Wilhelm Fischer. Das Licht im Elendhause.     Leipzig Georg Heinrich Meyer 1898.   I. Der Bindermeister Klaus Herlinger zu Graz an der Mur war ein wohlgemuter Mann; denn das ehrsame Gewerke, dem er diente, nämlich die Kunst Fässer zu binden und bauen, blühte unter seinen Händen reichlich und gab dem Hause und Herde sattsam Gedeihen. Er besaß eine einzige Tochter, Mechthild geheißen, die galt als schöne und züchtige Maid bei allen, die sie an Sonntagen zur Kirche wandeln oder an Wochentagen daheim schaffen sahen an der Seite der scharf blickenden Mutter. Friede und Eintracht herrschten unter dem Dache des stattlichen Binderhauses, denn der gutmütigste von allen war Meister Klaus selber. 108 Gegen Knechte und Mägde konnte er streng nach Maß und Recht schalten und im Anwesen heischen, was die Pflicht gebot, doch in der Stube liebte er den trauten Frieden. Dieser ward jedoch gestört, als er sein Schwesterkind zu sich nahm, ein Mägdlein, das noch in der zartesten Jugend stand, aber einen festen Willen zeigte, die andern zu plagen. Es hieß Diemut und mochte wenig gern Gehorsam lernen gegen Vetter und Muhme, am wenigsten aber gegen die Base, die schöne Mechthild. Da gab es Gewölke und Sturm in der trauten Stube und doch auch wieder Sonnenschein für Meister Klaus, wenn das Mägdlein seine gute Zeit hatte. Dann konnte es auch lieb sein, denn es war von seiner Gestalt, und die großen dunklen Augen leuchteten aus dem schmalen Gesichtchen wie träumend in die Welt hinaus. Es war ein verwaistes Kindlein, das keinen besaß, der sich seiner annahm, wenn es nicht Meister Klaus gethan hätte. Es hatte seine Mutter nie gekannt, da diese aus dem Leben schied, bevor das Mägdlein sie mit vernünftigem Auge anschauen und ihr 109 Bild im Gedächtnis verwahren konnte. Aber es dachte an sie oft und wo es ein bemaltes Blatt sah, worauf ein Weib mit schöner Stirne stand, da sagte sie: das ist meine Mutter und keine andere. Und nächstens war es wieder eine andere, bis ihr einmal der alte Geselle des Hauses, der Wetzel hieß, ein Blättchen schenkte, worauf die heilige Katharina in den lieblichen Farben eines grünen Kleides und roten Mantels mit holdseligem Antlitze abgebildet war. Da es um diese Zeit schon die nutzbringende Kunst des Buchstabierens erlernt hatte, so konnte es den Namen seiner Mutter, die eben Katharina hieß, zu den Füßen der schönen Frau in zierlichen Schriftzeichen lesen, und da mochte es ihr künftig niemand mehr ausreden, daß dies nicht ihre Mutter sei. So blieb es auch. Das bemalte Blättchen hielt Diemut hoch in Ehren. Das gab sie nicht aus den Händen, sondern trug es stets bei sich, sorgsam umhüllt von einem Stückchen Seidenstoffes, auf daß es keinen Schaden erleide. Wenn sie es aber dem Sonnenlichte enthüllte und davor saß, schlug sie 110 die Händchen zusammen und rief: Ah, wie schön! Einmal fragte sie den alten Wetzel, ob die andern Frauen im Himmel auch so schön seien wie ihre Mutter und setzte aber gleich aus eigener Weisheit hinzu: »Nein, das sind sie nicht«. Und der gute Geselle erwiderte darauf: »Ei, das sollst du nicht sagen, Diemutlein! Bist du denn auf Erden schöner als alle andern Mägdlein?« Er wartete, wie sie sich aus dieser Schlinge ziehen werde; sie aber antwortete alsbald: »Das gilt nicht auf Erden, was im Himmel gilt, höre du, Wetzel. Das ist ja hoch, hoch und so weit oben. Und die ihr Kindlein am liebsten hat, die ist die schönste. Das thut meine Mutter. Ist sie dann nicht die schönste?« Darauf konnte der Geselle nichts erwidern. »Wie hat sie dich lieb, Diemutlein?« fragte er lächelnd. »Wie? stark und weit. Vom Himmel bis zur Erde hat sie mich lieb. Das ist ein starker Weg.« »Ja, das ist's. Und was schafft sie dir gutes, Diemutlein?« 111 »Alles. Daß die Sonne scheint und der Himmel blau ist, das schafft sie alles.« »Ei wie! Hat sie der liebe Herrgott dazu eingesetzt, um die Sonne scheinen zu lassen? Wie kommt denn das?« »Das kommt nicht; das ist da, weil sie es thut. Sonst wäre es nicht schön, hinauf zu schauen, wie es da blau ist und glänzt. Das thut sie, ich weiß es, weil ich immer an sie denke und an nichts anders. Wer sollte es dann thun, wenn ich von niemand anderem etwas weiß als von ihr? Da hat es der liebe Gott ihr aufgetragen, den Himmel schön zu machen, weil sie mir damit Freude macht, und – kannst du es wissen? – vielleicht auch ihm selber. Höre du, Wetzel, das kannst du nicht besser wissen als ich, denn du hast keine Mutter, dazu bist du schon zu alt.« Da lächelte der Geselle wehmütig und streichelte dem Kinde die lichtbraunen Locken: »Da hast du recht, Diemutlein;« und also endigte ihr Gespräch. Indessen geschah es, daß sie ihren Schatz, 112 den sie so eifrig bewahrte, dennoch verlor, nämlich das bemalte Blättchen. Das kam nicht ganz von ungefähr. Denn das Mägdlein hatte zur Sommerszeit sein Wesen im Hofe in einem abgelegenen Winkel, der durch eine aufgeschichtete Mauer von Dauben und Faßholz schier unzugänglich geworden war. Aber sie fand doch einen Schlupfweg in das umhegte Land, und dort gefiel es ihr gar wohl in der Einsamkeit des grünen Rasens unter einem dichtbelaubten Maßholder. Der wuchs hart an der Stadtmauer, die den Hof des Binderhauses von dieser Seite begrenzte. Unter dem Baume stand ein großes Faß, das schon altersschwach und baufällig geworden war und um das sich niemand mehr kümmerte. Es hatte einige Rippen im Lebenskampfe eingebüßt; das gab eine schmale Öffnung, wie eine Thüre, und durch diese schlüpfte Diemut hinein in das Innere des Häuschens: als solches erschien es ihr. Drinnen gab es überall Spalten und kleine Gucklöcher, durch die das Sonnenlicht golden hereinblinkte in den dämmerigen Raum, so daß es gar wohlig drin zu hausen war. Auch die großen 113 und kleinen Käfer, die hereinschwirrten und krochen, bekamen goldenen Schimmer auf den grünlichen Flügeldecken, oder der stahlblaue Panzer leuchtete ihnen gar heimlich; und die Grashalme, die draußen vor den Scharten sich zunickten, schimmerten auch im Sonnenstrahl köstlicher als anderswo. Oben war eine Öffnung im Fasse, durch die man hoch hinauf durch das Laub des Baumes in tausend blau glänzende Scheibchen sah; das waren die vielen Fenster des Himmelspalastes, aus welchem Diemuts Mutter auf ihr Kind herabsah. Dann sang allemal ein fremder Vogel auf dem Baume, und es dünkte ihr, daß der wundersames Gefieder hätte, grün und golden und rot, wie die Farben ihres bemalten Blättchens, obgleich sie ihn kaum sah. Aber sein Lied war ihr das schönste, was sie jemals gehört hatte, schöner noch, als wenn vom Schloßberg herab das Kriegsvolk Trompeten und Pfeifen zur Maienzeit ins Land hinausblies. Da hörte sie auch ein prächtiges Klingen aus der Höhe herabkommen, aber sie sah niemand und glaubte zuerst, es wären das die Engel, die im Himmel musizierten, 114 bis ihr Wetzel sagte, es sei dies keine Schar von Engeln, wohl aber derbes Kriegsvolk in bunter Tracht, dem keiner ohne Not in den Weg träte. Im Innern des Fasses hatte sie sich ein Bänkchen zurecht gerichtet und ein winziges Tischlein, das ihr Wetzel geschnitzt hatte, und da saß sie darin unter ihrem Hausrat wie in einem verzauberten Stübchen. Sie hatte nicht weit durchs Stadtthor auf den Anger zu gehen, von dort holte sie sich früh am Morgen Blumen und schmückte ihr Tischchen wie einen Altar, darauf sie als heiliges Bild ihr bemaltes Blättchen stellte und die schöne Frau andächtig betrachtete, die ihre Mutter war, wie sie meinte. So saß sie oft davor mit gefalteten Händchen und dachte dies und jenes, der Vogel sang zu ihren Häupten, von ferne scholl gedämpft das Getriebe des Handwerks, die abgemessenen Schläge des Hammers auf das Eisen, wenn der Geselle um ein neues Faß im Kreise ging und den Reifen eintrieb. Ihr Altarbildchen ließ sie allmählich auch nachts dort, denn sie glaubte es gut geborgen, und da geschah es, daß sie eines Tages das 115 Stübchen leer fand: der Schatz, das bemalte Blättchen, war entschwunden. In ihrer Kindesseele erhub sich darob großes Leid. Sie dachte, ein böser Wicht habe es ihr gestohlen, irgend ein Hauskobold. Doch wo ihn fassen? Das Binderhaus war groß und das Männchen klein. Sie betete andächtig zu Gott, daß er dem bösen Schalk gebiete, es ihr wiederzubringen. Aber das geschah nicht, und sie dünkte sich thöricht, weil sie nicht so beten konnte, daß es Gott erhörte. Und ihr Leid blieb sich gleich. Da half ihr auch nicht Vetter Klaus, als sie es ihm sagte, denn er rief: »Ei ja! Wer weiß, wo Wind und Wetter es haben, dein bemaltes Blättchen! Sprich nur immer leise vor dich hin: liebes Herz gieb mir Ruh, und du wirst bald wieder lachen, wenn die Sonne auf die Dächer scheint, das ist morgen.« Und Muhme Lene, die sprach mit scharfem Blick wider das Mägdlein: »Narrenspossen hat sie alleweil im Sinn und nichts, was nutzbringt. Rennen nach dem Wind, oder hocken und schauen, wie die Mücken tanzen, 116 das kann sie, aber das hat noch keinem Menschen gutes eingebracht. Nun thut sie wieder, als wenn sie Essig geschluckt hätte, weil sie ein bemaltes Blättchen verloren hat. Aber hörst du mir nicht bald auf zu greinen, so schicke ich dich dorthin, wo der Pfeffer wächst, und die Weide soll dir den Weg dahin weisen. Sie hat Junge bekommen, feine Sprößlinge, die mit einem guten roten Faden zusammengebunden, dir Zucht lehren werden. Also trolle dich und laß den Abend loben, was der Tag dir feines gebracht hat, nämlich den Frieden, – wenn du willst.« Und Maid Mechthild bewegte zierlich das blonde Köpfchen und sprach: »Ja, ja, sie ist zu wild und dann wieder wie ein Stock, der sich nicht rühren will.« Erst als Diemut dem alten Gesellen Wetzel ihr Leid klagte, da kam sie vor die rechte Thür. Der sprach zu ihr: »Das Herz seufzt mir im Leibe, daß ich dich bekümmert seh, Diemutlein: Willst du immer traurig sein?« »Ja, das will ich,« sagte sie. »Ei! das sollst du nicht. Vielmehr sollst du 117 guten Mutes sein. Denn sieh, ich werde dir dein Blättchen wieder schaffen.« »Kannst du das, so will ich guten Mutes sein. Aber höre du, Wetzel: hat dich unser Herrgott lieber als mich, weil du das kannst?« »Nein; ein Mägdlein, wie du, das immer an ihn denkt, das hat er lieber als mich rauhen Gesellen, der nur sinnt, wie er den Reifen mit dem Lenkbeil aufs Faß treibe. Aber dess' sei ohne Sorge, ich schaffe dir dein Bildchen wieder.« Es dachte aber der gute Geselle bei sich, daß dies leicht sei. Denn er hatte das Blättchen vor der schönen Wallfahrtskirche Mariatrost gekauft, wo sie auf dem Platze vor der Pforte viel dergleichen in Buden feil boten, und er sagte sich: »Morgen ist Sonntag, da will ich mich ganz ergötzlich durch den grünen Wald nach Mariatrost ergehen und kaufe ihr ein gleiches Bildchen wieder wie das vorige, nämlich die heil. Katharina, gebe es ihr, und des Kindes Herzlein hat sein Genügen daran, wie vorher. Nichts leichter als das.« Er that so, und Montag am Feierabend 118 erzählte er ihr vorerst von seiner Reise nach der Kirche am Berge, und sie hörte ihm eifrig zu; wie er durch den Kogelwald gegangen sei, lag dort bei Wenisbuch ein großer Teich, da waren grüne Männer am Ufer zu sehen, die riefen immerzu: arg! arg! und sie meinten, das sei arg, daß Diemutlein ihr Bildchen verloren hatte. Als er jedoch näher kam, da waren es Frösche, die plumpsten ins Wasser. Vorher hätte er geschworen, daß es Männer in grünen Jankern wären, so deutlich riefen sie ihr arg! arg! Aber es giebt manches Wunderliche in der Welt, und so kam er durch eine Gegend mit Höfen, die heißt Himmelreich, zur Kirche. Als er die Treppe hinan stieg, lag viel bresthaftes Volk auf den Stufen und reckte ihm die Hände entgegen. So viel er nur konnte, mochte er dann austeilen. Als er aber vor die Kirchenpforte kam, wandte er sich zurück, und da hat er sie, Diemutlein, gesehen. »Wie mag das sein?« fragte sie aufmerksam. »Das mag sein, wie es will. Zuerst sah ich von Graz nur den Schloßberg mit seinen 119 festen Türmen und Zinnen und darüber weit weg viele Berge: ein jeder stand mit blauem Mantel und goldenem Krönlein. Das sind gar hohe Herren. Aber am Schloßberg vorbei hab' ich linker Hand ein Haus gesehen, es war so klein von wegen der Ferne, und darin einen Hof mit Bäumen und Fässern, die waren noch kleiner, zumal die Fässer. Und im Hofe ging ein Mägdlein, das war am allerkleinsten, und das warst du, Diemutlein. Denn der steinerne Engel vor der Kirchthüre wies gerade mit dem Zeigefinger dorthin, als mochte er sagen: Sieh, dort ist sie. Willst du das glauben, Diemutlein mein Demantlein?« »Ja, ich will.« »Dann ist's recht,« sagte er. »Und nun sei getrost. Dein Bildchen ist wieder gefunden. In der Kirche hab' ich es erfahren, wo es aufgehoben liegt; das durft' ich aber keiner Seele verraten, auch dir darf ich es nicht. Da hast du es wieder. Hab' ich es nun wohl um dich verdient, daß du mir einen schönen Dank sagst, Diemutlein, ha?« 120 Damit zog er ein bemaltes Blättchen behutsam aus der Tasche und gab es ihr. Zweifelnd und doch mit aufleuchtenden Augen nahm sie es in die Hand und betrachtete es aufmerksam. Dann sagte sie unmutig: »Das ist es nicht. Das ist nicht meine Mutter. Du hast dich anlügen lassen, Wetzel.« »Wie?« rief der Geselle bestürzt. »Das wäre nicht deine Mutter? Du kannst ja lesen. Steht nicht darunter geschrieben: die heil. Katharina. Ist es nicht genau dasselbe Gesicht wie das vorige? Sieh es nur an. Wie sollte das nicht dein Bildchen sein?« »Nein, das ist es nicht,« rief sie mit geröteter Wange, »das meine war ein anderes.« »Nun bin ich in der Welt weit umher gewandert mit Gunst und Ungunst und bin ein grauer Geselle geworden, der niemals mehr Meister werden wird, aber so etwas hab' ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Ist ein Haar auf diesem Blättchen anders, als auf dem, was du früher in Händen hattest, so will ich der einfältigste Mensch im ganzen Steirerland heißen.« 121 »Das magst du immer, Wetzel, wenn du willst,« erwiderte sie zornmütig, »denn das ist meine Mutter nicht. Da hast du es wieder, ich brauche es nicht.