sich nach demselben zu erkundigen, worauf sich der Herr Mundels sein Glas abermals füllen ließ und mit ernster feierlicher Stimme sprach: »Als sich nach Beendigung dieses Hofballes der Fürst in sein Schlafgemach zurückzog, soll er zu seinem dienstthuenden Cavalier gesagt haben: Mein armer Kammerherr schläft also ruhig bei St. Hubertus; schade um ihn, er hatte sonst gute Eigenschaften – wie war doch die verrückte Melodie? Doch ehe der Cavalier antworten und den Mund öffnen konnte, trat eine sonderbare Gestalt aus dem leicht verdunkelten Nebenzimmer im weißen Kleide, mit schwarzen Veilchen gestickt, neigte sich tief, öffnete ihre eingefallenen Lippen und summte mit tiefer, schauerlicher Stimme: Blühe, liebes Veilchen! Dann zerfloß sie in Nebel, die Gestalt nämlich, und der Herr und der Cavalier standen da, starr vor Entsetzen. So soll es geschehen sein,« schloß der Oberkutscher und sah sich vorsichtig rings um. Die Zuhörer sahen ebenfalls vorsichtig rings in die dunklen Ecken des großen Zimmers, und bei dieser Bewegung, die sie auf ihren Sitzen machten, klingelten die alten Schlittenglocken und klirrten die Ketten an dem Geschirr des alten Schlachtrosses, der Kutscherbock, auf dem Herr Dubel saß, seufzte bei dieser Veranlassung so bedenklich, als habe er die ganze Geschichte mitgemacht und sei von ihm aus der Gespensterwagen an jenem Abend dirigirt worden. Noch eine Zeit lang, nachdem der Herr Mundels diese Geschichte erzählt, blieb ein gewisser Ernst auf den Gesichtern und Unterhaltungsgegenständen der Zuhörer haften und es wurde viel von Träumen gesprochen, welche namentlich der Herr Lukas, sowie auch der Herr Dubel als etwas durchaus Untrügliches darzustellen versuchten. Der Oberkutscher meinte jedoch, gute und böse Träume kämen aus dem Magen, und da das, was man esse, doch einigermaßen mit diesem Theile des Körpers in Verbindung gebracht werden könne, so bilde sich die Gattung der jedesmaligen Träume nach der Gattung des jedesmaligen Essens. »Ich kann sicher darauf gehen,« sagte Herr Mundels, »wenn ich Blutwurst esse, so träumt es mir von Gefechten, ungeheuren Schlägereien und schrecklichen Geschichten; esse ich aber z. B. Kutscherbraten, so träume ich des Nachts gewiß etwas, was mit meiner Kunst in Verbindung gebracht werden kann. So hatte ich unter Anderem vor einiger Zeit in Folge eines derartigen Nachtessens einen sehr unangenehmen und peinigenden Traum. Mir träumte nämlich, ich sei ein Omnibus, ein alter, gebrechlicher Omnibus, der auf seinen Rädern hin und her wackelte und der bei jedem Anstoß auf der Chaussee krachte und seufzte. In mich hinein packte der Omnibuskutscher, ein eigensinniger, schlecht gesinnter Hallunke, eine solche Menge von Passagieren, daß meine Seiten auf eine schreckliche Welse aus einander getrieben wurden, und das Volk in dem Omnibus, das heißt in mir, lärmte auf eine ganz unanständige Weise; auch glaube ich, daß sie sehr viel Bier und ein nicht geringes Quantum Wein getrunken hatten, es kam mir auch vor, als rauchten die Sünder in dem Omnibus entsetzlich schlechte Cigarren; kurz, ich wackelte in einem furchtbar elenden Zustande über die Straße und dabei war vor mich hin ein struppiger, krummbeiniger und lahmer Gaul gespannt, der es auf meine Schienbeine abgesehen hatte und so oft nach ihnen ausschlug, als ich einen Versuch machte, mich aus Verzweiflung in einen Chausseegraben zu wälzen. Endlich kamen wir ans Thor und als wir hinein wollten, war ich, oder der Omnibus, viel zu breit und das Thor viel zu eng; ich sollte hineingezwängt werden, die Kerle in mir schrieen, der Kutscher schimpfte, der Thorwärter fluchte, der alte Gaul schlug heftiger als je an meine Schienbeine, und ich erwachte.« »Erstaunlich!« sagte Jean. »Das war ein fürchterlicher Traum,« meinte Joseph und beeilte sich das Glas des Oberkutschers wieder aufzufüllen, damit er das Andenken an dieses schreckliche Gesicht hinabspüle in den Sitz der Träume. Der Jäger meinte auf seinem Schlachtroß, nachdem er sein Glas ausgetrunken und es dem alten Gaul wie eine Kappe auf's linke Ohr gestülpt: »Wenn wir, das heißt wenn ihr heute Nacht träumt, so werdet ihr glauben, in Citronengärten zu wandeln.« »Oder,« setzte Jean hinzu, »es kommt uns vielleicht auch vor, als seien wir dort hinten in Jamaika und müßten als elende Gschlafen Rum kochen.« »Ganz richtig!« lachte der Oberkutscher, dessen dickes Gesicht auf eine merkwürdige Art zu leuchten begann, »und ich komme mit der großen Fahrpeitsche als Oberaufseher hinter euch.« Pflichtschuldigst lachten der Kutscher auf seinem Trittbrett und der Vorreiter hinten ungeheuer über diesen Witz, so daß der Letztere fast von seiner Wurst hinuntergefallen wäre. Als nun gar Jean hinzufügte, der Herr Lukas werde eine solche Existenz, wenn sie wirklich bestände, für einen sehr schlechten Traum halten, ging das Lachen von Neuem los. Der Herr Mundels stampfte mit den Füßen in dem alten Eisbären, die Thränen liefen ihm über die blauroth angelaufenen Backen, und als ihm in diesem Moment obendrein noch ein Stück von einem Citronenkern in den unrechten Hals kam, so fing er an fürchterlich zu, husten und erlitt einen kleinen Erstickungsanfall, der nur dadurch gehoben werden konnte, daß der Vorreiter hinten seinen lackirten Hut wegwarf und sich mit dem Kopfe in den Rücken des Oberkutschers eingrub und ihn so plötzlich in eine aufrechtsitzende Stellung brachte. Ueber die Züge des Jägers glitt bei dieser Veranlassung ein leichtes Lächeln, er nahm Schluß in dem Sattel des alten Gaules, faßte die Zügel und sah aus, als wolle er hohnlachend die kleine Menschheit da unten über den Haufen reiten. Der Herr Dubel sah mit großer Ehrerbietung zu ihm hinauf. »Was wollt' ihr von Träumen sprechen?« fragte Lukas; »was ihr des Nachts seht oder zu sehen glaubt, kommt allerdings aus dem Magen, das sind keine Träume; wenn man heute Nacht ein Omnibus ist und morgen vielleicht ein Karrengaul, und wenn man vielleicht übermorgen ohne Hosen auf dem Markt herumläuft, – das ist nicht geträumt; aber wer kann sagen, er träume immerfort? Immer dasselbe Leben, bald anmuthig, bald langweilig, und wo er an seinem Traume heute aufhört, fangt er morgen wieder an; wer kann das von sich sagen?« »Ei, ei,« antwortete der Oberkutscher, indem er sich mit einem rothkarrirten Sacktuch die letzten Thränen aus dem dicken Gesicht wischte; »das ist mir auch schon vorgekommen, daß ich mehrere Nächte hinter einander von einem ungeheuren Nierenbraten geträumt habe?« »Ein Traum ohne Unterbrechung?« rief Lukas, »durch nichts unterbrochen, als die stille ruhige Nacht, wo ein gesunder Mensch schlafen und keine Träume haben soll – aber ein Traum am Tage, das ist etwas ganz Anderes.« »Und sind Sie aus diesem Traume niemals aufgewacht?« fragte Jean pfiffig lächelnd. »Bis jetzt nicht,« entgegnete der Jäger; »wird aber vielleicht noch kommen.« »Und könnten Sie uns nicht erzählen, theurer Herr Lukas, wann der Traum eigentlich anfing?« Der Jäger fuhr mit der Hand durch sein schwarzes Haar, und seine Augen leuchteten wie Blitze; er paßte so genau zu dem kohlschwarzen Roß mit den unheimlich glänzenden stieren Blicken, als habe nie etwas Anderes auf dem Sattel gesessen. Mann und Roß schienen Eins zu sein, ein berittenes Gespenst, gleich bereit, in der Mitternachtsstunde irgend einen wilden Spukritt anzutreten. »Ihr wollt wissen,« sagte der Jäger, »wann ich anfing zu träumen? meinetwegen, sei's darum! 's ist eine kurze Geschichte.« Und Lukas erzählte also: Vom blauen Regenschirm. »Ich war ein junger Bauernbursche, lebhaft und vergnügt, siebenzehn, achtzehn Jahre alt, – ja, es mag so gewesen sein, – und ich hatte für nichts Sinn als für die Pferde, mit denen ich auf dem Felde ackerte, und für die Blumen, welche ich im Walde fand, für letztere aber nur, weil ich sie, so lange es deren gab, allabendlich der jungen Tochter unserer Nachbarin, einer armen Frau, gab. Und das Mädchen war sehr schön. Das fühlte ich wohl, und wenn der Tag noch so freundlich aufstieg, und wenn die Morgenwolken noch so rosig am Himmel zogen, und wenn die Lerchen noch so munter aufwirbelten aus dem grünen thauigen Fruchtfelde, das alles war für mich nur dann erst schön, nachdem sie ihr kleines, mit Papier verklebtes Fenster geöffnet und hinaus gerufen hatte: Guten Morgen, Lukas! Damals träumte ich auch zu Nacht und träumte, wie das Mädchen mein wäre und ich sie in meinem Arm hielt, kurz, wie wir liebten und glücklich waren; dazwischen lagen aber in der Wirklichkeit noch ganze Berge von Hindernissen, und wenn ich mit dem Vater nur sprach von der Bettlerin und ihrer Tochter, so verfinsterte sich sein Gesicht, und einmal, als ich wie im Scherz sagte, die möchte ich heirathen, da hob er seine schwere Peitsche gegen mich auf. Trotzdem aber war ich viel drüben in dem kleinen verfallenen Häuschen und half der Alten, wo ich nur helfen konnte. Das Mädchen war meistens traurig und in sich gekehrt, die Alte dagegen lustig und guter Dinge, namentlich wenn ich ihr ein Säckchen mit Frucht über den Zaun warf oder des Winters einige Scheiter Holz oder dergleichen. Das dauerte so eine Zeit lang fort, und alsdann gingen Mutter und Tochter nach der großen Stadt, die nahe lag, um für das Mädchen ein Unterkommen zu finden; und sie fand auch eins bei einer Nähterin und ging von da an jeden Morgen dorthin und kam Abends wieder. Bald besserte sich auch das Verhältnis der Alten; es ging ihr nicht mehr so schlecht wie früher, und ich – nun, ich freute mich darüber. Das Mädchen war damals fünfzehn Jahre alt und frisch und gesund aufgeblüht wie eine Rose, man konnte nichts Schöneres sehen. Wenn sie aber so zuweilen daher kam durch das Dorf an Sonn- und Feiertagen, und wir junge Bursche standen beisammen, und ich dem Mädchen triumphirend nachsah, indem es in mir sprach: »die wird doch dein werden!« dann stießen sich einige der ältern Bursche lachend an; und als sie eines Tages ein neues hübsches Tuch trug, sagte einer von ihnen: »Ich möchte beim Blitz, die hätte das Geld von mir verdient!« und die Andern lachten. Das aber ging mir im Kopf herum, und ich dachte darüber nach und grübelte und wollte doch nichts herausbringen; auch mit der Alten sprach ich darüber, doch die lachte, sah mich mit einem sonderbar pfiffigen Blick an und brummte in sich hinein: »Man muß ja leben, das Hungersterben ist sehr unangenehm.« Mir ließ aber diese Geschichte Tag und Nacht keine Ruhe, und nachdem ich lange hin und her gesonnen, ging ich eines Morgens, es war Samstags vor Tagesanbruch nach der Stadt und verbarg mich am Thor, bis das Mädchen kam, dann folgte ich ihr von Weitem nach und sah, wie sie allerdings zu einer Nähterin ging, um da zu arbeiten. Ich blieb und wartete Stunde um Stunde, und endlich gegen vier Uhr, es war im Spätherbst, kam sie wieder heraus. Abermals folgte ich ihr von Weitem und sah, daß sie absichtlich durch mehr Straßen ging, als nothwendig war, und daß sie herumgehen wollte, bis es anfing, dunkel zu werden; dann trat sie vor ein großes Haus, sah sich schüchtern nach allen Seiten um und eilte durch ein Hofthor und dann durch eine kleine Thür in dieses Haus hinein, das sah ich. Ich schlich ihr nach, fand eine kleine, finstere Treppe, die ich langsam hinauftappte, und kam auf einen ebenfalls dunklen Vorplatz, wo ich nichts bemerkte, als gleich zwei feurigen Punkten zwei Schlüssellöcher, durch welche das Licht in den Zimmern auf den Vorplatz fiel. An dem einen horchte ich: es waren zwei Stimmen, die zusammen sprachen, Gott sei Dank! zwei Männerstimmen – aber was sprachen sie? Der Eine sagte lachend und flüsternd: »Wer ist da?« und die andere Stimme antwortete: »Es ist das hübsche Bauermädel, die alle Mittwoch und alle Samstag kommt.« »Schade um die,« erwiderte die erste Stimme, »die hätte in die rechten Hände fallen sollen, als daß sie so auf eigene Faust herumläuft;« und die andere Stimme entgegnete: »Allerdings, es ist eigentlich schade.« – – – Ich ging zurück an die andere Thür, und vor derselben stand ein alter blauer Regenschirm, den ich ganz genau kannte; vor nicht langer Zeit hatte ich an eben diesem alten blauen Regenschirm, als ich Abends in dem ärmlichen Zimmer draußen im Dorfe saß, die Stange mit einem Nagel befestigt, – sehen und hören konnte ich aber nichts aus dem Zimmer, wo der Regenschirm stand, es herrschte da eine entsetzliche sonderbare Stille. – Ich ging langsam des Weges zurück, wo ich hergekommen und es fror mich auf eine schreckliche Art, die Zähne schlugen mir im Munde zusammen und meine Hände waren starr, doch wartete ich geduldig, bis sie aus dem Hause auf der kleinen Treppe und dem dunklen Vorplatz herunter kam, und dann folgte ich ihr von Weitem, und als sie in einen kleinen Laden trat, ging ich ebenfalls da hinein. Als sie mich sah und erkannte, erschrak sie sichtlich und fuhr zusammen; sie sah sonderbar aus, ich habe ihr Gesicht seit damals nicht vergessen; ihr Auge war feucht, und ihre Hand zitterte, als sie ihre kleinen Einkäufe bezahlen wollte; auch wandte sie sich ängstlich rechts und links und wollte mich das Geldstück nicht sehen lassen, das sie gab.« – – Nach einer Pause, die der Jäger hier in der Erzählung gemacht, fuhr er ruhig und gleichmüthig fort: »Es war ein Zweiguldenstück und ich sagte: Du verdienst viel Geld, worauf sie mit leiser Stimme antwortete: »Ach Gott! ich habe das eigentlich nicht verdient; ich habe es mir nur entlehnt, und es hat mich eine entsetzliche Mühe gekostet, es zu bekommen. Aber,« setzte sie hastig hinzu, »ich habe es wahrhaftig nothwendig gebraucht, ich verdiene täglich sechszehn Kreuzer, und davon können wir nicht leben.« »Das ist ganz richtig,« entgegnete ich sehr ruhig, »davon könnt ihr nicht leben; aber wenn du es mir gesagt hättest, so hätte ich dir zwei Gulden geschenkt, so viel kann ich schon erübrigen.« Darauf zitterte ihre Hand heftiger als zuvor, und die Geldstücke, welche sie zurück bekam, klapperten ordentlich zusammen. »Wir wollen nach Hause gehen,« sagte ich nach einer Pause, und sie sah mich mit einem schrecklichen Blick an. »Ja, wir wollen nach Hause gehen,« fuhr ich fort, »ich will dich begleiten.« Sie ging neben mir her, und erst als ich's ihr zehnmal gesagt, hing sie sich an meinen Arm, und da es heftig regnete, so spannte ich den alten, blauen Regenschirm, der auf dem Vorplatze gestanden, über uns aus. Unterwegs muß ich allerlei sonderbares Zeug zu dem Mädchen gesprochen haben; oft lachte ich laut auf, und dann schauderte sie zusammen, endlich aber hörte ich sie einen gellenden Schrei ausstoßen, und dann war ich allein, doch kümmerte mich das durchaus nicht weiter; ich spazierte mit dem blauen Regenschirm ruhig nach Hause, legte mich zu Bett, und da war es, wo ich in einen tiefen, tiefen Schlaf fiel. Entsetzliches träumte mir: bald lag ich in einem glühenden Ofen, bald lag ich eingefroren in einem See und sah ganz sonderbare, gräßliche Gestalten, Gewürme, das aus dem glühenden Ofen an mein Herz kroch, und seltsame Eisvögel, die auf dem See um mich herum flogen; am schrecklichsten aber war mir der blaue Regenschirm, den ich häufig sah – zuerst war es eine blaue Wolke, auf welcher sie lag, ein fünfzehnjähriges Mädchen, frisch und blühend; die Wolke sank aber tief herab und verwandelte sich in einen schmutzigen, gähnenden Schlund, und als ich ihr nachschauen wollte, schloß er sich krachend über ihr zusammen. Dann träumte mir, es werde Frühjahr und ich kam hinaus in den grünen duftenden Wald zu einem Förster und lebte da ein ruhiges, träumerisches Leben. Jahre vergingen, so träumte ich nämlich, und dann wurde ich herrschaftlicher Jäger, Alles im Traume, und heute Abend träume ich von einer lustigen Punsch-Partie, die man eigentlich nicht mit alten, unangenehmen Erinnerungen trüben sollte. »Joseph,« so schloß der Jäger, »fülle mein Glas auf!« Damit nahm er dasselbe vom Ohr des Pferdes herunter, schwang sich aus dem Sattel auf den Boden und trank das gefüllte Glas auf einen Zug aus. »Lustig, lustig!« sagte er mit blitzenden Augen; »das Leben ist ein Traum, das haben schon weit klügere Leute als ich gesagt und bewiesen; nur fürchte ich mich einigermaßen vor dem Erwachen nach jenem Abend,« setzte er plötzlich ernst werdend hinzu, und seine Züge nahmen einen gespenstigen Ausdruck an; »wenn ich einmal erwache, so steht neben meinem Bette der blaue Regenschirm, und ich muß hinaus an den tiefen Dorfsee und mit den andern Burschen mit langen Stangen nach ihrem Leichnam suchen.« – Draußen auf den Kirchthürmen schlug es zwölf Uhr. Die Erzählung des Jägers hatte die Anwesenden sonderbar gestimmt, und Alle waren es zufrieden, daß die Mitternachtsstunde zum Aufbruch mahnte. Der Oberkutscher wälzte sich aus seinem Schlitten und meinte, es habe durchaus keinen Anstand, daß das ein ganz curioser Vorfall sei; der Kutscher und der Vorreiter sprangen eilfertig in die Höhe, und während der Erstere seinem Vorgesetzten den Rock, der sich durch's Liegen etwas in die Höhe geschoben hatte, sanft herabzog, reichte ihm der Vorreiter die kleine Mütze, die vom Kopf des Herrn Mundels gefallen war. Joseph füllte zum letzten Male die Gläser, und der Herr Dubel, den die Geschichte des Jägers besonders angeregt hatte, und der dieselbe sehr poetisch fand, sah nachsinnend in die leere Punsch- und Waschschüssel, er seufzte tief auf und wandte sich an Lukas, der sein Glas in der größten Ruhe trank. »Für mich,« sagte er, »wäre es wahrhaftig außerordentlich angenehm, auch so träumen zu können, nur möchte ich wünschen, daß diese Träume angenehmer Art wären; – was bietet uns das Leben? was bietet mir das Leben?« setzte er traurig hinzu. »Ach! meine Exissss-tenz, mein wirkliches Dasein ist ein höchssss-t bejammernswerthes, und doch bin ich nicht dazu gemacht, als Flickschneider untergehen zu müssen, wenigssss-tens fühle ich es in meinen Träumen; oder wenn ich anmuthige Bücher lese, ja, dann fühle ich es, wie sehr ich meinen Zweck verfehlt habe. Warum bin ich nicht mit meiner Nadel zufrieden? warum zieht es mich zu einem vornehmen, eleganten Leben, wenn ich nicht die Mittel dazu besitze?« »Das sind ebenfalls Träume,« sagte Jean, »und wir alle haben dergleichen Gedanken.« »Aber nicht wie ich,« sagte hastig der Schneider; »ihr fühlt euch in eurem Zussss-tande glücklich, ihr wünscht euch nichts Anderes, als ...« »Höchstens eine tüchtige Zulage!« lachte Jean. »Aber ich,« fuhr der Herr Dubel fort, »verzehre mich in Sehnsucht nach einem Glück, das mir doch nie zu Theil wird; bei jeder Equipage, die vorbeirollt, denke ich an meine eigene, die ich besitzen könnte; wenn die Leute ins Theater fahren, so sehe ich im Geiste meine Loge von rothem Sammt mit weichen Stühlen, und die liegt,« setzte er trübe vor sich hin lächeln hinzu, »dicht neben der Bühne und hat eine Thüre da hinaus.« Alle lachten bei den Phantastieen des Schneiders; der Oberkutscher sagte, es habe gar keinen Anstand, daß es viel besser und vernünftiger sei, sich mit seinem kleinen Loose zu begnügen. Dabei schaute er auf seinen dicken Bauch und dachte an seinen reichgestickten Rock, der zu Haus im Schranke hing, und erblickte schmunzelnd in dem Punschglase die große Staatscarosse und die Leute mit den abgezogenen Hüten. Alle, wie gesagt, lachten über die Worte des Schneiders, nur der Jäger nicht, der mitleidig zuschaute, wie der Herr Dubel den warmen Kutschermantel auszog und sich besondere Mühe gab, sein noch feuchtes Fräckchen an den Leib zu bringen. »Ich bin ja nicht unbescheiden in meinen Wünschen,« klagte der Schneider, indem er die Arme weit aus einander breitete und unter kräftigem Ringen den Versuch machte, den Kragen seines engen Rockes seinem Halse näher zu bringen, »es könnte mich ja glücklich machen, wenn ich nur auf Augenblicke in dem Wagen eines vornehmen Herrn schwelgen könnte; ich bin gewiß nicht unbescheiden.« »Dazu könnte Rath werden,« meinte der Jäger; »wenn es Ihn z. B. glücklich machen kann, einmal mit allem Zugehör nach Hause gefahren zu werden, so komm Er mit mir, ich will Ihn in aller Form vor Seine Wohnung bringen.« Herr Dubel lächelte ungläubig; aber Jean, der dem Jäger einen Wink gab, sagte: »Warum denn nicht? ich bin überzeugt, wenn der Herr Lukas was sagt, so fährt er Euch in dem Brougham des Barons nach Hause.« Joseph trat ebenfalls lachend näher, klopfte dem Schneider auf die Schulter und sagte: »Steig' Er ein, alter Dubel; mich soll der Teufel holen, wenn in dem alten Stall dergleichen alte Spässe nicht übel aufgenommen würden, so führe ich Ihn auch einmal nach Hause.« Und der Oberkutscher setzte hinzu, das sei ohne allen Anstand ein Kapitalspaß. Demgemäß verließen Sämmtliche von der Punschgesellschaft das Kutscherzimmer und stiegen in den Stall hinab, oder gingen, um ihre bereits eingespannten Equipagen aufzusuchen. Lukas, der mit dem Schneider ging, blieb vor dem Thor des Marstalles stehen und wartete auf die Equipage des Barons, die auch bald mit zwei Laternen heranrollte. Der Herr Dubel lachte freudig in sich hinein über die bevorstehende Fahrt und bedauerte nur, daß es nicht Mittagsstunde sei, um Bekannten, die ihm allenfalls begegnen würden, freundliche Grüße zu spenden. Ernst und feierlich wie immer öffnete der Jäger den Schlag des haltenden Broughams, erkundigte sich, ob Seine Gnaden eine Cigarre anzustecken wünschten, machte auf die bejahende Antwort Feuer und reichte dasselbe dem Schneider sammt einer guten Cigarre, welche der Herr Dubel alsbald anbrannte, sich darauf in die weichen Kissen zurückwarf und schläfrig befahl, nach Hause zu fahren. »Elstergasse, Numero Vierundvierzig!« sagte Lukas zu dem Kutscher, und der Herr Dubel fügte hinzu: »Vier Treppen hoch, hinten hinaus!« und dahin fuhr der elegante Brougham, dumpf rollend und angenehm schaukelnd. Die Laternen warfen zitternde Lichter auf die Gegenstände rechts und links, an welchen sie vorbeikamen; die Hufe der Pferde klapperten auf dem Pflaster und der Herr Dubel war überglücklich. »Ach,« seufzte er, »wenn mich so die Honoratiorentochter sehen könnte! wenn ich so bei ihr vorfahren dürfte! 's wäre doch eine Möglichkeit da, ihr Herz zu erringen.« Es ging dem Schneider in diesem Augenblicke, wie es den meisten Menschen geht, die immer weiter schweifen, wenigstens in Gedanken, obgleich das Schöne doch so nahe liegt. Ihm genügte nicht mehr der elegante Wagen, in welchem er lag: nein! er knüpfte an denselben Eroberungsversuche, Herzenseinnahmen, das ganze lustige und leichte Leben eines reichen Kavaliers und fand sich deßhalb sehr unangenehm berührt, als der Wagen in die tiefer gelegenen Stadttheile einbog, wo arme Miethsbewohner bei kleinen Gewerbsleuten ihr bescheidenes Zimmerchen haben. Man hätte dieses Viertel den Federviehhof der Stadt nennen können; denn in ihm gab es Elster- und Krähenstraße, Tauben- und Hühnerhof; und hier wohnte auch der Herr Dubel, dort in jenem langen, schmalen Gebäude, ausgezeichnet durch einen kohlschwarzen Giebel und durch ein kleines, stilles Weinhaus im untern Stock, welches gewöhnlich von Gästen aus der höheren Bürgerklasse benützt wurde. Man sollte glauben, dieselben hätten Wirthshäuser, auf den breiteren Straßen gelegen, besucht; dem war aber nicht so, und je enger und schmieriger eine Weinkneipe zwischen Häuser und Düngergruben eingekeilt lag, desto größeren Zuspruchs erfreute sie sich in hiesiger Stadt. Nur recht verborgen, nur ungesehen von der ganzen Nachbarschaft mußte man in die Wirthsstube gelangen können, das war neben einem guten Wein ein Haupterforderniß und ein Anziehungspunkt für die Stammgäste. Ein spekulativer Kopf, dessen Haus mit der vorderen Seite an einer belebten Straße lag, während auf der andern Seite des Hauses ein tiefer Graben war, der das Gebäude von einem unscheinbaren Stadtviertel trennte, und von wo man nur auf ausgetretenen Treppen zwischen den schmutzigen Mauern aufwärts in das Haus gelangen konnte, hatte die glückliche Idee, den Eingang zur Weinstube nach hinten zu verlegen, – eine zeit- und stadtgemäße Veränderung, welche ihm eine ungeheure Menge Gäste zuführte und ihn in Kurzem zum wohlhabenden Manne machte. In der Elstergasse nun, vor dem Hause Numero vierundvierzig, standen in der geöffneten Thür neben dem schlaftrunkenen Wirth die letzten Gäste, welche die Mitternachtsstunde zum Aufbruch gemahnt hatte und die daran waren, sich nach Hause zu verfügen. Sie waren gerade im Begriff, das Wetter für die nächsten Tage zu prophezeien, und einer unter ihnen wollte aus verschiedenen lichten Streifen am Himmel ein heranziehendes Frostwetter erkennen. Es waren ihre drei, die da standen, wovon zwei außer dicken Ueberröcken und Mützen nicht viel Bemerkenswerthes hatten, der dritte dagegen, der im Laufe des Gespräches mit »Herr Direktor« angeredet wurde, eine hohe, d. h. große Persönlichkeit, war, mit gerade aufsitzendem, etwas nach vorn geneigtem Hute, in einen weiten Carbonarimantel gewickelt. Er hielt in der Hand ein langes, spanisches Rohr mit goldenem Knopf, das er stolz auf das Pflaster aufgesetzt hatte, ungefähr in der Art, wie man es auf der Mensur mit dem Stoßdegen zu machen pflegt. Zwischen diese Gruppe hinein rollte der Brougham des Barons und die drei Gäste, denen vor dem Wirthshause in der Elstergasse noch nie ein solches Attentat auf ihre Hühneraugen begegnet war, hatten kaum Zeit, an das Haus zu springen. Der Kutscher, den der Jäger von dem Spaß unterrichtet, fuhr so dicht hinan, daß die Räder des Wagens die ausgetretenen Treppenstufen fast berührten, und parirte die Pferde im schärfsten Trab. Lukas flog vom Bocke herunter, riß den Schlag auf, salutirte dem aussteigenden Schneider und sagte ernst und würdevoll: »Wünsche wohl zu schlafen!« Er hätte gern hinzugesetzt: »Herr Graf,« fürchtete aber damit den Spaß zu verderben. Dann schwang er sich wieder neben den Kutscher, schrie ihm viel lauter als nöthig war in die Ohren: »Nach dem Schlosse!« und dahin sauste der Wagen. Die drei Stammgäste blickten verwundert den Schneider an, der ebenfalls einen Augenblick unter der Thür stehen blieb und nach dem Wetter sah, und dann wandten sie sich an die Wirthin, welche im Ton der höchsten Ueberraschnng ausrief: »Ei, der Dubel!« um zu erfahren, wer der Mann der Equipage eigentlich sei. Der Schneider, der durch das Schaukeln in dem Wagen ganz in die Rolle eines gnädigen Herrn verfallen war, nahm sehr würdevoll den alten zinnernen Leuchter aus der Hand der Wirthin, lüftete seinen alten Hut kaum merklich zum Gruß und stieg die Treppen hinan. Die drei Stammgäste aber, wenigstens zwei von ihnen, steckten ihre Köpfe mit denen des Wirthes und der Wirthin zusammen und vernahmen zu ihrem größten Erstaunen, daß der junge Mensch ein Flickschneider sei und in der vierten Etage hinten hinaus wohne. Der dritte der Stammgäste, der Herr Direktor, schüttelte den Kopf und meinte, dahinter stecke etwas, der junge Mensch müsse, Gott weiß woher, eine vornehme und sehr mächtige Protektion haben. Er sprach diese Worte, obgleich in ziemlich ordentlichem Deutsch, doch mit sehr fremdem und weichem Accent. Was er sagte leuchtete auch dem Wirth und der Wirthin ein, und sie beschlossen, den Herrn Dubel künftig mit größerer Achtung als bisher zu behandeln. Dann schloß sich das Haus und starb für heute Nacht wie die umstehenden ab; noch eine kleine Weile sah man flackernde Lichter an den Fenstern hin und her wandeln, dann erloschen auch diese und Alles war nächtig und finster. Die Stammgäste zogen ihres Weges, zwei rechts, der Herr Direktor links, und wenn man ihn so dahinwandeln sah, den Mantel malerisch umgeworfen, die Beine zierlich setzend, und wenn man noch in der Entfernung hörte, wie der Stock auf dem Pflaster klirrte, den er fest und gleichmäßig aufsetzte, so paßte Figur und Gang so gar nicht in das Revier der Elstergasse, und man hätte darauf schwören mögen, der Mann gehöre dahin, »wo die letzten Häuser steh'n.« Und diese Ansicht war auch keineswegs unrichtig, denn, theurer Leser, der Mann, der dort hinwandelt, ist keine geringe Persönlichkeit, es ist vielmehr Signor Benetti, Direktor des königlichen Ballets und der königlichen Tanzschule. Dreizehntes Kapitel. Ein Hofball und seine Folgen. Joseph hatte jetzt für heute zum dritten Mal seine Schimmel eingespannt und wartete, bis sämmtliche Hofwagen die Remise verlassen hatten, dann öffnete er die Laternen, blies die Lichter aus, indem er bei sich dachte: »Das Anhalten an dem alten Triumphbogen wird sich viel schöner ausnehmen, wenn der alte Wagen ohne Licht dasteht, als wenn die beiden naseweisen Laternen weit in die Nacht hinaus rufen: hier steht eine herrschaftliche Equipage.« Nachdem er dieses Geschäft besorgt, stieg er auf den Bock und fuhr langsam dem Palais zu. Dort an den hellen Fenstern, die eigenthümlich gefärbt waren, je nach den Farben der seidenen Vorhänge, und auf diese Art mit blauem, rothem und grünem dämmerigem Scheine in die Nacht hinaus schienen, sah man Gruppen von Ballgästen stehen, aus dem Tanzsaale drangen die Töne eines zweiten und dritten Cotillons, und dort sah man die Paare bei den Fenstern vorbeischweben. Auf dem weiten Platze vor dem Schlosse wimmelte es von Equipagen aller Art, und die Pechkränze, die dort in dem großen, eisernen Becken flammten, beleuchteten die herrschaftlichen Kutscher auf dem hohen Bocke und die Droschkenführer auf ihren niedrigen Wagen. Dort stand eine ganze Menge Equipagen zusammengeschichtet und die Kutscher unterhielten sich lärmend. Hier fuhr einer im kurzen Trab umher, um die Pferde warm zu erhalten, und die glänzenden Laternen spiegelten sich auf dem nassen Boden und bildeten, wo der Wagen auch hinfuhr, neben den Rädern einen leuchtenden Streifen. Jetzt war drüben der Cotillon zu Ende, der Prinz Eugen führte seine Gemahlin durch die Zimmer zurück in das Innere des Palais und nahm die tiefen Verbeugungen, die dem Fürsten und dem liebenswürdigen Wirthe zugleich galten, mit freundlicher Handbewegung entgegen. In dem letzten Gemache des Ballappartements, wo sich noch höhere Personen und vertraute Bekannte des Hauses befanden, krönte ein letzter kurzer und freundlicher Cercle das anmuthige Fest. Dann machte die Prinzessin gegen die Anwesenden eine leichte Verbeugung, der Prinz grüßte zur guten Nacht freundlich mit der Hand, die Hof- und anderen Damen in dem Cercle machten zu guter Letzt einen tiefen Knix, die Herren betrachteten entzückt lächelnd ihre Schienbeine, und Alles rauschte durch die Zimmer die Treppen hinab in das Vestibül, nach Bedienten oder Wagen rufend. Die erste Hofdame, Frau von C., welche während der einen Hälfte des Balles beständig in stummem Schmerz dagesessen und welche, die höchsten Personen abgerechnet, nur mit einigen genauen Bekannten freundliche Worte gewechselt, war nach dem Empfang des Billets wie umgewandelt; ihr Auge blitzte auf, sie athmete tief und heftig, und in ihrem ganzen Wesen ging seit jenem Moment eine große Veränderung vor. Sie hatte danach eine lange Unterredung mit der alten Herzogin, und als sich später dieselbe entfernte, küßte Hochdieselbe im Vorbeigehen zum Erstaunen aller Umstehenden das Hoffräulein auf die Stirn und sagte ihr: »Gute Nacht, meine Liebe, auf baldiges Wiedersehen; folge der Frau von C., sie weiß meinen Willen.