Michael Georg Conrad Die bayrische Königstragödie im Bürgerhause (1886) Die Abendmahlzeit war still beendet worden; der große eichene Tisch wurde abgeräumt, das Fenster mit den Butzenscheiben im Erker der altdeutschen Speisestube geöffnet, damit erfrischende Luft hereinströme und das Gemach vom letzten Dunst der Speisen reinige. An der dunkeln getäfelten Decke zuckten die Flammen des Lüsterweibchens. Draußen rauschte die Isar und der Regen strömte wie eine Sündflut hernieder, klatschte auf die wildwogenden Gebirgswasser und erfüllte die Straße mit grauen Pfützen. Von der Mariahilfkirche in der Au klangen die Abendglocken herüber, so verweint, so tieftraurig wie ein grauzerwühltes Chopin'sches Notturno... Schweigend hatte sich die Familie mit den Gästen aus der Provinz, dem fränkischen Deputierten, einem alten Freund des Hauses, dem Schwiegersohne, einem Nürnberger Fabrikanten, dem jugendlichen Reallehrer, einem hoffnungsvollen Verehrer der einzigen Tochter des Hauses, der schönen, blonden, achtzehnjährigen Elsa, ihres Zeichens Musikschülerin – in den Salon zurückgezogen, den nur eine schwere Draperie von der altdeutschen Speisestube trennte. Bloß der Großvater, jetzt noch eine hohe, rüstige Gestalt, einst betriebsamer Bierbrauer von außerordentlicher Geschäftstüchtigkeit, war in der Speisestube zurückgeblieben, um in seinem ledergepolsterten Armstuhle sein gewohntes Dämmerstündchen zu verträumen. Sein Sohn, der Herr dieses behaglichen Heims und Direktor eines Bankgeschäfts, hatte dem Alten nochmals stumm die Hand gedrückt und sich mit den andern entfernt. Die Enkelsöhne Franz und Paul, vortreffliche Gymnasialschüler, waren nicht zum Abendtisch erschienen; bei der Nachricht von der schaudervollen Katastrophe in Schloß Berg waren sie sofort an den Starnberger See gefahren. Elsa kam aus dem Salon zurück: »Ach, Großvater, ich kann heute nicht spielen, es ist zu entsetzlich.« Dann beugte sie sich zum Erkerfenster hinaus, ihre hervorquellenden Tränen mischten sich mit den Regentropfen; Isarrauschen und Glockengeläute erfüllten sie mit Schauder. Sie trat zurück: »O dieses Nachtlied des Wahnsinns! O der unglückliche König!«... Schluchzend warf sie sich dem Großvater an die Brust; der holte tief Atem und sprach: »Ja, Kind, solche Pfingsten habe ich in meinen sechsundachtzig Jahren nie erlebt; je älter man wird, desto unglaublicher erscheinen alle Dinge und Verhältnisse. Wie furchtbar das Herzeleid und die Verzweiflung, einen solchen König in solchen Tod zu hetzen! Des Himmels Ratschlüsse sind unerforschlich und dieser Welt Weisheit ist Torheit vor Gott... Ich versteh's nicht, ich versteh's nicht...« Lebhafte Bewegung und lautes Gespräch im Salon: Franz war soeben mit dem letzten Zuge aus Starnberg zurückgekehrt. Er hat die Unglücksstätte besichtigt, die Leiche des Königs und v. Guddens gesehen – und berichtet jetzt in atemloser Hast. Er hat auch einen Pack neuer Extrablätter mitgebracht. Das ganze Haus ist aufs neue in Aufruhr. »Wo ist Paul?« fragt plötzlich die Mutter. »Er war nicht fortzubringen. er wollte bis zur Einsargung und Aussegnung des Königs bleiben und mit dem Leichenzug gehen. Jetzt sind sie unterwegs, nach Mitternacht treffen sie in München ein; wißt Ihr, die Straße durch den großen Forst, Reiter und Fackelträger, dann der Leichenwagen vierspännig, alles schwarz, dann die Geistlichen... alles in tiefdunkler Nacht durch den Wald... wie ein Gespensterzug... der tote König... ich hab' ihn gesehen, wie er dalag auf dem einfachen Bett, mit dem wunderschönen Gesicht, so friedlich, so majestätisch... und so... heut nacht bringen sie ihn in seine Residenz...