« Und da er sich mit hohen Beteuerungen sträubte, es wieder anzunehmen, ließ sie das Blättchen vor ihm auf die Erde fallen und lief unmutig davon. Er hob es auf, und seine Freude daran war verdorben. Er dachte sich, nun wird es Wind und Wetter geben; denn Diemutlein wird nun arg spielen, und die Meisterin wird es ihr mit dem Haussegen vertreiben, der auf der Weide wächst. Sie ist eine scharfe Wirtin, und ihr Leib ist länger als ihre Geduld. Muhme Lene that aber noch mehr als dies. Als ihr das Mägdlein allzu eifrig den Tag ungut machte, wurde sie selbst wie die böse Zeit, und hielt hochnotpeinliches Gericht. Es gab ein schreckliches Verließ im Hause, eine Kammer mit altem Gerümpel, die so finster war, daß sie die Hölle genannt wurde. Kein Menschenkind hielt es lange darin aus, meinte man, sondern es kam mit Heulen und Zähneklappern zur 122 Besinnung. Als einst ihr eigenes Töchterlein Mechthild in zarten Jahren ob eines großen Vergehens hinein verwiesen wurde, erhub sie alsbald ein tödliches Geschrei und mußte rasch wieder erlöst werden. Das geschah nun dem Diemutlein: Nachdem die Sprößlinge der Weide ihre Schuldigkeit gethan hatten, wurde sie in die Hölle gesteckt, verhielt sich aber zu aller Verwunderung lautlos darin. Als Muhme Lene nach einer starken Weile die Pforte öffnete, um nachzusehen, was aus ihr geworden, saß sie heil und hübsch auf dem Boden und blickte in einen Sonnenstrahl, der durch eine Ritze des dicht verschlossenen Ladens herein fiel, und antwortete auf die Frage, ob sie sich fürchte? mit frischem Nein, sie fürchte sich nicht. Da schüttelte Muhme Lene das strenge Haupt und weissagte dem Mägdlein nichts Gutes, das selbst in der Hölle den Eigenwillen nicht fahren ließe und lautlos bliebe, wo sie wehklagen sollte, dafür aber in der guten Stube zetere, wo sie sich friedlich halten sollte. Als Wetzel sie befragte, wie es ihr in der Hölle ergangen sei, antwortete sie: 123 »Zuerst war es finster und ich fürchtete mich. Dann kam aber ein Sonnenstrahl herein, und wie ich den sah, ward es immer schöner, wie eine goldene Straße. Die führte hinauf in den Himmel bis zu einer Thür, die war auch schön und wie von Gold. Die ward aufgethan, und weißt du, Wetzel? auf der Schwelle stand meine Mutter, die war noch schöner und sagte zu mir: Fürcht' dich nicht, Diemutlein, denn ich bin bei dir, und auch was dir genommen ward, dein Bildchen, sollst du wieder bekommen. Da hab' ich mich nicht gefürchtet und bin guten Muts gewesen mehr als früher und bin es noch jetzt. So ist es mir gegangen. Denke darüber nach, Wetzel, wie das schön gewesen ist, wenn du kannst.« »Du bist ein Sonntagskind, Diemutlein,« antwortete der Geselle gutmütig, »und was du sagst, wird wohl alles richtig sein.« Das friedlich lächelnde Kind erfreute ihm das Herz, und er sprach: »Nun, Diemutlein, weil deine Mutter es dir versprochen hat, werden wir das Bildchen wieder 124 finden. Zeig' mir den Platz, wo du es hingelegt hast. Willst du?« »Komm,« sagte sie, »ich will dir den Platz zeigen.« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn dahin. Da sah er eine Mauer von Dauben und Faßholz, durch welche an einer Stelle ein Spalt ging, durch den Diemutlein leicht hindurch schlüpfte. Aber Wetzel stand ratlos davor und sprach: »Ich bin doch sonst ein Storchbein, aber doch kein Wiesel, um dadurch zu streichen.« Das Kind rief ihm von der andern Seite zu: »Komm!« Da besann er sich nicht lange und wußte Rat. Er schaffte eilig eine Leiter herbei, die im Hofe zum Heuboden hinan lehnte, die mußte ihm als Sturmleiter dienen, die Zinnen der Mauer zu erklimmen. Oben saß er nieder und zog sie herauß um sie auf der andern Seite wieder hinab zu lassen: so gewann er den Boden des heimlichen Landes unter dem Maßholderbaum, wo Diemuts Häuschen, das verwitterte Faß, stand. Er machte große Augen, als er hinein guckte und den zierlichen Hausrat sah. 125 »Höre du, Diemutlein,« sagte er, »so ähnlich, wie hier hab' ich es einstens im Kogelwald gesehen. Ich schritt des Nachts und guckte durch das Astloch einer alten Eiche in ein Elfenstübchen. Da war es heimlich genug, das Stübchen war winzig, und das Elfchen saß am Ofen und spann, aber auf der Bank daneben lag das Hausväterchen, spuckte von Zeit zu Zeit und hatte gute Weile. Glaubst du das?« »Ja, ich glaub' es.« »Ei, das sollst du nicht! Denn die Elfen sind heidnisch, und seitdem die Kirche zu Mariatrost gebaut wurde, sind alle aus dem Kogelwalde verbannt und dürfen nicht hausen, soweit die Glocken tönen. Wie sollte ich sie denn gesehen haben! Aber meine Ahne hat sie noch gesehen, und das ist so gut, als wenn ich es selbst gethan hätte. Du aber bist ein wunderliches Mägdlein. Hier hat dein Bildchen auf dem Tischlein gelegen, und von hier ist es verschwunden?« »Ja.« »Dann ist auf deinen Burgplatz jemand hereingekommen, denn sieh, da ist die Stadtmauer aus 126 Stein und da die Daubenmauer aus Holz. Sonst giebt es keinen Zugang als dein Schlupfpförtchen, und ich trage dies in meinem Sinne, daß es ein gar biegsames Geschöpf gewesen ist, um dir dadurch zu folgen. Wer ist im Hause der schmächtigste außer dem grauen Kater? Wer? kein anderer als mein Knecht, der Lehrjunge Dietmer. Darauf lasse ich mir meinen ehrlichen Namen segnen; er war hier. – Hat er dir sonst schon übeln Willen gezeigt, Diemutlein?« »Nein. Ich hab' ihn einmal Weißkopf genannt, weil er Haare hat wie Flachs, und da ist er verdrießlich gewesen.« »Das mag sein: er ist da herein gekommen, und wenn dem so ist, so ist es einer, der seine Bosheit rechtschaffen üben kann. Ich will aber allen Fleiß daran legen, Diemutlein, um dich deiner tiefen Sorge zu entheben und dem Marder seinen Raub abzujagen. Dazu will ich ihn ganz sänftlich befragen.« Dies geschah dann später in der Weise, daß er ihn anredete: »Dietmer, verruchter Reifenmörder und Holzverderber, was hast du gethan?« 127 und seine Beschuldigung vorbrachte. Der Junge erwiderte jedoch, daß er von der ganzen Sache nichts wisse und stand bei seinem Leugnen noch obendrein in stolzen Schuhen, wie Wetzel sagte. So konnte er wider ihn nichts ausrichten. Auch stammte Dietmer aus einem guten Bürgerhause und war nicht auf glattem Wege vor den Kopf zu stoßen. Seine Mutter hieß die Frau Elspet Geyracher und wohnte in der benachbarten Gasse. Sie hatte beträchtliches Gut von ihrem verstorbenen Eheherrn überkommen, der auch ein Meister in der edlen Böttcherkunst gewesen, und ihr ältester Sohn, Namens Lamprecht, saß jetzt im Gewerke als Meister über Haus und Hof. Den jüngern Sohn Dietmer hatte Frau Elspet dem Meister Klaus in die Lehre gegeben. So mußte denn Wetzel von seinem kühnen Angriffe wider Dietmer abstehen; um so mehr, da dieser am Ende seiner Lehrzeit stand und bald von seiner Dienstbarkeit sollte freigesprochen werden. Mochte nun Wetzel immer meinen, was er mochte, anhaben konnte er dem jungen Dietmer nichts, und auch Diemutlein mußte sich ihres Verlustes getrösten, so gut sie konnte. 128 Aber als der hohe Tag herankam, wo Dietmer vor der Lade in der Zunftstube freigesprochen wurde, und Wetzel seines Amtes als Altgeselle waltete, da ließ er ihn in allen Ehren noch ein wenig seine Übermacht fühlen. Denn als er ihm bei den üblichen Fragen in den Schopf fuhr, wie es Recht und Sitte heischen, da gab es etwas mehr des Zausens, als gerade nötig war. Und als nach vollbrachter Handlung der neugeprägte Geselle aus dem Münzstock, nämlich der Zunftstube, auf die Gasse hinauslief und nach Brauch und Herkommen Feuer! schrie, weil es ihm drinnen zu heiß geworden war, da standen zwei wohlgefüllte Eimer bereit, die über sein blondes Haupt ausgegossen wurden, so daß er von der Gesellentaufe allzureichlich triefte und den andern viel Gelächters schuf. II. Bald darauf begab sich Dietmer auf die Wanderschaft nach der schönen Stadt Bozen, die 129 im Weingelände von Tirol liegt und wo die Faßbinderei ein überaus edles Handwerk ist. Dort weilte er einige Jahre recht und schlecht, sah sich sonst noch in der Welt um und kehrte dann nach Graz in das Stammhaus zurück, wo sein ältester Bruder Lamprecht als Meister saß und seine Mutter, Frau Elspet, die Wirtschaft führte. Diese freute sich seiner Heimkehr, sprach aber eines Tages zu ihm als eine kluge und feste Frau, die sie war und als welche sie auch bei allen galt, die sie kannten: »Höre, Dietmer! Verstand und rechter Sinn gehen mit dem Mann in die Ferne auf gutem Wege und geleiten ihn auf solchem wieder zurück, von wo er ausgezogen, weil doch nur seßhaftes Leben der Wunsch und die Krone des ehrsamen Handwerks ist. Mag die weite Welt dem fahrenden Menschen holdselig erscheinen: wer will ihn darum schelten! Es ist guter Brauch, die Augen aufzuthun und zu sehen, wie Gott die Welt beschaffen hat. Aber weil die weite Welt keine Grenzen hat, so ist es am Ende lieblicher, sich von den Mauern der Vaterstadt umhegen zu lassen. Das ist nun dein 130 Ding, lieber Sohn. Und nun will ich dir sagen: Ecken giebt es auch hier, und da du trotz deiner Wanderschaft noch immer kein glatter Geselle geworden bist, so magst du dich noch abschleifen.« Dietmer fragte ruhig: »Wie soll ich das?« »Nichts ist dazu behilflicher, lieber Sohn, als ehrbarer Gesellschaft pflegen mit gesitteten Meisterstöchtern aus guter Sippe, wie es deren bei uns manche giebt. Siehe, dein Bruder Lamprecht steht bereits im Verlöbnis mit Mechthild. Begleite ihn vorerst in dein altes Lehrhaus, wenn er am Feierabend dort zuspricht. Dann kannst du dich allmählich selbst umsehen bei andern guten Töchtern und dir eine von ihnen als rechte Ehefrau heimführen, so wie es Lamprecht bald thun wird. Aber Gott hab' dich in seiner Pflicht! du bist noch ein eckiger Geselle.« Dietmer war es zufrieden und ging mit seinem Bruder Lamprecht in das Haus seines ehemaligen Meisters Klaus. Da saß er zur Abendzeit in der Stube bei den andern und hörte und sah, sprach aber wenig. Sein Bruder legte allen Fleiß daran, der blonden Mechthild 131 zu Gefallen zu reden und zu thun, die sich auch gegen ihn so holdselig erwies, wie sie konnte. Sie blickte oft verstohlen auf Dietmer, ob er nicht auch etwas zur Ergötzlichkeit in guten Worten beitragen möchte, aber er überließ es dem Bruder und blieb schweigsam. Wenn sie mit hellen Augen beide prüfte, so mußte sie es bedauern, daß Dietmer, ein feiner, schmächtiger Geselle, nicht auch das, was er dachte, fröhlich wiederzugeben wußte, wie es doch der weit derbere Lamprecht konnte, der immer zu sagen wußte, was er wollte. Der alte Geselle Wetzel fand mehr Gefallen an Dietmer als früher, da er noch in der Lehre stand; er sagte, Dietmer sei ein ehrlicher aufrechter Mann geworden, dem das Herz nicht im Leibe hüpfe, aber fest und ruhig sitze. Das sei für Wind und Wetter genug, und mancher verstehe besser zu hören als zu reden, was auch sein Gutes hätte. Aber die Hauswirtin, Muhme Lene, zuckte die Achsel und sprach: »Soll ich eines klagen, so ist er mir zu wenig lebendig und etwas todschlächtig. So war er auch, als er hier in der Lehre stand und ist 132 seither nicht anders geworden; denn nichts wird besser bewahrt als des Menschen Art, das hört' ich immer sagen.« Die blonde Mechthild dachte um vieles freundlicher über ihn, aber sie ließ es in Züchtigkeit nicht verlauten, sondern behielt es fein bei sich. Wenn die beiden Brüder kamen, saß sie meist über einem Nadelwerk und redete gelassen und heiter mit ihnen. Oft lag das graue Katerlein in ihrem Schoße, über dessen sammetweiches Haar ihre Hand gerne spielend fuhr. Kam Lamprecht allein, so blieb der Liebling, wo er war, wenn aber Dietmer ihm folgte, so stand sie auf, schüttelte das zarte Tier ab, das einen Buckel machte und davon schlich, und reichte den Brüdern die Hand, Lamprecht zuerst, wie es sich ziemte, und dann dem Dietmer. Dieser hatte von seiner Wanderschaft ein feines Goldkettlein mitgebracht, das ein welscher Meister zu Verona geschmiedet. Als Lamprecht es sah, meinte er, es wäre ein passendes Angebinde für Mechthild zu ihrem Namenstage, der nahe sei, und Dietmer, dem es Freude machte zu schenken, gab es ihm willig. 133 Als es dann Lamprecht zur bestimmten Zeit in Mechthilds Hände legte und ihr zugleich mitteilte, daß Dietmer zu seinen Gunsten sich des Schmuckstücks willig entäußert hatte, da empfingen sie beide lieblichen Dank von ihr. Sie sagte, daß keine Edelfrau der Kaiserin mit einem schmuckeren Kettlein Sonntags in die Ägydikirche gehe, als diese sei. Am selben Namenstage Mechthildis spendete Meister Klaus einen Krug guten Weines zu Tisch, einen Eisenthürer aus dem steirischen Unterland und stellte dazu einen silbernen Becher, den er einst als Ehrengabe auf einem Zunftschießen erkämpft hatte. Diesen Becher schmückte ein kleines halb erhabenes Bildwerk, das die Gestalt eines Engels trug, weshalb er im Hause der Engelsbecher hieß. Daraus mußte Mechthild den beiden Brüdern in ehrbarer Weise zutrinken, als sie bei Tische saßen, und sie nippte an dem Wein, bevor sie den Becher an Lamprecht reichte. Aber als sie das zweite Mal kredenzte, setzte sie ihre roten Lippen gerade dort an, wo sich die Engelsgestalt zum Rande herauf schmiegte, und reichte den Becher an Dietmer so, daß er an 134 derselben Stelle trinken mußte, wo ihr Mund geruht hatte. Das geschah zu seinen Ehren. Auch Wetzel saß am Tisch und trank von dem guten Wein, aber aus einem zinnernen Becher, der ihm gestellt wurde. Er brachte der Maid Mechthild seinen Glückwunsch dar, wie die andern, trank und sprach sodann, indem er den Becher niederstellte: »Dieser Wein heißt Eisenthürer, weil man vermeint, sich aus ihm so viel Mut zu trinken, um eiserne Thüren einrennen zu können. Dem ist aber nicht so. Ließe ich mir zu viel Mut von ihm einsprechen, so würfe er mich nieder, und die eisernen Thüren blieben vor mir in Frieden bestehen.« »Das sollst du auch nicht,« erwiderte Meister Klaus, »dich deiner Kraft übernehmen und vom Weine geschwächt werden.