« Dem jungen Mädchen waren diese Worte nicht aus dem Gedächtniß entschwunden, sie wiederholte sich dieselben tausend Mal, konnte aber keinen rechten Zusammenhang darin finden. Während des Abends blickte sie zuweilen schüchtern nach dem Baron, und wenn sie es auch schmerzte, ihn nicht zu sehen, so war sie anderntheils froh darüber; denn schon allein die Erinnerung an den gestrigen Abend, so oft sie dieselbe aus dem Innersten des Herzens hervorrief, ließ ein tiefes glühendes Roth in ihrem Gesichte aufsteigen. Aber er konnte wenigstens im Schlosse bleiben! dachte Pauline, denn sie fühlte in der Française, als sie mit dem Prinzen tanzte, daß er jetzt wegging; sie sah seinen Freund, den Grafen, aus dem Nebenzimmer kommen; sah später die Gräfin Clara mit Frau von C. verkehren, sah, wie die Hofdame den Brief las, und all' dieses Räthselhafte erschütterte sie tief. Frau von C. blieb in einem der äußern Zimmer stehen, und als das Hoffräulein herankam und schüchtern hinter ihr stehen blieb, wandte sie sich um und sprach seit gestern Morgen wieder zum ersten Male mit dem jungen Mädchen. Auf ihren Zügen lag ein gewinnendes Lächeln, und als sie sagte: »Wir fahren zusammen, meine liebe Pauline!« hätte man glauben könne», sie sei die zärtlichste Mutter und habe den ganzen Abend für nichts Sinn gehabt, als für das Glück ihrer schönen Tochter und für die Triumphe derselben während des heutigen Balles. Pauline fühlte sich unangenehm berührt, ohne zu wissen, weßhalb; sie ließ sich klopfenden Herzens von Jean ihren Mantel umgeben und trat mit der Hofdame in das Vestibul. Es waren draußen schon viele Wagen weggefahren, namentlich hatte sich die Zahl der hell glänzenden Laternen sehr vermindert, da fast der ganze Hof schon nach Hause war; man konnte es deßhalb einem Droschkenführer nicht verargen, daß er, als Jean hinausrief: »Hofwagen! – Joseph!« – laut antwortete: »Es ist kein Hofwagen mehr da!« denn er hatte den Wagen hinter sich mit den erloschenen Laternen nicht für einen solchen angesehen. Doch Joseph nahm diese Bemerkung gewaltig übel, und als er im kurzen Galopp die Rampe zu dem Palais hinauffuhr und so dicht bei dem Droschkenführer vorbei, daß sich derselbe auf den Tritt seines Wagens retiriren mußte, konnte er sich nicht enthalten, ihm zornig zuzurufen: »Meint Er Vielleicht, alte Droschke, wenn so ein Hofwagen zufällig keine Laternen hat, es sei ein alter Mistkarren? Platz da!« Und damit hielt er vor der Glasthür, sich sorgsam umsehend, wer hineinsteige, damit es ihm nicht passire, daß er mit der unrechten Dame an dem alten Triumphbogen halte. Doch wie ward ihm zu Muth, als nun beide Damen vortraten, zuerst die Frau von C., dann das Hoffräulein, als Jean den Schlag zuschloß und hinaufrief: »Nach Hause!« »Alle Hagel!« fluchte der Kutscher unmuthig; »da soll ein altes Donnerwetter drein schlagen! Was 'mach' ich nun? halte ich an dem alten Triumphbogen oder halte ich nicht an dem alten Triumphbogen?« – Joseph wußte sich durchaus nicht zu helfen, denn ihm waren für den Fall keine Instruktionen zugegangen, und er beschloß, zu einem Mittel seine Zuflucht zu nehmen, das ihm schon öfters in zweifelhaften Fällen gut gedient: er zählte nämlich die Gaslaternen ab und sagte an der ersten Ja! an der zweiten Nein! und so fort, bis er an den Triumphbogen hinkam, wo ihm die letzte Laterne mit freundlichem Flackern ein lustiges Ja! zurief. Augenblicklich hielt der Wagen und augenblicklich voltigirte Joseph von seinem Bocke und Jean von seinem Tritt herunter. »Einen Stein in den Huf getreten!« brummte der Kutscher und dabei faßte er den Lakaien kräftig am Kragen und zog ihn vor bis zu den Pferden hin und hob alsdann den linken Vorderfuß des ehrlichen Tibull auf, der mit dem Kopf schüttelte, als wolle er versichern, daß er diesen Spaß ganz und gar nicht verstände. Joseph hämmerte aber unverdrossen an dem Huf herum und gab sich eine Mühe, als müsse er einen Meilenstein daraus entfernen; und Jean wollte an den Wagenschlag eilen und die Baronin über den Aufenthalt aufklären, als rasch ein Mann in einem Mantel an die Equipage trat, die Hand der Baronin ergriff, welche eben das Fenster heruntergelassen, sie heftig küßte und alsdann sagte: »Verzeihung für den Ueberfall, aber ich muß Sie einen Augenblick sehen!« Der Kutscher hörte auf zu klopfen, denn er dachte: Jetzt geschieht da etwas Verkehrtes und absonderlich Falsches. Jean biß die Lippen auf einander und riß dann das Maul vor Erstaunen weit auf, als er die Stimme der Frau von C. hörte, welche antwortete: »Ei, ei, Baron, kommen Sie lieber morgen, als daß Sie sich hier einer Erkältung aussetzen; – gute Nacht!« Das Licht der unglückseligen Laterne, welche Ja! gesagt, schien hell und glänzend in den Wagen hinein, der Baron bemerkte seinen entsetzlichen Irrthum und trat verwirrt und betreten zurück, als habe er eine ganze Legion Gespenster gesehen; Joseph, der dies für ein Zeichen zum Weiterfahren nahm, schwang sich behende auf den Bock, Jean hinten auf den Tritt, und fort ging es, was die Pferde laufen konnten. Der Kutscher, obgleich unschuldig, war außerordentlich unzufrieden mit sich selbst, und wenn nicht leider schon ein Theil seiner vier Dukaten für den famosen Punsch aufgegangen gewesen wäre, so würde er, nachdem er die Damen am Schlosse abgesetzt, wieder mit dem Wagen umgekehrt sein nach dem alten Triumphbogen, um das Geld an den Mann zurück zu geben, an den Mann, der wahrscheinlich dort noch immer stände, steif vor Entsetzen. So aber fuhr Joseph aufgeregt und zornig nach dem Stalle, knallte mit seiner Peitsche für einen Hofkutscher sehr unanständig durch die stille Nacht und hätte an der Ecke des Schlosses beinahe noch ein Individuum überfahren, das ihm in den Weg trat. Dieses Individuum, statt auf die Seite zu springen, blieb keck vor den Pferden stehen und ergoß sich in einen Strom von Zitaten aus dem Polizeireglement über schnelles Fahren um die Ecke und über Fahren ohne Laternen bei der Nacht. »Platz da!« rief der Kutscher; »aus dem Wege, alte Ratte!« und dabei wirbelte er die Peitsche verdächtig in der Luft, Tibull und Pluto wurden unruhig, und das Individuum, welches sah, daß hier in der Einsamkeit nicht viel auszurichten sei, sprang auf die Seite, der Wagen schoß vorbei, und die Peitsche des Kutschers, einmal in Bewegung gesetzt, ruhte nicht eher, als bis sie behende rückwärts gefahren war und das Individuum fein, aber scharf getroffen hatte und zwar genau auf dieselbe Stelle, wie den Sänger des Schwalbenliedes und wie Jean den Lakaien. Im Schloß aber schritten die beiden Damen durch die halbdunkeln hallenden Corridore die einsamen breiten Marmortreppen hinauf, und es war in dem großen, weiten Gebäude Niemand wach, als sie und das Echo, welches die Tritte wiederhallen ließ und vervielfältigte, als ginge über alle Corridors und Treppen eine ungeheure Menge von unsichtbaren Ballgästen nach Hause. Auch die hohen Zimmer lagen düster da, und die Wachskerzen, die Jean voraustrug, zeigten nur in unbestimmten Umrissen die großen Familienbilder an den Wänden, die sich zu verneigen und zu bewegen schienen, und strahlten weder von irgend einem vergoldeten Möbel in der Ecke, das da wie ein unbekanntes Thier lag mit vielen funkelnden Augen. Die Kronleuchter glänzten und rauschten, wie sie unter ihnen dahinschritten, der Tritt war unhörbar, und so glitten die beiden weißen Gestalten von einem Gemache in das andere und alle schienen bei Nacht gleich groß, gleich dunkel, gleich unheimlich. Nur das Boudoir der Frau von C. machte hievon eine Ausnahme: es war kleiner, hier brannten mehr Lichter, und hier fühlte man eine behagliche Wärme. Die Hofdame setzte sich in einen Fauteuil und winkte ihrer Begleiterin, nachdem Jean abgetreten war, in dem andern Platz zu nehmen. Es entstand für den Augenblick eine tiefe Stille, die nur unterbrochen wurde durch das Picken der Uhr auf dem Kamin und durch das Picken der Uhr im Vorzimmer, welche in eifrigem Gespräch begriffen zu sein schienen; bald schienen diese Uhren der gleichen Meinung, dann fingen sie an gelinde zu streiten, wurden immer heftiger, haspelten durch einander, wollten sich übertönen, und das ging so fort. Dazwischen hustete im Nebenzimmer zuweilen eine schlaftrunkene Kammerjungfer, und dann war es wieder ganz still. »Ich war gestern etwas hart gegen dich,« sagte die Hofdame und breitete ihren Fächer aus; »ich gestehe mein Unrecht vollkommen ein; du warst überrascht und wußtest nicht, was du thun solltest; es ist das in der Welt schon öfters vorgekommen.« Die Uhren schienen der gleichen Meinung zu sein. »Es läge auch durchaus nichts Schlimmes, nichts Strafbares darin und liegt auch dergleichen nicht zum Grunde; denn ich bin überzeugt, daß du diese unangenehme Sache für das ansiehst, was sie leider ist, für einen unverantwortlichen Leichtsinn des Barons, für eine Ueberraschung, ja, für eine Ueberrumpelung, wie man sie sich gegen ein junges unerfahrenes Mädchen zuweilen erlaubt.« Die Hofdame schlug ihren Fächer zu und sah Paulinen mit einem festen Blicke an. Die Uhren begannen ihren kleinen Streit wieder und schienen nicht ganz derselben Ansicht zu sein. »Antworte mir Pauline,« fuhr Frau von C. fort, »antworte mir, mein liebes Mädchen, denn ich bin überzeugt, daß du mir in deinem Herzen Recht gibst; darum gestehe es mir zu, daß du jene unangenehme Ueberraschung zu würdigen weißt und daß du es begreifst das Spiel, das man mit dir getrieben, oder nein! das man mit dir treiben wollte. Gestehe es deiner mütterlichen Freundin.« Das junge Mädchen fuhr schmerzhaft berührt zusammen und blickte, ohne ein Wort zu sprechen, aber flehend auf ihre mütterliche Freundin. Die Uhr neben ihr auf dem Kamin und die im Vorzimmer schienen sich immer mehr zu entzweien, sie begannen einen lebhaften, heftigen Streit mit einander, und es war ungewiß, welche den Sieg davon tragen würde. »Antworte mir doch, liebe Pauline!« fuhr die Hofdame fort und schlug ihren Fächer ungeduldig und sehr rasch zusammen, »sprich dich aus über die ... Vermessenheit jenes Mannes, über jene Unschicklichkeit, die du wohl fühlen mußt, namentlich du, sonst in allen Dingen so zart und so außerordentlich empfindlich für jede noch so leichte Berührung; – oder siehst du vielleicht,« fuhr sie lauernd fort, »nicht die Unschicklichkeit ein, die gegen dich begangen wurde, eine ganze Kette von Unzartem, von Unartigem, von dem Moment an, wo er in dein Cabinet drang, bis zu dem Moment, wo er dich küßte? – Ja, dich küßte, mein Fräulein!« fuhr Frau von C. entschieden fort, als sie bemerkte, wie das junge Mädchen die Hand erhob und antworten zu wollen schien – »aber jetzt bitte ich dich um Antwort! Fandest du das Benehmen des Barons gegen dich nicht im höchsten Grade unschicklich und lächerlich?« »Nein!« sagte das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme, »ich kann das gerade nicht finden;« faßte dabei aber die Lehne ihres Sessels, als fürchte sie, nach dieser Antwort durch einen Blick ihrer mütterlichen Freundin in einen bodenlosen Abgrund geschleudert zu werden. Frau von C. aber sank bei dieser Antwort in die innerste Tiefe ihres Fauteuils und wunderte sich alsdann ungemein, daß die Erde sie nicht wirklich und wahrhaftig verschlungen. »In der That,« sagte sie nach einer langen, langen Pause, während welcher die Uhren, ein unangenehmes Geschlecht, nachdem sie kaum wieder einig geworden waren, schon wieder ihren Streit begonnen, – »in der That, mein Fräulein, Sie sehen das wirklich nicht, ein? In der That nicht? – Ganz gewiß nicht? – Und empfinden nicht die entsetzliche Unschicklichkeit, die man gegen Sie begangen?« »Nein!« wiederholte das Mädchen abermals und dieses Mal mit etwas bestimmterem Tone, »ich kann das, was gestern Morgen zwischen dem Baron und mir vorgefallen, wohl eine Überraschung nennen, aber keine Unschicklichkeit; es ist durchaus nichts, was mich herabsetzen könnte – durchaus nichts – ich glaube wenigstens so, meine theure Frau von C., gewiß nichts, was mir Ihre Vorwürfe zuziehen könnte.« »Keine Unschicklichkeit wäre begangen worden? nichts, was Ihnen Vorwürfe zuziehen könnte?!« rief die Hofdame so laut, daß sie die leisen Stimmen der Uhren übertönte; »o Gott, wie das naiv ist! Keine Unschicklichkeit, wenn ein junger Mann ein Hoffräulein in ihrem Zimmer küßt? – Die Frau Herzogin aber,« fuhr sie strenger fort und sprang bei der Nennung dieses Namens von ihrem Fauteuil auf, als sei die gewaltige Dame selbst in der Nähe, »die Frau Herzogin aber und ich, wir halten dafür, daß man Sie compromittirt hat, daß man sich sehr unschicklich gegen Sie betragen.« Das junge Mädchen war ebenfalls aufgestanden und sagte mit leiser Stimme, aber bestimmt und fest: »Ich kann nur bedauern, gnädige Frau, daß ich zum ersten Mal im Leben in den für mich traurigen Fall gekommen bin, wo meine Ansichten mit den Ihrigen nicht übereinstimmen; der Baron hat mir keine Liebeserklärung gemacht – – aber er bot mir seine Hand an.« »Er bot dir seine Hand an?« sagte die Hofdame und lachte dabei entsetzlich laut. »In der That, mein Fräulein, er bot dir seine Hand an; er ein reicher, unabhängiger, junger Mann, du ein armes mittelloses Fräulein, darin liegt ja eben das, das – Komische, wenn es nicht so furchtbar ernst wäre.« Sie drückte ihren Arm fest auf die Kaminplatte, zerknitterte dabei die herrlichen Spitzen ihres Ballkleides und bemerkte nicht einmal, daß sie das Schloß eines ihrer Armbänder aufgedrückt und daß dies in die glimmende Asche gefallen. Doch mochte sie dem jungen Mädchen gegenüber, deren Gestalt um ein Bedeutendes höher, ihr imponirend vor ihr stand, für besser halten, wenn sie ihre frühere sitzende Stellung wieder einnahm, überhaupt ihren Angriffsplan änderte; genug, sie glitt in ihren Fauteuil zurück, brachte ihre Hand mit dem Schnupftuche vor das Gesicht und weinte heftig; wenigstens glänzte in ihren großen, immerhin schönen Augen eine Thräne, als sie nach ein paar Minuten die Hand mit dem Schnupftuche sinken ließ und mit der anderen die Rechte des Mädchens ergriff und sie sanft in ihren Sessel zurückzog. »Mein liebes, gutes Kind,« sagte sie mit bewegter Stimme, »ich bin ja nur um dein Wohl besorgt, wir wollen ja nur dein Bestes; traue mir, Pauline, traue der Freundin, die es gut mit dir meint! Es ist vielleicht grausam, dir deinen Glauben zu zerstören, aber zu deinem Besten muß es sein; glaube, der Baron meint es nicht gut mit dir – ich weiß es, arme Verblendete! Was er dir gestern Morgen gesagt, hat er vielleicht heute Abend mehreren Andern wiederholt.« »Hättest du nicht,« fuhr sie nach einer Pause fort, »bis jetzt in glücklicher, beneidenswerther Unwissenheit gelebt, so würdest du Manches gehört haben von dem leichtsinnigen, wilden Leben, das der Baron schon seit längerer Zeit mit mehreren seiner Bekannten führt; sehen hättest du es wenigstens schon lange müssen, wie er in der Gesellschaft umherflattert, von einer Dame zur anderen, und wie er, man muß das gestehen, bei allen Theilen gern gesehen wurde. Man sagt, der Blick der Liebe sei scharf, – o liebes Kind, der Blick einer mütterlichen Freundin ist schärfer; ich könnte dir Details erzählen,« sagte sie seufzend, »deren Hundertstel Theil zu viel wäre, um sie in dem Reste dieser bald abgelaufenen Nacht sagen zu können. – Mich selbst,« fuhr die Dame fort und senkte ihre Augen, »mich selbst verfolgt er mit seinen Galanterieen, allerdings sehr unverfänglicher Natur, die ich ihm jedoch hundertmal untersagt, obgleich umsonst; du warst heute Abend beim Nachhausefahren Zeuge davon. Eine andere Dame, die wir Beide genau kennen, bat er heute Abend mit diesen Zeilen – um eine Zusammenkunft auf morgen.« – Sie suchte bei diesen Worten ein Billet hervor, faltete es auf, und während Pauline mit zitternder Hand dasselbe in Empfang nahm und durchlas, ließ sie das Couvert mit der Adresse in die glühenden Kohlen fallen. Das junge Mädchen saß da, ein Bild des Jammers; eine erschreckende Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihre Brust wogte heftig und einzelne schwere Thränen stahlen sich unter den langen Wimpern hervor und rollten über ihr Gesicht; sie hob das Auge mit einem unnennbar flehenden Ausdruck zu ihrer mütterlichen Freundin empor, und ihr Blick sagte: »Ist es wahr, was du so eben gesprochen? Bin ich wirklich eine Unglückliche? um so unglücklicher, da mein Herz sich rasch und warm erschloß? dreifach unglücklich, da ich, dem Blick seines Auges, seinem Worte trauend, ihm ohne Scheu gestand, was in meinem Herzen für ihn sprach, daß ich ihn liebe und daß ich sein Weib werden wolle.« Frau von C. folgte diesen stummen Fragen mit ihrem Blicke, und als verstände sie vollkommen, was die bebenden Lippen nicht sprachen, nickte sie mit dem Kopfe und zerriß mit dieser stummen Bejahung das Herz des armen Mädchen vollends. Es entstand eine längere Pause, an den hohen Fenstern rauschte der Wind und die Nacht sah gespenstig herein zwischen den schweren Seidevorhängen und ärgerte sich über die brennenden Wachskerzen, welche ihr so hartnäckig die Herrschaft in dem Zimmer streitig machten. »Du weißt, Pauline,« fuhr Frau von. C. fort, »wie sehr mir dein Wohl, dein Bestes am Herzen liegt; würde ich so mit dir sprechen, wenn es nur eine Möglichkeit gäbe, dir eine so ehrenvolle und glänzende Existenz zu verschaffen, wie eine Heirath mit jenem Manne? Nein, gewiß nicht! Glaube mir, wir alle, die für dich besorgt sind, haben die Sache reiflich hin und her überlegt, es ist nur ein Mittel da, um dich aus einem unangenehmen Gerede zu bringen, das auf jeden Fall entstehen wird, sowie man dem Baron Zeit läßt, die Vortheile zu verfolgen, welche du ihm so unbedachtsamer Weise eingeräumt. – – Die Frau Herzogin hat deßhalb befohlen, daß du noch heute den Hof auf einige Zeit verlassen und dich zu meiner Verwandtin nach B. begeben sollst. Ihre Hoheit hat es mir zur traurigen Pflicht gemacht, dir dieses anzukündigen, sowie sie mir auch befahl, dir in ihrem Namen ein herzliches und freundliches Wort zum Abschiede zu sagen; es ist keine Ungnade, mein Kind, die dich betrifft; du machst eine kleine Reise und kehrst nach einiger Zeit hierher zurück.« Dies war ein schrecklicher Moment für das arme Hoffräulein; sie fühlte halb die Wahrheit des Gesagten, oder es wurde ihr vielmehr diese Wahrheit eingeredet; dabei hatte die Frau von C. ihr strenges Auge fest auf sie geheftet, ein Auge, ihr so wohlbekannt, ein Blick, der sich nicht abweisen ließ und der, wenn er fragte, nur eine Bejahung wollte. Die beiden Damen erhoben sich darauf, wie nach einem vollkommen abgemachten Geschäfte; Pauline machte eine Verbeugung und fragte, wann sie reisen solle. »Die Nacht ist bald vorbei,« entgegnete Frau von C. mit einem leisen Seufzer und warf einen Blick in den Schloßhof; »der Wagen ist für dich mit Tagesanbruch bestellt, und während du einpacken läßt, will ich mich hinsetzen und einige Briefe für dich schreiben. Adieu, meine Liebe!« Mit diesen Worten faßte sie die beiden Hände des Mädchens und küßte sie auf die Stirn, auf dieselbe Stelle, wo gestern andere Lippen eine Secunde geruht, – ein Kuß, wonach gestern das Herz des Mädchens freudig und glückselig geschlagen, – aber jetzt!– Sie ging in ihr Zimmer, in dasselbe Zimmer, und setzte sich an den Tisch, an denselben Tisch, sie stützte die Stirn auf ihre Hand, fuhr aber gleich darauf wieder erschreckt in die Höhe und beschaute ängstlich die Handfläche, als wäre darin ein rothes, brennendes Mal zurückgeblieben. Frau von C. ließ sich einen Tisch an den Kamin setzen und schrieb, während der Tag langsam zu grauen anfing, mehrere Briefe. Als sie fertig war und aufstand, glänzte ihr aus den Kohlen das herabgefallene Armband entgegen, sie hob es auf und betrachtete es nachdenkend; es war ein einfacher goldener Reif mit einer Muschel-Camee, das Portrait Paulinens. Diese hatte es ihr einst zu ihrem Geburtstage geschenkt. Das Gold war von der Gluth der Kohlen matt angelaufen und die Camee war zersprungen. – – – – Der junge Tag kam endlich herauf, faul und langweilig, nicht wie der Sohn des Hauses, sondern wie ein gemietheter Knecht; zuerst zog er im Osten die grauen Regenvorhänge aus einander und ließ sich in einem mattgelben Streifen sehen, der dann aber verdrießlich wieder verschwand; bald darauf kam er auf die Erde, ohne viele Umstände, ohne Glanz und Pracht, in grauem nassem Wettermantel, dessen Enden der scharfe Morgenwind hoch emporjagte; triefend von Regen und mißmuthig setzte er seine Füße in die großen Wasserlachen, welche Straßen und Plätze bedeckten. Draußen aber im Freien war es noch unheimlicher, als in den Straßen der Residenz, der Wind bog die Pappeln an der Landstraße, er trieb unterschiedliche Wettrennen mit den Regenschauern, welche niederschlugen, und beide, Wind und Regen, jagten einem einsamen Reisewagen nach, der ihnen vorausfuhr und weit und breit allein unterwegs war. Der Postillon trof vor Nässe, die Pferde gingen in schläfrigem Trabe weiter und der Wagen selbst war fest verschlossen; Wind und Regen aber hatten ihn bald erreicht; der Regen klatschte an die Fenster und der Wind machte Bekanntschaft mit den Rädern, heulte durch sie hin und fragte: »Wohin des Weges?« Aber der Wagen schüttelte den Kopf, als wolle er sagen, er wisse das selbst nicht, und rollte weiter, immer fort auf der endlos langen Chaussee. – – Vierzehntes Kapitel. Elstergasse Numero vierundvierzig. Es mochten nach den oben erzählten Vorfällen ungefähr acht Tage verflossen sein, der Winter war strenger eingetreten und es herrschte jene trockene Kälte ohne Schnee, welche so empfindlich und unangenehm ist. Es war Abend, die Sterne funkelten am Himmel, der Boden war hart gefroren und der einsame Schritt eines Wanderers in den engen Straßen der untern Stadt hallte an den Häusern wieder. Dieser einsame Wanderer, welcher trotz der durchdringenden Kälte außerordentlich leicht gekleidet war und die Hände in die Hosentaschen gesteckt und die Schultern, als wolle er die Ohren schützen, in die Hohe gezogen hatte, hüpfte mehr als er ging und war unser Freund Dubel, der von seiner Arbeit nach einem mühsam vollbrachten Tagewerk in seine bescheidene Klause zurückkehrte. Der Wagen des Baron Karl hatte seit jenem denkwürdigen Abend auf die Hauswirthin von Numero Vierundvierzig der Elsterstraße seine Zauberkraft noch nicht verloren, und sie, welche sich früher um den Dubel nur vielleicht an Quartalen, wo der Miethzins fällig war, den aber unser Freund noch nie einen halben Tag schuldig geblieben war, bekümmert hatte, war seit damals aufmerksam gegen ihn geworden, reichte ihm nicht selten höchsteigenhändig den zinnernen Leuchter dar und sah obendrein darauf, daß dieser Leuchter, wie es der Herr Dubel so sehr liebte, blank und sauber geputzt wurde. Seinerseits hatte aber auch der Schneider jenen Abend nicht vergessen, und wenn er von da an in die Küche trat, um besagten Leuchter zu holen, so erkundigte er sich sorgfältig, ob keine Briefe für ihn angekommen seien. Dieser Fall war indessen bis jetzt noch nicht eingetreten, Herr Dubel besaß auch keine auswärtigen Correspondenten und deßhalb wunderte er sich um so mehr, als ihm die Wirthin zugleich mit dem zinnernen Leuchter ein kleines Billet einhändigte, welches er, als sei es etwas durchaus nichts Ungewohntes, nachläßig in seine Westentasche steckte. Herr Dubel stieg die Treppen hinan, die schmalen gewundenen Treppen mit dem vor Alter glänzenden, schwarzen Geländer und jeder Tritt krachte unter seinen Füßen und er ging langsam hinauf in den ersten, zweiten, dritten und vierten Stock und öffnete im letzten eine Thür, welche in sein Appartement führte. Dieses Appartement befand sich im Giebel des Hauses und hätte eigentlich Bodenkammer genannt werden sollen, hatte sich aber den stolzen Namen »Zimmer« erworben, weil die Decke desselben geweißt war und die vier Wände tapezirt, auch befand sich sogar ein Nebenkabinet da, eine Art Verschlag unter dem Dache, in welchem das Bett des Inwohners stand, und auf diese Art war der Herr Dubel vollkommen berechtigt, von seinen Appartements zu reden, denn er hatte ein Schlafzimmer, sowie einen Salon, um seine Freunde zu empfangen. Wir müssen leider gestehen, daß der Salon auf Kosten der nächtlichen Wärme des im Bette liegenden Inwohners erschaffen war, denn der Verschlag unter dem Dache war einigermaßen der äußern Luft zugänglich; namentlich in kalten, windigen Nächten, wenn die Ziegel auf dem Dach vor Kälte und Wind klapperten und seufzten, machte es der Herr Dubel in seinem Bett aus derselben Veranlassung nicht selten ebenso. Nachdem der Schneider sein Licht auf einen kleinen Tisch gesetzt, der im Zimmer stand, warf er seinen dünnen Rock ab, eilte in das Schlafgemach und kehrte bald darauf mit einem Arm voll Holz zurück, worauf er sich bemühte, ein Feuer in dem kleinen eisernen Ofen des Salons anzumachen. Bald krachten auch die Holzscheiter lustig durch einander, zischten, seufzten, und hie und da geschah ein kleiner Knall in dem Ofen, auf dem Fußboden spiegelte sich eine röthliche zitternde Helle ab und bald begann von dem kleinen Ofen eine behagliche Wärme auszuströmen, die das Zimmer nach und nach erfüllte, so daß der alte Tisch und ein paar alte Stühle vor Vergnügen zu knaxen anfingen. Herr Dubel rückte nun den Tisch in die Nähe des Ofens, holte hiezu aus der Ecke einen etwas wackeligen Lehnstuhl, öffnete einen kleinen Schrank, aus welchem er eine große Tasse, einen Theetopf, einen Wasserkessel und eine Zuckerdose nahm und pflanzte diese Gegenstände symmetrisch auf den Tisch, nachdem er dieselben zuvor mit einer Art Serviette bedeckt, d. h. Theekanne, Zuckerdose und Tasse kamen dort zu stehen, der Wasserkessel aber wurde gefüllt und in den Ofen geschoben. Der Herr Dubel vollbrachte diese kleinen häuslichen Arbeiten mit einer gewissen Behaglichkeit, er pfiff eine Melodie dazu, warf, so oft er bei dem kleinen Spiegel, der an der Wand hing, vorbeikam, einen wohlgefälligen Blick in denselben und strich sich alsdann die Haare in die Höhe. Bald summte das Wasser in dem Kessel, Herr Dubel goß das kochende Wasser auf den Thee, stellte alsdann den Wasserkessel wieder in die Ecke, schnitt etwas Brod auf einen Teller, den er neben die Tasse setzte, rückte auf dem Tische Alles in die schönste Ordnung, warf noch einiges Holz in den Ofen und verschwand alsdann in sein Schlafgemach. Bald darauf erschien er wieder und wunderbar verändert: statt der dünnen Beinkleider und Stiefel trug er eine weite, blaue Morgenhose und gestickte Pantoffeln, und statt des fadenscheinigen Röckchens hatte er einen rothcarrirten Schlafrock an, der um den Leib von einer dicken Schnur, an welcher ansehnliche Quasten hingen, zusammengehalten wurde. Das Haar war sorgfältig gekämmt und bedeckt mit einer blausammtnen Mütze. Die Verwandlung des Herrn Dubel war so außerordentlich und überraschend, daß das kleine Gemach sogar in einem andern Lichte zu strahlen schien, der Ofen glitzerte freundlicher, die Theekanne warf stolze Rauchwolken in die Höhe und von dem Talglicht in dem zinnernen Leuchter sprühten glänzende Funken ab, als freue es sich, einem so vornehmen Herrn zu leuchten. – Und wie würdevoll schritt der Schneider auf seinen Tisch zu! Er war nicht mehr derselbe, der er vor wenigen Minuten gewesen, ein ganz anderer Mensch hatte das Feuer angezündet, den Theetisch besorgt, – ein armes dienstbares Wesen, das demüthig verschwand, als der Herr eintrat. Herr Dubel trug ein paar Bücher unter dem Arm, welche er auf den Theetisch niederlegte und es sich darauf in dem großen Lehnstuhl vor dem kleinen Tisch am Feuer so bequem wie möglich machte. Er goß sich eine Tasse Thee ein, that Zucker hinzu und schien sich durch eine graziöse Handbewegung für Rahm, für welchen er keinen Geschmack hätte und welchen er niemals zum Thee nähme, bei sich selber zu bedanken. Er lehnte sich ganz zurück in die geöffneten Arme des alten Möbels, legte die Füße auf einen Stuhl, schlug die Enden des herabfallenden rothen Schlafrocks zierlich auf seinen blauen Beinen über einander, rückte seine Sammetmütze auf das Ohr und öffnete das Buch, nachdem er einen zufriedenen Blick rings um sich her geworfen. Dies Buch war eine Uebersetzung Bulwer's »Pelham« oder Schicksal eines Weltmanns, und der Herr Dubel vertiefte sich in diese Lektüre und ging mit dem Helden der Geschichte auf Soireen und Bälle, war ein vornehmer Mann, wie Pelham selbst, vertändelte seine Zeit in nichtsbedeutenden Gesprächen auf schwellenden Polstern mit eleganten Damen, hatte Wagen und Bediente wie er, kurz war überglücklich. Häufig veränderte er seine Stellung, je nach dem Inhalt, sah bald zufrieden lächelnd in das Buch, bald runzelte er finster die Stirne, und wenn von einem kleinen, feinen Diner die Rede war, so nahm er einen Schluck Thee und aß ein Stück Brod dazu. Jetzt stützte er den einen Arm auf den Sessel, legte den Kopf darauf, stellte die Füße auf den Boden und hielt das Buch etwas weiter von sich ab – und so saß er, vertieft in Lesen und Theetrinken, vergessend mit welch' saurer Mühe, mit welch' tagelanger, harter Arbeit er diese paar glücklichen Stunden erzwang, und träumte dabei von einer bessern Zukunft bei einem angenehmen eleganten Leben, von schönen Augen, die ihn zärtlich anblickten, von weißen Armen, die sich ihm öffneten, und fühlte in solchen Momenten die Kraft, den Muth, sich in den Strudel des Lebens zu stürzen, um schwimmend eine glückselige Insel zu erreichen, oder – unterzugehen – ein zweiter, anderer Don Quixote. Herr Dubel hatte so eben für einen Augenblick sein Buch weggelegt, als etwas die Treppen heraufpolterte und an die Stubenthür klopfte. »Herein!« Es trat ein junger Mann ins Zimmer in einem anständigen Paletot, einem sehr schönen, neuen Hut aus dem Kopfe und dieser Angekommene freute sich, wenn man anders seinen Worten und seinem äußerst gleichgültigen Gesicht glauben wollte, den Herrn Dubel zu Hause zu finden und so ein angenehmes, warmes Zimmer anzutreffen. Er rieb sich die kalten Hände und bat den Schneider, der aufstehen wollte, ruhig in seinem Lehnstuhle zu bleiben, stellte sich mit dem Rücken gegen den Ofen, hob die Schöße seines Paletots in die Höhe und wärmte sich auf behagliche Art, wobei er sich zuweilen schüttelte, wenn er an die Kälte dachte, die draußen herrschte, und die weiße klare Mondsichel erblickte, die durch einen Riß in dem Vorhang zum Zimmer hereinsah. Herr Dubel schien durch den so eben Angekommenen nicht unangenehm überrascht, er holte eine zweite Tasse aus dem Schrank und nachdem er seinen Gast mit Thee bedient, erkundigte er sich nach der Veranlassung, welche ihm die Ehre verschaffe, denselben noch so spät bei sich zu sehen. Der Angeredete war ein junger Mann, nicht älter als der Schneider, groß und schlank gewachsen, mit einem etwas verlebten Gesicht, dunklen Augen und Haaren und sehr leichten und freien Manieren. Er trug eine Brille, gehörte im Allgemeinen zur Klasse der Literaten und war im Speziellen Verfasser von Theaterrecensionen für einige unbedeutende Winkelblätter der Residenz. Sein Name war Stechmaier; – Herr Doktor Stechmaier nannten ihn seine Freunde. Er nahm einen Schluck von dem warmen Thee, sah einen Augenblick aufmerksam au die Decke, betrachtete alsdann den Fußboden und antwortete: »Ich war gerade im Begriffe, zu Bette zu gehen, als ich, ehe ich ins Haus trat, noch hier oben bei Ihnen Licht sah, und kam deßhalb herauf, um mich ein wenig zu wärmen und einige Augenblicke mit Ihnen zu verplaudern.