Dmitri Mereschkowski Julianus Apostata Erster Teil I. Zwanzig Stadien von Cäsarea in Kappadocien entfernt, an den waldigen Vorsprüngen des Berges Argaeos befand sich in der Nähe der römischen Heerstraße eine heiße heilkräftige Quelle. Die griechische Inschrift auf einer Steinplatte mit roh ausgehauenen menschlichen Figuren meldete, daß diese Quelle einst den Brüdern Kastor und Pollux geweiht gewesen war. Die noch unversehrten Darstellungen der heidnischen Götter galten jetzt als die der christlichen Heiligen Kosmas und Damianus. Der heiligen Quelle gegenüber, auf der anderen Seite der Landstraße, lag ein kleines Wirtshaus – eine mit Stroh gedeckte elende Hütte, mit einem schmutzigen Viehhof und einem Verschlag für Hühner und Gänse. Im Wirtshaus gab es nur Ziegenkäse, halbweißes Brot, Honig, Olivenöl und einen recht herben Landwein. Das Wirtshaus gehörte dem schlauen Armenier Syrax. Ein Vorhang trennte die Gaststube in zwei Hälften: die eine war für das gemeine Volk, die andere für bessere Gäste bestimmt, An den rauchgeschwärzten Deckenbalken hingen geräucherte Schinken und Bündel wohlriechender Bergkräuter. Syrax' Frau, Fortunata, war eine gute Wirtin. Das Haus stand in schlechtem Rufe. Niemand blieb dort über Nacht; es wurden auch verschiedene Schauergeschichten verbreitet, die sich in dieser Hütte zugetragen haben sollten. Syrax war aber nicht so dumm, daß man ihm etwas nachweisen könnte: er verstand es, am richtigen Platze zu schmieren, und kam immer mit heiler Haut davon. Den Vorhang bildete Fortunatas alte verschossene Chlamys, die an zwei dünnen Säulen gespannt war. Diese Säulen waren der einzige Schmuck der Gaststube und ein besonderer Stolz des Syrax; die Vergoldung, die sie einst schmückte, war abgeblättert und wies zahlreiche Sprünge auf. Das einst grell-violette, nun aber graublaue Gewand war mit unzähligen Flecken in allen Farben und mit Spuren verschiedener Frühstücke, Mittag- und Abendessen bedeckt, die der tugendsamen Fortunata eine ständige Erinnerung an die zehn Jahre ihrer glücklichen Ehe waren. In der besseren Abteilung hinter diesem Vorhang lag auf dem einzigen Ruhebett, das schmal und zerfetzt war, der römische Kriegertribun von der neunten Kohorte der sechzehnten Legion, Marcus Scudilo; vor ihm standen eine große zinnerne Weinkanne und mehrere Becher. Marcus war ein typischer Stutzer aus der Provinz, einer von jenen, die den übermütigen Sklavinnen und den billigen Hetären der Vorstadt den Ausruf des einfältigen Entzückens entlocken: »Welch ein schöner Mann!« Auf dem gleichen Ruhebette saß zu seinen Füßen in ehrfurchtsvoller, doch höchst unbequemer Stellung ein dicker Mann mit rotem Gesicht; es war der Centurio der achten Centurie, Publius Aquila. Er war asthmatisch, hatte einen vollkommen kahlen Schädel und spärliches, rauhes Haar, das vom Nacken nach den Schläfen zu gekämmt war. In einiger Entfernung von diesen beiden saßen auf dem Fußboden zwölf römische Legionäre, mit Würfelspiel beschäftigt. »Beim Herkules,« rief Scudilo aus, »ich würde vorziehen, der Letzte in Konstantinopel zu sein, als der Erste in diesem Loch. Publius, ist denn das ein Leben? Sag es mir auf Ehrenwort, ist denn das ein Leben? Man hat ja hier nichts anderes in Aussicht, als das ewige Exerzieren, Kaserne und Feldlager. In diesem stinkenden Sumpf kann man verfaulen, ohne etwas von der Welt gesehen zu haben!« »Ja, man darf wohl sagen, daß dieses Leben wenig Reiz bietet,« stimmte Publius zu. »Dafür hat man hier aber seine Ruhe.« Der alte Centurio interessierte sich für das Würfelspiel der Soldaten; er tat so, als ob er dem Geschwätz des vorgesetzten lausche und machte ab und zu Zwischenbemerkungen; dabei verfolgte er aber aufmerksam das Spiel und dachte: »Wenn der Rote jetzt geschickt spielt, so gewinnt er mit einem Wurf die Partie.« Nur um den Anstand zu wahren, fragte Publius den Tribunen, als ob es ihn wirklich sehr interessierte: »Warum, glaubst du, zürnt dir der Präfekt Helvidius?« »Wegen eines Weibes, mein Freund, alles wegen eines Weibes.« Im Anfalle geschwätziger Offenheit teilte Marcus dem Centurio geheimnisvoll und im Vertrauen mit, daß der Präfekt, »dieser alte Bock Helvidus«, auf ihn wegen einer zugereisten Hetäre, einer Lilibäerin, eifersüchtig sei; nun wolle er, Scudilo, sich mit irgendeiner wichtigen Dienstleistung das Wohlwollen des Präfekten wiedergewinnen. – In der Festung Macellum, die in der Nähe von Cäsarea lag, wurden die Vettern des regierenden Kaisers Constantius und Neffen Konstantins des Großen, Julianus und Gallus, die letzten Sprößlinge des unglückseligen Flaviergeschlechtes, gefangen gehalten. Als Constantius den Thron bestieg, ließ er aus Furcht vor Nebenbuhlern seinen Onkel Julius Constantius, den Vater von Julianus und Gallus und den Bruder Konstantins, ermorden. Noch viele andere Opfer mußten fallen. Seine Vettern verschonte er aber und verbannte sie in die entlegene Feste Macellum. Der Präfekt von Cäsarea, Helvidius, befand sich in einer recht schwierigen Lage. Er wußte, daß der neue Kaiser die beiden Jünglinge, die ihn beständig an sein Verbrechen erinnerten, hasse; er wollte den Willen des Kaisers erraten und fürchtete ihm zuvorzukommen. So lebten Julianus und Gallus in fortwährender Todesgefahr. Der schlaue Tribun Scudilo, der sich durch irgendein Verdienst beim Hofe auszeichnen wollte, hatte aus verschiedenen Andeutungen des Präfekten begriffen, daß dieser nicht die schwere Verantwortung auf sich nehmen wolle und von den Gerüchten über eine angebliche Verschwörung zur Entführung der Erben Konstantins eingeängstigt sei. So entschloß sich Marcus, mit einer Abteilung Legionäre nach Macellum zu gehen und die Gefangenen auf eigenes Risiko unter Bewachung nach Cäsarea zu bringen. Er glaubte, daß er von den beiden minderjährigen, verlassenen, vaterlosen Knaben, die dazu noch dem Kaiser verhaßt waren, nichts zu befürchten habe. Mit dieser Tat hoffte er das Wohlwollen des Präfekten Helvidius, der ihn wegen der rothaarigen Lilibäerin zürnte, wieder zu erlangen. Marcus hatte dem Publius übrigens nur einen Teil seiner Absichten verraten und dies auch nur mit der größten Vorsicht. »Was willst du nun eigentlich tun, Scudilo? hast du denn aus Konstantinopel irgendwelche Vorschriften erhalten?« »Ich habe keinerlei Vorschriften; niemand weiß dort etwas Bestimmtes, Aber es schwirren Tausende von Gerüchten herum. Tausende von Erwartungen, Andeutungen, Drohungen und Geheimnissen, unzählige Geheimnisse! Was man einem direkt vorschreibt, kann ja jeder Dummkopf ausführen. Nun soll man aber den stummen Willen des Kaisers erraten; nur das bringt eine entsprechende Belohnung ein. Wir wollen sehen, versuchen, raten. Jetzt heißt es entschlossen und tapfer vorzugehen, und zwar unter dem Zeichen des Kreuzes. Auf dich verlasse ich mich vollkommen, vielleicht werden wir bald bei Hofe einen Wein trinken, der süßer ist, als dieser...« Durch das kleine vergitterte Fenster fiel der trübe Schein des regnerischen Abends herein; der Regen rauschte eintönig. Eine dünne Lehmwand mit vielen Rissen trennte die Gaststube vom Stall; er roch nach Dünger, die Hennen gackerten, die Schweine grunzten; man hörte Milch in ein Gefäß strömen: wahrscheinlich melkte die Hausfrau eine Kuh. Die Soldaten gerieten wegen des Spielgewinnes in Streit und schimpften im Flüsterton aufeinander. Unten an der Wand, dicht am Fußboden, wo der Lehm vom Weidengeflecht ganz abgebröckelt war, guckte die zarte und rosige Schnauze eines Ferkels herein; es war in die Enge geraten, konnte den Kopf weder vorwärts noch rückwärts bringen und winselte jämmerlich. Publius dachte: »Nun, vorläufig sind wir dem Viehhofe viel näher als dem Kaiserhofe.« Seine Unruhe war gewichen. Der Tribun war von dem unendlichen Geschwätz ermüdet und langweilte sich. Er blickte auf das Fenster mit dem regnerischen Himmel, auf die dumme Schnauze des Ferkels, auf den sauren Rest des elenden Weines im Zinnbecher, auf die schmutzigen Soldaten, und eine schwere Unmut bemächtigte sich seiner. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, der auf den ungleichen Beinen wackelte, und schrie: »Syrax! Du Spitzbube, gottloser Schurke! Komm mal her. Was ist das für ein Wein, du Taugenichts?« Der Wirt eilte herbei. Er hatte pechschwarzes, fein gekräuseltes Haar und einen schwarzen blauschimmernden Bart; Fortunata pflegte in Anwandlungen ehelicher Zärtlichkeit diesen Bart mit einer süßen Weintraube zu vergleichen; ein zuckersüßes Lächeln umspielte immer seine roten Lippen; er war wie eine Karikatur auf Dionysos, den Weingott, und schien durch und durch schwarz und süß. Der Wirt schwor bei Moses und Dindymene, bei Christus und Herkules, daß sein Wein ganz ausgezeichnet sei; der Tribun aber erklärte, er wisse ganz genau, in wessen Hause der Kaufmann Glabrio aus Pamphylien ermordet worden sei, er werde den Armenier schon einmal anzeigen. Der erschrockene Wirt eilte wie der Wind in den Keller und brachte mit feierlicher Miene eine Flasche von ungewöhnlicher Form herbei: sie war breit, unten flach und hatte einen dünnen mit Schimmel und Moos umsponnenen Hals; sie sah aus, als wäre sie vor Alter ergraut. Durch den Schimmel konnte man hie und da das Glas erkennen, das undurchsichtig war und in allen Farben des Regenbogens schimmerte; auf dem Brettchen aus Cypressenholz, das am Flaschenhalse befestigt war, konnte man mit einiger Mühe die Worte entziffern: »Anthosmium« und »annorum centum« , d.h. hundertjährig. Syrax aber beteuerte, der Wein sei schon zu Kaiser Diokletians Zeiten über hundert Jahre alt gewesen. »Ist er schwarz?« fragte publius respektvoll. »Schwarz wie Pech und duftend wie Ambrosia. He, Fortunata, zu diesem Weine gehören die Sommerbecher aus Kristall. Und bring uns noch aus dem Eiskeller reinen weißen Schnee.« Fortunata brachte zwei Becher. Sie hatte eine angenehme gelbliche Hautfarbe, die an fetten Rahm gemahnte, und strotzte vor Gesundheit; sie schien einen Duft ländlicher Frische, den Geruch von Stall und Milch auszuströmen. Der Schenkwirt blickte die Flasche mit großer Andacht an und küßte ihren Hals; dann entfernte er vorsichtig das Wachssiegel und zog den Korken heraus. In die Kristallbecher wurde etwas Schnee gelegt. Der anthosmische Wein floß in einem dicken, schwarzen, duftenden Strahle heraus, und der Schnee schmolz bei der Berührung mit dem feurigen Naß; die Kristallbecher wurden trübe und liefen vor Kälte an. Scudilo, der eine höchst mittelmäßige Bildung genossen hatte, und imstande war, Hekuba mit Hekate zu verwechseln, rezitierte den einzigen Vers Martials, den er noch wußte: Candida nigrescant vetulo crystalla Falerno. »Warte nur, es wird noch besser!« Syrax holte aus seiner tiefen Tasche ein winziges Fläschchen, das aus einem einzigen Stück Onyx gefertigt war, und fügte mit wollüstigem Lächeln dem Weine einen Tropfen kostbaren arabischen Cinnamons bei; der Tropfen fiel wie eine weiße Perle in den schwarzen Wein und löste sich in ihm auf; ein seltsamer süßlicher Duft erfüllte sofort das Zimmer. Während der Tribun langsam und entzückt den Wein schlürfte, schnalzte Syrax mit der Zunge und wiederholte in einem fort: »Alle Weine aus Biblos, Maronea, Lacene und Ikarien sind nichts im Vergleiche zu diesem!« Die Dämmerung brach an. Scudilo gab den Befehl aufzubrechen. Die Legionäre legten ihre Panzer an, setzten ihre Helme auf und schnallten an das rechte Bein eiserne Beinschienen; darauf ergriffen sie ihre Speere und Schilde und machten sich marschbereit. Hinter dem Vorhange saßen vor dem Herde einige isaurische Hirten, die eher wie Banditen aussahen; vor dem römischen Tribunen standen sie ehrerbietig auf. Er sah in der Tat höchst majestätisch aus; sein Kopf war ihm schwer und in seinen Adern spielte noch der feurige Wein. An der Schwelle nahte sich ihm ein Mann in einem seltsamen morgenländischen Gewande: er trug einen weißen Mantel mit roten Querstreifen und einen hohen Kopfputz aus gewalkter Wolle, eine persische turmförmige Tiara. Scudilo blieb stehen. Der Perser hatte ein feines, schmales, mageres, olivengelbes Gesicht; in seinen durchdringenden Schlitzaugen schienen tiefe und hinterlistige Gedanken zu wohnen; alle seine Gebärden drückten Ruhe und Würde aus. Es war einer von jenen herumirrenden Astrologen, die sich stolz Magier, Chaldäer, Feuerzauberer und Mathematiker nannten. Er begann damit, daß er dem Tribunen seinen Namen – Nohodares – nannte und mitteilte, daß er sich bei Syrax nur auf der Durchreise aufhalte: er reise aus dem fernen Anadiabena an die Gestaden des Ionischen Meeres, zu dem berühmten Philosophen und Theurgen Maximus von Ephesus. Der Magier bat um Erlaubnis, seine Kunst zeigen und dem Tribunen sein Schicksal weissagen zu dürfen. Man schloß die Fensterläden. Der Perser machte sich auf dem Boden etwas zu schaffen und plötzlich vernahm man ein leises Knistern; alle wurden sofort still. Eine rötliche Flamme stieg einer langen, schmalen Zunge gleich aus dem weißen Rauch, der den Raum füllte. Nohodares legte eine Doppelflöte aus Rohr an seine blutleeren Lippen und begann zu spielen; es waren schmachtende, klagende Laute, die an die lydischen Trauergesänge gemahnten. Die Flamme war, gleichsam unter dem Eindrucke der Klagetöne, gelb und trübe geworden und leuchtete plötzlich in einem zarten blaßblauen Scheine auf. Der Magier warf eine Handvoll trockenes Gras ins Feuer, und ein starker angenehmer Duft zog durchs Zimmer; auch der Geruch stimmte traurig: so duften an nebeligen Abenden die welken Gräser auf den toten Steppen von Arachosien und Drangiane. Vom klagenden Flötenton herbeigelockt, kam aus einem schwarzen Kasten, der zu den Füßen des Zauberers stand, langsam eine große Schlange geschlichen; raschelnd entrollte sie ihre grünlich schimmernden elastischen Ringe. Jetzt begann der Perser ein eintöniges leises Lied, das aus der Ferne zu kommen schien; er wiederholte in einem fort das Wort: »Mara, Mara, Mara.« Die Schlange wickelte sich um seinen schmächtigen Leib und näherte, gleichsam liebkosend, ihren flachen, grünschuppigen Kopf mit zärtlichem Zischen dem Ohre des Magiers; ihre Augen leuchteten wie Karfunkel, ihre gespaltene Zunge schnellte blitzartig dicht am Ohre vorbei, als wolle die Schlange ihrem Herrn etwas zuflüstern. Der Zauberer ließ seine Flöte fallen. Die Flamme erfüllte den Raum wieder mit weißem Rauch, dem diesmal ein schwerer betäubender Geruch, der Geruch des Grabes entströmte, und plötzlich war alles erloschen. Es war dunkel und unheimlich geworden. Alle waren aufs höchste bestürzt. Als man aber die Läden wieder öffnete und das bleierne Licht der Dämmerung ins Zimmer fiel, waren die Schlange und der schwarze Kasten auf einmal spurlos verschwunden. Alle Gesichter schienen leichenblaß. Nohodares trat an den Tribun heran und sagte: »Frohlocke! Deiner harrt eine große und unerwartete Gnade des göttlichen Augustus, des Kaisers Constantius!« Einige Augenblicke lang musterte er aufmerksam Scudilos Hand; dann beugte er sich schnell zu seinem Ohr und flüsterte ihm so leise zu, daß es niemand von den Umstehenden hören konnte: »Das Blut, das Blut des großen Cäsars auf dieser Hand!« Scudilo erschrak. »Wie unterstehst du dich, verfluchter chaldäischer Hund? Ich bin ein getreuer Sklave ...« Jener blickte ihn aber beinahe spöttisch mit seinen klugen Augen an und flüsterte: »Was fürchtest du dich? ... Nach vielen Jahren ... Und gibt es einen Ruhm ohne Mut? ...« Die Soldaten verließen das Wirtshaus. Scudilos Herz war von Stolz und Freude erfüllt. Er näherte sich der heiligen Quelle, schlug andächtig ein Kreuz, trank von dem heilkräftigen Wasser und betete inbrünstig zu Kosmas und Damianus; denn er glaubte in der Tiefe seines Herzens, daß an der Weissagung des Persers doch etwas Wahres sein müsse. Dann bestieg er einen prächtigen kappadocischen Hengst und gab den Legionären das Zeichen zum Aufbruch. Der Fahnenträger – »Draconarius« – erhob die Fahne, einen Drachen aus Purpurstoff. Der Tribun wollte auf das Publikum, das ihm aus dem Wirtshaus gefolgt war, einen Eindruck machen. Obwohl er wußte, daß es nicht ungefährlich sei, konnte er sich doch nicht enthalten, sein Schwert zu ziehen und damit die Richtung zu der nebelbedeckten Schlucht zu zeigen. Er war von Wein und Stolz berauscht und sagte laut: »Nach Macellum!« Ein Flüstern des Erstaunens ging durch die Menge; es wurden auch die Namen von Julianus und Callus genannt. Der Trompeter an der Spitze des Zuges stieß in seine kupferne »Buccina« – eine gleich einem Widderhorn gewundene Trompete. Der gedehnte Ton der römischen Kriegstrompete zog durch die Schluchten und erweckte einen langanhaltenden Widerhall im Gebirge. II. Im großen Schlafgemach von Macellum, das früher ein Schloß der kappadocischen Könige gewesen war, war es noch finster. Der zehnjährige Julianus lag auf seinem harten Lager, dessen Bretter nur mit einem Pantherfell bedeckt waren. Der Knabe hatte sich selbst dieses harte Lager gewählt, denn sein alter Lehrer, Mardonius, hatte ihn nach den strengen Prinzipien der stoischen Weisheit erzogen. Julianus konnte nicht schlafen. Zuweilen erhob sich ein Wind, der wie ein in eine Falle geratenes Tier in den Ritzen der Wände heulte; dann wurde es wieder still. In dieser seltsamen Stille hörte man vereinzelte große Regentropfen, anscheinend aus großer Höhe, auf die klingenden Steinfliesen fallen. Julianus glaubte zuweilen in den schwarzen Schatten des Deckengewölbes Fledermäuse rascheln zu hören. Er hörte den ruhigen Atem seines Bruders, der, ein verzärteltes und launisches Kind, auf einem weichen Lager unter einer altertümlichen verstaubten Decke, – dem letzten Überbleibsel vom ehemaligen Prunk der kappadocischen Könige, – schlief. Im Nebengemach schnarchte ihr Lehrer Mardonius. Plötzlich ging die kleine, eisenbeschlagene Türe der Geheimtreppe mit einem leisen Knarren auf und ein Lichtstrahl blendete für einen Augenblick Julianus' Auge. Die alte Sklavin Labda trat mit einer Kupferlampe in der Hand in das Schlafgemach. »Alte, ich fürchte mich, laß die Lampe hier.« Die Alte stellte die Lampe in die steinerne Nische an Julianus' Kopfende. »Du schläfst nicht? Hast du Kopfweh? ... Hast du Hunger? Der alte Sünder Mardonius gibt euch ja fast nichts zu essen. Ich habe dir Honigfladen mitgebracht. Die schmecken gut. Versuch es nur.« Labdas Lieblingsbeschäftigung war es, Julianus zu füttern. Da es Mardonius am Tage nicht erlaubte, pflegte sie ihm die Leckerbissen nachts zuzustecken. Die halbblinde Alte, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, trug immer ein schwarzes Nonnengewand; man hielt sie für eine Hexe, sie war aber eine gläubige und fromme Christin. Der finsterste alte und neue Aberglauben war in ihrem Kopfe zu einer sonderbaren Religion verwoben, die eher Wahnsinn zu nennen war: sie vermengte Gebete mit Zauberformeln, die olympischen Götter mit christlichen Dämonen, kirchliche Gebräuche mit Zauberei; sie war über und über mit kleinen Kreuzen, gotteslästerlichen Amuletten aus Totengebein und Kapseln mit Heiligenreliquien behangen. Die Alte war Julianus mit abgöttischer Liebe zugetan, denn sie hielt ihn für den einzigen rechtmäßigen Erben des Kaisers Konstantin, Constantius aber für einen Mörder und Räuber der Krone. Labda kannte genau, wie kaum ein anderer, den Stammbaum und alle uralten Familienlegenden des Hauses der Flavier. Sie hatte noch Julianus' Großvater, Constantius Chlorus, gekannt; ihr Gedächtnis bewahrte alle blutigen Geheimnisse des Hofes. Nachts erzählte sie dem Knaben alles, was ihr davon gerade einfiel. Das Herz des Knaben zuckte oft vor Dingen zusammen, die sein kindlicher Verstand noch gar nicht erfassen konnte. Mit trübem Auge, mit gleichgültiger und eintöniger Stimme erzählte sie ihm diese unendlichen Schauergeschichten, wie man sonst alte Ammenmärchen erzählt. Labda stellte die Lampe in die Nische, bekreuzte Julianus, sah nach, ob das Bernsteinamulett auf seiner Brust noch unversehrt sei und sprach einige Beschwörungsformeln, um die bösen Geister zu vertreiben. Dann entfernte sie sich. Julianus verfiel in einen schweren Halbschlaf; ihm war heiß; die schweren Regentropfen, die vereinzelt aus der Höhe gleichsam in ein leeres Metallgefäß fielen, quälten ihn. Er konnte nicht mehr unterscheiden, ob er schlafe oder wache, ob es das Rauschen des Nachtwindes sei, oder ob ihm die alte, einer Parze gleichende Labda die alten, grauenvollen Familienüberlieferungen zuraune. Alles, was er je von ihr gehört, und alles, was er selbst in seiner Kindheit gesehen, vermengte sich zu einem schweren Fiebertraum. Er sah die Leiche des großen Kaisers auf dem Paradebett aufgebahrt. Der Tote war geschminkt und gepudert; kunstvolle Perückenmacher hatten sein Haupt mit einer komplizierten vielstöckigen Frisur aus falschem Haar geschmückt. Der kleine Julianus mußte vor die Bahre treten und zum letztenmal seinem Onkel die Hand küssen. Das Kind hatte Angst; es war von dem Purpur, dem Diadem auf den künstlichen Locken und dem Prunk der im Scheine der Beerdigungskerzen funkelnden Edelsteine geblendet. Durch die betäubenden arabischen Wohlgerüche spürte er zum erstenmal im Leben den Geruch der Verwesung. Die Höflinge, Bischöfe, Eunuchen und Heerführer aber begrüßten den Kaiser, als ob er noch am Leben wäre; die Gesandten der fremden Mächte verbeugten sich vor ihm und dankten ihm nach dem prunkvollen, höfischen Zeremoniell; hohe Staatsbeamte verkündeten Edikte, Gesetze und Senatsbeschlüsse und baten den Toten um deren Bestätigung, als ob er sie hören könnte; ein schmeichlerisches Geflüster ging durch die Menge: die Leute behaupteten, er sei so erhaben, daß er durch eine besondere Gnade des Höchsten auch nach dem Tode noch die Welt regiere. Julianus wußte, daß Konstantin seinen Sohn getötet hatte; die einzige Schuld des jungen Helden bestand darin, daß er vom Volke zu sehr vergöttert wurde; er war der Verleumdung seiner Stiefmutter zum Opfer gefallen, die den Stiefsohn mit sündiger Liebe liebte und an ihm wie Phädra an Hyppolytes Rache nahm; als es sich später herausstellte, daß die Frau des Kaisers ein frevelhaftes Liebesverhältnis mit einem der kaiserlichen Stallknechte unterhielt, wurde sie in einem heißen Bade erdrosselt. Dann kam der edle Licinius an die Reihe. Ein Mord folgte dem andern, ein Opfer forderte das andere. – Der Kaiser, von Gewissensbissen gequält, bat die heidnischen Hierophanten um Reinigung von den Sünden; sie schlugen es ihm ab. Doch gelang es einem Bischof, ihn zu überzeugen, daß nur der christliche Glaube Sakramente besitze, die ihn von solchen Freveltaten reinigen könnten. Und nun schimmerte das prächtige »Labarum«, das Banner mit dem aus Edelsteinen gestickten Monogramm Christi, über der Bahre des Sohnesmörders. Julianus wollte erwachen, doch gelang es ihm nicht, die Augen zu öffnen. Noch immer fielen die Regentropfen, schwer und vereinzelt wie Tränen; der Wind pfiff nach wie vor; ihm schien es aber, daß es nicht der Wind sei, sondern die alte Parze Labda, die ihm Schauermärchen vom Flaviergeschlecht zuraune. Julianus träumte, er befinde sich in dem unterirdischen Erbbegräbnis seines Großvaters, inmitten der porphyrnen Särge mit dem Staube der Kaiser; der Raum ist kalt und feucht; Labda versucht, ihn in einer finstern Ecke zwischen den Särgen zu verstecken und hüllt den kranken, fiebernden Gallus in warme Decken. Plötzlich erschallt oben im Palaste durch alle Säle ein durchdringender Todesschrei. Er hallt unheimlich in den steinernen Gewölben der leeren Gemächer nach. Julianus erkennt die Stimme seines Vaters, er will ihm antworten, zu ihm eilen. Doch Labda hält den Knaben mit ihren knochigen Armen zurück und flüstert: »Sei still, sei still, sonst kommen sie noch her!« und hüllt ihn ganz ein. Dann dröhnen auf der Treppe eilige Schritte und sie kommen immer näher und näher. Labda bekreuzigt die Kinder und murmelt Beschwörungen. Es wird an die Türe geklopft und in das Gewölbe dringen Soldaten des Kaisers, mit Fackeln in der Hand; sie sind als Mönche verkleidet, und unter den schwarzen Kutten schimmern ihre blanken Panzer; Bischof Eusebius von Nikomedien führt sie an. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! Antwortet, wer ist hier?« Labda drückt sich mit den Kindern stumm in den Winkel. Und wieder: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, wer ist hier?« Und dann zum dritten Male. Dann beginnen die Mörder mit ihren bloßen Schwertern zwischen den Särgen zu scharren. Labda stürzt ihnen zu Füßen und zeigt auf den kranken Gallus und auf den wehrlosen Julianus: »Fürchtet doch Gott! Was kann ein fünfjähriger Knabe gegen den Kaiser unternehmen?« Und die Soldaten zwingen alle drei, das Kreuz in der Hand des Bischofs zu küssen und dem neuen Kaiser den Treueid zu leisten. Julianus kann sich noch an das große Kreuz aus Cypressenholz mit der Gestalt des Erlösers aus Emaille erinnern? unten auf dem dunklen alten Holz sieht man noch frische Blutspuren von der Hand des Mörders, der das Kreuz hält, vielleicht war es das Blut seines Vaters oder eines seiner sechs Vettern – Dalmatius, Hannibalianus, Nepotianus, Constantius des Jüngeren und der anderen: Über sieben Leichen mußte der Brudermörder hinwegschreiten, um den Thron zu besteigen. Und dies alles war im Namen des Gekreuzigten vollbracht. Julianus erwachte vor Grauen und vor der plötzlichen Stille: die Regentropfen fielen nicht mehr, und der Wind hatte sich gelegt. Die Lampe brannte ohne zu flackern in der Nische, wie eine unbewegliche feine und lange Zunge. Er sprang von seinem Lager auf und horchte auf das Pochen seines eigenen Herzens. Die Stille war unerträglich. Unten erschollen plötzlich laute Stimmen und Schritte, die sich von Saal zu Saal unter den steinernen Gewölben der hallenden, leeren Gemächer verbreiteten; hier, in Macellum, wie einst dort, im Erbbegräbnis der Flavier. Julianus fuhr auf; er glaubte noch immer zu träumen. Doch die Schritte kamen näher, und die Stimmen wurden deutlicher. Er schrie auf: »Bruder! Bruder! Schläfst du? Mardonius! Hört ihr denn nichts?« Gallus erwachte. Mardonius, ein Eunuch mit dem gelben, aufgedunsenen, runzeligen Gesicht eines alten Weibes, kam barfuß mit zerzaustem, grauem Haar aus dem Nebenzimmer gelaufen und stürzte sofort zu der Geheimtüre. »Es sind die Soldaten des Präfekten! Zieht euch schnell an! Wir müssen fliehen!« Es war aber zu spät. Man hörte Waffengeklirr. Die kleine, eisenbeschlagene Tür wurde von außen abgeschlossen. Über die Steinsäulen der Treppe huschte Fackellicht, und in seinem Scheine sah man eine purpurne Drachenfahne und ein Kreuz mit dem Monogramm Christi, das auf dem Helme eines der Soldaten glänzte. »Im Namen des rechtgläubigen, göttlichen Augustus, des Kaisers Constantius, verhafte ich, Marcus Scudilo, Tribun der Frentesischen Legion, die Söhne des Patriziers Julius, – Julianus und Gallus.« Mardonius stellte sich mit einem bloßen Schwert in der Hand in der Türe des Schlafgemaches in militärischer Haltung auf und versperrte den Soldaten den Weg. Das Schwert war stumpf und unbrauchbar; der alte Pädagog gebrauchte es, um seinen Schülern beim Studium der Ilias den Kampf zwischen Hektor und Achilles zu demonstrieren; der gelehrte Achilles war aber kaum imstande, mit diesem Schwert auch nur ein Huhn abzuschlachten. Jetzt schwang er es nach allen Regeln der homerischen Kriegskunst vor der Nase des Publius, was diesen, da er betrunken war, ganz außer sich brachte. Er schrie den Alten an: »Aus dem Wege, altes Aas, leere Blase, unnützer Blasebalg! Aus dem Wege, sonst durchbohre ich dich und lasse deine ganze Luft entweichen!« Er faßte den Alten an der Kehle und stieß ihn mit solcher Kraft zur Seite, daß dieser mit dem Kopf an die Mauer anprallte und beinahe hinfiel. Scudilo eilte zur Türe des Schlafgemaches und riß sie weit auf. Die unbewegliche Flamme der Lampe flackerte auf und erblaßte im roten Fackelscheine. Der Tribun sah jetzt zum ersten Male in seinem Leben die beiden letzten Nachkommen des Constantius Chlorus. Gallus schien schlank und stämmig; seine Haut war aber fein, weiß und matt, wie die eines jungen Mädchens; er hatte hellblaue, gleichgültige und träge Augen und flachsblondes Haar – wie alle Nachkommen Konstantins –, das in kleinen Locken auf seinen dicken, beinahe fetten Nacken herabfiel. Trotz seiner männlichen Gestalt und des leichten Flaumes des sprossenden Bartes, schien der achtzehnjährige Gallus noch ein Knabe: seine Züge drückten kindliches Erstaunen und Angst aus, seine Lippen bebten wie die eines kleinen Kindes, das eben weinen will; er zwinkerte hilflos mit seinen von Schlaf geröteten und gedunsenen Augenlidern, bekreuzte sich und flüsterte: »Herr erbarme dich, Herr erbarme dich!« Julianus war ein schmächtiger und blasser Knabe; sein Gesicht war unschön und unregelmäßig; sein Haar struppig und glänzend schwarz; seine Nase war zu groß, und seine Unterlippe trat zu stark hervor, wunderbar waren aber seine Augen, die seinem Gesichte einen Ausdruck verliehen, den man nie wieder vergessen konnte, wenn man es nur einmal gesehen; sie waren groß, seltsam, veränderlich, mit einem gespannten, unkindlichen Ausdruck und krankhaftem Glanz, der manchmal wahnsinnig schien. Publius, der in seiner Jugend oft Konstantin den Groß gesehen hatte, dachte sich: »Dieser Knabe wird seinem Großvater gleichen!« Die Angst Julianus' vor den Soldaten war gewichen: er spürte nur noch Haß. Er biß die Zähne fest zusammen, warf sich das Pantherfell vom Lager über die Schultern und richtete auf Scudilo seine durchdringenden Augen; seine vorstehende Unterlippe zitterte, in der Rechten hielt er unter dem Pantherfell verborgen einen dünnen persischen Dolch, den ihm einmal Labda geschenkt hatte; die Spitze der Waffe war vergiftet. »Ein junger Wolf!« sagte einer der Legionäre zu seinem Kameraden, auf Julianus weisend. Scudilo wollte bereits in das Gemach eindringen, als dem alten Mardonius ein neuer Gedanke kam. Er warf das unnütze Schwert zur Seite, klammerte sich am Gewand des Tribunen fest und schrie plötzlich mit einer unerwartet hohen Weiberstimme: »Was tut ihr Halunken? Wie wagt ihr es, den Bevollmächtigten des Kaisers Constantius zu beleidigen? Ich bin beauftragt, diese kaiserlichen Jünglinge an den Hof zu bringen. Augustus hat ihnen wieder seine Gnade geschenkt, hier ist der schriftliche Befehl.« »Was spricht er da? Was für ein Befehl?« Scudilo blickte den Alten an: sein runzeliges Gesicht zeugte davon, daß er wirklich ein Eunuch war. Der Tribun hatte Mardonius noch nie zuvor gesehen, doch wußte er, in welch hohem Ansehen die Eunuchen am kaiserlichen Hofe standen. Mardonius suchte eilig aus dem Bücherkasten, der Pergamenthandschriften der Werke von Hesiod und Homer enthielt, eine Rolle hervor und reichte sie dem Tribunen. Scudilo entrollte das Schriftstück und erbleichte: er hatte nur die ersten Worte und den Namen des Kaisers, der sich in diesem Edikte »Unsere Ewigkeit« nannte, gelesen, aber weder die Jahreszahl, noch das Datum nachgesehen; als er das an der Rolle an Goldschnüren hängende, ihm wohlbekannte große Staatssiegel aus grünem Wachs gewahrte, wurde es ihm finster vor den Augen, und seine Knie wankten. »Verzeih! Es war ein Fehler ...« »Ach ihr Taugenichtse! Macht, daß ihr weiter kommt! Daß ich nichts mehr von euch höre und sehe! Betrunken seid ihr auch noch! Alles wird dem Kaiser gemeldet werden!« Mardonius entriß den zitternden Händen des Tribunen das Schriftstück. »Stürze mich nicht ins Verderben! wir sind ja Brüder und sündige Menschen. Ich beschwöre dich im Namen Christi!« »Ich weiß gut, was ihr nicht alles im Namen Christi treibt, ihr Taugenichtse! Hinaus mit euch!« Der arme Tribun gab das Zeichen zum Rückzug. Mardonius ergriff wieder sein stumpfes Schwert und fuchtelte damit, einem Helden aus der Ilias nicht unähnlich, herum. Nur der betrunkene Centurio wollte ihn noch angreifen und schrie: »Laßt mich, laßt! Ich will diese alte Blase durchbohren und sehen, wie sie platzen wird!« Der Betrunkene wurde von seinen Kameraden mit Gewalt fortgeführt. Als die Schritte verhallt waren und Mardonius sich überzeugt hatte, daß die Gefahr vorüber sei, lachte er laut auf; das ganze welke, weibliche Gesicht des Kastraten zitterte vor Lachen; er vergaß seine ganze Pädagogenwürde, hüpfte auf seinen schwachen, nackten Beinen, die vom Nachtgewand kaum verhüllt waren, und schrie voller Entzücken: »Kinder, meine Kinder, Ruhm und Preis sei dem Hermes! Schön haben wir sie angeführt! Mein Edikt ist schon seit drei Jahren aufgehoben und ungültig. Was das doch für Narren sind! ...« Vor Sonnenaufgang schlief Julianus noch fest und ruhig ein. Als er später munter und in guter Laune erwachte, leuchtete bereits der blaue Himmel durch das vergitterte hohe Fenster des Schlafgemaches herein. III. Am Morgen gab es Unterricht im Katechismus. In der Religion wurde Julianus von einem anderen Lehrer, einem arianischen Priester, unterrichtet. Der Mönch Eutropius hatte knochige, immer feuchte und kalte Hände und helle, traurige Froschaugen; er war hoch und mager wie eine Hopfenstange und ging immer gebückt. Er hatte die unangenehme Manier, ab und zu seine Hände zu belecken, mit ihnen über die spärlichen grauen Haare an den Schläfen zu fahren und schließlich die Finger so ineinander zu falten, daß die Glieder krachten. Julianus kannte ganz genau die Reihenfolge dieser Bewegungen, und dies fiel ihm auf die Nerven. Eutropius trug eine schwarze, schmutzige, geflickte Kutte und behauptete, die schlechte Kleidung aus christlicher Demut zu tragen; tatsächlich tat er es nur aus Geiz. Diesen Lehrer hatte Eusebius von Nikomedia, der geistliche Vormund des Julianus, ausgewählt und nach Macellum geschickt. Der Mönch verdächtigte seinen Zögling einer »geheimen Widerspenstigkeit des Geistes«, die, wie er behauptete, Julianus mit ewiger Verdammung bedrohe, wenn er sich nicht bessere. Eutropius wurde nicht müde, von den Gefühlen zu predigen, die der Knabe seinem Wohltäter, dem Kaiser Constantius, entgegenbringen sollte. Bei jeder Gelegenheit, ob er das neue Testament erläuterte, oder das arianische Dogma oder einen Propheten durchnahm, alles lief immer auf das eine hinaus: »heilige Demut und kindlicher Gehorsam« waren die Wurzeln aller Dinge. – Alle Taten der christlichen Demut und Liebe, alle Opfer der Märtyrer wurden von ihm nur als Stufen, die den Triumphator Constantius zum Throne führten, betrachtet, während der arianische Mönch von den Wohltaten sprach, die der Kaiser seinem Neffen erwiesen hätte, starrte der Knabe seinen Lehrer zuweilen durchdringend an; er wußte, was der Mönch in diesen Augenblicken dachte, und auch dieser wußte, was in der Seele des Knaben vorging. Doch sprachen sie nie davon. So oft aber Julianus bei der Aufzählung der alttestamentarischen Patriarchen oder mitten in einem Gebet stecken blieb, faßte ihn Eutropius stumm, dach mit einem wollüstigen Ausdruck in seinen Froschaugen, mit zwei Fingern, gleichsam liebkosend, am Ohre; und der Knabe fühlte, wie zwei harte und scharfe Fingernägel sich in sein Fleisch einschnitten. Eutropius hatte trotz seines scheinbar finsteren Wesens einen spöttischen und in seiner Art lustigen Charakter; er gab seinem Schüler die zärtlichsten Namen, wie »mein Teuerster«, »Erstgeborener meiner Seele«, »mein geliebtester Sohn«, und spottete zugleich über dessen kaiserliche Abstammung; jedesmal, wenn er ihn am Ohr kniff und der Knabe vor Schmerz erbleichte, fragte der Mönch in ehrerbietigem Tone: »Geruhen vielleicht kaiserliche Majestät eurem einfältigen und demütigen Sklaven zu zürnen?« Und dann beleckte er wieder seine Handflächen, glättete die Haare an den Schläfen, ließ die Fingergelenke knacksen und bemerkte dazu, daß bösartige und faule Knaben mit der Rute behandelt werden sollten, wie es auch in der Heiligen Schrift heiße: »Die Rute erleuchtet den finsteren und widerspenstigen Geist.« Er sagte es nur, um den »teuflischen Geist des Hochmuts« in Julianus zu demütigen: der Knabe wußte, daß Eutropius es nie wagen würde, seine Drohung zu erfüllen; und auch der Mönch war davon überzeugt, daß der Knabe eher sterben, als sich züchtigen lassen würde; und doch redete der Lehrer oft und ausführlich von der notwendigen Strafe. Als einmal am Schlusse der Unterrichtsstunde die Rede auf eine dunkle Stelle in der heiligen Schrift kam, erwähnte Julianus die Antipoden, über die er etwas von Mardonius gehört hatte. Vielleicht tat er es auch absichtlich, um den Mönch aus der Fassung zu bringen. Der aber begann laut mit seiner hohen Fistelstimme zu lachen, wobei er sich die Hand vor den Mund hielt. »Wer hat dir, Teuerster, von den Antipoden erzählt? Ich alter Sünder muß wirklich lachen. Ich weiß wohl, daß beim alten Narren Plato davon die Rede ist. Glaubst du wirklich, daß es Menschen gibt, die mit den Füßen aufwärts herumspazieren?« Eutropius begann die gottlosen und ketzerischen Lehren der Philosophen durchzunehmen: die Annahme, daß es nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Menschen gäbe, die mit den Füßen aufwärts gehen und so das Firmament verspotten, sei doch höchst schändlich und gotteslästerlich. Als aber Julianus, der sich durch ein solches Urteil über die von ihm so sehr geliebten Philosophen verletzt fühlte, die Rede auf die Kugelgestalt der Erde brachte, hörte Eutropius plötzlich zu lachen auf und geriet in solche Wut, daß er über und über rot wurde und mit den Füßen zu stampfen begann. »Nur von dem Heiden Mardonius kannst du solche gottlosen Lügen gehört haben!« Wenn er in Wut geriet, begann er immer zu stottern und zu spucken; sein Speichel kam dem Knaben giftig vor. Der Mönch erging sich in wütenden Beschimpfungen über alle großen Gelehrten der Hellas; er hatte vergessen, daß er nur ein Kind vor sich habe und hielt eine lange Strafpredigt; Julianus hatte nämlich seine empfindlichste Stelle getroffen. Den alten »vor Alter blödsinnigen« Pythagoras beschuldigte er schamloser Frechheit; von den Lügengeschichten Platos glaubte er kein Wort verlieren zu müssen: seine Lehren nannte er einfach »ekelhaft«, die Lehren des Sokrates »unsinnig«. »Lies nur einmal bei Diogenes Laertius über Sokrates nach!« sagte er giftig zu Julianus. »Da wirst du erfahren, daß er ein Wucherer gewesen war und den schändlichsten Lastern, von denen es sich gar nicht zu reden ziemt, gefröhnt hat.« Am gehässigsten sprach er jedoch über Epikur: »Ich glaube nicht, daß Epikur einer ernsthaften Widerlegung bedarf: die viehische Lust, mit der er sich aller Art schändlicher Genüsse hingab, und die Gemeinheit, die ihn zum Sklaven seiner Wollust machte, beweisen zur Genüge, daß er kein Mensch, sondern ein Vieh gewesen ist.« Als er sich etwas beruhigt hatte, begann er ein sehr schwieriges Dogma der arianischen Lehre zu beweisen, wobei er die »ketzerische« orthodoxe Kirche ebenso unflätig beschimpfte, wie vorhin die Weisen des Altertums. Durchs Fenster kam in das Zimmer ein frischer Lufthauch aus dem nahen Garten. Julianus stellte sich so, als ob er den Ausführungen des Mönches aufmerksam folge; in Wirklichkeit war er mit ganz anderen Dingen beschäftigt; er dachte an seinen geliebten Lehrer Mardonius, an seine weisen Reden und an das gemeinsame Lesen im Homer und Hesiod; wie anders waren diese Unterrichtsstunden als die des Mönches! Mardonius pflegte den Homer nicht zu lesen, sondern nach der Art der alten Rhapsoden zu singen; so oft er das tat, bemerkte Labda lachend, daß er »wie ein Hund vor dem Monde heule«. Es sah in der Tat höchst komisch aus: der alte Eunuch pflegte jeden Versfuß im Hexameter eindringlich zu betonen und im Takt beide Arme zu schwingen; sein runzliges Gesicht drückte dabei ungeheure Würde aus. Die feine Weiberstimme stieg dabei immer höher. Julianus bemerkte gar nicht, wie häßlich und lächerlich der Alte in solchen Augenblicken war; ein kalter Schauer des Entzückens überlief seinen Rücken; die göttlichen Hexameter rauschten und flossen dahin wie Wellen: er sah den Abschied Hektors von Andromache, Odysseus, der sich auf dem einsamen Strande der Insel der Kalypso nach seinem heimatlichen Ithaka sehnte, und sein kindliches Herz empfand süße Sehnsucht nach Hellas, dem Vaterlande der Götter, dem Vaterlande aller, die die Schönheit anbeten. Die Stimme des Lehrers zitterte vor Rührung, und Tränen liefen über seine gelben Wangen. Manchmal erzählte ihm Mardonius von der Weisheit, von der strengen Tugend und von dem Tode der Freiheitshelden. – Wie anders waren doch diese Reden, als die des Eutropius! – Er erzählte ihm die Lebensgeschichte des Sokrates, und so oft er auf die Verteidigungsrede des Philosophen vor dem Volke von Athen zu sprechen kam, sprang er auf und rezitierte die Rede aus dem Gedächtnisse; sein Gesicht nahm einen ruhigen, etwas verächtlichen Ausdruck an: man glaubte nicht den Angeklagten, sondern den Richter des Volkes zu hören; Sokrates bat nicht um Gnade; die ganze Macht und alle Gesetze des Staates seien hinfällig vor der Freiheit des menschlichen Geistes; die Athener können ihn wohl töten, doch nie die Freiheit und das Glück seiner unsterblichen Seele nehmen. – Und so oft dieser Skythe, dieser Barbare, dieser von den Ufern des Borysthenes gekaufte Sklave das Wort »Freiheit« ausrief, glaubte Julianus darin eine Schönheit zu fühlen, vor der alle Schönheit der homerischen Gestalten verblaßte. Er blickte seinen Lehrer mit weitgeöffneten, beinahe wahnsinnigen Augen an und bebte in seliger Verzückung. Der Knabe erwachte aus seinen Träumen, als er die knochigen kalten Finger des Mönches an seinem Ohre fühlte. Die Katechismusstunde war zu Ende. Er kniete nieder und sprach das Dankgebet. Kaum war er den Eutropius los, als er in seine Zelle lief, eines seiner Lieblingsbücher ergriff und damit in den Garten eilte, um es da ungestört lesen zu können. Es war ein verbotenes Buch: das Symposion des verruchten und gottlosen Plato. Auf der Treppe stieß er zufällig mit dem eben fortgehenden Eutropius zusammen. »Wart' einmal, Teuerster! Was für ein Buch hat da deine kaiserliche Majestät?« Julianus blickte ihn ruhig an und reichte ihm das Buch. Der Mönch las auf dem Pergament-Einband den mit großen Buchstaben geschriebenen Titel: »Episteln des Apostels Paulus« und gab das Buch, ohne es aufzuschlagen, dem Knaben zurück. »So ist es recht! Denke immer daran, daß ich die Verantwortung vor Gott und dem erhabenen Kaiser für dein Seelenheil trage. Lies keine ketzerischen Bücher, insbesondere nicht Werke jener Philosophen, deren eitle Weisheit ich dir heute aufgedeckt habe.« Es war die gewohnte List des Knaben: verbotene Bücher pflegte er in Pergamenthüllen mit unschuldigen Titeln zu stecken. Julianus hatte von seiner frühesten Kindheit an lügen und heucheln gelernt, und zwar mit einer Vollkommenheit, wie sie sonst Kindern nicht eigen ist. Besonderen Genuß machte es ihm, den Mönch Eutropius zu betrügen. Oft heuchelte, log und betrog er ohne besondere Not, rein aus Gewohnheit; er befriedigte und stillte so seinen Haß und Rachedurst. Aber den Mardonius betrog er nie. Unter den zahllosen müßigen Dienern und Mägden, die in Macellum hausten, gab es immer Zwischenträgereien, Verleumdungen, Intrigen, Ränke und Angebereien. Die Dienerschaft, die sich vor dem Hofe gern auszeichnen wollte, beobachtete die in Ungnade gefallenen kaiserlichen Brüder auf Schritt und Tritt, bei Tag und bei Nacht. Von den ersten Tagen seiner frühesten Kindheit an hatte Julianus täglich den Tod erwartet und sich allmählich an diese ständige Angst gewöhnt; er wußte, daß ihn bei jedem seiner Schritte im Hause und im Garten Tausende von Augen beobachteten. Der Knabe hörte und sah verschiedene Dinge, mußte sich aber so stellen, als ob er nichts sähe oder verstünde. Einmal fing er einige Worte aus dem Gespräch zwischen Eutropius und einem von Constantius gesandten Spion auf; im Verlaufe dieses Gespräches nannte der Mönch Julianus und Gallus »kaiserliche Ferkel«. Ein anderes Mal hörte der Knabe, als er zufällig an den Küchenfenstern vorbeikam, wie der Koch, ein alter Säufer, den Gallus durch irgend etwas aus der Fassung gebracht hatte, zu seiner Geliebten, einer Sklavin, die gerade das Geschirr abwusch, sagte: »Gott sei mir gnädig, Priscilla, ich wundere mich nur, warum man sie bis heute noch nicht erwürgt hat!« Als Julianus nach der Katechismusstunde aus dem Hause lief und das Grün der Bäume sah, atmete er wie erlöst auf. Der ewige Schnee auf der gespaltenen Spitze des Argäos hob sich blendend vom blauen Himmel ab. von den nahen Gletschern kam ein kühler Hauch. Durch das undurchdringliche Dickicht der südlichen Eichen mit glänzendem, schwarzgrünem Laube liefen Alleen; hier und da fiel ein Sonnenstrahl durch das Dickicht und flimmerte im grünen Platanenlaube. Der Garten war an einer Seite von keiner Mauer begrenzt und endete an einem Abgrund. Unten zog sich bis zum Horizont, bis zu dem Antitaurischen Gebirge eine Wüste hin. Sie atmete gleichsam unerträgliche Hitze aus. Im Garten aber rauschten kühle Bäche und Wasserstürze, sangen Springbrunnen und rieselten Quellen unter Oleandergesträuch. Macellum war vor vielen Jahrhunderten die liebste Zufluchtstätte des prunkliebenden und halb wahnsinnigen kappadocischen Königs Ariarathes gewesen. Julianus begab sich mit seinem Plato zur einsamen Grotte, die in der Nähe des Abgrundes lag. Hier stand die Statue eines bockbeinigen, die Schalmei blasenden Pans und vor dieser ein kleiner Altar. In einer Marmormuschel rieselte Wasser, das aus einem Löwenrachen strömte. Der Eingang zur Grotte war dicht mit gelben Rosen verwachsen; zwischen ihnen durch fiel der Blick auf die graublauen Hügel der Wüste, die sich wie Meereswellen rundeten und in der Ferne verloren; die ganze Grotte war von dem Duft der Teerosen erfüllt. Es wäre hier unerträglich schwül gewesen, wenn nicht der eiskalte Wasserstrahl gewesen wäre. Der Wind brachte weiße und gelbe Rosenblätter herbei und streute sie auf den Boden und in das Wasser. In der warmen Dämmerung vernahm man nichts als das Summen der Bienen. Julianus lag auf dem Moose und las in seinem Buche; vieles verstand er allerdings nicht, aber der ganze Reiz lag darin, daß das Buch verboten war. Als er genug gelesen hatte, tat er den Plato wieder in den Einband der Episteln des Apostels Paulus und legte ihn zur Seite; dann näherte er sich mit leisen Schritten dem Altare des Pan und nickte dem lustigen Gotte wie einem alten Spielgenossen zu. Darauf schob er den Haufen des dürren Laubes zur Seite und holte aus dem Inneren des Altares, der durchbrochen und mit einem Deckel verdeckt war, einen sorgfältig in ein Tuch gewickelten Gegenstand heraus. Er packte ihn vorsichtig aus und stellte ihn vor sich hin. Es war das Werk seiner Hände: ein prachtvolles Modell eines Schiffes, eine »Liburnische Trireme«. Dann ließ er das Schiff auf dem Wasser des Brunnenbeckens schwimmen; die Trireme schaukelte auf den kleinen Wellen. Alles war fertig: das Schiff hatte drei Masten, vollständiges Takelwerk und Ruder, einen vergoldeten Bug und Segel, die er aus einem von Labda geschenkten Seidenfetzen verfertigt hatte; nur das Steuerruder fehlte. Der Knabe machte sich sofort an die Arbeit. während er an einem Brettchen herumschnitzte, blickte er ab und zu durch die Rosenhecke in die Ferne, auf die wellenförmigen Hügel der Wüste. Über seinem Spielzeug vergaß er bald alle Beleidigungen und Demütigungen, die er täglich erdulden mußte, vergaß seinen Haß und die Todesangst, in der er ständig lebte. Er stellte sich vor, er sei der irrende weise Odysseus, der sich in einer einsamen Höhle hoch über dem Meere ein Schiff baue, um in seine geliebte Heimat zurückkehren zu können. – Aber dort, wo zwischen den Hügeln die weißen Dächer von Cäsarea wie Schaum auf den Wellen des Meeres schimmerten, sah er ein Kreuz, das kleine, funkelnde Kreuz über der Basilika. Und dieses Kreuz störte ihn in seinen Gedanken. Das ewige Kreuz! Er bemühte sich, nicht hinzublicken und vertiefte sich ganz in die Arbeit an seiner Trireme. »Julianus! Julianus! Wo steckt er denn? Es ist Zeit zur Kirche. Eutropius läßt dich in die Kirche rufen!« Der Knabe fuhr auf und versteckte sein Schiff eilig in die Höhlung des Altars; dann brachte er sein Haar und seine Kleidung in Ordnung. Kaum hatte er die Grotte verlassen, als sein Gesicht wieder den undurchdringlichen, unkindlichen Ausdruck von Heuchelei annahm; es war so, als hätte ihn plötzlich das Leben verlassen. Eutropius packte mit seiner knochigen, kalten Hand die Hand des Knaben und führte ihn in die Kirche. IV. Die arianische Basilika des heiligen Mauritius war fast gänzlich aus den Steinen eines zerstörten Apollotempels erbaut. Der heilige Hof, das Atrium, war von allen vier Seiten von Säulen umgeben. In der Mitte rieselte ein Springbrunnen, an dem die rituellen Waschungen vorgenommen wurden. In einer der Seitenkapellen befand sich ein alter Sarkophag aus dunklem, geschnitzten Eichenholz; er enthielt die Reliquien des heiligen Mama. Eutropius veranlaßte Julianus und Gallus, einen steinernen Sarg für die wundertätigen Gebeine zu bauen. Bei Gallus, der diese Arbeit als eine angenehme Leibesübung auffaßte, ging die Arbeit gut vorwärts. Doch bei Julianus fiel die Mauer immer wieder ein, was Eutropius damit erklärte, daß der heilige Mama das Werk des Knaben, der von teuflischem Hochmut besessen sei, verwerfe. Um den Sarkophag drängten sich Kranke, die Heilung erflehten. Julianus wußte, wie es gemacht wurde: ein arianischer Mönch hielt eine Wage in der Hand, und die Pilger, die oft aus den entlegensten Dörfern kamen, ließen sich von ihm mitgebrachte Stücke leinener, seidener und wollener Stoffe mit der größten Genauigkeit abwiegen; darauf legten sie die Stoffe auf den Sarkophag und beteten viele Stunden lang, oft ganze Nächte durch; dann ließen sie die Stoffe wieder abwiegen und das Gewicht mit dem ursprünglichen vergleichen; wenn der Stoff schwerer geworden war, so bedeutete es, daß das Gebet Gehör findet: die Gnade des Heiligen wurde wie nächtlicher Tau von der Seide, Wolle oder Leinewand aufgesogen und verlieh dem Gewebe die Kraft, beliebige Krankheiten zu heilen. Oft blieb aber das Gebet unerhört, der Stoff wollte nicht schwerer werden, und in solchen Fällen blieben die Pilger oft tage-, wochen- und monatelang an der heiligen Stätte. Eine alte arme Frau, mit Namen Theodula, kam immer und immer wieder her: die einen hielten sie für verrückt, andere für eine Heilige; seit vielen Jahren verbrachte sie Tage und Nächte am Sarge des Heiligen; ihre kranke Tochter, um deren Genesung sie ursprünglich gebetet hatte, war längst gestorben, Theodula betete aber nach wie vor über einem alten, verblichenen Fetzen. Aus dem Atrium führten drei Türen in das Innere der Basilika: die eine in die Männerabteilung, die zweite in die Frauenabteilung, und die dritte in die Abteilung für Mönche und den Klerus. Julianus trat mit Gallus und Eutropius in die mittlere Türe. Er bekleidete das Amt eines »Anagnosten«, eines Vorlesers an der Basilika. Er trug ein langes, schwarzes Gewand mit weiten Ärmeln; seine mit Öl gesalbten Haare wurden von einem schmalen Band zusammengehalten, damit sie ihm beim Lesen nicht in die Augen fielen. Mit demütig gesenkten Augen schritt er durch die Reihen der Andächtigen. Sein bleiches Gesicht nahm fast unwillkürlich den Ausdruck einer erheuchelten, doch längst zur Notwendigkeit und Gewohnheit gewordenen frommen Demut an. Er bestieg die hohe arianische Empore. Die Fresken an der einen Wand stellten das Martyrium der heiligen Euphemia dar: der Henker hatte die Heilige am Kopfe gefaßt und hielt diesen nach rückwärts; ein anderer hatte ihr den Mund mit einer Zange aufgerissen und goß aus einer Schale etwas – vermutlich flüssiges Blei – hinein. Daneben war ein anderes Martyrium der gleichen Heiligen dargestellt: sie war mit den Händen an einem Baume aufgehängt, und ein Henker hobelte mit einem Marterwerkzeug ihre jungfräulichen, beinahe kindlichen Glieder. Darunter war eine Inschrift angebracht: »Mit dem Blute deiner Märtyrer, o Herr, wird die Kirche geschmückt wie mit Purpur und Seide.« Auf der gegenüberliegenden Wand waren die Sünder in den höllischen Flammen dargestellt; über ihnen aber das Paradies mit den Heiligen und Märtyrern; einer von diesen pflückte von einem Baum eine wunderbare Frucht, ein andrer sang und schlug die Laute, ein dritter lehnte sich über eine Wolke und blickte mit stillem Lächeln auf die Qualen der Hölle hinab. Unten war eine Inschrift: »Da wird sein Heulen und Zähneklappern.« Die Kranken hatten inzwischen den Sarkophag des heiligen Mama verlassen und drängten sich in die Kirche; da gab es Lahme, Blinde, Krüppel, Gelähmte, Kinder, die auf Krücken gingen und wie Greise aussahen, Besessene und Irrsinnige; die bleichen Gesichter mit den entzündeten Augenlidern drückten stumpfe, hoffnungslose Demut aus. So oft der Chor eine Pause machte, hörte man in der Stille die tiefen Seufzer der schwarzgekleideten Kirchenwitwen – der Kalogerien – und das Klirren der schweren Eisenketten, mit denen sich der alte Pamphilius zur Selbstkasteiung behangen hatte. Dieser Greis, der seit vielen Jahren mit keinem Menschen gesprochen hatte, lallte immer das gleiche Gebet vor sich hin: »Herr! Herr! Gib mir Tränen, gib mir Zerknirschung, laß mich immer an den Tod denken!« Die Luft war hier warm und schwül wie in einem Grabgewölbe und erfüllt von dem Geruche des Weihrauches, der Wachskerzen, dem Qualme der Lampen und den Ausdünstungen der Kranken. An diesem Tage mußte Julianus aus der Apokalypse vorlesen. Vor ihm zogen die schrecklichen Gesichte der Offenbarung vorbei: das fahle Pferd, des Name Tod hieß, flog durch die Wolken, die Völker der Erde trauerten in der Vorahnung des jüngsten Tages; die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack und der Mond wie Blut; und die Menschen sprachen zu den Bergen und Felsen: »Fallet über uns, und verberget uns vor dem Angesichte des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes. Denn es ist kommen der große Tag seines Zornes, und wer kann bestehen?« – Auch alte Prophezeiungen wurden wiederholt: »Und in denselbigen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden; werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen.« – Es erklang der Schrei: »Selig sind die Toten!« und dann kam ein blutiges Gemetzel unter den Völkern; und die Trauben der Erde fielen in die große Kelter des Zornes Gottes, und die Kelter ward getreten, und das Blut ging bis an die Zäume der Pferde, durch tausendsechshundert Feld Wegs. Und die Menschen lästerten Gott im Himmel vor ihren Schmerzen und vor ihren Drüsen und taten nicht Buße für ihre Werke. Und der Engel sprach mit großer Stimme: »So jemand das Tier anbetet und sein Bild, der wird von dem Wein des Zornes Gottes trinken, der lauter eingeschenkt ist in seines Zornes Kelch; und wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. Und der Rauch ihrer Qual wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit, und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier haben angebetet und sein Bild.« Julianus war zu Ende und verstummte; in der Kirche war eine tiefe Stille eingetreten; in der erschrockenen Menge waren nur tiefe Seufzer, das Aufschlagen der Köpfe an dem steinernen Fußboden und das Klirren der Ketten des Irrsinnigen vernehmbar. »Herr! Herr! Gib mir Tränen, gib mir Zerknirschung, laß mich immer an den Tod denken!« Der Knabe blickte zu dem großen Halbkreis zwischen den Säulen des Kuppelgewölbes hinauf: es war ein arianisches Christusbild aus Mosaik – ein finsteres, drohendes, hageres Antlitz mit goldenem Heiligenschein und einem Diadem, das dem der byzantinischen Kaiser glich; die lange, schmale Nase und die streng zusammengepreßten Lippen verliehen dem Heiland etwas Greisenhaftes; mit der Rechten segnete er die Welt, in der Linken hielt er ein Buch mit der Inschrift: »Friede sei mit euch! Ich bin das Licht der Welt!« Es saß auf einem prächtigen Throne, und ein römischer Kaiser – Julianus glaubte in ihm Constantius zu erkennen – küßte seine Füße. Doch unten im Halbdunkel stand, von einer einzigen, kleinen Lampe erleuchtet, ein Marmorsarkophag aus den ersten christlichen Jahrhunderten. Er war mit Darstellungen kleiner, zarter Nereiden, Panther und lustiger Tritonen geschmückt; neben diesen waren auch Moses, Jonas mit dem Walfisch und Orpheus, wie er mit den Tönen seiner Leier die wilden Tiere bändigt, dargestellt; ein Olivenzweig, eine Taube und ein Fisch – einfältige Symbole eines kindlichen Glaubens – und zwischen diesen der Gute Hirte, mit dem Lamm auf den Schultern, dem verirrten und wiedergefundenen Lamm – der Seele des Sünders. Dieser barfüßige Jüngling schien freudig und einfach, sein bartloses Gesicht war demütig und mild, wie das eines armen Landmannes. Das Lächeln einer stillen, inneren Freudigkeit umspielte seine Lippen. Julianus schien es, daß jetzt niemand mehr den Guten Hirten kenne oder sehe; mit diesem kleinen Bildwerk aus einer alten Zeit war für ihn ein ferner Traum seiner Kindheit, dessen er sich oft erinnern wollte und nicht konnte, verknüpft. Es schien ihm, als ob der Jüngling mit dem Lamm auf den Schultern ihn, und nur ihn allein, geheimnisvoll und fragend anblicke. Und Julianus flüsterte das Wort, das er einst von Mardonius gehört hatte: »Der Galiläer!« In diesem Augenblick fielen durch das Fenster schräge Sonnenstrahlen, und sie zitterten in der Wolke des Weihrauches; das finstere, drohende Antlitz Christi flammte plötzlich in goldenem Scheine auf und schien über den Weihrauchwolken zu schweben. Der Chor fiel feierlich ein: »Es schweige jede menschliche Kreatur, und stehe in Furcht und Zittern und denke an nichts Irdisches. Denn der König der Könige und der Herrscher der Herrschenden kommt in die Welt, um sich zu opfern und seine Gläubigen zu speisen. Engel schreiten ihm voraus, mit aller Gewalt und Kraft, vieläugige Cherubin und sechsflügelige Seraphim. Sie verhüllen ihre Gesichter und singen: Halleluja! Halleluja! Halleluja!« Das Lied brauste wie ein Sturm über den Köpfen der Betenden. Das Bild des barfüßigen Jünglings, des Guten Hirten, trat in weite Ferne zurück, doch blickte sein Antlitz Julianus noch immer fragend an. Und das Herz des Knaben krampfte sich zusammen, nicht aus Andacht, sondern aus Grauen vor diesem Geheimnisse, das er in seinem ganzen späteren Leben nicht zu lösen vermochte. V. Als er aus der Basilika nach Macellum heimgekehrt war, holte er sofort die nun fertige, sorgfältig in ein Tuch gehüllte Trireme hervor und schlich sich mit dem Spielzeug, von niemandem bemerkt, hinaus; Eutropius war für einige Tage verreist. Er lief an der Mauritiuskirche vorbei zum nahen Tempel der Aphrodite. Der Hain der Göttin grenzte an den Friedhof der christlichen Kirche. Streitigkeiten, Feindseligkeiten und sogar Prozesse zwischen den beiden Gemeinden hörten nie auf. Die Christen verlangten die Zerstörung des Götzentempels. Der Priester Olympiodores hatte sich mehrmals beschwert, daß die Kirchenwächter nachts heimlich uralte Cypressen im heiligen Haine gefällt und auf Aphroditens Boden Gräber für christliche Leichen gegraben hätten. Julianus trat in den Hain. Ein warmer, harziger Duft umfing ihn, denn die Mittagssonne hatte aus der grauen, faserigen Rinde der Cypressen duftende Harztropfen gesogen. Julianus glaubte in dem Halbdunkel Aphroditens Hauch zu spüren. Zwischen den Bäumen standen weiße Statuen; auch ein Eros war da, der seinen Bogen spannte und dem jemand, vermutlich einer der Kirchenwächter, zum Spott den marmornen Bogen abgeschlagen hatte: die Waffe der Liebe lag nun mit den beiden Armen des Gottes im Grase zu seinen Füßen; der armlose Knabe aber zielte noch immer mit keckem Lächeln, das eine dicke Beinchen etwas vorgestreckt. Julianus betrat das kleine Wohnhaus des Oberpriesters Olympiodores. Die Zimmer darin waren klein und eng, beinahe wie in einem Puppenhaus, doch gemütlich. Man sah keinerlei Luxus, weder Teppiche, noch Silbergerät; alles machte eher einen ärmlichen Eindruck; die Fußböden waren mit einfachen Steinen ausgelegt; die Bänke und Stühle waren aus Holz; einige billige Amphoren aus gebranntem Ton bildeten den einzigen Schmuck. Aber jede Kleinigkeit zeugte hier von hohem Geschmack. Der Griff einer einfachen Küchenlampe stellte in alter, kunstvoller Arbeit den Gott Poseidon mit dem Dreizack dar. Julianus konnte zuweilen stundenlang die schlanken Formen einer einfachen tönernen Amphora betrachten, die billiges Olivenöl enthielt. Alle Wände waren mit flüchtigen Fresken geschmückt: hier sah man eine Nereide, auf einem schuppigen Meerpferd reitend, dort eine tanzende, junge Göttin in einem langen Peplum mit wehenden Falten. In diesem von Sonnenlicht durchfluteten Häuschen schien alles zu lachen: an den Wänden lachten die Nereiden, die tanzenden Göttinnen, die Tritonen und selbst die schuppigen Meerpferde; auch der kupferne Poseidon auf dem Lampengriff lachte; das gleiche Lachen spielte auch auf den Gesichtern der Hausbewohner; ihre Heiterkeit war ihnen angeboren; wenn sie nur zwei Dutzend wohlschmeckender Oliven, ein weißes Weizenbrot, einige Weintrauben und Becher mit Wasser verdünnten Weines hatten, so kam es ihnen wie ein Festmahl vor, und die Frau des Oberpriesters, Diophane, hing zum Zeichen der festlichen Stimmung einen Lorbeerkranz an die Haustüre. Julianus trat in das Gärtchen. Unter freiem Himmel plätscherte ein Springbrunnen, und daneben stand zwischen Narzissen, Tulpen, Akanthus und Myrten eine kleine Bronzestatue des beflügelten Hermes; er lachte, wie alles im Hause, und schien im Begriffe zu sein, auf und davon zu fliegen. Im leichten Schatten der Vorhalle spielten Olympiodores und seine siebzehnjährige Tochter Amaryllis das zierliche attische Spiel, den »Kottabus«: auf einem kleinen in die Erde gerammten Pfahl war ein beweglicher Querbalken in der Art eines Wagebalkens angebracht; an seinen beiden Enden hing je eine kleine Schale, und unter jeder Schale stand ein Gefäß mit Wasser und einer kleinen Figur aus Kupfer; die Aufgabe bestand darin, daß man aus einer gewissen Entfernung aus einem Becher etwas Wein in eine der beiden Schalen schleudern mußte, so daß diese sich senkte und die kleine Kupferfigur berührte. »Spiele nun, spiele! Jetzt ist die Reihe an dir!« »Eins, zwei, drei!« Olympiodores schleuderte und traf die Schale nicht; das Mädchen lachte hell auf; die kindliche Ausgelassenheit des älteren, leicht ergrauten Mannes, der vom Spiele ganz hingerissen war, machte einen höchst seltsamen Eindruck. Das Mädchen warf mit einer schönen Bewegung des nackten Armes ihre lilafarbene Tunika zurück und schleuderte ihren Wein; die Schale des Kottabus schlug klirrend an. Amaryllis klatschte in die Hände und lachte auf. Plötzlich sah sie Julianus, der noch in der Türe stand. Beide eilten ihm entgegen und begannen, ihn zu umarmen und zu küssen. Amaryllis schrie: »Diophane! wo steckst du nur? Sieh' nur, welch ein Gast! Schnell, schnell!« Diophane kam aus der Küche herbeigelaufen. »Julianus, mein liebes Kind! Was hast du? Du siehst etwas heruntergekommen aus. Wir haben dich so lange nicht gesehen ...« Strahlend vor Freude fügte sie hinzu: »Freut euch, meine Kinder! Heute wollen wir ein Festmahl bereiten: ich werde Rosenkränze winden, drei Barsche braten und süßen Ingwerkuchen backen ...« In diesem Augenblicke kam eine junge Sklavin herbei, die Olympiodores zuflüsterte, eine reiche Patrizierin aus Cäsarea sei eingetroffen, die den Priester der Aphrodite in einer wichtigen Sache sprechen wolle. Olympiodores ging hinaus. Julianus und Amaryllis vertieften sich in das Kottabusspiel. Da erschien unhörbar auf der Schwelle ein zehnjähriges, blasses, schlankes und blondes Mädchen; es war die jüngste Tochter des Olympiodores, Psyche. Sie hatte große, blaue, traurige Augen und schien die einzige im Hause zu sein, die am Dienste der Aphrodite und an der allgemeinen Fröhlichkeit nicht teilnahm. Sie lebte ihr eigenes Leben für sich, blieb ernst, wenn alle lachten, und nie kannte man die Ursache ihrer Freude oder Trauer. Der Vater hielt sie für ein unheilbar krankes, elendes Geschöpf, und glaubte, daß seine Feinde, die Galiläer, sein Kind aus Rache mit ihrem bösen Blick behext hätten. Die schwarzlockige Amaryllis war die Lieblingstochter des Vaters, doch die Mutter verwöhnte insgeheim das kranke Kind; sie liebte es eifersüchtig und leidenschaftlich, obwohl ihr sein inneres Wesen fremd blieb. Psyche besuchte hinter dem Rücken des Vaters die Basilika des heiligen Mauritius. Die Mutter vermochte weder mit Liebkosungen und Bitten, noch mit Drohungen sie davon abzuhalten. Der Priester war an seiner Tochter verzweifelt und hatte sich von ihr losgesagt. So oft man von ihr sprach, wurde sein Gesicht finster und nahm einen gehässigen Ausdruck an. Er behauptete, durch die Gottlosigkeit des Mädchens brächte ein Weinberg, der früher von Aphrodite mit reicher Ernte gesegnet wurde, in der letzten Zeit weniger ein; denn das kleine, goldene Kreuz, das das Kind am Halse trug, genüge schon, um den Tempel zu entweihen. »Warum besuchst du die Kirche?« fragte sie einmal Julianus. »Ich weiß es nicht. Dort ist es so schön. Hast du schon den Guten Hirten gesehen?« »Ja, ich habe ihn gesehen. Es ist ja nur der Galiläer! Woher weißt du von ihm?« »Die alte Theodula hat mir von ihm erzählt, seitdem besuche ich so gerne die Kirche. – Sage mir aber, Julianus, warum hassen sie ihn so?« Indessen kam Olympiodores triumphierend zurück und berichtete über den Verlauf seines Gespräches mit der Patrizierin: es war ein junges, vornehmes Mädchen, das sich vom Bräutigam verlassen glaubte und überzeugt war, daß seine Nebenbuhlerin ihn behext hätte; sie sei schon mehrmals in der Christenkirche gewesen und hätte andächtig und eifrig am Sarge des heiligen Mama gebetet; doch hätte weder Beten, noch Fasten und Wachen genützt. »Können denn die Christen überhaupt einem helfen!« schloß Olympiodores in verächtlichem Tone seinen Bericht und schielte argwöhnisch auf Psyche, die seinen Worten aufmerksam gelauscht hatte. »Und so kam diese Christin schließlich zu mir. Aphrodite wird ihr helfen.« Triumphierend zeigte er zwei gefesselte, weiße Tauben, die ihm die Christin als Opfer für die Göttin gebracht hatte. Amaryllis nahm die Tauben in die Hand, küßte ihre zarten, rosaroten Schnäbel und meinte, daß es doch schade sei, die reizenden Vögel zu töten. »Vater, weißt du was? wir wollen sie opfern, ohne sie zu töten.« »Wie? Gibt es denn ein Opfer ohne Blut?« »Wir wollen es so machen: wir lassen sie einfach fliegen. Sie werden in den Himmel, zum Throne Aphroditens, fliegen. Es stimmt doch? Die Göttin thront ja dort oben, und sie wird sie huldvoll annehmen. Lieber Vater, erlaube es doch!« Amaryllis küßte ihn so zärtlich, daß er nicht den Mut hatte, ihr die Bitte abzuschlagen. Das Mädchen band die Tauben los und ließ sie fliegen. Sie schlugen ihre weißen Flügel und flogen mit freudigem Rauschen in den Himmel, zum Throne Aphroditens. Der Priester schützte seine Augen mit der Hand vor der Sonne und sah, wie das Opfer der Christin im Himmel verschwand. Amaryllis hüpfte vor Freude und klatschte in die Hände: »Aphrodite, Aphrodite, nimm unser unblutiges Opfer an!« Olympiodores ging hinaus. Julianus näherte sich feierlich und doch etwas schüchtern Amaryllis. Seine Stimme bebte, und seine Wangen wurden rot, als er leise den Namen des Mädchens nannte. »Amaryllis! Ich bringe dir...« »Ja, ich wollte dich schon früher fragen, was du da hast.« »Es ist eine Trireme...« »Eine Trireme? Wieso? Wozu? Was erzählst du da?« »Eine echte, liburnische...« Er begann das Geschenk eilig auszupacken, doch plötzlich wurde er von einem unüberwindlichen Schamgefühl befallen. Amaryllis sah ihn verständnislos an. Nun verlor er ganz seine Fassung und blickte sie flehend an, während er sein Schiff auf die kleinen Wellen der Fontäne setzte. »Lache nur nicht darüber, Amaryllis, – die Trireme ist echt. Da sind die Segel. Siehst du, sie schwimmt, sie hat auch ein Steuerruder...« Aber Amaryllis lachte laut über das Geschenk: »Was fange ich mit einer Trireme an? Mit der kann man nicht weit kommen. Es ist ein Schiff für Mäuse oder Grillen. Schenke sie lieber der Psyche: ihr wird es Freude machen. Sieh nur wie sie herschaut.« Julianus fühlte sich verletzt. Er gab sich Mühe, seine Erregung zu bemeistern, doch fühlte er, wie ihm das Schluchzen den Hals zusammenpreßte, wie seine Mundwinkel zitterten und sich senkten. Er machte verzweifelte Anstrengungen, die Tränen zurückzuhalten und sagte: »Ich sehe, daß du nichts davon verstehst...« Nach einer Weile fügte er noch hinzu: »Du verstehst nichts von der Kunst!« Aber Amaryllis lachte noch lauter. Wie um ihn noch mehr zu kränken, rief man sie plötzlich zu ihrem Bräutigam. Es war ein reicher Kaufmann aus Samos. Er gebrauchte übermäßig starke Wohlgerüche, kleidete sich geschmacklos und machte im Gespräche fortwährend grammatikalische Fehler. Julianus haßte ihn. Das ganze Haus erschien ihm plötzlich düster, und seine Freude war dahin, als er erfuhr, daß der Mann aus Samos gekommen war. Aus dem Nebenzimmer hörte man das freudige Zwitschern der Amaryllis und die Stimme des Bräutigams. Julianus ergriff seine teure, echte, liburnische Trireme, die ihm so viel Mühe gekostet hatte, brach den Mast entzwei, zerriß die Segel, zerrte das Takelwerk auseinander und trat das Schiff so lange mit den Füßen, bis es ganz verstümmelt war. Er machte dies alles in stiller Wut, ohne ein Wort zu sprechen; Psyche sah diesem Auftritt voller Entsetzen zu. Da kam Amaryllis zurück. Ihr Gesicht spiegelte noch ein fremdes Glück, – den Lebensüberfluß und die überschäumende Liebesfreude eines jungen Mädchens, dem es ganz gleich ist, wen es umarmt oder küßt. »Julianus, verzeihe mir; ich habe dich beleidigt, verzeihe mir, mein Lieber! ... siehst du, wie sehr ich dich liebe ...« Und ehe sich Julianus besinnen konnte, hatte Amaryllis ihre Tunika zurückgestreift und seinen Hals mit ihren nackten, frischduftenden Armen umschlungen. Sein Herz stand ihm vor süßem Schrecken still: er sah sie und ihre großen, glänzend schwarzen Augen so nahe vor sich, wie noch nie zuvor; sie duftete stark wie eine Blume. Dem Knaben wurde es schwindlig, sie drückte ihn an ihre Brust. Er schloß die Augen und fühlte plötzlich auf seinen Lippen die ihrigen. »Amaryllis! Amaryllis! Wo bleibst du?« Es war die Stimme des Kaufmanns aus Samos. Julianus stieß das Mädchen mit aller Kraft von sich, sein Herz zuckte vor Schmerz und Haß zusammen. »Laß mich, laß mich!« schrie er – riß sich los und eilte davon. »Julianus! Julianus!« Aber er hörte nicht und lief, so schnell er konnte, durch den Weingarten und durch den Cypressenhain; erst am Tempel der Göttin blieb er stehen. Er hörte, wie man ihn rief; er hörte Diophanes Stimme freudig verkünden, daß der Ingwerkuchen fertig sei; doch er gab keine Antwort. Man suchte ihn. Er hatte sich in den Lorbeersträuchern am Sockel der Erosstatue versteckt und wartete ab. Sie glaubten, er sei wieder nach Macellum gelaufen; man war hier im Hause an seine seltsamen Launen gewöhnt. Als alles wieder still war, kam er aus seinem Versteck heraus und richtete seinen Blick auf den Tempel der Göttin der Liebe. Der Tempel stand ganz frei auf einem Hügel. Der weiße Marmor der jonischen Säulen leuchtete, von Sonnenlicht übergossen, gegen das tiefe Blau des Himmels; und das warme Blau umfing freudig den Marmor, der kalt und weiß wie Schnee war; an den beiden Ecken des Giebels waren zwei Greife angebracht: mit erhobenen Pranken, mit offenen Adlerschnäbeln und runden Frauenbrüsten hoben sie sich stolz und streng vom blauen Himmel ab. Julianus stieg die Stufen zum Portikus hinauf, stieß leise die unverschlossene, kupferne Türe auf und trat in das Innere des Tempels, in das geheiligte »Schiff«. Hier herrschte eine tiefe Stille und Kühle. Die sinkende Sonne vergoldete noch die obere Reihe der Kapitäle mit den feinen Schnörkeln, die Locken glichen; unten war es schon finster. Vom Dreifuß strömte der Duft von verbrannter Myrrhe. Julianus hob seine Augen scheu empor, und drückte sich mit verhaltenem Atem an die Wand. Das war sie. In der Mitte des Tempels stand unter dem freien Himmel die erst eben dem Schaume der Wellen entstiegene kalte und weiße Aphrodite-Anadyomene in ihrer ganzen, keuschen Nacktheit. Die Göttin schien lächelnd den Himmel und das Meer zu betrachten und über die Schönheit der Welt zu staunen, als wisse sie noch nicht, daß es nur ihre eigene Schönheit sei, die vom Himmel und vom Meere, wie von ewigen Spiegeln, zurückgestrahlt werde. Kein Gewand verhüllte ihre göttliche Schönheit. Sie stand da, ebenso keusch und nackt, wie der wolkenlose, beinahe schwarzblaue Himmel über ihrem Haupte. Julianus sog gierig und unersättlich diesen Anblick ein. Die Zeit stand still. Plötzlich spürte er, wie sein ganzer Körper vom Leben der Andacht ergriffen wurde. Und der Knabe kniete in seinem dunklen Mönchsgewande vor Aphrodite nieder, mit erhobenem Gesicht, die Hände an sein Herz gedrückt. Dann ließ er sich ebenso scheu in einiger Entfernung von der Göttin auf dem Fuße einer Säule nieder, immer noch die Göttin anstarrend; seine Wange berührte den kalten Marmor. Ein seltsamer, tiefer Frieden erfüllte sein Herz. Er schlummerte ein. Doch auch im Schlafe fühlte er noch ihre Nähe; sie neigte sich immer näher und näher über ihn, und ihre schlanken weißen Arme legten sich um seinen Hals. Der Knabe gab sich mit leidenschaftslosem Lächeln der leidenschaftslosen Umarmung hin. Die Kälte des weißen Marmors drang ihm in das tiefste Innere seines Herzens. Diese heilige Umarmung glich nicht der krankhaft leidenschaftlichen, schweren und schwülen Umarmung der Amaryllis. Seine Seele befreite sich von der irdischen Liebe. Er genoß diese letzte Ruhe, die wie eine ambrosische Nacht Homers, wie die süße Ruhe des Todes war ... Als er erwachte, war es ganz dunkel. Im Viereck des freien Himmels funkelten die Sterne. Die Sichel des Mondes übergoß das Haupt der Göttin mit bläulichem Scheine. Julianus stand auf. Olympiodores schien inzwischen dagewesen zu sein, ohne jedoch den Knaben bemerkt zu haben; vielleicht auch hatte er ihn bemerkt, aber ihn nicht wecken wollen. Jedenfalls glimmte jetzt auf dem kupfernen Dreifuß neue Kohlenglut, und wohlduftender Rauch stieg aus dem Opferbecken zu der Göttin empor. Julianus näherte sich dem Dreifuß, entnahm der Schale aus Chrysolith, die zwischen den Füßen des Dreifußes stand, einige Körner wohlriechenden Harzes und warf sie in die Kohlen; der Rauch stieg dichter empor. Der rötliche Widerschein der Flamme leuchtete wie ein warmer Lebenshauch auf dem Antlitze der Göttin und vermengte sich mit dem Scheine des neuen Mondes. Die keusche Aphrodite-Urania schien von den Sternen zur Erde hinabzusteigen. Julianus neigte sich nieder und küßte die Füße des Bildwerkes. Er betete zu ihr: »Aphrodite! Aphrodite! Ich werde dich ewig lieben.« Und seine Tränen benetzten die Marmorfüße der Göttin. VI. Am Gestade des Mittelländischen Meeres, in einer der schmutzigen und ärmlichen Vorstädte von Seleucia in Syrien, dem Handelshafen von Groß-Antiochia, mündeten die krummen, engen Gassen in einen Platz am Hafendamm; das Meer war von einem wahren Wald von Masten und Takelwerk verdeckt. Statt Häuser gab es hier nur ein wüstes Durcheinander von kleinen Lehmhütten. Nach der Straße zu waren sie oft nur mit einem zerfetzten Teppich, schmutzigen Lumpen oder einer Matte abgeschlossen. In allen Ecken, Hütten und Gassen, in denen es nach dem schmutzigen Wasser der Waschhäuser und Badestuben für Arbeiter roch, trieb sich ein buntes, armes und hungriges Gesindel herum. Die Sonne, die die Erde mit ihrer Glut versengt hatte, ging eben unter. Die Dämmerung brach an. Sonnenglut, Staub und Dämmerung lasteten noch unerträglicher über der Stadt. Vom Markte her kam der betäubende Geruch von Fleisch und Gemüse, die den ganzen Tag über in der Sonne gelegen hatten. Die halbnackten Sklaven schleppten auf ihren Schultern schwere Warenballen von den Schiffen; ihre Köpfe waren zur Hälfte rasiert. Die zerfetzte Kleidung ließ ihr nacktes, mit Narben von Peitschenhieben bedecktes Fleisch sehen; viele Gesichter waren mit schwarzen, eingebrannten Marken gezeichnet; zwei lateinische Buchstaben, C. und F., bedeuteten »Cave Furem« , das heißt »hüte dich vor dem Dieb«. Hier und da wurden Lichter angezündet. Obwohl schon die Nacht hereinbrach, wollten der Lärm und das Gedränge in den engen Gassen nicht verstummen. Aus einer nahen Schmiede hörte man die Schläge eines Hammers auf Eisenblech; die Glut des Schmiedeofens flackerte zuweilen auf, und ihm entstieg schwerer, schwarzer Rauch. Dicht daneben waren nackte, über und über mit Mehlstaub bedeckte Bäckersklaven mit vor Hitze entzündeten Augenlidern damit beschäftigt, Brote in den Backofen zu setzen. In einem offenen Laden, aus dem es nach Leim und Leder roch, nähte ein Schuster beim trüben Scheine eines Lämpchens Stiefeln; er kauerte auf dem Boden und sang laut irgendein Lied in der Sprache der Barbaren. Zwei alte Weiber, mit zerzaustem, grauem Haar, zwei wahre Hexen zankten sich von Fenster zu Fenster über die Gasse weg wegen einer Leine, auf der sie ihre Lumpen zum Trocknen aufgehängt hatten; sie streckten ihre Hände aus und waren bereit, sich gegenseitig in die Haare zu fahren. Unten fuhr ein Händler vorbei, der auf einer elenden Mähre Weidenkörbe mit faulen Fischen noch vor Tagesanbruch zum Markt bringen wollte; die Vorübergehenden regten sich über den unerträglichen Gestank auf und schimpften. Ein Judenjunge mit dicken Backen und roten Locken trommelte ununterbrochen auf einem großen, kupfernen Teller, sich an dem betäubenden Lärme ergötzend. Andere Kinder – in dieser Armut kamen täglich zahllose kleine Kinder zur Welt, die zum größten Teil bald nach der Geburt starben – lagen, wie Ferkel grunzend, in den Pfützen umher, in denen Orangen- und Eierschalen schwammen. In anderen Gäßchen, die noch finsterer und verdächtiger waren, wo Taschendiebe hausten, und wo es aus den Schenken nach Schimmel und saurem Wein roch, gingen Schiffsleute von allen Enden der Welt Arm in Arm spazieren, wobei sie wüste Sauflieder brüllten. Über der Türe eines Lupanars hing eine Laterne mit einem unanständigen, dem Gotte Priapus geweihten Bilde; so oft der in der Türe hängende Vorhang – die »Centone« – zurückgeschlagen wurde, sah man im Inneren eine enge Reihe kleiner Kammern, die Viehständen glichen; an jeder Kammer war auf einer Tafel der Preis bezeichnet; in der dunklen Schwüle schimmerten weiße, nackte Frauenleiber. Dieser Lärm, diese entsetzliche menschliche Verkommenheit und Armut wurden von dem fernen Seufzen der Brandung, vom Brausen des unsichtbaren Meeres übertönt und verdeckt. vor den Fenstern der im Keller gelegenen Küche eines phönizischen Kaufmanns spielten einige zerlumpte Männer Würfel und plauderten. Aus der Küche kamen warme Dunstwolken von siedendem Fett und der Geruch von Gewürzen und gebratenem Wild. Die Hungrigen atmeten diese Gerüche gierig ein, mit vor Genuß geschlossenen Augen. Ein christlicher Purpurfärber, den man wegen Diebstahls aus einer reichen Fabrik in Tyros weggejagt hatte, sog gierig an einem vom Koch herausgeworfenen Malvenblatt und predigte: »Was in Antiochia vorgeht, ihr lieben Leute, ist so schrecklich, daß ich gar nicht wage, vor Nacht darüber zu sprechen. Neulich hat das hungernde Volk den Präfekten Theophilus förmlich in Stücke gerissen. Aus welchen Gründen weiß Gott allein. Als sie mit ihm bereits fertig waren, fiel es ihnen plötzlich ein, daß er eigentlich ein guter und gottesfürchtiger Mann gewesen war ... Man erzählt sich, der Cäsar hätte ihn selbst der Wut des Volkes preisgegeben ...« Ein ganz alter Mann, seines Zeichens ein geübter Taschendieb, versetzte: »Ich habe einmal den Cäsar gesehen. Ich will nichts behaupten. Mir wenigstens hat er gefallen. Ganz jung ist er, hat flachsblondes Haar, ein sattes und gutmütiges Gesicht. Und doch lasten so viele Morde auf seinem Gewissen; mein Gott, die vielen Morde! Es ist ein wahres Unglück. Man kann sich nur noch mit Lebensgefahr auf die Straße wagen.« »Nicht alles kommt vom Cäsar her, sondern von seiner Frau, Konstantina. Die ist eine wahre Hexe!« Mehrere etwas befremdend aussehende Männer näherten sich dieser Gruppe und beugten sich über den Sitzenden, als ob sie an ihren Gesprächen teilnehmen wollten. Wenn die Beleuchtung, die vom Herde durch die Küchenfenster kam, etwas besser gewesen wäre, so könnte man bemerken, daß die Ankömmlinge geschminkte Gesichter hatten, und daß ihre Kleider übertrieben beschmiert und unnatürlich zerfetzt waren, wie man es bei Bettlern auf der Bühne sieht. Derjenige, dessen Kleidung am meisten zerfetzt und beschmiert war, hatte weiße, feine Hände mit rosigen, gutgepflegten Fingernägeln. Einer von ihnen flüsterte seinem Kameraden zu. »Paß auf, Agamemnon: hier ist vom Cäsar die Rede.« Der Angeredete machte den Eindruck eines Betrunkenen; er wankte hin und her, und sein unnatürlich langer und dichter Bart verlieh ihm das Aussehen eines Räubers aus einem alten Märchen; dabei hatte er gutmütige, hellblaue Augen und einen kindlichen Gesichtsausdruck. Seine Kameraden hielten ihn zurück und flüsterten ihm erschrocken zu: »Sei doch vorsichtiger!« Der Taschendieb fuhr indessen mit jammernder, beinahe singender Stimme fort: »Nein, sagt mir nur, Brüder, ob es so recht ist? Das Brot wird mit jedem Tage teurer, die Leute sterben wie die Fliegen. Und plötzlich ... Nein, sagt es nur selbst, ob es schön ist! – Neulich kommt aus Ägypten ein großer Dreimaster; alle freuen sich schon, denn man glaubt, er bringt Brot. Man erzählt sich, der Cäsar hätte aus Ägypten Brot kommen lassen, um das Volk zu speisen. Und was glaubt ihr, Freunde, was glaubt ihr, das auf dem Schiffe war? – Staub aus Alexandria, ein besonderer, lybischer, rosafarbener Staub, mit dem sich die Athleten einreiben; Staub für die Hofgladiatoren des Cäsars, Staub anstatt Brot! Ist das schön? He?« – schloß er und zeigte mit seinen geschickten Diebeshänden Gebärden der Empörung. Agamemnon stieß einen Kameraden mit dem Ellenbogen an und flüsterte ihm zu: »Frage nach seinem Namen. Seinen Namen!« »Still ... Jetzt geht es nicht! Später ...« Ein Wollkämmer versetzte: »Bei uns in Seleucia ist noch alles ruhig. Aber in Antiochia gibt es nichts als Verrat, Angebereien und Untersuchungen ...« Der Purpurfärber, der zum letztenmal an seinem Malvenblatt geleckt und sich dabei überzeugt hatte, daß es jeden Geschmack verloren, murmelte finster vor sich hin: »So Gott will, wird Menschenfleisch und Menschenblut bald billiger sein, als Brot und Wein ...« Der Wollkämmer, ein großer Säufer und Philosoph, sagte schwer aufseufzend: »Ach, ach, wir armen Schlucker! Die seligen Olympier spielen mit uns, wie mit Bällen: bald geht es nach rechts, bald nach links, bald hinauf, bald hinunter; die Menschen weinen und die Götter lachen dazu.« Agamemnons Freund hatte sich inzwischen ins Gespräch eingemischt. Geschickt und anscheinend zufällig fragte er sie alle nach ihren Namen aus; er fing auch die Mitteilung auf, die ein herumziehender Schuster dem Wollkämmer zuflüsterte, daß zwischen den Soldaten der Prätorie eine Verschwörung gegen den Cäsar vorbereitet werde. Dann ging er etwas zur Seite und notierte sich mit einem eleganten Stift auf einer Wachstafel, auf der schon mehrere Namen verzeichnet waren, auch noch die Namen dieser Leute. In diesem Augenblick kamen vom Marktplatze her dumpfe, halblachende und halbweinende Töne einer Wasserorgel, die wie das Gebrüll eines unterirdischen Ungeheuers anzuhören waren; ein blinder, christlicher Sklave pumpte für einen Tageslohn von vier Obolen das Wasser in das Musikwerk, das beim Eingange zu einer Schaubude stand und die lachenden und weinenden Töne hervorbrachte. Agamemnon schleppte seine Genossen zur Schaubude; das Zelt war aus blauem Stoff und mit silbernen Sternen besät. Unter einer Laterne hing eine schwarze Tafel, auf der mit Kreide griechisch und syrisch das Programm der bevorstehenden Aufführung geschrieben stand. Im Inneren des Zeltes war es schwül und dumpf; es roch nach Knoblauch und den qualmenden Öllampen. Die Orgelmusik wurde von zwei durchdringenden Flöten vervollständigt, und ein schwarzer Äthyopier schlug augenrollend eine Pauke. Ein Tänzer sprang auf einem Seile und schlug Purzelbäume, indem er im Takt der Musik mit den Händen klatschte. Dabei sang er den neuesten Gassenhauer: Huc, huc convenite nunc Spatalocinaedi! Pedem tendite Cursum addite. Der hagere, stumpfnasige Tänzer war alt, häßlich und ausgelassen lustig, von seiner rasierten Stirne rann der Schweiß, mit Schminke vermischt; seine Runzeln waren weiß getüncht und glichen den Sprüngen in einer Mauer, deren Kalkbewurf im Regen abbröckelt. Als er mit seiner Nummer fertig war und sich entfernte, verstummten auch die Orgel und die Flöten. Auf der Bühne erschien ein fünfzehnjähriges Mädchen, das den berühmten, beim Volke wahnsinnig beliebten Tanz, den »Kordax«, aufführen sollte. Dieser Tanz war von den Kirchenvätern verdammt und von den römischen Gesetzen verboten; doch half alles nichts: der Kordax wurde überall und von allen getanzt, von arm und reich, von Gattinnen der Senatoren und von Straßentänzerinnen. Agamemnon rief entzückt aus: »Das nenne ich ein Mädel!« Mit Beihilfe der kräftigen Fäuste seiner Begleiter gelang es ihm, in die erste Reihe vorzudringen. Der hagere, braune Körper der Nubierin war nur an den Hüften von einem farblosen, luftigen Gewebe bekleidet; ihr Haar war in zahllosen kleinen, schwarzen Löckchen geordnet, wie es bei den Frauen in Äthiopien Mode ist; ihr Gesicht, von echt ägyptischem Schnitt, gemahnte an das einer Sphinx. Das Mädchen begann zu tanzen, träge, nachlässig, gleichsam gelangweilt. In ihren schlanken Händen hielt sie über dem Kopfe kleine Kupferpauken – »Krotalien«, die sie ganz leise schlug. Dann wurden die Bewegungen rascher. Und plötzlich leuchteten unter ihren langen Wimpern die gelben Augen auf, durchsichtig und lustig, wie bei einem Raubtiere. Sie richtete sich auf, und die kupfernen Krotalien klirrten so durchdringend und herausfordernd, daß in die Zuschauermenge eine Bewegung kam. Dann begann sich das Mädchen zu drehen, schnell, schlank und biegsam, wie eine kleine Schlange. Ihre Nüstern blähten sich. Aus ihrer Kehle drangen seltsame Schreie. Bei jeder schnellen Bewegung zitterten ihre kleinen dunklen Brüste, die von einem grünen Seidennetz umspannt waren, wie zwei reife Früchte im Winde; und ihre rot geschminkten Spitzen schoben sich durch die Maschen des Netzes. Die Zuschauer brüllten vor Entzücken. Agamemnon gebärdete sich wie wahnsinnig, und seine Freunde mußten ihn festhalten. Plötzlich blieb das Mädchen erschöpft stehen. Ein leises Zittern ging von Kopf bis zu den Füßen durch ihre braunen Glieder. Es war ganz still. Über dem in den Nacken geworfenen Kopf der Nubierin bebten mit einem kaum hörbaren, verhallenden Klirren die Krotalien, schnell und schwach, wie die Flügel eines gefangenen Falters. Ihre Augen waren erloschen, und nur ganz in der Tiefe glimmten noch zwei Funken. Ihr Gesichtsausdruck war streng und drohend. Ein schwaches Lächeln umspielte ihre übermäßig dicken, roten Lippen, die Lippen einer Sphinx. Und dann verstummten auch die Krotalien. Die Zuschauer brachen in ein solches Geschrei aus und klatschten so wahnsinnig, daß das blaue Gewebe des Zeltes mit den Silberflittern sich wie ein Segel im Sturme bewegte, und daß der Wirt glaubte, seine ganze Bude stürze ein. Den Kameraden gelang es nicht, Agamemnon länger zurückzuhalten. Er hatte sich losgerissen, den Vorhang zurückgeschlagen und war über die Bühne in die Kammer der Tänzerinnen und der Mimen gerannt. Die Kameraden flüsterten ihm erregt zu: »Warte doch! Morgen werden wir alles machen. Jetzt kann man uns aber ...« Doch Agamemnon unterbrach sie: »Nein, jetzt gleich!« Er ging zum Wirt, dem schlauen, alten Griechen Myrmex, und schüttete ihm sofort ohne jede nähere Erklärung eine Handvoll Goldmünzen in den Schoß seiner Tunika. »Gehört die Krotalistria dir?« »Ja. Was wünscht mein Herr?« Myrmex blickte erstaunt bald auf die zerlumpte Kleidung Agamemnons, bald auf das Publikum. »Wie heißt du, Mädchen?« »Phyllis.« Er gab auch ihr Geld, ohne es zu zählen. Der Grieche raunte der Phyllis etwas ins Ohr. Sie warf die goldenen Münzen hoch in die Luft, fing sie mit der hohlen Hand auf, lachte und blickte Agamemnon mit ihren funkelnden, gelben Augen an. Er sagte: »Komm mit mir.« Phyllis warf über ihre nackten, braunen Schultern die dunkle Chlamys und schlüpfte mit Agamemnon ins Freie. Sie fragte ihn: »Wohin?« »Ich weiß nicht.« »Zu dir?« »Das geht nicht. Ich wohne in Antiochia.« »Ich bin erst heute mit einem Schiff angekommen und kenne mich hier nicht aus.« »Was sollen wir tun?« »Wart' einmal, ich habe vorhin in einer Nebengasse einen unversperrten Priapustempel bemerkt. Da wollen wir hingehen.« Phyllis zog ihn lachend mit sich fort. Seine Kameraden wollten ihm folgen, doch er rief ihnen zu: »Es ist nicht nötig. Bleibt nur hier.« »Sei auf deiner Hut! Nimm doch wenigstens Waffen mit! In dieser Vorstadt ist es nachts nicht ungefährlich.« Einer von den Genossen holte unter seinem Mantel ein kurzes, dolchähnliches Schwert mit kostbarem Griffe hervor und reichte es ehrerbietig Agamemnon. Agamemnon und Phyllis gelangten, im Finsteren fortwährend stolpernd, in eine dunkle Nebengasse, unweit des Marktes. »Es ist hier! Fürchte nicht! Tritt nur ein.« Sie betraten die Vorhalle eines kleinen, leeren Tempels; eine auf dünnen Ketten hängende Lampe, die jeden Augenblick verlöschen wollte, warf ihren schwachen Schein auf die rohbehauenen, alten Säulen. »Schließ die Türe.« Phyllis ließ unhörbar ihre weiche, dunkle Chlamys zu Boden fallen, sie lachte lautlos. Als Agamemnon sie in seine Arme zog, schien es ihm, daß eine gefährliche, glühende Schlange sich um seinen Körper winde. Die gelben Raubtieraugen wurden seltsam groß. In diesem Augenblick kam aus dem Inneren des Tempels ein durchdringendes Geschrei; weiße Gespenster schlugen so heftig ihre Flügel, daß eine der Lampen beinahe verlöschte. Agamemnon ließ Phyllis aus seiner Umarmung los und flüsterte: »Was ist das?...« Im Finsteren regten sich weiße Gespenster. Agamemnon war es ganz ängstlich zumute, und er machte ein Zeichen des Kreuzes. »Was ist es nur? Gott steh' uns bei!...« Plötzlich zwickte ihn jemand heftig ins Bein. Er schrie vor Schreck und Schmerz auf; einen der unbekannten Feinde packte er am Hals, einen anderen durchbohrte er mit dem Schwert. Jetzt erhob sich ein ohrenbetäubendes Geschrei, Gewinsel, Geschnatter und Flügelschlagen. Die Lampe flackerte noch zum letzten Male vor dem Verlöschen auf; plötzlich rief Phyllis lachend aus: »Das sind ja Gänse, die heiligen Gänse des Priapus! Was hast du getan!...« Der Sieger stand blaß und bebend mit dem bluttriefenden Schwert in der einen und einer toten Gans in der anderen Hand. Von der Straße her kamen laute Stimmen, und ein großer Menschenhaufen drang mit Fackeln in den Tempel ein. Die alte Priesterin des Priapus – Scabra – führte sie an. Sie hatte eben, wie es ihre Gewohnheit war, in einer benachbarten Schenke ganz friedlich gezecht, als sie plötzlich die heiligen Gänse schreien hörte; nun kam sie mit dem Gesindel den Vögeln zu Hilfe. Die krumme, rote Nase, das zerzauste, graue Haar, und die wie zwei Stahlklingen glänzenden Augen verliehen ihr das Aussehen einer Furie. Sie schrie: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Der Tempel ist geschändet! Die heiligen Gänse des Priapus sind ermordet! Ihr seht doch, es sind wieder die gottlosen Christen, haltet sie fest!