« Der Tisch war mit schneeweißem Linnen gedeckt, und die gelbe, dreischnäblige Messinglampe, die über ihm hing, sandte freundliches Licht herab. Sie saßen wohlgemut bis zum Ende des Mahles. Da es aber sonst kein Festtag war, sondern nur der Namenstag Mechthildis, so ließ die 135 Hauswirtin nach vollendetem Mahle das weiße Linnen mit dem Tischgeräte abräumen und nach Werktagsbrauch eine Arbeit vornehmen. So hielt sie es immer. III. Eines Morgens, da schon der Reif lag und das Jahr kalt geworden war, kam Dietmer zu früher Stunde vor seines Meisters Haus und dachte, sie schlafen alle noch. Aber unten aus dem Geschosse, wo die Werkstätte lag, hörte er bald Hammerschläge tönen, die den Reifen auf das Faß trieben. Er horchte und vernahm nicht den Klang von Wetzels Schlägel; den kannte er wohl und dachte, wo mag er sein? Das Thor war offen, und er trat in den Hof. Als er umher blickte, fand er, daß die kleine Thür in der Mauer geöffnet war, die hinaus an den Strom führte. Dort stand auch Wetzel in der Thüröffnung mit gespreizten Beinen und mit gesenktem Kopfe, auf daß er nicht an die niedere 136 Wölbung stoße, und als Dietmer nahte, hörte er seine Schritte nicht, denn er sprach mit jemandem, der draußen war. Dietmer stellte sich auf die Fußspitzen, blickte über seine Schulter hinweg und sah hinaus. Die Mur strömte eilend im Morgengrauen dahin und war noch lichtlos. Jenseits standen von Gösting bis Straßgang die Berge und hatten noch ihre Nebelkleider um sich, die sie erst beim Strahl der aufgehenden Sonne allmählich ablegen sollten. Aber nahe an der Mauer sah er auf den Pfählen eine kleine hölzerne Brücke, von der noch einige Stufen zum Wasser führten, und auf der untersten Stufe stand eine feine Gestalt und hatte einen Korb mit Wäsche neben sich, die sie mit eifrigen Händen in den Wellen schwemmte und dann auf einem kleinen Schemel bleuete. Die Magd am Strom trug armseliges Gewand und ein Tüchlein auf dem Kopfe, das auch den Nacken verhüllte, von welchem aber doch ein schmales Stück durch den grauen Morgen schimmerte, wenn sie sich zur Flut hinab neigte. Da sie sich zuweilen zurück wandte, um Wetzel zu antworten, sah er ihr Antlitz, das 137 schwach gerötet von der Morgenkälte und von zwei großen dunklen Augen kindlich bestrahlt war. Auch ihre kleinen rüstigen Hände waren von der Kälte des Wassers rot geworden. Der Strom und die Luft, alles war noch grau; aber von ihrer Gestalt mit dem weißen Tüchlein auf dem Kopfe ging etwas Lichtes aus, das die kleine Brücke an der alten Stadtmauer erhellte. Da sie sich also umwandte, sah sie Dietmers Gesicht über Wetzels Schulter herüber blicken und rief: »Wer steht hinter dir?« Wetzel kehrte sich rasch um und sprach: »Es ist Dietmer, der junge Geselle, der Filz auf den Sohlen hat, weil man ihn nicht kommen hört. Giebst du uns einen guten Morgen, so soll dir mit eben so viel gelohnt werden. Willst du?« »Ich will,« sagte Dietmer, und da ihm Wetzel Raum machte, trat er hinaus auf das Brücklein und fragte: »Was schaffst du, Diemut, am frühen Tage? Ist dir's wohl?« 138 »Siehst du nicht,« antwortete sie, »das Wasser fließt zu Thal, das nimmt allen Unmut mit sich. Also ist mir's wohl.« »Wem sagst du das?« »Das soll dir gesagt sein, Dietmer, denn du kannst nicht lachen.« »Und du?« »Ich schaffe rüstig. Wenn die Sonne aufgeht, lacht die Mur. Da mag ich nicht weinen. Ich schwemme Wäsche, wenn ich es dir sagen soll.« »Das ist harte Arbeit zur Stunde, wo noch Mechthild in den Federn liegt.« »Was ich gerne thue, ist nicht hart. Was weißt du!« »Das mag sein, Diemut; aber Muhme Lene hält dich hart mit solchem Tagewerk.« »Das sag' ich auch,« fiel jetzt Wetzel ein. »Und sie möchte, daß Diemutlein den schweren Korb mit Wäsche im Hause aus und ein trage. Da bin ich aber dawider und mag es nicht leiden, weil Diemut zu zart ist für solche Last. Die trage ich langer Geselle leichtlich aus und ein und habe es mit Bitten bei Diemut dahin gebracht, 139 daß ich mich dieses Dienstes unterwinden darf. Meister Klaus weiß es und verbirgt es seiner Hauswirtin, die einen harten Sinn hat. Nein, sie thut nicht recht an dir, Diemut, und was ich mir denke ist mein, und niemand wird es mir am Spieße hinweg tragen.« Darauf erwiderte sie ernst: »Höre du, Wetzel, so steht es nicht um meine Sache. Muhme Lene ist streng; doch ich bin ein armes verwaistes Mädchen, und das ist meine einzige Freundschaft und Sippe hier im Hause, wo ich getrost leben kann. Bürdet sie mir die Last auf, so thut sie es nicht aus bösem Willen; denn sie weiß, daß aus rechtschaffenem Tagewerk niemandem ein Schaden erwachsen wird. Leiste ich ihr die Dienste einer Magd, so darf ich doch Sonntags ihr zur Seite in gutem Kleide zur Kirche gehen, wie ihre eigene Tochter Mechthild. So hält sie es mit mir und ich bin es zufrieden, dem Hause zu dienen, das mein Heim ist. Ich bin zuweilen noch ungebändigt, so daß Muhme Lene ihre Not mit mir hat und mir den Tag übel gesegnet mit all der herben Rede, die in 140 ihrer Macht liegt. Aber ich will mich alleweil ihrer Zucht fügen und Gott darum loben, so lange ich zu seiner Ehre im Sonnenlichte schreiten kann. Das soll geschehen, so lange ich den Mut im Herzen trage und die Hände rühren kann. Jetzt weißt du es, Wetzel, und willst du es um mich verdienen, so nimm den Korb und trag' ihn hinein, denn ich bin hier fertig.« Wetzel that, wie sie ihm geheißen, lüpfte den Korb mit beiden Armen auf seinen Kopf und ging damit ins Haus. Diemut nahm ihr Wäschgeräte, den Bleuel und Schemel in beide Hände und folgte ihm. Dietmer ging zuletzt und verschloß die Stromthür der Mauer. Wetzel hatte gerade noch Zeit, den Korb in den Hausflur einzustellen; denn inzwischen war Muhme Lene aufgestanden und rief in übler Laune der Maid, die vom Wasser kam: »Was zögerst du? Noch ist kein Feuer in der Küche angemacht zur Morgensuppe. Sieh zum Werk! du übernimmst dich deiner zarten Füße gewiß nicht, wenn du geschwinder gehst.« Und Diemut that nach ihrem Geheiße, während 141 Wetzel behende in die Werkstatt schlüpfte. Dietmer ging heim und dachte manches, schwieg aber, wie es zumeist seine Art war. Muhme Lene pflegte von ihm zu sagen: »Jedes Wort kostet bei Dietmer einen guten Heller.« IV. Einstmals zeigte Dietmer jedoch, daß auch er einen Vorrat an Worten besitze, und es geschah dies bei solcher Gelegenheit: Es war zur Winterszeit, draußen lag der Schnee, und die beiden Brüder waren abends in des Meisters Haus gekommen. Die dreischnäblige Messinglampe wurde angezündet, und sie saßen alle beim traulichen Lichtschein um den Tisch; aber keines war müßig, denn die Hauswirtin hatte einen Haufen Flaumfedern vor sie hinlegen lassen, die sie schleißen sollten. Meister Klaus war Herr eines Ackers zu Bayerdorf, auf welchem seine Ehewirtin Gänse zog. Das gab einen Braten zu Martini und schöne weiße Flaumen für Kissen 142 und Decken im Hause. Nun war doch die Zeit nicht mehr fern, daß Mechthild in eigener Wirtschaft als Frau sitzen sollte; so hatte die Mutter fürsorglich an der Ausstattung der Tochter Hand angelegt und vergaß auch nicht der schönen Kissen und Federbetten, die sie als unentbehrlichen Hausrat mitbekommen sollte. An dieser Arbeit des Federschleißens beteiligte sich nun an Winterabenden die ganze Familie und auch die beiden Brüder einträchtiglich. Es fehlte auch dabei nicht an heitern Wechselreden und Scherzen. Wenn ein neuer Berg von Federn auf den Tisch gebracht wurde, so stieg eine Flaumwolke wie ein Schneegestöber auf und schwebte über den Häuptern der Sitzenden, bis sie sich allmählich nieder ließ, aber eigensinnig bald die Haare und Augenbrauen Mechthilds, bald den Bart des Vaters aufsuchte, oder sich an andere Häupter heftete. Das gab Anlaß zu Gelächter und gegenseitiger Neckerei, wenn die Flocken gar zu dicht heran geschneit kamen. Mechthild saß zwischen den beiden Brüdern und hatte keine Sorge, denn Lamprecht zeigte sich sehr beflissen in ihrem Dienste. Aber 143 Dietmer sprach wenig und lachte noch weniger. Da wollte ihn Mechthild zur Rede bringen und schlug vor, daß jedes eine Geschichte erzählen solle, um die Zeit zu kürzen. Dem widersagte niemand, und die Kurzweil begann der Reihe nach; das eine erzählte ein Märchen, das andere brachte einen Schwank vor die Gesellschaft, so gut jeder konnte. Da weigerte sich auch Dietmer nicht, den Mund aufzuthun, als die Reihe an ihn kam, und er hub an, ein Märchen zu erzählen, das er einst in der Klosterburg der Augustinerherren zu Gries gehört hatte, als er dort in der Kellerei arbeitete: »Es war zu alter Zeit ein Lindwurm, der hauste in einer Berghöhle und hatte eine Königstochter geraubt. Diese stand vor der Höhle mit goldenem Seile an eine Fichte gebunden. Der Lindwurm bewachte sie wie einen köstlichen Schatz, denn sie war überaus schön. Viele Ritter kamen, sie zu erlösen, aber sie vermochten nichts gegen den Lindwurm, an dessen demantharten Schuppen ihre Schwerter zersplitterten, und sie verloren im Kampfe ihr Leben. Einst kam auch ein junger 144 König, der als kühner Held in allen Landen galt und wollte das Abenteuer bestehen. Aber auch seine Kraft vermochte nichts gegen den Feind, aus dessen Munde Feuer fuhr, und auch sein Schwert zersplitterte an den Schuppen, die wie feste Schilde waren; jedoch hatte er ihm überaus kühnlich zugesetzt, so daß der Unhold ermüdet in seine Höhle zurückkroch, und der Held den Leib bewahrte und nur tiefe Wunden davontrug. Er ging schwertlos in den Wald und kam vor die Hütte eines Klausners, der ihn aufnahm und seiner Wunden sorgsam pflegte. Als er wieder heil war, wollte er den Feind aufs neue bestehen, denn er hatte die Königstochter erblickt und solche Liebe zu ihr gefaßt, daß er nicht anders konnte, als ihre Erlösung oder seinen Tod suchen. Er bat von dem Klausner das Schwert, das er an der Wand der Hütte hängen sah, denn dieser war selbst vor Zeiten ein Kriegsmann gewesen, bevor er in die Einöde ging. Aber der sprach zu ihm: Mit dem bloßen Schwerte kannst du den Streit wider den mächtigen Lindwurm nicht wagen; doch ich kenne ein Kraut, das heißt 145 Wermut: wenn du das pflückst und kochst und in seinem Sud das Schwert badest, dann wird es gefeit und unzerbrechlich werden, und du kannst über den Lindwurm Meister werden. Es gehört dazu nur eines, um das Kraut zu pflücken: du mußt dir vor den Sinn bringen, was dir das Liebste auf Erden ist, dem mußt du entsagen; dann wird das Kraut seine Kraft bewähren, und dein Schwert sieghaft vor dem mächtigen Lindwurm sein. Da dachte der junge Königssohn, was ihm das Liebste auf der Welt wäre, und erschrak: denn es wurde ihm klar, daß es die gefangene Jungfrau sei, zu der er übermächtige Liebe im Herzen trug, seitdem er sie erblickt hatte. Da ward sein Herz traurig, denn er dachte, daß er ihr entsagen müsse. Er that aber alles, was ihn der Klausner hieß, empfing das in Wermut getauchte Schwert, erlegte damit den Feind und befreite die Königstochter. Er löste das goldene Seil, womit sie an der Fichte gefesselt stand, und sie gebrauchte es als Gürtel, um ihr herabfallendes Gewand zu befestigen. Auch in ihrem Herzen war die Liebe zum Königssohn 146 erwacht, und sie dankte ihm freundlich und schritt mit ihm Hand in Hand zur väterlichen Burg. Dort wurden sie mit Jubel empfangen, aber an der Pforte angekommen, sprach der Held: Ich darf nicht mit dir einkehren, denn ich hab' es verwirkt um deiner Erlösung willen und muß nun von dir scheiden. Als sie diese Worte hörte, stand sie eine Weile traurig; dann fragte sie, warum er so thun müsse. Er erwiderte ihr, daß er ihr nichts näheres mitteilen dürfe, sie möge aber den Einsiedel im Walde darum befragen. Darauf zog er in die weite Welt mit trauerndem Herzen. Auch die Königstochter verlor nun die Freude am Leben und sie ging zu dem Einsiedel im Walde. Dort erfuhr sie alles, wie es sich verhielt: daß der Held dem Liebsten entsagen mußte, um das Liebste aus dem Elend zu erlösen. Da sprach sie: Ich will gehen, so weit der Himmel blau ist und ihn suchen, und ich will nicht rasten, so weit der Wind weht und der Regen sprüht, bis ich ihn finde. Der Einsiedel ging darauf in seinen Garten, brachte zwei Körner von Liliensamen und gab sie ihr mit den 147 Worten: Wenn du so thun willst, wie du sagst und ihn suchen, so weit der Himmel blau ist, und nicht rasten, so weit der Wind weht und der Regen sprüht, so muß deine Sehnsucht die allerstärkste sein, und damit kannst du ihn mit Gottes Hilfe wieder gewinnen. Auf die Wanderung aber gebe ich dir diese zwei Lilienkörner mit. Und er sagte ihr, was sie damit thun sollte, wenn sie den Geliebten fände. Das merkte sie sich, hüllte sich in ein ärmliches Gewand und begab sich auf die Wanderung. Sie ging lange in der Welt umher, um ihn zu finden, den sie so lieb hatte wie ihre eigene Seele. Und wo sie ging, da ging ihre Sehnsucht mit und zog ihn immer näher an sich, so daß der weite Raum zwischen ihnen immer kleiner und kleiner wurde und sie sich endlich auf einem Felde entgegen kamen, er von Sonnenuntergang und sie von Sonnenaufgang. Als sie ihn erblickte, that sie wie der Einsiedel ihr geheißen: sie streute die zwei Lilienkörner auf die Erde und wartete; aber ihre Sehnsucht war so stark, daß sie alsbald zu keimen und sprossen anfingen. Und es 148 wuchsen zwei Lilienstengel aus dem Boden hervor, die waren aber nicht von gleicher Größe, denn der eine auf ihrer Seite war hoch und der andere auf der Seite des Mannes war niedrig. Da sagte sie zu ihm: Hilf mir, Lieber, daß auch der andere Lilienstengel so hoch erwachse wie dieser hier auf meiner Seite. Und ihm war es wie im Traum, als er die fremde Maid erblickte und er sprach: wie soll ich dir helfen? – So daß du mit aller Sehnsucht deines Herzens wünschest, daß der Lilienstengel auf deiner Seite blühe, erwiderte sie. Da ward ihm wundersam hold zu Mute und doch auch wehe, als er ihre Stimme hörte und er sprach: Gott gebe, daß dies also geschehe und auch dieser Lilienstengel so hoch erblühe wie der andere auf deiner Seite. Kaum war der Wunsch aus der Tiefe seines Herzens gesprochen, als auch geschah, wie er wollte. Der Stengel wuchs empor und unter den beiden Lilien, die sich zu einander neigten, ergriff er ihre Hand, sah ihr in die Augen und erkannte sie. Er sprach: Nun bin ich von meinem Gelöbnis erlöst. Denn wo Sehnsucht die 149 allerstärkste ist, da wird auch die Entsagung erlöst. Das ist Gottes Wille. Er küßte sie freudig auf den Mund, und sie gingen heim in das Königsschloß der Maid. Dort wurde die Hochzeit unter großem Jubel gefeiert, und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.« So hörten sie, wie die Rede in Dietmers Munde beschaffen war, als er sein Märchen erzählte. Mechthild sparte nichts an Worten des Lobes, das sie ihm reichlich gab. Diemut, die auch am Tische saß, erhob den Blick zu Dietmer, als er geendigt hatte, sprach aber kein Wort. Jedes brachte noch seinen Teil, wenn die Reihe an ihn kam, und damit verging ihnen der Abend, bis es spät wurde. Aber so oft wieder an Winterabenden erzählt wurde, weigerte sich Dietmer anzuheben, und es blieb auch dies das einzige Mal, daß er sich hatte in zusammenhängender Rede vernehmen lassen. 150 V. Als der Winter vergangen war und die warme Sonne wieder schien, hatte auch Muhme Lene Grund, aufs neue zu schelten. Denn Diemuts Gehaben ward sonderbar. Sie ging mit Unlust zur Arbeit und saß lieber unthätig, wobei sie an Gott weiß was dachte. Wetzel fragte sie, ob sie krank sei, und ihm gab sie zur Antwort, daß ihr angst und wehe sei. Das Essen schmecke ihr nicht und der Schlaf fliehe sie. Sie müsse wohl krank sein. Und Wetzel sprach: »Diemutlein, du machst mir eitel Herzeleid, wenn es so mit dir steht. Wohlauf, lege nur allen Fleiß daran, daß du wieder gesund wirst und laß das Licht der Sonne dich erfreuen, weil alles wieder grünt und blüht. Das sei dir gesagt.