« Schluchzen unterbrach seine verworrene Erzählung. Der gute Jüngling, vom Schmerz bei der Erinnerung an die furchtbaren Geschehnisse überwältigt, weinte laut auf. In tiefster Ergriffenheit saß die Familie da. Als hätte das Schicksal an die Pforte des eigenen Hauses gepocht, als hätte ein teures Familienmitglied in Nacht und Grauen geendet, so schauderten die Herzen bei dieser Königstragödie. Nun hatte der Tod diesen weltscheuen, so lange in geheimnisvoller, einsamer Höhe thronenden König mit einem Schlag zum Gast eines jeden Bürgerhauses gemacht, zum beweinten Liebling eines jeden Herzens! * Die nächsten Tage brachten neue Gäste: alte Freunde aus Franken und aus Preußen. Sogar die Köchin und der Hausdiener wurden in dieser Trauerwoche von Landsleuten aufgesucht, die weit aus dem Gebirge und aus dem Allgäu zu Fuß nach München gepilgert kamen. Die Stadt wimmelte. Und in dieser ungewöhnlichen Bewegung der ergreifend hervorstechende Zug tief inniger Trauer und Ratlosigkeit. Straßen und Plätze ein schwarzwogendes Menschenmeer, besonders in der Nähe der Residenz. Berittene Gendarmen und Militär hielten mühsam die Ordnung aufrecht. Es kam zu unerquicklichen Szenen vor dem Kaiser- und Kapellentor der Residenz: Tausende von Menschen aus allen Teilen des Landes harrten von frühester Morgenstunde bis zur einbrechenden Nacht auf Einlaß, um den toten König auf dem Paradebett zu sehen und zu beweinen. Während in der Tagespresse der reinmenschliche Gesichtspunkt allmählich vom politischen verdrängt, und der Zusammenhang der Katastrophe mit der Einsetzung der Regentschaft und allen Maßnahmen, die ihr vorausgegangen, in einer Weise behandelt wurde, die geeignet schien, die erregten Gemüter zu besänftigen und die vom Schmerz verwirrten und erhitzten Köpfe kühlerem Erwägen und Überdenken der verwickelten Lage wieder zugänglicher zu machen, behielt im Volk die freie, ungezügelte Gefühlskritik doch noch die Oberhand. Auch als der Sektionsbefund veröffentlicht war und wichtige Stücke aus dem Aktenmaterial, das die Staatsminister den Kammern vorgelegt, zu allgemeiner Kenntnis gelangten, blieb noch eine starke Beimischung von Bitternis im Empfinden des Volkes gegen alle, die näher oder ferner in das Schicksal des Königs einzugreifen die schwere Verpflichtung hatten. Selbst das harte Totengericht, das in den Kammern über den Monarchen gehalten wurde, vermochte keine nachhaltige Gefühlswende im Volke herbeizuführen. Der Zauber, den das Schicksal Ludwigs auf die Menschheit übte, konnte natürlich in der Landeshauptstadt am wenigsten gebrochen werden; auch jene erlagen ihm, die früher selbst an den Sonderbarkeiten des Königs, solange er in souveräner Weltverachtung in seinen Schlössern gehaust, scharfen Tadel übten. Zu der Majestät der Tradition hatte sich die Majestät unerhörter Tragik gesellt – dazu die ganze Phantastik dieses königlichen Lebensrätsels, das selbst im Tode noch die wunderbarste Legendenbildung herausforderte! Eine und dieselbe Empfindung bemächtigte sich aller Herzen, war auf allen Lippen, in allen Bildern zu lesen. Es war aber nicht weniger natürlich, daß neben diesem Allgemeingefühl der Trauer, das die guten Menschen verbindet und über die flache Bedeutungslosigkeit und regelrechte Nichtigkeit des Alltaglebens erhebt, auch die Gemeinheit und innere Verrohung der Bösen ihre kleine Privatorgie feiern