Josef Hofmiller Wanderbilder und Pilgerfahrten Ein Pilgrim von Conrad Ferdinand Meyer         's ist im Sabinerland ein Kirchentor – Mir war ein Reisejugendtag erfüllt – Ich saß auf einer Bank von Stein davor. In einen langen Mantel eingehüllt, Aus dem Gebirge blies ein harscher Wind – Vorüber schritt ein Weib mit einem Kind, Das, zu der Mutter flüsternd, scheu begann: »Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann!« Mir blieb das Wort des Kindes eingeprägt, Und wo ich neues Land und Meer erschaut, Den Wanderstecken neben mich gelegt, Wo das Geheimnis einer Ferne blaut, Ergriff mich unersättlich Lebenslust Und füllte mir die Augen und die Brust, Hell in die Lüfte jubelnd rief ich dann: »Ich bin ein Pilgerim und Wandersmann!« Es war am Comer- oder Langensee, Auf lichter Tiefe trug das Boot mich hin Entgegen meinem ew'gen stillen Schnee Mit einer andern lieben Pilgerin – Rasch zog mir meine Schwester aus dem Haar, Dem braungelockten, eins, das silbern war, Und es betrachtend, seufzt' ich leis und sann: »Du bist ein Pilgerim und Wandersmann.« Mit Weib und Kind an meinem eig'nen Herd In einer häuslich trauten Flamme Schein Dünkt keine Ferne mir begehrenswert, So ist es gut! So sollt' es ewig sein... Jetzt fällt das Wort mir plötzlich in den Sinn Der kleinen furchtsamen Sabinerin, Das Wort, das nimmer ich vergessen kann: »Da sitzt ein Pilgerim und Wandersmann.« (Widmung Hofmillers an seine Frau in einem Exemplar der »Wanderbilder«) Inhalt Wanderbilder Vorwort Ingolstadt Seeon, Baumburg, Rabenden Kloster Au und Gars Das Idyll Oberberghausen Altbayrischer Bauernadel Im Chiemgau Württemberg als Reiseland Das deutsche Wirtshaus Alte deutsche Städte Würzburg Südtirol Die Wachau Deutsche Reiseziele nach dem Krieg Pilgerfahrten Burghausen Freising San Gimignano Die Wieskirche bei Steingaden Ottobeuren Memmingen Vom Wandern Nachwort Vorwort Zur Erstausgabe der »Wanderbilder« Dieses kleine Buch will auf seine Weise werben für die Schönheit der Heimat. Daß ihre herrlichsten Schöpfungen vielen Bayern so gut wie unbekannt sind, auch gebildeten und feinen Menschen, sogar solchen, die schon viel und weit gereist sind, ist Tatsache. Man frage einmal in seinem Bekanntenkreise herum, wer die Amalienburg kennt, oder die Reichen Zimmer der Residenz, oder Blutenburg, oder die Wies bei Steingaden, Niederaltaich, Ottobeuren, Altomünster, Schongau mit Altenstadt, sogar Städte wie Burghausen, Passau, Straubing, Landshut, ja selbst Augsburg, Nürnberg, Bamberg, Würzburg, von Dinkelsbühl und Rothenburg gar nicht zu reden! Dabei ist die Amalienburg schöner als die Trianons in Versailles; ist süddeutscher Barock feiner, lebendiger, kraftvoller, reicher an Einfällen als französischer, insonderheit Pariser; ist die Wies baulich ungefähr ein ähnliches Juwel wie Mozarts »Figaro« musikalisch; ist Ottobeuren nur mit den ganz großen Klosteranlagen in Österreich zu vergleichen: Melk, Sankt Florian, Kremsmünster, Göttweig, Admont; und wenn Burghausen in Tirol läge, wäre es jedem Hochzeitsreisendenpaar in Erinnerung. Seitdem die ersten dieser Wanderbilder erschienen, ist manches für die Entdeckung dieser schönen Städte geschehen. Einige Hilfsmittel seien hier angeführt: An erster Stelle seien die beiden Baedeker-Bände »Südbayern« und »Nordbayern« genannt, beide an Richtigkeit und Genauigkeit der Angaben in jeder Beziehung unübertroffen. Kunstgeschichtlich unentbehrlich ist Hans Karlinger : Bayrische Kunstgeschichte, deren I. Band Altbayern und Bayrisch Schwaben behandelt. Ganz reizend sind die drei Bände des leider viel zu früh verstorbenen Hans Mayr : Bayrische Wanderschaft, Alte bayrische Erde, Vertrautes Land. Volkskundlich ist von höchstem Werte Leoprechtings »Lechrain«, wie auch Strobl »Altbayrische Mittel und Bräuch«, und »Altbayrische Feiertäg«. Über Ingolstadt ist eine Darstellung von Hermann Schmidt mit guten Bildern erschienen. Das schönste Werk über Südtirol ist das von Josef Julius Schätz mit über 200 Bildern in Kupfertiefdruck. Aber die Hauptsache ist: nicht Bilder anschauen, sondern die Sachen selbst aufsuchen. Nicht lesen, sondern gehen. Nicht immer nur fahren, sei es Bahn oder Kraftwagen, sondern gehen, wandern. »Gehören« tut uns ein Ort nur, wenn wir ihn zu Fuß aufgesucht (bei großen Städten ist es etwas anderes) und mindestens einmal dort übernachtet haben. Nur wer das Inntal zwischen Mühldorf und Rosenheim zu Fuß gegangen ist, weiß Au, Gars, Rott, Wasserburg ganz zu würdigen. Und nur wer von Freilassing an über Laufen und Tittmoning zu Fuß nach Burghausen wandert, kommt hinter die letzten Schönheiten des Rupertiwinkels. Vor allem die Wies wirkt nur als Wallfahrt so zauberhaft: eine ordentliche Tagesleistung, aber wie wird sie belohnt! Rosenheim , Juni 1928 Josef Hofmiller Ingolstadt (1927) Es gibt zwei extreme Möglichkeiten, eine bisher unbekannte Stadt zu genießen: man bereitet sich auf sie gründlich vor oder gar nicht. Ich bin für die zweite. Denn je mehr man von einer Stadt vorher weiß, desto deutlicher wird das falsche Bild, das man sich von ihr macht, und einen desto schwereren Stand hat die Wirklichkeit, es zu verwischen. Verbinden wir nicht ohnehin schon unbewußt mit dem bloßen Klang eines Orts eine bestimmte Vorstellung? Wir saßen in Eichstätt, das eine Sache für sich ist, ein betörender Anachronismus, ein Mondscheinidyll am hellichten Tag, das aus lauter Plätzen zu bestehen scheint, die wie ein geistreiches Impromptu ineinander überquellen, geistlich und halb südlich wie Salzburg – aber ich will ja über Ingolstadt schreiben. Wir saßen also in Eichstätt, und wollten am nächsten Morgen durch die Eichendorff-Landschaft des Altmühltals, aber das malerische Spitzwegnest ließ uns nicht los, wir machten mit unserem Plan das Gescheiteste, was man mit Plänen überhaupt machen kann, nämlich wir schmissen ihn um und blieben noch da. »Eigentlich könnten wir Ingolstadt bei der Gelegenheit erledigen«, sagte ich zu meinem Begleiter, »ein zweites Mal kommt man doch nicht mehr hin.« »Das möchte ich nicht einmal so ganz gewiß behaupten«, erwiderte er und lächelte sonderbar. »Kennen Sie's denn?« »Was heißt kennen? Dort war ich. Nicht nur einmal. Ich möchte vorher lieber nichts sagen. Morgen werden Sie ja selber sehen...« * Zuerst geht es über aufgelassenes Festungsgelände, das erst städtebaulich erschlossen werden muß. Auf einmal ist man am unteren Graben und sieht die drolligen halbrunden Türme mit der alten Mauer: »Das ist ja nicht übel! Kommt noch mehr dergleichen?« »Dergleichen können Sie haben, so viel Sie wollen. Warten Sie nur ab!« Man geht weiter, es wird immer hübscher, Straßen, Häuser, Giebel, an was erinnert das nur? An Augsburg, aber doch wieder anders, gewissermaßen ein altbayerisches Augsburg, eine Art Kreuzung zwischen Augsburg und Landshut... Aber man hat nie die rechte Aufmerksamkeit, solange man nicht weiß, wo man übernachtet; also zuerst in den nächstbesten anständigen Gasthof, daß man endlich den Rucksack losbringt. Der Rucksack liegt auf Nummer 42, es kann losgehen! »Wollen Sie noch irgend etwas Besonderes sehen oder versparen wir uns das bis morgen?« »Lieber nicht, heut möcht' ich bloß die Stadt selber sehen.« Wir gehen durch Straßen, Gassen, über Plätze, alles famos, es könnte gar nicht hübscher sein, ich muß immer wieder an Augsburg oder Landshut denken, Giebel an Giebel, Treppengiebel, durchbrochene Zinnengiebel, Blendfassaden, Flacherker, die nicht in der Achse stehen, Biedermeierpforten, Rokokoranken – auf einmal, ein wenig erhöht, die Obere Pfarr: Donnerwetter! so etwas von meilenweiter Beherrschung der Stadt, der Gegend, gibts nicht leicht, man sieht sie längst, vor man (von München her) nach Ingolstadt kommt, und sieht sie noch, bis sich der Zug in den Jura hineingräbt. Wie das altersgraue Gemäuer dasteht, mit zwei aggressiv übereck gestemmten Türmen, geduckt, wie ein riesenhaftes mythisches Tier vor dem Sprung, nichts als gebändigte Masse, konzentrierte Wucht, das ist unerhört! Mit Mühe verkneift man sich, daß man gleich hineinrennt, und geht noch zum Kreuztor hinaus: abermals Donnerwetter! Die Überschneidungen allein sind ja wert, daß man herfährt! Ehe man umkehrt, zieht man seinen Baedeker heraus. Der Stadtplan ist klar auf den ersten Blick: die eine Hauptstraße von Ost nach West, vom Alten Schloß bis zum Kreuztor, die andre von Süd nach Nord, vom Donautor bis zur Kasernenstraße, genau im Mittelpunkte der Stadt schneiden sie sich, nach rechts und links gabeln schmalere Straßen ab wie die Zweige einer Fichte, von unten nach oben laufen ebenfalls schmälere, wie die Äste einer Linde, die sich ausbreitet: der organisch gewachsene Plan einer mittelalterlichen Stadt, alle Straßenzüge leicht geschwungen, keine schnurgeraden Parallelen, nicht die end- und trostlosen Perspektiven des neunzehnten Jahrhunderts mit einer Leere, einem Nichts, lauter Luft am Ende, – da ist ja im wesentlichen noch nichts verdorben, das ist ja das Sandtnersche Relief vom Nationalmuseum! Unbewußt ist es ausgesprochen. Was man erwartete, war eine verödete Kaserne. Was man findet, erstaunt, entzückt, auf Schritt und Tritt verblüffter und vergnügter, ist das Relief Jakob Sandtners aus dem Jahre 1573, nicht mehr ganz unversehrt an den Rändern natürlich, obwohl auch da noch viel mehr steht, als man sich hatte träumen lassen, aber der Kern, das Straßennetz in einer Weise erhalten, daß man sich nur immer und immer wieder fragt: Warum sagt einem das kein Mensch? Wie ist es menschenmöglich, daß über eine so seine alte Stadt so albern absprechende Urteile in Schwang sind? Wir sind in der Stadt noch planlos kreuz und quer umeinandergelaufen bis zum Dunkelwerden und Müdewerden. Mein Begleiter lachte immer wieder über die Überrumpelung: dieses Ingolstadt hatte mich tatsächlich überrumpelt, es war genau das Gegenteil wie bei Ravensburg, wo einer dem andern die Phrase vom oberländischen Rothenburg weitergibt, – wenn man dann hinkommt, stehen die alten Türme einschichtig und sinnlos da, weil keine Stadtmauern mehr dazwischen sind, lauter neue Häuser, sauber, nüchtern und langweilig. Aber Ingolstadt! Man hat sich ein städtebaulich unmögliches Soldatenlager eingebildet, und entdeckt eine charaktervolle alte bayrische Stadt, so edel, so bedeutend wie Landshut: Bürgerstadt, nicht nur Herzogsstadt. Dabei nicht im geringsten das, was die Italiener città morta heißen: eher ist dieses Ingolstadt in Bezug auf Verkehr, Läden, Auslagen ein kleines Nürnberg. Anfangs meint man sogar, es lebe straßenspektakulös über seine Verhältnisse, aber wer könnte sich heute den Luxus von so viel zwecklos herumfahrenden Lastautos leisten? Ich habe diesen Spektakel gern, wenn er auch den Morgenschlaf verscheucht, denn dieser pumpernde Verkehr kündet unmißverständlich: »Ich bin nicht unterzukriegen, ich wachse, ich gedeihe, und wenn ich nicht mehr Bayerns erste Militärstadt bin, so bin ich dafür eine moderne Stadt, die sich reckt und streckt, und eine prachtvolle alte Stadt dazu.« Das ist es, was an Nürnberg erinnert: das Leben der Straße. Natürlich sind die pensionierten weltentrückten Nester wie Rothenburg oder Dinkelsbühl in ihrer traumhaften Zeitlosigkeit entzückend, aber wenn in dieser alten Herzogsveste der Autolärm früh um 6 Uhr loshupt und abends erst um 7, ½ 8 still wird, dann jubelt das bayerische Herz über den ungestüm pochenden Pulsschlag dieser unserer Zeit mitsamt ihren Unzulänglichkeiten, jawohl; ihren Scheußlichkeiten, zugegeben; aber die Stadt freut einen gerade nochmal so viel: Nicht unterzukriegen! nicht unterzukriegen! Das ist es. Wir sprachen abends noch lang über diese Dinge in einem gemütlichen Kreise von einheimischen Herren. Einer übernahm am nächsten Morgen die Führung, ausgezeichnet, noch nicht leicht habe ich in so kurzer Zeit so viel Unvergeßliches gesehen. Es war Markttag. Markttag, gar der Wochenmarkt in einer alten Stadt, ist immer etwas fabelhaft Malerisches, es braucht nicht die Piazza Erbe in Verona zu sein, die Menzel gemalt hat, es genügt schon die Karolinenstraße in Augsburg bis zum Perlach, oder der Hauptmarkt in Nürnberg, vom Erker im ersten Stock des Kaffeehauses an der Plobenhofstraße aus, oder diese Ludwigsstraße in Ingolstadt: an Obst, Gemüse, Geflügel, Butter, Schmalz, Eiern, Blumen – welches Angebot! was für Prachtgockel und Gänse, lebendig und tot, vor allem aber die Blumen, die vielen, vielen Blumen, rechts und noch mehr links, nicht nur Blumenstöcke, nein, der holde, höchst nötige Luxus von Schnittblumen! Wenn wir an unsere Jugend zurückdenken: wie lang hat es gedauert, bis in München fast das ganze Jahr im Freien Schnittblumen verkauft wurden! Jetzt, wo man nur hinkommt; wenigstens in der guten Jahreszeit. Man hat den Verbrauch von Seife als Gradmesser der Kultur bezeichnet. Ich glaube, der Verkauf von Schnittblumen ist ein besserer. Je mehr die Menschen das Bedürfnis fühlen, sich Blumen auf den Tisch zu stellen, desto kultivierter werden sie innerlich, und wär's bloß ein Sträußchen Schlüsselblumen. Heut gehen wir mit Stolz, mit Genugtuung durch die Straße, die uns schon gestern so gefreut hat: das alles würde doch nicht angeboten, würde nicht von Gärtnern und Bauern hereingefahren, wenn es nicht gekauft würde! (Wirklich war um Mittag fast alles weg.) Diese jubilierenden Farben der Äpfel, Birnen, Pflaumen, Trauben, der unübersehbar bunten Blumen, rufen sie nicht dem Auge dasselbe zu, wie die Motorräder, die Lastautos, die Autobusse dem Ohr: »nicht unterzukriegen, im Gegenteil, jetzt erst recht...« Ich möchte den Leser nicht ermüden mit Aufzählung der interessanten Kirchen, die wir absolvierten, ehe wir zum Schloß kamen. Aber dieses Schloß – es stammt aus dem 15. und 16. Jahrhundert – ist wiederum allein schon die Reise wert. Es sind die schönsten Profanräume der Gotik, die ich gesehen habe; am ehesten noch zu vergleichen mit denen von Burghausen, aber schwingender, gewissermaßen musikalischer. Früher hat man nichts davon gewußt, weil sie Waffendepots waren so gut wie unzugänglich, außerdem vollgestopfte Magazine. Der Staat, er sei gelobt und gepriesen, hat der Stadt den Bau zur Einrichtung eines Museums und einer Gemäldegalerie überlassen. Geplant ist auch ein großer Konzertsaal. Wenn alles fertig ist, ist es eine der größten Sehenswürdigkeiten von Deutschland. Schon was jetzt erschlossen ist, Hallen, Dielen, Säle im Erdgeschoß und ersten Stock, ist herrlich. Die Räume sind nur weiß getüncht, so daß nichts wirkt als Linien und Wände, das Spiel des Lichtes auf der kühlen Fläche, das bezaubernd schöne Verhältnis von Höhe, Breite, Tiefe, das Herauswachsen der gedrungenen eckigen Pfeiler aus den noch derberen Sockeln, ihr elastisches Verzweigen in die Rippen der Gewölbe, wo sich alles stützt, stemmt, spannt, schneidet, weitet, die schmalen Türen mit den gekehlten Einfassungen, phantastischen Krabben-Rahmungen, manche schon hart an der Renaissance, einer herben, spröden, nordischen Renaissance, dann wieder Mittelpfeiler mit Schraubenhohlkehlen (wie im Mortuarium des Eichstätter Doms), Durchblicke in steile Wendeltreppen, Ausblicke auf die Türme und Giebel der Stadt, auf den nahen »Herzogskasten« – es ist so schön, daß man ganz vergißt, die ausgestellten Sachen anzusehen, mit einem so wohligen Gefühl schwebt man aus einem Gelaß und Gemach ins andere, das ist alles altbayrisch, kraftvoll und doch zierlich, einfach und dennoch festlich; man fühlt: das gehört zu uns, und wir gehören dazu. Dann standen wir in der Neuen Franziskanerkirche – man braucht nur den ersten Blick hineinzuwerfen und weiß schon: Johann Michael Fischer. Die Harmonie des Zentralbaus sagt es, die abgeschrägten Ecken, sogar die Formen der Brüstungen und Geländer sagen es, vor allem aber sagt es das ihm eigentümliche in sich selber ruhende Gefühl für Raum, Verhältnisse, Ausmaße, das ihm sicher ganz unbewußt war, und das dennoch, förmlich körperlich, auf den Beschauer beglückend überströmt, gleichviel, ob St. Anna im Lehel oder Berg am Laim, Rott oder Zwiefalten, Altomünster oder Ingolstadt. Und dann, ja dann kam erst die überwältigende Überraschung: Das Innere der Oberen Pfarr mit dem Hochaltar von Hans Mielich. Sie ist von den mächtigen spätgotischen Kirchen Altbayerns unstreitig die mächtigste, als Raum bedeutender als die Münchener Frauenkirche. Das Mittelschiff ist gewaltig überhöht über die Seitenschiffe, und wie die neun Paar schlanker Rundsäulen es tragen, wirkt es als lichtvoller Baldachin. Etwas Merkwürdiges ist in den sechs westlichen Chorkapellen zu sehen: Gewölberippen mit dem Schlußstein, nicht wahr, das ist gewissermaßen die steinerne Schreinerarbeit der Gotik, es kann sehr fein sein, es kann sogar phantastisch sein, aber es löst sich nicht los von seiner Unterlage, vor allem hängt es nicht in der Luft wie ein Venezianer Lüster. Hier ist beides der Fall. Man muß sich vorstellen, daß sich die Rippen selbständig gemacht haben, sie sind mit dem Gewölbe nur noch an den Endpunkten verbunden, hängen droben wie Dorngerank, das sich überwächst, durchzweigt, verknotet, und von diesem Dorngerank, das ist das Tollste, hängen doldenhafte Märchen herunter wie steinerne Silberdisteln. Dieses spätgotische Filigran spielt virtuos mit Formen, die man nur in Holztechnik für möglich hielte, oder in Metalltechnik; es ist sozusagen gedrechselt, oder ziseliert, es geht weit hinaus über alles, was ein paar Jahrhunderte später das Rokoko in Stuck riskiert. Aber schließlich landet man doch vor dem großartigen Hochaltar Hans Mielichs, der wiederum in seiner Art einzig ist. Man denke: ein Altar mit Doppelflügeln wie der Isenheimer oder der Blaubeurer, aber ohne geschnitzten Mittelschrein, lauter Tafeln, in der Mitte das große Stifterbild, um das herum und auf je zwei Seitenflügeln vorne und hinten fast hundert kleinere, in der Größe der landläufigen gotischen Bilderfolgen, etwa des Blaubeurer Johanneszyklus, hier in Ingolstadt das Marienleben darstellend und des Heilands Erdenwallen. Der Altartypus ist rein gotisch, die Anordnung der Gemälde ist gotisch, die Gemälde selber sind deutsche Renaissance, das Gebälk und Rahmenwerk des Aufbaus hat schon etwas Barockes, dabei ist alles aus einer Zeit; eine Stunde vergeht wie nichts, wenn man den Mesner bittet, Leuchter und alles Bewegliche wegzuräumen, den Altar ganz zu schließen, dann die Seitenflügel halb und endlich ganz auseinanderzuklappen: Farbenleuchtend und goldschimmernd entfaltet sich lautlos Wunder um Wunder, man denkt an die eingelegten Köstlichkeiten der Zierschreine und Prunktische der Zeit, erlesene Kleinarbeiten von genauester Bestimmtheit und Durchbildung des Formalen, handwerklich von vollkommener Redlichkeit, zusammengehalten durch einen rein konstruktiven und dekorativen Grundgedanken, ein ins Riesenhafte vergrößerter Tischaltar eines Augsburger Goldschmieds mit aufgelegten Email-Miniaturen. Ich übergehe die vielen Einzelschönheiten der hohen Kirche, Fenster, Grabmale, Schnitzwerke; es hat keinen Sinn, das aufzuzählen. Nur von dem Betsaal der Maria Viktoria möchte ich noch sprechen, in dem wir uns von den übermächtigen Eindrücken der Oberen Pfarr erholten, einem geistreichen, schön-rhythmischen Raum, der an die Kaisersäle in Ottobeuren oder St. Florian anklingt, oder an den Münchener Bürgersaal, ein raffiniert beherrschtes und abgewogenes Stück kirchlicher Salonarchitektur, elegant, repräsentativ wie ein Thronsaal, dabei von einer vornehmen Behaglichkeit, daß man unwillkürlich auf den ketzerischen Einfall kommt: hier müßte das G-moll-Quintett von Mozart gut klingen. Wie wir zu guter Letzt vor dem niedlichen Restaurant im Park saßen, dessen Rabatten und Alleen meisterhaft in aufgelassenes Festungsgelände hineinkomponiert sind, ergriff unser liebenswürdiger Führer ernst das Wort und sagte ungefähr: »Ich habe Ihnen ja nur das Allerwichtigste zeigen können. Es ist unendlich viel da. So viel aber werden Sie gemerkt haben: es fällt uns nicht ein, zu verkümmern, weil das Militär nicht mehr da ist. Gewiß, wir tun uns schwer. Aber wer im heutigen Deutschland tut sich leicht? Wir wollen uns nicht leicht tun, wir sollen uns nicht leicht tun. Wir haben einen energischen und weitblickenden Bürgermeister. Was unser Stadtbaurat kann, davon habe ich Ihnen nur ein paar Proben gezeigt. Sie haben den Sparkassenneubau gesehen, Sie haben gesehen, was er aus dem Treppenhaus der alten Universität gemacht hat. Was unser Stadtgartendirektor leistet – bitte, schauen Sie sich um: was Sie sehen, ist sein Werk. Aber wir fühlen uns trotzdem, Gott sei Dank, immer noch am Anfang. Wir wollen aus Ingolstadt eine Stadt machen, so blühend, so schön, daß keiner sagen kann, er kenne Bayern, wenn er Ingolstadt nicht gesehen hat. Und jetzt stoßen wir an aufs Wiederkommen!« Ich glaube, herzlicher, begeisterter, überzeugter können nicht leicht drei Gläser zusammenklingen: »Vivat, floreat, crescat, die alte Schanz!« Seeon, Baumburg, Rabenden (1921) Das kleine Dorf Rabenden liegt etwa zwei Stunden landeinwärts von Seebruck, dem nördlichsten Uferorte des Chiemsees, und ungefähr ebensoweit westlich von der netten Stadt Trostberg. Wer von Mühlberg nach Trostberg fährt und zu Fuß weiterwandert, über Altenmarkt, Baumburg, Rabenden, Seeon, den ganzen westlichen Teil des Chiemsees entlang, immer die Berge vor Augen, bis zum Winkel Schafwaschen-Rimsting, erhält landschaftlich immer schönere Eindrücke. Künstlerisch bleibt der edelste doch wohl die kleine Dorfkirche von Rabenden mit ihrem berühmten Altar. Die alte romanische Basilika von Seeon liegt reizend mit ihrem Stufenaufgang zwischen niedrigen Häuschen und Schloß, dahinter der schlichte Kirchengiebel: Portal, Madonnenstatue und Fenster übereinander, und die zwei alten achteckigen Türme mit ihren Hauben, die an den Turm von Frauenchiemsee erinnern. Aber innen ist sie ein geschichtlich anziehendes, aber künstlerisch unerfreuliches Gemisch: spielerische spätgotische Gewölbe, an einer Wand eine blasse Spur mittelalterlicher Fresken, eine gotische Flachkuppel, wenigstens fürs Auge, alles barockisiert, die Farben nicht ohne Reiz, braune Rokokobeichtstühle, hilflose moderne Altäre, der übliche miserable Fabrik-Kreuzweg, zopfige Orgelbrüstung, die romanischen Säulen viereckig übermörtelt (an einer Stelle freigelegt), barock übermalt, weiß überkalkt. Am einheitlichsten wirkt der romanische Vorraum mit vorzüglichen Grabplatten aus Salzburger Marmor, wie allerorten im Rupertigau, wahre Meisterwerke darunter – wer sammelt sie, wer gibt sie heraus? Nicht minder anziehend liegt die frühere Augustinerstiftskirche von Baumburg, weithin sichtbar und herrschend auf grüner Höhe über der Vereinigung des Tales der Traun mit dem der Alz. Der Raum ist weit und heiter, die barocken Schmuckstücke muß man nicht zu nah auf Stoff und Gestaltung hin ansehen, sondern sich des hellen, hohen Innern freuen und das Unzulängliche hinaus denken, die hölzernen Altäre, die Stucksäulen, die gestikulierenden weißen Heiligen. Was bleibt, ist immer noch bedeutend genug: die farbenfeinen Barockfresken des Gewölbes, der sinnvoll ausgesparte weiße Grundton der Wände, die rosageäderten Pilaster, die gelben Gurten, die eingezogenen Streben, das gute Verhältnis zwischen der Breite der Bögen im Schiff und der etwas größeren vorne, die Logen-Oratorien rechts und links – alles handwerklich tüchtig und gescheit, viel Verstand, der Instinkt geworden ist, gute Tradition noch im Oberflächlichsten. Ein malerisches Ding ist auch der kurze Kreuzgang auf der Südseite: rotmarmorne Grabplatten wiederum an heller Wand, Wappen, Köpfe, ein Ritter in voller Rüstung, darüber die weißen Kreuzgewölbe, dazwischen eine braune Tür, ein paar Blattpflanzen bringen ein wenig Grün hinein – alles hell und reinlich im nachmittägigen Licht; nicht zu vergessen des kapellenartigen Vorbaues aus Haustein: ein halbrundes Tempelchen für sich, von zierlichen Verhältnissen, Portal, je drei Säulen auf beiden Seiten vortretend, durch kleine Voluten mit der Halbkuppeltrommel verkröpft, klug und sicher der gegiebelten Stirnwand vorgesetzt. Aber Rabenden übertrifft doch alles. Von außen eine Dorfkirche, wie man sie im Chiem- und Rupertigau aus den dunkelgrünen Nagelfluhblöcken dutzendweise findet. Auf dem grünen Rasen des Friedhofes über vierzig alte schmiedeiserne Grabkreuze in Reihen: ein ungewohntes Bild für den, der oberbayerische Friedhöfe kennt, wo Protzigkeit der Besteller und Geschmacklosigkeit der Handwerker meist nur alberne steinerne Hoffart zuwege bringen. Außerhalb des Gottesdienstes ist die Kirche zugesperrt: es ist in den letzten Jahren arg viel gestohlen worden aus unseren Landkirchen; aber der Bauer am Friedhofseingang läßt gern aufsperren. Das Innere ist äußerst schlicht; Grundriß, Größe, Verhältnisse annähernd wie in Blutenburg: Hochaltar, zwei auf den Seiten. Aber der Hochaltar, Salzburger Schule um 1570, ist einer der schönsten nicht nur Altbayerns. Von Renaissance ist in Südbayern auf dem Lande nicht allzuviel zu spüren; die Berührung beider Welten, der gotischen und des neuen Stils, ist gelegentlich köstlich fein, wie im Wolfdietrich-Sakramentshaus der nahen Wallfahrtskirche von Feichten. Aber im allgemeinen folgt auf unsere späte Gotik meist unvermittelt das Barock. Die Schnitzereien dieses so späten Altares sind prachtvoll; die Figuren so gut wie die Blutenburger, das Maß- und Rankenwerk fast so fein wie das vom Moosburger Kastulusaltar. Der Altar ist ein Schrein, der über einer Predelle steht, mit vier Flügeln, zwei starren und zwei beweglichen, seitlich rückklappbaren Türen und einem hohen geschnitzten Aufsatz mit Jesus, Maria und Johannes. Wenn er geschlossen ist, zeigen die unbeweglichen Flügel rechts und links je zwei Heilige, und die geschlossenen Schreintüren außen die vier großen Kirchenväter, wie auf der Rückseite des um 50 Jahre früheren Törring-Altars, der in St. Koloman ob Tengling am Tachinger See steht. Die Predelle weist rechts und links je einen Engel, der das Wappen der beiden Stifter hält: des Propstes von Brannenburg und des Pfarrherrn von Truchtlaching. Den Schrein selbst füllen drei hervorragend gut geschnitzte stehende Figuren auf Postamenten, über ihnen die zierlichsten spätgotischen Baldachine: Jakobus in der Mitte mit Pilgerstab und Muschelhut zwischen Simon und Judas Thaddäus. Die inneren Schranktüren zeigen je zwei Tafelbilder übereinander: Geburt und Tod Mariens, Geburt Christi und Anbetung der Könige. Auf der Rückseite ist das Weltgericht gemalt: in der Mitte der Heiland mit den posaunenden Engeln, links die Seligen, rechts der Höllenrachen. Ich habe mich schon öfter gefragt, ob spätgotische Altäre mit so kunstvoll bemalter Rückseite nicht auf Zapfen drehbar waren, so daß auf Allerseelen die Seiten vertauscht werden konnten. Bemerkenswert ist auch der Seitenaltar rechts, aus derselben Zeit und Schule, der den hl. Eustach darstellt, und der wandermüde Jakobus in der Ruhe an der Wand daneben. Unter ihm ist eine römische Gedenkplatte eingelassen, die die Duumvirn Pomponius Constans und Markus Ursinius ihrem kaiserlichen Gebieter Alexander Severus gewidmet haben, im Jahre 229, an der Nordgrenze des großen Römerreiches. Es ist noch mehr Antikes in der Gegend, oft an den weltabgeschiedensten Orten, wie in der kleinen Kirche von Freutsmoos, jenseits der Alz. Der schöne Altar ist im allgemeinen gut erhalten; das Waschblau der gemalten Hintergründe hat das 19. Jahrhundert auf seinem kunstverständigen Gewissen. Das Verweilen in diesem einsamen Dorfgotteshaus tut sonderbar wohl. Gute Gotik, auch die späteste, ist immer sachlich, rechtschaffen und eigenartig; sie blendet nicht und macht nichts vor; dabei hat sie eine so andächtige Liebe zum unscheinbarsten, oft unsichtbaren Detail, so viel handwerkliche Treue und Charakter, daß das brillanteste Barock daneben nicht aufkommt. Aus dem unscheinbaren Kirchlein geht man erquickt hinaus wie nach einem Bad. Kloster Au und Gars (1921) Das südliche Bayern ist reich an wenig gekannten Aussichtswarten, die in ihrer Art neben den berühmteren des Gebirges bestehen, wofern sie sie nicht an jener feineren landschaftlichen Schönheit, die man vorzugsweise »malerisch« nennt, übertreffen. Aber der Mühlberg bei Waging ist so wenig überlaufen wie der Kolomanshügel ob Tengling, beide mit schönstem Blick auf den friedsamen Waginger See; und nicht viel besuchter sind die Aussichten des Alztales: die Höhe über Altenmarkt, die Kirche von Baumburg, die Siegertshöhe über dem reizenden Trostberg und Schloß Wald. Am unbekanntesten verhältnismäßig ist das landschaftlich herrliche Inntal zwischen Rosenheim und Passau. Seine schönste Sehwarte, der Stampfl über Kloster Au, wird am seltensten aufgesucht und ist doch von all den genannten Höhen die herrschendste. Denn wenn die Isarweite bei Wolfratshausen der ideale Willroider ist, so ist die riesige und einsame Innlandschaft vom Stampfl aus mit dem Namen eines Malers überhaupt nicht mehr zu bezeichnen, nicht einmal mit dem Hans Thoma. Sie steht, solange nicht einer den Beweis des Gegenteils erbringt, mit ihrer auf Details verzichtenden Größe jenseits des Malbaren, als Ganzes nicht mehr zu fassen und noch als Ausschnitt jedes Bild sprengend. So weit das Auge reicht, schwarzgrüner Wald und lichtgrüne Auen und dazwischen immer wieder eine blinkende Krümme der zahllosen, fast seeartigen Windungen des Inns mit gelben Steinwänden oder flaschengrünen Randspiegelungen, darüber ein Himmel, der in seiner unspannbaren Tiefe und Wolkenpracht dem Maler ein Entzücken und eine Verzweiflung zugleich ist, höher als der höchste Toni Stadler und breiter, unsagbar breiter, als die spätesten Haider. Zu Füßen des Stampfl liegt das Kloster Au mit seiner Kirche; gegen Norden stießen Wald, Strom und Auen in den dunklen MühIdorfer Hardt, südlich schieben sich Hügel vor, die dem unendlichen Bild Halt verleihen und hinter denen das zweite der eingezogenen Augustiner-Chorherrenstifte liegt, von denen hier die Rede ist, Gars, nach Nord und West zu durch Steilhänge vor Wind und Kälte, nach Osten durch den Strom vor unerwünschter Annäherung geschützt wie Au, durch ähnliche Lage zu ähnlichen Geschicken vorherbestimmt, beide aus Anfängen sagenhafter Einsiedelei zu mönchischen Gütern und Ansehen gelangend, durch die Jahrhunderte wiederholt zerstört, zu neuem Glanze erhoben, vom Staat enteignet, jahrzehntelang öde, um dieselbe Zeit, wenn auch nicht ihrer ursprünglichen Bestimmung, so doch ähnlichen Aufgaben zurückgegeben und heute im Nachsommer ihrer tausendjährigen Schicksale ausruhend. Beide sind die Gründungen jenes verschollenen Tassilo, dessen Gestalt, gleich derjenigen der Welfen, durch eine einseitig auf die Wittelsbacher eingestellte Geschichtsdarstellung uns nie recht sichtbar wurde, und Schöpfungen des Benediktinerordens, dessen Bedeutung für alles, was wir im wörtlichen und übertragenen Sinne Kultur nennen, nicht zu ermessen ist. Nicht weniger als sechzig größere und kleinere Mönchssiedlungen unterstellt Tassilo dem Stifte St. Peter in Salzburg, wie denn überhaupt von Anfang an in diesen Grenzlanden zwischen Mönchsberg und der Feste Oberhaus bayerische und ostmärkische Geschicke, aller zeitweiligen Trennung zum Trutz, immer wieder in eins stießen, weil es in der Tat derselbe Schlag und Stamm ist, der hüben und drüben wohnt, das gleiche Haus baut, die gleiche Sprache redet, die nämliche Tracht trägt, dieselben Lieder singt und dieselben Schicksale duldet. Ungarneinfälle heißt der erste Markstein. Au wird von den Ungarn vor dem Jahre 1000 zerstört, und Gars verliert sich um dieselbe Zeit im Dunkel der Zeiten. Ende des 11. Jahrhunderts ersteht Gars, Mitte des dreizehnten Au in größeren Umfängen, beide geschützt von dem mächtigen Geschlecht der Grafen von Mögling-Frontenhausen, die, in verschiedene Zweige geteilt, über alles Land zwischen Alz und Inn gebieten. Der geistliche Gründer beider jedoch ist Conrad I., Graf von Abensberg, Erzbischof von Salzburg, auf dessen Wink damals auch Naumburg und Chiemsee, Berchtesgaden, Sankt Zeno und Höglwörth erstehen oder neu erstehen. Aus dieser Zeit stammen in Au und Gars die romanischen Untergeschosse der Türme, aus den folgenden Jahrhunderten die herrlichen Grabplatten der Pröpste aus rotem Salzburger Marmor, heute noch künstlerisch das edelste Erbe beider Kirchen. Sie sind in der ganzen Gegend zu finden, diese großartigen Propst-Epitaphien, bis hinüber in den Rupertiwinkel; die schönsten aber, neben denen des alten Zisterzienserstiftes Raithenhaslach bei Burghausen, sind die von Au und Gars, gemeißelte Bildnisse von einer Kraft und Feinheit der Köpfe, einer großflächigen Schönheit der Gewandung, einer handwerklichen Beherrschung des Steins, angesichts deren man über die Phrase: den Deutschen fehle der plastische Sinn, nur lachen kann. Der nächste Markstein heißt Schwedeneinfall. Im allerletzten Jahre des 30jährigen Krieges werden Kirche und Markt Gars durch die Schweden noch völlig verheert und verbrannt, während sich der Feind in Au mit dem begnügt, was man scherzweise »moderiert verwüsten« nannte, weil ihm der Boden zu heiß geworden war und der Rückzug gegen Mühldorf zu eilig. Aber, als hätte es nicht sein dürfen, daß Au um ein Erlebnis günstiger gestellt wäre als Gars, brannte 1668 die Kirche von Au so aus, daß sie neu aufgebaut werden mußte. In Gars stellte der eifrige Propst Athanasius Peutelhauser, in Au der nicht minder tatkräftige Franz Millauer ein neues Gotteshaus hin, beide im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, beide beraten durch den Graubündner Zuccali, der in Gars, wie es scheint, den ganzen Bau leitend beeinflußte, in Au hingegen den Trostberger und Waginger Maurern nur allgemeine Unterstützung lieh und sich auf Angliederung des runden Hochaltarraums mit seiner guten Seiten- und magischen Höhenlichtzuführung beschränkte. Der dritte Unglücksmarkstein aber heißt Säkularisation: 1803 werden, wie alle andern, auch die Klöster Gars und Au aufgehoben. Die zum Abbruch verurteilte Kirche von Au konnte nur gerettet werden dadurch, daß der letzte Prälat Florian Eichschmid kurz entschlossen die viel kleinere und künstlerisch belanglose Pfarrkirche St. Nikolaus preisgab, kaufte und abbrach, womit dem Buchstaben des kurfürstlichen Dekrets genügt war. Mehr als 50 Jahre stehen Au und Gars leer, bis, abermals fast gleichzeitig, Au durch eine Schenkung des Brauereibesitzers Gaßner, Gars durch Stiftungen und Sammlungen Privater, das erste den Franziskanerinnen, das zweite den Redemptoristen übergeben wird, welche Orden heute noch dort hausen und wirken (die Redemptoristen waren 1873, vom Jesuitengesetze mitbetroffen, auf zwei Jahrzehnte ausgewiesen worden). Was nun den Raumeindruck von Au bestimmt und zu einem ganz anderen macht als den von Gars, sind die Reste des ausgebrannten gotischen Baues mit seinen Kapellenanlagen, die auch dem Neubau wieder zugrundegelegt wurden. Die Langhausmauern gehören noch dem mittelalterlichen Bau an; dadurch erscheint der Raum im Verhältnis zur Länge etwas gedrückt. Rechts und links werden durch eingezogene Streben je sieben Kapellen gebildet, über jeder ein Oratorium mit Balustrade (das Grün dieser Balustraden und der Gitter auf der Südseite läßt die Oratorien zu niedrig erscheinen; sie sollten so weiß sein wie die gemalten im Presbyteriumsrand). Die Beleuchtung ist wirkungsvoll; wenn man unter der Sängertribüne steht, sieht man nur die beiden Fenster rechts und links vom Hochaltar. Die sechs Stichkappen des Gewölbes streben gegeneinander, dazwischen die größeren Fresken, Rosafresken in den Gewölbezwickeln, gelbbraun an den Decken der Kapellen, bläulich-graugrün an denen der Oratorien, zusammen mit dem weißen und marmornen Schmuck des Stukko malerisch fein im Ton. An der Westwand eine ins Bäuerliche übersetzte gemalte Verkündigung, mit Blick in die Küche der Jungfrau: Pfannen, Tiegel, Reibeisen, Teller, Häfen auf Gestellen, kleine Eimer, nicht einmal der Hühnerstall darunter fehlt. Die beiden mittleren Seitenkapellen sind derbes, aber malerisch höchst wirkungsvolles Rokoko, alles strotzt von Gold und Purpur; dadurch wird in die sonst zu einförmige Kapellenreihe eine glänzende Gliederung gebracht. Ausgezeichnet ist das Presbyterium angefügt, fast kreisrund mit Kuppel und lichtzuführender Laterne, im Kuppelbild ein helles Gewimmel jubilierender und musizierender Engel und Heiliger. Zu dem vielen Weiß mit Lichtgrün und Rosa des Langhauses steht der Hochaltar mit dem schweren goldenen Rahmen und Aufsatz malerisch ausgezeichnet; besonders wirkt der dunklere leere Raum, der zwischen den Kirchenstühlen und dem Altargitter gelassen ist und den hellen Rundtempel des Hochaltaranbaues magisch zurücktreten läßt und isoliert: bei günstiger Morgenbeleuchtung ein Gralstempelblick. In der ganzen Kirche steht ein schweres, dunkles Barockgestühl verteilt: im Langhaus, im Presbyterium, in den Kapellen, sogar noch hinter der Orgel, Leistungen einer handwerklichen Tüchtigkeit von hohem Range. Man erkennt eine ähnliche Hand in der vertäfelten und mit Stuck und Fresken gezierten Sakristei, die neben denen von Niederalteich, Ettal und Ottobeuren genannt werden kann. Sie ist rechteckig, empfängt ihr Licht von Osten durch die Fenster, an den übrigen drei Seiten in der Mitte je eine reich geschnitzte Tür. Die gesamte Wandverkleidung wird durch die Schränke für kirchliche Gewänder und Geräte eingenommen. Die Schnitzerei kraftvoll bis zur Derbheit: Engelsköpfe, Früchtenkränze, Masken, Muscheln, Blumenkörbe, Schilde, Füllhörner, Akanthusblätter, Giebel, alles späteste deutsche Renaissance, ins tüchtigst Handwerkliche übersetzt von einem Meister, der offenbar viel konnte. Die Gesamtstimmung, Stuckierung der Decken, weiß auf blauem Grunde, in den Zwickeln Trauben auf weißem, Vasen auf grünlichem, zusammen mit dem vielfach abgetönten Braun der Holzschränke, ist malerisch von ungemeinem Reiz. Der Bau steht famos in der grünen Landschaft. Die sieben Joche treten klar hervor, jedes erhält sein Licht durch zwei übereinanderstehende Fenster mit gelben Rahmen, als senkrechte Gliederung zwischen den Jochen rote Pfeilerbänder mit toskanischen Kopfstücken. Die Kirche von Gars wirkt mehr wie ein einziger Raum, weil die Kapellen im Verhältnis zur Höhe und Breite lang nicht so tief sind; die drüberstehenden Oratorien sind wesentlich höher angesetzt, überhaupt hat die Kirche ausgezeichnete Verhältnisse. Sie ist leicht und frei, vor allem ist sie breit und weit genug und hoch genug. Die von Au hat noch die mittelalterliche Schmalbrüstigkeit. Es ist der Gegensatz etwa wie zwischen der Peters- und Michaelskirche in München. Auch der Grund: Beibehaltung des gotischen Mauerwerks, ist der nämliche. Fast alles rein Architektonische ist in Gars großzügiger, hingegen ist die Auer Kirche farbig unvergleichlich reizvoller. Die Ausstattung in Gars ist nicht mehr zur beabsichtigten Stuckierung gediehen, sondern nur, und zwar ziemlich schematisch und stumpf, gemalt. Die grauen Gurten, Rahmen und Zwickelrippen wirken nüchtern. So fein die leichte Einziehung des Presbyteriums wirkt, sein gerader Abschluß hat etwas Hauskapellenartiges, wie denn überhaupt kaum ein einziger frühbarocker Chorabschluß entweder architektonisch oder der Lichtwirkung nach ganz befriedigt; die Brüder Assam wußten genau, warum sie in ihren Kirchen so oft gelbe Glasscheiben anwendeten. Ein wirklich effektvoller Chorabschluß läßt sich nur durch Seitenkulissenlicht herstellen, weil die Fenster nicht wie in der Gotik das Licht filtrieren, sondern es in Massen hereindirigieren. Die Deckengemälde sind eleganter als in Au. Der Hochaltar, ein Prachtstück, steht vorzüglich im Raum, er füllt fast die ganze Wand, auch die Größenverhältnisse von Figuren, Mittelbild und darüber stehendem Bild sind ausgezeichnet; eine der hervorragendsten Leistungen des südbayerischen Altarbaues. Auch in Gars steht ein schweres altes Chorgestühl, von einem sehr tüchtigen Meister, angesichts dessen man ein Loblied auf die kunstakademienlose alte Zeit singen möchte, die uns so glänzende Schreiner und Steinmetzen schenkte. Die neuere Zeit hat mehr theoretisches Wissen und weniger künstlerische Bildung. Was man in vielen unserer besten Kirchen an Geschmacklosigkeit antrifft, ist unglaublich. In Au stört nicht viel; lediglich der Kreuzweg wäre besser in den Kapellen, wo er offenbar schon einmal hing (die Nägel sind noch da), und die kleinen Täfelchen auf dem Marmorstuck gehören an eine rückwärtige Wand. In Gars hingegen stört das Novecento empfindlich: Heiligenbildchengestalten mit rührselig himmelndem Ausdruck; unmittelbar neben der wundervollen Grabplatte des Propsts Hinderkircher eine Lourdes-Madonna mit geschmacklosen modernen Votivtäfelchen usw. In Au läßt sich mit ein paar Umhängungen in einer Stunde ein stilistisch einheitliches Innere von prickelnd lockerer farbiger Wirkung herstellen. In Gars müßte manches entfernt, vieles erst geschaffen werden. In Au und Gars ist so viel zu sehen, daß ich absichtlich Einzelheiten kaum genannt habe. Wer solche sucht, wird reichlich auf seine Kosten kommen. Hier kam es nur auf den räumlichen und malerischen Gesamteindruck an. Wer die Wanderung nach Süden fortsetzt, von Gars nach Wasserburg, von da über Attel nach Rott, lernt eine der schönsten und zugleich unbekanntesten Landschaften Altbayerns kennen. Schon den Krümmungen des Inns nachzugehen, ist zwar zeitraubend, aber köstlich. Gott sei Dank, ist dies Südbayern schön! Das Idyll Oberberghausen (1915) Anderthalb Bahnstunden von München liegt die geistliche Stadt Freising, und anderthalb Gehstunden von der geistlichen Stadt Freising liegt das Idyll Oberberghausen. Man geht in Freising bei der oberen Hauptstraße hinaus und folgt der Thalhauser Landstraße, bis beim fünften Kilometerstein eine gefurchte schmale Forststraße nach links abzweigt, durch eine schöne Reihe alter Bäume auf einen erhöhten Platz zu. Drei Pappeln stehen um ein Wegkreuz, moosige Holzstufen leiten zu einem kleinen verwilderten Friedhof mit einer hellen Dorfkirche, eine zerbröckelnde Ziegelmauer führt herum, in rostigen Angeln knarrt eine rostige