« Wie der Sommer wuchs und die Tage heißer wurden, stand es jedoch nicht besser mit ihr, und Muhme Lene, die nichts davon wissen wollte, daß sie krank sei, schüttete ihren Unmut über die faule Dirne aus, wie sie nun bei ihr hieß. Da geschah es, daß Diemut eines Tages entschwunden 151 war, und niemand wußte, wohin sie gegangen sei. Das schuf viel Unruhe und Ärger im Hause. Den Ärger hatte Muhme Lene, und sie sparte auch nichts an ihrem Atem, um sich Luft zu machen. Es wehte aus ihrem Munde wie Sturm, sprühte wie Feuer und tönte alles nicht zu Diemuts Lobe. Sie schalt die Sippe und hielt nur inne um ihres Eheherrn willen, der auch aus keinem anderen Stamme wuchs als die Mutter Diemuts. Aber Wetzel ging nicht müßig, er hielt fleißiglich Umfrage und erfuhr, daß man die Maid am frühen Morgen durch das Murthor hatte schreiten sehen; und es schien ihm nun, daß sie nach Bayerdorf auf den Acker gegangen sei. Da der nächste Tag ein Sonntag war, machte er sich auf, um sie zu suchen, und Dietmer gab ihm das Geleite. So kamen sie zu zweien hinaus auf den Acker, wo eine Magd als Meierin in der Hütte hauste, und sie hörten von ihr, daß Diemut wohl gestern in der Hütte zugesprochen, aber nicht lange verweilt hätte und wieder ihres Weges gegangen wäre, wohin? wisse sie nicht. Da meinte Wetzel, daß sie nicht länger dort 152 verziehen sollten, sondern »wenn du willst, Dietmer,« sagte er, »gehen wir weiter suchen,« und der war damit einverstanden. Als sie wieder ins Freie kamen, sah Wetzel zwei Federn im Grase liegen. Er hob eine davon auf und Dietmer die andere. Sie bliesen die Federn in die Luft: Wetzels seine schwebte gegen Norden, und Dietmers seine flog gegen Süden. Also trennten sie sich; der alte Geselle ging gegen Gösting und Dietmer aber gegen Straßgang, die Maid zu suchen. Als er nahe kam, sah er auf der Weide einen Knaben, der Gänse hütete. Er fragte ihn, ob er nicht eine Maid aus der Stadt gesehen, die des Weges gegangen wäre? Wohl, er hatte gestern abends eine gesehen, und die sei sauber gewesen aber auch traurig und den Weg hinauf gegen die Mantscha gegangen. Dietmer dankte ihm die Auskunft und schritt in der angegebenen Richtung weiter. Er kam in den Wald der Mantscha, wo grünes dämmeriges Licht war und die Vöglein sangen; dann kam er auf eine Waldwiese, wo in der Ferne ein Bächlein murmelte. Die Sonne blitzte auf den nassen Gräsern und vergoldete die 153 schlanken Lilien, die dort wuchsen, und er dachte sich: hier ist es schön! Da sah er Diemut aus dem Walde heraustreten, nicht mehr krank, sondern mit klarem Antlitz, und der Sonnenschein zog ihr zu Häupten im Gezweige der Tannen mit und zitterte auf ihrem bloßen Haar, denn sie hatte das Tüchlein von der Stirne herabgenommen ob der Tageswärme und hielt es in der Hand. Sie trat auf die Wiese heraus, und Dietmer ging ihr entgegen und sprach: »Wir trugen Leid um dich, weil du ferne warst. Nun bist du gefunden, Diemut. Was geschah dir?« Sie antwortete: »Ich war krank und mußte in die Weite, um einen Quell zu suchen, der im Tobel des Waldes liegt. Dort tauchte ich in tiefer Nacht in die Flut, die lind und heilkräftig ist und gewann die Gesundheit wieder.« »Und wer zeigte dir den Weg dahin, Diemut?« »Sonne und Mond zeigten mir den Weg, und ich habe ihn gefunden. Blumen wachsen an seinem Rande, er liegt in einer einsamen Schlucht, 154 und der Mond stand über seinem Wasser. Rings herum ist tiefer Wald, darinnen es rauscht, wie wenn viele Stimmen zusammen singen, leise und dann wieder laut. Nun bin ich wieder gesund und ziehe heim.« Da bückte sich Dietmer, brach eine von den Lilien, die dort wuchsen und reichte sie ihr. Sie nahm sie und fragte: »Was soll dies?« »Ich möchte dir immer mit Herz und Hand hilfreich sein, Diemut.« Sie blickte ihn fragend an, und er schwieg. Da dachte sie an das Märchen, das er erzählt hatte und sprach: »Laß uns weiter gehen.« Sie schritten dann wieder hinab aufs Feld und sprachen wenig mit einander. Nur einmal sagte Dietmer: »Ich habe ein Unrecht gegen dich begangen, Diemut.« »Ich weiß nichts davon,« erwiderte sie. »Willst du es mir vergeben, ohne daß du es weißt, Diemut?« 155 »Ja, das will ich, so es Gott will.« »Er will, weil du vor ihm treu und hold bist,« sagte Dietmer. »Dann bin auch ich es zufrieden.« Sie schritten dann schweigend mit einander, bis sie auf den Acker in Bayerdorf kamen. Dort fand sich auch Wetzel zu ihnen, der vergeblich nach Norden gegangen und wieder umgekehrt war. Er begrüßte die Maid freudiglich und erfuhr alles, wie es sich zugetragen hatte: daß Diemut in die Weite gegangen war, um ihre Gesundheit zu suchen, die sie auch gefunden hatte. So kehrten sie wohlgemut in die Stadt zurück. Am Thore sagte Wetzel, daß er voraus gehen wolle, um Muhme Lene alles mitzuteilen, auf daß sie der Maid nicht zu herben Empfang bereite. Sie murrte zwar noch, als Diemut ins Haus kam, aber sie konnte nichts dawider haben, daß diese, wie Wetzel sagte, gleich wie ein krankes Reh ihre Gesundheit in einem warmen Waldquell gesucht und gefunden hatte. Diemut sollte jedoch beileibe nicht darauf pochen, daß ihr der Empfang diesmal noch geraten sei, sondern fein 156 sittiglich hausen und heimen unter dem Dache, das ihr der gütige Himmel geschenkt, sonst könnte die Freundschaft einen argen Riß bekommen. Mit dem Brote dieser Ermahnung speiste die Muhme noch kräftiglich ihr Niftel, und Diemut ließ es sich schmecken, so gut sie konnte, denn sie war wieder geduldig geworden wie zuvor. VI. Zu Dietmer sprach aber wieder seine Mutter, Frau Elspet: »Höre, Sohn, ich habe ein kleines wider dich. Du mehrst die Freude meines Herzens wenig, wenn du in Gedanken gehst und träumst am hellen Tage. Du bist nicht träg und du schaffst, wie es sein soll; allein wird die Arbeit nicht mit frohem Sinn gethan, so hilft das andern, aber nicht dir selbst. Denn der erste Lohn des Werkes muß die Freude daran sein und der zweite der Preis, den dir der Käufer dafür zahlt. Darum sage mir, was wirrt dir den Sinn?« 157 »Nichts, Mutter,« antwortete Dietmer. »Nichts ist auch eine Antwort! Welcher Mensch hat mit dem Nichts zu thun, so lange er im Leben thätig ist? Dringt nicht vielmehr von allen Seiten etwas auf uns ein, mit dem wir zu Felde liegen und dessen wir uns erwehren müssen? Doch sei dem, wie ihm wolle: ich sage dir eins: du bist gewandert und hast erfahren, wie es in der Welt aussieht. Nun sitzest du im Vaterhause, und es ist Zeit, daß du bei der Zunft vorsprichst und mit Gunst um die Meisterschaft ansuchst. Dir wird somit geboten werden, an einem tüchtigen Meisterstücke zu schaffen. das besorge mit allem Verstand und Fleiß, dessen du fähig bist. Hat dich erst die Zunft als Meister eingeschrieben, so führst du dir ein liebes Weib heim und bist ein rechter Mann geworden, der Kraft und Geduld vorrätig hat auf viele Jahre und nichts mehr müßig denkt, weil er für die Seinen zu sorgen hat.« Dietmer schwieg und that so, als ob er in weite Ferne blickte. Aber seine Mutter stand fest auf ihrem Willen, und die Sache nahm 158 ihren Lauf, wie es Sitte und Herkommen geboten. Ob der Zunft saßen die Fünfmänner und gaben ihm Einlaß als Meister in das Gewerbe und Gedinge der Faßbinder; denn sie konnten auf ihren Eid nichts Unrühmliches gegen ihn sagen. Nur sollte er vorher nach Brauch sein Meisterstück fertig stellen und vorlegen; nämlich ein Fuderfaß, das so kunstgerecht gebaut war, daß es ohne Reifen bloß durch die eng gefügten Dauben zusammenhielt und keinen Tropfen edlen Weines durchsickern ließ. Wetzel hatte seine Freude daran, daß Dietmer auf dem Wege war, Meister zu werden, obgleich er selbst sich sagen mußte: ich bleibe ein Geselle mein Leben lang. Dietmers Trostwort, daß es anders sein könnte, wies er zurück, fing aber an über dieses sein Leid so ergötzlich zu reden, wie es seine Art war: »Lass' mich mein Leben geduldiglich führen,« sprach er; »kommt es nicht besser, so wird es auch nicht schlimmer werden, das hoffe ich. Meine liebe Seele ist noch immer guten Muts gewesen, und wer nicht sauer in die Welt blickt, 159 das bin ich. Wie kann es mir dann fehlen? Muß nicht ein anderer auch jeder Stunde nachrennen und holt sie nicht ein! Und hat er sie eingeholt, ist es seine letzte Stunde. Denn das Ende ist der Tod für alle. Doch weil ich noch lebe, setze ich meinen Fleiß daran, den Eimer Sorge, den ich aus dem Brunnen heraufziehen muß, immer wieder auszuschütten, um nach reinem Wasser zu suchen. Das erhält den Sinn klar, und Genügsamkeit ist immer zu haben, wenn sie einer kaufen will. Mit Gunst und Erlaubnis, sag' ich: Leid! tritt mir aus dem Wege. Du bist nicht von Glas, daß die Sonne durch dich scheinen könnte und verdeckst mir das liebe Licht. Also aus dem Wege! Und siehst du, Dietmer, das Leid muß sich abseits stellen, wenn ich auf den Weg komme. Herz, was willst du mehr!« »Nichts,« sagte Dietmer, »das ist genug.« Dann gab ihm Wetzel den Rat: »Im Kogelwalde stehen alte Eichen, deren eine du kaufen sollst, Geselle, um aus ihrem Holz dein Meisterstück zu machen. Der Herr des Waldgrunds, der Stubenberger wird dich um deines Gewerkes 160 willen gerne einen Baum fällen lassen, den wir aussuchen wollen, und du hast dafür nur ein mäßiges Stück Geldes in seine Truhe zu entrichten.« Es geschah nach Wetzels Rate und ward beschlossen, am Sonntage gemeinschaftlich nach Mariatrost in die Kirche zu wandern und den Weg dahin durch den Kogelwald zu nehmen. Muhme Lene und Vetter Klaus waren von der Gesellschaft, Mechthild und ihr Bräutigam Lamprecht, Dietmer und Wetzel, und auch Diemut bekam die Erlaubnis mitzugehen. Nur Frau Elspet, die ziemlich beleibt war und schwer ging, zog es vor, daheim zu bleiben. Am frühen Sommermorgen gingen sie durch das Paulusthor aus der Stadt, stiegen den Rosenberg hinan und kamen, als die Sonne hoch im Osten stand, in den kühlen Kogelwald. Da wuchsen hohe Tannen und herrliche Eichen, eine immer schöner als die andere, und Wetzel brauchte Zeit, bis er die richtige ausgesucht hatte, die ihr gutes altes Holz zu Dietmers Meisterstücke willig hergeben sollte. Die bezeichnete er mit einem 161 Kreuzchen in der Rinde, auf daß sie ihnen kennbar werde, wenn sie wieder kämen mit Axt und Säge, um sie zu fällen. Dann lagerten sich alle auf einer Lichtung ins Gras, um vom Wege auszuruhen, den sie gemacht hatten. Der Wald umrauschte sie von allen Seiten und spreitete wohlig grüne Dämmerung über sie. Die Stätte, wo sie rasteten, war eine Lehne, und sie konnten über die wogenden Bäume hinwegschauen nach dem blauen Schöckel, dessen lang gezogener Rücken gegen den klaren Himmel schnitt. Sie hatten Imbiß und Trank mitgebracht und erquickten sich daran. Der Wald lud mit seinen flüsternden Stimmen zu wohliger Heiterkeit ein, dasselbe mochten Buchfink und Drossel sagen, und die Menschenkinder unten waren auch heiter. Selbst Muhme Lene blickte weniger streng vor sich, als sie es sonst that. Der grüne Wald umwob sie traulich, und auch ihr altes Herz wurde von seinem Zauber erfüllt. Stahl sich ein Sonnenschimmer durch das Laub der Eiche, unter der sie saßen, so erglänzte das blonde Haupt Mechthildens, und über Diemuts weißer Stirne 162 umkränzte sich das braune Haar mit einem schwachen Aufleuchten, und sie lachte fast heimlich den Wald an. Dietmers Auge wandte sich nach ihrer Seite, und sein Bruder Lamprecht saß mit fröhlichem, breitem Antlitze nahe seiner Braut. Aber Vetter Klaus und Wetzel aßen und tranken wacker und waren dessen froh; denn Muhme Lene trübte den Gottesfrieden nicht, weil sie von einem schmeichelnden Waldlüftchen umsäuselt wurde und der eigenen fernen Jugend gedachte. Wenn sie durch das Gezweige der Eiche hinauf blickte, so dachte sie: die ist auch alt und freut sich doch ihres Lebens. Sie mußte Lamprecht Dank sagen, der ein Glas zu ihren Ehren, seiner künftigen Schwieger trank und ein zweites seiner Braut zu liebreichem Lobe darbrachte. Und Wetzel war wohlgemut und spendete seinen Spruch der ganzen Gesellschaft, indem er rief: »Wohlauf, wohlauf, jung und alt, daß sein heut' Gott walt'!« und den Becher leerte. Dann sagte er: »Wißt ihr, dort drüben in der Bergkammer des Schöckels liegt ein großer 163 Goldschatz verborgen. Den haben die Römer verwahrt, als sie auf dem Wege zu Berge kamen, der noch heut der Römerweg heißt. Aber das waren nicht die Welschen aus Rom, wo der Papst sitzt, sondern Heiden. Und daheim in ihrer Burg hatten sie ein Zauberbild aus Erz. Das war mit Glöcklein behangen, so viel als sie Länder auf dem Erdboden besaßen, und der Name eines jeden war darauf geschrieben. Drohte Gefahr, so fing das Glöcklein jenes Landes von selbst an zu läuten, woher die Gefahr im Anzug war, und warnte sie. Auch unser Land war damals in ihrem Besitze, und einmal läutete das Glöcklein desselben auf dem Zauberbilde. Da kamen sie in Haufen gezogen, wurden aber in der Nähe des Schöckels aufs Haupt geschlagen. Sie mußten abziehen und konnten ihren Goldschatz nicht mitnehmen. Den verwahrten sie in einer tiefen Bergkammer, um ihn zu holen, wenn sie wieder kämen. Aber sie kamen nicht wieder, und noch heutigen Tages liegt er dort verborgen. Die Herren zu Stubenberg haben den goldenen Schlüssel zur Thür der Kammer gefunden; doch 164 was nützt es ihnen, wenn sie die Thür selbst nicht finden können!« Darauf sagte Muhme Lene verweisend: »Was spinnst du verkehrtes Zeug, Wetzel, am frühen Morgen?« »Meisterin, laßt mich leben, weil der Tag hold ist. Und gewänne ich den Schatz, so sollten Mechthild und Diemut goldne Kleider bekommen.« Im stillen aber dachte er sich: Weit gefehlt! Mechthild bekäme nichts, sie hat genug; aber Diemutlein stünde ein goldenes Kleid nicht übel an. Auch Vetter Klaus meldete sich: »Ja, du hast ein gutes Herz, Wetzel, und verschenkst Schätze im Traum;« worauf er wohlgemut entgegnete: »Soll ein Habenichts kein gutes Herz haben? mit Gunst, Meister!« So saßen sie mit heiterer Rede, und Mechthild kicherte, lachte und spiegelte sich in den zufriedenen Augen ihres Bräutigams Lamprecht, und warf auch hier und da einen glänzenden Blick auf Dietmer, der nach einer andern Seite hin sah. Diemuts Antlitz hatte klaren Schein. 