« Phyllis hüllte sich ganz in den Mantel und rannte davon. Die Menge schleppte Agamemnon zum Marktplatz; er war ganz bestürzt und hielt noch immer die tote Gans am Halse fest. Man rief nach den Agoranomen, den Marktwächtern. Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an. Agamemnons Genossen waren herbeigeeilt. Es war aber zu spät: aus allen Spelunken, Schenken, Läden und Gassen eilten, vom Lärm angelockt, immer mehr Menschen herbei. Die Gesichter drückten jenes freudige Interesse aus, das immer bei ähnlichen Anlässen zutage tritt. Da lief der Schmied mit dem Hammer in der Hand, die beiden alten Weiber, der mit Teig beschmierte Bäcker; der Schuster humpelte nach, und den Zug beschloß der kleine, rothaarige Judenjunge, der mit solcher Kraft seinen Kupferteller bearbeitete, als ob es eine Sturmglocke wäre. Scabra hatte sich mit ihren Fingernägeln fest in Agamemnons Kleidung eingekrallt und schrie wie besessen: »Wart nur! Ich komm dir schon auch an deinen gemeinen Bart! Kein Härchen lasse ich dir zurück, du Rabenaas! Du bist nicht einmal des Strickes wert, auf dem man dich aufknüpfen wird!« Endlich erschienen die verschlafenen Agoranomen, die eher Dieben, als Wächtern der öffentlichen Ordnung glichen. Die Menge lärmte, lachte und schrie derart, daß man kein Wort verstehen konnte. Der eine schrie: »Mord!«, der andere: »Haltet den Dieb!«, der dritte: »Feuer!« In diesem Augenblicke wurde der ganze Lärm von der Donnerstimme eines halbnackten, rothaarigen Riesen, dessen Gesicht dicht mit Sommersprossen besät war, übertönt; seines Zeichens war er ein Badediener, seinem wirklichen Berufe nach – ein Volksredner. Er schrie: »Mitbürger! Ich beobachte schon längst diesen Spitzbuben und Schurken und seine Genossen. Sie notieren sich alle Namen. Es sind Spione, Spione des Cäsars!« Scabra gelang es, ihren Vorsatz auszuführen: mit der einen Hand fuhr sie in den Bart, mit der anderen in das Kopfhaar Agamemnons. Er wollte sie zurückstoßen, doch sie riß mit aller Kraft – und der lange, schwarze Bart und das schöne Kopfhaar blieben in ihren Händen zurück; die Alte fiel auf den Rücken, vor dem Volke stand jetzt statt Agamemnon ein schöner Jüngling mit weichen, flachsblonden Locken und einem kleinen Spitzbart. Die Menge verstummte vor Erstaunen. Dann erklang wieder die Donnerstimme des Badedieners: »Seht, Mitbürger, es sind wirklich verkleidete Spione!« Jemand rief: »Schlagt sie! Schlagt sie tot!« In die Volksmenge kam Bewegung, Steine wurden geschleudert. Um Agamemnon scharten sich seine Genossen mit gezückten Schwertern. Den Wollkämmer traf der erste Schlag; er fiel blutüberströmt zu Boden. Der Judenjunge mit dem Kupferteller wurde totgetreten. Die Gesichter nahmen einen tierischen Ausdruck an. In diesem Augenblick bahnten sich zehn riesenhafte paphlagonische Sklaven mit einer purpurnen Sänfte auf den Schultern den Weg durch die Menge. »Wir sind gerettet!« rief der blonde Jüngling, indem er sich mit einem der Genossen in die Sänfte warf. Die Paphlagonier hoben sie auf ihre Schultern und eilten davon. Die wütende Menge hätte sie beinahe angehalten und in Stücke gerissen, wenn nicht jemand gerufen hätte: »Seht ihr denn nicht, Mitbürger? Es ist ja der Cäsar, Cäsar Gallus in eigener Person!« Das Volk war vom Schreck wie versteinert. Die purpurne Sänfte schaukelte auf den Schultern der Sklaven, wie ein Boot auf hoher See, und verschwand in der Tiefe einer finsteren Gasse. Seit jenem Tage, an dem man Julianus und Gallus in die kappadocische Feste Macellum gesperrt hatte, waren sechs Jahre vergangen. Kaiser Constantius hatte ihnen wieder seine Gnade zugewendet. Der neunzehnjährige Julianus wurde nach Konstantinopel berufen und bekam dann die Erlaubnis, eine Wanderung durch die Städte von Kleinasien zu unternehmen; Gallus aber machte der Kaiser zu seinem Mitregenten, einem Cäsar, und setzte ihn zum Herrscher des östlichen Reiches ein. Diese plötzliche Gnade bedeutete übrigens nichts Gutes. Constantius pflegte seine Feinde zu treffen, nachdem er sie zuvor mit Gnadenbeweisen eingeschläfert hatte. »Nun, Glykon, Konstantina mag mir jetzt zureden, soviel sie will; ich gehe nie wieder auf die Straße mit falschem Haare. Jetzt ist es aus!« »Wir haben ja auch deine Majestät gewarnt...« Der Cäsar lag in den weichen Polstern der Sänfte und vergaß bald seine Angst von vorhin. Er lachte: »Glykon! Glykon! Hast du gesehen, wie die verfluchte Alte mit meinem Barte in den Händen hingefallen ist? Kaum sah ich mich um, als sie schon dalag!« Als sie ins Schloß zurückgekehrt waren, gab der Cäsar den Befehl: »Bereitet schnell das Bad und das Nachtmahl! Ich habe Hunger!« Ein Höfling brachte ihm einen Brief. »Was ist das? Nein, nein, die Geschäfte können bis morgen warten...« »Gnädiger Cäsar, es ist ein dringender Brief, direkt aus dem Lager des Kaisers Constantius.« »Von Constantius! Was mag das sein? Gib ihn her! ...« Er entfaltete den Brief, las ihn und erbleichte; seine Knie zitterten; hätten ihn die Höflinge nicht gestützt, wäre er umgefallen. Der Kaiser forderte seinen »zärtlich geliebten« Vetter in gewählten, sogar schmeichelhaften Ausdrücken auf, nach Mediolanum zu kommen; zugleich gab er den Befehl, die beiden Legionen, die in Antiochia lagen und Gallus' einziger Schutz waren, zu ihm ins Lager zu schicken. Offenbar wollte er seinen Feind entwaffnen und in die Falle locken. Als der Cäsar wieder die Selbstbeherrschung erlangt hatte, sagte er mit leiser stimme: »Meine Frau möchte kommen ...« »Die Gemahlin des gnädigen Cäsars geruhte soeben nach Antiochia zu reisen.« »Wie? Und sie weiß von nichts?« »Nein.« »Mein Gott! Mein Gott! was ist nun das? Ohne sie? Sagt dem Gesandten des Kaisers ... Nein, sagt ihm nichts. Ich weiß ja nichts. Kann ich mich denn ohne sie entschließen? schickt einen Boten. Sagt ihr, daß der Cäsar sie anfleht, sie möchte umkehren ... Mein Gott, was soll ich tun?« Er ging fassungslos auf und ab, griff sich zuweilen an den Kopf, drehte mit zitternden Fingern seinen weichen, blonden Bart und wiederholte hilflos vor sich hin: »Nein, nein, nein, um nichts in der Welt gehe ich hin. Lieber den Tod... Ich kenne ja Constantius!« Ein anderer Höfling brachte ihm ein Schriftstück und sagte: »Es ist von der Gemahlin des Cäsars. Vor ihrer Abreise bat sie, daß du es unterschreibst.« »Was? Wieder ein Todesurteil? Clematius von Alexandria! Was zuviel, ist zuviel! So geht es nicht. Drei Todesurteile an einem Tage!« »Deine Gattin geruhte...« »Ach, es ist ja alles gleich! Wo ist die Feder?! Jetzt ist wirklich alles gleich ... Warum ist sie aber fort? Kann ich denn allein...« Nachdem er das Urteil unterschrieben hatte, blickte er wieder mit seinen blauen, kindlichen, gutmütigen Augen um sich. »Das Bad ist bereit; das Nachtmahl wird gleich aufgetragen.« »Das Nachtmahl? Nein, ich will nicht ... Was gibt es übrigens heute?« »Es gibt Trüffeln.« »Sind sie frisch?« »Sie kommen soeben mit dem Schiffe aus Afrika.« »Soll ich mich vielleicht doch etwas stärken? Was denkt ihr, Freunde? Ich fühle mich so schwach... Trüffeln? Ich habe noch heute früh daran gedacht...« Ein sorgloses Lächeln huschte über seine bestürzten Züge. Bevor er noch in das kühle Bad, dessen Wasser von den ihm zugefügten, wohlriechenden Essenzen milchig opalisierte, stieg, sagte er mit hoffnungsloser Gebärde: »Einerlei, einerlei ... Man soll nicht nachdenken... Herr, sei uns Sündern gnädig!... Vielleicht kann es noch Konstantina irgendwie ordnen?« Als er mit Wohlgefühl in das duftende Bad stieg, nahm sein sattes, rosiges Gesicht wieder den gewohnten, sorglosen Ausdruck an. »Sagt dem Koch, daß er zu den Trüffeln die saure, rote Sauce reichen soll!« VII. In den kleinasiatischen Städten Nikomedia, Pergamon und Smyrna, wo der neunzehnjährige Julianus die hellenische Weisheit studierte, hörte er viel von dem berühmten Theurgen und Sophisten Jamblichus aus Chalkys, einem Schüler des Neoplatonikers Porphyrius, dem Göttlichen Jamblichus, wie man ihn allgemein nannte. Er reiste zu ihm nach Ephesus. Jamblichus war ein kleiner, magerer, runzeliger Greis. Er pflegte immerwährend über seine Krankheiten – Podagra, Gliederreißen und Kopfschmerzen – zu klagen; er schimpfte auf alle Ärzte, kurierte sich aber mit großem Eifer und sprach besonders gerne von Breiumschlägen, Mixturen, Arzneien und Pflastern; er trug immer eine weiche, warme, doppelte Tunika, doch konnte er sich selbst im Sommer nie erwärmen; er liebte die Sonne, wie eine Eidechse. Jamblichus hatte sich von seiner frühesten Jugend an der Fleischnahrung entwöhnt; sie flößte ihm Ekel ein, und er konnte nicht begreifen, wie die Menschen Fleisch essen können. Seine Magd bereitete ihm einen besonderen Brei aus Gerstengrütze, ein wenig warmen Wein und Honig; der Alte konnte mit seinen zahnlosen Kiefern nicht einmal Brot zerkauen. Zahlreiche Schüler aus Rom, Antiochia, Karthago, Ägypten, Mesopotamien und Persien umgaben ihn; sie lauschten mit der größten Ehrfurcht seinen Lehren und glaubten, daß Jamblichus Wunder verrichten könne. Er behandelte sie wie ein Vater, der seiner vielen, kleinen, unruhigen Kinder überdrüssig ist. wenn die Schüler sich zankten oder stritten, verzog der Meister sein Gesicht wie vor Schmerz und winkte mit der Hand ab. Er sprach sehr leise, und je lauter seine Schüler stritten, um so leiser wurde seine Stimme; er vertrug keinen Lärm und haßte laute Stimmen, wie auch knarrende Sandalen. Julianus betrachtete den launischen, immerwährend frierenden und kranken Greis mit enttäuschten Blicken und konnte nicht begreifen, womit er die Menschen so anzog. Er dachte an die Erzählungen, die über den Alten im Umlauf waren: seine Schüler sollen einmal den Göttlichen beobachtet haben, wie er während des Gebetes durch eine wunderbare Kraft zehn Ellen hoch über dem Boden erhoben wurde, wobei ihn ein goldener Lichtschein umgab; man erzählte sich auch, daß der Meister einmal in der Stadt Gadara in Syrien aus zwei heißen Quellen die Götter Eros und Anteros hervorgezaubert hätte; der eine Genius der Liebe sei fröhlich und blondgelockt, der andere traurig und dunkel gewesen; beide hätten sich an Jamblichus, wie Kinder, geschmiegt und wären dann plötzlich auf seinen Wink verschwunden. Julianus lauschte aufmerksam den Worten des Meisters, doch konnte er in ihnen keinerlei Kraft entdecken. Die Metaphysik der Porphyriusschule erschien Julianus tot, trocken und furchtbar kompliziert. Jamblichus trieb die Überwindung dialektischer Schwierigkeiten in den Disputen als eine Art Spiel. Seine Lehren von Gott und der Welt, von den Ideen und der Plotinischen Trias zeugten von großem Wissen, enthielten aber keinen einzigen Lebensfunken. Julianus hatte etwas anderes erwartet. Und doch wartete er noch immer. Jamblichus hatte seltsame, grüne Augen, die auf seinem dunklen, von vielen Runzeln durchfurchten Gesicht noch seltsamer erschienen: es war jene grüne Farbe, die manchmal der Abendhimmel zwischen dunklen Gewitterwolken hat. Julianus glaubte in diesen anscheinend unmenschlichen, aber noch weniger göttlichen Augen jene verborgene Schlangenweisheit leuchten zu sehen, von der Jamblichus noch nie ein Wort zu seinen Schülern gesprochen hatte. – Wenn aber der Göttliche gleich darauf müde und leise fragte, warum sein Gerstenbrei oder der Umschlag noch nicht fertig sei, oder über Gliederreißen klagte, so war der ganze Zauber seiner Persönlichkeit sofort verschwunden. Einmal gingen Jamblichus und Julianus außerhalb der Stadt, am Meeresstrande, spazieren. Es war ein milder, trauriger Abend. In der Ferne über dem Hafenort Panormos schimmerten die weißen, mit Bildsäulen geschmückten Treppen und Giebel des Tempels der Ephesischen Artemis. Auf dem sandigen Ufer des Kaystros, wo nach einer Überlieferung Latona Artemis und Apollo geboren hatte, stand das dünne, dunkle Riedgras ganz unbeweglich. Von den zahlreichen Altären, die im heiligen Haine der Orthigia standen, stieg der Rauch in aufrechten Säulen geradewegs in den Himmel. Im Süden waren die blauen Berge von Samos sichtbar. Die Brandung war leise, wie die Atemzüge eines schlafenden Kindes; die durchsichtigen Wellen bespülten den glatten, schwarzen Sand; es roch nach Salzwasser und Seetang, die von den Sonnenstrahlen erwärmt waren. Die untergehende Sonne verbarg sich unter Wolken und vergoldete ihre Ränder. Jamblichus ließ sich auf einen Stein nieder; Julianus setzte sich ihm zu Füßen. Der Meister ließ seine Hand auf dem struppigen, schwarzen Haar des Schülers ruhen. »Bist du traurig?« »Ja.« »Ich weiß es. Du suchst und findest nicht. Du hast nicht die Kraft, zu sagen: Er ist, – und du wagst nicht, zu sagen: Er ist nicht.« »Wieso hast du es erraten, Meister?...« »Mein armer Junge! Seit fünfzig Jahren kranke ich an dem gleichen Leiden. Und werde wohl bis zu meinem Tode daran kranken. Kenne ich denn Ihn besser als du? Habe ich Ihn denn gefunden? Das sind ewige Geburtswehen. Alle anderen Schmerzen verschwinden vor diesen. Die Menschen glauben, daß sie an Hunger, Durst, körperlichen Schmerzen und Armut leiden: in Wirklichkeit leiden sie aber nur unter dem Gedanken, daß es Ihn vielleicht nicht gibt. Das ist der einzige Schmerz der Welt, wer wagt es, zu sagen: Er ist nicht , und wer weiß, welch einer Kraft man bedarf, um zu sagen: Er ist .« »Und du, hast du dich Ihm noch nie genähert?«- »Dreimal in meinem Leben habe ich die große Wonne des vollkommenen Aufgehens in Ihm erfahren. Plotinus wurde dieses Glück viermal zuteil, Porphyrius fünfmal. Ich hatte in meinem Leben drei Augenblicke, die meinem ganzen Leben erst einen Wert verleihen.« »Ich habe danach deine Schüler gefragt: sie wissen nichts...« »Dürfen denn die etwas wissen? Ihnen genügen auch die leeren Schalen der Weisheit: denn der Kern ist tödlich.« »Wenn ich daran auch sterbe, Meister, – gib mir den Kern!« »Wirst du auch den Mut haben, ihn zu empfangen?« »Sage es nur, sage es!« »Was kann ich dir denn sagen? Ich kann es gar nicht ausdrücken... Und ist es auch gut, darüber zu sprechen? Lausche nur der abendlichen Stille, sie wird es dir ganz ohne Worte eröffnen.« Er streichelte noch immer dem Schüler, wie einem Kinde, den Kopf. Julianus dachte: »Da ist es nun, worauf ich gewartet habe!« Er umschlang die Knie des Meisters mit den Armen, hob zu ihm flehend die Augen empor und sagte: »Meister, habe doch Mitleid! Eröffne mir alles, verlasse mich nicht...« Jamblichus begann leise, wie vor sich hin, als sähe und höre er nichts, seine seltsamen, unbeweglichen, grünen Augen auf die von innen vergoldeten Wolken gerichtet: »Ja, ja... Wir alle haben die Stimme des Vaters vergessen. Wie Kinder, die man noch an der Wiege von ihrem Vater getrennt hat, hören wir Ihn und erkennen Ihn nicht. Alles, alle himmlischen und irdischen Stimmen müssen erst in der Seele verstummen; dann werden wir Ihn hören... Solange in uns die Vernunft herrscht, die unsre Seele wie die Sonne erleuchtet, bleiben wir in uns selbst und können Gott nicht sehen, wenn aber die Vernunft sich gen Abend wendet und dem Untergang nahe ist, fällt auf die Seele, wie ein nächtlicher Tau, eine unsagbare Wonne... Die Bösen können diese Wonne nie erfahren; nur der Weise wird zu einer Leier, die unter der Hand Gottes erzittert und ertönt. Woher kommt dieses Licht, das die Seele erleuchtet? – Ich weiß es nicht. Es kommt immer ganz plötzlich und unerwartet; suchen kann man es nicht. Gott ist uns immer nahe. Man muß immer bereit sein, man muß ruhig warten, wie die Augen darauf warten, daß die Sonne aufgeht, oder, wie sich die Dichter ausdrücken, dem dunklen Ozean entsteigt. Gott kommt nicht und geht nicht, er erscheint nur. Da ist Er. Er ist die Verneinung der Welt, die Verneinung von allem, was besteht. Er ist – Nichts, Er ist – Alles.« Jamblichus erhob sich von seinem Stein und streckte die mageren Hände aus. Dann fuhr er fort: »Still, still, ich sage, – still! Lauscht Ihm alle! Da ist Er. Es verstumme die Erde und das Meer, die Luft und selbst der Himmel. Lauscht! Er erfüllt die Welt, durchdringt mit seinem Atem die Atome, er durchleuchtet den Urstoff, – das Chaos, das für die Götter ein Gegenstand des Schreckens ist, – wie die Abendsonne die Wolken durchleuchtet ...« Julianus lauschte andächtig diesen Worten, und es schien ihm, daß die schwache und leise Stimme des Meisters die Welt, den Himmel und die letzten Grenzen des Meeres erfülle. Aber seine Trauer war noch so tief und groß, daß, seiner Brust ein Seufzer entfuhr: »Vater, verzeihe mir! Wenn es aber dem so ist, welchen Sinn hat dann noch das Leben? Wozu dient dieser ewige Wechsel der Geburten und der Tode? Wozu das Leid? Wozu das Böse? Wozu das Fleisch? Wozu die Zweifel? Wozu die Sehnsucht nach Unmöglichem?...« Jamblichus warf ihm einen milden Blick zu und strich ihm wieder über die Haare. »Hier ist eben das große Geheimnis, mein Sohn. Wenn Er ist, so gibt es kein Böses, keine Welt, kein Fleisch. Entweder ist Er, oder die Welt. Es scheint uns, es gäbe ein Böses, ein Fleisch und eine Welt. Es ist aber ein Gespenst, ein Trugbild des Lebens. Wisse: alle, wie Menschen, so auch stumme Geschöpfe, haben eine einzige Seele. Einst haben wir alle im Schoße des Vaters, im ewigen, unvergänglichen Lichte geruht. Unser Blick fiel aber einmal aus der Höhe auf den finstern und toten Urstoff, und wir erkannten darin, wie in einem Spiegel, unser eigenes Bild. Und die Seele sagte dann zu sich selbst: ich kann, ich will frei sein. Ich bin wie Er. Werde ich denn nicht den Mut haben, von Ihm abzufallen und alles zu sein? – Die Seele geriet vor der Schönheit ihres eigenen Bildes, das sich im Körper spiegelte, wie Narcissos vor dem Bache, in Verzückung. Und sie stürzte. Sie wollte bis ans Ende fallen und sich von Gott auf alle Ewigkeit trennen, doch konnte sie es nicht: die Füße des Sterblichen berühren die Erde, sein Haupt ragt über alle Himmel. Und nun steigen die Seelen aller Kreaturen zu Ihm hinauf und von Ihm hinunter auf der ewigen Stufenleiter der Geburten und der Tode. Sie wollen sich vom Vater entfernen und können es nicht. Jede Seele will selbst Gott sein, doch alles ist vergeblich: sie sehnt sich ewig nach dem Schoße des Vaters; auf Erden findet sie keine Ruhe; es zieht sie immer zu dem Einzigen hin. wir müssen zu Ihm zurückkehren, und dann werden wir alle Gott sein, und Gott wird in uns sein. – Glaubst du, daß du der einzige bist, der sich nach Ihm sehnt? Sieh nur, wie groß die himmlische Trauer ist, die aus dem Schweigen der Natur spricht. Lausch nur hin: fühlst du denn nicht, daß sich alles voller Gram nach Ihm sehnt?« Die Sonne war untergegangen. Die goldenen, gleichsam glühenden Ränder der Wolken erloschen. Das Meer war bleich und luftig wie der Himmel, der Himmel tief und heiter wie das Meer. Auf der Landstraße rollte ein Wagen vorbei. Ein Jüngling und ein Mädchen, vielleicht ein Liebespaar, saßen darin. Die Frauenstimme sang ein bekanntes, trauriges Liebeslied. Und dann wurde alles wieder still und noch trauriger. Die schnelle, südliche Nacht senkte sich vom Himmel herab. Julianus flüsterte: »Ich habe schon so oft daran gedacht: warum ist die Natur von solcher Trauer erfüllt? Je schöner sie ist, um so trauriger ist sie...« Jamblichus erwiderte lächelnd: »Ja, ja... Sieh nur hin: sie möchte gerne sagen, warum sie trauert, – und sie kann es nicht. Sie ist stumm. Sie schläft und bemüht sich, Gott im Traume zu sehen, doch kann sie es nicht, denn das Irdische bedrückt sie zu stark. Sie ahnt ihn dunkel und wie im Traume. Alle Welten, alle Sterne, das Meer und die Erde, die Tiere, Pflanzen und auch die Menschen sind nur Träume der Natur von Gott. Alles, was sie sieht, wird geboren und stirbt. Sie erschafft nur im Geiste, wie auch wir es zuweilen im Traume tun; sie erschafft mühelos, und kennt weder Umstände, noch Schranken. Darum sind ihre Schöpfungen so schön und frei, so zwecklos und so göttlich. Das Spiel ihrer Traumgebilde ist wie das Spiel der Wolken. Es hat keinen Anfang und kein Ende. – Die Anschauung ist das einzige, was es in der Welt wirklich gibt. Je tiefer sie ist, um so stiller ist sie. Der Wille, der Kampf, die Tat sind nur geschwächte, unvollendete oder getrübte Gedanken Gottes. Die Natur erschafft in ihrer großen Untätigkeit Formen, wie der Geometer: nur das, was er sieht, besteht; so gebiert auch sie aus ihrem mütterlichen Schoße Formen auf Formen. Ihre stumme, dunkle Anschauung ist nur das Abbild einer anderen, die klarer ist. Die Natur sucht nach Worten und findet sie nicht. Die Natur ist die schlafende Mutter Kybele mit den ewig geschlossenen Lidern; erst der Mensch hat das Wort gefunden, das sie vergeblich gesucht hat: die Seele des Menschen ist die Natur, die ihre traumschweren Augenlider öffnet, erwacht und bereit ist, Gott zu sehen, Ihn nicht mehr im Traume, sondern Angesicht vor Angesicht zu schauen...« Auf dem dunkel und tief gewordenen Himmel traten die ersten Sterne hervor: bald erloschen sie, bald leuchteten sie wieder auf, als wäre es das Spiel großer, am Firmament befestigter Edelsteine; immer neue und neue, zahllose Sterne flammten auf. Jamblichus wies auf sie hin. »Womit soll ich die Welt, alle diese Sonnen und Sterne vergleichen? – Ich vergleiche sie mit einem Netz, das man ins Meer ausgeworfen hat. Gott umfaßt die Welt, wie das Wasser das Netz umfaßt; das Netz bewegt sich, doch kann es das Wasser nicht aufhalten; – die Welt will Gott einfangen und kann es nicht. Die Welt bewegt sich, doch Gott bleibt ruhig und unbeweglich, wie das Wasser, in das man das Netz ausgeworfen hat. Wenn sich die Welt nicht bewegt hätte, so hätte auch Gott nichts erschaffen und wäre in seiner Ruhe verblieben; denn wohin und wonach sollte er streben? – Dort, im Kelche der ewigen Mütter, im Schoße der Weltenseele, ruhen die Samen, die Ideen und Formen von allem, was ist, war und sein wird; da ruht auch der Logos – der Keim einer Grille, eines Grashalmes und eines olympischen Gottes...« Julianus rief laut, und seine Stimme klang in der Stille der Nacht wie ein Todesschrei: »Wer ist Er? Wer ist Er? warum antwortet Er nicht, wenn wir rufen? Wie ist sein Name? Ich will Ihn kennen, hören und sehen! Warum flieht Er vor meinen Gedanken? Wo ist Er?« »Mein Kind, was bedeutet der Gedanke vor Ihm? Er hat keinen Namen: Er ist so beschaffen, daß wir nur sagen können, was Er nicht sein kann; was Er ist, – wissen wir nicht. Kannst du leiden, ohne Ihn zu preisen? Kannst du lieben, ohne Ihn zu preisen? Kannst du verdammen, ohne Ihn zu preisen? – Er, der alles erschaffen hat, ist nichts von allem, was Er erschaffen hat. Wenn du sagst: Er ist nicht , so preisest du Ihn nicht weniger, als wenn du sagst: Er ist . Von Ihm kann man nichts behaupten, man kann weder von seiner Existenz noch von seinem Wesen, noch von seinem Leben sprechen, denn Er ist über jedes sein und über jedes Leben erhaben. Darum sage ich auch, daß Er die Verneinung der Welt, die Verneinung deines Gedankens ist. Wenn du dich von aller Wirklichkeit, von allem, was besteht, lossagst, so wirst du Ihn im Abgrund der Abgründe, in der Tiefe jener unsagbaren Finsternis, die dem Lichte gleicht, finden; opfere Ihm deine Freunde und Verwandte, deine Heimat, Himmel und Erde, dich selbst und deine Vernunft. Dann wirst du kein Licht mehr sehen, denn du wirst selbst das Licht sein. Du wirst nicht mehr sprechen: Er und Ich; du wirst fühlen, daß Er und Ich eins sind. Und deine Seele wird über deinen eigenen Körper spotten, wie über ein Gespenst. Dann wird nur Schweigen herrschen, und es wird keine Worte mehr geben. Und wenn in diesem Augenblicke auch die Welt zusammenstürzte, – du würdest dich freuen; denn wozu brauchst du die Welt, wenn du bei Ihm bleibst? Deine Seele wird sich nichts mehr wünschen, denn Er kennt keine Wünsche; sie wird nicht mehr leben, denn Er ist über alles Leben erhaben; sie wird nicht mehr denken, denn Er steht höher als alle Gedanken. Der Gedanke ist das Suchen nach Licht. Er sucht aber nicht das Licht, denn er selbst ist das Licht. Er durchdringt die ganze Seele und verwandelt sie in einen Teil seiner selbst. Und dann ruht sie leidenschaftslos und einsam über der Vernunft, der Tugend, dem Reiche der Ideen, der Schönheit, im Abgrunde, im Schoße des Vaters des Lichtes. Die Seele wird zu Gott, oder, mit anderen Worten, sie denkt, daß sie in aller Ewigkeit Gott war, ist und bleiben wird. * Mein Sohn, so leben die Olympier, so leben alle gottähnlichen und weisen Menschen: es ist eine Entsagung von allem, was in der Welt ist, Verachtung aller irdischen Leidenschaften, eine Flucht der Seele zu Gott, den sie von Angesicht zu Angesicht schaut.« Er verstummte. Julianus fiel ihm zu Füßen, die er nicht zu berühren wagte. Er küßte nur die Erde, auf der die Füße des Heiligen ruhten. Dann hob der Jünger seinen Blick und richtete ihn in die seltsamen, grünen Augen, in denen das nun enthüllte Geheimnis der »Schlangenweisheit« leuchtete; sie waren ruhiger und tiefer als der Himmel: eine heilige Kraft schien ihnen zu entströmen. Julianus flüsterte: »Meister, du kannst alles. Ich glaube! Befiehl den Bergen, und sie werden sich rühren. Sei wie Er! Tu ein Wunder! Verrichte Unmögliches! Erbarme dich meiner! Ich glaube, ich glaube!...« »Mein armer Sohn, was bittest du? Ist denn das Wunder, das in deiner Seele geschehen kann, nicht größer als alle Wunder, die ich verrichten kann ? Mein Kind, ist denn die Kraft, durch die du sagen darfst: Er ist, und wenn Er auch nicht ist, so wird Er sein, nicht ein schreckliches und wohltuendes Wunder? Du sollst sagen: Er werde, denn ich will es so!« VIII. Als der Meister und der Jünger auf dem Heimwege bei Panormos, dem belebten Hafen von Ephesus, vorbeikamen, bemerkten sie eine außergewöhnliche Aufregung. Viele Menschen liefen mit brennenden Pechfackeln durch die Straßen und schrien: »Die Christen zerstören den Tempel! Wehe uns!« Andere riefen: »Tod den olympischen Göttern! Christus hat Astarte besiegt!« Jamblichus wollte den Weg durch die stillen Nebengassen einschlagen. Doch die rennende Menge zog sie mit sich an den Strand des Kaystros, zu dem Tempel der Ephesischen Artemis fort. Der prächtige Tempel, ein Werk des Dinokrates, hob sich finster, drohend und unerschütterlich wie eine Festung, vom gestirnten Himmel ab. Der Widerschein der Fackeln zitterte auf den riesengroßen Säulen, die auf kleinen Karyatiden standen. Nicht nur das Römische Reich, sondern auch alle Völker der Erde verehrten dieses Heiligtum. In der Menge rief eine unsichere Stimme: »Groß ist die Ephesische Artemis!« Hunderte von Stimmen antworteten: »Tod den olympischen Göttern und deiner Artemis!« Über dem schwarzen Gebäude des städtischen Arsenals erhob sich ein blutroter Feuerschein. Julianus blickte seinen göttlichen Meister an und erkannte ihn nicht wieder. Jamblichus war wieder der schüchterne, kranke Greis, klagte über Kopfweh, äußerte die Befürchtung, daß er nachts wieder Gliederreißen haben werde und daß seine Dienstmagd vergessen haben könnte, ihm die Breiumschläge vorzubereiten. Julianus lieh dem Meister seinen Mantel. Jamblichus fror aber noch immer. Sein Gesicht drückte großen Schmerz aus, und er hielt sich die Ohren zu, um den Lärm und das Gelächter nicht zu hören. Jamblichus fürchtete große Menschenmassen über alles; er pflegte zu sagen, daß es in der Welt keinen dümmeren und häßlicheren Teufel gäbe als den Volksgeist. Jetzt machte er seinen Schüler auf die Gesichter der Vorüberlaufenden aufmerksam. »Sieh nur hin, wie häßlich, wie gemein sie sind, und wie unerschütterlich sie an ihr Recht glauben! Ist es denn keine Schande, ein Mensch zu sein, mit dem gleichen Körper begabt und dem gleichen Schmutz behaftet wie diese? ..« Eine alte Christin jammerte: »Und da sagt mir mein kranker Enkel: Großmutter, koche mir eine Fleischsuppe. – Schön, mein Lieber, sage ich ihm, ich will gleich auf den Markt gehen und Fleisch holen. – Ich denke mir dabei: das Fleisch ist jetzt wohl billiger als Weizenbrot. Ich kaufte also um fünf Obolen ein und kochte ihm die Suppe. Plötzlich schreit eine Nachbarin vom Hofe herein: – Was kochst du da? Weißt du denn nicht, daß heute alles Fleisch auf dem Markte unrein ist? – Wieso, sage ich, soll es unrein sein? Was gibt es denn? – Da erklärt sie es mir: die Priester der Göttin Demeter haben heute nacht alle Fleischläden auf dem Markte mit dem Opferwasser besprengt, um die guten Christen zu beschimpfen. Kein Mensch in der Stadt will von dem unreinen Fleisch essen. Deshalb werden jetzt die Priester der Göttin gesteinigt, der teuflische Tempel der Demeter soll aber zerstört werden. – Ich mußte die ganze Suppe dem Hunde geben. Es ist kein Spaß mehr – fünf Obolen! Soviel verdient man kaum an einem Tage. Und doch habe ich meinen Enkel nicht verunreinigen wollen.« Andere berichteten, daß ein einziger Christ im vergangenen Jahre vom Opferfleisch gegessen habe und ihm danach alle Eingeweide verfault seien; er habe dabei einen solchen Gestank verbreitet, daß alle Verwandten aus dem Hause fortlaufen mußten. Sie gelangten an den Hauptplatz. Hier stand ein kleiner Tempel der Demeter-Isis-Astarte, der dreiköpfigen Hakate, der geheimnisvollen Göttin der irdischen Fruchtbarkeit, der starken und liebevollen Kybele, der Mutter der Götter. Der Tempel war von allen Seiten von Mönchen umgeben, wie ein Stück Honigwabe von großen, schwarzen Fliegen; die Mönche krochen auf den weißen Vorsprüngen umher, erklommen, Psalmen singend, die Treppen und zerschmetterten die Bildsäulen. Die Säulen bebten; Splitter des zarten Marmors flogen umher. – Der Stein schien zu leiden wie ein lebendiger Körper. Man versuchte das Gebäude in Brand zu stecken; es gelang aber nicht, denn der Tempel war ganz aus Marmor erbaut. Plötzlich erscholl aus dem Inneren des Tempels ein ohrenbetäubendes und doch melodisches Dröhnen. Die triumphierende Volksmenge heulte zum Himmel: »Stricke, bringt Stricke her! Bindet sie an den Armen und Beinen!« Unter Absingen von Gebeten und freudigem Gelächter schleppte die Volksmenge aus dem Tempel den klingenden, silbernen, blassen Leib der Göttin, der Mutter der Götter, ein Werk des Skopas, an Stricken die Tempelstufen hinab. »Ins Feuer mit ihr, ins Feuer!« Man schleifte sie durch die Pfützen des Marktplatzes. Ein rechtskundiger Mönch rezitierte ein Stück aus dem neuen Gesetz des Cäsars Constans, des Bruders des Constantius: »Cesset superstitio, sacrificiorum aboleatur insania.« »Es weiche jeder Aberglauben, es werde vernichtet der Wahnsinn der Götzenopfer.« »Fürchtet nichts! Vernichtet und raubt alles, was ihr im teuflischen Tempel findet!« Ein Anderer las beim Scheine der Fackeln einen Abschnitt aus dem Buche des Firmicus Maternus »De errore profanarum religionum« vor: »Heilige Kaiser! Kommt den unglücklichen Heiden zuhilfe. Es ist besser, sie mit Gewalt zu retten, als sie verderben zu lassen. Reißt von ihren Tempeln den Schmuck herunter und bereichert eure Schatzkammern mit ihren Schätzen. Jeder, der den Götzenbildern opfert, soll mit der Wurzel von der Erde vernichtet werden. Töte ihn, steinige ihn, und wenn es auch dein Sohn, dein Bruder, oder dein Weib wäre, das an deiner Brust schläft.« Durch die Menge ging der Schrei: »Tod, Tod, den olympischen Göttern!« Ein großgewachsener Mönch mit zerzausten, schwarzen Haaren, die an der schweißbedeckten Stirne klebten, hatte über der Göttin eine kupferne Axt erhoben und suchte eine Stelle, wo er sie am besten treffen könnte. »Jemand gab den Rat: »Auf den Bauch, auf ihren schamlosen Bauch!« Der silberne Leib der Mutter der Menschen und Götter erklirrte unter den Axthieben, verbog sich und bekam Narben und Risse. Ein alter Heide hatte sein Gesicht mit dem Mantel verdeckt, um diese Schändung des Heiligsten nicht zu sehen; er weinte und dachte, daß jetzt alles zu Ende sei, daß die Welt untergehe: Demeter-Erde werde den Menschen keine Ähren mehr geben wollen. Ein Einsiedler aus den Wüsten von Mesopotamien, der mit einem Schafsfell bekleidet war und einen Wanderstab mit einem ausgehöhlten Kürbis, der ihm als Trinkgefäß diente, und einfache, eisenbeschlagene Sandalen trug, stürzte sich auf die Göttin. »Ich habe mich vierzig Jahre lang nicht gewaschen, um meine eigene Nacktheit nicht zu sehen und an ihr kein Ärgernis zu nehmen. So oft man aber in die Stadt kommt, sieht man nichts als die nackten Körper der verdammten Götzen. Sollen wir noch lange dieses teuflische Ärgernis dulden? Überall sieht man nur die unreinen Götter: in den Häusern, auf den Straßen, auf den Dächern, in den Bädern, unter den Füßen und über dem Kopfe. Pfui, pfui, pfui! Man kommt gar nicht mehr aus dem Spucken! ...« Der Alte stieß voller Haß mit seiner Sandale gegen die Brust der Kybele. Er trat mit seinen Füßen ihre nackte Brust, die ihm lebendig erschien; er wollte sie mit den spitzen Nägeln seiner schweren Sandalen zertreten. Er flüsterte keuchend vor Haß: »Da hast du, da hast du, du Schändliche, du Nackte! Da hast du, Hündin!« Der Mund der Göttin bewahrte auch unter seinen Fußtritten das heitere Lächeln. Die Volksmenge hob sie empor, um sie ins Feuer zu werfen. Ein betrunkener Handwerker, der aus dem Munde entsetzlich nach Knoblauch roch, spuckte ihr ins Gesicht. Aus den vom heidnischen Opferwasser verunreinigten Holzläden und Bänken des Marktes hatte man einen riesengroßen Scheiterhaufen errichtet, hoch über der Menge schimmerten durch den Rauch die stillen Sterne. Man warf die Göttin in den Scheiterhaufen, um ihren silbernen Leib zu schmelzen. Als sie an die brennenden Holzscheite anschlug, gab es wieder einen zarten melodischen Klang. »Das Silber macht fünf Talente aus. Das sind dreißigtausend kleine Silbermünzen. Eine Hälfte davon wollen wir dem Kaiser schicken, damit er seine Soldaten entlohnt, die andere Hälfte bekommen alle Hungernden. So wird Kybele wenigstens dem Volke nützen. Aus der Göttin werden dreißigtausend Münzen für die Soldaten und die Bettler entstehen.« »Holz! Noch mehr Holz!« Die Flamme loderte höher empor, und allen wurde es noch lustiger zumute. »Wir wollen sehen, wie der Teufel aus ihr fährt! Man sagt, daß in einem jeden Götzen ein Teufel steckt. In den Göttinnen aber ihrer zwei und auch drei ...« »Wenn sie zu schmelzen beginnt und es dem Bösen zu heiß wird, wird er aus ihrem verruchten Munde in Gestalt eines blutroten oder flammenden Drachens fahren ...« »Nein, man sollte sie früher mit Weihwasser besprengen, sonst wird der Teufel noch in Gestalt einer Natter in die Erde kriechen. Als man vor zwei Jahren einen Tempel der Aphrodite zerstörte, spritzte jemand etwas Weihwasser hin. Und was glaubt ihr, geschah? Aus ihrem Gewande sprangen mehrere winzige Teufel heraus. Hab's mit eigenen Augen gesehen! Sie waren schwarz und zottig, hatten weiße Gewänder, sie stanken und piepsten wie die Mäuse. Als man aber der Aphrodite den Kopf abschlug, sprang aus ihrem Halse der Oberteufel heraus; solche Hörner hatte er und einen nackten, unbehaarten Schweif wie ein räudiger Hund ...« Jemand wandte ungläubig ein: »Ich will es nicht bestreiten. Vielleicht habt ihr auch wirklich die Teufel gesehen; als man aber neulich in Gaza das Götzenbild des Zeus zerstörte, da war ich dabei: es waren aber keine Teufel darin, sondern solcher Unrat, daß es mich ekelt, davon zu sprechen. Von außen sah er so schrecklich und wichtig aus: nichts als Elfenbein und Gold, und in der Hand hatte er Blitze. Im Innern fand man nur Spinngewebe, Ratten, Staub, verrostete Eisenstangen und Hebel, Nägel, stinkendes Pech und der Teufel weiß, was noch für Dreck. Und das soll ein Gott heißen!« Jamblichus war blaß wie weiße Leinwand, seine Augen waren erloschen. Er faßte Julianus an der Hand und führte ihn zur Seite. »Siehst du, diese zwei? Es sind Spione des Constantius. Deinen Bruder Gallus hat man bereits unter Bewachung nach Konstantinopel fortgeführt. Sei auf der Hut! Heute noch werden sie eine Anzeige erstatten ...« »Meister, was kann ich dagegen tun? Ich bin daran gewöhnt. Ich weiß es, daß sie mich seit langem beobachten ...« »Seit langem? ... Warum hast du es mir nicht schon früher gesagt?« Seine Hand zitterte in der des Julianus. »Was haben sie hier zu tuscheln? Paßt auf, vielleicht sind es gar Gottlose? – He, Alter, rühre dich, bring Holz herbei!« rief ihnen ein Bettler zu, der sich hier wie ein Sieger vorkam. Jamblichus raunte Julianus zu: »Wollen wir sie verachten und uns fügen. Ist es denn nicht einerlei? Die Dummheit der Menschen kann die Götter nicht beleidigen.« Der Göttliche nahm aus der Hand eines Christen ein Scheit und warf es in den Scheiterhaufen. Julianus traute seinen Augen nicht. Doch die Spione beobachteten ihn lächelnd, aufmerksam und mit gespannten Blicken. Da wurde Julianus wieder von Schwäche ergriffen, und seine altgewohnte Heuchelei, Verachtung seiner selbst und der Menschen und Schadenfreude bemächtigten sich seiner Sinne. Obwohl er in seinem Rücken die Blicke der Spione fühlte, wählte er aus einem Holzstoß das allergrößte Scheit und warf es gleich nach Jamblichus in das Feuer, in dem der verstümmelte Leib der Göttin bereits zu schmelzen begann. Er sah, wie das geschmolzene Silber, gleich Todesschweiß, ihr Gesicht herabfloß; doch auf ihren Lippen spielte noch immer das unbezwingbare, ruhige Lächeln. IX. »Sieh dir nur diese schwarzgekleideten Menschen an, Julianus. Es sind die Schatten des Abends, Schatten des Todes. Bald wird es kein einziges weißes Kleid mehr geben, kein einziges sonnendurchleuchtetes Stück Marmor. Es ist zu Ende!« So sprach der junge Sophist Antonius, ein Sohn der ägyptischen Prophetin Sosipatra und des Neoplatonikers Aedesius. Er stand mit Julianus auf dem großen, hochgelegenen, von Sonnenlicht durchfluteten und vom blauen Himmel überspannten Platz vor dem Altar von Pergamon. Den Fuß des Tempels schmückte eine Darstellung der Gigantomachie, des Kampfes der Götter mit den Giganten; die Götter triumphierten, und die Hufe ihrer geflügelten Rosse zertraten die schlangenförmigen Beine der Giganten. Antonius wies auf dieses Bildwerk hin und sagte: »Die Olympier haben die alten Götter besiegt; jetzt werden sie von den neuen Göttern besiegt werden. Die Tempel werden Grabgewölbe werden.« Antonius war ein schön gewachsener, schlanker Jüngling; sein Körper und seine Gesichtszüge erinnerten etwas an die des pythischen Apollos; er litt aber seit mehreren Jahren an einer unheilbaren Krankheit; sein schönes Gesicht von rein griechischem Typus war gelb und abgemagert, und der schmerzvolle Ausdruck der neuen Krankheit, die den Männern des Altertums fremd war, machte auf diesem klassischen Gesicht einen befremdenden Eindruck. »Ich flehe die Götter nur um Eines an,« fuhr Antonius fort: »daß ich diese barbarische Nacht nicht zu sehen brauche und früher sterbe. Wir alle, die wir Sophisten, Rhetoren, Gelehrte, Dichter, Künstler, Freunde der hellenischen Weisheit sind, wir haben uns überlebt und sind überflüssig geworden. Wir sind zu spät gekommen. Es ist zu Ende!« »Und wenn es doch noch nicht zu Ende ist?« sagte Julianus leise wie vor sich hin. »Nein, es ist zu Ende! Wir sind krank und zu schwach ...« Das Gesicht des neunzehnjährigen Julianus schien fast ebenso mager und blaß wie das des Antonius; die hervorstehende Unterlippe verlieh ihm einen finsteren und hochmütigen Ausdruck; die dichten Augenbrauen waren zusammengezogen und drückten Gehässigkeit und Härte aus; an der häßlichen, auffallend großen Nase traten schon die ersten Runzeln hervor; die Augen glänzten wie im Fieber mit trockenem Feuer. Er trug die Kleidung eines christlichen Novizen. Am Tage pflegte er, wie früher, Kirchen und Heiligengräber zu besuchen, von der Kanzel die Heilige Schrift vorzulesen und sich zur Einkleidung als Mönch vorzubereiten. Zuweilen erschien ihm seine Verstellungskunst zwecklos, denn er wußte, welches Schicksal seinen Bruder Gallus ereilt hatte, und daß dieser dem Tode nicht mehr entrinnen könne. Auch er lebte von Tag zu Tag und von Monat zu Monat in ständiger Todesgefahr. Die Nächte verbrachte er aber in der Bibliothek zu Pergamon, wo er die Werke des berühmten Gegners der Christenlehre, des Rhetors Libanius studierte; auch besuchte er die Vorlesungen der griechischen Sophisten Aedesius von Pergamon, Chrisantius von Sardes, Priscus von Thesprotia, Eusebius von Myndus, Prophäresius und Nymphidianus. Sie lehrten ihn das gleiche, was er bereits von Jamblichus gehört hatte: sie predigten von der Dreieinigkeit der Neoplatoniker und von der heiligen Verzückung. »Nein, es ist noch nicht das Richtige,« dachte Julianus; »das Wesentlichste verheimlichen sie vor mir.« Priscus, der dem Pythagoras nachahmte, hatte fünf Jahre lang geschwiegen; er aß nichts, was Leben hatte, gebrauchte weder Wollstoffe, noch Ledersandalen, kleidete sich nur in Gewebe pflanzlicher Herkunft und nährte sich ausschließlich von Pflanzen; er trug eine pythagoreische Chlamys aus reinem, weißen Leinen und Sandalen aus Palmenfasern. »In unserer Zeit,« pflegte er zu sagen, »muß man schweigen können und nachdenken, wie man mit Würde sterben kann.« Priscus erwartete mit Würde und großer Menschenverachtung das, was er den Tod nannte: den Sieg des Christentums über das Hellenentum. Der listige und vorsichtige Chrisantius erhob, so oft die Rede auf die Götter kam, seine Augen zum Himmel und erklärte, daß er es nicht wage, über sie zu sprechen, denn er wisse von ihnen nichts; was er aber früher gewußt hätte, hätte er vergessen; er rate auch einem jeden, es zu vergessen, von der Magie, von den Wundern und Visionen wollte er nichts wissen, denn er erklärte sie für Betrug, der dazu auch durch die Gesetze des Römischen Reiches verboten sei. Julianus aß und schlief wenig; sein Blut wallte in leidenschaftlicher Ungeduld. Jeden Morgen, wenn er erwachte, fragte er sich: »Vielleicht kommt es heute?« Die armen, eingeschüchterten Philosophen und Theurgen waren Julianus' und seiner ewigen Fragen nach den Geheimnissen und Wundern überdrüssig geworden. Einige von ihnen lachten über ihn; so besonders Chrysantius, der immer schlau wie ein Fuchs lächelte und die Gewohnheit hatte, auch solchen Meinungen zuzustimmen, die er selbst für den größten Unsinn hielt. Aedesius, der ein kluger, schüchterner und gutmütiger Greis war, erbarmte sich eines Tages des Schülers und sagte zu ihm: »Kind, ich will ruhig mein Leben beschließen. Du bist noch jung. Verlasse mich und gehe zu meinen Schülern; sie werden dir alles eröffnen. Ja, es gibt viele Dinge, über die wir nicht zu reden wagen ... Wenn du in die Mysterien eingeweiht sein wirst, so wirst du dich vielleicht schämen, nur als Mensch geboren und es bis heute geblieben zu sein.« Eusebius aus Myndus, ein Schüler des Aedesius, war neidisch und erbittert. Er erklärte dem Jüngling: »Es gibt keine Wunder mehr, warte nicht auf sie. Die Götter sind der Menschen überdrüssig geworden. Die Magie ist ein Unsinn, und ein Narr ist, wer an sie glaubt. Wenn du aber der Weisheit überdrüssig bist und durchaus betrogen sein willst, so gehe nur zu Maximus. Er verachtet unsere Dialektik, und selbst... Übrigens ist es nicht meine Gewohnheit, schlecht von meinen Freunden zu sprechen. Ich werde dir lieber erzählen, was wir neulich in einem unterirdischen Tempel der Hekate erlebten, in den uns Maximus führte, um seine Künste zu zeigen. Als wir eingetreten waren und unsere Gebete verrichtet hatten, sagte er uns: ›Setzt euch, und ihr werdet ein Wunder sehen.‹ Wir setzten uns. Er warf in das Feuer des Kitares ein Körnchen Weihrauch und begann etwas zu murmeln, wahrscheinlich seine Beschwörungsformeln. Da sahen wir ganz deutlich, wie das Bild der Hekate plötzlich lächelte. Maximus sagte: ›Fürchtet nichts, ihr werdet gleich sehen, wie die beiden Lampen, die die Göttin in den Händen hat, aufleuchten werden. Seht! Kaum hatte er das gesagt, als sich die Lampen wirklich entzündeten.« »Es war also doch ein Wunder geschehen!« rief Julianus aus. »Ja, ja. Wir waren so bestürzt, daß wir vor der Göttin in die Knie fielen. Als ich aber den Tempel verlassen hatte, fragte ich mich: Was ist es nun? Ist denn das, was Maximus treibt, eines Weisen würdig? Lies Bücher, lies die Werke des Pythagoras, Plato, Porphyrius, da kannst du wirklich Weisheit finden. Ist denn die Reinigung der Seele durch die göttliche Dialektik nicht herrlicher, als alle Wunder?« Julianus hörte ihm nicht mehr zu. Er richtete seine brennenden Augen auf das bleiche, gelbe Gesicht des Eusebius und sagte, die Schule verlassend: »Bleibt nur da mit euren Büchern und eurer Dialektik. Ich strebe nach Leben und Glauben. Ist denn ein Glaube ohne ein Wunder möglich? Ich danke dir, Eusebius. Du hast mir den Mann gewiesen, den ich schon längst suche.« Der Sophist blickte ihm mit seinem giftigen Lächeln nach und rief: »Nun, Neffe Konstantins, du bist wirklich deinem Onkel nachgeraten. – Sokrates brauchte aber keine Wunder, um zu glauben.« X. Um Mitternacht legte Julianus im Vorraume des großen Saales der Mysterien seine Novizenkleidung ab; die Mystagogen, die Priester, die die Neophyten in die Mysterien einweihen, bekleideten ihn mit einem Hierophantengewand, das aus reinen ägyptischen Papyrusfasern bestand; in die Hand bekam er einen Palmenzweig; die Füße blieben bloß. Er betrat den niederen, langen Saal. Die gewölbte Decke wurde von zwei Reihen von Säulen aus Aurichalcum, einer grünlich schimmernden Kupferlegierung, getragen; eine jede Säule stellte zwei ineinandergeschlungene Schlangen dar; das Aurichalcum roch nach Grünspan. An den Säulen standen auf schlanken Füßen Räucherbecken, aus denen Feuerzungen emporstiegen; weiße Rauchwolken erfüllten den Saal. In der Ferne, an der Schmalwand des Saales, schimmerten zwei goldene, geflügelte assyrische Stiere; über ihnen thronte, einem Gotte gleich, in einem langen, schwarzen, goldgestickten und mit Smaragden und Karfunkeln besäten Gewande der große Hierophant – Maximus von Ephesus. Ein Hierodul verkündete mit langgedehnter Stimme den Beginn der Mysterien. »Wenn in dieser Versammlung ein Gottloser, ein Christ, oder ein Epikureer anwesend ist, so verlasse er uns!« Julianus war auf alle Antworten, die ein Neophyt zu geben hatte, vorbereitet. Er sagte mit lauter Stimme: »Die Christen sollen sich entfernen!« Der Chor der Hierodulen, der im Finsteren unsichtbar war, fiel mit traurigem Gesange ein: »Die Türe! Die Türe! Die Christen sollen sich entfernen! Hinaus mit den Gottlosen!« Dann traten aus dem Schatten vierundzwanzig Jünglinge vor; sie waren ganz nackt; in ihren Händen glänzten silberne, halbrunde Sistren, die der Sichel des neuen Mondes glichen; die spitzen Enden der Sichel vereinigten sich zu einem vollen Kreise und trugen feine Speichen, die bei der leisesten Berührung erzitterten. Die Jünglinge hoben gleichzeitig ihre Sistren über den Köpfen empor und berührten mit einer einförmigen Bewegung der Finger die Speichen; es gab einen schwermütigen, schmachtenden Klang. Maximus gab ein Zeichen. Jemand trat an Julianus von hinten heran, verband ihm die Augen und sagte: »Komm mit. Fürchte weder Wasser, noch Feuer, weder Geist, noch Körper, weder Leben, noch Tod!« Man führte ihn fort. Knarrend öffnete sich vor ihm eine wohl verrostete, eiserne Türe; dumpfe Luft schlug ihm entgegen; unter seinen bloßen Füßen fühlte er steile, glitschige Stufen. Er begann eine unendliche Treppe hinabzusteigen. Es herrschte eine Todesstille. Es roch nach Schimmel. Er hatte den Eindruck, daß er sich tief unter der Erde befinde. Er war unten angelangt und ging nun einen engen Gang entlang, seine Hände berührten die Wände. Plötzlich trat er auf etwas Feuchtes; unter seinen Schritten rieselte Wasser, es bedeckte bereits seine Füße. Er ging weiter. Das Wasser wurde mit jedem Schritte tiefer, es erreichte seine Knöchel, dann die Knie und schließlich auch die Hüften. Es war kalt, und er klapperte mit den Zähnen. Er ging immer weiter. Das Wasser erreichte schon seine Brust. Er dachte: »Vielleicht ist das Ganze Betrug? Vielleicht will mich Maximus einfach töten, um Constantius gefällig zu sein?« Doch er ging immer weiter. Das Wasser fiel. Plötzlich wehte ihm eine Glut, wie aus einem Schmiedeofen, ins Gesicht; die Erde wurde heiß und versengte seine Füße; er glaubte sich einem glühenden Ofen zu nähern; an seinen Schläfen pochte das Blut; ab und zu wurde die Hitze so unerträglich, als hätte man seinem Gesicht eine brennende Fackel oder ein Gefäß mit geschmolzenem Eisen genähert. Doch er ging immer weiter. Die Hitze nahm ab. Aber ein schwerer Gestank versetzte ihm den Atem; er stolperte über etwas Rundes, dann wieder, und noch einmal; der Geruch sagte ihm, daß es Totenschädel und Gerippe seien. Plötzlich schien es ihm, daß jemand lautlos, wie ein Schatten, an seiner Seite schleiche. Eine kalte Hand hatte die seinige ergriffen. Er schrie auf. Dann fühlte er zwei Hände, die nach ihm griffen und sich an sein Kleid klammerten. Er merkte, daß an diesen Händen die Haut abblätterte und daß aus ihr nackte Knochen hervortraten. In der Gebärde, mit der diese Hände ihn und seine Kleidung berührten, lag eine lüsterne und häßliche Liebkosung, wie bei einem liederlichen Weibe. Julianus spürte an seiner Wange einen Atem: er roch nach Verwesung und Feuchtigkeit des Grabes. Plötzlich hörte er dicht an seinem Ohr ein rasches Flüstern, das sich wie das Rascheln von welkem Laub in einer Herbstnacht anhörte: »Ich bin es, ich bin es, ich! Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es.« »Wer bist du?« sagte er, und plötzlich fiel ihm ein, daß er damit das Gelübde des Schweigens verletzt hatte. »Ich, ich. Wenn du willst, werde ich dir die Binde von den Augen nehmen und dann wirst du alles erfahren, und mich sehen. Soll ich? ..« Die knochigen Finger machten sich mit der gleichen, häßlichen und lüsternen Hast an seinem Gesicht zu schaffen, um die Binde zu entfernen. Eisige Kälte des Todes ging ihm durch Mark und Bein. Unwillkürlich, automatisch bekreuzte er sich dreimal, wie er es in seiner Kindheit nach einem schweren Traum zu tun pflegte. Ein Donnerschlag ertönte, die Erde unter seinen Schritten wankte, er glaubte in einen Abgrund zu stürzen und verlor das Bewußtsein. Als Julianus wieder zu sich kam, war die Binde von seinen Augen verschwunden; er lag auf weichen Polstern in einer großen, schwach beleuchteten Höhle; man gab ihm an einem mit stark riechenden Essenzen durchtränkten Tuche zu riechen. Vor Julianus stand ein nackter, hagerer Mann von dunkelbrauner Hautfarbe. Es war ein indischer Gymnosophist, ein Gehilfe des Maximus. Er hielt über seinem Kopfe unbeweglich eine glänzende, kupferne, runde Scheibe. Eine Stimme befahl Julianus: »Sieh hin!« Er richtete seinen Blick auf die Scheibe, deren unerträglicher Glanz den Augen weh tat. Er fixierte sie lange. Die Umrisse aller Gegenstände verschwammen in einem Nebel. Er spürte eine angenehme, beruhigende Mattigkeit; er hatte den Eindruck, daß der helle Kreis nicht außerhalb, sondern innerhalb seines Körpers glänze; seine Augenlider wurden schwer, und auf seinen Lippen spielte ein müdes, gefügiges Lächeln; er hatte sich ganz dem Zauber des Lichtes hingegeben. Jemand fuhr einigemal mit der Hand über seinen Kopf und fragte: »Schläfst du?« »Ja.« »Sieh mir in die Augen.« Julianus hob mit großer Anstrengung seine Augenlider und erkannte Maximus, der sich über ihn beugte. Maximus war ein Greis von siebzig Jahren; sein schneeweißer Bart reichte ihm bis an den Gürtel; sein graues Haar, das einen leichten goldenen Schimmer hatte, fiel ihm auf die Schultern herab; seine Wangen und seine Stirne waren von tiefen Runzeln durchfurcht, die nicht von Gram, sondern von Weisheit und Willensstärke erfüllt waren; seine feinen Lippen umspielte ein zweideutiges Lächeln: so lächeln sehr kluge, verlogene und verführerische Frauen; am besten gefielen Julianus seine Augen: klein, funkelnd und schnell lugten sie unter den buschigen, grauen Augenbrauen hervor und blickten durchdringend, spöttisch und liebevoll. Der Hierophant fragte ihn: »Willst du den alten Titanen sehen?« »Ich will es!« antwortete Julianus. »Sieh hin.« Der Zauberer wies ihm mit der Hand in die Tiefe der Höhle, wo ein Dreifuß aus Aurichalcum stand. Eine große, weiße Rauchwolke stieg zur Decke. Da erscholl eine Stimme, wie die Stimme des Sturmes, und die ganze Höhle erbebte: »Herkules, Herkules, befreie mich!« Zwischen Wolkenfetzen leuchtete ein blauer Himmel. Julianus lag mit unbeweglichem, blassem Gesicht und halbgeschlossenen Augen und sah auf die flüchtigen, leichten Bilder, die an ihm vorbeizogen; er hatte den Eindruck, als ob er sie nicht selbst sähe, sondern jemand anderer ihm befehle, sie zu sehen. Er sah Wolken und schneebedeckte Berge; irgendwo tief unten, wahrscheinlich in einem Abgrunde, brauste das Meer. Er sah einen großen Körper; Füße und Hände waren mit Eisenfesseln an einem Felsen befestigt; ein Geier hackte mit dem Schnabel die Leber des Titanen; schwarzes Blut lief in dicken Tropfen die Hüften hinab; die Ketten klirrten; er warf sich vor Schmerz hin und her. »Herkules, befreie mich!« Der Titan hob seinen Kopf und seine Augen blickten in die des Julianus. »Wer bist du? Wen rufst du?« fragte Julianus mit großer Anstrengung, wie einer, der aus dem Schlafe spricht. »Dich.« »Ich bin nur ein schwacher Sterblicher.« »Du bist mein Bruder: befreie mich.« »Wer hat dich wieder gefesselt?« »Die Demütigen, die Sanften, diejenigen, die ihren Feinden aus Feigheit vergeben, die Sklaven, die Sklaven! Befreie mich!« »Wie kann ich es?« »Sei wie ich.« Die Wolken wurden dunkel; in der Ferne erdröhnte Donner; ein Blitz durchfuhr die Finsternis; der Geier flog schreiend auf; von seinem Schnabel tropfte Blut. Doch stärker als der Donner dröhnte die Stimme des Titanen: »Befreie mich, Herkules!« Vom Dreifuß stiegen neue Rauchwolken empor, die alles verhüllten. Julianus kam für einen Augenblick zur Besinnung. Der Hierophant fragte ihn: »Willst du den Ausgestoßenen sehen?« »Ja, ich will es.« »Sieh hin.« Julianus schloß die Augen und gab sich wieder der leisen Gewalt des Schlafes hin. Im weißen Rauch sah er den schwachen Umriß eines Kopfes und eines riesenhaften Flügelpaares; die Federn hingen wie die Zweige einer Trauerweide hinab, von einem blassen, blauen Licht umwoben. Eine ferne, schwache Stimme, wie die eines verstorbenen Freundes, rief: »Julianus! Julianus! Sage dich in meinem Namen von Christo los.« Julianus schwieg. Maximus flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du den Großen Engel sehen willst, so sage dich los.« Und Julianus sprach: »Ich sage mich los.« Über dem Kopfe der Erscheinung leuchtete im Nebel der Morgenstern auf, der Stern der Morgenröte. Und der Engel wiederholte: »Julianus, sage dich in meinem Namen von Christo los.« »Ich sage mich los.« Und zum dritten Male sagte der Engel: »Sage dich los!« – und seine Stimme klang laut, nahe und triumphierend. Julianus antwortete zum dritten Male: »Ich sage mich los.« Und der Engel sagte: »Komme zu mir.« »Wer bist du?« »Ich bin der Lichtbringende. Ich bin die Morgenröte. Ich bin der Morgenstern.« »Wie schön du bist!« »Werde mir gleich.« »Wie traurig deine Augen sind!« »Ich leide für alle Lebenden. Geburt und Tod sind unnötig. Kommet alle zu mir. Ich bin die Dämmerung, ich bin die Ruhe, ich bin die Freiheit.« »Wie nennen dich die Menschen?« »Das Böse.« »Du bist das Böse!« »Ich habe mich aufgelehnt.« »Gegen wen?« »Gegen den, dem ich gleiche. Er wollte der Einzige sein, wir sind aber unser zwei.« »Laß mich dir gleich werden.« »Lehne dich auf gleich mir. Ich werde dir die Kraft geben.« Der Engel verschwand. Die Flamme des Dreifußes flackerte im Winde auf und schlug zur Erde. Dann wurde der Dreifuß von einem neuen Windstoß umgeworfen, und die Flamme verlosch. Im Finstern hörte man ein Stampfen, Wimmern und Stöhnen: unsichtbare, zahllose Heerscharen schienen vor einem Feinde durch die Luft zu fliehen. Julianus warf sich, von Grauen erfaßt, nieder und berührte mit seinem Gesicht die Erde; das lange, schwarze Gewand des Hierophanten wehte im Winde. Zahllose Stimmen stöhnten: »Flieht, flieht!« – »Die Tore der Hölle öffnen sich. das ist Er, Er der Sieger!« Der Wind pfiff Julianus um die Ohren. Legionen um Legionen flogen über ihm dahin. Nach einem neuen Windstoß trat plötzlich tiefe Stille ein, ein himmlischer Hauch zog durch die Stille, wie um die Mitte einer kurzen Sommernacht. Und eine Stimme sprach: »Saul! Saul! Was verfolgst du Mich?« Julianus schien es, daß er diese Stimme schon einmal in seiner Kindheit gehört hätte. Dann rief die Stimme wieder, doch leiser, wie aus der Ferne: »Saul! Saul! was verfolgst du Mich?« Die Stimme erstarb in weiter Ferne und klang nur noch wie ein kaum hörbarer Hauch: »Saul! Saul! was verfolgst du Mich?« Als Julianus wieder zu sich kam und sein Gesicht von der Erde erhob, sah er einen der Hierodulen eine Lampe anzünden. Ihm schwindelte; doch er wußte noch alles, was er erlebt hatte, wie man sich an einen Traum erinnert. Man verband ihm wieder die Augen und gab ihm etwas gewürzten Wein zu trinken. Er fühlte sich wieder stark und munter. Man führte ihn die Stiege hinauf, seine Hand ruhte jetzt in der des Maximus. Julianus schien es, daß ihn eine unsichtbare Kraft, wie auf Flügeln, emporhebe. Der Hierophant sagte: »Frage.« »Hast du ihn gerufen?« fragte Julianus. »Nein, wenn aber die Saite einer Leier ertönt, so antwortet ihr eine andere. Ein Gegensatz antwortet dem andern.« »Warum liegt denn in seinen Worten eine solche Gewalt, wenn sie nur Lüge sind?« »Nein, sie sind die Wahrheit.« »Was sagst du? Folglich sind die Worte des Titanen und des Engels Lügen?« »Nein, auch sie sind Wahrheit.« »Also zwei Wahrheiten?« »Ja, zwei.« »Du verführst mich ...« »Ich verführe dich nicht, doch die vollkommene Wahrheit ist verführerisch und ungewöhnlich. Wenn du dich fürchtest, so schweige.« »Ich fürchte mich nicht. Doch sage mir, haben die Galiläer recht?« »Ja.« »Warum habe ich mich dann losgesagt?« »Es gibt auch noch eine andere Wahrheit.« »Die höher ist?« »Nein, sie ist der Wahrheit, von der du dich eben losgesagt hast, gleich.« »Woran soll ich denn glauben? Wo ist Gott?« »Hier und dort. Diene dem Ahriman, diene dem Ormuzd. Diene, wem du willst, doch wisse: Beide sind gleich: das Reich des Teufels ist gleich dem Reiche Gottes.« »Wohin soll ich gehen?« »Wähle den einen der beiden Wege und halte dich nicht auf.« »Welchen Weg soll ich wählen?« »Wenn du an Ihn glaubst, so nimm das Kreuz, und folge Ihm, wie Er es befohlen hat. Sei demütig, sei keusch, sei ein stummes Lamm in der Hand des Henkers; fliehe in die Wüste; gib Ihm dein Fleisch und deinen Geist; leide und glaube. – Dies ist der eine der beiden Wege: die alles duldenden Galiläer erreichen die gleiche Freiheit, wie Prometheus und Lucifer.« »Ich will es nicht!« »Dann wähle dir den anderen Weg. Sei stark und frei; kenne weder Mitleid, noch Liebe, noch Vergebung; lehne dich auf und besiege alles; glaube an nichts und ergründe alles. So wird dir die Welt gehören, und du wirst dem Titanen und dem Engel der Morgenröte gleichen.« »Ich kann nicht vergessen, daß auch in den Worten des Galiläers eine Wahrheit liegt; zwei Wahrheiten kann ich nicht ertragen! ..« »Wenn du es nicht kannst, so sei wie alle. Besser ist es unterzugehen. Doch du kannst es. Wage es. – Du wirst ein Cäsar sein.« »Ich – ein Cäsar?« »Du wirst mehr in deiner Gewalt haben, als der Makedonische Held.« Julianus spürte, daß sie den unterirdischen Gang verließen: frische Seeluft wehte ihnen entgegen; es war wohl der frühe Morgenwind. Ohne zu sehen, fühlte er sich von der Unendlichkeit des Meeres und des Himmels umgeben. Der Hierophant nahm ihm die Binde von den Augen. Sie standen auf einem hohen, marmornen Turme, in der Art der altchaldäischen Türme; es war die am Rande eines tiefen, steilen Abhanges über dem Meere erbaute Sternwarte; unten lagen die prächtigen Gärten und Villen des Maximus, Paläste und Propyläen, die an die Kolonnaden von Persepolis erinnerten; etwas weiter sah man im Nebel das Artemisium und das säulenreiche Ephesus; noch weiter, im Osten, lag das Gebirge; dort sollte bald die Sonne aufgehen; im Westen, im Süden und im Norden breitete sich das unendliche, nebelige, dunkelblaue Meer; es zitterte und lachte in Erwartung des Sonnenaufganges. Sie standen so hoch, daß es Julianus schwindelte; er mußte sich auf den Arm des Maximus stützen. Plötzlich drangen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne hinter den Bergen hervor; er lächelte und schloß die Augen; und die Sonne streifte das weiße, geheiligte Gewand des Julianus mit ihrem ersten, anfangs rosigen, dann blutroten Strahl. Der Hierophant ließ seine Hand über den Horizont schweifen und sagte, auf das Meer und die Erde weisend: »Sieh, alles das ist dein.« »Wie kann ich es, Meister? ... Ich erwarte täglich den Tod. Ich bin krank und schwach ...« »Die Sonne, Gott Mithra, krönt dich mit seinem Purpur. Es ist der Purpur der Cäsaren. Alles ist dein. Wage!« »Warum soll alles mein sein, wenn es die einzige Wahrheit und den einzigen Gott, den ich suche, nicht gibt?« »Finde ihn. Verbinde, wenn du es kannst, die Wahrheit des Titanen mit der Wahrheit des Galiläers – und du wirst größer sein als alle, die je von irdischen Frauen geboren wurden.« * Maximus von Ephesus besaß eine große Bibliothek, stille, mit wissenschaftlichen Instrumenten angefüllte Marmorhallen und große Anatomiesäle. In einem dieser Säle sezierte der junge Gelehrte Oribasius, ein Arzt aus der alexandrinischen Schule, mit einem feinen Stahlmesser ein höchst seltenes Tier, das Maximus aus Indien zugeschickt worden war. Der Theurg wohnte selbst der Sektion bei. Der Anatomiesaal war rund, ohne Fenster und hatte Oberlicht; er war den Sälen im Museum von Alexandria nachgebildet; an den Wänden standen kupferne Gefäße, Feuerbecken, mathematische Instrumente des Archimedes und Eolipius und die sogenannte »Feuermaschine« des Ktesibius; in der stille der angrenzenden Bibliothek fielen klingende Tropfen der von Apollonius erfundenen Wasseruhr; es gab dort Globen, auf Kupfer gravierte Landkarten und Himmelssphären des Hipparchus und Eratosthenes. Die beiden Freunde anatomisierten das lebende Tier nach den Vorschriften des großen Anatomen Herophilus. Im gleichmäßigen Lichte, das aus einer runden Öffnung in der Decke fiel, stand Maximus in der einfachen Kleidung eines Philosophen vor einem breiten Marmortische und betrachtete aufmerksam die noch warmen Eingeweide des Tieres. Seine kleinen und schnellen Augen funkelten unter den grauen Augenbrauen durchdringend und etwas spöttisch. Oribasius sagte, während er, über den Tisch gebeugt, die eben herausgenommene Leber des Tieres betrachtete: »Wie kann der Philosoph Maximus an Wunder glauben?« »Ich glaube und ich glaube nicht,« entgegnete der Theurg. »Ist denn die Natur, die wir beide erforschen, nicht das größte aller Wunder? Sind denn diese feinen Blutgefäße, Nerven und die so vollkommen eingerichteten inneren Organe, die wir wie die Auguren betrachten, nicht ein großes Wunder und ein Geheimnis?« »Du weißt, was ich damit sagen will,« antwortete Oribasius. »Warum betrügst du den armen Knaben?« »Den Julianus?« »Ja.« »Er will ja selbst betrogen sein.« Der junge Arzt zog seine sein geschwungenen Brauen zusammen. »Meister, wenn du mich liebst, so sage mir, wer du eigentlich bist? Wie kannst du diesen Betrug dulden? Weiß ich denn selbst nicht, was die Magie ist? – Ihr befestigt an der Decke eines dunklen Zimmers die mit eigenem Lichte leuchtende Schuppenhaut eines Fisches, und der Jünger, den ihr in die Mysterien einweiht, glaubt, es sei der gestirnte Himmel, der zu ihm auf das Gebot des Hierophanten herabsteigt. Ihr formt aus Leder und Wachs einen Totenkopf und befestigt ihn auf einem langen Kranichhals; dann versteckt ihr euch in einem Raum unter dem Fußboden und sprecht in diese Knochenröhre eure Prophezeiungen hinein; doch der Schüler glaubt, daß der Schädel ihm die Geheimnisse des Todes offenbart. Wenn aber der Totenkopf verschwinden soll, nähert ihr ihm ein Kohlenbecken – das Wachs schmilzt und der Schädel löst sich auf. Ihr werft aus einer Laterne mit bemalten Gläsern Spiegelbilder auf den weißen Rauch von Räucherwerk, und der Schüler glaubt vor sich Götter zu sehen. Ihr zeigt ihm im Wasser eines Brunnens, der einen steinernen Rand und einen gläsernen Boden hat, den leibhaftigen Apollo, – einen verkleideten Sklaven, und die leibhaftige Aphrodite, – eine verkleidete Dirne. Und das nennt ihr heilige Mysterien! ...« Auf den feinen Lippen des Hierophanten spielte ein zweideutiges Lächeln: »Unsere Mysterien sind tiefsinniger und schöner, als du glaubst, Oribasius. Der Mensch braucht die Verzückung. Für den Gläubigen ist die Dirne wirklich Aphrodite, und die Fischhaut wirklich der gestirnte Himmel. Du sagst, daß die Menschen vor Bildern, die von einer Öllampe mit bemalten Gläsern hervorgezaubert werden, beten und weinen. Oribasius, Oribasius, ist denn die ganze Natur, die deine Weisheit so sehr bewundert, nicht das gleiche von Gefühlen hervorgerufene Trugbild, wie die Bilder aus der Laterne eines persischen Magiers? Wo ist die Wahrheit? Wo ist die Lüge? Du glaubst und weißt, – ich will nicht glauben und kann nicht wissen ...« »Wäre dir denn Julianus dankbar, wenn er wüßte, daß du ihn betrügst?« »Julianus sah nur jene Dinge, die er sehen wollte und mußte. Ich gab ihm die Verzückung; ich gab ihm Glauben und Lebenskraft. Du sagst, ich hätte ihn betrogen? Wenn es nötig wäre, so hätte ich ihn vielleicht auch wirklich betrogen und verführt. – Ich liebe ihn. Ich werde ihn nicht verlassen, solange ich lebe. Ich will ihn groß und frei machen.« Maximus warf Oribasius einen seiner rätselhaften Blicke zu. Ein Sonnenstrahl spielte im grauen Bart und in den grauen, buschigen Brauen des Greises; die Haare schimmerten wie Silber; die Runzeln auf seiner Stirne erschienen noch tiefer und dunkler; über die feinen Lippen glitt ein zweideutiges Lächeln, verführerisch, wie Frauenlächeln. XI. Julianus besuchte seinen unglücklichen Bruder Gallus, als sich dieser auf der Durchreise in Konstantinopel aufhielt. Er fand ihn umgeben von einer verräterischen Ehrenwache, die aus Würdenträgern des Constantius bestand: hier war der listige, höfliche Stutzer, der Quästor Leontius, der durch seine Kunst, an den Türen zu horchen und Sklaven auszufragen, berühmt war; der Tribun der Schildträger – Scutarier, der schweigsame Barbar Bainobaudes, der wie ein verkleideter Henker aussah; der würdevolle Zeremonienmeister des Kaisers, »Comes domesticorum«, Lucillianus; und schließlich derselbe Scudilo, der einst Kriegstribun in Cäsarea zu Kappadocien gewesen war und jetzt dank der Protektion mehrerer alten Damen eine Stellung am Hofe innehatte. Gallus, der gesund, lustig und leichtsinnig wie immer schien, bewirtete Julianus mit einem ausgezeichneten Abendessen; er prahlte besonders mit einem fetten, kolchischen Fasan, der mit frischen Datteln aus Thebais gefüllt war. Er lachte wie ein Kind und sprach viel über die Jugendjahre in Macellum. Julianus kam zufällig auf die Frau seines Bruders, Konstantina, zu sprechen, sofort veränderte sich Gallus' Gesichtsausdruck? er ließ seine Finger mit einem weißen, saftigen Stück vom Fasan, das er bereits zum Munde führte, wieder sinken; Tränen traten ihm in die Augen. »Weißt du es denn noch nicht, Julianus? – Auf der Reise zum Kaiser – sie wollte ihn aufsuchen, um mich zu rechtfertigen – – starb Konstantina im Städtchen Coenon Gallicanon zu Bithynien an Fieber. Ich habe zwei Nächte durchgeweint, als ich von ihrem Tode erfuhr ...« Er schielte ängstlich nach der Türe, neigte sich zu Julianus' Ohr und flüsterte ihm zu: »Seit jenem Tage habe ich alles aufgegeben ... Sie allein könnte mich noch retten. Bruder, es war eine merkwürdige Frau. Nein, du weißt nicht, Julianus, was es für eine Frau war! Ohne sie bin ich verloren ... Ich kann nichts unternehmen, kann nichts machen, ich habe keine Kraft ... Sie machen mit mir alles, was sie wollen.« Er leerte mit einem Zuge einen Becher unvermischten Weines. Julianus dachte an Konstantina, eine nicht mehr junge Witwe, die Schwester des Constantius, die der böse Genius seines Bruders gewesen war; an die zahllosen und sinnlosen Verbrechen, die er ihr zuliebe begehen mußte, oft nur wegen irgendeiner kostbaren Bagatelle, wegen eines versprochenen Halsschmuckes; er wollte erraten, durch welche Kraft dieses Weib seinen Bruder so gefesselt hatte, und fragte: »War sie schön?« »Hast du sie denn nie gesehen? – Nein, sie war nicht schön, sie war sogar häßlich. Sie war braun, mit Pockennarben im Gesicht, klein vom Wuchse, und hatte schlechte Zähne; übrigens vermied sie zu lachen. Man erzählte mir, sie sei mir untreu gewesen, sei nachts verkleidet, wie die Messalina, in die Stallungen des Hippodroms zu den jungen Stallknechten gelaufen. Was geht mich das aber an? War ich ihr treu? Sie ließ mich in Ruhe, und ich sie. Man sagt, sie sei grausam gewesen. – Ja, sie verstand zu herrschen, Julianus. Sie haßte die Verfertiger der Gassenhauer, in denen diese Schurken ihr oft Vorwürfe wegen ihrer schlechten Manieren machten und sie mit einer verkleideten Küchenmagd verglichen. Sie verstand sich auf Rache. Doch welch ein Verstand, welch ein ungewöhnlicher Verstand, Julianus! Ich fühlte mich in ihrem Rücken sicher, wie hinter einer festen Mauer. Nun, wir haben dafür auch in Freuden gelebt und uns nach Herzenslust vergnügt! ...« In den angenehmen Erinnerungen schwelgend, beleckte er mit der Zungenspitze die noch vom Weine feuchten Lippen. »Ja, das kann ich wohl sagen, wir haben gut gelebt!« schloß er nicht ohne Stolz. Als Julianus zu seinem Bruder ging, hoffte er in ihm Reue zu wecken; er hatte sich sogar eine Rede im Stile des Libanius, die von den Tugenden des Staatsmannes handelte, vorbereitet. Er erwartete einen von der Geißel der Nemesis verfolgten Menschen vor sich zu sehen; er sah aber nur das ruhige Gesicht eines jungen Athleten. Die Worte erstarben auf seinen Lippen. Während er ohne Widerwillen und ohne Haß dieses »gute Tier« – so nannte er in seinen Gedanken den Bruder – betrachtete, dachte er, daß bei diesem eine Moralpredigt ebenso zwecklos sei, wie bei einem gemästeten Hengste. Er fragte im Flüsterton, gleichfalls nach der Türe schielend: »Wozu reist du nach Mediolanum? Weißt du denn nicht ...?« »Sprich nicht davon. Ich weiß alles. Ich kann aber nicht mehr umkehren ... Es ist zu spät! ...« Er zeigte auf seinen weißen Hals. »Eine Schlinge – verstehst du mich? Er zieht sie allmählich zusammen. Er wird mich auch aus der Erde hervorholen, Julianus. Es lohnt sich nicht mehr, darüber zu sprechen. Es ist zu Ende! Ich habe in Freuden gelebt, nun ist's genug ...« »Du hast ja noch zwei Legionen in Antiochia liegen?« »Ich habe sie nicht mehr. Er hat mir allmählich, einen nach dem anderen, meine besten Soldaten weggenommen, angeblich zu meinem eigenen Wohl, alles zu meinem eigenen Wohl! Wie er um mich sorgt, wie er sich nach mir sehnt, wie er nach meinen Ratschlägen lechzt ... Julianus, es ist ein schrecklicher Mensch! Du weißt noch nicht, was es für ein Mensch ist, und Gott behüte dich davor, daß du es je erfährst. Er sieht alles, selbst was fünf Ellen unter der Erde liegt. Er kennt meine verborgensten Gedanken, selbst solche, die das Kopfende meines Bettes nicht kennt. Er durchschaut auch dich, Bruder. Ich fürchte ihn! ...« »Kannst du nicht fliehen?« »Leiser, leiser! .. Was fällt dir ein! ..« Die trägen Gesichtszüge des Gallus drückten jetzt die Angst eines Schuljungen aus. »Nein, es ist zu Ende! Ich bin wie ein Fisch an der Angel; er zieht mich langsam, ganz langsam heraus, damit die Schnur nicht reißt: ein Cäsar ist doch immerhin ziemlich schwer. Ich weiß, daß ich vom Angelhaken nie loskommen kann, und daß er mich früher oder später herausschleppen wird! ... Ich sehe ja vollkommen ein, daß es eine Falle ist, ich bin ja nicht blind; und doch gehe ich selbst aus purer Angst hinein. Diese letzten sechs Jahre, ja auch früher, solange ich mich erinnern kann, lebte ich in ständiger Angst. Nun ist's genug! Ich habe mein Leben ausgiebig genossen, jetzt hat es ein Ende. – Bruder, er wird mich abschlachten, wie ein Koch das junge Huhn. Zuvor wird er mich aber mit seinen Finten und Gnadenbeweisen müde quälen. Es wäre wirklich besser, er schlachtete mich jetzt gleich ab! ...« In seinen Augen flammte es plötzlich auf. »Wenn ich jetzt doch sie bei mir hätte – was glaubst du, Bruder, – sie könnte mich sicherlich noch retten! Darum sage ich ja, daß sie eine ungewöhnliche Frau gewesen ist! ...« Der Tribun Scudilo trat in das Triclinium und meldete mit ehrerbietiger Verbeugung, daß morgen, zu Ehren der Ankunft des Cäsars, im Hippodrom von Konstantinopel Pferderennen stattfinden werden, an denen der berühmte Reiter Korax teilnehmen wird. Gallus freute sich wie ein Kind. Er befahl, gleich einen Lorbeerkranz vorzubereiten, mit dem er seinen Liebling Korax, falls dieser siege, eigenhändig vor dem Volke bekränzen wollte. Dann brachte er das Gespräch auf Pferde, Rennen und berühmte Reiter. Gallus trank sehr viel; seine Angst von vorhin war spurlos verschwunden; er lachte leichtsinnig und offenherzig, wie ein gesunder Mensch mit ruhigem Gewissen. Als er aber im letzten Augenblick des Abschiedes Julianus umarmte, weinte er wieder, hilflos mit seinen blauen Augen zwinkernd. »Gott helfe dir, Gott helfe dir! ..« stammelte er in übertriebener Rührung, die vielleicht auch vom Weine kam ... »Ich weiß, daß du allein mich wirklich geliebt hast, – du und Konstantina...« Er flüsterte Julianus ins Ohr: »Du wirst glücklicher sein, als ich: denn du verstehst dich zu verstellen. Ich habe dich immer darum beneidet ... Also, helfe dir Gott! ..« Julianus fühlte Mitleid. Er sah, daß es dem Bruder nie gelingen würde, sich von der Angel des Constantius loszureißen. Am nächsten Tage verließ Gallus mit der gleichen Ehrenwache Konstantinopel. In der Nähe des Stadttores begegnete ihm der soeben für Armenien ernannte Quästor Taurus. Taurus, ein höfischer Emporkömmling, blickte dem Cäsar frech ins Gesicht, ohne ihn zu grüßen. Inzwischen kamen immer neue Briefe vom Kaiser. Von Adrianopel an durfte Gallus nur noch zehn Postwagen behalten und mußte daher sein ganzes Gepäck und die Dienerschaft, mit Ausnahme von zwei oder drei Cubiculariern und Mundschenken, zurücklassen. Es war im Spätherbst. Die Straßen waren von dem unaufhörlichen Regen verdorben. Der Cäsar mußte eilen; man ließ ihm nicht Zeit zum Ausruhen und Ausschlafen; seit zwei Wochen hatte er kein Bad genommen. Dieses ihm ungewohnte Gefühl des Schmutzes quälte ihn am meisten: sein ganzes Leben lang war er um seinen gesunden, gut gepflegten Körper besorgt; jetzt betrachtete er traurig seine ungeputzten und ungepflegten Fingernägel und den kaiserlichen Purpur seiner von Staub und Schmutz bedeckten Chlamys. Scudilo wich für keinen Augenblick von seiner Seite. Gallus hatte Grund, diesen übertrieben aufmerksamen Reisegenossen zu fürchten. Als der Tribun einmal in irgendeinem Auftrage des Kaisers am Hofe von Antiochia weilte, beleidigte er mit einem unvorsichtigen Ausdrucke oder Anspielung die Gemahlin des Cäsars, Konstantina. Ihrer bemächtigte sich jene blinde, beinahe wahnsinnige Wut, die bei ihr öfters auftrat. Es hieß, daß Konstantina den kaiserlichen Gesandten peitschen und dann in ein Gefängnis werfen ließ; viele wollten übrigens nicht daran glauben, daß selbst die jähzornige Gemahlin des Cäsars imstande gewesen wäre, sich zu einer solchen Beleidigung der kaiserlichen Majestät in der Person des römischen Tribunen hinreißen zu lassen. Jedenfalls nahm Konstantina bald Vernunft an und ließ Scudilo aus dem Gefängnisse befreien. Er kehrte an den Hof des Cäsars zurück und tat so, als ob nichts vorgefallen wäre; um so mehr, als niemand etwas Bestimmtes über den Vorfall wußte; er enthielt sich sogar einer Anzeige und »verschluckte«, wie sich die Neider ausdrückten, stumm die ihm zugefügte Beleidigung. vielleicht fürchtete auch der Tribun, daß die Gerüchte von der entehrenden Züchtigung ihm bei seiner Karriere schaden könnten. Als Gallus aus Antiochia nach Mediolanum reiste, fuhr Scudilo in einem Wagen mit dem Cäsar; er begleitete ihn auf Schritt und Tritt, behandelte ihn mit sklavischer Dienstfertigkeit und ließ ihn für keinen Augenblick allein. Er ging mit dem Cäsar wie mit einem verzogenen, kranken Kinde um, dem er, Scudilo, so zugetan sei, daß er es für keinen Augenblick verlassen könne. Bei gefährlichen Flußübergängen, auf den holprigen Dammwegen der Illyrischen Sümpfe hielt er ihn mit zärtlicher Besorgtheit an der Taille; und wenn der Cäsar den Versuch machte, sich aus dieser Umarmung zu befreien, umfaßte er ihn noch fester und zärtlicher und behauptete, daß er es vorziehen würde zu sterben, als ein so wertvolles Leben auch nur der geringsten Gefahr auszusetzen. Der Tribun hatte einen eigentümlichen, verträumten Blick, mit dem er, stumm lächelnd, den weichen Nacken des Gallus, der so weiß war, wie bei einem jungen Mädchen, zu betrachten pflegte; der Cäsar fühlte diesen Blick auf sich ruhen; er war ihm lästig, und er wandte sich manchmal um. In solchen Augenblicken überfiel ihn oft das Verlangen, den allzu liebenswürdigen Tribunen zu ohrfeigen; der arme Gefangene kam aber immer noch zu rechter Zeit zur Besinnung und beschränkte sich darauf, daß er mit klagender Stimme um einen kurzen Aufenthalt bat, um etwas zu sich nehmen zu können; trotz seiner traurigen Lage aß und trank er mit gewohntem Appetit. In Norica kamen ihnen zwei neue Abgesandte des Kaisers entgegen: Comes Barbatio und Apodemus, von einer Kohorte kaiserlicher Soldaten begleitet. Nun ließ man alle Larven fallen: das Nachtquartier des Gallus wurde wie ein Gefängnis mit Wachtposten umgeben. Abends kam Barbatio zum Cäsar, ohne ihn in der gebührenden Form zu begrüßen, und befahl ihm, die kaiserliche Chlamys auszuziehen und eine einfache Tunika und ein Paludamentum anzulegen; Scudilo half ihm beim Ausziehen mit solchem Eifer, daß er den Purpur der Chlamys zerriß. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene in eine Carpenta, einen zweiräderigen Postwagen, wie sie die kleineren Beamten bei ihren Dienstreisen gebrauchten, gesetzt; der Wagen hatte kein Verdeck. Ein durchdringender Wind wehte über die Landstraße, und es schneite in großen, nassen Flocken. Scudilo hielt, nach seiner Gewohnheit, Gallus mit der einen Hand umarmt und betastete mit der anderen die neue Kleidung. »Es ist ein schönes Kleid, wollig und warm. Meiner Ansicht nach ist es viel besser als der Purpur. Der Purpur hält nicht warm! Dieses da hat aber ein weiches, wollenes Futter ...« Als ob er das Futter betasten wollte, fuhr er mit der Hand unter das Kleid und die Tunika des Cäsars und zog plötzlich mit leisem, höflichen Kichern die Schneide eines Dolches hervor, den Gallus in den Falten verborgen hatte. »Es ist nicht schön, wirklich nicht schön!« sagte Scudilo streng, doch liebevoll. »Man kann sich ja so leicht aus Versehen verletzen. Es ist doch kein Spielzeug!« Mit diesen Worten warf er den Dolch auf die Landstraße. Gallus spürte eine unendliche Mattigkeit und Schwäche. Er schloß die Augen und fühlte, wie ihn Scudilo mit noch größerer Zärtlichkeit umarmte. Dem Cäsar kam alles wie ein häßlicher Traum vor. In der Nähe der Festung Pola zu Istrien am Adriatischen Meere machten sie halt. In dieser Stadt war vor einigen Jahren ein blutiges Verbrechen begangen worden – die Ermordung des jungen Helden Crispus, eines Sohnes Konstantins des Großen. Die kleine Provinzstadt war fast ausschließlich von Soldaten bevölkert. Die unendlich langen Kasernenbauten zeigten den langweiligen Stil der diocletianischen Zeit. Auf den Dächern lag Schnee; in den leeren Gassen heulte der Wind; das Meer rauschte. Gallus wurde in eine der Kasernen verbracht. Man setzte ihn einem Fenster gegenüber, so daß das grelle Winterlicht ihm gerade in die Augen fiel. Der geschickteste der kaiserlichen Spione, Eusebius, ein kleiner, zusammengeschrumpfter und freundlicher Greis, begann ihn mit der leisen, einschmeichelnden Stimme eines Beichtvaters zu verhören, wobei er sich fortwährend vor Kälte die Hände rieb. Gallus spürte tödliche Ermattung; er sagte alles aus, was nur Eusebius von ihm haben wollte; als aber das Wort »Hochverrat« fiel, sprang er, blaß vor Aufregung, auf und stammelte hilflos und blöde: »Ich war es nicht, ich war es nicht! Es war Konstantina! An allem war Konstantina schuld ... Ohne sie hätte ich nichts unternommen, sie verlangte die Hinrichtung des Theophilus, des Domitianus, des Clematius, des Montius und der übrigen. Gott sei mein Zeuge, daß ich daran unschuldig bin ... Sie hatte mir nichts davon gesagt. Ich wußte von nichts ...« Eusebius blickte ihn mit seinem stillen Lächeln an und sagte: »Schön. Ich will es dem Kaiser berichten, daß seine eigene Schwester Konstantina, die Gemahlin des gewesenen Cäsars, an allem die Schuld trage. Das Verhör ist zu Ende. – Führt ihn fort!« befahl er den Legionären. Bald darauf traf von Kaiser Constantius, der die Behauptung, daß seine verstorbene Schwester an allen in Antiochia begangenen Mordtaten schuldig sei, als eine persönliche Beleidigung auffaßte, das Todesurteil für Gallus ein. Als es dem Cäsar verlesen wurde, verlor er die Besinnung und fiel in die Arme seiner Wächter. Der Unglückliche hatte noch bis zum letzten Augenblicke auf Begnadigung gehofft. Und auch jetzt glaubte er noch, daß man ihm noch wenigstens eine Frist von einigen Tagen, oder einigen stunden geben würde, damit er sich auf den Tod vorbereiten könnte. Aber es waren Gerüchte im Umlauf, daß die Soldaten der thebanischen Legion sich empört hätten und den Cäsar befreien wollten. Er wurde daher sofort zur Hinrichtung geführt. Es war eine frühe Morgenstunde; nachts hatte es geschneit und der schwarze, klebrige Straßenkot war von weißem Schnee überdeckt. Kaltes, totes Sonnenlicht fiel auf den Schnee; auf den weiß getünchten Wänden der Kaserne, in die man Gallus verbracht hatte, lag ein blendender Widerschein. Den Soldaten traute man nicht: sie liebten ihn und hatten mit ihm Mitleid. Mit dem Henkeramte wurde ein Metzger betraut, der schon einigemal auf dem Marktplätze von Pola an istrischen Dieben und Räubern die Hinrichtung vollzogen hatte. Der Barbar verstand nicht mit dem römischen Schwerte umzugehen; er brachte sein eigenes, breites, zweischneidiges Beil mit, mit dem er Schweine und Hammel abzuschlachten pflegte. Der Metzger war slawischer Abstammung und hatte ein stumpfsinniges, schönes, verschlafenes Gesicht. Man hatte vor ihm verheimlicht, daß der Delinquent ein Cäsar sei, und der Henker glaubte, daß er einen gewöhnlichen Dieb hinzurichten habe. Gallus war vor seinem Tode ruhig und mild geworden. Mit blödem Lächeln gestattete er, alles mit ihm zu machen, was man nur wollte; er kam sich wie ein kleines Kind vor: auch in seiner Kindheit, so oft man ihn mit Gewalt in ein warmes Bad bringen wollte, hatte er geweint und sich gewehrt, dann aber immer nachgegeben: die Prozedur war nämlich gar nicht so unangenehm. Als er aber sah, wie der Henker die breite Schneide des Beiles auf dem nassen Schleifsteine hin und her zog und das leise Klirren des Eisens hörte, begann er am ganzen Leibe zu zittern. Man brachte ihn in ein Nebenzimmer; dort wurden seine weichen, goldenen Locken, die ein Stolz des schönen, jungen Cäsars waren, von einem Barbier vollständig abrasiert. Als er aus dem Zimmer des Barbiers zurückkam, stand er einen Augenblick lang Auge in Auge mit dem Tribunen Scudilo. Und der Cäsar fiel ganz unerwartet seinem ärgsten Feinde zu Füßen. »Rette mich, Scudilo! Ich weiß, daß du alles kannst! Heute nacht erhielt ich einen Brief von den Soldaten der thebanischen Legion. Laß mich ihnen nur ein Wort sagen: sie werden mich befreien. Ich habe dreißig Talente in der Schatzkammer des Mysischen Tempels liegen. Niemand weiß etwas davon. Ich will sie dir geben. Ich werde dir noch mehr geben. Die Soldaten lieben mich ... Ich werde dich zu meinem Freund, zu meinem Bruder, zu meinem Mitregenten, zu einem Cäsar machen! ...« Von einer wahnwitzigen Hoffnung ergriffen, umschlang er mit seinen Armen Scudilos Knie. Der Tribun fühlte plötzlich auf seinen Händen die Berührung von Gallus' Lippen und erbebte. Er sagte aber kein Wort, zog seine Hand langsam fort und blickte dem Cäsar lächelnd ins Gesicht. Gallus mußte sich entkleiden. Er wollte nicht die Sandalen ausziehen, denn er hatte schmutzige Füße. Als er beinahe nackt war, begann der Metzger ihm die Hände hinter den Rücken zu binden, wie er es bei gewöhnlichen Dieben zu tun pflegte. Scudilo wollte dem Henker dabei behilflich sein. Als aber Gallus die Berührung seiner Finger fühlte, gebärdete er sich wie ein Tobsüchtiger: er riß sich aus den Händen des Henkers los, packte den Tribunen mit beiden Händen an der Gurgel und begann ihn zu würgen; nackt und groß, glich er einem jungen, starken und furchtbaren Tiere. Man packte ihn von hinten, schleppte ihn vom Tribunen fort und band ihn an Armen und Beinen. In diesem Augenblicke erschollen unten im Kasernenhofe die Schreie der Soldaten der thebanischen Legion: »Es lebe der Cäsar Gallus!« Die Mörder beeilten sich. Man brachte einen großen Holzklotz, der als Richtblock dienen sollte. Gallus mußte niederknien. Barbatio, Bainobaudes und Apodemus hielten ihn an den Armen, Beinen und am Kopfe fest. Scudilo beugte ihm den Kopf über den Holzklotz. Mit einem wollüstigen Lächeln auf den blassen Lippen stemmte er mit aller Kraft diesen sich hilflos wehrenden Kopf gegen das Holz; er fühlte unter den von freudiger Erregung erkalteten Fingern die glatte, frischrasierte Haut, die noch von der Seife des Barbiers feucht war, und betrachtete mit Entzücken den fleischigen, weichen Hals, der so weiß war, wie bei einem jungen Mädchen. Der Metzger war ein höchst ungeschickter Scharfrichter. Als er das Beil niedersausen ließ, verfehlte er den Hals und streifte kaum die Haut. Als er das Beil zum zweiten Male erhoben hatte, schrie ihm Scudilo zu: »Nicht so! Mehr nach rechts! Halte den Kopf mehr nach rechts!« Gallus erzitterte und heulte dumpf und unmenschlich wie ein Stier, den man nicht gleich beim ersten Schlage getroffen hat. Immer näher und deutlicher klang das Geschrei der Soldaten: »Es lebe der Cäsar Gallus!« Der Metzger erhob sein Beil und ließ es wieder niedersausen. Ein heißer Blutstrahl traf Scudilos Hand. Der Kopf fiel und rollte auf den steinernen Fußboden. In diesem Augenblicke waren die Legionäre eingedrungen. Barbatio, Apodemus und der Tribun der Scutarier stürzten zu der anderen Türe. Der Henker blieb ganz verdutzt zurück. Scudilo hatte noch Zeit, ihm zuzuflüstern, daß er den Kopf des Hingerichteten Cäsars forttragen solle: so werden es die Legionäre nicht erfahren, wem der kopflose Rumpf gehörte; sonst würden sie sie alle in Stücke reißen. »Es war also kein Dieb?« murmelte der Henker ganz erstaunt. Den glattrasierten Kopf konnte man nicht gut anfassen. Der Metzger nahm ihn zuerst unter den Arm. Das war ihm aber unbequem. Er steckte nun einen Finger in den Mund des Kopfes, vor dessen Blick sich einst so viele Menschenköpfe neigen mußten, und trug ihn davon. Als Julianus vom Tode seines Bruders erfuhr, sagte er sich: »Jetzt ist die Reihe an mir!« XII. In Athen sollte Julianus Mönch werden. Es war ein Frühlingsmorgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Er war bei der Frühmesse gewesen und ging gleich aus der Kirche einige Stadien längs des mit Platanen und wildem Wein bewachsenen Ufers des Illissos. Er liebte diesen einsamen Platz, am Ufer des Stromes, der auf dem steinigen Boden wie Seide rauschte. Von hier konnte er durch den Nebel die rötlichen, sonnenverbrannten Felsen der Akropolis und die Umrisse des noch kaum vom Morgenlicht berührten Parthenons erkennen. Julianus band seine Sandalen ab und ging barfuß in das seichte Wasser des Flusses. Es roch nach den aufgehenden Blüten der Reben; in diesem Dufte lag schon der Vorgeschmack des Weines, wie in den ersten Gedanken der Kindheit schon eine Vorahnung der Liebe liegt. Ohne die Füße aus dem Wasser zu nehmen, setzte er sich auf die Wurzeln einer Platane und begann in dem Buche »Phädrus«, das er mitgebracht hatte, zu lesen. Sokrates sagt im Dialog zu Phädrus: »Wenden wir unsere Schritte zum Ufer des Illissos. Wir wollen einen einsamen Platz wählen und uns da niedersetzen. Scheint es dir nicht auch, Phädrus, daß die Luft hier besonders zart und duftend ist, und daß selbst im Zirpen der Zikaden etwas Süßes liegt, das an den Sommer erinnert? Am besten gefällt mir hier aber dieses hohe Gras.« Julianus blickte um sich: alles war noch so, wie es vor acht Jahrhunderten gewesen war; die Zikaden begannen soeben im hohen Grase ihren Gesang. Er dachte: »Diesen Boden hatten die Füße des Sokrates berührt.« Er steckte seinen Kopf in das dichte Gras und küßte die Erde. »Ich begrüße dich, Julianus! Du hast dir ein schönes Plätzchen zum Lesen ausgesucht. Darf ich dir Gesellschaft leisten?« »Setze dich her. Es freut mich. Ein Dichter stört nie die Einsamkeit.« Julianus blickte den hageren, mit einem viel zu langen Mantel bekleideten Dichter Publius Optatianus Porphyrius an und mußte lächeln: er war so klein, blutarm und mager, daß man annehmen konnte, er werde sich bald aus einem Menschen in eine Zikade verwandeln, wie es in der Sage Platos von den Poeten erzählt wird. Publius verstand es, wie eine Zikade, beinahe ohne Speise zu leben; doch hatten ihm die Götter die Fähigkeit, Hunger und Durst nicht als solche zu empfinden, versagt: sein aschgraues, unrasiertes Gesicht und seine blutleeren Lippen drückten Hunger und Kummer aus. »Publius, warum trägst du einen so langen Mantel?« fragte Julianus. »Er gehört nicht mir,« erwiderte der Dichter mit philosophischer Ruhe, »das heißt, er gehört auch mir, aber nur vorübergehend. Du mußt wissen, daß ich mein Zimmer mit dem jungen Hephästion, der in Athen die Redekunst studiert, teile; einmal wird er sicher ein ausgezeichneter Advokat werden; heute ist er aber noch arm, wie ich, arm, wie ein lyrischer Dichter – damit ist alles gesagt! Unsere Kleider, Eßgeschirr und selbst das Tintenfaß haben wir längst versetzt. Uns ist nur dieser eine Mantel geblieben. In den Morgenstunden gehe ich aus, während Hephästion seinen Demosthenes studiert; in den Abendstunden nimmt er den Mantel, ich aber bleibe zu Hause und dichte. Leider ist Hephästion groß, während ich klein bin. Da ist nichts zu machen: ich gehe ›langen Gewandes‹, wie die alten Trojanerinnen.« Publius Optatianus lachte, und sein aschfahles Gesicht gemahnte an das einer lustig gewordenen Klagefrau. »Siehst du, Julianus,« fuhr der Dichter fort, »ich spekuliere auf den Tod einer steinreichen Witwe eines römischen Pächters: die glücklichen Erben werden bei mir die Grabinschrift bestellen und ein ordentliches Honorar bezahlen. Leider ist aber die Witwe eigensinnig und gesund: trotz aller Anstrengungen der Ärzte und der Erben will sie nicht sterben. Ich hätte mir schon längst einen Mantel angeschafft. – Höre einmal, Julianus, komm mit mir.« »Wohin denn?« »Vertraue mir. Du wirst mir dankbar sein ...« »Was sind das für Geheimnisse?« »Sei nicht faul und laß das Fragen. Ein Dichter wird dem Freunde der Dichter nichts Böses tun. Du sollst eine Göttin sehen ...« »Welche Göttin?« »Artemis, die Jägerin ...« »Ist es ein Bild oder eine Statue?« »Sie ist schöner als alle Bilder und Statuen. Wenn du die Schönheit liebst, so nimm deinen Mantel und komm mit!« Der Dichter tat so geheimnisvoll, daß Julianus neugierig wurde. Er erhob sich, nahm seinen Mantel und folgte ihm. »Ich mache dir zur Bedingung, daß du kein Wort sprichst und nicht staunst. Sonst verschwindet der Zauber. Im Namen Kalliopes und Eratos, vertraue dich mir an! .. Es sind nur wenige Schritte. Um dir unterwegs die Zeit zu vertreiben, will ich dir den Anfang meiner Grabinschrift auf die Pächterswitwe vorlesen.