Jakob Julius David Der Übergang Erstes Buch Die Adam-Mayer-Gasse Erstes Kapitel Die Adam-Mayer-Gasse Die Gasse ist breit und ansehnlich genug. Nur sehr still ist sie. Man merkt in ihr wenig vom Verkehr und von der Betriebsamkeit, die sonst gerade in diesem Bezirk heimisch sind und sich immer noch behaupten. Uniforme Häuser bilden sie: ein- oder höchstens zweistöckig. Ohne jeden Stil; man erkennt gleichzeitige Entstehung aus einem Willen. Aber sie sind tüchtig und für gute Dauer aufgemauert. Jedes hat einen tiefen Hof mit einigen Bäumen darin, die fröhlich gedeihen. Man wohnt wohlfeil da, und ein Wechsel der Parteien, wenn nicht eine völlig verdirbt, ist unerhört. Geschlecht nach Geschlecht verbringt hier seinen stillen Tag. Sie merken wenig vom Gang der Dinge, deren Wandel sie doch lebhaft genug berührt. Denn einmal war hier ein allgemeiner Wohlstand zu Hause gewesen. Eine rastlose Betriebsamkeit herrschte, und sie arbeiteten sämtlich für den einen, der die Gasse erbaut. Das war vorüber. Der Handel suchte sich einen anderen Pfad, ließ sie links liegen, und man fand sich damit ab, so leidlich es gehen wollte. Endlich – sein Brot erwarb man immer. Man strich es einmal dicker, man schnitt es wieder einmal dünner. Am Kindersegen gebrach es niemals, und in den zahlreichen Höfen tummelte sich ein kräftiges junges Volk; die Mädchen alle zierlich, ja hübsch und immer anmutig, meist dunkeläugig bei blonden Haaren, die Buben derb und rauflustig. Sie hielten zusammen und betrachteten sich wie Angehörige eines vereinzelten Stammes inmitten der Großstadt. Zuzug wurde bei groß und klein ferngehalten und lange scheel angesehen, wenn er endlich nicht mehr zu verhüten war. Die Frauen hatten ihre Zusammenkünfte beim Greißler. Dort wurde alles Nötige und einiges darüber erörtert. Ein derartiges Mundwerk, flink wie Brunnenwasser, besaßen sie durch die Bank, die Spitzigen so gut wie die Beleibten. Sie waren flink zur Arbeit und gute Mütter, nur etwas gar zu zärtlich. Dabei hatten sie stets Zeit zu einem ausgiebigen Tratsch und gerieten sehr leicht in Hitze – Flackerfeuer, das niemandem weh tat. Viel hatten sie über Leichtsinn und Untreue der Männer zu klagen. Derjenige, über den eben eine das Herz ausleerte, war immer nicht nur in dieser Gesellschaft der Schlechteste, sondern an sich ein höchst verdächtiger Patron, wobei es als eine merkwürdige Naturerscheinung verzeichnet werden muß, daß eben die, welche sich das Herz am meisten abfraß, am gedeihlichsten aussah. Eine gewisse Portion Ärger, ja Kummer schien zu ihrem Wohlbefinden notwendig, wie man von Völkerstämmen erzählt, die allerhand Unverdaulichkeiten genießen müssen, worüber sich gewissenhafte Forscher in der Fremde dann so sehr zu verwundern pflegen. Auf der Gasse selber hatten sie es immer sehr eilig. Darüber huschten sie nur so. Was eine tüchtige Hausfrau ist, die darf niemals zeigen, daß sie eine freie Minute habe. Im Zorn überschlugen sich ihre Stimmen alle, und sie gerieten demnach sehr oft in ein übeltöniges Kreischen. Die Männer erschienen weniger in der Öffentlichkeit. Zu gewissen Stunden schlichen sie sich zum Wirte, der einen ganz vortrefflichen und weithin berufenen Tropfen schenkte, oder ins Café im Eckhaus, das die anderen Gebäude überragte wie ein stattlicher Flügelmann ein unansehnliches und verputtetes Glied. Dort saßen sie, rauchten ihre kölnischen Pfeifen und entwickelten eine erstaunliche Kunstfertigkeit, sie bei schwierigsten Stößen auf dem Billard unzerbrochen im Munde zu behalten. An linden Sommerabenden aber standen sie gern ernsthaft und hemdärmelig auf der Gasse, stierten und qualmten in die Dämmerung und schwiegen. Alle hatten etwas Zurückhaltendes, Verdrossenes, Schwerfälliges neben ihren flinkeren und beredteren Ehehälften. Viele erschienen unreif neben ihnen, wie ewige Jungen. Aber das war angeblich nur Schein. Zu Hause trauten sie sich eben nur nicht und duckmauserten so herum. Auswärts aber, der gleichen lauteren Quelle nach, da konnten sie laut werden, daß es nur so paschte. Die Gasse hieß nach dem reichen Seidenzeugfabrikanten Adam Mayer. Er hatte ganz klein angefangen, wußte sich was damit und hielt auch in seinem Wohlstand Einvernehmen und gute Kameradschaft mit seinen Arbeitern. Zur Kongreßzeit, da ein allgemeiner Luxus in der Stadt gewesen war, hatte er begonnen und war groß und reich geworden. Hinter seinem Hause ging ein tiefer Garten, von dessen Wundern in der Gasse immer noch ehrfürchtige Sagen waren. Dort hatte er mit seinen Freunden Gelage gehalten, die sich schon sehen lassen konnten, von denen in seinen Kreisen nicht anders gesprochen wurde wie höher oben etwa von den Festen bei der schönen Fürstin Lori Schwarzenberg. Denn das Geld strömte ihm nur so zu, daß er es unmöglich aufbrauchen konnte. Es bedurfte keiner Marken noch Zeichen. Auf den ersten Blick und mit dem Griff mußte man es heraus haben, was bei Adam Mayer gewebt worden war, und der ganze Balkan mit seinen üppigen Hospodarenfrauen, ja, die Levante kannte seine Waren. Die hatten »halt ein' eigenen Geschmack«. Er war ein gerechter Mann gewesen. Was mit ihm in Geschäften zu tun hatte, konnte bestehen und versagte ihm dieses Zeugnis nicht. Nur markten durfte man mit ihm nicht wollen, sonst konnte er unwirrisch, ja selbst sehr deutlich werden. »Paßt's Ihnen net, so gengen S' halt woanders hin. Epper schenkt's Ihnen wer.« Als er starb, schien der Wohlstand seines Hauses für immer begründet. Einigermaßen zerbröckelte er freilich durch Erbteilungen. Der Älteste übernahm die Fabrik. Er war in den Überlieferungen seines Vaters groß geworden und hielt sie hoch, ganz besonders was die Lebensführung und den Umgang mit der Kundschaft anlangte. Man mußte allerdings schon geringer weben. Denn die Zeiten wurden immer schlechter, und die Leute verstanden es nicht mehr wie einmal, begehrten nur einen Fetzen, der nach etwas aussah. Verlief sich ein Kunde: »No, war' eh ka Schad um den notigen Kerl.« Deswegen ließ sich Herr Franz Mayer doch nichts abgehen, und seine sehr umfängliche Frau war immer noch die erste Frau am Grund und trug das Kostbarste und hatte einen Schmuck, dessen sich keine Fürstin zu schämen gebraucht. »Denn wozu hat man's, wenn man's net herzeigen soll, han? Sollen sich die Neidigen ärgern, was halt nur Platz hat.« Trotzdem mußte schon unter ihm der Garten in Baustellen zerschlagen werden. Da siedelten sich kleine Leute an. Denn es war erstaunlich, wie die Menschen mehr und die Zeiten ärger wurden. Da unten ward förmlich geschleudert. Ein reeller Kaufmann und Erzeuger konnte da nicht mit, und wer etwas auf sich hielt, der wartete doch, bis man zu ihm kam, und rannte nicht unablässig den Leuten mit seinen Reisenden die Tür ein, als könne er ohne ihren Auftrag nicht bestehen und es durchaus nicht erwarten. Es kamen schlechtere und wieder bessere Zeiten, die nur niemals lange genug anhielten, um das Haus auf die alte Höhe zu heben. Geschwister mußten versorgt und Seitenverwandte, die einmal ihr Geld in das Unternehmen gesteckt, ausbezahlt werden. Das schwächte die Kapitalskraft der Firma. Gewandtere, flinker und fähiger, jeder Schwankung des Marktes nachzugehen, gerieten nach oben und behaupteten sich ein Weilchen. Die Mayerischen sahen dem verdrossen zu, und ihnen ward schwindelig vor diesem Auf und Nieder. Das war keine Zeit, in die sie paßten. Noch wollte man nicht zeigen, auch ihnen könnten schlimme Verhältnisse etwas anhaben. So arbeitete man mit Schaden, und Haus nach Haus bröckelte von ihrem Besitze ab, wie eine immer wiederkehrende Welle Stein um Stein aus der festesten Mauer wäscht, bis sie einstürzt. Dann schränkte man endlich den Betrieb ein. Eine Gelegenheit bot sich ihnen noch. Es kamen die fetten Tage zu Beginn der siebziger Jahre. Damals, nach langem Zögern und Besinnen, hatten sie die Fabrik verkauft und noch während des großen Aufschwunges in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Damals hatte doch alles seinen guten Preis, was irgendwie in Geltung oder Ansehen stand. Allerdings gab es schon Zeichen, die den nahen Zusammenbruch der ganzen luftigen Herrlichkeit ankündigten. Sie merkten nicht darauf. Die fühlten sich sicher und geborgen. Ehe sie sich aber noch ihrer papierenen Schätze entledigen konnten, kam das Ende. Das war doch dazumal nicht anders gewesen, als habe man eine ganze Stadt, Gasse nach Gasse, aus Kartenhäusern gebaut. Ein ganz leiser Anstoß, vielleicht nur ein Lüftchen, bringt das erste zu Fall. Andere sinken ihm nach. Im Sturz aber gewinnen die losen Blätter die Wucht von Werkstücken und erschlagen alles, was sie treffen, reißen nieder, was noch so fest und sorgsam aufgemauert erschien. Eine ganze Stadt, aufhorchend in beklommener Spannung auf den dumpfen Ton niederbrechender, stolzer Gebäude, zusammenfahrend bei jeder neuen Hiobspost, jeder gewärtig, von keinem Unheil mehr überrascht. Ein allgemeines Verderben, aus dem nur spärlich einzelne entrinnen. Und selbst diese hat eigentlich nur ihr Glück bewahrt, keineswegs ihre Voraussicht, die hier so wenig vermochte wie bei einem Erdbeben. Die alte Firma Mayer entrann nicht. Noch vor dem Ende hatte sich Franz Mayer durch einen rührigeren wie geschmeidigeren Menschen aus der Leitung des Unternehmens verdrängen lassen, die ihm vertragsmäßig gebührt hätte. Man hatte es doch nicht mehr nötig, sich an so eine Stellung zu klammern. Und dann war doch immer so viel vom modernen Geist geredet worden, mit dem man gehen müsse. Das verstand er nicht, das mißbilligte er. Denn so beschränkt er war, er fühlte doch, dieser moderne Geist bedeutete ihm nichts Gutes, wollte ihm und den Seinigen an den Kragen. So war es ihm nicht einmal so unrecht gewesen, als weder er noch ein Träger seines Namens mehr dem Unternehmen angehörte, das nach ihnen hieß. »Wo man doch so nix wie Verdrießlichkeiten mit die Leut' hat ...« Ein anderer erstand die weitläufigen Baulichkeiten, eben erst frisch ausgestattet mit den neuesten und kostspieligsten Maschinen, um ein Butterbrot. Selber etwas zu beginnen, hatte Franz Mayer weder die Kraft noch die Mittel mehr. Auch war eine große Furcht vor jeder Verantwortlichkeit in ihm. Er wartete immer auf die besseren Zeiten mühe- und gefahrenlosen Gewinnes, wie sie einmal gewesen sein sollten, also wiederkehren mußten, und sich's dennoch so endlos lange überlegten. Er ging noch manches Jahr, den Stock mit Silbergriff in der Linken, in der Rechten die sorgsam behütete Meerschaumpfeife – einen echten Schwanenhals! –, in sein Café und in sein Stammgasthaus, immer noch auf seinem Grund ein angesehener Bürger, »der halt vom Seinigen lebt«; immer noch geneigt, sich bei festlichen Anlässen, wie beim »Umgang« zu Fronleichnam oder bei Firmungen, nicht spotten zu lassen, weil man »sich doch nicht in den Sack schau'n lassen darf«, und nur zu Hause von der ewigen Übellaune eines Menschen, der seine Zeit vorüber weiß; der Krittelei eines Müßigen, der nichts mit sich anzufangen weiß und andere, Behendere um sich sieht, die sich trotz aller Ungunst der Verhältnisse behaupten, ja sogar vorwärts drängen. Über die schimpft, die verdächtigt man. Diese Schelten aber erleichtern das Herz nicht. Es ist denn doch ein grimmiger Neid in ihnen, der frißt. Eines unternahm er dennoch, ehe er hinging: er ließ das eine Haus, das ihm noch so ziemlich schuldenrein verblieben war, den Sitz der Familie, umbauen und zu einem Zinshaus umgestalten. Derlei war doch das einzige, das Bestand hatte und bleibende Geltung verbürgte. Das konnte man ihm nicht nehmen. Er griff die Sache allerdings im ungeschicktesten Zeitpunkt an, als sich das Geld noch versteckte und noch sehr, sehr teuer war. Danach aber drängte es ihn. Es wurde der Raum für ein Kaffeehaus, das doch immer die höchste Miete bringt, aus den Warensälen einer früheren, besseren Zeit gewonnen, und als es eröffnet wurde, da sprach man viel von den schönen Räumen, von der für die stille Vorstadt unerhörten Pracht seiner Einrichtung, drängte sich herbei, und Franz Mayers Name war wieder einmal im Munde der Leute, wie er's geliebt, und wie's ihm nur noch ein einzigmal werden sollte; an jenem Tage, da man ihn mit allem Pomp, der einem angesehenen Bürger, Mitglied so vieler Vereinigungen, bei denen »man schon wer sein muß, nur um dabeisein zu können«, gebührt, zugedeckt mit dem kostbarsten Bahrtuch, aus der stillen Adam-Mayer-Gasse hinaustrug zu seinem Vater auf den Schmelzer Friedhof. Seine Sippe hatte sich inzwischen sehr vermehrt. Allenthalben in der guten Wienerstadt, die sich seither so gewaltig ausgedehnt hat, trifft man ihre Angehörigen. Und keiner, den man wie oder wo immer kennenlernt, wird nach der Vorstellung mit Bedeutung zu sagen unterlassen: »Mayer mit ay. Wissen S', von den Adam-Mayerischen am Schottenfeld, was einmal die große Fabrik g'habt haben, und wo noch eine ganze Gassen, die ihnen natürlich ganz allein gehört hat, nach ihnen heißen tut.« Stammhalter der Familie war sein Sohn Franz Mayer. Nachdem nichts mehr dageblieben war, so mindestens Erbe seines Namens und zugleich jenes Hauses, das so überragend am Eingang der Adam-Mayer-Gasse steht ... Zweites Kapitel Herr Franz Mayer findet einen Lehrer Peter Gröger sah sich um und fand sich allein. Er hatte also seine Kneipgesellschaft verloren. Das war ihm unbehaglich, nicht so sehr unlieb. Denn er war noch jung und schämte sich selbst seines eigentlich nur geringen Rausches. Auch hoffte er, der einsame Gang werde ihm guttun. So strich er durch schweigsame Gassen. Manchmal hörte er ein trunkenes Rufen, von dem er sich nicht narren ließ. Denn am Samstag schwärmte es in diesem Bezirk allenthalben. Es war bewölkt. Die Gasflammen brannten rötlich, und wie sich sein Weg senkte und hob, so schimmerten schöngeschwungene Schlangenlinien vor ihm. Wann er heimkam, war doch völlig gleichgültig. Das Semester hatte eben erst begonnen, und man versäumte doch nichts in den Kollegien. Auch war niemand da, der von ihm über sein Tun hätte Rechenschaft fordern können. Ein eigentümliches und für ihn stählendes Gefühl nach so vielen Jahren einer steten, vorsichtig, ja nur unmerklich gelockerten Aufsicht. Es war nur merkwürdig, wie rasch das Wiener Pflaster einen müde machte, der seiner nicht gewohnt war. Peter Gröger fühlte sich von dem kurzen Gang beschwert und der Ruhe bedürftig. Es trat sich ihm so hart. Ein Wirtshaus war zu seiner Rechten. Aber da klang noch Lärmen heraus, das zu ertragen er sich nicht fähig fühlte. Zu seiner Linken stand ein Kaffeehaus. Durch die ansehnlichen Spiegelscheiben schienen zahlreiche Gasflammen, und die leuchteten freundlich und lockend durch die Nacht. Er trat ein. Der Raum war völlig leer. Aber man rechnete offenbar noch auf Zuzug. Die beiden Billards standen noch offen, und auf einem lagen die Queues gekreuzt. Der Kellner war sehr verschlafen, aber noch willig und keineswegs entrüstet über den einschichtigen Gast, der wie einer, der etwas auf sich zu halten gewohnt ist, einen raschen Blick nach dem Spiegel warf. Er gefiel sich gar nicht. Denn sein blondes, frisches Gesicht war mehr als billig gerötet, der junge, krause Bart einigermaßen gesträubt, und in den blauen, kalten Augen ein fremder Glanz. Er putzte an seiner Brille, denn die Buchstaben des Abendblattes, das er zu lesen versuchte, tanzten vor ihm ganz sonderbare Tänze mit einer so verwerflichen Behendigkeit, daß ihnen der Blick nicht zu folgen vermochte. »Bitte, Herr Doktor!« Der »Schwarze« stand vor ihm. Er schlürfte verkostend davon. Nicht eben hervorragend. Dennoch tat ihm das heiße Getränk wohl, und er fühlte sich danach sicherer und munterer. »Eine Karambolpartie angenehm?« »Danke. Ich spiele sehr schlecht.« »Macht nichts. Der Herr von Mayer spielt nur ums Billardgeld.« Endlich – das mochte gut zur völligen Ausnüchterung sein. Gröger stand auf, prüfte sorgfältig die Queues und ergriff nachdenklich einen mit jener gewichtigen Miene, die jeder annimmt, sowie er den Stecken einmal anfaßt. Sein Gegner stellte sich vor, und es ging los. Der andere spielte meisterlich. Serie folgte auf Serie, und so hatte Gröger Gelegenheit, sich ihn recht genau anzusehen, damit er sich nicht gar zu sehr langweile. Er war über mittelgroß. Schwarze Haare, die an den Schläfen sorgfältig klebten, noch durchaus nicht angegraut und in der Mitte sehr reinlich gescheitelt und in die linke Stirnhälfte hineingekämmt, muntere Stoppeln um Kinn und Wange, die davon bläulich schimmerten. Sehr elegant angezogen; eine goldene Kette mit mannigfachsten, ansehnlichen Anhängseln zu einer altmodischen silbernen Uhr. Eine gewisse Gefallsucht dessen, der gern Eindruck machen möchte, in allem, auch in der Art, mit der er die Bälle anging. Er konnte nicht mehr gar jung sein, denn er war kurz von Atem und pfnauste wohl ein weniges. Auch waren die Hände sehr gerötet und fleischig, wiewohl man ihnen ansah, daß sie niemals gearbeitet, und mit Ringen bedeckt, unter denen ein sehr großer Amethyst, offenbar seines Eigentümers Stolz, vorstach. Ein wohlhabender Mann, dachte Peter Gröger. Oder einer, der sich mindestens niemals etwas anfechten ließ. Inzwischen war das Spiel für ihn sehr schmählich zu Ende gegangen, und sein Partner war sehr aufgeräumt und sehr vertraulich geworden. Er unterwies ihn, und wenn der Stoß trotzdem nicht glückte, so lachte er hell auf. »Macht nix, Herr Doktor! Dös wird schon noch werden! Probieren geht halt über studieren.« »Ich weiß nur nicht, ob's fürs Probieren reichen wird«, entgegnete Peter Gröger und lächelte säuerlich. »Wär' net übel; wär' net übel!« erwiderte Herr Mayer und versuchte einen sehr schwierigen Stoß. Gröger sah ihm bewundernd zu. Das spornte den anderen zu immer kühneren Wagnissen. Es geriet ihm fast alles, und er hatte eine sichtliche Freude mit sich selber. Endlich legte er den Queue hin. »So allein ist's net das Richtige. Meine Partie hat mich halt wieder einmal pünktlich sitzen lassen.« Gröger sah nach der Uhr. »Es ist ja auch schon ziemlich spät.« »Ich bitt' Ihnen – lassen S' mich damit aus. Was hat man denn vom Leben, wenn man gar so zeitlich schlafen geht? Am Tag ist eh nix wie Arbeit. Ich weiß net, wie man den Schlaf gar so schön finden kann. Manchmal träumt man doch ganz grauslich, und bestenfalls liegt man da und weiß nix von sich. Was ist da schön, frag' ich? Hell leben ist's Richtige, und ausschlafen – dazu wird man hernach auch noch Zeit haben. Was, Fräulein, gelten S'?« Und er erhob seine Stimme mächtig. Die Kassiererin, die, einen großen Knäuel rote Strickwolle vor sich, eingenickt war, schrak auf und versuchte ein verdrießliches und dümmelndes Lächeln, das Herrn Mayer sehr zu ergötzen schien. Er blinzelte mindestens seinem Genossen höchst vergnügt zu. »Ich bitt' Ihnen, Fräulein, wo schlaft denn der Karl wieder herum? Zwei Flaschen Bier möcht' ich.« Sie wurden gebracht und auf den Tisch Grögers gestellt. Herr Mayer setzte sich zu ihm. »Erlauben S' schon, daß ich mich da niederschmeiß'. Von meine Sumperer kommt gewiß keine mehr. Gar kein Leben ist mehr in die Leut'! Es red't sich im Sitzen besser, und ich weiß net, warum wir ein jedes da herum einsiedeln sollen, Prosit, Herr Doktor, sollen leben!« Gröger klang an. Einigermaßen verwundert über diese rasche Vertraulichkeit. Auch bedrückt von ihr, weil in ihm immer noch jene Achtung eines besser und in der Kleinstadt Erzogenen vor höheren Jahren und einer gesicherten Lebensstellung war. Man trank seinen Schluck. Mayer stieß ihn heimlich. »Was sagen S' denn zu derer Kassandra?« »Ich weiß ja nicht einmal, wie sie heißt. Ich denke: Fräulein.« Herr Mayer lachte, lachte so heftig, daß er sein Bier beinahe verschüttet hätte, welches er schon zum Munde führen wollte, daß es im leeren Raum mächtig widerhallte, daß der Kellner eilfertig herangeschlurft kam und fragte, was die Herrschaften denn beföhlen. »Bringen S' noch zwei Flaschen!« Und nachdem er einigermaßen zu sich gekommen war, zu Gröger: »Ist ein schlechter G'spaß. Ist ein alter G'spaß! Aber ich hab' nur gemeint, wie sie Ihnen gefallt.« »Ich kenne sie leider nicht genau genug zu einem Urteil.« Peter Gröger begann den Ton zu begreifen, der hier erwünscht war. »Möchten S'?« Herr Mayer setzte sich vor eitel Vergnügen rittlings auf seinen Stuhl und lachte noch dröhnender. »Möchten S'?« Er schielte wohlgefällig nach dem Mädchen, das in der Tat ganz hübsch war und nur eben müde aussah. »Da haben S' just kein' schlechten Gusto. Aber die ist eine Heimliche.« Er neigte sich ihm zu und dämpfte seine Stimme. »Die schaut nur auf Verheiratete.« »Wirklich?« »Wenn ich's Ihnen sag'! Was das schon für Geschichten gewesen sind wegen dem Madl! Aber sie laßt sich niemals nicht erwischen, und der Kaffeesieder tut sie nicht weg. Natürlich – warum denn auch? Die Weiber kommen ihm in kein Kaffeehaus, oder wenn schon – sie sitzen bei ihrem Schalerl langmächtig und spielen net, wo er's meiste verdient; die Männer zügelt sie ihm her – und auf die letzt' – er ist doch auch verheiratet.« Peter Gröger lachte. Immer noch verblüffte ihn bei solchem Altersunterschied der sehr freie Ton. Aber er begann schon, in ihm nachzuklingen und ihm innerlich zu behagen. »Aber Sie trinken ja nix, Herr Doktor! Das geht ja net! Der Wirt verbrennt nur wegen uns sein Gas, und wir geben ihm nix zu verdienen. Da muß der Mann doch zugrund gehen. Man muß doch auch ein Einsehen haben. Wär' mir net recht, müßt' er zusperren, wo das Haus mir gehört.« Peter Gröger trank gehorsam, und sein Respekt stieg erheblich. »Überhaupt – ein Doktor, was net trinkt! Das sollt's net geben därfen. Und was für einen Doktor lernen S' denn?« »Ich bin Jurist.« »Ist immer noch ein ganz gutes Geschäft, andere Leut' die Haut über die Ohren ziehen und sich selber eine warme Decken draus machen. Und von wo sein S' denn her?« »Ich bin ein Deutschböhme. Aus der Nähe von Reichenberg.« »Möglich, daß ich einmal hinkomm'. Ich nimm mir's schon lang vor und hätt' schon oft dort zu tun gehabt. Ist eine reiche Stadt, und sie sind dort gar so viel fleißig. Auf ein' jeden Brief kriegen S' gleich eine Antwort. Aber wissen S', im allgemeinen mag ich die Böhm' net. Aber Sie gefallen mir. Und schicken s' Ihnen brav Geld von zu Haus?« »Ich werde mich selber erhalten müssen. Für den Anfang hat man mich mit allem ausstaffiert«, er sah wohlgefällig an sich nieder, »und mir etwas Geld mitgegeben. Hernach muß ich sehen, wie ich mich selber fortbringe.« »Schau, schau! Und wie wollen S' denn dös anfangen?« Peter Gröger lachte. »Ich denke wie so viele andere. Ich kann perfekt stenographieren, habe ganz gute Empfehlungen und eine schöne Matura.« »Ist halt doch ein schwerer Stand. Sind jetzt gar schlechte Zeiten, die ein jeder verspüren muß. Ist eigentlich doch ein Unrecht von Eltern, ein junges Blut so in die Welt schicken.« »Nun, es tun's eben viele«, entschied Peter Gröger, »und ich wollt' es selber nicht anders. Ich wollte studieren.« »Schau, schau! Sie haben's net anders wollen!« Herr Mayer verwunderte sich sehr. »Na, mir kann's recht sein. Ich tät's freilich net erlauben. Man kann doch, wenn man sie bei sich hat, gar net genug auf seine Kinder aufpassen, damit s' net auf Streich' kommen. Wie erst, wenn s' gar so weit von die Eltern weg sind? Aber mich hat's gefreut, daß ich Sie kennengelernt hab'. Ich bin ein einfacher Mensch, wissen S'. Halt ein Bürger, der sein Geschäft hat, was eh alle Tag schlechter wird bei dem elendigen Zeitpunkt. Und zu meiner Zeit hat man's halt noch net für nötig gehalten, daß unsereins eine Bildung lernt. Aber deswegen hab' ich mein gebildeten Dischkurs doch ganz gern, und es red't sich ganz gut mit mir, net? Wissen S' – oder halten S' mi für dumm? Han?« Peter Gröger verwahrte sich heftig gegen jeden solchen Verdacht. »Nämlich – das vertrag' ich net. Durchaus net. Wenn einer meint, nur weil er sich Fensterscheiben auf die Nasen setzt, so ist er schon wer Besserer als ein aufrechter Bürger, der endlich alles erhalten muß ... Da muß man's haben« – er wies mit einer bedeutenden Handbewegung nach dem Kopf – »woher man's hat, ob aus die Bücher, wo eh 's Gescheiteste net drinsteht, ist ganz egal. Ich kenn' eine Dürrkräutlerin, die weiß mehr wie alle Doktoren. Woher hat sie's? Ist egal. Raten tut sie, und geholfen hat sie – wer weiß, wie vielen. Ist's so, wie ich sage, oder net?« Und Herr Mayer schielte ganz bösartig. Und Peter Gröger war mit dem geschätzten Vorredner vollkommen einverstanden. »Sehen S', da ist zum Beispiel gleich mein Bub, der Adam. A g'scheiter Bub, hört man allgemein, und durchg'wit wie der Teufel kann ich Ihnen sagen. Aber lernen hat er niemals net wollen. Net, weil er zu dumm ist. Er kapiert alles. Aber zu fad ist's ihm immer gewesen, über die Bücher sitzen. Er hat halt sehr früh Streich' im Kopf gehabt. Was soll ich denn da tun? Soll ich ihm epper den Kopf h'runterreißen?« Peter Gröger bezweifelte das Ersprießliche eines so radikalen Vorgehens. »No also, hab' ich ihn halt laufen lassen. Wenn er einmal keck war, so hab' ich's ihm schon g'sagt oder ihm ein paar ganz tüchtig hinter die Ohren gegeben. Aber die jungen Leut' sind halt laut. Ich war's auch, und ich bin doch wer geworden. Nur freilich, jetzt, wo man sich nimmer loskaufen kann, jetzt möcht' ich gern, daß er sein Jahr freiwillig dient. Wer weiß, wozu's gut ist, daß wir ins Plauschen gekommen sind. Trau'n Sie sich, wen dahinzubringen?« »Gewiß, Herr von Mayer.« »Wissen Sie, Sie gefallen mir. Kommen Sie halt morgen vormittag zu mir. Die Vorbereitungsschulen sind so viel teuer und überhaupt mehr für die Pflänz', und Sie könnten mit meine Madeln a lernen.« »Soll ich meine Zeugnisse auch mitbringen?« »Ist nicht notwendig. Ich werd' doch auf so an' Wisch net mehr geben wie auf meine Augen? Wenn ich Ihnen schon sag' – Sie gefallen mir. Wir werden uns schon vertragen und keinen Richter net brauchen. In dem Haus da wohn' ich. Im ersten Stock. Kennt mich übrigens ein jedes Kind.« »Ich danke für das Vertrauen.« »Na – sein S' so gut und halten S' mir noch a Red'!« Herr Mayer schüttete den Rest seines Bieres mit unsicherer Hand herunter und erhob sich schwerfällig. »Wissen S' – ganz steif werden einem die Füß' vom vielen Sitzen. Aber ich hab's halt kommod. I brauch' kan' Hausmeister. Macht bei meinem Geschäft eine ganz wesentliche Ersparnis aufs Jahr. Wirtshaus, zahlen!« Der Kellner torkelte schwerfällig und argwöhnisch herbei. Herr Mayer gab ihm einen freundschaftlichen und aufmunternden Schupfer. »Wieviel macht das alles? Der Schwarze vom Herrn Doktor ist auch dabei? Wissen S', das Billardgeld müßten S' eigentlich zahlen, das haben S' ehrlich verspielt. Na – daß die Frau Mutter halt net weint –, so schreiben S' halt alles zusammen, Karl! Ich werd's schon zahlen.« Und noch einen Blick in das öde Kaffeehaus mit seinen zugedeckten Billardtischen, den sausenden Gasflammen, zusammengestellten Stühlen, den mit Sägespänen überstreuten Boden werfend: »Net zum glauben – aber ich hätt' noch so eine Lust auf ein Pünscherl – gibt's net mehr? Ist halt eine saubere Wirtschaft. Ein rechtes Tschecherl ist's, das muß ich schon sagen.« »Aber es ist schon spät, Herr von Mayer.« »Sie, Herr Doktor, mit dem ›von‹ hat einmal wirklich net viel gefehlt, schon unterm Kaiser Franz und meinem Großvater. Ist eine eigene Geschicht'! Muß ich Ihnen einmal erzählen. Wer weiß, wie wir jetzt dastünden? Aber gute Nacht, Fräulein. Und träumen S' von mir. Gute Nacht, Herr Doktor.« »Gute Nacht, Herr Mayer.« Und Peter Gröger suchte, um ein Erlebnis reicher, den Heimweg. Es begann zu grauen, und ein herbstliches Nieseln und Nebelreißen war. Drittes Kapitel Peter Gröger lernt die Familie Mayer kennen Trotz Jugend und gesunder Nerven schlief Peter Gröger in dieser Nacht nicht viel. Er war doch aufgeregt von der neuen Bekanntschaft, von der Aussicht auf seine Wirksamkeit, die sich ihm so unerwartet bot. Daß er leisten konnte, was man billigerweise von ihm begehren dürfte, dessen war er schon sicher. Er hatte seine Gymnasialzeit gut benützt und war überhaupt ein Mensch von einer merkwürdigen Nüchternheit, von der Sorte, an der die Lehrer ihre Freude haben: ohne ausgesprochene Neigungen nach irgendeiner Richtung, aber zuverlässig in der Gesamtleistung, gehorsam aus Vernunft und ohne Kriecherei und sehr gelassen in allem. Das gibt Menschen, die ans Leben herantreten und es zu nehmen wissen, wie es nun einmal ist; die sich ihre besonnenen Ziele nach den Umständen abstecken und ihnen ohne Hast, aber auch ohne Zaudern zustreben, die sich nicht zuviel, immer aber Erreichbares vornehmen und nicht leicht zu entmutigen sind. Er zog andächtig sein bestes Gewand an und machte sich auf den Weg, den er sich gestern gut gemerkt hatte. Es war nicht einmal weit bis zur Adam-Mayer-Gasse. Er ging an einer zopfigen Kirche vorüber, in die gerade eilfertige Bürgersfrauen nach dem Einkauf für den Sonntagstisch, Mägde mit ihren Päcken und zierliche Mädchen drängten, um ein Stündchen Feiergottesdienst zu erhaschen. In alter Gewohnheit trat er ein und verweilte sich ein Augenblickchen. Denn der Tag schien ihm wichtig genug, ihn mit einem Gebet zu beginnen. Gegen elf Uhr stand er vor Herrn Franz Mayers Tür. Das war ja wohl die richtige Besuchsstunde. Das Dienstmädchen, das ihm auftat, eine hübsche, große, üppige Person mit sehr hellem Haar und frechen Augen, stierte ihn lange und unverschämt genug an, ehe sie ihn ins Zimmer führte, das noch keineswegs völlig in Ordnung gebracht schien. Peter Gröger sah sich nach seiner prüfenden und vorsichtigen Weise um. Eigentlich hätte er sich die Wohnung eines reichen Mannes anders vorgestellt. Es sah doch ziemlich kahl aus. Die Wände, bis auf einige Porträts, sehr nüchtern. Auf der massigen Kredenz einige Prunkstücke in schwerem Silber, die aber zum Ganzen so fremd standen, daß man ihnen kaum die Echtheit glaubte. Das übrige war nämlich offenbar mühselig erhalten und zusammengestoppelt, und man konnte selbst die Jahrgänge bestimmen, zu denen es erstanden war. Immer war das jüngste Stück auch das wohlfeilste. Er setzte sich auf einen der grünen Ripsstühle und wartete. Aus der Küche drang von Zeit zu Zeit ein scharfes Keifen, Von der Art, die eigentlich kein Ziel hat und nur sich selber Erleichterung schaffen will, dazwischen ein Klirren. Eine Stockuhr, zwischen alabasternen Säulchen der behende und blinkende Perpendikel, tickte sehr eilfertig und schlug mit einem bimmelnden Stimmchen die Viertelstunden. Endlich erschien die Frau. Sie war groß und mager und von eckigen Bewegungen – eckig durch die Hast, in der sie offenbar lebte und mit der sie eine jede Bewegung ausführte. Dabei geht eben jede Anmut verloren. Ihre Hände waren rot und abgearbeitet und glänzten noch feucht, wie sie sich in aller Eile mit der etwas schief gebundenen Schürze abgetrocknet. Das Haar war ganz grau, nur manchmal glänzte noch ein schwarzer Strähn vor; die Augen waren schwarz und schön und unruhig, ja feindselig. Fast gehässig musterte sie den Studenten, während sie ihren Mann entschuldigte: er sei unwohl, müsse aber gleich aufstehen. Mitten im Satz aber brach sie ab. »Was erzähl' ich Ihnen da? Sie waren ja dabei. Sie werden ja eh wissen, was das für eine Krankheit ist, die man meist am Sonntagvormittag hat«, lief zu einer Tür und schrillte hinein: »Franz, so komm endlich! Meinst net, 's wär' Zeit?« »Glei komm' i, glei!« Und ein heftiges Prusten. Ja – die Kinder waren noch nicht zu Haus. Die Mädchen natürlich in der Messe. Denn das müsse sie ihm gleich sagen: auf Religion halte sie in ihrem Hause. Sonst habe man schon so nichts auf der Welt. Peter Gröger erklärte sich in aller Bescheidenheit völlig einverstanden. Er sei heute selber schon in der Messe gewesen. Frau Kathi Mayer musterte ihn mit einem raschen und höchst mißtrauischen Blick, als sei sie es nicht gewohnt, recht zu bekommen. Sie schluckte an etwas und zuckte die Achseln. »No, ist's halt desto besser.« Wo der Junge sei, wisse sie durchaus nicht. Und sie lief schon wieder zur Tür. »Franz! hast d' dem Adam net g'sagt, er soll zu Haus bleiben?« Ein tiefes Stöhnen. »Natürlich hab' ich's ihm gesagt. Er ist halt nur an einem Sonntag net zum derhalten.« »Und wo meinst d' denn, daß er sein könnt'?« »Ich weiß net. Epper beim Greißler?« »Und werd' fertig, Franzl! Ich hab' in der Kuchel alle Händ' voll zu tun und kann net a no dein' Freunderln Gesellschaft leisten.« »Glei komm' i, glei!« Frau Mayer sah mit einer gewissen gereizten Hilflosigkeit an sich nieder und strich hernach die eine sehr dunkle Flechte, die sich immer wieder eigenwillig vordrängte, schleunig zurück. »Ich kann's Essen net anbrennen lassen. Und auf die Marie hab' ich doch gar kein' Verlaß«, jammerte sie. Ein Poltern von Stiefeln. »Glei kumm' i, glei!« Die Frau musterte Herrn Peter Gröger so argwöhnisch, daß ihm ordentlich heiß wurde. »Eigentlich, und daß Sie's nur gleich wissen: ich bin keine Freundin von die Freunderln von mein' Mann. Ihm g'fallt bald einer. Braucht ihm nur nach dem Maul zu reden oder ihm zuzuhören, wenn er red't, was er gar so viel gern tut, so ist's schon gut und gewonnen. Er ist halt ein Narr und er bleibt einer.« Das war so laut gesprochen, daß Herr Franz Mayer es unbedingt hören mußte. Trotzdem kam aus dem Nebenzimmer kein Laut der Entgegnung. Nur das Knarren und Trappen von Stiefeln vernahm man. »Ein anderer erkundigt sich doch, wann er wem zum Lehrer nimmt. Das geht net gegen Sie. Ist halt doch möglich, daß Sie eine Ausnahm' sind, und Sie gefallen mir soweit ganz gut. Gegen ihn geht's. Er könnt' doch schon klüger sein bei seine Jahr'.« Peter Gröger fühlte sich sehr überflüssig und hatte den lebhaften Wunsch, wo immer zu sein, nur eben nicht hier. Da hatte es offenbar ein heftiges Gewitter gegeben, davon er noch einen verspäteten Nachguß bekam. Zu seinem Glück erschien Herr Franz Mayer, sehr rosig, sehr munter und frisch rasiert. Die Frau warf noch einen überaus giftigen Blick nach ihm. »Sieh zu, daß du vor Mittag noch deinen Weg machen kannst«, und verschwand eilfertig in der Küchenrichtung. Herr Franz Mayer strich sich zärtlich und prüfend die Wange, zwinkerte sehr vergnügt mit den Augen und bot dem Studenten höchst unbefangen die Hand. »Sein S' gut nach Haus gekommen, Herr Doktor? Haben S' gut geschlafen?« Und mit einem Deuter nach der Abgegangenen: »A brave Frau! A sehr eine brave Frau! Wirtschaftlich und fleißig – nix zum sagen. Nur so viel laut ist sie. Ich hab' ihr halt ein wengerl zuviel und zu lang geschlafen. Und da kann sie sich aufregen – net zum glauben. Freilich – da versäumt man was, und sie ärgert sich halt immer und über alles.« Peter Gröger schwieg und dachte dabei allerhand, das er als ein besonnener Mann vorsichtig für sich behielt. »Der Adam ist natürlich net zu Haus! Ob man den Buben zu Haus erhalten könnt' an einem Sonntagvormittag! Ich mein', net, wenn man ihn mit eiserne Strickeln anbind't. Da nutzt alles Reden rein nix. Marie! Machen S' doch ein' Sprung zum Greißler, ob er net dorten sitzt.« Die schrille Stimme der Frau: »Just wann man's Madel am nötigsten brauchet, mußt mir's herumschicken?« Herr Mayer wollte aufbegehren, bezwang sich aber männlich. »Sie ist halt noch schiech, sehr schiech!« flüsterte er. Draußen ging die Klingel. Die Stimme von Frau Kathi Mayer: »Geht's eini, Madeln! Der Herr Professor ist da«, mit einem merkwürdig weichen Tonfall, aus dem alles Herbe weggewischt erschien. Drei Mädchen traten ein. Alle drei hübsch, Herrn Gröger erschienen sie sogar sehr hübsch. Einfache Kleider; die Jacken wie angegossen passend; die Gebetbücher in den Händen, an denen zwei Zwirnhandschuhe hatten. Nur die größte trug Glacés. Das Gesicht Herrn Mayers strahlte: »Das sind meine Töchter«, er unterstrich das hochdeutsche Wort. »Die Kathi ist einundzwanzig Jahr, die Rosi ist sechzehn, die Linnerl wird vierzehn. Alle drei sauber, was?« »Aber Vater!« wehrten alle drei nachdrücklich ab. »Sein brav, alle drei. Mit der Rosi – ist natürlich schon aus der Schul' – und mit der Linnerl werden S' halt noch lernen müssen. Sollen zwar keine Doktorinnen net werden. Aber ordentlich schreiben, daß s' können und einen Brief aufsetzen und rechnen, was man so im Leben braucht, weil man heutigentags doch viel mehr begehrt wie zu meiner Zeit. Heiraten sollen sie einmal, halt wem, der wer ist und was vorstellt auf der Welt. Die Kathi trauert i Ihnen net mehr. An' Kontrolor – da könnten S' eher selber was lernen von ihr.« Fräulein Kathi hatte eben die Handschuhe abgestreift und reinlich zusammengefaltet, dann tat sie mit einem Ruck den Hut ab, ordnete ihr Haar und sah sich mit einem raschen Blick um, so dunkel, daß Herr Gröger erschrak und meinte, das Herz stehe ihm still. Sie kam ihm ganz fremd vor in dieser Wohnung, denn es war in jeder ihrer Bewegungen ein lässiger Hochmut und etwas ganz Fremdes und Verlorenes in ihren Augen, die schwarz waren gleich denen der Mutter, nur verschleiert, als brenne hinter einem seidenen Vorhange ein heimliches Licht. Von Gestalt war sie hoch und voll, selbst kräftig, und dennoch war eine schläfrige und erwartende Müdigkeit über allem, was sie begann. Ihre Stimme war tief, selbst feierlich: wie eine Glocke hatte sie vorgeklungen aus den beiden Worten, die die Mädchen gesprochen hatten. Eine verbannte Königin erschien sie Gröger, und die Schwestern, so hübsch, frisch und niedlich sie waren, neben ihr trivial und unbedeutend. Abermals ging die Schelle. Man hörte das unwillige, sogar grollende: »Wo steckst d' denn, Adam?« der Mutter. »Der Herr Professor wartet schon ewig lang!«, ein gebrummtes: »Er wird's schon noch erwarten können, am Sonntag möcht' man seine Ruh' haben«, und der jüngere Herr Mayer erschien auf dem Plan. Er war trotz seiner Jugend – denn er stand erst vor dem zwanzigsten Jahr – körperlich voll entwickelt. Schwarzes Haar sträubte sich zu einer Tolle, fiel ihm in die Stirne, lieh dem ganzen Gesicht einen entschlossenen, ja tückischen Ausdruck. Die Augen lagen tief, und es waren sehr dunkle Ränder darum. Er hielt sie im Sprechen gern lauernd gesenkt, um sie plötzlich einmal mit einem frechen, ja unverschämten Ausdruck schweifen zu lassen. Die Mundwinkel waren schief niedergezogen; auf der Stirne scharfe, frühe und viele Runzeln. Durchaus verdrießlich und hämisch erschien er so – und dennoch, er wußte nicht wieso, und Peter Gröger mußte manchmal oft und viel an diesen Einfall denken – es bestand gerade zwischen ihm und der Kathi eine sonderbare, nicht zu bestimmende und darum geradezu quälende Ähnlichkeit. Herr Franz Mayer war sehr aufgeräumt, als er so seine ganze Familie um sich versammelt sah. Er sprach viel und ziemlich unsinniges Zeugs, lachte geräuschvoll und schlug manchmal den Adam, der in der offenbarsten und unverhohlensten Weise sein Liebling war, nachdrücklich auf die Schulter. Den solle sich der Herr Gröger nur anschauen, was das für ein Prachtbursche sei. Den habe er nicht umsonst so taufen lassen. Der müsse die ganze Familie wieder hochbringen wie der alte Adam Mayer. Und darum solle er einjährig dienen. Denn behalten müßten sie ihn doch, wenn sie nur Augen im Kopfe hätten, mit dem Brustkasten, die Schenkel, dieser Muschkulatur – hart wie Eisen, »hart wie Eisen, da gibt's schon nix«. Und ein Reserveoffizier sei doch immer was, und sähe, gar wenn er die Uniform angelegt hat, immer was gleich. Da seien die Weiber doppelt närrisch hinter einem solchen, und er könnt' sein schönstes Glück machen, besonders wenn er noch aus einer solchen Familie sei. Es zuckte dabei immerwährend in zwei Gesichtern: in dem von Fräulein Kathi und unsäglich äffisch frech in dem des Adam. Eben nur, daß er nicht herausplatzte. »Bist d' net bald fertig? Du kommst heut aber schon gar nirgends mehr hin«, kam es grollend aus der Küche. »Gleich, gleich!