J. F. Cooper Der letzte Mohikaner - Gekürzte Jugendbuchversion 1. Kapitel Es war eine Eigenart der Kriege, die in den Kolonien Nordamerikas geführt wurden, daß zuvor große Mühen und Gefahren der Wildnis zu überwinden waren, ehe sich die feindlichen Heere begegnen konnten. Ein breiter Streifen undurchdringlicher Wälder trennte damals die Besitzungen der feindlichen Provinzen Frankreichs und Englands. Der kühne Pflanzer und der geübte Europäer kämpften oft monatelang mit reißenden Strömen und mußten rauhe Gebirgspässe gangbar machen, ehe sie dann ihren Mut im kriegerischen Kampf zu zeigen vermochten. Zusammen mit den eingeborenen Kriegern lernten sie diese Schwierigkeiten überwinden. Am grausamsten tobten die barbarischen Kriege zu jener Zeit in dem Land, das zwischen den Quellen des Hudsons und den anstoßenden Seen liegt. Schon drei Jahre führten England und Frankreich einen erbitterten Kampf um jenen Landstrich, der keinem von ihnen später gehören sollte. Die Unfähigkeit der Heerführer und die mangelnde Energie der Staatsmänner hatte Großbritannien von seiner stolzen Höhe herabgestürzt. Erst vor kurzem war ein erlesenes Heer aus dem Mutterlande unter den Befehlen eines Führers, der wegen seiner großen kriegerischen Verdienste besonders geachtet war, von einer Handvoll Franzosen und Indianern schimpflich zersprengt worden. Die bestürzten Kolonisten glaubten nun das Geheul der Wilden in jedem Windstoß zu hören, der aus den endlosen Wäldern des Westens pfiff. Der grausame Charakter der erbarmungslosen Kampfweise vermehrte noch die natürlichen Schrecken des Krieges. Zahllose Gemetzel, bei denen die Eingeborenen in ihrer Grausamkeit die Hauptrolle spielten, lebten noch in ihrer Erinnerung. Selbst die Zuversichtlichsten und Standhaftesten meinten, daß der Ausgang des Kampfes zweifelhaft wäre und daß bald alle Besitzungen der englischen Krone in Amerika an ihre Feinde verlorengingen. Als daher in dem Fort, das das Südende zwischen dem Hudson und den Seen sichern sollte, die Nachricht eintraf, der französische Heerführer Montcalm käme mit einem Heere, »zahllos wie das Laub auf den Bäumen«, den Champlain-Strom herauf, machten sich bald Furcht und Verzagtheit breit. Die Nachricht war an einem Sommerabend durch einen indianischen Läufer eingetroffen. Munro, der Befehlshaber eines Festungswerkes am Ufer des »Heiligen Sees«, ließ um schnelle und nachhaltige Verstärkung bitten. Die Entfernung zwischen diesen beiden Festungen betrug etwa fünf Stunden. Der rauhe Pfad, der die Verbindungslinie bildete, war für Wagen erweitert worden, so daß der Weg, den der Sohn der Wildnis in nur zwei Stunden bewältigte, von einem Korps Soldaten mit dem erforderlichen Gepäck bequem an einem Sommertag zurückgelegt werden konnte. Die Engländer hatten eine dieser Waldfestungen »William Henry« und die andere »Fort Edward« genannt. Im Fort »William Henry« lag Munro mit einem Regiment ausgebildeter Soldaten und einer Anzahl Kolonisten. Eine Besatzung, die in der Tat zu schwach war, einer so furchtbaren Macht wie Montcalm und seinem Heer standzuhalten. In der Festung »Edward« befehligte General Webb ein Korps von mehr als fünftausend Mann. Bei einer Vereinigung aller Truppenteile unter dem Befehl des Generals hätte dieser fast die doppelte Anzahl Kämpfer dem Franzosen entgegenzustellen vermocht. Von ihrem früheren Mißgeschick niedergedrückt, schienen Offiziere und Mannschaften mehr geneigt, die Annäherung ihres furchtbaren Feindes innerhalb ihrer Festungswerke zu erwarten, als sich dem vorrückenden Gegner entgegenzusetzen. Nachdem sich die erste Bestürzung über diese Nachricht gelegt hatte, lief durch das Lager das Gerücht, daß ein auserlesenes Detachement von eintausendfünfhundert Mann bei Tagesanbruch nach Fort »William« abzugehen habe. Das Gerücht bestätigte sich bald, da aus dem Quartier des Generals an die dazu ausersehenen Korps die Order erging, sich zum schleunigen Abmarsch bereitzuhalten. Das Wirbeln der Trommeln unterbrach am frühen Morgen den Schlaf des Heeres, als eben der anbrechende Tag die Umrisse einiger hohen Fichten abzuzeichnen begann. Im Augenblick war das ganze Lager in Bewegung. Selbst der einfachste Soldat sprang von seinem Lager auf, um Zeuge des Abmarsches seiner Kameraden zu sein. Bald hatte sich die kleine ausgewählte Truppe in Marschordnung aufgestellt. Während sich die ausgebildeten Soldaten stolz auf den rechten Flügel stellten, bezogen die weniger anspruchsvollen Kolonisten ihre bescheidenere Stellung auf dem linken. Die Patrouillen brachen auf, starke Bewachungen zogen vor und hinter den schwerfälligen Packwagen, dann schwenkte die Hauptmacht der Streiter in eine Kolonne ein und verließ das Lager mit dem Ausdruck soldatischen Stolzes. Die Marschtritte der bereits entschwundenen Kolonne waren schon verklungen, aber immer noch wurden Anstalten zu einer anderen Abreise getroffen. Vor einem Blockhause stand ein halbes Dutzend Pferde beisammen. Zwei der Tiere schienen, nach ihrem Sattelzeug zu urteilen, für Frauen bestimmt zu sein. Ein drittes Pferd trug das Geschirr und die Waffen eines Stabsoffiziers, während die anderen mit Decken und Reisetaschen beschwert, offenbar für Diener bestimmt waren. In einiger Entfernung stand eine Gruppe neugieriger Zuschauer, unter ihnen auch ein Mann, dessen Äußeres einen höchst ungünstigen Eindruck hinterließ. Seine Glieder besaßen keinerlei Spur von Ebenmaß. Stand er, so überragte er alle, saß er dagegen, so schien er nur die gewöhnliche Größe der Männer zu haben. Sein Kopf war groß, seine Schultern eng, seine Arme lang und schlotternd, seine Hände dagegen klein, seine Beine und Schenkel dünn, ausgemergelt und überlang. Der geschmacklose Anzug dieses Menschen unterstrich noch seine unvorteilhafte Gestalt. Dieser Mann ging unbedenklich unter den Dienern umher und lobte und tadelte die Pferde. »Freund, ich möchte fast sagen, dieses Tier stammt nicht aus heimischer Zucht, sondern aus fremden Landen. Vielleicht ist es gar von der kleinen Insel über dem blauen Wasser nach hier gekommen?« sprach er in einem milden und sanften Ton. Da auf diese Rede keine Erwiderung kam, wandte er sich um. Dabei fielen seine Augen auf die schweigsame Gestalt des indianischen Läufers, der die unwillkommene Nachricht vom vorigen Abend in das Lager gebracht hatte. Obgleich der Wilde das aufgeregte und geräuschvolle Hasten nicht beachtete, so lag doch in seiner äußeren Ruhe ein mürrischer Trotz. Der Eingeborene trug den Tomahawk und das Messer seines Stammes. Die Farben auf seinem nach Kriegerart bemalten Gesichte waren ineinandergeflossen und machten seine Gesichtszüge noch wilder. Einen Augenblick nur begegnete sein forschender Blick dem verwunderten Auge des anderen. Eine allgemeine Bewegung unter den Dienern kündigte das Nahen der erwarteten Personen an. Ein junger Mann, in der Uniform eines Offiziers, führte zwei Damen zu den Pferden. Nachdem die Damen und der Offizier aufgesessen waren, verbeugten sich alle drei gegen General Webb, der auf der Schwelle seiner Wohnung erschienen war. Dann ritten sie, von der Dienerschaft gefolgt, nach dem nördlichen Eingang der Verschanzungen. Während des kurzen Rittes entfuhr der jüngeren Dame ein erschreckter Ausruf, als sie den indianischen Läufer erblickte, der vorüberglitt und auf der Heerstraße ihnen vorauseilte. 2. Kapitel »Sind solche Gespenster häufig in diesen Wäldern zu sehen, Heyward? In diesem Falle bedürfen Kora und ich großen Mutes, ehe wir dem gefürchteten Montcalm begegnen.« »Der Indianer dort ist ein Läufer des Heeres und gilt bei seinem Volke für einen Helden«, versetzte der Offizier. »Er hat sich erboten, uns auf einem fast unbekannten Pfad schneller und angenehmer nach dem See zu bringen.« »Der Mensch gefällt mir auch nicht«, sprach die ältere Dame. »Sie kennen ihn doch genau, Duncan, sonst vertrauten Sie sich doch nicht so unbedenklich seiner Führung an?« »Ich kenne ihn genau. Man sagt, er sei ein Kanadier – und doch diente er unseren Freunden, den Mohikanern, Wie Sie wissen, gehören die Mohawks zu den mit uns verbündeten Stämmen. Er wurde durch einen seltsamen Vorfall zu uns gebracht, bei dem Ihr Vater beteiligt war und der Wilde hart behandelt wurde – aber ich vergaß die Geschichte, jetzt ist er unser Freund.« »Wenn er meines Vaters Feind war, so gefällt er mir noch viel weniger!« rief das nun wirklich erschrockene Mädchen. »Wollen Sie nicht mit ihm sprechen, Major Heyward, damit ich seine Stimme höre?« »Das wird vergeblich sein. Wenn er auch Englisch versteht, so tut er doch so, als verstünde er nichts davon. Aber er bleibt stehen, wahrscheinlich beginnt dort der geheime Weg, den wir einschlagen sollen.« Die Vermutung Major Heywards war richtig. Als sie an die Stelle kamen, wo der Indianer stand, wies er mit der Hand auf ein Dickicht zur Seite der Heerstraße, und ein schmaler Pfad, der nur eine Person aufnehmen konnte, wurde sichtbar. »Dahin also geht unser Weg«, sprach der junge Mann mit gedämpfter Stimme. »Zeigen Sie kein Mißtrauen!« »Kora, was denkst du?« fragte das junge Mädchen. »Ist es nicht besser, wenn wir mit der Truppe reisen, selbst wenn es für uns unangenehm ist?« »Sie sind mit den Kunstgriffen der Wilden zu wenig bekannt, Alice«, fiel Heyward ein. »Wenn sich der Feind überhaupt schon in unserer unmittelbaren Nähe befinden sollte, dann geht er sicher darauf aus, die Kolonne zu umzingeln, weil es hier am meisten zu skalpieren gibt. Die Straße, auf der das Detachement marschiert, ist bekannt, während unser Weg erst vor einer Stunde beschlossen wurde und somit für ihn ein Geheimnis sein muß.« »Sollen wir dem Mann mißtrauen, weil seine Sitten nicht die unseren sind und seine Haut dunkel ist?« Alice zögerte nicht länger. Sie gab ihrem Pferde einen Schlag mit der Gerte, drückte die Zweige des Gebüsches beiseite und folgte dem Läufer den dunklen, verschlungenen Pfad entlang. Der junge Mann bahnte nun ebenfalls einen Weg für die andere Dame, die Kora genannt worden war. Die Diener folgten auf der Heerstraße der Kolonne, eine Maßnahme, die der Führer angeraten hatte, um nicht zuviel Spuren zu hinterlassen. Sobald der Wilde merkte, daß die Damen wieder freier über ihre Pferde verfügen konnten, schlug er ein rascheres Tempo an. Doch schon nach kurzer Zeit blieb die Gruppe stehen, da entfernte Hufschläge zu hören waren. Bald sah man ein Füllen durch die Fichtenstämme schlüpfen und gleich darauf die Person des eigenartigen Mannes, der durch seine seltsame Gestalt bereits vor der Abreise der Gesellschaft aufgefallen war. Er trieb sein mageres Tier zu größter Eile an. Der Eifer und die Bewegungen des Reiters waren nicht minder merkwürdig als die seines Rosses. Bei jeder Bewegung erhob der Reiter seine hagere Gestalt in den Steigbügeln und bewirkte durch die ungebührliche Verlängerung seiner Beine ein ständiges Wachsen und Zusammensinken seiner Gestalt. Die ärgerlichen Falten, die sich auf der offenen männlichen Stirn Heywards gesammelt hatten, glätteten sich, und um seinen Mund flog ein leichtes Lächeln, als er den Fremden betrachtete. »Suchen Sie jemand?« fragte Heyward, als der andere näher gekommen war. »Ja gewiß«, erwiderte der Fremde. »Ich hörte, Sie reiten nach ›William Henry‹, und da ich den gleichen Weg habe, möchte ich mich Ihrer Gesellschaft gern anschließen.« »Wenn Sie nach dem See reisen wollen«, versetzte Heyward, »dann sind Sie nicht auf dem rechten Weg, die Heerstraße liegt eine halbe Meile hinter uns.« »So ist es«, entgegnete der Fremde. »Ich müßte stumm gewesen sein, wenn ich mich nicht im Fort ›Edward‹ nach dem Weg erkundigt hätte. Und wäre ich stumm, dann könnte ich auch meinen schönen Beruf als Gesangsmeister aufgeben.« »Lassen Sie den Fremden in unserem Gefolge reisen, Heyward«, bat Alice, und fuhr in gedämpftem Tone fort, »vielleicht kann er als Freund im Falle der Not unsere Kräfte verstärken.« Heyward gab ihrem bittenden Blicke nach, stieß seinem Pferde die Sporen ein und war mit wenigen Sprüngen wieder an Koras Seite. »Es freut mich, Sie zu treffen«, fuhr Alice fort, dem Fremden mit der Hand winkend, weiterzureiten. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, die Meinungen und Erfahrungen eines Meisters des Gesanges zu hören.« »Es ist erfrischend für Geist und Leib, sich durch Singen von Psalmen zu erquicken«, erwiderte der Fremde. »Doch vier Stimmen sind erforderlich, um eine Melodie schön auszuführen. Die Stimme ist dem Menschen wie andere Talente zum Gebrauch gegeben.« »So haben Sie denn Ihre Kunstversuche auf den heiligen Gesang beschränkt?« »Ja, wie die Psalmen Davids jede andere Poesie weit übertreffen, so übertrifft auch die Psalmodie, die von den Gottesgelehrten und Weisen des Landes ihnen angepaßt worden ist, alle weltliche Musik.« Während dieser Lobpreisung hatte der Fremde ein Buch aus seiner Tasche gezogen und eine in Eisen gefaßte Brille auf seine Nase gesetzt. Dann begann er mit vollen Tönen mehrere Strophen eines Psalmliedes abzusingen. Den Gesang begleitete der Fremde mit Bewegungen seiner rechten Hand. Solche laute Unterbrechung der Waldesstille konnte gefährlich werden. Der Indianer murmelte einige Worte in gebrochenem Englisch zu Heyward, der den Fremden bat, seine musikalischen Versuche zu beenden. Nach dieser kurzen Unterbrechung ritt die Gesellschaft weiter. Der Zug war noch nicht lange vorüber, als sich die Zweige eines Gebüsches vorsichtig teilten und die dunkelbemalten Gesichtszüge eines Wilden sichtbar wurden, der frohlockend den Reitern nachblickte. 3. Kapitel An jenem Tage saßen zwei Männer an dem Ufer eines kleinen, aber reißenden Stromes, der ungefähr eine Tagesreise von dem Lager Webbs entfernt war. Das weite Laubdach des Waldes überwölbte den Rand des Flusses. Die Strahlen der Sonne wurden bereits schwächer und die starke Hitze des Tages begann sich zu mildern. Immer noch herrschte in dieser Einsamkeit jene Stille, die die drückende Schwüle einer amerikanischen Landschaft im Hochsommer kennzeichnet. Sie wurde nur von den leisen Stimmen der Männer, dem müden Klopfen eines Waldspechtes, dem Schrei eines bunten Hähers oder dem dumpfen Rauschen eines fernen Wasserfalles unterbrochen. Diese schwachen Laute waren jedoch den Waldbewohnern vertraut, so daß sie sich dadurch nicht von ihrer Unterhaltung ablenken ließen. Einer der Männer war sofort durch die rote Hautfarbe als Indianer zu erkennen, der andere verriet – trotz seines sonnengebräunten Gesichtes – den Europäer. Der Indianer saß auf dem Rande eines bemoosten Baumstammes. Sein Gesicht und sein fast nackter Körper waren mit weißen und schwarzen Farben bemalt. Sein kahlgeschorener Kopf trug nur die Skalplocke und auf die linke Schulter hing eine einzige Adlerfeder herab. Ein Tomahawk und ein Skalpiermesser staken in seinem Gürtel, während eine Büchse über seinen bloßen, sehnigen Knien lag. Die gewölbte Brust, die wohlgeformten Glieder und die ernste Haltung dieses Kriegers ließen erkennen, daß er sich in der Vollkraft seines Lebens befand. Die wettergebräunte Gestalt des Weißen zeigte, daß er seit seiner frühesten Jugend gelernt hatte, Mühseligkeiten und Anstrengungen zu ertragen. Die Kleidung bestand aus einem grünen Jagdhemd und einer Sommermütze von geschorenem Fell. Auch er trug ein Messer in einem Wampumgürtel. Seine Mokassins waren nach der Art der Eingeborenen verziert. Eine Jagdtasche und ein Pulverhorn vollendeten seinen Anzug. Eine lange Büchse lehnte an einem, Baum. Das Auge des Jägers oder Kundschafters war lebhaft, scharf und unruhig, als ob es irgendein Jagdwild suche oder um die plötzliche Annäherung eines Feindes besorgt sei. Sein Gesicht machte einen offenen und ehrlichen Eindruck. »Selbst Eure Überlieferungen sprechen für mich, Chingachgook«, sagte der Weiße in der Sprache der Delawaren. »Eure Väter kamen von der untergehenden Sonne her, kämpften mit dem Volke des Landes und nahmen es ihnen weg. Meine Väter kamen vom roten Morgenhimmel über den Salzsee und taten ganz nach dem Beispiel, das die Eurigen ihnen gegeben hatten. So laß denn Gott unsere Sache entscheiden und darüber keine Worte mehr verlieren.« »Meine Väter fochten mit dem nackten, roten Mann«, versetzte ernst der Indianer. »Es ist doch ein Unterschied, Falkenauge, zwischen einem gespitzten Pfeil des Kriegers und der bleiernen Kugel, womit ihr tötet?« »Ein Indianer hat Verstand, auch wenn ihm die Natur eine rote Haut gegeben hat«, sprach der Weiße kopfschüttelnd. »Ich bin kein Gelehrter. Wenn ich aber nach dem urteile, was ich von den Burschen bei meinen vielen Jagden auf Wild gesehen habe, dann meine ich, daß eine Büchse in den Händen Eurer Vorfahren nicht so gefährlich gewesen wäre wie ein Bogen aus Nußbaumholz und ein Pfeil in der Hand eines Indianers.« Eine kurze Stille folgte. Der Indianer saß stumm da und schien über das soeben Gehörte nachzudenken. Nach einer Weile begann er mit einer Feierlichkeit, die die Wahrheit seiner Worte bekräftigen sollte, das Gespräch wieder aufzunehmen. »Nein, Falkenauge, dein Ohr soll keine Lüge hören. Mein Stamm ist der Ahnherr von Nationen. Das Blut von Häuptlingen rollt in meinen Adern. Die Holländer landeten mit ihren Schiffen und gaben meinem Volke das Feuerwasser. Die roten Männer tranken es, bis sich Himmel und Erde zu berühren schienen, und glaubten, sie hätten den Großen Geist gefunden. Dann mußten sie von ihrem Lande scheiden. Schritt um Schritt wurden sie zurückgetrieben, bis ich, ein Häuptling meines Stammes, die Sonne nie anders als durch die Bäume habe leuchten sehen. Noch nie konnte ich die Gräber meiner Väter besuchen!« »Gräber bringen das Gemüt in eine feierliche Stimmung«, bemerkte der Kundschafter, von der Schilderung seines Begleiters sichtlich gerührt. »Doch wo befinden sich die Gräber deines Geschlechtes?« »Wo sind ihre Gräber? Wo sind die Blüten jener Sommer? – Gefallen einer nach dem anderen. Alle von meiner Familie sind, wie die Reihe an sie kam, in das Land der Geister hinübergegangen. Ich stehe oben auf dem Berg und muß ins Tal hinab. Wenn Unkas, mein Sohn, meinen Fußstapfen folgt, so ist keiner mehr übrig vom Blute der großen Häuptlinge. Denn mein Knabe ist der letzte Mohikaner!« »Unkas ist da!« sprach eine andere Stimme in sanftem Kehllaut. »Wer fragt nach Unkas?« Der Weiße machte bei dieser plötzlichen Unterbrechung eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand nach seiner Büchse. Der Indianer aber blieb ruhig sitzen, ohne den Kopf nach der unerwarteten Stimme umzuwenden. Im nächsten Augenblick schritt ein junger Krieger mit geräuschlosem Tritt zwischen sie und setzte sich zu ihnen an das Ufer des Stromes. Kein Laut der Überraschung entfuhr dem Vater. Mehrere Augenblicke herrschte Stille, und jeder schien zu warten, wann er sprechen könnte. Der Weiße ahmte ihrem Beispiel nach, zog seine Hand von der Büchse zurück und blieb ebenfalls still. Endlich wandte Chingachgook seine Augen langsam nach seinem Sohne und fragte: »Wagen die Maquas, die Spuren ihrer Mokassins diesen Wäldern einzudrücken?« »Ich war ihnen auf der Fährte«, antwortete der junge Indianer. »Ich weiß, daß ihrer so viele sind als Finger an meinen Händen. Aber sie haben sich wie Feiglinge verkrochen.« »Die Diebe sind auf der Lauer nach Skalpen und Beute!« sprach Falkenauge. »Der rührige Franzose Montcalm wird seine Spione noch bis in unser Lager schicken.« »Genug!« erwiderte Chingachgook. »Sie sollen vertrieben werden wie das Wild aus den Büschen. Jetzt, Falkenauge, wollen wir zu Abend essen und morgen den Maquas zeigen, daß wir Männer sind.« »Ich bin zu dem einen wie zu dem anderen bereit. Doch um mit den Irokesen zu kämpfen, muß man sie in ihrem Verstecke aufsuchen. Und um zu essen, braucht man ein gutes Wildbret – doch da«, sprach er flüsternd weiter, »bewegt sich ein Paar der stärksten Geweihe, die ich in diesen Jahren gesehen habe! Ich wette, daß ich den Rehbock genau zwischen den Augen treffen werde.« Der Kundschafter wollte gerade sein Gewehr anlegen, da hielt Chingachgook seine Hand auf die Büchse und sagte: »Falkenauge! Hast du Lust mit den Maquas zu kämpfen?« »Diese Indianer kennen die Wälder durch ihren Instinkt!« versetzte der Jäger, ließ die Büchse sinken und wandte sich ab, da er seinen Irrtum einsah. »Ich muß den Bock deinem Pfeil überlassen, Unkas.« Kaum hatte der Vater diese Worte mit einer Handbewegung gutgeheißen, da warf sich Unkas zu Boden und näherte sich mit vorsichtigen Bewegungen dem ahnungslosen Tiere. Als er nur noch wenige Meter von dem Verstecke entfernt war, legte er mit großer Sorgfalt einen Pfeil auf den Bogen. Im nächsten Augenblick fuhr der Pfeil durch das Gebüsch und der verwunderte Hirsch stürzte aus dem Versteck zu den Füßen des verborgenen Feindes. Dem Geweih des wütenden Tieres ausweichend, sprang Unkas zur Seite und stach ihm dann das Messer in die Kehle. »Das nenne ich ein indianisches Meisterstück!« lobte der Kundschafter. »Howgh!« pflichtete sein Begleiter bei. Doch plötzlich wandte sich der ältere Indianer um, wie ein edler Jagdhund, der die Fährte eines Wildes wittert. »Da ist ein ganzes Rudel!« flüsterte der Kundschafter. »Was horchst du, Chingachgook?« »Hier ist nur ein Rehbock und der ist tot«, sprach , der Indianer und bückte sich im gleichen Augenblick nieder, bis sein Ohr die Erde berührte. »Ich höre Fußtritte!« »Vielleicht haben die Wölfe den Hirsch in das Versteck getrieben und sind ihm jetzt auf der Spur.« »Nein, Pferde weißer Männer kommen!« erwiderte Chingachgook bestimmt, erhob sich und nahm seinen Sitz auf dem Baumstamm wieder ein. »Falkenauge, es sind deine Brüder, sprich mit ihnen!« »Das will ich gerne tun«, erwiderte der Jäger und blickte sich um. »Da höre ich auch schon dürres Holz krachen – ja, es sind Pferdetritte, die ich für das Fallen des Wassers hielt.« 4. Kapitel Noch während der Kundschafter sprach, wurden die Reisenden sichtbar, die so unerwartet die Stille des Waldes gestört hatten. »Wer da?« rief der Kundschafter, indem er seine Büchse lässig über den linken Arm warf. »Freunde des Königs«, antwortete der vorderste Reiter, »Menschen, die seit Sonnenaufgang gereist und von den Anstrengungen des Weges erschöpft sind.« »So habt ihr euch wohl verirrt?« unterbrach ihn der Jäger. »So ist es! Wie der Säugling eine gute Amme braucht, so benötigen wir einen sicheren Führer. Wißt Ihr, wie weit es nach der Festung ›William Henry‹ ist?« »›William Henry‹, Mann!« rief der Kundschafter lachend. »Wenn Ihr Freunde des Königs seid, dann wäre es besser, wenn Ihr am Fluß hinab nach Fort ›Edward‹ ginget und Eure Sache General Webb vorlegtet, anstatt in die gefährlichen Engpässe vorzudringen.« Ehe der Fremde auf diesen Vorschlag etwas erwidern konnte, sprengte ein anderer Reiter durch das Gebüsch auf den schmalen Pfad. »Wie weit mögen wir denn von Fort ›Edward‹ entfernt sein?« fragte der neue Sprecher. »Den Ort, nach dem Ihr uns weist, verließen wir heute morgen. Unser Ziel ist die Quelle des Sees.« »Dann müßt Ihr Eure Augen früher als den Weg verloren haben. Der Weg nach Eurem Ziel ist wenigstens zwei Ruten breit in den Wald ausgehauen, so daß Ihr ihn schwerlich verlieren könnt.« »Wir wollen uns nicht über die Vortrefflichkeit des Weges streiten«, versetzte Heyward lächelnd. »Es ist genug, wenn ich Euch sage, daß wir uns einem indianischen Führer anvertraut haben, der uns einen wesentlich kürzeren Weg führen wollte. Er muß sich scheinbar verirrt haben.« »Ein Indianer in den Wäldern verirrt!« sprach der Kundschafter, bedenklich den Kopf schüttelnd. »Es ist seltsam, daß sich ein Indianer zwischen dem Horican und der Krümmung des Flusses nicht mehr zurechtfinden soll! Ist er ein: Mohawk?« »Nicht von Geburt, obgleich er von diesem Stamme aufgenommen worden ist. Ich glaube, er ist einer von denen, die Ihr als Huronen bezeichnet.« »Howgh!« riefen die zwei Begleiter des Kundschafters, die bis dahin dem Gespräch unbeweglich und scheinbar gleichgültig zugehört hatten. »Ein Hurone!« wiederholte der Kundschafter bedenklich. »Das ist ein diebisches Geschlecht. Es sollte mich nicht wundern, wenn Ihr es nicht noch mit mehreren von ihnen zu tun bekommt.« »Ihr vergeßt, unser Führer ist jetzt ein Mohawk und dient als Freund bei unserem Heer.« »Und ich sage Euch, wer als Mingo geboren ist, als Mingo auch stirbt«, entgegnete der Jäger bestimmt. »Ich will jetzt nicht den Charakter eines Mannes untersuchen, den ich kenne und der Euch fremd ist«, sprach Heyward ungeduldig. »Sagt mir lieber, wie weit wir von Fort ›Edward‹ entfernt sind.« »Das kommt darauf an, wer Euch führt«, erwiderte ausweichend der Kundschafter. »Ich wünsche keinen Streit mit Euch«, bemerkte Heyward in höflicherem Ton. »Wenn Ihr mir die Entfernung von Fort ›Edward‹ sagt und mich dahin führt, so soll Eure Bemühung nicht unbelohnt bleiben.« »Wer bürgt mir dafür, daß ich keinen Feind oder Spion Montcalms nach den Festungswerken des Heeres führe? Nicht jeder, der Englisch spricht, ist deshalb ein Ehrenmann.« »Wenn Ihr bei dem Heere dient und dessen Kundschafter seid, so müßt Ihr das sechzigste Regiment des Königs und seinen Major kennen.« »Seinen Major?« unterbrach der Jäger. »Wenn ein Mann im Lande ist, der Major Effingham kennt, so bin ich es.« »Das Korps hat mehrere Majore. Den Ihr kennt, meine ich nicht. Ich spreche von dem jüngsten, der die Kompanien in ›William Henry‹ befehligt.« »Ich habe auch von ihm gehört. Er ist noch recht jung für einen solchen Rang, doch sagt man, er sei ein geschickter Soldat.« »Was er auch immer sein mag, er spricht jetzt mit Euch und Ihr habt daher keinen Feind in ihm zu fürchten.« Der Kundschafter betrachtete Heyward erstaunt und antwortete immer noch etwas argwöhnisch: »Ich habe gehört, daß heute morgen eine Abteilung aus dem Lager nach dem Ufer des Sees abgehen sollte.« »Da habt Ihr recht gehört. Ich wählte einen kürzeren Weg und verließ mich dabei auf den indianischen Führer.« »Und er täuschte Euch und lief davon.« »Keines von beiden, denn er ist noch in meinem Gefolge.« »Ich möchte mir diesen Menschen etwas näher ansehen. Wenn es ein echter Irokese ist, dann erkenne ich ihn sofort an seinem falschen Blick und an der Farbe seines Gesichtes«, sprach der Kundschafter und schritt an Heywards Pferd vorbei. Nachdem er das Gebüsch beiseite geschoben hatte, traf er einige Schritte weiter auf die Frauen, die der Besprechung mit Sorge zugehört hatten. Etwas abseits lehnte der Läufer an einem Baum. Mit unveränderter Miene hielt er der Prüfung des Kundschafters stand. Zufrieden mit dem Ergebnis seiner Forschungen verließ ihn der Jäger und kehrte zu Heyward zurück. »Ein Mingo ist und bleibt ein Mingo«, sprach er. »Wenn wir alleine wären, so könnte ich Euch den Weg nach ›Edward‹ in einer Stunde zeigen. Aber mit den Frauen in Eurem Gefolge ist das unmöglich.« »Warum? Sie sind zwar ermüdet, aber für einen Ritt von ein paar Meilen noch kräftig genug!« »Es ist vollkommen ausgeschlossen«, wiederholte der Kundschafter bestimmt. »In Begleitung Eures indianischen Läufers möchte ich nach Einbruch der Nacht keine Meile in diesen Wäldern gehen. Sie sind voll von lauernden Irokesen und Euer falscher Mohawk weiß genau, wo er sie zu finden hat.« »Seht Ihr die Sache so an?« sprach Heyward jetzt leiser. »Ich selbst habe auch schon Verdacht geschöpft und wollte ihm nicht länger folgen. Deshalb ließ ich ihn hinter mir hergehen.« »Ich wußte, daß er ein Schurke ist, als ich ihn sah!« versetzte der Kundschafter. »Der Dieb lehnt am Fuße des jungen Baumes. Ich kann ihn von hier aus aufs Korn nehmen und dafür sorgen, daß ihm wenigstens für einen Monat das Herumstreichen in den Wäldern vergeht.« »Das dürft Ihr nicht, er kann auch unschuldig sein.« »Auf die Schurkerei eines Irokesen darf man mit Sicherheit rechnen«, sprach der Kundschafter und griff nach seiner Büchse. »Halt!« unterbrach ihn Heyward. »Wir müssen an etwas anderes denken – auch wenn ich Grund habe zu glauben, daß er mich getäuscht hat.