165 Aus dem Laubdache der Eiche empfing sie goldig grünen Dämmer, und wenn ein Windhauch durch das Gezweige fuhr, blauten unzählige Rautenscheibchen durch die Blätterlücken und verschwanden wieder. Auch fern im Walde blitzte es zuweilen freudig auf, wenn ein Sonnenstrahl sich Bahn brach, und dann lag alles wieder ruhesam, wie in einer dämmernden Kirche. Nur die Glockenblumen leuchteten blau und die wilden Nelken rot; und vor ihr im Grase kam und ging ein Funkeln von tausend Tautropfen, als wollten sie sich vor dem Sonnenstrahl verstecken und neckisch wieder zeigen. So ruhte Diemut schweigsam, und ihr dünkte der Wald heilig zu sein, weil er schön war. Da kam Wetzel zu ihr herüber, denn sie saß etwas abseits, ließ sich neben ihr nieder und sagte: »Diemutlein, wirst du es mir glauben? im Stamm dieser alten Eiche ist ein großer Prunksaal, da wohnt eine vornehme Elfensippe darin. Der Prunksaal hat hundert Fenster, die von außen wie Astlöcher scheinen, innen aber zierlich mit Goldranken gegittert sind.« 166 »Höre du, Wetzel, was klingt durch die Luft?« fragte sie darauf. »Das sind die Glocken von Mariatrost, die zur Kirche rufen; wir kommen bald dahin.« »Und wer hat mir gesagt, daß alle Elfen vor den Glocken der Kirche wegziehen mußten aus dem Kogelwald?« »Wer dir das gesagt hat? He! wohl ich. Aber diese Sippe ist ausgenommen; denn sie hat sich zum Glauben bekehrt, erzählte mir mein Ahne, und haust christlich in der Burg von Eichenholz, die inwendig treppauf und treppab nichts als Reichtum ist. Und sie sind den Menschen überaus hold; sie ahmen alles gerne nach, was sie von ihnen sehen: so liegt nun ein Elferich im Burghofe gerade so im Grase wie Vetter Klaus hier draußen und wehrt sich vor einem Schläfchen, das ihn überfallen hat. Und die alte Elfenmutter sitzt über einem Brautpaare drinnen und unterweist sie, wie sie ihren künftigen Hausrat einrichten sollen, gerade so wie Muhme Lene hier über Lamprecht und Mechthild sitzt. Und ein junger Elferich sieht gerade so ins Blaue, 167 wie Dietmer dort. Und ein alter Elfenbold schwatzt gerade so närrisches Zeug, wie einer, der hier draußen sitzt und Wetzel heißt. Aber eija! was ein junges Elfenmägdlein drinnen denkt, die einen Blumenstrauß in der Hand hält, wie du, Diemutlein, das weiß ich nicht. Was denkst du dir eigentlich?« »Willst du es wissen, so denke ich mir, daß sich der Wald heute geschmückt hat, um wie ein gutes Kind am Sonntag dem lieben Vater im Himmel zu gefallen. Der hat eine Freude daran, das glaub' ich, wenn die Welt schön ist. Ich trage auch etwas von seinem Sonnenlicht in meinem Sinne, weil das Leben so hold ist und ich mich dessen freue.« »Nun sieh, dann denkt sich die Elfenmaid gerade dasselbe und ich bin es zufrieden, daß sie es thut und eine heilige Freude hat.« Aber drüben gab Muhme Lene dem Brautpaare gute Lehren und unterließ es auch nicht, dem Dietmer eine oder die andere der ehrsamen Meisterstöchter zu nennen, die er sich zum lieben Weibe aussuchen könnte. Dietmer gab darauf 168 so wenig zur Antwort, daß ihm Muhme Lene verdrießlich den Rücken kehrte und bald zum Aufbruch mahnte. Also erhoben sich alle gehorsam und traten die Fahrt wieder an, bis sie nach Mariatrost kamen. Als sie die Stufen zur Kirche hinanstiegen, da lag viel bresthaftes Volk zu beiden Seiten, das sich in den Schutz der Himmelskönigin begeben hatte. Es streckte die Arme aus und bat kläglich um milde Gaben. Vetter Klaus reichte seinen Heller hier und dort um Gottes willen, und auch Muhme Lene that es, obgleich nicht allzugern, denn sie war allem Bettelvolk abhold. Diemut erhielt vom Meister Klaus einen Heller, auf daß sie damit einen aus dem Siechenvolke beschenke. Dieser Heller war nun ihr ganzes Gut, und sie gedachte, ihn dem Elendsten unter allen zu geben, die auf den Stufen saßen oder lagen. Alle andern hatten bereits ausgeteilt, nur sie behielt ihren Heller noch immer, darob Muhme Lene schon unwirsch die Stirne furchte, und selbst Wetzel fragte: »Willst du dein Hellerlein etwa in die Erde 169 pflanzen, Diemut, damit ein goldener Baum daraus erwachse? Das mag schwerlich geschehen, denn er ist von Kupfer.« »Nein«, sagte sie, »ich will ihn dem Allerärmsten geben, darauf steht mein Sinn.« Sie stieg voraus. Da sah sie einen Siechen auf der Stufe liegen, dessen Antlitz war mit grobem Linnen bedeckt, so daß es verborgen blieb. Auch die Hand, die er ausstreckte, war mit gleichem Gewebe umhüllt. Während die andern Siechen kläglich wimmerten und auch schrieen, bat diese Hand nur mit stummer Gebärde, und Diemut legte ihren Heller hinein. Dann sagte sie zu ihm, den sie beschenkt hatte: »Zeige mir dein Antlitz!« Er nahm die Hülle herab, und sie sah einen Augenblick lang in sein Angesicht, denn er bedeckte es wieder. Inzwischen war Wetzel herauf gekommen und bemerkte, wie Diemut wankte, als wollte sie zu Boden stürzen, und ihre Wange war wachsbleich geworden. »Was wirrt dich, Diemut?« rief er bestürzt. »Nichts, nichts,« sagte sie, zu sich kommend 170 und strengte sich an, zu lächeln, was ihr aber schwer gelang; »nichts, ich habe nur meinen Heller in Gottes Erdreich vergraben.« Wetzel schüttelte den Kopf; doch enthielt er sich der Rede, da die Muhme nachkam, und oben angelangt, traten sie in die Kirche. Diemut kniete während der Messe wie die andern nieder und wollte beten, aber sie konnte nicht. Ihr war wehe, wie noch niemals vorher. »Guter Gott!« sagte sie, »ich habe immer gemeint, deine Welt ist so schön und daß es eine Freude ist, darin zu leben. Aber was ich heute gesehen habe, das hat mir mein Herz verstört, und es ist mir, als wäre ein Frost über meine Freude gekommen und sie sei erstorben. Guter Gott im Himmel! ich kann nicht anders, vergieb mir! Ich muß um deine Welt trauern, da ich das gesehen habe, was ich gesehen. Und im Walde war es doch schön, es rief heilig! heilig! von den Wipfeln der Tannen und höher aus der Luft herab. Im Walde war es heilig schön wie in einer Kirche, alles lebte freudig, und als ich hier zur Kirche wirklich kam, bin ich dem Tod 171 begegnet. Davon ist mein Herz in Leid und Jammer wie erstorben. Vergieb mir, guter Gott im Himmel!« Niemand hörte, was sie betete. Ihre Lippen bewegten sich, wie die der andern, und Muhme Lene, die manchen Seitenblick auf sie warf, konnte meinen, daß Diemut den Mariengruß spräche, wie sie selbst. Im dämmerigen Raum der Kirche sah nur Dietmer, wie bleich ihr Antlitz war. Doch dieser schwieg auch dann noch, als sie alle nach vollendetem Hochamt wieder ins Freie traten. Sie nahmen unten beim Kirchwirt ein gutes Mittagmahl ein; aber Diemut aß nichts, weshalb sie von Muhme Lene gescholten wurde. Sie versuchte es darauf, mußte aber wieder davon abstehen. Das benahm dem alten Wetzel auch die frohe Laune, und Dietmer schwieg ohnehin. Nur Mechthild scherzte mit ihrem Bräutigam, der gern und viel aß, und Vetter Klaus war gutmütig wie immer. So verlief das Mittagmahl nicht so heiter wie das Frühmahl im Walde. Gegen Abend brachen sie auf, um den Heimweg durch den Mariatroster Wald anzutreten. Sie sprachen 172 und scherzten nicht viel; es lag etwas in der Luft, was sie bedrückte, denn es war schwül. So bemerkten sie es auch wenig, daß Diemut wie verloren ging. Wetzel versuchte zu scherzen, aber auch ihm kam das Wort nicht gesprungen, wie sonst, sondern gehinkt; bis ihn Muhme Lene gänzlich schweigen hieß. Nur Mechthild lachte ihrem Bräutigam zu, und sie durfte es thun, denn ihr stehe alles gut an, dachte Muhme Lene, und Lamprecht schritt schwerfällig neben ihr einher, da ihn zumeist die schwüle Luft drückte. Als sie aus dem Walde traten, war die Dämmerung herein gebrochen, einzelne Sterne glänzten schwach, und der beginnende Mond stand im Westen. Die Stadt lag vor ihnen, eng umgürtet von ihren Mauern und überragt von dem getürmten und bewehrten Schloßberg. Die Seite, die sie vor sich hatten, dunkelte, aber von drüben empfingen Giebel und Dächer schräg das Licht des Mondes und erhellten sich schwach. Die Mur glitzerte in vielen Windungen durch das Grazer Feld und entschwand in die Ferne. Kein Vogel zwitscherte im Neste, die Nachtfalter schwebten ruhig in der 173 Luft. Da kam plötzlich von Osten eine strahlende Erscheinung am Himmel geschossen, die sich gegen Westen rötlich wie ein Schwert mit gekreuztem Griffe darstellte und niederging. Wetzel rief bestürzt: »Seht doch! seht doch! Ein Schwert am Himmel! das bedeutet Krieg oder Pestilenz. So hört' ich immer sagen.« Muhme Lene verwies ihm seine Rede streng, obgleich sie mehr als die andern im Innern erschrak. VII. Ob Wetzel recht hatte, diese Erscheinung am Himmel als ein böses Zeichen zu betrachten, oder nicht, so kam in der That eine Seuche von Sonnenaufgang, und wo sie schritt, da folgte ihr ein Sterben. Der Menschenleib verdorrte unter ihrem Anhauche, fiel wie welkes Laub zu Boden, und ward zum Bilde der grauenhaftesten Häßlichkeit, bevor er sank. Von Osten nach Westen schritt sie wie ein Riesenweib über Gebirg und 174 Thal, über Strom und Heide, und nichts hemmte ihren Lauf. Wohin ihr Fuß trat, da erlosch das Blühen: in der Einöde starben die Kräuter und auf bewohnten Stätten die Menschen. Da geschah es auch, daß Kaiser Friedrich, der Friedsame, aus Wien flüchtete und sich in seiner Burg zu Graz ansiedelte; denn hier hauste das Scheusal noch nicht verderblich wie anderwärts, und die Stadt ward gepriesen ob ihrer Geborgenheit und ihres Heiles. Es brachten zwar fremde Pilger das Siechtum auch in die Mauern von Graz mit; aber diese wurden im Elendhause eingeschlossen, das in einem finstern Winkel der Stadt lag, und niemand durfte sich diesem nahen, der noch mit andern Bürgern dieselbe Luft einatmen wollte; und niemand durfte aus jener dunklen Umhegung die lichten Plätze der Stadt betreten. Mit solcher Strenge waltete man des eigenen Heils gegen die Geschosse des schrecklichen Todes und bannte ihn noch zurück. Doch war die frohe Lust am Leben geschwunden, und Angst und Mißtrauen schufen gar oft weiten Raum zwischen dem Menschen und seinem Nächsten. 175 In dieser Zeit ging Diemut wie verloren umher, und Muhme Lene sagte, die Maid wäre ihrer Sinne nicht mehr mächtig. Aber des Nachts saß Diemut auf ihrem Bette und streckte die Hände gegen den Himmel aus, und es war eine Finsternis in ihrem Herzen ohne Lichtstrahl. Da geschah es plötzlich, daß sie aus dem Hause entschwunden war. Und Wetzel und Dietmer mochten vergebens nach ihr suchen; sie fanden sie diesmal nicht, und sie kam nicht wieder. Muhme Lene murrte und schalt, da ihr die Hilfe in der Wirtschaft fehlte, und sagte: die Maid sei von keiner guten Art und werde verderben, wie sie es, die scharf blickende Frau, oft voraus verkündigt. Da verbreitete sich hie und da das Gerücht, daß in das Elendhaus eine wunderschöne Magd eingekehrt sei, die mit schier himmlischer Barmherzigkeit die grauenvollen Siechen tröste und hilfreich pflege; und sie nannten sie das Licht im Elendhause. Zu den frommen Schwestern der Dominikanerinnen kam sie zuweilen des Nachts an die Hofpforte und bat um Arzenei und 176 Speise für die Siechen, und sie gaben ihr um Gottes willen, was sie begehrte. Von ihnen war die Kunde ausgegangen und hatte sich in der Stadt verbreitet, und niemand wußte, wer es war, die man das Licht im Elendhause nannte. Da wollte die Oberin des Klosters die Magd sehen, die sich so mit Pflege der entsetzlichen Pestkranken unterwand. Als man ihr meldete, daß jene wieder gekommen sei, ging sie selbst zur Hofpforte; und weil es finstere Nacht war, ließ sie eine Fackel voraustragen, bei deren Scheine sie das Antlitz der Magd sehen wollte. Diese stand draußen vor der Pforte in der Dunkelheit, und der Schein der Fackel fiel auf sie. Da sah die Oberin ihr Antlitz, daß es klar und lieblich sei, und verwunderte sich, daß sie bei solcher Jugend den grauenhaften Siechen mit Pflege diente. Auch lag Gottes Schutz sichtlich auf ihr, da sie in so verpesteter Luft wundersam heil und frisch blieb. Die Oberin schrak nicht davor zurück, die Hand der Magd mit Gruß zu berühren und ihr in das Antlitz zu blicken. Sie ließ ihr dann den Korb mit begehrter Arznei 177 und Speise füllen, und bat sie auch, des Tages an die Pforte zu kommen, um Gaben zu nehmen, die den Siechen frommten; denn keine Klosterfrau werde sich scheuen, die Magd zu berühren, die aus dem verpesteten Hause so rein und lieblich hervorgehe. Diese nahm sodann mit Dank Urlaub von der Oberin und kehrte zurück in die Nacht und an die Stätte des Jammers, woher sie gekommen war. So geschah es, daß sie auch am Tage zur Pforte kam, wie ihr geheißen wurde, und die Leute sahen sie und wußten, daß sie aus dem Elendhause komme. Da hob sich zwiefaches Gerede unter ihnen. Die einen schalten die Ungebühr, daß sie sich unter die übrigen Menschen mengen wolle, um ihnen Unheil zu bringen; die andern blickten sie staunend an und sprachen: das ist das Licht im Elendhause! Zur selben Zeit kam aber Muhme Lene mit Wetzel aus der Mehlgrube, wo sie für Küchenkasten und Bodentruhe den Vorrat eingekauft hatte, und bemerkte, wie die Leute erregt auf eine einsam schreitende Maid hinüber deuteten, 178 die auf die Klosterpforte der Dominikanerinnen zuging. Sie trug einen Korb in der Linken, die rechte Hand hing lässig herab, und das Haupt hatte sie zur Seite geneigt, daß man ihr Antlitz nur halb sah. Da rief Wetzel plötzlich auf: »Das ist Diemut!« – »Die dort? Sie kommt aus dem Elendhause,« erwiderten die Leute. Als die Maid ihren Namen laut rufen hörte, blieb sie stehen und blickte hinüber. Ihr Antlitz war bleich, aber aus ihren Augen kam ein Lichtschimmer, der es verschönte; so daß sie, die aus dem Elendhause kam, vielen Leuten nicht grauenhaft, sondern schier lieblich erschien. Aber einige wandten sich dennoch entsetzt von ihr ab. Wetzel stellte die Butte mit Mehl, die er auf dem Rücken trug, auf die Erde und wollte auf die andere Seite der Gasse hinüber eilen, wo Diemut stand. Aber Muhme Lene, die alles beobachtet hatte, fragte ihn streng, wohin er wolle. »Seht Ihr nicht, Meisterin? Das ist ja Diemut!« erwiderte er. »Das Herz hüpft mir 179 im Leibe, daß ich sie wiedersehe, und ich will sie begrüßen.« Da sprach Muhme Lene: »Geh' hinüber zu ihr, die von dem verpesteten Orte kommt; aber das Haus, wo du bisher weiltest, wirst du nicht mehr finden. Es wird dir verschlossen bleiben, und über seine Schwelle wirst du nicht mehr treten.« Da stand Wetzel eine Weile ratlos und unschlüssig; sein Herz zog ihn mächtiglich zu ihr hinüber, die drüben stand. Er sah, wie sie noch immer kindlich blickte, wie einst, wo er sie Diemutlein hieß und ihr alles zu willen that, wenn die andern wider sie waren. Aber der Gedanke, daß er ohne Dach und Fach in seinen alten Tagen aufs neue Unterkunft suchen müßte bei fremdem Meister überwog in ihm und seufzend sprach er: »Das ist meine größte Klage, daß ich ihre Hand nicht zum Gruße fassen kann. Aber Ihr, Meisterin, verbietet es mir, und so muß ich gehorchen.