« Es wurden die Stunden festgestellt, was nicht ganz leicht war, der Beginn des Unterrichtes bestimmt, ein sehr bescheidenes Honorar geboten und angenommen. Man könne nicht mehr, man werde sich, wenn man zufrieden sei, schon erkenntlich erweisen. Dann nahm Herr Mayer seinen Zylinderhut und Stock, und beide gingen. Unten schob Herr Mayer den Hut wie unternehmungslustig in den Nacken und tat einen vergnügten Pfiff, neigte sich mit übermütigen, blinzelnden Schelmenaugen seinem Begleiter zu: »'s ist da herunten doch eine bessere Luft wie oben? Gelten S', was? Und jetzt trinken wir noch schnell ein Viertel Alten mitanand. A Narr wird mein Geschäftsfreund sein und jetzt zu Haus sitzen und auf mich warten!« Die Mädchen zogen sich um und gähnten schon in Erwartung des langweiligen Sonntagsnachmittags. Frau Mayer richtete die Stube völlig her und deckte den Tisch fürs Mittagessen. Der Adam verschwand aus dem Zimmer und schlich sich in die Küche. Er nahm das Dienstmädchen gleich um die Hüfte: »Na, Marie, Schatzerl, was sagen S' zum Herrn Professor?« Sie schlug neckend mit dem Kochlöffel nach ihm: »Lassen S' mi aus, Herr Adam. Am End' haben S' die Tür wieder nur zug'lahnt. Die Frau kann glei dasein.« »Dauert schon noch a Weil'. Wo werd' ich die Tür nur zuwilahnen? Und wir beide haben gute Ohren, was? Also, was sagen S' zum Herrn Gröger?« »Ein ganz hübscher Mensch is er. Und Sö waren so unmanierlich.« Er sah sie ganz wütend an. »Gefallt er Ihnen vielleicht? Sie, Marie! ...« »Möcht' Ihnen nix angeh'n. Bin Ihnen ka Rechenschaft net schuldig, Herr Adam Ich frag' a net, was Sö alleweil bei die Greißlermadeln stecken und treiben.« Er lenkte ein. »Ich mein' nur – was sagen S' zu dem Streich vom Alten?« »Wieso?« »Ist halt doch nur a Glück, daß sich nix halt't, was ihm einfallen tut. Passen S' auf, wie ich mir den Herrn Professor federn werd'.« »'s könnt Ihnen aber gar nix schaden, wenn S' auf die letzt' noch was lerneten, Herr Adam.« »Meinen S'? Möcht' mir jetzt noch fehlen. Fallet mir grad' ein! A Narr werd' ich sein und einjährig dienen, wo man froh sein darf, kommt ma auf drei Jahr' aus der Wirtschaft da fort ...« Viertes Kapitel Wie Herr Peter Gröger sich bewährte und nützlich machte Schon am Montag also begann Herr Peter Gröger seinen ersprießlichen Unterricht, und Adam Mayer merkte bald, daß es trotz bestem Willen keine so leichte Sache sein werde, diesen Lehrer »zu federn«. Denn es war eine große Klugheit in ihm. Mit Gewalt und Drohungen war hier, einem älteren und durchaus verzogenen Schüler gegenüber, nichts mehr zu richten. So übersah er, wenn er wollte, Unarten nachdrücklichst. Dann ganz gelegentlich, aber immer vor Zeugen, daß man es merken mußte, und immer in guter Manier, kam ein Stich, der saß und nur darum nicht verletzte, weil außer ihnen beiden eigentlich niemand wußte, wohin er ziele. War der junge Herr einmal gar zu ungnädig und durchaus nicht zur Sache zu bewegen, so ließ er ihn links liegen und lernte mit der Linnerl, was sie gerade für die Schule zu machen hatte. Damit war man bald fertig: denn sie faßte erstaunlich leicht und brachte Zeugnisse, wie sie im Hause Mayer noch nicht ersehen worden waren. Er begann mit ihr Stenographie zu treiben, und sie freute sich sehr damit. Das erinnerte sie der Geheimschriften, wie sie Schulmädchen auszuhecken lieben. Da konnte man sich Brieferl ins Haus kommen lassen, ganz offen, und niemand ahnte ihren Inhalt. Mit der Rosi war nichts mehr aufzustecken. Die hatte den ohnedies nicht sehr hellen Kopf schon mit Sorgen und Geschäften überfüllt und konnte nicht aufpassen. Aber die Linnerl! Es war, nicht nur die Mutter fand das, eigentlich jammerschade, daß nicht sie der Junge und Adam das Mädel geworden war. Denn in ihr lebte ein starker Verstand und eine große Begierde nach Wissen. Ordentlich ausgehungert erschien sie ihm, dankbar für jeden Fingerzeig und ihn in ihrer stillen und schweigsamen Art in sich verarbeitend. Nichts ging in ihr verloren. Das war wie mit gewissen Wassern. Sie versinken, verschwinden spurlos unter der Erde. An ganz anderen Orten aber treten sie zutage – geschwellt, gewaltsam, ja unwiderstehlich. So nahe der Reife, war sie noch ganz ohne Gefallsucht. Das mochte sein, weil sie zu klug war, als daß sie gehofft hätte, neben der königlichen Schönheit ihrer älteren Schwestern bestehen zu können. Auch war sie noch sehr Kind, ganz dem Augenblick hingegeben und bei aller Ernsthaftigkeit sehr verspielt. Auf der Gasse benahm sie sich wie ein echtes Bubenmädel, und ihre beste Schönheit, ihr reiches Haar, ärgerte sie manchmal wirklich. Es war ein kräftiges Leben in ihr, das nur noch nicht wußte, wohin mit sich. Es kamen Worte, so voll verständiger Einsicht in jedes Verhältnis und voll einer unendlichen ahnenden Klugheit, daß es war, als wölbe sich ein eigener höherer Himmel über diesem Kinde, daß Gröger ordentlich über solche Einfälle erschrak, sie bei sich behielt, darüber nachdachte. Oftmals erschien er sich als der Lernende. Es schien ihm unmöglich, daß sie klar wußte, was sie ausspreche, so sehr ihr Aug' in hellem und eigenem Licht dabei aufleuchtete. Dennoch lagen das Rosenlicht und der Flaum der ersten Jugend über ihren Wangen, die er gern gestreichelt hätte, weil sie so sehr weich sein mußten. Dafür aber war sie ihm nicht mehr klein genug, und es lag eine gewisse Scheu vor ihr in seinem Herzen. Sie fand für ihre tieferen Bedürfnisse keinerlei Anregung zu Hause. Wohin mußte das mit der Zeit nun führen? Die Mutter war rastlos in der Wirtschaft, damit nur ja nichts vertan würde, und in ihrem Geschäfte. Sie betrieb nämlich eine kleine Wäschehandlung, mit der sie notdürftig genug etwas verdiente. So war ihr vielleicht nicht einmal recht, daß ihre Jüngste so sehr auf die Bildung versessen war, statt aufs Praktische, aber sie ließ sie gewähren, denn das Mädel hätte doch auch auf Dümmeres verfallen können. Zur Zeit genügte ihr die Hilfe der Rosi noch beim Verkauf und an der Nähmaschine, nachdem die eigenen Beine nicht mehr so recht standhielten. War die erst einmal aus dem Hause, verheiratet oder sonstwie, dann würde man der Linnerl schon den Standpunkt klarmachen, daß der Mensch nicht allein für »die Romanen« auf der Welt sei. Für den Adam war die Schwester einfach die »narrische Gredl«. Und überdies mißbilligte er ihr Tun durchaus. Nicht etwa, weil er den Vorwurf empfand, der in ihrem Wesen gegen seine Arten und Unarten lag. Dazu war er viel zu eitel und vergeckt und zu selbstzufrieden. Aber die Mutter war mit dem Geld so schrecklich zäh. Das Ladel war, freilich erst nach allerhand Erfahrungen, immer verschlossen, und ihr einen Gulden entlocken eine gräßliche Arbeit, die mit dem Spaß kaum im Verhältnis stand, den man hernach hatte. Der Vater verschwor sich immer hoch und teuer, er habe selbst nichts Übriges; höchstens, daß er zu seiner Rechnung auch für den Stammhalter aufschreiben ließ. Der Rosi, die ihren Lohn von der Mutter bekam, konnte man wohl manchmal mit tausend Listen und Drohungen etwas abbetteln, der Kathi was abschmeicheln, obzwar er sich daraufhin hätte hängen lassen, daß gerade sie Geld, mehr Geld habe, als sie sich herzuzeigen traute, oder als sie von der Patin bekam, die ihr ja gewiß manchmal etwas zusteckte. Er hatte seine Augen im Kopf, wußte sie zu gebrauchen, und den Adam betrog man nicht. Wenn er nicht redete, so war das nur, weil man ohnedies immer Verdruß genug hatte. Wozu aber hatte man Schwestern, wenn man von ihnen oder als junger Mensch von seinem Leben so gar nichts haben sollte? Bei der Linnerl aber war gar nie was zu holen. Jedes Zehnerl, das sie bekam, vernaschte sie augenblicklich oder kaufte sich so ein rotes Büchel, das sie gar noch binden ließ! Auch so eine nichtsnutzige Näscherei ... Es war ein eigentümliches Leben im Hause Franz Mayer. Völlig abweichend von dem, was Peter Gröger bei sich daheim gewohnt gewesen, und also zu Vergleichen reizend, ja zwingend. Der Herr war sehr wenig daheim. Eigentlich nur bei den Mahlzeiten. Unmittelbar darauf verschwand er. Er hatte es immer sehr eilig, ohne daß eine Seele so genau gewußt hätte, warum oder was er eigentlich trieb. Er machte den Eindruck eines sehr beschäftigten, selbst abgehetzten Menschen. Erkundigte er sich einmal bei Gröger nach dem Erfolg seines Unterrichtes, so geschah dieses höchst liebenswürdig, aber in der Art eines, der sich wirklich zwingen muß, solcher höchst nebensächlichen Dinge zu gedenken. Er war immer zerstreut, immer unruhig und abwesend, wenn er sich bei den Seinigen verweilte. Ordentlich peinlich war es, wollte man ihn bei einem Gegenstande festhalten. Er quälte sich so sichtlich dabei. Und seine Antworten kamen mühsam, und ein beständiges Bestreben war in ihnen, abzubiegen oder zu irgendeinem Ende zu gelangen. In seine Augen kam dann etwas Verwundertes, ja Entsetztes, wie man denn gerade ihm zumuten wolle, bei der Stange zu bleiben. Ansonsten herrschte eine große und allgemeine Duldsamkeit in der Familie. Keiner fragte viel dem nach, was der andere treibe. Die Töchter hingen offenbar mehr dem meist gutgelaunten und oftmals ganz spiellustigen Vater an als der greinenden und immer gereizten und dadurch launischen Mutter. Kathi war viel außer Hause, bei Freundinnen, durchaus in reichen Häusern, oder sie stand sehr gern lang und begehrlich vor Auslagen, und Adam machte eigentlich überhaupt nur, was er wollte. Es war aber nicht jene Unbekümmertheit, die aus gut gegründetem Vertrauen eines in die Absichten des anderen entspringt. Man verschloß einfach die Augen voreinander. Man hatte einfach seine Enttäuschungen erlebt, jedes an jedem, und zwar immer wieder, und nun erhielt man einen künstlichen Frieden, indem man jeglichen gehen ließ, wohin es ihn gelüstete. Das kostete, zumal der Frau, eine sichtliche und beständige Überwindung. Und so war denn eine ewige gewitternde Luft über ihnen. Ein Groll schwellte in der Brust der Frau, der sich oft und vernehmlich genug entladen hatte, sich nun nicht mehr loszubrechen traute, ohne darum minder zu werden, der eine ganze Seele in Bann schlug, verstörte, zerfraß. In jedem Worte lag ein Stachel und eine Gehässigkeit; nichts klang mehr gleichgültig oder unbedeutend. Und etwas Jammerndes, eine unablässige, ungetröstete, fruchtlose Klage schwang mißtönig mit. So sehr sich's Peter Gröger aus Überlegung und aus Bedürfnis seiner Natur zum Grundsatze gemacht hatte, nicht zu blasen, was ihm nicht selber auf die Nägel brenne, so verstand er es dennoch wohl, daß es einem lebfrischen Menschen wie Franz Mayer bei sich neben diesem verhärmten und duldenden Weib nicht wohlwerden konnte. Die vielen Kinder, die sie geboren, hatten sie vor der Zeit altern lassen. Ihrer sechs schliefen den ewigen Schlaf. Um jedes davon trauerte sie in immer gleichem, ungemäßigtem Leid, als hätte sie mit ihm vielleicht die Erfüllung aller jener Hoffnungen bestattet, die eine Mutter an das hängt, was ihr Schoß nun einmal getragen, denen sie nicht entsagt, ehe das Leben oder der Tod nicht unwiederbringlich ein Ende damit gemacht haben. Die Zornigkeit der Erschöpften, der vom Leben Ausgesogenen, denen es nichts von dem gehalten hat, was man zu Recht und mit gegründetem Anspruch fordern durfte, war in ihr. Sie hatten offenbar einmal über ansehnliche Mittel verfügt – man gewahrte noch Trümmer davon. Sie waren zerronnen. Ihre Schönheit mußte groß gewesen sein. Noch hing ein gutes Bild aus ihrer Brautzeit im Speisezimmer. Man mußte einem aber sagen, wen es darstellte, ehe man's erkannte oder auch nur eine Ähnlichkeit herausfand. Danach glich ihr die Kathi völlig. Nur etwas Strahlendes, Sicheres, Siegreiches war an der Mutter, das der müderen Schönheit der Tochter gebrach. All dieser Reiz war bis auf die letzte Spur verflogen. Und dabei war die Frau noch jung – sie stand erst zu Beginn der Vierzigerjahre, und vor ihr lag noch ein weiter Weg, vor dem sie vielleicht nur darum nicht erschrak, weil sie vor steten Sorgen und Enttäuschungen viel zu müd war, um der Zukunft überhaupt noch zu gedenken. Die mochte kommen, wie es wolle: besser, als es gewesen, würde es doch bestimmt nicht. Peter Gröger hatte Gelegenheit, sie zu studieren. Denn sie huschte manchmal, in immer gleicher Eilfertigkeit, als jagte sie wer oder etwas, während er unterrichtete, durch das Zimmer. Oder sie setzte sich ein Weilchen, weil sie gar so müde war, und ihre Augen gingen rastlos, als müßten sie alles mustern, ob auch gar nichts versäumt oder vergessen sei, ehe sie sich seufzend erhob und weiter sputete. Oder man lud ihn einen Sonntag zu Tisch, zu einem Mahl, das unerquicklich genug war, weil eigentlich keiner ein Wort sprach, eben jeder nur seinen Bissen hinunterwürgte, bei dem sich niemand wohlfühlte, nur Herr Mayer, vielleicht aus dem Pflichtgefühl des Gastgebers, vielleicht auch nur, weil er in seinem fröhlichen Egoismus, in seiner gesunden Gedankenlosigkeit nicht ahnte, einem anderen könne auffallen oder die Laune verderben, was die seine durchaus nicht mehr trübte und woran er schon glücklich gewöhnt war. Dennoch kam Peter Gröger immer wieder. Es ging ihm nicht gut genug, daß es ihn, so sparsam er war, nicht reizen konnte, da wohlfeil zu zehren. Er hatte seine Stunden, die ihm recht leidlich bezahlt wurden, verdiente reichlich, was er bei seiner Bedürfnislosigkeit brauchte, erübrigte schon für Taxen, freute sich des Gedankens, um wieviel bequemer es sein jüngerer Bruder haben werde, wenn den seine Studien endlich nach Wien führen würden, hielt sich als ein gesitteter Junge von liederlicher Gesellschaft fern und ging überhaupt seinen stillen und unverrückten Weg. Dies Haus aber lockte ihn mit geheimer Anziehung. Die Hoffnung, den Adam durchs Examen zu bringen, hatte er längst aufgegeben, denn dazu hätte der doch selber etwas tun müssen. So trieb er mit dem Jungen allerhand, das ihm sonst nützen konnte, und wendete desto mehr Zeit an die Linnerl. Er bekannte Herrn Mayer offen, wie schlimm es mit den Aussichten seines Sohnes auf das Einjährigenrecht stünde. Er brauste auf, jammerte über das viele herausgeworfene Geld, schwur, den nichtsnutzigen Buben, der ihm noch keine gute Stunde gemacht, endgültig zu erschlagen, und ließ es bei einigen heftigen, trotzig genug angehörten Worten bewenden, als ihm der frech entgegentrat. Es war beinahe, als hege der Vater eine gewisse Furcht vor dem jähzornigen Burschen. Was aber den Studenten immer wieder in die Adam-Mayer-Gasse zog, das war die Kathi. Es war wie ein süßes Geheimnis über dem Mädchen und allem, was sie anging. Immer war sie müßig. Er sah niemals ein Buch oder eine Zeitung in ihren Händen. Höchstens stichelte sie lässig an einer Handarbeit, die nicht rücken wollte. Und dennoch erschien sie niemals gelangweilt. Wie in sonderbaren und fremden Gedanken ging sie durch die Welt. Er wußte, daß man sie hatte das Konservatorium besuchen lassen. Das war wohl in jenen besseren Jahren geschehen, von denen die Frau manchmal mit einer merkwürdigen Weichheit, die gerade bei ihr eigen berührte, zu sprechen begann. Welchem Beruf, welcher Ausbildung sie bestimmt gewesen? Dies blieb dunkel. Wahrscheinlich sollte sie Schauspielerin werden. Dafür vermeint jede Wienerin Anlagen in sich. Dem aber widersprach es nach Peter Grögers Begriffen, daß sie so gar kein Bildungsbedürfnis zeigte. Aus welchen Gründen sie zu keinem Abschluß oder zu keiner Verwertung des Gelernten gekommen war? Dessen geschah niemals Erwähnung. Ein Übereinkommen aber bestand unausgesprochen, nachdem sie von allen häuslichen Verpflichtungen befreit blieb. Sie war denn doch auf dem Wege zu Höherem gewesen. Allerdings trugen sich die Mädchen schwesterlich gleich, aber irgendein kostbarer Aufputz war immer an der Kathi Kleidern, oder mit einem ihr eigenen Geschmack brachte sie irgendeine Verzierung an, die allem ein eigenes Gesicht lieh. Einträchtig waren die beiden anderen, ihrer Anmut zu dienen und sie zu hegen, dieser kostbaren Schönheit, die Gröger niemals ohne eine starke Bewegung und ohne das. Gefühl sehen konnte, sie sei ein Gnadengeschenk des Himmels, das einmal reichen Segen bringen müsse. Sie ließ sich dieses gefallen. Ohne Hochmut, selbst ohne eigentliche Eitelkeit, mit einer immer gleichen, unbeweglichen, lässigen Müdigkeit. Das war einmal für sie in der Welt so bequem eingerichtet, und sie hatte keinen Grund, sich's anders zu wünschen – bis, nun denn, bis ihre Träume erfüllt sein würden. Und dieses war an ihr eigen: sie wurde niemals rot, und es wäre genug Gelegenheit gewesen, denn der Adam stichelte oftmals, unbeirrt durch die Gegenwart anderer und in der hämischsten Weise an ihr herum. Dann konnte Gröger ganz rechtschaffen über den unverschämten Lümmel in Wut geraten. Und dennoch wünschte er sehr, sie erregt oder die Wangen vom Blut gefärbt zu sehen, das sich unfreiwillig erhob. Vielleicht riß dann der Schleier, der ihrer Augen Leuchten immer dämpfte, und sie wäre dann schöner gewesen denn je. Das geschah nicht. Sie erwiderte niemals. Nur in ihren Blicken war eine starke Verachtung. Endlich schien es ihm, als werde der Adam gerade in seiner Gegenwart mit Vorliebe ausfällig. Dennoch bezähmte er sich männlich. Er verhielt sich nach Kräften mit ihm, schlug einen kameradschaftlichen Ton an und ging einmal sogar mit ihm zum Greißler. Es war wieder in der Küche. Adam und die Marie saßen sehr vertraulich auf der Kohlenkiste, und der Adam begann: »Hast d' ein Geld, Marie?« Sie machte ein verdrießliches Gesicht: »Es kummt immer auf das h'raus mit Ihnen, Herr Adam, 's is eh schon gar viel.« Er legte seinen Arm um sie: »Wirst's schon wiederkriegen. Und mit guten Zinsen. Was möchtest denn eigentlich zu schenken kriegen, Schatzerl?« Sie bekam begehrliche Augen: »Ein goldenes Bracelet hätt' ich so viel gern.« »Kriegst es, Mizzerl. Wie ich einrück'.« »Aber ich hab' nur noch zwa Gulden von mein' ganzen Lohn. Alles hab' ich Ihnen gegeben. Und a paar Schucherln tät' ich so brauchen, wo ich tanzen gehn möcht'.« »Kriegst eh net um die zwa Gulden. Gib sie lieber mir.« »Da hab'n S' es.« »Und wissen S', den Herrn Gröger werd' ich mir behalten.« »Na also. Er is ganz ein netter Mensch.« »Meinetwegen is er's. Aber er gibt mir eine Ruh' mit dem Lernen. Am End' nimmt sich mein Alter hernach einen anderen und der fangt mir wieder an und will mich sekkieren. Dem hab' ich's schon abgewöhnt.« »Er is halt ein kluger und ein sehr gesetzter Herr!« »Der? Ein mordionischer Esel is er.« »Ich bitt' Ihnen! Ja – wieso denn?« »In die Kathi is er verliebt ...« »Wirklich?« »Wenn ich dir's sag'! Da hab' ich schon meinen Merks dafür. Über beide Ohren, so lang als sie sein, verliebt. Die Kathi und ein Student!« Er stieß sie an. Sie kicherte herzhaft. Und er pfiff schrill und kräftig, und die beiden lachten hernach sehr herzlich über Peter Gröger und seine unglaubliche Dummheit ... Fünftes Kapitel Die Ahnfrau Es gehörte übrigens noch jemand zur Familie Mayer. Gesprochen wurde häufig genug von Franz Mayers Großmutter. Verkehr bestand keiner zwischen ihr und ihren nächsten Angehörigen, obwohl man im selben Hause lebte. Im dritten Stock des weitläufigen Gebäudes hatte sie ihre Wohnung. Keines der Urenkelkinder hatte sie jemals betreten. Aber man erzählte sich Wunder, wie hübsch und anheimelnd, wie peinlich sauber und wie mit den gediegensten Sachen bestellt alles bei ihr sei. Manchmal sah man sie selber. Und man konnte sich wirklich kein säuberlicher Weiblein erdenken. Immer ging sie ganz in Grau. Und die Haare, so uralt sie war, schimmerten noch durchaus nicht ganz weiß. Sie hielt sich immer noch stramm, wenn sie über den Hof ihrer Stiege zu ging, nur das Treppenklimmen machte ihr doch schon Beschwerden, und so hielt sie sich am liebsten inner ihrer vier Wände. Etwas Unnahbares und Selbstgerechtes war allerdings auch an ihr. Sie fühlte sich als Patrizierin und verkehrte nur mit Frauen aus ihrer Schichte, die noch irgendwie mit ihren eigenen jungen Tagen zusammenhingen. Neuer Umgang, neue Bekanntschaften wurden mit einer großen Entschiedenheit abgelehnt. Verließ das Kind einer Freundin das mütterliche Haus, so betrat Eva Mayer ihr Heim sicherlich nicht. Bei sich zu Hause empfing sie, ja hielt Hof. Ihre Zeit lag hinter ihr. Davon, was nachher heraufgekommen war, wollte sie nichts wissen. Das mißbilligte sie durchaus. Da steckte nichts dahinter, nur Schwindel und Betrug. Windeier legte man mit großem Gegacker und tat, als bebrüte man sie eifrig. Kam man vor ihr darauf, dann hatte sie eine höchst eigentümliche Bewegung der Rechten an sich: mit einem Handrücken strich sie dabei über ihr Kleid, nicht anders, als wenn man etwas sehr Ekelndes abstreift. Sie brauchte sich's nicht nahekommen zu lassen. Denn ihr Seliger hatte vorgesorgt. Was ihr zukam, das war ganz bestimmt vinkuliert und so auf dem Hause festgelegt, daß es ihr unter gar keiner Bedingung genommen oder auch nur verkürzt werden konnte. Einmal des Jahres, in der Pfingstwoche, hielt ein Fiaker vor dem Hause. Dann erschien sie in allem ihrem Glanze. Eine Gestalt aus der Vergangenheit. Im Damastkleid oder im grauen Atlas, der wohl noch auf einem der Stühle des alten Adam Mayer gewebt sein konnte, so starr und rauschend und feierlich war er; auf dem sehr kleinen Kopfe eine Art Haube. Dann tat sie ihren Schmuck an, funkelnd genug in seiner altmodischen Fassung. Dann galt es nämlich, sich zeigen. Sie lehnte es niemals ab, aus religiösem Gefühl und aus der Verpflichtung der angesehenen Frau vom Grund, die Stelle einer Firmpatin bei jedem zu übernehmen, der sie mit eigenem Anspruch darum bat. Die Erinnerung daran und an ihre Firmlinge bildete ihre Annalen. Dann stierten die Urenkelkinder ihr insgeheim und vornehmlich die Kathi mit einem eigenen Leuchten in den Augen nach, bis der Wagen um die Ecke bog und das flinke Trappeln der Pferde auf dem harten Pflaster verklirrte. Was so ein Tag nur an Geld fraß! Und das kam wildfremden Leuten zugute und wurde vertan und verjuxt! Und hernach gab's immer noch in der ganzen Gasse ein Gerede, wie reich die Urgroßmutter das Patenkind beschenkt hätte und wie nobel sie es dabei habe hergehen lassen! Und was die alte Frau nur an sich trug und auf sich wenden konnte! Ganz besonders die Kathi wußte das auf den Heller zu schätzen, und von ihr lernten's die anderen. Sie aber – du lieber Gott, wenn die Marie ihren Ausgang hatte und sie legte sich ordentlich an, dann sah sie mindestens so fein aus wie die Herrschaftstöchter. Natürlich – die Handschuhe durfte sie nicht ausziehen; sonst merkte man doch augenblicklich, daß sie ein ganz ein ordinärer Trampel war. Und tat sie gar erst den Mund auf – uijeh! Überdies waren die Mädchen nun schon in jenen Jahren, da man nachdenkt, Vergleiche zieht und der ursprünglichste aller Triebe der menschlichen und insbesondere der weiblichen Natur erwacht: der Neid. Es ist sehr leicht, ein Kind glücklich zu erhalten. So leicht, daß der ein Verbrechen an aller Menschheit begeht, der es unterläßt. Da genügt etwas Liebe und Sonne; es reicht, wenn man es nur an seinen ursprünglichsten Neigungen und Freuden nicht zu sehr beknappt. So ungestüm regt sich in ihm die Freudigkeit des Lebens, daß alle Not und kein Drangsal darüber etwas vermag. Kaum die Wolke vorüber ist, taucht es sein Herzchen in den ersten freudigen Strahl, der durchbricht. Diese aber waren schon in den Jahren, da sich bestimmte Bedürfnisse melden; da nach den Schnurrpfeifereien und den Kostbarkeiten des Lebens das Begehren zu rufen beginnt; und waren ohne jede Aussicht, jemals daran einen genügenden Anteil zu gewinnen. Denn sie wußten wohl: es stand mit den Vermögensverhältnissen bei ihnen im Hause schlecht und wurde mit jedem Jahre schlimmer. Daß die Mutter nicht mehr so recht mitkonnte, sahen sie selber, den Vater hörten sie lamentieren, er könne nicht mehr so arbeiten wie vordem. Da war die Kathi. Bei der hatte man doch etwas versucht, wenn es gleich zu keinem Ergebnis geführt. Bei der Rosi und gar bei der Linnerl, die wohl wußte, sie könne etwas durchsetzen, wenn es sie nur freue und man biete ihr Gelegenheit dazu, ließ man schon alles gehen, wie es mochte. Aber dies schien ihnen nachgerade bezeichnend für alles, das bei ihnen unternommen ward: ewige Anläufe, ohne daß es jemals zum Sprunge kam. Mit dem Adam war doch auch mancherlei probiert worden. Der hatte halt nie und nirgends gut getan. Erst in der Realschule – was war das für ein Kreuz und bei jedem Semester für ein Spektakel gewesen! Froh waren sie sämtlich, als es damit sein Bewenden hatte. Und in der Handelsschule warf man ihn hinaus, und in keiner Lehre konnte man mit ihm bestehen, der nicht einmal vor den übelsten Streichen zurückschreckte, wenn er loskommen wollte. Er aber durfte tun und treiben, was er mochte. Nach einigem Lärm und etlichen Drohungen wurde ihm alles verziehen. Ja – warum denn nur? So fühlten sich die beiden jüngeren unablässig zurückgesetzt und wie Stiefkinder. Jener Tag der Firmwoche, an dem sich die Urahne im vollen Staat zu ihrer Fahrt nach St.+Stephan rüstete, zeigte ihnen den ganzen Glanz des Hauses, dem sie entsprossen waren und daran ihnen nimmer ein Anteil gegönnt sein sollte. Denn sie wußten weiterhin: der Vater und die alte Frau standen so schlecht, daß keine Aussöhnung mehr denkbar war. Und diese Feindseligkeiten hatten sonderbar genug begonnen. Erst hatte es Franz Mayer versucht, die Großmutter für seine Geschäfte zu gewinnen. Sie hörte ihn und seine erstaunenden Berechnungen des sichersten Nutzens, der ihr erwachsen müsse, mit einer löblichen Gelassenheit und sehr beifälligem Kopfnicken an. Alsdann: ja, das sei ganz schön – für Junge. Sie sei eine alte Frau und habe keinen Anlaß, sich in Spekulationen einzulassen. Sie habe ihr Sicheres, das ihr genüge. Später einmal, das einzige Mal in ihrem langen Leben, war sie schwer erkrankt. Und hernach, da sie in der Genesung war, da redete ihr der Vater nach Kräften zu, sie möchte doch herunter, in seine Familie ziehen. Sie mochte nicht. Sie fühlte sich da heroben ganz wohl. Sie wohne hoch? Das sei sie nun einmal gewohnt und da überlege sich mancher den Weg zu ihr herauf. Die Kinder seien ihr noch zu klein und sie vertrüge in ihren Jahren keinen Lärm mehr. Umsonst wurde beteuert, man werde sie auf Händen tragen. Sie sei kein Wickelkind und dafür wohl schon zu gewichtig. Man werde sie aufs beste hegen und jedem ihrer Wünsche willfahren. Sie sei noch rüstig genug, um keiner Pflege zu bedürfen. Immer wieder und mit einer Zähigkeit, die sonst gar nicht in seinem Wesen lag, war Franz Mayer auf die Sache zurückgekommen. Immer schroffer, je mehr die Großmutter die letzten Gründe seines Andringens zu erkennen glaubte, wurde ihre Ablehnung. Erst hieß es, sie sei ihre eigene Wirtschaft zu sehr gewöhnt, als daß sie sich noch in eine fremde finden könne. Man werde sich durchaus ihren Wünschen gemäß einrichten. Ja – das passe ihr nicht. Sie sei nicht gelaunt, jemandem Ungelegenheiten zu machen. Er stand noch immer nicht ab, und da fuhr sie heraus: sie lasse sich nicht als Melkkuh in seinen Stall führen, wenn er es durchaus wissen wolle. Das habe sie doch nicht nötig. Er sah sich durchschaut, und das fraß nachhaltig an ihm. Und dennoch war sein Gedanke so sehr vernünftig gewesen. Denn wozu brauchte die einschichtige Person die große Wohnung, die man so schön vermieten konnte, wo doch jeder froh war, wenn er sie zu dem billigen Zins bekam, zu dem sie im Steuerbogen angegeben war? Warum hauste sie unter kostbarem Mobiliar – denken S' Ihnen, ein Tischerl ist da, ganz von Ebenholz mit Gold und Perlmutter! –, wenn ihr eigen Geblüt sich mit so Geraffelwerk behelfen mußte? Man hätte sich so schön aufhelfen können. Das wär' doch wie der Haupttreffer gewesen, auf den der Wiener so gern seine Hoffnung setzt. »Halt nur, daß alte Leut' so viel starrkopfert sein und niemals kein Einsegen haben.« Jedes Jahr, das sie seither noch verbrachte, galt ihm als Unrecht, ja als eine direkte, an ihm verbrochene Boshaftigkeit. Und es wurde bei ihm ein unverbrüchlicher Lehrsatz: ihnen konnte es sämtlich nicht besser gehen, solange das Weib dort oben herumwirtschaftete. Man ging doch zugrunde an den Leistungen, die man ihr darbringen mußte. Eigentlich hatte der Großvater die Seinigen alle bis ins letzte Glied enterbt, um dieser einen Person willen, die dem bejahrten Witwer in die Augen gestochen, die nichts gehabt oder in die Ehe mitgebracht, aber schon gar nichts als ihre Schönheit und Scheinheiligkeit, die sich nun dafür benahm, als sei sie mindestens eine geborene Fürstin, die gar keinen Verstand hatte, wie schlecht und wie schwer die Zeiten für einen bedrängten Familienvater sich anließen, und die so zäh und so eigensinnig sei, daß man sie wohl einmal »mit dem Hackel wird derschlagen müssen«. Schaden sei um sie nicht; gewiß kein Schaden; und anders loszukriegen wäre sie schon gar nicht. Was für Summen die nur verschlungen hatte in ihrem unnützen Leben! Denn sie hatte kein Kind gehabt und nur, weil sie sich davor fürchtete, nicht augenblicklich, kaum, daß sie den Alten unter die Erde gebracht, sich einen Jungen, Feschen wieder genommen. Die mußte man nur kennen! Ins Ungeheuerliche, mit Zins zu Zins, schwollen diese Beträge, wenn Herr Franz Mayer von ihnen redete. Er berauschte sich an ihnen, und man begriff, wohin das Gesamtvermögen der Familie geraten sein sollte. Überhaupt machte der Mann niemals einen so phantastischen Eindruck, als wenn er real bleiben und mit Ziffern beweisen wollte. Das kam dann nicht anders heraus, als sei alles Unheil, das über sein Geschlecht hereingebrochen war, ihr Werk. Ein böser Dämon, ein Moloch, der beispiellose Opfer forderte und gelassen zusah, wie alles um ihn sich an ihnen verblutete, saß oben im Hause. Sie mußte Geld haben, die Alte. Viel Geld. Es war unmöglich, daß sie aufbrauchte, was alles ihr der Großvater in seiner wahnwitzigen Verblendung zugeschrieben hatte. Denn sie lebte im Grunde sehr bescheiden. Niemals ging sie aufs Land, und gegeben, wenn sie nicht »ihre Pflänze riß,« hatte sie doch noch keiner schreienden Katz' etwas. Was würde einmal damit? Ihnen sollte doch, sie hatte es eidlich erklärt, kein Kreuzer zufallen. Eher möcht' sie's doch verbrennen oder ins Bürgerspital stiften. Sprach er so, schwelgend und sich ersättigend an seinem Haß, dann kam in die Augen des Adam ein rötliches Licht, und sie unterliefen blutig. Frau Kathi Mayer horchte eine Weile achtlos und verdrossen, wie man eine leidige, oft vernommene zweck- und sinnlose Litanei anhört, schupfte alles mit einem entschiedenen Ruck von ihren Achseln, und nur wenn ihr der Nachweis, Eva Mayer allein habe jegliches verschuldet, gar zu albern wurde, so warf sie ein kurzes spitzes Wort dazwischen: »Dös stimmt net ganz«, oder: »Da wird sich noch wer bei der Nasen fassen dürfen.« Die Kathi aber saß in ihren Gedanken da, die stets woanders, ganz woanders waren ... Ihr glitt's ab ... Die beiden Jüngeren aber lauschten mit eigenen Gefühlen. Denn eigentlich fühlten sie sich zur Urahne mächtig hingezogen. Etwas Adliges war an ihr und ihrer so streng geschlossenen Existenz, in der eigentlich niemand mehr Raum hatte. Sie ahnten das wohl, ohne sich Rechenschaft davon geben zu können. Alles an ihr, selbst ihre unverwüstliche Lebenskraft, selbst die Art, wie sie in ihrer völligen Vereinsamung lebte, flößte ihnen eine dunkle, doch mächtige Bewunderung ein. Einmal wurde das bei der Linnerl so stark, daß sie bei einer zufälligen Begegnung nach der Schule nicht anders konnte. Sie bückte sich und küßte die Hand der Greisin recht heiß und ehrfürchtig. Sie wußte wohl, daß sie Gefahr einer harten Strafe dabei lief. Denn der Adam, der ja so nichts zu tun hatte, dessen Augen waren natürlich überall, wo man sie nicht wünschte. Und es machte ihm tausend Spaß, anzuzeigen und so das Gewitter, das immer und mit allem Fug über seinem dicken Kopf schwebte, auf die anderen abzulenken. Nur die Kathi verzündelte er nie, sooft er sich mit ihr häkelte. Man wußte nicht: hatte er sie gern oder fürchtete er sich vielleicht gar vor ihr. Die alte Frau blieb stehen. Und die Linnerl fühlte, wie zwei harte Augen auf ihr ruhten und wäre am liebsten in den Erdboden versunken, und ihr Herzchen klopfte mächtig, und sie schämte sich so sehr. Eine alte, welke Hand griff ihr unters Kinn und hob ihr das errötende, gutmütige Gesichtchen; ein prüfender Blick, der langsam milder wurde, tauchte ihr in die sanften, braunen Augen, die sich jählings zu füllen begannen, und eine sonderbar tiefe Stimme sprach: »Bist ein braves Mäderl. Weißt, was sich gehört.« Die Kleine stammelte etwas. »Lernst d' auch brav in der Schule?« Die Linnerl nickte eifrig und öffnete ihren Katechismus, der ganz voll bunter Heiligenbildchen war. »Vom Herrn Katecheten«, hauchte sie, »weil ich die Bravste bin in der Religion in meiner Klasse ...« »Därfst di net vor mir fürchten. Ich tu keinem nix. Darfst amal zu mir kommen.« »Ich möcht's so viel gern. Aber ich därf net. Sie erlauben mir's net, und allan trau' ich mich net. Der Adam ...«, stotterte sie. »Der gehört am Galing«, entschied sie hart ... »Aber kumm' nur einmal.« »Därf die Rosi a?« »Wenn sie so is wie du, därf sie a.« »Oh, sie is viel braver wie ich«, beteuerte die Linnerl. »So viel fleißig! Und hübscher is sie. Freilich – die Hübscheste is die Kathi« – sie wurde ganz eifrig. »Das is sie schon. Aber zu mir kommen muß sie net. Behüt' di Gott, Linnerl!« Und aufrecht stieg sie die vielen Stufen zu ihrer Wohnung empor, und die Linnerl, ein stolzes Geheimnis im kleinen Herzen, sah ihr sehnsüchtig nach. Ja – das war was anderes, was Nobleres! Da ruhte alles in sich und war verankert. Bei ihnen aber – oh, sie war klug genug, und sie merkte alles. Da war eine beständige Zersetzung, ein ewiger Fluß zu schlimmen und unerfreulichen Dingen, ein rastloser Übergang. In ihrem Zimmer aber ruhte sich indessen Frau Eva Mayer. Sie kannte die Gefühle sehr genau, mit denen man da unten ihrer gedachte. Denn so oft sie sich's verbeten hatte, man trug ihr dennoch zu, was über sie geäußert ward, jeden Tratsch, jedes Wort eines unbedachten Grolles, das Franz Mayer auf der Kneipe oder im Café gegen sie ausstieß. »Ein dummer Hund ist er«, dachte sie bei sich. »Ins Kriminal könnt' ich ihn bringen, wenn's mir passet. Aber ich fürcht' mich net vor ihm. Ich net. Und ich stirb net. Just net!« Und sie trat ans Fenster und warf einen Blick in den Hof. Dort stand immer noch die Linnerl und blickte ganz verlangend, wie verzaubert, empor. Und sie dachte ihrer Urenkelkinder und ihres wahrscheinlichen Schicksals, mit dem sie nun durchaus nichts zu tun haben wollte. Und dennoch bewegte es sie, und sie sah gar nicht so stramm und hart aus, wie sie sich sonst gehabte. »Was sich der liebe Gott nur denkt«, flüsterte sie, »wenn er solche Leut' Kinder gibt. Dös sollt' net sein därfen – ewig net. Is schad um die zwa Maderln – ewig schad'«, und ihre Lippen bewegten sich in der naschenden Bewegung des hohen Greisenalters, und ihr Kopf schwang unablässig sinnend. »Wenn man da was tun könnt', ohne daß man sich alle auf'n Hals zügelt? Die übrigen aber – Bande und Bagage!« Sie strich sich mit einem noch heftigeren Ruck als sonst von ihrem Kleide und schellte mit einer sehr entschiedenen Bewegung der uralten Magd, die sie bei sich hatte: »Wo bleibt mein Mittagmahl? Essen möcht' i. – Sö sein's net wert ...« Was sie nicht wert seien oder wen sie meine, behielt sie aber bei sich. Sechstes Kapitel Erziehungsmaximen und sonst Näheres von Franz Mayer Bevor Frau Kathi Mayer stumpf geworden war, hatte es ganz besonders um zwei Dinge zwischen ihr und ihrem Manne Hader gesetzt: um die Zukunft und um die Erziehung der Kinder. Was die Mädchen anging, so lehnte er von ersten Kindesbeinen an jeden Anteil ab. Die unterstanden überall und immer der Mutter. Er spielte nur mit ihnen und verhätschelte sie, die ihm die bestgeratenen Geschöpfchen von der Welt waren, und er bewunderte sie und jeden ihrer Reize in der Kinder Gegenwart in einer Weise, die der Mutter oftmals die Schamröte ins Gesicht trieb. Sie hatte ja so nichts gelernt. Aber Achtung vor den Eltern war denn doch bei ihr zu Hause gewesen, und sie schien ihr unentbehrlich. Unmittelbar nach einer sehr glücklichen und gedankenlosen Jugend – sie stand in ihrer Erinnerung wie ein beglänzter Sonnentag – hatte sie sich verliebt und geheiratet. Dann waren die Kinder gekommen, so rasch und zahlreich, daß sie eigentlich immer erst im Wochenbett zu einiger Ruhe und Besinnung gelangt war. Und in ihre Schwäche hinein und bald hatte sie fühlen müssen, der Boden unter ihr sei unsicher und sie dürfte sich durchaus nicht auf ihren Mann, nur auf sich und ihre eigenen Beine dürfte sie sich verlassen ... Sie ging's ganz tüchtig an. Und hätte sie an ihm nur einigen Beistand gehabt, sie wären vorwärtsgekommen; denn sie hatte Weltverstand und den Blick fürs Nützliche, und ihr war die Arbeit ein wirkliches Bedürfnis. Sich abäschern, abmüden bis zum Umsinken, das war das richtige für sie und ihresgleichen. Denn hernach konnte man darüber nicht denken, wie es besser hätte sein sollen. Dennoch sah sie klar, wie grundfalsch die Erziehungsmaximen ihres Mannes seien. Das war ein sehr bequemer Fatalismus, im wesentlichen auf einen Satz gebaut, dessen Unrichtigkeit sie doch alle Tage vor Augen hatte, daß eine besondere, gütige Vorsehung allzeit über dem Wiener wache »er geht net unter«. Über den Buben hatte sie rasch jeden Einfluß verloren. Der Vater aber unterstützte ihn offenkundig in jeder Auflehnung gegen ihr Ansehen, selbst wenn sie vor den anderen Kindern geschah. Das sollte ein Mann werden! Den ließ er sich nun einmal nicht verweibern. Es gab bei diesem Sprößling nichts, das Herr Franz Mayer nicht gebilligt oder wofür er aus seinem unerschöpflichen Schatz von Sprüchleinweisheit nicht mindestens eine Entschuldigung vorgelangt hätte. Der Bube war von einem häßlichen Jähzorn. Ja – er ließ sich halt nicht zu nahe kommen, und »jähe Leut' sind gemeinlich gute Leut'«. Er war frech. Er lachte der Mutter ins Gesicht und tyrannisierte im frühen Bewußtsein seiner Herrenwürde die Schwestern, die sich's gefallen ließen. Das war ganz in der Ordnung. »Das Hendel muß ducken – das Hahndel net.