« Der Jäger, der seine Absicht, den Läufer lahm zu schießen, aufgegeben hatte, sann einen Augenblick nach. Dann machte er ein Zeichen, das seine zwei roten Begleiter an seine Seite rief. Sie sprachen leise, aber lebhaft in delawarischer Sprache miteinander. Die beiden Indianer hatten seine Wünsche bald verstanden, legten ihre Gewehre weg und wandten sich in entgegengesetzter Richtung in das Dickicht. »Jetzt geht zurück«, sprach der Jäger wieder zu Heyward. »Haltet den roten Teufel mit Reden hin. Die Mohikaner wollen ihn lebendig fangen, ohne seine Schminke zu verderben.« »Nein«, sprach Heyward stolz, »ich will ihn selbst fassen.« »Pah! Was vermögt Ihr zu Pferde gegen einen Indianer?« Heyward befolgte den Rat, obgleich ihm die Rolle, die er zu spielen hatte, nicht behagte. Von Sorgen bedrückt, verließ er den Kundschafter und ritt nach der Stelle, wo der Läufer immer noch an den Baum gelehnt stand. »Du siehst, Magua«, sprach er vertraulich, »daß die Nacht einbricht und wir immer noch in der Nähe von ›William Henry‹ sind. Du hast den Weg verfehlt. Doch zum Glück haben wir einen Jäger getroffen, der ist mit den Fährten des Wildes vertraut und verspricht uns nach einem Platze zu fuhren, wo wir uns bis morgen ausruhen können.« Der Indianer heftete seine funkelnden Augen auf Heyward und fragte in seinem gebrochenen Englisch: »Ist er allein?« »Allein?« wiederholte verlegen Heyward. »Du weißt ja, daß wir bei ihm sind.« »Dann kann le Renard Subtil gehen«, erwiderte der Läufer. »Und die Bleichgesichter werden nur Leute ihrer eigenen Farbe sehen.« »Wen nennst du le Renard Subtil?« »Diesen Namen haben mir meine kanadischen Väter gegeben«, antwortete stolz der Läufer. »Es ist gut, Magua«, sprach Heyward. »Sind wir nicht Freunde? Warum sollen böse Worte zwischen uns gewechselt werden? Komm, ruhe deine müden Glieder jetzt aus und öffne deine Reisetasche, um dich zu stärken. Wir haben nur wenig Zeit, und wenn die Frauen ebenfalls gegessen haben, wollen wir weitergehen.« »Die Bleichgesichter machen sich zu Hunden ihrer Frauen«, murmelte der Indianer in seiner Muttersprache. »Und wenn sie essen wollen, müssen ihre Krieger den Tomahawk beiseite legen.« »Le Subtil sagt, es ist gut.« »Was sagst du, Renard?« Der Indianer blickte Heyward scharf ins Gesicht. Als er aber seinem Blick begegnete, wandte er sich schnell ab, nahm den Rest eines früheren Mahles aus der Tasche und begann zu essen. »So ist es recht«, fuhr Heyward fort, »Renard wird morgen wieder die Kraft haben, um den rechten Weg zu finden.« Er hielt in seiner Rede inne, denn er hörte das Knistern dürrer Reiser und das Rauschen von Blättern. Auch Magua ließ seine Hand vom Munde herabsinken und bog lauschend den Kopf seitwärts. Heyward, der seinen Bewegungen wachsam folgte, ließ nachlässig die Hand zu seinem Pistolenhalfter hinabgleiten. Jetzt stand le Subtil vorsichtig auf. Heyward fühlte, daß der Augenblick gekommen war, um zu handeln. Er stieg aus dem Sattel und sprach immer noch in vertraulichem Tone: »Le Renard Subtil ißt nicht. Ich will sehen, ob ich unter meinem Vorrat etwas finde, was ihm besser schmeckt.« Magua hielt die Reisetasche hin. Doch kaum fühlte er, daß Heywards Finger sich vorsichtig über seinen nackten Arm bewegten, da schlug er die Hand des jungen Mannes zurück und sprang mit einem großen Satz in das gegenüberliegende Dickicht. Im nächsten Augenblick erschien die Gestalt Chingachgooks und eilte dem Entflohenen nach. Kurz darauf folgte Unkas und dann wurde der Wald durch einen Feuerschein erhellt, dem ein scharfer Knall aus der Büchse des Jägers folgte. 5. Kapitel Die plötzliche Flucht des Irokesen und das wilde Geschrei der Verfolger setzten Heyward in Erstaunen. Auch er stürzte in das nahe Gebüsch, um sich an der Jagd zu beteiligen. Kaum hatte er aber einige Schritte zurückgelegt, als er bereits die drei Waldbewohner von ihrer fruchtlosen Verfolgung zurückkehren sah. »Warum so schnell den Mut verlieren?« rief er, »der Schurke muß sich hinter einem der Bäume verborgen haben.« »Wollt Ihr den Wind mit einer Wolke jagen?« fragte ärgerlich der Kundschafter. »Da, seht einmal diesen Strauch an, seine Blätter sind rot, und doch weiß jeder Mann, daß er nur im Monat Juli blüht.« »Das ist Blut von le Subtil! Er ist verwundet!« »Ich habe ihn leider nur leicht verwundet und dafür hüpft der Bursche um so länger«, entgegnete der Kundschafter. »Wir sind aber vier kräftige Männer gegen einen Verwundeten!« »Wollt ihr euer Leben verlieren?« unterbrach der Kundschafter. »Der rote Teufel brächte uns in den Bereich der Tomahawks seiner Gesellen, ehe wir uns von der Jagd erhitzt hätten. Kommt, Freunde, verlassen wir diesen Platz, sonst trocknen morgen um diese Stunde unsere Skalpe im Winde!« Diese kaltblütige Erklärung des Kundschafters erinnerte Heyward an die Wichtigkeit des Amtes, das er freiwillig übernommen hatte. Seine Einbildungskraft verwandelte jedes Gebüsch, jeden Stamm in menschliche Gestalten und oftmals glaubte er die furchtbaren Gesichter lauernder Feinde zu erkennen. »Was ist nun zu tun?« fragte er ziemlich hilflos. »Verlaßt mich nicht und helft die mir anvertrauten Damen verteidigen. Ich werde es euch lohnen!« Der Jäger und seine Begleiter, die sich in der Sprache Ihres Stammes berieten, achteten nicht seiner Worte, Ihre Unterhaltung wurde leise und vorsichtig geführt. Offenbar besprachen sie Maßnahmen, die das Wohl der Reisenden betrafen. Ungeduldig trat Heyward näher zu dieer Gruppe heran, um sein Anerbieten zu wiederholen. Da machte der Weiße mit der Hand eine Bewegung und sagte wie im Selbstgespräch: »Unkas hat recht! Es wäre unmenschlich, diese harmlosen Geschöpfe ihrem Schicksal zu überlassen. Die Mohikaner und ich wollen alles tun, um die beiden Damen vor Schaden zu bewahren und ohne Hoffnung auf andere Belohnung als solche, die Gott immer rechtschaffenem Handeln zuteil werden läßt. Zuvor müßt Ihr aber in Eurem Namen, wie auch für Eure Freunde zweierlei versprechen.« »Redet bitte!« »Erstens müßt ihr euch noch stiller verhalten als diese Wälder hier, möge auch geschehen, was will. Zweitens müßt Ihr uns versprechen, den Ort geheimzuhalten, wohin wir euch bringen werden.« »Ich verspreche Euch alles zu tun, um diese beiden Bedingungen zu erfüllen.« »So folgt mir denn.« Heyward folgte dem Kundschafter nach der Stelle, wo er die Reisegesellschaft zurückgelassen hatte. Dort machte er die ängstlichen Frauen mit den Bedingungen ihres neuen Führers bekannt. Schweigend ließen sich die Damen aus den Sätteln helfen und gingen schnell an den Rand des Wassers, wo sich bereits die Mohikaner befanden. »Was machen wir bloß mit den Pferden?« murmelte der Jäger. »Wir geben ihnen die Zügel frei und lassen sie im Walde laufen«, riet Heyward. »Nein, nein, es ist besser, wir leiten die Indianer irre.« Die beiden Indianer schienen den gleichen Gedanken wie der Kundschafter zu haben. Sie ergriffen die Zügel und führten die erschreckten Pferde in das Bett des Flusses hinab. In der Zwischenzeit zog der Kundschafter ein Kanu aus Baumrinde aus einem Versteck hervor und ließ die Frauen, Heyward und den Sänger einsteigen. Der Kundschafter stieß mit dem Fuß das Boot von dem Ufer in den Fluß und sprang dann selbst noch auf das Fahrzeug. Geschickt steuerte Falkenauge das Kanu, das sich bald dem Ufer näherte und bald wieder entfernte, um Felsblöcke oder tiefe Stellen zu vermeiden. Manchmal hielt er an und horchte aufmerksam, ob nicht ein Laut zu vernehmen war. Dann erst, als er sich überzeugt hatte, daß alles ruhig war, fuhr er vorsichtig weiter. Endlich erreichten sie eine Stelle in dem Fluß, in der Heyward eine Gruppe schwarzer Gegenstände bemerkte. Falkenauge beruhigte den jungen Mann und sprach: »Hier haben die Mohikaner die Pferde untergebracht. Das Wasser läßt keine Spur zurück.« Jetzt war die ganze Gesellschaft vereinigt und eine erneute Beratung zwischen dem Kundschafter und den Indianern erfolgte. Die Pferde waren an Sträuchern festgebunden und mußten im Wasser stehend so die ganze Nacht zubringen. Jetzt hieß der Kundschafter seine Begleiter sich in den vorderen Teil des Bootes setzen, während er sich selbst aufrecht an das andere Ende stellte. Die Indianer zogen sich zurück und der Kundschafter stemmte seine Ruderstange gegen einen Felsen und trieb mit kräftigem Stoß das gebrechliche Fahrzeug mitten in die wilde Strömung hinein. Mehrere Minuten tobte ein erbitterter Kampf zwischen dem leichten Boot und den Strudeln des Stromes. Voller Angst glaubten die Reisenden, daß sie kentern müßten, doch jedes Mal drückte die kräftige Hand des Steuermannes das Kanu der Strömung entgegen. Schon glaubte Alice, von dem Strudel am Fuße des Wasserfalles verschlungen zu werden, da blieb plötzlich das Kanu an der Seite eines flachen Felsens wie angewurzelt liegen. »Wo sind wir?« fragte aufatmend Heyward. »Ihr seid am Fuße des Glenns!« rief der Kundschafter mit lauter Stimme im Brausen des Wasserfalles, »Jetzt steigt schnell aus, denn ich muß noch die beiden Mohikaner und das Wildbret holen.« Sichtlich froh befolgten die Insassen des Bootes seine Weisung. Kaum hatte der letzte seinen Fuß auf den Felsen gesetzt, da steuerte der Kundschafter erneut das Fahrzeug in die wilde Strömung. Verlassen blieben die Reisenden einige Minuten in hilfloser Ungewißheit zurück. Doch bald lag das Kanu wieder an der Seite des flachen Felsens, und der Kundschafter sowie die beiden Indianer entstiegen ihm. »Jetzt haben wir eine Festung, eine Besatzung und Proviant! « rief erfreut Heyward. »Habt Ihr drüben auf dem Land etwas von Euren Irokesen gesehen?« »Irokesen hin, Irokesen her!« rief der Kundschafter mißgelaunt. »Jeder Eingeborene, der eine fremde Sprache spricht, gilt für mich als Feind. Wenn Webb von einem Indianer Treue und Redlichkeit verlangt, so hole er die Stämme der Delawaren und jage seine Irokesen zum Teufel.« Heyward bemerkte, daß der Kundschafter auf die Abstammung seiner roten Gefährten den größten Wert legte und bemühte sich, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ich sehe jetzt wohl, daß Eure zwei Begleiter vorsichtige und tapfere Krieger sind. Hörten oder sahen sie etwas von unseren Feinden?« »Einen Indianer spürt man vorher, ehe man ihn sieht«, antwortete der Kundschafter und stieg den Felsen hinan. Der Jäger nahm jetzt einige Geräte auf und verließ, von den Mohikanern begleitet, die Reisenden. Bald waren die drei Männer hinter der finsteren Wand eines senkrechten Felsens verschwunden. 6. Kapitel Heyward und seine Begleiter blieben voller Unruhe zurück. Wenn auch das Betragen des Jägers bis jetzt vollkommen einwandfrei war, so konnte doch sein wildes Aussehen, zusammen mit dem Wesen seiner beiden schweigsamen Genossen, Mißtrauen erregen. Da ließen sich plötzlich gedämpfte Männerstimmen vernehmen und ein plötzlicher Lichtstrahl enthüllte das Geheimnis des Ortes. An dem fernen Ende einer engen und tiefen Höhle saß der Kundschafter und hielt einen Fichtenbrand in der Hand. Der helle Schein des Feuers fiel auf sein verwittertes Gesicht. In seiner Nähe stand Unkas. Die Reisenden prüften aufmerksam die schlanke Gestalt des jungen Mohikaners. Zum ersten Male hatten Duncan und seine Gefährten Gelegenheit, die markanten Züge ihrer beiden indianischen Begleiter zu betrachten. Alice war sichtlich erstaunt über die stolze Haltung des jungen Indianers. »Ich könnte ruhig schlafen«, flüsterte Alice, »wenn ich diesen jungen Mann zu meiner Schildwache hätte. Bestimmt, Duncan, werden die grausamen Mordtaten und die furchtbaren Marterszenen nicht verübt, wenn einer wie er dabei wäre.« »Vertrauen wir, daß dieser Mohikaner unsere Hoffnungen nicht enttäuscht und sich als Freund erweist!« Das kurze Schweigen wurde durch den Kundschafter unterbrochen, der ihnen zurief, in die Höhle zu treten. »Sind wir sicher in dieser Höhle?« fragte Heyward, nachdem sie hineingegangen waren. »Ist kein Überfall zu befürchten? Hätte nicht ein einziger bewaffneter Mann am Eingang uns alle in seiner Gewalt?« Da schritt eine dunkle Gestalt aus der Finsternis hervor, ergriff einen Fichtenzweig und hielt ihn gegen das andere Ende des Versteckes. Es war Chingachgook. Er hob einen Vorhang, und er zeigte, daß die Höhle zwei Ausgänge hatte. »So alte Füchse, wie Chingachgook und ich, lassen sich nicht so leicht in einem Bau mit einem Ausgange fangen«, bemerkte Falkenauge lachend. »Der Wasserfall war früher einige Schritte unter uns. Der Platz hat eine eigenartige Umwandlung erfahren. Das Wasser hat sich tiefe Höhlen gegraben und ist dann um einige hundert Fuß zurückgetreten.« »So sind wir denn auf einer Insel?« »Ja! Zu beiden Seiten haben wir die Wasserfälle und um uns glänzt der Fluß. Wenn es Tag wäre, könnten wir auf die Höhe des Felsens treten und das Spiel des Wasser betrachten.« Nach Falkenauges Beschreibung waren die Reisenden über die Sicherheit des Versteckes merklich beruhigt und nahmen erfreut das einfache, aber kräftige Mahl ein. Unkas bediente die Damen und verrichtete diese kleinen Aufmerksamkeiten mit einer Mischung von Würde und Ängstlichkeit, die Heyward sehr belustigten. Chingachgook hatte sich ebenfalls näher in den Bereich des Lichtes gesetzt, und die häufigen unruhigen Blicke seiner Gäste ruhten auf ihm. Neben den Indianern saß der Kundschafter und ließ sich das Essen munden. »Kommt, Freund«, sprach Falkenauge zu dem Gesangmeister und zog unter einem Haufen Laub ein kleines Fläschchen hervor. »Versucht einmal dieses Getränk. Ich trinke auf gute Freundschaft – wie heißt Ihr eigentlich.« »David Gamut«, antwortete der Singemeister und tat einen kräftigen Schluck aus dem stark duftenden Gefäß. »Ein sehr guter Name. Was ist Euer Beruf?« »Ich bin Gesanglehrer in der Kunst, Psalmen zu singen.« »Ein seltener Beruf«, murmelte Falkenauge, in sich hineinlachend. »Laßt uns hören, was Ihr zu leisten vermöget.« »Mit höchster Freude stimm' ich ein«, versetzte David, holte sein Büchlein hervor und machte seine Brille zurecht. Dann sang er feierlich eine Hymne. Die beiden Frauen begleiteten ihn mit ihren hellen Stimmen. Während des Gesanges schauten die Indianer auf die Felsen und horchten aufmerksam, als ob sie in Stein verwandelt wären. Die harten Gesichtszüge des Kundschafters wurden weicher. Da ertönte plötzlich von draußen ein furchtbarer Schrei, der die Winkel der Höhle und die Herzen aller, die ihn vernahmen, durchdrang. Dann tiefe Stille, nur das Wasser rauschte. »Was war das?« fragte Heyward. Weder Falkenauge noch die Indianer gaben eine Antwort. Immer noch horchten sie, ob sich der Laut wiederhole. Dann unterhielten sie sich in der delawarischen Sprache, und Unkas verließ vorsichtig die Höhle. »Ich glaube, es gibt keinen Schrei, den Mensch oder Tier ausstoßen könnten, den mein Ohr nicht schon vernommen hätte«, sprach der Kundschafter. »Doch einen solchen Laut habe ich in den dreißig Jahren, in denen ich die Wälder durchzogen habe, noch nicht gehört. Nun Unkas?« fragte er den jungen Häuptling, der unterdessen wieder eingetreten war. Der Mohikaner antwortete kurz in delawarisch. »Da draußen ist nichts zu sehen«, fuhr Falkenauge fort. »Unser Versteck liegt noch in der Finsternis. Geht in die andere Höhle und versucht zu schlafen. Ehe morgen die Sonne aufgeht, müssen wir auf den Beinen sein.« Kora ging mit gutem Beispiel voran und zögernd folgte ihr Alice. »Verlassen Sie uns nicht, Duncan«, sprach Alice. »Noch immer tönt uns der schreckliche Schrei in den Ohren. Aber es gibt auch noch andere Sorgen, die uns nicht schlafen lassen. Wir müssen immer wieder an unseren Vater denken, der nicht weiß, wo sich seine Kinder in der Wildnis aufhalten.« »Er ist Soldat und weiß, was einem in den Wäldern alles begegnen kann. Als er von Ihrer Ankunft in Fort ›Edward‹ hörte«, sprach Heyward freundlich weiter, »war er sehr unentschlossen, wie er sich verhalten solle. Doch die Liebe zu seinen Kindern gewann die Oberhand. Immer wieder sprach er von seinen beiden Töchtern. Einmal sagte er –« Duncan sprach nicht weiter, denn plötzlich erscholl wieder der laute gräßliche Schrei wie zuvor. Voll ängstlicher Erwartung blickten die beiden Frauen Heyward an, ob sich dieser furchtbare Schrei wiederhole. Da hob sich langsam die Decke und der Kundschafter stand in der Öffnung mit einer Miene, die zeigte, daß er die sie bedrohende Gefahr richtig erkannt hatte. 7. Kapitel »Es wäre unverantwortlich«, sprach der Kundschafter, »wenn wir länger hier im Verstecke blieben, während solche Schreie im Walde zu hören sind. Die Frauen mögen hierbleiben, während wir Männer auf dem Felsen Wache halten werden.« »Ist denn die Gefahr so groß?« fragte Kora. »Lady«, sprach feierlich der Jäger, »ich kenne seit über dreißig Jahre alle Geräusche und Töne in den Wäldern und mein Ohr ist darauf besonders geschult, denn es hängt oftmals Leben und Tod davon ab. Aber weder die Mohikaner noch ich vermögen uns jene Töne zu erklären.« Die Männer traten jetzt aus der Höhle. Ein leiser Abendwind wehte über dem Fluß. Der Mond war aufgegangen und sein Licht schimmerte auf dem Wasser. Der untere Teil des Felsens, auf dem sie standen, lag noch im Schatten. Nur das Rauschen des herabstürzenden Wassers war zu hören. Vergeblich richteten sich alle Augen auf die engegengesetzten Ufer, um vielleicht doch irgendwelche Anzeichen zu finden, die die Störung erklären konnten. »Es ist nichts zu sehen und zu hören«, flüsterte Duncan. Doch kaum hatte er diese Worte gesprochen, als wieder derselbe Schrei ertönte. »Hat jemand jemals solch eigenartige Töne gehört?« fragte Falkenauge, als sich das letzte Echo in den Wäldern verloren hatte. »Hier ist jemand, der euch Aufklärung geben kann«, sprach Duncan. »Es ist der schreckliche Angstschrei eines Pferdes im Todeskampf. Mein Pferd ist entweder in den Krallen von Bestien des Waldes oder es wittert Gefahr, ohne ihr entrinnen zu können. Jetzt im Freien erkenne ich den Laut genau, ohne mich zu irren.« Der Kundschafter und seine Gefährten hörten aufmerksam diese Erklärung an. Die Indianer bekräftigten ihre zustimmende Auffassung mit einem »Howgh!« »Ich kann Euren Worten nicht widersprechen«, erwiderte der Jäger. Dann sprach er zu Unkas gewandt in delawarisch: »Fahre mit dem Kanu hinunter und wirf einen Feuerbrand unter die Wölfe, sonst haben wir morgen früh keine Pferde mehr.« Der junge Eingeborene war an das Wasser hinabgestiegen, als ein langes Geheule vom Ufer des Flusses zu hören war. Es schien, als ob die Raubtiere, von plötzlichem Schrecken ergriffen, freiwillig ihre Beute im Stiche ließen. Unkas kam sofort zurück, und die drei Waldbewohner hielten erneut eine leise Beratung ab. »Jetzt beginnen wir wieder klarzusehen und wir müssen jetzt eingehend überlegen«, sprach Falkenauge. Instinktiv richtig hatte der Kundschafter die Gefahr der augenblicklichen Lage erkannt. Doch er war bereit, ihr zu trotzen. Das gleiche Gefühl teilten auch die Mohikaner. Sie setzten sich so nieder, daß sie beide Ufer überschauen konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Heyward bereitete für die beiden Frauen und sich eine einfache Lagerstatt und hieß die beiden Schwestern sich niederlegen. Auch David folgte diesem Beispiel. So vergingen mehrere Stunden, ohne weitere Unterbrechungen. Der Mond goß sein fahles Licht auf die ruhige Landschaft. Außer den Waldbewohnern waren alle in tiefen Schlaf versunken. Falkenauge und die beiden Mohikaner aber wachten. Unbeweglich wie der Fels lagen sie da, während ihre Augen unablässig die Umgebung musterten. Als der Mond untergegangen war und ein blasser Lichtstreif über den Gipfeln der Bäume den Anbruch des Tages verkündete, rührte sich der Jäger zum ersten Male. Er kroch zu Duncan und rüttelte ihn aus seinem tiefen Schlaf. »Es ist Zeit zum Aufbruch«, flüsterte Falkenauge. »Weck die Frauen und haltet euch bereit, in das Kanu zu steigen, das ich holen werde.« In dem Augenblick, da Heyward die Schwestern wecken wollte, erscholl ein gellendes Geheul. Es war, als ob alle Dämonen der Hölle die Luft mit ihren barbarischen Tönen erfüllten. Mitten in diesem Lärm erhob sich David, trat aus der Höhle und rief, mit beiden Händen die Ohren schließend: »Woher kommen diese Mißtöne, ist hier die Hölle los?« Der Knall von wohl zwölf Büchsen am entgegengesetzten Ufer des Stromes folgte und streckten den armen Singemeister, der sich so bloßgestellt hatte, besinnungslos auf den Felsen nieder. Die Mohikaner erwiderten sofort das Geheul der Feinde, die in ein wildes Triumphgeschrei ausbrachen, als sie David fallen sahen. Die Schüsse folgten jetzt schnell und ununterbrochen. Voller Ungeduld horchte Duncan, ob sich nicht Ruderschläge hören ließen. Schon glaubte er, daß der Kundschafter sie im Stich gelassen hätte. Da ertönte aus dem Felsen der Knall eines Schusses und ein Schmerzensschrei verkündete, daß Falkenauges Büchse ihr Opfer gefunden hatte. Nach diesem Verlust zogen sich die angreifenden Indianer plötzlich zurück, und allmählich wurde es so still, wie es vordem gewesen war. Duncan benutzte die Gelegenheit, den verletzten David in den Schutz einer Felsspalte zu tragen. Kurze Zeit darauf waren alle an dieser Stelle versammelt. »Der arme Bursche hat Glück gehabt, er hat seinen Skalp gerettet«, sprach der Kundschafter. »Bring ihn in die Höhle, Unkas, und leg ihn nieder! Er wird bald wieder zu sich kommen.« »Glaubt Ihr, daß die Wilden einen neuen Angriff wagen?« fragte Heyward. »Da sie einen Mann verloren haben, werden sie mit neuen Listen und Tücken bald wiederkommen. Unsere einzige Hoffnung kann nur sein, den Felsen so lange zu halten, bis Munro uns Hilfe schickt.« Duncan führte die Schwestern in die Höhle und bat sie, die nächste Zeit hier auszuharren. David schien bereits das Bewußtsein wiederzuerlangen und Heyward empfahl den Frauen, ihn zu pflegen. Dann begab er sich wieder zu Falkenauge und den Mohikanern, die immer noch in der Felsenspalte zwischen den beiden Höhlen lagen. Lange Zeit verging, ohne daß ein neuer Angriff unternommen wurde. Schon glaubte Duncan, daß ihr Feuer die Feinde zurückgetrieben habe. Als er seine Auffassung Falkenauge mitteilte, schüttelte dieser ungläubig den Kopf. »Ihr kennt den Magua nicht, wenn Ihr glaubt, daß er sich so leicht ohne Skalp zurückschlagen lasse. Wenn an diesem Morgen auch nur einer dieser Teufel sein Geheul erhob, so waren doch bestimmt wenigstens vierzig dabei. Sie kennen unsere Zahl und unsere Lage genau und werden deshalb die Jagd nicht so bald aufgeben. – Doch da seht! Die satanischen Wagehälse versuchen den Strom herabzuschwimmen. Wenn wir Pech haben, so erreichten sie bereits die Spitze der Insel.« Kaum hatte der Kundschafter zu sprechen aufgehört, als vier Menschenköpfe über ein paar Stämmen Treibholz ragten, die sich an den nackten Felsen angelegt hatten. Im nächsten Augenblick erschien noch ein fünfter am Rande des Wasserfalles. Der Wilde kämpfte mit allen Kräften und versuchte, seine Gefährten zu erreichen. Plötzlich wurde er von der wirbelnden Strömung fortgerissen. Mit aufgehobenen Armen und starren Augen stürzte er in den tief gähnenden Abgrund hinunter. Ein wilder Aufschrei erscholl, und dann war wieder alles so still wie zuvor. Doch bald darauf ertönte aus den Wäldern ein neues lautes Geschrei. Auf dieses Zeichen hin sprangen die vier Wilden aus dem Verstecke des Treibholzes hervor. Heyward wollte ihnen entgegenstürmen, doch wurde er durch die Besonnenheit des Kundschafters und Unkas zurückgehalten. Als die anstürmenden Indianer nahe genug herangekommen waren, erhob Falkenauge langsam seine Büchse und schoß. Gleich darauf feuerte auch Unkas und zwei der Angreifer stürzten nieder. Im gleichen Augenblick sprangen der Kundschafter und Heyward den verbliebenen beiden Indianern entgegen. Es entstand sofort ein furchtbarer Kampf Mann gegen Mann. Falkenauge und sein Gegner hatten die erhobene, mit dem tödlichen Messer bewehrte Hand des anderen aufgefangen. Nur langsam gewannen die zähen Muskeln des Weißen die Oberhand über den weniger geübten Eingeborenen. Plötzlich entriß Falkenauge seine bewaffnete Hand dem schwächer werdenden Griff seines Feindes und stieß ihm die scharfe Waffe in das Herz. Unterdessen kämpfte Heyward mit einem nicht weniger gefährlichen, ebenbürtigen Gegner. Es entstand ein wildes Ringen. Jeder versuchte den anderen von der schwindelnden Höhe in den Abgrund des Wasserfalles hinabzustürzen. Die beiden Kämpfenden boten alle ihre Kräfte auf, und jeder neue Versuch brachte sie dem Rande des Absturzes näher. Schon spürte Heyward den Griff des anderen an seiner Kehle. Da fühlte er, daß sein Körper einer unwiderstehlichen Kraft zu unterliegen drohte. In dieser höchsten Not fuhr plötzlich eine dunkle Hand und ein glänzendes Messer zwischen ihn und seinen Gegner. Sein Feind ließ los; ihm waren die Sehnen der Handgelenke durchschnitten und das Blut floß in Strömen. Unkas rettender Arm riß Duncan zurück, während der Hurone in den vernichtenden Abgrund stürzte. »Ins Versteck! Ins Versteck!« schrie Falkenauge, »wenn euch euer Leben lieb ist!« Der junge Mohikaner erhob ein lautes Triumphgeschrei und eilte, von Duncan gefolgt, in den Schutz der Felsen und Sträucher zurück. 8. Kapitel Der Zuruf des Kundschafters war nicht überflüssig. Kaum war der Kampf entschieden, da erhob sich ein wildes Geheul. Bald blitzte es unaufhörlich aus den Büchsen der Wilden. »Mögen sie ihr Pulver verschießen«, sprach der Kundschafter. »Doch Unkas, verschwende nicht soviel Pulver! Eine Büchse, die stößt, schießt niemals eine sichere Kugel.« Ein ruhiges Lächeln erheiterte die stolzen Züge des jungen Mohikaners. Er ertrug die Zurechtweisung, ohne darauf etwas zu erwidern oder sich zu verteidigen. »Ich kann nicht zugeben, daß Ihr Unkas Mangel an Scharfblick und Geschick unterstellt«, sprach Duncan. »Er hat mir kaltblütig das Leben gerettet und sich damit zu meinem Freunde gemacht!« Unkas erhob sich etwas, um Heywards dargebotene Hand zu drücken. Falkenauge, der diesen Gefühlsausbruch freundlich ansah, erwiderte: »Oftmals verdanken sich Freunde in der Wildnis gegenseitig das Leben. Auch ich habe Unkas schon mehrere Male diesen Dienst erwiesen und ich weiß, daß auch er sehr oft zwischen mir und dem Tod gestanden hat.« »Diese Kugel war gut gezielt!« rief plötzlich Duncan, der unwillkürlich vor einem Schuß zurückfuhr. Der Jäger griff nach dem Metall und schüttelte bei der Untersuchung den Kopf. »Fallendes Blei drückt sich nie platt«, sprach er. »Wenn es aus den Wolken käme, ließ ich es mir gefallen.« Da erhob Unkas seine Büchse nach oben. Die Blicke seiner Gefährten folgten ihr in der angegebenen Richtung. Im Geäst einer großen Eiche, die etwas entfernt von ihnen stand, hatte sich ein Wilder eingenistet, der diesen Schuß abgefeuert hatte. »Diese Teufel werden noch den Himmel ersteigen«, sprach Falkenauge. »Unkas, ruf deinen Vater herbei. Wir brauchen alle Waffen, um diesen Burschen von den Ästen herabzuschütteln.« Kaum hatte Unkas einen Pfiff ertönen lassen, als Chingachgook schon bei ihnen erschien. Falkenauge und die Mohikaner berieten in delawarischer Sprache. Dann nahmen sie ruhig ihre Posten ein, um den verabredeten Plan auszuführen. Der Indianer, der in der Eiche saß, hatte seit seiner Entdeckung ein ständiges, aber unwirksames Feuer unterhalten. Die Kugeln seiner Büchse schlugen neben den Verteidigern ein. Heywards Uniform wurde wiederholt getroffen und er blutete bereits aus einer leichten Wunde am Arm. Da entdeckte das scharfe Auge der Mohikaner durch das Laubwerk die Umrisse seiner Beine. Gleichzeitig feuerten ihre Büchsen. Da sank der Körper auf das getroffene Bein und die Gestalt des Huronen kam zum Vorschein. Schnell benutzte der Kundschafter diesen Vorteil und feuerte sein Gewehr ab. Die Blätter der Eiche bewegten sich, die gefährliche Büchse des Wilden fiel herab, und bald zeigte sich der Hurone. Frei in der Luft schwebend, hielt er verzweifelt noch einen knorrigen Ast des Baumes umklammert. Die Augen aller, ganz gleich ob Freund oder Feind, waren auf die hoffnungslose Lage des Unglücklichen gerichtet, der zwischen Himmel und Erde schwankte. Endlich ließ der Hurone eine Hand los, die schlaff herunterfiel. Verzweifelt versuchte er den Ast wieder zu fassen, doch vergeblich griff er in der leeren Luft umher. Da krachte ein Schuß aus der Büchse des Jägers. Die Glieder des Huronen zitterten, das Haupt sank auf die Brust herab und dann stürzte der Leichnam in die schäumenden Wasser. »Es war die letzte Kugel aus meiner Tasche«, sprach Falkenauge. »Unkas, geh hinab zu dem Kanu und bring das große Pulverhorn, es befindet sich darin der Rest, den wir noch besitzen.