Gitterpforte, geschmiedete Grabkreuze zerblättern über Gräbern, deren Namen bis zur Unleserlichkeit verwittert sind. Es ist ein einsamer Fleck zum Ausruhen und zum Träumen. Ringsum breiten sich dunkle Nadelwälder, weiße Birkenstämme leuchten, Rehe wechseln über die Lichtung und äsen. Das ist das Idyll Oberberghausen, und der es geschaffen hat, ist kein Geringerer als der Staat. Jetzt läuten die alten Glocken dieses Kirchleins einmal im Jahr, am Klementitag, wenn dem Kirchenpatron zu Ehren eine stille Messe gelesen wird. Vor fünfzig Jahren haben sie noch täglich geläutet. Sie läuteten, wann in Oberberghausen ein Bub auf die Welt kam oder ein Mädel. Sie läuteten, wann ein alter Austragvater seine müden Glieder in der kühlen Erde des Gottesackers ausstreckte, der damals auch nicht verwildert war, sondern von den buntesten Bauernblumen leuchtete. Sie läuteten jeden Tag zu den heiligen drei Zeiten, wann die Christenheit daran denkt, daß der Heiland eine Mutter gehabt hat. Läuteten über Äcker, die schwarz und glänzend dalagen im nassen Frühjahr, über weiche Wiesen, auf denen Kühe weideten in glasklaren Herbsttagen, über die Kirschbäume mit ihrer dunkeln, schönen Rinde, über Brunnen mit fließendem Wasser und den Abendfrieden eines kleinen Dorfes. Denn ein kleines Dorf war es, wenn auch nur vier Höfe: der Kelhammerhof, der Mayerhof, der Meßnerhof und noch einer, dessen Name – vierzig Jahre sind eine lange Zeit – schon in der Erinnerung verwittert ist wie Friedhofsmauer und Friedhofskreuze. Bauern haben da gehaust mit ihren Bäuerinnen und der lustigen Schar ihrer Kinder, mit Knecht und Mägden, Ochsen und Rössern, Kühen und Schweinen und allerlei Hühnervolk. Bloß vier Bauern, wenngleich Platz dagewesen wäre für mehr. Vielleicht wären mehr gekommen und wäre Oberberghausen ein richtiges Dorf geworden, sauber und freundlich, wie die Dörfer in der Gegend allesamt sind. Aber es scheint, sogar bloß die vier Bauern waren dem Forstamt schon zu viel, denn auf einmal wurden die vier Höfe dem Erdboden gleichgemacht, als ob der umgebende Wald sie immer enger umkreist hätte, wie die Schafe des alten Schäfers Galli einen Hasen. Es muß einer schon einen Blick für so etwas haben, um aus der Reihe Obstbäume, am Jungholz oder der geraden dunklen Narbe des Grases zu erkennen, wie die Häuser gestanden sind. Es war im Jahre 1883, da fiel dem Forstmeister Bierdimpfl auf einmal ein, hier ließe sich eine Weidenkultur anlegen. Es war ein Einfall, wie er einem Menschen kommen kann, der nicht übermäßig viel zu tun hat: harmlos, so lange er nicht ausgeführt wird. Aber je größer die Dummheit, desto gewisser wird sie gemacht. Die Bauern mußten weg auf Knall und Fall. Es ist immer ein kleines Königreich, wenn man sagt Bauernhof, und wenn ein Hof verschwindet müssen mehr Menschen und Vieh dran glauben, als sich der Städter vorstellt. Der Bauer zählt seine Taler und meint wunder was er hat; zieht in die Stadt Freising und schaut wie ein Schwalberl, wann er hört, wieviel der Wohnungszins von dem bissel Gerstl wegreißt. Er und sie gehen in die Meß, und am Nachmittag in den Rosenkranz oder in den Kreuzweg. Zu mehr langt das Gerstl nimmer. Die erwachsenen Kinder schauen sich um einen Dienst, die kleinen gehen in die Schule, bis sie alt genug sind für die Fabrik. Die Ehhalten müssen sich einen anderen Platz suchen, und das Vieh kauft der Jud. Wenn der Bauer alt genug wird, kann man ihn mit einem irdenen Haferl an der Klerikalseminarpforte stehen sehen: ob nichts übriggeblieben sei von Mittag her. Abgebrochen war geschwind. Abgebrochen ist immer geschwind, und wenn der Staat abbricht, schon gleich gar. Die Weidensetzlinge kamen aus der Rheinpfalz. Weil bekanntlich das Klima der Rheinpfalz und das Klima von Oberberghausen so ähnlich sind. Die Pflanzung wurde Weidenbusch getauft, und ist der Champagner nicht gespart worden bei der Taufe. Ein Scheibenschießen war auch, und auf der Festscheibe war der Forstmeister Bierdimpfl gemalt und der Assessor Striegl von Kranzberg, wie sie im Schweiß ihres Angesichtes Körbe flochten; ihre Gewehre lehnten daneben und ihre Hunde weinten Bäche. Alle, die es sahen, haben lachen müssen, und alle, die dabeisaßen, haben es ordentlich gefühlt, wie nützlich sie seien, weil zuerst bloß vier Bauern da waren und jetzt gleich ein paar tausend Weidenstöcklinge. Sie hatten auch allerhand dunkle Vorstellungen von Heimarbeit und fröhlicher Konkurrenz gegen die Lichtenfelser Korbweidenindustrie. Leider war die pfälzische Weide ein rechtes Luder und mochte nicht gedeihen. Der Hintergrund war schlecht, und das Oberberghauser Klima scheint's für Bauernhöfe geeigneter als für dem Forstmeister Bierdimpfl seine Weiden. Die Luder entarteten. Das hätte man schließlich vorher, wenn man die Sache in kleinem Umfang ausprobiert hätte, auch herauskriegen können, aber dann hätte ja die Geschichte dem Staat kein Geld gekostet, und die vier Bauern wären dageblieben, und der Forstmeister Bierdimpfl hätte nicht zeigen können, wie ein gescheiter Beamter den Karren aus dem Dreck wieder herauszieht: er baute Exportnadelhölzer an und sonstiges Koniferenzeug. Weil in der Gegend ohnehin nicht genug Nadelwald ist: bloß fünf Stunden lang. Von der ganzen Weidenkultur verblieb nur ein einziger Hektar mit verschiedenen Weidensorten, dreihundert an der Zahl, japanesische, chinesische, australische, was nur an Weiden da ist, damit alle Jahre einmal die Hochschulstudenten herfahren und sehen, wie sich dreihundert verschiedene Weidensorten auf einem Boden entwickeln, der für Weiden nicht paßt. Das gehört nämlich auch zur Forstwissenschaft. Die anderen Weiden wurden alle wieder herausgerissen und an die Stelle Nadelholz gepflanzt. Der Wald steht jetzt dreißig Jahre. Die Ertragfähigkeit eines Waldes beginnt nach fünfzig Jahren. Wer's nicht glaubt, soll den Grafen Törring fragen. Aber was will der Einwand besagen gegenüber dem Fortschritt, daß ein Dorf zerstört worden ist, um Weiden zu pflanzen, die herausgerissen werden mußten, um Nadelbäume zu pflanzen, die sich erst in zwanzig Jahren rentieren, zwar nicht so gut wie Bauernhöfe, aber doch besser als japanesische Weiden. Einen Profit hat von der Geschichte kein Mensch gehabt. Der Staat nicht, das Forstamt nicht und die Bauern nicht. Doch, einer hat einen Profit gehabt, nämlich mein alter Freund, der Kohlhuber Xaverl. Der Forstmeister Striegl war nämlich damals Assessor in Kranzberg und hat eigens nach England fahren müssen, damit er hinter die Finessen mit der Weidenkultur kommt. Natürlich, wenn ein königlich bayerischer Assessor nach England fährt, läßt er sich zuvor einen echt englischen Anzug machen beim Schneider Meyer in Freising, damit er auch ausschaut wie ein echter Engländer. Der Assessor Striegl hat so echt ausgeschaut wie ein Engländer, daß sie ihn beim Furtner elend derbleckt haben, wie er zum erstenmal als echter Engländer zum Tarock gekommen ist. Da hat er aus lauter Zorn den echt englischen Anzug dem Kohlhuber Xaverl geschenkt. »Das war ein guter Anzug, den hab i lang tragen«, sagt der Xaverl heut noch und lacht. Solche Oberberghausen liegen hunderte und aberhunderte im schönen Land Bayern und anderswo: Wald, wo vorher ein Dorf war. Rehe und Hasen, wo vorher Kühe waren und Rösser. Kirchhofstille, wo vorher Kinder in der Sonne spielten, aus denen Bauern und Bäuerinnen geworden wären, die wieder Kinder gehabt hätten. Das ist die Geschichte des Idylls Oberberghausen. Altbayrischer Bauernadel (1932) Am schönsten war das Hineinkommen nach Bayrischzell zu der Zeit, da noch keine Bahn ging, und am allerschönsten natürlich zu Fuß. Durch das alte Schliersee war man bald durch, dann ging die schmale Straße hart am See, dann kam schon gleich das weiße Leonhardikirchl zwischen den Bäumen, dann macht die Straße ein scharfes Eck, und vor uns liegt der Wendelstein, und das Leizachtal wird sichtbar. Zuerst gehen wir noch den Hachelbach entlang, der zwischen der Brecherspitz und dem Jägerkamp durchs Josephstal herunterschießt, aber gleich hinter Aurach kommt sie daher, die Leizach, schon ein richtiges starkes Wasser, und die Berge rücken enger zusammen, bald sind wir am Jodlbauern in Hagenberg vorbei, der die schönste Hausmalerei hat im ganzen Tal, Geitau gehört schon in die Pfarrei, jetzt sind wir in Osterhofen. »Bayrischzell sicht ma kam vor lauta Äpfibam«, nur der spitzige Kirchturm verrät es. Das war das alte Zell, vor der Eisenbahn. Die einzige Verbindung mit der Welt war damals der offene Postwagen, der von Schliersee um fünf Uhr abfuhr und Punkt sieben pomadig über die Brücke beim Zeller Schulhaus rumpelte, grad recht zum Abendessen. Aber bald kam ein blaues Privatauto, bei dem wir immer wetteten, wo ihm der Schnaufer ausgehen würde, hernach kam das braune Postauto, dem ging der Schnaufer nimmer aus, und zuletzt wurde das ganze Tal lebendig mit Arbeitern und Bahngleisen, und jetzt fahren lange Züge hin und her, und Bayrischzell ist ein stattlicher Ort geworden mit Gasthöfen, und kein Mensch kann das Lied mehr zu Ende singen: »schad, daß's koane Häuser hat, sunst war's ja glei a Stadt!« Die neue Zeit baut Bahnhöfe und Gasthöfe, aber Bauernhöfe baut sie wenig, und es ist gut, daß im Leizachtal schon ein paar Dutzend der prachtvollsten von ganz Bayern stehen, hinzu kommen schwerlich mehr neue, man muß froh sein, wenn die alten Geschlechter noch auf dem Hof sind und es noch nicht so weit gekommen ist wie vielfach anderwärts, wo die Bauern bestenfalls noch die Hausknechte ihrer Höfe sind – gehören tun sie einem Fabrikanten aus Sachsen oder Rheinland. Im Inntal liegen sie auch verstreut, diese stolzen Bauernhöfe im Tal oder auf den grünen Vorstufen des Mittelgebirges, der Regauer von der Regau, der Rechenauer von der Rechenau, der Seebacher von Seebach, der Hochecker von Hocheck, der Schweinsteiger von Schweinsteig, der Mühlauer von Mühlau, der Zaglacher von Zaglach, der Becherngruber von Becherngrub, der Watschöder von Watschöd, der Waller von Wall, der Stuffer von Oberstuff, der Sattelberger von Obersattelberg und wie sie alle heißen. Aber was ist das Inntal für ein breites, stolzes Tal mit einem starken Verkehr seit tausend Jahren neben dem weltabgeschiedenen Leizachtal! Wer das Leizachtal schon gekannt hat, richtig gekannt, nicht bloß mit dem Rucksack oder mit den Skiern ein paarmal durch, hat das freilich schon gewußt.Man muß bloß einmal am großen Frauentag, am 15. August, in Birkenstein gewesen sein, wo das ganze Tal zusammenkommt, dann hat man eine Ahnung, was das heißt: »es gibt ja nur a Leizachtal alloa, von Miesbach bis zum Wendelstoa«, und man muß die Bauernhöfe ein wenig kennen, vom grünen Kessel der bayerischen Zell an bis hinaus gegen Westerham, wo die Leizach in die Mangfall mündet, wo das Tal breit und üppig wird und das »goldene Tal« heißt. Aber nicht vom »goldenen Tal« handelt das Buch, das neben mir auf dem Tisch liegt, sondern vom oberen Leizachtal, von den Pfarreien Bayrischzell, Fischbachau, Elbach, Au bei Aibling und Niklasreuth. Das Buch ist eine Beschreibung wert. Es ist so dick wie ein Meßbuch, auch fast so hoch und so breit, hat 832 Seiten und heißt »Chronik des oberen Leizachtales«, geschrieben von Joseph Brunnhuber, Hauptlehrer in Elbach, verlegt von den Gemeinden Fischbachau und Hundham, gedruckt von Georg Ultsch in Birkenstein. Die Bauern von Fischbachau und Hundham haben wirklich in diesen harten Jahren der Nachkriegszeit kurzerhand die Übernahme des Verlages beschlossen und dadurch nicht nur das großartigste Heimatbuch geschaffen, das seit Jahrzehnten herausgekommen ist, sondern auch ihrer Heimatliebe und ihrem Heimatstolz ein Denkmal gesetzt, stolzer als eins aus Stein und Erz. Auf 34o Seiten ist jeder Hof beschrieben, vom Zillerbauer in Bayrischzell bis zum Zanken bei Wörnsmühl, wie lang der Hof sieht, woher sein Name kommt, wer zuerst urkundlich auf ihm nachzuweisen ist, wer alles auf ihm gesessen ist, wie die Frauen geheißen haben und woher sie gekommen sind, wann die Besitzer geboren und gestorben sind, wann die Hochzeit war, ob und wann das Anwesen zertrümmert worden ist, von wem, ob und wann abgebrannt, wieder aufgebaut, verkauft, zurückgekauft, wer jetzt darauf ist, und noch eine ganze Menge, was je mit dem Hof vorgekommen ist. Auch da begegnet uns der stolze Bauernadel, wo noch Haus- und Familiennamen gleich ist, die Stöger von Stög, die Deisenrieder von Deisenried, die Bacher zu Bach, die Mainwolf vom Mainwolf, die Kloo vom Kloohof. Oft ist der Hausname jünger als das Haus selbst, noch öfter aber ist er viel älter als die Namen der jetzigen Besitzer. Die höchste Siedlung im Leizachtal z. B., die beiden Höfe in Hochkreut, 989 Meter hoch, werden schon um 1200 genannt, und die ältesten Besitzer, ein Klaus Mumolf und sein Bruder Konrad, schon 1481. Seit 1659 sitzen die Huber auf dem Valtlhof. Aber die Larcher sind schon seit 1532 auf dem Larcherhof, die Kloo seit 1528 auf dem Kloohof, den jeder kennt, der von der Zell nach Birkenstein gegangen ist, die Mainwolf seit l452 auf dem ihren, die Rieder seit l343 auf dem Riederhof in Osterhofen. Seit 1451 gibt es die Zach in Bichl, seit 1453 die Jodlbauer in Hagenberg, seit 1469 die Jedl von Deisenried, seit 1538 die Gschwendtner in Oberachau, der Kloohof wird schon 1085 genannt, die Sixt, Steffl, Mair im Dorf seit 1218, die Buchenberger seit 1270, die Dorflinde von Elbach wird schon I507 erwähnt, aber sie ist sicher viel älter; die jetzige freilich ist ganz jung, sie ist erst 87 Jahre alt. »Namen sind Kleinode«, schrieb mir Ludwig Thoma einmal: »mir ist es immer ein Genuß, wenn ich im ,Tegernseer Blatt' Preisverteilungen bei oder nach Viehausstellungen lese. Wenn der Quirin Lidschreiber, Jager am Eck, oder der Korbinian Höß, Hagn von Elmau, aufgeführt wird, so tut sich mir eine ganze urbehagliche Heimatchronik auf.« Was hätte Ludwig Thoma erst zu dieser urbehaglichen »Heimatchronik« gesagt, hätte er sie noch erleben dürfen! Sicher hätte er ihr den Ehrenplatz in seinem Bücherkasten angewiesen, neben Andreas Schmellers Bayerischem Wörterbuch, aber zuvor wäre sie wochenlang auf dem Ahorntisch in seiner Stube gelegen und hätte stark nach Latakia-Tabak geduftet. »Diese festfußenden, breiten, wohlgefügten Häuser geben den Eindruck des Soliden, ja des Selbstherrlichen und Stolzen. Es sind zumeist Bauernpatrizier, wenn man so sagen darf, uralte Geschlechter, deren Namen sich nicht selten schon in Urkunden des 10. oder 12. Jahrhunderts finden und in graue Vorzeit zurückdatieren, die unter diesen Dächern wohnen. Wenn so ein regierender Bauer sagt: Georg heiß ich, Seebacher schreib ich mich und der Schweinsteiger bin ich – so liegt darin Selbstbewußtsein und Kraft. Solche Orte sind die reinsten Reservoire der Kraft für die Menschheit, und was draußen im Lebenskampf zersetzt wird, findet häufig von ihnen aus gesunden Nachschub.« Der Mann, der dies schrieb, war nicht umsonst einer der vertrautesten Freunde Wilhelm Leibls; es ist der Arzt Julius Mayr in Brannenburg, dem wir die feinen Wanderbilder »Auf stillen Pfaden« und die beste Leiblbiographie verdanken. Es ist erstaunlich viel Bauernleben, Menschenleben gefaßt und gebunden in den Seiten dieser Chronik, und wer sich die lohnende Mühe nimmt, hin und zurück zu blättern und zu verfolgen, wie die Familien sich verschwägern und versippen, bekommt ein ähnliches Gefühl, wie wenn er in den alten isländischen Geschlechterbüchern liest. Nur dann versteht man, daß bei den großen Treffgelegenheiten des Tales in Wirklichkeit alle eine große Familie bilden, alle näher oder entfernter irgendwie miteinander verwandt sind, verwandt durch Abstammung und Blut, verwandt durch die auf dem Land in hohen Ehren gehaltenen Patenschaften der Taufe und der Firmung. Nicht einmal die Hälfte des mächtigen Bandes ist es, die von der Beschreibung der Höfe ausgefüllt wird. Es steht noch eine Menge darin. Auf die Familiengeschichte folgt die Heimatgeschichte: Besiedlung und Rodung, Einführung des Christentums durch die ersten Glaubensboten, geistliche und adelige Grundherren, Dienstadel und Bürger, Grenzen, Pfarrsprengel, Reformation, Pfarrpfründen, Zehentrechte, Stolgebühren, Beschreibung der Kirchen, Nennung der Pfarrherren und Hilfspriester, Aufhebung des Klosters Fischbachau, Kunstgeschichte, Schulgeschichte, Kriegsnöte von der ältesten Zeit bis zum Weltkrieg. Und wiederum folgt die Darstellung des Bauernstandes und seiner Lasten: Zehent, Stift, Stiftpfennig, Gilt, Leibgedingsgeld, Abgaben, Scharwerk, Steuern, Gebühren. Darstellung der kirchlichen und religiösen Gebräuche: Jahrtage, Bittgänge, Bruderschaften. Darstellung der Bewirtschaftung von Grund und Boden; Dienstboten, ihre Löhne, ihre Kost. Wasserrecht, Fischrechte, Hochwasser. Von Bergen und Almen, Jagen und Wildern, Haberfeldtreiben. Verkehr, Gewerbe, Gesundheit, Kulturgeschichte, Tracht, Musik, Mundart und zu guter Letzt: Vom Wald. Es ist eine unsägliche Arbeit, die Joseph Brunnhuber mit dieser Chronik geleistet hat, und sein Werk ist dem Volke des Leizachtals »zu Ehr und Vorbild«. Eine solche Arbeit kann nicht belohnt werden; sie trägt ihren Lohn in sich selbst. Wie man jetzt schon vom Allgäu sagt »Der Reiser«, vom Lechrain »Der Leoprechting«, von der Oberpfalz »Der Schönwerth«, so wird man in Zukunft vom Leizachtal sagen: »Der Brunnhuber«. Im Chiemgau (1927) Der Chiemgau ist ungemein malerisch, und wenn sich immer mehr Maler in ihm dauernd ansiedeln, so ist das nur natürlich. Sein Zauber beginnt schon in Rosenheim mit der einzig schönen Lücke des Inntals, das die Reihe der Berge nach beiden Seiten mit südlicher Anmut gliedert wie gescheitelte Wellen eines Frauenhaares. Die Bergformen scheinen sanftbewegt ineinander überzufließen, ihre Gipfel haben nichts Starres, sie sind so abwechslungsreich, daß man ihrer nicht müde wird. In schmälerem Maßstab, aber nicht minder formschön, wiederholt sich diese leidenschaftliche Zäsur am Chiemsee durch den Blick ins Marquartsteiner Tal. Die Farben erhalten besonders gegen Abend etwas magisch Durchscheinendes. Die Berge scheinen körperlos aus Leuchten und Farbe zu bestehen mit unendlich zarten Abstufungen zwischen dem flammendsten Rot und dem kühlsten Blau. Die Luft bleibt selbst an bedeckten Tagen, selbst bei Regen, eigenartig weich und verändert sich fortwährend. Bei sogenanntem schlechtem Wetter von gedeckter Veranda aus dem ununterbrochenen Spiel von Licht, Luft und Wasser zuzusehen, gewährt stundenlangen Genuß. Man begreift, daß sich Maler gerade hier niederlassen, daß sie aus der Landschaft überhaupt nicht mehr fort mögen. Und wer die Ausstellung der »Welle« am Priener Landungsplatz in Stock seit Jahren verfolgt hat,begreiftauch, daß sie nirgends lieber ausstellen als in dem kleinen gelben Kunsttempel, den sie sich selber erbaut haben,zehn Schritt vom See, und daß die Gilde der Aussteller von Jahr zu Jahr mehr andere Maler als Gäste an sich zieht. Es wäre ein Wunder, wenn das alles anders wäre. Aber Prien hat seit kurzem einen neuen künstlerischen Anziehungspunkt, der nicht weit abseits liegt, fast auf dem Wege zur »Welle«, die evangelische Christuskirche German Bestelmeyers. Sie schmiegt sich mit Friedhof und Pfarrhaus unaufdringlich fein in die letzte Falte des Herrenberges und könnte nicht glücklicher im Raum der Landschaft stehen: von links nach rechts zuerst das gestreckte, niedrige Pfarrhaus, dann der Würfel der Sakristei, hierauf ansteigend das helle Achteck der Kirche mit dem dunklen Lärchendach, zuletzt übereck gestellt der Turm, bis auf je zwei halbrunde Schallöcher übereinander ganz oben eine völlig ungegliederte Mauer mit einfachem Helmabschluß, aus dessen vier Dreiecken eine schindelgedeckte Zwiebel reizend herauswächst. Im Turm kommt die architektonische Bewegung der Gesamtanlage sinnvoll zur Ruhe, weil nach ihm wieder die Natur das Wort ergreift in Gestalt eines Ausläufers schöner Laubbäume, deren dunkles Grün zusammen mit den helleren der Wiesenhange des Herrenbergs den farbigen Hintergrund bilden, in den das Schwarz-Weiß von Architektur hineingestellt ist, als hätte er von jeher auf nichts anderes gewartet als auf diese Gebäudegruppe mit der weißen Mauer, die den heiligen Bezirk kennzeichnet und umschließt. Auf der Südwestecke dieser Mauer steht als vermittelnde und gliedernde Vertikale eine schöne Gruppe aus hellem Stein, die Jesu-Taufe durch Johannes, die, von allen Seiten gesehen, durch ihre Geschlossenheit erfreut. Der Zugang zur Kirche erfolgt durch eine originelle Verbindung von Treppe mit gedeckter Vorhalle, die wiederum die gegebenen Unebenheiten der Bodenverhältnisse ungezwungen in künstlerische Werte umsetzt. Das Innere ist vollkommen einfach. Der achteckige Raum erhält durch mäßig große Fenster genügend Licht. Türen, Gestühl und Orgelempore aus dem seltenen naturfarbenen Lärchenholz, wie die durch Längs- und Querbalken in neun Felder gegliederte kassettierte Decke. Der Boden kleine quadratische Ziegelfliesen, deren dunkles Braunrot gut zu dem Grau des Mauerwerks und dem gedämpften Weißgelb des Holzes stimmt. Alles, was leuchtet und durch Farbe wirkt, konzentriert sich auf die nebeneinanderstehende Dreiheit: Taufstein, etwas höher Altar – unmittelbar daneben – und Kanzel. Der goldene Glanz des Taufsteindeckels leitet nach oben zu dem Goldgrunde der vier Altarflügelbilder aus dem Heilandsleben, zwischen denen wieder das strenge Blau des Schreinhintergrunds die drei weißen geschnitzten Gestalten Jesus am Kreuze zwischen Maria und Johannes umso eindrucksvoller hervortreten läßt. Die Schöpfer des figürlichen Teils des Altars, Professor Friedrich Lommel und Paul Roloff, stehen mit diesem Werke bei aller Modernität doch fest in der kirchlichen Tradition. Die Schreinform mit Seitenflügeln erinnert an andere Altäre des Inn-Salzach-Gaues wie Sondermoning, Sankt Koloman bei Taching und vor allem Rabenden, bei Lommels edler Kreuzgruppe denkt man an die des Doms zu Halberstadt, bei Roloffs vier Flügelbildern (Flucht nach Ägypten, Heiland am Brunnen, Einzug in Jerusalem, Jesus und Magdalena) möchten allerlei Erinnerungsbilder aufsteigen von ottonischer Buchmalerei an bis zu Duccios Altar in Siena, aber sie sind genau so originell und modern wie Lommels Gruppe, keine Spur von Anlehnung, nur in der Phantasie schwingen Obertöne mit: bei aller künstlerischen Freiheit die Tradition der Jahrhunderte. In der anstoßenden Sakristei mit der einfacheren, aber ebenfalls sehr feinen Holzdecke steht auf dem Tisch ein schöner Gnadenstuhl in Form eines Hausaltarschrankes. Bis auf den geringsten Türgriff durchwegs eine anheimelnde Redlichkeit des Handwerklichen. Ein paar Schritt nur vom Seeufer steht der helle Bau der »Welle«, deren Mitglieder das vielumstrittene Problem der Ausstellung von Kunstwerken ebenso einfach wie glücklich gelöst haben. Sie gehören jeder irgendeiner der großen Münchner Künstlervereinigungen an. Aber in München geben sie sozusagen nur ihre Besuchskarte ab; wer sie kennenlernen will, muß schon nach Prien fahren und ihre Werke an Ort und Stelle ansehen. »An Ort und Stelle« will besagen: in der Landschaft, in der sie entstanden sind, in der ihre Urheber jahraus, jahrein leben; die sie kennen in jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter. Die Häuser, in denen sie wohnen, die Werkstätten, in denen sie schaffen, stehen in einem Umkreis so nahe beisammen, daß man sie an einem Tage besuchen könnte, und doch wieder eins vom andern so weit entfernt, daß man dazu ein guter Geher sein müßte. Die »Welle« ist keine Künstlerkolonie, wie Dachau oder Worpswede, sondern eine durch künstlerisches Wollen und gegenseitige Freundschaft zusammengehaltene Gilde. Ihre Mitglieder lachen über alles, was an Richtung, Programm, Manifest erinnern könnte. Jeder schafft, weil und wie es ihn freut, und dann verlosen sie die Wände, und jeder hängt seine Sachen, wie es ihm am besten dünkt. Die Gemälde laufen den Leuten nicht nach in die Großstadt, die Leute sollen zu ihnen kommen und sich vorher durch einen Gang in der freien Natur die Augen ausputzen. Das machen diese Künstler nun schon im sechsten Jahr. Es hat verregnete Sommer gegeben, in denen sie drauf gezahlt haben, – macht nichts: im nächsten stellten sie wieder aus. Der letzte Hagelschauer hat ihnen das Dach bös demoliert, – macht nichts: sie haben es ausgebessert und stellen trotzdem aus. Viele Besucher des Sees wissen gar nichts von der »Welle«, rennen nur den Allerweltstrab, aus dem Zug ins Zügle und vom Zügle aufs Schiff und umgekehrt – aber es gibt doch auch andere Besucher des Chiemsees, für die eine Stunde in der »Welle« den künstlerischen Abschluß ihres Ausflugs bedeutet, ohne den ihnen etwas fehlen würde. In diesen vier Räumen ist ein Dutzend Künstler vertreten, von denen jeder sehr ausgeprägt seine eigene Art hat, und deren Bilder dennoch sonderbar gut zusammenpassen wie eine Tafelrunde, wo auch keiner das große Wort führt, keiner den anderen überschreit oder ihm ins Wort fällt und jeder seinen Teil zum harmonischen Verlauf beiträgt. Jeder Raum hat seine Atmosphäre, und die vier Räume insgesamt haben dieselbe: Atmosphäre ohne Eintönigkeit oder, wie es auf dem grünen Seidenbanner des »Fähnleins der sieben Aufrechten« zu lesen ist: »Freundschaft in der Freiheit.« Kein fremder Ton stört; die Bilder vertragen sich so gut wie ihre Urheber. Hier ist alles Störende ausgeschaltet, was bei großen Ausstellungen nicht zu vermeiden ist: Masse, Buntheit, Gegensätze. Der bloße Gang von Prien bis Stock wirkt als Vorbereitung, und wenn man die Ausstellung genossen hat, noch beim Westernacher zu sitzen mit dem Blick über das herrliche Wasser ins Marquartsteiner Tal, – es ist doch etwas anderes, als wenn man gleich wieder nach den Armbewegungen eines Verkehrsschutzmannes über die Straße muß. So etwas sechs Jahre lang zu machen, durch keinen Mißerfolg sich entmutigen zu lassen, sich nicht als eine G.\ m.\ b.\ H. gegen »Konkurrenten« abzuschließen, im Gegenteil, Kunstgenossen von ähnlichem Streben immer wieder herzlich aufzunehmen und ihnen den Raum, den sie für ihre Bilder brauchen, gerne zur Verfügung zu stellen: das ist an sich schon eine kameradschaftliche Leistung, wie man sie selten findet. Nannte man das nicht früher Idealismus? Württemberg als Reiseland (1932) »Und alte liebe Schatten steigen auf«: Württemberg als Reiseland! Denn »das malerische und romantische« Württemberg, wie man vor hundert Jahren geschrieben hätte, ist köstlich, so köstlich wie Tirol, so köstlich wie Österreich. Wo man nur nach Württemberg hineinkommt, überall ist es entzückend. Man geht zum Beispiel von Memmingen aus und fängt an, zu Fuß zu wandern »durch die Wälder, durch die Auen«, wie es im »Freischütz« heißt: da ist Rot an der Rot, das vornehme Stift, und schon ist man im württembergischen Pfaffenwinkel, der so anziehend ist wie unser bayerischer. Da ist, mit einem Chorgestühl, fast so schön wie das Ottobeurer, Ochsenhausen; Steinhausen, wo Dominikus Zimmermann zum ersten Male den schwebenden Baugedanken der »Wies« skizziert hat; Schussenried, wo er das Kloster gebaut hat mit der hellen, eleganten Bibliothek; Weingarten mit seiner fürstlichen Schauseite und der herrlichen Orgel; da ist Ravensburg, das türmereiche; das alte, echt schwäbische Biberach, wo Wieland zu Haus ist. Von selber treibt's einen wieder südlich an den Bodensee, nach Friedrichshafen, wofern man nicht vorzieht, die schöne Straße von Weingarten nach Kißlegg abzugehen, zwischen lauter Apfelbäumen, und auf einmal kehrt man durch ein buntes Tor in Wangen ein, »das freundliche Städtchen«, und hat das Gefühl, Mörike habe ihm das Gedicht auf den Leib geschrieben. Eduard Mörike begleitet uns in Württemberg auf Schritt und Tritt. Mörike ist ein Zustand des Gemüts, der uns umfängt an der Grenze und mit sanfter Unwiderstehlichkeit selbst an der industrialisierten Hauptstrecke von Geislingen bis Stuttgart nicht losläßt: daß auch Fabriken schön, behaglich in der Landschaft stehen können, haben wir erst in diesem gesegneten Gau erlebt. Ulm – man kann nie dran vorbeifahren, man muß aussteigen, und war's nur, um geschwind zwischen zwei Zügen einen Kaffee zu trinken angesichts des Münsters. Dann aber gleich weiter nach Blaubeuren, die lange, lange Straße vom Bahnhof hinein, bis man wieder vor dem holden Wunder des Marienaltarschreins steht, und wieder sieht man ihn zum ersten Male, und denkt an alle Lieblichkeiten von Heinrich Seuse, und wieder geht man links um die Ecke und ist erstaunt, daß nicht im heißen Schweigen der mittäglichen Zauberstunde die schöne Lau aus dem Blautopf taucht. Dann aber kommt, nicht ganz leicht erreichbar, aber beglückend wie ein mozartisches Lied, eingebettet zwischen unendlichen Wäldern, ein verschollener Traum aus abgelebten Zeiten, das betörende Urach, jenes Urach, wo Mörike den Grafen Schack auf eine Aussichtsbank führt, und der Graf Schack, der frisch von Teneriffa kommt, wird auf einmal ganz still, und dann sind sie zusammen hinunter gegangen zur Amanduskirche und zum Stift, wo der Brunnen rauscht zwischen den alten Linden, und die Kanarischen Inseln waren versunken in dem Lenzwunder von Urach. Neulich in Salzburg, als wir im hohen Chor der Franziskanerkirche standen, klopfte leis eine Erinnerung an etwas ähnlich strebend lichtvoll Gotisches–wo war es doch? Neuötting? Sankt Martin in Landshut? Sankt Jakob in Straubing? Nein, es mußte etwas anderes sein, plötzlich stand es da: die Kreuzkirche in Schwäbisch-Gmünd, und wir gedachten der Hallenkirchen von Nördlingen und Dinkelsbühl, und auf einmal schob sich eine zweite württembergische Hallenkirche vors innere Auge, die von Schwäbisch-Hall. Dieses Hall ist so über alle Maßen schön, wie es sich stufenförmig am Steilhang aufbaut überm schäumenden Lauf des Kocher, daß man beinah Gefahr läuft, gegen Rothenburg ob der Tauber ungerecht zu werden – die Einzelheiten sind in Hall durchwegs bedeutender, es ist räumiger, freier, nur das Gesamtbild von Rothenburg schlägt alles. Beim Weiterfahren sehen wir wiederum königlich auf grünem Bergkegel die klösterliche Festung Komburg mit ihren getürmten Ringmauern, die ehemalige Benediktinerabtei, an der acht Jahrhunderte gebaut haben. Welche der beiden Zisterzienserabteien ist edler, Bebenhausen oder Maulbronn? Wie wundervoll sich diese mächtigen Klosteranlagen in ihre grünen Täler schmiegen! Ich denke des Frühlingstags in Maulbronn, es war ein wenig frisch, die steinernen Räume eiskalt, dreimal haben wir sie durchwandelt, dazwischen jeweils geschwind eine Tasse Tee zum Wärmen: das Paradies, den Laienspeisesaal, das Herrenrefektorium, den Kapitelsaal, den Kreuzgang mit der Höllentreppe und dem zierlichen Brunnenhaus. Die Tage zuvor, in Stuttgart, waren es seltsam genug gleichfalls klösterliche, ja kirchliche Empfindungen, mit denen wir die herrlichen Räume des Hauptbahnhofs immer wieder abgingen: ein Gefühl wie in Santa Croce in Florenz –Raum! Raum! welch großartige Verhältnisse! Jahre sind seitdem vergangen, aber unvergeßlich ist mir der Eindruck: ein paar Tage zuvor hatte uns aus dem Cafe einer bayerischen Kleinstadt übelste Jazzmusik vertrieben, hier, in diesem modernen Stuttgart, am Sonntagnachmittag im Olgabau, kein Tisch war frei, saßen die Leute und lauschten mäuschenstill dem Cafe-Konzert, nur ganz gute Musik–in Stuttgart haben wir unseren Glauben an die Deutschen damals wiedergefunden. Was soll man von Stuttgart sagen? Was kann man von Stuttgart anderes sagen, als: Geht hin! Seht es euch selbst an, dies lebensvolle Ineinsklingen von Altem und Neuem, es hat alle Reize einer ganz modernen Großstadt, und zugleich Hunderte von malerischen Winkeln, vor allem aber: welche Lage! Welch entzückende Lage indem prächtigen Talkessel zwischen lauter Rebenhängen und Obstgärten! Und nun sollt' ich, möcht' ich noch von Tübingen reden, aber was hat es für einen Sinn, von diesem kostbaren Universitätsstädtle zu reden ? Am gescheitesten ist, man geht in eine kleine Weinstube, – Württemberg ist das Dorado der kleinen Weinstuben – und stößt mit sich selbst oder einem Freund an. »Tübingen!« Ja, die Weinstuben! Da ist der »Vatikan« in Wangen, das »Lämmle« und die »Ofengabel« in Ulm, die »Obere Stub« in Stuttgart, – nein, ich höre lieber auf, nur soviel sei verraten: wer harmlose, leichte Landweine schätzt, kommt nirgends so auf seine Rechnung wie in Württemberg. Das bringt mich auf die Frage: Wie reist man in Württemberg? Nach all meinen Erfahrungen kann ich nur versichern: vortrefflich! Unterkunft, Bedienung, Küche, Keller – man kann sich's nicht netter wünschen. Wir Oberbayern haben gewiß schöne Dörfer mit blitzblank sauberen Häusern, aber die württembergischen können sich damit messen. Eins haben sie sogar voraus: die sorgsam gepflegten Obstbäume. Besagte Obstbäume liefern, nebenbei, ein Getränk, das »Saft« heißt (mit langem a) und an heißen Tagen äußerst angenehm ist, daß einem oft die Wahl weh tut: Saft oder Wein? Der Kenner entscheidet sich in diesem Falle für beides. Lob des Pfälzer Weins (1930) Die Mahnung: »Deutscher, trink deutschen Wein«, entbehrt, so nötig sie leider ist, nicht einer gewissen Komik. Es ist, als müßte man einem Eidgenossen erst zureden, Schweizer Käse zu essen, einem Südtiroler, Kalvilläpfel oder Meraner Trauben zu genießen, oder einem Kubaner, Henry Clays zu rauchen. Wie oft, wenn wir unten in Rom beim Frascati saßen, bekamen wir ein richtiges Heimweh nach dem bescheidensten Schoppen unserer Pfalz! Und wie oft andererseits, wenn wir zu Hause über Nacht das letzte Glas eines guten Pfälzers aus Vergeßlichkeit hatten halbvoll im Zimmer stehen lassen – vorausgesetzt natürlich, daß nicht geraucht wurde, was ein Verständiger einem deutschen Weine niemals antun wird–, wie oft war nicht am andern Morgen unsere Bude erfüllt von einem zarten und südlichen Duft wie von Rosen und Reseden! Weintrinken ist die schönste und tiefsinnigste aller Erfahrungswissenschaften, von welcher gilt, was Robert Schumann von der Musik sagt: »Es ist des Lernens kein Ende.« Wenn heute Pope auferstünde, würde er nicht mehr eingebildet schreiben: The proper of mankind is man (Des Menschen schönstes Studium ist der Mensch), sondern bescheidener und sachlicher: The proper study of mankind is wine (Des Menschen schönstes Studium ist der Wein). Unter den Weinen, besonders den Pfälzern, gibt es viel mehr und reicher abgestufte Charaktere als unter den Menschen. Wohl hat der nordische Mensch den Wein veredelt, aber um wieviel mehr noch der Wein den nordischen Menschen! Nehmt heute den Wein aus unserer Gesittung weg, und ihr habt eine Musik ohne Mozart. Jene schwärmerische Ausgeglichenheit der Seele, die sich noch im dionysischen Schwunge des apollinischen Adels bewußt bleibt, ist in unseren nordischen Breiten überhaupt nur zu erringen durch andächtige Würdigung der edelsten aller Himmelsgaben. Aber wie jeder Deutsche aus Sondershausen ist, so ist auch jeder deutsche Wein ein Individuum, etwas Einmaliges und Einziges, und vollends jeder Pfälzer ein ausgeprägter Charakterkopf. Wie herrlich sind allein schon die Namen! Was steckt an jahrhundertalter Volksdichtung in ihnen, an Mutterwitz, an geschichtlichen Erinnerungen ! Ruppertsberger Linsenbusch – klingt es nicht wie ein Lied aus dem Wunderhorn? Mußbacher Bischofsweg, Ungsteiner Nußriegel, Hardter Mandelring, Deidesheimer Herrgottsacker, Diedesfelder Johanniskirchel, Ruppertsberger Taubenrausch, Gimmeldinger Meerspinne, Zeller Schwarzer Herrgott, Hambacher Kaiserstuhl, Förster Ungeheuer, Weisenheimer Vogelfang, Wachenheimer Fuchsmantel, Forster Musenhang, Deidesheimer Klostergarten, Dürkheimer Nonnengarten, Forster Jesuitengarten, Dürkheimer Rittergarten, Ruppertsberger Reiterpfad, Wachenheimer Luginsland, Herxhelmer Himmelreich –es ist ein Klang darin, zugleich mittelalterlich und märchenjung, fromm und weltlich, wie aus Gottfried Kellers »Leuten von Seldwyla« (»Dietegen«!), oder als sänge David in den »Meistersingern«: »Der Weine Tön' und Weisen, gar viel an Nam' und Zahl, die roten und die weißen, wer die kannte allzumal!« »Das sind erst die Namen«, fahrt David fort, »nun lernt sie trinken!