Michael Georg Conrad Die gute Haut (1890) 1. So hatte ihn also seine Ahnung nicht betrogen, den braven Xaver Bernhuber. Im Gegenteil. Die Wirklichkeit übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. So miserabel hat er sich's aus der Ferne selbst in den grauesten Stunden des Londoner Nebels nicht auszumalen vermocht. Und so sehr er darunter litt, weil er sich nicht Rats wußte, es dünkte ihm unmöglich, die Schrecken seiner Heimkehr ins Elternhaus durch einen neuen Auszug in die Fremde aus seinem Leben zu verbannen. Darüber war nicht mehr wegzukommen. Das saß einmal fest in seinen Nerven. Zudem, von allem übrigen abgesehen, sein Pate und ehemaliger Lehrherr war auch nicht der Mann, mit sich spaßen zu lassen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt. Die harte Nuß mußte auf alle Fälle geknackt werden. Da gab's kein Davonlaufen. Also so weit war er. Der Punkt stand fest. Hier lag sein Schicksal. Die Heimat forderte ein schweres Opfer von ihm. Fünf Jahre war Xaver in Frankreich, vier Jahre in England in verschiedenen Geschäften als Arbeiter tätig gewesen. Als tüchtig gelernter Schuhmacher und anstelliger Kopf war es ihm ein leichtes, in allen möglichen Zweigen der Lederverarbeitung sich zurechtzufinden und sich als gewissenhafter Handwerker nützlich zu machen. Auch hatte er, sozusagen als Erbteil aus der Münchner Luft, Geschmack und künstlerischen Sinn überall zu erweisen vermocht, wo die Umstände ihm höhere, als die gewöhnlichen zünftigen Aufgaben stellten. Mit kurzen Unterbrechungen hatte er in der Fremde immer Arbeit gefunden. Sein Lebensunterhalt war überall gesichert, zumal er äußerst bescheiden in seinen persönlichen Bedürfnissen geblieben war. Bald als eigentlicher Schuhmacher, bald als Sattler, bald als Säckler, einmal sogar in einem feinen alten Fabrikgeschäft für lederne Polstermöbel stand er in lohnender Arbeit. In diesem Fabrikgeschäfte hat's ihm am besten gefallen, und es wäre für ihn Aussicht gewesen, hier immer höher zu kommen, hätte sich seine Fertigkeit im Zeichnen nicht als unzulänglich erwiesen. Diesem Mangel war leider in der Eile nicht abzuhelfen. Und als einmal eine Absatzkrise in Sicht war und zur Beschränkung der Produktion eine Anzahl fremder Arbeiter zur Entlassung ausgemustert wurde, befand er sich unter den Ausgemusterten. Er mußte sein Bündel schnüren. Der Abschied von dem schönen Geschäft wurde ihm sehr schwer. Nicht ohne Bitternis gedachte er damals des langen Schulzwanges, den er als armer Junge sieben harte Jahre in der Volksschule der Vorstadt über sich hatte ergehen lassen müssen. Was hatte ihm diese endlose Schulzeit eingebracht? Neben den vielen praktisch überhaupt nicht verwertbaren Geschichten und Sprüchen aus der Bibel, dem Katechismus, den Heiligen- und Fürstenlegenden, neben den zusammenhangslosen Kenntnisfetzen aus Natur- und Weltgeschichte und Geographie in lauter öden Namen, Zahlen und Phrasen hat sie ihm nicht einmal so viel Zeichenfertigkeit verschafft, daß er ohne äußerste Mühe und mit sicherem Ergebnis auf der Grundlage der Schule hätte weiterlernen können. Zum Glück hatte er eine natürlich geschickte Hand und ein gutes Auge, sonst wäre das Resultat noch elender gewesen. Aber was half ihm später der Jammer über die Schulstümperei, die die kostbarste Jugendzeit mit unnützem Kram vertrödelt und gerade jene Unterrichtsfächer, die für das Arbeiterleben die wichtigsten sind, am schlechtesten betreibt? Er fluchte wohl über die blinde Ergebenheit seines Vaters, der in allem im Althergebrachten und Unzulänglichen gehorsam stecken blieb und in allen Notlagen, die meist die Folgen einer blinden Ergebenheit waren, sich und die Seinen mit der Redensart trösten wollte: »Es muß halt so sein.« Mußte es wirklich so sein? Waren keine Mittel ausfindig zu machen, dem armen Jungen eine bessere Schulung angedeihen zu lassen? Das war das einzige Mal, daß Xaver bittere Not in der Fremde litt, Not des Leibes und der Seele, als er, der unermüdliche, strebsam Arbeiter, wegen nicht genügender Fähigkeit aus jenem alten englischen Geschäfte für lederne Polstermöbel entlassen wurde. Da fühlte er sich schmachvoll an die Luft gesetzt. Und es war die längste Arbeitspause, die er nun über sich ergehen lassen mußte. Um sie abzukürzen und in der Riesenstadt nicht in der Untätigkeit zu verkommen, nahm er schließlich die gemeinsten Handarbeiterdienste an, die sich gerade boten. Nach neunjährigem Wandern und Kämpfen im Auslande sollte er sich endlich zur Heimkehr entschließen. Es ginge daheim nicht mehr ohne ihn, ließ ihm der Vater schreiben. Und merkwürdigerweise drängte auch sein Pate und ehemaliger Lehrherr. Er schickte ihm sogar das Reisegeld. Xaver verhehlte sich's nicht, daß ihm dieser Schritt nach rückwärts in keiner Weise erwünscht war. Wie er die Sache in seinen Gedanken wenden und drehen mochte, es sah nicht viel Gutes heraus. Je mehr er sie erwog, desto größer wurde sein Unbehagen. Nein, das Wiedersehen daheim, in der Münchner Vorstadt, und am Ende gar das Wiedereinleben in die alten, engen, schlechten Verhältnisse stimmte nicht zu dem Plan, den er sich von seiner Zukunft gemacht. Sehnsucht hatte er, ehrlich gestanden, niemals empfunden, keinerlei Heimweh, zuweilen eine Art Neugier und den Wunsch, die Leute daheim einmal, wie vom Himmel geschneit, plötzlich zu überraschen. Aber dann kehrtum und fort! Hinaus aus der heimatlichen Hoffnungslosigkeit! Er war ja doch auch über alles Sonstige hinausgewachsen in der langen Zeit. Auch seine Genossen, und es war manch ein welterfahrener, kenntnisreicher Mann darunter, rieten ihm ab. Er solle sich doch nicht von dem Alten zum Narren halten lassen! Was Vaterland! Was Geburtshaus! Nichts als