« Der junge Mohikaner verließ den Kundschafter. Doch bald erschall ein lauter Schrei aus Unkas' Mund. Der ungewohnte Ruf ließ auch die Schwestern und den verwundeten David aus ihrem Versteck herbeieilen. In einiger Entfernung von dem Felsen trieb die kleine Barke durch den Strudel des Flusses, und alles deutete darauf hin, daß sie durch eine verborgene Kraft gelenkt wurde. »Es ist zu spät!« rief Falkenauge. »Der Schurke hat die Strömung gewonnen. Selbst wenn wir Pulver hätten, könnte unsere Kugel ihn nicht mehr erreichen.« Der wagehalsige Hurone erhob jetzt den Kopf über die Wandung des Kanus und stieß einen Jubelschrei aus. Sein Ruf wurde durch Geheul und Gelächter aus den Wäldern beantwortet. »Was ist jetzt zu tun?« fragte Duncan. »Wir müssen die Höhlen verteidigen und eine Landung verhindern.« »Mit was?« fragte kaltblütig der Kundschafter. »Mit Unkas Pfeilen oder mit Weibertränen?« »Unsere Lage kann doch nicht so hoffnungslos sein«, sprach Duncan. »Ich sehe keine Feinde mehr! Vielleicht wollen sie gar nicht mehr kämpfen.« »In einer Stunde schon können diese listigen Schlangen kommen«, erwiderte Falkenauge. »Dann werden sie über den Tod des weißen Mannes triumphieren. Aber ich werde sterben, wie es eines Mannes meiner Farbe geziemt.« »Warum sterben?« fragte Kora und trat aus der Höhle hervor. »Flieht in die Wälder! Bitte geht, wir verdanken euch bereits zuviel.« »Ihr kennt die Irokesen nicht, Lady«, erwiderte Falkenauge. »Der Fluß könnte uns freilich aus dem Bereiche ihrer Büchsen bringen.« »So versucht es mit dem Fluß! Geht und sagt Munro, unserem Vater, daß Ihr uns mit dem Auftrag verlassen habt, eilig Hilfe zu holen«, versetzte eifrig Kora. »Sagt ihm ferner, daß wir in die Wildnis verschleppt, durch Wachsamkeit und Eile doch noch gerettet werden könnten.« Um die harten, verwitterten Züge des Kundschafters ging ein Zucken. Er stützte das Kinn auf seine Hände und schien über den Vorschlag nachzudenken. »Die Worte sind vernünftig«, sprach er endlich für sich. Dann unterhielt er sich eingehend mit den beiden Mohikanern. Chingachgook hörte mit feierlichem Ernste seinen Worten zu. Nach einigem Zögern gab er durch ein Zeichen mit der Hand seine Zustimmung. Dann steckte der Krieger sein Messer und seinen Tomahawk in den Gürtel und schritt dem Strome zu. Im gleichen Augenblick warf er sich in die Fluten und war den Augen der Zuschauer entschwunden. Der Kundschafter sprach noch einige Worte mit Kora, dann schüttelte er ihre Hand, hob seine Büchse auf und betrachtete sie liebevoll einen Augenblick. Dann ließ er sich wie Chingachgook in das Wasser fallen und war sofort verschwunden. Endlich stürzte sich auch der junge Häuptling in den wilden Strom. Nachdem sich die drei Waldbewohner dem tobenden Wasser anvertraut hatten, schritt Kora zu Heyward. »Ich weiß, Duncan, daß auch Sie gut schwimmen können«, sprach sie. »Folgen Sie diesen treuen Männern nach.« »Ist das Treue, die Kora Munro von mir fordert?« fragte der junge Offizier. »Für uns können Sie jetzt nicht von Nutzen sein. Dagegen können Sie Ihr kostbares Leben für andere und Ihre Freunde retten.« Duncan antwortete nicht. Kora drang nicht weiter in ihn, verhüllte ihr Gesicht mit einem Schal und zog sich mit ihrer Schwester wieder in das Innere der Höhle zurück. 9. Kapitel Vergebens lauschte Heyward auf irgendein Geräusch. Alles blieb still. Nichts war zu sehen oder zu hören. Die frische Morgenluft drang in ihr gemeinsames Versteck, und ihr stärkender Einfluß wurde wohltuend von den Bewohnern empfunden. So verging die Zeit. Da erhob sich plötzlich draußen ein lautes Geschrei. Mitten in diesem Tumult ließen sich Schritte hören, die nur wenig von der Höhle entfernt sein konnten. Schon glaubte Heyward, daß sie entdeckt worden seien. Da kündete ein erneuter Aufschrei der Wilden, daß sie etwas Besonderes erspäht haben mußten. Mit einem Mal riefen Stimmen durcheinander: »Die Lange Büchse, Wildtöter, die Lange Büchse!« Anscheinend hatten die Huronen das Gewehr des Jägers gefunden. Da ließen auch Geräusche vermuten, daß die Indianer den Eingang der nebenliegenden Höhle entdeckt hatten. Endlich nach längerer Zeit ängstlichen Wartens schien Ruhe einzutreten. Schon glaubten die Insassen der Höhle, daß die Gefahr vorüber sei, und wagten wieder neuen Mut zu schöpfen. Doch da öffnete sich der hintere Eingang der Höhle, und das grimmige Gesicht eines Wilden wurde sichtbar. Es war Le Renard Subtil, der über seine Entdeckung frohlockte. In diesem Augenblick hob Duncan seine Pistole und gab Feuer. Vom Knall des Schusses erdröhnte die Höhle. Als der Rauch sich verzogen hatte, war die Stelle leer, an der vorher das Gesicht des Verräters zu sehen war. Unter den Wilden herrschte Totenstille. Da erhob Renard ein langes Geschrei, das von allen Indianern beantwortet wurde. Im gleichen Augenblick stürzten von allen Seiten die Wilden in die Höhle. Die Indianer schleppten die Insassen des Versteckes an das Tageslicht und triumphierend umstanden die Huronen ihre Gefangenen. Als sich Duncan von dem Schrecken erholt hatte, stellte er fest, daß bis jetzt weder den Schwestern noch ihm durch die Wilden Leid zugefügt worden war. Nachdem die Huronen vergeblich längere Zeit die Höhlen durchforscht hatten, begaben sie sich zu den Gefangenen. Widerstrebend sprach Heyward seinen alten Führer an: »Le Renard Subtil ist ein großer Krieger. Er möge mir erklären, was die Sieger von mir wissen wollen.« »Sie fragen nach dem großen Jäger, der die Pfade der Wälder kennt«, antwortete Magua. Da erschollen von mehreren Wilden wieder Rufe: »Die Lange Büchse!« »Ihr hört«, sprach Magua, »die Huronen rufen nach dem Leben der ›Langen Büchse‹, oder sie nehmen das Blut derer, die ihn verborgen halten.« »Er ist fort, er ist entronnen!« Magua schüttelte ungläubig den Kopf. »Ist er ein Vogel oder ein Fisch? Der weiße Häuptling hält die Huronen für Narren.« »Die ›Lange Büchse‹ ist kein Fisch, der Jäger kann aber gut schwimmen.« »Warum blieb der weiße Häuptling zurück?« fragte immer noch ungläubig der Indianer. »Der weiße Mann glaubt, daß nur Feiglinge ihre Weiber im Stich lassen.« Magua murmelte einige unverständliche Worte und fuhr dann fort: »Können die Delawaren ebensogut schwimmen? Wo ist die ›Große Schlange‹ und wo ist der ›Flinke Hirsch‹?« »Wenn du damit die beiden Delawaren meinst, so muß ich dir sagen, daß auch sie den Fluß hinabgeschwommen sind.« Die Huronen hatten das Gespräch geduldig abgewartet. Jetzt verdolmetschte Magua die Unterhaltung. Kaum hatten sie von der gelungenen Flucht erfahren, da erhoben sie ein furchtbares Geschrei und zeigten damit ihre ohnmächtige Wut. Heywards Besorgnisse, daß die Wilden tätlich gegen die Gefangenen werden könnten, milderten sich, als er sah, daß der Häuptling seine Krieger zu einer Beratung versammelte. Einige Huronen brachten das Kanu, mit dem sie die Felseninsel erreicht hatten, in das Wasser. Dann winkte der Häuptling den Gefangenen, in das Boot zu steigen. Heyward, der einsah, daß Widerstand zwecklos wäre, folgte dem Verlangen. Er schritt voran in das Kanu. Bald ließen sich auch die Schwestern und der verblüffte David nieder. Nachdem der indianische Steuermann seinen Platz eingenommen hatte, sprangen die anderen Wilden in den Fluß. Bald war das Kanu an der Stelle, wo man die Pferde zurückgelassen hatte. Das Boot legte an und die Gefangenen mußten aussteigen. Der Häuptling bestieg Heywards Pferd und verschwand mit dem größten Teil seiner Leute in die Wälder. Mit sechs anderen Huronen zusammen wurde Le Renard Subtil die Obhut über die Gefangenen anvertraut. Aufmerksam hatte Heyward den Abzug der anderen Gruppe beobachtet. Um aber über das weitere Schicksal der Gefangenen Klarheit zu erhalten, überwand Duncan erneut seinen Widerwillen gegen Magua. Er trat zu ihm und sprach möglichst freundschaftlich: »Ich wünsche mit Magua Worte zu sprechen, die nur ein großer Häuptling hören darf.« »Sprich, wenn deine Worte so sind, daß sie Magua hören kann!« »Le Renard Subtil hat sich des ehrenvollen Namens, den ihm seine kanadischen Väter gaben, würdig erwiesen«, begann Heyward. »Ich erkenne seine Weisheit und alles, was er für uns getan hat. Ich werde an ihn denken, wenn die Stunde seiner Belohnung kommt.« »Was hat Renard getan?« fragte der Indianer. »Wie? Hat Le Renard nicht gesehen, daß die Wälder mit Feinden angefüllt waren? Verlor er nicht den Pfad, um die Augen der Huronen zu täuschen? Sagte er nicht, daß er zu seinem Stamme zurückkehren wolle? Ist das alles nicht wahr? Ließen die Huronen ihn nicht mit ihren Gefangenen allein? Will er nicht dem reichen Vater seine Töchter wiederzuführen? Der Befehlshaber von ›William Henry‹ wird ihn für seinen Dienst belohnen! Magua wird Gold haben, soviel er will! Auch ich werde die Weisheit Maguas besonders belohnen.« »Was will der junge Häuptling geben?« fragte der Hurone. »Ich will das Feuerwasser in Maguas Wigwam schneller fließen lassen, als der brausende Hudson strömt!« Le Renard hatte Heywards Rede stillschweigend zugehört. Der Hurone besann sich einige Augenblicke, dann legte er seine Hand auf den Verband seiner verwundeten Schulter und fragte: »Machen Freunde solche Zeichen? Schießt der weiße Häuptling sein Pulver in das Gesicht seiner Brüder?« »Glaubt Magua, daß seine Freunde ihr Ziel verfehlen werden, wenn sie ihn töten wollten?« fragte Duncan aufrichtig lächelnd. Eine längere Pause folgte diesem Gespräch. Duncan bemerkte, daß der Indianer unschlüssig war. Schon wollte er nochmals die in Aussicht gestellten Belohnungen aufzählen, als Magua seinem Vorhaben zuvorkam. »Le Renard ist ein weiser Häuptling. Geh und halte den Mund geschlossen! Wenn Magua spricht, wird es Zeit zur Antwort sein.« Bald gab Magua das Zeichen zum Aufbruch und trat selbst als Führer an die Spitze des Zuges. Dann folgten die Gefangenen. Ihnen zur Seite schritten die Indianer. Der Weg ging nach Süden, der Richtung von »William Henry« entgegengesetzt. Meile auf Meile wurde in den weiten Wäldern zurückgelegt und noch war das Ende der Reise nicht abzusehen. Kora erinnerte sich der Mahnung des Kundschafters und streckte von Zeit zu Zeit die Hand aus, um kleine Zweige zu zerknicken. Doch bald wurde ihre Absicht von den Indianern erkannt, so daß sie in Zukunft keine weiteren Spuren zu hinterlassen wagte. Ohne einen anderen Führer als die Sonne zu haben, verfolgte Magua unbeirrt seinen Weg durch die hohen Fichtenwälder und kleinen Täler. Es schien, als ob ihm Ermüdung völlig unbekannt sei. Nachdem sie durch ein tiefes Tal mit einem rauschenden Bache gekommen waren, stieg er plötzlich auf einen Hügel. Als sie den Gipfel erreicht hatten, weilten sie auf einer geräumigen Fläche, die nur wenig von Bäumen bewachsen war. Magua hatte sich bereits im Schatten eines Baumes niedergelegt, als wolle er Ruhe suchen, deren sie so bedürftig waren. 10. Kapitel Der Hügel war hoch und abschüssig und sein Gipfel war abgeplattet. Seine Höhe und Form machten eine Verteidigung leicht und einen Überfall fast unmöglich. Da Heyward nicht mehr auf eine Befreiung hoffte, betrachtete er gleichgültig diese Eigentümlichkeiten. Die Pferde weideten das wenige Gestrüpp auf dem Hügel ab. Trotz des schnellen Marsches hatte einer der Indianer ein Hirschkalb erlegt. Ohne Zubereitung wurde das Fleisch in rohem Zustande von den Wilden verschlungen. Magua hielt sich von seinen Genossen entfernt und schien in tiefes Nachdenken versunken. Heyward versuchte nochmals den Huronen in seinen Gedanken zu bestärken. »Wird der Häuptling von ›William Henry‹ nicht mehr erfreut sein, wenn er seine Töchter noch heute wiedersieht? Eine zweite Nacht könnte sein Herz erhärten und seine Geschenke gäbe er weniger gern.« »Lieben die Bleichgesichter ihre Kinder weniger am Morgen als am Abend?« fragte der Indianer. »Das Herz des weißköpfigen Häuptlings ist sanft zu seinen Kindern, doch hart gegen seine Krieger!« »Er ist streng gegen die Bösen, aber gerecht gegen die Guten.« Heyward schwieg. Er konnte sich den eigenartigen Ausdruck nicht erklären, der die Züge des Indianers verfinsterte. »Geh!« sprach der Hurone. »Sage der schwarzlockigen Tochter, daß Magua sie sprechen will!« Duncan glaubte nach diesen Worten des Wilden, daß er sich nochmals der versprochenen Gaben versichern wolle, und holte Kora herbei. Der Indianer stand langsam von seinem Sitze auf und verharrte fast eine Minute schweigend vor ihr. Dann gab er Heyward mit der Hand ein Zeichen, sich zurückzuziehen. Nachdem der junge Offizier gegangen war, sprach Kora: »Was will Le Renard der Tochter Munros sagen?« »Hör!« antwortete der Indianer und legte seine Hand fest auf ihren Arm. »Magua wurde als Häuptling unter den Huronen geboren. Er sah die Sonnen von zwanzig Sommer und den Schnee von zwanzig Winter, ehe er ein Blaßgesicht erblickte, und er war glücklich! Dann kamen seine kanadischen Väter in die Wälder und gaben ihm Feuerwasser zu trinken und er wurde ein Bösewicht. Die Huronen trieben ihn von den Gräbern seiner Väter. Er rannte zu den Ufern der Seen hinab. Hier jagte und fischte er, bis das Volk ihn zurück durch die Wälder in die Arme seiner Feinde trieb. Der Häuptling, der ein geborener Hurone war, wurde jetzt ein Krieger unter den Mohawks.« »Ich habe früher davon gehört«, sagte Kora. »Ist es Le Renards Schuld, daß sein Haupt nicht aus einem Felsen geschaffen war? Wer gab ihm das Feuerwasser? Wer machte ihn zu einem Bösewichte? Die Blaßgesichter, das Volk deiner Farbe tat es!« »Bin ich verantwortlich dafür, daß es auch unter den weißen Menschen Bösewichte gibt?« fragte Kora ruhig den aufgeregten Wilden. »Hör!« wiederholte der Indianer. »Als seine englischen und französischen Väter das Kriegsbeil aus der Erde gruben, zog Le Renard mit den Mohawks und kämpfte gegen seine eigene Nation. Dein Vater war der große Anführer unserer Kriegspartei. Er machte ein Gesetz, wonach ein Indianer, der Feuerwasser tränke und in die Zelte seiner Krieger käme, bestraft werde. Magua öffnete den Mund und das Feuerwasser führte ihn in Munros Hütte. Was tat der Graukopf? Seine Tochter soll es sagen!« »Er übte Gerechtigkeit und bestrafte den Schuldigen«, sprach das Mädchen. »Ist das Gerechtigkeit«, rief der Indianer, »wenn man das Übel schafft und dann dafür bestraft! Magua war es nicht selbst! Das Feuerwasser sprach und handelte für ihn. Aber Munro glaubte es nicht. Der Huronenhäuptling wurde vor allen Kriegern gebunden und wie ein Hund durchgepeitscht!« Kora schwieg. Sie wußte nicht, wie sie ihm gegenüber das Verhalten ihres Vaters rechtfertigen sollte. »Sieh«, fuhr Magua fort, »hier sind Narben von Messern und Kugeln, deren ich mich vor meiner Nation rühmen kann. Aber hier auf dem Rücken des Huronenhäuptlings hat dein Vater Spuren hinterlassen, deren ich mich schämen muß!« »Wenn mein Vater dir Unrecht tat, so zeige ihm, daß ein Indianer vergeben kann, und bring ihm seine Töchter zurück! Du hast von Major Heyward gehört, daß wir dich belohnen werden.« Magua schüttelte den Kopf. »Was willst du also haben?« fragte Kora nach einer Weile. »Was ein Hurone liebt! Gutes für Gutes, Böses für Böses! Als Magua sein Volk verließ, wurde sein Weib einem anderen Häuptling gegeben. Er hat jetzt wieder Freunde unter den Huronen und will zu ihnen zurückkehren. Die Tochter des englischen Häuptlings soll mit ihm gehen und in seinem Wigwam leben.« Kora war über diesen Vorschlag empört, doch sie beherrschte sich und antwortete: »Magua hätte keine Freude, seine Hütte mit einem Weibe zu teilen, das er nicht liebt. Es wäre besser, er nähme Munros Gold und kaufte sich das Herz eines Huronenmädchens.« Der Indianer sah sie finster an und antwortete boshaft: »Als die Hiebe auf dem Rücken des Huronen brannten, wußte er, wo er das Weib suchen mußte, um für diese Schmerzen zu büßen. Die Tochter Munros sollte sein Wasser schöpfen, sein Kornfeld hacken und sein Wildbret kochen.« »Ungeheuer!« rief Kora. »Nur ein Teufel konnte solche Rache ersinnen!« Für Magua war dieses Gespräch beendet, er verließ sie und trat zu seinen indianischen Begleitern. Der Hurone redete sie mit der Würde eines indianischen Häuptlinges an. Da Magua sich seiner Muttersprache bediente, konnten die Gefangenen nur aus den Gebärden auf den Inhalt seiner Worte schließen. Anfangs waren die Worte und Bewegungen des Huronen ruhig und bedächtig. Dann aber erhob er seine Stimme und sprach von den Weibern und Kindern der Erschlagenen und von ihrem Elend und dem Unglück, das noch nicht gerächt sei. »Sind die Huronen Hunde, daß sie so etwas ertragen müssen?« rief er aus. »Was soll man den alten Männern sagen, wenn sie nach Skalpen fragen und wir ihnen kein Haar eines Blaßgesichtes zeigen können? Die Weiber werden mit Fingern auf uns zeigen. Ein schwarzer Flecken haftet auf dem Namen der Huronen, der nur mit Blut abgewaschen werden kann!« Seine Stimme verhallte unter dem Rachegeschrei der Wilden. Auf einen Wink sprangen sie auf und stürzten mit gezückten Messern und erhobenem Tomahawk auf die Gefangenen. Heyward stellte sich zwischen die Schwestern und die Angreifer. Zwei starke Krieger stürzten sich auf Heyward und ein dritter bemächtigte sich des Singemeisters. Keiner der Gefangenen unterlag ohne einen verzweiflungsvollen Kampf. Nachdem die Gefangenen überwältigt worden waren, band man jeden einzelnen an einen Baum. Die Huronen trafen nun Vorbereitungen, um die Wehrlosen zu martern. Einige suchten Äste zusammen, um einen Holzstoß zu errichten. Einer von ihnen schnitzte Splitter einer Fichte, um sie brennend den Gefangenen ins Fleisch zu stoßen. Doch Maguas Rache war noch nicht befriedigt. »Was sagt die Tochter Munros?« rief er. »Ist ihr Haupt noch zu gut, um ein Kissen in dem Wigwam Le Renards zu sein?« »Was will das Ungeheuer?« fragte erstaunt Heyward. »Er ist ein Wilder und weiß nicht, was er tut«, entgegnete Kora. »Sprich, Kora, was will der Hurone?« fragte Alice mit zitternder Stimme. Einige Augenblicke ruhten die Augen der Schwestern ineinander, dann antwortete Kora: »Alice, der Hurone bietet uns das Leben an, wenn ich ihm in die Wildnis folge und sein Weib werde.« »Nein, nie! Lieber sterben wir gemeinsam, wie wir zusammen gelebt haben!« »So stirb!« schrie Magua und warf wütend seinen Tomahawk gegen die Wehrlose. Knapp über ihrem Kopf schlug das Beil in den Baum. Dieser Anblick brachte Duncan zur Verzweiflung. Unter gewaltsamer Anstrengung sprengte er seine Fesseln und stürzte auf einen Wilden, der im Begriffe war, ebenfalls seinen Tomahawk gegen das Mädchen zu werfen. Sie faßten sich und fielen zu Boden. Der nackte Leib des Wilden bot Heyward keinen Halt. Er entschlüpfte ihm und drückte ihn mit dem Knie auf der Brust nieder. Schon sah Duncan das Messer aufblitzen, als der scharfe Knall einer Büchse erfolgte und die Kraft des Indianers nachließ. Mit einem kurzen Röcheln sank der Wilde tot auf die dürren Blätter neben ihm nieder. 11. Kapitel Die Huronen waren sichtlich bestürzt, als der Tod einen von ihnen hinwegraffte. Mit lautem Geschrei stürzten Chingachgook und Falkenauge herbei. An ihnen vorüber stürmte Unkas, der drohend den Tomahawk schwang und sich vor Kora stellte. Doch Magua, der schlaue Hurone, war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Mit scharfem Auge überblickte er den Schauplatz des Geschehens, zückte ein langes Messer und stürzte mit lautem Geheul auf Chingachgook los. Das war das Signal zu einem furchtbaren Kampfe. Da keiner der Wilden Feuerwaffen hatte, war es ein Kampf Mann gegen Mann. Unkas sprang einem Feind entgegen und zerschmetterte ihm mit einem einzigen wohlgezielten Schlag den Schädel. Auch Heyward hatte sich in den Kampf geworfen und versuchte ohne Waffen sich seines Gegners zu erwehren. Nur mühsam und unter Aufbietung aller seiner Kräfte konnte er den Messerstößen des Huronen entgehen. Da er auf die Dauer diesem Angriff nicht standhalten konnte, umfaßte er den Indianer und drückte mit eisernem Griff dessen Hände fest an den Körper. Aber diese Anstrengung war zu stark und er wäre bald erschöpft gewesen, wenn nicht in diesem Augenblick der schwere Kolben der Büchse des Kundschafters auf den Kopf von Heywards Gegner schmetterte. Tot sank der Hurone aus Duncans Armen zu Boden. Nachdem Unkas seinen ersten Feind niedergeschmettert hatte, suchte er nach einem neuen Gegner. Einer der Huronen hatte einen kurzen Augenblick unentschlossen dagestanden und die wehrlose Kora erblickt. Mit teuflischem Geheul sprang er auf das wehrlose Mädchen zu und schleuderte das scharfe Kriegsbeil nach ihr, ohne sie ernstlich zu treffen. Jetzt ergriff er ihre Locken und riß sie auf die Knie nieder, um sie zu skalpieren. Da erblickte Unkas die furchtbare Szene. Mit aller Kraft sprang der junge Mohikaner den Huronen an und beide wurden durch den Anprall zu Boden geworfen. Doch der Kampf war bald entschieden. Das Beil Heywards und die Büchse Falkenauges erreichten den Schädel des Huronen zur gleichen Zeit, als Unkas sein Messer in das Herz des Huronen bohrte. Immer noch kämpften Chingachgook und Magua. Die beiden Gegner bewiesen, daß sie ihre Kriegsnamen wohl verdienten. Zuerst hatten sie sich ihrer Wurfbeile bedient. Dann stürzten sie aufeinander los, umfaßten sich und fielen zu Boden. Es war ein aufregender Kampf auf Leben und Tod. Vergeblich versuchten die Freunde Chingachgooks, ihm beizustehen. Aber ihr Bemühen war vergeblich, da die Kämpfenden durch ihre schnellen Bewegungen wie zu einem Körper verwachsen schienen. Das finstere Gesicht Chingachgooks und das verbissene des Huronen wechselten in schneller Folge, ohne daß die Freunde wußten, wann und wie sie dem Mohikaner hilfreich beispringen konnten. Endlich gelang es dem Mohikaner, seinem Gegner einen furchtbaren Stoß mit dem Messer zu versetzen. Magua ließ Chingachgook plötzlich los und sank gleich einem Toten zurück. Sein Gegner sprang sofort auf und stieß einen Siegesschrei aus. Doch im gleichen Augenblick ließ sich der Hurone über den Rand des Absturzes rollen und verschwand mit einem einzigen Sprung in das Dickicht eines niedrigen Buschwerkes. Die Delawaren, die den Feind tot geglaubt hatten, versuchten Magua zu verfolgen. Aber ein schriller Pfiff des Kundschafters rief sie auf den Gipfel des Hügels zurück. »Das sieht ihm ähnlich!« rief der Jäger. »Ein betrügerischer Kerl! Ein ehrlicher Delaware, einmal besiegt, wäre ruhig liegengeblieben und hätte sich den Todesstoß geben lassen. Dach diese schurkischen Huronen haben ein zähes Leben, wie wilde Katzen. Laßt ihn laufen! Er ist ein Mann ohne Waffen.« Der Kundschafter sammelte alle eroberten Waffen der Huronen ein und fand dabei auch seine eigenen, wie die Waffen seiner Freunde. Nachdem die Beute verteilt war, drängte der Kundschafter zum Aufbruch. Am Fuße des Hügels fanden sie die Pferde, die an den Büschen weideten. Sie stiegen auf und folgten dem Jäger, der sie nach einiger Zeit in ein kleines Tal führte. Falkenauge und die Mohikaner schienen den abgeschiedenen Platz genau zu kennen. Sie lehnten ihre Büchsen an die Bäume und begannen dürres Laub und bläuliche Tonerde wegzuräumen, worauf plötzlich eine klare reine Quelle hervorsprudelte. Heyward half den Damen von den Pferden und nahm an der Seite der Waldbewohner Platz. Während das Essen zubereitet wurde, fragte Heyward, auf welche Weise sie so unerwartet gerettet worden wären. »Wie kommt es, daß wir euch so schnell und ohne Hilfe der Garnison von »Edward« wiedersahen?« »Wenn wir dem Flusse nachgegangen wären, so wäre es zu spät geworden, um eure Skalpe zu retten«, antwortete Falkenauge. »Um Zeit zu gewinnen, blieben wir im Hinterhalt am Ufer des Hudson verborgen und beobachteten die Bewegungen der Huronen.« »So habt ihr alles gesehen, was mit uns vorging?« »Keineswegs. Aus dem Geschrei der Indianer vermuteten wir, daß man euch entdeckt und ihr gefangengenommen wäret.« »Wie verdanken wir euch also unsere Rettung?« »Mir fiel ein, daß die Mingos wahrscheinlich mit ihren Gefangenen auf ihrem Marsch zu dieser Quelle gingen, da auch sie die Kraft dieses Wassers kennen.« »Ist die Quelle so berühmt?« fragte Heyward. »Fast jede Rothaut südlich und östlich der großen Seen kennt die Wunderkraft der Quelle und labt sich an ihrem Wasser. Wollt Ihr einmal kosten?« Heyward nahm die Flasche, die ihm der Jäger entgegenhielt, und warf sie, nachdem er einen Schluck getrunken hatte, von sich. Der Kundschafter lachte still vor sich hin. »Ja, Ihr müßt Euch erst an den rechten Geschmack gewöhnen. Doch jetzt ist es Zeit, an das Essen zu denken, denn unsere Reise ist noch lang.« Das bescheidene Mahl wurde schnell gereicht und verzehrt. Dann nahm jeder der Waldbewohner noch einen Trunk aus der stillen Quelle und bald darauf setzte sich die Gesellschaft wieder in Bewegung. Während des Marsches beobachtete der Jäger aufmerksam den Weg nach Spuren. Schon hatte sich die Sonne im Westen gesenkt und Dämmerung zog über die Landschaft, als Falkenauge das Zeichen gab, anzuhalten. Er stieg vom Pferde und trat in ein dichtes Gehölz junger Kastanienbäume. Dann gelangte er auf einen freien Rasenplatz, auf dem ein verfallenes Blockhaus stand. Seine Begleiter waren ihm gefolgt, und der Jäger erklärte, daß sie hier die Nacht zubrächten. »Wäre es nicht besser, wir übernachteten an einem weniger bekannten Orte?« fragte Heyward, in der Annahme, daß die feindlichen Huronen von der Existenz dieses Gebäudes etwas wüßten. »Wenige sind noch am Leben, die von der Errichtung dieses Blockhauses etwas wissen«, antwortete der Kundschafter und fuhr nach kurzem Nachdenken fort: »Ich war damals noch ein junger Bursche, als ich mit den Delawaren auszog. Vierzig Tage und vierzig Nächte lagen die Schufte, nach unserem Blute dürstend, um dieses Blockhaus, dessen Plan ich selbst entworfen hatte. Die Delawaren halfen mir es bauen. Wir hielten es Zehn gegen Zwanzig. Endlich war unsere Zahl gleich, und wir unternahmen einen Ausfall auf unsere Feinde und keiner entkam.« Aufmerksam hatten die Zuhörer den Erklärungen Falkenauges gelauscht, die zeigten, daß ihn auch mit dem schon verfallenen Gebäude alte Erinnerungen verbanden. Bald begaben sich alle zur Ruhe und lagen erschöpft in tiefem Schlummer. Nur Chingachgook saß unbeweglich mit wachen Sinnen vor der Pforte des Gebäudes. Noch lag die Natur in tiefem Schlummer, als die Gesellschaft das Blockhaus verließ, das ihr kurze Stunden der Erholung geboten hatte. Der Kundschafter setzte sich wieder an die Spitze des Zuges und verfolgte trotz der Dunkelheit den Weg schnell und sicher. Der Pfad wurde immer beschwerlicher, und bald sahen sich die Reisenden immer enger von den Bergen eingeschlossen. Falkenauge wich jetzt von der bisherigen Richtung ab und wandte sich aufwärts gegen die Berge. Der Weg wurde fast unpassierbar, da der Boden von Felsblöcken starrte. Als sie endlich aus einem Gehölz verkrüppelter Bäume hervortraten, das sich um die kahlen Wände des Gebirges zog, begrüßte sie der Morgen. Der Kundschafter ließ nun die Gesellschaft absteigen und die Pferde voller Freiheit das Gestrüpp abweiden. Der Berg, auf dem sie standen, erhob sich tausend Fuß über der Niederung. Unmittelbar unter ihren Füßen beschrieb der Horikan von einem Berg zum anderen einen großen Halbkreis. Von den Bergen stiegen Dunstwolken empor und unten im Tal lag ein stiller See. An seinen Ufern dehnten sich die Erdwälle und Gebäude von »William Henry« aus. Vor den Festungswerken war das Land von Bäumen abgeholzt. Auf dem Fort waren Schildwachen zu sehen, die ihre Feinde aufmerksam zu beobachten schienen. »Das Fort ist tätsächlich eingeschlossen«, bemerkte Duncan. »Gibt es kein Mittel hineinzukommen? Besser in der Festung belagert zu sein, als den herumschwärmenden Indianern in die Hände zu fallen.