« Er war eben keine Lettfeigen. Er verstand zu kommandieren. Das mußte doch ein Mann, der in der Welt einmal was vorstellen sollte. Er wollte in der Schule nichts lernen, stiftete unter seinen Kameraden bösartige Zänkereien. Er verstand es meisterlich, sie untereinander zu verhetzen, und, kam man ihm hinter seine Schliche, so wehrte er sich als ein behender, grimmiger und tückischer Raufer. Ja – über ihm war keiner. Er verstand seinen Vorteil. Und das Lernen war ihm eben zu fad. »Mein Großvater hat zur Not seinen Namen schreiben können und is doch der große Adam Mayer geworden. Was man im Leben braucht, steht net in die dalketen Bücher.« Er log. Ja – mit der Aufrichtigkeit kommt man doch gewiß zu nichts. Und ihm fiel halt allerlei ein, worauf nicht ein jeder kommt. Er aber hatte den rechten Schick und den guten Griff für alles, was ihm unterkam. Er trieb sich frühzeitig und manchmal bis in die späte Nacht mit Älteren auf der Schenke um. Wen ging's was an? Es war doch nur ein Zeichen für seine Reife und Klugheit, daß Erwachsene am Umgang mit ihm Gefallen fanden. Er studierte eben das wirkliche Leben aus. Und wenn er sich dabei manches gestattete, was vielleicht seinen Jahren nicht geziemte – je, bei dem kommt's früher, bei wem anderen später. »Die Hörndeln abstoßen tut er sich halt. Ist noch keiner anders a richtiger Mann worden.« Es waren ihr wiederholt ganz ansehnliche Geldbeträge abhanden gekommen. »Mußt halt besser aufpassen, wo du eh weißt, wie ausg'spitzt der Bub ist.« Und endlich – »er ist halt noch ein Kind«. Dann hatte sie entdeckt, daß er's mit den Dienstboten halte. Am gleichen Tage mußte das Mädchen aus dem Hause, dessen anmaßende Vertraulichkeit ihr früher verdächtig vorgekommen. Und es gab eine böse, die letzte Auseinandersetzung zwischen den Gatten. Je mehr sich aber sein Weib ereiferte, desto gelassener blieb Herr Franz Mayer. Er konnte nun einmal nichts dabei finden. Der Bube kam doch zu seinen Jahren. Da war derlei nur natürlich. Ob er's aber in der Ordnung finde? »In der Ordnung? Es ist halt amal so, wie's ist.« Aber mit ihrem eigenen Dienstmädchen! Wo sollte damit der Respekt vor der Herrschaft bestehen? Ja – das sei nun einmal nicht anders. Danach fragt ein junger hitziger Mensch nicht, in dem alles lebt. Und was denn der Adam dafür könne, daß er den Frauenzimmern in die Augen steche? Und sie fangen meist so an. Es hat's keiner anders getrieben. Außer er lugt. Die hat man halt so – na, halt so bei der Hand. Und wenn sie sonst nur sauber sind! Geistlich sollte der Adam doch nicht werden. Und wenn man's sich recht überlege, so sei das eigentlich noch immer das Vernünftigste. Mit so einer verplempert sich ein Bursch nicht, wie der Adam einer ist, wo man sonst und gar bei einem Unerfahrenen immer fürchten muß, er bleibt beim Honig picken und verdirbt sich seine ganze Zukunft. »Und's Billigste ist's am End' a noch; selbst wann was g'schiecht, ist's immer noch 's Billigste.« Ja – aber unter ihrem Dach! Und das Exempel für die heranwachsenden Mädchen, die so was vor sich haben! Er wurde hämisch. Ja, dann solle sie sich die Madeln halt unter ein Glaskasterl tun und fleißig abstauben! Und sehr gut achtgeben, daß ja keine Fliege dazukommt! Denn sie seien erst recht neugierige Dinger, und man lebe schließlich in keinem Kloster mit lauter andächtigen Schwestern, sondern in der sündhaften Wienerstadt. Dann müßte sie ihnen doch rein die Augen verbinden, wenn sie zu Abend über die Mariahilferstraße gehen, so auch allerhand Frauenzimmer herumspazieren. Und das möchten sich die Mädeln gewiß nicht gefallen lassen. Und, wovon sie meine, daß ihre Lehrmädchen untereinander wispern und ob die Rosi da gar niemals hinhorche? Gewiß reden sie von nichts, als wer ihnen nachgestiegen ist und wie sie ihn haben ablaufen lassen oder wohin sie sich ihn bestellten. Schad't das nix, so schad't ihnen das zu Haus a nix. Und überhaupt – er wolle endlich einmal vor dem Penzen seine Ruh' haben. Wenn er sich über Tags um ein' blutigen Groschen die Füß' in den Leib gelaufen hat, sollte das vielleicht eine Zerstreuung sein, daß sie ihm den einzigen Buben, den er hat und auf den er nun einmal nie nix kommen laßt, verklagt und neuen Verdruß stiftet! »Wie er ist, so wird er halt. Ich möcht' ihm gar net anders. Und der Vater bin ich, und mich geht er an und sonst niemanden!« Und er schlug mit der Faust auf den Tisch. An diesem Tage hatte Frau Kathi Mayer die letzte Überraschung erlebt, die ihr Mann ihr noch bereiten gekonnt. Und dennoch war sie bereits der Meinung gewesen, ihn ganz und durchaus zu kennen. Sie hatten so viel miteinander durchgemacht! Nur nichts von der Art, die Menschen einander nähert und innerlich unlösbar vereinigt. Denn in allem Ungemach, das sie so hartnäckig heimsuchte, und mit immer geschärfterem Auge erkannte sie seine und nur seine Schuld. Was in ihr an Neigung gewesen, das war darüber gestorben. Und nichts war geblieben, nur ein zorniges Mitleiden mit einem nun einmal unverbesserlichen Menschen, dem man seine Streiche nicht einmal so recht nachtragen durfte. Denn er konnte im Grunde nichts für sich. Auch dies Flämmchen erlosch nach der vollen Glut, die keine Warnung Erfahrener zu bändigen stark genug gewesen, von der sie einmal gehofft, sie und die Ihrigen würden sich durch das Leben daran wärmen können, es käme, was da wolle. Sie hatte erst mit staunender Verwunderung, dann mit Empörung, endlich verzagt und trostlos, wie etwas Unbegreifliches, doch Notwendiges mitangesehen, wie alles mißriet, das er unternahm. Geschäfte, die anderen, um nichts Klügeren, denn es fehlte ihm keineswegs am Verstande, guten Nutzen abwarfen, die endigten bei ihnen regelmäßig mit erheblichem Schaden. Warum nur? Ja, ihr Franzi hatte die Zeit nicht, ihnen nachzugehen. Und er vergaß die wichtigste Abrede, wenn seine Billard- oder Kartenpartie gar zu interessant war. Vergaß daran, wie an den Tod, und machte sich hernach die bittersten Vorwürfe, daß er ihr anfangs ordentlich leid tat, und faßte die besten Vorsätze, für die sie bald genug nur eine Antwort hatte: »Nimm dir nix vor, Franzl, – ist eh gescheiter.« So hatte er die guten und lohnenden Vertretungen verloren, die man ihm vordem als Angehörigem einer angesehenen und weitverzweigten Familie und als im Besitz mancher wertvollen Verbindung gern übertragen. Und in der Frau erwachte eine heftige Sehnsucht: eine feste Stellung sollte er annehmen, damit man wisse, was man habe, damit man sich danach einrichten könne. Hatte sie erst diese Decke – das Strecken danach wollte sie schon besorgen. Es mußte nicht einmal gar zu knapp bemessen werden: denn sie verdiente doch auch, und zwar ganz ausgiebig. Nur nicht so schrecklich viel freie Zeit fürs Bummeln und nichtsnutzige Einfälle sollte er haben. Es war geglückt, ihn in einem Kaufhause unterzubringen. Sie atmete auf; denn er war ja noch jung, und mit seiner Gewandtheit mußte er doch vorwärtskommen. Aber die Freude währte nicht lange. Nach wenigen Monaten trat er wieder aus. Die Ärzte hätten ihm die sitzende Lebensweise verboten, wurde erzählt, Frau Kathi Mayer wußte das besser, und eine heimliche Verachtung, ja ein Widerwillen regte sich in ihr, gedachte sie der Opfer, die sie bringen mußte, um mindestens den Namen der Familie rein zu halten. Und warum? Er war wieder nicht schlecht gewesen, nur schlampert und halt gefällig gegen seine Freunde. Der letzte Rest ihres eigenen Vermögens war daraufgegangen. Nach jener Unterredung bezüglich des Adam und der Dienstmädchen machte sie sich zum erstenmal Vorwürfe darüber, daß sie also gehandelt, nicht lieber für sich und die Kinder gerettet, was zu retten war, seinen Pfad nicht von dem ihrigen geschieden und ihn nicht hatte dahin gehen lassen, wohin es ihn so offenbar und so unwiderstehlich zu ziehen schien. Und nun begann dies Leben eines Agenten, das für einen schwachen Menschen das innerlich verderblichste ist. Da muß man in die Wirtshäuser und in die Cafés, um herumzuhören, wo sich irgend etwas begibt und was zu verdienen wäre, um Bekanntschaften und Bruderschaften zu stiften, die einem vielleicht andernwärts nützen. Man muß Schnurren aushecken und sich Spassetteln gefallen lassen, schmarotzen und es nur wieder springen lassen. Denn anders wird man nicht beliebt, und ein »öder Ding« ist nirgends gut gelitten. Und so verwurstelt man immer mehr. Und man muß die Wurst nach der Speckseite werfen – etwas daraufgehen lassen, hat man verdient. Denn man will doch nicht »notig« erscheinen. Und dafür galt Franz Mayer nicht; durchaus nicht. Im Gegenteile – er war ein fescher Geist, und man bedauerte ihn nur allgemein, daß er eine so engherzige Frau habe, die ihn an der Entfaltung seiner Gaben hemme. Das war aber einmal immer so gewesen – alle genialen Männer hatten böse Weiber. Man wußte freilich von ihm, daß er niemals Wort hielt, als wenn es eine Landpartie oder sonst eine Hetz galt. Aber wen scherte eine kleine Charakterschwäche eines sonst vortrefflichen Mitbürgers etwas? In seinen Kreisen kam dadurch niemand zu Schaden. Da kannte man einander schon, empfing jede Zusage mit geziemendem Vorbehalt und wußte sich demgemäß einzurichten. Endlich – unter ihnen war keiner viel anders und hatte also keiner ein Recht, mit ihm zu maulen oder Moral zu predigen. Und wenn er wirklich über seine Mittel lebte: »Ich werd' mir net 's Maul verbrennen. Franzi! zahlst d' ein' Doppelliter? Oder ein' Latern Bisamberger? Is gar gut und gar net teuer!« Er war nun einmal so. Ein Phantast war er, dem eine rege und vom ewigen Müßiggang überhitzte Einbildungskraft tausend Möglichkeiten vorgaukelte, bis er die Fähigkeit verloren, zu unterscheiden, was wirklich war und was er sich nur so ausgeheckt. Immer neue Projekte beschäftigten ihn. Es war mancher gesunde Einfall darunter; denn wer immer wieder die Rute auswirft, dem wird endlich auch einmal ein fetter Fisch an die Angel gehen. Und diese Pläne, deren keiner jemals ernstlich in Angriff genommen wurde, entwickelte er nach allen Umständlichkeiten mit allen Möglichkeiten, sie ins Werk zu setzen, zu Hause. Dort begegneten sie verdrossenem Schweigen. Er besprach sie, schwelgend in seiner Erfindergabe, auf der Kneipe – ein lebhaftes Gläserklingen, ein helles Zujauchzen: »Sollst leben, Mayer! Was dir net alles einfallt, Mayer! Bist doch ein ganz verfluchter Kerl, Mayer! Alsdann – trinken mer eins, daß es gerat'!« Er betrog sich, er betrog andere. Hätte man's ihm aber vorgehalten, er wäre nicht übel in die Höhe geraten. Wen ging's was an? Wer durfte an ihm moralisieren? »Net amal ein' Spaß wird man mehr machen dürfen! Wär' gar aus!« Dies alles aber sah und begriff seine Frau. Es schnürte ihr die Kehle und, ihr unbewußt, wuchs eine Erbitterung in ihr heran, die sich einmal furchtbar in einer Explosion entladen mußte, die dann keine Schranke mehr kannte. Da kamen gelegentlich gute Tage. Es glückte ein ergiebiges Geschäft. Damit wurde dann sofort gerechnet als mit etwas, dessen regelmäßige und beständige Wiederkehr gesichert sei. Warnte sie vor solcher Zuversicht, so wurde sie verspottet. Meldeten sich aber die mageren Wochen und sie erinnerte ihrer Vorhersagung, so wurde er ruchlos grob. Natürlich – wenn sie nur recht behalte, dann könne ihrethalben der Mann mit der ganzen Wirtschaft zugrunde gehen. Wie ihm denn etwas geraten solle, wenn es ihm die eigene Frau immer wieder beschreie? So unsinnig der Vorwurf war, er schloß ihr dennoch den Mund. Sie wußte wohl – wenn er konnte, so foppte er ihr das Geld aus dem Sack. In ihren eigenen Angelegenheiten konnte sie ihn durchaus nicht verwenden. Diese Einsicht hatte sie teuer genug bezahlt. Zu Anfang, da sie noch nicht so ganz sicher, war er ihr gekommen: da oder dort wäre eine Partie zu kaufen – spottwohlfeil, eine Sünde, so eine Gelegenheit auszulassen, wo man einen Haufen Geld mit einem Schlag verdienen könne. Sie ließ sich beschwatzen; das Wenigste war brauchbar, und sie sah sich geprellt. Niemals hatte sie so teure und so geringwertige Ware erstanden, als wenn er ihr einen seiner Bekannten aufdrängte, der es ihr und nur aus Freundschaft so wohlfeil überlassen wolle, damit der schöne Verdienst nicht an Fremde komme. Hernach war er immer eine Zeit sehr vergnügt und sehr flott mit dem Gelde. Und ihren Jammer – denn ihre ganze Seele hing an jedem Kreuzer, und bei jedem Schaden, der sie betraf, verlor sie für eine geraume Zeit völlig den Kopf und machte das Unheil so nur noch ärger – schüttelte er schleunigst in seiner Gesellschaft von sich ab. Das sei nun einmal nicht anders – wer kaufen wolle, der müsse seine Augen gut offenhalten und dürfe sich auf gar niemanden verlassen. Und die Weiber meinten wohl, sie hätten's allein mit dem großen Löffel ausgegessen und verstünden doch rein gar nichts und seien zu nichts gut. Wenn ihm so was passiert wär' – na, der Spektakel! Er möcht' ihn lieber nicht erleben. Und wer gewinnen wolle, der müsse auch auf Verlust gefaßt sein, und nochmals – ja die Weiber überhaupt! Wenn sie nicht raunzen, so ist ihnen gar nicht wohl auf der Welt und in ihrem Fell, und es fehlt ihnen völlig was. Das nimmt man eben nicht so tragisch, wie sie's machen! Sonst hätte man doch keine ruhige oder vergnügte Stunde mehr im Leben. So gab ihm dasselbe Leben immer neue Kräfte, das die ihrigen verzehrte. Und sie hatte keine Vertraute auf der Welt. Niemand, vor dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Einmal hatte sie sich die Kathi dazu heranziehen wollen. Die sonderbare Verschlossenheit ihrer Ältesten, der alles neben dem in ihr belanglos erschien, lähmte ihr Bedürfnis nach Offenherzigkeit und Mitteilung. Die Jüngeren aber? Sie wollte den Kindern nicht vorzeitig den Glauben an den Vater zerstören. Und so beklemmt von Rücksichten einem gegenüber, der selber keine anerkannte, und wieder unfähig, sie immer festzuhalten, sich zur Unzeit vergessend, war sie ihm gegenüber ewig im Nachteil, ja scheinbar im Unrecht. Und dies machte sie ganz bis zur Besinnungslosigkeit erregt. Eine Hoffnung hatte sie immer noch gehegt in sich. Es war ja gewiß: sie lebten im Übergang. Aber das mußte wo auf festem Boden sein Ende nehmen. Dem kommenden Geschlecht mochten bessere Zeiten beschieden sein. Endlich und irgendwie mußte sich die Linie wieder heben, die nun schon so lange nach abwärts lief. Und alle ihre Wünsche hafteten am Adam. Denn: »Ein Madel is immer a armer Narr. Und sie hat's halt, wie man's ihr gibt, net um a Argamentel anders.« Und nun war ihr auch diese letzte Aussicht zerstört, mußte sie auch diesem Traume entsagen. Und damit riß das letzte Freudige, das ihr so fern hinter Wolken vorgeglänzt, das ihr das Leben übergoldet, und nichts mehr blieb, nur die eherne und so entsetzlich schwere Fessel der Pflicht. Denn was konnte aus ihrem Einzigen, dem sie in ihrem Innersten den Vorrang vor den Töchtern gab, unter diesen Umständen werden? Meisterlos war er veranlagt: kein gutes Exempel und keinen Ernst sah er vor sich, und was immer er anstellte, es ging ihm hin. Im günstigsten Fall ein schlimmerer Franz Mayer oder noch was viel, viel Böseres ... Mit zusammengezogenen Brauen, einen starken Schmerz in der Stirne, saß sie in dieser Stunde ganz einsam da. Die Augen waren verhangen und sahen dennoch weit, weit in eine trostlose Zukunft. »Muttergottes hilf!« flüsterte sie. »Ich weiß jetzt, warum wir Weiber eine eigene, schmerzhafte Fürbitterin im Himmel haben und brauchen. Und da sagen's immer, ein leichtes Geblüt ist ein Glück. Kann sein, für den, der's hat. Wer aber mit dem leben muß – für den ist's kein's ... wahrhaftig net ...« Und ihr kam ein Schluchzen, und sie rang die Hände und hielt sie wieder strack und steif vor sich, als dringe etwas Entsetzliches auf sie ein, und sie wollte es mit all ihrer schwachen Kraft abwehren und sich ferne halten ... Siebentes Kapitel Warum Terpentinöl gut riecht und wann ein Tischlerhobel gute Musik macht Es gibt nämlich auf dieser Welt allerhand Leute. Sogar zuviel, behaupten Griesgräme. Die haben noch nie ein gesundes Kind in seiner ganzen Anmut gesehen, niemals den Ungestüm seiner jugendlichen Kräfte beobachtet, die noch gar nicht wissen, was alles mit sich versuchen oder beginnen. Ist das nicht immer wieder, als hübe da eine neue Weltenschöpfung an? Oder als wollte dies Geschöpfchen, das da sich regt und tollt, eine ganz neue Erde sich ersinnen oder doch erobern? Kommen da nicht immer Fragen, nun ganz verblüffend albern, daß es aller elterlichen Liebe und Geduld bedarf, um nicht dareinzufahren und abzuschrecken, nachdem es nun einmal auch der kleinen Menschlein Aufgabe ist, zu fragen und zu sinnen, und weil auch das scheinbar Dümmste für diesen Endzweck vorbereitet und bildet, dann wieder erfüllt von einer so sonderbaren Weisheit, die auf jedes Rätsel mindestens mit spitzen und bohrenden Fingerchen deutet? Wenn es so welche gibt, die sich mit ihrem eigenen Geschlecht nicht vertragen können und es mißbilligen, so mögen sich andere mit einer Tischlerwerkstatt durchaus nicht befreunden. Sie haben nämlich einen eklen Geschmack und verzärtelte Nerven. Und da stellen dann solche Leute Behauptungen auf, die schon ganz und gar nicht haltbar sind und die jeder Billige mit einem verdrießlichen Kopfschütteln vernehmen und ablehnen wird. Als zum Beispiel: es sei eine Tischlerwerkstatt kein behaglicher Aufenthalt. Da muß man nur hören und staunen, was für haltlose Gründe sie dafür ins Gefecht führen möchten. Richtige Jammergestalten von Gründen, die's nicht besser verdienen, als gründlich in die Pfanne gehauen zu sein. So sagen sie ganz ohne Scham, die Arbeit mache einen unziemlichen Lärm, den nicht jeder vertragen könne. Nun ist es ja richtig: der Hobel schrillt und quietscht durch das Holz; und die Säge schnarrt; und die Drehbank oder der Laden knarren; und die Hämmer pochen in einem sehr flinken und eiligen Takt. Aber es ist dafür gar hübsch, wenn sich die Hobelspäne winden, lebendig, beinahe gleich blanken Schlangen. Und ein herber Geruch ist an ihnen, der immer noch an den Wald mahnt, dem sie entstammen. Und es ist weiter richtig: es duftet sonst nach allerhand darin, das nicht an Arabien und seine Wohlgerüche mahnt. Als ob etwas durchaus so weit her sein müsse, damit man es mit Wohlbehagen schmecke und vermerke! Da sind Spiritus und Schellack. Wer in aller Welt kann daran etwas bemängeln, besonders ehe der Schellack geschmolzen wird? Da sind Terpentinöl und seine unterschiedlichen Verbindungen. Ja – wenn die Leut' nun einmal durchaus polierte Möbel haben wollen, dann sollen sie nicht darüber schimpfen. Abgesehen von allem anderen: sie riechen gesund und unverkünstelt und sie sind »so viel gut für die Brust«. Freilich – der Tischlerleim! Er hat entschieden etwas Widerwärtiges an sich, wenn er in seinem dreibeinigen Pfännchen kocht und seine zähen Blasen wirft und so süßlich riecht und nach Eiern, welche die Bruthenne längst als für alle Zukunft hoffnungslos sich selber überlassen hat. Aber, da gehe man erst in eine Lohgerberei, und man wird die Augen auf- und die Nase zumachen. Man muß sich an ihn gewöhnen, und man kann's, wie man im Leben alles gewöhnen muß und gewöhnen lernt. Wer's nicht glaubt, der frage nur die Rosi Mayer. Und endlich – und das ist auch ein Trost –, beständig geleimt wird ja doch in keiner Tischlerwerkstatt. Nämlich, weil sich die Kathi doch um gar nichts kümmerte, die Linnerl noch zu dumm war und die Mutter nicht so überall dabeisein konnte, so hatte die Rosi, wenn man sie nicht im Geschäft brauchte, natürlich auch das Wirtschaftliche über sich. Und nun kennt man ja auch die modernen Dienstboten. Gar kein Herz haben sie für das, was ihren Herrenleuten gehört, selbst wenn sie nicht so ein freches und verdorbenes Ding sind, wie es die Marie von die Mayerischen bekannterweise und leider Gottes unleugbar war. Was hin ist, ist nun einmal hin, und nichts kann ewig dauern. Nicht einmal, wenn es aus Gußeisen ist. Solche Redensarten haben sie wirklich an sich. Alle Augenblick stoßen sie was ab. Als ob die Möbel nicht ein Sündengeld gekostet hätten und die Zeiten so schwer wären, daß man froh sein muß, man erhält, was man hat! Wer kann daran denken, etwas Neues zu kaufen? Da heißt's, flicken lassen und immer wieder aufs neue herrichten, daß man nicht merkt, was für ein jämmerlicher Scherben im Grunde das Ganze schon ist. So war die Rosi das erste Mal in die Tischlerwerkstatt gekommen. Und als ein hübsches Mädel und als die Tochter der Hausherrnleut' war sie denn mit geziemendem Respekt begrüßt worden. Denn, man wisse allenthalben, auf wie wackeligen Stuhlbeinen sie samt ihrer Herrlichkeit thronen – der Hausherr ist immer ein Jemand. Man muß ihm mit Achtung begegnen. Erstens kann er kündigen und steigern, was gar ein Jammer ist. Und dann verkörpert er dem Wiener Volk immer noch den soliden, den ruhenden und schier unerschütterlichen Besitz. Entschieden über das Maß desjenigen, was ihr als Hausherrntochter zustand, ging es aber hinaus, daß der Altgeselle selber zu einer Reparatur kam, für die allenfalls ein Lehrjunge genügt hätte. Das Tischlergeschäft ging gut. Und wenn man es nicht ins Große trieb, so war es nur, weil es einer Witwe gehörte. Und wenn kein Mann da ist und immer nach dem Rechten sieht, so machen die Gesellen halt doch, was ihnen paßt. Auch empfand die Frau ihre Vereinsamung tief genug. Jedes Jahr machte sie eine Wallfahrt nach Mariazell, damit die gnadenreiche Muttergottes sie aus ihrer schmerzhaften Verwittibung erlöse, und versprach ihr eine reiche Spende für ihre Vermittlung und Fürsprache. Das kostete ein schweres Geld. Denn dieser Ausflug war ihre Vergnügungsreise, Landaufenthalt und Andacht zugleich. Da spart man nicht, wenn man's gottlob nicht muß. Da will man doch nicht aufziehen wie plärrendes Bettelvolk, das sich Gehör im Himmel erschreien möchte, da nahm man sich einen Fiaker von Mürzzuschlag und ließ sich unterwegs und beim »Bäckenwirt« nichts abgehen und reichlich Seelenmessen lesen für den Verstorbenen, der »die gute Stund' selber« war und ihr nur das eine nicht hätt' antun sollen, daß er sie in ihre besten Jahre so einschichtig und verlassen daließ. Aber, das half zu nichts, und immer wieder hoffte sie vergeblich, sie werde zu zweien ihre Dankfahrt vollbringen können. Der Freier, wie sie ihn wünschte, kam nicht, und die Aussicht wurde immer geringer, er würde sich doch finden. Diese Pilgerreisen waren Jahresringe. Sie bewiesen ihr nur, um was der Stamm älter geworden war, darin der Saft so munter kreiste trotz des Mooses, das sich an der Rinde immer dicker und unerfreulicher aussetzte. Es wären ja manche gekommen. Aber einmal wünschte sie doch nur einen, der vom Gewerbe war und es verstand wie ihr Seliger. So ein zugrunde gegangener Tischler, der allenfalls leimen konnte und die Alte nur nahm, um ihr Geld mit jungen Flitscherln zu verputzen, paßte ihr durchaus nicht. Sie hatte Augen im Kopf. Und so inbrünstig sie zur Muttergottes um den Tröster betete, blind oder mannstoll war sie darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, sie hatte ihren sehr hellen Verstand und den brauchte sie doch auch, wo die Welt so voll Schlechtigkeit war und jeder nichts anderes im Sinne trug, als wie er seinen Nebenmenschen und ganz besonders so ein armes Frauenzimmer immer für den Narren halten und betrügen konnte. Wiederholt hatte sie den Gedanken erwogen, einen tüchtigen Gesellen an ihrer Seite einzusetzen. Und gewiß: sie konnte eine Zeit keines der Ehebetten ansehen, die so stattlich und gediegen bei ihr gebaut wurden, ohne mit einem Seufzer dessen zu gedenken, das verwaist und zwecklos neben dem ihrigen stand. Das mit dem Gesellen aber hatte auch seinen Haken, wie sie bald fand. Denn, sowie einer merkte, er hätte in den Augen der Meisterin Gnade und Antwort gefunden, so wurde er augenblicklich stützig, trieb zunächst in Pfeifen einen höchst verwerflichen Luxus, der tief blicken ließ und die kläglichsten Perspektiven auf die Schicksale ihrer Ersparnisse eröffnete, und benahm sich den übrigen Arbeitern gegenüber in einer Weise, daß gar kein Frieden oder Auskommen mehr denkbar war. Nur der Xaver Navratil, den sie jetzt hatte, der hätte ihr nach allen Hinsichten gepaßt. Und die Rosi verstand das, wie sie ihn zuerst bei sich in der Stube hantieren sah: über der breiten Brust die blaue Tischlerschürze, die starken Arme bloß und mit einem ernsthaften Geschick alles angehend, was zu tun war. Etwas vom Feldherrn war an ihm, selbst wenn er dem Lehrjungen wohlwollend in den Schopf griff. Er sah augenblicklich, wo sein Eingreifen not war und richtete ohne Besinnen das Erforderliche zu. Minder hätte sie es freilich verstanden, wenn es wahr gewesen wäre, daß er es mit der Meisterin halte, wie das ganze Haus wissen wollte. Nun – er wollte doch natürlich einmal selbständig werden. Bequemer könnt' er es nimmer haben. Und er war ein armer Teufel, der das Geld recht sehr gut gebrauchen konnte. Und welche Rolle das Geld nun einmal spielt, wie es Dinge möglich macht, die anders nicht einmal auszudenken wären, dies wußte die Rosi doch schon, so grün und unerfahren sie sich sonst vorkam. Dennoch wehrte sich etwas in ihr gerade gegen diese Möglichkeit, und sie wußte bald, daß sie ihr sehr, sehr weh tun würde. Denn etwas so Ehrenfestes war an dem Burschen, der nicht einmal seine Eltern gekannt hatte; gar nicht hübsch oder fesch sah er aus, wie man sich sonst einen Korporal von den Deutschmeistern denkt, und, da sie ihn einmal in Uniform gesehen, gefiel er ihr gar nicht, obwohl er eine rote Nelke hinters rechte und ein Virginierstroh hinter das linke Ohr gesteckt trug. Das paßte nicht zu seinem hängenden, struppigen, blonden Schnauzbart, dem etwas schütteren Haar, daran man ihn in seiner Lehrzeit wohl gar zu gewalttätig gerissen – man weiß ja, wie's Waisenkinder haben! –, den grauen gutmütigen Augen in einem fast viereckigen Schädel, als könnte man damit Mauern einrennen. Aber sehr getreu und zuverlässig erschien er, und im Zylinder, mit dem Bratenrock an sich, hätte er sich famos ausnehmen müssen. Und so träumte sie sich ihn gern so einen Blumenstrauß in der knochigen Rechten, wie der Großvater abgemalt war, da er um die Großmutter war freien gekommen. Er dachte von seinem Handwerk nicht gering, darin er sehr tüchtig war und sein schönes Stück Geld verdiente. Er konnte da ganz warm werden. Damit, daß man sich möblierte, begann nach ihm alle Gesittung. Bis dahin konnte der Mensch immer in Höhlen und Löchern wohnen, wie irgendein anderes Vieh. Nachher war das nicht mehr möglich. Denn derlei vertragen die Möbel nicht, wegen der Feuchtigkeit, »wissen S', Fräulein Rosi!« Und das mit der Meisterin war natürlich nur dummes Gerede. Weil die Leut' immer was zum ausrichten haben müssen. Könnte ihm gerade einfallen, sich so zu verkuppeln! Das sollte einer tun, der sonst nicht in der Welt vorwärtskommen konnte. Er machte schon seinen Weg. Er hatte zeichnen gelernt, und in ersten Ateliers – die Aussprache war anfechtbar und nur ein Glück, daß die Rosi nicht viel davon verstand – nahm man ihn augenblicklich zu sehr hohem Lohn. Er aber ging nicht. Er war nun einmal Selbständigkeit gewöhnt, ihm gefiel hier etwas – gespannen S' was Fräulein Rosi? –, und ihn jammerte die Meisterin, die so ein guter Kerl und anders ganz verkauft und verraten wäre. Und er wisse, was das Geschäft wert sei und wie schön eine Familie davon leben könne. Etwas habe er sich schon gespart, »ein ganz ein hübsches Stückel Geld, Fräulein Rosi«, und er machte mit der Hand eine zählende Bewegung, und etwas hoffe er schon noch dazuzukriegen. Aber, er brauchte eine fesche Frau Meisterin, sonst käm' er auf schlimme Gedanken, und er machte einen ganz artigen Kratzfuß dazu, denn er wußte, was sich vor einer Hausherrntochter gehört, selbst wenn wirklich gar nichts dahinter sein sollte, und sah sie dabei mit einem Blicke an, daß ihr davor ganz weh und weich wurde. Denn diesen Ausdruck und diesen Glanz hätte sie in diesen Augen nimmer vermutet. Und so kam es, daß diese beiden einander lieb und lieber wurden, ohne davon oder von ihren Plänen für die Zukunft jemals ein Wort gesprochen zu haben. Man bestellte sich gelegentlich, wenn man sich ganz sicher vermeinte, im Hausflur für einen kurzen Plausch und einen immer längeren und wärmeren Händedruck. Einmal betraf sie die Urahne dort. Das Mädchen meinte, es hätte keinen Blutstropfen in sich gehabt, und stach man noch so tief. Die Frau sah sie nur mit wundernden Augen an, wie ihr die Rosi einen ängstlichen Knix machte, und nickte hernach ausnehmend freundlich, man konnte nicht anders sagen, halt leutselig. Das nahm das Mädchen aufatmend für ein gutes Vorzeichen. So kam es weiterhin, daß das Fräulein Rosi in der Tischlerwerkstatt erschien, so oft es nur anging, daß sie sich im weiteren Verlaufe der Begebenheiten an alle Gerüche in ihr gewöhnte, als könnten sie gar nicht anders sein, daß ferner das Reparaturenkonto im Hause Franz Mayer eine erstaunliche Höhe innerhalb kürzester Weile erreichte, daß die Möbel allerdings nach einer Frist auch aussahen, als seien sie blitzblank und eben erst fertig geworden. Nicht einen Augenblick kam ihnen beiden der Argwohn, als triebe das andere ein Spiel mit ihm. Mit jedem Tag wuchsen sie mehr und inniger zusammen. Denn sie waren im tiefsten Kern beide brav und einsam beide. Nur fühlte sich das Mädchen von manchem bedrückt, während sich Xaver Navratil durch die Eroberung einer Hausherrntochter erheblich gehoben fühlte und mit einer löblichen Zuversicht und auf gesunden Beinen der Zukunft entgegenmarschierte, mit der er schon fertig zu werden gedachte. Sie wußte gar zu genau, wie es mit ihren Aussichten auch nur auf die allerbescheidenste Mitgift bestellt war. Vielleicht irrte er sich darin und erwartete sich etwas. Und es war immerhin ein mißlicher Gedanke, dem Geliebten nichts mitzubringen, der doch selber ganz auf den Erwerb seiner Hände gestellt war. Freilich – etwas hatte er gespart; aber etwas mußte er sich doch dazuschaffen, sollte er vorwärtskommen. Daß sie ihm dieses Etwas nicht bringen konnte, daß er mit ihr vielleicht nur eine Last auf sich nahm, dieses bekümmerte sie rechtschaffen. Das aber konnte sie ihm durch Fleiß und Tüchtigkeit ersetzen, und sie schwor sich's, daß sie's daran nie fehlen lassen und den Kreuzer noch ganz anders ehren wolle, als selbst ihre Mutter, wenn er sie nur auf festen Boden setze, da sie nach ihrer Gesundheit und Herzenslust arbeiten könne. Denn müßig war sie niemals gerne gewesen. Andere Hindernisse aber standen ihnen noch im Wege. Sie machten ihr bange, sie schlössen ihr den Mund, daß sie sich und ihr junges Glück, das in allen Sorgen und Ängstigungen immer gleich und sieghaft blieb, durch sie nur die dunkle Folie gewann, damit sie's in ihres Herzens Schrein desto leuchtender hege, niemanden, keiner der Schwestern offenbarte, so sehr sie das Geheimnis auf die Dauer bedrückte. Da war die Mutter, die kaum einverstanden sein konnte, daß sich die Tochter in Enge und Quälerei hineinsetzte, daß sie sich auf ein so ungewisses Geschick einlasse, statt »sich zu verbessern«. Aber mit der Mutter konnte man mit Vernunft jederzeit fertig werden. Und die Rosi empfand natürlich als höchst vernünftig und notwendig, was in ihr war, und getraute sich das vor jedermann zu erweisen. Da waren die Geschwister. Sie sah schon das hämische Gesicht des Adam und hörte der Kathi gedehntes: »Uj – der Tischlergesell-Schwager!« Aber endlich – die hatten ihr doch nichts dreinzureden und sollten sie lieber in Frieden lassen. Sonst möcht' sie's ihnen zeigen – und sie fühlte sich sehr rauflustig. Da war aber auch der dumme Hochmut ihres Vaters, den man ja sonst um den Finger wickeln konnte, der in diesem einen Punkt aber sicherlich unnachgiebig war. Denn jeder Schwächling hat etwas, darin er nackensteifer und unbiegsamer ist als der Stärkste und Entschlossenste. Immer irgendeine Schrulle, über die mit ihm »aber schon gar nicht zum reden ist«. Hier war es der Stolz auf die Ahnen und die patrizische Vergangenheit der Familie. Es war undenkbar, daß eine Adam-Mayerische einen Menschen heirate, den man so gar nicht herzeigen konnte. Einen Tischlergesellen! Ich bitt' Ihnen, net einmal Meister ist er noch! Und überdem heißt er Xaver Navratil! So ein Nam'! Und er weiß net einmal, wer sein Vater war, und seine Mutter ist im Findelhaus gestorben. Halt wirklich schon rare Leut', wirklich schon! Darüber kam die Rosi ganz gegen ihre muntere Art oftmals ins Grübeln. Wie, wenn die Mutter ja und amen sagte, und der Vater blieb bockig? Ja, meinte sie, da ist das vierte Gebot. Und das steht freilich, und dawider ist nichts zu tun. Aber es heißt: Ehre Vater und Mutter. Keins mehr wie's andere. Das geht also nur, wenn sie eins sind, wie das im heiligen Ehestand sein sollte. Wenn der aber immer das und die ganz was anderes will? Ja, was macht man denn da? Darauf hat unser Herrgott offenbar nicht denken können, weil es nicht hätt' sein sollen. Und es ist doch, bei Gott, es ist doch, und was tut man sich hernach nur, wenn man ein armer, verliebter Narr ist, wie sie's leider nun war? Und in allen diesen Grübeleien horchte sie nach der Tischlerwerkstatt, und unter allen Hobeln, die sich unter seinen Augen und nach seinem Wink bewegten, meinte sie den seinen herauszuhören. Ritsch – ein langgezogener Strich, der nur so hinflitzte durch das Holz. Das war er – so könnt' es sonst keiner. Das brach Bahn, auch für sie und ihre Zukunft. Ritsch! So würde das einmal gehen, wenn er selber erst den Hausrat für sie tischlern werde, einfach und für die Dauer und von ihr in Ehren gehalten jedes Stück. Ritsch! Da konnte man doch zuhören und sich denken –ja alles mögliche und was einem einfiel. Ob's eine feinere Musik auf der Welt gab? Ritsch! Oder sie wußte, er war auswärts. Dann wartete sie, bis er zu Mittag oder nach Feierabend heimkam. Hinter ihm trug der Lehrjunge den Zöger mit dem Gerät, und er schritt stattlich und hatte im Sommer die Jacke nur so gewiß fesch über die starke Schulter umgehängt. Er rückte seine verwegene blaue Kappe, sie nickte unmerklich, und beider Augen begegneten einander. Nicht eben viel – aber vorläufig für sie genug und eine hübsche Verheißung ... Zweites Buch Der Übergang Erstes Kapitel Adam Mayer amüsiert sich Adam Mayer war tauglich befunden worden und hatte somit dies eine Mal die Erwartungen seines Vaters gerechtfertigt. Nachdem er – dem selbstgesteckten Programm gemäß – sein Einjährigenexamen wirklich und natürlich nicht bestanden hatte, so sollte er vom Herbst auf drei Jahre zum Wiener Hausregiment Nr. 4, Hoch- und Deutschmeister, einrücken. An jenem Tag, da er durch die Prüfung gefallen war, traute er sich denn doch nicht sofort heim. Er wußte, es werde einen bösen Sturm setzen und ganz besonders die Mutter werde sich wieder einmal ganz fassungslos gebärden. Eine leise Befriedigung sog er aus dem Gedanken, die Sache könne doch auch für Herrn Peter Gröger zu recht unangenehmen Auseinandersetzungen führen. Denn er liebte seinen Lehrer durchaus nicht, wiewohl man sich scheinbar vertrug, und hatte seine alte Vorliebe für das System der Blitzableiter. »Sie werden's erwarten können«, dachte er sich. Er holte einen Schulkameraden und Gesinnungsgenossen, und beide strichen ziellos herum. Einigermaßen unbehaglich fühlte der Adam sich immerhin. »Das ist, ich mag halt kein' Spektakel.« Nun – und dazu mußt' es diesmal ausgiebig kommen. Überdies hatte er gar kein Geld im Sack, und das stimmte ihn ganz melancholisch. Sein Freund, er wußte dies aus mannigfacher Erfahrung, hatte gar niemals eines oder zeigte es mindestens nie her und ertrug mit einer rührenden Geduld und Ausdauer alle Launen des Adam, nur weil er sich von ihm zechfrei halten ließ. Wenn man nur reich wär'! sinnierte der Adam. Oder nur so viel müßte man haben, daß man sich an einem solchen Tag einen Fiaker nehmen und in den Prater fahren kann. Ist es gut gegangen, so sollte man sich unterhalten und was darauf gehen lassen dürfen. Ist's aber schlecht gegangen, no' so kauft man sich halt andre Gedanken und frißt nicht alles in sich hinein, was einem doch unmöglich gesund sein kann. Denn warum möcht' man sonst sagen: Einer frißt sich's Herz ab? Und die Reue, die hat doch gar keinen Sinn; die verdirbt einem höchstens noch ein paar Tage. Er pfiff dabei – das konnt' er meisterlich – einen Marsch vor sich hin, der ihm unbewußt in eine recht trübselige Weise überging. »Ich bitt' dich, mach' mir kein so dasiges Gesicht«, fuhr er den Genossen an, der nachdenklich vor sich hin gedümmelt hatte. »Das vertrag' ich heut' aber schon gar nicht!« Der fuhr zusammen und bemühte sich, höchst vergnügt dareinzusehen, was nicht sonderlich geriet. »Bist halt ein Karpf. Ein richtiger Karpf!« dachte der Adam. Endlich muß jedes Schlendern zu einem Abschluß führen. So herumgehen, ohne Ziel, davon war Adam durchaus kein Freund. Überdies beschrieb er in seiner Gedankenlosigkeit immer enger werdende Spiralen um sein Elternhaus. Schließlich standen sie davor. Sein Gespan schrak zusammen, in allen seinen Hoffnungen betrogen. »Gehst doch schon heim, Adam?« »Könnt' mir grad' einfallen, du Täpp«, brummte der ganz entrüstet. »Ja, was willst d' denn nachher da?« »Wirst schon sehen. Zum Sacher kann ich dich heut' net führen. Dafür langt's net.« »Ja – aber halt: es ist doch net einmal ein Wirtshaus da?« »Wirst's schon noch erwarten können. Zum Greißler gengen wir.« »Zum Greißler?« »Na – epper ins Café?« Die Geduld des Adam war am Reißen. »Damit eine jede von die Urscheln, wenn's vorbeigengen, oben sagt, wo wir sitzen und daß sich der Adam net ham traut? Komm nur, 's ist ganz gut da, und ich hab' da hier schon meine Hetz' gehabt – man kann sie gar net besser haben.« Man trat ein. Ein sehr schmales Verkaufsgewölb durch, angefüllt mit allem möglichen Zeug. Auf dem Ladentisch Genießbares und Ungenießbares in verträglichem Wirrwarr durcheinander. Kränze von Würsten niederhangend; hohe, braungestrichene Regale. Die Greißlerin, eine füllige, aber riegelsame und bewegliche Person, die einmal ganz hübsch gewesen sein mußte. Sie schlug die Hände heftig zusammen: »Jessas – der Herr Adam gibt uns wieder einmal die Ehr'! Da müßt' man doch rein ...