Larifari für den modernen Arbeiter. Der nehme sein Vaterland an der Schuhsohle mit, und wo es ihm gut gehe, da soll er sein Zelt aufschlagen, und wenn's ihm schlecht gehe, auf, in die weite Welt hinaus, so weit die Beine tragen! Xaver hörte diesen großsprecherischen Reden freilich nicht mit begeistertem Einverständnis zu. Er kannte seine Natur. Auf die Weltstürmerei war sie gerade nicht angelegt. Kein Heldenfeuer lohte in seiner Brust, ihm den Kampf ums Dasein in lockender Verklärung zu zeigen. Er hatte in seiner Jugend zu viel Not erlebt und zu viel unüberwindbares Elend gesehen. Was die Zeitungen über Deutschland schrieben, gewährte kein reizendes Bild. Nicht bloß die sozialdemokratischen, die er manchmal von er manchmal von einem Kollegen in London zugesteckt erhielt, auch die bürgerlichen englischen Blätter zeigten die Entwicklung des Reiches in einem sehr trüben Licht. Es wurde einem eiskalt, wenn man gewisse Geschichten las. Die ewigen Verfolgungen, Unterdrückungen, Verhetzungen, Ausweisungen, das zweierlei Maß für Reich und Arm, für Militär und Zivil und so vieles andere, was sich erst aus der Ferne unbefangen beurteilen läßt – nein, je weiter davon, desto besser. Besonders ein älterer Genosse riet ihm heftig ab: »Nur nicht ins Deutsche Reich zurück, wer einmal die freie Luft Englands geatmet hat. Von dem wahrhaften alten Deutschtum, das wir in Erinnerung haben, lebt in dem preußischen Militärstaat blutwenig, viel mehr davon findet man noch in England und Holland. Im Reich Bismarcks und seiner Ausnahmegesetze kann kein klassenbewußter Arbeiter schnaufen, geschweige sich als ganzer Mensch fühlen. Er wird ausspioniert, verfolgt, gehetzt, sobald er eine selbständige Meinung von sich gibt, die den anderen nicht in ihren Kram paßt. Er hat keine frohe Stunde mehr. Kummer und Ärger sein Leben lang. Nein, das tut nicht gut. Schreiben Sie Ihren Leuten ab. Die sind neun Jahre ohne Sie zurecht gekommen, und nun sollen Sie sich opfern und den Nothelfer machen? Ich an Ihrer Stelle würde mir den Luxus schenken. Was wollen Sie denn in Deutschland anfangen? Da braucht man Soldaten, keine Arbeiter. Der Soldat frißt dem Arbeiter das Brot weg. Zu Reichtum werden Sie da drüben nicht kommen, zu Rang und Stellung auch nicht -« Diese spöttische Wendung verdarb ein wenig die Wirkung der langen Rede. Xaver empfand sie beinahe wie eine persönliche Kränkung. Zwischen dem getretenen und verachteten Hungerleider und dem reichen Protzen gab's wohl auch im Deutschen Reich noch eine Stufenleiter, wo ein ehrlicher Kerl Platz suchen konnte, ohne verrückt zu sein. Ein anderer Genosse, ein Norddeutscher, ein verkrachter Studierter, der in England den ganzen Buchgelehrtenwahn über Bord geworfen und als tüchtiger Praktiker das Leben von vorn angegriffen hatte, bemerkte zu Xavers Heimkehrschmerzen: »Nee, Männeken, det überlegen Sie sich wohl mit 'n Kopp und mit die Beene. Nach Deutschland? Fauler Zauber. Det is schon dem ollen Humboldt klar jeworden, der uns Jelehrten den weisen Spruch hinterlassen hat: ›In Deutschland gehören netto zwei Jahrhunderte dazu, eine Dummheit abzuschaffen, eins, um sie einzusehen, und eins, um sie zu beseitigen.‹ Nee, mein Jutester, wollen Sie mir nicht glauben, so tun sie dem Onkel Humboldt den Jefallen, der war wirklicher Jeheimrat und Professor und kannte den Rummel. Und seit Humboldts Zeiten sind die Dummheiten erst recht üppig jewachsen im Reich, det is das wahre jelobte Land dafür.« »Eigentlich bin ich geborener Bayer!« warf Xaver mit komischem Berichtigungseifer dazwischen. »Jeborener oder unjeborener, mit Jot oder Ypsilon, mit die Extrawurst is auch 'rum. Respekt vor Bayern und seinem echten Bier, aber bleiben Sie man mal schön ruhig bei uns in London, bei Porter und Ale, und werden Sie nich' gleich sentimental, wenn Muttern daheim was Menschliches passiert, oder die jeliebte Schwester graue Haare, aber keenen Mann kriegt, der sie unter die Haube bringt, oder der werte Herr Papa sich ins Privatleben des Armenhauses zurückzieht, um dort mit Ehren seine Altersrente zu verzehren – Nee, pfeifen Sie einen Yankeedoodl auf die janze deitsche blümerante Familienromantik, aber derbe. Sie bleiben hier, Sie sind ja ein janz netter Mensch, trotz Ihrem Bayern, und damit basta.« * Aber es half nichts. Er blieb nicht. Es kamen neue Briefe, die ihm das Blut erhitzten. Die Briefe vom Paten in Sonderheit. Die quollen über von Vorstellungen, Bitten und Verheißungen. Er konnte es zuerst gar nicht fassen. So viel Wärme des Familiensinns und der persönlichen Teilnahme hatte er ihm nie zugetraut. Aber da stand's schwarz auf weiß. Die Postanweisung auf das Reisegeld lag daneben. Und da konnte Xaver auch kein Barbar sein. Und er grübelte und empfindelte so lange, bis er die innigen Verwandtschaftsgefühle wieder in seiner Brust entdeckte. Er fühlte wahrhaftig, wie die Bande des Blutes, die ihn an die alte Heimat und an das trostlos armselige Elternhaus fesselten, wieder straffer wurden. Darüber half die radikalste Redensart seiner neumodischen Genossen nicht hinweg. Zwar, diese Empfindung war immer mit dabei, daß in diesen neun Jahren manche ererbte Anschauung verblaßt und vertrocknet war, manche alte Lebensansicht, die daheim wie Gold gegolten, Glanz und Schimmer verloren hatte. Allein – trotzdem. Seine Natur hatte keine Ruhe mehr. Sogar das Gewissen raunte ihm zu, daß es jetzt oder nie die Erfüllung kindlicher Pflichten gelte. Ja, daß er sich seinem Paten gegenüber in alter und neuer Dankesschuld befinde. Und Lene, die stolze Meisterstochter? Nun, der konnte sich Xaver als weitgereister Mann nach neun Jahren auch wieder einmal vorstellen. Das würde gar nicht so übel sein. Er hatte sich sicher