« Uns überkommt das schmerzliche Gefühl von Lenaus Don Juan angesichts der unermeßlichen Menge schöner Mädchen und Frauen: das sind nur die Namen – jetzt kommen erst die Jahrgänge, die Wachstümer – ein Menschenleben reicht nicht hin, alle kennenzulernen. Mit einem Gesühl von Wehmut schlürft man den letzten Schluck Wachenheimer Goldbächel oder Forster Kirchenstück: das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, das Urteil schwierig, die Gelegenheit flüchtig, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag, lebwohl, lebwohl, nie werd ich dich wieder trinken, es ist ein Abschied für immer . .. Weise Natur! Unergründliche, ausgleichende, weise Natur! Sie hat es so eingerichtet, daß auf jedes der drei großen Weingebiete – Rheinpfalz, Rheingau, Rheinhessen – annähernd die gleiche Bodenfläche trifft, als wollten sie uns mahnen, niemals eins gegen das andere auszuspielen, sondern alle mit gleicher Liebe zu umarmen. Und dennoch, der Pfälzer Wein hat vor den beiden Brüdern das nur ihm eigentümliche Temperament voraus, das vom holden Leichtsinn des Jünglings bis zum feurigen Ungestüm des Mannes reicht, das Blühende, Duftige, Verschwärmte bis zur edelsüßen schweren Reife. Andererseits: wie entgegenkommend ist der Pfälzer unserer bescheidenen Börse! Der bescheidenste Schoppenwein schon, wenn er nur naturrein ist, vinum de vite , »als wie ich von der Mutter kam«, wie es im Volkslied heißt, wie füllt er Seele und Magen mit der Sonne der vierzig wolkenlosen Tage, deren er nach alter Volksweisheit zum Garkochen bedarf!, wie unmerklich steigt die Kurve geistreichen Frohsinns, den er schenkt!, und wie hell, wie arbeitsvergnügt erwacht man am nächsten Morgen, rein der Magen, klar der Kopf, frisch und sauber, mit dem berühmten leisen Apfelgeschmack der Mund! Es ist ein unerhörtes Kreszendo an Feuer und Wohlgeschmack, von der elsässischen Grenze an, wo gleich der rote Schweigener die Honneurs der Begrüßung macht, über Gleiszellen mit seinem lieblichen Muskateller, dem feurigen Birkweiler Kastanienbuscher, Gleisweiler, das ganz in Weinberge und Edelkastanien eingebettet liegt, Burrweiler, Diedesfeld, Edenkoben,Maikammer-Alsterweiler, Sankt Martin –, um nur die bekanntesten herauszugreifen. Aber jetzt geht's erst los: Hambach, Neustadt, Gimmeldingen, Königsbach; und nun die großen Lagen von Ruppertsberg, Deidesheim, Forst mit ihren Rieslinggewächsen, Wachenheim, Dürkheim, Herxheim, Weisenheim, Ungstein, Freinsheim, Kallstadt, Grünstadt, und die Rebhänge des Nordens, mit denen die Via triumphalis des Pfälzer Weins anmutig ins Hessische hinüberleitet: Introite, nam et hic vinum est ! Der Pfalzwein hat lange gebraucht, bis er in seinem Wert erkannt wurde. Er ließ es sich nicht anfechten, daß die großen Jahre, die auf der weißmarmornen Tafel des Dürkheimer Rathauses mit goldenen Lettern prangen, vorwiegend im Lande blieben: 1811, 1834, 1846, der Doppeltreffer 1858/59, 1862,1865 – erst 1893 brach den Bann, 1900 fand schon erwartungsvolle Kenner, 1911 war ein Ereignis ersten Ranges, 1921 hieb in dieselbe Kerbe. Der Ruhm des Pfälzer Weins ist in alle Welt gedrungen, die ursprünglich nicht allzu große Gemeinde der Stillen im Lande, die von jeher wußten, was sie am Pfälzer hatten, ist von Jahrgang zu Jahrgang zu einer begeisterten Gemeinschaft wählerischer Zecher angewachsen, die nicht höher schwören als auf einen edlen Tropfen Pfälzer. Das deutsche Wirtshaus (1929) Es mag ums Jahr 90 herum gewesen sein, daß ich begann, einigermaßen sehenden Auges das schöne alte Augsburg für mich zu entdecken. Halbe Tage schlenderte ich durch die Gassen, müßig und doch nicht untätig; allmählich kam ich hinter den Reiz des absichtslosen langsamen Bummelns durch eine noch nicht vertraute Stadt, bei dem für ihre Kenntnis Ersprießlicheres herauskommt als beim noch so beflissenen Abgrasen ihrer Sehenswürdigkeiten. Bis heute habe ich kein ergiebigeres Verfahren herausgefunden, als immer wieder die Straßen abzugehen, zu verschiedenen Tageszeiten, in beiden Richtungen, bei verschiedenem Wetter, wechselnder Beleuchtung, vor allem auch bei Nacht, und die Augen aufzumachen: schauen, schauen, schauen. Damals schrieb ich mir Augsburger Wirtshausnamen auf, ich habe den Zettel heute noch: Schwedenlinde, Alter Einlaß, Prinz von Oranien, König von Flandern, Eisenhut, Goldener Greif, Äußerer Zoll, Bachnazi, Bauerntanz, Geisterhaus, Wilder Mann, Zum hohen Meer, Zum reichen Fischfang, Kätzle, Blaues Krügle, Finstere Stube, Schneckenpost, Paritätswirt, Erheiterung, Einsamkeit, Elysium. Aber vielleicht wäre ich von selber auf diese bunten Namen gar nicht aufmerksam geworden, hätt' ich nicht um die nämliche Zeit angefangen, Gottfried Keller zu lesen und die Stelle aus »Kleider machen Leute« irgendwie unbewußt mit mir herumgetragen: »Die Stadt bestand größtenteils aus schönen, festgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das Mittelalter spiegelte sich ab in den ältesten Häusern oder in den Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da hieß es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zum blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum Türken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab, zur Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur Bürgertugend A, zur Bürgertugend B, zum Vertrauen, zur Liebe, zur Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl: ein reinliches Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube und Garn haspelte« – ich muß innehalten, die Stelle ist zu lang und zu hübsch: jetzt, wo ich sie wieder lese, bin ich erst recht überzeugt, daß mir Gottfried Keller bezüglich der Reize der alten deutschen Stadt den Star gestochen hat. Aber sei dem wie immer: aus den erdichteten Hausnamen seiner Erzählung und den wirklichen in Augsburg ergaben sich Zusammenhänge, zum ersten Male dämmerte mir der Gedanke auf, daß sich aus den bloßen Namen schon eine Geschichte des deutschen Wirtshauses müsse schreiben lassen. Denn gab es den Wilden Mann nicht den ganzen Rhein entlang bis ins Elsässische und Ober-Engadin, in Silvaplana? Konnte der Augsburger Parität gegenüber nicht Jenbach seine Toleranz aufweisen, sogar wie bei Keller in doppelter Ausfertigung, die alte und die neue? Stand nicht der »Ritter« in Heidelberg, der »Eisenhut« in Rothenburg, Bozen, Augsburg? Konnte sich nicht neben den Paradiesvogel und den Granatbaum das stolzeste aller Tiroler Gasthäuser stellen, der Elefant in Brixen? Aber in Augsburg stand und steht heute noch die fürstlichste aller Fürsteneinkehren, der Gasthof zu den Drei Mohren. In wieviel deutschen Städten gibt es den Gasthof zu den Drei Königen, zum Mohrenschimmel, und wie oft haben wir später in den Tre Re beim Pantheon den goldgelben Frascati getrunken. War nicht das ganze Alte Testament in Wirtshausschildern verewigt? Wie oft hatte ich als Lateinschüler im »Paradiesgartl« Kastanien aufgeklaubt! Wie manchen Schoppen später in Tirol in einer »Arche Noah« gezecht, in einer »Löwengrube«, einer »Traube«, die keine gewöhnliche Traube war, sondern jene, die die beiden Kundschafter aus dem gelobten Lande an einem Pfahle schleppten, wie der Riese jener war, den David erschlug, oder der Riese Christophorus, der den Heiland trug, und der Walfisch der, welcher den Jonas ausspie, das Hohe Meer jenes, das sich vor den Kindern Israels teilte, der reiche Fischfang der des Petrus, der Ochse der des Lukas, der Löwe des Markus, der Adler ursprünglich des Johannes, später erst der römischen Kaiser deutscher Nation, der Anker jener der christlichen Kirche, die Waage die des Erzengels Michael, der Drache der Geheimen Offenbarung, der Bär des Elisäus, Noahs Taube, der Hirsch, der im Psalme nach Wasser lechzt, der Stern der drei Weisen aus dem Morgenlande, das Lamm des Passamahls, des Longinus Speer, Mariens Lilie, Petri Schlüssel, Pauli Schwert, der Rabe der heiligen Einsiedler in der Wüste Thebais, das Schiff des Heils, die goldene Rose der Liebe Mariens. Aus dem frühmittelalterlichen Physiologus stammen die uralten Schilder zum Einhorn, Wolf, Storch, Schwan, Falken, Greifen. Denn es besteht kein Zweifel, daß all diese Namen ursprünglich nicht aus der Beobachtung, nicht aus der Wirklichkeit stammen. sondern, soweit sie nicht schon griechisch oder römisch vorkommen, aus religiösen und magischen Vorstellungen: das Haus sollte durch sie beschützt, bewahrt, geheiligt sein. Demgemäß spielt auch die Heiligengeschichte herein. Der »Bär« in Rom, das Albergo dell'Orso, in dem Montaigne gewohnt hat, ist vermutlich der aus dem Antiken umgedeutete des heiligen Korbinian. Eine neue Welt der Namen tut sich auf nicht etwa mit der Entdeckung der wirklichen neuen Welt – sie ist für die Namengebung unergiebig gewesen –, sondern mit derjenigen der regelmäßigen Pferdeposten, zuerst in Frankreich, bald auch in Deutschland: das Goldene Posthorn in Nürnberg wird schon 1485 erwähnt, und bald gibt es nicht nur keine Stadt, sondern sogar kein Dorf mehr, das nicht seinen Gasthof zur Post hatte, meistens sogar deren zwei, die Alte und die Neue. Im übrigen hält sich das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert an die hergebrachten Namen, bis zur Zeit der Aufklärung, welche die menschenfreundlichen Abstrakta bringt. Was ihr folgt, ist das nüchterne neunzehnte Jahrhundert mit dem Rheinischen, Russischen, Englischen usw. »Hof« – das »Deutsche Haus« ist älter –, dem im zwanzigsten Jahrhundert die Carlton-, Palace-, Bristol-, Regina-, Astoria- und ähnliche Hotels folgen. Lange hatte ich nicht mehr an den Plan gedacht, da spielte mir der Zufall eine englische Zeitschrift in die Hand, in der ich unter anderen Weihnachtsbüchern auch The Book of the Inn fand: eine Geschichte des englischen Gasthauses von den ältesten Zeiten bis zum Heraufkommen des Bahnhofshotels, zusammengestellt von Thomas Burke, mit 200 Federzeichnungen; beginnend mit Chaucers unsterblicher Beschreibung des Gasthofs zum »Heroldsrock« in Southwark, und gipfelnd in den nicht minder unsterblichen Gasthoferlebnissen der Mitglieder des Pickwick-Clubs. Ein solches Buch konnte nur in einem germanischen Lande entstehen: denn der Romane hat kein Verhältnis zum Wirtshaus, außer dem rein praktischen des Zwecks. Daß die Geschichte des englischen Gasthauses geschrieben wurde, war also nicht erstaunlich. Erstaunlicher, daß die des deutschen noch nicht geschrieben ist, wenigstens nicht für die Zeiten, wo es erst beginnt interessant zu werden. Denn das Buch von Dr. Johanna Kachel »Herberge und Gastwirtschaft in Deutschland bis zum 17. Jahrhundert« schließt mit dem 16. Jahrhundert, und das ist schade; denn man legt die ebenso anziehende wie gediegene, ja gelehrte Arbeit nur ungern aus der Hand. Sie beginnt mit der Gastfreundschaft bei den alten Deutschen und derjenigen der Kirche, vor allem der Klöster; spricht von den Hospizen, vor allem den Alpenhospizen, vom allmählichen Aufkommen der Tabernen im frühen Mittelalter, wo der Wirt nicht nur »Wein, Bier, schönes Brot« verkaufte, sondern auch »Schmeer, Gaißelschnüre, Nähriemen, Lichter«. Durch Innozenz III. kommt in die Hospitalgründung ein großer Zug: er errichtet in Rom ein großes Heim für dreihundert Arme und tausend Pilger und übergibt es den Ordensbrüdern vom Heiligen Geist. Von da an wird in jeder größeren Stadt ein Heiliggeistspital errichtet, und zwar immer nahe einem Tor, um die Pilger aufzunehmen: weltliche Anstalten, gegründet von Bürgern oder Stadtgemeinden. Und von da ab scheiden sich die drei Typen immer scharfer: hie Hospiz, hie Herberge, hie Wirtshaus. Die älteste Form der Mitteilung des eigenen Ausschanks, Reif, Kranz, Ast oder Buschen, hat sich erhalten z. B. im Mayrbuschen und Brunnerbuschen in Bozen. Die älteste Form der Weinkarte, ein vor der Schenke aufgehängtes Täfelchen mit den Ziffern, findet man heute noch vor römischen Kneipen. Schon im 15. Jahrhundert verwandelt sich die primitive Taberne allmählich ins gemütliche deutsche Gasthaus. Johanna Kachel stellt zwar in ihrer Schrift vornehmlich ungünstige Urteile vornehmer Reisender zusammen, wie der Humanisten Erasmus von Rotterdam, Thomas und Felix Platter, des Kardinals d'Aragona. Demgegenüber möchte ich doch wenigstens einige Stellen aus dem Reisetagebuch Michaels de Montaigne hersetzen, aus dem sich für Süddeutschland ein ungemein günstiges Bild ergibt, und zwar ausnahmslos; wie denn überhaupt Montaigne für das reiche Deutschland vor dem großen Krieg eine unschätzbare, aber viel zu wenig bekannte Quelle darstellt. »In Lindau wohnten wir in der Krone, einem hübschen Gasthaus. In das Tafelwerk des Speisesaales war eine Art Käfig eingebrochen, in dem eine große Anzahl Vögel Platz fanden; Schwebegänge, die mit Messingdrähten aufgehängt waren und von einem Ende des Zimmers bis zum andern gingen, dienten den Vögeln zum Spazierengehen. Zu Möbeln und Getäfel wird Tannenholz verwendet, die gewöhnlichste Holzart in ihren Wäldern; jedoch wird es sorgfältig gefärbt, gebeizt und gereinigt, und man verwendet sogar eine besondere Haarbürste zum Abstauben von Bänken und Tischen. Überall werden Kohlköpfe gezogen, die man mit einem besonderen Instrument klein zerhackt und dann in großen Mengen in Zubern einsalzt: davon werden den ganzen Winter Kohlsuppen gekocht. Was die Aufwartung bei Tisch betrifft, machen sie solchen Aufwand an Lebensmitteln und bringen in die Gerichte eine solche Abwechslung an Suppen, Soßen und Salaten, und das alles ist in den guten Gasthäusern mit solchem Wohlgeschmack zubereitet, daß kaum die Küche des französischen Adels damit verglichen werden kann, auch fände man in unseren Schlössern wenig derartig geschmückte Säle. Uns unbekannt waren Quittensuppe, Suppe, in die gebackene Äpfel geschnitten waren, und Krautsalat, ferner dicke Suppen ohne Brot, z.B. von Reis, von denen alle gemeinsam essen, da besonderes Gedeck unbekannt ist. Bemerkenswert ist der Reichtum an guten Fischen, die mit anderem Fleisch in einer Schüssel aufgetragen werden; Forellen sind nicht geschätzt, und man ißt nur ihren Laich; Wild, Schnepfen und junge Hasen, die ganz anders als wie bei uns, aber mindestens ebenso gut hergerichtet werden, sind reichlich vorhanden. Wir sahen niemals so zarte Fleischspeisen, wie sie dort täglich aufgetragen werden. Mit dem Fleisch werden gekochte Pflaumen, Birnen- und Apfelschnitze gereicht; bald wird der Braten zuerst und die Suppe zuletzt aufgetragen, bald umgekehrt. An Früchten gibt es nur Birnen, Äpfel, die sehr gut sind, und Nüsse, sodann Käse ... Die erste seltsame Zurüstung, die wir bei unserer Ankunft in Augsburg sahen, die aber die Reinlichkeit dieser Stadt beweist, war, daß die Stufen der Wendeltreppe unseres Gasthauses ganz mit Leinenzeug belegt waren, über das wir schreiten mußten, um die eben, wie jeden Samstag, gewaschene und geputzte Treppe nicht schmutzig zu machen. Wir bemerkten niemals Spinngewebe noch Schmutzspuren in all diesen Gasthäusern; in einigen gibt es Vorhänge, die man nach Gefallen vor die Scheiben ziehen kann. Tische finden sich nicht in den Zimmern, ausgenommen die an dem Fuß jedes Bettes angebrachten, die sich in Scharnieren bewegen und nach Belieben auf- und zugeklappt werden können.« Wer die Gepflogenheiten auf dem Lande kennt, findet in manchen noch Reste uralten Brauches, z. B. in der großen Anzahl von Gängen, acht bis zehn, ja mehr, bei Hochzeiten und Primizfeiern in Altbayern, wie denn ein richtiges bäuerliches Gasthaus mit Bänken, Klapptischen, Wandschränken, langen Tischen mit schmalen Tafeltüchern, dem großen Ofen mit der Ofenbank heute noch ungefähr so aussieht wie im 15. Jahrhundert. Die Ratskeller bilden sich seit dem 13. Jahrhundert zunächst in den Hansestädten aus; sie bilden ein Kapitel für sich. »Um den Ruhm, die älteste deutsche Fürstenherberge zu sein, streitet der ›Anker‹ in Saalfeld in Thüringen mit dem ›Riesen‹ in Miltenberg am Main.« Eines der ältesten Weinhäuser, sogar der ältesten europäischen Privathauser ist die »Äpfelkammer« in Zürich, wo ich mich noch 1897 mit einer älteren Kellnerin unterhalten konnte, die den Herrn Staatsschreiber bei Glatteis manchmal nach Hause betreut hatte: Gottfried Keller verkehrte eine Zeitlang nicht ungern dort, und mancher Literaturhistoriker aus dem Reiche hatte Gelegenheit, die drei Stadien seines Humors am eigenen Leibe zu erleben: bärbeißige Schweigsamkeit, sprühende Laune, furioso con molto brio . Hand in Hand mit der Geschichte des Gasthauses geht die des Bierbrauens und des Weinbaus. Johanna Kachel nennt besonders berühmte Starkbiersorten: Hamburger, Eindecker (davon der Münchner Bock), Bremer, Wismarer, Zerbster, Naumburger, Ducksteiner, Braunschweiger Mumm, Hannöverscher Breyhahn, Goslarner Gose, Königsberger, Danziger, Schweidnitzer, Zittauer, Breslauer und vor allem Münchner. Das Merseburger kann sich sogar als Sachverständigen des jungen Goethe rühmen, der 1770 an das Fräulein von Klettenberg schreibt: »Das erstemal schauert man, und hat man's eine Woche getrunken, so kann man's nicht mehr lassen.« Eine Geschichte des deutschen Weinbaus ist nicht einfach darzustellen, da die einzelnen Anbaugebiete scharf auseinanderzuhalten und auch Tirol, Altbayern, Vorarlberg, Österreich, die Schweiz einzubeziehen wären. Wie schön ist z. B. nur die Steigerung vom Lindauer Seewein, der viel besser ist als sein Ruf, über die Etappen Vaduzer und Mayenfelder bis zum Costamser bei Chur, während der dortige Schiller einer Rebe angehört, deren westlicher Ausläufer der Schaffhauser und nördlichster, aber vornehmster Ableger der Meersburger ist. Auch der württembergische Eilfinger hat Anspruch, in jeder Geschichte des Weinbaus mit Auszeichnung genannt zu werden, der weniger bekannte rote sowohl wie der herrliche weiße, ohne den ein Aufenthalt in Maulbronn nicht zu denken ist; er ist schon sehr alter Herkunft. Nur ungern widerstehe ich der Versuchung, hier einen Exkurs über Gutkind-Wolfskehls klassische Sammlung »Das Buch vom Wein« einzuflechten, die umfangreichste und gewählteste Blütenlese der Aussprüche der Weisen aller Zeiten und Völker über den unausschöpfbaren Gegenstand, von welchem der schöne Satz gilt, mit dem Robert Schumann seine »Musikalischen Haus- und Lebensregeln« beschließt: »Es ist des Lernens kein Ende.« Die Aufgabe, die Geschichte des deutschen Gasthauses zu schreiben, die mir vorschwebt – der ehrwürdigen Stätten: des Kaiser-Worths und Brusttuchs in Goslar, der Domschenke in Hildesheim, des Heidelberger »Ritters«, des Miltenberger »Riesen«, von Auerbachs Keller in Leipzig, vom »Blutgericht« in Königsberg, vom Bremer Ratskeller, von der »Krone« in Aßmannshausen, – die Aufgabe ist vielfältig und lockend. Wie aufschlußreich wären die Kapitel Ratskeller, Stiftskeller (Salzburger Peterskeller, Sankt Florian, Melk, Göttweig, Admont), Studentenhaus, Bürgerspital (Würzburg, Passau), Fuhrmannskneipe (Das Wirtshaus an der Lahn), Bräustübl, die berühmten Kneipen an Rhein, Mosel, Nahe, Ruwer, Main, Neckar nach Flüssen geordnet, die Domschenken (Chur, Bamberg), die Spezialitäten (Griechenbeisel in Wien, Kronfleischküche in München, Bratwurstküchen in Regensburg, Nürnberg, München), Klosterbräustüberl (leider im Aussterben begriffen), historische Gasthäuser und Trinkstätten: Lutter und Wegener in Berlin, »Lindenwirtin« in Godesberg – ich kann nur andeuten und jeweils ein paar Namen als Beispiel hersetzen. Aber vielleicht finden sich der kenntnisreiche Mann und der unternehmende Verlag zusammen für diese schöne aber nicht ganz leichte Aufgabe: die deutsche Kulturgeschichte, wie sie sich darstellt im deutschen Wirtshaus und Gasthof. Dieses Buch möchte ich eines schönen Tages aufschlagen können, zuerst nur durchblättern wegen der Bilder, dann aber gewissenhaft auskosten vom ersten bis zum letzten Tropfen. Alte deutsche Städte (1914) Dulce est inter maiorum versari habitacula et veterum dicta factaque recensere nenirua (Hegesippus) Von den Werken, die in den letzten Jahren durch das Wort und noch eindringlicher durch Bilder für die wenig bekannten Schönheiten alter deutscher Städte Kenner und Liebhaber warben, ist das schönste unstreitig das über »Alt-Bayern und Bayrisch-Schwaben« von Hans Karlinger . Die 365 fotografischen Aufnahmen von einzelnen Baudenkmälern und deren Teilen, von ganzen Städtebildern und malerischen Winkeln daraus, von besonders schönen oder charakteristischen Landschaften aus Ober- und Niederbayern, der Oberpfalz und Schwaben gehören sowohl, was Bildausschnitt und Bildaufnahme, wie was ihre Wiedergabe betrifft, zum Gelungensten, Klarsten und Erfreulichsten der einschlägigen Sammelwerke. Soweit es sich nicht um Teilausschnitte handelt, bei denen Schärfe die wichtigste zu fordernde Eigenschaft ist, sind sie alle nicht nur vom Fotografen, sondern auch vom Künstler ausgewählt und aufgenommen, so daß sie nicht nur ein Bild geben, sondern auch selber ein Bild sind. Es ist nicht leicht, in unsern alten Städten mit dem Apparat in der Hand suchend herumzugehen, denn sie enthalten soviel Schönheiten im großen und im kleinen, daß man bei beschränkter Zeit in Verlegenheit kommt, wo man anfangen, bei unbeschränkter in Schwierigkeit, wo man aufhören solle. Wer das Gebiet nur einigermaßen kennt, weiß, daß die reichste Auswahl nur besonders bezeichnende Gegenstände, bei weitem nicht Vollständigkeit geben kann. Das gilt in dem Grade, daß sich mit Leichtigkeit von einer großen Anzahl der hier behandelten Städte eine ebenso reich illustrierte Sonderdarstellung geben ließe. Nicht etwa nur von so unerschöpflich reizvollen Reichsstädten wie Augsburg oder Regensburg, oder uralten Bischofssitzen wie Freising oder Eichstätt, sondern für kleine Landstädte wie Moosburg, an denen täglich dreißig Züge vorbeifahren, ohne daß ein Reisender zu seinem Vergnügen ausstiege. Wenn Passau in der Schweiz läge, wäre die Kenntnis, daß es eine ganz wundervolle Stadt ist, nicht eine Art Geheimwissenschaft, die eins dem andern weitersagt wie den Fundort eines edlen Tropfens. Selbst von den Landeskindern wissen wenige, wieviel Vätererbe sie erst erwerben müßten, um es zu besitzen. Viele deutsche Besucher von Paris bewundern alljährlich in Versailles das große und das kleine Trianon und kennen die entzückendsten Gebilde des Rokokopavillons nicht, weil sie nur zwanzig Minuten vom Münchner Hauptbahnhof im Nymphenburger Schloßpark stehen: die Badenburg, Pagodenburg und Amalienburg, drei ganz kleine Gartenschlösser von einer Anmut und einem Geschmack, daß man den Namen Mozart nennen muß, um etwas Ähnliches auszudrücken. Aber vielleicht war es gut, daß diese köstlichen Städte bis in die neueste Zeit einen Dornröschenschlaf hielten und der Verkehr, um ihnen nicht weh zu tun, in einem großen Bogen an ihnen vorbeiging, wie an Wasserburg, Burghausen, Landsberg. Inzwischen wurde in den Großstädten Stil um Stil durchprobiert, nicht nur hübsche, sondern ehrwürdige Bauwerke und Teile davon teils aus Fanatismus für mißverstandene Reinheit des Stils gänzlich vernichtet, teils so gründlich, kahl und lieblos restauriert, daß völlige Zerstörung besser gewesen wäre. Man hatte keinen Sinn für das innige Bedürfnis jeder Zeit, in ihrem lebendigen Geschmack zu schmücken, und war, neu bekehrt, gestern belehrt und heute schon lehrsüchtig, gegen jedes räumliche Nebeneinander verschiedener Stile intolerant, weil man von dem geschichtlichen Nacheinander, dessen natürliche Frucht es war, nur einen möglichst schwindsüchtigen Normalbegriff von Gotik gelten lassen wollte. (Ein Seitenstück dazu bildet die Entwicklung des neueren Kirchenlieds in deutscher Sprache. Auch hier beschnitt man aus gut gemeintem, aber kurzsichtigem musikalischem Purismus die schönsten Weisen der dem Volke liebsten Gesänge, statt liebevoll eine Überlieferung zu pflegen, die aus der Zeit uralter Heiliggeisthymnen über die der großen Choralmeister der Renaissance bis ins frischeste, blühendste, süddeutsche Barock fränkischer und schwäbischer Marienlieder reichend, sich in Schuberts Deutscher Messe aussang.) Heut sind wir wieder dankbar und bescheiden geworden und versuchen überall die zerrissenen Fäden anzuknüpfen. Dank ihrem unechten Material zerbröselt die Vorlagenrenaissance unserer Bauten aus den siebziger Jahren sachte zur Ruine, und barmherzig wächst der wilde Wein über Gipsfassaden und Blechvoluten. Um uns freilich von gewissen Großstadtbauten zu erlösen, die nur als Gegenbeispiel den Wert der Abschreckung für sich in Anspruch nehmen können, dazu müßte einer unserer Zweiundvierziger durch die Luft kommen. Es ist einer der hoffnungerweckenden Züge unserer Zeit, daß die gewiß notwendige wissenschaftliche Inventarisierung durch kluge Auswahl des Trefflichsten den Kunstfreunden zugänglich gemacht wird. Das gilt für alle Gebiete. Unsere alten Volkslieder klingen wieder im Wald und auf der Heide, die Bücher vom Herzog Ernst und vom Doktor Faust, von Fortunat und der schönen Magelona kehren ins Volk zurück, woher sie gekommen, und Langewiesches Deutsche Dome, Deutscher Barock, Deutsche Burgen und Plastik des Mittelalters werden nicht nach Tausenden, sondern nach Zehntausenden gezählt. Bezeichnend ist das erste Bild der fortlaufenden Reihe bei Karlinger, die Wallfahrtskirche zu Weihenlinden, das letzte der Blöckensteiner See im Bayrischen Wald: die Kirche mit ihrem weißen, großflächigen Barock, das so freundlich in der grünen Landschaft leuchtet, steht da wie ein Stück Natur, der stifterische Hochwald umfriedet das dunkle Auge des dunklen Sees wie eine Kirche. Architektur und Landschaft geben in Altbayern zusammen oft einen so reinen Klang, daß man das feine Gefühl dieser alten Baumeister, von denen wir oft nicht einmal mehr die Namen wissen, immer wieder bewundert. Den vollkommenen Gegensatz dazu bilden die Bauten Ludwigs II.; Neuschwanstein wirkt wie ein Hintergrund aus einer Tannhäuserausstattung in der Provinz, Linderhof ist ein störender Mißton in der feierlichen Landschaft des Ammerwaldes, um Herrenchiemsee gar muß in weitem Bogen herumfahren, wer sich den himmlischen Frieden des weiten Sees mit dem blauen Kranz schöngestalteter Berge nicht zerstören lassen will. Man vergleiche mit Linderhof etwa Maxlrain oder Blutenburg, mit Neuschwanstein die Burg Hohenaschau oder das fürstbischöfliche Schloß in Füssen, mit Herrenchiemsee Schwindegg, um zu erkennen, was in eine Landschaft hineinpaßt und was nicht. Die Alten haben das Problem, eine ganze Stadt in eine Wasserlandschaft hineinzustellen, spielend gelöst. Zwei der glänzendsten Lösungen sind Wasserburg und vor allem Burghausen, das einem erst den Schlüssel zum bürgerlichen und zum Festungs-Salzburg gibt (der zum geistlichen Salzburg ist in Italien zu suchen), ähnlich wie man Florenz erst in Pistoja, Bozen erst in Klausen und Sterzing ganz versteht. Die Krone der bayrischen Wasserstädte aber ist Passau, dem sich überhaupt, was Lage und architektonische Ausnützung der Lage anlangt, keine andere zur Seite stellen kann. Aber auch in unsern Tagen erleben wir noch, wie ein Flußlauf architektonisch wirksam wird in der Art, wie in München unmittelbar an der Isar gebaut wird. Was in den letzten fünfzehn Jahren dort entstand und noch im Entstehen ist, das Müllersche Volksbad, die Lehrerinnen-Bildungsanstalt, das Deutsche Museum, das kleine Elektrizitätswerk, vor allem die edlen Brücken, das gibt zusammen mit der hellen, festlich weiterschwingenden Häuserreihe am linken Ufer mit dem brückenkopfartig hingestellten Gebäude des Turnvereins Jahn am Ende ein Gesamtbild, das einmal zum schönsten in Europa gehören wird, vorausgesetzt, daß man auch den südlichen Teil verständig fortführt. Die Silhouette von München wird immer belebter und schöner, von welcher Seite man sich der Stadt nähern mag. Nicht minder stimmen Landschaft und Berg oder Hügel zusammen im alten Burghausen mit sämtlichen wohlerhaltenen Laufmauern, Streichwehren und Zwingern, in Landsberg am Lech, das sich so hübsch zwischen Steilufer und Hügel hineinschmiegt, in Landshut, dessen Linien mit der des Trausnitzer Bergs ganz natürlich zusammenfließen, in Freising, wo der verstorbene Seidl das prachtvolle Bild des Dombergumrisses, das durch einen schauderhaft waschküchenartigen Neubau für ewig verpatzt schien, durch einen famosen Abschluß des Klerikalseminars noch zu retten verstand, in Hohenaschau, das mit schwindischer Anmut die Talöffnung gliedert und beherrscht, und abermals im unvergleichlichen Passau mit dem Mariahilfberg zur Rechten, dem sich zum Niederhaus abstufenden Festungsberg zur Linken und dem niedrigeren Domberg mit seinen starken Horizontalen in der Mitte. Welch behäbige Gemütlichkeit spricht aus den alten Plätzen, die alle natürlich entstanden als Funktionen, nicht wie die neueren unnatürlich, als Straßenschnittpunkte. Die kleineren, meist ovalen, sind ehemalige Friedhöfe, die größeren, meist rechteckigen, ehemalige oder noch benutzte Getreide-, Obst-, Gemüsemärkte, genau wie die Piazza Erbe in Verona. Der weiträumige Innstädter Hauptplatz ist ein fröhliches, sonniges Ding; wenn unsere Vorfahren gern Akazien in ihn hineinstellten, bewiesen sie wieder ihre sichere Hand, weil dieser Baum, rund verschnitten, die Architektur nicht durch zu hohen Trieb stört. Ein so lustiger Platz wie der Viktualienmarkt in München ist einzig in seiner Art und steht nicht einmal dem Wiener Naschmarkt nach. Auf diesen Plätzen fließen oft Brunnen von einer Schönheit, daß man weit in deutschen Landen suchen muß, um etwas ähnliches zu finden. Augsburgs drei Glanzstücke, der Herkules- ,Merkur- und Augustusbrunnen, lassen sich nur mit Raphael Donners Glanzstück in Wien vergleichen. Wenn man das Buch Karlingers anschaut, ruft es einem aus hundert Bildern zu: Introite, nam et heic Rothenburg est ! In Bayern stehen viele Dutzende richtiger, alter, noch nicht aus Unverstand freigelegter Tore, die rechts und links die Reihen der Häuser fassen wie ein Erwachsenes je ein Kind bei der Hand nimmt und den Reigen führt. (Nur die Triumphpforte kann frei stehen!) Welchen Reichtum haben wir an Rathäusern, wie das ehrwürdige, einfache von Regensburg, die von Wasserburg und Deggendorf mit den Treppenstufengiebeln, das Sulzbacher, wo aus den Treppenstufen Streben geworden sind wie in Norddeutschland, das Lindauer mit der überdachten Freitreppe, an dessen Giebel die Schnecken von Stufe zu Stufe mit Wellenanmut bis zum goldenen Bäumchen der Spitze hinaufspielen, das Landsberger mit seinen zierlichen Stuckmedaillons, das spitzgieblige von Amberg mit dem eleganten Maßwerk des Brüstungsbandes, das mächtige Augsburger Rathaus von Elias Holl, dessen Modelle man im dortigen Maximiliansmuseum studieren mag, wenn man erfahren will, wie gescheite bürgerliche Auftraggeber Projekt um Projekt, so blendend jedes war, abwiesen, weil es nicht in die architektonische Umgebung, nicht für seinen bürgerlichen Zweck oder unter den nördlichen Himmel gepaßt hätte, bis der geniale Baumeister ein ganz ernstes, geschlossenes, schmuckloses Modell daherbrachte. Der Zufall läßt das Buch Karlingers gleich denen seiner Vorgänger in schwerer Zeit erscheinen. Matthäus Merian der Ältere, das Baseler Ratsherrenkind, der in Frankfurt am Main Weib und Beruf fürs Leben fand, gab seine bayrische Topographie vier Jahre vor dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs heraus. Michael Wening begann seine Beschreibung der bayrischen Rentämter vier Jahre vor der Sendlinger Mordweihnacht und führte sie während der freudlosen Jahre der Regierung Maximilian Emanuels freudig und fleißig zu Ende; A. W. Ertel ließ seinen Churbayrischen Atlas im Jahr der Verwüstung der Pfalz erscheinen. Auch Zimmermanns Monumenta Boica fallen noch in die gedrückte Zeit nach dem Siebenjährigen Krieg. Es scheint, die Bayern haben sich gerade in kriegerischen Zeitläuften besonders gern und eindringlich ihrer schönen Heimat erinnert: »Wir wollen halten und dauern, Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitztum. ›Dies ist unser!‹ so laß uns sagen und so es behaupten!« Würzburg (1933) Das Maintal zwischen Bamberg und Mainz ist mit seinen vielen Windungen eine der anmutigsten und geistreichsten deutschen Landschaften, deren verschwiegene Reize freilich ganz nur der kennenlernt, der sie zu Fuß abwandert oder, noch besser, im Faltboot an sich vorübergleiten läßt. Furten, Brücken und Straßen schufen hier seit Urzeiten kleine und größere Städte von einzigartigem Reiz. Die steilhügeligen Hochufer der fränkischen Platte bilden die eindrucksvollen Hintergründe der Talsiedlungen. Bamberg baut sich auf von der Fußsohle bis zum hohen Dom mit einer Stufung, die beinahe die berühmte von Schwäbisch-Hall übertrifft. Schweinfurt, Marktbreit, Ochsenfurt, Kitzingen, Würzburg heißt die erste Steigerung; Gemünden, Lohr, Wertheim, Miltenberg, Aschaffenburg die mittlere; Hanau, Offenbach, Frankfurt, Mainz hinaus zum Rheingau die dritte. Würzburg aber, gleich weit entfernt von Aschaffenburg und von Bamberg, ist Mitte und Kronjuwel dieses schimmerndem Stirnreifs. Das heutige Bayern besitzt nicht nur charaktervoll ausgeprägte Städte-Individuen, sondern auch geschichtlich und architektonisch zusammengehörige Städte-Familien. Da ist vor allem in den Stammlanden die Reihe der herzoglichen Residenzen: Regensburg, Burghausen an der Salzach, Landshut, Straubing, Neuburg an der Donau, Ingolstadt, München. Da sind die geistlichen Fürstensitze: Kempten, Freising, Eichstätt, Regensburg, Bamberg, Würzburg, Aschaffenburg. Eine deutliche Reihe und Steigerung je für sich bilden die vier katholischen Innstädte im Süden: Rosenheim, Wasserburg, Mühldorf, Passau, und die drei evangelischen Markgrafenstädte im Norden: Erlangen, Bayreuth, Ansbach. Und nun erst kommt die lange Süd-Nord-Reihe der freien Reichsstädte von Lindau über Memmingen, Kaufbeuren, Mindelheim zu dem ersten Glanzpunkt Augsburg und weiter über Donauwörth, Nördlingen, Dinkelsbühl, Rothenburg ob der Tauber zum zweiten, Nürnberg. Zu ihr bildet die Ost-West-Reihe der vier alten geistlichen Fürstensitze Bamberg, Würzburg, Aschaffenburg, Mainz die Senkrechte. Von jeder dieser Städte gilt, was Goethe 1786 auf der Fahrt nach Italien über Regensburg schreibt: »Die Gegend mußte eine Stadt herlocken.« Würzburg aber, eine Zeitlang Reichsstadt, seit Jahrhunderten zugleich geistlicher Fürstensitz wie Regensburg, ist noch einiges mehr. Zunächst ist Würzburg von jeher neben Kitzingen der Mittelpunkt des fränkischen Weinhandels. Zu einer Zeit, die weder vom Pfalzwein noch vom Moselwein etwas weiß, nennt der Vers, der die edelsten Reben aufzählt, neben einem Rheinort zwei Mainorte: »Zu Klingenberg am Maine, Zu Würzburg an dem Steine, Zu Bacherach am Rheine Wachsen die besten Weine.« Noch im 18. Jahrhundert steht der Frankenwein allein ebenbürtig neben dem Rheinwein, und Würzburger Weißwein ist der tägliche Haustrunk des alten Goethe. Aber Würzburg liegt nicht nur sehr günstig inmitten der altberühmten Weindörfer: Iphofen, Sommerach, Volkach, Rödelsee, Randersacker, ihm zu Häupten steht zugleich das weithin strahlende Doppelgestirn des fränkischen Weinbaus überhaupt: die jahrhundertealte Frage, ob dem Stein oder dem Leisten die Krone gebühre, diese Frage wird je nach Jahrgang und Lage glücklicherweise immer wieder von neuem aufgeworfen und von Kennern gründlich geprüft werden müssen. Wenn der dunkle Bocksbeutel, die niedrige, stämmige, bauchige Flasche des Frankenweins, entkorkt ist, und ein Pfülben oder Escherndorfer von wackerem Wachstum und gesegnetem Jahrgang – der letzte herrliche war 1929 – golden im Glase funkelt, so duftet das Gemach nach dem verjährten Sonnenschein eines gnadenvollen Herbstes. Aber Würzburg ist nicht nur seit fast 1200 Jahren Bischofssitz, es war auch über 800 Jahre lang eine Festung, und diesem Umstände verdankt es, als nach 1866 endlich der als drückend empfundene Reif der Befestigungswerke gelöst wird, den grünen Kranz seiner Glacis und Ringstraßen, einen schmalen Park mit vornehmen alten Bäumen, gepflegten Anlagen und reizenden Fußwegen, der sein südliches Gegenstück im Salzburger Mönchsberg hat. Salzburg, Bamberg, Würzburg – schon Alfred Lichtwark, der weitgereiste, feinsinnige Direktor der Hamburger Kunsthalle, der »wie ein Verliebter« durch schöne Städte ging, hat das Gemeinsame dieser drei geistlichen Sitze sofort erkannt: »ein Ausdruck des Willens fürstlicher Menschen, die es heute nicht geben kann. Der Bischof als Lebensprinzip seines kleinen Roms wollte das Höchste, was seine Mittel erlaubten, und er setzte es durch. Mit Bamberg und Salzburg hat Würzburg die Grundgestalt gemeinsam, den hohen Fels mit der Veste des Mittelalters, die Stadt zu seinen Füßen, die in den Zeiten der Sicherheit und Unumschränktheit des 17. und 18. Jahrhunderts ausgestaltet wurde.« Eine vierte Stadt noch kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man, nichts suchend, sondern nur offenen Auges auf Schritt und Tritt findend, das alte Würzburg auf sich wirken läßt, nämlich der innerste Kern von Wien, der adelige erste Bezirk: hier wie dort keine weithin durchgreifenden Straßenzüge – wie etwa in Augsburg vom Dom bis Sankt Ulrich, oder in Nürnberg vom Königstor bis zur Kaiserburg –, sondern ein durch das äußere Polygon der Festung bedingtes Innen-Polygon von Straßen, im Falle Würzburg Juliuspromenade – Theaterstraße – Hofpromenade – Neubaustraße. Hier wie dort in der Mitte der Dom und, gewissermaßen die alten Straßenzüge enger aneinanderdrückend, die raumschwelgerischen gewaltigen Baumassen der Wiener Hofburg und der Würzburger Residenz. Ringsherum aber, vom Fluß ausgehend und in einer riesigen Schleife zum Fluß zurückleitend, hier wie dort der Park-Ring der aufgelassenen alten Umwallung, ein breites grünes Dreiviertelsrund, erfüllt von Luft und Licht und Sonne. Schön und offen bietet sich die Stadt von oben, von der Höhe der Festung des gegenüberliegenden Ufers. Von hier aus sah sie Heinrich von Kleist »in der Abenddämmerung, nicht ohne inniges Vergnügen. Die Höhe senkt sich allmählich herab, und in der Tiefe liegt die Stadt, wie in der Mitte eines Amphitheaters. Von beiden Seiten hinter ihr ziehen im halben Kreise Bergketten sich heran und nähern sich freundlich, als wollten sie sich die Hände geben.« Doch nicht minder schön empfängt sie den Wanderer, der sich ihr auf der natürlichen Zufahrtsstraße von Veitshöchheim her nähert. Dann wachsen ihre vielen Türme zusammen zum geschlossenen Bilde der geistlichen Stadt. Neben dem Vierkant des Grafen-Eckart-Turms des Rathauses steht der seine durchbrochene rötliche Turmhelm der spätgotischen Marienkapelle, in der Mitte beherrschend die vier romanischen Türme des Doms, daneben die barocken Kuppelbauten von Neumünster und die mächtigen Westtürme neben der Vierungskuppel von Stift Haug, Bauwerke aus einem halben Jahrtausend einträchtig nebeneinander, von denen jedes, organisch gewachsen, ruhig seine eigentümliche Formensprache verkündet. Man kann nicht in Würzburg herumgehen, ohne immer wieder auf zwei Namen zu stoßen, beides Namen von Fürstbischöfen. Der eine ist der Spessartsproß Julius Echter von Mespelbrunn, eine Gestalt von Renaissanceausmaßen, jeder Zoll ein Herrscher, hart und groß, der Stifter des Julius-Spitals und der Universität, der sein Bistum verwaltete mit Schwert und Stole. Der andere Name ist Schönborn: die beiden rheinischen Grafen und Fürstbischöfe Johann Philipp Franz und Friedrich Karl, die Erbauer der Würzburger Residenz, des »vollkommensten Profanbaus des 18. Jahrhunderts«, wie Dehio sie nennt, eines der herrlichsten Stücke Barockarchitektur nicht nur in deutschen Landen. Denn abermals muß man an Wien denken, will man ein Seitenstück finden, an Lukas von Hildebrandts Palais für den Prinzen Eugen, das Belvedere: der wegen des tiefen Ehrenhofs manchmal angezogene Vergleich der Würzburger Residenz mit Versailles ist ein Unrecht gegen die unvergleichlich genialere Schöpfung Balthasar Neumanns. Neben ihr verblassen selbst so großgedachte Anlagen wie Bruchsal, und nur die Leistungen allerersten Ranges halten sich, wie Belvedere und Hofburg in Wien und Schlüters Berliner Schloß. Es lag durchaus im Stil einer so monumentalen Baugesinnung, wenn zum letzten Schmuck der herrlichen langen Flucht von Sälen und Zimmern, nämlich zur Ausmalung der repräsentativen Räume der Würzburger Residenz, des kühn angelegten Treppenhauses, der üppigen Hofkirche und des grandiosen Kaisersaals, aus Italien der virtuoseste Künstler berufen wurde, den Europa damals in dieser Gattung aufwies: Gian Battista Tiepolo, dessen Würzburger Deckenkolossalgemälde die 3oojährige Geschichte der venezianischen Malerei mit berauschender Festlichkeit beschließen. Wohl bleibt die größte Sehenswürdigkeit einer Stadt immer sie selbst; ihre Straßen und öffentlichen Plätze mit ihren Baudenkmalen. Doch liegt es im Wesen eines Gemeinwesens von so ausgesprochen kirchenfürstlicher Vergangenheit, daß auch die Innenräume seiner Hauptkirchen von selbst zu stadtgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten werden, zu steinernen Ahnengalerien im großen Stil. In diesem Sinne wäre es ein Versäumnis, nicht in den aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammenden Dom einzutreten, vor allem wegen der an den Pfeilern des Mittelschiffs befindlichen Bischofsgrabmäler, neben jenen im Dom von Mainz »die großartigste Reihe, die Deutschland besitzt«. Die zwei berühmtesten stammen von einem Bildhauer, der an der Grenzscheide von Mittelalter und Renaissance steht, und den man nirgends so kennenlernt wie in Würzburg, von Tilman Riemenschneider, der hier gewirkt hat und sogar 1520 – 1524 Bürgermeister war. Wer seine beiden Grabplatten im Dom bewundert hat, wird unwillkürlich wünschen, noch mehr von dem Meister zu sehen. In der Neumünsterkirche, deren Stirnseite aus rotem Sandstein mit der Freitreppe davor prachtvoll wirkt, stehen seine drei Frankenapostel und eine liebliche Maria mit dem Kind. Wer aber den Künstler nicht nur in seiner Vielseitigkeit, sondern auch in seiner reinen Größe ganz kennenlernen will, muß ihm bis ins Luitpold-Museum nachgehen. Dort findet er zweimal Mutter Anna selbdritt, eine feine Barbara, eine trauernde Maria, die Doppelmadonna vom Kronleuchter, vor allem aber die wundervollen nackten Gestalten von Adam und Eva, die für Würzburg etwa das bedeuten, wie die Madonna aus dem Germanischen Museum für Nürnberg, der Reiter und die Prophetin für Bamberg, Kirche und Synagoge für Straßburg. Erst wer diese Werke kennt, wird sich staunend bewußt, welch großartige Leistungen die deutsche Plastik dieser Epoche geschaffen hat. Sie allein schon würden den Besuch Würzburgs lohnen, nicht nur den des Museums. Sicher enthält dieses außerdem noch manches sehenswerte Stück, aber wenn sie fast alle mehr oder minder noch in den Rahmen einer ausgezeichneten Provinzialsammlung einzuordnen sind, so gehört der Riemenschneider-Saal hingegen der Welt der ganz großen internationalen Kunst an so gut wie der Donatello-Saal im Florentiner Bargello. Es gibt Museen, die in ihrer Stadt wie Fremdkörper wirken; und wiederum solche, die man sich von ihr nicht wegdenken könnte. Zu den letzteren gehört das Würzburger Luitpoldmuseum. Seine Sammlungen sind der sichtbar gewordene Ausgleich zwischen der geistlichen und der bürgerlichen Stadt. Dieser Ausgleich drückt sich auch sonst aus. Dem Juliusspital steht das Bürgerspital gegenüber wie dem Stein der Leisten, und den Domherrenhöfen rein bürgerliche Bauten wie das Haus zum Falken neben der Marienkapelle, die schönste Fassade des Würzburger bürgerlichen Rokoko, oder der Sandhof, oder in der Neubaustraße das Bachmannsche Haus und der Hof zum Rebstock. Zum geistlichen und bürgerlichen Würzburg kommt noch ein drittes: das wissenschaftliche. Würzburg gehört zu den ältesten Universitäten. Zwar hielt sich die ursprüngliche Gründung von 1402 nur elf Jahre. Aber seit der Neugründung durch Julius Echter von Mespelbrunn (1582) hat Würzburg nie aufgehört, Universitätsstadt zu sein und hat in allen Fakultäten eine glanzvolle Tradition aufzuweisen. Das gibt der Stadt zunächst den fröhlichen und bunten Einschlag der akademischen Jugend. Aber wenn wir plötzlich Straßenschilder lesen mit dem Namen Virchows oder Köllikers, so erinnern wir uns, daß sich Würzburgs medizinische Fakultät von je eines hervorragenden Rufs erfreute, und wenn wir gar »Röntgen-Ring« lesen, so kommt uns erst zum Bewußtsein, daß hier in Würzburg im Dezember 1895 eine der gewaltigsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen aller Zeiten gemacht wurde, daß von Wilhelm Konrad Röntgens berühmtem Vortrag mit dem bescheidenen Titel »Über eine neue Art von Strahlen« – gehalten in der Sitzung der physikalisch-medizinischen Gesellschaft am 23. Januar 1896 – Wirkungen ausgingen, deren Ende überhaupt nicht abzusehen ist. Röntgens damaliger Arbeitsraum im Physikalischen Institut ist in ein Röntgen-Gedächtniszimmer umgewandelt worden. Und jetzt erinnern wir uns auch, daß es ein Würzburger war, Friedrich König, der 1810 die Schnellpresse erfand; die von ihm gegründete Fabrik steht nicht weit mainabwärts. Würzburg ist der Gegensatz jener Städte, die nur von einer glorreichen Vergangenheit zehren. Es ist lebendige Gegenwart, und auch seine künstlerische Vergangenheit empfinden wir als ein Gegenwärtiges und Lebendiges. Nicht nur die Zeugen der Jahrhunderte fügen sich in ihm einträchtig zusammen, sondern neben der Kunst stehen Wissenschaft und Technik, und aus der befestigten fürstbischöflichen Residenzstadt von einst ist ganz von selbst die fröhliche, lebensvolle Hauptstadt Unterfrankens geworden. Würzburg ist fröhlich. Es gehört zu jenen Städten, deren bloßer Name die Vorstellung strahlender Heiterkeit erweckt und das Herz rascher schlagen läßt. Je heißer der Tag, je leuchtender die Sonne, je blauer der Himmel, je stärker die Kontraste von Licht und Schatten, desto feiner wird der farbige Eindruck. Dann empfindet man die sinnvolle Anlage des Hofgartens mit seinen breiten besonnten Wegen und verschwiegenen Schattenpfaden, mit den herrlichen Toren aus geschmiedetem Eisen, mit Springbrunnen und Terrassen, mit übermütig sich balgenden Putten als ein Kunstwerk für sich, das nur noch der einen Steigerung fähig ist in Gestalt des märchenhaft verträumten Parks von Veitshöchheim, dem eleganten Lustschlößchen der Würzburger Fürstbischöfe: er gehört so zu Würzburg wie Hellbrunn zu Salzburg, seine Kaskade mit den Standbildern, Grottenhaus und Teichinsel, Musenberg und Pegasus finden ihre Gegenstücke in Hellbrunn und Mirabell, und wieder wird uns bewußt, um wieviel südlicher Würzburg wirkt, als der Breitengrad erwarten ließe, an dem es liegt. Es wirkt fast noch südlicher als Salzburg. Eines hat die Stadt am Main vor der an der Salzach unbedingt voraus: ihre ganz prachtvolle alte Brücke, eine der schönsten in ganz Deutschland, noch schöner als die Heidelberger. Wie die zwölf barocken Heiligengestalten mit windgebauschten Gewändern, beteuernden, flehenden, betenden Armen, geneigten oder zurückgeworfenen Häuptern im flimmernden Lichte des silbernen Flusses gegen den dunklen Marienberg stehen, wie ihre Konturen in der feuchten Luft weich und flaumig werden, das ist ein Schauspiel, das man täglich neu erlebt. Nicht umsonst haben die wandernden Handwerker der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihren hellen Augen gerade die Würzburger Mainbrücke als Wahrzeichen genommen: kein fahrender Gesell galt für voll, der nicht durch sofortige Antwort beweisen konnte, daß er auf ihr gestanden und sie gebührend gewürdigt habe. Wenn wir von der Festung heruntersteigen oder den aussichtsreichen Treppenweg mit den Stationen vom Käppele, Balthasar Neumanns reizender Wallfahrtskirche, sollten wir noch in einer der verschwiegenen Weinstuben am Fluß zukehren oder bei einem der weinschenkenden Bäcker in den alten Gassen und die knusperigen »Meefischli« zu einem Schoppen Most uns schmecken lassen, wofern wir uns nicht einen Karpfen in jenem Blausud zu Gemüte führen, dessen fünfzehn Ingredienzien von einem begeisterten Vergil-Kenner nach andächtiger Meditation bei der zweiten Flasche Stein-Harfe in drei Hexameter gefaßt worden sind: Pfeffer, Sellerie, Lauch, Zitrone, Zwiebel, Wacholder, Thymian, Welschnußkern, Karotten, Petersil, Nelke, Lorbeer, Essig und Salz – und vergiß mir ja den Spritz Wein nicht! Würzburg – um dies Selbstverständliche zum Schluß auszusprechen: Würzburg ist eine anheimelnde Stadt, in der man sich merkwürdig rasch zu Hause fühlt. Es prunkt nicht nur mit den großen Sehenswürdigkeiten, die im Baedeker zwei Sterne haben, es lockt auch mit den kleinen, die es den Fremden selbst entdecken läßt, und das macht das Wandeln durch seine malerischen Gassen zu einem Genuß von seltsamem Zauber. Es hat ganz köstliche alte Höfe und Erker, aus Fachwerk, aus gelbgrauem Sandstein, zierliche Portale und Fensterumrahmungen, es hat vor allem, wiederum wie Salzburg, eine Menge lieblicher Hausmadonnen in Nischen und ovalen Rahmen, über Toren und an Ecken, mit Laternen und Ampeln davor. Man kommt aus der Entdeckerfreude nicht heraus. Die Stadt selbst ist ein lebendiges Museum, Kleines und Großes, Altes und Neues steht fein und unaufdringlich nebeneinander. Würzburg hat viele Register, wie eine Orgel, brausende und zarte, seine Skala reicht von der Größe, die überwältigt, bis zur leisen Anmut, die bezaubert. Es besitzt keine Fontana Trevi wie Rom, in die der Scheidende, um sich der Wiederkehr zu versichern, seine Kupfermünze wirft, aber es braucht sie nicht: wer einmal in Würzburg war, kommt von selbst immer wieder. Südtirol (1928) Zu dem vielen Schmerzlichen, das uns der Ausgang des Krieges gebracht hat, gehört, daß es uns nicht mehr möglich ist, Ostern jenseits des Brenners zu feiern. Tausende von Deutschen sind um diese Zeit alljährlich in Südtirol gewesen. Bozen war so besucht von Münchnern, daß es im Scherz, in Anspielung auf die kleine Haltestelle an der Strecke nach Rosenheim, Ostermünchen genannt wurde. Es war wie eine große Gemeinde, die sich gegenseitig vielfach vom Sehen kannte, vom Jahre vorher. Man ging die geliebten, alten, ewig jungen Pfade ab, und fand, wie Blüten am Baum, die alten Erinnerungen. Kannten wir nicht jedes Zeichen an der Strecke? Haben wir nicht gewartet, bis der Blick ins hohe Stubai kam zwischen Brennerbad und Gossensaß? Und dann war auf einmal das alte Sterzing da. Dann kamen die Burgen: Sprechenstein, und die Thumburg, und Reifenstein. Die alte Franzensfeste, und gleich danach die ersten Weinberge und Vahrn in seinem Wäldchen von Edelkastanien. Das weite Tal von Brixen, der geistlichen und gastlichen Stadt; Peter Mayers Wirtshaus an der Mahr rechts; der kurze Blick auf die Geislerspitzen links nach Albeins; das hohe Kloster Säben; Klausen, das köstliche alte Nest; Waidbruck mit den Hängeweiden, die schon ganzgelb prangten vor lauter Frühling; hoch oben die alte Trostburg. Und dann, ja dann fuhr man in den Kuntersgraben, zwischen dessen warmen Porphyrsplittern alles blau von Leberblümchen war und grün vom Efeu, und dann kamen geschwind noch ein paar schwarze Tunnels, aber der Zug fuhr fast ohne Rauch, so daß man die Fenster nicht mehr schloß, und dann stand auf einmal das alte graue Kirchel von Kampill zwischen lauter blühenden Bäumen, und darüber der Rosengarten, die Vajolettürme, schon fuhr der Zug ganz langsam, links Blüten, nichts als Blüten, rechts Zwölfmalgreien und die Oswald-Promenade, Sankta Justina, da war auch schon der herrliche durchbrochene Pfarrturm, und man war da, glücklich da: am Ausgang stand der wohlbekannte Gasthofdiener, der einen anlachte wie ein alter Onkel oder Vetter. »Fahren?