« Er nahm seine Last wieder auf den Rücken 180 und folgte Muhme Lene, die voranschritt mit strengem, faltigem Gesicht unter der breiten Haube. Er konnte es aber nicht verwinden, daß er vor Diemut geflohen war, wie die andern, und sprach bei sich: Mein Herz gehabt sich sehr übel; denn ich habe Untreue geübt an dem Kinde, das ich aufwachsen sah von klein auf. Das muß mir als Missethat gelten mein Leben lang. Und doch! mußte es nicht sein? Wie konnte ich alter Geselle mir das Haus der Meisterin verweisen lassen, um noch einmal das Handwerk auf fremdem Boden zu grüßen, wo mich niemand mehr willkommen heißt! So muß ich der harten Welt und dem Gebot der Meisterin dienen. Das sei Gott geklagt! Er ging trübe seiner Arbeit nach, und sein Mut war herabgedrückt. Dietmer wollte er das Ereignis mitteilen. Dieser hatte inzwischen an seinem Meisterstücke gearbeitet, und obgleich ihm nicht der Sinn danach stand, etwas Redliches zustande gebracht. Das wohlgestaltete Faß ruhte aus gutem, getrocknetem Eichenholz, ohne Reifen, fest und sicher gefügt; und als sie es zur Probe 181 mit Wasser füllten, floß kein Tropfen heraus. Er zeigte es Wetzel, der ihm schon früher dabei mit Rate geholfen, und dieser war zufrieden mit dem stattlichen Werk. »Aber was nützt es,« sagte er, »in dieser angstvollen Zeit, wo der Bürger sich an keiner Festlichkeit erfreuen mag und um sein Leben besorgt ist! Ach, Dietmer, weißt du es auch? Ich habe das Licht im Elendhause gesehen und bin daran zum Missethäter geworden. Weißt du, wer es war?« Und erzählte ihm klagend seine Begegnung mit Diemut und daß er ihr nicht zum Gruße nahen durfte, sondern vor ihr fliehen mußte, wie vor einer Verpesteten. Er habe seinen Willen in die Hand der Meisterin gegeben und sei nun wie einer, der kein Herz mehr im Leibe habe. Dietmer horchte schweigsam der Rede und verlor kein Wort davon. Sein Haupt senkte sich zur Brust, und was sein Antlitz sprach, das wußte Wetzel nicht. Er bemerkte nur, daß Dietmer noch immer nicht die Lippen öffnete und fragte: 182 »Was sagst du dazu? Das sei geklagt! Scheint die Sonne, so bin ich ihres Lichtes nicht mehr froh!« »Ich auch nicht,« sagte Dietmer. Und weiter bekam Wetzel von ihm nichts zu hören; also verließ er ihn trübe wie er gekommen war und dachte: Einst hielt ich mich für einen werten Gesellen. Nun bin ich an meinem Werte geschmälert, so weit mich der Gürtel umfaßt. VIII. Da es dunkle Herbstnacht war und der Regen draußen strömte, saß Diemut in einer Kammer des Elendhauses. Ihre einzige Gefährtin war eine alte gebrechliche Magd, die Gilge hieß, und seit lange den Siechen diente. Sie konnte das Hans nicht mehr verlassen, weil sie ihre lahmen Beine nur notdürftig trugen. Sie bat Gottes Segen auf Diemuts Haupt herab, die zu ihrem Beistand gekommen war, und sprach weinerlich zu ihr: 183 »Ich habe niemals arges an dir verspürt, seit dich meine Augen erblickt haben. In dir ist Weisheit und Zucht mehr als in mir mein ganzes Leben lang war, und ich bin schon, ach! wie alt geworden. Du hast den hellen Tag verlassen in deiner zarten Jugend und bist in diese Grabkammer herabgestiegen, um den Elenden zu helfen. Das lohne dir der barmherzige Gott! Ich habe mich meines Lebens nie gefreut, auch als ich um der Freude willen that, was ich nicht hätte thun sollen. Das ist längst vorbei, und ich habe gebüßt. Nun ist es aber ein köstlich Ding in meinen Augen geworden, deine Geduld zu sehen und wie du standhaft bist, den Elenden Hilfe und Trost zu bringen. Hier ist es schrecklich zu hausen, aber dein Antlitz ist klar geblieben, wie am Tage, da du kamst. Ich weiß nicht, was dich hierher getrieben hat. Deine Hände sind nie müßig, aber deine Lippen meist geschlossen. Willst du es mir nicht einmal erzählen?« Diemut schwieg eine Weile; dann sagte sie: »Ich will es dir erzählen. – Einst war ich im Kogelwalde, darin blühte Gottes Friede. Die 184 Welt dünkte mir so hold zu sein, als wäre sie immer von einem Himmel umgeben, dessen Licht auf die Erde fiel und alle Menschen beseligte. Davon sangen auch alle kleinen Vögel, und ich lauschte ihnen mit frohem Mute und dankte Gott mit ihnen. Darauf kam ich aus dem Kogelwalde zur Kirchthüre von Mariatrost und sah einem siechen Menschen ins Angesicht, das lebte, aber es war ein schrecklicheres Bild als der leibhaftige Tod. – Da ward mir der Erdengarten verfinstert, die Sonne feindlich, und Entsetzen schritt vor mir her, dem ich folgen mußte, wie meinem Schatten. Meine Tage waren von Jammer und Not erfüllt, meine Nächte von Thränen. Großer Gott! hast du dies erschaffen, den grünen Wald, darin sang es wie zu einem heilig schönen Feste, wo alle deine Geschöpfe zu Freude geladen waren, und ist dies nur Täuschung und Trug! Denn daneben lag ein gräßlicher Gast in Jammer und Elend, das niemand heilt, und ein Mensch, den du nach deinem Ebenbilde geschaffen hast, großer Gott! O, mit wie entstelltem Antlitze! Damals schauderte mir davor. Mir war die Welt fremd 185 und feindlich geworden und drohte mir bei Tag und Nacht so, daß ich mich fürchtete, wahnsinnig zu werden. Aber es kam die Zeit der Seuche über die Stadt. Da ging ich mit meinem Herzen zu Rate, das gab mir ein: willst du dich von dem Elend der Welt befreien, so mußt du ihm dienen und es mildern, so weit es in deiner Macht steht. Und ich flüchtete vor dem Wahnwitz, der mich verfolgte, hierher in das Elendhaus und bin hier bewahrt vor ihm. Denn Ruhe und Friede sind wieder mein, und ich habe mich an den grausigen Anblick der Elenden gewöhnt, weil ich ihnen diene und ihr Leiden mildere, so sehr ich kann. Also war es mit mir.« Die Alte schüttelte den Kopf und erwiderte weinerlich: »Was du erzählst, Meisterin, ist immer etwas; aber daß du hier bist, das ist mehr und ist mir genug. Horch, draußen heult der Sturm und der Regen strömt. Es ist eine böse Herbstnacht, und du bist da. Das ist gut.« Da geschah es, daß die Glocke am Thor ertönte zum Zeichen, daß jemand Einlaß begehre, 186 und Gilge meinte, daß die Stadtknechte wieder einen Elenden brächten. Sie bat Diemut, sie zur Pforte gehen zu lassen, da sie es wohl vermöchte, Diemut aber mit dem Werke beschäftigt sei, das sie in Händen hielt, nämlich Hemden für die Siechen zu nähen. Das grobe Hauslinnen dazu hatten ihr die Klosterfrauen gespendet. Also schlurfte Gilge hinaus, und Diemut blieb in dem öden Gemache allein. Sie saß in der tiefen Fensternische und blickte in die dunkle Nacht hinaus, aus der bis jetzt der Regen geströmt hatte. Doch fuhr ein scharfer Wind einher, der die Wolken zerriß, und dann ward das traurige Licht des Mondes sichtbar, der dahin zu eilen schien. In seinem schwachen Glimmer waren zwischen zwei Giebeln wie in weiter Höhe der Friedhof von St. Katharina sichtbar. Die Grabsteine hoben sich weißlich vom Dunkel der Wetternacht ab und die Kreuze blinkten in der gramvollen Öde. Klagende Stimmen schollen, die der Wind brachte, und das Elend schwebte in der Luft mit ausgebreiteten Fittichen und hauchte Trauer aus über die ganze Stadt. Die fühlte 187 Diemut im tiefsten Herzen und seufzte schwer auf. Die Thüre öffnete sich wieder, Gilge kam zurück, und ein Mann folgte ihr, der blieb auf der Schwelle stehen. Diemut blickte auf, das Gemach war spärlich von dem Öllämpchen erhellt, und sie fragte: »Wer ist's, der da gekommen ist?« Und Gilge: »Er nannte seinen Namen nicht; er will mit dir sprechen, Meisterin.« Da erhob sich Diemut von ihrem Sitze, sie trat jenem entgegen und fragte: »Wer bist du, Mensch, der du in das Elendhaus gekommen bist?« Und jener näherte sich ihr und sprach: »Sieh mich an. Kennst du mich nicht, Diemut?« Da rief sie entsetzt: »Dietmer! Was willst du hier?« »Ich will in dem Hause dienen, wo du weilst.« »Du willst dem Tode dienen?« 188 »Du lebst, Diemut, und dienst dem Tode. Ich will ein Knecht Gottes sein und dir nachfolgen. Nimm mich auf im Elendhause. Ich habe lange mein Haupt dem Wind und Wetter ausgesetzt, ehe ich hierher kam, aber nun steht mein Wille darin, daß ich es thue, und ich bin gekommen. Da du das Licht im Elendhause bist, will ich hier im Reiche des Todes im Lichte leben. Ich habe allen meinen Fleiß und meines Herzens Begehr daran gelegt, daß ich den Spuren deiner Füße folge. Drum weise mich nicht zurück. Laß mich an deiner Barmherzigkeit teil haben, und mir wird wohl sein hier, im Elendhause, wie sonst nirgends anderswo.« »Dietmer! Dietmer!« rief sie, »durch Gottes Barmherzigkeit gedeihe ich hier in der Pestluft und walte meines Amtes, den Siechen mit Pflege zu helfen und ihnen Trost zu reichen. Aber du bist hierher gekommen mit thörichtem Vorhaben, ohne zu bedenken, ob dir die Sonne noch am drittnächsten Tage scheinen wird. Was hast du gethan? Vielleicht ist es schon zu spät und du hast dir den bösen Keim geholt. Geh hinweg, 189 Dietmer, geh von hinnen! Willst du hier verderben?« Doch er antwortete ruhig: »Ob es zu spät ist oder nicht, weiß ich nicht. Aber meines Bleibens ist hier und nirgends sonst in der Welt. Da du hier in Gottes Dienste stehst, so will ich mein Leben in deiner Welt führen, die nicht grauenvoll sein kann; denn sie ist durch dich eine Gotteswelt. Bist du in all der Stärke deines Herzens doch eine schwache Maid, und dieses Weib an deiner Seite ist alt und gebrechlich. Ich aber bin ein kräftiger Mann und will alle schweren Arbeiten im Hause verrichten, wie ein guter Knecht. Giebt es doch keine gedeihliche Wirtschaft, wo nicht Manneshilfe benötigt wird. Furcht habe ich nicht. Ich sage mich von allen anderen Menschen frei, ledig und los, um in der Haft des Todes zu bleiben, bis du erlöst wirst, und Gott uns wieder Heil geben und alles wohl schicken wird. Ist das aber nicht sein Wille, so bin ich auch darin stark, und du darfst meinen Dienst nicht zurückweisen, weil du selbst ja dein Leben für 190 nichts achtest um des Werkes willen, was du thust.« »Dietmer, Dietmer, horch! Was hörst du von dort?« Sie wies nach der Thüre aus schwerem Eichenholz, die geschlossen war und in den innern Raum führte. »Hörst du nicht das Seufzen, Klagen und Stöhnen, das entsetzlich herüber tönt? Wird es nicht auch dich ergreifen, daß du selber klagen wirst: warum bin ich hierher gekommen in das Elendhaus, in das Haus des Todes? Blickst du auf mich? – Weil ich schwach bin, hat mich Gott stark gemacht, mein Amt zu versehen, und übernehme mich meiner Kraft nicht. Du aber wirst unterliegen, weil du dich stark dazu dünkst. Dietmer, höre! ich habe große Zuversicht zu dir seit dem heutigen Tage und ich habe dich kennen gelernt; aber eben deshalb geschieht mir Leid um deinetwillen, und ich fordere dich auf, geh von hinnen, dein Auge kann es nicht ertragen, wenn du siehst, was ich täglich sehe!« »Meine Augen werden es ertragen, Diemut, 191 weil ich dir nachfolge. Ich weiß es, dort drinnen ist die Nacht des Todes; aber wenn ich dich anblicke, bin ich stark genug, um mein Leben zu bewahren im Dienste derer, denen du hilfst.« Sie rang die Hände. Dann rief sie: »So folge mir und sieh mit deinen eigenen Augen!« Sie öffnete die Thüre, ging hinein, und er folgte ihr. Die Thüre schloß sich hinter beiden. Gilge blieb allein im öden Gemach. Draußen sangen die Stimmen des Windes ihr Trauerlied über die gramvolle Welt, und die Alte horchte seufzend; doch es waren ihr gewohnte Töne. Nach einer Weile öffnete sich die Thüre wieder, und beide traten herein. Dietmers Antlitz war bleich wie Kalk geworden, und seinen Zügen hatte sich das Bild eines ungeheuren Leides eingeprägt. »Dietmer, blick auf!« sagte sie sanft: »Willst du noch hier bleiben?« Er erhob den Blick und sah auf die Maid, die vor ihm stand mit verklärter Stirn. Und es überkam ihn ein Hauch von ihr, so daß eine 192 übergroße Milde in sein Herz drang, seine Augen füllten sich mit Thränen, er streckte die Hände aus und sprach: »Du bist gut und freundlich, Diemut, sei es auch gegen mich. Nimm mich auf! Denn ich habe mich dir erst recht angelobt, weil ich dich hier gesehen habe.« Nun hub auch Gilge an zu reden: »Weise ihn nicht zurück, Meisterin, denn wir können seinen Dienst wohl gebrauchen. Er mag im Schüttkasten hausen, in dem Kämmerlein, wo unser alter Knecht Blawel schlief, bevor ihn uns die böse Zeit von hinnen nahm; da mag auch er liegen.« Diemut widersprach nicht länger. IX. Dietmer weilte nun im Elendhause und diente als Knecht. Er trug Holz und Wasser herbei und that ungeheißen jede Arbeit, die nötig war. Auch im grauenvollen Siechensaale stand er in 193 seinem schweren Amte willig und unverdrossen und half Diemut, wo er konnte. Er sah, wie die Elenden den Blick der Maid wie einen Himmelsstrahl empfingen und von ihren Händen gepflegt wurden, und wie sie die Hoffnungslosen mit mildem Zuspruch kräftigte, so daß sie ihren ganzen Trost auf Gott stellten. Der unbarmherzige Tod hielt seine schreckliche Ernte überreichlich, und Dietmers Herz mußte sich festigen inmitten des höchsten menschlichen Jammers, um nicht gebrochen zu werden. Die einst Gottes Geschöpfen glichen, krümmten sich nun entsetzlich entstellt auf ihren Schmerzenslagern, bis sie der harte Tod auf das Angesicht schlug. Doch da er den Spuren Diemuts folgte, war es ihm, als müsse ihm jedes Unheil fern bleiben. Denn so lange sie an dem Lager eines Elenden weilte, schwieg der Jammer, und in die grauenvolle Nacht der Erde fiel ein Strahl der himmlischen Barmherzigkeit aus ihren Augen in die Seele des Siechen und tröstete ihn. So lebte Dietmer wie am Rande des Grabes und sah dem schrecklichen Tod stündlich ins 194 Angesicht; aber an seiner Seite stand auch die lichte Gestalt der Maid, die sein Sinnen empor hob über alle Bedrängnis der entsetzlichen Düsternis, in der er lebte. Kam er aus dem Hause, was selten geschah, so wichen ihm die Leute scheu aus. Einst begegnete er seinem Bruder, der mit seinem ihm inzwischen angetrauten Weibe, der schönen Mechthild, schritt; auch sie wandten ihre Blicke von ihm ab, und er ging stumm an ihnen vorbei. Dies schuf ihm geringes Herzleid, da er im Dienst des großen Leides stand, worin er alle Eitelkeit ablegen mußte, um als fester Mann zu bestehen. Denn die Stätte, wo er weilte, war ein Klagehaus bei Tag und Nacht, und mochte sein Herz mit den Elenden jammern, so mußte sein Leib stark bleiben, um nicht zu unterliegen. Und doch geschah es bald, daß dieser Leib unter der schweren Last zusammenbrach, da er gleichsam mit trug am riesenmäßigen Elend der Welt. Eines Morgens konnte er sich nicht von seinem Lager in der Kammer des Schüttkastens erheben; sein Kopf war schwer geworden, seine 195 Stirne brannte, es hämmerte darin, und die Glieder waren bleiern. Das schuf der Maid Diemut große Sorge. Sie klagte, daß sie ihn in das Haus aufgenommen, wo er unterliegen mußte, und nun Schuld habe an seinem Geschicke. Ihre Sorge um ihn war groß, da sie doch genug mit dem Leide der Elenden belastet war. Dietmer lag in seiner dürftigen Kammer im Schüttkasten, wo einst in besseren Tagen das Getreide aufgespeichert war und der nun leer stand. Diemut kam so oft sie Zeit hatte, setzte sich an sein Lager und pflegte den Kranken, so gut sie konnte. Sie legte ihm ihre Hand auf die heiße Stirn, und das war ihm Linderung mehr als alles andere. Aber er lag in Fieberhitze und wußte nicht, wer vor seinem Lager weilte. Er sah die Gestalt, aber sie dünkte ihm wie ein Bote zu sein, der aus weiter Ferne gekommen war, um ihm Trost zu bringen. Diemut blickte ängstlich auf den bewußtlosen Mann, den Schauer und Fieberhitze abwechselnd durchjagten. Durch die geöffnete Thüre des hölzernen Verschlages, welcher die Kammer bildete, irrten ihre 196 Augen wie um Hilfe suchend hinaus in den weiten dämmernden Raum des Schüttkastens. Dort war an der Giebelwand in der Höhe ein rundes Fensterlein, und die Wintersonne sendete ihre matt goldenen Strahlen herein in das öde Gelaß, und diese zitterten durch die Dunkelheit wie geheimnisvolles Leben im Reiche des Todes. Es war ihr tröstlich, daß das Licht der Sonne die Stätte heimsuchte, wo sie am Lager des Kranken weilte. Auch Dietmer sah mit offenen Augen die Strahlen durch die Dunkelheit heranzittern, und er sprach leise verloren: der Bote, der vor mir steht, ist mit goldenen Lilien bekränzt, wie schön! Da sagte sie um der Hoffnung willen, die sie zu Gott trug: »Sei getrost, Dietmer, du wirst nicht sterben. Mein Herz lebt in der Zuversicht, daß du dich wieder von diesem Lager erheben wirst.