« Sie gelangten auf die staubige Landstraße. Über der rosigen Akropolis funkelte in den ersten Sonnenstrahlen der kupferne Schild der Athene Promachos; die Spitze ihres feinen Speeres leuchtete wie eine brennende Kerze. Längs der steinernen Mauern, hinter denen im Schatten der Feigenbäume Quellen rieselten, zirpten die Zikaden so laut, als ob sie den Dichter übertönen wollten, der mit heiserer, doch begeisterter Stimme seine Verse vortrug. Publius Optatianus Porphyrius war nicht unbegabt; sein Leben hatte sich aber höchst seltsam gefügt. Noch vor einigen Jahren besaß er in Konstantinopel, in der Nähe der Chalkedonischen Vorstadt ein schönes Häuschen, »einen wahren Tempel der Hermes«, wie er es nannte; sein Vater hatte einst mit Olivenöl gehandelt und ihm ein kleines Vermögen hinterlassen, das zu einer sorglosen Existenz vollkommen ausreichte. Sein unbändiges Temperament gab ihm aber keine Ruhe. Er schwärmte für das alte Hellenentum und empörte sich über das, was er den »Triumph der christlichen Sklaverei« nannte. Einmal schrieb er ein freigeistiges Gedicht, das dem Kaiser Constantius mißfiel. Constantius hätte dem Gedicht wohl nicht die geringste Bedeutung zugemessen, wenn darin nicht eine Anspielung auf die Person des Kaisers enthalten gewesen wäre; diese konnte er ihm aber nicht verzeihen. Den Dichter traf die gebührende Strafe: sein Häuschen und sein ganzes Vermögen wurden konfisziert, er selbst aber auf eine kleine, einsame Insel des Archipelagus verbannt. Auf dieser Insel gab es nichts, als Felsen, Ziegen und Fieber. Optatianus war dieser Prüfung nicht gewachsen; er verdammte alle seine Gedanken an die alte Römerfreiheit und beschloß, was es auch koste, sein Vergehen wieder gut zu machen. Während ihn in den schlaflosen Nächten auf der Insel Fieber plagte, schrieb er eine Lobhymne, die aus einzelnen Verszeilen des Vergils bestand: die einzelnen Verse des alten Dichters waren so aneinander gefügt, daß sie ein neues Gedicht bildeten. Dieses schwere Kunststück fand bei Hofe Beifall: Optatianus hatte den wahren Geist seiner Zeit erraten. Nun versuchte er noch schwierigere Kunststücke: so schrieb er einen Dithyrambus auf Constantius, der aus Versen verschiedener Länge bestand; die Verszeilen bildeten darin ganze Figuren, wie z.B. eine vielläufige Hirtenschalmei, eine Wasserorgel und einen Altar, dessen Rauch aus einigen ungleichen, kurzen Zeilen bestand. Ein Wunder der Geschicklichkeit waren seine quadratischen Gedichte, die aus zwanzig und vierzig Hexametern bestanden; einzelne Buchstaben waren darin mit roter Tinte geschrieben: wenn man die roten Buchstaben innerhalb der Quadrate untereinander verband, erhielt man bald das Monogramm Christi, bald eine Blume, bald ein kompliziertes Ornament; die sich hierbei bildenden Zeilen enthielten neue Komplimente; schließlich konnte man die vier letzten Hexameter des Gedichtes auf achtzehn verschiedene Arten lesen: von vorne, von hinten, aus der Mitte, von der Seite, von oben herunter, von unten herauf und so weiter; wie man es auch las, immer erhielt man neue Lobpreisungen. Diese wahnsinnige Arbeit kostete dem armen Dichter beinahe seinen Verstand. Um so vollständiger war sein Sieg. Constantius geriet in Entzücken. Er glaubte, daß Optalianus alle Dichter des Altertums in den Schatten gestellt habe. Er schrieb ihm einen eigenhändigen Brief, in dem er behauptete, daß er immer bereit sei, die Musen zu beschirmen. »In unserem Zeitalter,« schloß das in hochtrabendem Stil gehaltene Schreiben: »folgt meine wohlwollende Aufmerksamkeit einem jeden, der da dichtet, wie der leise Hauch des Zephyrs.« Der Dichter erhielt jedoch sein konfisziertes Eigentum nicht zurück; man gab ihm nur etwas Geld und die Erlaubnis, die verfluchte Insel zu verlassen und sich in Athen anzusiedeln. Sein Leben in Athen war wenig erfreulich: der Gehilfe des jüngsten Stallknechtes am Zirkus lebte im Vergleich zu ihm in Herrlichkeit und Freuden. Der Dichter mußte ganze Tage lang bei ehrgeizigen Würdenträgern, in Gesellschaft von Sargtischlern, jüdischen Händlern und Veranstaltern von Hochzeitszügen, antichambrieren, ehe er einen Auftrag auf ein Epitalam, ein Epitaph, oder eine Liebesepistel erhielt. Die Bezahlung war elend. Porphyrius verlor aber nicht den Mut und hoffte noch immer, dem Kaiser einmal ein solches Kunststück zu überreichen, daß dieser ihm gänzlich verzeihen würde. Julianus sah, daß trotz aller Erniedrigungen, die Porphyrius erfahren mußte, in ihm die Liebe zu Hellas noch nicht erloschen war. Er war ein feiner Kenner der alten Dichter, und Julianus unterhielt sich sehr gerne mit ihm. Sie verließen die Landstraße und näherten sich einer hohen Mauer, die eine Palästra umschloß. Ringsherum war es einsam. Zwei schwarze Lämmer weideten auf der Wiese. Vor den verschlossenen Toren, wo aus den Fugen in den steinernen Stufen wilder Mohn und Löwenzahn hervorwuchsen, stand ein mit zwei weißen Pferden bespannter Wagen; die Mähnen der Pferde waren wie bei den Pferden auf alten Bildwerken zugestutzt. »Ein alter Sklave mit einem eiförmigen, kahlen Schädel, der kaum von einem weißen Flaum bedeckt war, beaufsichtigte das Gespann. Der Alte war taubstumm, doch sehr höflich. Er hatte Optatianus erkannt und nickte ihm freundlich zu, auf das verschlossene Tor der Palästra zeigend. »Gib mir für einen Augenblick deinen Geldbeutel,« sagte Optatianus zu seinem Begleiter. »Ich will diesem alten Narren einen oder zwei Dinare Trinkgeld geben.« Er warf dem Taubstummen eine Münze zu und dieser öffnete mit sklavischer Dienstfertigkeit, unartikulierte Laute von sich gebend, das Tor. Sie betraten das lange, halbdunkle Peristyl. Zwischen den Säulen sah man gedeckte Gänge, die sogenannten »Xystoi«, die für die Übungen der Athleten bestimmt waren; in diesen Gängen gab es keinen Sand, und sie waren ganz mit Gras überwuchert. Die beiden Freunde traten in den breiten, inneren Hof. Julianus' Neugier war durch all das Geheimnisvolle aufs höchste erregt. Optatianus führte ihn schweigend an der Hand. In den zweiten Hof gingen die Türen der »Exedras«, der marmornen Hallen, die einst den athenischen Weisen und Rednern als Hörsäle gedient hatten. Dort zirpten die Zikaden, hier klangen die wohlgesetzten Reden hervorragender Männer; über den saftigen Gräsern, die üppig wie auf Gräbern wucherten, schwärmten Bienen; es war eine stille, traurige Stimmung. Plötzlich hörten sie eine weibliche Stimme, das Klirren eines auf den Marmorfußboden anschlagenden Kupferdiskus und Lachen. Sie schlichen wie Diebe heran und versteckten sich im Halbschatten zwischen den Säulen des »Elaiothesion«, wo sich einst die Ringkämpfer vor den Kämpfen mit Öl eingerieben hatten. Zwischen den Säulen hindurch konnten sie einen länglichen, viereckigen Platz unter freiem Himmel überblicken, der zum Ballspiel und Diskuswerfen bestimmt war; der Platz war wohl erst vor kurzem gleichmäßig mit frischem Sand bestreut worden. Julianus blickte hin und taumelte einige Schritte zurück. Zwanzig Schritte vor ihm stand ein junges Mädchen, vollkommen nackt. Sie hielt in der Hand einen kupfernen Diskus. Julianus machte eine rasche Bewegung, um fortzugehen; doch sah er in den aufrichtigen Augen und in dem blassen Gesicht des Optatianus eine so tiefe Andacht, daß er sofort begriff, warum ihn dieser Verehrer des Hellas hergeführt hatte; er fühlte, daß in der Seele des Dichters kein einziger sündiger Gedanke aufkommen könne und daß sein Entzücken heilig sei. Optatianus hatte seinen Freund bei der Hand erfaßt und flüsterte ihm ins Ohr: »Julianus, wir befinden uns jetzt im alten Lakonien. Weißt du noch die Verse des Properz: Ludi Laconum? « Und er flüsterte ihm ganz leise, doch begeistert zu: Multa tuae, Sparte, miramur jura palaestrae, Sed mage virginei tot bona gymnasii; Quod non infames exerceret corpore ludos, Inter luctantes nuda puella viros. Viele Gesetz', o Sparta, bewundern wir deiner Palästra; Aber das Gute der jungfräulichen Übung zumeist; Daß nicht unehrbar zur Behendigkeit bilden die Glieder Unter den Jünglingen nackt ringende Mädchen im Kampf. »Wer ist das?« fragte Julianus. »Ich weiß nicht, ich wollte es nicht erfahren ...« »Es ist gut. Sei still.« Nun sah er gierig auf die Diskuswerferin, ganz ohne Schamgefühl; er fühlte, daß hier jedes Schamgefühl unnötig und unweise sei. Das Mädchen trat einige Schritte zurück, beugte sich, setzte den linken Fuß vor und warf mit der Rechten den Diskus so hoch empor, daß der kupferne Kreis in den Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchtete und klirrend am Fuße einer weit entfernten Säule niederfiel. Julianus glaubte vor sich ein Marmorbildwerk des Phidias zu sehen. »Dein bester Wurf!« sagte ein etwa zwölfjähriges Mädchen, das, mit einer glänzenden Tunika bekleidet, bei einer der Säulen stand. »Myrrha, reich mir den Diskus!« sagte die Diskuswerferin. »Ich kann ihn noch höher schleudern, du wirst es bald sehen! Meroe, geh etwas zur Seite, sonst verwunde ich dich, wie Apollo den Hyacinthos.« Die alte Sklavin Meroe, ihrer bunten Kleidung und ihrer braunen Gesichtsfarbe nach zu schließen eine Ägypterin, bereitete in Alabastergefäßen wohlriechende Essenzen zum Bade. Julianus dachte sich, daß der taubstumme Sklave und der Wagen mit den weißen Pferden dieser Liebhaberin der alten Spiele gehörten. Als das Mädchen mit dem Diskuswerfen fertig war, ließ sie sich von der schwarzäugigen, blassen Myrrha einen geschwungenen Bogen und einen Köcher reichen, und entnahm diesem einen gefiederten Pfeil. Das Mädchen zielte nach einem schwarzen Kreis, der an dem entgegengesetzten Ende des Ephebeon hingemalt war. Die Bogensehne erklang, der Pfeil flog pfeifend auf und traf das Ziel; ihm folgte ein zweiter und ein dritter. »Artemis, die Jägerin!« flüsterte Optatianus. Der zartrosa Strahl der aufgehenden Sonne drang plötzlich zwischen den Säulen hindurch und traf das Gesicht und den fast knabenhaften Busen des Mädchens. Sie warf Bogen und Köcher fort und bedeckte mit den Händen ihre von der Sonne geblendeten Augen. Einige Schwalben flogen schreiend über der Palästra und verschwanden im Himmel. Sie nahm ihre Hände vom Gesicht und verschränkte sie über dem Kopfe. Ihre Haare waren an den Enden von heller Goldfarbe, wie gelber Honig in der Sonne; an den Wurzeln waren sie etwas dunkler und rötlich, sie hatte ihre Lippen zu einem Lächeln kindlicher Freude geöffnet; die Sonne glitt an ihrem nackten Körper herab immer tiefer und tiefer. So stand sie rein und nackt da, vom Sonnenlicht wie von einem keuschen Gewand umhüllt. »Myrrha,« sagte das Mädchen nachdenklich und langsam, »sieh dir nur den Himmel an! Man möchte sich in ihn hineinstürzen und mit einem Schrei wie die Schwalben in ihm ertrinken, weißt du noch, wir sprachen neulich davon, daß die Menschen nie glücklich sein könnten, weil sie keine Flügel hätten? Wenn wir den Vögeln nachblicken, beneiden wir sie ... Man muß ganz leicht, ganz nackt sein, Myrrha, – wie ich es jetzt bin, – sich ganz hoch und tief im Himmel fühlen und wissen, daß es ewig so bleiben wird, daß es in der Welt nichts gibt und nichts geben kann, als den Himmel und die Sonne um den leichten, nackten Körper!..« Sie richtete sich ganz auf, streckte ihre Arme zum Himmel, seufzte auf, wie man über etwas seufzt, das man auf ewig und unwiederbringlich verloren hat. Die Sonnenstrahlen glitten immer tiefer und tiefer herab; sie umfingen bereits mit glühender Liebkosung ihre Hüften. Das Mädchen zuckte, von Scham ergriffen, zusammen, als ob irgendein Lebender und Leidenschaftlicher ihre Nacktheit gesehen hätte. Mit der ewigen, schamhaften Gebärde der Aphrodite von Knidos verdeckte sie mit der einen Hand ihre Brüste und mit der anderen ihre Lenden. »Meroe, gib schnell meine Kleider her!« schrie sie auf, mit erschrockenen, großen Augen um sich blickend. Julianus wußte nicht mehr, wie er die Palästra verlassen hatte; sein Herz glühte. Der Dichter schien feierlich und traurig gestimmt, wie einer, der eben aus einem Tempel kommt. »Du zürnst mir doch nicht?« fragte er Julianus. »O nein! Weshalb?« »Vielleicht war es für den Christen ein Ärgernis?..« »Nein, es war kein Ärgernis.« »Ja. Ich habe es mir auch so gedacht.« Sie kamen wieder auf die staubige Landstraße, auf der es inzwischen recht heiß geworden war, und gingen nach Athen. Optatianus sagte leise, wie vor sich hin: »Wie sind wir jetzt schamhaft und häßlich! Wir fürchten unsre eigene, traurige und armselige Nacktheit, wir verbergen sie, denn wir fühlen uns unrein. Wie anders war es früher! – Einst war es doch wirklich so, Julianus, daß die spartanischen Mädchen ganz nackt und stolz in der Palästra vor das Volk traten. Niemand fürchtete sich vor Versuchung. Die Reinen sahen auf Reine. Sie waren wie die Kinder, wie die Götter. – Wenn ich aber bedenke, daß dies nie wiederkehren wird, daß es mit dieser Freiheit, Reinheit und Lebensfreude für immer vorbei ist...« Er ließ seinen Kopf sinken und seufzte tief auf. Sie gingen durch die Straße der Dreifüße. In der Nähe der Akropolis nahmen die Freunde stumm voneinander Abschied. Julianus trat in den Schatten der Propyläen. Er ging an der Stoa Poikile mit den Bildern des Parrhasius, die die Schlachten bei Marathon und Salamis darstellten, dann an dem kleinen Tempel der Flügellosen Nike vorbei und näherte sich dem Parthenon. So oft er die Augen schloß, sah er den nackten, herrlichen Leib der Jägerin Artemis vor sich; und wenn er sie wieder öffnete, schien ihm der sonnenlichtüberflutete Marmor des Parthenons goldig und beseelt, wie der Leib der Göttin. Er war bereit, vor aller Augen diesen von der Sonne durchwärmten Marmor zu umarmen und ihn, wie einen lebendigen Leib, zu küssen, und wenn es ihm auch das Leben kostete. In der Nähe standen zwei schwarzgekleidete, junge Männer mit blassen, strengen Gesichtern; es waren Gregorius von Nazianz und Basilius von Cäsarea. Die Hellenen fürchteten sie wie ihre ärgsten Feinde; die Christen hofften, in diesen beiden Freunden einst große Kirchenlehrer zu sehen. Sie beobachteten Julianus. »Was hat er nur heute?« sagte Gregorius. »Sieht denn ein Mönch so aus? Diese Bewegungen! Und wie er die Augen schließt! Dieses Lächeln! Glaubst du denn wirklich an seine Frömmigkeit, Basilius?« »Ich habe es ja doch selbst gesehen, wie er in der Kirche betete und weinte...« »Es ist nur Heuchelei!« »Warum kommt er dann zu uns, warum sucht er unsere Gesellschaft und beschäftigt sich mit der Auslegung der heiligen Schrift?« »Er treibt seinen Spott mit uns oder will uns verführen. Traue ihm nicht! Er ist der Versucher! Wisse, mein Bruder, daß das Römische Reich sich in der Person dieses Jünglings ein großes Übel heranzieht. Er ist der Feind!« Die Freunde gingen mit gesenkten Blicken weiter. Sie beachteten weder die strengen, jungfräulichen Karyatiden des Erechtheions, noch die Propyläen, den im blauen Himmel leuchtenden, weißen Tempel der Nike Apteros und das Parthenon. Ihre Gesichter waren finster, denn sie hatten nur den einen Wunsch, – alle diese teuflischen Götzentempel zu zerstören. Die Sonne warf auf den weißen Marmor zwei lange, schwarze Schatten der beiden Mönche Gregorius von Nazianz und Basilius von Cäsarea. »Ich will sie sehen,« sagte sich Julianus, ich muß erfahren, wer sie ist!« XIII. »Die Götter haben die Sterblichen in die Welt gesandt, damit sie schön redeten.« »Herrlich! Das hast du herrlich gesagt, Mamertinus! – wiederhole es noch einmal, ehe du es vergißt! Ich will es mir aufschreiben!« So bat den berühmten athenischen Advokaten Mamertinus sein Freund und aufrichtiger Verehrer, der Lehrer der Beredsamkeit, Lampridius. Er holte aus seiner Tasche eine wächserne Doppeltafel und einen spitzen Stahlstift hervor und schickte sich an zu schreiben. »Ich sage,« fing Mamertinus von neuem an, mit einem gezierten Lächeln seine Tischgenossen an der Abendtafel musternd, »ich sage: die Menschen sind von den Göttern gesandt ...« »Nein, nicht so! Du hast es anders gesagt, Mamertinus!« unterbrach ihn Lampridius: »du hast es viel besser gesagt: die Götter haben die Sterblichen in die Welt gesandt.« »Nun, ich habe gesagt: die Götter haben die Sterblichen in die Welt gesandt, nur damit sie schön redeten.« »Jetzt hast du noch die Silbe ›nur‹; hinzugefügt, und es klingt noch besser.« Lampridius notierte sich mit großer Andacht die Worte des Advokaten, wie einen Ausspruch des Orakels. Es war bei einem Abendessen, das der römische Senator Hortensius seinen Freunden auf der in der Nähe von Piräus gelegenen Villa, die seiner jungen und schönen Pflegetochter Arsinoe gehörte, gab. Mamertinus hatte an diesem Tage seine berühmte Rede zur Verteidigung des Bankiers Barnabas gehalten. Niemand zweifelte, daß der Jude Barnabas ein abgefeimter Schwindler sei. Abgesehen von seiner Beredsamkeit, verfügte der Advokat über eine Stimme, von der eine seiner zahllosen in ihn verliebten Verehrerinnen behauptete: »Ich höre niemals auf seine Worte; mich interessiert weder was, noch worüber er spricht; ich berausche mich allein an seiner Stimme; in den Schlußsilben der Worte klingt sie ganz außergewöhnlich. Es ist keine Menschenstimme, sondern göttlicher Nektar, das Seufzen einer Äolsharfe!« Obwohl das gemeine Volk den Wucherer Barnabas »einen Blutsauger, der sich von der Habe der Witwen und Waisen nährt« nannte, waren die Richter von Athen so sehr von der Verteidigungsrede des Mamertinus entzückt, daß sie seinen Klienten freisprachen. Der Advokat hatte vom Juden fünfzigtausend Sesterzen erhalten und war daher während des kleinen Festmahles, das Hortensius ihm zu Ehren gab, bei bester Laune. Er hatte die Gewohnheit, sich immer krank zu stellen und beanspruchte die sorgsamste Behandlung. »Ich bin heute so müde, meine Freunde,« sprach er jammernd. »Ganz krank bin ich. – wo bleibt aber Arsinoe?« »Sie muß gleich kommen. Arsinoe bekam soeben aus dem Museum von Alexandria einen neuen physikalischen Apparat zugeschickt und ist mit ihm sehr beschäftigt. Ich will sie aber gleich rufen lassen,« schlug Hortensius vor. »Nein, es ist nicht nötig,« sprach der Advokat nachlässig. »Es ist nicht nötig. – Dieser Unsinn! Ein junges Mädchen und Physik! Wie soll sich das nur reimen? Schon Aristophanes und Euripides haben die gelehrten Frauen verlacht. Und mit Recht! Was deine Arsinoe für Launen hat, Hortensius! Wenn sie nicht so schön wäre, könnte man glauben, daß sie mit ihrer Bildhauerei und Mathematik...« Er sprach den Satz nicht zu Ende und blickte zum offenen Fenster. »Was kann ich dagegen tun?« erwiderte Hortensius. »Es ist ein verzogenes Mädchen. Ein Waisenkind, hat weder Vater noch Mutter. Ich bin ja nur der Vormund und will sie an nichts hindern!« »Ja, ja...« Der Advokat hörte nicht mehr zu. »Meine Freunde, ich fühle...« »Was denn?« riefen gleichzeitig einige besorgte Stimmen. »Ich fühle... es scheint mir, daß es hier zieht!..« »Willst du, daß wir die Fensterläden schließen?« schlug der Hausherr vor. »Nein, lieber nicht: es wird zu heiß werden. Ich habe meine Kehle zu sehr angestrengt. Übermorgen muß ich wieder eine Verteidigungsrede halten. Gebt mir meinen Lungenschützer und einen Teppich für die Füße. Ich fürchte, daß ich in dieser nächtlichen Frische heiser werde.« Hephästion, jener junge Mann, mit dem der Dichter Optatianus sein Zimmer teilte, ein Schüler des Lampridius, und Lampridius selbst beeilten sich, dem Mamertinus seinen Lungenschützer zu holen. Es war ein schöngesticktes Stück weißer, weicher Wolle, das der Advokat immer bei sich hatte, um damit bei der geringsten Gefahr einer Erkältung seine kostbare Lunge zu schützen. Mamertinus machte sich selbst den Hof, wie der Liebhaber einem verwöhnten Frauenzimmer. Alle waren daran gewöhnt. Er liebte sich so naiv und zärtlich, daß er die gleiche Liebe auch von den andern beanspruchte. »Diesen Lungenschützer hat mir Matrone Fabiola gestickt,« teilte er schmunzelnd mit. »Die Gattin des Senators?« fragte Hortensius. »Ja. Ich will euch eine Anekdote von ihr zum besten geben. Einst hatte ich einen ganz kurzen Brief, – ich muß zugeben, daß er schon sehr schön war, aber immerhin eine Bagatelle von etwa fünf griechischen Zeilen – an eine andere Dame geschrieben, die gleichfalls meine Verehrerin ist, und die mir einen Korb Kirschen geschickt hatte. Ich dankte ihr für das Geschenk in scherzhaften Wendungen, wobei ich den Plinius imitierte. Denkt euch nur, meine Freunde: Fabiola, die meinen Brief so schnell als möglich lesen und für ihre Sammlung berühmter Briefe abschreiben wollte, sandte zwei Sklaven aus, die auf der Landstraße meinem Boten auflauerten. Und nun wird dieser plötzlich nachts in einer hohlen Gasse überfallen: er glaubt, es seien Räuber; doch sie krümmen ihm kein Haar, schenken ihm Geld, nehmen ihm den Brief ab und lassen ihn laufen. So las Fabiola meinen Brief zuerst; sie lernte ihn sogar auswendig.« »O gewiß, ich kenne sie ja! Es ist eine wirklich ausgezeichnete Frau!« fiel Lampridius ein. »Ich sah mit eigenen Augen, daß sie alle deine Briefe in einer geschnitzten Schatulle aus Zitronenholz, wie wahre Kostbarkeiten, verwahrt. Sie lernt sie auswendig und behauptet, sie seien besser als alle Verse. Fabiola sagt mit Recht: ›Wenn Alexander der Große die Werke Homers in einem Kästchen aus Zedernholz verwahrte, warum soll ich dann nicht die Briefe des Mamertinus in einer Schatulle aus Zitronenholz aufbewahren?‹« »Meine Freunde, diese Gänseleber mit Safransauce ist ein Wunder der Kochkunst! Ich rate euch, sie zu versuchen, wer hat sie zubereitet, Hortensius?« »Der Oberkoch Daedalus.« »Heil dem Daedalus! Dein Koch ist ein wahrer Dichter.« »Liebster Gargilianus, wie kannst du nur einen Koch mit einem Dichter vergleichen?« wandte der Lehrer der Beredsamkeit ein. »Beleidigst du damit nicht die göttlichen Musen, unsere Beschützerinnen?« »Die Musen können sich nur geschmeichelt fühlen, Lampridius. Ich glaube, daß die Gastronomie eine Kunst ist, wie jede andere. Es ist Zeit, daß man solche Vorurteile fallen läßt!« Gargilianus, ein römischer Beamter aus der Kanzlei des Präfekten, war ein wohlbeleibter und wohlgenährter Herr, mit einem dreifachen, sorgfältig rasierten und parfümierten Kinn, mit kurz geschorenen, grauen Haaren, durch die die roten, fettigen Falten seiner Kopfhaut hindurchschimmerten, und einem klugen Gesicht. Seit vielen Jahren war in Athen keine einzige gesellschaftliche Veranstaltung ohne seine Gegenwart denkbar. Gargilianus liebte im Leben nur zwei Dinge: einen guten Tisch und einen guten Stil. Die Gastronomie und die Poesie verschmolzen bei ihm zu einem einzigen Genuß. »Sagen wir, ich nehme eine Auster,« sagte er, indem er mit seinen fetten Fingern, auf denen große Amethyste und Rubinen funkelten, eine Auster an den Mund führte. »Ich nehme also eine Auster und schlucke sie ...« Er verschluckte sie, schloß die Augen und schnalzte mit der Oberlippe. Diese Oberlippe verlieh ihm einen besonders gierigen Ausdruck: sie trat hervor, war etwas zugespitzt und geschwungen und glich einem kleinen Rüssel, wenn er irgendeinen wohlklingenden Vers von Anakreon oder Moschos goutierte, bewegte er sie ebenso wollüstig, wie wenn er sich bei einem Nachtmahl an einer Suppe aus Nachtigallenzungen delektierte. »Ich verschlucke sie und fühle sofort,« fuhr Gargilianus tiefsinnig und ohne Übereilung fort, »und ich fühle, daß diese Auster von der Küste Britanniens, und keineswegs aus Ostia oder Tarent stammt. Wollt ihr, meine Freunde, so will ich euch zeigen, daß ich imstande bin, mit geschlossenen Augen zu unterscheiden, aus welchem Meere jeder beliebige Fisch und jede Auster stammt!« »Was hat das alles mit der Poesie zu schaffen?« unterbrach ihn ungeduldig Mamertinus, der es nicht liebte, wenn man in seiner Gegenwart einem anderen zuhörte. »Denkt euch nun dazu, meine Freunde,« fuhr der Gastronom unentwegt fort, »daß ich schon seit langer Zeit nicht am Ufer des Ozeans gewesen bin, den ich so sehr liebe und nach dem ich mich sehne. Ich will behaupten, daß eine gute Auster einen so frischen und salzigen Geruch hat, daß es genügt, sie zu verschlucken, um sich sofort an den Strand des Ozeans versetzt zu fühlen; ich schließe die Augen, und sehe die Wellen, sehe die Felsen, atme den Hauch des Meeres ein, des ›nebeligen Meeres‹, wie es Homer nennt. Nein, sagt mir nur ganz aufrichtig, welcher Vers der Odyssee könnte mir so deutlich und vollständig die Stimmung des Meeres wiedergeben, wie der Geruch einer frischen Auster? Oder sagen wir, ich schäle mir einen Pfirsich und koste von seinem wohlduftenden Safte. Sagt mir nur, warum soll der Duft eines Veilchens oder einer Rose dem Geschmacke eines Pfirsichs vorzuziehen sein? Die Dichter beschreiben die Formen, die Farben und die Töne. Warum soll aber nicht auch ein Geschmack ebenso schön sein, wie eine Farbe, Form oder ein Ton? Es ist nur ein Vorurteil, meine Freunde, nichts als ein Vorurteil! Der Geschmack ist die wertvollste, von uns aber noch nicht genügend gewürdigte Göttergabe. Die Verbindung verschiedener Geschmäcke ergibt eine ebenso erhabene und verfeinerte Harmonie, wie die Verbindung von Tönen. Ich behaupte, es gibt eine zehnte Muse, die Muse der Gastronomie.« »Nun ja, bei Pfirsichen oder Austern mag es noch stimmen,« wandte der Lehrer der Beredsamkeit ein, »wie kann man aber auch in einer Gänseleber mit Safransauce Schönheit finden?« »Sage mir, Lampridius, findest du vielleicht nicht nur in den Idyllen des Theokrit und den Komödien des Plautus, sondern auch in den rohesten Späßen der in diesen Komödien auftretenden Sklaven eine gewisse Schönheit?« »Ja, vielleicht.« »Siehst du, mein Freund; so finde ich auch eine große Schönheit in der Gänseleber; ich bin wirklich imstande, den Oberkoch Daedalus für diese Speise mit Lorbeer zu bekränzen, wie den Pindar für eine olympische Ode.« In der Türe erschienen zwei neue Gäste: Julianus und der Dichter Publius. Hortensius wies Julianus den Ehrenplatz an. Die hungrigen Augen des Publius flammten auf, als er die vielen leckeren Speisen sah. Der Dichter trug eine neue Chlamys, die ihm wie angegossen saß. Vermutlich war die Pächterswitwe inzwischen gestorben, und die Erben hatten bei ihm wohl das Epitaph bestellt und bezahlt. Das Gespräch wurde fortgeführt. Jetzt erzählte der Lehrer der Beredsamkeit Lampridius, wie er einst in Rom aus Neugierde dem Sermon eines christlichen Predigers beigewohnt hatte, der »gegen die heidnischen Grammatiker« sprach. Die Grammatiker, behauptete der Christ, ehrten die Menschen nicht nach ihren Tugenden, sondern nach der Güte ihres Stils. Sie glaubten, es sei weniger verbrecherisch, einen Menschen zu töten, als das Wort » Homo « mit falscher Aspiration zu sprechen. Lampridius war über diese Anschuldigungen tief empört: er behauptete, daß die christlichen Prediger den guten Stil der Rhetoriker nur aus dem Grunde haßten, weil sie wüßten, daß ihr eigener Stil barbarisch sei; sie richteten die alte Redekunst zugrunde und vermengten die Unwissenheit mit der Tugend; einen jeden, der schön redet, hielten sie für verdächtig. Lampridius glaubte, daß an jenem Tage, an dem die Strebsamkeit unterginge, auch Hellas und Rom untergehen und die Menschen zu stummen Tieren werden würden. Die christlichen Prediger täten alles, um die Menschen in dieses Unglück zu stürzen. »Wer weiß?« bemerkte Mamertinus nachdenklich. »Vielleicht ist der gute Stil auch wichtiger als die Tugend. Tugendhaft können ja auch Barbaren und Sklaven sein.« Hephästion erklärte seinem Tischnachbar Junius Mauricus, was die Worte Ciceros » causam mendaciunculis adspergere « bedeuteten. » Mendaciunculi – bedeutet soviel wie ›kleine Lügen‹. Cicero erlaubte und empfahl sogar, die Rede mit kleinen Lügen – mendaciunculis – zu spicken. Er hat nichts gegen kleine Unwahrheiten einzuwenden, wenn sie den Stil verzieren.« Nun begann ein Streit darüber, ob der Redner seine Reden mit einem Anapäst oder mit einem Daktylus beginnen solle. Julianus langweilte sich. Alle wandten sich an ihn mit der Frage, welcher Ansicht er über den Gebrauch der Anapäste und der Daktyle sei. Er gab aufrichtig zu, daß er darüber noch nie nachgedacht habe; doch glaube er, daß der Redner ein größeres Gewicht auf den Inhalt der Rede, als auf solche Nebensächlichkeiten legen müsse. Mamertinus, Lampridius und Hephästion waren empört: sie waren der Ansicht, daß der Inhalt der Rede ganz nebensächlich sei; dem Redner müsse es ganz gleich sein, ob er für oder gegen etwas spräche; nicht nur der Sinn der Rede sei ganz nebensächlich, sondern auch der Sinn der einzelnen Worte; die Hauptsache sei der Klang, die Musik der Worte, neue wohltönende Kombinationen von Lauten; eine Rede solle so klingen, daß ein Barbar, der kein Wort griechisch verstünde, die Schönheit der Rede empfinden müsse. »Hier sind zwei Verse des Properz,« sagte Gargilianus: »urteilt selbst, wie wichtig in der Poesie die Laute sind und wie nebensächlich der Sinn ist. Hört zu: Et Veneris dominae volucres, mea turba, columbae Tinguunt Gorgoneo punica rostra lacu. Wie entzückend! Welche Musik! Was geht mich der Sinn an? Die ganze Schönheit liegt hier in den Lauten, in der Wahl der Vokale und der Konsonanten. Für diesen Wohlklang gebe ich die ganze Tugend Juvenals und die ganze Weisheit des Lucrez. Beachtet doch nur, wie süß das ist, wie das nur so rieselt: Et veneris dominae volucres, mea turba, columbae! « Und er schnalzte vor Entzücken mit seiner Oberlippe. Nun wiederholten alle die zwei Verse des Properz. Sie konnten sich an ihrer Schönheit gar nicht satt trinken, ihre Augen leuchteten, und sie stachelten sich gegenseitig zu einer wahren Orgie von Worten auf. »Hört doch nur, wie das klingt,« flüsterte Mamertinus mit seiner weichen, wie eine Äolsharfe tönenden stimme: » Tinguunt Gorgoneo ... « » Tinguunt Gorgoneo! « wiederholte der Beamte des Präfekten. »Bei Pallas, selbst der Himmel muß seine Freude daran haben: es ist so, als schlucke man dicken, warmen Wein, der mit attischem Honig vermengt ist: Tinguunt Gorgoneo ... « »Beachtet nur, wie oft sich hier der Buchstabe G wiederholt, es ist wie das Girren einer Turteltaube. Und weiter geht es: punica rostra lacu... « »Herrlich, unvergleichlich!« flüsterte Lampridius mit vor Entzücken geschlossenen Augen. Julianus schämte sich für alle diese Leute, verfolgte aber neugierig diesen wollüstigen Rausch, der von sinnlosen Lauten herrührte. »Die Worte müssen ein wenig sinnlos sein,« schloß Lampridius wichtig, »sie müssen dahinfließen, rieseln, singen, weder das Ohr, noch das Herz berühren, – erst dann hat man den vollen Genuß an ihrer Musik.« Julianus hatte während der ganzen Zeit zur Türe geblickt, als ob er jemanden erwartete; plötzlich erschien im Türrahmen unhörbar und von niemandem bemerkt, wie ein Schatten, eine weiße, schlanke Gestalt. Die Fensterläden standen weit offen; das reine Licht des Mondes drang in den Festsaal, vermengte sich mit dem rötlichen Widerschein der Lampen und spielte auf der Mosaik des spiegelglatten Fußbodens und auf den Wänden, die mit der Darstellung des unter den Küssen des Mondes einschlafenden Endymion geschmückt waren. Die weiße Gestalt stand unbeweglich wie eine Marmorstatue; das altathenische Peplos aus weicher, silberweißer Wolle fiel in langen, geraden Falten herab und wurde unterhalb der Brust von einem feinen Gürtel zusammengehalten; das Mondlicht traf nur das Kleid, das Gesicht blieb im Schatten. Die Eingetretene blickte auf Julianus, und Julianus blickte auf sie. sie lächelten einander zu, und wußten, daß niemand dieses Lächeln bemerken würde. Sie hatte ihren Finger an die Lippen gelegt und lauschte dem Tischgespräch. Mamertinus, der mit Lampridius lebhaft über den grammatikalischen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Aorist disputierte, rief plötzlich aus: »Arsinoe! Da bist du endlich! Du hast dich also doch entschlossen, uns zuliebe deine physikalischen Apparate und deine Statuen zu verlassen?« Sie trat in den Saal und begrüßte mit einem natürlichen Lächeln die Gäste. Es war jene Diskuswerferin, die Julianus vor einem Monat in der verlassenen Palästra beobachtet hatte. Der Dichter Publius Optatianus, der in Athen alles und alle kannte, hatte die Bekanntschaft mit Hortensius und Arsinoe gemacht und seinen Freund Julianus bei ihnen eingeführt. Arsinoes Vater, der alte römische Senator Helvidius Priscus, war in einem der letzten Regierungsjahre Konstantins des Großen gestorben und hatte vor seinem Tode seine beiden Töchter, die ihm eine germanische Gefangene geboren, der Obhut seines alten Freundes Quintus Hortensius anvertraut, den er, wegen seiner Liebe zum alten Rom und wegen seines Hasses gegen das Christentum hoch schätzte. Ein entfernter Verwandter, der große Purpurfabriken in Sidon besaß, hatte Arsinoe unermeßliche Reichtümer vermacht. Sie war immer von einer Schar von Verehrern umgeben. Nach der Art, wie sie sich kleidete, frisierte und nach ihrem tadellosen, natürlichen Benehmen konnte man sie für eine echte Griechin der alten Zeit, wie es solche nur noch verschwindend wenige gab, halten. Ihre Gesichtszüge waren aber etwas unregelmäßig und ließen den nordischen Bluteinschlag erkennen. Eine Zeitlang hatte sich Arsinoe ganz der Wissenschaft hingegeben und im Museum zu Alexandria bei den berühmtesten Gelehrten gearbeitet; von der Physik Epikurs, Demokrits und Lecruz' war sie ganz gefangen genommen; diese Lehren, die die Seele von der »Furcht vor Göttern« befreiten, sagten ihr besonders zu. Später widmete sie sich mit der gleichen, etwas krankhaften und hastigen Leidenschaftlichkeit der Bildhauerei. Sie war nach Athen gekommen, um die besten alten Vorbilder, die Werke des Phidias, Scopas und Praxiteles zu studieren. »Ihr redet schon wieder über die Grammatik?« fragte die Tochter des Helvidius Priscus die Tischgenossen, den Saal betretend. »Laßt euch nicht stören, fahrt fort. Ich will nicht mit euch streiten, denn ich habe Hunger. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Schenk mir Wein ein, Knabe.« »Meine Freunde,« fuhr Arsinoe fort, »mit allen euren Zitaten aus Demosthenes und den Regeln des Quintilianus seid ihr doch die unglücklichsten Geschöpfe; die Redekunst wird euch noch zugrunde richten. Wie sehne ich mich nach einem Menschen, der sich weder um Homer, noch um Cicero kümmert, und der, wenn er spricht, weder an die Aspirationen, noch an die Aoriste denkt. – Julianus, willst du mich heute nach dem Essen an den Meeresstrand begleiten? Denn ich habe heute wirklich keine Lust, diese Unterhaltungen über Daktyle und Anapäste mitanzuhören ...« »Du hast meine Gedanken erraten, Arsinoe,« murmelte Gargilianus, der der Gänseleber mit der Safransauce etwas zu eifrig zugesprochen hatte; am Schlusse der Tafel überfiel ihn fast jedesmal zugleich mit einer Schwere im Magen, auch eine gewisse Abneigung gegen Gespräche über literarische Dinge. »› Literarum intemperentia laboramus ,‹ sagte schon der schlaue Seneca, der Lehrer Neros. Ja, ja, das ist unser Unglück! Wir kranken an Unmäßigkeit in literarischen Dingen. Wir vergiften uns selbst ...« Er wurde nachdenklich und holte aus der Tasche einen Zahnstocher aus Mastixholz hervor. Sein feistes, kluges Gesicht drückte Ekel und Langeweile aus. XIV. Julianus und Arsinoe gingen durch eine Cypressenallee dem Meere zu. Ein silberner, mondbeleuchteter Pfad lief durch die Wellen bis an den Horizont. Die Brandung rauschte an den Kreidefelsen der Küste. Über einer halbrunden Steinbank erhob sich eine Statue der Jägerin Artemis in einer kurzen Tunika, mit dem Halbmonde in den Locken, mit Bogen und Köcher und zwei schlanken Hunden; sie schien im Mondlichte wie lebendig. Die beiden setzten sich auf die Bank. Das Mädchen wies auf den Hügel der Akropolis, mit den kaum sichtbaren, weißschimmernden Säulen des Parthenons hin und erneuerte das Gespräch, das sie schon oft miteinander geführt hatten: »Sieh nur, wie schön das ist! Und das alles willst du zerstören, Julianus? ...« Er antwortete nicht und schlug die Augen nieder. »Ich habe viel darüber nachgedacht, was du mir neulich gesagt hast, von eurer Demut...« fuhr Arsinoe ganz leise, wie vor sich hin, fort. »War zum Beispiel Alexander, der Sohn Philipps, demütig? Und besaß er vielleicht wenig Tugend?« Julianus schwieg. »Und Brutus, Brutus, der Mörder Julius Cäsars? Wenn Brutus seine linke Backe hingehalten hätte, als man ihn auf die rechte schlug, – glaubst du, daß er dann schöner gewesen wäre? Oder haltet ihr, Galiläer, Brutus für einen Verbrecher? – Warum scheint es mir zuweilen, daß du heuchelst, Julianus, und daß dieses dunkle Gewand dir schlecht steht? ...« Plötzlich wendete sie ihm ihr vom Mondlicht übergossenes Gesicht zu und blickte ihm durchdringend in die Augen. »Was willst du, Arsinoe?« rief er erblassend. »Ich will dich zum Feinde haben!« rief das Mädchen leidenschaftlich aus. »Du darfst nicht an mir so vorübergehen, ohne mir zu sagen, wer du eigentlich bist. Weißt du, ich denke mir oft: es wäre besser, wenn Athen und Rom in Trümmern lägen, denn es ist besser, die Leiche zu verbrennen, als sie unbeerdigt zu lassen. Alle unsere Freunde, die Grammatiker, Rhetoren, Poeten die Verfasser der Lobeshymnen auf die Kaiser, – sind nur eine verwesende Leiche von Hellas und Rom. Der Umgang mit ihnen ist ebenso schrecklich, wie die Gesellschaft von Toten. Ihr Galiläer könnt wirklich triumphieren! Bald wird es auf der Erde nichts mehr geben, als Totengerippe und Trümmerhaufen. Und du, Julianus ... Nein, nein! Es kann nicht sein. Ich kann es nicht glauben, daß du mit ihnen, gegen mich, gegen Hellas bist! ...« Julianus stand vor ihr, blaß und stumm. Er wollte sie verlassen, aber sie ergriff seine Hand und sagte herausfordernd und verzweifelnd: »Sage mir, sage mir doch, daß du mein Feind bist!« »Arsinoe! Wozu?« »Sage mir alles! Ich muß alles wissen. Fühlst du denn nicht, wie nahe wir uns sind? Oder fürchtest du dich? ...« »In zwei Tagen verlasse ich Athen, lebe wohl...« flüsterte Julianus. »Du gehst fort? Wozu? Wohin?« »Ein Brief des Constantius. Der Kaiser beruft mich an den Hof, vielleicht, um mich zu töten. Ich glaube, daß ich dich zum letzten Male sehe.« »Julianus, glaubst du an Ihn?« rief Arsinoe und versuchte mit ihren durchdringenden Augen den Blick des Mönches aufzufangen. »Still, still! Was willst du?..« Er erhob sich von der Bank, ging mit kaum hörbaren Schritten zur Seite und spähte nach allen Richtungen aus: auf die mondbeschienene Straße, auf die schwarzen Schatten der Sträucher und selbst auf das Meer, als ob auch dort Spione sein könnten. Dann kehrte er zurück und setzte sich, war aber noch immer nicht beruhigt. Er stützte sich mit der einen Hand auf den Marmor der Bank, neigte sich zu ihrem Ohre, so daß sie seinen heißen Atem spürte, und flüsterte ihr eilig, wie im Fieber zu: »Ja, ja, wie sollte ich an Ihn glauben? ... Höre, Mädchen, ich werde dir jetzt Dinge sagen, die ich mir noch nie selbst einzugestehen wagte. Ich hasse den Galiläer! – solange ich aber lebe, habe ich immer gelogen. Die Lüge ist in meine Seele tief eingedrungen, hat sich an sie festgeklebt, wie dieses schwarze Gewand an meinen Körper; weißt du, wie es in der Legende vom vergifteten Gewand des Tentauren Nessus heißt? Herakles riß ihm das Gewand mit Fetzen von Haut und Fleisch ab, und doch konnte er es nicht ganz herunterreißen und Nessus mußte sterben, so werde auch ich in der Lüge der Galiläer ersticken! ...« Jedes seiner Worte kostete ihm die größte Anstrengung. Arsinoe sah ihn an: sein von Leid und Haß entstelltes Gesicht erschien ihr fremd und schrecklich. »Beruhige dich, mein Freund,« sagte sie zu ihm. »Sage mir alles, ich werde dich verstehen, wie niemand anderer unter den Menschen.« »Ich möchte dir alles sagen, aber ich kann es nicht,« erwiderte er mit bösem Lächeln. »Ich habe zu lange geschwiegen. – Siehst du, Arsinoe, wer ihnen einmal in die Klauen gefallen ist, der ist verloren! Die Weisen und Demütigen verstümmeln einen und lehren ihn so lügen und kriechen, daß er sich nie wieder aufrichten, nie wieder seinen Kopf erheben kann!« Das Blut stieg ihm ins Gesicht; die Adern auf seiner Stirn schwollen an; er biß die Zähne in ohnmächtiger Wut zusammen und keuchte: »Es ist eine Gemeinheit, eine echt galiläische Gemeinheit: seinen Feind so zu hassen, wie ich den Constantius hasse, und ihm doch zu verzeihen, gleich einer Schlange vor ihm im Staube zu kriechen, und ihn in christlicher Demut um Gnade anzuflehen: ›Laß deinen schwachsinnigen Knecht, den Mönch Julianus, nur noch ein Jahr leben; dann verfahre mit ihm nach deinem und deiner Berater, der Eunuchen, Gutdünken, du Frömmster!‹ Diese Gemeinheit! ...« »Nein, Julianus,« rief Arsinoe aus, »wenn es dem wirklich so ist, so wirst du siegen! Deine Lüge ist deine Stärke. Kannst du dich noch an den Esel mit der Löwenhaut in der Äsopschen Fabel erinnern? Hier ist es umgekehrt: ich sehe einen Löwen mit einer Eselshaut, einen Helden im Mönchsgewande! ...« Sie lachte: »Und wie werden sich die Dummen erschrecken, wenn du ihnen deine Löwenkrallen zeigst! Das wird komisch sein und schrecklich zugleich! – Sage mir, Julianus, strebst du nach Macht?« »Macht!« Er schlug die Hände zusammen, sich an dem Klange dieses Wortes berauschend und in vollen Zügen die kühle Luft einatmend: »Macht! O hätte ich nur ein Jahr, einige Monate, wenige Tage Macht, so würde ich es schon diesen demütigen und giftigen Geschöpfen, die sich Christen nennen, beibringen, was das weise Wort ihres eigenen Meisters bedeutet: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist. Ja, ich schwöre es beim Sonnengott, ich würde sie schon zwingen, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist!« Er erhob den Kopf; seine Augen brannten vor Haß; sein Gesicht leuchtete wie verjüngt. Arsinoe blickte ihn lächelnd an. Doch bald ließ Julianus seinen Kopf wieder sinken. Ängstlich um sich blickend setzte er sich wieder hin; unwillkürlich kreuzte er seine Arme nach Mönchsart auf der Brust und flüsterte: »Doch wozu soll ich mich betrügen? Es wird nie und nimmer sein. Ich werde untergehen. Der Haß wird mich erwürgen. – Höre: Jede Nacht, wenn ich den ganzen Tag über in der Kirche an den Särgen galiläischer Leichen gekniet habe und müde und erschöpft heimkehre, werfe ich mich auf mein Bett, verberge mein Gesicht in den Kissen und weine, weine und beiße die Kissen, um nicht vor Schmerz und Wut zu schreien. Arsinoe, du weißt noch nichts von dem galiläischen Schrecken und von dem Gestank, in dem ich seit zwanzig Jahren sterbe und doch nicht sterben kann; denn du mußt wissen, daß wir, Christen, ein ebenso zähes Leben haben, wie die Schlangen: wenn man uns entzweihaut, wachsen wir wieder zusammen! Früher suchte ich noch Trost in der Tugend der weisen und der Theurgen. Vergeblich. Ich bin weder tugendhaft, noch weise. Ich bin nur böse und möchte noch böser werden, stark und schrecklich sein, wie der Teufel, mein einziger Bruder! – Doch warum, warum kann ich nicht vergessen, daß es auch etwas anderes – die Schönheit gibt, warum habe ich dich, Arsinoe, kennen gelernt! ...« Arsinoe erhob plötzlich ihre schönen, nackten Arme, umschlang seinen Hals und zog ihn so stark, so nahe zu sich heran, daß er durch ihre Kleidung die unschuldige Frische ihres Körpers spürte. Sie flüsterte: »Was würdest du sagen, Jüngling, wenn ich als eine wahrsagende Sibylle gekommen bin, um dir großen Ruhm zu verkünden? Unter allen Toten bist du der einzige Lebende. Du bist stark, was kümmert es mich, daß du keine weißen Schwanenflügel, sondern schreckliche, schwarze Fittiche und krumme, böse Krallen wie ein Raubvogel hast? Ich liebe alle Ausgestoßenen, hörst du, Julianus? Ich liebe die einsamen und stolzen Adler mehr, als die weißen Schwäne. Du mußt aber noch böser sein, noch stärker werden! Wage es bis ans Ende, böse zu sein. Lüge und schäme dich nicht, denn es ist besser zu lügen, als sich zu demütigen. Fürchte den Haß nicht: er ist die wilde Kraft deiner Flügel. – Willst du, so wollen wir ein Bündnis schließen: du gibst mir deine Kraft, und ich gebe dir meine Schönheit? Willst du, Julianus? ...« Durch die leichten Falten ihres altertümlichen Peplos sah er wieder, wie einst in der Palästra, die schlanken Linien der nackten Jägerin Artemis, und es war ihm, als ob ihr Leib, zart und goldig durch das luftige Gewebe hindurch schimmere. Es schwindelte ihm. Im Dämmerlichte des Mondes, das sie umfloß, sah er, wie sich ihre lachenden Lippen herausfordernd den seinigen näherten. Zum letzten Male ging ihm der Gedanke durch den Kopf: »Ich muß fortgehen. Sie liebt mich nicht und wird mich nie lieben. Sie strebt nur nach Macht. Es ist Lüge ...« Doch gleich darauf fügte er mit ohnmächtigem Lächeln hinzu: »Und wenn es auch nur Lüge ist! ..« Die Kälte ihres zu keuschen, das Verlangen nicht stillen könnenden Kusses drang ihm in die Tiefe seines Herzens, wie die Kälte des Todes. Es war ihm, als ob die jungfräuliche Artemis zu ihm in dem durchsichtigen Dämmerlichte des Mondes herabgestiegen sei und ihn mit dem trügerischen Kusse der kalten Mondstrahlen liebkose. * Am nächsten Morgen trafen die beiden Freunde, Basilius von Nazianz und Gregorius von Cäsarea, Julianus in einer der Basiliken von Athen. Er kniete vor einem Heiligenbilde und betete. Die beiden Mönche blickten ihn erstaunt an. Sie hatten in seinen Zügen noch nie solche Demut und Klarheit wahrgenommen. »Bruder,« flüsterte Basilius seinem Freunde zu, »wir haben gesündigt: wir haben in unseren Herzen einen Gerechten verurteilt.« Gregorius schüttelte den Kopf. »Gott verzeihe mir, wenn ich mich irre,« sagte er langsam, ohne den gespannten Blick von Julianus abzuwenden, »denke nur daran, Bruder Basilius, wie oft uns schon der Satan selbst, der Vater der Lüge, in Gestalt eines lichten Engels erschienen ist.« XV. Auf dem Untersatze einer Lampe, die die Form eines Delphins hatte, lag eine Brennschere. Die Flamme schien blaß, denn die Strahlen der Morgensonne, die durch die Fenstervorhänge drangen, erfüllten das ganze Ankleidezimmer mit warmem, rotviolettem Scheine. Die Seide der Vorhänge war mit dem allerteuersten Purpur gefärbt: dem hyazinthfarbigen, tyrischen, dreimal gereinigten. »Die Personen? Was die drei göttlichen Personen der heiligen Dreieinigkeit bedeuten, hat noch kein Mensch erfaßt. Ich habe heute die ganze Nacht nicht geschlafen und darüber nachgedacht, denn für solche Fragen habe ich eine große Schwäche. Und doch bin ich zu keinem Ergebnis gekommen; jetzt habe ich nur Kopfschmerzen davon. – Knabe, reich mir einmal das Handtuch und die Seife!« So sprach ein Mann von vornehmem Äußern, mit einer Mitra auf dem Kopfe, die ihm das Aussehen eines Oberpriesters oder eines asiatischen Fürsten verlieh; es war der erste Barbier der geheiligten Person des Kaisers Constantius. Das Rasiermesser flog in seinen geschickten Händen mit märchenhafter Geschwindigkeit. Die Prozedur des Rasierens gestaltete er zu einer geheimnisvollen, heiligen Handlung. Zu beiden Seiten des Kaisers standen außer Eusebius, dem Oberbeamten des allerhöchsten Schlafzimmers und dem einflußreichsten Mann im ganzen Reiche, außer den zahllosen Cubiculariern, die Gefäße mit Essenzen, Handtücher und Waschbecken in den Händen hielten, zwei jugendliche Fächerträger; während das hohe Sakrament des Rasierens vollzogen wurde, umfächelten sie den Kaiser mit breiten, dünnen, silbernen Fächern, die die Form von sechsgeflügelten Seraphinen hatten und den »Ripiden« glichen, mit denen die Diakonen während der Messe die Fliegen von dem heiligen Sakramente verscheuchen. Der Barbier war soeben mit der rechten Wange fertig geworden und machte sich an die linke, die er sorgfältig mit einer Seife, die mit einem arabischen Parfüm, dem sogenannten »Aphroditenschaum«, versetzt war; eingeseift hatte. Er neigte sich zum Ohre des Kaisers und flüsterte ihm so leise zu, daß es niemand von den Umstehenden hören konnte: »O frömmster Kaiser, nur dein allumfassender Verstand kann es entscheiden, was die drei göttlichen Personen – Vater, Sohn und heiliger Geist – bedeuten. Höre nicht auf die Bischöfe. Es soll nicht nach ihrem, sondern nach deinem Willen gehen. Den Patriarchen von Alexandria, Athanasius, mußt du schleunigst hinrichten lassen, denn er ist ein widerspenstiger und gotteslästerlicher Aufwiegler. Unser Gott und Schöpfer wird selbst deiner Heiligkeit eingeben, wie und was deine Sklaven glauben sollen. Ich meine, daß Arius recht hat, wenn er behauptet, daß es eine Zeit gegeben hat, in der der Sohn noch nicht existierte. So ist es auch mit der Wesenseinheit ...« Constantius warf einen Blick in den großen Spiegel aus poliertem Silber, fuhr sich mit der Hand über die seidenweiche, frischrasierte rechte Wange und unterbrach den Barbier: »Es scheint mir nicht ganz glatt zu sein! Was glaubst du? Solltest du vielleicht noch nachrasieren? – Was hast du übrigens soeben von der Wesenseinheit erzählt?« Der Barbier hatte erst neulich von den Hofbischöfen Ursacius und Valens ein Talent Goldes erhalten, um den Kaiser zu dem neuen Glaubensbekenntnis zu bekehren; während sein Rasiermesser gleichsam liebkosend über die Wange glitt, begann er von neuem Constantius etwas zuzuflüstern. In diesem Augenblick näherte sich dem Kaiser der Notarius Paulus, mit dem Beinamen »Catena«, das heißt Kette; diesen Beinamen verdankte er den schrecklichen Angebereien, mit denen er seine Opfer wie mit einer Kette zu binden pflegte. Paulus hatte ein weibisches, bartloses Gesicht von zarter Hautfarbe, und man hätte ihn seinem Äußeren nach für engelsmild halten können; seine Augen waren trüb, schwarz und beweglich, seine Schritte leise, weich und graziös, wie die einer Katze. Der Notarius trug an seinem Obergewand eine breite, dunkelblaue Schärpe – ein besonderes Zeichen der kaiserlichen Huld. Paulus Catena schob mit einer höflichen, doch energischen Bewegung den Barbier zur Seite, neigte sich zum Ohre des Kaisers und flüsterte: »Ein Brief des Julianus. Heute nacht habe ich ihn aufgefangen, Soll ich ihn öffnen?« Constantius entriß hastig den Brief den Händen des Paulus, erbrach ihn und begann zu lesen. Es gab aber eine Enttäuschung. »Dummheiten!« sagte er, »es ist nur eine Stilübung. Er schickt einem gelehrten Sophisten hundert Feigen und schreibt eine Lobrede auf die Feigen und die Zahl hundert.« »Sollte es nicht eine List sein?« bemerkte Catena. »Ist es denn möglich?« fragte Constantius, »hast du keine anderen Beweise?« »Nein.« »Er ist also entweder sehr geschickt, oder ..« »Was wollte deine Ewigkeit sagen?« »Oder er ist unschuldig.« »Wie es dir beliebt,« flüsterte Paulus. »Wie es mir beliebt? – Ich will gerecht sein, nichts als gerecht; weißt du es denn nicht? .. Ich muß Beweise haben.« »Warte nur, du sollst sie haben.« Nun kam ein anderer Spion, der Hoftafeldecker Mercurius, ein Perser, an die Reihe; er war jung, beinahe noch ein Knabe, hatte ein gelbes Gesicht und schwarze Augen. Er war nicht weniger gefürchtet als Paulus Catena; man nannte ihn im Scherze »den Beamten der Traumgesichte«: so oft Mercurius von einem Traum erzählen hörte, dessen Sinn eine schlechte Bedeutung für die geheiligte Person des Kaisers haben konnte, beeilte er sich, es dem Kaiser zu hinterbringen. Viele mußten dafür büßen, daß sie Dinge im Traume sahen, die sie nicht sehen sollten. Die Höflinge behaupteten, daß sie sämtlich an unheilbarer Schlaflosigkeit litten, und beneideten die Bewohner der märchenhaften Atlantis, welche, nach einer Behauptung Platos, ganz ohne Träume schliefen. Der Perser schob zwei äthiopische Eunuchen zur Seite, die eben die grünen, mit goldenen Adlern bestickten Schuhe des Kaisers (grüne Schuhe waren ein ausschließliches Privileg der kaiserlichen Majestät) verschnürten, fiel dem Herrscher zu Füßen, umarmte seine Knie, küßte sie und blickte ihn an, wie ein Hund, der mit dem Schwanze wedelnd und schmeichelnd, seinem Herrn in die Augen sieht. »Deine Ewigkeit verzeihe mir!« flüsterte der kleine Mercurius mit der treuherzigen Ergebenheit eines Kindes. »Ich konnte nicht länger warten und bin so rasch als möglich zu dir geeilt. Gaudentius hat einen bösen Traum gehabt. Er sah dich in einem zerrissenen Gewande mit einem Kranz aus leeren, nach unten hängenden Kornähren auf dem Haupte ...« »Was soll das bedeuten?« »Die leeren Ähren bedeuten Hungersnot; was aber das zerrissene Gewand betrifft, so wage ich nicht ...« »Eine Erkrankung?« »Vielleicht noch etwas Schlimmeres. – Seine Frau hat mir gestanden, daß Gaudentius Traumdeuter zu Rate gezogen hat: Gott weiß, was sie ihm alles gesagt haben mögen ...« »Es ist gut, wir wollen noch später darauf zurückkommen. Sprich am Abend wieder vor.« »Nein, jetzt gleich! Gestatte, ihn etwas zu foltern, ganz leicht, ohne Anwendung von Feuer. Dann haben wir noch den Fall mit den Tischtüchern ...« »Was sind das für Tischtücher?« »Hast du es schon vergessen? Bei einem Gastmahl zu Aquitanien war der Tisch mit zwei Tischtüchern gedeckt, die so breite Purpurstreifen hatten, daß sie einer kaiserlichen Chlamys nicht unähnlich waren.« »Waren die Streifen breiter als zwei Finger? Ich habe ja die Breite der Purpurstreifen durch ein Gesetz auf höchstens zwei Finger beschränkt.« »O, die waren viel breiter! Ich sage ja, daß es genau wie eine kaiserliche Chlamys aussah. Denke dir nur, ein Tischtuch mit einer so gotteslästerlichen Verzierung! ...« Mercurius hatte einen solchen Vorrat von Anzeigen, daß er sie kaum alle auf einmal vorbringen konnte: »In Daphni kam eine Mißgeburt zur Welt,« murmelte er schnell und stotternd. »Das Kind hat vier Augen, vier Ohren, zwei Stoßzähne und ist ganz behaart; die Wahrsager behaupten, es sei ein schlimmes Vorzeichen und bedeute die Spaltung des heiligen Reiches.« »Wir wollen sehen. Schreibe alles auf und reiche es ein.« Der Kaiser beendete seine Morgentoilette. Er warf noch einen Blick in den Spiegel und tauchte einen feinen Pinsel in ein kleines, silbernes Kästchen aus Filigran, das Schminke enthielt; es sah wie ein kleiner Reliquienschrein aus und trug auf dem Deckel ein Kreuz: Constantius war sehr fromm, und an allen Ecken und Enden seiner Wohnräume, sowie auch auf allen Gebrauchsgegenständen sah man zahllose Emaillekreuze und Monogramme Christi. Die Schminke, die er gebrauchte, war von jener teuersten Sorte, die man »Purpurissima« nannte und die aus dem rosa Schaum, den man beim Kochen des Saftes der Purpurschnecken in den Kesseln abschöpfte, gewonnen wurde. Constantius fuhr sich mit dem in die Schminke getauchten Pinsel geschickt über seine braunen und trockenen Wangen. Aus dem Zimmer, das »Porphyria« hieß und in dem ein besonderer fünfstöckiger Schrank mit den kaiserlichen Gewändern, das »Pentapyrgion«, stand, brachten die Eunuchen die Dalmatika herbei, die dermaßen von Edelsteinen und Gold strotzte, daß sie ganz steif und hart wie Blech war. Auf dem amethystfarbenen Purpurgrund waren geflügelte Löwen und Schlangen gestickt. An diesem Tage sollte im Hauptsaale des Schlosses vor Mediolanum das Konzil zusammentreten. Der Kaiser begab sich dahin durch eine Marmorgalerie mit durchbrochenen Wänden. Die Schloßwache – die Palatine – standen in zwei Reihen, stumm und unbeweglich wie Statuen, mit vierzehn Fuß langen Lanzen in den Händen. Den Zug eröffnete der Minister der allerhöchsten Gnadenbeweise – Comes sacrarum Largitionum – mit der goldgestickten, funkelnden und rauschenden Fahne Konstantins des Großen – dem »Labarum« , auf dem das Monogramm Christi prangte. Eigene Läufer – »Silentiarii« – liefen voraus und geboten allen andächtiges Stillschweigen. In der Galerie begegnete der Kaiser seiner Gemahlin Eusebia Aurelia. Es war eine nicht mehr junge Frau mit blassem, müdem Gesicht und feinen aristokratischen Zügen; in ihren durchdringenden Augen leuchtete zuweilen ein böses Lächeln auf. Die Kaiserin kreuzte ihre Hände über das Omophorium, das mit herzförmig geschliffenen Rubinen und Saphiren besät war, neigte den Kopf und sprach den vorgeschriebenen Morgengruß: »Ich komme, um mich an deinem Anblick, mein Gemahl, zu erquicken. Wie geruhte deine Heiligkeit zu schlafen?« Sie winkte und sofort traten die beiden Hofmatronen, Euphrosynia und Theophania, etwas zur Seite; dann sagte sie leise zu ihrem Gemahl: »Heute wird sich dir Julianus vorstellen. Sei gnädig zu ihm. Glaube den Angebern nicht. Er ist ein unglücklicher und unschuldiger Knabe. Der Herr wird dich belohnen, wenn du ihm deine Gnade schenkst, mein Fürst!« »Du, bittest für ihn?« Mann und Frau wechselten rasche Blicke. »Ich weiß, daß du mir in allen Dingen vertraust,« sagte sie, »vertraue mir auch dieses Mal. Julianus ist dein getreuer Knecht. Gewähre mir die Bitte und sei freundlich zu ihm ...« Sie schenkte ihrem Gatten einen jener Blicke, die ihr noch immer eine große Gewalt über sein Herz verliehen. Der Kaiser betrat den Porticus, der von dem Hauptsaal durch einen Teppichvorhang getrennt war; hinter dem Teppiche pflegte er die Verhandlungen des Konzils zu belauschen. Hier näherte sich ihm ein Mönch mit einer kreuzförmigen Tonsur auf dem Kopfe, mit einer Mönchskutte aus einem groben, dunklen Stoffe bekleidet. Es war Julianus. Er beugte seine Knie vor Constantius, berührte mit der Stirne den Boden und küßte den Saum der kaiserlichen Dalmatika. »Ich begrüße meinen Wohltäter, den siegreichen, großen und ewigen Cäsar Augustus Constantius. Deine Heiligkeit sei mir gnädig!« »Es freut Uns, dich zu sehen, Unser Sohn.« Der Vetter reichte Julianus gnädig die Hand zum Kusse. Julianus berührte mit seinen Lippen diese Hand, an der das Blut seines Vaters, seines Bruders und aller seiner Verwandten klebte. Der Mönch erhob sich und richtete die glühenden Augen auf den Todfeind. Seine Hand umfaßte krampfhaft den Griff des Dolches, den er in den Falten seines Gewandes verborgen hatte. Die kleinen, bleigrauen Augen des Constantius drückten unendlichen Ehrgeiz aus; doch ab und zu leuchtete in ihnen auch etwas von Tücke und Vorsicht auf. Er war klein von Wuchs, um einen ganzen Kopf kleiner als Julianus, hatte breite Schultern und schien stark und rüstig; seine Beine waren aber häßlich und krumm wie bei einem alten Zirkusreiter. Seine braune Haut hatte an den glatten Schläfen und Backenknochen einen unangenehmen Glanz; die dünnen Lippen waren streng zusammengepreßt, wie bei Leuten, die Ordnung und Pünktlichkeit über alles im Leben setzen: diesen Ausdruck haben oft alte Schulmeister. Dies alles war Julianus verhaßt. Er fühlte, wie sich seiner eine blinde, tierische Wut bemächtigte; er konnte kein Wort über seine Lippen bringen und stand mit niedergeschlagenen Augen und schwer keuchend vor seinem Vetter. Constantius lächelte: er glaubte, daß der Jüngling seinen kaiserlichen Blick nicht ertragen könne und von der überirdischen Majestät der römischen Kaiser geblendet sei. Er sagte hochmütig, doch wohlwollend: »Fürchte dich nicht, o Knabe! Gehe in Frieden. Unsere Güte wird dir keinerlei Leid zufügen und wird auch in Zukunft ihre Wohltaten deiner Verwaistheit angedeihen lassen.« Julianus trat in den Saal des Konzils. Der Kaiser, der im Porticus zurückblieb, legte sein Ohr an den Vorhang und begann mit listigem Lächeln zu horchen. Er erkannte die Stimme des ersten Postmeisters des Reiches, Gaudentius, desselben, der den bösen Traum gehabt hatte: »Ein Konzil auf das andere!« beklagte sich Gaudentius bei einem der Würdenträger. »Bald in Sirmien, bald in Sarden, bald in Antiochia und bald in Konstantinopel. Sie streiten sich herum und können unmöglich zu einer Einigung über das Wort ›Wesenseinheit‹ kommen. Man sollte aber doch auch an die armen Postpferde denken! Die Bischöfe reisen Hals über Kopf auf Staatskosten über das ganze Reich. Heute hin, morgen her, bald vom Westen, bald vom Osten. Ihnen folgt aber eine Unmenge von Priestern, Diakonen, Kirchendienern und Schreibern. Es ist ein Ruin! Unter zehn Postpferden wird sich kaum eines finden, das noch nicht von irgendeinem Bischof totgehetzt wäre. Noch fünf Konzile, – und alle meine Pferde werden krepieren, von den Postwagen werden aber die Räder abfallen. Im Ernst! Bedenke, daß die Bischöfe doch nie zu einer Einigung über die drei göttlichen Personen und die Wesenseinheit kommen werden!« »Verehrtester Gaudentius, warum schreibst du nicht darüber einen Bericht an den Kaiser?« »Ich fürchte, daß sie es mir nicht glauben und mich noch der Gottlosigkeit und der Mißachtung der Bedürfnisse der Kirche beschuldigen werden.« Im großen, runden Saal, dessen Kuppelgewölbe von Säulen aus grüngeädertem, phrygischem Marmor getragen wurde, war es schwül. Durch die Fenster, die hoch oben an der Kuppel angebracht waren, fielen schräge Sonnenstrahlen herein. Das Durcheinander der Stimmen erinnerte an das Summen in einem Bienenkorbe. Auf einem Podium war der Platz für den Kaiser vorbereitet – die »Sella Aurea« mit aus Elfenbein geschnitzten Löwenfüßen, die kreuzweise, wie bei den zusammenklappbaren Curialsesseln der altrömischen Consule, angeordnet waren. Neben dem Throne stand der Presbyter Paphnutius. Sein gutmütiges Gesicht war vor Erregung gerötet. »Ich, Paphnutius,« erklärte er, »werde alles so halten, wie ich es von den Vätern empfangen habe! Nach dem Glaubensbekenntnis, das von unserem heiligen Vater Athanasius, dem Patriarchen von Alexandria, aufgestellt ist, muß man in der Dreieinigkeit die Einheit, und in der Einheit die Dreieinigkeit verehren. Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der heilige Geist ist Gott, und doch gibt es nicht drei Götter, sondern nur einen.« Als ob er einen unsichtbaren Feind vernichten wollte, schlug er mit aller Kraft mit der riesengroßen Faust seiner Rechten auf die Handfläche der Linken. Er ließ seine Blicke triumphierend über die Versammlung schweifen und wiederholte: »Wie ich es empfangen habe, so werde ich es auch halten!« »He? Was? Was spricht er da?« fragte Osius, ein hundertjähriger Greis, der noch dem großen Konzil zu Nicäa beigewohnt hatte, »wo ist mein Hörrohr?« Sein Gesicht drückte Hilflosigkeit und Bestürzung aus. Er war vollkommen taub, halb blind und hatte einen langen, silberweißen Bart. Ein Diakon setzte ihm das Hörrohr an das Ohr. Ein blasser, magerer, vom langen Fasten ausgemergelter Mönch hatte sich an das Chorhemd des Paphnutius festgeklammert und suchte ihn zu überschreien: »Vater Paphnutius! Was ist jetzt das? Alles dreht sich ja nur um ein einziges Wort: ›wesensgleich‹ oder ›wesensähnlich‹!« Sich noch immer an das Chorhemd festhaltend, berichtete er dem Priester von den Schrecken, die er in Alexandria und Konstantinopel gesehen hatte. Die Arianer hätten denjenigen, die das heilige Abendmahl in den ketzerischen Kirchen nicht empfangen wollten, den Mund mit eigenen, hölzernen Zangen aufgerissen und ihnen die Hostie gewaltsam zwischen die Zähne geschoben; Kinder folterten sie, den Frauen zerdrückten sie in Schraubstöcken die Brüste und brannten mit glühendem Eisen die Brustwarzen aus; in der Kirche der heiligen Aposteln hätte es ein solches Gemetzel zwischen den Arianern und den Orthodoxen gegeben, daß das Blut die Regencisterne gefüllt und den Platz vor dem Kirchenportal überströmt hätte; zu Alexandria hätte der Statthalter Sebastianus orthodoxe Jungfrauen mit stechenden Palmenzweigen peitschen lassen, so daß viele daran gestorben wären; ihre geschändeten Leichen lägen unbeerdigt vor den Stadttoren. – Und dies alles sei nicht einmal wegen eines Wortes, sondern bloß wegen eines einzigen Buchstabens – des griechischen Jotas in den Worten üìïïýóéïò – wesensgleich und όμοούσιος – wesensähnlich – geschehen! »Vater Paphnutius!« wiederholte der blasse, sanfte Mönch. »Alles nur wegen eines einzigen Jotas! Und dabei kommt in der ganzen heiligen Schrift das Wort ούσια – Wesen überhaupt nicht vor! Warum streiten wir dann, und warum quälen wir so einander? Bedenke doch, Vater, wie schrecklich unsere Bösartigkeit ist!..« »Was folgt daraus?« unterbrach ihn ungeduldig Paphnutius. »Sollen wir uns denn wirklich mit diesen verdammten Gotteslästerern, diesen Hunden einigen, die aus ihren ketzerischen Herzen die Lehre ausgespien haben, daß es eine Zeit gegeben habe, wo der Sohn noch nicht existiert hätte?« »Ein Hirte, eine Herde!« verteidigte sich schüchtern der Mönch, »wollen wir doch etwas nachgeben...« Paphnutius hörte ihm aber nicht zu. Er schrie so, daß an seinem Halse und den Schläfen, die mit Schweißtropfen bedeckt waren, die Adern anschwollen: »Die Gottesleugner sollen schweigen! Es kann und wird nie so weit kommen! Ich verdamme die widerliche Ketzerei der Arianer! Wie ich es von den Vätern empfangen habe, so halte ich es!« Der hundertjährige Osius nickte zustimmend und hilflos mit seinem greisen Haupte. »Du bist heute so still, Vater Dorotheus! Du sprichst fast kein Wort? Oder bist du der Debatten überdrüssig?« fragte der Presbyter Phebas, ein hochgewachsener, blasser, schöner Mann mit ungewöhnlich langen, pechschwarzen Locken, einen alten Mann, der lebhaft und behend wie ein Jüngling war. »Ich bin schon heiser, Bruder Phebas. Ich möchte gerne sprechen, habe aber keine Stimme. Ich habe mir neulich die Kehle überanstrengt, als man die verruchten Akakianer verdammte: nun bin ich schon seit zwei Tagen heiser.« »Du solltest dir, Vater, den Hals mit rohem Ei spülen: es ist ein ausgezeichnetes Mittel.« Am anderen Ende des Saales sprach Aetius, der Diakon von Antiochia, der extremste Anhänger der arianischen Lehre; man nannte ihn wegen seiner gotteslästerlichen Lehre von der heiligen Dreieinigkeit einen Gottlosen und einen Atheisten. Er hatte einen lustigen und spöttischen Gesichtsausdruck. Sein Leben war sehr abwechslungsreich gewesen: er war nacheinander Sklave, Kupferschmied, Taglöhner, Rhetor, Arzt, Schüler der alexandrinischen Philosophen gewesen und schließlich Diakon geworden. Er predigte, sich an dem Entsetzen der Zuhörer weidend: »Gottvater ist in seinem Wesen dem Gottsohne fremd. Es gibt eine Dreieinigkeit, doch ist die Bedeutung der göttlichen Personen verschieden. Gott ist auch für den Sohn nicht erfaßbar, denn es steht nichts darüber geschrieben, daß auch Er in sich selbst enthalten sei. Der Sohn weiß nichts von seinem eigenen Wesen, denn einer, der einen Anfang hat, kann unmöglich mit seinem Geiste den Anfanglosen begreifen oder umfassen.« »Lästere nicht Gott!« schrie empört Theonas, der Bischof von Marmarice. »Wie weit soll noch die satanische Frechheit dieser Ketzer gehen, ihr Brüder?« »Verführe mir nicht die Einfältigen mit deinen süßen Reden!« fügte belehrend Sophronius, Bischof von Pompeopolis, hinzu. »Wenn ihr mir mit irgendwelchen philosophischen Beweisen kommt, so will ich mich gerne bekehren lassen. Euer Geschrei und Geschimpfe sind aber nur Beweise eurer Ohnmacht!« entgegnete ruhig Aetius. »In der Schrift steht geschrieben...« versuchte Sophronius einzuwenden. »Was geht mich die Schrift an? Gott gab den Menschen die Vernunft, damit sie Ihn erkennen. Ich glaube an die Dialektik, und nicht an den Buchstaben der Schrift. Wenn ihr mit mir reden wollt, so müßt ihr euch an die Kategorien und Syllogismen des Aristoteles halten.« Er hüllte sich mit verachtungsvollem Lächeln in sein Chorhemd, wie Diogenes in den kynischen Mantel. Einzelne Bischöfe hatten bereits eine Verständigung angebahnt, indem sie sich in einzelnen Dingen entgegengekommen waren, als sich plötzlich der Arianer Narzissus aus Neronias in das Gespräch einmengte. Er galt als der beste Kenner sämtlicher Konzilbeschlüsse, Glaubensbekenntnisse und Kanone; im übrigen war er unbeliebt; man beschuldigte ihn der Bestechlichkeit und eines anstößigen Lebenswandels, obwohl man seine Gelehrsamkeit hoch schätzte. Er warf den Bischöfen ganz ruhig und gelassen das eine Wort hin: »Ketzerei!« »Wieso Ketzerei? Warum Ketzerei?« fragten mehrere Stimmen zugleich. »Weil es noch auf dem Konzil zu Gangra in Paphlagonien als Ketzerei verurteilt worden war.« Narzissus hatte kleine, schrägstehende Augen, die boshaft funkelten; ein ebenso boshaftes und schiefes Lächeln spielte auf seinen dünnen Lippen; sein leicht ergrautes Haar war struppig und hart wie Schweineborsten; sein Gesicht war vor Haß ganz verzerrt. »Zu Gangra in Paphlagonien!« riefen die Bischöfe verzweifelt aus. »Und gerade an dieses Konzil haben wir nicht gedacht, was sollen wir nun anfangen, Brüder?« Narzissus überblickte triumphierend die Versammlung. »Herr, sei uns Sündern gnädig!« rief der gutmütige und einfältige Bischof Euzoius. »Ich kann nichts mehr begreifen. Der Kopf schwindelt mir: δμοούσιος,δμοιούσος, wesensgleich, nicht wesensgleich, wesensähnlich, die göttlichen Personen ... Die Ohren klingen mir von allen den griechischen Worten! Ich bin wie im Nebel und weiß selbst nicht mehr, woran ich glaube und woran ich nicht glaube, was Ketzerei ist, und was keine Ketzerei ist. Herr Jesu Christ, hilf uns! Wir sind von den Netzen des Teufels umgarnt und gehen zugrunde!« Plötzlich verstummten Lärm und Geschrei. Die Kanzel betrat einer der Lieblinge des Kaisers, Bischof Ursacius von Sigidunum, mit einer langen Pergamentrolle in der Hand. Zwei Stenographen machten sich bereit, die Verhandlungen in ihre Bücher einzutragen und spitzten die seinen Federn aus ägyptischem Rohre – Calamus. Ursacius verlas die Botschaft des Kaisers an die Bischöfe: »Constantius, Sieger und Triumphator, der Ewige und Ehrenwerte Augustus, an die in Mediolanum versammelten Bischöfe.« In rohen und den Anstand verletzenden Worten forderte der Kaiser von dem Konzil die Absetzung des Patriarchen von Alexandria, Athanasius; den von allen geachteten, heiligen Greis nannte er »den gemeinsten aller Menschen, einen Verräter und einen Genossen des frechen und verabscheuungswürdigen Maxentius«. Die dem Hofe ergebenen Bischöfe Valens, Eusebius und Auxentius beeilten sich das Schriftstück zu unterzeichnen. Die Versammelten begannen aber zu murren: »Teuflisches Ärgernis, List und Tücke der arianischen Christusgegner! Wir wollen ihnen unseren Patriarchen nicht ausliefern!« »Der Kaiser nennt sich ›ewig‹! Gott allein ist ewig! Es ist eine Gotteslästerung!« Constantius, der hinter dem Vorhange horchte, hatte diese letzten Worte aufgefangen. Er zog den Teppich plötzlich zurück und betrat den Saal des Konzils. Lanzenträger umgaben ihn. Der Kaiser war aufs höchste erregt. Eine unheimliche Stille trat ein. »Was gibt's? Was gibt's?« stammelte der blinde Greis Osius. Sein Gesicht drückte Bestürzung und Staunen aus. »Väter,« begann der Kaiser, mit größter Anstrengung seinen Zorn bemeisternd. »Gestattet doch mir, dem Diener des Allerhöchsten, meinen Eifer unter seiner Vorsehung bis ans Ende zu führen. Athanasius ist ein Aufwiegler, er hat zuerst den Weltfrieden verletzt...« In der Menge erhob sich neues Murren. Constantius verstummte und sah erstaunt die Reihen der Bischöfe an. Eine Stimme sagte: »Wir verdammen die schändliche Ketzerei der Arianer!« »Der Glaube, gegen den ihr euch erhebt,« entgegnete der Kaiser, »ist Unser Glaube, wenn er ketzerisch wäre, so hätte Uns Gott der Allmächtige nicht den Sieg über alle Unsere Widersacher – Constans, Vetranio, Gallus und den frechen und verabscheuungswürdigen Maxentius – verliehen! Warum hat der Herr selbst in Unsere geheiligte Rechte das Zepter des Weltalls gelegt?« Die Väter schwiegen. Der höfische Schmeichler Valens, Bischof von Murcia, trat vor und begann mit ehrerbietiger Verbeugung: »Der Herr wird die Wahrheit deiner Weisheit, o gottgeliebter Herrscher, offenbaren. Der Glaube, an den du glaubst, kann nicht ketzerisch sein. Nicht umsonst sah Cyrillus von Jerusalem am Tage deines Sieges über Maxentius ein wunderbares Zeichen am Himmel – ein Kreuz, von einem Regenbogen umgeben.« »Das ist mein Wille!« unterbrach ihn Constantius, sich vom Throne erhebend. »Athanasius wird kraft der Gewalt, die Uns Gott verliehen hat, abgesetzt werden. Betet, daß endlich alle Reibereien und Wortkriege aufhören, daß die abscheuliche und mörderische Ketzerei der Sabellianer, der Anhänger des verruchten Athanasius, vernichtet werde und daß in allen Herzen die Wahrheit erstrahle ...« Plötzlich erbleichte er, und die Worte erstarben auf seinen Lippen. »Was ist das? Wer hat ihn hereingelassen?« Constantius wies auf einen schlanken Greis mit strengem und majestätischen Gesichtsausdruck: es war der wegen seines Bekenntnisses verfolgte und abgesetzte Hilarius, Bischof von Pictavium, einer der ärgsten Feinde des arianischen Kaisers; er war eigenmächtig zum Konzil gekommen, vielleicht in der Hoffnung, hier den Märtyrertod zu finden. Der Greis erhob seine Rechte zum Himmel, als rufe er einen Fluch auf das Haupt des Kaisers herab, und seine laute Stimme erdröhnte in der Stille der Versammlung: »Brüder! Christus naht, denn der Antichrist hat bereits gesiegt. Der Antichrist ist Constantius! Er schlägt uns nicht auf den Rücken, sondern liebkost unseren Bauch; er wirft uns nicht in die Gefängnisse, sondern verführt uns in kaiserlichen Palästen. – Cäsar, höre: ich sage dir das, was ich auch dem Nero, Decius und Maximianus, den offenbaren Feinden der Kirche gesagt hätte: du bist ein Mörder und hast nicht nur Menschen, sondern auch die göttliche Liebe gemordet! Nero, Decius und Maximianus haben Gott mehr gedient als du: unter ihrer Herrschaft haben wir oft den Teufel besiegt; unter ihrer Herrschaft floß das Blut der Märtyrer, das die Erde reinigte, und die Gebeine der Toten verrichteten zahllose Wunder. Doch du, Wütender, mordest uns, ohne uns einen ruhmreichen Tod zu gönnen! – Herr, schicke uns einen offenbaren Mörder, einen offenen Feind, wie es Nero oder Decius waren, damit das wohltätige und schreckliche Schwert deines Zornes die von den Küssen des Judas-Constantius geschändete Kirche auferstehen lasse!..« »Verhaften, sofort verhaften! Ihn und alle Aufwiegler!« Die Palatine und Schildträger stürzten sich auf die Bischöfe. Es entstand eine allgemeine Verwirrung. Hier und dort blitzten Schwerter. Hilarius wurde unter rohen Beleidigungen von den Soldaten fortgeschleppt; man hatte ihm das Omophorium, das Schultertuch und die Stola vom Leibe gerissen. Viele stürzten entsetzt zu den Ausgängen; man stieß einander und trat mit den Füßen auf die zu Boden Gefallenen. Einer der Schreiber sprang auf die Fensterbank, um sich in den Hof zu retten; doch ein Soldat hielt ihn an seinem langen Gewande fest. Der Tisch mit den Tintenfässern wurde umgeworfen und rote Tinte floß auf die blauen Jaspisfließen des Fußbodens. Beim Anblick dieser roten Pfütze begann man zu schreien: »Blut! Blut! Flieht!« Andere riefen: »Tod den Feinden des frömmsten Augustus!« Paphnutius schrie mit Donnerstimme, während ihn zwei Legionäre fortschleppten: »Ich bekenne das Konzil von Nicäa und verdamme die Ketzerei der Arianer!« Viele schrien noch immer: »Wesensgleich!« Andere riefen dazwischen: »Unsinn, unmöglich! Wesensähnlich!« »Unähnlich, das heißt άνόμοιος. – Schweigt, ihr Gotteslästerer! – Anathema! – Wir verdammen! – Das Konzil zu Nicäa! – Das Konzil zu Sardes! – Zu Gangra in Paphlagonien! – Anathema!« Der blinde Osius saß, von allen vergessen, auf seinem Bischofssessel und flüsterte kaum hörbar: »Jesus Christe, Sohn Gottes, sei uns gnädig! Was ist es nun, Brüder?..« Doch vergeblich streckte er seine schwachen Arme zu den in wahnsinniger Angst rennenden Geistlichen; vergeblich lallte er: »Brüder, Brüder, was ist nun das?« – Niemand sah und hörte den Greis. Und Tränen liefen ihm seine hundertjährigen Runzeln herab. Julianus hatte diesen Vorgängen lächelnd zugesehen und triumphierte stumm und schadenfroh. * Spät am Abend, der diesem Tage folgte, schritten durch die grüne Ebene von Mediolanum gen Osten zwei mesopotanische Mönche, die von Bischöfen entfernter syrischer Provinzen zum Konzil gesandt worden waren. Mit knapper Not hatten sie sich aus den Händen der Lanzenträger gerettet und gingen nun freudig nach Ravenna, um sich da einzuschiffen und in ihre Wüsten heimzukehren. Ihre Gesichter drückten Ermüdung und Trauer aus. Der eine von beiden war ein alter Mann und hieß Ephraim; der andere, Pimen, war ein Jüngling. Ephraim sagte zu Pimen: »Bruder, es ist Zeit, wieder in unsere Wüste zu ziehen. Es ist besser, das Heulen der Schakale und Löwen zu hören, als das, was wir heute im kaiserlichen Palaste mitangehört haben. Mein liebes Kind! Selig sind die Schweigsamen. Selig sind, die sich hinter die Mauer des Schweigens zurückgezogen haben, wo sie die Streitigkeiten der Kirchenlehrer nicht erreichen. Selig sind, die die Nichtigkeit der Worte eingesehen haben. Selig sind, die nicht streiten. Selig ist, der die Geheimnisse der Gottheit nicht erforscht, sondern vor Deinem Angesicht, o Herr, wie eine Leier singt. Selig ist, der es erfaßt hat, wie schwer es ist, Dich zu erkennen, und wie süß es ist, Dich zu lieben, o Herr!« Ephraim verstummte und Pimen sprach: »Amen!« Die große Stille der Nacht umfing sie. Rüstig schritten sie, die Sterne als Wegweiser benutzend, gen Morgen, und freuten sich auf das Schweigen der Wüste. XVI. An einem sonnigen Morgen waren alle Straßen in Mediolanum von ungezählten Volksmassen überfüllt, die zum Hauptplatz der Stadt strömten. Unter brausenden Hochrufen erschien in einem von schwanenweißen Rossen gezogenen Triumphwagen der Kaiser. Er stand so hoch, daß die Leute die Köpfe in den Nacken werfen mußten, wenn sie sein Gesicht sehen wollten. Seine Kleidung funkelte von Edelsteinen. In der Rechten hielt er das Zepter, in der Linken – den von einem Kreuze gekrönten Reichsapfel. Unbeweglich, wie eine Statue, stark geschminkt und gepudert, blickte er gerade vor sich hin, ohne den Kopf zu wenden, als wäre er in einem Schraubstock eingeklemmt, während der ganzen Fahrt, selbst bei allen Stößen und Erschütterungen des Wagens, machte er keine einzige Bewegung, rührte keinen Finger, hustete nicht und zuckte nicht mit den Augenlidern. Diese versteinerte Unbeweglichkeit hatte sich Constantius nach jahrelangen Anstrengungen angeeignet; er war auf sie stolz und hielt sie für ein notwendiges Attribut der göttlichen Majestät eines römischen Cäsars. In einem solchen Augenblicke würde er lieber sterben, als seine sterbliche Natur durch Niesen, Schneuzen, Spucken, oder bloß durch das Abwischen des Schweißes von der Stirne zu zeigen. Krummbeinig und klein, hielt er sich selbst für einen Riesen. Als sein Wagen den Triumphbogen in der Nähe der Thermen des Maximianus Herkulius passierte, neigte er den Kopf, als ob er fürchte, mit der Stirne gegen das Tor zu prallen, durch das auch ein Zyklop ungehindert passieren konnte. Zu beiden Seiten der Straße standen die Palatine mit goldenen Helmen und goldenen Panzern; die zwei Reihen der Ehrenwache funkelten in der Sonne wie zwei Blitze. Um den kaiserlichen Wagen wehten prunkvolle Banner und Fahnen in Form von Drachen. Der Wind drang in die offenen Rachen der Drachen, blähte sie auf, und aus den purpurnen Fahnen kam ein durchdringendes Pfeifen, das sich wie Schlangengezisch anhörte; die langen, roten Schwänze der Ungeheuer flatterten im Winde. Auf dem Hauptplatze waren alle Legionen aufgestellt, die die Garnison von Mediolanum bildeten. Der Kaiser wurde mit donnernden Hochrufen begrüßt. Constantius war zufrieden: der Ton dieser Hochrufe, die weder zu laut, noch zu leise klangen, war genau im voraus festgesetzt und eingedrillt; die Soldaten und die Bürger waren angewiesen, nicht zu laute und dabei ehrfurchtsvolle Freudenschreie von sich zu geben. Bei jeder seiner Bewegungen auf einen möglichst majestätischen Effekt bedacht, stieg der Kaiser vom Wagen und betrat ein Bretterpodium, das von oben bis unten mit siegreichen Fetzen alter Fahnen und mit ehernen Römeradlern geschmückt war. Ein Trompetensignal verkündigte, daß der Heerführer zu seinen Legionen sprechen wolle, und sofort trat Stille ein. »Optimi reipublicae defensores!« begann Constantius. »Hervorragendste Verteidiger des Staates!« Seine Rede war übermäßig lang und mit Blüten akademischer Rhetorik überladen. Julianus, der an diesem Tage die Hofkleidung angelegt hatte, bestieg das Podium, und der Brudermörder bekleidete den letzten Sprossen des Constantius Chlorus mit kaiserlichem Purpur, während der Kaiser den Purpurmantel emporhob, um ihn auf die Schultern des knienden Julianus zu legen, drangen Sonnenstrahlen durch die leichte Seide und färbten das totenblasse Gesicht des neuen Cäsars in ein blutiges Rot. Ein Vers aus der Ilias, der ihm prophetisch erschien, kam ihm in den Sinn: »Ελλαβη πορφύρεος δάναιος χαι Μοιρα χρατάιη »Ihn übernahm der purpurne Tod und das grause Verhängnis.« Unterdessen begrüßte ihn Constantius mit den Worten: » Recipisti primaevus originis tuae splendidam florem, amatissime mihi omnium frater! « »Noch so jung, empfängst du, mein geliebtester Bruder, die glänzenden Farben deines kaiserlichen Geschlechtes!« Die Legionäre schrien vor Entzücken. Constantius verzog den Mund, denn dieses Geschrei überstieg das festgesetzte Maß: Julianus' Gesicht hatte wohl den Soldaten gefallen. »Hoch Cäsar Julianus!« schrien sie immer lauter und lauter und wollten gar nicht aufhören. Der neue Cäsar lächelte ihnen wie ein Bruder zu. Jeder der Legionäre schlug mit dem Kupferschild aufs Knie, was ein Zeichen der Freude war. Julianus schien es, daß sich an ihm nicht der Wille des Kaisers, sondern der der Götter erfüll * Allabendlich widmete Constantius eine Viertelstunde der Pflege und dem Beschneiden seiner Fingernägel; dies war der einzige Zeitvertreib, den sich der genügsame und in seinen Gewohnheiten eher einfache, als verwöhnte Kaiser erlaubte. Während er auch an diesem Abend die Fingernägel mit seinen Feilen bearbeitete und mit kleinen Bürsten glättete, fragte er mit zufriedenem Gesichtsausdruck seinen liebsten Eunuchen, den Beamten des allerhöchsten Schlafzimmers, Eusebius: »Glaubst du, daß er bald die Gallier besiegen wird?« »Ich glaube,« erwiderte Eusebius, »daß wir bald die Nachricht von Niederlagen und vom Tode des Julianus erhalten werden.« »Es täte mir wirklich sehr leid,« fuhr Constantius fort. »Ich habe übrigens alles getan, was in meiner Macht war: es wird, folglich, seine eigene Schuld sein...« Er lächelte und betrachtete, den Kopf auf die Seite geneigt, seine polierten Fingernägel. »Du hast den Maxentius besiegt,« flüsterte der Eunuch, »du hast den Vetranio, den Gallus und den Constans besiegt und wirst also auch Julianus besiegen. Dann wird es nur einen Hirten und eine Herde geben. Gott – und du!« »Ja, ja ... Doch gibt es außer Julianus noch den Athanasius. Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich ihn lebend oder tot in meinen Händen habe.« »Julianus ist gefährlicher als Athanasius; du hast ihn heute mit dem Purpur des Todes bekleidet. – Wie groß ist die Weisheit der göttlichen Vorsehung! Auf unerforschlichen Wegen wandelnd, vernichtet sie alle Feinde deiner Ewigkeit. Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist heute und in alle Ewigkeit!« »Amen!« schloß der Kaiser. Er war mit seinen Fingernägeln fertig und legte das letzte Bürstchen zur Seite. Er näherte sich dem alten Banner Konstantins des Großen, dem »Labarum«, das immer im kaiserlichen Schlafzimmer stand, kniete vor ihm nieder, heftete seinen Blick auf das aus Edelsteinen zusammengesetzte und im Lichte der ewigen Lampe funkelnde Monogramm Christi und begann zu beten. Er sprach alle festgesetzten Gebete und machte die vorgeschriebene Zahl von Verbeugungen. Er wandte sich zu Gott mit dem unerschütterlichen Glauben eines Menschen, der nie an seiner Tugend zweifelt. Als die vorgeschriebenen drei Viertelstunden des Abendgebetes verstrichen waren, erhob er sich leichten Herzens von den Knien. Die Eunuchen kleideten ihn aus, und er legte sich auf sein Prunkbett, das von silbernen Cherubim mit ausgebreiteten Schwingen getragen wurde. Mit dem unschuldigsten Lächeln auf den Lippen schlief der Kaiser ein. XVII. In einem der belebtesten Säulengänge von Athen war die Statue »Der Sieger Octavius mit dem Kopfe des toten Brutus«, ein Werk Arsinoes, aufgestellt. Das Volk von Athen begrüßte in der Tochter des Senators Helvidius Priscus die Wiederbeleberin der alten Kunst. Eigene Beamte, die auf die Stimmung der Bevölkerung im Reiche aufzupassen hatten, und daher die »Forscher« genannt wurden, berichteten an die vorgesetzte Behörde, daß dieses Bildwerk im Volke freiheitliche Gefühle wecken könne: im Haupte des Brutus wollten sie die Züge des Julianus erkennen und darin eine frevelhafte Anspielung auf die Hinrichtung des Gallus sehen; in Octavius entdeckten sie eine Ähnlichkeit mit Constantius. Diese Anzeige entwickelte sich zu einer Untersuchung wegen Majestätsbeleidigung, die beinahe in die Hände des Paulus Catena geraten wäre. Glücklicherweise kam aus der Hofkanzlei vom Magister der Offizien der strenge Befehl, die anstößige Statue nicht nur von ihrem Standplatze zu entfernen, sondern auch in Gegenwart von kaiserlichen Beamten zu vernichten. Arsinoe wollte sie verstecken. Hortensius bekam solche Angst, daß er seiner Pflegetochter drohte, sie an die Angeber auszuliefern. Ihrer bemächtigte sich ein Ekel vor der menschlichen Gemeinheit: sie gestattete mit ihrem Werke alles zu tun, was nur Hortensius wollte. Die Statue wurde von Steinhauern zertrümmert. Arsinoe wollte nun Athen schleunigst verlassen. Der Vormund überredete sie, ihn nach Rom zu begleiten, wo seine Freunde ihm schon längst den einträglichen Posten eines kaiserlichen Quästors in Aussicht gestellt hatten. In Rom siedelten sie sich in der Nähe des Palatinischen Hügels an. Die Tage vergingen in Untätigkeit. Die Künstlerin hatte eingesehen, daß die frühere große und freie Kunst in der neuen Zeit unmöglich sei. Arsinoe erinnerte sich noch an ihr Gespräch mit Julianus in Athen; dies war noch das einzige Band, das sie mit dem Leben verknüpfte. Die Erwartung und die Untätigkeit waren ihr unerträglich. In Augenblicken von Verzweiflung überkam sie oft der Wunsch, mit allem schnell ein Ende zu machen, alles im Stich zu lassen und ohne Aufschub nach Gallien zum jungen Cäsar zu reisen; mit ihm wollte sie die Macht erringen, oder untergehen. Zu dieser Zeit erkrankte sie aber an einem schweren Leiden. In den langen, stillen Tagen der Rekonvaleszenz wurde sie von Anatolius, dem launischsten und zugleich treuesten ihrer Verehrer, getröstet. Er war Centurio bei den kaiserlichen Schildträgern und Sohn eines reichen Kaufmannes aus Rhodus. Wie er selbst sagte, war er römischer Centurio nur ganz zufällig geworden; er wählte diesen Beruf seinem alten Vater zuliebe, dessen höchstes Lebensglück es war, seinen Sohn in der goldstrotzenden Uniform eines kaiserlichen Schildträgers zu sehen. Er befreite sich vom Dienste durch Bestechungen und verbrachte seine Tage in elegantem Müßiggang, unter seltenen Kunstwerken und Büchern, bei Trinkgelagen und auf planlosen, üppigen Reisen. Die tiefe Heiterkeit der alten Epikureer ging ihm aber ab, und er pflegte seinen Freunden vorzujammern: »Ich leide an einer tödlichen Krankheit.« »An welcher?« fragten sie ihn mit ungläubigem Lächeln. »Daran, was ihr meinen Geist nennt, und was mir selbst zuweilen als ein beklagenswerter und seltsamer Wahnsinn erscheint.« Seine weichen, mädchenhaften Gesichtszüge drückten Müdigkeit und Trägheit aus. Zuweilen schien er aus einem Schlafe zu erwachen: dann pflegte er während eines Sturmes eine zwecklose und gefährliche Bootfahrt im offenen Meere in Gesellschaft von Fischern zu unternehmen, oder in die Wälder von Calabrien zu reisen, um da auf Eber und Bären zu jagen; oft hegte er den Wunsch, an einer Verschwörung gegen den Kaiser teilnehmen zu können, oder im Kriege Ruhm zu suchen; oder er wollte in die Mysterien des Mithra und des Adonis eingeweiht werden. In solchen Augenblicken setzte er selbst solche Leute, die ihn in seinem alltäglichen Leben nicht kannten, durch seine Unermüdlichkeit und Verwegenheit in Erstaunen. Seine Erregung war aber gewöhnlich bald wieder verpufft, und er kehrte noch matter und schläfriger, noch trauriger und skeptischer zu seinem Müßiggang zurück. »Man kann mit dir wirklich nichts anfangen, Anatolius,« sagte Arsinoe oft mit vorwurfsvollem Lächeln zu ihm: »du bist so weich, als hättest du keine Knochen im Leibe.« Sie spürte aber im ganzen Wesen dieses letzten Epikureers einen Hauch von hellenischer Schönheit; sie liebte das traurige und spöttische Lächeln seiner müden Augen über das Leben und über sich selbst, mit dem er zu sagen pflegte: »Der Weise findet eine gewisse Süße selbst in seinen traurigsten Gedanken, gleich den Bienen des Hymettos, die auch aus den bittersten Gräsern Honig saugen.« Die stillen Gespräche mit ihm trösteten und beruhigten Arsinoe. Sie nannte ihn im Scherz ihren Arzt. Arsinoe genas von ihrer Krankheit, doch kehrte sie nie wieder in ihre Werkstatt zurück; selbst der Anblick des Marmors rief bei ihr traurige Empfindungen wach. Hortensius war in dieser Zeit mit den Vorbereitungen zu den Festspielen beschäftigt, die er zur Feier seiner Ankunft in Rom dem Volke im Amphitheater des Flavius geben wollte. Er war immer unterwegs und hatte alle Hände voll zu tun; täglich trafen für ihn Pferde, Löwen, iberische Bären, schottische Hunde, Nilkrokodile, auch kühne Jäger, kunstfertige Reiter, Mimen und auserlesene Gladiatoren ein, die er sich aus allen Enden der Welt kommen ließ. Der Tag des Festes nahte heran, doch waren die Löwen noch immer nicht aus Tarent, wohin man sie auf dem Seewege gebracht hatte, eingetroffen. Die Bären waren in einem ganz elenden Zustande angelangt und waren daher fromm wie Lämmer, Hortensius konnte vor Aufregung weder essen, noch schlafen. Vor zwei Tagen hatten sich die Gladiatoren, Kriegsgefangene aus Sachsen, stolze und furchtlose Männer, die ihm viel Geld gekostet hatten, gegenseitig im Gefängnisse erdrosselt, da sie es für eine Schmach hielten, dem römischen Pöbel zur Belustigung zu dienen. Diese unerwartete Nachricht machte auf Hortensius einen so niederschmetternden Eindruck, daß er beinahe in Ohnmacht fiel. Jetzt mußte er seine ganze Hoffnung auf die Krokodile setzen. »Hast du versucht, sie mit kleingehacktem Ferkelfleisch zu füttern?« fragte er den Sklaven, der die kostbaren Krokodile zu bewachen hatte. »Ich habe es versucht. Sie fressen es nicht.« »Und rohes Kalbfleisch?« »Auch Kalbfleisch fressen sie nicht.« »Und in Rahm eingeweichtes Weizenbrot?« »Sie wollen nicht einmal daran riechen, sie wenden ihre Schnauzen ab und schlafen, wahrscheinlich sind sie krank oder sehr müde, wir haben schon versucht, ihnen die Schnauzen mit Stangen aufzureißen und die Nahrung mit Gewalt hinein zu stopfen, doch spucken sie sie immer wieder aus.« »Bei Jupiter, diese gemeinen Geschöpfe werden mich noch ins Grab bringen! Man muß sie gleich am ersten Tage in die Arena herauslassen, solange sie noch nicht vor Hunger krepiert sind,« stöhnte der arme Hortensius auf, in einen Sessel fallend. Arsinoe betrachtete ihn nicht ohne Neid: er langweilte sich wenigstens nicht. Sie ging in ein einsames Gemach, dessen Fenster in den Garten gingen, hier traf sie ihre Schwester Myrrha. Das schmächtige, schlanke Mädchen spielte, vom stillen Mondscheine übergossen, ganz leise auf der Leier, und die Töne fielen in der Stille der Mondnacht wie Tränen. Arsinoe umarmte sie schweigend. Myrrha lächelte ihr zu, ohne das Spiel zu unterbrechen. Hinter der Gartenmauer ertönte ein leiser Pfiff. »Er ist's!« sagte Myrrha sich erhebend und hinhorchend, »Wollen wir schneller gehen.« Sie drückte mit ihrer kindlichen und doch kräftigen Hand die Hand Arsinoes. Beide Mädchen warfen sich dunkle Mäntel über und traten ins Freie. Der Wind jagte die Wolken, zwischen denen der Mond bald hervorlugte, bald wieder verschwand. Arsinoe öffnete die kleine Gartenpforte. Ein Jüngling in einer wollenen Mönchskutte erwartete sie draußen. »Kommen wir zu spät, Juventinus?« fragte Myrrha. »Ich fürchtete schon, daß du heute nicht kommst...