« »Sie wohnen noch immer hier im Hause?« fragte Herr Dubel mit einem sonderbaren Lächeln. »Leider!« sagte der Doktor und zuckte mit den Achseln. »Was soll ich machen? die Einnahmen sind schlecht, anständig gekleidet muß ich wegen meiner Stellung, die ich in der Welt einnehme, doch gehen, und so fällt für ein anständiges Quartier nicht viel ab, ich mache mir eigentlich auch nichts aus einer guten Wohnung, bin ja doch nie zu Hause. Heute Abend hatte ich eine Einladung in ein sehr solides Haus, wo der Tasso vorgelesen werden sollte, doch wurde die Dame des Hauses krank und die Geschichte abgesagt und ich hatte nicht mehr Zeit, mich irgendwo anders einladen zu lassen; im Kaffeehaus am Petersplatz war Niemand mehr von meinen Bekannten und in andere Wirthshäuser, wo ich welche von ihnen hätte treffen können, kann ich nicht gehen, ich bin in den meisten zu viel schuldig; es thut sich wahrhaftig nicht mehr.« Der Schneider erschrak ordentlich über die Ruhe, mit welcher der Doktor von seinen Schulden sprach, und erkundigte sich schüchtern, ob er denn keine Aussicht habe, sich etwas zu arrangiren. »Ich bin im Begriff,« entgegnete Stechmaier, »einen neuen literarischen Klubb zu bilden, ich habe schon zehn Unterschriften, wir werden alsdann zwei Zimmer miethen, einige Zeitungen auflegen, ein Sopha anschaffen und darauf werde ich alsdann des Nachts schlafen, so lauge der Winter dauert; ich muß auch gestehen, daß ich unten im Hause das Quartier vollkommen satt habe.« »Sie wohnen,« sagte schüchtern der Schneider und sah den Doktor fragend an, »Sie wohnen da unten, wie ich mir sagen ließ ....« »In dem Wandschrank im Gange,« entgegnete der Doktor sehr ruhig; »'s ist leider wahr, ich kann es nicht leugnen, doch ist der Wandschrank sehr breit, ziemlich lang, auf dem Boden liegen eine Menge alter Mehlsäcke, und wenn es nicht zuweilen so verdammt kalt wäre, so würde diese Wohnung nicht so schlecht sein, als man glaubt; auch hat sie für mich den großen Vortheil, daß sie auf der Polizei eigentlich nicht als Wohnung gilt und es deßhalb meinen Gläubigern unmöglich wird, eine Execution gegen mich auszuwirken. Ich war noch heute zufälliger Weise bei dem Commissär des Viertels; er hatte sich schon lange darnach gesehnt, meine Bekanntschaft zu machen, aber auf seine höflichen Einladungen, die mir hie und da von den Polizeidienern ausgerichtet wurden, entgegnete ich stets, ich könne dergleichen nicht unter freiem Himmel annehmen, man möge es in meiner Wohnung hinterlassen. Heute aber, wo mir dieser würdige Staatsbeamte selbst begegnete, konnte ich ihm seinen Wunsch nicht abschlagen und mußte ihn auf die Polizei begleiten.« »Herr Doktor, sagte er allda, die Polizei befindet sich in dem Falle, durchaus wissen zu müssen, wo Sie eigentlich wohnen.« »Herr Commissär,« entgegnete ich ihm, »ich finde dieses Verlangen der Polizei vollkommen begreiflich, bin aber nicht im Stande, meine Wohnung anzugeben, da ich nicht so glücklich bin, eine Wohnung zu besitzen.« »Sie besitzen keine Wohnung?« »Nein, Herr Oberpolizeicommissär, ich bin Literat, Schriftsteller, Poet, ich kann mich nicht in die engen Mauern einschließen, ich finde dort nichts, was meinem Geiste Nahrung gewährt, ich muß das öffentliche Leben studiren, bei Tag und bei Nacht, und bin deßhalb, wenn nicht gerade im Wirthshaus oder in den Häusern meiner Freunde, unter freiem Himmel. – Sie werden bemerken, Herr Dubel, daß ich die Polizei nicht belogen habe.« »Aber,« fuhr der Commissär fort, »Sie müssen doch schlafen und zum Schlafen ein Bett haben und zum Bett einen Platz, wo Sie dasselbe hinstellen?« worauf ich entgegnete: »Ohne stolz zu sein, Herr Oberpolizeicommissär, kann ich mich für eine Ausnahme von der gewöhnlichen Regel halten, ich schlafe sitzend und stehend, wie es gerade vorkommt, aber immer ohne Bett und ohne Wohnung.« »Ohne Wohnung?« entgegnete er, »da wird die Polizei sich veranlaßt sehen, Ihnen eine freie Wohnung anweisen zu müssen.« »Wenn Sie,« sagte ich, »unter polizeilicher Wohnung das verstehen, was man im gewöhnlichen Leben Gefängniß heißt, so sehe ich in meiner Abneigung, in einem Bett, in einer Wohnung zu schlafen, keinen hinlänglichen Grund dafür ein; ich glaube, daß jeder freie deutsche Mann das Recht hat, keine Wohnung zu haben, und daß deßhalb die Polizei nicht das Recht hat, ihm eine solche anzuweisen.« »Diese Gründe schienen dem Commissär einzuleuchten, er stimmte den ernsten Ton seiner Rede etwas herab und fragte mich, wo ich früher gewohnt, früher nämlich, ehe ich es für passender gehalten, statt wie andere Menschen zu schlafen, auf den Straßen herum zu laufen.« »In dem Wolfsgäßchen Numero vier,« entgegnete ich. »Warum sind Sie dort ausgezogen?« »Ich bin dort eigentlich nicht ausgezogen, Herr Oberpolizeicommissär, sondern vielmehr ausgezogen worden, denn als ich eines Nachts nach Hause kam und mit dem Hausschlüssel die Thür öffnen wollte, fand ich den Riegel vorgeschoben, und es blickte von oben der Eigenthümer herab und versicherte mir, ich sei ausgezogen. Er gab mir sein Wort, ich wohne nicht mehr in seinem Hause, und da er das besser wissen mußte als ich, so ging ich meiner Wege.« »Sie hatten wohl mehrere Quartale Ihre Hausmiethe nicht bezahlt?« fragte der Commissär, und ich entgegnete ihm, das könne wohl der Fall sein; und so war es auch in der That.« Der Herr Dubel hatte bei dieser Erzählung einigermaßen bewundernd zu dem Doktor aufgesehen und fand, daß trotz des neuen Paletots und Hutes und trotz des Besuchens von eleganten Gesellschaften, sein, des Schneiders, Loos noch weit behaglicher sei, als das des Doktors Stechmaier. Wenn er auch des Morgens ärmlich gekleidet, ja frierend an die Arbeit ging, so hatte er doch dafür Abends eine warme Stube, eine gewisse Bequemlichkeit, ja Eleganz um sich, die ihn für all' die Leiden auf dem Nähtische entschädigten; er dachte bei sich, so sollte der Doktor auch sein Leben einrichten, nämlich wenig auf seine Kleidung wenden und sich für das, was er verdiene, eine ordentliche Wohnung anschaffen; und der Herr Dubel machte in dieser Richtung einen kleinen Bekehrungsversuch. Der Doktor hatte sich gerade zwei Seiten des Körpers vollkommen gewärmt und stand jetzt en face gegen den Ofen, doch hatte er das Gesicht der Hitze wegen etwas abgewendet. Dubel trug seine Gründe vor und versicherte, wie viel rathsamer er es hielte, etwas weniger auf seinen äußern Menschen zu verwenden, dagegen eine Stelle zu haben, wo man sein Haupt ruhig und ungehindert hinlegen könne. Der Doktor zuckte die Achseln und sagte mit unverwüstlicher Ruhe und völligem Gleichmuth: »Bester, das verstehen Sie nicht! Freilich, wenn ich das Geld daliegen hätte oder mir dasselbe einginge und ich die Wahl hätte, entweder einen neuen Paletot, einen neuen Hut zu kaufen, oder mir eine Wohnung anzuschaffen, so würde ich vielleicht das Letztere thun; aber ich hatte weder zu dem Einen, noch zu dem Andern die nöthige Baarschaft und rechnete so: der Zimmervermiether gibt dir vier, höchstens acht Wochen Credit, der Schneider und Kaufmann aber mindestens ein halbes Jahr; weßhalb ich mich zu Gunsten der Letztern entschied.« »Also Sie haben Ihren Paletot und Hut nicht bezahlt?« fragte der Schneider mit etwas langem Gesicht; und der Doktor versetzte: »Ich bin nicht im Stande, etwas Unmögliches zu thun; leider waren meine Einnahmen für schriftstellerische Arbeiten in der letzten Zeit so außerordentlich gering, daß ich damit kaum ein Mittagessen und den nöthigen Kaffee bestreiten konnte; ich bin, was die Schulden anbelangt, wirklich einigermaßen heruntergekommen, und wenn eines Tages irgend ein Zauberer vor meinen Augen in die Hände klatschte und spräche: Was du nicht bezahlt hast, fliege ab von dir! – so würde ich in vollkommenem Naturzustande zurückbleiben.« »Ach,« sagte der Schneider, »das issss-t eigentlich ganz entsetzlich!« »Das Entsetzliche daran ist,« versetzte gleichmüthig der Doktor, »daß das Schuldenmachen einen magischen unsichtbaren Kreis um einen herumzieht, den man nicht durchbrechen kann, der einen gewaltig einengt, der einen sehr genirt. Ein Mensch ohne Schulden – dieselben sind freilich sehr selten – wandelt durch alle Straßen aufrechten Kopfes, sieht jedem frei in's Gesicht, kann vor jedem Laden stehen bleiben, gefällt ihm etwas und er hat Geld dazu, so kann er's kaufen; hauptsächlich aber befindet sich ein schuldenfreier Mensch in der Lage, ohne Schwierigkeit enorme Schulden machen zu können. Der Schuldbeladene dagegen, der mit Mahnbriefen Verfolgte und mit Executionsdrohungen Ueberschüttete, muß, im Fall er sich eine Wohnung sucht, eine solche nehmen, welche auf einen Hof hinausgeht, damit man von der Straße kein Licht sieht, er muß seine Schlüssellöcher zustopfen, er muß sich angewöhnen, nicht zu singen, und wenn er gern pfeift, dies leise zu thun, und muß sich vor allen Dingen einen Stadtplan kaufen.« »Einen Stadtplan?« fragte erstaunt der Herr Dubel. »Allerdings, einen Stadtplan,« entgegnete der Doktor und zog ein ähnliches Instrument aus der Tasche, welches er zur besseren Uebersicht auf den Tisch legte. »Bemerken Sie hier,« fuhr er fort, »welche Straßen mit rothen Streifen bezeichnet sind? All' diese Straßen sind für den Schuldbeladenen verbotene Wege, in all' denselben befinden sich für ihn Scyllen und Charybden, und wenn ihn vielleicht der Tabackshändler nicht mit den freundlichsten Worten in den Laden hineinlockt, um ihm da furchtbar die Meinung zu sagen, so thut es der ihm gegenüber wohnende Schuster auf noch gröbere Art. Demnach muß man sich an jedem Morgen einen Feldzugsplan entwerfen, man muß genau wissen, wo man an dem und dem Tage hingehen will, und wie man sich am geschicktesten dahin dirigirt, um so wenig Zeit als möglich zu verlieren. Sie bemerken diesen dicken Strich auf der untern Königsstraße?« sagte der Doktor seufzend und nahm seinen Hut ab und betrachtete ihn wehmüthig. »Sehen Sie, dieser Hut kostet mich den für alle Communikationen notwendigen untern Theil dieser Straße; bemerken Sie hier, welch' furchtbaren Umweg ich nehmen muß, um künftig von der unteren in die obere Stadt zu gelangen; ja, ja, dieser Hut ist theuer bezahlt!« Der Herr Dubel putzte das Licht in seinem zinnernen Leuchter und gratulirte sich im Geheimen über die bessere und anständigere Stellung, die er selbst in der menschlichen Gesellschaft einnehme. Er war ein sehr gutherziger Mensch und erkundigte sich deßhalb nach einer längeren Pause, ob denn der Doktor keine Aussicht für eine bessere Zukunft habe, worauf dieser entgegnete: »Wahrhaftig, ich habe drei merkwürdig schöne Projekte, ich glaube, daß eins davon reussiren muß. Das erste ist der Klubb, von dem ich vorhin sprach, das zweite ist die Idee zu einer conservativen Zeitung, die äußerst zeitgemäß wäre und sehr passend, um einem längst gefühlten dringenden Bedürfnisse abzuhelfen, das dritte Projekt wäre zugleich die Befriedigung einer längst in mir schlummernden Neigung und besteht darin, aufs Theater zu gehen, Schauspieler zu werden.« Der Schneider schaute mit verklärtem Gesicht empor, als der Andere vom Theater sprach und nickte zustimmend mit dem Kopfe. Der Doktor Stechmaier verließ seine Stellung am Ofen, nachdem er auf allen Seiten ziemlich geröstet war, und setzte sich dem Herrn Dubel gegenüber auf die Ecke des Tisches, während er das Theaterprojekt weiter ausmalte und also sprach: »Ich glaube nicht, daß es mir beim Theater bedeutend fehlen könne; ich bin ziemlich gerade gewachsen, habe dunkle Augen und Haare, was sich auf Theater am besten macht, mein Organ wurde schon öfter gelobt, Auswendiglernen ist mir eine Kleinigkeit, und nebenbei verpflichte ich mich, im Geheimen Theaterrecensionen zu schreiben, was meine zukünftigen Collegen außerordentlich für mich einnehmen wird.« »Ach ja,« seufzte der Schneider, »Ihnen issss-t von der Natur Alles verliehen, Sie brauchen nur in das Leben hineinzugreifen und haben gleich eine Handvoll – ach, wenn nur unsereins auch so glücklich wäre!« »Ich habe hier,« fuhr der Doktor wichtig fort und zog ein Blatt Gedrucktes aus der Tasche, »ich habe hier im Tagblatt »die Spinne« eine äußerst gelungene Recension geschrieben und darin des ersten Regisseurs des Hoftheaters ehrenvoll erwähnt und mit kurzen, aber kräftigen Worten gesagt, wie vortrefflich er als Künstler, als Mensch und als Heranbilder junger Talente sei, unerreichbar in seinen Rollen, gebildet im gewöhnlichen Leben und eifrigst bemüht, das junge emporkeimende Genie zu unterstützen, dem unbekannten Genius, der schüchtern die Schwingen regt, einen ehrenvollen Platz zu verschaffen, ich werde mit dieser Recension nächstens zu dem ersten Regisseur hingehen, und geben Sie Achtung, ich debutire in kurzer Zelt.« »Das glaube ich auch,« entgegnete der Herr Dubel; »wer es so in seiner Macht hat wie Sie, alle hindernden Schranken niederzutreten, der muß an's Ziel kommen; aber ein armer Teufel wie ich bleibt auf der schmutzigen Landssss-traße sitzen, und wenn er zwei Schritte vorwärts macht, so rutscht er wieder drei zurück, 's issss-t jammervoll!« Ach ja, es sah wirklich jammervoll im Innern des Herrn Dubel aus; seine Seele verlangte nach Erlösung und höhern Sphären, sein Körper nach andern Verhältnissen, über seinem Haupte schwebten hohnlachend Nadel und Scheere. Auch das kleine Stübchen schien Mitgefühl mit seinem Bewohner zu haben – es wurde kälter, da das Feuer am Ausgehen war, und düsterer, da das Talglicht in dem zinnernen Leuchter in den letzten Zügen flackerte. Der Doktor Stechmaier versprach nächstens mitzutheilen, wie es ihm mit seinen Bemühungen, zum Theater zu gelangen, gegangen, und verfügte sich alsdann die Treppen hinab nach seinem sonderbaren Schlafgemache. Der Herr Dubel zog Schlafrock, Morgenhosen und Pantoffeln aus und legte Alles zusammen mit der blausammtnen Mütze in einen kleinen Koffer unter dem Bette. Der Arbeitsanzug für morgen wurde mit einem tiefen Seufzer vor dasselbe auf einen Stuhl gelegt, sich selbst aber warf der Eigenthümer in's Bett, wo er bald einschlief. Nicht so leicht wurde es dem Herrn Doktor Stechmaier, zur Ruhe zu kommen; der Wandschrank, von dem wir oben sprachen und welcher sich in der Flur des Hauses befand, war richtig die einzige Wohnung, die der Literat besaß; für den Weinwirth unten im Hause hatte er einmal in öffentlichen Blättern eine Lanze gebrochen, als demselben vorgeworfen wurde, sein Zwölfer sei ein saures, miserables Getränk, und sein Achtzehner sei aus demselben Fasse; und zur Erkenntlichkeit dafür hatte ihm der Wirth den Wandschrank für die Nacht zur unentgeltlichen Benützung eingeräumt. Dieser Wandschrank befand sich ungefähr zwei Fuß vom Boden, war vier Fuß lang und zwei Fuß tief, weßhalb sich der Doktor Stechmaier bequemen mußte, in etwas zusammengezogener Stellung zu schlafen. Doch dieß war nicht das kleinste Uebel, was den armen Schlafgänger hie und da betraf; vielmehr stopften Mägde und Knechte allerlei Geräthschaften, die ihnen gerade in die Hand kamen, Abends in den Wandschrank und diese Sachen mußte der Doktor vorher beseitigen, ehe er seinen dürftigen Platz einnehmen konnte. So auch heute, und er brauchte eine gute Viertelstunde, ehe er die Besen, die leeren Flaschen, die Regenmäntel und alten Säcke gehörig aufgestapelt hatte; dann zog er seinen Paletot aus, hängte ihn nebst dem Hut an die innere Seite des Wandschrankes, stieg hinein und wickelte sich in eine große wollene Decke und träumte, wie der Schneider im Vierten Stock, vom Theater, von der Stelle und dem Gehalt eines ersten Liebhabers, von großen Appartements und einem reichen und bewegten Künstlerleben. Fünfzehntes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Das kleine Mädchen, welches die Frau Welscher zu sich genommen hatte und das ebenfalls Marie hieß, wie seine verstorbene Mutter, war ein freundliches, hübsches Kind, das in kurzer Zeit alle Bewohner des alten Klosters lieb gewannen. Als das Kind einige Tage im Hause war und seine Scheu vor den fremden Gesichtern, die es umgaben, abgelegt hatte, wurde es außerordentlich zutraulich, unterhaltend und hatte sich bald, was viel sagen will, die Neigung der beiden kleinen Töchter des Hauses und sogar diejenige des Herrn Welscher junior erworben. Dieser behauptete nämlich, keine der beiden Schwestern sei im Stande, so angenehm und freundlich mit ihm zu spielen, wie die kleine Marie. Sie ging leicht in seine Ideen ein, krähte mit ihm um die Wette wie der Hahn, miaute außerordentlich täuschend wie die Katze und setzte ihm bereitwillig die Kegel auf, wenn er auf dem weiten steinernen Vorplatze mit großem Gepolter dieses Spiel trieb. Dabei hatte das kleine Mädchen eine merkwürdige Ordnungsliebe und ein Auge für Symmetrie, daß es fast unglaublich war. Die Spielsachen räumte sie allabendlich sorgfältig auf, rückte die Stühle in die Ecken, wo sie hingehörten, litt nicht, daß die Bügeleisen, die, wenn sie nicht gebraucht wurden, auf einem kleinen Gerüste hinter dem Ofen standen, in Unordnung waren, das heißt, daß sie nicht gerade neben einander standen, zuerst die ganz kleinen, dann die mittleren und größeren, denn sie richtete sie immer wie die Orgelpfeifen. Auch die zerbrochenen Spielsachen wieder so gut als möglich zusammen zu stecken und die Stücke mit Bindfaden wieder zu vereinigen beschäftigte das Kind angelegentlich. Da die Jungfer Kiliane die kleine Marie unter ihren besonderen Schutz genommen hatte, so vergalt sie alle Güte und Freundlichkeit der alten Person durch eine außerordentliche Anhänglichkeit, welche das Kind, wo es nur konnte, für dieselbe an den Tag legte. Wenn die Büglerin bei der Frau Welscher beschäftigt war und Mariechen aus der Schule kam, wohin sie mit den andern geschickt wurde, oder wenn sie einen freien Nachmittag hatte; so war ihr erstes Geschäft, der Jungfer Kiliane alles zu zeigen, was sie in der Schule gelernt, und wenn dies vorbei war und sich ihre Gönnerin zufrieden erklärte, so nahm die Kleine einen Schemel, setzte sich neben die Büglerin und ahmte mit einem kalten Bügeleisen an einem Stücke Zeug alle Bewegungen der Jungfer Kiliane auf's Genaueste nach. Sie bügelte das Stück Zeug unverdrossen, faltete es zusammen, warf es wieder aus einander und trieb das Spiel so fort; sie eiferte auch hiedurch die kleinen Welscher zur Nachahmung an, und eines Sonntag Nachmittags, als die Waschfrau aus der Kirche nach Hause kam, saß die kleine Marie auf dem Platze der Jungfer Kiliane, hatte die Haube und Brille derselben aufgesetzt und bewegte den Kopf ernsthaft und gemessen hin und her, wie es die alte Person zu machen pflegte. Von den beiden Fräulein Welscher stellte die eine die Mutter vor, die andere war eine Büglerin, und der Herr Welscher saß als Herr Dubel mit untergeschlagenen Knieen auf dem Tische. Die Waschfrau behauptete später immer, die Marie habe Jungfer Kiliane auf eine wirklich erschreckend ähnliche Weise dargestellt. Ueberhaupt hatte das Kind ein ungemeines Nachahmungstalent und eine Beweglichkeit in seinen kleinen Gliedern, die erstaunlich war. So war namentlich das Tanzen für sie eine große Lust, und obgleich sie weder von Française, Walzer noch sonst dergleichen eine Idee hatte, tanzte sie die Art dieser Figuren, so oft sich eine Straßenorgel hören ließ oder der Klang der vorüberziehenden Militärmusik aus der Entfernung in das Zimmer drang; ja, der Tanz war ihre Leidenschaft, und wenn sie unbeachtet war, tanzte sie so zu sagen Alles, was sie zu thun hatte; tänzelnd schritt sie im Zimmer auf und ab, schwenkte in der Ecke zierlich herum, holte mit einer angeborenen Grazie ein Buch, ein Gefäß oder dergleichen, und am liebsten war es ihr, dergleichen Sachen auf den Kopf zu setzen, mit einer Hand zierlich fest zu halten und sie leicht heranschwebend dem zu bringen, der sie verlangt. Das Mädchen hatte durchaus nichts Eckiges, nichts Unbehülfliches, wie viele andere Kinder in diesem Alter, weder in ihren Bewegungen, noch in ihrem Wuchse; dieser war schlank und zierlich, im vollkommensten Ebenmaß, sie trug ihren Kopf auf einem langen Halse und hatte allerliebste kleine Füße und Hände. Das Gesicht hatte einen nachdenkenden, ja schwermüthigen und dabei tiefsinnigen Ausdruck; und so war auch die Denkungsart des Kindes: so leicht sie in ihrem Gange um die äußern Gegenstände herumflatterte, so ernst und tief dachte sie über Alles nach, was ihr unbegreiflich erschien. So konnte sie oftmals stundenlang an dem großen Bogenfenster sitzen und hinaus in die Gegend sehen, neben einer der Hausmägde, welche die Küche besorgte, und konnte mit tausenderlei Fragen immer weiter und weiter schweifen. »Was kommt hinter jenem großen Hause? fragte sie, und die Magd antwortete: Eine Straße. – Und hinter jener Straße? – Andere Häuser und andere Straßen. – Und dann? Wieder Häuser und wieder Straßen und zuletzt das Ende der Stadt. – Und dann? – Feld und Wald und große Flüsse. – Und dann? – Wieder Feld und Wald und das unendliche Meer, wohl viele, viele Tausend Stunden lang. – Und dann? – Hört Alles auf,« sagte zuletzt die Magd, die anfing, um eine Antwort verlegen zu werden. Nach dieser erhaltenen Aufklärung reiste aber das kleine Mädchen in Gedanken in die Welt hinaus und tanzte im Zimmer auf und ab und sagte, wenn sie an die Wand kam: »Jetzt bin ich am Ende der Stadt, jetzt reise ich durch's Feld, durch den Wald und über große Flüsse, jetzt wieder über Feld und Wald und komme an das unendliche Meer;« – »worauf die großen Schiffe fahren,« sagte die älteste Tochter Welscher – »ganz richtig, wo die Schiffe fahren,« wiederholte die kleine Marie, drehte den Fußschemel herum, setzte sich hinein und steuerte über das große Weltmeer. Die fremden Leute, welche im Hause aus und ein gingen, machten ihrem Nachdenken viel zu schaffen; in den nachmittäglichen Freistunden konnte sie lange, lange Zeit in einem verborgenen Winkel an der Treppe sitzen und studirte aufs Sorgfältigste jedes Gesicht, das herauf kam oder hinunter ging. Diese fremden Gesichter brachte sie mit den Erzählungen in den Bilderbüchern der Kinder Welscher zusammen und bevölkerte die gedruckten Seiten mit diesen lebendigen Gestalten. Jener mit dem langen Bart und dem dunkeln, finstern Gesicht mußte unbedingt der verkleidete Kohlenphilipp sein, welcher plötzlich hervortrat und die Kinder mitnahm, wenn sie unartig waren. Der alte Mann mit weißem Haar und freundlichem Gesicht, ein Schulkamerad der alten Kiliane, der zuweilen auf ein Viertelstündchen kam, der Büglerin einen Besuch zu machen, war Niemand anders, als der Herr Winter selbst, der Herr Winter, der im Monat Mai verstirbt, nachdem er sein Töchterlein Frühling, welches er mit tausend Knospen und Blüthen geschmückt an der Hand führt, zur Herrscherin des Erdenreichs eingesetzt hat. Ja, sie kannte sie, alle jene Gestalten, welche den Kindern so viel Vergnügen und Entsetzen einjagen; sogar den Blaubart hatte sie einige Mal gesehen und den Zwerg Nase; auch trieben sich Abends auf dem großen Boden gar seltsame und verdächtige Katzen herum, und wenn der Mond in das große Bogenfenster herein schien und den Vorplatz mit seinem Licht erfüllte, dann war es der kleinen Marie genau zu Muth, als schwebe die Lilienkönigin empor und befehle ihr, mit den Nachtvögeln, den Schmetterlingen und Leuchtkäfern um die Wette zu tanzen und in dem klaren Dufte zu schweben – und in solchen Momenten konnte das Kind seine Röckchen zusammen nehmen und mit dem bleichen Gesichte gegen den Mond gekehrt, zierlich und sonderbar tanzen, immer stärker, immer wilder, die zierlichsten Sprünge machen, nie gesehene Figuren mit ihren Füßen beschreiben, und hatte dabei das schwarze Auge fest auf die Mondscheibe gerichtet. Sie tanzte in Einem fort und fort, bis man sie mit lauter Stimme ins Zimmer rief oder sie festhielt und herein führte. Danach setzte sie sich jedes Mal in eine Ecke des alten Canapee's und schlief mit zufrieden lächelndem Gesicht ein. Die Jungfer Kiliane aber wollte dieses Tanzen im Mondschein auf's Strengste verboten haben, denn sie hatte einmal eine grausige Geschichte gelesen, wo junge Mädchen, die es nicht unterlassen können, in den Strahlen des Mondes zu tanzen, nach ihrem Tode nicht ruhig im Grabe zu liegen vermögen, und das erzählte sie eines Tages dem Kinde zur Warnung. »Siehst du,« sagte die alte Person mit zitternder Stimme, »es muß etwas Köstliches sein um die Ruhe im Grabe, und denke dir nur, Kind, wie es jenen unglücklichen Personen geht, von denen ich dir sagte: alles schläft da unten tiefen, erquickenden Schlaf, nur diese nicht; kaum steigt der Vollmond am Horizont empor und blitzt durch die Trauerweiden auf dem Kirchhofe, so bewegt sich das Gras und Gesträuch um die Gräber jener Unglücklichen, es zieht sie herauf in die Nachtluft, und sie müssen tanzen die ganze Nacht hindurch und dabei immer den Mond ansehen, bis er wieder untergeht.« Es schauderte dem Kinde bei dieser Erzählung, und der junge Herr Welscher versicherte hoch und theuer, wenn die Marie das Tanzen draußen im Mondscheine nicht ließe, so schliefe er nicht mehr in einem Zimmer mit ihr, das sei ihm gar zu grauselig. Das kleine Mädchen versprach dann auch, sie wolle nicht mehr draußen im Mondschein tanzen, und so war die Sache für jetzt abgemacht. Es ging in dem Welscher'schen Hause alles seinen regelmäßigen Gang fort, wie ein Uhrwerk, und jedem Tage, jeder Stunde war von der ordentlichen Frau ein Geschäft zugewiesen. Samstags und Montags kamen ungeheure Haufen Wäsche an, welche sortirt und zum Waschen vorbereitet wurden; dann erschien am Montag Abend die erste Wäscherin, eine alte gediente Person, welche nie anders sprach als mit in den Seiten gestemmten Armen. Sie hieß Frau Wurzel und hatte in ihrem ganzen Leben nichts gethan, als gewaschen und immerfort gewaschen. Die Frau Wurzel nun holte sich den großen Hausschlüssel und erschien Nachts um ein Uhr wieder mit dem Glockenschlage der alten Kirchenuhr, und in ihrem Gefolge waren drei bis vier andere Wäscherinnen, und jede derselben trug eine kleine Laterne in der Hand und dann begannen sie um ein Uhr ihr Geschäft, nahmen gegen vier Uhr des Morgens einen Schnaps und ein Stück Brod, um acht Uhr ihren Kaffee, um zehn Uhr ein Glas Wein und Brod, nach dem Mittagessen um vier Uhr wieder ihren Kaffee, und wenn Abends zum Nachtessen die Suppe auf den Tisch kam und die große zinnerne Schüssel mit Kartoffeln, Wurst und Gänsefett, dann war für heute ihre Arbeit fertig, und die Frau Wurzel ging zu einer andern Frau, sich den Hausschlüssel zu holen, und in der nächsten Nacht um ein Uhr standen die armen Weiber vor einer andern Thür und fingen ihr mühseliges Tagewerk von Neuem an. Bei der Frau Welscher aber wurde Mittwochs die Wäsche auf dem großen Boden getrocknet, und Donnerstag Morgens erschien Jungfer Kiliane und Freitags der Herr Dubel und die Nähterinnen, und Samstag Mittags war Alles wieder in Ordnung. Heute war es also Freitag und die Stube sah Nachmittags bei Tageslicht ungefähr gerade so aus, wie an jenem Abende, wo wir sie zum ersten Mal betraten, mit dem einzigen Unterschiede, daß die drei Kinder Welscher und die kleine Marie, welche soeben aus der Schule gekommen waren, um ein Tischchen in der Ecke des Zimmers saßen und ihren Kaffee tranken, – sonst war Alles wie damals; draußen in der Küche klapperten die Bügeleisen, im Zimmer pickte die Schwarzwälderuhr und zischte die Wäsche; Jungfer Kiliane saß am Fenster, neben ihr die Nähterinnen und auf dem Tische Herr Dubel. Nach einer längeren Pause ließ die Kiliane ihr kleines Bügeleisen ruhen, schaute bedächtig zum Fenster hinaus und prophezeite wegen des Glanzes am Himmel und der Gluth, mit welcher die Sonne unterging, ein strenges Frostwetter für die nächsten Tage, und das sagte sie so bestimmt, daß es den Herrn Dubel im Voraus fröstelte und die Weiber am Bügeltische schon seufzend einen Holzaufschlag berechneten und versicherten, das Geld für's Brennholz sei gar nicht mehr aufzubringen. »Wenn es nur keinen Winter gäbe!« meinte der Schneider; »wenn man nicht mehr im Schnee zu waten brauchte und kein Feuer anzuzünden! Ach, was müssen das für herrliche Länder sein,« setzte er schwärmerisch hinzu, wo ein ewiger Frühling herrscht, wo die Bäume immer grün bleiben, wo immerfort die Blumen blühen, wo es keine kalte Jahreszeit gibt!« »Solche Länder,« entgegnete die Kiliane, »haben dafür anderes Ungemach genug; da brennt die Sonne im Sommer die Leute schwarz und braun; da gibt es schreckliche, reißende Thiere, Schlangen und giftiges Gewürm, das den Menschen seines Lebens nicht froh werden läßt. Bei uns legt man sich, wenn man müde gearbeitet ist, in sein Bett und schläft getrost ein; wird man auch Nachts von einem kleinen Stich geweckt, so hat das weiter nichts zu sagen; aber in jenen Ländern, wo man nicht weiß, was einem Nachts durch das Bett kriecht und einen ohne Schmerzen im Schlafe umbringt – huh, das ist grausig! Ich möchte nicht da wohnen.« »Ganz richtig,« sagte Herr Dubel und schaute nachsinnend zum Fenster hinaus, »und dann issss-t in jenen Ländern eine Einrichtung, eine Eintheilung der Menschen in Klassen, welche alles Selbstgefühl zu Boden drückt: wer nicht vornehm geboren issss-t, bleibt all' sein Leben ein Paria, das heissss-t, ein unterdrückter, nicht geachteter Mensch.« »Ganz richtig!« sagte die Kiliane, »was man bei uns ein Geschlaf nennt.« »Das ist doch hier ganz anders,« fuhr der Schneider fort; »wenn es auch höchssss-t mühsam issss-t, sich aus einer niederen SSSS-tufe empor zu schwingen, so issss-t doch die Möglichkeit vorhanden, und wenn der Mensch von der geringsten Familie sich Reichthümer erworben hat oder ein Amt, so kommt er in die Rangklasse, die ihm gebührt, und issss-t ebenso geachtet, wie der Grafensohn. Nehmen Sie einmal meinen SSSS-tand an, es issss-t leider keiner der bevorzugtessss-ten, ja ich muß es gessss-tehen, er wird mit einer unverdienten Lächerlichkeit betrachtet, man sagt schlechtweg: ein Schneider! und zuckt die Achseln, und doch wie viel Schneider haben sich schon emporgeschwungen zu Reichthum, zu großen Aemtern und Würden! Ich meine nicht einmal Leute, wie der große SSSS-tulz, die auf dem Handwerk reich wurden und Schulen und mildthätige Anssss-talten bauen ließen; nein, ich meine solche Schneider, welche durch außerordentliche Geissss-tesgaben, die durch Tapferkeit sich hervorthaten.