nicht zu seinem Nachteil verändert. Viel feiner wär's freilich noch, wenn sie ihn hier in seiner Londoner Umgebung sehen könnte, als daheim, im Rahmen seiner elterlichen Armut – Ja, darauf kams jetzt vor allem an, die Probe auf die Wahrheit aller dieser traurigen Berichte zu machen, die aus dem Elternhause kamen. Mit seinen eigenen Händen mußte er diese bösen Zustände greifen, sozusagen, an seinem eigenen Leibe mußte er sie erleben. Sonst gab's keine klare Rechnung. Auch nicht zwischen seiner Person und seinen Geschwistern und Verwandten. Er mußte endgültig wissen, was sie ihm und er ihnen noch sein konnte. Neun Jahre! Zeit genug, daß sich alles durch die Haut durch veränderte. Da reichte kein Schreiben aus. Im unmittelbaren persönlichen Zusammensein konnte nur Klarheit kommen. Recht betrachtet, war also diese Heimreise eine Bilanz der Kraft. Diesen Vergleich hatte der norddeutsche Genosse gemacht und damit den Gesichtspunkt gefunden, von dem aus Xavers Abgang von England noch die annehmbarste Rechtfertigung hatte. »Die Schuppen werden Ihnen bald von den Augen fallen. Staunen werden Sie, was Sie in diesen neun Jahren weg- und zugelernt haben in der Schule des fremden Lebens, einfach staunen. Und die daheim, auf ihren alten Eselsbänken, dito. Glück zur Fahrt!« Und er kehrte England mit sehr gemischten Gefühlen den Rücken – aber der Entschluß war unerschütterlich. Wie ihm die Sinne scharf, das Herz fest geworden, das hatte sich jetzt zu erweisen. 2. Jawohl, er mußte daheim alles noch fürchterlicher finden und unerträglicher, als er sich's draußen gedacht. Viel Schlimmes, das sich mittlerweile zum Scheußlichen entwickelt und unausrottbar in alles Lebendige eingefressen, war ihm in der Fremde überhaupt aus dem Gedächtnis entschwunden oder wirkte nur noch ganz schwach auf seine Vorstellung oder stand vor seiner Phantasie wie eine menschliche Torheit, über die man sich als gereister Mensch hinwegsetzen konnte. Wenn er, zum Beispiel, in seiner geräumigen, lustigen, hellen Werkstatt an der Themse oder in dem schönen Vereinshause seiner Londoner Gewerkschaft sich zurückdachte in die enge, schmutzige Bude an dem stinkigen Bach im Lehel, der verwahrlostesten Vorstadt von München, in die windschiefe, halb in den weichen Boden versunkene Hütte, die sein elterliches Stammhaus bildete – das war ein Moment, rasch und abgeklärt, wie ein Bildchen, das man durch den Nebel blitzen sieht und sofort wieder im Duft der Ferne verrinnt. Aber jetzt bildete der Moment eine Kette, und das Bild hielt stand in unmittelbarer Wirklichkeit, und zu der Gegenwart, als ob's an ihr noch nicht genug wäre, wurde die ganze greuliche Vergangenheit lebendig. Ja, das da war sein elterliches Stammhaus! Wahrhaftig, so hatte er's im Auslande niemals im Auge gehabt, am wenigsten in der Nase und im Ohr. Wie da in dem Winkelwerk der zwei, drei Räume zur Erde und in einer Dachkammer alles durcheinander kugelte in heilloser Unordnung, Menschen und Tiere, Hausrat und Handwerkszeug, altes Gelump und neue Ware – die Luft zum Schneiden dick, gemengt aus Dunst, Staub, Qualm, Fäulnisgestank, die winzigen Fensterscheiben erblindet oder zerschlagen und mit Papier überklebt, die wurmzernagten, kotbeschmierten Türen schief in den Angeln – nur im verrufensten Osten von London hatte er ähnliche Spelunken getroffen. Und hier, in dieser Gifthütte auf durchseuchtem Boden, hat Xaver das Licht der Welt erblickt und im Schutze der königlichen Haupt- und Residenzstadtverwaltung seine Jugend verlebt. Mit fünf anderen Unglückswürmern, christlich getauften Kindern. Nur ein Jahr eins vom andern altersunterschieden. Alle gleich schlecht gefüttert, schlecht gekleidet, schlecht erzogen, den ganzen langen Winter kränkelnd, in schmutzigen, zerfetzten, von Ungeziefer starrenden Betten – Die Mutter, zermartert, ein Jammergeschöpf, stets in Sorgen und übelster Laune, daß die ganze Hütte wiedergellte von Seufzen und Weinen, Klagelauten und Schimpfereien von früh bis spät. Sie hatte wohl, die gute Mutter, ein unausdenkbar schlechtes Los, aber das wurde doch nicht im geringsten dadurch verbessert, daß sie, beim winzigsten Anlaß, schimpfte und fluchte und die rohesten Worte förmlich herausspie. Beim fünften Kind starb sie im Wochenbett – Und der Vater, dieser wunderliche Heilige mit seinem unerschütterlich gleichmütigen »Es muß halt so sein«, jahrzehntelang in diesem Pfuhl. Nachdem sein erstes Weib gestorben, hatte er noch nicht genug, er nahm sich ein zweites und zeugte aufs neue Kinder, die so wenig zu nagen und zu beißen hatten, als die bereits vorhandenen. »Es muß halt so sein.« »Der stoische Philosoph auf dem Schusterstuhl«, nannte ihn der Doktor vom Lehel. Damit war auch nichts gebessert. Eine stille Wohltäterin, die sich einstellte, als die Not am höchsten, die Frau Kommerzienrat Raßler aus der Quaistraße, machte ihm gelinde Vorwürfe über sein Eheleben. Damit kam sie jedoch bei der Stiefmutter schön an. Die war überhaupt in allen Dingen viel zu jung und zu frech. So wuchs die armselige Familie heran in Dummheit und Elend aller Art. Die älteren Knaben, endlich dem Zwang der Volksschule entwachsen, mußten in die Fabrik, wenn sie nicht bei einem Lehrmeister unterzubringen waren, die Mädchen hinunter ins Wäscherinnenviertel am Gries als dienstbare Gehilfinnen für alles. Die »Fabrik« war auch darnach. Eine sogenannte Pantoffelfabrik, deren Unternehmer selbst abgehauste Tunichtgute und arme Schlucker waren. Brüder, die in einer entlegenen Hofwohnung mit einem gemeinschaftlichen Weibe lebten. Das größte Zimmer des Rückgebäudes war für die »Fabrik« hergerichtet. Bis an die Decke hinauf waren Filzplatten aufgestapelt, aus reinem Filz, aber meist gestohlene