« »Heyward, ich sterbe bei dem Gedanken, die Gefahr mit meinem Vater nicht teilen zu können«, sprach Kora. »Gehen wir zu Montcalm und bitten ihn, uns einzulassen.« »Ihr würdet schwerlich mit einem Haar auf dem Kopf in das Zelt des Franzosen kommen«, entgegnete der Jäger. »Wenn ich nur eines der vielen Boote hätte, die am Ufer des Sees liegen, dann ließe es sich machen. – Doch da kommt Nebel auf. Wenn Ihr euch's getraut und mir folgen wollt, dann will ich es versuchen.« »Wir sind bereit«, entgegnete tapfer Kora. Der Kundschafter winkte ihnen mit der Hand zu folgen und eilte schnell, aber vorsichtig den steilen Abhang hinab. Heyward unterstützte die Schwestern und in wenigen Minuten waren sie am Fuße des Berges. Der von Falkenauge eingeschlagene Weg brachte sie bald auf die Ebene. Jetzt befanden sie sich nur noch eine halbe Meile von einem der Ausfalltore des Forts entfernt. Bald hüllte der dichter aufkommende Nebel das Lager ein. Die Mohikaner hatten rasch die nähere Umgebung nach Feinden abgesucht, ohne eine Gefahr zu entdecken. »So kommt, der Nebel wird dichter und wir müssen handeln«, sprach in gedämpftem Tone der Kundschafter. Auch Heyward erkannte, daß jetzt der entscheidende Augenblick gekommen war. Er trat zwischen die beiden Schwestern und trieb sie zur Eile an. Bald zeigte es sich, daß Falkenauge die Stärke des Nebels nicht überschätzt hatte. Denn kaum mehr waren die einzelnen Personen voneinander zu unterscheiden. Schon glaubte Heyward, daß sie fast die Hälfte des Weges zurückgelegt hätten, als sie plötzlich von einem französischen Posten angerufen wurden. »Vorwärts!« flüsterte der Kundschafter und trieb sie zur Eile an. Im gleichen Augenblick wurde der Nebel von dem Knall von 50 Musketen erschüttert. Zum Glück konnten die Franzosen, durch den Dunst behindert, nur ins Ungewisse feuern, und die Kugeln durchpfiffen die Luft in verschiedenen Richtungen. »Wir bekommen das ganze Heer auf den Hals!« rief Duncan aufgeregt. Von allen Seiten waren jetzt Geschrei, Flüche und Rufe zu hören. Plötzlich erleuchtete ein starker Feuerstrahl den Nebel und mehrere Kanonenschüsse flogen über die Ebene und die Echos der Berge hallten von dem Donner der Geschütze wider. »Die Schüsse kommen vom Fort!« rief Falkenauge und blieb plötzlich stehen. »Wir laufen falsch und gerade den Indianern in die Messer.« Schnell beeilten sie sich, die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Offenbar hatten sich viele Verfolger an ihre Fersen geheftet und jeden Augenblick drohte Gefangenschaft. »Keine Gnade den Schuften!« rief ein Verfolger, der die Bewegungen der Feinde zu leiten schien. »Steht fest und seid bereit, meine Tapferen vom sechzigsten Regiment!« rief plötzlich eine Stimme über ihnen. »Vater, Vater!« rief eine helle Stimme aus dem Nebel. »Wir sind es, rette deine Töchter!« »Halt!« schrie der frühere Sprecher in väterlicher Angst. »Sie sind es! Gott hat mir meine Kinder wiedergeschenkt! Das Ausfalltor geöffnet, hinaus ihr Sechziger! Keinen Schuß, ihr könntet meine Kinder töten!« Duncan hörte das Rasseln der rostigen Angeln und eilte rasch in die Richtung des Geräusches und stieß auf eine lange Reihe dunkelrot uniformierter Soldaten. Es war sein eigenes Bataillon, an dessen Spitze er sich sofort stellte und die Verfolger von den Festungswerken vertrieb. Einen Augenblick hatten Kora und Alice zitternd und verwirrt dagestanden, da stürzte ein groß gewachsener Offizier mitten aus dem Nebel auf sie zu und drückte sie an seine Brust, während Tränen über sein bleiches und tiefgefurchtes Antlitz rollten. 12. Kapitel Die nächsten Tage flossen eintönig dahin. Entbehrungen, Verwirrungen und Gefahren nahmen für die Belagerten ständig zu. Munro war nicht in der Lage, seinen Feinden den nötigen Widerstand zu leisten. Es schien, als ob General Webb mit seinem Heere, das untätig an den Ufern des Hudsons lag, die bedrängte Lage seiner Landsleute vergessen hätte. Montcalm hatte die Wälder mit seinen Wilden angefüllt und ihr Geschrei und Geheul war deutlich im britischen Lager zu hören. Die Lage war für Munro, der die Festung »William Henry« verteidigte, sehr ungünstig. Obgleich der Franzose die Höhen der Berge nicht besetzt hatte, so waren doch seine Batterien sehr geschickt in der Ebene aufgefahren und hatten eine ununterbrochene Kanonade auf das Fort eröffnet. Diesem Angriff konnten die Belagerten nur die unvollkommenen Verteidigungsmittel einer Festung der Wildnis gegenüberstellen. Es war am fünften Tage der Belagerung, als Major Heyward einen soeben abgeschlossenen Waffenstillstand benutzte, um sich auf die Brustwehr einer Bastion zu begeben, von wo er die Fortschritte der Belagerer beobachten konnte. Zwei kleine weiße Flaggen, Zeichen der Waffenruhe, wehten. Eine auf einem Fort der Festung, die andere auf einer der vorgeschobenen Batterien der Belagerer. Hinter ihnen flatterten die Standarten Englands und Frankreichs im Winde. Viele junge Franzosen zogen Netze an den Strand des Sees. Aufmerksam hatte Duncan seine Beobachtungen gemacht, als sich seine Augen auf das Ausfalltor richteten. Er bemerkte, wie Falkenauge unter Bewachung eines französischen Offiziers auf das Tor zukam. Die Gesichtszüge des Jägers waren eingefallen und er schien niedergeschlagen. Die Hände des Jägers waren mit Riemen auf den Rücken gebunden. Als Heyward seinen Freund erkannt hatte, eilte er bald darauf von der Bastion in das Innere der Festung herab. Rasch ging er die Rasenstufen herunter und stürmte über den Paradeplatz und stand nach kurzer Zeit vor dem Festungskommandanten. Als Duncan in das Zimmer Munros trat, ging dieser mit großen Schritten auf und nieder. »Sie kommen mir recht, Major Heyward!« sagte der General. »Ich wollte Sie eben rufen lassen.« »Mit größtem Bedauern sah ich den Boten, den ich Ihnen so warm empfohlen hatte, unter dem Gewahrsam der Franzosen zurückkehren. Ich hoffe, Sie haben keinen Grund in seine Treue Zweifel zu setzen.« »An der Treue des Kundschafters ist niemals zu zweifeln«, versetzte Munro. »Doch sein Glück scheint ihn verlassen zu haben. Montcalm hat ihn gefaßt und ihn mir wieder zurückgesandt, mit der Erklärung, daß er mir den Jäger nicht vorenthalten wolle, da ich so große Stücke auf ihn hielte.« »Und General Webb und seine Hilfe?« fragte Heyward. »Es war ein Brief von General Webb vorhanden und das ist das einzig Erfreuliche bei der Sache. Doch das Schreiben hat Montcalm dem Kundschafter abgenommen.« »Aber was sagt Falkenauge? Er war doch im Lager Webbs! Was hat er gesehen und gehört?« »Es gab dort zahllose Morgen- und Abendparaden und das übliche Exerzierreglement«, erwiderte Munro verstimmt und fuhr nach einer Weile des Nachdenkens fort: »Und doch muß in dem Briefe etwas stehen, das zu wissen für uns gut wäre.« »Die Lage wird immer kritischer«, fuhr Heyward fort. »Die Mauern stürzen uns über dem Kopf zusammen und der Mundvorrat wird knapp. Selbst die Mannschaft zeigt Spuren von Unzufriedenheit und Unruhe.« »Major Heyward«, sprach Munro feierlich, »solange noch Hoffnung auf Unterstützung vorhanden ist, werde ich diese Festung verteidigen. Alles kommt jetzt darauf an, den Brief zu Gesicht zu bekommen, um zu wissen, ob wir noch auf Hilfe rechnen können.« »Kann ich Ihnen dabei nützlich sein?« fragte Heyward. »Ja, das können Sie. Der Marquis von Montcalm hat mich zu einer persönlichen Unterredung zwischen den Festungswerken und dem Lager eingeladen, um mir weitere Aufschlüsse zu geben. Ich bitte Sie, an dieser Unterredung teilzunehmen.« Duncan erklärte sich dazu gleich bereit. »Ich will den Franzosen sofort und ohne Aufschub sprechen. Gehen Sie, Major Heyward, und schicken Sie eine Ordonanz, um Montcalm zu melden, daß ich komme.« Der junge Offizier folgte dem Befehl und beeilte sich, unverzüglich die nötigen Vorkehrungen zu treffen. In wenigen Minuten waren Truppen unter Gewehr getreten und ein Parlamentär mit einer weißen Fahne in das französische Lager abgeschickt, um die Ankunft des Kommandanten von Fort »William Henry« zu melden. Kaum waren Munro und seine Begleitung einige hundert Schritt von den Festungswerken entfernt, als ein kleiner Trupp Soldaten, der den französischen General umgab, aus einem Hohlweg erschien. Trommelwirbel ertönte und jede Partei ließ einen Parlamentär mit weißer Fahne vortreten. Nachdem diese Begrüßung vorüber war, trat Montcalm mit leichtem Schritte auf Munro zu und entblößte sein Haupt vor dem Veteranen. Beide schwiegen eine Weile, dann unterbrach Montcalm das Schweigen. Nach der üblichen Begrüßung wandte er sich an Munro und forderte ihn zur Übergabe der Festung auf. Der britische General ließ sich von den Ausführungen Montcalms nicht beirren und erklärte, daß er das Fort »William Henry« weiter verteidigen würde, da er wüßte, daß es bald entsetzt werde. Bei dieser Bemerkung spielte um die Züge des französischen Feldherrn ein undurchsichtiges Lächeln und er übergab dem Festungskommandanten den abgefangenen Brief des Generals Webb. Hastig ergriff Munro das Schreiben. Als er es gelesen hatte, glich er einem Manne, dessen letzte Hoffnungen sich zerschlagen hatten. Auch Duncan überflog den Inhalt des schicksalsschweren Briefes. General Webb, ihr gemeinsamer Vorgesetzter, forderte sie auf, sich zu ergeben, da es ihm unmöglich sei, Hilfe zu schicken. Nach einigem Besinnen sprach Munro mit ernster Stimme: »Monsieur de Montcalm, wir sind bereit, Ihre Forderungen anzuhören.« Der französische Feldherr verlangte Übergabe der Festung und sicherte seinem Feinde ehrenvollen Abzug zu. Munro, der nach dem Erhalt des Briefes den Eindruck eines geschlagenen Mannes machte, entfernte sich, nachdem er Major Heyward gebeten hatte, die einzelnen Bedingungen der Kapitulation mit den Franzosen zu vereinbaren. Um die Zeit der ersten Nachtwache kehrte Heyward in die Festung zurück. Es wurde bekanntgegeben, daß die Feindseligkeiten einzustellen seien. Munro hatte die Kapitulation unterzeichnet, nach der die Festung am nächsten Morgen dem Feinde übergeben werden mußte. 13. Kapitel Am 9. August 1757 wurde das Fort »William Henry« den Franzosen übergeben. Die Hörner der Sieger bliesen heitere und fröhliche Weisen, bis der letzte Mann im Lager unter den Waffen war. Als das Abzugssignal in der Festung ertönte, erschien Munro festen Antlitzes, aber sehr betrübt, in der Mitte seiner schweigenden Truppen. Duncan war tief bewegt über die Niedergeschlagenheit des Generals und hielt es für seine Pflicht, sich besonders um die beiden Töchter Munros zu kümmern. Er eilte nach der Wohnung des Kommandanten. Dort fand er die Schwestern, von weinenden und jammernden Weibern umgeben. Kora hatte ihre Standhaftigkeit auch in dieser schweren Stunde behalten. Alices Augen dagegen verrieten, daß sie lange geweint haben mußte. Die Schwestern empfingen Heyward mit unverhohlener Freude. Da Duncan wieder zu der Truppe zurückkehren mußte, eilte er zu David, den er in der Nähe wußte, und bat ihn, sich besonders der beiden Schwestern anzunehmen. »Recht gerne will ich die beiden Damen begleiten«, beteuerte der Singemeister. Die beiden Mädchen empfingen ihren neuen, etwas eigenartigen Beschützer mit gemischten Gefühlen. Duncan versicherte ihnen, er habe getan, was zur Zeit in seinen Kräften stände, und er glaube, daß auch in nächster Zeit keine unmittelbare wirkliche Gefahr drohe. Nachdem sie noch verabredet hatten, sich später einige Meilen vom Hudson zu treffen, verabschiedete er sich schweren Herzens von den Schwestern und eilte zu den Truppen zurück. Auf das Signal zum Abmarsch setzte sich die englische Kolonne in Bewegung und verließ geschlossen die Festung. »Auch wir müssen gehen«, sprach jetzt Kora. »Hier ist kein Aufenthalt mehr für uns.« Da alle Wagen und Lasttiere für Kranke und Verwundete benötigt wurden, hatte Kora mit ihrer Schwester beschlossen, die Beschwerden eines Fußmarsches auf sich zu nehmen. Alles war jetzt in Bewegung: die Schwachen und Verwundeten, die Weiber und Kinder. Als diese schüchterne, zusammengewürfelte Menge menschlichen Elends die schützenden Wälle der Festung verließ und die offene Ebene erreichte, sah sie die englischen Truppen in der Ferne auf einem durch den Wald geschlagenen Weg geschlossen abmarschieren. Am Rande des Waldes standen die Wilden und beobachteten mit beutegierigem Blick den Auszug des Feindes. Bisher hatte sie die Gegenwart eines ihnen überlegenen Heeres davon abgehalten, sich über die Beute herzustürzen. Als sie jedoch den Trupp schwacher Nachzügler erblickten, wurden sie mutiger. Da bemerkte Kora unter ihnen auch die Gestalt Maguas, der eindringlich auf seine Kumpanen einsprach. Fast schien es so, als ob sich die Wilden zurückziehen und ihre Feinde unbehelligt lassen wollten. Plötzlich aber zog die bunte Farbe eines Schals ein Huronenauge auf sich. Der Hurone kam herbei, um sich des Tuches zu bemächtigen. Vor Schreck hüllte die Mutter ihr Kind fester in das Tuch ein und drückte beides an die Brust. Da riß der Wilde das bunte Bündel an sich. Voller Angst stürzte die Mutter zu ihm, um ihr Kind zurückzufordern. Der Indianer lächelte grimmig und deutete mit einer Hand an, daß er einen Tausch eingehen wolle, während er mit der anderen das Kind an den Füßen um den Kopf schwang. »Hier, alles kannst du haben!« rief die unglückliche Mutter und riß sich mit zitternden Fingern leichte Kleidungsstücke vom Leibe. »Nimm alles, nur gib mir mein Kind wieder!« Der Wilde verschmähte das Angebot. Als er bemerkte, daß der Schal bereits von einem anderen Huronen genommen war, geriet er in Wut und zerschmetterte den Kopf des Kindes an einem Felsen. Einen Augenblick stand die Arme ganz fassungslos. Doch dann sprang sie völlig von Sinnen zu dem toten Kinde. Bei diesem Anblick schien der Hurone noch wütender zu werden, denn er griff zu seinem Tomahawk und spaltete den Schädel der armen Frau, die neben ihrem Kinde tot zu Boden stürzte. In diesem gefährlichen Augenblick erhob Magua seine Hände an den Mund und ließ das furchtbare Kriegsgeschrei ertönen. Sämtliche Indianer stimmten in diesen grausamen Schlachtruf ein und die Ebene erscholl von dem schrecklichen Geheul. Jetzt stürzten sich mehr als zweitausend Wilde auf die Nachzügler und es entstand ein furchtbares Gemetzel. Der geringste Widerstand reizte die Wut der Wilden immer mehr. Ströme von Blut wurden vergossen. Vergebens versuchten einzelne herbeieilende französische Truppen, die Wilden von ihrem grausamen Treiben abzuhalten. Mitten in diesem blutigen Gewühle standen die Schwestern eng aneinandergeschmiegt vor Schrecken und Entsetzen regungslos. Nirgends sahen sie mehr einen Ausweg. Von allen Seiten erscholl schreckliches Geschrei, Gestöhne und Flüche. Bei diesem Anblick fiel Alice besinnungslos zu Boden. Kora kniete ihr zur Seite und warf sich zu ihrem Schütze über sie. Da stand plötzlich David neben den Schwestern. Eingedenk seines gegebenen Versprechens, sie nicht zu verlassen, blickte er auf die furchtbare Szene um sich und dabei schien seine hagere Gestalt noch größer zu werden. Da faßte er einen seiner Person würdigen Entschluß. In höchsten Tönen stimmte er mitten in dem Gewühl ein frommes Lied an. Zwei Wilde, die auf die Töchter Munros zustürzen wollten, um ihnen die Skalpe zu nehmen, ließen von ihrem Vorhaben ab und blieben erstaunt und verwundert stehen. Durch diesen Erfolg gestärkt, verdoppelte David seine Anstrengungen. Da stand auf einmal Magua neben dieser Gruppe. »Komm!« rief er. »Der Wigwam des Huronen ist noch leer!« Der Indianer zeigte seine mit Blut befleckte Hand und rief: »Sieh, meine Hand ist rot von Blut, aber es kommt aus weißen Adern!« »Ungeheure Ströme von Blut lasten auf deiner Seele!« »Magua ist ein großer Häuptling!« erwiderte der Wilde. »Will das schwarze Haar zu seinem Stamme gehen?« »Nimmermehr, töte mich, wenn du willst!« Der Indianer zögerte einen Augenblick. Dann umschloß er die leichte Gestalt Alices mit seinen Armen und eilte dem Walde zu. »Halt!« schrie Kora und lief ihm nach. Auch David beteiligte sich an der Jagd, und so stürmten sie über die Ebene hin, mitten durch Fliehende, Verwundete und Tote. Um alle Verfolgung zu vereiteln, trat Magua durch eine kleine Schlucht in den Wald, wo bereits die Pferde, die die Reisenden vorher verlassen hatten, warteten. Ein Hurone hatte die Tiere bewacht. Magua setzte Alice auf eines der Pferde und winkte Kora, das andere zu besteigen. Dann drang er mit seinen beiden weiblichen Gefangenen noch tiefer in den Wald ein. Als David bemerkte, daß man ihn allein ließ, bestieg er ebenfalls eines der zurückgelassenen Pferde und ritt hinterdrein. 14. Kapitel Der dritte Tag nach der Übergabe des Forts neigte sich dem Ende zu. Die Festung bestand nur noch aus rauchenden Trümmern. Überall sah man verkohltes Holz, zerrissene Geschützteile und zersprengtes Mauerwerk auf den Erdwällen umherliegen. Auch in der Witterung war ein Wechsel eingetreten. Die Sonne hatte ihre wärmenden Strahlen hinter einer undurchdringlichen Wolkenschicht verborgen. Dichte Nebelwolken zogen über die Berge nach Norden. Die Wasser des Horikan waren unruhig. Grüne Fluten peitschten die Ufer. An diesem Tage, wenige Stunden vor Sonnenuntergang, traten fünf Männer aus dem Walde und schritten dem zerstörten Festungswerk zu. Sie bewegten sich äußerst vorsichtig. Unkas, der voranging, hatte die Mitte der Ebene erreicht, als er einen Schrei ausstieß. Sogleich waren seine Gefährten bei ihm. Der junge Krieger stand vor einer Gruppe weiblicher Leichen, die am Boden lagen. Vergeblich suchten Munro und Heyward nach Spuren der vermißten Töchter. »Howgh!« rief plötzlich der junge Mohikaner, der aufmerksam die nähere Umgebung mit seinem scharfen Blick gemustert hatte. »Was gibt es, Unkas?« flüsterte der Kundschafter, der den Ausruf des Mohikaners hörte. Ohne eine Antwort zu geben, schritt Unkas auf ein Gebüsch zu und brachte ein Stückchen von Koras grünem Schleier zurück. »Mein Kind! Ein Zeichen von meinem Kind!« rief Munro aufgeregt. »Unkas, du hast recht«, sprach der Kundschafter, ohne auf die Worte Munros einzugehen, »das ›Schwarzlockige Mädchen‹ ist hier gewesen und in den Wald geflohen. Wir wollen nach ihrer Spur forschen.« Der Mohikaner hatte sich wieder auf die Suche nach weiteren Spuren gemacht, und bald ertönte ein neuer Freudenruf. Wieder eilten die Gefährten herbei und bemerkten ein anderes Stück des Schleiers, das an dem niedrigen Aste einer Buche flatterte. »Langsam!« rief der Kundschafter dem herbeieilenden Heyward entgegen. »Vielleicht können wir noch andere Spuren entdecken.« »Howgh!« erhob Chingachgook seine Stimme und zeigte auf die Erde. »Das ist die Spur eines Männerfußes!« rief Heyward. Unkas untersuchte die Spur und prüfte ihren weiteren Verlauf. Endlich erhob er sich und schien mit dem Erfolg seiner Untersuchung zufrieden. »Nun, Unkas«, fragte der Kundschafter, »was meinst du?« »Le Renard Subtil!« antwortete der Mohikaner bestimmt. »Wir wissen es jetzt genau«, sprach Falkenauge, »hier ist das Mädchen mit dem schwarzen Haar und Magua vorbeigekommen.« »Und Alice?« fragte Heyward beunruhigt. »Von ihr haben wir bis jetzt noch keine Spur entdeckt«, erwiderte der Kundschafter und betrachtete aufmerksam die Bäume und das Gebüsch. »Doch was sehe ich da? Unkas, hol mal das Ding herbei, das dort an dem Dornenbusch hängt.« Der Indianer gehorchte und der Kundschafter betrachtete still vor sich hinlachend den eigenartigen Fund. »Das ist die Tonpfeife des Sängers«, sprach der Jäger, »jetzt haben wir eine Spur, die wir auch nachts verfolgen können.« »Anscheinend hat David treu auf seinem Posten ausgehalten und Kora und Alice sind nicht allein.« Während des Gespräches waren die beiden Indianer vorsichtig einige Schritte weitergegangen und prüften aufmerksam die Erde. Vater und Sohn unterhielten sich in delawarischer Mundart über ihre Entdeckung. »Sie haben den kleinen Fuß gefunden!« rief der Kundschafter und schritt auf sie zu. »Jetzt ist das Geheimnis entdeckt. Hier sind sie auf die Pferde gestiegen. Dort waren die Tiere an dem jungen Baum gebunden. Und nun führt eine breite Fährte in voller Eile nach Kanada.« »Aber noch fehlt eine Spur von Alice, der jüngeren Miß Munro«, sagte Duncan. »Das schimmernde Schmuckstück, das Unkas soeben vom Boden aufgehoben hat, wird uns schon einen Fingerzeig geben.« Heyward erkannte den Gegenstand als einen Schmuck, der Alice gehörte. 15. Kapitel Die Abendschatten hatten sich bereits über den unheimlichen Platz gesenkt, als die fünf Männer die Ruinen von »William Henry« betraten. Der Kundschafter und seine Begleiter trafen sogleich einige Vorbereitungen für die Nacht. Verschiedene verkohlte Balken wurden an eine eingestürzte Wand gelehnt, und Unkas bedeckte sie leicht mit Gestrüpp, um eine einfache Unterkunft zu haben. Nachdem die bescheidene Hütte fertiggestellt war, bat Heyward den alten General einzutreten. Während Falkenauge und die Indianer ein Feuer anzündeten und ihre einfache Abendmahlzeit gedörrten Bärenfleisches verzehrten, begab sich Duncan auf einen Wall des zerstörten Forts. Hier blickte er auf die weite Wasserfläche des Horikan hinaus. Der Wind hatte sich gelegt und die Wogen schlugen nur noch sachte an das Ufer. Wehmütige Erinnerungen stiegen in Duncan auf. Da war es ihm, als höre er unerklärliche Laute, und eine innere Unruhe befiel ihn. Leise sprach Duncan mit dem Kundschafter und bat ihn, mit auf den Erdwall zu kommen, wo er soeben gestanden hatte. Falkenauge nahm seine Büchse über den Arm und folgte ihm. »Horch!« sagte Duncan. »Ich höre wieder die gleichen Laute. Es wäre besser, wir löschten das Feuer und blieben auf der Hut. Hört Ihr nicht das Geräusch, das ich meine?« »Ein Indianer schleicht nicht nachts um Gräber herum. Er ist wohl dabei, einen Feind zu erschlagen und ihm den Skalp zu nehmen. Wenn aber der Geist aus dem Körper geschieden ist, so vergißt er seine Feindschaft und gönnt den Toten ihre Ruhe.« »Hört Ihr es nicht wieder?« wiederholte Duncan. Falkenauge schüttelte langsam den Kopf. Dann winkte er Duncan, nach einer Stelle zu kommen, die das Feuer nicht beleuchtete. Nach dieser Vorsichtsmaßregel lauschte er aufmerksam in die Finsternis. »Wir müssen Unkas rufen«, flüsterte er Duncan zu, »der Junge hat indianische Sinne und hört, was uns noch verborgen bleibt.« Der junge Mohikaner, der sich am Feuer leise mit seinem Vater unterhielt, fuhr auf, als er den Ruf einer Eule vernahm. Er blickte ruhig nach den schwarzen Erdwällen, woher der Laut ertönte. Da wiederholte der Kundschafter den Schrei. In wenigen Augenblicken sah Duncan, wie Unkas vorsichtig an die Brustwehr heranschlich. Falkenauge teilte ihm in kurzen Worten seine Wünsche in delawarischer Sprache mit. Nachdem der Mohikaner gehört hatte, um was es sich handele, verschwand er lautlos in der Finsternis. »Was ist aus dem Mohikaner geworden?« fragte Heyward den Jäger nach einer Weile. »Pst! sprecht leiser! Wir wissen nicht, was für Ohren uns belauschen. Unkas ist auf der Ebene, und die Maquas, wenn welche in unserer Nähe sind, werden mit ihm zu tun bekommen.« Heyward betrachtete jetzt Chingachgook, der immer noch in der Nähe des Feuers saß. »Seht Chingachgook an, wie ein großer Indianerhäuptling sitzt er am Feuer«, sprach Duncan. »Seine Gestalt ist deutlich sichtbar und er wird das erste und sicherste Opfer sein.« »Ihr habt recht«, antwortete beunruhigt der Kundschafter. »Ich muß ihn warnen und ihn wissen lassen, daß wir den Mingos auf der Spur sind. Dann wird er sich schon richtig verhalten.« Der Kundschafter hielt die Finger an den Mund und ließ den leise zischenden Laut einer Schlange hören. Chingachgooks Haupt ruhte auf seiner Hand und er schien in Gedanken versunken. Als er aber den warnenden Laut des Tieres vernahm, richtete er sich auf, und seine Augen blickten schnell und scharf nach allen Seiten. Doch bald darauf war jede Überraschung und Unruhe verschwunden. Seine Büchse lag, kaum beachtet, im Bereiche seiner Hand, Der Tomahawk, den er im Gürtel locker gesteckt hatte, fiel zu Boden. Seine Gestalt lehnte sich wieder bequem zurück. Nur die Lage seiner Hände hatte sich etwas verändert, so daß er jederzeit bereit war, die Waffen aufzugreifen. »Seht einmal den schlauen Häuptling an«, flüsterte Falkenauge. »Er weiß, daß ein unvorsichtiger Blick oder eine falsche Bewegung unsere Pläne vereiteln und uns der Satansbrut in die Hände liefern kann –« In diesem Augenblick ertönte der Knall einer Büchse. Feuerfunken erfüllten die Luft um den Platz, auf den die Augen der beiden Männer soeben noch mit Bewunderung gerichtet waren. Bald sahen sie, daß Chingachgook verschwunden war. Der Kundschafter ergriff seine Büchse und erwartete mit Ungeduld den Augenblick, wo sich ein Feind sehen ließe. Aber mit dem fruchtlosen Anschlag auf das Leben Chingachgooks schien der Angriff beendet zu sein. Mehrmals glaubten die Männer ein entferntes Rauschen der Büsche zu vernehmen. Dann hörten sie etwas in das Wasser plumpsen und gleich darauf folgte der Knall eines Gewehrs. »Das ist Unkas«, sprach der Kundschafter, »ich kenne den Knall seiner Büchse.« Inzwischen hatte Chingachgook ruhig seinen alten Sitz wieder eingenommen. Vorher hatte er den Feuerbrand untersucht, den die Kugel getroffen hatte, die ihn töten sollte. Jetzt hob er einen Finger empor und sprach: »Einer.« In diesem Augenblick trat Unkas aus der Finsternis in den Kreis des Feuers und setzte sich zu seinem Vater. »Was ist aus unserem Feinde geworden, Unkas?« fragte Duncan. Der junge Häuptling schob eine Falte seines Jagdhemdes zurück und zeigte ruhig einen Haarschopf, den er als Siegeszeichen erbeutet hatte. Chingachgook legte die Hand auf den Skalp und rief: »Ein Oneida!« »Ein Oneida?« wiederholte der Kundschafter. »Wenn die Oneidas uns auflauern, dann sind wir auf allen Seiten von Teufeln bedroht. Jetzt ist guter Rat teuer.« Da zog Chingachgook gleichgültig eine Pfeife aus seiner Tasche und zündete sie mit einem hölzernen Rohre an. Nachdem er einige Züge geraucht hatte, gab er sie dem Kundschafter. Dreimal wiederholten sie den Brauch und einige Zeit verging in tiefstem Schweigen. Endlich sprach Chingachgook und trug ruhig den Gegenstand der Beratung, einen Ausweg aus der augenblicklichen schwierigen Lage zu finden, vor. Ihm antwortete der Kundschafter und Chingachgook machte dagegen seine Einwendungen geltend. Unkas blieb ein stiller Zuhörer, bis auch er um seine Meinung gefragt wurde. Heyward schloß aus der Miene und den Gebärden der Sprecher, daß Vater und Sohn die eine Meinung verfochten, während der Kundschafter auf der anderen beharrte. Die Reden der Mohikaner waren von ausdrucksvollen Gebärden begleitet. Der Kundschafter dagegen sprach weniger ausdrucksvoll. Es schien, als ob die Angelegenheit bereits entschieden wäre und die Mohikaner ihre Meinung durchgesetzt hätten, als sich plötzlich der Jäger erhob und alle Künste indianischer Beredsamkeit aufbot. Mit seinem Arm wies er auf den Lauf der Gestirne. Dann beschrieb er einen langen mühevollen Weg über Felsen und durch Gewässer. Durch Zeichen machte er das hohe Alter und die Schwäche Munros deutlich. Die Mohikaner hörten ihm sehr ernst zu. Allmählich ließen sie sich überzeugen und gaben dann mit dem gewohnten Ausruf ihre Einwilligung zu den Worten des Kundschafters. Nachdem die Angelegenheit nun entschieden war, streckte Falkenauge seine hohe Gestalt vor dem verlöschenden Feuer auf der Erde aus und schlief bald ein. Nicht viel später legten sich auch die Indianer zur Ruhe und Heyward folgte dem Beispiel der Waldbewohner. 16. Kapitel Der Himmel war noch mit Sternen übersät, als Falkenauge die Schläfer weckte. Schnell machten sie sich reisefertig. »Kommt!« sprach leise Falkenauge und wandte sich nach einem Wall der Festung. »Wir wollen in den Graben steigen und beim Gehen sorgfältig auf Steine und Holzstücke treten, um keine Spuren zu hinterlassen.