« Sie gingen lange durch eine schmale und finstere Gasse, dann durch einen Weingarten und gelangten schließlich aufs freie Feld, wo die römische Campagna beginnt. Unter ihren Füßen raschelte trockenes Gras. In der mondbeschienenen Ferne sah man die Bogen des aus Backsteinen erbauten Aquäduktes aus den Zeiten des Servius Tullius. Juventinus sah sich um und sagte: »Jemand folgt uns.« Die beiden Mädchen wandten sich auch um. Das Mondlicht fiel auf ihre Gesichter, und der Mann, der ihnen folgte, rief freudig aus: »Arsinoe! Myrrha! Endlich finde ich euch! wohin des Weges?« »Zu den Christen,« antwortete Arsinoe. »Komme mit uns, Anatolius. Du wirst viel Interessantes sehen.« »Zu den Christen? Ist es denn möglich... Du hast sie doch immer gehaßt?« fragte der Centurio erstaunt. »Mit den Jahren wird man besser und gleichgültiger gegen alles,« entgegnete das Mädchen. »Dieser Aberglauben ist nicht besser und nicht schlechter als alle anderen. Und was fängt man nicht alles vor lauter Langeweile an? Ich gehe nur Myrrha zuliebe hin. Ihr gefällt es...« »Wo ist denn die Kirche? wir sind doch mitten im freien Feld?« fragte Anatolius, sich erstaunt umblickend. »Die Kirchen der Christen sind von ihren eigenen Brüdern, den Arianern, die an Christus anders als sie glauben, zerstört und entweiht. Am Hofe hast du ja genug Gelegenheit gehabt, von ihren Streitigkeiten über die Wesenseinheit und Wesensähnlichkeit zu hören. Jetzt beten die Gegner der Arianer in geheimen, unterirdischen Gängen, wie in der Zeit der ersten Christenverfolgungen.« Myrrha und Juventinus waren etwas zurückgeblieben, so daß Arsinoe und Anatolius ungestört sprechen konnten. »Wer ist das?« fragte der Centurio, auf Juventinus zeigend. »Ein Nachkomme des alten Patriziergeschlechtes der Furier,« antwortete Arsinoe. »Seine Mutter will gerne, daß er Konsul wird; er will aber gegen ihren Willen in die Wüste fliehen, um da Gott anzubeten; obwohl er seine Mutter liebt, flieht er vor ihr, wie vor einem Feind...« »Ein Nachkomme der Furier – ein Mönch! Das sind Zeiten!« seufzte der Epikureer auf. Sie näherten sich den »Arenarien«, alten Gruben, in denen einst bröckeliger Tuff gewonnen wurde, und stiegen auf einer schmalen Stiege auf den Grund des Steinbruches herab. Der Mond beleuchtete die großen Stücke rötlicher, vulkanischer Erde. Juventinus holte aus einer runden Wandnische eine kleine, tönerne Lampe hervor, schlug Feuer und zündete sie an. Aus dem schlanken Halse der Lampe schlug eine lange, flackernde Flammenzunge empor, sie gingen in die Tiefe eines der Seitengänge des Arenariums. Der noch von den alten Römern gegrabene Stollen war sehr breit und führte ziemlich steil in die Tiefe hinab. Er wurde von anderen Stollen, die den Arbeitern zum Transport des Gesteins dienten, durchkreuzt. Juventius führte seine Begleiter durch ein Labyrinth. Endlich blieb er vor einer Schachtmündung stehen und hob den Holzdeckel ab. Dem Loche entstieg ein Geruch von Feuchtigkeit, sie stiegen vorsichtig die steilen Stufen hinab. Unten in der Tiefe fanden sie eine kleine Türe. Juventinus klopfte an. Die Türe wurde aufgemacht, und der Pförtner, ein greiser Mönch, ließ sie in einen engen und hohen Stollen eintreten, der nicht mehr durch bröckeliges, sondern durch körniges Gestein ging, das sich gut zum Graben neuer Gänge eignete. Beide Wände waren vom Boden bis an die Decke teils mit Marmorplatten, teils mit flachen, dünnen Backsteinen bedeckt, die die zahllosen Gräber abschlossen. Hier und da begegneten ihnen Menschen mit Lampen in der Hand. Anatolius konnte im flackernden Lampenscheine die Inschrift auf einer der Grabplatten entziffern: »Dorotheus, Lohn des Felix, ruht hier an einem kühlen Ort, an einem lichten Ort, an einem friedlichen Ort.« Auf einer anderen Steinplatte las er: »Brüder, störet mich nicht in meinem süßesten Schlafe.« Alle diese Inschriften drückten Liebe und Freudigkeit aus. So lautete die eine: »süße Sophronia, lebe ewig in Gott« – »Sophronia, dulcis, semper vivis Deo .« Etwas weiter las man: » Sophronia vivis « – »Sophronia, du lebst,« – als hätte der Verfasser der Inschrift endgültig begriffen, daß es keinen Tod gäbe. Nirgends hieß es: »Er ist begraben,« sondern nur: »Er ist hier niedergelegt« – » depusitus «. Tausende und Abertausende von Menschen, ganze Geschlechter schienen hier nicht tot, sondern von einem leichten Schlaf umfangen und von einer geheimnisvollen Erwartung erfüllt, zu ruhen. In den Wandnischen standen Lampen, die in der dumpfen Luft mit unbeweglicher, schlanker Flamme brannten, und schöne Amphoren mit Wohlgerüchen. Nur der Geruch von faulenden Gebeinen, der aus den Spalten in den Särgen drang, erinnerte an den Tod. Die unterirdischen Gänge waren in mehreren Stockwerken übereinander angeordnet; hier und da sah man in der Decke ein »Luminarium«, – ein rundes Loch, das zur Lüftung und Beleuchtung diente und bis zur Oberfläche der Campagna aufstieg. Schwache Mondstrahlen fielen durch das Luminarium und streiften einzelne Marmorplatten mit Inschriften. Am Ende einer dieser Galerien sahen sie einen Totengräber bei der Arbeit. Ein lustiges Liedchen vor sich her summend, schlug er mit einer eisernen Hacke in das körnige Gestein, das sich über seinem Kopfe zu einer runden Kuppel wölbte. Um den Oberaufseher über die Totengräber, den »Fossor«, einen reich gekleideten Mann mit schlauen Augen und feistem Gesicht, drängten sich mehrere Christen. Der Fossor hatte von jemand eine ganze Galerie von Katakomben geerbt und verkaufte in diesen einzelne freie Beerdigungsplätze; seine Abteilung war besonders einträglich, denn in ihr ruhten die Gebeine des heiligen Laurentius. Der Totengräber war dadurch ein reicher Mann geworden. Jetzt verhandelte er mit dem reichen und geizigen Gerber Simon. Arsinoe blieb für einen Augenblick stehen und lauschte dem Gespräch der beiden. »Wie weit liegt der Platz vom heiligen Laurentius?« fragte Simon mißtrauisch, an die hohe Summe denkend, die der Fossor von ihm verlangte. »Es ist nicht weit: nur sechs Ellen.« »Oben oder unten?« fuhr der Käufer fort. »Zur Rechten, zur Rechten, etwas schräg. Ich sage dir, es ist ein ausgezeichneter Platz, und ich übervorteile dich nicht. Wieviel du auch gesündigt hast, alles wird dir vergeben werden! Du wirst mit dem Heiligen zugleich direkt in den Himmel eintreten.« Der Fossor nahm dem Besteller mit seinen geübten Händen Maß für das Grab, wie es ein Schneider bei Kleidern tut. Der Gerber bat ihn inständig, das Grab möglichst geräumig zu machen, damit er nicht eng zu liegen habe. Nun kam zum Totengräber ein ärmlich gekleidetes, altes Mütterchen. »Was willst du, Großmutter?« »Ich bringe Geld, die Draufzahlung.« »Was für eine Draufzahlung?« »Für ein gerades Grab.« »Ach ja, ich weiß schon. Das krumme willst du also nicht?« »Nein, mein Lieber, meine Knochen tun mir schon so weh ...« In den Katakomben, besonders in der Nähe von Heiligengräbern, waren die Plätze so sehr gesucht, daß man jeden freien Winkel ausnützte und auch hier und da, wo es die Lage der Wände nicht anders gestattete, leicht gekrümmte Gräber einrichtete; solche krumme Gräber wurden aber nur von den Ärmsten gekauft. »Ich denke mir, Gott weiß, wie lange ich da bis zum jüngsten Tage liegen müssen werde,« erklärte die Alte. »Wenn ich in ein krummes zu liegen komme, werde ich es in der ersten Zeit vielleicht noch ertragen können; wenn ich aber später müde werde, wird es mir schlecht gehen ...« Anatolius hörte belustigt zu. »Das ist viel interessanter, als die Mysterien des Mithra,« sagte er mit leichtsinnigem Lächeln zu Arsinoe. »Schade, daß ich es nicht schon früher gewußt habe. Noch nie im Leben habe ich einen so lustigen Friedhof gesehen!« Sie betraten ein ziemlich großes Mausoleum. Hier brannten zahllose Lampen. Ein Presbyter zelebrierte die Messe. Als Altar diente der Deckel eines Märtyrergrabes, das unter einer Bogenwölbung stand. Es waren hier viele Betende in langen, weißen Gewändern versammelt. Alle Gesichter schienen freudig. Myrrha kniete nieder und blickte mit Tränen kindlicher Liebe in den Augen auf das Bild des Guten Hirten, das an der Decke des Mausoleums angebracht war. In diesen Katakomben war eine längst von der Kirche abgeschaffte frühchristliche Sitte wieder erneuert worden: nach Schluß des Gottesdienstes begrüßten die Brüder und die Schwestern einander mit dem »Friedenskusse«. Arsinoe folgte dem allgemeinen Beispiele und küßte Anatolius. Dann verließen die vier die unteren Stockwerke und begaben sich durch die oberen zu dem geheimen Versteck des Juventinus; es war ein verlassenes, heidnisches Grab, ein »Columbarium«, das seitwärts der Via Appia lag. In Erwartung eines Schiffes, das ihn nach Ägypten bringen sollte, hielt sich hier Juventinus vor seiner Mutter, die die Beamten des Präfekten auf ihn gehetzt hatte, verborgen; hier lebte er mit dem frommen Greise Didymos aus der Thebaïde zusammen, dem er als Novize diente. Didymos kauerte im Columbarium und flocht gerade einen Korb aus Weidenruten. Ein Mondstrahl, der durch das enge Luftloch fiel, beleuchtete seine silberweißen, weichen Locken und seinen langen Bart. An den Wänden der Grabkammer waren von oben bis unten kleine Vertiefungen angebracht, die den Nestern in einem Taubenschlage glichen; in einem jeden dieser Nester stand eine Urne mit der Asche eines Verstorbenen. Myrrha, die der Greis besonders liebte, küßte ehrfürchtig seine runzelige Hand und bat ihn, er möchte doch etwas von den frommen Vätern und Anachoreten erzählen. Diese seltsamen und wunderbaren Geschichten liebte sie über alles in der Welt. Mit zärtlichem Lächeln streichelte ihr der Greis die Haare. Alle nahmen um ihn Platz. Er erzählte ihnen Legenden von den großen Einsiedlern der Thebaïde, von Nitrien und Mesopotamien. Myrrha sah ihn unverwandt mit ihren leuchtenden Augen an, ihre feinen Hände an die Brust gedrückt. Das Lächeln des blinden Greises war von einer kindlichen Zärtlichkeit erfüllt, das seidenweiche, silberweiße Haar umgab seinen Kopf wie ein Heiligenschein. Alle schwiegen. Aus der Ferne hörte man das nie verstummende Getöse Roms. Plötzlich wurde an die innere Türe, die das Columbarium mit den Katakomben verband, leise gepocht. Juventinus erhob sich, ging zu der Türe und fragte, ohne zu öffnen: »Wer ist da?« Er bekam keine Antwort; das Pochen ließ sich aber wieder vernehmen, wenn auch etwas schwächer; es klang wie ein Flehen. Er machte vorsichtig die Türe auf und taumelte zurück: eine hochgewachsene Frau trat in das Columbarium. Sie war von Kopf bis zu den Füßen in ein langes, weißes Gewand gehüllt, das ihr auch auf das Gesicht herabfiel. Sie bewegte sich so, als ob sie krank oder eine Greisin wäre. Alle starrten stumm auf die Eintretende. Mit einer raschen Handbewegung warf sie die langen Falten, die ihr das Gesicht verdeckten, zurück, und Juventinus schrie auf: »Mutter!« Das Weib stürzte dem Sohne zu Füßen und umklammerte sie mit ihren Armen. Strähnen grauer Haare fielen ihr in das blasse, traurige, hagere, doch immer noch stolze Gesicht. Juventinus umarmte die Mutter und küßte sie. »Juventinus!« rief ihn der Greis. Der Jüngling antwortete ihm nicht. Die Mutter flüsterte ihm rasch und freudig zu, als ob sie allein wären: »Ich dachte schon, daß ich dich nie wiedersehen werde, mein Sohn! Ich wollte schon nach Alexandria reisen; ich hätte dich sicher auch dort, selbst in einer Wüste, gefunden; nun ist aber alles vorbei, nicht wahr? Sage mir, daß du mich nie wieder verläßt. Warte, bis ich tot bin. Dann kannst du machen, was du willst ...« Der Greis wiederholte seinen Anruf: »Juventinus, hörst du mich?« »Alter,« sagte die Frau, den Blinden anblickend, »du wirst doch nicht einer Mutter ihren Sohn nehmen? Höre, wenn es nötig ist, will ich mich von dem Glauben meiner Väter lossagen, an den Gekreuzigten glauben und den Schleier nehmen ...« »Weib, du verstehst nichts von dem Gebote Christi! Eine Mutter kann nie Nonne werden, eine Nonne darf nie Mutter sein.« »Ich habe ihn in Schmerzen geboren! ...« »Du liebst nur seinen Leib, und nicht seine Seele.« Die Frau warf Didymos einen Blick zu, der von unendlichem Haß erfüllt war, und rief aus: »Ich verfluche euch und eure listigen, lügnerischen Worte! Ich verfluche euch, die ihr den Müttern die Kinder raubt, die Unschuldigen verführt; euch, schwarzgekleidete Menschen, die ihr das Tageslicht flieht, dem Gekreuzigten dient, das Leben haßt und alles Heilige und Erhabene, was es in der Welt nur gibt, zerstört! ..« Ihre Gesichtszüge verzerrten sich. Sie drückte sich noch fester mit ihrem ganzen Körper an die Füße ihres Sohnes und sagte, um Atem ringend: »Ich weiß, mein Kind ... Du verläßt mich nicht ... Du kannst es nicht ...« Der alte Didymos stand mit seinem Stock in der Hand an der offenen Türe, die aus dem Columbarium in die Katakomben führte, und sprach laut und feierlich: »Im Namen des lebendigen Gottes befehle ich dir, mein Sohn, sie zu verlassen und mir zu folgen!« Nun ließ die Frau selbst den Sohn aus ihren Armen los und flüsterte kaum hörbar: »Also verlasse mich ... Geh ... wenn du es kannst ...« Sie weinte nicht mehr, und ihre Arme fielen ihr hilflos herab. Sie wartete. »Gott helfe mir!« flüsterte Juventinus ganz blaß, die Augen gen Himmel richtend. »So jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein,« sagte Didymos. Er trat tastend in die Türe und wandte sich zum letzten Male um: »Bleibe in der Welt, mein Sohn, und wisse: du hast dich von Christo losgesagt.« »Vater! Ich gehe ja mit dir ... Herr, da bin ich!« rief Juventinus und folgte dem Meister. Die Mutter machte keine Bewegung, um ihn zurückzuhalten, und in ihrem Gesicht zuckte keine Muskel. Als aber die Schritte in der Ferne verhallt waren, fiel sie, ohne einen Schrei, ohne einen Laut von sich zu geben, wie tot zur Erde. »Macht auf! Im Namen des frömmsten Kaisers Constantius, – macht auf!« Es waren Soldaten, die der Präfekt auf eine Anzeige der Mutter des Juventinus geschickt hatte, um die aufrührerischen Sabellianer, die Bekenner der Wesenseinheit und folglich Feinde des Kaisers, aufzusuchen und zu ergreifen. Die Soldaten bearbeiteten die Türe des Columbariums mit einem Brecheisen. Der ganze Bau erzitterte. Die gläsernen und silbernen Urnen mit der Asche der Toten klirrten, gleichsam klagend. Die Soldaten hatten bereits eine Hälfte der Türe zertrümmert. Anatolius, Myrrha und Arsinoe liefen durch die engen, unterirdischen Gänge, wie die Ameisen in einem zerstörten Ameisenhaufen. Arsinoe und Myrrha kannten die Lage der Katakomben nicht, Sie verirrten sich und gerieten in das unterste Stockwerk, das sich fünfzig Ellen tief unter der Erdoberfläche befand. Die Luft war hier so stickig, daß sie nur mit Mühe atmen konnten. Unter ihren Schritten trat Sumpfwasser hervor. Die Flammen brannten trübe, gleichsam um Atem ringend. Die Luft war von einem entsetzlichen Gestank verpestet. Myrrha schwindelte es, und sie verlor das Bewußtsein. Anatolius nahm sie in seine Arme. Sie fürchteten jeden Augenblick in die Hände der Soldaten zu geraten. Es gab noch eine andere Gefahr: die Feinde konnten sämtliche Ausgänge verschütten, und so wären sie alle lebendig begraben. Endlich hörten sie Juventinus' Stimme: »Hierher! Hierher!« Er trug auf seinem Rücken, ganz zusammengebückt, den alten Didymos. Nach wenigen Minuten erreichten sie einen geheimen Ausgang, der in die Steinbrüche führte, und gelangten von da aus in die Campagna. Nach Hause zurückgekehrt, beeilte sich Arsinoe, Myrrha auszuziehen und ins Bett zu bringen; das Mädchen war noch immer nicht zur Besinnung gekommen. Im schwachen Morgendämmerlicht kniete die ältere Schwester vor dem Bette der jüngeren und küßte die unbeweglichen, hageren, wachsgelben Hände des Kindes. Das Gesicht der Schlafenden hatte einen seltsamen Ausdruck. Noch nie strahlte es in so unschuldiger Schönheit. Der ganze, kleine Körper schien durchsichtig und zerbrechlich, wie die allzu dünnen Wände einer alabasternen Amphora, die von innen erleuchtet wird. – Dieses Feuer sollte nur zugleich mit dem Leben Myrrhas verlöschen. XVIII. Durch den sumpfigen, finsteren Wald, der in der Nähe des Rheinstromes, zwischen der Festung Tres Tabernae und der vor kurzem von den Alamannen eroberten römischen Stadt Argentoratum, liegt, irrten spät am Abend zwei Krieger: der eine, ein ungeschlachter Riese mit feuerrotem Haar und kindlich gutmütigem Gesicht, war ein Sarmat in römischen Diensten und hieß Aragarius; der andere war ein hagerer, runzeliger, von der Sonne gebräunter Syrer und hieß Strombicus. Zwischen den Bäumen, die von Moos und Holzschwamm überwuchert waren, war es finster; durch die warme Luft rieselte lautlos ein feiner Regen; es roch nach frischen Birkenblättern und nassen Tannennadeln; irgendwo in der Ferne rief ein Kuckuck. Bei jedem Geräusch und Rascheln des trockenen Reisigs fuhr Strombicus angsterfüllt zusammen und griff nach der Hand seines Begleiters. »Onkel, he, Onkel!« Er nannte Aragarius Onkel, nicht weil sie etwa miteinander verwandt wären, sondern nur aus Freundschaft. Sie waren in römische Dienste von zwei entgegengesetzten Enden der Welt gekommen; der gefräßige und keusche Barbar aus dem Norden verachtete den feigen, wollüstigen und in Speise und Trank mäßigen Syrer; obwohl er sich immer lustig über ihn machte, bemutterte er ihn wie ein Kind. »Onkel!« jammerte Strombicus von neuem. »Was winselst du wieder? Laß mich in Ruhe.« »Gibt es in diesem Walde Bären? Was glaubst du, Onkel?« »Es gibt hier auch Bären,« antwortete Aragarius mürrisch. »Wenn wir aber einem begegnen? Was dann?« »Wir werden ihn töten, sein Fell abziehen, verkaufen und versaufen.« »Wenn aber nicht wir ihn packen, sondern er uns?« »Feigling! Man sieht gleich, daß du ein Christ bist.« »Warum soll ein Christ unbedingt feig sein?« fragte Strombicus beleidigt. »Du hast mir ja selbst erzählt, daß es in eurem Buche geschrieben steht: wenn man dich auf die linke Backe schlägt, so reiche die rechte hin.« »Ja, das steht wirklich geschrieben.« »Nun siehst du es selbst, wenn man wirklich danach handelt, so ist jeder Krieg zwecklos: der Feind schlägt dich auf die eine Backe, und du reichst ihm gleich die andere hin. Feiglinge seid ihr, das ist alles!« »Unser Cäsar Julianus ist doch auch ein Christ, und dabei kein Feigling!« suchte sich Strombicus zu verteidigen. »Ich weiß, lieber Neffe,« fuhr Aragarius fort, »daß ihr es versteht, euren Feinden zu vergeben, wenn es zu einer Schlacht kommt. Waschlappen seid ihr! Dein ganzer Bauch ist nicht größer als meine Faust. Wenn du eine Zwiebel gegessen hast, so bist du schon für einen ganzen Tag satt. Daher ist auch dein Blut wie trübes Sumpfwasser.« »Ach Onkel, Onkel,« versetzte Strombicus vorwurfsvoll, »warum sprichst du vom Essen! Nun knurrt mir schon wieder der Magen. Lieber Onkel, gib mir doch eine Knoblauchzwiebel; ich weiß, daß du noch eine im Sacke hast.« »Wenn ich dir das letzte gebe, so krepieren wir morgen beide vor Hunger.« »Ach, mir ist es so schlecht! wenn du mir nichts gibst, werde ich ganz schwach, falle um, und dann wirst du mich auf dem Buckel tragen müssen.« »Also in drei Teufels Namen! Da hast du, iß!« »Auch Brot, ein Stückchen Brot,« bettelte Strombicus. Aragarius gab dem Kameraden fluchend das letzte Stück des Soldatenzwiebacks. Er selbst hatte sich noch am vorigen Abend an Schweineschmalz und Bohnen so satt gegessen, daß es für mindestens zwei Tage langen mußte. »Sei still!« sagte er, plötzlich stehen bleibend. »Ein Trompetensignal! Wir sind nicht weit vom Lager, wir müssen mehr nach Norden gehen.« Nach einer Pause fügte er nachdenklich hinzu: »Ich fürchte weniger die Bären, als den Centurio.« Dieser allgemein verhaßte Centurio wurde von den Soldaten im Scherze » Cedo-Alteram « – »Gib eine andere her« – genannt, weil er, so oft die Rute, mit der er einen Schuldigen züchtigte, brach, freudig auszurufen pflegte: » Cedo alteram! « Diese zwei Worte bildeten daher seinen Spitznamen. »Ich bin überzeugt,« sagte der Barbar, »daß Cedo-Alteram mit meinem Rücken ebenso verfahren wird, wie ein Gerber mit einer Ochsenhaut. Die Aussichten sind schlimm, liebes Kind!« Sie waren vom Heere zurückgeblieben, weil sich Aragarius, nach seiner Gewohnheit, in einem ausgeplünderten Dorfe bis zur Bewußtlosigkeit betrunken hatte, während Strombicus durchgeprügelt worden war: der kleine Syrer wollte sich mit Gewalt die Gunst eines schönen Frankenmädchens erringen; die sechzehnjährige Schöne, die Tochter eines gefallenen Barbaren, gab ihm aber zwei solche Ohrfeigen, daß er auf den Rücken fiel; dann bearbeitete sie ihn noch mit ihren kräftigen, weißen Beinen. »Es war kein Mädel, sondern ein Teufel!« – erzählte Strombicus von diesem Abenteuer. »Ich habe sie nur etwas gekniffen, sie hat mir aber beinahe alle Rippen entzweigeschlagen!« Das Trompetensignal ließ sich deutlicher vernehmen. Aragarius zog den wind mit der Nase ein und schnüffelte wie ein Spürhund. Es roch nach Rauch: die Feuer des römischen Lagers waren wohl nicht mehr weit. Inzwischen war es so finster geworden, daß sie nur mit Mühe den Weg erkennen konnten; der enge Pfad verlor sich in einem Sumpf; sie sprangen von einem Erdhügel zum andern. Dichter Nebel stieg auf. Plötzlich raschelte etwas in einer großen Tanne, deren Äste mit Moos, wie mit Strähnen grauen Haares, bewachsen waren; dann flog etwas schreiend und raschelnd aus den Zweigen, Strombicus fiel vor Schrecken beinahe um. Es war ein Auerhahn. Sie hatten sich ganz verirrt. Strombicus erkletterte einen Baum. »Die Feuer sind im Norden. Es ist nicht weit. Dort liegt auch ein großer Strom.« »Das ist der Rhein!« rief Aragarius aus. »Gehen wir schneller!« Sie bahnten sich den Weg zwischen uralten Birken und Tannen. »Onkel, ich ertrinke!« winselte Strombicus. »Jemand zieht mich an den Beinen. Wo bist du?« Aragaius zog ihn mit großer Mühe aus dem Sumpfe und nahm in fluchend auf seine Schultern. Der Sarmat spürte unter seinen Füßen die alten, halbverfaulten Balken des von den Römern einst errichteten Faschinendammes. Der Damm führte nach der großen Heerstraße, die erst vor kurzem von den Soldaten des Severus, des Feldherrn Julianus', durch den Wald geschlagen worden war. Die Barbaren hatten, wie sie es immer zu tun pflegten, die Straßen mit gefällten Bäumen gesperrt. Nun hieß es über diese Bäume klettern; die riesengroßen, unordentlich durcheinandergeworfenen Stämme waren teils durchfault und nur oben mit Moos bedeckt, so daß sie unter jedem Schritte zerfielen, teils fest und glatt, so daß sie den Füßen keinen Halt gaben; sie erschwerten ungeheuer jede Fortbewegung. Auf solchen Straßen, und dazu noch unter fortwährender Angst, von den Feinden überrascht zu werden, mußte sich das dreißigtausend Mann starke Heer des Julianus, den alle seine Heerführer, mit Ausnahme des Severus, verräterisch im Stiche gelassen hatten, fortbewegen. Strombicus jammerte, weinte und verfluchte seinen Kameraden. »Weiter gehe ich nicht, du Heide! Ich will mich in den Sumpf legen und krepieren; so werde ich wenigstens dein verfluchtes Gesicht nicht mehr sehen müssen, Heide! Man sieht es dir gleich an, daß du am Halse kein Kreuz hast. Ist es denn eines Christen würdig, nachts auf solchen Straßen herumzurennen? Und wohin rennen wir? Geradewegs unter die Ruten des verdammten Centurios. Ich gehe nicht weiter!..« Aragarius schleppte ihn gewaltsam weiter und nahm ihn, sobald der Weg etwas besser wurde, wieder auf seine Schultern. Der Syrer wehrte sich, fluchte und kniff ihn fortwährend. Aber bald schlief Strombicus auf dem Rücken des »Heiden« sanft wie ein Kind ein. Gegen Mitternacht erreichten sie die Tore des römischen Lagers. Alles war still. Die Zugbrücke über dem tiefen Graben war längst aufgezogen. Die Freunde mußten den Nest der Nacht im Walde, vor der Hinteren »porta Decumana« verbringen. Als die Sonne aufging, erscholl wieder ein Trompetensignal. In dem nebeligen Wald, der vom Rauche der Wachfeuer erfüllt war, sang noch die Nachtigall; vom kriegerischen Lärm erschrocken, brach sie ihren Gesang ab. Als Aragarius erwachte und den Geruch der heißen Soldatensuppe spürte, weckte er Strombicus. Beide hatten solchen Hunger, daß sie ohne Angst vor dem Rutenbündel, mit dem sie der verhaßte Centurio Cedo-Alteram erwartete, ins Lager gingen und sich an dem Suppenkessel niederließen. Im Hauptzelte an der Porta praetoriana war Julianus wach. Von jenem Tage an, wo er in Mediolanum durch die Fürbitte der Kaiserin Eusebia zum Cäsar erhoben worden war, hatte er sich eifrig mit kriegerischen Übungen befaßt; er begnügte sich nicht mit dem theoretischen Studium der Kriegswissenschaft, in der ihn Severus unterrichtete, sondern wollte auch das Handwerk der gemeinen Soldaten erlernen: ganze Tage lang lernte er mit den Rekruten in dumpfen Kasernen, oder auf Exerzierfeldern, beim Klange der Trompetensignale, marschieren, den Bogen und die Schleuder handhaben, mit der vollständigen, sehr schweren Ausrüstung laufen und über Zäune und Graben springen. – Die mönchische Heuchelei seiner Jugend wurde in ihm von dem kriegerischen Blute des Konstantinischen Geschlechts, eines Geschlechts von strengen und hartnäckigen Kriegern, niedergerungen. »O göttlicher Jamblichus und Plato, was hättet ihr gesagt, wenn ihr sehen könntet, was aus eurem Jünger geworden ist!« so rief er oft aus, sich den Schweiß aus der Stirne wischend; oder er sagte zu seinem Lehrer in der Kriegskunst, auf die schwere, eherne Rüstung zeigend: »Nicht wahr, Severus, die Waffen stehen mir, dem friedlichen Schüler der Philosophen, ebensowenig, wie einer Kuh der Reitsattel?« Severus sagte darauf nichts und lächelte nur schlau in sich hinein: er wußte zu gut, daß alle diese Klagen und Seufzer nur Komödie waren; in Wirklichkeit freute sich der Cäsar selbst über seine raschen Fortschritte in der Kriegskunst. In wenigen Monaten hatte er sich derart verändert, war so groß und männlich geworden, daß man in ihm nur mit Mühe den früheren, schmächtigen »kleinen Griechen«, wie man ihn am Hofe des Constantius nannte, erkennen konnte; nur in seinen Augen leuchtete noch immer jenes seltsame, fieberhafte Feuer, das einem jeden, der ihn auch nur einmal sah, für immer in Erinnerung blieb. Mit jedem Tage fühlte er sich stärker, und nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Zum ersten Male in seinem Leben hatte er das Glück der einfachen Liebe einfacher Leute kennen gelernt. Er hatte die Herzen der Legionäre gleich dadurch gewonnen, daß er, ein echter Cäsar und Vetter des Kaisers, das Kriegshandwerk in der Kaserne erlernte, ohne sich des rauhen Soldatenlebens zu schämen. Die mürrischen Gesichter der alten Krieger erstrahlten in einem zärtlichen Lächeln, so oft sie den Cäsar beobachteten und seine Gewandtheit und die raschen Fortschritte sahen; sie mußten jedesmal an ihre eigene Jugend denken. Er suchte sich ihnen zu nähern, zog sie ins Gespräch, ließ sie von den alten Feldzügen erzählen und holte bei ihnen Rat, wie man den Panzer festbinden müsse, damit die Riemen nicht drückten, oder wie man die Füße setzen müsse, um bei großen Tagesmärschen nicht zu ermüden. Manche behaupteten, daß der Kaiser Constantius den unerfahrenen Jüngling nach Gallien geschickt hätte, um ihn von den Barbaren abschlachten zu lassen und auf diese Weise den Nebenbuhler los zu werden, daß die Heerführer, von den Eunuchen des Hofes beeinflußt, den Cäsar verrieten. Alle diese Gerüchte stärkten noch die Liebe und die Ergebenheit der Soldaten zu Julianus. Mit der äußersten Vorsicht und der Kunst, allen zu gefallen, die er seiner mönchischen Erziehung verdankte, tat er alles, was er nur konnte, um sich die Liebe der Soldaten zu sichern und ihren Haß gegen den Kaiser zu schüren. So oft er zu ihnen von seinem Vetter Constantius sprach, nahm sein Gesicht den Ausdruck von zweideutiger, tückischer Demut an; er schlug die Augen nieder und stellte sich als Opfer hin. Er nahm die Herzen der Soldaten auch durch seine beispiellose Unerschrockenheit gefangen; dies fiel ihm um so leichter, als der Tod auf dem Schlachtfelde im Vergleich zu dem ruhmlosen Tode, der seinen Bruder Gallus ereilt, und den der Kaiser vielleicht auch ihm zugedacht hatte, beneidenswert erschien. In seiner Lebensweise folgte Julianus dem Beispiele der altrömischen Feldherren; der Eunuch Mardonius hatte ihn mit stoischer Weisheit von seiner frühesten Kindheit an zu der größten Bedürfnislosigkeit herangezogen. Er schlief weniger als jeder gemeine Soldat, und zwar nicht in einem Bett, sondern auf der »Subura«, einem harten, langhaarigen Teppich. Das erste Drittel der Nacht widmete er der Ruhe, das zweite der Erledigung von Kriegs- und Staatsgeschäften und das dritte den Musen. Bei allen Feldzügen hatte er stets seine Lieblingsbücher bei sich. Er begeisterte sich bald für Marcus Aurelius, bald für Plutarch, bald für Suetonius, bald für Cato Censorius. Am Tage suchte er das, was er über Nacht aus den Büchern geschöpft hatte, ins Werk umzusetzen. An jenem denkwürdigen Morgen vor der Schlacht bei Argentoratum legte Julianus, sobald er das Wecken vernahm, seine volle Kriegsrüstung an und befahl, ihm sein Pferd zu bringen. Dann zog er sich in den Hintergrund seines Zeltes zurück, wo ein kleines Bildwerk des Mercurius, des Gottes der Bewegung, des Gelingens und der Freude, des beflügelten und fliegenden Gottes mit dem Caduceus, stand. Julianus kniete vor dem Gotte nieder und warf auf den Opferdreifuß einige Körner Weihrauch. Nach der Richtung, in der der Rauch aufstieg, suchte er zu erraten, ob ihm ein glücklicher oder unglücklicher Tag bevorstehe; der Cäsar war auf seine Erfahrungen in der Wahrsagekunst sehr stolz. Nachts hatte er rechts von seinem Zelte dreimal einen Raben krächzen hören, was eine schlimme Vorbedeutung ist. Er war fest davon überzeugt, daß es bei seinen unerwarteten Erfolgen in Gallien nicht mit rechten Dingen zugehe, und wurde von Tag zu Tag abergläubischer. Beim Verlassen des Zeltes stolperte er über den Holzbalken, der als Schwelle diente. Sein Gesicht verfinsterte sich. Alle Vorzeichen waren ihm ungünstig. So beschloß er im geheimen, die Schlacht auf den nächsten Tag zu verschieben. Die Legionen rückten aus. Der Weg durch den Wald war sehr schwierig, denn die Feinde hatten die Straßen mit Haufen von Baumstämmen gesperrt. Der Tag versprach heiß zu werden. Als es Mittag wurde, hatten die Römer nur die Hälfte des Weges zurückgelegt; bis zum Lager der Barbaren, das sich am linken Rheinufer befand, waren noch immer einundzwanzigtausend Schritte Weges. Die Soldaten waren erschöpft. Sobald man den Wald verlassen hatte, stellte der Cäsar sein Heer im Kreise, wie die Zuschauer in einem Amphitheater, auf, so daß er selbst im Zentrum des Kreises stand, und die Kohorten und Centurien von ihm wie Strahlen ausgingen; so war die Stimme des Feldherrn fast allen Soldaten vernehmbar. In einfachen und kurzen Sätzen erklärte er ihnen, daß die Zeit schon sehr vorgeschritten sei, daß die Ermüdung den Erfolg in Frage stellen könne, und daß es vernünftiger sei, auf dem Platze, wo sie sich gerade befanden, das Lager aufzuschlagen, auszuruhen und erst am nächsten Morgen mit frischen Kräften in die Schlacht zu gehen. Das Heer war unzufrieden. Die Soldaten klopften mit den Lanzen an die Schilde, was ein Zeichen ihrer Ungeduld war, und schrien, er möchte sie sofort in die Schlacht führen. Der Cäsar ersah aus dem Gesichtsausdrucke der Soldaten, daß es unvernünftig sei, ihnen zu widersprechen. Er nahm in den Legionen die ihm wohlbekannte, drohende Erregung wahr, die für den Sieg notwendig ist, doch bei der geringsten Unvorsichtigkeit in eine Empörung übergehen kann. Er sprang auf sein Pferd und gab das Zeichen: das Heer setzte seinen Marsch fort. Als die Nachmittagssonne sich bereits gen Abend neigte, erreichten sie die Ebene von Argentoratum. Zwischen den niederen Hügeln schimmerte der Rhein. Im Süden waren die schwarzen, bewaldeten Vogesen sichtbar. Über dem Spiegel des majestätischen, einsamen, deutschen Stromes zogen die Schwalben; Weiden neigten über ihm ihre blassen Zweige. Plötzlich erschienen auf einem nahen Hügel drei Reiter: es waren die Barbaren. Die Römer machten Halt und stellten sich in Schlachtordnung auf. Julianus, von sechshundert Reitern in Eisenpanzern, den »Clibariern«, umgeben, führte auf dem rechten Flügel die Reiterei an; das Fußvolk auf dem linken Flügel befehligte der alte und erfahrene Feldherr Severus, dem der junge Cäsar in allen Dingen gehorchte. Die Barbaren stellten gegen Julianus ihre Reiterei auf, die der alamannische König Chnodomar selbst anführte; gegen Severus rückte der junge Neffe des Königs, Agenarich, mit dem Fußvolke aus. Die Kriegshörner, kupferne Trompeten und gewundene Buccinas erklangen; Feldzeichen, mit den Namen der Kohorten, purpurne Drachen und eherne Römeradler kamen in Bewegung; an der Spitze marschierten mit gemessenen und schweren Schritten, von denen die Erde erzitterte, mit ruhigen und ernsten Gesichtern, die an Siege gewohnten Schwertträger und »Primopilarier«. Plötzlich blieb das Fußvolk des Severus auf dem linken Flügel stehen. Die Barbaren, die sich in einem Graben versteckt hatten, sprangen plötzlich aus dem Hinterhalt hervor und überfielen die Römer. Julianus bemerkte aus der Ferne die dadurch entstandene Verwirrung und eilte zu Hilfe. Er suchte die Soldaten zu beruhigen, indem er sich bald an die eine, bald an die andere Kohorte mit ermutigenden Worten wandte; den kurzen und starken Stil der Ansprachen des Julius Cäsar nachahmend, während der sechsundzwanzigjährige Jüngling die Worte sprach: »exsurgamus, viri fortes« , oder: »advenit, socii, justum pugnandi jam tempus« , fühlte er nicht ohne Stolz: »Jetzt gleiche ich dem oder jenem Helden des Altertums!« Selbst mitten in der blutigen Schlacht fühlte er sich von seinen Büchern umgeben und freute sich, daß sich alles wirklich so abspielte, wie es bei Titus Livius, Plutarch und Sallust beschrieben war. – Der erfahrenere Severus dämpfte mit seiner weisen Ruhe die übermäßige Leidenschaftlichkeit des Cäsars; er gewahrte ihm einige Selbständigkeit, ohne die Gesamtleitung des Heeres aus den Händen zu geben. Pfeile, Speere, die die Barbaren an langen Wurfschlingen warfen, und Steingeschosse der Wurfmaschinen schwirrten und pfiffen über den Köpfen. Endlich standen die Römer von Angesicht zu Angesicht vor jenen schrecklichen und geheimnisvollen Männern des Nordens, den Bewohnern der rheinischen Wälder, von denen so viele unglaubliche Dinge berichtet wurden. – Sie sahen hier die seltsamsten Rüstungen: die einen trugen auf den nackten Riesenkörpern als einzige Rüstung Bärenhäute und auf den zottigen Haaren Bärenköpfe mit offenen Rachen und weißen Zähnen; die anderen hatten ihre Helme mit Hirschgeweihen und Ochsenhörnern geschmückt. Die Alamannen fochten mit Todesverachtung und stürzten sich oft ganz nackt, nur mit einem Schwert und einem Speer bewaffnet, in die Schlacht; ihre roten Haare banden sie auf dem Scheitel in einen Knoten zusammen und liehen sie als große Mähne oder als Zopf in den Nacken fallen; der blonde Schnurrbart hing von den roten Gesichtern in langen Strähnen herab, viele von ihnen waren noch so wild, daß sie nicht einmal den Gebrauch von Eisen kannten, und an ihren Speeren Spitzen aus Fischgräten hatten; die Gräten waren mit einem tödlichen Gifte versehen, das sie gefährlicher als Eisenspeere machte: ein einziger Stich dieser schrecklichen Nadeln genügte, um den Feind eines langsamen und qualvollen Todes sterben zu lassen. Statt mit Panzern waren sie von Kopf bis zu Fuß mit feinen, aus Pferdehufen geschnittenen Hornplatten, die an eine Unterlage aus Leinen genäht waren, bedeckt. Die Wilden erschienen in dieser Ausrüstung wie sonderbare, mit Vogelfedern und Fischschuppen bedeckte Märchenungeheuer. Hier waren blauäuige Sachsen, die sich vor keinem Meere fürchteten, doch vor der Erde, auf die ihre Füße traten, heilige Scheu hatten; Sikamber, die sich nach einer früheren Niederlage zum Zeichen der Trauer ihre Haare kurz geschoren hatten und sie jetzt wieder wachsen ließen; Herulen, mit Augen so grün, wie der Ozean in jener entfernten Bucht, an der sie wohnten; Burgunder, Bataver und Sarmaten und noch viele andere namenlose Halbtiere und Halbmenschen, deren schreckliche Gesichter die Römer nur vor dem Tode sahen. Die Primopilarier hatten ihre Schilde nebeneinander gestellt, so daß diese eine dichte, eherne, feste Mauer bildeten, und rückten langsam vor. Die Alamannen stürzten sich ihnen mit Bärengeheul entgegen. Es entstand ein Handgemenge, Brust an Brust, Schild gegen Schild. Über der ganzen Ebene erhob sich eine Staubwolke, die die Sonne verdeckte. In diesem Augenblicke geriet die eiserne Reiterei der Clibarier auf dem rechten Flügel ins Schwanken und wendete sich zur Flucht. Sie konnte dabei leicht die hinteren Legionen zertreten. Durch die Schwärme der Pfeile und Wurfspeere leuchtete im staubigen Sonnenlichte die feuerrote Stirnbinde des riesengroßen Königs Chnodomar. Julianus kam noch zur rechten Zeit herbei. Er hatte die List der Barbaren begriffen: zwischen den Reihen der Reiter waren Fußsoldaten versteckt, die unter die Pferde der Römer krochen und ihnen mit kurzen Schwertern den Bauch aufschlitzten; die Pferde stürzten und rissen die eisengepanzerten Catafractarier, die wegen ihrer schweren Rüstungen sich nicht wieder erheben konnten, mit sich. Julianus stellte sich den fliehenden Reitern in den Weg, um sie in ihrer Flucht aufzuhalten, oder von ihnen zertreten zu werden. Das Pferd eines fliehenden Tribunen der Clibarier stieß mit dem Pferde des Cäsars zusammen. Der Tribun erkannte Julianus und blieb, vor Scham und Angst erblassend, vor ihm stehen. Das ganze Blut stieg Julianus ins Gesicht. Jetzt dachte er nicht mehr an seine Bücherweisheit; er neigte sich vor, packte den Flüchtling an der Kehle und schrie mit einer Stimme, die ihm selbst fremd und wild vorkam: »Feigling!« Der Cäsar kehrte ihn mit dem Gesichte den Feinden zu. »Jetzt machten alle Catafractarier Halt; sie hatten die in vielen Schlachten zerfetzte, purpurne Drachenfahne des Cäsars erkannt und wurden von Scham ergriffen. In einem Augenblick schwenkte die ganze eisengepanzerte Masse um und stürzte sich auf die Barbaren zurück. Alles kam durcheinander. Ein Speer traf Julianus gegen die Brust; sein Panzer rettete ihn. Ein Pfeil flog so dicht an seinem Ohre vorbei, daß die Federn seine Wangen streiften. In diesem Augenblicke schickte Severus die gefürchteten Legionen der Chornuten und der Bracaren der geschwächten Reiterei zu Hilfe. Diese halbwilden Bundesgenossen der Römer pflegten im Rausche der Schlacht, wenn sie den Tod von Angesicht zu Angesicht sahen, ihren Schlachtgesang, den »Barritus«, anzustimmen. Sie stimmten auch jetzt diesen Gesang an; die ersten Töne klangen klagend und leise, wie nächtliches Blätterrauschen; der Gesang wurde aber immer lauter, feierlicher und drohender und verwandelte sich schließlich in ein wahnsinniges Geheul; es war wie das Tosen der wilden Wogen des Ozeans, wenn sie an Felsen zerschellen. An diesem Gesänge berauschten sie sich bis zur Tollwut. Julianus sah und hörte nichts mehr; er spürte nur Durst in der Kehle und schmerzhafte Ermüdung im rechten Arme, der das Schwert hielt; er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, Severus, der die Geistesgegenwart bewahrt hatte, leitete mit weiser Umsicht die Schlacht. Plötzlich bemerkte der Cäsar mit Erstaunen und Verzweiflung, daß die feuerrote Stirnbinde des dicken Königs Chnodomars bereits in der Mitte der römischen Truppen aufgetaucht war: die Reiterei der Barbaren hatte sich wie ein Keil in die Reihen der Römer hineingedrängt. Julianus sagte sich: »Es ist zu Ende, alles ist verloren!« Er dachte an die unglückseligen Vorzeichen, die er am Morgen wahrgenommen hatte, und wandte sich an die Götter mit dem letzten Gebet: »Helft mir, Olympier! Denn wer soll noch auf Erden eure Macht wiederherstellen, wenn ich es nicht tue?!..« Im Herzen des römischen Heeres waren die ältesten Krieger der Legion der »Petulanten« – der Siedenden, – so wegen ihres Mutes benannt – aufgestellt; Severus setzte auf sie seine Hoffnung und täuschte sich darin nicht. Einer der Petulanten rief aus: »Viri fortissimi ! Tapfere Männer! Wir wollen unserm Rom und dem Cäsar treu bleiben. Sterben wir für Julianus!« »Es lebe Cäsar Julianus! Für Rom! Für Rom!« Und nun gingen die unter den Fahnen ergrauten Legionäre wieder ruhig und entschlossen in den Tod. Julianus traten Freudetränen in die Augen. Er gesellte sich zu ihnen, um mit ihnen zu sterben. Und wieder fühlte er, wie ihn die Macht der einfältigen Liebe, die Macht des Volkes auf ihren Schwingen emporhob. Die Barbaren wurden von Schrecken ergriffen; sie erbebten und wandten sich zur Flucht. Die ehernen Adler der Legionen stürmten wieder vorwärts; ihre blutrünstigen Schnäbel und ausgebreiteten Flügel glänzten drohend in der Sonne, den fliehenden Völkern den Sieg der Ewigen Stadt verkündend. Die Alamannen und Franken kämpften bis zum letzten Atemzuge. Ein Barbar kniete in einer Blutlache und hielt in seiner erlahmenden Hand noch immer das stumpf gewordene Schwert oder das Stück eines Speeres; in seinen erlöschenden Augen war keine Furcht und keine Verzweiflung, sondern nur der Durst nach Rache zu lesen. selbst diejenigen, die man schon für tot hielt, erhoben sich zuweilen, halb zertreten, von der Erde, bissen sich mit den Zähnen in die Beine der Feinde fest, so daß die Römer sie an der Erde mitschleifen mußten. Sechstausend Männer des Nordens blieben auf dem Schlachtfelde oder ertranken im Rhein. Noch an diesem Abend brachte man dem Cäsar Julianus, als er auf einem Hügel, von den Strahlen der untergehenden Sonne wie mit einem Heiligenscheine umgeben, stand, den König Chnodomar, den man auf dem rechten Rheinufer gefangen genommen hatte; schwer atmend, schweißbedeckt und blaß, mit auf dem Rücken gefesselten Händen, kniete der Alamanne vor seinem Sieger, und der sechsundzwanzigjährige, römische Cäsar legte seine kleine Hand auf die rote Mähne des Barbarenkönigs. XIX. Es war in der Zeit der Weinlese. Den ganzen Tag über klangen am fröhlichen Gestade von Parthenope frohe Bacchuslieder. In dem wegen seiner heilkräftigen Schwefelquellen berühmten und von den Römern zum Sommeraufenthalt bevorzugten Villenort Bajä bei Neapel genossen müßige Leute die Natur, die ebenso träge und wollüstig war, wie sie selbst. Von Bajä hatten die Dichter schon zu Zeiten des Augustus gesungen: »Nullus in orbe locus Baiis praelucet amoenis« – »Kein Ort auf Erden überstrahlt das schöne Bajä.« Auf die sonnenüberflutete Küste zwischen dem Vesuv und dem Misenischen Kap fiel noch kein Schatten des mönchischen Zeitalters; das Christentum wurde hier zwar nicht geradezu verleugnet, doch auch von niemandem ernst genommen; auch gab es hier keine büßenden Buhlerinnen; eher schämten sich die anständigen Damen ihrer Tugend, als einer aus der Mode gekommenen Sitte. Als die Gerüchte über die Prophezeiungen der Sybillen vom nahen Weltuntergang, über die Heuchelei und die Freveltaten des Constantius, über die Perser, die vom Morgenland heranrückten, über die Heere der Barbaren, die von Norden drohten, über die heiligen Einsiedler, die in den Wüsten von Thebaïde ihr menschliches Antlitz verloren hatten, hierher drangen, schlossen die glücklichen Bewohner dieser Gegend die Augen, atmeten den feinen Duft der Falerner Trauben ein und suchten Trost in den Epigrammen im Geschmacke des Tibull und des Properz, die sie einander zuschickten: Calet unda, friget aethra, Simul innatat choreis Amathusium renidens, Salis arbitra et vaporis Flos siderum Dione. Selbst die lustigsten unter diesen letzten Epikureern hatten etwas greisenhaftes und zugleich Kindliches in ihren Gesichtszügen, weder die frische, salzige Meeresflut, noch die kochenden Schwefelquellen vermochten den kranken, frostigen Körpern dieser jungen Leute Genesung zu bringen; sie waren alle mit zwanzig Jahren kahl und zahnlos, durch die Unzucht ihrer Vorfahren vor der Zeit gealtert, an der Literatur und Wissenschaft, den Weibern, alten Heldentaten und neuen Lastern übersättigt, geistreich und kraftlos, denn in ihren Adern floß das wässerige dünne Blut einer späten Generation. In einem der schönsten und blühendsten Winkel zwischen Bajä und Puteoli schimmerte unter den flachen, schwarzen Kronen der Pinien eine weiße, marmorne Villa. Am offenen Fenster, aus dem man nur Himmel und Meer sehen konnte, lag die kranke Myrrha. Die Ärzte konnten die Natur ihrer Krankheit nicht erkennen. Als Arsinoe sah, wie ihre Schwester von Tag zu Tag dahinschwand, brachte sie sie aus Rom nach Bajä. Myrrha lebte trotz ihrer Krankheit wie eine Nonne: sie fastete, räumte selbst ihr Zimmer auf, holte das Wasser vom Brunnen und versuchte sogar selbst zu kochen und Wäsche zu waschen. Man konnte sie lange nicht bewegen, sich ins Bett zu legen; die Nächte verbrachte sie im Gebet und Wachen. Einmal bemerkte Arsinoe zufällig, daß die Kranke auf dem bloßen Leibe ein härenes Hemd trug. Myrrha ließ aus ihrem Schlafgemach alles hinaustragen und behielt sich nur das Bett mit einem einfachen hölzernen Kruzifix am Kopfende. Das Zimmer glich jetzt mit seinen nackten Wänden einer Klosterzelle. Gegen den sanften Eigensinn der Kranken konnte man nicht ankämpfen. Aus dem Leben Arsinoes war jetzt jede Langeweile gewichen; sie schwankte zwischen Hoffnung und Verzweiflung; obwohl sie an der Schwester auch früher mit der gleichen Liebe hing, glaubte sie erst jetzt, in der Angst vor ewiger Trennung, die ganze Kraft dieser Liebe erfaßt zu haben. Stundenlang betrachtete sie das feine abgemagerte Gesicht Myrrhas, das in überirdischer Schönheit atmete, und ihren kleinen Körper, der von einem inneren Feuer verzehrt wurde. Als die Kranke sich einmal hartnäckig weigerte, die ihr von den Ärzten vorgeschriebenen Arzneien und Speisen zu sich zu nehmen, rief Arsinoe unwillig aus: »Ich sehe es ja, Myrrha, du willst sterben ...« »Ist es denn nicht einerlei, zu sterben oder zu leben?« antwortete das Mädchen mit so tiefer Überzeugung, daß Arsinoe gar nicht wußte, was sie darauf sagen sollte. »Du liebst mich nicht!« warf sie der Schwester vor, ihre Tränen unterdrückend. Myrrha liebkoste sie aber mit unendlicher Liebe: »Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe. Wenn du nur könntest...« Sie sprach nicht zu Ende und blickte die ältere Schwester lange durchdringend an, als ob sie ihr etwas sagen wollte und es nicht wagte; Arsinoe las in diesem Blicke ein Flehen, und doch sprach sie mit ihr nie vom Glauben: sie hatte nicht den Mut, ihr ihre Zweifel zu eröffnen und ihr die letzte, vielleicht wahnsinnige Hoffnung zu nehmen. Myrrha wurde von Tag zu Tag schwächer, sie schwand wie eine Wachskerze dahin, und doch wurde sie immer freudiger. Ab und zu besuchte sie Juventinus, der vor seiner Mutter aus Rom geflohen war und nun mit dem alten Didymos in Neapel auf den Abgang des Schiffes nach Alexandria wartete. Er las der Kranken aus dem Evangelium vor und erzählte ihr Legenden über die heilige Anachoreten; so über die drei Frauen, die ohne ein menschliches Antlitz zu sehen, viele Jahre lang in einer tiefen Schlucht unter grünen Bäumen an einer kühlen Quelle gelebt hatten; sie waren nackt wie im Paradiese, priesen Tag und Nacht freudig den Schöpfer und nährten sich von den Früchten, die ihnen Vögel brachten; im Winter fürchteten sie keine Kälte und im Sommer keine Hitze; der Herr beschattete und erwärmte sie mit seiner Gnade. Mit kindlicher Freude lauschte Myrrha der Erzählung von dem heiligen Gerasimos, der in einer Löwenhöhle gewohnt und sich mit dem Löwen so befreundet hatte, daß dieser ihm die Hände leckte, wenn er ihm die Mähne streichelte, und den Esel des Heiligen zur Tränke führte; als Gerasimos starb, irrte das Tier lange trauernd und kläglich schreiend umher; als man ihn an das Grab des Heiligen gebracht hatte, beschnupperte er es, legte sich nieder und blieb so, jede Nahrung von sich weisend, bis zu seinem Tode liegen. Auch die Legende von einem anderen Einsiedler, der die Jungen einer Hyäne, die ihm die Mutter in ihrem Rachen gebracht, von der Blindheit geheilt hatte, machte auf Myrrha einen tiefen Eindruck. Sie sehnte sich nach dunklen, stillen Höhlen, nach solchen heiligen Menschen. Die Wüste erschien ihr so blühend wie das Paradies. Oft beobachtete sie, vom Fieber gequält und von der Sehnsucht nach der Wüste verzehrt, die weißen Segel, die im Meere verschwanden; sie streckte ihre Arme nach ihnen aus, als wolle sie ihnen nachfliegen, um die Luft der Wüste einzuatmen. Zuweilen versuchte sie, das Bett zu verlassen, und behauptete, daß sie sich besser fühle und daß sie bald ganz genesen werde; im stillen hoffte sie, daß man sie mit Didymos und Juventinus nach Ägypten ziehen lassen werde. In dieser Zeit hielt sich auch der Centurio Anatolius in Bajä auf. Er veranstaltete Ausflüge auf vergoldeten Booten aus dem Averner See in den Meerbusen, in Gesellschaft von lustigen Freunden und schönen Frauen; er ergötzte sich am Anblick der spitzen purpurnen Segel, die sich auf dem ruhigen Wasser spiegelten, am Spiel der abendlichen Farben auf den Felsen von Capri und dem nebeligen Ischia, die wie durchsichtige Amethysten anzusehen waren; er belustigte sich an den Spottreden seiner Freunde über den Götterglauben und labte sich am duftenden Weine und an den käuflichen, und doch so süßen Küssen der Buhlerinnen. So oft er aber die Zelle Myrrhas betrat, fühlte er, daß ihm auch ein ganz anderes Leben zugänglich sei: die keusche Anmut ihres bleichen Gesichtes ergriff ihn; er wollte an alles glauben, was sie glaubte, er lauschte den Erzählungen des Juventinus von den Einsiedlern – und ihr Leben erschien ihm beneidenswert. Eines Abends war Myrrha vor dem offenen Fenster eingeschlafen. Als sie erwachte, sagte sie lächelnd zu Juventinus: »Ich habe einen Traum gehabt.« »Wie war der Traum?« »Ich kann mich nicht mehr besinnen. Ich weiß nur, daß er glückverheißend war. – Glaubst du, Juventinus, daß alle gerettet werden?« »Ja, die Gerechten.« »Die Gerechten... Die Sünder... Ich glaube...« antwortete Myrrha mit freudigem und nachdenklichem Lächeln, als wolle sie sich noch auf ihren Traum besinnen, »weißt du, Juventinus, ich glaube, daß alle ohne Ausnahme gerettet werden und daß Gott niemanden untergehen lassen wird.« »So lehrte Origenes: ›Salvator meus laetari non potest donec ego in iniquitate permaneo‹ – ›Mein Heiland kann sich nicht erfreuen, solange ich im Verderben bleibe.‹ Diese Lehre ist aber ketzerisch.« »Ja, ja, so muß es sein!« fuhr Myrrha fort, ohne auf ihn zu hören. »Jetzt habe ich alles begriffen: Alle ohne Ausnahme werden gerettet! Gott wird es nicht leiden, daß auch nur eine von seinen Kreaturen untergehe.« »Auch ich habe manchmal das Verlangen, daran zu glauben. Ich fürchte aber ...« »Man soll sich nicht fürchten: wenn man Liebe im Herzen hat, kennt man keine Furcht. Ich fürchte mich nicht.« »Und Er?« »Wer?« »Den man nicht nennen darf, der Ausgestoßene.« »Auch Er, auch Er!« rief Myrrha mit unerschütterlichem Glauben aus. »solange es noch eine Seele gibt, die nicht gerettet ist, kann keine Kreatur selig werden. Wenn die Liebe wirklich grenzenlos ist, so kann es ja gar nicht anders sein, wenn sich alle in der einigen Liebe vereinigt haben werden, so wird alles in Gott sein, und Gott wird in allen Dingen sein. Lieber, welches Glück ist doch das Leben! Heute wissen wir es noch nicht. Man muß aber alles segnen; verstehst du, mein Bruder, was es bedeutet?« »Und das Böse?« »Es gibt kein Böses, wenn es keinen Tod gibt.« Zum Fenster herein klangen die lustigen Gesänge der Freunde des Anatolius; ihre Lustboote glänzten in festlichem Schmuck und Purpur und die spitzen Segel spiegelten sich auf dem dunklen Wasser der Bucht. Myrrha wies auf sie hin und sagte ganz leise, wie vor sich hin: »Auch das ist gut, auch das muß man segnen.« »Die heidnischen Lieder?« fragte Juventinus schüchtern und erstaunt. Myrrha nickte. »Ja, ja. alles. Alles ist gut, alles ist heilig. Die Schönheit ist das Licht Gottes, was fürchtest du, Lieber? Wie frei muß man doch sein, um alles lieben zu können. Liebe Ihn und fürchte nichts! Liebe alles. Du weißt noch nicht, welch ein Glück das Leben ist...« Sie holte tief Atem, als sehne sie sich schon nach der langen Ruhe, und fügte hinzu: »Und welch ein Glück der Tod ist.« Dies war ihr letztes Gespräch gewesen. Sie lag darauf einige Tage unbeweglich und stumm mit geschlossenen Augen da und schien sehr zu leiden: ihre feinen Augenbrauen zuckten zuweilen krampfhaft zusammen, doch gleich darauf leuchtete auf ihrem Gesicht das frühere schwache und milde Lächeln; sie ertrug ihre Schmerzen ohne zu seufzen und ohne zu klagen. Einmal gegen Mitternacht rief sie mit kaum hörbarer Stimme nach Arsinoe, die neben ihr saß. Die Kranke konnte nur mit Mühe reden. »Ist es Tag?« fragte sie, ohne die Augen zu öffnen. »Es ist noch Nacht, doch bald wird es Tag,« antwortete Arsinoe. »Ich höre nicht, wer bist du?« sagte Myrrha noch leiser. »Ich, Arsinoe.« Die Kranke öffnete plötzlich die Augen und sah ihre Schwester durchdringend an. »Mir kam es vor,« brachte sie mit der größten Mühe hervor, »als wäre ich allein, als wärest du es nicht.« Myrrha faltete ganz langsam mit sichtbarer Anstrengung ihre feinen, blassen, durchsichtigen Hände; ihre Mundwinkel zuckten; ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Sie flehte: »Arsinoe, verlasse mich nicht! Wenn ich gestorben bin, so denke nicht, daß ich nicht mehr da bin...« Arsinoe beugte sich über sie; die Kranke war aber zu schwach, um die Schwester zu umarmen, – sie versuchte es, doch es gelang ihr nicht. Arsinoe näherte dann ihre Wange den Augen Myrrhas; diese hob und senkte ihre weichen langen Wimpern und liebkoste mit ihnen das Gesicht der Schwester: dieses Spiel mit den Wimpern hatte Myrrha noch in ihrer Kindheit ersonnen; wenn sie so die Wange liebkoste, hatte Arsinoe das Gefühl, als ob, ein Schmetterling mit seinen feinen Flügeln ihr Gesicht berühre. Diese letzte kindliche Liebkosung brachte Arsinoen plötzlich ihr ganzes gemeinsames Leben, ihre ganze Liebe in Erinnerung. Sie kniete nieder und weinte, zum erstenmal nach vielen Jahren, leicht und nach Herzenslust; ihr war es, als ob ihr Herz sich in diesen Tränen ergieße und auflöse. »Nein, nein, nein!« sprach sie, immer unaufhaltsamer schluchzend. »Ich verlasse dich nicht; ich bleibe bei dir, immer und überall...« Die Augen der Kranken leuchteten freudig auf; sie flüsterte: »Also du...?« »Ja, ich glaube, ich will und werde glauben!« rief Arsinoe aus und erstaunte selbst über diese unerwarteten Worte: sie erschienen ihr als ein Wunder, und nicht als Lüge, und sie wollte sie nicht wieder zurücknehmen. In beinahe wahnsinniger Hast fuhr sie fort: »Ich werde in die Wüste ziehen, Myrrha, wie du, statt deiner! Und wenn es einen Gott gibt, so muß er es so einrichten, daß es keinen Tod gibt und daß wir für ewig zusammenbleiben!« Myrrha lauschte den Worten Arsinoes mit einem Lächeln unendlicher Beruhigung und schloß die Augen. »Jetzt ist mir gut, jetzt schlafe ich ein...« flüsterte sie. Von diesem Augenblick an öffnete sie ihre Augen nicht mehr und sprach auch kein Wort. Ihr Gesicht war ruhig und ernst, wie bei einer Toten. Einige Tage lang atmete sie noch. Wenn man an ihre geschlossenen Lippen einen Becher mit Wein brachte, nahm sie einige Tropfen zu sich. Wenn ihr Atem ungleichmäßig und schwer ging, beugte sich Juventinus über sie und sprach leise ein Gebet, oder sang ein Kirchenlied; gleichsam eingelullt, atmete Myrrha darauf wieder ruhiger und gleichmäßiger. An einem heiteren Abend, als die Sonne die Felsen von Ischia und Capri in durchsichtige Amethyste, verwandelt hatte und das unbewegliche Meer mit dem Himmel verschmolzen war, als der erste Stern noch nicht funkelte, sich aber noch in der unerreichbaren Höhe vorahnen ließ, sang Juventinus über der Sterbenden die Abendhymne: Deus, creator omnium Polique rector, vestiens Diem decore lumine, Noctem sopore gratia... Vater, Schöpfer des Erdenrunds, Herr der Welt, der den Tag uns schmückt Mit dem Lichte, dem strahlenden, Und die Nächte mit Schlaf erquickt, Auf daß gestärkt die ermatteten Glieder zum Werke kehren zurück, Auf daß der Geist wieder rege wird, Und von ihm weicht jede schwere Last. Unter den Tönen dieses Liedes hauchte Myrrha ihren letzten Atemzug aus. Niemand bemerkte, wie sie zu atmen aufhörte. Tod und Leben bedeuteten ihr dasselbe: das Leben ging in die Ewigkeit über, wie die Wärme des Abends in die Kühle der Nacht übergeht. Arsinoe beerdigte ihre Schwester in den Katakomben und meißelte mit eigener Hand in die Marmorplatte: »Myrrha, vivis« – »Myrrha, du lebst«. Sie weinte fast gar nicht; in ihrer Seele herrschte vollständige Gleichgültigkeit und Weltverachtung und sie war in ihrer Verzweiflung entschlossen, wenn nicht an Gott zu glauben, so doch wenigstens alles aufzubieten, um diesen Glauben zu gewinnen. Sie wollte ihr Vermögen an Arme verschenken und in die Wüste ziehen. Doch bekam sie an jenem Abend, als sie diesen Entschluß ihrem Vormund Hortensius zu dessen größter Empörung mitteilte, einen kurzen und rätselhaften Brief von Cäsar Julianus aus Gallien: »Julianus der edlen Arsinoe – Freude zuvor! Erinnerst du dich noch an unser Gespräch zu Athen vor der Statue der Jägerin Artemis? Denkst du noch an unser Bündnis? – Stark ist mein Haß, noch stärker ist meine Liebe. Der Löwe wird vielleicht bald die Eselshaut von sich werfen, vorläufig seien wir aber einfältig wie die Tauben und klug wie die Schlangen, nach den Worten des Galiläers.« XX. Die Hofdichter, die in ihren Epigrammen Julianus »victorinus« – »Siegerlein« nannten, erfuhren jetzt mit Erstaunen von seinen Siegen in Gallien, was ihnen früher lächerlich erschien, wurde zu einem schrecklichen Ernst. Man sprach auch von der Magie und den geheimen Mächten, die den Freund des Maximus von Ephesus unterstützten. Julianus hatte die Städte Argentoratum, Brocomagus, Tres Tabernae, Saliso, Nemetes, Vangion und Magontiacum erobert und dem Reiche zurückgegeben. Die Soldaten vergötterten ihn. Bei jedem Schritte glaubte er fester daran, daß die Olympier ihm gewogen seien und ihn unterstützten. Er fuhr aber fort, christliche Kirchen zu besuchen und veranstaltete sogar zu Vienna am Rhodanus einen feierlichen Dankgottesdienst. Mitte Dezember kehrte der siegreiche Cäsar nach einem langen Feldzuge in sein Winterquartier, in das von ihm bevorzugte an der Seine gelegene Städtchen Lutetia – Paris zurück. Es war abends; die Einwohner der Stadt staunten über die seltsame blaßgrüne Farbe des Himmels. Unter den Schritten der Soldaten knirschte der erst eben gefallene Schnee. Paris-Lutetia lag auf einer kleinen Insel im Flusse, von allen Zeiten von Wasser umgeben. Zwei Holzbrücken verbanden die Stadt mit dem Ufer. Die Häuser waren in einem besonderen gallisch-römischen Stile erbaut und hatten weite glasbedeckte Flure, die ihnen die offenen Vorhallen der südlichen Länder ersetzten. Aus vielen Schornsteinen stieg Rauch empor. Die Bäume waren bereift. In den Gärten standen an den nach Süden gekehrten Wänden einzelne von den Römern hergebrachte Feigenbäume; obwohl sie sorgfältig mit Stroh umhüllt waren, schienen die armen Kinder des Südens zu frieren. In diesem Jahre herrschte trotz der Westwinde, die vom Ozean Tauwetter brachten, ein strenger Winter. Große Eisschollen trieben auf der Seine und stießen miteinander zusammen. Die römischen und griechischen Soldaten betrachteten mit Erstaunen das ungewohnte Schauspiel. Julianus verglich die durchsichtigen bald blauen und bald grünen Eisschollen mit phrygischen grüngeäderten Marmorplatten. Diese traurige und geheimnisvolle Schönheit des Nordens fesselte und rührte ihn, wie die Erinnerung an seine ferne Heimat. Er begab sich ins Schloß. Es war ein riesengroßes Gebäude mit schweren Steinbögen und Türmen, die sich schwarz gegen den hellen Abendhimmel abhoben. Julianus betrat die Bibliothek. Hier war es feucht und kalt, so daß man im großen Kamin Feuer machen mußte. Man brachte ihm einige Briefe, die in Lutetia während seiner Abwesenheit eingetroffen waren; darunter war einer aus Kleinasien vom Göttlichen Jamblichus. Draußen tobte der Schneesturm. Im Kamine heulte der Wind. Es schien, daß jemand an die geschlossenen Fensterläden klopfe. Julianus las den Brief des Meisters. Aus den Zeilen wehte ihm ein südlicher Hauch, ein Hauch von Hellas entgegen; er schloß die Augen und sah vor sich die marmornen Propyläen; sie leuchteten im Dunkeln, zogen wie Gespenster vorüber und schmolzen wie Wolken in der Sonne. Er fuhr zusammen und erhob sich. Das Feuer im Kamin war erloschen. Eine Maus nagte an einer Pergamentrolle. Er fühlte das Verlangen, ein lebendes Menschenantlitz zu sehen. Plötzlich fiel ihm seine Frau ein. Ein sonderbares Lächeln verzerrte seine Lippen. Julianus hatte kurz vor seiner Abreise nach Gallien eine Verwandte der Kaiserin Eusebia, namens Helena, die der Kaiser zu dieser Verbindung gezwungen hatte, geheiratet. Er liebte sie nicht. Obwohl seit der Hochzeit mehr als ein Jahr verstrichen war, hatte er sie fast nie gesehen oder gesprochen: sie war in der Ehe Jungfrau geblieben. Helena hatte sich von ihrer frühesten Kindheit an nach dem Kloster gesehnt; sie wollte eine Braut Christi werden, und der Gedanke an eine Ehe flößte ihr Grauen ein. In der ersten Zeit nach der Hochzeit hielt sie sich für verloren; als sie aber sah, daß Julianus von ihr nichts verlangte, beruhigte sie sich. Sie lebte im Schlosse wie eine Nonne, immer einsam, bleich, still, von Kopf bis zu Fuß in schwarze christliche Gewänder gehüllt. In ihren geheimen Gebeten hatte sie das Gelübde der Keuschheit abgelegt. Von böser Neugierde getrieben, begab sich Julianus in jener Nacht durch die leeren, finsteren Gänge zu dem Schloßturme, den Helena bewohnte. Ohne anzuklopfen trat er in die nur schwach beleuchtete Zelle. Das Mädchen kniete an einem Betpulte vor einem großen Kruzifix. Er trat leise, seine Hand vor die Flamme der Lampe haltend, an sie heran und beobachtete sie einige Zeit schweigend. Sie war so sehr in das Gebet vertieft, daß sie ihn gar nicht eintreten sah. Er rief: »Helena.« Sie schrie auf und wandte ihm ihr blasses Gesicht zu. Er musterte lange und aufmerksam das Kruzifix, das Evangelium und das Betpult. »Du betest immer?« »Ja, ich bete, – auch für dich, gottgeliebter Cäsar...« »Auch für mich? So! Du hältst mich wohl für einen großen Sünder, Helena?« Sie schlug stumm die Augen nieder. Über seine Lippen glitt wieder ein seltsames stilles Lächeln. »Fürchte nichts. Antworte. Glaubst du vielleicht, ich hätte irgendeine besonders schwere Sünde auf dem Gewissen?« Er näherte sich ihr und sah ihr in die Augen. Sie sprach kaum hörbar: »Eine besonders schwere? – Ja. Ich glaube, zürne mir aber nicht...« »Sage mir, welche Sünde du meinst. Ich will Buße tun.« »Lache nicht über mich,« sagte sie noch leiser und ernster, ohne ihn anzublicken. »Ich habe für deine Seele vor Gott Rechenschaft abzulegen.« »Du – für mich?« »Wir sind auf ewig aneinander gebunden.« »Wodurch?« »Durch das Sakrament.« »Durch die kirchliche Trauung? Wir sind ja noch einander fremd, Helena.« »Ich fürchte für deine Seele, Julianus,« sagte sie, ihre ruhigen unschuldigen Augen auf ihn richtend. Er legte ihr die Hand auf die Schulter und blickte lächelnd in ihr blutleeres Nonnengesicht. Das Gesicht war keusch und kalt, und die blaßrosa Lippen des schönen, kleinen Mundes, der halb geöffnet war und kindliche Angst ausdrückte, zeichneten sich darauf seltsam ab. Plötzlich beugte er sich über sie und küßte sie, ehe sie sich besinnen konnte, mitten auf den Mund. Sie sprang auf, lief in die entgegengesetzte Ecke der Zelle und bedeckte das Gesicht mit den Händen; dann zog sie die Hände wieder langsam vom Gesicht, blickte ihn mit vor Angst wahnsinnigen Augen an und begann plötzlich sich und ihn zu bekreuzen. »Hebe dich hinweg, Verdammter! Dieser Raum ist heilig! Ich beschwöre dich im Namen des heiligen Kreuzes, – verschwinde, versinke! Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreut werden!...« Er wurde zornig. Er ging zur Türe und sperrte sie ab. Dann wandte er sich wieder an seine Frau: »Helena, beruhige dich. Du hast mich für jemand anderen gehalten; ich bin aber ebenso Mensch wie du. Ein Geist hat weder Fleisch, noch Bein, wie du sie an mir siehst. Ich bin dein Gatte. Die Kirche Christi hat unseren Bund gesegnet.« Sie fuhr langsam mit der Hand über die Augen. »Verzeihe mir... Ich habe mich getäuscht. Du kamst so plötzlich herein. Ich habe ja schon Visionen gehabt. Er irrt hier nachts umher. Ich habe Ihn schon zweimal gesehen; Er hat mir von dir erzählt. Seit jener Zeit fürchte ich mich. – Er sagte mir, daß in deinem Gesicht... Julianus, warum siehst du mich so an...?« Sie zitterte wie ein gefangener Vogel und drückte sich scheu an die Wand. Er näherte sich ihr wieder und umarmte sie. »Was tust du?... Laß mich!...« Sie versuchte zu schreien und ihre Dienerin zu rufen: »Eleutheria! Eleutheria!« »Du Dumme! Bin ich nicht dein Gatte?...« Sie begann plötzlich leise und hilflos zu schluchzen: »Bruder! Es darf nicht sein. Ich habe ein Gelübde abgelegt; ich bin eine Braut Christi. Ich glaubte, daß du...« »Die Braut des römischen Cäsars kann nicht eine Braut Christi sein!« »Julianus, wenn du an Ihn glaubst...« Er lachte. Sie nahm ihre letzten Kräfte zusammen, um ihn von sich zu stoßen. »Hebe dich hinweg, du Teufel! ... Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?...« Immer noch lachend bedeckte er ihren feinen weißen Hals, im Nacken, wo das Haar ansetzt, mit wütenden gierigen Küssen. Es schien ihm, als ob er einen Mord begehe. Sie war so ermattet, daß sie ihm fast nicht widerstrebte; sie flüsterte nur flehend: »Erbarme dich meiner, Bruder, habe Erbarmen!...« Mit frevler Hand riß er ihr die schwarzen Nonnenkleider vom Leibe. Seine Seele war von namenlosem Grauen erfaßt, doch hatte er noch nie im Leben einen solchen Rausch genossen. – Plötzlich schimmerte durch das zerrissene Gewand ihre nackte, weiße Haut. Der römische Cäsar sah mit einem herausfordernden Lächeln in die finstere Ecke der Zelle, wo sich vor dem Betpulte, von der flackernden Lampe erleuchtet, das schwarze Kruzifix erhob. XXI. Seit der siegreichen Schlacht bei Argentoratum war mehr als ein Jahr vergangen. – Julianus hatte Gallien von den Barbaren befreit. Im Frühjahre, als er sich noch in seinem Winterquartier zu Lutetia aufhielt, brachte ihm der Tribun der Notarier, Decentius, einen wichtigen Brief vom Kaiser. Ein jeder Sieg, den Julianus in Gallien erfocht, verletzte Constantius aufs tiefste und bedeutete einen neuen Schlag für seinen Ehrgeiz: dieser dumme Junge, diese »geschwätzige Elster«, der »Affe in Purpur«, das lächerliche »Siegerlein« hatte sich zum großen Verdruß der höfischen Witzbolde in einen wirklichen und gefürchteten Sieger verwandelt. Constantius beneidete Julianus um so mehr, als er selbst zu dieser Zeit in seinen asiatischen Provinzen durch die Perser Niederlage auf Niederlage erlitt. Er magerte ab, verlor Schlaf und Appetit. Zweimal hintereinander bekam er die Gelbsucht. Die Ärzte waren aufs höchste besorgt. Wenn er in schlaflosen Nächten mit offenen Augen auf seinem Prunkbette unter dem heiligen Banner Konstantins lag, dachte er zuweilen: »Eusebia hat mich betrogen. Hätte sie mich nicht überredet, so hätte ich den Rat des Paulus und des Mercurius befolgt und dieses Schlangenjunge aus dem Neste der Flanier erdrosseln lassen. Ich war ein Tor und habe ihn selbst an meiner Brust groß gezogen. – wer weiß, vielleicht hat ihn Eusebia einmal zum Geliebten gehabt! ...« Die verspätete Eifersucht machte seinen Neid noch unerträglicher: an Eusebia konnte er sich nicht mehr rächen, denn sie war tot; seine zweite Frau, Faustina, war ein hübsches, dummes Mädchen, das er verachtete. Constantius riß sich nachts vor Wut seine spärlichen Haare aus, die der Barbier jeden Morgen sorgfältig zu Locken wickelte, und weinte bittere Tränen. Hatte er denn nicht immer die Kirche verteidigt und die Ketzer ausgerottet? Hatte er nicht Kirchen erbaut und ausgeschmückt und jeden Morgen, wie jeden Abend die vorgeschriebenen Gebete verrichtet? Und was war nun der Lohn? – Der Herr der Erde empörte sich zum erstenmal in seinem Leben gegen den Herrn des Himmels. Die Gebete erstarben auf seinen Lippen. Um seinen Neid wenigstens etwas zu stillen, beschloß er, ein außergewöhnliches Mittel anzuwenden. In alle größeren Städten seines Reiches wurden lorbeerbekränzte »Triumphbriefe« geschickt, die die Siege aufzählten, die Kaiser Constantius durch Gottes Gnade erfochten hätte; die Sendschreiben wurden in den Städten öffentlich verlesen. Nach diesen Schreiben konnte man annehmen, daß es nicht Julianus, sondern Constantius gewesen sei, der viermal den Rhein überschritten hätte, obwohl Constantius zu dieser selben Zeit am anderen Ende der Welt in ruhmlosen Schlachten gegen die Perser Niederlagen erlitt; daß nicht Julianus bei Argentoratum verwundet worden sei und den König Chnodomar gefangen genommen habe, sondern Constantius; daß nicht Julianus sich Wege über Sümpfe und Wälder gebahnt, Festungen belagert, Hunger, Durst und Hitze erlitten, sich mehr als die gemeinen Soldaten abgemüht und weniger als sie geschlafen habe, sondern Constantius. In diesen lorbeerbekränzten Sendschreiben wurde Julianus' Name gar nicht erwähnt, als ob es einen solchen Cäsar gar nicht gäbe. Das Volk beglückwünschte Constantius, den Wiedereroberer von Gallien, und in allen Kirchen zelebrierten die Presbyter, Bischöfe und Patriarchen Messen für das Wohl des Kaisers und dankten dem Herrn für die Siege über die Barbaren, die Er Constantius verliehen hatte. Alles dies vermochte aber nicht den Neid, der am Herzen des Kaisers zehrte, zu stillen. Nun beschloß er, Julianus die Blüte seiner Legionen zu nehmen, – ihn allmählich und unbemerkt zu schwächen, wie er es einst mit Gallus getan hatte, ihn langsam in seine Netze zu locken und dann erst dem Wehrlosen den tödlichen Streich zu versetzen. Zu diesem Zwecke schickte er nach Lutetia seinen erfahrensten Beamten, den Tribunen der Notarier, Decentius, der vom Heere des Cäsars sofort die besten Hilfslegionen – die Herulen, Bataven, Petulanten und Kelten abberufen und sie nach Asien zum Kaiser bringen sollte; außerdem war er ermächtigt, aus jeder Legion je dreihundert der tapfersten Krieger auszusuchen; der Tribun Sintula, der Decentius begleitete, hatte den Auftrag, die besten Schildträger und Gentilen auszusuchen, sich an ihre Spitze zu stellen und sie gleichfalls zum Kaiser zu führen. Julianus warnte Decentius und wies ihm auf die Gefahr einer Empörung unter den Barbaren hin, die es vorziehen würden zu sterben, als ihre Heimat zu verlassen. Decentius schenkte aber dieser Warnung keine Beachtung und bewahrte auf seinem bartlosen, gelben, listigen Gesicht die wichtige Beamtenmiene. An einer der Holzbrücken, die die Insel Lutetia mit dem Ufer verbanden, befand sich das lange Gebäude der Hauptkaserne. Die Soldaten waren schon am frühen Morgen erregt. Nur noch die strenge Disziplin, die Julianus eingeführt hatte, vermochte sie im Zaume zu halten. Die ersten Kohorten der Petulanten und Herulen waren noch nachts ausgerückt. Ihre Genossen, die Kelten und Bataven rüsteten sich zum Abmarsche. Sintula kommandierte mit sicherer Stimme, als sich plötzlich ein Murren erhob. Einen widerspenstigen Soldaten hatte man bereits halbtot gepeitscht. Decentius, mit einer Feder hinterm Ohr und Papieren in der Hand, rannte überall herum. Unter dem trüben Abendhimmel standen auf dem Kasernenhofe und auf der Straße die mit Leinen bespannten großen Wagen für die Soldatenweiber und Kinder bereit. Die Weiber jammerten und nahmen Abschied von ihrer Heimat. Die einen streckten ihre Arme nach den finsteren Wäldern und Einöden aus; die anderen fielen zur Erde, küßten sie heulend, nannten sie ihre Mutter und klagten darüber, daß ihre Gebeine in einer fremden Erde verfaulen sollten; manche blieben stumm und begnügten sich damit, daß sie eine Handvoll von der heimatlichen Erde in einen Lappen banden, um sie als Andenken in die Fremde mitzunehmen. Eine magere Hündin, deren Rippen durch die Haut hervortraten, beleckte eine mit Schweinefett geschmierte Wagenachse. Dann ging sie zur Seite, steckte die Schnauze in den Staub und begann zu heulen. Alle wandten sich nach ihr um und fuhren zusammen. Ein Legionär stieß sie zornig mit dem Fuße. Die Hündin zog den Schwanz ein und lief ins Feld, wo sie stehen blieb und noch kläglicher, noch lauter zu heulen begann. In der Stille des trüben Abends erschien dieses gedehnte Heulen schrecklich und unglückverheißend. Der Sarmat Aragarius gehörte zu denjenigen, die den Norden verlassen sollten. Er nahm Abschied van seinem treuen Freund Strombicus. »Onkel, lieber Onkel, wie kannst du mich nur verlassen?!« jammerte Strombicus, die Soldatensuppe schluckend, die ihm Aragarius geschenkt hatte; dieser konnte vor Kummer nicht essen. Strombicus aß sie aber gierig, während seine Tränen in die Schüssel fielen. »Hör auf zu weinen, Narr,« tröstete ihn Aragarius, wie immer in verachtungsvollem und zugleich zärtlichem Tone. »Es heulen schon so genug Weiber um uns herum! ... Erzähle mir lieber vernünftig, – du stammst ja aus jener Gegend –, was für Wälder es dort gibt – Eichen, oder mehr Birken?« »Onkelchen, was fällt dir nur ein? Gott behüte dich! Was für Wälder soll es dort geben? Nichts als Sand und Steine!« »Im Ernst? Wo verbergen sich dann die Leute vor Hitze?« »Man kann sich dort nirgends verstecken, Onkel. Es ist ja eine Wüste. Es ist so heiß, wie auf einem Herde. Auch gibt es kein Wasser.« »Kein Wasser? Nun, gibt es aber genug Bier?« »Was dir nicht einfällt? Von Bier hat man dort keine Ahnung.« »Du lügst!« »Meine Augen mögen mir zerspringen, wenn du in ganz Asien, Mesopotamien und Syrien auch nur ein Fäßchen Bier oder Met findest!« »Nun, Bruder, es ist traurig! Heiß soll es sein, und dazu weder Wasser, noch Bier oder Met geben. Man treibt uns ans Ende der Welt, wie die Ochsen ins Schlachthaus.« »Geradewegs dem Teufel in die Krallen, Onkel, dem Teufel in die Krallen!« Strombicus wimmerte noch kläglicher. In diesem Augenblick erhob sich in der Ferne Lärm und Stimmengetöse. Beide Freunde eilten aus der Kaserne ins Freie. Eine Menge Soldaten lief über die Brücke auf die Insel Lutetia. Die Schreie kamen immer näher und näher. Die ganze Kaserne war von Unruhe ergriffen. Die Soldaten liefen auf die Straße, versammelten sich und schrien trotz aller Drohungen und selbst Schläge der Centurionen. »Was ist geschehen?« fragte ein Veteran, der gerade ein Bündel Reisig zur Kasernenküche schleppte. »Man sagt, sie hätten zwanzig Mann totgeprügelt.« »Wieso zwanzig? Nein, hundert!« »Man wird jetzt alle nacheinander mit Ruten züchtigen, so lautet der Befehl!« Plötzlich kam ein Soldat in zerrissener Kleidung, mit blassem Gesicht in wahnsinniger Erregung herbeigelaufen und schrie: »Lauft, lauft alle ins Schloß! Man hat Julianus umgebracht!« Diese Worte fielen wie ein Funken in trockenes Stroh. Die Flamme des Aufruhrs, die schon lang vorher geglommen hatte, loderte unaufhaltsam empor. Alle Gesichter nahmen einen tierisch rohen Ausdruck an. Niemand verstand, was eigentlich vorging, niemand hörte auf den anderen. Alle schrien zugleich: »Wo sind die Mörder?« »Schlagt die Schurken tot!« »Wen?« »Die Gesandten des Kaisers Constantius.« »Nieder mit dem Kaiser!« »Ihr Feiglinge, einen solchen Feldherrn habt ihr verraten!« Zwei gänzlich unschuldige Centurionen, die ihnen zufällig in den Weg kamen, wurden zur Erde geworfen, mit den Füßen getreten und beinahe in Stücke zerrissen. Als das Blut emporspritzte, gerieten die Soldaten in noch größere Erregung. Die Menge stürmte die Brücke und näherte sich der Kaserne, plötzlich hörte man ohrenbetäubende, aber dennoch deutliche Schreie: »Heil dem Kaiser Julianus, Heil dem Augustus Julianus!« »Man hat ihn ermordet! Ermordet!« »Schweigt, ihr Narren! Der Kaiser lebt, wir haben ihn erst eben gesehen!« »Der Cäsar lebt!« »Er ist nicht mehr Cäsar, sondern Kaiser!« »Wer hat denn eben erst gesagt, man hätte ihn ermordet?« »Wo ist der Schurke?« »Sie wollten ihn ermorden!« »Wer wollte?« »Constantius!« »Nieder mit Constantius! Nieder mit den verfluchten Eunuchen!« In der Dämmerung raste an ihnen ein Reiter so schnell vorbei, daß sie ihn kaum erkennen konnten. »Decentius! Decentius! Fangt den Schurken!« Der kaiserliche Gesandte hatte noch immer die Feder hinterm Ohr stecken, und an seinem Gürtel baumelte das Feldtintenfaß. Von Gelächter und Flüchen begleitet, verschwand er in der Ferne. Die Menge wuchs immer mehr an. während der Abend hereinbrach, lärmte und tobte das meuternde Heer immer lauter. Die Wut der Soldaten ging in kindliches Entzücken über, als sie sahen, daß die Legionen der Herulen und Petulanten, die des Morgens ausgerückt waren, zurückkehrten und sich den Meuterern anschlossen. Die Soldaten umarmten ihre Kameraden, Frauen und Kinder, wie nach einer langen Trennung. Manche weinten vor Freude, die anderen schlugen schreiend mit den Schwertern gegen die Schilde. Scheiterhaufen wurden angezündet. Einige Redner traten auf. Strombicus, der in seiner Jugend Possenreißer in einer Schaubude zu Antiochia gewesen war, fühlte plötzlich Inspiration. Seine Kameraden hoben ihn in die Höhe, und er begann mit theatralischen Gebärden: »Nos quidem ad orbis terrarum extrema ut noxii pellimur et damnati« – »Man schickt uns an das Ende der Welt, wie abgeurteilte Verbrecher; unsere Frauen und Kinder, die wir um den Preis unseres Blutes aus der Sklaverei erlöst haben, werden wieder unter das Joch der Alamannen geraten.« Er war mit seiner Rede noch nicht fertig, als aus der Kaserne ein Geschrei, wie wenn man ein Ferkel schlachtete, ertönte; zugleich hörte man die den Soldaten so wohl vertrauten Rutenstreiche auf den nackten Körper: die Soldaten züchtigten den verhaßten Centurio Cedo-Alteram. Der Soldat, der den Vorgesetzten schlug, warf die blutige Rute zur Seite und schrie zur allgemeinen Belustigung, die Stimme des Delinquenten nachahmend: »Reich eine andere her! – Cedo alteram !« »Auf ins Schloß! Auf ins Schloß!« tönte es in der Menge, »wir wollen Julianus zum Kaiser ausrufen und krönen!« Alle liefen fort, den halbtoten Centurio auf dem Kasernenhofe in einer Blutlache zurücklassend. – Wenige Sterne schimmerten durch die Bäume. Ein trockener Wind erhob sich stoßweise und wirbelte auf der Landstraße den Staub auf. Die Tore, Türen und Fensterläden des Schlosses waren fest verschlossen: das ganze Gebäude war wie ausgestorben. Julianus, der diese Empörung vorausgeahnt hatte, verließ nicht seine Gemächer, zeigte sich fast gar nicht den Soldaten und beschäftigte sich mit Wahrsagekünsten. Mit dem langen, weißen Gewand der Pythagoreer bekleidet, eine Lampe in der Hand, stieg er auf einer schmalen Treppe zum höchsten Turm des Schlosses empor. Dort erwartete ihn, die Sterne beobachtend, mit einer spitzen Tiara aus Filz auf dem Kopfe, ein persischer Magier, ein Gehilfe des Maximus von Ephesus; dieser hatte ihn zu Julianus geschickt. Es war jener Nohodares, der einst in der Schenke des Syrax, am Fuße des Berges Argäus dem Tribunen Scudilo sein Schicksal vorausgesagt hatte. »Nun, wie steht's?« fragte Julianus, unruhig das dunkle Himmelsgewölbe musternd. »Es ist nichts zu sehen,« erwiderte Nohodares, »die Wolken verdecken die Sterne.« Julianus machte eine ungeduldige Handbewegung. »Kein einziges Zeichen! Als ob Himmel und Erde sich gegen mich verschworen hätten...« Eine Fledermaus flog an ihnen vorbei. »Sieh hin, vielleicht kannst du aus ihrem Fluge etwas ersehen.« Die Fledermaus flog so nahe vorbei, daß ihr kalter, geheimnisvoller Flügel beinahe Julianus' Gesicht streifte, und verschwand. »Es ist eine dir verwandte Seele,« flüsterte Nohodares. »Wisse: heute nacht muß etwas Großes geschehen...« Da ertönten die Schreie der Soldaten; die Worte konnte man nicht erkennen, denn der Wind übertönte das Geschrei. »Wenn du etwas erfährst, komme zu mir,« sagte Julianus. Er verließ den Turm und begab sich in die Bibliothek. Er ging in dem großen Saale mit schnellen, unregelmäßigen Schritten aus einer Ecke in die andere. Ab und zu blieb er stehen und horchte. Es schien ihm, als ob jemand ihm unsichtbar folge, und eine seltsame unnatürliche Kälte wehte ihn im Finsteren in den Nacken. Er wendete sich rasch um, konnte aber niemand sehen; sein wilderregtes Blut hämmerte schwer in seinen Schläfen. Er begann wieder auf und ab zu gehen und wieder war es ihm, als ob ihm jemand rasch Worte ins Ohr flüsterte, deren Sinn er nicht verstehen konnte. Ein Diener meldete ihm, daß ein alter Mann, der soeben aus Athen angelangt sei, ihn in einer dringenden Sache sprechen wolle. Julianus schrie vor Freude auf und eilte, den Gast zu empfangen. Er hatte sich gleich gedacht, daß es nur Maximus sein könne, und er täuschte sich nicht: es war der große Hierophant der Eleusinischen Mysterien, den er mit solcher Ungeduld erwartet hatte. »Mein Vater,« rief der Cäsar aus, »rette mich! Ich muß den Willen der Götter erfahren. Komm rasch mit mir, alles ist bereit.« In diesem Augenblick erklang schon ganz nahe am Schloß das betäubende, donnerähnliche Geschrei der Soldaten; die alten Mauern erbebten. Der Tribun der Schildträger kam totenblaß vor Angst hereingestürzt und rief: »Ein Aufruhr! Die Soldaten stürmen die Tore!« Julianus machte eine gebieterische Handbewegung. »Fürchtet nichts! Später, später! Jetzt soll niemand hereingelassen werden...« Er faßte den Hierophanten bei der Hand und führte ihn die steile Treppe in den finsteren Keller hinunter. Er versperrte hinter sich die schwere, eisenbeschlagene Türe. Im Keller war alles bereit: Kerzen, deren Flammen sich in der silbernen Statue des Sonnengottes Helios-Mithra spiegelten; zahlreiche Räucherbecken, heilige Gefäße mit Wasser, Wein und Met für die Trankopfer, Mehl und Salz zum Bestreuen der Opfer; Käfige mit den verschiedenen zum Wahrsagen notwendigen Vögeln: Enten, Tauben, Hühnern, Gänsen und einem Adler; ein weißes, gefesseltes Lamm blökte jämmerlich. »Beeile dich! Schnell!« trieb Julianus den Hierophanten an, ihm ein scharfes Messer reichend. Der Alte verrichtete in größter Eile die Gebete und Trankopfer. Darauf schlachtete er das Lamm; einen Teil des Fleisches und des Fettes brachte er auf die Kohlen des Altars und begann unter geheimnisvollen Beschwörungen die Eingeweide zu untersuchen; mit geübten Händen nahm er die blutende Leber, das Herz und die Lunge heraus und betrachtete sie von allen Seiten. »Ein Mächtiger wird gestürzt werden,« sprach der Hierophant, auf das noch warme Herz des Lammes weisend. »Sein Tod wird schrecklich sein...« »Wer? Ich oder er?« fragte Julianus. »Ich weiß es nicht.« »Auch du weißt es nicht?« »Cäsar,« sagte der Alte, »übereile dich nicht. Heute nacht sollst du keinen Entschluß fassen, warte bis zum Morgen: die Vorzeichen sind zweifelhaft und sogar...« Er sprach den Satz nicht zu Ende und nahm das andere Opfer, die Gans, und dann den Adler vor. Von oben tönte das Lärmen der Menge, gleich dem Rauschen einer Überschwemmung. Man hörte Schläge von Beilen an die eisernen Tore. Julianus hörte aber nichts und war ganz in die Betrachtung der blutigen Eingeweide versunken: er hoffte in den Nieren eines geschlachteten Huhnes die Geheimnisse der Götter zu erforschen. Der alte Priester schüttelte den Kopf und wiederholte: »Fasse keinen Entschluß: die Götter schweigen.« »Was hat das zu bedeuten?« rief der Cäsar unwillig. »Es ist doch wirklich nicht die passende Zeit, um zu schweigen! ...« Nohodares kam triumphierend herein und sprach: »Julianus, frohlocke! Diese Nacht wird sich dein Schicksal entscheiden. Beeile dich, wage, sonst wird es zu spät...« Der Magier und der Hierophant warfen einander Blicke zu. »Sei auf der Hut!« sagte der eleusinische Priester mit finsterer Miene. »Wage!« sagte Nohodares. Julianus stand zwischen den beiden und blickte unschlüssig bald den einen, bald den anderen an. Die Gesichter der beiden Auguren waren undurchdringlich; sie waren beide aufeinander eifersüchtig. »Was soll ich tun? Was soll ich tun?« flüsterte Julianus. Plötzlich fiel ihm etwas ein und er rief erfreut: »Wartet: ich habe ein altes sibyllinisches Buch, von den Widersprüchen in den Haruspizien. Wir wollen darin nachschlagen.« Er lief in die Bibliothek. In einem der Gänge begegnete ihm der Bischof Dorotheus in vollem Ornat, mit dem Kreuz und den Sakramenten in den Händen. »Was ist das?« fragte Julianus, unwillkürlich zurücktretend. »Es sind die heiligen Sterbesakramente für deine Frau.« Dorotheus betrachtete aufmerksam das pytagoreische Gewand, das bleiche Gesicht mit den brennenden Augen und die blutigen Hände des Cäsars. »Deine Gemahlin,« fuhr der Bischof fort, »wünscht dich vor dem Tode zu sehen.« »Gut, – doch nicht jetzt ... Später ... Ihr Götter! Wieder ein schlimmes Vorzeichen. Dazu noch in einem solchen Augenblick. Alles, was sie nur anstellt, ist zur Unzeit! ...« Er kam in die Bibliothek und begann unter den staubigen Pergamentrollen zu suchen. Plötzlich glaubte er eine Stimme zu vernehmen, die ihm ganz deutlich zuflüsterte: »Wage! Wage! Wage!« »Bist du es, Maximus?« rief Julianus und wendete sich um. In dem finsteren Zimmer war aber niemand. Er hatte solches Herzklopfen, daß er die Hand an das Herz führen mußte; kalter Schweiß trat ihm auf die Stirne. »Da ist es nun, was ich erwartet habe!« sagte Julianus vor sich hin. »Das war seine Stimme. Jetzt gehe ich. Es ist besiegelt. Die Würfel sind gefallen!« Die eisernen Tore stürzten mit betäubendem Krachen ein. Die Soldaten drangen ins Atrium. Er hörte das wilde Geschrei der Menge und das Stampfen unzähliger Füße. Durch die Spalten der Fensterläden drang blutrotes Fackellicht, wie der Widerschein einer Feuersbrunst. Nun durfte er nicht länger zögern. – Julianus warf das weiße pythagoreische Gewand ab, legte seine Rüstung und das kaiserliche Paludamentum an, setzte sich den Helm auf, gürtete das Schwert um und eilte die Haupttreppe zu dem Eingangstor hinauf. Er öffnete das Tor und stand plötzlich mit siegesbewußtem, heiterem Gesicht vor dem Heere. Alle seine Zweifel waren gewichen: sein Wille war durch diese erste entschlossene Handlung gestärkt; noch nie im Leben hatte er eine solche innere Kraft, Klarheit des Geistes und Nüchternheit gefühlt. Dieses Gefühl teilte sich sofort der Menge mit. Sein bleiches Gesicht schien majestätisch und schrecklich. Er hob die Hand und sofort trat Stille ein. Er rief den Soldaten zu, sie möchten sich beruhigen, er werde sie nie verlassen und werde es nicht gestatten, daß sie in ein fremdes Land weggeführt würden; er versprach ihnen auch, bei seinem »vielgeliebten Bruder«, dem Kaiser Constantius, dahin zu wirken. »Nieder mit Constantius!« unterbrachen ihn die Soldaten, einstimmig schreiend. »Nieder mit dem Brudermörder! Du bist unser Kaiser, und wir wollen keinen anderen! Heil dem Unbesiegbaren, dem Julianus Augustus!« Er heuchelte sehr geschickt Erstaunen, sogar Entsetzen: er schlug die Augen nieder, hob die Hände, als wolle er das frevelhafte Geschenk zurückweisen und sich dagegen wehren. Das Geschrei wurde noch lauter. »Was tut ihr?« rief Julianus in erheucheltem Entsetzen aus. »Richtet nicht mich und euch selbst zugrunde! Könnt ihr denn wirklich glauben, daß ich den Allerfrömmsten verraten würde?...« »Er ist der Mörder deines Vaters! Der Mörder deines Bruders Gallus!« schrien die Soldaten. »Schweigt, schweigt!« rief er, erregt mit den Händen winkend, und lief plötzlich der Menge entgegen, »wißt ihr es denn nicht mehr? Vor dem Antlitze des Herrn haben wir ja alle geschworen...« Eine jede seiner Bewegungen war klug berechnet und erheuchelt. Die Soldaten umringten ihn. Er zog sein Schwert aus der Scheide, hob es in die Höhe und richtete es mit der Spitze gegen seine eigene Brust. »Ihr tapferen Männer! Der Cäsar wird eher sterben, als seinen rechtmäßigen Herrn verraten...« Die Soldaten griffen nach seinen Armen und entrissen ihm mit Gewalt das Schwert. Viele stürzten ihm zu Füßen, umarmten seine Knie und führten ihre bloßen Schwerter gegen die eigene Brust. »Wir wollen sterben!« schrien sie, »wir sterben für dich!« Die anderen streckten ihm ihre Arme entgegen und flehten: »Erbarme dich unser, erbarme dich unser, du bist unser Vater!« Greise Veteranen knieten vor ihm nieder, griffen nach seinen Händen, um sie zu küssen, legten sich seine Finger in den Mund und ließen ihn die zahnlosen Kiefer betasten; sie sprachen von der unsagbaren Ermüdung und von den ungeheuren Mühen, die sie während ihres langen Dienstes erfahren hatten; viele rissen sich die Kleider vom Leibe und zeigten ihm ihre nackten, alten Körper mit den in zahlreichen Schlachten geholten Wunden, und ihre Rücken mit den schrecklichen Narben, die von Ruten herrührten. »Erbarme dich unser! Erbarme dich unser! Sei unser Augustus!« Julianus traten Tränen aufrichtiger Rührung in die Augen: er liebte diese rohen Gesichter, diese ihm wohlbekannte Kasernenluft, diese unbezähmbare Begeisterung, in der er eine große Kraft fühlte. Nach einem besonderen Anzeichen schloß er, daß diese Empörung durchaus ernst zu nehmen sei: die Soldaten schrien nämlich nicht durcheinander, sondern immer einstimmig, wie auf Verabredung, und wenn sie schwiegen, so verstummten alle gleichzeitig, wie auf Kommando; bald hörte er einstimmiges Geschrei, und bald trat plötzliche Stille ein. Endlich sprach er leise, gleichsam unwillig, als ob er nur der Gewalt weiche: »Meine geliebten Brüder! Meine Kinder! Ihr seht, ich gehöre euch in Leben und Tod; ich kann euch nichts abschlagen...« »Wir wollen ihn krönen! Bringt das Diadem her!« schrien sie triumphierend. Es war aber kein Diadem aufzutreiben. Der erfinderische Strombicus schlug vor: Augustus möchte befehlen, daß man eines der Perlengehänge seiner Gemahlin hole. Julianus entgegnete darauf, daß ein Frauenschmuck unpassend sei und eine schlimme Vorbedeutung für seinen Regierungsantritt haben könne. Die Soldaten wollten sich aber nicht beruhigen: sie mußten durchaus auf dem Haupte ihres Auserwählten einen glänzenden Schmuck sehen, um zu glauben, daß er wirklich Kaiser sei. Ein roher Legionär riß von einem Pferde das kupferne Brustgehänge, die »Phalera«, herunter und machte den Vorschlag, den Augustus damit zu krönen. Dieser Vorschlag fand aber keinen Beifall, denn das Leder roch zu sehr nach Pferdeschweiß. Alle suchten ungeduldig nach einem andern Schmuck. Der Fahnenträger der Petulanten, der Sarmate Aragarius, reichte dem Cäsar die kupferne Schuppenkette, die er als Abzeichen seines Ranges am Halse trug. Julianus wickelte sich die Kette zweimal um den Kopf: so krönte ihn die Kette zum römischen Kaiser. »Auf den Schild! Auf den Schild!« schrien die Soldaten. Aragarius setzte ihm seinen runden Schild vor und hunderte von Armen hoben den Kaiser in die Höhe. Er sah unter sich ein Meer von Helmen und hörte stürmische brausende Rufe: »Heil dem Augustus Julianus! Heil dem göttlichen Augustus – Divus Augustus! « Es schien ihm, daß an ihm der Wille des Schicksals in Erfüllung gehe. Die Fackeln waren erloschen. Im Osten sah man bereits die ersten hellen Streifen. Die plumpen Schloßtürme hoben sich schwarz gegen den Himmel ab. Nur in einem Fenster war noch ein roter Lichtschein zu sehen. Julianus erriet, daß es ein Fenster in jenem Gemache sei, in dem seine Gattin Helena starb. Als die Erregung der Soldaten sich beim Tagesanbruch etwas gelegt hatte, ging er zu ihr. Er kam zu spät. Die Tote lag auf ihrem schmalen Mädchenbette. Alle knieten. Ihr Mund war geschlossen, von ihrem trockenen Nonnenleibe wehte ein keuscher, kalter Hauch. – Julianus sah auf dieses blasse, beruhigte Gesicht seiner Frau ohne Gewissensbisse, doch mit schwerer Neugier; er fragte sich: »Warum wollte sie mich noch vor ihrem Tode sehen? Was wollte, was konnte sie mir noch sagen?