« Nein, zu Fuß, vom ersten Augenblick an nur zu Fuß in diesem unbeschreiblich schönen, geliebten Bozen: man nahm wieder Besitz von der Stadt, oder vielmehr, sie ergriff wieder Besitz von uns, wir waren ihr wieder verfallen auf Tage, die endlos glücklich vor uns zu liegen schienen. »Als wir am Fuß des Brenners in der Frühe ausstiegen, nachdem wir eine ganz unerträglich schwüle Julinacht durch Italien gesaust waren, empfand ich jenes besondere Entzücken, das mich immer überfällt, wenn ich zum ersten Male wieder ins alte Deutschland komme. Wie erstaunlich deutsch ist dies Deutschland! Hier, noch auf dem Italien zugewandten Abhang der Alpen, ist ein kleiner Ort, der dieselben Züge hat, dieselben Gefühle auslöst wie etwa Goslar, das Hunderte von Meilen nördlicher ist, am Fuße des Harzes; eine Stadt, die sozusagen um eine ganze Literaturbreite von Verona und Trient entfernt ist, durch die doch ihr Eisack ein paar Stunden später rauscht. Eine ganze Literatur entfernt von Italien. Denn es gibt nicht eine einzige echte alte deutsche Stadt, in der sich nicht die Geschichte von Faust und Gretchen hätte zutragen können. Sind nicht alle Städte, in denen Goethe seine Jugend verbrachte – Frankfurt, Straßburg, Wetzlar –, sind sie nicht alle mittelalterlich? Von diesen faustischen Städten aber ist das kleine Tiroler Sterzing die südlichste. In dieser Straße voll von Turmfenstern und Treppengiebeln warf Goethe seinen Abschiedsblick auf Deutschland und aufs Mittelalter der Faust-Welt, während ihn der Postwagen rasselnd Italien entgegentrug und dem Heidentum, Iphigenien, Helenen und den Römischen Elegien ... Die vielen Wirtshäuser und Schenken machen aus Sterzing selber einen großen Gasthof, aber es ist der Gasthof des deutschen Märchens oder des Volksliedes aus dem Wunderhorn.« Es ist eine Engländerin, die so schreibt: Miß Paget, die unter dem Namen Vernon Lee eine Reihe seiner Reisebücher herausgegeben hat. Die Stelle ist aus dem neuesten: The Tower of the Mirrors (Tauchnitz). Wie richtig sieht doch diese weitgereiste Frau, die in Franken und Thüringen nicht weniger zu Hause ist als in der römischen Campagna, in der Touraine nicht weniger als in der unbekannten Schweiz! Wie deutsch ist das alles! Schien uns dieses Tirol nicht ein lebendiger Teil unserer deutschen Vergangenheit, um so vieles deutscher als unsere Städte? Zog es uns nicht deshalb so magisch in dies Land, weil es deutscher war, ehrwürdig und ergreifend deutscher? ... Deutsch ist diese in Europa einzige und mit nichts zu vergleichende Landschaft: Dolomitengipfel und Eisriesen, Hochmatten und Gletscher, Burgen, Dörfer, Ansitze, Kirchen, Städte, jene nur südlich des Brenners vollzogene germanische Gestaltung des Übergangslandes in Landschaft, Landbau und Siedlung. Überall sonst sind die Übergänge von einer Plötzlichkeit, die einen andersartigen Reiz darstellt: man denke an die Täler nördlich und südlich des Gotthard, Simplon, Mont Cenis! Im Engadin fließt wohl eine südliche Welle nordwärts bis herab nach Chur und durchs Rheintal sogar vor bis Bregenz, aber keine stärkere nördliche strömt ihr entgegen, wie sie über den Brenner strömt bis zur Klause von Salurn, unverkennbar jedem Auge, das Landbau und Siedlung zu lesen weiß. Sarntheimer Bauern am Markttag, wie sie vor Obstkörben stehen, man muß sie gesehen haben, diese hohen Gestalten blonder Goten, um zu ahnen, wie germanisch das Bauernvolk dort unten noch ist. »Es war unerhört schön«, schreibt Ludwig Thoma in einem Briefe, nachdem er den Bauernfestzug in Innsbruck 1909 gesehen hat: »ethnologisch war es ein Wunder, und künstlerisch nichts anderes. Die Goten, die in Meran herum sitzen, sind ganz gewiß die schönsten Menschen. Bauernknechte vom Sarntal sehen vornehmer aus wie englische Lords. Ich bin drei Stunden lang glücklich und stolz gewesen, als Deutscher zu sehen, wie unser Volk einstmals war.« Niemand kann durch Brixen, Sterzing, Bozen, durch das alte Meran gehen, ohne diese Städte als die südlichsten Zeugen desselben Geistes zu fühlen, dem wir Rothenburg ob der Tauber und Wimpfen am Berg verdanken, Wasserburg am Inn und Meersburg am Bodensee, Und wären sie niedergelegt bis auf die Grundmauern, so müßte man den steinernen Stadtplan der Gassen und Plätze zerstören bis unter den Boden, um sagen zu können: dies war nicht deutsch. Immer bewußter, immer unveräußerbarer wird dies Kleinod Besitz der deutschen Seele, je geringeres Verständnis seine derzeitigen Verwahrer für seine Eigenart bekunden. Der wundersame Turm der Bozener Pfarrkirche, erbaut von Hanns Lutz, Steinmetz zu Schussenried, das patrizische Barock des Merkantilgebäudes, die tirolische Fröhlichkeit von Erkern, Giebeln, Lauben, behäbige süddeutsche Zwiebeltürme hinter einem geschwungenen Kirchengiebel, Bildstöcke wie in Unterfranken, Burgen wie am Rhein und in der Wachau, geschmiedete Grabkreuze wie in Rabenden, die geistliche Stadt Brixen wie ein südlicheres Eichstätt oder Freising, die Neustifter Bibliothek so nobles deutsches Rokoko wie die von Ottobeuren, Gassen und Torbögen als stammten sie aus Passau, Ansitze wie aus dem Taunus, Kirchtürme so spitz wie der Fischbacher oder der Antworter, Burghöfe mit Bogenhallen wie aus der Freisinger Residenz, Innenräume wie die der Salzburger, sogar Berggestalten wie das Totenkirchl und Wände wie die Laliderer Wand –: immer sind es nur süddeutsche Bilder, niemals italienische, die uns unwillkürlich in den Sinn kommen. Das südlichste, das sonnigste und das deutscheste Stück Süddeutschland: das ist Südtirol seit tausend Jahren. Ein Land, das alles, was es geworden ist, der klugen und gerechten Durchführung der Grundsätze von Nation und Sprache verdankt, tritt eben diese Grundsätze einem armen und wehrlosen Nachbarvolke gegenüber mit Füßen. Wenn das berühmte Wort Sallusts für die Nation, die sich gerne als Erbin der alten Roma auffaßt, ewig gültig ist, wird sich diese Apostasie von allem, was das Dritte Italien gemacht und groß gemacht hat, eines Tages rächen. Denn es ist eine ungeheure Lüge, und nichts anderes, aus Gossensaß Colle Isarco zu machen, aus Sterzing, dem südlichsten Stück Rothenburg, Vipiteno, aus Brixen Bressanone, aus Waidbruck Ponte all'Isarco, aus Klobenstein Collalbo usw. Und es ist ein ungeheurer Frevel, dem Lande, dem man so die Stimme zu nehmen sich anmaßt, auch noch den uralten, noch ehrwürdigen und stolzen Namen Tirol selbst von Amts wegen rauben zu wollen, ein Frevel, der noch ungeheuerlicher wird durch die Tatsache, daß von den unbegreiflichen und kurzsichtigen Verboten der landfremden Regierungen in Italien das unbegreiflichste und kurzsichtigste, aber auch das aufpeitschendste und brennendste dasjenige war, den Namen »Italien« in den Schulen zu gebrauchen. Wer da will, daß zwischen Italien und seinem nördlichen Nachbarn, zwei Nationen, zwischen denen kein ernsthafter Grund zum Zwiste jemals war, noch sein kann, daß zwischen Italien und Tirol niemals Ruhe und Friede werde, wird derlei Verfügungen begrüßen. Wer aber dem Italien von heute, abgesehen von den Ungerechtigkeiten seiner Grenze gegen Tirol, ehrlich Gedeihen und Bestand wünscht, der kann nur hoffen, daß eine kommende italienische Regierung, treu den wahrhaft großen Traditionen des Risorgimento, eine völkerversöhnende Politik der Gerechtigkeit und Loyalität verfolgt, eine Politik vor allem auch weiser Voraussicht und Selbsterhaltung: denn all die Energien an Autorität, an Kapital, an Bevölkerung, die Italien in Tirol zwecklos verpafft, wären ganz anderswo ungeheuer nötig, da, wo die wirkliche große und ernstliche Gefahr für Italien an der Grenze lauert, da wo die slawische Welle nur aufgehalten werden könnte durch eine noch stärkere italienische Welle. Auch diese Verblendung wird sich früher oder später rächen ... Der Brenner selbst, war er nicht jedesmal ein neues Wunder? Erinnern wir uns je, zwischen Innsbruck und Bozen in der Bahn gesessen zu sein, anstatt am Fenster gestanden? Dies sanfte Ineinsklingen und Ineinanderfließen von Nord und Süd, Himmel und Gebirg, silberstäubenden und lichtgrün talabschießenden Wassern, steil anschwellenden Berghalden, die alte weiße Paßstraße mit den doppelten Zeilen reinlicher Häuser, das köstliche Nebeneinander herber Bauerngotik und südlich behäbigen und weiträumigen Hausbaus, das kuppig verwitternde graue Urgestein, die zackigen Bastionen graugelben Kalks, der gedämpft purpurne Porphyr und das silberne Leuchten der Firne: das alles war uns eine der geliebtesten Landschaften geworden, die uns im Traum aufstieg wie ein Bild aus längst vergessener Kindheit. Und wer, der es auch nur ein einzigesmal sah, hat das letzte Bild vergessen, mit dem uns Tirol gleichsam entließ, wenn wir am Weißen Sonntag früh 9 Uhr von Innsbruck wegfuhren: an einer der doppelnamigen Haltestellen – war es Fritzens-Wattens oder Terfens-Weer oder Volders-Baumkirchen, ich weiß es nicht mehr – kam alljährlich über die schmalen Pfade unmittelbar neben dem Geleise die Schar der kleinen Erstkommunikanten, unweigerlich, jedes Jahr genau an der nämlichen Stelle: die Mädchen mit Blumenkränzen um die blonden oder braunen Zöpfe, Blumen in den Händen, die ersten Anemonen oder Himmelsschlüssel, und dahinter die blaßgrünen Wiesen und der schwarze Wald und der graue Karwendel noch voll Schnee: ein Bild wie von Ludwig Richter! Wie deutsch das alles, wie deutsch! Die Schönheit der Brennerlandschaft hat Goethe entdeckt, aber ihre Reize an menschlicher Siedelung hat volle 200 Jahre früher bereits der geistreiche Südfranzose Montaigne gesehen: »Dienstag vormittag verließen wir Innsbruck, fuhren über die Ebene und folgten der bequemen Bergstraße. Links hatten wir den Blick auf eine Reihe anderer Berge, sanfter, breiter, mehr ausladend, mit Dörfern übersät und Kirchen, angebaut meist bis ganz oben hinauf; rechts waren sie weniger bebaut und bewohnt. Oft fanden wir wohlhabende Flecken, Dörfer, schöne Wirtshäuser, Schlösser und Edelsitze zur linken Seite ... Sterzing , kleine Stadt der Grafschaft Tirol, recht hübsch, eine Viertelmeile entfernt darüber ein schönes neues Schloß ... Auf unserer ganzen Reise durch Deutschland (!) sahen wir kein Schlafzimmer und keinen Speisesaal, die nicht getäfelt gewesen wären und niedrige Decken gehabt hätten ... Am Weg lagen vier oder fünf Burgen. Später überschritten wir den Fluß auf einer Holzbrücke und folgten ihm auf der anderen Seite ... Brixen , sehr schöne kleine Stadt, eine Holzbrücke führt übers Wasser; wir sahen zwei schöne Kirchen und wohnten sehr gut im Adler. Die Ebene ist nicht breit, aber die Berge ringsum so sanft geschwungen, daß sie sich überall anbauen lassen. Alles bis ganz hoch ins Gebirg hinauf voll von Kirchtürmen und Dörfern, in nächster Nähe der Stadt eine Reihe schöner Häuser in reizender Lage. Nie noch hatte Herr von Montaigne eine Gegend gefunden, in der die Gasthäuser so dicht gesät waren und so schön; und immer waren die Städte wohlversehen mit Wein und Lebensmitteln und billiger als andere ... Hier begannen auch die Weinberge wieder. In der ganzen Gegend haben die Häuser Gewölbe, in allen Stockwerken ... Wir verließen Brixen am nächsten Morgen, das Tal wurde bedeutend breiter, die Hänge schmückte meist eine Reihe sauberer Häuser. Wir kamen durch einen kleinen Flecken namens Klausen , in dem die verschiedensten Handwerke betrieben werden ... Die Gegend ist so besiedelt, daß wir über den ersten Bergen andere höhere sahen, die angebaut und bewohnt waren, ja man sagte uns, dort oben lägen große Ebenen, die den Orten unten Getreide lieferten, mit reichen Bauern und schönen Häusern ... Wir gingen nochmals auf einer hölzernen Brücke über den Fluß und kamen früh nach Bozen ; im Vergleich mit sonstigen deutschen (!) Städten ungefällig, so daß der Herr von Montaigne sofort sagte, er merke wohl, daß man allmählich aus Deutschland (!) hinauskomme. Die Straßen waren enger, man fand keinen Gemeindeplatz mehr, aber Brunnen, Bäche, bemalte Häuser und Glasfenster gab es auch hier noch. An Wein hat die Gegend solchen Überfluß, daß sie an ganz Deutschland liefert. In diesen Tälern ißt man das beste Brot der Welt. Ganz wunderschön ist die Kirche ... Trient : keineswegs gefällig, hat völlig den Reiz der deutschen Städte verloren; die Straßen meist eng und gewunden. Etwa zwei Meilen vorher hatten wir das italienische Sprachgebiet betreten.« Was hat sich an dem allem geändert? Nichts, als daß auch Bozen ein Juwel von Stadt, daß das deutsche Südtirol noch viel schöner geworden ist. Denn wie deutsch diese Art von Siedlung und Bau ist, das beweist ein Blick in die heute noch unübertroffene italienische Ausgabe der Reise Montaignes, die Professor Alessandro d'Ancona besorgt hat. »Sterzing«, sagt er in seinen Anmerkungen, »würde heute nicht mehr das schmückende Beiwort ›schön‹ oder ›gefällig‹ verdienen ... Auch Brixen könnte man heute nicht mehr als schön loben ... Es ist unbegreiflich, daß der Verfasser, der so häßliche Nester (cittaduzze), wie Sterzing und Brixen, schön gefunden hatte, nicht denselben Eindruck von Trient bekam, das Ende des 16. Jahrhunderts bereits einige geräumige Straßen, Plätze, Paläste, schön gebaute und nach dem Brauche der benachbarten Städte Veneziens gezierte Häuser hatte.« Das Urteil d'Anconas ist das unbewußte Bekenntnis, daß und warum der Italiener das deutsche Südtirol niemals verstehen kann. Es bleibt ihm ewig fremd und unheimlich, er kann es höchstens zerstören. Das köstliche Sterzing darf als Symbol dessen gelten, was der Durchschnittsreisende von der Tiroler Stadt zu Gesicht bekommt: für den im D-Zug Vorbeifahrenden ein Haufe von Dächern, die sich grau und flach über- und hintereinander legen, wie eine Austernbank; für den Eintretenden und Verweilenden eine verwunschene Märchenstadt, in der man nur offenen Auges und Sinnes zu schlendern braucht, um Fund auf Fund zu tun. Gar eine Mondnacht in Sterzing: Meistersinger zweiter Akt, ein Traum, eine Vision. Das wird kein Italiener je erfassen, das kann er nie verstehen, am wenigsten der Italiener von heute, dessen ästhetische Manifestierung das römische Nationaldenkmal ist. Denn das alles – Montaigne fühlt es und spricht es aus –: das alles ist deutsch. Keine Spur von Welsch. Sterzing ist genau so deutsch wie Rothenburg ob der Tauber, Brixen so deutsch wie Würzburg oder Bamberg, die Laubengasse von Bozen könnte in Wasserburg oder Landshut stehen und die Doktor-Streitergasse mit den charakteristischen Bögen in Mühldorf oder Burghausen. Deutsch ist das alles, und wenn der Italiener versucht, sein nüchternes Ideal von Hausbau, Straßenführung, Stadtgestaltung auf diese »cittaduzze« zu übertragen, so zerstört er nur unschätzbare Werte, um Klischees und Gemeinplätze an deren Stelle zu setzen. D'Ancona weiß, daß es ein Tirolo gibt, sogar ein Tirolo tedesco ,und hütet sich wohl zu Montaignes Feststellung der Sprachgrenze eine korrigierende Anmerkung zu machen. Weil diese Sprachgrenze sich seit Montaignes Zeiten niemals nennenswert verschoben hat. »Hier bin ich nun in Roveredo, wo die Sprache sich abschneidet«, schreibt, 200 Jahre nach ihm, Goethe; »oben herein schwankt es noch immer vom Deutschen zum Italienischen.« Und selbst wenn die Zungen schwiegen, so würden die Steine reden. Jeder Stein in Bozen, Sterzing und Meran schreit, daß es ein Wahnsinn ist, den deutschen Charakter Südtirols bis zur Salurner Klause zu bezweifeln. Niemals ist der Brenner etwas andres gewesen als der Dachfirst über dem einen Hause, und dieses eine Haus heißt Tirol, gleichviel ob nördlich der Wasserscheide oder südlich, ob wir in Kufstein herumgehen oder in Terlan, in Rattenberg und Hall oder in Bozen und Sterzing, alle unter ähnlichen Bedingungen entstanden und das nämliche Wesen ausdrückend, ob sie sich dem schützenden Burghügel anschmiegen, unterordnen, sich um ihn herumlegen wie eine Schleppe, oder ob sie sich in die Längsfalte des Tals fügen im langen Zeilendorf, dessen Häuser in Reih und Glied stehen und sich stützen und keinen Zwischenraum lassen für Wind und Kälte, alle still und gelassen in ihrer Landschaft ruhend, aus demselben Stoffe gebaut wie jene, vom Gebirge überragt, mit dessen vertikalen Wirkungen zu wetteifern sie sich niemals beikommen lassen. Über all den Unterschieden, die zwischen Unterinntaler Stadt und Markt am Brenner bestehen, zwischen Nord- und Südtiroler, zwischen Pustertaler und Vorarlberger, zwischen dem unversehens zur Stadt gewordenen Dorfe Kitzbühel, der Grenzfeste Kufstein, dem reichen Handelsplatz Bozen, der Landeshauptstadt Innsbruck, dem geistlichen Brixen, dem fürstlichen Salzburg, dem handwerkerlichen Klausen, – über all dem waltet ein Gemeinsames, das jeder sieht, der überhaupt Augen hat zu sehen, gleichwie ein jeder es hört, der Ohren hat zu hören. Bei der Salurner Klause ist der Strich, seit einem Jahrtausend, und ihn nördlicher zu ziehen, ist eine Lüge, die zum Himmel schreit. Die Schöpfer dieser Städte hatten die ganze herzhafte Freude an der großen Wand, den Mut zur breiten, ungegliederten, meist farbigen Mauerfläche und zugleich wiederum die ganze herzhafte Freude an Gliederung, Auflockerung, Stufung der Wand, durch Geschoß und Dach, Tor und Fenster, Laube und Erker. Wo überhaupt empfindet man die Schönheit der Naturformen des Hauses so stark als etwas Köstliches und Unerschöpfliches wie in diesem deutschen Südtirol, die Schönheit von Erker, Pfeiler, Laube, Halle, Außentreppe, Lichthaube? Man mag das schwindsüchtige Zeug, das bei uns einen Erker vorstellen soll, nicht mehr ansehen, wenn man die Tiroler Erker kennt, innen geräumig und behaglich, nach außen charaktervoll vortretend, von der einfachsten Form bis zur reichsten. Wer durch das alte Rattenberg und Hall geht, durch Klausen, Brixen, Sterzing, erlebt auf Schritt und Tritt, wie der steinerne Rhythmus anfängt, melodisch zu klingen, die Linie zu schwingen, wie die Wiederholung der einfachsten und schlichtesten Motive traulich und froh stimmt und das Herz warm macht, so daß uns in den ersten Tagen der Heimkehr in die Großstadt Gemüt und Augen schmerzen, genau wie es dem alten Montaigne sonderbar unbehaglich wurde, als er aus den kerndeutschen »cittaduzze« nach Trient kam mit seinen vie spaziose e piazze e palazzi . Das deutsche Südtirol ist verständlich nur aus einer langen und lückenlosen germanischen Vergangenheit, die sich nicht bloß auf Herrensitz und Kirchengiebel erstreckt, auf Stadtburg und Zwingmauer, Geschlechterturm und Brustwehrzinnen, sondern auf das älteste und bleibendste, wenn auch vielfach verstümmelte, übermurte, unverstandene und sinnlos gewordene: Namen von Ort und Flur, Wald und Wiese, Bach und Berg. Die Südtiroler Landschaft ist uns keine bloße Vedute, sie ist ein Gemütszustand. Wenn beim Verlassen des letzten Tunnels vor Bozen wiederum zum ersten Male die graue Kirche von Kampill in einem weißen Traum von blühenden Bäumen stand, hatten wir nicht stets das Gefühl, in eine Heimat zu kommen, der wir auf geheimnisvolle Weise verbunden und verschrieben waren, wie einer wundertätigen Wallfahrt, wo man jedes Jahr zum mindesten einmal hin muß, es zieht einen, es läßt nicht nach, bis man dort ist? Und schon rannte man auf der Wassermauer, da war die alte Maretsch mit den fünf Türmen, und drüben die Haselburg, und in der Ferne Sigmundskron, schon stand man atemschöpfend, beglückt, entrückt im efeuumsponnenen Burghof von Runkelstein ... endlich wieder! endlich wieder! ... Ein Burgenland wahrhaftig, wie am Rhein, wie die bajuwarische Wachau, der alemannische Hegau, von einer Burg sieht man schon die nächste, mit Burgen empfing das Land den Wanderer, Sprechenstein und Reifenstein oberhalb desselben Sterzing, wo die Kommende des Deutschen Ordens steht; da war Velturns, die geistliche Burg von Brixen, Branzoll ob Klausen, wo der Minnesänger Leuthold von Säben sang, da standen mit gelben Strähnen die Weiden an der Brücke und darüber dräuend die Trostburg, schon blinkte Karneid, und dann kam das glorreiche Burgengeschmeide von Sigmundskron bis Schloß Tirol: Festenstein, Winkel und wie sie alle heißen, Knillenberg, Rottenstein, Planta und Rubein, Rametz, Labers, Schenna, die Fragsburg, Lebenberg, Tarantsberg, die weinumduftete Wanderung Kaltern, Eppan, Girlan, Andrian, Terlan, – haben wir uns nicht überall in einem noch deutscheren Deutschland gefühlt, als jenes war, aus dem wir kamen? ... Dantes Standbild in Trient weist nach Norden: Warum? Aber Dante sagt es ja selbst (Inferno 20, 63): Sovra Tiralli! Was oberhalb liegt, ist Tirol! Bei Dante steht das ominöse Wort, breit, unantastbar, unverrückbar, seit 600 Jahren: Tiralli! Der Dichter ist der älteste Kronzeuge für den Namen Tirol: Tiralli! Da hilft kein Drehen und Deuteln, es steht da! Wie kindisch und lächerlich, mit den Mitteln des vormärzlichen Österreich einem Volke das Stammesbewußtsein aus der Seele reißen wollen, den Unmündigen die Muttersprache von den Lippen, den Gläubigen den Trost Gottes in der Zunge ihrer Urväter vorzuenthalten, den ehrwürdigen Namen der Heimat sogar mit Polizeimitteln verbieten wollen, mit Knüppel und Säbel, mit Kette und Gefängnis! Da steht der eherne Unsterbliche und deutet unnachgiebig: »Tirol!« Das Tirol Goethes, das Tirol Montaignes, das Tirol Dantes. Tirol seit tausend Jahren, heute und immerdar: Tirol ! Die Wachau (1927) In den Tagen der Obstbaumblüte wüßte ich kaum ein lohnenderes Reiseziel als die Wachau, und innerhalb der Wachau kein besseres Standquartier als das alte Krems. Wer noch nicht in der Wachau war, in Stein und Mautern (das mutaren des Nibelungenliedes), Stift Göttweig, Gföhl, kennt einen der gesegnetsten deutschen Gaue nicht. Die Wachau ist das, was vor hundert Jahren der Rhein war: ein unberührtes Stromland mit Burgtrümmern auf schroffen Felsen, alten Städten und Klöstern. Wer einmal dort war, den treibt es immer wieder hin. Oben auf dem Felsen von Dürenstein zu stehen, die große Schleife der Donau tief zu Füßen, unmittelbar unten das malerische alte Städtchen mit der feinen Barockkirche – es ist ein Gefühl wie es vielleicht Arnim und Brentano empfanden, wenn sie auf Bacharach niederblickten. Es gibt wenig so köstliche Wanderungen, als mit dem ersten Zug von Krems nach Spitz zurück, und dann zu Fuß wieder bummeln bis Krems und, so oft man Lust hat, in einer der alten Weinstätten einkehren und einen Schoppen »Heurigen« oder »Alten« genießen. Der Liebhaberfotograf vollends weiß nicht, wo er anfangen soll; an ein Aufhören ist überhaupt nicht zu denken. Deutsche Reiseziele nach dem Krieg (1915) Uh, Sie kennen Paris. Nicht wahr? Sie kannten Berlin mit seinen wundervollen Sammlungen, ehe Sie nach Rom gingen. Nicht wahr? Sie werden Rothenburg aufsuchen, ehe Sie nach San Gimignano pilgern? Werden Nürnberg, das alte Augsburg, Hildesheim mit Andacht sehen? Sie wissen ebenso, daß die großen Galerien Europas weder Uffizi noch Pitti heißen, sondern das Britische Museum, das Reichsmuseum, die Eremitage, der Prado. Viele Deutsche nämlich wissen das nicht, gehen ohne inneres Bedürfnis nach Italien und sind enttäuscht. Wenn Engländer und gar Engländerinnen zu den Präraphaeliten wallfahren, so ist dies begreiflich. Minder verständlich ist, wenn Berliner und Berlinerinnen, die frisch von Liebermann, Slevogt, Corinth, Leistikow, meinetwegen auch Menzel, sogar Anton von Werner kommen, für Botticelli eine Schwärmerei heucheln, die sie nie und nimmer empfinden. Zu verstehen ist, daß Philologen und Kunsthistoriker nach Italien reisen: es ist ihr Metier. Aber erklären Sie mir doch, warum alle diese braven Richter, diese behaglichkeitsbedürftigen Rentner, diese überarbeiteten Bankdirektoren sich innerlich murrend von Stadt zu Stadt, von Museum zu Museum, von Kirche zu Kirche schleppen lassen: wenn sie ihr Pilsner unbedingt anderswo trinken müssen, warum gehen sie nicht nach Pilsen? Kaufleute, die in die kostenlos geöffneten Galerien Deutschlands nie einen Fuß setzen, entpuppen sich hier unten als Kunstenthusiasten und opfern geduldig eine Lira nach der anderen. Sie rennen in die Museen und bringen die Nase nicht aus ihrem Reisebuch. Die ganz Schlauen lesen vor jedem Bilde, das im Baedeker zwei Sterne hat, zuerst das Attest Baedekers und dann die Gebrauchsanweisung des Schubringschen Cicerone, womöglich so laut, daß auch alle anderen Gäste der Tribuna von der um vier Mark erworbenen Begeisterungsquelle profitieren. Was wir durch den Krieg in bezug auf Heer und Flotte, Finanzwesen, Landwirtschaft und Industrie gelernt haben, sollen wir auch in bezug auf Reifen lernen: Kenntnis unseres eigenen Reichtums. Es wird uns ein Bedürfnis sein, unser herrliches Vaterland besser und immer besser kennen zu lernen. Wir Süddeutschen wollen den alten Drang nach Süden zurückdämmen und erst einmal Mittel- und Norddeutschland bereisen. Die Norddeutschen sollen uns in dem Punkt vorbildlich sein: sie kennen unser Land unendlich besser als wir das ihre. Haben wir uns nicht in den letzten Jahren, als Langewiesche mit seinen Sammlungen Deutsche Dome, Deutsche Plastik, Deutscher Barock, als Piper mit der Schönen Deutschen Stadt herausrückte, geradezu geschämt, was wir alles nicht kannten, und uns gelobt, endlich nicht mehr in die Ferne zu schweifen, wo das Gute, das Beste wirklich so nahe liegt? Ist uns nicht das Herz aufgegangen, als Langewiesche mitten im Krieg die Großen Deutschen Bürgerbauten herausbrachte, als Karlingers Alt-Bayern und Bayrisch-Schwaben uns Südbayern förmlich mit der Nase auf die Schönheiten stieß, die wir an Ort und Stelle haben, vor den Toren in allernächster Nähe? Mit welch neuen Augen werden wir ins Salzkammergut reisen und in die Wachau, nach Tirol und Vorarlberg, Steiermark und Kärnten, in die Karawanken, die Hohe Tatra, zu den Deutschen Siebenbürgens und nach Budapest! Viele Deutsche werden nach Antwerpen und Löwen pilgern, nach Brüssel und Brügge, Warschau, Riga, Dorpat. Und viele, die alle möglichen und unmöglichen toskanischen und umbrischen Nester kennen, werden endlich einmal Wien besuchen und Prag! Es wäre eine unverantwortliche Dummheit, wollten wir die ungeheure Macht geringschätzen, die wir durch unser Bedürfnis nach Reise und Sommerfrische ausüben. Wir wollen und werden diese Macht ausnützen. Freund und Feind soll sie gründlich spüren. Es handelt sich nicht um lumpige Tausende, es handelt sich alljährlich um Millionen. Es ist für uns eine Lebensfrage, ob die Brücke, die das deutsche Heer geschlagen hat, als Völkerbrücke bleiben werde. Das läßt sich nicht improvisieren, das muß gründlich organisiert und generalisiert werden. Wozu die Not uns zwang, das wollen wir beibehalten. Wir wollen nicht mehr in den ausgefahrenen Bahnen des Fremdenverkehrs, sondern als Pioniere künftiger Blüte, als Mitschaffende kommender Ernten reisen; wollen einmal sehen, ob es der deutschen Faust nicht gelingt, mit einem Ruck den Weichenhebel des Reiseverkehrs herumzuwerfen: wir bestimmen, auf welchem Gleis der große Fremdenzug fährt, denn wir sind es, die ihn füllen. Wir haben uns allzulang nach aller Welt gerichtet. Nun wird sich alle Welt ein wenig nach uns richten müssen. Organisierter Besuch auf der einen Seite ist unmöglich ohne organisiertes Meiden auf der anderen. Es gibt viele Morgen auf dem Balkan, wo ein deutscher Gasthof stehen könnte. Da ist noch Neuland für wagemutige Leute, es ist noch Geld zu verdienen, und es wird verdient, haben wir nur keine Sorge! Wir müßten unsere deutschen Kellner nicht kennen! Vor allem aber wollen wir im schönsten Lande der Welt reisen: in Deutschland. Wir haben ja alle Deutschland nicht gekannt. Wir kennen es erst seit dem Krieg, fangen an, es einigermaßen kennen zu lernen, begreifen, daß es unsere vornehmste Aufgabe sein muß, es immer besser, tiefer, inniger kennen zu lernen. Wir waren zu kosmopolitisch geworden. Da kam der Krieg und umschloß uns mit einer Mauer von Schützengräben und einer Mauer von Haß. Wir sahen uns auf unser Land angewiesen, denn es gab kein anderes Land mehr für den verhaßten Deutschen. Wir waren im schönsten Zug gewesen, uns zu vergeuden, leichtsinnig, gutmütig und widerstandslos, wie Söhne aus altem gutem Hause. Jetzt war es das Haus, das uns zurückrief, das uns zu eng geschienen war, so daß wir seiner Schönheit nicht achteten, und nicht mehr die rührende Sprache seiner ehrwürdigen Mauern verstehen wollten, und die Sprache des Stroms, der feierlich vorbeiwallte und alles dessen, was sich in ihm spiegelt, Baum und Schlot, ragende Burg und ragender Kran, dampfender Wald und rauchende Essenstadt, und Schiffe, Schiffe von jeder Art und Größe und jeder Bestimmung. Darum wird uns Deutschland auf unseren Zukunftsreisen nicht nur Gegenstand müßiggängerischen und oberflächlichen Genießens sein, sondern ernster und liebevoller Betrachtung. Wenn wir aber je in nicht deutschem Lande reisen, harrt unser eine strenge Aufgabe: Verbreitung der deutschen Sprache. Wir müssen mit jener zuversichtlichen Rücksichtslosigkeit deutsch sprechen, mit welcher der Engländer auf der ganzen Welt englisch spricht. Denn es ist des Angehörigen eines Weltvolks unwürdig, fremde Idiome zu radebrechen. Jeder Satz, den wir aus Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit oder Eitelkeit der fremden Sprache nachgeben, stärkt fremdes Volkstum und schwächt das Deutsche. Es wird uns nicht mehr gestattet sein, verantwortungslos auf fremder Erde herumzuschlendern, sondern in jedem Augenblick müssen wir unser Volk vertreten und seine Farbe bekennen. C'est des Allemands que l'Europe apprit a négliger la langue allemande , schrieb der Franzose Rivarol 1783. Es ist bisher zu wenig deutsch gesprochen worden auf der Welt, von den Deutschen selbst. Wie wär's, wenn wir versuchten, das Deutsche zur Weltsprache zu machen? Die Welt hat seit dem August 1914 ein wenig angefangen, deutsch zu lernen. Die Welt wird es noch ganz ordentlich lernen, wenn nur wir, die Deutschen, gute Lehrmeister sind. Also! Pilgerfahrten Wenn es schon wertvoll ist, die Kulturen fremder Himmelsstriche zu studieren, so gibt es für einen Deutschen keinen größeren, keinen unendlicheren, keinen notwendigeren Gegenstand des Erkennens und der Liebe, als alles Deutsche. Josef Hofmiller , 9.3.1924 Burghausen (1928) Die Salzach ist ein herrliches Wasser. Schon wie sie einherstürmt, ein jüngeres, schlankeres Geschwisterkind des Inns, blitzend, unbändig, morgenschön! Die Innlandschaft ist bereits halb südlich, das breite Tal sendet laue Schwaden föhniger Milde noch in die höhern Seitengründe, feierlich durchwallt der alte Strom in tiefem Bett das weite Becken seiner langen Bahn. Die Salzachufer gemahnen an die edelsteinleuchtenden Hintergründe altdeutscher Tafeln. Das Grün ihrer Wiesenhänge ist frisch wie eine Buchenhalde im Mai. Wie im Morgenglanz schimmern die weißen Würfel ihrer reinlichen Häuser. Perlmutterkühl ist der zarte Hauch, der körperlos darüber schwebt. Die Schönheit des Inntals ist abendlich, sie ist wie eine Traube im Herbst. Die der Salzachlandschaft holdselig wie das Erröten eines blühenden Apfelzweigs. Es ist ein Unterschied wie zwischen der ersten Arie der Gräfin im »Figaro« und Schuberts »Forelle«. Eh sich die Salzach dem Inn für immer stürmisch an die Brust wirft, eine gute Meile etwa Burghausen abwärts, spielt sie geschwind noch drei Trümpfe aus, als wollte sie dartun, was sie ganz allein vermag, aus eigener Kraft, ohne das fürstliche Salzburg, ohne die Zinnen des Unterbergs, selbst ohne den wipfelgrünen Buckel des Kapuzinerhügels. Den ersten Rank wagt sie bei dem Städtchen Laufen und schnellt eine silberne Schlinge herum wie der Inn um Wasserburg; aber das Hochufer gerät ihr nicht ganz nach Wunsch, unwirsch schiebt sie sich weiter. Bei Tittmoning nimmt sie den zweiten Anlauf, da stemmt sie vor lauter Eifer die Hochufer mit aller Gewalt auseinander vom Burgberg bis Radegrund, aber wieder scheint sie mit ihrem Werk nicht ganz zufrieden. Sie besinnt sich, sammelt ihre Kraft, läßt die Ufer in Ruhe, fließt sittsam eingeschnürt zwischen steilen Wänden bis kurz vor Burghausen. Was die wilde Pinzgauerin hier zu guter Letzt angestellt hat, können wir nur erschließen aus dem abenteuerlichen Befund des Geländes. Offenbar hat ihre eisklare Strömung in Urzeiten das ganze breite Tal eingenommen, bis sie auf einmal nicht mehr weiter konnte; murrend bog sie wieder um nach Süden, schliff und wetzte zurück den langen Burgberg entlang, staute ihre Wucht, grollte und schwoll, bis sie sich in einer neuen Stoßschleife gegen Norden den Durchbruch ertrotzte, ihren letzten, endgültigen. Aber als hätte diese schöne Lau als Dank für ihre Befreiung auf ewige Zeiten ein freundliches Denkmal ihrer einstigen Herrschaft stiften wollen, breitete die Gletscherfei zum Abschied in die höhere Mulde auf der Abendseite der Burg das samtene Grün eines menschenliebenden Gewässers, des dunkeln Wöhrsees. Schon durch ihre Länge nimmt die Herzogsveste das Auge so gefangen, daß es zuerst die Stadt kaum gewahrt vor lauter Burg. Und doch, wie sehenswert ist es, wie mittelalterlich deutsch, dies altertümliche Nest, das sich an die Morgenseite der Burg hinschmiegt, wie der Wöhrsee an die nachmittägige! Scheint es nicht gar, als wollt' es mit seinen bürgerlichen Mitteln aus Stein und Mörtel mit dem Durchbruch wetteifern, den sich die Salzach im Maßstab der Edda erzwungen hat? Immer schmäler, eingeklemmter wird die Straße, die lange Grüben – warum nur hat man sie in Herzog-Georgstraße umgetauft? Ist sie mit den geraden Stirnmauern ihrer schmalen hohen Häuser nicht richtig wie ein Laufgraben? Mit knapper Not, daß sich zwei Fuhrwerke ausweichen können. Sie verengt sich zur Klamm, Schwibbögen spreizen sich von Hauswand zu Hauswand, endlich hat auch sie ihre Mündung gefunden und verschnauft sich in dem hellen Saal eines schönräumigen Platzes, dessen edle Weite freilich nur noch geahnt wird; denn zwei gutgemeinte Doppelreihen von Kastanien geben von den Häusern auf der Gegenseite nur die Sockel frei und die Stirn. Durch dies dunkle Laubgebüsch wird der Raum zerstört; an keiner Stelle kann man ihn als Ganzes erfassen, als Platz, mit einem Blick. Man muß an baumlose Platzgebilde denken, an den sperrangelweiten Stadtplatz von Tittmoning, an den Max-Josefplatz in Rosenheim mit seinen Lauben, an die noble Altstadt in Landshut, die wahrhaft kaiserliche Maximiliansstraße in Augsburg, um sich über den Unterschied klar zu werden. Mit grausamer Lieblichkeit sprengen große Bäume alles Menschenwerk aus Stein; außer sie werden streng in die Architektur einbezogen: dann unterwerfen sie sich dem baumeisterlichen Willen. Freilich wenn die Burghauser sagen: »Wir lieben unsern Platz so, wie ihn unsre Väter bepflanzt haben, wir wollen uns den labenden Schatten dieser Bäume nicht wegdenken, an heißen Tagen bieten sie uns Schutz, wenn's regnet ein angenehm tropfendes Parapluie« – müßte man nicht sozusagen ein Fanatiker des Städtebaues sein, um diese Gewächse umzusägen? Bei uns Oberbayern schlägt immer wieder ein Rest uralt heidnischen Baumkults durch und wirft alle künstlerischen Einwände übern Haufen, Und welch zahllose Gaben verschwiegenen Glücks haben diese Baumreihen Bürgertöchtern, lateinischen Schülern und zweifarbigem Tuch freundlich gespendet! Nein, wir wollen nicht einrissig sein: diese Bäume sind illegitim, aber sie sind heilig.   