« Die Kiliane sah bei Nennung dieses Prädikats lächelnd zu dem Herrn Dubel auf, doch dieser ließ sich nicht stören. Er schwang die Scheere begeistert in der Luft und fuhr, da er den Blick der Kiliane wohl bemerkt, fort: »Ja, auch durch Tapferkeit – Schneider haben schon in allen Fächern der Kunssss-t und Wissenschaft geglänzt; es fallen mir nur gerade keine Namen ein, und wenn ich einen nenne, von dem ich noch vor Kurzem gelesen, nämlich Jan von Leyden, der König zu Münssss-ter wurde, so will ich sein Treiben durchaus nicht loben, doch war er ein verflucht gescheidter Kerl, der wahrscheinlich unter anderen Verhältnissen ein besseres Ende genommen hätte, und was die Tapferkeit anbelangte, so issss-t diese Eigenschaft dem Schneider nicht abzusprechen – es sind schon Mehrere von unserem Handwerk Generale geworden.« Ob dieser kühnen Behauptung schüttelte die Kiliane den Kopf und versicherte, davon habe sie in ihrem ganzen langen Leben nichts gehört; der Herr Dubel aber richtete sich stolz auf, hielt die Scheere wie ein Schwert in der rechten Hand, faßte mit der linken ein Tischeck an, als wolle er ein Schlachtroß zügeln, und sagte: »Mir hat gerade dieses Beispiel von Tapferkeit ein Kunssss-tmaler erzählt, bei dem ich zuweilen arbeite; er hat mir auch den Namen des Schneiders genannt und dabei versichert, es seien schon mehr als tausend Schneider Generale geworden.« Dagegen ließ sich nun freilich nichts einwenden, und die Jungfer Kiliane, welche sah, wie Herr Dubel in Begeisterung zum Fenster hinausschaute und die Arbeit liegen ließ, brachte das Gespräch auf ein anderes Thema und fragte den Schneider, warum er vergangenen Freitag nicht zur Arbeit gekommen sei; worauf derselbe seinen Blick alsbald in's Zimmer zurückwandte, im Geist von dem Schlachtrosse herunterstieg und die Scheere zu dem gebrauchte, wozu sie eigentlich da war. »Am vergangenen Freitag,« sagte Herr Dubel und paßte mit einigen kühnen Schnitten ein Stück Zeug zu einem anderen, wozu es gehörte, »war ich außerordentlich verhindert; ich fand Donnerssss-tag Abends in meiner Wohnung ein Billet vor von dem Jäger eines meiner hohen Gönner, des Herrn Barons Karl, worin ich gebeten wurde, den andern Tag beim Ausbessern einiger Livreessss-tücke zu helfen – ein charmanter Herr, der Baron Karl, ein liebenswürdiger Cavalier!« »Aha!« sagte die Büglerin; »Frau Welscher hat seine Wäsche; ein sehr ordentlicher und sauberer Mann, es ist derselbe, von dem mir die alte Winklere erzählte, der die Geschichte bei Hof hatte ...« »Und in Ungnade fiel wegen des schönen Hoffräuleins,« ergänzte Herr Dubel. »Was da oben für merkwürdige Leute sind!« sagte die Kiliane und ließ sich ein neues und heißes Bügeleisen bringen, wodurch in ihrer Arbeit eine kleine Pause entstand, während welcher sie die Hände in den Schooß legte und zum Fenster hinaussah. »Bei uns Bürgersleuten ist man froh,« fuhr sie fort, »wenn ein armes Mädchen eine gute Parthie macht, und die da oben trennen ein solches Paar gewaltsam, 's ist kein Menschenverstand darin! – Und weiß man nicht, wohin sie das arme Fräulein geschickt haben?« »Vor der Hand wissen wir es nicht,« antwortete der Herr Dubel sehr wichtig; »ich habe mir die Geschichte ausführlich von dem Lakaien Jean erzählen lassen, der weiß Alles, was bei Hofe geschieht; auf einem Hofballe wurde das abgemacht, und nachher in aller Früh reissss-te das Fräulein fort. Der Baron Karl, welcher das alles am andern Morgen erfuhr, eilte in's Schloß und soll mit einer der Hofdamen eine furchtbare Scene gehabt haben; diese fiel darauf in Ohnmacht, ein Umstand, der an sich bei solchen Damen nicht viel sagen will; doch in diesem Falle wurde die Alteration, welche der Baron der erssss-ten Dame verursacht, für sehr wichtig genommen und war Ursache, daß man ihn bessss-timmt und ausdrücklich bat, das Schloß ferner nicht mehr zu besuchen. Hierauf entschloß sich der Baron, die SSSS-tadt zu verlassen, wahrscheinlich will er das Fräulein aufsuchen, und ich wurde deßhalb am vergangenen Donnerssss-tage durch ein Billet meines genauen Bekannten, des Herrn Jägers Lukas, eingeladen, Einiges an den Reiselivreen zu verbessern. Morgen oder übermorgen reissss-t der Baron ab, und da wird das hübsche Haus, das er in der Allee draußen hat, geschlossen, und in all' den Zimmern, wo man so schön wohnen könnte, wird sich ferner keine Seele aufhalten.« Dies sagte der Schneider mit einem tiefen Seufzer. »Und das Fräulein ?« forschte die Kiliane, »hat sie keine Eltern, keine Verwandten, keine Heimath, wohin man sie geschickt haben wird und wo der Herr Baron sie leicht finden kann?« »Ich glaube nicht,« entgegnete Dubel; »sie soll ein verwaissss-tes Kind sein und hat, so viel ich höre, nur noch einen einzigen Onkel, der da unten an der belgischen Grenze wohnt, der sich aber nie viel um sie bekümmert; zu dem hat man sie auf keinen Fall geschickt. Aber laßt's nur gut sein,« fuhr der Schneider bestimmt fort und schwang drohend seine Scheere, »wir werden sie schon finden, Jungfer Kiliane, es issss-t Alles bereits dazu eingeleitet, und dann prosit die Mahlzeit, Hofdamen, alte Herzoginnen, dann wird geheirathet trotz aller Einsprachen!« Herr Dubel hätte noch längere Zeit solchergestalt seinem Ingrimme gegen schreckliche Hofintriguen, wie er es nannte, Luft gemacht, wenn nicht in diesem Augenblicke die Frau Welscher eingetreten wäre und darauf Jedes beim Anblick der gestrengen Frau seine Arbeit eifrigst fortgesetzt hätte. – – – Unten aber, in dem Durchgange des alten Stadtgrabens wurde eine außerordentlich glänzende Gesellschaft sichtbar, welche sich auf das alte Kloster zu bewegte, in die Thür desselben eintrat und nun sporenklirrend, lachend und lärmend die breite finstere Wendeltreppe hinaufstieg. Diese Gesellschaft war nichts Geringeres als der Hofkutscher, Herr Joseph Winkler, mit ein paar Collegen und Stallbuben, ferner der Herr Vicarier Steinle, welche alle zu dem Zweck gekommen waren, um dem alten Kloster einen Begriff davon zu geben, wie sehr sich die vom alten Hof bemühten, ihre Theilnahme für das Kind der verstorbenen Marie an den Tag zu legen. Zu diesem lobenswerthen Zwecke hatten sich ihnen angeschlossen: der Jäger Herr Lukas und der Hoflakai Herr Jean. Alle befanden sich in großer Uniform, die Stallbeamten in weißen Lederhosen, glänzenden Kappenstiefeln, himmelblauem Leibrock, mit Gold besetzt, und sauber lakirten Hüten, die alle keck auf dem rechten Ohr hingen. Die Stallbuben trugen den Anzug der Vorreiter, hatten himmelblaue Jacken an, ebenfalls mit Gold gestickt, und eine runde Jockaimütze mit schimmernder Troddel. Jean hatte ein Uebriges an sich gethan und zeichnete sich namentlich durch glänzend weiße, feine, waschlederne Handschuhe aus; Lukas war ebenfalls im höchsten Staat, sein grüner Rock schimmerte von Stickereien, sein reiches Wehrgehänge mit dem Hirschfänger klapperte und glänzte, auf dem Kopf hatte er einen großen Hut mit wallendem, dunkelgrünem Federbusche und an den Händen schwarze Stülphandschuhe. Besonders ihn schien der alte hölzerne Bruder Pförtner, der unten an der Wendeltreppe stand, freundlich anzusehen; derselbe hatte vor langen, langen Jahren gewiß viele dergleichen kecke Jägergestalten in's Kloster eintreten sehen, und als ihm Lukas lachend auf den dicken hölzernen Bauch schlug, würde er gewiß gelächelt haben, wenn es zufällig gerade um die Mitternachtsstunde gewesen wäre. Als die Gesellschaft auf dem ersten Stocke ankam, stutzte Joseph, als er ein neues Schild sah, das, wie früher mit weißen mageren Buchstaben auf einem schwarzen Brett, jetzt mit Gold auf Grün deutlich sagte: » Weinwirthschaft .« Seine Collegen und der Vicarier stutzten ebenfalls, und die Stallbuben schmunzelten. – Weinwirthschaft ! Dieses Wort hat eine merkwürdige Anziehungskraft, besonders wenn man es mit goldenen Buchstaben auf grünem Grunde liest und eine etwas regsame Phantasie sich dabei den goldenen Wein in grünen Flaschen vorstellt. Der Zauber siegte auch dieses Mal, und Alle traten, die Stallbeamten voran, in das ehemalige Refectorium des Klosters. Es war eine große, geräumige Stube mit hohem, vor Alter geschwärztem Getäfel, und gewiß einmal sehr luftig und hell gewesen, denn es hatte zwei große Bogenfenster, von denen aber das eine im Verlauf der Zeit wegen allzu viel zerbrochener Scheiben zugemauert worden und deßhalb die Fensterwand heutigen Tages recht trübselig und einäugig anzuschauen war, um so trübseliger, als das noch vorhandene Fenster nebelhaft angelaufen aussah, wodurch man jetzt beim schönsten Wetter und beim klarsten Himmel in der Stube geschworen hätte, es regne draußen. Möbelwerk, Fußboden, Thüre, Decke, Ofen und Wirthin paßten zu dieser Trübseligkeit; letztere eigentlich war das unpassendste Möbel in der ganzen Wirthschaft, denn eine dickere, schmutzigere und schlampigere Vettel war auf zehn Meilen im Umkreise nicht zu finden; sie sah aus, wie Grau in Grau gemalt. Diese Wirthin nun wandte sich beim Eintritt der Gesellschaft schmunzelnd um, warf Ueberreste von Kartoffelschalen und eine große schwarze Katze vom Tische herab und eilte in den Schenkverschlag, um mehrere Schoppen des befohlenen Achter so schnell wie möglich herbeizubringen. Am Ofen saß ein einziger Gast, welcher bei dem Sporengeklirr nicht umgeschaut hatte, wenigstens schien es so; auch nahm er gar keine Notiz von den Eingetretenen, sondern schien angelegentlich die Zeichnungen an dem großen, gußeisernen Ofen zu betrachten. Joseph, der sich scheute, mit den weißen Reithosen auf die schmutzige Bank hinzusitzen, lehnte sich an den Tisch und trank das Wohl der alten Frau Welscher, der alten verstorbenen Marie und blinzelte dabei auf den Mann am Ofen hin, dem dieser Toast nicht besonders zu behagen schien. Auch die schmutzige Wirthin hätte etwas Anderes gewünscht, denn sie warf die Oberlippe auf und murmelte dem fremden Gaste lachend etwas in die Ohren. Dies hielt aber den Kutscher durchaus nicht ab, besagten Toast noch einmal auszubringen, und dabei stieß er den Hoflakaien Jean in die Rippen, murmelte lachend ein paar Worte und zeigte dabei auf den Mann am Ofen. Jean schmunzelte, hob sein Glas in die Höhe und sagte: »He, Joseph ! wißt Ihr nicht, wer jener dumme Kerl war, der Euch beim letzten Hofball in den Weg sprang und den Ihr nur dreist hättet überfahren sollen?« »Genau weiß ich es nicht,« lachte der Kutscher, »aber es wird wohl ein Polizeispion gewesen sein. Ueberfahren, das darf man nicht thun, bei Leibe nicht! aber ich habe meine neue Peitschenschnur an ihm versucht, daß der Hallunk einen Satz machte, es war gar zu possierlich.« »Wer war das, von dem die Rede ist?« fragte der Jäger. »Wer wird's gewesen sein?« sagte Joseph: »so ein alter räudiger, abgeschlagener alter Hund von einem Aufpasser, so ein Kerl, der es nicht wagt, ein paar Besoffene festzuhalten, die aus dem Wirthshaus heraustorkeln und den größten Scandal auf der Straße machen, weil er fürchtet, Prügel zu bekommen, so ein verflixter alter Hallunke, der einen Hofwagen Nachts um ein Uhr anhält, wo weit und breit keine Menschenseele mehr auf der Straße, einen alten Hofwagen, die immer in solidem Trab fahren und noch nie Jemanden beschädigt haben, so ein alter Kerl, der allen Mädels nachläuft, der anständigen Leuten das Cigarrenrauchen verbietet und armen Weibern, die ihr altes Amt verlieren, durch scheußliche, giftige Bemerkungen das Leben sauer macht – so ein alter Lump – ein miserabler – einäugiger!« Der Gast am Ofen zuckte bei den Ehrentiteln, die dem großen Unbekannten so freiwillig gespendet wurden, heftig zusammen und war namentlich beim letzten Prädikat, das von einem fehlenden Auge sprach, im Begriff, sich hastig herum zudrehen; doch bezwang er sich und blieb ruhig sitzen. Der Achter war endlich getrunken, und die Gesellschaft schickte sich an, mit großem Geräusch, laut gesprochenen Worten und vielem Sporengeklirr in den zweiten und dritten Stock hinauf zu steigen. Kaum aber hatten Alle das Zimmer verlassen, so sprang der Gast am Ofen von seiner Bank in die Höhe, ballte die Fäuste nach der Thür, fletschte die Zähne und rief, während sein einziges Auge giftig leuchtete: »Wartet, ihr Hofgesindel, ich will euch den einäugigen, miserablen Lumpen noch eintränken!« Droben indessen klopfte der Herr Joseph Winkler gar zierlich an die Thür der Frau Welscher, und als man von innen Herein! rief, öffnete er, und der Glanz und die Pracht, von der wir oben gesprochen, trat in das Zimmer vor die verwunderten Büglerinnen. Nach ein paar Augenblicken des Staunens von Seiten der Frau Welscher, der Kiliane, des Herrn Dubel und sämmtlicher Kinder und Arbeiterinnen nahm Joseph das Wort und erklärte, daß sie sammt und sonders gekommen seien, um der Frau Welscher feierlichst dafür zu danken, daß sie sich des armen und verwaisten Kindes angenommen, wofür ihr Gottes Lohn nicht ausbleiben werde, und daß sie ferner sich erkundigen wollten, wie es der kleinen Marie gehe und was sie thue und treibe, daß sie nicht unterlassen könnten, eine Kleinigkeit an Geld, worunter zwei Dukaten, die sie für das Kind zusammengebracht, hiermit geziemend zu übergeben. Diese Rede des Herrn Winkler war sehr rührend und feierlich, und die Frau Welscher, welche dieselbe Livree vor sich sah, die ihr seliger Mann auch getragen, fuhr, übermannt von süßen Erinnerungen und nachdenkend, mit der Hand über die Augen; die alte Kiliane trocknete sich ein paar Thränen ab, Herr Dubel war sichtbarlichst gerührt, der Vicarier Herr Steinle verzog sein Maul auf eine entsetzlich wehmüthige Art, als er das Kind der Marie vor sich stehen sah, und der junge Herr Welscher heulte ohne alle Ursache, vielleicht weil er die Kiliane weinen sah oder weil ihm seine Schwestern den Rest des Kaffee's ausgetrunken hatten. Nachdem das vorüber war, bot die Frau Welscher so viel Stühle an, als sie besaß, und Alle fanden einen Sitz bis auf die Stallbuben, welche ehrerbietigst an der Thür stehen blieben. Da wurde nun gesprochen von den letzten Augenblicken der unglücklichen Marie, von ihrer Herzensgüte und ihrem lustigen Sinne; ferner von der alten Winklere, daß ihr der Stadtrath Schwämmle das Austragen der Museumsquittungen anvertraut, und daß sie nächstens auch bei einer conservativen Zeitung angestellt werden würde; ferner von der Abreise des Baron Karl, welcher die Frau Welscher sehr betrübe, – so sagte dieselbe zum Jäger Lukas und versicherte, einen anspruchsloseren und artigeren Herrn habe sie noch nicht bedient; dann sprach man vom Wetter, von der Gesundheit der Kiliane, vom Heranwachsen der Welscher'schen Sprößlinge; dann wurden Stühle gerückt, Sporen klirrten gegen einander, die Stallbuben rissen die Thür auf, und nach vielmaligem Abschiednehmen und außerordentlich zahlreichen »Behüt' Euch Gott!« polterte die ganze Gesellschaft die Treppen hinab, mit Ausnahme des Jägers Lukas, welcher mit der Frau Welscher in das Nebenzimmer ging, um einige Rechnungen in Ordnung zu bringen. Dieses Geschäft war bald abgemacht; der Jäger bedauerte, so sagte er als höflicher Mann, daß er morgen die Stadt verlassen müßte, und setzte hinzu: »Ich hoffe nicht, daß mein Herr lange Zeit ausbleiben wird, vielmehr, daß wir bald und glücklich zurückkehren und den Leuten hier zeigen, wie viel es geschlagen hat. Apropos!« fuhr der Jäger fort, »ich habe noch eine Kommission von meinem Herrn an Sie; er weiß nämlich genau, wie sehr alle Leute, die Sie kennen, von Ihrer Rechtlichkeit überzeugt sind und wie man sich darauf verlassen kann, wenn Sie Jemanden empfehlen. Nun bin ich vor einiger Zeit zufällig mit dem jungen Menschen, dem Herrn Dubel, der draußen in Ihrer Stube sitzt und arbeitet, bekannt geworden und bin im Stande, etwas für ihn zu thun, im Falle Sie mir ihn als zuverlässig und getreu empfehlen können.« Die Waschfrau nickte vergnügt lächelnd und hörte aufmerksam zu. »Mein Herr,« fuhr der Jäger fort, »verreist, wie Sie wissen, morgen und hat seine Gründe, von beiden Lakaien keinen im Hause zu lassen, wünscht aber einen vertrauten Menschen, der sich Nachts dort aufhält, der Briefe etc., die für uns ankommen, weiter besorgt, der vor allen Dingen ehrlich und verschwiegen ist; und zu diesem Posten habe ich den Herrn Dubel vorgeschlagen.« »Und da haben Sie ein sehr gutes Werk gethan,« sagte die Waschfrau freudig überrascht, »ich kenne den Herrn Dubel von seiner Kindheit an und kann ihn in alle Wege zu dem Posten empfehlen.« »Abgemacht!« sagte der Jäger und reichte die Hand zum Abschied. »Bitte, dem Herrn Dubel noch nichts darüber zu sagen, da ich mit dem Baron noch Einiges besprechen muß. Adieu, Frau Welscher! halten Sie sich gesund, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.« Damit verließ der Jäger das Zimmer, grüßte den Schneider und die Jungfer Kiliane und stieg die Treppen hinab. Der Herr Dubel, der keine Ahnung davon hatte, welcher helle Stern in der Nacht seines Daseins aufzusteigen im Begriffe war, nähte emsig darauf los, bis es acht Uhr schlug; dann aß er mit der Familie zu Nacht, gab beim Abschiednehmen der kleinen Marie die Hand und brachte die Jungfer Kiliane nach Hause, worauf er eiligst durch die glatten Straßen schlüpfte, um seine Dachkammer zu erreichen, seinen Thee im Morgenanzug zu genießen und sich, in Pelham lesend, für einen angehenden großen Herrn zu halten. Bald hatte der Herr Dubel die Elstergasse erreicht und kam an das Haus Numero vierundvierzig, vor welchem sich eine vielleicht fünf Fuß breite Eismasse gelagert hatte; Dubel mit seiner Leichtfüßigkeit setzte zum Sprunge an, flog in die Hausthür hinein zierlich und gewandt und parirte auf dem glatten Stein, als stehe er auf einem Teppich, weil er sah, daß er im andern Falle einen Herrn fast umgerannt hätte, der aus der Thüre der Weinstube trat. Dieser Herr aber blieb ob Sprung und Parade erstaunt stehen, klatschte langsam und gemessen in die Hände und sagte: »Bravo, bravissimo! ein schöner Sprung, ein merkwürdiger Aplomb, bravo!« Der Schneider sah den Lobsprecher erstaunt an, zog aber höflich seine Mütze, als er den gravitätisch aussehenden Mann genau ansah und den königlichen Balletmeister erkannte. »Bravo!« wiederholte Signor Benetti, »Sie entwickelten eine Gelenkigkeit und Kraft, wie man sie sich auf der Bühne nur wünschen kann.« Er hätte wahrscheinlich noch weiter fortgesprochen, doch wurde in diesem Augenblicke die Hausthür von einer riesenhaften Figur verdunkelt, welche Niemand anders war, als der Herr Lukas, der sich nach dem Herrn Dubel erkundigte. Der Balletmeister verließ das Haus, und die beiden Andern stiegen die Treppe hinauf. Bald war der Schneider von dem Glücke, das ihn erwartete, in Kenntniß gesetzt, und man kann seine Seligkeit, eine elegante Wohnung sowie einen kleinen Gehalt zu erhalten, kaum ermessen. Er verließ noch denselben Abend die Elstergasse; sein Quartier, das fast noch ein Vierteljahr bezahlt werden mußte, kam dem Doctor Stechmaier zu Gute, der seinen Wandkasten verließ und sich oben einlogirte. Sechzehntes Kapitel. Ein Bürgerball und seine Folgen. Die Hofräthin war nach jenem unglückseligen Bürgerball das nicht mehr, was sie früher gewesen; im innersten zartesten Kern ihres Lebens war sie schmerzlich verwundet, und ihr Sohn, auf den sie alle Hoffnung gesetzt, daß er nicht in die Fußstapfen des Vaters treten, vielmehr ihr, der Trauerweide, ein Stab sein werde, an welchen sie gestützt fortan durch das Leben säuseln könne, – ihr einziger Sohn, ihr Eduard hatte Schmach auf ihren Namen gehäuft, hatte eine ganze ehrenwerthe Bürgergesellschaft blamirt, hatte mit einer Putzmacherin getanzt! Zwischen jenem unglücklichen Ballabend und jetzt lagen schon ein paar Wochen, und während dieser Zeit hatte die Hofräthin nebst Gemahl und Sohn ihre bisherige Wohnung verlassen und war in den oberen Stock zu dem Herrn Stadtrath Schwämmle gezogen. Diese Wohnungsveränderung, obgleich schon seit einem halben Jahr vorbereitet und deßhalb mit der Ballgeschichte in keiner Verbindung stehend, wurde doch wegen letzterer eine Quelle der bittersten Vorwürfe für Gatten und Sohn. Die Hofräthin, welche von ihrer zerknickten Hoffnung auf den Sohn immer in Parabeln sprach, wie von einer theuren Verstorbenen, konnte, so sagte sie nämlich, die alten Räume, in welchen sie sich so glücklich geträumt, ferner nicht mehr sehen und wurde auf diese Art gezwungen, die ihr so unnennbar lieb gewordenen Zimmer zu verlassen. Umsonst hatte sich der Hofrath eines Tags unterstanden, ihr zu bemerken, es sei ja schon vorher eine andere Wohnung gemiethet gewesen; diese unzarte Aeußerung hatte nur einen heftigen Migränenanfall zur Folge und das arme Schlachtopfer zog seufzend in die neue, viel schönere Wohnung. So sehen wir sie am Fenster sitzen und bemerken, wie sie ihren Blick zuweilen, über Nähzeug und Nadel seufzend, auf die beschneiten Dächer der nachbarlichen Häuser wirft. Neben ihr in einem Arbeitskörbchen befinden sich verschiedene Bücher höchst frommen Inhaltes, und wir wollen es im Vertrauen gestehen, daß die Hofräthin einmal fast im Begriff war, einer frommen Brüdergemeinde beizutreten und Betstunden zu besuchen; doch überdachte sie noch zeitig genug, daß sie als Mitglied einer solchen Bälle und Theater unbedingt für Anstalten des Teufels zum Fange einer armen Seele betrachten müsse, und das war nicht gut thunlich, denn sie hatte im königlichen Hoftheater ein halbes Jahresabonnement mit zehn anderen Damen der siebenten Rangklasse auf einen Sitz der zweiten Gallerie, und dieses Abonnement war nicht rückgängig zu machen. Was sollen wir von Eduard sagen? – von Eduard, dessen Gemüth nicht so verhärtet war, daß er nicht am andern Morgen den Kummer der Mutter und die Unschicklichkeit gefühlt hätte, die er begangen? Aber der Vater Hofrath hatte diesen Keim zum Guten mit roher Hand erstickt, indem er des andern Tages bei Tische, als ihm die Geschichte erzählt wurde, laut hinaus lachte. Wie schauerte dabei der Hofräthin zart Gemüth zusammen! Welcher Abgrund von Schlechtigkeit öffnete sich vor ihren Augen! Sie hatte ihren Mann freilich schon als roh erkannt, als unzart im höchsten Grade, aber als so verderbt, wie sie ihn jetzt kennen lernte, hatte sie sich ihn nicht vorgestellt. Sie spielte hierauf eine Zeit lang die arme Dulderin, hustete bedeutend, ließ den Arzt kommen, trank ungeheure Medicinflaschen leer und ließ in das Tagblatt setzen, es werde auf nächstes Frühjahr eine Eselin gesucht, die gute Milch habe. Alles umsonst! Der Hofrath ging nach wie vor ins Wirthshaus und in seinen Klubb, und der Sohn ging in mehrere Klubb's und in mehrere Wirthshäuser! Darauf hatte die Hofräthin ihren Kriegsplan geändert; sie machte ihrem Manne das Leben sauer, wo es thunlich war, das heißt beim Kaffeetrinken und Mittagsessen und Nachts in ihrem Bette, wo sie bei zugezogenen Gardinen die furchtbarsten Predigten hielt. Andere Stunden des Tages und Abends war der Hofrath nicht zu haben, wohl aber der unglückliche Eduard – er mußte mehrere Abend in der Woche zu Hause bleiben, bekam keinen Hausschlüssel, mußte hie und da mit der Mutter eine Visite machen, kurz, er wurde außerordentlich tyrannisirt. Es mochte gegen elf Uhr Morgens sein, als es bei Hofraths draußen an der Klingel schellte und gleich darauf der Schritt des Hausherrn hörbar wurde, der sich den Schnee von den Stiefeln klopfte und ins Zimmer trat. Der Hofrath war ein großer, starker Mann mit rothem, freundlichem Gesicht und einem höchst glücklichen harmlos vergnügten Zug in demselben. Er kam so eben von der Bibliothek, wo er seine Beschäftigung hatte, und wollte zu Hause nur einen Augenblick nach eingelaufenen Briefen sehen und sich alsdann in seinen Klubb begeben, um die Zeitung zu lesen und zur Stärkung des Appetis einen Schoppen Zwölfer zu genießen. Zu diesem Geschäfte mit Hut, Mantel und Stock gerüstet, trat er in das Zimmer der Hofräthin, um sich eine vergessene Cigarrendose zu holen, und der Hofräthin kam ein sehr guter Gedanke. Sie nickte bei seinem Eintritt kaum merklich mit dem Kopf, schaute alsdann gedankenlos durch's Fenster und sagte mit der gleichgültigsten Miene von der Welt: »Es ist gut, daß du kommst, ich wollte dich gerade von der Bibliothek holen lassen.« »Was hat's gegeben, mein Schatz?« fragte der Hofrath mit vergnügtem Gesicht. »Was wird von mir gewünscht, womit kann ich dienen?« Die Hofräthin hob ein Sacktuch, welches sie gerade ausgebessert, gegen das Licht und sagte, indem sie aufmerksam nach einer defekten Stelle spähte: »Du weißt, wir wohnen schon vier Tage hier im Hause und haben bei Stadtrath Schwämmle's noch keinen Besuch gemacht; es ist unumgänglich nothwendig, dieß heute noch zu thun, man kann nicht längere Zeit mehr so hingehen lassen.« »Ich sollte meinen,« sagte lächelnd der Gemahl, »daß das eigentlich nicht nothwendig sei, bei so guten Bekannten wie Schwämmle's einen formellen Besuch zu machen; man thut das wohl bei wildfremden Leuten, zu denen man ins Haus zieht, – geh' mein Schatz, das ist eine leere Förmlichkeit.« Die Hofräthin ließ ihr Sacktuch wie entsetzt in den Schooß fallen und schaute ihren Mann ein paar Sekunden lang mit dem ihm wohlbekannten festen Blicke an, einem Blicke, den er unmöglich lange Zeit aushalten konnte. »Leere Förmlichkeit!« sagte sie alsdann; »ja, du möchtest freilich alle Formen aus der Welt verbannen, dir könnte freilich die Gesellschaft nicht zwanglos genug sein, – ein Einzugsbesuch sei eine leere Förmlichkeit?! O, es ist unglaublich, was ich Alles erleben muß! Aber,« fuhr sie heftig fort, »in dem Hauswesen, dem ich vorstehe, die Formen des Anstandes aufrecht zu erhalten, so weit es meine schwache Kraft zuläßt, werde ich mich bemühen, und sollte ich darüber zu Grunde gehen, trotz deinen Einreden und dem ungeschliffenen Betragen deines Herrn Sohnes! Die Stadträthin Schwämmle gibt heute Abend eine große Theegesellschaft und nur ein Mensch ohne alle Formen ist im Stande, zu glauben, man könne da erscheinen, ohne einen Einzugsbesuch gemacht zu haben.« »Aber ich sehe durchaus nicht ein, warum sich ereifern!« sagte der Hofrath und steckte die Cigarrendose ein, die er gefunden. »Warum ich mich ereifere?« rief die Hofräthin mit ziemlich lauter Stimme; »freilich, warum ich mich ereifere? Die Frage habe ich auch schon tausend Mal an mich selbst gestellt und finde auch nur eine einzige Antwort; warum mich ereifern, warum auf die notwendigen Formen halten? – – – Um wenigstens vor den Augen der Leute mit einigem Anstand und Ehre bestehen zu können.« Sie warf sich erschöpft in ihren Stuhl zurück und schaute gen Himmel auf, als wollte sie sagen: »Unterstützt mich kein Donner, spricht kein Blitz für mich?« Der Gemahl aber, dem bei allem Gleichmuth nichts unangenehmer war, als häusliche Scenen, denn er kannte die Zähigkeit der Hofräthin und wußte, daß sie nicht nachließ, ihm eine und dieselbe Geschichte wochenlang vorzukauen, hakte seinen Mantel los und erlaubte sich dabei die schüchterne Frage: »Aber, mein Schatz, könntest du diesen Einzugsbesuch nicht allein besorgen?« Ein vernichtender Blick aus den grauen Augen der Hofräthin zeigte ein schweres Unwetter an, das alsbald erfolgen würde, und gleich darauf brach es auch wirklich los und platzregnete eine Fluth von Worten: »Ich allein soll hinuntergehen?« jammerte die unglückliche Frau; »ich allein, immer allein, ewig allein? Sind wir denn eigentlich zusammen verheirathet, oder betrachtest du mich nur als deine Sclavin. – Ich allein? – ja allein, das ist das Losungswort, das mich durch diesen Ehestand geschleppt hat – nun schon seit zwanzig Jahren allein zu Hause, allein auf der Straße, allein in der Kirche, allein auf Bällen, allein im Theater, allein, immer allein! Und du, wo warst du in all' den Stunden, die ich nun schon so lange, lange Jahre allein verbringen mußte? – In Geschäften? – nein; aber im Wirthshaus, im Klubb; ja, diesen Orten, dem Klubb und dem Wirthshaus bin ich geopfert worden, o, es ist herzzereißend! Tausend Jahre ewigen Sprechens könnten nicht all' die Leiden erzählen, die ich in all' den langen Jahren erduldet habe, ich unglückliche Frau! In der ganzen Residenz, ja im ganzen Lande gibt es keine, die den hundertsten Theil so viel durchgemacht hat, wie ich.