« XXII. Kaiser Constantius verbrachte traurige Tage in Antiochia. Alle befürchteten Unheil. Nachts hatte er schreckliche Träume; in seinem Schlafzimmer brannten ständig fünf oder sechs helle Lampen, und doch fürchtete er sich vor der Dunkelheit. Stundenlang saß er stumm allein, brütete vor sich hin und fuhr bei dem geringsten Geräusch zusammen. Einmal sah er im Traume seinen Vater Konstantin den Großen, mit einem starken und bösen Kinde auf den Armen; Constantius nahm das Kind seinem Vater ab und setzte es auf seinen rechten Arm, während er auf dem linken Arm eine riesengroße Glaskugel hielt; das böse Kind stieß aber die Glaskugel herab, sie stürzte, zerbrach und die spitzen Glassplitter drangen Constantius in die Augen, ins Herz, ins Gehirn, in seinen ganzen Körper; sie klirrten, sprangen, funkelten und stachen, ihn schmerzhaft und heftig. Der Kaiser erwachte entsetzt und schweißgebadet. Er zog die berühmtesten Zauberer, Wahrsager und Traumdeuter zu Rate. In Antiochia wurde das ganze Heer zusammengezogen und man bereitete sich zu einem Feldzug gegen Julianus vor. Zuweilen überfiel den Kaiser nach langer Unbeweglichkeit großer Tatendurst, viele von den Höflingen hielten seine Übereilung für unvernünftig; man munkelte von neuen, verdächtigen Sonderbarkeiten und seltsamen Einfällen des Kaisers. Im Spätherbst verließ er mit seinem Heer Antiochia. Zur Mittagszeit sah der Kaiser dreitausend Schritte von der Stadt entfernt, in der Nähe des Dorfes Hippokephalos, auf der Straße den kopflosen Leichnam eines unbekannten Mannes liegen; der Leib war nach Westen gerichtet und lag zur Rechten von Constantius, als dieser vorüberritt; der Kopf war vom Rumpfe abgetrennt. Der Kaiser erbleichte und wandte sich ab. Niemand von seinen Begleitern sprach ein Wort, doch alle dachten sich, daß es ein böses Vorzeichen sei. In der Stadt Tarsus zu Cilicien fühlte er plötzlich Mattigkeit und einen leichten Schüttelfrost; er schenkte aber dem keine Beachtung und zog nicht einmal die Ärzte zu Rate; er hoffte, daß der bevorstehende Ritt auf den schwierigen Bergstraßen unter der brennenden Sonne ihn wieder erwärmen und zum Schwitzen bringen würde. Er wandte sich zum Städtchen Mopsukrene, das am Fuße des Taurus lag und die letzte Station in Cilicien war. Unterwegs hatte er mehrmals Schwindelanfälle. Es kam so weit, daß er vom Pferde steigen und sich in einer Sänfte tragen lassen mußte. Später berichtete der Eunuch Eusebius, daß der Kaiser auf der Sänfte liegend mehrmals einen Edelstein, auf dem das Bildnis der verstorbenen Kaiserin Eusebia Aurelia eingeschnitten war, hervorgeholt und zärtlich geküßt habe. Bei einem Kreuzwege fragte er, wohin der andre Weg führe; er bekam zur Antwort, daß es der Weg zu dem verlassenen Schlosse der kappadocischen Könige Macellum sei. Als Constantius diesen Namen hörte, verfinsterte sich sein Gesicht. Gegen Abend langten sie in Mopsukrene an. Der Kaiser war abgespannt und schlecht gelaunt. Kaum hatte er das für ihn vorbereitete Quartier betreten, als einer der Höflinge in unvorsichtiger Weise, trotz des Verbotes des Eusebius, meldete, daß ihn hier zwei aus den westlichen Provinzen eingetroffene Boten erwarteten. Constantius ließ sie vorführen. Eusebius flehte ihn an, es auf den nächsten Tag zu verschieben. Der Kaiser erklärte aber, daß er sich wieder wohl fühle, daß sein Fieber gewichen sei, und daß er nur noch einen leichten Schmerz im Nacken spüre. Der erste Bote trat blaß und zitternd vor ihn. »Sage alles gleich heraus!« rief Constantius, durch den Gesichtsausdruck des Boten erschreckt. Der Bote berichtete von der unerhörten Frechheit des Julianus: der Cäsar hätte vor dem Heere das allerhöchste Sendschreiben zerrissen; Gallien, Pannonien und Aquitanien hätten sich ihm ergeben; die Verräter rückten nun mit allen in diesen Provinzen stehenden Legionen gegen Constantius heran. Der Kaiser sprang mit vor Wut entstelltem Gesicht auf, stürzte sich auf den Boten, warf ihn zu Boden und packte ihn bei der Kehle. »Du lügst, du lügst, Schurke! Es gibt noch einen Gott, einen himmlischen Vater, der die Könige der Erde beschirmt. Er wird es nicht zulassen, – hört ihr es, ihr Verräter? – er wird es nicht dulden...« Plötzlich brach er zusammen und bedeckte die Augen mit den Händen. Der Bote sprang mehr tot als lebendig zur Türe hinaus. »Morgen...« lallte Constantius dumpf und fassungslos, »morgen ziehen wir weiter... Geradeaus über die Berge ... in beschleunigten Märschen, nach Konstantinopel! ...« Eusebius näherte sich ihm und sagte mit sklavischer Verbeugung: »Göttlicher Augustus, der Herr hat dir, seinem Gesalbten, den Sieg über alle deine Feinde und Widersacher verliehen: du hast den wilden Maxentius, Constans, Vetranio und Gallus besiegt. So wirst du auch den gottlosen Julianus niederwerfen...« Constantius hörte aber nicht auf ihn und flüsterte kopfschüttelnd und blöde lächelnd: »Folglich gibt es keinen Gott, wenn das alles wirklich wahr ist, so gibt es keinen Gott, und ich bin ganz allein. Soll nur einer behaupten, daß es Ihn gibt, wenn auf Erden solche Dinge geschehen. Ich habe schon oft darüber nachgedacht...« Er sah alle Anwesenden fragend mit seinen trüben Augen an und fügte unvermittelt hinzu: »Der zweite Bote soll kommen.« Sein Leibarzt, ein höfischer Stutzer mit einem rasierten, rosigen, frechen Gesicht und listigen Luchsaugen, trat auf ihn zu. Er war Jude, doch spielte er gerne einen römischen Patrizier. Er sagte dem Kaiser ehrerbietig, daß eine zu große Aufregung schädlich sein könne und daß er etwas ausruhen müsse. Constantius winkte ihm aber so ab, als wolle er eine lästige Fliege vertreiben. Nun ließ man den zweiten Boten eintreten. Es war der Tribun des kaiserlichen Marstalles, Sintula, der aus Lutetia geflohen war. Er brachte eine noch schlimmere Nachricht. Die Einwohner der Stadt Sirmium hätten Julianus die Tore geöffnet, und ihn freudig, als den Retter des Vaterlandes, empfangen; nach zwei Tagen wolle er auf der großen römischen Heerstraße nach Konstantinopel vorrücken. Der Kaiser schien diese letzte Mitteilung des Boten überhört oder mißverstanden zu haben. Sein Gesicht nahm einen seltsam unbeweglichen Ausdruck an. Er winkte, und alle verließen sein Gemach. Nur Eusebius, mit dem er die Geschäfte erledigen wollte, durfte bleiben. Nach kurzer Zeit fühlte er sich wieder unwohl und befahl, ihn in sein Schlafzimmer zu führen. Aber schon nach wenigen Schritten stöhnte er plötzlich leise auf, führte beide Hände an den Nacken, als ob er da plötzlich einen heftigen Schmerz verspüre, und schwankte. Die Höflinge konnten ihn noch rechtzeitig stützen. Er blieb aber bei Besinnung: in seinem Gesicht, in allen seinen Gebärden, in den Adern, die auf seiner Stirne anschwollen, konnte man lesen, daß er alle seine Kräfte anspanne, um etwas zu sagen; schließlich brachte er langsam im Flüsterton, als hätte man ihm die Kehle zugeschnürt, die Worte heraus: »Ich will sprechen – und – kann nicht –« Das waren seine letzten Worte: er verlor die Sprache; seine ganze rechte Körperhälfte war gelähmt; die rechte Hand und das rechte Bein hingen wie leblos herab. Man brachte ihn zu Bett. Man sah es seinen unruhigen Augen an, daß ihn ein Gedanke quälte. Er wollte anscheinend etwas sagen, vielleicht einen wichtigen Befehl erteilen, doch kamen von seinen Lippen nur unartikulierte Laute, die wie gedämpftes Brüllen eines Ochsen klangen. Niemand konnte erraten, was der Kranke wünschte; er richtete auf alle der Reihe nach seine gespannten Blicke. Die Eunuchen, Höflinge, Heerführer und Sklaven drängten sich um den Sterbenden; sie wollten ihm alle einen letzten Dienst erweisen, wußten aber nicht, was sie für ihn tun konnten. Zuweilen flammte in seinen verständigen Augen etwas wie Haß auf, und dann klang sein Brüllen zornig. Endlich kam Eusebius auf den Gedanken, dem Kaiser eine wächserne Schreibtafel zu bringen. Das erfreute ihn sichtlich. Er ergriff fest und ungeschickt wie ein kleines Kind mit der linken Hand den kupfernen Schreibstift und kritzelte mit großer Anstrengung auf die weiche, gelbe Wachsschicht etwas hin. Die Umstehenden entzifferten das Wort: »Taufen«. Er richtete seinen gespannten Blick auf Eusebius. Alle wunderten sich, daß es ihnen nicht schon früher eingefallen war: der Kaiser wollte vor seinem Tode die heilige Taufe empfangen, denn er hatte, dem Beispiele seines Vaters, Konstantins des Apostelgleichen, folgend, das große Sakrament bis zum letzten Augenblicke hinausgeschoben: er glaubte, daß es ihn auf einmal von allen Sünden seines Lebens rein waschen, seine Seele »weißer denn Schnee« machen könne. Man suchte eilig nach einem Bischof. Es stellte sich aber heraus, daß es in Mopsukrene keinen gab. Man holte daher den arianischen Presbyter der armen städtischen Basilika herbei. Es war ein schüchterner Mann mit einem Vogelgesicht, einer roten Nase, die wie ein Schnabel aussah, und einem spitzen Bärtchen. Als man ihn holen wollte, saß Pater Nymphidianus gerade bei seinem zehnten Becher billigen Rotweines und schien etwas angeheitert. Man konnte ihm unmöglich klar machen, was man von ihm wollte; er glaubte immer, daß man sich über ihn lustig mache. Als man ihn endlich überzeugt hatte, daß er den Kaiser zu taufen habe, kam er beinahe von Sinnen. Der Presbyter betrat das Krankenzimmer. Der Kaiser blickte den blassen, bebenden und fassungslosen Pater Nymphidianus so freudig und demütig an, wie er in seinem ganzen Leben noch keinen einzigen Menschen angeblickt hatte. Man begriff, daß er den Tod fürchte und die Vollziehung des Sakraments beschleunigen wolle. Man suchte in der ganzen Stadt nach einem goldenen, oder wenigstens silbernen Taufbecken, konnte aber ein solches nirgends auftreiben. Es gab allerdings ein prächtiges, edelsteinbesetztes Becken, doch es war etwas anrüchig: es hieß, daß es einst bei den bacchischen Mysterien heidnischen Zwecken gedient hatte. Man zog also doch ein zweifellos christliches Taufbecken vor, obwohl es nur aus Kupfer und sehr alt war und eingedrückte Ränder hatte. Das Becken wurde vor das Bett gestellt und mit warmem Wasser gefüllt; als der jüdische Arzt die Temperatur des Wassers mit der Hand prüfen wollte, machte der Kaiser eine wütende Gebärde und brüllte: er fürchtete wohl, daß der Jude das Wasser entweihen könne. Der Sterbende wurde entkleidet, von einigen kräftigen, jungen Schildträgern emporgehoben und wie ein Kind in das Wasser getaucht. Ohne jeden Ausdruck von Rührung auf dem leblosen, abgemagerten Gesicht, starrte er mit unbeweglichen weit aufgerissenen Augen auf das funkelnde Edelsteinkreuz des goldenen Labarums; sein Blick war unverwandt und blöde wie bei einem Säugling, der seine Augen von einem glänzenden Gegenstand nicht abwenden kann. Die heilige Handlung hatte den Kranken anscheinend gar nicht beruhigt; er schien sie bald wieder vergessen zu haben. Als Eusebius ihm wieder die Schreibtafel und den Stift reichte, leuchtete in seinen Augen zum letztenmal Willenskraft auf. Constantius konnte nicht mehr schreiben, er kritzelte nur die ersten Buchstaben des Namens »Julianus« hin. Was hatte es zu bedeuten? Wollte er seinem Feinde vergeben oder seine Freunde mit der Rache betrauen? Er quälte sich noch drei Tage lang. Die Höflinge tuschelten einander zu, daß er sterben wolle und es nicht könne, daß es eine besondere Strafe Gottes sei. Im übrigen nannten sie den Sterbenden noch aus alter Gewohnheit »Der göttliche Augustus«, »Se. Heiligkeit«, »Se. Ewigkeit«. Er schien sehr zu leiden. Das Brüllen verwandelte sich in ein ununterbrochenes Röcheln, das Tag und Nacht währte. Diese Töne waren so gleichmäßig und ununterbrochen, daß man schwer glauben konnte, daß sie einer Menschenbrust entstiegen. Die Höflinge kamen und gingen und erwarteten stündlich die Auflösung. Der Eunuch Eusebius verließ den Sterbenden für keinen Augenblick. Der Beamte des allerhöchsten Schlafgemaches glich seinem Aussehen und auch seinem Charakter nach einem alten, bösen, zänkischen und schlauen Weibe; er hatte auf seinem Gewissen zahllose Verbrechen: alle verwickelten Fäden der Angebereien, Spionage, der kirchlichen Streitigkeiten und der höfischen Intrigen liefen in seinen Händen zusammen; er war aber im ganzen Schlosse wahrscheinlich der einzige, der seinen Herrn wie ein treuer Sklave wirklich liebte. Während beim Anbruch der Nacht alle anderen Höflinge, vom Anblick der großen Schmerzen des Kaisers ermüdet, sich zurückzogen und schlafen gingen, wich Eusebius nie vom Krankenbette; bald richtete er die Kopfkissen, bald netzte er die trockenen Lippen des Kranken mit eiskaltem Getränk, bald kniete er am Fußende des Bettes und schien zu beten. Wenn es niemand sah, zog Eusebius leise den Saum der purpurnen Decke zur Seite und küßte mit Tränen in den Augen die armen, blassen, erkaltenden Füße des sterbenden Kaisers. Einmal schien es ihm, als ob Constantius diese Liebkosung bemerkt und sie mit einem freundlichen Blicke erwidert habe; zwischen diesen beiden bösen, unglücklichen und einsamen Männern gab es plötzlich etwas wie brüderliche und zärtliche Beziehungen. Als Eusebius dem Kaiser die Augen zudrückte, sah er, daß auf seinem Gesichte, das so viele Jahre lang den Ausdruck von Majestät und Macht heuchelte, die echte Majestät des Todes erschienen war. Über Constantius' Bahre wurden die Worte gesprochen, die die Kirche über den sterblichen Überresten der römischen Kaiser zu verkündigen pflegte: »Erhebe dich, o König der Erde, und vernehme den Ruf des Königs der Könige, der dich da richten soll.« XXIII. In der Nähe der Schlucht von Succi, an der Grenze zwischen Illyrien und Thrakien gingen eines Nachts durch den Buchenwald zwei Männer. Es war Kaiser Julianus und der Zauberer Maximus. Auf dem wolkenlosen Himmel stand der Vollmond, und sein geheimnisvolles Licht fiel auf das goldene und purpurne Herbstlaub. Ab und zu fiel raschelnd ein welkes Blatt. Die Luft war von Feuchtigkeit und dem eigentümlichen Duft des Spätherbstes erfüllt, der unsagbar lieblich und frisch ist und zugleich die Seele traurig stimmt und an den Tod erinnert. Die weichen, trockenen Blätter raschelten unter den Schritten der Wanderer. Im stillen Walde um sie herum herrschte die purpurne Pracht des Sterbens. »Meister,« sprach Julianus, »warum fehlt mir jene göttliche Heiterkeit, jene Freudigkeit, die die Männer von Hellas so herrlich machte?« »Bist du denn kein Hellene?« Julianus seufzte auf. »Nein, unsere Vorfahren waren wilde Barbaren, Medier. In meinen Adern fließt schweres, nordisches Blut. Ich bin kein Sohn des Hellas ...« »Mein Freund, ein Hellas hat es eigentlich nie gegeben,« entgegnete Maximus mit dem ihm eigenen zweideutigen Lächeln. »Was willst du damit sagen?« »Jenes Hellas, daß du so liebst, hat es nie gegeben.« »Ist denn mein Glaube – ein Wahn?« »Man kann nur an solche Dinge glauben, die es nicht gibt und die es nie geben wird. Dein Hellas, das Reich der gottähnlichen Menschen, wird erst kommen.« »Meister, du verfügst doch über kräftige Zaubermittel, – befreie meine Seele von der Furcht!« »Was ist es für eine Furcht?« »Ich weiß es nicht... von meiner frühesten Kindheit an fürchte ich mich vor allem; ich fürchte mich vor dem Leben, vor dem Tode, vor mir selbst, vor dem Geheimnis, das überall herrscht – vor der Finsternis. Ich hatte eine alte Wärterin, Labda, die wie eine Parze aussah: sie erzählte mir schreckliche Legenden vom Geschlechte der Flavier; sie hat mich damit eingeängstigt. Die dummen Ammenmärchen klingen auch heute noch in meinen Ohren, nachts, wenn ich allein bin; die dummen Schauermärchen werden mich zugrunde richten ... Ich will so freudig sein, wie es die Männer des alten Hellas waren, – und ich kann es nicht! Zuweilen komme ich mir wie ein Feigling vor. – Meister! Meister! errette mich. Befreie mich von dieser ewigen Finsternis, von diesem ewigen Grauen!« »Folge mir. Ich weiß, was dir not tut!« sagte Maximus sehr feierlich. »Ich werde dich von der galiläischen Fäulnis reinigen, ich werde den Schatten Golgathas mit dem strahlenden Lichte Mithras verscheuchen; nach dem kalten Wasser der Taufe werde ich dich mit dem heißen Blute des Sonnengottes erwärmen. Freue dich, mein Sohn, ich werde dir eine große Freiheit und eine große Freudigkeit geben, wie sie noch kein Mensch auf Erden erfahren hat.« Sie verließen den Wald und gelangten auf einen schmalen, steinigen Pfad, der dicht am Rande des Abgrundes in den Fels gehauen war. Unten rauschte der Strom. Zuweilen riß sich unter ihren Füßen ein Stein los und fiel, einen drohenden, schläfrigen Widerhall erweckend, in den Abgrund. Auf den Gipfeln des Rodope schimmerte der Schnee. Julianus und Maximus betraten eine Höhle. Es war ein Tempel des Mithra, wo die von römischen Gesetzen verbotenen Mysterien abgehalten wurden. Der Tempel war ganz schmucklos; auf den kahlen Wänden waren die geheimnisvollen Zeichen der Weisheit Zoroasters – Dreiecke, Sternbilder, geflügelte Ungeheuer und sich schneidende Kreise eingehauen. Die Fackeln brannten trübe und die Hierophanten bewegten sich in ihren langen, seltsamen Gewändern wie Gespenster. Auch Julianus bekam eine »olympische Stola« – ein Kleid, das mit indischen Drachen, Steinen, Sonnen und hyperboreischen Greifen bestickt war; in die rechte Hand bekam er eine Fackel. Maximus hatte ihn auf die vorgeschriebenen Worte, mit denen der Neophyt die Fragen des Hierophanten zu beantworten hatte, vorbereitet. Julianus hatte alle diese Antworten auswendig gelernt, obwohl ihr Sinn ihm erst während der Einweihungszeremonie enthüllt werden sollte. Sie stiegen auf in der Erde gegrabenen Stufen in eine tiefe, enge, längliche Grube hinab; hier war es feucht und schwül; die Grube war oben mit Brettern, die wie ein Sieb durchlöchert waren, gedeckt. Man vernahm das Getrampel von Hufen: die Priester hatten auf die Bretter drei schwarze und drei weiße Kälber und einen feuerroten jungen Stier gebracht; der letztere hatte vergoldete Hörner und Hufe. Die Hierophanten stimmten einen Hymnus an. Dazwischen hörte man das klägliche Brüllen der Kälber, die oben mit zweischneidigen Beilen abgeschlachtet wurden. Die Opfertiere fielen in die Knie, verendeten, und die Bretter erbebten unter ihrer Last. Die Höhle erzitterte vom Gebrüll des feuerroten Stieres, den die Priester Gott Mithra nannten. Das Blut sickerte durch die Löcher in der Decke und fiel auf Julianus als warmer, roter Tau herab. Es war eines der größten heidnischen Mysterien – die Taurobolie, die Opferung des der Sonne geweihten Stieres. Julianus zog sein Obergewand aus und ließ sich das weiße Untergewand, den Kopf, Hände, Gesicht, Brust und alle seine Glieder von dem herabfallenden lebenden, schrecklichen Blutregen berieseln. Der Oberpriester Maximus begann, seine Fackel schwingend: »Deine Seele wird mit dem erlösenden Blute des Sonnengottes, mit dem reinsten Blute des ewig freudigen Herzen des Sonnengottes, mit dem Morgen- und Abendlichte des Sonnengottes gereinigt. – Sterblicher, fürchtest du noch etwas?« »Ich fürchte mich vor dem Leben,« antwortete Julianus. »Deine Seele wird befreit,« fuhr Maximus fort, »von jedem Schatten, von jedem Grauen, von jeder Sklaverei durch den Wein der göttlichen Freuden, durch den roten Wein der ausgelassenen Freuden des Mithra-Dionysos. – Sterblicher, fürchtest du noch etwas?« »Ich fürchte mich vor dem Tode.« »Deine Seele wird ein Teil des Sonnengottes!« rief der Hierophant, »Mithra, der Unaussprechliche, der Unfaßbare, nimmt dich an Sohnesstatt an; nun bist du das Blut von seinem Blute, das Fleisch von seinem Fleische, der Geist von seinem Geiste und das Licht von seinem Lichte. – Sterblicher, fürchtest du noch etwas?« »Ich fürchte mich nicht mehr!« antwortete Julianus, von Kopf bis zu Fuß in Blut gebadet. »Ich bin – wie Er.« »Empfange denn die Krone der Freude!« Mit diesen Worten warf ihm Maximus mit der Spitze des Schwertes einen Akanthuskranz auf den Kopf. »Nur die Sonne ist meine Krone!« rief der Neophyt aus, sich den Akanthuskranz vom Kopfe reißend. Er warf den Kranz auf die Erde und wiederholte: »Nur die Sonne ist meine Krone!« Er zertrat den Kranz mit den Füßen und sprach zum drittenmal, die Arme emporhebend: »Von nun an bis zum Tode ist nur die Sonne meine Krone!« Das Mysterium war zu Ende. Maximus umarmte den Neophyten. Auf den Lippen des Greises spielte noch immer jenes zweideutige, unbestimmte Lächeln. Als sie durch den Wald zurückgingen, sagte der Kaiser zum Zauberer: »Maximus, zuweilen scheint es mir, daß du mir die Hauptsache verschweigst...« Er wendete ihm sein blasses, blutbesudeltes Gesicht zu; das geheimnisvolle Blut durfte der Sitte gemäß nicht abgewischt werden. »Was willst du wissen, Julianus?« »Was steht mir bevor?« »Du wirst siegen.« »Und Constantius?« »Constantius ist nicht mehr.« »Was sagst du? ...« »Warte. Die aufgehende Sonne wird deinen Ruhm bestrahlen.« Julianus wagte nicht, auszuforschen. Sie kehrten schweigend ins Lager zurück. Julianus traf in seinem Zelte einen Boten aus Kleinasien an. Es war der Tribun Sintula. Er kniete vor ihm nieder und küßte den Saum des kaiserlichen Paludamentums. »Heil dem göttlichen Augustus Julianus!« »Kommst du von Constantius, Sintula?«. »Constantius ist nicht mehr.« »Wie?« Julianus fuhr zusammen und blickte Maximus an. Dieser bewahrte seine unerschütterliche Ruhe. »Nach dem unerforschlichen Ratschlusse des Herrn,« fuhr Sintula fort, »ist dein Feind in der Stadt Mopsukrene, in der Nähe von Macellum gestorben.« Am nächsten Abend wurde das Heer versammelt. Die Soldaten wußten bereits vom Tode des Constantius. Kaiser Augustus Claudius Flavius Julianus stellte sich am Rande eines Felsvorsprunges auf, so daß ihn alle Legionen sehen konnten. Er stand ohne Krone, ohne Schwert und Lanze und war von Kopf bis zu Fuß in Purpur gekleidet; um die Blutspuren, die man nicht wegwischen durfte, zu verbergen, hatte er auch sein Gesicht mit Purpur bedeckt. In diesem seltsamen Gewande glich er eher einem Hohenpriester als einem Kaiser. Er stand mit dem Rücken gegen den roten, herbstlichen Wald, der die Abhänge des Hämus bedeckte; über dem Haupte des Kaisers erhob sich ein Ahorn, dessen gelbes Laub sich vom tiefblauen Himmel wie Gold abhob und im Winde wie ein Banner rauschte. Bis an den Horizont dehnte sich die Ebene von Thrakien; die alte, römische, mit weißem Marmor gepflasterte Heerstraße glänzte in der Sonne wie eine Triumphstraße; sie zog sich bis zu den Wellen der Propontis, bis zu Konstantinopel, dem zweiten Rom, hin. Julianus sah von der Anhöhe auf sein Heer herab, wenn sich die Legionen regten, leuchtete auf den ehernen Helmen, Panzern und Adlern der Widerschein der untergehenden Sonne auf; es war wie ein Spiel von blutroten Blitzen; die Lanzenspitzen funkelten über den Kohorten wie brennende Kerzen. Neben dem Kaiser stand Maximus. Er neigte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: »Sieh, welche Herrlichkeit! Deine Stunde ist gekommen. Zögere nicht länger.« Er zeigte auf die christliche Fahne, das Labarum, das heilige Banner, das dem römischen Heere vorangetragen wurde und das jener flammenden Fahne mit der Inschrift: » In hoc signo vinces «, die Konstantin der Apostelgleiche im Himmel gesehen hatte, nachgebildet war. Die Fanfaren verstummten. Julianus rief mit lauter Stimme: »Meine Kinder! Unsere Mühen haben ein Ende. Dankt den Olympiern, die uns den Sieg verliehen haben.« Diese Worte konnten nur in den ersten Reihen der Legionen verstanden werden; unter diesen befanden sich viele Christen; sie wurden unruhig. »Habt ihr es gehört? Er dankt nicht dem Herrn, sondern den olympischen Göttern!« sagte ein Soldat. »Siehst du den Alten dort, mit dem weißen Bart?« fragte ein anderer seinen Kameraden. »Wer ist es?« »Es ist der leibhaftige Teufel in der Gestalt des Zauberers Maximus; er hat den Kaiser verführt.« Die vereinzelten Stimmen der christlichen Soldaten klangen aber nur wie Geflüster. Die Kohorten, die mehr im Hintergrunde standen und die Worte des Julianus nicht verstanden hatten, brachen in Jubelgeschrei aus: »Heil dem göttlichen Augustus! Heil! Heil!« Immer lauter und lauter erhob sich an allen vier Enden der mit den Legionen bedeckten Ebene das Geschrei: »Heil! Heil! Heil!« Das Gebirge, die Erde, die Luft und der Wald erdröhnten unter dem Geschrei der Menge. »Seht nur, seht, sie senken das Labarum!« murmelten entsetzt die Christen. »Was ist das? Was ist das?« Das alte Kriegsbanner, eines von jenen, die noch von Konstantin dem Großen geweiht worden waren, wurde zu den Füßen des Kaisers gesenkt. Aus dem Walde trat ein Feldschmied heraus; er trug ein Feuerbecken, eine verrußte Zange und einen Schmelztiegel mit Zinn. Dies alles war schon vorher zu einem unbekannten Zwecke vorbereitet. Der Kaiser, der trotz des Abglanzes des Purpurs und der untergehenden Sonne sehr blaß war, riß von der Fahnenstange des Labarums das goldene Kreuz und das aus Edelsteinen zusammengesetzte Monogramm Christi herunter. Das ganze Heer hielt den Atem an. Die Perlen, Smaragde und Rubinen rollten zu Boden, und das feine Kreuz verbog sich unter den Sandalen des römischen Kaisers. Maximus entnahm einer kostbaren Schatulle eine kleine, in blaue Leidentücher gewickelte silberne Statue des Sonnengottes Mithra-Helios. Nun trat der Schmied hervor. In einigen Augenblicken hatte er mit seiner Zange die verbogenen Haken an der Fahnenstange gerade gerichtet und die Statue des Mithra mit Zinn angelötet. Ehe die Soldaten sich besinnen konnten, wurde das heilige Banner Konstantins in die Höhe gehoben. Mit dem Götzenbilde Apollos bekrönt flatterte es über dem Haupte des Kaisers. Ein alter Soldat, ein gläubiger Christ, wandte sich ab und bedeckte die Augen mit den Händen, um diesen Frevel nicht sehen zu müssen. »Gotteslästerung!« flüsterte er erblassend. »Wehe!« flüsterte ein anderer seinem Kameraden ins Ohr. »Der Kaiser ist der Kirche Christi abtrünnig geworden.« Julianus kniete vor dem Banner nieder, streckte seine Arme nach der Silberstatue aus und rief: »Heil der unbesiegbaren Sonne, der Beherrscherin der Götter! Heute betet Augustus den ewigen Helios an, den Gott des Lichtes, den Gott der Vernunft, den Gott der olympischen Freude und Schönheit!« Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich auf dem grausamen Antlitze des Delphischen Gottes; sein Haupt war von spitzen, silbernen Strahlen umgeben; er lächelte. Die Legionen blieben stumm. Es war eine solche Stille eingetreten, daß man die welken Blätter im Walde zu Boden fallen hörte. In dem blutigen Widerscheine des Abendrotes, im roten Mantel des letzten Hohepriesters und im Purpur des sterbenden Laubwaldes herrschte eine unglückverheißende Pracht, die Majestät des Todes. Einer der Soldaten in der vorderen Reihe sagte so laut, daß Julianus es hörte und zusammenfuhr: »Antichrist!« Zweiter Teil. I. Im Hippodrom zu Konstantinopel befand sich neben den Stallungen ein Raum, der den Stallknechten, Mimen und Kutschern als Ankleidezimmer diente. Hier brannten selbst am Tage Lampen, die an der Decke angebracht waren. Es roch nach Dünger und die schwüle Luft war von Stalldunst geschwängert. So oft der Vorhang, der die Türe verhängte, zurückgeschlagen wurde, drang das blendende Morgenlicht herein. In der sonnendurchfluteten Ferne sah man die leeren Zuschauerbänke, die prunkvolle Treppe, die die Kaiserloge mit den inneren Gemächern des Konstantinischen Schlosses verband, die steinernen Pfeiler der ägyptischen Obelisken und mitten auf dem gelben, glatten Sande – einen großen Opferaltar; drei eherne Schlangen trugen auf ihren flachen Köpfen einen delphischen Dreifuß von wunderbarer Arbeit. Zuweilen hörte man von der Arena her Peitschenknallen, Schreie der Reiter, das Schnauben der wilden Pferde und das Knirschen des weißen Sandes unter den Rädern, das wie Rauschen von Vogelflügeln klang. Es war kein Rennen, sondern nur eine Probe für die Spiele, die im Hippodrom in einigen Tagen stattfinden sollten. In einer Ecke des Stalles stand ein nackter Athlet, dessen Körper mit Öl eingerieben und mit dem Staube der Arena bedeckt war; er trug einen ledernen Gurt um die Hüften und war mit Heben und Senken eiserner Gewichte beschäftigt; er hatte seinen lockigen Kopf in den Nacken geworfen und seinen Rücken derart verbogen, daß die Gelenke krachten, sein Gesicht blau wurde und auf dem dicken Halse die Sehnen, so dick wie bei einem Ochsen, hervortraten. Ihm näherte sich eine von Sklavinnen begleitete junge Dame. Sie trug eine elegante Morgenstola, die auch über den Kopf gezogen war und das feine, aristokratische, doch etwas abgeblühte Gesicht halb verdeckte. Sie war eine fromme Christin, und wurde von allen Mönchen und Klerikern wegen ihrer großartigen Geschenke an die Klöster und ihrer reichen Almosen hochgeschätzt. Es war eine aus Alexandria zugezogene Witwe eines römischen Senators. Anfangs suchte sie ihre Abenteuer zu verheimlichen; sie merkte aber bald, daß die Verbindung der Liebe zum Zirkus mit der Liebe zur Kirche in Konstantinopel zum guten Tone gehörte. Alle wußten, daß Stratonike, so hieß die Dame, die jungen Lebemänner von Konstantinopel, die ebenso geschminkt, verzärtelt und launisch waren wie sie selbst, nicht ausstehen konnte. So war sie einmal: sie liebte es, den Duft der kostbarsten arabischen Wohlgerüche mit dem aufregenden, warmen Geruch des Stalles und des Zirkus zu verbinden; nach den heißen Tränen der Reue und Zerknirschung, nach den erschütternden Predigten geschickter Beichtväter, bedurfte diese kleine, zarte, gleichsam aus Elfenbein geschnitzte Frau der rohen Liebkosungen irgendeines berühmten Kutschers. Stratonike betrachtete die Übungen des Athleten mit Kennermiene. Der Athlet bewahrte auf seinem Gesicht den stumpfsinnigen und wichtigen Ausdruck eines Ochsen und schien sie gar nicht zu beachten. Sie flüsterte ihrer Sklavin etwas zu und versank ganz in Bewunderung des mächtigen, nackten Rückens des Athleten, des Spiels seiner schrecklichen, herkulischen Muskeln unter der rauhen, rotbraunen Haut seiner Schultern, während er die Luft in seine Lungen wie in einen Schmiedeblasebalg einzog und die eisernen Gewichte über seinen tierischen, schönen, doch blöden Kopf erhob. Der Vorhang an der Türe wurde zurückgeschlagen, die Zuschauer wichen zur Seite, und zwei junge, kappadocische Stuten, eine weiße und eine schwarze, rasten in den Stall hinein. Eine junge Kunstreiterin hüpfte, eigentümliche, gutturale Schreie von sich gebend, von einem Pferde aufs andere. Sie machte noch einen letzten Saltomortale und sprang herab, ebenso kräftig, glatt und lustig wie ihre Stuten; auf ihrem nackten Körper sah man kleine Schweißtropfen. Sofort näherte sich ihr der junge, elegant gekleidete Hypodiakon von der Basilika der heiligen Apostel, Zephyrinus; er war ein großer Zirkusfreund, Pferdekenner und ständiger Gast bei den Pferderennen, wo er große Summen auf die Partei der »Blauen« gegen die der »Grünen« wettete. Er trug knarrende Halbschuhe aus Saffian mit roten Absätzen. Mit seinen geschwärzten Augen, seinem gepuderten und geschminkten Gesicht und den sorgfältig gebrannten Locken glich Zephyrinus eher einem jungen Mädchen, als einem Diener der Kirche. Hinter ihm stand ein Sklave, mit zahllosen Paketen, Rollen und Schachteln beladen. Es waren lauter Einkäufe aus den Modegeschäften. »Krokala, hier ist das Parfüm, das du vorgestern haben wolltest.« Mit einer höflichen Verbeugung reichte der Hypodiakon der Reiterin ein elegantes mit blauem Wachse versiegeltes Fläschchen. »Den ganzen Morgen bin ich in den Läden herumgelaufen. Ich habe es nur mit großer Mühe auftreiben können. Es sind reinste Narden! Man hat sie erst gestern aus Apameia gebracht.« »Und was sind die anderen Einkäufe?« fragte Krokala interessiert. »Seidenstoffe mit modernen Mustern und noch verschiedene andere Sächelchen für Damen.« »Alles für deine ...?« »Ja, ja alles ist für meine fromme Schwester, die ehrwürdige Matrona Blesilla. Man muß ja seinen Nächsten behilflich sein. Sie verläßt sich bei der Wahl von Stoffen immer auf meinen Geschmack. So laufe ich schon seit Tagesanbruch in ihrem Auftrage herum. Habe keine Kräfte mehr. Doch ich murre nicht, nein, ich murre gar nicht! Blesilla ist ja eine so gütige, man kann wirklich sagen, eine heilige Frau! ...« »Leider aber alt!« sagte Krokala lächelnd. »He, Knabe, wisch doch schneller der schwarzen Stute mit frischen Feigenblättern den Schweiß ab!« »Auch das Alter hat seine Vorzüge,« entgegnete der Hypodiakon, mit selbstzufriedener Miene seine weißen, gepflegten, edelsteinfunkelnden Hände reibend; dann flüsterte er ihr ins Ohr: »Also heute abend?« »Ich weiß wirklich nicht, vielleicht ... wirst du mir auch etwas mitbringen?« »Du kannst unbesorgt sein, Krokala: ich komme nie mit leeren Händen. Ich habe noch ein Stück tyrischen, lilafarbenen Purpurs. Wenn du nur wüßtest, was es für ein Muster ist!« Er kniff die Augen zusammen, führte zwei Finger an den Mund, küßte sie und fügte schnalzend hinzu: »Das Muster ist wirklich himmlisch!« »Wo hast du das Stück her?« »Natürlich stammt es aus dem Laden des Sirmicus bei den Bädern des Constantius – für wen hältst du mich denn! – Man könnte daraus ein langes Tarantinidion machen lassen. Denke dir nur, was auf dem Saume gestickt ist! Nun, was glaubst du?« »Woher kann ich das wissen? Blumen? Oder Tiere?« »Weder Tiere noch Blumen. Die ganze Geschichte des Zynikers Diogenes, des weisen Bettlers, der in einem Fasse wohnte, ist darauf in Gold und farbiger Seide gestickt!« »Ach, das muß ja wirklich entzückend sein!« rief die Reiterin aus. »Komm, komm bestimmt. Ich werde warten.« Zephyrinus warf einen Blick auf die an der Wand angebrachte Wasseruhr, die »Klepsydra«, und hatte es plötzlich sehr eilig. »Ich habe mich verspätet! Ich muß noch im Auftrage einer anderen Matrone einen Wucherer aufsuchen, dann muß ich zum Juwelier, zum Patriarchen, in die Kirche und in den Dienst. – Auf Wiedersehen, Krokala!« »Laß mich nur nicht umsonst warten, du Schelm!« rief ihm Krokala, mit dem Finger drohend, nach. Der Hypodiakon entfernte sich; seine Saffianschuhe knarrten, und der mit den Einkäufen beladene Sklave eilte ihm nach. Mehrere Stallknechte, Kunstreiter, Tänzerinnen, Gymnasten, Faustkämpfer und Tierbändiger kamen plötzlich in den Ankleideraum gelaufen. Der Gladiator Myrmillio, mit einem eisernen Netz vor dem Gesicht, machte auf einem Feuerbecken eine dicke Eisenstange glühend, mit der er einen neu angelangten, afrikanischen Löwen bändigen wollte; hinter der Mauer hörte man das Gebrüll des Tieres. »Du wirst mich noch ins Grab bringen, Enkelin, dich selber aber in die ewige Verdammnis! – wieder diese Kreuzschmerzen! Es ist nicht mehr zum Aushalten!« »Bist du's, Großvater Gnipho? Warum jammerst du immer so?« fragte Krokala geärgert. Gnipho war ein altes Männchen mit listigen, immer tränenden Augen, buschigen, weißen Augenbrauen, die sich wie zwei weiße Mäuse hin und her bewegten, und einer Säufernase, rotblau wie eine reife Pflaume; an den Beinen trug er geflickte, lydische Hosen und auf dem Kopfe eine phrygische Filzmütze mit nach vorne überhängendem Zipfel und zwei Ohrenklappen. »Kommst du wieder um Geld?« fragte Krokala erbost. »Wieder bist du betrunken!« »Es ist eine Sünde, so zu sprechen, Enkelin. Du wirst dich für meine Seele vor Gott zu verantworten haben. Bedenke nur, wozu du mich gebracht hast! Ich lebe jetzt in der Vorstadt der Feigenbäume, in einem Keller, den ich bei einem Götzenmacher mietete. Jeden Tag muß ich zusehen, wie er aus Marmor die verdammten Götzenfratzen aushaut, daß Gott mir verzeihe! Glaubst du, daß so was einem guten Christen, wie ich es bin, leicht fällt? He? Kaum öffne ich morgens die Augen, so höre ich schon, wie der Hauswirt den Stein mit dem Hammer bearbeitet; garstige, weiße Teufel, verdammte Götzen, kommen einer nach dem anderen heraus, lachen mich aus und schneiden schamlose Gesichter! Wie soll man da nicht sündigen und vor Kummer ab und zu in die Schenke laufen? Ach ja! Herr, sei uns Sündern gnädig! Ich wälze mich da in heidnischen Gräueln, wie ein Schwein in der Pfütze. Ich weiß wohl, daß ich alles beim Jüngsten Gericht zu verantworten haben werde. – Und wer ist an allem schuld? Du! Du hast so viel Geld, daß du gar nicht weißt, was damit anfangen; doch für den armen Großvater ...« »Du lügst, Gnipho,« entgegnete das Mädchen, »du bist gar nicht so arm, du Geizhals! Du hast doch unter deinem Bette eine Büchse mit Ersparnissen stehen ...« Gnipho fuchtelte erschrocken mit den Armen. »Schweig, sprich nicht davon!« »Weißt du übrigens, wohin ich jetzt gehe?« fügte er hinzu, um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. »Wahrscheinlich wieder ins Wirtshaus.« »Nein, nicht ins Wirtshaus, sondern in einen viel gemeineren Ort – in den Götzentempel des Dionysos! Der Tempel war noch in den Tagen des gottseligen Konstantins mit Schutt angefüllt; morgen soll er aber auf allerhöchsten Befehl des Kaisers Julianus wieder eröffnet werden. Ich habe meine Dienste als Putzer angeboten. Ich weiß allerdings, daß ich dabei mein Seelenheil verliere und es mit der Hölle büßen werde. Und doch habe ich mich dazu verführen lassen. Denn ich bin nackt, arm und hungrig. Und meine eigene Enkelin will mich nicht unterstützen. So weit ist es mit mir gekommen!« »Laß mich in Ruhe, Gnipho, ich hab dich wirklich satt! Hier hast du etwas und mach, daß du weiter kommst. Und daß du dich nie wieder unterstehst, betrunken zu mir zu kommen!« Sie warf ihm etwas Kleingeld zu, sprang auf den Rücken eines roten, halbwilden, illyrischen Hengstes, knallte mit der langen Peitsche und raste, auf dem Sattel stehend, wieder in die Arena. Gnipho blickte ihr nach und rief, vor Vergnügen mit der Zunge schnalzend: »Mit meinen eigenen Händen habe ich sie großgezogen!« Der kräftige, nackte Körper der Reiterin glänzte in der Morgensonne, und ihr Haar, so rot wie das Fell des Hengstes, wehte im Winde. »He, Soticus!« rief Gnipho einem alten Sklaven zu, der den Pferdemist in einen Korb einsammelte. »Komme mit mir, den Dionysostempel reinigen. Du bist ja darin ein Meister. Ich werde dir drei Obole geben.« »Gut, ich komme mit,« antwortete Soticus, »ich muß aber zuerst noch das Lämpchen vor der Göttin anzünden.« Er meinte das Standbild der Hippona, der Göttin der Stallknechte, der Pferdeställe und des Düngers. Roh aus Holz geschnitzt, verrußt und häßlich stand sie in einer feuchten und finsteren Wandnische. Der Sklave Soticus, der zwischen Pferden aufgewachsen war, verehrte sie mit Andacht, betete zu ihr mit Tränen in den Augen, schmückte ihre plumpen, schwarzen Füße mit frischen Veilchen und glaubte, daß sie alle seine Krankheiten heilen und ihn im Leben und im Tode erhalten könne. Gnipho und Soticus traten auf das Forum Constantinum, einen großen, runden, mit zwei Säulenreihen und einem Triumphbogen geschmückten Platz, hinaus. In der Mitte des Platzes erhob sich auf einem Marmorsockel eine riesengroße, über hundertzwanzig Ellen hohe Säule aus Porphyr. Auf der Spitze der Säule stand eine Bronzestatue Apollos, ein Werk des Phidias, die man einst aus einer phrygischen Stadt geraubt hatte. Der Kopf des alten, heidnischen Sonnengottes war abgeschlagen und mit barbarischer Geschmacklosigkeit durch das von einem goldenen Strahlenkranz umgebene Haupt des christlichen Kaisers Konstantin des Apostelgleichen. ersetzt; Apollo-Konstantin hielt in der Rechten das Zepter und in der Linken den Reichsapfel. Am Fuße des Kolosses stand eine kleine, christliche Kapelle, in der Art des Palladiums; vor nicht allzu langer Zeit, in den Tagen des Constantius, wurde in ihr noch Gottesdienst abgehalten. Die Christen rechtfertigten es damit, daß im Bronzeleib des heidnischen Gottes, in der Brust Apollos, ein Talisman, ein Teilchen von dem heiligen Kreuze des Herrn, das Kaiserin Helena aus Jerusalem mitgebracht hatte, eingeschlossen sei. – Julianus befahl, diese Kapelle zu schließen. Soticus und Gnipho gelangten in eine lange, schmale Gasse, die direkt zu der Chalkedonischen Treppe, in der Nähe des Hafens, führte. Viele Gebäude waren noch im Bau begriffen und andere wurden umgebaut, denn man hatte sie alle auf Wunsch Konstantins, des Erbauers der Stadt, seinerzeit in solcher Eile errichtet, daß fast alles wieder einstürzte. Unten wimmelte es von Menschen, an den Kaufläden drängten sich Käufer, Sklaven und Lastträger; zahlreiche Wagen rasselten vorbei. Oben auf den Baugerüsten klopften Hämmer, knarrten Flaschenzüge, kreischten scharfe Sägen auf dem harten, weißen Stein; Arbeiter zogen an Stricken große Holzbalken und Blöcke proconnesischen Marmors, die in der Sonne glänzten, hinauf; es roch nach nassem Mörtel und nach der Feuchtigkeit der Neubauten; feiner, weißer Staub fiel auf die Köpfe herab; hier und da leuchteten zwischen den blendend weißen, erst eben getünchten Wänden, in der Tiefe der Nebengassen, die luftig-blauen, lachenden Wellen der Propontis, auf der die Segel der Schiffe wie Mövenflügel glänzten. Gnipho hörte im Vorbeigehen ein Bruchstück einer Unterhaltung zweier Arbeiter, die über und über mit Alabastermörtel, den sie in einem großen Bottich mischten, beschmiert waren. »Warum hast du den Glauben der Galiläer angenommen?« fragte der eine. »Urteile selbst,« antwortete der andere, »die Christen haben nicht zweimal, sondern fünfmal mehr Feiertage. Jeder sieht doch auf seinen Vorteil. Auch dir rate ich dazu. Mit den Christen kommt man viel besser aus.« An einer Straßenkreuzung wurden Gnipho und Soticus von der Menge an eine Mauer gedrückt. Auf der Fahrstraße stauten sich die Wagen, so daß man weder zu Fuß, noch zu Pferde passieren konnte; man hörte Geschrei, Geschimpfe und Peitschenknallen. Zwanzig Paar starker Ochsen schleppten, die Köpfe unter den Jochen beugend, auf einem großen Wagen mit schweren Steinrädern, die Mühlsteinen glichen, eine schwere Jaspissäule. Unter den schweren Rädern erzitterte die Erde. »Wo fahrt ihr sie hin?« fragte Gnipho. »Aus der Basilika des heiligen Paulus zum Tempel der Hera. Die Christen hatten diese Säule gestohlen; jetzt wird sie auf den alten Platz zurückgebracht.« Gnipho warf einen Blick auf die schmutzige Mauer, bei der er stand; irgendein Gassenjunge von den Heiden hatte mit Kohle eine gotteslästerliche Karikatur auf die Christen hingemalt: einen ans Kreuz geschlagenen Mann mit einem Eselskopf. Gnipho spuckte empört aus. In der Nähe eines belebten Marktplatzes sahen sie an einer Mauer ein Bild, das Julianus mit allen Insignien der kaiserlichen Macht darstellte; aus den Wolken stieg zu ihm der beflügelte Gott Hermes mit dem Caduceus herab; das Bild war neu, und die Farben waren noch nicht ganz trocken. Nach einem römischen Gesetz mußte ein jeder, der an der heiligen Darstellung des Augustus vorüberging, sich verbeugen. Ein Marktaufseher, »Agoranomos«, hatte ein altes Weib angehalten, das mit einem Korb voll Rüben und Kraut vorüberging. »Vor Götzenbildern verbeuge ich mich nicht,« beteuerte die Alte unter Tränen. »Auch meine Eltern sind schon Christen gewesen ...« »Du hast dich hier nicht vor einem Götzen, sondern vor dem Kaiser zu verbeugen,« entgegnete der Aufseher. »Der Kaiser ist hier aber mit einem Götzen dargestellt, wie kann ich mich denn vor ihm allein verbeugen?« »Was geht das mich an! Wenn es befohlen ist, so mußt du dich verbeugen. Und wenn du dich auch vor dem Götzen verbeugst, so fällt dir davon dein Kopf noch nicht ab.« Gnipho schleppte Soticus weiter. »Eine teuflische Erfindung!« brummte der Alte. »Entweder mußt du dich vor dem verdammten Hermes verbeugen, oder du machst dich einer Majestätsbeleidigung schuldig. Es gibt keinen andern Ausweg. Es sind wirklich Zeiten des Antichrists! Der Satan kommt mit den grausamsten Verfolgungen. Jeden Augenblick kann man eine Sünde begehen ... Wenn ich dich so ansehe, Soticus, so muß ich dich beneiden: du lebst friedlich bei deiner Mistgöttin Hippona und kümmerst dich um nichts!« Sie näherten sich dem Tempel des Dionysos. Neben dem Tempel befand sich ein christliches Kloster; die Mönche hatten alle Fenster und Tore versperrt und verriegelt, als ob sie einen feindlichen Angriff befürchteten. Die Heiden beschuldigten die Mönche, den Tempel ausgeraubt und geschändet zu haben. Gnipho und Soticus trafen im Inneren des Tempels eine Menge von Maurern, Zimmerleuten und Schlossern, die mit dem Reinigen und dem Ausbessern der beschädigten Teile des Tempels beschäftigt waren. Die halbverfaulten Bretter, mit denen die viereckige Öffnung im Dache vernagelt war, wurden abgebrochen. Ein Sonnenstrahl drang durch die Finsternis. Zwischen den korinthischen Kapitälen der Marmorsäulen hingen ganze Netze des durchsichtigen, staubiggrauen Spinngewebes. Man band Besen auf lange Stangen und begann, mit ihnen das Spinngewebe zu entfernen. Eine aufgescheuchte Fledermaus kam aus einer Mauerritze hervor und flatterte, vom Lichte erschreckt, ängstlich von Ecke zu Ecke; ihre nackten Flügel raschelten an den Wänden. Soticus begann den Schutt aufzuräumen, der den Boden bedeckte; er trug ganze Haufen davon in einem geflochtenen Korbe hinaus. »Was für einen Unrat haben hier diese verfluchten Christen angehäuft!« brummte der Alte vor sich hin, die Christen, die den Tempel verunreinigt haben, verwünschend. Man brachte mehrere verrostete Schlüssel herbei und sperrte die Schatzkammer auf. Alles, was von Wert war, hatten die Mönche gestohlen; sie hatten aus den Opferschalen die Edelsteine herausgenommen und von den Priestergewändern alle purpurne und goldene Besätze heruntergerissen. Als man ein kostbares Priestergewand herausnahm und entfaltete, stieg aus seinen Falten eine ganze Wolke goldgelben Mottenstaubes empor. In einem eisernen Räucherbecken sah Gnipho etwas Asche, den Rest des Räucherwerkes, das der letzte Priester bei der letzten Opferung noch vor dem Siege des Galiläers verbrannt hatte. Diesem ganzen, heiligen Tempelkram, den armseligen Fetzen und zerschlagenen Gefäßen entströmte ein Geruch hundertjährigen Schimmels, ein Geruch des Grabes, in den sich noch ein zarter, trauriger Duft des den entehrten Göttern dargebrachten Weihrauchs mischte. Gnipho fühlte plötzlich etwas wie Trauer und Rührung: lächelnd gedachte er seiner Kindheit, der schmackhaften Fladen aus Gerstenmehl mit Honig und Kümmel, der weißen Margeriten und des gelben Löwenzahnes, die er mit seiner Mutter auf den bescheidenen Altar einer ländlichen Göttin zu bringen pflegte; er gedachte der kindlich-frommen Gebete, die er keinem fernen, himmlischen Gatt, sondern kleinen, irdischen Hausgöttern, den aus einfachem Buchenholz geschnitzten, häuslichen Penaten, die von der Berührung der Menschenhände fettig wurden und glänzten, dargebracht hatte. – Die toten Götter taten ihm leid; ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust. Doch gleich kam er wieder zur Besinnung, schlug ein Kreuz und flüsterte: »Teuflisches Blendwerk!« Die Arbeiter schleppten eine schwere Marmorplatte herbei; es war ein altes Basrelief, das vor vielen Jahren gestohlen worden war, und das man nun in der Hütte eines jüdischen Schusters gefunden hatte. Das Basrelief diente dem Schuster als Ersatz für die eingefallene Herdplatte. Die alte Tuchmachersfrau Philumene, die Nachbarin des Juden, eine fromme Christin, haßte die Frau des Schusters: die verfluchte Jüdin ließ ihren Esel öfters im Gemüsegarten der Tuchmachersfrau grasen. Dieser Streit zwischen den Nachbarinnen hatte viele Jahre lang gedauert. Endlich siegte die Christin: auf ihre Anzeige hin kamen die Arbeiter ins Haus des Schusters, um das Basrelief aus dem Herde herauszunehmen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Herd gänzlich zerstört, was für die Schustersfrau einen harten Schlag bedeutete. Die arme Frau fuchtelte mit dem Schürhaken, rief Jehovahs Rache auf die Räuber herab, raufte sich ihr spärliches, graues Haar und heulte jämmerlich über den umgeworfenen Kochtöpfen und dem zerstörten Herde. Die kleinen Judenkinder quietschten wie junge Vögel in einem zerstörten Nest. Das Basrelief wurde aber dennoch auf den alten Platz zurückgebracht. Philumene wusch den Marmor, der ganz von stinkendem Ruß geschwärzt war; Fettflecken, die von den jüdischen Suppen herrührten, verunstalteten den weißen, pentelicischen Marmor. Die Tuchmacherin rieb den zarten Stein kräftig mit einem nassen Lappen; allmählich traten, von dem übelriechenden Küchenruß befreit, die strengen, göttlichen Gestalten des alten Bildwerkes hervor: ein junger, nackter und keuscher Dionysos ruhte, vom Gelage ermüdet, mit einer Schale in der gesenkten Hand; ein Panther leckte den Weinrest auf; der allen Geschöpfen Freude spendende Gott beobachtete mit wohlwollendem und weisem Lächeln, wie die Stärke des Raubtieres durch die heilige Stärke des Weines gezähmt wurde. Die Maurer hoben die Marmorplatte an Stricken empor, um sie wieder am alten Platz zu befestigen. Dicht vor der Statue des Dionysos stand auf einer hölzernen Klappleiter ein Goldschmied. Er setzte in die dunklen Augenhöhlen des Gottes zwei durchsichtige, blaue Saphire ein: es waren die Augen des Dionysos. »Was ist das?« fragte Gnipho mit scheuer Neugier. »Siehst du es denn selber nicht? Es sind Augen.« »So, so... Wo stammen aber die Steinchen her?« »Aus dem Kloster.« »Haben es denn die Mönche erlaubt?« »Wie konnten sie es nicht erlauben! Der göttliche Augustus Julianus hat es ja selbst befohlen. Die leuchtenden Augen des Gottes haben das Kleid des Gekreuzigten geschmückt. Das ist für sie bezeichnend: sie reden immer von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und sind dabei die größten Diebe. – Sieh nur, wie genau die Steine in ihren alten Platz hineinpassen!« Der sehend gewordene Gott blickte Gnipho mit seinen Saphiraugen an. Der Alte trat zurück und schlug, von Entsetzen ergriffen, ein Kreuz. Ihn quälten Gewissensbisse, während er den Staub abwischte, murmelte er aus alter Gewohnheit vor sich hin: »Gnipho, Gnipho, was für ein elender Mensch, ja, ein schmutziger Hund du noch bist! Was treibst du noch auf deinen alten Tagen? Warum richtest du selbst deine Seele zu Grunde? Der Böse hat dich mit dem verfluchten Gold verführt. So wirst du in das ewige Feuer geraten, und nichts in der Welt kann dich erretten. Du hast mit diesem heidnischen Gräuel deinen Körper und deine Seele verunreinigt. Besser wäre es, du wärest nie geboren! ..« »Was brummst du da, Alter?« fragte ihn die Tuchmacherin Philumene. »Mein Herz ist mir so schwer, ach so schwer!« »Bist du denn ein Christ?« »Nein, ich bin schlimmer als jeder Jude. Ich bin kein Christ, sondern eher ein Feind Christi!« Er fuhr aber fort, eifrig den Staub zu wischen. »Willst du, daß ich dich von der Sünde befreie und deine Seele von jedem Unrat reinige? Ich bin ja selbst eine Christin und doch fürchte ich mich nicht vor dieser Arbeit. Hätte ich mich denn dazu entschlossen, wenn ich nicht wüßte, wie ich mich danach reinigen kann?« Die Tuchmacherin sah sich um, vergewisserte sich, daß niemand zuhörte und flüsterte geheimnisvoll: »Ja, es gibt ein solches Mittel! Du mußt wissen, daß mir einst ein heiliger Greis ein Stückchen von einem ägyptischen Baume, den man Persis nennt, geschenkt hat; dieser Baum wächst zu Hermopolis in der Thebaïde. Als die heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde auf einer Eselin durch das Stadttor ritt, verbeugte sich dieser Baum Persis vor ihr und berührte mit der Krone den Boden; von nun an bekam er wunderbare, heilkräftige Eigenschaften. Ich besitze einen kleinen Span von diesem Baum; und von dem Span will ich dir ein Stückchen geben. Es ruht eine solche göttliche Gnade darin, daß ein winziges Stäubchen davon in ein großes Faß mit Wasser gelegt, genügt, um über Nacht dem ganzen Wasser eine wunderbare, heilige Kraft zu verleihen, wenn du dich mit diesem Wasser badest, so ist sofort der ganze heidnische Greuel wie weggeblasen; in allen deinen Gliedern wirst du eine wunderbare Leichtigkeit und Reinheit verspüren. In der Heiligen Schrift heißt es ja: Bade dich mit Wasser und du wirst weißer denn Schnee werden.« »Meine Wohltäterin!« rief Gnipho erfreut aus. »Errette mich Verdammten und gib mir ein Stückchen von diesem Holze!« »Es ist aber nicht billig, weil du es bist, will ich es dir für eine Drachme lassen.« »Um Gottes willen, hab doch Einsehen! Ich habe noch nie eine Drachme gesehen, geschweige denn besessen. Gibst du es nicht für fünf Obolen her?« »Geizhals!« rief die Tuchmacherin empört und spuckte aus. »Eine Drachme willst du nicht hergeben?! Ist dir denn deine eigene Seele keine Drachme wert?« »Ob ich mich damit auch wirklich reinigen kann?« zweifelte Gnipho. »Vielleicht ist der heidnische Schmutz schon so tief eingedrungen, daß er sich nicht mehr wegwaschen läßt?« »Du wirst dich schon reinigen!« entgegnete die Alte mit unerschütterlicher Überzeugung. »Jetzt bist du noch wie ein stinkiger Hund. Wenn man dich aber mit dem heiligen Wässerlein auch nur anspritzt, so wird es von deiner Seele wie Schuppen abfallen, und sie wird erstrahlen wie eine weiße Taube.« II. Julianus veranstaltete zu Konstantinopel einen bacchischen Festzug. Er thronte auf einem mit weißen Rossen bespannten Wagen; in der einen Hand hielt er einen goldenen, mit einem Zederzapfen gekrönten Thyrsos, das Symbol der Fruchtbarkeit, und in der anderen eine mit Efeu bekränzte Schale; im Kristallglase spiegelten sich die Sonnenstrahlen, so daß die Schale bis an den Rand mit Sonnenlicht angefüllt zu sein schien. Neben dem Wagen wurden einige zahme Panther geführt, die dem Kaiser von der Insel Serendibos geschickt worden waren. Die Bacchantinnen sangen, schwangen brennende Fackeln und schlugen die Handpauken; in der Rauchwolke, die über dem Festzuge schwebte, sah man als Faune verkleidete Jünglinge, mit Bockshörnern an den Stirnen, die aus großen Krügen Wein in Schalen einschenkten; sie stießen einander an und lachten; oft traf der rote Strahl des Weines die nackte, runde Schulter einer Bacchantin und zerstob als roter Regen. Auf einem Esel ritt ein wohlbeleibter Greis, der Hofschatzmeister, ein großer Spitzbube; er stellte den Silen dar. Die Bacchantinnen sangen, auf den jungen Kaiser weisend: Bacchus, du thronest umgeben Von ewig strahlenden Wolken! Tausende von Stimmen fielen mit dem Chorliede aus der Antigone ein: Wohlauf, du glutaussprüh'nder Sterne Führer, o Herr Nächtlich frohen Jubelschalls, Zeusentsproßner Knabe! O erscheine, rings vom Chor naxischer Frauen umschwärmt, Der Thyien, die dich Nächte hindurch wild entzückt Im Reihntanze feiern, den Freudespender! Plötzlich hörte Julianus ein Kichern, Gekreisch und eine zitternde Greisenstimme: »Ach du mein Kätzchen! ..« Ein alter Priester hatte eine niedliche Bacchantin in ihren weißen Ellbogen gekniffen. Julianus, dem es mißfiel, rief den alten Spaßmacher zu sich heran. Der Priester eilte tänzelnd und hinkend zum kaiserlichen Wagen. »Mein Freund,« flüsterte ihm Julianus ins Ohr, »führe dich doch so auf, wie es deiner Priesterwürde und deinem Alter angemessen ist.« Der Priester sah ihn aber so erstaunt an, daß Julianus unwillkürlich verstummte. »Ich bin ein einfacher, ungelehrter Mann und wage es, deiner Majestät zu bemerken, daß ich von der Philosophie wenig verstehe. Doch daß ich die Götter ehre, wird dir ein jeder bestätigen können. In den Tagen der grausamsten Verfolgungen seitens der Christen war ich immer den Göttern treu geblieben, wenn ich aber irgendwo ein niedliches Mädchen sehe, – kann ich nicht anders, – mein ganzes Blut gerät in Wallung! – Ich bin ja ein alter Bock ...« Er bemerkte die finstere Miene des Kaisers, hielt plötzlich inne und wurde ernst, was sein Gesicht noch dümmer erscheinen ließ. »Wer ist das Mädchen?« fragte Julianus. »Meinst du die, die auf dem Kopfe den Korb mit den Tempelgefäßen trägt?« »Es ist eine Hetäre aus der Chalkedonischen Vorstadt.« »Wie? Hast du es denn wirklich zugelassen, daß eine Dirne mit ihren unreinen Händen die heiligsten, den Göttern geweihten Gefäße berührt?« »Du hast doch selbst, göttlicher Augustus, diesen Festzug angeordnet. Wen sollten wir nehmen? Alle vornehmen Damen sind Galiläerinnen. Keine von ihnen würde sich entschließen, halbnackt mitzuwirken.« »Also sind alle ...?« »Nein, nein, das doch nicht! Es sind auch Tänzerinnen, Komödiantinnen und Kunstreiterinnen aus dem Hippodrom darunter. Sieh nur hin, wie lustig sie sind, und wie sie sich gar nicht schämen! Das Volk liebt es so. Du kannst es mir, altem Mann, glauben! Das ist es, was das Volk braucht ... Hier ist übrigens auch eine Dame von Adel.« Es war eine Christin, eine alte Jungfer, die vergebens einen Bräutigam suchte. Sie trug auf dem Kopfe eine Perrücke in Form eines Helmes – »Galerus« –, aus den in jener Zeit sehr beliebten deutschen Haaren verfertigt und mit goldenem Puder überstreut; sie war über und über, wie ein Götzenbild, mit Edelsteinen behangen; ein Tigerfell verdeckte nur halb ihren dürren, schamlos geschminkten Busen; sie lächelte geziert. Julianus betrachtete angeekelt die Teilnehmer des Festzuges. Seiltänzer, betrunkene Legionäre, Straßendirnen, Stallknechte aus dem Zirkus, Akrobaten, Faustkämpfer und Mimen tollten um ihn her. Der Festzug gelangte in eine der Nebengassen. Eine Bacchantin kehrte im Vorbeigehen in ein schmutziges Wirtshaus ein, aus dem es nach faulen, in ranzigem Öl gebratenen Fischen roch. Die Bacchantin holte sich aus dem Wirtshaus einige fette Fladen, die sie um drei Obolen gekauft hatte, und begann sie im Gehen schmatzend zu verzehren; als sie damit fertig war, wischte sie sich die Hände an ihrem Gewande aus Purpurseide ab, einem von jenen, die für diese Veranstaltung der kaiserlichen Schatzkammer entnommen waren. Der Chor des Sophokles wurde dem Pöbel auf die Länge langweilig. Heisere Stimmen begannen einen Gassenhauer zu singen. Julianus kam alles wie ein häßlicher und sinnloser Traum vor. Ein betrunkener Kelte stolperte und fiel hin; seine Kameraden halfen ihm wieder auf die Beine. In der Volksmenge fing man zwei Taschendiebe, die ausgezeichnet die Rolle von Faunen gespielt hatten; die Diebe wehrten sich; es entstand ein Handgemenge. Am anständigsten benahmen sich die Panther, die auch schöner als alle anderen waren. Endlich erreichte der Zug den Tempel. Julianus stieg aus dem Wagen. »Werde ich denn wirklich vor den Altar des Gottes mit diesem Gesindel hintreten?« fragte er sich. Er empfand nichts als Ekel und Abscheu; er sah nur tierische, verwilderte, durch Unzucht entstellte Gesichter, geschminkte und gepuderte Leichengesichter, er sah die elende Nacktheit der durch Blutarmut, Skrofeln, Fasten und alle Schrecken der christlichen Hölle entstellten Menschenleiber; der Menge entströmte der üble Geruch der Schenken und Lupanare; der mit dem Gestank von faulen Fischen und saurem Wein durchsetzte Atem des Pöbels vermengte sich mit dem Dufte des Räucherwerkes. Von allen Seiten streckten sich ihm Hände mit Bittschriften entgegen. »Man versprach mir den Posten eines Kutschers; ich habe mich von Christo losgesagt und den Posten doch nicht bekommen!« »Göttlicher Cäsar, nimm dich unser an, verteidige uns, sei uns gnädig! Wir haben dir zuliebe den Glauben unserer Väter abgeschworen. Was fangen wir an, wenn du uns im Stich läßt?« »Wir sind dem Teufel in den Rachen geraten!« schrie jemand verzweifelt auf. »Schweige, Esel, was schreist du so?« Der Chor fiel wieder ein: »O erscheine, rings vom Chor Naxischer Frauen umschwärmt ...« Julianus betrat den Tempel und versank in Betrachtung der Marmorstatue des Dionysos: nach dem Anblicke der menschlichen Häßlichkeit konnten seine Augen auf den reinen Linien des göttlichen Leibes ausruhen. Er sah die Menge nicht mehr; er kam sich vor, wie der einzige Mensch unter einer Herde von Tieren. Der Kaiser schritt zu den Opferungen. Das Volk sah erstaunt zu, wie der römische Cäsar, der Hohepriester – Pontifex Maximus – Arbeiten verrichtete, die nur Dienern und Sklaven ziemten: er spaltete Holz, schleppte auf seinem Rücken Reisigbündel herbei, schöpfte aus dem Brunnen Wasser, reinigte den Altar, entfernte die Asche und fachte das Feuer an. Ein Seiltänzer raunte seinem Nachbarn ins Ohr: »Sieh nur hin, wie er sich abmüht. Er liebt wohl wirklich seine Götter!« »Das will ich meinen!« erwiderte ein als Satyr verkleideter Faustkämpfer, die Bockshörner an seiner Stirne zurechtrückend. »Viele lieben Vater und Mutter nicht so, wie er die Götter.« »Seht ihr, wie er das Feuer mit vollen Backen anbläst!« spottete ein anderer, leise kichernd. »Blase nur, blase, mein Lieber, es wird doch nichts dabei herauskommen! Es ist zu spät: dein Onkel Konstantin hat das Feuer längst ausgeblasen!« Die Flamme loderte auf und beleuchtete das Gesicht des Kaisers. Er tauchte einen Wedel aus Roßhaar in eine flache, silberne Schale und spritzte die Menge mit dem heiligen Opferwasser an. Viele verzogen die Gesichter, andere fuhren nur zusammen, als die kalten Tropfen ihre Stirnen trafen. Als alle Zeremonien beendet waren, fiel es Julianus ein, daß er eine philosophische Rede an das Volk vorbereitet hatte. Er begann: »Ihr Leute! Gott Dionysos ist das große Prinzip der Freiheit in unseren Herzen. Dionysos löst alle irdischen Banden, verspottet die Mächtigen, befreit die Sklaven ...« Er las aber in allen Gesichtern eine solche Verständnislosigkeit, eine solche Langweile, daß ihm die Worte auf den Lippen erstarben; sein Herz wurde von tödlichem Ekel und unendlicher Abscheu ergriffen. Er winkte, und seine Lanzenträger traten heran und umgaben ihn. Die Volksmenge verzog sich unbefriedigt. »Nun gehe ich geradewegs in die Kirche und beichte! Vielleicht wird man mir die Sünde vergeben!« sagte einer der Faune, wütend den angeklebten Bart und die Bockshörner herunterreißend. »Es hatte sich wirklich nicht gelohnt, sein Seelenheil zu riskieren!« bemerkte empört eine Straßendirne. »Wer braucht dein Seelenheil? Deine ganze Seele ist keine drei Obole wert.« »Man hat mich betrogen!« rief ein Betrunkener. »Man hat uns den Wein nur aus der Ferne gezeigt, aber nichts davon zu kosten gegeben. Diese verfluchten Teufel!« Der Kaiser begab sich in die Schatzkammer des Tempels, wusch sich Gesicht und Hände und vertauschte das dionysische Prunkgewand mit der einfachen, frischen, schneeweißen Tunika der Pythagoreer. Die Sonne war im Sinken. Der Kaiser wartete den Anbruch der Dunkelheit ab, um unbemerkt ins Schloß zurückkehren zu können. Julianus verließ den Tempel durch die Hintertüre und betrat den heiligen Hain des Dionysos. Hier herrschte eine wunderbare Stille; man hörte nur die Bienen summen und den feinen Wasserstrahl der Quelle rieseln. Julianus hörte Schritte und wendete sich um. Es war ein Freund, der junge alexandriner Arzt Oribasius, einer der Lieblingsschüler des Maximus. Sie wandelten zusammen auf einem verwachsenen Fußpfade. Die Sonne durchleuchtete die breiten, goldiggelben Blätter der Weinreben. »Sieh,« sagte Julianus lächelnd, »hier lebt noch der große Pan.« Er senkte den Kopf und fügte leise hinzu. »Oribasius, hast du es gesehen? ...« »Ja, ich habe es gesehen. Vielleicht bist du aber selbst an allem Schuld, Julianus? Was hast du eigentlich gewollt?« Der Kaiser schwieg. Sie näherten sich einer mit Efeu umrankten Ruine; es war ein kleiner Silentempel, den die Christen zerstört hatten. Im hohen Grase lagen die Bruchstücke. Eine einzige Säule, deren zartes Kapitäl einer weißen Lilie glich, stand noch aufrecht. Auf ihr lag der verglimmende Widerschein der sinkenden Sonne. Sie setzten sich auf einen Marmorblock. Es roch nach Wermut, Minze und Kümmel. Julianus schob die hohen Gräser auseinander und zeigte auf ein altes, gesprungene Basrelief. »Hier ist das, was ich anstrebte, Oribasius! ...« Das Basrelief stellte eine alte hellenische »Theoria«, einen feierlichen Zug des Volkes von Athen dar. »Diese Schönheit ist es, was ich anstrebte! – Warum werden die Menschen von Tag zu Tag häßlicher? Wo sind die gottähnlichen Greise, die strengen Männer, die stolzen Jünglinge, die keuschen Frauen in weißen, wehenden Gewändern? Wo ist diese Schönheit und Freude? Galiläer! Galiläer! Was habt ihr getan?! ...« Mit unendlicher Liebe und Wehmut betrachtete er das im hohen Grase liegende Basrelief. »Julianus,« fragte Oribasius leise, »traust du dem Maximus?« »Ja, ich traue ihm.« »In allen Dingen?« »Was willst du damit sagen?« Julianus sah ihn erstaunt an. »Ich war immer der Ansicht, Julianus, daß du an derselben Krankheit leidest, wie deine Feinde, die Galiläer.« »An welcher Krankheit?« »An dem Wunderglauben.« Julianus entgegnete kopfschüttelnd: »Wenn es weder Wunder, noch Götter gibt, ist mein ganzes Leben Wahnsinn. – Wir wollen aber nicht darüber reden. Meine Vorliebe für die Gebräuche und Wahrsagekünste des Altertums darfst du nicht zu streng beurteilen. Ich weiß selbst nicht, wie ich es dir erklären soll. Die alten, dummen Lieder rühren mich bis zu Tränen. Ich ziehe den Abend dem Morgen und den Herbst dem Frühling vor. Ich liebe alles Vergehende. Ich liebe den Duft verwelkender Blumen. Was soll ich tun, mein Freund, wenn mich die Götter so geschaffen haben? Ich brauche diese süße Trauer, diese goldige, geheimnisvolle Dämmerung. Im fernen Altertum gab es etwas Schönes und Rührendes, was ich nimmer finden kann. Dort strahlte die Abendsonne auf dem vom Alter gelbgewordenen Marmor. Du darfst mir nicht diese wahnsinnige Liebe zu Dingen, die es nicht mehr gibt, nehmen! Das Vergangene ist unendlich schöner als das Gegenwärtige. Die Erinnerung hat eine größere Macht über meine Seele als die Hoffnung ...« Er verstummte und richtete lächelnd seine Blicke in die Ferne, den Kopf an die einsame Säule mit dem zarten, einer gebrochenen Lilie gleichenden Kapitäl gelehnt; der letzte Sonnenstrahl war verglommen. »Du sprichst wie ein Künstler,« versetzte Oribasius. »Die Träume eines Dichters sind aber gefährlich, wenn in seinen Händen das Schicksal der Welt ruht. Ein Mensch, der die Menschheit regiert, muß doch mehr sein, als ein Dichter.« »Wer ist denn mehr als ein Dichter?« »Der Schöpfer eines neuen Lebens.« »Ja, das Neue!« rief Julianus aus. »Zuweilen macht mich das Neue, von dem ihr immer redet, bange! Es erscheint mir kalt und grausam wie der Tod. Ich sage dir ja, daß mein Herz nur für das Alte schlägt! Auch die Galiläer streben nach Neuem, während sie die alten Heiligtümer niedertreten. Glaube mir, das Neue besteht nur im Alten, in dem nie Veraltenden, in dem Unsterblichen, in dem Entweihten, – in dem Schönen!« Er erhob sich und fuhr mit blassem, stolzem Gesicht und brennenden Augen fort: »Sie glauben, daß Hellas tot sei! Von allen Ecken und Enden der Welt strömen die schwarzen Mönche, wie die Raben, zum weißen Marmorleib des Hellas zusammen, picken an ihm wie an einem Aas, und krächzen frohlockend: ›Hellas ist tot!‹ Hellas kann aber nicht sterben. Hellas ist hier, in unseren Herzen. Hellas ist die göttliche Schönheit des Menschen auf Erden. Hellas wird auferstehen – wehe dann den galiläischen Raben!« »Julianus,« sagte Oribasius, »du machst mir Angst. Du willst Unmögliches vollbringen. – An einem lebendigen Körper fressen keine Raben, und das Tote kann nie auferstehen. Cäsar, wenn das von dir ersehnte Wunder nicht geschieht, was dann? ...« »Ich fürchte mich nicht: mein Untergang wird mein Triumph sein!« rief der Kaiser so freudig aus, daß Oribasius unwillkürlich zusammenfuhr, als ob das Wunder schon beginne. »Heil den Ausgestoßenen! Heil den Besiegten!« »Bevor wir aber untergehen,« fügte er mit einem hochmütigen Lächeln hinzu, »werden wir noch kämpfen! Ich will, daß meine, Feinde meinen Haß und nicht meine Verachtung verdienen. Wahrlich, ich liebe alle meine Feinde, weil ich sie besiegen kann. In meinem Herzen wohnt die Freude des Dionysos. Heute erhebt sich der alte Titan und zerreißt seine Ketten; das Feuer des Prometheus wird auf Erden wieder entzündet. Der Titan erhebt sich gegen den Galiläer. Ich will den Menschen eine Freiheit und eine Freude geben, die sie sich noch nie zu ersehnen wagten. Galiläer, dein Reich vergeht wie Rauch! Freut euch, ihr Völker und Geschlechter der Erde! Ich bin der Bote des Lebens, ich bin der Befreier, ich bin der Antichrist!« III. Im benachbarten Kloster waren die Fensterläden und Türen verschlossen und verrammelt; um den tollen Lärm des bacchischen Festes, der aus der Ferne ins Kloster drang, zu übertönen, sangen die Mönche Klagepsalmen. »Gott, warum verstößest du uns so gar? Und bist so grimmig zornig über die Schafe deiner Weide?« »Du machest uns zur Schmach unsern Nachbarn, zum Spott und Hohn denen, die um uns her sind. Du machst uns zum Beispiel unter den Heiden.« Einen neuen Sinn bekamen die alten Worte des Propheten Daniel: »Und hast uns gegeben in die Hände der Gottlosen und dem ungerechten, grausamsten Könige auf Erden.« Erst als es beim Anbruch der Nacht in den Straßen stiller wurde, verzogen sich die Mönche in ihre Zellen. Frater Parthenius konnte nicht einschlafen. – Er hatte ein blasses, freundliches Gesicht; wenn er mit jemandem sprach, drückten seine großen, klaren Augen, keusch wie die eines jungen Mädchens, Wehmut und Zweifel aus; er sprach übrigens sehr wenig, undeutlich und brachte die Worte mit großer Anstrengung hervor; was er sprach, war immer so kindlich und unerwartet, daß man ihm nur lächelnd zuhören konnte; zuweilen lachte er grundlos auf, und wenn ihn die strengen Mönche fragten: »Warum grinst du? Warum machst du dem Teufel Freude?«, erklärte er ihnen schüchtern, daß er »über seine eigenen Gedanken« lache; dies bestärkte noch die allgemeine Ansicht, daß er schwachsinnig sei. Frater Parthenius hatte aber eine seltene Gabe: er war Künstler im Ausmalen der Anfangsbuchstaben in den Kirchenbüchern. Seine Kunst brachte dem Kloster nicht nur Gewinn, sondern auch Ehre und Ruhm selbst in den entferntesten Ländern ein. Er selbst wußte davon nichts; wenn er auch hätte begreifen können, was der Ruhm bei den Menschen bedeutet, so wäre er eher erschrocken als froh gewesen. Seine Kunst, die ihm schwere Mühe kostete – denn er pflegte auch die winzigsten Einzelheiten zur größten Vollkommenheit zu bringen –, hielt er nicht für Arbeit, sondern für Erholung; er sagte nie: »Ich will arbeiten gehen«, sondern immer: »Pater Pamphilius, gestatte mir, daß ich etwas ausruhe.« Pater Pamphilius, der Prior des Klosters, war ihm mit zärtlicher Liebe zugetan. Wenn er mit irgendeinem Detail, mit irgendeiner feinen Arabeske fertig war, klatschte er mit den Händen und lobte sich selbst. Er liebte so sehr die Einsamkeit und Stille der Nacht, daß er sich daran gewöhnte, bei Lampenlicht zu arbeiten; die Farben gerieten dabei etwas seltsam, was aber die märchenhafte Pracht der Ornamentik nicht im geringsten beeinträchtigte. Parthenius zog sich auch an diesem Abend in seine kleine, niedere Zelle zurück, zündete eine tönerne Lampe an und setzte sie auf das Wandbrett, auf dem seine Näpfe, seine Pinsel, Kästchen mit Farben, Zinnober, flüssigem Gold und Silber standen. Er bekreuzte sich, tauchte den Pinsel behutsam in die Farbe und begann die Schweife zweier Pfauen auf dem Kopfstücke einer Seite zu malen; die goldenen Pfauen auf smaragdgrünem Grunde tranken aus einer türkisblauen Quelle; sie hatten ihre Schnäbel erhoben und ihre Hälse gereckt, wie es die Vögel beim Trinken zu tun pflegen. Andere Pergamentrollen mit noch unvollendeten Miniaturen lagen auf dem Tische. Es war eine ganze Welt übernatürlicher Gestalten: luftige Zauberschlösser, Bäume, Weinreben und Tiere umgaben und umrankten den geschriebenen Text. Parthenius schuf sie ohne sich etwas dabei zu denken, doch strahlte auf seinem bleichen Gesicht während der Arbeit immer Freude und Heiterkeit. Hellas, Assyrien, Persien, Indien und Byzanz, alle dunklen Vorahnungen kommender Welten, alle Völker und alle Zeitalter reichten sich einfältig die Hand in diesem mönchischen Paradiese, das, in allen Farben der Edelsteine funkelnd, die Anfangsbuchstaben der Heiligen Schrift umgab. Johannes der Täufer goß aus einer Schale Wasser auf das Haupt des Heilands; daneben aber stand der heidnische Gott des Jordanstromes mit einer Amphora, der Wasser entströmte, und hielt freundlich, wie es dem alten Beherrscher dieser Orte ziemte, ein Handtuch bereit, um es dem Heiland nach der Taufe anzubieten. Frater Parthenius fürchtete in seiner Herzenseinfalt die alten Götter nicht; er hatte an ihnen seine Freude und hielt sie für längst zum Christentum bekehrt. Auf dem Gipfel eines Hügels malte er oft den Berggott in der Gestalt eines nackten Jünglings; auf der Darstellung des Überganges der Juden über das Rote Meer versinnbildlichte eine Frau mit einem Ruder in der Hand das Meer und ein nackter Mann den Abgrund, Βυδός, der den Pharao verschlang; am Strande saß die Wüste, in der Gestalt eines trauernden, mit einer sandgelben Tunika bekleideten Weibes. Hie und da, in der Wendung eines Pferdehalses, in der Falte eines langen Gewandes, in der Pose eines ruhenden und sich auf den Ellenbogen stützenden Berggottes, oder in der Gebärde, mit der der Flußgott Jordan dem Heiland das Handtuch reichte, sah man einen Abglanz der hellenischen Anmut, der Schönheit des nackten Menschenleibes. In dieser Nacht machte aber dem Parthenius sein »Spiel« keine rechte Freude. Seine unermüdlichen Finger zitterten; seine Lippen lächelten nicht wie sonst. – Er horchte hinaus, holte aus einer Schublade in seinem Arbeitspulte aus Cypressenholz einen langen, spitzen Pfriem, den er bei den Buchbinderarbeiten gebrauchte, bekreuzte sich und verließ leise, mit der Lampe, deren Flamme er vor dem Luftzuge mit der Hand schützte, in der Hand, die Zelle. Im Gange war es still und schwül; man hörte das Summen einer Fliege, die in ein Spinnennetz geraten war. Parthenius stieg in die Kirche hinab. Die einzige Lampe flackerte vor einem alten Diptychon aus Elfenbein. Aus dem Heiligenscheine des Jesuskindes, das in den Armen der heiligen Jungfrau ruhte, hatten die Heiden zwei längliche Saphire herausgenommen, um sie an den alten Platz im Dionysostempel zurückzubringen. Der Mönch empfand die schwarzen, häßlichen Löcher im Elfenbein, das von Alter gelb war, wie Wunden in einem lebendigen Körper; diese gotteslästerlichen Wunden empörten das Herz des Künstlers, während er den Arm des Jesuskindes berührte, flüsterte er: »Herr, hilf mir!« In einem Winkel der Kirche fand er eine Strickleiter, die den Mönchen beim Anzünden der Lampen in der Kuppel der Kirche diente. Mit dieser Leiter begab er sich in den engen, finstern Gang, der zur Außentüre führte. Auf einem Strohlager schnarchte der rotbackige und dicke Pförtner, Frater Choricius. Parthenius huschte an ihm wie ein Schatten vorüber. Das Türschloß ging kreischend auf. Choricius erhob sich, machte die Augen halb auf und fiel wieder auf sein Strohlager. Parthenius kletterte über die niedere Mauer. Die Straßen der einsamen Vorstadt waren wie ausgestorben. Am Himmel leuchtete der Vollmond. In der Ferne rauschte das Meer. Er näherte sich jener Seite des Dionysostempels, die im Schatten lag, und warf ein Ende der Strickleiter so geschickt hinauf, daß es an der Tatze einer kupfernen Sphynx, die den Giebel schmückte, hängen blieb. Der Mönch erkletterte das Dach. Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn und bellte ein Hund. Dann trat wieder Stille ein; nur das Meer rauschte noch immer. Er ließ ein Ende der Strickleiter ins Innere des Tempels hinab und kam so in das Heiligtum des Dionysos. Hier herrschte vollkommene Stille. Die Augen des Gottes, die beiden länglichen, durchsichtig blauen Saphire leuchteten im Mondlicht erschreckend, wie lebendig. Der Gott starrte den Mönch an. Parthenius fuhr zusammen und bekreuzte sich. Er erstieg den Altar, auf dem erst vor kurzem der Hohepriester Julianus geopfert hatte. Parthenius spürte unter den Füßen die Wärme der noch nicht ausgekühlten Asche. Er holte aus dem Busen seinen Pfriem hervor. Die Augen des Gottes funkelten ganz dicht vor seinem Gesicht. Der Künstler sah das sorglose Lächeln des Dionysos, seinen vom Mondlicht übergossenen Marmorleib und war für einen Augenblick von der Schönheit des alten Gottes hingerissen. Dann machte er sich an die Arbeit. Mit der Spitze des Pfriems wollte er die Saphire herausnehmen. Seine Hand schonte unwillkürlich den zarten Marmor. Endlich war er fertig. Der geblendete Dionysos blickte ihn drohend und klagend mit seinen schwarzen Augenhöhlen an. Parthenius war von Entsetzen ergriffen: es war ihm, als ob ihn jemand beobachte. Er sprang vom Altar, lief zur Strickleiter, kletterte hinauf, ließ dann die Leiter auf die andere Seite herab, ohne sie einmal gehörig festzumachen, so daß er beim Abstiege von den letzten Sprossen abstürzte. Bleich, zerzaust, in beschmierten Kleidern, doch die Saphire fest in der Faust zusammenballend, eilte er leise wie ein Dieb zum Kloster zurück. Der Pförtner schlief noch immer. Parthenius huschte an ihm vorbei und gelangte in die Kirche. Erst als er wieder das Heiligenbild vor sich sah, wurde er etwas ruhiger. Er versuchte die Saphiraugen des Dionysos in die alten Löcher zu setzen und fand, daß sie vollkommen hineinpaßten. Die Saphire erstrahlten wieder mild im Heiligenscheine des Jesuskindes. Parthenius kehrte in seine Zelle zurück, löschte das Licht aus und legte sich zu Bett. Plötzlich begann er im Finstern, das Gesicht mit den Händen bedeckend, lautlos zu lachen; er lachte wie ein Kind, das irgend etwas angestellt hat, sich über den gelungenen, Streich freut und sich fürchtet, daß es die Erwachsenen erfahren. Mit diesem Lachen im Herzen schlief er ein. Als Parthenius erwachte, spielten schon die Strahlen der Morgensonne auf den Wellen der Propontis, die durch das Gitter des kleinen Fensters hineinschimmerten. Auf dem Fensterbrette girrten Tauben und schlugen mit den graublauen Flügeln um sich. In seiner Seele hallte noch immer jenes Lachen nach. Er trat an seinen Arbeitstisch und blickte freudig auf eine noch unvollendete Initiale. Das Bild stellte das Paradies dar: Adam und Eva saßen auf einer Wiese. Ein Strahl der aufgehenden Sonne, der durchs Fenster auf das Bild fiel, ließ es in wahrhaft paradiesischer Pracht, in Gold, Purpur und Lasur erglänzen. Parthenius vertiefte sich in die Arbeit und merkte gar nicht, daß er dem nackten Körper Adams die olympische Schönheit des Gottes Dionysos verlieh. IV. Der berühmte Sophist und Hoflehrer der Beredsamkeit, Hecebolius, hatte seine Karriere an den untersten Stufen des Staatsdienstes begonnen. Zuerst war er Diener im Astartetempel zu Hierapolis gewesen. Mit sechzehn Jahren stahl er aus dem Tempel einige Wertgegenstände und flüchtete nach Konstantinopel, wo er alles mögliche durchmachte; eine Zeitlang trieb er sich auf den Landstraßen herum, bald mit frommen Pilgern, bald mit einer Räuberbande von kastrierten Priestern der vielbrüstigen Göttin Dindymene, die auf einem Esel in den Dörfern herumgeführt wurde und beim Pöbel sehr beliebt war. Schließlich kam er in die Schule des Rhetors Prohaeresius und wurde bald selbst Lehrer der Beredsamkeit. Als in den letzten Regierungsjahren Konstantins des Großen das Christentum bei Hofe Mode wurde, nahm Hecebolius den neuen Glauben an. Die Kleriker waren ihm sehr gewogen, was auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Hecebolius wechselte oft und immer zur passendsten Zeit seinen Glauben, je nach der gerade herrschenden Windrichtung: bald trat er vom Arianismus zur Orthodoxie über, bald von der Orthodoxie zum Arianismus; jeder Übertritt bedeutete für ihn eine neue Sprosse auf der Leiter des Staatsdienstes. Die Geistlichen schoben ihn heimlich vorwärts, was er ihnen bei Gelegenheit mit Gleichem vergalt. Seine Haare ergrauten, seine Beleibtheit verlieh ihm ein würdiges und angenehmes Aussehen, seine klugen Reden wurden immer einschmeichelnder und überzeugender, seine Wangen leuchteten in dem frischen Rot eines gesunden Alters. Seine Augen hatten gewöhnlich einen recht freundlichen Ausdruck; zuweilen leuchtete aber in ihnen etwas wie böser, durchdringender Spott eines frechen und kalten Geistes auf; in solchen Augenblicken senkte er eilig die Lider, und sofort erlosch der aufflackernde Funke. Das ganze Äußere des berühmten Sophisten nahm allmählich etwas von der Würde eines geistlichen Herrn an. Er war ein strenger Faster und zugleich ein berühmter Gastronom; die Fastenspeisen auf seinem Tische waren im gleichen Maße raffinierter als die leckersten Fleischspeisen bei anderen Leuten, wie seine mönchischen Scherze gepfefferter waren, als die gewagtesten heidnischen. Als Tischgetränk gebrauchte er den mit allerlei Gewürzen zubereiteten Zuckerrübensaft, und viele behaupteten, daß er besser als Wein schmecke; statt des gewöhnlichen Weißbrotes erfand er wohlschmeckende Fladen, die aus den Samen einer Wüstenpflanze, mit denen sich der heilige Pachomius in Ägypten genährt haben sollte, zubereitet waren. Böse Zungen behaupteten, daß Hecebolius eine allzu große Schwäche für das zarte Geschlecht habe. Man erzählte sich folgende Anekdote. Eine junge Frau hatte einmal ihrem Beichtvater gestanden, daß sie Ehebruch begangen habe. – »Es ist eine große Sünde! Wer war aber der Betreffende, meine Tochter?« fragte der Beichtvater. – »Es war Hecebolius, hochwürdiger Vater.« Das Gesicht des Geistlichen klärte sich auf: »Hecebolius! Nun, das ist ja ein heiliger und frommer Mann. Tue Buße, meine Tochter, und Gott wird dir verzeihen.« Unter Kaiser Constantius bekam er das hochbesoldete Amt eines Hofrhetors und wurde mit der Senatorentoga mit Purpurstreifen und einer blauen Schärpe über die Schulter ausgezeichnet. Aber gerade in jenem Augenblick, als er den letzten Schritt in seiner Karriere machen wollte, kam eine unangenehme Überraschung: Constantius starb und ihm folgte Julianus, ein ausgesprochener Feind der christlichen Kirche. Hecebolius verlor aber die Geistesgegenwart nicht: er tat dasselbe, was auch andere taten, aber klüger als die anderen und, was die Hauptsache war, weder zu früh, noch zu spät, sondern gerade zur rechten Zeit. Julianus veranstaltete bald nach seinem Regierungsantritte im Palast einen theologischen Disput. Der junge, für seine Offenheit und seinen vornehmen Sinn allgemein geschätzte Philosoph und Arzt, Cäsarius von Kappadocien, ein Bruder des berühmten Kirchenvaters Basilius des Großen, trat als Verteidiger der christlichen Lehre gegen den Kaiser auf. Julianus gewährte bei ähnlichen Anlassen vollkommene Redefreiheit und sah es gerne, wenn man ihm, ohne Rücksicht auf seine Person, widersprach. An dieser Versammlung nahmen zahlreiche Sophisten, Rhetoren, Priester und Kirchenlehrer teil, und es wurde heftig debattiert. Die Streitenden ließen sich gewöhnlich, wenn auch nicht von den Argumenten des hellenischen Philosophen, so doch jedenfalls von der Majestät des römischen Kaisers imponieren und gaben nach. Diesmal war aber die Sache anders: Cäsarius wollte nicht nachgeben. Er war noch jung, hatte eine mädchenhafte Anmut in den Bewegungen, seidenweiche Locken und klare, unschuldige Augen. Die Philosophie Platos nannte er »schlauverschlungene Schlangenweisheit« und stellte ihr die himmlische Weisheit des Evangeliums entgegen. Julianus war sehr ungehalten, wandte sich ab, biß sich in die Lippen und beherrschte seine Aufregung nur mit großer Mühe. Der Streit führte, wie es bei allen ernst gemeinten Disputen der Fall ist, zu nichts. Der Kaiser verließ die Versammlung mit freundlichem Gesicht und einigen philosophischen Scherzworten; er heuchelte wehmütige Versöhnlichkeit, war aber in Wirklichkeit schwer gekränkt. In diesem Augenblicke näherte sich ihm der Hofrhetor Hecebolius, den der Kaiser für seinen Gegner hielt. Hecebolius kniete vor ihm nieder und begann eine Bußrede: er hätte schon lange geschwankt, nun sei er aber durch die Argumentation des Kaisers endgültig bekehrt worden; er verdamme den finsteren Aberglauben der Galiläer; seine Seele kehre zu den Erinnerungen seiner Kindheit, zu den leuchtenden olympischen Göttern zurück. Der Kaiser half dem Greise auf die Beine und war so gerührt, daß er keine Worte fand; er drückte ihn nur kräftig an die Brust und küßte ihn auf die weichen, rasierten Wangen und auf die roten, fleischigen Lippen. Um seinen Sieg voll auszukosten, suchte er mit den Blicken Cäsarius. Julianus behielt Hecebolius einige Tage lang in seiner nächsten Umgebung; er erzählte bei jeder Gelegenheit und jedermann von dessen wunderbarer Bekehrung und war auf ihn stolz, wie ein Priester auf ein Festopfer, oder wie ein Kind auf ein neues Spielzeug. Er wollte ihm ein Ehrenamt bei Hofe verleihen; Hecebolius lehnte aber ab, weil er einer solchen Ehre unwürdig sei und die Absicht habe, seine Seele durch Buße und Prüfungen zu den hellenischen Tugenden vorzubereiten und sein Herz durch den Dienst bei einem der alten Götter vom galiläischen Greuel zu reinigen. Julianus ernannte ihn zum Hohenpriester von Paphlagonien und Bithynien. Dieses Amt hieß bei den Heiden »Archiereus«. Der Archiereus Hecebolius verwaltete zwei dicht bevölkerte asiatische Provinzen und gedieh bei diesem Amte ebenso glänzend wie bei dem alten. Er machte sich auch um die Bekehrung zahlreicher Galiläer zum hellenischen Glauben verdient. Schließlich wurde er Hohepriester am berühmten Tempel der phönizischen Göttin Astarte-Atargatis, der er in seiner frühesten Kindheit gedient hatte. Dieser Tempel lag zwischen Chalkedon und Nikomedia auf einem hohen Felsvorsprung über den Wellen der Propontis; der Ort hieß Gargaria. Hierher strömten von allen Weltgegenden zahlreiche Pilger zusammen, um Aphrodite-Astarte, die Göttin des Todes und der Wollust, anzubeten. V. In einem der großen Säle des Palastes von Konstantinopel beschäftigte sich Julianus mit den laufenden Staatsgeschäften. Zwischen den Porphyrsäulen der gedeckten Halle schimmerte das blaßblaue Meer hindurch. Der Kaiser saß vor einem runden Marmortisch, der mit Papyrus- und Pergamentrollen bedeckt war. Mehrere Schreiber kritzelten eifrig mit ihren ägyptischen Rohrfedern. Alle Beamten hatten verschlafene Gesichter; sie waren nicht gewohnt, so früh aufzustehen. Etwas abseits unterhielt sich der neue Archiereus Hecebolius im Flüsterton mit dem Beamten Junius Mauricus; dieser war ein höfischer Stutzer mit einem trockenen, gelben Gesicht und spöttischen Falten um die feinen Lippen. Junius Mauricus war unter allen den gläubigen und abergläubischen Menschen einer der letzten Anhänger des Lukian, jenes großen Spötters aus Samosata, der in beißenden Dialogen alle Heiligtümer des Olymps und Golgathas, alle Überlieferungen von Hellas und Rom lächerlich gemacht hatte. Julianus diktierte mit eintöniger Stimme einen Brief an den Oberpriester von Galatien, Arsakios: »Verbiete deinen Priestern Theater und Schenken zu besuchen und sich mit erniedrigenden Gewerben zu beschäftigen. Belohne die Gehorsamen und bestrafe die Widerspenstigen. Richte in jeder Stadt eine Herberge ein, wo nicht nur Hellenen, sondern auch Christen, Juden und Barbaren von unserer Freigebigkeit Gebrauch machen können. Für die Armen von Galatien bestimmen wir jährlich dreißigtausend Maß Weizen und sechzigtausend Xesten Wein; ein Fünftel davon sollst du an die Armen, die bei den Tempeln wohnen, verteilen, den Rest aber an arme Reisende und Bettler: es wäre eine Schande, den Hellenen eine Unterstützung zu versagen, während die Juden gar keine Bettler haben und die gottlosen Galiläer Leute von jedem Glauben ernähren, obwohl sie dabei wie Schurken verfahren, die die Kinder mit Süßigkeiten verlocken: sie beginnen mit Gastfreundschaft, Barmherzigkeit und Einladungen zu Liebesmahlen, die sie Sakramente nennen, verführen die Gläubigen allmählich zur Gottlosigkeit, und enden mit Fasten, Geißelungen des Fleisches, Schrecknissen der Hölle, Wahnsinn und Tod; dies ist der gewöhnliche Weg dieser Menschenhasser, die sich Menschenfreunde nennen. Besiege sie durch Barmherzigkeit im Namen der ewigen Götter. Verkünde diesen meinen Willen in allen Städten und Dörfern; erkläre den Bürgern, daß ich immer und bei jeder Gelegenheit bereit bin, ihnen zur Hilfe zu kommen. Wenn sie aber mein besonderes Wohlwollen erlangen wollen, so sollen sie einmütig ihre Herzen und Seelen vor der Mutter der Götter, Dindymene von Pessinus, beugen und ihr in alle Ewigkeit Ehre und Ruhm erweisen.« Die letzten Worte schrieb er mit eigener Hand. Inzwischen wurde ihm das Frühstück gereicht, das aus einfachem Weizenbrot, frischen Oliven und einem leichten Weißwein bestand. Julianus aß und trank, ohne seine Arbeit zu unterbrechen; plötzlich wandte er sich um und fragte seinen alten Lieblingssklaven, der aus Gallien stammte und den Kaiser stets bei der Tafel bediente, auf den goldenen Teller mit den Oliven weisend: »Warum der goldene? Wo ist der gewöhnliche Tonteller?« »Verzeihe, Fürst! Er ist zerbrochen.« »In Scherben?« »Nein, nur der Rand ist abgeschlagen.« »Bring ihn her.« Der Sklave eilte fort und brachte einen Tonteller mit abgeschlagenem Rand. »Das macht nichts, der Teller kann mir noch lange Zeit dienen,« sagte Julianus mit einem gutmütigen Lächeln. »Ich habe bemerkt, meine Freunde, daß zerschlagene Gegenstände besser und länger dienen, als die neuen. Ich muß gestehen, daß ich diese Schwäche habe: ich hänge immer an alten Gegenständen und sehe an ihnen einen besonderen Reiz, wie an alten Freunden. Ich fürchte mich vor einer jeden Neuerung und Änderung. Das Alte, wenn es auch schlecht ist, tut mir immer leid; das Alte ist immer so gemütlich und rührend ...« Er lachte über seine eigenen Worte. »Ihr seht, welche Gedanken mir zuweilen bei einem zerschlagenen Teller kommen!« Junius Mauricus zupfte Hecebolius am Saume seines Gewandes: »Hast du es gehört? Hier kannst du seine ganze Natur sehen: er hängt ebenso an seinen zerschlagenen Tellern, wie an seinen halbtoten Göttern. Und er soll nun über das Schicksal der Welt entscheiden! ...« Julianus geriet in Stimmung und kam von den Edikten und Gesetzen auf seine Pläne für die Zukunft zu sprechen: in allen Städten seines Reiches sollten Schulen, Lehrstühle, Vorlesungen über die hellenischen Glaubenssätze, festgesetzte Gebettexte und Tempelbußen, philosophische Predigten, Asyle für Männer, die die Keuschheit lieben und sich der Wissenschaft widmen, eingeführt werden. »Wie gefällt es dir?« flüsterte Mauricus Hecebolius ins Ohr: »Jetzt plant er Klöster zu Ehren Aphrodites und Apollos. Es wird immer schöner! ...« »Ja, meine Freunde, dies alles wollen wir wirklich mit Hilfe der Götter ins Werk setzen,« schloß der Kaiser. »Die Galiläer wollen der Welt zeigen, daß nur sie allein etwas von Barmherzigkeit verstehen; die Barmherzigkeit ist aber allen Philosophen eigen, welchen Göttern sie auch dienen. Ich bin gekommen, um der Welt eine neue Liebe zu predigen; eine Liebe, die nicht sklavisch und abergläubisch ist, sondern frei und freudig wie der Himmel der Olympier!« Er sah alle Anwesenden prüfend an. Er konnte aber in den Gesichtern der Beamten nichts von jenem Ausdruck entdecken, den er erwartete. Einige Deputierte von den christlichen Lehrern der Rhetorik und Philosophie betraten den Saal. Vor kurzem war ein Edikt erlassen worden, der den galiläischen Lehrern den Unterricht in der hellenischen Redekunst untersagte; die christlichen Rhetoren mußten sich entweder von Christo lossagen oder ihre Lehrstühle verlassen. Einer der Deputierten näherte sich dem Augustus mit einer Pergamentrolle in der Hand; es war ein schmächtiges, schüchternes Männchen, das einem alten, gerupften Papagei glich; zwei rotbackige, plumpe Scholaren begleiteten ihn. »Frömmster Kaiser, erbarme dich unser!« »Wie heißt du?« »Papyrianus, Bürger von Rom.