Wie getreulich das Burghausen von heut ein Stadtbild bewahrt, das fast vierhundert Jahr älter ist, zeigt ein Blick auf sein altersbraunes lindenes Urgeschnitz im Münchner Nationalmuseum. Durch den Straubinger Drechslermeister Jakob Sandtner nämlich ließ der Herzog Albrecht V. für seine Kunstkammer in den Jahren 1568 bis 157, – das Burghausner war das letzte – von seinen fünf Wittelsbachischen Residenzen München, Ingolstadt, Landshut, Straubing und Burghausen ansehnliche Holznachbildungen schneiden, etwa im Maßstab 1 zu 750, mit ganz leichter Überhöhung der Straßenzüge. Diese Holzmodelle sind unschätzbar, denn sie überliefern die Städte körperhaft, nicht nur ihre Blendrisse in Form von Kupferstichen oder Holzschnitten, nicht nur Veduten. Sandtners Modell hat uns das Burghausen der spätmittelalterlichen Zeit erhalten, es ist ein rechtschaffner Zeuge, wie unverfälscht diese Doppelstadt sich selber bewahrt hat bis auf den heutigen Tag. Denn der Klein- und Feinmeister Sandtner begnügt sich nie mit einem Ungefähr: gewissenhaft schnitzt er jedes Haus nach, Giebel und Laube, Turm und Tor, Erker und Hof, Gestalt der Türen, Anzahl der Fenster, deren Einteilung und Zwischenwände. Zugleich bezeugen seine Modelle die Zusammengehörigkeit des bayrisch-österreichischen Stamms von Passau bis Sterzing und Bozen: ob die Bogengewölbe dieser Laubengänge im Kern des alten München standen (»die finstern Bögen« waren der erste, beglückende städtebauliche Eindruck meiner Knabenjahre: neben dem Beisel »Zum ewigen Licht« gab's einen märchenhaften Spielkramladen) oder ob sie noch heute stehn, in Wasserburg, Rosenheim, Bozen, sie sind süddeutsches Gewächs und Gebild, und die Laubenhöfe sind es auch, ob sie zur Karmeliter-Apotheke auf dem Münchner Promenadeplatz gehören oder zu Krems in der goldnen Wachau, zu Bechelaren im Nibelungengau oder zur glorreichen Rebenwallfahrt Eppan, Girlan, Terlan, Andrian, Meran. Süddeutsch sind die Giebel: Treppengiebel, Zinnengiebel, geschweifte Giebel, waagrechte Stirnmauern vor flachen Dächern in Tölz, Pfarrkirchen, Deggendorf, Sulzbach, Dingolfing, Rosenheim, die ganze Salzach hinauf, hinunter, den Inn entlang von Innsbruck bis Passau, und wiederum vom Brenner, Eisack und Etsch entlang, bis zur Klause von Salurn. Wie geruhsam geht sich's auf dieser hölzernen Brücke hin und her, zwischen dem oberösterreichischen Ach und dem bayrischen Burghausen – denn wahrhaftig, hier sind Grenzpfähle – wie konnte nur der Mensch scheiden, was Gott so sinnvoll, so unmißdeutbar zusammengefügt hat? Gibt es etwas, das herzlicher verbände als eine Brücke? Wie sinnlos stehen diese Grenzpfähle zwischen Laufen und Oberndorf, zwischen Tittmoning, und Radegund, zwischen Burghausen und Ach auf drei trennenden Brücken! Welches Bild steigt doch hier vor uns auf beim Blick auf die alte Stadt? Meinen wir nicht in Sankt Achaz zu sein, und was vor uns liegt, sei Wasserburg? Für Wasserburg nämlich wie für Burghausen war die Wasserstraße so wichtig wie die Zufahrten vom Land. Jedes Haus hat seinen Ländegries – denn beide Städte liegen auf der flachen Strandseite, nicht auf dem steilen Bruchufer –, Pfähle sind eingerammt zum Festbinden der Lastzillen, schmalste Gäßchen laufen hinab zum Fluß – heut heißen sie noch Feuergäßchen, denn hier standen bei Bränden in langer Kette die Bürger an mit ledernen Löschkübeln –, jedes Fleckchen ist haushälterisch ausgespart zu schwebenden Gärten und Waschaufhängen, auf dieser unsrer hellen Flußseite sind die Häuserzeilen aufgelockert durch Galerien und Lauben, hier herrscht der gesellige Holzbau, die abweisenden steinernen Stirnseiten sind den engen Straßenschachten zugewandt. Ähnlich ist das Bild in dem ein paar Stunden südwestlich gelegnen Trostberg an der Alz, das auch nur der kennt, der sich dort in lauer Sommernacht im Pfaubräugarten eine gute Flasche zu Gemüt geführt hat. Von den Brücken aus gleichen sich Wasserburg und Burghausen wie Schwestern. Aber dann gleitet das Auge nach oben: in Burghausen erhebt sich über der Unterstadt eine zweite auf dem Berg, so lang wie sie, beherrschend, beschützend, drohend, denn unten war die Schirmbedürftigkeit, oben die Gewalt. Besäße Burghausen nichts als den Rücken dieses Schloßgrats mit den wohlerhaltenen Zeugen einer Burganlage, die ihresgleichen sucht in deutschen Landen, es wäre ein Kleinod. Hinter dem langen Bogen der hellen Häuser, die in Reih und Glied geschlossen eins neben dem andern der Salzach den Rücken wenden, gegen den hölzernen Brückenkopf zu allmählich höher, mit den Giebeltrakten des alten Jesuitengymnasiums und des Amtsgerichts nebeneinander stattlich abschließend, sehen wir von der Brücke aus die zweite Zeile der westlichen Häuser des Stadtplatzes, eine dritte dahinter, die Messerzeile schneidet mit ihren weißen Stirnmauern schon die Abdachung des Burgbergs, alle drei überragt vom hohen Langhaus der Pfarrkirche: genau am Angelpunkte der langen engen Grüben und des weiten Stadtplatzes gliedert sie die welligen Waagrechten der sich fortschwingenden Dächer und die langgestreckte Burghalde durch ihren Turm, der das Giebelgezack im Gleichgewicht hält und wie ein gestreckter Finger nach oben weist zur krönenden Burg. Von der Salzachseite aus gesehen ist die alte Burg aufgelockert und kaum mehr erkennbar als das, was sie war: eine einheitliche sechsgliedrige Wehranlage. Was links ganz vorn nach Süden ragt, ist, aufeinander und ineinander gepelzt, schon für sich eine stattliche Burg, mit zinnengekrönter Brustwehr und Torriegel, Bergfried, Dürnitzstock und Schatzkammer, Burgkirche, zuletzt der Fürstenbau, der wiederum eine Burg für sich ist. Aber dann dehnt sich und streckt sich ein wunderhübsches mittelalterliches Städtchen, niedrige und höhere Speicher, Vorratskammern, Wohnhäuser, Mauern und immer wieder Tore und Türme mit Bäumen davor, dazwischen, dahinter, und verläuft sich ins Grün des Hinterlands. Kriegerischer wirkt die Burg von der Wöhrseite aus. Hier denkt man unwillkürlich an Rothenburg. Der stattliche Eindruck wird noch verstärkt durch die Schenkelmauer, zinnengekrönt strafft sie sich vom Fürstenbau hinab zum Wöhrsee, macht ein rechtes Eck, läuft ungegliedert weiter, sarazenisch detaillos bis zum klobigen runden Turm, der ebensogut in Nürnberg stehen könnte. Jetzt erinnern wir uns, daß auf Sandtners Modell der Burgberg auch nach Norden steil abbricht und sich gegen einen tiefen Graben noch einmal in einem turmhohen Querriegel senkrecht aufbäumt. Damals war der Burgkamm bedeutend länger als die Stadt; denn die Gebäude, in denen jetzt das Gymnasium und Gericht untergebracht sind, gehören, wie die Jesuitenkirche, erst dem 17. Jahrhundert an. Zu Sandtners Zeit duckten sich die Häuser der Bürger wie eine Schar junger Hühner eng und dicht unter die ausgebreiteten Fittiche der Burg, die mit ihren Zwingern, Streichwehren, Laufmauern und viereckigen Zelttürmen, mit Dienstklausen und Wohnhäusern, gedoppelten Tortürmen, Kirche und Kapelle erst die wahre Stadt schien, deren berühmter Uneinnehmbarkeit die dienende unten ihr Entstehen und Fortbestehen verdankte. Zu Sandtners Zeit muß der Kontrast stärker gewesen sein als heut, denn der größte Teil der untern Häuser war 1504 abgebrannt, die Bürgerstadt also funkelnagelneu im Vergleich mit der kriegerischen grauen auf dem Berg, die von der spätromanischen Zeit bis in die letzte Gotik reicht. Diese Feuersbrunst erklärt wohl auch die einzigartige Einheitlichkeit des untern Stadtbilds.   Das ist die mittägige Stunde, in der die Vögel schweigen und nur Grillengeschrill die flimmernde Luft durchschwirrt. Wie im Schlummer blinkt bleiern die Sichel des Wöhrsees, kaum sichtig steht ganz rechts die Wallfahrt Marienberg in weißem Dunst, kaum daß man noch den Dachreiter der alten Zisterzienserkirche von Raitenhaslach erkennt. Das ist die Stunde, in der man den schmalen Rücken des Burgbergs abpilgern soll. Sie ist nicht minder schweigsam und verträumt als die mitternächtige. Nur der baumumstandne Grasplatz vor dem sechsten Hof widerhallt von Kinderlust: ein Ball fliegt hin und her, und die Lehrerin im Nonnengewand spielt fröhlich mit den Fröhlichen. Aber dann begegnet uns kein Mensch mehr. Verlassen schlafen die Höfe, vom sechsten, in dem wir stehn, bis zum vordersten. Denn dies war der Gedanke der Verteidigungsanlage: unbezwinglich nach Süden abfallend, unüberrumpelbar von der Stadt aus, unzugänglich von der Seeseite, konnte die Burg höchstens von Mitternacht ernstlich bedroht werden, darum ist sie in sechs Höfe zerlegt, die von Nord nach Süd immer schmäler zusammenrücken, jeder vom andern geschieden durch einen tiefen Graben oder ein starkes Tor oder beides. Sechsmal sollte sich die Kraft des Angreifers brechen, bis er ermattet vor dem Fürstenbau stand. Diese sechs Höfe sind mit Ausnahme des ersten noch erhalten und deutlich unterscheidbar, wenn auch manche Bauten der Zeit zum Opfer gefallen sind und die tiefgeschnittnen Gräben zum Teil zugeschüttet. Was nicht mehr steht, ist der ungeheure Duerriegel des Kastens mit dem vorgelegten tiefen Halsgraben. Aber unversehrt steht noch der Curaturm, ehedem zum Öttinger Tor gehörig, das nicht nur zur Burg den Zugang sperrte, sondern von Norden her auch zur Stadt. Die Türme und Dienstbehausungen der herzoglichen Beamten und Bediensteten sind Wohnungen für kleine Leute geblieben, zum Teil dienen sie andern Zwecken, wie der Curaturm dem Messungsamt, das folgende Gebäude als Betsaal der evangelischen Gemeinde. Links unterhalb, längs zu unserem Weg, ist das Christophstor; zu ihm stieg, bis Ludwig I. die neue schuf, die alte Straße von der Stadt links neben der Jesuitenkirche steil und unbequem genug empor; sie allein verband Burg und Stadt und auch unten war sie absperrbar durch das Sporertor. Schon stehen wir vor der äußeren Burgkapelle von 1480. Sie ist sehenswert wegen ihrer geistreichen Netzgewölbe; leider sind sie recht eintönig übertüncht, statt daß die zierlichen Rippen, wie in der innern Burgkirche, durch kräftige Färbung hervorträten. Die erneuerten Fassungen und Ergänzungen der Altäre stammen aus den fünfziger Jahren, wo alle Kapläne wußten, was reine Gotik sei; zuviel Gold, Seitenaltäre mißlungen, Schnitzerei zu hoch, die predellenartigen Hauptdarstellungen gedrückt, der Rückgang des Handwerklichen gegenüber dem Mittelalter trotz dem königlichen Auftrag schauderhaft. Aber der Raum, der Raum ist reizend; schön die Tür mit den drei Rollenknäufen und der steinerne Baldachin mit den Gestalten der Verkündigung. Wieder ein derbes Tor, rechts ein alter Sonnenuhrturm mit überdachtem Brunnenhaus: an dieser Stelle beginnt das spitzwegische Idyll der grünumsponnenen Festung mit Kanonenkugeln als Prellsteinen. Es begleitet uns bis zum vordersten Hof: vor allen Türmen, Häusern, Laufmauern liegen Gärtchen mit Beerensträuchern, Obstbäumen, Gemüsebeeten, in denen Hühner picken und Wäsche flattert. Zur Zeit, da der langgestreckte Bau links noch Fronveste war, der rechts Folterturm und Behausung des Eisenmeisters, mag es weniger idyllisch gewesen sein. In dem zweistöckigen Haus mit dem Treppengiebel rechts hauste, wie eine allerdings nicht alte Überlieferung will, der Ahnvater der bayrischen Geschichtsschreibung, jener Johannes Turmaier aus Abensberg, der sich Aventinus nannte, als Erzieher der jungen Prinzen Ernst und Ludwig, der unmündigen Söhne Herzog Albrechts, beide von ihrem frommen Vater dem geistlichen Stand vermeint; der dreizehnjährige Ludwig trug bereits die Tonsur und hatte es schon zum Propst des Freisinger Domkapitels gebracht. Und wiederum ein Torbogen mit Zwillingstürmen, vordem die Wohnung des Zeugwarts. Rechter Hand führt eine kleine Tür zu einer schattigen Aussicht, ziemlich in der Mitte überm Wöhrsee. Es folgt das Zeughaus, ein mächtiges Gebäude, dessen oberstes Stockwerk vordem als Kornkasten diente. Dann stehn wir vor dem Georgstor, zu dem ein tiefer, überbrückter Graben führt. Hier öffnet sich überraschend der erste Blick auf die Stadt; unser Standort liegt in gleicher Höhe mit dem Helmansatz des Pfarrturms. Von hier oben offenbart sich die Einheitlichkeit des Stadtbilds: kein Haus fällt aus dem Rahmen, die ganze Stadt hat Stil. Das ist der zweite Hof, der einstige Burggarten, da ist abermals ein Graben, tief, breit, ausgemauert, überbrückt, und jetzt, erst jetzt stehn wir vor der eigentlichen Burg. Sie ist ein Baubrocken von ungefügen Ausmaßen, nach allen Seiten Zwinger bleckend, nach dem vierschrötigen Riegel der Torseite ein schachtartig gedrückter Vorhof, durch den wir erst in den innersten Burghof gelangen, dessen drei andre Seiten gebildet werden von Dürnitzstock, Schatzkammer und Burgkapelle links, dem für die Frauen bestimmten Längstrakt rechts und dem Fürstenbau dazwischen. Unwillkürlich denkt man an den ersten Akt des Fidelio. In der Höhe des dritten Stocks spannt sich von der Dürnitz zur Pallas ein Quergang, durch den die fürstlichen Frauen zur Tanzhalle im obersten Geschoß der Dürnitz wandelten. Der Rittersaal im Erdgeschoß ist zweischiffig und fünfjochig, gegliedert durch fünf runde Vollsäulen und vierzehn Halbsäulen; vier Fenster nach der Stadtseite, zu jedem Fenster führt eine kleine Treppe, neben jedem Fenster rechts und links gemauerte Bänke: einer der herbsten und darum eindrucksvollsten Profanräume aus hochgotischer Zeit in Südbayern. Das Gewölb der Schatzkammer der reichen Landshuter Herzoge ist seit Jahrhunderten leer; Heinrich der Reiche soll dort 500\ 000 Dukaten in gemünztem Gold gehamstert haben. Streng steinern, unerbittlich das alles, widerspenstigem Haustein abgetrotzt, dem spröden Moränenschotter der Nagelfluh und einem körnig bräunlichen Süßwassertuff. Die innere Burgkapelle, Sankt Elsbethen und den »aindleftthausend Maid« geweiht, ist der älteste frühgotische Bau Altbayerns. Ihr Langhaus steht zum Chor in stumpfem Winkel wie beim Dom zu Chur. Als ihre größte Merkwürdigkeit erschien mir immer der Vers, den Hans von Trenbeck, der greise Hofmeister Ludwigs des Reichen, innen an ihre Tür schrieb und der noch heut an der Wand gemalt ist: »Etwan hätt ich ain gewohnheit, wann ich ausreuth, daß ich Gott vast bath, daß ich her wieder haim trath. nun bitt ich Gott inniglich sehr, daß ich herwiederkomm niemer mehr.« Eines Morgens stand der Spruch da. Siebenundneunzig Jahr war Hans von Trenbeck im herzoglichen Dienst alt geworden, da war er, nachdem er sein Zeitliches in aller Stille geordnet, plötzlich verschwunden. Er ritt nach Gaming in Niederösterreich und trat als Laienbruder in den Kartäuserorden. Im neunzehnten Jahre seines klösterlichen Lebens schickte ihn der Prior zum Einheben der Gilt ins Ennstal, wo er bei Thorsbach mit dem alten Gaul stürzte und starb, über hundertfünfzehn Jahre alt. Im Fürstenbau ist jetzt eine kleine Galerie älterer Meister untergebracht, und in der Kemenate das Ortsmuseum, das nette Stücke enthält und mit einer artigen Sammlung neuerer Gemälde abschließt. Was könnten diese dicken Mauern alles erzählen! Hier hat Herzog Ludwig der Gebartete von Bayern-Ingolstadt jahrelang in der grimmigen Haft seines Vetters Heinrich des Reichen von Landshut geschmachtet bis zum einundachtzigsten Jahre, hier hat desselben Heinrichs unglückliche Gemahlin ein paar Monate später ihr trauervolles Dasein beschlossen. Hierher verbannte Ludwig der Reiche seine Frau, Amalie von Sachsen. Hier versickerten der polnischen Königstochter, die Georg der Reiche auf der glanzvollen Landshuter Hochzeit gefreit hatte, mit unerträglicher Langsamkeit ihre Tage. Und hierher floh zu Tod geängstet die kurfürstliche Familie, als die Schweden gegen München rückten. Unwillkürlich kommt einem das Motto zu Stifters »Narrenburg« in den Sinn: »Sieh nur, welch düstere Geschichten diese Trümmer reden!« Düster sind auch für den Wissenden die Erinnerungen beim Blick aus dem Fenster auf das gegenüberliegende österreichische Hochufer: der meilenlange schwarze Wald ist kein anderer als der Weilhart, da drüben hat der Sohn des Meier Helmbrecht geraubt, da drüben war die ruchlose Hochzeit seiner Schwester Gotlind, dort ist er geblendet und verstümmelt worden, dort henkten ihn die ergrimmten Bauern an einem dürren Baum, nachdem sie ihm einen Brocken Erde in die Hand legten »für unsers Herren Leib«. Aber versäume niemand, auf die österreichische Seite hinüberzugehen, denn sowohl von Norden wie von Süden ist von diesem Ufer aus der Blick auf Burg und Stadt unbeschreiblich malerisch. Nur von hier aus sieht man beide und erfaßt sie als ein zusammengehöriges, zusammengewachsenes Stück mittelalterlichen Städtebaues, eine seltsame Mischung von Sterzing und Carcassonne, denn dieser Burgenstil ist ebensosehr französisch wie tirolisch; man denkt an die Tour de Nesles in Paris, denkt an Spinöl und Marsöl im alten Chur. Wie man gemächlich weiter bummelt, flußaufwärts, ein paar hundert Schritt weiter, auf einmal steht die Burg da wie ein Belagerungswidder aus dem Bellum Gallicum, klotzig und trotzig, als holte sie aus zu einem Stemm- und Remmstoß. Noch vierschrötiger muß es ausgesehen haben, als sie noch das zinnenstarrende Pultdach hatte. Die Entsprechung dazu muß man sich denken: gegen Mitternacht eine nicht minder geharnischte Trutzwehr, die nach rückwärts ausschlägt wie ein Brabantergaul, breithufig und eisern. Allmählich dämmert es einem auf: das war keine Spur von Idyll, das war alles dräuend, zweckgedacht, sachlich, das war, solang nicht mit Feuerwaffen geschossen ward, uneinnehmbar. Vorhin nannten wir die »Narrenburg«. Auch auf diesem, dem oberösterreichischen Ufer begegnet uns Adalbert Stifter. Der geliebte Dichter der »Narrenburg« ist die Straße gefahren, auf der wir wandeln, in einem Brief beschreibt er seiner Frau Burghausen, wie dieses seltsame Doppelgebild, Schicht um Schicht, wenn man von Linz her kommt, langsam auftaucht: »Es war ganz heiter und kalt. Nach 12 Uhr sah ich die Stadt Burghausen vor mir. Eine seltsame Stadt. Lange, altertümliche, festungsartige Mauerwerke, hie und da ein viereckiger Turm, ein runder Turm, am linken Ende ein altes Schloß, von einer Kirche nur sehr wenig Kapellenartiges mit einem kapellenartigen Türmchen. Nun; es wird doch in diesen Mauern eine Unterkunft zu finden sein, dachte ich. Sie lagen gerade vor mir. Da machte der Weg eine Wendung nach rechts, dann wieder eine nach links, dann stand eine Tafel, auf der zu lesen war, daß der Radschuh eingelegt werden müsse. Der Kutscher legte nicht nur den Radschuh ein, sondern bremste auch noch die zwei Hinterräder. Wirklich begann der Weg sanft abwärts zu gehen. Da sah ich ein neues Wunder. Auf dem Felde stand eine Kuppel, wie sie sonst auf großen Türmen sind, mit einem tüchtigen Turmkreuze, als wäre ein Kathedralturm bis auf die Kuppel in die Erde gesunken. Die Straße fing jetzt an steiler abwärts zu gehen. Plötzlich löste sich das Rätsel. Wir kamen ein wenig vorwärts, und zu unsern Füßen lag eine Schlucht und in derselben die Stadt. Was ich früher gesehen hatte, war das alte Schloß und die alte Festung gewesen, die auf einer langen Bergzunge in allerlei Gebäuden oberhalb der Stadt hinging. Jetzt sah ich allerdings eine große Kirche und einen großen Turm, auf dem die Kuppel statt auf dem Felde saß. Zwischen mir und der Stadt war an der Stadt auch noch der Salzachfluß. Die Stadt aber sieht nicht anders aus, als wäre sie aus einem altdeutschen Gemälde herausgeschnitten und hieher gestellt worden.« Wenn die Bauweise der Stadt bayrisch ist, so ist es die der Burg noch ausgeprägter. Bayrisch in ihrem herrischen Willen zum Monumentalen, wie mit den verschämten Lieblichkeiten ihres Schmucks. So, genau so, ist das tirolische Runkelstein im Sarntal und die Trostburg ob Waidbruck. So ist die Hohensalzburg und so Parsberg in der Oberpfalz. Und so ist endlich, um das letzte und nicht nur geographisch Äußerste zu sagen, das Wiener Tor in Hamburg an der Donau, hart vor den Pforten Ungarns, ein schier schreckhaftes Trumm von solchen Riesenmaßen, daß der Beschauer an den grimmen Hagen denkt, der einst dort vorbeizog, auf der Nibelungenfahrt ins Heunenland. Freising (1930) Die Abneigung des Münchners, nordwärts zu wandern, beginnt beim Aumeister; und umgekehrt wird für den Reisenden, der von Norden kommt, Altbayern erst sehenswürdig mit München. Nur so läßt sich verstehen, daß eine so schöne Stadt wie Freising nicht nur unseren meisten norddeutschen Gästen unbekannt bleibt, sondern auch den meisten Münchnern. Wenn die Rompilger, die im Schnellzug an Orvieto vorbeifahren, keine Ahnung haben, welcher Herrlichkeiten sie verlustig gehen, so erklärt sich das aus dem Umstande, daß sie von der herrlichsten Schauseite aller italienischen Dome nichts zu Gesicht bekommen als im Vorüberhuschen eine Kante ihres hohen Giebels. Der Freisinger Domberg hingegen liegt da als ein Wahrzeichen, breit und beherrschend, mit Türmen und geistlichen Gebäuden gekrönt; die gestuften Gärten und schattigen Baumreihen zu seinen Füßen laden freundlich ein, einladend ruht die Stadt dahinter in grüner Mulde, freundlich steigen hinter der langgestreckten Zeile ihrer sonnigen Hauptstraße mit den wohlhäbigen Bürgerhäusern und dem steilen Kirchendach die Villen ihrer jüngsten Bauentwicklung hügelan, dem ununterbrochenen Gürtel ihrer Wälder und Forste entgegen, und gastlich winkt, nur durch diese Talmulde von ihr getrennt, über dem blitzenden Bande der kühlen, fischreichen Moosach, der bewaldete Weihenstephanerberg mit seinen Anstalten für Landwirtschaft, Brauerei, Gärtnerei, seit 1200 Jahren mit Freisings Geschichte verbunden, beide zusammen eine verkörperte philosophische Fakultät der Geistes- und Naturwissenschaften; der eine wie der andre ein mons doctus , ein »gelehrter Berg«. Freising hat in meinem Leben eine zu große Rolle gespielt, und ich habe es zu sehr in mein Herz geschlossen, als daß ich ihm nur mit der Neugier des Städtebummlers gegenüberstehen könnte. Jahre meiner Knabenzeit steigen auf wie geliebte Schatten und reichen ihre Hände denen meiner ersten Verwendung im Lehramt und jenen späteren, wo ich täglich die schattenkühle Lindenbaumreihe des Dombergs hinaufwandelte zu dem alten Gymnasium, von dessen Fenster aus meine Schüler und ich so manchesmal über die himmelhohe Weite der altbayrischen Ebene die Frauentürme suchten und den blauen Kranz des Gebirgs. Und umgekehrt: so oft ich in die Turmstube des nördlichen Frauenturms emporstieg, drängte es mich nicht unwillkürlich zuerst zu jenem Fenster, von dem aus die beiden Freisinger Kuppen zu erspähen waren, mit den blinkenden Mauern ihrer gelehrten Anstalten und den Spitzhauben der Domtürme? München und Freising gehören zusammen, denn München selbst ist seinem Ursprunge nach nichts anderes als eine Trutzgründung Heinrichs des Löwen gegen das um ein halbes Jahrtausend ältere Freising; Bayerns Geschichte beginnt mit den ersten Bischöfen von Freising und den ersten Mönchen von Weihenstephan, und im Titel des Erzbistums sind heute noch die beiden Namen vereinigt. Rein als geschichtlich gewordenes Städtebild ist die alte Stadt ungemein anziehend: auf dem Berge die geistliche Burg der Fürstbischöfe, in der Talsenke die Siedlung der Ackerbürger und Handwerker, ein Doppelgebilde so charakteristisch wie Bamberg, Wimpfen, Genf oder Bergamo. Die Bürgerstadt besteht aus einer langen Hauptstraße, die vom Weihenstephaner Berg bis zum östlichen Steilabfall des Dombergs hinzieht, mit der seitwärts ragenden gotischen Pfarrkirche und den kurzen Seitengassen, die zum höhern Gelände gegen das Ampertal zu hinaufleiten. Diese Bürgerstadt für sich schon ist ein reizendes Stück Altbayern: wohl ein Dutzend gemütliche Schenken und Einkehren für Einheimische und Bauern verteilen sich in geziemenden Abständen, nette reinliche Bürgerhäuser mit Giebeln und Traufdächern, wie sie auch in Erding zu finden sind oder in Landshut, reicher Blumenschmuck an den Fenstern, der Straßenzug selbst erfreulich naturgewachsen: oben am Ende platzartig breit, in der Mitte kraftvoll zusammenrückend, dann wiederum da, wo das hübsche neue Rathaus steht, zu einem schön geschlossenen, etwas ansteigenden Schrannenplatz sich weitend, und abermals treten die Häuser rechts und links zusammen zur Straße, die in leichter Krümme bis zum untern Querriegel führt, wo sie sich teilt, links als Landstraße über Neustift nach Landshut, rechts als Fahrgasse hinan zum Dom. Absichtlich nenne ich keine Einzelheiten, denn jenes behagliche Gefühl Mörikes »In ein freundliches Städtchen tret' ich ein« besteht ja nicht aus Einzelheiten, es ist das plötzliche und beglückende Erlebnis eines Ganzen, das sich nicht zerpflücken läßt. Wenn überhaupt man eine seiner Voraussetzungen nennen kann, so ist diese ein organisch gewordenes Stadtbild mit einleuchtenden Längs- und Querstraßen, Plätzen, Gassen, Durchblicken, Ecken. Straßenreihen, die nicht mit der Schnur gezogen sind, sondern die sich im Lauf der Jahrhunderte von selber zusammengewachsen haben wie zu steinernen Hecken; Plätze, entstanden aus breiten Einstellgelegenheiten für Fuhrwerke, Wochenschrannen für Getreide und Kleinvieh, aufgelassnen Friedhöfen, Gelegenheiten für Dulten und Märkte; Querstraßen, deren jede ihre bestimmte Aufgabe hat, den Verkehr mit einem genau abgegrenzten Stück bäuerlichen Hinterlandes zu vermitteln. Dies fühlt auch, wer zum erstenmal nach Freising kommt, mit wohltuender Klarheit: so viel auch im einzelnen im Wandel der Zeiten geändert worden sein mag, das eine, das Kostbarste ist im ganzen unzerstört, jener jahrhundertalte Zug der Hauptstraße, wie ihn, so naturgeworden wie ein Fußpfad durch Wiesen, der Kern des alten München aufweist, vom Isartor durchs Tal, Marienplatz, Kaufinger-, Neuhauser-Straße bis zum Karlstor, nur daß in München noch ein zweiter, ebenso natürlich entstandener, ihn senkrecht schneidet. Freisings Sehenswürdigkeiten liegen auf dem Domberg, und die größte von ihnen ist der Dom selbst: tausendjährig dem Ursprunge, siebenhundertjährig dem Mauergehäuse nach, romanisch angelegt zur Zeit Friedrich Barbarossas, gotisch überwölbt von Jörg Ganghofer, dem Erbauer der Frauenkirche, festlich aufgehellt durch das frühe, zum großartigen Thronsaal der triumphierenden Kirche neu geschaffen durchs hohe Barock der Brüder Asam. Zwei Rampen führen von der Stadt zu ihm empor: eine steile, von der Einmündung der Münchner Straße her, unter dem hohen Bogen ehemaliger Domherren-Häuser, die unter alten Linden sanft weiterleitet bis zum beschatteten Kruzifix, zu welchem die weniger steile durch die Heiliggeistgasse unter dem Spitzwegtor beim Forstamt mählich hinanbiegt. Wer je einmal an dieser Stelle das vierte Evangelium der Fronleichnamsprozession erlebt hat, die goldbrokatene Herrlichkeit der Dalmatiken der in diesem Jahre zu weihenden jungen Diakone und Subdiakone, die weißen Blüteninseln der kleinen Mädchen, das fröhliche Glänzen der Zunftfahnen, ringsum, tüchergeziert, mit Bildern, Statuen, brennenden Kerzen der steinerne Wall der Gebäude, die lichten Birken davor, die dunklen Wipfel der Linden, die ragende bischöfliche Burg, hinter der weißen Johanniskirche der altersgraue Dom, Teilnehmer und Zuschauer Kopf an Kopf sich stauend die beiden Zufahrten hinab und hinauf bis zu den festlichen Bögen des Fürstengangs zwischen Klerikalseminar und Dom, und dann, nach erteiltem Segen, wie diese tausendköpfige Menge nicht auseinandergeht, eh nicht der letzte Takt der letzten Strophe des »Großer Gott wir loben dich« verbraust ist, – der hat eine Ahnung, was Freising, was Altbayern ist. Über diesem Vorhof der Natur erhebt sich erst der Vorhof der Architektur: ein einfaches, weiträumiges Rechteck, auf allen vier Seiten mit fester Hand baulich umrahmt, die Stirnseite des Doms so schlicht wie die der nächstbesten lombardischen Landkirche. Nur die beiden Türme sind von archaischer Wucht. Abermals durcheilen wir eine Vorhalle, die innere, dämmerige aus dem Jahrhundert Barbarossas mit den steinernen Bildnissen des Rotbarts und seiner Gemahlin Beatrix von Burgund, dann aber, auf der obersten der acht Marmorstufen, die ins Mittelschiff hinabführen, bleiben wir stehen wie gebannt: die Großartigkeit des ersten Eindrucks überwältigt. Mit einem einzigen Blick umfaßt das Auge die detaillose Erhabenheit eines gewaltigen, durch kein Ouerschiff gebrochenen basilikalen Raums, entlang das Doppeldutzend hoher Pfeilerarkaden und Emporenbögen übereinander rechts und links, hinan die herrlichen dreizehn Stufen zum Priesterchor in voller Schiffbreite bis zur Muschel des dunkelgoldnen Hochaltars mit dem Triumphgemälde nach Rubens, uns zu Häupten das Riesengewölbe des Mittelschiffs mit den Kolossalfresken der Asam. Die ungewöhnliche Überhöhung des Priesterchors ist bedingt durch die unter ihm liegende Krypta, seine ungewöhnliche Länge durch die Bestimmung der Basilika als Domkirche. Die Kühnheit des mittleren Tonnengewölbes aus der gotischen Zeit ist der außerordentlichen Spannweite wegen schon rein technisch eine erstaunliche Leistung. Die Verbindungen ins Innere hinabführenden achtstufigen Podesttreppe mit der säulengetragenen Orgeltribüne und den Emporenstiegen war ein glücklicher Einfall. Aber erst das Barock der Asam verbindet alles einzelne durch das einheitliche Prachtgewand der gesamten Innenarchitektur und fügt als raumschaffendes und raumgliederndes Element die Farbe hinzu: verwandte koloristische Akkorde immer neu, geistreich, dramatisch verbunden, ausgewechselt, gesteigert, goldbronzenes Ockergelb, ein tintorettohaftes Rosa, Violett, Olivgrün, Blau, Purpur, als Gegengewicht die epischeren Tönungen der Korbiniansfresken, das kühle Schimmern der geschliffenen und geäderten Pfeilermarmorierung, alles fest zusammengehalten durch das Weiß der Pfeiler, Leisten, Loggienrahmen, die Stukkaturen der Pfeilerkrönungen, Muscheln, Voluten, Netzwerkgitter, Gipsrosetten, Engelputten, Fruchtkränze. Wie alle großen alten Kathedralen ist der Freisinger Dom eine durch niemals unterbrochne Überlieferung ehrwürdige Lebensgemeinschaft von Kunstwerken aus allen Jahrhunderten. Sein Kern ist die alte Unterkirche, von bedeutenden Ausmaßen wie ihr Vorbild von Sankt Zeno in Verona, mit den 24 Säulen, deren mittlere zu den größten Merkwürdigkeiten frühmittelalterlicher Bildnerei zählt. Aus der gotischen Zeit stammen die dreischiffige Vorhalle, der stimmungsvolle Kreuzgang mit seinen Grabplatten und der anmutigen Benediktuskirche, die feine Sakristei, das wundervoll geschnitzte Chorgestühl von 1488, die Beweinungsgruppe des Münchner Meisters Erasmus Grasser. Aus der Nach-Renaissance die edlen Altarblätter aus Peter Candids Werkstatt und die prachtvollen schmiedeeisernen Gitter. Ein Kleinod ist der Abschluß des rechten Seitenschiffs: die Asamsche Johanneskapelle, die in einem Atem mit Weltenburg und der Kirche in der Sendlinger Straße genannt werden muß. Jedes Jahrhundert hat den Freisinger Dom durch den Gestalt gewordenen Ausdruck der ihm eigentümlichen Frömmigkeit bereichert, ungestört sind die meisten dieser Kunstschätze in treuer Hut an Ort und Stelle geblieben. Wir wandeln durch zwölf Jahrhunderte altbayrischer Geschichte, deren Denkmale wohlerhalten an ihrem ursprünglichen Platz stehn in einem unvergleichlichen Raum, der sie steigert und den sie steigern. Wir verlassen den Domberg, nicht ohne seine beiden feinsten Sehenswürdigkeiten zu begrüßen: die lichtfreudige Johanneskirche aus dem hohen Mittelalter, in ihrer spröden Holdseligkeit auch sie eine bella villanelia , wie Michel Angelo die Franziskanerkirche unter San Miniato nannte. Dann gehn wir auf die schönräumige Terrasse mit den alten Bäumen und den vorgelegten Rustika-Bögen mit ihrer herrlichen Weitsicht vom Watzmann bis zum Säntis, unabsehbar in hundertfältigem Grün davor der Teppich der Hochebene, Pappelalleen, Wälder, Wiesen, Felder, eine aufglänzende Krümme Isar, in dunkler Rahmung der elfenbeinweiße Schrein des Schlosses von Schleißheim, am Südrande des Gefilds von Moor- und Heideland München mit den Frauentürmen im Mittagsdunst verschwimmend. Grün und buschig steht zur Rechten der Weihenstephaner Berg. Wer möchte seiner Einladung widerstehen und der Einladung der freundlichen, gastlichen Stadt? Sie laden zu einem langen Abschiedstrunk in einer kühlen Schenke. Denn auf beiden Hügeln dieses Parnassus biceps wurde seit Jahrhunderten reines, vollmundendes Bier gesotten und in Weihenstephan steht die Hohe Schule des deutschen Brauwesens: wo immer uns in weiter Welt ein Trunk Bier labt, in Rom oder Kopenhagen, in Kairo, Kapstadt, Buenos Aires – es ist hundert gegen eins zu wetten, daß der Braumeister ein alter Weihenstephaner ist. Weihenstephan bei Freising kennen auch unsere norddeutschen Gäste von Berliner Schankstellen her. Aber sie sollten auch Freising bei Weihenstephan entdecken. Denn neben und vor Bayern-München, dem herzoglichen, kurfürstlichen, königlichen, gibt es ein Bayern-Freising, das geistliche, bischöfliche, und beide zusammen sind erst Altbayern. Bayerns Frühgeschichte spielt sich von der geistigen bis in die Bodenkultur ab zwischen den Stiften von Salzburg, Tegernsee und Freising. Wer Freising nicht kennt, kennt Altbayern nicht. San Gimignano (1909) Der Reisende, der auf der stillen, nur dreimal wöchentlich durch den Schnellzug von Florenz nach Rom belebten Strecke Empoli-Chiusi nach Siena fährt, erblickt zwischen Certaldo, wo Boccaccio starb, und Poggibonsi, wo Heinrich der Luxemburger Hof hielt und Recht sprach, rechts hoch oben scharf abgegrenzt auf kurze Zeit eine über grünem Gelände aufsteigende, von gelben Mauern umschlossne kleine Stadt, die ein Dutzend altersgrauer viereckiger Geschlechtertürme von unterschiedlicher Höhe zum Himmel reckt. Dieser Silhouette verdankt San Gimignano den Namen la citta delle belle torri , wenn auch die Türme bei näherm Beschauen sich mehr als uralt und wuchtig, denn als schön darstellen. Die nicht allzu zahlreichen Reisenden, die vom etruskischen Volterra kommend oder an der Station Poggibonsi die Fahrt unterbrechend oder von Siena aus als Tagesausflug zur Stadt der schönen Türme hinauffahren, vorbei an grünen Weinstöcken und silbergrauen Ölbaumgärten mit dem Wagen, werden meistens durch dies abenteuerliche Stadtbild gelockt. Einige, die von Bildern und Stichen her wissen, daß solch kriegerisches Aussehen mit Turm an Turm allen toskanischen Städten des ausgehenden Mittelalters eigentümlich war, schätzen in San Gimignano die am reinsten erhaltene und von den Jahrhunderten unberührt gelassene Stadt aus der Zeit Dantes, ein Stück Trecento, in und vor dem die Zeit stille gestanden ist. Freunde des Benozzo Gozzoli laben sich in der kleinen Kirche Sant Agostino an den (abgesehen von der Medicikapelle im Florentiner Palazzo Riccardi) weitaus am glücklichsten erhaltenen Fresken des liebenswürdigen Schilderers. Geschichtsforscher und Kunstgelehrte wissen, daß San Gimignanos politische Geschicke anfänglich von den Bischöfen von Volterra, dann abwechselnd von Florenz, Siena und abermals Florenz abhingen, während seine künstlerische Entwicklung zuerst entschieden nach Siena weist, dann nicht minder deutlich nach Florenz, und so eine der eigenartigsten Seiten italienischer Kunstgeschichte glänzend ausfüllt. Rein als bodengewachsenes Bauwesen ist San Gimignano eine der seltsamsten Städte Italiens. Malerisch reizvoll, von wo aus man sie von fern erblicken mag; unerschöpflich an Durchblicken, Überschneidungen, Schatten, Helligkeiten; geisterhaft anheimelnd, wenn man durch die engen Schachte ihrer langgestreckten Gassen schreitet. Malerisch ist ihr Gewinkel schlanker Stadtburgen aus braungrauem Kalkstein und rotgelben Ziegeln (auch baulich vermittelt sie zwischen der zierlichen Ziegelarchitektur Sienas und den massigen Pietraserena-Quadern von Florenz), streng und herrisch, aber nicht düster die Sprache ihrer Zinnen, Mauern, Bastionen, Türme, ihrer schmalen, turmartig gegliederten Häuser mit den wunderlichen Fenstern: teils ungefügig rechteckig, teils nach Sieneser Vorbild zierlich gegliedert in gurtenüberspannte, durch Säulchen geteilte gotische Zwillingsbögen mit Kleeblattgiebel. Am schönsten zeigt sich das Städtchen von der Höhe der Rocca aus, der alten Veste, die dem händelsüchtigen Gemeinwesen von den Florentinern zur Warnung und Beruhigung als Zwingburg aufgerichtet worden war. Ganz unten links, wo der Hügel anschwillt, die turmartige Stadtburg der Pesciolini, einer der fünf adligen Familien, die von den vierundzwanzig im Rathaus aufgezeichneten Geschlechtern heut noch bestehen. Dann, wo die Via San Matteo steiler ansteigt, die Zwillingstürme der Salvucci, zwischen denen sich die niedrigere Torre Pettini halb versteckt. Es folgen die zwei des alten Palazzo del Podesta, von denen der größere, der Uhrturm, die Höhe angibt, die von Bürgern unter Androhung der Verbannung, selbst des Köpfens, nicht übertroffen werden durfte. Daneben, kenntlich an den mächtigen Schallöffnungen für die Glocken, der breite Turm der Kollegiatkirche und rechts von ihm der höchste, der des Rathauses. Mit den drei Türmen der Becci, Bugi, Campatelli und dem des Leon Bianco, des einen der beiden Gasthöfe, senken sich Straße und Stadt hügelab. Schön ist der Rundblick von der hohen Brüstung inmitten der verfallnen, bis auf karge Trümmer verschwundnen Veste, an deren Stelle nun ein friedliches Gütchen steht mit der altitalischen Dreschtenne, drauf Maiskolben geschichtet sind, efeuüberwuchertes Gemäuer und ein verwilderter Garten mit Ziehbrunnen: das Auge wird nicht satt, über das wellige Hügelland dahinzugleiten mit dem unendlichen Himmel über den blinkenden Ortschaften, saftgrünen Wölbungen und Talsenken. So hoch wir stehen (fast vierhundert Meter), erblicken wir doch von den nahen Orten nur das weiße Certaldo. Siena versteckt sich hinter der bewaldeten, langgestreckten Kalkgruppe der Montagnola, das nahe Volterra hinterm Poggio di Comuni (hingegen ist der geborstne Turm von Montemiccioli gut sichtbar); an ganz hellen Tagen vor Witterungsumschlag soll links neben den Bergen des Chianti noch Fiesole herüberschimmern. So friedlich schläft das Städtchen in der Sonne, als hätte es nie eine bewegte und wilde Geschichte gehabt. Seine Anfänge sind umwittert von den Nebelschwaden alter Sage. Gleich Siena, aber mit geringerer Evidenz führt es seinen Ursprung auf die Römer zurück; Silvius, einer von Catilinas Mitverschworenen, habe es gegründet, der bischöfliche Blutzeuge Geminian von Modena es durch sein himmlisches Erscheinen vor Attilas Horden gerettet, worauf der alte Stadtname Castello della Selva ihm zu Ehren umgetauft wurde. Der Langobardenkönig Desiderius habe dort einen Palast errichtet, Karl der Große dem Gemeinwesen kaiserliche Privilegien verliehen. Um 1200 hat sich die Stadt von der Herrschaft des Bistums Volterra gelöst und wählt jährlich ihre drei Konsuln. Glockengeläut ruft den Rat der Fünfzig und den großen Rat in die Pfarrkirche. Erster Podesta ist Maghinardo Malavolti aus Siena. Um 1202 beginnen die Kriege der Sangimignanesen: mit den Burgherren ringsum, dem Bischof, der Stadt Volterra. Florenz oder Siena trennen von Zeit zu Zeit die rauflustigen Nachbarnester. Krieg herrscht in der Stadt selbst zwischen den Grandi und den Popolani , der mit dem Sieg der letzteren endigt. Unaufhörliche Verfassungswechsel und Verfassungskämpfe wie im benachbarten Siena. Unter dem zweiten Friedrich ist die Stadt gut kaiserlich, bis 1246 die Welfen, durch eine ungewöhnlich hohe Kirchensteuer erbittert, von Guido Ardinghellis Söhnen geführt, in Abwesenheit des Podesta die Ghibellinenhäuser stürmten. Damit beginnt die jahrhundertelange Fehde der Ardinghelli und Salvucci, die San Gimignano zu Grund richtet und der Herrschaft von Florenz überantwortet. Kämpfe zwischen Ghibellinen und Guelfen, zwischen Salvucci und Ardinghelli, zwischen jeweiligen Machthabern und den fuorusciti , haßvolle Verbannungen, großherzige Amnestien, kleinliche Ausnahmen von der allgemeinen Begnadigung, Plünderung, Bürgerkrieg, Straßenkämpfe, Schleifung von Häusern, Türmen, Mauern, rauchende Trümmer, Brandgeruch in der Luft, Blutlachen in den Straßen, die Stadt ist welfisch mit Florenz, kaiserlich mit Siena, welfisch unter Karl von Anjou, »schwarz«, als die Welfen sich wieder in Schwarze und Weiße spalten; neuer Krieg mit Volterra, den zu schlichten Florenz, Siena und Lucca zusammenwirken müssen; glorreich abgeschlagne Versuche zu einer Tyrannis; Unterwerfung an Florenz auf Gnade und Ungnade; neue Ränke, Handstreiche, Staatsstreiche der Ardinghelli; Verödung durch die Pest von 1348; Verschuldung an die großen Bankhäuser in Florenz; Verwüstung durch immer neue Parteien; Hinrichtung der zwei jüngsten Ardinghelli; Vertreibung aller Salvucci und Einäscherung ihrer Stadtburgen; Verheerung der ganzen Umgegend durch das rächende florentinische Heer, Einrücken der Florentiner, Rachedurst von Straße gegen Straße, Familie gegen Familie, Haus gegen Haus. Endlich erreichen die Ardinghelli den Ratsbeschluß rückhaltloser Unterwerfung unter Florenz. Beide Teile wetteifern an Großmut: die Sangimignanesen schicken wegen der Bedingungen der Übergabe ein leeres Blatt Pergament unterschrieben und besiegelt nach Florenz, die Florentiner ein ebensolches nach San Gimignano; am 11. August 1353 ist die anderthalbjahrhundertlange Unabhängigkeit von San Gimignano zu Ende, und seine Geschichte ist von da ab eine Anmerkung zu der von Florenz. Was nützt fürderhin aller Pomp, Herrscherstab und Stadtschlüssel auf Purpurkissen, Brokatprunk und Samtglanz, Ratsbanner und Stadtsiegel, der Gonfaloniere im roten Amtstalar, fanfarenblasende Edelknaben in den Stadtfarben Rot und Gelb, mit schwarzen Käppchen und grünen, mit silbernem Wappen bestickten Mänteln: gefallen ist San Gimignanos Größe, dahin seine Freiheit, es ist eine tote Stadt geworden, eine Stadt des Schweigens. Krähen nisten in den dreizehn Türmen, die von den zweiundfünfzig einst vorhandenen noch erhalten sind, Efeu überwuchert die rotgelben Mauern, ein friedlicher Diener führt den Fremden in den großen Rathaussaal, in dem dereinst Dante gestanden an jenem achten Maitag 1300, um als Gesandter der Republik Florenz vor San Gimignanos Podesta und Prioren die Erneuerung des Guelfenbundes zu beantragen. Denn wahrhaftig ist er auch hier gewesen, der gewaltige Unstete, um als Parteigänger, der er mit Leidenschaft war und blieb, die Vorverhandlungen zum großen Guelfentag zu führen. Es gewährt eine eigentümliche Befriedigung, sich Dante gerade in dieser Stadt wandelnd und handelnd vorzustellen, die treuer denn irgendeine andere das Aussehen seines Jahrhunderts bewahrt hat; die Geschichte hat nicht immer soviel Sinn für das, was Stil ist. Noch ein andrer Gewaltiger ist durch diese Gassen geschritten: Savonarola, der in der Collegiata 1484 und 1485 die Fastenpredigten hielt und hier zuerst seine drei großen Leitgedanken dem Volk verkündete: »Die Kirche wird gegeißelt werden, und dann erneuert; und das wird bald sein!