« Als sie sich in der niederen Höhlung befanden, war der Weg durch Trümmer fast versperrt. Mühsam gelang es ihnen, dem Kundschafter nachzuklettern und endlich das Ufer des Horikan zu erreichen. »Das ist eine Fährte, die man nur mit der Nase verfolgen kann«, sagte der Kundschafter. »Gras ist ein verräterischer Teppich, aber Holz und Stein nehmen keine Spur an. – Vorsichtig, Unkas, etwas näher an das Land mit dem Kanu! Es darf das Ufer aber nicht berühren, sonst merkt man, wo wir den Ort verlassen haben.« Der junge Mohikaner beachtete diese Vorsichtsmaßregel. Der Kundschafter legte ein Brett, das er aus den Trümmern mitgenommen hatte, auf den Kahn und winkte den beiden Offizieren, einzusteigen. Dann folgte er ihnen. Schweigend ruderten die Indianer das Boot auf den See hinaus. Gerade als der Tag anbrach, durchfuhren sie die Enge des Sees. Chingachgook legte seine Ruder beiseite, während Unkas und Falkenauge das leichte Fahrzeug durch die vielen Windungen der Kanäle trieben. Die Augen Chingachgooks überprüften, während das Kanu sich leicht fortbewegte, aufmerksam jede Insel und jeden Busch. Plötzlich gab Chingachgook ein Zeichen und das Boot stand sofort still. »Howgh!« rief Unkas fast im gleichen Augenblick, als sein Vater durch einen leichten Schlag auf den Rand des Kanus auf nahe Gefahr aufmerksam machte. Der Indianer hob das Ruder auf und deutete auf einen Punkt in einiger Entfernung. »Ich sehe nichts als Land und Wasser«, sprach Heyward. »Pst!« unterbrach ihn der Kundschafter. »Seht Ihr da den Nebel, Major, der sich über die Insel erhebt?« »Es sind Dünste, die aus dem Wasser steigen!« »Nein«, entgegnete Falkenauge, »das ist der Rauch eines Feuers, das im Erlöschen ist. Jetzt tut Eile not.« Die Indianer griffen zu den Rudern und auch die anderen ruderten jetzt kräftig mit. Schnell trieb das Boot über das Wasser. In wenigen Minuten hatten sie den Punkt erreicht, von wo aus sie das ganze nördliche Ufer der Insel übersehen konnten. »Da sind sie!« flüsterte der Kundschafter. »Da liegen zwei Kanus und auch den Rauch sieht man jetzt deutlich. Noch haben sie uns nicht entdeckt, sonst hätten sie ihr Kriegsgeschrei erschallen lassen. Jetzt schnell rudern, meine Freunde! Bald sind wir aus der Schußweite ihrer Kugeln.« Plötzlich ertönte der Knall einer Büchse und ein schrilles Geheul von der Insel kündete, daß sie entdeckt worden waren. Bald darauf stürzten die Wilden in die Kanus und begannen eine wilde Verfolgung. »Halte die Richtung ein, Chingachgook«, rief Falkenauge kaltblütig. »Halte das Fahrzeug ruhig! Die Huronen haben keine Gewehre, die so weit reichen. Aber mein Wildtöter ist ihnen überlegen.« Da zeigte Unkas nach dem Felsenufer, wo ein anderes Kanu ihren Weg abzuschneiden suchte. Ihre Lage wurde jetzt sehr bedenklich. Der Kundschafter legte seine Büchse, weg und ergriff das Ruder, während Chingachgook den Bug des Kanus etwas gegen das Westufer richtete, um die Entfernung zwischen ihnen und dem neuen Feind zu vergrößern. Die Anstrengungen der Fliehenden waren jedoch zu groß, um noch lange andauern zu können. Außerdem hatten die Verfolger den Vorteil der Überzahl. Duncan bemerkte nicht ohne Sorge, daß der Kundschafter um sich blickte, um ein Mittel zu finden, die Flucht zu beschleunigen. »Steure etwas mehr aus der Sonne weg, Chingachgook«, sprach der Kundschafter. »Die Burschen wollen auf uns schießen.« Da unterbrach eine Salve der Huronen das Gespräch und die Kugeln pfiffen um ihre Ohren. Bald darauf ertönte Salve auf Salve, und eine Kugel schlug dem Häuptling das leichte Ruder aus den Händen und schleuderte es in die Luft. Die Huronen stießen einen Jubelschrei aus und benutzten die Gelegenheit, erneut zu feuern. Nun beschrieb Unkas mit seinem Ruder einen Halbkreis in dem Wasser. Während das Boot schnell vorschoß, erhaschte Chingachgoook sein Ruder wieder. Hocherfreut darüber ließ der Mohikaner seinen Kampfruf erschallen. Da ertönten auf den Kanus hinter ihnen die Rufe: »Die Große Schlange!« »Die Lange Büchse!« »Der Schnelle Hirsch!« Der Kundschafter ergriff seinen Wildtöter und schwang ihn über seinem Haupte den Feinden entgegen. Die Wilden beantworteten diese Bewegung mit einer weiteren Salve. Eine der Kugeln durchschlug sogar die Rinde ihres kleinen Bootes. »Die Schufte hören sich gerne schießen, aber keiner der Mingos hat ein gutes Augenmaß, um die Insassen eines fahrenden Bootes zu treffen.« Eine Kugel aber zerschlug das Ruder des Jägers. »Nicht übel!« sprach der Kundschafter. »Doch jetzt muß ich mich mit meinem Wildtöter an der Unterhaltung beteiligen.« Falkenauge nahm seine Büchse zur Hand, zielte schnell und feuerte. Der Hurone, der im Bug des ersten Kanus saß, sank zurück und ließ seine Büchse ins Wasser fallen. Alsbald hörten seine Begleiter zu rudern auf und das folgende Kanu stieß mit dem anderen zusammen und blieb liegen. Chingachgook und Unkas benutzten die Pause, um Atem zu schöpfen, Duncan ruderte jetzt allein weiter. Der See gewann immer größere Breite. Die wenigen Inseln waren leicht zu vermeiden. Der schlaue Mohikaner steuerte das Boot den Bergen zu. Die Huronen hatten scheinbar die Verfolgung aufgegeben, so daß keine große Vorsicht mehr geboten schien. Endlich hatten sie eine Bucht am nördlichen Ufer des Sees erreicht. Hier wurde das Kanu an das Ufer getrieben und alle stiegen an Land. Falkenauge und Heyward kletterten auf eine nahe Anhöhe, von der sie eine gute Sicht in die Landschaft hatten. Der Kundschafter lenkte den Blick seiner Begleiter auf einen kleinen Punkt. »Seht ihr etwas?« fragte der Kundschafter und deutete mit der ausgestreckten Hand auf den fraglichen Punkt. »Nach der Entfernung und Größe hielte ich es für einen Vogel«, antwortete Duncan. »Es ist ein Kanu und wird von Mingos gerudert«, erwiderte der Kundschafter. »Wir müssen sie unbedingt loswerden oder auf die Verfolgung Renard Subtils verzichten. Auch der Rauch will mir nicht gefallen«, fuhr der aufmerksam beobachtende Jäger fort. »Es ist Zeit, daß wir handeln.« Etwas nachdenklich stieg Falkenauge von seinem Ausguck an das Ufer hinab. Er teilte den Mohikanern den Erfolg seiner Beobachtungen in delawarischer Sprache mit. Dann wurde das Kanu aus dem Wasser gehoben, und die Indianer trugen es auf den Schultern nach dem Walde. Nachdem sie eine größere Felsenplatte überschritten hatten, die keine Fußspuren zurückließ, folgten sie dem Bett eines dem See zufließenden Baches und ließen ihr Kanu wieder in das Wasser gleiten. Unter dem Schutze tief herabhängender Büsche blieben sie bis zur einbrechenden Dunkelheit ruhig am Rande des Sees liegen. Dann erst, als tiefe Finsternis eingetreten war, ruderten sie in aller Stille nach der anderen Seite des Sees. 17. Kapitel Das Boot wurde in einem dichten Gebüsch am See versteckt und die Nacht unter freiem Himmel mitten im Walde zugebracht. Am anderen Morgen – der Tau war verdunstet und die Sonne hatte die Nebel zerstreut – setzten die Reisenden die Wanderung fort. Nachdem sie einige Meilen zurückgelegt hatten, begann Falkenauge die Umgebung genauer zu mustern. Er blieb oft stehen, um den Weg, die Sträucher und die Bäume zu untersuchen, und besprach sich dann eingehend mit Chingachgook. Endlich wandte sich der Kundschafter an seine Begleiter und sagte: »Als ich feststellte, daß die Spuren der Huronen nach Norden führten, wußte ich, daß sie den Weg durch die Täler wählen und sich zwischen den Wassern des Hudson und Horikan halten werden. Freilich haben wir bis jetzt von ihnen noch keine Fährte entdeckt.« Der junge Mohikaner sah seinen Vater fragend an. Da winkte Chingachgook ihn zu sich und sprach mit ihm. Bald darauf lief Unkas eine kleine Anhöhe hinauf und blieb erfreut vor einer Spur stehen, die von dem Tritt eines schweren Tieres herzurühren schien. »Das ist endlich eine Spur!« rief der Kundschafter hinzutretend. »Da«, sprach Unkas, »das ›Schwarze Haar‹ ist hier gegangen!« »Kein Spürhund hat je eine schönere Fährte gefunden«, erwiderte der Kundschafter lächelnd. »Hier sind auch die Spuren der zwei einseitigen Pferde zu sehen. Der Hurone marschiert gedankenlos wie ein General der Weißen.« Durch diese wichtige Entdeckung ging ihr weiterer Marsch jetzt schneller vor sich. Der Hurone hatte öfters versucht, die Spuren zu verwischen. Doch die Verfolger ließen sich dadurch nicht beirren. Am Nachmittag kamen sie an eine Stelle, wo Le Renard mit seinen Gefangenen offenbar haltgemacht hatte. Verkohlte Holzreste lagen um eine Quelle. Überreste einer Mahlzeit waren verstreut, und die Sträucher zeigten unverkennbare Spuren, daß die Pferde sie abgeweidet hatten. Der Boden war von Fußstapfen von Männern und Tieren in weitem Umkreis des Platzes zertreten. Die Pferdespur ließ sich allerdings noch einige Zeit verfolgen. Unkas war der Fährte nachgegangen und brachte plötzlich nach einiger Zeit die beiden Tiere herbei, die er unbeaufsichtigt frei im Walde herumlaufend gefunden hatte. »Was bedeutet das?« fragte Duncan entsetzt. »Daß unsere Reise jetzt zu Ende geht und wir uns im Feindeslande befinden«, erwiderte der Kundschafter. »Wäre der Schurke verfolgt worden und hätten die Mädchen keine Pferde gehabt, so hätte er ihnen vielleicht die Skalpe abgezogen. Da er aber keine Gefahr vermutete, hat er ihnen auch kein Haar auf dem Haupte gekrümmt. Bestimmt sind wir jetzt in die Nähe ihres Lagers gekommen. Es gilt den Weg aufzuspüren, den sie von hier aus eingeschlagen haben.« Falkenauge und die Mohikaner untersuchten nun eingehend den Platz und seine weitere Umgebung nach menschlichen Spuren. Jedes Blatt wurde genau betrachtet, jeder dürre Zweig und Stein aufgehoben. Trotz großer Geduld und Sorgfalt blieb die Untersuchung ohne Erfolg. Jetzt hatte Unkas den Gedanken, den kleinen Bach mit Erde abzudämmen und seinen Lauf in ein anderes Bett zu lenken. Freudig wurde diese Maßnahme begrüßt. Durch die Umleitung des Wassers hatte Unkas in dem alten Bett des Baches die Fährte eines großen Mokassins entdeckt. »Der Junge wird seinem Volke große Ehre machen«, sprach Falkenauge und bestaunte die Spur. »Das ist aber kein Fußtritt eines Indianers. Das kann nur die Spur unseres Singemeisters sein, der seine Schuhe mit Mokassins hat vertauschen müssen. Wahrscheinlich hat man ihn vorausgehen lassen und die anderen sind in seine Fußstapfen getreten.« »Aber«, rief Duncan ungläubig, »ich sehe keine Spuren von –« »Den beiden Mädchen«, unterbrach der Kundschafter. »Der Bursche wird Sie soweit getragen haben, bis er glaubte, er habe allen Verfolgern ihre Spuren entzogen.« Man prüfte jetzt den Lauf des Baches in seinem alten Bett. Fast waren sie eine halbe Meile gegangen, als das Wasser über einen großen kahlen Felsen rieselte. Hier untersuchten sie eingehend, ob die Huronen an dieser Stelle das Wasser verlassen hätten. Bald fand das scharfe Auge des jungen Mohikaners die Spur eines Indianerfußes auf einem Büschel Moos. In einem nahen Dickicht fanden sich noch weitere Spuren. »Jetzt haben wir es!« rief Falkenauge fröhlich. »Hier sind die Spuren von drei Paar Mokassins und von zwei kleinen Füßen!« Erfreut über dieses Ergebnis, erquickten sich die Reisenden schnell an einem Imbiß und marschierten dann nach kurzer Ruhepause wieder weiter. Da die Huronen ihre Vorsicht nicht fortsetzten, die Spuren zu verbergen, konnten ihnen die Verfolger schnell nacheilen. Da blieb plötzlich der Kundschafter stehen und wartete, bis seine Begleiter zu ihm herangekommen waren. »Ich wittere die Huronen«, sagte er zu den Mohikanern. »Chingachgook, steige du auf diesen Hügel und du, Unkas, gehe weiter links den Bach entlang, während ich die Spur verfolge. Wer etwas entdeckt, krächzt dreimal wie eine Krähe.« Die Indianer entfernten sich, ohne ein Wort zu erwidern. Da wies Falkenauge Heyward an, vorsichtig nach dem Rande des Waldes zu schleichen und dort auf ihn zu warten, bis er käme. Duncan gehorchte und hatte bald die bezeichnete Stelle erreicht. Er befand sich vor einer Lichtung, die jetzt im Glanze eines milden Sommerabends vor ihm lag. Der Bach hatte sich zu einem kleinen See erweitert. In diesen schönen Anblick versunken, schreckte Duncan plötzlich auf, als er einige hundert Schritte vor sich einen fremden Indianer erblickte. Zuerst überzeugte sich Heyward, daß er nicht selbst bereits entdeckt sei. Doch der Eingeborene schien ihn noch nicht gesehen zu haben. Sein Kopf war bis auf den Scheitel geschoren und von seinem Schopf wehten drei Falkenfedern herab. Ein zerrissener Mantel verhüllte seinen Körper. Seine Beine waren nackt und von Dornen zerkratzt. Die Füße steckten in einem Paar Mokassins von gutem Hirschleder. Der Indianer sah verwahrlost und elend aus. Duncan beobachtete immer noch den seltsamen Indianer, als der Kundschafter still und vorsichtig an seine Seite trat. »Dort steht einer der Wilden!« flüsterte ihm Duncan zu. Falkenauge blickte in die angedeutete Richtung. »Der Bursche ist kein Hurone«, sprach er dann. »Doch an seinen Kleidern ist zu sehen, daß er einen Weißen ausplünderte. Habt Ihr bemerkt, wo er seine Büchse oder seinen Bogen abgelegt hat?« »Er scheint unbewaffnet zu sein und auch keine schlimmen Absichten zu hegen.« Im gleichen Augenblick verschwand der Jäger in dem Dickicht des Waldes. Duncan wartete einige Minuten, bis er den Kundschafter wieder sah. Langsam kroch der Jäger von hinten auf den Indianer zu. Schon glaubte Duncan, daß der Kundschafter dem Wilden die Hände an die Kehle legen werde, da sah er, wie Falkenauge ihm einen leichten Schlag auf die Schulter gab und laut rief: »Wie, Freund, habt Ihr vor die Biber singen zu lehren?« 18. Kapitel Der seltsame Indianer entpuppte sich als David Gamut, der Meister des Psalmengesanges. Falkenauge gab nun das verabredete Zeichen, das Krächzen einer Krähe, und bald waren alle um David versammelt. »Wir sehen gerne, daß Ihr gesund und wohlbehalten seid«, sprach der Kundschafter. »Nun sagt uns, was aus den Mädchen geworden ist?« »Sie sind in der Gefangenschaft der Heiden«, erwiderte David. »Aber sie befinden sich wohl und sind gesund.« »Wo ist Magua, der Schurke?« fragte der Kundschafter weiter. »Er ist heute mit seinen Leuten auf die Jagd gegangen. Die ältere Schwester hat er zu einem benachbarten Stamme gebracht, dessen Hütten jenseits der schwarzen Felsen liegen. Das jüngere Mädchen muß bei den Weibern der Huronen bleiben.« »Warum läßt man Euch so unbewacht herumgehen?« erkundigte sich Falkenauge. »Wenig Ruhm gebühret mir«, erwiderte David, »doch die Macht des Psalmengesanges hat selbst auf die Gemüter der Heiden Einfluß gewonnen, und ich darf gehen und kommen, wie ich will.« Der Kundschafter lachte und sagte: »Die Indianer fügen einem Geistesschwachen kein Leid zu. Warum aber seid Ihr nicht den gleichen Weg zurückgegangen und habt Nachricht nach Fort ›Edward‹ gebracht?« Der Kundschafter verlangte damit von David eine Leistung, die er sicherlich unter keinen Umständen vollbracht hätte. »Wenn ich mich auch sehr nach gepflegten menschlichen Behausungen zurücksehne, so konnte ich doch keinesfalls die beiden Mädchen, die meiner Obhut anvertraut wurden, allein zurücklassen.« Selbst der Kundschafter war von den schlichten Worten des Psalmensängers sehr gerührt und gab ihm die verlorene Stimmpfeife zurück. David mußte nun über die Erlebnisse bei den Wilden berichten. Magua hatte auf dem Berge gewartet, bis sich ein günstiger Augenblick zum Rückzuge bot. Dann hatte er den Weg längst des Horikan eingeschlagen. Da der Hurone den Weg genau kannte und wußte, daß keine Gefahr der Verfolgung drohte, drang er nur langsam vor. Aus der Erzählung Davids erwies sich, daß seine Gegenwart mehr geduldet als gewünscht wurde. Nachts wurde größte Vorsicht gegenüber den Gefangenen angewandt, um ihre Flucht zu verhindern. An der Quelle ließ man die Pferde laufen. Bei der Ankunft im Lager seines Volkes trennte Magua die Gefangenen. Kora wurde zu einem Stamme gesandt, der in einem benachbarten Tale wohnte. Die Mohikaner und der Kundschafter hatten aufmerksam der Erzählung zugehört. »Saht ihr die Messerform des Stammes, bei dem sich Kora aufhält?« fragte der Kundschafter. David konnte sich darauf nicht besinnen. Er hatte aber bei den Kriegern des Stammes eine seltsame Kriegsbemalung festgestellt. »War es das Zeichen einer Schlange?« fragte schnell der Kundschafter. »Fast so. Es sah eher nach einer Schildkröte aus.« »Howgh!« riefen die Mohikaner gleichzeitig. Eingehend unterhielten sich der Kundschafter und die beiden Mohikaner in delawarischer Mundart. Einmal hob Chingachgook den Arm und ließ einen Finger auf seiner Brust ruhen. Da bemerkte Duncan, daß das eben erwähnte Tier auf der gewölbten Brust des Häuptlings zu sehen war. Nach diesem Gespräche erklärte der Jäger: »Wir haben soeben etwas festgestellt, das uns nützlich oder auch schädlich sein kann. Chingachgook stammt aus dem Blute der Delawaren und ist der große Häuptling der Schildkröte. Es ist ein gefährlicher Weg, den wir betreten. Ein Freund, der sein Gesicht abgewandt hat, ist oft blutdürstiger als ein Feind, der auf Skalpe ausgeht.« Diese Bemerkung stimmte alle nachdenklich. »Es wäre am besten«, sprach Falkenauge, »wir ließen den Psalmensänger wieder in das Lager zurückkehren und den Mädchen sagen, daß wir in ihrer Nähe sind. Zur gegebenen Zeit rufen wir ihn durch ein verabredetes Zeichen wieder zu uns.« »Halt!« rief Heyward, »ich will ihn begleiten.« »Ihr?« fragte Falkenauge erstaunt. »Wollt Ihr die Sonne nicht mehr scheinen sehen?« »David ist ein lebendiger Beweis, daß die Huronen nicht immer blutdürstig sind. Auch ich kann, notfalls, den Narren spielen, wenn es gilt, die Mädchen zu befreien.« Falkenauge sah den jungen Mann einen Augenblick mit sprachloser Verwunderung an. Der kühne Plan beeindruckte offenbar den Kundschafter. Falkenauge kannte den Scharfsinn der Indianer zu gut, um nicht die Gefahr eines solchen Unternehmens vorher zu wissen. Doch war es ihm unklar, was er zu diesem plötzlichen Entschluß sagen sollte. Statt sich also dem Plane Duncans entgegenzustemmen, schlug plötzlich seine Stimmung um. »Kommt!« sprach er, »Chingachgook hat viele Farben bei sich. Er soll Euch bemalen und schnell hat er aus Euch einen Narren gemacht.« Duncan gehorchte, und der Mohikaner, der der Unterredung zugehört hatte, unterzog sich gern dieser Arbeit. Nachdem Heyward bemalt worden war, gab ihm der Kundschafter manchen guten Rat, verabredete Signale und bezeichnete den Ort, wo sie sich treffen wollten. Der Abschied, besonders Munros von seinem jungen Freunde, war schwer. Der Kundschafter führte Heyward beiseite und teilte ihm mit, daß er den General unter dem Schutze Chingachgooks an einem sicheren Orte unterbringen wolle. Er und Unkas wollten bei dem Stamme, der mit den Delawaren verwandt war, Nachforschungen anstellen. Dann drückte Falkenauge Duncans Hand, und der junge Mann machte sich mit David auf den Weg zum Lager der Wilden. Viele Wünsche für ein gutes Gelingen seines Planes begleiteten ihn. Nachdem sie fast in einem Halbkreis um den Teich gegangen waren, verließen sie den Lauf des Wassers und erstiegen eine kleine Anhöhe. In einer knappen halben Stunde kamen sie am Rande einer zweiten Lichtung an und entdeckten fünfzig bis sechzig Hütten, die roh aus Baumstämmen, Zweigen und Erde aufgebaut waren. Es war das Lager der Huronen. Beide gingen jetzt ohne weiteres Zögern in der hereinbrechenden Dämmerung den Hütten der Wilden zu. 19. Kapitel Das Lager schien unbewacht zu sein. Als jedoch Duncan und David näher kamen, wurden sie von einer Anzahl Kinder bemerkt, die sofort ein lautes Geschrei erhoben und verschwanden. David schien mit den Gepflogenheiten der Wilden bereits vertraut zu sein, denn er ging unbekümmert weiter. Dann trat er mit Duncan in eine der größeren Hütten ein, die das Hauptgebäude des Dorfes war. Innerhalb ihrer Wände hielt der Stamm seine öffentlichen Versammlungen und Beratungen ab. Während Duncan zwischen den dunklen Gestalten der Wilden, die auf dem Boden zusammengedrängt saßen, hindurchschritt, konnte er nur mit Mühe die notwendige Unbefangenheit behaupten. Sein Blut stockte, als er sich von so vielen Feinden umgeben sah. Dem Beispiel Davids folgend, nahm er ein Bündel Buschwerk von einem Haufen in der Ecke der Hütte und ließ sich schweigend darauf nieder. Eine brennende Fackel sandte ihren rötlichen Schimmer auf die Gesichter der Anwesenden. Duncan benutzte den schwachen Schein, um aus den Mienen der Wilden zu erforschen, welchen Empfang sie ihm bereiten würden. Die Häuptlinge beachteten ihn kaum und blickten zu Boden. Endlich trat ein alter ergrauter Häuptling aus dem Dunkel der Hütte und gab ein Zeichen, daß er zu sprechen wünsche. Da er aber in der Sprache der Huronen redete, waren seine Worte für Heyward unverständlich. »Spricht keiner meiner Brüder Französisch oder Englisch?« fragte Duncan. Da keiner der Indianer antwortete, fuhr Duncan fort: »Ich würde es bedauern, wenn ich glauben müßte, daß keiner der tapferen Männer die Sprache des großen Montcalm verstünde. Es würde ihn sehr kränken, wenn er erführe, daß seine roten Krieger ihm so wenig Ehrfurcht bezeigen.« Eine längere Pause erfolgte, dann antwortete derselbe Krieger, der sich vorher an ihn gewandt hatte, in französisch: »Wie wird unser großer Vater zu seinen Kindern sprechen, wenn man ihm die Skalpe zeigt, die vor wenigen Tagen noch auf den Köpfen der Engländer wuchsen?« »Sie waren seine Feinde!« sprach Duncan gefaßt. »Er wird sagen: ›Meine Huronen sind tapfer‹.« »Unser Kanadavater denkt aber nicht so. Statt seine Indianer zu belohnen, sind seine Augen rückwärts gewandt. Das Kanu eines toten Kriegers schwimmt nicht mehr auf dem Horikan«, fuhr der Wilde fort. »Seine Ohren sind den Delawaren geöffnet, die nicht unsere Freunde sind.« »Das stimmt nicht«, erwiderte Heyward. »Er hat mich zu euch geschickt, um die Kranken der Huronen zu heilen.« Eine neue Pause trat nach diesen Worten ein. Alle Augen hefteten sich auf Heyward, als wollten sie die Wahrheit seiner Worte prüfen. »Bemalen die klugen Männer aus Kanada ihre Haut?« fragte der schlaue Häuptling. »Sie rühmen sich doch sonst so gern ihres blassen Gesichtes.« »Wenn ein Häuptling der Indianer zu seinen weißen Vätern kommt«, erwiderte Duncan bestimmt, »so legt er sein Kriegskleid ab, um das Gewand zu tragen, das ihm angeboten wird. Meine Brüder haben mir diese Farben gegeben und ich trage sie.« Ein beifälliges Gemurmel zeigte, daß diese Geste der Ehrerbietung günstig aufgenommen wurde. Nach kurzem Stillschweigen erhob sich ein anderer Krieger. Schon wollte er zu sprechen beginnen, da erscholl aus der Ferne ein helles grelles Geheul. Im gleichen Augenblick verließen alle Krieger die Hütte und stimmten in das Geschrei ein. Diese Unterbrechung ließ auch Duncan aufstehen und er folgte den Indianern. In dem fahlen Abendlicht erkannte er eine Anzahl Indianer, die aus dem nahen Walde kamen und sich dem Dorfe näherten. Einer trug eine kurze Stange, an der mehrere menschliche Skalpe hingen. Etwa hundert Schritte von den Hütten entfernt, blieben die neuangekommenen Krieger stehen. Das ganze Lager bot einen wilden Anblick. Die Krieger zogen ihre Messer, die Weiber ergriffen Keulen und Stöcke, selbst die Kinder rissen ihren Vätern die Tomahawks aus dem Gürtel und sprangen ihren Eltern in wilden Bewegungen nach. Ein altes Weib zündete mehrere Haufen Gestrüpp an. Die Flammen schlugen empor und erhellten die Umgebung. Bei den neuen Kriegern standen etwas abseits zwei Indianer, deren Züge er nicht erkennen konnte. Während der eine aufrechte Haltung zeigte, senkte der andere sein Haupt. Unbemerkt näherte sich Heyward den Huronen. Die Wilden hatten jetzt vor den beiden abseits stehenden Indianern eine Gasse gebildet. Da ertönte ein Signal, auf das die Gefangenen durch das Spalier ihrer Feinde laufen sollten. Während der eine Indianer mutlos stehenblieb, ließ der andere einen Kriegsruf ertönen und rannte mit größter Geschwindigkeit davon. Eine tolle nächtliche Jagd begann. Einen Augenblick war es, als ob der Fliehende den Wald erreiche, doch die Menge seiner Verfolger trieb ihn in die Mitte des Dorfes zurück. Entschlossen sprang der Indianer über ein hoch aufloderndes Feuer und erschien auf der anderen Seite des Platzes. Doch auch hier traf er auf mehrere Huronen, die ihm den Weg verlegten. Noch einmal warf er sich in das Gedränge. In einer dunklen Masse menschlicher Gestalten schien er zu verschwinden. Doch die Menge setzte sich in Bewegung. Der fliehende Indianer wurde wieder sichtbar. Er schien einen letzten Versuch zu unternehmen, den Wald zu gewinnen, und rannte an Duncan vorbei. Da eilte ihm ein großer Hurone, das Kriegsbeil schwingend, entgegen, um ihm den tödlichen Streich zu versetzen. In diesem Augenblick streckte Duncan seinen Fuß vor und der Hurone fiel zu Boden. Mit Blitzesschnelle benutzte der Verfolger den Vorteil und sprang zu der Beratungshütte und blieb dort, an einen kleinen bemalten Pfosten gelehnt, stehen. Neugierig näherte sich Duncan dem fremden Indianer. Dieser hielt noch immer mit einem Arm den Pfosten umschlungen und atmete tief und schwer. Er war durch eine alte heilige Sitte vor weiteren Angriffen der Wilden geschützt, bis der Stamm über sein Schicksal beraten und entschieden hatte. Die Weiber der Huronen näherten sich und beschimpften den Indianer. Sie verhöhnten sein vergebliches Bemühen, zu entfliehen. Der Gefangene beachtete sie nicht. Voller Ruhe und Würde blickte er mit abgewandtem Gesicht nach dem fernen Wald. Jetzt wandte der Gefangene langsam den Blick seinen Feinden zu, und Duncan erkannte zu seinem größten Schrecken in dem Indianer den jungen Mohikaner. Die gefährliche Lage seines roten Freundes beängstigte Heyward. Jetzt drängte sich ein Krieger durch die Menge, nahm Unkas beim Arm und führte ihn in das Versammlungshaus. Alle Häuptlinge und die meisten Krieger folgten. Auch Heyward gelang es, in das Innere der Hütte zu kommen. Es währte einige Zeit, bis die anwesenden Huronen nach ihrem Rang und Einfluß Platz genommen hatten. Die älteren Häuptlinge nahmen ihre Sitze in der Mitte des Raumes ein, während sich die jüngeren Krieger im Hintergründe sammelten. Mitten im Kreise stand Unkas, ruhig und gefaßt. Seine Haltung machte einen guten Eindruck auf die Sieger. Anders benahm sich der andere gefangene Indianer, den Duncan vor dem verzweifelten Fluchtversuch seines Freundes neben Unkas hatte stehen sehen. Statt auch sein Heil in der Flucht zu versuchen, war er stehengeblieben. Obgleich er wohl einem anderen Stamme angehörte, trug er die Kriegsbemalung der Huronen. Nachdem alle Platz genommen hatten und tiefe Stille eingetreten war, begann der alte Häuptling zu sprechen: »Delaware, du hast dich als Mann bewährt, wenn du auch aus einer Nation von Weibern kommst. Wir gäben dir gern Nahrung. Aber wer mit einem Huronen ißt, muß sein Freund werden. Ruhe in Frieden bis zur Morgensonne, dann soll unser letztes Wort gesprochen werden.« »Sieben Nächte und sieben Sommertage war ich auf der Fährte der Huronen«, erwiderte kaltblütig Unkas. »Die Kinder der Delawaren verfolgten die Spuren ihrer Feinde ohne sich mit dem Essen aufzuhalten.« »Zwei meiner jungen Krieger verfolgen deinen Begleiter«, fuhr der Häuptling fort, ohne auf die Ruhmrede seines Gefangenen zu achten. »Wenn sie zurück sind, werden unsere weisen Männer zu dir sagen: ›Leb oder stirb!‹« »Hat ein Hurone keine Ohren?« rief Unkas. »Zweimal hat der Delaware, seit er euer Gefangener ist, den Knall einer Büchse gehört, deren Ton er genau kennt. Eure jungen Männer werden nicht zurückkehren.« Eine kurze Pause folgte dieser kühnen Behauptung. Duncan merkte, daß der Mohikaner auf die verhängnisvolle Büchse des Kundschafters anspielte. »Wenn die Delawaren so geschickt sind, warum ist einer ihrer tapfersten Krieger hier?« fragte der Häuptling weiter. »Er folgte den Spuren des fliehenden Feiglings, der neben mir steht, und fiel dabei in eine Schlinge. Auch der schlaue Biber kann gefangen werden.