wollte. Franz hatte seinen Hausknecht geohrfeigt, weil er die Bemerkung fallen ließ: wenn die Geschichte einem beliebigen Müller oder Huber passiert wäre, hätte man gewiß kein solches Aufheben davon gemacht. * Während Franz und Paul einem wahren Fanatismus des Schmerzes um den vergötterten König sich hingaben in der reinen, schwärmerischen Unerfahrenheit ihres Gemütes, hatte sich die poetische Elsa einen Totenkultus mädchenhafter Art erträumt. Sie plünderte ihre Sparkasse, um sich sämtliche Photographien des Königs, seiner Schlösser und Lieblingsorte zu kaufen und in einem »Ludwigs-Album« zu vereinen. In demselben fanden auch Platz die photographischen Nachbildungen mehr oder weniger gelungener Bildwerke der Künstler, so Koppays »König auf dem Paradebett«, Graf Courten's »Ein ewiges Geheimnis«, das »Gedenkblatt« von Otto Seitz usw. Dann durchstöberte sie ihre Dichter-Bibliothek nach Stellen, die der Klage über das unabwendbare Erdenleid seltsamer, erhabener Menschen ergreifenden Ausdruck liehen. Auch befragte sie die Geschichtswerke nach ähnlichen Schicksalen und reihte Parallelen aneinander von dem unglücklichen König Saul im Alten Testament bis auf den Kaiser Rudolf II. und die wahnsinnige Johanna von Spanien. Von den Dichtern kamen ihr besonders Lord Byron in seinem »Manfred« und Goethe in seinem »Faust« mit herrlichen Schilderungen entgegen. Hatte sie ihre Phantasie zermartert mit Ausmalung des geheimnisvollen Todeskampfes im Starnberger See und war sie unermüdlich, von ihren Brüdern Einzelheiten, Mutmaßungen, Hypothesen über die tragische Szene zu erfragen, so war sie ganz merkwürdig berührt, als sie endlich im zweiten Teil des »Faust« auf Stellen traf, die sich wunderbar der Phantastik jener mörderischen Abendstunde am Seeufer anpaßten. Den Finger auf die betreffenden Stellen gelegt, sprach sie sinnend vor sich hin: Ja, so war's! Er saß mit Gudden auf der Bank, seinen Entschluß erwägend, wie das unerträgliche Los mit einem Mal zu wenden für immer; die Nacht dämmerte über dem See, da vernahm er, wie einst Faust die lockenden Stimmen der Nymphen, ein Geflüster aus dem Wasser: Am besten geschäh' dir, Du legtest dich nieder. Erholtest im Kühlen Ermüdete Glieder, Genössest der immer Dich meidenden Ruh'; Wir säuseln, wir rieseln, Wir flüstern dir zu. Dann lief er, den Stimmen folgend, ins Wasser, warf den Mann nieder, der ihn mit Gewalt zurückhalten wollte, drüben leuchtete die Roseninsel im Abendschein ihm entgegen: ... O laßt sie walten Die unvergleichlichen Gestalten, Wie sie dorthin mein Auge schickt. So wunderbar bin ich durchdrungen! Sind's Träume? Sind's Erinnerungen? Schon einmal warst du so beglückt... Und im seligen Wahn alle Erdenschwere und alle Wirklichkeit abschüttelnd, schritt er leuchtenden Auges weiter: Wundersam! Auch Schwäne kommen Aus den Buchten hergeschwommen, Majestätisch rein bewegt... So sank er nieder im Schreiten und Träumen und hauchte die königliche Seele aus wie in einem letzten, alle Sinne überwältigenden Traumbild...