« Der Hofrath hatte die gute Eigenschaft, daß er dergleichen heftigen Redeausbrüchen durch Erwiderungen keinen Damm entgegen zu setzen suchte, vielmehr riß er alle Schleusen auf und ließ das Wasser frei durchströmen, indem er hie und da mit dem Kopfe nickte oder Ja, Ja! sagte, oder Freilich! und dergleichen mehr. Er wußte, daß die Hofräthin doch am Ende aufhören würde – dann folgte noch ein sanftes Thränengeriesel, und danach hatte er wieder auf circa acht Tage Ruhe. Er legte seinen Mantel ab, zuckte mit den Achseln, meinte, wenn es nicht anders sei, so müsse man in Gottes Namen bei Schwämmle's einen Besuch machen und zog sich in sein Zimmer zurück, um die zu einem solchen Einzugsbesuche bei guten Freunden, die man täglich sah, höchst nothwendige Toilette zu machen, den schwarzen Frack, die schwarze Halsbinde anzuziehen, kurz, sich äußerlich wie bei den feierlichsten Gelegenheiten heraus zu putzen. Die Hofräthin, welche nach dem eben gehabten Erfolge beschloß, heute fest aufzutreten, umgeben von sämmtlichen Großen ihres Reichs, sandte in die benachbarte Buchhandlung, wo Eduard auf dem Comptoir beschäftigt war, und ließ ihn augenblicklich herkommen; dann mußte Hofraths Mine, ihre Magd, zu gleicher Zeit einen freundlichen Besuch bei Stadtraths Ricke, der anderen Magd, machen und mußte im Gespräche fallen lassen, Hofraths würden nach zwölf Uhr herabkommen und einen Einzugsbesuch machen. Nach dieser Mittheilung verschwand Stadtraths Ricke in das Zimmer der Frau Schwämmle und sagte, als sie wieder kam, Stadtraths würden auf jeden Fall heute Mittag zu Hause sein, und nachdem diese diplomatischen Verhandlungen beendigt waren und deren Resultat der Hofräthin mitgetheilt, warf sie sich in ein dunkelgrünseidenes Kleid und schmückte sich auf's Beste zu dem vorhabenden Besuche. Der junge Eduard, der vor Tische eine Partie Billard passender gefunden hätte, fügte sich dem strengen mütterlichen Befehl, warf sich zu Hause angekommen ebenfalls in einen schwarzen Frack, und so gerüstet stand die hofräthliche Familie da, wartend, bis es zwölf Uhr schlagen würde. Endlich verkündeten alle Glocken der Stadt die Mittagsstunde, und wenige Minuten nachher zog der Hofrath an der Klingel des Stadtraths, und es zeigte sich, daß der Herr Hofrath und Hofräthin dem Stadtrath und der Stadträthin einen Besuch zu machen gedächten. Auf die Versicherung von Stadtraths Ricke, daß Stadtraths zu Hause seien und daß es dem Herrn Stadtrath und der Frau Stadträthin ein außerordentliches Vergnügen machen würde, den Herrn Hofrath und die Frau Hofräthin bei sich zu sehen, traten die Letzteren in das Besuchszimmer. Nachdem das Dienstmädchen der Frau Hofräthin einen Platz auf dem Sopha angewiesen, für den Hofrath und Hofraths Eduard Stühle daneben gestellt, entfernte sie sich, und aus dem Nebenzimmer trat der Stadtrath Schwämmle mit seiner dicken Gattin, der Stadträthin, heraus. Schwämmle's sonst so lebhaftes Gesicht war in feierliche Falten gelegt, die außerordentlich leichten Bewegungen, welche er sonst im Gehen auszuführen pflegte, waren gemäßigt; denn wenn er auch den Hofrath fast jeden Tag in dem Klubb sah, wenn er auch die Hofräthin häufig auf der Treppe, auf der Straße oder bei seiner Frau angetroffen, wenn auch beide Familien in einem sehr befreundeten Verhältnisse zusammen standen, so war doch ein solcher erster Besuch als Mietbewohner desselben Hauses ein viel zu feierlicher Akt, als daß man ihn nicht hätte außerordentlich würdevoll begehen sollen. Die Stadträthin machte bei ihrem Eintreten einen Knix, der Stadtrath zwei tiefe Neigungen mit dem Kopfe, welche Begrüßungen von Hofraths durch Aufstehen von Stühlen und Sopha, durch eben so viele Neigungen mit dem Kopfe des Hofraths und durch einen eben so tiefen Knix von der Hofräthin erwidert wurden. Der junge Eduard, der die üble Gewohnheit hatte, bei einer Verbeugung mit dem Fuße hinten auszuscharren, warf bei dieser Gelegenheit den Stuhl um, auf welchem er gesessen, was eine augenblickliche Störung verursachte; doch war der Stadtrath Schwämmle Weltmann genug, die Sitzung schnell wieder herzustellen. Die Stadträthin saß an der linken Seite der Hofräthin auf dem Sopha, der Stadtrath und der Hofrath hatten ihre Stühle gleich weit vom Tische und vom Sopha entfernt, wie es die Etiquette verlangte und der junge Eduard, dem dies noch besonders eingeschärft worden war, hatte respektvoll seinen Stuhl ungefähr einen halben Schuh hinter den seines Papa's zurückgezogen. Alle drei Herrn aber befleißigten sich, wie es in hiesiger Residenz als Ausdruck des höchsten gegenseitigen Respektes angesehen wurde, von ihren Sitzen nur den kleinsten Raum einzunehmen, und alle drei saßen so scharf auf der Kante ihrer drei Stühle, daß sie bei dem geringsten Hustenanfalle unfehlbar herabgestürzt wären. Zum Eingange des Besuches wurde sich nach den Gesundheitsumständen der verehrten Anwesenden und sämmtlicher Familienangehörigen bis ins hundertste Glied sorgfältig erkundigt; daß jedes einen Katarrhanfall und Husten gehabt hatte, verstand sich von selbst. Die Hofräthin klagte mit einem bedeutungsvollen Seitenblick auf den Hofrath, daß sie in letzterer Zeit sehr an Herzklopfen und Migräne gelitten; die Stadträthin Schwämmle befand sich noch am leidlichsten und dankte für die gütige Nachfrage nach der Gesundheit ihres Vaters, des Herrn Oberzunftmeisters. Der Hofrath und der Stadtrath hatten außer den angegebenen Uebeln ebenfalls nicht viel zu klagen, und der junge Eduard befand sich nur insofern unwohl, als er lieber von der stadträthlichen Visite weit entfernt gewesen wäre. Das Gespräch drehte sich ferner um das Wetter und die Hofräthin prophezeite einen längeren Frost ... »Mit einigem Schnee in den nächsten Tagen,« meinte die Stadträthin, und der Stadtrath, den seine Hühneraugen schmerzten, glaubte, etwas Regen werde nicht ausbleiben, worauf der Hofrath auf Thauwetter rieth, und der junge Eduard, um auch etwas zu sagen, diese vier Meinungen resumirte und in einiger Geistesabwesenheit von sehr starkem Frost mit Schnee und Regen und großem Thauwetter sprach. Hierauf bot das Theater weiteren Stoff zu ebenso interessanten und geistreichen Gesprächen. Die Hofräthin war überzeugt, daß das Haus beständig angefüllt sein würde, wenn man bei Entwerfung des Repertoirs billige Rücksichten auf das Publikum nähme. Aber es könne einer deutschen Frau doch nicht zugemuthet werden, so fort und fort und weiter nichts als italienische Musik zu hören, und was die Trauerspiele anbelange, so sei man nur dazu da, den Herrn B. in einem neuen Kleide zu bewundern und das Fräulein C. in irgend einem grassen französischen Machwerk als schreckliche Mutter oder Gattin zu verabscheuen. – »Gemüthliche deutsche Trauerspiele werden gar nicht mehr gegeben, und von den Lustspielen, die uns früher so ergötzten, will ich gar nicht reden.« »Aber das Ballet,« sagte der unglückliche Eduard, – »ist doch recht schön« – so hatte er eigentlich seine Rede beschließen wollen, doch bemerkte er noch frühzeitig genug den strafenden Blick seiner Mutter und erinnerte sich ihrer Lehre, daß es unanständig sei, vor anständigen Bürgerfrauen und Töchtern vom Ballet zu sprechen. Die Hofräthin und die Stadträthin schlugen hierauf vereint ihre Augen nieder und schämten sich recht sichtbar. Vater Schwämmle aber zog den Mundwinkel in die Höhe und gedachte jenes unvergeßlichen Bürgerballes. Die eben so unpassende als unzarte Erwähnung des Ballets hatte den Redefluß auf ewige Sekunden gehemmt, und es schlich sich, wie man zu sagen pflegt, ein Polizeidiener durch's Zimmer. In anderen Städten pflegt man auch bei ähnlichem plötzlichem Stillschweigen zu sagen, es schwebe ein Engel durch die Conversation; hier aber war es ein Polizeidiener, und der Stadtrath Schwämmle bemächtigte sich seiner augenblicklich, und brachte das Gespräch geschickt auf polizeiliche städtische Verordnungen und Einrichtungen, auf Straßenreinigung, Kaminfegerrecht, Feuerschau und versicherte, als er bei Feuersbrünsten im Allgemeinen angekommen war, die Einrichtung eines Pompier- und Löschcorps sei eigentlich nicht so außerordentlich nothwendig; die Spritzen befänden sich in anständigem Zustande und leisteten, wenn sie einmal auf dem Platze seien und wenn nicht gerade etwas am Pompwerk gebrochen oder eine Röhre geplatzt sei, die ersprießlichsten Dienste. »Ich bin,« sagte der Stadtrath Schwämmle mit erhobener Stimme, »pro neue Kirche, contra Pompiercorps; Feuersbrünste haben wir, Gott sei Dank! sehr wenig, und es geschehen geringe Unglücke dabei; gegen alle diese Firlefanzereien: bewegliche Brandleitern, Rettungssäcke für Menschen und Mobilien, bin ich unbedingt, es kommt nichts dabei heraus. Unglücksfälle gibt es überall, und daß eine Feuersbrunst nicht ohne dergleichen abgeht, ist voraus zu sehen.« Die Frau Stadträthin Schwämmle, welche große Lust hatte, gegen ihren Mann in Opposition zu treten, um sich des neuen Löschcorps, contra neue Kirche anzunehmen, dachte zur guten Zeit noch, wie wenig die Feier eines ersten Besuchs zu einem derartigen Streite geeignet sei, und schwieg still. Die Hofräthin würde aber auch unbedingt auf Seite des Stadtraths pro neue Kirche getreten sein, und so war es gut, daß die Stadträthin das Gespräch fallen ließ. Jetzt erhob sich die Hofräthin von dem Sopha, stammelte etwas von ewiger Freundschaft, von gutem Einvernehmen, und dann empfahl sich die hofräthliche Familie unter alt hergebrachten Förmlichkeiten, unter den verschiedenen Knixen und Verbeugungen, welche bei einer so feierlichen Veranlassung gegeben und angenommen werden. Der Stadtrath begleitete die Familie bis an die Glasthür, die Stadträthin aber nur bis an den Ausgang des Zimmers, was die Hofräthin ein wenig übel nahm. Darauf aber verfügten sich Hofraths nach Hause, und da es für den Chef des Hauses zu spät für einen Schoppen Zwölfer und für den jungen Eduard zu spät für eine Partie Billard war, so setzte sich die ganze Familie alsbald zu ihrem Mittagsmahl nieder. Nachher machte Hofraths Mine der Stadtraths Ricke einen ebenfalls sehr nothwendigen Einzugsbesuch, welcher der Hofraths Mine eine Viertelstunde darauf von der Stadtraths Ricke feierlich erwidert wurde. Wir können aber, obgleich wir beiden verschiedenen Diner's im Hause vollkommen überflüssig sind, dasselbe doch so bald nicht verlassen, indem ein unterschiedlicher Geruch von seinem Backwerk im untern Stock, sowie zahlreiches Porzellan, das in der Küche aufgestellt ist, vermuthen läßt, daß der Thee, welchen die Frau Stadträthin heute Abend gibt, sehr glanzvoll zu werden verspricht und wohl der Mühe werth sein wird, um ihm unsichtbar beizuwohnen. Nach Tische begann auch in der Küche der Stadträthin ein unerhörtes Rumoren, eine beispiellose Geschäftigkeit. Ricke hatte alle Hände voll zu thun, die lange nicht gebrauchten Theetassen sauber auszuwischen, während die Stadträthin das Backwerk zierlich auf die dazu bestimmten Platten schichtete; dann holte Ricke aus der Speisekammer mächtige Gläser voll eingemachter Früchte, womit von der Stadträthin verschiedene Porzellan- und Krystallschaalen angefüllt wurden. So ging der Nachmittag vorbei, und ehe es anfing zu dämmern, wurde der Theetisch in dem Besuchszimmer hergerichtet. – Und welcher Theetisch! Eine mächtige Tafel, an welcher wenigstens zwanzig Personen Platz hatten. Darüber wurde ein feines Tischtuch und eine riesenhafte Theeserviette gebreitet, dann die Tassen umhergestellt, an die Unterseite der Tafel, wo die Stadträthin ihren Sitz hatte, der Wasserkessel von englischem Metall mit der Spirituslampe, Theeseiher, Zuckerzange, einigen Vorrathslöffeln und dergleichen Kleinigkeiten mehr. In der Mitte der Tafel stand ein broncener Armleuchter und trennte dieselbe so zu sagen in zwei Hälften, welche beide mit einer wahren Armee von Backwerk und Süßigkeiten besetzt wurden. Das Centrum dieser beiden Heerflügel bildete hier eine riesenhafte Punsch-, dort eine eben so große Sandtorte; Kugelhopfen mit und ohne Chokolade-Ueberguß beschützten das Centrum wie schwere zwölfpfündige Batterien, dann kamen ganze Regimenter von kleinem Backwerk und es ist fast unmöglich, die Namen all' der Legionen, die hier aufmarschirt waren, anzugeben. Da sah man Theebrod von allen Formen, Seelen, Kaffeeküchlein, übergossenen Zwieback, Zimmtsterne, Berliner Pfannkuchen, hernach unter dem gemeinen Trosse: Hefenkränze, Mannheimerle, Kümmelkuchen und Mürbes in allen Gestalten. Diese zahlreiche Armee wurde flankirt und umschwärmt von einem ganzen eingemachten Sommer und Herbst. Von den Erdbeeren des Frühjahres waren alle Früchte vertreten bis zu den welschen Nüssen des Spätjahres, und wehe der Hausfrau, welche irgend eine eingemachte Frucht nicht aufgetischt hätte oder auf deren Tafel ein namhaftes Backwerk gefehlt – ihr wäre besser, sie wäre nie geboren! So stand die Tafel gerüstet und die Stadträthin war angethan mit ihrem schwarzseidenen Kleide, welches wir vom Bürgerball her kennen; der Stadtrath war ausgegangen, da es nur eine Damengesellschaft war, zu welcher die Männer nur insofern Zutritt hatten, als sie spät am Abend die Frauen und Töchter etc. abholen durften. Stadtraths Ricke empfing die Ankommenden an der Glasthür, und bald nach sieben Uhr war die ganze Gesellschaft versammelt und Jede hatte den Platz eingenommen, zu welchem sie durch Geburt und Rang berechtigt war. Wie sie so um den Tisch herum gereiht saßen, hatte man vor sich in strengster Folge ein schönes Stück der königlichen Rangliste, welche von der sechsten bis zur achten zahlreich vertreten war. Auf dem Sopha wurde erstere durch ein paar Oberregierungsräthinnen vertreten, an diese schlossen sich rechts und links Angehörige der siebenten Rangklasse: Kanzleiräthinnen, Hofräthinnen, dann kam die achte Rangklasse: Stabssekretärinnen, Postmeisterinnen, bis hinab zu einer Schwester der Stadträthin, welche das Unglück hatte, zu gar keiner Rangklasse zu gehören, da sie einen Kaufmann und Ladenbesitzer geheirathet hatte. Der Thee mit Vanille war angebrüht, sämmtliche Strickzeuge hervorgesucht, und wenn man die Damen so dasitzen sah, die Ellbogen in Folge des Strickens heftig auf- und abbewegend, so hätte man auf die Vermuthung gerathen können, man sehe vor sich eine Heerde wilden Geflügels, welches eben im Begriffe sei, aufzufliegen. Die Unterhaltung war auch durchaus nicht lebhaft; die achte Rangklasse schwieg vorab – in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle gegenüber der sechsten und siebenten Rangklasse; die siebente horchte aufmerksam auf die sechste, und eine der Oberregierungsräthinnen, die einigermaßen alterirt aussah, erzählte gerade eine schauderhafte Geschichte von der Frau eines Postsekretärs, welche sich einen Sammetmantel hatte machen lassen. Ein Schrei des Entsetzens erscholl an dem ganzen Tische; die siebente Rangklasse lächelte verächtlich, und die achte ließ ihren gerechten Zorn an sehr großen Stücken übergossenen Zwiebacks und Kugelhopfens aus. Wir können nicht umhin, ein paar alte Bekannte zu grüßen, das »alt« im Sinne des »längst« genommen, nämlich die dicke Kanzleiräthin vom Bürgerballe her mit ihrer ebenfalls dicken Tochter und die unglückliche, uns wohlbekannte Honoratiorentochter. Letztere hatte sich neben die Stadträthin Schwämmle gesetzt und sah etwas angegriffen, ja leidend aus. Allmählig kam frisches Leben in die Unterhaltung; die achte Rangklasse lachte häufig, machte zuerst schüchterne Bemerkungen unter einander, wagte dann ein Gespräch mit der siebenten Rangklasse, welche ein Auge zudrückte und sehr herablassend war, und als sich erst die andere Oberregierungsräthin, eine liebe, charmante Frau, nach dem Befinden eines kranken Kindes der ihr gegenüber sitzenden Stabssekretärin erkundigt hatte, lüfteten sich in etwas die starren Bande der Etiquette, die Zungen wurden frei und heitere Gespräche zu Nutz und Frommen der abwesenden Nebenmenschen nahmen an dem Theetische überhand. Wetterbeobachtungen und Gesundheitsverhältnisse, inclusive Ausgleiten und Fallen auf dem Glatteis, waren abgehandelt, und indem man das Repertoire des Theaters zerfleischte und die einzelnen Mitglieder scharf vornahm, hatte man Blut geschmeckt und ging mit voller Kraft an die Ereignisse des Tages. Zuerst wurden sämmtliche Mägde verdammt und schreckliche Beispiele erzählt von der Rohheit und dem Uebermuthe dieser verworfenen Klasse: hatte nicht die Oberregierungsräthin erlebt, daß ihr Bäbele, nachdem sie eine schöne Tasse zerbrochen – man fand sie nämlich zerbrochen in der Küche stehen, – ihr zur Antwort gab, es sei noch die Frage, ob sie, nämlich das Bäbele, die Tasse wirklich zerbrochen oder nicht vielleicht Jemand anders. – Jemand anders? konnte das Bäbele nicht vielleicht damit gesagt haben wollen, am Ende habe die Oberregierungsräthin die Tasse selbst zerbrochen – fürchterliche Frechheit! Der ganze Tisch erhob einen Weheruf und Alle versicherten, so etwas sei ihnen noch nie vorgekommen. Eine andere, nicht minder schreckliche Geschichte erzählte die Kanzleiräthin: nur durch nachlässiges Verschließen der Wärmflasche im Bette ihres zehnjährigen Sohnes sei derselbe ganz durchnäßt worden, und als man das der Marie vorgehalten, habe sie gelacht und die Frechheit gehabt zu erwidern: das Bett sei des Durchnässens schon gewohnt. Sämmtliche unverheirathete Damen schlugen bei dieser Geschichte die Augen nieder und die Verheirateten fanden sie ebenso schrecklich, wenn nicht noch schrecklicher, als die der Oberregierungsräthin. Von den Mägden kam man auf die Bedienten, auf die Handwerker, auf die niederen Beamten und allmälig auf die Colleginnen der sechsten, siebenten und achten Rangklasse. In diesem Augenblicke trat der pensionirte Hauptmann von Müller in das Zimmer, und sein Anblick wurde mit außerordentlicher Freude begrüßt. Er war, da er nicht Gattin noch Schwester abzuholen brauchte, einer von den wenigen Männern, welche das Vorrecht hatten, früher kommen zu dürfen; er war das aufregende Element bei diesen Gesellschaften, indem er mit den Ansichten der Damen fast immer in Opposition war und es zuweilen wagte, ihnen seine Meinung unverholen zu sagen. Nach seinem Erscheinen ward das Gespräch anfänglich sanfter, als es bis jetzt gewesen; auch brachte der Hauptmann eine Menge Neuigkeiten mit, von einem alten Schornstein, in welchem es gebrannt, von einem Concerte oder Balle bei Hof, von einem schrecklichen Unglücksfalle und dergleichen mehr, und so flossen einige kleine Stündchen dahin unter Theetrinken, Backwerk- und Eingemachtem-Essen, Stricken und sanftem Geplauder. Nach und nach erschienen noch die musterhaftesten der Ehemänner, welche sich eine Stunde vom Wirthshause abzogen, um noch eine Zeit lang in der Theegesellschaft zubringen zu können. Vater Schwämmle erschien auch, daß aber der Hofrath und der junge Eduard nicht erschienen, brauchen wir nicht zu sagen. Stadtrath Schwämmle erzählte von einem höchst unerwarteten Bankerotte, der in der Stadt ausgebrochen sei, und versicherte, nur merkwürdige Unglücksfälle hätten den Fall des Herrn A. zu Wege gebracht. Der Herr A. war als fleißiger und geschickter Kaufmann bekannt, aber Frau A. hatte das Unglück, beständig eine sehr gewählte Toilette zu besitzen, weßhalb der Damenkreis dieses Falliment mit wenig christlicher Liebe besprach. »Wer einen solchen Aufwand macht,« meinte die Kanzleiräthin, »wer namentlich an Wochentagen seidene Kleider trägt, bei dem muß es bergab gehen.« »Namentlich war es bei der Madame A. vorauszusehen,« sagte eine der Regierungsräthinnen, welche gewöhnlich wie eine Vogelscheuche aussah, aber in Gesellschaft und des Sonntags das Uebermögliche an sich leistete. »Wer sollte es glauben, daß die A. sich einmal unterstanden hat zu sagen, eine anständige Frau müsse immer sauber und gut gekleidet gehen und brauche keine eigenen Sonntagskleider!« Bei der Kundgebung dieser frevelhaften Aeußerung der unglücklichen Madame A. kreischte am untern Ende ein ganzer Chor von Weiberstimmen entsetzt auf und die gellend laute Stimme einer Sekretärin drang durch den Lärmen und rief: »Was die Frau Oberregierungsräthin so eben erzählt habe, ist vollkommen richtig und sehr glaublich, daß sie noch viel Schlimmeres gesagt, denn Madame A. ist ja eine ... eine ...« Lieber Leser, du wirst etwas Entsetzliches erfahren, was die gute Madame A. wirklich ist; wir können das durchaus nicht läugnen und müssen der Wahrheit die Ehre geben; aber sie ist an der Benennung eigentlich unschuldig, früher konnte man sie eigentlich nicht so nennen, aber seitdem sie die Mauern hiesiger Stadt betrat, wurde sie es. – Wir schaudern! – Die gellende Stimme der Sekretärin rief also, Madame A. sei ja eine – Fremde. Wie lächelten die Damen, welche dieses ungeheure Verbrechen der Madame A. schon kannten, auf ihren mit Backwerk angefüllten Teller, wie wunderten sich die Anderen nun nicht mehr, daß der Herr A. fallirt sei, und wie befriedigte und beglückte Alle der Gedanke, daß die Fremde nun nicht mehr im Stande sei, auf der Straße seidene Kleider zu tragen, daß sie es jetzt wohl unterlassen würde, französische und andere Stoffe den inländischen vorzuziehen, und daß sie sich nicht mehr unterstehen würde, ächtes kölnisches Wasser für besser zu halten, als das in hiesiger Stadt fabricirte Eau de Cologne – die Sünderin, die Anmaßende! Warum war auch Madame A. eine Fremde? Aber sie war es ja nicht überall, sie hatte ja eine Heimath und hatte diese Heimath ihrem Manne zu lieb verlassen, der hieher zog und ohne seine Schuld zu Grunde ging. Ja, sie war eine Fremde, und das war in hiesiger Stadt ein Fehler, ein Unglück, das nicht vergessen, nicht so leicht wieder gut gemacht werden kann. Eine Fremde oder ein Fremder in hiesiger Stadt ist nämlich ein Wesen, das man sich mit allen Fehlern und Untugenden des menschlichen Geschlechts begabt vorstellt. Anderswo wundert man sich, wenn ein Fremder plötzlich häßliche Eigenschaften kundgibt, denn man hielt ihn bis dahin für einen ordentlichen Menschen; hier dagegen wundert man sich, wenn ein Fremder, nachdem er Jahre lang in der Stadt gewohnt, weder gemordet noch betrogen, weder ein Säufer oder ein Spieler, noch sonst ein liederlicher Mensch war. Manche dieser Eigenschaften hatte man bei ihm vorausgesetzt, weßhalb? – Weil er ein Fremder war. Was anderswo eine Empfehlung war, war hier, wie gesagt, ein Verbrechen; anderswo nimmt man sich eines Fremden an, ist ihm freundlich und behülflich und wartet ruhig ab, ob er sich dieser Theilnahme werth oder unwerth erzeigt, und läßt ihn im letzten Falle natürlicher Weise laufen und links liegen; hier aber läßt man ihn von Anfang links liegen und laufen, und wenn er einmal zwanzig Jahre in der Residenz zugebracht und sich in all' der Zeit musterhaft und gut betragen, so öffnen sich ihm – nicht die Herzen der Einwohner, auch nimmt man sich seiner noch nicht an, – sondern es öffnen sich ihm vielleicht ein paar anständige Häuser, die den Muth haben, gegen den Strom zu schwimmen. Das war so in hiesiger Residenz vor nicht gar langer Zeit und ist auch heute noch nicht ganz verschwunden. Geh' noch heutigen Tages und erkundige dich nach einer Straße, so kann es dir passiren, daß dir unter dreien wenigstens einer in's Gesicht lacht und ohne zu antworten davongeht, indem er überzeugt ist, daß du ein Fremder – er erkennt dich nämlich an der Sprache – selbst ganz genau wüßtest, wo die fragliche Straße ist und du ihn nur zum Besten haben wolltest. – Die Sekretärin hatte die Madame A. so niedergeschlagen mit dem einzigen Worte, sie sei eine Fremde, wie wohl jene Dame in Venedig, als man ihr die Larve abriß und der Chor der jungen Edelleute rief: Es ist Lucretia Borgia! – Sie war todt für diesen Kreis; ihr Name wurde fürder nicht mehr genannt. Es war nun noch an der Zeit, dem Stadtvater Schwämmle, den man seit jenem Ballabende so öffentlich nicht mehr gesehen, einige Worte der Anerkennung und des Beileides zu stammeln, und die Hofräthin entschloß sich zu diesem schwierigen Geschäfte. Der Stadtrath, der seit jener Zeit die besten Vorkehrungen hatte treffen lassen, damit ein ähnliches Unglück nicht wieder vorfallen könnte, glänzte vergnügt wie der Mond in lichten Abendwölkchen und sprach die Hoffnung aus, daß der nächste Ball, der in wenigen Tagen stattfinden werde, außerordentlich glänzend ausfallen müsse, worauf der Kanzleiräthin Tochter, welche auch etwas Freundliches sagen wollte, mit der Nachricht herausplatzte, wie sie ganz genau wisse, daß auf dem nächsten Balle eine Gasbeleuchtungspolka gespielt würde, in welcher die Musik das Erlöschen der Flammen angebe, die Verzweiflung der Ballgesellschaft, um damit mit einem neuen glänzenden Aufflackern aller Lichter, beziehungsweise Instrumente zu schließen. Diese Polka aber, setzte sie schüchtern hinzu, werde dem würdigen Stadtrath Schwämmle gewidmet sein. Die Theilnahme sämmtlicher Damen sowohl für den Stadtrath Schwämmle, wie für die Gasbeleuchtungspolka sprach sich in lautem Beifallrufen und Händeklatschen aus, welches noch lauter und stürmischer wurde, als der Hauptmann von Müller versicherte, er habe aus guter Quelle gehört, daß die Blutmenschen einen Talglichtgalopp und eine Schlachthauspolka componiren ließen. Ja, der Enthusiasmus pro Gasbeleuchtung contra Schlachthaus und pro Gasbeleuchtungspolka contra Talglichtsgalopp ging so weit, daß sämmtliche Damen sich entschloßen, die letztgenannten Tänze, falls sie wirklich zur Ausführung kämen, zu refüsiren; die älteren Damen und die ältere Honoratiorentochter gaben diese Erklärung mit fester lauter Stimme von sich, die jüngeren Damen aber etwas unbestimmter und schüchtern. Da nun das Gespräch einmal bei jenem unvergeßlichen Ballabende war, so besprach man noch eine Zeit lang die Vorfälle auf demselben und die Hofräthin war hochherzig genug, sogar der Verirrung des jungen Eduard selbst zu gedenken als jugendlichen Leichtsinn – »und,« rief die Sekretärin mit der gellenden Stimme, »als schändliche Verführung jener beiden Geschöpfe.« Bei dem Worte »Verführung« schlugen die jüngeren Damen die Augen auf die Teller und verspeisten eifrig Backwerk und eingemachte Früchte, ja, die Honoratiorentochter erröthete ein klein wenig, und es wurde dieses Wort zu einem Thema, dessen sich die Herren fast ausschließlich bemeisterten. Der Stadtrath Schwämmle erzählte schauerliche Fälle der Art, wie es kühnen, unternehmenden Putzmacherinnen und Nähterinnen gelungen sei, die Herzen ehrbarer Bürgerssöhne zu erwerben und dieselben in allerhand verdrießliche Geschichten zu verwickeln. Seiner Ansicht nach, so aufgeklärt auch dieselbe sich sonst zu sein bemühte, sollte man von Polizei wegen ein strenges Auge auf derlei Umtriebe haben, und er war dafür, den Kastengeist wieder so weit einzuführen und zu Verschärfen, daß schon das Sprechen solch' unbefugter Wesen mit Bürgerssöhnen durch harte Strafen geahndet werden könne. Sämmtliche Damen pflichteten ihm bei, und die Sekretärin meinte wahrhaft kreischend, da man leider solche Individuen, wie Putzmacherinnen, Nähterinnen und dergleichen nun einmal haben müsse, so sollte man wenigstens ein strenges Auge auf sie haben, ihnen eigene Straßen anweisen und nur erlauben, zu gewissen Stunden des Tages auszugehen. »Gott,« sagte die dicke Kanzleiräthin und schlug die Augen gen Himmel, »wie haben sich die Zeiten geändert! Wie hätte sich vor Jahren eine Putzmacherin unterstanden, nur einen Ballsaal zu betreten, in welchem sich unsereins befindet, – und jetzt?« sagte sie mit einem krampfhaften Lächeln; »ich glaube, jetzt würde sich ein solches Geschöpf nichts daraus machen, vor unseren Augen herum zu tanzen.« »Allerdings nicht, Frau Kanzleirath,« sagte die Sekretärin; »es soll ja im vergangenen Winter bei einem Maskenballe passirt sein, daß einige solcher Geschöpfe es gewagt, im Domino vermummt, dort zu erscheinen, und noch mehr, sogar Einige vom königlichen Ballet.« »Vom Ballet?« murmelte der Damenkreis entsetzt, und der Stadtrath Schwämmle gab dieses entsetzliche Faktum achselzuckend zu. Der Hauptmann von Müller war der Einzige, der es wagte, dieses allgemeine Murmeln des Entsetzens nicht zu theilen und der die kühne Behauptung aufstellte, daß es unter Putzmacherinnen, Näherinnen und unter dem Ballet ganz anständige Personen gebe. Es erscholl aber ein wahrer Schrei der Entrüstung gegen ihn, den er, sich im Voraus auf die Opposition freuend, stillschweigend und lächelnd austoben ließ und dann fortfuhr: »Ich versichere Ihnen, meine Damen, was ich vorhin behauptet, hat gewiß seine vollkommene Richtigkeit. Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß kein Mensch im Stande ist, bei seiner Geburt ein Wort mitzusprechen. Wer seine ersten Tage auf einem schönen Bette verträumt unter der Obhut und Sorgfalt geschickter Aerzte, hat gewöhnlich ein platt geebnetes Leben vor sich, und die Hand einer sorgsamen Mutter führt das Mädchen, wenn es ein solches ist, auf's Angenehmste in's Leben hinein, läßt sie Nöthiges und Unnöthiges lernen; sie weiß, daß ihr Vater Geld hat und einen Titel, und sie auf solche Art einen guten und vornehmen Stand hat, ohne daß ihr Inneres deßhalb besser zu sein braucht oder ist, als das jenes armen Kindes, welches bei seiner Geburt in elende Lumpen gewickelt wird, ein armes kleines Geschöpf, das die noch ärmere und elendere Mutter in Ermanglung einer Wiege vielleicht in die Schublade einer Kommode auf ihr armseliges Weißzeug bettet, damit es weich liege. Beide wachsen zusammen auf, jenes unter Lust und Scherz, vor aller Verführung bewahrt, dieses unter Thränen und Noth, aller Verführung Preis gegeben, aber derselben nicht immer unterliegend und sich in seinem leichten Kattunkleidchen oft ein eben so reines Herz bewahrend, wie die reiche Bürgerstochter in ihrer feinwollenen Robe. Ja, ich verschärfe meine Behauptung noch,« setzte der Hauptmann mit erhobener Stimme hinzu, »spreche wenigstens meine Meinung frei und offen aus, welche dahin geht, daß ich der Nähterin, welche anständig und tugendhaft geblieben, – ja, der Nähterin, meine Damen, der Tänzerin und der Putzmacherin vor der Bürgerstochter im gleichen Falle den Vorzug gebe.« »Den Vorzug gebe!« kreischte die Sekretärin und sagte leise und spöttisch lachend zu ihrer Nachbarin, »daß über die Herkunft der Mutter des Hauptmannes ein gewisses Dunkel liege.« »Ja wohl den Vorzug gebe,« fuhr der Hauptmann fort; »denn ich nehme an, daß der Urstoff, der bei roher Berührung und Angriffen aller Art klar und rein geblieben ist, den Vorzug vor dem verdient, welcher beständig eingewickelt und keinem rauhen Lüftchen ausgesetzt war.« Mehrere Herrn und Damen warfen sich in Parade, um die wirklich außerordentlich unpassenden Worte des Hauptmanns zu widerlegen; doch kündigte die Hofräthin, bekannt durch ihre scharfe Zunge, durch ein lautes Räuspern und Husten ihren unzweifelhaften Entschluß an, als Sprecherin aufzutreten, daß Alles ehrfurchtsvoll schwieg – Alles, bis auf die Sekretärin, welche nicht unterlassen konnte, zu bemerken, daß sie bei den Herrn Offizieren schon oftmals so leichte Gesinnungen angetroffen; ein Ausfall, den der Hauptmann aber nicht der Mühe werth fand, auch nur mit einer Sylbe zu beantworten. Die Hofräthin wandte sich zum Hauptmann und sagte: »Demnach stellen Sie eine Putzmacherin, Nähterin etc. über unsere Tochter und erkennen jenen wenigstens in der Gesellschaft den gleichen Rang zu?« »Unter den oben angegebenen Verhältnissen,« versetzte der Hauptmann, »allerdings, das heißt in der menschlichen Gesellschaft; in der Gesellschaft dagegen, wie sie ein hohes und verehrungswürdiges Publikum versteht, kann man so etwas freilich nicht verlangen, und da brauche ich nicht einmal einen solch' riesenhaften Sprung zu machen, wie von der Nähterin zur Hofräthin, und weiß wohl, daß viele kleinere Rangdifferenzen sich dort nicht zusammen fügen lassen; dafür ist aber auch, meine Damen,« sagte der Hauptmann, welcher warm wurde, »von einer Gesellschaft nichts zu erwarten, in der jede Rangklasse und tausend Thaler mehr Vermögen ein eigenes Zimmer, ein eigenes Lokal bedingen.« »Sie wollen demnach,« kreischte die Sekretärin, »alle Standesunterschiede niederreißen?« »Durchaus nicht,« sagte ruhig der Hauptmann, »aber alle Standesüberhebungen , wenn ich es könnte, mit den Füßen niedertreten; ich kann und will nun einmal nicht einsehen, daß der, welcher in glücklicheren Verhältnissen geboren ist, als ich, berechtigt sein soll, mir auf dem Kopf herumzutreten und mich fühlen zu lassen, er sei aus einem besseren Stoffe, als ich.« »Aber,« antwortete die Hofräthin mit voller Majestät, »würde es denn nicht gegen Ihre Gefühle anstoßen, auf einem Bürgerball, wo unsere Töchter tanzen, auch Putzmacherinnen und Nähterinnen mit dem gleichen Rechte herumschweben zu sehen, würde Ihnen Ihr Gefühl dieß nicht als unpassend bezeichnen?« »Und wenn dies so wäre,« sagte der Hauptmann, »würde vielleicht daraus folgen, daß die Bürgerstöchter im Grunde eine bessere Art Wesen wären, als jene Geschöpfe, welche, auf ihren eigenen Füßen stehend, sich ihr Leben mit harter Arbeit fristen müssen?« »Und kann das noch eine Frage sein?« kreischte die Sekretärin. Aber der Hauptmann fuhr ruhig fort: »Wenn Sie, Frau Hofräthin, mit mehreren Ihrer sehr achtbaren Bekannten zufällig auf einem Hofball erschienen, würden sämmtliche Hofdamen Sie nicht als unbefugte Eindringlinge ansehen, Ihr Betragen nicht höchst unpassend finden? Daß dem so wäre, müssen Sie mir zugeben, und ich frage Sie ferner, halten Sie sich im Grunde deßhalb geringer, als eine Hofdame?« Die Hofräthin warf sich in die Brust, blickte stolz um sich, als wollte sie sagen: Ihr kennt mich Alle! Der Hauptmann aber fuhr fort und sagte: »Unser Gespräch, meine Damen, hat sich einigermaßen verirrt und wir sind auf ein Terrain gekommen, das wir Anfangs nicht betreten wollten. Jeder behalte den Rang, auf den ihn Geburt und Vermögen gestellt, aber Jeder hüte sich, durch lieblose Aeußerungen und durch hartes Benehmen jene Schranken zu erhöhen, welche nun einmal einen Stand vom andern trennen.« »Mein Herr Hauptmann!« rief die Sekretärin mit äußerst gellender Stimme, »Sie mögen einen Rückzug antreten, so fein Sie wollen, und mögen sagen, was Sie wollen, ich bleibe doch dabei und behaupte: wenn es je eine etwas leichte Bürgerstochter gegeben hätte, so wäre sie doch noch mehr werth, als zwanzig tugendhafte Putzmacherinnen.