Ware, und aus altem Filz und Stoffresten auf Pappe zusammengeleimt für die sogenannte Einlage. Da arbeiteten die Brüder, indem sie auf einem alten Tisch die Sohlen in verschiedenen Größen zuschneiden mußten. Ein paar hundert Schritte weiter war die andere Fabrik, deren Spezialität im Zurichten von Katzen- und Hasenfellen für die Hutmanufaktur bestand. Das brachte den dort beschäftigten Bruder darauf, im Winter selbst auf die Katzenjagd zu gehen. In den Abendstunden durchstreifte er die ganze Gegend isarauf- und -abwärts. Keine Miezi war vor seinem Späherauge und seinen Jagdkünsten sicher. Die abgebalgten Katzen lieferte er in die Familienküche. Katzenbraten war der einzige erschwingbare Fleischgenuß. Das war stets ein hoher Festtag, wenn es fette Katzenbissen mit Kartoffelknödeln gab. Erst protestierte der Vater dagegen aus Mitleid mit den abgeschlachteten Tieren, dann aß er aber selbst mit. »Es muß halt sein.« Die Mädchen aus erster Ehe waren der Stiefmutter ganz besonders zuwider. Drum konnte sie dieselben nicht schnell genug vom Halse haben. Brachten sie nicht genug Erwerb heim, so wurden sie mit den wüstesten Schimpfnamen empfangen. Im Schimpfen war sie ihrer Vorgängerin weit überlegen. Da war gleich alles »Bankert« und »Schwein«, »Aas« und »Schindluder«. Auch der Vater auf seinem Schusterstuhl bekam täglich seine Portion von Ehrentiteln von der zweiten Gattin ins Gesicht gespuckt: »Trottel«, »Rindvieh«, »alter Gauner«, »Bazi«. Er zog die Schultern hoch, duckte den Kopf und murmelte: »Es muß halt sein.« Er wollte auch den geheimen Grund wissen, warum das arme Weib seelisch so verroht war. Dem Doktor machte er einmal Andeutungen: Seine zweite Schwiegermutter – Gott habe sie selig – sei eine hartgeprüfte Frau gewesen. An einem heiligen Christabend habe sie aus Verzweiflung ihre Kinder, die vergeblich nach einem Weihnachtsbaum schrien, mit wahnsinnigen Worten verflucht, und ein Jahr später sei sie in der Christnacht auf offener Straße Hungers gestorben. Der Vater wollte auch in seiner eigenen elterlichen Familie geheimnisvolle Schicksalsschläge erlebt haben, so daß er die fortgesetzte Verelendung seines Stammes wie eine Fügung des Himmels geduldig hinnahm. Er rückte aber in diesem Punkte mit der Sprache nicht heraus. Er war überhaupt eine seltsam rätselhafte Natur. Oft sah man ihn, wenn er sich Abends ein wenig vom Sitzen erholen wollte, in der huschenden Dämmerung an der Isar stehen und in den reißenden Fluß hineinsprechen und hineingestikulieren. Vollgepfropft von Aberglauben und Illusionen war der arme Mann. In seinem Jammerleben hatte er vor der Zeit seine Haare und seine Zähne verloren, sein Leib war immer dürrer, sein Buckel immer schiefer geworden, nur seine Illusionen blieben vollzählig, frisch und grün. Unter den buschigen eisgrauen Brauen glänzten seine blauen Augen heute noch in kindlicher Einfalt und Zuversicht, sobald ihm jemand ein gütiges Wort gönnte. Er glaubte sogar an die Geistlichkeit wie an richtige Volksbeglücker, wenn ihnen der Staat volle Freiheit ließe. Es störte ihn nicht, daß die Pfarrer, statt sich nach dem Gebote Christi ausschließlich den Armen und Elenden zu widmen und die Hilfsbedürftigen in ihrer Trübsal zu besuchen und den Mühseligen das göttliche Evangelium zu verkündigen, lieber herumschwadronierten in den politischen Vereinen, ihre Hände in alle irdischen Händel steckten, immer auf ihren weltlichen Vorteil bedacht und unersättlich in pfäffischer Herrschsucht. Die Aufschneidereien der ultramontanen Patrioten und Geschäftskatholiken nahm er für bare Münze. Wenn dann die Skandale losplatzten, der Schwindel aufkam und die Moral der »Führer« sich als Lug und Trug erwies, ersonnen, um ihren groben Eigennutz und ihr unchristliches Leben zu verhüllen, da schüttelte er wohl traurig den Kopf, fand aber bald sein mildes Lächeln wieder: »Es muß halt sein, wer weiß, wozu es gut ist!« Darüber mußte nun freilich sein junges Weib mit dem heftigem Temperament in arge Wut geraten: »Du Schlappschwanz, du! Ich tät' mich schämen. Ja, wenn ihr armen Tröpf' von Männern keine solchen Hasen wärt, mit der Schwindlerbande wär' längst aufg'räumt. In die Isar soll man sie schmeißen wie verreckte Hund', dann wird's besser in der Welt. Aber vorher soll man ihre Sünd' und Schand' aufdecken. In alle Zeitungen soll man ihre Sauereien setzen. In den Theatern soll man ihre leibhaftige Gschicht' spielen und in der Kirch' predigen, mit den rechten Namen dazu, dann wird den dummen Leut'n ein Licht aufgehn. Aber es is nix und wird nix, weil ihr andern elendige Schlappschwänz' seid und euch in jedes Mausloch verkriecht.« Die Buben rissen bei solchen Wutreden der Stiefmutter, die ganz blaß und grün wurde vor Zorn, Augen, Mund und Ohren auf, während der Vater ruhig seinen Draht wichste und mit zahnlosem Mund sein »Es muß halt sein« murmelte. Der Dreck gehört einmal zum Leben, wie das Pech zum ehrsamen Schusterhandwerk. Da war weiter nichts zu machen. * Xaver hatte bei seinem Firmpaten Xaver Seraph Bogner in der Vorstadt Giesing keine allzu üble Lehrzeit. Zwar war Bogner auch nur Kleinhandwerker vom alten Schlage, aber er hatte sich einen tüchtigen Brocken erheiratet und war durch Fleiß und Klugheit in günstige Vermögensverhältnisse gekommen. Jedenfalls war das Schusterhaus in Giesing im Vergleich mit dem im Lehel ein wahres Paradies, und Xaver war wie im Himmelreich, wenngleich dem armen Lehrling keine Arbeit und Demütigung erspart wurde. Daß er nur aus Gnad' und Barmherzigkeit angenommen worden sei, bekam er oft zu fühlen, und daß der gestrenge Lehrherr ein weitläufiger Vetter von ihm war, durfte nie erwähnt werden. »Meister«, nichts weiter. Als Xavers Lehrzeit zu Ende