« * Elsa fand einen großen Trost in dieser phantasmagorischen Vorstellung. Nun lebte ihr König herrlich, unentweiht im schönen Fabelreich der Dichtung! »Ja, Ludwig wird auch einst seinen Goethe, seinen Byron, seinen Shakespeare finden«, rief sie fast triumphierend ihren Brüdern zu, »wenn auch die heutigen Poeten schweigen oder so schwächlich singen, daß es einen erbarmen könnte, so wenig tragischen Heldensinn in diesen stolzen Dichterköpfen zu entdecken, die sich an jedem Geburtstag gegenseitig öffentlich ansingen oder die »Gartenlaube« vollgreinen, wenn ihnen einmal ein Kindlein stirbt... - »Mit den großen Berühmtheiten«, bemerkte darauf der Reallehrer, »ist in solchen Tagen freilich nicht zu rechnen. Die Politik verdirbt den Charakter – auch der modernen Olympier. Sie fürchten sich vielleicht, irgendwo anzustoßen, wer weiß! Bei einem Regentschaftswechsel sind tausend Rücksichten zu nehmen. Einen allmächtigen Bismarck anzududeln, ist allerdings bequemer. Wer mit den gewaltigen Lebenden geht, hat nichts zu fürchten. Übrigens habe ich doch manches Schöne – ich bin freilich kein kritisches Lumen in poetischen Dingen – gefunden, so in einem längeren Gedicht von einem mir ganz unbekannten Verfasser folgende Schilderung: Die Gesellschaft. Grau ist der Himmel; von der Alpen Schnee Wogt dichter Nebel nieder über'n See, Und was sonst lieblich glänzt im Sonnenstrahl, Jetzt liegt es öde wie ein Totental. Da schreitet hohen Wuchses, stolz und schön, Ein andrer Baldur aus Walhalla's Höhn, Ludwig der Zweite in des Schlosses Park. ... Der König sieht, verzehrt von Wahnsinns Glut, Die Geister winken aus der dunklen Flut, Und schwer das Herz von ungeheurem Leid, Macht sich der Fürst zum letzten Gang bereit. Noch einmal denkt er mit verklärtem Blick An seiner Träume schöne Welt zurück; Noch einmal sieht er in des Himmels Blau Aufragen seiner Schlösser Wunderbau; Noch einmal lauscht er mit verzücktem Ohr Der Zukunftsklänge wildbacchant'schem Chor; Noch einmal fühlt er Siegfried sich und Held – Da bricht er einem Edelhirsche gleich, Zum Tode wund, durch's blühende Gesträuch, Da wirft er fieberartig an den Strand, Als wollt' er schlafen gehen, sein Gewand, Und wie bereit zur Götterdämmerung Wagt König Ludwig stolz den Todessprung. ... »O geben Sie her!« rief Elsa. »Ich will auch alle Gedichte sammeln, helfen Sie mir! Ich nehme alles zurück, was ich Garstiges über die heutigen Dichter gesagt habe, wenn Sie mir recht viel Schönes zusammenbringen, lieber Herr Professor!« * Alles war vorüber: die großartige Leichenfeier, die denkwürdigen Verhandlungen in den Kammern, die erhebende Zeremonie der Eidesleistung des Prinzregenten. München hatte seine gewöhnliche schlaffe Sommerphysiognomie angenommen. Nur das einstündige Trauergeläute von allen Türmen, die Trauerabzeichen der Militärs- und Hofbeamtenwelt erinnerten noch mächtig an die schweren Schicksalstage. Auch in den Zeitungen und Unterhaltungen kam das große Königsthema noch in allen möglichen Variationen vor. Wieder war die Bankiersfamilie in der Isarquaistraße mit den nahen und fernen Freunden im Salon versammelt: es war der letzte Abend des Zusammenseins, die Abschiedsfeier. Morgen mußte alles wieder ins alte Geleis des Wirkens und Schaffens am alten Platze zurücktreten. Andere Gedanken, andere Sorgen, andere Stimmungen lösen im ewigen Kreislaufe des Lebens die heutigen ab. Aber die heutigen wollten noch einmal ihr volles Recht haben: in der letzten Gesprächsstunde gaben sie sich alle noch ein Stelldichein wie zur letzten Heerschau der Geister, welche die außerordentlichen Ereignisse der Woche entfesselt hatten. Der Freund aus Preußen gefiel sich in großen Sprüchen, in welchen er das Ergebnis der wochenlangen Eindrücke und Debatten zusammendrängen wollte. Manches Paradoxon lief dabei mit unter. So sagte er in selbstbewußtem Berliner Akzent: »Es ist überhaupt tragisch für ein so genial begabtes Fürstengeschlecht wie die Wittelsbacher über Leute wie Ihr Bajuwaren herrschen zu müssen, nehmt mir's nicht übel! Schon dem prunkliebenden und lebensfreudigen Karl Theodor ist bange geworden wie er die Pfalz verlassen und die altbajuwarische Erbschaft antreten mußte. Er hätte Euch damals auch gerne verhandelt und gegen etwas Passenderes umgetauscht, wenn's gegangen wäre!