« Der Hauptmann zuckte mit den Achseln, die meisten der Damen ließen ein leises Gemurmel vernehmen, welches deutlich anzeigte, daß sie mit den Ansichten der Sekretärin wohl harmonirten, die Hofräthin aber sagte, anscheinend mit großer Bekümmerniß: »geben Sie zu, bester Herr Hauptmann, daß unter jener Klasse von Menschen eine große Immoralität herrscht, daß die meisten derselben ein schrecklich leichtes Leben führen.« »Sie wollten sagen,« »ersetzte der Hauptmann, ironisch lächelnd, »daß jene Klasse der menschlichen Gesellschaft nicht so die Mittel hat, ihr Thun und Lassen zu verschleiern, wie andere, und daß man viel eher reden hört von den Fehltritten von zwanzig Putzmacherinnen, als von denen einer einzigen Bürgerstochter; ich gebe das gern zu, nur müssen Sie bedenken, daß die Ansicht, welche Sie von dem Lebenswandel dergleichen Mädchen haben und welche Sie, meine Damen, täglich aussprechen, sehr viel Schuld an der Immoralität derselben trägt. Wenn Jemand weiß, Sie halten ihn unbedingt für einen Dieb, weil sein Bruder einer war, so denkt er vielleicht: was hilft's mir, daß ich nicht stehle, man glaubt mir's doch nicht! – – Ich will das gerade nicht entschuldigen, aber es ist so.« »Der Herr Hauptmann entwickeln sonderbare Ansichten,« kreischte die Sekretärin, »und machen sich eine Ehre daraus, die Liebschaften liederlicher Mädchen zu entschuldigen.« Auch die Hofräthin schien entrüstet und sagte: »so können wir nicht fortstreiten, wenn Sie sich gänzlich auf die Seite von Personen stellen, die sich nichts daraus machen, alle Jahre, um mich gelinde auszudrücken, bereitwillig eine Menge Liebschaften einzugehen und dieselben ebenso bereitwillig wieder aufzulösen.« »Das kommt Alles nur auf die Art an,« versetzte der Hauptmann, »wie man solche Liebschaften schließt und auflöst; eine Nähterin, eine arme Tänzerin hat freilich keine Aussichten zum Heirathen und sagt nichts desto weniger zu dem, der ihr gefällt: lieben wir einander so lange es geht, und wenn wir einander nicht mehr gefallen, so trennen wir uns; so sagt die Nähterin und macht kein Hehl daraus, und eben so denkt manche Bürgerstochter und macht aus diesem Gedanken ein großes Geheimniß.« Die Damen saßen erstarrt .... »Wollen sie mir vielleicht abstreiten, meine Damen,« fuhr der Hauptmann fort, »daß es bei recht anständigen Mädchen vorkommt – wenigstens gelten sie dafür, – daß sie ihre Liebhaber in einem Jahre mehrmals wechseln? Und das wirft durchaus keinen Mackel auf sie, wenn nur der Schein gehörig bewahrt wird. Dem Fräulein A. nähert sich der Herr B. und fängt mit ihr eine kleine Liebschaft an; – natürlich, es soll geheirathet werden, wenn es die Verhältnisse erlauben; aber die Verhältnisse erlauben es nicht, und der Herr B. wird nach einigen Monaten, oder wenn Sie auch wollen, nach einem Jahr, von dem Herrn C. ersetzt – wieder dieselben Verhältnisse, den Herrn C. ersetzt der Herr D., diesen der Herr E. u. s. w.; und das hat durchaus nichts auf sich; denn alles, was in solchen Fällen geschieht, geht vor sich unter dem Deckmantel einer vielleichtigen Heirath mit hoher Bewilligung der ganzen Familie; und eine solche junge Dame, die das halbe Alphabet durchgemacht hat, bleibt was sie ist; sie hat nur einiges Unglück gehabt.« Der Hauptmann schwieg, die Damen schwiegen auch, nicht als ob sie sich überwunden gefühlt, nein, sie erkannten den Hauptmann nicht mehr als ebenbürtigen Gegner und hielten es unter ihrer Würde, demselben ferner zu antworten, und als bald darauf die Theegesellschaft aus einander ging, als Alle der Frau Stadträthin Schwämmle versicherten, einen köstlichen Abend verlebt zu haben, und darauf die Meisten voll Gift und Galle schieden, war es stillschweigend unter ihnen ausgemacht, den Hauptmann zu keiner Theegesellschaft mehr einzuladen. Sie verließen das stadträthliche Hans und wandelten ihres Weges; Laternen jeder Rangklasse leuchteten ihnen heim, und von der Sekretärin wissen wir es bestimmt, daß sie zu Hause ein niederschlagendes Pulver nahm. – Sehr vielen Damen und jungen Mädchen zu Hause, die nicht bei der Theegesellschaft waren, wurden noch die schrecklichen Aeußerungen des Hauptmannes mitgetheilt, und manche, die das Buchstabiren schon recht tüchtig erlernt, legten sich seufzend, aber sehr gekränkt zu Bette. Die Honoratiorentochter allein ging aufrechten Hauptes und stolzen Schrittes über die Straßen, sie war im Punkte des Buchstabirens noch ein ganz kleines, unschuldiges Kind, und wenn auch in ihrem Herzen ein A. aufdämmerte, so warf sie geschwind einen Schleier darüber. Dieses A. kam jedoch immer wieder, zog sich in die Länge, und es wurde daraus die Gestalt jenes jungen blonden Mannes, der sie an jenem Ballabende an seinen Busen gedrückt, bis die Schlachthaus- und Blutmenschen auch die stille Garderobe mit Talglichtern erleuchtet. Darauf hatte sie sich mit Schrecken emporgerissen und war wie aus einer tiefen Bewußtlosigkeit erwacht; Dubel aber, den die schönen Blumen in dem schwarzen Haar etwas verwirrt gemacht, der die vollen überschwellenden Formen der ältlichen Honoratiorentochter in dem Rosacrepekleide für Glanz der ersten Jugend hielt, hatte einige verlegene Worte gestammelt, von außersichsein, von unnennbarem Glück und dergleichen mehr, und Beide waren geschieden mit einer kleinen Herzbeklemmung. Als nun gar wenige Tage darauf die Jungfer Kiliane im Hause der Honoratiorentochter einige Wäsche besorgte, als nun zufällig das Gespräch auf jenen Ballabend und den Herrn Dubel kam und die alte Büglerin voll seines Lobes war, da las die Honoratiorentochter die Geschichte der Maria Stuart und anderer hochgestellter Damen, die in Liebe entbrannt waren zu Individuen sehr niederen Rangs, und besuchte in Folge dieser Lektüre eines Abends die arme Kiliane, welche sich unwohl befand, und das war gerade jener denkwürdige Abend, wo wir im Regen und Wind den Herrn Dubel auf dem Wege nach einem sehr anständigen Hause begegneten, jener Abend, den er im königlichen Kutscherzimmer beschloß. An das alles dachte die Honoratiorentochter, während sie ihres Weges ging, hinter ihrer Magd drein, welche ihren Pfad mit einer großen Laterne beleuchtete. Sie hatte einen weiten Weg zu machen, und als sie in die innere Stadt kam, wo es auf den Straßen schon sehr menschenleer war, hörte sie sich plötzlich von einer wohlklingenden Stimme angesprochen, welche leise und schüchtern einen guten Abend bot und darauf sagte: »Es issss-t das größßßß-te Glück meines Lebens, Ihnen, mein Fräulein, so unvermuthet zu begegnen.« Die Honoratiorentochter erschrak anfangs heftig, dann aber gab sie dem jungen Manne, der neben ihr herwandelte, eine nicht gar zu harte Antwort, und so entspann sich ein Gespräch, welches andauerte fast bis zu dem Hause der Dame; dann verschwand der junge Mann, von dem wir nicht beschwören können, wer es eigentlich gewesen; auch wissen wir nicht, ob er nicht einen schüchternen Versuch gemacht, die Hand der Honoratiorentochter zu küssen, ebenso wenig ob dieser Versuch gelungen oder mißlungen; so viel aber wissen wir, daß die Honoratiorentochter die Einzige war, welche den pensionirten Hauptmann einigermaßen entschuldigte. Siebenzehntes Kapitel. Unter dem Stadtgraben. Der Herr Dubel hatte sich in seiner neuen Wohnung in dem hübschen Hause des Barons Karl baldigst und sehr angenehm eingerichtet und führte hier ein stilles, beschauliches Leben. Seine Stube ging ins Freie hinaus und war mehr als anständig möblirt; ja, Lukas hatte ihm sogar ein Fauteuil hinaufgestellt und ihn durch dieses Möbel in den Stand gesetzt, des Morgens eine Cigarre, wie ein echter Cavalier, rauchen zu können. In dem Hause war sonst Niemand, als ein alter Diener, der die Appartements in Ordnung hielt. Dubel, der eine Art Oberaufsicht führte, kleine Aufträge besorgte, welche ihm der Jäger schrieb, Briefe und dergleichen beförderte, hatte einen kleinen Gehalt für diese leichten Geschäfte, fast von derselben Größe, wie das, was er sich früher mit seiner Nadel verdient. Da er demnach sehr gut leben konnte, fühlte sich Dubel außerordentlich glücklich in seinen neuen Verhältnissen und hatte, was seine Kunst anbelangt, nur ein paar Häuser in der Stadt nicht aufgegeben, wo man ihn lange Jahre beschäftigt hatte und wo er aus einem Gefühle der Dankbarkeit nicht wegbleiben mochte; so, wie man sich leicht denken kann, unter andern das Haus der Frau Welscher. Dubel hatte sich eine elegantere Toilette zugelegt und es würde ihm jetzt nicht mehr passirt sein, daß er bei schlechtem Wetter oder überhaupt bei irgend welchem Wetter im fadenscheinigen schwarzen Frack über die Straßen gegangen wäre. Es war Sonntag Morgens zehn Uhr, und der ehemalige Flickschneider saß oder lag vielmehr in seinem Fauteuil, vor sich eine Tasse Kaffee, welche ihm der alte Diener bereitet hatte. Dieselben lebten nach dem Lancaster'schen System, welches sich zwar nicht auf gegenseitige Belehrung, aber auf gegenseitige Dienstleistung gründete. Dubel's Leben begann sich recht freundlich zu gestalten, wenigstens nahm er seinen jetzigen Zustand für ein Versprechen des Glückes, daß sein Schicksal von jetzt an eine bessere Wendung nehmen werde; seine glühendsten Wünsche fingen an, sich zu realisiren. Lebte er nicht in einem anständigen Hause, konnte er nicht seine Lebensbedürfnisse befriedigen auf eine elegante Art, wie solches seinem Herzen so wohl that, ohne sich dafür auf einer anderen Seite das Notwendigste abzwacken zu müssen? Durfte er nicht sogar in die Bibliothek hinunter steigen und von den Büchern des Baron gebrauchen, was ihm gerade gefiel? So saß er, wie gesagt, in seinem Fauteuil, las zuweilen in einem Buche, jetzt zog er einen Zug aus seiner Cigarre, trank darauf einen Schluck Kaffee und schaute alsdann zum Fenster hinaus auf die kahlen winterlichen Aeste der Bäume, welche das Haus umstanden. Jetzt bellte unten im Hofe der Hund, es kam Jemand die Treppen herauf und klopfte an. Es war der Briefträger mit einem Schreiben des Herrn Lukas, worin dem Herrn Dubel einige kleine Aufträge ertheilt wurden; nun entnahm derselbe aus dem Befehle des Barons, eingelaufene Briefe ec wieder nach einer anderen Stadt zu dirigiren, daß derselbe immer noch ohne Ziel umherstreife. Der Briefträger ging fort, der Hund unten bellte abermals, dann wieder, und es stieg ein neuer Gast die Treppen herauf, welcher anklopfte und gleich darauf die Thür öffnete. Es war der Doctor Stechmaier, der ohne Complimente hereintrat, er war in seinen blauen Paletot gekleidet, hatte seinen fast neuen Hut auf und that wie immer sehr gleichgültig gegen Alles. Nachdem er die dargebotene Cigarre genommen, setzte er sich auf die Fensterbank, mit dem Rücken gegen das Freie und putzte seine Brillengläser ab, welche von der Kälte draußen und der Wärme drinnen angelaufen waren. Sodann erzählte er von den Fortschritten, die er in den verschiedenen Fächern gemacht, um sich in die Höhe zu bringen. »Mir scheint's,« sagte der Doctor, »daß von den drei Projekten, die ich habe, nämlich: dem literarischen Klubb, der conservativen Zeitung und dem Theater, wohl das letztere für mich etwas werden könnte; ich habe den Oberregisseur gesprochen, er ist mit meinem Aeußern nicht unzufrieden, auch mein Organ gefällt ihm wohl, und er hat mich dem Intendanten als ein junges strebsames Talent vorgestellt. Der Intendant schien mit seiner Ansicht und meiner Person nicht unzufrieden, und so kann ich mit einigem Stolz sagen, daß mir in einem klassischen Stücke der nächsten Woche bereits eine Rolle zugetheilt wurde.« »Eine Rolle!« rief der Schneider und sprang von seinem Fauteuil in die Höhe, »eine Rolle in einem klassischen SSSS-tücke? O Sie Glücklicher!« »Allerdings in einem sehr klassischen Stücke,« versetzte ruhig der Doctor – »Hamlet, Prinz von Dänemark – ich werde den Fortinbras spielen und hoffe ihn darzustellen, wie er bis jetzt noch nicht dargestellt worden. Diese Rolle ist allerdings keine der bedeutenden und wurde deßhalb bis jetzt immer von untergeordneten Subjekten gegeben, von Choristen und dergleichen Leuten, denen alles Verständniß Shakespeare's mangelt; ich aber will als denkender Künstler spielen und hoffe sie dadurch hervorzuheben, das Auftreten in dem Fortinbras ist nicht so übel.« – Hier hüpfte der Doctor von der Fensterbrüstung herunter und machte drei große dröhnende Schritte in das Zimmer, »Fortinbras kommt zu Ende des Stückes in voller Rüstung, um die Krone Dänemarks in Empfang zu nehmen: Die Niederlage hier schreit Mord! O stolzer Tod, Welch' Fest ging vor in deiner ew'gen Halle, Daß du auf einen Schlag so viele Fürsten So blutig trafst? – – Dann nehme ich die Krone in Empfang, blicke den Sterbenden, die da liegen, schaudernd ins Antlitz – ungefähr so – trete bis an den Souffleurkasten, blicke gen Himmel – ich kann in diesem Moment auch noch einen Blick rückwärts auf die Todten werfen – und beschließe alsdann das Stück mit den Worten: Mein Glück umfang' ich trauernd. Dann fällt der Vorhang und ich glaube auf Applaus rechnen zu dürfen.« Staunend hatte der Herr Dubel zugesehen und zugehört. – Sein Bekannter, der Doctor Stechmaier, der Mann, welchem er aus seinem Wandkasten in seine eigene Wohnung geholfen, dem er manchen Thee, manche Cigarre gegeben und der ihm deßhalb sehr nahe befreundet – angenommen bei der königlichen Hofbühne, ein dramatischer Künstler– Prinz Fortinbras! Was hätte er nicht alles um ein gleiches Loos gegeben! Wie stand der Doctor Stechmaier in diesem Augenblick erhaben da, nachdem er das erreicht, was Dubel in seinen ausschweifenden Träumen für sich selber ausgemalt! »Ich werde natürlich im Harnisch spielen,« sagte der Doctor; »ich werde ferner dem Souffleur einen freundlichen Wink ertheilen, den Vorhang nicht zu schnell fallen zu lassen, damit ich vollkommene Zeit habe, mein durchdachtes Spiel vor dem Publikum anzubringen – herausrufen wird man mich nicht, man unterläßt das gewöhnlich bei solch' einer kleinen Rolle und bei einem ersten Debut; doch hoffe ich bald als würdiges Mitglied der Hofbühne dazustehen.« »Und Sie fühlen keine Angssss-t,« sagte der Schneider, »so hinaus zu treten vor die vielen Menschen? Ich glaube, ich könnte vor Beklemmung kein Wort hervorbringen.« »Ich glaube kaum, daß ich Angst habe,« sagte der Doctor zuversichtlich, und drückte die Brille fester an die Nase; »ich bin schon mehrere Mal vor einem größeren Publikum aufgetreten, wenn auch nicht als dramatischer Künstler, und habe meine öffentlichen Reden beständig mit ziemlichem Beifalle gehalten.« »Ach ja,« seufzte der Herr Dubel, »Sie haben gediegene Kenntnisse, die unser einem abgehen, haben Vorssss-tudien gemacht; Sie sind vollkommen befähigt zu einer künssss-tlerischen Laufbahn.« Der Doctor zupfte geschmeichelt an seiner Halsbinde und erkundigte sich danach, wo der Herr Dubel heute zu Mittag speise. »Ich denke in meinem gewöhnlichen Kossss-thause,« antwortete derselbe, »in der Krähengasse.« »Man speist da nicht schlecht?« »Sehr gut und billig!« sagte der Herr Dubel; und da ihm die Idee kam, es könne seinem Rufe nur nützen, wenn er mit einem angehenden Künstler zu Tische käme, so lud er den Doctor zum Diner ein, was derselbe auch annahm, nachdem man sich vorher über die Straßen geeinigt hatte, auf welchen man in das Kosthaus in der Krähengasse gelangen wollte. Da der Doctor zugestand, im Hinblick auf seine eben beginnende glänzende Carriere, und weil er sich durch einen Spaziergang mit dem Oberregisseur neuen Credit verschafft, noch einige weitere Schulden contrahirt zu haben, so waren die Beiden genöthigt, um zu der Krähengasse zu gelangen, einen Spaziergang um beinahe die ganze Stadt zumachen, was, wie der Doctor versicherte, sehr appetiterregend und außerordentlich angenehm sei. Sie gingen demgemäß zusammen fort, speisten mit einander zu Mittag, dann nahmen sie von einander Abschied und der Herr Dubel begab sich unter den Stadtgraben zu der Frau Welscher, um mit dieser würdigen Frau gemeinschaftlich zur Jungfer Kiliane hinzugehen, welche die Beiden zu einem Kaffee bei sich eingeladen hatte. Jungfer Kiliane wohnte am andern Ende des Stadtgrabens im dritten Stock eines anständigen Hauses, und ihr Appartement bestand aus zwei Zimmern und einer kleinen Küche. Die Möbel der alten Büglerin, womit diese Zimmer geziert waren, noch ein Erbtheil ihrer Mutter, hatten ein durchaus ehrwürdiges Ansehen und paßten vollkommen zu der Besitzerin, nur war die Besitzerin rüstiger auf ihren Beinen, als man dieß von sämmtlichen Möbeln sagen konnten. Die Stühle mit den hohen Lehnen waren etwas wackelig und litten am Beinfraß, die Commoden und Tische standen vor Alter auf die Seite gebeugt, und nur die große Schwarzwälderuhr, die ebenfalls ein halbes Jahrhundert alt war, pickte lustig und unverdrossen darauf und schlenkerte den Perpendickel verwegen hin und her, als wollte sie im Takte sagen: Seht mich an, ihr alt Gerümpel, Seht mich an, wie jung ich bin. Dabei müssen wir leider gestehen, daß die Möbel, überhaupt die Geräthschaften des Appartements, nicht so in Ordnung gehalten waren, wie die Person der Jungfer Kiliane selbst; das heißt, sie waren im Zimmer nicht ordentlich aufgestellt, obgleich auf den Tischen kein Stäubchen zu sehen war und die Kissenüberzüge der Stühle frisch gewaschen und sehr reinlich waren. Es sah in dem Zimmer aus, als sei die Besitzerin eben erst eingezogen, so provisorisch standen alle Möbel umher; ja die Bettlade war noch nicht einmal zusammengefügt, und Jungfer Kiliane schlief auf ihren Matratzen am Boden. Man hätte glauben können, sie sei erst seit einer halben Woche eingezogen und doch wohnte sie schon seit sechs Jahren in diesem Quartier; aber sie fand platterdings keine Zeit, ihre Einrichtung zu machen, wie sie Willens war. »Sonntags,« so sagte sie, »kann ich doch eine solche Arbeit nicht vornehmen; der Sonntag ist zum Ausruhm und Beten da, und bis jetzt habe ich immer darauf gewartet, daß ich einmal ein Bischen unwohl sein würde und deßhalb zu Hause bleiben müßte.« – Aber dieser Tag war bei der vortrefflichen Gesundheit der vierundachtzigjährigen Dame immer noch nicht erschienen, und so blieben Möbel und Bett stehen und liegen, wie die Lastträger sie ins Zimmer gebracht. – Der Kaffee, der beiläufig gesagt, sehr gut war und welcher aus alten soliden Porcellantassen getrunken wurde, war in der Absicht arrangirt, um in Betreff der kleinen Marie eine Art Familienrath zu halten, und zu diesem Zwecke waren der Herr Winkler und seine Frau Mutter ebenfalls eingeladen, indem sich der Hofkutscher durch die Spendung der beiden Dukaten und durch sonstige mannigfaltige Freundschaftsbezeugungen gegen das alte Kind ein Recht erworben hatte, über ihr künftiges Schicksal ein Wort mitzusprechen. Frau Welscher hatte nämlich, als sie die einzige Verlassenschaft der verstorbenen Marie, den kleinen Koffer, der unter dem Bette der Verstorbenen stand, genau untersucht und unter mehreren Briefen, von dem Vater des kleinen Mädchens an die arme Marie geschrieben, ein Papier gefunden, welches mit einer Oblate versiegelt war und auf welchem geschrieben stand: »Für den, der sich meines armen Kindes annimmt.« In diesem Packet fanden sich Aufklärungen über den Stand und die Verhältnisse des Vaters – eine Geschichte, wie sie oft vorkommt: – ein junger, reicher Mann hatte das arme schone Mädchen kennen gelernt, da er einen Zeitvertreib für einige Tage oder Wochen suchte; angezogen von der Herzensgüte, der Fröhlichkeit und der Gemüthstiefe des Mädchens, wurde dieses Verhältnis; dauernder und löste sich erst mit einer traurigen Katastrophe, als nämlich jener junge Mann die Residenz verlassen mußte und von einer Scheidung für immer, aber von einer Versorgung für sie und das neugeborene Kind sprach. Da sah sich die Aermste an einem Abgrund stehen, den sie sich aber selbst mit den trügerischsten Hoffnungen, mit Bildern einer glänzenden, ja ehrenvollen Existenz verdeckt. Wenn sie auch an eine Verbindung mit jenem Manne nur in ihren Träumen und zitternd gedacht, so hatte sie doch daran gedacht, und wenn in einsamen, traurigen Augenblicken, deren sie viele hatte, ihre heißen Thränen auf das holde Gesicht des kleinen hülflosen Wesens in ihrem Schooße fielen, so sprach die Hoffnung in ihr: Dies ist das Band, das uns zusammenhält, das nie zerrissen werden kann. – Und doch wurde es zerrissen, jenes Band, und ihr Herz zerriß mit und die rosenfarbenen Nebel über dem tiefen Abgrunde zerrissen ebenfalls, und da stand sie am Rande der gähnenden Kluft, sie mit ihrem Kinde diesseits, er jenseits. Wohl streckte er zum letzten Male die Arme nach ihr aus, aber sie waren getrennt für immer; sie konnte und wollte nichts mehr von ihm wissen, sie strengte sich an in harter Arbeit für sich und ihr Kind – auch für sein Kind – und wies alle Briefe, alle Unterstützungen, die Jahre lang an sie kamen, zurück. – – Bei diesen Papieren fand sich eine Schrift der Mutter, worin sie bat, man möge das kleine Mädchen eine Tänzerin werden lassen, denn sie habe die feste Ueberzeugung, daß sie nur auf diese Art zu einer guten und glänzenden Existenz gelangen könne. »Sie hat ja keinen Vater,« schrieb sie, »und so leider einen Mackel an sich, der ihr in Manchem, was sie ergreift, hinderlich sein wird; auch hat mein kleines Mädchen ein großes Talent zum Tanzen, ich habe das schon vor ihrer Geburt gewußt, daß sie es haben würde.« Diese Bitte hatte der Frau Welscher viel zu denken gegeben, und wenn sie auch eine aufgeklärte Frau war, aufgeklärter, als viele Damen sämmtlicher Rangklassen, und wenn sie auch vollkommen überzeugt war, daß jedes Geschäft den, der es ordentlich ausführt, ehrt, so hatte sie doch ein starkes Aber gegen das königliche Ballet und hielt bei dem heutigen Kaffee eine feierliche Rede, bei deren Schluß sie den Wunsch der verstorbenen Mutter aussprach, wonach das kleine Mädchen eine Ballettänzerin werden sollte. Die alte Kiliane schüttelte bedächtig mit dem Kopfe, hustete bedeutend und räusperte sich sehr stark, ehe sie ihre Meinung von sich gab, welche dahin ging, daß der Stand einer Ballettänzerin ein sehr leichter, beweglicher sei und daß man fest auf seinen Füßen stehen müsse, um sich seinen Füßen ganz allein anvertrauen zu wollen. Doch hatte die alte Jungfer, welche selbst so nahe am Grabe stand, einen gewaltigen Respekt für alle Stimmen von jenseits, wie sie Testamente und letzte Willen zu nennen pflegte, weil sie hoffte und wünschte, daß auch ihr letzter Wille in allen seinen Theilen erfüllt werden würde, so daß sie es nicht wagte, viel gegen den letzten Wunsch der Verstorbenen zu sagen. Die Frau Welscher ging von der vernünftigen Ansicht aus: wenn das Kind Lust habe, eine Tänzerin zu werden, und wenn die Leute, die es verständen, Talent an ihr entdeckten, so solle man demselben nicht in den Weg treten, und es könne ja in seinen Freistunden noch alles Mögliche erlernen. »Eine geringe, unbedeutende Tänzerin ist ein ärmliches Geschöpf, aber wenn man an große Tänzerinnen denkt, ja, das ist schon was Schönes; ich habe damals für die Taglioni gewaschen und kann euch versichern, keine Prinzessin ist besser versehen, als es jene Dame war.« Die Winklere trank sehr viel Kaffee, aß sehr viel Mürbes dazu und war bei einer jedesmaligen Ansicht mit der Majorität so vollkommen einverstanden, wie man es nur von einem unbedeutenden Mitglied eines Familienrathes verlangen kann. Auch der Herr Dubel und der Herr Winkler, namentlich der Erstere, sprachen sich sehr für den letzten Willen der Verstorbenen aus, und Dubel war entzückt mit dem Gedanken, daß das kleine Kind zu gleicher Zeit mit seinem Freunde, dem Doktor Stechmaier, eine glänzende Laufbahn auf den Brettern beginnen sollte. Der Hofkutscher, der weniger die Kunst im Auge hatte, freute sich absonderlich auf das Vergnügen, das der alte Vicarier Steinle haben würde, wenn er das Kind der Marie eines Tags in dem alten Theaterwagen nach Hause führen könne. Er lud den Teufel ein, ihn gelegentlich zu holen, wenn er eine Lüge sage und wenn es ihm nicht selbst Spaß machen würde, einmal dasselbe zu thun; doch erlaube es ihm sein Rang nicht, indem kein Hofkutscher, sondern nur Vicariere und Maulthierknechte die oben genannte Equipage zu fahren pflegten. Es ist wohl selten ein Familienrath über das Schicksal eines Pflegebefohlenen so bald einig geworden, wie der unsrige. Nicht so bald war die Kaffeekanne geleert und von dem Backwerk nichts mehr übrig, so war auch beschlossen, daß der Herr Dubel am andern Tage sich mit der kleinen Marie zu dem königlichen Balletmeister begeben solle, um mit ihm das Nähere zu besprechen. Die Briefschaften und Papiere der kleinen Marie verschloß Jungfer Kiliane in eine alte Schublade. Achtzehntes Kapitel. Im Hoftheater. Da am andern Morgen die Witterung etwas zweifelhaft war, so beschloß der Herr Dubel, eine Droschke zu nehmen, um vor etwaigem Schnee geschützt zu sein und seine Auffahrt bei dem königlichen Hoftheater, also eigentlich bei Hofe, glanzvoller zu machen. Er holte die kleine Marie ab, welche in ihrem hübschesten Kleide prangte und mit den schön geringelten schwarzen Locken wie ein kleiner Engel aussah. Man hatte sie schon darauf vorbereitet, was sie dem Wunsch ihrer Mutter gemäß erlernen sollte, und der Gedanke, tanzen zu dürfen, machte sie ganz glücklich. Auch war es für sie ein unbeschreibliches Vergnügen, zum ersten Mal in einer Kutsche fahren zu dürfen. Sie strampfte mit den Füßchen und lachte hell auf, so oft der Wagen scharf um eine Ecke fuhr und sie sich ein wenig auf die Seite neigen mußte und bald hatten sie das Theater erreicht und sich in dem weitläufigen Gebäude bis zu dem Balletsaal durchgefragt, aus welchem die scharfen Töne einer einzelnen Violine herausklangen und wo Beide, der Herr Dubel wie das Kind, herzklopfend stehen blieben. Nachdem Ersterer verschiedene Male und vergeblich angeklopft, öffnete er die Thüre und trat in den Saal. Dieser war sehr groß, sehr lang, ziemlich schmal und der Fußboden desselben abwärts geneigt, wie es bei der Bühne selbst der Fall ist, damit die jungen Künstler und Künstlerinnen die Schwierigkeit des Zurücktanzens bergauf schon hier überwinden lernen. An den Wänden dieses Saales waren lange Stangen horizontal angebracht und an diesen Stangen befanden sich die Tänzerinnen, hielten sich mit den Händen daran fest und machten mit den Füßen die sonderbarsten und seltsamsten Verdrehungen. Es war hier ein heiteres Völkchen beisammen und dieses Völkchen um so lustiger, als sich ihr Chef, Signor Benetti, mit den Solotänzerinnen im Nebenzimmer befand. Da standen sie in den merkwürdigsten Kostümen und Farben, vorherrschend waren Papilloten und kleine Hauben, worunter das Haar versteckt war; eng anliegende Mieder von farbigem oder weißem Zeuge zeigten die schlanke Taille und unter einem sehr kurzen, weißen Tanzröckchen sah man den unentbehrlichen seidenen Tricot und alte, schon halb abgenutzte Tanzschuhe. Lautes Lachen und fröhliches Sprechen flog durch den Saal. Hier standen drei beisammen, die Füße fürchterlich auswärts gedreht, die Hände auf dem Rücken – eine Stellung, die das Durchbiegen desselben erleichtert und die Brust herausbiegt – und erzählten sich eine höchst merkwürdige und lächerliche Geschichte; dort versuchten zwei mit einem langen, dürren Chortänzer einen neuen Pas, zu welchem ein zweiter Tänzer mit dem Stabe den Takt schlug. Mehrere andere polkten zu ihrem Privatvergnügen in einer entfernten Ecke des Saales und kleine Anfänger und Anfängerinnen, mit dem technischen Ausdruck »Ratten« genannt, versuchten eine äußerst schwierige Schlußgruppe, die aber nie gelingen wollte. Bald gab Eins, bald das Andere nicht Achtung und alsdann purzelten sie durch einander, fielen auf den Boden, krabbelten wieder in die Höhe und versuchten ihr Glück und ihre Kunst abermals. Andere Tänzerinnen hatten eines ihrer Beine hoch auf die Stange gelegt und dies bildete alsdann mit dem anderen, das auf dem Boden stand, einen stumpfen Winkel. In dieser Stellung verharrten sie immer einige Minuten und plauderten während der Zeit mit einander. Mit dem Abend auf der Bühne verglichen, wo bei der rauschenden Musik die Tanzfiguren sicher und fest gezogen werden, wo die Haare zierlich geordnet sind, wo die Gesichter von Schminke und Erhitzung aufflammen, wo die goldgestickten Kleider in dem glänzenden Farbenspiel strahlen, – gegen eine solche Balletaufführung hatte das Getreibe hier in dem Tanzsaale bei hellem Tageslicht etwas Abgeschossenes, Nebelhaftes. Es war wie ein Ball, der bis zum Tagesanbruch gedauert, wo Anzug und Frisur der Tänzerinnen zerstört, ihre Gesichter blaß und vollkommen erschöpft aussehen. Bei diesem Anblick blieb der Herr Dubel an der Thür stehen, und es dauerte ein paar Minuten, bis er von den Anwesenden bemerkt wurde, oder vielmehr, bis die Tänzerinnen das kleine niedliche Kind erblickten, ihre Stellungen, ihre Polka, ihren Pas verließen und neugierig herbeikamen, um dasselbe in der Nähe anzusehen. Ein Gemurmel des Beifalls flog durch ihre Reihen, namentlich wurden die hellen Augen, die schwarzen Haare und die kleinen Füßchen des Kindes bewundert, und die ganze Schaar begleitete den Herrn Dubel an die Thür des Nebenzimmers, wo mehrere der »Ratten«, die vorausgesprungen waren, mit ihren kleinen Fingern eifrigst anklopften. Dubel trat mit dem Kinde in dieses Nebenzimmer und machte vor Signor Benetti, der sich dort befand, eine tiefe Verbeugung. Der Balletmeister und Chef der königlichen Tanzschule stand da im Gefühl seiner Würde, jeder Zoll ein großer Künstler, und richtete sich noch straffer empor und drehte seine Fußspitzen noch mehr auswärts, als er einen Fremden eintreten sah. Er war in ganz Helles, fast weißes Zeug gekleidet, trug Schuhe und Strümpfe, weite Beinkleider und eine rund abgeschnittene Jacke, aus deren einer Tasche ein rothseidenes Sacktuch hervorglänzte. Auf dem Kopfe hatte er eine rothe Mütze mit goldener Quaste, welche er abnahm und die Verbeugung des Herrn Dubel herablassend erwiederte. Signor Benetti war ein Italiener, vielleicht fünfzig Jahre alt, ziemlich dürr von Figur und Gesicht und hatte schwarzes, aber schon stark grau melirtes Haar. In demselben Zimmer befand sich ein anderer Tänzer, eine dürre, bescheidene Figur, welcher in der Ecke stand und schwer athmend von der gehabten Anstrengung ausruhte. Die beiden Solotänzerinnen, die ebenfalls hier waren, schöne volle Figuren, die eine mit hellblondem, die andere mit kohlschwarzem Haar, ließen sich beim Eintritte des Herrn Dubel auf ein paar Stühle nieder und schauten mit Theilnahme auf das kleine Kind. Sie waren bei weitem eleganter gekleidet, als ihre Kolleginnen draußen, und trugen feine weiße Tanzröcke. Ihre Mieder von schwarzem starkem Atlaß, die bei jeder Bewegung krachten, waren an den Armen und am Halse mit schwarzen kostbaren Spitzen besetzt. Signor Benetti strich sich mit der Hand über das Gesicht und erinnerte sich, den Herrn Dubel schon irgendwo gesehen zu haben, worauf dieser die Elstergasse nannte und, indem er sich in die Brust warf, hinzufügte, er glaube den Herrn Balletmeister eines Abends erschreckt zu haben, indem er in der Equipage eines – Bekannten zu hart an dem Hause vorgefahren sei. »Doch wohne ich nicht mehr in der Elstergasse,« setzte der Herr Dubel hinzu, »sondern an dem Petersthore in dem dort einzeln stehenden Hause.