« »Mein lieber Papyrianus, ich will euch nichts Böses tun. Im Gegenteil. Bleibt nur bei eurem galiläischen Glauben.« Der Alte fiel dem Kaiser zu Füßen und umarmte seine Knie. »Seit vierzig Jahren unterrichte ich in der Grammatik. Ich kenne den Homer und den Hesiod nicht schlechter als andere ...« »Was willst du also nach?« fragte der Kaiser mit finsterer Miene. »Sechs Kinder habe ich, Fürst, und alle sind noch klein. Nimm mir nicht das letzte Stück Brot. Meine Schüler lieben mich. Frage sie nur ... Lehre ich sie denn etwas schlechtes? ...« Papyrianus konnte vor Aufregung nicht weiter sprechen; er zeigte auf die beiden Schüler, die verlegen und errötend dastanden und nicht wußten, was sie mit ihren Händen anfangen sollten. »Nein, Freunde!« unterbrach ihn der Kaiser leise und bestimmt. »Das Gesetz ist gerecht. Ich halte es für einen Unsinn, wenn die christlichen Rhetoren den Homer erläutern und dabei jene Götter, die Homer anbetete, verleugnen. Wenn ihr der Ansicht seid, daß unsere Weisen nichts als Märchen erdacht haben, so geht nur in eure Kirchen, um da den Matthäus und Lukas zu lehren! Merkt es euch, ihr Galiläer, daß ich es nur zu eurem eigenen Besten so angeordnet habe ...« Unter den Rhetoren brummte jemand in den Bart: »Zu unserem eigenen Besten werden wir vor Hunger krepieren!« »Christliche Lehrer, ihr fürchtet, euch mit dem Opferfleische oder dem Opferwasser zu verunreinigen,« fuhr der Kaiser unbeirrt fort, »warum fürchtet ihr nicht, euch damit zu verunreinigen, was gefährlicher ist, als jedes Fleisch und jedes Wasser, nämlich mit der falschen Weisheit? Ihr sagt: ›Selig sind, die da geistlich arm sind.‹ Seid also geistlich arm. Glaubt ihr vielleicht, daß ich eure Lehre nicht kenne? O, ich kenne sie besser, als irgendeiner unter euch! Ich sehe in den Geboten des Galiläers eine solche Tiefe, wie ihr sie gar nicht ahnt. Doch jedem das Seine: überlaßt uns unsere eitle Weisheit, unsere armselige, hellenische Gelehrsamkeit. Was braucht ihr diese verseuchten Quellen? Ihr seid doch im Besitze einer höheren Weisheit. Wir haben das Reich von dieser Welt, euch aber gehört das Himmelreich. Bedenkt doch: das Himmelreich ist doch nicht zu gering für so demütige und bescheidene Menschen, wie ihr es seid. Die Dialektik kann nur zu freigeisterischer Ketzerei führen! Im Ernst! Seid einfältig wie die Kinder. Ist denn die gottbegnadete Unwissenheit der Fischer aus Kapernaum nicht erhabener als alle Dialoge des Plato? Die ganze Weisheit der Galiläer besteht in dem einen Wort: glaube! Wenn ihr echte Christen wäret, so hättet ihr mein Gesetz gesegnet. Nicht euer Geist empört sich dagegen, sondern euer Fleisch, dem die Sünde süß ist. – Das ist alles, was ich euch zu sagen habe, und ich hoffe, daß ihr es mir nicht übel nehmt und einseht, daß der römische Kaiser mehr um euer Seelenheil besorgt ist als ihr selbst.« Ruhig und mit seinen Worten zufrieden schritt er durch die Menge der Rhetoren. Papyrianus, der noch immer kniete, raufte sich seine dünnen, grauen Locken. »Wofür? Himmelskönigin, wofür müssen wir das erdulden?« Als die Schüler den Schmerz ihres Lehrers sahen, trockneten sie sich mit den plumpen, roten Fäusten ihre hervorquellenden Tränen. VI. Der Cäsar erinnerte sich noch an die unendlichen Kämpfe zwischen den Orthodoxen und den Arianern, denen er auf dem Konzil zu Mailand unter Kaiser Constantius beigewohnt hatte. Er beschloß, diese Feindschaft für seine Zwecke auszunützen und gleich seinen christlichen Vorgängern Konstantin dem Großen und Constantius ein Konzil einzuberufen. Einmal erklärte er seinen erstaunten Freunden bei einem intimen Gespräch, daß er die Absicht habe, alle Verfolgungen und Gewalttätigkeiten gegen die Galiläer einzustellen, ihnen volle Glaubensfreiheit zu gewähren, und alle die Ketzer – Donatisten, Semiarianer, Marcioniten, Montanisten, Cäcilianer und wie sie alle noch hießen, die nach den Konzilbeschlüssen unter Konstantin und Constantius verbannt worden waren, zu begnadigen und zurückzuberufen. Er war überzeugt, daß es das beste Mittel sei, um die Christen zu vernichten. »Ihr werdet es sehen, meine Freunde!« sagte der Kaiser, »wenn sie alle wieder zurückkehren, so wird unter diesen Menschenfreunden ein solcher Kampf ausbrechen, daß sie sich gegenseitig wie Raubtiere in Stücke reißen und dem Namen ihres Meisters mehr Schimpf antun werden, als ich es mit den grausamsten Strafen erreichen könnte!« In allen Ecken und Enden des Römischen Reiches wurden Edikte und Schreiben versandt, nach denen es den verbannten Klerikern gestattet wurde, unbehelligt in ihre früheren Wohnorte zurückzukehren. Eine allgemeine Glaubensfreiheit wurde verkündet. Zugleich wurden die weisesten galiläischen Kirchenlehrer aufgefordert, nach Konstantinopel an den Hof zu kommen, um über einige kirchliche Angelegenheiten zu beraten. Die meisten der Eingeladenen wußten nichts vom Zweck, von der Zusammensetzung und von den Vollmachten der Versammlung; alle diese Fragen wurden in den Sendschreiben absichtlich höchst unklar dargelegt. Viele erkannten die schlaue List des gottlosen Kaisers und lehnten die Einladung ab, sich mit einer Krankheit oder der weiten Entfernung entschuldigend. Der blaue Morgenhimmel erschien dunkel im Vergleiche zu dem blendend weißen Marmor der doppelten Säulenreihe, die den großen Schloßhof, das Atrium Constantinum umgab. Weiße Tauben wirbelten mit freudigem, weichem Flügelrauschen wie Schneeflocken herum und entschwanden den Blicken. In der Mitte des Hofes stand im hellen Wasserstaube eines Springbrunnens eine Aphrodite Kallipygos; der feuchte Marmor schimmerte wie lebendige Haut. Die Mönche, die an ihr vorübergehen mußten, wandten sich ab, um sie nicht zu sehen; sie stand aber zwischen ihnen schelmisch, nackt und zart. Julianus hatte für das Konzil diesen etwas seltsamen Platz nicht ohne eine geheime Nebenabsicht gewählt. Die dunklen Kutten der Mönche erschienen hier noch dunkler, und die ausgemergelten, düsteren Gesichter der verbannten Ketzer noch finsterer; sie schlichen wie schwarze, häßliche Schatten über den sonnenbeschienenen Marmor. Alle fühlten sich geniert; ein jeder gab sich Mühe, gleichgültig und sogar selbstbewußt zu erscheinen, und stellte sich so, als ob er den neben ihm stehenden Feind, dem er, oder der ihm das Leben vergiftete, nicht erkenne; und trotzdem warfen sie einander verstohlen prüfende und gehässige Blicke zu. »Heilige Mutter Gottes! Was ist nun das? Wo sind wir hingeraten?« regte sich der greise und beleibte Bischof von Sebaste, Eustathius, auf. »Laßt mich, laßt mich hinaus ...« »Beruhige dich, mein Freund!« überredete ihn der Oberst der Gardelanzenträger, der Barbar Dagalaïfus, ihn höflich von der Türe wegschiebend. »In einem Konzil von Ketzern habe ich nichts zu suchen! Laßt mich hinaus!« »Der allergnädigste Cäsar hat befohlen, daß alle Teilnehmer am Konzil ...« entgegnete Dagalaïfus, indem er den Bischof mit der größten Liebenswürdigkeit zurückzuhalten suchte. »Es ist kein Konzil, sondern eine Räuberhöhle!« schrie Eustathius empört. Unter den Christen fanden sich auch solche, die sich über das kleinstädtische Aussehen, über die Kurzatmigkeit und die prononcierte armenische Aussprache des Eustathius lustig machten. Er war dadurch ganz eingeschüchtert, drückte sich in eine Ecke, wurde kleinlaut und wiederholte nur verzweifelt vor sich hin: »Gott! Womit habe ich das verdient? ...« Auch Euandros von Nikomedia bereute, hierher gekommen zu sein und den eben in Konstantinopel eingetroffenen Jünger des Didymos Juventinus mitgebracht zu haben. Euandros war ein großer Dogmatiker, ein Mann von scharfem und tiefem Geist; seinem Studium hatte er seine Gesundheit geopfert und war frühzeitig gealtert; seine Sehkraft war geschwächt und seine kurzsichtigen, gutmütigen Augen drückten immer Müdigkeit aus. Die zahlreichen ketzerischen Lehren beschäftigten immer seinen Geist; sie gaben ihm keine Ruhe, quälten ihn bei Tage, erschreckten ihn in seinen Träumen und zogen ihn mit ihren verführerischen Finessen und Kunstgriffen an. Er sammelte viele Jahre lang alle diese Lehren zu einem umfangreichen Manuskript, das »Gegen die Ketzer« betitelt war; er tat es mit dem gleichen Eifer, mit dem andere Liebhaber allerlei Raritäten sammeln. Er suchte mit Gier nach neuen Ketzerlehren und erfand selbst solche, die es nie gegeben hatte; je eifriger er sie bekämpfte, um so mehr verfing er sich in ihnen. Zuweilen flehte er Gott verzweifelt an, er möchte ihm doch einen einfältigen Glauben verleihen; Gott wollte ihm aber diese Einfalt nicht geben. Im täglichen Leben war er unbeholfen und vertrauensselig wie ein Kind. Den bösen Menschen fiel es sehr leicht, Euandros zu betrügen; über seine Zerstreutheit waren viele köstlichen Geschichten im Umlauf. Seine Zerstreutheit war auch der Grund, warum er zu dieser unsinnigen Versammlung gekommen war; teilweise lockte ihn auch die Aussicht, hier irgendeine neue Abart von Ketzerei kennen zu lernen. Bischof Euandros machte ein verdrießliches Gesicht und beschirmte seine schwachen Augen mit der Hand vor dem blendenden Sonnenlicht und Marmor. Das Ganze kam ihm nicht ganz geheuer vor; er wollte möglichst bald in seine halbfinstere Zelle zu seinen Büchern und Handschriften zurückkehren. Den Juventinus ließ er nicht von seiner Seite; er verspottete die verschiedenen ketzerischen Lehren und warnte den Jüngling vor Ärgernis. Durch den Saal schritt ein stämmiger Greis mit breiten Backenknochen und einem Kranze grauer, weicher Haare; es war der siebzigjährige Bischof Purpurius, ein afrikanischer Donatist, den Julianus aus der Verbannung zurückgerufen hatte. Den Kaisern Konstantin und Constantius war es nicht gelungen, die Ketzerei der Donatisten zu unterdrücken. Ganze Ströme von Blut wurden nur aus dem Grunde vergossen, weil vor fünfzig Jahren in Afrika ein gewisser Donatus unrechtmäßig an Stelle eines Cäcilianus zum Bischof geweiht worden war; vielleicht war es auch umgekehrt, nämlich so, daß Cäcilianus an Stelle des Donatus geweiht worden war, – es ließ sich nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen. Jedenfalls tobten zwischen den Cäcilianern und den Donatisten mörderische Kämpfe; diesem Bruderzwist, der nicht einmal zwei Meinungen, sondern nur zwei Namen zur Ursache hatte, war kein Ende abzusehen. Juventinus sah, wie ein cäcilianischer Bischof im Vorübergehen mit dem Saume seines Meßgewandes das Gewand des Donatisten Purpurius streifte. Dieser fuhr zusammen, hob angeekelt mit zwei Fingern, so daß es alle sehen konnten, sein durch die Berührung eines Ketzers verunreinigten Mantel in die Höhe und schüttelte ihn kräftig, um den unsichtbaren Unrat zu entfernen. Euandros erzählte Juventinus, daß, wenn ein Cäcilianer zufällig in eine Kirche der Donatisten käme, diese ihn herausjagten und dann die Steinfließen, die der Fuß des Ketzers berührt hätte, sorgfältig mit Salzwasser abwuschen. Dem Bischof Purpurius folgte auf den Fersen, wie ein Hund, sein treuer Leibwächter, der Diakon Leona, ein halbwilder, riesengroßer Neger von schrecklichem Aussehen, mit plattgedrückter Nase und dicken Lippen, eine riesenhafte Keule in den sehnigen Armen. Er gehörte zur Sekte der Selbstverstümmler, »Circumcellionen«, die in den hetulischen Dörfern hausten. Sie liefen mit Waffen in der Hand auf den Landstraßen herum, boten den ihnen begegnenden Wanderern Geld an und schrien: »Tötet uns, sonst töten wir euch!« Die Circumcellionen verstümmelten sich mit Feuer und mit Eisen und ertränkten sich zur Ehre Christi; doch begingen sie nie Selbstmord durch Erhängen, denn die Todesart des Judas Ischariot war ihnen verhaßt. Zuweilen stürzten sich ganze Haufen von Anhängern dieser Sekte unter Absingen von Psalmen in Abgründe; sie behaupteten, daß der zur Ehre des Höchsten begangene Selbstmord die Seele von allen Sünden reinige. Das Volk verehrte sie als Märtyrer, vor dem Selbstmorde gaben sie sich allen möglichen Genüssen hin – aßen, tranken und vergingen sich an Weibern. Viele von ihnen gebrauchten statt des von Christus verbotenen Schwertes schwere Keulen, mit denen sie mit ruhigem Gewissen, »im Einklang mit der Schrift«, die Heiden und die Ketzer totschlugen; während sie Blut vergossen, schrien sie: »Ehre sei Gott!« Die Bewohner der friedlichen, afrikanischen Städte und Dörfer fürchteten diesen heiligen Ruf mehr, als das Gebrüll von Löwen und die Kriegstrompeten der Feinde. Die Donatisten betrachteten die Circumcellionen als ihre Leibgarde; da die hetulischen Bauern wenig von der Dogmatik verstanden, so wiesen ihnen die Donatisten, die gebildete Theologen waren, an, wen sie »im Einklang mit der Schrift« erschlagen sollten. Euandros zeigte dem Juventinus einen schönen Jüngling, mit einem Gesicht, so unschuldig und zart, wie bei einem jungen Mädchen; es war ein Kainit. »Selig sind,« so predigten die Kainiten, »unsere stolzen und aufrührerischen Brüder: Kain, Cham, die Bewohner von Sodom und Gomorrha – das Geschlecht der Höchsten Sophia, der verborgensten Weisheit! Kommt zu uns alle Verfolgten, alle Aufrührerischen; alle Besiegten! Gesegnet sei Judas! Er allein unter den Aposteln besaß das höchste Wissen, die Gnosis. Er hatte Christus verraten, damit Christus sterbe und auferstehe; Judas wußte, daß Christus mit seinem Tode die Welt erlösen werde. Der in unsere Weisheit Eingeweihte muß alle Grenzen überschreiten, alles wagen, das Greifbare verachten und jede Angst vor dem Greifbaren überwinden; er muß alle Sünden, alle fleischlichen Genüsse kennen lernen, und so von jenem heilsamen Abscheu gegen alles Fleisch erfüllt werden, der die höchste Reinheit der Seele bedeutet!« »Sieh, Juventinus, hier ist ein Mensch, der sich für unvergleichlich erhabener als alle Seraphim und Erzengel hält,« sagte Euandros, auf einen jungen, schlanken Ägypter hinweisend, der etwas abseits stand, nach der letzten byzantinischen Mode gekleidet war, zahllose wertvolle Ringe an den gutgepflegten, weißen Händen hatte und dessen feinen Lippen, die wie bei einer Dirne geschminkt waren, ein listiges Lächeln umspielte; es war der Valentinianer Cassiodorus. »Die Orthodoxen,« lehrte Cassiodorus, »haben zwar eine Seele wie die anderen Tiere, doch keinen Geist. Nur wir, die wir in die Geheimnisse der Gnosis und der Pleroma eingeweiht sind, verdienen den Namen Mensch; alle anderen sind Schweine und Hunde.« Cassiodorus schärfte seinen Schülern ein: »Ihr müßt alle kennen, euch aber soll niemand kennen. Vor dem Uneingeweihten verleugnet die Gnosis, schweigt, verachtet alle Beweise, verachtet jedes Glaubensbekenntnis und jedes Martyrium. Liebt das Schweigen und das Geheime. Seid unsichtbar und ungreifbar vor euren Feinden, wie die körperlosen Mächte. Die gewöhnlichen Christen bedürfen zu ihrer Erlösung guter Werke. Wir, die wir die höchste göttliche Erkenntnis, die Gnosis besitzen, brauchen die guten Werke nicht. Wir sind Kinder des Lichtes. Sie sind Kinder der Finsternis. Wir fürchten uns nicht mehr vor der Sünde, denn wir wissen: dem Körper, was des Körpers, dem Geiste, was des Geistes ist. Wir stehen so hoch, daß wir, wie sehr wir auch sündigen, nie fallen können: unser Herz bleibt in der Sünde ebenso rein wie das Gold im Schmutze.« Ein schielender Greis von verdächtigem Aussehen, mit lüsternem Faunsgesicht, der Adamit Prodicus, behauptete, daß seine Lehre die Menschen in den Urzustand der paradiesischen Unschuld zurückführe. Die Adamiten verrichteten ihre Andachten nackt in wie Badestuben überheizten Kirchen, die sie Eden nannten; wie Adam und Eva vor dem Sündenfalle, schämten sie sich ihrer Nacktheit nicht und behaupteten, daß bei ihnen alle Männer und Frauen sich durch große Sittenreinheit auszeichneten; doch waren die Sitten bei diesen paradiesischen Zusammenkünften recht zweifelhafter Art. Neben dem Adamiten Prodicus saß auf dem Fußboden eine blasse, alte Frau, mit schönen, strengen Gesichtszügen und mit vor Müdigkeit halb geschlossenen Augen. Sie trug ein Bischofsornat; es war die Prophetin der Montanisten. Mehrere ausgemergelte Kastraten mit gelben Gesichtern dienten ihr mit der größten Ehrfurcht, schmachteten sie mit verliebten Augen an und nannten sie »himmlische Taube«. Sich jahrelang in der Verzückung einer unerfüllbaren Liebe verzehrend, predigten sie, daß dem Menschengeschlechte durch eine keusche Enthaltsamkeit ein Ende gemacht werden müsse. Diese blutleeren Träumer saßen scharenweise auf den sonnenverbrannten Ebenen Phrygiens, in der Nähe der zerstörten Stadt Pepuza, die Augen unverwandt auf die Linie des Horizonts gerichtet, von wo der Heiland erscheinen sollte; an nebeligen Abenden wähnten sie über der grauen Ebene zwischen den golden glühenden Wolkenstreifen die Herrlichkeit Gottes, das Neue Zion, das sich auf die Erde herablasse, zu sehen. Jahre kamen und gingen, und sie starben in der Hoffnung, daß das Himmelreich sich endlich auf die sonnenverbrannten Ruinen von Pepuza herablassen werde. Zuweilen hob die Prophetin ihre müden Augenlider empor, richtete den trüben Blick in die Ferne und murmelte auf syrisch: » Maran ata! Maran ata !« – »Der Herr kommt! Der Herr kommt!« Die bleichen Kastraten verneigten sich vor ihr und lauschten ihren Worten. Während Euandros alle diese Erklärungen gab, glaubte Juventinus zu träumen; sein Herz krampfte sich vor bitterem Mitleid zusammen. Plötzlich trat Stille ein. Alle richteten die Blicke zum anderen Ende des Atrium, wo auf einem Marmorpodium der Cäsar Julianus erschien. Er war mit der einfachen, weißen Chlamys der alten Philosophen bekleidet; sein Gesichtsausdruck war selbstbewußt; er wollte leidenschaftslos erscheinen, doch leuchtete in seinen Augen ab und zu der Funke boshafter Schadenfreude. Er wendete sich an die Versammlung mit den Worten: »Hochwürdige Väter und Lehrer! Wir haben es für gut befunden, denjenigen von unseren Untertanen, die sich zu den Lehren des Gekreuzigten Galiläers bekennen, die möglichste Nachsicht und Gnade zu erweisen; man soll den Verirrten mehr Mitleid als Haß entgegenbringen, die Widerspenstigen durch Zureden, und nicht mit Schlägen, Beleidigungen oder Körperstrafen zur Wahrheit zurückbringen. In der Absicht, den durch die unendlichen kirchlichen Streitigkeiten immerwährend verletzten Weltfrieden wiederherzustellen, habe ich euch, galiläische Weise, herberufen. Unter Unserem Protektorat und Schutz werdet ihr, wie Wir es hoffen, ein Beispiel jener hohen Tugenden zeigen, die eurer geistlichen Würde, eurer Glaubensstärke und Weisheit ziemen ...« Er sprach diese vorher vorbereitete Rede mit schönen Gesten und fließend, wie ein geübter Redner, der vor einer Volksversammlung spricht. Seine wohlwollenden Worte enthielten aber auch einzelne vergiftete Spitzen; so erwähnte er u.a., daß er sich noch an die sinnlosen und erniedrigenden Streitigkeiten der Galiläer auf dem berühmten Mailänder Konzil unter Constantius erinnern könne; mit gehässigem Lächeln sprach er auch von gewissen frechen Aufwieglern, die, da sie ihre Glaubensbrüder nicht mehr verfolgen, quälen und töten dürften, Öl in das Feuer des Hasses gössen, unter dem Volke dumme Märchen verbreiteten und die Welt mit brudermörderischer Wut erfüllten: diese seien die Feinde des Menschengeschlechtes, die Schuldigen an der größten aller Plagen, – der Anarchie. Der Cäsar schloß seine Rede mit einem beinahe offenbaren Hohn: »Nun haben Wir eure Brüder, die durch die Konzilbeschlüsse unter Konstantin und Constantius verbannt worden waren, aus der Verbannung zurückgerufen, da Wir allen Bürgern des Römischen Reiches die gleiche Freiheit gewähren wollen. – Lebt nun in Frieden, ihr Galiläer, wie es euch euer Meister geboten hat. Um allen Streitigkeiten ein Ende zu machen, fordern wir euch, ihr weisen Lehrer, auf, jeden Haß zu vergessen, euch in brüderlicher Liebe zu einigen und ein einziges für alle gültiges Glaubensbekenntnis auszuarbeiten und aufzustellen. Zu diesem Zwecke haben Wir euch, dem Beispiele Unserer Vorgänger Konstantin und Constantius folgend, in Unser Haus berufen; beratet und entscheidet kraft der Macht, die euch die Kirche verliehen hat. Wir gewähren euch jede Freiheit und ziehen Uns, in Erwartung euerer Beschlüsse, indessen zurück.« Ehe noch jemand in der Versammlung zur Besinnung kommen oder etwas entgegnen konnte, verließ Julianus, von seinen Freunden, den Philosophen, umgeben, das Atrium. Alle schwiegen; jemand seufzte schwer auf; in der tiefen Stille hörte man nur das freudige, weiche Rauschen der Taubenflügel im Himmel und das Plätschern der Marmorfontäne. Plötzlich erschien auf dem hohen Podium, auf dem soeben der Kaiser gestanden hatte, jener gutmütige Greis mit dem Aussehen eines Kleinstädters und der armenischen Aussprache, über den sich vorher alle lustig gemacht hatten; sein Gesicht war gerötet, seine Augen brannten. Der Bischof von Sebaste war durch die Rede des Kaisers aufs höchste beleidigt. Von heiligem Eifer erfüllt, trat Eustathius vor die Versammlung. »Väter und Brüder!« rief er aus, und in seiner Stimme lag eine solche Gewalt, daß es niemandem mehr einfiel, über ihn zu lachen. »Wollen wir in Frieden auseinandergehen. Derjenige, der uns zur Beschimpfung und zum Ärgernis berufen hat, kennt weder die kirchlichen Kanons, noch die Konzilbeschlüsse und haßt selbst den Namen Christi. Wollen wir also unseren Feinden die Freude nicht gönnen und uns jedes zornigen Wortes enthalten. Ich beschwöre euch im Namen des Allerhöchsten Gottes: laßt uns schweigend auseinandergehen!« Er sprach mit lauter Stimme, seine Blicke auf die mit roten Vorhängen vor der Sonne geschützte Galerie gerichtet: in der Tiefe der Galerie war zwischen den Säulen der Kaiser mit seinen Freunden erschienen. Durch die Menge lief ein Flüstern des Erstaunens und des Schreckens. Julianus blickte Eustathius gerade ins Gesicht. Der Greis hielt diesem Blicke stand und schlug seine Augen nicht nieder. Der Kaiser erbleichte. In diesem Augenblicke erschien auf dem Podium der Donatist Purpurius und schrie, den Bischof roh wegdrängend: »Hört auf ihn nicht! Geht nicht auseinander und verletzt nicht den Willen des Cäsars. Die Cäcilianer sind so wütend, weil der Kaiser uns aus der Verbannung erlöst hat! ...« »Nein, Brüder! ...« versuchte ihn Eustathius mit flehender Stimme zu überschreien. »Wir sind nicht eure Brüder! Hebet euch hinweg, ihr Verdammten! Wir sind der reine Weizen Gottes, ihr aber seid das trockene Stroh, das der Herr ins Feuer werfen wird! ...« Auf den von Gott abtrünnigen Kaiser weisend, fuhr Purpurius im feierlichen, singenden Tonfalle der kirchlichen Lobhymnen fort: »Ruhm und Ehre sei dem allgütigen, allweisen Augustus! Auf Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf den jungen Löwen und Drachen, denn Er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Ehre und Ruhm!« Die Versammlung geriet in Aufregung; die einen sagten, daß man dem Rate des Eustathius folgen und auseinandergehen solle; die anderen verlangten das Wort, denn sie wollten sich die einzige Gelegenheit, ihre Ansichten vor irgendeiner Versammlung, welcher Art sie auch sei, auszusprechen, nicht entgehen lassen. Die Gesichter röteten sich, die Stimmen wurden immer lauter. »Soll nur einer von den cäcilianischen Bischöfen einmal in unsere Kirchen hineinschauen,« triumphierte Purpurius, »wir werden ihm unsere Hände aufs Haupt legen, nicht um ihn etwa zum Bischof zu weihen, sondern um seinen Schädel zu zermalmen!« Viele vergaßen den Zweck der Versammlung und begannen sich über spitzfindige, theologische Fragen herumzustreiten; ein jeder suchte die Unerfahrenen für sich zu gewinnen und die Zuhörer den andern abspenstig zu machen. Der Basilidianer Tryphon, der aus Ägypten gekommen war, zeigte den sich um ihn drängenden Neugierigen ein Amulett, – einen durchsichtigen Chrysolith, mit der eingeschnittenen Inschrift »Abraxas«. »Wer den Sinn des Wortes Abraxas erkennt,« suchte Tryphon seine Zuhörer zu überzeugen, »der wird die höchste Freiheit erlangen, unsterblich werden und im Genuß aller Freuden der Sünde sündenlos bleiben. Abraxas drückt in Buchstaben die Zahl der Höchsten Himmel aus, nämlich – 365. Über den 365 Sphären, den Hierarchien der Äonen, der Engel und Erzengel schwebt eine gewisse Namenlose Finsternis, die schöner ist als jedes Licht, unbeweglich und ohne Anfang ...« »Eine namenlose Finsternis herrscht in deinem dummen Kopfe!« schrie ein arianischer Bischof und ging mit geballten Fäusten auf Tryphon los. Der Gnostiker verstummte sofort; er faltete seine Lippen zu einem verachtungsvollen Lächeln, schloß die Augen und sprach kaum hörbar mit erhobnem Zeigefinger: »Die höchste Weisheit!« Er trat eilig zurück, als wolle er den Händen des Arianers entgehen. Die Prophetin aus Pepuza hatte sich, von den verliebten Kastraten gestützt, erhoben. Schrecklich, bleich, mit zerzausten Haaren und trüben, wahnsinnigen Lippen stand sie da und heulte begeistert, ohne etwas zu sehen und zu hören: » Maran ata! Maran ata ! – Der Herr kommt! Der Herr kommt!« Die Anhänger des Jünglings Epiphanius, der in den Bethäusern Kephalonias halb als heidnischer Gott, halb als christlicher Märtyrer verehrt wurde, verkündeten: »Brüderlichkeit und Gleichheit! Andere Gesetze gibt es nicht. Zerstört alles! Mögen die Menschen ihr Eigentum und ihre Frauen, wie das Gras, das Wasser, die Luft und die Sonne als Allgemeingut teilen!« Die Ophiten, die Schlangenanbeter, erhoben ein kupfernes Kreuz, um das sich eine kleine, zahme Nilschlange wand. Sie sprachen: »Die Weisheit der Schlange gibt den Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse. Hier ist der Heiland, der schlangenähnliche – Ophiomorphos. Fürchtet nichts und höret auf Ihn. Denn Er hat nicht gelogen: esset von der verbotenen Frucht, und ihr werdet sein wie die Götter!« Ein Marcosianer, ein parfümierter und sorgfältig frisierter Stutzer, dem alle Frauenherzen zuflogen, hatte mit der Gewandtheit eines Taschenspielers eine durchsichtige Glasschale mit Wasser erhoben und rief den Neugierigen zu: »Seht! Seht! Ein Wunder! Das Wasser wird gleich sieden und sich in Blut verwandeln.« Die Colarbasianer zählten an den Fingern ab und bewiesen, daß alle pythagoreischen Zahlen, alle Geheimnisse des Himmels und der Erde, in den Buchstaben des griechischen Alphabets enthalten seien: »Alpha und Omega – der Anfang und das Ende. Zwischen ihnen liegt aber die Dreifaltigkeit, – Beta, Gamma und Delta, – Vater, Sohn und heiliger Geist. Seht nur, wie einfach es ist.« Die Fabioniten, die Vielfresser – Karpokratianer, die Wüstlinge – Barbeloniten predigten so ekelhafte Dinge, daß die Frommen sich die Ohren zuhielten und ausspien. Viele wirkten auf die Zuhörer durch jene geheimnisvolle Anziehungskraft, die alles Wahnsinnige und Ungeheuerliche auf den menschlichen Geist ausübt. Jeder war von seinem Rechte überzeugt. Jeder sah in jedem seinen Feind. Selbst eine ganz unbedeutende, in den entferntesten Wüsten Afrikas verlorene Sekte, die der Rogatianer, lehrte, daß Christus bei seiner Wiederkunft die richtige Auslegung und Auffassung der Evangelien nur bei ihnen, in einigen Dörfern von Mauritanien, und sonst nirgends in der Welt, finden werde. Euandros von Nikomedia hatte den Juventinus vergessen und fand kaum Zeit, alle ihm noch unbekannten Ketzerlehren mit dem Eifer eines Raritätensammlers auf seine Wachstafel zu notieren. Von der oberen Marmorgalerie herab blickte indessen der junge Kaiser, von Weisen in altertümlichen, weißen Gewändern umgeben, mit Augen, die von brennendem und befriedigtem Haß erfüllt waren, auf diese wahnsinnig gewordenen Menschen. Ihn umgaben alle seine Freunde: der Pythagoreer Proculus, Nymphidianus, Eugenius Priscus, Aedesius, sein alter Lehrer Jamblichus der Göttliche und der Archiereus der Dindymene, der würdige Hecebolius; sie spotteten nicht, sondern bewahrten vollständige Ruhe, wie es den Weisen ziemt; nur ab und zu glitt über ihre streng geschlossenen Lippen das Lächeln eines stillen Mitleides. Es war ein Triumph der hellenischen Weisheit. Sie sahen auf das Konzil herab, wie Götter auf die Kämpfe der Menschen, wie die Zirkusbesucher auf die in der Arena einander auffressenden Tiere herabblicken. Im Schatten des purpurnen Vorhanges fühlten sie sich wohl und erfrischt. Unten rasten aber die schweißtriefenden Galiläer; sie predigten und warfen einander Bannflüche an den Kopf. In der allgemeinen Verwirrung gelang es dem jungen, mädchenhaften Kainiten, mit dem schönen, zarten Gesicht und den traurigen, kindlich klaren Augen, das Podium zu erklimmen; er rief mit solch begeisterter Stimme, daß alle sich nach ihm umwandten und verstummten: »Selig sind, die sich dem Herrn nicht unterworfen haben! Selig sind Kain, Cham und Judas, die Bewohner von Sodom und Gomorrha! Selig ist ihr Vater, der Engel der Finsternis und des Abgrundes!« Der wilde Afrikaner Purpurius, den man eine ganze Stunde lang nicht zu Worte kommen ließ und der sein Herz erleichtern wollte, stürzte sich, seine behaarten, sehnigen Arme erhebend, gegen den Kainiten, um »dem Gottlosen den Mund zu verwehren«. Man suchte ihn zurückzuhalten und zu überreden: »Vater, es schickt sich nicht!« »Laßt mich! Laßt!« schrie Purpurius, sich aus den Händen der ihn Haltenden losreißend. »Ich kann diese Schändlichkeit nicht dulden! Dies für dich, Kains Enkel!« Der Donatist spie dem Kainiten ins Gesicht. Alles wogte durcheinander. Es wäre wohl ein Handgemenge entstanden, wenn nicht die Lanzenträger herbeigeeilt wären. Die römischen Soldaten brachten die einander bekämpfenden Christen auseinander und redeten ihnen zu: »Seid doch still! Das kaiserliche Schloß ist kein passender Ort für dergleichen, habt ihr denn so wenig Kirchen zum Streiten?« Man hatte Purpurius hochgehoben, um ihn fortzubringen. Er schrie: »Leona! Diakon Leona!« Der Leibwächter bahnte sich den Weg durch die Soldaten, warf zwei von ihnen zu Boden und befreite Purpurius. Die furchtbare Keule des Circumcellionen sauste und pfiff über den Köpfen der Häresiarchen. »Ehre sei Gott!« brüllte der Afrikaner, sich nach einem Opfer umblickend. Plötzlich ließ er die Keule hilflos sinken. Alle waren wie versteinert. In der Stille ertönte das durchdringende Geschrei eines der wahnsinnigen Kastraten der Prophetin aus Pepuza. Er war auf die Knie gefallen und schrie mit vor Angst verzerrtem Gesicht auf das Podium weisend: »Der Teufel! Der Teufel! Der Teufel!« Über der Menge der Christen stand auf dem Marmorpodium mit gekreuzten Armen, ruhig und majestätisch, in dem altertümlichen, weißen Gewand eines Philosophen, Kaiser Julianus; seine Augen brannten drohend und frohlockend. Vielen erschien er in diesem Augenblicke als der leibhaftige Teufel. »So erfüllt ihr das Gebot der Liebe, ihr Galiläer!« rief er der vor Schreck erstarrten Versammlung zu. »Jetzt sehe ich, was euere Liebe bedeutet. Wahrlich, Raubtiere sind barmherziger als ihr, die ihr euch Menschenfreunde nennt. Ich werde zu euch mit den Worten eures Meisters sprechen: Weh euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr kommt nicht hinein und wehret denen, die hinein wollen. Weh euch, Schriftgelehrten und Pharisäer!« Nachdem er sich eine Weile an dem drückendem Schweigen geweidet hatte, fügte er ruhig und langsam hinzu: »Da ihr euch selbst nicht zu regieren versteht, sage ich euch, um euch vor noch größerem Übel zu bewahren; höret auf mich, ihr Galiläer, und unterwerft euch mir!« VII. Julianus verließ das Atrium Constantinum und begab sich zum nahen Tempel der Glücksgöttin Tyche, um ihr ein Opfer darzubringen. Während er die breite Treppe herabstieg, trat an ihn der weißhaarige, gebeugte Bischof Maris von Chalkedon heran. Er war vor Alter erblindet und wurde von einem Knaben an der Hand geführt. Die Schloßtreppe ging auf das Augusteion hinaus. Unten auf dem Platze sammelte sich eine Volksmenge an. Der Bischof hielt den Kaiser mit einer gebieterischen Handbewegung an und richtete an ihn folgende Rede. Seine Greisenstimme klang klar und fest: »Vernehmt es, ihr Völker, Geschlechter, Stämme und Menschen von jedem Alter, die ihr heute auf der Welt lebt, und alle, die ihr noch auf die Welt kommen werdet! Vernehmt es, ihr himmlischen Mächte und Engel, die ihr bald den Feind vernichten werdet! Nicht der König der Amoniter wird gestürzt werden und nicht König Og von Basan, sondern der Drache, der Abtrünnige, der Große Geist, der aufrührerische Assyrer, der allgemeine Feind und Widersacher, der die Erde mit seinen Freveltaten erfüllt und sich gegen den Himmel aufgelehnt hat. Höre es, Himmel, und verkünde es der Erde! Auch du, Cäsar, vernimm meine Prophezeiung, denn Gott selbst spricht zu dir heute durch meinen Mund. Das Wort Gottes brennt in meinem Herzen, und ich kann nicht schweigen. – Deine Tage sind gezählt. Nur noch eine kurze Spanne Zeit, – und du wirst vergehen und verschwinden, wie der Staub, den der Sturmwind aufwirbelt, wie der Tau, wie das Summen eines fliegenden Pfeiles, wie ein Donnerschlag, wie der schnelle Blitz. Der kastalische Quell wird für ewig verstummen, – man wird an ihm vorbeigehen und über ihn lachen, Apollo wird wieder zum stummen Götzenbilde, Daphne – zum Baume, der nur in der Fabel beweint wird; über den gestürzten Götzentempeln wird aber Gras wuchern. O Schändlichkeit Sanheribs! Wir, Galiläer, von allen verachtete Menschen, die den Gekreuzigten anbeten, wir, Jünger der Fischer aus Kapernaum und selbst Unwissende, verkünden es dir! Wir, die wir vom Fasten geschwächt und halb tot sind, die wir Nächte hindurch wachen und, wie ihr es nennt, sinnlos schwatzen, rufen euch die Worte entgegen: ›Wo sind die Schriftgelehrten und die Widersacher dieser Zeit?‹ Ich entlehne dieses Siegeslied einem unserer einfältigen Brüder. Heraus mit deinen kaiserlichen und sophistischen Redensarten, mit deinen unwiderlegbaren Syllogismen und Enthymemen! Wollen wir sehen, wie unsere ungelehrten Fischer sprechen. Es erklinge das Siegeslied Davids, der mit geheimnisvollen Steinen den hochmütigen Goliath niedergeworfen, viele mit seinem Sanftmut besiegt und den vom bösen Geiste geplagten König Saul mit seinen süßen Gesängen geheilt hat. Wir danken dir, Herr! Heute wird deine Kirche durch die Verfolgungen geläutert. Der Bräutigam naht! Kluge Jungfrauen, entzündet eure Lampen! Bekleidet den Priester mit dem heiligen und unbefleckten Rock, – mit Christo, unserem Hochzeitsgewande!« Die letzten Worte sprach er singend, wie bei einem Gottesdienste. Die erschütterte Menge antwortete ihm mit beifälligem Murmeln. Jemand rief: »Amen!« Der Kaiser hatte die lange Predigt so kaltblütig angehört, als ob gar nicht von ihm die Rede wäre; nur seine Mundwinkel zuckten zuweilen in einem stillen Lächeln. »Bist du zu Ende, Alter?« fragte er ruhig. »Hier sind meine Arme, ihr Peiniger! Bindet mich! Führet mich zur Richtstätte! Herr, ich werde die Märtyrerkrone empfangen!« Der Bischof hob seine trüben, blinden Augen gen Himmel. »Glaubst du denn wirklich, du Guter, daß ich dich töten werde?« sagte Julianus. »Du irrst. Ich werde dich in Frieden ziehen lassen. Ich hege in meiner Seele keinen Haß gegen dich.« »Was? Was? Was sagt er?« fragte man in der Volksmenge. »Versuche mich nicht! Ich werde mich von Christo nicht lossagen! Hebe dich hinweg, du Feind des Menschengeschlechtes! – Henker, führt mich zum Tode. Hier bin ich!« »Hier gibt es keine Henker, mein Freund. Hier sind lauter gute Menschen, wie du selbst. Beruhige dich! Das Leben ist langweiliger und gewöhnlicher, als du es dir vorstellst. Ich habe dir mit Interesse zugehört, da ich ein Liebhaber jeder Redekunst, selbst der galiläischen bin. Was du nicht alles herbeigeschleppt hast – die Schändlichkeit Sanheribs, den König der Amoniter, die Steine Davids und den Riesen Goliath! Euren Reden fehlt die Einfachheit. Vergleicht sie nur mit den Reden eines Demosthenes, Plato und insbesondere – Homers. Sie alle waren wirklich einfältig wie Kinder und weise wie Götter. Lernt von ihnen die große, würdevolle Ruhe, ihr Galiläer! Gott ist nicht im Sturme, sondern in der Stille. Das ist meine ganze Lektion, meine ganze Rache, denn du selbst hast von mir Rache gewollt.« »Der Herr möge dich treffen, du Gotteslästerer! ...« fing Maris wieder an. »Der Herr wird nicht zulassen, daß ich in meinem Zorne blind werde, und dich wird er nicht sehend machen,« entgegnete der Kaiser. »Ich danke Gott für meine Blindheit!« rief der Alte aus. »Denn so sehe ich nicht das verfluchte Gesicht des Abtrünnigen!« »Wieviel Haß doch in so einem gebrechlichen Körper wohnen kann! Ihr predigt immer von Demut und Liebe, Galiläer, – doch welch ein Haß erfüllt ein jedes von euren Worten! – Ich habe soeben eine Versammlung verlassen, wo Brüder einander im Namen des Herrn wie die Tiere in Stücke reißen wollten; und jetzt kommst du mit deiner unbändigen Rede. Warum dieser Haß? Bin ich denn nicht auch euer Bruder? Wenn du nur wüßtest, wie ruhig und gütig jetzt mein Herz ist! Ich wünsche dir alles Gute, und ich bete zu den Olympiern, daß sie deine harte, finstere und leidende Seele erweichen. So ziehe denn in Frieden, blinder Greis, und wisse, daß nicht die Galiläer allein verzeihen können!« »Glaubt ihm nicht, Brüder! Es ist eine List, die Versuchung der Schlange! Du hast es gesehen, o Herr, wie der Abtrünnige dich, den Gott Israels, beschimpft, – und du darfst nicht dazu schweigen!« Ohne weiter auf die Flüche des Alten zu achten, schritt Julianus durch das Volk, in seinem einfachen, weißen, von der Sonne beschienenen Gewande, ruhig und weise, wie einer von den Männern des Altertums. VIII. Die Nacht war stürmisch. Durch die dahinrasenden Wolken drang ab und zu ein Mondstrahl, der sich seltsam mit dem Flackern der Blitze vermengte. Der warme, mit dem salzigen Geruche der faulenden Algen erfüllte Wind peitschte die schrägen Regenströme, die wie Nadeln das Gesicht stachen. Vor einer einsamen Ruine am Bosporus machte ein Reiter halt. Vor undenklichen Zeiten, als hier noch die Trojaner hausten, hatte dieser Bau als Wachturm gedient; jetzt waren nur einige halbzerstörte Mauern und ein Haufen mit Unkraut überwucherter Steine zurückgeblieben. An der Ruine lehnte eine kleine Hütte, die den verirrten Hirten und Landstreichern bei Unwetter als Zufluchtsstätte diente. Der Reiter band sein Pferd unter einem halb zerstörten Mauerbogen an, schob die stacheligen Kletten auseinander und klopfte an die niedere Türe. »Ich bin es, Meroe! Mach auf!« Die Ägypterin machte auf und ließ ihn in den Turm eintreten. Das Licht einer trüb flackernden Fackel fiel dem Reiter ins Gesicht. Es war Kaiser Julianus. Sie traten ein. Die Alte, die hier wie zu Hause war, führte ihn an der Hand. Sie schob die trockenen Büsche abgestorbener Disteln auseinander; hinter ihnen kam ein enges Loch im Felsen zum Vorschein. Sie stiegen auf Stufen hinab. Das Meer schien ganz nahe zu sein; sein Brausen ließ die Erde erzittern; die Steinmauern schützten sie aber vor Wind. Die Ägypterin machte Licht. »Herr, hier hast du die Lampe und den Schlüssel. Drehe ihn im Schlosse zweimal um. Die Türe zum Kloster ist offen. Wenn du dem Pförtner begegnest, brauchst du dich nicht zu fürchten. Ich habe ihn bestochen. Sieh nur, daß du dich nicht irrst: es ist die dreizehnte Zelle im oberen Gange links.« Julianus sperrte die Türe auf und stieg einen langen, steilen Gang mit breiten Stufen aus alten Steinplatten hinab. Der unterirdische Gang verengte sich bald derart, daß zwei Menschen, die sich hier begegneten, unmöglich einander ausweichen konnten. Dieser geheime Gang hatte einst den Wachturm mit einer Befestigung auf dem gegenüberliegenden Ufer der Bucht verbunden; jetzt verband er die Ruine mit einem neuen, christlichen Kloster. Julianus verließ den Gang hoch über dem brausenden Meere zwischen spitzen, von der Flut abgenagten Felsen; hier fand er eingehauene Stufen und stieg sie hinauf. Oben stieß er auf eine Backsteinmauer. Sie war schlecht erbaut, und viele Steine traten hervor. Wenn man sich mit den Füßen auf diese Steine stützte oder sich an ihnen mit der Hand festklammerte, konnte man leicht in den kleinen Klostergarten hinüberklettern. Julianus betrat einen reinlichen Hof. Hier atmete alles Ruhe. die Mauern waren mit Teerosen überrankt, die in der warmen Gewitterluft stark und betäubend dufteten. Die Läden an einem der Fenster im unteren Stock waren nicht verschlossen. Julianus öffnete sie und stieg in das Zimmer. Ihn umfing die dumpfe Luft des Klosters: es roch nach Schimmel, Weihrauch, Mäusen, Arzneikräutern und frischen Äpfeln, die die vorsorglichen Klosterfrauen in ihren Speisekammern verwahrten. Der Kaiser gelangte in einen langen, weißgetünchten Gang; rechts und links waren Türen. Er zählte die dreizehnte Zelle ab und machte leise die Türe auf. Der Raum war schwach von einer Nachtlampe aus Alabaster erleuchtet. Warme, einschläfernde Luft wehte ihm entgegen. Er hielt den Atem an. Auf einem niederen, mit schneeweißem Linnen bedeckten Lager lag ein Mädchen in einer dunklen Nonnentunika. Sie war wohl während des Gebetes eingeschlafen, denn sie lag in Kleidern; auf die blassen Wangen fiel der Schatten der dunklen Wimpern; die Augenbrauen waren streng und majestätisch, wie bei einer Toten, hochgezogen. Er erkannte Arsinoe. Sie hatte sich stark verändert. Nur ihre Haare waren dieselben geblieben: an den Wurzeln von dunkler Goldfarbe, an den Spitzen hellblond, wie gelber Honig in der Sonne. Ihre Wimpern zuckten, sie atmete auf. Er sah noch vor sich jenen blendenden, stolzen Amazonenleib, der im Sonnenlichte wie der goldene Marmor des Parthenons leuchtete. Julianus streckte seine Arme zu der im Schatten des schwarzen Kreuzes schlafenden Nonne aus und flüsterte: »Arsinoe!« Das Mädchen öffnete die Augen und blickte ihn ruhig, ohne Erstaunen und Angst an, als ob sie sein Kommen erwartet hätte. Als sie aber ganz zu sich gekommen war, zuckte sie zusammen und fuhr mit der Hand über das Gesicht. Er näherte sich ihr und sagte: »Fürchte nichts. Nur ein Wort – und ich gehe fort.« »Warum bist du hergekommen?« »Ich wollte erfahren, ob es wahr ist ...« »Es ist einerlei, Julianus ... wir werden einander nicht verstehen.« »Ob es wahr ist, daß du an Ihn glaubst, Arsinoe?« Sie schwieg. Der Kaiser fuhr fort: »Erinnerst du dich noch an jene Nacht zu Athen, als du mich, den galiläischen Mönch ebenso versuchtest, wie ich dich jetzt versuche? In deinem Gesicht sehe ich nach den früheren Stolz und die frühere Kraft, aber nicht die sklavische Demut der Galiläer! Warum lügst du? Ein Herz kann sich nicht so verändern, sage mir die Wahrheit.« »Ich strebe nach Macht,« antwortete sie leise. »Nach Macht? Du erinnerst dich also noch an unser Bündnis!« rief er freudig aus. Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf. »O nein! ... Ich meine nicht die Macht über Menschen, denn sie ist eitel. Das weißt du doch selbst. Ich will die Macht über mich selbst erlangen.« »Und zu diesem Zwecke gehst du in die Wüste?« »Ja. Und auch noch, – um frei zu werden ...« »Arsinoe, du liebst wie früher nur dich selbst!« »Ich wollte, ich könnte mich und die anderen so lieben, wie Er es geboten hat. Doch kann ich es nicht: ich hasse mich und die anderen.« »Dann ist es besser, gar nicht zu leben!« rief Julianus aus. »Man muß sich selbst überwinden,« sagte sie langsam, »man muß in sich nicht nur den Abscheu vor dem Tode, sondern auch den Abscheu vor dem Leben überwinden; das letztere ist viel schwieriger, denn das Leben ist schrecklicher als der Tod. Wenn man sich aber ganz überwindet, so macht man keinen Unterschied mehr zwischen Leben und Tod und ist ganz frei!« Ihre seinen Augenbrauen zogen sich mit dem Ausdrucke unbezwingbarer Willenskraft zusammen. Julianus blickte sie voller Verzweiflung an und sagte leise: »Was haben sie aus dir gemacht! Ihr alle seid Peiniger oder Märtyrer. Warum quält ihr euch selbst? Siehst du denn nicht, daß in deiner Seele nur Haß und Verzweiflung wohnt? ...« Sie sah ihn haßerfüllt an: »Warum bist du hergekommen? Ich habe dich nicht gerufen. Gehe, was geht mich an, was du dir denkst? Ich habe an meinen eigenen Gedanken und Qualen genug! ... Zwischen uns beiden liegt ein Abgrund, den Lebende nicht überschreiten können. Du behauptest, daß ich nicht glaube. Ja, ich glaube nicht, doch ich will glauben, hörst du es? Ich will und werde glauben. Ich werde mein Fleisch ertöten, ich werde es mit Hunger und Durst peinigen, ich werde es gefühlloser als die toten Steine machen. Das wichtigste ist aber die Vernunft! Man muß auch die Vernunft ertöten, denn sie ist der Teufel. Sie ist verführerischer als alle Gelüste. Ich werde sie zähmen. Das wird mein letzter und größter Sieg sein! Und dann bin ich frei. Dann wollen wir sehen, ob sich in mir nach etwas empören wird, was mir sagt: ich glaube nicht.« Sie faltete ihre Hände und hob sie mit hoffnungslosem Flehen zum Himmel. »Herr, erbarme dich meiner! Wo bist du, Herr? Erhöre mich und sei mir gnädig!« Julianus stürzte vor ihr in die Knie, umarmte sie mit beiden Armen und zog sie gewaltsam an seine Brust. Seine Augen funkelten siegesbewußt. »Jetzt sehe ich, Mädchen, daß du uns nicht verlassen konntest; du wolltest und konntest es nicht. Komme jetzt gleich mit mir, – morgen bist du die Gemahlin des römischen Kaisers, die Herrin der Zeit! Ich bin wie ein Dieb hergekommen und werde wie ein König mit meiner Beute wieder hinausgehen. Welch ein Sieg über die Galiläer!« Arsinoes Gesicht wurde ruhig und traurig. Sie blickte Julianus voller Mitleid an und sagte, ohne ihn von sich zu stoßen: »Du bist ja ebenso elend und unglücklich wie ich! Du weißt selbst nicht, wohin du mich rufst. Auf wen hoffst du? Deine Götter sind tot. Vor dieser Pest, vor dem schrecklichen Geruch der Verwesung fliehe ich in die Wüste. Verlasse mich. Ich kann dir nicht helfen. Geh!« Seine Augen brannten in Zorn und Leidenschaft. Noch ruhiger, noch mitleidsvoller fuhr sie fort, so daß sein Herz erbebte und erkaltete wie unter einer tödlichen Beleidigung: »Warum betrügst du dich selbst? Bist du denn nicht ebenso ungläubig und dem Untergange geweiht, wie wir alle? Überlege dir, was deine Barmherzigkeit ist, was alle deine Herbergen und Predigten hellenischer Priester bedeuten. Das alles ist nur den Galiläern nachgeahmt. Alle diese Dinge sind neu; den Männern des Altertums, den Helden von Hellas waren sie unbekannt. Julianus, Julianus, sind denn deine Götter noch die früheren Olympier, die strahlenden und erbarmungslosen Kinder des blauen Himmels, die sich an dem Blute der Opfer und an den Qualen der Sterblichen weideten? Das Blut und die Qualen der Menschen sind für die Götter Nektar und Ambrosia. Deine Götter sind aber durch den Glauben der Fischer aus Kapernaum verführt, sie sind schwach, mild, krank und sie gehen an ihrem Mitleid gegen die Menschen zugrunde; denn, siehst du, das Mitleid gegen die Menschen ist für die Götter tödlich ...« Der Sturm hatte sich gelegt. Durch das Fenster sah man den tiefen Himmel zwischen den zerfetzten Wolken in einem traurigen, grünlichen Morgenschimmer erstrahlen, in dem der Stern Aphroditens erstarb. Der Kaiser fühlte schwere Ermüdung. Sein Gesicht war totenblaß. Er machte die größten Anstrengungen, um ruhig zu erscheinen, doch drang jedes Wort, das Arsinoe sprach, in die Tiefe seines Herzens und verwundete ihn. »Ja,« fuhr sie erbarmungslos fort, »ihr seid krank, ihr seid zu schwach, um eure eigene Weisheit ertragen zu können. Das ist euer Fluch, ihr spätgeborenen Hellenen! Weder im Guten, noch im Bösen seid ihr stark. Ihr seid weder Leben noch Tod, weder Tag noch Nacht. Eure Seele ist hier und dort. Ihr habt das eine Ufer verlassen, doch seid ihr am anderen nicht gelandet. Ihr glaubt und ihr glaubt nicht, ihr schwankt ewig hin und her, ihr wollt allerlei und doch könnt ihr nichts erreichen, denn ihr wißt nicht, was wollen heißt. Stark sind nur diejenigen, die nur eine Wahrheit sehen und für jede andere Wahrheit blind sind. Solche Menschen werden euch, die ihr weise, schwach und zwiespältig seid, besiegen ...« Julianus hob mit Anstrengung seinen Kopf, als ob er eine ungeheure Last zu heben hätte, und sagte: »Du hast unrecht, Arsinoe. Meine Seele kennt keine Furcht, und mein Wille ist unbeugsam. Des Schicksals Mächte führen mich, wenn es mir auch bestimmt ist, früh zu sterben, so weiß ich, daß mein Tod vor dem Angesicht der Götter herrlich schön sein wird. Lebe wohl. Siehst du, ich gehe ohne Zorn, traurig und ruhig, denn du bist für mich tot.« IX. Über dem Haupttore des Spitals Apollos des Weithintreffenden, das für Bettler, Wanderer und Krüppel bestimmt war, prangte eine Marmortafel mit einer griechischen Inschrift. Es war der Vers aus Homer: » ... Arme Wand'rer sind wir alle vor Zeus. Ich gebe nicht viel, doch von Herzen.« Julianus betrat den inneren Hof, der von schlanken, jonischen Säulen eingefaßt war: das Gebäude war ursprünglich als eine Palästra errichtet. Es war ein stiller, heiterer Abend. Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen. Aus den inneren Räumen des Spitals kam ein unerträglicher Gestank. Hier lagen in einem Haufen Kinder und Greise, Christen und Heiden, Kranke und Gesunde, Krüppel, Mißgeburten, Paralytiker, Lahme, Wassersüchtige, mit eiternden Beulen Behaftete und Schwindsüchtige, – Menschen mit dem Stempel aller Laster und aller Leiden auf den Gesichtern. Ein halbnacktes, zerlumptes, altes Weib, deren Haut die Farbe von welkem Laub hatte, kratzte sich ihren mit eiternden Beulen bedeckten Rücken an dem zarten Marmor einer ionischen Säule. In der Mitte des Hofes stand eine Statue des Pythischen Apollos mit einem Bogen in der Hand und einem Köcher auf dem Rücken. Am Sockel des Bildwerkes saß eine runzelige Mißgeburt, halb Kind und halb Greis; das unglückliche Geschöpf hielt seine Knie mit den Armen umschlungen, stützte auf sie sein Kinn, schaukelte langsam hin und her und summte mit blödem Ausdruck wie ein Lied vor sich hin: »Jesu Christe, Sohn Gottes, sei uns Verdammten gnädig!« Der Oberaufseher Marcus Ausonius erschien blaß und bebend vor dem Kaiser. »Allerweisester und allergnädigster Cäsar, würdest du nicht geruhen, in mein Haus einzutreten? – hier ist schlechte Luft. Auch kann man sich da leicht anstecken: die Abteilung der Aussätzigen ist ganz in der Nähe.« »Bist du der Oberaufseher?« Ausonius verhielt aus Furcht vor Ansteckung den Atem und machte eine tiefe Verbeugung. »Bekommen die Kranken täglich Wein und Brot?« »Ja, alles wie es du, göttlicher Augustus, befohlen hast.« »Welch ein Schmutz!« »Es sind die Galiläer. Sie halten es für eine Sünde, sich zu waschen. Man kann sie durch nichts in der Welt dazu bringen ...« »Laß die Rechnungsbücher holen,« sagte Julianus. Der Aufseher fiel auf die Knie und lallte: »Herr, alles ist in Ordnung, es ist uns aber ein Unglück geschehen: die Bücher sind verbrannt ...« Der Kaiser verzog das Gesicht. In diesem Augenblick schrie jemand unter den Kranken: »Ein Wunder! Ein Wunder! Der Gelähmte steht auf!« Julianus wendete sich um und sah einen großgewachsenen Mann, der mit vor Freude wahnsinnigem Gesicht und mit kindlichem Glauben in den Augen ihm die Hände entgegenstreckte und sich von seinem verfaulten Strohlager erhob. »Ich glaube, ich glaube!« schrie der Gelähmte. »Du bist ein Gott, der auf die Erde herabgestiegen ist! Dein Gesicht ist wie das Gesicht eines Gottes! Berühre mich, heile mich, o Cäsar!« »Ein Wunder, ein Wunder!« frohlockten die Kranken. »Heil dem Kaiser! Heil Apollo dem Heilenden!« »Berühre auch mich! Nur ein Wort von dir, und ich werde genesen!« brüllten andere. Durch das offene Tor fielen Strahlen der untergehenden Sonne, und das marmorne Antlitz Apollos erstrahlte in ihrem zarten Scheine. Der Kaiser blickte den Gott an und plötzlich kam ihm alles, was er im Spital sah, als eine Gotteslästerung vor: die Augen des Gottes durften nicht all das Häßliche sehen. Julianus kam der Wunsch, die alte Palästra, in der sich einst die Hellenen in freien Spielen geübt hatten, von diesem galiläischen und heidnischen Gesindel, von diesen stinkenden Abfällen der Menschheit zu säubern. Wenn der alte Gott auferstehen könnte, wie würden dann seine Augen funkeln, wie würden seine Pfeile sausen und alle diese Krüppel und Siechen treffen und die dumpfe Luft reinigen! Er verließ eilig und schweigend das Apollospital; er dachte nicht mehr an die Rechnungsbücher des Ausonius. Es war ihm klar, daß die Anzeige über die Unehrlichkeit und Bestechlichkeit des Oberaufsehers begründet sei; seiner Seele hatte sich aber eine solche Müdigkeit und ein solcher Ekel bemächtigt, daß er nicht die Kraft hatte, der Sache nachzugehen und den Betrug aufzudecken. Als er in den Palast zurückkehrte, war es schon spät. Er befahl, niemanden vorzulassen, und zog sich auf sein Lieblingsplätzchen, – eine kleine Säulenhalle, die hoch über dem Bosporus lag, zurück. Der ganze Tag war in langweiligen, unbedeutenden Geschäften, im Schlichten von Streitigkeiten unter den Beamten und im Nachprüfen von Rechnungen vergangen. Der Kaiser sah sich von seinen besten Freunden betrogen. Alle die hellenischen Gelehrten, Dichter und Rhetoren, die jetzt in seinem Namen die Welt regierten, betrogen und stahlen nicht weniger, als die christlichen Eunuchen und Bischöfe in den Tagen des Constantius. Alle die Herbergen, die christlichen Klöstern nachgebildeten Zufluchtsstätten für Philosophen, Krankenhäuser des Apollo und der Aphrodite waren für diese gerissenen Männer nur ein Vorwand und eine Gelegenheit zur Bereicherung; um so mehr, als nicht nur die Galiläer allein, sondern auch die Heiden die Einfälle des Cäsars für lächerlich und gotteslästerlich hielten. Sein ganzer Körper schmerzte vor schwerer und fruchtloser Abspannung. Er löschte die Lampe aus und legte sich auf sein Feldbett. »Ich muß mir alles in Ruhe und Einsamkeit überlegen!« sagte er sich, auf den nächtlichen Himmel blickend. Die Gedanken wollten aber nicht kommen. Im dunklen, tiefen Äther leuchtete ein großer Stern. Julianus schloß die Augen, doch die Strahlen des Sternes drangen durch die Wimpern in sein Herz wie eine kalte Liebkosung. Er kam zu sich und fuhr zusammen, denn er hörte, wie jemand die Halle betrat. Zwischen den Säulen fiel Mondschein hinein. Über sein Bett gebeugt stand ein schlanker Greis mit einem langen, silberweißen Bart und tiefen, dunklen Runzeln, die nicht Leid, sondern eine Kraft des Willens und der Gedanken ausdrückten. Julianus erhob sich und flüsterte: »Meister! Bist du es? ...« »Ja, Julianus, ich komme, um mit dir unter vier Augen zu sprechen.« »Ich höre.« »Mein Sohn, du wirst untergehen, denn du bist dir selbst untreu geworden.« »Auch du, Maximus, auch du bist gegen mich! ...« »Wisse, Julianus: die goldenen Früchte der Hesperiden sind ewig unreif und hart. Die Barmherzigkeit ist die Weichheit und Süße überreifer, faulender Früchte. Du bist keusch und enthaltsam, traurig und barmherzig; du nennst dich einen Feind der Christen, doch bist du selbst ein Christ. – Sage mir nur, womit willst du den Gekreuzigten besiegen?« »Durch die Kraft der Götter – die Schönheit und die Freude.« »Hast du die Kraft?« »Ja.« »Ist deine Kraft so groß, daß du die volle Wahrheit ertragen könntest?« »Ja.« »So wisse denn, – daß es sie nicht gibt.« Julianus blickte entsetzt in die ruhigen, weisen Augen des Meisters. »Von wem sagst du, daß es sie nicht gibt?« fragte er mit bebender Stimme und erblassend. »Ich sage: es gibt keine Götter und du bist allein.« Der Schüler des Maximus ließ den Kopf hängen und entgegnete nichts. Der Meister sah ihn mitleidsvoll und zärtlich an und legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Tröste dich. Hast du es denn nicht begriffen? Ich wollte dich nur versuchen. Es gibt Götter. Siehst du, wie schwach du bist. Du kannst nicht allein sein. Es gibt Götter, und sie lieben dich. Wisse aber: du wirst es nicht sein, der die Wahrheit des gefesselten Titanen mit der des gekreuzigten Galiläers vereinen wird. Willst du, daß ich dir sage, wie Er, der noch nicht Erschienene, der Unbekannte, der Einiger zweier Welten sein wird?« Julianus schwieg noch immer blaß vor Entsetzen. »Er wird erscheinen,« fuhr Maximus fort, »wie ein Blitz aus der Wolke, todbringend und alles erleuchtend. Er wird schrecklich und unerschrocken sein. In ihm werden Gut und Böse, Demut und Stolz so ineinandergehen, wie in der Morgendämmerung das Licht des Tages und die Schatten der Nacht. Die Menschen werden ihn segnen nicht nur für seine Barmherzigkeit, sondern auch für seine Erbarmungslosigkeit, denn in ihr wird eine göttliche Kraft und Schönheit liegen.« »Meister,« rief der Kaiser aus, »ich sehe das alles in deinen Augen. Sage mir nur, daß du der Unbekannte bist, – und ich werde dich segnen und dir folgen! ...« »Nein, mein Sohn. Ich bin nur ein Licht von seinem Lichte und ein Geist von seinem Geiste. Aber nicht Er. Ich bin die Hoffnung, ich bin der Vorläufer.« »Warum verbirgst du dich vor den Menschen? Erscheine ihnen, damit sie dich erkennen ...« »Meine Zeit ist noch nicht gekommen,« antwortete Maximus. »Ich bin schon oft in der Welt gewesen und werde noch oft wiederkehren. Die Menschen fürchten mich, sie nennen mich bald den großen Weisen, bald den Verführer, bald den Zauberer: Orpheus, Pythagoras, Maximus von Ephesus. Ich bin aber der Namenlose. Ich schreite durch die Menge mit stummen Lippen und verhülltem Gesicht. Was könnte ich der Menge sagen? Sie würden schon mein erstes Wort mißverstehen. Das Geheimnis meiner Liebe und meiner Freiheit ist ihnen schrecklicher als der Tod. Sie stehen mir so ferne, daß sie mich sogar nicht kreuzigen oder steinigen, wie sie es mit ihren Propheten zu tun pflegen; denn sie erkennen mich nicht. Ich lebe in den Gräbern und spreche mit den Toten, ich steige auf die höchsten Berggipfel und spreche mit den Sternen, ich gehe in die Wüsten und lausche dem Wachsen der Gräser, dem Stöhnen der Meereswogen, dem Pochen des Herzens der Erde; ich schaue immer aus, ob die Zeit noch nicht gekommen ist. Die Zeit ist aber noch nicht gekommen, und ich entferne mich wieder, wie ein Schatten, mit stummen Lippen und verhülltem Gesicht.« »Meister, gehe nicht fort, verlasse mich nicht!« »Fürchte nicht, Julianus: ich werde dich bis ans Ende begleiten. Ich liebe dich, denn du mußt meinetwegen zugrunde gehen, mein vielgeliebter Sohn, und es gibt für dich keine Rettung. – Ehe ich den Menschen erscheine, müssen noch viele Große, Verstoßene, Empörer gegen Gott, Männer mit tiefen und zwiespältigen Herzen, durch meine Weisheit Verführte und Abtrünnige wie du untergehen. Die Menschen werden dich verdammen, aber nie vergessen, denn auf deinem Antlitz ruht mein Siegel; du bist meine Schöpfung, du bist das Kind meiner Weisheit. Die kommenden Geschlechter werden in dir – mich, in deiner Verzweiflung – meine Hoffnungen, in deiner Schande – meine Majestät erkennen, wie man die Sonne durch den Nebel hindurch erkennt.« »O Göttlicher!« rief Julianus aus. »Wenn deine Worte auch Lügen sind, so laß mich für diese Lügen sterben, denn sie sind schöner als alle Wahrheiten!« »Einst habe ich dich zum Leben und zur Herrschaft gesegnet, Kaiser Julianus; heute segne ich dich zum Tode und zur Unsterblichkeit. Geh und stirb für den Unbekannten, für den Kommenden, für den Antichrist.« Mit einem feierlichen, stillen Lächeln legte der Greis seine Hände auf das Haupt des Julianus, wie ein Vater, der seinen Sohn segnet, küßte ihn auf die Stirne und sagte: »Nun versinke ich wieder in die unterirdische Finsternis und niemand wird mich erkennen. – Mein Geist ruhe auf dir.« X. Zu Groß-Antiochia, der Hauptstadt Syriens, befanden sich in einer Nebengasse nahe der Hauptstraße Syngon die Thermen. Sie waren viel besucht und teuer. Viele gingen hin, nur um die letzten Neuigkeiten und Tagesereignisse zu erfahren. Zwischen dem Auskleideraum und dem Abkühlungsraum lag das Schwitzbad; es war ein prunkvoll ausgestatteter, mit farbigem Marmor und Mosaik belegter großer Saal. Aus den Nebensälen erscholl das ununterbrochene Plätschern und das laute Lachen der Badenden, das Rauschen der in die großen Wasserbehälter und Wannen fallenden Wasserstrahlen. Sklaven von dunkler Hautfarbe und nackte Badediener rannten geschäftig hin und her und entkorkten Krüge mit wohlriechenden Essenzen. In Antiochia bedeutete das Bad die größte Lebensfreude, und war zu einer hohen und vielgestalteten Kunst ausgebildet: die Hauptstadt Syriens war durch ihr reichliches, reines und wohlschmeckendes Wasser berühmt; es war so durchsichtig, daß ein damit gefülltes Gefäß leer erschien. In den milchig-weißen Dampfwollen, die im Schwitzbade aus den marmoreingefaßten Öffnungen aufstiegen, sah man die geröteten, nackten Körper der Badegäste. Die einen lagen, die andern saßen und wurden von den Badedienern mit Öl eingerieben. Alle schwitzten in würdevoller Haltung und verkürzten sich die Zeit mit Gesprächen. Die Schönheit der alten Bildwerke, die in den Wandnischen standen und bald einen Antinous, bald einen Adonis darstellten, hob die körperliche Häßlichkeit des neuen Geschlechts noch stärker hervor. Aus der Abteilung für heiße Wannenbäder trat in den Schwitzsaal ein feister Greis von majestätischer doch häßlicher Gestalt; es war der Kaufmann Busiris, der den ganzen Getreidehandel von Antiochia in der Hand hatte. Ein schlanker, junger Mann führte ihn ehrerbietig am Arm. Obwohl beide nackt waren, ließ sich unschwer entscheiden, wer der Patron und wer der Klient war. »Mehr Dampf!« befahl Busiris mit heiserer Stimme: aus dem Tonfälle dieser Stimme konnte man sofort ersehen, welche Millionenumsätze der Getreidehändler machte. Man öffnete zwei Messinghahnen; heißer Dampf kam zischend heraus und hüllte den Greis in eine weiße Wolke. Er stand in der Wolke wie ein ungeheuerlicher Gott in der Apotheose; er stöhnte und krächzte vor Behagen und beklopfte mit den fetten Händen seinen roten, feisten Bauch, der wie eine Trommel klang. Der gewesene Aufseher der Herbergen und der Apollospitäler, der Quästurbeamte Marcus Ausonius, kauerte auf dem Fußboden; er war klein und schmächtig und erschien neben der Fettmasse des Kaufmanns wie ein gerupftes und frierendes Hühnchen. Dem Spötter Junius Mauricus wollte es nicht gelingen, seinen sehnigen, knochigen, trockenen, mit Galle durchtränkten Körper zum Schwitzen zu bringen. Gargilianus lag auf dem Mosaikboden hingestreckt, weich und schwammig wie eine Sülze, groß und fett wie ein geschlachtetes Schwein; ein paphlagonischer Sklave bearbeitete, atemlos vor Anstrengung, seinen weichen Rücken mit einem nassen, wollenen Lappen. Der reich gewordene Dichter Publius Porphyrius Optatianus betrachtete wehmütig und nachdenklich seine von der Gicht verunstalteten Füße. »Kennt ihr schon, meine Freunde, den Brief der weißen Stiere an den römischen Kaiser?« fragte der Dichter. »Nein. Wie lautet er?« »Es ist nur eine Zeile: ›Wenn du die Perser besiegst, sind wir verloren.‹« »Ist das alles?« »Was wollt ihr denn noch?« Die weiße Fleischmasse des Gargilianus erzitterte vor Lachen: »Bei der Pallas, es ist kurz, aber treffend! Wenn er als Sieger aus Persien heimkehrt, wird er den Göttern so viele weiße Stiere opfern, daß diese Tiere so rar werden, wie der ägyptische Apis. – Sklave, jetzt das Kreuz! Stärker!« Die Fleischmasse wendete sich langsam auf die andere Seite und klatschte am Boden wie ein Haufen nasser Wäsche auf. Junius kicherte in hohen Tönen und sprach: »Es heißt, daß man aus Indien, von der Insel Taprobane eine große Menge seltener, weißer Vögel hergebracht hat. Und aus dem eisigen Skythien riesige, wilde Schwäne. Alles ist für die Götter bestimmt. Er mästet die Olympier. Seit den Zeiten Konstantins sind die armen Götter ja so sehr heruntergekommen!« »Die Götter überessen sich, und wir müssen fasten. Seit drei Tagen ist auf dem Markte kein einziger kolchischer Fasan und kein einziger anständiger Fisch aufzutreiben!« rief Gargilianus aus. »Ein Milchbart!« warf der Getreidehändler hin. Alle verstummten devot und wendeten sich um. »Ein Milchbart!« wiederholte Busiris mit seiner heiseren Stimme noch wichtiger. »Wenn man eurem römischen Cäsar das Näschen oder das Mündchen drücken wollte, so würde, behaupte ich, wie bei einem zwei Wochen alten Säugling Milch herauskommen. Er wollte die Brotpreise herabdrücken, verbot uns, das Getreide zu dem Preise, den wir selbst festgesetzt hatten, zu verkaufen und ließ 400000 Maß Weizen aus Ägypten kommen ...« »Hat er die Preise gedrückt?« »Hört nur zu. Ich habe die Getreidehändler überredet, alle Speicher zu schließen; wir wollen lieber den Weizen verfaulen lassen als uns fügen. Das ägyptische Getreide ist bald verbraucht, wir geben aber das unserige nicht heraus. Hast selbst die Suppe eingebrockt, magst sie auch selbst auslöffeln!« Busiris klopfte triumphierend mit den Handflächen auf den Bauch. »Stell den Dampf ab! Jetzt gieße!« befahl der Kaufmann. Ein junger, schöner Sklave mit langen Locken, dem Antinous nicht unähnlich, entkorkte über seinem Kopfe eine schlanke Amphora mit kostbarer arabischer Kassia. Die aromatische Essenz ergoß sich in reichlichen Strömen über den roten, schweißbedeckten Körper; Busiris rieb sich die dicken Tropfen mit Hochgenuß in die Haut. Als er sich genügend eingerieben hatte, wischte er würdevoll seine dicken Finger an den goldigen Locken des Sklaven, der seinen Kopf vor ihm neigte, wie an einem Handtuche ab. »Deine Gnaden geruhten ganz richtig zu bemerken, daß Kaiser Julianus nichts anderes als ein Milchbart sei,« versetzte mit sklavischer Verbeugung der Klient. »Neulich hat er ein Pasquill gegen die Bürger von Antiochia veröffentlicht, das ›Der Barthasser‹ heißt und in dem er den Spott des Pöbels mit noch frecheren Beschimpfungen beantwortet. Es heißt darin: ›Ihr lacht über meine Grobheit, über meinen Bart? Lacht nur, soviel ihr wollt! Ich will auch selbst über mich lachen. Ich brauche weder Gerichte, noch Anzeigen, weder Gefängnisse, noch Körperstrafen.‹ – Nun frage ich euch, ist das eines römischen Cäsars würdig?« »Der Kaiser Constantius seligen Angedenken,« bemerkte belehrend Busiris, »war doch ganz anders: an seiner Kleidung und an seiner Haltung konnte man sofort den Cäsar erkennen. Dieser aber ist, daß Gott mir verzeihe, eine Mißgeburt der Götter, ein kurzbeiniger Affe, ein ungeschlachter Bär! Er treibt sich ungewaschen, unrasiert, ungekämmt, mit Tintenflecken an den Fingern in den Straßen herum. Ein ekelhafter Anblick! Bücher, Gelehrsamkeit, Philosophie! – Warte nur, wir wollen dir deine Freigeisterei schon austreiben. Mit solchen Dingen darf man nicht spaßen. Das Volk muß in strenger Zucht gehalten werden! Wenn man die Zügel lockert, kann man sie nie wieder anspannen.« Marcus Ausonius, der bis dahin geschwiegen hatte, versetzte nachdenklich: »Das alles könnte man ihm noch verzeihen. Warum nimmt er uns aber unsere letzte Lebensfreude, – den Zirkus, die Gladiatorenkämpfe? Meine Freunde, nur der Anblick von Blut gibt den Menschen die höchste Seligkeit. Es ist eine heilige Freude. Ohne Blut gibt es auf Erden keine Freude und keine Größe. Der Geruch des Blutes ist der Geruch Roms ...« Auf dem Gesichte des letzten Sprossen des Geschlechtes der Ausonier erschien ein sonderbarer Ausdruck. Er blickte mit seinen gutmütigen, halb greisenhaften und halb kindlichen Augen fragend alle Zuhörer an. Der dicke Gargilianus rührte sich auf dem Boden, hob den Kopf und heftete seine Augen auf Ausonius. »Das hast du wirklich gut gesagt: der Geruch des Blutes ist der Geruch Roms! Fahre fort, Marcus, du bist heute im Schwung.« »Ich sage nur das, was ich wirklich fühle, meine Freunde. Das Blut ist den Menschen so süß, daß selbst die Christen nicht darauf verzichten können: sie wollen damit die Welt reinigen. Julianus begeht einen Fehler: wenn er dem Volke den Zirkus nimmt, nimmt er ihm die Freude am Blut. Der Pöbel würde alles verzeihen, nur das nicht ...« Die letzten Worte sprach Marcus mit begeisterter Stimme. Plötzlich fuhr er mit der Hand über seinen Körper und sein Gesicht erstrahlte. »Schwitzt du endlich?« fragte ihn Gargilianus teilnahmsvoll. »Mir scheint, ich schwitze,« antwortete Ausonius mit stillem, verzücktem Lächeln. »Reibe mir schneller den Rücken, solange ich noch nicht abgekühlt bin!« Er legte sich nieder. Der Badediener bearbeitete seine verkümmerten, blutleeren Glieder, die bläulich wie die einer Leiche waren. Die alten hellenischen Bildwerke sahen aus ihrem Porphyrnischen durch die milchige Dampfwolke hindurch auf die häßlichen Körper des neuen Geschlechts. Vor dem Eingange zu den Thermen hatte sich inzwischen eine Menschenmenge angesammelt. Nachts erstrahlte Antiochia immer in unzähligen Flammen. Am prächtigsten war die Hauptstraße Syngon beleuchtet; die schnurgerade Straße hatte eine Länge von 36 Stadien und war an beiden Zeiten mit doppelten Säulenreihen, zwischen denen sich prächtige Kaufläden befanden, geschmückt. Vor der Freitreppe, die ins Bad führte, flackerten im Winde mächtige Straßenlampen, die bunte Volksmenge mit grellem Lichte übergießend. Von den eisernen Feuerbecken erhoben sich Wolken harzigen Qualms. In der Menge konnte man hie und da höhnische Bemerkungen über den Kaiser vernehmen. Gassenjungen trieben sich herum und sangen Spottlieder. Eine alte Taglöhnerin hatte einen von ihnen gepackt, ihm das Hemdchen über den Kopf gezogen und bearbeitete sein bloßes Sitzfleisch mit der Sohle einer Sandale, daß es nur so klatschte; sie rief: »Da hast du was! Ich werde dich lehren, kleiner Teufel, so schamlose Lieder zu singen!« Der braune Knabe schrie herzerweichend. Ein anderer war auf den Rücken eines Kameraden geklettert und malte auf der weißen Mauer mit Kohle eine Karikatur, die einen langbärtigen Ziegenbock mit einem Kaiserdiadem darstellte. Ein anderer Knabe mit freundlichem, intelligentem und schelmischem Gesicht, der etwas älter war und wohl die Schule besuchte, schrieb unter die Zeichnung in großen Buchstaben hin: »Das ist der gottlose Julianus.« Er tänzelte wie ein Bär und brüllte, indem er sich bemühte, seine Stimme möglichst roh und schrecklich zu machen: Der Metzger kommt, Der Metzger kommt, Mit scharfem Beil, Mit langem Bart, Mit schwarzem Fell, Mit langem Fell, Mit einem Ziegenbart. Ein alter Mann in dunkler Kleidung, wahrscheinlich ein Kleriker, blieb stehen, um sich das Liedchen anzuhören? er nickte, hob die Augen zum Himmel und sagte zu einem Lastträger, der neben ihm stand: »Aus dem Munde der Einfältigen kommt die Wahrheit. – Findest du nicht auch, daß wir es unter Kappa und Chi besser hatten?« »Was bedeuten Kappa und Chi?« »Wie, du verstehst es nicht? Das griechische Kappa ist der Anfangsbuchstabe des Wortes Constantius, und das Chi der Anfangsbuchstabe des Wortes Christus. Ich will damit sagen, daß weder Constantius noch Christus den Bürgern von Antiochia soviel Böses zugefügt haben, wie alle die hergelaufenen Philosophen ...« »Das ist schon richtig. Unter Kappa und Chi hatten wir es wirklich besser!« Ein betrunkener Bettler fing diesen Witz auf und rannte triumphierend in die Stadt, um ihn weiter zu verbreiten. »Unter Kappa und Chi hatten wir es gut!« schrie er. »Hoch Kappa und Chi!« Das Wortspiel, das dem Pöbel wegen seiner blödsinnigen Unwiderlegbarkeit gefiel, verbreitete sich in ganz Antiochia. Am lustigsten ging es in der Schenke zu, die den Thermen gegenüber lag und dem kappadocischen Armenier Syrax gehörte; er hatte sein Geschäft schon längst aus Cäsarea bei Macellum nach Antiochia verlegt. Aus Ziegenschläuchen und großen, tönernen Amphoren strömte der Wein reichlich in zahllose Zinnbecher. Man sprach auch hier wie überall über den Kaiser. Die größte Beredsamkeit entfaltete dabei der kleine syrische Soldat Strombicus, derselbe, der an dem Feldzuge des Cäsars Julianus gegen die nordischen Barbaren in Gallien teilgenommen hatte. An seiner Seite stand sein treuer Gefährte und Freund, der riesenhafte Sarmate Aragarius. Strombicus fühlte sich wie ein Fisch im Wasser. Verschwörungen und Empörungen liebte er über alles in der Welt. Er schickte sich gerade an, eine Rede zu halten. Da brachte eine alte Lumpensammlerin die letzte Neuigkeit: »Alle sind umgekommen, alle, ohne Ausnahme. Der Herr hat uns gestraft. Als es mir die Nachbarin erzählte, wollte ich anfangs gar nicht glauben.« »Was ist denn los, Alte? Erzähle es vernünftig.« »In Gaza ist es geschehen, meine Lieben, in Gaza. Die Heiden haben ein Nonnenkloster überfallen. Sie haben die Nonnen herausgeschleppt, nackt ausgezogen, an Säulen gebunden, mit den Schwertern zerhackt und ihre noch warmen Eingeweide mit Gerste bestreut und den Schweinen vorgeworfen!« »Ich habe es selbst gesehen,« fügte ein junger Flachsspinner mit bleichem, eigensinnigem Gesicht hinzu, »wie ein Heide zu Heliopolis am Libanus die rohe Leber eines ermordeten Diakons verzehrte.« »Wie scheußlich!« sagte ein Kupferschmied mit finsterer Miene. Viele bekreuzten sich. Mit Hilfe des Aragarius kletterte Strombicus auf den mit Weinlachen bedeckten klebrigen Tisch und wandte sich an die Menge mit den Gebärden eines Redners von Beruf. Aragarius nickte beifällig mit dem Kopfe und wies auf ihn stolz hin. »Mitbürger!« begann Strombicus. »wie lange wollen wir es noch dulden? Ist es euch bekannt, daß Julianus gelobt hat, im Falle er aus Persien als Sieger heimkehrt, alle heiligen Männer einzufangen und sie den wilden Tieren vorzuwerfen?! Die Basiliken zu Heuschuppen und die Altäre zu Pferdeställen zu machen ...« Da kam in die Schenke atemlos ein buckliger, vor Schrecken ganz blasser Mann hereingestürzt, es war der Mann der Lumpensammlerin, seines Zeichens ein Glaser. Er blieb stehen, schlug sich verzweifelt mit beiden Händen auf die Schenkel, sah sich um und flüsterte: »Habt ihr es gehört? Das ist ein Spaß! Zweihundert Leichen in den Brunnen und die Abflußröhren!« »Was? Wo? Wann? Was für Leichen?« »Still, still!« fuhr der Glaser flüsternd und mit den Armen fuchtelnd fort. »Man sagt, daß der Abtrünnige schon längst seine Wahrsagekünste an den Eingeweiden lebendiger Menschen übe, um den Ausgang des Krieges mit den Persern zu erfahren ...« Vor Wollust keuchend fügte er hinzu: »In den Kellergewölben des antiochischen Schlosses fand man ganze Kisten mit Knochen. Es waren aber Menschenknochen! – In der Stadt Karrai in der Nähe von Edessa fand man in einem unterirdischen Götzentempel die an den Haaren aufgehängte Leiche einer schwangeren Frau; der Bauch war aufgeschlitzt und das Kind herausgenommen: Julianus wollte aus der Leber des Ungeborenen die Zukunft erfahren; es handelt sich immer um den verfluchten Krieg mit den Persern und den Sieg über die Christen ...« »He, Gluturinus, ist es wahr, daß man in den Kloaken Menschenknochen findet? Das mußt du doch wissen!« fragte ein Schuster. Der Kloakenreiniger Gluturinus stand an der Türe und wagte nicht einzutreten, denn er verbreitete einen Gestank. Als er gefragt wurde, begann er, wie es seine Gewohnheit war, schüchtern zu lächeln und mit seinen entzündeten Augenlidern zu zwinkern. Er sagte sanft: »Nein, meine Verehrten, Säuglinge haben wir zuweilen gefunden, auch Gerippe von Eseln und Kamelen. Aber auf Menschengebeine bin ich noch nie gestoßen ...« Strombicus begann wieder seine Rede. Der Kloakenreiniger hörte ihm andächtig und mit unsagbarem Genuß zu, indem er sein nacktes Bein an den Türpfosten rieb. »Brüder und Männer, wollen wir uns rächen!« rief der Redner pathetisch aus. »Laßt uns für die Freiheit sterben, wie die alten Römer!« »Was schreist du so?« rief plötzlich der Schuster dazwischen. »Wenn es wirklich so weit kommen sollte, wirst du sicher als erster ausreißen; die anderen schickst du aber in den Tod! ...« »Ihr seid alle Feiglinge!« mischte sich ein geschminktes und gepudertes Weib in ärmlicher, bunter Kleidung ein. Es war eine Straßendirne, die von ihren Verehrern die ›Wölfin‹ genannt wurde. »Wißt ihr denn,« fuhr sie empört fort, »was die heiligen Märtyrer Macedonius, Theodulus und Tatianus ihren Henkern gesagt haben?« »Nein, wir wissen es nicht. Erzähle es uns, Wölfin!« »Ich habe es mit eigenen Ohren gehört. Zu Myrrha in Phrygien drangen die drei Jünglinge Macedonius, Theodulus und Tatianus nachts in einen hellenischen Tempel ein und zerschlugen zum Ruhme Gottes die heidnischen Götzenbilder. Der Prokonsul Amachius ließ sie ergreifen und auf eisernen Pfannen rösten. Sie sagten aber: ›Wenn du einen guten Braten bekommen willst, so lasse uns auf die andere Seite wenden, sonst werden wir nur halbdurchgebraten.‹ Alle drei lachten und spien ihm ins Gesicht, viele sahen einen Engel auf sie herabschweben und ihnen drei Kronen bringen. – Ihr hättet wohl diese Antwort nicht gegeben? Ihr versteht nur, für eure eigene Haut zu zittern. Es ekelt mich, wenn ich euch nur anschaue!« Die Wölfin wandte sich verachtungsvoll ab. Von der Straße ertönten Schreie. »Macht man vielleicht schon den Götzen den Garaus?« fragte freudig erregt der Glaser. »Mitbürger, mir nach!« rief Strombicus mit beiden Armen fuchtelnd. Er wollte vom Tische springen, glitt aber aus und wäre wohl zu Boden gestürzt, wenn ihn nicht der treue Aragarius in seine liebevollen Arme aufgefangen hätte. Alle stürzten zur Türe, von der Hauptstraße Syngon her kam eine große Menschenmenge. Sie staute sich in der engen Gasse und blieb vor den Thermen stehen. »Der alte Pamba! Der alte Pamba!« flüsterten sich die Leute freudig zu. »Er ist aus der Wüste gekommen, um dem Volke zu predigen, die Großen zu stürzen und die Geringen zu retten!« XI. Der heilige Greis hatte ein derbes, breitknochiges Gesicht und war über und über behaart; statt einer Tunika trug er einen geflickten Leinensack, statt einer Chlamys ein staubiges Lammfell mit Kapuze. Beim Gehen klapperte er mit der eisernen Spitze seines langen Stockes. Pamba hatte sich seit zwanzig Jahren nicht gewaschen, denn er hielt die körperliche Reinlichkeit für Sünde und glaubte sogar an die Existenz eines besonderen Teufels der Reinlichkeit. Er hauste in der schrecklichen Wüste von Beröa, im Osten von Antiochia, wo es viele versiegte Brunnen gab, in denen Schlangen und Skorpionen nisteten. Er lebte selbst in einem solchen Brunnen und nahm täglich fünf Stengel eines besonderen mehligen und süßen Rohres zu sich. Als er an dieser unzulänglichen Nahrung beinahe gestorben war, begannen ihm seine Jünger Lebensmittel in die Grube zu bringen. Er gestattete sich täglich nur ein halbes Sextarius in Wasser eingeweichter Linsen, seine Augen wurden schwach, seine Haut grindig. Er fügte seiner Tagesration noch etwas Öl hinzu, beschuldigte sich aber der Völlerei. Pamba hatte von seinen Jüngern erfahren, daß die Schafe Christi von einem wütenden Wolf und Antichrist, dem Kaiser Julianus, verfolgt würden; er verließ seine Wüste und kam nach Antiochia, um die Glaubensschwachen zu stärken. »Hört, hört, – der heilige Greis redet!« Pamba bestieg die Treppe, die zu den Thermen führte, blieb auf dem Absatze am Fuße der Fackelhalter stehen und begann, mit der Hand auf die heidnischen Tempel, Thermen, Läden, Paläste, Gerichtsgebäude und Denkmäler hinweisend: »Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben! Alles wird vergehen, alles wird gestürzt werden. Eine Flamme wird sich erheben und die Welt verzehren. Das ist das schreckliche Gericht Christi, ein gewaltiges Schauspiel! Wohin soll ich meine Blicke wenden? Woran soll ich mich zuerst weiden? Wie die Aphrodite, die Göttin der Liebe, mit ihrem Söhnchen Eros in ihrer Nacktheit vor dem Antlitze des Gekreuzigten erzittert? Wie Zeus mit seinen erloschenen Blitzen und alle olympischen Götter vor den Donnern des Höchsten fliehen? Frohlockt, ihr Märtyrer! Frohlockt, ihr Verfolgten! Wo sind eure Richter, die römischen Statthalter und Prokonsuln? Ein Feuer, das mächtiger ist als das Feuer der Scheiterhaufen, auf denen man die Christen verbrannte, hat sie ergriffen und verzehrt sie. Die Philosophen, die auf ihre eitle Weisheit stolz waren, werden, in den höllischen Flammen brennend, vor ihren Schülern erröten, denn die Syllogismen des Aristoteles und die Beweise Platos werden ihnen nicht helfen können! Die tragischen Schauspieler werden so schreien, wie sie noch in keiner Tragödie des Sophokles oder des Aeschylus geschrien haben! Die Seiltänzer werden in den höllischen Flammen mit einer noch nie gesehenen Behendigkeit springen! – Dann werden wir unwissenden und groben Leute vor Freude erzittern und zu den Starken, Vernünftigen und Stolzen sagen: Seht, hier ist der verspottete und gekreuzigte Sohn des Zimmermanns und der Magd, der in Purpur gekleidete und mit Dornen gekrönte König der Juden! Hier ist der Schänder des Sabbats, der Samariter, der Besessene! Der, den ihr im Prätorium an die Säule gebunden, dem ihr ins Gesicht gespien, den ihr mit Galle und Essig gelabt habt! Wir werden zur Antwort nur Heulen und Zähneklappern hören, und wir werden lachen, und unsere Herzen werden sich an der Freude berauschen. – Ja, komm Herr Jesu!« Der Kloakenreiniger Gluturinus fiel in die Knie, zwinkerte mit den entzündeten Augenlidern und streckte seine Arme dem kommenden Heiland entgegen. Der Kupferschmied stand mit verhaltenem Atem und geballten Fäusten regungslos da, wie ein Stier, der zu einem furchtbaren Sprunge ausholt. Der blasse, lange Flachsspinner zitterte an allen Gliedern und flüsterte, blöde lächelnd: »Herr, Herr, sei uns gnädig!« Die groben Gesichter der Landstreicher und Taglöhner drückten Schadenfreude und Siegesbewußtein der Schwachen über die Starken, der Sklaven über die Herren aus. Die Dirne Wölfin zeigte ihre Zähne und lachte still in sich hinein; in ihren trunkenen und drohenden Augen brannte unbezwingbarer Rachedurst. Plötzlich erschollen Waffengeklirr und stramme, schwere Schritte. An der Straßenecke erschienen römische Soldaten; es war die Nachtwache. An der Spitze schritt der Präfekt des Ostens, Sallustius Secundus. Er hatte das typische Gesicht eines römischen Beamten mit einer Adlernase und großer Glatze auf dem viereckigen Schädel; seine klugen Augen drückten Ruhe und Gutmütigkeit aus; er trug die gewöhnliche Toga eines Senators. Seine ganze Haltung war natürlich, einfach und vornehm wie bei einem alten römischen Patrizier. Hinter der fernen, runden Kuppel des von Antiochus Seleucus errichteten Pantheons ging langsam der große, trübrote Mond auf; auf den ehernen römischen Schilden, Helmen und Panzern funkelte unheilverkündend der blutrote Widerschein. Sallustius wandte sich an die Menge mit den Worten: »Geht auseinander, Bürger! Der göttliche Augustus hat die nächtlichen Versammlungen in den Straßen verboten.« Der Pöbel wurde unruhig und murrte; die Gassenjungen begannen zu pfeifen; eine freche, hohe Kinderstimme fing an zu singen: Kikeriki! Kikeriki! Weh den armen Hähnchen, Weh den weißen Kälbchen, Der Kaiser wird sie schlachten, Den garst'gen Göttern opfern! Drohend erklirrten die Waffen: die römischen Legionäre hatten gleichzeitig ihre Schwerter gezogen und machten sich bereit, gegen die Menge vorzugehen. Der alte Pamba klopfte mit der Eisenspitze seines Stockes an die Marmorplatten und schrie: »Willkommen, tapferes Heer des Satans! Willkommen, weiser römischer Feldherr! Ihr sehnt euch wohl wieder nach den Zeiten, als ihr uns auf Scheiterhaufen verbrannt und uns die alte Philosophie beigebracht habt, während wir für euch beteten. Willkommen!...« Die Legionäre erhoben die Schwerter. Der Präfekt hielt sie durch eine Handbewegung zurück. Er sah, wie groß der Einfluß des Greises auf die Menge war. »Womit bedroht ihr uns, ihr Dummen?« fuhr Pamba fort, sich an Sallustius wendend. »Was könnt ihr uns tun? Wir brauchen nur eine finstere Nacht und zwei oder drei Fackeln, um uns zu rächen. Ihr fürchtet die Alamannen und die Perser; wir sind aber gefährlicher als die Alamannen und Perser! Wir haben weder Grenzen, noch eine Heimat; wir erkennen nur einen Staat an – das Weltall! Wir sind erst gestern auf die Welt gekommen und erfüllen schon heute die Welt – eure Städte, Festungen, Inseln, Munizipien, Versammlungen, Feldlager, Tribus, Decurien, Schlösser, Senat und Forum; – wir lassen euch nur eure Götzentempel. Wie schonungslos hätten wir euch vernichtet, wenn wir nicht demütig und barmherzig wären, wenn wir es nicht vorzögen, getötet zu werden, als selbst zu töten! Wir brauchen weder Schwert noch Feuer: wir sind unserer so viele, daß, wenn wir auswandern, auch ihr untergehen werdet; eure Städte werden leer werden, und ihr werdet erschauern vor eurer Einsamkeit, vor dem Schweigen der Welt; alles Leben wird ersterben und stille stehen. Wisset: das römische Reich besteht nur noch durch unsere christliche Geduld!« Alle Blicke waren auf Pamba gerichtet: niemand hatte bemerkt, wie ein mit der einfachen, alten Chlamys eines reisenden Philosophen bekleideter Mann, mit wirrem Haar, langem, schwarzem Bart und gelblichem, magerem Gesicht, von einigen Genossen begleitet, mit raschen Schritten durch die Reihen der römischen Soldaten, die ihm ehrfurchtsvoll Platz machten, hindurchschritt. Er näherte sich dem Präfekten Sallustius und flüsterte ihm ins Ohr: »Warum zögerst du noch?« »Wenn ich noch etwas warte,« erwiderte Sallustius, »werden sie von selbst auseinandergehen. Die Galiläer haben ja auch so zu viel Märtyrer, als daß man ihnen neue machen sollte; sie fliegen in den Tod, wie Bienen auf den Honig.« Der Mann in der Tracht des Philosophen trat vor und sprach laut und sicher, wie ein Feldherr, der ans Kommandieren gewöhnt ist: »Treibt die Menge auseinander! Ergreift die Anstifter!« Alle wandten sich gleichzeitig um. Es ertönte ein Schrei des Entsetzens: »Es ist der Augustus! Der Augustus Julianus!« Die Soldaten stürzten sich mit gezückten Schwertern auf die Menge; die alte Lumpensammlerin wurde zu Boden geworfen. Unter den Füßen der Legionäre zappelte sie und winselte. Viele ergriffen die Flucht. Als erster riß der kleine Strombicus aus. Ein Handgemenge entstand, Steine wurden geworfen. Der Kupferschmied, der den alten Pamba schützen wollte, warf einen Stein gegen einen Legionär, traf aber die danebenstehende Wölfin. Sie gab einen schwachen Schrei von sich und fiel blutüberströmt zu Boden; sie glaubte, daß sie als eine Märtyrerin sterbe. Ein Soldat packte Gluturinus. Der Kloakenreiniger ließ sich aber so leicht festnehmen, – die Rolle eines von allen geehrten Dulders erschien ihm im Vergleiche zu seiner gewöhnlichen traurigen Existenz so beneidenswert, – und seine Lumpen verbreiteten einen so üblen Geruch, daß der Legionär den Verhafteten angeekelt wieder laufen ließ. Mitten in die Menge war zufällig ein Eseltreiber mit einer Ladung frischer Krautköpfe hineingeraten. Er hatte die ganze Zeit über mit offenem Munde dem Prediger zugehört. Als er die Gefahr sah, wollte er fliehen, doch der Esel wollte nicht mit. Vergeblich bearbeitete ihn der Mann hinten mit dem Stock, vergeblich schrie er ihn an; der Esel hatte sich mit den Vorderbeinen gegen die Erde gestemmt, legte die Ohren zurück, hob den Schwanz und schrie fürchterlich. Lange klang noch das Eselgeschrei über der Menge, das Röcheln der Sterbenden, die Flüche der Soldaten und die Gebete der Christen übertönend. Der Arzt Oribasius, der unter Julianus' Begleitern war, näherte sich ihm und sagte: »Julianus, was tust du? Ist das deiner Weisheit würdig? ...« Augustus blickte ihn aber so an, daß er sofort verstummte. Julianus hatte sich in der letzten Zeit nicht nur stark verändert, sondern war auch sehr gealtert; sein abgemagertes Gesicht hatte jenen krankhaften und erschreckenden Ausdruck, der Leuten, die von einer unheilbaren, schleichenden Krankheit betroffen, oder von einem Alles verzehrenden, wahnsinnigen Gedanken besessen sind, eigen ist. Mit seinen kräftigen Händen zerriß und zerknitterte er, ohne es selbst zu merken, eine Papyrusrolle, die ihm zufällig in die Hände geraten war; es war sein eigenes Edikt. Schließlich blickte er Oribasius ins Gesicht und sagte mit dumpfer, gedrückter Stimme: »Geh fort, geht alle fort mit euren dummen Ratschlägen! Ich weiß selbst, was ich tue. Mit dem Gesindel, das an die Götter nicht glaubt, kann man nicht wie mit Menschen reden; man muß es vernichten, wie die Raubtiere ... schließlich ist es auch kein Unglück, wenn einige Dutzend Galiläer durch die Hand eines Hellenen umkommen! ...« Oribasius ging der Gedanke durch den Kopf: »Wie gleicht er jetzt seinem Vetter Constantius in seinem Zorne.« Julianus schrie zur Volksmenge mit einer Stimme, die ihm selbst fremd und entsetzlich erschien: »Solange ich noch durch die Gnade der Götter Kaiser bin, hört auf meine Worte, ihr Galiläer! Ihr dürft meinen Bart und meine Kleidung verspotten, aber nicht das römische Gesetz. So wisset denn: ich bestrafe euch nicht für euren Glauben, sondern für die Empörung gegen die Gesetze. – In Ketten mit dem Schurken!« Mit zitternder Hand wies er auf Pamba. Zwei blonde, blauäugige Barbaren ergriffen den Greis. »Du lügst, du Gotteslästerer!« schrie Pamba triumphierend. »Du mordest uns für unseren Christenglauben! Warum begnadigst du mich nicht, wie einst den blinden Bischof Maris von Chalkedon? Warum verdeckst du nicht, wie es sonst deine Gewohnheit ist, die Gewalt mit Wohlwollen, den Angelhaken mit einem Köder? Wo bleibt deine Philosophie? Sind denn die Zeiten anders? Bist du vielleicht doch zu weit gegangen? – Brüder, fürchten wir uns nicht vor dem römischen Kaiser, sondern nur vor Gott im Himmel! ...« Niemand dachte jetzt mehr an Flucht. Die Dulder steckten einander mit ihrer Furchtlosigkeit an. Die Bataver und Kelten erschraken vor dieser Freude am Sterben, vor diesen milden, lächelnden und wahnsinnigen Gesichtern, selbst Kinder stürzten sich gegen die Schwerter und Lanzen. Julianus wollte der Metzelei ein Ende machen, es war aber zu spät: »die Bienen hatten den Honig gerochen«. Er rief nur voller Verzweiflung und Verachtung aus: »Elende! Wenn ihr lebensmüde seid, so wäre es einfacher, einen Strick zu nehmen, oder sich in einen Abgrund zu stürzen! ...« Pamba, den man gefesselt abführte, schrie immer freudiger: »Mordet uns, mordet uns, ihr Römer, damit unser immer mehr werden! Die Ketten sind unsere Freiheit, die Schwäche ist unsere Kraft, der Tod ist unser Sieg!