« Der düstere Predigermönch hat die Collegiata genau so gesehen, wie wir sie heut noch sehn: wenn er auf der Kanzel stand und geradeaus zum Volk sprach, fielen seine Blicke auf Taddeos Jüngstes Gericht und streiften die großen Wandbilder des Alten und des Neuen Bundes. Anderthalb Jahrhunderte hatte San Gimignanos geschichtliches Eigenleben gewährt. Zugleich mit dem Fall des Gemeinwesens an Florenz setzte sein ungefähr ebenso langes und gleich eigentümliches Kunstleben ein, das seinen Ausdruck vor allem in zwei großen Freskenreihen fand, in der des Sienesen Barna in der Pfarrkirche und des Florentiners Benozzo Gozzoli in S. Agostino. Da San Gimignano keinen Bischof beherbergt, besitzt es auch keinen Dom, sondern nur eine mit Kanonikern besetzte Pfarrkirche, die Insigne Collegiata. Freilich verwundert es zu hören, daß gerade hier kein Bischof amtet; da die Umgegend ihrer zehn aufzuweisen hat, wär es auf den elften nicht angekommen: Florenz, Fiesole, Arezzo, Cortona, Siena, Colle, Volterra, Pisa, Lucca, Empoli – zehn Bischöfe auf einem Flächeninhalt kaum größer als Oberbayern; Volterra ist nur zwölf Kilometer von Colle entfernt, Fiesole gar nur fünf von Florenz. Die Collegiata stammt aus dem zwölften Jahrhundert. Sie ist ein dunkler dreischiffiger Gewölbebau mit einem schmalen Querschiff. Die Gurtbogen im Mittelschiff sind Korbbogen, die im Querschiff spitz. Doch nicht das Baukünstlerische ist bemerkenswert, so wenig wie die schmucklose Stirnseite mit der mächtigen breiten Freitreppe davor, sondern der erstaunlich reiche Freskenschmuck. Die ganze linke Wand ist bemalt, mit Darstellungen aus dem Alten Bund, die von Bartolo di Fredi stammen. So stümperhaft sie übermalt sind, gut waren sie überhaupt nie: » Non fu invero molto buona «, schrieb schon der alte Vasari von Bartolos Werk. Das Störende und auf die Dauer Unerträgliche ist nicht der Mangel an Perspektive, sondern das Fehlen jeglichen Sinns für Raumbehandlung, für Verteilung der Gestalten über die gegebne Fläche, für sinngemäßes Zusammengehen, Überschneiden und Gleichgewicht der beherrschenden Linien. Die Fresken mit mehreren Personen sind ein roher Salat von Köpfen, Armen und Beinen. Ganz anders verhält sich's mit dem Heilandsleben Barnas, welches die ganze rechte Seitenwand ausfüllt. Hier haben wir's mit einem nicht nur kunstgeschichtlich bedeutenden, sondern auch an sich wertvollen Werk zu tun, das den Vergleich mit Giottos Zyklus in Padua mit Anstand aushält. Wäre das abgelegene San Gimignano bekannter und besuchter, Barnas Wand wäre längst so berühmt wie Giottos Fresken in der Madonna dell' Arena. Leider nehmen sich die wenigsten Italienreisenden die lohnende Mühe, ein paar Stunden lang das himmlisch schöne Hochaltarbild des Duccio im kühlen Dommuseum von Siena ernstlich zu betrachten, um dann, den frischen Eindruck davon im Kopf, und, was nicht überflüssig, Nachbildungen davon in der Tasche, nach San Gimignano hinüberzufahren, um vor Barnas Wandbildern genaue Vergleiche zu gewinnen und an Ort und Stelle aufzuzeichnen. Gleich die »Verkündigung« im ersten Bodendreieck rechts regt verschiedene Fragen an. Cavalcaselle, der die Größe Barnas noch nicht ganz erkennt, zählt bei dieser Gelegenheit die Vorzüge auf, die er dem Maler zubilligt: anmutige Gestalten, natürliche Gebärden, sorgsame Zeichnung, leichte Gewandordnung, warme Farbengebung. Wofür er kein Auge hat, ist die klare Einteilung des Raumes, das spielend leichte Einfügen des Kämmerchens mit der Treppe links und dem Vorgemach rechts in den Dreieckbogen, die wirkungsvolle Anordnung der drei Personen. Schon ihm fällt die Magd auf,die neben dem Hauptgemach, den Spinnrocken in der Hand, zu lauschen scheint: » è una figura che ha del grandioso «, sieht er richtig, redet aber dann von » forme meno nobili ... quali convengonsi ad una fantesca »,«, wo ihm ein Blick hätte sagen müssen, daß diese »weniger edlen, mehr für eine Magd passenden Formen« von dem großartigen Frauenschlag Ambrogio Lorenzettis stammen, wie er ihn auf dem Fresko vom guten Regiment im Sieneser Rathaus verewigt hat: ihr Kopf ist genau der der Justitia, ihre Haltung ziemlich genau die der Pax. Wie geschickt sich Barna mit dem ihm zur Verfügung stehenden Raum abfindet, zeigt auch die »Anbetung der Hirten«: links der in Schlaf versunkene Joseph, rechts die verehrend sich bückenden Hirten, in der Mitte Maria mit dem Kinde. Mit Köpfen und Rücken stoßen die Hirten an dem schrägen Stalldach an; dadurch wird die Enge eindringlich betont, das Gesamtbild schließt sich straff, und die Linien gehen zielvoll zusammen. In seiner Studie über die Blütezeit der sienesischen Malerei hat Rothes den fruchtbaren Einfall einer Geschichte der malerischen Motive für diese Künstler mit Liebe und Glück durchgeführt. Ein Musterbeispiel bot hierfür »Der Mord der unschuldigen Kinder«. Man kann von Duccios Dombild über Lorenzetti und den Maler von Assisi die Entwicklungslinie bis zu Barna verfolgen; seine Lösung steht an Raumverteilung beträchtlich über dem Fresko aus der Unterkirche von Assisi, unvergleichlich über Giottos mattem Paduaner Bild. Den Vergleich mit Giotto zieht Rothes nicht, und doch ist er nicht zu umgehen; Barna ist lang genug über der urteilslosen Bewunderung aller von Giotto stammenden oder ihm mit Recht oder Unrecht zugeschriebnen Bilder vernachlässigt und geringgeschätzt worden, und es ist wahrhaftig nicht zu früh, daß er zu den ihm gebührenden Ehren komme. So steht auch »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« wiederum nicht nur über dem Fresko in der Unterkirche von Assisi, sondern ebenso über dem in der Arena: die Zahl der Schriftgelehrten, auf dem ersten Bilde vierzehn, auf dem des Giotto zehn (soweit die starken Beschädigungen eine sichere Zählung zulassen), ist bei Barna auf sechs verringert; Maria und Josef kommen von links wie bei Giotto; aber wie ist der Ausdruck dieser sechs Männerköpfe ins Grimmige erhöht! Ebenso zeigt die »Taufe im Jordan« in der Stellung der Gruppe Verwandtschaft mit Giottos Arenabild: hier wie dort Jesus übergroß im Verhältnis zu den anderen Personen, hier wie dort dieselbe Haltung des sich über das Ufer vornüberbeugenden Täufers und dieselbe Bewegung, durch die er mit der Linken sein Überkleid festhält. Für das großartige Fresko der »Verklärung« ist ein Vorbild nicht nachzuweisen, hingegen läßt sich die »Erweckung des Lazarus« genauer verfolgen. Die beiden Darstellungen Giottos (aus der Unterkirche und aus der Arena) stimmen fast vollkommen überein; Barna erweckt durch Zusammenpressen der Gruppe links mühelos den Eindruck einer starken, nachdrängenden Volksmenge, verlegt den Vorgang vor das Grab selbst, läßt nur die eine Schwester vor Jesus auf die Knie sinken (die Linie ist unbeschreiblich edel) und ordnet das Bildganze, anstatt rechteckig und aufgelöst wie Giotto, quadratisch, zusammenstrebend und durch Gleichgewicht der Linien übersichtlich. Für den »Einzug in Jerusalem« folgt Barna zunächst dem Duccio, indem auch er diesem Gegenstand den Raum von zwei Feldern gewährt; von Pietro Lorenzettis Wandbild in der Unterkirche zu Assisi wird er angeregt, diese zwei Felder neben-, anstatt untereinander zu legen, um so dem Vorgang anstatt räumlicher Tiefe Ausdehnung in die Breite zu geben. Dies ist freskomäßig richtiger (die senkrechte Leiste, die bei Barna die beiden Felder trennt, rührt von einem wackern Anstreicher her, der sie aus Unverstand hineinpinselte: den Jüngling, der Jesu den Teppich unterbreitet, schneidet sie unbekümmert in zwei Hälften!). Die Abhängigkeit von Lorenzetti ist ebenso auffallend, wie die übereinstimmende Gebärde des Jünglings, der sich das Gewand über den Kopf abstreift, bei Barna und bei Giotto (Arena). Im »Abendmahl« ist die »Anordnung« Barnas ungleich natürlicher als die Duccios, indem auch an beiden Tischenden je ein Jünger sitzt, und so die Gruppe sich besser über den Tisch verteilt. Die Gebärden, besonders der Hände, sind ausdrucksvoller, die Jünger nicht mehr jeweils gleichgerichtet mit Kopf und Rumpf, sondern in freier Bewegung sich gegenseitig anblickend, die Haltung des dem Heiland an der Brust liegenden Johannes zärtlicher und ungezwungener. Man braucht das Fresko nur mit dem Giottos (Arena) zu vergleichen, um den großen Unterschied zu erkennen. An diesem und dem folgenden Wandbild, »Judas zum Verrat bewogen«, läßt sich am schärfsten der Fortschritt vor Augen führen, den Barna für die sienesische Kunstentwicklung bedeutet: bei ihm schließt sich die Gruppe der Hohenpriester zu einem strengen Halbeirund zusammen, und die Palasthalle im Hintergrund bildet das kapselartige Gehäus für die Personen, während sie sich bei Duccio unruhig loslöst. In dem Bild »Jesus auf dem Ölberg« läßt Duccio, nach älterer Art, den Heiland zweimal erscheinen, was umso störender wirkt, als die beiden Gestalten unmittelbar nebeneinander sind und sich die Rücken zukehren. Aber auch der Vorgang selbst ist bei Barna mit lebendigerem Ausdruck behandelt. Während Duccio darstellt, wie Jesus den drei verschlafenen Jüngern die Müdigkeit vorhält, trennt Barna den einsam betenden Heiland von den Jüngern und unterscheidet ganz deutlich die drei gegen den Schlaf vergeblich Ankämpfenden von den sich ihm wehrlos Überlassenden nicht nur räumlich, sondern auch in der ganzen Haltung. Für die »Gefangennahme« ergeben sich ebenso aufschlußvolle Vergleiche. Bei dem Maler der Oberkirche von Assisi ist die Handlung fast so zahm wie bei Duccio: Jesus wird von Judas kühl geküßt, Bewaffnete drücken rechts und links herein, Petrus säbelt gemütlich dem Malchus das Ohr ab. Bei Giotto (Arena) ist die Anordnung der Personen annähernd so wie später bei Barna, aber sie sind nicht scharf geschieden. Hierin ist Barna wieder überraschend klar und wuchtig: links die Jünger in wilder Flucht; nur einer ist ausgeführt, die andern bloß angedeutet. Ungestüm drücken die Kriegsknechte herein wie ein starker Heerhaufen; man sieht nichts als ein Gedräng von Helmen, Feldzeichen, Lanzen, Schildern, Laternen. Unbeschreiblich ist der Ausdruck wehrloser Trauer bei Jesus und teuflischer Tücke bei Judas; Petrus hat den Malchus zu Boden geworfen und haut dem sich Wehrenden voll Ingrimm das Ohr ab. Zeigt sich hier der Dramatiker Barna in seiner Größe, so offenbart sich der das Wesentliche erfassende Freskenmaler nicht minder in den Szenen vor den Hohepriestern und vor Pilatus. Duccio folgt gewissenhaft dem biblischen Bericht: er malt die drei Vorführungen vor Annas und Kaiphas und schenkt sich keine der drei Verleugnungen des Petrus. Daraus macht Barna ein einziges Wandbild: Jesus vor dem Hohenpriester. Die Vorführung vor Herodes läßt er ganz weg. Durch das einfache Mittel, daß er den Thron des Hohenpriesters erhöht, gliedert er den Vorgang: links die Pharisäer, rechts die Kriegsknechte, im Vordergrund Jesus. Dargestellt ist der Augenblick, da der Hohepriester sein Kleid zerreißt und sein Kriegsknecht (genau wie bei Duccio) zum Schlag wider Jesus ausholt. Aus Duccios sechs Pilatusszenen macht Barna gar nur zwei: Geißelung und Dornenkrönung. Seine beiden geißelnden Kriegsknechte sind von einer Wildheit und Gespanntheit der Bewegung, die völlig unitalienisch ist und eher an deutsche Meister erinnert. Bei Duccio verhandelt Pilatus mit den Juden über Jesus und dessen Peiniger hinweg, so daß eine tote Stelle im Hintergrunde bleibt; bei Barna sind die Gruppen wiederum scharf geschieden und Pilatus spricht von oben herab; also abermals der dreifache Fortschritt hinsichtlich der Raumverteilung, der dramatisch klaren Anordnung, der ausdrucksvollen Gebärde. Das Fresko Lorenzettis in der Unterkirche von Assisi wirkt dagegen matt, und seine architektonischen Spielereien lenken vom Vorgang nur ab. Ebenso ist Barnas »Dornenkrönung« beträchtlich wuchtiger als diejenige Duccios: alles ist dramatischer, jede Person an der Handlung irgendwie beteiligt. Jesu sind die Augen verbunden; seine Haltung drückt vollkommene Ergebung aus. Bei Duccio ist Pilatus Zeuge des Vorgangs! Auf Duccios »Kreuztragung« ist dargestellt, wie Josef von Cyrene Jesu das Kreuz für eine Weile abgenommen hat; bei Barna, wie Jesus es selbst schleppt und dazu noch gestoßen wird, ein Kriegsknecht zerrt ihn sogar an dem Strick, den er um den Hals tragt. Umso ergreifender wirkt in ihrer knappen Andeutung die Gruppe der weinenden Frauen mit Maria. Wie bei dem »Einzug in Jerusalem« folgt Barna auch bei der »Kreuzigung« hinsichtlich des Flächenverhaltnisses dem Duccio, indem er diesem Vorgang viermal soviel Raum zuweist als den andern. Jedoch auch hier wieder ist bei Duccio die Raumgliederung rechteckig und nach der Höhe strebend, bei Barna mehr quadratisch. Übrigens ist dies Fresko dem Barna nicht mehr allein zuzuweisen, da er einer unwidersprochenen Überlieferung nach vom Gerüst fiel und sich das Genick brach, eh es fertig war; sein Schüler und Gehilfe Giovanni d'Asciano hat es beendigt. Die unschöne Häufung der drei Pferde mit den auf die Leichname zielenden Kriegsknechten ist vermutlich auf Rcchnung Giovannis zu setzen, und nur das vierte und fünfte rechts unten mit dem Hauptmann (»Wahrlich, dieser war Gottes Sohn«) sind von Barna. Dafür spricht folgendes: erstens stellt Barnas unmittelbares Vorbild Duccio die drei Kreuze in den leeren Raum, sodann ist es gar nicht Barnas Art, durch mehrere gleichzeitige Handlungen vom Hauptvorgang abzulenken, ferner stehen die beiden mittleren Pferde schlecht im Raum, endlich wird die ganze Darstellung sofort klarer und Barnaischer, wenn man sich diese plumpen Tiere wegdenkt; auch der Pferdeschlag der beiden obern ist roher als der der untern: die obern sind von brabantischer Schwere. Für die Gruppen der Umstehenden hat sich Barna oder Giovanni weniger an Duccios ergreifende Vorlage gehalten, als an die sienesisch beeinflußte und dem Giotto zugeschriebene Darstellung aus der Unterkirche von Assisi: auf beiden die um die ohnmächtige Maria bemühten Frauen, die ängstlich hin und her flatternden Engel (über dem Kreuz des verstockten Schächers hat der Maler zwei wunderliche Teufel angebracht). Ob die Gruppe der würfelnden Soldaten, ob vor allem die Kindergruppe dahinter von Barna herrührt, ist fraglich; beides liegt nicht in seinem Stil. Der Hintergrund, bei Duccio blau, ist bei Barna warm und dunkel. Erstaunlich gut ist bei Barna die Behandlung des Nackten: als Akte, noch mehr dem Ausdruck nach, gehören die drei Leichname zum Besten der Zeit: der Schächer rechts ist so vorzüglich, daß man geneigt wäre, an eine Übermalung aus dem Cinquecento oder noch später zu denken, fände sich nur auch an den übrigen Fresken die leiseste Spur einer derart glücklichen späteren Hand. So wird nichts übrig bleiben, als diesen glänzenden Akt dem Barna zu lassen. Barna ist mit 24 Jahren gestorben. Der Anstreicher Giovanni d'Asciano hat sein Werk vollendet, spätere Anstreicher es zum Teil übermalt und verdorben. Welchen Einfluß Barna, wäre er am Leben geblieben, auf die sienesische und dadurch die gesamtmittelitalienische Kunstentwicklung ausgeübt hätte, ob er den Sienesen, wie Giotto den Florentinern, den Weg zum großen Stile gewiesen hätte, wer kann das ermessen? Als einziger von den Sienesen führt Barna die dem Tafelbild angepaßte malerische Technik Duccios hinüber in den großen Stil des Fresko. Duccios Dombild zielt noch durchaus auf fromme Betrachtung ab, welche die Kreuzigung als das zentrale Geheimnis des Glaubens auch räumlich im Mittelpunkt sehen wollte. »Barnas Passionsfolge«, heißt es in der neuesten Auflage des Cicerone, »enthält schon eine Menge naiver, genreartiger Züge, die man für eine Neuerung des Quattrocento zu halten pflegt.« Genau das Gegenteil ist richtig: Barna entfernt alles Beiwerk, vermindert die Zahl der Personen, behält nicht den geringsten genreartigen Zug bei und ist in seinem bewußten Streben nach Vereinfachung und seinem bewußten Kunstverstand alles andre als naiv. Das einzige Wandbild, auf das die Behauptung des Cicerone paßt, ist wahrscheinlich nicht von Barna. Jakob Burckhardt selbst hatte übrigens in der ersten und einzigen von ihm besorgten Ausgabe offen geschrieben, daß er Barna nicht kenne. Was bei Duccio nur Sinn für geometrische Verteilung der einzelnen Bildflächen war, wird bei Barna zu der aus dem dramatischen Vorgang selbst sich ergebenden bewußten Gegenwirkung von Gruppen, Flächen, Linien. Seine Ausgabe, die er ausgezeichnet löst, war diese: dramatische Vorgänge wirkungsvoll unterzubringen auf einem verhältnismäßig kleinen Raum, dessen Höhe sich zur Größe der Personen durchschnittlich verhält wie eins zu zwei Drittel, dessen Breite wie zwei zu eins. Er ist ein unbekümmerter Eklektiker (welcher junge Maler von 24 Jahren ist dies nicht? –), aber zugleich ein starker Vereinfacher. Seine Vorgänge gehen im strengst sparsamen Raum vor sich, keine Architekturspielereien wie bei Pietro Lorenzetti. Er stellt, im Vergleich mit Duccio, nur die dramatischen Höhepunkte dar und die fruchtbarsten Augenblicke. Er ist gänzlich frei von antikem Einfluß, freier als Giotto, freier selbst als Duccio; hat dieser Einsame und Leidenschaftliche lateinisches Blut in seinen Adern? Andrerseits zeigt er im Parallelismus der Gebärde ein starkes Rassegefühl: man beobachte z. B. heutigen Tages noch, wenn etwa mehrere Italienerinnen sich gleichzeitig bücken, um ein ihnen bekanntes kleines Kind zu begrüßen, oder wenn eine Gruppe junger Mädchen beisammen stehn, sich ein Geheimnis mitzuteilen, und man erfaßt sofort, was das bedeute: der aus Rasse geborne Parallelismus der Bewegung und Gebärde. Nach dem Gesetz der Ausgleichung bleibt auch Barna hinter seinen Vorgängern um soviel zurück, als er sie übertrifft: was er an Geschlossenheit und Mark vor Duccio voraus hat, hat er an Holdseligkeit, Schönheit und Adel verloren. Er ist kein Epiker hohen Stils wie Duccio; kein Lyriker wie Simone Martini; kein tiefsinniger Allegoriker wie Ambrosio Lorenzetti. Er ist der Dramatiker: herb, wuchtig und selbständig selbst noch, wo er Ererbtes übernimmt. Sein Feuer ist größer als sein Schönheitssinn, sein Kunstverstand ebenso scharf, wenn nicht schärfer als der des jungen Giotto. Wenn man sein Werk beurteilt, darf man drei Dinge nicht vergessen: es ist ein wenn auch erstaunliches Jugendwerk; es ist von Anfang an nicht in allen Teilen von seiner Hand; Spätere haben es zum Teil übermalt und verdorben. Wie eigenartig Barna ist, kommt einem erst zum Bewußtsein, wenn man sich den Fresken der Eingangswand und den beiden Feldern über den Bögen rechts und links zuwendet, auf dem Bartolo di Fredis Schüler, Taddeo di Bartolo, das Jüngste Gericht, Hölle und Paradies dargestellt hat. Auch nach einem dritten Besuch in San Gimignano kann ich nicht, wie Cavalcaselle und Baldoria, diesen drei Fresken eine mehr als durchaus mittelmäßige Bedeutung zumessen. Die Hölle mit dem riesigen »Kaiser des schmerzensvollen Reiches« wirkt in ihrer Häufung wohlgemästeter Wänste und peinigender Teufel roh humoristisch, das Paradies kommt nicht über fade Durchschnittsandacht hinaus. Die Fresken zeigen den Grundfehler der späteren Sieneser Trecentisten (außer Barna): das Verharren in den gegebenen Ausdrucksmitteln. Aber die Collegiata hat noch Überraschungen: gleich nach dem Zyklus des Barna kommt die Kapelle der heiligen Fina. Diese außerhalb San Gimignanos unbekannte Heilige aus dem verarmten Geschlecht der Ciardi war seit ihrem zehnten Jahr gelähmt, lag geduldig auf einem harten Eichenbrett, hatte höllische und himmlische Gesichte und starb, wie der heilige Gregor es ihr verheißen, am 12. März 1253, 15 Jahre alt. Der Reliquienaltar Benedetto da Maianos, aus Marmor, reich mit Gold ausgelegt, zeigt die kräftige Anmut, die vornehme und reine Zierbildung der frühen Florentiner Plastik, und ist ein ungewöhnlich schönes Werk, wenn es auch durch den Bartolo-Altar desselben Künstlers in Sant Agostino beinahe übertroffen wird. An den Seitenwänden hat der junge Ghirlandajo die Erscheinung Sankt Gregors und Finas Leichenfeier gemalt. » La quale è cosa bella « sagt Vasari bündig. Leider wurden beide Fresken 1832 erneuert und verloren viel vom ursprünglichen Schmelz. Aber noch immer ist die Kapelle ein Kleinod toskanischer Kunst. Der Gegensatz zwischen beiden Fresken ist beabsichtigt: rechts das fast gerätebare Sterbekämmerlein mit seinen kahlen Wänden; links, vor einer edlen (gemalten) Architektur, das feierliche durch Wunder verherrlichte Leichenbegängnis, an dem Bischof und Geistlichkeit mit dem Volk teilnehmen (der vierte Männerkopf von rechts nach links soll des Meisters Selbstbildnis sein). Der weiße Architekturhintergrund, die vielen weißen Gewänder, der festliche Marmorboden bringen Leuchten und Glanz in das Bild. Wunderschön sind die Köpfe. Eine Welt der Schönheit hat sich aufgebaut seit Barna. Nicht Passionen und leidenschaftliche Szenen erschüttern mehr, sondern Gesichte reiner Schönheit schimmern himmlisch in den Alltag. Keine heftige Gebärde, kein Krampf, kein Schmerz. Diese Jünglinge blicken gelassen und klar, und ihre Haltung ist von aufrechter Anmut. Im Chor hinter dem Hochaltar hängen zwei wertvolle Stücke aus Klöstern. Ein Benozzo Gozzoli (Madonna mit vier Heiligen) mit schönen Köpfen, leider nachgedunkelt und stumpf in der Farbe. Ein Piero del Pollajuolo (Krönung der Madonna mit sechs Heiligen), der trotz der übermäßig langen und schlanken Gestalten zum Schönsten gehört. Vom lichtblauen Grund heben sich die Erscheinungen in voller Schärfe körperhaft ab, besonders der braune Fleischton des Hieronymus ist von warmer Leuchtkraft. Der Ausdruck der Gesichter strahlt von entrückter Inbrunst; und welche Hände! In der Sakristei steht ein edles Marmortabernakel von Benedetto da Maiano, das den Vergleich mit dem von Mino da Fiesole im Baptisterium des benachbarten Volterra aushält: den Sockel bilden sechs Engelköpfe zwischen Akanthusblättern, darüber ein sechseckiger Knauf, über dem wieder Akanthusblätter die sechseckige Laterne tragen; jede ihrer Seiten stellt ein elegantes Frührenaissancetor dar mit goldnen Pforten; die Spitze bildet eine kleine, abermals sechseckige Laterne. Durch die Sparsamkeit der Motive, die Gedrungenheit der Bildung und die Reinheit der Erfindung erhebt sich dies Tabernakel über das höchst anmutige, aber locker, beinah äußerlich gefügte Werk des Mino. Während, wir von diesem geistreichen Kunstwerk weg zu Benedettos treuherzig-realistischer Porträtstatue des Onofrio di Pietro hinübergingen, des ersten Baumeisters der Kirche, zogen sich die kleinen Ministranten, hübsche Burschen wie auf Ghirlandajos Fresko, gerade zur Mette an und machten ihre harmlosen Possen vor dem hochbetagten Propst Ugo Nomi Venerosi Pesciolini, dem Archivar und Chronisten San Gimignanos. Im Taufgang befindet sich eine hübsche Verkündigung von Ghirlandajo, die aus derselben Zeit stammt wie die Finafresken und von derselben zurückhaltenden und kühlen Lieblichkeit beseelt ist (hinterher hineingemalte Zypressen verderben die helle Landschaft). Beim Ausgang halten wir vor einem der schönsten Fresken: vor Benozzo Gozzolis heiligem Sebastian. Der Heilige steht auf erhöhtem Sockel und läßt sich von Bogenschützen mit Pfeilen spicken; dahinter eine echt Benozzosche toskanische Landschaft; darüber Jesus und Maria in der Glorie, das Ganze umrahmt von zierlichen gemalten Leisten. Ein paar Stunden vergehen rasch in der Collegiata. Die Kirche ist dunkel, und nur langsam gewöhnt sich das Auge an das herrschende Dämmerlicht, von dem sich Barnas Fresken kräftig goldbraun, Ghirlandajos Wandbilder in zartem Silbergrau abheben, während der Pollajuolo wie in eignem seligen Lichte strahlt. Das Tageslicht blendet beim Herausgehen. Burgartig erhebt sich rechts der neue, links der alte Palazzo del Podesta. Piazza Vittorio Emanuele heißt der Platz – welche Zeitwidrigkeit! Aber heißt nicht die frühere Piazza della Cisterna nunmehr Piazza Cavour? Und hat San Gimignano nicht, wie sich gebührt, seine Via Venti Settembre? Sie hat etwas zugleich Rührendes und Ärgerliches, diese Verneuzeitlichung der alten italienischen Städte. Auch San Gimignano geht mit der Zeit: die Gassen, in denen einst Dante geschritten, werden von elektrischen Lampen beleuchtet, ein paar moderne Läden haben sich aufgetan, an der Ecke der Piazza ist ein Café aufgemacht im richtigen Stilo Floreale, und Sirio Burassi, ein ehemaliger Cameriere, dessen ergötzliche Ciceroneleistungen uns wiederholt schon soviel Spaß gemacht haben, trägt einen neuen Anzug und eine Mütze mit der stolzen Aufschrift Guida. Aber das Centrale ist unverändert geblieben und die Liebenswürdigkeit des braven Padrone Tommaso Niccolini. Unverändert ist auch der hohe Speisesaal mit seiner schwarzbraunen Balkendecke (das Hotel ist ein alter Palazzo). Noch schnurrt die Katze wie dereinst, auf der Piazza draußen trägt die hübsche schwarzhaarige Gina einen Bambino spazieren, Gassenjungen betteln herauf um Briefmarken, und wie verzaubert stehen die alten Paläste mit ihren strengen Mauern im Viereck, derweil Herr Tommaso einen Fiasko seines würzigen Rotweins auf den blühweiß-gedeckten Tisch stellt. Wer den Benozzo Gozzoli auf der seiner Begabung erreichbaren Höhe und Reife kennen lernen will, gehe nach S. Gimignano und beschaue im Chor von Sant Agostino die Fresken, in denen der liebenswürdige Erzähler das Leben des Heiligen nach dessen Bekenntnissen schildert. Die besterhaltenen aller Wandmalereien Benozzos, die der Medici-Kapelle im Florentiner Palazzo Riccardi, zeigen ihn nur als Maler frischer Landschaften und festlicher Aufzüge. Seine berühmtesten Wandbilder, die im Pisaner Campo Santo, verlöschen von Jahr zu Jahr mehr und offenbaren, neben aller Anmut und vollen Lebensempfindung, seine Schwäche in der Komposition, der er immer nachgibt, wenn ihn allzu breite Mauerflächen zur Geschwätzigkeit verlocken. Der Augustinuszyklus hingegen, trotz kleiner verdorbener Stellen und späterer Übermalungen als Ganzes vorzüglich erhalten, durch die räumlichen Bedingungen des auszuschmückenden Chors zu Sparsamkeit und Gliederung zwingend, ist Benozzos glücklichstes Werk, zu dem selbst der schöne Franziskuszyklus in Montefalco bei Foligno sich nur verhält wie ein gelungener Versuch zu einer meisterlichen Leistung. Benozzo hat alle entscheidenden künstlerischen Eindrücke in der Kapelle Nikolaus V. im Vatikan erhalten. Fra Angelico holte sich den Fünfundzwanzigjährigen aus Ghibertis Werkstatt, in der Benozzo vielleicht die nie ganz überwundene Neigung zum unmalerisch scharfen Umriß empfangen hat. In dieser Kapelle steht Fra Angelico auf dem Gipfel seiner Kunst, nicht nur was Architektur und Raumdarstellung anlangt; auch er kann sich dem merkwürdig vergroßartigenden Einfluß nicht entziehen, den Rom auf alle dorthin kommenden Florentiner ausübt, und der schwächeren Naturen, wie Mino da Fiesole (zum Beispiel in den Skulpturen der Unterkirche von St. Peter) geradezu verhängnisvoll geworden ist. Die korinthische Säulenhalle, die antiken Eckpfeiler, das Basilikenschiff, der römische Giebel, die mächtige und strenge Tür mit dem Säulenwald und dem altchristlichen Halbkreisausbau dahinter, die Gerichtsnische des Präfekten Decius, die Reliefs mit dem eleganten und kraftvollen Gesims darüber, mehr noch Kleidung und vor allem Haltung der Personen bekunden im Stephanus-, noch stärker im Laurentiuszyklus der Kapelle Nikolaus V., wie der mehr als sechzigjährige Fra Angelico mit jugendlicher Lernfreude und Wandlungsfähigkeit sich ein seiner ganzen bisherigen Kunstübung fremdes, beinahe entgegengesetztes Kunstideal zu eigen macht. Szenen wie des Laurentius Weihe zum Diakon, oder seine Almosenverteilung oder endlich sein Martyrium sind nicht mehr von dem Angelico der Fresken in San Marco, noch weniger von dem Angelico der frühlingsbunten und goldgrundigen Tafelbilder: alles, was dem frommen Maler einst vor Masaccios Fresken in der Brancaccikapelle als beklemmende Ahnung aufgegangen sein mag, scheint in dieser Kapelle Nikolaus V. reif und frei. Es ist ein bewußter Schritt in die Welt der Renaissance. Diesen Wandmalereien gegenüber wirken die Fresken des Augustinuszyklus Benozzos in ihrer Häufung anmutiger Einzelheiten, ihrem treuherzigen Behagen an architektonischer Perspektive, ihrem Stolz auf verkürzt dargestellte Tiere, ihrer Lust an Beiwerk und Genre, auf den ersten Blick wie eine Folge vergrößerter Miniaturen und ein Rückfall in die Weise »der Geschichtenerzähler und der Maler von Kostümmärchen der Übergangszeit, eines Spinello Arentino, eines Gentile da Fabriano«. Bernhard Berenson, dessen erquickend kecke Kritiklust auch vor Benozzo nicht Halt macht, kann doch nicht umhin, in seinen Florentine Painters of the Renaisance ihm Leichtigkeit der Erfindung und Ausführung zuzugestehen, Ursprünglichkeit, Frische, Liebreiz, dann und wann einen prächtig charaktervollen Kopf, dann und wann eine vorzüglich natürliche Bewegung. Was aber diese Wandgemälde als dekorative Leistung unmittelbar vor Pinturicchios Piusfresken in der Libreria des Sieneser Doms stellt, ist die glänzende Gliederung und Ausnützung des Raums. Der Zyklus wurde bestellt und bezahlt, vermutlich auch seine einzelnen Gegenstände vorgeschrieben, von dem gelehrten Augustiner Domenico Strambi, dem Stolze S. Gimignanos, der auf Stadtkosten in Paris studiert hatte und bei seiner Heimkehr wie ein Fürst empfangen wird. Mit all der sich kaum genügenden Freude der Frührenaissance schwelgt das Werk im antiken Ornament; Friese und Leisten strotzen von zierlichen Putten und geistreichen Arabesken, und der Maler wird nicht müde zu zeigen, wie spielend er die Architekturperspektive beherrscht. Die festlichen Loggien und der ausgelegte Marmorboden auf dem ersten Fresko, die edlen Portale und die Kassettendecke des zweiten, der Hörsaal mit den korinthischen Pfeilern und den Imperatorenbüsten des sechsten, der demjenigen der lateranensischen Taufkapelle nachgeahmte achteckige Pfeilereinbau des elften, die offene Säulenhalle des dreizehnten mit dem Durchblick aufs Meer: all das verrät deutlich wie auch die durch das Fenster des sechsten Bilds sichtbare Cestiuspyramide und aurelianische Stadtmauer, und die auf schmalen Raum zusammengedrängte Stadt Rom auf dem siebenten (mit Kolosseum, Trajanssäule, Obelisk, Pantheon, Cestiuspyramide, Front von St. Peter, frühmittelalterlichen Glockentürmen), wie gewaltig die Eindrücke waren, die Benozzos beweglicher Geist von römischen Bauten empfing. Jede genauere Betrachtung seiner gemalten Architektur eröffnet neue Reize. Die Vorlesung Augustins ist sichtlich beeinflußt von den beiden Scuole des Albertus Magnus und Thomas von Aquin von Fra Angelico, die jetzt in der Florentiner Accademia hängen: aber welcher Fortschritt in der Anordnung der Zuhörer, der Innenarchitektur, der Kopfcharakteristik! Um wie viel freier und luftiger ist, bei aller schulmäßig ausgetüftelten Perspektive, die dreischiffige Säulenhalle des achten Freskos gegenüber der auf Angelicos Verkündigungen in Cortona und San Marco (die einschiffigen Hallen der Nikolauskapelle, in ihrer Art wundervoll, stellen das perspektivische Problem einfacher und monumentaler und sind daher zum Vergleich nicht heranzuziehen). In den landschaftlichen Hintergründen lebt die Toskana mit all ihrer Anmut und Feinheit, mit der Frische ihrer architektonisch edelgewachsenen Baume, der Sanftmut ihrer Hügelwellen, der Durchsichtigkeit ihrer Luft, der kühlen Schönheit ihrer Villen und hochgelegenen Städte. Der Anordnung nach das schönste Bild ist das Halbrund, das des Augustinus Trauerfeierlichkeiten darstellt. Als unbekümmerter Handwerker erinnert sich Benozzo hier seines eignen Frühwerks vom Tod des heiligen Franziskus in Montefalco das wiederum auf die Tafel des Beato Angelico vom Tod des heiligen Nikolaus (in der Pinakothek zu Perugia) zurückweist. Andrerseits ist gerade dies Fresko Benozzos wieder für Ghirlandajo vorbildlich geworden, als dieser sein Leichenbegängnis der heiligen Fina in der Collegiata malte, wie überhaupt das, was Goethe die Filiation der Künste nennt, einem kaum irgendwo so aufgeht wie in San Gimignano. Festlich ist der farbige Eindruck des Zyklus. Manche Farben sind freilich entweder durch Luft und Feuchtigkeit verdorben oder, was angesichts der plumpen Gestaltung der betreffenden Stellen wahrscheinlicher ist, durch Übermalen; so fällt auf dem Homiliebild ein abscheuliches Blau auf, anderswo gelegentlich ein unangenehmes Rosa der bekleideten Beine. Für den Mangel an Luftperspektive und die etwas schwere Gewandordnung entschädigt die große Anzahl ausdrucksvoller Köpfe, in denen alle schwärmerische Inbrunst des Beato Angelico anmutig irdisch und menschlich wird. Auch in diesem Punkt setzt Ghirlandajo den Benozzo einfach fort. Für die in den vier Gewölbedreiecken gemalten Evangelisten ist wiederum Angelicos Kapelle Nikolaus V. das Vorbild, das Benozzo zunächst in seinem Frühwerk zu Montefalco beinah abpaust. Die vier Evangelisten in St. Agostino sind in der Haltung freier, im Kopfausdruck bedeutender; sehr nahe stehen sie denen in der Capellina der Madonna della Tosse in Castelfiorentino, wo die vier Gewölberippen in einem kranzumrundeten Christuskopf zusammenlaufen. Benozzo scheint sie ungefähr gleichzeitig gemalt zu haben. Aber der Reichtum weder dieser Chorkapelle, noch der des Benozzo, noch der von Sant Agostino ist damit erschöpft. Auf der Innenseite des Chorbogens malt Benozzo oben im Halbrund Christus mit den zwölf Aposteln, rechts und links je drei Heilige, an beiden Sockeln je ein Wunder, auf der dem Schiff zugewendeten Vorderseite die heilige Monika und Fina, Sebastian und sein Martyrium, Tobias mit dem Engel und dem Fisch. Es sind unvergeßliche Köpfe darunter, wie der markige Gimignano, der das Modell der Stadt in Händen hält, der sanftere Nikolaus von Bari; Sebastian, wie in der Collegiata, aufgefaßt als gloriosissimus athleta ; Bartolo, der aufopfernde, selbst angesteckte Aussätzigenpfleger, den die Zeitgenossen den toskanischen Hiob nannten. Zur Erinnerung an die Pest von 1464 hat Benozzo den Sebastian noch ein drittes Mal gemalt (an der linken Seitenwand), wie er mit dem Mantel seiner Fürbitte die vom Padre Eterno mit der Gebärde des Quos ego donnernden Poseidon geschleuderten Pfeile auffängt: kräftig klare Porträts der knieenden und stehenden Andächtigen, reizende Kindergesichter, eine merkwürdig elegante Madonna mit entblößter Brust, die sie, gleich dem ihr gegenüber knieenden Jesus, den himmlischen Geschossen darbeut. Flüchtiger betrachten wir die paar in den Seitenkapellen schlecht erhaltenen Bilder des Bartolo di Fredi, Geburt und Tod Mariens darstellend, von Altsieneser Befangenheit, aber nicht ohne altertümlichen Reiz, und des Sangimignanesen Vincenzo Tamagni, des Gehilfen Raffaels, Geburt der Jungfrau; denn im Hintergrund lockt, mit dem edlen Ton alten Elfenbeins, der Marmorschreinaltar Benedettos da Maiano mit den schwebenden Genien, geflügelten Engelsköpfen, den drei göttlichen Tugenden, den noblen Reliefs aus dem Leben des seligen Bartolo, und der holdseligen Madonna mit dem segnenden Kind in einer doppelten Girlande von Engeln und Laubgewind: neben dem Finaaltar der Collegiata eins der zierlichsten Altarmarmorwerke der Florentiner Frührenaissance. Wenn man St. Agostino verläßt und einen Blick auf den schmucklosen Bau zurückwendet, der soviel Köstliches im Innern birgt, wird einem ganz eigen zumute im Gedanken an all diese stumme Schönheit, die fern der Heerstraße, einsam in sich selber ruht und deren Schweigen, vom hallenden Schritt des neugierigen Reisenden oder kunstfrommen Pilgers auf eine halbe Stunde gestört, in die verzauberte Stille der Jahrhunderte zurücksinkt. St. Agostino ist ganz am Ende des Städtchens. In der Nähe liegen unter den Stadtmauern hügelab die Fonti, die öffentlichen Waschgewölbe, ähnlich wie die vorbildlichen von Siena, gedeckte Hallen mit gotischen und romanischen Bögen über dunklen viereckigen Wasserbecken. Efeu wuchert an den zerfallenen Mauern und wolliges Gras wächst in den Fugen zwischen den seinen Ziegeln. Die mächtigen alten Bäume, die vor einigen Jahren noch so kühle Schatten auf den rötlichen Staub warfen, hat eine ruchlose Hand umgehauen. Eidechsen huschen pfeilschnell wandauf wandab, blicken klug mit glänzenden Augen und verrascheln im dürren Kraut. In der Nähe schimmern blaudunstig die sanften Hügel im Mittagsglanz und mischen ihren zarten Umriß mit dem silbernen Grüngrau der Felder und dem lichtbraunen Erzton der Ölbäume. Es ist, als stünde Sonne und Zeit stille. Still gestanden scheint die Zeit auch im gotischen Rathaus, wo in der großen Sala del Consiglio Lippo Memmis Madonna mit himmlischem Gesind feierlich und hold auf den Beschauer niederblickt, wie Simone Martinis großes Fresko im Palazzo Pubblico von Siena, dem es nachgemalt ist: lieblich ernste Köpfe, würdige Greise mit schneeweißen Barten, hochwüchsige Frauen mit weichen Wangen und sanften Brauen. Benozzo hat es – nicht sehr glücklich – erneuert. Das riesige Bild ist Lippo Memmis Hauptwerk. Seit dem 23. September 1286 tagt hier der Rat der Stadt. Hier saßen die Prioren, der Proposto, der Gonfaloniere, die Capitani, der Console de' Giudici e de' Notari, die Consiglieri, die Rettori delle Arti (Zünfte) und lauschten dem Worte Dantes. Eine Marmortafel verkündet es: » Questa sala fu onorata dalla voce del divino Alighieri. E il giorno 8 Maggio 1847, il Comune vi collocava una marmorea iscrizione per ricordare ai posteri il sublime avvenimento «. Über dem Sitz des Proposto dei Priori liest man eine Inschrift, die verdiente über allen Richterstühlen zustehen: » Priposto, odi benigno ciascun che propone, Rispondi grazioso e fa ragione «. Ein auf dem langen Tisch stehender Becher enthält schwarze und weiße Bohnen, offenbar zur Abstimmung. In einem Nebenzimmer ist eine Art drehbare Laterne mit den Namen der armen Mädchen, von denen jedes Jahr zwölf ausgelost werden, die dann zu Ehren der seligen Fina zehn Scudi Mitgift erhalten. In einem andern Nebenzimmer sind die Amtsgewänder der Räte und der Purpurtalar des Podesta; die Mützen ähnlich denen der griechischen Popen. Als Kind habe er die Ratsherren noch in solchem Aufzug gesehen, erzählte der alte Aufseher, der uns führte. In köstlicher Frische, wie von gestern (die oberen Säle enthalten zugleich eine kleine Gemäldesammlung) strahlt Pinturicchios Jungfrau in der Glorie mit den Heiligen Gregor und Bernhard: erquickend das junge Grün des Hintergrunds, wonnesam die blauen Berge, wunderzart die schlanken Bäume. In noch satterem Leuchten lebt das Doppelrundbild Filippino Lippis, auf dem das Lieblingsmotiv aller Florentiner Maler dargestellt ist, die Verkündigung: die blauen und roten, edel gefalteten Gewänder, das gelbe Seidenfutter, der Fußboden pompejanisch rot mit schwarzen Streifen, die einander sich entgegenneigenden Gestalten des himmlischen Boten und der himmlischen Jungfrau, der Engel von der müden Knabenschönheit Botticellis, all dies strömt zusammen in einem wundervollen Akkord, und wieder einmal ist Walter Paters tiefes und paradoxes Wort Gestalt geworden: All art constantly aspires towards the condition of music. Im Erdgeschoß ist ein leider beschädigtes Chiaroscuro des Sodoma: der heilige Ivo Recht sprechend, vor der Tür Einlaß heischende Bittsteller. Auch von ihm geht jene sonderbare Anmut aus, die wie eine Vermählung der Lionardesken weichen mit der römischen festeren Schönheit ist. Man ist beglückt, so oft man dem Maler begegnet, der wie so viele Außenseiter der Kunstentwicklung Reize aufweist, die den Trägern und Weiterbildnern der gradlinigen Überlieferung abgehn. Noch manches Kunstwerk mittlern Rangs schläft den Schlummer der Jahrhunderte in irgendeiner Kirche, dem Kreuzgang eines Klosters, der Halle eines Palastes. Doch nicht das antiquarisch neugierige Aufspüren unentdeckter Durchschnittswerke lohnt sich an solchem Ort, sondern einzig das Erleben des Einzigen und Einmaligen, und das Einreihen in den beglückenden Schatz des persönlichen innern Besitzes, das Fühlen der Stileinheit von Landschaft und Stadt. Rein toskanisch ist diese alte Stadt und Landschaft in ihrer Mischung von Strenge und Lieblichkeit, und rein drückt sie auch in der Geschichte ihres Gemeinwesens und ihrer Kunst dies toskanische Helldüster aus. Blumenfeste und Reihentanz auf grünem Anger zwischen Bürgerkriegen und Straßenkämpfen, zierlich gearbeitete Säulen und Bögen an kriegerischen Quadermauern, innige Bilder in schwarzen Palästen und dunklen Kathedralen. Erbarmend pflegt der toskanische Hiob die Ärmsten der Armen, lieblich ergeben ruht auf ihrem Schmerzenslager Fina de' Ciardi. Namenlose Geschicke versinken ins Dunkel: die blonden Häupter der Ardinghelliknaben rollen in den Staub, und keine Catarina Benincasa ist da, sie zärtlich an die jungfräuliche Brust zu drücken. Der alte Tamagno hat aus dem Sacco di Roma, der seine Werke vernichtete, das nackte Leben gerettet und lebt es, ein Verschollener, zu Ende in der toten Stadt. Und schleicht nicht Ugo Nomi Venerosi Pesciolini wie ein Mittagsgespenst zu seiner alten Burg, der Burg des Desiderius, die schon – die Sage weiß es – den großen Karl beherbergt hat? Wie eine Versteinerung sieht San Gimiguano im Italien von heut. Es hat einen bestimmten Abschnitt toten Lebens so treu bewahrt, als hätte die Lava des Vesuv es überrascht. Es ist die einzige Stadt Italiens, die uns mit den Augen des Jahrhunderts Dantes anblickt: es ist die toskanische Stadt des Mittelalters. So war Florenz. So waren Pistoja, Siena. Was hat das heutige Florenz, dies unruhige Durcheinander von Frührenaissance, Terza Italia und Karawanserei fürs gelangweilte Albion und bildungssüchtige Deutschland noch irgend gemein mit der Seele Dantes, der Seele Savonarolas? Hier aber sprach und spricht Dante, hier predigte und predigt noch heute der Prior von San Marco. Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, die sich Sinn bewahrt haben für das wohltätige geistliche régime , das die Exerzitien der alten Mönchsorden, deren besonderen Bedürfnissen entsprechend, ausdrücken, finden hier den Ort für ihre Betrachtungen und Träume. Aber ist nicht schließlich jede Italienreise wertlos, die nicht einmal wenigstens, in einem höchsten Augenblick, ein exerrcitium spirituale war, der vollkommene Gegensatz zu all dem hastigen Ansichraffen von Kunstwerken, Stimmungen, Orten, Gegenden, Jahrhunderten, ein strenges Alleinsein und bescheidnes Stillhalten, nicht vor Sehenswürdigkeiten, sondern vor Erlebenswürdigkeiten, das Schauen des Wunders, das Erfahren der »Gnade«? Die Wieskirche bei Steingaden (1928) I. Schon ein paarmal hatten wir gehört, zwischen Amper und Lech stehe irgendwo eine Wallfahrtskirche hart am Gebirg, herrlich anzuschauen, aber umständlich zu erreichen, das wahrhaftige Dornröschen im Tann. Doch unsre Gewährsmänner kannten sie auch bloß vom Hörensagen, selber gesehen hatte sie keiner. Im letzten Kriegssommer nun, wie wir an einem hellen Tag auf dem Aussichtsturm des Peißenberges stehen und mit freiem Aug und dem Feldstecher ringsum jeden Fleck absuchen, den wir von früher her kannten, geraten wir unversehens ins Gespräch mit ein paar von den Fliegerbeobachtern, die oben hausen, einfachen Soldaten, lauter bayrischen und schwäbischen Landsleuten. Ein Wort gibt das andere. Zufällig sagt einer, die Gegend da herum heiße der Pfaffenwinkel. »Warum?« fragt ein anderer. Wir haben's ihnen erklärt und ein wenig von Andechs erzählt, von Diessen und Wessobrunn, Rottenbuch und Raisting, Polling und Steingaden; wie schön die Kirchen sind, aus was für einer Zeit. Da sagt einer, der bis dahin still gewesen: »Die allerschönste haben sie vergessen. Das ist die dort hinten.« »Wo?« »Sehen Sie den weißen Tupfen mitten im Wald? Schauen Sie einmal mit dem Glas hinüber!« »Aber das muß ja eine ziemlich große Kirche sein«, sagt einer, »wie kommt denn so ein Ding mutterseelenallein in die Einöd?« »Das kann ich nicht sagen«, erwidert der erste, »aber daß sie die schönste ist von allen, das weiß ich.« »Verstehst du denn was davon, weil du das für so gewiß hinstellst?« »Wär schon gut, wenn ich das als gelernter Fassadenmaurer nicht verstünd! Was eine feine Stukkatur ist und ein Gepfusch, kenn ich Gott sei Dank auseinander. Das dürfen mir die Herren ruhig glauben« (er hatte sich an uns beide gewandt), »daß die Wies die schönste Kirche ist im Oberland bis hinüber nach Ottobeuren. Ich habe selber mitgearbeitet, wie sie restauriert worden ist.« Jetzt schauten wir sie doppelt begierig an; am liebsten hätten wir sie mit dem Glas herübergezogen. Das also war die sagenhafte Wies! Zum erstenmal sahen wir sie mit eignen Augen, wenn auch aus meilenweiter Ferne. »Jetzt darf sie uns nicht mehr auskommen«, sagten wir zueinander, während wir die schönen Berghalden hinabstiegen, »wo wir so nah dran sind.