« Während Unkas sprach, zeigte er mit dem Finger auf den feigen Huronen, der sich einem Zweikampf durch Flucht entzogen hatte. Alle Augen wandten sich auf den bezeichneten Indianer. Ein dumpfes drohendes Gemurmel lief durch die Versammlung. Jetzt besprachen sich die älteren Häuptlinge untereinander. Abermals trat eine lange feierliche Stille ein. Sie war der ernste Vorbote eines wichtigen Urteilsspruches. Endlich wurde das Stillschweigen von dem alten Häuptling unterbrochen. Er erhob sich und ging an der unbeweglichen Gestalt des Mohikaners vorbei und stellte sich in würdevoller Haltung vor den abtrünnigen Huronen. »Schwankendes Rohr«, sprach der Häuptling, »deine Zunge spricht laut im Dorf, aber sie ist stumm in der Schlacht. Keiner meiner Jünglinge schlägt den Tomahawk tiefer in den Kriegspfosten, aber keiner so schwach auf den Kopf seiner Feinde wie du. Unsere Gegner kennen die Gestalt deines Rückens, aber noch nie haben sie die Farbe deiner Augen gesehen. Dreimal haben sie dich zum Kampf gerufen, aber du hast vergessen, zu antworten. Dein Name wird nie wieder in deinem Stamme genannt werden – er ist bereits vergessen.« Während der Häuptling feierlich diese Worte sprach, erhob sich der Indianer und blickte dem anderen ins Gesicht. Scham, Schrecken und Stolz kämpften in seinen Zügen. Da entblößte er seine Brust und blickte fest auf das scharfe blitzende Messer, das sein unerbittlicher Richter in der Hand hielt. Als die Waffe ihm langsam in das Herz drang, lächelte er sogar, als freue er sich, den Tod nicht so furchtbar zu finden, wie er erwartet hatte. Dann fiel er leblos neben Unkas nieder. 20. Kapitel Während alle Versammelten aufmerksam der Vollstreckung des Urteils gefolgt waren, legte sich vorsichtig eine Hand auf Heywards Arm. Er sah auf und bemerkte Unkas, der ihm leise zuflüsterte: »Die Huronen sind Hunde. Vor dem Anblick des Blutes eines Jünglings erzittert ein Krieger nicht. Der alte General und Chingachgook sind in Sicherheit. Falkenauges Büchse schläft nicht. Geh – Unkas und die ›Offene Hand‹ sind sich jetzt fremd.« Heyward hätte gern noch mehr erfahren. Doch ein sanfter Druck des Freundes schob ihn nach der Türe hin. Langsam verließ er die Hütte und trat unter die Menge. Die erlöschenden Feuer warfen ein düsteres Licht auf die dunklen Gestalten, die stillschweigend hin- und herschritten. Es wäre ihm jetzt leicht gewesen, zu entfliehen und seine Freunde zu benachrichtigen. Doch die Angst um Alice und die Sorge um Unkas hielt ihn zurück. Er ging von Hütte zu Hütte weiter, bis er die Runde im Dorf gemacht hatte. Endlich kehrte er nach der Beratungshütte zurück, um David aufzusuchen. Als Duncan das Gebäude wieder erreicht hatte, war die frühere Aufregung unter den Kriegern bereits verschwunden. Sie hatten sich wieder versammelt und rauchten ruhig ihre Pfeifen. Ohne Zögern trat er in die Hütte und nahm seinen Platz wieder ein. Ein Blick zeigte ihm, daß Unkas an seiner Stelle geblieben war. David aber war nicht wieder erschienen. Einige junge Huronen bewachten den Gefangenen und weitere bewaffnete Huronenkrieger standen am Ausgang der Hütte. Heyward weilte nur kurze Zeit, als ein älterer Krieger ihn ansprach. »Mein Kanadavater vergißt seine Kinder nicht«, sagte der Häuptling. »Ich danke ihm. Ein böser Geist lebt in der Frau eines meiner jungen Männer. Kann der kluge Fremde ihn hinwegschicken?« Heyward kannte einige der Gaukeleien, die die Indianer anwandten, um den bösen Geist zu vertreiben. In geheimnisvollem Tone antwortete er: »Die Geister sind verschieden. Manche weichen der Macht der Weisheit, andere sind zu mächtig für sie.« »Mein Bruder ist ein großer Arzt«, sprach der schlaue Wilde. »Will er es versuchen?« Heyward machte ein Zeichen der Zustimmung. Der Hurone war mit der Zusage zufrieden, nahm seine Pfeife wieder auf und wartete auf einen passenden Augenblick zum Aufbruch. Gerade als der Hurone zu gehen beabsichtigte, trat die mächtige Gestalt eines Kriegers in die Mitte. Stillschweigend setzte sich der neue Ankömmling in die Nähe Duncans nieder. Ungeduldig warf Heyward einen Blick auf seinen neuen Nachbarn. Ein Schaudern überlief ihn, als er in ihm Magua erkannte. Die plötzliche Rückkehr dieses Häuptlings ließ den Huronen seinen Weg aufschieben. Die Männer zündeten wieder ihre Pfeifen an, während Magua seinen Tomahawk aus dem Gürtel zog. Zehn Minuten mochten in andächtigem Stillschweigen vergangen sein, ehe einer der Indianer zu sprechen begann. »Willkommen!« rief ein Häuptling. »Hat Magua den Elch gefunden?« »Meine Krieger schwanken unter der Last der Jagdbeute«, erwiderte Magua. »Das ›Schwankende Rohr‹ möge ihnen entgegengehen und die Beute tragen helfen.« Tiefe Stille folgte, als Magua den verbotenen Namen des hingerichteten Huronen aussprach. Die Häuptlinge berichteten dem aufmerksam zuhörenden Magua die letzten Ereignisse. »Die Delawaren waren hier!« rief Magua drohend. »Nicht doch! Nur einer von ihnen ist hierhergekommen.« »Haben meine jungen Krieger seinen Skalp genommen?« »Seine Beine waren schnell. Sein Arm taugt mehr für die Hacke als für den Tomahawk«, sprach einer der Indianer geringschätzig und deutete auf die Gestalt des Mohikaners. Ohne sich nach dem Gefangenen umzusehen, rauchte Magua nachdenklich seine Pfeife zu Ende. Nachdem er sie zu Ende geraucht, die Asche seiner Pfeife ausgeschüttet hatte, nahm er den Tomahawk wieder an sich und stand auf. Lange Zeit standen die beiden Feinde einander gegenüber und blickten sich in die Augen. Dann ging ein Ausdruck wilder Freude über Maguas Gesicht und er rief aus: »Der Schnelle Hirsch!« Alle Krieger sprangen auf, als dieser bekannte und gefürchtete Name genannt wurde. Ein Freudengeheul erscholl in der Hütte. Unkas genoß den Triumph, den sein Name auslöste. Magua bemerkte diesen Stolz und rief wütend aus: »Mohikaner, du stirbst!« »Die heilenden Wasser bringen die toten Huronen nicht mehr zum Leben«, erwiderte Unkas. »Ihre Wogen benetzen ihre Gebeine. Die Männer der Huronen sind Weiber, ihre Weiber sind Eulen. Ruf die Hunde von Huronen zusammen, damit sie einen Krieger sehen können!« Ein wütendes Geheul folgte auf diese Schmährede. Magua hob seinen Arm und gebot Ruhe, um zu sprechen. Er war ein guter Redner und fast immer gelang es ihm, seine Meinung durch den tiefen Eindruck seiner Worte durchzusetzen. Nachdem Stille eingetreten war, stand Magua auf und erzählte von den letzten Vorgängen. Dann sprach er von dem Überfall Falkenauges und seiner Gefährten und dem blutigen Ausgang für die Huronen. Jetzt senkte Magua seine Stimme und rühmte feierlich die Taten der Gefallenen. »Sind die Gebeine meiner jungen Krieger auf dem Begräbnisplatz der Huronen?« fragte er. »Ihr wißt es genau, sie sind es nicht! Ihre Geister sind nach der untergehenden Sonne gegangen und ziehen über die großen Wasser nach den ewigen Jagdgründen. Doch sie sind hingegangen ohne Nahrung, ohne Büchsen oder Messer, ohne Mokassins, nackt und arm, wie sie geboren wurden. Soll das so sein? Was werden unsere Väter denken? Wir wollen den Rücken dieses Mohikaners beladen, bis er unter unseren Gaben zu Boden sinkt und ihn unseren jungen Kriegern nachsenden, damit sie Nahrung, Kleidung und Waffen erhalten. Wir haben schon viele Feinde erschlagen. Aber die Erde ist noch blaß. Ein Fleck auf dem Namen der Huronen kann nur durch Blut getilgt werden, das aus den Adern eines Indianers strömt. Laßt darum den Delawaren sterben!« Die Wirkung der Rede war stark. Magua hatte die Gefühle und den Aberglauben seiner Zuhörer auf schlaue Weise angesprochen und ihre Gemüter erhitzt. Ein Krieger sprang auf und schwang mit wildem Geheul eine kleine hellgeschliffene Streitaxt über seinem Haupt. Im gleichen Augenblick entflog die Waffe seiner Hand und durchschnitt die Adlerfeder auf dem Schopfe des jungen Mohikaners und fuhr in die schwache Wandung der Hütte. Unkas war ruhig stehengeblieben und blickte seinem Feinde in das Auge. Dann aber lächelte er und murmelte einige Worte der Verachtung. »Nein!« rief Magua, »die Sonne muß seine Schande beleuchten. Unsere Weiber sollen sehen, wie sein Fleisch zittern wird. Geht, bringt ihn an einen sicheren Ort. Wir wollen sehen, ob ein Delaware in der Nacht schlafen und am anderen Morgen sterben kann.« Die jungen Krieger, die den Gefangenen bewachten, fesselten seine Arme mit Riemen und führten ihn aus der Hütte. Magua begnügte sich mit dem Erfolge und trat ebenfalls ins Freie. Die Aufregung, die Maguas Rede hervorgerufen hatte, legte sich allmählich. Die Krieger nahmen wieder ihre Sitze ein, und dicke Rauchwolken füllten den Raum. Nachdem der Häuptling, der sich Duncans Hilfe erbeten hatte, seine Pfeife zu Ende geraucht, gab er das Zeichen zum Aufbruch. Duncan folgte ihm. Der Häuptling führte seinen Begleiter auf den Abhang eines nahen Berges. Ein schmaler Pfad lag vor ihnen. Der Lichtschein der Lagerfeuer erhellte den Weg. In der Nähe eines kahlen Felsens kamen sie an einer Grasfläche vorbei. In diesem Augenblick bemerkten beide ein eigenartiges Wesen, das sich schwerfällig fortbewegte. An den schwankenden Bewegungen erkannten sie in dem Tier einen Bären. Wenn das Tier auch laut und wild brummte, so machte es doch keinen feindseligen Eindruck. Der Hurone war wohl von den friedlichen Absichten des Bären überzeugt, denn er verfolgte weiterhin seinen Weg. Duncan, der wußte, daß diese Tiere oftmals bei den Indianern als Haustiere gehalten wurden, folgte dem Beispiel seines Begleiters. Beide gingen an dem Bären vorüber, der ihnen in einiger Entfernung folgte. Heyward fühlte sich dadurch beunruhigt und wollte eben sprechen, als der Indianer in diesem Augenblick eine Tür aus Baumrinde beiseite schob und in das Innere einer Höhle trat. Als Duncan schnell die leichte Tür schließen wollte, wurde sie ihm durch die Tatze des Bären entrissen, dessen zottige Gestalt den Eingang verdunkelte. Sie befanden sich jetzt in dem engen und langen Gang einer Felsenspalte, wo jede Umkehr unmöglich war. In dieser Not eilte Duncan weiter, um rasch seinen indianischen Führer einzuholen. Der Bär trottete hinter ihm her. Mehrmals versuchte er sogar, die Tatzen auf seine Schulter zu legen. Endlich erreichten sie eine große Felsenhöhle, die in verschiedene Gemächer eingeteilt war. Hierher hatten die Huronen ihre Schätze gebracht und hier befand sich auch die kranke Frau. Das Gemach, in das Duncan mit seinem Führer eintrat, war besonders für die Kranke hergerichtet worden. Er näherte sich dem Lager, das die Weiber umgaben. Zu seiner Überraschung entdeckte er auch den vermißten David. Ein Blick zeigte Heyward, daß die Kranke nicht mehr zu heilen war. Sie schien von einer Lähmung befallen zu sein und zum Glück ihre Krankheit nicht mehr zu empfinden. Gamut setzte seinen Gesang, der durch die Ankömmlinge unterbrochen war, mit einer neuen Hymne fort. Man ließ ihn gewähren. Doch plötzlich fuhr er erschrocken auf, als sich die gleichen Strophen hinter ihm in einer tiefen Stimme wiederholten. Er sah sich um und erblickte den Bären. Entsetzen malte sich in den Augen Davids und er verstummte vor Erstaunen. Rasch ergriff er die Flucht, nachdem er zuvor Heyward noch zugeflüstert hatte: »Sie ist hier! Sie erwartet Euch!« Eilig rannte er dann zur Höhle hinaus. 21. Kapitel Der Häuptling trat an das Lager der Kranken und gab den Weibern den Befehl, sich zu entfernen. Nur widerstrebend gehorchten die Frauen. Dann deutete er auf die Kranke und sprach: »Jetzt zeige mein Bruder seine Kunst!« Duncan bemühte sich seine Gedanken zu sammeln, um jene Beschwörungen und seltsamen Gebräuche zu beginnen. Da wurde er bei seinem Treiben durch ein wildes Gebrumm des Bären unterbrochen. Mehrfach erneuerte er seine Bemühungen, aber immer wieder wurde er durch das seltsame Gebaren des Tieres abgehalten. »Die Medizinmänner sind eifersüchtig«, bemerkte der Hurone. »Ich gehe schon. Bruder, die Frau ist das Weib eines meiner tapfersten Krieger. Mache sie gesund!« Ruhig fügte er befehlend zu dem ergrimmten Tier hinzu: »Sei still – ich gehe schon!« Der Häuptling entfernte sich und Duncan befand sich jetzt allein mit der Kranken und dem gefährlichen Tier in der Höhle. Der Bär lauschte mit dem ihm eigenen Scharfsinn, bis ein zweites Echo verkündete, daß der Häuptling die Höhle verlassen hatte. Duncan suchte ängstlich nach einer Waffe, um einem Angriffe Widerstand zu leisten. Das Tier schien jedoch seine Laune geändert zu haben. Statt fortzubrummen, schüttelte es seinen zottigen Pelz. Mit seinen schwerfälligen Tatzen kraute es sich täppisch an der Schnauze. Plötzlich fiel der Kopf des Bären auf die Seite, und es erschien das Gesicht des Kundschafters, der in ein leises Lachen ausbrach. »Pst!« sprach der Kundschafter, »die Burschen sind noch in der Nähe. Jeder Laut, der nicht zu Eurer Zauberei paßt, bringt uns in Gefahr.« »Erklärt mir erst den Zweck der Verkleidung, und warum habt Ihr ein solch verzweifeltes Abenteuer unternommen?« »Ach, vor dem Zufall werden oft Vernunft und Berechnung zunichte«, erwiderte der Kundschafter. »Ich will Euch schnell alles erzählen. Als wir uns trennten, brachte ich den General und Chingachgook in ein altes Biberquartier, wo sie vor den Huronen sicher sind. Dann gingen wir, Unkas und ich, nach dem anderen Lager ab. Habt Ihr den jungen Mohikaner gesehen?« »Leider! Er ist gefangen und verurteilt bis Sonnenaufgang zu sterben.« »Ich befürchtete es«, sagte der Kundschafter. »Seine Gefangennahme ist der eigentliche Grund, weshalb ich hier bin. Es wäre eine Schande, Unkas in den Händen der Huronen zu lassen. – Aber hört weiter. Unkas und ich stießen auf einen Trupp heimkehrender Mingos. Der Junge war zu schnell für einen Kundschafter. Kurz, einer der Huronen lief davon und brachte ihn fliehend in einen Hinterhalt.« »Der Hurone hat seine Feigheit mit dem Tode bezahlen müssen.« Der Kundschafter nickte und fuhr fort: »Nach dem Verlust des Jungen machte ich auf die Huronen Jagd. Es gab ein kurzes Gefecht zwischen mir und einigen dieser Wegelagerer. Dann kam ich ohne weitere Störung an ihre Hütten heran. Zum Glück entdeckte ich einen ihrer berühmten Medizinmänner, der sich gerade für eine Beschwörung als Bär anputzte. Ein gezielter Schlag auf den Kopf machte dem Burschen für eine Zeit die Beine steif. Um Lärm zu verhüten, gab ich ihm einen Knebel in den Mund und band ihn zwischen zwei Bäumen fest. Dann zog ich ihm seinen Anputz vom Leibe und stieß zu Euch.« »Das habt Ihr großartig gemacht!« rief Heyward erfreut. »Mein Gott«, sprach der Kundschafter, »das wäre traurig, wenn ein alter Jäger nicht in der Lage wäre, einen Bären nachzuahmen. – Doch wir haben noch viel vor uns, wo ist das Mädchen?« »Ich weiß es nicht. Ich habe jede Hütte im Dorf durchforscht, ohne eine Spur von ihr zu finden.« »Ihr hörtet doch, daß der Sänger beim Fortgehen sagte: ›Sie ist hier und erwartet Euch!‹« Der Kundschafter sah sich um. Plötzlich kletterte er, einem Einfall gehorchend, die Felswand empor. Kaum hatte er den Gipfel erreicht, da winkte er Heyward zu und stieg schnell wieder herab. »Sie ist hier«, flüsterte er, »durch diese Tür könnt Ihr zu ihr kommen. Schnell geht zu ihr. Doch vorher entfernt Eure Malerei. Ihr seht nicht gerade einladend aus.« Duncan kam schnell dem Vorschlage des Jägers nach und wusch an einer kleinen Quelle, die aus einem Felsen rieselte, die Farben aus seinem Gesicht. Dann betrat er den anderen Teil der Höhle. Der Raum war mit Beutestücken vollgestellt. Mitten in diesem Durcheinander fand er Alice. »Duncan!« rief sie mit zitternder Stimme. Heyward eilte zu ihr und erzählte die letzten wichtigsten Ereignisse. Er berichtete ihr eingehend von ihrem Vater und der Möglichkeit einer Flucht. Alice hörte ihm aufmerksam zu. Heyward wollte das Mädchen gerade auffordern, rasch mit ihm zu fliehen, als er einen leichten Schlag auf seiner Schulter spürte. Erschreckt wandte er sich um und seine Blicke fielen auf die dunkle Gestalt und das boshafte Gesicht Maguas. Der Wilde lachte höhnisch. Am liebsten hätte sich Duncan auf den Eindringling geworfen. Da er aber keine Waffe hatte, beherrschte er sich. Der Indianer betrachtete die beiden Gefangenen mit finsterem Blick. Dann wälzte er einen großen Holzklotz vor eine zweite Tür, durch die er unbemerkt eingetreten war. Aufmerksam hatte Heyward den Indianer beobachtet. Als sich Magua der Gefangenen näherte, trat Duncan schützend vor Alice. »Die Bleichgesichter fangen die schlauen Biber. Die Rothäute aber wissen, wie man die Engländer fängt!« »Hurone, tu was du willst!« rief Heyward. »Ich verachte dich und deine Rache!« »Wird der weiße Mann am Marterpfahle auch so sprechen?« fragte höhnisch lächelnd Magua. »Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling. Er wird seine jungen Krieger herbeiholen, damit sie sehen, wie das Blaßgesicht die Martern ertragen kann.« Mit diesen Worten wandte sich der Hurone ab und wollte sich durch den Gang entfernen, durch den Duncan gekommen war. Da ertönte das Brummen des Bären. Das Tier erschien jetzt unter der Tür und setzte sich nieder. Magua betrachtete es einen Augenblick scharf. Doch der Aberglaube seines Volkes ließ ihn in der wohlbekannten Maske den Medizinmann seines Stammes vermuten. Voller Verachtung wollte er vorübergehen. Ein lautes und drohendes Brummen ließ ihn stillestehen. Der Bär hatte sich auf seine Hinterbeine gestellt und schlug wild mit den Tatzen in der Luft herum. »Narr!« rief der Häuptling. »Geh und spiele mit Kindern und Weibern und lasse tapfere Männer zufrieden!« Da streckte das Tier seine Tatzen aus und umschloß ihn mit aller Gewalt. Duncan hatte gespannt die Bewegungen des Kundschafters verfolgt. Jetzt ergriff er einige herumliegende Lederriemen und stürzte zu Magua, um ihn zu fesseln. Schnell hatte er ihm Arme und Beine gebunden. Nachdem der Hurone gefesselt war, ließ ihn der Kundschafter los. Magua hatte noch keinen Ton von sich gegeben. Als aber Falkenauge den Bärenkopf absetzte und sein Gesicht zeigte, stieß der Hurone einen Ruf der Überraschung aus. Schnell stopfte Falkenauge dem Gefangenen noch einen Knebel in den Mund, um ihn am Rufen zu verhindern. »Wie kam der Schurke herein?« fragte der Kundschafter. Duncan wies auf die zweite Tür, durch die Magua gekommen war. »So holt schnell das Mädchen«, fuhr der Jäger fort. »Wickelt sie in Decken ein und tragt sie auf Euren Armen hinaus!« Duncan beeilte sich den Vorschlag des Jägers zu befolgen und nahm die leichte Gestalt Alices auf und folgte dem Jäger. Als sie sich der Ausgangstür der Höhle näherten, hörten sie ein Gemurmel von Stimmen, das von den Verwandten und Freunden der Kranken stammte, die draußen auf das Erscheinen des vermeintlichen Arztes warteten. Der Kundschafter öffnete rasch die Tür und ließ ein wildes Gebrumme ertönen. Bald waren sie von einem Trupp von zwanzig neugierigen Angehörigen der Kranken umringt. Da trat ein älterer Hurone, anscheinend der Vater der Kranken, hervor, und sprach: »Hat mein Bruder den bösen Geist ausgetrieben? Was hat er in seinen Armen?« »Dein Kind!« sprach Duncan feierlich. »Die Krankheit ist von ihr gewichen und in den Felsen eingeschlossen. Jetzt trage ich das Mädel noch eine Strecke fort und will sie gegen neue Anfälle stärken. Wenn die Sonne wiederkehrt, wird sie in dem Wigwam ihres Mannes sein.« Als der Vater die Worte vernommen hatte, verkündete ein unterdrücktes Murmeln, daß diese Nachricht dankbar aufgenommen wurde. Der Häuptling winkte Duncan weiterzugehen und sprach mit lauter Stimme: »Geh, ich bin ein Mann und werde die Höhle betreten, um mit dem bösen Geist zu kämpfen.« »Ist mein Bruder von Sinnen?« rief Heyward. »Nein! Meine Brüder mögen draußen warten, und wenn der böse Geist erscheint, ihn draußen mit Keulen niederschlagen.« Rasch entfernten sich der Kundschafter und Heyward, der Alice immer noch auf den Armen trug. Der Jäger schlug einen Waldpfad ein, der das Dorf umging. Als sie sich in einiger Entfernung von den Hütten befanden, blieb Falkenauge stehen. »Dieser Pfad führt euch nach einem Bache«, sprach er, »Folgt ihm, bis ihr an einen Wasserfall kommt. Dann steigt den Berg hinauf, und ihr werdet die Feuer eines anderen Stammes erblicken. Dorthin müßt ihr gehen und um Schutz bitten. Sind es Delawaren, so seid ihr gerettet. Mit dem Mädchen ist es jetzt unmöglich, weiter zu entfliehen. Die Huronen würden eurer Fährte folgen und bald eure Skalpe erbeuten.« »Und Ihr?« fragte Heyward überrascht. »Wollt Ihr nicht mitkommen?« »Die Huronen haben den Stolz der Delawaren, den letzten Mohikaner in ihrer Gewalt«, entgegnete der Kundschafter. »Ich muß sehen, was ich für meinen jungen Freund tun kann.« Mit diesen Worten verabschiedete sich der Kundschafter von Heyward und Alice. Dann schlug der Jäger den Weg nach den Hütten des Dorfes ein. Heyward und Alice begannen den Marsch nach den Wohnstätten der Delawaren. 22. Kapitel Falkenauge wußte genau, welche Schwierigkeiten und Gefahren vor ihm lagen. Auf dem Wege nach dem Lager überlegte er, wie er am besten die Wachsamkeit der Feinde täuschen könnte. Als er sich dem Dorfe näherte, verlangsamte er seine Schritte. Eine verwahrloste Hütte stand etwas abseits von den anderen. Als er näher kam, bemerkte er durch die Ritzen ein schwaches Licht. Vorsichtig trat der Jäger, immer noch in dem Gewande des Bären, näher. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, daß es die Hütte Davids war. Hierher hatte sich der Singemeister mit seinen Sorgen geflüchtet. Gamut saß auf einem Bündel Sträucher. Das Haupt stützte er auf seinen Arm und war in tiefem Nachdenken versunken. Falkenauge war unbemerkt in die Hütte eingetreten. Um David nicht zu erschrecken, gab sich der Kundschafter sofort zu erkennen. Nachdem sich der Singemeister von seinem Erstaunen erholt hatte, erkundigte er sich nach Alice und Heyward. »Ja, die sind beide glücklich vor den Tomahawks der Schufte gerettet«, sprach der Kundschafter. »Doch könnt Ihr mich auf die Fährte von Unkas bringen?« »Der junge Mohikaner ist gefangen und sein Tod wurde bereits beschlossen.« »Ihr müßt mich zu ihm führen.« »Das ist sehr schwer«, antwortete David zögernd. »Kommt! Führt mich zu ihm«, sprach entschlossen Falkenauge und setzte den Bärenkopf wieder auf. Die Hütte, in der Unkas gefangengehalten wurde, stand in der Mitte des Dorfes. Im Vertrauen auf seine Verkleidung, schlug der Kundschafter den kürzesten Weg ein. Nur vier oder fünf Wilde hielten sich in der Nähe der Hütte auf, um den Gefangenen zu bewachen. Als sie Gamut mit einem Begleiter in der bekannten Maske eines ihrer Medizinmänner erblickten, machten sie sofort Platz und ließen die beiden eintreten. Das Innere der Hütte war nur durch die erlöschende Glut eines Feuers, das zum Kochen benutzt worden war, beleuchtet. Unkas stand an Händen und Füßen gebunden in einer Ecke des Raumes. Als der Bär eintrat, würdigte er das Tier keines Blickes. Brummend näherte sich der Bär dem Gefangenen. Da Unkas nicht auf die Bewegungen des Tieres achtete, ließ der Kundschafter statt eines Brummens den leisen Zischlaut einer Schlange vernehmen. Kaum hatte der Mohikaner den ihm wohlbekannten Laut vernommen, als er sich forschend umsah. Da gab der Jäger nochmals den gleichen Ton zu hören. Aufmerksam hatte Unkas jetzt den Bären betrachtet. Dann sprach er mit gedämpfter Stimme: »Falkenauge!« Schnell schnitt der Singemeister die Fesseln des Gefangenen durch. Im gleichen Augenblick streifte Falkenauge die Bärenhaut von seinem Körper und gab sie dem Mohikaner, der sie sofort überzog. Der seltsame Kleiderwechsel war rasch erledigt. Da wandte sich der Kundschafter an David. »Nun, Freund«, sprach er, »ein Kleiderwechsel wird Euch auch sehr guttun. Da nehmt mein Jagdhemd und meine Mütze. Gebt mir dafür Eure Decke und Euren Hut. Aber auch Euer Buch und die Brille müßt Ihr mir anvertrauen. Wenn wir uns einst wiedertreffen, sollt Ihr alles zurückerhalten.« David überließ ihm bereitwillig diese Dinge. Falkenauge legte nun die Kleidungsstücke des Sängers an. Da beide fast die gleiche Größe hatten, konnte man den Jäger bei der Dunkelheit für den Singemeister halten. »Die größte Gefahr wird Euch in dem Augenblick drohen, wenn die Wilden Euch finden werden und merken, daß sie betrogen sind«, sprach der Kundschafter, »doch ich glaube, daß Euch auch weiterhin Euer Geisteszustand schützen wird. Wenn Ihr aber mit uns fliehen wollt, dann sagt es, noch ist es Zeit.« »Nein!« antwortete David entschlossen. »Ich bleibe hier. Gern will ich dem Delawaren, der tapfer für mich gekämpft hat, diesen kleinen Dienst erweisen.« Nach diesen Worten schüttelte der Kundschafter dem Singemeister herzlich die Hand. Dann verließ er, von dem neuen Darsteller des Bären begleitet, die Hütte. Als Falkenauge in die Nähe der Huronen kam, richtete er seine hohe Gestalt nach der unbeholfenen Weise Davids empor. Dann reckte er seinen Arm, aus, als ob er den Takt schlagen wolle, und Sang einen Psalm. Auch Unkas ahmte durch lautes Brummen vorzüglich den Bären nach. Keiner der Huronen merkte etwas. Unbeachtet ließ man beide vorübergehen. Auf diese Weise gelang es dem Kundschafter und Unkas, aus dem Gesichtskreis der Wächter zu kommen. Sobald sie feststellten, daß sie nicht mehr beobachtet werden konnten, beschleunigten sie ihre Schritte und eilten schnell dem schützenden Walde zu. Da hörten sie aus der Richtung des Dorfes ein lautes anhaltendes Geschrei. Im nächsten Augenblick erfüllte ein schrilles Geheul das ganze Dorf. Rasch legte Unkas die Bärenhaut ab und beide beeilten sich, tiefer in das Dickicht des Waldes einzudringen. 23. Kapitel Als einer der Huronen die Flucht des Gefangenen entdeckte, stürzten alle sofort in die Hütte. Dort fanden sie David. Ohne viel Umstände zu machen, bemächtigten sie sich des armen Singemeisters. In seiner Not begann David, ein Sterbelied zu singen. Da erinnerten sich die Indianer seines Geisteszustandes, ließen von ihm ab und eilten wieder ins Freie, um durch ihr Geheul das ganze Dorf zu alarmieren. Alle Krieger versammelten sich nun vor der Beratungshütte und erwarteten die Befehle ihrer Häuptlinge. Einige Krieger erhielten den Auftrag, die nähere Umgebung abzusuchen. Die ältesten Häuptlinge zogen sich in die Hütte zur Beratung zurück. Da kündete das Geschrei einiger Stimmen die Rückkehr eines Streiftrupps an. Bald darauf traten mehrere Krieger in die Beratungshütte und brachten den Medizinmann mit, dem der Kundschafter seine Vermummung genommen hatte. Der Medizinmann schilderte seine Erlebnisse, danach trat der Vater der kranken Frau vor und erzählte, was er wußte. Da erhoben sich einige der erfahrensten Krieger und verließen die Hütte, ohne ein Wort zu sprechen. Rasch eilten sie zu der Höhle. In dem einen Gemach der Höhle herrschte Schweigen. Die Frau lag noch am gleichen Ort in ihrer früheren Stellung. Der Vater trat an das Lager der Kranken und betrachtete die starren Züge seiner Tochter. Sie war inzwischen verstorben. Der alte Häuptling hatte sich bald gefaßt und sprach, auf die Tote zeigend: »Das Weib meines jungen Kriegers hat uns verlassen. Der große Geist zürnt seinen Kindern.« In diesem Augenblick rollte plötzlich ein dunkler Körper aus dem Nebengemach in das Zimmer. Erstaunt blickten alle auf den seltsamen Gegenstand und entdeckten bald zur allgemeinen Überraschung die gefesselte Gestalt Maguas. Schnell wurde er von seinen Banden befreit. Der Hurone stand auf und schüttelte sich wie ein Löwe. Er sprach kein Wort. Seine Hand spielte erregt mit dem Griff seines Messers, während seine dunklen Augen die Anwesenden musterten. Da Magua aber nur die Gesichter seiner Freunde sah, knirschte er vor Wut mit den Zähnen. Endlich nahm einer der ältesten Häuptlinge das Wort. »Mein Freund hat einen Feind gefunden«, sprach er. »Ist er in der Nähe, damit die Huronen Rache nehmen können?« »Laßt den Delawaren sterben!« rief wütend Magua. »Der Mohikaner ist schnellfüßig und springt weit«, erwiderte der andere. »Doch meine jungen Männer sind ihm auf der Spur.« »Ist er fort?