« Sie merkte auch, daß er nicht die grausen Zeichen der Pest an seinem Leibe hatte und daß seine Stärke nur vom Fieber gebrochen ward. Sie hoffte denn alle Tage hindurch in ihrem 197 Gebete zu Gott, daß er sich wieder unter ihrer Pflege aufringen werde, und unterwand sich dessen mit Sorge und That. Er begann auch allmählich wieder zu genesen und das klare Licht des Geistes wieder zu gewinnen, das in der Fieberhitze verschwunden war. Als er einst die Augen aufschlug, erkannte er Diemut, und sein Herz ward freudig, als er sie sah. Nun wünschte er bald zu erstarken, um ihr wieder im grauenvollen Dienste helfen zu können. Aber damit hatte es noch gute Zeit, da ihm die Gewalt über seinen Leib fehlte und er sich nicht erheben konnte. Sie verwehrte es ihm auch mit mildem Zuspruch und bat ihn geduldig auszuharren, bis die Krankheit gänzlich von ihm gewichen sei. Inzwischen war es ihm tröstlich, ihrer Rede zu lauschen, wenn sie kam; und war diese auch ernst und traurig, wie es in der trüben Zeit nicht anders sein konnte, so leuchtete doch das Licht ihres wundersam starken Herzens daraus hervor, das ihn erhellte. Einst fragte er nach einem der Siechen, den er, bevor er selbst darnieder lag, eifrig gepflegt 198 hatte und der aus fremden Landen gekommen war. Er hieß Rothbert und schien von guter Herkunft zu sein. Diesen hatte Dietmer mit tiefem Mitleid umfaßt, weil er in seinem entsetzlichen Zustande die Klage vermied, so wie er es vermochte und mit festem Mute trug, was das erbarmungslose Schicksal über ihn verhängt hatte. Diemut neigte traurig die Stirn und erwiderte, daß diesen gestern der Tod erlöst habe, und daß die Stadtknechte bereits seinen Leichnam fortgeschafft hätten. Das jammerte Dietmer; doch sie tröstete ihn und erzählte ihm, daß sein Tod weniger schrecklich gewesen sei als sein armes Leben. »Höre, wie er starb. Vorerst seufzte er im Schmerze, wie nie zuvor, und klagte es, daß sein Leib, der nach Gottes Ebenbilde geschaffen sei, ein Greuel vor seinen eigenen Augen geworden und daß die Welt voll Jammers sei, in der solches geschehe. Das schnitt mir ins Herz. Vorher klagte er niemals, nun übermannte ihn die letzte Qual. Er lag dann regungslos mit geschlossenen Lidern, und ich meinte, daß er 199 ausgerungen habe. Aber er schlug die Augen wieder auf, die waren starr, und er blickte wie in weite Ferne. Und seine Lippen flüsterten etwas, und seine schwache Stimme klang selig. Ich beugte mich zu ihm herab, lauschte und entnahm, daß er meinte, sich irgendwo im fernen Welschland zu befinden. Eine schöne himmlische Frau führte ihn die Stufen zu einer marmornen Kirche hinan, und er sprach von weißen Säulen, durch die das blaue Meer schimmerte. Was kam ihm vor den Sinn, der viel in fremden Landen gefahren ist? Doch höre nun weiter. – Aus dem Meere sah er glänzende Gestalten auftauchen und heranwallen – er sprach so seltsam – die erfreuten ihn überaus. Er hörte auch süße Klänge, wie sie zogen, vom Wasser sich erheben zu ihrem Geleite. Dies sagte er. Dann mußte es geschehen, daß ihn jene himmlische Frau mit ihrer Hand berührte, denn er flüsterte freudig: der häßliche Rock voll Eiterbeulen ist von mir gefallen, und mein Leib ist wieder rein und weiß wie der eines Kindes. O Dank dir, himmlische Frau, sei gepriesen! Nun kann ich mit den 200 andern im Jubelreigen singen, wir ziehen ein in das Reich des Friedens. – Und dann noch zuletzt: O selige Kindheit! ich bin wieder wie du, mein lichter Engel! – Diese Worte kamen aber nur wie ein Hauch von seinen Lippen, denn es ging alsbald ein Zucken durch seinen armen Leib, und er hatte ausgelitten.« So erzählte sie von dem Elenden, der Rothbert hieß, und Dietmer konnte das Herbe, das darin lag, mit der Zuversicht verwinden, daß jener leidlos gestorben sei. Bei sich dachte er aber: das war ein schöner Traum im Tode, weil er Diemut vor seinem Lager stehen sah. Er sprach es jedoch nicht aus, denn sie hätte es ihm verwiesen. Allmählich begann er wieder zu erstarken und erhob sich wie zuvor zu seinem Amte im Dienste der Elenden. Doch geschah es, daß der Tod nicht nur durch die Thüre des Elendhauses frei ein- und ausging, sondern durch alle Gassen der Stadt zu schreiten begann, unsichtbar bei Tag und Nacht; aber das Verderben, das er mit seinem Gefolge, der 201 Pestwolke, über die Stadt entsandte, ward schrecklich offenbar. Die Glocken klangen von früh bis spät klagend, und Bittgänge zogen um die Kirche mit Bußgesang und Seufzern. Aber vergeblich streckten die Menschen flehend ihre Hände zum Himmel empor: der Tod hielt seine Ernte, und die Gräber füllten sich. Es war die grause Pestzeit auch über die schöne Stadt an der Mur herein gebrochen, die bisher davon verschont blieb; und das Verderben, das sie glaubten im Elendhause eingehegt zu haben, schwebte über alle Mauern und geschlossenen Thore unaufhaltsam in die Stadt. Die ward ein einzig großes Elendhaus, erfüllt von Angst und Finsternis. Da dachten die heimgesuchten Bürger an die Maid, die das Licht im Elendhause hieß, und bald bat die eine Sippe, in der ein Kranker lag, bald die andere, daß sie kommen möchte, um mit ihrer Pflege zu helfen. Und Diemut widersagte der Bitte nicht und kam. Ihr Nahen dünkte allen heilvoll zu sein, die von dem entsetzlichen Feinde heimgesucht waren, und sie blickten zuversichtlich zu ihr empor, die ihnen mit Pflege 202 liebreich diente. Da sie nun ferne weilte, war für Dietmer die schwere Zeit erst recht angebrochen in dem jammervollen Hause, das ihn umhegte. Denn es blieb die Dunkelheit zurück, als Diemut nicht mehr dort schritt. So oft sie es jedoch thun konnte, kehrte sie zurück in das Haus, von wo sie ausgegangen, und der Trost erschien wieder allen, den Elenden und auch Dietmer. Das waren Zeiten ihrer Anwesenheit, die kurzen Tage glichen neben langen Nächten ihres Fernseins. Doch bald kam es, daß das Elendhaus gänzlich in Dunkelheit lag. Denn, wie berichtet wurde, war auch Kaiser Friedrich, der Friedsame, vor der Seuche aus seiner Stadt Wien hinweg gezogen und saß in der Burg zu Graz. Als nun das Übel auch über die Mur hereingebrochen war, und die Pestwolke über allen Insassen der Stadt schwebte, da blieb auch die Burg nicht verschont. Des Kaisers Lieblingstochter, Namens Alexa, mußte sich legen, und große Bekümmernis ergriff den Vater. Da hörte er von Diemut berichten, daß unter ihren Händen manche der Siechen noch errettet wurden, und er 203 sandte nach ihr und entbot sie in die Burg. Sie folgte dem Rufe und weilte nun Tag und Nacht am Lager der kranken Tochter des Kaisers. Sie konnte nicht mehr in das Elendhaus gehen, wie zuvor, das war ihr verwehrt. So lag dieses gänzlich in Dunkelheit, und Dietmer weilte darin. Das war die schwerste Zeit, die er erlebte; aber weil er sich seinem Dienste angelobt hatte, so hielt er auch aus. Sein Leben war nun erst qualvoll geworden inmitten der Leiden anderer. Der Klang der Trauerglocken, der über die Stadt tönte, war die tägliche Speise seiner Seele. Sein Herz war das Elendhaus geworden, darin das Licht fehlte und das dem Grabe glich. Da aber nun das böse Verhängnis in der Stadt genug übel gehaust hatte und nach Gottes Strafe auch immer Gottes Gnade einher wandelt, so begann die Seuche zu schwinden und zog wie ein schweres Hagelwetter von dannen, das viel 204 Halme auf dem Felde auf immer niederstreckt. Aber wie die übrigen Gebeugten sich allmählich wieder im Sonnenlichte aufrichten, so begannen die Insassen der Stadt wieder aufzuatmen und sich des Lebens zu freuen. Auch des Kaisers Tochter blieb auf ihrem Siechenlager vom Tode verschont, und das Leben erstarkte wieder im Leibe des jungen Kindes. Dessen war der Vater froh, der die Krone trug über weite Lande und nahe daran war wie der Ärmsten einer, dem Tode Zoll zu zahlen von seinem Hause. Er pries Diemut um ihres Dienstes willen vor dem Krankenlager der Tochter, da sie Tag und Nacht bereit stand, mit dem bösen Engel zu kämpfen um das Haupt der kaiserlichen Maid. Ihr mildes Antlitz und das klar tönende Wort aus ihrem Munde hatten der Kranken Trost gespendet, so wie ihre Hände Pflege gaben. Segenreich schien dem Kaiser ihre Gegenwart zu sein am Lager der Tochter, und er pries sie darob. Der schwere Winter war auch vergangen, die Frühlingssonne schien über das Land, und sanfte 205 Lüfte wehten. Die trauervolle Erde und die Herzen der Menschen tauten wieder auf, da der entsetzliche Feind hinweg gezogen war. Auch die kaiserliche Maid erstand vom Siechenlager und begann wieder aufzublühen. Sie mochte Diemut nicht missen, und diese mußte ihre Gesellin sein in der freudigen Zeit der anhebenden Genesung, wie sie vorher Pflegerin in der Trübsal der schweren Tage war. Der Kaiser aber sprach zu ihr: »Wünsche dir, Diemut, was ich dir gewähren kann, und du sollst es haben. Mich verlangt es, deinem Dienste mit That zu lohnen.« Und sie antwortete: »Wie soll ich Lohn begehren! Hat ja mein Dienst mich selbst vom ungeheuren Leide befreit! Denn ich hätte mir selbst nicht helfen können, wenn ich den andern nicht geholfen hätte. Das ist Lohnes genug, und Gott verhüte es, daß ich etwas anderes wünsche!« Der Kaiser verwunderte sich über diese Rede, doch sie blieb dabei. Da sprach er: 206 »Gott hat dir in dein Herz die Weisheit gegeben, womit sich jeder Mann getrösten könnte. Aber ich will dennoch meinem Rechte nicht entsagen, dir zu danken, du liebe Magd!« Er verwunderte sich auch darüber, daß Diemut nicht mehr ernst und traurig war wie in der schweren Zeit, wo sie im Amt des Leides stand, sondern wieder kindlich ward, wie es ihren Jahren geziemte. Seine Tochter gewann eine Gesellin an ihr, die ihr zu jeder Stunde des Tages guten Mut gab. Als ob ein dunkler Schleier von Diemut gefallen wäre, so kam ihr früheres Wesen wieder zum Vorschein. Ihr selbst schien es, als ob sie aus einem entsetzlichen Traume erwacht wäre und sich wieder unter den Strahlen der alles bescheinenden Sonne befände. Sie sagte, als sie darob befragt wurde: »Ich weiß es nicht, wie ich das alles überwunden habe. Mit dem riesenhaften Elend wuchs mein Leid eben so groß und mit dem Leide meine Kraft; nun da beides vorbei ist, das Elend und das Leid, so ist meine Kraft wieder geworden wie zuvor, die einer armen Maid.« 207 Und als man alles lobte, was sie gethan, sagte sie: »Dess' überhebt sich mein Herz nicht, denn ich that nur, was ich mußte. Ich habe damit mein eigenes Leben bewahrt, denn ich läge nun tot, wenn ich es nicht gethan hätte. Das weiß ich. Was ist also daran viel zu rühmen? Thut doch jeder, wie er muß!« Und sie ward mit hellen Augen ein Kind wie zuvor, das jeder lieb gewann, der sah, wie hold und freundlich sie ihr Wesen mit der Kaiserstochter trieb, ihr in allem diente, wessen sie bedurfte, so daß diese an ihr hing und nicht von ihr lassen wollte. Auch bemerkten alle in der Burg, wie schön sie von Gestalt und Antlitz war, und der Kaiser dachte: das ist's, damit will ich ihr danken: ich will ihr einen guten Mann geben, der ihr Gemahl sei, wenn sie auch von niedriger Herkunft ist; denn sie hat es um mich verdient. Und jedem guten Manne gebe ich ein köstliches Eheweib an ihr, dafür er mich zeitlebens preisen mag. Inzwischen war der Frühling mit 208 Sonnenglanz und Maienblüten über die Stadt heraufgezogen, und der Anger vor dem Burgthore lag wie ein grüner Teppich mit vielfarbigen Blumen durchwirkt. Alle, die unter dem grauenvollen Verhängnisse gelitten und es überstanden hatten, freuten sich der schönen Zeit wie Gefangene, die in Todesbanden gelegen hatten und wieder an das glorreiche Licht der Sonne kamen. Friedlich unter der Erde ruhten die Toten, erlöst von ihrer Qual; und in den Lebenden begann das Trauergeläute allmählich ferner zu verklingen und das Herz wieder wohlgemut zu schlagen. Feld und Garten, Wald und Anger sproßten und blühten, Fink, Lerche und Amsel huben ihren Jubelgesang an. Und aus dem Leide, das begraben wurde, erstand die Freude auf. So wollte auch der Kaiser das Maienfest mit Freude begehen und ließ auf dem grünen Anger vor dem Burgthore sein Zelt herrlich aufschlagen. Das war von Purpur, mit Gold durchwirkt, und sein Banner mit dem Reichsaar wehte darüber. Die an seinem Hoflager waren, edle Herren und Frauen, gaben ihm reiches Geleit, als er, die Tochter an der 2^09 Hand führend, aus der Burg durch das Thor ins Freie schritt. Ihm voran gingen die städtischen Pfeifer und Zinkenisten, die süßes Getöne der Maienlandschaft darbrachten. Ein Platz zu ritterlichen Spielen war umhegt, und die Insassen der Stadt standen vor den Schranken und gewannen nahe dem Zelte Raum, um das kostbare Schaugepränge vor Augen zu haben. Es ward nach den schrecklichen Tagen das Maienfest eine herrlichere Feier als je zuvor, und der Himmel blickte hold und freundlich auf die Menschen herab, die sich wieder im Leben zusammenfanden. Die Kaisertochter sandte ihre Frauen auf den Anger, um Blumen zu einem Maienkranze zu pflücken. Diese wandelten mit Scherzen und Kosen dahin und schmückten, in reichfarbige Gewandung gehüllt, den grünen Rasen nicht minder als die weißen, roten, violetten und goldenen Blumen, die ihm entnickten. Der Kaiser saß in seinem Zelte auf einem Thronsessel und sprach zu seiner Tochter: »Wo ist deine Gesellin Diemut? Ich sehe 210 sie nicht. Warum ist sie nicht mit den anderen Frauen zum Maienfeste gekommen?