« Adam nickte großartig, »'s ist schon gut. Aber schreien S' net a so. Niemandem sagen, daß wir da hier sind! Wo sind denn die Madeln?« »Gleich werden s' kommen. Gleich. Sie richten sich nur ein wengerl her.« Man kam in eine Stube. Sie war ziemlich geräumig, nur sehr dunkel. Sie hatte kein Fenster, eine Tür mit einem Guckerl in den Laden, eine zweite gegen den Hof. Ein dumpfiger Geruch von all den Waren nebenan. Man mußte sich eingewöhnen, ehe man einen großen Tisch, einige grobgestrichene Stühle davor und einen alten niedergetretenen Diwan gewahrte. Drei Bettstellen, unordentlich genug zurechtgemacht. Alles eher schlampig als arm. Es gehörte ganz entschieden ein eigener Geschmack dazu, sich hier wohlzufühlen. »Soll ich ein Licht bringen, Herr Adam?« »Wir brauchen kein Licht. Einen Schnaps möchten wir. Was haben S' denn für einen?« »Einen Nuß hat mein Mann für den Winter angesetzt. Ist gar gut. Mögen S' einen? Trinkt sich wie ein Öl und brennt wie der Teufel.« »So bringen S' ein' Nuß. Und hernach ein paar Flaschen Bier und was zum Beißen. Gibt's was Ordentliches?« »Ein Geselchtes hätt' ich, Herr Adam. So schön haben S' noch keines g'gessen. Ein echtes Prager. Haben's eben erst bekommen.« »Erzählen S' mir keine Geschichten«, knurrte der Adam. »Bringen Sie's lieber. Und nachher lassen Sie einen Wein vom Wirten kommen. Ein' Gerebelten! Net Euern Hauspantsch!« »Was ist denn g'schehen, Herr Adam, daß Sie's gar so nobel hergeben?« »Geht Ihnen nix an. Halt ein Lätitzerl will ich mir wieder amal machen und ein' meinigen Freund hab' ich da. Und wo stecken die Madeln?« »Ich hab's Ihnen schon gesagt, sie richten sich ein bisserl her,« »Haben s' die Nacht durchdraht?« »Aber Herr Adam – wo denken S' hin? Bei meine Madeln! Gleich müssen sie dasein.« Der Schnaps wurde gebracht und getrunken. Der Imbiß erschien und verschwand schleunig. »Die Gläser ordentlich auswaschen«, befahl der Adam. »Einen Hunger und einen Durst hab' ich, net zum glauben. Bringen S' noch was zum essen.« Er schenkte ein: »Sollst leben, Pepi!« »Sollst leben, Adam!« Sie tranken. Es war recht dunkel um sie und eine große Stille. Nur manchmal zeterte die Klingel vom Geschäft heftig, und man vernahm Bruchstücke einer hastigen Unterredung. Oder ein eintöniges Rumpeln der Wäscherolle, die sich knarrend bewegte, war. Adam trank immer wieder und tat manchmal einen gellenden Pfiff, wie man einem Hunde pfeift, auf den frisches Getränk gebracht wurde. »Ist's net ganz gemütlich, han?« fragte er, streckte sich längelang nieder und stierte schweigsam zur Decke, als gab' es da etwas ausnehmend Wichtiges zu beobachten. »I«, meinte der Pepi schüchtern. »Aber ein wengerl fad ist's doch.« »Wart' nur. Du hörst doch, die Madeln kummen. Nachher wird's schon fescher.« »Wer sein s' denn?« »Halt der Greißlerin ihre Madeln. Vom Ballett kummen s' net daher.« »San s' sauber?« »No – mir haben s' oftmals ganz gut gefallen. Werden s' dir a recht sein dürfen.« »Du bist heut' net schlecht grantig, Adam.« »Sei net blöder wie nötig, Pepi. Stier bin ich halt. Und das muß mich doch natürlich giften.« Wieder eine große und erwartende Pause. Immer wieder, wie um sich selber zu beschwichtigen, fuhr sich der Adam durch das gesträubte Haar, begann irgendeine Melodie und brach mitten in ihr mit einem mißtönigen Pfiff ab. »Hast recht, ich bin heut net bei Hamur.« »Vielleicht doch wegen der Prüfung?« Adam richtete sich auf: »Du, red' mir net davon, oder wir sind Freund' gewesen.« Pepi beschwichtigte: »No, no! Mußt net gleich steigen wie ein Raffler.« »'s ist schon gut.« Beide sogen heftig an ihren Virginiern, und die Spitzen der Zigarren glommen wie zwei immer weiter voneinander rückende Feuerpünktchen durch die Dunkelheit, und der Tisch bedeckte sich mit Asche, auf die der Adam, sonst eitel genug, achtlos seinen Ellenbogen stützte. Ein starkes Behagen an diesem Schmutz und dieser Unordnung erfüllt ihn ganz. »Und überhaupt« – der Adam sprach halb für sich –, »was ist denn eigentlich geschehen? Nix ist geschehen. Zwei Jahre hab' ich halt mehr Zeit, bevor ich ins Rackern und ins Verdienen muß. Das ist doch nur ein Vorteil.« »Nachdem man's nimmt.« Pepi nickte und fühlte sich durchaus Pagode. Adam aber nahm einen tiefen Schluck, ehe er fortfuhr: »Und alsdann: ich hab's ja net anders wollen. Ich hab' mir das doch so vorgenommen gehabt. Es geschieht halt immer, was ich mir vornimm.« »Na alsdann – vielleicht nimmst dir amal a was Vernünftiges vor«, entfuhr es unbedacht genug dem Pepi. Der Tisch geriet in bedenkliches Wackeln. Adam schnellte auf: »Du! Red' mir net so dalkert daher. Hörst d'? Oder ich könnt' was tun.« »Wirst doch noch einen Spaß versteh'n, Adam.« Ganz schüchtern. »Nachdem er ist. Und frozzeln lass' ich mich net. Merk' dir's. Ich bin der Adam Mayer. Wirtshaus – ein Bier!« Er schlug dröhnend auf. Zwei helle Mädchenstimmen, bei deren Klang Pepi die Ohren spitzte und sich die Stirn des Adam entrunzelte. »Was schreien S' denn so, Herr Adam? Es kummt eh schon.« Die Türe ging auf. Zwei junge, frische Geschöpfe, in jeder Hand eine Bierflasche, erschienen doppelt freundlich in der einbrechenden Helle, die sie für ein Weilchen in diese Dämmerung brachten. Jacken, eilfertig schief geknöpft, ließen zwei schlanke, bräunliche Hälse bis zum Ansatz sehen. Der Adam schielte frech, der Pepi lüstern nach ihnen. Adam stellte vor: »Ein meiniger Freund. Heißt Pepi Winkler. Sonst haßt er nix.« Beide kicherten, und der Pepi hatte Lust und Grund, sich zu erzürnen. Aber es war heute nicht rätlich, mit dem Adam Kirschen zu essen. Der fuhr fort: »Wo habt's denn wieder einmal gesteckt, Madeln? Da sitzen wir eine Ewigkeit alleinig und hätten bald zum raufen angefangen, nur damit wir eine Unterhaltung haben.« »Sieht dem Herrn Adam gleich«, meinte die Jüngere, Susi, spitzig. »Er muß halt alleweil keppeln.« »Und wie war's denn mit der Prüfung?« fragte die sentimentale Marie. »Ist's gut dabei g'gangen, Herr Adam?« »Geht euch nix an. Halt so ist's g'gangen, wie ich mir's gedacht hab'«, entgegnete der Adam zugleich grob und orakelnd. »Aber, wo seid's denn gesteckt?« »Halt ein wengerl angelegt hat man sich«, erwiderte die Marie. »So eine ungeschaffte Arbeit! War eh net notwendig!« Und der Adam lachte, und Pepi schmunzelte verständnisvoll. »Da trinkst eins, Marie.« Sie tat einen kräftigen Schluck, dem man die Übung im Bescheidtun anmerkte. »Der Herr Adam soll leben.« Er nahm sie um die Hüfte, und sie zierte sich ein wenig: »Was wird sich denn der Herr Pepi denken?« »Halt, daß wir gute Bekannte sind, die miteinander hinterm Werkel 's Tanzen gelernt haben.« Sie setzte sich sittsam gefügig neben ihn und strich sich hernach die Kleider glatt: »Er war' gar gut zum leiden, der Herr Adam«, meinte sie. »Nur so viel schlimm ist er.« »Bin ich's?« Adam nickte höchst selbstzufrieden und zog die Marie näher an sich. »Ja – das sagen s' allgemein.« »Ich wer' daweil spazierengeh'n«, machte die Susi sehr schläfrig und verdrossen. »Da bleibst«, rief der Adam heftig. »Weißt denn gar kein Gehörtsich mehr, Pepi?« Der sprang auf und holte einen Stuhl für Fräulein Susi, die erst unschlüssig daran herumwischte, ein wenig maulte und sich zierte, ehe sie sich bewegen ließ, Platz zu nehmen und den Friedenstrunk aus des Pepi Glas zu ziehen. Die Marie fuhr dem Adam durch das gesträubte Haar: »Und halt gar so viel gach ist er, der Herr Adam.« Adam lachte in sich. »Ich möcht' nur wissen, was es da zum lachen gibt«, stichelte die Susi. »Einen Menschen, vor dem man sich allweil fürchten muß, er tut einem was – ich dank' schön dafür. Das ist doch gar zu grauslich.« »Aber ich bin ja gar net gach«, entgegnete der Adam. »Net möglich!« Und beide Mädchen verwunderten sich sehr. »Ich tu nur a so«, erläuterte Adam Mayer, zog den Kopf der Marie an seine Brust und warf seinen Virginierstummel von sich. »Hast d' was zum rauchen, Pepi? Na? Nachher möcht' ich nur wissen, wozu daß du auf derer Welt gut bist. Aber ich bin beileib net gach. Ich weiß immer gut, wann ich aufbegehr' und warum. So fürchten sie sich immer vor mir und daß ich einmal in meiner Hitzen was könnt' anstellen. Aber in mir bin ich dabei völlig kalt. Ein rechten Zorn hab' ich noch net in mir g'spürt. Ich weiß net amal, ob ich wirklich a Schneid' in mir hab'. Manigesmal kummt mir vor, ich hab' gar keinen, und wenn mich einer so richtig anfahren tät', ich möcht' mich net an ihn trauen. Da ist's doch gewiß besser, sie fürchten sich vor meiner und trauen sich net an, han?« »Net zum glauben«, machten die Mädchen. Der Pepi horchte auf. Das klang doch merkwürdig. Adam schwieg. Nach einer Weile: »Ja, Madeln, – tröst' euch Gott. Jetzt werd' ich dahier schier rarer werden. Geh'n mir.« Pepi, der inzwischen den Ton für die Fräulein Susi gefunden hatte und mit ihr recht vertraulich fürs erstemal geworden war, wollte sitzen bleiben und bedurfte eines nachdrücklichen Rippenstoßes des Adam und seiner entschiedenen Erklärung: »Jetzt schiebst ab. Kommst halt ein andermal wieder und tröstest die Waserln«, ehe er begriff und sich muckisch genug erhob. »Alsdann – schreibt's alles zusammen. Mein Alter wird jetzt schon zahlen. Servus, Madeln«, und beide traten auf die Gasse, die schon völlig erdunkelte. Der Adam gähnte verdrießlich. »Da sollt' man jetzt eigentlich die Nacht durchdrah'n. Ein' Gusto hätt' ich schon darauf. Geht halt net Servus, Pepi!« Und sehr mißvergnügt zog er heim. Im Vorzimmer flüsterte ihm die Marie noch zu: »Sein alle da. 's wird bös werden!« Er zuckte die Achseln und trat ein. Es war, als hätte man nur auf das Stichwort gewartet. Mit großen, entsetzten Augen sah die Linnerl die häßliche Szene, die sich nun begab und vor der Rosi trotz ihres Abscheus vor der Marie, dem »ordinären Frauenzimmer«, in die Küche flüchtete und sich die Ohren verhielt. Und dennoch fühlte sich die Linnerl mächtig gefesselt. Alles prägte sich ihr tief und bildmäßig bestimmt ein, und dunkle Instinkte wachten in ihr auf. Ganz Auge war sie wider Willen für jede Bewegung, ganz Ohr für jeden Ton. Denn die Mutter jammerte und kreischte in den unmöglichsten Tönen. Der Vater stürmte mit einer Flut von Vorwürfen auf den ungeratenen Buben ein. Adam machte ein finsteres und verwundertes Gesicht und suchte so zu tun, als ginge ihn das Ganze nichts an oder als begriffe er es mindestens nicht. Endlich: »Aber das ist ja der reine Narrenturm! Da muß ich ja gehn ...« »Da bleibst und hörst zu, Raubersbua!« herrschte ihn Franz Mayer an. »Na – wenn's dem Herrn Vater das Herz leichter macht!« Das kam unsäglich frech. Nur in den Augen war das gewisse Blinzeln, wie wenn Hunde den Stock über sich sehen und noch nicht wissen, ob sie beißen oder sich ducken sollen. Franz Mayer schalt weiter. Immer unsinniger, immer schmähender. In die Wangen des Adam kam ein fliegendes Rot, in seine Finger ein Zittern. Endlich: »Ihnen glaub' ich's, Frau Mutter, daß Sie sich harben. Ihm net!« Er deutete mit gespreizter Hand nach seinem Erzeuger. Der fuhr los und hob die Hand: »Haderlump, elendiger. Da könnt' man doch gleich ...« Der Adam wurde totenbleich. Er tastete auf dem Tisch, wo die Gedecke fürs Abendbrot lagen, und fingerte daran herum. Und mit halb offenem Mund und ganz leis' und mit heiserer Stimme: »Das möcht' ich dem Herrn Vater doch wieder net geraten haben. Der Herr Vater weiß, das hat mir gar nie gefallen. Net als Kleiner«, und Herr Franz Mayer taumelte zurück. »Und überhaupt – wegen einem Durchfall sollte man in dem Haus nicht so viel Gerede machen«, der Adam fühlte Oberwasser und sich ganz sicher. Das könne man doch hier schon gewöhnt sein. Da sei die Kathi – darüber schweige man aber. Und wenn man schon durchaus nicht anders wolle und einer muß durchaus etwas angestellt haben: – da sei wieder die Kathi; halt immer die berühmte Kathi! Kathi kreischte auf und flüchtete sich. »Willst deiner Schwester ihre Schand' ausschreien?« Nein. Das wolle er nicht. Aber man solle von ihm gütigst nicht mehr begehren als von anderen. Und man solle ihn abermals gütigst ungeschoren und seiner Wege gehen lassen. Er sei nicht anders wie halt die anderen, und er sehe gar nicht ein, warum er's denn sein solle? Und man solle sich seinethalben keine Gedanken machen. Er sei ja doch auch ein echter Wiener, han? »Und wie sagen S' denn alleweil, Vatter?« Er freut sich nun einmal aufs Militär. Er wolle dabeibleiben, und ein Zertifikatist habe ein sicheres Brot und seine ganz angenehme Stellung. Könne man anders so bequem kaiserlicher Beamter werden? Und ein kaiserlicher Beamter sei doch wer. Oder nicht? Der Sturm war vorüber. Man aß auch diesmal zur Nacht wie alle Tage. Nur die Kathi war heftiger Kopfschmerzen halber nicht dabei. Die Frau Mutter ließ jeden Bissen fallen, starrte gedankenlos auf ihren Teller, kratzte darauf herum, daß es durch Mark und Bein ging, und faltete immer wieder die Hände darüber. Und Herr Franz Mayer ging desto zeitiger fort, seinen Verdruß recht ausgiebig verschwemmen und begießen. Ja – ohne ein bissel Zerstreuung müßt' der Mensch doch rein vor Ärger ersticken. Adam aber paßte seine Gelegenheit für die Küche ab: »Na also – da segen S', nix ist's gewesen.« »No, ich mein' – Spektakel war akkurat genug. Und recht saubere Geschichterln hat man a gehört.« »Hast d' gehorcht?« Er fuhr auf. »War das Mal net nötig«, entgegnete sie sehr unbefangen. »Mir scheint – über'n Gang hat man's hören können.« »Macht nix. Warum reizen s' mich a so? Und mein' Alten hab' ich's gezeigt, und den Kopf abgerissen hat er mir halt doch net. Wär' auch schad' darum. Gelt, Mariedel! Und die drei Jahr' werden herumgeh'n wie nix, und alle Sonntag, wo man kann, gehen wir tanzen oder sonstwohin, wo's fesch und laut ist, und das öde Versteckenspielen hat ein End' – was, Mariedel?« »Ich wär' schon dabei. Aber ich mein', mit der andern Mariedel wird sich's spießen; wo wollen S' das Geld hernehmen, Herr Adam?« Er lachte: »Wär' gar aus! Einmal hast du eins und kriegst's schon zurück mit gute Zinsen. Und nachher – wann sie sich noch so sehr giften – meinst, sie lassen den einzigen Sohn drei Jahre bei die Kaiserlichen dunsten und Kommißbrot fressen mit nix dazu als Auflag'? Die werden schon schwitzen. Das gibt's net, hat's net g'geben, seit die Welt steht, ewig net, du Tschapperl du!« »Und werden S' Ihnen denn auch um mich umschau'n?« »Bei meiner Seel', ich kann mir's gar net denken, daß ich wen andern so gernhaben könnt'.« Seine Nüstern öffneten sich gierig; er beschnupperte sie förmlich, und es zuckte ihm gichtig durch die Glieder. »Du hast mir's halt antan. Ich weiß net wieso. Aber antan hast mir's einmal und das wird alleweil ärger, und ich mein', es gibt gar kein so richtiges Frauenzimmer für mich mehr auf der Welt, wie du eine bist. Rein heiraten könnt' ich dich.« »Dös wird schier net geh'n, Herr Adam.« »Kann man niemals net wissen. Aber mach' mich net eifern, Mariedel. Oder es könnt' was gescheh'n – Gottigkeit, und. nix Gutes net ...« Zweites Kapitel Xaver Navratil geht zur Freite Es war viel stiller im Hause geworden, nachdem der Adam eingerückt war. Dabei ging es ihm nicht einmal schlecht beim Militär. Denn zu Anfang fühlte er sich sehr gebunden und benahm sich also vorsichtig. Auch erkannte er sofort, daß es hier mit eigenem Willen und Aufbegehren nicht ging, wenn man's erträglich haben wollte, und nach Anstelligkeit und Verstandeskräften überragte er immerhin den Durchschnitt seiner Kameraden. Franz Mayer begann wieder stolz auf seinen Jungen zu werden, der es so rasch zum Gefreiten und zum Korporal gebracht. Das äußerte sich natürlich in einer großen Ruhmredigkeit. Er war halt doch ein eiserner Kerl, neben dem es aber schon gar nix gab, der Adam. Dabei sah er in den ersten Monaten infolge der ungewohnten körperlichen Anstrengung natürlich schlecht aus. Das rief das allgemeine Mitleiden mit dem »armen Burschen« wach. Man mußte was daranwenden, ihn bei Kräften zu erhalten. Sonst konnte man doch nicht wissen, ob er sich nicht einen Schaden für sein ganzes Leben zuzog. Und so wetteiferte alles, ihn zu hegen und ihn mit Geld zu versehen, und Herr Franz Mayer hatte einen neuen, schier unerschöpflichen Gesprächsstoff: wie glänzend sich sein Bub bei den Kaiserlichen verhalte; was sein Leutnant und gar erst sein Hauptmann über ihn gesagt; nur freilich auch – was er koste! Denn der Adam habe zuviel Gemüt, und es sei schlimm genug, daß er so lang von zu Hause und den Seinigen fort sein müsse. Da dürfe man halt nicht sparen. Und seine Kameraden sollten doch auch merken, daß die Leute des Adam wer seien und was darauf gehen lassen könnten. Vorwärts kommt in der Welt doch nur, wer was spendieren kann und was gleichsieht. Nun – und daran sollte es dem Adam nicht fehlen, ewig nicht! So wurde das ganze Haus gebrandschatzt für diesen einen. Ihm benagte kaum minder wie dem jungen Kuckuck die Pflege verblendeter Grasmücken, und er machte sich nicht mehr Gedanken, ob diese Opfer nicht über die Kräfte der Seinigen gingen, wie ein rechter Gauch, der auch nur den Schnabel aufsperrt und um sein Futter schreit. Herr Franz Mayer hatte übrigens wieder Gelegenheit, anderen die Zukunftsaussichten seines Sohnes im rosigsten Lichte darzustellen und ganz glückselig zu sein, wenn er sich wieder einmal mit ihm in einem der gewohnten Lokale zeigen konnte. Halt – in der Uniform habe so ein sauberer Bursch erst sein richtiges Gesicht! Ob es noch so einen gäbe in der ganzen Wienerstadt? Eisen! Und wenn man nur reden dürfte, was man leider niemals net darf! Da gäb' es Sacherln zu erzählen! Sacherln, sag' ich Ihnen! Was da für Brieferln kommen und wer sich ihn alles bestellt! Er wurde sogar seinen Freunden damit überlästig, unter denen man sonst Langmut übte, wie ihrer bedurfte. Sie zuckten die Achseln über ihn. »Wird halt a alt und kindisch und trinkt zuviel, der gute Mayer! Laßt's ihm die Freud'!« Peter Gröger aber kam nach wie vor. Nur natürlich seltener. Herr Franz Mayer hatte sich nämlich vorgenommen, ihn persönlich zu expedieren. Er freute sich ordentlich darauf, jemandem zu zeigen, wie er denn doch von ihm abhänge. Dieses aber wurde wiederum von einem Tag auf den anderen geschoben. Denn es mußte mit Nachdruck geschehen, so daß der Bursche einen ordentlichen Merks und seine Lektion bekäme. Dazu wollte sich die Gelegenheit nun nicht finden. Und so kam der Rechtsbeflissene denn mit seiner unschuldigsten Miene weiter, als sei gar nichts geschehen und als hätt' er nicht durch Fahrlässigkeit oder Unfähigkeit die schönsten Erwartungen eines um die Zukunft der Seinigen ehrlich besorgten Familienoberhauptes sträflich geprellt. Eine solche Gelegenheit, sich in seiner ganzen Glorie zu zeigen, alle Künste seiner Beredsamkeit zu entfalten, den Sünder mit ehrlichem Zorn und mit einer Flut von »Wissen S'?« und »Verstengen S'?« zu überschütteln und in ihr zu ertränken, die kam doch so bald nicht wieder und mußte mit Bedacht heraufgeführt und gründlich ausgekostet und genossen sein. Schickte sich aber schon alles, dann fühlte sich Herr Mayer verkatert und also nicht recht bei Laune und Hieb. Schädelweh lähmt einen Demosthenes an der Entfaltung seiner Gaben. Oder, es war die Linnerl zugegen, der er nicht weh tun wollte, nachdem sie an dem albernen Burschen nun einmal einen solchen Narren gefressen hatte. Oder wie bei ihm nur natürlich: er vergaß wieder einmal daran, weil ein Mann, der so vielerlei im Kopf hat, unmöglich immer an alles denken kann. Und so verrauchte der erste Zorn, und Herr Mayer fühlte, wie widersinnig es gewesen wäre, Wochen nach der Katastrophe mit einer verspäteten Entrüstung die Wachtparade zu beziehen. Und so blieb Peter Gröger, besonders nachdem er den zarten Wink nicht verstanden hatte, daß man vergaß, wie ihm zu kündigen, so ihm das Stundengeld zu zahlen, und lernte mit der Linnerl weiter, obzwar die nun auch nicht mehr zur Schule ging und Herr Mayer mehr denn je überzeugt war, es komme bei der ganzen Lernerei nichts Vernünftiges heraus. Rein für die Katz' ist sie. Höchstens verdreht wird so ein Mädel davon. Übrigens – wenn's nix kostet! Das war doch wieder im Grunde hübsch von dem Burschen und bewies, daß er die Ehre zu schätzen wußte, bei ihnen zu verkehren. Und wenn sie's nun durchaus so haben wollte! Woher sie nur den Gusto hatte? Die Linnerl war halt noch sehr kindisch. Da freut einen manches, wovon ein erwachsener Mensch gar nichts versteht, wie man was dabei finden kann. Das gibt sich schon, wenn man zu seinem Verstande kommt. Eine Gelehrte würde sie ja doch nicht werden. In der Familie lag derlei nicht, und so grausam spielt die Natur nun doch nicht. Im übrigen war der Gröger wiederum soweit ganz gut zum leiden. Er hielt sich bescheiden, und wenn man ein Gesicht einmal gewöhnt ist, nun, so ist man's gewöhnt und vermißt es halt hernach nicht mehr gern. Dies ist ein Wiener Naturgesetz. Es erklärt manches, was anders nicht gut zu verstehen wäre. Das mächtigste Recht – es zu kodifizieren, ist noch niemandem geglückt – ist hier das der Gewohnheit. Wer dagegen verstößt, ist ein Störenfried, ein Hetzer, ein Unzufriedener, der halt alles besser versteht; wer sich damit zu stellen oder es gar zu nutzen versteht, der ist ein lieber Kerl. Auch zwischen der Rosi und ihrem Xaver hatten sich mit der Zeit so allerhand Gewohnheitsrechte herausgewachsen. In allen Ehren natürlich. Man traf sich zu immer längeren Zwiegesprächen. Und weil man dabei ein ausgesprochenes und eigentlich schwer zu glaubendes Glück hatte und gar nie erwischt ward, so wurde man immer sicherer und vertraulicher. Mit ihm auszugehen, ehe sie in aller Form und vor einem gültigen Zeugen versprochen wären, dazu ließ sich die Rosi durchaus nicht bewegen. Sie wußte auch, was sich gehörte. Derlei schickte sich für eine Magd oder vielleicht noch für ein Mädel, das gar keinen Anhang in der Stadt hat, aber ganz und gar nicht für eine Hausherrntochter, wie sie es war. Dennoch mußte sie den Geliebten immer zurückhalten, wenn er sich zum Gang zu ihren Eltern rüsten wollte und beteuerte, er fürchte sich durchaus nicht. Denn er habe die ehrlichsten Absichten und fressen könne man ihn dafür nicht. Ihr bangte um die Fortdauer ihres Glückes, das sie verstohlen genug und dennoch ganz, so recht eigentlich zwischen Tür und Angel genoß. Denn zur Heldin war die Rosi nicht geboren. Mit jedem Tag ließ sich das Verhältnis allerdings schwerer erhalten. Denn die Ungeduld des Navratil wuchs und nahm immer begehrlichere Formen an. Da war es nicht leicht, ihn immer innerhalb der gebührenden Schranken zu erhalten, und es war nur ein Glück, daß man nie und nirgends gänzlich allein und unbeobachtet sich finden konnte. Er erzählte so gern von der Einrichtung, an der er nun schon für sie beide arbeite. Da sollte kein Stück nur so liederlich fourniert sein. Alles Massiv-Nuß und -Eichen, Rosi! Er wußte am besten, wie sich die Leute anschmierten, die solches Zeug kauften. Das macht man für die, die's nicht besser verstehen oder wollen und denen jeder Schmarrn recht ist, wenn er nur in die Augen sticht. Für sich selber weiß man sich's besser. Da sucht man sich schon sein gut Stück Werkholz aus, an dem kein Fehler sein darf und das seine Zeit gelegen ist und das man mit eitel guten Gedanken und Hoffnungen in Angriff nimmt. Je mehr und unverhohlener sich ihr aber so die ganze Treue und Bravheit des Burschen offenbarte, dem ganz und für immer anzugehören sie immer sehnlicher wünschte, desto unerträglicher dünkte sie dieses frostige, wortlose, feindselige Leben bei sich zu Hause. Sie verlangte nach seinem Ende als nach ihrer Erlösung. Es wäre nahe genug gewesen. Denn selbst die Bedingungen, zu denen ihm seine Meisterin das Geschäft übergeben wollte, die billig genug waren, daß man bestehen und vorwärtskommen konnte bei vernünftiger Wirtschaft, hatte der Navratil bereits erkundigt. Seitdem ihr auch diese letzte Hoffnung auf eine Vermählung fehlgeschlagen war, freute die Witwe das Geschäft nicht mehr. Weil er aber von seinem Wert keinen geringen Begriff hatte, den sie natürlich teilte, so fand sie jene Hindernisse immer verwünschter und unsinniger, die sich aller Voraussicht nach ihnen entgegenstellen mußten. Sie konnte im Nachdenken darüber in ein prüfendes Grübeln geraten, das ihr gar nicht schlecht stand, aber doch wieder nicht so ganz zu ihrem frischen und arbeitsfrohen Wesen paßte. Wie eine Beleidigung des Geliebten mußte es ihr erscheinen, ihm die Gründe mitzuteilen, aus denen sie einen ungünstigen Ausgang seiner Freite erwarten mußte. Und dennoch war es notwendig, ihn hinzuhalten. Bis ihm die Geduld riß. Es scheine ihm, sie habe ihn für einen Narren; dafür aber sei er sich immer noch zu gut. Da konnte die Rosi nichts mehr tun und mußte dem Verhängnis, allerdings mit bösen Ahnungen und schwerem Herzen, seinen Lauf lassen. Xaver Navratil putzte sich für diesen Gang überaus stattlich heraus. Er nahm natürlich sein schwarzes Sonntagsgewand, dazu die goldene Uhr mit schwerer Kette, die er eigentlich erst hatte tragen wollen, wenn er Meister geworden war. Für dieses eine Mal mochte die Ausnahme gestattet sein. Man sollte doch sehen, daß er etwas hatte und an sich spendieren konnte. Einen Blumenstrauß von ziemlichem Umfang er – mußte doch etwas gleich sehen – und tadelloser Schönheit hatte er gleichfalls besorgt. Hernach mußte ihn der Lehrjunge bürsten, bis an seinem Staate nicht das kleinste Fäserchen mehr war, und die Meisterin überprüfte in sauersüßer Andacht den Gesamteindruck. Er konnte sich sehen lassen – auch die Rosi fand das, die über den Hof nach ihm Auslug hielt. Die Unterredung, die er, also angetan, mit Herrn Franz Mayer hatte, währte nur kurz – entschieden kürzer als die Vorbereitungen dazu. Navratil stellte sich vor und nannte seinen Namen. Und Herr Mayer verwunderte sich und bat um Wiederholung. Dann: »Entschuldigen Sie schon! Aber Sie sind gewiß kein Hiesiger!« Nein! Er sei ein gebürtiger Wiener. »Net möglich!« verwunderte sich Herr Mayer. Und dennoch sei es so. Er habe hier sein Handwerk gelernt und sei immer dagewesen, die Zeit ausgenommen, da er gedient habe. »Also Soldat sein S' gewesen? Welche Charge denn, wenn man fragen darf?« »Ich bin als Korporal verabschiedet.« »Schau, schau«, machte Herr Mayer. »Und Sie sind wirklich ein Wiener?« »Wirklich und wahrhaftig. Ich kann mich übrigens ausweisen.« Herr Mayer schüttelte das Haupt. Sein Gast solle nicht böse sein. Aber einen solchen Namen habe man dahier noch nicht erhört. Er wiederholte ihn: »Xaver Navratil«, als wolle er sich an seine Möglichkeit gewöhnen. Und hernach: »Also, was verschafft mir die Ehr'? Oder ist man Ihnen was schuldig blieben?« »Nein. Und wenn man mahnen wolle, so käme man doch nicht so...« Herr Mayer tat, als bemerke er nun erst den Anzug seines Besuchers. »Ist schon richtig, Herr Navratil, fein ang'legt haben S' Ihnen. Aber möchten S' den Buschen net wohin stellen? Haben S' nachher noch einen angenehmen Gang vor?« Denn tatsächlich stand der Geselle, den Strauß in der Linken, recht sehr ungeschickt und verlegen da. Für wen denn die Blumen bestimmt wären? Sie seien so schön. Die möcht' er bitten, der Fräulein Rosi übergeben zu dürfen. »Nein! Nein! Der Rosi?« dehnte Herr Mayer. Die werde sich gewiß nicht schlecht freuen über eine solche Aufmerksamkeit. Er werde sie schon irgendwie davon verständigen. Wenn man halt nur wüßte, wie das Mädel zu einer solchen Ehre käme oder wie man sie vergelten dürfe. Navratil preßte die freie Rechte ans Herz. In den Handschuhen, die abzustreifen er sich nicht traute, sah seine Hand gar ungeschlacht und abgearbeitet aus. Das verschönerte ihn durchaus nicht, erhöhte eher das Drollige seines Auftretens. Er habe eben das Fräulein Rosi sehr gerne. Und er glaube, ihr auch nicht gleichgültig zu sein. Das sei ja sehr erfreulich und eine große Ehre. Ja, und er möchte als ein ehrlicher und aufrichtiger Mann um die Hand von Fräulein Rosi gebeten haben. Herr Mayer geriet in ein tiefes und anhaltendes Nachdenken, aus dem ihn der andere nicht aufzustören wagte. Endlich: »Da sieht man's! No ja! No ja, freilich. So kommen einem die Kinder in die Jahr' und fremde Leut' merken's früher, als wie die eigenen und leiblichen Eltern! No halt ja. Alt genug wär' das Mädel schon«, meinte er sehr trübselig. Ob er also hoffen dürfe? Er verdiene genug, um einen bescheidenen Hausstand begründen zu können. Ja – da werde man allerhand überlegen und mit dem Mädchen besprechen müssen. Fräulein Rosi sei mit seiner Werbung durchaus einverstanden. »So eine Heimliche«, scherzte Herr Mayer wohlwollend. »Und uns hat sie kein Wörterl gesagt! Gelt, Alte? Aber entschuldigen Sie, Herr Navratil, ich hab' noch eins fragen wollen, sind Sie schon selbständig?« Nein. Aber er könne es jeden Augenblick werden und ein ganz gutes Geschäft übernehmen. Eigentlich fehlte ihm nur die Meisterin. Da könnte man ja vielleicht warten und sich's überlegen bis dahin? Auch damit war der Navratil einverstanden. Nur möchte er alsdann bitten, ihn in aller Form als Verlobten anzuerkennen. »Haben Sie's aber hitzig«, meinte Herr Mayer wohlwollend. Ja, er kenne und liebe das Fräulein Rosel nun schon sehr lang. »So, so. Und das Madel schweigt rein wie der Tod! Was sie alles anstellen, wann s' verliebt sein! Ja – dös geht aber doch net so geschwind.« Wer denn seine Leute seien? Damit man sich erkundigen könne. Und ob er nicht am End' ein Sozialist sei? Der bekäme sie nie! Denn er werde begreifen, daß man etwas auf sich halten müsse. Und man möchte doch wissen – versteh'n S', Herr Navratil! – in was für eine Familie die Tochter da hineinheiraten solle. Xaver Navratil wurde verlegen. Sozialist sei er nicht. Aber Auskunft über ihn könne niemand erteilen. Er habe keine Eltern mehr. Aber doch gewiß einen Vetter oder einen Onkel oder sonst wen Gefreundeten? Nein. Er wisse von niemandem. Das sei rein unmöglich! Oder ob es in dieser merkwürdigen Familie immer nur einzige Kinder gegeben habe? Der Freier fühlte sich in die Enge getrieben. Er gestand, er sei darüber nicht unterrichtet. Er sei magistratisches Kostkind. »Han ... So ...«, machte Herr Mayer unendlich gedehnt und versank wieder in sein unheimliches Brüten. Er rieb sehr emsig die Hände ineinander, und der Navratil fühlte: alle seine Hoffnungen wurden dazwischen zerrieben. Navratil geduldete sich ein gutes Weilchen. Endlich fragte er sehr verschüchtert, was er wohl hoffen dürfe? »Han ...« Man ahnt gar nicht, was für eine Länge drei Buchstaben haben können. Navratil erhob sich: »Also, Herr von Mayer?« »Also« – Herr Mayer brach los. »Da haben S' Ihner Grünzeug. Und sein S' froh, wenn ich's Ihnen net zum Fenster hinauswirf.« »Ja – warum denn?« »Er fragt a gar noch. So eine Frechheit. Navratil heißt er und überdem noch Xaver, wie sonst gewiß kein Christenmensch. A Tischlergesell' is er und a Kostkind. Und a Mayerische Tochter möcht' er. Kan' schlechten Gusto hätten S' net!« Sein ganzer Hochmut brach auf. Aber man solle doch vielleicht die Fräulein Rosi fragen. Er könne doch nichts für seine Eltern. Und er sei gewiß ein ordentlicher Mensch. Ist schon gut! Das könne ein jeder sagen. Ein ordentlicher Mensch bandelt nicht hinterm Rücken von die Eltern mit einem Madel an, das überdem noch so dumm ist, daß es alles glaubt. Und dös gibt's net, ewig net. Und das Mädel habe das Maul zu halten. Anders wär's gar aus! Und man werde eben in Zukunft besser aufpassen. »Hörst d', Alte? Daß du mir s' net aus den Augen laßt! und behüt' Ihnen Gott und beehren Sie wem anderen, Herr von Navratil.« »Es war wohl net das Richtige«, sagte die Mutter hernach zur weinenden Rosi. »Er ist's! Er ist's!« schluchzte das Mädchen, »und ich stirb ohne ihn.« »Es stirbt sich leider Gottes net so geschwind.« Das war so merkwürdig hart und kam so trostlos. »Und der Vater leidet's halt net.« »Mutterl! Bitten S' ihn für mich.« »Es nutzt nix. Und den Mann bitt' ich um nix nie mehr.« Am Abend trafen sich die beiden für ein Weilchen. Xaver Navratil war sehr gekränkt, und es kostete keine geringe Mühe, ihn nur einigermaßen zu besänftigen. »Ich hab's gewußt. Ich hab' dich immer gehalten. Sie leiden's net«, jammerte sie. »Ja – und was bleibt mir nun über? Ich geh' in die weite Welt.« »Dös tu' mir net an. Dös net«, bat die Rosi. Ob er vielleicht zusehen solle, wie man sie einem andern verkuppelt? »Ich nimm kein' andern. Ich wart', bis ich steinalt und kleinwunzig werd'. Gewiß und bei meiner armen Seel', Xaverl.« Ja – und das Herumziehen habe doch gewiß keinen Zweck. Und er halte es nicht mehr länger aus. »Denn wenn man eins so recht lieb hat, weißt, Rosi ...« »Und der Vater werde sicherlich niemals nachgeben.« Sie schrie beinahe und warf sich dem Gesellen an den Hals. Er hielt sie eng an sich. Immer enger: »Da müßt' man einen Tatbestand schaffen, Rosi«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Ein Tatbestand?« Sie begriff nicht gleich. Ihm gefiel das Wort überaus. »Ein' Tatbestand, weißt«, erläuterte er, »halt – ein' Tatbestand, daß sie net mehr nein sagen können.« Sie wurde glührot und verhielt ihm den Mund. »Ein' Tatbestand, weißt.« Das kam so sehr schwül, daß sie die Augen schloß und ganz schwach hauchte: »Dös tu' ich net.« »Rosi!« Sie schüttelte den Kopf. Aber durch die geschlossenen Lider hindurch meinte sie zu fühlen, wie sie der Blick des Navratil senge und verzehre, ohne daß sie sich wehren konnte. »Ich bin gar nie allein«, flüsterte sie. »Rosi – ein Tatbestand. Sonst nutzt uns nix.« Sie blieb an ihn gelehnt. Ganz willenlos und vergessen. »Wenn aber was geschieht, Xaver!« »Wär' recht. Nachher können s' net mehr darein reden.« Mit einer sehr weichen Bewegung, schmeichelnd wie ein Kätzchen, fuhr sie ihm übers Gesicht. Sie hob die Augen und nickte sehr verschämt. Und dann: »Sie werden bald auf ein Heurigen geh'n. Und wenn s' auf ein Heurigen geh'n, so tu' ich net mit. Und net wahr, Xaverl, und du schwörst mir's: Du wirst net vergessen, wie deine Mutter gestorben ist ...« Drittes Kapitel Heuriger und allerhand Wirkungen davon Ein solcher Tag gab Frau Kathi Mayer immer viel zu schaffen. Denn da mußte alles besorgt sein, damit man es reichlich und dennoch nicht zu teuer hergehen lassen könne. Sehr umfängliche Unterweisungen, ein förmliches Reglement für die Marie, die neuerdings nicht nur frech, wie schon lange, sondern auch vergeßlich war. Einkäufe. Und diesmal gar keine Hilfe. Denn die Kosi klagte so sehr viel über Kopfweh. Sie sah auch wahrhaftig schlecht und abgehärmt genug aus, das arme Mädel! Zu gar nichts hatte sie mehr eine Freude. Es war wirklich am besten, man ließ sie ganz für sich und ihren Kummer. Es war ein sehr stiller Sonntag zu Ende Oktober. Der große Hof des Mayerhauses war leer und einsam. Die Sonne stieg die grauen Mauern nieder, sachte, Schrittchen für Schrittchen, wie in einen Brunnenschacht. Wenn die auf dem unregelmäßigen Pflaster aufglomm, das man trotz aller Bitten und Beschwerden der Parteien zum großen Ergötzen des Hausschusters nicht ausbessern konnte, einmal weil es seit jeher so war, alsdann weil man das Geld dafür nicht auftreiben konnte, dann wußte die Rosi, daß ihre Leute am Ziele seien. So zögernd erschien hier das Licht und entschwand so rasch wieder. Unmittelbar nach Tisch war man aufgebrochen. Herr Gröger war mit von der Partie. Denn ganz allein mit den Seinigen vergnügte sich Herr Franz Mayer nicht gerne. Das war allzu fad. Er brauchte und liebte Zeugen seiner Taten. Die Mutter küßte die Rosi noch sehr herzlich. Alsdann machte man fort. Die Marie rumorte noch ein wenig in der Küche. Dann wurde es ganz still in der Wohnung. Die Rosi setzte sich müßig ins Fenster und wurde manchmal ganz aus sich glührot. Einmal ging da unten der Navratil vorbei. Er neigte den Kopf, und sie lächelte ein heimliches Lächeln und schloß die Jalousien. Inzwischen traten ihre Leute ihre Weinpilgerschaft an. Der Stellwagen, dem sie sich anvertraut, humpelte, überfüllt, mühsam und bedächtig die hügeligen Straßen hinan. Oftmals hielt er. »Mir gibt's dabei immer ein Bremsler«, meinte Herr Mayer. »Vielleicht heißt's dessentwegen: bremsen. Aber so eine Fahrerei is net das richtige. Da gehöret sich ein fesches Zeugel, mit zwei Jucker vorn. Wie wir's einmal gehabt haben – weißt d' noch, Alte?« Endstation. Aller Füße waren eingeschlafen, und es gab etwas zu lachen über mühseliges Gehumpel. Ein schöner Baumgang. Schon war das Laubwerk gänzlich verbrannt. Aber noch hielt eine eigensinnige Kastanie an ihrer häßlichen, braunroten Perücke mit einer zähen Beharrlichkeit fest. Zahlreiche Fußgänger gingen des gleichen Weges. Flinke Fiaker schossen an ihnen vorüber; einer – ein sehr eleganter, nur nicht mehr junger Herr saß darinnen – hielt sich, wie dem Gröger erscheinen wollte, immer dicht hinter den Mayerischen. Vom Kahlenberg her fauchte manchmal ein munterer und spiellustiger Wind. Sonst aber schien eine helle Sonne, günstig der Spätlese, und man empfand die Kühlung ganz angenehm. Ein Hügel mit steilen, sandigen Abstürzen, die im Licht ganz golden erglänzten, blieb zu ihrer Linken. Die Straße hob sich noch einmal. Man kam in eine richtige Dorfgasse: um eine Kirche mit nadelspitzen Türmchen sehr niedrige Häuser mit grüngestrichenen mächtigen Toren. Dahinter gedehnte Höfe, Bänke, um einen alten Nußbaum gereiht. Da und dort winkte schon der verheißende Tannenbuschen, und seine dürren Nadeln knisterten. Herr Franz Mayer hatte seine Arme zwischen die beiden Kathis geschoben. Er schritt dahin, ganz Glück und Stolz und Familienoberhaupt. Der Hut saß ihm schief, und die Taschen seines Oberrockes waren merkwürdig gebauscht vor allerhand Kram und Naschwerk, das er da und dort erstanden hatte. Ein Schimmer jener Liebenswürdigkeit, des anmutigen Leichtsinns, den er in jungen Jahren besessen haben mußte, brach wieder vor. Einer Laune nachgebend, nahm Peter Gröger die Linnerl unter den Arm. Ein leises Zusammenzucken des Mädchens, das ihn eigen berührte. Es war, als begegneten sich da zwei Wellen und flössen ineinander. Der Weg hob sich noch einmal. Peter Gröger blieb stehen und sah nach rückwärts. Und so entstand ein kleiner Zwischenraum zwischen ihm, seiner Begleiterin und zwischen den Voranschreitenden. Man sah von hier aus die ganze Stadt. In ihren Grund lag sie geschmiegt, ganz weich, wollüstig und hingegeben. Ein leiser, ahnender Dunst wob um sie. Er verbarg nichts. Wie ein Schleier war er nur, den ein Weib um sich und seine Schönheit geschlagen hat. Die Türme aber tauchten stolz ins Licht, das von einer unermeßlichen Klarheit war. Nur dem Lauf der Donau entlang sah man Nebel. Die stiegen weißlich aus den Auen und behaupteten sich ein Weilchen, ehe sie zerflossen. Auf roten Ziegeldächern glomm es, übersilberte grauen Schiefer. Das brachte einen kräftigen Ton in das viele Gelblich und Weiß der unzähligen Häuser. Und die Spitzsäule von St. Stephan schwang sich beherrschend und nadelscharf in das Firmament. Allen Höhen aber drängten sich die Häuser zu. Es war wie eine übervolle Schale, aus der es träuft und quillt. Die Weinberge, deren volles und rotes Laub so fröhlich und verheißend glühte, zogen sich vor dem Ansturm der Stadt zurück, immer höher. Schon waren mitten zwischen sie blanke Villen eingesprengt. Zwischen ihnen waren sanfte Wege. Darauf eine zahlreiche Menschenmenge durcheinanderwimmelnd, wohlgeputzt, in festlicher Stimmung, ohne alle Roheit, wie von geheimen Gewalten oder aus einer dunklen Verabredung einem Ziel entgegengeschoben. Es war wie ein Festzug. Wie eine allgemeine Wanderschaft nach dem Genusse. Und eine feuchte Herbigkeit, prickelnd und aufreizend für jeden Sinn, war in der Luft, und der Kahlenberg stand schwarz und ernsthaft da, während die vielen Baulichkeiten darauf im abendlichen Lichte erglänzten. Schon begannen sich die Himmel zu färben. Graue Wolken, so dünn, daß das schöne Blau nur wie mit einer Dämpfung überhangen schien. Viel Rot, zerstreut und flockig vom Widerglanz des sinkenden Tages. Geheime Gluten, die gegeneinander begehrlich züngelten. Peter Gröger atmete tief und ihm war, als dränge eine neue Luft in seine Lungen und eine erhöhte Freudigkeit zum Leben erfasse ihn und wollte ihn übermeistern – durchaus und mächtig. Zum erstenmal kam ihm die eigentümliche Schönheit dieser Stadt, die trotz Murren, Klagen und Enttäuschungen jeden festhält, der sie einmal mit Sinnen begriffen hat, ins tiefste Bewußtsein. Etwas so ganz Weibliches war an ihr. Etwas also, das man begehren, gewinnen, besitzen konnte. Etwas, das mit jeder Lockung reizte und demjenigen lohnte, der stark und besonnen genug war, sich's zu unterwerfen, sich daran zu erfreuen, ohne sich darein zu verlieren. Ein ungeahntes, ein unsägliches Gefühl von Kraft wuchs in ihm und erfüllte ihn ganz. Es schwoll so mächtig in ihm, in seinen heimlichsten Gedanken, daß er der Linnerl vergaß, die da neben ihm stand, ihn endlich am Ärmel zupfte: »Was gucken S' denn so, Herr Gröger?