« rief Magua. »Ein böser Geist ist unter uns gewesen. Der Delaware hat unsere Augen geblendet.« »Ein böser Geist?« wiederholte spottend Magua. »Es ist der Geist, der schon viele Huronen getötet hat. Der Geist, der meine Männer an dem Flusse erschlug, der ihre Skalpe an der Quelle nahm und jetzt die Arme Le Renard Subtils gebunden hat.« »Von wem spricht mein Freund?« »Von dem Hunde, der unter einer blassen Haut das Herz und die List eines Indianers hat. Von ›Falkenauge‹ oder der ›Langen Büchse‹!« Diese Worte hinterließen einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer. Voll ohnmächtiger Wut schwuren sie ihrem Feinde blutige Rache. »Laßt uns zu meinem Volke gehen«, sprach Magua. »Die Männer warten auf uns.« Der Trupp verließ jetzt die Höhle und kehrte in die Versammlungshütte zurück. Aller Augen blickten auf Magua. Sofort gab er einen wahrheitsgetreuen Bericht. Jetzt erst erkannten die Indianer die List Falkenauges, der sie erlegen waren. Nach Beendigung seiner Rede beschäftigten sie sich alle nur mit dem Gedanken, wie sie der Feinde wieder habhaft werden und die erlittene Schlappe rächen könnten. Ein Häuptling nach dem anderen sagte seinen Vorschlag. Magua hörte sie alle mit ehrfurchtsvollem Stillschweigen an. Der verschlagene Wilde hatte seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen und ging jetzt mit gewohnter Vorsicht und List auf sein Ziel los. Nachdem alle gesprochen hatten, teilte auch er seine Ansicht mit. Besonders wichtig wurde seine Auffassung, da inzwischen einige der Läufer zurückgekehrt waren und berichteten, daß sich ihre Feinde in das Lager der Delawaren begeben und dort um Schutz nachgesucht hätten. Nach Kenntnis dieser wichtigen Kunde legte der schlaue Häuptling dem Stamme seine Pläne vor. Sie wurden ohne Widerrede angenommen. Magua hatte damit einen großen persönlichen Erfolg erreicht. Der Stamm übertrug ihm die Leitung des Kriegszuges gegen die Feinde. Er hatte wieder Achtung unter seinem Volke gewonnen. Es wurden jetzt nach den verschiedenen Richtungen Läufer abgesandt. Kundschafter wurden in das Lager der Delawaren geschickt, alle Krieger in ihre Hütten entlassen, um sich zur Verfügung zu halten. Die Weiber und Kinder erhielten den Befehl, sich in die Höhle zurückzuziehen. Nachdem diese Anordnungen getroffen waren, durchschritt Magua das Dorf. Hier und da trat er in eine Hütte, um seine Freunde in ihrem Vertrauen zu bestärken und die Wankenden zu ermutigen. Dann erst suchte er seine eigene Behausung auf. Das Weib, das er verlassen hatte, als er von seinem Volke verjagt wurde, war tot. Kinder besaß er nicht. Er hatte die Hütte allein inne. Hier zog sich Magua zurück. Während die anderen schliefen, fand er keine Ruhe. Im Schein eines schwachen, Feuers saß er einsam in seiner Hütte und brütete finstere Rachepläne aus. Vor Tagesanbruch trat ein Krieger nach dem anderen in Maguas Hütte. Bald waren über zwanzig versammelt. Jeder von ihnen war bewaffnet. Jetzt erhob sich Magua und gab das Zeichen zum Aufbruch. Er selbst stellte sich an die Spitze des Zuges. Magua machte mit seinen Leuten einen Umweg und folgte den Windungen des Stromes. Der Tag brach eben an, als sie eine Lichtung erreichten. Vorsichtig überquerten die Indianer die freie Stelle, um wieder in den nahen Wald zu gelangen. In dem Augenblick, da die Huronen im Walde verschwanden, bogen sich die Zweige eines Gebüsches auseinander und die Augen Chingachgooks verfolgten aufmerksam die Bewegungen der Feinde. 24. Kapitel Der Stamm der Delawaren, der seinen Lagerplatz in der Nähe der Huronen hatte, zählte ungefähr die gleiche Anzahl Krieger wie dieses Volk. Gleich anderen Stämmen hatten sich auch die Delawaren den Kriegszügen Montcalms angeschlossen und mehrere Einfalle in die Jagdgebiete der Mohikaner vorgenommen. Später hatten sich die Delawaren von den Kriegszügen Montcalms mit der Begründung zurückgezogen, ihre Tomahawks seien stumpf geworden, und müßten erst neu geschliffen werden. An dem Morgen, an dem Magua seinen Trupp nach dem Walde führte; schien die aufgehende Sonne über das Lager der Delawaren. Die Weiber liefen von Hütte zu Hütte, um den Morgenimbiß zu bereiten. Die Krieger standen, sich unterhaltend, in Gruppen zusammen. Jagdgeräte lagen am Boden. Hier und da prüfte ein Krieger seine Waffen. Da erschien in dem Dorf ein Mann. Er war unbewaffnet. Als er von den Delawaren bemerkt wurde, blieb er stehen und machte das Zeichen der Freundschaft. Er hob die Arme empor und ließ sie bedeutungsvoll auf die Brust herabsinken. Die Bewohner des Dorfes erwiderten seinen Gruß. Langsam kam der Fremde näher, und bald erkannten die Delawaren den Huronenhäuptling Le Renard Subtil. Die Krieger traten beiseite, um einem ihrer Häuptlinge Platz zu machen. »Der Hurone ist willkommen«, sprach der Delaware. Der Häuptling streckte den Arm aus und lud den Gast ein, in seine Hütte zu treten und sein Morgenmahl zu teilen. Während des einfachen Mahles entspann sich vorsichtig die Unterhaltung. »Ist das Antlitz des großen Kanadavaters wieder seinen Kindern, den Huronen zugewendet?« fragte der Delaware. »Wann war es anders?« entgegnete Magua stolz. »Die Tomahawks Eurer jungen Krieger sind sehr rot geworden«, erwiderte der Delaware und versuchte das Gespräch auf die Absichten des Huronen zu lenken. »So ist es! Aber jetzt sind sie blank und stumpf. Die Engländer sind tot und die Delawaren unsere Nachbarn.« Der Delaware beantwortete diese Bemerkung mit einer huldvollen Bewegung der Hand und schwieg. »Haben meine Brüder Sorgen mit der Gefangenen?« fragte Magua. »Sie ist uns immer willkommen.« »Der Weg zu den Huronen ist kurz. Schickt sie zu meinen Weibern, wenn sie meinem Bruder lästig fällt.« »Sie fällt uns nicht lästig«, erwiderte der Häuptling bestimmt. Magua dachte kurze Zeit nach. Sein erster Versuch, Kora wieder zurückzuholen, war gescheitert. »Lassen meine jungen Krieger den Delawaren genügend Raum auf den Bergen für ihre Jagden?« fragte Magua. »Die Lenapen sind Herren ihrer eigenen Berge!« versetzte stolz der Delaware. »Howgh! Gerechtigkeit ist die Tugend der Rothäute. Warum sollen sie gegeneinander kämpfen? Es gibt genug Bleichgesichter.« »Howgh!« riefen einige der Zuhörer. Magua wartete etwas und fuhr dann fort: »Sind nicht fremde Mokassins in den Wäldern gewesen? Haben meine Brüder nicht die Fußtritte weißer Männer getroffen?« »Die weißen Männer werden die Lenapen nicht schlafend finden«, erwiderte der Delaware. Da Magua merkte, daß der Delaware ihm stets ausweichende Antworten gab, versuchte er, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ich habe meinem Bruder Geschenke mitgebracht. Sein Stamm wollte nicht auf den Kriegspfad gehen. Aber ihre Freunde haben für sie Beute besorgt.« Der Häuptling breitete vor den Augen seiner Wirte die Geschenke aus. Die Verteilung dieser Kleinigkeiten machte der Klugheit des Huronen alle Ehre. Dieser wohlberechnete Kunstgriff blieb auch nicht ohne Wirkung. »Mein Bruder ist ein kluger Häuptling«, sprach der Delaware. »Er ist uns sehr willkommen!« »Die Huronen lieben ihre Freunde, die Delawaren«, erklärte Magua. »Die Rothäute sollten Freunde sein und mit offenen Augen auf die weißen Männer schauen. Hat mein Bruder keinen Kundschafter in den Wäldern aufgespürt?« Der Delaware vergaß seinen früheren festen Vorsatz und sprach: »Fremde Mokassins sind um mein Lager gewesen. Ihre Spur reichte bis an meine Hütten.« »Hat mein Bruder die Hunde weggejagt?« fragte Magua. »Das ging nicht! Der Fremde ist den Kindern der Lenapen immer willkommen.« »Der Fremde! Aber nicht der Spion! Die Engländer haben ihre Kundschafter ausgeschickt. Sie sind in meinen Wigwams gewesen! Dann flohen sie zu den Delawaren. ›Die Delawaren sind unsere Freunde!‹ erklärten sie, ›sie haben sich von Montcalm losgesagt!‹« Diese Worte bestürzten sichtlich die Delawaren. Sie wußten, daß der neue Abfall ihres Stammes von den Franzosen, in deren Gebiet sie sich aufhielten, sehr schlecht vermerkt worden war. »Mein Vater aus Kanada wird uns nicht verändert finden«, sprach der Delaware einlenkend. »Es stimmt, meine jungen Krieger gingen nicht mit auf dem Kriegspfade. Aber sie verehren den großen weißen Häuptling.« »Wird er es glauben, wenn er hört, daß sich sein größter Feind in dem Lager seiner Kinder aufhält?« »Wer soll sich bei den Delawaren aufhalten?« »Die Lange Büchse!« Die Delawarenkrieger erschraken bei dem wohlbekannten Namen. Sie verrieten durch ihr Erstaunen, daß sie erst jetzt erfuhren, welch ein berühmter Krieger sich in ihrer Gewalt befand. »Was meint mein Bruder?« fragte der Delaware überrascht. »Ein Hurone lügt nie«, entgegnete Magua. »Wenn die Delawaren ihre Gefangenen zählen, so werden sie einen finden, dessen Haut weder rot noch blaß ist.« Die Eröffnung Maguas hatte die Delawaren sehr überrascht, und sie besprachen sich eingehend. Dann beschlossen sie, daß sofort eine feierliche öffentliche Versammlung des ganzen Stammes folgen solle. An dieser wichtigen Entscheidung erkannte Magua, daß seine Pläne günstig standen. Zufrieden verließ er die Hütte. Nach einer halben Stunde war der Stamm mit Weibern und Kindern an dem Beratungsplatz versammelt. Ohne ein Zeichen der Ungeduld von sich zu geben, warteten die Indianer ruhig auf das Erscheinen ihrer Häuptlinge und Stammesältesten. Endlich ließ sich ein dumpfes Gemurmel hören, und der ganze Stamm stand auf. Da öffnete sich die Tür einer Hütte, und drei Männer traten heraus. Langsam nahten sie sich dem Platz. Alle waren hochbetagt und älter als irgendeiner der Anwesenden. Der in der Mitte gehende Greis, der sich auf seine Gefährten stützte, schien ein besonders hohes Alter erreicht zu haben. Seine Gestalt, einst aufrecht und stolz, beugte sich unter der Bürde von mehr als hundert Jahren. Langsam und beschwerlich legte er Schritt für Schritt den kurzen Weg zurück. Sein dunkles faltenreiches Gesicht war von langen weißen Locken umrahmt, die über seine Schultern hingen und ihm das Ansehen eines ehrwürdigen Patriarchen gaben. Seine Bekleidung bestand aus schönen Fellen. Seine Brust war mit Gedenkmünzen aus Silber und Gold bedeckt. Sein Tomahawk war versilbert und der Griff seines Messers schimmerte von Gold. Nachdem sich die erste freudige Aufregung über das unerwartete Erscheinen dieses verehrten alten Mannes gelegt hatte, hörte man von Mund zu Mund den Namen »Tamenund«! Oft hatte Magua den Ruhm dieses weisen und gerechten Delawarenhäuptlings preisen hören. Ein Ruhm, der so weit ging, daß man ihm sogar die Zwiesprache mit dem großen Geist zuschrieb. Nach einer ehrfurchtsvollen Pause erhoben sich die angesehensten Häuptlinge, traten vor den Patriarchen und legten seine Hände auf ihre Häupter, als wollten sie seinen Segen erbitten. Die jüngeren Männer begnügten sich, sein Kleid zu berühren oder sich ihm zu nähern. Nach diesen Zeichen der Zuneigung und Ehrfurcht traten die Häuptlinge wieder auf ihre Plätze zurück. Der alte Indianer bestieg jetzt, auf seine ehrwürdigen Begleiter gestützt, eine Art Podium und ließ sich mitten unter seinem Volke nieder. Da erhoben sich einige junge Krieger, verließen die Versammlung und begaben sich nach einer Hütte. Kurze Zeit darauf erschienen sie wieder und wurden von den Fremden begleitet, die die Einberufung dieser Versammlung verursacht hatten. 25. Kapitel Als erste der Gefangenen erschien Kora, die ihren Arm um ihre Schwester Alice geschlungen hatte. Trotz der drohenden Gefahr machten die beiden Mädchen einen gefaßten Eindruck. Heyward war an ihre Seite getreten. Falkenauge stand etwas hinter ihnen. Nur Unkas fehlte. Als wieder Stille wurde, fragte einer der bejahrten Häuptlinge, die an der Seite Tamenunds saßen: »Welcher von meinen Gefangenen ist die ›Lange Büchse‹?« Weder Duncan noch der Kundschafter antworteten. Heyward sah sich um und erblickte dabei das finstere Gesicht Maguas. Sofort wußte er, daß die Einberufung der Versammlung ein Werk des Huronen war. Schon wollte er den Kundschafter warnen, da wurde wieder die gleiche Frage von dem alten Häuptling gestellt. »Gebt uns Waffen!« sprach Heyward, ohne auf die Frage einzugehen. »Was hat den weißen Mann in das Lager der Delawaren geführt?« fragte der Häuptling. »Die Not! Ich kam, um Nahrung, Unterkunft und Freunde zu erbitten.« »Das stimmt nicht! Die Wälder sind voll von Wild. Das Haupt eines Kriegers bedarf keines Obdaches. Die Delawaren sind die Feinde der Engländer. Geh! – Dein Mund hat gesprochen, aber dein Herz sagt nichts.« Duncan schwieg verlegen. Die Augen aller Anwesenden, die bisher Duncan betrachtet hatten, richteten sich jetzt auf die aufrechte Gestalt des Kundschafters. »Mein Bruder hat gesagt, eine Schlange sei in mein Lager gekrochen«, sprach der alte Häuptling zu Magua. »Wen meint Ihr damit?« Der Hurone deutete auf den Kundschafter. »Will ein weiser Delaware einem kläffenden Wolfe Glauben schenken?« rief Heyward, der versuchte, die Gefahr des Erkanntwerdens von dem Jäger abzuwenden. »Ein Hund lügt niemals! Wann aber hat man einen Wolf die Wahrheit sprechen hören?« Die Augen Maguas blickten drohend. Nach einer kurzen Beratung sprach der alte Delaware zu Magua gewandt: »Mein Bruder ist ein Lügner genannt worden! Seine Freunde sind darüber erzürnt. Sie wollen ihm zeigen, daß er die Wahrheit gesprochen hat. Gebt den Gefangenen Gewehre und laßt sie zeigen, wer der Mann ist, der die ›Lange Büchse‹ heißt.« Die Gefangenen erhielten ihre Waffen mit dem Auftrag, nach dem Gefäß zu schießen, das etwa sechzig Schritte entfernt auf einem Baumstamm lag. Duncan lächelte innerlich über diesen ungleichen Wettkampf mit dem Kundschafter. Doch er war fest entschlossen, weiterhin die Delawaren über die Person des Kundschafters zu täuschen, um ihn vor einem ungewissen Schicksal zu bewahren. Er hob seine Büchse, zielte wiederholte Male und feuerte. Die Kugel zerfetzte wenige Zentimeter vor dem Gefäß das Holz. Ein allgemeiner Ruf des Beifalls zeigte, daß man mit dem Schuß zufrieden war. Falkenauge hatte teilnahmlos zugesehen. Da wurde er auf die Schultern geklopft und von einem Indianer gefragt: »Kann das Blaßgesicht es besser machen?« »Ja, Hurone!« rief der Kundschafter, ohne sich aber zum Schuß fertigzumachen. Dann nahm er ruhig sein Gewehr in die ausgestreckte rechte Hand und zielte auf Magua, der unbeweglich in der Menge stand. Dann ließ er plötzlich das Gewehr in die ausgestreckte linke Hand fallen. Durch die scheinbare Erschütterung ging der Schuß los, und die Kugel zerschmetterte das Gefäß, auf das anscheinend der Jäger gar nicht gezielt hatte. Der Eindruck, den dieser Schuß verursachte, war bei den Huronen verschieden. Einige von ihnen zollten solcher großen Geschicklichkeit freudigen Beifall. Die meisten glaubten aber nur an einen Zufallstreffer. »Es war ein Zufall!« riefen viele Stimmen durcheinander. »Niemand kann so schießen, ohne zu zielen.« Diese Aussprüche erbosten den Jäger. »Zufall!« rief Falkenauge gereizt. »Gebt mir nochmals mein Gewehr. Ich werde euch zeigen, ob das ein Zufallstreffer war. Ihr seht dort an dem Baume eine Kürbisflasche hängen, Major. Versucht in die Schale hineinzutreffen.« Duncan betrachtete aufmerksam das Gefäß, das an einem Lederriemen an dem Aste einer kleinen Fichte hing. Die Entfernung betrug über 125 Schritt. Heyward nahm die Büchse und zielte sorgfältig. Dann gab er Feuer. Drei junge Indianer, die bei dem Knalle aufgesprungen waren, verkündeten, die Kugel stecke dicht neben dem Ziel im Baume. Die Krieger erhoben ein Freudengeschrei über diese gute Leistung. Der Kundschafter hatte unterdessen das Zündpulver aufgeschüttet und die Büchse gespannt. Dann nahm er seinen »Wildtöter« auf, zielte kurz und feuerte. Abermals sprangen die jungen Indianer auf. Doch bald verkündeten sie, daß keine Spuren der Kugel zu sehen wären. »Geh!« sprach der alte Häuptling. »Du bist der Wolf in der Haut eines Hundes!« »Narren!« entgegnete Falkenauge. »Wenn ihr die Kugel eines guten Schützen aus den Wäldern finden wollt, so müßt ihr sie in und nicht außerhalb des Zieles suchen.« Die Indianer verstanden jetzt seine Worte, da er Delawarisch gesprochen hatte. Sie rissen die Kürbisflasche von dem Ast und hielten sie jubelnd in die Höhe. Auf dem Boden der Flasche befand sich ein Loch. Die Kugel war von oben eingedrungen und hatte aufs genaueste das Ziel getroffen. Nach dieser Probe wußten alle, wer der bessere Schütze und wer die »Lange Büchse« war. Magua trat jetzt in die Mitte der Versammlung und erhob seine Stimme. »Der große Geist, der die Menschen schuf, färbte sie auf verschiedene Weise«, rief der Hurone aus. »Die einen sind wie schwarze Farbe und träge wie der Bär. Andere schuf er mit blassen Gesichtern und ließ sie Krämer werden. Doch sie wurden Wölfe gegen ihre Sklaven! Er gab ihnen zweierlei Zungen, damit stopften sie die Ohren der Indianer. Ihr Herz riet ihnen, sich fremde Krieger zu nehmen, um damit ihre Schlachten auszukämpfen. Ihre Schlauheit läßt sie alle Schätze der Welt erraffen. Der große Geist gab ihnen genug, doch sie wollen alles haben. So sind die Bleichgesichter!« Nach kurzer Pause fuhr Magua fort: »Noch andere schuf Manitu. Ihre Hautfarbe ist glänzender und röter als die Sonne! Er gab ihnen das Land, wie er es geschaffen hatte. Bedeckt mit Bäumen und Wild. Die roten Männer waren zufrieden. Sie sahen die Berge. Wenn die Biber arbeiteten, lagen sie im Schatten und sahen ihnen zu. Die Winde kühlten sie im Sommer. Im Winter hielten Felle sie warm. Wenn sie untereinander kämpften, dann nur, um sich als Männer zu erproben. Sie waren tapfer, sie waren gerecht und sie waren glücklich.« Magua bemerkte, daß die Worte bei seinen roten Zuhörern Eindruck hinterließen, da er das Unrecht schilderte, das den Indianern zugefügt worden war. »Wenn der große Geist seinen roten Kindern verschiedene Sprachen gab«, fuhr er fort, »so nur deshalb, damit sie alle Tiere verstehen konnten. Die einen wies er auf die Schneeberge. Die anderen nach dem Untergang der Sonne. Einige in die Länder um die großen Wasser. Seinen auserwählten Kindern gab er die sandigen Küsten des Salzsees. Kennen meine Brüder den Namen dieses Volkes?« »Es waren die Lenapen!« riefen viele Stimmen durcheinander. »Ja, es waren die Lenapen!« erwiderte Magua ehrfurchtsvoll. »Es waren die großen Stämme der Lenapen! Doch warum sollte ich, ein Hurone aus den Wäldern, einem weisen Volke seine eigene Geschichte erzählen? Warum es erinnern an die erlittene Schmach, an seine Größe, seine Taten, seinen Ruhm, sein Glück, seine Niederlagen, seine Toten und sein Elend? Ist keiner unter ihnen, der das alles mitangesehen hat, der weiß, daß ich die Wahrheit rede? Ich bin am Ende. Meine Zunge ist stumm! Mein Herz ist schwer!« Nachdem der Hurone seine Rede beendet hatte, wandten sich alle Augen dem ehrwürdigen Patriarchen zu. Bis jetzt hatte er noch kein Wort gesprochen. Aufmerksam hatte Tamenund der Rede zugehört. Jetzt erhob er sich von seinem Sitz und sprach: »Wer ruft die Kinder der Lenapen? Wer spricht von Zeiten, die vergangen sind? Warum werden die Delawaren an Dinge erinnert, die verloren sind? Dankt lieber Manitu für das, was geblieben ist!« »Ein Hurone tat es«, sprach Magua, »ein Freund von Tamenund.« »Ein Freund!« wiederholte der Weise. »Sind die Mingos Herren der Erde? Was führt den Huronen zu uns?« »Gerechtigkeit! Seine Gefangenen halten sich bei seinen Brüdern auf. Er fordert sein Eigentum!« Tamenund wandte sein Haupt gegen einen der Alten, die bei ihm saßen. Dann betrachtete er aufmerksam Magua und sprach: »Gerechtigkeit ist das Gesetz des großen Manitu. Meine Kinder mögen dem Fremden zu essen geben. Dann Hurone, nimm was dein ist.« Nach diesem Urteilsspruch setzte sich der Patriarch und schloß erschöpft die Augen. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als einige Krieger hinter Heyward und den Kundschafter traten und ihre Arme und Beine mit Riemen fesselten. Magua warf einen Blick des Triumphes auf die Versammlung. Dann schritt er zu Kora, um von ihr Besitz zu ergreifen. Doch Kora entwand sich seinem Zugriff, stürzte zu den Füßen Tamenunds und rief: »Ehrwürdiger Delaware! An deine Weisheit und Macht wenden wir uns um Gnade.« Langsam öffneten sich die Augen des alten Mannes. Dann ließ er lange seine Blicke auf Kora ruhen. »Wer bist du?« fragte er mit matter Stimme. »Ein Weib von dem verhaßten weißen Geschlecht. Ich will nicht mit diesem falschen Huronen gehen und sein Weib werden! Bist du nicht Tamenund, der große Vater und weise Richter dieses Volkes?« »Ich bin Tamenund, der viele Tage erlebt hat.« »So ist es«, sprach Kora mit fester Stimme. »Aber warum läßt du nicht auch uns Bleichgesichtern Gerechtigkeit widerfahren? Noch ist einer von deinem eigenen Volk da, den du noch nicht gehört hast. Laß ihn rufen, eh du den Huronen fortgehen läßt.« Als Tamenund zweifelnd um sich blickte, sprach einer seiner Begleiter: »Es ist eine Schlange – eine Rothaut im Solde der Engländer, Wir wollen ihn für die Martern behalten.« »Laßt ihn kommen!« sprach der Weise. 26. Kapitel Nach wenigen Minuten wurde Unkas von einigen Kriegern in den Kreis der Versammelten geführt. Der junge Mohikaner warf einen ruhigen Blick auf die Anwesenden. Dann blieben seine Augen auf der Gestalt Tamenunds haften. Mit leisem Schritt trat er vor den Stuhl des Patriarchen. »In welcher Sprache redet der Gefangene mit Manitu?« fragte Tamenund, ohne die Augen aufzuschlagen. »In der Spracher der Delawaren«, antwortete Unkas. Diese Äußerung rief ein drohendes Murren unter der Menge, hervor. Auch Tamenund schien von dieser kühnen Antwort überrascht zu sein. »Ein Delaware! Ich habe erlebt, daß die Stämme der Lenapen von ihren Beratungsfeuern vertrieben wurden. Ich habe gesehen, wie die Äxte eines fremden Volkes die Wälder fällten. Ich habe gesehen, wie das Wild und die Vögel in den Wigwams der Menschen leben. Aber noch nie habe ich erlebt, daß ein Delaware so niederträchtig war, wie eine giftige Schlange in das Lager seiner Nation zurückzukriechen.« Tiefe Stille folgte den Worten des delawarischen Propheten. Nach einer langen Pause wagte einer der alten Männer, Tamenund an den Gefangenen zu erinnern. »Der falsche Delaware zittert bei den Worten Tamenunds«, sprach er. »Er ist ein Spürhund, der heult, wenn ihm die Engländer eine Fährte zeigen.« »Und ihr«, rief Unkas, »seid Hunde, die winseln, wenn euch der Franzose den Abfall seines Wildes vorwirft.« Bei diesen kühnen Worten blitzten zwanzig Messer in der Luft und ebenso viele Krieger stürzten sich auf Unkas. Mitten in dem Rachegeschrei ertönte die Stimme eines Häuptlings, der laut verkündete, daß der Gefangene die schreckliche Marter der Feuerprobe zu bestehen hätte. Ruhig und gefaßt blickte Unkas auf die Vorbereitungen, die für seine Marter getroffen wurden. Da ergriff ihn einer der Krieger und zerrte mit einem Griffe sein Jagdhemd vom Leibe. Unter dem Jubelgeschrei der Versammelten führte er Unkas nach dem Marterpfahle, um ihn daran festzubinden. Doch plötzlich ließ der Krieger Unkas los. Die Augen des Delawaren schienen aus ihren Höhlen zu treten. Sein Mund öffnete sieh und seine Gestalt war vor Erstaunen erstarrt. Langsam erhob er seine Hand und zeigte mit dem Finger auf die Brust des Gefangenen. Seine Begleiter drängten sich um ihn und alle Augen betrachteten das Zeichen einer kleinen Schildkröte, die in blauer Farbe auf die Brust des Gefangenen tätowiert war. Lächelnd genoß Unkas einen Augenblick seinen Triumph. Dann machte er mit dem Arm eine stolze Bewegung und trat neben Tamenund auf das Podium. »Männer der Lenapen! Mein Geschlecht trägt die Erde. Euer schwacher Stamm steht auf meiner Schale. Welches Feuer, von einem Delawaren angezündet, würde das Kind meiner Väter verbrennen? Mein Blut würde eure Flammen ersticken. Mein Geschlecht ist der Großvater von Nationen.« »Wer bist du?« fragte Tamenund und erhob sich. »Unkas, der Sohn Chingachgooks!« antwortete bescheiden der Gefangene. »Ein Sohn der ›Großen Schildkröte‹!« »Tamenunds Stunde ist nahe!« rief erschüttert der Weise. »Der Tag hat sich zur Nacht gewendet. Ich danke dem großen Manitu! Unkas, das Kind des großen Unkas ist gefunden! Laßt die Augen des sterbenden Adlers in die Sonne blicken.« Der junge Mohikaner trat noch näher auf den Weisen zu, Tamenund faßte ihn an seinen Arm und blickte ihm unverwandt in die Augen. »Ich habe von so manchem Winter geträumt«, rief der Patriarch. »Tamenunds Pfeil trifft nicht mehr den Hirsch. Sein Arm ist welk, wie der Ast einer abgestorbenen Eiche. Die Schnecke würde schneller im Wettlauf sein. Doch jetzt steht Unkas wieder vor ihm, wie damals, als sie zum Kampfe gegen die Bleichgesichter zogen. Unkas, der Panther seines Stammes, der älteste Sohn der Lenapen, der weiseste Häuptling der Mohikaner. Sagt mir, ihr Delawaren, hat Tamenund hundert Winter lang geschlafen?« Niemand wagte zu antworten. Alle starrten in atemloser Erwartung, was folgen werde. Unkas aber erwiderte: »Vier Krieger seines Geschlechtes haben gelebt und sind gestorben, seit Tamenunds Freund sein Volk in die Schlacht führte. Das Blut der Schildkröte rann in den Adern vieler Häuptlinge. Sie sind alle in die Erde zurückgekehrt, aus der sie kamen, außer Chingachgook und seinem Sohne.« »Es ist wahr«, erwiderte Tamenund. »Unsere weisen Männer haben oft gesagt, daß zwei Krieger aus dem alten Geschlecht noch in den Bergen der Engländer weilen. Warum sind ihre Sitze bei den Beratungsfeuern der Delawaren so lange leer geblieben?« Bei diesen Worten richtete der junge Mohikaner sein Haupt empor, erhob seine Stimme, um vor der ganzen Menge das Schicksal seiner Familie zu erläutern. »Es gab eine Zeit, da wir im Schlafe den Salzsee sprechen hörten. Damals waren wir Herrscher und Häuptlinge über das Land. Als sich aber an jedem Bache ein Bleichgesicht zeigte, folgten wir dem Wilde zurück nach dem Flusse unserer Nation. Wenige Krieger blieben zurück, um aus dem Strom zu trinken, den sie liebten. Da sprachen meine Väter: ›Hier wollen wir jagen. Die Wasser des Flusses strömen in den Salzsee. Wenn Manitu uns ruft, so folgt dem Strome nach dem Meere und nehmt wieder, was uns einst gehörte.‹ Dies, Delawaren, ist der Glaube der Kinder der Schildkröte. Unsere Augen blicken nach der aufgehenden und nicht nach der untergehenden Sonne. Wir wissen, woher sie kommt, ahnen aber nicht, wohin sie geht.« Die Männer der Lenapen hörten voller Achtung seine Worte. Unkas beobachtete den Eindruck der kurzen Erläuterung und bemerkte, daß seine Zuhörer befriedigt waren. Sein Blick schweifte über die Menge und traf Falkenauge. Rasch drängte er sich zu seinem Freund und durchschnitt die Fessel. Dann führte er den Kundschafter zu dem Patriarchen. »Vater!« sprach er, »dieses Bleichgesicht ist ein gerechter Mann und ein Freund der Delawaren.« »Wie heißt er?« »Wir nennen ihn ›Falkenauge‹«, erwiderte Unkas, »denn sein Blick fehlt nie. Die Mingos nennen ihn ›Lange Büchse‹.« »Die ›Lange Büchse‹!« rief Tamenund und sah den Kundschafter streng an. »Mein Sohn hat sich einen schlechten Freund erwählt.« »Er ist mein Freund!« entgegnete der junge Häuptling ruhig. »Wenn Unkas unter den Delawaren willkommen ist, so befindet sich auch Falkenauge bei Freunden.« »Das Blaßgesicht hat meine jungen Männer erschlagen.« »Wenn das ein Mingo in das Ohr der Delawaren geflüstert hat, dann hat er nur bewiesen, daß er ein Lügner ist«, sprach der Kundschafter. »Noch nie hat meine Hand einem Delawaren etwas zuleide getan.« »Wo ist der Hurone?« fragte Tamenund. Magua trat erneut vor den Patriarchen. »Der große Tamenund«, sprach er, »wird nicht behalten, was ein Hurone ihm geliehen hat.« »Sprich, Sohn meines Bruders«, erwiderte der Weise und sah Unkas an. »Hat der Hurone das Recht des Siegers über dich?« »Er hat keines. Der Panther kann in Schlingen geraten, aber er ist stark und weiß sie zu zersprengen.« »Und über die ›Lange Büchse‹?« »Er lacht über die Mingos.« »Und über den Fremden und das weiße Mädchen, die zusammen in mein Lager kamen?« »Sie sollen ihres Weges ziehen.