« Und die Tochter antwortete: »Habe ich sie doch zuerst mit Worten, dann mit aufgehobenen Händen darum gebeten! Aber sie wollte nicht. Ihr zieme es nicht im kaiserlichen Gefolge zum Feste zu gehen, denn sie sei ein armes Mädchen von dunkler Herkunft. So sagte sie, und ich kann der Maienlust nimmer froh werden, weil sie nicht da ist an meiner Seite.« Der Kaiser schüttelte das Haupt: »Sie hat solches an dir gethan, daß sie verdient gehöhet und gehehret zu sein, und hält sich nun zu gering, in deinem Gefolge zu schreiten, Tochter? Nein, da steht es nicht wohl darum, und der Sache ist nicht genug geschehen. Sie soll kommen!« Und er entsandte eine Edelfrau in die Burg und hieß Diemut kommen; das sei sein Gebot. So mochte sie sich nicht weigern und kam. Die Bürger der Stadt blickten verwundert, als sie sich in ihrem schlichten Gewande inmitten der 211 reichgekleideten Frauen zu des Kaisers Tochter setzen mußte. Sie fragten sich: Ist das nicht Diemut, zu der Frau Lene die Muhme ist? Dieselbe, die im Elendhause war? Und andere sagten hämisch: Seht, das ist mir eine feine Klugheit, die Lob und Ehre bringt, im Elendhause weilen! Diemut aber saß still und freundlich in der Nähe der Kaisertochter. Die Frauen kehrten vom Anger zurück und hatten einen reichen Maienkranz gewunden, den sie ihrer Herrin übergaben. Alle Edlen des Hoflagers waren ritterlich versammelt, und auch viele Herren und Dienstedle des steirischen Landes hatten sich zum Feste eingefunden. Da hub der Kaiser an zu reden: »Tochter, diesen Kranz sollst du dem Würdigsten reichen, der sich unter unsern ehrenfesten Herren im ritterlichen Spiele bewähren mag. Das ist uns Sitte.« Somit nahm das Turnier seinen Gang und, als es sein Ende erreicht hatte, schmückte die kaiserliche Maid den Sieger mit dem Kranze. 212 Der Kaiser hatte inzwischen ein anderes Kränzlein winden und die Dienstedlen zu einem zweiten ritterlichen Spiele laden lassen. Dann sprach er, auf den Maienkranz weisend: »Ich will zu diesem Lohn dem Sieger noch einen andern kostbaren Dank hinzufügen. Seht! da sitzt die Gesellin meiner Tochter, eine Maid, deren Stand ich erhöhen will, so daß sie jedem guten Manne edel gilt. Auf ihr liegt sichtbarlich Gottes Gnade, und meine Huld will sich der seinigen, unseres himmlischen Herrn, unterordnen, indem ich ihr überaus wohlgeneigt bin. Denn sie hat es um mich verdient, wie ihr alle wißt. Ich setze euch nun als Kampfpreis die Hand der guten Maid. Welcher unbeweibte Mann um sie ringen will und siegreich wird, dem giebt meine Tochter den zweiten Maienkranz des Festes, und ich selbst gebe ihm als Maienblüte die Maid Diemut, auf daß er sie aus meinem Hause als sein herrliches Eheweib heimführe; denn ich bin ihr wie ein Vater wohlgeneigt.« Es geschah nun, daß viele, deren Blicke an Diemuts lieblicher Gestalt hafteten, sich freudig 213 bereit erklärten, um die Maid zu kämpfen, die ihnen noch begehrenswerter schien, weil sie des Kaisers Gnade umglänzte. Die Bürger der Stadt, die vor den Schranken und dem Zelte standen, verwunderten sich höchlich über das, was sie hörten, und sie gaben ihr Erstaunen in mannigfachen Ausrufen zu erkennen. Unter ihnen stand einer, von dem sie sich scheu fern hielten, als trüge er ein Malzeichen an der Stirne, das sie aus seiner Nähe bannte. Sein Antlitz war bleich und gramvoll, seine Kleidung nicht festlich wie die der andern, sondern verwahrlost. So stand er in dem leeren Umkreis, der sich um ihn gebildet hatte, vor den anderen sichtbar und blickte traurig auf die glänzende kaiserliche Gesellschaft hinüber. Es war, als ob der tiefe Schatten des verschwundenen Elends noch von ihm ausginge und in den sonnigen Tag hineinfiele. Auch Diemut bemerkte ihn, und als sie ihn erkannte, ward ihr Antlitz bewegt. Der Kaiser jedoch hatte seine Rede beendet, und sie mußte ihm antworten. Sie trat vor ihn hin und sprach: 214 »Mein gnädiger Herr! Ihr wollt mich über meinen Stand erheben, und ich danke Eurer Güte herzlich. Gott weiß es, daß mir die Sehnsucht fern ist, etwas anderes zu begehren als das Heil aller Menschen und meinen eigenen Frieden. Auch hab' ich noch nicht daran gedacht, mein Magdtum mit dem Stande eines ehelichen Weibes zu vertauschen. Aber weil mir Eure Gnade den Gemahl und Lebensgefährten geben will, so gestattet mir, Euch den Mann zu zeigen, mit dem mich Gott, der Eheschöpfer, zusammenfügen mag, wenn er will, jedoch mit keinem andern.« Und sie ging hinaus auf den freien Raum, wo jener gramvolle Geselle stand, gemieden von den andern, faßte seine Hand und führte ihn vor den Kaiser: »Dieser ist's, mein gnädiger Herr, der mir gefolgt ist und unter den Schatten des Elendhauses eingegangen ist, um gleich mir dem Tode zu dienen. Da er mir im Tode treu war, so will ich ihm auch im Leben treu sein. Uns hat das ungeheure Leid verbunden, und deshalb habe ich kein Glück, was nicht das seine wäre. Seid 215 Ihr mir gnädig, so muß auch er an Eurer Gnade teil haben.« Und sie erzählte, wie Dietmer Haus und Heim um ihretwillen verlassen hatte und ihr gefolgt war. Da mochte sich des Kaisers Miene, die sich früher verfinstert, wieder aufhellen, als die Maid mit bewegter Stimme und reinem Antlitz von dem Bunde sprach, der sie im Dienste des Elends mit dem gramvollen Gesellen, der Dietmer hieß, verknüpfte. Und in seines, Dietmers Herzen, erwachte die Seligkeit zum Lichte mit herrlichem Rauschen und Klingen, und seine Wangen färbten sich wieder nach langer Zeit höher. Doch stand er beschämt ob seiner verwahrlosten Kleidung und senkte den Blick zu Boden. Der Kaiser bemerkte, daß es ein wohlgestalteter Geselle war, dem nur sein verkümmertes Wesen Abbruch that. Er rief sonach einen Kämmerer und hieß ihn den Gesellen mit sich nehmen in die Burg. Dort solle er seiner Sorge tragen, daß sein Leib wieder gepflegt und in ein ehrbares Gewand gehüllt werde. Der Kämmerer that, wie ihm geheißen ward. 215 Inzwischen begann das zweite Ritterspiel, und der Kaiser setzte dem Sieger anstatt der Maid die goldene Kette zum Kampfpreise, die er selbst trug. Der Kämmerer kam dann mit Dietmer zurück, der allen, die ihn vorher gesehen, wie umgewandelt erschien. Denn er ging wie ein stattlicher Mann aus der Burg hervor in vornehm bürgerlichem Gewande und mit edlem Antlitze. Da rief der Herold im Kampfspiele Frieden und gebot Schweigen. Der Kaiser aber sprach. »Seht, das ist Dietmer, ein Mann, zu dem ich gute Zuversicht habe, daß er sein Leben in Ehrbarkeit führen und vollführen wird und seines Handwerkes recht und fleißig wahrnehmen wird; denn er ist ein Faßbinder seines Zeichens, wie mir Diemut mitteilte.« Und er hieß den Gesellen Dietmer zu sich kommen, ergriff die Scheide seines kaiserlichen Schwertes mit beiden Händen und berührte Dietmer, der auf die Knie sank, auf Schulter und Stirne damit, indem er sprach: »Damit mache ich dich bürgerlich gut und ehrlich vor jedem Manne und spreche dich los 217 und ledig von jedem Unglimpf, auf daß du in deinem Gewerke als Meister ehrsam sitzen darfst. Und gebe dir diese gute Maid zu deinem Eheweibe, auf daß euch des Priesters Hand vor dem heiligen Altare zusammenfüge. Dies ist mein Wille, und sollst du des Kaisers Bindermeister heißen und meinen Keller in der Burg zu Graz besorgen, so lang' du lebst.« So geschah es auch. Der Kaiser wollte selbst als Hochzeitsgast mit seiner Tochter zugegen sein; aber als die Zeit der Vermählung heran kam, riefen ihn die Geschäfte des Reichs nach seiner Stadt Wien zurück, wo inzwischen die verheerende Seuche auch erloschen war. Da nahm die Tochter mit liebreicher Umarmung von Diemut Abschied und begabte sie mit einem feinen Brautkleide. Das anzunehmen, konnte Diemut nicht verweigern. Also verließ das kaiserliche Hoflager die Stadt Graz. Aber Dietmer und Diemut wurden eines Sinnes, ohne daß beide darüber zu Worte gekommen waren, denn ihre Herzen verstanden sich. Dietmer kehrte in sein Vaterhaus zurück, das 218 verödet stand. Hier hatte die böse Zeit, wie überall, übel gehaust und seine Mutter hinweggerafft. Auch seinen Bruder hatte die Geißel des schrecklichen Todes getroffen und dessen schöne Frau Mechthild; auch Vetter Klaus war ihr, wie so viele andere, erlegen. Nur Muhme Lene hatte sich aufrecht erhalten und blickte streng wie immer; aber eine tiefe Kummerfalte hatte sich auf ihrer Stirn zwischen den Brauen gebildet. Und Wetzel ging noch auf seinen Beinen einher. Er hatte dem bösen Feinde Stand gehalten, denn er wollte sich nicht früher hinlegen, sagte er, bis er nicht Diemut abgebeten hätte, daß er sie damals verleugnet. Diemut kehrte in das Binderhaus gerne zurück, denn Muhme Lene hatte sie gebeten, zu kommen. Sie wollte an ihr Mutterstelle vertreten wie vormals, denn sie hätte nun keine Tochter mehr außer Diemut. Dies meinte sie aufrichtig, obgleich sie herbe war wie zuvor. Als nun Wetzel das erste Mal nach langer Trennung vor Diemut hintrat, sprach er mit Thränen in den Augen: 219 »Das ist meine größte Klage, was ich an dir gethan habe, Diemut, daß ich dich verleugnet habe. Der Tod ist zu allen Fenstern hereingekommen; aber ich habe immer nach dir ausgeschaut, denn du warst mein Leben, herzliebes Kind. So bin ich heil geblieben, um dich noch einmal zu sehen: dieser Wille hat mich erhalten. O ich verdien' es als ein Spottliedlein durch die Gassen der Stadt getragen zu werden, weil mir der Futtertrog mehr galt als das Kind, das ich aufwachsen gesehen, mein Diemutlein. Nun vergieb mir, weil ich traurigen Herzens bin und durch dich wieder fröhlich sein möchte. Und Gott segne Dietmer um des guten Willens wegen, den du zu diesem Manne trägst, der es verdient hat, dein Ehewirt zu heißen. Mir aber vergieb es, Diemutlein, weil du lieb bist, und sodann sag' oder singe man, was man wolle, ich bin wieder der alte Wetzel, ein aufrechter Geselle.« Sie vergab ihm gerne, und die Freude kehrte wieder in sein Herz ein. Er stand Dietmer mit gutem Rate bei, als dieser sein Meisterstück gänzlich fertig brachte: ein stattliches Faß, das ohne 220 Reifen so fest gefügt war, daß es keinen Tropfen zwischen den Dauben durchsickern ließ. Und es war diesmal mit edlem Eisenthürer gefüllt, der sich als Hochzeitstrunk bewähren sollte. So ward Dietmer in die Zunft der Binder aufgenommen und saß dort als ehrlicher Meister. Aber die Hochzeit wurde am Laurentiustage mit aller bürgerlichen Pracht ausgerüstet. Muhme Lene kleidete Diemut an und schmückte sie mit dem Brautkranze. Sie that es mit herbem Antlitz, weil sie kein anderes besaß; aber sie blickte so freundlich als sie konnte auf die bräutliche Maid. Da sie dabei an die eigene Tochter denken mußte, die in ihren jungen Jahren hinweggerafft wurde, so kam ihr eine Thräne in das strenge Auge. Diemut bemerkte dies, fiel ihr weinend um den Hals und gelobte ihr stetig eine treue Tochter zu sein und nie ihres Dankes gegen sie zu vergessen. Nun mochte auch Muhme Lene den Thränen freien Lauf lassen, und sie weinten beide um Mechthild, die gestorben war, und um den Vetter Klaus, der diesen Tag nicht mehr erleben sollte. 221 Als der Hochzeitszug in die Ägydikirche schritt, war die ganze Stadt auf den Beinen, um das seltene Paar zu sehen. Es schien allen, daß in dem alten Graz niemals ein bürgerlicher Hochzeitszug prächtiger geschritten wäre, als dieser, und daß in der Kirche nie eine Braut lieblicher vor den Altar getreten, um einem guten Manne angetraut zu werden, als diese. Aus der Kirche kehrten sie dann wieder unter fröhlichen Klängen in das Binderhaus zurück, wo Muhme Lene das Hochzeitsmahl reichlich gerüstet hatte. Sie, die Brautmutter, holte auch ihre eigene kostbare Goldhaube aus der Truhe hervor, die sie an ihrem Hochzeitstage getragen hatte, und schmückte Diemut damit. Alle lobten sie darum, und auch Wetzel sagte: das soll ihr nicht als Missethat gelten! Als sie beim Mahle saßen, kam ein Bote des Kaisers, der brachte einen Gnadenbrief, in welchem Dietmer zum Bindermeister des kaiserlichen Kellers ernannt wurde. Der Brief war schön auf Pergament geschrieben, an dem das große Siegel an einer Schnur hing, und war in 222 kostbaren grünen Sammet gebunden, auf dem der kaiserliche Aar in Goldstickerei herrlich glänzte. Alle blickten bewundernd darauf und priesen Diemut, um deren willen der Kaiser seine Gnade dem ehrenfesten Manne Dietmer geschenkt hatte. Diemut aber antwortete auf alles Lob bescheiden in ihrer Weise. Dietmer saß ihr zur Seite und schwieg, außer wenn er den Gästen zu Dank reden mußte. Vor seinem Blicke erhob sich das dunkle Elendhaus, darinnen er in Not und Jammer geweilt hatte, und es dünkte ihm wie ein böser Traum zu sein, der in die Nacht versunken war. Nun war die Welt hell und strahlend geworden, und von ihr, die an seiner Seite saß, von ihrem Auge und ihrer Stirne ging das Leuchten aus, das sein Herz und seine Welt durchglänzte. Und wieder schien es ihm zuweilen, daß er nun, wo er inmitten des Jubels saß, nur glückselig träume. Als das Fest zu Ende ging und er sein junges Weib unter Geleite der Bläser und Pfeifer in sein Vaterhaus heimführte und in der Brautkammer mit ihr allein war, sagte er: 223 »Diemut, mein Weib! Du hast mir schon verziehen, aber ich muß mir noch einmal Vergebung von dir erbitten. Weißt du noch? als dir vor langer Zeit ein gemaltes Blättchen verloren ging, so war ich es, der es nahm. Ich habe es seitdem immer mit mir getragen. Ich mußte etwas von dir mein eigen nennen, ich konnte nicht anders. Nun aber, da ich dich selbst besitze, gebe ich es dir zurück.« Und er nestelte sein Wams auf, da trug er an einer Schnur in einer elfenbeinernen Kapsel das Bildchen, das Diemut einst von Wetzel erhalten hatte, und das ihr aus ihrem Stübchen im alten Fasse hinter der Daubenmauer unter dem Wachholderbaum verloren ging. Dietmer gab es ihr und fragte: »Willst du mir vergeben, Diemut, und mir hold sein?« ,.Ja, ich will dir vergeben, Dietmer, und dir vom Herzen hold sein.«