« und ihn mit leuchtenden, schelmischen Kinderaugen ansah. Ja – und die gehörte wohl auch dazu! Ganz wie sie noch war, schmächtig und scheu. Er sprach kein Wort von Belang. Nur so neigte er sich zu ihr, daß sein Atem ihre reine Stirn berührte. »Also gehen wir weiter, Linnerl!« Die Worte klangen nach mehr, als in ihnen war. Und eilfertig und als hätten sie etwas zu verbergen, strebten sie den anderen nach ... Herr Franz Mayer hielt prüfend und sachkundig Umschau. Endlich betrat man ein Wirtshaus, vor dem zahlreiches Gefährt aller Gattung aufgestellt war. Er hatte die Befriedigung, daß sein Erscheinen mit der Kathi ein großes Aufsehen erregte. Man stieß einander an, man wisperte, man deutete auf das Mädchen. Allerdings: sie hatte sich fesch zusammengerichtet, und sie hatte ihren hübschesten Tag. Denn sie war nicht so ganz gleichgültig wie sonst. In ihren Augen lag eine bestimmte Erwartung. Herr Peter Gröger merkte das wohl. Man schmauste: allerhand Sachen, die den Durst reizen, die Kehle austrocknen. Der Wein kam. Er war vortrefflich – Herr Franz Mayer kostete, drückte die Augen ein, schnalzte vernehmlich. Säuerlich und ganz wie er sein soll, wie mit prickelnden Stacheln erfüllt. Der erste Schluck mochte befremden. Alsdann ging er einem immer besser und glatter ein. Die Kathi trank sehr vorsichtig; in kleinen Schlückchen, eben damit sie nur etwas Farbe bekam. Mit ihrem spitzen Zeigefinger zeichnete sie aus verschüttetem Wein verschlungene Buchstaben auf den Tisch und verwischte sie hastig, sowie ein Blick sie entziffern zu wollen schien. Es ging oder bereitete sich unbedingt etwas mit ihr vor. Die Stimmung begann zu schwellen. Immer dichter qualmte der Rauch durch den Raum. Die Petroleumlampe war entzündet worden. Sie schwankte unablässig in leisen Schwingungen, und die Lichter irrten über die grüngestrichenen Tische, und die Schatten verbanden sich zu wunderlichen und schwindeligen Tänzen. Schon schlug eine geübte, nur vom vielen Weingenuß heisere Stimme einen hellen Juchezer an. Die Kathi hatte Nüsse vor sich hingelegt. Sie schälte sie sehr sorgfältig, und immer, wenn sie einen genügenden Vorrat beisammen hatte, so schob sie's einem und dem anderen ihrer Tischgenossen zu. Sie selber nahm nichts davon: denn Nüsse machen heiser. Sie machte das allerliebst, mit spitzen Fingerchen, wies dabei die ganze Schönheit ihrer sehr gepflegten Hand, und es ließ ihr hausmütterlich und reizend. Die Heurigenmusik begann. Ein dünner Dreiklang von Instrumenten. Das zirpte, winselte, schrillte durcheinander. Und dennoch war eine unentrinnliche Lustigkeit darinnen, und jeder Takt ging unmittelbar ins Blut und ließ es entflammter kreisen. Beringte Hände schlugen kunstgerecht aneinander und unterstrichen mit raschen und kräftigen Schlägen die Weisen. Die Hüte wurden schiefer gerückt oder gar mit einem übermütigen Aufschrei durch die Luft geschwungen. Formen und Farben begannen ineinanderzurinnen. Der Küfer in blauer Schürze schob sich unwirsch, doch eilfertig durch die Bankreihen. Hier forderte man keine Kellnerhöflichkeit. Gläser klirrten, immer heftiger angestoßen. Über allem aber, rastlos und schwirrend, schwebte die Musik, dies alles verflocht sich mit ihr, eindringlich, schwül zu einem wilden Rhythmus. Herr Franz Mayer war rasch in eine weinselige Stimmung geraten. Er tat mit und tollte wie einer. Sogar seine Frau fühlte sich angeglüht vom allgemeinen Brand. Auch in ihr war doch Wiener Blut und regte sich mächtig. Die Gesellschaft wuchs. Bekanntschaften wurden gemacht, Bruderschaften gestiftet. Man drängte sich den Alten zu, weil man an die Kathi wollte. Alles huldigte ihr. Alte, die sich was gestatten durften, haschten ihre Hand und streichelten sie. Zu nah kam ihr doch selbst in dieser rauschten Gesellschaft keiner. Sie verstand die Abwehr und ihre Künste so gut wie die der Lockung, und das merkt jeder Mann und fühlt sich angezogen wie gebändigt. Sie blieb ganz ruhig dabei, nur bestrebt, sich nicht von ihrem Platze drängen zu lassen und ihre Ecke zu behaupten. Derlei erregte sie nicht mehr, die es nicht anders gewöhnt war. Von allenthalben ward ihr zugetrunken. Sie tat sittsam und vorsichtig Bescheid, ohne zimperlich zu tun und ohne Hoffart, spähte unablässig und unauffällig in einer bestimmten Richtung hin und neigte endlich wie in Dank oder leiser Bejahung das schöne Haupt. Unmittelbar danach erhob sie sich. Sie müsse etwas frische Luft schöpfen. Die Weinlaune stieg höher. Man machte Kunststücke, die unsicheren Händen nicht mehr geraten wollten. Das gab endloses Gelächter. Wetten wurden gewagt, und man merkte gar nicht, wie das Mädchen eine gute Weile ausblieb. Nur Peter Gröger, der sie mit einer gefaßten, doch schmerzlichen Erregung beobachtete, gewahrte, daß sie sich rückkehrend anders, stolzer als sonst in den Hüften wiegte, daß in ihrem Auge ein siegfrohes Licht und an ihr wie ein Lauschen und Lauern war. Ein Fiaker fuhr rasselnd fort. Sie lächelte sehr befriedigt in sich und schloß die Lider. Es war etwas Wichtiges geschehen. Mit dem Instinkt des Eifersüchtigen merkte das Peter Gröger. Er war an diesem Tage überhaupt von einer nachdenklichen Hellsichtigkeit, über die er selber erstaunte. Mit ganz anderen, schärferen Augen sah er in die Welt, und es kam über ihn gleich Erleuchtungen, die den Begnadeten auszeichnen und so sehr erfreuen, weil sie ihm Bürgschaft einer besonderen Sendung wie Gunst vor Gott sind. Er hatte sein Herz an dies schöne, hoffärtige Frauenzimmer gehängt. Keineswegs ohne Wunsch, aber ohne jede Erwartung auf Erfüllung – es sei denn die eines Wunders. Damit aber kann man bekanntlich keine sichere Rechnung tun. Und nun meinte er zu merken, wohin die sorgfältig verhüllten Spuren der Kathi wiesen. Das tat ihm weh; denn er war noch in jenen Jahren, da man von der Geliebten Reinheit fordert, selbst dann, wenn man sich keinerlei Hoffnung auf ihren Besitz macht, da es wie ein physischer Schmerz wirkt, sie sich als eines anderen Mannes eigen zu denken. Die Freude über den eigenen Scharfblick war aber größer als diese Betrübnis. Nun wußt' er etwas, wußte selbst mehr von ihr denn ihre allernächsten Angehörigen. Das Zwecklose des Gefühles, daß er so sehr verhohlen und so lange in sich genährt, wurde ihm klar, und damit war es denn auch für ihn abgetan. Er wurde ganz aufgeräumt. So, als wär' einem eine Last von der Seele genommen oder als wär' etwas eingetreten, davor man sich lang als vor dem schlimmsten Unheil gefürchtet und es beträfe einen gar nicht so hart, wie man besorgen mußte. Es kam wie ein erlösender Übermut in ihn. Sonst immer gesittet, ja ernsthaft, trieb er nun Possen, die selbst die Kathi zum Lachen zwangen, entdeckte ganz neue gesellige Talente in sich. Die Linnerl aber sah mit ihren guten, stillen reinen Kinderaugen zu. Dies alles gefiel ihr, riß sie mit, und dennoch war etwas darin, gegen das sich ihre Natur zur Wehr setzte. So wie gegen ein schlimmes Gift, das einen beschleichen will. Es war ein Widerstand, der immer schwächer wurde. Auch auf sie übte übrigens der Wein seine Wirkung. Er regte sie auf und bewältigte sie. Etwas so Verzerrtes war dennoch am Ganzen! In allen den Gesichtern, die sich für sie mehr und mehr zusammendrängten, als wollten sie in eines rinnen, denen ein häßlicher, wüster Zug gemeinsam war, um die ein schwüler Nebel dampfte, der allerhand Widerwärtiges bergen müsse. Wie eine schlimme Begierde, die sich nur nicht entladen konnte, schwelte es durch den Raum. Verhohlene Gluten, die nach allen Richtungen hin züngelten, zumeist der Kathi zu. Etwas Tierisches, das einen erschreckenden Widerhall weckte, war in jedem Juchschrei, in jedem Lachen und Grölen; im Aufstoßen der Gläser auf den Tisch ein wilder Takt. Und warum hatte man sie denn hergeführt? Warum riß dies alles so gewaltsam an ihr? Wohin wollt' es sie zerren? Sicher zu nichts Gutem. Angst und Erregung stritten in ihr. Ihr wurde ganz schwach: »Vatter – geh'n wir?« bat sie. Er fuhr zornig auf: »Just, wo's fesch wird?« »Vatter – mir ist net gut. Gar net gut ist mir ...« Die Mutter wandte sich. Ein Blick in das Gesichtchen der Kleinen, und sie strich ihr mit der Hand über die feuchte Stirn und erhob sich: »Geh'n mir, Franzl!« Er hatte gar keine Neigung dazu, murrte einiges, daß man doch nie eine richtige Freude haben könne, daß es ein Unsinn sei, sich mit Fratzen zu schleppen oder ihnen hernach in allem nachzugeben, fügte sich dennoch, und man ging. Voraus schritt Herr Mayer, der merkte, es sei an der Zeit zum Aufbruch gewesen, hoch an der Zeit, sowie er in die kühle Nacht trat und ihr Wehen empfand. Er torkelte ein weniges, als geschähe es so zum Spaß, war aber sonst sehr übermütig. Alle möglichen Musikinstrumente ahmte er mit einer verblüffenden Natürlichkeit nach. Immer wieder stach er seine Frau und die Kathi mit anzüglichen Redensarten an, daß sie nicht aus dem Kichern kamen. Das hielt, bis sie in den Baumgang traten, den sparsame Lichter eben nur erhellten. Auch in ihre Stimmung fielen seine Schatten. Man wurde ernsthaft, und die Frau erseufzte oftmals. Sie mußte der Rosi denken, die mit ihrem Herzenskummer so einsam zu Hause saß. Peter Gröger fühlte plötzlich, wie sich eine Hand auf seinen Arm legte. Es war in der Stille der Linnerl so bänglich geworden, daß sie nicht anders konnte, als sich an ihn lehnen. Selbst das Plappern des Vaters war verstummt. Nur ein jähes Rascheln in den Kronen der Bäume sprang manchmal schreckhaft auf. Sie fühlte das Bedürfnis der Gegenwart eines Stärkeren. Erst ließ es sich eben Gröger nur gefallen. Dann zog er sie näher an sich. Wieder, diesmal mit unzähligen Lichtern, tat sich der Anblick der Stadt vor ihnen auf. Wieder befiel er den Studenten mit einer eigenen Gewalt, mit einer Sehnsucht nach ihr. So nah wie möglich nahm er die Linnerl an sich, daß er ihr Herz pochen zu hören meinte. Sie folgte willenlos seinem Zuge. Und ungescheut, auch vor den Eltern, behielt er ihren Arm. Die Mutter runzelte ein wenig die Stirn. Aber das mochte Heurigenbrauch sein und also hingehen. Der Vater aber schmunzelte. Schau – schau – was sich der herausnahm. Das hätt' er dem Duckmauser nie zugetraut! Na ja – halt junge Leut', halt junge Leut'! Und dann schoß ihm ein Gedanke durch das weinschwere Hirn. Im Alter stimmte das doch völlig. Und wenn's was ward, so war es nicht das Schlimmste und man hatte doch viele Exempel ähnlicher Heiraten. Ganz gut und sehr vernünftig war es alsdann. Und er rieb sich die Hände, gluckste und kicherte unablässig in sich hinein, während sie heimfuhren. Ein kurzer Abschied mit sehr ausgiebigen Händedrücken vor dem Haustor, Beteuerungen, wie hübsch es gewesen sei und wie sehr man sich miteinander gefreut habe. Die Älteren gingen voraus. Ein Augenblickchen waren Gröger und die Linnerl allein. Er bog sich nach ihr. Sie wich bebend aus, knickste, und mit hellen, lachenden Augen, wippend von Gang wie eine Bachstelze und eitel Schelmerei um den frischen Mund, huschte sie ihm fort. Viertes Kapitel Herr Franz Mayer kommt zu einer Gesinnung »Wir haben sie verflucht und verstoßen«, beteuerte Herr Franz Mayer mit nichtminderer Würde als irgendein alter Römer. »Bringen S' mir noch ein Viertel, Jean«, und er trank andächtig. »Man sollt' gar net glauben«, fuhr er gestärkt und gesammelt fort, »was man vor lauter Sorgen und Kümmernis für ein' Durst kriegt.« »Und wie habt Ihr's denn gemacht?« erkundigte sich einer. »Halt akkurat so, wie sich's gehört«, erklärte Herr Mayer und wischte sich den Mund. »Ich hab' aber gehört«, bohrte sein Freund, »sie ist ganz hamlich fort und davon, die Kathi.« »Hätt' sie's vielleicht epper gar noch öffentlich tun sollen, han?« verwunderte sich Herr Mayer nicht ohne Grund. »Na, na. Gewiß net. Aber wie habt ihr s' nachher verfluchen und verstoßen können?« »Du bist aber heut net schlecht neugierig.« »No ja. Wo doch der ganze Grund von nix wie davon red't und wie prächtig daß es dein Madel hergeh'n laßt.« »Warum denn net, wenn sie's danach hat? Aber verflucht und verstoßen haben wir sie zwegen dem doch. Verflucht und verstoßen! Das wird net anders.« »Wer ist er denn?« »Halt a Baron ist er.« »Und hat er's Madel gern?« »Rein närrisch ist er mit ihr. Ich mein' schon. Wo die Seinige ein Drachen ist und au schiech, und er hat's nur genommen, weil sie so viel reich ist. Und sie ist alt und net gar gesund vor lauter innerlicher Giftigkeit. Und wann sie stirbt, so kann man net wissen, was geschieht.« Am Tisch war eine Pause. Dann ein leises Kichern. Herr Mayer sah sich bösartig um: »Da gibt's nix zum Lachen. So ist's, wie ich sag', und net ein Haarl anders«, und er schlug eindringlich auf den Tisch. »Ja, ja!« machte einer nachdenklich. »Was machst denn wie ein Esel?« krakeelte Herr Mayer. »Warst schon einmal bei ihr?« Herr Mayer schielte: »Wo werd' ich denn zu einer solchenen gehn? Eine Mayerische, und wird eine solchene! Und überdem: der Undank von dem Madel! Was meinst d', was sie uns gekostet hat im Konservatorium und sonst? An sich hat man's gespart, nur damit daß ihr nix abgehen tut. Und da hat man immer gemeint, man wird doch einmal ein' Dank davon haben. Anpumpst! Sie geht einem fort, und man hat nix von ihr, aber schon gar nix!« Dies schien Herrn Mayer am meisten zu kränken. »Hast d' wirklich nix von ihr?« Herr Mayer blinzelte verdächtig und beteuerte desto heftiger: »Wo möcht' ich was von ihr nehmen? Das wär' ja eine Sünd', so ein Geld auch nur anzurühren. Freilich – sie hat's wie eine Fürstin. Vier Zimmer hat's für sich allein, und ein Bad hat's, und zwei Dienstboten hat's. Und nix wie Teppiche hat's, und Lehrer kommen zu ihr.« »Woher weißt d' denn das alles?« forschte einer. »Das wird einem doch zugetragen. Und ich hab's ja fahren geseh'n.« »No – und was war?« »Ich mein', sie hat mich net erkannt. Oder, sie hat sich net getraut. Denn wenn sie sich's getraut hätte und ein Wörtel spricht zu mir – ein Unglück wär' gescheh'n. Ich versteh' kein' Spaß net, wenn's um die Honettität geht. Und wie wir sie verflucht and verstoßen haben, so hab' ich gesagt: Madeln, hab' ich gesagt, der schlag' ich die Füß' ab, die noch einmal ein Schritt zu ihr geht ...« »So hast du geredet? Mayer – lug' net!« »Laßt's mi reden. Der Adam ist ein Mann, hab' ich gesagt. Dem schadt's nix. Der muß selber wissen, was er zu tun hat und was sich für den Adam Mayer gehört. Da dafür hat man ihn doch so erzogen, daß sie jetzt sogar beim Militär Staat mit ihm machen. Aber ihr seid Mädeln, und ihr braucht kein solches Exempel net vor euch, und ihr habt's bei einer Solchenen nix zu suchen, und ich leid's amal net. Jean – noch ein Viertel!« Und er trank, höchst zufrieden mit sich. »Und wo hat's ihn denn kennengelernt den Baron?« »Er ist ihr halt nachgestiegen. Wer weiß, wie lang und bei jedem Weg. No ja, eine Gouvernante, die alleweil aufpaßt, tragt's uns net. Und Brieferln hat er ihr geschrieben und alles mögliche versprochen, No ja. Wenn a Madel so schön ist und so a Benehmen hat – dös is a Kreuz!« »Und was sagt denn dei' Alte?« »Könnt's euch denken. Ganz außer sich ist sie und's ist gar kein Fried' mehr im Haus. Aber schon gar keiner!« Die Zechgenossen stießen sich heimlich an. »Gespürst du's a, Franzl?« Er kicherte sehr selbstzufrieden: »Na – net gar arg. Man muß sich's halt nur einzurichten wissen – versteht's?« Eine große Pause. Er schlürfte und kam hernach ins gerührte Schlucken. Das zu dämpfen, trank er wieder. Dann hub er an: »Tausender g'längen net, was uns just dös Madel gekostet hat. Tausender net! Immer hat man auf sie geschaut. Kein' Handgriff hat's net tun dürfen, damit sie sich net epper weh tut und es geschieht ihr was an ihrer Schönheit. Alles hat sich gerackert für sie.« Er holte Atem. »Gar niemals hat man eine Hilf von ihr gehabt, wo doch sonst ein jedes zugreifen muß auf der Welt und sich nützlich machen. Und man soll niemals einen Dank von ihr haben, wo doch die Zeiten immer mühseliger werden und das Verdienen schlechter. Denn wenn sie schon wollte – meint's, die Alte möcht's leiden?« Er sah sich mit den geröteten Augen um. »Dös ist aber nur, weil gar keine Religiosität mehr auf derer Welt ist. Keins ist mehr zufrieden, wie's es hat. Und wie ordentliche Bürgersleut' leben will niemand mehr, statt daß man sich denkt: der liebe Gott hat mir's a so bestimmt, und er sollt' am End' wissen, was mir zusteht. A so is das. Und anders wird's leider Gottes net mehr. Merkt's euch – ich hab's gesagt, der Franz Mayer. Und was der sagt, gilt – ewig und heilig! Wirtshaus – zahlen!« Er warf eine größere Banknote hin, zerknüllte den Rest und steckte ihn achtlos zu sich. »Wo gehst d' denn noch hin, Mayer? Doch am End' net schon ham?« »In meinen Bezirksverein. Wir haben Wochenversammlung heute. Und man muß sich doch um die Sachen annehmen, die einem angeh'n. Oder epper net, han?« »Da hätt' man viel zu tun und niemals an' Zeitlang«, meinte einer. »Ich nimm mich lieber um mein Geschäft an.« »Weil ös Sumper seid's«, erklärte Herr Mayer bestimmt und überlegen und ging. »Der hat heut's Rederte«, seufzte einer. »Ist halt ein armer Narr.« »Ein Lump und ein Besuff ist er. Könnt' sein, er hat's Madel selber verkuppelt. Und wo meint 's denn, daß er sein Geld her hat? Net anrühren möcht' ich's!« »Z'wegen dem? Hast halt doch noch alleweil mit'trunken, wenn er eine Latern' Wein spendiert hat.« »Weil ich kein Spaß net verdirb. Und man muß niemanden umsunst beleidigen. Hat gar keinen Zweck. Macht nur Feind'.« Es war neuerdings ein heftiger Anteil an allen öffentlichen Angelegenheiten in Herrn Franz Mayer erwacht. Kaum eine Versammlung unter den zahlreichen, die in seinem Bezirk abgehalten wurden, bei der er nicht erschien und sich durch Zwischenrufe voll tüchtiger Gesinnung bemerklich machte. Über seinen Grund hinaus wagte er sich ungern. Höchsten verlockt durch einen Redner, der es ihm ganz ausnehmend angetan hatte und es den Widersachern besonders deutlich zu geben verstand. Denn er kannte alle Größen nach ihren Leistungen und hatte natürlich seine Lieblinge darunter. Man wurde auf den eifrigen Mann aufmerksam. Man begann ihn zu schätzen. Man warb um ihn und legte Gewicht auf seine geneigte Gesinnung. Denn er kam doch viel herum und konnte Stimmung machen. Dies schmeichelte ihm. Die vielen Schlagworte aber, die nur so in der Luft herumflogen, fanden Eingang bei ihm, regten ihn auf und wurden von ihm weitergetragen. Und was da von Argumenten vorgebracht ward, leuchtete ihm ein. Denn es war faßlich und von einer formelhaften Einfachheit. Es gab Gelegenheit zu immer umfänglicherer und durch einen Zweck geheiligter Bummelei. Es kamen die Wahlen, an denen er sich freilich nur zu Beginn beteiligte, als es ihm noch Spaß machte zu animieren, im Fiaker die Säumigen zur Urne zu rufen, den Dunst der Agitationslokale zu atmen, diesen schwülen Hauch der entflammten Leidenschaften. Späterhin – ja, da hatt' er zu derlei keine Zeit mehr, gar: »Wo's auf meine Stimm' gewiß net ankummt.« Es kamen die Siegesfeste, bei denen er niemals fehlte und oftmals aus seiner im Grunde bescheidenen Statistenrolle aufrückte zur Würde eines wackeren Wiener Bürgers von altem Schlag, der hergezeigt wurde und der nach Tüchtigkeit der Gesinnung und Eifer für das Rechte vorbildlich sein dürfte für viele. Verbindungen und Bekanntschaften mit Studierten und Höherstehenden erquickten ihn innerlich. Manche darunter hatte erst die gleiche Welle zur Höhe gehoben, der er sich anvertraut und die ihn doch auch einmal tragen konnte. Also hatte sein Leben wieder eine Art Inhalt gewonnen, und zwar gerade von der Beschaffenheit, die ihm gemäß war. Ein Schein von Geschäftigkeit, verbrämt mit großen Worten. Das war immer seine Sache gewesen. Er war zur Staffel geworden, auf der andere, Flinkere emporstiegen. Und er fühlte sich dadurch beglückt, und die Hoffnung war in ihm, es werde mit der Zeit auch für ihn etwas abfallen, irgendein Pöstchen, das ihn versorge, wie es anderen aus seiner Bekanntschaft geraten war, die auch nicht mehr gewesen. Er hatte zu Beginn versucht, seine Frau für seine neuen Interessen zu gewinnen. Denn manche taten sich so in der Bewegung hervor und nützten so den Männern. Sie hörte ihm ohne jeden Anteil zu. Seine Erläuterungen langweilten sie. Höchstens: »Könnt' schon so sein, wie du sagst.« Oder: »Lass' mich aus mit derer Politik. Ist bei dir eh nur a Ausred' fürs Wirtshauslaufen und Zeitvertandeln. Hast sie epper gelernt? Wennst dich lieber um einen Verdienst umschauen möchtest!« Er wurde grob. Ja – was er denn noch tun solle? Und überhaupt, solange die Alte lebte, sei alles umsonst und es werde nicht besser. »Die Alte? Das Alte.« Er ereiferte sich, und sie wehrte nur so müde ab. Denn sie fühlte sich erschöpft bis zum Tode. So gleichgültig war ihr alles das! So abgemattet war sie, daß sie sich vor jedem Zank fürchtete, daß jeder Eindruck in ihr untersank wie in einem tiefen Brunnen. Ein kurzes dumpfes Plätschern der Wasser, und alles schweigt wieder, und niemand kann bemerken, was sich begab. Denn das Geschäft, das sie eigentlich hätte sämtlich erhalten müssen, ging immer schlechter. Und sie konnt' ihm nicht mehr nachlaufen wie vordem, mit ihren Beinen, die sie kaum mehr selber tragen wollten. Allenthalben entstand Konkurrenz. Man drückte die Preise und schleuderte. Da konnte sie nicht mehr mit. Und auf die Rosi war doch gar kein Verlaß. Ließ man sie einmal zuschneiden, so verdarb sie pünktlich alles. Und jeden Auftrag vergaß sie, und nichts hatte sie mehr im Kopf, nur ihren Navratil, und so tramhapert duckmauserte sie herum und wurde so ohne Grund rot und verfärbte sich, wenn man sie nur ordentlich ansah, daß einem das Herz weh tat und man sie nicht schelten konnte, was immer sie verpfuschte, und man hätte auf schlimme Gedanken kommen können, hätte man nur Zeit für einen Gedanken gehabt. Wüßte man nur, was tun?! Mit ihrem Mann zu sprechen aber widerte sie an. Dem war gar nichts mehr wichtig als seine Versammlungen, und er war hochmütiger denn je. Die Linnerl aber? Ja, die Linnerl war gottlob noch ein Kind. Ganz ein Kind. Gottlob! Denn kamen sie zu ihren Jahren, was hatte man von ihnen für alle die Sorge, die man an sie gehängt? Nichts – schlimmer wie nichts. Da war die Geschichte mit der Kathi. Sie tat arg weh. Das war eine tiefe Besudelung. Und wie war sie nur fort! Ohne ein Wort des Abschieds, nicht anders wie eine Hündin, die läufig wird. Ja, bei ihnen hielt eben nur aus, wer mußte und so lang er es wußte. Sie konnte leider nicht fort. Sie hatte keinen Ausweg als den einen, an den sie oft genug dachte, ohne ihn beschreiten zu dürfen. Dann war der Adam. Er gefiel ihr immer minder. Oft genug kam er um Geld. Jawoher das immer nur nehmen? Und je mehr sich in ihm die Gewöhnung an das Soldatenwesen und eine gewisse Zuversicht durchsetzte, das leisten zu können, was man dort von ihm begehrte, ja übers Mittelmaß gewachsen zu sein, desto frecher ward er und desto heimtückischer erschien er der Mutter. Und etwas durchaus Wüstes und Verlottertes war an ihm, trotzdem er äußerlich viel auf sich hielt. Von der Marie ließ er nicht. Und so widerwärtig der Frau das Mädchen war, sie behielt es, damit man es wenigstens unter den Augen habe. Einen großen Ekel mußte sie immer überwinden, wenn sie ihr am Ersten ihren Lohn zuzählte. In schiefen, unleidlichen Verhältnissen, gegen die sie sich kaum mehr zur Wehr setzen konnte, fühlte sie sich also rettungslos verstrickt. Ansonsten aber – es war im Hause Mayer sehr stille geworden. Man lebte friedlicher denn sonst. Was der Kathi gehört hatte, blieb unberührt, und manchmal saß die müde Frau lang vor dem Bett der Verschwundenen in sonderbaren Gedanken, über die sie selber den Kopf schüttelte. Was einem nur so einfiel in der Einsamkeit und wichtig ward! Sie horchte auf Vorzeichen, Ahnungen, studierte ihre Träume. Aber alle atmeten wie in einer tiefen Beklommenheit, aus der sie plötzlich etwas schrecken müsse. Und der Druck dieses Lebens voll einer häßlichen Langweile lag über allen – immer schwerer, lastender, kaum mehr erträglich. Und immer stärker schwoll in ihnen die Überzeugung: es mußte etwas geschehen. Eine Flucht, ehe man versank. Aber wohin oder an welches Gestade, da man sicher aufatmen und sich geborgen fühlen könne? Dies wußte keine der Seelen, in denen diese dunkle Überzeugung nagte und schlich. Fünftes Kapitel Die Linnerl tut einen Gang Die Linnerl verstand nicht, was man nur unablässig von der Rosi wolle. Wie eine Verbrecherin wurde die Schwester doch behandelt. Und dabei schlich das arme Mädel ohnedies herum, wie die Bußfertigkeit und die magere Zeit selber. Das Herz tat einem weh, sah man sie nur, wenn sie sich allein glaubte. So ganz geschreckt wie ein Häserl und verloren war sie. Immer wischte sie sich die Augen, die vollkommen trocken waren. Alle ihre Hübschheit war wie weggeblasen. Ewig schmerzte sie etwas. Zu keinem vernünftigen Wort, wie man's sonst unter Schwestern tauscht, war sie mehr zu haben. Durchaus fad mußte man sie finden, hätte sie einen nur nicht gar zu sehr erbarmt. Oftmals betraf man sie schreibend. Ein unheimlicher Anblick! Denn, bei dieser ungewohnten Arbeit quälte sie sich sehr ab und wurde glührot, überraschte man sie. Alle Federn im Haus waren zerspragelt, und die Linnerl ärgerte sich immer, wenn sie eine Aufgabe zu machen hatte. Häufig genug erbot sie sich, ihr das lieber selber zu besorgen. Niemals nahm's die Rosi an. Übrigens schien es nicht, als sei einer ihrer Briefe jemals abgegangen. So sorgfältig sie jeden einzelnen zerriß: in Schnitzelchen Papier fand man da und dort Spuren ihrer traurigen Tätigkeit. Die Linnerl war wirklich gar nicht neugierig. Gewiß nicht mehr als jedes Menschenkind. Aber teilnehmend war sie und hätte also gern gewußt, was sich begab und was man hier verhülle und warum die Schwester sich neuerdings sogar mit der Marie reden stellte, lieber als mit ihr, der Linnerl, und nicht anders, als wäre die Marie, der Auswurf, ihresgleichen. Übrigens wußte sie wohl: bei ihnen blieb nichts verhohlen, und zu seiner Zeit werde sich ihr die Schwester gewiß und rückhaltlos schon offenbaren. Zunächst hatte die Rosi sich und ihre Not dem Navratil entdeckt. Der schnitt, wie so ziemlich jeder Liebhaber im gleichen Falle, das dümmste seiner Gesichter vorerst. Alsdann zog er sie an sich und erklärte, immer noch mit dem gleichen, unendlich albernen Ausdruck, daß selbst sie in aller ihrer Angst kaum begriff, wie er ihr jemals hatte gefallen können: er kenne seine Pflicht als Ehrenmann und sei selbstverständlich bereit, sie zu erfüllen. »Gelt – du weißt's: ich hab' noch niemanden gern gehabt vor deiner« – und ihr stieg die Flamme ins Gesicht. Ja. Das wisse er. Denn anders, so lieb er sie hätte, anders könnte er sie doch nicht heiraten. Und wieder war das Siegergefühl in ihm, daß sich dieses brave und tapfere Mädchen ihm ganz hingegeben habe, und es erhöhte seine Zärtlichkeit, daß sie sich ihrer kaum erwehren konnte. Denn in ihr war immer noch eine Befangenheit vor ihm und seinem Ungestüm, und immer noch faßte sie selber es kaum, wie sie sich soweit hätte vergessen können. Dann sollte er doch um Gottes willen mit dem Vater reden. Aber bald. Eh' es zu spät sei und alles aufkäme. Das Gesicht des Navratil verfinsterte sich. Daran sei nicht zu denken. »Xaverl! Wenn ich dich aber so bitt'!« und sie hob beide Hände zu ihm. Er blieb steif und düster. Auch dann nicht. Das könne er nicht, noch einmal zu einem gehen, der ihm die Tür gewiesen, da er mit den ehrbarsten Absichten von der Welt – er unterstrich diese Worte sehr stark – gekommen sei. Er sei ein armer Bursche. Und er habe nichts als seinen Charakter. Den lasse er sich nicht verunglimpfen. Genug, daß er alles vergessen und augenblicklich wiederkommen wolle, sowie man ihn nur rufe. »Und wenn ich daran stirb?« Man sterbe nicht daran. »Xaverl!« Ja – er wisse keinen Ausweg. Denn sie wäre doch lange noch nicht großjährig. Sonst wüßte er wohl, was ihm die Pflicht gebiete. Er kam immer wieder und mit einer sichtlichen Selbstgefälligkeit darauf zurück und merkte gar nicht, daß er sie damit verletzen müsse. Aber bis dahin warten könnten sie nunmehr beide nicht. Sie müsse handeln, nachdem es doch zunächst um sie ginge. Sie sah ihn entsetzt an. Und in diesem Augenblick war ein Haß in ihr, der zu allem fähig war, gegen ihn, gegen sich, gegen alle Welt, und der Ekel vor allen ihren Unbegreiflichkeiten erfüllte ihr junges Herz. »Aber – vielleicht könnt' man nach Amerika?« meinte sie schüchtern. »Amerika? Das ist ein hartes Brot. Ich hab's dahier besser.« »Wenn man sich aber sonst nicht helfen kann?« »Ich geh' net nach Amerika. Dorthin soll, wer da zu gar nix net gut is. Ich net. Ich hab' mein Lebtag nix angestellt!« »Nix, Xaverl?« »Gar nix. Wenn man was gutmachen kann und will, so heißt das nix anstellen.« Sie tat ihm schön. Sie beschwor. Vergeblich. »No alsdann ...« Sie sprach sehr trocken und hart, wie eines, das etwas in sich niederzwingen muß. »No, alsdann muß es freilich gut sein.« »Es wird schon alles gut werden, Rosi«, und, erfreut über ihre Fügsamkeit, küßte er sie heftig. Sie litt's. Aber nichts in ihr erwiderte seine Zärtlichkeit. Sie ließ einige Tage verstreichen, in denen sie viel zur lieben Muttergottes betete, sie möchte sie doch zu sich nehmen, ehe sie der Mutter beichtete. Die flackerte gewaltsam auf, ehe sie wieder in sich zusammensank und die Achseln zuckte: »Pass' auf. Er wird's doch net erlauben.« »Aber was kann er denn gegen den Xaver sagen?« »Ich wär' lieber net neugierig. Wirst's schon noch hören, könnt' sein, wie dir lieb ist.« »Mutterl – ich bitt' Ihnen, reden S' mit ihm!« »Tät nix nutzen, Rosi. Und endlich: hast d' dir die Suppen einbrocken lassen, so mußt du sie schon allein ausessen.« »Aber – dann muß ich ja ins Wasser, Mutterl!« Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen: »Mir scheint's oft, es wär' besser für uns alle, wir gehen ins Wasser, statt daß wir nur so darin sind.« »Mutterl – reden S' net a so!« »Halt, wie mir's ums Herz ist.« »Mutter – haben S' denn gar kein Gefühl in Ihnen?« »Wär' eh 's beste! Wär' eh 's beste!« »Mutterl – ich bitt' Ihnen« – ein Aufschrei. »Ich kann nix tun, Rosel. Ich kann net mehr mit ihm reden. Es hebt sich alles in mir dabei.« So mußte die Rosi denn endlich den schweren Bekenntnisgang tun. Er schlug sie. Und sie litt es mit zusammengebissenen Zähnen und ohne einen Muck. Das tat beinahe wohl. Das hatte sie am Ende nicht anders verdient oder erwartet. Er beschimpfte sie ganz unflätig. Sie zuckte zusammen, wenn ihr ein Wort ins Gesicht sprang, bösartiger und giftiger als ein Faustschlag. Sie erhob nur manchmal die Hände, um einen Hieb zu parieren, der ihr gar zu grausam drohte, und faltete sie dann bittend und ergeben, und stammelte wieder ihr demütiges: »Ich bitt' Ihnen, Vaterl! Ich bitt' Ihnen so sehr ...« O nein! Das sei ein abgekartetes Spiel gewesen. So habe man ihn zwingen wollen. Aber zwingen läßt sich der Franz Mayer nun einmal zu nichts. »Und einfädeln habt's mich wollen. Mich, den Franz Mayer! Aber, dös gibt's net!« Sie sei schlechter, tausendmal schlechter wie die Kathi. So ungeheuerlich sie's berührte – auch dieses litt sie ohne Entgegnung. Nur immer wieder, zwischen Schluchzen, stammelte sie: »Die Schand', Vater! Lassen S' mich net in der Schand', Vater! Ich bitt' Ihnen so viel ...« Das sei ihm egal. Aber schon völlig egal. Und da gäb' es doch Mittel. Er selber wisse von einer Dürrkräutlerin, ganz in der Nähe dazu, die schon vielen geholfen hat. »Aber das is' a Sünd', Vater.« »Hast dich vor der einen net g'scheut, deine Eltern zu hintergehen, schad't dir die andere a nix. Und endlich – ein Bankert in der Familie ist immer noch besser wie zwei. Wenn ich den Lümmel, den Blödisten erwisch! Die Haxen schlag' ich ihm entzwei! Wenn der saubere Herr Navratil wenigstens noch sein Geschäft hätt', könnt' man ja ehnder reden.« Und nun habe er genug und wolle, seine Ruh' haben. Und er schlug die Türe hinter sich zu und ging seiner Wege. »Saubere G'schichten hört man in dem Haus. Halt schon sehr saubere G'schichten«, dachte die Marie hämisch in ihrer Küche. In dieser Nacht erwachte die Linnerl von einer plötzlichen Helle. Sie tat die Augen auf. Eine Kerze war entzündet, und die Rosi saß im blanken Hemd am Tisch und schrieb an einem endlosen Brief, oftmals die Tropfen aufsaugend, die ihr immer wieder aufs Papier fielen. Man sah, wie schmal ihre Schultern geworden waren, wie sie zuckten, und wie schwer das Mädchen atmete. Die Linnerl schlich sich hinter die Schwester, barfüßig, ganz leise: »Wem schreibst denn gar so viel, Rosi?« »Jessas – du hast mich derschreckt! Schläfst denn net, du Fratz du?« »Ich hab' geschlafen. Aber der Schlaf ist mir vergangen. Und jetzt hab' ich gar keinen mehr in mir.« »Und was spionierst denn nachher an mir herum, du grausliches Ding du?« »Ich spionier' net. Halt erbarmen tust du mich, Rosi!« Ein Aufschluchzen. »Erbarmen dürft' ich ein jedes. Aber helfen tut mir keins!« Und sie schob den Brief weg, damit ihn die vorstürzenden Tränen nicht völlig verdürben. »Wem schreibst denn, Rosi?« bat die Linnerl noch schmeichlerischer. »Halt – dem Vater und der Mutter und dem Navratil schreib' ich.« »Wozu denn? Du kannst doch immer mit ihnen reden?« »Kann ich net mehr.« »Ja – warum denn net?« »Weil's zu nix nutzt. Und ich möcht' ihnen behüt' Gott sagen.« »Gehst denn fort, Rosi?« »Ich geh' fort.« »Und wohin denn, Rosi?« »Ich weiß noch net.« »Und bleibst lang fort, Rosi?« »Ich denk', für immer.« »Willst leicht in ein Dienst geh'n, Rosi?« »Marter' mich net so, Linnerl! Marter' mich net ...« »Mutter Anna! Rosi – du willst dir was antun ...« »Schrei' net so, Linnerl ...« »Ich muß«, und sie krampfte ihre Hand in den Arm der Schwester, als wollte sie sie gewaltsam zurückhalten. »Und z'wegen was denn?« »Ich kann's dir net sagen, just dir net.« »Und warum net?« »Ich schäme mich vor deiner.« »Vielleicht geht's so«, und mit einem plötzlichen Entschluß blies sie das Licht aus. Beide Mädchen saßen völlig im Dunkeln. Die Linnerl hielt den armen, zuckenden Leib der Schwester mit einer großen Zärtlichkeit umfaßt, und Mund an Ohr, weil sich's im Finstern schlecht hört und damit sie die Stimme ja nicht zu erheben brauche, horchte sie ihren Bekenntnissen und streichelte ihr manchmal die Wangen, die so eingesunken und so von Tränen feucht waren, mit einer unsäglichen, mitleidigen, verständnisvollen Liebe. Eine große Erleichterung war es der Rosi, daß sie so ihren ganzen Jammer hinstürmen konnte. Und unklar, aber dennoch unvergeßlich und fortwirkend für ihr ganzes Leben erwachte bei diesen Bekenntnissen der Rosi mancherlei in der Jüngeren. Ein langes Schweigen. Die Rosi hatte sich etwas beruhigt. Die Linnerl dachte nach: »Und du meinst, wenn er Meister wär', so hätt' der Vater nix dagegen?« »Er red't wenigstens so. Er hat mich so geschlagen, Linnerl! Und schlechter hat er mich geschimpft wie die Kathi, Linnerl. Und das bin ich doch net, lang net, gelt?« Sie liebkoste sie. »Nein, das bist du gewiß net. Aber harb dich net so, Rosi. Und hast d' den Navratil so gern, daß du ohne seiner net leben kannst?« »Ich derf net mehr ohne ihn leben.« Die Linnerl stand auf: »Und jetzt gehst schlafen, Rosi!« »Meinst denn, ich kann's mit solche Gedanken?« »Jetzt gehst schlafen, Rosi. Es ist kalt, und das könnt' dir schaden. Du mußt auf dich schau'n, Rosi. Verstehst? Und von deine Gedanken red' mir net. Geh schlafen, Rosi. Ich mein', ich weiß was.« Und sie führte die Schwester sehr vorsichtig, damit sie sich nicht stoße, zu Bett. Und einige Augenblicke später schliefen die Schwestern. Nur stöhnte die Rosi viel und warf sich im Traum. Den nächsten Morgen, knapp vor Mittag, pochte es sehr schüchtern an die Tür Frau Eva Mayers. Die Linnerl trat sehr befangen ein. Der Tisch war schon gedeckt. Alles war blütenweiß und so gar gediegen. Die alte Frau hielt etwas auf sich und ihre gewohnte Ordnung. Die Linnerl sah sich um, und ihr gefiel's gar gut. Sie war bänglich und dennoch entschlossen. Denn was sie vorhatte, war notwendig, und zu ihr war am Ende noch jeder Mensch gut gewesen. Das wußte sie, und es gab ihr Zuversicht. »Ich möcht' der Frau Ahndel die Hand küssen! Wie hübsch daß sie's nur bei sich hat«, und sie sah sie mit scheuen Augen an. »Und sonst willst nix?« »Was für Augen sie nur hat!« dachte das Kind. Augen, von denen man meinte, sie sähen einen durch und durch. So ruhig und so ungeregt war ihr Blick. Sie atmete tief: »Weil's mir die Frau Ahndel doch erlaubt hat, so möcht' ich halt einmal ihr die Hand küssen.