ging, mußten seine älteren Brüder beim Militär einrücken. Max fiel in der Kaserne einem leberkranken Unteroffizier, einem gefürchteten Rekrutenschinder von ausgesuchter Bosheit in die Hand und wurde zum Halbinvaliden mißhandelt. Ludwig, ein körperschwacher, stiller Mensch, starb an einem Hitzschlag bei einem Gewaltmarsch in glühender Augustsonne. Der Jammer war entsetzlich in der Familie. So waren auch diese Stützen, auf die der Vater lange in Sehnsucht gehofft, im Handumdrehen vernichtet. Es war zum Verzweifeln, zwei wackere, erwachsene Söhne, die noch so viel für ihre armen Eltern und Geschwister mit der Zeit hätten tun können, in Verderben und Tod getrieben zu sehen. Monatelang saß der Vater ganz stumm, wie versteinert. Nicht einmal sein Leibwort kam ihm über die Lippen. Die Mutter tobte und raste und fluchte dem Staat alles Verderben an den Hals: »Dienst fürs Vaterland heißt man das – als ob wir armen Teufel überhaupt ein Vaterland hätten, oder als ob das Vaterland jemals nach uns fragte, außer wenn es unser Bettelgeld und unser Blut will – Dienst fürs Vaterland, wenn sie uns zwei Buben hinopfern, mitten im Frieden, ohne Grund und Ursach' – Gott im Himmel, hör' mich, ich verfluch' die ganze Wirtschaft!« Max erholte sich allerdings nach und nach so weit, daß er als Aushilfsmaurer mit Ach und Krach in Arbeit gehen konnte. Aber der Lohn war schlecht und, bei den often Unterbrechungen durch rückfällige Krankheit oder durch die Witterung, ganz unsicher. Der Erwerb des Vaters wurde gleichfalls unzulänglicher von Tag zu Tag, denn die Lebensmittelpreise gingen zusehends in die Höhe. Und wie plagte und strapazierte sich der arme Mann! Jetzt mußte sich selbst die Mutter um einen Platz außer dem Hause umsehen, um einiges Bargeld zu verdienen. Sie fand lange nichts. Endlich kam sie als Zugeherin zu einem älteren Herrn Pensionisten in der Pfarrgasse, einem übelberüchtigten Ausschweifling und Geizhals. Um verhältnismäßig mageren Lohn hatte sie während einiger Früh- und Abendstunden Haushaltungsgeschäfte bei ihm zu verrichten. Er muß sich oft scheußlich gegen sie aufgeführt haben. Dann kam sie heim, ganz toll und abgehetzt, bis oben voll Wut und Ekel. Allmählich schien sie sich an den sonderbaren Herrn – er war ehemaliger Ministerialrat – zu gewöhnen. Er machte ihr auch allerlei Versprechungen für den Fall seines Ablebens. Als er plötzlich starb, kein Mensch wußte wie, man fand ihn einfach tot im Bett – hatte er die willige Aushilfsfrau auch nicht mit einem Pfennig ins Testament gesetzt, der Schmutzian. Nur ein schlechtes Bett, einen abgetragenen Schlafrock und den Leibstuhl hatte er ihr vermacht. Das dünkte selbst dem bescheidenen Vater zu wenig. »Um den Preis kannst mir leid tun, Frau«, murmelte er, sie von der Seite ansehend. Das Kundengeschäft wurde in den schlechten Zeiten zu einem gräßlichen Gefrett. Man mußte sich die Beine auslaufen und die Zunge aus dem Halse reden, um Bezahlung zu erhalten. Meist selbst arme Hungerleider, Nachtarbeiter, Holzhacker, geringe Dienstboten – wollten sie die Sachen auf möglichst lange Borg haben. So ging das klägliche Dasein fort, von einer Jahreszeit in die andere, ein verzweiflungsvoller Kampf um das bißchen Leben. Obschon kaum an irgend etwas noch gespart werden konnte, die Not grinste aus allen Winkeln, und man mußte an neue Ersparnisse denken. Der Staat verlangt seine Steuern, die Stadt ihre Abgaben in barem Geld und am gesetzten Termin – und nicht wenig. Über hundert Prozent betrugen die Gemeinde-Umlagen, und was leistete die Gemeinde dafür in diesem verkommenen Vorstadtviertel am Mühlbach? Was hatte die gottverlassene Schuhmachersfamilie mit ihrem Häuflein Kinder davon? Der Lehrer mußte extra bezahlt werden mit dem Schulgeld, der Pfarrer, Doktor und Apotheker. Wie soll man da auskommen, wenn diese Leute alle mitzehren am schmalen Familienbissen? Und sich als Stadtarme einschreiben zu lassen, dagegen wehrten sich Vater und Mutter mit Händen und Füßen. »Eher biet' ich mich in der Nacht auf der Gasse an, statt daß ich Gnadenbrot von der Gemeinde fresse!« schrie die Mutter. Und der Vater wollte seiner bürgerlich politischen Rechte nicht verlustig gehen. Also neue Einschränkungen. Es soll nicht mehr so viel Brot gekauft werden, und eine geringere Sorte. Die Mädel können manchmal heimlich eine Bettelsuppe an der Klosterpforte der Franziskanermönche holen. Der Verbrauch an Holz und Torf im Winter muß geringer werden. Gegenstände der Körperpflege wie Seife und dergleichen müssen völlig wegfallen. Entbehrliche Sachen aus der besseren alten Zeit, wie Spiegel, Leuchter, einige aufbewahrte alte Hochzeits- und Patengeschenke, in der großen blauen Familientruhe aus Großvaters Zeiten her unter dem Dache, werden hervorgesucht und ins Leihhaus getragen oder gleich beim Tändler zu Geld gemacht. So wenig es auch sei, es ist doch Bargeld. Die Krämer in der Nachbarschaft wollen nicht mehr borgen. Das ganze Leben ist schon eine unausgesetzte Entbehrung, und doch muß man sich an jedem neuen Tage fragen: Was können wir heute entbehren, damit wir uns morgen durchbringen? Halt, da hängt ein alter Vogelkäfig an der Wand, von Spinnen übersponnen – fort damit! Was soll der grüne Efeustock am Fenster? Fort damit. Eine wenig gebrauchte Kupferpfanne in der Küche? Fort damit. Einige bessere Bettstücke? Fort damit. Stroh und Lumpen tun's auch. Das Unmöglich muß möglich gemacht werden. Unglaublich. Herrgott, wenn man sieht, wie's die Reichen treiben! Das wurde der Mutter tägliche Betrachtung. Warum haben die's so gut? Womit haben sie's verdient? Denen fliegt alles zu. Die Reichtümer wachsen von selbst, zusehends. Die Stadt verschönert sich. Überall mehrt sich der Luxus. Paläste