« Der Balletmeister verbeugte sich, als wolle er sagen, er kenne das Haus und den vornehmen Eigenthümer desselben vollkommen und bemerkte dann, indem er sich an die beiden Tänzerinnen wandte: »Meine Damen, ich sah diesen Herrn neulich Abends auf glattem Eisboden einen Sprung machen, einen Sprung von sechs Fuß, wie gesagt, auf glattem Eise, und dann feststehen mit einem Applomb, der wirklich ans Fabelhafte gränzt. Ich mache Ihnen nochmals mein Compliment darüber.« Herr Dubel verneigte sich sehr geschmeichelt und begann von dem Grunde seines Besuchs zu reden, indem er das Kind, das hinter ihm mit großen neugierigen Augen die beiden Tänzerinnen betrachtete, vorführte. Der Balletmeister warf sich in eine prüfende Stellung und drehte seine Beine so furchtbar auswärts, daß man glauben konnte, er müsse nothwendig umfallen und gebrauche für solche Momente den großen Stock, mit dem er den Takt auf den Boden stieß, um sich fest zu erhalten. Dabei neigte er den Kopf auf die rechte Seite und unterstützte das Kinn mit der Hand. »In der That,« sagte Signor Benetti nach einigen Augenblicken, »dem Aeußern nach ein niedlicher Amor, eine kleine Liebesgöttin – wie schlank das Kind gewachsen ist! sehen Sie, meine Damen, die schlanke Taille und die kleinen Füßchen.« Die Tänzerin mit dem schwarzen Haar zog das Kind an sich, nahm es auf den Schooß und küßte es auf die Stirn, während sie mit der Hand durch die schwarzen Locken fuhr. Die Andere mit dem blonden Haar besah aufmerksam seine Füßchen und bewunderte die feinen Knöchel derselben. Signor Benetti nahm den Herrn Dubel etwas bei Seite und fragte mit sehr wichtiger Miene: »Das Kind ist doch von guter anständiger Familie und wird dem Theater nicht zur Last fallen?« – welches letztere der Herr Dubel eifrigst verneinte und hinzusetzte, man sei im Stande, für seinen Unterhalt bestens zu sorgen. »Und der Vater?« erkundigte sich der Herr Balletmeister weiter, worauf Herr Dubel mit voller Wahrheit entgegnete: der Vater sei von angesehener und reicher Familie, wünsche aber nicht genannt zu sein. »Ich verstehe,« sagte der Balletmeister vollkommen befriedigt, und versprach, bei dem Intendanten des Hoftheaters, welcher der Aufnahme der Kleinen gewiß kein Hinderniß in den Weg legen werde, Alles einzuleiten. »Sie gefällt mir außerordentlich,« sagte er, »es ist draußen von allen Ratten keine, die sich entfernt mit ihr messen könnte; ja, ich finde im Gesicht eine Aehnlichkeit mit Ihnen, Mademoiselle Elise,« sagte er zu der Tänzerin mit schwarzem Haar, welche geschmeichelt die kleine Marie noch freundlicher küßte. »Jetzt aber, meine Damen,« sprach der Balletmeister, »wollen wir in unsrer Scene fortfahren; wenn es dem Herrn Spaß macht, uns zuzusehen, so werden Sie wohl nichts dagegen haben; also en place , meine Damen!« Die Tänzerinnen sprangen auf, Herr Dubel setzte sich auf den Stuhl der blonden Dame; der Tänzer am Fenster band sein langes Haar mit einem seidenen Faden an dem Kopf fest, daß es nicht so herumflattere, und ein alter Musiker, der hinter einer spanischen Wand seine Violine mit einer neuen Saite bezogen, kam zum Vorschein, schnupfte mit dem Balletmeister aus der Dose des Letzteren, und die Scene begann. »Also, meine Damen,« sagte Signor Benetti, »es kommt die Scene, wo Sie, Mademoiselle Pauline – so hieß die Tänzerin mit dem blonden Haar, – Ihr Pas de deux mit dem Ritter Astolfo tanzen; schon im Adagio zeigt er Ihnen an, daß er Sie liebe, und sagt Ihnen tanzend: was sind die Reize meiner Braut, die mir vom Schicksal bestimmt ist, gegen die deinigen, o Holde? Die erste Pirouette kommt auf das Wort: o Holde, und wenn Sie halten, – damit wandte er sich an den Tänzer – strecken Sie sehnsüchtig die Arme nach Mademoiselle Pauline aus, die, von diesem Geständniß erschreckt, entsetzt vor Ihnen flieht. – So! – eins! – zwei! – drei! – vier! – fünf! – sechs! – sieben! – acht!– Pirouette: o Holde – fliehen Sie, Mademoiselle Pauline! – So! – aber das Entsetzen müssen Sie kräftiger ausdrücken, sonst war es nicht ganz schlecht, – mehr Entsetzen! Bedenken Sie diesen wichtigen Moment! Die Entwicklung des ganzen Ballets beruht darauf; – noch einmal! – eins! – zwei! – drei! – vier! – fünf! – sechs! – sieben! – acht! Pirouette: o Holde! – die Arme viel flehender ausgestreckt, viel flehender! – Bravo, Mademoiselle Pauline! Ihr Entsetzen war köstlich, sehr schön! – Weiter: in Ihrem Solo antworten Sie ihm, Sie können ihn nicht lieben, er habe ja eine Braut, und dabei drücken Sie den Schmerz aus, daß es so sei, denn eigentlich lieben Sie ihn doch– so! jetzt Ihre Pirouette, dann drücken Sie pantomimisch aus: leider trennt uns das Schicksal! – schön! – gut gemacht! – Jetzt kommt das große Solo Ritter Astolfo's, er kann ohne Sie nicht leben, es ist sein Tod, er wird dahinsterben in Kummer und Verzweiflung – so! – sehr gut! – Bei Ihrem Solo, Mademoiselle Pauline, lassen Sie sich erweichen, Sie werden hingebender – so ist's recht! – vortrefflich! – Sie machen die Hingebung sehr gut; – jetzt beginnt das Allegro, das Pas de deux, Sie entfliehen dem Ritter, er führt Sie zurück, Sie halten Ihre Hände beschämt vor das Gesicht, er nimmt die Rose aus Ihrem Haar, Sie entreißen sie ihm wieder, – Bravo! Mademoiselle Pauline – bravo! Sie vertheidigen Ihre Rose sehr schön – so ist's recht! – Ritter Astolfo, dringender! – dringender – bomm! – bomm! – bodomm! – bomm! – bomm! – er hält sie fest, sie sinkt an seine Brust, dumpfer Paukenwirbel – sechste Scene – der schwarze Ritter tritt auf.« Der Balletmeister machte den Paukenwirbel mit seinem Stock so gut wie möglich nach, ergriff dann die Hand der Mademoiselle Elise und sein Gesicht verzerrte sich auf eine seltsame und schreckliche Art – er selbst war der schwarze Ritter und trat jetzt aus dem Hintergrunde mit der unglücklichen Braut näher, welche mit Wuth im Herzen ihre Nebenbuhlerin in den Armen des Ritters Astolfo findet. Schrecklicher Moment! – Sie tritt zwischen Beide, während der schwarze Ritter im Hintergründe die befriedigte Rache außerordentlich kunstvoll ausdrückt.– »So, meine Damen,« sagte der Balletmeister, »die Scene ist recht gut gegangen, wir wollen für heute beschließen.« Der Herr Dubel, welcher mit größter Aufmerksamkeit und klopfenden Herzens zugeschaut, erhob sich dankend und versicherte in den gewähltesten und blumenreichsten Ausdrücken, dieser schöne Blick in das Innere, Heiligste der Kunst, den man ihm erlaubt, werde ihm ewig unvergeßlich sein. Darauf nahm er die kleine Marie, welche ebenso entzückt von dieser Probe schien, bei der Hand, ging durch den großen Balletsaal die dunklen Treppen des Theaters hinab und fuhr mit den widerstreitendsten Gefühlen in seiner Brust nach Hause. Er verglich die beiden Damen, welche er eben bewundernd angestaunt, mit der Honoratiorentochter – weßhalb, wußte er eigentlich selbst nicht – und ging, nachdem er die Frau Welscher von dem wahrscheinlich günstigen Ausgange seines Besuchs in Kenntniß gesetzt, ziemlich unbefriedigt nach Hause. Neunzehntes Kapitel. Ein erstes Debut. Der Tag, an welchem der Doktor Stechmaier auf den Brettern der königlichen Hofbühne glänzen sollte, kam immer näher, und endlich an einem schönen Morgen wurde in der Elstergasse Numero vierundvierzig eine Probe auf den andern Tag um zehn Uhr angesagt, welche Ankündigung der Doctor durchaus nicht mit bangen, wohl aber mit sehr triumphirenden Gefühlen entgegen nahm. Es war ein fremder bedeutender Gast da, welcher den Hamlet spielte, und darum dauerte heute die Generalprobe länger als sonst, da für den Gast manche ganze Scene, manches Auftreten und dergleichen mehr abgeändert wurde. Doktor Stechmaier ging mit verschränkten Armen hinter den Coulissen auf und ab, warf sich in die Brust und deklamirte in einem leisen Tone: »Die Niederlage hier schreit Mord, o stolzer Tod!« und machte alsdann vier gewaltige Schritte auf dem dunkeln Raum hinter dem letzten Vorhang, griff an eine hölzerne Mauer, die gerade da stand, als wolle er die Krone Dänemarks in Empfang nehmen, und sagte: »Mein Glück umfang ich traurend.« Fortinbras kommt bekanntlich am Schlusse des fünften Akts, also des ganzen Stücks, und der Doctor war überzeugt, daß sein Auftreten, sein Spiel, seine Declamation schon auf dieser Generalprobe eine kleine Sensation hervorrufen würde. Vielleicht applaudirten ihm seine künftigen Herren Collegen, es war das schon vorgekommen bei meisterhaft ausgeführten Scenen, und wenn es nicht geschah, so tröstete er sich auch, indem er dachte, daß Neid und Mißgunst dem Debütanten gewöhnlich kein freundliches Wort gönnen. So kam der Moment heran, der Inspicient rief den Doctor Stechmaier zu sich, nahm ihn beim Arm und harrte des Augenblicks, wo er den jungen Künstler loslassen wollte, wie einen Schweißhund von der Leine. »Gleich kommt Ihr Stichwort,« sagte der würdige Theaterbeamte und schaute mit trübem Auge durch eine Brille, einen sogenannten Nasenklemmer, auf das alte zerwetterte Exemplar von Hamlet, das er in der Hand trug; dabei neigte er den Kopf vorwärts, um das Stichwort zu erlauschen. – »Jetzt hinaus!« Woher es kam, wußte der Doktor nicht, aber ihn befiel in diesem Augenblick ein kleines Herzklopfen. Vergessen war sein Vorsatz und was ihm der Regisseur angegeben, nämlich mit weiten dröhnenden Schritten auf die Bühne zu stürmen. Er – Fortinbras, ein gewaltiger, normannischer Kriegsheld – zitterte ein wenig; das: Jetzt hinaus! war ihm so plötzlich gekommen, wie ein ungeahnter Guß kalten Wassers, unversehens, obgleich er den ganzen Morgen nichts Anderes gedacht – also hinaus! Der Doctor kam heraus, nicht wie ein kecker Prinz, der mit gewaltiger Hand die Königskrone an sich nimmt, sondern er schlich aus der Coulisse, wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz, dem in der Ecke, die er jetzt hinter sich hat, ein heftig geschleuderter Besen unsanft zwischen die Füße kam; auch deklamirte er nicht den hundertsten Theil so gut, wie er es früher in seiner Stube gethan, sondern die Niederlage hier schreit Mord! wehklagte der Doctor, und es klang wie Unkengeschrei und Jammerruf, so daß der Oberregisseur vorn am Tische sich die Ohren zuhielt und die Wiederholung des Auftritts, noch ehe er beendigt war, verlangte, aber leider nicht mit den begeisterten Worten, mit welchen man gewöhnlich ein Dacapo begehrt. »Oho, Herr Doctor!« rief der Oberregisseur, »Sie haben das sehr schlecht gemacht, Sie trippeln da heraus, wie ein bleichsüchtiges Mädchen, bedenken Sie doch den Moment! Auch kleben Sie an den Coulissen fest wie ein leckes Schiff, das sich nicht ins offene Wasser wagt; steuern Sie von der Coulisse aus dreist mitten auf die Bühne und kommen in einem großen Bogen nach vorn, mit weiten, hallenden Schlitten; ich will Ihnen das einmal vormachen – ungefähr so – dann halten Sie einen Augenblick und beginnen mit kräftiger Stimme: Die Niederlage hier schreit Mord u. s. w. Etwas will ich Ihnen aber dabei noch bemerken: Sie sind ein Norddeutscher, und man ist hier sehr empfindlich für das G und J. Ihr Glück, das Sie traurend umfangen, schwebt immer zwischen den beiden Buchstaben; ich muß mir ausbitten, daß Sie deutlich sagen Glück mit G, denn wenn Sie deklamiren: Mein Jlück umfang' ich traurend, so lacht Sie das ganze Publikum aus, also ...« Dieses Mal ging es etwas besser; der Doctor stürzte wie ein Rasender auf die Bühne und hätte um ein Haar einige Damen des dänischen Hofes umgerannt, dann wandte er sich nach links, dann nach rechts und lavirte solchergestalt bis vor den Souffleurkasten. Er hatte die Augen weit aufgerissen und schnaubte ordentlich vor Wuth und Kühnheit; auch die Sprachklippe umschiffte er glücklich und empfing das Glück ohne J, ja mit einer starken Hinneigung zum K. Den andern Morgen beim Frühstück erhielt der Doctor einen Theaterzettel und las sich mit einigem Stolze gedruckt zwischen den Namen der besten Künstler des Hoftheaters. Prinz Fortinbras † † † und diese drei Kreuze hießen weiter unten: Herr Stechmaier als erster theatralischer Versuch. Bis zu diesem Moment hatte er sich noch immer gefaßt. Wenn es mich auf einmal gereute, Schauspieler zu werden, sprach er zu sich selber, oder wenn ich fühlte, es ginge doch nicht recht, was würde mich verhindern, zurück zu treten? Dieses Bewußtsein, den Rückzug frei zu haben, hatte seinen Muth bedeutend gehoben und aufrecht erhalten; jetzt aber, als er vor sich sah, wie dem verehrungswürdigen Publikum der Herr Stechmaier als erster theatralischer Versuch angekündigt war, wie er, wenn es ihm plötzlich einfiele, nicht zu spielen, die Wuth des Parterre's deutlich voraussah, wie sie tobend den Debütanten Stechmaier verlangten, wie er solchergestalt an das Theater gekettet sei, wie er den Rubikon überschritten, seine Brücke hinter sich abgebrochen, seine Schiffe verbrannt hatte, da rieselte es ihm leicht den Rücken hinauf, und es wollte ihm der Kaffee durchaus nicht schmecken. Auch verlief der heutige Tag so außerordentlich geschwind – kaum hatte er seine Rolle ein paar Mal überlesen, so war es schon Mittag, und kaum hatte er dinirt und darauf eine kleine Promenade gemacht, so fing es schon an zu dämmern. Diese Promenade aber hatte ihn erfrischt und ihm neuen Muth gemacht, und so betrat er das Theater gefaßt und wieder mit dem alten Glauben an seine Unfehlbarkeit. Bei einem Trauerspiele ist es auf der Bühne hinter den Coulissen durchaus nicht behaglich, es pulsirt alsdann dort kein fröhliches und lustiges Leben, wie bei einer Oper oder einem Ballet. Alles ist still, der Inspicient, die andern Beamten gehen auf den Fußspitzen umher und sehen sich bei dem kleinsten Geräusch zornig um, jeden Augenblick heißt es: ssst! – ssst! – Die ersten Künstler stehen in den Coulissen und wagen kaum eine halblaute Bemerkung über den fremden Collegen, der den Hamlet spielt, über sein Costüme und über eine verfehlte Stelle. Ophelia, eine stolze Dame, rauscht nach jeder Scene in ihre Garderobe zurück und findet es nicht der Mühe werth, mit den Schauspielern zweiten Ranges ein Gespräch anzuknüpfen; Polonius ist verstimmt, denn der Gast hat ihm durch zu rasches Einfallen eine sehr gute Bemerkung abgeschnitten; das Gefolge des alten Königs und die norwegischen Krieger des Prinzen Fortinbras lungern hinter der Bühne, die dänischen Hofdamen führen halbleise Haushaltungsgespräche und stricken sehr lange, wollene Strümpfe; die Zimmerleute schleichen faul und verdrossen einher, denn es gibt nicht viel zu thun, keine schönen Dekorationen und doch alle Augenblicke eine Verwandlung. Hinter der Scene ist ein großer Raum, den die Helle der Gaslichter nicht erreicht und der in tiefem Halbdunkel liegt; dort spaziert in der schwarzen Rüstung der Geist von Hamlet's Vater auf und ab, einer der ersten Schauspieler, den es gerade nicht sehr amüsirt, diese kleine, aber wichtige Rolle zu spielen. Schon zu Anfang des Stückes stieß der Debütant, Herr Doktor Stechmaier, an dem eben beschriebenen Orte auf den Geist von Hamlet's Vater, welcher dort, da der Geist sehr fett und corpulent ist, mit schweren, dröhnenden Schlitten auf- und abspaziert. Der Debütant, welcher ja erst am Schlusse kommt, ist natürlicher Weise noch nicht angekleidet und zieht vor dem schwarzen eisernen Gespenste verehrungsvollst den Hut. Der Geist von Hamlet's Vater bleibt stehen, nimmt eine starke Prise und sagt: »Sie sind der junge Mann, der heute zum erstenmal auftritt?« »Ihnen zu dienen, Herr Maurer,« sprach der Debütant; »ich mache heute meinen ersten theatralischen Versuch.« »So bewundere ich es,« entgegnete der Geist, »daß Sie noch nicht angezogen sind.« »Ich habe geglaubt, ich hätte noch vier Stunden Zeit und brauchte mich deßhalb mit dem Anziehen nicht zu beeilen.« »Junger Mann,« versetzte das Gespenst und nahm abermals eine Prise, »Sie müssen nicht vergessen, daß Sie, wie gesagt, heute zum erstenmal auftreten, und daß Sie vom Kopf bis zu den Füßen in einen Harnisch gesteckt werden, und in solch' einem Harnisch bewegt man sich verflucht schlecht, das kann ich Ihnen versichern; man muß sich mehrere Stunden daran gewöhnen.« – Bei diesen Worten rasselte der Geist von Hamlet's Vater bedeutend mit seiner Rüstung und ging klirrenden Schrittes von dannen. Der Debutant, dem der rauschende Beifallssturm des übervollen Hauses die Nerven schon ziemlich erschüttert, indem er bedenkt, wie kräftig ein solches Publikum allenfalls sein Mißfallen auszudrücken im Stande wäre, geht in die Garderobe, und bittet den bei solchen Gelegenheiten anwesenden Flaschnermeister, ihn gefälligst zu wappnen. Darauf zieht man dem Prinzen Fortinbras gelbe Tricots an, zwängt ihn in einen blauen Leibrock mit kurzem Schooß und führt ihn nach einer Rüstung, die in der Garderobe auf dem Boden liegt, ein wahrer Berg von Messingplatten, von Gelenken aller Art, von Riemenzeug und Schnallen. Zuerst werden seine Füße und Beine beschient und bepanzert, dann schnallt man ihm den Harnisch an, hängt ihm den Ringkragen auf, steckt ihn in die Armschienen, setzt ihm den Helm auf, gürtet ihm das Schwert um; der Friseur hatte seine Haare geordnet, ihm einen verwegenen Bart aufgeklebt, und ein gefälliger Chorist färbte ihm seine Backen rosenroth. So steht er da, eng zusammengeschnallt und gepreßt, ein armes Opfer der Kunst, und ist nicht im Stande, eine Bewegung zu machen, welche einer menschlichen ähnlich sieht; er kann die Arme kaum an seinen Leib bringen, sondern muß sie immer von sich abgestreckt halten; die Kniescheiben, welche etwas zu lang für ihn sind, erlauben ihm nicht, auf natürliche Art seine Beine zu biegen, und so muß er, wenn er gehen will, mit den Füßen eine Seitenbewegung machen, wie die Matrosen zu thun pflegen und was man weitspurig gehen zu nennen pflegt. Dabei rasselt der Harnisch auf eine unerträgliche Art, und wo er sich hinter den Coulissen sehen läßt, da schreit der Inspicient sein: ssst! – ssst! und die Schauspieler, die gerade hinaustreten wollen, bitten ihn, sich soweit wie möglich zurückzuziehen. Dies Alles verursacht ihm ein gewisses moralisches und physisches Unbehagen, und als nun der zweite Akt vorbei ist, bedenkt er, indem er gelinde seufzt, daß jetzt nur noch drei kleine Akte sind und dann an ihn die Reihe kommt. Der Geist von Hamlet's Vater erklärt sich mit seinem Anzuge vollkommen einverstanden, und der Oberregisseur sagt ihm einige ermunternde Worte. Der dritte Akt geht vorbei, und die zu langen Kniescheiben haben den armen Prinzen Fortinbras fast ganz wund gedrückt; der Inspictent sieht ihn beim Beginn des vierten Aktes scharf durch die Brille an und sagt ihm mit gleichgültigem Tone, als wenn das gar nichts wäre und sich ganz von selbst verstünde: »Im nächsten Akt kommen Sie.« – Ja, im nächsten Akt! denkt der Debütant, und es fröstelt ihn in der kalten Rüstung. Ist vielleicht der Ringkragen zu fest geschnallt oder der Schwertgürtel? Genug, das Athemholen wird ihm sauer und er muß oftmals tiefe Seufzer ausstoßen. Gott, wenn es ihm draußen schlecht erginge! wenn ihn sein Gedächtniß verließe! wenn er den todten Hamlet, der auf dem Boden liegt, auf die Nase träte! Alles das kann ihm passiren, er kann sich lächerlich machen vor dem Auge des Publikums, er kann sich blamiren vor seinen Kunstgenossen, er kann seine ganze Carriere verderben! – Ja, wenn dies vielleicht erst nach einem Jahre geschehen könnte, aber nein! das kann in einer halben Stunde vor sich gehen, seine Zeit ist um, der Zeiger geht unaufhaltsam vorwärts, seine Stunden, seine Minuten sind gezählt, wie die eines zum Tode Verurtheilten. Es ergreift ihn eine namenlose Angst. – Der fünfte Akt beginnt. Der unglückliche Debütant kann sich von der Idee, als sei er zu einem moralischen Tode verdammt, nicht losmachen, er steht auf dem dunklen Platz hinter der Scene und sieht den Geist von Hamlet's Vater nochmals vorübergehen, aber der Geist ist dieses Mal im Ueberrock und will sich gerade nach Hause begeben. Aus der Coulisse rasselt es auf ihn zu, wie von vielen Harnischen: es sind seine Reisigen, das Gefolge des Prinzen Fortinbras, die mit ihm eindringen in die dänische Hofburg; sie sind geführt von dem Schlachtenlenker der Bühne, welcher den unglücklichen jungen Schauspieler fragt, ob er bereit sei. Wie schaut ihn der Schlachtenlenker mit dem wilden falschen Bart und den schwarzgemalten Augenbrauen so finster an! Wie klingt seine Stimme so tief und grimmig, als er fragt: »Sind Sie bereit?« – Der Inspicient schaut hinter dem Vorhange hervor und sagt: »Herr Stechmaier, Sie kommen bald!« Prinz Fortinbras rafft allen seinen Muth zusammen und tritt in die Coulisse; seine Mundwinkel zucken, sein Auge starrt, und er würde todtenblaß aussehen, wenn ihn der Chorist nicht so schön rosenroth bemalt hätte. »Kann es nicht zuweilen vorkommen,« fragt er den Schlachtenlenker mit zitternder Stimme, »daß ein Schauspieler in der Coulisse unwohl wird und nicht auftreten kann?« worauf dieser antwortet: Das sei noch nie vorgekommen und ein Schauspieler, der einmal angezogen in der Coulisse stehe, müsse auch hinaus, und wenn man ihn hinausschleppen sollte. »Denn wenn einer fehlt, ist ja das ganze Stück umgeworfen, und das Publikum würde einen schönen Lärm machen.« – »So?« – »Ganz gewiß!« – Der Mann sagte das so bestimmt und mit fester Stimme, daß es den Prinzen Fortinbras schauderte; er dachte an einen kleinen Fluchtversuch und wandte sich um; doch stand der Schlachtenlenker hinter ihm, ihn mit festem Blicke ansehend, und sein eigenes Gefolge hielt in Wehr und Waffen die Coulisse so besetzt, daß an kein Entrinnen zu denken war. Hamlet hat seine letzte Rede. »Herr Stechmaier,« sagt der Inspicient, »jetzt kommt's.« Dem Debütanten tritt der Schweiß auf die Stirn, und er spricht stotternd zu dem Schlachtenlenker: »Wahrhaftig, ich kann nicht hinausgehen, mich bringt die Angst um, ich kann kein Wort sprechen.« »Sie müssen,« sagt der finstere Mann in dem großen Bart, »Gott verdamm' mich, das wär' eine schöne Geschichte! ich schiebe Sie im Nothfalle vor mir her; paßt mir auf, Soldaten – vorwärts!« Durch einen gelinden Druck von der Hand des Schlachtenlenkers stolpert Prinz Fortinbras einige Schritte vorwärts; er muß eine Coulissenstange überschreiten, die vor ihm am Boden liegt, über welche er fast hinstürzt, da er sie nicht sieht; er fühlt zugleich, daß ihm an seiner Rüstung etwas gerissen ist und daß die Kniescheibe klafft. Der Hof des Königs und die dänischen Damen sehen ihn mit Entsetzen an; vor ihm liegt der todte Königssohn und seine Nase, wie absichtlich, um sich darauf treten zu lassen. Die Prosceniumslampen tanzen auf und ab und bilden seltsame Schlangenlinien, das Publikum wogt vor ihm, ein stürmisches Meer, – wilde bewegte Wellen in allerlei Farben. Er stottert etwas Weniges von Niederlage und Mord, von einem Fest, das in diesen heiligen Hallen, wo man keine Rache kennt, vor sich geht; man drückt ihm die Krone in die Hand, und wie der Vorhang langsam herunterfällt, erwacht er ebenso langsam aus einem entsetzlichen erdrückenden Gefühl, und erst, als er die Prosceniumslampen nicht mehr sieht, holt er tief Athem, läßt die Krone fallen und fühlt sich wie erwacht aus einem wirren, gespensterartigen Traume. – – – Glücklicher Weise hatte die Vorstellung bis halb Zehn gedauert, das ermüdete Publikum erhob sich beim Tode des Prinzen Hamlet, um nach Hause zu gehen, und schenkte dem Eintritte des unglücklichen Prinzen Fortinbras wenig Aufmerksamkeit. Der Doktor Stechmaier ging sehr erschöpft in die Garderobe, er fühlte sich furchtbar ermüdet. Es ist aber auch keine Kleinigkeit, vier Stunden lang, in einen engen Harnisch geschnallt, hinter den Coulissen stehen zu müssen; das erkannten auch sämmtliche Schauspieler mitleidig an, und der Oberregisseur meinte, es werde bei einem zweiten Versuch schon besser gehen; nur scheine ihm die Persönlichkeit des Doktors für heroische, kräftige Charaktere nicht besonders passend. Der Debütant verließ das Theater, und als er die hohen Mauern hinter sich hatte, kam er sich vor, als sei er wunderbar und glücklich gerettet, einer fürchterlichen Zauberhöhle entsprungen. Ihm schauderte, wenn er an den fünften Akt des Hamlet zurückdachte; er beschloß, den literarischen Klubb zu gründen, mit allem Eifer das conservative Journal zu redigiren und verschwor sich hoch und theuer nie mehr jene Bretter zu betreten, welche die Welt bedeuten. Zwanzigstes Kapitel. Thauwetter und Frühlings-Anfang. Thauwetter ist eine Revolution gegen den Winter, jenen harten, gewaltigen Selbstherrscher großer Reiche, und je größer die Veränderungen sind, die dieser Eroberer in den Gewohnheiten und Sitten der unterworfenen Völker erzwingt, da er ja die Länder selbst bei seinem Regierungsantritt nach seinem Eigensinn umwandelt, um so gewaltiger ist auch jener Aufstand sämmtlicher Völker in Wald und Flur, in Wasser und Luft gegen ihn, wenn seine Kraft einmal anfängt, nachzulassen. Aber es geschieht ihm schon recht, dem Tyrannen Winter! Hat er wohl eine einzige der Regeln und Vorschriften befolgt, welche kühne, eroberungssüchtige Heerführer aufgestellt und zur Nachahmung bestens empfohlen haben? Nein, er achtet nicht die Lebensweise der unterdrückten Völker; ja sogar das Aeußere des Landes, das seine kriegerischen Heerschaaren überzogen, muß sich seinem allgewaltigen Willen fügen. Er schüttelt das letzte Laub von den Bäumen, befiehlt der weichen, guten Erde, sich zu verhärten, hält Bäche und Flüsse in ihrem Laufe auf und läßt sie still stehen. Die Thiere des Waldes, die Vögel in der Luft zittern bei seiner Ankunft vor seinem scharfen, unheilbringenden Odem und verkriechen sich unter das raschelnde Laub des Waldes und in ihre weichen Moosbetten. – Umsonst! Er dringt ihnen nach, er fährt schaurig wehend über die Erde, und Alles, was noch widerstanden, fügt sich dem eisigen Hauch und erstarrt bis zur Leblosigkeit. Jetzt ist der Winter Herr und Meister, und da er das Innere seiner Untergebenen nach seinem Willen geändert, so macht er sich jetzt auch an's Aeußere, und vom Himmel herab fällt Tage und Nächte lang der weiße Stoff, aus dem er seine Livreen bereiten läßt. An einem schönen Morgen sind sie fertig, und Alles, so weit das Auge sieht, prangt in weißem Pelzwerk – aber was ist weißes, einengendes Pelzwerk gegen ein, wenn auch ganz nacktes Dasein, in welchem man sich frei bewegen kann, jedem zarten Lufthauch folgend, sich leicht hin und her in der lauen Luft wiegend? So denken die revolutionären Bäume und Sträucher, und das Gras unter der weißen Schneedecke bewahrt merkwürdige Traditionen von sonnigen, heißen Tagen, von frischen, angenehmen Regenschauern, die Pflanze und Wurzel so angenehm tränken und wonach Tausende von Blumen emporsprießen. Sie flüstern einander zu: Sie kehrt zurück, diese schöne Zeit – ach, du Zeit des Frühlings und Sommers! – wo wir uns schmücken mit Blumen und allen Farben und wo unsere Modehändlerinnen, die Spinnen, glänzende Schleier über unsere Köpfe ziehen, unter denen wir wie geputzte Bräute stehen. Unterdessen wird der Winter alt und schwach, seine Hand erlahmt und ist nicht mehr im Stande, stark und gewaltig die Zügel seiner Reiche zu führen. Wo er früher mit strenger, aber anhaltender Kälte agierte und die Gefilde mit seinem weißen Wollenpelz warm bedeckt hielt und sich seiner Macht bewußt war, da ist er jetzt boshaft und tückisch geworden; er hört von Aufstandsversuchen in Wald und Feld und schickt seinen schlimmsten Gesellen, den eisigen Winterregen, der unter dem Schnee nachsehen muß, ob Alles in gehöriger Ordnung und fest gefroren sei. Er führt die Zügel des Regiments schwach und wankelmüthig, bald zieht er sie in Erinnerung an frühere Macht zu straff an, daß die Erde und was auf ihr wächst sich vor seinem Grimme beugt, bald läßt er sie wieder weichlich schießen, und diesen Augenblick benutzt seine ewige Feindin, die Sonne, und zaust an den weißen Winterlivreen, reißt das Pelzwerk hie und da hinweg, befreit für einen Augenblick die starren Bäume und Gesträuche aus ihrem Gefängniß und treibt allerlei Kurzweil, die der Winter, sobald er sie merkt, nicht ungeahndet läßt. Er schließt in der Nacht die Gefängnisse wieder fester, und das arme kleine Volk hat wie immer, wenn sich ein paar Mächtige zanken, den Schaden davon. Dort erfriert ein Weinberg vor plötzlich eingetretener Kälte, hier bleibt ein Mensch aus der Landstraße todt, der leichtsinniger Weise geglaubt, es sei jetzt schon mit der Macht des Winters vorbei. Dieser aber bietet seine letzten Kräfte auf, um sich noch so lange wie möglich auf dem Throne zu erhalten; aber vergebens! seine Zeit ist um, die Winde, die er so lange regiert und die nach seinem Sinne scharf und eisig gesprochen, sind seiner harten Regierung müde, machen Opposition und blasen warm und angenehm. Die Vögel in den Lüften sind die Ersten, welche dies bemerken, und jubeln in Feld und Wald hinaus, daß ein ander Regiment beginne. Schwere Tropfen als hinterlistige Spione fallen heimlicher Weise von den Bäumen und sagen es dem Schnee auf dem Boden an, daß die Dinge da oben eine andere Wendung nehmen; die Wassertropfen dringen durch den Schnee, vermehren sich in demselben durch alle leichtfertigen und verwegenen Köpfe, welche begierig sind, die Revolution mitzumachen, und rieseln unbemerkt, gedeckt durch die äußere Schneelinde, durch die anscheinend ruhige Haltung dieser guten Bürger, auf dem Boden dahin, Alles unterwühlend und zum Einsturz reif machend. Von allen Seiten strömen diese Bächlein hernieder, sammeln sich und stürzen mit gewaltiger Kraft als angeschwollene reißende Wasser von der Höhe des Bergwaldes in's Thal, wo der entsetzte Winter sich auf die großen Flüsse zurückgezogen hat und da, gestützt auf seine eisgeharnischten Schaaren, den Angriff des revolutionären Bergvolkes erwartet. Oftmals gelingt dieser Angriff nicht gleich, oft springt einer der warmen Winde um und befestigt im Rücken der herabrieselnden Wasser das Reich des Winters aufs Neue. Entsetzen faßt die Schaaren, die in ihrem heftigen Laufe nicht mehr anhalten und doch nicht mehr vorwärts dringen können, sie zertheilen sich, erstarren auf dem Eise, das unter ihnen nicht schmelzen will, gleiten an kalten Felsen hinab und bleiben dort hangen, erbarmungswürdige verunglückte Eiszapfen. Anders aber ist es, wenn das aufthauende Gebirge immer neue Kämpfer nachsendet, – wie rauschen die Wasser, wie reißen sie mit sich fort, was ihnen nicht gutwillig folgt, und wie imposant stürzen sie in die großen Flüsse, den dort lagernden Winter unter seinen Eismassen angreifend! Heftig ist ihr Kampf, fest stehen dagegen die starren Streiter – setzt sind die Bergwasser zurückgeschlagen, es ist ihnen unmöglich, die festgefrornen Phalanxe zu durchbrechen, sie ergießen sich rechts und links durch das Platte Land und bringen denen, welchen sie helfen wollten, Tod und Verwüstung. Auch würden sie von dem Kriege gern abstehen, doch das ganze Gebirge hinter ihnen ist im Aufruhr begriffen, schiebt und drängt sie vorwärts. Ein neuer Angriff – das Eis unterliegt. Keck