« »Bist so leicht geschreckt, Linnerl? Oder verträgt's Steigen net? Wär' ein bissel gar zeitig.« »Geschreckt bin ich sonst net. Und's Steigen mechet mir nix. Aber eine Angst hab' ich in mir ...« »Vor meiner, Linnerl?« Sie sah sie ehrlich an: »Ich weiß net, Frau Ahndel. Aber ich hab' noch zu keinem Menschen so ein Zutrauen gehabt als wie zu der Ahndel. Und immer hab' ich mich gefreut, wenn ich werd' da einmal herauf därfen.« Eine ungeduldige Bewegung: »Schmeicheln, mußt du mir net. Oder du willst was, was net recht ist.« »Tu' ich net, Ahndel. Will ich gewiß net, Ahndel!« »Also was willst?« »Därf ich alles sagen?« »Du darfst« Sie sah sich sehr vorsichtig um, ob auch gewiß niemand horche: »Die Rosi will mir ins Wasser.« »Ins Wasser? Die Rosi? Warum?« »Halt – weswegen die Madeln meist ins Wasser geh'n.« Die Urahne mußte lächeln: »Hat sie's mit wem?« »Ja. Mit dem Navratil.« »Wer ist denn der Navratil?« »Der Altgesell' von der Tischlerin da im Haus.« »Der? Der war schon bei mir. Sieht aus wie ein sehr ein ordentlicher Mensch. Dem trau' ich's net, daß er's Madel sitzenlaßt.« »Er will's ja heiraten. Aber der Vater erlaubt's net.« »So! Der Herr Vater erlaubt's net? Und warum denn net, wenn man fragen darf?« Das kam sehr gedehnt und verächtlich. »Halt, weil man net weiß, wer dem Navratil seine Leut' sind, sagt er. Und weil er kein eigenes Geschäft noch net hat, hat der Vater gesagt. Und kein eigenes Geschäft hat er noch net, weil er seine alte Meisterin noch net auszahlen kann. Und die Rosi sagt, wenn sie ihn net kriegt, so muß sie in die Donau. Und was die Rosi sagt, das tut s'. Ich kenn' sie. Und hernach geh' ich lieber gleich mit.« »Also – zu gering ist er ihm? Und lieber will er, daß sein Kind schlecht ist? Und du tät'st dich net vor der Sünd' fürchten, Linnerl?« »Fürchten vor der Sünd'? Nein, Ahndel! Ich hab' sonst niemand auf der Welt. Die Kathi ist fort – die Frau Ahndel weiß eh, wie. Den Adam hab' ich nie net mögen. Die Mutter penzt die ganzen Tag; der Vater ist grob. Was soll ich so alleinig? Ich muß wen haben zum Liebhaben oder ich stirb!« Und ein unaufhaltsamen Weinen kam über sie. »Ob'st stad bist, Linnerl! Ob'st stad sein wirst!« gebot die alte Frau bewegt. Die Linnerl trocknete gehorsam die Tränen. »Und die Frau Ahndel soll net glauben, das ist nur a so gered't. Was ich sag', das tu' ich. Und die Rosi ist net ein Haarl Haar anders. Und es wär' vielleicht doch schad' um uns zwei«, und sie lächelte gar hübsch. Auch die alte Frau mußte sehr milde lächeln. »Um dich wär's schon schad', Linnerl. Die Rosi kenn' ich net.« »Wenn Sie's nur kennten! Wie lieb sie ist! Und wie brav und wie gut! Und wie sie sich harmt! 's Herz tut ei'm weh!« »Linnerl! Und hast dein Betbüchel noch?« »Ja, Frau Ahndel!« »Und die vielen Bildeln drin a noch?« »Ja, Frau Ahndel. 's fehlt keins!« »Und siehst fleißig nach ihnen?« »Net mehr gar so oft«, entgegnete sie ehrlich. »Und hast dein' Glauben noch? Denn ein Glauben muß der Mensch haben!« »Ich weiß es net so recht, Frau Ahndel. Es will halt gar nie so geh'n wie's sollte. Da wird man halt irr.« »Das sind Prüfungen, Linnerl.« Und sie strich ihr die Wangen. Die Linnerl haschte die welke Hand und küßte sie sehr ehrfürchtig. »Bist halt noch jung, Linnerl. Mußt dich gedulden, Linnerl.« »Ich möcht' auch gar net alt werden. Außer wie die Frau Ahndel.« »Das Schmeicheln verstehst wie ein Katzerl, wenn's das Obers will.« Keine Antwort. Nur mit sehr leuchtenden Augen sah die Linnerl zur alten Frau auf. Eine solche ehrliche Liebe war darin! Wieder ein Lächeln: »Und was meinst, soll ich mit unserer Rosi und mit dem berühmten Navratil machen?« »Halt was die Frau Ahndel meint, damit wir nicht ins Wasser müssen.« »Davon red' mir nix mehr«, befahl Eva Mayer. »Und die zwei narrischen Leut' schickst mir beide. Aber zum Verschenken hab' ich nix, Linnerl. Er wird mir eine Schrift geben müssen. Und meine Zinsen will ich pünktlich.« »Ich dank' schön!« Es riß sie auf die Knie, und sie faltete die Hände: »Ich dank' schön. Und ich will wieder beten. Für die Ahndel will ich beten!« »Ob'st aufstehst, narrische Gredel? Und jetzt verschnauf dich ein wengerl. Und dann geh', Linnerl. Mir tut's viele Reden kein gut. Und am Sonntag vormittag, aber nach dem Hochamt, sollen s' kommen, hörst? Und bleib' brav, Linnerl.« Sie nahm einen schmalen Goldreif mit einem breiten Rubin von der Hand. »Und den trägst d'. Den hab' ich mir selber von meinem Lohn als Lehrmadel bei deinem Ahndel gekauft. Damit du was hast von der Ahndel, wann's nimmermehr ist.« Die Linnerl ging. Und es war eine große Freudigkeit in ihr. Ein Gefühl wie von einer nahen und völligen Erlösung. Noch einmal, gegen die schon geschlossene Tür, hob sie andächtig die gefalteten Hände. Und niemals zuvor war sie die Treppen so herabgestürmt – halt wie ein übermütiger Gassenbub, halt ganz so. Drittes Buch Die Felberergasse Erstes Kapitel Idylle Am Tage, wo die Vermählung des Meisters Xaver Navratil mit der Rosi Mayer in aller Stille stattfand, übergab ihnen die Tischlerswitwe auch die Wohnung. Sie hatte nunmehr genug, um von ihren Renten zu leben. Also war sie nervös und fühlte sich nicht mehr hinlänglich stark, den rastlosen Lärm um sich zu ertragen. Auch mochte sie sich dem Anblick eines Glückes nicht aussetzen, das ja doch auf ihre Kosten aufgeblüht war. Sie entzog sich dem durch Übersiedlung. Allerdings wallfahrtete sie nach wie vor alljährlich nach Mariazeil. Aber dies war nur noch eine Lust- und Dank- und durchaus keine Bittfahrt mehr. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden und war einsichtig genug, zu vermuten, es wisse die Muttergottes besser, was ihr fromme als vielleicht sie selber. Oder hätte sie nicht bösartig hereinfallen können? Es gab traurige Exempel genug, gerade in dieser Stadt, in der sich Männer so gern versorgen lassen. Davor war sie gnädiglich behütet geblieben. Das mußte man innig erkennen, und sie tat's, vielleicht nicht aus ungeteiltem, aber aus vollem Herzen. Es ist eben um den wahren Glauben immer etwas Ersprießliches. Bei der Geschäftsübergabe hatte sie sich übrigens durchaus anständig und billig benommen. Sie ging auf bequemere Zahlungstermine ein, drückte den Navratil in keiner Weise, bewies vielmehr, daß ihr daran liege, daß er gedeihen und vorwärtskommen könne. Es war Klugheit, damit niemand argwöhne, wie sie vordem selber auf den Gesellen gerechnet; Dankbarkeit, weil ihr erst bei der Schlußabrechnung ganz klar wurde, wie viel sie seiner Tüchtigkeit von ihrem Wohlstande schulde – dem jungen Paare kam es durchaus zustatten. Es bestand sogar ein ganz angenehmer Verkehr zwischen ihr und ihrem Nachfolger, der in langwierigen Kaffeebesuchen zu Sonntag nachmittag und späterhin sogar in einer Patenschaft seinen unstreitigen Ausdruck fand. Es freute sie für den Navratil, daß er kein Flitscherl geheiratet. No ja – wie sie heutigen Tages sind, leider Gottes, mit nix im Kopf – nur Unterhaltlichkeiten und sonst Dummheiten. Wo kein Mann bestehen kann mit so einer. Es fielen oftmals Anspielungen auf eine mögliche Erbschaft. Damit ködern Kinderlose gern. Man legte kein sonderliches Gewicht darauf. Denn man kam ohne dies vom Fleck, und die Rosi erkannte mit jedem Tage mehr, wie recht ihr Mann hatte, wenn er etwas von sich hielt. Er war nicht eben zärtlich. Dafür haben Menschen wenig Anlage, die außerhalb der Familie aufgewachsen sind. Nur eben durchaus zuverlässig und sich immer gleich in seiner Arbeitsfreudigkeit war er. Etwas Hölzernes hatte er an sich – das bedingte das Material, in dem er arbeitete. Wäre er etwas hübscher oder zutunlicher gewesen, dann hätte die Rosi am Ende mit ihm eifern müssen. Denn dazu bemerkte sie nicht ohne Angst eine starke Neigung in sich und war eben nur zu klug, um sie merken zu lassen. Man bringt einen damit nur auf schlechte Gedanken, auf die er von sich selber sonst vielleicht sein Lebtag nicht gekommen wäre. Übrigens schlug ihr das gute Leben, denn man mußte sich nichts abgehen lassen, und die einträgliche Privatkundschaft wuchs täglich und schon weit über den Grund hinaus, ganz vortrefflich an. Sie wurde füllig trotz der vielen Arbeit: denn zu tun gab's unendlich viel bei den zahlreichen Arbeitern, bei der Übernahme, wo sich ihr Mann bald ganz auf sie verlassen konnte, um die Kinder, in der Küche. Denn auf sein Essen und sein gesundes Glaserl Wein hielt der Navratil sein gutes Stück. Und hatte sie nicht selber gekocht, dann rührte er keinen Bissen an. Er schmeckte das sofort heraus und war dann sehr brummig. Ja – auch die besten Männer haben eben ihre Mucken. Sonderbar, ihr klang das wie eine immer wieder erneuerte Liebeserklärung. So verging der Tag wie nichts. Und nach Feierabend, wenn er nicht in seinen Losverein mußte, dahin er nicht gerne ging, ohne sich ganz ausschließen zu können, weil man ja doch seine Zugehörigkeit zu den Angesehenen und Besitzenden des Bezirkes bekunden muß, saßen sie, zu müde für lange Unterhaltungen, gerne noch ein Weilchen beisammen. Er hatte sich, bei den besten Augen von der Welt, eine Hornbrille zugelegt, weil er meinte, die erhöhe den Eindruck von Würde und peinlicher Genauigkeit bei Ausmessungen, auf den er was gab. Sehr ernsthaft studierte er seine Zeitung und gab ihr, die nicht einmal dazu kam, in kurzen Andeutungen Kunde von den Welthändeln nebst seiner ihr sehr maßgeblichen Meinung darüber. Es wurde gerechnet und überschlagen. Und da war es ganz erstaunlich, wie anstellig die Rosi zu allem war und auf was für glänzende geschäftliche Einfälle sie geriet. Verwunderte er sich darüber, dann fuhr sie ihm gerne scherzend durch den Schopf, der, vielleicht noch in Erinnerung an eine böse Lehrbubenvergangenheit, sich immer zu einer zornigen, nur farblosen Tolle sträubte. Er bekam dadurch das Aussehen eines Kampfhahnes, der er so gar nicht war. Geschichten hatte eigentlich nur Franz Mayer gemacht, auch nachdem ihm seine Zustimmung abgepreßt worden war. Denn der Navratil war doch selbständig und ein Skandal nicht mehr anders zu verhüten. Es war ihm unangenehm, daß in seinem Hause das junge Paar wohnen blieb. Er wollte nicht immer daran erinnert sein, wie tief eine Mayerische unter ihren Stand herabgestiegen war, wie sehr sie sich vergessen, daß man sie einem Professionisten hatte geben müssen. Es war nur ein rechtes Glück, daß er in die Verwaltung des Hauses so gut wie nichts mehr dareinzureden hatte. Die Sorge darum hatten ihm die Gläubiger abgenommen, und man konnte die Tage zählen, da er, auch nur dem Namen nach, noch Eigentümer sein werde. Die waren mit einem pünktlichen Mieter natürlich ganz froh. Und eine Übersiedlung ist immer ein schlimmes Ding. Nicht allein, daß sie ganz heftig ins Geld geht, das man ganz besonders zu Anfang natürlich aller Ecken notwendiger braucht, zu Rückzahlungen oder damit man's der Sparkasse geben kann. Es verläuft sich auch auf jedem Wege, und sei er der Entfernung nach noch so kurz, etwas Kundschaft und solche, die sie einem abfischen möchten, solche gibt's bei den bösen Zeiten leider nur zuviel. Es ist schlimme und rücksichtslose Konkurrenz, gegen die man sehr auf der Hut sein muß. Gedachte der Navratil ihrer, so ward er sehr ernst. Denn wer keine eigentlichen Sorgen hat, der schafft für sich gern. Ihre Zinsen, die sie sich bedungen, behob die Urahne pünktlich wie ein Steuerbote. Von Zeit zu Zeit tat sie einen Blick in das muntre Treiben der Tischlerwerkstatt. Betreten hatte sie ein einziges Mal die Wohnung: bei der Taufe der Erstgeborenen, die nach ihr Eva hieß. Die schlug leider ganz in die Navratilische Familie, soweit man nach dem einen vorhandenen Navratil urteilen konnte, versprach also durchaus nicht, eine Schönheit zu werden. Damals hatte sich die alte Frau mit einem sehr ansehnlichen Taufgeschenk eingefunden. Ihrethalben war das Sakrament zu Hause gespendet worden, nachdem sie die Kühle der Kirche nicht mehr vertrug und sich durchaus nicht vertreten lassen wollte. Wie aus Wachs gebosselt, nur noch von einem geheimen Mechanismus belebt, war sie erschienen, mit den starren, farblosen Greisenaugen, den unzähligen Runzeln im. harten, klugen Antlitz. Immer wieder hatte die Linnerl, die sich für ein Weilchen hinübergeschlichen, um zu naschen, nach ihr gesehen und sich kaum zu atmen getraut. Zum Fürchten war sie doch, die Ahndel, und die Kleine verstand minder denn je, woher sie damals in ihrem törichten Herzchen den Mut zu jenem wichtigsten Gange erschwungen hatte. Nachdem die Urahne aber so in der nachdrücklichsten Weise von der Welt bekundet hatte, es sei nichts geschehen, was sie nicht billige und mit ihrem gewichtigen Ansehen decke, kam sie nie mehr. Sie zog sich wieder völlig in ihre Einsamkeit zurück. Das Kind einmal bei sich zu sehen, konnte man ihr, die selber nie eines gehabt, doch nicht zumuten. Ihr selber schien es, als sei mit dieser letzten Tat ihr Leben abgeschlossen und für nichts mehr Raum darin. Überschwenglichkeiten hatte sie niemals geliebt. Auch nicht die des Dankes, die ihr hier, sicherlich aufrichtig genug gemeint, entgegenströmten. Von Erregungen war sie keine Freundin. In ihren Jahren erschienen sie ihr denn doch schon überflüssig, ja bedrohlich. So beschränkte sie sich auf gelegentliche Fragen ins immer, auch im Winter offene Fenster hinein. Die klangen gleichgültig genug. Und dennoch zitterte eine bängliche Erwartung in ihnen: die Besorgnis, ob dieses Werk, das sie voraussichtlich hart am Ausgang ihrer Tage gestiftet, auch dauern würde, also daß sie darauf als auf einer letzten Staffel in die Ewigkeit hineinsteigen könne, der sie sich so nahe fühlte und auf die sich ihr natürlich, schon alles bezog. Darum horchte sie gerne der schrillen Musik der Hobel und der Sägen. Schwoll sie immer eilfertiger, jagten die Laute einander nur so, kam der Navratil gar ins Schreien, dann stand es gut um das, was sie sich da errichtet. Es stand gut. Und eine geheime und lang entbehrte Freude war in ihr, daß sie denn doch fähig sei, trotz ihrer Jahre und ihrer Abgeschlossenheit, ein fremdes Geschick an sich zu drücken und es recht in sich zu hegen. Es war also nicht ihre Schuld gewesen, daß sie sich von den Menschen geschieden. In solchen Gedanken, die Jahrzehnte überflogen, verweilte sie oftmals im Hof, ehe sie wieder, freilich immer zögernder und langsamer, hinaufstieg in ihre Einsamkeit. Es warf nur freilich einen Schatten in all das Licht bei den Navratils, daß die Eltern gar so unversöhnlich grollten. Er konnte sich dafür rächen, indem er, nicht ohne einen gewissen trockenen Witz, sich über Franz Mayer, sein Tun und seinen unsinnigen Hochmut, lustig machte. Dieses gab ihr immer einen Stich. Denn im Grunde fühlte sie sich doch den Leuten zugehörig, die da verspottet wurden. Das Mayerische saß fest in ihr. Der Niedergang ihrer Familie, den nun schon die Spatzen von den Dächern zwitscherten, betrübte sie, und sie schwor sich, sowie die Kinder älter und verständig genug waren, den Sinn solcher Redereien zu begreifen, müsse es damit ein Ende haben. Sie sollten nicht ohne Achtung vor den Großeltern bleiben. Zu solchen Vorsätzen zuckte der Navratil die Achseln und dachte sich sein Teil. Franz Mayer aber zürnte und schimpfte weiter; desto unversöhnlicher und desto mehr, je besser das Wesen im Hofe geriet. Dieses geschah, wie leider überhaupt alles auf dieser Welt, ihn zu ärgern und ihm zu Trotz. Denn er war von jener naiven Eigenliebe, die nicht denken kann, irgend etwas habe keinen Bezug auf die eigene, werte Person. Und je schiefer und sorgenvoller es täglich bei ihnen ging, desto ehrlicher erboste ihn das Gedeihen dorten, wo es sich so ganz gegen seinen Willen ergab. Lobte man seinen Schwiegersohn vor ihm, dann brach er los: man solle ihn mit dem Lümmel, der trotz seines Geschäftes völlig ungehobelt sei, gütigst in Ruhe lassen. Und dies ein für allemal! Pries man seine Tochter – ja, das war doch nur natürlich, daß sich eine Mayerische überall und in jeder Lage bewähre. Aber weggeworfen habe sie sich darum doch. Er habe es ganz anders und viel besser und stolzer mit ihr im Sinne gehabt. Ob vielleicht wie mit der Kathi? wagte einmal einer zu frotzeln. Denn man ließ sich seine großen Flausen, hinter denen doch nichts stak, nicht mehr ohne Widerspruch gefallen, besonders, nachdem er fast nie mehr als Bestgeber sich hervortat. Er sah den Spötter muckisch an, als wollt' er aufbegehren, und murrte etwas Häßliches in sich hinein. Es war nämlich eine große Feigheit in ihm. Er trank mehr, als ihm bekam. Er wußte genau die Namenstage aller seiner Freunderln, und keiner entrann ihm ohne die übliche Spende an Freiwein. Mahner und Schmarotzer aber sind nicht beliebt. Und in aller seiner Dumpfheit, verstärkt sogar durch dies beständige Taumeln zwischen Rausch und trauriger Ernüchterung, begann, seitdem sie ihm in aller Form die Verfügung über sein Haus genommen, die Angst vor der Zukunft sich in ihm mahnend und heftig zu regen. Wenn aber die Mutter jeden Annäherungsversuch der Rosi, und es fehlte nicht daran, weder direkt noch durch die Linnerl als Mittlerin, so schroff zurückwies, so hatte dies gute und mannigfaltige Gründe. So uneins sie sonst mit ihrem Mann lebte, gerade hier mochte sie ihm nicht entgegen sein. Es schien ihr, als sei nun einmal, zu Recht oder Unrecht, die Ehre der Familie und ihres Oberhauptes verwettet, von der sie sich nicht scheiden konnte. Auch war von Anbeginn eine gewisse Unruhe über die Dauer des Glückes in ihr gewesen, das da zu erwachsen schien. Das konnte sich aller Erfahrung nach nicht halten, nachdem es doch um eine Mayerische ging. Je mehr es sich aber als dauerhaft, ja aufsprießend bewährte, desto leidenvoller wurde ihr. Ein sonderbarer, sehr feiner und dennoch starker Neid war in ihrer tiefsten Seele, daß nicht ihr, die alle Eignung und sogar die bessere Ausrüstung dafür mitgebracht, ein solches Los bestimmt gewesen war. Aber sie hatte nichts dagegen, deckte sie sogar dem Vater gegenüber, daß die Linnerl oftmals zur Schwester hinüberhuschte. Kinder einer Zeit, mochten sie sich von denen trennen, die der Vergangenheit und dem Übergange angehörten; und Schwestern sollten zusammenhalten, und Schlechtes sah und lernte sie drüben nicht. Nur freilich – sie gewöhnte sich so ein wenig ans Versteckenspielen. Das soll kein Mädel; denn man weiß nicht, was für ein Versteck sie sich endlich aussucht... Immer wurde sie herzlichst willkommen geheißen. Denn die Rosi empfand in ihr ein Höheres, das einmal irgendwie aufbrechen mußte. Und jenen Gang, der so unerwartet ins richtige Geleise gebracht, was verfahren schien, den vergaßen ihr die Tischlersleute nicht. Sie fühlte sich recht wohl und angeheimelt bei ihnen, in dieser warmen Luft voll Achtung und wortloser Neigung des einen für das andere, wo es bei ihnen zu Hause so ganz anders und unerquicklicher wehte. Aber die Kinder mochte sie durchaus nicht. Vordem hatte sie gerne daran gedacht, wie sie mit ihnen, den lebendigsten Puppen, spielen möchte. Aber diese Puppen hatten gar zu unangenehme Eigenschaften, ließen sich nicht ruhig niederlegen, wenn man ihrer genug hatte;, schrien, auch ohne daß man auf den Kopf drückte, und sie fand mit einigem Erstaunen: sie waren ihr gleichgültig, ja lästig, und sie wußte durchaus nichts mit ihnen zu beginnen. Daß sie dieses verhehlen, die liebende Tante spielen mußte, verleidete ihr die Besuche einigermaßen. Sie kam sich so schrecklich altklug vor, so überlegen diesem Elternstolz gegenüber, den sie in keiner Hinsicht begriff. Denn hübsch waren die Rangen nicht, und besonders klug konnte sie auch keines finden. Dennoch bewunderte man sie und entdeckte täglich neue Eigenschaften. War sie blind, die sich auf ihre Augen doch was zugute tat? Halt – gesund waren sie. Ja – wenn eins sonst nix ist! Und jene heilige, unendliche Geduld einer Mutter, die traute sich die Linnerl immer weniger zu, je besser sie sah, wie wüst sich junge Geschöpfe benehmen können. Dies sinnlose Geheul und Gejauchze! Dies alberne Gefrage! Und ewig und kaum, daß man sie zu Menschlein aufgewaschen, dieser Schmutz! Da mußte einer ganz anders sein als sie, um das zu ertragen. Sie zweifelte stark an ihrer Eignung dafür. So unbehaglich sie sich zu Hause fühlte, wo sie nun der alleinige Stoßballen zwischen den Eltern geworden war, sie erkannte dennoch mit einer großen Schärfe der Einsicht, sie sei vielleicht nicht für die Ehe, gewiß nicht für ein Schicksal organisiert, wie es der Rosi beschieden war und sie beseligte. Die war im Grunde doch nur der Rackerei daheim entronnen, um in eine neue zu verfallen. Sie tat's ja gerne. Sie fühlte sich ganz glücklich dabei. Aber eben das begriff die Linnerl ganz und gar nicht. Zum Unterkriechen in eine Versorgung war sie sich zu gut; alles in ihr wehrte sich gegen ein solches Geschick. Entrann sie einmal, und sie erkannte, daß sie um diesen Preis selbst einer Unbesonnenheit fähig wäre, dann wollte sie vollkommen frei sein. Hinter sich werfen, was gewesen, und ein ganz neues Leben, auf sich selbst gestellt, und eigenen Zielen zugekehrt, beginnen. War das schlecht? War das nicht am Ende derselbe Weg, den die Kathi gegangen war? Sie glaubte es nicht. Denn verkaufen würde sie sich niemals und, trotz allem Luxus: ein Leben wie das der Schwester neidete sie nicht. Sie hatte keine geringe Meinung von sich. Sie hatte mancherlei gelernt, und sie verspürte Fähigkeiten, die sich zu ihrer Zeit und unter den Umständen, da sie ihrer erst bedürfen würde, schon melden müßten. Durchaus und unter keinen Umständen meinte sie sich verloren, ohne daß sie auch nur eine klare Vorstellung sich darüber machte, was sie denn in der Freiheit beginnen wollte. Sie fühlte sich eben nur stark, aber noch nicht in der Möglichkeit, ihre Kräfte zu gebrauchen. Sie hatte eine gesunde Zuversicht in sich und das Leben. Erst fort! Erst einmal aufatmen! Denn das war doch durchaus kein Leben. Eine Nonne hatte es doch besser. Nur den sah sie nicht, der ihr die Hand reichen sollte, daran sie den entscheidenden Schritt tun könne, zu dem sie alles so unwiderstehlich und lockend trieb, und zu dem den Fuß zu heben sie alsdann sicherlich keinen Augenblick zögern würde. Sie lebten so sehr einsam! Kein »besserer Mensch« betrat mehr ihre Schwelle. Es hatte sich zurückgezogen, was vordem bei ihnen verkehrt. Wer wird denn armer Leute Verkehr suchen? So viel Blick ins Leben hatte die Linnerl doch schon, um sich darüber keinen Täuschungen hinzugeben. Und, was sie in der Tischlerwerkstatt von Männern sah, das war, den Schwager nicht ausgenommen, zu minder für sie. Da war Peter Gröger ein anderer Mensch. Er hatte so viel gelernt und studierte rastlos weiter. Immer wußte er was Neues, dem die Linnerl dann sehr verzaubert horchte. Eine nimmermüde Strebsamkeit war da. Eine Arbeitslust, die sich immer neue und höhere Ziele steckte, der nichts zu klein und wieder nichts zu schwierig war. Der Mann mußte vorwärtskommen! Wenn es irgendeine Gerechtigkeit gab, so brachte der es zu was, der so klein, so ganz auf sich gestellt, angefangen hatte. Und, wie er mehr und mehr in gute Gesellschaft geriet, denn man suchte ihn als Lehrer, und er hatte eigentlich und durchaus nicht wegen Unfähigkeit nur bei Adam Mayer versagt, so nahm er die Manieren jener Schichten an, in denen er verkehrte. Denn er war erstaunlich gelehrig, und es ergötzte ihn, sich tadellos zu halten und zu tragen. Das Bessere ist der Feind des Guten; dies gilt in erster Reihe und ohne jeden spöttischen Beigeschmack vom Verkehr. Das war doch wunderbar eingerichtet, fand Peter Gröger auf dieser Welt: man bezahlte ihn ganz schön, während er sich Dinge aneignete und Verbindungen erwarb, die für seine Zukunft wichtiger waren als das, was er an Griechisch und Latein seinen Schülern mit Erfolg und Liebe vermittelte. Und sein Sparpfennig wuchs mit jedem Monat in der erfreulichsten Weise. Denn eigentlich hatte er immer noch keine Bedürfnisse, die etwas kosteten, und freute sich der allgemeinen Wohlgelittenheit viel zu sehr, um sie durch irgendeine Ausschreitung oder Übereilung aufs Spiel zu setzen. Er wußte wohl, daß er der Linnerl sehr imponierte. Schon durch sein Deutsch, das so tadellos rein war, wie man es hier selten vernimmt. Man liebte hier die Mundart, und man bewunderte die Schriftsprache, die er meisterte und auf die er achtete, damit sie nicht Schaden nehme. Denn dies empfahl allgemein. Die Kleine machte ihm Spaß. Vertraulichkeiten des Tones, wie sie nach so langem Verkehr am Ende nur zu begreiflich sind, bestanden allerdings zwischen ihnen; eine Annäherung, wenn man nicht jenen flüchtigen Einfall bei der Heurigenpartie rechnen wollte, wurde nicht einmal versucht. Weitere Gedanken kamen ihm nicht dabei. Er lenkte seine Schritte hierher, weil er es nun schon gewohnt war und keinen Anlaß hatte, auszubleiben. Und unbedingte Bewunderung tut immer wohl und soll man nirgends verschmähen. Er übertrieb wohl ein wenig, in seiner sehr behutsamen Art, damit ihm ja kein Widerspruch begegne oder er sich eine Blöße gebe, seine vornehmen Bekanntschaften. Und die Linnerl lauschte und lauschte voller Andacht. Und in ihr erwachte das Weib darüber. Ein anderer Glanz war in ihren Augen als noch vor kurzem. Ihr inneres Licht begann zu erglimmen, und die Rosen ihrer Wangen verblichen vor der geheimen Glut. »So ein Mann! Halt so ein Mann!« seufzte sie, und sie wußte selber nicht, was in. diesen Worten alles beschlossen war... Zweites Kapitel Idylle im Grünen Es war aber in der Linnerl ein Licht- und Lufthunger, daß sie nicht mehr meinte, sie könne ihn noch lange meistern. Als müßte sie daran ersticken, würde er nicht bald und ausgiebig gestillt, so war es ihr oftmals zumute. So jung sie noch war und sich fühlte, so rasch schien ihr ihre Zeit verrinnen zu wollen. Ein jeder Tag war unwiederbringlich. Wie in einem dunklen, stickigen Gange sich bewegend, kam sie sich vor. Ganz fern aber flammt ein Kreis vollen Lichtes, dem man sich unwiderstehlich zugezogen fühlt, dem man, beklommen vor Dunkelheiten, entgegenwandert, ungewiß, ob man ihn jemals mit geblendeten Augen und dennoch jauchzenden Herzens werde betreten können. Es war gegen das Frühjahr, das sich hastend und fordernd ankündigte. Die beglänzten Tage wuchsen und ließen Raum für verlangende Gedanken. Zu Nacht aber wehte der Lenzwind und lockte mit schwülem Atem und jammerndem Wimmern, das sie oft vernahm, wenn sie einsam erwachte. Was war es doch so still im Haus und in ihr selber so unruhevoll geworden! Und wie allein stand sie nur da! Ihre Geschwister hatten so oder so ihr eigen Geschick begründet. Nur sie selber war noch an das Elternhaus gebunden, mit dem sie innerlich gar nicht mehr zusammenhing. Nichts in ihr wurde begriffen, keiner ihrer jungen Wünsche verstanden oder berücksichtigt. Zu tun gab es gar nichts. Das Geschäft ging so schlecht, daß die Mutter es ganz allein versehen konnte, daß man's eigentlich nur noch aus Gewohnheit fortführte und weil etwas immerhin besser ist wie nichts. Für die immer knappere Wirtschaft genügte die Marie, die darin, sie mochte sonst sein wie sie wollte, tüchtig war und jeden Hausbrauch aufs genaueste kannte. Zu beidem fühlte die Linnerl nicht den mindesten Beruf in sich. Lesen aber mochte sie gar nicht mehr. Die Bücher langweilten sie oder regten sie auf, daß sie zornig ward, und zu oft stieß sie auf Dinge, die sie als unwahr empfand. Denn sie begann zu prüfen und in sich das Maß und den Schlüssel aller Dinge zu ahnen. Einen Tag ersehnte sie mit Macht. Ganz im ersten sanften Grün. Wehendes Laub, noch jedem Windhauch willfährig, sich zu Häupten, schwankende Schatten zu ihren Füßen, goldene, tanzende Sonnenkringel, zitternd und huschend übers braune Fallaub und es verklärend. In sich saugen alle die Helle: tief in sich und sie alsdann hegen für immer. Blumen brechen, die einem nachmals, längst verwelkt, erzählen könnten von vielen Sonnigkeiten und einer ungestümen Freude, die einmal ein junges Herz zum Überquellen erfüllt. Sie war eben in jene Jahre gekommen, wo das Bedürfnis nach Anschluß stärker ist denn alles andere, als die Fähigkeit vornehmlich des Urteils. Und ganz besonders das werdende Weib ist der Einsamkeit nicht gewachsen. Auch nährte Peter Gröger zunächst ganz unbewußt alle ihre Sehnsüchte. Denn er verbrachte nun gern seine müßigen Sonntage im Freien und erzählte davon. Da erholte er sich von Lehren und Lernen. Da nahm er eine Einladung nur an, wenn sie von einem sehr werten Gönner stammte. Das war doch vernünftiger und sogar wohlfeiler als dies Hocken in Café und Kartell, womit seine Kameraden die Zeit totschlugen. Man nahm irgendein nützliches Buch und einen minder begangenen Weg. Denn zu viele Leute sind unangenehm; sie stören in Betrachtungen und essen einem in den Wirtshäusern alles Vernünftige vorweg. War man vom Steigen müde, so weilte man und las ein wenig und konnte recht ungestört und in der besten Luft nachdenken. Und überall war Erquickung, Gelegenheit zu Rast wie beschaulicher Einkehr. Er wurde bei solchen Schilderungen recht weitschweifig und beredt. So konnte bald kein heller Sonntag mehr anbrechen, ohne daß sie ihm in Gedanken auf seinen Wanderungen folgte. Nur mit anderen, ganz anderen Augen sah sie dabei in die Natur, als die ihm gegeben waren. Ganz zufällig hatten sie sich einmal begegnet, da sie eine Besorgung zu machen gehabt. Es sprach sich auf der Straße entschieden besser denn zu Hause. Ein leichter Ton mit allerhand Neckerei ließ sich da anschlagen, der ihr gar nicht übel behagte. Denn sie war flink von Gedanken und mutterwitzig. Er hatte gerade müßige Zeit zwischen zwei Lektionen. Und sie fragte man doch nie nach ihrem Verbleiben. Das merkte man sich und fand sich hernach öfter. Und bald wußte sie um die Einteilung seiner Tage und um alle seine Gewohnheiten völlig Bescheid. Durchaus nach der Schnur lebte er. Und so tadellos korrekt benahm er sich ihr gegenüber! Ganz ein feiner Herr gegenüber seiner Dame. Denn da ließ sich praktisch üben, was man anderen abgeguckt und einmal anderwärts gut gebrauchen konnte. Er gestattete sich nicht das mindeste, was ihm nicht als ihrem Lehrer und nach der Dauerhaftigkeit ihrer Bekanntschaft zugestanden wäre. Benahm er sich immer und allenthalben so? Dies reizte ihre Neugier gar mächtig. Immer war eine leise Überlegenheit in seinem Tun. Beinahe etwas Väterliches, Bevormundendes, wie es junge Männer, die von ihrer Weisheit und Vortrefflichkeit erfüllt sind, und denen das Studium noch Selbstzweck erscheint, so gerne Mädchen, diesen holden Zwecklosigkeiten der Natur, gegenüber annehmen, nachdem sie erst der Ruppigkeit der Flegeljahre entronnen sind. Also bummelte man. In einem der öffentlichen Gärten, die sich fast stündlich besser aufputzten. Man sprach eigentlich nur Belangloses, hatte durchaus nichts zu verstecken. Nicht einmal, auch wenn es seine Zeit gestattet hätte nicht, begleitete er sie auch nur nach Hause. Übrigens war das fast nie möglich. Er mußte doch seinen Geschäften nachgehen oder in die Universitätsbibliothek. Und dennoch lag schon darin das Schiefe ihrer Stellung zu dem jungen Menschen. Und jede Bewegung hatte für die Linnerl einen Stachel. Denn immer hoffte sie insgeheim, es werde ein Wort von tieferer Bedeutung aufspringen, wie die Schale einer reifen Frucht den süßen Kern enthüllt. Es blieb aus, und nun zerfaserte sie heimkehrend jeden Satz, ob nicht das darin verborgen sei, was sie unklar wünschte und fürchtete. Er sprach gerne zu ihr wie zu einem guten und vernünftigen Kameraden von seiner Zukunft und seinen Plänen. Es war nichts Unlogisches darin. Nichts, was nicht seinen guten Grund hatte oder belegt werden konnte. Keinerlei Überschwang der Erwartungen, genaueste Kenntnis der Avancementverhältnisse in jedem Zweig des Staatsdienstes. Sie mußte, wenn ihr Jugendgefühl sich wieder einmal regte, manchmal im Nachhinein über seine ausnehmende Verständigkeit lächeln. Das erquickte sie, und sie fühlte sich ihm über. Bis sie ihn wieder traf und sich vor ihm wieder ganz klein und ganz demütig dünkte. In allen seinen Rechnungen aber war für sie keinerlei Raum. Ein anderer hätte mindestens im Scherz sie mit seinen kommenden Tagen verflochten. Er war zu ehrlich, wohl auch zu sehr von sich erfüllt dafür. Und sie litt darunter. War sie keines Begehrens wert? So gar unhübsch war sie doch nicht. Ja – aber sie waren arm. Und ein armes Mädel – dem muß man nicht schöntun oder flattieren. Und die Zeiten waren vorüber, da sie auf dem Grund was gegolten hatten und es für den Gröger ein Glück gewesen war, daß er zu ihnen kam. Sie hatte so merkwürdig scharfe Augen, die Linnerl. Halt auf der Rutschen waren sie, und man wußte das bereits allenthalben und nur zu genau. Durch all diese Zornigkeiten und Aufregungen aber wurde ihr der Gröger nur immer wichtiger. Sie konnte sich der Gedanken an ihn durchaus nicht mehr erwehren, und es half wenig, daß sie ihn in sich oftmals einen recht faden Kerl schalt, an dem nichts sei als Bart und Selbstbewußtsein. Häufig, wenn sie sich mit ihm in ihren einsamen Stunden herumschlug und ihm alles, was sie gegen ihn auf dem Herzen hatte, in sein blondes, hochmütiges Gesicht warf, mußte sie die Augen schließen, und es kam wie eine schwere körperliche Ermüdung über sie. Als wuchte etwas über ihr. Oder sie fand sich in Tränen und wußte trotz allen Sinnens keineswegs, warum sie geweint hätte. Es war inzwischen Mai geworden. Ein ganz prächtiger Mai, wie er diese Stadt manchmal befällt und wundersam schmückt. Reine Luft und hoher, heller, sanfter Himmel. Die zartesten Tönungen zu Abend, die lang nicht verschwinden wollten. Alle Höhen ringsum hatten sich in Feierstaat geworfen und lockten und luden zu sich. Durch das Lärmen der Straßen meinte die Linnerl das eintönige und feierliche Rauschen der fernen Wälder zu vernehmen. Und sie hatte fast körperlichen Schmerz danach, sich in ihnen zu verlieren und einmal, und sei es nur für die Spanne eines Tages, zu vergessen, was zu Hause war und ihr alles Leben verleidete. Ein Doppelfeiertag stand in Sicht. Peter Gröger hatte Landkarten bei sich und erläuterte ihr sehr ernsthaft und würdig, welche Wege er wählen wolle, wo er sein erstes und wo sein zweites Nachtquartier zu halten gedenke. Denn dies alles mußte festgestellt sein. Er beabsichtigte, diesmal auf seine Wanderung den Horaz mitzunehmen, den er vor allen Klassikern bevorzugte. Seiner künstlichen Form und seiner großen Schwierigkeit halber. Denn ein Mensch, der auf den Erwerb durch Unterricht angewiesen ist, der muß sehr darauf bedacht sein, daß seine Kenntnisse nicht rosten. Und er war nur immer sicherer und besser beschlagen worden. Er hatte nun seine Praxis und seine Erfahrungen und Vorteile, und es gab niemanden, der nicht ganz vernagelt war, mehr, den er sich nicht selbst durch die Matura mit Sicherheit zu bringen getraut hätte. »Und das wird bezahlt, Linnerl! Siehst du, das wird gut bezahlt!« und er äugelte vergnügt nach seinem hübschen Spazierstock und machte mit den Händen, die in tadellosen Glacés steckten, eine zählende Gebärde. Diese Handschuhe nun, die er sich so sehr angewöhnt hatte, haßte sie an ihm. Denn niemals empfand man da doch einen warmen und ehrlichen Druck der Rechten, wie sie ihn manchmal gern empfangen und erwidert hätte. Immer war etwas zwischen Hand und Hand, immer gab sie mehr, als sie erhielt. So sehr mit halbem Ohr horchte sie diesmal, daß es selbst ihm auffiel. Denn im Grunde mochte er sie sehr gut leiden und war nur zu sehr in sich selber verliebt, um groß auf das zu achten, was in einem anderen vorging oder sich regte, wohl auch noch zu jung dazu. Er war es doch auch als Lehrer nicht anders gewöhnt, als das große Wort zu führen, ohne daß sich eine Widerrede vorwagen durfte, und unter seinen Kollegen stand er hoch an. Man witterte einen Mann der Zukunft in ihm. »Ist dir was, Linnerl?« Sie sah ihn sehr traurig an: »Ich mein' halt nur, ich bin zu dumm und gar zu närrisch für Ihnen, Herr Gröger.« »Wer das sagt und bekennt, der ist es im gleichen Augenblick nicht mehr«, erwiderte er mit wohlfeiler Weisheit. »Sie haben halt alleweil ein Sprücherl!« und sie lachte schon wieder. »Wie Ihnen nur alleweil so etwas einfallt! Und so viel gut haben Sie's auf der Welt! Ein Madel aber – du lieber Gott!« und sie schaute so bekümmert darein, daß er erschrak. Am Ende weinte sie ihm gar! Es gingen so viele Leute vorüber; denn sie saßen auf einer Bank des Stadtparkes, und es konnten welche von seinen Bekannten unter ihnen sein. Was mußten sich die von ihm denken, und in welchem Licht mußt' er ihnen erscheinen, betraf man ihn so am hellichten Tag mit einem weinenden Mädchen! Unwillkürlich und verstohlen ergriff er ihre Hand, die sie ihm kraftlos überließ und in der es bebte. »Du wirst doch nicht, Linnerl! Wirst doch nicht! Was würden denn die Leute von uns denken?« »Die Leut'! Alleweil die Leut'!« entgegnete sie tonlos. »So satt hab' ich sie schon, die Leut'!« Er unterdrückte eine strafende Bemerkung, weil sie ihm nicht ganz in der Verfassung für Moralitäten schien. Sie aber fuhr fort: »Da hilft nix. Da können Sie mir dawider reden, was Sie wollen, Herr Gröger« – und er sah wohl, daß sie den Einwurf beantwortete, den sie erwartet und den er gar nicht ausgesprochen –, »es ist doch so, und es bleibt so. Was hat man denn von die Leut', daß man in einem fort fragen soll: Was wollen die Leut'? Und kein Mensch fragt mich: Möchtest dir was wünschen tun und was tät' dich gefreuen, Linnerl? Halt, daß man angezogen ist und daß man zu essen hat. Weiter kommt nix auf unsereinen. Aber schon gar nix! Und so gar nix soll man in seine schönsten Jahr' haben von der Gotteswelt!« Ihre Linke hing schlaff niederwärts. »Und was möchte dich freuen, Linnerl?« Er fühlte sich aus Höflichkeit denn doch gedrungen zu fragen. »Viel, oh, so viel!« seufzte sie. »Ich kann's gar net alles herzählen. Ich möcht' so gern lernen, ordentlich lernen, wie ein Mann. Dös geht halt net. Und da – ich weiß net einmal, wie das auf dem Land ist. Und ich denk' mir's alleweil so viel schön. Wohin geht man denn mit dem Vattern? Halt, wo's was zum trinken gibt und ein' Spektakel und einen Rauch. Und ich möcht' einmal einen ganzen Tag kein verdrießliches Gesicht net sehen und keine schiefen Wörter net hören. Daß ich nix von mir weiß, so möcht' ich einmal leben. Und segen S', Herr Gröger – darum bin ich Ihnen neidig. Sie gehen fort. Und was Ihnen gefallt, das sehen Sie Ihnen an und dort verweilen Sie Ihnen. Und wann's Ihnen net gefallt, so gehn S' halt weiter. Und ich muß hocken, hocken, bis ich steinalt und kleinwunzig werd', und net amal ein' frischen Atem kriegt man in sich.« »Möchtest einmal mit mir, Linnerl?