« XII. Vierzig Stadien von Antiochia entfernt lag am Flusse Orontes der berühmte, dem Apollo geweihte Hain der Daphne. Die Dichter erzählten: Einst war eine keusche Nymphe vor den Nachstellungen Apollos vom Gestade des Peneus geflohen; beim Orontes blieb sie erschöpft stehen, während sie der Gott bereits einholte. Sie betete zu ihrer Mutter, der Göttin Latona, und diese bewahrte sie vor der Umarmung des Sonnengottes, indem sie sie in einen Lorbeerbaum – Daphne – verwandelte. Seit jener Zeit liebt Apollo Daphne mehr, als alle anderen Bäume; mit dem stolzen Laube des Lorbeerbaumes, das für die Sonnenstrahlen stets undurchdringlich bleibt und von ihnen doch immer liebkost wird, umwindet er seine Leier und seine Locken. Phöbus besucht oft den dichten Lorbeerhain im Tale des Orontes, den Ort, wo sich die Verwandlung Daphnes vollzogen hat; er trauert und atmet den Duft des dunklen Laubes ein, das von der Sonne erwärmt, doch nie besiegt wird, das geheimnisvoll und selbst im hellen Mittagslichte traurig bleibt. Hier wurde ihm ein Tempel errichtet; jährlich feierten hier die Menschen eine Panegyris zu Ehren des Sonnengottes. Julianus hatte Antiochia in einer frühen Morgenstunde verlassen, ohne jemand davon zu benachrichtigen: er wollte erfahren, ob die Antiochier sich noch an das heilige Fest Apollos erinnerten. Unterwegs dachte er an das bevorstehende Fest und hoffte, große Scharen von Pilgern anzutreffen, Chöre zu Ehren des Sonnengottes zu hören, Trankopfer, Opferrauch, Jünglinge und Jungfrauen, die in weißen Gewändern, dem Symbol der keuschen Jugend, die Stufen zum Tempel hinaufsteigen, zu sehen. Der Weg war beschwerlich. Von den steinigen Tälern der Chalybonischen Beröa kam stoßweise ein heißer Wind. Die Luft war mit dem scharfen Qualm eines Waldbrandes erfüllt; aus den bewaldeten Klüften des Berges Kasios stieg ein blauer Hauch empor. Der Staub reizte die Augen und die Kehle und knirschte unter den Zähnen. Das Sonnenlicht erschien durch den rauchigen, heißen Dunst hindurch trübrot und krank. Kaum betrat aber der Kaiser den geheimnisvollen Hain des Daphnischen Apollos, als ihn wohlduftende Frische umfing. Der Hain maß achtzig Stadien im Umfange. Unter dem undurchdringlichen Blätterdache der riesenhaften Lorbeerbäume, die viele Jahrhunderte alt waren, herrschte ewiges Dunkel. Der Kaiser erstaunte, da er weder Pilger, noch Opfer und Weihrauch, noch irgendwelche Vorbereitungen sah. Er sagte sich, daß das Volk sich bereits im Tempel befinde, und ging weiter. Mit jedem Schritte wurde es aber einsamer. Kein Laut störte die seltsame Stille; es war wie auf einem Friedhofe. Man hörte selbst keine Vögel; der Schatten der Lorbeerbäume war ihnen zu düster, und sie kamen fast nie in den Hain. Im Grase begann eine Zikade zu zirpen, aber sie verstummte, gleichsam von ihrer eigenen Stimme erschreckt. Nur in einen schmalen Sonnenstreifen, der durch die Äste drang, summten die Insekten schläfrig und leise ihr Mittagslied; sie wagten aber nicht, aus der Sonne in den Schatten zu fliegen. Julianus stieß zuweilen auf etwas breitere Alleen, die von zwei schwarzsamtenen, titanischen Mauern aus uralten Zypressen eingefaßt waren; die Bäume warfen einen Schatten vor sich hin, der schwarz wie der Schatten der Nacht war. Ein süßer, unheildrohender Duft entstieg diesen Bäumen. Hie und da sickerten durch das weiche Moos unterirdische Gewässer. Überall gab es Quellen, kalt wie eben geschmolzener Schnee, doch stumm und traurig, wie alles in diesem Haine. Aus einer moosumwachsenen Felsspalte fielen langsame, durchsichtige Tropfen. Das tiefe Moos dämpfte aber ihren Fall, und sie waren stumm, wie die Tränen der stummen Liebe. Es gab auch Wiesen mit wildwachsenden Narzissen, Margeriten und Lilien. Über den Blumen schwärmten Falter, die jedoch nicht bunt, sondern schwarz waren. Strahlen der Mittagssonne, die mit großer Mühe durch das Laub des Lorbeers und der Cypressen drangen, wurden bleich wie Mondlicht und traurig, als ob sie durch einen schwarzen Schleier oder den Rauch von Begräbnisfackeln schienen. Gott Phöbus schien durch den unstillbaren Gram um Daphne, die unter den heißesten Küssen der Sonne finster und undurchdringlich blieb und unter ihren Zweigen eine nächtliche Dämmerung und Kühle bewahrte, für ewig verblaßt zu sein. Im Haine herrschten Einsamkeit, Stille und die süße Trauer des verliebten Gottes. Julianus sah bereits die blendend weißen, majestätischen Marmorsäulen und Stufen des Daphnischen Tempels, der noch zur Zeit der Diadochen erbaut worden war, zwischen den Cypressen hindurchschimmern; er hatte aber noch immer keine Menschenseele angetroffen. Endlich erblickte er einen Knaben, der auf einem dicht mit Hyazinthen überwucherten Pfade ging. Es war ein schwächliches und, wahrscheinlich, auch krankes Kind; die schwarzen, leuchtenden Augen standen seltsam in dem blassen Gesicht von alter, echt hellenischer Schönheit. Das goldige Haar fiel in weichen Locken auf den schlanken Hals herab; an den Schläfen traten hellblaue Adern hervor, wie an den allzu durchsichtigen Blättern der im Schatten wachsenden Blumen. »Weißt du nicht, mein Kind, wo das Volk und die Priester sind?« fragte Julianus. Das Kind antwortete nicht, als ob es die Frage gar nicht gehört hätte. »Hör einmal, Knabe, kannst du mich nicht zum Oberpriester des Apollo führen?« Der Knabe schüttelte stumm den Kopf und lächelte. »Was hast du? Warum antwortest du nicht?« Der schöne Knabe zeigte zuerst auf seine Lippen, dann auf seine beiden Ohren und schüttelte wieder, jedoch ohne noch zu lächeln, den Kopf. Julianus dachte sich: er ist wohl taubstumm. Der Knabe legte einen Finger an die blassen Lippen und blickte den Kaiser mißtrauisch an. »Ein böses Vorzeichen!« flüsterte Julianus vor sich hin. Die Stille, die Einsamkeit und das Dunkel des Apollohaines und dieser taubstumme Knabe, der ihm unverwandt und geheimnisvoll in die Augen starrte und schön war, wie ein kleiner Gott, kamen dem Kaiser beinahe unheimlich vor. Endlich wies der Knabe auf einen Greis, der eben unter den Räumen vorbeischritt; an seinem geflickten und schmierigen Gewande erkannte Julianus in ihm einen Priester. Der gebrechliche, gebeugte Greis schwankte hin und her wie ein Betrunkener, lachte und murmelte etwas vor sich hin. Er hatte eine rote Nase, eine große, spiegelblanke Glatze, die von kleinen, grauen Löckchen umrahmt war; diese waren leicht und flockig und standen wie Vogelflaum aufrecht. Die kurzsichtigen, tränenden Augen drückten List und Gutmütigkeit aus. Er trug einen ziemlich großen Weidenkorb. »Ein Priester Apollos?« fragte Julianus. »Ja, das bin ich! Ich heiße Gorgius. Was suchst du aber hier, lieber Freund?« »Kannst du mir nicht sagen, wo ich den Oberpriester des Tempels und die Pilger finde?« Gorgius gab zuerst keine Antwort. Er setzte seinen Korb auf die Erde, rieb sich eifrig mit der Handfläche die Glatze; schließlich stemmte er beide Arme in die Hüften, neigte den Kopf etwas zur Seite und kniff das linke Auge schelmisch zusammen. »Warum sollte ich nicht selbst der Oberpriester Apollos sein?« sagte er gedehnt. »Von welchen Pilgern redest du übrigens, mein Sohn? Die Olympier mögen dir gnädig sein!« Er roch wie ein Weinfaß. Julianus, dem dieser Oberpriester mißfiel, wollte ihm einen Verweis wegen seines unpassenden Aussehens erteilen. »Du bist wohl betrunken, Alter? ...« Dies machte jedoch auf Gorgius nicht den geringsten Eindruck; er rieb sich noch eifriger seine Glatze und kniff das linke Auge noch schelmischer zusammen. »Betrunken bin ich eigentlich nicht. Aber so an die fünf Becher habe ich mir wegen des Festes genehmigt! ... Und dies auch noch mehr aus Kummer als aus Freude. – So so, mein Sohn, – mögen dir die Olympier gnädig sein! ... Wer bist du aber selbst? Deiner Kleidung nach zu urteilen, ein wandernder Philosoph, oder vielleicht ein Schullehrer aus Antiochia?« Der Kaiser lächelte und nickte. Er wollte den Priester unerkannt ausfragen. »Du hast es erraten. Ich bin ein Schullehrer.« »Ein Christ?« »Nein, ein Hellene.« »Das ist gut – es schleicht hier soviel von diesem gottlosen Gesindel herum ...« »Du hast mir noch immer nicht gesagt, Alter, wo das Volk ist. Hat man dir aus Antiochia viele Opfer geschickt? Sind die Chöre bereit?« »Opfer? Was dir nicht einfällt!« kicherte der Alte, vor Erstaunen beinahe umfallend. »Nein, mein Lieber, Opfer haben wir seit langer Zeit nicht mehr gesehen, seit den Tagen Konstantins! ...« Gorgius winkte hoffnungslos mit der Hand und pfiff. »Es versteht sich ja von selbst! Die Menschen haben die Götter vergessen ... Von Opfertieren gar nicht zu reden, oft fehlt uns selbst eine Handvoll Opfermehl, um dem Gott einen Fladen zu backen; wir haben kein Körnchen Weihrauch, keinen Tropfen Lampenöl; und wenn du auch stirbst, bekommst du keins! – So ist es, mein Sohn, – die Olympier mögen dir gnädig sein! Alles haben uns die Mönche weggenommen. Und dabei sind sie noch frech und übermütig vor Fett ... Unser Lied ist aus! Die Zeiten sind schlecht ... Du sagst aber, ich soll nicht trinken, wie soll man nicht vor Kummer trinken, Verehrtester? Ohne Wein hätte ich mich schon längst erhängt! ...« »Ist denn zum großen Fest niemand von den Hellenen gekommen?« fragte Julianus. »Niemand außer dir, mein Sohn! Ich bin der Priester, du bist die Gemeinde. So wollen wir zusammen das Opfer darbringen.« »Du sagtest doch eben, du hättest kein Opfertier?« Gorgius betätschelte wieder seine Glatze und sagte: »Ich habe zwar kein fremdes, dafür aber ein eigenes. Ich habe selbst dafür gesorgt! Ich und Euphorion« – er wies auf den taubstummen Knaben hin – »haben drei Tage lang gehungert und uns das Geld zu einem Opfer für Apollo vom Munde abgespart. Sieh nur her!« Er lüftete etwas den Deckel des Weidenkorbes: eine gefesselte Gans steckte sofort den Kopf heraus und schnatterte. »Ist es denn kein anständiges Opfer?« kicherte der Alte selbstbewußt. »Die Gans ist zwar weder jung, noch besonders fett, immerhin aber ein gutes, heiliges Opfertier. Die wird gebraten gut riechen. Der Gott muß bei den jetzigen Zeiten auch damit zufrieden sein! ... Die Götter schätzen gebratene Gänse über alles!« fügte er, seine Augen wieder zusammenkneifend, hinzu. »Wie lange bist du Priester?« fragte Julianus. »Seit langem. Es sind schon vierzig Jahre, vielleicht auch mehr.« »Ist es dein Sohn?« fragte Julianus, auf Euphorion hinweisend, der ihn die ganze Zeit über aufmerksam und nachdenklich betrachtet hatte, als ob er erraten wolle, worüber sie sich unterhielten. »Nein, es ist nicht mein Sohn. Ich bin allein, habe weder Kinder, noch Verwandte. Euphorion hilft mir nur beim Gottesdienste.« »Wer sind denn seine Eltern?« »Seinen Vater kenne ich nicht; ich zweifle auch, ob ihn überhaupt jemand kennt, seine Mutter war aber die große Sibylle Diotime, die viele Jahre lang bei diesem Tempel gelebt hat. Sie sprach mit niemandem ein Wort, entschleierte sich nie vor einem Manne, war keusch wie eine Vestalin. Als sie ein Kind gebar, waren wir alle erstaunt und wußten nicht, was wir uns denken sollten. Aber ein weiser, alter Hierophant, der über hundert Jahre alt war, hat uns erklärt ...« Gorgius hielt sich mit geheimnisvoller Miene die Hand vor den Mund und fuhr im Flüstertone fort, als ob es der Knabe hören könnte: »Der Hierophant hat uns erklärt, daß der Knabe kein Sohn eines Menschen, sondern eines Gottes sei. Der Gott sei nachts heimlich in die Arme der Sibylle, während sie im Tempel schlief, herabgestiegen. – Siehst du, wie schön er ist!« »Der Taubstumme – der Sohn eines Gottes?« fragte der Kaiser erstaunt. »Warum denn nicht?« entgegnete Gorgius. »wenn der Sohn eines Gottes und einer Prophetin nicht taubstumm wäre, so müßte er bei den jetzigen Zeiten vor Kummer sterben. Du siehst ja, wie blaß und schwächlich er ist ...« »Wer weiß?« flüsterte Julianus traurig lächelnd, »vielleicht hast du auch recht, Alter: heutzutage wäre es für einen Propheten besser, taubstumm zu sein ...« Der Knabe näherte sich plötzlich Julianus, sah ihm mit einem tiefen, seltsamen Blicke in die Augen, ergriff schnell seine Hand und küßte sie. Julianus fuhr zusammen. »Mein Sohn!« sprach der Greis mit feierlichem und freudigem Lächeln, »die Olympier mögen dir gnädig sein! Du bist wohl ein guter Mensch. Mein Knabe würde nie einen Bösen oder Gottlosen küssen. Die Mönche flieht er aber wie die Pest. Mir scheint immer, er sieht und hört mehr, als wir beide; nur kann er es nicht sagen. Es ist schon vorgekommen, daß ich ihn allein im Tempel getroffen habe; stundenlang sitzt er vor der Statue Apollos und sieht den Gott so an, als ob er mit ihm spräche ...« Euphorions Gesicht verfinsterte sich; er ging leise zur Seite. Gorgius schlug sich ärgerlich mit der Handfläche auf die Glatze, schüttelte sich und sagte: »Wir haben übrigens genug geplaudert! Die Sonne steht schon hoch. Es ist Zeit, das Opfer darzubringen. Wollen wir gehen.« »Warte noch, Alter,« sagte der Kaiser, »ich wollte dich noch nach Einem fragen: hast du schon etwas davon gehört, daß der Augustus Julianus die Verehrung der alten Götter wieder einführen wolle?« »Gewiß habe ich es gehört!« Der Priester schüttelte den Kopf und winkte wegwerfend mit der Hand. »Das bringt der Arme nie fertig! ... Es kann dabei doch nichts herauskommen. Dummheiten! Ich sage dir ja, das Lied ist aus!« »Du glaubst doch an die Götter,« entgegnete Julianus; »können denn die Olympier die Menschen für immer verlassen?« Der Alte seufzte schwer auf und ließ den Kopf sinken. Endlich sagte er: »Mein Sohn, du bist noch jung, obwohl in deinen Haaren ein frühzeitiges Grau schimmert und deine Stirne Runzeln durchfurchen; doch schon in jenen Tagen, als mein silberweißes Haar noch schwarz war und die jungen Mädchen sich nach mir umsahen, geschah folgendes: Wir fuhren einst auf einem Schiffe in der Nähe von Thessalonich und erblickten vom Meere aus den Olymp; die Sohle und die Mitte des Berges waren von Nebel verhüllt, seine schneebedeckten Gipfel hingen aber in der Luft; in der Pracht des Himmels und des Meeres schwebten sie strahlend und unerreichbar über den Nebeln! Ich dachte mir: Hier wohnen die Götter! Und eine tiefe Rührung und Andacht ergriffen mich. Auf dem gleichen Schiffe fuhr aber ein Greis, der ein böser Spötter war und sich als Epikureer bezeichnete. Er wies auf den Berg hin und sprach: ›Meine Freunde, es sind schon viele Jahre her, seit Reisende zuerst den Gipfel des Olymps bestiegen haben, sie sahen, daß es ein ganz gewöhnlicher Berg ist, der sich in keiner Weise von den anderen Bergen unterscheidet. Denn es gibt dort nichts als Eis, Schnee und Stein.‹ So sprach er, und diese Worte drangen so tief in meine Seele ein, daß ich mich ihrer immer und immer wieder erinnern muß ...« Der Kaiser lächelte. »Alter, dein Glaube ist kindlich. Wenn es auf dem Olymp keine Götter gibt, warum sollten sie denn nicht noch höher, im Reiche der ewigen Ideen, im Reiche des geistigen Lichtes wohnen?« Gorgius ließ seinen Kopf noch tiefer hängen und kratzte sich hoffnungslos seine Glatze. »Ja, das mag ja alles stimmen ... Und doch – das Lied ist aus. Der Olymp ist leer geworden!« Julianus blickte ihn schweigend und erstaunt an. »Siehst du,« fuhr Gorgius fort, »die Erde gebiert heute ebenso schwache, wie grausame Menschen; die Götter können ihnen nicht ernstlich zürnen, sie können sie nur verhöhnen; es verlohnt sich nicht einmal, sie zu vernichten: sie werden schon selbst an ihren Krankheiten, Lastern und Sorgen zugrunde gehen. Die Götter sind der Menschen überdrüssig geworden und haben sich daher zurückgezogen ...« »Glaubst du, Gorgius, daß das Menschengeschlecht untergehen muß?« Der Priester sagte kopfschüttelnd: »Ach ja, mein Sohn, – die Olympier mögen dir gnädig sein! – Alles wird kleinlicher, alles verfällt. Die Erde wird alt. Die Flüsse fließen langsamer. Die Frühlingsblumen duften nicht mehr so stark wie einst. Neulich erzählte mir ein alter Schiffer, daß man bei Sizilien den Ätna vom Meere aus nicht mehr auf die gleiche Entfernung sehen könne, wie vor Jahren; die Luft ist dicker und dunkler, die Sonne trüber geworden ... Das Ende der Welt naht ...« »Sage mir, Gorgius, hast du schon bessere Zeiten erlebt?« Der Alte wurde lebhaft und seine Augen erstrahlten im Lichte der Erinnerungen. »Als ich noch in den ersten Regierungsjahren des Kaisers Konstantin hierher kam,« sagte er freudig erregt, »wurden hier noch jährlich die großen Panegyrien zu Ehren Apollos gefeiert. Wie viele verliebte Jünglinge und Mädchen kamen dann in diesen Hain! Wie hell schien dann der Mond, wie stark dufteten die Cypressen, wie süß sangen die Nachtigallen! Wenn ihr Gesang verklungen war, erzitterte die Luft von den nächtlichen Küssen und Liebesseufzern, wie vom Rauschen unsichtbarer Flügel ... Ja, es waren andere Zeiten!« Er verstummte traurig und nachdenklich. In diesem Augenblicke hörte man hinter den Bäumen ganz deutlich die traurige Melodie eines Kirchenliedes. »Was ist das?« fragte Julianus. »Es sind die Mönche: täglich beten sie hier über den Gebeinen eines toten Galiläers ...« »Wie? Hier, im heiligen Haine Apollos liegt ein toter Galiläer?« »Ja. Sie nennen ihn den Märtyrer Babylas. Vor zehn Jahren brachte Cäsar Gallus, der Bruder des Kaisers Julianus, die Gebeine Babylas aus Antiochia in den Hain der Daphne, wo er für sie einen prunkvollen Sarkophag errichtete. Seit jenem Tage sind die Prophezeiungen verstummt: der Gott hat seinen entweihten Tempel verlassen ...« »Welche Gotteslästerung!« rief der Kaiser aus. »Im gleichen Jahre,« fuhr der Alte fort, »gebar die jungfräuliche Sibylle Diotime einen taubstummen Sohn; das war ein böses Vorzeichen. Auf den Kastalischen Quell wälzten sie einen Stein; das Wasser versiegte und verlor die prophetische Kraft. Nur eine einzige Quelle, die wir die ›Sonnenträne‹ nennen, ist uns noch erhalten; siehst du, dort, wo jetzt mein Knabe sitzt, sickern die Tropfen aus dem moosbewachsenen Gestein. Man sagt, daß es die Tränen Apollos seien, der hier die in den Lorbeerbaum verwandelte Nymphe beweint ... Euphorion verbringt hier ganze Tage.« Julianus sah hin. Unter dem moosbewachsenen Felsen saß der Knabe regungslos und fing die Tropfen mit der hohlen Hand auf. Ein Sonnenstrahl drang durch das Laub und funkelte in den langsam herabfallenden reinen und stillen Tränen. Seltsame Schatten regten sich um ihn; Julianus glaubte plötzlich auf dem Rücken des Knaben, der schön wie ein Gott war, zwei durchsichtige Flügel zittern zu sehen. Das Kind war so blaß, so traurig und so schön, daß dem Kaiser der Gedanke kam: »Es ist Eros selbst, der kleine, alte Liebesgott, der in unserem Zeitalter des galiläischen Trübsinns dahinsiecht und stirbt. Er sammelt die letzten Tränen der Liebe, die Tränen des Gottes um Daphne, um die verlorene Schönheit.« Der Taubstumme saß unbeweglich; ein großer, schwarzer Schmetterling, der zarte Schatten des Todes, hatte sich auf seinem Kopfe niedergelassen. Er fühlte ihn aber nicht und bewegte sich nicht. Der Schmetterling flatterte unheilverkündend über seinem gesenkten Kopfe. Die goldenen Tränen der Sonne fielen langsam, eine nach der anderen in seine Hand, und über ihm schwebten die traurigen und hoffnungslosen Töne des Kirchengesanges immer stärker und stärker, immer näher und näher. Plötzlich erklangen hinter den Cypressen ganz nahe neue Stimmen: »Der Augustus ist hier! ...« »Wozu sollte er allein zum Haine der Daphne kommen?« »Wie? Heute sind doch die großen Panegyrien Apollos. – Seht, da ist er ja! – Julianus, wir suchen dich seit dem frühen Morgen!« Es waren die griechischen Sophisten, Gelehrte und Rhetoren, die gewöhnlichen Begleiter Julianu; hier war der große Faster, der Neopythagoreer Priscus aus Epirus, der gallige Skeptiker Junius Mauricus, der weise Sallustius Secundus, und der ehrgeizigste unter allen Menschen, der berühmte antiochische Rhetor Libanius. Augustus schenkte ihnen aber keine Beachtung und begrüßte sie nicht einmal. »Was hat er denn?« flüsterte Junius dem Priscus ins Ohr. »Er zürnt wohl, daß zum Feste nichts vorbereitet worden ist. Wir haben es ja ganz vergessen! Kein einziges Opfertier ...« Julianus wandte sich an den ehemaligen christlichen Rhetor und nunmehrigen Hohenpriester der Astarte, Hecebolius: »Geh in die nahe Kapelle und sage den Galiläern, die dort über den Gebeinen beten, daß sie herkommen möchten.« Hecebolius ging zu der Kapelle, die hinter den Bäumen lag, von wo der Kirchengesang tönte. Gorgius, den Korb mit der Gans in der Hand, stand regungslos da, mit weit aufgerissenem Mund und mit stieren Augen. Ab und zu rieb er sich verzweifelt seine Glatze. Er glaubte, etwas zuviel getrunken zu haben und alles im Traume zu sehen. Als ihm einfiel, was er nicht alles diesem »Schullehrer« über den Augustus Julianus und die Götter erzählt hatte, trat ihm kalter Schweiß in die Stirne. Vor Entsetzen zitterten ihm die Beine und er fiel in die Knie. »Gnade, Cäsar! Denke nicht an meine frechen Reden ... ich wußte nicht ...« Einer der Philosophen wollte, dienstfertig wie er war, den Alten wegstoßen und schrie ihn an: »Mach daß du fortkommst, Dummkopf! Was belästigt du den Kaiser?« Julianus verwehrte es ihm aber und sagte: »Beleidige nicht den Priester! – Stehe auf, Gorgius. Hier hast du meine Hand. Fürchte nicht. Solange ich lebe, wird man dir und deinem Knaben kein Haar krümmen. Wir sind beide zu den Panegyrien gekommen, wir lieben beide die alten Götter; laß uns also Freunde sein und das Fest des Sonnengottes mit freudigem Herzen begehen!« Der Kirchengesang verstummte. In der Cypressenallee erschienen blasse, erschrockene Mönche, Diakonen und der Geistliche selbst, der noch seinen Ornat anhatte. Hecebolius führte sie. Der Presbyter, ein wohlbeleibter Mann mit glänzendem, kupferrotem Gesicht, watschelte wie eine Gans, keuchte, prustete und wischte sich den Schweiß aus der Stirne. Vor Julianus blieb er stehen, machte eine tiefe Verbeugung, berührte mit der Hand die Erde und sagte mit einer singenden, angenehmen, tiefen Stimme, wegen der ihn seine Pfarrkinder besonders schätzten: »Der allergnädigste Augustus sei seinen unwürdigen Knechten gnädig!« Er verneigte sich noch tiefer, und als er sich keuchend wieder aufrichtete, halfen ihm dabei von beiden Seiten zwei junge, flinke Novizen, die einander zum Verwechseln ähnlich sahen; beide waren lang und dürr und hatten wachsgelbe, lange Gesichter. Der eine von ihnen hatte noch sein Räucherfaß in der Hand, aus dem eine dünne Rauchsäule emporstieg. Als Euphorion die Mönche aus der Ferne bemerkte, lief er eilig davon. Julianus sagte: »Galiläer! Ich befehle euch, bis morgen nacht den heiligen Hain Apollos von dem Totengebein zu säubern. Wir wollen vorläufig keine Gewalt anwenden; wenn aber unser Wille nicht erfüllt wird, werden wir selbst dafür sorgen, daß Helios von der entweihenden Nähe einer galiläischen Leiche befreit wird: ich werde meine Soldaten herschicken, damit sie die Gebeine ausgraben, verbrennen und ihre Asche in alle Winde streuen. So ist unser Wille, Bürger!« Der Presbyter hüstelte devot, indem er sich den Mund mit der Hand verdeckte, und sagte schließlich mit demütiger Stimme: »Allergnädigster Cäsar! Dies ist für uns sehr betrübend, denn die heiligen Reliquien ruhen hier seit vielen Jahren nach dem Willen des Cäsars Gallus. Es geschehe aber dein Wille; ich will es dem Bischof melden.« In der Menge ließ sich ein Murren vernehmen. Ein Gassenjunge verkroch sich in das Dickicht und sang das Spottlied: Der Metzger kommt, Der Metzger kommt, Mit scharfem Beil, Mit langem Bart, Mit schwarzem Fell, Mit langem Fell, Mit einem Ziegenbart, Draus einen Strick er flicht ... Jemand versetzte aber dem Gassenjungen eine solche Ohrfeige, daß er heulend davonlief. Der Presbyter glaubte, daß es der Anstand erheische, für die Reliquien etwas energischer einzutreten; er hüstelte wieder demütig und begann von neuem: »Wenn deine Weisheit geruht, es in Anbetracht des Götzen ...« Er verbesserte sich sofort: »Des hellenischen Gottes Helios ...« Die Augen des Kaisers funkelten zornig. »Ja, des Götzen! So sprecht ihr. Ihr haltet uns doch wirklich für Narren, wenn ihr behauptet, daß wir nur den Stoff der Götzenbilder – Kupfer, Stein oder Holz vergöttern. Alle eure Prediger bemühen sich, die anderen und sich selbst davon zu überzeugen. Es ist aber eine schamlose Lüge! Wir verehren weder den toten Stein, noch das Kupfer oder das Holz, sondern den Geist, den lebenden Geist der Schönheit, der auf unseren Götterbildern, den Mustern der reinsten göttlichen Schönheit ruht. Nicht wir sind Götzendiener, sondern ihr, die ihr euch wie Tiere wegen der Worte όμοούσιος und όμοιούσιος, wegen eines einzigen Jotas zerfleischt, ihr, die ihr die faulen Knochen der wegen Verletzung der römischen Gesetze hingerichteten Verbrecher küßt und den Brudermörder Constantius – ›Heiligkeit‹ und ›Ewigkeit‹ nennt! Ist es denn nicht vernünftiger, ein herrliches Werk des Phidias anzubeten, als sich vor zwei kreuzweise übereinandergelegten Balken, vor einem schändlichen Marterwerkzeuge zu verbeugen? Soll ich für euch erröten, euch bemitleiden oder euch hassen? Das ist doch wirklich der Gipfel von Wahnsinn und Ruhmlosigkeit, wenn die Nachkommen der Hellenen, die den Plato und Homer lesen, – o Schmach und Schande! – zu einem verworfenen Volke, das Vespasianus und Titus beinahe ausgerottet haben, laufen, um einen toten Juden anzubeten! ... Und ihr wagt es noch, uns Götzendiener zu nennen!« Der Presbyter kämmte sich während dieser Rede mit den fünf Fingern seinen weichen, schwarzen hie und da wie Silber schimmernden Bart, wischte sich die großen Schweißtropfen aus seiner breiten, glänzenden Stirne und schielte ermüdet und gelangweilt auf Julianus. Der Kaiser wandte sich an den Philosophen Priscus: »Mein Freund, du kennst doch die alten hellenischen Gebräuche; vollführe die Mysterien von Delos, die notwendig sind, um den Tempel von der entweihenden Nähe der Totengebeine zu reinigen. Lasse auch den Stein vom Kastalischen Quell entfernen, damit der Gott in sein Haus zurückkehre und die alten Prophezeiungen sich wieder erneuern.« Der Presbyter schloß die Unterredung mit einer tiefen Verbeugung und demütigen Worten, in denen man aber einen unbesiegbaren Eigensinn erkennen konnte. »Dein Wille geschehe, mächtigster Augustus! Wir sind Kinder, du bist der Vater. In der heiligen Schrift heißt es: »›Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott.‹« »Ihr Heuchler!« rief der Kaiser aus. »Ich kenne zu gut eure Demut und euren Gehorsam. Erhebt euch doch gegen mich und kämpft wie Menschen! Eure Demut ist euer Schlangenstachel. Ihr verwundet denjenigen, vor dem ihr im Staube kriecht. Wahr hat über euch euer eigener Meister, der Galiläer, geredet: ›Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflats!‹ Wahrlich, ihr habt die Welt mit übertünchten Gräbern und mit Unflat angefüllt! Ihr kniet vor den Totenbeinen nieder und erwartet von ihnen eure Rettung; ihr nährt euch wie die Grabwürmer von Verwesung. Hat euch das Jesus gelehrt? Hat er euch geboten, eure Brüder, die ihr Ketzer nennt, zu hassen, nur weil sie etwas anders glauben als ihr? – So vernehmt denn aus meinem Munde die Worte des Gekreuzigten: Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte, wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?« Er wandte sich zum Gehen, als plötzlich ein Greis und eine Greisin aus der Menge hervortraten und vor ihm in die Knie fielen. Beide waren ärmlich, doch sauber gekleidet und sahen einander auffallend ähnlich. Mit ihren frischen und hübschen Gesichtern, die einen rührend kindlichen Zug hatten, und mit den Runzeln, die wie Strahlen ihre gutmütigen, halb erblindeten Augen umgaben, erinnerten sie an Philemon und Baucis. »Schütze uns, gerechter Cäsar!« begann der Alte eilig zu stammeln. »In der Vorstadt, am Fuße des Staurinus besitzen wir ein Häuschen, wir lebten da zwanzig Jahre, haben niemanden etwas Böses getan und waren immer fromm und gottesfürchtig. Neulich kamen aber die Decurionen ...« Der Alte schlug in seiner Verzweiflung die Hände zusammen, und die Alte tat sofort das gleiche: sie ahmte unwillkürlich jede seiner Bewegungen nach. »Die Decurionen kamen also und sagten: Das Haus gehört nicht euch. – Wieso gehört es nicht uns? Gott sei mit euch! Wir leben schon seit zwanzig Jahren da. – Ja, es ist eben ungesetzlich: der Grund gehört dem Gotte Aesculapius, und das Fundament des Hauses besteht aus den Steinen seines Tempels. Man wird euch euren Besitz nehmen und dem Gotte zurückgeben. – Was soll das nun heißen? Erbarme dich unser, Vater! ...« Die beiden Alten knieten vor ihm, reinlich gekleidet, sanft und lieblich wie Kinder, und küßten unter Tränen seine Füße. Julianus bemerkte am Halse der Alten ein Kreuzchen aus Bernstein. »Seid ihr Christen?« »Ja.« »Ich möchte wirklich gerne eure Bitte erfüllen. Was kann ich aber machen? Grund und Boden gehören dem Gott. Ich werde übrigens befehlen, daß man euch den Geldwert des Besitzes ersetzt.« »Nein, das wollen wir nicht!« flehten die Alten. »Es handelt sich nicht um das Geld; wir sind an diese Stelle gewöhnt. Da ist alles unser, wir kennen jeden Grashalm! ...« »Da ist alles unser,« wiederholte die Alte wie ein Echo, »unser Weingarten, unsere Olivenbäume, Hühner, Kuh und Schweine, alles gehört uns. Da ist auch eine Steinbank, auf der wir seit zwanzig Jahren in der Abendsonne zu sitzen pflegen, um unsere alten Knochen zu wärmen ...« Der Kaiser wandte sich, ohne auf die Alte zu hören, an die erschrockene Volksmenge im Hintergrunde: »In der letzten Zeit belästigen mich die Galiläer mit immerwährenden Bitten um Zurückgabe der kirchlichen Ländereien. So beschweren sich die Valentianer aus Edessa über die Arianer, die ihnen angeblich Kirchengüter weggenommen haben. Um diesen Streitigkeiten ein Ende zu machen, haben wir einen Teil des strittigen Besitzes den gallischen Veteranen verliehen und den Rest für den Fiskus eingezogen. So wollen wir auch in der Zukunft verfahren. Ihr werdet mich fragen: nach welchem Recht? Sagt ihr aber nicht selbst, daß ein Kamel eher durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher ins Reich Gottes kommt? Ihr seht, daß ich euch helfen will, diesem so schweren Gebot nachzukommen. Wie es aller Welt bekannt ist, schätzt ihr, Galiläer, am höchsten die Armut. Warum empört ihr euch dann gegen mich? Wenn ich euch den Besitz, den ihr bei euren eigenen Brüdern, den Ketzern, oder aus den hellenischen Tempeln geraubt habt, wegnehme, so bringe ich euch nur auf den Weg der heilsamen Armut, der doch ins Himmelreich führt, zurück ...« Ein böses Lächeln verzerrte seine Lippen. »Wir werden ungesetzlich verfolgt!« stöhnten die Alten. »Nun, ihr müßt diese Verfolgung eben ertragen!« erwiderte Julianus. »Ihr müßt euch über alle Verfolgungen und Beleidigungen freuen, wie es euch euer Jesus gelehrt hat: ›Dieser Zeit Leiden sind der Herrlichkeit nicht wert, die an uns soll offenbart werden!‹ ...« Der Alte war auf solche Beweisführung nicht vorbereitet; er verlor ganz seine Fassung und lallte beinahe hoffnungslos: »Augustus, wir sind deine getreuen Knechte! Mein Sohn dient dir als Gehilfe des Strategen in einer entfernten Garnison an der römischen Grenze, und seine Vorgesetzten sind mit ihm zufrieden ...« »Ist er auch Galiläer?« unterbrach ihn Julianus. »Ja.« »Nun, es ist gut, daß du mich selbst darauf aufmerksam machst: von heute ab dürfen die Galiläer, unsere offenbaren Feinde, keine höheren Ämter im Reiche, besonders aber keine militärischen, bekleiden. Auch in diesem Punkte, wie in vielen anderen, stimme ich mit eurem Meister mehr überein, als ihr selbst. Ist es denn gerecht, daß die römischen Gesetze von Menschen gehandhabt werden, die Jünger des Mannes sind, der da sagte: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet?‹ Oder daß die Christen von uns das Schwert zum Schutze des Reiches empfangen, während euer Meister warnt: ›Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen?‹ Und an einer anderen Stelle heißt es ebenso deutlich: ›Widersetze dich dem Bösen nicht mit Gewalt?‹ Wir sind um das Seelenheil der Galiläer besorgt und entziehen ihnen daher die römische Gerichtsbarkeit und das römische Schwert, damit sie, wehrlos und schutzlos und allem Irdischen fremd, um so leichter ins Himmelreich kommen können! ...« Stumm in sich hinein lachend und so seinen Haß stillend, wandte er sich von ihnen ab und ging mit schnellen Schritten zum Apollotempel. Die beiden Alten streckten nach ihm die Arme aus und weinten: »Cäsar, Gnade! Wir wußten nicht ... Nimm uns unser Häuschen und unser Land, nimm alles, was wir besitzen, begnadige aber unsern Sohn! ...« Die Philosophen wollten mit dem Kaiser in den Tempel treten. Er verwehrte es ihnen aber mit einer Handbewegung. »Ich bin allein zum Fest gekommen und werde auch allein mein Opfer darbringen.« »Treten wir ein,« wandte er sich an den Priester, »Sperre die Türe ab, damit niemand hereinkommt. Procul este profani!– Die Ungeweihten mögen sich entfernen!« Die Türe wurde den Philosophen vor der Nase zugeschlagen. »Ungeweihte! Wie gefällt es euch?« fragte Gargilianus verdutzt. Libanius zuckte schweigend mit den Achseln und machte ein finsteres Gesicht. Junius Mauricus führte die Freunde mit geheimnisvoller Miene in einen Winkel des Porticus und flüsterte etwas, mit dem Finger auf seine Stirne zeigend. »Versteht ihr?« Alle waren erstaunt. »Ist es denn möglich? ...« Er begann an den Fingern abzuzählen: »Ein bleiches Gesicht, brennende Augen, zerzauste Haare, ungleichmäßige Schritte, zusammenhanglose Reden. Ferner eine übertriebene Reizbarkeit und Grausamkeit. Und schließlich dieser sinnlose Krieg mit den Persern; bei Pallas, das ist ja offenbarer Wahnsinn! ...« Die Freunde traten noch näher zusammen und begannen die Frage mit freudigem Flüstern zu erörtern. Sallustius blieb in einiger Entfernung und sah sie mit verächtlichem Lächeln an. Im Inneren des Tempels traf Julianus Euphorion. Der Knabe war erfreut, ihn zu sehen, blickte ihm während des Gottesdienstes mehrmals in die Augen und lächelte ihm zutraulich zu, als hätten sie ein gemeinsames Geheimnis zu bewahren. Die kolossale Statue des Daphnischen Apollo ragte von der Sonne beschienen in der Mitte des Tempels; der Leib war aus Elfenbein, die Kleidung aus Gold, wie bei der Zeusstatue des Phidias zu Olympia. Der Gott stand leicht vorn übergeneigt und opferte aus einer Schale der Mutter Erde, damit sie ihm die Daphne zurückgebe. Eine leichte Wolke zog vorbei; auf dem vor Alter goldgelben Elfenbein huschten die Schatten, und Julianus schien es, als ob sich der Gott zu ihnen herabneige und von ihnen, seinen letzten Getreuen, – dem alten Priester, dem abtrünnigen Kaiser und dem taubstummen Sohn der Sibylle – mit einem huldvollen Lächeln das letzte Opfer empfange. Julianus betete mit kindlicher Freude im Herzen: »Das ist mein Lohn, Apollo, und ich will keinen anderen! Ich danke dir dafür, daß ich verdammt und verstoßen bin wie du, daß ich im Leben wie im Tode so einsam bin wie du. Wo der Pöbel betet, gibt es keinen Gott. Du stehst hier in dem entweihten Tempel. O du von den Menschen verspotteter Gott, jetzt bist du schöner als in den Tagen, da dich die Menschen noch anbeteten! Am Tage, den die Parze vorausbestimmt hat, laß mich, o Freudiger, mit dir vereint untergehen! Laß mich, o Sonne, in dir sterben, wie die Flamme des letzten Opfers auf dem Altare in deinen Strahlen verglimmt!« So betete der Kaiser. Stille Tränen liefen seine Wangen herab, und die stillen Tropfen des Opferblutes fielen wie Tränen in die verglimmende Kohlenglut des Altars. XIII. Im Haine der Daphne war es dunkel. Ein heißer Wind trieb die Wolken vor sich hin. Kein Regentropfen labte die von der Sonnenglut versengte Erde. Die schwarzen Äste der Lorbeerbäume zitterten krampfhaft wie Arme von Betenden. Die titanischen Mauern der Cypressen rauschten und ihr Rauschen war wie die Rede erzürnter Greise. Durch das Dunkel in der Nähe des Apollotempels schlichen lautlos zwei Männer. Der eine war klein und hatte grünliche Katzenaugen, die auch im Finstern sahen; er führte an der Hand den anderen, der viel größer war. »Ach, Neffe! Wir werden uns noch in irgendeinem Graben den Hals brechen ...« »Es gibt ja hier überhaupt keine Gräben. Warum hast du solche Angst? Seitdem du dich hast taufen lassen, bist du wie ein altes Weib!« »Ein altes Weib! Als ich in den Hyrkanischen Wäldern allein mit dem Speer bewaffnet den Bären jagte, schlug mein Herz gleichmäßig und ruhig. Hier ist aber die Sache anders! Paß nur auf, Neffe, wir werden schon Seite an Seite an einem Galgen baumeln! ...« »Schweige, Narr!« Der Kleine zog den Großen weiter mit sich; der Große schleppte ein mächtiges Bündel Stroh auf dem Rücken und einen Spaten in der Hand. Sie schlichen sich an die Rückwand des Tempels heran. »Hier ist es! Zuerst mit dem Spaten. Die innere Bretterwand mußt du mit der Axt durchhauen,« flüsterte der Kleine, sich durch das Gesträuch tastend. Hier fand er in der Mauer ein Loch, das nachlässig mit Ziegelsteinen verdeckt war. Das Rauschen der Bäume im Winde übertönte die Schläge des Spatens. Plötzlich erscholl ein Schrei, wie der eines kranken Kindes. Der Große fuhr zusammen und hielt inne. »Was ist das?« »Ein böser Geist!« rief der Kleine; seine grünen Katzenaugen traten vor Entsetzen aus ihren Höhlen, und er klammerte sich an die Kleider seines Genossen. »Onkelchen, liebes Onkelchen, verlaß mich nicht! ...« »Es ist ja nur ein Uhu. Wie wir nur so erschrecken konnten!« Der große Nachtvogel flatterte, mit den Flügeln rauschend, auf und flog mit gedehnten Schreien davon. »Lassen wir es bleiben,« sagte der Große. »Es wird sowieso nicht brennen.« »Warum sollte es nicht brennen? Das Holz ist morsch und trocken und von Würmern zerfressen; wenn man es nur anrührt, zerfallt es gleich in Staub. Ein einziger Funke wird genügen. AIso, mein Lieber, haue zu und säume nicht!« Der Kleine trieb den Großen ungeduldig an. »So, jetzt stopfe das Stroh ins Loch, so, noch mehr! Zum Ruhme des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes! ...« »Warum springst du so herum und windest dich wie ein Aal? Warum grinst du?« versetzte der Große wütend. »Warum soll ich nicht lachen, Onkelchen? Jetzt freuen sich auch die Engel im Himmel. Vergiß aber nicht, Bruder, das eine: wenn man uns erwischt, darfst du es nicht leugnen! Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu schaffen ... wir werden ein schönes Feuerchen anzünden ... hier ist der Feuerstein. Mach es geschwind.« »Geh zum Teufel!« versuchte ihn der Große wegzustoßen. »Du wirst mich nicht dazu verführen können, du Schlange! Zünde selbst an ...« »Aha, jetzt willst du dich gerne drücken? ... Nein, das geht nicht, mein Lieber!« Der Kleine begann vor Wut zu zittern und packte den Großen bei seinem roten Bart. »Ich werde dich zuerst anzeigen! Mir wird man es glauben ...« »Nun, laß mich in Ruhe, du Teufel! ... Gib den Feuerstein her! Es ist nichts zu machen, man muß das Unternehmen zum Ende bringen.« Funken sprühten. Der Kleine legte sich zur größeren Bequemlichkeit platt auf die Erde und glich so noch mehr einer Schlange. Feuerzungen hatten bald das mit Teer durchtränkte Stroh ergriffen. Rauchwolken erhoben sich. Harz knisterte im Feuer. Eine große Feuersäule loderte empor und ihr roter Widerschein fiel auf das erschrockene Gesicht des riesenhaften Aragarius und auf die listige Affenfratze des kleinen Strombicus. Er glich einem häßlichen, kleinen Teufel; er klatschte mit den Händen, hüpfte und lachte wie ein Betrunkener oder Verrückter. »Alles, alles werden wir zerstören zum Ruhme des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! Sieh nur die Feuerschlangen an, wie die herumlaufen! Ein lustiges Feuerchen ist es, Onkel, was? ...« In seinem wollüstigen Lachen klang die ewige Roheit der Menschen – die Freude am Zerstören. Aragarius wies in die Finsternis und sagte: »Hörst du es? ...« Der Hain war nach wie vor leer; sie glaubten jedoch im Heulen des Windes und im Rauschen des Laubes Menschenstimmen und Geflüster zu hören. Aragarius sprang plötzlich auf und rannte davon. Strombicus klammerte sich an den Saum seiner Tunika fest und winselte mit durchdringender Stimme: »Onkelchen! Onkelchen! Nimm mich auf die Schultern! Du hast ja lange Beine. Wenn sie mich erwischen, werde ich dich anzeigen! ...« Aragarius blieb für einen Augenblick stehen. Strombicus sprang geschickt wie ein Eichhörnchen auf seine Schultern, und der Sarmat raste weiter. Der kleine Syrier drückte mit seinen zitternden Knien fest die Hüften des Riesen zusammen und umschlang mit den Armen seinen Hals, um nicht herunterzufallen. Trotz des Entsetzens, das ihn erfüllte, lachte er unaufhaltsam und ausgelassen. Die Brandstifter verließen den Hain und gelangten aufs Feld, wo die dürren Ähren sich zu der dürren Erde neigten. Zwischen den Wolken leuchtete am Rande des schwarzen Himmels der Streif des untergehenden Mondes. Der Wind pfiff ihnen um die Ohren. Der kleine Strombicus saß zusammengekauert auf den Schultern des Giganten Aragarius und glich so mit seinen kleinen, grünlichen Katzenaugen einem bösen Geiste oder einem Werwolf, der auf einem Opfer reitet. Eine unheimliche Angst bemächtigte sich des Riesen: es war ihm, als ob es nicht Strombicus sei, sondern der Teufel in eigener Person, der in Gestalt einer großen Katze auf seinen Schultern hocke, sein Gesicht zerkratze, winsele, lache und ihn in den Abgrund jage. Der Riese machte verzweifelte Sprünge, um die wütende Katze von sich abzuschütteln; die Haare standen ihm zu Berge, und er heulte vor Entsetzen. Der riesige Doppelschatten hob sich schwarz vom hellen Streifen am Horizont ab; so rasten sie über das tote Feld dahin, dessen staubige Ähren sich zu der steinigen, von der Sonne verbrannten Erde neigten. * Zur selben Stunde hatte Julianus im Schlafzimmer des antiochischen Palastes eine geheime Unterredung mit dem Präfekten des Ostens, Sallustius Secundus. »Woher sollen wir, allergnädigster Cäsar, das Brot für ein solches Heer herbeischaffen?« »Ich habe Triremen nach Sizilien, Ägypten, Apulien und andere Provinzen, wo die Ernte gut war, ausgesandt,« erwiderte der Kaiser. »Ich sage dir, daß wir genügend Brot haben werden.« »Und das Geld?« fuhr Sallustius fort, »Wäre es nicht vernünftiger, das Unternehmen aufs nächste Jahr zu verschieben und noch etwas abzuwarten?« Julianus ging ununterbrochen im Zimmer mit großen Schritten auf und ab. Plötzlich blieb er vor dem Alten stehen und rief zornig aus: »Abwarten! Es ist, als ob ihr euch alle verschworen hättet. Abwarten! Als ob ich jetzt noch abwarten, zögern und wägen könnte! Warten denn die Galiläer? Sieh es doch ein, Alter: ich muß etwas Unmögliches vollbringen, ich muß aus Persien entweder als großer und schrecklicher Sieger heimkehren, oder überhaupt nicht wiederkommen. Eine Versöhnung, ein Mittelweg ist nicht mehr möglich. Was erzählt ihr mir da von Vernunft? Glaubst du vielleicht, daß Alexander von Makedonien die Welt durch seine Vernunft besiegt hat? Erscheint denn der bartlose Jüngling, der mit einem Fähnchen Makedonier gegen den Beherrscher Asiens auszog, solchen vernünftigen Leuten, wie du einer bist, nicht wahnsinnig? Wer hat ihm den Sieg verliehen? ...« »Ich weiß nicht,« erwiderte der Präfekt ausweichend, mit einem leisen Lächeln. »Ich glaube, es war der Held selbst ...« »Nicht er selbst, sondern die Götter!« rief Julianus aus. »Hörst du, Sallustius, die Götter können auch mir einen noch größeren Sieg verleihen, als dem Helden von Makedonien! Ich habe in Gallien begonnen und will in Indien aufhören. Ich werde die ganze Welt vom Abend bis zum Morgen durchschreiten, wie der große Makedonier, wie Gott Dionysos. Wir wollen sehen, was dazu die Galiläer sagen werden; wir wollen sehen, ob diese Menschen, die das einfache Gewand des Philosophen auslachen, auch das Schwert des römischen Cäsars verspotten werden, wenn er als Sieger aus Asien heimkehren wird! ...« Seine Augen leuchteten wie im Fieber. Sallustius wollte etwas entgegnen, doch zog er es vor zu schweigen. Als aber Julianus wieder mit großen, unruhigen Schritten auf und ab zu gehen begann, schüttelte der Präfekt den Kopf, und in seinen klugen Augen leuchtete etwas wie Mitleid. »Das Heer soll zum Feldzug bereit sein,« fuhr Julianus fort. »Ich will es so, hörst du? Keinerlei Verzögerungen, keinerlei Widerspruch! Wir haben dreißigtausend Mann. König Arsakios von Armenien hat mir ein Bündnis zugesagt. Wir haben Brot. Was brauchen wir noch? Ich muß die Gewißheit haben, daß ich jeden Augenblick gegen die Perser ausrücken kann. Davon hängt nicht nur mein Ruhm und das Heil des Römischen Reiches ab, sondern auch der Sieg der ewigen Götter über die Galiläer! ...« Das breite Fenster stand weit offen. Ein staubiger, heißer Wind drang ins Zimmer und bewegte die drei feinen Flammenzungen in der dreidochtigen Lampe. Eine Sternschnuppe durchschnitt den schwarzen Himmel und erlosch. Julianus fuhr zusammen: der Stern war ein böses Vorzeichen. An die Türe wurde geklopft; man hörte draußen mehrere Stimmen. »Wer ist da? Tretet ein,« sagte der Kaiser. Es waren seine Freunde, die Philosophen. An ihrer Spitze ging Libanius; er schien noch aufgedunsener und eingebildeter als gewöhnlich. »Was wollt ihr?« fragte der Kaiser kühl. Libanius kniete nieder, noch immer seine stolze Miene bewahrend. »Entlasse mich, Augustus! Ich kann nicht länger am Hofe leben. Jeden Tag muß ich hier Kränkungen erdulden ...« Er erzählte lange und ausführlich von irgendwelchen Geschenken und Geldern, die man ihm vorenthalten, von der Undankbarkeit, unter der er leide, von seinen Verdiensten und von den großartigen Lobhymnen, die er auf den römischen Cäsar verfaßt habe. Julianus blickte, ohne auf seine Worte zu hören, angeekelt und gelangweilt auf den berühmten Redner herab und dachte: »Ist das denn wirklich jener Libanius, an dessen Reden ich mich in meiner Jugend berauscht habe? Diese Kleinlichkeit! Dieser Ehrgeiz!« Nun begannen alle durcheinander zu reden; sie zankten sich, schrien, beschuldigten sich gegenseitig der Gottlosigkeit, der Bestechlichkeit und der Unzucht und tischten allen möglichen Klatsch auf; es war eine häßliche Palastrevolution von Schmarotzern, die, vor lauter Sattheit toll geworden, bereit waren, einander aus Ehrgeiz, Haß und Langweile in Stücke zu reißen; sie waren keine Philosophen mehr. Schließlich sprach der Kaiser leise ein Wort, daß sie wieder zur Besinnung brachte: »Meine Lehrer!« Sofort verstummten alle, wie eine erschreckte Schar von Elstern. »Meine Lehrer,« wiederholte er mit bitterem Lächeln, »ich habe euch genug zugehört; gestattet mir, daß ich euch eine Parabel erzähle. – Ein ägyptischer König besaß mehrere zahme Affen, die vortrefflich den pyrrhischen Kriegstanz aufzuführen verstanden; man setzte ihnen Helme auf, band ihnen Larven vors Gesicht und verbarg ihre Schwänze unter königlichen Purpurgewändern; solange sie tanzten, konnte man schwer glauben, daß es Affen und keine Menschen wären. An diesem Schauspiel hatte man lange Zeit seinen Spaß. Einmal warf aber einer von den Zuschauern eine Handvoll Nüsse auf die Bühne. Und was geschah? Die Schauspieler zerrissen ihren Purpur und ihre Masken, entblößten ihre Schwänze, fielen auf alle Viere und begannen zu kreischen und sich wegen der Nüsse zu balgen. – So führen gewisse Menschen mit großer Würde den pyrrhischen Weisheitstanz auf, solange man ihnen nicht etwas hinwirft. Sobald man aber vor ihnen Nüsse hinstreut, verwandeln sich die Weisen in Affen; sie zeigen ihre Schwänze, kreischen und beißen aufeinander los. Wie gefällt euch diese Parabel, meine Lehrer?« Alle schwiegen. Plötzlich nahm Sallustius den Kaiser leise bei der Hand und wies aufs offene Fenster. Über dem schwarzen Wolkenfetzen zog sich langsam, vom starken Winde bewegt, ein blutroter Schein hin. »Es brennt! Es brennt!« riefen alle aus. »Es ist hinter dem Flusse,« kombinierten die einen. »Nicht hinter dem Flusse, sondern in der Vorstadt Garandama!« verbesserten andere. »Nein, nein, in Gesir, bei den Juden!« »Es ist weder in Gesir, noch in Garandama,« rief jemand mit jener freudigen Erregung aus, die sich der Menschen beim Anblicke einer Feuersbrunst bemächtigt, »sondern im Haine der Daphne!« »Es ist der Apollotempel!« flüsterte der Kaiser; plötzlich strömte ihm alles Blut zum Herzen. »Es sind die Galiläer!« schrie er mit entsetzlicher Stimme und stürzte zur Türe und dann auf die Treppe. »Sklaven! Rasch! Mein Roß und fünfzig Legionäre!« In wenigen Augenblicken war alles bereit. Man führte ihm seinen wilden, schwarzen Hengst vor, der am ganzen Körper zitterte und wütend mit blutunterlaufenen Augen schielte. Julianus raste, von fünfzig Legionären begleitet, durch die Straßen von Antiochia. Die Volksmenge stob vor ihm in Angst auseinander. Jemand wurde umgeworfen, ein anderer totgeritten. Das Dröhnen der Pferdehufe und das Klirren der Waffen übertönten alle Schreie. Sie ließen die Stadt hinter sich. Die wilde Jagd dauerte mehr als zwei Stunden. Drei Legionäre mußten zurückbleiben, da ihre Pferde verreckten. Der Feuerschein wurde immer heller. Brandgeruch wehte ihnen entgegen. Ein blutroter Widerschein lag auf den Feldern mit den staubigen Ähren. Von allen Seiten strömten Neugierige, wie Falter zum Licht, zusammen. Es waren die Bewohner der nahen Dörfer und der Vorstädte von Antiochia. Julianus sah und hörte in den Stimmen und den Gesichtern den Ausdruck von großer Freude, als ob die Leute zu einem Fest liefen. Endlich sah er mächtige Flammenzungen, die, in schwere, schwarze Rauchwolken gehüllt, über den zackigen Wipfeln des heiligen Haines loderten. Der Kaiser ritt in den heiligen Hain. Hier wogte eine große Menschenmenge. Man hörte Scherzworte und Gelächter. In den stillen, seit vielen Jahren verlassenen Alleen wimmelte es von Menschen. Der Pöbel entweihte den Hain, brach die Äste der alten Lorbeerbäume, trübte die Quellen und zertrat die zarten, verschlafenen Blumen. Die Narzissen und Lilien wehrten sich noch im Sterben mit ihrem letzten Duft gegen den Brandgeruch und die Ausdünstung des Pöbels. »Ein Wunder Gottes! Ein Wunder Gottes ...« rief man sich in der Menge freudig zu. »Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie ein Blitz einschlug und das Dach in Brand steckte! ...« »Es war kein Blitz! Was lügst du? Die Erde selbst hat sich aufgetan und im Inneren des Tempels, gerade unter dem Götzenbilde, Feuer ausgespien ...« »Geschieht ihnen schon recht! Eine solche Schandtat! Die Gebeine des Heiligen wollten sie nicht in Ruhe lassen! Sie dachten wohl, sie würden ungestraft bleiben. Warum nicht gar? Da haben sie ihren Apollotempel und ihre Prophezeiungen der Kastalischen Quellen! – Es geschieht ihnen wirklich recht! ...« Julianus sah in der Menge ein nur halbbekleidetes Weib mit zerzausten Haaren und einem Säugling auf den Armen, das wohl erst eben aus dem Bette gesprungen war. Sie weidete sich am Anblick des Feuers mit freudigem und sinnlosem Lächeln; das Kind weinte und schrie und auf seinen Wimpern glänzten Tränen; bald beruhigte es sich aber und begann die braune, volle Brust der Mutter zu saugen, mit dem einen Händchen sich gegen sie stemmend und das andere zum Feuer ausstreckend, als ob es das glänzende, lustige Spielzeug erhaschen wolle. Der Kaiser hielt sein Pferd an, denn er konnte keinen Schritt weiter. Heiße Luft wehte ihm wie aus einem Ofen ins Gesicht. Die Legionäre warteten auf seine Befehle. Es war aber nichts mehr zu machen; er sah, daß der Tempel verloren war. Es war ein prachtvolles Schauspiel. Das Gebäude war ganz von Flammen ergriffen; die innere Bretterverkleidung, die morschen Mauern, die trockenen Balken, Pfähle und das Dachgestühl – alles war in einen Haufen glühender Scheite verwandelt; sie fielen krachend ein, und zahllose Funken flogen in den Himmel, der unheimlich blutrot leuchtete und sich immer tiefer und tiefer herabzusenken schien; die Flammenzungen beleckten die Wolken, loderten im Winde und klatschten wie ein schwerer Vorhang. Die Lorbeerblätter schrumpften von der Hitze, wie vor Schmerz, ein und rollten sich zusammen. Die Wipfel der Cypressen loderten in hellen Pechflammen, gleich riesenhaften Fackeln; der weiße Rauch sah wie der Rauch von Räucherwerk und Brandopfern aus; große Harztropfen traten auf der Rinde der Bäume hervor, als ob die uralten Cypressen, die Altersgenossinnen des Tempels, seinen Untergang mit goldenen Tränen beweinten. Julianus starrte unverwandt in das Flammenmeer. Er wollte den Legionären etwas befehlen, doch er zog nur sein Schwert aus der Scheide, gab dem Pferde die Sporen und flüsterte, die Zähne in ohnmächtiger Wut zusammenbeißend: »Diese Schurken, diese Schurken! ...« In der Ferne brüllte die Menge. Ihm fiel es ein, daß sich an der Rückseite des Tempels die Schatzkammer befand und daß die Galiläer das Heiligtum plündern könnten. Er gab ein Zeichen und ritt mit seinen Legionären hin. Unterwegs wurden sie von einem Trauerzug aufgehalten. Mehrere römische Wächter, die wohl erst eben aus dem nahen Dorfe Daphne herbeigekommen waren, trugen eine Bahre. »Was ist das?« fragte Julianus. »Die Galiläer haben den Priester Gorgius mit Steinen erschlagen,« antworteten die Römer. »Und die Schatzkammer?« »Die Schatzkammer ist unversehrt. Der Priester stellte sich vor die Türe, um das Heiligtum vor Schändung zu schützen. Er wich nicht von der Schwelle, bis er, von einem Steine getroffen, niederfiel. Dann töteten sie seinen Knaben. Der galiläische Pöbel hat sie zertreten und wäre in die Schatzkammer eingebrochen, wenn wir nicht rechtzeitig gekommen wären und die Menge zerstreut hätten.« »Lebt er noch?« fragte Julianus. »Er atmet kaum.« Der Kaiser sprang vom Pferde. Die Träger setzten die Bahre vorsichtig auf die Erde. Julianus neigte sich und schlug den Saum der ihm wohlbekannten, beschmierten Chlamys, die die beiden Körper verdeckte, zurück. Auf einer Unterlage aus frischen Lorbeerblättern lag der Greis; seine Augen waren geschlossen; seine Brust hob sich langsam. Als Julianus die rote Säufernase, die ihm vorhin so unpassend vorgekommen war, sah und sich an die magere Gans im Weidenkorbe, das letzte Opfer für Apollo, erinnerte, wurde sein Herz von Mitleid ergriffen. Auf den weichen, schneeweißen Haaren des Priesters waren Bluttropfen hervorgetreten; die spitzen, schwarzen Lorbeerblätter bildeten um sein Haupt gleichsam einen Kranz. An seiner Seite lag auf der gleichen Bahre der kleine Körper Euphorions. Sein totenblasses Gesicht schien noch schöner, als es im Leben war; auf den wirren, goldigen Locken schimmerten hellrote Bluttropfen; er stützte eine Wange auf die Hand und schien von einem leichten Schlummer umfangen zu sein. Julianus dachte: »So muß wirklich der von den Galiläern gesteinigte Eros, der Sohn der Göttin der Liebe, aussehen!« Der römische Kaiser kniete andächtig vor dem Märtyrer der olympischen Götter. Trotz des Unterganges des Tempels und trotz des sinnlosen Siegesgeheuls des Pöbels, fühlte Julianus an dieser Leiche die Gegenwart des Gottes. Es wurde ihm weich ums Herz, und sein Haß verschwand. Er neigte sich mit Tränen der Rührung über der Bahre und küßte die Hand des heiligen Greises. Der Sterbende öffnete die Augen und fragte mit schwacher Stimme: »Wo ist der Knabe?« Julianus legte vorsichtig die Hand des Sterbenden auf die goldigen Locken Euphorions. »Er liegt an deiner Seite.« »Lebt er noch?« fragte Gorgius, den Kopf des Kindes mit einer letzten Liebkosung berührend. Er war so schwach, daß er seinen Kopf nicht nach ihm wenden konnte. Julianus hatte nicht den Mut, dem Sterbenden die Wahrheit zu sagen. Der Priester blickte den Kaiser flehend an. »Cäsar, ich vermache ihn dir. Verlasse ihn nicht ...« »Sei ruhig, ich werde für deinen Knaben alles tun, was nur in meiner Macht ist.« So empfing Julianus in seine Obhut den Knaben, dem selbst der römische Kaiser weder Gutes noch Böses mehr zufügen konnte. Gorgius ließ seine erkaltende Hand auf den Locken Euphorions ruhen. Sein Gesicht belebte sich plötzlich; er wollte etwas sagen, aber er lallte nur zusammenhanglos: »Da sind sie! Da sind sie ... Ich habe es ja gewußt ... Frohlocket! ...« Er blickte mit weitgeöffneten Augen vor sich hin, seufzte schwer auf, blieb aber mitten in diesem Seufzer stecken, und sein Augenlicht erlosch. Julianus verhüllte das Gesicht des Toten. Plötzlich erschollen die feierlichen Klänge eines Kirchengesangs. Der Kaiser wandte sich um und sah einen feierlichen Zug, der sich langsam die breite Cypressenallee entlang bewegte. Von einer großen Volksmenge gefolgt, schritten greise Priester in goldgestickten, edelsteinfunkelnden Ornaten, würdige Diakone mit klirrenden Räucherfässern, schwarze Mönche mit brennenden Wachskerzen, Jungfrauen, Jünglinge und Kinder mit Palmenzweigen; hoch über der Menge prangte auf einem prunkvollen Wagen der Schrein mit den Gebeinen des heiligen Babylas; die Flammen der Feuersbrunst spiegelten im blassen Silber. Es waren die Gebeine, die auf kaiserlichen Befehl von Daphne nach Antiochia überführt wurden. Die Ausweisung glich eher einem Siegeszuge. »Wolken und Dunkel ist um Ihn her!« stieg das feierliche Lied der Galiläer, das Toben der Feuersbrunst und das Pfeifen des Windes übertönend, in den blutroten Himmel. – »Wolken und Dunkel ist um Ihn her.« »Feuer gehet vor Ihm her und zündet an umher Seine Feinde.« »Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn, vor dem Herrscher des ganzen Erdbodens.« Julianus erbleichte, als er die herausfordernden und frohlockenden Worte hörte: »Schämen müssen sich alle, die den Bildern dienen und sich der Götzen rühmen. Betet Ihn an, alle Götter!« Julianus sprang aufs Pferd, entblößte sein Schwert und schrie: »Soldaten, mir nach!« Er wollte sich mitten in die Menge stürzen, den Pöbel auseinanderjagen, den Sarg mit den Gebeinen umwerfen und die Gebeine mit den Füßen treten. Aber eine Hand hatte die Zügel seines Pferdes ergriffen. »Fort!« schrie er wütend und holte sein Schwert zum Hiebe aus; doch ließ er seine Hand sofort wieder sinken: vor ihm stand der weise Greis Sallustius Secundus, der gerade zur rechten Zeit aus Antiochia herbeigekommen war. Sein Gesicht drückte Trauer und Ruhe aus. »Cäsar! Überfalle nicht die Wehrlosen. Besinne dich! ...« Julianus steckte sein Schwert in die Scheide. Der eherne Helm drückte und brannte ihm wie glühend den Kopf. Er riß ihn herunter, warf ihn zu Boden und wischte sich die großen Schweißtropfen aus der Stirne. Er ritt dann allein ohne Begleitung mit entblößtem Haupte der Menge entgegen und ließ den Zug durch eine Handbewegung stillstehen. Er wurde erkannt. Der Gesang verstummte. »Volk von Antiochia!« sprach Julianus beinahe ruhig, sich mit seiner ganzen Willenskraft beherrschend, »Wisset: die Empörer und die Brandstifter, die den Apollotempel vernichtet haben, werden erbarmungslos bestraft werden. Ihr spottet über meine Barmherzigkeit; wollen wir sehen, wie ihr über meinen Zorn spotten werdet. Der römische Augustus könnte leicht eure ganze Stadt dem Erdboden gleich machen, so daß die Menschen Antiochia vergessen würden. Ich will mich aber einfach von euch zurückziehen. Ich unternehme einen Feldzug gegen die Perser. Wenn ich nach dem Ratschluß der Götter als Sieger heimkehre, wehe euch dann, Aufrührer! Wehe dir, du Sohn des Zimmermannes aus Nazareth! ...« Er streckte sein Schwert über den Köpfen der Menge aus. Plötzlich glaubte er hinter sich eine seltsame, gleichsam unmenschliche Stimme zu hören: »Der Sohn des Zimmermannes aus Nazareth zimmert dir einen Sarg.« Julianus fuhr zusammen, wandte sich um, doch konnte er niemanden sehen. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Was ist das? Ist es mir nur so vorgekommen?« sagte er leise und zerstreut vor sich hin. In diesem Augenblick vernahm man aus dem Inneren des Tempels ein furchtbares Krachen: ein Teil des Holzdaches stürzte ein und begrub unter sich die Kolossalstatue des Apollo. Das Standbild fiel von seinem Sockel herab; die goldene Schale, aus der er ewig der Mutter Erde opferte, erklirrte traurig. Die Funken flogen in einer Feuergarbe zu den Wolken. Eine schlanke Säule in der Vorhalle schwankte, und ihr korinthisches Kapitäl, in seiner Zerstörung noch immer schön, fiel, wie eine weiße Lilie mit gebrochenem Stiele, zur Erde. Julianus war es, als ob ihn der ganze brennende Trümmerhaufen erdrücke. Der alte Psalm Davids zum Ruhme des Gottes von Israel stieg feierlich zum nächtlichen Himmel empor, das Toben der Feuersbrunst und den Sturz des Götzen übertönend: »Schämen müssen sich alle, die den Bildern dienen und sich der Götzen rühmen. Betet Ihn an, alle Götter!« XIV. Julianus verbrachte den ganzen Winter in eiligen Rüstungen zum Feldzuge. Im Anfang des Frühjahrs, am 5. März, verließ er Antiochia mit einem Heere von 65 000 Mann. In den Bergen taute der Schnee. Die Mandelbäume in den Gärten standen noch nackt und ohne Blätter, doch bereits mit durchsichtigen, weißen und rosa Blüten bedeckt. Die Soldaten zogen in den Krieg freudig, wie zu einem Feste. Auf den Werften von Samosata war eine Flotte von 1200 Schiffen aus riesengroßen Cedern, Fichten und Eichen, die in den Klüften des Taurus gefällt worden waren, erbaut. Die Schiffe wurden auf dem Euphrat bis zur Stadt Callinice gebracht. Julianus bewegte sich in Eilmärschen über Hierapolis nach Karrai und von dort weiter gegen Süden, den Euphrat entlang, zur persischen Grenze. Gegen Norden wurde ein anderes Heer, das 30 000 Mann stark war und von den Comites Procopius und Sebastianus befehligt wurde, entsandt. Dieses Heer mußte sich mit dem des armenischen Königs Arsakios vereinigen, Anadiabena und Chiliokomon verwüsten, Corduena passieren und die Hauptmacht an den Ufern des Tigris unter den Mauern von Ktesiphon erreichen. Alles bis ins kleinste Detail hatte der Kaiser mit der größten Sorgfalt vorbereitet, erwogen und bedacht. Alle, die seinen Kriegsplan kannten, staunten über dessen Weisheit, Größe und Einfachheit. Anfang April kamen sie nach Circesium, der letzten römischen Festung, die Diocletian an der Grenze von Mesopotamien beim Zusammenfluß des Euphrats mit dem Aboras erbaut hatte. Sie schlugen eine Schiffsbrücke. Julianus gab den Befehl, die Grenze am nächsten Morgen zu überschreiten. Spät am Abend, als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, kam er müde doch frohen Mutes in sein Zelt, zündete seine Lampe an und nahm seine Lieblingsarbeit, der er täglich einen Teil seiner Nachtruhe opferte, vor; es war ein umfangreiches philosophisches Werk – »Wider die Christen«. Er arbeitete daran bruchstückweise unter den Tönen der Kriegstrompeten, der Lagerlieder und der Rufe der Wachposten. Julianus weidete sich am Gedanken, daß er den Galiläer mit allen Mitteln – wie mit dem römischen Schwert auf dem Schlachtfelde, so auch mit der hellenischen Weisheit in den Büchern – bekämpfe. Er trennte sich nie von den Werken der Kirchenväter, den kirchlichen Kanons und den von den Konzilen aufgestellten Glaubensbekenntnissen. Die alte, zerfetzte Pergamentrolle des Neuen Testamentes, das er ebenso eifrig studierte wie den Plato und den Homer, trug höhnische Randbemerkungen von seiner Hand. Der Kaiser legte seine staubige Rüstung ab, wusch sich, setzte sich an den Feldtisch und tauchte einen gespitzten Rohrstiel ins Tintenfaß. Als er sich eben zum Schreiben anschickte, wurde er gestört: zwei Boten waren im Lager eingetroffen; der eine kam aus Italien, der andere aus Jerusalem. Julianus ließ sich von beiden Bericht erstatten. Die Nachrichten waren wenig erfreulich; die herrliche Stadt Nikomedia in Kleinasien war von einem Erdbeben zerstört worden; auch in Konstantinopel hatte man unterirdische Stöße gespürt, wodurch die Bevölkerung sehr erschreckt wurde; die Sibyllinischen Bücher verboten ihm, im Laufe eines Jahres die römische Grenze zu überschreiten. Der Bote aus Jerusalem brachte einen Brief des Würdenträgers Alypios von Antiochia, den Julianus mit dem Wiederaufbau des Tempels Salomonis betraut hatte. Es lag ein seltsamer Widerspruch darin, daß der Verehrer des vielgöttischen Olymps den von den Römern zerstörten Tempel des einigen Gottes Israels aufzubauen beschloß, um angesichts aller Völker und Zeiten die Prophezeiung des Evangeliums zu widerlegen: »Es wird hie nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.« Die Juden nahmen den Aufruf des Kaisers mit großer Freude auf. Von allen Zeiten strömten Gaben in großer Menge zusammen. Der Plan zum Tempel war großartig. Die Arbeiten sollten mit der größten Eile ausgeführt werden. Mit der Oberaufsicht betraute Julianus seinen Freund, den früheren Statthalter von Britannien, den Comes Alypios von Antiochia. »Was ist geschehen?« fragte der Kaiser besorgt, argwöhnisch das finstere Gesicht des Boten betrachtend; er hatte den Brief noch nicht erbrochen. »Göttlicher Augustus, es ist ein großes Unglück geschehen!« »Rede. Fürchte dich nicht.« »Solange man die Trümmer forträumte und die Überreste der alten Mauern des Tempels Salomonis abbrach, ging alles gut; als man aber den Grund zu dem Neubau legen wollte, flogen aus den Kellergewölben flammende Feuerkugeln hervor; sie warfen die Steine auseinander und versengten die Arbeiter. Am nächsten Tage befahl der edle Alypios, die Arbeiten wieder aufzunehmen. Das Wunder wiederholte sich. So auch zum drittenmal. Die Christen triumphieren, die Hellenen sind entsetzt, und kein einziger Arbeiter ist zu bewegen, in den Keller hinabzusteigen, vom ganzen Bau blieb kein Stein auf dem anderen, – alles ist zerstört.« »Du lügst, Taugenichts! Du bist wohl selbst ein Galiläer ...« schrie ihn der Kaiser zornig an und erhob seine Hand zum Schlage über dem vor ihm knienden Boten. »Es ist dummer Weiberklatsch! Konnte denn Comes Alypios keinen gescheiteren Boten finden?« Er brach eilig die Siegel, entfaltete und durchflog das Schreiben. Der Bote hatte recht; Alypios bestätigte seine Worte. Julianus traute seinen Augen nicht; er las den Brief noch einmal aufmerksam, ihn dicht vor die Lampe haltend. Plötzlich errötete er. Er biß sich in die Lippen, so daß Blut hervortrat, knitterte das Schreiben zusammen und warf es dem neben ihm stehenden Arzt Oribasius zu: »Lies das, – du glaubst doch an keine Wunder. Entweder ist Comes Alypios verrückt, oder ... Nein, das kann nicht sein! ...« Der junge alexandriner Gelehrte hob den Brief auf und las ihn mit jener Ruhe und Bedächtigkeit, mit der er überhaupt alles tat. »Ich kann darin kein Wunder erblicken,« sagte er, seine klaren Augen auf Julianus richtend. »Die Gelehrten haben diese Erscheinung schon längst beschrieben: in den Kellern alter Gebäude, die durch viele Jahrhunderte luftdicht verschlossen waren, sammeln sich zuweilen gewisse leicht entzündliche Dämpfe an. Es genügt, in einen solchen Keller mit einer brennenden Fackel hinabzusteigen, um eine Explosion herbeizuführen; die sich plötzlich entzündenden Dämpfe können den Unvorsichtigen gefährlich werden. Den Unwissenden erscheint das als ein Wunder; das Licht des Wissens zerstreut aber auch hier, wie überall, die Finsternis des Aberglaubens und befreit die menschliche Vernunft von Fesseln. – Alles ist schön, denn alles ist natürlich und mit dem Willen der Natur übereinstimmend.« Er legte den Brief ruhig auf den Tisch; über seine feinen, eigensinnigen Lippen glitt ein selbstzufriedenes Lächeln. »Ja, ja, gewiß!« sagte Julianus mit bitterem Hohn, »man muß sich doch irgendwie trösten! Alles ist erklärlich, alles ist natürlich: das Erdbeben in Nikomedia, das Erdbeben in Konstantinopel, die Prophezeiungen der Sibyllinischen Bücher, die Dürre in Antiochia, die Feuersbrünste in Rom, die Überschwemmungen in Ägypten, – alles ist selbstverständlich und natürlich. Es ist nur sonderbar, daß alles gegen mich gerichtet ist; die Erde und der Himmel, das Wasser und das Feuer und, wie es scheint, auch die Götter sind gegen mich! ...« Salllustius Secundus betrat das Zelt. »Erhabener Augustus, die etruskischen Wahrsager, die du nach dem Willen der Götter befragen ließest, bitten dich abzuwarten und die Grenze morgen noch nicht zu überschreiten: die heiligen Hühner der Haruspicien wollen trotz aller Gebete kein Futter anrühren; sie sitzen mit gesträubten Federn auf ihren Stangen und picken nicht an den Weizenkörnern; es ist ein böses Vorzeichen!« Julianus zog zornig die Brauen zusammen, plötzlich leuchteten aber seine Augen freudig auf, und er begann so unerwartet zu lachen, daß alle ihn stumm und erstaunt ansahen. »Also so ist es! Sie picken nicht? Was? Was sollen wir mit den dummen Hühnern anfangen? Sollen wir vielleicht ihnen folgen und zur großen Freude aller Galiläer nach Antiochia heimkehren? – Weißt du was, mein Freund, geh doch zu den etruskischen Wahrsagern und verkünde ihnen Unseren Willen: sie sollen sofort alle heiligen Hühner in den Fluß werfen; – wenn sie genug getrunken haben, bekommen sie vielleicht auch Appetit!...« »Gnädigster Augustus, habe ich deinen Willen richtig verstanden: ist dein Entschluß, die Grenze morgen zu überschreiten, unabänderlich?« »Ja! Ich schwöre es bei allen unseren zukünftigen Siegen, ich schwöre es bei der Größe unseres Reiches, daß mich keinerlei wahrsagender Vogel mehr abschrecken wird; weder Wasser noch Feuer, weder Erde noch Himmel, und selbst die Götter können mich länger zurückhalten! Es ist zu spät. Der Würfel ist gefallen. – Freunde, gibt es denn in der ganzen Natur etwas Göttlicheres als der Wille des Menschen? Gibt es denn in allen Sibyllinischen Büchern etwas Mächtigeres, als die zwei Worte: ich will ? – Deutlicher als je empfinde ich das Geheimnis meines Schicksals. Alle prophetischen Vorzeichen haben mich bisher nur umgarnt und geknechtet. Jetzt kann ich nichts mehr verlieren. Wenn die Götter mich verlassen, so werde auch ich ...« Er sprach nicht zu Ende und verstummte mit einem seltsamen Lächeln auf den Lippen. Als sein Gefolge sich entfernt hatte, näherte er sich der kleinen, silbernen Merkurstatue, um vor dem Feldaltar sein allabendliches Gebet zu verrichten und einige Körner Weihrauch in das Feuerbecken zu werfen; plötzlich wandte er sich mit dem gleichen, seltsamen Lächeln ab, legte sich auf das Löwenfell, das ihm als Lager diente, löschte die Lampe aus und verfiel in einen so ruhigen und festen Schlaf, wie er oft Menschen, die vor einem großen Mißgeschick stehen, befällt. Das Morgenrot dämmerte kaum, als er freudig erwachte. Im Lager hörte man bereits Lärm und Trompetenstöße. Julianus sprang auf sein Pferd und eilte zum Ufer des Aboras. Der frühe Aprilmorgen war frisch und beinahe windstill. Ein schläfriger Windhauch brachte die nächtliche Frische des großen asiatischen Stromes. Über die ganze Breite des von den Frühlingsgewässern angeschwollenen Euphrats, von den Türmen der Stadt Circesium bis zum römischen Lager zogen sich zehn Stadien weit die Reihen der Kriegsschiffe, seit den Tagen des Xerxes hatte man keine so drohende Flotte gesehen. Die ersten Sonnenstrahlen erschienen hinter der Grabpyramide des Cäsars Gordianus, der einst die Perser besiegt hatte und an dieser Stelle von Philippus Arabs ermordet worden war. Der Rand der Sonne erglühte über der stillen Wüste wie Kohlenglut, und sofort röteten sich alle Wipfel des Mastenwaldes, der in der Morgendämmerung schlief. Der Kaiser gab ein Zeichen, und acht große Menschenmassen zu fünftausend Mann setzten sich in Bewegung; die Erde bebte und dröhnte unter ihren gemessenen Schritten. Das römische Heer ging über die Brücke und überschritt die Grenze Persiens. Julianus' Pferd schwamm durch den Fluß und brachte ihn auf einen hohen, sandigen Hügel auf dem anderen Ufer; es war feindliches, Land. An der Spitze der Palatinischen Kohorte ritt der Centurio der Gardeschildträger, Anatolius, der Verehrer Arsinoes. Anatolius blickte den Kaiser an; Julianus schien etwas verändert: der Monat, den er in frischer Luft zugebracht hatte, war ihm gut bekommen; in dem kühnen Krieger mit den von der Sonne gebräunten Wangen und den jugendlichen und unternehmungslustigen Augen konnte man nur schwer den Schulmeister und Philosophen mit dem mageren, gelben Gesicht, den finsteren, gelehrten Blicken, den zerzausten Haaren, dem wirren Bart, den zerstreuten und hastigen Bewegungen und den Tintenflecken auf den Fingern und auf der cynischen Toga, – den Rhetor Julianus, über den sich die Gassenjungen lustig machten, wieder erkennen. »Hört, hört: der Cäsar will sprechen.« Alles verstummte; man hörte nur noch das leise Klirren der Waffen, das Rauschen des Wassers unter den Schiffen und das Knistern der seidenen Fahnen. »Tapfere Krieger!« begann Julianus mit lauter Stimme. »Ich sehe in euren Gesichtern einen solchen Mut, daß ich nicht umhin kann, euch freudig zu begrüßen. Wisset, Kameraden: das Schicksal der Welt ruht in unseren Händen, wir erneuern die alte Majestät des Römischen Reiches. Stählt eure Herzen und seid auf alles gefaßt: es gibt kein Zurück! Ich werde an eurer Spitze und in euren Reihen, zu Fuß und zu Pferde mitkämpfen und gleich dem letzten unter euch alle eure Mühsale und Gefahren teilen; denn von heute an seid ihr weder Soldaten, noch Sklaven, sondern meine Freunde und Kinder! – Wenn aber das schwankende Schicksal will, daß ich im Kampfe falle, so werde ich glücklich sein, für Rom zu sterben, wie die großen Männer – Scaevola, die Curtier und die erlauchten Sprossen der Decier starben. Seid tapfer, Kameraden, und wisset: nur die Starken siegen!« Er zog sein Schwert aus der Scheide und wies den Soldaten auf den fernen Wüstenhorizont. Die Soldaten erhoben ihre Schilde, stießen sie zusammen und riefen: »Heil dem Sieger Augustus!« Die Kriegsschiffe durchschnitten die Wellen des Stromes, die römischen Adler flogen über den Kohorten, und das weiße Roß trug den Kaiser der aufgehenden Sonne entgegen. Aber der kalte, blaue Schatten der Pyramide des Gordianus fiel auf den goldenen, glatten Sand; – Julianus mußte bald die Morgensonne verlassen und in den langen, unheimlichen Schatten des einsamen Grabes hineinreiten. XV. Das Heer marschierte am linken Ufer des Euphrat. Die weite, wie der Meeresspiegel glatte Ebene war mit silbergrauem Wermut bedeckt. Bäume waren nicht zu sehen. Den Sträuchern und Gräsern entströmte ein starker Duft. Zuweilen erschien am Horizont eine Herde wilder Esel, die große Staubwolken aufwirbelten. Auch Strauße liefen vorbei. Die Soldaten brieten auf ihren Feldfeuern das fette, leckere Fleisch der Trappgans. Scherze und Lieder verstummten nicht bis in die späten Nachtstunden. Der Feldzug war für die Soldaten wie ein Spaziergang. Schlankbeinige Gazellen flohen anmutig und leicht, die Erde kaum berührend, vorüber; ihre Augen waren zart und traurig wie die schöner Frauen. Die Wüste empfing die Krieger, die nach Ruhm, Beute und Blut lechzten, stumm und freundlich mit sternklaren Nächten, stillen Sonnenuntergängen und der wohlriechenden, mit dem Dufte des bitteren Wermuts geschwängerten Dämmerung. Sie zogen immer weiter und weiter, ohne auf den Feind zu stoßen. Kaum waren sie an einem Ort vorbeigezogen, als die Stille sich wieder hinter ihnen schloß, wie das Wasser über einem versunkenen Schiffe; die von den Füßen der Krieger niedergetretenen Grashalme richteten sich langsam wieder auf. Plötzlich wurde die Wüste unheimlich und drohend. Gewitterwolken bedeckten den Himmel. Ein Wolkenbruch ging nieder. Ein Soldat wurde, während er Pferde zur Tränke führte, vom Blitz erschlagen. Ende April kamen heiße Tage. Die Soldaten beneideten ihre Kameraden, die im Schatten eines Kamels oder eines vollbepackten, mit einem leinenen Regendach überspannten Wagens gehen durften, viele Männer des fernen Nordens, Gallier und Skythen erlagen dem Sonnenstich. Die Ebene war trist und kahl geworden; nur hie und da war sie noch mit blassen Büscheln verbrannten Grases bedeckt. Die Füße sanken im Lande ein. Zuweilen kamen so starke Windstöße, daß Fahnen und Zelte umgeworfen wurden und Menschen und Pferde niederfielen. Dann trat wieder jene tote Stille ein, die den erschrockenen Soldaten noch schrecklicher als jeder Sturm war. Scherze und Lieder waren verstummt. Das Heer zog aber immer weiter und weiter, ohne auf die Feinde zu stoßen. Anfang Mai gelangten sie in die Palmenhaine Assyriens. Bei Macephracta, wo noch die Trümmer der großen, von den altassyrischen Königen erbauten Mauer erhalten waren, erblickten sie zum erstenmal den Feind. Die Perser zogen sich jedoch in unerwarteter Eile zurück. Unter einem Regen von Pfeilen gingen die Römer über den tiefen, mit babylonischen Ziegelsteinen ausgelegten Kanal Nahar-Malcha, – »den Strom der Könige«, der den Euphrat mit dem Tigris verband und ganz Mesopotamien schnurgerade durchquerte. Plötzlich waren die Perser wieder verschwunden. Das Wasser im Nahar-Malcha begann zu steigen; er trat aus den Ufern und überflutete die angrenzenden Fluren: die Perser hatten die Überschwemmung selbst herbeigeführt, indem sie die Schleusen und Dämme der Kanäle, die in seinen Verzweigungen die Felder der assyrischen Ebene bewässerten, öffneten. Das Fußvolk watete bis zu den Knien im Wasser; die Füße versanken im klebrigen Lehmboden; ganze Abteilungen versanken in unsichtbaren Gräben und Gruben; selbst Reiter und beladene Kamele versanken auf diese Weise; man mußte mit langen Stangen nach den richtigen Wegen tasten. Die Felder verwandelten sich in Seen, die Palmenhaine in Inseln. »Wohin gehen wir?« murrten die Kleinmütigen. »Was suchen wir denn? Wo ist unser Ziel? Warum sollten wir nicht gleich zum Flusse zurückkehren und uns einschiffen? Wir sind doch keine Frösche, um in den Pfützen herumzuschwimmen!« Julianus ging selbst an den gefährlichsten Stellen immer zu Fuß; wenn es galt, die schweren, im Schlamm versunkenen Wagen herauszuziehen, legte er selbst Hand an; er scherzte und zeigte den Soldaten seinen durchnäßten und mit dem dunkelgrünen Schlamm beschmierten, kaiserlichen Purpur. Sie bauten aus Palmenstämmen Dammwege und aus leeren Weinschläuchen Brücken. Noch vor dem Anbruch der Nacht gelangten sie auf trockenes Land. Die ermüdeten Soldaten verfielen in einen unruhigen Schlaf. Bei Sonnenaufgang erblickten sie die Festung Perisabora. Die Perser verhöhnten die Feinde von den uneinnehmbaren Türmen und Mauern herab, die sie mit dicken, zottigen Decken aus Ziegenfellen gegen die Stöße der Belagerungsmaschinen geschützt hatten. Einen ganzen Tag lang schwirrten nur Schimpfworte und Wurfgeschosse hin und her. In der folgenden mondscheinlosen Nacht luden die Römer in der größten Stille von den Schiffen die Katapulte ab und rückten sie an die Mauern heran. Die Gräben verschütteten sie mit Erde. Mit einem »Malleolus« – einem großen, spindelförmigen, mit einer Zündmasse aus Pech, Schwefel, Öl und Bergharz versehenen brennenden Pfeil gelang es ihnen, einen der Fellschilde an der Mauer der Festung in Brand zu stecken. Die Perser eilten an diese Stelle, um das Feuer zu löschen. Der Kaiser nützte diesen Augenblick der Verwirrung aus, und ließ einen Sturmbock heranrollen. Es war ein riesiger Fichtenstamm, der an einem Ende einen ehernen Widderkopf trug und in einer aus Holzbalken zusammengefügten Pyramide auf eisernen Ketten hing. Hunderte von Soldaten zogen unter gleichmäßigem gedehnten Geschrei »eins, zwei, drei!« an den dicken, aus Ochsensehnen geflochtenen Seilen, so daß sich auf ihren nackten, braunen Schultern alle Muskeln anspannten, und brachten den großen Sturmbock langsam in schwingende Bewegung. Der erste Schlag klang wie Donner; die Erde erdröhnte, und die Mauern erzitterten; dann folgten die Schläge in kurzen Zwischenräumen aufeinander; der Fichtenstamm schaukelte hin und her, und die Schläge regneten auf die Mauer; der Widder schien in Wut geraten zu sein und schlug hartnäckig und zornig mit seiner ehernen Stirne gegen die Mauer. Plötzlich krachte es: eine ganze Ecke der Mauer stürzte ein. Die Perser flohen mit Geschrei. Julianus, dessen Helm in der Staubwolke funkelte, stürmte freudig und Schrecken verbreitend in die eroberte Stadt. Das Heer zog weiter. Es hatte zwei Tage lang in den schattigen, kühlen Hainen der Ruhe gepflegt und sich mit einem säuerlichen Erfrischungsgetränk, das aus Palmensaft bereitet war und wie Wein schmeckte, und mit bernsteingelben, durchsichtigen Datteln gelabt. Sie zogen wieder durch eine nackte Ebene, die aber nicht mehr sandig, sondern steinig war. Die Hitze wurde unerträglich; Tiere und Menschen starben haufenweise; in den Mittagsstunden lagerte die glühende Luft über den Felsen in wellenförmigen, zitternden Schichten; der Tigris schlängelte sich träge durch die aschgraue Wüste und glich mit seinen schimmernden Silberschuppen einer in der Sonnenglut ruhenden Schlange. Endlich erblickten die Römer über dem Tigris einen senkrechten, rötlichen, kahlen Felsen, dessen spitze Zacken hie und da abgebröckelt waren: es war die Festung Maogamalcha, die zum Schutze der südlichen Hauptstadt Persiens – Ktesiphon diente; die Festung, ein wahrer Adlerhorst, schien noch uneinnehmbarer als Perisabora; die sechzehn Türme und die doppelte Mauer von Maogamalcha, die, wie alle assyrischen Bauarten, Jahrtausenden trotzten, waren aus den berühmten, in der Sonne getrockneten und mit Bergharz zusammengefügten babylonischen Ziegelsteinen errichtet. Nun begann die Belagerung. Wieder knirschten unermüdlich die plumpen, hölzernen Glieder der Ballisten, knarrten die Hebel, Räder und Winden der Skorpione, zischten die brennenden Malleoli. Es war zu jener Stunde, in der die Eidechsen in den Felsspalten zu schlafen pflegen; die Sonnenglut lag auf den Rücken und Köpfen der Soldaten wie eine unerträgliche Last. Die Soldaten achteten in ihrer Verzweiflung weder auf die Befehle der Vorgesetzten, noch auf die drohende Gefahr und warfen die glühenden Panzer und Helme von sich ab, denn sie zogen Wunden der Sonnenhitze vor. Über den dunkelbraunen Türmen und Zinnen von Maogamalcha, von denen es ununterbrochen vergiftete Pfeile, Speere, Steine, bleierne und tönerne Kugeln, brennende persische Falaricas, die die Luft mit Schwefel- und Naphthagestank verpesteten, regnete, hing der staubige, durch den Dunst nur schwach bläulich schimmernde, blendende, gnadenlose Himmel, erschreckend wie der Tod. Schließlich besiegte der Himmel die Feindschaft der Menschen: die Belagerer und die Belagerten stellten, von der Hitze ermattet, den Kampf ein. Es trat eine Stille ein, atemloser als in der finstersten Nacht; sie schien in der hellen Mittagssonne unheimlich. Die Römer ließen ihren Mut nicht sinken: nach der Eroberung vor Perisabora begannen sie an die Unbesiegbarkeit des Kaisers Julianus zu glauben; sie verglichen ihn mit Alexander dem Großen und erwarteten täglich Wunder. Einige Tage lang gruben die Soldaten an der Ostseite von Maogamalcha, wo die Felsen nicht so jäh zur Ebene herabfielen, einen unterirdischen Gang; der Gang führte unter den Festungsmauern und mündete innerhalb der Stadt; er war drei Ellen breit, so daß ihn die Soldaten paarweise passieren konnten; in bestimmten Abständen voneinander waren dicke Balken angebracht, die die Decke stützten. Die Soldaten beschäftigten sich mit den Erdarbeiten mit großer Freude, denn die feuchte Kühle und das Dunkel waren ihnen nach der Sonnenglut besonders angenehm. Sie scherzten: »Wir waren Frösche, jetzt sind wir Maulwürfe.« Drei Kohorten, nämlich die Mattiarii, Laccinarii und Victorii, fünfzehnhundert der tapfersten Krieger, traten in größter Stille in den unterirdischen Gang und erwarteten ungeduldig den Befehl der Feldherren, in die Stadt einzudringen. In der Morgendämmerung wurde die Festung absichtlich von zwei verschiedenen Seiten angegriffen, um die Perser abzulenken. Julianus führte selbst die Soldaten auf einem schmalen, steilen Pfade, unter einem Hagel von Pfeilen und Steinen zum Sturm. Er weidete sich an der Gefahr und dachte: »Wollen wir sehen, ob mich die Götter beschirmen werden, ob ein Wunder geschieht, ob ich auch jetzt dem Tode entgehe!« Eine unstillbare Neugier, ein Durst nach Übernatürlichem trieb ihn in die Gefahr; mit einem herausfordernden Lächeln versuchte er das Schicksal; er fürchtete nicht den Tod, sondern nur einen Mißerfolg in diesem Spiele mit dem Schicksal. Seine Soldaten folgten ihm gleichsam bezaubert und von seinem Wahnsinn angesteckt. Die Perser spotteten über alle Anstrengungen der Belagerer, sangen den Ruhm des Königs Sapores, des Sohnes der Sonne, und riefen den Römern von den in die Wolken ragenden Zinnen herab zu: »Julianus wird eher in den Palast des Ormuzd eindringen, als in unsere Festung!« Im Feuer des Sturmes gab der Kaiser den Feldherren flüsternd den Befehl. Die Soldaten, die im unterirdischen Gange lauerten, drangen in die Stadt ein und gelangten zuerst in einen Keller, wo eine alte persische Bäckerin ihren Teig knetete. Als sie die römischen Legionäre erblickte, begann sie durchdringend zu schreien. Man tötete sie. Die Römer schlichen unbemerkt durch die Stadt und überfielen die Belagerten im Rücken. Die Perser ließen ihre Waffen fallen und zerstreuten sich in den Straßen von Maogamalcha. Die Römer sperrten die Tore von innen auf, und so wurde die Stadt von zwei Seiten zugleich erobert. Niemand zweifelte mehr, daß Julianus, wie einst Alexander von Makedonien, die persische Monarchie bis zum Indus erobern würde. Das Heer näherte sich der südlichen Hauptstadt Persiens, Ktesiphon. Die Schiffe lagen inzwischen auf dem Euphrat. Mit einer fieberhaften, fast unheimlichen Eile, die den Feinden keine Zeit zur Besinnung zu kommen, ließ, wurde auf Julianus' Befehl das Werk der alten Römer, der von Trajanus und Septimus Severus errichtete Verbindungskanal, den die Perser aus Vorsicht mit Steinen zugeschüttet hatten, wiederhergestellt. Durch diesen Kanal ließ er die Flotte in den Tigris, etwas oberhalb der Mauern von Ktesiphon, kommen. So war der Sieger in das Herz der asiatischen Monarchie eingedrungen. Am nächsten Abend versammelte Julianus seine Feldherren zum Kriegsrate und erklärte ihnen, daß er nachts das Heer auf das andere Ufer an die Mauern von Ktesiphon bringen wolle. Die erfahrenen Heerführer, – Dagalaifus, Hormisdas, Secundinus, Victor und Sallustius, erschraken und bemühten sich, den Kaiser zu überreden, diesen allzu kühnen Entschluß fallen zu lassen; sie wiesen hin auf die Ermattung des Heeres, auf die Breite und die starke Strömung des Flusses, auf die Steilheit des anderen Ufers, auf die Nähe von Ktesiphon und des großen Heeres des Königs Sapores und auf die Unvermeidlichkeit eines Ausfalles der Perser während des Flußüberganges der Römer. Julianus wollte auf nichts hören. »Wie lange wir auch warten wollten,« rief er schließlich ungeduldig aus, »der Fluß wird nie schmäler und seine Ufer werden nie zugänglicher werden; das persische Heer wird aber von Tag zu Tag durch neue Hilfstruppen verstärkt. Wenn ich auf euren Rat hören wollte, so säßen wir auch heute noch in Antiochia!« Die Feldherren verließen bestürzt sein Zeit. »Er wird es nicht aushalten,« sagte seufzend der erfahrene und schlaue Dagalaifus, ein Barbar, der in römischen Diensten ergraut war. »Merkt euch, was ich sage: er wird es nicht aushalten! ... Er ist zwar lustig und frohen Mutes, doch gefällt mir sein Gesicht nicht. Diesen Ausdruck habe ich nur bei Menschen, die der Verzweiflung nahe und zu Tode erschöpft waren, beobachtet.« Die nebelige, glühende Abenddämmerung senkte sich auf den Wasserspiegel des breiten Stromes. Das Signal wurde gegeben; fünf Kriegsgaleeren mit vierhundert Soldaten stießen ab; lange hörte man noch das Aufklatschen der Ruder; dann wurde alles still; die Dämmerung war undurchdringlich. Julianus blickte gespannt vom Ufer den Galeeren nach. Er verbarg seine Erregung unter einem Lächeln. Die Heerführer tuschelten miteinander. Plötzlich leuchtete in der Dunkelheit ein Feuer auf. Alle blickten mit verhaltenem Atem auf den Kaiser. Er wußte, was dieses Feuer bedeutete. Den Persern war es gelungen, die römischen Schiffe mit brennenden Wurfgeschossen, die sie geschickt von ihrem steilen Ufer geworfen hatten, in Brand zu stecken. Er erbleichte; sofort gewann er aber seine Fassung wieder, sprang, ehe die Soldaten zur Besinnung kommen konnten, auf das erste beste Schiff, das am Ufer lag, und schrie triumphierend, sich an das Heer wendend: »Sieg! Sieg! Seht ihr das Feuer?! Sie haben das andere Ufer erreicht und sich seiner bemächtigt. Ich habe der abgesandten Kohorte befohlen, im Falle eines Erfolges, Siegesfeuer anzuzünden. Kameraden, mir nach!« »Was tust du?« flüsterte ihm der vorsichtige Sallustius ins Ohr. »Wir sind verloren: es ist ja eine Feuersbrunst! ...« »Der Cäsar ist von Sinnen!« raunte Hormisdas entsetzt Dagalaifus zu. Der schlaue Barbar zuckte verständnislos mit den Achseln. Das Heer stürmte unaufhaltsam zum Ufer. Mit dem begeisterten Geschrei »Sieg! Sieg!«, einander umstoßend und überrennend, hie und da ins Wasser fallend und unter lustigen Schimpfworten wieder herauskletternd, stürzten sie sich alle auf die Schiffe. Einige kleinere Barken wären um ein Haar gesunken. Die Galeeren konnten die Soldaten nicht fassen. Viele Reiter ließen sich von ihren Pferden durch den reißenden Strom tragen. Die Kelten und Bataver gebrauchten ihre großen Lederschilde, die kleinen Nachen glichen, als Boote und durchschwammen auf ihnen das dunkle Wasser; sie schwammen furchtlos durch den Nebel, und ihre Schilde kreisten in den Strudeln; die Soldaten achteten auf keine Gefahr und schrien begeistert: »Sieg! Sieg!« Die starke Strömung wurde von den zahllosen Schiffen, die sich auf dem Flusse stauten, gedämpft. Das Feuer auf den fünf vorderen Galeeren wurde ohne Mühe gelöscht. Die Soldaten begriffen erst jetzt die kühne, fast wahnsinnige List, die der Kaiser angewendet hatte; sie wurden dadurch aber nur noch freudiger gestimmt: jetzt, da diese Gefahr überwunden war, schien ihnen alles möglich. Kurz vor Tagesanbruch bemächtigten sich die Römer der Höhen auf dem gegenüberliegenden Ufer, sie hatten kaum Zeit, sich mit einem kurzen Schlaf, ohne Waffen und Rüstung abzulegen, zu erquicken, als sie beim Morgengrauen ein großes Heer erblickten, das aus Ktesiphon in die Ebene vor die Stadt herausgerückt war. Die Schlacht dauerte zwölf Stunden. Die Perser kämpften verzweifelt. Die römischen Soldaten sahen hier zum erstenmal die großen Kriegselefanten, die eine ganze Kohorte wie ein Ährenfeld niedertreten konnten. Der Sieg war so glänzend, wie ihn die Römer seit der Zeit der großen Kaiser Trajanus, Vespasianus und Titus nicht mehr errungen hatten. Bei Sonnenaufgang brachte Julianus dem Kriegsgotte Ares ein Dankopfer dar, das aus zehn weißen Stieren, schön, wie die auf den althellenischen Marmorbildwerken dargestellten, bestand. Alle waren frohen Mutes. Nur die etruskischen Auguren bewahrten wie immer ihre trotzige und unheimliche, finstere Miene. Nach jedem Siege Julianus' wurden sie noch finsterer, noch schweigsamer. – Man führte den ersten Stier zum flammenden, mit Lorbeeren bekränzten Altar. Der Stier schritt träge und willig; plötzlich stolperte er, fiel auf die Knie und steckte mit einem kläglichen, einem menschlichen Schrei ähnlichen Gebrüll, das alle Anwesenden erschaudern machte, seine Schnauze in den Staub; ehe noch das zweischneidige Beil des Victimarius seine breite Stirne berührt hatte, – erzitterte er und verendete. Man brachte einen anderen herbei. Auch er fiel tot zu Boden. So auch der dritte und der vierte. Die Stiere näherten sich dem Altar matt und schwach, kaum sich auf den Beinen haltend, gleichsam von einer tödlichen Krankheit befallen, und verendeten mit traurigem Brüllen. Ein Murmeln des Entsetzens ging durch die Reihen des Heeres. Es war ein unheimliches Vorzeichen. Man behauptete, daß die etruskischen Priester die Opferstiere absichtlich vergiftet hätten, um sich an dem Kaiser wegen der Mißachtung ihrer Prophezeiungen zu rächen. Neun Stiere waren verreckt. Der zehnte riß sich los, zerriß die Fesseln und raste brüllend und Schrecken verbreitend durch das Lager. Er lief zum Tore hinaus und man konnte ihn nicht wieder einfangen. Die Opferungen wurden unterbrochen. Die Auguren triumphierten. Als man die verendeten Stiere sezierte, erkannte Julianus mit seinem geübten Auge eines Wahrsagers in ihren Eingeweiden so unzweifelhafte und schreckliche Vorzeichen, daß er erblaßte und sich abwendete. Er wollte lächeln, konnte es aber nicht. Plötzlich trat er an den flammenden Altar heran und stieß ihn mit aller Wucht mit dem Fuß. Der Altar schwankte, blieb aber stehen. Die Menge seufzte schwer auf, wie aus einer Brust. Der Präfekt Sallustius eilte zum Kaiser und flüsterte ihm ins Ohr: »Die Soldaten schauen zu ... Es ist besser, den Gottesdienst abzubrechen ...« Julianus stieß ihn fort und schlug nach heftiger mit dem Fuß gegen den Altar; der Altar fiel um, die Kohlen zerstreuten sich, das Feuer erlosch, doch stieg der wohlriechende Rauch noch dichter empor. »Wehe, wehe! Man entweiht den Altar!« rief man in der Menge. »Ich sagte dir ja, daß er von Sinnen ist!« stammelte Hormisdas entsetzt, Dagalaifus bei der Hand ergreifend. Die etruskischen Auguren standen nach wie vor ruhig und würdevoll mit leidenschaftslosen, gleichsam steinernen Gesichtern. Julianus erhob die Arme zum Himmel und rief mit lauter Stimme: »Ich schwöre bei der ewigen Freude, die hier in meinem Herzen wohnt, daß ich mich von euch lossage, wie ihr euch von mir losgesagt habt, daß ich euch verlasse, wie ihr mich verlassen habt, ihr Seligen, ihr Machtlosen! Nun stehe ich allein euch gegenüber, ihr Gespenster des Olymps! ...