haben es die leichten behenden Fluthen umgangen, sind unter die Massen hineingedrungen und heben die Eisdecke kräftig in die Höhe. Ein entsetzliches Krachen wird gehört, – die Macht des Winters ist gebrochen und das zerstückte Heer flieht den Strom hinab. Wie knirschen die Eisschollen, wie stürzen sie neben und über einander bin! Der Winter in eiliger Flucht zerrauft seinen langen weißen Bart und findet nirgends mehr Hülfe und Unterstützung. Hinab ins Weltmeer treiben ihn die empörten Massen, und dort verkriecht er sich in irgend eine finstere Höhle und denkt an die Zukunft, an seine Zeit, die wiederkehren wird, und die auch wirklich wiederkehrt. In der Stadt wollen nun die Hausdächer, die sich ebenfalls für Gebirge halten, den großen Befreiungskampf der Natur nachäffen, und der Schnee auf ihnen fängt ebenfalls an zu schmelzen. Wie gießen die übervollen langweiligen Rinnen, wie plätschern sie so pöbelhaft herab aus den langen Blechröhren und verwandeln die Straßen in einen unergründlichen Morast! Was draußen nothwendig war, ist hier lächerliche Affenwirthschaft, eine tolle Laune des losgelassenen Regenpöbels, ein schauerliches Interregnum. Die Flucht des Winters hat alle Bande der Ordnung gelöst, und die zarte Hand des Frühlings ist nicht im Stande, das trotzige Gesindel zu bändigen. Da treibt es sich als schmutziges Wasser herum, auf Plätzen und Gassen, ein Schrecken aller reinlichen Leute, aller dünnen Herrenstiefel und aller weißen Damenstrümpfe. Und erst das Glatteis, das vorhergeht, welcher furchtbare Feind aller Eleganz, ja, aller Sitte und alles Anstandes! Betrachten wir jenen jungen Herrn, der seine Füße stets so zierlich auswärts setzte, der den dünnen Spazierstock nur zum in der Luft herum Fuchteln brauchte, der nie auf den Boden sah, sondern immer in die Luft hinauf, an die Fenster der ersten Stockwerke und auch hie und da einen Blick höher warf an die zweiten und dritten. Vorhin bei einem zierlichen Gruß wäre er um ein Haar hingeschlagen, jetzt aber schleicht er vorsichtig weiter und nimmt sich ungemein zusammen, denn er kommt an ein Haus, wo er ohne Gnade hinaufgrüßen muß, ob Jemand da ist oder nicht; er grüßt ja immer hinauf hundert Mal die Vorhänge oder die Blumen am Fenster, die er recht sinnig für das Gesicht der Interessanten hält; jetzt schwingt er den Hut, blickt hinauf, sieht sie am Fenster und – bauz! liegt er auf dem glatten Eise. Ach! diese Niederlage wird ihm nie vergessen. Zwei dicke Damen wandeln die Straße entlang, und eine hält sich an der anderen fest, –- es geht Alles gut, bis an die Ecke der Straße; sie haben sich in Acht genommen, sorgfältig ans ihre Füße gesehen, und da sie sich fest zusammen geschlossen halten, so bilden sie einen einzigen Körper mit vier Beinen, von denen schon zwei immerhin ohne Gefahr ausgleiten können. Aber an der Straßenecke müssen sie nothwendig der Madame X. nachsehen, welche schon wieder mit einer neuen Mantille kommt, und was für eine Mantille! – dunkelblauer Sammt mit schwarzen Spitzen – vergessen ist Glatteis und Gefahr, sie wenden sich um, gleiten aus und fallen hin, und man sieht im nächsten Augenblicke nichts als einen großen Kleiderhaufen und zwei Paar weiße Strümpfe an zwei Paar etwas unförmlich dicken Beinen. Es ist eine schlechte Zeit, das Glatteis, eine Zeit ohne Treu' und Glauben, man kann sich nicht einmal mehr auf sich selbst verlassen, und während wir dastehen und den komischen Fall eines armen Nebenmenschen belächeln, verlieren wir selbst das Gleichgewicht und gleiten in eine tiefe Eisrinne, deren bräunlich graue Sauce himmelan spritzt. Ein solides Thauwetter dagegen ziehen wir unbedingt vor, gerüstet mit hohen Wasserstiefeln, einem undurchdringlichen Paletot und einem Hut vom vergangenen Jahr, bei Leibe aber mit keinem Regenschirm. Wir hassen und verabscheuen die Regenschirme und thun es um so mehr, als wir gerade vor uns zwei junge Damen sehen, die, mit diesem Instrument beladen, alle Hände voll haben. Die Rechte hält krampfhaft den Griff des Schirms und zu gleicher Zeit ein Stück des Mantels, das Kleid und ein Paar sehr weiße Unterröcke, die Linke ein Packetchen und ebenfalls Mantel, Kleid und Unterrock auf der andern Seite. So wandeln sie dahin, klagen entsetzlich über das Wetter, übel die schmutzigen Straßen, und wie sie einen Hügel in der Stadt abwärts steigen, heben sie die Röcke immer mehr aufwärts. – Liebenswürdiges Thauwetter! was man bei deinem Regiment zu sehen bekommt, ist nichts Zufälliges, Entsetzliches, wie bei jenen alten Damen auf dem Glatteis, sondern es ist wohlberechnet für ein dahinwandelndes, kunstgeübtes Auge; unten zierlich schlank und anmuthig und weich anschwellend, wie der volle, warme Ton eines Waldhornes in stiller Nacht! – Doch wo du bei einem Thauwetter das Kleid lang herabwallen siehst, und die Röcke dahinschleifen in Koth und Schmutz: »Da begehre nimmer zu schauen, Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.« Die vielen glatten Strümpfe auf der Straße und die zierlichen Stiefelchen sind eine Vorahnung des Frühlings; entfesselt von mancherlei Verhüllungen langer, dicker Röcke und Pelzüberschuhe sind sie die ersten Boten einer herannahenden bessern Zeit, die ersten Blumen, die nach Schnee und Eis aufblühen, und nur aus diesem Grunde angenehm und höchst erfreulich zu sehen. Und es ist dies ja nur eine sehr kurze Zeit, ein rasch vorüberfliehender schöner Moment, wie die Schneeglöckchen für den Blumenfreund, der Schnepfenstrich für den Jäger. Dichte Wolken bedecken während dieser Zeit den Himmel und nur hie und da schlängelt sich ein Sonnenblick auf die Erde herab und läuft eilfertig über die nassen Felder, gefolgt von dunklen Wolkenschatten, die ihn schleunigst zu verjagen streben; nach und nach werden diese Sonnenblicke häufiger, und wo sie Feld und Wald den warmen Kuß aufdrücken, sprießen tausend grüne Keime, Blätter und Blüthen empor; hoch in der Luft aber sind noch Abkömmlinge der gewaltigen Winterwolken zurückgeblieben und streiten tagelang und heftig mit der jungen Frühlingssonne. Eisige Winde helfen ihnen, und der Himmel, der eben noch so klar und schön glänzte, ist nun dunkelgrau überzogen und sendet unangenehmen Schnee hernieder und ergrimmten Hagel. Doch ist es aus, das kalte Reich des Winters, umsonst versuchen jene Wolken ihre letzte Kraft, – sie müssen unterliegen und entfliehen langgestreckt und in phantastische Formen zerrissen; die Lerchen aber, die allenthalben auffliegen, singen Siegeslieder und jauchzen dem Frühling zu, der nun kräftig das Regiment übernimmt. Wie in Wald und Feld sich der Frühling bemerkbar macht durch das Herausschießen der grünen Blätter, durch das Entfalten der Blüthen mit ihren hellen lieben Farben, durch den Gesang der Vögel, so ist es in der Stadt die liebe Jugend, welche ein Ahnungsvermögen der nun wirklich erscheinenden schöneren Zeit besitzt und mit Jubelgeschrei auf Gassen und Plätzen dieselbe verkündet. Der Bergschlitten wird auf den Söller gestellt, bleibt da träumend bis zum nächsten Winter stehen und setzt in seinem Mißmuthe den allerstärksten Rost an; die Kinder dagegen eilen freudig auf die Straße und beginnen ihre Spiele, welche nach alt hergebrachter Reihenfolge immer dieselben sind. Der Schmutz auf den Straßen und die breiten Wasserrinnen locken zum Stelzenlaufen, und man sieht die kleinen Bursche und Mädchen auf einmal ungeheuer groß geworden über die Spielplätze eilen; um einen Virtuosen in der Kunst des Stelzenlaufens versammeln sich Alle und sehen mit Bewunderung, wieweit es derselbe darin gebracht. Nicht nur, daß er auf seinen Stelzen eine Polka tanzt, er nimmt die eine wie ein Gewehr in den Arm, und während er auf der andern herumhüpft, macht er mit der ersteren das ganze Exercitium durch; die kleineren Buben natürlich versuchen ebenfalls alle diese Kunststücke, fallen ebenso natürlich von ihren Stelzen herab und kommen dann, was am allernatürlichsten ist, mit blutigen Nasen nach Hause. Bald aber verschwinden sämmtliche Stelzen – sie sind für dieses Frühjahr aus der Mode gekommen, und es ist zu Anfang Mai nicht mehr fashionable, sich auf ihnen sehen zu lassen. Jetzt bilden Kirchen und andere große öffentliche Gebäude den Versammlungspunkt der spiellustigen Jugend, namentlich auf der Sommerseite derselben, wo die warme Sonne Schnee und Regen schnell wegtrocknet und wo die breiten, warmen Steine so freundlich zum »Anwerfen« einladen. Da sitzt die kleine Generation in großen Haufen beisammen, klebt an dem Gebäude fest und schwärmt durch einander herum, wie über ihrem Haupte die Fliegen und Bienen. Sowie aber die Sonne stärker wird und die Straßen und Plätze allmählig anfangen, ihre winterliche Feuchtigkeit zu verlieren und hübsch solid aufzutrocknen, so ziehen die Kinder sich auch von den Mauern der Sommerseite hinweg, breiten sich in den Straßen aus, schlagen den Reifen, werfen den Kreisel, die Mädchen spielen mit bunten Steinkugeln und werfen Knöchel auf, die Buben spielen Räuber und Gensd'armen, man sieht bunte Bälle auffliegen, und Nachmittags nach vier Uhr sind die Hauptplätze der Stadt bedeckt mit dem kleinen lustigen Volk. Es ist merkwürdig, wie fast in allen Städten Deutschlands, wenn sie auch sonst durchaus keine Ähnlichkeit mit einander haben, wenn in jeder andern Beziehung hier und dort die Lebensweise vollkommen verschieden ist, doch die Kinderspiele sich in ihrer Art und Reihenfolge so vollkommen ähnlich sind. Man fängt fast überall im Frühjahre mit dem Stelzenlaufen an und hört im Spätherbst mit dem Papierdrachen auf; auch die Art der Spiele ist sich durchaus ähnlich: man spielt in Stettin und Königsberg Anwerfen und Räuber und Gensd'armen ebenso, wie an der Schweizer Gränze. Ja, wir hatten sogar einmal Gelegenheit, in Constantinopel auf dem Atmaidan einige kleine Türken ein ähnliches Spiel, wie das erstgenannte, spielen zu sehen. Es sind diese Kinderspiele wie die Kinderlieder und wie die Mährchen: sie sind auf der ganzen Welt verbreitet und man weiß kaum, wo sie zuerst entstanden sind. Ach, es ist etwas außerordentlich Anmuthiges und Liebliches um die hellen, frischen Kinderstimmen, wenn sie auf der Straße jubeln und lustig aufschreien – namentlich für den Genesenden, den eine schwere Krankheit zwingt, den herannahenden Frühling in seinem Zimmer zu erwarten. Die Luft ist für ihn noch zu scharf, er darf sie nicht einathmen, selbst der Duft der ersten Blumen ist ihm noch nicht erlaubt, sie regen seine Nerven auf, und es ist dem Arzte nicht lieb, daß beim Anblick der ersten Veilchen seine Thränen fließen; – aber Eines hört er mit Entzücken von seinem Lehnstuhl am Fenster aus, und das sind eben jene jubelnden Kinderstimmen, die eine Lust aussprechen, welche er selbst fühlt, da er sie ehedem mitgemacht. In welch' süße Träume versetzt ihn das lustige Geschrei! Er denkt des Tages, wo er in der ersten Hose zum ersten Mal schüchtern mitgespielt; wie er größer wurde und unter den Wilden der Wildeste war; wie er endlich in die Flegeljahre trat und in seinem hochmüthigen Sinne, der nach Tabak und Bier trachtete, bei jenen harmlosen Spielen mit der gebührenden Verachtung vorüberschritt, wie sie ihm ferner wieder lieb und immer lieber wurden, diese Spiele, je mehr er sich von dem Zeitpunkt entfernte, wo er selbst mitgemacht; wie er sie allmählig nur noch mit wehmüthiger Freude ansah, bis endlich jener große Moment kam, wo er sein leiblich Kontingent zu der Bevölkerung des Spielplatzes stellte, wo sein Erstgeborener in der ersten Hose schüchtern dastand und wo er eben diesen Erstgeborenen eines Tages antraf, wie er diese erste Hose freventlich zerrissen hatte. An das Alles denkt er in seinem Lehnstuhl am Fenster, an Freunde, die mit ihm gespielt und gelitten, und noch an tausenderlei andere traurige und heitere Dinge. Der finstere Durchgang unter dem Stadtgraben hatte immer noch dasselbe, öde, kalte und unfreundliche Ansehen, wie in der Mitte des Winters, wo noch überall das Eis auf den Straßen lag und der Schnee seine luftigen Flocken hineinwirbelte. Der kleine Hof vor dem Kloster sah schon etwas freundlicher aus, die grünen Blätter des Epheu's wankten, vom Winde bewegt, auf und ab, und hoch über den vier schwarzen Mauern, die diesen Hof bildeten, sah man ein freundliches Stück des blauen Himmelsgewölbes. Das Innere des Klosters war ebenso unfreundlich, wie immer. In der Schenkwirthschaft des ersten Stockes brannte im Kamin noch ein mächtiges Feuer und durch die trüben Bogenfenster konnte man nicht recht unterscheiden, ob der Himmel grau oder blau aussehe. Die dicke schmutzige Wirthin spülte einige Gläser, das heißt, sie goß schmutziges Wasser hinein und trocknete sie mit einem schmutzigen Tuche wieder ab. Auf der Ofenbank saßen zwei Personen, die sich angelegentlichst unterhielten; sie hatten dem Zimmer den Rücken zugekehrt und schlenkerten während der Conversation die Füße hin und her. Die Weinkneipe hatte zu dieser Jahreszeit, namentlich am Tage, fast gar keine Gäste; denn auch der getreue Stammgast, der täglich seine sechs Stunden festsaß, dem der Wein im Glase über Alles ging, liebte es doch, wenn ein heller Sonnenstrahl ihm denselben vergoldete. Die Beiden aber, die hier am Ofen saßen, paßten mit ihren Reden vollkommen in die trübselige Umgebung, und es war ihnen offenbar lieb, daß ihr Gespräch von keinem heiteren Blick der Frühlingssonne beleuchtet wurde. Wenn wir uns um die Ofenbank herumschleichen, um den beiden Gästen in's Gesicht zu sehen, so erkennen wir in dem einen unsern alten Bekannten, den Herrn Stadtsoldaten Steinmann, der mit seinem einen Auge gar vergnügt blinzelte und mit dem ganzen Körper behaglich wackelte. Das andere Subjekt, das neben ihm auf der Bank saß, hatte in seinem Gesicht eine Familien-Aehnlichkeit mit dem Herrn Steinmann, übertraf ihn aber, was Häßlichkeit anbelangt, bei Weitem. Diese Familien-Aehnlichkeit bestand nämlich in einem höchst unangenehmen Schielen mit beiden Augen, welches sehr bedenklich wurde, wenn das Individuum angelegentlich etwas sprach. Zuerst neigten sich die Augen in einem harmlosen Winkel zu einander, je eifriger aber jener sprach, um so stumpfer wurde dieser Winkel, und zuletzt hätte man glauben können, die beiden Augen schauten sich gegenseitig an, ergrimmt und boshaft. Dazu war das Individuum in seinem Aeußern erschrecklich vernachläßigt, und wenn man es mit dem Stadtsoldaten auf der Straße hätte gehen sehen, so würde man darauf geschworen haben, dasselbe würde von jenem als Vagabund der schlimmsten Art auf die Polizeiwache gebracht. Seine Beinkleider (die Stiefel an seinen Füßen waren solche Ruinen, daß es eigentlich nicht verlohnt, ihrer zu erwähnen) von grauem Militärtuch waren ziemlich abgeschabt, und unterschiedliche Löcher in denselben hatte das Individuum mit weißem und schwarzem Zwirn zugenäht. Durch sehr lange Stege war dieses Kleidungsstück entsetzlich in die Höhe gezogen, reichte aber trotzdem nicht bis an den zugeknöpften schwarzen Frack und ließ bei jeder Bewegung da, wo Hose und Frack sich hätten berühren sollen, ein schmutziges Hemd sehen. Die Halsbinde war strickähnlich aus einem bunten Cattuntuche zusammengedreht, und auf dem ungekämmten Haar saß eine verwelkte Mütze. Die Sprache des Individuums, tief und heiser, paßte zu dem Anzug, ebenso seine Manieren und Reden, welche letztere nicht ohne Humor waren, und wenn man alles das zusammen nahm, so war man fest überzeugt, daß man es mit einem ausgemacht schlechten Kerl zu thun hatte. Der Steinmann that jetzt einen großen Zug aus seinem Weinglase und sagte: »Ihr wißt ganz gut, daß ich mich durchaus in keine Geschichten einlassen kann, die nur einigermaßen öffentlich betrieben werden, in Geschäfte, bei denen man zulangen muß, wo es gilt, sich selbst und seinen guten Namen aufs Spiel zu setzen; ich bin das mir selbst und meiner Stellung schuldig, also kein Wort mehr davon!« Der Andere lächelte, und während er in den entferntesten Winkel des Zimmers zu schauen schien, sind wir bei der Construktion seiner Augen überzeugt, daß er dem Steinmann fest in's Gesicht blickte. »Ihr habt es eigentlich sehr angenehm, Gevatter,« sprach er alsdann: »Ihr tragt Eure Haut niemals zu Markt, geht bei irgend einem Geschäft in den angränzenden Straßen spazieren und seid ebenso bereitwillig, das Gewonnene mit uns zu theilen, als uns festzunehmen, sobald einmal die Geschichte fehlschlüge.« »Dummheiten!« brummte der Steinmann. »Soll euch vielleicht einer von der Polizei die Leiter halten, oder arbeite ich nicht außerordentlich für euch, indem ich mich Abends vor den Häusern sehen lasse und die Leute alsdann glauben, sie könnten ruhig schlafen? – Laßt das dumme Geschwätz sein und sagt mir lieber, ob Ihr was erdacht habt, wie wir jenen Hallunken fassen können, den Hofkutscher den miserablen Lumpen, der mich einen einäugigen, abgeschlagenen alten Hund genannt; ja einen Aufpasser hat er mich genannt, einen Spion, und Gott vergesse mich, wenn ich ihm das vergesse!« – Der Stadtsoldat spuckte vor Wuth heftig auf den Boden und ballte ingrimmig die Fäuste. »Das Beste wäre,« meinte der Andere, »wenn wir ihm Abends einmal aufpaßten, unser vier, fünf, in der Dunkelheit, und schlügen ihm ein paar Knochen an seinem Leibe entzwei, – was meint Ihr dazu, Gevatter?« »Schlechte Ideen, miserable Ideen!« brummte der Steinmann: »was habt Ihr davon, was hat er davon? Ich setze den Fall, Ihr schlagt ihm wirklich ein paar Knochen entzwei, so kostet das euch ebenfalls ein paar Nasen und ein halb Dutzend Zähne; denn der Kerl ist stark und läßt nicht mit sich spassen; vielleicht erkennt er einen von euch, und verklagt ihn, und dann habt ihr die Bescheerung – und was schaden ihm die genossenen Prügel?– Er legt sich vier Wochen lang auf die faule Haut, läßt sich kuriren und ist nachher ebenso wohl daran, wie früher – nein, wir müssen ihn tiefer fassen.« »Ich kenne seinen Schatz,« sagte der Andere nach einer Pause, »ein sehr sauberes Mädel, aber dumm: sie will brav bleiben und keine Liebschaften anfangen, und könnte welche haben, die ihr viel eintrügen; sollen wir der einmal einen Streich spielen, sie in's Gerede bringen? Die alte Müllere wird sich ein Vergnügen daraus machen – der hochmüthige Fratz hat sie ein paar Mal ablaufen lassen.« »Nebenbei könnte das nicht schaden,« entgegnete nachdenklich der Steinmann; »doch wegen der Hauptsache, da muß man das anders anfassen, wir müssen ihm etwas zurecht machen, daß er im Dienst einen großen Fehler macht, wo möglich ein Unglück anrichtet und so seine Stelle verliert, wenigstens vom Hofkutscher degradirt wird; – o, wenn ich die Freude erleben könnte, den Kerl statt in der rothen Livree in der grauen Jacke mit Mauleseln und Mistwagen fahren zu sehen, wie wollte ich mich hinstellen und ihn anlachen und ihm den alten, räudigen Hund hinauswerfen auf sein altes, schäbiges Maulthier!« »Das wäre allerdings zu überlegen,« entgegnete der Andere, dem diese Idee augenscheinlich gefiel; »man müßte nur auf eine pfiffige Art dem Wagen, bevor er ihn einspannt, beizukommen suchen, eine Schraube an der Deichsel losdrehen, ein Rad losmachen, etwas am Geschirr verderben, was aber schwierig ist, oder ...« »Vielleicht etwas in den Weg werfen, den er eines Abends zu fahren hat,« ergänzte Steinmann, und der Andere entgegnete: »Ja, ja, es will überlegt sein; aber man muß da verflucht vorsichtig zu Werke gehen.« »Das ist Eure Sache!« sagte der Steinmann ernst und gebietend; »denkt Ihr auch einmal darüber nach, ich habe schon so viel für Euch herausklügeln und mein Gehirn anstrengen müssen, daß Ihr einmal selbst etwas erfinden mögt, das gelingen wird; denn gelingen muß es, oder mich soll der Teufel holen! Herunter muß der Kerl!« – Bei diesen Worten schlug er ergrimmt mit der Faust auf die Bank. »Laßt mich nur machen,« sagte der Andere lachend und zog seine Mütze unternehmend in die Augen; »wenn wir ihn nicht veranlassen, an einem schönen Abend auf der geraden Straße einen Hofwagen umzuwerfen, so soll mich der Teufel holen oder mich der Steinmann am hellen Tag bei einem Einbruch erwischen!« »Schrei nicht so laut, Vieh!« entgegnete der Steinmann und stieß seinen Gevatter freundschaftlich aber derb in die Rippen, dann wandte er sich an die Wirthin, die eingetreten war, und ließ noch zwei Schoppen Zwölfer einschenken. Die Beiden stießen lächelnd an und wußten ganz genau, auf wessen Gesundheit sie tranken. »Aber wie ist es mit der andern Geschichte?« sagte das schäbige Individuum; »ich muß immer wieder daran denken.« »Das schlagt Euch vor der Hand aus dem Kopf,« antwortete der Stadtsoldat: »was die Alte besitzt, das hat sie gegen gute Sicherheit ausgeliehen, die läßt nie baar Geld bei sich liegen.« »Das weiß ich wohl,« sagte eifrig der Andere, »aber ebenso genau weiß ich auch, daß sie zweihundert Gulden baares Geld bei sich hat. Woher sie's hat, weiß der Teufel, aber heute Morgen, ehe sie hieher in's Haus kam – sie bügelt droben bei der Welscher, – ging sie zu dem Commissionär in der Steinstraße, und als sie herauskam, trug sie ein paar Rollen Geld in ein Sacktuch gewickelt; ich eilte ihr voraus und hörte, wie sie auf der Treppe zu einer andern Büglerin sagte, die sie mit den Worten ansprach: Nun, Jungfer Kiliane, da hat Sie gewiß ein paar tausend Goldstücke? – »Ach, es sind nur zweihundert Gulden sauer verdienten Geldes, ich will sie auf die Sparkasse thun.« »Ei, ei!« sagte der Steinmann, und dachte über etwas nach; »zweihundert Gulden, hm, das wäre nicht so übel, wenn wir Beiden die allein verdienen könnten! Kennt Ihr auch das Haus, wo die Kiliane wohnt?« »Das will ich meinen, so ziemlich!« lachte der Andere, mäßigte aber seinen Eifer, als er bemerkte, wie das Auge des Steinmann funkelnd und lauernd auf ihm lag. »Das heißt: so ziemlich! wollte ich sagen,« fuhr er fort: »es wohnt ja, wie Ihr wißt, die alte Müllere in demselben Hause; sie ist meine Verwandte, und ich komme zuweilen hin.« »Daß Ihr zuweilen hinkommt, weiß ich,« sagte finster der Steinmann, »und ich hoffe, Kamerad, daß du bloß hingehst wegen der Verwandtschaft mit der alten Müllere; denn das schwöre ich dir zu, hast du dort andere Mucken im Kopf, siehst du mir das Mädel, die Anna, nur mit einem unrechten Blicke an, und ich erfahr's, was nicht ausbleibt, so hast du deinen letzten Gang gemacht.« »Ach, was werd' ich!« sagte der Andere mühsam lachend. »Gott verdamm' mich, was habt Ihr für dumme Ideen, Gevatter! Die Anna ist jetzt achtzehn Jahre und bleibt für euch aufgehoben; hat's Euch die alte Müllere nicht versprochen? und die sitzt wie ein Drache da und hütet das Mädchen.« »Ich habe sie sauer verdient,« sagte der Steinmann nachdenkend; »wie viel Geld habe ich nicht an die Alte gehängt! wie oft kam sie zu mir gelaufen und sagte: ich muß Dies und Das haben, sonst ist mir Alles feil: Weiß der Teufel, ich habe dieses Mädchen doppelt und dreifach bezahlt.« »Dafür wird sie Euch auch bleiben,« antwortete der Andere, »sie ist ja noch blutjung.« »Aber schön, verdammt schön!« sagte der Steinmann, »und man hat Beispiele ...« »Denkt nicht mehr daran,« erwiderte der Andere; »was meint Ihr also zu der Geschichte mit dem Gelde?« »Nun ja,« sagte der Steinmann nach einer Pause, »ich will nicht mehr daran denken, aber denket Ihr daran, was ich vorhin gesagt.« – Damit langte er ein großes Brodmesser vom Tische und stieß es zwischen sich und dem Gevatter in die Ofenbank. »Natürlich, natürlich!« entgegnete der Andere; »wir werden uns da nicht betrügen. Also abgemacht ist, daß die alte Kiliane zweihundert Gulden baares Geld hat, die wird sie heute Nacht mit nach Hause nehmen und unfehlbar morgen in irgend einer Sparkasse anlegen; denn darin habt Ihr schon recht, Gevatter, daß die Alte kein Geld lange bei sich verwahrt; also was geschehen muß, soll heute Nacht geschehen.« »Allerdings!« sagte der Gevatter Steinmann. »Sorgt mir also dafür, daß heute Nacht unter dem Stadtgraben nicht viel patrouillirt wird, beschäftigt Eure Herrn Collegen in einem andern Theile der Stadt und laßt mich das Geschäft ausführen.« »Also geht Ihr heute Abend zur Müllere,« sagte der Steinmann und blickte den Kollegen forschend an, »verbergt Euch da, und wenn Alles still ist, schleicht Ihr Euch hinauf zu der Alten und holt das Geld, aber laßt's kein Unglück geben; wenn die Alte wirklich aufwacht, – Ihr wißt, solche Personen haben einen leichten Schlaf – begeht mir ja nichts Gewaltthätiges gegen sie; der Teufel auch, das könnten wir brauchen! Um zweihundert Gulden dürfen wir die Müllere, auf die natürlich einiger Verdacht fällt, nicht aussetzen, daß man hart gegen sie verfährt; schläft aber die Alte fest und kann man das Geld nehmen: gut, alsdann geht Ihr wieder zurück zur Müllere und ich komme hinauf – ja, ich komme hinauf,« wiederholte er mit leiser Stimme, »und wir theilen gehörig; die Alte muß auch etwas Ordentliches haben, etwas recht Ordentliches.« – Damit trank er sein Glas leer, fuhr mit der Hand über die Augen und stand von der Ofenbank auf. Wir brauchen wohl nicht zu sagen, daß das Gespräch so leise geführt wurde, daß Niemand als die Beiden, ja, Niemand, der im Zimmer gewesen wäre, auch nur eine Silbe davon verstanden hätte. Vieles, was wir mit Worten ausdrückten, wurde nur leicht angedeutet mit bezeichnenden Geberden. Nachdem nun die Beiden eine leichte Conversation mit der Wirthin gehalten, und nachdem der Stadtsoldat seinem Gevatter noch sehr laut, deutlich und bestimmt gesagt, er warne ihn hiemit zum letzten Mal vor allen bösen Streichen und ersuche ihn, sich des Vagabundirens zu enthalten, auch sich eine solide Arbeit zu suchen und damit sein Brod ehrenhaft zu verdienen, setzte er seine Dienstmütze auf und verließ das Zimmer. Der Gevatter scherzte noch einen Augenblick mit der dicken Wirthin, dann ging er ebenfalls hinaus, spähte die Treppe hinauf und verließ schleichend das alte Kloster. Zwei Stockwerke höher, als das Gemach, welches wir soeben verlassen, in dem Zimmer der Frau Welscher, herrschte dasselbe Leben und Treiben, wie wir es schon früher gesehen, nur mit dem Unterschiede, daß sich der Dubel nicht an seinem gewöhnlichen Platze, auf dem Tische befand, und daß die Luft heute viel reiner und angenehmer war, da der Bügeldampf zu dem geöffneten Fenster hinausdrang und dagegen angenehme, freundliche Frühlingsluft hereinspielte. Die Kiliane saß wie gewöhnlich am Fenster, und schaute häufig von ihrer Arbeit zum Fenster hinaus in die blaue Luft auf einen großen Kastanienbaum im benachbarten Hofe, der vor allen anderen Bäumen im Frühjahr seine saftigen grünen Blätter zuerst trieb, da er auf einer Wasserleitung stand und seine Wurzeln deßhalb sanft befeuchtet wurden. Sie dachte an all' die Jahre zurück, die sie schon verlebt, an all' die neuen grünen Blätter, die sie schon entstehen sah, und daß es jetzt schon an sechszig Jahre sei, daß sie vor eben diesem Fenster, eben diesen Baum, zum ersten Mal grün werden sah. Sie erinnerte sich noch, wie man ihn gepflanzt, wie der alte Gärtner, der das besorgt, längst verstorben, ebenso dessen Gehilfe und Lehrbursche, und wie all' die kleinen Buben, die damals jubelnd den jungen Baum umstanden, jetzt ebenfalls größtenteils unter dem Nasen lagen, oder wie die, welche noch übrig waren, das graue Haupt gebückt, einhergingen. Niemand, so dachte die alte Büglerin, sei sich gleich geblieben wie sie und der frische gesunde Baum da unten. Sie hatte nicht gealtert, denn das war so allmählig gekommen, daß sie es gar nicht gemerkt, und wenn sie in diesem Momente die Augen schloß und sich die alte Zeit zurückrief und auf der Straße die Buben schreien hörte, so meinte sie, es seien dieselben kleinen Knirpse, die damals um den Baum standen; denn sie erinnerte sich deutlich des Anzuges eines jeden derselben und sah heute noch, wie sie damals lustig um den Baum herumtanzten, nachdem er gesetzt war. Die alte Kiliane war aber auch ein liebenswürdiges, gut erhaltenes Bild hohen Alters, und wie sie so dasaß mit ihrem weißen Haar, neben sich die kleine Marie, die artige Tänzerin mit den langen, schwarzen Locken, so bildeten die Beiden ein Gemälde von Jugend und Alter, wie man nichts Schöneres sehen kann. Die Kleine war ganz glücklich und freute sich zu Hause unbeschreiblich auf den Augenblick, wo sie ihre Schularbeiten beendigt hatte und alsdann ihre Tanzexercitien vom Morgen wiederholen durfte. Frau Welscher, die sich über die außerordentlich guten Zeugnisse freute, welche die kleine Tänzerin jede Woche von Signor Benetti nach Hause brachte, hatte ihr an der Wand eine lange Stange befestigen lassen, wie sie im Balletsaale war, und da stand sie nun Stunden lang und machte ihre Fuß- und Körperübungen. In diesen Bestrebungen wurde sie nachgeahmt und unterstützt durch die Familie Welscher, namentlich durch den Herrn Welscher, welcher sich die erstaunlichste Mühe gab, seinen Körper auf die entsetzlichste Art zu verdrehen, und welcher bei einem jedesmaligen Versuch, eine Pirouette hervorzubringen, mit einem lauten Plumps auf den Boden fiel. Wie herzlich lachte die Kleine bei diesen künstlerischen Bestrebungen und wie unermüdlich drehte sie den andern Kindern die Füßchen auswärts, und wie manche Thränen entflossen den Augen der beiden Fräulein Welscher, da sich die strenge Mutter durch keine Bitte wollte bewegen lassen, ihre beiden Töchter ebenfalls auf den Balletsaal zu geben! Draußen auf dem Vorplatz war das große Bogenfenster ebenfalls geöffnet, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne wetteiferten mit der rothen Gluth in dem Bügelofen, wer am besten die dunkle Treppe zu vergolden im Stande sei. Später saßen die Kinder draußen und schauten diesem Farbenspiel zu, bis es dunkler und immer dunkler wurde; dann gingen sie in das Zimmer zurück, es wurde wie gewöhnlich zu Nacht gegessen, die Kleinen zu Bette gebracht, und die Kiliane überwachte das Nachtgebet derselben. Marie mußte immer zweimal das Zeichen des Kreuzes machen, einmal wie die anderen Kinder und das andere Mal, weil sie eine Tänzerin war; dann küßte die alte Büglerin sie herzlich auf die Stirn, zündete ihr Laternchen an und ließ sich von der Frau Welscher aus dem Wandschrank ihr rothgestreiftes Taschentuch geben, in welches sie zwei Hundert-Guldenrollen eingeknüpft hatte. »Laß' Sie doch das Geld da,« sagte die Waschfrau, »ich bin überzeugt, daß morgen der Dubel kommt, der macht sich ein Vergnügen daraus, es Ihr auf die Sparkasse zu besorgen; was will Sie sich damit herumschleppen.« Doch die alte Kiliane schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Sie weiß, Frau Welscher, daß ich meine Geschäfte gern selbst besorge; ich werde morgen eine Stunde später kommen und vorhin mein Kapitälchen besorgen – oder darf ich vielleicht nicht später kommen?« setzte sie schlau lächelnd hinzu, »muß ich meine Arbeitszeit so genau einhalten?« »Ach, geh' Sie mir weg!« sagte die Frau Welscher ebenfalls lächelnd, »komm' Sie morgen, wann Sie will, nur nicht nach zehn Uhr, damit Ihr Kaffee nicht kalt wird. Gute Nacht!« »Gute Nach! behüt' Euch Gott!« sagte die Kiliane und ging diesmal allein nach Hause mit ihrem Laternchen und ihren zweihundert Gulden im Sacktuche.