« entfuhr es ihm. Sie sah ihn mit einem heißen Blick an, nach dem er mehr von dem verstand, was sich in ihr begab, als sie selber ahnte. »Gern. Oh, so viel gern«, flüsterte sie dankbar. »Und was wirst du zu Haus denn sagen?« »Ich find' mir schon was für den einen Tag. Gar so neugierig sind s' ja net. Sag' ich halt, ich geh' mit der Rosi. Die verrat' mich net.« »Also gut. Samstag in der Früh mit der Südbahn. Um sieben Uhr.« »Ist mir ein wengerl zu zeitig. Aber ich werd's schon machen. Aber net wahr, Herr Gröger: den Horaz, oder wie der schwierige Herr sonst heißt, den lassen S' dasmal zu Haus?« * Man traf sich zu einem zeitigen Zug. Trotz der frühen Stunde begann der Südbahnhof schon unendlich zu schwärmen. Die hohe Halle war erfüllt von Hastenden, die sich wunderlich gebärdeten. Zusammengehörige verloren sich und riefen einander. Das gab ein Gesumm, ein Gelächter, ein Gekreisch, in das der schrille Pfiff der Lokomotiven gellte, das widerhallende Brausen eines Zuges dröhnte, der ausfuhr. Eintöniges Ausrufen einer Litanei von Ortsnamen. Kratzen nägelbeschlagener Bergschuhe auf dem Pflaster. Denn zahlreiche Touristen, die ihren ersten Ausflug in die Berge wagten, benahmen sich rücksichtslos. Dies alles war der Linnerl sehr neu und ergötzlich. Sie fühlte sich gepufft und geschoben und lachte dazu. Wie dies alles nur durcheinanderflirrte, sich zusammenknäulte, entrollte, dahin und dorthin drängte, zurückprallte – das war doch gar zu hübsch! Auch die zweite Wagenklasse ward im Sturm genommen. Ganz außer Atem kam man. Langsam ging's vorwärts, immer durch die Stadt. Immer schöner vom hohen Bahndamm aus entfaltete sich den beiden der Blick auf dieses unabsehliche Wien. An jeder Haltestelle verloren sich viele, kamen mehrere. Eine kurze Strecke blieben sie auf der Hauptbahn. Alsdann stiegen sie um und nahmen eine Seitenlinie. Ein kleines Maschinchen pustete mächtig und schnaubte tapfer den Höhen zu, die sanft und blau in der Ferne standen. Allenthalben, noch spärlich erst begrünt, waren Weingärten. Ein altertümlicher Turm, ungefüg aus Bruchsteinen aufgemauert, stand breitbeinig und beherrschend da und weckte Erinnerungen an Türkengreuel, von denen Peter Gröger der achtsamen Linnerl erzählt. Schon traten die Bäume ans Geleise und fingerten mit schwankenden Ästen an den Fenstern. Man stieg aus. Ein Dorf zog sich sehr langgestreckt eine weite und stäubende Straße entlang. Zwischen niedrigen Häusern ansehnliche Baulichkeiten, vornehme Villen. Die Hänge der Berge fielen steil und wie zur Schlucht niederwärts, Wiesengrün und Waldesschatten flossen zärtlich zusammen. Einen sanften Wiesenweg nahmen sie. Glockenblumen und violetter Enzian blühten allenthalben. Hahnenfuß und Butterblumen flammten sonnig, und an den feuchten Stellen schwankte die tiefgrüne Eller. Ohne daß sie's merkten, ganz sacht erklommen sie die Höhe. Unterm Gipfel war ein grüner und trauriger Weiher, umstanden von blanken, noch unbelaubten Birken, deren Weiß wie vom Grunde der Flut vorleuchtete. Von der Kuppe aus sahen sie zu ihren Füßen ein freundliches Kesseltal. Darüber hinaus, blau und immer ragender, in schönen Stufen bauten sich die Berge auf; und alle beherrschend, als ewiger Schlußstein, grau und gewaltig der königliche Schneeberg, von dessen Flanken es noch sehr winterlich verschimmerte. Sie schritten weiter. Durch heimliche Gründe, umwirkt vom hellen Licht der sehr schlanken und ewig zitternden Buchenstämme; die sich manchmal zu rechten Gängen verflochten; erfüllt vom Rauschen eines behenden Wässerleins und vom tausendfältigen Getön, wie es der nahende Mittag im Walde zu wecken liebt. Es sang in den Kronen; eine müde Hummel summte; Libellen taumelten mit stahlgrünem Fittich aus dem Lichten in die Schatten; auf den Wiesenflächen war das Geschrill der Heuschrecken; ein Pirol erhob seine Glockenstimme; ganz ferne rief ein Kuckuck. Die Linnerl suchte in ihrer Tasche, erschrak, kicherte über die eigene Dummheit. Eine Blindschleiche, die Glück bringt, raschelte ihnen über den Weg, und die Linnerl tat einen kleinen Schrei, den ihre Augen alsbald belächelten. So recht wunschlos wurde der Linnerl: nur immer weiter hätte sie wandern mögen. Man sprach fast nichts. Nur mit versonnenen Augen, in denen die grünen Lichter der Einsamkeit nachglänzten, blickte das Mädchen in dies junge und fröhliche Blühen. Sie war wie im Traum, und Peter Gröger hütete sich, sie zu wecken. »Nun kommen wir auch bald wieder unter Menschen.« Sie schrak auf und sah ihn mit feuchten und wundernden Blicken an, als müßte sie sich erst besinnen, wer da zu ihr rede. »War's schön, Linnerl?« Sie nickte ernsthaft und reichte ihm die Hand, die er herzhaft drückte und sehr ritterlich an seinen Mund führte. Sie wurde rot dabei. Und in einer jähen Wallung und aus ihrem Dankgefühl bot sie ihm die Lippen. Wieder ein Kessel. Eine mächtige langgedehnte Bergmauer schloß ihn ab. Zahlreiche und ansehnliche Gehöfte. Ein Stift, in seiner ganzen Ausdehnung durch eine Mauer vom Ort geschieden. Eine gotische Kirche; jeder der hübschen und phantastischen Zieraten ins rechte Licht gesetzt von der hellen Sonne, die den ganzen Bau verklärte und zärtlich umfloß. Ein sehr vornehmer Gasthof, vor dem zahlreiches und gutgepflegtes Fuhrwerk stand. Dahin steuerte die Linnerl. So einen recht glückseligen Hunger, wie er einem nicht oft vergönnt ist, fühlte sie in sich. Ein Springbrunnen sang einschläfernd; in seiner Schale tummelten sich behende Forellen, und ihre roten Tupfen leuchteten wie Blutflecken durch die Sonnenkringeln. Tauben ruckten. Die Kastanien hatten alle ihre Blütenkerzen angesteckt. Es war eine sehr schöne und andächtige Stille. Man betrat die Kirche. Die Linnerl betete sehr fromm. Man besah den Kreuzgang mit der Pracht seiner Glasgemälde; die Gräber der Babenberger. Ganz ehrfürchtig wurde der Linnerl, als so Erinnerungen heroischer Zeiten in ihr geweckt wurden. Dann aß man zu Mittag. Peter Gröger hatte sich allerdings vorgenommen, nichts zu sparen. Aber er wunderte sich doch, wie nobel es die Linnerl hergeh'n ließ. Eben das Teuerste war ihr gut genug. Der edelste Wein, den der Stiftskeller barg, ward aufgetragen. Wie zierlich seine gelben Lichter auf dem weißen Tischtuch tanzten! Aber teuer war er auch. Nur zu sagen traute sich Gröger nichts, als könnte er sonst den Bann dieser Stunde zerstören. Und einmal neigte sie sich ihm zu: »Heut' red' mir nix darein, Peter! Heut' möcht' ich's fein haben! Aber schon sehr fein!« Eine süße Müdigkeit kam hernach über sie. Sie schloß die Augen, als müsse sie so in sich festhalten, was sie erschaut. »Ein bissel ruhen möcht' ich mich.« Er ließ ein Zimmer öffnen und führte sie hinein. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß. Und sie fühlte seine Hand an ihrer Hüfte und seinen Atem ganz nahe. Sie wollte weichen, bückte sich: er stieß an ihr Haar. Das löste sich und umfloß sie reich: ein brauner Mantel mit Pünktchen versprengten Goldes darin. Und ganz wehrlos vor sich selbst und erzitternd hob sie die schmächtigen Arme und warf sie um seinen Hals ... Da die Mittagsschwüle vorüber war, erschienen sie wieder im Garten. Sehr ernsthaft und sittsam tranken sie den Kaffee miteinander. Aber gehen mochte sich's der Linnerl keinen Schritt mehr. Es traf sich, daß ein lediger Fiaker da war, der sie um ein billiges zur nächsten Station fahren wollte. Die Linnerl bat ohne ein Wort, nur mit den Augen. Und ihm war, als dürft' er ihr heute schon gar nichts abschlagen. Hinter ihnen sangen feierlich die Glocken aus. Im langsamsten Trab der Rosse, wie durch ein verzaubertes Gelände, an schönen Kuppen, an grünen Wäldern vorüber, immer in hellster Sonne fuhr man Baden zu. Mit wundernden Augen ließ sie sich die Zärtlichkeiten gefallen, die der Gröger nunmehr wie aus seinem Recht und unverhohlen ihr gegenüber übte. Das alles bestand ja nicht in Wirklichkeit und mußte verrinnen. Dann wieder, wie in Angst, es könnte doch nur geträumt sein, gab sie sich leidenschaftlicher, als ihr war. Stolze Villen, mit prächtigen, schon ganz bestellten Gärten davor. Ein sehr lebendiger Verkehr. Sie richtete sich stracks auf; lehnte sich in ihre Ecke; saß ganz vornehm da. Dies gehörte eben alles zusammen. Umsonst aber versuchte der Gröger, sie zu bereden, auch noch den Sonntag mit ihm zu verbringen. Sie müsse heim. Für diesen einen Tag könne man sich herausschwindeln. Für mehr nicht. »Einmal ist keinmal, Peterl, gelt?« und sie lächelte eigen. Immer hoffte sie dabei, er werde sie nicht allein reisen lassen. Sie heimzubegleiten fiel ihm wieder nicht ein. Er hatte sein Programm für diese beiden Tage nun einmal festgestellt. Traurig und ihm selbst unangenehm genug, wenn sie's nicht ganz teilen wollte, mit der gemeinsam es so viel hübscher gewesen wäre. Sich's zerrütten aber ließ er's darum nicht. Er löste ihr die Karte nach Wien, zweiter Klasse natürlich. Denn er wußte, was sich gehört. Noch ein hastiger Abschied, mit vorsichtig geflüsterten Worten, als lausche wer im Gedränge; noch ein Winken. Und allein und in allerhand Gedanken und dennoch zu erfüllt von dem, was gewesen war, um jemanden zu vermissen, fuhr die Linnerl zurück. Um sie war die lärmende Lustigkeit nicht allein von der Sonne trunkener Ausflügler; in ihr ihr erstes Geheimnis. Sie stand auf der Plattform des Wagens und sah hinüber zur dritten Klasse. Da spielte ein weinseliger Geselle die Ziehharmonika. An einem breiten grünen Band hatte er sie um den Leib gebunden und fingerte mit dümmelndem Gesicht daran herum. Ein anderer, oftmals schluckend, sang dazu ein albernes und schmachtendes Lied. Erhitzte Weibergesichter mit zausigem Haar. Völlig bildhaft, mit einer unerhörten Deutlichkeit, als könne sie's nie und nimmer vergessen und immer wieder aus sich beschwören, stand alles vor ihr. Ihr war das Weinen nahe genug. Als hätte sie einen Höhepunkt ihres Lebens überklommen und nichts stünde mehr vor ihr, das sich ihm überhaupt noch vergleichen könne. Wortkarg und sehr abgespannt kam sie heim. Ein flüchtiger Gruß mit der Rosel, damit sie die gesehen habe. Dann, recht abgemattet und wie vor einer schweren Krankheit, ging sie zu Bett. Das war doch das beste, jeder Erörterung und allen Nachfragen auszuweichen, die sonst möglich waren. Der Sonntag aber sah Herrn Peter Gröger emsig der so gesunden Bewegung des Spazierengehens obliegen. Er bestieg einen nahen und nicht zu anstrengenden Berg – denn er mißbilligte jedes Fexentum – ,war sehr vergnügt und von sich erfüllter denn je. Das war doch zu allerliebst gewesen! Den Horaz hatte er allerdings nicht mitnehmen können. Aber, das ließ sich sonst schon noch nachholen. Ein versäumter Tag war am Ende kein Unglück. Versäumt? Peter Gröger schmunzelte dennoch, da er schon längst in Amt und Würden stand, gedachte er nochmals seiner, an Christi Himmelfahrt zu Heiligenkreuz. Drittes Kapitel In der Felberergasse In unserer Stadt herrscht ein ziemlicher Verbrauch von Berühmtheiten. Ein jedes Jahr erzeugt bei ihrer zahlreichen und ehrgeizigen Bevölkerung mehr davon, als zum Beispiel im gleichen Zeitraum neue Gassen eröffnet werden. So muß denn manchmal eine schreckliche Musterung gehalten werden. Deren Verdienste zu vergänglich waren, deren Werke nicht beständig genug, um sich trotz Wandels der Tage und ihrer Ansichten zu behaupten, die haben den neuen, den Männern von heute Raum zu machen. Also bleiben wir immer auf dem laufenden über die Leistungen unserer Mitbürger, und es gilt das Recht des Stärkeren auch über die Gräber hinaus. Nirgends aber läßt sich der Ruhm eindringlicher verewigen und verkündigen als von den Straßenecken her. Da springt einem der Name des Würdigen höchst augenfällig entgegen. Von allen Häusern grüßt er, manchmal so hoch, daß es Anstrengung kostet, ihn zu entziffern. Ein Heimischer kennt sich so aus, und es den Zugereisten bequem zu machen, liegt doch kein Grund vor. Epper ja? Er geleitet einen ein gutes Stück Weges, das, beinahe nach Bedeutsamkeit des zu Ehrenden, länger oder kürzer ist. Man gewinnt Zeit, sich ihn einzuprägen und still und beschaulich darüber zu sinnen, was er wohl an Vorbildlichem vollbracht. Nebenbei bemerkt: das kostet hier und da ein ansehnliches Kopfzerbrechen. Es schärft somit den Verstand, beschäftigt das Gedächtnis und läßt in währender Wanderung keinerlei Langeweile aufkommen. Was Adam Mayer vollbracht, das lag für dieses Geschlecht erheblich zurück. Was er gewonnen und erworben, das hatten unkluge Erben vertan und vergeudet. Es bestand somit keinerlei Anlaß mehr, sein Andenken hochzuhalten. Dagegen hatte sich Herr Felberer im gleichen Bezirk als erfüllt von Gemeingeist und der löblichen Hingabe an die Angelegenheiten der schönen und vielbesungenen Vaterstadt bekundet. Ihm also, nach einem allzufrühen und im Interesse der Allgemeinheit nicht genug zu beklagenden Hinscheiden, ihm wurde die Adam-Mayer-Gasse und damit ein Endchen nur vom Wechsel der Gemeinderatsmehrheiten begrenzter Unsterblichkeit zugeschrieben. Der Beschluß des Stadtrates traf Franz Mayer im Tiefsten. Umsonst hatte er seine Freunde in der herrschenden Partei beschworen, ihm dies zu ersparen. Ja, wer war er denn, was vermochte er, daß man auf ihn hören sollte? Ein abgetaner Statist. Stärkere Rücksichten und Erwägungen siegten, und er war um eine böse Enttäuschung reicher. Auch das letzte war ausgetilgt, das an die große Rolle erinnerte, die seinem Geschlecht vordem beschieden gewesen. Seine Vereine freuten ihn nicht mehr. Er traute sich kaum noch heim. Mit niedergeschlagenen Augen, mit sich selber heftig redend, schlich er durch seine Gasse. An allen Ecken schien ihm seine Demütigung zu stehen und Wache zu halten ob der Einfahrt seines Hauses. Und eine tiefe, doch wehrlose Zornigkeit gegen sich, die Herrschenden und vor allem das Schicksal war in ihm. Er konnte in ein stumpfsinniges Schluchzen ausbrechen, gedachte er dessen, was man ihm hinterrücks angetan. Die Frau achtete nicht mehr darauf oder auf sein Treiben. Ins Herz getroffen fühlte sie sich auch; aber sie zeigte es nicht. Die Linnerl war zu versunken in ihr junges Glück, als daß sie sich um den Vater groß hätte kümmern mögen. Es war ja nicht viel, was sie genoß. Und dennoch war es mehr, als sie je zuvor gehabt hatte; ein Spaziergang im Prater, Blumen am Gürtel, denn Peter Gröger sah sie gerne schmuck und war nicht wenig stolz auf seine Geliebte, mit der man sich so gut sehen lassen konnte. Hernach sich wo niedersetzen und gute Musik genießen, die sie so liebte. Einmal in der Zeit, denn das kam teuer, ein Abend im Burgtheater, der sie immer mächtig erregte und ihren Gedanken auf Wochen hinaus Nahrung gab. Sie faßte so erstaunlich rasch und immer den Kern der Dinge. Und dabei war sie stets bescheiden und in ihrer Liebenswürdigkeit immer gleich. Kam Adam einmal nach Hause, dann schlich eine arge Verstörung durch sämtliche Stuben. Beim Militär hielt er sich allerdings nach wie vor gut. Für den Zwang aber, der auf ihm lag und den er mit jedem Tage unwilliger ertrug, rächte er sich daheim. Kein Besuch mehr ohne häßliche Auseinandersetzungen, ohne Vorwürfe von einer erschreckenden Gemeinheit. Immer ging es ums Geld. Denn er brauchte dessen so entsetzlich viel. Da war die Marie, die sich ihn völlig unterworfen hatte. Er wußte, wie nichtsnutzig das Frauenzimmer sei, daß sie ihn betrog mit dem ersten besten, der ihr in die Augen stach oder einen ihrer Wünsche erfüllte, sich immer wie die rechte Soldatendirne benahm. Aber gerade dadurch hatte sie's ihm angetan. Auf ihn wirkte ihre Schamlosigkeit wie ein immer neuer und unbesieglicher Reiz. Denn wie sie war, so war sie durch ihn geworden; der erste war er gewesen und wollte der Bevorzugte sein und bleiben. Sie verhehlten nicht mehr, wie sie miteinander standen. Während Mutter und Schwester im Nebenzimmer saßen, taten sie breit und fessellos ihre abscheulichen Zänkereien ab oder feierten sie ihre Versöhnungen. Er konnte nicht mehr los von ihr. Und der zügellose Lebenswandel, dem sie sich ergeben, vermochte nichts über sie und ihre robuste Schönheit: er war wohl der Richtige für sie. Nach der tollsten Nacht, durchschwärmt und durchjubelt bis zur letzten Neige, war sie zur Arbeit munter und versah in ihrem Dienst nicht das mindeste. Denn eine unerhörte Lebenskraft war in ihr. Er war wieder einmal dagewesen, Geld heischen. Denn er hatte »über die Zeit«, und sie wollte tanzen gehen und hatte ihm rundheraus erklärt, käme er nicht mit, so wisse sie sich schon wen andern. Der Mutter hatte er schwer genug einen Gulden abgepreßt. Mehr hatte sie offenbar nicht, sonst hätte sie's ihm sicherlich gegeben. Denn an diesem Nachmittag war ihr eine starke Furcht vor dem wüsten Burschen gekommen, der offenbar zu allem fähig war. So verwildert sah er aus, die schwarzen Haare tief in die Stirn gekämmt, die Augen tückisch und hitzig, und mit so hartem, unbewußtem Griff langte er immer wieder nach dem Seitengewehr. Sie atmete auf, als der Vater, ihr seit Jahren zum erstenmal gelegen, erschien. Es kam zu neuen, zwecklosen Zänkereien. Der Alte hatte nichts, gar nichts. Der Adam sollte dort hingehen, wo was zu holen sei, statt immer wieder armen Leuten im Sack zu liegen und sie auszuzieh'n. Im dritten Stock – da gibt's was! Und er verfiel wieder in sein unflätiges Schimpfen über die Großmutter. Frau Kathi Mayer erschrak: »Was red'st du da, Franz?« Er aber ließ nicht ab. Ja – jetzt werde man ihnen bald das Haus verkaufen überm Kopf. Als Bettelleut' müßten sie von dannen gehen. Sie aber – ja, die sitzt warm und weich und der kann schon gar nichts geschehen. Alles um sie haust ab durch die Schuld ihrer Erbarmungslosigkeit und Selbstsucht; ihr kann man nicht zu. Eine Lektion wenn sie bekäme! So einen richtigen Deuter! Er wünschte gewiß keinem Menschen auf der Welt etwas Böses. Aber der gebühre es nicht anders, dem alten, schlechten Luder, das vor lauter Boshaftigkeit nicht stirbt und immer nur auf sich und sonst gar nichts gedacht habe. »Und die Rosi, Mann?« Ja – da hätte sie freilich in den Sack gegriffen. Aber warum? Aus Güte? O nein – nur um ihn zu ärgern und ihm zu zeigen, nicht einmal in seinem eigenen Hause gelte sein Willen etwas und sie könne, wenn es ihr paßt, Gottes Verheißung umstoßen, nur weil sie ein Geld hat. Damit hätte sie ihm schon gar nicht kommen sollen. Als ob das nicht schon ohnedies genug an ihm fräße, sähe er diese Person mit ihren Bälgern nur im Hofe. Eben, daß sie nicht hinter ihm herspotten, eben nur das. Just vor die Nase, damit er keinen Bissen mehr in Ruhe essen könne, habe man sie ihm hingesetzt. Aber, das werde auch noch einmal was geben. Bei seiner Seele und Seligkeit. Der Adam hatte genug. Das führte zu nichts, und das kannte er schon auswendig. Und dennoch war ihm diesmal, als hätte jedes Wort eine neue und eindringliche Bedeutung, als schlüge es lichtscheue Wurzeln in ihm. Er ging. Ohne Gruß schmetterte er die Türe hinter sich zu. Nur der Marie sagte er noch, sie solle sich bereit halten. Die Alten möchten machen, was ihnen gefiele. Getanzt werde unter allen Umständen. »Weil wir noch jung und hellauf sind, was, Mariedel?« Es lag eine lästerliche Frechheit darin. Wohin aber oder was zunächst unternehmen? Er fühlte das Bedürfnis, mit seinen Gedanken ganz allein zu sein. Er ging zum Greißler. Einen Augenblick hoffte er, da ein Darlehen zu gewinnen. Aber damit war es sicher nichts, seitdem die Mutter selber aufschreiben lassen mußte. Wortkarg und brütend saß er da. Und die Greißlermädeln, die ihm aus alter Anhänglichkeit Gesellschaft leisten wollten, erkannten ihn kaum wieder. So unwirsch war er gegen sie doch niemals gewesen. Immer von neuem ließ er den einen Gulden auf die Tischplatte fallen oder ihn kreiseln. Er wollte kein Licht. Da sie ihn nach gewohnter Weise aufzumuntern suchten, schnitt er eine gräßliche Fratze, daß es selbst der sanften Marie zuviel ward und sie den schiechen Kerl endlich sich selber überließ. Er wollte in seinen Grübeleien durchaus nicht gestört sein. Und sie waren von der Art, daß ihm auch das vertrauteste Gesicht unleidlich ward. Denn wohin sich wenden oder wie das auftreiben, was beschafft werden mußte, sollte es nicht ein wahrhaftiges Unglück setzen? Die Kathi? Ja – die saß warm, wacherlwarm. Und sie hatte manches Mal geholfen. Das ließ sich nicht leugnen. Denn er hatte viel Geld verbraucht und vertan in dieser Zeit. Es war aber schwer, bei ihr vorzukommen. Ordentlich melden lassen mußte man sich. Und oftmals hatte sie feinen Besuch und man kam ihr ungelegen. Und sie schämte sich dann des Bruders, der am Ende doch nur Feldwebel war und, wie aus einer geheimen Rivalität, sie haßte die Marie, die ordinäre Person, immer noch. Da hatte er so ziemlich ausgespielt. Wenn die überhaupt noch einem von ihnen was zusteckte, so war es der Alte, der dafür hinter ihrem Rücken jämmerlich auf sie schimpfte. Ja – wo hatte der Adam nicht schon ausgespielt? Doch eigentlich nur bei einer einzigen noch nicht, und die wollt' er denn auch nicht fahrenlassen, es koste was immer. Und die Alten, immer die Alten! Nicht zum glauben, wo sie einem alles im Weg standen und der Jugend Licht und Luft nahmen. Er tat einen grimmigen Fluch, so laut aus seinen Gedanken, daß die Mädeln, die im Gewölb immer noch auf eine gnädigere Laune hofften, eilfertig nach seinen Wünschen fragten. Daß sie zum Teufel gingen. Sonst begehre er in aller Ewigkeit nichts mehr von ihnen. Sie entfernten sich gekränkt und endgültig. Oder die Rosi? Gut. Die hatte Geld, massenhaft Geld. Man sprach allgemein davon, wieviel sie Jahr um Jahr erübrigten und der Sparkasse gaben, damit es weiter wuchere. Aber kein Herz für den einzigen Bruder hatte sie. Und sie gab gewiß freiwillig nicht einen luckerten Kreuzer her. Denn sie war geizig geworden, und die beiden Menschen scharrten und rackerten, als wäre man sonst zu wirklich nichts auf der Welt. Im Bösen aber? Sie war doch nie allein, daß man ihr hätt' einen nützlichen Schrecken einjagen können, wozu sich der Adam sonst ganz gern getraut hätte. Da waren handfeste Gesellen, die der Meisterin auf jeden Quietscher zu Gebote standen, und zu Abend saß der Lümmel, der Navratil mit seinen groben Tischlerfäusten sicherlich zu Hause, und sie gähnten sich an aus Müdigkeit und Langeweile. Da war nichts zu machen. Nirgends im guten. Wie ekelhaft das nur war! Er spie vor sich hin. Damit aber kam man nicht weiter. Erst wollt' er schuldig bleiben. Aber die Greißlerin war ganz ausnahmsweise zudringlich, und der eine Gulden half ihm ja doch nichts. Er zahlte, schnallte sein Seitengewehr vorschriftsmäßig fest und trat völlig gedankenlos in den Hof, der zu veröden begann. Denn es war sehr dunstig, und die Kühle kroch über den Boden. Es schien ihm durch den Nebel, als sähe er die Dienstmagd der Ahne fortgehen. Und dieses setzte er sich als Zeichen: war die alte Frau allein, so wollt' er ihr sein Anliegen vorbringen; wo nicht, wieder umkehren. Denn es zog ihn. Ein Schüttelfrost schlug seine Zähne zusammen, gedacht' er, was geschah, wenn er sich auf keine Weise Geld verschaffen konnte. Das mußte verhütet sein. Und was war dabei, wenn er die Ahne darum anging, die dessen hatte, genug hatte, während er sich anders in keiner Weise zu helfen wußte? Er spähte aufwärts. Noch brannte nirgend ein Licht, und langsam stieg er die drei Treppen empor. Wie ausgestorben war doch das Haus. Niemand auf den Gängen, da sich sonst Kinder tummelten und riefen. Er stand vor der Tür der Alten. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Klingel. Ein dünnes Greisenstimmchen: »Wer ist's?« Die eigene Stimme kam ihm fremd vor: Er wußte nicht, wie's ihm einfiel: »Ein armer Mann tät' schön bitten ...« Die Tür wurde halb geöffnet. Er drängte sich mit einem Ruck durch den Spalt. Sie erkannte ihn und erschrak: »Jessas, der Adam!« Sie durfte nicht schreien. Etwas Fremdes war in ihm, handelte, bestimmte immer das Zweckmäßige. Und so neigte er sich ihr zu und flüsterte sehr heiser: »Die Ahndel muß net erschrecken. Ich kumm' wegen der Linnerl ...« »Wegen der Linnerl?« Sie musterte ihn argwöhnisch. Aber schon hatte er die Tür geschlossen und stand so, daß er ihr den Ausgang sperrte. »Aber warum kommt sie net selber?« »Ja, wegen der Linnerl. Und selber kommt sie net, weil sie sich net traut ...« »Das lügt der Adam ...« Seine Rechte fingerte nervös an seinem Seitengewehr: »Einen Lügner müßt' mich die Ahndel just net heißen. Die Linnerl traut sich net. Und schreien sollt' die Ahndel net. Es braucht's net, daß das ganze Haus weiß, da davon wir reden.« Sie bereute beinahe, daß sie eine Regung von Furcht gewahren lassen. Wer konnte ihr an wollen? Und ganz strack schritt sie voraus. »So komm'! Die Tür laßt d' mir offen!« Er folgte. Sie entzündete die Lampe. »Wär' just net not, daß die Frau Ahndel ein Licht macht.« »Gar so insgeheim haben wir zwa nix miteinander.« »Kann man nie net wissen«, er schnaufte schwer und keuchend und schloß vorsichtig und dennoch jäh die Tür. »Die Tür bleibt offen.« »Hab' ich's halt vergessen, und jetzt ist's zu.« Er stand immer auf der Lauer, immer so, daß er ihr den Ausgang sperrte. »Und was willst? Was ist's mit der Linnerl?« So dünn war ihr Stimmchen! Ein Zirpen, das ihm dennoch stärker auf die Nerven ging, so herrisch und so voll gehässigen Mißtrauens war es, und so scharf lugten die vor Alter farblosen Augen zu ihm herüber. »Ja – was soll's mit der Linnerl sein?« Er drehte seine Mütze hin und her. »Hast deine eigene Lug' schon vergessen? Oder was stehst da wie der Bettelmann, wenn er sein Gesätzel net weiß?« Er versuchte zu lachen, aber er brachte nur ein häßliches Grinsen zuwege, vor dem es einem grausen konnte: »Geht mir a net viel anders.« Es war ihr ganz recht, daß er so zögerte. Vielleicht kam inzwischen die Magd zurück, obzwar sie, nach ihren Jahren, sehr langsam war und wie immer an Samstagabenden eine Menge von Besorgungen hatte. Und dennoch ging ihr dies Zusammensein zu sehr wider den Strich, als daß sie's für die Dauer ertragen konnte. »Also: was willst d' eigentlich? Nix Gutes gewiß net!« »Ja – warum denkt denn die Ahndel eigentlich so von mir? Was hab' ich denn der Ahndel tan?« demütelte er. »Laß mich aus! Wann hast denn schon was Gutes wollen? Und warum wärst denn sonst mit einer Lugen zu mir kommen?« »Man hilft sich halt, wie man kann«, orakelte der Adam. »Also, wird's amal? Was willst?« »Um ein Geld möcht' ich die Frau Ahndel schön gebeten haben. Nur um ein bisserl ein Geld ... Ich tät's so viel nötig gebrauchen ...« Das hatte wieder der andere aus ihm gesprochen. »Kein Kreuzer kriegst.« »Dasselbe hätt' ich von der Frau Ahndel schon oftmals bekommen. Ausnahmsweis' schenkt sie mir vielleicht was anderes, wenn ich s' recht schön bitten tu'. Ich tät's gar so sehr brauchen.« »Net einmal ein Kreuzer, wie ei'm Bettelmann.« »Das sollte sich die Ahndel überlegen. Meiner Seel' und Gott: ich weiß mir net anders zu helfen. Und man kann nie net wissen, was ein Mensch in der Desperation tut.« Schon klang eine böse und tückische Drohung durch die Bitte. Das reizte sie. Derlei hatte sie nie vertragen. »Schau, daß du weiterkommst. Für dich hab' ich net ein luckerten Kreuzer. Ich hab' mein Geld net dazu, damit man's versauft und vermenschert.« »Ahndel!« Aber er bezwang sich noch. »Aber der Rosi hat die Frau Ahndel geholfen. Der Linnerl tät' sie helfen, wenn's die brauchen möcht'. Warum mir net? Just mir net? Bin ich was anderes zu der Ahndel wie die?« »Weil dir in Ewigkeit net zum helfen ist.« »Und warum denn net, Ahndel?« »Weilst d' ein Fallot bist.« Ein besinnungsloses Röcheln der Wut. Eine Waffe, zum Stich gesenkt, in der Luft aufblitzend. Ein jäher Schritt zum Diwan, auf dem die alte Frau saß, ruckweise getan, mit steifen Knien, als risse etwas den Adam vorwärts ... »Adam ... A...« Und Totenstille. Der Adam fuhr zusammen. Ihm gegenüber saß etwas und regte sich nicht. Der Kopf war zurückgesunken in die Kissen; die Augen offen und verglast; der Unterkiefer weit geöffnet. Die Hände waren gekrümmt und standen so gräßlich von der Brust ab. Er sah an sich nieder. Scheu; verhohlen. Es schüttelte ihn dabei. Kein Tropfen Blut war an ihm. Sein Seitengewehr war blank, und er atmete tief und dennoch hörbar stöhnend. Alsdann riß er eine Geldlade auf, in der er ihre Wertsachen vermutete. Etwas Geld, für seine Begriffe ein hoher Betrag, lag da. Er nahm eine Summe zu sich, die ihm für eine Zeit genügte, und ließ den größeren Rest zurück. Von den Schmucksachen, die herumlagen, nahm er nur zwei versteckte und wie vergessene Ringe. Er richtete alles nach Möglichkeit wieder her wie es gewesen war, sorgfältigst, damit keinerlei Unordnung die fremde Hand offenbare, die eben erst hier gewühlt. Das war besorgt und er in Sicherheit. Gesehen hatte ihn niemand. Er legte ihre Zeitung entfaltet vor sie hin, als sei ihr im Lesen etwas zugestoßen. Keine Gewalttat hatte sich begeben. Daß eine Frau in diesen Jahren einmal plötzlich auslöscht, das war nur natürlich und gab keinen Anlaß zum Verdacht. Einmal noch faßte er nach seiner Waffe. Atemlos, sprungbereit, zum letzten entschlossen, die ganze Seele im Ohr, stand er hinter der Tür. Denn ihr näherte sich ein schlürfender Schritt. Ein Hüsteln erklang davor. Ein Zittern überlief den Adam und ließ seine ganze Gestalt schwingen. Er sah rot. Das ging vorüber. Langsam, so unendlich langsam. Er harrte, eine Höllenerwartung für das Herz. Bis wieder die Totenstille ihn umgab, wie er sie noch nie gehört zu haben vermeinte. Alsdann, völlig ungesehen und unbeachtet, huschte er die Treppe herunter. Alle Fenster des Hauses waren schon hell und blickten leuchtend in den tiefen Hof. Auch die der Rosi. Er drückte sich an ihnen vorüber, ohne das geringste Verlangen, einen Blick da hineinzutun. In seiner Westentasche knisterte das Geld, wie er dessen so viel nie beisammen gehabt. Er langte danach, betastete und drückte es zärtlich und fühlte sich seltsam getröstet. Es war gutgegangen, und nix war gescheh'n. Er tat einen grellen Pfiff, mit dem er die Marie zu rufen pflegte. Sie kam schon im Staat und hing sich in ihn ein. Einige Schritte, und er blieb stehen und sah sich argwöhnisch um: »Geht da net wer hinter uns, han?« »Wenn schon? Kannst das niemanden auf der Gassen verbieten, Tschapperl!« »Ich mag's aber heut' net. Lassen wir ihn voraus.« Wieder einige Schritte. »Wer steht denn dort?« »Wer soll denn dort steh'n? Halt ein Sicherheiterer.« »So. So. Ein Sicherheiterer. Ich weiß net, mir ist heut' entrisch.« »So geh' in die Kasern' schlafen und laß mich aus.« Er riß sie vorwärts. Wieder: »Ein Lamentabel wird's geben. Kann sein, jetzt schon.« »Wo denn, Adamerl?« »Halt irgendwo. Frag' net so dalkert. Komm lieber. Draht wird, Mariedel! Und wer dich heut' anschaut, den zermantschger' ich.« »Na, na!« äffte sie. Es war völlig dunkle Nacht. Der sternlose Himmel hing tief und war graulich. Der Nebel brandelte. Ein klagender Wind wie vorm ersten verfrühten Schneefall raunte durch die Gassen, die sie durchschritten, und ließ die Gasflammen zucken, geistern und tanzen wie verwunschene Seelen. Viertes Kapitel Adam Mayers Ausgang Am äußersten Saume der Großstadt steht das Tanzlokal. Am Hügelabhang. Dahinter dehnt sich freies Feld, zu schlechten Zeiten oftmals der Unterschlupf der Stammgäste. Denn hier ist ein beständiger und sehr merklicher Wandel der Vermögensverhältnisse; oftmals selbst über Nacht. Zu anderen Malen ist es der Schauplatz wüster Szenen, die eine gnädige Nacht verhüllt. Schande und Verbrechen haben hier in öden Baracken, die man einmal zu irgendeinem Zweck errichtet und abzubrechen vergessen, die gemeinsame Schlummerstatt. Hilferufe manch einer, die man zuerst hierher gezerrt, bis sie sich später freiwillig da einfand, verhallen ungehört, ehe sie die nächsten, zerstreuten Häuser erreichen. Die Sicherheitswache scheut diesen Posten als gefährlich. Denn das Messer arbeitet flinker und sicherer als der Säbel. Hierher zog es den Adam und die Marie. Er legte sein Seitengewehr vorschriftsmäßig ab, und sie betraten den Tanzraum, der schon sehr gefüllt war. Die Musik, von der Art, daß sie einem »am Geigendarm die Seele aus dem Leibe zieht«, schrillte durch eine schwüle und stickige Luft. Denn man tanzte, die Zigarre schief im Mundwinkel. Der süßliche Geruch schlechten Zigarettentabaks schlug durch, beklemmte, reizte zu einem unablässigen Hüsteln. An den Wänden keinerlei Schmuck, wenn man nicht schlechte Ölfarbendrucke in blinden Goldrahmen oder gar großgedruckte Verordnungen mit sehr klaren Vorschriften, bestimmt, Zucht und Ordnung in dieser Gesellschaft zu erhalten, dafür gelten lassen wollte; da und dort ein Spiegel, damit die Mädchen einen Blick hineintun könnten. Der Boden voll von Zigarettenresten und Tabakstummeln. Dienstmädchen, die schon so lange ohne Stellung waren, daß es wirklich kaum lohnte, sich erst wieder eine zu suchen, wo man es doch vor den ewigen Sekkaturen der Gnädigen nirgends aushalten konnte. Und endlich – es ging auch so. Verhungert war noch keine, und man genoß mindestens sein Leben, solange man jung und hübsch war. Was hernach kam? Wen ging's was an, und wozu sich darüber Gedanken machen? Die Burschen hatten freche Gesichter. Alle sahen, trotz ihrer Verlebtheit, jünger aus, als sie waren. Sehr viele waren von Blatternarben entstellt, »als hätte der Teufel auf ihnen Erbsen gedroschen«. Alle trugen sie Spitznamen, die häßlich ans Rotwelsch anklangen und gern auf irgendein Gebrechen deuteten. Und sie waren sämtlich heiser vom vielen Biertrinken und dem häufigen Nächtigen im Freien. Tanzen aber konnten sie allesamt meisterlich. Es war Schwung und Leidenschaft in jeder Bewegung, wie sich's gar nicht erlernen läßt. Ein Reizmittel, unwiderstehlich, das jeden Nerv in ihnen aufpeitschte, war die Musik und der freche, triviale Rhythmus, mit dem hier jede Weise heruntergehudelt und zum Gassenhauer verzerrt wurde. Denn jedes Tempo ist diesen hastigen Füßen immer noch zu langsam. Man ließ sich zu essen und zu trinken geben. Das Beste, was dieses Haus vermochte. Der Adam knauserte nicht. Nur keinen rechten Hunger hatte er. Desto gieriger trank er in sich hinein und blickte mit heißen Augen in dieses Gewühl, um das die Leidenschaften dampften, ohne die fahlen Wangen der Männer röten zu können. Hier war er König. Hier galt er immer noch. Er drückte den Arm der Marie so heftig, daß es ihr beinahe wehe tat, und neigte sich immer näher zu ihr. Sie lächelte dazu; breit, frech, ihrer selbst und ihrer Sache sicher. Er war den Abend sehr wortkarg. Manchmal sprudelte es aus ihm; unsinnig, eben nur Worte wie aus dem hohlen Faß. Die Marie täuschte er damit nicht, und sie wußte nur nicht, was sich in der kurzen Weile mit ihm begeben haben könne, die man einander nicht gesehen. Hernach versank er wieder in sein dumpfes Stillschweigen, daß ihn befiel, ohne daß er es abschütteln konnte. Und eine innere Glut, stark, daß er besorgte, man müsse ihren Loderschein merken, stieg ihm bis an die Ohren. Er war anders als sonst. So schwer aufzumuntern war er. Und so voll geheimer Boshaftigkeiten. Das sah die Marie wohl, und sie wurde ärgerlich. Denn man war nicht hierhergekommen, um sich auszulangweilen oder damit man einander anschmachte. Sie stieß ihn fordernd an. Er schrak auf und stierte bösartig nach ihr. Zu den beiden gesellte sich der Pepi. Er war aufgetaucht, ganz plötzlich, und nahm an ihrem Tische Platz, als stünde ihm das Recht unbestritten zu, legte sich vor, bediente sich sehr ungescheut und schwatzte erschrecklich viel und wie eine Elster durcheinander. Hatte ihn wer bestellt? Der Adam mußt' es denken. In ihm selber aber war immer noch ein lähmender Stumpfsinn. Alle seine Schlagfertigkeit schien von ihm gewichen. Er lachte zu den Witzen des Genossen, grölend, ohne zu wissen worüber, an den unpassendsten Stellen, ohne daß ihm eine Entgegnung einfiel. Was der nur zusammengagazte! Und wie gierig ihm das Mädel horchte! Nur ein großer Haß gegen den Schmarotzer, der sich's da wieder auf seine Kosten gut geschehen ließ und sich dabei nicht einmal entblödete, unter seinen Augen mit seinem Mädel zu scharmieren, war in ihm und suchte unbeholfen nach einem Anlaß, deutlich zu werden. Aber es war heut über dem, was immer er unternahm, wie ein Druck, der immer ärger wurde. Er blickte, eine Ablenkung suchend, in das Gewühl. Das schob sich schwindelig und verwirrend durcheinander. Alle möglichen Haarfarben leuchteten; auch Grauhaarige suchten hier noch ihre Lust und wurden begehrt. Manche tanzten gar im Kopftüchel, und einer anderen brandrote Flechten flammten frech und fordernd vor. Der harte Akzent der Tschechin; das Lispeln der Polin; echt wienerische Gurgellaute durcheinander. Johlen und Kreischen aus Brüsten, welche die Lust zu sprengen drohte. Dröhnendes Lachen und gurrendes Kichern; schweres, beabsichtigtes Stampfen auf den Boden, daß die Stube zu zittern schien; ein tierisch-wilder Juchzer, der die schwüle und schwälende Luft zerriß. Paare, die verschwinden; Neue, die in den Reigen treten, der sich ununterbrochen – endlos, immer wiegend und taumelig dahinzieht. Er merkte gar nicht, daß die Marie von seiner Seite verschwunden war. Über ein Weilchen kam sie, schnell atmend, wieder. Pepi geleitete sie sehr ritterlich zu ihrem Platz. Adam fuhr auf: »Schmarotzer! Willst leicht da auch schmarotzen?« Die Marie maulte. »Du tust ja nix dergleichen!« Er beruhigte sich und trank. Es war aber ein böser Tropfen in seinem Glase. Er empörte das ohnedies hitzige Blut des Adam. Ohnedies war er in einer Stimmung, die er an sich noch nicht kannte: im höchsten Grade schreckhaft und wieder argwöhnisch; erfüllt von einem Wunsch nach übermäßiger Lustbarkeit und in sich dumpf und irgendwohin horchend. Er hatte das Gefühl, die Beine würden ihn nicht tragen. »Ja – die drei Stöck!« murmelte er und sah um sich, ganz erschrocken, ob ihn nicht vielleicht einer gehört habe. Wenn schon! Wer wußte denn, was ihm in diesen Worten lag? »Tanzen wir eins!« Er erhob sich schwerfällig. Aber alle seine Müdigkeit und Beklommenheit war verflogen, da er antrat. Ja, das konnt' er wie keiner! Wie er die Marie nun zierlich und ritterlich nur mit einer Hand führte, deren Leitung dennoch unwiderstehlich war, sie nun wieder mit beiden Armen an sich riß und sie in – immer schnellerem, ja schamlosem Rhythmus schwenkte, sich zu ihr neigte, daß der heiße und fliegende Odem ihres Mundes ihm über die Schläfen hauchte, und wie er sich dann wieder abkehrte von ihr – da kam ihm keiner unter diesen behenden und verwogenen Gesellen gleich. Er wußte das wohl und berauschte sich daran. Zu immer kühneren Figuren. Er konnte gar nicht müde werden. Es war eine Freude, ihm zuzusehen. Die Marie, die doch etwas aushielt, spürte, wie ihr die Knie zu zittern begannen, wie ihr Herz schlug, daß sie schier keinen Atem mehr bekam. »Auslassen!