« »Soviel ist richtig«, bemerkte der Nürnberger Fabrikherr, »daß die drei letzten bayrischen Könige in ihren großartigen Bestrebungen, ihr München zur bedeutendsten Kunststadt in deutschen Landen zu erheben, nichts als Hemmnisse, Anfeindungen und boshafte Bemerkungen bei den eigenen altbajuwarischen Landeskindern gefunden haben. Der erste Ludwig hat München zur Kunstmetropole umgeschaffen – wider den Willen der Münchner, die bekanntlich nicht müde wurden, seine Bauten, seine Baukünstler und Maler auf das schlimmste zu glossieren. Max der Zweite berief norddeutsche Gelehrte und Dichter, um den bayrischen Schul- und Literaturgeist aufzufrischen – und wie krumm wurden ihm diese Berufungen der vielbefehdeten »Nordlichter« genommen! Wie vom ersten Ludwig der Künstler-, so datiert vom zweiten Max der Gelehrsamkeits- und Literaturruf Münchens – was würde ohne sie das alte München in der mächtig fortgeschrittenen Welt des Geistes von heute bedeuten? Ludwig II. wollte in seinem genialen Jugendenthusiasmus München zu einem Weltwunder der musikdramatischen Kunst gestalten – die Münchner haben ihm das gründlich verleidet. Man lese doch einmal die Schmutzliteratur nach, die damals produziert wurde zum Entsetzen des jungen idealen Monarchen, der mit großartigst begabten Künstlern wie Richard Wagner und Gottfried Semper den Verkehr abbrechen und seine Pläne scheitern lassen mußte, um das gute Münchner Volk zu anständiger Laune zurückzuführen! Ja, hätte er am Gasteig neue Brauhäuser oder neue Kirchen oder Klöster gebaut...!« »Nun«, sagte der fränkische Deputierte, »König Ludwig hat die Münchner hart genug gestraft für die Unbill, die sie ihm damals angetan.« »Lange nicht genug!« rief der Preuße. »Denn in allem sind wir im Norden Euch über – und wenn Ihr Eure Könige hindert, den Süden in einer Weise zur Geltung zu bringen, die Euch die norddeutschen Volksstämme nicht nachmachen können, in den Werken der Phantasie, der Musik, der Kunst, so begeht Ihr eine Sünde wider den heiligen Geist deutscher Nation, die weder in dieser noch in jener Welt vergeben werden kann, laut Bibel!« Der Bankdirektor bemerkte beschwichtigend: »Vielleicht wäre es den Münchnern beim aufgeklärtesten und besten Willen nicht möglich geworden, zu den erhabenen Plänen ihres Königs Ja und Amen zu sagen, auch wenn er sie sämtlich in München selbst hätte zur Ausführung bringen wollen. Ein so in's Ungemessene, Schrankenlose schweifender Geist, wie der seinige, wäre über kurz oder lang auch hier an der harten Wirklichkeit der Dinge, besonders im Finanziellen gescheitert...« Hier nahm der ehrwürdige Großvater das Wort, der lange still lauschend dagesessen: »Es ist wahr, Ihr Herren, ich habe zuerst die traurige Geschichte nicht fassen können, auch was die Bedienten über ihren königlichen Herrn ausgesagt, hat mir nicht sehr imponiert – da müßte man viele als Narren behandeln, wenn man sie von ihren Dienern, Knechten, Köchen richten ließe – aber zuletzt habe ich mir das gesagt: wer über seine Mittel gegangen ist und dabei beharrt, zeitlebens über seine Mittel gehen zu wollen, unbekümmert was seine Verwandten, sein Land und die Fremden davon halten, und wie die Unordnung in den Finanzen notwendig auch zur Unordnung im ganzen Regiment, und zuletzt zu allen erdenklichen Schlechtigkeiten verführt, da muß gewaltsam Zügel angelegt und Halt geboten werden. Und das ist wahrhaftig nicht zu früh geschehen.