« Daß der Maurer sie selbst gesehen hatte und nicht andern Leuten nachredete, gab den Ausschlag. Abends in Kohlgrub fragten wir nach dem Weg. Die Wirtin war als junges Mädel ein paarmal drüben gewesen »mit dem Kreuz«, die Kellnerin erst im vorigen Herbst: Freilich sei sie wunderschön, soviel verstünden sie auch. »Die sollten Sie sich wirklich anschauen«, sagte ein fremder Herr am andern Tisch, »der Maurer hat nämlich recht, sie ist tatsächlich – ich will nicht sagen die schönste, da wär Ettal auch noch da –, aber die geistreichste und eigenartigste, gewissermaßen das letzte Wort des bayerischen Rokoko in kirchlicher Innenarchitektur, etwa wie die Amalienburg in der weltlichen. Sie ist von keinem Geringern als Dominikus Zimmermann, der auch die Kirchen in Günzburg und Steinhausen gebaut hat. Steinhausen in Württemberg, ganz richtig, im oberschwäbischen Pfaffenwinkel, wo ebenfalls die feinen Sachen dicht beieinanderliegen wie hier: Ravensburg, Weingarten, Steinhausen, Ochsenhausen, Schussenried, Rot, dann geht's schon herüber ins Bayerische, Buxheim, nebenbei auch von Dominikus Zimmermann, dann käme Ottobeuren, für das er sogar ein paar Pläne entworfen hat, aber genommen wurde keiner davon; da hat der alte Mann, wie es scheint, als würdigen Abschluß seiner Tätigkeit in der Wies den einen Plan ausgeführt, wenigstens im Grundgedanken, und zu guter Letzt drauflos gebaut nach Herzenslust. Was dabei herausgekommen ist, werden Sie ja morgen sehen.« So zogen wir voll Erwartung los am nächsten Tag in aller Früh; gingen die Straße über Bayersoyen, rechts und links Wiesenmulden, Hügel, Moor; scharf hinab zur Ammer, die sich an der Stelle tief eingegraben hat und ein Knie macht. Feierliche, fast strenge Landschaft: ein kühler Grund mit einem weißen Bauernhaus, der dunkle Fluß, dunkle Bäume rings an den Steilhängen, ein Fleck helle Wiese, braune Pferde grasen. Auf der andern Seite ebenso steil in die Höh, die Straße gabelt sich bald, wir nach Westen, immer die sanften Berge des Trauchgaus zur linken Hand, weiter zurück und höher die zackigen Tannheimer. Die Gegend wird allmählich anders. Das Gelände beruhigt sich; alles streckt sich lang hin, nicht mehr wellig und hüglig. Abwärts durch schönen Wald, da liegt schon Steingaden, sofort kenntlich an der mauerumgebenen alten Klosteranlage mit der Collegiatskirche in der Mitte. Den zwei Satteltürmen sieht man's an, daß sie schon in romanischer Zeit da gestanden ist, den geschweiften Fenstern, daß ihr erst das Barock die endgültige Form gegeben hat. Die Chorapsis außen unverdorben romanisch mit schlichten Blendarkaden. In den kleinen spätromanischen Kreuzgang warfen wir im Vorbeigehen einen vorläufigen Blick; eigenartige Säulen, fast jede anders. Der Ort ist um den Kirchplatz herumgebaut, so daß die obere Schmalseite die Kirche bildet, zwei Häuserzüge die zwei Langseiten, nach unten zu schließen Bäume. Gegessen auf der Post, einem treuherzigen Gasthaus voll Sommerfrischler, die sich's wohl sein lassen. Alles mutet schon schwäbisch an, wenn es auch amtlich noch zu Altbayern gehört. Alle Fenster voll blühender Geranien, neben der sauberen Post eine kleine Apotheke. Oben der Glaser, schräg gegenüber der Kaufmann. Wir aßen gut und preiswert und gingen durchs Tor neben dem Glaser in den Friedhof, der um die Kirche her liegt. Rechter Hand ein Kegelturm, darunter die Gruftkapelle der Grafen Dürckheim-Montmartin, denen das Schloß und der halbe Ort gehört. Die Kirche ein wuchtiger Bau, ursprünglich romanisch – es ist alter Welfenboden, auf dem wir stehen –, dann prunkvoll barockisiert, eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Freisinger Dom, das Altarhaus nüchterne späte Renaissance. Virtuose Deckengemälde, meisterhafte Stukkaturen, prächtiger Orgelchor, gutes Chorgestühl vorn. Das Hübscheste ist der kleine Kreuzgang mit der eckigen Lieblichkeit seiner unbeholfenen Säulen und dem verwilderten Wurzgarten dahinter. Wir gingen das Sträßchen hinaus, bergan gegen den Wald, durch ein Dorf, wo wir uns weiterfragten, nach etwa einer Stunde bog eine schmale Straße nach rechts – da liegt sie, die Wies, auf den ersten Blick eine weiße Wallfahrtskirche wie hundert andere, bloß ungewöhnlich groß, von außen nichts Besonderes, der Hauptteil macht einen wunderlichen Kamelbuckel, aber wie sie so dasteht auf dem grünen Anger, dahinter das Gebirg, hat sie etwas Seltsames, es zieht einen unwillkürlich hinein. Der erste Blick ins Innere: – unbeschreiblich! Hell, wie ein fürstlicher Saal, vor allem aber Raum! Raum! Wie wenn der gewaltige Druck des Innern die Wände auseinander triebe! Wie wenn sich nach oben zu alles rundum schwänge! Immer und immer wieder zwingt es den Blick in die Höh. Der Hauptraum blendend weiß, oben mit Gold, eirund, der blaue Deckenhimmel getragen durch acht Säulen- oder Pfeilerpaare – es sind weder Pfeiler noch Säulen, sondern beides, immer zwei schneeweiß und schlank nebeneinander, ganz oben ansetzend, sodaß dies Barock schier etwas Gotisches erhält, strebend leicht, anmutig, hoch, wundervoll hoch. Dazu die Farben! Das eirunde Schiff, wie gesagt, blühweiß mit goldnen Verzierungen an den Pfeilerköpfen. Da, wo sich's zum Altarraum verengt, im linken Pfeilerpaar breit und festlich die Kanzel, im rechten eine noble vergitterte Empore, die der Kanzel das Gegengewicht hält, wie zwei goldene Schildwachen vor dem Heiligtum; der Künstler hat die Farben schon reicher genommen, weil er, je näher er dem Hochaltar kommt, mit desto vollerem Werk spielen wird. Der Altarraum ist etwas schmäler, als das Langhaus erwarten ließe, und hat in den Verhältnissen und in der Zweigeschossigkeit etwas von der Asamkirche in München. Baulich und farbig ist da alle Kunst und Pracht zusammengefaßt. Auf den weißen Bögen des Untergeschosses mit den zartvioletten Schildern stehen die grüngrauen Säulen des obern Chorumgangs mit zierlicher Gitterbrüstung dazwischen, Säulen und Lichtöffnungen steigern sich gegenseitig zu höchster Wirkung: zwischen den geraden Schäften streben die hohen Fenster nach oben, die inneren Bogenwölbungen legen sich wie ein vorstehender Rahmen um die kleineren, vierfach geschweiften oberen Öffnungen; aber damit nicht genug: die Zwickel zwischen den Bögen sind wieder durchbrochen durch sechs Luken, die sich wie mit vorgeneigten Schultern schräg gegen das Deckengemälde anstemmen. Jeder Schritt nach rechts, links, vorn, zurück eine Durchsicht, Überschneidung, Verschiebung. Fenster, Wölbungen, Bilder scheinen miteinander, ineinander zu spielen, das Licht spielt mit. Ist das alles noch Rokoko? Die Gewölbeverbindungen im Presbyterium haben fast etwas Maurisches, wie in der Alhambra, wie Tropfsteinbildungen, die Säulen im Hauptraum aber etwas Gotisches, es ist wohl achtzehntes Jahrhundert, aber wie aus einer gotischen Raumphantasie heraus empfunden: statt der himmelanstrebenden Säulenschäfte, wie in St. Jakob in Straubing etwa, säulenförmig aufgelockerte Doppelpfeiler, nur daß dort das Licht ringsum gedämpft durch bunte Fenster sickert und alles feierlicher Ernst ist und dämmriges Geheimnis, hier aber scheint das Licht hereinzustürzen, siegreich und gewaltig und ist doch mit feinster Überlegung gebändigt, von beiden Seiten, von oben, und alles ist Fest und Farbe. Denn wahrhaftig herrscht hier die Farbe immer rauschender, je näher dem Altar. Die Säulen rechts und links oben graugrün mit Gold, die des Altars purpur mit Gold, auf dem Altarbild die vollsten blauen und roten Töne, noch verstärkt durch die weißen Leiber der Heiligenstatuen und der pausbäckigen Engelbüblein. Man sieht sich nicht satt am Raum und überschlägt sich im Kopf geschwind den Grundriß. Die Kirche, möchte man sagen, ist eigentlich dreischiffig, aber die beiden Außenschiffe sind so schmal, daß sie einräumig wirkt und die seitlichen Halbrunde mit dem Eirund des Raumkerns mitschwingen wie umrahmende Gänge. Der Mittelraum schiebt durch die acht Pfeilerpaare diese sanftgebogenen Seitengehäuse so dicht an die Fensterwände, als könnten die Außenschalen gerade noch den Riesendruck aushalten, der den Raum gleichsam von der Mitte auseinanderstemmt und zu sprengen drohte, packten ihn nicht von rechts und links mit gewaltigen Fäusten Kanzel und Empore und zwängen alles zur Ruh. So kreuzen sich in einem fort Licht- und Raumwirkungen, wie sie nur zu erreichen sind durch das bewegte Linienspiel von Pfeilern und Säulen mit einer Lichtfülle, einer Raumgröße, die nur die Einräumigkeit verleiht. Zwei entgegengesetzte Baugedanken sind in eins gedacht, durchdringen sich, heben sich auf in etwas Neuem, das jeden Systems spottet und in keiner Rubrik mehr unterzubringen ist. Von der Meisterschaft des einzelnen gar nicht zu reden. Bloß ein Beispiel: auf den ersten Blick sieht es aus, als umrandeten die roten Säulen das Altarbild. Aber nein, sowie man weiter vortritt, bemerkt man, daß es um ein paar Ellen zurückgesetzt ist; und ist man dicht daran, so wird man erst gewahr, daß wiederum der wirkliche Rahmen nicht ums Bild herumgelegt ist, sondern davor steht wie Kulissen. So bekommt das Altarblatt seine erstaunliche Tiefe. Man sieht sich nicht satt an der Wies. Wir gingen in das kleine Gasthaus nebenan, weil wir müde waren vor Sehn und Gehn und Schauen. Die Wirtin erzählte uns, zur Zeit der Säkularisation sei die Kirche schon als baufällig für den Abbruch ausersehen gewesen, aber ein Jäger habe sie gerettet; er habe den im Trauchgebirg jagenden König wie zufällig in die Nähe geleitet und dem Monarchen, der von der Herrlichkeit ganz entzückt war, gesagt, das solle alles abgerissen werden. Ohne den Jäger stände die Wies nicht mehr. Auch von Steingaden wußte sie zu berichten: der Pfarrer sammle seit Jahren zur würdigen Wiederherstellung, aber es sei ein so großmächtiger Bau und koste viel Geld. Manchmal packt einen eine wahre Wut, wenn man durch die alten Gaue geht und überdenkt, was die Säkularisation verwüstet hat, was alles sie noch hätte in ihrer Torheit zerstören wollen, hätten nicht die einfachsten Leute oft mehr Gefühl fürs Schöne gezeigt als die Aktenhengste von Anno dazumal. Es litt uns nicht lang, wieder zwang es uns hinüber und hinein. Inzwischen hatte sich die Sonne hinter Wolken versteckt, und der Wundertraum schimmerte kühl im Schleierlicht. Wie müßte das wirken an einem klaren Wintertag, am Spätnachmittag, wenn die Abendglut rot auf den Wänden liegt und sich um die Säulen legt wie Laubgewind! Leider war's inzwischen halb sechs geworden, und wir hatten noch über drei Stunden zu gehen. Ungern rissen wir uns los, mit dem festen Vorsatz, sobald als möglich wieder herzukommen. Es war ein einsamer Heimweg durch herbstlichen Wald, über rostrote Heide und braunes Moor. Wir waren nicht viel auf Wegen, meist sahen wir nur Spuren, einen helleren oder dunkleren Streifen im blassen Gras. Zuerst Fichten, dann viel Laubbäume, besonders Birken; der kurze Rasen wie ein federnder Teppich. An Einödhöfen und Schwaigen vorbei, viel muntre braune Fohlen. Hinunter wieder zur Ammer, über den schmalen Steg hinüber, zum Schluß auf schlechtem Sträßchen über Saulgrub heim. Wir redeten uns mit der Wies in den Schlaf, und am nächsten Morgen vom Hörnle aus das erste, was wir suchten, war unser gestriger Weg und die Wies, die wie verzaubert blinkte in der düster-schönen Landschaft. Schwer zu erreichen ist sie: von Kohlgrub dreieinhalb Stunden, gut gegangen, von Schongau etwa gerad soviel, von Lechbruck, an sich das nächste, aber bis man nach Lechbruck fährt! zwei Stunden über Steingaden. Darum steht dies Märchen so verwunschen einsam auf grünem Plan vor dem Hohen Trauchberg mitten im Wald. II. Ich gesteh es offen: wie wir wiederum an der Wegscheide nach Süden abbogen und wiederum die Wies vor uns stand, weiß und groß, trieb uns eine andere Ungeduld, als jene gewesen war, mit der wir zum erstenmal auf sie losgestürmt waren; und als wir die Klinke des Kirchtores drückten und durch den Vorraum eilten, war es mit Bangen: Wird sie keine Enttäuschung sein? Wird sie, kann sie noch so wirken wie das erstemal? Wir hatten manches gesehen inzwischen und manches verglichen. Die Honigmond-Begeisterung, mit der wir das erstemal durch den Pfaffenwinkel gerannt waren, war verrauscht. Das innerlich Frostige gerade der virtuosesten und scheinbar temperamenthitzigsten Barocklösungen hatte uns abgekühlt; Steingaden, wie manch andere ursprünglich romanische und erst nachträglich verbarockte Anlage diesmal fremd gelassen, der frühe Kreuzgang mit dem grünen Gartenfleck daneben war uns lieber gewesen als all das Prunken mit Stuck und Gold. Zudem waren wir erst vorgestern in Ettal gewesen, und uns wieder klar geworden, daß sich neben dem fürstlichen Adel dieses herrlichen Doppelrunds von allem, was wir in der letzten Zeit gesehen hatten, schlechthin nichts hielt, außer Ottobeuren: alles sonstige war dritten, fünften Ranges. Auch im künstlerischen Genuß erkauft man Erkenntnis nur durch Verzicht, und eine einzige vollkommene Leistung läßt hundert erfreuliche Mittelmäßigkeiten versinken. Beim Barock gar kommt man bälder als bei der Gotik hinter das Handwerkmäßige der landläufigen Lösungen und entdeckt unter der pompösen Perücke den wackern Maurermeisterkopf, dessen gescheite Einfälle einen sicher immer wieder freuen, aber nicht mehr als genial überraschen, geschweige als einzigartig überwältigen. Ist man schließlich nicht so weit, selbst dem glänzendsten Barock im Punkte von gewissen – wir wollen nicht sagen Geschmacklosigkeiten, aber uns nicht mehr zugänglichen Geschmackseigentümlichkeiten der Zeit ein für allemal einiges vorzugeben, und sich an das Bedeutende zu halten, das trotz alledem bleibt? Geht man nicht an die vorzüglichsten Leistungen mit jener leisen Resigniertheit, die sich da, wo die tiefsten Saiten des Gemüts und die feinsten der Phantasie nicht mehr zum Schwingen gebracht werden, mit der angenehmen Mittellage des Künstlerischen bescheidet, einer durchwegs festgehaltenen großwürfigen Tüchtigkeit, die wohl mit dem Besten der eigenen Zeit fröhlich wetteifert, aber sich nicht gleichen Rangs neben das Beste aller Zeiten stellt, weil jenes letzte Ringen mit sich selber darin nicht zu spüren ist, dem das Vollkommene gerade gut genug dünkt? Der erste Schritt in die Wies, der erste Blick in den Raum, der erste nach oben – und all das ist wie weggeblasen; abermals steht man überwältigt, wieder sieht man sie zum erstenmal. Alles ist Raum, nach oben wird alles Bewegung. Die Pfeiler recken sich auf in schier vulkanischem Drang. Daß ihrer immer zwei gekuppelt sind, verstärkt das Strebende. Sie eckig zu machen, war ein glänzender Einfall; von den runden Säulen Neumanns in Neresheim gleitet das Auge ab zur rückwärtigen Wand. Zum erstenmal versucht der junge Zimmermann je einen Pfeiler in der württembergischen Wallfahrtskirche Steinhausen; aber dort sind sie schwerer und die Bogenwölbungen enger. Erst in der Wies findet der alte die letzte Leichtigkeit: immer je zwei schmal nebeneinander, wie in Neresheim, aber eckig, wie in Steinhausen. Jetzt schießen sie schlank in die Höhe wie Springbrunnen, und alles ringsum schwebt in Schwung und kreist nach vorwärts; die Außenwand, die durch die Pfeiler geschaffene ideale Innenwand; oben wälzen sich die Bögen hintereinander her wie Kämme von Wogen, wie rollende Räder. Die Decke aber schwingt besänftigend nach innen zu. Durch dies dreifache Schwingen scheint der obere Teil in unaufhaltsamer Bewegung. Beständig verschieben sich die oberen Öffnungen: eine in die andere, über die andere, durch die andere. Alles ist wie aufgelöst in jubelndem Reigen. Die Bewegung der Wände rückt langsam, während die Bögen rascher zu rollen scheinen und die Decke stetig einwärts quillt. Dies dreifache Bewegungsmotiv war nur mit der unruhigen Grundform des Ovals zu erreichen, das sich mit jedem Schritt verschiebt. Die köstliche Unruhe wird noch unterstrichen durch die Abwechslung der Bogenbreiten; es ist, wie wenn sich der Reigen der Pfeiler selbst bewegte und die weitergespannten Bögen von den strafferen mitgeschleudert würden, wie wenn bei einem Kinderreihen die Kette zu zerspringen droht. Im Oval fand Zimmermann die letzte Form des Rokoko für die Verschmelzung von Langhaus und Rundbau. Die Bogenformen aber sind jenseits allen Rokokos, stilistisch überhaupt nicht mehr einzuordnen, an der Grenze des Formlosen, wie Fruchtfleisch von Orangen. Diese Pfeiler sind lebendiger als Säulen; sie streben gewaltig nach rechts und links, als streckten sie Arme aus, als wollten sie zur Wand zusammenrücken. Unwillkürlich setzt das Auge alle Linien fort, sozusagen punktiert, zur Ruhe kommt es erst in der Mitte. Die Decke ist wie offener Himmel: weiße Brüstungen streben empor und grüne Bäume, Wolken und Engel schimmern im seligen Blau, alles ist in Bewegung, weiße Statuen, bunte Gestalten, Engel, flatternde Gewänder, zeigende, deutende, beteuernde Arme. Fessellos ist alles und alles gebändigt: Raum, Licht, Farbe, Formen, Linien. Sogar die Anordnung der Fenster wiederholt in der umschließenden Wand den Rhythmus des inneren Pfeilerumlaufs. Unmöglich kann man lange ruhig stehenbleiben in dieser Kirche; man hat das Bedürfnis, sich durch eigene Bewegung die künstlerische Bewegung ihrer Bauglieder in jedem Augenblick neu zu schaffen. Aber wir wollen versuchen, Zimmermanns Plan kühl nachzurechnen: Hauptraum eine Längsellipse, Altarraum ein Rechteck mit rundem Schluß. Als Träger des Dachs freistehende Doppelpfeiler, vier Paare auf jeder Seite. Dadurch entsteht ein elliptisches Seitenschiff. Jetzt fängt er an, den Raum zu zerlegen: rechts und links in die Mitte der Langseiten stellt er einen Altar, hinten die Sängerbrüstung, vorn den Chor. Daraus ergibt sich von selbst die Stellung der Pfeilerpaare: das erste und zweite vorn an den beiden Schnittecken von Langhaus und Chor, das dritte und vierte hinten an den Schnittecken von Langhaus und Orgelmuschel. Die vier anderen stellt er je rechts und links vor die Seitenaltäre. So schafft er zwei Ellipsen, die äußere, wirkliche, der Wände, und die ideale, innere, der Pfeiler. Beide verbindet er quer zur Wand durch schmale Gurten, rundum unter sich durch weitgespannte Hufeisenbögen: vier davon breiter, der vordere, der rückwärtige, die beiden vor den Altären; die vier dazwischen schmäler, sodaß immer eine weitere Spannung wechselt mit einer engeren. Zwischen das vorderste Säulenpaar links stellt er als koloristischen Trumpf in all das weiße Leuchten die Kanzel, rechts eine vergitterte Laube. Die Säulenpaare haben gemeinsam schneeweißen Sockel und gemeinsames schneeweißes Gesims. Auf den goldenen Kompositenkapitälen wuchtet riesig das schneeweiße Hauptgesims, von ihm aus schwingt sich golden Bogen um Bogen. Der Umgang zwischen Säulen und Wand ist kein einfaches Tonnengewölbe, sondern den acht Bogenspannungen entsprechen acht Deckenjoche, jedes mit eigenem Gemälde. Damit nicht genug: über den schmalen Bögen zwischen den Säulenpaaren der innern Ellipse und den Pilasterpaaren der Wandellipse sind die Deckenbögen durch geschweifte oeils de boef unterbrochen, sodaß sich fortwährende Durchblicke ergeben von Raumglied zu Raumglied. Aus den Säulengesimsen wachsen die Zwickelstützen, die die Decke tragen, aber das Deckenbild beginnt nicht gleich überm Gebälk, das reich mit Girlanden verziert ist, sondern zuerst kommt noch eine Balustrade, eine kecke Verbindung von wirklicher Architektur (vier Chörchen über den Säulenpaaren rechts und links) und Scheinarchitektur, und jetzt legt er erst das Spiegelgewölbe seines festlichen Himmels drüber. Im Presbyterium steigert er das Motiv des Säulenumgangs: er zerlegt ihn waagrecht, rechts und links je drei niedrigere Rundbögen, im Stockwerk darüber je drei hufeisenförmige, nochmal so hoch, dazwischen Lettner mit Säulenbrüstungen und Gittern. Und wieder durchbricht er die Querwände zwischen Säulen und Pfeilern, und wieder verbindet er die Bögen zwischen Säule und Säule, diesmal durch hängend geschweifte Rahmen, sodaß sich womöglich noch schönere Durchblicke bilden als im Hauptraum. Den Hochaltar gliedert er in Kulissen. Vorderste: rotmarmorne Säulen mit goldenen Kapitalen. Mittlere: dieselben Säulen, verbunden durch den Bogen mit dem Lamm Gottes. Dritte: der Rahmen des Altarbildes, Gold mit weißen Engeln. Hintergrund: das warmtönige Altarbild selber. Ähnlich, nur schlichter, macht er's mit der Orgelmuschel. Farben: Langhaus weiß mit Gold. Säulen, Heilige, Orgelbrüstung, Bögen, Zwickel, Girlande, Plafondbalustrade – alles weiß mit Gold. Ach Gott, wie schreibt sich das so pedantisch und tot, und ist vom Meister gefühlt, geschaut, gebaut, ein Wunderding an Geist und Leichtigkeit! Immer wieder sieht man sie zum ersten mal, die Wies. Sie könnte in Sevilla stehen mit ihren famaurischen Bögen; in Paris, mit ihrem Märchenrokoko; ist Venedig, und drückte die schwebende Vollkommenheit ihres Jahrhunderts reiner aus als jeder der dortigen Innenräume. Das Äußere freilich, dieser nüchterne, dreigegliederte Bau einer deutschen Wallfahrtskirche, ohne Anspruch auf Prunk und Wirkung, ohne alles Bestechende, nichts als geschwungene weiße Mauern mit geschwungenen Öffnungen, an der Schauseite ein Paar bescheiden vorgelegte Säulen, das könnte nirgends stehen als auf deutschem Boden, nirgends schöner als auf diesem grünen Stück Wiese, umrandet vom dunklen Forst mit dem schwermütigen Gebirg dahinter, meilenweit einsam im hügeligen Moor- und Heideland des bayrischen Lechrains. Nie könnte sich dieser schmucklose Schrein in der schillernden Lagune spiegeln oder im dunkelgrünen Kanal, kalkig und kahl stünde das weiß verputzte Gebäude in der braunen Quaderwärme eines südlichen Platzes, tolpatschig deutsch neben eleganten Pariser Fassaden. Hier, in dieser stillen süddeutschen Landschaft, wirkt es wie ein Volkslied, im Wald gesungen. Was der alte Mann gewollt und gemacht hat, ist nicht Fassade. Es ist Raum. Ein Innenraum von mozartischer Vollkommenheit. Ottobeuren (1927) Ottobeuren liegt schön. Wie schön, geht einem auf bei öfterem Besuch. Beim ersten sieht man nichts als die Basilika weithin leuchtend ragen am Saum einer grünen Hügelstufe, deren westlicher Rand noch sanft hinaufschwillt, gegen die ehemaligen Amtsgebäude zu, während der östliche sich zum freundlichen Markte niedersenkt, der seinen Hauptplatz zu Füßen breitet wie einen steinernen Teppich, auf drei Seiten umstanden von reinlichen Bürgerhäusern, nicht hoch, ohne andern Anspruch als den, ruhig dies lichte Rechteck zu bilden, mit der hellen hohen Treppe hinauf zur hohen Kirche. Mit der Zeit wird man inne, wie notwendig der gewaltige Viereckbau des Klosters dazu gehört, aus dem die Kirche blumenhaft hervorwächst, sich ausbreitet, verjüngt, bis die ausgebuchtete Stirnseite Schluß macht, als spräche die Architektur: Nun ist es genug. Fürstlich hebt sich diese benediktinische Abtei über dem wohlhäbigen Markt, in geziemendem Abstände hinter der schattigen Wölbung alter Linden die niedrigere Umrandung der Amtsgebäude. Verschwenderisch weit schwingt sich von der geschlossenen Siedelung des Marktes die Mulde der Fluren empor zum höher gelegenen planen Gelände gegen Kaufbeuren. Mit Gelassenheit bettet sich die größte Klosteranlage in deutschen Landen in die hügelige Breite einer schwäbischen Voralpenlandschaft. Alles rings um sie, Wiesen und Äcker meilenweit davor, Laubbaumgänge eng daneben, der ansteigende Fichtenwald dahinter, der unermeßliche Himmel darüber, sie wirken nicht nur als Natur, sondern als Architektur. Lebendig steht alles in Licht und Luft, mit gegenständlicher Nüchternheit scheinbar, aber je öfter, je verweilender man das Ganze betrachtet, desto mehr entzieht es sich allen Mitteln, mit denen man es bewältigen möchte, der Leinwand des Malers, der Platte des Lichtbildners, der Ohnmacht des Wortes. Das alles jedoch erschließt sich allmählich. Wer zum ersten Male kommt, sieht den Wald nicht vor lauter Bäumen. Was ihm später eine untrennbare, gewachsene Einheit ist, scheint anfänglich meisterhafte Anordnung vorzüglicher Einzelheiten. Zum ersten Male kam ich nach Ottobeuren vor dreizehn Jahren. Seitdem habe ich es fast jedes Jahr wieder aufgesucht und getrachtet, dahinter zu kommen nach dem blendenden Worte des alten Winckelmann, es genüge nicht zu empfinden, daß etwas schön sei, man müsse auch erkennen, warum es schön sei. Dieser Apfel der Erkenntnis schmeckt nicht süß: hat man dem Verstande den kleinen Finger gereicht, so möchte er die ganze Hand. Vergleiche anzustellen, und von ihnen aus über Ottobeuren zu urteilen, ist eine müßige Zwischenstufe nach der ersten Begeisterung, die man überwindet, weil auch sie zu nichts führt. Wenn man das Werk rein für sich betrachtet und fürs erste den kunstgeschichtlichen Wissenskram zu Hause läßt, wird man still, und das Werk beginnt zu reden. Man versucht nicht mehr dahinterzukommen: Kunst hat kein Dahinter.   Die Kirche ist sonderbar groß. Man hätte sich nicht vorgestellt, daß sie so groß ist. Sie ist von innen größer als von außen. Das ist das erste Gefühl: das des Raums. Zu ihm gesellt sich zugleich ein farbiges: viel Weiß, wenig Gold, lauter zarte Töne, erst gegen den Hochaltar zu wird es bräuner, das Langhaus ist kühl, hell, vornehm. Weiß herrscht. Die Halbsäulen und Wandpfeiler aus Stuck sind so unaufdringlich marmorgetönt, daß alle Farben in ein perlmutterschimmerndes Grau zusammenklingen, mit schwebenden Untertönen von rosa, gelb, ocker, violett. Nichts von goldenem Schwelgen, kein purpurnes Prangen, kein glühender Rausch und dennoch wirken die hellen Senkrechten der Wände, wirken die gestaltenerfüllten dunkleren Flachkuppeln der Gewölbe so farbig wie flandrische Wandteppiche, weil sie zwischen lauter Weiß stehen. Für einen Barockbau ist die Kirche überraschend hell. Woher kommt das viele Licht? Steht man unter der Eingangsempore, so sieht man nur zwei Fenster des Mittelschiffs, alle andern kann man aus der jeweiligen Tagesbeleuchtung lediglich erschließen. Denn alle Fenster, mächtig hoch und breit, bogenförmig oder gerade abschließend, lassen das Licht in voller Wucht einströmen. Von allen Seiten bricht es herein, ungehemmt, nirgends sind die Lichtquellen durch Kulissen verhüllt, nirgends das Glas getönt, das Licht im Innern ist fast so stark wie das außen, eine Seite wirft es der andern zu, die gibt es, um ihr eignes vermehrt, zurück, so steht alles in einem gleichmäßigen Licht, das nicht nur an bestimmten Stellen mitbaut, sondern den ganzen Raum taghell macht bis in die letzten Winkel. Erst im Priesterchor mit der fensterlos abschließenden Wand des Hochaltars, dem bräunlichen Chorgestühl und der Orgelgewandung, beruhigt sich das siegreiche Licht und wird dienend: dämmernd und feierlich steht der Altar, und dunkel und schön schweben die Schalen der Kuppelfresken. Erst jetzt besinnt man sich auf die Gegebenheiten und Bedingungen des Bauplans. Eine Basilika, jawohl. Aber nur von außen ist wegen der Pultdächer das Basilikale ausgeprägt. Das Innere wirkt einräumig. Warum nur? Wir besinnen uns auf den großartigsten einräumigen Bau Süddeutschlands, die Michaelshofkirche in München. Ja das ist es: auch hier wird die Raumwirkung erreicht durch den Verzicht auf freie Pfeiler oder Säulen, einzig durch das Mittel von Wand und Wölbung. Was von außen als Seitenschiff erschien, erweist sich innen als Seitenkapellen von mäßiger Raumtiefe, aber, gegen das Mittelschiff zu, von ungewöhnlicher Bogenhöhe, außerdem setzen die Kapellenfenster sehr hoch an und reichen fast bis zur Decke, so daß sie von innen eher wie die einer Hallenkirche wirken. Zudem sind die durch die eingezogenen Streben gewonnenen vier Kapellen rechts und links so schmal, die Bögen rücken so nah an den Mittelraum hinauf, daß sie nicht mehr als Räume für sich empfunden werden, sondern mit dem Hauptraum verschmelzen; dies um so mehr, als vorn der Priesterchor den Kapellengrundriß des Gläubigenraums nur auf dem Papier beibehält, nicht fürs Auge; denn die den Kapellen in der Fortsetzung entsprechenden Räume, Sakristei links und Beichtgang rechts, sind durch das Chorgestühl vom Kirchenraume völlig getrennt; fürs Auge sind sie überhaupt nicht vorhanden. So ist das Innere in der Tat nur ein einziger Raum. Solange man unter der Eingangsempore steht, wirkt dieser Raum als Langhaus. Man schreitet im Mittelgange langsam, langsam vor: da schieben sich, von rechts, von links in voller Höhe des Langhauses vom Priesterchor her zwei neue, bisher unsichtbare Wände heraus und wachsen in eine ungeahnte Breite, mit jedem Schritt enthüllt sich ein Querschiff von kaum minder gewaltigen Ausmaßen, spannt sich immer breiter, immer lichter, bis man überwältigt unter der Vierung steht: dieses Querschiff, eine Kirche für sich, hat beinahe die Länge des Langhauses, die vier Kreuzarme sind fast gleich, es ist überhaupt kein Langhaus mehr, es ist ein Zentralbau, der Beschauer fühlt sich gebannt inmitten eines magischen Kreises, der sich nach vier Richtungen weitet wie nach einem Steinwurf Wellen im See. Zugleich scheint, ohne daß man sich Rechenschaft geben könnte warum, die mittlere Kuppel um soundsoviele Windungen in die Höhe geschwebt. In der Tat ist sie beträchtlich höher, aber es ist keine Kuppeltrommel da, an der man's messen könnte. Man fühlt sich zutiefst inmitten einer verstandesmäßig nicht faßbaren Raumeinheit, die Riesenschale der Freskenkuppel in schwindelnder Höhe zu Häupten, es ist keine Wand mehr da, denn die lichtvolle ausgebuchtete Stirnseite wie der wandfüllende Hochaltar scheinen durch den Druck des Lichts bis an die entfernten Enden der vier Kreuzarme zurückgedrängt, auch die massigen Pfeiler der Vierung versagen als Anhalt, denn auch sie sind zurückgetreten zu vier überaltarbreiten Rückwänden zwischen je zwei Halbsäulen, steinerne Mittelstücke gleichsam der vier Seiten eines nur in der Phantasie vorhandenen Quadrats, dessen vier Ecken der aus dem Festen ins Vorgestellte verwiesene Raumsinn irgendwo in den Kreuzarmen weiter hinten anzusehen zugleich genötigt und außerstande ist. Nicht minder verliert sich der Blick nach oben in das Kuppelfresko des weitgeöffneten Himmels: an den dunkleren Rändern steht noch gemalte Architektur, stehen Scharen seliger Geister, aber nach der obersten Mitte wird es heller und heller, man erblickt nur Wolken und Aufschwebende zu der im Unendlichen schwebend verharrenden göttlichen Taube. Unwillkürlich blickt man zurück, um zu faßbaren räumlichen Vorstellungen zu kommen, und im Geiste wenigstens wieder im Langhaus festen Fuß zu fassen – auch diese Möglichkeit versagt, der Zentralbau bleibt: was ist geschehen? Man sucht, vergleicht Gurten und Wölbungen, zählt die Joche, und entdeckt eine jener unscheinbaren Kleinigkeiten, wie sie nur der besonnenste Kunstverstand in die Waagschale legt: die beiden Doppelpfeiler im Langhause zwischen den Seitenkapellen sind schmucklos weiß gehalten, sie haben weder marmorgetönte Bänder noch Halbsäulen; sie sind farbig unbetont, weil sie als Bauglieder unbetont bleiben sollen – darum wirkt von der Mitte aus gesehen das Langhaus quadratisch. Die Basilika von Ottobeuren hat nicht nur durch die Bauanlage ungewöhnlich kraftvolle Gelenke: durch die schmückende Behandlung der Wand, Übereckstellung der Pfeiler, Verkleidung ihrer Kanten, Pfeilerbänder, vortretende Halbsäulen mit reichen Häupterkronen, Gesims und Gebälk hebt sie die Jochträger, und nur sie, so kraftvoll hervor, daß sich senkrechter Wandschmuck und senkrechte Wandstützen decken. Damit sind wir um einen Schritt weiter. Erst von hier aus erschließt sich das Geheimnis der farbigen Wirkung, des Verhältnisses von Weiß und Nichtweiß. Schon beim Eintritt ist uns die Höhe der breiten Pfeilersockel aufgefallen. Wir stellen uns davor hin: weit über mannshoch! Schmucklos weiß, bilden sie, rechts und links stetig fortlaufend, eine weiße Grundleiste, auf welcher erst die farbigen Senkrechten der Pfeiler und Säulen ruhen. Durch diese betonte weiße Leiste werden die farbig behandelten Hauptteile der Wände um etwa zweieinhalb Meter in die Höhe geschoben. Aber das ist erst die halbe Lösung des Rätsels, warum der Raum so unwahrscheinlich hoch herauskommt. Unwillkürlich suchen wir über der Hauptumwandung die entsprechende zweite Verspreizung nach oben und siehe! sie ist da, sogar mehr, überraschend mehr. Die Halbsäulen nämlich tragen über ihren Knäufen gleich hohe kämpferartige Aufsätze, diese eine wiederum gleich hohes, kraftvoll ausladendes Gebälk, hinter welchem eine vierte gleich hohe weiße Leiste zurücktritt, aus welcher sich erst die Gurten der Bögen und die Zwickel der Flachkuppeln herauswölben. Diese kämpferartigen weißen Gebilde mit den weißen Leisten und dem vorstehenden scharf geschnittenen weißen Gebälk führen bandartig breit rechts und links, sich jeder vortretenden Halbsäule, jedem übereck gestellten Pfeiler anschmiegend, mit den Achteckabschlüssen des Querschiffs mitlaufend, von ganz hinten bis ganz nach vorne, bis sie von der fensterlosen Wand des Hochaltars dämmerhaft aufgesogen werden, denn ihre Aufgabe ist erfüllt. Sie wirken als ruhige Reifen, die das Gehäuse über den Pfeilern und unter dem Gewölbeansatz zusammenhalten, wie unter den Pfeilern die ruhigen Leisten der Sockel. Alles, was senkrecht stemmt, ist farbig. Alles, was waagrecht trägt, ist weiß. Der Raum ist Einer und läßt sich nicht teilen. Darum sind die Seitenkapellen von so geringer Tiefe, darum die Vierungspfeiler abgekantet, darum der Priesterchor nicht durch eine Brüstung abgegrenzt, darum duckt sich der Kreuzaltar wie ein Hase in der Furche in die sieben niedrigen Stufen zum Hochaltarraum, so daß er zwar ganz leise gliedert, aber an ihm rechts und links vorbei, über ihn hinauf quillt, über ihn herunter stürzt der Raum, erfüllt das Querschiff, gleitet die Eckpfeiler entlang zurück zum Eingang, fließt, sich stauend, wieder nach vorn, und alles strömt, und alles ruht. Von hinten gesehen, rücken Säulen und Pfeiler gegen den Hochaltar zu scheinbar enger zusammen, erstes Joch, Kanzeljoch, Querschiffjoch, Presbyteriumsjoch, Hochaltarsäulen, sodaß in der Verkürzung ein Langkreis entsteht; noch täuschender umgekehrt, von vorne nach dem Eingang zu, weil sich dessen Stirnwand nach außen vorwölbt. Darum stehen die vier mächtigen weißen Bogengurten festlich hintereinander wie Triumphpforten. Noch habe ich kein Wort von der berühmten Ausstattung gesagt. Wer zum ersten Male nach Ottobeuren kommt, sieht nur sie. Wer die Schönheit des Raumes erfaßt hat, übersieht sie beinahe. An sich ließ das ungeheure Gehäuse des Mauerwerks jede raumschmückende Ausgestaltung zu: Renaissance mit kassettierter Decke; frühes Barock, mit Wessobrunner Akanthusornamenten wie in Vilgertshofen oder Friedrichshafen; hohes Barock im Stile der malerischen Ausstattung des Freisinger Doms; frühesten Klassizismus in der Art von Wiblingen oder Rot in Württemberg, mit den jeweils sich selbst ergebenden Abwandlungen im einzelnen. Nun ist die Ausstattung der Basilika von Ottobeuren bekanntlich ein Glanzstück des Rokoko: Altäre, Taufstein, Kanzel, Chorgestühl, und diese Ausstattung bringt in das großangelegte Ganze eine seltsame Unruhe. Die Harmonie des Eindrucks von Ottobeuren setzt sich aus mehr Spannungen zusammen als sich beim ersten Eindruck enthüllen, und es ist von hohem Reize, sich über die wichtigsten der Gegensätze klar zu werden, die sich gegenseitig in wunderbarem Gleichgewicht halten. Nicht nur, daß die Kirche von außen die Vorstellung einer dreischiffigen Basilika erweckt, während sie innen ein einziger Raum ist; nicht nur, daß dies lateinische Kreuz ein so selbständig entwickeltes Querschiff aufweist, daß es zum achsrechten griechischen Kreuz wird: die hoheitvolle Würde dieses strengen Grundrisses schien jede Ausschmückung zuzulassen, nur eine nicht: Rokoko. Dem Rokoko wird alles Spiel und Reigen, alles kokett, übermütig, ausgelassen, galant (die barocke Zwischenstufe: das Aufgeregte, Pathetische, Theatralische ist hier übersprungen). Man kann sich kaum einen detailloseren Grundriß einer Barockkirche denken, keinen auf den ersten Blick einleuchtenderen. Und keine Ausstattung, die dieser detaillosen Ruhe der Grundanlage durch wimmelnden Überreichtum an Einzelheiten, ihrer ernsten Größe durch geistreiche Zierlichkeit, ihrer geometrischen Klarheit durch Lockerung, Sprengung, Aufhebung, Verspottung jeder regelmäßigen Figur ein stärkeres Gegengewicht böte. Ich habe einmal versucht, die Gestalten der Heiligen und Engel, nur unter der Vierung, zu zählen, Vollfiguren, Putten, Gebälkträger, Köpfe – ich habe nicht zu Ende gezählt, weil ich mir sagte, es sei spießig, einer künstlerischen Ausstattung, die schwebt, flattert, flirrt, schwirrt, wie eine grande volière , rechnerisch auf den Leib zu rücken. Welcher Einwand ließe sich ernstlich ausspielen gegen diese reizenden Putten, die Purzelbäume schlagen, kopfstehen, sich in Vorhänge verwickeln, zwischen Falten hervorlugen, Verstecken spielen, sich schelmisch vermummen? Man muß sie nehmen wie sie sind, Kinder des heitersten aller Jahrhunderte, muß sie gern haben wie gaukelnde Schmetterlinge, wie mozartische Koloraturen. In der ganzen Ausstattung gibt es keine gerade Linie, keine regelmäßige geometrische Figur, keinen Kreis, kein Rechteck, keinen Würfel, alles ist Willkür und Laune: Muschel, Schaumkrone, Wogengekräusel, Brandungswelle, Laubgewind, knisternde Seidenfalten, gebauschter Samt, Fruchtgehänge, Ranken, Blattgewirr, Wolkenschleier, alles scheinbar gesetzlos und dennoch einem allgemeinen Gesetze dienstbar, das der Beschauer wohl gefühlsmäßig ahnt, ohne es mit dem Verstande zu fassen. Zärtlich umgaukeln die Engelreigen die nachgedunkelten Altarblätter in den mattgoldenen Rahmen. Das Wort bleibt uns im Munde stecken, wenn wir zwischen dem derberen Zierwerk und der geschliffenen Eleganz des Figürlichen unterscheiden wollen, die Ausstattung ist so vollkommen heiter und frei, daß nur ein Griesgram wagen möchte, diese Rosenketten kritisch zu zerpflücken. Es mögen etwa zehn Jahre sein, wir hatten den württembergischen Pfaffenwinkel abgewandert, Rot an der Rot, Ochsenhausen, Biberach, Steinhausen, wo der junge Dominikus Zimmermann zum ersten Male schüchtern zum Baugedanken der Wieskirche ausholt, Schussenried, Weingarten, Wolfegg, – zum Schluß wollten wir die Probe auf Ottobeuren machen: als Raum hielt sich daneben nicht einmal Steinhausen! Die Chorgestühle – dabei muß man diese württembergischen Ehorgestühle kennen – wie weggeblasen neben denen von Ottobeuren! Das herrliche dunkle Braun der schweren Eiche, die vergoldeten Lindenholz-Reliefs der Füllungen, der unerschöpfliche Esprit, mit dem die eingelegten Schmuckfelder die Kunstform des Vierbogenrahmens abwandeln, das mattleuchtende Gold der Karyatiden, Putten, Hermen, des flammenleicht aufzüngelnden Gitterwerkes, die geistreiche Verbindung von Orgelgehäuse mit Chorgestühl, die köstlichen Durchblicke auf die Deckengemälde oben in den Orgel-Lettnern zu beiden Seiten, vor allem aber diese achtzehn Reliefs selber, ein ins Rokoko übersetzter Ghiberti: hier streckt jede Beschreibung die Waffen, es ist das letzte Wort eines Handwerks, das höchste Kunst geworden ist, es ist rätselhaft, was ein Schreinermeister aus Villingen und ein Holzbildhauer aus Riedlingen da vollbracht haben, dazu gibt es kein Seitenstück, nicht nur in deutschen Landen. Und doch ist eine allerletzte Steigerung vorbehalten: leise schwebt ein flötenhafter Ton hauchzart zwischen den Gewölben, eine Figur perlt auf, eine zweite spiegelt sie, sie reichen sich die Hände, trennen sich, neue Gefährtinnen schwingen sich aus unerschöpflichem Grunde, die Stimmen werden zahlreicher, der Klang voller, ein Manual antwortet dem andern wie ein Chor von Knaben einem Chor von Mädchen, sie schweigen beide eine bange Pause lang, da wird das volle Werk tönend und dröhnend wie mit Bachischen Zinken und hohen Drommeten, die Luft zittert, die Wände scheinen zu beben, plötzlich wird es wieder ganz still, über das dunkelste Register spannt sich ein leuchtendes wie ein Regenbogen über die betränte Flur, da, in der mittleren Lage setzt die Vox Humana ein und das alte Werk fängt an zu singen, selig schwebt die unirdische Stimme zwischen braunsamtener Tiefe und himmlischem Licht, als offenbarte das große Fresko tönend sein Geheimnis. Ottobeuren ist nur zu verstehen aus der großartigen Baugesinnung des ehrwürdigsten Ordens des Abendlandes. Benediktus von Nursia gestaltet die Einsiedlerkolonie um in eine betende und tätige Gemeinschaft, die sinnvoll einem Ganzen dient. Die Klöster seines Ordens sind die legitimen Erben der römischen Villa. Äbte sind Herrscher, und Herrscher bauen. Ein Benediktinerabt, der nicht irgendwie Bauherr, Restaurator, Instaurator wäre, ist schwer denkbar. Kaum hat der Abt Rupert II. seine Regierung angetreten (1710), so faßt er den kühnen Plan, das vollbesetzte Kloster und die schöne spätgotische Kirche niederzulegen, um beide von Grund aus neu aufzurichten. Am 5. Mai 1711 wurde der Grundstein des Ostflügels gelegt, am 2. Januar 1715 bereits der fertige Bau bezogen. Die Konventualen fühlten sich wie in eine neue und offene Weltgegend versetzt. Zellen von dieser Behaglichkeit bei allem mönchischen Verzicht auf Besitz hatte es noch nicht gegeben. Der Weg, der von den gemeinsamen Schlafräumen der ursprünglichen Regel zur Zelle, gar zu diesen Zellen führt, ist lang. » Inveni portum, spes et fortuna valete «: wofern dies Wort unsichtbar über jeder Pforte eines Klosters steht, so steht im Geist über jeder Benediktinerzelle: » Nusquam tota quies nisi cella codice Christo « oder, wie es der nämliche Thomas von Kempen in seinem niederrheinischen Missingsch noch anheimelnder ausdrückt: » In omnibus requiem quaesivi sed nusquam inveni nisi in hoekskens cum boekskens. « Alle Ottobeurer Zellen sind gleich. Jede enthält einen Wohnraum von ziemlicher Tiefe, der sich gegen die Außenwand zu teilt in einen Schlafalkoven und eine Studierkemenate, beide durch Türen abzuschließen: die im Norden einzig mögliche Lösung des Kartausengedankens, wie er im Süden in den beiden Certosen bei Pavia und im Ema-Tal bei Florenz am schönsten verwirklicht ist. Bei allem Raumbehagen sind die Zellen asketisch einfach. Die Korridore hingegen sind durch ihre Breite, Höhe, Länge und durch ihre vornehmen Stuckarbeiten und Malereien wahre Festsäle, weit, heiter, lichtvoll. Von 1715 bis 1724 wurden zunächst zwei weitere Flügel im Norden und im Süden aufgerichtet und durch einen ansehnlichen Quertrakt verbunden; sodann ein kürzerer Zwischentrakt, der unten den Speisesaal enthält, im ersten Stock das Museum, im zweiten die herrliche Bibliothek; zuletzt der schloßartige Empfangs- und Gästeflügel im Westen, die weiträumigen Ökonomiebauten und die Wohnhäuser für die Beamten. Es war durchaus folgerichtig, wenn der Abt zuvor das Kloster erneuerte und dann erst die Kirche. Denn die Kirche blüht aus dem Kloster hervor. Alles ist von Anfang an auf sie hin angelegt, sie ist die Krönung des Baugedankens, sie sein letzter Sinn. Sie ist die Mittelachse des gewaltigen Vierecks mit seinen vier Innenhöfen. 