« ganz schwach. Er entließ sie mit einem triumphierenden Blick und einem gellen Aufschrei der Lust, nahm sich die Rothaarige und raste mit ihr weiter, unbändig, rastlos wie ein rechter losgelassener Teufel. Kam er aber an der Marie vorüber, dann neigte er sich immer wieder zu ihr: »Hast genug, Mariedel?« und verschlang sie mit begehrlichen Blicken. Endlich hatte auch er genug. Mitten im Tanz blieb er stehen, sank auf seinen Stuhl, füllte sich seinen Stutzen und leerte ihn mit einem Zuge. »Noch ein' Wein! Aber einen bessern möcht' ich!« befahl er. Eine unendliche Hellhörigkeit war in ihm. Durch all den Trubel meinte er jedes Wispern zu vernehmen und deuten zu können; jedes Summen und Sausen der Gasflammen. Und wider Willen mußte er auf alles horchen. Als wäre jeder Laut wichtig und enthielte irgendeinen geheimen Bezug auf ihn, den er sich nicht entgehen lassen dürfe. Die Marie hatte sich verschnauft. Sie tanzte mit dem Pepi. Ja, das Verreckerl hielt nicht viel aus, dachte der Adam hämisch, da sie ein anderer nahm. Mit einer immer gleichen, unauslöschlichen Begierde folgte er ihrer Gestalt durch alle Verschlingungen des Tanzes und dennoch wieder mit einem tiefen Mißtrauen. Denn sie war schlecht, in die Seele hinein schlecht war sie ja doch. Halt, so paßten sie zusammen, mußte er sich denken. Und es schüttelte ihn dabei wie aus einem starken Widerwillen, gegen den man nichts vermag. »Jetzt ist's genug«, befahl er hart. »Da schmeißt dich nieder und trinkst.« Sie gehorchte unwillig genug: »Nachher könntest aber auch ein wengerl unterhaltlicher sein.« »'s ist mir net danach«, knurrte er mürrisch. »Dann laß mir meinen Spaß.« »Na!« Das kam sehr hart und stockisch. »Da bleibst und trinkst eins mit mir. Nachher wird pünktlich gegangen.« »Es verlangt sich mir aber no gar net.« »Aber mir will sich's!« Und sein Blick war so, daß selbst sie etwas wie Scham und Furcht in sich erwachen fühlte. Und die kannte auch den Ton und sie wußte: klang er einmal an, so war Widerstand gefährlich. Der Pepi kam wieder. Er drängelte sich an die Marie und wollte sich einschenken. Adam zog mit einem bösen Fluch die Flasche weg. »Was hast d' denn heut' nur wieder, Adam?« »Gefressen hab' ich dich. Schleich' dich! Aber schleunig.« »Du bist heut' net schlecht grob«, maulte die Marie und lächelte ein Lächeln nach dem Pepi, von dem der Adam fühlte, es könnte ihn den letzten Rest seiner Besonnenheit und einem anderen das Leben kosten. Aber er hielt noch an sich, empfand aber freilich dabei, wie alle Stränge seiner Selbstbeherrschung krachten und zu reißen drohten. »Ja. Du bist heut' net schlecht grob«, echote der Pepi, der mutiger ward, weil er sich in so mächtigem Schutz sah. »Wegen ein'm Tröpferl Wein!« »Beehrst halt wem andern!« Adam erhob sich mit bedrohlich funkelndem Auge. »Gegangen wird. Wirtshaus! Zahlen.« »Gehst wirklich schon, Adamerl?« schmeichelte die Marie. »Ich hab's gesagt, und ich mein's. Die Gesellschaft stiert mir's.« Er sagte die Zeche an, die ziemlich ins Geld ging. »Garderobe für die Fräulein!« und er warf noch eine Krone hin. »Bleibst vielleicht noch ein wengerl? Mir zulieb?« »Na. Net einen Augenblick mehr.« »Und warum denn, Adamerl?« »Weil ich's satt und gefressen hab'. Alles. Verstehst? Han?« Der Pepi half dem Fräulein Marie in ihre Jacke. Was der Bursche sich heut überhaupt und besonders dabei für Vertraulichkeiten herausnahm! Er fingerte ihr doch ordentlich am Halse, und sie schloß die Augen wie eine Katze, die man strählt. Dem Adam kam's wie ein Koller: »Das Madel laßt aus, du Wurstel.« Die Marie begütigte: »Wenn du net hilfst? Und er hat überdem net einmal was Unrechtes tan.« »Das a no? Und gar vor meiner am End'? Geh'!« Und der Adam lachte grimmig. »Ich weiß net, wie du heut bist«, meinte der Pepi gekränkt. »Immer willst wem an. Da könnt' man rein auf Gedanken kommen.« »War' dir gar nützlich, kämst einmal auf so was. Aber behalt' sie nachher für dich, hörst? Ich bin net neugierig. Und ich bin halt so, wie ich bin. Allo marsch.« »Just net. Ich bleib' just da«, entschied die Marie, nun ernstlich gekränkt, und setzte sich trutzig nieder. »So 'rumschaffen lass' ich net mit mir. Dahier bin ich kein Dienstbot'. Ich find' schon noch Gesellschaft.« »Gehst mit? Ob'st d' mitgehst?« Der Adam zischte förmlich und riß die Marie heftig am Arm. »Ob'st d' loslassen wirst? Du zerreißt mir mei' Jacken.« Sie knöpfte sie langsam wieder auf und sah gereizt und herausfordernd nach ihm. »Wenn die Fräulein Marie aber dableiben will?« mengte sich der Pepi ritterlich und seine Zeit witternd ein. Adam fuhr ihn an: »Maul halten. Oder du fängst eine.« Man merkte schon, was sich da entspann. Man war neugierig geworden. Sitzende erhoben sich und warfen spitze Reden darein mit jener Freude am Schüren fremden Haders, die allgemein menschlich ist. Ein Kreis bildete sich um sie. »Gleich werden s' raffen«, krähte ein dünnes Stimmchen, noch atemlos vom Tanz und in der Erwartung eines neuen Vergnügens. Der Reigen ging weiter, ließ die häßliche Luft erzittern. Der Pepi fühlte sich durch die Zuschauerschaft befeuert, verpflichtet, die allgemeine Erwartung in seine Schneidigkeit zu rechtfertigen. Viel konnte ihm doch nicht geschehen. Und so sah er dem anderen so fest ins Auge, als er's vor aller Scheu nur irgend konnte. »Red' net so frech daher«, entgegnete er, »oder ich drück' dir eine an.« Adam zuckte hochmütig die Achseln. »Abfahren sag' ich, Wurstel!« Pepi wurde immer mutiger, als der andere nicht gleich zu Tätlichkeiten überging. Und eine Unterredung, die nun schon lange Jahre hinter ihnen lag, fiel ihm ein. Damals hatte er sich von einem Mädel wegschrecken lassen, das ihm gut gefiel, nur weil es sein Kamerad wollte; aber eben damals hatte doch auch der Adam gesagt, er hätte eigentlich keinen Mut, und er glaube, wenn ihm einer dreist entgegenträte, so würde er sich an den nicht trauen. War nicht vielleicht der Augenblick gekommen, ihm manche Demütigung, geschluckt im Laufe der Jahre, heimzuzahlen? Ihm vor seiner Geliebten zu zeigen, daß man sich vor ihm und seinem Maul nicht fürchte? »Selber abfahren, Fallot ...« Ein Aufschrei. Sinnlos stürzte der Adam vorwärts. Er schlug wie ein Wütender: »Zweimal in einem Tag Fallot? Dös ist zuviel. Hin mußt werden. Hin und auf der Stell', Hundling, elendiger!« Der Pepi suchte sich des Rasenden zu erwehren. Er wich, feige Tücke im Auge, das lauerte und lauerte. Und plötzlich – er wußte später nicht mehr, wie er sein Schnappmesser in die Hand bekommen und es geöffnet habe – blinkte etwas, stieß vorwärts. An etwas Hartem kam's an – bog sich, ging so glatt und mühelos weiter, drang tief in etwas. Der Adam stand still. Seine rechte Faust öffnete sich; die gespreizten Finger griffen in die Luft. Er bog sich nach rückwärts, ächzend, furchtbar ächzend: »Mir haben s' was tan«, stöhnte er, roten Schaum vorm Mund. »Was tan haben s' mir. Ham möcht' ich. Ham.« Und er stürzte nieder. Das war mit einer unbegreiflichen Schnelle geschehen. Noch ehe einer der Polizeivertrauten seinen Adler aufstecken und einschreiten konnte. »Patrull ...« Ein Schreckensruf. Die Tänzer zerstoben. Die Musik schrillte ab. Paare, die ganz versunken im süßen Taumel nichts gemerkt hatten, sahen sich verdutzt um. Neben dem Adam hatte sich die Marie niedergeworfen. Sein Blut strömte vor, unhemmbar, ihr übers Kleid. Sie achtete nicht darauf. »Stirb mir net, Adamerl, mein Adamerl«, jammerte sie in einem traurigen Diskant. Den Pepi hielten zwei Agenten mit eisernem Griff. Er dachte nicht an Widerstand. Er winselte nur, eintönig, jämmerlich. Der Arzt beugte sich über den Liegenden. »Stich ins Herz! Der Tod muß augenblicklich eingetreten sein.« »Wer weiß seine Leute?« »Ich«, stöhnte die Marie und erhob sich sehr mühselig und ganz in Tränen. »Ham möcht' er, hat er noch auf die letzt' gesagt.« Man hob ihn auf und trug ihn von dannen. Aus der Ferne, verschüchtert, sahen die anderen, scheu aus der Dunkelheit auftauchend, dem Zuge nach, der den letzten Adam Mayer aus der Adam-Mayer-Gasse entführte. Niemand gab ihm das Geleit, nur gefesselt der Freund, der ihn niedergestochen, nur die Dirne, um die er sein Leben vor der Zeit vertan. Dann erloschen die Lichter. Der Tanz war zu Ende. Fünftes Kapitel Bahrrecht Das Haus in der Felberergasse war voller Unruhe. Noch hatte sich die Bewegung, hervorgerufen durch den Tod der alten Frau, nicht gelegt, noch schwirrten die tausend Vermutungen, die sich immer, und läge scheinbar gar kein Anlaß dafür vor, an eine solche Gelegenheit knüpfen, in der Luft, und schon meldete sich zunächst als Gerücht die Kunde vom Ausgang des Adam. Es war aufgeflattert. Und man sprach da und dort davon. An seiner Möglichkeit zweifelte niemand: Jeder wollte längst so etwas erwartet haben. Nur zu denen, die es zunächst angegangen hätte, war noch keinerlei Post gedrungen. So zerstreute man sich diesen Tag wie jeden anderen und ging seine gesonderten Wege. Allerdings fiel es der Frau Kathi Mayer auf, daß die Marie gar nicht heimgekommen war. So weit hatte sie die Frechheit doch nie getrieben, gleich über Nacht auszubleiben und der Frau alle Arbeit zu überlassen. Aber vielleicht war endlich so die Gelegenheit gekommen, sich der unleidlichen Person zu entledigen, mit der es auf die Dauer doch kein Auskommen mehr gab. Und dennoch sollte die Zeit kommen – Jahre, viele Jahre nachher, da sie selbst dieses Geschöpfes, so nichtsnutzig es war, mit einer Art Rührung denken mußte, als der einzigen, die ihrem verlorenen Kinde Liebe entgegengebracht, so gut sie eben Liebe verstand, die in seiner letzten Stunde neben ihm gekniet war, bestrebt, sein vorstürzend Herzblut zu hemmen. Denn keine Magie gleicht der Erinnerung. Es fiel ihr ferner auf, daß die Greißlerin eine schnupfige Stimme hatte, als sie ihre wenigen Einkäufe bei ihr besorgte; williger und beflissener war als sonst, und ersichtlich etwas erzählen wollte und an sich hielt; daß die Bekannten, denen sie begegnete, so gewiß verlegen waren und sie mit barmherzigen Augen betrachteten. Mochten sie nur! Ihr verschlug das nicht, und am Ende – man durfte sie bedauern, immerdar und mit gutem Grunde. Am Herde stand sie und richtete alles für ein bescheidenes Mittagessen. Eigentlich war sie ganz froh in ihrer Einsamkeit. Da konnte sie grübeln und in sich versinken, und ihr wurde, während sie so gedankenlos die Hände regte, beschickte, was zu schaffen war, und, da das Feuer hübsch zu brennen begann, in der Wohnung herumfegte, damit man es halbwegs ordentlich habe, da wurde ihr, als läge das Schlimmste nun doch schon hinter ihr, als könnt' ihr nun gar nichts mehr begegnen, das sie im tiefsten treffen und verletzen dürfe. Sie konnte das sonderbare Gefühl nicht loswerden, als müßte heute, just heute, ein freudiger Besuch kommen. Jemand, mit dem man sich so recht herzlich ausplauschen könne, eine Schale guten Kaffee vor sich, wie sie's in besseren Zeiten geliebt und sich nun schon so lange nicht vergönnt. Sie überprüfte die Vorräte. Es hätte gereicht und, wenn's schon eine Verschwendung war, so mochte sie diesmal hingehen, und willkommen solle ihr jeder sein, wer immer ihr mit Herzlichkeit begegnete. Vielleicht hielt sie sich die Linnerl zu Hause und redete sich einmal mit ihrer Jüngsten aus, die ja so viel klug war? Denn es fiel ihr auf die Seele, wie wenig sie sich um das Kind gekümmert hatte, verloren im eigenen Trübsinn, wie im Schwall schlammiger Wasser, die alles verhüllen und ertränken. Hatte sie die nicht von der Seite gelassen, da sie der Mutter noch so sehr bedurfte? Und war es nicht die höchste Zeit, sie zurückzurufen? Vielleicht machte man gemeinsam einen Sprung zur Großmutter und traf dort die Roserl, die sicherlich Totenwache hielt. Was sich dann fand, das mochte sich schicken. In solchen Gedanken, in Stimmungen, zu fein, um sie nur zu haschen, wie sie eben ein vollkommen erschöpftes Gehirn durchhuschen, fand sie die amtliche Verständigung vom Ende des Adam und seinem letzten Wunsch. Sie brach nicht zusammen, und sie tat keinen Schrei. Nur mit schrecklichen Augen sah sie nach dem Boden. Dann: »Trinkgeld werden S' Ihnen doch kein's verlangen?« Es stand bei ihr fest, sie müsse ihn heimholen. Und so richtete sie sich her, ganz mechanisch. »Damit die arme Seel' eine Ruh' hat«, murmelte sie. Sie versperrte die Wohnung; bei der Hausmeisterin hinterließ sie, es solle jedes essen, wo es wolle, sie wisse nicht, wann sie heimkomme. Wohin sie denn gehe? »Um den Adam«, und nicht ein Zucken war in ihrem Gesicht. Allein machte sie ihre traurigen Gänge. Allein wie immer. Zum Garnisonspital, wo er annoch lag; zur Polizei. Da hörte sie eine Auskunft; dort erzählte man ihr etwas, das sie nicht begriff. Denn sie vernahm nur leere Laute, die in ihr so gar keinen Sinn ergeben wollten. Zu unterschreiben war allerhand. Man übergab ihr etwas. Sie steckte es zu sich, ohne jeden Gedanken. Und diese gleichgültigen, stumpfen Amtsgesichter, die dennoch bestrebt waren, etwas wie Teilnahme und Mitleid zu heucheln! Das war wohl das Widerwärtigste von allem. Mit jedem hätte sie hadern mögen. Aber sie bezwang sich. Denn tief in ihr lebte jene Scheu, die unbezwingliche, des Wieners vor der Obrigkeit. Und dann, die konnten dafür nichts. Schuld an allem, immer unbesieglicher wurde diese Überzeugung in ihr, war ein einziger. Und der war nicht da. Der ließ sie allein Gänge tun, wie sie wohl noch keiner Mutter verhängt gewesen waren. Aber geschenkt blieb ihm nichts. Gar nichts. Und nun wußte sie auch, warum es sich so gefügt hatte, daß sie den Adam heimholen gemußt. Es hatte alles seinen Zweck. So rannen die Stunden. Sie empfand keine Müdigkeit. Kein Hunger kam über sie, und sie wurde nicht schwach, wiewohl sie den ganzen Tag nichts zu sich genommen hatte. Ein Dämon besaß sie und reagierte all ihr Tun nach dem Zweckmäßigen. Es begann zu dunkeln, da sie heimkehrte. Sie schritt die wenigen Stufen voran. Wie kurz war es her, daß sie der Adam im Zorn, voll unbefriedigter Leidenschaften heruntergestürmt war! Es hatten sich viele Leute versammelt und sahen dem traurigen Zug zu. Vor Kathi Mayers Augen war ein Schleier. Sie sperrte auf. Hinter ihr waren die Träger; stapfend, mit schwerfällig ungeschickten Bewegungen, als besorgten sie, irgendwo anzustoßen und dem weh zu tun, der längst nichts mehr empfand. Sie sah um sich, wohin den Adam legen. Da stand sein Bett, frisch überzogen, wie sie's in der Gewohnheit hatte, damit er's ordentlich finde, wann immer er heimkäme. Da hinein taten sie den Toten. Dann gingen sie, und die Frau atmete auf. Nur eine brennende Sehnsucht war in ihr: Allein sein! Allein mit dem Adam! Es war schon sehr dunkel. Sie faltete ihm die Hände übers Kreuz, nahm ihre silbernen Leuchter und ordnete sie. Aber es waren keine Lichter im Haus. Das bekümmerte sie am meisten. Und so kalt war es in der Stube, so furchtbar kalt! Ihr wurde, als müsse der Adam frieren. Das sollte er nicht, nachdem er für ein so kurzes Weilchen heimgekehrt war, um so bald und für ewig wieder fortzugehen. Sie entzündete ein Feuer und wärmte, da es aufleuchtete, die verklammten Finger daran. Alsdann setzte sie sich zur Leiche. Im Zwielicht trat die Ähnlichkeit mit der Kathi besonders hervor. So wurde ihr fast gespenstig, als lägen ihre beiden Ältesten, wie sie ihr das meiste Leid bereitet, nun auch nebeneinander gemeinsam auf dem Schrägen. Die Flamme im Ofen züngelte vor. Sie mußte der Flamme denken, die nicht stirbt. Es war keine rechte Trauer in ihr, und vor allem, und darüber verwunderte sie sich am meisten, keinerlei Überraschung oder Niedergeschlagenheit. Nur ein dumpfer Schmerz, der ihr ins Blut gedrungen war und es gerinnen ließ. Unablässig stierte sie ins vertraute Gesicht, das trotz seiner Jugend so verlebt war, bis ihr seine Züge verschwammen. Benahm sie ihr die Dunkelheit? Oder waren es die Tränen, die einzeln und schmerzhaft ihr vortropften? Sie machte Licht und stellte den Schirm so, daß des Toten Antlitz völlig im Schatten war. Und während sie, eigentlich ohne Bewußtsein ihres Tuns, das Nötige vorkehrte, murmelte sie sinnlose Reden vor sich hin. Denn etwas mußte sie hören, allein mit ihrem schrecklich stummen Gesellschafter, und wenn es nur die eigene Stimme war. Und einmal schrie sie auf, gellend, daß sie vor sich selber erschrak. War das schon der Wahnsinn? Oder riß nur wieder ein letztes in ihr? Aber kein Laut der Zärtlichkeit war in allen den Reden. Kein heißes Wort einer Liebe, die sich für immer scheiden muß. Sie haderte mit ihm, wie sie sich es nicht getraut, es nicht gedurft, da es vielleicht noch gefruchtet hätte. Und auf einmal fiel ihr bei, was man ihr denn eigentlich auf dem Amt gegeben habe? Und sie tastete in ungewissen Griffen danach und besah es mit der Scheu einer verstörten Seele und als müsse ihr daraus ein neues Entsetzliches entgegenspringen. Da war Geld. Viel Geld! Ein ganzer Haufen Banknoten. Ja – woher hatte das der Adam? Um alle Wunden Christi – wie kam der Bursche zu so viel Geld? Was war da nur für eine neue Heillosigkeit dahinter? Und da waren zwei Ringe. Sie besah sie mit einer großen Begierde, selbst mit einer Lüsternheit nach neuen Schrecknissen, als könne sie sich gar nicht mehr daran ersättigen. Sie waren altmodisch. Derlei trug man längst nicht mehr. Aber sie waren schwer in Gold und die Steine kostbar und schön von Feuer, daß selbst sie in allem ihrem Schmerz sie wendete und ihr Leuchten und ihr edles Farbenspiel bestaunte. Die hatten ihren hohen Wert. Auf ehrlichem Wege konnte sie der Adam nicht erlangt haben. Und plötzlich lachte sie gell auf. Je – wenn die Kommission von drüben und die von da einander unterwegs begegnet wären, wie das leicht möglich war! Das hätte eine Überraschung gesetzt! Und eine Enthüllung hätte da herauskommen mögen! Denn nun stand ihr mit einer unerhörten Lebendigkeit alles vor Augen, in allen seinen Zusammenhängen, nicht anders, als wäre sie leibhaft Zeugin jener sämtlichen Begebenheiten gewesen. Ihre Rechte riß ihr im Haar. Denn sie mußte einen körperlichen Schmerz empfinden. Die Linke preßte sie vor den Mund, damit ihr kein Laut mehr entfliehe. Ihre Augen quollen vor und glühten mit stierem und leerem Blick verloren und unfähig, etwas zu erfassen. Das hatte noch gefehlt! Das drückte dem Ganzen erst jenes Siegel der Vollendung auf! Und bei alledem war es noch ein Glück, daß sie allein den Schlüssel dazu hatte, was sich begeben. Ein Glück? In diesem Sinne erbitterte sie das Wort. Aber so sahen nun einmal alle ihre Glücksfälle aus. Immer und seit jeher! Vor die Leiche trat sie. Und ihr riesenhafter Schatten fiel darüber und reckte sich an der Wand. Und ganz leise begann sie, den Adam zu schelten. In heißen, heiseren und raunenden Lauten hielt sie ihre schreckliche Abrechnung mit ihm, Abrechnung über alles, was er ihr angetan von der Stunde ab, da er sich zu entwickeln begann; Abrechnung über jede Freude, die sich sonst eine Mutter von ihrem Kinde erhofft und die ihr dieses verweigert; Abrechnung über alle seine frechen Auflehnungen und Widersetzlichkeiten gegen ihre mütterlichen Rechte, die ihn immer weiter geführt, Schritt vor Schritt, bis hierher. Eine Sturmflut von Schmähungen, voll tief gesogener Gehässigkeit; von Vorwürfen. Er hielt ihr still – endlich still. Aber er hörte wieder nicht darauf – und nicht ihn allein ging es an. Noch einen mußte ihre Stimme umgellen. Noch einer mußte her und vernehmen, was so lang in ihr scheu und ohnmächtig geduckt gewesen war und sich nun aufrichtete, machtvoll, unwiderstehlich, bereit zu jeder Zerstörung und zu einem Sprunge, der nicht mehr fragt, wen er niederwirft. Dieser mußte daran; und hätte sie auf offenem Markt angesichts aller Leute ihm alles ins Gesicht schleudern müssen. O – sie fürchtete sich nicht mehr! Sie schüttelte, vorgeneigt, die Faust gegen den Adam, sie richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf und reckte die Rechte der Straße zu, in jener Richtung, aus der einer kommen mußte. Es war eine unendliche Erschöpfung in ihr und in ihrer Brust ein Stechen. So, als müsse sie den Erregungen erliegen, die so unmenschlich hastig auf sie eingestürmt waren. Sie riß sich mit einem jähen Ruck ihr Kleid auf. Denn nun wollte sie noch nicht zusammenbrechen. Durchaus nicht. So lange wollte sie's noch aushalten – mit Anspannung alles ihres Willens. Wie lange? Solange es eben sein mußte. Solang, just solang! Als würden die zwei Worte eine Zauberformel in sich bergen, wiederholte sie sich sie immer wieder. Bis sie die beiden Silben vor sich hin zeterte und, entsetzt über die Gräßlichkeit des Tones, abbrach, sich stützte und mit leeren, wandernden Augen um sich sah. Die Tür ging. Frau Kathi Mayer raffte sich zusammen. Ihr Mann trat ein. Scheu, eine Beklommenheit und eine Ahnung im Gesicht. »Ich hab' gehört«, stotterte er, »es ist wieder was gescheh'n? ...« Sie nickte mit einer entsetzlichen Starrheit. »Was ist denn schon wieder gescheh'n?« Sie riß den Schirm von der Lampe, so daß ihr volles Licht auf das Antlitz des Toten fiel. Franz Mayer torkelte mit zitternden Knien einen einzigen Schritt vorwärts, blieb gebannt stehen, und seine Zähne schlugen einen schrecklichen Takt: »Marand Josef! Der Adam!« »Ja. Der Adam. Sieh' dir ihn noch einmal an, dein' Einzigen.« Er stürzte in die Knie vor dem Bett, faltete die Hände, wollte beten. Sie krallte sich in seine Schulter, daß der Griff wehe tat, wie der Schlag von Habichtfängen. »Aufsteh'n, sag' ich. Ich leid's net!« Er leistete einen schwachen Widerstand: »Ein Vaterunser – für die arme Seel'.« »Aufsteh'n, sag' ich.« Noch leidenschaftlicher: »Ich leid's net!« »Ja, warum denn net?« »Es gehört sich net.« Er erhob sich willenlos und verschreckt. Auf einen Stuhl setzte er sich und hielt beide Hände vor die Augen. »Magst d' ihn net anseh'n, Franzi?« kam's in bitterstem Hohn. »Magst d' net seh'n, was du angestellt hast?« »Also – da liegt er, dein Einziger!« Sie schied sich mit diesem einen Wort von ihm und dem Toten. »Und weißt d', wer ihn dahin gebracht hat, Franzi? Weißt d' es, han? Oder muß ich dir's erst sagen? Das war net der Strizzi, der ihm mit seinem Messer in sein Herz gestochen hat – dös warst du und du alleinig ...« Er sprang auf: »Kathi – du bist närrisch ...« »Das wär' am End' kein Wunder nach dem allen. Aber ich bin's net. Närrisch war ich ja, wie ich dich genommen hab'. Närrisch, ja, aber schon zum Binden närrisch, wie ich dir treu geblieben bin und 's bei dir ausgehalten hab' die vielen verfluchten Jahr', wie ich's immer wieder tentiert hab', aus dir einen Mann zu machen. Aber jetzt bin ich's net. Aber schon gar net!« »Da werd' ich geh'n ...« »Da bleibst.« Das war ein Befehl, gegen den es keinen Einspruch gab. »Und wohin willst denn geh'n, Franzi? Epper gar zu deine Brüderln, ihnen erzählen von der narrischen Frau? Und meinst d' in der ganzen Wienerstadt, so groß und so verlumpt wie sie ist, lebt heut' ein Mensch, der dir noch die Hand gibt? Meinst?« Sie holte tief und röchelnd Atem. Er versuchte eine schwache Auflehnung. »Muck' net!« herrschte sie ihn an. »Jetzt red' ich!« und versank in ein sehr langes und schmerzliches Brüten. Er tat einen Schritt, und sie fuhr auf ihn zu. Sie war grauenhaft zu sehen mit dem fliegenden Haar, den mageren Hals bloß. »Wart' noch ein wengerl! Wir haben noch net ausgeredet miteinander, noch lang net, Franzi!« »Kathi – du bringst mich um!« Sie zuckte die Achseln, hörte gar nicht auf ihn. »Alsdann – da liegt dein Bub'. Und wir müssen Gott danken, daß sie uns den Buben noch so gebracht haben, wo sie ihn uns hätten noch ganz anders bringen können.« »Um Jesu Barmherzigkeit willen, wieso?« Sie neigte sich zu ihm und flüsterte ihm in Gurgellauten ins Ohr: »Weißt, wer die Großmutter umgebracht hat? Der Adam!« »Aber, es war doch keine Gewalt«, stotterte er. »Aber vor Schrecken ist sie gestorben, sag' ich dir. Und er hat sie verschreckt und hat sie hernach ausgeraubt. Da, schau – so viel hat er bei sich gehabt«, und sie hielt ihre Funde vor ihm. Die Ringe entfielen ihrer zitternden Hand und kollerten mit gespenstigem Laut über den Boden. »Und weißt d' vielleicht auch noch, wer ihn immer gegen die Ahndel gehetzt hat? Wer alleweil gesagt hat: es ist kein Schad' um sie? Und mit dem Hackel wird man sie einmal erschlagen müssen? Soll ich dir's sagen, wie derselbige heißt, oder weißt d' es eh, Franzi?« »Man red't gar viel«, entschuldigte er sich. »Ja, und vornehmlich du, Franzi. Und wenn er frech war und hat mir ins Gesicht gelacht auf meine mütterlichen und blutigen Vermahnungen, was hast denn gesagt? Ich will's nicht anders, hast gesagt.« »Das tun gar viele in derer Stadt.« »So geht's an einem aus. An uns ist's ausgegangen.« Und sie schluchzte auf. »Das ist so gräßlich, Kathi. Ganz entrisch wird mir, Kathi! Ich fürcht' mich!« »Dafür ist's zu spät. Alsdann – den Adam hast hergebracht. Das kannst amal net leugnen. Was hat er denn noch auf der Welt wollen? Eine Adam-Mayer-Gassen gibt's net mehr. Und was die Kathi geworden ist, weißt eh. Ja, die hat halt nur schön sein sollen, nix wie schön, und so ist sie halt danach geworden. Und wenn's der Rosi gut geht – du kannst nix davor. Von dir aus hätt' sie ins Wasser oder eine werden sollen, vor der man ausspuckt. Du hast dich gewehrt genug gegen das Glück von deinem Mädel. Alles war dir zu gering. Ja, halt ein Mayer! Der ist was Rechtes, nur weil er ein Mayer ist. Und daß du selber der Mindeste und der Schlechteste auf der Welt bist – nur dös hast du gar niemals begriffen oder verstanden.« »Kathi!« Das kam gestöhnt aus tiefster Brust. »Ich fürcht' mich net mehr. Was kannst mir denn noch verwüsten? Dein Ältester ist tot. Von der Kathi darf man net reden unter die Leut'. Bettler sein mir. Zugrund' gericht' und verwüstet hast einmal alles. Was tust noch auf derer Welt? Zugrund' zu richten hast nix mehr. Was willst noch, Franzi?« Ein unbändiger Haß brach los. »Oder siehst noch immer net, wie überflüssig du jetzt schon bist, Franzi?« »Kathi! Red' net so, Kathi! Es könnt' dich gereuen, Kathi!« »Mach' dir keine Sorgen! Mich gereut nix mehr!« »Es könnt' was g'scheh'n, Kathi!« »Wird mich net interessieren ...« »Kathi!« »So heiß' ich, ja! Aber jetzt geh', oder vorm Toten geschieht was.« Er ging. Das Gesicht verzerrt vom schwersten Krampf. Zögernd, rückwärts schreitend, wie immer noch in der Hoffnung nach einem Ruf, der ihn halte, immer noch zwischen Verzweiflung, die sich keinen Ausweg mehr weiß, und Lebenssehnsucht. Sie merkte nicht einmal, daß er ihr verschwand. In eine immer steigende Raserei geriet sie. Worte kamen ihr, die sie nie vorher gedacht. Ihre Stimme schwoll. Sie zetterte, gellte, kreischte, eine schwingende, berstende Sturmglocke; und zwischendurch stöhnte die Frau in furchtbaren, tierischen Lauten, schlug nieder in die Knie und sprang wieder auf. Ganz von Sinnen gebärdete sie sich, und ihre fruchtlosen Drohungen und Verwünschungen teilte sie zwischen dem Toten und jener Tür, hinter der ihr der Mann entschwunden war. Sie wußte nicht, wie lange sie's so getrieben hatte. Ohne Ahnung blieb sie, wann die Linnerl, spät wie immer an Sonntagnachmittagen, heimgekommen war. Nur an eines entsann sie sich noch aus jenem Tag der Schrecken: an einen gräßlichen, erschütternden Aufschrei aus dem Nebenzimmer. Denn da hing etwas, langgestreckt und regungslos, am Fensterkreuz und stierte die Linnerl aus verglasten Augen an. An ein totenblasses Mädchengesicht; an die gestöhnten, zögernd gehauchten Worte: »Mutterl! Schreien S' net a so! Er hört's gar nimmer.« Dann schlug sie hin. In einer schweren Ohnmacht. Sechstes Kapitel Ausklingen Die Linnerl stand vor Peter Gröger Ihr Gesichtchen war schmäler geworden, und das Trauerkleid ließ es durchgeistigter erscheinen, denn je. In den Augen war der tiefe Glanz der Wissenden, die beginnen, dem Leben hinter seine Hüllen und Falten zu sehen. Sie hatte ihm die letzten Begebenheiten in ihrem Elternhause berichtet, so weit man auch dem Vertrautesten gegenüber davon sprechen konnte. Nun war sie schon wieder im Begriffe zu gehen. Sie bot ihm die Hand: »Also, du kommst zur Leich'.« »Ich werde bestimmt kommen, Linnerl.« »Weißt – es ist nur, damit wir zwei Schwestern, die Enkerl und die Mutter net gar so alleinig dabei sind.« »Ich verstehe, Linnerl.« »So – und jetzt behüt dich Gott!« Er hielt ihre Hand: »Und hernach? Was wird hernach, Linnerl?« Sie verstand ihn nicht gleich. Nur ihre Hand entzog sie ihm und sah ihn mit ihren merkwürdig fragenden Augen an. »Wird man sich hernach wieder einmal sehen?« »Sehen? Warum denn net, wenn es sich so schickt.« »Ich meine ja nicht gleich. Aber über eine Zeit, wenn du dich gefaßt hast.« Sie schüttelte sehr entschieden mit dem Kopf: »Was einmal war, das ist gewesen und kommt nimmermehr. Das mußt d' doch versteh'n, mein' ich. Es hat alles sein End'.« »Und wirst du manchmal an mich denken, Linnerl?« »Ich mein' schon.« »Und im Guten, Linnerl?« »Wär' ich sonst hergekommen? Just zu dir gekommen, damit doch ein Gefreundeter bei der Leich' ist?« »Und was wird mit dir, Linnerl?« Es war ihm, als hätte er sie nun erst ganz lieb, da sie sich freiwillig und für immer von ihm schied, und als verlöre er mehr an ihr, als er einmal erkannt, und dürfe sie nicht ungetröstet von sich gehen lassen. »Um mich mußt du dich net harben.« »Ja – aber was willst du beginnen, Linnerl? Oder darf ich's nicht wissen?« »Das weiß ich halt selber noch net so genau. Da wird's viel zu vergessen geben«, und sie strich mit der Hand über die Stirn. »Auch mich, Linnerl?« »Da daran vergißt kein Mädel«, entgegnete sie ehrlich. »Aber ich möcht' es doch wissen und habe vielleicht ein Recht dazu, wie du dir dein Leben denkst.« Sie zuckte die Achseln: »Ich möcht' lernen. Viel lernen. Was es für unsereins nur zum lernen gibt. Und ich bin noch jung, und mir wird's leicht. Vielleicht auf eine Lehrerin möcht' ich lernen. Und ich werd' dir's nie vergessen, daß du mir den Geschmack da darauf 'bracht hast.« »Und wenn du Lehrerin bist?« »Halt weiter lernen. Alles mögliche, und was mir nur eingeht. Und weißt: ich hab' so viel erlebt! Und ich glaub' alleweil, ich werd' einmal imstand sein, das zu sagen, was ich erlebt hab', so daß sie's alle begreifen. Und mir scheint, das geht viele Leut' in derer Stadt an, was ich geseh'n und mitgemacht hab' – so viele, daß sie vielleicht aufhorchen werden, wenn ich einmal davon red'. Und ich behalt' alles in mir. Und ich wart' auf meine Zeit und bin geduldig. Und jetzt behüt' dich Gott, ich muß zu Haus. Komm' bestimmt.« »Ich komme bestimmt.« Er wollte sie an sich ziehen. Sie widerstand und ließ sich nur auf die Stirne küssen. »Und ich dank' dir noch einmal für alles.« »Wofür denn?« meinte er ehrlich verwundert. »Ich mein', man sagt so, wenn man einander gern gehabt hat und man geht voneinander, net, weil man sich nimmer mag, sondern weil's halt ein End' haben muß.« »Warum muß es aber ein End' haben, wenn du mich noch magst?« »Weil's kein' Sinn mehr hat und kein' Zweck. Das verstehst doch selber ganz gut. Versäumt hab' ich am End' nix bei dir. Aber ich könnt' was versäumen. Heiraten will ich nimmer. Es war hübsch, und ich hab's gern erlebt. Aber schleppen wollen wir uns nicht miteinander, weil wir einmal für eine Zeit mitsammen gegangen sind.« Das Doppelbegräbnis war ganz still verlaufen. Da es vorüber war, begleitete Peter Gröger die Leidtragenden heim. Dort empfahl er sich mit aller Herzlichkeit, über die er verfügte und mit einigen Worten, die allerhand verhießen und zu nichts verpflichteten. Er wußte in sich sehr genau, daß sich in dieser Stunde sein Pfad und der der Mayerischen für immer geschieden hatte, daß man einander vielleicht noch gelegentlich kreuzen, sicherlich aber sich nie mehr finden würde. Die Zeit, die er mit diesem Hause verbracht, war ihm wichtig und für seine ganze Entwicklung entscheidend gewesen. Er hatte da viel gelernt und beobachtet, das ihm für alle Dauer wichtig und wertvoll als ein Besitz verbleiben mußte. Und er hatte auch sonst Grund, des Vergangenen gern und dankbar sich zu entsinnen. Aber es war wohl auch an der Zeit gewesen, daß ein Ende gemacht wurde. Und er war nicht übel geneigt, in den Ereignissen der letzten Tage beinahe einen persönlichen und an ihn gerichteten Wink der Vorsehung zu erkennen. Es tat ihm allerdings leid, daß er die Linnerl verlor, während sie ihm noch sehr lieb war. Für die Dauer aber wär' es doch kein Verhältnis gewesen, und er empfand es fast mit Rührung, daß ihm die häßliche und undankbare Rolle, mit der er sich als vorsorgender Mann in Gedanken doch schon beschäftigt, erspart geblieben war: zu brechen oder zum Bruch zu treiben. Unter anderen Umständen aber wär' es möglich gewesen, daß man sich wiederfand, die alte Flamme aufloderte und sich eine jener Beziehungen entspann, wie er sie schon mit Bedauern bei älteren Genossen sah: die nicht leben und nicht sterben können und beiden eine Last und eine Qual bedeuten, nur weil man aus falscher Rücksicht nicht verstand, rechtzeitig ein Ende zu machen. Das war nunmehr undenkbar. Er hatte das Recht, gekränkt zu sein, nachdem ihm die Linnerl in so entschiedener Weise den Laufpaß gegeben, hatte weiterhin die Pflicht, ihren Wunsch mindestens zu achten, alles zu vermeiden, was sie ans Gewesene erinnern konnte und sie ihre Straße allein gehen zu lassen. Denn dieses und sonst nichts begehrte sie von ihm. In solchen Erwägungen war er vor sich hingeschlendert, ohne sonderlich seines Weges zu achten. Es war ein sehr heller Tag, wie sie manchmal den Spätherbst bei uns verklären – viel Licht, ohne Blendung und Grellheit. Er empfand die Sonne sehr dankbar, als schiene sie so recht für ihn, bestimmt, alle trüben Gedanken, die sich etwa in ihm regen könnten, zu bannen und ihm aus der Seele zu saugen. Ein starker und freudiger Goldton war in der Welt. Er überspann die schwarzen Knöpfchen der kahlen Ailanthus-Bäume am Ring, das sparsame, gelbliche Blattwerk, davon der eigensinnige Ahorn nicht lassen wollte. Der Himmel war sehr hell und hoch, und durch die herbe und klare Luft schwammen vereinsamt Marienfäden. Und alles leuchtete wie zu einem letzten Aufleuchten, ehe der Winter alle Farben mit seinem Nebelrocken überspinnt. Er kam zur Universität. Ein starker Menschenverkehr war, und die roten Wagen der Elektrischen schössen eilfertig hin und wider und machten sich mit heftigem Glockenton vernehmlich. Hier machte Peter Gröger halt. Ein Endchen Bastei, das abfallende Stückchen Rasen davor noch ganz grün, mit Häusern, die altersgrau und stolz auf die Straße niederschauen, war vor ihm, vor ihm der schlanke Umriß eines Denkmals, dessen helle Bronze goldig schien; ein lebhaftes Gedränge von Jugend, zu der er trotz seiner Erfahrungen noch ganz gehörte, um ihn; um ihn ein Ebben und Fluten, zwischen Straße und Universität, sich allstündlich mit dem Wechsel der Vorlesungen erneuernd. Er folgte dem Zug und betrat die stolze Halle. Eben begann ein Kolleg. Er ging in den Hörsaal, und eifrig und ohne Nebengedanken horchte er den Ausführungen des Dozenten, freute sich, wie leicht er faßte, und war sehr zufrieden mit sich und sehr glücklich darüber ... * Die Mutter und die Linnerl haben sich mit den Navratilschen zusammengetan. Frau Kathi Mayer ist sehr wunderlich und verwirrt. Man läßt sie gewähren; selbst wenn sie's den Enkeln gegenüber mit einer unzeitigen Strenge probiert. Der Meister bewährt sich eben auch als Schwiegersohn und Schwager. Die Linnerl studiert Tag und Nacht. In ihrem letzten Wissen hatte die Ahndel dem Meister seinen Schuldrest erlassen unter der Bedingung, daß er, wenn Franz Mayer etwas zustoße, die Mutter zu sich nähme und die Linnerl etwas lernen lasse. Es hätte dessen nicht bedurft: denn er ist dem Mädchen sehr zugetan und respektiert es außerordentlich. Sie kann immer noch sehr lustig sein. Aber, es ist ein unglaublicher Ernst und eine große Unnahbarkeit in dem Mädel, dem es sonst nicht an Anträgen fehlen würde. So, als hätt' es ein fernes Ziel vor Augen, dessen man keinen Augenblick vergessen darf, will man's erreichen. Sie wird dahin gelangen und wohl noch weiter, als man ahnt. Übrigens geht das Geschäft des Navratil ausgezeichnet. Man muß schon Geduld haben, wenn man etwas bei ihm bestellt hat, obzwar er nach Möglichkeit pünktlich ist. Denn tüchtige Gesellen sind nicht immer zu haben. Und Pfuscher kann er nicht brauchen. Und so wächst sein Wohlstand, beinahe wie seine Familie, mit jedem Jahr. Und es besteht begründete Aussicht, das Haus in der Felberergasse werde wieder an die Sprossen Adam Mayers – weibliche Linie – kommen. Denn dieses hat sich die Rosi Navratil nun einmal in den Kopf gesetzt. Kapiert hat sie nie leicht. Aber was sie sich einmal vornimmt, das hält. Jakob Julius David ???Abbildung Jakob Julius David, einer der bedeutendsten Vertreter der deutschsprachigen Literatur in Österreich um die Jahrhundertwende, wurde am 2.+Februar 1859 in Weißkirchen (Mähren) geboren. Sein Vater, der dem jüdischen Kleinbürgertum entstammte, erst Tabakverleger, dann Pächter war, starb 1866 an der Cholera. Daher wuchs J.+J.+David in ärmlichen Verhältnissen auf. Unter großen Schwierigkeiten besuchte er in drei Orten das Gymnasium, begann dann in Wien Philologie und Philosophie zu studieren. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Journalist und Hauslehrer. Auch nach seiner Promotion im Jahre 1889 war sein Leben von Entbehrungen und Krankheiten bestimmt. Durch Kopftyphus war J.+J.+David schwerhörig geworden und konnte daher auch nicht in den Schuldienst eintreten. Erst als er eine Anstellung als Theaterkritiker, später als Redakteur am »Neuen Wiener Journal« erhalten hatte, war es ihm möglich, sich stärker der Literatur zu widmen. Seine ersten Veröffentlichungen waren historische Novellen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der Renaissance. 1896 erhielt er für den Sammelband »Frühschein« den Bauernfeld-Preis. Zu seinen bleibenden Leistungen gehören zwei in Wien spielende Gesellschaftsromane, »Am Wege sterben« (1899) und der in diesem Heft abgedruckte Roman »Der Übergang« (1902), der als eine Art Wiener Gegenstück zu den ein Jahr zuvor erschienenen »Buddenbrooks« bezeichnet wurde. In seinen meisterhaften späten Novellen wandte sich David dem bäuerlichen Milieu seiner mährischen Heimat zu. Eine Auswahl von ihnen erschien bei uns unter dem Titel »Die Hanna«. Als Jakob Julius David am 20.11.1906 in Wien starb, rühmte ihn Stefan Zweig als »einen der besten (Dichter) in Österreich«, dessen Werk ein Recht darauf hat zu bleiben »für alle, die noch Freude an ernster Kunst, an großer Schöpfung haben«.