werden gebaut, kostbare Denkmäler errichtet. Die Straßen und Anlagen wimmeln von eleganten Spaziergängern, prachtvolle Karossen sausen vorüber. Die Vornehmen wissen nicht wohin vor Wohlleben – Und die Armut der Armen wird täglich entsetzlicher. Wie zerschundene Lasttiere keuchen sie in Lumpen einher und wohnen schlechter, als das liebe Vieh der Reichen. Das Joch der Knechtschaft und des Elends im Nacken, die Sträflingskugel der Armen an den Beinen – ist das eine christliche Weltordnung? Gibt es grausameren Hohn auf die Predigt der Erlösung? Unter solchen Umständen war Xaver vor neun Jahren auf die Wanderschaft gegangen. Der Staat hielt den Handwerksburschen nicht zurück, ein Herzfehler ließ ihn als dienstuntauglich fürs Militär erscheinen. »Die Welt steht dir offen«, sagte der Lehrherr in Giesing, als Xaver kam, Abschied zu nehmen. »So gut wie deine Leut' daheim, kannst's draußen allweil haben. Und siehst ein Stück Welt dazu. Halt dich brav, Xaver! Da, nimm das als Wegzehrung.« Bogner drückte dem gerührten Jüngling ein Zehnmarkstück in die Hand. »Jetzt fecht' dich halt durch. Später werden wir weiter sehen. B'hüet di' Gott!« Lene, die stolze Meisterstocher, gab ihm auch die Hand und weinte ihm sogar ein gefühlvolles Tränlein nach. * Lene war damals fünfzehnjährig und frisch wie Milch und Blut. Dazu als einzige Tochter voll Übermut, und sah sie auch schon gern in lustige Bubenaugen, so wußte sie doch, was sie ihrem Stand schuldig war, und welche Ansprüche sie erheben durfte. Ein Hallodri wie der Xaver – nein, das reichte nicht zu ihrer Höhe hinauf. Xaver war überdies kein lustiger Bub. Er hatte zuviel ausgestanden. Eine gute Haut, ja, das war aber auch alles. Und sie das verhätscheltste Wesen im ganzen Haus. Alles mußte sich nach ihr richten, Vater, Mutter, Gesellen, Lehrlinge. Die Mutter zählte überhaupt nicht. Die war schwächlich an Leib und Geist, einäugig, schwerhörig, halb blödsinnig. Als sie der biedere Bogner geheiratet, hoffte er, der liebe Gott werde sie bald zu sich nehmen und ihm bloß den Geldsack zurücklassen. Die fromme Hoffnung schien sich aber in absehbarer Zeit nicht erfüllen zu wollen. So ließ man halt das Geschöpf in seiner stillen Ecke weiter vegetieren. Man merkte wenig von seinem Dasein, und besondere Störungen verursachte es auch nicht. Meister Bogner gewöhnte sich, in seiner Lebensführung auf die Gattin oder auf sogenannte eheliche Pflichten keine Rücksicht zu nehmen. Die Bahn war glatt, die »Alte« hockte abseits und merkte nichts. Und wenn sie etwas merkte, so verschlug 's ihm nichts. Lene aber hatte das Wesen und auch die Natur ihres Vaters geerbt. Nur seine Klugheit und Schleicherei nicht. Das wäre ihr, der einzigen, vermöglichen und von Kindesbeinen an verwöhnten Meisterstochter, auch zu dumm gewesen, auf irgendwen und irgendwas Rücksicht zu nehmen. An Vergnügen nahm sie, was zu nehmen war, und wie sie in die Jahre der erwachenden und fordernden Sinnlichkeit kam, mußte ihr jeder Geselle, den sie hübsch und begehrenswert fand, zu Willen sein. Und die Gesellen ließen sich gar nicht lange befehlen, zu diesem Sklavendienst waren sie stets prompt zu haben. Sobald aber der Meister etwas merkte, war's aus, und der glückliche Geselle mußte schleunigst die Platte putzen. »Es war doch dein Ernst nicht?« nahm er die Tochter unter vier Augen ins Gebet. »Du weißt, die Ehre der Familie – deine Zukunft!« »Was denkst von mir, Vater! Spaß ist's g'wesen! Du hast Recht, schick' den Lack'l fort, wenn er sich was einbild't.« Da gab's in einem Jahr mehrfachen Abschub. Lene hatte aber den »Spaß« bald selber satt. Sie trug den Arbeitsleuten gegenüber die Nase höher, als jemals. Und der Krug ging heimlich zum Brunnen mit einem Gärtnerssohn, zwischen blühenden Bäumen und duftigen Beeten. Wie der Winter heranbrauste, mit Sturm und Kälte, Schnee und Eis, war es mit den nächtlichen Gartenfesten vorbei. Dafür kam anderes. So schwanden die Jahre dahin. Der Meister spekulierte und politisierte und lebte so viel nach außen, daß er an die Familie und seine verantwortungsvolle Familienhäuptlingschaft erst wieder dachte, als seine »Alte« starb. Sie war ausgegangen wie ein Licht, ohne Lärm, ohne Feierlichkeit. Das war schön und lieb von ihr. Sie hatte es wirklich verdient, daß ihr jetzt ein paar billige Tränen in das stille Grab mitgegeben wurden. »Lene, jetzt wird's ernst. Was meinst? Hast dir was Passendes ausg'sucht?« »Pressiert's, Vater?« »Mir eigentlich nicht. Aber Zeit wird's halt doch so nach und nach.« »Ja, so nach und nach. Pressieren tut's aber g'wiß nicht.« »Nur immer die Augen auf, Lene, und keine Dummheiten!« »Na, na – mir wär's g'nug.« Bald nach dieser Unterredung kam ein Student ins Revier, ein Pharmazeut, ein heillos aufgeräumter Patron. Und die Augen gingen auf – und gingen zu. Es war Winters Ausgang, aber der Ausgang dauerte bis in den April und Mai hinein. Der Schnee wirkte auf die Liebenden wie höllisches Feuer. Lene vergaß den Vater, Gott und die Welt und jegliche Vorsicht. Da war's geschehen. Und wie endlich der Frühling kam, gab's gleich eine Hitze zum Verbrennen. Der Student, ein Zugvogel, schwang sich über alle Berge, erstieg die Zugspitze – Lene, du hast mich gesehen! – kletterte hinüber auf die Freitorspitze, stürzte ab und brach den Hals. Lene saß daheim, die Hände über dem Leib gefaltet. Erst schrie der Vater, moralisierte, zitierte Gott und den Teufel. Das fruchtete nichts. Endlich kam ihm ein Gedanke, der ihm die Rettung dünkte. Keinem Menschen sagte er ein Wort davon. Spornstreichs lief er, sobald es dunkelte, zu dem Schuster Bernhuber im Lehel, überwand das Grauen, das ihn nicht über die Schwelle lassen wollte, und kam mit Xavers englischer Adresse spät in der Nacht wieder heim. Bogner wütete noch einige Zeit, drückte seiner Tochter die geballte Faust unter die Nase und wurde erst ruhiger, als die Postanweisung nach London abgegangen war. »Gott sei Dank, daß Zug in die Sache kommt.