1731 legt Abt Rupertus den Plan zu ihrem Neubau seinem Kapitel vor, das ihn in weiser Vorsicht, bis sich die Finanzen des Konvents erholt haben, um ein Jahrfünft verschiebt. 1716 sieht er den Bau begonnen, 1740 muß er das kaum über die Grundmauern gediehene Werk seinem Nachfolger überlassen. Geplant zur tausendsten Wiederkehr der Karolingischen Stiftung (1764), kann die Einweihung erst zwei Jahre später vollzogen werden. Nachdem er so den Plan seines großen Vorgängers noch würdig unter Dach gebracht, starb Abt Anselmus das Jahr darauf. Warum ich nur von der Kirche gesprochen habe? Warum kein Wort vom Kloster, seinen Höfen und Kreuzgängen, Winter- und Sommerabtei, Treppenhäusern und Amigonis Fresken, Refektorium, Bibliothek, Kaisersaal? Weil es dies alles auch anderswo gibt: in Sankt Florian, Melk, Klosterneuburg, Kremsmünster. Den Ottobeurer Raum aber gibt es nur einmal. Das Ottobeurer Chorgestühl gibt es nur einmal. Die Ottobeurer Orgel gibt es nur einmal. Memmingen (1927) Wir fuhren von Buchloe her mit dem Sechsuhrzug, auf einmal, wo die Bahn eine Biegung macht, steht die alte Stadt wieder mit ihren Kirchen, Türmen, Toren, Rauchfängen und Schornsteinen gegen den Abendglanz schwarzgezackt wie ein Scherenschnitt. Die Fabrikschlote mit ihren Rauchwimpeln stören gar nicht. Im Gegenteil, erst sie verleihen dem Bild gegen die Ränder feste senkrechte Abschlüsse; sonst verlief es sich ins Flache. Denn Memmingen gehört nicht zu den Städten, die ihren Reiz einer Sonntagslaune der Natur verdanken, wie Rothenburg der tiefgeschnittenen Furche der Tauber, Burghausen dem Hochgrat zwischen Salzach und Wöhrsee, Dinkelsbühl den erblindeten Spiegeln seiner Weiher und Gräben, Wasserburg der herrischen Umklammerung des Inns. Keine Höhe zeichnet es aus, kein Flußlauf. Was es ist, verdankt es sich selbst. Zu den unverrückbaren Grundbedingungen von Himmelsstrich und Erdreich, welligem und ebenem Geländ, festem Boden und Wasserläufen kommen bei alten Städten die wandelbaren und dennoch gebietenden ihrer Geschichte: Kirchen, Klöster, Stifte; Burg und Schloß, Veste und Trutzwall; Ratsbauten, Herrenhäuser des Geschlechteradels, Zunftstuben der Innungen, Gassen der Gewerke, Heimstätten der kleinen Leute. Sie alle, auch die geringsten, schaffen die Sprache und färben die Mundart der Baudenkmale, sie zusammen prägen die Schaumünze des Stadtbilds. Auch in diesem Betracht verdankt Memmingen alles sich selber. Kein Fürstensitz wie Neuburg oder Lauingen, keine geistliche Herrschaft wie Dillingen oder Kempten, war es eine freie Reichsstadt mäßigen Umfangs und bürgerlichen Zuschnitts. Wohl gehen die ältesten Siedlungen auf die Kirche zurück, aber schon früh rührt sich in seiner Kraft bewußtes Bürgerwesen und nimmt das Regiment in eigene Hand, schon 1350 hat Memmingen die zivile Gerichtsbarkeit, seit 1403 den Blutbann errungen, seit 1518 stellen Zünfte und Geschlechter abwechselnd den Schultheißen. Von der Turmaltane von Sankt Martin erblickt man die Stadt zu Füßen. An dieser Stätte ist das Gemeinwesen entstanden; an diese leichte Geländeschwellung lehnen sich die ersten Siedlungen; bis in unsere Tage bildete sie die Bebauungsschranke gegen das Württembergische, wie das birkenbestandne Ried die gen Ottobeuren. Nordwärts hingegen und südlich gegen das fürstäbtliche Kempten zu gebot die Natur kein Halt und stand die Ausdehnung frei. Das Netz der Straßen und Gassen der sich bildenden Stadt wird leicht gekrümmt durch den Stadtbach, leicht gestreckt durch die Hauptverkehrsader nach Ulm, Kempten, Lindau. Denn Memmingen liegt an der Weltstraße von Welschland nach Brabant. Schon 1490 geht die Ordinari-Post von Italien »bis ins Niederland«. Memminger Leinwand, Barchent und Tuch, Sensen und Sägen wandern seit der Staufenzeit nach Venedig, Spanien, Flandern; mit seinem Schwager Anton Welser gründet der Memminger Konrad Vöhlin die »große deutsche Kompanie« und handelt bis Indien. Für den Wochenmarkt aber hat die Stadt ringsum ein wohlhabendes ackerbäuerliches Hinterland; schon die nächste Konkurrenz, Kaufbeuren und Kempten, beeinträchtigt wenig, die entlegenere, Lindau, Augsburg, Ulm, überhaupt nicht. So mußte hier eine selbstgenügsame Stadt entstehen, und diese Stadt mußte bürgerlich werden, zünftig und handeltreibend. Dies ist ihr Gesetz, dies ihre geprägte Form, die sie ausfüllt, ihre Schranke, die sie nicht überschreitet. Zuerst ist die Martinskirche da. Doch alsbald duckt sich unter ihre schimmernden Fittiche ein Markt. Der Markt braucht Zufahrten von Kempten, Lindau, Ulm, auch vom Ried. Damit ist der Stadt, neben und unabhängig von ihrem peripherischen Kern, die Richtungsachse von Süd nach Nord gewiesen. Es gabeln sich sogar zwei durchgreifende südnördliche Straßenzüge nebeneinander, die erst vorm Rathaus wieder zusammenlaufen: Weber- mit Herren-, gleichgerichtet Kemptner- mit Kramerstraße, beide vereint durch die schmalere UImer Straße, unterm Tor ins offene Land hinausdrängend. An dieser gegebenen Grundrichtung ändert der alte westöstliche Querzug der Westerstraße über den Hauptmarkt durch die Kalchstraße so wenig wie der ihm gleichlaufende neuere vom Bahnhof durch die Maximiliansstraße über den Weinmarkt zum Schweizerberg, wo er sich trotz seiner Breite einstweilen als Sackgasse totläuft. Memmingen ist und bleibt südnördlich gerichtet, was sich auch in der Reihenfolge seiner Bahnverbindungen ausdrückt: 1862 die erste nach Ulm, 63 sofort deren Weiterführung nach Kempten, erst volle 11 Jahre später die über Buchloe nach München. Aber in aller Stille hatte sich um 1300 herum ein zweites geistliches Viertel entwickelt, dem im Nordwesteck gebietenden Sankt Martin schrägüber entgegen: Unser Frauen am Hochrand gegen Haide und Ried. Damit waren nach allen vier Ecken die Grenzpfähle der Stadt ausgesteckt, deren Bauplan sie getreulich füllt und mit Mauern, Bastionen, Türmen und Gräben kräftig umrandet. Wie entwickelt sich innerhalb solch naturgegebener Umzäunung die Straßenanlage einer schwäbischen Stadt? Dafür gibt es ein Miniaturmodell: die Fuggerei in Augsburg; und eines in größerm Maßstab: Schongau auf dem Natursockel einer ehemaligen Schleife des Lechs. Die Stadt zerfällt in Häuserblöcke von annähernd gleicher Größe, gleicher Höhe, durch Längsstraßen und Quergassen schachbrettmäßig geviertelt. Mit anderen Worten: schon das ausgehende Mittelalter baut übersichtlich und unromantisch wie Mannheim. Das verleiht diesen schwäbischen Nestern, Memmingen, Ulm, Biberach, Mindelheim etwas Einheitliches, aber nicht Eintöniges. Stil hat die Stadt, das einzelne Haus hat keinen, will keinen. Dennoch wirkt dies Ganze traulich, sogar künstlerisch. Denn dieser Bebauungsplan ist mehr durchgefühlt als durchgeführt, im einzelnen ist dem Sonderwillen des Bauherrn Spielraum gelassen, vor allem hat nirgends amtlicher Übereifer die schnurgerechte Frontenflucht erzwungen, welche die blickpunktlosen Straßenschächte des abgelaufenen Jahrhunderts so öde macht. Aber um die Lebensform dieser schwäbischen Stadt zu verstehen, die innere Notwendigkeit ihrer Entwicklung, die Folgerichtigkeit ihres Ausbaus, müssen wir ihre Urzelle aufsuchen. Das bodenständige oberschwäbische Bauernhaus im Zeilendorf, ob Steinbau oder Fachwerk, ist geräumig, einstöckig mit dreieckigem Giebel, weiß verputzt, schmucklos, nüchtern; kein Erker, keine Lauben, keine Abwalmung. Viel häufiger, wenigstens in der Memminger Gegend, steht es zur Straße mit der Giebelseite senkrecht als mit der Traufseite ihr gleichgerichtet. Schon weil der Hauseingang nicht wie beim altbayrischen Bauernhof in der Stirnwand liegt, sondern an einer Langseite, steht jedes Haus für sich allein, und so ergibt sich, wenn man eine Dorfgasse der Memminger Gegend hinabblickt, Grönenbach etwa, oder Zell, oder Woringen, eine Straßenflucht, deren Häuser in maßgerechter Verjüngung eins nach dem andern vortreten. Steht man in Memmingen am südlichen Ende der platzbreiten Webergasse, so hat man genau das selbe Bild: lauter Einzelhäuser stehen eins hinterm andern bedächtig vor, aber nicht, wie etwa in Mittenwald, ruckartig schiefgestellt mit breit und flach vorgefalteten Dächern, sondern in kaum merklicher langsamer Biegung, saubere weiße Würfel, reinliche weiße Giebel, abgeknappte dunklere Dachsteilen. Wiederum liegt der Reiz dieser Straßen nicht im Einzelbau, sondern im Gesamtbild: nicht in malerischer Buntheit, nicht in zeichnerischer Bewegtheit, sondern in der Wiederholung und damit um so nachdrücklicheren Einprägung der schlichten ursprünglichen Hausform. Auch innerhalb der geschlossenen Zeile findet sich dies Vorschieben, des einzelnen Hauses zur Abschrägung des Richtungswechsels von Gassen und Straßen in Memmingen derart auf Schritt und Tritt, daß wir uns seiner lang unbewußt erfreuen, bevor wir es erkennend inne werden. Ein einziges Beispiel: Um die sonst zu schroffe Überleitung von der Kalchstraße zum Markt zu gewinnen, rücken bei der ersten Schwenkung schwach nach links auf der rechten Seite drei Häuser nacheinander vor, jedes im rechten Winkel, bei der zweiten Wende nach rechts auf der linken Seite ihrer vier. Ähnlich nicht nur an Dutzenden, sondern an Hunderten von Stellen. Nicht zuletzt darum wirkt Memmingen so schwäbisch. Aber die Häuser werden notgedrungen nach oben ausgebaut, Stockwerk auf Stockwerk aufgesetzt. Auch hier bleibt das Muster das schwäbische Bauernhaus: um die Tragkraft der Wand zu verstärken, läßt man die Bodenbalken unterm vorkragenden Obergeschoß vorstehen. Diese offenbar uralte Vorbälkung des holzgefügten bäuerlichen Fachwerks wird nunmehr auf den städtischen Steinbau übertragen und bald sogar an Stellen angewendet, wo keine Geschosse vorrucken, daher außen sichtbare Balkenköpfe eigentlich gar nicht berechtigt sind; das heißt, was von Haus aus schmückende Notwendigkeit war, wird spielende Zier. Aus dem balkenbedingten viereckigen Zahnschnitt entwickelt sich durch die rhythmische Wiederkehr der nach unten offenen Vierecke von selber ein primitiver Bogenfries; seine Arkaden werden breiter, ihre Zwischenteile schmäler, der Zahnfries flach, schließlich wird das Motiv in allen erdenklichen Formen abgewandelt bis zu der des maurischen Eselrückens. Gewiß findet es sich vielfach auch anderwärts, aber nirgends gibt es den Straßen so übereinstimmend ein Familiengesicht wie hier, und das ist auch ein Grund, warum keine bayrische Stadt so schwäbisch wirkt wie Memmingen. Es war nicht überflüssig, zuerst die Grundlagen zu zeigen, auf denen das Memminger Stadtbild ruht, bevor wir uns diesem Stadtbild im einzelnen zuwenden, einem der bei aller Anspruchslosigkeit eigenartigsten, vor allem unversehrtesten. Nur die nächste Umgebung des Bahnhofs macht von ihrem Rechte neuzeitlicher Häßlichkeit maßvollen Gebrauch. Kaum sind wir in der Maximiliansstraße, so nimmt uns die alte Zeit bei der Hand, um uns nicht mehr so geschwind loszulassen. Denn das Gefängnis links ist das einstige Absteigequartier der Äbte von Ottobeuren, der über hundert Meter lange Salzstadel stammt aus dem 15. Jahrhundert, gleich darauf folgt der wipfelgrüne geräumige Hof des ehemaligen Kreuzherrn-Konvents, der größten ehemaligen Klosteranlage der Stadt, und schon stehen wir an der gastlichen Weitung des Wein- und Holzmarkts. Hier tagten ehedem die Zünfte. An der Stelle, wo jetzt die Zweigniederlassung der Bayrischen Handelsbank steht, war das Gildenhaus der Gerber; ihm gegenüber erhebt sich heute noch der mächtigste Fachwerkbau der Stadt, das hochgegiebelte Weberhaus, außerdem das der Zimmerleute, der Metzger, der Merzler, und, links am Eck, das der Kramer, in welchem die aufständischen Bauern ihre geharnischten Zwölf Artikel aufsetzten. Bei aller Schlichtheit wirkt der Platz malerisch mit den niedergehaltenen Akazien, dem Zierbrunnen und dem rebenumsponnenen Doppelgiebel des Weinhauses zum Römischen König; an Dienstagen füllen ihn von altersher die Holzfuhrkarren der Bauern. Noch sind wir erst ein paar hundert Schritt in der Stadt gegangen und schon hat sie uns die unaufdringliche Zweckschönheit ihres Bauens geoffenbart: geschlossene Häuserblöcke, abschließende Durchblicke, Straßen- und Platzseiten gleichsam Wände. Wie hübsch ist der Blick in die Waldhorngasse, wie stattlich rechter Hand in der höheren Kalchstraße der Hintergrund des alten Gasthofs zum Schwanen! Schauen wir nach rückwärts: die breite Front des Bahnhofs; nach vorwärts legt sich das Aichhaus vor. Nirgends jene fatalen Löcher, mit denen das Jahrhundert der Reißbrett-Architekten so freigebig war: man kann im alten Memmingen herumgehen so viel man will, man wird ihrer keins entdecken. Eine der reizvollsten Stellen des Stadtbildes folgt gleich darauf: das platzähnliche Gebilde, wo sich Kreuz-, Herren- und Lindauer Straße geometrisch nicht mehr faßbar mit dem Weinmarkt vereinigen, im Hintergrund altersgrau und nadelschlank das achteckige Giebeltürmchen, von welchem aus Seni vom gestirnten Himmel seines Herrn Absetzung ablas, der wahrzeichenhaft ragende Turm von Sankt Martin und der Fuggerbau, in dem außer Wallenstein schon Gustav Adolf, der pfälzische Winterkönig und der blendende Max Emanuel abstiegen. Beruht der Reiz dieses Platzes in seinen geselligen Freiheiten nach allen vier Seiten, so liegt der des lindenbeschatteten Kirchplatzes von Sankt Martin, zu dem die schmale Pfarrhofgasse leitet, in jenem versonnenen Schweigen, das nur aus der Umzirkung kirchlicher und geistiger Bauten sanft aufblüht: was die Engländer cathedral precincts nennen. Etwas Kathedralenmäßiges, wie der Nördlinger Daniel und die Georgenkirche in Dinkelsbühl, eignet in der Tat diesem herben Backsteinbau, trotz aller Unbill, die er in leidenschaftlichen Zeitläuften erlitt. Die Jahrhunderte sind nicht glimpflich mit dem ehrwürdigen Münster umgegangen, besonders die Bilderstürmer haben tollwütig gehaust. Desto erfreulicher ist die Behutsamkeit, mit der man seit kurzem seine alten Kalkgemälde bloßlegt. Was jedoch der Kunstfreund in ihm vor allem sucht, ist im Chor das geschnitzte Gestühl mit seinen kernhaften Gestalten, in seiner Art das einzige in Bayern. Aber es sind nicht die zwölf Sibyllen noch die elf Propheten, nicht der Heiland und die Zwölfboten, nicht die kunstreichen Einlegearbeiten, welchen es seinen Ruhm verdankt, es sind die bürgerlichen Holz-Hermen der zeitgenössischen Stifter und Stadtgewaltigen. Im obern Teil geistlich und gelehrt wie das Ulmer, wird dies Gestühl im untern schier trotzig laienhaft, unkirchlich, profan. Vielleicht ist es das Antlitzgetreueste, was Bayerns spätgotische Schnitzerei zum mindesten in einer Kirche gewagt hat. Der sorgenvolle Schultheiß und der ungeberdige Säckelwart, der »Tischmacher« Heinrich Starck und der Holzbildhauer Hans Daprazhauser, die üppige Frau Bürgermeisterin – was für stockschwäbische Figuren! Glaubt man schon in Ulm, wenn man über den Markt geht, noch manchesmal den schönwangigen Frauen und Mädchen Syrlins zu begegnen, so könnten diese Gestalten von Sankt Martin, an denen jede Ader lebt, erst recht heute noch, wie sie sind, in Memmingens Gassen wandeln. Will man sie durch den schärfsten Gegensatz noch deutlicher machen, so braucht man nur den Namen Til Riemenschneider nennen: bei ihm alles ritterlich, vornehm, schlank, anmutvoll, verträumt und spät, hier derbe Erdensöhne voll Mutterwitz, wohlhäbig und stämmig, scharfen Blicks das Dasein meisternd, im Diesseits Bürger und im Schwabenland. Wiederum ein paar Schritt, und wir stehen auf dem Rathausplatz, im Herzen der freien alten Reichsstadt. Wie sein zünftiger Vetter am Weinmarkt und sein ländlicher an der Schranne, ist er auch zugleich Markt: man muß ihn bloß an einem Dienstag sehen, ein reizendes Stilleben von Blumen, Gemüs, Beeren, Obst, Waldschwämmen, Geflügel, Eiern, Butter, Schmalz. Gute Plätze sind steingewordene Funktion; drum muß man sie sehen, wenn sie ihre Funktion erfüllen, sonst sehen sie aus wie pensioniert. Genau betrachtet ist der Memminger Kräutelmarkt ein Nebeneinander und Ineinander von Plätzen: die eine Piazetta vorm Rathaus preßt sich zu einem Gäßchen zusammen, die andre vor der alten katholischen Pfarrkirche verflüchtigt sich in die Ulmer Straße, hinten erhöht und wuchtig Sankt Martin, die Eckhäuser geben durch zurückweichende Dächer den Blick frei, und die Häuserfronten treten in zwei Kulissen zurück, in der Mitte der lange helle Laubengang des freskenbunten Steuerhauses, keine Gasse reißt in die Mitte ein Loch, sie sind den Seiten entlang geführt oder schließen durch Hintergründe gut ab, gegen Osten alles steil überragend Giebel und Turm der Kreuzherrenkirche: es ist ein naturgewachsenes Platzgefüge, daß den Vergleich mit berühmteren nicht zu scheuen hat. Das Rathaus aber ist die letzte Steigerung des schwäbischen Bauernhauses im Rahmen einer bürgerlichen Baukunst, die nicht über ihre Verhältnisse lebt: sechsstöckig, Fensterbrauen und Giebel geschwungen, Erdgeschoß schmucklose Rustika, in der Mitte überm Tor durch drei Stockwerke bis zur hübsch gerahmten Uhr ein Flacherker, der sich durch weitre drei Geschosse als Dreieckabschluß eines Oktogons vortürmt, um als achteckiger Haubenturm zweigeschossig ins Blaue zu münden. Links und rechts fünf eckige Erkerturmangeln mit Hauben, wie man sie an ländlichen Schlössern der Umgebung sieht, das Ganze gedrungen ohne Trotz und heiter ohne Prunk. Hier am Nordwestrand schmiegen sich die geistlichen und patrizischen Bauten zusammen, am Weinmarkt die zünftigen, im Südviertel die der kleinen Leute. In der Südostecke liegt das kirchliche und stiftliche Gegenstück zu Sankt Martin, Unser Frauen, im Schatten seiner Bäume und alter und neuer Pfründehäuser. Auch hier Überraschungen auf Schritt und Tritt – eine Menge netter Giebel, Geschoßvorkragungen, Höfe, Durchblicke, farbige Häuser, Fachwerk, das keck vorspringende Chörlein in der Nonnengasse, die malerischen Quartiere an der Hohen Wacht, der Alten Kasern und an der Mauer bis zum Lindauer Tor, dessen reizendes Plönlein leider das neunzehnte Jahrhundert, statt durch einen Brunnen geschmückt, durch eine Litfaßsäule verschandelt hat. Im Innern von Unser Frauen Wandmalereien, die bedeutendsten Süddeutschlands aus dem ausgehenden Mittelalter. Aber Memmingen bietet so viel, daß ich nur andeuten kann. In welcher Stadt z. B. findet sich noch so zahlreich der geschmiedete Zierat der Nasenschilder, wie sie das Städtische Museum, der Rote Ochse, das Rad aufweisen, der Grüne Baum, Tanne, Hecht, Waldhorn, Gerste, Bräuhaus, der Römische König, Kreuz, Schiff, Einhornapotheke, der Goldene Schlüssel an der Schlossergasse? Wie gut und treuherzig klingen allein die Namen dieser Häuser: Gottfried Keller hätte daran seine helllichte Freude gehabt. Das Lieblichste haben wir uns zum Schluß aufgespart: den nachgenießenden Rundgang um den Graben. Gleich hinter Unser Frauen empfängt uns die Wölbung des Reichshains, mit dem der grüne Gürtel um die Stadtumfriedung anhebt: da ist der schöngieblige Kempter Torturm: welch malerischer Durchblick fast bis zum Schrannenplatz! Immer erneut sich die Stimmung des Osterspaziergangs aus »Faust« entlang dieser Stadtmauer, mit ihrem schmalen Rain blühender Anlagen davor, zum Lindauer Tor, das mehr ein Haus ist, zum Westertor, das ausschaut wie ein stämmiger Sprößling des Martinsturms, vorbei an guten neuen Amtsgebäuden, mit immer neuen Überschneidungen, Verschiebungen von Türmen, Toren, Giebeln, bis zum hohen Ulmer Torturm, wo es uns wie von selber wieder in die Stadt hereinzieht: wir entdecken eine Art Amberger »Stadtbrille« am Bach, entdecken den alten Einlaß, Schwind hätte ihn nicht traulicher entwerfen können – halt! welch begrünte Freyung betrachtsamen Friedens, dieser liebevoll gepflegte Gartensaal mit edlen Zedern und hangenden Ziersträuchern in der vierfachen Hut von Rathaus, Kirche, Hexenturm und Einlaß, aus dem ein Heckenpfad hinausführt, schmal und heimlich um die alte Stadtbefestigung herum, bis wir, um die Ecke biegend, überrascht vor dem Bahnhof stehen, von dem aus wir unsern Gang durch die alte Reichsstadt antraten. Vom Wandern (1931 und 1932) »Wandern« ist ein altes deutsches Wort. Es gehört als Nebenform zu »wandeln«, als abgeleitete zu »winden«. Der Wanderer meidet die gerade Straße, er sucht die gewundenen Pfade. Eine Spur im Gras, eine Lichtung im Gehölz, ein Wildwechsel am Waldsaum sind ihm Wegweiser genug. Der Romane hingegen kommt von der Straße nicht los, und sein Wortschatz für »wandern« führt unweigerlich auf via zurück. Wenn Richard Wagners Ausspruch »Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen treiben« richtig ist, so ist Wandern etwas ausgemacht Deutsches. Denn Wandern hat für uns wohl ein Ziel, aber keinen Zweck, dieser wäre denn das Wandern selbst. Es steckt uns so tief im Blut, daß uns ein Dichter, der nicht ein einziges Wanderlied gedichtet hat, beinah fragwürdig ist. Wandern ist eine Tätigkeit der Beine und ein Zustand der Seele. Sogar wenn er in der Eisenbahn sitzt, bringt der geborne Wanderer es noch fertig, zu wandern: mit Aug und Gemüt. In diesem Sinn gibt es wenige Wanderstrecken, die dankbarer wären als Alpenübergänge. Wir fahren sie oft mit der Bahn, bis uns eines Tages unwiderstehlich die Lust ankommt, das lockende weiße Band endlich einmal zu Fuß abzugehn, und sieh! jetzt ist uns sogar die Straße lieb geworden, denn an jeder Wegbiegung begegnen wir der Empfindung wieder, mit der wir sie vom Zugfenster aus begrüßt haben. Fürs Wandern kann man keine Regel aufstellen, das ist das Schönste daran. Wandern ist der Inbegriff von Unabhängigkeit. Gibt es einen spannenderen Umweg, um durch ein reines Verhältnis zu den Dingen zu uns selbst zu kommen? Und gibt es eine zauberhaftere Möglichkeit, aus der Zeit, in der wir im Alltag leben, in die Zeitlosigkeit Eduard Mörikes hinüberzugleiten? Wie langsam wanderte und reiste man in der guten alten Zeit! Aber was hindert uns, sie für unsern persönlichen Gebrauch jederzeit wieder hervorzuholen? In hundert Jahren werden wir von unsern Urenkeln ja doch beneidet, wir, die wir noch »in der guten alten Zeit« lebten. Es kostet uns nichts als ein klein wenig Mut zur Selbständigkeit, und sie lebt in uns. Es gibt hunderterlei Arten zu wandern, und jede, die jeweils zu unserem Wesen paßt, ist gut. Und es gibt viele Mittel, und eins ist so schön wie das andre. Warum nicht wandern im Ruderboot? im Faltboot? warum nicht auf Skiern? Es kommt nicht auf das Mittel an, sondern auf die Gesinnung. Sicher ist nur so viel, daß Wandern nie und nimmer ein Sport ist, so wenig wie Skifahren oder Bergsteigen. Selbst zum Tennis gehören mindestens zwei; zum Wandern genügt einer. Im Wandern ist eine vornehme Zwecklosigkeit. Man darf nicht viel Gepäck mitschleppen, auch nicht im Geist. Fontane zum Beispiel, trägt er nicht ein wenig zu viel märkische Geschichte in seinem Ranzen? Man sollte nicht zu viel wissen, eh man den Wanderstecken ergreift, nicht zu viel Pläne machen, sondern sich von Dingen und Begebnissen lenken lassen. Im Gassenlabyrinth Venedigs gibt es kein bewährteres Rezept sich zu verlaufen, als vorsichtig nach dem Stadtplan zu gehn. Wer sich hingegen dem Menschenstrom anvertraut, steht beglückt auf einmal vor dem Colleoni-Denkmal, zu dem er wollte. Am Ende wird es sogar gleichgültig, wo wir wandern. Der alte Horaz bummelte vergnügt durch die heilige Straße aus dem Forum mitten im kaiserlichen Rom, und nichts zu suchen, das war sein Sinn. An einem Wiesenbach Hans Thomas kann einer Schöneres von Gottes Welt entdecken als ein anderer am Strand von Sorrent. Gibt es eine reizlose Landschaft? Es gibt nur reizstumpfe Augen. In den Maximen des Herzogs von La Rochefoucauld steht der Spruch: »Betrachtet man's genau, so ist unser Leben eine Wanderung: mit unerwarteten Fernblicken, Wegbiegungen, Raststätten und einem Ziel, das wir nicht kennen.« Aber wenn Leben Wandern heißt, so heißt umgekehrt auch Wandern Leben: wann jemals fühlen wir uns vom Leben so erfüllt bis zum Rand, bis zum Überströmen, wie auf einer Wanderung? Wir atmen freier, das Blut pulst fröhlicher, die Welt dünkt uns farbiger, reicher, das Glück singt vor uns her von Baum zu Baum wie ein Fink, und jeder Brunnen, aus dem wir trinken, enthält einen Schluck Lethe – gibt es ein besseres Mittel Ärger und Sorgen, selbst Kummer zu vergessen? Von Gustav Kenßner stammt der Ausspruch: »Alle Wege führen nach Rom, aber zur bildenden Kunst führt nur ein Weg, der Weg durchs Auge.« So führt auch zum Wandern nur ein Weg, der Weg mit Füßen und Beinen. Alle schönen Dinge lernt man durch sie selber: Geigen durch Geigen, Lesen durch Lesen, Wandern durch Wandern. Meine erste große Wanderung machte ich – wie hätt' es anders sein können? – gleich nach der Reifeprüfung, vom Tegernsee über den Achensee, Jenbach, Schwaz, Hall bis Innsbruck. Ich hatte ein besonderes Glück, das ich – so gehts beim Wandern oft – zuerst nicht als Glück erkannte: der Mitschüler, mit dem ich die Fahrt ausgemacht hatte, sagte im letzten Augenblick ab, einen andern Begleiter trieb ich nicht auf, so mußt' ich wohl oder übel allein losziehn. Aber gerad für den Anfänger ist Alleingehen vielleicht noch schöner, sicher lehrreicher, als das Gehen zu zweit. Meine Ausrüstung war so falsch wie möglich: statt des Rucksacks ein Ränzchen, statt des Steckens ein Regendach von vorsintflutlicher Spannweite. Vor Ärger ließ ich's auf dem Rückweg an einem Baum im Ammerwald stehn. Tags drauf goß es in Strömen: wie froh wär ich im Oberammergauer Passionsspiel, wo ich mir nur den billigsten ungedeckten Platz leisten konnte, um das schnöd verstoßene Paraplui gewesen! Mein erstes Nachtlager war in Achenkirchen: alle Gasthöfe überfüllt, der letzte Wirt wies mich – ich sah wohl aus wie ein Handwerksbursch – an die Benediktiner im Pfarrhof. Noch hatte ich keinen Tropfen Tiroler gekostet in meinem jungen Leben, die geistlichen Herren waren die Leutseligkeit selbst, an der Wand stand ein Spinett, seine Stimmung war rein, ich bin den halben Abend dran gesessen und habe immer wieder Mozart versucht vom Papageno bis zum Ave Verum. Als ich auf dem Heimweg – wir waren, eine fröhliche Vagantenschar, über den Fernpaß gebummelt, ich zog allein weiter über Weilheim und den Peißenberg – in Kaufbeuren endlich einstieg, waren meine Füße wund, meine Stiefel durch, meine Börse leer, aber, ohne daß ichs wußte, hatte ich allerhand gelernt, was zum Wandern gehört. Am Fernpaß hatte ich entdeckt, daß es ein Vergnügen ohne Anstrengung sei, über Pässe zu wandern, und so war, als ich nach mehreren Jahren auf drei Wochen in die Schweiz fuhr, nichts natürlicher, als daß ich mir die berühmten Übergänge vornahm: zu Fuß von Göschenen über das Gotthardhospiz – gesegnete Forellen! gesegneter Asti! – bis Bellinzona, wo ich zu meinem Verdruß umkehren mußte, weil mich mein Rundreiseheft ins Berner Oberland zwang. Wieder hatte ich etwas gelernt: Das Schönste an Wanderplänen ist, daß man sie umstoßen kann. Niemals sich binden! Wandern ist kein zielbewußtes Reisen, Wandern ist Laune, Willkür, Erleuchtung des Augenblicks, heut hier, morgen dort, starre Wanderpläne sind Sünde gegen den heiligen Geist. Mit solcherlei Gedanken pilgerte ich, abermals von Göschenen, abermals durch die Schöllenenschlucht bis zur Wegscheid zwischen Hesperien und der welschen Schweiz, über Furka, Rhonegletscher, Grimsel hinab nach Meiringen, über große und kleine Scheidegg nach Interlaken. Am Thuner See gabs mir plötzlich einen innerlichen Ruck: erste Ahnung, daß diese tiefsatte, sanfte Landschaft mit den alten Nußbäumen edler sei als all das Pathos der Veduten, denen ich bis dahin nachgegangen war. Es war ein wonnevolles Wandern damals in der Schweiz. Auto gabs noch keins, und die flinken Zweispänner begrüßte der Fußgänger über die Pässe munter, gleichsam als besser situierte Genossen, wofern ihn nicht gar, wie Eichendorffs Taugenichts, freundliche Damen mit wehenden blauen Schleiern einluden, eine Strecke Wegs mitzufahren. Als ich im Jahr darauf Beer-Walbrunns Lied in der »Jugend« zu Gesicht bekam, mit dem holden Schluß »es zog das Glück an uns vorbei, wir wußten's kaum«, da schwebten seenblau, gletschersilbern, nußbaumgrün allerlei Schweizer Visionen traumhaft vorüber. Von da verging kein Jahr ohne eine Reihe längerer Fußwanderungen, besonders seit ich 1899 durch den Höhenweg vom Nebelhorn zum Hohen Licht die spröderen Reize des Gehens im Fels kennengelernt hatte. Börse, Rucksack und Herz waren leicht, das Straßenbahnzehnerl tat man vorsichtigerweise schon bei Antritt der Reise ins Geheimfach des Geldbeutels, der letzte Rest wurde in Kufstein oder Bregenz in Tiroler angelegt. 1903 erfuhr ich in Paris das prickelnde Behagen des Herumschlenderns in einer ganz großen Stadt; mit meinem Freund kam ich täglich auf das alpine Normalquantum: 7 bis 8 Stunden. Im nächsten Jahr waren wir stolz, mit barbarisch staubigen Schuhen die Umgebung von Florenz – ich besitze die Karte noch, 1:25000, sie kostete 1 Lira 80 – nach allen Himmelsrichtungen abzugehen. Welch unbeschwerte tempi passati! Zu Ostern wanderten wir in Italien, zu Pfingsten rund um den Wilden Kaiser, gleich nach Schulschluß von Oberaudorf über ein Dutzend Gipfel und Scharten zum Karwendel ins Inntal. Das war jedoch nur der Anfang: Damals hatten wir noch den einzig naturgemäßen süddeutschen und österreichischen Schuljahrgbeginn im Herbst, und so begann das richtige Wandern erst am 1. September, von Feldkirch über lauter Jöcher und Gipfel im Rhätikon nach Bludenz, geschwind über den Brenner, von Sterzing aus in die Stubaier, hinaus durch das herbstlich prangende Gschnitztal nach Steinach, zurück, nein, noch nicht heim! schnell noch hinauf zum Rofan! Zu Weihnachten gerodelt vom Brünnstein, und von Hall aus die festlichste aller Schlittenbahnen von den Herrenhäusern im Karwendel – alles in einem einzigen Jahr! Ich könnte es selber nicht glauben, hätt' ich mir nicht all meine Wanderungen aufgeschrieben. So verflog die Zeit bis zum Krieg. Man wußte es nicht mehr anders: Schultür zu, Coupétür auf! An Ostern Italien, im Sommer Hochgebirg, Weihnachten auf Skiern, worin ich's aber nie weit gebracht habe. 1910 wiederholte ich die Wandrung über den Gotthard: ich war betroffen, daß mit meinem Erinnerungsbild von 1897 außer dem Asti und den Forellen so gut wie nichts stimmte; noch betroffener, daß sich kurze Zeit nach dieser Begehung wieder jene völlig unwirkliche Phantasievision herstellte. Damals dämmerte mir zum erstenmal auf, daß nicht die Wirklichkeit das für uns Reale ist, sondern nur, was unser inneres Auge aus ihr macht. Damals zugleich, gegen den Vierziger zu, begann ich zu ahnen, daß das Auffrischen alter Eindrücke tieferen Genuß gewährt als das Zusammenraffen neuer. Wie oft bin ich seitdem das noch himmlisch unentdeckte Ostufer des Gardasees abgewandelt, von Nago über den Paternostersteig am Monte Baldo bis Malcesine und weiter bis San Vigilio ! Was war die Gardasana in jenen Tagen ein schmales, einsames Sträßchen! Und wie beseligend klangen die österlichen Glocken von Tremosine über die blaue Flut! Dennoch, zweimal in ein und demselben Jahr 1908 stieg in Italien mahnend das Bild der Heimat vor uns auf. Das erstemal froren wir Anfang April zu fünft hoch oben im etruskischen Volterra, das damals alles andre war als leicht erreichbar, im Speisezimmer des einzigen Gasthofs. Neben uns saßen Volterras Honoratioren, höfliche alte Herren, die, im Glauben, wir verstünden ihr Gespräch nicht, sich über uns unterhielten. »Seht nur diese Deutschen an«, sagte der Apotheker, »sie könnten uns wahrhaftig ein Muster sein. Überall kommen sie hin, alles kennen sie, kennen es meist besser als wir. Von Pisa bis Cecina sind doch zweieinhalb Stunden, eineinhalb auf unsrer elenden Nebenstrecke, vom Bahnhof bis herauf im Fuhrwerk noch zwei, aber sie lassen sich die sechs Stunden nicht reuen. Wir Einheimische hingegen! Wie wenige kennen das edle Siena, oder – er nannte eine Reihe von Städten – oder, uns Nachbarn ausgenommen, wer kennt das vielgetürmte San Gimignano?« Zuerst sahen wir uns geschmeichelt an, bis einer sagte: »Dem alten Manne verginge sein Respekt, wenn er wüßte, daß kein einziger von uns noch in Rothenburg war, oder in Burghausen, Goslar, Hildesheim, und noch ein paar Dutzend Städten, von denen uns im Grund jede näher stünde, als dies seltsame Etruskernest. Sind wir eigentlich nicht Narren, daß wir uns in den schauderhaften Anschlüssen dieser toskanischen Diluvialbahnen besser auskennen als auf der Hauptstrecke Nürnberg – Saalfeld – Halle – Berlin!« Das war der eine Stoß. Den zweiten gabs uns im frühen Herbst. Als richtige Deutsche hatten wir zwei das Problem mit dem schönen Wort »eigentlich« beiseite geschoben, waren Anfang September prompt wieder ins gelobte Land gefahren, und lagen, jeder seine kurze Pfeife rauchend, oben auf dem Monte Cavo im dürren Gras, rechts und links Albaner Gebirg, vor uns im Nachmittagsdunst meilenweit und meilenbreit lateinisches Gefild, über braungelbem Gewölk, wie abgeschnitten, bleifahl und glanzlos die Peterskuppel, ganz draußen eine matt milchweiße Kimme: das Meer. Lang waren wir stumm in den Anblick der ungeheuren Rottmannlandschaft versunken. Ich weiß heut noch nicht, was mich plötzlich zwang laut zu denken: »Eigentlich sind wir verrückt, daß wir im September da herunten hocken.« Genug, der Bann war gebrochen: ingrimmig wühlten wir uns, Name um Name, in die Genüsse, die wir durch eigne Schuld für dieses Jahr verscherzt hatten. Also saßen wir auf dem Monte Cavo und psalmodierten ein langes Sündenregister. Warum, begann der eine, sitzen wir nicht auf dem grünen, grünen Gaisberg? Es ist himmelschreiend, antwortete der andere, aber ich war in meinem Leben noch nie in Salzburg. – Du auch? Dann brauch ich mich nicht mehr so arg zu schämen, warst du schon auf'm Käppele? Kennst du Würzburg? – Flüchtig, aber ich war wenigstens dort. – und Bamberg? Menschenskind, du warst noch nicht in Bamberg? – Dafür warst du noch nicht in Maulbronn, oder –? Und so fort, wie beim Skatspiel, Trumpf auf Trumpf. Das Merkwürdigste aber war, daß wir an dem bleiernen Schirokkonachmittag sonderbar vergnügt wurden, vergnügt uns unten in Frascati auf den Oberstock der Elektrischen setzten, vergnügt nachts an dem kleinen Marmortischchen vor der Kneipe des Fedelinaro die Fontana Trevi rauschen hörten, und Pläne schmiedeten, Pläne von gemeinsamem Kennenlernen des uns unbekannten Deutschland, unendliche, beglückende Pläne! Was war geschehen? Der Zauber wirkte nicht mehr, die Blendung war gefallen, der große Pan war tot: ... schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen, das allumworbene trümmergroße Rom – wie herber Eichenduft und Rebenblüten, wie sie, die deines Volkes Hort behüten, wie deine Wogen, lebengrüner Strom ... Im Jahr Neun mußte ich mich um einen andern Gefährten umsehen: mein armer Freund war bald nach der Heimkehr zur Asphodeloswiese hinabgestiegen. Aber was wir uns damals in Rom gelobt hatten, ich habe versucht, es zu halten. Die wichtigsten Lücken hatte ich bis Kriegsbeginn ausgefüllt. Zuerst, spät genug, das Wunder aller Wunder: Salzburg. Dann die holdselige Wachau zu Fuß bis Wien. Im Krieg fing ich an, den Chiemgau zu entdecken, die alten Nester an Salzach und Inn; den Pfaffenwinkel zwischen Isar und Lech sind wir abgegangen, nicht nur einmal, und dann zogen wir eines schönen Tags los, durch die Wälder, durch die Auen ins Württembergische, das uns Jahre lang immer wieder lockte. Wir dachten Steigerungen aus, wie Donauwörth, Nördlingen, Dinkelsbühl, Rothenburg, Nürnberg, es war wie ein Fieber über uns gekommen, wie eine Angst. Bis eines Abends – wir hatten uns den ganzen Tag in Bamberg rechtschaffen müd gelaufen, hügelauf, hügelab, Kirchen, Straßen, in den alten Quartieren am Wasser, und der »Reiter«, mindestens dreimal der »Reiter«, jedesmal neue Beleuchtung, und all die andern steinernen Bildniswunder – ja: bis wir an dem Abend beinsteif, aber überlebhaft vor Schauen und Schwelgen, auf einmal anfingen, den Hymnus anzustimmen auf die lateinische Welt, an der wir das Sehen gelernt hatten: Gesegnet jeder Tag, den wir »unten« zugebracht haben! Niemals hätten wir heut diesen Genuß gehabt, wären wir nicht so oft in Florenz gewesen, im Donatello-Saal und bei den Robbien, gesegnet der Süden, der großlinige, einfache, der die Waagrechte liebt und die ungebrochene Wand! Gesegnet die Stirnseite des Doms von Siena, gesegnet die noch zauberhaftere des Juwelenschreins von Orvieto –, und, weißt du noch, die weißen Rinder, die damals auf dem Pflaster knieten vor dem alten Palast der Päpste, und die steinerne Bank? ... Heut ist es Mode, nur das Deutsche, das vermeintlich Germanische gelten zu lassen, es gar gegen das Südliche auszuspielen. Was verspricht man sich von dieser gut gemeinten Borniertheit? Hat man nicht im Gegenteil, je mehr man sich bemüht, Deutschland sehen zu lernen, desto feierlicher das Gefühl, im unendlichen abendländischen Raum zu stehn, der von Monreale bis Drontheim reicht und von Chartres bis Krakau? Gilt dies nicht sogar von der Landschaft? Vor dreißig Jahren, als ich die Italienischen Reisebilder von John Addington Symonds las, fiel mir auf, wie unbeschwert dieser Kenner aller Zonen italienische Gaue mit englischen Grafschaften verglich, etwa wie um rund 1500 Herr Steffen von Gumppenberg in seiner »Wallfahrt zum heiligen Grab« die palästinische Landschaft mit Albrecht Altdorfers Augen sieht: »Nicht fern vom Berg Thabor da ligt das Dorf Cana Galilea an einem Bühel, es war so lustig darumb mit Bäumen, Laub und Graß, daß nicht davon zu schreiben ist. Denn wo wir ritten, da stunden Wiesen und Anger mit allerley Farb von Blümlein, die man erdenken mag, und Bäum mit voller Blüet.« Nach dem Wort des alten Herakleitos steigen wir nicht zweimal in denselben Fluß. So gehen wir auch nicht zweimal den nämlichen Wanderpfad: er ist jedesmal ein anderer, wir sind jedesmal andere. Am Ende mag uns wohl eine leise Stimme die Frage zurufen, was denn all dieses unsres Wanderns Sinn sei. Jeder hat diese Frage irgendwann vernommen, beim späten schweigenden Hinauspilgern über dunkelnde Matten zur ersehnten Rast. Dieses Gefühl und dennoch sagt der viel, der Abend sagt, ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt wie schwerer Honig aus den hohlen Waben – hat es uns nicht manchmal im fernen Hall einer Tiroler Aveglocke die Seele berührt? Oder, um es mit Schopenhauers Lieblingswort auszusprechen: »Wann einer, so den ganzen Tag redlich ausgeschritten, gen Abend in sein Quartier kömmt, dann mag er wohl sagen: Nun bin ichs zufrieden.« Nachwort In einem Buche, dem Hofmiller selbst das Vorwort mitgibt und das mit einem so wundervollen Stücke schließt wie dem »Vom Wandern«, bedarf es vom Herausgeber nicht mehr vieler Worte. Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Geiselberger (Altötting) haben wir vier Aufsätze aus den »Wanderbildern« übernommen; die »Wies«, die ebenfalls in dem kleinen Heimatbuch steht, findet der Leser in den »Pilgerfahrten« wieder, an Stelle des Aufsatzes »Die Schönheit der Tiroler Stadt« bringen wir »Südtirol«. Es wäre auch eine andere Reihenfolge der Aufsätze des ersten Teils dieser Sammlung möglich gewesen; ich habe mich bemüht, die humorvollen und mehr aus dem Augenblicksanlaß hervorgegangenen Stücke den Essays über Landschaften und Bauten organisch anzugliedern. Die »Pilgerfahrten«, 1932 bei Hegner erschienen und nun vergriffen, sind in der Anordnung, die Hofmiller den Aufsätzen gegeben hat, aufgenommen. Wenngleich Hofmiller die Süddeutschen in den »Reisezielen« ermahnt, den alten Drang nach Süden zurückzudämmen und erst einmal Mittel- und Norddeutschland kennenzulernen, gehört seine große Liebe seinem engeren Vaterlande, dem Deutschland südlich der Donau. Schon von Jugend auf ist ihm auch Österreich in den Begriff Heimat einbezogen, und es versteht sich für ihn von selbst, daß er seine erste größere Wanderung, nach dem Abitur, ins Grenzland macht: an den Achensee, nach Tirol. Die ausführliche und humorvolle Beschreibung dieser Fußreise ist erhalten; schon damals, als Achtzehnjähriger, macht er sich Gedanken über das österreichische Problem, und später kehren sie vertieft wieder: »Wie denn überhaupt von Anfang an in diesen Grenzlanden zwischen Mönchsberg und Feste Oberhaus bayerische und ostmärkische Geschichte, aller zeitweiligen Trennung zum Trutz, immer wieder in eins fließen, weil es in der Tat derselbe Schlag und Stamm ist, der hüben und drüben wohnt, das gleiche Haus baut, die gleiche Sprache redet, die nämliche Tracht trägt, dieselben Lieder singt und dieselben Schicksale duldet.« – Überfällt den begeisterten Italienfahrer auf einmal Sehnsucht nach sattem deutschem Sommergrün, nach deutschen alten Städten, so ruft sich der genießerische Betrachter Bambergs nicht minder bewegt all die gesegneten Augenblicke zurück in südlichen Kirchen und Galerien, in toskanischer und umbrischer Landschaft, und was will Hofmiller anders, als uns zur Dankbarkeit alles Geschauten erziehen, alles Erlebten? und –wem gelänge es besser, als ihm? Hulda Hofmiller