« »Und über das Weib, das der Hurone bei meinen Kriegern zurückließ?« Unkas erwiderte nichts. »Sie ist mein!« schrie Magua. »Mohikaner, du weißt, daß sie mir gehört.« »Mein Sohn bleibt stumm?« sprach Tamenund und versuchte in dem Antlitz von Unkas zu lesen. »Es ist so«, war die leise Antwort des Mohikaners. Eine bedrückte Stille entstand. Endlich sprach der Weise, von dem allein die Entscheidung abhing. »Hurone, entferne dich!« »Der Wigwam Le Renard Subtils ist leer. Fülle ihn mit dem, was ihm gehört.« Nochmals überlegte der Patriarch. Dann wandte er das Haupt gegen einen seiner Begleiter und fragte: »Ist dieser Mingo ein Häuptling?« »Der Erste in seiner Nation.« »Mädchen, was willst du?« sprach Tamenund zu Kora. »Ein großer Krieger nimmt dich zum Weibe. Dein Geschlecht wird niemals enden.« »Tausendmal besser, wenn es endet«, rief Kora, »als solche Schmach zu ertragen!« »Hurone, das Mädchen bringt Unglück in deinen Wigwam!« »Le Renard Subtil will nur das mit sich nehmen, was ihm gehört.« »So entferne dich mit dem, was dein ist«, sprach Tamenund bestimmt. »Der große Manitu verbietet dem Delawaren ungerecht zu sein.« Stolz trat Magua vor und faßte seine Gefangene am Arm. Die Delawaren wichen schweigend zurück. Kora sah ein, daß jedes weitere Bemühen nutzlos sei, und ergab sich in ihr Schicksal. »Halt«, rief Duncan, »habt Erbarmen, Hurone! Ein Lösegeld soll dich reicher machen. Gold, Silber, Pulver, Blei, alles sollst du haben.« »Le Subtil ist stark! Seine Rache ist erfüllt!« Falkenauge winkte Duncan zu schweigen. »Höre, Hurone«, sprach der Kundschafter, »willst du lieber eine Gefangene wie dieses Mädchen in dein Lager nehmen oder einen Mann wie mich?« »Will die ›Lange Büchse‹ ihr Leben für ein Weib hingeben?« fragte zögernd Magua. »Nein, das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Falkenauge. »Ich könnte mich aber entschließen, für mehrere Wochen mit Euch zu gehen und Euch beizustehen. Doch unter der Bedingung, daß du das Mädchen freiläßt.« Magua schüttelte trotzig den Kopf. »Gut!« fuhr der Kundschafter fort. »Ich gebe dir den ›Wildtöter‹. Das Gewehr findet nicht seinesgleichen in der ganzen Umgebung.« Magua verschmähte zu antworten. »Hurone«, rief der Kundschafter, als er sah, daß sich Magua mit Kora entfernen wollte, »Hurone, nimm mich! Laß das Mädchen los, ich bin dein Gefangener!« Ein beifälliges Murmeln der Menge zeigte, daß sie diesen edelmütigen Entschluß des Jägers würdigte, Magua zögerte einen Augenblick, dann schüttelte er auch zu diesem Angebot den Kopf. »Le Renard Subtil ist ein großer Häuptling! Komm«, fügte er hinzu und zog seine Gefangene mit sich fort. »Ein Hurone ist kein Schwätzer, wir müssen gehen.« Kora warf einen Blick der Verachtung auf Magua und sprach: »Ich bin deine Gefangene und muß dir folgen, auch wenn es sein muß in den Tod.« Dann verabschiedete sie sich von ihren Gefährten, küßte ihre Schwester und schritt gefaßt dem Wilden voran. »Hurone!« rief jetzt Unkas, der bisher ruhig, aber aufmerksam zugehört hatte. »Sieh nach der Sonne. Noch ist ist sie in den obersten Ästen jener Tannen zu sehen. Dein Pfad wird nur kurz sein. Wenn sie über den Bäumen steht, werden meine Männer deiner Spur folgen.« »Ich höre eine Krähe krächzen«, rief spöttisch Magua. »Geht«, fuhr er fort, »wo sind die Weiberröcke der Delawaren? Sie mögen ihre Pfeile und Büchsen den Huronen schicken. Ich verachte euch!« Mit düsterem Schweigen hörten die Delawaren die höhnischen Worte des Huronen an. Die Gesetze indianischer Gastfreundschaft verboten es ihnen, Hand an Magua zu legen. 27. Kapitel Solange Magua und seine Gefangene noch sichtbar waren, blieb die Menge regungslos stehen. Dann, als er verschwunden war, brauste der Aufruhr leidenschaftlich los. Unkas schritt schweigend durch das Gedränge und verschwand in einer Hütte. Einige Krieger folgten ihm. Auch Tamenund hatte sich entfernt. Das Lager glich jetzt einem Schwarm aufgestörter Bienen. Da trat ein Krieger aus der Hütte, in der sich Unkas befand, und ging langsam nach einer Fichte, die etwas abseits vom Lager stand. Dort entfernte er die Rinde und kehrte wieder zu Unkas zurück. Ihm folgte ein zweiter Krieger, der die Äste von dem Baume schlug. Ein dritter Delaware färbte den Baumstumpf mit dunkelroter Farbe. Schweigend hatten die umstehenden Krieger diese Vorbereitungen, die auf einen bevorstehenden Kriegszug schließen ließen, beobachtet. Jetzt erschien der Mohikaner. Er hatte sein Gewand bis auf den Gürtel und die Beinkleider abgelegt. Die eine Seite seines Gesichtes war mit schwarzer Farbe bemalt. Langsam näherte sich Unkas dem Pfosten und begann ihn in abgemessenen Schritten zu umkreisen. Während des eigenartigen Tanzes stimmte er einen wilden Kriegsgesang an. Es waren nur wenige Worte, die er ständig in monotonem Rhythmus wiederholte: Manitu! Manitu! Manitu! Du bist groß, du bist gut, du bist weise. Manitu! Manitu! Manitu! Du bist gerecht! In den Himmeln, an den Wolken, da sehe ich viele Flecken – schwarz und rot. An den Himmeln, da sehe ich viele Wolken. In den Wäldern, in der Luft, da höre ich Kriegsruf, Geschrei und lautes Geheul. In den Wäldern, da höre ich lauten Kriegsruf! Manitu! Manitu! Manitu! Ich bin schwach – Du bist stark, ich bin schwach – Manitu! Manitu! Schenk mir deine Hilfe! Am Ende jedes Verses machte er eine Pause. Am Schluß der ersten Runde folgte ein bekannter Häuptling der Lenapen seinem Beispiel und umtanzte mit Unkas den Pfahl. Bald schloß sich ein Krieger nach dem anderen dem Tanze an, bis alle den Pfahl umkreisten. Jetzt schlug Unkas seinen Tomahawk tief in den Pfosten und erhob die Stimme zu seinem Kriegsruf. Damit kündigte er an, daß er die oberste Leitung des geplanten Kriegszuges übernehmen werde. Auf dieses Signal hin sprangen alle Krieger der Delawaren herbei und hieben als Zeichen der Bereitschaft, ihm zu folgen und den Feind zu vernichten, den Baumstumpf mit ihren Beilen zusammen. Als Unkas beiseite trat, blickte er zur Sonne empor. Sie hatte gerade den Punkt erreicht, da der Waffenstillstand mit Magua zu Ende ging. Ein Ruf verkündete es der Menge. Bald war das Lager wie umgewandelt. Die Krieger, bereits bewaffnet und bemalt, verhielten sich jetzt ruhig und warteten weitere Weisungen ab. Die Frauen dagegen stürzten aus ihren Wohnungen. Die einen brachten ihre kostbarste Habe, andere ihre Kinder, wieder andere alte und gebrechliche Personen zur Sicherheit in den Wald. Unkas versammelte seine Häuptlinge und verteilte seine Streitmacht. Er stellte ihnen Falkenauge als einen erprobten Krieger vor. Sein Freund wurde günstig aufgenommen und seinem Befehl zwanzig Krieger unterstellt. Duncan, der ebenfalls eine Anzahl Krieger führen sollte, lehnte den Antrag ab und bat, an der Seite des Kundschafters zu kämpfen. Dann gab Unkas, da die Zeit drängte, das Zeichen zum Abmarsch. Bald betraten sie den nahen Wald. Kein lebendes Wesen zeigte sich. Ohne mit dem Feind in Berührung zu kommen, erreichten sie die Verstecke ihrer schon vorher ausgesandten Kundschafter. Die Häuptlinge wurden zusammengerufen, um den weiteren Feldzug zu beraten. Verschiedene Pläne wurden vorgebracht. Doch keiner entsprach dem Wunsche ihres Anführers, der sich am liebsten sofort auf den Feind geworfen hätte. Einige Zeit dauerte schon die Beratung, da sahen sie von der Seite des Feindes her einen Mann kommen. Als sich der Fremde auf wenige hundert Schritte dem Verstecke der Delawaren genähert hatte, blieb er unschlüssig stehen. »Falkenauge«, sprach der junge Mohikaner mit leiser Stimme, »er darf nie wieder mit den Huronen sprechen.« »Sein Stündlein hat geschlagen«, erwiderte der Kundschafter und steckte langsam das lange Rohr seiner Büchse durch die Blätter. Er drückte aber nicht ab, sondern lachte plötzlich laut auf. »Es ist unser alter Freund, David, der Singemeister.« Dann rief der Kundschafter Gamut zu, näher zu treten. Als David die vielen Krieger der Delawaren erblickte, war er sehr verwundert. Auf die Frage, wie sich die Huronen verhielten, antwortete er: »Die Wilden sind in großer Zahl ausgezogen und ich fürchte, sie haben nichts Gutes im Sinne. Seit einer Stunde war lautes Kriegsgeheul, so daß ich floh, um bei den Delawaren Frieden zu suchen.« »Wo sind die Huronen?« fragte der Kundschafter. »Sie liegen in großer Menge zwischen diesem Platz und dem Dorfe.« »Und wo ist Magua?« »Er ist bei ihnen. Er brachte das Mädchen, das bei den Delawaren gewesen war, und versteckte sie in der Höhle. Dann stellte er sich an die Spitze seiner Wilden.« »Unkas sah den Kundschafter an und fragte: »Was sagt Falkenauge?« »Gib mir zwanzig Büchsen, dann halte ich mich rechts und gehe an der Lichtung vorbei. Dort stößt Chingachgook und der Oberst zu mir. Wenn du unser Schlachtgeheul hörst, dann greifst du sie von vorn an. Dann gehen wir auf das Dorf los und befreien das Mädchen aus der Höhle. Dieser Plan ist ganz einfach, aber mit Mut läßt er sich verwirklichen.« »Er gefällt mir ausgezeichnet!« rief Duncan, als er sah, daß die Befreiung Koras der Hauptzweck des Kundschafters war. Nach kurzer Besprechung wurde der Plan angenommen. Signale wurden verabredet, die Häuptlinge trennten sich und jeder eilte auf den ihm zugeteilten Posten. 28. Kapitel «Während Unkas seine Streitkräfte verteilte, herrschte größte Stille in den Wäldern. Hier und da hörte man einen Vogel in den Ästen der Stämme zwitschern. Die Wildnis, die zwischen den Delawaren und dem Dorfe ihrer Feinde lag, schien von keinem Fuße eines Menschen betreten zu sein. Als der Kundschafter seine kleine Schar um sich gesammelt hatte, gab er ein Zeichen, ihm zu folgen. Er führte sie nach dem Bett eines kleinen Baches. Hier machte er halt, bis die Krieger sich um ihn versammelt hatten. »Weiß einer meiner jungen Männer, wohin dieser Bach uns führt?« fragte er in delawarischer Sprache. Ein Indianer streckte die Hand aus, hielt zwei Finger auseinander und antwortete: »Ehe die Sonne ihre Bahn durchläuft, wird das kleine Wasser in dem großen sein.« »So dachte ich es«, versetzte der Kundschafter. »Wir wollen uns unter dem Schutze seiner Ufer halten, bis wir die Mingos erreicht haben.« Seine Begleiter ließen Beifallsrufe hören. Der Marsch folgte jetzt eine Meile von dem Bach entfernt. Wenn sie auch vor der Gefahr einer frühen Entdeckung durch die steilen Ufer und das dichte Gestrüpp geschützt waren, so verabsäumten sie doch keine Vorsichtsmaßregel eines indianischen Kriegszuges. Rechts und links kroch ein Krieger, um die Seiten zu sichern. Öfters machte der Trupp halt und horchte nach feindliehen Lauten. Bald erreichten sie den Punkt, wo sich der kleinere Bach in den größeren verlor. »Wir werden einen guten Tag zum Kampfe haben«, bemerkte der Kundschafter zu Heyward und blickte zum Himmel empor. »Glänzender Sonnenschein und dann noch blitzende Büchsenläufe sind keine guten Verbündeten für einen Schützen. Doch jetzt hat unser Versteck ein Ende. Vor uns liegt eine breite Lichtung.« Sorgfältig beobachtete Falkenauge die Umgebung. Es war jetzt größte Vorsicht erforderlich. Auf ein Zeichen hin versammelte der Kundschafter wieder seine kleine Streitmacht um sich. Dann ging Falkenauge voran und ihm folgten im Gänsemarsch die Delawaren. Jeder bemühte sich, in die Spuren des Jägers zu treten, um nur eine Fährte zu machen. Doch kaum hatten sie den Wald verlassen und waren auf die Lichtung gelangt, als hinter ihnen eine Gewehrsalve ertönte. Ein Delaware wurde getroffen und stürzte der Länge nach zu Boden. »Eine solche Teufelei habe ich befürchtet!« rief der Kundschafter. »Schnell ins Versteck, Freunde, gebt Feuer!« Die Delawaren sprangen sofort hinter die schützenden Bäume. Anscheinend war der Angriff nur von wenigen Huronen unternommen worden. Die Delawaren verfolgten die Mingos von Baum zu Baum springend und trieben die Feinde zurück. Doch die Huronen schienen Verstärkung zu erhalten, denn die Kraft ihres Feuers nahm zu. Der Kampf wurde jetzt erbitterter und kam nicht mehr von der Stelle. Bis jetzt waren nur wenige Delawaren verwundet, da beide Parteien sich hinter den Bäumen versteckt hielten. Da bemerkte der Kundschafter, daß er in Gefahr kam, mit seinen Leuten von den Huronen überflügelt zu werden. Er erwog schon einen Rückzug, als auf einmal Schlachtgeschrei durch den Wald erscholl. Unkas griff mit seiner Hauptmacht in den Kampf ein. Diese Entlastung wirkte sofort, denn die Zahl der Gegner schien abzunehmen. Plötzlich nutzte der Jäger den Vorteil aus und gab das Zeichen zum Angriff. Von Versteck zu Versteck sprangen Falkenauge, Duncan und die Delawaren und trieben die Huronen vor sich her. Erneut hatten sich die Mingos in einigen Gebüschen festgesetzt und eröffneten ein wildes Feuer auf die Angreifer. »Wir müssen die Burschen vor uns loswerden«, sprach Falkenauge, »sonst nützen wir Unkas nichts.« Da rief der Kundschafter den Delawaren etwas in ihrer Sprache zu. Im gleichen Augenblick sprang jeder Krieger um den ihn schützenden Baum herum. Bei dem Anblick der vielen Krieger gaben die Huronen sofort eine Gewehrsalve ab, die glücklicherweise niemand traf. Ehe die Feinde die abgeschossenen Gewehre laden konnten, sprangen die Delawaren hinter ihren Bäumen hervor und stürzten sich auf die im nahen Buschwerk versteckten Huronen. Es entbrannte ein furchtbarer Kampf Mann gegen Mann. In diesem entscheidenden Augenblick ertönte ein Flintenknall im Rücken der Mingos und gleich darauf erscholl ein wildes Kriegsgeschrei. »Das ist Chingachgook!« rief Falkenauge erfreut. »Jetzt haben wir sie eingeschlossen!« Der Eindruck auf die Huronen war sehr stark. Da sie sich von allen Seiten bedrängt fühlten, stießen sie ein verzweifeltes Geheul aus und stoben auseinander. Die meisten fielen bei den Fluchtversuchen den Kugeln und den Streichen der sie verfolgenden Delawaren zum Opfer. Nur wenige Worte wurden zwischen Chingachgook und seinen Freunden während der Kampfpause gewechselt. Falkenauge stellte den Mohikaner den Delawaren vor und legte dann den Befehl über seine Streitmacht in die Hände Chingachgooks. Der Mohikaner übernahm den Befehl mit Würde und Ernst. Den Fußstapfen des Kundschafters folgend, führte er den Zug durch das Dickicht zurück. Seine Krieger skalpierten die gefallenen Huronen und verbargen die Leichen ihrer eigenen Toten im Gebüsch. Jetzt traten der Mohikaner und seine Freunde an den Rand des Hügels und horchten auf das ferne Kampfgetöse. Unkas schien mit der Hauptmacht der Huronen zusammengetroffen zu sein. »Das Gefecht kommt den Abhang herauf«, sagte Duncan. »Wir müssen uns etwas zurückziehen.« Der Mohikaner zögerte noch einen Augenblick und beobachtete den weiteren Verlauf des Kampfes, der sich schnell den Abhang heraufzog. Ein Beweis, daß die Delawaren siegreich waren. Falkenauge, Heyward und Munro zogen sich wenige Schritte in ein Gebüsch zurück und erwarteten mit Ruhe den weiteren Fortgang des Kampfes. Jetzt sammelte sich eine Anzahl vertriebener Huronen am Waldesrande. »Es ist Zeit für den Delawaren loszuschlagen«, sagte Duncan. »Nur ruhig«, entgegnete der Kundschafter, »Chingachgook wird schon zur rechten Zeit wissen lassen, daß er zur Stelle ist.« In diesem Augenblicke erscholl ein Kriegsgeschrei und ein Dutzend Huronen fielen durch Chingachgooks und seiner Leute Feuer. Das Geschrei wurde von einem Geheul aus dem Walde beantwortet. Die Huronen stutzten, und da brach auch schon Unkas mit hundert Kriegern aus dem Walde hervor. Der Kampf hatte sich geteilt. Die Huronen waren in zwei Gruppen zerspalten. Jede suchte Schutz in den Wäldern, hart bedrängt von den siegreichen Kriegern der Lenapen. Eine kleine Schar Huronen hatte es jedoch verschmäht, Schutz zu suchen. Magua ragte unter ihnen deutlich hervor. Um die Verfolgung zu beschleunigen, war Unkas ungestüm allein vorangeeilt. Als er Le Renard Subtil erblickte, erhob er seinen Schlachtruf, der sechs Krieger an seine Seite rief, und stürzte sich trotz der kleinen Zahl auf den Feind. Plötzlich ertönte ein neues Geschrei und Falkenauge eilte, von seinen weißen Gefährten begleitet, zur Hilfe herbei. Da stürzte der Hurone die Anhöhe hinauf. Schnell setzte Unkas die Verfolgung fort. Vergeblich ermahnte ihn Falkenauge, sich besser zu schützen. Doch der junge Mohikaner trotzte dem Feuer seiner Feinde und zwang sie zu weiterer Flucht. Bei der eiligen Verfolgung war das Dorf der Huronen erreicht worden. Bei dem Anblick ihrer Hütten leisteten die Huronen nochmals verzweifelten Widerstand. Es entspann sich erneut ein kurzer heißer Kampf. Unkas' Tomahawk, Falkenauges und Duncans Büchsen streckten die Huronen nieder. Bald bedeckte sich der Boden mit Feinden. Noch immer wehrte sich Magua und war allen Angriffen entgangen. Als er sah, wie seine Krieger unter den furchtbaren Streichen seiner Gegner getötet wurden, erkannte er das Aussichtslose des Kampfes und ließ ein wütendes Geheul erschallen. Schnell floh er mit zwei seiner Krieger von dem Kampfplatz. Unkas, der vergeblich den Huronen im Kampfe stellen wollte, stürzte ihm nach. Magua rannte der Höhle zu, in der er verschwand. Auch Falkenauge und Heyward machten sich auf die Verfolgung des flüchtenden Huronen. An der Höhle angekommen, eilten die Verfolger in den langen Gang. Allen voran stürmte Unkas den Fliehenden nach. Heyward und der Kundschafter blieben ihm auf den Fersen. Der Weg in den düsteren Gängen wurde immer mühevoller. Nur noch selten zeigten sich ihnen die fliehenden Mingos. Da bemerkten sie plötzlich an dem fernen Ende eines Ganges, der auf den Berg zu führen schien, ein weißes flatterndes Kleid. »Es ist Kora!« rief Heyward. »Kora, Kora!« wiederholte Unkas. Die Verfolger erneuerten ihren Eifer. Der Weg wurde jetzt rauh und an einigen Stellen fast ungangbar. Unkas warf seine Büchse weg und sprang vorwärts. Heyward folgte ihm. Da hörten sie den Knall einer Flinte und der junge Mohikaner wurde leicht verletzt. »Wir müssen hinter Ihnen her!« rief der Kundschafter. »Die Schufte schießen uns alle ab. Seht! Sie halten das Mädchen als Schild vor sich.« Durch unglaubliche Anstrengungen kamen die Verfolger den Fliehenden so nahe, daß sie sehen konnten, wie Kora von zwei Kriegern fortgetragen wurde, während Magua die Richtung der Flucht vorschrieb. Durch seine Büchse behindert, ließ der Kundschafter seine Begleiter etwas vorauseilen. Die beiden jungen Männer kamen den Huronen immer näher. »Halt Hurone!« schrie Unkas von weitem. »Ich geh' nicht weiter«, rief Kora und blieb an einem Felsvorsprung stehen, der über einem tiefen Abgrund herausragte. »Töte mich, wenn du willst, ich geh' nicht weiter!« »Weib«, sprach Magua, »wähle Le Subtils Wigwam oder sein Messer!« Kora achtete seiner Worte nicht. Sie warf sich auf die Knie und erhob Augen und Arme zum Himmel. »Weib!« schrie Magua wütend, »wähle!« Kora gab keine Antwort. Der Hurone zögerte, dann hob er die scharfe Waffe empor. In diesem Augenblick erscholl aus der Höhe ein durchdringendes Geschrei. Unkas erschien und sprang von einer furchtbaren Höhe auf den Felsvorsprung herab. Magua wich einen Schritt zurück. Einer seiner Begleiter benutzte den Augenblick, sein Messer in Koras Herz zu stoßen. Magua sprang wie ein Tiger auf seinen Stammesgenossen los, der die Flucht ergriff. Dann stieß Magua dem am Boden liegenden Mohikaner das Messer in den Rücken. Wie ein verwundeter Panther erhob sich nochmals Unkas und streckte mit einem gewaltigen Hieb den zweiten Huronen zu seinen Füßen nieder. Dann verließen den Mohikaner die Kräfte. Magua ergriff den kraftlosen und zu jedem Widerstand unfähigen Mohikaner und stieß ihm erneut mehrmals sein Messer in das Herz. Mit einem wilden Aufschrei warf Magua das blutige Messer fort und floh weiter in die Berge. In diesem Augenblick erschien die hohe Gestalt des Kundschafters. Als der Jäger den blutigen Schauplatz des heimtückischen Mordes erreichte, zeigte ihm ein Blick auf die Toten, daß seine Hilfe zu spät kam. Sein scharfes Auge musterte aufmerksam die vor ihm ansteigenden Felsen. Da bemerkte er am Rande eines schwindelnden Absturzes eine menschliche Gestalt mit erhobenen Armen. Es war Magua, der aus einer Felsspalte trat und einen breiten Felsriß übersprang. Dann klomm er weiter den Felsen hinan. Noch ein einziger Sprung über den Ab- grund, und er wäre in Sicherheit gewesen. Ehe der Hurone Anlauf nahm, schüttelte er die Hand gegen den Kundschafter und schrie: »Die Bleichgesichter sind Hunde! Die Delawaren sind Weiber! Magua läßt sie auf den Felsen den Krähen zur Speise!« Unter lautem Gelächter versuchte er den verzweifelten Sprung. Er erreichte nur knapp das Ziel. Seine Hände hielten im Fallen ein Gestrüpp am Rande umklammert. Vorsichtig ließ sich Magua etwas hinuntergleiten und fand ein Felsstück, auf dem seine Füße Halt bekamen. Dann bot er alle seine Kräfte auf und es gelang ihm, sich mit den Knien auf den Rand des Berges zu schwingen. Nur noch ein kurzer Schwung und Magua war in Sicherheit. Da zog der Kundschafter seine Büchse an die Schulter. Der Knall des Schusses weckte ein mehrfaches Echo in den Bergen. Die Arme des Huronen verloren ihren Halt. Sein Leib fiel in sich zusammen, und dann stürzte seine dunkle Gestalt kopfüber in den tiefen Abgrund. 29. Kapitel Als am nächsten Tage die Sonne aufging, befand sich das Volk der Delawaren in tiefer Trauer. Kein Jubelruf, kein Triumphgesang feierte den großen Sieg, den sie errungen hatten. Die Hütten standen verlassen, und der ganze Stamm hatte sich in ernstem Schweigen an einem Platz versammelt, an dem die Trauerfeierlichkeiten stattfanden. Sechs delawarische Mädchen standen neben einer Bahre, die die irdischen Überreste der edelmütigen Kora trug. Zu ihren Füßen saß Munro, Sein ehrwürdiges Haupt beugte sich vor Schmerz und Gram. Gamut stand, an seiner Seite. Hey- ward lehnte an einem Baum und bemühte sich, seinen Schmerz zu überwinden. Am anderen Ende des Platzes war Unkas aufgebahrt. Es schien, als ob der junge Mohikaner am Leben wäre. Seine Gestalt war mit Kostbarkeiten geschmückt. Vor dem Toten saß Chingachgook ohne Waffen und ohne Kriegsbemalung. Nur das glänzend blaue Stammbild seines Geschlechtes zierte die nackte Brust. Unbewegt schaute der Vater auf das kalte, leblose Antlitz seines Sohnes. Der Kundschafter stand bei ihm, während Tamenund, von den Ältesten seiner Nation begleitet, auf einem erhöhten Platz saß. In der Mitte des Kreises stand ein fremder Offizier, dessen Uniform auf einen hohen Rang deutete. Es war ein Abgesandter des Statthalters von Kanada, der gekommen war, um Frieden zu stiften. Leider war er zu spät erschienen, um noch den furchtbaren Streit zu verhindern. Völlig bewegungslos verharrte die Menge und nahm Abschied von dem großen Toten. Da reckte Tamenund, der Patriarch der Delawaren, einen Arm aus, stützte sich auf die Schultern seiner Begleiter und erhob sich langsam. »Männer der Lenapen!« sprach er dumpf; »Manitus Gesicht verbirgt sich hinter einer Wolke! Sein Auge hat sich von euch gewendet, seine Ohren sind verschlossen, seine Zunge gibt keine Antwort! Ihr seht ihn nicht und doch sind seine Gerichte vor euren Augen. Macht deshalb eure Herzen auf und laßt keine Lüge sprechen! Männer der Lenapen, Manitus Antlitz ist hinter einer Wolke!« Nach diesen Worten des Weisen trat wiederum tiefe Stille ein. Dann traten die Häuptlinge vor und jeder von ihnen rühmte die Taten des Toten. Nach ihnen stimmten delawarische Mädchen Klagelieder an, in denen sie die guten Eigenschaften des jungen Mohikaners priesen. Während der Trauerfeierlichkeit ruhte der Blick Chingachgooks unverwandt auf seinem toten Sohn. Jetzt trat ein berühmter Krieger langsam aus der Menge hervor und stellte sich vor den Toten. »Warum hast du uns verlassen, Stolz der Delawaren?« sprach er. »Deine Zeit war kurz wie der Lauf der Sonne an einem Tag. Dein Ruhm war glänzender als ihr Licht um die Mittagszeit. Deine Füße glichen Adlerschwingen, dein Arm war schwerer als die Äste an den Fichten und deine Stimme glich der Stimme Manitus, wenn er zu uns aus den Wolken spricht. Stolz der Mohikaner, warum hast du uns verlassen?« Jetzt ließ sich in der stillen, feierlichen Runde ein leiser tiefer Ton vernehmen. Chingachgook hatte seine Lippen zu dem Trauergesang für seinen Sohn geöffnet. Der Gesang war geradeso laut, um vernehmbar zu werden. Dann wurde er schwächer, als ob er von einem flüchtigen Windhauch davongetragen werde. Jetzt gab einer der älteren Häuptlinge den Frauen, die in der Nähe von Koras Leiche standen, ein Zeichen. Die Mädchen hoben die Bahre und schritten langsam vorwärts. Munro folgte dem schlichten Zuge mit der festen Miene eines tapferen Soldaten. Seine Freunde begleiteten ihn. Selbst der junge Franzose, der Abgesandte des Statthalters, schloß sich dem Trauergeleit an. In der Nähe eines kleinen Hügels setzten die Mädchen ihre Last ab. »Meine Töchter haben gut gehandelt, die weißen Männer danken ihnen«, sprach der Kundschafter. Die Mädchen legten die Tote in einen Sarg aus Birkenrinde und ließen ihn dann in das Grab hinab. Munros Haupt war während dieser Feier auf seine Brust gesunken. Da legte der junge Franzose seine Hand leicht auf Munros Schultern und zeigte auf einen Trupp junger Indianer, die mit einer Sänfte herannahten, und wies mit den Augen nach dem Stand der Sonne. »Ich verstehe Sie, mein Herr«, sprach Munro gefaßt. »Ich verstehe Sie. – Kommen Sie, meine Herren, laßt uns gehen!« Heyward folgte dem Rufe. Während seine Begleiter zu Pferde stiegen, fand er noch Zeit, dem Kundschafter die Hand zu drücken. Dann stieg auch er in den Sattel und lenkte sein Pferd an die Seite der Sänfte, aus der ein unterdrücktes Schluchzen die Anwesenheit Alices verkündete. Munro, Heyward und David folgten in düsterem Schweigen dem Abgesandten Montcalms und seiner Begleitung. Von den Gefährten seiner Farbe verlassen, kehrte Falkenauge zu den Delawaren zurück. Er kam gerade zur rechten Zeit, um Abschied von Unkas zu nehmen. In einem langen feierlichen Trauerzug gab der Stamm dem jungen Häuptling das letzte Geleit. Die Leiche wurde in ruhender Stellung in das Grab gelassen. Das Gesicht der aufgehenden Sonne zugewandt. Für die letzte große Reise legte man dem Toten sein Kriegs- und Jagdgerät zur Seite. Alle blickten auf Chingachgook. Er hatte noch kein Wort gesprochen. Da öffneten sich seine fest zusammengepreßten Lippen: »Warum trauern meine Brüder?« sprach er. »Warum weinen meine Töchter? Weil ein junger Krieger nach den glücklichen Jagdgründen gegangen ist – weil ein Häuptling seine Zeit mit Ehren erfüllt hat? Er war gut! Er war treu! Er war tapfer! Manitu hatte einen solchen Krieger nötig, und er hat ihn abberufen. Ich, der Vater meines Unkas, bin eine verdorrte Fichte, die in einer Lichtung steht, die von den Blaßgesichtern geschlagen wurde. Mein Geschlecht hat die Ufer des Salzsees und die Berge der Delawaren verlassen. Ich bin jetzt allein –« »Nein, nein!« rief Falkenauge, der bisher teilnahmvoll auf die Züge des Mohikaners geschaut hatte. »Nein, Chingachgook, du bist nicht allein! Mag unsere Farbe auch verschieden sein, so werden wir auch weiterhin auf demselben Wege miteinander gehen. Auch ich habe keine Verwandten und habe auch kein Volk. Unkas war dein Sohn, und auch ich werde den Jungen nicht vergessen, der so oft an meiner Seite gekämpft und geruht hat. Unkas hat uns für kurze Zeit verlassen. Doch Chingachgook, du bist nicht allein!« Chingachgook ergriff die Hand, die der Kundschafter ihm über die frische Erde hinüberstreckte. Stumm neigten die beiden Freunde ihre Häupter. Mitten in dem ehrfuchtsvollen Schweigen erhob Tamenund seine Stimme und sprach: »Es ist genug. Geht, Kinder der Delawaren! Der Zorn Manitus hat sich noch nicht gelegt. Warum sollte Tamenund noch länger hier verweilen? Die Blaßgesichter sind die Herren der Erde. Die Zeit der roten Männer ist noch nicht wiedergekommen. Mein Tag ist schon zu lang gewesen. Am Morgen sah ich die Söhne der ›Großen Schildkröte‹ glücklich und mächtig. Doch ehe die Nacht einbrach, mußte ich es erleben, den letzten Krieger des weisen Geschlechtes der Mohikaner zu schauen.« –