« Zum Glück schien noch niemand etwas gemerkt zu haben. Lene wurde von Tag zu Tag stumpfsinniger in ihrem Herzeleid. Ihr war jetzt alles gleich. Dem Spiegel jedoch wich sie aus. Das Bild war ihr zuwider, eine fremde Person, abgelebt, mit runzeligem Gesicht, dunkelgelben Flecken an den Schläfen, die Augen eingefallen, trüb – Erst als ihr der Vater von der überraschenden Rückkehr Xavers sagte, ging ihr eine jähe Bewegung durch den Leib, daß sie aufschrie. »Was will denn der, Vater?« »Das werden wir sehen. Begegne ihm freundlich, wenn er zu uns herauskommt. Genier' dich nicht. Man sieht's noch nicht so arg. Er ist eine gute Haut.« »Ja, das wird er wohl sein.« Und Xaver kam. Zufällig traf er Lene allein im Haus. Die Überraschung und Verlegenheit war gegenseitig. Nachdem Lene zuerst sich gefaßt und Schreck und Scham niedergekämpft hatte, leuchteten ihre Augen freudig auf. Xaver war wirklich ein netter, bescheidener Mann. Sie reichte ihm herzlich die Hand: »Xaver, ganz so lieb und gut wie ehemals, ganz so siehst aus, nur stärker und mannhafter. Ich hab' so viel an dich denkt!« »Prosit Mahlzeit«, dachte Xaver, »die hat auch ihr Teil.« »Ja, die Jahre, die ändern manches«, bemerkte er in überzeugend naivem Ton. Der Besuch war kurz. »Komm' bald wieder, Xaver, wenn der Vater daheim ist. Der wird sich recht freuen.« Xaver freute sich nicht. Er hatte das Gefühl, als hätte er einen Schlag ins Genick bekommen. Wirr liefen ihm die Gedanken durcheinander. Endlich dämmerte ihm ein Zusammenhang auf. Die konfusen Lamentationen seines ehemaligen Lehrherrn in den Briefen nach London, die Übersendung des Reisegeldes – beschleunigte Heimkehr – wär's möglich? »Humbug sagt man in England.« Er seufzte tief auf. 3. Also auch das noch dazu. Eine recht interessante Entdeckungsfahrt, diese Heimkehr. Er hob die Augen zum grauen mit Wolkenfetzen behangenen Abendhimmel. Der schaute auf die Erde herab, lautlos, kummervoll, wie ein gramverzerrtes Menschenantlitz, die verkörperte Hoffnungslosigkeit. Wie er seinen Vater und dessen Weib gefunden, und den ganzen Haushalt, in dieser vollständigen Entblößung von aller achtbaren Menschlichkeit und Sittlichkeit, geradezu unter dem Nullpunkt des bescheidensten bürgerlichen Selbstgefühls – nein, der Anblick einer Londoner Kloake war nicht widerlicher. Und dennoch, dieser verkommene Greis war sein leiblicher Vater, und kein schlechter Wille, nur die ewige Alltagsnot und der Mangel jeder Energie hatte das aus ihm gemacht. Aller Unflat und alles Gift wurde durch die Verhältnisse zusammengetragen und auf einen Haufen gedrückt, das ganze Haus zu verpesten. Von dem Weib war gar nicht zu reden. Jetzt wußte er alles. Eine tiefere Stufe gab's in der Welt nicht mehr. Mit dem ehrsamen Handwerk war's so gut wie ganz vorbei. Da hatte der Vater im Stumpfsinn der absoluten Verelendung eingewilligt, daß das Weib auf die Polizei ging und sich eine Berechtigungskarte für die Straßenprostitution löste – Warum nicht? – Die Schwestern waren fort, seit einigen Jahren, kein Mensch wußte wohin und zu welcher Hantierung. Ganz verschollen, wie tot. Das war das Beste. Nur die älteste Stiefschwester Anna war im Hause, denn sie hatte die Schwindsucht und war keiner regelmäßigen Arbeit mehr fähig; mit ihr ihre beiden Kinder von unbekannter Vaterschaft, das eine aus ihrem vierzehnten, das andere aus ihrem sechzehnten Jahr, beide blutarm, skrofulös, fast immer bettlägerig – Und unter dem Dach der Bruder Max, das Opfer der Soldatenschinderei und harter Maurerarbeit bei Wind und Wetter, bis es nicht mehr ging. Schon seit Jahren auf dem Siechbett. Er konnte kein Glied rühren, so hatten ihn die Krämpfe zugerichtet. Ein atmender Leichnam. Blödsinnig stierte er den heimgekehrten Bruder an und brachte kein einziges Wort heraus. Der Vater, altersschwach, nur noch Haut und Knochen, das Gesicht verledert und verschoben, umflattert von einem gelbweißen Bart, hockte daneben. Wenn er den verrunzelten Mund öffnete, kam ein Geruch von Fuselschnaps heraus. Zuweilen glühte das Auge auf gleich Kohlen unter der Asche, wenn ein Wind hineinbläst, der Wind des Wahnsinns. Mit seiner großen, grobknochigen, zitterigen Pechhand strich er dem Gelähmten wie liebkosend über den Kopf. »Wir haben alles getan, was möglich, Xaver, es hilft nichts.« »Und das ist alles von damals her, von der Mißhandlung beim Militär?« Der Greis nickte. Er hob den Kopf ein wenig und in seinem Auge flammte es: »Von damals. Und davon ist alles gekommen. Wär' der Max gesund geblieben, der hätt's uns herausg'rissen. Nicht wahr, Max, gelt? Alles wär' anders worden, gelt?« Mühsam gab der Gefragte ein zustimmendes Zeichen, wie einer, der gewohnt ist, diese Frage regelmäßig zu hören und stets in derselben Weise zu bejahen. »Weißt du, Xaver, der Max und ich, sonst reden wir nichts, brauchen sonst auch nichts mehr zu reden, als von dem, der uns das angetan. Unser Mörder -« »Ja, lebt denn der Schuft noch?« »Freilich lebt er. In Giesing draußen, in Zivilversorgung, Fabrikaufseher.« »Und ihr wißt seinen Namen und alles übrige wahr und gewiß? Ihr seid ganz sicher?« Der Greis nickte: »Alles – und ganz sicher. Nicht wahr, Max, gelt?« Da streckte sich Xaver und straffte seine Muskeln. daß er krachend am Dach anstieß: »Er lebt noch?« Es klang wie ein Racheschrei. Der Greis winkte ihm und sprach ihm ins Ohr: »Wir haben nur auf dich gewartet, Xaver.