« »Du hast Recht«, fügte der Bankdirektor den ruhigen, schweren Worten seines greisen Vaters bei, »auch im Geld liegt eine sittliche Macht, die respektiert werden muß von Hoch und Nieder. Im Erwerben wie im Verbrauchen sprechen sich moralische Prinzipien höchsten Ranges aus. So sagt mir auch der Rechenschaftsbericht über einen Haushalt mehr von dem Grade der Zurechnungsfähigkeit seines Leiters aus, als alle Sektionsbefunde der Ärzte und alle Ausplaudereien der Lakeien. Sage mir, wie du in den heutigen schweren Zeiten wirtschaftest, und ich sage dir, wie weit dein Verstand mein Zutrauen verdient. Alle Pracht, alle Idealität und alle Genialität in Ehren: aber man muß sich ihren Genuß erschwingen können und nicht aus den Taschen anderer Leute leisten wollen, denn das wäre nicht bloß Paranoia...« »Aber siehst du, Papa«, fiel ihm die liebliche Hausfrau in die Rede: »du übersiehst, daß der König keine Königin hatte, die ihm hätte wirtschaften helfen. Geniale Menschen ohne Frauenhilfe sind zu allen Zeiten leicht ein Opfer ihres leeren Portemonnaie's geworden – und ihr strengen Finanzleute tut, als ob aller Verstand und alle Ehrbarkeit nur im Portemonnaie sitze – wie garstig!« Und der Preuße: »Sehr richtig! Hochachtung, gnädige Frau! Der König war unzweifelhaft zum Wahnsinn disponiert, er war erblich belastet – wir sind's schließlich alle mehr oder weniger, nur die nicht, die selbst dazu zu dumm sind, die Normalschöpfe – allein die Erziehung vermag viel. Eine allzu strenge, zu exklusive und einseitige Prinzenerziehung ist selten ein Glück. Sehen Sie, wie wir's in Preußen machen: unsere jungen königlichen Prinzen müssen nicht nur mit den anderen Jünglingen gemeinsam die öffentliche Gymnasiumsbank drücken, sie müssen auch bei einem ehrsamen Handwerksmeister allerdurchlauchtigst ein Handwerk lernen. Da wird manche Exzentrizität beizeiten aus den Köpfen hinausgehobelt und hinausgedrechselt.« Da wagte Elsa ein Wort: »Glauben Sie, daß durch Handwerkskünste der Einfluß einer guten Frau ersetzt wird?« Und der Preuße: »Nein, niemals, ich schwöre es Ihnen, Fräulein! Alle Männer müssen heiraten und die Könige in erster Linie. Wer nicht heiratet, ist eo ipso ein Narr – Herr Professor, zu Ihrer besonderen Beherzigung. Allein, auch ein König kann in der Liebe Unglück haben, Numero eins, und Numero zwei: die heiratsfähigen Prinzessinnen der amerikanischen Eisenbahn- und Minen- und Petroleumsquellen-Könige mit den rasend vielen Millionen sind in Europa noch nicht ebenbürtig – und –« Der Reallehrer war fast erzürnt über die Wendung, die das Gespräch durch den Berliner genommen. Darum hatte er, bevor letzterer seine frivole Phrase vollenden konnte, einen guten Ausweg suchend, das Glas ergriffen und nach einer sehr geschickt improvisierten Einleitung einen Toast auf das vielgeprüfte Bayernland und auf den Prinzregenten vorgeschlagen, damit das endlose Gespräch über die vielen trübseligen und bedenklichen Dinge in einem freudigen Gruß an das Leben, an die Kraft und an die bessere Zukunft ausklinge! Der Vorschlag gefiel allgemein. »Es lebe Bayern! Es lebe der Prinzregent!« Und die Gläser erklangen, und der Großvater richtete sich auf und nahm Abschied von den Freunden, denn es war spät geworden: »Gott sei mit euch allen, daß so schlimme Zeiten nimmer wiederkehren!«