« Ein vor Alter gebeugter, neunzigjähriger Augur mit langem, weißem Barte und einem Krummstabe näherte sich dem Kaiser und legte ihm seine feste und starke Hand auf die Schulter. »Sei still, mein Kind! Wenn du das Geheimnis erfaßt hast, so freue dich dessen und schweige. Gib der Menge kein Ärgernis. Dich hören Menschen, die es nicht hören dürfen ...« Das Murren wurde stärker. »Er ist krank,« flüsterte Hormisdas dem Dagalaifus zu. »Man muß ihn ins Zelt führen, sonst kann es noch ein Unglück geben ...« Der Arzt Oribasius trat an Julianus heran, faßte ihn mit seiner gewohnten, besorgten Miene vorsichtig bei der Hand und begann ihm zuzureden: »Du sollst etwas ausruhen, gnädiger Augustus. Du hast schon zwei Nächte nicht geschlafen. In dieser Gegend wüten gefährliche Fieber. Komm ins Zelt, denn die Sonne kann dir schaden ...« Die Aufregung unter den Soldaten wurde bedenklich. Das Murren und die Rufe verschmolzen in ein Getöse der Empörung. Niemand wußte genau, was eigentlich vorging, doch alle fühlten, daß ein Unglück im Anzuge sei. Die einen schrien in abergläubischer Angst: »Gotteslästerung! Gotteslästerung! Richtet den Altar wieder auf! Wozu haben wir die Priester?« Andere riefen: »Die Priester haben den Cäsar vergiftet, weil er nicht auf ihre Ratschläge hören wollte. Schlagt die Priester tot! Sie stürzen uns ins Verderben! ...« Die Galiläer, denen alles sehr gelegen kam, liefen mit demutsvoller Miene hin und her, spotteten und flüsterten, erfanden Klatschgeschichten und zischten, wie die erst eben aus ihrem Winterschlaf erwachten und von der Sonne erwärmten Schlangen: »Seht ihr es denn nicht? Es ist eine Strafe Gottes. Es ist schrecklich, in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen. – Die Teufel haben sich seiner bemächtigt und seinen Geist getrübt: nun hat er sich gegen die Götter empört, denen zuliebe er sich von dem Einigen losgesagt hat.« Der Kaiser blickte, wie aus einem Schlafe erwachend, langsam um sich und fragte schließlich zerstreut Oribasius: »Was gibt's? Was schreien sie? ... Ja, der umgeworfene Altar ...« Er blickte mit einem traurigen Lächeln auf die im Staube verglimmenden Kohlen des Räucherbeckens. »Weißt du, mein Freund, nichts beleidigt die Menschen so sehr, wie die Wahrheit. Die dummen, armen Kinder! – Nun, sollen sie nur schreien und weinen, – sie werden sich schon trösten ... Komm, Oribasius, wollen wir schneller in den Schatten gehen. Du hast recht, die Sonne scheint mir wirklich zu schaden. Meine Augen schmerzen. Ich bin müde ...« Er ging langsam fort, sich auf den Arm des Arztes stützend. Als er das Zelt betrat, bedeutete er allen mit einer trägen Handbewegung, daß er allein zu bleiben wünsche. Die Türe wurde geschlossen. Im Zelte wurde es dunkel. Er ging auf sein bescheidenes, hartes Feldlager zu, das nur aus einem Löwenfell bestand, und fiel erschöpft nieder. Lange lag er so, den Rücken nach oben gekehrt und die Schläfen mit den Händen zusammenpressend, wie er es in seiner Kindheit nach einer schweren Kränkung oder in schwerem Kummer zu tun pflegte. »Seid still, der Cäsar ist krank!« versuchten die Heerführer die Soldaten zu beruhigen. Die Soldaten verstummten und hielten den Atem an. Im Lager wie im Zelte des Kranken trat eine bange, erwartungsvolle Stille ein. Nur die Galiläer warteten nicht; sie machten sich überall zu schaffen, schlichen unhörbar herum, drangen überall ein, verbreiteten schreckliche Gerüchte und zischten, wie die erst eben aus ihrem Winterschlaf erwachten und von der Sonne erwärmten Schlangen: »Seht ihr es denn nicht? Es ist eine Strafe Gottes. Es ist schrecklich, in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen!« XVI. Oribasius sah einigemal ins Zelt hinein und bot dem Kranken ein kühlendes Getränk an. Julianus wollte es aber nicht nehmen und bat nur, ihn allein zu lassen. Er fürchtete sich vor menschlichen Gesichtern, vor allem Lauten und vor Licht. Er lag nach wie vor mit geschlossenen Augen, die Schläfen mit den Händen zusammenpressend, und bemühte sich, an nichts zu denken und zu vergessen, wo er sich befinde und was mit ihm geschehe. Die unnatürliche Willensanspannung, mit der er sich in den letzten drei Monaten beherrscht hatte, ließ ihn im Stich; er fühlte sich schwach und erschöpft wie nach einer langen Krankheit. Er wußte nicht, ob er schlafe oder wache. Visionen zogen, in buntem Reigen, sich zuweilen wiederholend, in unaufhaltsamer Hast und unerträglicher Helle an seinen Blicken vorbei. Bald sah er sich im großen, kalten Schlafgemach von Macellum; die alte Labda bekreuzte ihn vor dem Einschlafen; das Wiehern der in der Nähe des Zeltes angebundenen Schlachtrosse wurde in seinem Geiste zum komischen, stoßweisen Schnarchen des alten Pädagogen Mardonius; er kam sich als der niemandem bekannte, in den kappadocischen Bergen verlassene, kleine Knabe vor, und dieses Gefühl machte ihn glücklich. Bald atmete er den ihm wohlvertrauten feinen und frischen Duft der von der Märzsonne liebevoll erwärmten Hyazinthen im gemütlichen Gärtchen des Priesters Olympiodoros ein, hörte das liebliche Lachen der Amaryllis, das Rieseln der Fontäne, das Klappern, der Kupferschalen des Kottabus-Spieles und den Ruf der Diophana aus der Küche: »Kinder, der Ingwerkuchen ist fertig!« Doch die Bilder verschwanden. Jetzt hörte er nur das freudige Summen der ersten Januarfliegen, die in der Mittagssonne in einer windgeschützten Ecke einer weißen Mauer am Meeresstrande schwärmten; zu seinen Füßen erstarben die hellgrünen, schaumlosen Wellen; lächelnd blickte er den in der unendlichen, blassen Ferne des Meeres und der Wintersonne verschwindenden Segeln nach; er wußte, daß er in dieser seligen Wüste ganz allein sei, daß niemand kommen werde, und er empfand, gleich den lustigen, schwarzen Fliegen an der weißen Mauer, nur unschuldige Freude am Leben, Sonnenwärme und Stille. Plötzlich kam Julianus wieder zu sich und erinnerte sich, daß er sich im Herzen Persiens befinde, daß er der römische Kaiser sei und ein sechzigtausend Mann starkes Heer unter sich habe; daß es keine Götter gäbe, und daß er gotteslästerlich den Altar umgeworfen habe. Er fuhr zusammen; sein ganzer Körper wurde von einem Frostschauer durchschüttelt; es war ihm, als ob er den festen Boden unter seinen Füßen verliere, in einen Abgrund stürze und sich nirgends mehr anhalten könne. Er wußte nicht, ob dieser Halbschlummer eine Stunde oder einen ganzen Tag und eine ganze Nacht gedauert habe. Doch nicht mehr im Traume, sondern in der Wirklichkeit vernahm er deutlich die Stimme seines alten, treuen Dieners, der den Kopf vorsichtig ins Zelt gesteckt hatte: »Cäsar! Ich will dich nicht stören, doch wage ich es nicht, gegen deinen Befehl zu handeln. Du hast selbst befohlen, es dir zu melden. Im Lager ist soeben der Feldherr Arinthäus eingetroffen ...« »Arinthäus!« rief Julianus aus und sprang schnell von seinem Lager; die Meldung wirkte auf ihn wie ein Blitzschlag. »Arinthäus! Er soll sofort kommen!« Arinthäus war einer der tapfersten Feldherren, den Julianus mit einer kleinen Abteilung Kundschafter nach Norden geschickt hatte, um zu erfahren, ob das dreißigtausend Mann starke Hilfsheer der Comites Procopius und Sebastianus schon in der Nähe sei; diese Hilfstruppen sollten zugleich mit dem Heere des verbündeten armenischen Königs Arsakios vor den Mauern von Ktesiphon zum kaiserlichen Hauptheere stoßen. Julianus wartete schon längst auf diese Hilfstruppen, von denen das Schicksal des ganzen Heeres abhing. »Bringe ihn her,« rief der Kaiser aus, »er soll sofort kommen! Schnell! Oder warte ... Ich will selbst ...« Trotz der augenblicklichen Erregung fühlte er sich noch zu schwach; es schwindelte ihn; er schloß die Augen und mußte sich auf die Leinwand des Zeltes stützen. »Gib mir Wein, starken Wein ... mit kaltem Wasser ...« Der alte Diener füllte rasch einen Becher und reichte ihn dem Kaiser. Julianus trank in langsamen Zügen alles bis zum letzten Tropfen aus und seufzte erleichtert auf. Darauf verließ er das Zelt. Es war spät am Abend. In der Ferne hinter dem Euphrat zog ein Gewitter vorüber. Ein stürmischer Wind brachte den frischen, kühlen Hauch der Regenluft. Zwischen den schwarzen Wolken flimmerten vereinzelte, große Sterne, wie im Winde flackernde Lampen. In der Wüste heulten die Schakale. Julianus entblößte seine Brust, gab sein Gesicht dem Winde preis und fühlte mit Wohlbehagen in seinen Haaren die männliche Liebkosung des sich verziehenden Sturmes. Er erinnerte sich seiner Kleinmütigkeit von vorhin und mußte lächeln; die Schwäche war fast gänzlich gewichen. Die angenehme, einem Rausche ähnliche Anspannung aller geistigen Kräfte kehrte wieder. Er wollte befehlen, er wollte handeln, die ganze Nacht durchwachen, in die Schlacht gehen, mit Leben und Tod spielen und die Gefahren besiegen. Nur ab und zu überlief ihn noch ein Fieberschauer. Vor ihm stand Arinthäus. Die Nachrichten, die er brachte, waren traurig: auf die Hilfe von Procopius und Sebastianus durfte man nicht mehr bauen; die Verbündeten hatten den Kaiser in der unbekannten Tiefe Asiens verlassen. Es schwirrten beunruhigende Gerüchte umher von einem Verrate, von einem Treubruche des schlauen Arsakios. In diesem Augenblicke meldete man Julianus, daß ein persischer Überläufer aus dem Lager des Königs Sapores gekommen sei. Man brachte ihn vor den Kaiser. Der Perser warf sich vor Julianus nieder und küßte die Erde; er war verstümmelt: sein rasierter Kopf mit den abgeschnittenen Ohren und den zerrissenen Nasenlöchern gemahnte an einen Totenkopf; in seinen Augen leuchtete aber Geist und Entschlossenheit. Er trug ein kostbares Gewand aus feuerfarbener sogdianischer Leide und sprach gebrochen griechisch; zwei Sklaven begleiteten ihn. Der Perser, der sich Artabanes nannte, erzählte, er sei ein Satrap, den man bei König Sapores verleumdet hätte; bei der Folterung hätte man ihn so verstümmelt und nun käme er zu den Römern, um sich an dem König zu rächen. »O Beherrscher des Weltalls!« sprach Artabanes schmeichlerisch und hochtrabend, »ich will dir Savores, an Beinen und Armen gefesselt, wie ein Opferlamm überliefern. Ich will dich nachts in sein Lager führen, du wirst den König ganz leise mit deiner Hand einfangen, wie die kleinen Kinder Vögel fangen, höre nur auf Artabanes. Artabanes kann alles, Artabanes kennt alle Geheimnisse des Königs ...« »Was willst du von mir?« fragte Julianus. »Eine große Rache. Folge mir!« »Wohin?« »Nach Norden, durch die Wüste; – es sind dreihundertfünfundzwanzig Parasangen; – dann über die Berge nach Osten, gerade auf Susa und Etbatana.« Der Perser zeigte mit der Hand auf den Horizont. »Dorthin, dorthin!« wiederholte er, ohne seinen Blick von Julianus zu wenden. »Cäsar,« raunte Hormisdas dem Kaiser ins Ohr, »sei auf der Hut. Dieser Mann hat einen bösen Blick. Er ist ein Zauberer, oder ein Spitzbube, oder – man soll es nicht vor der Nacht sagen – etwas viel Schlechteres. In dieser Gegend treibt sich nachts allerhand Spuk herum ... Jage ihn fort, höre nicht auf ihn! ...« Der Kaiser achtete aber nicht auf diese Warnung. Er war ganz im Banne dieser seltsamen, flehenden und durchdringenden Augen des Persers. »Kennst du wirklich den Weg nach Ekbatana?« »O ja, ja, gewiß!« stammelte dieser verzückt lachend. »Gewiß kenne ich den Weg; wie sollte ich ihn nicht kennen? Ich kenne jeden Grashalm in der Steppe und jeden Brunnen. – Artabanes versteht die Sprache der Vögel, hört das Steppengras wachsen und die unterirdischen Quellen rauschen. In seinem Herzen wohnt die alte Weisheit Zarathustras. Er wird vor deinem Heere laufen, alle Pfade ausspüren und dir den Weg zeigen. – Glaube mir, in zwanzig Tagen gehört dir ganz Persien vom Indus bis zum heißen Ozean! ...« Das Herz des Kaisers schlug schneller. Er dachte: »Vielleicht ist das das Wunder, das ich erwarte? In zwanzig Tagen ist ganz Persien in meiner Hand! ...« Vor Freude konnte er kaum atmen. »Jage mich nicht fort,« flüsterte der Verstümmelte, »ich werde wie ein Hund vor deinen Füßen liegen. Als ich dein Gesicht sah, habe ich dich, du Beherrscher des Weltalls, mehr liebgewonnen, als meine Seele; denn du bist schön! Ich will, daß du auf mich deine Füße setzt und mich zertrittst. Ich werde den Staub von deinen Füßen lecken und singen: Heil, heil, heil dem Sohne der Sonne, dem König des Morgens und des Abends, dem Julianus!« Er küßte ihm die Füße. Auch die beiden Sklaven fielen nieder, berührten mit ihren Stirnen die Erde und wiederholten: »Heil, heil, heil!« »Was soll ich nun mit den Schiffen tun?« sagte Julianus nachdenklich, wie vor sich hin. »Soll ich sie ohne Bedeckung hier den Feinden preisgeben, oder bei ihnen zurückbleiben? ...« »Verbrenne sie!« flüsterte Artabanes. Julianus fuhr zusammen und blickte ihm prüfend ins Gesicht. »Verbrennen? Was hast du gesagt? ...« Artabanes erhob den Kopf und sog sich gleichsam mit seinen Augen an die des Kaisers fest. »Du fürchtest? Du? – Nein, nein, nur die Menschen fürchten, aber nicht die Götter! Verbrenne sie, und du wirst frei sein wie der Wind: die Schiffe werden nicht in die Hände des Feindes fallen, dein Heer wird aber durch ihre Bemannung vermehrt werden, sei groß und furchtlos bis ans Ende! Verbrenne sie, – in zehn Tagen wirst du vor den Mauern Ekbatanas stehen, in zwanzig Tagen wird ganz Persien in deiner Hand sein! Du wirst größer sein, als der Sohn Philipps, der Besieger des Darius! Verbrenne deine Schiffe und folge mir! – Oder wagst du es nicht?« »Wenn du aber lügst? Wenn ich in deinem Herzen lese, daß du lügst?« rief der Kaiser aus, mit der einen Hand den Perser an der Kehle packend und mit der anderen sein kurzes Schwert über ihn erhebend. Hormisdas atmete erleichtert auf. Einige Augenblicke lang sahen sich beide schweigend in die Augen. Artabanes hielt den Blick des Kaisers aus. Julianus geriet wieder in den Bann dieser klugen, frechen und demütigen Augen. »Laß mich sterben, laß mich von deiner Hand sterben, wenn du mir nicht glaubst!« wiederholte der Perser. Julianus steckte sein Schwert in die Scheide. »Es ist schrecklich und süß, in deine Augen zu schauen!« fuhr der Perser fort. »Dein Antlitz ist wie das Antlitz eines Gottes. Niemand weiß es noch. Ich allein weiß, wer du bist ... Herr, verwirf nicht deinen Sklaven!« »Wollen wir sehen,« sagte Julianus nachdenklich. »Ich hatte ja schon längst vor, in die Tiefe der Wüste zu ziehen und eine Schlacht mit dem König zu suchen. Doch die Schiffe? ...« »Gewiß, die Schiffe!« fiel Artabanes ein. »Du mußt möglichst bald ausrücken, noch heute nacht, vor Sonnenaufgang, solange es noch dunkel ist, damit es die Feinde in Ktesiphon nicht merken ... Willst du sie verbrennen?« Julianus gab keine Antwort. »Führt ihn fort und laßt ihn nicht aus den Augen,« befahl der Kaiser, den Soldaten auf den Überläufer weisend. Als Julianus in sein Zelt zurückkehrte, blieb er einen Augenblick lang an der Schwelle stehen; er hob die Augen und sagte vor sich hin: »Ist es wirklich möglich? ... So einfach und so schnell? Mein Wille ist wie der Wille der Götter: kaum denke ich etwas, so geht es schon in Erfüllung ...« Die Freude in seinem Herzen wuchs an wie ein Sturm. Lächelnd drückte er seine Hand an das wild pochende Herz. Ein Frostschauer überlief noch immer seinen Rücken, und sein Kopf schmerzte ihn etwas, als ob er den ganzen Tag in der Sonne zugebracht hätte. Er ließ den Feldherrn Victor zu sich ins Zelt kommen und händigte dem alten, ihm blind ergebenen Soldaten seinen goldenen Ring mit dem kaiserlichen Siegel ein. »An die Befehlshaber der Flotte, die Comites Konstantin und Lucillianus,« befahl Julianus. »Noch vor Sonnenaufgang sind alle Schiffe, mit Ausnahme der fünf großen Getreideschiffe und zwölf kleinen Barken für die Schiffsbrücken, zu verbrennen. Die kleinen Schiffe sind auf Wagen zu verladen. Die großen sind zu verbrennen. Jeden Widerstand werde ich mit dem Tode bestrafen. Alles soll geheim gehalten werden. – Jetzt gehe!« Er übergab ihm einen Papyrusfetzen, auf den er einige Worte – den lakonischen Befehl an die Befehlshaber der Flotte – hingekritzelt hatte. Victor äußerte, wie es seine Gewohnheit war, kein Erstaunen und entgegnete nichts; er küßte schweigend mit dem Ausdrucke demütigen Gehorsams den Saum der kaiserlichen Toga und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Trotz der späten Stunde ließ Julianus den Kriegsrat zusammentreten. Die Feldherren sammelten sich in seinem Zelt mit finsteren, mißtrauischen Mienen, ihre gereizte Stimmung kaum bemeisternd. Er teilte ihnen in wenigen Worten seinen Plan mit: nach Norden in die Tiefe Persiens auf Ekbatana und Susa vorzudringen, um den König zu überraschen. Alle empörten sich gegen diesen Plan und begannen durcheinander zu sprechen; sie äußerten beinahe offen, daß dieses Beginnen ihnen wahnsinnig erscheine. Die ernsten Gesichter der alten, klugen, in mancherlei Gefahren gestählten Feldherren drückten Ermüdung, Ärger und Mißtrauen aus. Viele widersprachen ihm mit großer Schärfe: »Wohin gehen wir? Wozu?« sagte Sallustius Secundus. »Bedenke doch, gnädigster Cäsar: wir haben bereits das halbe Persien erobert; König Sapores bietet dir Frieden unter solchen Bedingungen an, wie sie noch von keinem König Asiens einem römischen Sieger – weder Pompejus dem Großen, noch Septimius Severus, noch Trajanus – angeboten wurden. Schließen wir doch einen ruhmvollen Frieden, solange es noch nicht zu spät ist, und kehren in die Heimat zurück ...« »Die Soldaten murren,« bemerkte Dagalaifus, »bringe sie nicht zur Verzweiflung. Sie sind erschöpft, wir haben viele Verwundete und Kranke. Wenn du sie in die unbekannte Wüste führst, müssen wir jede Verantwortung ablehnen. – habe Erbarmen! Auch du selbst bedarfst der Ruhe: du bist vielleicht noch mehr erschöpft, als wir alle ...« »Kehren wir um!« schlossen alle, »weiter zu gehen, ist Wahnsinn!« In diesem Augenblick erscholl ein dumpfer, drohender Lärm hinter der Wand des Zeltes, der wie das Toben einer fernen Brandung klang. Julianus horchte auf und begriff sofort, daß es eine Empörung sei. »Ihr kennt Unseren Willen?« sprach er gelassen, den Feldherren den Ausgang weisend, »er ist unabänderlich. In zwei Stunden brechen wir auf. Seht zu, daß alles Nötige vorbereitet wird.« »Göttlicher Augustus,« sagte Sallustius ruhig und ehrfurchtsvoll, doch mit einem leichten Zittern in der Stimme, »ich will nicht gehen, bevor ich nicht das gesagt habe, was ich dir sagen muß. Du sprachst zu uns, die wir dir zwar nicht an der Würde, so doch an kriegerischen Tugenden gleichkommen, nicht so, wie es einem Schüler des Sokrates und des Plato ziemt. Wir können deine Worte nur mit einer vorübergehenden Gereiztheit, die deinen göttlichen Verstand trübt, entschuldigen ...« »Nun, dann ist es um so schlimmer für euch, meine Freunde!« rief Julianus grinsend und vor verhaltenem Haß erbleichend aus. »Ihr seid in der Gewalt eines Wahnsinnigen! Ich habe soeben befohlen, die Schiffe zu verbrennen, und mein Befehl wird jetzt ausgeführt. Ich sah euren vernünftigen Widerspruch voraus und schnitt den letzten Weg zum Rückzuge ab. Ja, euer Leben ist jetzt in meiner Hand, und ich werde euch zwingen, an ein Wunder zu glauben! ...« Alle verstummten vor Bestürzung; Sallustius allein ging auf Julianus zu und ergriff dessen Hand. »Es kann nicht sein! Cäsar, das hast du nicht getan! ... Oder hast du wirklich? ...« Er sprach nicht zu Ende und ließ die Hand des Kaisers los. Alle sprangen auf und horchten hinaus. Die Schreie der Soldaten draußen wurden immer lauter und lauter; das Toben der Empörung kam immer näher; es war wie ein Sturm, der über die Waldwipfel fegt. »Mögen sie nur schreien!« sagte Julianus mit ruhiger Stimme. »Die armen, dummen Kinder! Wohin wollen sie von mir fortziehen? Hört ihr es? Das ist der Grund, warum ich die Schiffe, – die Hoffnung der Feigen und die Zuflucht der Faulen verbrannt habe. Jetzt gibt es kein Zurück. Es ist vollbracht. Wir können nur noch auf ein Wunder bauen! Jetzt seid ihr mit mir für Leben und Tod verbunden. In zwanzig Tagen ist ganz Asien in meiner Hand. Ich habe euch mit Schrecken und Todesgefahr umgeben, damit ihr alles besiegt, und mir gleich werdet. Freut euch! Ich werde euch, wie Gott Dionysos, durch die ganze Welt führen, ihr werdet Menschen und Götter besiegen und selbst den Göttern gleich sein! ...« Kaum hatte er die letzten Worte gesprochen, als durch das ganze Heer ein Schrei des Entsetzens ging: »Sie brennen! Sie brennen!« Die Feldherren stürzten aus dem Zelt. Julianus folgte ihnen. Sie erblickten ein Feuermeer. Victor hatte den Befehl des Herrschers genau ausgeführt. Die ganze Flotte stand in Flammen. Der Kaiser betrachtete die Feuersbrunst mit einem stillen, seltsamen Lächeln. »Cäsar! Die Götter mögen uns gnädig sein, – er ist entflohen! ...« Mit diesen Worten stürzte einer der Centurionen, blaß und bebend dem Kaiser zu Füßen. »Entflohen? Wer? Was sprichst du da? ...« »Artabanes, Artabanes! Wehe uns! ... Cäsar, er hat dich betrogen! ...« »Es kann nicht sein! ... Und seine Sklaven?« stammelte der Kaiser kaum hörbar. »In der Folter haben sie eben gestanden, daß Artabanes kein Satrap, sondern nur ein Steuereinnehmer in Ktesiphon sei,« fuhr der Centurio fort. »Er hatte diese List erfunden, um seine Stadt zu retten und dich in die Wüste zu locken, damit du dort in die Hände der Perser fällst; er wußte, daß du die Schiffe verbrennen würdest. Sie sagten auch noch, daß König Sapores mit einem großen Heere heranrücke ...« Der Kaiser stürzte zum Ufer, dem Feldherrn Victor entgegen. »Löscht, löscht, löscht! Schnell! ...« Seine Stimme erstarb aber, als er die brennende Flotte sah: er begriff, daß keine menschliche Kraft mehr diese im starken Winde lodernden Flammen aufhalten könne. In seinem Entsetzen faßte er sich an dem Kopf; obwohl in seinem Herzen weder Glaube, noch Andacht wohnte, hob er seine Augen gen Himmel, als ob er dort etwas suche. Die blassen Sterne flimmerten durch den blutroten Schein. Das Heer wogte und tobte immer drohender. »Die Perser haben sie in Brand gesteckt!« schrien die einen, ihre Hände nach den brennenden Schiffen, ihrer letzten Hoffnung, ausstreckend. »Es waren nicht die Perser, sondern unsere Feldherren, die uns in die Wüste locken und dort verlassen wollen!« heulten andere. »Schlagt die Priester tot!« wiederholten dritte. »Die Priester haben den Cäsar behext und seiner Vernunft beraubt!« »Heil dem Augustus Julianus dem Sieghaften!« schrien die treuen Gallier und Kelten. »Schweigt, ihr Verräter! Solange er lebt, haben wir nichts zu befürchten!« Die Kleinmütigen jammerten: »In die Heimat, in die Heimat, zurück! Wir wollen nicht weiter, wir wollen nicht in die Wüste. Wir gehen keinen Schritt weiter, wir sterben auf dem Wege. Es ist besser, wenn ihr uns gleich hier tötet!« »Ihr werdet eure Heimat ebensowenig wie eure Ohren zu Gesicht bekommen! Wir sind verloren, wir sind in die Falle der Perser geraten!« »Seht ihr es denn nicht?« triumphierten die Galiläer. »Die Teufel haben sich seiner bemächtigt! Der gottlose Julianus hat ihnen seine Seele verschrieben, und sie ziehen ihn ins Verderben. Wohin kann uns ein von den Teufeln besessener Wahnsinniger bringen?!« Der Cäsar sah und hörte nichts, wie im Fieber flüsterte er vor sich hin, während über seine Lippen ein blasses und zerstreutes Lächeln glitt: »Einerlei, einerlei ... Das Wunder wird geschehen! Wenn nicht jetzt, so später. – Ich glaube an ein Wunder! ...« XVII. Es war das erste Nachtlager auf dem Rückzuge in den sechzehnten Calenden des Junius. Das Heer wollte nicht weiter. Weder Bitten, noch Ermahnungen, noch Drohungen des Kaisers halfen. Die Kelten und Skythen wie die Römer, die Christen wie die Heiden, die Feigen wie die Tapferen – alle schrien einstimmig: »Zurück, zurück!« Die Heerführer waren im geheimen schadenfroh; die etruskischen Auguren triumphierten ganz offen. Nach der Verbrennung der Schiffe hatten sich alle empört. Jetzt waren nicht nur die Galiläer, sondern auch die Anhänger der olympischen Götter davon überzeugt, daß auf dem Haupte des Kaisers ein Fluch laste, daß er von den Eumeniden verfolgt werde. Wenn er durchs Lager schritt, verstummten alle Gespräche, alle Soldaten wichen ihm scheu aus. Die Sibyllinischen Bücher und die Apokalypse, die etruskischen Auguren und die christlichen Seher, die Götter und die Engel hatten sich vereinigt, um den Apostaten zu stürzen. Der Kaiser erklärte, daß er das Heer in die Heimat durch die Provinz Corduene und das fruchtbare Chiliokomon führen wolle. Bei diesem Rückzüge blieb noch wenigstens die Hoffnung, auf die Truppen des Procopius und Sabastianus zu stoßen. Julianus tröstete sich mit dem Gedanken, daß er noch immer auf persischem Gebiet bleibe und folglich auch dem Hauptheere des Königs Sapores begegnen und über ihn einen Sieg, der alles wieder gut machen würde, erringen könne. Die Perser ließen sich nicht mehr blicken. Um vor dem von ihnen geplanten entscheidenden Überfall das römische Heer zu schwächen, verbrannten sie die fruchtbaren Felder mit dem reifen Weizen und Korn und alle Speicher und Heuschuppen in den Dörfern. Die Soldaten gingen durch eine tote Wüste, die noch von dem Flurbrande rauchte. Eine Hungersnot trat ein. Um das Unglück noch größer zu machen, zerstörten die Perser die Dämme ihrer Kanäle, und überschwemmten so die verbrannten Felder. Sie wurden dabei auch von den Flüssen und Bächen unterstützt, die infolge der kurzen, doch starken Schneeschmelze in den Bergen Armeniens aus den Ufern traten. In der heißen Junisonne trocknete das Wasser sehr schnell. Auf der noch von der Feuersbrunst warmen Erde blieben Pfützen warmen, klebrigen, schwarzen Schmutzes zurück. Abends stiegen von der nassen Asche betäubende Dünste auf; der süßliche, feuchte Brandgeruch verpestete die Luft, das Wasser und selbst die Nahrung und die Kleidung der Soldaten. Aus den dampfenden Sümpfen erhoben sich ganze Wolken von Insekten – Moskitos, giftige Bremsen, Schnaken und Fliegen. Sie schwärmten über den Lasttieren und klebten an der staubigen und schweißigen Haut der Legionäre. Tag und Nacht hörte man ihr einschläferndes Summen. Die Pferde scheuten, die Ochsen rissen sich aus den Jochen und warfen die Wagen um. Nach den schwierigen Tagesmärschen konnten die Soldaten selbst in ihren Zelten keine Ruhe finden: die Insekten drangen durch alle Ritzen ein, und man mußte sich ganz in die warmen Decken hüllen, um einschlafen zu können. Der Stich einer winzigen, durchsichtigen Fliege von der schmutziggelben Farbe des Düngers erzeugte Blasen und Geschwülste, die zuerst juckten, dann schmerzten und sich schließlich in gräßliche, eiternde Wunden verwandelten. In den letzten Tagen ließ sich die Sonne nicht blicken. Der Himmel war gleichmäßig mit weißen, glühenden Wolken bedeckt; ihr unbewegliches Licht tat aber den Augen noch mehr weh, als das grellste Sonnenlicht; der Himmel schien niedrig, schwer und schwül, wie die niedrige Decke einer heißen Badestube. So gingen sie abgemagert und geschwächt mit matten Schritten und gesenkten Köpfen zwischen dem erbarmungslosen, niederen, kalkweißen Himmel und der verkohlten, schwarzen Erde. Es schien ihnen, der Antichrist selbst, ein von Gott verstoßener Mensch, hätte sie absichtlich in dieses Land geführt, um sie zu verderben. Manche Soldaten murrten und beschimpften ihre Führer, doch taten sie es in wirren Worten, wie im Fieber. Andere beteten leise und weinten wie kranke Kinder, indem sie ihre Kameraden um einen Bissen Brot oder um einen Schluck Wein anflehten. Viele blieben erschöpft am Wege liegen. Der Kaiser befahl, an die Hungrigen die letzten Lebensmittel zu verteilen, die für ihn und seine Umgebung vorbereitet waren. Er selbst begnügte sich mit einer dünnen Mehlsuppe und ein wenig Speck, einer Ration, die selbst ein anspruchsloser Soldat verschmähen würde. Infolge der großen Enthaltsamkeit fühlte er immer eine besondere Erregung und zugleich eine seltsame Leichtigkeit des Körpers; diese Erregung verlieh ihm gleichsam Flügel, die ihn unterstützten und seine Kräfte verzehnfachten. Er bemühte sich, so wenig als möglich an die Zukunft zu denken. Nur der Gedanke, daß er als Besiegter nach Antiochia oder Tarsus zum Spotte der Galiläer zurückkehren könne, war ihm unerträglich. Ein Nordwind hatte die Insekten verscheucht, und die Soldaten konnten in dieser Nacht ausruhen. Das Öl, Mehl und der Wein, die aus den letzten Vorräten des Kaisers entnommen waren, hatten den Hunger einigermaßen gestillt. Die Hoffnung, in die Heimat zurückzukehren, war wieder erwacht. Das ganze Lager ruhte in tiefem Schlaf. Julianus zog sich in sein Zelt zurück. In der letzten Zeit hatte er seinen Schlaf aufs äußerste eingeschränkt und begnügte sich mit einem kurzen Halbschlummer vor Sonnenaufgang; wenn er zuweilen wirklich einschlief, so erwachte er jedesmal mit einem Grauen im Herzen und mit kalten Schweißtropfen am Körper: er mußte die ganze Kraft seines Bewußtseins zusammennehmen, um über dieses Gefühl Herr zu werden. Als er in das Zelt gekommen war, putzte er mit einer eisernen Schere den Docht der kupfernen Lampe, die in der Mitte des Zeltes hing. Überall lagen Pergamentrollen aus seiner Feldbibliothek umher; darunter war auch das Evangelium. Er wollte wieder an seinem Lieblingswerk, der philosophischen Abhandlung »Wider die Galiläer« arbeiten, die er vor zweiundeinhalb Monaten bereits während des Feldzuges begonnen hatte. Er saß mit dem Rücken gegen den Eingang des Zeltes und blätterte im Manuskript, als er plötzlich ein Geräusch vernahm. Er wandte sich um, stieß einen Schrei aus und sprang auf: es war ihm, als ob er ein Gespenst gesehen hätte. An der Schwelle des Zeltes stand ein Jüngling in einer dunklen, ärmlichen Tunika aus Kamelhaaren mit einem staubigen Schafsfell, wie es die ägyptischen Einsiedler trugen, auf den Schultern und mit Sandalen aus Palmenblättern auf den bloßen, zarten Füßen. Der Kaiser starrte ihn an und wartete; vor Erregung konnte er kein Wort sprechen. Es herrschte eine Stille, wie sie nur in der schweigsamsten Stunde nach Mitternacht vorkommt. »Weißt du noch,« sprach eine vertraute Stimme, »weißt du noch, Julianus, wie du mich nachts im Kloster besucht hast? Ich habe dich dann abgewiesen, doch konnte ich dich nicht vergessen, denn wir beide sind einander ewig nahe ...« Der Jüngling warf die dunkle Mönchskapuze vom Kopf, und Julianus erkannte die goldenen Locken Arsinoes. »Woher? Wie bist du hergekommen? Warum diese Verkleidung? ...« Er fürchtete noch immer, daß es ein Gespenst sei, das ebenso schnell verschwinden könne, wie es gekommen war. Arsinoe berichtete ihm in wenigen Worten, was sie während der Trennung alles erlebt hatte. – Nachdem sie ihren Vormund Hortensius verlassen und ihre ganze Habe an die Armen verteilt hatte, lebte sie längere Zeit unter den galiläischen Einsiedlern, südlich vom See Mareotis, in den schrecklichen Wüsten von Nitria und Schedia, zwischen den Libyschen Bergen. Der junge Juventinus, der Jünger des blinden Greises Didymos, hatte sie begleitet. Sie hatten zusammen die berühmten Anachoreten besucht. »Nun?« fragte Julianus nicht ohne Furcht, »hast du, Mädchen, bei ihnen das gefunden, was du suchtest?« Sie schüttelte den Kopf und sprach wehmütig: »Nein. Es waren nur Andeutungen, Vorahnungen, leise Anklänge ...« »Erzähle, erzähle alles!« drang der Kaiser in sie ein. In seinen Augen leuchtete etwas wie Hoffnung. »Werde ich es auch erzählen können?« begann sie langsam, »Siehst du, mein Freund: ich habe bei ihnen die Freiheit gesucht, habe sie aber nicht gefunden ...« »Ja, ja! Nicht wahr?« rief Julianus triumphierend. »Ich habe es dir doch gesagt, Arsinoe. Weißt du es noch? ...« Sie setzte sich auf den mit einem Leopardenfell bedeckten Feldstuhl und erzählte ruhig mit traurigem Lächeln weiter. Er fing entzückt und gierig ein jedes von ihren Worten auf. »Erzähle mir, wie hast du diese Unglücklichen verlassen?« fragte Julianus. »Auch ich hatte eine Versuchung,« antwortete sie. »Einst fand ich in der Wüste in einem Steinhaufen einen Splitter weißen, reinen Marmors; ich hob ihn auf und erfreute mich lange an seinem blendenden Funkeln in den Sonnenstrahlen; und plötzlich mußte ich an Athen, an meine Jugend, an die Kunst, an dich denken. Ich war wie aus einem Schlafe erwacht. Ich entschloß mich sofort, wieder in die Welt zurückzukehren und so zu leben und zu sterben, wie mich Gott erschaffen hat: – als Künstlerin. – Um diese Zeit hatte der alte Didymos einen prophetischen Traum: daß ich dich mit dem Galiläer versöhnt hätte ...« »Mit dem Galiläer?« sagte Julianus leise; sein Gesicht verfinsterte sich, seine Augen erloschen, das Lächeln erstarb auf seinen Lippen. »Ich wollte dich wiedersehen,« fuhr Arsinoe fort, »ich wollte erfahren, ob du auf deinem Wege die Wahrheit gefunden und was du erreicht hast. Als Mönch verkleidet bin ich mit dem Bruder Juventinus den Nil hinab bis Alexandria gefahren und von dort zu Schiff nach Seleucia gekommen; hier habe ich mich einer großen illyrischen Karawane angeschlossen und bin mit ihr über Apameia, Epiphania und Edessa bis an die Grenze gezogen; unter mancherlei Gefahren und Mühsalen haben wir die von den Persern verlassenen Wüsten Mesopotamiens durchquert und in der Nähe des Dorfes Abuzatha, bald nach deinem Siege bei Ktesiphon, dein Lager erblickt. Und jetzt bin ich hier. – Wie ist es aber dir ergangen, Julianus?« Er seufzte auf, ließ seinen Kopf sinken und gab keine Antwort. Dann streifte er sie mit einem schnellen, flehenden und argwöhnischen Blick und fragte: »Arsinoe, jetzt haßt du Ihn wohl auch? ...« »Nein. Wofür?« erwiderte sie leise und einfach. »Haben denn die Weisen von Hellas nicht beinahe das Gleiche gepredigt wie Er? Jene Leute, die in der Wüste ihr Fleisch und ihren Geist abtöten, haben mit dem sanften Sohne Marias nichts zu schaffen. Er liebte die Kinder, die Freiheit, die Freude der Feste und die weißen Lilien. Er liebte das Leben, Julianus! Wir haben uns aber von Ihm entfernt, haben uns verirrt, und unsere Seelen sind düster geworden. Sie nennen dich einen Apostaten; sie sind es aber alle selbst ...« Der Kaiser kniete vor ihr nieder und sah sie flehend an. Tränen glänzten auf seinen Wimpern und liefen langsam die Wangen herab. »Nein, nein,« flüsterte er, »sprich nicht davon! ... Wozu? ... Laß mir meine Vergangenheit ... Werde nicht wieder mein Feind! ...« »Nein!« rief sie mit heftiger Bewegung. »Ich muß dir alles sagen. Höre. Ich weiß, daß du Ihn liebst. Schweige, – es ist so, und das ist dein Fluch. Gegen wen hast du dich empört? Wie kannst du behaupten, daß du Sein Feind bist? Wenn auch deine Lippen den Gekreuzigten verdammen, deine Seele lechzt immer nach Ihm. Wenn du gegen seinen Namen kämpfst, so stehst du seinem Geiste immer noch näher, als die, die mit toten Lippen: ›Herr! Herr!‹ rufen. Diese sind deine Feinde, doch nicht Er! Warum quälst du dich mehr ab, als die galiläischen Mönche? ...« Julianus sprang blaß auf; sein Gesicht verzerrte sich, seine Augen leuchteten zornig; keuchend flüsterte er: »Geh fort, verlasse mich! Ich kenne alle eure galiläischen Versuchungskünste! ...« Arsinoe sah ihn entsetzt wie einen Wahnsinnigen an. »Julianus, Julianus! Was hast du? Hat dich denn schon der Name allein ...?« Er hatte aber bereits seine Fassung wieder erlangt; seine Augen erloschen, sein Gesicht nahm einen gleichgültigen, beinahe verächtlichen Ausdruck an. »Geh fort, Arsinoe. Vergiß alles, was ich gesagt habe. Du siehst, daß wir einander fremd sind. Der Schatten des Gekreuzigten ist zwischen uns. Du hast dich von Ihm nicht losgesagt. Wer Ihn nicht haßt, kann nicht mein Freund sein.« Sie fiel vor ihm auf die Knie. »Warum? Warum? Was tust du? Erbarme dich doch deiner selbst, solange es noch nicht zu spät ist! Kehre um, oder du ...« Sie kam nicht weiter; er aber sprach mit hochmütigem Lächeln ihren Gedanken zu Ende: »Oder ich gehe zugrunde? Und wenn auch! Ich will meinen Weg zu Ende gehen, wohin er mich auch bringen mag. Wenn ich aber, wie du es behauptest, ungerecht gegen die Lehre der Galiläer war, so bedenke, was ich alles von ihnen erdulden mußte, wie zahlreich und wie verächtlich meine Feinde waren. Einst war ich dabei, wie die römischen Soldaten in den Sümpfen Mesopotamiens einen Löwen fanden, der von giftigen Fliegen verfolgt wurde; sie drangen ihm in den Rachen, in die Ohren und in die Nüstern ein und ließen ihn nicht aufatmen, klebten an seinen Augen und besiegten langsam mit ihren Stichen die Kraft des Löwen. – So ist auch mein Untergang, so ist der Sieg, den die Galiläer über dem römischen Cäsar erringen!« Das Mädchen streckte ihm noch immer ihre Hände schweigend und hoffnungslos, wie ein Freund einem verstorbenen Freunde, entgegen. Zwischen ihnen war aber ein Abgrund, den Lebende nicht überschreiten ... * Ende Juli erreichte das römische Heer nach einem langen Marsche durch die verbrannte Steppe das Tal des kleinen Flusses Durus, wo es noch ein wenig Gras gab, das das Feuer verschont hat. Die Legionäre waren außer sich vor Freude, sie legten sich auf die Erde, atmeten den frischen Geruch ein und drückten die feuchten Grashalme an ihre entzündeten Augenlider. In der Nähe war auch ein reifes Weizenfeld. Die Soldaten ernteten das Getreide. Drei Tage lang konnten sie in diesem angenehmen Tale der Ruhe pflegen. Am Morgen des vierten Tages bemerkten die Wachtposten, die auf den nahen Hügeln aufgestellt waren, eine Wolke, die vom Staube, oder auch vom Rauche herrühren konnte. Die einen glaubten, daß es die wilden Esel seien, die sich zu großen Herden ansammeln, um sich vor den Löwen zu schützen; andere meinten, es seien Sarazenen, die die Gerüchte von der Belagerung von Ktesiphon angelockt hätten; andere wieder äußerten den Verdacht, daß es das Hauptheer des Königs Sapores sein könne. Der Kaiser befahl, Appell zu blasen. Die Kohorten stellten sich am Ufer des Baches in Verteidigungsordnung auf, einen regelmäßigen Kreis unter dem Schutze der zu einer Mauer zusammengerückten, ehernen Schilde bildend. Der Horizont war bis zum Abend von der Rauch- oder Staubwolke verhüllt, und niemand konnte erraten, was sich in ihr verbarg. Die Nacht war still und finster; kein Stern blinkte am Himmel. Die Römer schliefen nicht. Sie standen um die Wachtfeuer und erwarteten schweigsam und ruhig den Morgen. XVIII. Bei Sonnenaufgang erblickten sie die Perser. Die Feinde kamen langsam näher. Erfahrene Soldaten schätzten ihre Zahl auf nicht weniger als 300000 Mann; hinter den Hügeln tauchten immer neue Massen auf. Die Rüstungen leuchteten so blendend, daß es die Augen auch durch den dichten Nebel hindurch kaum ertragen konnten. Die Römer verließen schweigend das Tal und stellten sich in Schlachtordnung auf. Ihre Gesichter waren ernst, doch nicht bekümmert. Die Gefahr hatte alle feindseligen Gefühle niedergedrückt. Alle Blicke waren wieder auf den Kaiser gerichtet. Die Galiläer wie die Heiden suchten in seinem Gesicht zu lesen, ob noch eine Hoffnung vorhanden sei. Das Gesicht des Cäsars strahlte vor Freude. Er hatte auf diese Begegnung mit den Persern wie auf ein Wunder gehofft, denn er wußte, daß ein Sieg alles wieder gut machen und ihm eine solche Macht und Ehre einbringen würde, daß die Galiläer sich für besiegt bekennen müßten. Der schwüle, staubige Morgen des 22. Juli ließ einen heißen Tag voraussehen. Der Kaiser wollte seinen ehernen Panzer nicht anlegen. Er behielt seine leichte, seidene Tunika an. Der Feldherr Victor trat an ihn mit dem Panzer in der Hand heran und sagte: »Cäsar, ich habe heute einen bösen Traum gehabt. Versuche nicht das Schicksal und lege den Panzer an ...« Julianus winkte ab. Der Alte kniete nieder und hob den leichten Panzer empor. »Lege ihn an! Erbarme dich deines Sklaven! Die Schlacht wird gefährlich werden.« Julianus ergriff den runden Schild, warf den wehenden Purpur der Chlamys über eine Schulter und sprang aufs Pferd. »Laß mich, Alter! Ich will nicht.« So sprengte er fort, und sein böotischer Helm mit dem hohen, goldenen Kamme funkelte in der Sonne. Victor blickte ihm nach und schüttelte besorgt den Kopf. Die Perser rückten immer näher heran. Nun hieß es eilen. Julianus stellte sein Heer in einer besonderen Schlachtordnung – in Form eines gedehnten Halbkreises – auf. Der große Halbkreis sollte mit seinen beiden Spitzen in das persische Heer eindringen und es von zwei Seiten umfassen. Den rechten Flügel befehligte Dagalaifus, den linken Hormisdas, die Mitte Julianus und Victor. Die Kriegstrompeten erklangen. Die Erde erzitterte und erdröhnte unter dem weichen, schweren Trabe der persischen Elefanten; auf ihren breiten Stirnen zitterten Straußfedern; sie trugen auf ihren Rücken Türme aus Leder, die von Riemengurten festgehalten wurden; in jedem Turme saßen vier Schützen, die Falaricas – mit brennendem Pech und Werg versehene Wurfgeschosse – schleuderten. Die römische Reiterei hielt dem ersten Ansturm nicht stand. Die Elefanten brüllten betäubend, erhoben ihre Rüssel und rissen ihre fleischigen, feuchten, rosa Rachen auf; die Soldaten fühlten auf ihren Gesichtern den Atem der Ungeheuer, die die Barbaren durch ein besonderes Getränk aus reinem Wein, Pfeffer und Weihrauch wild gemacht hatten; die mit Zinnober gefärbten und durch Stahlspitzen verlängerten Stoßzähne schlitzten den Pferden die Bäuche auf; mit ihren Rüsseln ergriffen sie die Reiter, hoben sie in die Luft und schlugen sie gegen die Erde. Der faltigen Haut der grauen Ungeheuer entströmte in der Mittagshitze ein scharfer, durchdringender Schweißgeruch. Die Pferde scheuten, schlugen aus und schnaubten, als sie den Geruch der Elefanten witterten. Eine Kohorte wendete sich schon zur Flucht. Es waren Christen. Julianus stürzte ihnen nach, um die Fliehenden aufzuhalten, schlug den ersten Decurio ins Gesicht und schrie wütend: »Feiglinge! Ihr könnt nur beten! ...« Die thrakischen, leichtbewaffneten Schützen und die paphlagonischen Schleuderer rückten gegen die Elefanten vor. Ihnen folgten die geschickten illyrischen Martiobarbulen mit ihren Wurfspießen, die mit Blei ausgegossen waren. Julianus befahl, alle Pfeile, Steine aus den Schleudern und bleierne Wurfspieße auf die Beine der Ungeheuer zu richten. Ein Pfeil traf einen großen indischen Elefanten ins Auge. Er brüllte und erhob sich auf den Hinterbeinen; die Bauchgurte zerrissen, der Sattel mit dem Lederturm glitt herab, und die Schützen fielen, wie junge Vögel aus einem Nest, heraus. Die ganze Elefantenabteilung geriet in Unordnung. Die an den Beinen getroffenen Tiere fielen um, und bald bildete sich ringsherum ein beweglicher Berg aus übereinandergehäuften Elefantenleibern. Ihre nach oben gekehrten Füße, die blutenden Rüssel, die zerbrochenen Stoßzähne, die umgeworfenen Türme, die halberdrückten Pferde, die verwundeten und toten Perser und Römer – alles lag in einem wirren Knäuel durcheinander. Schließlich wandten sich die Elefanten zur Flucht, stürzten in die Reihen der Perser und begannen sie niederzutreten. Die Kriegskunst der Barbaren rechnete mit dieser Gefahr: das Beispiel der Schlacht bei Nisibis hatte gezeigt, daß das Heer von seinen eigenen Elefanten vernichtet werden kann. Die Führer der Elefanten schlugen die Ungeheuer mit langen, sichelförmigen, am rechten Arme festgebundenen Messern mit aller Kraft zwischen den beiden letzten Rückenwirbeln, die dem Schädel am nächsten liegen; ein einziger Schlag genügte, um das größte und stärkste Tier zu töten. Die Kohorten der Martiobarbulen stürmten vorwärts, kletterten über die verwundeten Elefanten und verfolgten die Fliehenden. In diesem Augenblick mußte der Kaiser dem linken Flügel zu Hilfe eilen. Hier rückten die persischen Clibanarier vor; so hießen jene berühmten Reiter, die miteinander durch eine große, schwere Kette verbunden, gleichsam aneinander gelötet waren und vom Kopf bis zu den Füßen in biegsamen Schuppenpanzern aus Stahl staken; sie waren unverletzbar, beinahe unsterblich, wie aus Metall gegossene Statuen; man konnte sie höchstens durch die schmalen Spalten in den Visieren, die für Mund und Augen offen waren, treffen. Julianus richtete gegen die Clibanarier seine alten, bewährten Freunde, die Bataver und die Kelten; sie starben für ein Lächeln des Cäsars und blickten ihn noch im Sterben mit entzückten Kinderaugen an. Auf dem rechten Flügel waren inzwischen die römischen Kohorten in die Reihen der mit gestreiften, schlankfüßigen Zebras bespannten persischen Schlachtwagen eingedrungen; an den Achsen und den Speichen dieser Wagen waren scharfgeschliffene Sensen angebracht, die sich mit rasender Geschwindigkeit drehten und auf einen Streich den Pferden die Füße, den Soldaten die Köpfe abhieben und die Körper ebenso leicht entzweischnitten, wie die Sichel des Schnitters die feinen Ähren abmäht. Gegen Mittag wurden die Clibanarier etwas matt: ihre Panzer waren von den Sonnenstrahlen heiß geworden und brannten an ihren Körpern. Julianus richtete gegen sie alle verfügbaren Truppen. Die Clibanarier schwankten und gerieten in Verwirrung. Dem Kaiser entfuhr ein Triumphschrei. Er stürmte vorwärts, um die Fliehenden zu verfolgen und merkte gar nicht, daß seine Truppen hinter ihm zurückblieben. Den Kaiser begleiteten nur wenige Leibtrabanten, unter denen sich auch der Feldherr Victor befand. Der Alte war am Arm verwundet, achtete aber nicht auf den Schmerz; er verließ den Kaiser für keinen Augenblick und schützte ihn vor der Todesgefahr mit seinem langen, nach unten zugespitztem Schilde. Der erfahrene Feldherr wußte, daß es ebenso unvernünftig sei, sich einem fliehenden Heere zu nähern, wie an ein einstürzendes Gebäude heranzutreten. »Cäsar, was tust du?« rief er Julianus zu. »Hüte dich! Nimm meinen Panzer ...« Julianus stürmte aber, ohne auf ihn zu hören, mit erhobenen Armen und entblößter Brust vorwärts, als ob er allein, ohne Heer, nur durch sein furchtbares Antlitz und den Wink seiner Hände die zahllosen Feinde in die Flucht jage. Auf seinen Lippen spielte ein Lächeln der Freude, sein böotischer Helm funkelte durch die Staubwolken hindurch, und die Falten der im Winde wehenden Chlamys glichen zweien riesigen, roten Flügeln, die ihn immer weiter und weiter trugen. Vor ihm raste eine Abteilung Sarazenen. Einer der Reiter wandte sich um, erkannte Julianus an seiner Kleidung und rief seinen Kameraden einige wilden Kehllaute, die wie Adlerschreie klangen, zu: » Malek! Malek! « was arabisch »König! König!« bedeutet. Alle wandten sich um, sprangen, ohne die Pferde anzuhalten, stehend auf die Sättel und erhoben ihre Lanzen über den Köpfen; ihre langen, weißen Gewänder wehten im Winde. Der Kaiser erblickte das braune Räubergesicht eines jungen Sarazenen, fast noch eines Knaben. Er ritt ein riesiges baktrisches Kamel, an dessen zottigem Bauche Klumpen trockenen Schmutzes hingen. Victor hatte mit seinem Schilde schon zwei gegen den Kaiser gerichtete Sarazenenlanzen aufgefangen. Mit gierigen, kecken Augen zielte der Knabe, der das Kamel ritt, auf den Kaiser; er fletschte die weißen Zähne und schrie voller Freude: » Malek! Malek! « »Wie froh er ist,« dachte Julianus, »während ich noch ...« Er brachte seinen Gedanken nicht zu Ende. Eine Lanze streifte sausend seinen rechten Arm, zerkratzte leicht die Haut, glitt an den Rippen vorbei und blieb unterhalb der Leber stecken. Er glaubte zuerst, daß die Wunde nur leicht sei, und ergriff die zweischneidige Lanzenspitze, um sie sich aus dem Leibe herauszuziehen; er zerschnitt sich aber dabei nur die Finger. Ein Blutstrom stürzte aus der Wunde. Julianus schrie laut auf, sein Kopf fiel in den Nacken zurück; er starrte mit seinen weitgeöffneten Augen in den bleichen, glühenden Himmel und stürzte vom Pferde in die Arme der Leibtrabanten. Victor stützte ihn. Die Lippen des Greises zitterten; mit getrübten Augen starrte er in die geschlossenen Augen des Cäsars. Die zurückgebliebenen Kohorten sammelten sich wieder. XIX. Man brachte Julianus in sein Zelt und legte ihn auf sein Feldbett; er war bewußtlos und stöhnte nur zuweilen auf. Der Arzt Oribasius zog ihm die Lanzenspitze aus dem Leibe, untersuchte und wusch die tiefe Wunde und legte einen Verband an. Victor fragte mit stummen Blicken, ob noch Hoffnung sei. Oribasius schüttelte traurig den Kopf. Nachdem der Verband angelegt worden war, holte Julianus schwer Atem und öffnete die Augen. »Wo bin ich? ...« fragte er erstaunt um sich blickend, als ob er aus einem tiefen Schlafe erwache. Aus der Ferne hörte man noch das Toben der Schlacht. Plötzlich fiel ihm alles wieder ein, und er richtete sich mit Anstrengung halb auf. »Wo ist mein Pferd? Rasch, Victor ...« Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz; alle beeilten sich, ihn zu stützen. Er stieß aber Victor und Oribasius zurück. »Laßt das! ... Ich muß dort mit ihnen bis ans Ende bleiben! ...« Er stand langsam auf. Auf seinen blassen Lippen spielte ein Lächeln, seine Augen brannten. »Seht ihr, – ich kann es noch ... Rasch den Schild und das Schwert! Mein Roß! ...« Seine Seele kämpfte mit dem Tode. Victor reichte ihm den Schild und das Schwert. Julianus ergriff die Waffen und machte, schwankend wie ein Kind, das eben gehen lernt, zwei Schritte. Die Wunde brach auf. Er ließ die Waffen fallen und sank in die Arme des Oribasius und Victor. Er hob die Augen gen Himmel und rief: »Es ist zu Ende ... Du hast gesiegt, Galiläer!« Er leistete weiter keinen Widerstand und ließ sich von seinen Getreuen ins Bett bringen. »Ja, es ist zu Ende, Freunde,« wiederholte er leise, »ich sterbe ...« Oribasius beugte sich über ihn, versuchte ihn zu trösten und versicherte, daß solche Wunden nicht immer tödlich seien. »Betrüge mich nicht,« entgegnete Julianus sanft, »wozu? Ich fürchte mich nicht ...« Feierlich fügte er hinzu: »Ich sterbe den Tod eines Weisen.« Gegen Abend verlor er das Bewußtsein. Stunden verrannen. Die Sonne war untergegangen. Der Lärm der Schlacht war verstummt. Im Zelte wurde eine Nachtlampe angezündet. Die Nacht brach an. Er kam noch immer nicht zum Bewußtsein. Sein Atem ging immer schwächer. Alle glaubten schon, daß es der Tod sei. plötzlich schlug er langsam die Augen auf. Er starrte unverwandt in eine Ecke des Zeltes; seinen Lippen entfuhr ein hastiges, schwaches Geflüster; er phantasierte: »Du? ... Hier? ... Wozu? ... Es ist einerlei, alles ist zu Ende. Geh fort! Hast du gehaßt? ... Das werden wir dir nicht verzeihen ...« Für einige Minuten kam er wieder zu sich und fragte Oribasius: »Wieviel Uhr ist es? Werde ich noch die Sonne sehen? ...« Nach einer Pause fügte er traurig lächelnd hinzu: »Oribasius, ist denn die Vernunft so machtlos? ... Ich weiß, daß es die Schwäche des Körpers ist. Das Blut überströmt das Gehirn und ruft so Visionen hervor. Ich muß aber siegen ... Die Vernunft soll ...« Seine Gedanken wurden wieder wirr, der Blick wieder unbeweglich. »Ich will nicht! ... Hörst du?... Geh fort, Versucher! Ich glaube nicht ... Sokrates starb wie ein Gott ... Die Vernunft soll ... Victor! O Victor ... Galiläer, was willst du von mir? Deine Liebe ist schrecklicher als der Tod. Dein Joch ist das schwerste Joch. Warum siehst Du mich so an? ... Wie habe ich Dich geliebt, Du guter Hirte, nur Dich allein ... Nein, nein! Durchbohrte Hände und Füße? Blut? Finsternis? Ich will die Sonne, die Sonne! ... Warum verdeckst Du mir die Sonne? ...« Es war die dunkelste und stillste Stunde der Nacht. Die Legionäre waren ins Lager zurückgekommen. Der errungene Sieg freute sie nicht. Trotz der Ermüdung schlief fast niemand. Man wartete auf Nachrichten aus dem Kaiserzelt. Manche schlummerten vor Erschöpfung, bei den verlöschenden Feuern stehend und sich mit einer Hand auf die langen Lanzen stützend, ein. Man hörte nur, wie die angekoppelten Pferde schwer atmend ihren Hafer kauten. Zwischen den dunklen Zelten traten am Horizont helle Streifen hervor. Die Sterne leuchteten gleichsam aus größerer Ferne und kälter. Ein feuchter Hauch zog über die Ebene. Der Stahl der Speere und das Kupfer der Schilde wurden von dem grauen Anflug des Taues getrübt. Die Hähne der etruskischen Wahrsager, die heiligen Vögel, die die Priester trotz des Befehles des Augustus nicht ertränkt hatten, krähten. Eine stille Trauer lag auf Erde und Himmel. Alles erschien gespensterhaft, das Nahe fern, und das Ferne nahe. Am Eingange zum Zelte des Cäsars drängten sich seine Freunde, Heerführer und Getreuen; in der Morgendämmerung erschienen sie einander als blasse Schatten. Im Inneren des Zeltes herrschte eine noch feierlichere Stille. Der Arzt Oribasius zerrieb in einem kupfernen Mörser Heilkräuter zu einem erfrischenden Getränke. Der Kranke hatte sich beruhigt und phantasierte nicht mehr. Vor Tagesanbruch hatte er den letzten lichten Augenblick; er fragte ungeduldig: »Wann kommt die Sonne? ...« »In einer Stunde,« erwiderte Oribasius, einen Blick auf den Wasserstand im Glasgefäße der Wasseruhr werfend. »Ruft die Feldherren her,« befahl Julianus, »ich muß noch zu ihnen sprechen.« »Gnädigster Cäsar, du bedarfst der Ruhe,« bemerkte Oribasius. »Es ist einerlei. Vor Sonnenaufgang sterbe ich doch nicht. – Victor, hebe meinen Kopf höher ... So ist es gut.« Man berichtete ihm vom Sieg über die Perser, von der Flucht des Anführers der feindlichen Reiterei, Meranus, mit den beiden Söhnen des Königs, über den Tod von fünfzig Satrapen. Er zeigte weder Verwunderung, noch Freude; sein Gesichtsausdruck blieb teilnahmslos. Seine Getreuen betraten das Zelt: Dagalaifus, Nevita, Hormisdas, Arinthäus, Lucillianus, der Präfekt des Ostens – Sallustius; an ihrer Spitze – der Comes Jovianus. Viele, die an die Zukunft dachten, hegten den Wunsch, auf dem Throne diesen letzteren zu sehen; denn er war schwächlich und schüchtern und niemandem gefährlich. Man hoffte, unter seiner Regierung nach der allzu stürmischen Regierungszeit Julianus' ausruhen zu können. Jovianus besaß die Fähigkeit, es allen recht zu machen. Er war schlank und wohlgestaltet und hatte ein nichtssagendes, in der Menge verschwindendes Gesicht. Sein Wesen war tugendhaft, doch unbedeutend. Unter diesen Männern befand sich auch der junge Centurio der Gardeschildträger, der spätere Historiker Ammianus Marcellinus. Alle wußten, daß er über den Feldzug ein Tagebuch führte. Ammianus holte sofort seine Wachstafeln und einen kupfernen Stift hervor, um die letzten Worte des Kaisers aufzuschreiben. »Zieht den Vorhang weg,« befahl Julianus. Der Vorhang am Eingange des Zeltes wurde zurückgeschlagen. Alle traten zur Seite. Die kalte Morgenluft wehte dem Sterbenden ins Gesicht. Der Eingang lag gegen Osten. Etwas weiter fiel die Ebene jäh ab, so daß nichts den Horizont verhüllte. Julianus erblickte die hellen Wolken; sie waren kalt und durchsichtig wie Eis. Er seufzte auf und sagte: »So, es ist gut. Löscht die Lampe aus ...« Man löschte die Flamme aus; Dämmerung erfüllte das Zelt. Alle schwiegen erwartungsvoll. »Hört, meine Freunde,« begann der Cäsar seine letzte Rede; er sprach leise, doch deutlich; sein Gesicht blieb ruhig. Ammianus Marcellinus schrieb sich diese Worte auf. »Hört, meine Freunde, – meine Stunde hat geschlagen, vielleicht noch etwas zu früh; ihr seht aber, daß ich mich freue, denn ich gebe der Natur, wie ein ehrlicher Schuldner, mein Leben zurück; in meiner Seele ist weder Trauer noch Furcht, sondern nur die stille Freude der Weisen, das Vorgefühl der ewigen Ruhe. Ich habe meine Pflicht erfüllt, und wenn ich an mein Leben zurückdenke, so empfinde ich keine Reue. In jenen Tagen, als ich von allen verfolgt in der kappadocischen Wüste, in der Festung Macellum, stündlich den Tod erwartete, und auch später auf dem Gipfel der Macht, im Purpur des römischen Cäsars, – habe ich meine Seele unbefleckt erhalten und stets nach hohen Zielen gestrebt. Wenn ich auch nicht alles, wonach ich strebte, erfüllt und erreicht habe, so müßt ihr bedenken, meine Kinder, daß die irdischen Geschehnisse von den Mächten des Schicksals geleitet werden. – Jetzt segne ich den Ewigen, weil er mich weder an einer schleichenden Krankheit, noch durch die Hand eines Henkers oder Meuchelmörders sterben läßt, sondern mir den Tod auf dem Schlachtfelde, in der Blüte meiner Jahre, mitten unter unvollendeten Heldentaten beschieden hat. »Erzählt es, meine vielgeliebten, meinen Feinden und Freunden, wie die durch die alte Weisheit gestärkten Hellenen sterben.« Er schwieg. Alle knieten nieder. Viele weinten. »Warum weint ihr, ihr Armen?« fragte Julianus lächelnd. »Es ziemt sich nicht, einen, der in seine Heimat zurückkehrt, zu beweinen ... Victor, tröste dich! ...« Der Greis wollte etwas sagen, doch er konnte es nicht; er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und schluchzte noch heftiger. »Still, still,« sagte Julianus, seinen Blick auf den fernen Himmel richtend. »Da ist sie! ...« Die Wolkenränder erglühten. Die Dämmerung im Zelte nahm den warmen Ton von Bernstein an. Der erste Sonnenstrahl leuchtete auf. Der Sterbende wendete ihm sein Gesicht zu. Da näherte sich der Präfekt des Ostens, Sallustius Secundus, dem Sterbenden, küßte seine Hand und fragte: »Göttlicher Augustus, wen bestimmst du zu deinem Nachfolger?« »Es ist gleich,« antwortete der Kaiser. »Das Schicksal wird es entscheiden. Man soll nicht gegen das Schicksal ankämpfen. Mögen die Galiläer triumphieren. Wir werden doch noch siegen und – mit uns ist die Sonne! – Seht, da ist sie, da ist sie! ...« Ein schwaches Zittern überlief seinen ganzen Körper – mit der letzten Anstrengung erhob er seine Arme, als ob er der Sonne entgegeneilen wolle. Schwarzes Blut brach aus der Wunde; an den Schläfen und am Halse traten die Adern hervor. »Trinken, Trinken!« flüsterte er, um Atem ringend. Victor führte an seine Lippen eine tiefe, goldene, glänzende Schale, die bis zum Rande mit reinem Quellwasser gefüllt war. Julianus sah in die Sonne und schlürfte langsam und gierig das durchsichtige, eiskalte Wasser. Dann sank sein Kopf zurück. Den halbgeöffneten Lippen entfuhr der letzte Seufzer, das letzte Flüstern: »Freut euch! ... Der Tod ist – die Sonne ... Ich bin wie du, o Helios! ...« Seine Augen erloschen. Victor drückte sie ihm zu. In den Strahlen der aufgehenden Sonne glich das Antlitz des toten Kaisers dem eines schlafenden Gottes. XX. Drei Monate waren vergangen, seitdem Kaiser Jovianus mit den Persern Frieden geschlossen hatte. Anfang Oktober kehrte das römische Heer, das vor Hunger und unendlichen Märschen durch das heiße Mesopotamien ganz erschöpft war, nach Antiochia zurück. Unterwegs hatte der junge Tribun der Schildträger, Anatolius, mit dem jungen Historiker Ammianus Marcellinus Freundschaft geschlossen. Die beiden Freunde beschlossen, nach Italien in eine einsame Villa bei Bajä, wohin sie Arsinoe eingeladen hatte, zu ziehen, um nach dem anstrengenden Feldzuge auszuruhen und ihre Wunden in den Schwefelbädern zu heilen. Auf der Durchreise hielten sie sich einige Tage in Antiochia auf. Hier sollten großartige Feste zur Feier der Thronbesteigung des Kaisers Jovianus und zu Ehren des heimkehrenden Heeres stattfinden. Der mit dem König Sapores geschlossene Friede war für das Reich schimpflich: die Perser erhielten fünf reiche römische Provinzen jenseits des Tigris, darunter Corduena und Rehimena, ferner fünfzehn Grenzfestungen, die Städte Singaras, Castra Maurorum und die uneinnehmbare Festung Nisibis, die schon drei Belagerungen standgehalten hatte. Die Galiläer bekümmerten sich wenig um die Niederlage Roms. Als nach Antiochia die Nachricht vom Tode des Julianus Apostata gekommen war, wollten die erschrockenen Bürger anfangs gar nicht daran glauben, denn sie fürchteten, es sei nur eine satanische List, ein neues Netz, mit dem die Frommen umgarnt werden sollten; als sie aber schließlich doch an die Wahrheit der Nachricht glauben mußten, waren sie außer sich vor Freude. Am frühen Morgen hörte Anatolius durch die geschlossenen Fensterläden seines halbdunklen Schlafgemaches hindurch den Lärm des Festes und das freudige Geschrei des Volkes. Er entschloß sich, den ganzen Tag zu Hause zuzubringen. Das Jauchzen des Pöbels widerte ihn an. Er versuchte wieder einzuschlafen, doch es gelang ihm nicht. Eine seltsame Neugier hatte sich seiner bemächtigt. Er kleidete sich rasch an und verließ das Haus, ohne seinem Freunde Ammianus etwas zu sagen. Es war ein frischer, doch nicht kalter, sonniger Herbsttag. Die großen, runden Wolken an dem tiefblauen Himmel verschmolzen mit dem weißen Marmor der göttlichen Kolonnaden und Säulenhallen von Antiochia. An den Straßenecken, auf den Märkten und dem Forum rauschten Springbrunnen. In der staubigen, sonnigen Ferne der Straßen sah man die sich kreuzenden, beweglichen Kristallfäden der städtischen Wasserleitung. Die Tauben pickten girrend den für sie hingestreuten Weizen auf. Es roch nach Blumen, nach Weihrauch, der aus den offenen Kirchentüren kam, und nach nassem Staub. Braune lachende Mädchen besprengten an den hellen Brunnen blasse Oktoberrosen, die sie in ihren Körben trugen, und umwanden unter fröhlichem Psalmengesang die Säulen der christlichen Basiliken mit Girlanden. Die Volksmenge überschwemmte lärmend und summend die Straßen; langsam zogen auf dem prachtvollen antiochischen Straßenpflaster, der ein Stolz des Stadtrates der Decurionen war, die Wagen und die Sänften vorbei. Man hörte begeisterte Rufe: »Es lebe der Augustus Jovianus, der göttliche, große!« Manche fügten noch das Wort »Der Sieger« ein, doch taten sie es etwas unsicher, denn es konnte eher als Spott aufgefaßt werden. Derselbe Gassenjunge, der einst auf den Mauern mit Kohle Karikaturen auf Julianus gemalt hatte, klatschte in die Hände, pfiff, tanzte, wälzte sich im Staube wie ein Spatz und schrie durchdringend: »Er ist zugrunde gegangen, der wilde Eber, der Verwüster des Weingartens Gottes!« Diese Worte sprach er den Erwachsenen nach. Ein zusammengekrümmtes, zerlumptes, altes Weib, das in einer schmutzigen Vorstadt in einem feuchten Loch wie eine Assel hauste, kam auch an die Sonne hervor und freute sich des Festes. Sie fuchtelte mit den Händen und schrie mit zitternder Stimme: »Julianus ist tot! Der Mörder ist tot!« Die Freude des Festes leuchtete auch in den weitgeöffneten, erstaunten Augen eines Säuglings, den seine Mutter, eine abgemagerte, braune Taglöhnerin aus einer Purpurfabrik, auf dem Arme trug; sie hatte dem Kinde einen Honigkuchen gegeben; beim Anblicke der in der Sonne leuchtenden bunten Gewänder schlug das Kind vor Entzücken mit den Händchen und lachte zuweilen, sein volles, schmutziges, mit Honig beschmiertes Gesicht von der Mutter abwendend, so schelmisch, als ob es alles sehr gut verstände, und es nur nicht sagen wolle. Die Mutter war darüber stolz, denn sie glaubte, daß ihr kluges Kind die Freude aller Gerechten über den Tod des Apostaten teile. Eine tiefe Trauer erfüllte Anatolius' Herz. Die seltsame Neugier trieb ihn aber immer weiter. Er ging durch die Singonstraße und näherte sich der Kathedrale. In der Vorhalle, die von hellem Sonnenlicht überflutet war, herrschte ein noch größeres Gedränge. Er erblickte das ihm bekannte Gesicht des Quästurbeamten Marcus Ausonius, der gerade in Begleitung zweier Sklaven, die ihm mit den Ellbogen den Weg durch die Menge bahnten, die Basilika verließ. »Was ist das?« fragte sich Anatolius erstaunt. »Wie kommt dieser Hasser der Galiläer in die Kirche?« Auf der lilafarbenen Chlamys des Ausonius und selbst auf den Spitzen seiner roten Lederschuhe waren goldene Kreuze gestickt. Junius Mauricus, ebenfalls ein Bekannter des Anatolius, trat auf Ausonius zu. »Wie geht es dir, Verehrtester?« fragte Mauricus, mit geheuchelter, höhnischer Verwunderung das neue, christliche Gewand des Beamten betrachtend. Junius war unabhängig und ziemlich reich, so daß der Übertritt zum Christentum ihm keine besonderen Vorteile bot. Über die plötzliche Bekehrung der ihm befreundeten Beamten war er durchaus nicht erstaunt; aber es machte ihm Spaß, sie bei jeder Begegnung mit anzüglichen Fragen zu necken und die Rolle eines in seinen heiligsten Überzeugungen gekränkten Menschen, der seine Empörung unter der Larve des Spottes verbirgt, zu spielen. Das Volk strömte aus der Kirche. Die Vorhalle leerte sich. Die Freunde konnten jetzt ungestört sprechen. Anatolius, der hinter einer Säule stand, konnte ihr Gespräch belauschen. »Warum bist du nicht bis zum Ende des Amtes geblieben?« fragte Mauricus. »Ich bekam Herzklopfen. Es war zu schwül. Was soll ich machen, ich bin es noch nicht gewöhnt ...« Nachdenklich fügte er hinzu: »Einen merkwürdigen Stil hat dieser neue Prediger: die Hyperbeln regen mich zu sehr auf, – es ist, wie wenn man Glas mit einem Stahl ritzt ... Ein merkwürdiger Stil!« »Es ist wirklich rührend,« bemerkte Mauricus schadenfroh. »Du hast dich von allem losgesagt, hast dich vollständig bekehrt, aber ein guter Stil ...« »Nein, nein, ich habe vielleicht noch nicht den richtigen Geschmack an diesen Dingen gefunden,« unterbrach ihn hastig Ausonius. »Du sollst dir keine falsche Vorstellung machen, Mauricus ... Ich meine es ja ehrlich ...« Einer tiefen Sänfte entstieg langsam, krächzend und seufzend der fette Quästor Gargilianus. »Mir scheint, ich komme zu spät? ... Es macht nichts, ich will einige Augenblicke in der Vorhalle verweilen. Gott ist ja ein allgegenwärtiger Geist, der ...« »Ein wahres Wunder!« bemerkte Mauricus lachend. »Die Heilige Schrift auf den Lippen eines Gargilianus! ...« »Jesus Christus möge dir seine Gnade erweisen, mein Sohn,« wandte sich Gargilianus unbeirrt zu ihm, »warum spottest du so boshaft?« »Ich komme gar nicht aus dem Staunen heraus. So viele Bekehrungen, so viele Verwandlungen! Von dir, zum Beispiel, habe ich stets angenommen, daß deine Überzeugungen ...« »Unsinn, mein Freund! Ich habe nur die eine Überzeugung, daß die galiläischen Köche den hellenischen durchaus nicht nachstehen, was aber die Fastenspeisen betrifft, so sind sie wahre Leckerbissen. Besuche mich doch einmal zum Abendessen, du Philosoph! Ich werde dich leicht zu meinem Glauben bekehren. Es wird dir das Wasser im Munde zusammenlaufen. – Ist es denn nicht einerlei, meine Freunde, ob ich ein gutes Mittagsmahl zu Ehren des Gottes Mercurius oder zu Ehren des heiligen Mercurius verspeise? Es sind nur Vorurteile! Ich frage euch, was stört mich dabei dieser niedliche Gegenstand?« Er zeigte auf ein bescheidenes, kleines Kreuz aus Bernstein, das zwischen den parfümierten Falten des amethystfarbenen Purpurs auf seinem majestätischen Bauche baumelte. »Seht, seht – Hecebolius, der Hohepriester der Göttin Astarte-Dindymene, – der büßende Hierophant in dunklen galiläischen Gewändern, warum hast du das nicht mehr erlebt; du Sänger der Metamorphosen!« triumphierte Mauricus, auf einen wohlgestalteten Greis von ehrwürdigem Aussehen, mit vollem grauen Haar und einem angenehmen, frischen Gesicht hinweisend, der in einer halbgeschlossenen Sänfte saß. »Was liest er da?« »Jedenfalls nicht das Statut der Göttin von Pessinus!« »Seht nur diese heilige Demut! Er ist vom Fasten ganz abgemagert. Seht nur diesen frommen Augenaufschlag, hört nur, wie er seufzt.« »Habt ihr es schon gehört, wie er sich bekehrt hat?« fragte der Quästor, lustig lächelnd. »Er ist wohl zu Kaiser Jovianus gegangen, wie er es schon einst bei Julianus gemacht hat, und hat gebeichtet?« »O nein, er machte es auf eine ganz neue Manier. Ganz unerwartet. Seine Bekehrung geschah öffentlich. Er legte sich vor die Türe einer Basilika, aus der Jovianus heraustrat, mitten in der Volksmenge platt auf die Erde und schrie mit lauter Stimme: ›Zertretet mich Verruchten, zertretet mich unnützes Salz!‹ Und er küßte unter Tränen allen Vorübergehenden die Füße.« »Es ist wirklich eine ganz neue Manier! – Nun, fand er damit Beifall?« »Na, und ob! Man sagt, er hätte mit dem Kaiser eine Unterredung unter vier Augen gehabt. Solche Leute gehen weder in Wasser, noch in Feuer zugrunde. Alles, was sie nur anfangen, gereicht ihnen zum Nutzen. Er warf einfach seine alte Haut ab und verjüngte sich. An diesem Beispiel könnt ihr wirklich lernen, meine Kinder!« »Was konnte er alles dem Kaiser gesagt haben?« »Ja, mancherlei,« sagte Gargilianus, nicht ohne Neid. »Er konnte ihm zum Beispiel zuraunen: Halte dich fester an das Christentum, und rotte die Heiden gänzlich aus, denn der rechte Glaube ist der Grundpfeiler deines Thrones. Er wird schon seinen Weg machen und noch viel schneller als unter Julianus. Ihn kann jetzt niemand einholen. Diese Weisheit!« »Ach, ach, Wohltäter, erbarmt euch meiner, Gnade! Entreißt den geringen Knecht Cicumbricus dem Löwenrachen!« »Was hast du?« fragte Gargilianus einen krummbeinigen, schwindsüchtigen Schuster mit gutmütigem, bestürztem Gesicht und zerzausten, grauen Haaren, den zwei römische Lanzenträger vorüberführten. »Man schleppt mich ins Gefängnis!« »Wofür?« »Für Kirchenraub.« »Wie? Hast du denn wirklich ...« »Nein, nein, ich war nur unter der Menge und habe höchstens zweimal geschrien: Haut zu! Es war noch unter dem Augustus Julianus. Dann hieß es ja, daß der Cäsar die Zerstörung der galiläischen Kirchen wünsche. Nun, wir haben sie auch zerstört. Jetzt zeigt man mich plötzlich an, ich hätte vom Altar ein silbernes Gerät gestohlen und in meinen Kleidern davongetragen. Ich war aber gar nicht in der Kirche. Ich stand nur auf der Straße und rief höchstens zweimal: Haut zu! Ich bin ein ruhiger Mensch. Ich habe einen ganz elenden Laden auf einer belebten Straße; so oft es einen Streit gibt, werde ich gleich verantwortlich gemacht. Habe ich es denn für mich selbst getan? Die ganze Sache geht mich ja nichts an! ... Ich dachte mir, es sei so befohlen. – Beschützt mich, Väter, erbarmt euch meiner! ...« »Was bist du eigentlich, Christ oder Heide?« fragte Junius. »Das weiß ich selber nicht, Wohltäter! Vor der Regierung des Kaisers Konstantin opferte ich den Göttern. Dann taufte man mich. Unter Constantius wurde ich Arianer. Später bekamen die Hellenen die Oberhand. Also wurde ich Hellene. Jetzt scheint der Wind sich wieder zu wenden. Ich will Buße tun und in den Schoß der arianischen Kirche zurückkehren. Nur fürchte ich, daß es vielleicht wieder nicht das Richtige sein könnte. Ich habe schon Götzentempel zerstört, sie dann wieder aufgebaut und wieder zerstört. Alles ist bei mir durcheinander gekommen! Ich weiß wirklich nicht, was ich bin und was mit mir vorgeht. Ich bin immer der Obrigkeit gehorsam, doch gelingt es mir nie, den richtigen Glauben zu erwischen. Was ich tue, ist immer verkehrt! Entweder komme ich zu früh oder zu spät. Ich sehe nur, daß ich nie Ruhe finden kann; oder hat es mir so mein Schicksal bestimmt? Man hat mich schon im Namen Christi und auch im Namen der Götter verprügelt. – Meine Kinder tun mir leid! ... Nehmt euch meiner an, ihr Wohltäter, befreit den demütigen Sklaven Cicumbricus!« »Fürchte dich nicht, mein Lieber,« versetzte Gargilianus lächelnd, »wir wollen dich befreien. Ich werde mich für dich verwenden. – Du hast mir ja einmal so schöne, knarrende Halbschuhe gemacht.« Cicumbricus fiel auf die Knie und streckte seine mit Ketten beschwerten Hände hoffnungsvoll aus. Als er sich etwas beruhigt hatte, blickte er seine Beschützer scheu und etwas mißtrauisch an und fragte: »Wie steht es nun mit dem Glauben, meine Wohltäter? Soll ich Buße tun oder bis zuletzt ausharren? Ist wieder ein Wechsel zu erwarten? Ich fürchte nämlich, daß es bald wieder ...« »Nein, nein, beruhige dich,« lachte Gargilianus. »Jetzt hat es ein Ende. Es wird nicht mehr gewechselt!« Anatolius ging an ihnen unbemerkt vorbei und trat in die Kirche. Er wollte den berühmten, jungen Prediger Theodorites hören. In den wogenden Weihrauchwolken zitterten bläuliche Garben von schrägen Sonnenstrahlen, die durch die engen Fenster der großen Kuppel fielen; die Kuppel glich einem goldenen Himmel und war ein Symbol der weltumfassenden Kirche. Ein Sonnenstrahl streifte den feuerroten Bart des Predigers, der auf einer hohen Kanzel stand. Er hatte seine mageren, blassen Hände, die in der Sonne wie Wachs durchscheinend waren, erhoben; seine Augen brannten vor Freude; seine Stimme dröhnte: »Ich will auf einem Schandpfahle die Geschichte des Bösewichts Julianus Apostata aufzeichnen! Alle Zeiten und alle Völker mögen meine Inschrift lesen und vor der Gerechtigkeit des göttlichen Zornes erschaudern! Komme her, du böser Peiniger, du weise Schlange! Heute wollen wir dich verhöhnen! Brüder, wollen wir uns im Geiste vereinigen, frohlocken, die Pauke schlagen und das Siegeslied singen, das Mirjam in Israel nach dem Untergange der Ägypter im Roten Meer sang! Erblühe, o Wüste, wie eine Lilie, frohlocke, o Kirche, die du gestern verwitwet und verwaist warst! ... Seht ihr: vor Freude bin ich wie trunken, wie wahnsinnig! ... Welche Stimme, welche Gabe des Wortes muß man haben, um dieses Wunder würdig zu preisen! ... Wo sind deine Opfer, deine heidnischen Gebräuche, deine Mysterien, o Kaiser? Wo sind deine Beschwörungen und die Prophezeiungen deiner Zeichendeuter? Wo bleibt deine Kunst, aus den Eingeweiden der bei lebendigem Leibe aufgeschlitzten Menschen die Zukunft zu erforschen? Wo ist der Ruhm Babylons? Wo sind die Perser und die Medier? Wo blieben die Götter, die dich begleiteten und die du begleitetest, wo sind deine Beschützer, Julianus? Alles ist verschwunden, alles war trügerisch, alles hat sich zerstreut! ...« »Sieh mal diesen Bart, meine Liebe!« flüsterte eine ältere, stark geschminkte Dame, die im Gedränge neben Anatolius stand, ihrer Freundin ins Ohr. »Sieh nur, sieh, er ist ja wie rotes Gold! ...« »Ja, aber die Zähne? ...« wandte die Freundin zweifelnd ein. »Nun, das macht doch wirklich nichts, bei einem solchen Bart ...« »Aber nein, Veronika, das darfst du nicht sagen! Die Zähne sind ja auch sehr wesentlich. Kann man ihn denn überhaupt mit dem Bruder Theophanius vergleichen? ...« Theodorites donnerte weiter: »Der Herr hat den Arm des Gottlosen zerschmettert! Was nützt ihm nun die Gottlosigkeit, die er in sich angesammelt hat, wie die bösesten Schlangen und Tiere in sich Gift aufspeichern? Der Herr hatte nur darauf gewartet, bis alle seine Bosheit herausträte wie ein bösartiges Geschwür ...« »Daß ich nur nicht zu spät in den Zirkus komme,« flüsterte ein Handwerker, der gleichfalls neben Anatolius stand, seinem Freunde zu. »Man sagt, daß heute Bärinnen auftreten werden. Aus Britannien.« »Wirklich? Bärinnen? Ist es auch wahr?« »Gewiß. Die eine heißt ›Goldfunke‹, die andere ›Unschuld‹, sie werden mit Menschenfleisch gefüttert. – Auch gibt es heute Gladiatoren!« »Herr Jesu! Auch noch Gladiatoren! Daß wir es nur nicht verpassen. Wir halten es hier doch nicht bis zu Ende aus. Wollen wir schneller von hier verschwinden, damit wir noch anständige Plätze bekommen.« Theodolites erging sich jetzt in Lobpreisungen des Vorgängers Julianus', Constantius, dessen christliche Tugenden, Sittenreinheit und Liebe zu den Verwandten er besonders rühmte. Anatolius konnte im Gedränge kaum atmen. Er verließ die Kirche und sog mit Genuß die frische Luft ein, die weder nach Weihrauch, noch nach Lampenöl roch; der Anblick des reinen Himmels, der von keiner goldenen Kuppel verdeckt wurde, erfüllte seine Seele mit Freude. In den Vorhallen unterhielt man sich ganz laut, ohne sich irgendwie zu genieren. In der Menge wurde eine wichtige Nachricht verbreitet: gleich sollten die beiden Bärinnen in eisernen Käfigen durch die Straßen nach dem Zirkus gebracht werden. Alle, die diese Nachricht vernahmen, verließen mit besorgten Gesichtern fluchtartig die Kirche. »Wie steht's? Kommen wir nicht zu spät? Ist es wahr, daß der ›Goldfunke‹ krank ist?« »Unsinn! Die ›Unschuld‹ hatte nachts eine Magenverstimmung. Sie hatte zuviel gefressen. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Beide sind gesund und munter.« »Gott sei Dank! Gott sei Dank!« Wie süß auch die Worte des Theodorites waren, gegen die Gladiatorenspiele und die britannischen Bärinnen konnten sie doch nicht aufkommen. Die Kirche leerte sich. Anatolius sah, wie aus allen Ecken und Enden der Stadt und aus allen leergewordenen Basiliken, durch die Straßen, Gassen und Märkte zahllose Menschen ganz außer Atem zum Zirkus rannten. Man überrannte einander, schimpfte, erdrückte Kinder, sprang über umgefallene Frauen, verlor die Sandalen und eilte weiter; die schweißigen, roten Gesichter drückten eine solche Angst, zu spät zu kommen, aus, als ob es sich um das Leben handelte. Zwei liebliche Namen gingen von Mund zu Mund, wie süße Verheißungen unbekannter Genüsse: »Goldfunke! Unschuld!« Anatolius betrat mit der Volksmenge das Amphitheater. Über der Arena war nach römischer Sitte ein mit Wohlgerüchen besprengtes Velarium gespannt, das ein angenehmes, rötliches Dämmerlicht verbreitete und die Zuschauer vor den Sonnenstrahlen schützte. Auf den übereinander angeordneten, runden Stufensitzen wogte schon ein Meer von Köpfen. Vor dem Beginn der Spiele brachten die höheren Beamten von Antiochia in die Kaiserloge eine Bronzestatue des Jovianus, damit das Volk sich am Anblicke des neuen Cäsars erfreuen könne. In der rechten Hand hielt er die mit einem Kreuz gekrönte Erdkugel. Ein blendender Sonnenstrahl, der durch einen Spalt zwischen den Purpurstreifen des Velariums drang, fiel auf den Kopf des Kaisers; der Kopf leuchtete, und die Menge erblickte auf dem flachen Bronzegesicht ein selbstgefälliges Lächeln. Die Beamten küßten dem Bildwerke die Füße. Der Pöbel brüllte vor Entzücken: »Heil, heil dem Retter des Vaterlandes, Augustus Jovianus! Zugrunde gegangen ist Julianus, der wilde Eber, der Verwüster des Weingartens Gottes!« Zahllose Hände schwangen bunte Tücher und Gürtel. Der Pöbel begrüßte in Jovianus sein eigenes Spiegelbild, seinen eigenen Geist, der die Herrschaft über die Welt erlangt hatte. Die Menge verhöhnte den toten Kaiser und schrie, als ob er im Amphitheater anwesend wäre und alles hören könne: »Wie stehst du da, Philosoph? Die Weisheit des Plato und Chrysippos hat dir nicht helfen können, weder der Donnerer, noch der weithintreffende Apollo haben dich beschützt! Du bist den Teufeln in die Krallen geraten, und sie werden dich, Gottlosen, zerfleischen! Wo sind deine Weissagungen, dummer Maximus? – Christus und sein Gott haben gesiegt! Wir Demütigen haben den Sieg davongetragen!« Alle waren überzeugt, daß Julianus von der Hand eines Christen gefallen sei; sie dankten Gott für den »rettenden Streich« und priesen den Kaisermörder. Als aber die Menge die braunen Körper der Gladiatoren in den Krallen des »Goldfunken« und der »Unschuld« bluten sah, wurde sie ganz wütend. Mit weitgeöffneten Augen starrten die Leute auf die Arena und konnten sich am Anblick des Bluts gar nicht satt sehen. Das Volk beantwortete das Brüllen der wilden Tiere mit noch wilderem Menschengebrüll. Die Christen priesen ihren Gott, als ob sie erst jetzt den Triumph ihres Glaubens erkannt hätten: »Heil dem Kaiser, Heil dem frommen Jovianus! Christus hat gesiegt! Christus hat gesiegt!« Die übelriechenden Ausdünstungen des Pöbels, der Geruch der menschlichen Herde widerten Anatolius an. Er schloß die Augen, hielt den Atem an, verließ den Zirkus und eilte nach Hause. Er schloß Türe und Fensterläden, warf sich auf sein Bett und blieb regungslos bis zum Abend liegen. Doch konnte er auch so keine Rettung vor dem Pöbel finden. Als der Abend anbrach, erstrahlte ganz Antiochia in Freudefeuern. An den Ecken der Basiliken und auf den hohen Dächern der Staatsgebäude waren mächtige Pechfackeln angebracht, die im Winde flackerten und qualmten. Auf den Straßen brannten Talglämpchen. Der Widerschein der Flammen und der Gestank von brennendem Pech und Talg drangen durch die Ritzen der Fensterläden in Anatolius' Zimmer ein. Aus den nahen Schenken klangen die Trinklieder der Soldaten und Matrosen, das Lachen, Kreischen und Schimpfen der Straßendirnen, und über allem schwebte, wie das Rauschen des Meeres, der nichtverstummende Lobgesang auf Jovianus den Retter, und ein Anathema für Julianus Apostata. Anatolius hob mit bitterem Lächeln seine Hände zum Himmel empor und rief: »Wahrlich, du hast gesiegt, Galiläer!« XXI. Es war eine große Handelstrireme, die mit einer Ladung von asiatischen Teppichen und Amphoren mit Olivenöl von Seleucia in Antiochien nach Italien ging. Sie nahm den Kurs zwischen den Inseln des Ägäischen Archipels auf die Insel Kreta, wo sie eine Ladung Wolle aufnehmen und einige Mönche bei einem einsamen Kloster an der Meeresküste absetzen sollte. Die Greise, die sich auf dem Vorderdeck befanden, vertrieben sich die Zeit mit frommen Gesprächen, Gebeten und der gewohnten Klosterarbeit, – dem Flechten von Körben aus Palmzweigen. Am entgegengesetzten Ende des Schiffes, am Heck, das mit einer aus Eichenholz geschnitzten Figur der Athene Tritogeneia geschmückt war, hatten sich unter einem Sonnendach aus leichtem, violettem Gewebe drei Reisende niedergelassen, mit denen die Mönche nichts zu tun haben wollten; denn sie waren Heiden. Es waren Anatolius, Ammianus Marcellinus und Arsinoe. Der Abend war windstill. Die Ruderer, alexandrinische Sklaven mit rasierten Köpfen, hoben und senkten in gleichmäßigem Takt die langen, biegsamen Ruder und sangen dazu ein trauriges Lied. Die Sonne verbarg sich hinter den Wolken. Anatolius blickte in die Wellen und dachte an das Wort des Aischylos von dem »ewiglachenden Meere«. Nach den lärmenden, staubigen und heißen Straßen von Antiochia, nach dem stinkigen Atem des Pöbels und dem Qualm der Festlampen erholte er sich in der frischen Seeluft; er sprach vor sich hin: »Du Ewiglachendes, empfange meine Seele und reinige sie!« Die Inseln Kalymna, Amorgos, Astypaläa und Thera tauchten wie Gespenster eine nach der anderen vor ihnen auf; bald stiegen sie aus den Wellen hervor, bald verschwanden sie wieder; es war, als ob die Okeaniden am Horizonte ihren ewigen Reigen tanzten. Anatolius schien es, als ob hier noch die Zeiten des Odysseus lebendig seien. Die Begleiter störten ihn nicht in seinem stummen Träumen. Ein jeder war für sich beschäftigt. Ammianus brachte seine Aufzeichnungen über den persischen Feldzug und über das Leben des Kaisers Julianus in Ordnung; in den Abendstunden las er zur Erholung das berühmte Werk des christlichen Kirchenlehrers Clematius von Alexandria » Stromata « – »Der bunte Teppich«. Arsinoe modellierte aus Wachs kleine Figuren, Vorarbeiten für ein geplantes größeres Marmorbildwerk. Es war der nackte Körper eines olympischen Gottes, dessen Gesicht überirdische Trauer ausdrückte. Anatolius wollte sie immer fragen, ob es Dionysos oder Christus sei, aber er wagte es nicht. Arsinoe hatte schon längst ihre Nonnenkleidung abgelegt. Die Frommen verachteten sie und nannten sie eine Abtrünnige. Doch der berühmte Name ihrer Vorfahren und die reichen Geschenke, die sie einst zahlreichen christlichen Klöstern gemacht hatte, schützten sie vor Verfolgungen. Von ihrem früheren Reichtum war ihr noch eine kleine Summe geblieben, die gerade zu einer sorgenlosen Existenz ausreichte. Sie besaß auch noch am Golfe von Neapel in der Nähe von Bajä ein kleines Gut mit jener Villa, in der Myrrha ihre letzten Tage verbracht hatte. Arsinoe, Anatolius und Marcellinus beabsichtigten hier nach den letzten stürmischen Jahren ihres Lebens in der ländlichen Stille und im Dienste der Musen auszuruhen. Die frühere Nonne trug jetzt fast das gleiche Gewand, wie vor ihrer Einkleidung: die schlichten Falten des Peplums verliehen ihr wieder das Aussehen eines altathenischen Mädchens; das Gewand war aber von dunkler Farbe, und das blasse Gold ihrer Locken schimmerte jetzt durch einen dunklen Schleier. Ihre mattschwarzen Augen, die niemals lachten, drückten ernste, beinahe strenge Ruhe aus. Nur ihre Arme, die bis zu den Schultern nackt blieben, leuchteten, wenn die Künstlerin arbeitete und ungeduldig, gleichsam zürnend, das Wachs knetete unter den Falten des Peplums im früheren strahlenden Weiß. Anatolius sah in diesen weißen, gleichsam bösen Händen eine große Kraft und Kühnheit. An diesem stillen Abend fuhr das Schiff an einer kleinen Insel vorüber. Niemand kannte ihren Namen; aus der Ferne erschien sie als ein kahler Felsen. Um die Riffe zu meiden, mußte hier das Schiff ganz nahe am Strande der Insel fahren. In der Nähe des Felsvorsprunges war das Meer so durchsichtig, daß man den silberweißen Grundsand mit den schwarzen Algen sehen konnte. Hinter dem dunklen Felsen traten stille, grüne Wiesen hervor, auf denen Schafe und Ziegen weideten. Mitten auf dem Felsen stand eine Platane. Anatolius bemerkte einen Jüngling und ein Mädchen, die auf den moosbewachsenen Wurzeln des Baumes saßen; es waren wohl Kinder von armen Hirten. Hinter ihnen schimmerte in einem Cypressenhaine ein weißer, marmorner Pan mit einer neunläufigen Flöte. Anatolius wandte sich an Arsinoe und zeigte ihr diesen friedlichen Winkel des alten Hellas. Doch die Worte erstarben ihm auf den Lippen: die Künstlerin starrte mit einem seltsamen, freudigen Lächeln auf die von ihr eben vollendete kleine Wachsfigur; es war eine verführerische, doppeldeutige Gestalt mit einem herrlichen olympischen Körper und einer überirdischen Trauer auf dem Gesicht. Anatolius' Herz krampfte sich zusammen. Er fragte sie hastig, beinahe gehässig, auf die Wachsfigur weisend: »Wer ist das?« Sie hob langsam, wie mit großer Anstrengung ihre Augen; er dachte sich: »solche Augen muß eine Sibylle haben.« »Du glaubst, Arsinoe,« fuhr er fort, »daß die Menschen dich verstehen werden?« »Ist es nicht einerlei?« versetzte sie leise mit traurigem Lächeln. Sie schwieg eine Weile und sagte dann noch leiser, wie vor sich hin: »Er muß schrecklich und unerbittlich sein wie Mithra-Dionysos in seiner Kraft und seinem Ruhm, und barmherzig und mild wie der Galiläer Jesus ...« »Was sagst du? Kann man denn beides verbinden?« Die Sonne sank immer tiefer. Unter ihr lag am Horizont eine große Wolke. Die letzten Strahlen liebkosten traurig und zärtlich die einsame Insel. Der Jüngling und das Mädchen näherten sich jetzt dem Altar des Pan, um das abendliche Trankopfer darzubringen. »Glaubst du, Arsinoe,« sagte Anatolius, »daß unsere unbekannten kommenden Brüder den abgerissenen Faden unseres Lebens wieder aufnehmen und weiter verfolgen werden? Glaubst du, daß in dieser barbarischen Finsternis, die sich auf Rom und Hellas senkt, doch nicht alles untergehen wird? O, wenn es wirklich so wäre, wenn man wissen könnte, daß die Zukunft...« »Ja,« rief Arsinoe aus; in ihren ernsten, dunklen Augen leuchtete prophetischer Geist. »Die Zukunft ruht in uns, in unserer Trauer! Julianus hatte recht: wir müssen ruhmlos und stumm, allen fremd und einsam bis ans Ende dulden und ausharren; wir müssen den letzten Funken unter der Asche verwahren, damit die kommenden Geschlechter an ihm die neuen Fackeln anzünden können. Dort, wo wir aufhören, werden sie anfangen. Die Menschen werden einst die heiligen Gebeine von Hellas, die Splitter von göttlichen Marmorbildwerken wieder ausgraben, und sie werden über ihnen beten und weinen; sie werden in den Gräbern die vermoderten Blätter unserer Bücher auffinden und wieder wie die Kinder die alten Sagen Homers und die Weisheit Platos buchstabieren. Dann wird Hellas auferstehen und wir auch!« »Und mit uns unsere Trauer!« rief Anatolius aus. »Wozu? Wer wird in diesem Kampfe siegen? Wann wird er enden? Antworte mir, Sibylle, wenn du es kannst!« Arsinoe senkte ihre Augen und schwieg; dann richtete sie ihren Blick auf Ammianus und wies Anatolius auf ihn hin. »Er wird dir besser antworten können als ich. Er leidet ebenso wie wir. Und doch hat er sich einen klaren Geist bewahrt. Sieh nur, wie ruhig und weise er uns zuhört.« Ammianus Marcellinus hatte die Werke des Clematius zur Seite gelegt und lauschte schweigend ihrem Gespräche. »In der Tat,« wandte sich Anatolius an ihn mit seinem gewohnten, etwas leichtsinnigem Lächeln, »wir sind schon länger als vier Monate Freunde, und doch weiß ich noch immer nicht, was du bist: Christ oder Hellene?« »Ich weiß es selbst nicht,« antwortete Ammianus einfach. »Wie willst du dann deine Chronik des römischen Reiches schreiben?« fragte ihn Anatolius. »Eine Wagschale, die christliche oder die hellenische muß doch überwiegen. Oder willst du die Nachkommen über deinen Glauben im Zweifel lassen?« »Sie brauchen das nicht zu wissen,« antwortete der Historiker. »Ich will diesen und jenen gerecht werden. Ich habe den Kaiser Julianus geliebt; doch soll die Wagschale auch nicht zu seinen Gunsten überwiegen. Niemand soll entscheiden können, wer ich war, – wie ich es auch selbst nicht entscheide.« Anatolius hatte bereits Gelegenheit gehabt, die angenehmen Umgangsformen des Ammianus, seine jedem Ehrgeiz fremde und echte Tapferkeit im Kriege und seine ruhige Treue in der Freundschaft kennen zu lernen; jetzt bewunderte er einen neuen Zug an ihm: die tiefe Klarheit seines Geistes. »Du bist wirklich geboren zum Historiker, zum leidenschaftslosen Richter unseres allzu leidenschaftlichen Zeitalters, Ammianus. Du hast zwei einander bekämpfende Weisheiten versöhnt,« sagte er zu ihm. »Ich bin nicht der erste,« entgegnete Ammianus. Er erhob sich und sagte, auf die Pergamentrollen der Werke des großen Kirchenlehrers hinweisend: »Hier ist alles, und noch viel mehr, enthalten; ich kann es gar nicht wiedergeben; es sind die ›Stromata‹ des Clematius von Alexandria. Er beweist, daß die ganze Macht Roms und die ganze Weisheit von Hellas nur einen Weg zur Lehre Christi bedeuten; es sind nur Vorzeichen, Andeutungen, Vorahnungen, breite Stufen, Propyläen, die zum Reiche Gottes führen, Plato ist nur ein Vorläufer des Galiläers Jesus.« Diese letzten von Ammianus so einfach wiedergegebenen Worte des Clematius machten auf Anatolius einen tiefen Eindruck; es war ihm, als ob er dies alles schon einmal gehört hatte, als ob alles bis auf die letzte Kleinigkeit schon einmal dagewesen wäre; er erkannte die von der Abendsonne beschienene Insel, den kräftigen, angenehmen Geruch des Schiffsteeres und die unerwartet einfachen Worte über Plato, den Vorläufer Christi. Er sah in seinem Geiste eine breite, weiße, sonnenlichtüberflutete, von vielen Säulen geschmückte Treppe, wie die Propyläen zu Athen, die gerade in den blauen Himmel führte. Die Trireme umschiffte langsam die Insel. Der Cypressenhain war fast gänzlich hinter dem Felsen verschwunden. Anatolius warf einen letzten Blick auf den Jüngling, der neben dem Mädchen vor der Panstatue stand; sie hatte sich über dem Altar gebeugt und brachte aus einer einfachen Holzschale das Abendopfer – mit Honig vermengte Ziegenmilch – dem Gotte dar; der Hirt schickte sich an, seine Flöte zu blasen. Die Trireme fuhr ins offene Meer hinaus. Alles verschwand hinter einem Felsvorsprung. Man sah nur noch eine schmale Säule von Opferrauch über dem Haine in die Höhe steigen. Im Himmel, auf der Erde und auf dem Meere herrschte eine tiefe Stille. In dieser Stille ertönte plötzlich ein leiser Kirchengesang: die frommen Greise auf dem Vorderdecke sangen im Chor ihr Abendgebet. Im gleichen Augenblick zogen über die glatte Fläche des Meeres andere Töne: der Hirtenknabe spielte auf der Flöte die Abendhymne an Pan. Anatolius' Herz wurde von Erstaunen und Freude ergriffen. »Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!« sangen die Mönche. Die reinen Töne der Hirtenflöte stiegen hoch in den Himmel hinauf und verschmolzen mit den Worten des Vaterunser. Auf den Felsen der glücklichen Insel verglomm der letzte Sonnenstrahl. Die Insel erschien jetzt wieder als kahler Fels mitten im Meere. Beide Hymnen verstummten gleichzeitig. Der Wind sauste im Takelwerk. Wellen erhoben sich. Die Halcyone stöhnte sturmverheißend. Vom Westen zogen Schatten heran, und das Meer wurde dunkel. Die Gewitterwolke wuchs an. Man hörte die ersten dumpfen Donnerschläge. Nacht und Sturm senkten sich über das Meer. Doch in den Herzen von Anatolius, Ammianus und Arsinoe leuchtete schon wie eine nie untergehende Sonne die große Freude der Wiedergeburt.