« Der Vater tastete nach Xavers Hand, drückte sie mit unheimlicher Gewalt und führte sie aufs Bett und legte sie um des gelähmten Sohnes Handklumpen und spannte die seinige krampfhaft darüber -: »Der Pfarrer hat mir Absolution erteilt -« * »Wir haben nur auf dich gewartet.« »Der Pfarrer hat mir Absolution erteilt.« Xaver stürmte hinaus aus der Jammerhöhle. Hinein in die Nacht. An die brüllende Isar. Das die Bedeutung seiner Heimkehr. Seine Mission. Ein Schreck überkam ihn, eine Höllenangst, daß sich ihm die Haare sträubten. Seine Zähne schlugen klappernd zusammen. Was ist das eigentlich? Kam er aus einer Fuselschnapskneipe? War er besoffen? Von Blut besoffen? Mord und Totschlag – was ist das mit ihm? Schwarze Teufelchen tanzten in vollmondgroßen Feuerfunken vor seinen Augen, und grüne Schlangen. Die brüllende Isar schäumte dunkelrot. War das der reißende Gebirgsfluß oder ein Blutstrom in tobenden Fällen und Stürzen, was ihn umbrauste? Er drückte die Augen zu und umklammerte den Kopf mit beiden Händen, damit die arme Hirnschale nicht zerspringe. Da kommt ein Weibsbild auf ihn zu. Soll er ihm an die Gurgel springen, die Kraft würgender Finger zu erproben? – Seine Stiefmutter! Seine Stiefmutter in Ausübung ihres nächtlichen Schandgewerbes. Sie kennt ihn nicht im Dunkel. Aber sein Auge hat die blitzende Schärfe des Raubtieres. Soll er sie niederschlagen? Herein zu mir, wirf sie die Böschung hinab! – brüllt der Fluß zu ihm herauf. – Zögernd kommt sie auf ihn zu. Er geht rückwärts, langsam, dem Ufer Schritt für Schritt näher. Sie folgt ihm, wie von der magnetischen Kraft seines Blickes angezogen, willenlos, hypnotisiert. Er immer langsamer, sie schneller. Keine Seele weit und breit im dicken Dunkel. Noch ein Schritt. Er stürzt sich ihr entgegen, reißt sie in seine Arme. »Mutter! Mensch!« »Xav –« Die Besinnung verläßt sie in seiner mörderischen Umklammerung. Tränen stürzen ihm aus den Augen. Er schluchzt und heult. Er stößt sie von sich, daß sie zu Boden fällt, und rennt fort, über Stock und Stein – »Herrgott, hilft mir niemand? –« Nach Giesing. * »Also hol' deine Sachen aus dem Wirtshaus, heut noch, Xaver. Da bleibst. Da oben ist deine Stube. So was versteht sich ganz von selbst. Im Lehel hast nichts zu suchen.« »Ich weiß nicht, Herr Bogner –« »Sag' Vetter, wenn du was sagen willst, Vetter, das gefällt mir besser, das fremdelt nicht so. Herr Bogner klingt ganz abgeschmackt. Wir sind ja doch Verwandte, wenn auch weitschichtige.« »Es ist nur, Vetter –« Aber der Vetter ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ich will hoffen, Xaver, daß du ein Christenmensch blieben bist, mit dem Herz'n auf'm rechten Fleck. Ohne Religion geht nichts in der Welt. Gott läßt sich nicht spotten. Daß du da bist und da bleibst, soll uns allen zum Glück ausschlagen, verstanden?« »Das schon, Vetter, aber –« »Das kannst mir alles später sagen, Xaver. Das ist jetzt nicht die Hauptsach.« »Ich weiß nicht –« »Freilich weißt nicht alles. Ist auch gar nicht nötig. Das mußt dir aber gleich merken, daß es deine Leut' mir zu danken haben, daß sie überhaupt noch schnaufen können, verstanden? Lass' es drunten im Lehel gehen wie's geht, vorläufig wenigstens, da ist nicht viel zu richten. Du bleibst bei mir. Mein Haus ist dein Haus. Ich werde älter und bin viel in Anspruch g'nommen von der Politik und anderem, verstanden? Ich brauch' eine rechtschaffene Stütze. Du bist doch kein Sozi? Einen Sozi könnten wir freilich nicht brauchen!« Bogner lachte breit heraus, fuhr jedoch gleich wieder fort, damit ihm Xaver das Wort nicht mit Einwänden wegschnappe: »Da heraußen in Giesing wie drunten im Lehel sind wir Gott sei Dank alle katholisch; christliche und königstreue Männer. Und Innungsmeister bin ich auch. Also mit der Gesinnung, das versteht sich von selbst. Du trittst ein in mein Geschäft, oder übernimmst's ganz, wie dir's lieber ist. Ich bin nicht eigensinnig. Ich bin kein Freund von langen G'schichten. Zeit ist Geld, sagt man ja wohl bei euch in England -« »Das schon, Vetter. Ich weiß nur nicht »Brauchst weiter nichts zu wissen. Du bist der rechte Mann zur rechten Zeit. Es muß sein – wie dein Vater zu sagen pflegt. Oder bist in der Fremde gar so ein Schleckermaul worden, daß sogar ich, dein alter Vetter und Gönner, dir nimmer gut g'nug bin?« »Das nicht, beileibe nicht, aber –« »Kein Aber, wenn ich bitten darf, Xaver. Du kennst mich. Sieht du, die Lene ist eine gute Haut, du bist eine gute Haut, es läßt sich alles einrichten. Ihr seid mir lieb wie zwei einzige Kinder. Und je schneller alles g'macht wird, desto besser. Übrigens, so ein großes Geheimnis ist's nicht mehr, ich hab's schon einigen guten Freunden g'sagt, ganz im Vertrauen natürlich, daß du extra aus London 'kommen bist, aus alter Lieb' und Anhänglichkeit -« »Was sagt denn die Lene selbst dazu?« »Die Lene, Xaver? Daß du ihr der Liebste von allen bist. Von allen, verstanden? Ohne Konkurrenten bist du nämlich nicht. Das mußt du dir nicht einbilden, mein Lieber. Da sind verschiedene, die lecken mit allen Fingern danach. Der Aufseher in der großen Fabrik da drüben, ein tüchtiger Mann, der hat sich mir gestern wieder als Schwiegersohn antragen lassen. Nur a bißl gach ist er, ein Hitzkoller, ein ehemaliger Unteroffizier. Dein Max kennt ihn auch, leider Gottes. Aber das sind alte G'schichten.« Xaver erbleichte. Bogner dachte: »Der Xaver ist doch der reinste Idiot.« Dann fuhr er laut fort: »Da hat's keine Gefahr. Zwischen der Lene und mir ist alles abg'macht, zwischen mir und dir auch – also ist die Sache fertig. Komm jetzt mit zu einem Trunk. Wir haben uns ja ganz heiß g'redet. Einverstanden?« Xaver nickte. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt vor Trockenheit. »Wir können dann im Wirtshaus gleich dein' Sach' mitnehmen.«